James Fenimore Cooper Die Steppe James Fenimore Cooper 's Ausgewählte Romane. Sechster Band. Aus dem Englischen.   [Übersetzt von Carl Friedrich Meurer]   Neue Ausgabe. Frankfurt am Main. Druck und Verlag von Johann David Sauerländer.   1839.     Sieh, seinen Stand, den Ausgang, sag mir, Ob dies ein Bruder ist.   Erstes Kapitel. Ich bitt' dich, Schäfer, können gute Worte, Geld In dieser Einöd' uns ein Unterkommen schaffen, O führ' uns, daß wir ruh'n und etwas essen. So wie es euch gefällt.   Viel ward zur Zeit gesprochen und geschrieben, ob es rathsam sei, die weitläufigen Landschaften von Louisiana mit dem schon unermeßlichen und nur halbbeherrschten Gebiet der Vereinigten Staaten zu verbinden. Als jedoch die Hitze des Streits nachgelassen, und eigennützige Betrachtungen freieren Ansichten Raum gegeben, wurde die Weisheit der Maßregel allgemein anerkannt. Es ward bald auch dem geringsten Scharfsinn einleuchtend, daß während die Natur unserer Ausdehnung nach Westen durch Wüsten Schranken gesetzt, diese Maßregel uns zu Herrn eines fruchtbaren Landstrichs gemacht hatte, welcher bei den täglichen Umwälzungen leicht Eigenthum einer eifersüchtigen Nation hätte werden können. Sie gab uns die ausschließliche Herrschaft über den inländischen Verkehr, und brachte die zahllosen Stämme, welche an unsern Grenzen lagerten, in gänzliche Abhängigkeit von uns; sie einigte widerstreitende Rechte und schwichtigte manche Furcht des Staats; sie öffnete tausend Wege dem Binnenhandel und der Schifffahrt auf dem stillen Meer; und wenn je Zeit oder Nothwendigkeit eine friedliche Theilung dieses ungeheueren Reichs erheischen sollte, sichert sie uns einen Nachbar, der Sprache, der Religion, Verfassung und man darf es hoffen, denselben Sinn für Staatsrechtspflege mit uns gemein hätte. Obgleich der Kauf schon 1803 gemacht worden, kam doch der Frühling des folgenden Jahrs heran, ehe die Amtsbedächtigkeit des Spaniers, der diese Provinz für seinen Herrn in Europa verwaltete, die Autorität und Besitznahme der neuen Eigenthümer anerkannte. Aber den Formen der Uebergabe war nicht sobald Genüge geschehen, und die neue Herrschaft anerkannt, als Schwärme des rastlosen Volks, das sich immer an den Grenzen der amerikanischen Staatengesellschaft herumtreibt, sich in das Dickicht stürzten, welches das rechte Ufer des Mississippi umsäumte, – mit derselben sorglosen Kühnheit, die schon so viele von ihnen, in ihrer mühsamen Wanderung von den atlantischen Staaten nach den Ostküsten des »Vaters der Ströme« geleitet hatte. Zeit konnte allein die zahlreichen und begüterten Colonisten der untern Provinz mit ihren neuen Landsleuten verschmelzen; aber die spärlichere und ärmere Bevölkerung oben ward fast alsbald in dem Strudel bei der Fluth drängender Wanderung mit fortgerissen. Dieser Einfall von Osten war ein neuer und plötzlicher Ausbruch eines Volkes, das vorübergehenden Zwang geduldet, nachdem es sich vorher durch Siege unwiderstehlich gemacht. Die Mühen und Unglücksfälle bei ihren früheren Unternehmungen waren vergessen, als diese endlosen und unerforschten Landschaften, mit all ihren wirklichen oder eingebildeten Vortheilen ihrem unternehmenden Geiste offen hingelegt wurden. Die Folgen waren so, wie sie leicht hätten vorausgesehen werden können, als ein so verführerisches Anerbieten einer Völkerschaft vorgehalten ward, die in Abenteuern auferzogen, in Mühseligkeiten aufgewachsen war. Tausende von denen, die schon lange das, was damals »die neuen Staaten« genannt ward, bewohnt hatten, brachen auf, entrissen sich dem Genuß ihrer schwer erlangten Ruhe und zeigten sich an der Spitze langer Reihen von Abkömmlingen, die die Wildniß von Ohio und Kentucky geboren und auferzogen hatte, – zogen tiefer in's Land, suchten, was ohne dichterische Ausschmückung ihre natürliche und angemessenere Atmosphäre genannt werden kann. Der ausgezeichnete und entschlossene Waldmann, der zuerst die Wildnisse des letztern Staates durchdrang, war unter ihnen. Diesen unerschrockenen, ehrwürdigen Stammvater sah man jetzt seinen letzten Rückzug machen, den »endlosen Strom« zwischen sich und die Menge setzen, die sein Erfolg um ihn gesammelt und nach Wiedererlangung eines Glückes streben, das, durch menschliche Einrichtungen eingeengt, für ihn werthlos war. Bei dem Aussuchen solcher Abenteuer werden die Wanderer entweder von ihren früheren Gewohnheiten beherrscht oder von ihren geheimen Wünschen bethört. Einige wenige, von den Luftgebilden der Hoffnung geleitet, und gierig nach schnell zu erlangendem Reichthum, durchwühlten die Minen des jungen Landes, aber bei weitem der größere Theil der Ausgewanderten begnügte sich damit, sich an den Ufern der großen Wasser anzusiedeln, zufrieden mit der reichen Ausbeute, welche der dankbare angeschwemmte Boden der Ströme auch dem lässigsten Anbau nie verweigert. Auf diese Weise bildeten sich wie durch einen Zauber schnell Gemeinden, und die meisten von denen, welche Zeugen des Ankaufs des leeren Landes gewesen, sahen noch einen volkreichen, unabhängigen Staat sich bilden, abgesondert sich darstellen und seine Aufnahme in die Conföderation mit gleichen politischen Rechten bewerkstelligen. Die Vorfälle und Auftritte, welche mit unserer gegenwärtigen Erzählung verknüpft sind, ereigneten sich in den ersten Zeiten der Unternehmungen, welche zu einem so schnellen und großen Ergebniß geführt haben. – Die Ernte des ersten Jahres unseres Besitzes war längst vorüber, und die falben Blätter weniger zerstreut stehender Bäume zeigten schon die Farben und Schattirungen des Herbstes, als eine Reihe von Wagen aus dem Bette eines trockenen Baches hervorkam, um über die wellenförmige Oberfläche einer höckerigen Steppe ihren Zug fortzusetzen. Die Fuhrwerke, mit Hausgeräth und Werkzeugen des Ackerbaus beladen, die wenigen langsam sich fortschleppenden Schafe und Kühe, welche den Nachzug bildeten; das struppige Aussehen, die sorglose Miene der Männer, welche an der Seite ihrer saumseligen Gespanne hinschlenderten, – alles dies zusammengenommen zeigte, daß eine Bande Auswanderer auf dem Weg nach dem Eldorado ihrer Wünsche begriffen sei. Ganz dem gewöhnlichen Verfahren ihrer Kaste zuwider, hatte diese Rotte den fruchtbaren Boden des Unterlandes verlassen und durch Mittel, die nur solchen Abenteurern bekannt sind, ihren Weg durch Abgründe und Gießbäche, über tiefe Moräste und brennende Wüsten zu einer Gegend gefunden, die sich weit über die Grenzen menschlicher Wohnungen erhebt. Vor ihnen breiteten sich die weiten Ebenen aus, welche mit so wenig Abwechselung bis zum Fuß der Felsgebirge fortlausen, und viele traurige Meilen hinter ihnen schäumten die stürmischen, wilden Wasser des La Plata. Die Erscheinung eines solchen Zugs in diesen nackten, einsamen Gründen ward dadurch noch auffallender, daß die Landschaft ringsum so wenig darbot, was die Lust eines unternehmenden Geistes reizen, und, wo möglich, noch weniger, was den Hoffnungen eines gewöhnlichen Auswanderers schmeicheln konnte. Die magern Gräser der Steppe sprachen nicht zu Gunsten eines harten, widerspenstigen Bodens, über welchen die Räder der Fuhrwerke so leicht hinrollten, als ob sie auf planer Heerstraße führen; weder Wagen noch Thiere ließen eine tiefere Spur hinter sich, als daß sie das welke, verbrannte Gras leicht zeichneten, das vom Vieh manchmal abgerissen, aber eben so oft wieder weggeworfen ward, – zu saueres Futter, als daß selbst ihr Hunger es ihnen hätte genießbar machen können. Welches aber immer das letzte Ziel dieser Abenteurer sein mochte, oder die verborgenen Ursachen ihrer scheinbaren Ruhe in einer so entfernten, verlassenen Lage, kein Zeichen von Furcht oder Kummer verrieth Gesicht und Haltung auch nur eines einzigen von ihnen, Weiber und Kinder mit einbegriffen waren ihrer über zwanzig. Etwas voran, an der Spitze des Ganzen zog ein Mann, der nach Haltung und Aeußerem der Führer der Schaar schien; er war schlank, von der Sonne verbrannt; über das mittlere Alter hinaus; sein stumpfes Ansehen, sein ausdrucksloses Gesicht zeigte eher alles andere als Reue über das Vergangene, aber Angst wegen der Zukunft. Sein Bau schien schlaff und hinfällig, war aber derb und ungewöhnlich stark! doch für Augenblicke nur, wenn ein unbedeutendes Hinderniß sich ihrem Zug entgegenstellte, entwickelte seine Gestalt, welche sonst so schmächtig und nervlos schien, etwas von der Kraft, die in seinem Organismus verborgen lag, wie die schlummernde, unbehülfliche, aber furchtbare Stärke im Belehnten. Die untern Züge seines Gesichts waren roh, breit und unbezeichnend, die obern, oder die edleren Theile, welche Ausdruck der Seele sein sollen, niedrig, zurücktretend und gemein. Die Kleidung dieses Mannes bestand aus den groben Stücken eines Landmanns und den ledernen Bekleidungen, welche Sitte sowohl als Brauchbarkeit einem, auf solchen Zügen begriffenen Wanderer gewissermaßen nöthig gemacht hatte. Ueber diesen Anzug war übelgewählter Schmuck, ohne Geschmack reichlich angehängt. Statt des gewöhnlichen hirschledernen Gürtels trug er um den Leib eine verblichene seidene Schärpe, von den schillerndsten Farben; der hörnerne Griff eines Messers war verschwenderisch mit Silberplättchen belegt, der Pelz an seiner Mütze so fein und zart, daß eine Königin darnach hätte verlangen mögen; die Knöpfe seines groben, schmutzigen, wollenen Rocks waren von dem kostbaren Metall aus Mexiko; der Schaft seiner Flinte bestand aus schönem Mahagony, das durch eben solches Metall zusammengehalten und vereinigt ward. Zierrath und anderer Tand hing an drei werthlosen Uhren an verschiedenen Stellen an ihm herab. Außer dem Ranzen und Gewehr, welche, mit der wohlgefüllten Tasche und Pulverbüchse, sorgfältig verwahrt, um den Rücken geschlungen waren, hatte er nachlässig eine scharfe, blanke Holzart um die Schulter geworfen und trug das Gewicht des Ganzen mit soviel anscheinender Leichtigkeit, als ob er, die Glieder frei, ohne die geringste Last sich bewege. Wenig hinter ihm kam ein Trupp junger Leute, von fast ganz gleicher Kleidung, die sich unter einander und ihrem Führer ähnlich genug waren, um sie für Kinder einer Familie zu halten. Konnte auch der jüngste von ihnen nicht weit über die Periode hinaus sein, welche im strengen Gesetzesstyl die Zeit des Verstandes genannt wird, so hatte er sich doch schon in so weit der Vorfahren würdig gezeigt, daß er seine anstrebende Figur bis zur Musterhöhe seines Stammes hinaufgebracht. Ein oder zwei andere waren noch unter ihnen, von etwas verschiedener Gestalt, deren Beschreibung jedoch dem Lauf der Erzählung aufbehalten werden muß. Unter dem weiblichen Theil des Zuges fanden sich nur zwei, welche erwachsen waren, obgleich verschiedene weißgelockte, olivenfarbige Gesichtchen, die Augen voll Neugier und Leben, aus dem vordersten Wagen von Zeit zu Zeit hervortauchten. Die ältere von den zwei Erwachsenen war die bräunliche, alternde Mutter der meisten von ihnen, – die jüngere ein lebhaftes, tätiges Mädchen von achtzehn Jahren, das nach Gestalt, Kleidung und Miene einem um mehrere Stufen höherem Stande als alle ihre übrigen sichtbaren Gefährten anzugehören schien. Das zweite Fuhrwerk war mit einem Tuch so sorgfältig überspannt, daß es auch dem schärfsten Blick seinen Inhalt verbarg. Die übrigen Wagen waren nur mit solchen Gerätschaften und Effecten beladen, wie sie der zu besitzen pflegt, der in jedem Augenblick, ohne Rücksicht auf Jahreszeit und Entfernung, seinen Aufenthalt zu wechseln bereit ist. Es fand sich wohl in diesem Zug und im Aeußern der Wanderer schon etwas, was man nicht täglich auf den Heerstraßen unseres veränderlichen und unsteten Landes zu sehen Gelegenheit hat. Aber der einsame und ganz eigene Schauplatz, auf dem sie so unerwartet auftraten, gab ihnen einen grellen Anstrich von Wildheit und Abenteuerlichkeit. In den kleinen Thälern, welche bei der geregelten Bildung des Landes auf jeder Meile ihres Zuges sich zeigten, ward die Aussicht auf zwei Seiten von den allmächtig sich erhebenden unbedeutenden Anhöhen begrenzt, wovon die Art Steppen, die wir oben erwähnt, ihren Namen haben, während von den andern Seiten die Aussicht über lange, enge, dürre Fernen sich verbreitete, welche nur kärglich durch eine armselige Bekleidung mit einer struppigen, wiewohl manchmal üppigen Vegetation, sich aufzuputzen strebten. Von den Gipfeln dieser Anhöhen mochte das Auge nach allen Seiten sich richten, es ermüdete bei der Einförmigkeit und betrübenden Traurigkeit der Landschaft. Die Erde war dem Ocean nicht unähnlich, wenn seine rastlosen Wasser sich nur noch mit Mühe aufthürmen, nachdem die Kraft und Wuth des Sturmes angefangen sich zu mindern. Hier dieselbe wellenförmige, geregelte Fläche, dieselbe Abwesenheit aller fremdartigen Gegenstände, dieselbe grenzenlose Aussicht. In der That so auffallend war die Ähnlichkeit zwischen Wasser und Land, daß, mag auch der Geologe bei einer so einfachen Lehre lächeln, ein Dichter nothwendig hätte auf den Gedanken kommen müssen, die Bildung des einen sei nur durch die aufgehobene Herrschaft des andern vor sich gegangen. Hier und da ragte ein hoher Baum hervor und breitete seine nackten Aeste aus –, wie ein einsames Schiff; ja, um die Täuschung noch zu erhöhen, erschienen weit in der äußersten Entfernung zwei bis drei kreisförmige Dickichte, die im nebelichten Horizont wie Eilande im Schooße der Wasser schwammen. Man braucht den kundigen Leser nicht erst zu erinnern, daß die Einförmigkeit der Fläche, und der niedrige Standpunkt der Schauenden die Entfernungen vergrößerten, aber da immer noch Anhöhe auf Anhöhe erschien, Eiland auf Eiland sich zeigte, war dies eine entmuthigende Gewißheit, daß lange und scheinbar grenzenlose Landstriche noch zurückzulegen seien, ehe die Wünsche auch der bescheidensten Landbauer verwirklicht werden könnten. Noch setzte der Führer der Auswanderer, nur von der Sonne geleitet, seinen Weg standhaft fort, wandte entschlossen den Wohnungen der Bildung den Rücken, und verwickelte sich mit jedem Schritt immer tiefer, wenn nicht ohne Rückkehr, in die Wohnungen der barbarischen, wilden Besitzer des Landes. Als aber der Tag sich immer mehr zu seinem Ende neigte, ward sein Gemüth, das vielleicht unfähig war, weiter zu berechnen und vorauszusehen, als was der Augenblick erheischte, in etwas durch die Sorge beunruhigt, wie er für die Bedürfnisse der kommenden Stunden der Finsterniß Rath schaffe. Als er die Spitze einer Anhöhe, die etwas ansehnlicher als die gewöhnlichen war, erreicht hatte, stand er einen Augenblick, und warf die Blicke halb sehnsüchtig noch allen Seiten, um nach den wohlbekannten Zeichen zu spähen, welche eine Stelle verrathen könnten, wo die drei großen Erfordernisse, Wasser, Holz und Futter anzutreffen wären. Es schien, als wenn dies Forschen fruchtlos gewesen, denn nach einigen Augenblicken kalter, gleichgültiger Untersuchung stieg seine hohe Gestalt die Anhöhe hinab, eben so lässig, wie ein überfüttertes Thier dem Drucke nach unten nachgibt. Seinem Beispiel folgten schweigend, die hinter ihm gingen, aber erst nachdem sie mehr Aufmerksamkeit, wenn nicht Besorgniß, bei der kurzen Untersuchung verrathen, die jeder nach der Reihe anstellte, als er diesen Punkt der Aussicht erreicht. Es war jetzt aus dem langsamen Fortbewegen der Thiere und Menschen deutlich zu vermuthen, daß die Zeit der nöthigen Ruhe nicht mehr ferne sei. Die verwickelten Gräser des untern Landes boten Schwierigkeiten dar, welche Ermüdung gefährlich zu machen begann. Die Peitsche war mehrmals nöthig geworden, die zögernden Gespanne zum Ziehen anzutreiben. In diesem Augenblick, wo mit Ausnahme der Hauptperson allgemeine Ermüdung sich der Reisenden bemächtigt hatte, und jedes Auge, wie durch einen Trieb, sehnsuchtsvoll vorwärts gerichtet war, ward der ganze Trupp durch ein eben so plötzliches als unerwartetes Ereigniß zum Stehen gebracht. Die Sonne war hinter dem Gipfel des nächsten Hügels hinabgesunken, und ließ auf ihrer Spur, wie sie pflegt, einen hellglänzenden Streifen zurück. In der Mitte dieser Lichtfluth erschien eine menschliche Gestalt, so deutlich auf den goldnen Grund hingegossen, als ob man sie mit der Hand erreichen könnte. Die Gestalt war colossal, die Stellung nachdenkend, traurig; und der Ort, den sie einnahm, gerade auf dem Weg der Reisenden. Aber eingehüllt in ihr glänzendes Lichtgewand, machte sie es unmöglich, mehr über die Verhältnisse der Glieder, über ihren Ausdruck zu entdecken. Die Wirkung eines solchen Schauspiels war augenblicklich und ergreifend. Der Mann an der Spitze machte Halt und schaute nach dem geheimnißvollen Wesen mit einem stumpfen Antheil, der bald in eine Art abergläubischer Verehrung überging; seine Söhne stellten sich, sobald die erste Bewegung der Ueberraschung ein wenig nachgelassen, leise um ihn, und da diejenigen, welche die Gespanne führten, nach und nach ihrem Beispiel folgten, war der ganze Zug bald in eine schweigende, staunende Gruppe gesammelt. Aber obgleich der Eindruck einer übernatürlichen Macht sehr allgemein unter den Ziehenden war, wurde doch Waffengeräusch gehört, und einer oder zwei der kühnem Jünglinge nahmen ihre Gewehre vor, um zu jedem Dienst bereit zu sein. »Schick die Jungen rechts,« rief das entschlossene Weib, die Mutter, mit einer scharfen, mißtönenden Stimme, »ich wette, Asa oder Abner werden uns nähere Auskunft über das Ding geben.« »Es mag gut sein, die Flinte zu versuchen,« murmelte ein finsterer Mann, dessen Züge in Gestalt und Ausdruck keine geringe Aehnlichkeit mit dem Weibe hatten, das zuerst gesprochen, und der jetzt, während er diese entschlossene Meinung aussprach, das Gewehr los machte, und es geschickt an die Wangen brachte, »die Wolf-Pawnee, sagt man, jagen nur zu Hunderten in der Ebene, ists so, so werden sie einen Mann aus ihrem Stamm nicht vermissen.« »Halt!« rief mit sanftem Ton, aber von Furcht geängstet eine weibliche Stimme, die augenscheinlich den zitternden Lippen der jüngeren der beiden Frauen angehörte, »wir sind nicht all beisammen, es könnt' ein Freund sein.« »Wer rührt sich da?« fragte der Vater, und maß zu gleicher Zeit den Haufen seiner stattlichen Söhne mit einem unwilligen, trüben Auge. »Weg mit der Flinte, die Flinte weg,« fuhr er fort, und wies des andern Hülfe mit einem Riesenfinger zurück, mit dem Blick eines Menschen, dem nicht zu gehorchen gefährlich sein möchte. »Mein Werk ist noch nicht zu Ende, laßt mich das Uebrige, es ist so wenig, in Frieden beschließen.« Der Mann, welcher eine so feindliche Absicht gezeigt, schien den andern zu verstehen, und ließ sich von seinem Vorhaben abwenden. Die Söhne richteten ihre Blicke fragend auf das Mädchen, das so eifrig gesprochen, um Ausklärung zu erhalten; aber sie, gleichsam zufrieden, für den Unbekannten Aufschub erlangt zu haben, war schon wieder auf ihren Sitz herabgesunken, und hüllte sich in ihr mädchenhaftes Schweigen. Mittlerweile hatten sich die Farben am Himmel oft geändert; an die Stelle des Glanzes, der das Auge blendete, war ein blasseres, sanfteres Licht getreten, und je mehr der Untergang seine Pracht verlor, wurden die Verhältnisse der abenteuerlichen Gestalt weniger ungeheuer und endlich ganz deutlich. Der Führer, der sich schämte, länger zu zögern, nun, da die Wahrheit nicht länger zweifelhaft war, setzte seine Reise fort, und gebrauchte nur die Vorsicht beim Herabsteigen, daß er seine eigene Flinte vom Riemen los machte, um sie in eine zum schnellen Gebrauch bequemere Lage zu bringen. Solche Wachsamkeit schien jedoch ziemlich unnöthig. Von dem Augenblick an, wo sie so unbegreiflich gleichsam zwischen Himmel und Erde erschienen, hatte die fremde Gestalt weder die geringste Bewegung gemacht, noch sonst ein Zeichen von Feindseligkeit gegeben. Hätte sie auch eine böse Absicht gehegt, sie schien, als sie nun völlig zu Gesicht kam, wenig im Stande, sie auszuführen. Ein Körper, der die Beschwerden von mehr als achtzig Wintern getragen, war nicht geeignet, Furcht in so kräftigen Wanderern zu wecken. Aber ungeachtet seiner Jahre und einem Anschein von Abzehrung, wo nicht von Noth, lag in diesem einsamen Wesen etwas, was aussagte, Zeit, nicht Krankheit habe zu schwer auf ihm gelastet. Seine Gestalt war geschwunden, aber nicht verwüstet; die Sehnen und Nerven, welche einst große Kraft gezeigt, waren, obgleich eingeschrumpft, doch noch sichtbar; sein ganzes Aeußere hatte ein Ansehn von Abhärtung erlangt, welche, wäre nicht zu bekannt die Hinfälligkeit der Menschheit, die fernern Verwüstungen der Zeit hätten herausfordern mögen. Seine Kleidung bestand hauptsächlich aus Fellen, das Haar nach außen gewendet; ein Ranzen und Pulverhorn hing um seine Schultern; ein Gewehr von ungewöhnlicher Länge, das wie sein Eigenthümer Spuren eines langen und harten Dienstes trug, diente ihm zur Stütze. Als der Zug sich diesem einsamen Wesen näherte und in eine Entfernung gekommen war, wo man sich einander verstehen konnte, tönte ein dumpfes Knurren aus dem Grase zu seinen Füßen herauf, und dann erhob sich ein hoher, magerer, zahnloser Hund schwerfällig von seinem Lager auf, schüttelte sich und machte Miene, als wolle er sich der Annäherung der Wanderer widersetzen. »Weg, Hektor, weg!« rief sein Herr mit einer vor Alter etwas zitternden, hohlen Stimme; »was hast du, Alter, mit Leuten zu schaffen, die ihres Wegs ziehen?« »Fremder, seid Ihr bekannt in dieser Gegend?« sagte der Führer der Auswanderer, »so zeigt einem Reisenden, wo er das Nothwendige für diese Nacht finden kann.« »Ist das Land auf der andern Seite des großen Flusses schon voll?« fragte der alte Mann feierlich, ohne auf die Rede des andern zu achten; »oder warum sehe ich, was ich nie wieder zu schauen gedachte?« »Es ist freilich noch Land übrig für die, welche Geld haben und in ihrer Wahl nicht eigensinnig sind,« erwiederte der Auswanderer; »aber für mich ist Alles schon überfüllt. Wie weit rechnet man wohl von hier bis zum nächsten Punkt am Hauptstrom?« »Ein gejagtes Reh könnte seine Seiten im Mississippi nicht erfrischen, ohne einen Lauf von fünfhundert langen Meilen.« »Und wie nennt Ihr die Gegend hier ringsum?« »Wie nennt Ihr,« erwiederte der alte Mann und zeigte bedeutungsvoll aufwärts, »die Stelle, wo Ihr jene Wolke seht?« Der Auswanderer sah den Andern an, als ob er den Sinn der Rede nicht gefaßt und halb argwöhnte, zum Besten gehalten zu werden; aber er begnügte sich, zu sagen: »Ihr seid, denke ich, nur ein neuer Bewohner, wie ich, Fremder, sonst würdet Ihr Euch nicht weigern, einem Wanderer mit Euerm Rath einen Beistand zu leisten, der Euch so wenig kostet, da es nur ein Geschenk in Worten ist.« »Es ist kein Geschenk, sondern eine Schuld, die der Aeltere dem Jüngeren abtragen muß; was wünscht Ihr zu wissen?« »Wo ich die Nacht lagern könnte. Ich mach' nicht viele Schwierigkeit wegen Bett und Lager; aber alle alten Wanderer, wie ich, kennen den Werth guten Wassers und Futters für's Vieh.« »So kommt denn mit, und Ihr sollt Beides finden; doch kann ich wenig mehr auf dieser öden Steppe Euch bieten.« Während der Alte noch sprach, hob er sein schweres Gewehr mit einer Leichtigkeit auf die Schulter, die selten bei seinen Jahren und seinem Aussehn gefunden wird, und führte sie ohne weitere Worte den Weg über die Anhöhe in die anstoßende Niederung. Zweites Kapitel. »Auf mit dem Zelt! Hier will ich ruh'n die Nacht; – Wo morgen denn? – Es ist mir Alles eins.« Richard der Dritte.   Die Wanderer entdeckten bald die gewöhnlichen, nie trügenden Zeichen, daß die verschiedenen Erfordernisse ihrer Lage nicht mehr weit zu suchen seien. Ein klarer sprudelnder Quell brach aus der Seite des Abhangs hervor, vereinigte seine Wasser mit andern kleinen Quellen in der Nähe und bildete einen Bach, den das Auge leicht Meilen weit über die Steppe hin verfolgen konnte, – häufiges Blätterwerk und Grün, das im Bereich seiner Frische überall emporwuchs, bezeichnete hinlänglich seinen Lauf. Hierher nun nahm der Fremde seinen Weg, und eifrig folgten ihm die willigen Gespanne, deren Instinct sie Erfrischung und Ruhe von Arbeit voraussehen ließ. Als er, wie ihm dünkte, eine passende Stelle erreicht, machte der alte Mann Halt, und schien mit forschendem Blick zu fragen, ob der Ort die nöthigen Bequemlichkeiten besitze. Der Führer der Auswanderer warf wie ein Sachverständiger seine Augen umher, und untersuchte die Stelle mit dem Scharfblick eines Mannes, der im Stande ist, eine so schwierige Sache zu beurtheilen, obgleich ganz auf die zögernde, schwerfällige Weise, die ihm selten erlaubte, eine unmännliche Übereilung zu verrathen. »Ah, hier mag's geh'n,« sagte er, als ihn seine Untersuchung befriedigt; »Jungen, ihr saht die Sonne sinken; geht an's Werk!« Die jungen Leute zeigten sich gegen den Auftrag gehorsam; der Befehl, denn nach Ton und Weise war es einer, ward in der That mit Ehrfurcht aufgenommen, aber die einzige Bewegung war, daß ein oder zwei Aexte von den Schultern auf den Boden fielen, während ihre Eigenthümer fortfuhren, den Ort mit ausdruckslosen, gleichgültigen Augen zu betrachten. Mittlerweile entlud sich der ältere Auswanderer, der die Antriebe kannte, durch welche sich seine Kinder leiten ließen, seines Ranzens und Gewehrs, und schickte sich, unterstützt von dem Manne, der, wie wir erwähnt, so schnell nach der Flinte griff, allmählich an, die Thiere auszuspannen. Endlich bewegte sich der älteste von den Söhnen schwerfällig vorwärts, und trieb ohne einige Anstrengung, wie es schien, seine Axt bis an das Heft in das zarte Holz eines Baumwollenbaums; dann stand er einen Augenblick und betrachtete die Wirkung seines Hiebs mit der Art Verachtung, womit etwa ein Riese auf den kraftlosen Widerstand eines Zwerges herabsehen würde; schwang von Neuem seine Waffe mit der Grazie und Geschicklichkeit um's Haupt, mit der ein Fechtmeister seinen edleren, obgleich weniger nützlichen Degen bewegt, trennte schnell den Stamm des Baumes und brachte die schlanke Krone, den Preis seiner Geschicklichkeit, zur Erde. Seine Gefährten hatten den Vorgang mit ruhiger Gleichgültigkeit mit angesehen, bis der Stamm auf dem Boden vor ihnen dalag; jetzt erst, als wäre ein Zeichen zu allgemeinem Angriff gegeben worden, gingen sie in Masse an's Werk und befreiten in so kurzer Zeit und mit einer Geschicklichkeit, die einen unkundigen Zuschauer erstaunt haben würde, eine geringe aber hinlängliche Stelle von der Waldlast, – so kräftig und fast so schnell, als ob ein Sturmwind darüber hingegangen wäre. Der Fremde war ein stiller, aber aufmerksamer Beobachter ihres Thuns gewesen. Als Baum auf Baum rauschend herunter kam, warf er seine Blicke aufwärts, sah traurig nach dem leeren Raum, den sie am Himmel ließen und wandte sich endlich mit einem bittern Lächeln weg, als wolle er seinen Unwillen nicht auf eine vernehmlicher Weise auslassen. Als er sich durch die Gruppen der geschäftigen Kinder, die schon ein lustiges Feuer angezündet hatten, durchdrängte, ward die Aufmerksamkeit des alten Mannes zunächst auf die Bewegungen des Führers der Auswanderer und seines wilden Gefährten gerichtet. Diese beiden hatten schon die Thiere befreit, die eifrig die angenehmen und nährenden Zweige der gefallenen Bäume abfraßen, und waren jetzt um den Wagen beschäftigt, der, wie wir berichteten, seinen Inhalt so sorgfältig verbarg. Obgleich er still und herrenlos, wie die übrigen Fuhrwerke schien, lehnten dennoch die Männer sich mit all ihrer Kraft gegen die Räder und rollten ihn bei Seite, abgesondert von den andern Wagen, auf eine trockene und erhöhte Stelle, nahe am Ausgang des Gehölzes. Hier nahmen sie Pfähle, die dem Anschein nach schon lange zu diesem Zweck gebraucht worden waren, trieben ihre breiteren Enden fest in den Boden und banden die schmaleren an die Reife, welche die Decke des Wagens trugen. Große Ballen Tuch wurden dann zunächst aus dem Fuhrwerk herausgenommen, um das Ganze herumgewunden und so an den Boden befestigt, daß sie ein ziemlich geräumiges und sehr bequemes Zelt bildeten. Nachdem sie ihr Werk mit aufmerksamen und fast eifersüchtigen Blicken nochmals übersehen, und hier eine Falte geordnet, dort einen Pfosten fester getrieben, wandten sich die Männer wieder zum Wagen, zogen ihn an seiner Deichsel aus der Mitte des Zeltes heraus, bis er ganz frei da stand, seiner Decke beraubt, und ohne alle andere Ladung als einigem geringen Hausgeräth. Dieses letztere nahm sogleich der Wanderer und brachte es selbst in das Zelt, als ob es zu betreten ein Vorrecht sei, worauf selbst sein Busengefährte keinen Anspruch habe. Da Neugierde eine Leidenschaft ist, die durch Hindernisse eher vermehrt, als geschwächt wird, so sah auch der alte Bewohner der Steppen dieses vorsichtige und geheimnißvolle Verfahren nicht mit an, ohne etwas von ihrer Wirkung in sich zu verspüren. Er näherte sich dem Zelt und wollte eben eine Falte auseinander machen, in der offenbaren Absicht, seinen Inhalt genauer zu untersuchen, als der Mann, der schon einmal sein Leben in Gefahr gebracht, ihn beim Arm faßte und ihn auf eine etwas rohe, unhöfliche Weise von der Stelle wegzog, die er sich als die passendste für seinen Zweck ausersehen. »Es ist ein gutes Sprichwort, Freund,« bemerkte der Bursche trocken, wiewohl mit einem Auge, das mehr als die längste Rede drohte, – »und oft ist es auch ein gar nützliches Sprichwort, das da sagt: Kümmere dich nur um das Deine.« »Die Leute bringen selten etwas in diese Einöden, was sie zu verbergen brauchen,« antwortete der alte Mann, als wünsche er, wisse aber nicht recht wie, die Freiheit zu entschuldigen, die er sich hatte nehmen wollen, – »und ich dachte, es sei kein Vergehen, wenn ich in das Zelt sähe.« »Die Leute bringen selten sich selbst hierher, denke ich,« antwortete der andere barsch, – »es sieht aus wie ein altes Land, obgleich es nicht übermäßig bevölkert scheint.« »Das Land ist so alt, als die übrigen Werke des Herrn, meine ich; aber Ihr spracht recht in Hinsicht der Bewohner. Viele Monden sind vorüber gegangen, seit mein Auge nicht auf einem Antlitz von meiner Farbe ruhte, bis ich jetzt Euch sah. – Ich wiederhol's Euch, Freund, ich wollt' Euch kein Leid; ich wußte nicht, ob ich nicht vielleicht etwas hinter dem Tuche fände, was mir vergangene Tage in's Andenken zurückbrächte.« Als der Fremde seine einfache Erklärung geendet, ging er ruhig weg, durchdrungen von der tiefsten Ehrfurcht vor dem Recht, das jeder auf den ruhigen Genuß seines Eigenthums hat, ohne störende Einmischung von Seiten seines Nachbars; – ein heilsamer und gerechter Grundsatz, den er sehr wahrscheinlich bei seiner abgesonderten Lebensart ebenfalls angenommen. Als er nach dem kleinen Lager der Auswanderer, denn das war die Stelle jetzt geworden, zurückschritt, hörte er die Stimme des Führers, der laut in seinem rauhen, gebietenden Tone den Namen: »Ellen Wade« ausrief. Das Mädchen, das wir schon beim Leser eingeführt haben, und welches mit den übrigen ihres Geschlechts sich um die Feuer beschäftigt hatte, sprang willig auf bei diesem Ruf, und eilte an dem Fremden mit einer Schnelligkeit einer jungen Antilope vorüber; hinter den Falten des verbotenen Zeltes verschwand sie bald seinem Blick. Doch schien weder ihre persönliche Entfernung, noch sonst eine von den Anordnungen, die wir erwähnt haben, das geringste Erstaunen unter den übrigen hervorzubringen. Die jungen Leute, die ihre Arbeit mit der Axt schon vollendet hatten, beschäftigten sich alle nach ihrer schlendernden und dumpfen Weise; einige legten gleiche Theile Futter den verschiedenen Thieren vor, andere ließen den schweren Stößer eines tragbaren Mais-Mörsers arbeiten, und einer oder zwei brachten die übrigen Wagen bei Seite und stellten sie so, daß sie eine Art Außenwerk für ihr sonst vertheidigungsloses Bivouac bildeten. Diese verschiedenen Arbeiten waren bald gethan, und als die Finsterniß jetzt die Gegenstände auf der umgebenden Steppe verbarg, verkündete die grellschreiende Megäre, deren Stimme sich, seitdem sie Halt gemacht, unter ihrer trägen und schläfrigen Nachkommenschaft fleißig abgearbeitet, in Tönen, die auf eine schreckliche Entfernung hätten gehört werden mögen, daß das Abendessen nur auf die Ankunft derer warte, die es verzehren sollten. Welches auch immer der Charakter eines Grenzwohners sein mag, selten fehlt ihm die Tugend der Gastfreiheit. Der Auswanderer vernahm nicht sobald den scharfen Ruf seines Weibes, als er seine Augen um sich warf, den Fremden suchte, um ihm den Ehrensitz bei dem einfachen Mahle anzubieten, wozu sie so ganz ohne Umstände zusammengerufen wurden. »Ich dank' Euch, Freund,« erwiederte der alte Mann auf die trockene Einladung, einen Sitz in der Nähe des dampfenden Kessels einzunehmen; »ich sage Euch meinen herzlichen Dank, aber ich habe schon für diesen Tag gegessen, und bin keiner von denen, die sich ihr Grab mit ihren Zähnen graben. Doch, da Ihr es wünscht, will ich mich zu Euch setzen, denn es ist schon lange, daß ich Niemand von meiner Farbe sein täglich Brod essen gesehen.« »Ihr seid ein alter Ansiedler also in diesen Gegenden,« sagte der Auswanderer, mehr wie eine Bemerkung, als wie eine Frage, – den Mund fast bis zum Ueberfließen von dem köstlichen Mais voll, den seine geschickte, wiewohl etwas abstoßende Gemahlin zubereitet hatte. »Sie sagten uns unten, wir würden hierherum die Ansiedler nur sehr dünn gesäet finden, und ich muß gestehen, die Nachricht war so ziemlich wahr, denn wenn wir die Canada-Händler am großen Strom nicht rechnen, seid Ihr das erste weiße Gesicht, dem wir begegneten, auf guten fünfhundert Meilen, nach Eurer eigenen Rechnung. »Ob ich gleich einige Jahre in diesem Bezirk zugebracht habe, kann man mich doch kaum einen Ansiedler nennen, da ich keine regelmäßige Wohnung habe und selten länger als einen Monat an demselben Ort bleibe.« »Ein Jäger also?« fuhr der andere fort, und warf seine Augen seitwärts, als wolle er die Effecten seiner neuen Bekanntschaft mustern, »Eure Waffen scheinen nicht zum besten zu einem solchen Geschäft.« »Sie sind alt und nahe daran, bei Seite gelegt zu werden, wie ihr Besitzer,« antwortete der alte Mann, und betrachtete sein Gewehr mit einem Blick, worin Rührung und Kummer sich einten; »und ich kann sagen, sie werden auch nur noch wenig gebraucht. Ihr irrt Euch, Freund, wenn Ihr mich einen Jäger nennt, ich bin nichts mehr als ein Streifschütz.« »Wenn Ihr viel von dem einen seid, so behaupte ich, seid Ihr auch etwas von dem andern; denn die zwei Gewerbe gehen in der Hauptsache mit einander in diesen Gegenden.« »Zur Schande des, der noch Kraft genug hat, sich mit dem ersten abzugeben, sei es gesagt!« erwiederte der Streifschütz, den wir in Zukunft nach seinem Gewerbe benennen wollen; »seit mehr als fünfzig Jahre führte ich meine Flinte in dieser Wildniß; ohne auch nur einem Vogel, der am Himmel fliegt, eine Schlinge zu legen, geschweige einem Thier, das nur seine Beine hat.« »Da seh' ich nur wenig Unterschied, ob Jemand sich den Wamms durch's Gewehr oder die Falle verschafft,« sagte der finstere Gefährte des Auswanderers, auf seine rauhe, barsche Weise, »die Erd' ward für ihn gemacht, und so auch ihre Geschöpfe.« »Ihr scheint nur wenig Gepäck zu haben, Fremder, und seid so weit von Haus,« unterbrach ihn schnell der Auswanderer, als hätt' er Ursach', die Unterhaltung auf etwas anderes zu bringen; »ich denk', Ihr seid besser mit Fellen versehen.« »Ich brauch' nur wenig von beidem,« antwortete ruhig der Streifschütz; »in meinem Alter ist Nahrung und Kleidung alles, was ich brauche, und habe wenig, was Ihr Beute nennt, nöthig, etwa dann und wann, um ein Horn voll Pulver oder etwas Blei zu erhandeln.« »Ihr seid also nicht aus dieser Gegend, Freund,« fuhr der Auswanderer fort, indem er an die Bedeutung dachte, worin der andere das sehr vieldeutige Wort genommen, und das er selbst nach der Gewohnheit des Landes für »Kleidung,« »Effekten,« gebraucht hatte. »Ich ward an der Seeküste geboren, obgleich ich den größten Theil meines Lebens in den Wäldern zubrachte.« Jetzt sah die ganze Gesellschaft auf ihn, wie man die Blicke auf einen unerwarteten Gegenstand von allgemeinem Interesse wirft. Einer oder zwei von den jungen Leuten wiederholten die Worte »Seeküste,« und das Weib erwies ihm von jetzt an einige von den Höflichkeiten, womit sie, so unbeholfen sie auch waren, doch nur selten ihre Gäste zu ehren pflegte, gleichsam aus Ehrfurcht vor ihrem vielgewanderten Gaste. Nach einem langen und scheinbar nachdenkenden Schweigen nahm der Wanderer, der jedoch es nicht für nöthig gehalten hatte, das Geschäft seiner Kauorgane zu unterbrechen, das Gespräch wieder auf. »Es ist ein weiter Weg, wie ich gehört habe, von den Wassern des Westen zu den Küsten des großen Stroms.« »Es ist ein rauher Pfad, freilich, Freund, und viel hab' ich gesehen und manches erduldet, als ich ihn durchschritt.« »Viel harte Arbeit mag erfahren, wer ihn zurücklegt?« »Fünf und siebzig Jahre bin ich auf dem Weg gewesen, und auf der ganzen Entfernung, vom Hudson an, gibt es kaum eine Meile, wo ich nicht Wildpret, das ich selbst getödtet, gekostet hatte. Aber das ist leeres Rühmen! Wozu nutzen frühere Thaten, wenn die Zeit zu Ende ist.« »Ich hörte einst Jemand, der hatte den Fluß beschifft, den er nennt,« bemerkte einer der Söhne leise, als mißtraue er seinem Wissen, und halte es für klug, Ungewißheit in Gegenwart eines Mannes zu zeigen, der so viel gesehen; »nach seiner Aussage muß es ein großer Strom sein, tief genug für das schwerste Schiff.« »Es ist ein weiter, tiefer Wasserspiegel, und viele herrliche Städte stehen an seinen Ufern,« erwiederte der Streifschütz, »und doch ist es nur ein Bach gegen die Wasser des endlosen Stroms.« »Ich nenne nichts einen Strom, was ein Mensch umgehen kann,« rief der finstere Gefährte des Auswanderers, »ein wahrer Strom muß durchschritten nicht umzingelt werden, wie ein Bär auf der Jagd.« »Seid Ihr weit gegen Sonnen-Untergang gewesen, Freund,« unterbrach ihn wiederum der Auswanderer, als wünsche er seinen rauhen Begleiter so viel als möglich von der Unterhaltung auszuschließen; »ich finde, dies ist eine weite Ebene, worin ich mich verwickelt habe.« »Ihr könnt Wochen lang reisen, und werdet's immer so finden. Ich denke oft, der Herr hat diesen wüsten Steppengürtel hinter die Staaten gesetzt, um die Menschen zu warnen, wohin ihre Thorheit noch das Land bringen kann. Ja, Wochen, wenn nicht Monden könnt Ihr in diesen offenen Feldern ziehen, wo weder Wohnung noch eine Herberge für Menschen und Vieh sich findet. Selbst die wilden Thiere reisen Meilen weit, eine Stätte zu finden, und doch weht der Wind selten von Osten, daß nicht die Schläge der Axt und das Getös fallender Bäume in meinen Ohren wiederhallen. Da der alte Mann mit dem Ernst und der Würde sprach, die das Alter selten auch den weniger ergreifenden Reden mitzutheilen verfehlt, so waren seine Zuhörer sehr aufmerksam, und still wie das Grab. In der That mußte der Streifschütz selbst seine Rede wieder aufnehmen, was er bald durch eine Frage that, die er nach der bei den Grenzwohnern so beliebten Weise ganz indirekt hinstellte. »Ihr fandet es nicht leicht, über die Wasser zu setzen, und so weit in die Steppen vorzudringen, Freund, mit Euren Gespannen und Hornviehheerden?« »Ich hielt mich am linken Ufer des großen Flusses,« erwiederte der Auswanderer, »bis ich fand, daß er zu weit nach Norden führte, wo wir denn uns mitten durch machten, ohne viel einzubüßen. Das Weib verlor ein oder zwei Felle von der nächsten Schur, und die Mädchen haben eine Kuh weniger beim Melken. Seit der Zeit, haben wir uns tapfer gehalten, und fast jeden Tag über einen Bach eine Brücke geschlagen.« »Ihr geht, scheint's, immer weiter nach Westen, bis Ihr in ein Land kommt, das sich zur Ansiedelung besser eignet?« »Bis ich eine Ursache, zu halten oder umzukehren, finde,« antwortete der Auswanderer kurz, stand auf und machte der Unterhaltung durch einen unzufriedenen Blick und durch sein schnelles Aufbrechen ein Ende. Seinem Beispiel folgte der Streifschütz und die übrige Gesellschaft, worauf die Wanderer, ohne viel Rücksicht auf die Gegenwart ihres Gastes zu nehmen, Vorbereitungen zur Nachtruhe zu treffen begannen. Einige kleine Lauben, oder vielmehr Hütten waren schon von Baumästen gebildet worden, Stücke von rauher Leinwand und Büffelhäute wurden ohne andere Rücksicht, als auf das Bedürfniß des Augenblicks mit einander vereinigt. Unter diese Bedachung begaben sich alsbald die Kinder mit ihrer Mutter, wo sie, es ist nicht bloß möglich, schnell alle in die Vergessenheit des Schlafs hinabsanken. Ehe aber die Männer die Ruhe suchen konnten, waren noch tausend kleine Geschäfte abzumachen, die Vertheidigungswerke mußten vervollständigt, das Feuer sorgfältig verwahrt, das Futter für ihr Vieh vermehrt und die Wache bestimmt werden, die in den nahen Stunden der Nacht den Zug schützen sollte. Das erstere geschah, indem die Stämme von einigen Bäumen in die von den Wagen gelassenen Zwischenräume und auf die freien Stellen gelegt wurden, die sich zwischen den Wagen und dem Walde fanden, auf den, um in der Kriegssprache zu reden, das Lager sich stützte. Es war so auf den drei Seiten der Position eine Art spanischer Reuter. In diesen engen Schranken sammelten sich jetzt, mit Ausnahme dessen, was das Zelt enthielt, sowohl Menschen als Thiere; die letzteren fanden sich viel zu glücklich, ihre matten Glieder auszuruhen, als daß sie ihren kaum um etwas verständigeren Gefährten eine unnöthige Mühe gemacht hätten. Zwei der jungen Leute nahmen ihre Gewehre, schütteten neues Pulver darauf, untersuchten mit der größten Sorgfalt die Steine, und wandten sich dann, der eine zur äußersten Rechten, der andere zur Linken des Lagers, wo sie sich in den Schatten des Waldes stellten, aber so, daß Jeder seinen Theil der Steppe übersehen konnte. Der Streifschütz, der die Streu des Auswanderers nicht hatte theilen wollen, trieb sich auf dem Platze herum, bis die ganze Anordnung zu Ende war; dann zog er sich, ohne erst Abschied zu nehmen, langsam von der Stelle zurück. Es war jetzt um die erste Nachtwache; das blasse, zitternde, trügerische Licht des Neumonds spielte über die endlosen Wellen der Steppe, bestrich die Erhöhungen mit sparsamem Schein, und ließ das Zwischenland in tiefem Schatten. Gewöhnt an die Scenen der Einsamkeit, wie die gegenwärtige, ging der alte Mann, als er das Lager verließ, allein in die weite Wüste, wie ein kühnes Schiff seinen Haven verläßt, um sich dem unbegrenzten Feld des Meeres zu vertrauen. Er schien sich einige Zeit ohne Zweck, oder wenigstens ohne Bewußtsein, wohin ihn seine Glieder trügen, fortzubewegen; endlich, als er den Fuß einer der Anhöhen erreicht, kam er zum Stehen, und zum ersten Mal, seit er die Gruppe verlassen, die mit einer solchen Fluth von Betrachtungen und Rückerinnerungen sein Gemüth überfüllt hatte, ward der alte Mann seiner Lage sich bewußt. Er brachte die Flinte zur Erde, lehnte sich darauf, und stand wieder mehrere Minuten in tiefen Betrachtungen verloren, während der Hund sich ihm näherte, und sich fest zu seinen Füßen hinkauerte. Ein tiefes, drohendes Murren des treuen Thiers brachte ihn erst aus seiner sinnenden Stellung. »Was gibt's, Hund?« sagte er, sah nieder zu seinem Begleiter, als spräche er mit einem, ihm an Verstand gleichen Wesen und sprach gerührt: »Was ist's, Alter? Nun, Hektor, was schnupperst du denn jetzt? Es ist vorbei, du Armer, es geht nicht mehr; die Rehe, selbst die jüngsten, spielen vor unsern Augen, ohne sich um so zwei abgelebte Bursche zu kümmern, wie du und ich. Der Instinct sagt's ihnen; sie haben gemerkt, wie wenig wir zu fürchten sind; ja, ja, sie haben's bemerkt.« Der Hund richtete den Kopf aufwärts, und antwortete auf die Rede seines Herrn, mit einem langen, klagenden Seufzer, der noch fortdauerte, nachdem er schon wieder sein Haupt in's Gras gesteckt, als unterhalte er sich verständlich mit seinem Herrn, der so wohl die dumpfe Rede zu erklären wußte. »Das ist offenbar eine Warnung, Hektor,« fuhr der Streifschütz fort, indem er seine Stimme zu den Tönen der Vorsicht herabdämpfte, und sorgsam um sich sah; »was gibt's, Alter, was gibt's?« Aber der Hund hatte schon die Nase auf den Boden gelegt, und war still; er schien zu schlummern. Doch der scharfe, schnelle Blick seines Herrn fing bald den Schein von einer entfernten Gestalt auf, die bei dem täuschenden Licht auf eben der Anhöhe zu schweben schien, worauf er selbst stand. Jetzt wurden ihre Verhältnisse deutlicher und ein leichtes, weibliches Wesen schien zu zögern, als überlege sie, ob es klüglich sei, näher zu kommen. Obgleich man jetzt die Augen des Hundes im Mondschein glänzen sah, sie sich bald öffneten und wieder schlossen, gab er doch kein weiteres Zeichen von Unwillen. »Komm näher, wir sind Freunde,« sagte der Streifschütz, und zählte so seinen alten Gefährten mit, so stark war das geheime Band, das sie vereinigte, »wir sind deine Freunde, keiner wird dir 'was zu Leid thun.« Ermuthigt durch den sanften Ausdruck seiner Stimme, und vielleicht durch ernstere Beweggründe getrieben, näherte sie sich, bis sie ihm zur Seite stand; da entdeckte der alte Mann, daß der Besuch das junge Mädchen war, mit welchem unter dem Namen »Ellen Wade« der Leser schon bekannt geworden ist. »Ich dacht', Ihr wäret fort,« sprach sie, und sah furchtsam und ängstlich um sich; »sie sagten, Ihr wärt fort, und wir würden Euch nie wieder sehen; – ich glaubte nicht, daß Ihr es wäret.« »Menschen sind in diesen leeren Feldern kein gewöhnlicher Gegenstand,« erwiederte der Streifschütz, »und ich hoffe doch, ich habe, obgleich ich so lange mit den Thieren der Wildniß verkehrt, noch nicht die Gestalt meines Geschlechtes verloren.« »O, ich erkannte wohl, daß es ein Mensch war, und glaubte selbst den Seufzer des Hundes zu unterscheiden,« antwortete sie hastig, als wolle sie etwas erklären, ohne recht zu wissen, was? und stockte dann wieder, als fürchte sie, schon zu viel gesagt zu haben.« »Ich sah keine Hunde in dem Zug Eures Vaters,« bemerkte der Streifschütz trocken. »Vater?« rief das Mädchen gerührt aus; »ich habe keinen Vater, ja ich möchte fast sagen keinen Freund!« Der alte Mann wandte sich zu ihr mit einem Blick voll Freundlichkeit und Teilnahme, der fast noch mehr für ihn einnahm, als der gewöhnliche, aufrichtige, wohlwollende Ausdruck seines vom Wetter gepeitschten Antlitzes. »Warum wagt Ihr Euch denn an einen Ort, den nur der Starke betreten sollte?« fragte er. »Wußtet Ihr nicht, daß Ihr bei'm Ueberschreiten des großen Flusses einen Freund hinter Euch ließet, der immer geneigt ist auf das Junge und Schwache, wie Ihr, zu sehen?« »Von wem sprecht Ihr?« »Vom Gesetz. – Es ist schlimm, es zu haben; aber ich meine manchmal, es sei noch schlimmer, wo es gar nicht zu finden ist. Ja, ja, Gesetze thun Noth, wenn für solche, denen Stärke und Weisheit nicht verliehen ist, Sorge getragen werden soll. Ich hoffe, junges Weib, wenn Ihr keinen Vater habt, habt Ihr zum wenigsten einen Bruder.« Das Mädchen fühlte den schweigenden Vorwurf, der in dieser verdeckten Frage lag, und schwieg einen Augenblick verlegen. Doch als sie einen Blick geworfen auf die freundlichen, ernsten Züge ihres Gefährten, der sie immer mit Theilnahme ansah, erwiederte sie fest; und auf eine Art, die keinen Zweifel übrig ließ, daß sie seine Meinung verstanden: »Behüte der Himmel, daß einer von denen, wie Ihr sie gesehen habt, ein Bruder von mir, oder sonst mir nahe und theuer sein sollte. Aber sagt mir, lebt Ihr denn wirklich allein in dieser wüsten Gegend, alter Mann; ist wirklich außer Euch Niemand hier?« »Hunderte, ja Tausende von den rechtmäßigen Eigenthümern des Landes schweifen in diesen Ebenen herum; aber wenige von meiner Farbe.« »Und seid Ihr denn Niemanden außer uns begegnet, der weiß war?« unterbrach ihn das Mädchen, als könne sie die zögernde Erklärung nicht erwarten, die sein Alter und seine Ueberlegung eben geben wollte. »Nicht seit vielen Tagen – hsch, Hektor, hsch!« fügte er hinzu, als Antwort auf ein dumpfes und kaum hörbares Knurren seines Hundes. »Das Thier riecht Unheil. Die schwarzen Bären von den Bergen nehmen manchmal ihren Weg noch tiefer herunter als hierher. Der Bursche beklagt sich nicht leicht über harmloses Wild. Ich bin nicht mehr so flink und sicher mit meiner Flinte als sonst, aber damals habe ich auch die stolzesten Thiere der Steppe niedergedonnert; so brauchst du dich weiter nicht zu fürchten, Kind.« Das Mädchen schlug die Augen empor, auf die besondere Art, wie es so oft von ihrem Geschlecht geschieht, wenn sie ihr Schauen damit beginnen, daß sie die Erde zu ihren Füßen untersuchen, und damit endigen, daß sie alles erfassen, was in den Kreis ihrer Sehkraft fällt; aber sie zeigte eher Ungeduld als ein Gefühl von Unruhe. Ein kurzes Bellen vom Hund gab jedoch bald den Blicken beider eine neue Richtung, und dann ward die wahre Ursache seiner zweiten Warnung dunkel sichtbar. Drittes Kapitel. Komm, komm, du bist ein hitz'ger Narr, wie einer in Italien je; so bald gereizt, erzürnt, als, wenn du zürnst, gereizt. Romeo und Julia.   Obgleich der Streifschütz etwas erstaunt war, als er eine zweite menschliche Gestalt sich nahe kommen sah, und dies auch aus einer dem Lager der Auswanderer entgegengesetzten Richtung, so fehlte doch nicht die Standhaftigkeit der lange an Scenen der Gefahr Gewöhnten. »Es ist ein Mann,« sagte er, »und einer, der weißes Blut in den Adern hat, sonst wär' sein Schritt leichter. Es mag gut sein, auf das Schlimmste sich bereit zu halten, denn die Halb- und Halben, auf die man in diesen verlassenen Gegenden trifft, sind allzusammen wilder als die wahren Wilden.« Er nahm sein Gewehr, während er sprach, auf, und untersuchte den Zustand des Steines und des Zündpulvers durch ein Betasten mit der Hand. Aber sein Arm ward festgehalten, als er anschlagen wollte, – es waren die schnellen, zitternden Hände seines Schützlings. »Um Gottes willen, seid nicht zu hastig!« sagte sie, »es kann ein Freund sein, ein Bekannter, ein Nachbar.« »Ein Freund!« wiederholte der alte Mann, und befreite sich zugleich von ihrem Arm, »Freunde sind selten in jedem Land, und seltener vielleicht in diesem als in einem; und die Nachbarschaft zu spärlich, um es wahrscheinlich zu machen, daß der, der zu uns kommt auch nur ein Bekannter ist.« »Aber wenn auch ein Fremder, würdet Ihr doch nicht nach seinem Blut verlangen!« Der Streifschütz betrachtete ernst einen Augenblick ihre angsterfüllten, fürchtenden Mienen, und ließ dann das Gewehr auf den Boden herab, als habe er seinen Entschluß plötzlich geändert. »Nein,« sagte er, und sprach mehr mit sich als mit seiner furchtsamen Gefährtin, »sie hat Recht, Blut darf nicht vergossen werden, um ein so nutzloses, seinem Ziel so nahes Leben zu retten. Laßt ihn kommen, meine Häute, meine Fallen, mein Gewehr selbst soll sein sein, wenn's ihm gefällt, sie zu verlangen.« »Er wird nichts von allem fordern, er braucht nichts,« erwiederte das Mädchen; »wenn er ein ehrlicher Mann ist, wird er gewiß mit dem Seinigen zufrieden sein, und nichts fordern, was Eigenthum eines andern ist. Der Streifschütz hatte nicht Zeit, das Erstaunen auszudrücken, welches ihn bei der unzusammenhängenden, sich widersprechenden Rede ergriff, denn der Mann, der sich näherte, war schon nur noch fünfzig Schritte von ihm entfernt. Indeß war Hektor kein gleichgültiger Zeuge bei dem, was vorging geblieben. Bei'm Geräusch der entfernten Tritte war er von dem warmen Bett zu den Füßen seines Herrn aufgestanden, und schlich jetzt, als der Fremde dem Blick sich zeigte, leise ihm entgegen, zur Erde geduckt wie ein Panther, wenn er auf seine Beute sich stürzt. »Ruft den Hund zurück,« sagte eine feste, tiefe, männliche Stimme, mehr im Ton der Freundschaft als der Drohung; »ich liebe die Hunde, und es würde mir leid sein, wenn dem Thier etwas widerführe.« »Du hörst, was man von dir sagt, Bursch?« antwortete der Streifschütz, »komm her, du Thor; sein Knurren und Bellen ist alles, was ihm noch übrig ist; Ihr könnt kommen, Freund; er hat keine Zähne mehr.« Der Fremde benutzte alsbald diese Nachricht; er eilte schnell vorwärts, und stand im nächsten Augenblick Ellen Wade zur Seite. Nachdem er sich durch einen hastigen aber kühnen Blick überzeugt, daß sie es war, wandte er mit einer Eile und Ungeduld, die hinlänglich zeigte, wie sehr er auf den Ausgang gespannt war, ein forschendes Auge auf ihren Begleiter. »Von welcher Wolke seid Ihr gefallen, mein guter, alter Mann?« sagte er sorglos, nachlässig hin, mit zu viel Natur, um geziert zu scheinen; »oder lebt Ihr wirklich in diesen Steppen?« »Ich war lange auf der Welt, und nie, denke ich, näher dem Himmel, als jetzt in diesem Augenblick,« erwiederte der Streifschütz; »meine Wohnung, wenn ich anders eine habe, ist nicht weit entfernt. Nun kann ich mir die Freiheit gegen Euch nehmen, die Ihr Euch so gerne gegen Andere nehmt? Woher kommt Ihr, wo Ist Eure Heimath?« »Langsam, langsam; wenn ich mit meinem Examen fertig bin, dann mögt Ihr mit Euerm anfangen. Auf welche Jagd geht Ihr denn hier so bei Mondschein aus? Gewiß wollt Ihr doch keine Büffel zu dieser Stunde fangen?« »Ich gehe, wie Ihr seht, aus dem Lager von einigen Wanderern, welches dort über jener Anhöhe liegt, nach meiner eignen Hütte; und so tret' ich Niemanden zu nahe.« »Ganz wohl. Und Ihr nahmt dieses Mädchen mit, Euch den Weg zu zeigen, da sie ihn so gut, und Ihr ihn so wenig kennt.« »Ich traf sie, wie ich Euch traf, zufällig. Zehn lange Jahre hab' ich diese offnen Felder bewohnt, und nie, bis auf diesen Tag, menschliche Wesen mit weißer Haut zu dieser Stunde getroffen. Wenn meine Gegenwart hier belästigt, thut's mir leid, und ich will meiner Wege gehen. Es ist mehr als wahrscheinlich, wenn Eure junge Freundin ihre Geschichte erzählt hat, werdet Ihr geneigter sein, die meinige zu glauben.« »Freundin!« sagte der Jüngling, nahm eine Mütze von Fellen vom Haupt, und wühlte in der dichten Masse seiner schwarzen, geringelten Locken, »wenn ich je früher ein Auge warf auf das Mädchen als heute, so möge – –« »Genug, Paul,« unterbrach ihn die Jungfrau, und legte ihm die Hand auf den Mund, mit einer Vertraulichkeit, die so ziemlich seine beabsichtigte Betheuerung Lügen strafte. »Unser Geheimniß wird bei diesem ehrlichen alten Mann sicher sein. Ich sehe es an seinen Blicken und freundlichen Worten.« »Unser Geheimniß! Hast du vergessen, Ellen? – –« »Nein. Ich habe nichts vergessen, was ich behalten sollte. Aber doch sag' ich, wir sind sicher bei diesem ehrlichen Streifschütz.« »Streifschütz? Ist er denn ein Streifschütz? Gebt mir die Hand, Vater; unser Geschäft sollte uns mit einander bekannt machen.« »In dieser Gegend braucht's nicht solcher Stärke,« erwiederte der Andere, und betrachtete die athletische, kräftige Gestalt des Jünglings, der sich nachlässig aber nicht ohne Anstand auf seine Flinte lehnte; »die Kunst die Geschöpfe des Herrn in Fallen und Netzen zu fangen, erfordert mehr List als Kraft, und doch bin ich genöthigt, sie in meinem Alter zu treiben. Aber es würde weit besser einem jungen Manne, wie Euch, anstehn, einem Geschäft zu folgen, das sich mehr für Eure Jahre und Euern Muth schickt.« »Ich! Ich fing nie, selbst nicht eine Bisamratze in einer Falle; obgleich ich gestehen muß, daß ich einige von den schwarzhäutigen Teufeln gehörig versehen habe, wo ich besser gethan, wenn ich das Pulver im Horn, und das Blei in der Tasche gelassen. Nein, Alter, nichts, was auf der Erde kriecht, gehört zu meiner Jagd.« »Wie bringt Ihr aber Euer Leben durch, Freund, denn wenig mag in diesen Gegenden gewinnen, wer selbst sein natürliches Recht über die Thiere des Feldes aufgibt.« »Ich gebe nichts auf. Kommt ein Bär mir in den Weg, so ist er bald kein Bär mehr. Die Rehe fangen schon an, mich zu riechen, und was die Büffel anlangt, so habe ich mehr Ochsen getödtet, alter Fremder, als der thätigste Metzger in ganz Kentucky.« »Ihr könnt also schießen,« fragte der Streifschütz, und seine kleinen tiefliegenden Augen glänzten von einem Blitz verborgenen Feuers; »ist Eure Hand fest und Euer Blick scharf?« »Die erste ist wie eine Stahlfalle, und der andere schneller als die Kugel für einen Bock. Ich wünscht' es wär' heißer Mittag jetzt, Vater, und zwei oder drei Juchert von hier gingen von Euern weißen Schwänen oder schwarzgefiederten Enten südlich über unsere Häupter, Ihr oder Ellen könntet Euer Leben auf das schönste von der Heerde, setzen, und meinen Ruf gegen ein Pulverhorn, der Vogel sollte in fünf Minuten den Kopf hängen, und das durch seine einzige Kugel. Ich verachte Schrot. Niemand kann sagen, daß er mich je, auch nur ein Korn führen sah.« »Der Bursch hat Kraft in sich, ich seh's ihm deutlich an,« sagte der Streifschütz, und wandte sich mit einem offenen, ermuthigenden Blick zu Ellen. »Ich nehm's auf mich, und behaupte, Ihr thätet nicht unklug, als Ihr ihn so erwartetet. – Sagt mir, Junge, traft Ihr je einen Bock im Lauf zwischen die Enden? Hektor, still, Alter, still. Schon der Name Wild erhitzt dem Burschen das Blut. – Traft Ihr je ein Thier auf diese Art und im gestreckten Lauf?« »Ihr könntet mich eben so gut fragen, aßt Ihr je? Es gibt keine Art, alter Fremder, auf die ich das Wild nicht erreicht, nur wenn es schlief, nicht.« »Ach, ach, Ihr habt ein langes, glückliches, ja und ein ruhmvolles Leben noch vor Euch. Ich bin alt, kann wohl sagen abgelebt und nutzlos; aber wär' es mir vergönnt, Zeit und Ort zu wählen, nochmals – doch so etwas wird nicht, darf nie dem Willen des Menschen überlassen werden, – aber, würde eine solche Gunst mir verliehen, ich sagte: zwanzig und die Wildniß. Aber sagt mir, wie macht Ihrs mit den Häuten?« »Mit den Häuten! Ich nehme nie ein Fell von einem Bock, oder einen Kiel von einer Gans, in meinem Leben, Ich mach' sie nieder dann und wann zu einer Mahlzeit, oder um meine Hand nicht der Flinte zu entwöhnen, aber ist der Hunger gestillt, dann bekommen das Uebrige die Steppen-Wölfe. Nein, nein, ich halte mich an meinen Beruf, der mich besser lohnt, als alles Pelzwerk, das ich auf der andern Seite des großen Flusses verkaufen könnte.« Der alte Mann schien ein wenig nachzusinnen, aber kopfschüttelnd fuhr er bald nachdenkend fort: »Ich kenne nur ein Geschäft, das mit Vortheil hier betrieben werden kann – – –« Er ward von dem Jüngling unterbrochen, der ihm ein kleines zinnernes Gefäß, das ihm um den Nacken hing, vorhielt; der herrliche Geruch des lieblich riechenden Honigs durchdrang den Streifschützen, als der Jüngling den Deckel öffnete. »Ein Bienenjäger!« bemerkte jener mit einer Schnelle, die zeigte, daß er die Beschäftigung kannte, obgleich nicht ohne einiges Erstaunen, daß ein Mann von so viel Kraft sich mit so etwas Niedern abgebe. »Es belohnt sich gut an den Grenzen der Ansiedelungen, aber in diesen offnen Gegenden möcht' ich's einen unsichern Handel nennen.« »Ihr meint, es ist kein Baum da, in den sich ein Schwarm niederlassen könnte. Aber ich denke anders, und so bin ich mehrere hundert Meilen weiter westlich gestreift, als gewöhnlich, um Euern Honig zu versuchen. Nun hab' ich Eure Neugier befriedigt, Fremder; Ihr geht jetzt wohl bei Seite, während ich der Jungfrau das übrige von meiner Geschichte erzähle.« »Es ist nicht nöthig, ich weiß gewiß, es ist nicht nöthig, daß er uns verläßt,« sagte Ellen mit einer Hast, worin etwas lag, das zeigte, daß sie das Sonderbare, wenn nicht Unschickliche der Forderung fühlte, »Ihr könnt mir nichts zu sagen haben, was nicht die ganze Welt hören darf.« »Nein! So mögen mich doch die Drohnen zu Tode stechen, wenn ich etwas von den Launen eines Weibes begreife. Was mich betrifft, Ellen, ich kümmre mich um nichts, um Niemand, und bin jetzt eben so bereit, dort hinunter zu gehen, wo Euer Oheim, wenn man ihn so nennen darf – denn ich schwöre, es ist kein Verwandter von Euch – wo Euer Oheim seine Gespanne los gebunden hat, als ich ein Jahr später dazu bereit bin. Du brauchst nur ein Wort zu sagen und es ist geschehen, es mag ihm gefallen oder nicht.« »Du bist immer so hastig und rasch, Paul Hover, daß ich selten weiß, wenn ich sicher bei dir bin. Wie kannst du, – du kennst die Gefahr, wenn wir nur zusammen gesehen werden, – wie kannst du nur davon sprechen, vor meinem Onkel und seinen Söhnen zu erscheinen?« »Hat er Etwas gethan, dessen er sich schämen muß?« fragte der Streifschütz, der keinen Zoll breit von der Stelle gewichen war. »Behüte der Himmel! Aber es hat seine Ursachen, warum er sich nicht soll sehen lassen, gerade jetzt; Ursachen, die ihn nicht gefährden würden, wenn man sie wüßte, die aber doch noch nicht bekannt werden dürfen. Wenn Ihr also, Vater, dort an jenem Weidenbusch warten wollt, bis ich gehört, was Paul mir etwa zu sagen haben kann, so komm' ich gewiß erst noch und sag' Euch gute Nacht, eh' ich in das Lager zurückkehre.« Der Streifschütz zog sich langsam zurück, scheinbar zufrieden mit dem etwas unzusammenhängenden Grund, den Ellen gegeben hatte, warum er sich zurückziehen sollte. Als er weit genug entfernt war und die ernste, lebhafte Unterredung nicht mehr hören konnte, die alsbald zwischen den Beiden begann, die er verlassen, stand der alte Mann wieder und wartete geduldig den Augenblick ab, wo er seine Unterhaltung mit zwei Wesen wieder anknüpfen könnte, an denen er ein steigendes Interesse nahm, – nicht minder wegen des geheimnißvollen Anstrichs ihres Umgangs, als aus natürlicher Theilnahme an der Wohlfahrt eines Paares, das noch so jung und, wie er in der Einfachheit seines Herzens zu glauben geneigt war, diese Theilnahme wohl verdiente. Ihn begleitete sein lässiger aber treuer Hund, der sich nochmals sein Bett zu den Füßen seines Herrn machte und bald schlummernd, wie gewöhnlich, dalag, den Kopf fast gänzlich in das dichte Gestrüpp des Steppengrases begraben. Eine Menschengestalt in der Einsamkeit, worin er lebte, war dem Streifschütz ein so ungewöhnlicher Anblick, daß er seine Augen unverwandt auf die dunkeln Gestalten seiner neuen Bekannten heftete, mit Empfindungen, deren er lange entbehrt. Ihre Gegenwart weckte Rückerinnerungen und Gefühle, denen seine störrige aber edle Natur früher nur wenig gehuldigt, und vor seinen Gedanken begannen die, wandelvollen Scenen eines Lebens voll Mühseligkeit vorüberzuschreiten, die fremdartig von Scenen wilder, eigenthümlicher Freuden unterbrochen wurden. Die Richtung, die seine Gedanken nahmen, hatte ihn schon in seiner Betrachtung weit in eine ideale Welt geführt, als er plötzlich wieder in die Wirklichkeit seines Zustands durch die Bewegungen seines treuen Hundes zurückgerufen ward. Das Thier, das in Folge seiner Jahre und Gebrechen so entschiedene Hinneigung zum Schlaf gezeigt hatte, stand jetzt auf, schritt aus dem Schatten hervor, den die schlanke Gestalt seines Herrn warf, und sah hinaus in die Steppe, als benachrichtige sein Instinct ihn, daß noch ein anderer Besuch in der Nähe sei. Dann, scheinbar zufrieden mit der Untersuchung, kehrte er zu seinem behaglichen Posten zurück und ordnete seine müden Glieder mit einer Ueberlegung und Sorgfalt, die hinlänglich bewies, daß er kein Neuling in der Knust der Selbsterhaltung sei. »Was gibt's wieder, Hektor?« sagte der Streifschütz mit besänftigender Stimme, welche er jedoch die Vorsicht hatte, nur halb laut Werden zu lassen, »was gibt's, Hund? Er sag's seinem Herrn, der Alte; was gibt's?« Hektor antwortete mit einem nochmaligen Knurren, aber begnügte sich, auf seinem Lager zu bleiben. Dies waren Beweise von Verstand und Mißtrauen, denen ein so erfahrner Mann, wie der Streifschütz, wohl alle Aufmerksamkeit schenken mußte. Er wandte sich wieder zum Hund und mahnte ihn zur Wachsamkeit mit einem leisen, vorsichtigen Zuspruch. Das Thier jedoch, als habe es schon seine Schuldigkeit gethan, weigerte sich hartnäckig, den Kopf vom Gras zu erheben. »Ein Wink von einem solchen Freund ist weit besser, als eines Menschen Rath,« murmelte der Streifschütz, als er sich leise dem Paar näherte, das noch zu ernstlich und vertieft in seiner Unterredung begriffen war, um sein Nahen zu bemerken, »und nur ein betrogener Siedler würde ihn hören und nicht so darauf merken, wie er sollte. – Kinder,« fügte er hinzu, als er nah genug war, um von seinen Gefährten gehört zu werden, »wir sind nicht allein in diesen traurigen Feldern; Andere stören noch hier herum, und deswegen, zur Schande unsers Geschlechts sei's gesagt, ist Gefahr nah.« »Treibt sich einer von des Wanderers Ismael faulen Söhnen noch außerhalb des Lagers diese Nacht herum,« sagte der junge Bienenjäger mit großer Lebhaftigkeit und in einem Tone, der leicht zur Drohung hätte werden mögen, »so könnte leicht seiner Reise ein Ende gemacht werden, ehe er oder sein Vater es denkt.« »Ich setze mein Leben daran, sie sind alle bei ihren Thieren,« antwortete schnell das Mädchen; »ich sah sie all' in tiefem Schlaf, ich selbst, die zwei auf der Wache ausgenommen; und die müßten sich sehr geändert haben, wenn nicht auch sie von einer Truthahnjagd oder einer Straßenbalgerei in diesem Augenblick träumten.« »Ein Thier von starkem Geruch ist zwischen dem Wind und dem Hund durchpassirt, Vater, und das macht ihn unruhig; oder vielleicht träumt er selbst. Ich hatte auch einen solchen Burschen in Kentucky, der ging nach einem tiefen Schlaf oft auf die Jagd, und das Alles wegen eines Traums. Geht zu ihm und kneipt ihm in's Ohr, damit das Thier sein Leben in sich fühlt.« »Nicht doch, nicht doch,« erwiederte der Streifschütz und schüttelte den Kopf, als verstünde er die Eigenschaften seines Hundes besser; »die Jugend schläft, ja, und träumt auch; aber das Alter bleibt wach und ist wachsam. Der Bursche irrt sich nie mit seiner Nase, und lange Erfahrung lehrt mich, auf seine Warnung zu achten.« »Brachtet Ihr ihn je auf die Fährte von Aas?« »Ja, ich muß gestehen, daß die Raubthiere mich zuweilen veranlaßt haben, ihn loszulassen; denn diese sind manchmal eben so eifrig nach Wild als die Menschen; aber dann erkannte ich bald, wie sein Verstand ihm den Gegenstand verrieth. Nein, nein, Hektor ist ein Thier, das sich auf die Wege des Menschen versteht, und wird nie eine falsche Spur verfolgen, wenn eine wahre da ist.« »Ei, ei, da ist ja das Räthsel gelöst; Ihr habt den Hund auf die Fährte eines Wolfs gebracht, und seine Nase hat ein besseres Gedächtniß, als sein Herr,« sagte der Bienenjäger lachend. »Ich hab' das Thier stundenlang schlafen sehen, während ganze Heerden nahe an ihm vorüberzogen; ein Wolf könnte aus seiner Schüssel essen, ohne daß er sich rührte, es müßte denn eine Hungersnoth sein; dann freilich wurde Hektor geneigt sein, sein Eigenthum zu schützen.« »Panther sind von den Bergen heruntergekommen; ich sah einen ein krankes Reh anfallen, als die Sonne unterging. Geht, geht zu Euerm Hund zurück, Vater, und sagt ihm die Wahrheit; in einer Minute bin ich – – –« Er ward von einem langen, lauten, kläglichen Geheul des Hundes unterbrochen, das durch die Abendluft drang, wie das Klagen eines Geistes der Steppe, und über sie hin erscholl, in Cadenzen, die stiegen und fielen, wie ihre eigene wellenförmige Oberfläche. Der Streifschütz stand stumm und hörte aufmerksam; selbst der sorglose Bienenjäger ward von der klagenden Wildheit der Töne ergriffen. Nach einer kurzen Pause rief der Erstere den Hund zu sich und sprach dann, zu seinem Gefährten gewandt, mit dem Ernst, den nach seiner Meinung die Gelegenheit erheischte: »Die, welche meinen, der Mensch habe allein alle Kenntniß der andern Geschöpfe Gottes in sich, werden davon zurückkommen, wenn sie, wie ich, die achtzig erreichen. Ich will nicht sagen, welche Gefahr uns droht, noch selbst behaupten, daß es der Hund, weiß; aber daß ein Uebel nahe ist, und daß Klugheit uns räth, es zu vermeiden, habe ich aus dem Mund Eines gehört, der nie lügt. Ich hatte gemeint, der Bursche sei nicht mehr an die Fußtritte des Menschen gewöhnt und Eure Gegenwart habe ihn unruhig gemacht; aber seine Nase hat stets den ganzen Abend geschnuppert, und was ich für ein Anzeichen Eures Kommens hielt, bedeutete etwas weit Ernsthafteres. Wenn also der Rath eines alten Mannes beachtungswerth ist, Kinder, so werdet ihr eilig die entgegengesetzten Wege nach den Orten eurer Ruhe und Sicherheit einschlagen.« »Wenn ich Ellen verlasse, in einem solchen Augenblick,« rief der Jüngling, »so will ich nie – –« »Genug, genug,« unterbrach ihn das Mädchen und gebrauchte wieder die Hand, die bei ihrer Zartheit und Weiße einen viel höheren Stand im Leben geziert haben würde; »meine Zeit ist vorüber, und wir müssen uns jedenfalls trennen; – gute Nacht, Paul; Vater, gute Nacht.« »Hst,« erwiederte der Jüngling und ergriff ihren Arm, als sie eben von ihm wegeilen wollte; »hst, hört Ihr nichts? Büffel führen nicht weit entfernt ihre Sprünge auf; die Horde schlägt die Erde, wie ein toller Schwarm von tanzenden Teufeln.« Seine beiden Gefährten lauschten, wie Leute in ihrer Lage geneigt sind, ihre Kräfte anzustrengen, um die Bedeutung eines zweifelhaften Geräusches zu entdecken, besonders wenn so viele und furchterregende Anzeichen vorausgegangen sind. Die ungewöhnlichen Töne wurden jetzt unstreitig, obgleich noch etwas schwach, hörbar. Der Jüngling und seine Begleiterin hatten verschiedene übereilte und schwankende Vermuthungen darüber aufgestellt, als ein Zug der Nachtluft das Geräusch von Fußtritten zu deutlich zu ihren Ohren brachte, um einen Irrthum ferner möglich zu machen. »Ich hab' Recht,« antwortete der Bienenjäger, »ein Panther treibt eine Heerde vor sich hin, oder die Thiere mögen sich ein Treffen liefern.« »Eure Ohren sind Betrüger,« erwiederte der alte Mann, welcher, sobald seine eigenen Organe die entfernten Töne aufzuhaschen im Stande waren, wie eine Statue dagestanden hatte, welche die Aufmerksamkeit darstellen soll. – »Die Sprünge sind zu lang für den Büffel und zu regelmäßig für Flucht. Hst; jetzt sind sie auf einem Boden, wo das Gras hoch ist, und der Schall gedämpft; nun kommen sie auf kahles Land – da, sie kommen die Anhöhe herauf, Verderben über uns – sie werden hier sein, ehe ihr ein Obdach finden könnt!« »Komm, Ellen,« rief der Jüngling, und ergriff seine Gefährtin bei der Hand, »laß uns einen Versuch nach dem Lager machen.« »Zu spät, zu spät,« rief der Streifschütz, »denn die Kerl sind schon vor uns, und nach ihrem diebischen Blick und der wilden Art zu reiten, ist's eine blutige Bande verdammter Sioux.« »Sioux oder Teufel, sie sollen uns als Männer finden,« sagte der Bienenjäger mit einer so stolzen Miene, als ob er an der Spitze einer Mannschaft von übermäßiger Stärke und von gleichem Muth, wie er, stünde. »Ihr habt ein Gewehr, Alter, und werdet wohl einen Schuß für ein hülfloses Christenkind thun.« »Nieder, nieder in's Gras – nieder mit euch beiden,« lispelte der Streifschütz, und bedeutete sie, nach der Seite zu dem hohen, Gestrüpp, das nahe der Stelle, wo sie standen, dichter als gewöhnlich wuchs. »Ihr habt nicht Zeit zu fliehen, noch Leute zu fechten, thörichter Junge. Nieder in's Gras, wenn das Mädchen, wenn Euer eigenes Leben einen Werth für Euch hat.« Sein Rath, begleitet, wie er war, durch schnelles, kräftiges Handeln, verfehlte nicht, sich Gehorsam für das zu verschaffen, was ihr Zustand jetzt so gebietend zu erheischen schien. Der Mond war hinter eine Schichte dünner, wolliger Wolken getreten, die den Horizont umdüsterten, und ließ gerade so viel von seinem blassen flimmernden Lichte übrig, um die Gegenstände sichtbar zu machen, dunkel ihre Formen und Verhältnisse enthüllend. Der Streifschütz hatte es wirklich – er übte den Einfluß über seine Genossen aus, den gewöhnlich Erfahrung und Entschlossenheit in Nothfällen geben – dahin gebracht, daß sie sich tief in dem Gras verbargen, und er selbst ward durch den schwachen Mondschein in Stand gesetzt, den ungeordneten Trupp zu überschauen, der wie eben so viele Rasende gerade auf sie zuritt. Ein Haufen von Wesen, die eher Dämonen, als einer Streifhorde, in ihren nächtlichen Zügen über die schwarze Ebene glichen, näherte sich ihnen in der That auf eine furchtbare Weise und in einer Richtung, die wenig Hoffnung übrig ließ, daß nicht wenigstens einige von ihnen über die Stelle kommen würden, wo der Streifschütz und seine Genossen verborgen lagen. Manchmal wurde das Klappern der Hufe vom Nachtwind ganz hörbar ihnen zugetragen, und dann war ihr Zug wieder durch das Gestrüpp des Herbstgrases nicht zu vernehmen und still, was noch viel zur Vermehrung des Geisterhaften und Ueberirdischen ihrer Erscheinung beitrug. Der Streifschütz, der seinen Hund zu sich gerufen, und ihn zur Erde niedergedrückt hatte, kniete jetzt ebenfalls in das Gras nieder und richtete ein wachsames, festes Auge auf den Zug der Bande, beschwichtigte die Furcht des Mädchens und dämpfte in demselben Augenblick die Ungeduld des Jünglings. »Wo einer ist, da sind gleich dreißig von den Wichten,« sagte er als Episode zu seinen lispelnden Ermahnungen; »ah, sie wenden sich gegen den Fluß; – still, – Bursch, – still – nein, da kommen sie gerade hierher – die Kerl scheinen ihren eigenen Weg nicht zu wissen. – Wären wir nur etwa unserer sechs, Junge, was für eine prächtige Canonade wollten wir auf sie machen, von hier aus – es geht nicht, es geht nicht; duckt Euch besser, Junge, sonst sieht man Euren Kopf, – Auch bin ich nicht ganz gewiß, ob es recht wäre, da sie uns kein Leid gethan. Da wenden sie sich wieder zum Fluß – nein, hier kommen sie dem Hügel herauf – nun ist der Augenblick, so still zu sein, als ob der Athem seine Schuldigkeit gethan und den Körper verlassen habe.« Die Gestalt des alten Mannes fiel in's Gras, während er noch sprach, gleich als wenn die endliche Trennung, worauf er eben angespielt, bei ihm wirklich vorgegangen wäre, und im nächsten Augenblick fuhr eine Bande wilder Reiter an ihnen vorbei, mit der geräuschlosen Schnelligkeit, womit etwa ein Trupp Gespenster vorüber gehen würde. Die dunkeln, schnellen Gestalten waren schon verschwunden, als der Streifschütz sein Haupt, mit den Spitzen des geneigten Gestrüpps gleich, zu erheben wagte und zugleich seine Genossen bedeutete, ihre Lage und Stille ferner zu beobachten. »Sie sind den Hügel hinunter nach dem Lager,« fuhr er fort mit seiner früheren behutsamen Stimme; »nein, sie halten unten im Grund und stecken die Köpfe zusammen, wie Rehe, wenn sie Rath halten. Bei Gott! sie kehren um, und wir sind das Ungeziefer noch nicht los!« Nochmals suchte er sein freundliches Lager, und alsbald sah man den dunkeln Trupp unordentlich oben auf dem Gipfel der kleinen Erhöhung reiten. Es ward jetzt offenbar, sie waren zurückgekommen, sich der Anhöhe zu bemächtigen, um den dunkeln Horizont von da zu untersuchen. Einige stiegen ab, während andere hin- und herritten, wie wenn man eine Gegend mit großer Sorgfalt erforscht. Zum Glück für die Versteckten diente das Gras, worin sie verborgen waren, nicht allein dazu, sie den Augen der Wilden zu verdecken, sondern hinderte auch ihre Pferde, welche nicht weniger roh und unbändig als ihre Reiter waren, sie in ihrem ungeregelten und wilden Lauf zu treten. Endlich rief ein, athletischer und finsterblickender Indianer, der nach seinem gebietenden Aeußern der Führer schien, seine Häuptlinge zu einer Berathung zusammen, die zu Pferde gehalten ward, Diese Versammlung kam dicht an der Grenze des Gebüsches zusammen, worin der Streifschütz und seine Genossen lagen. Als der junge Mann aufblickte, und die drohende, stolze Gruppe sah, welche mit jedem Augenblick durch eine Gestalt anwuchs, die scheinbar noch herausfordernder als eine von den vorigen war, nahm er aus einem sehr natürlichen Antrieb sein Gewehr neben sich und setzte es allmählich in Stand zu schnellem Gebrauch. Das Mädchen an seiner Seite hüllte ihr Antlitz in's Gras, aus einem, wo möglich ganz eben so natürlichen und ihrem Geschlecht und Thun angemessenen Gefühl; und ließ ihn den Eingebungen seines heißen Blutes folgen, aber sein bejahrter und vorsichtigerer Rathgeber sagte ihm ernst in's Ohr: »Das Knacken des Schlosses ist den Burschen so gut bekannt, als der Ton der Trompete dem Soldaten. Legt nieder die Flinte, nieder; sollte der Mond den Lauf treffen, so würden die T – l sie gewiß sehen, ihre Augen sind so scharf, wie die der schwärzesten Schlange! Die geringste Bewegung würde uns sicher einen Pfeil bringen.« Der Bienenjäger gehorchte in so weit, als er unbeweglich und still blieb. Aber sein Gefährte sah noch so viel, um sich an den zusammengezogenen Braunen und dem drohenden Blick des jungen Mannes zu überzeugen, daß eine Entdeckung den Wilden keinen unblutigen Sieg verschaffen würde. Als er seinen Rath nicht geachtet sah, nahm der Streifschütz seine Maßregeln darnach und erwartete den Ausgang mit einer Ergebung und Ruhe, die so sehr in seinem Charakter lagen. Mittlerweile hatten die Sioux (denn der Scharfblick des alten Mannes betrog ihn in Hinsicht seines gefährlichen Besuchs nicht) ihren Rath geendet, und zerstreuten sich wieder nach allen Seiten der Anhöhe, als ob sie etwas Verborgenes suchten. »Die Schelme haben den Hund gehört,« lispelte der Streifschütz, »und ihre Ohren sind zu treu, um sich wegen der Entfernung zu betrügen. Lieg' fest, Junge, lieg' fest, nieder mit dem Kopf bis zur Erde, wie ein Hund der schläft.« »Laßt uns lieber aufstehen, und auf unsere Kraft vertrauen,« erwiederte sein ungeduldiger Gefährte – – Er wollte fortfahren, da fühlt er eine Hand fest auf seiner Schulter liegen; er richtet die Augen auf und sieht das dunkle, wilde Gesicht eines Indianers, das ihn fest anblickt. Bei allem Erstaunen und trotz seiner unvortheilhaften Lage, war der Jüngling gar nicht geneigt, so leicht ein Gefangener zu werden. Schneller als der Blitz seiner eigenen Flinte steht er auf seinen Füßen und faßt seinen Gegner mit einer Kraft an der Kehle, die bald den Streit geendet haben würde, – da fühlt er die Arme des Streifschützen um seinen Leib geschlungen, welche mit nicht viel geringerer Kraft als seine eigene alle seine Bewegungen hemmen. Ehe er noch Zeit hatte, seinem Gefährten wegen so offenbarer Verrätherei Vorwürfe zu machen, stand ein Dutzend Sioux um ihn herum, und die ganze Gesellschaft ward genöthigt, sich gefangen zu geben. Viertes Kapitel. Mit größ'rer Furcht der Kampf mein Herz durchdringt. Als wer im Kampfe selbst die Waffe schwingt. Kaufmann von Venedig.   Der unglückliche Bienenjäger und seine Genossen waren nun Gefangene eines Volkes geworden, das ohne Übertreibung die Ismaeliten der amerikanischen Wüsten genannt werden könnte. Seit undenklichen Zeiten hatte sich die Macht der Sioux gegen ihre Nachbarn in den Steppen gewendet, und selbst bis auf diesen Tag, wo der Einfluß und das Ansehen einer geordneten Staatsverfassung um sie herum gefühlt wird, werden sie als eine verrätherische und gefährliche Völkerschaft betrachtet. Zur Zeit unsrer Erzählung war dies noch weit schlimmer; wenige weiße Leute wagten sich in die entfernten, gesetzlose Gegenden, wo, wie man wußte, ein so falscher Stamm wohnte. Trotz seiner friedlichen Unterwerfung kannte der Streifschütz den Charakter der Bande dennoch sehr wohl, in deren Hände er gefallen war. Aber für den scharfsinnigsten Richter würde es schwierig gewesen sein, zu entscheiden, ob Furcht, Klugheit oder Ergebung der geheime Beweggrund des Alten war, als er sich, ohne zu murren, plündern ließ. Weit entfernt, der rohen, gewaltthätigen Art, womit seine Sieger ihr gewöhnliches Amt verwalteten, auch nur eine Vorstellung entgegenzusetzen, kam er sogar ihrer Gier zuvor, und reichte den Häuptlingen, was, wie er voraussetzte, ihnen am angenehmsten sein konnte. Auf der andern Seite zeigte Paul Hover, der so recht buchstäblich ein Besiegter war, den äußersten Unwillen, sich den gewaltthätigen Freiheiten zu unterwerfen, die man sich mit seiner Person und Habe nahm. Er gab selbst, während dem summarischen Prozeß, mehrere, gar nicht zweideutige Zeichen seines Mißvergnügens und würde, mehr als einmal, in offenen, verzweifelten, Widerstand ausgebrochen sein, wären die Ermahnungen und Bitten des zitternden Mädchens nicht gewesen, das sich so hingebend an seine Seite drückte und dadurch dem Jüngling zeigte, daß all ihre Hoffnung nicht weniger auf seine Vorsicht, als auf seiner Neigung, ihr zu dienen, gegründet sei. Indeß hatten die Indianer den Gefangenen nicht sobald die Waffen und Munition weggenommen, und sie einiger Kleidungsstücke von geringem Nutzen und vielleicht noch geringerem Werthe beraubt, als sie geneigt schienen, ihnen einen Augenblick Ruhe zu lassen. Geschäfte von größerer Wichtigkeit drängten sie, und forderten ohne Aufschub ihre Aufmerksamkeit. Eine zweite Berathung der Häuptlinge ward gehalten, und man erkannte aus der ernsten, heftigen Art der Wenigen, welche sprachen, daß die Krieger ihren Erfolg noch gar nicht für vollständig hielten. »Es ist viel,« lispelte der Streifschütz, welcher genug von der Sprache verstand, die er hörte, um den Gegenstand der Berathung vollkommen zu vernehmen, »wenn die Wanderer, die dort an den Weiden lagern, nicht aus ihrem Schlaf durch einen Besuch dieser Wichte aufgeweckt werden. Sie sind zu klug, um zu glauben, daß ein Weib von den »blassen Gesichtern« so weit von allen Wohnungen angetroffen wird, ohne die Erfindungen und Bequemlichkeiten eines Weißen bei der Hand zu haben.« »Wenn sie mir den Stamm dieses wandernden Ismael zu den Felsengebirgen führen,« sagte der junge Bienenjäger bitter lachend, »dann könnte ich vielleicht diesen Schurken verzeihen.« »Paul! Paul! rief seine Gefährtin im Ton des Vorwurfs, »du vergißt alles. Denk an die traurigen Folgen!« »Ah, gerade daß ich an das, was du Folgen nennst, Ellen, dachte, hinderte mich, mit jenem rothen T–l auf einmal fertig zu werden, und ihn zu einem wahren Leichnam zu machen. Alter Streifschütz, die Sünde dieses feigen Benehmens ruht auf Eurem Haupt. Aber es ist ja Euer tägliches Geschäft, so Menschen, wie Vieh in Fallen zu fangen.« »Ich bitt' dich, Paul, sei ruhig – gedulde dich.« »Nun, wenn du es willst, Ellen,« erwiederte der Jüngling und bemühte sich, seinen Aerger zu unterdrücken, »will ich den Versuch machen; obgleich, wie du wissen mußt, es zur Religion eines Bewohners von Kentucky gehört, sich bei einem Unfall ein wenig zu sträuben.« »Ich fürchte, Eure Freunde auf der andern Seite werden den Augen dieser Wichte nicht entgehen,« fuhr der Streifschütz fort, so kalt, als ob er keine Silbe von der vorigen Rede gehört; – »sie riechen Beute und es wäre eben so schwer, den Hund vom Wild, als dies Geschmeiß von seiner Spur abbringen.« »Können wir denn gar nichts thun?« fragte Ellen in einem bittenden Ton, der von der Aufrichtigkeit ihrer Besorgniß zeugte. »Mir wär's ein Leichtes, so zu schreien, daß der alte Ismael träumen sollte, die Wölfe wären unter seiner Heerde,« erwiederte Paul. »Ich kann mich in diesen offenen Feldern Meilen weit hörbar machen und sein Lager ist kaum eine Viertelmeile von uns entfernt.« »Und bekommt zum Lohn dafür den Kopf eingeschlagen,« erwiederte der Streifschütz; »nein, nein, List muß List besiegen, oder die Hunde morden die ganze Familie.« »Morden! nein, – nicht morden. Ismael liebt das Wandern so sehr, – was würd's ihm schaden, wenn er auch einmal das andere Meer betrachtete; aber der alte Schelm ist schlecht auf die lange Reise vorbereitet! Ich würde selbst mein Gewehr erst gebrauchen, ehe er ganz zu Grunde gerichtet würde.« »Sein Haufen ist stark an der Zahl und wohl bewaffnet, glaubt Ihr, daß er fechten wird?« »Seht, alter Streifschütz, es liebt nicht leicht Jemand Ismael Busch und seine sieben Tölpel von Söhnen weniger, als ein gewisser Paul Hover; aber ich mag nicht einmal eine Tenessee-Flinte verläumden. – Es ist unter ihnen so viel wahrer, widerstrebender Muth, als in irgend einer Familie in Kentucky. Sie sind eine langgestaltige, doppeltgenähte Race, und wer von einem unter ihnen das Maß auf der Erde nehmen wollte, müßte ein tüchtiger Handwerksmann sein.« »Hst! Die Versammlung ist aus, und die Wilden wollen eben ihre verruchten Pläne ausführen. Wir müssen uns gedulden; vielleicht bietet sich noch etwas zu Gunsten unsrer Freunde dar.« »Freunde! Nennt keinen von der Schaar meinen Freund, wenn Euch mein Wohlwollen lieb ist. Was ich zu ihrem Vortheil sage, geschieht weniger aus Freundschaft als aus Aufrichtigkeit.« »Ich wußte nicht anders, als daß das Mädchen zu ihnen gehörte,« erwiederte der andere ein wenig trocken, – »aber man sollte nichts für Beleidigung nehmen, was nicht so gemeint ist.« – Paul's Mund ward wieder von Ellens Hand zugehalten, die die Antwort nach ihrer höflichen, gewinnenden Art auf sich nahm: »wir sollten alle eine Familie sein, wenn es in unsrer Macht steht, einander zu dienen. – Wir verlassen uns gänzlich auf Eure Erfahrung, guter alter Mann, Ihr mögt ein Mittel entdecken, unsre Freunde von der Gefahr zu benachrichtigen.« »Es ist auch wirklich Zeit,« murmelte der Bienenjäger lachend, »wenn die Jungen in Ernst mit diesen rothen Häuten zusammen kommen.« Er ward durch eine allgemeine Bewegung in der Bande unterbrochen. Die Indianer stiegen alle ab, und gaben ihre Pferde an drei oder vier des Haufens, die man zugleich auch mit der Bewachung der Gefangenen beauftragte. Sie bildeten nun einen Kreis um einen Krieger, der das größte Ansehen zu besitzen schien, und auf ein gegebenes Zeichen bewegte sich der ganze Schwarm langsam und vorsichtig in gerader Linie vom Mittelpunkt und also nach allen verschiedenen Richtungen vorwärts. Die meisten ihrer dunkeln Gestalten verschwammen bald mit der braunen Decke der Wüste, wiewohl die Gefangenen, welche auf die geringste Bewegung ihrer Feinde mit wachsamem Auge Acht hatten, manchmal eine Menschengestalt bemerken konnten, die sich am Horizont hinzeichnete, wenn einer, eifriger als die übrigen, seine ganze Höhe darstellte, um die Grenzen seines Gesichtskreises zu erweitern. Aber nicht lange so schwand auch dieser flüchtige Schimmer von dem fortschreitenden und immer größer werdenden Zirkel, und Ungewißheit und Vermuthung kam, noch zur Furcht. So gingen mehrere angstvolle, traurige Minuten vorüber, während die Lauscher mit jedem Augenblick den Ruf der Angreifenden und das Geschrei der Überfallenen durch die Stille der Nacht zu hören erwarteten. Aber es wollte scheinen, als ob das Suchen, welches man so deutlich wahrnahm, ohne hinlänglichen Erfolg geblieben; denn nach einer halben Stunde kamen die Genossen der Bande einzeln, finster und lässig, wie Leute, deren Bemühung vergebens gewesen, wieder zurück. »Nun kommt die Reih' an uns,« bemerkte der Streifschütz, der auf den geringsten Vorfall, aus das unbedeutendste Zeichen von Feindseligkeit unter den Wilden Acht gab; »wir werden jetzt ausgefragt und wenn ich anders weiß, was in unsrer Lage dienlich sein könnte, so möchte ich behaupten, es wäre gut, wenn wir einen aus uns wählten, der Antwort gibt, damit wir in unserm Zeugniß übereinstimmen. Und ferner, wenn die Meinung eines so alten, unbrauchbaren Jägers von achtzig zu berücksichtigen ist, dächte ich, der Mann müßte gerade der sein, welcher mit dem Charakter der Indianer am vertrautesten ist und auch etwas von ihrer Sprache versteht, – seid' Ihr mit der Sprache der Sioux bekannt, Freund?« »Kümmert Euch um Euren eigenen Honig,« erwiederte der unwillige Bienenjäger; »zum Sumsen seid Ihr gut, wenn auch zu sonst nichts.« »Die Jugend ist rasch und starrig,« entgegnete der Streifschütz ruhig; »es war eine Zeit, junger Mann, wo mein Blut wie Eures war, zu schnell und heiß, um ruhig in den Adern zu fließen. Aber was nützt's, von thörichten Wagnissen und dummen Streichen in diesem Alter zu reden. Ein graues Haupt muß Besonnenheit, nicht die Zunge eines Prahlers einschließen.« »Wahr, wahr,« lispelte Ellen, »und wir müssen jetzt auf anderes gefaßt sein! Da kommt der Indianer uns seine Fragen vorzulegen.« Das Mädchen, dem die Furcht die Sinne geschärft, hatte sich nicht getäuscht. Sie sprach noch, als ein schlanker, halb nackter Wilder sich der Stelle näherte, wo sie standen, welcher, nachdem er zuvor die ganze Gesellschaft so genau, als es das Dunkel erlaubte, langer als eine Minute in vollkommener Stille durchmustert hatte, den gewöhnlichen Gruß in den rauhen Kehllauten seiner Sprache vorbrachte. Der Streifschütz antwortete, so gut er konnte, was, wie es schien, gut genug war, und verstanden wurde. Um dem Vorwurf der Pedanterie zu entgehen, wollen wir den Inhalt, und nur so weit es möglich ist, die Form des Dialogs wieder geben. »Haben die blassen Gesichter schon all ihre Büffel gegessen, und all ihren Bibern die Häute abgenommen,« fuhr der Wilde fort, nachdem er, wie es die Sitte verlangte, die gehörige Zeit nach seinem Gruß abgewartet hatte, ehe er wieder sprach, »haben sie schon alles aufgegessen, daß sie hierher kommen und zählen wollen, wieviel sich deren noch unter den Pawnee finden?« »Einige von uns sind hier, um zu kaufen, andere, zu verkaufen,« erwiederte der Streifschütz, »aber keiner wird folgen, wenn sie hören, daß es nicht sicher sei, sich der Wohnung eines Sioux zu nähern. »Die Sioux sind Diebe, und wohnen im Schnee; warum sprechen wir von einem so entfernten Volk, wenn wir im Land der Pawnee sind?« »Sind die Pawnee die Eigenthümer dieses Landes, dann sind Weiße und Rothe mit gleichem Recht hier.« »Haben die Blaß-Gesichter die rothen Leute nicht genug bestohlen, daß Ihr noch so weit herkommt, um uns eine Lüge zu bringen? Ich habe gesagt, dies ist Jagdgrund meines Stammes.« »Ich hab' dasselbe Recht hier zu sein, als Ihr selbst,« entgegnete der Streifschütz mit ungestörter Ruhe; »ich spreche nicht so, wie ich könnte. – Es ist besser zu schweigen. Die Pawnee und die weißen Leute sind Brüder, aber ein Sioux darf sein Gesicht nicht in einem Dorf der Wölfe zeigen.« »Die Dahcotah Ein anderer Name der Sioux. sind Männer!« rief der Wilde stolz und vergaß in seinem Zorn, die Rolle beizubehalten, die er angenommen hatte, da er die Benennung gebrauchte, auf die seine Nation am meisten stolz ist; »die Dahcotah kennen keine Furcht; sprecht, was bringt Euch so weit von den Dörfern der blassen Gesichter?« »Ich sah bei manchen Berathschlagungen die Sonne aufgehen und sinken, und habe nur Worte weißer Männer gehört. Laßt Eure Häuptlinge kommen, und mein Mund soll ihnen nicht verschlossen sein.« »Ich bin ein großer Häuptling,« sagte der Wilde, und gab sich das Ansehn beleidigter Würde; »haltet Ihr mich für einen Assiniboine! Weucha ist ein oft genannter Held, dem man viel vertraut.« »Bin ich ein Thor, daß ich einen verbrannten Teton Teton, wie Dahcotah, eine andere Benennung der Sioux nicht erkennen sollte!« fragte der Streifschütz mit einer Festigkeit, die seinem Muth alle Ehre machte. »Geht; es ist dunkel, und Ihr seht nicht, daß mein Haupt grau ist.« Der Indianer schien jetzt überzeugt, daß er eine zu platte List gebraucht, um einen so erfahrnen Mann, wie der, mit dem er sprach, zu täuschen; und bedachte jetzt, welche andre Erdichtung er erfinden sollte, um seinen Zweck zu erreichen, als eine geringe Bewegung unter der Bande all seinen Plänen mit einemmal ein Ende machte. Er warf seine Augen hinter sich, als fürchte er eine schnelle Unterbrechung, und sagte in einem weit weniger anmaßenden Tone als früher: »Gebt Weucha die Milch der Lang-Messer, Er hatte es also bei seiner Verstellung auf eine Plünderung der Gefangenen abgesehen. und er wird Euern Namen in die Ohren der Helden seines Stammes singen.« »Geht,« sagte der Streifschütz, und wieß ihn mit Unwillen fort; »Ihr jungen Leute sprecht von Mahtoree Der Anführer der Sioux , meine Worte sind für die Ohren eines Häuptlings.« Der Wilde warf einen Blick auf ihn, worin ungeachtet der geringen Helle, unversöhnliche Feindschaft nicht zu verkennen war. Er stahl sich dann weg unter seine Gefährten, voll Angst, den Betrug und die Verrätherei, der er sich durch eine beabsichtigte Zueignung eines Theils der Beute schuldig gemacht, vor dem Mann zu verbergen, den der Streifschütz eben genannt hatte, und der jetzt herankam, wie er aus dem öftern Nennen des Namens Mahtoree unter der Bande merken konnte. Er war kaum verschwunden, als ein Krieger von kraftvollem Bau aus dem dunkeln Kreise herauskam, und sich vor die Gefangnen stellte, mit der hohen, stolzen Haltung, die einen indianischen Häuptling immer so sehr auszeichnet. Ihm folgte der ganze Haufen, und stellte sich, in tiefem, ehrfurchtsvollem Schweigen, um ihn herum. »Die Erd' ist groß,« begann der Häuptling nach einem Schweigen voll Würde, die sein Zerrbild so schlecht nachgemacht hatte. »Warum können die Kinder meines weißen Vaters nie Raum genug darauf finden?« »Einige von ihnen hörten, ihre Freunde in den Steppen brauchten gar manches,« entgegnete der Streifschütz, »und kommen, um zu sehen, ob es wahr ist. Manche von ihnen dagegen brauchen, was die rothen Leute gern verkaufen, und so kommen sie, ihre Freunde mit Pulver und Decken zu bereichern.« »Setzen Kaufleute mit leeren Händen über den Fluß?« »Unsere Hände sind leer, weil Eure Jünglinge dachten, wir wären ermüdet, und uns unserer Last entledigten. Sie irrten sich, ich bin alt, aber stark.« »Es kann nicht sein. Euer Gepäck fiel in die Steppen. Zeigt meinem jungen Volk die Stelle, daß sie es wegnehmen, ehe die Pawnee es finden.« »Der Weg zur Stelle ist voller Windungen, und es ist jetzt Nacht. Die Stunde des Schlafs ist gekommen,« sagte der Streifschütz mit voller Ruhe. »Heißt Eure Krieger über jenen Hügel gehen; dort ist Wasser und Holz, laßt sie ihr Feuer anzünden, und schlafen mit warmen Füßen. Wenn die Sonne wieder kommt, will ich Euch sprechen.« Ein dumpfes Murmeln, das jedoch deutlich großen Unwillen ausdrückte, erhob sich unter den aufmerksamen Zuhörern, und lehrte den Alten, daß er nicht behutsam genug gewesen, als er eine Maßregel vorschlug, die den Wanderern an dem Dickicht die Gegenwart so gefährlicher Nachbarn kundthun sollte. Mahtoree jedoch, ohne auch nur im Geringsten die Bewegung zu verrathen, welche seine Genossen so deutlich zeigten, setzte seine Unterredung mit demselben Stolz, wie vorher, fort: »Ich weiß, mein Freund ist reich,« sagte er, »und hat viele Krieger nicht weit von hier, und mehr Pferde, als Hunde sind unter den Rothen.« »Ihr seht meine Krieger und meine Pferde.« »Was! Hat das Mädchen die Füße eines Dahcotah, daß sie dreißig Nächte ziehen kann in den Steppen, und nicht niederfällt. Ich weiß, die rothen Leute der Wälder machen lange Züge zu Fuß, aber wir, wir leben wo das Auge nicht sehen kann von einer Wohnung zur andern; wir lieben unsere Pferde.« Nun stockte der Streifschütz. Er sah deutlich, daß Täuschung, wenn entdeckt, gefährlich werden könnte, und bei seinem Stand und Charakter hatte er eine gewisse unbeschränkte Achtung vor der Wahrheit. Als er jedoch bedachte, daß das Schicksal anderer sowohl als sein eigenes in seine Hand gegeben sei, entschloß er sich schnell, den Dingen ihren Lauf zu lassen, und den Dahcotah-Häuptling nicht zu hindern, wenn er sich selbst betrügen wolle. »Die Weiber der Sioux und die der weißen Leute,« antwortete er ausweichend, »sind nicht von derselben Art. Würde ein Teton-Krieger sein Weib über sich selbst setzen; ich weiß, er thät's nicht, und doch hab' ich von Ländern gehört, wo die Berathungen von Weibern gehalten werden.« Eine zweite geringe Bewegung in dem dunkeln Kreis zeigte dem Streifschütz, daß seine Erklärung nicht ohne Erstaunen, ja vielleicht nicht ganz ohne Mißtrauen aufgenommen ward. Der Häuptling allein schien ungerührt, oder entschlossen, auf keine Weise von dem Stolz und der hohen Würde seines Ansehns etwas nachzulassen. Meine weißen Väter, welche an den großen Seen wohnen, sagten immer, ihre Brüder gegen Aufgang der Sonne seien keine Männer, und nun sehe ich, sie logen nicht. – Geht, was ist das für ein Volk, dessen Oberhaupt ein Weib ist! Seid Ihr der Hund oder der Mann dieses Weibes?« »Keins von beiden. Nie sah ich ihr Antlitz, als diesen Tag. Sie kam in die Steppen, weil man ihr gesagt, ein großes und edles Volk, die Dahcotah, lebten hier, und sie wollte Männer sehen. Die Weiber der blassen Gesichter öffnen, wie die Weiber der Sioux, gern ihre Augen, um etwas Neues zu schauen; aber sie ist arm, wie ich, und wird kein Korn und keine Büffel mehr haben, wenn Ihr ihr das Wenige nehmt, was sie und ihr Freund noch hat.« »Nun hören meine Ohren viele verd – te Lügen auf einmal,« rief der Teton-Krieger mit einer Stimme, so wild, daß sie selbst seine rothen Zuhörer erschreckte. »Bin ich ein Weib! Hat ein Dahcotah keine Augen! Sagt mir, weißer Jäger, wer sind die Leute von Eurer Farbe, die dort nahe den gefallenen Bäumen schlafen?« Als er sprach, deutete der unwillige Häuptling nach Ismael's Lager und ließ dem Streifschütz keinen Zweifel darüber, daß die größere Sorgfalt und Spürkraft des Oberhauptes eine Entdeckung gemacht, welche dem Forschen der Uebrigen seines Haufens entgangen war. Trotz seines Verdrusses über einen Vorfall, der den Schläfern verderblich werden konnte, und eines geringen Aergers, daß er sich so gänzlich in dem, von uns niedergeschriebenen Gespräch hatte überlisten lassen, behielt doch der Alte seine frühere Ruhe immer noch bei. »Es kann sein,« antwortete er, »daß weiße Leute in der Steppe schlafen. Wenn mein Bruder es sagt, so ist es wahr; aber was es für Leute sind, die sich so auf den Edelmuth der Teton verlassen, kann ich nicht sagen. Wenn Fremde dort schlafen, so schickt Eure junge Mannschaft hin, sie aufzuwecken, und laßt sie selbst sagen, wer sie sind; jedes Blaß-Gesicht hat eine Zunge.« Das Oberhaupt schüttelte den Kopf mit einem wilden, stolzen Lächeln, und antwortete abgebrochen, als er sich wegwandte, um der Unterredung ein Ende zu machen. »Die Dahcotah sind ein kluges Volk und Mahtoree ist ihr Haupt. Er wird die Fremden nicht rufen, daß sie aufstehen und ihm Antwort geben mit ihren Flinten. Er wird ihnen ganz leise in die Ohren lispeln. Dann mögen die Leute von ihrer Farbe kommen und sie wecken.« Als er diese Worte aussprach und sich auf dem Absatz herumdrehte, ging ein leises, billigendes Lächeln durch den dunkeln Kreis, der sogleich seinen Stand verließ und ihm in eine geringe Entfernung von den Gefangenen folgte, wo die, welche wagen durften, mit einem so großen Helden Worte zu wechseln, sich wieder um ihn zu einer Berathung sammelten. Weucha benutzte die Gelegenheit, seine Zudringlichkeit zu erneuern; aber der Streifschütz, der jetzt recht gesehen hatte, welch eine elende Nachäffung er von seinem Hauptmann war, stieß ihn mit großer Verachtung zurück. Doch wirksamer wurde den Belästigungen dieses übelwollenden Wilden ein Ende durch den Befehl gemacht, daß der ganze Haufen, Menschen und Pferde, ihre Stellung verändern sollte. Die Bewegung ging in tiefer Stille vor sich, und mit einer Ordnung, die einer disciplinirteren Mannschaft Ehre gemacht hätte. Doch hielten sie bald wieder, und als die Gefangenen Zeit hatten, sich umzusehen, fanden sie, daß sie im Angesicht des kleinen dunkeln Gehölzes waren, an dem Ismael's schlummernde Familie sich gelagert hatte. Hier ward eine neue kurze, aber sehr ernste Berathung gehalten. Die Thiere, welche an verdeckte stille Angriffe gewöhnt schienen, wurden nochmals einigen zur Obhut übergeben, die auch zugleich, wie vorher, mit der Wache über die Gefangenen beauftragt wurden. Das Herz des Streifschützen ward gar nicht von der Unruhe befreit, welche sich mit jedem Augenblick mehr seiner bemächtigte, als er fand, daß Weucha ihm so nahe, und wie man aus dessen triumphirenden und gebietenden Mienen schließen konnte, auch an die Spitze der Wache gestellt war. Der Wilde, der ohne Zweifel seine geheimen Verhaltungsbefehle hatte, begnügte sich jedoch für jetzt mit seiner Streitaxt eine bedeutungsvolle Bewegung zu machen, die Ellen schnellen Untergang drohte. Als er auf diese ausdrucksvolle Weise seinen männlichen Gefangenen das Schicksal angedeutet, das auf das geringste Geräusch von ihrer Seite sogleich ihre Gefährtin treffen würde, begnügte er sich damit, während der ganzen folgenden Scene, ein strenges, tiefes Schweigen zu beobachten. Dieses unerwartete Verbot von Weucha's Seite erlaubte dem Streifschütz und seinen beiden Genossen, ungetheilt ihre Aufmerksamkeit auf das Wenige zu richten, was sie von den für sie so wichtigen Bewegungen vor ihren Augen bemerken konnten. Mahtoree nahm die zu treffenden Vorkehrungen ganz allein auf sich. Er bestimmte genau die Stelle, die Jeder einnehmen sollte, wie einer, der mit seinem Gefolge genau vertraut ist, und man folgte ihm mit der Unterwerfung und Schnelle, womit ein Indianer den Anordnungen seines Oberhauptes im Augenblick des Streits zu gehorchen pflegt. Die schickte er rechts, jene links. Jeder ging mit dem geräuschlosen, schnellen Schritt, der dieser Menschenrace eigenthümlich ist, bis sie alle ihre angewiesenen Standpunkte besetzt hatten, – zwei ausgenommen, die in der Nähe ihres Führers blieben. Als die Uebrigen weg waren, wandte sich Mahtoree zu diesen auserwählten Gefährten, und bedeutete sie durch ein Zeichen, daß der entscheidende Augenblick gekommen, wo die Unternehmung, die er beabsichtigte, ausgeführt werden sollte. Jeder legte die leichte Flinte, die er in Folge seines Rangs trug, bei Seite, entledigte sich aller äußern, schweren Kleidungsstücke, und stand bald da, wie eine dunkle, stolze Bildsäule, in der Stellung und fast auch in der Bekleidung der Natur. Mahtoree sah, ob seine Streitaxt an ihrem Ort, ob sein Messer sicher in der Scheide war, band seinen Gürtel fester, und sorgte dafür, daß die Schnüre seiner befranzten und sehr geschmückten Halbstiefel in Ordnung und ihm bei seinem Zug nicht hinderlich seien. So in allem bereit, und fertig zu seiner gewagten Unternehmung, gab der Teton-Häuptling das Zeichen, anzufangen. Die drei gingen in einer Linie mit dem Lager der Auswanderer vorwärts, bis in dem dunkeln Licht, wodurch sie gesehen wurden, ihre schwarzen Gestalten fast gänzlich den Augen der Gefangenen entschwanden. Hier standen sie still und sahen sich um, als ob sie erst die Folgen bedächten und erwögen, ehe sie einen entscheidenden Schritt thun wollten. Dann zusammensinkend, verloren sie sich im Gras der Steppe. Die Noth und Angst der verschiedenen Zuschauer bei diesen drohenden Bewegungen, auf deren Ausgang sie so begierig waren, läßt sich leicht denken. Was auch immer die Ursachen sein mochten, warum Ellen keine besondere Zuneigung zu der Familie hatte, worin sie der Leser zuerst gesehen, so ließen schon die Gefühle ihres Geschlechts und vielleicht auch ein noch glimmender Rest von Dankbarkeit, Besorgnis! in ihrem Herzen erwachen. Mehr als einmal fühlte sie sich versucht, der großen und augenblicklichen Gefahr, die einem solchen Beginnen folgen mußte, zu trotzen, und ihre schwache, in Wahrheit unmächtige Stimme zu einem Warnungsruf zu erheben. So stark in der That, und so sehr natürlich war dies Verlangen, daß sie es sehr wahrscheinlich in Ausführung würde gebracht haben, wären Paul Hovers oft wiederholte, obgleich nur zugelispelte Vorstellungen nicht gewesen. In der Brust des jungen Bienenjägers selbst war eine eigene Mischung von Bewegungen. Seine erste und Hauptsorge war natürlich seine liebliche und hülflose Gefährtin; aber mit dem Gefühl für ihre Gefahr einte sich in der Brust des furchtlosen Waldmanns ein wildes Verlangen, an der Schlacht Theil zu nehmen, das gar nicht mißfiel. Obgleich durch noch schlaffere Bande als Ellen mit den Auswanderern verbunden, verlangte es ihn doch, das Knallen ihrer Flinten zu hören, und, hätten es die Umstände erlaubt, er wäre der Erste gewesen, der ihnen zu Hülfe geeilt. Es gab in der That Augenblicke, wo auch er eine fast unwiderstehliche Lust in sich spürte, fortzueilen und die sorglosen Schläfer zu wecken, aber ein Blick auf Ellen war hinreichend, seine wankende Klugheit zu stärken, und ihn auf die Folgen aufmerksam zu machen. Der Streifschütz allein blieb ruhig und beobachtend, als wäre nichts vorgefallen, was seine persönliche Ruhe und Sicherheit gefährde. Seine immer bewegten, wachsamen Augen merkten auf die geringste Veränderung; seine Stellung war so, daß man sah, er sei zu lange an Scenen der Gefahr gewöhnt, um leicht bewegt zu werden; und aus seinem Ausdruck sprach kalte Berechnung, die die Absicht, die er wirklich hegte, andeutete, er werde das geringste Versehen der Wache benutzen. Indeß waren die Teton-Krieger nicht müßig gewesen. Das hohe Gestrüpp, das in diesen Gründen wuchs, benutzend, waren sie durch das dichte Gras, wie verrätherische Schlangen, die sich auf ihren Raub schleichen, fortgekrochen, bis sie einen Punct erreichten, wo ganz außerordentliche Vorsicht bei ihrem fernern Fortschreiten nöthig ward. Mahtoree allein hatte zu gewissen Zeiten sein dunkles, wildes Antlitz über das Gras erhoben, und strengte seine Augen an, die Finsterniß, welche die Grenze des Gehölzes umfing, zu durchdringen. Bei diesem schnellen Aufblicken gewann er, vereinigt mit dem, was er bei seinem frühern Forschen über die Gegend erfahren hatte, hinlängliche Kenntniß, um sich der Stellung seiner Opfer zu bemeistern, wenn er auch noch ganz in Unwissenheit über ihre Anzahl und Vertheidigungsmittel blieb. Seine Bemühungen, sich auch über diese zwei wesentliche Puncte die nöthige Kenntniß zu verschaffen, wurden durch die Ruhe im Lager gänzlich vereitelt; – es herrschte tiefe Stille, wie im Lager der Todten. Zu vorsichtig und mißtrauisch, um in so zweifelhaften Fallen sich auf das Benehmen eines weniger Festen und Listigen, als er selbst zu verlassen, hieß der Dahcotah seine Gefährten bleiben, wo sie lagen, und setzte das Wagniß allein fort. Mahtoree's Fortschreiten ward jetzt langsam, und für einen an solche Bewegungen weniger Gewöhnten würde es qualvoll, mühsam gewesen sein. Aber selbst der listigen Schlange Nahen ist nicht sicherer und geräuschloser als sein Kommen war. Er zog seine Gestalt, Fuß für Fuß, durch das hohe Gras fort, und hielt nach jeder Bewegung, das geringste Geräusch aufzufangen, das einige Nachricht über die Wanderer in seiner Nähe geben könnte. So hatte er sich endlich aus dem falben Mondlicht in den Schatten des Gehölz glücklich fortgezogen, wo nicht nur seine eigene schwarze Person weniger leicht gesehen werden konnte, wo auch die ihn umgebenden Gegenstände deutlicher seinen scharfen, kühnen Blicken sich zeigten. Hier stand der Teton lange, vorsichtig seine Beobachtungen zu machen, ehe er sich weiter wage. Durch seine Stellung ward es ihm möglich, von dem ganzen Lager mit seinem Zelt, seinen Wagen und Hütten sich ein dunkles aber fest begrenztes Seitenbild zu verschaffen, wonach der geübte Krieger ziemlich genau die Stärke berechnen konnte, der er begegnen sollte. Noch herrschte unnatürliche Stille an dem Ort, als wenn die Leute selbst das leise Athmen des Schlafs unterdrückten, um ihr Vertrauen noch deutlicher zu zeigen. Der Häuptling neigte sein Ohr zur Erde, und lauschte aufmerksam. Er wollte sich, in seiner Erwartung getäuscht, wieder aufrichten, als ein langer, zitternder Athemzug eines, der nur wenig schlief, zu seinem Ohr drang. Der Indianer war zu erfahren in allen Arten der Täuschung, um selbst das Opfer einer gewöhnlichen List zu werden. Er sah, der Ton war natürlich, das ihm eigene Zittern zeigte es, und so unterbrach er seine Untersuchung nicht länger. Ein Mann von geringerem Muth als der stattliche, siegreiche Mahtoree würde für all die Gefahren, denen er jetzt so furchtlos entgegen ging, nicht unempfindlich gewesen sein. Der Ruhm dieser kühnen, kraftvollen weißen Abenteurer, welche so oft in die Wildnisse drangen, die sein Volk bewohnte, war ihm wohlbekannt; aber während er sich mit der Achtung und Vorsicht näherte, die ein tüchtiger Feind immer einflößt, fühlte er auch den rachsüchtigen Aerger eines Rothen, der beleidigt und erbost ist über die ungerechten Einfälle des Fremden. Die Richtung seines früheren Wegs verlassend, schlich der Teton jetzt gerade nach der Gränze des Gehölzes zu. Als er diesen Punct erreicht, stand er auf, und übersah noch besser die ganze Gegend. Ein Augenblick reichte hin, ihm die Stelle zu zeigen, wo der arglose Wanderer lag. Der Leser wird leicht errathen, daß der Wilde in die gefährliche Nähe eines der trägen Söhne Ismael's gekommen war, die mit der Wache über das einsame Lager der Wanderer beauftragt worden. Als er sich versichert, daß er unentdeckt geblieben, näherte sich der Dahcotah und neigte, vorwärts gebeugt, sein schwarzes Antlitz über den Schläfer, ganz so arglos und geschmeidig, wie man oft eine Schlange mit ihrem Opfer spielen sieht, ehe sie ihm den Tod gibt. Endlich, durch seine Untersuchung nicht nur über den Stand, sondern auch den Charakter des Fremden belehrt, wollte Mahtoree eben den Kopf wegwenden, als eine geringe Bewegung des Schläfers zeigte, daß Bewußtsein zurückkehre. Der Wilde ergriff das Messer, das an seinem Gürtel hing, und in einem Augenblick war die Spitze auf der Brust des jungen Wanderers. Da änderte er seinen Plan, mit einer Bewegung, so schnell, als seine blitzenden Gedanken, warf sich hinter den Stamm des gefallenen Baums, wider den sich der andere lehnte, nieder, und lag, in seinem Schatten, so dunkel, so regungslos, und, wie es schien, so unempfindlich wie das Holz selbst. Die schläfrige Schildwache öffnete die schweren Augen, starrte einen Augenblick nach dem trüben Himmel aufwärts, machte dann große Anstrengung und hob ihre kräftige Gestalt, von dem Stamm auf. Dann schaute er um sich, und ließ, was man vielleicht hätte Wachsamkeit nennen mögen, seine stumpfen Blicke über die nebelichten Gegenstände der Lagerung schweifen, bis sie endlich auf dem entfernten, düsteren Felde der offenen Steppe ruhten. Als er nichts gefunden, was seine Aufmerksamkeit hätte auf sich ziehen können, als die immer wiederkehrende Abwechselung von Hügel und Niederung, die sich überall seinen schlaftrunkenen Augen darstellte, änderte er seine Stellung, so daß er seinem gefährlichen Nachbar gänzlich den Rücken bot, und ließ die Glieder schwerfällig wieder hinsinken in ihre frühere niedergestreckte Lage. Eine lange und von Seiten des Tetons angstvolle peinliche Stille folgte, ehe das tiefe Athmen des Wanderers verrieth, daß er von neuem dem Schlummer sich hingegeben. Doch war der Wilde zu vorsichtig, dem ersten Anschein des Schlafes zu trauen. Aber die Ermüdung eines Tages voll ungewohnter Arbeit lag zu schwer auf der Wache, um den Andern lange in Zweifel zu lassen. Noch war die Bewegung, wodurch Mahtoree sich wieder auf die Kniee richtete, so geräuschlos und vorsichtig, daß selbst ein wachender Beobachter gezögert hätte, ehe er geglaubt, er stehe auf. Doch hatte er allmählig diese Veränderung gemacht, und das Dahcotah-Haupt neigte sich wieder über seinen Feind, ohne lauteres Geräusch erregt zu haben, als das Blatt des Wollenbaums, das an seiner Seite in, Wehen des Windes lispelte. Nun war Mahtoree Herr über des Schläfers Leben. Zur selben Zeit, wo er die großen Verhältnisse, und athletischen Glieder des Jünglings mit der Bewunderung anstaunte, welche Körpervorzüge selten in der Brust eines Wilden zu erregen verfehlen, machte er kalt alle Vorbereitung, um den Funken des Lebens, der sie allein furchtbar machen konnte, auszulöschen. Nachdem er sich den Sitz aller Lebensthätigkeit ausgesucht, indem er leise die Falten der umhüllenden Kleidung wegräumte, schwang er seine scharfe Waffe, und wollte eben mit Kraft und Kunst den Streich führen, als der Jüngling seinen starken Arm bewußtlos zurückzog, und bei dieser Bewegung die ganze Masse seiner Muskeln zeigte. Der, kluge, vorsichtige Teton zögerte. Er bedachte, daß in diesem Augenblick der Schlaf ihn weniger gefährlich, als der Tod selbst werden könnte. Das geringste Geräusch, das Sträuben des Todeskampfs, womit sicher ein solcher Bau das Leben nur lassen würde, stellten sich ihm vor, und waren seinem Verstande gegenwärtig. Er sah zurück in das Lager, wandte sein Haupt gegen das Gehölz, und warf seine funkelnden Augen auf die wilden, schweigenden Steppen. Nochmals über das verschonte Opfer gebeugt, versicherte er sich, daß es tief schlief, und gab dann seinen schnellen Entschluß auf, nur den Eingebungen einer listigeren Klugheit folgend. Mahtoree's Rückzug geschah so still und vorsichtig, wie sein Kommen gewesen war. Er schlug nun die Richtung nach dem Lager ein, indem er sich längs des Gehölzes hinstahl, um bei dem geringsten Geräusch sich leicht in sein Dunkel flüchten zu können. Die Decke des einsamen Zeltes zog bei'm Vorübergehen seine Aufmerksamkeit auf sich. Nachdem er sein ganzes Aeußere untersucht, und mit der größten Spannung gelauscht, um durch seine Ohren Nachricht zu erhalten, wagte der Wilde das Tuch am Boden zu lüften und sein schwarzes Gesicht hineinzustecken. Eine Minute mochte verflossen sein, ehe der Teton-Häuptling sich zurückbog, und seine ganze Gestalt wieder außerhalb der linnenen Wohnung sich zeigte. Jetzt saß er nieder, und schien mehrere Augenblicke in gänzlicher Unthätigkeit seinen Gedanken nachzuhängen. Dann seine gebeugte Stellung wieder annehmend, barg er sein Gesicht nochmals hinter der Leinwand des Zeltes. Seine zweite Untersuchung dauerte länger, und war, wo möglich, noch ergreifender für ihn; aber, wie alles, nahm sie ein Ende, und der Wilde wandte die funkelnden Blicke von den Geheimnissen des Orts. Er hatte in seinem langsamen Vorschreiten gegen die gedrängtere Masse von Gegenständen, welche den Mittelpunct des Lagers andeuteten, eine ziemliche Strecke zurückgelegt, ehe er wieder stille stand. Er bedachte von neuem, und sah sich um nach der einsamen, kleinen Wohnung, die er verlassen, als sinne er, ob er nicht wieder zurückkehren solle. Aber die aus den Aesten gebildeten spanischen Reiter, die er jetzt mit der Hand erreichen konnte, und die Sorgfalt, die daraus hervorging, welche verrieth, daß dort Sachen von Werth aufbewahrt würden, reizte seine Gier noch mehr, und bewog ihn, vorwärts zu schreiten. Der Weg des Wilden durch die zarten, schwachen Zweige der Wollenbäume konnte nur mit den geräuschlosen Windungen der Schlangen verglichen werden, die er eben so sehr in ihrer List als in ihrem Nahen nachahmte. Als er aber durchgedrungen war, und sich, einen Augenblick Zeit genommen hatte, um sich mit den Oertlichkeiten innerhalb der Entschließung bekannt zu machen, gebrauchte der Teton die Vorsicht, sich einen Weg zu bahnen, damit sein Rückzug mit weniger Hindernissen, die seine Schnelligkeit aufhalten könnten, bewerkstelligt werden möge. Nun stand er auf, ging durchs Lager, wie der Fürst des Bösen, suchend, wen und was er zuerst seinen feindseligen Plänen weihen sollte. Schon hatte er den Inhalt des Zeltes, worin das Weib und ihre kleinen Kinder sich befanden, durchforscht, und war an mehreren gigantischen Gestalten vorbeigekommen, die, ihm zum Glück, in dem Gestrüpp ausgestreckt, in unbewußter Hülflosigkeit da lagen, als er endlich die Stelle erreichte, die Ismael in eigener Person einnahm. Mahtoree's Scharfblick konnte es nicht entgehen, daß er jetzt das Haupt der Wanderer in seiner Gewalt habe. Lange stand er über die ausgestreckte, herculische Form des Wanderers hingebeugt da, sorgsam bei sich betrachtend den Ausgang des Unternehmens, die wirksamsten Mittel, welche ihm die reichste Ernte versprächen. Er hatte das Messer, welches er bei dem schnellen, wilden Gang seiner Gedanken aus der Scheide genommen, wieder eingesteckt, und wollte weiter gehen, als Ismael sich auf dem Lager herumdrehte, und rauh fragte, wer vor seinen halbgeöffneten Augen herumgehe. Nur die Schnelligkeit und List eines Wilden konnte verhindern, daß jetzt sich alles entschied. Die abgestoßenen, fast unverständlichen Laute, die er gehört, nachahmend, warf sich Mahtoree schwerfällig zu Boden und schien, sich schlafen zu legen. Ismael sah die ganze Bewegung in einer Art von Betäubung mit an, aber die List war zu kühn, und ward zu täuschend ausgeführt, als daß sie ihren Zweck nicht hätte erreichen sollen. Der schlaftrunkene Vater schloß wieder die Augen, und schlief bald wieder tief ein, – der verrätherische Gast mitten in dem Schooß seines Haufens. Der Teton mußte lange und angstvolle Minuten in der Lage bleiben, die er angenommen, um sicher sein zu können, daß er nicht länger bewacht würde. Aber lag auch sein Leib bewegungslos da, sein thätiger Geist war nicht müßig. Er benutzte diesen Aufschub, um einen Plan zur Reise zu bringen, welcher, wie er hoffte, das ganze Lager, die Leute und ihre Habe, gänzlich in seine Gewalt bringen sollte. Sobald es mit Sicherheit geschehen konnte, war der unermüdliche Wilde wieder in Bewegung. Er nahm jetzt seinen Weg nach der kleinen Hürde, welche die Hausthiere einschloß, wie früher geschmeidig und vorsichtig sich auf dem Boden fortwindend. Das erste Thier, auf das er unter dem Vieh traf, verursachte einen langen und gewagten Aufenthalt. Das müde Geschöpf, vielleicht durch seinen Instinct belehrt, daß in den endlosen Wüsten der Steppen sein sicherster Schützer der Mensch sei, war außerordentlich geduldig, und überließ sich stille der genauen Untersuchung, der es sich unterwerfen mußte. Die Hand des suchenden Teton streifte über sein zartes Fell, über das sanfte Haupt und die zierlichen Glieder des stillen Thieres mit unermüdlicher Neugier, aber endlich verließ er die Beute als unnütz bei seinen Streifzügen, als zu wenig reizend für seinen Hunger. Sobald er aber zu den Lastthieren kam, war seine Zufriedenheit groß, und kaum enthielt er sich der gewöhnlichen Ausdrücke seiner Freude, die mehr als einmal auf dem Punct waren, seine Lippen zu durchbrechen. Hier verlor er die Gefahr, mit der er Zugang zu dieser gefährlichen Stelle erlangt, aus dem Auge, und die Wachsamkeit des vorsichtigen, lang geübten Kriegers ward einen Augenblick im Taumel des Wilden vergessen. Fünftes Kapitel. »Ei, würd'ger Vater, was doch können wir verlieren? Ei schützt uns kein Gesetz, und solch ein stolzer Mann Sollt' ferner uns bedroh'n! Seid Richter und Vollstrecker.« Cymbeline.   Während der Teton-Krieger auf diese Art seine schwierige und ihn so sehr bezeichnende Aufgabe löste, unterbrach kein Laut die Stille der umliegenden Steppe. Die ganze Bande lag auf ihren verschiedenen Posten und wartete mit der bekannten Geduld der Eingebornen auf das Zeichen, das sie zum Handeln aufrufen sollte. Den Augen der angstvollen und sehr dabei interessirten Zuschauer, welche die kleine Erhöhung einnahmen, die wir schon als die Stellung der Gefangenen beschrieben haben, zeigte die Scene nur die weite, große Aussicht auf die Wüste, die dunkel von den glimmernden Strahlen eines umwölkten Monds erleuchtet ward. Die Stelle des Lagers war durch ein noch tieferes Dunkel als die schwach beschatteten Niederungen bezeichnet, und hier und da traf ein hellerer Strahl die wellenförmigen Gipfel der Anhöhen. Im Uebrigen die tiefe, ergreifende, lautlose Stille der Wüste. Aber denen, die so wohl wußten, was unter diesem Mantel der Stille und Nacht brütete, war es eine Scene hoher, stürmischer Bewegung. Ihre Angst ward immer größer, als Minute auf Minute vorüberging, und nicht der geringste Laut des Lebens aus der Stille und Dunkelheit heraufkam, die das Gehölz umgab. Paul's Athmen ward lauter und tiefer, und Ellen zitterte mehr als einmal, ohne zu wissen worüber, als sie das Zucken seiner kräftigen Gestalt fühlte, während sie sich zur Stütze in voller Hingebung auf seinen Arm lehnte. Weucha's schwankende Ehrlichkeit und seine nachstellende Einfalt wurden schon erwähnt. Der Leser wird also nicht erstaunen, wenn er hört, daß er zuerst die Vorschriften vergaß, die er selbst gegeben. Gerade den Augenblick, wo wir Mahtoree in fast unbeherrschter Freude verließen, als er die Menge und Beschaffenheit der Lastthiere Ismael's übersah, wählte der Mann, den er mit der Wache über seine Gefangene beauftragt, um sich dem boshaften Vergnügen hinzugeben, die zu peinigen, welche zu schützen seine Pflicht gewesen wäre. Er neigte sein Haupt zu den Ohren des Streifschützen und lispelte nicht, sondern brummte: »Wenn die Teton ihr Oberhaupt durch die Hand der Lang-Messer verlieren, dann stirbt Alt und Jung.« »Das Leben gibt Wahcondah,« war die ruhige Antwort. »Der schwarzgebrannte Krieger muß seinem Gesetz sich unterwerfen, wie seine andern Kinder. Der Mensch stirbt nur, wenn er es befiehlt, und kein Dahcotah kann die Stunde beschleunigen.« »Sieh',« erwiederte der Wilde, und die Klinge des Messers fuhr an dem Gesicht seines Gefangenen vorbei, »Weucha ist der Wahcondah eines Hunds.« Der alte Mann schlug die Augen zu dem stolzen Gesicht seines Wärters auf, und ein Blick edlen, kräftigen Unwillens schoß aus ihren tiefen Höhlen; aber schnell war es vorüber, und an seine Stelle trat Ausdruck des Mitleids, wenn nicht des Kummers. »Warum sollt' Einer nach dem wahren Ebenbild Gottes sich über ein Wesen erzürnen, das nur die Gestalt eines Vernünftigen hat,« sagte er auf englisch, und viel lauter, als Weucha die Unterredung begonnen. Dieser benutzte das unbeabsichtigte Vergehen seines Gefangenen, ergriff ihn bei den dünnen, grauen Locken, die unter seiner Mütze hervordrangen und wollte sie in boshaftem Triumph durch die Messerklinge aus der Wurzel vertilgen, als ein langer, greller Schrei die Luft durchdrang, der alsbald aus der umliegenden Wüste wiederhallte, als ob tausend Dämonen ihre Kehlen bei dem Aufruf vereinigt hatten. Weucha ließ los, und stieß einen Ruf wilden Frohlockens aus. »Nun!« rief Paul, unvermögend, seine Ungeduld länger zu beherrschen; »nun, alter Ismael, kommt die Zeit, zu zeigen, daß das Blut von Kentucky in deinen Adern fließt. Feuert niedrig, Jungen; zielt in's Gestrüpp; denn die rothen Häute kriechen am Boden.« Seine Stimme verlor sich jedoch, oder ward vielmehr mitten in dem Geschrei, dem Schießen und Lärmen nicht beachtet, der um diese Zeit aus tausend Kehlen auf allen Seiten von ihm sich erhob. Die Wache behauptete noch ihren Posten bei den Gefangenen; aber mit der Mühe, womit die Pferde bei der Eilpost zurückgehalten werden, wenn sie das Zeichen, ihren schnellen Lauf zu beginnen, erwarten. Sie schlugen mit ihren Armen wild in der Luft herum, sprangen auf und nieder, mehr wie jauchzende Kinder, als wie nüchterne Männer, und fuhren fort, das lauteste, wildeste Geschrei auszustoßen. Mitten in dieser lärmvollen Unordnung hörte man ein trampelndes Getöse, ähnlich dem, welches der Flucht eines Büffelhaufens vorauszugehen pflegt, und dann kamen Ismael's Heerden und Vieh zu Gesicht, ein verwirrter, erschreckter Trupp. »Sie haben dem armen Wanderer seine Thiere genommen,« sagte der auf Alles aufmerksame Streifschütz. »Die Schlangen haben ihm nicht einen Huf gelassen.« – Er sprach noch, als der ganze Haufen des erschreckten Viehs die kleine Anhöhe heraufkam und auf die Stelle zueilte, wo er stand, getrieben von einer Bande schwarzer, teuflisch aussehender Gestalten, welche wie toll zur Eile trieben. Diese Eile theilte sich den Teton-Pferden mit, welche seit lange gewohnt waren, an den wilden Leidenschaften ihrer Herren Theil zu nehmen und nur mit Mühe konnten ihre Eigenthümer sie zurückhalten. In diesem Augenblick, während aller Augen auf den vorübereilenden Wirbelwind von Menschen und Thieren gerichtet waren, entwand der Streifschütz den Händen seines unaufmerksamen Wächters das Messer, mit einer Gewalt, der sein Alter nicht zu entsprechen schien, und trennte mit einem einzigen Hieb das lederne Band, welches das ganze Rudel vereinigte. Die wilden Thiere wieherten vor Freude und Schrecken, schlugen den Boden mit ihren Hufen und stoben davon in die weiten Steppen nach allen verschiedenen Richtungen hin. Weucha wandte sich gegen den Angreifer mit der Wuth und Behendigkeit eines Tiegers. Er griff nach der Waffe, der er so plötzlich war beraubt worden, suchte mit unmächtiger Hast nach dem Griff seiner Streitaxt und warf zu gleicher Zeit seine Blicke nach den fliehenden Thieren mit allem Verlangen eines Westindiers. Der Kampf zwischen Durst nach Rache und Habgier war kurz aber heftig. Die letztere erhielt leicht in der Seele eines Menschen das Uebergewicht, dessen Leidenschaften, nach dem Sprichwort, auf dem Bode krochen, und kaum ein Augenblick verfloß zwischen der Flucht der Thiere und dem schnellen Verfolgen der ganzen Wache. Der Streifschütz hatte seinen Feind, während der Augenblicke des Zweifels, die seiner gewagten That folgten, fortwährend ruhig im Auge behalten, und sagte jetzt, als Weucha seinen Gefährten folgte, indem er nach dem dunkeln Zug hindeutete, mit seinem tiefen, kaum hörbaren Lachen. »Roth ist roth, mag es sich auf der Steppe zeigen oder im Wald. Ein Schlag auf den Kopf wäre die geringste Belohnung für Jeden gewesen, der sich eine solche Freiheit mit einer christlichen Schildwache herausgenommen; aber da geht der Teton nach seinen Pferden, als halte er zwei Beine für so gut, als vier bei einem solchen Lauf! – Und doch werden die Schelme jeden Huf von ihnen vor Sonnenaufgang wieder haben, weil hier Verstand gegen Instinct ist. Ein armer Verstand, freilich, aber selbst noch ein Indianer ist ein großer Theil vom Menschen. Ja, ihr Delawarer, ihr wäret die Rothhäute, worauf Amerika stolz sein könnte; aber gering und zerstreut ist das mächtige Volk jetzt. – Nun, der Wanderer mag eben seine Hütte aufschlagen, wo er gerade jetzt ist; er hat Ueberfluß an Wasser, obgleich die Natur des Vergnügens ihn beraubt hat, die Erde ihrer rechtmäßigen Bäumen zu entblößen. Er hat den letzten seiner vierfüßigen Gefährten gesehen, oder ich verstehe mich schlecht auf Sioux-List.« »Wär's nicht besser, wir nähmen Ismael's Partei?« sagte der Bienenjäger. »Es gibt einen regelmäßigen Kampf darum, oder der alte Bursche müßte plötzlich feigherzig geworden sein.« »Nein, nein, nein,« rief hastig Ellen. Sie ward vom Streifschützen unterbrochen, der leise seine Hand auf sie legte, als er antwortete: »Hst, hst! Reden könnte uns Gefahr bringen. Ist Euer Freund« fuhr er zu Paul gewandt fort, »ein Mann von Klugheit genug«. »Nennt nicht den Wanderer meinen Freund« unterbrach ihn der Jüngling. »Ich wohnte nie mit Einem, der nicht Brief und Siegel für das Land zeigen konnte, das ihn nährte.« »Gut, gut. Laßt ihn dann einen Bekannten sein. Ist er ein Mann, der sein Eigenthum tapfer mit Pulver und Blei behaupten kann?« »Sein Eigenthum! Ei! Und auch, was nicht sein Eigenthum ist, das auch! Könnt Ihr mir sagen, alter Streifschütz, wer die Flinte trug, die dem Abgesandten des Sherifs den Garaus machte, der die ungesetzlichen Ansiedler, die sich am Büffel-See in Alt-Kentucky gesammelt hatten, wegjagen wollte. Ich hatte einen prächtigen Schwarm eben diesen Tag bis in die Höhlung einer abgestorbenen Buche verfolgt, und da lag der Beamte des Volks an ihrem Fuße, mit einer Wunde gerade durch das »Grace of God« , Alle Mandate und Verordnungen des Volks in Amerika sind mit dem Eingang versehen – »Das Volk, durch die Gnade Gottes (grace of God) frei und unabhängig.« das er in seiner Jacktasche über dem Herzen trug, als dachte er, ein Stück Schafsleder sei ein Brustharnisch gegen die Kugel eines Herumstreichers. Du brauchst aber gar nicht unruhig zu sein, Ellen, es ward ihm nie hinlänglich bewiesen; und fünfzig Andere wurden in der Nachbarschaft eben so empfangen, ohne daß sie das Gesetz besser geschützt hätte.« Das arme Mädchen schauderte und mühte sich mit aller Macht einen Seufzer zu unterdrücken, der trotz ihrer Bemühungen, wie aus dem innersten Grund ihres Herzens, hervorkam. Hinlänglich durch die kurze aber bezeichnende Erzählung Paul's über den Charakter der Wanderer in Kenntniß gesetzt, that der alte Mann keine weiteren Fragen über die Bereitwilligkeit Ismael's sein Unrecht zu rächen und folgte dem Zug seiner Gedanken, die sich bei dieser Gelegenheit ihm aufdrangen. »Jeder kennt die Bande am besten, die ihn an seine Mitgeschöpfe binden,« antwortete er; »obwohl es sehr zu bedauern ist, daß Farbe und Eigenthum, Sprache und Wissenschaft eine so weite Schranke zwischen die setzen, die doch bei allem Kinder Eines Vaters sind. Doch,« fuhr er fort mit einem Uebergang, der für den Stand und die Gefühle des Mannes sehr charakteristisch war, »da dies eine Gelegenheit ist, wo eher Kampf als eine Predigt Noth thut, so ist's am besten, vorbereitet zu sein, auf das was folgen möchte. – Husch, da unten regt' sich was; gar leicht können wir gesehen werden.« »Die Auswanderer nahen,« rief Ellen, mit einer zitternden Stimme, die fast eben so große Furcht über das Nahen ihrer Freunde verrieth, als sie vorher über die Gegenwart ihrer Feinde gezeigt hatte. »Geht Paul, verlaßt mich. Euch zum wenigsten darf man nicht sehen.« »Wenn ich dich in dieser Wüste verlasse, Ellen, ehe ich dich wenigstens sicher bei'm alten Ismael sehe, so will ich nie das Summen einer Biene wieder hören, oder, was noch schlimmer ist, das Aug' verlieren, sie bis in den Stock zu verfolgen!« »Ihr vergeßt den guten Alten. Er wird mich nicht verlassen; und dann, Paul, haben wir uns doch schon getrennt, wenn mehr als eine solche Wüste zwischen uns war.« »Nimmermehr! Die Indianer können wieder kommen und was würde dann aus dir? Du wärst halbwegs nach den Felsengebirgen, ehe man nur die Richtung deiner Flucht ausfindig machen könnte. Was denkt Ihr dazu, alter Streifschütz? Wie lang kann's dauern, bis die Teton, wie Ihr sie nennt, zurückkommen, um den Rest von Ismael's Habe und Vieh sich zu holen?« »Vor diesen braucht Ihr Euch nicht zu fürchten,« erwiederte der alte Mann, mit dem ihm eigenen, dumpfen Lächeln; »ich wette, die T–l rennen schon diese sechs Stunden lang ihren Thieren nach. Horcht! Ihr könnt sie in diesem Augenblick in dem Weiden-Grund hören; o, so ächtes Sioux-Vieh läuft Euch wie langbeiniges Wild. Hst, werft Euch in s Gras, nieder mit Euch beiden; so gewiß ich ein armes Stück Erde bin, hört' ich das Knattern einer Flinte!« Der Streifschütz ließ seinen Gefährten nicht lange Zeit zu zaudern, sondern zog sie beide sich nach, und begrub sich fast ganz in das Gestrüpp der Steppe, während er noch sprach. Es war gut, daß die Sinne des alten Jägers so scharf geblieben, und daß er nichts von seiner Entschlossenheit verloren hatte. Die drei lagen kaum auf dem Boden, als ihre Ohren mit dem wohlbekannten, starken, kurzen Knall der Westflinte begrüßt wurden, und bald darauf das Pfeifen des wüthenden Blei's gehört ward, das in gefährlicher Nähe an ihren Köpfen vorbeiflog. »Gut gemacht, ihr jungen Bursche, gut gemacht alter Schelm,« lispelte Paul, dessen Frohsinn keine Gefahr, keine Lage trüben konnte. »Ein hübscher Knall, wie man nur einen aus einer Flinte hören kann! Was meint Ihr, Streifschütz? Hier ist ein Kampf von drei Seiten. Soll ich ihnen nicht auch so was schicken?« »Gebt ihnen nichts, als gute Worte,« entgegnete der Streifschütz hastig, »oder ihr seid beide verloren.« »Ich weiß nicht, ob es viel besser wäre, wenn ich mit meiner Zunge oder mit meinem Gewehr zu ihnen spräche,« sagte Paul, halb scherzend, halb bitter. »Um's Himmelswillen, laßt Euch nicht hören,« rief Ellen, »geht, Paul, geht; Ihr könnt leicht gehen.« Mehrere Schüsse folgten jetzt schnell auf einander, jeder brachte seine Ladung den Versteckten näher, Ellen schwieg aus Klugheit und Furcht. »Das muß ein Ende nehmen,« sagte der Streifschütz und stand auf, nur von der Wichtigkeit seines Plans erfüllt. »Ich weiß nicht, warum ihr, meine Kinder, die zu fürchten habt, die ihr beide lieben und ehren solltet; aber etwas muß geschehen, um euer Leben zu retten. – Ein paar Stunden mehr oder weniger kann der leicht missen, der schon so viele Tage zählt, deßwegen will ich voraus. Hier ist offener Raum um euch, benutzt ihn, wie ihr müßt, und möge Gott euch beide segnen und helfen, wie ihr's verdient.« Ohne eine Antwort zu erwarten, schritt der Streifschütz kühn den Hügel vor sich hinab und nahm seinen Weg nach dem Lager; beeilte seine Schritte nicht aus Furcht, verzögerte sie nicht vor Angst. Das Mondlicht fiel für einen Augenblick heller auf seine schlanke, hohe Gestalt und ließ die Auswanderer sein Herankommen wahrnehmen. Unbekümmert jedoch um diesen ungünstigen Umstand, setzte er seinen Weg ruhig und standhaft nach dem Gehölz fort, bis eine ernste, drohende Stimme ihn mit den Ruf empfing: »Wer kommt; Freund oder Feind?«–»Freund,« war die Antwort, »einer der zu lang gelebt hat, um die Grenze seines Lebens durch Streit zu trüben.« »Der aber nicht so lang gelebt hat, um die Ränke seiner Jugend zu vergessen,« sagte Ismael, erhob seine große Gestalt hinter der leichten Verdeckung eines geringen Busches hervor, und stellte sich, Antlitz gegen Antlitz, dem Streifschütz gegenüber; »Ihr habt die T–l über uns gebracht und werdet morgen mit ihnen die Beute theilen.« – »Was habt Ihr verloren?« fragte ruhig der Streifschütz. »Acht so gute Pferde, wie je eins am Zaum hing, dann ein Fohlen, dreißig der schönsten Mexikaner werth, die das Bild des Königs von Spanien tragen. Auch hat das Weib keine Klaue mehr, weder zum Melken, noch zum Scheeren, – ich glaube selbst die Grunzer, so lahm sie sind, durchstreichen jetzt die Steppe. Und nun, Fremder,« fuhr er fort und stieß den Kolben des Gewehrs mit einer Gewalt und einem Klirren auf den Boden, das jeden Andern, weniger unerschrockenen, in Furcht gesetzt hätte, »wie viele von diesen Geschöpfen kommen auf Euer Theil?« »Pferde habe ich nie gewünscht, auch nie gebraucht, obwohl Wenige mehr von den weiten Landschaften Amerika's durchstreift haben, als ich, so alt und schwach ich auch aussehe. Aber wenig nützt ein Pferd in den Wäldern, auf den Hügeln von York; das heißt, so wie York war, aber, wie ich sehr fürchte, York jetzt nicht mehr ist; was wollene Decken und Kuhmilch betrifft, so verlang' ich nicht nach so weibischem Besitz. Die Thiere des Feldes geben mir Nahrung und Kleidung. Nein, ich wünsch' keine bessere Kleidung, als die Haut eines Hirsches, kein schmackhafteres Mahl, als sein Fleisch.« Die Aufrichtigkeit, mit der diese einfache Rechtfertigung vorgebracht ward, verfehlte nicht ganz ihre Wirkung auf den Auswanderer, dessen finsteres Wesen allmählig in eine Erregung überging, die schnell in gefährliche Gewaltthätigkeit hätte ausbrechen mögen. Er hörte zu, als zweifle er, sei aber noch nicht ganz überzeugt und murmelte zwischen den Zähnen die Beschuldigung, womit er einen Augenblick vorher die schnelle Rache, die er gewiß brütete, hatte einleiten wollen. »Das sind schöne Worte,« brummte er endlich, »aber nach meiner Meinung zu prozeßartig für einen geraden, schön- und schlecht-Wetter-Jäger.« »Ich nenne mich ja nur einen Streifschützen,« unterbrach ihn der andere sanft. »Jäger oder Streifschütz; wenig Unterschied. Ich kam in diese Gegenden, alter Mann, weil ich fand, daß das Gesetz mir zu schwer auf dem Nacken lag und bin Nachbarn nicht sehr gut, die keinen Streit ausmachen können, ohne einen Richter oder die Zwölfmänner zu bemühen; aber ich kam nicht hierher, um mich meines Plunders berauben zu lassen, und dann »Dank Euch« zu dem zu sagen, der es gethan.« »Wer sich in die Steppen wagt, muß wie ihre Eigenthümer leben.« »Eigenthümer!« wiederholte der finstere Grenzbewohner, »ich hab so großes Recht auf das Land, worauf ich stehe, als irgend ein Herrscher in allen Staaten. Könnt' Ihr mir sagen, Fremder, wo man das Gesetz findet, welches bestimmt, daß der Eine einen Bezirk, eine Stadt oder vielleicht ein Land zu seinem Gebrauch haben und der Andere sich ein Plätzchen zu seinem Grab erbetteln soll. Das ist nicht Natur und ich läugne, daß es ein Gesetz ist, das heißt, Euer rechtskräftiges Gesetz.« »Ich kann nicht sagen, daß Ihr Unrecht habt,« erwiederte der Streifschütz, dessen Meinung über diesen wichtigen Satz, obgleich aus sehr verschiedenen Folgerungen, in sonderbarem Einklang mit denen seines Gefährten stand; »und ich habe oft eben so gedacht und gesprochen, wann und wo ich glaubte, meine Stimme würde gehört werden. Aber Euer Vieh ward Euch gestohlen von denen, welche sich Herren von allem, was sie in den Wüsten finden, nennen.« »Sie hätten besser gethan, mit einem Mann über eine Sache nicht zu streiten, der sie besser versteht,« sagte der Andere drohend, obgleich der Ton so dumpf und schläfrig schien, als der, welcher ihn vorbrachte. »Ich nenn' mich einen guten Handelsmann, der so viel gibt, als er empfängt. Ihr sahet die Indianer?« »Ja; ich war ihr Gefangener, während sie sich in Euer Lager stahlen.« »Es hätte sich besser für einen Weißen und Christen geschickt, es mich bei Zeiten wissen zu lassen,« entgegnete Ismael, und warf einen zweiten unglückdrohenden Seitenblick auf den Streifschütz, als sinne er immer noch auf Rache; »ich nenne nicht leicht Jeden, auf den ich treffe, Vetter; aber die Farbe sollte doch etwas gelten, wenn Christen an einem solchen Ort sich begegnen. Aber was geschehen ist, ist geschehen, und kann durch Worte nicht gut gemacht werden. Kommt aus Eurem Versteck, Junge; hier ist nur ein alter Mann; er hat von meinem Brod gegessen, und sollte mein Freund sein; aber es sind gute Gründe zum Argwohn da, daß er es mit meinen Feinden gehalten.« Der Streifschütz antwortete nicht auf den schnellen Bedacht, den der Andere keinen Anstand nahm, ohne den geringsten Rückhalt zu äußern, ungeachtet der Erklärungen und Betheuerungen, die er eben erst gehört. Der Ruf des ungebeugten Grenzwohners hatte alsbald mehrere herbeigezogen. Vier oder fünf seiner Söhne kamen aus verschiedenen Schlupfwinkeln hervor, in die sie sich in der Meinung begeben, die Figuren, die sie auf dem Hügel der Steppe gesehen, seien ein Theil der Sioux-Bande. So wie jeder herbei kam und sein Gewehr in den Arm nahm, warf er einen ausdruckslosen, aber forschenden Blick auf die Gestalt des Fremden, obgleich keiner die geringste Neugier zeigte, zu erfahren, woher er gekommen, oder warum er da sei. Diese Gleichgültigkeit kam jedoch nur theilweise von der Trägheit ihres Charakters her; denn lange und häufige Erfahrungen in Scenen solcher Art hatten sie die Tugend der Vorsicht gelehrt. Der Streifschütz ertrug ihre finstere, aber schweigende Untersuchung mit einer Standhaftigkeit, die zeigte, daß er so erfahren sei, als sie selbst; er ertrug sie mit der ganzen Ruhe der Unschuld. Zufrieden mit der schnellen Untersuchung, die er angestellt, wandte sich der älteste der Söhne, welches gerade die schuldige Schildwache war, deren Trägheit der listige Mahtoree so wohl benutzt hatte, zum Vater, und sagte ganz trocken: »Wenn dieser Mann alles ist, was von dem Trupp, den ich dort oben sah, übrig blieb, so haben wir unser Pulver nicht weggeworfen.« »Asa, du hast Recht,« sagte der Vater, und wandte sich plötzlich zum Streifschützen, als wenn ein verlorner Gedanke durch den Wink seines trägen Sohnes wieder in ihm hervorgerufen würde. »Wie ist das, Fremder; Ihr wart eben noch zu drei, oder im Mondlicht ist keine Wahrheit!« »Hattet Ihr die Teton durch die Steppen, wie so viele schwarze böse Geister hinter Eurem Vieh her rasen sehen, so hattet Ihr sie leicht, mein Freund, für tausend halten können.« »Ja ein in der Stadt geborner Junge oder ein dummes Weib; obwohl, da ist die Esther, sie fürchtet sich nicht mehr vor einer Rothhaut, als einem jungen Fuchs, oder einem Wolf-Säugling, Ich schwöre Euch, hatten Eure diebischen T – l ihren Schlag bei Tageslicht ausgeführt, Ihr hättet das gute Weib kräftig am Werk unter ihnen gesehen, und die Sioux würden gefunden haben, daß sie gar nicht so leicht ohne einen Preis ihren Käse und ihre Butter aufzugeben sich verstanden hätte. Aber es wird eine Zeit kommen, Fremder, recht bald, wo Gerechtigkeit geübt wird, und das auch ohne Hülfe dessen, was man Gesetz nennt. Wir sind ein langsames Volk, man mag es sagen, und es wird oft von uns gesagt, aber langsam ist sicher, und es leben Wenige, die sagen können, daß sie uns je einen Schlag versetzten, den sie nicht eben so hart von Ismael Busch wieder bekamen.« »Dann hat Ismael Busch mehr die wilden Triebe der Thiere als die eigenthümlichen Grundsätze, die sein Geschlecht leiten sollten, nachgeahmt,« erwiederte der unerschrockene Streifschütz. »Ich selbst hab' manchen Schlag gethan, aber nie die Gemüthsruhe empfunden, die der genießt, der seiner Vernunft folgt, wenn ich auch nur einen Hirsch erlegte, ohne sein Fleisch oder seine Haut zu bedürfen; ich empfand's, als ich einen Mingo unbeerdigt in den Wäldern liegen ließ, wie ich im offenen, gerechten Krieg begriffen war.« »Wie, Ihr seid Soldat gewesen, wart Ihr, Streifschütz? Auch ich machte einen Zug oder zwei unter, die Cherokee, wie ich noch ein Junge war, und folgte dem rasenden Anton Der General Wayne ward der Wildheit seines Angriffs wegen von den Indianern so genannt. in's Feld durch die Buchen, aber es war mir viel zu viel Ordnen und Einschränken unter seinen Truppen; so verließ ich ihn, ohne vom Zahlmeister meinen Rückstand zu fordern. Doch hatte, wie sie sich damals rühmte, Esther einen so guten Gebrauch von der Banknote gemacht, daß die Staaten nicht viel durch meine Nachsicht gewannen. Ihr habt gewiß vom rasenden Anton gehört, wenn Ihr Euch lang unter den Soldaten aufhieltet.« »Ich focht, wie ich hoffe, meine letzte Schlacht unter seinen Befehlen,« erwiederte der Streifschütz, und seine dunkeln Augen glänzten vor Freude, als erinnere er sich an den Vorfall mit Vergnügen; aber bald hatte sie der Kummer umwölkt, eine geheime Stimme schien ihm zu sagen, er habe zu oft in gewaltigen Scenen eine Rolle gespielt. »Ich ging von den Staaten an der Seeküste in diese entfernten Gegenden, als ich auf den Nachtrab seines Haufens stieß und so fast als bloßer Zuschauer unter sie gerieth; wenn es aber zu Schlägen kam, dann ließ sich meine Flinte hören, ob ich gleich, zu meiner Schande sei es gesagt, nie wußte, auf welcher Seite das Recht sei, was doch ein Mann von siebzig wissen sollte, ehe er ein Leben vernichtet, ein Geschenk entreißt, das er nie wieder erstatten kann.« »Kommt, Fremder,« sagte der Auswanderer, sein rauhes Wesen hatte sich um vieles gemildert, als er gefunden, daß sie auf einer Seite in den wilden Kriegen des Westen gefochten, – »es ist nichts daran gelegen, was die Grundursache des Streits sein mag, wenn Christen gegen Wilde fechten. Wir wollen morgen wegen des Pferdediebstahls weiter hören; für heute können wir nichts Besseres und Vernünftigeres thun, als schlafen.« So sagend ging er bedachtsam den Weg nach seinem geplünderten Lager voraus, und führte den Mann, dessen Leben einen Augenblick vorher seine Wuth in wahre Gefahr gebracht hatte, in seine Familie ein. Hier erzählte er nach einigen erklärenden Worten, mit wenigen, aber bedeutungsvollen Drohungen gegen die Plünderer untermischt, seinem Weibe den Stand der Dinge in der Steppe, und eröffnete dann seinen Entschluß, sich für die unterbrochene Ruhe dadurch zu entschädigen, daß er den noch übrigen Theil der Nacht dem Schlaf widme. Der Streifschütz gab der Maßregel seinen vollen Beifall, und streckte seine lange Gestalt auf ein Grasbündel, das man ihm anwies, so ruhig aus, wie sich etwa ein Fürst in der Sicherheit seiner Residenz und von seiner bewaffneten Garde umgeben, dem Schlaf überlassen würde. Doch schloß der alte Mann nicht eher die Augen, als bis er sich überzeugt, daß Ellen Wade unter den Weibern des Zugs sich befinde, und daß ihr Verwandter oder Liebhaber, was er nun sein mochte, die Klugheit gebraucht, sich nicht sehen zu lassen. Daraus schlief er ein, jedoch mit der ihm eigenen Wachsamkeit, die, er gleichsam selbst in den Stunden tiefer Nacht im Schlafe beizubehalten sich gewöhnt hatte. Sechstes Kapitel. Er ist zu empfindlich, zu geputzt, zu geziert und zu dumm; Er ist aus der Fremde; ich behaupt' es kurz um. Shakespeare.   Die Angloamerikaner rühmen sich gern und nicht ohne scheinbaren Grund, daß ihr Volk mit weit mehr Recht sich eine rühmliche Abstammung anmaßen kann, als alle andern Nationen, deren Geschichte Glauben verdient. Wie groß auch immer die Schwachheiten der ersten Anpflanzer gewesen sein mögen, ihre Tugenden sind selten geläugnet worden. Wenn sie abergläubisch waren, so waren sie auch aufrichtig fromm, und folglich gut. Die Ankömmlinge dieser einfachen Provinzialen voll Einfalt des Herzens verwarfen die gewöhnlichen und künstlichen Mittel, wodurch Ehrenbezeugungen in den Familien sich fortpflanzen, und setzten an deren Stelle einen Kampfpreis, der den Einzelnen selbst in den Bereich der Würdigung des Staats bringt, indem er so wenig als nur möglich aus Rücksicht auf die Vorfahren zuerkannt wird. Dieser Gleichmuth, diese Selbstverläugnung, dieser gesunde Verstand, oder mit welchem andern Ausdruck man sonst diese Maßregel belegen mag, hat der Nation den Vorwurf zugezogen, als habe sie einen unedeln Ursprung. Lohnte es der Mühe, so würde man bei näherer Untersuchung finden, daß weit mehr als die Hälfte der berühmten Namen des Mutterlandes bis auf diese Stunde in seinen früheren Colonieen gefunden wird; und es ist eine den Wenigen, welche mit einem so unwichtigen Gegenstand sich beschäftigt haben, wohlbekannte Thatsache, daß die Sprößlinge von gerader Linie aus manchem aussterbenden Geschlecht, welches Englands Politik durch Seitenlinien hat stützen wollen, jetzt die Aemter einfacher Bürger unter uns verwaltet. Der Stock ist derselbe geblieben, und die, welche den ehrwürdigen Korb umflattern, mögen gerne die leere Auszeichnung des Alters ihrer Geburt sich anmaßen, uneingedenk der Baufälligkeit ihrer Besitzung, und der Genüsse der zahlreichen und kräftigen Schwärme, welche die frischeren Süßigkeiten einer neuen Welt einsammeln. Aber da dies ein Gegenstand ist, der mehr für einen Politiker und Geschichtschreiber als für den bescheidenen Erzähler der heimischen Vorfälle gehört, die wir darlegen wollen, so müssen wir unsere Betrachtungen auf solche Dinge beschränken, welche eine unmittelbare Beziehung auf den Gegenstand der Erzählung haben. Obgleich der Bürger der Vereinten Staaten mit so vielem Recht auf ein hohes Geschlecht Anspruch machen darf, ist er doch gar nicht von der Strafe wegen seines Falls befreit. Gleiche Ursachen bringen, wie bekannt, gleiche Wirkungen hervor. Der Tribut, den, wie es scheint, die Nationen immer durch mühsame Erfahrung am Altar der Ceres bezahlen müssen, ehe sie deren volle Gunst erfahren, wird gewissermaßen in Amerika von dem Abkömmling, statt von dem Vorfahr bezahlt. Der Gang der Civilisation bei uns hat eine außerordentliche Aehnlichkeit mit dem aller kommenden Begebenheiten, welche, wie man sagt, »ihren Schatten vor sich werfen.« Alle Stufen der Gesellschaft, von dem Zustand an, welcher der verfeinerte genannt wird, bis zu dem, der so nahe an Barbarei gränzt, als es die Verbindung mit einem verständigen Volk erlaubt, kann man nachweisen aus der Mitte der Staaten, wo Reichthum, Ueppigkeit und Künste anfangen sich niederzulassen, bis zu den entfernten, und immer zurückweichenden Grenzen, welche die Scheide abmarken, und die Nähe der Nation anzeigen, wie bewegliche Nebel dem Tag vorauszugehen pflegen. Hier und hier allein findet man die weitverbreitete, aber gar nicht zahlreiche Classe, welche in allem mit denen verglichen werden kann, die den intellektuellen Fortschritten der Nationen in der alten Welt den Weg gebahnt haben. Die Aehnlichkeit zwischen dem amerikanischen Grenzwohner und seinem europäischen Urbild ist sonderbar, wiewohl sie nie ganz zur Gleichheit wird. Beide können unbeschränkt genannt werden, da der eine über, der andere unter dem Bereich des Gesetzes ist; – beide tapfer, da sie unter Gefahren aufwuchsen, – stolz, da sie unabhängig waren, – rachsüchtig, da jeder selbst Rächer des ihm angethanen Unrechts war. Eine weitere Fortsetzung der Parallele würde dem Grenzwohner Unrecht thun. Er ist irreligiös, weil er die Lehre ererbt hat, daß die Religion nicht in Formen besteht, und seine Vernunft eine Mummerei verwirft, die sein Gewissen nicht billigt. Er ist nicht Ritter, weil er nicht die Macht hat, Auszeichnungen zu erweisen, und er hat nicht die Macht, weil er das Kind, nicht der Vater des Systems ist. Auf welche Art diese verschiedenen Eigenschaften sich in einigen der markirtesten Menschen aus der letztern Classe darstellen, wird man aus dem Verlauf der folgenden Erzählung ersehen. Ismael Busch hatte das Ganze eines Lebens von mehr als fünfzig Jahren auf den Grenzen der bürgerlichen Gesellschaft zugebracht. Er rühmte sich, daß er nie gewohnt, wo er nicht sicher jeden Baum hätte fallen können, den er von seiner Schwelle aus sah; daß das Gesetz selten in seinen Wohnbezirk gekommen, und seine Ohren nie freiwillig den Ton einer Kirchenglocke zugelassen. Seine Bemühungen gingen selten weiter als seine Bedürfnisse, die, seiner Classe eigenthümlich, selten unbefriedigt geblieben. Er hatte keine Achtung vor irgend einem Wissen, die Heilkunde ausgenommen; weil er die Anwendung einer Wissenschaft nicht begreifen konnte, wenn sie nicht in die äußern Sinne fiel. Seine Achtung für diesen besondern Zweig der Wissenschaft hatte ihn vermocht, dem Wunsche eines Mediziners Gehör zu geben, dessen Eifer für Naturgeschichte ihn getrieben, die Wanderungsliebe des Grenzwohners zu benutzen. Diesen Herrn hatte er liebevoll in seine Familie oder vielmehr in seinen Schutz aufgenommen, und sie reisten so weit in vollkommner Eintracht durch die Steppen; Ismael wünschte seinem Weibe oft Glück zu dem Besitz eines Gefährten, der in ihrer neuen Wohnung, wo sie auch immer sein möchte, so nützlich sein würde, bis die Familie sich gänzlich acclimatisirt habe. Die Ausflüge des Naturforschers führten ihn jedoch zu Zeiten häufig Tage lang von der geraden Linie der Reiseroute des Grenzwohners ab, der selten eine andere Führerin als die Sonne zu haben schien. Viele würden sich glücklich gepriesen haben, daß sie bei dem gefährlichen Sioux-Einfall abwesend gewesen, und so that auch Obed Bat (oder, wie er sich gern nannte, Battius, M. D. Medicinae Doctor und Mitglied mehrerer cisatlantischen gelehrten Gesellschaften), – der kühne Herr, von dem die Rede ist. Obgleich Ismael's träger Charakter nicht sehr aufgeregt ward, war er doch sehr verstimmt durch die Freiheiten, die man sich mit seinem Eigenthum genommen. Er begab sich zur Ruhe, denn es war die Stunde, die er zu dieser Erfrischung bestimmt, und weil er wußte, wie unnütz jede Bemühung sein würde, seine Habe in der Dunkelheit der Mitternacht wieder zu erlangen. Er kannte auch die Gefahr seiner gegenwärtigen Lage zu wohl, um, was noch übrig ist, für das zu wagen, was er verloren. So sehr auch die Bewohner der Steppen, wie man weiß, die Pferde lieben, so wissen sie doch auch andere Dinge, die noch in dem Besitz der Wanderer waren, gehörig zu schätzen. Es war eine gewöhnliche List, die Heerden zu zerstreuen, und dann die Verwirrung zu benutzen. Aber Mahtoree hatte, wie es schien, in dem gegenwärtigen Fall die Klugheit des Mannes, den er angriff, zu gering angeschlagen. Die Gleichgültigkeit, mit der der Grenzwohner seinen Verlust hörte, haben wir schon gesehen, und es bleibt noch übrig, den Erfolg seiner gereifteren Entschließungen darzulegen. Obgleich das Lager manches Auge einschloß, das lange offen blieb, und manches Ohr, welches das geringste Zeichen eines neuen Lärms schnell auffing, lag es doch in tiefer Ruhe während des übrigen Theils der Nacht. Stille und Ermüdung übten endlich ihre Rechte aus, und ehe der Morgen erschien, war alles, die Schildwachen ausgenommen, wieder in tiefem Schlaf begraben. In wie weit diese schläfrigen Wachter ihre Pflicht nach dem Ueberfall erfüllten, ist nie recht bekannt geworden, da nichts vorfiel, was ihre nachherige Wachsamkeit hätte darthun oder widerlegen können. Sobald jedoch der Tag zu dämmern begann, und ein graues Licht vom Himmel auf die dunkeln Gegenstände der Ebene fiel, erhob sich Ellen Wade's halb wirres, angstvolles und doch blühendes Antlitz unter der Masse der Kinder empor, unter die sie sich bei ihrer verstohlnen Rückkehr in's Lager gemischt hatte. Sie stand leise auf, wand sich leicht durch die ausgestreckten Körper und ging mit derselben Vorsicht bis zu den äußersten Vertheidigungswerken Ismael's. Hier lauschte sie, als untersuchte sie, ob es rathsam sei, weiter zu gehn. Doch dauerte dies nur einen Augenblick, und lange, ehe die schlaftrunkenen Augen der Schildwache, die die Stelle übersah, wo sie stand, Zeit gehabt, einen Lichtstrahl von ihrer behenden Gestalt aufzufangen, eilte sie der Niederung hin, und stand auf dem Gipfel der nächsten Anhöhe. Ellen lauschte jetzt lang und aufmerksam, um einen andern Laut zu vernehmen, als das Säuseln der Morgenluft, das leise in dem Gras zu ihren Füßen spielte. Sie wollte eben, in ihrer Erwartung getäuscht, die Erforschung aufgeben, als das Geräusch eines Menschentritts durch das nasse Gras zu ihrem Ohr drang. Schnell vorwärts eilend, sah sie die Umrisse einer Gestalt, die nach der Anhöhe zuschritt, auf der dem Lager entgegengesetzten Seite, als habe sie ihrem Schatten wahrgenommen. Sie hatte schon Paul's Namen ausgestoßen, und wollte eben mit der eiligen, schnellen Stimme, womit weibliche Zuneigung den Freund zu grüßen pflegt, das Gespräch beginnen, als sich bei'm Umwenden das Mädchen getäuscht sah, und ihrem Gruß kalt hinzufügte: »Ich hätte nicht gedacht, Doctor, Euch zu dieser ungewöhnlichen Stunde zu begegnen.« »Alle Stunden, jede Zeit, meine gute Ellen, sind dem wahren Freund der Natur gleich« erwiederte ein kleiner, hagerer aber außerordentlich lebendiger Mann, der in eine sonderbare Mischung von Tuch und Häuten gekleidet war, und schon das mittlere Alter zurückgelegt hatte; »und wer bei diesem dunkeln Licht nichts zu finden weiß, was er bewundern muß, kennt einen großen Theil der Segnungen nicht, die er genießt.« »Sehr wahr,« sagte Ellen, der plötzlich beifiel, daß sie ihr eigenes Erscheinen zu so ungewöhnlicher Stunde entschuldigen müsse, »ich kenne viele, welche meinen, die Erde sei reizender bei der Nacht, als im vollen Sonnenschein!« »Ei, da müssen ihre Sehorgane zu convex sein; der, welcher die Sitten des Katzengeschlechts, oder die Abart, die Albinos, studiren will, muß sich zu dieser Stunde aufmachen. Ja, es gibt auch Menschen, die lieber bei der Dämmerung die Dinge betrachten, aus dem einfachen Grund, weil sie sie besser zu dieser Tageszeit sehen.« »Und ist dies die Ursache, warum auch Ihr so viel bei Nacht aus seid?« »Ich bin auch in der Nacht aus, mein gutes Kind, weil die Erde in ihrer täglichen Umwälzung nur die Hälfte der Zeit das Sonnenlicht unter Einem gegebenen Mittagskreis läßt, und weil, was ich zu thun habe, nicht in zwölf oder fünfzehn Stunden hinter einander abgemacht werden kann. Jetzt bin ich zwei Tage von der Familie weg gewesen, suche eine Pflanze, von der man gewiß ist, daß sie in dem Flußgebiet des la Plata sich findet, ohne auch nur einen Grashalm zu finden, der noch nicht aufgezählt und in seine Classe gebracht wäre.« »Da seid Ihr recht unglücklich gewesen, Doctor, aber –« »Unglücklich!« wiederholte der kleine Mann, ihr näher tretend und zog seine Mappe hervor, mit einer Miene, worin Freude auf sonderbare Art mit einer angenommenen Demuth kämpfte. »Nein, nein, Ellen, ich bin eher alles andere als unglücklich; es müßte denn ein Mann so genannt werden können, dessen Glück gemacht, dessen Ruf für immer gegründet ist, dessen Name mit Buffon zur Nachwelt übergehen wird, – mit Buffon, das ist ein bloßer Compilator, ein Mann, der aus dem Grund, den andere bearbeitet, blüht. Nein pari passu (gleichen Schritt) mit Solander der seine Wissenschaft durch Mühe und Entbehrungen erkaufte.« »Habt Ihr eine Mine entdeckt, Doctor Bat?« – »Mehr als eine Mine; einen gemünzten Schatz; und tauglich zu augenblicklichem Gebrauch, Kind, – hör'! Ich zog den nöthigen Winkel, um die Linie vom Zug Eures Oheims zu durchschneiden, nachdem ich lange fruchtlos gesucht; als ich einen Schall gleich dem Abbrennen von Feuergewehren hörte –« »Ja,« rief Ellen schnell, wir hatten Lärm –« »Und dachtet, ich sei verloren,« fuhr der wissensreiche Mann fort, zu vertieft in seine eigenen Gedanken, um ihre Unterbrechung zu verstehen. – »Da hatte es ein wenig Noth. – Ich zeichnete meine eigene Grundlinie hin, fand die Länge der Perpendiculare durch Rechnung, und hatte nun, um die Hypothenuse zu ziehen, nichts weiter zu thun, als den Winkel zu berechnen. Ich dachte; die Gewehre seien meinetwegen abgefeuert worden, und änderte meine Richtung nach den Tönen, nicht daß ich glaubte, die Sinne seien genauer oder auch nur so genau als eine mathematische Rechnung; sondern ich fürchtete, eins von den Kindern brauche etwa meine Hülfe.« »Sie sind all' wohl – –« »Hört,« unterbrach der andere und hatte schon seine angenommene Aengstlichkeit für seine Patienten bei der größern Wichtigkeit des gegenwärtigen Gegenstandes vergessen; »ich hatte ein großes Stück der Steppe durchschritten, – der Schall dringt weit, wenn ihm nichts entgegensteht, – als ich ein Trappeln hörte, als ob Bison die Erde schlügen. Dann sah ich in der Ferne eine Heerde Quadrupeden, die sprangen die Hügel auf und ab, Thiere, die noch unbekannt und unbeschrieben geblieben, wäre nicht ein höchst glücklicher Zufall eingetreten. Eins, und das ein edleres Exemplar als alle übrigen, sprang ein wenig von den andern weg. Die ganze Heerde machte eine Biegung nach meiner Richtung und das Thier, welches sich abgesondert, schlug eben diese ein, wodurch es auf etwa fünfzig Fuß mir zu Gesicht kam. Ich benutzte die Gelegenheit und schrieb seine Beschreibung mit Hülfe meiner Bleifeder und meiner Lampe auf der Stelle ein. Ich hätte tausend Dollar, Ellen, für einen einzigen Schuß von einem von den Jungen gegeben!« »Ihr führt ein Pistol, Doctor, warum gebrauchtet Ihr es nicht?« sagte das halb unaufmerksame Mädchen, das ängstlich die Steppe mit dem Blick durchsuchte; aber immer noch blieb, wo sie stand und sich gerne aufhalten ließ. »Ei, es schießt nur mit ganz kleinem Blei, wie es sich zur Tödtung größerer Insekten und Reptilen eignet. Nein, ich that so besser, als mich in einen Kampf zu wagen, worin ich nicht Sieger sein konnte. – Ich bemerkte den Vorfall und notirte jedes einzelne mit der Genauigkeit, welche die Wissenschaft fordert. Ihr sollt alles hören, Ellen, denn Ihr seid ein gutes, lernbegieriges Kind, und wenn Ihr behaltet, was Ihr auf diese Art lernt, so könnt Ihr noch der Wissenschaft sehr nützlich werden; sollte mir etwa ein Unglück zustoßen. In der That, würdige Ellen, mein Gewerb hat seine Gefahren eben so gut, als das eines Kriegers. Eben diese Nacht,« fuhr er fort und warf sein Auge unwillkührlich um sich, »diese schreckliche Nacht ist der Funke des Lebens selbst in großer Gefahr gewesen zu erlöschen.« »Wodurch?« »Durch das Ungeheuer, das ich entdeckt. Es kam mir oft ganz nahe und selbst wenn ich zurückging, näherte es sich mir. Ich glaubte bloß die kleine Lampe, die ich führte, hat mich geschützt. Ich hielt sie zwischen uns, während ich schrieb, und brauchte sie so zu dem doppelten Zweck, als Leuchte und als Schild. Aber Ihr sollt die Charakterzeichen des Thiers hören und dann über die Gefahr urtheilen, die wir Beförderer der Wissenschaft zum Besten der Menschheit uns aussetzen.« Der Naturforscher hob jetzt seine Mappe gegen den Himmel, und schickte sich an, so gut als möglich bei dem wenigen Licht, das auf die Ebene fiel, vorzulesen, nachdem er als Vorrede vorausgeschickt: »Merkt auf, mein Kind, jetzt sollt Ihr hören, mit welchem Schatz es mein schönes Loos war, die Blätter der Naturgeschichte zu bereichern.« »Es ist also ein Wesen Eurer Schöpfung,« sagte Ellen, von ihrem fruchtlosen Suchen sich wegwendend mit einem Blick aus ihren lebhaften blauen Augen, welcher zeigte, daß sie mit den Schwachheiten ihres gelehrten Gefährten zu scherzen verstehe. »Ist denn die Kraft, unbelebten Wesen Leben zu geben, ein Geschenk des Menschen? Ich wünschte, es wäre so! Ihr solltet bald eine Historia naturalis Americana sehen, welche die schreienden Nachbeter des Franzmanns Buffon beschämen würde. Große Verbesserung könnte in der Bildung aller Quadrupeden vorgenommen werden, besonders bei denen, wo Schnelligkeit eine Tugend ist. Zwei der untern Gliedmaßen müßten nach den Grundsätzen des Hebels gebaut sein; Räder vielleicht, wie man sie jetzt macht; obgleich ich mich noch nicht entschieden habe, ob die Verbesserung besser an die Vorder- oder an die Hinterbeine angebracht würden, da ich erst noch ausmachen muß, ob Ziehen oder Stoßen eine größere Muskelkraft erfordert. Das natürliche Schwitzen des Thieres würde die Reibung vermindern helfen, und so ein großer Vortheil erlangt werden. Aber all dies ist nicht zu hoffen, wenigstens für jetzt nicht,« fügte er mit einem leichten Seufzer hinzu, hob seine Mappe wieder gegen das Licht, las laut: »October 6ten 1805, – dies ist nur das Datum, welches, wie ich sagen darf, Ihr so gut wißt, als ich, – Quadruped, gesehen bei Sternlicht, und mit Hülfe einer Taschenlampe, in den Steppen von Nordamerika, – Breite und Meridiane sehe Journal, – Genus – unbekannt; deßwegen genannt nach dem Entdecker und von dem glücklichen Zufall, daß es bei Nacht gesehen ward, – Vespertilio horribilis, Americanus Bat, der Name des unsterblichen Entdeckers, heißt im Englischen Fledermaus, lat. Vespertilio. . Verhältnisse (nach beiläufiger Schätzung) – Größeste Länge, eilf Fuß; Höhe, sechs Fuß; Kopf, aufrecht; Nasenlöcher, weit aufstehend; Augen, ausdrucksvoll und feurig; Zähne, sägeförmig und zahlreich; Schwanz, horizontal, wellenförmig und fast katzenartig; Beine groß und haarig; Krallen, lang, gekrümmt, gefährlich; Ohren, unansehnlich; Hörner, lang, abstehend, furchtbar; Farbe, aschgrau mit schönen Flecken; Stimme, volltönig, martialisch, schreckhaft; Lebensart, heerdenweis, fleischfressend, stolz und furchtlos. – Da habt Ihr,« rief Obed, als er diese sententiöse aber zusammenfassende Beschreibung geendet, »da habt Ihr ein Thier, das wohl mit dem Löwen um den Titel: König der Thiere streiten mag.« »Ich verstehe nichts von allem, was Ihr da gelesen habt, Doctor Battius,« erwiederte das listige Mädchen, das die Schwachheiten des Philosophen kannte, und oft ihm einen Titel gab, den er so gern hörte; »aber ich halt' es für gefährlich, sich so weit vom Lager zu wagen, wenn solche Ungeheuer in den Steppen wüthen.« »Ihr könnt's wohl wüthen nennen,« entgegnete der Naturforscher, drückte sich fester an sie, und dämpfte seine Stimme zu so leisen und vielleicht etwas zu zutraulichen Tönen, daß sie fast noch mehr sagten, als sie sollten; »nie vorher ward mein Muth auf eine solche Probe gestellt; ja es gab einen Augenblick, ich muß es gestehen, wo das fortiter in re vor einem so schrecklichen Feind zurückbebte; aber die Liebe zur Naturwissenschaft hielt mich aufrecht und ließ mich triumphiren.« »Ihr sprecht eine so ganz verschiedene Sprache von der in Tenessee,« sagte Ellen, und bemühte sich, ihr Lachen zu verbergen, »daß ich kaum weiß, ob ich Euch verstanden habe. Wenn ich nicht irre, so wollt Ihr sagen, Ihr hättet fast ein Herz wie eine Henne.« »Das ist ein Gleichniß, wie nur gänzliche Unbekanntschaft mit der Bildung dieses Vogels eins machen kann. Das Herz einer Henne steht im gehörigen Verhältniß mit ihren übrigen Organen, und das Hausgeflügel ist in seinem Naturzustand sehr muthig. Ellen,« fügte er mit einem so ernsten Blick hinzu, daß er selbst auf das Mädchen einigen Eindruck machte; »ich ward verfolgt, gejagt, ja es war eine Gefahr, daß ich gar nicht – – doch was ist das!« Ellen staunte hin, denn der Ernst und die einfache Aufrichtigkeit ihres Gefährten hatte selbst in ihrem leichtfertigen Sinn fast Glauben sich verschafft. Als sie nach der Richtung hinschaute, die der Doctor ihr bezeichnete, sah sie in der That ein Thier, das über die Steppe hinstreifte, und schnurstracks auf die Stelle zukam, die sie einnahmen. Der Tag war noch nicht weit genug vorgerückt, um es ihr möglich zu machen, dessen Gestalt und Art zu unterscheiden, obgleich es sichtbar genug war, ihr den Glauben beizubringen, es sei ein starkes, wildes Thier. »Es kommt, es kommt!« rief der Doctor, und suchte, fast instinctartig, seine Mappe, während seine Kniee, trotz der Anstrengung, die er machte, sich aufrecht zu erhalten, gar schön zitterten und bebten. »Nun, Ellen, hat das Glück mir eine Gelegenheit gegeben, die bei'm Sternenlicht gemachten Fehler zu verbessern – halt, – aschgrau, – keine Ohren, – Hörner, außerordentlich.« – Seine zitternde Stimme, seine bebende Hand, beides ward durch ein Brüllen oder vielmehr durch einen Schrei des Thieres reglos gemacht, der so furchtbar war, daß er selbst einen größern Muth als den des Naturforschers gebeugt hätte. Die Töne des Thieres schallten über die Steppe in fremdartigen, wilden Cadenzen, und dann folgte ein tiefes, feierliches Schweigen, das nur durch ein herzliches, unbändiges Gelächter von Ellen Wade's wohltönenderer Stimme unterbrochen wurde. Indeß stand der Naturforscher wie eine Bildsäule vor Erstaunen, und ließ einen wohlgewachsenen Esel, gegen dessen Annäherung er nicht länger sein gepriesenes Lichtschild vorhielt, ohne weitere Bemerkung oder Weigerung um seine eigene Person herumriechen. »Es ist Euer eigener Esel,« rief Ellen, so bald sie wieder zu Worten kommen konnte, »Euer eigener geduldiger, hart-arbeitender, armer Schelm.« Der Doctor wandte wild die Augen vom Thier zur Sprecherin, von der Sprecherin zum Thier, aber gab seiner Verwunderung keinen hörbaren Ausdruck. »Wollt Ihr denn ein Thier nicht anerkennen, das so lange in Eurem Dienst sich abgemüht hat,« fuhr das Mädchen, immer noch lachend, fort. »Ein Thier, von dem ich Euch tausendmal sagen hörte, es habe Euch gut gedient, und das Ihr wie Euern Bruder liebtet.« » Asinus domesticus !« brachte der Doctor hervor, und holte Athem, als wenn er nah' am Ersticken gewesen. »Ja das Genus ist nicht mehr zweifelhaft, und ich werde immer behaupten, daß das Thier nicht von der Species equus ist. Es ist offenbar Asinus selbst, Ellen Wade, aber nicht Vespertilio horribilis der Steppen. Sehr verschiedene Thiere, versichere Euch, Kind, und in jedem wichtigeren Einzelnen von verschiedenem Charakter. Jenes fleischfressend,« fuhr er fort, und sein Auge fiel auf seine offene Mappe, »dieses pflanzenfressend; Gemüthsart, stark, gefährlich; Gemüthsart, geduldig, enthaltsam; Ohren, unansehnlich; Ohren, lang; Hörner, abstehend u. s. w.; Hörner, keine!« Er ward durch ein zweites Lachen von Ellen unterbrochen, und dies diente gewissermaßen dazu, ihn wieder zu sich zu bringen. »Das Bild des Vespertilio war nur auf der r etina ,« bemerkte fast entschuldigend der erstaunte Forscher in die Geheimnisse der Natur, »und ich war thöricht genug, mein eigenes treues Thier für das Ungeheuer zu halten? Doch bin ich auch jetzt noch sehr verwundert, das Thier so im Weiten herumirren zu finden.« Ellen erzählte ihm dann im Einzelnen die Geschichte des Angriffs und seine Folgen. Sie beschrieb mit einer Genauigkeit, die jedem Andern als ihrem verdachtlosen Zuhörer ihren eigenen Ausflug verrathen hätte, die Art, wie die Thiere aus dem Lager getrieben worden, und sich eiligst in der offenen Ebene zerstreut hätten. Ob sie es gleich nicht mit deutlichen Worten sagte, so wußte sie doch die große Wahrscheinlichkeit ihrem Gefährten einleuchtend zu machen, daß er den erschreckten Haufen für wilde Thiere gehalten, und schloß dann ihre Erzählung mit einem Bedauern des Verlustes, und einigen sehr natürlichen Bemerkungen über den hülflosen Zustand, in welchen er die Familie gebracht. Der Naturforscher hörte in stillem Staunen zu, unterbrach nicht die Erzählung, und unterdrückte selbst jeden Ausruf der Verwunderung. Doch bemerkte das scharfsichtige Mädchen, daß er, als sie fortfuhr, das wichtige Blatt aus der Mappe herausnahm, und auf eine Art, die zeigte, daß ihr Besitzer von seiner Täuschung zurückgekommen war. Seit der Zeit hat die Welt nichts mehr von dem Vespertilio horribilis Americanus gehört, und die Naturwissenschaft unwiederbringlich ein wichtiges Glied in der großen lebendigen Kette verloren, welche Himmel und Erde verbinden soll, und worin der Mensch so traulich mit dem Affen zusammengestellt wird. Als Doctor Bat alle Umstände des Einfalls vernommen, nahm seine Besorgniß alsbald eine andere Richtung. Er hatte eine Menge Folianten und sehr viele Kisten, mit Pflanzenexemplaren und todten Thieren wohl versehen, unter Ismael's guter Obhut gelassen; nun fiel's ihm plötzlich ein, daß so listige Plünderer wie die Sioux nie die Gelegenheit versäumen würden, ihn dieser Schätze zu berauben. Nichts, was auch Ellen vom Gegentheil versichern mochte, konnte seine Furcht beruhigen; so trennten sie sich, er seiner Zweifel und Besorgnisse ledig zu werden, sie so schnell und leise, wie sie es eben verlassen, in das stille, heimliche Zelt zurück zu schleichen. Siebentes Kapitel. »Wie, fünfzig vom Gefolg auf Einen Schlag!« Lear.   Der Tag ergoß sich jetzt völlig über die scheinbar unbegrenzte Wüste der Steppe. Obed's Ankunft im Lager zu einer solchen Stunde, begleitet wie sie war mit klagendem Geschrei über den vermeintlichen Verlust, weckte die schlaftrunkene Familie des Grenzwohners. Ismael und seine Söhne, und der finstere Bruder seines Weibes waren bald auf, und wurden allmählig, wie die Sonne ihr Licht auf die Stelle warf, die ganze Größe ihres Verlusts gewahr. Ismael sah auf die stillen, schwer beladenen Wagen, und knirschte mit den Zähnen; er warf einen Blick auf die wirre, hülflose Gruppe der Kinder, die sich um ihre stille, muthlose Mutter drängte, und ging hinaus aufs freie Feld, als fände er die Luft des Lagers zu beschränkt, um darin zu athmen. Ihm folgten einige der Männer, die ihn aufmerksam beobachteten, aufmerksam auf das dunkle Feuer seines Auges blickten, als wollten sie darin ihre Verhaltungsbefehle ablesen. Das Ganze schritt in tiefem, zürnendem Schweigen nach dem Gipfel der nächsten Anhöhe vor, wo sie eine fast schrankenlose Aussicht über die nackten Ebenen beherrschten. Hier ward nichts sichtbar, als ein einziger Büffel, in nicht großer Entfernung, der magere Nahrung im verbrannten Grase suchte, und der Esel des Naturforschers, welcher seine Freiheit zu einem reichern Mahl als das gewöhnliche benutzte. »Da haben uns die Schelme, um unserer zu spotten, ein Stück übrig gelassen,« sagte Ismael, und sah auf den letztern, »und zwar das schlechteste Stück aus der ganzen Heerde. Das ist harter Boden, um zu ernten, Jungen, und doch müssen wir Nahrung schaffen, so viele hungrige Mäuler zu füllen.« »Die Flinte ist an einem solchen Ort besser als die Hacke,« erwiederte der älteste seiner Söhne, und stampfte mit dem Fuß auf den harten, durstigen Boden, in wildem Zorn. »Er ist gut für die, welche zur Mahlzeit lieber Bettlerbohnen als Honig wählen. Eine Krähe würde Thränen vergießen, wenn sie über solch eine Gegend fliehen müßte.« »Was sagt Ihr, Streifschütz,« erwiederte der Vater, und deutete auf die leichte Spur, die sein mächtiger Fuß dem festen Boden zurückgelassen, und lachte furchtbar wild, »ist dies ein Land, wie es einer wählen würde, der nie den Amtmann mit Landverschreibungen bemüht?« »Reicheres Land findet sich in den Niederungen,« erwiederte der alte Mann ruhig; »um an diesen traurigen Ort zu gelangen, habt Ihr Millionen Morgen durchzogen, wo, wer das Land bauen will, hundertfältig erntet, und dies ohne große Arbeit. Wenn Ihr gekommen seid, um Land zu suchen, machtet Ihr entweder hundert Meilen zu viel, oder eben so viele zu wenig.« »Also gegen den andern Ocean gibt es besseres?« fragte der Grenzwohner, und deutete nach dem stillen Meer. »Ja dort; ich hab' alles gesehen,« war die Antwort des Andern, der seine Flinte auf den Boden setzte, und sich drauf lehnte, als rufe er mit trauervoller Lust sich die Scenen der Vergangenheit zurück. »Ich sah die Wasser der beiden Meere; an dem einen ward ich geboren, wuchs heran zu einem Knaben, wie jener dort sich kaum auf den Beinen hält. Amerika nahm zu, ihr Leute, seit den Tagen meiner Jugend; ward größer, als ich einst die Welt selbst hielt. Nahe siebzig Jahre lebte ich in York, Provinz und Stadt zugleich. Ihr seid in York gewesen, denke ich?« »Ich nicht, nein; ich besuchte nie die Städte, aber oft habe ich von dem Ort gehört, wovon Ihr sprecht. Es ist wohl dort eine weite offene Stelle?« »Zu weit, zu weit! Sie durchgraben die Erde sogar mit ihren Werkzeugen. Welche Hügel und Jagdgründe sah ich der Schätze des Herrn ohne Anstand oder Scham beraubt. Ich hielt's aus, bis meine Hunde von den Schlägen der Axt betäubt waren, dann wandt' ich mich westlich, und suchte Ruhe. Es war eine beschwerliche Wanderung, eine mühsame Arbeit, durch gefallenes Holz, durch die dicke Luft rauchender Waldungen durchzudringen. Er ist auch weit von hier, dieser Staat von York!« »Er liegt gegen die äußerste Ecke von Alt-Kentucky, denk' ich; doch kümmerte ich mich nie um die Entfernung.« »Eine Möve könnte tausend Meilen durchfliegen, ehe sie die östliche See erreichte, und doch ist es keine so mächtige Entfernung, um sie zu durchjagen, wenn Wald und Wild in Ueberfluß sind. Es gab eine Zeit, wo ich den Hirsch auf den Bergen von Delaware und Hudson verfolgte, und den Biber an den Strömen der oberen Seen in derselben Jahrzeit fing; aber mein Auge war damals schnell und sicher, und meine Füße wie die Schenkel des Reh's! Die Mutter des Hektor,« fügte er hinzu, und warf einen freundlichen Blick auf das alte Thier, das zu seinen Füßen lag, »war damals ein kleines Ding, und im Stande, auf das Wild zuzulaufen, so bald sie es witterte. Sie hat mir viel Mühe gemacht, die Kröte.« »Euer Hund ist alt, Fremder, und ein Schlag auf den Kopf wäre eine Wohlthat für das Thier.« »Der Hund ist wie sein Herr,« erwiederte der Streifschütz, ohne, wie es schien, auf den rohen Rath, den der andere gab, zu achten, »und wird seine Tage zählen, wenn sein Werk unter dem Wild vorüber ist und nicht früher. Mir scheinen die Dinge in der Welt für einander geschaffen zu sein. Nicht das schnellste Reh entflieht immer den Hunden, nicht der dickste Arm hält immer am sichersten die Flinte. Seht um Euch, Leute, was werden die Yankee-Holzfäller sagen, wenn sie von den östlichen Wassern zu den westlichen vorgedrungen, finden, daß eine Hand, die auf einen Schlag einen Baum niederwirft, schon hier gewesen ist, und das Land, zum Spott über ihre Faulheit, kahl gemacht hat. Sie werden abziehen, wie ein Fuchs, der herumschleicht, und der üble Geruch ihrer eigenen Fußstapfen wird ihnen die Tollheit ihrer Verwüstungen zeigen. Doch sind das Gedanken, die eher in dem aufsteigen, der achtzig Winter erlebt, als daß sie die Weisheit lehren, welche sich noch der Lust ihrer Jugend hingeben. Ihr selbst mögt Euch nur bald auf den Weg machen, wenn Ihr der Wuth, dem Haß der verbrannten Indianer entgehen wollt. Sie wollen die gesetzmäßigen Eigner des Landes sein, und lassen selten einem Weißen mehr, als seine Haut, worauf er so stolz ist, wenn sie einmal die Macht haben; den Willen haben sie immer.« »Alter Mann,« sagte Ismael ernst, »zu welchem Volk gehört Ihr? Ihr habt Farbe und Sprache eines Christen, während Euer Herz mit den Roth-Häuten zu sein scheint.« »Mir scheint wenig Unterschied unter den Völkern. Das Volk, welches ich am meisten liebte, ist zerstreut, wie der Sand eines trockenen Flußbetts zerfliegt vor dem Orkan, und das Leben ist zu kurz, um Sitten und Gewohnheiten von Fremden anzunehmen, was nur geschehen kann, wenn man Jahre lang unter ihnen gelebt hat. Doch fließt kein Indianer-Blut in meinen Adern, und was ein Krieger seiner Nation schuldig ist, bin ich dem Volk der Staaten schuldig; aber diese bedürfen bei ihrer Miliz, bei ihren bewaffneten Booten nicht sehr der Hülfe eines einzelnen Arms, den achtzig Jahre geschwächt.« »Da Ihr Eure Abstammung genannt, darf ich wohl eine einfache Frage thun: Wo sind die Sioux, die mein Vieh gestohlen?« »Wo ist die Büffelheerde, die der Panther über die Ebene erst gestern Morgen gejagt? Eben so schwer – –« »Freund,« sagte Doctor Battius, der bisher ein aufmerksamer Zuhörer gewesen, aber sich jetzt plötzlich getrieben fühlte, an der Unterredung Theil zu nehmen; »es thut mir leid, wenn ich einen Venator oder Jäger von Eurer Erfahrung und Eurem Beobachtungsgeist finde, der dem Strom der gemeinen Unwissenheit folgt. Das Thier, welches Ihr beschreibt, ist freilich eine Art bos ferus (oder bos syIvestris , wie ihn die Dichter sehr glücklich nennen), aber wenn auch sehr verwandt, ist er doch verschieden von dem gewöhnlichen bubulus . Bison ist der richtigere Name, und ich würde Euch rathen, in Zukunft diesen zu gebrauchen, wenn Ihr auf diese Species anspielt.« Bison oder Büffel; es thut wenig zur Sache. Das Thier ist dasselbe, nennt es, wie Ihr wollt, und – –« »Verzeiht mir, verehrter Venator ; da die Classification die Seele der Naturwissenschaften ist, so muß das Thier oder Vegetabil nothwendig nach dem Eigenthümlichen seiner Species charakterisirt werden, was immer durch den Namen angezeigt wird« »Freund,« sagte der Streifschütz etwas bestimmt, »würde der Schwanz eines Bibers ein schlechteres Essen geben, wenn Ihr ihn Mink nennet, oder könntet Ihr von einem Wolf mit Behagen essen, weil Bücher-Leute ihm den Namen Wild gegeben haben?« Da diese Fragen ernst und etwas launig gethan wurden, so war es ziemlich wahrscheinlich, daß ein heißer Streit zwischen beiden erfolgt sein würde, indem der Eine so ganz praktisch verfuhr, der Andere so sehr der Theorie ergeben war, hätte es nicht Ismael für gut befunden, dem Disput ein Ende zu machen, und etwas weit Wichtigeres für seine Lage auf die Bahn gebracht. »Biberschwänze und Minksfleisch, – davon mag man vor einem Ahornfeuer, und wenn das Herz ruhig ist, sprechen,« unterbrach der Grenzwohner, ohne die geringste Rücksicht auf die erregten Disputanten, »aber jetzt brauchen wir mehr als fremde Worte, oder als Worte überhaupt. Sagt mir, Streifschütz, wo haben sich Eure Sioux verborgen?« »Eben so leicht könnte ich Euch sagen, von welcher Farbe der Falke ist, der dort an jener weißen Wolke herumkreist. Wenn eine Rothhaut einen Schlag versetzt hat, pflegt sie nicht zu warten, bis das Unrecht ihr in Blei vergolten wird.« »Werden die lumpigen Wilden sich begnügen, wenn sie finden, daß sie sich der ganzen Heerde bemächtigt haben?« »Natur ist ziemlich dieselbe, mit welcher Haut sie auch bedeckt sei. Verlangt Ihr weniger nach Reichthum, wenn Ihr eine gute Ernte gehabt, als eh' Ihr so viel Korn gewonnen. Wenn das wäre, unterschiedet Ihr Euch ganz von den übrigen Menschen, wie sie mich lange Erfahrung kennen gelehrt hat.« »Sprecht deutlich, alter Fremder,« sagte der Grenzwohner, und stieß die Flinte hart auf den Boden, – seine stumpfe Fassungskraft fand kein Vergnügen an einer Unterredung in so dunkeln Anspielungen, – »ich hab' Euch eine ganz einfache Frage vorgelegt, eine Frage, von der ich weiß, daß Ihr sie beantworten könnt.« »Ganz recht, ganz recht. Ich kann antworten; ich hab' zu oft das Benehmen meiner Mitmenschen beobachtet, um mich zu täuschen, wenn etwas Böses geschehen soll. Wenn die Sioux die Thiere eingethan, und sich überzeugt haben, daß Ihr ihnen nicht auf den Fersen seid, werden sie wieder herumschnüffeln, wie hungrige Wölfe, um die übrige Beute zu holen; oder vielleicht machen sie es nach Art der großen Bären, die sich am Fall des langen Flußes finden, und schlagen mit der Tatze, ohne auch nur an ihrem Raube zu riechen.« »Ihr habt also die Thiere gesehen, die Ihr erwähnt,« rief Doctor Battius, der jetzt so lange von der Unterredung ausgeschlossen gewesen, als es seine Ungeduld ertragen konnte, und mit seiner geöffneten Mappe schnell wie mit einem Rapportbuch herbeikam, »könnt Ihr mir sagen, ob, was Ihr traft, von der Species ursus horribilis war mit Ohren – gerundet, Stirn – gewölbt, Augen – des merkwürdigen ergänzenden Lieds entbehrend, Zähnen – sechs Schneidezähne (einer falsch) und vier vollkommenen Backenzähnen«. »Streifschütz, fahr fort,« unterbrach Ismael; »Ihr glaubt, wir werden von den Räubern mehr sehen.« »Ja, ja, – ich nenn' sie nicht Räuber, denn es ist so Gebrauch ihres Volks; es ist, was man Steppen-Gesetz nennen mag.« »Ich bin fünf hundert Meilen gekommen, um eine Stätte zu finden, wo Niemand die Worte des Gesetzes in mein Ohr raunen könnte,« sagte Ismael stolz, »und bin gar nicht geneigt, ruhig vor den Schranken zu stehen, wo eine Rothhaut Richter ist. Ich sag' Euch, Streifschütz, seh' ich wieder einen Sioux um mein Lager streichen, wo es auch sein mag, so soll er fühlen, welche Männer Kentucky hervorbringt; – dabei schlug er auf eine Art wider die Flinte, die man gar nicht mißverstehen konnte; – »mag er die Medaille von Washington selbst tragen, ich nenn' den einen Räuber, welcher nimmt, was nicht sein ist.« »Die Teton, die Pawnee, die Konza und ein Dutzend anderer Stämme, maßen sich diese nackten Felder als Eigenthum an.« »Die Natur straft sie, während sie es noch aussprechen, Lügen. Luft, Wasser und die Erde sind alles freie Geschenke für den Menschen, und Keiner hat die Macht, daraus Theile zu machen. Der Mensch muß trinken und athmen und gehen, und hat also Jeder ein Recht auf den vollkommenen Genuß der Erde. Warum beschreiben die Abzirkler der Staaten ihre Kreise, warum ziehen sie ihre Linien nicht auch über unsere Häupter, wie sie es zu unsern Füßen thun; warum besetzen sie ihre glänzenden Schafsgewänder nicht mit hohen Worten, und geben dem Landinhaber oder vielmehr dem Luftinhaber so viele Ruthen Himmel, mit dem und dem Stern zum Grenzzeichen, mit einer bestimmten Wolke, um seine Mühle zu treiben?« Als der Grenzwohner diesen wilden Vorschlag vorbrachte, lachte er höhnisch aus voller Brust. Diese spottende aber schreckliche Fröhlichkeit ging unter seinen kräftigen Söhnen von Mund zu Mund, bis sie den Umgang durch die ganze Familie gemacht. »Kommt, Streifschütz«, fuhr Ismael in einem fröhlicheren Tone, wie ein Mann, der fühlt, daß er triumphirt hat, fort; »keiner von uns beiden hat, denk ich, je viel mit Landverschreibungen, Gerichtsdienern und Stammbäumen zu thun gehabt; deßwegen wollen wir unsere Worte nicht mit Thorheiten verlieren; Ihr seid ein Mann, der lange Zeit in diesen Räumen zugebracht hat, und nun frage ich Euch um Eure Meinung, Aug' gegen Aug', ohne Furcht und Gunst, wäret Ihr an meiner Stelle, was würdet Ihr thun?« Der alte Mann zögerte, und schien die verlangte Antwort mit großem Widerstreben zu geben. Als aber jedes Auge sich auf ihn heftete, und ihm, er mochte sein Gesicht wenden, wohin er wollte, ein Blick begegnete, der auf die Züge seines eigenen widerstreitenden Antlitzes gerichtet war, antwortete er in einem dumpfen, traurigen Ton: »Ich sah zu viel Blut in leeren Streitigkeiten vergossen, um gerne nochmals das Geräusch des Kampfes zu hören. Zehn traurige Jahre hab' ich allein in diesen nackten Ebenen zugebracht, in Erwartung, daß meine Stunde kommen würde, und habe keinen Schlag gegen einen milderen Feind, als der graue Bär ist, gethan.« » Ursus horribilis ,« murmelte der Doctor. Der Streifschütz machte eine Pause, als er dieses Murmeln hörte; doch da er merkte, daß es nur eine Art Selbstgespräch war, fuhr er fort: »gegen einen milderen Feind als der graue Bär, oder der Panther der Felsgebirge; es müßte denn der Biber, der ein weises, verständiges Thier ist, eine Ausnahme machen. Was soll ich lange Rath geben? Selbst der weibliche Büffel kämpft für seine Jungen!« »Nie soll man also sagen, Ismael Busch habe weniger Liebt für seine Kinder, als der Bär für die seinigen.« »Aber doch ist dies nur ein nackter Ort für ein Dutzend Kämpfer gegen fünfhundert.« »Ja, so ist's,« erwiederte der Grenzwohner und warf einen funkelnden Blick gegen sein niederes Lager; »aber etwas können schon die Wagen und Wollbäume helfen.« Der Streifschütz schüttelte ungläubig den Kopf und deutete durch die hügelichte Ebene nach Westen zu, als er antwortete: »Eine Flinte würde eine Kugel von diesen Hügeln bis selbst in euer Schlafgemach senden; ja, Pfeile aus dem Dickicht hinter euch würden euch Alle vertreiben, wie Steppenhunde; es geht nicht, es geht nicht. Drei lange Meilen von diesem Ort ist eine Stelle, wo ich oft dachte, wenn ich durch die Wüsten ging, da könne man Tage, ja Wochen lang eine Stellung behaupten, wenn Herz und Hand gleich bereit wären zum blutigen Werk.« Ein zweites dumpfes, spöttisches Gelächter verbreitete sich unter den jungen Leuten und zeigte ziemlich deutlich, wie sehr sie bereit seien, selbst einer schwereren Aufgabe sich zu unterziehen. Der Grenzwohner selbst ergriff begierig den Wink, den er mit so vieler Mühe dem Streifschütz abgepreßt hatte, der aus ganz eigene Schlußart nothwendig zu der Ueberzeugung gekommen sein müßte, seine Pflicht sei, völlig neutral zu bleiben. Einige unmittelbare und treffende Fragen waren hinlänglich, die geringe, noch erforderliche, nähere Bestimmung des Orts zu erhalten, um die beabsichtigte Bewegung zu machen, und dann ging Ismael, der zu Zeiten der Noth eben so furchtbar entschlossen sich zeigte, als er sonst träge war, ohne Aufschub an die Ausführung des Werks. Aber ungeachtet des Eifers und der Geschicklichkeit Aller, die daran Theil nahmen, war doch die Arbeit sehr mühsam und beschwerlich. Die beladenen Wagen mußten sie mit eigner Hand eine große Strecke auf der Ebene ohne andere Führung und Leitung fortziehen, als die, welche der Streifschütz gab, indem er ihnen die Hauptpunkte der Gegend andeutete. Bei dieser Anstrengung ward der gigantischen Stärke der Männer das Aeußerste zugemuthet, und auch den Weibern und Kindern ein schwerer Theil der Arbeit zugemessen. Während die Söhne sich an die schwer beladenen Wagen vertheilten, und sie mit der Hand auf den nahen Hügel zogen, folgte ihre Mutter und Ellen, umgeben von der erstaunten Gruppe der Kleinen, langsam hinten nach, und erlagen fast unter dem Gewicht solcher Stücke, wie sie ihrer verschiedenen Stärke angemessen waren. Ismael selbst übersah und leitete das Ganze; gelegentlich, wenn ein Fuhrwerk säumte, kam seine kolossale Schulter zu Hülfe, bis er endlich die Hauptschwierigkeit, die Höhe ihres Wegs zu gewinnen, überwunden sah. Da bezeichnete er die Richtung, warnte seine Söhne, so vorzuschreiten, daß sie den Vortheil nicht wieder verlören, den sie mit so viel Mühe erlangt, gab dem Bruder seines Weibes einen Wink, und Beide kehrten zusammen in das leere Lager zurück. Während der ganzen Bewegung, die eine Stunde dauerte, hatte der Streifschütz, auf seine Flinte gelehnt, der alternde Hund zu seinen Füßen schlummernd, bei Seite gestanden, – ein stiller aber aufmerksamer Beobachter alles dessen, was vorging. Manchmal erhellte ein Lächeln seine rauhen, muskelhaften, aber vom Alter zerstörten Züge, wie ein Blick der Sonne nackte, zerfallene Ruinen trifft, und verrieth das Vergnügen, das er auf Augenblicke empfand, wenn er die ungeheure Kraft der Jünglinge gewahrte. Dann warf, wenn der Zug langsam die Anhöhe sich hinaufschleppte, ein trauriger, kummervoller Gedanke wieder Alles in tiefen Schatten und ließ dem Ausdruck seines Antlitzes seinen gewohnten, melancholischen Ernst. Als Fuhrwerk auf Fuhrwerk die Stelle des Lagers verließ, bemerkte er mit erhöhter Aufmerksamkeit die Veränderung, und unterließ selten, einen forschenden Blick nach dem kleinen vernachlässigten Zelt zu werfen, welches mit seinem dazu gehörigen Wagen, nach wie vorher, einsam und scheinbar vergessen blieb. Ismael's Aufforderung jedoch gegen seinen finstern Gefährten hatte, wie es jetzt scheinen wollte, diesen bisher von seiner Thätigkeit vernachlässigten Theil zum Gegenstand. Erst einen vorsichtigen und fast verdachtvollen Blick nach allen Seiten werfend, näherte der Grenzwohner und sein Gefährte sich dem kleinen Wagen und brachten ihn ganz auf dieselbe Art wieder unter das Tuch, wie sie ihn den vorhergegangenen Abend herausgebracht hatten. Sie verschwanden dann Beide hinter der Decke, und viele Minuten voll Erwartung gingen vorüber, während welchen der alte Mann, von brennendem Verlangen getrieben, die Ursache dieses geheimnißvollen Betragens zu erfahren, sich unmerklich dem Orte näherte, bis er wenige Schritte von der verbotenen Stelle stand. Die Bewegung des Tuchs verrieth die Art der Beschäftigung derer, welche es verbarg, obgleich ihre Arbeit mit der äußersten Stille vor sich ging. Lange Uebung schien Beide mit dem besondern Theil ihrer Arbeit vertraut gemacht zu haben; denn weder Zeichen noch Anweisung irgend einer Art war von Ismael's Seite nöthig, um seinem erfahrnen Gefährten die Weise anzudeuten, wie er verfahren müsse. In weniger Zeit, als die Erzählung davon wegnahm, ward der innere Theil der Vorkehrung vollendet, und die Männer erschienen außerhalb des Zeltes. Zu beschäftigt mit seiner Arbeit, um die Gegenwart des Streifschützen zu bemerken, begann Ismael, das Tuch am Boden loszumachen und es auf solche Art um das Fuhrwerk herumzuwinden, daß es eine luftige Decke für die neue Art von Zelt bildete, das jetzt daraus entstanden war. Die gewölbte Spitze zitterte bei den gelegentlichen Bewegungen des kleinen Wagens, welcher, wie man nun deutlich merkte, seine geheimnißvolle Last wieder aufgenommen hatte. Gerade als die Arbeit vollbracht war, fiel das finstere Auge von Ismael's Begleiter auf den aufmerksamen Beobachter aller ihrer Bewegungen. Er ließ die Deichsel wieder fallen, die er schon vom Boden aufgehoben hatte, um die Stelle einzunehmen, die sonst von einem weniger vernünftigen, aber auch weniger gefährlichen Wesen ausgefüllt ward, und rief wild: »Ich will ein Narr sein, wie Ihr oft sagt! Aber seht euch vor: wenn dieser Mann nicht unser Feind ist, will ich Vater und Mutter entehren, mich einen Indianer nennen und mit den Sioux jagen!« Die Wolke, wenn sie schnellen Blitz senden will, ist nicht dunkler und drohender, als der Blick, womit jetzt Ismael den Zudringlichen begrüßte. Er warf sein Auge um sich, als suche er ein hinlänglich schreckliches Werkzeug, um den strafbaren Streifschützen mit einem Streich zu vernichten; dann, vielleicht sich erinnernd, er könne seines Raths ferner bedürfen, bezwang er sich und sagte mit einer Mäßigung, die ihn fast erstickte: »Fremder, ich dachte, solches Einschleichen in die Geheimnisse Anderer sei nur Sache der Weiber in den Städten und Ansiedelungen, nicht die Art, wie Männer, die gewohnt sind, an Orten zu leben, wo Jeder für sich Raum genug hat, mit den Geheimnissen ihrer Nachbarn umgehn. Welchem Gesetzmann oder Sherif seid Ihr gesonnen, Eure Entdeckungen zu verkaufen?« »Ich habe nur wenig mit Richtern zu thun, Einen ausgenommen, und mit dem sprech' ich von meinen Angelegenheiten,« erwiederte der alte Mann ohne die geringste merkbare Furcht und deutete feierlich nach oben. »Ein Richter – und Ein Richter über Alles. Der braucht meine Nachricht wenig; wenig wird Euch Euer Verlangen helfen, Etwas, selbst in dieser Wüste, vor ihm geheim zu halten.« Die erzürnten Gemüther seiner unbändigen Zuhörer wurden durch diese einfache, feierliche Art des Streifschützen besänftigt. Ismael stand finster und gedankenvoll, während sein Begleiter einen verstohlnen, unwillkührlichen Blick nach dem Himmel warf, der sich so weit und heiter über ihren Häuptern wölbte, als erwarte er, des Allmächtigen Auge selbst aus der Himmelsdecke hervorstrahlen zu sehen. Aber Eindrücke ernsthafter Art dauern selten bei Gemüthern, die sich lange hingegeben leichtsinniger Vergessenheit. So währte auch das Zögern des Grenzwohners nur kurze Zeit. Aber die Sprache sowohl, als das feste, gesammelte Betragen des Sprechenden trug doch viel dazu bei, für die Folge Mißhandlung und Gewaltthätigkeit abzuwenden. »Es würde weit mehr Treue eines Freundes und Gefährten gezeigt haben,« erwiederte Ismael in hinlänglich finsterm Ton, um seinen Unwillen zu verrathen, obwohl er nicht mehr drohend war, »hätte Eure Schulter sich an das Rad eines jener Wagen gestemmt, statt daß sie sich hier hereinschleicht, wo Niemand nöthig ist, als wer gerufen wird.« »Ich kann die geringe, mir übrig gebliebene Kraft eben so gut an diesem, als an einem andern von Euren Wagen anwenden.« »Haltet Ihr uns für Knaben!« rief Ismael, und lachte halb im Grimm, halb aus Verachtung, während er zugleich seine mächtige Kraft an dem kleinen Wagen versuchte, der über das Gras, wie es schien, ganz so leicht hinrollte, als ob er von seinem gewöhnlichen Gespann gezogen würde. Der Streifschütz stand und folgte mit dem Auge dem abgehenden Wagen, voll Verwunderung über seinen verborgenen Inhalt, bis auch er den Gipfel der Anhöhe erreicht hatte, und nun ebenfalls hinter der Unebene des Landes verschwand. Dann wandte er sich und staunte über die Verlassenheit der Gegend um ihn. Der Mangel jeder menschlichen Gestalt würde kaum eine Empfindung in dem Busen eines Mannes erregt haben, der seit so langer Zeit an Einsamkeit gewöhnt war, hätte nicht die Stelle des verlassenen Lagers so starke Rückerinnerungen an die, welche es eben noch eingenommen, und an ihre Verwüstungen, wie der alte Mann bald entdeckte, dargeboten. Er warf das Auge mit einem bedenklichen Kopfschütteln aufwärts nach dem leeren Raum am Himmel, der kurz vorher noch von den Aesten der Bäume bedeckt worden war, welche, jetzt ihrer Grüne beraubt, werthlose verworfene Stämme, zu seinen Fußen lagen. »Ach!« murmelte er bei sich, »ich hätt' es mir denken können! Oft hab' ich dasselbe vorher gesehen, und doch bracht' ich sie selbst an den Ort, und habe sie jetzt wieder an eine ähnliche Stelle gewiesen, manche lange Meile von hier, wo ich stehe. So ist des Menschen Wunsch, dies ist sein Stolz, seine Verwüstung, seine Sündigkeit. Er zähmt die Thiers des Feldes, seine eiteln Bedürfnisse zu nähren, und hat er das Vieh seiner natürlichen Bedürfnisse beraubt, lehrt er es, die Erde ihrer Bäume zu entblößen, um seinen Hunger zu stillen.« Ein Geräusch in dem niedern Gebüsch, das noch in einiger Entfernung längs des Gehölzes wuchs, woran sich Ismael's Lager gelehnt hatte, traf jetzt sein Ohr und machte dem Selbstgespräch ein Ende. Die Gewöhnung so vieler ihm in der Wildniß vorübergegangenen Jahre machte, daß der Greis seine Flinte richtete, und – zwar mit einer Leichtigkeit und Schnelle, die an seine Jugend erinnerte; aber plötzlich besann er sich, nahm die Waffe lässig in den Arm, und seine frühere trauernde Beschauung trat wieder ein: »Komm hervor, hervor!« sagte er laut, »Vogel oder Vieh, bist sicher vor diesen alten Händen; ich hab' gegessen und getrunken; warum sollt' ich ein Leben nehmen, wenn mein Bedürfniß ein solches Opfer nicht erheischt. Nicht lange wird's währen, und die Vögel werden picken nach den Augen, die nicht mehr sehen, und werden sitzen auf diesen Gebeinen; denn ist alles dies nur gemacht, um zu vergehen, warum sollt' ich erwarten, immer zu leben? Komm hervor, hervor; bist sicher vor Leid, schwach sind diese Hände.« »Dank Euch für Eure guten Worte, alter Streifschütz,« rief Paul Hover und sprang schnell aus seinem Versteck hervor. »Ihr stelltet Euch so, als Ihr das Gewehr vorhieltet, wie ich's gar nicht liebte; denn es schien, als wolltet Ihr sagen, Ihr wäret Herr über alle Bewegungen.« »Recht, recht,« rief der Streifschütz, und lächelte mit innerem Selbstbehagen bei der Rückerinnerung an seine frühere Geschicklichkeit. »Es gab eine Zeit, wo wenige besser als ich die Tugenden einer langen Flinte kannten, wie ich sie hier führe, so alt und nutzlos ich auch jetzt scheine. Ganz recht, junger Mann, und es gab eine Zeit, wo es gefährlich gewesen, ein Blatt, so daß ich's hören konnte, zu bewegen, oder –« hier dämpfte er die Stimme und ward ernst – »für einen rothen Mingo, aus seinem Versteck einen Augapfel zu zeigen; Ihr habt von den rothen Mingo's gehört?« »Von Mink's hörte ich,« sagte Paul, zog den Alten in das Gehölz, während er sprach, und warf schnelle, unruhige Blicke hinter sich, um sich zu überzeugen, daß er nicht beobachtet werde. »Von Euren gewöhnlichen schwarzen Mink's, aber von keinen, von einer andern Farbe.« »Ei, ei,« fuhr der Streifschütz fort, schüttelte den Kopf, und lachte auf seine tiefe, aber ruhige Art, »der Bursche nimmt ein Thier für einen Menschen, obgleich ein Mingo wenig besser ist als ein Thier, ja schlechter, wenn Rum und Gelegenheit da ist. Da war der verdammte Hurone an den obern See'n, den ich herunterbrachte von seinem Nest, zwischen den Felsen, in den Hügeln, hinter dem Hori –« Seine Stimme verlor sich im Gebüsch, in das er sich von Paul ziehen ließ, während er sprach, zu beschäftigt mit Gedanken, die auf Begebenheiten sich bezogen, welche vor einem halben Jahrhundert in der Geschichte des Landes vorgefallen waren, um den geringsten Widerstand zu leisten. Achtes Kapitel. »Nun sind sie an einander. Ich muß doch seh'n. Der verstellte, verhaßte Schurke, Diomed, hat denselben thörichten, vernarrten, dummen kleinen Schelm zum Führer.« Troilus und Cressida.   Um den Faden der Erzählung nicht zu einer Länge auszuspinnen, die den Leser ermüden könnte, müssen wir uns denken, zwischen dem Auftritt, womit das vorige Kapitel schloß, und den Begebenheiten, mit denen wir in diesem unsere Erzählung wieder aufzunehmen gedenken, sei eine Woche verflossen. Die Jahreszeit begann ihren Charakter zu ändern; die Grüne des Sommers machte schneller dem braunen und bunt gefärbten Gewand der Dürre Platz; die Himmel waren in treibende Wolken gekleidet, welche, in ungeheure Massen über einander gethürmt, mächtig im Sturm sich umhertrieben, und manchmal sich öffneten, um auf kurze Zeit Blicke nach der hohen, glorreichen Wölbung der Himmel zu gestatten, die in zu großer, dauernder Pracht thronen, als daß sie von den wandelvollen Bestrebungen der niederen Welt getrübt werden könnten. Unter ihnen rauschte der Wind durch die wilden, nackten Steppen mit einer Macht, die sich selten in andern, weniger offenen Theilen des Continents findet. Ein für Mythen empfänglicheres Jahrhundert hatte sich leicht einbilden mögen, der Gott der Winde habe seinen Unterworfenen vergönnt, aus der Höhle herauszudringen, und diese stürmten jetzt in voller Freiheit über die Wüsten, wo kein Baum, kein Menschenwerk, kein Berg, kein anderes Hinderniß sich ihren Spielen entgegensetzte. Konnte man auch Nacktheit, wie gewöhnlich, als den durchgängigen Charakter der Stelle angeben, wohin wir jetzt den Schauplatz der Erzählung verlegen müssen, so war sie doch nicht gänzlich ohne alle Spur von menschlichen Bewohnern. Zwischen den einförmigen Erhöhungen der Steppe erhob sich ein einzelner nackter, zackiger Felsen an dem Rande eines kleinen Wassers, das, nachdem es sich eine bedeutende Strecke weit durch die Ebenen gewunden, seinen Lauf in einen der zahlreichen, tributbaren Bäche des Vaters der Ströme fand. Nahe dem Fuße dieses Felsens fand sich eine Niederung, welche von einem Dickichte, von Erlen und Sumach eingefaßt, noch die Spuren trug, daß sie einst ein niederes Gehölz genährt. Die Baume selbst aber waren auf die Spitzen und Zacken der nahen Felsen gebracht worden. Auf dieser geringen Erhöhung fanden sich die Spuren von Menschen, worauf wir eben angespielt haben. Von Unten gesehen stellten sie nur ein Brustwerk von Balken und Steinen dar, die so mit einander verbunden waren, daß man sah, man hatte sich aller unnöthigen Arbeit überhoben; dann gewahrte man einige niedrige Dächer, aus Rinde und Aesten; Verhaue, die eben so, wie die Vertheidigungswerke auf dem Gipfel beschaffen waren, und sich an solchen Stellen fanden, wo der Zugang zu der Anhöhe leichter schien, und eine Wohnung von Tuch, welche auf der Spitze einer kleinen Pyramide stand, die sich an einem Winkel des Felsen erhob; ihre weiße Decke schimmerte in der Entfernung, wie ein Schneefleck, oder – um die Vergleichung den Umgebungen mehr anzupassen – wie eine makellose, sorgfältig bewachte Fahne, die von dem theuersten Blut derer, welche die Citadelle unten vertheidigten, geschützt werden sollte. Es ist kaum nöthig noch hinzuzufügen, daß diese rohe, charakteristische Feste der Ort war, wohin sich Ismael Busch, nachdem ihm sein Vieh und seine Heerde geraubt worden, zurückgezogen hatte. An dem Tag, zu welchem die Erzählung hinaufgerückt worden ist, sah man den Grenzwohner an dem Fuße eben dieser Felsen stehen, auf seine Flinte gelehnt, und den unfruchtbaren Boden, der ihn trug, mit einem Blick betrachtend, worin sich Verachtung und Unwille mischten. »Wir müssen jetzt unsere Natur ändern,« bemerkte er zum Bruder seines Weibes, der selten weit von seiner Seite war; »und Wiederkäuer werden, statt daß wir vorher als Christen und freie Leute zu leben gewohnt waren. Ich denke, Abiram, Ihr könntet schon ein Leben unter den Grasspringern mitmachen; Ihr seid ein behender Mann, und thätet's wohl den schnellsten Seglern zuvor.« »Das Land hier können wir nicht brauchen« erwiederte der Andere, der nur wenig die erzwungenen Scherze seines Verwandten erwiederte; »und man muß bedenken, daß ein träger Wanderer eine lange Reise hat.« »Soll ich einen Karren durch diese Wüsten Wochen, ja Monate lang hinter mir nachziehen!« entgegnete Ismael, der, wie Leute seiner Art, mit unglaublicher Anstrengung in Augenblicken der Noth arbeiten konnte, aber zu selten anhaltend sich zu mühen vermochte, um einen Vorschlag anzunehmen, welcher so wenig Ruhe versprach. »Das könnt Ihr wohl, die Ihr in Ansiedelungen wohnt, Ihr mögt nach Hause eilen; aber dem Himmel sei Dank, mein Pachthof ist zu groß, als daß ihm eine Ruhestätte fehlen könnte.« »Wenn Euch die Pflanzung also gefällt, so braucht Ihr ja nur die Ernte heimzubringen!« »Das ist leichter gesagt als gethan in diesem Winkel des Landes. Ich sage Euch, Abiram, wir müssen noch aus mehr als einer Ursache vorwärts dringen. Du weißt, ich bin ein Mann, der selten einen Handel eingeht, aber der immer seine Verpflichtungen besser erfüllt, als Ihr Spieler mit wortreichen Contracten auf Papierlumpen. Wenn Eine Meile, so sind noch hundert Meilen nöthig, um den Raum zurückzulegen, worauf du mein Wort hast.« Als er sprach, warf der Grenzwohner das Auge aufwärts nach dem kleinen Zelt, das die Spitze seiner zackigen Feste krönte. Der Blick ward von dem andern verstanden und erwiedert, und diente, gleichsam durch einen geheimen Einfluß, der entweder auf ihre Interessen oder Gefühle wirkte, dazu, die Einigkeit zwischen ihnen wieder herzustellen, die eben erst wie durch einen augenblicklichen Bruch bedroht gewesen schien. »Ich weiß es, und fühl' es im Innersten. Aber ich erinnere mich zu wohl der Ursache, warum ich diesen bösen Zug unternommen habe, um die Entfernung zwischen mir und seinem Ende zu vergessen. Weder mir noch Euch wird, was wir gethan, helfen, wenn wir nicht ganz vollenden, was wir so wohl begonnen haben. Ja, so lehrt alle Welt, denk' ich; ich hörte einen herumziehenden Prediger, der diese Lehre am Ohio vortrug, vor einiger Zeit sagen, wenn ein Mensch im Glauben lebte hundert Jahre, und dann für einen einzigen Tag abfiele, so würde die Rechnung nach dem letzten Schlag, womit er sein Tagewerk geendet, abgeschlossen, alles Böse und nichts von dem Guten ihm endlich angerechnet werden.« »Und Ihr glaubtet, was der hungrige Heuchler predigte!« »Wer sagte, daß ich's geglaubt hatte!« entgegnete Abiram mit einem wilden Blick, der verrieth, mit welcher Furcht er oft über einem Gegenstand gebrütet, den er zu verachten sich die Miene gab. »Heißt das Glauben, wenn man erzählt, was ein Schelm – und doch, Ismael, mochte der Mann bei allem dem ehrlich gewesen sein! Er sagte uns, die Welt wäre in Wahrheit nicht besser als eine Wüste; und nur Eine Hand könnte den Gelehrtesten durch all ihre Windungen von Gut und Bös durch geleiten. Nun, ist dies wahr von der ganzen Welt, so möchte es auch wahr von einem Theil sein.« »Abiram, heraus mit Eurer Noth, wie ein Mann;« unterbrach der Grenzwohner mit einem rauhen höhnischen Lachen; »Ihr fühlt das Bedürfniß zu beten; aber wozu würde es Euch nützen, nach Eurer eignen Lehre, fünf Minuten Gott, und eine Stunde dem Satan zu dienen. Hört, Freund, ich bin kein großer Oekonom, aber das hab' ich durch eigenen Schaden gelernt, um eine recht gute Ernte zu erhalten, selbst auf dem reichsten Land, dazu gehört viele Arbeit; und Eure Näseler So wurden die presbyterianischen Prediger von ihrer Aussprache durch die Nase, die sie für sehr erbauend hielten, oft genannt. vergleichen oft die Erde mit einem, Waizenfeld, und die Menschen, die darauf wohnen, mit der Frucht des Feldes, Nun sag' ich Euch, Abiram, Ihr seid nicht besser als eine Distel oder Unkraut, ja Ihr seid selbst zu lockeres Holz, um selbst zum Brennen gut zu sein.« Der zornige Blick, welcher aus Abiram's wildem Auge schoß, zeugte von seinen hitzigen Leidenschaften, aber da dieser plötzliche Ausbruch fast alsbald sich beruhigte vor dem unbewegten, festen Blick des Grenzwohners, so verrieth er auch, wie sehr der kühnere Geist des letzteren über jene schwache Natur herrschte. Zufrieden mit der Gewalt, die er über ihn hatte, und welche zu sehr in die Augen fallend, zu oft bei ähnlichen Gelegenheiten ausgeübt worden war, um ihn in Zweifel über ihre Ausdehnung zu lassen, fuhr Ismael ruhig in seiner Unterredung fort, und näherte sich mehr seinem Zwecke. »Ihr werdet zugeben, daß es gerecht ist, jeden mit seiner Münze zu bezahlen,« sagte er; »man hat mir meine Heerde geraubt, und ich habe einen Plan, es wieder gut zu machen, und Huf für Huf zurückzunehmen. Wenn aber Jemand sich der Mühe unterzieht, auf beiden Seiten den Handel zu betreiben, so ist er ein Thor, wenn er nicht etwas für sich als Zwischenhändler noch außerdem mitnimmt.« Da der Grenzwohner dies in einem lauten, entschiedenen Tone erklärte, der noch starker ward durch seine damalige Erregung, so kamen vier oder fünf seiner müßigen Söhne, die sich an den Fuß des Felsen hingestreckt hatten, mit den, der ganzen Familie so eignen, schläfrigen Schritten vorwärts. »Ich habe Ellen Wade, die auf dem Felsen Wache steht, zugerufen, ob etwas zu sehen ist,« bemerkte der älteste der jungen Leute, »und sie schüttelt den Kopf statt der Antwort. Ellen ist für ein Weib mit ihren Worten sehr, sparsam, und könnte ein wenig Sitte annehmen, ohne deßwegen minder schön zu sein.« Ismael warf sein Auge nach der Stelle, wo das angeklagte, aber von allem nichts wissende Mädchen seine ängstliche Wache hielt. Sie saß auf der Spitze des höchsten Zackens, neben dem kleinen Zelt, und wenigstens hundert Fuß über der Ebene. Wenig mehr konnte man bei dieser Höhe bemerken, als den Umriß ihrer Gestalt, ihr schönes Haar, das im Wind um ihre Schultern floß, und den festen, wie es schien, unbeweglichen Blick, den sie auf einen entfernten Punct der Steppe richtete. »Was gibt's Nell?« rief Ismael, und steigerte seine mächtige Stimme über das Rauschen des Oceans. »Habt Ihr etwas größeres erblickt, als einen von den grabenden Brummern?« Die Lippen der aufmerksamen Ellen öffneten sich, sie erhob ihre zarte Gestalt, und schien noch den unbekannten Gegenstand zu betrachten, aber ihre Stimme, wenn sie überhaupt sprach, war nicht laut genug, um durch das Rauschen des Windes gehört zu werden. »Es ist gewiß, das Kind sieht etwas mehr als einen Büffel oder einen Steppenhund,« fuhr Ismael fort, »nun, Nell, Mädchen, bist du taub? Nell, hörst du? – Ich hoffe, es ist ein Heer von Rothhäuten, was sie im Auge hat. Ich würde sehr den Zufall segnen, sie für ihre Güte von diesen Balken und Felsen begünstigt, zu bezahlen!« Da der Grenzwohner seinen Wunsch mit den gehörigen Mienen begleitete, und sein Auge auf den Kreis seiner gleichgesinnten Söhne warf, während er sprach, so hatte er ihre Blicke von Ellen auf sich gezogen; aber jetzt, als sie zusammen wieder hinsahen, um die folgenden Bewegungen ihrer weiblichen Schildwache zu beobachten, war die Stelle, die eben noch ihre Gestalt eingenommen, leer. »So gewiß ich ein Sünder bin,« rief Asa, sonst einer der trägsten von den Jünglingen, in einem sehr ängstlichen Tone; »das Mädchen ist vom Wind herunter geweht worden!« Etwas wie Bestürzung verbreitete sich unter ihnen, woraus man sehen konnte, daß der Einfluß der lachenden blauen Augen, des Flachshaares und der blühenden Wangen nicht ganz bei den trägen Naturen der jungen Leute verloren gegangen, und stumpfes Staunen, mit Betrübniß leicht gemischt, verbreitete sich unter ihnen, als in stiller Verwunderung sie nach der Spitze der nackten Felsen sahen. »Es könnte leicht sein,« fügte ein Anderer hinzu, »sie saß auf einem losen Stein; ich wollte es ihr schon vor einer Stunde sagen, wie gefährlich es sei.« »Ist das nicht ein Band von dem Kind, das an der Ecke des Hügels unten flattert,« rief Ismael; »ah, wer biegt sich um's Zelt; hab' ich' s nicht gesagt– –« »Ellen! Es ist Ellen!« unterbrach ihn der ganze Trupp seiner Söhne zugleich, und in diesem Augenblick erschien sie selbst, ihren verschiedenen Vermuthungen ein Ende zu machen, und mehr als eine der trägen Naturen von ihrer ungewohnten Angst zu befreien. Wie Ellen aus der Decke des Zeltes hervorkam, eilte sie alsbald leichten, furchtlosen Schritts auf ihren früheren luftigen Stand und deutete nach der Steppe; sie schien mit eifriger, schneller Stimme mit einem unsichtbaren Zuhörer zu sprechen. »Nell ist toll,« sagte Asa, halb in Unwillen und doch nicht wenig in Besorgniß. »Das Mädchen träumt mit offenen Augen und denkt, sie sähe eins von den wilden Dingen, mit schweren Namen, womit ihr der Doctor die Ohren vollschwätzt.« »Vielleicht hat das Kind etwas von den Sioux gesehen,« sagte Ismael und richtete den Blick nach der Ebene; aber ein leises, bedeutendes Flüstern von Abiram richtete schnell seine Augen wieder aufwärts, wo sie sich eben zu rechter Zeit hinwandten, um zu bemerken, daß das Tuch des Zeltes offenbar von etwas ganz anderem bewegt würde, als von dem Wind. »Laßt sie, wenn sie's wagt,« murmelte der Grenzwohner zwischen den Zähnen; »Abiram, sie kennen meinen Willen zu wohl, um mit mir zu spielen.« »Seht selbst; wenn das Tuch nicht aufgehoben ist, so kann ich nicht besser sehen, als eine Eule bei Tage.« Ismael stieß den Kolben seiner Flinte heftig auf den Boden und rief so laut, daß es Ellen leicht hätte hören können, wäre nicht ihre Aufmerksamkeit immer noch auf den Gegenstand gefesselt gewesen, der so unbegreiflich ihre Augen in die Entfernung zog. »Nell,« fuhr der Grenzwohner fort, »weg mit dir, Thörin, willst du dir Schaden zuziehen? Ei, Nell! – Sie hat ihre Muttersprache vergessen; wollen sehen, ob sie eine andere Sprache versteht.« Ismael nahm das Gewehr an die Schulter und im nächsten Augenblick war es nach oben nach der Spitze des Felsen gerichtet. Ehe man nur die geringste Vorstellung hätte machen können, hatte es sich mit der dabei gewöhnlichen glänzenden Flamme seines Inhalts entladen. Ellen erbebte wie die erschreckte Gemse, stieß einen durchdringenden Schrei aus und eilte in's Zelt mit einer Schnelligkeit, die ungewiß ließ, ob Schrecken oder wirkliche Verletzung die Strafe ihres geringen Versehens gewesen. Die That des Grenzwohners war zu schnell und unerwartet, um eine Verhütung zu erlauben, aber in dem Augenblick, wo sie geschah, zeigten seine Söhne auf gar nicht zweideutige Art, wie sie diesen verzweifelten Entschluß beurtheilten. Zornige, wilde Blicke wurden gewechselt und mißbilligendes Murren hörte man bei allen. »Was hat Ellen gethan, Vater,« sagte Asa mit einer Art Witz, der um so mehr auffiel, je seltener er bei ihm war, »daß Ihr sie schießt, wie ein flüchtiges Reh oder einen hungrigen Wolf!« »Unrecht;« erwiederte der Grenzbewohner mit Ruhe, aber mit kalter Herausforderung im Auge, welches verrieth, wie wenig er von dem übelverhehlten Unwillen seiner Kinder gerührt würde. »Unrecht, Junge; Unrecht! Gebt Acht, daß die Unordnung nicht weiter geht.« »Es würde ein anderes Verfahren bei einem Manne nöthig sein, als bei jenem weinenden Mädchen.« »Asa, Ihr seid ein Mann, wie Ihr Euch oft gerühmt, aber bedenkt, daß ich Euer Vater bin, und Euer Herr.« »Das weiß ich nur zu wohl; und was für ein Vater!« »Hör', Junge, ich glaube fast, du schläfriger Bursche ließest die Sioux ein. Sei bescheiden in deiner Rede, mein wachsamer Sohn, oder du dürftest noch das Unheil verantworten müssen, das dein Verhalten über uns gebracht.« »Ich bleib nicht länger, will nicht ferner wie ein Kind im Unterröckchen gemeistert sein. Ihr sprecht vom Gesetz als kenntet Ihr keins, und doch haltet Ihr mich nieder, als hätt' ich nicht für mein Leben, meine Bedürfnisse zu sorgen. Ich bleib nicht länger, will mich nicht mehr wie Euer geringstes Vieh behandeln lassen.« »Die Welt ist groß, mein wackerer Sohn, und manche herrliche Pflanzung ist darin, ohne einen Eigenthümer. Geht, Ihr habt Ansprüche auf Ländereien, gesiegelt und gezeichnet, genug in der Hand. Wenige Väter versorgen ihre Kinder besser als Ismael Busch, das werdet Ihr wenigstens von mir sagen, wenn Eure Reise zu Ende geht.« »Sieh', Vater, sieh'!« riefen mehrere Stimmen auf einmal, als ergriffen sie mit Freuden eine Gelegenheit, um den Wortwechsel zu unterbrechen, der noch heftiger zu werden drohte. »Sieh',« wiederholte Abiram, mit einer Stimme, die dumpf und warnend klang; »wenn Ihr etwa vor Zanken zu etwas anderm Zeit habt, Ismael!« Der Grenzwohner wandte sich langsam von seinem strafbaren Sohne weg und warf in die Höhe ein Auge, das immer noch von heftigem Zorn umdüstert wurde, das aber, sobald es den Gegenstand gewahrte, der jetzt Aller Aufmerksamkeit auf sich zog, den Ausdruck des Erstaunens und Entsetzens annahm. Ein Weib stand auf der Stelle, von der Ellen auf so furchtbare Art vertrieben worden, ihr Wuchs war von so geringer Höhe, wie sie nur noch mit Schönheit bestehen kann, und wie Dichter und Künstler sie zum Ideal weiblicher Liebenswürdigkeit wählen. Ihre Kleidung bestand aus dunkeler, glänzender Seide, und floß wie ein Nebelgewand um ihre Gestalt. Lange, herabwallende Locken, noch schwärzer und glänzender als ihr Kleid, fielen zu Zeiten um ihre Schultern, und hüllten bald ihren ganzen zarten Bau in ihre Ringel, bald schwammen sie lang und fluchend im Wind. Die Höhe, auf der sie stand, verhinderte eine genaue Untersuchung der Züge ihres Antlitzes, welches jedoch, so viel konnte man sehen, jugendlich, ausdrucksvoll und im Augenblick ihres unerwarteten Erscheinens sehr bewegt war. So jung in der That erschien dies schöne, schmächtige Wesen, daß man hätte zweifeln mögen, ob das Alter der Kindheit ihr schon gänzlich vorübergegangen. Eine kleine, fein gebildete Hand drückte sich an ihr Herz, während sie mit der andern eine ausdrucksvolle Bewegung machte, welche Ismael zu bedeuten schien, wenn er auf fernere Gewaltthat sinne, solle er sie gegen ihren Busen richten. Das schweigende Staunen, womit die Gruppe der Grenzwohner zu einem so außerordentlichen Schauspiel hinaufblickte, ward nur unterbrochen, als Ellens Gestalt mit sichtbarer Furchtsamkeit aus dem Zelt hervorkam; in Angst für sich und ihre Gefährtin, war sie ungewiß, solle sie sich verbergen oder vorwärts schreiten. Sie sprach, aber ihre Worte wurden nicht gehört von denen unten, und nicht beachtet von der, an welche sie sie richtete. Doch zog sich die letztere, gleichsam zufrieden, sich Ismael's Wuth zum Opfer angeboten zu haben, jetzt ruhig zurück und die Stelle, die sie eben noch eingenommen, ward leer, ließ aber eine Art dumpfen Eindrucks auf die Schauenden zurück, der dem nicht unähnlich war, welcher eine übernatürliche Erscheinung auf sie hervorgebracht haben würde. Ein Augenblick tiefen Schweigens folgte; die Söhne Ismael's staunten immer noch nach dem nackten Felsen in dumpfer Verwunderung. Dann als ein Auge dem andern begegnete, erfuhren sie wenigstens so viel von einander, daß die Erscheinung der außerordentlichen Bewohnerin des Zeltes Allen eben so unerwartet als unbegreiflich war. Endlich nahm Asa, in Folge seiner Jahre, und von dem noch sich regenden Aerger vom vorigen Zank getrieben, das Fragen auf sich. Anstatt jedoch den Vater zu reizen, dessen wilden Charakter, wenn aufgebracht, er zu oft kennen gelernt hatte, um ihn zu versuchen, wandte er sich mit einem verächtlichen Blick zu dem schwächern Abiram: »Das ist also das Thier, das Ihr als eine Lockspeise in die Steppen brachtet. Ich hielt Euch immer für einen Mann, der selten die Wahrheit bemüht, wenn etwas Schlechteres genügt, aber ich hätte nie gedacht, daß Ihr Euch selbst so übertreffen würdet. Die Zeitungen von Kentucky nannten Euch wohl hundertmal einen Händler mit schwarzem Fleisch, aber gewiß vermutheten sie nicht so leicht, daß Ihr Euren Handel bis in die weißen Familien ausdehnen würdet. »Wer ist ein Seelenverkäufer?« fragte Abiram und that beleidigt. »Soll ich jede Lüge verantworten, die sie im Druck durch die Staaten verbreiten. Seht, Eure eigene Familie, seht, Ihr selbst, Knabe. Die Pfähle von Kentucky und Tennessee selbst schreien gegen Euch. Ei, mein gesprächiger Herr, ich sah Vater und Mutter und Euch selbst auf allen Stämmen und Pfählen in den Ansiedelungen stehen, mit Dollar genug zur Belohnung, um einen ehrlichen Mann reich zu machen, denn – –« Er ward durch einen heftigen Schlag mit der verkehrten Hand auf den Mund unterbrochen, so daß er wankte und die Stärke der Mißhandlung in dem fließenden Blut und den schwellenden Lippen sichtbar wurde. »Asa,« sagte der Vater und schritt mit der Würde, womit die Hand der Natur die Väter begabt zu haben scheint, vorwärts, »Ihr habt den Bruder Eurer Mutter geschlagen!« »Ich habe den Beschimpfer unserer ganzen Familie gezüchtigt,« entgegnete der zornige Jüngling, »und wenn er seine Zunge keine bessere Sprache lehrt, thäte er klüger, sie ganz, als ein Glied, das ihn ärgert, zu entbehren. Ich weiß nicht besonders mit dem Messer umzugehen, aber bei Gelegenheit könnte ich doch wohl mit einem Verleumder fertig werden.« »Junge, zweimal hast du dich heute vergessen; gib Acht, daß es nicht zum dritten Mal geschieht. Wenn das Gesetz des Landes schwach ist, muß das Gesetz der Natur stark sein. Du verstehst mich, Asa, und kennst mich. Ihr Abiram, das Kind hat Euch Unrecht gethan, und es ist meine Schuldigkeit, Euch Recht zu schaffen; seid versichert, Recht soll Euch werden; das ist genug. Ihr habt Schweres gegen mich und meine Familie gesagt; wenn die Hunde des Gesetzes ihre Blätter an die Bäume und Pfähle der Lichtungen geheftet, geschah es nicht wegen einer schändlichen Handlung, Ihr wißt es, sondern weil wir das Gesetz aufrecht erhalten, daß die Erde Allgemeingut ist. Nein, Abiram, könnte ich meine Hände so leicht von den Thaten rein waschen, die ich aus Euren Rath gethan, als von denen, wozu mich der T–l verführte, so würde mein Schlaf in der Nacht ruhiger sein, und keiner, der meinen Namen trägt, erröthen dürfen, wenn er ihn nennen hört. Stille, Asa, und auch Ihr, Mann, es ist genug. Laßt uns alle wohl überlegen, ehe wir ein Wort hinzufügen, welches, was jetzt schon so übel ist, noch ärger machen könnte.« Ismael bewegte mit Würde die Hand, als er endete und ging weg, versichert, daß die, zu denen er geredet, nicht wagen würden, seinen Befehlen zuwider zu handeln. Asa kämpfte offenbar um den geforderten Gehorsam von sich zu erlangen; aber seine lässige Natur sank still in ihre gewöhnliche Ruhe und bald erschien er wieder, das Wesen, das er wirklich war: – gefährlich nur auf Augenblicke, von zu trägen Leidenschaften, um sich lange auf dem Punct des Zorns halten zu können. Nicht so Abiram. So lange es schien, daß es zwischen ihm und seinem colossalen Neffen zum Kampf kommen würde, hatte in seinen Zügen die untrüglichen Zeichen wachsender Angst gelegen; aber jetzt, als das Ansehen und die Riesenkraft des Vaters sich zwischen ihn und seinen Angreifer gestellt, trat in seinem Antlitz an die Stelle der Blässe eine Bleifarbe, welche verrieth, wie tief die empfangene Beleidigung sein Innerstes ergriffen. Wie Asa jedoch beruhigte er sich mit der Entscheidung des Grenzwohners, und der Anschein wenigstens der Einigkeit ward unter einer Menschenrasse wieder hergestellt; die durch keine andere Bande vereinigt wurde, als das schwache Gewebe von Ansehen, womit es Ismael gelungen war, seine rastlosen Kinder zu umschlingen. Eine Folge des Zanks war die gewesen, daß dadurch die Gedanken der jungen Leute von ihrem Besuch abgezogen wurden. Mit dem Streit, der auf das Verschwinden der schönen Fremden folgte, schien auch alle Rückerinnerung an ihr Dasein sich verloren zu haben. Einige bedeutungsvolle, geheime Unterredungen freilich wurden bei Seite gehalten, und die Richtung der Augen der verschiedenen Erzähler verrieth den Gegenstand, aber diese drohenden Zeichen verschwanden bald, und man sah die ganze Gesellschaft wieder zerstreut in ihre gewöhnlichen, unthätigen, stillen, träumenden Gruppen. »Ich will auf den Felsen gehen, Jungen, und mich nach den Wilden umschauen,« sagte Ismael kurz darauf, und näherte sich ihnen mit einer Miene, die versöhnend und zugleich bestimmt sein sollte. »Ist nichts zu fürchten, so gehen wir aus in die Ebene; der Tag ist zu schön, um ihn mit Worten zu verlieren, wie Weiber in den Städten, die die Stunden bei ihrem Thee und Zuckerbrod verschwatzen.« Ohne Beifall oder Widerspruch zu erwarten, ging der Grenzwohner nach dem Fuß des Felsen, der eine Art Wand, nahe zwanzig Fuß hoch, um die ganze Anhöhe bildete. Doch richtete Ismael seine Schritte nach einem Punct, wo man durch eine enge Kluft aufwärts steigen konnte, welche er die Vorsicht gehabt hatte, mit einem Brustwerk von Wolle-Baumstämmen zu befestigen, die wieder von einer Art spanischer Reiter aus den Aesten desselben Baums vertheidigt wurden. Hier stand gewöhnlich ein Bewaffneter, als an dem Schlüssel der ganzen Position, und auch jetzt fand sich einer der jungen Leute, träg an den Felsen gelehnt, und bereit, den Paß zu vertheidigen, wenn es nöthig sein sollte, bis der ganze Haufen auf die verschiedenen Vertheidigungsposten vertheilt werden könnte. Von dieser Stelle aus fand der Grenzwohner das Aufsteigen noch schwierig, theils von Natur, theils durch die künstlichen Hindernisse, bis er eine Art Terrasse, oder, eigentlicher zu reden, die Ebene der Anhöhe erreichte, wo er die Hütten, in welchen die ganze Familie wohnte, aufgeschlagen hatte. Diese Wohnungen waren, wie schon erwähnt, von der Art, wie man sie so oft an den Grenzen sieht, und wie sie die Kindheit der Baukunst hervorbringt; – nur aus Stämmen, Rinde und Pfählen gebildet. Der Platz, worauf sie standen, betrug mehrere hundert Quadratfuß, und war hinlänglich über die Steppe erhaben, um alle Gefahr vor den Geschossen der Indianer sehr zu vermindern, wenn nicht gänzlich unmöglich zu machen. Hier glaubte Ismael, seine Kinder in ziemlicher Sicherheit unter dem Schutz ihrer beherzten Mutter lassen zu können, und hier fand er Esther mit ihren gewöhnlichen häuslichen Verrichtungen beschäftigt, von ihren Töchtern umringt, und ihre Stimme zum Predigtton erhebend, wenn ein oder das andere Glied ihrer faulen Nachkommenschaft sich ihr Mißfallen zuzog; – zu beschäftigt mit dem Sturm ihrer eigenen Beredsamkeit, um etwas von dem wilden Auftritt zu wissen, der unter der Menge unten stattgehabt. »Einen schönen, luftigen Ort hast du zum Lager gewählt, Ismael,« fing sie an, oder vielmehr fuhr sie fort, indem sie nur den Angriff von einem schluchzenden Mädchen von zehen, das an ihrem Ellenbogen saß, auf ihren Gemahl wandte; »bei meiner Ehre! Alle zehn Minuten muß ich die Kleinen nachzählen, um zu sehen, ob sie nicht mit den Geiern und Enten fortgeflogen sind. Warum treibt ihr euch alle so um den Felsen herum, wie faules kriechendes Ungeziefer im Frühling, während doch die Himmel sich mit Vögeln aller Art zu beleben anfangen, Mann! Meint Ihr, man könnte die Mäuler füllen, und den Hunger sättigen durch Trägheit und Schlaf?« »Ihr sollt alles haben, Esther,« sagte der Gemahl, und gebrauchte die Provinzialaussprache von Amerika bei ihrem Namen, zu gleicher Zeit seine lärmenden Gefährten mehr mit einem Blick zur Gewohnheit gewordener Duldung als der Liebe betrachtend. »Aber die Vögel sollt Ihr haben, wenn Eure eigene Zunge sie nicht verscheucht, und sie einen zu hohen Flug nehmen. Ja, Weib,« fuhr er fort, und stellte sich an dieselbe Stelle, von der er Ellen so grausam vertrieben, »und auch Büffel, wenn mein Aug das Thier auf eine Entfernung von einer spanischen Meile sehen kann.« »Kommt herab, herab, und handelt statt zu sprechen. Ein sprechender Mann ist nicht besser als ein bellender Hund; Nell soll ihr Tuch ausstellen, wenn einer von den Rothhäuten sich zeigt, um Euch Nachricht zu geben. Aber Ismael; was habt Ihr getroffen, Mann, denn vor einigen Augenblicken hört' ich Euere Flinte, oder ich müßte den Schall nicht mehr unterscheiden können.« »Pah, es war um den Geier zu schrecken, den Ihr da über dem Felsen kreisen seht.« »Geier, freilich, Ihr braucht noch nach Geiern und Adlern zu schießen, wenn Ihr achtzehn Mäuler zu ernähren habt. Seht auf die Biene und den Biber, guter Mann, und lernt Hausvater sein. Ei, Ismael! Ich glaub mein Seel,« fuhr sie fort, und warf den Hanf weg, den sie um den Rocken wand, »der Mann ist schon wieder im Zelt. Mehr als die Hälfte seiner Zeit opfert er diesem werthlosen, unnützen – –« Die plötzliche Wiedererscheinung ihres Gemahls schloß dem Weibe den Mund, und als er zur Stelle herabstieg, wo Esther ihre Beschäftigung wieder aufgenommen, begnügte sich diese, ihren Unwillen herzumurmeln, statt ihn in verständlicheren Worten auszudrücken. Das Gespräch, welches nun zwischen dem zärtlichen Paar stattfand, war ziemlich wortkarg, aber ausdrucksvoll. Das Weib war anfangs ein wenig kurz und trocken in ihren Antworten, aber die Sorgfalt für ihre Familie machte sie bald freundlicher. Da die Unterhaltung nur die Aufforderung betraf, den übrigen Theil des Tags zu jagen, um das zum Leben Notwendigste herbeizuschaffen, so wollen wir uns mit dem Bericht darüber nicht aufhalten. Mit diesem Entschluß nun stieg der Grenzwohner zur Ebene hinunter und theilte seine Mannschaft in zwei Theile; der eine sollte zur Bewachung der Feste zurückbleiben, der andere ihn in's Feld begleiten. Klüglich nahm er Asa und Abiram zu seiner Abtheilung, da er wohl wußte, daß kein Ansehen als das seinige das stolze Gemüth seines hitzigen Sohnes beherrschen konnte, wenn er einmal gereizt war. Als diese Vorkehrungen getroffen worden, zogen die Jäger aus, und theilten sich nicht weit vom Felsen, um die entfernte Büffelheerde einzuschließen. Neuntes Kapitel. Den Priscian ein wenig nur gepreßt; Es wird schon geh'n. Der Liebe verlorne Müh'.   Nachdem wir den Leser mit der Art bekannt gemacht, wie Ismael Busch seine Familie unter Umständen unterbrachte, welche die meisten Andern in die größte Verlegenheit gesetzt haben würden, wollen wir wieder den Schauplatz einige kleine Meilen von der letztbeschriebenen Stelle weg verlegen, jedoch die schickliche, natürliche Zeitfolge wahren. Zur selben Zeit, wo der Grenzwohner und seine Söhne auf die im vorhergehenden Kapitel erwähnte Weise auszogen, waren zwei Männer in einer Niederung, die an den Ufern eines kleinen Baches, gerade außer der Schußweite des Lagers sich befand, eifrig damit beschäftigt, die Vorzüge eines schmackhaften Bisonrückens herauszustreichen, der für ihren Gaumen mit der äußersten Sorgfalt, die ein solches Gericht erforderte, zubereitet worden. Das vorzüglichste Stück war geschickt von den angrenzenden und weniger edlen Theilen des Thiers abgesondert, und in seine, ihm von der Natur verliehene haarige Bekleidung eingewickelt, der gehörigen Hitze des gewöhnlichen unterirdischen Ofens ausgesetzt worden und ward jetzt den Herren in aller Küchenglorie der Steppe vorgelegt. Was Reichlichkeit, Zartheit, Lieblichkeit des Geruchs und nährende Kraft betraf, konnte das Fleisch wohl einen entschiedenen Vorzug über die Lohnköcherei und gekünstelten Compots des berühmtesten Restaurateurs behaupten, obgleich die Kunst sehr wenig bei der Zubereitung gethan hatte. Es wollte scheinen, als ob die beiden glücklichen Sterblichen, deren neidenswerthes Loos es war, ein Mahl zu halten, worin Gesundheit und Hunger der ausgesuchten Schüssel der amerikanischen Wüsten so großen Reiz verliehen, gar nicht unempfindlich für das Glück wären, dessen sie sich erfreuten. Der Eine, dessen Kenntnissen in der Kochkunst der Andere sein Mahl verdankte, schien von den Beiden am wenigsten geneigt, was seine Geschicklichkeit hervorgebracht, zu genießen. Er aß zwar und mit Lust; aber immer mit der Mäßigung, womit das Alter den Hunger zu regeln pflegt. Solchen Zwang aber legte sich die Begierde seines Gefährten nicht auf. In der Blüthe seiner Tage und in der vollsten Kraft der Mannheit, war die Huldigung, welche er dem Werk von den Händen seines älteren Freundes erwies, die tiefste und ausschließlichste. Während ein köstlicher Bissen dem andern folgte, warf er seine Augen auf seinen Gefährten und schien seine Dankbarkeit, die er auszusprechen keine Zeit hatte, in Blicken der liebevollsten Art ausdrücken zu wollen. »Schneidet mehr in das Herz hinein, Bursche,« sagte der Streifschütz; denn der ehrwürdige Bewohner dieser weiten Wüsten war es, der den Bienenjäger mit der fraglichen Mahlzeit versehen hatte; »schneidet besser in das Innerste des Stücks, da werdet Ihr den rechten Reichthum der Natur finden, ohne nöthig zu haben, ihm durch Gewürze oder Euern beißenden Senf einen fremdartigen Geschmack zu geben.« »Hätt' ich nur einen Becher Meth,« sagte Paul, als er einhielt, um dem nöthigen Geschäft des Athemholens zu genügen, »so wollt' ich schwören, dies sei das stärkste Mahl, was je dem Mund eines Mannes vorgesetzt ward.« »Ei, wohl mögt Ihr es stark nennen« erwiederte der Andere mit dem ihm eignen Lächeln, voll Freude, daß er seinen Gefährten so vergnügt sah; »stark ist es, und stark macht es den, der es ißt! Da, Hektor,« fuhr er fort, während er dem Hund, welcher aufmerksam sein Auge beobachtete, ein Stück vorhielt; »du brauchst auch Stärke, mein Freund, in deinen alten Tagen, so gut wie dein Herr. Seht, Bursche, der Hund da ißt und schläft weiser und besser, ei, und hat auch reichlichere Nahrung, als irgend ein König; und warum? Weil er die Gaben seines Schöpfers gebraucht und nicht mißbraucht hat. Er ward zu einem Hund gemacht, und wie ein Hund hat er gegessen; diese hat er zu Menschen geschaffen, aber sie haben gegessen wie hungrige Wölfe! Hektor ist ein guter, kluger Hund gewesen, und nie hab' ich einen seiner Race falsch in Nase und Anhänglichkeit gefunden. Kennt Ihr den Unterschied zwischen der Kochkunst der Wildniß und der, welche man in den Ansiedelungen findet? Nein, ich sehe deutlich an Euerm Appetit, Ihr kennt ihn nicht; so will ich ihn Euch sagen. Die eine folgt dem Menschen, die andre der Natur. Die eine meint, sie könne zu den Gaben des Schöpfers noch Etwas hinzuthun, während die andre demüthig genug ist, sie zu genießen; darin liegt das Geheimniß.« »Ich versichere Euch, Streifschütz,« sagte Paul, der sehr wenig von der Moral erbaut ward, womit sein Gefährte ihr Mahl hatte würzen wollen, »jeden Tag, so lange wir an diesem Orte sind, und wahrscheinlich sind deren noch viele, will ich einen Büffel schießen, und Ihr sollt seinen Rücken zurecht machen.« »Ich weiß doch nicht, ich weiß nicht. Das Thier ist gut, nehmt es, wo Ihr wollt, und um den Menschen zu nähren, ward es geschaffen; aber ich weiß doch nicht, ob ich ein Zeuge und Helfer bei der Verschwendung, täglich einen zu tödten, sein möchte.« »Den T – l wird es eine Verschwendung sein, Alter. Wenn sie all' so gut ausfallen, wie der, mach' ich mich anheischig, sie alle allein rein aufzuessen bis auf die Hufen. – Was gibt's? Wer kommt da! Einer mit einer tüchtigen Nase, will schwören, die ihn auf gute Spur geführt hat, wenn er etwas zu essen sucht.« Die Person, welche die Unterhaltung unterbrochen, und Paul's obige Bemerkung veranlaßt hatte, sah man jetzt an dem Rande des Flusses mit besonnenem Schritt, und gerade auf die beiden Schlemmer zu, herankommen. Da nichts Furchterweckendes und Feindliches in ihrem Aeußern lag, vermehrte der Bienenjäger, statt seine Arbeit zu unterbrechen, eher seine Bemühungen, so daß es schien, als zweifle er, ob der Rücken für die gehörige Sättigung Aller, die jetzt wahrscheinlich an dem kostbaren Bissen Theil nehmen würden, hinreichen dürfte. Mit dem Streifschütz jedoch war es anders. Sein mäßigerer Hunger war schon gestillt, und er sah dem neuen Ankömmling mit einem Blick von Herzlichkeit entgegen, der deutlich zeigte, wie gelegen ihm dessen Ankunft kam. »Kommt herbei, Freund,« rief er und winkte mit der Hand, als er bemerkte, daß der Fremde einen Augenblick, offenbar zweifelhaft, stehen blieb. »Kommt herbei, sage ich; wenn der Hunger Euer Führer ist, so hat er Euch an die rechte Stelle gebracht. Hier ist Fleisch, und dieser junge Mann da kann Euch Mais geben, weißer als Hochland-Schnee; kommt herbei, ohne Furcht. Wir find keine Raubthiere, die sich einander auffressen, sondern Christenleute, die dankbar annehmen, was der Herr gütigst ihnen verleiht.« »Ehrwürdiger Jäger,« erwiederte der Doctor, – denn es war Niemand anders, als der Naturforscher, der auf einer seiner täglichen Excursionen herankam, – »ich freue mich sehr über dies Begegnen; denn wir lieben dieselbe Beschäftigung und sollten Freunde sein.« »O Himmel,« sagte der alte Mann und lachte, ohne viel Rücksicht auf die Regeln der Schicklichkeit, dem Philosophen in's Gesicht; »das ist der, welcher mich glauben machen wollte, ein Name könnte die Natur eines Thieres ändern. Kommt, Freund, Ihr seid willkommen, obgleich Eure Begriffe ein wenig durch zu vieles Bücherlesen verwirrt sind. Laßt Euch nieder, und wenn Ihr von diesem Bissen gegessen, so sagt mir, wenn Ihr könnt, den Namen des Thiers, das Euch sein Fleisch zu essen gegeben.« Die Augen des Doctors Battius (wir halten es für schicklich, dem guten Manne den Namen zu geben, den er am meisten vorzog), die Augen des Doctors Battius verriethen hinlänglich das Vergnügen, womit er den Vorschlag anhörte. Die Bewegung, die er sich gemacht hatte, und der scharfe Wind waren gute Reizmittel gewesen; Paul selbst war kaum in besserer Verfassung gewesen, des Streifschützen Kochkunst Ehre zu machen, als der Liebling der Natur, wie die lieblichen Töne der Einladung sein Ohr trafen. Mit einem leisen Lächeln, das seine Bemühungen, es zu unterdrücken, fast zu einem Hänseln machte, nahm er den angewiesenen Sitz an des alten Mannes Seite ein und machte die gewöhnlichen Vorkehrungen, um sein Mahl ohne weitere Umstände zu beginnen. »Ich würde mich meines Berufs schämen,« sagte er und verschlang ein Stück von dem Rücken mit sichtbarem Wohlbehagen, während er zu gleicher Zeit im Stillen sich bemühte, die Eigenheiten der versengten und entstellten Haut herauszubringen; »ja, ich müßte mich meines Berufs schämen, wenn es ein Thier oder einen Vogel auf dem Continent von Amerika gäbe, den ich nicht nach einem von den Zeichen bestimmen könnte, die die Wissenschaft in dieser Hinsicht darbietet. Dieses, – ja dieses, – das Essen ist nährend und wohlschmeckend, – einen Mundvoll von Eurem Mais, Freund, wenn Ihr erlaubt!« Paul, der mit stets wachsendem Eifer immer fortaß, sah ihn von der Seite mit einem Blick an, wie etwa ein Hund, der mit derselben angenehmen Arbeit beschäftigt ist, und warf ihm seine Tasche hin, ohne es auch nur für nöthig zu halten, seine eigene Anstrengung zu unterbrechen. »Ihr sagtet, Freund, Ihr hättet tausend Wege, die Wesen zu erkennen?« bemerkte der aufmerksame Streifschütz. »Viele, sehr viele, und untrügliche, so erkennt man die Thiere, welche Fleisch fressen, an ihren incisores .« »An ihren – was?« fragte der Streifschütz. »An den Zähnen, womit die Natur sie zu ihrer Verteidigung und um ihren Raub zu zerreißen, versehen hat. Ferner – –« »So seht denn nach den Zähnen dieses Thiers,« unterbrach ihn der Streifschütz, der gerne einen Mann seiner Unwissenheit überführen mochte, welcher in Sachen der Wildniß sich mit ihm hatte einlassen wollen; »so dreht denn das Stück um und um, und sucht seine In-sich-ores .« Der Leser merkt leicht, daß hier im Original ein Wortspiel sich findet, das der Uebersetzer nur auf diese burleske, aber gewiß sehr witzige Weise, hat wiedergeben können. Der Doctor that's, aber natürlich ohne Erfolg; jedoch benutzte er die Gelegenheit, einen zweiten fruchtlosen Blick auf die zusammengeschrumpfte Haut zu werfen. »Nun, Freund, findet Ihr, was Ihr braucht, ehe Ihr entscheiden könnt, ob das Ding eine Ente oder ein Salmen ist.« »Ich fürchte, wir haben das Thier hier nicht ganz.« »Das mag wohl sein,« rief Paul, der jetzt wegen Ueberfüllung allein genöthigt ward, aufzuhören. »Ich stehe für einige Pfund von dem Burschen, wenn man auch die genauesten Wagen westlich von den Alleganhie nimmt; und doch könnt Ihr noch von dem, was übrig ist, so viel nehmen, als Seele und Leib zusammenhält,« fuhr er fort, und beäugelte ein großes Stück, das zwanzig Mann hatte speisen können, und welches er wegen Uebersättigung liegen lassen mußte; »schneidet näher nach dem Herzen, wie der alte Mann da sagt, und Ihr werdet die Reichthümer des Stücks finden.« »Das Herz!« rief der Doctor, innerlich erfreut zu hören, daß noch ein Haupttheil für die Untersuchung übrig gelassen worden; »ei, laßt mich das Organ sehen, – das wird mit einem Male den Charakter des Thiers bestimmen, – doch das ist nicht das cor ja doch freilich – das Thier muß von der Ordnung bellua sein, ich schließ' es aus dessen fetter Beschaffenheit.« Er ward durch ein langes, herzliches, aber noch geräuschloses Lachen vom Streifschützen unterbrochen, welches von dem beleidigten Naturforscher für so unzeitig angesehen ward, daß es eine plötzliche Pause in seiner Rede, wenn nicht ein Stocken in seinen Gedanken hervorbrachte. »Erst beobachtet er seines Thiers Beschaffenheit und Ordnung.« sagte der alte Mann, der sich an der offenbaren Verwirrung seines Nebenbuhlers ergötzte, »und dann behauptete er, es sei nicht gar! Ei, Mann, Ihr seid weiter von der Wahrheit, als von den Ansiedelungen, bei all Eurer Büchergelehrsamkeit und fremden Worten, welche nun einmal von keinem Stamm, von keinem Volk östlich von den Felsgebirgen verstanden werden können. Beschaffenheit hin, Beschaffenheit her, diese Burschen sieht man zu zehntausenden in den Steppen herumstreifen, und das Stück da in Eurer Hand ist das Herz- und Kraftstück von einem Büffelrücken, wie je der Magen sich einen wünschte.« »Mein bejahrter Freund,« sagte Obed, und bemühte sich, seinen steigenden Aerger zu unterdrücken, der, wie er meinte, sich nicht zur Würde seines Charakters schicke, »Euer System ist falsch von den Prämissen an bis zur Conclusion, und Eure Classification so fehlerhaft, daß sie alle Unterscheidungen der Wissenschaft zusammenwirft. Der Büffel hat ganz und gar keinen solchen Rücken. Auch ist sein Fleisch nicht wohlschmeckend und gesund, wie ich gestehen muß, daß das vor uns sehr wohl charakterisirt werden möchte.« »Da bin ich Euer Todfeind, und halt' es ganz mit dem Streifschützen,« unterbrach ihn Paul Hover, »Wer leugnet, daß Büffelfleisch gut ist, sollte auch keines essen.« Der Doctor, dessen Aufmerksamkeit auf den Bienenjäger bisher nur sehr wenig gerichtet gewesen, staunte auf den neuen Gegner mit einem Blick, worin etwas wie Wiedererkennen lag. »Das Charakteristische Eures Gesichts, Freund,« sagte er, »ist mir bekannt. Entweder Ihr, oder ein anderes Exemplar Eurer Classe ist mir schon vorgekommen.« »Ich bin der Mann, dem Ihr in den Wäldern, östlich vom großen Fluß, begegnetet, und den Ihr zu überreden suchtet, eine Hornisse bis in's Nest zu verfolgen, als wenn mein Auge nicht zu scharf wäre, um ein anderes Thier bei hellem Tage für eine Honigbiene zu halten; wir brachten eine Woche zusammen zu, wenn Ihr Euch erinnert, Ihr mit Euren Kröten und Eidechsen, ich unter meinen Bienenhöhlen und Baumstämmen. Wir hatten auch beide eine gute Ernte; ich füllte meine Gefäße mit dem köstlichsten Honig, den ich je in die Ansiedelungen schickte, und brachte außerdem ein Dutzend Schwärme zusammen, und Euer Sack zerborst bald von dem grabbelnden Museum. Ich war nie kühn genug, Euch die Frage geradezu vorzulegen, Fremder, aber ich denke, Ihr seid ein Curiositätensammler.« »Das ist wieder eine von ihren albernen Schlechtheiten!« rief der Streifschütz; »sie tödten den Bock, die Geis, die wilde Katze und alle Thiere des Waldes, staffiren sie aus mit schlechten Lumpen, setzen ihnen Augen von Glas in den Kopf, und dann stellen sie sie hin, staunen sie an, nennen sie Geschöpfe des Herrn, als ob ein sterbliches Kunststück die Werke seiner Hand erreichen könnte.« »Ich erkenne Euch sehr wohl wieder,« entgegnete der Doctor, auf den die Klage des alten Mannes keinen sichtbaren Eindruck machte. »Ich erkenne Euch,« und reichte ihm herzlich die Hand, »es war eine reiche Woche, wie mein Herbarium und meine Cataloge eines Tages der Welt beweisen werden; ach, ich erinnere mich sehr wohl an Euch, junger Mann; Ihr seid von der Classe: mammaIia ; Ordnung: primates ; Genus: homo ; Species : Kentucky .« Dann, nachdem er einen Augenblick selbstgefällig über seinen seltsamen Witz gelächelt hatte, fuhr er fort: »seit unserer Trennung bin ich viel gereist und habe ein compactum oder Vertrag mit einem Manne Namens Ismael abgeschlossen – –« »Pah,« unterbrach ihn der ungeduldige, unruhige Paul; »bei Gott, Streifschütz, das ist eben der Blutbrief, wovon Ellen mir gesagt hat.« »Dann hat mir Ellen nicht die Gerechtigkeit widerfahren lassen, die ich verdiene,« erwiederte der sonderbare Doctor; »denn ich gehöre gar nicht zu der blutlassenden Schule, und ziehe die Mittel weit vor, welche das Blut reinigen, statt es abzulassen.« »Es war nur mein Scherz, guter Fremder, das Mädchen nannte Euch einen geschickten Mann.« »Darin mag sie meine Verdienste überschätzt haben,« fuhr Doctor Battius fort, und verneigte sich mit vieler Grazie; »aber Ellen ist ein gutes, freundliches und auch verständiges Mädchen. Ein freundliches, sanftes Kind hab' ich immer in Ellen Wade gefunden.« »Den T –l habt Ihr!« schrie Paul, ließ den Bissen fallen, woran er aus bloßem Widerstreben, den köstlichen Rücken zu verlassen, noch saugte, und warf einen wilden Blick gerade zwischen die Zähne des unschuldigen Naturforschers; »ich denke gar, Fremder, Ihr wollt Ellen auch einsammeln!« »Die Reichthümer der ganzen vegetabilischen und animalischen Welt zusammen, könnten mich nicht reizen, ihr auch nur ein Haar zu krümmen, ich liebe das Mädchen mit einem, so zu sagen, amor naturalis oder vielmehr p aternus , das heißt mit der Liebe eines Vaters.« »Ja, das paßt auch freilich besser für die Verschiedenheit Eurer Jahre,« entgegnete Paul ruhig, und streckte die Hand aus, den weggeworfenen Bissen wieder zu holen. »Ihr schicktet Euch in Eurem Alter gerade zu ihr, wie eine Hummel zu einem jungen Schwarm.« »Es ist doch Vernunft in dem, was er sagt,« bemerkte der Streifschütz; »denn es ist Natur darin. Aber, Freund, Ihr sagtet, Ihr gehörtet zu Ismael Buschs Lager?« »Freilich, und zwar, wie Ihr wißt, durch ein compactum .« »Ich versteh' nur wenig von der hohen Kunst der Verträge, obgleich ich in meinen alten Tagen, mein Leben zu erhalten, mich der Jagd ergebe, und sie mir sagen, daß Häute nach der neuesten Mode gut abgeben. Aber ich tödte schon lange nur so viel, als ich zur Nahrung und Kleidung brauche. – Ich selbst war Augenzeuge, wie die Sioux in Euer Lager brachen, und das Vieh wegtrieben; wie sie den Armen, den Ihr Ismael nennt, bis auf die kleinste Klaue beraubten.« »Asinus ausgenommen,« murmelte der Doctor, der indeß seinen Theil von dem Rücken, seines wissenschaftlichen Charakters ganz vergessend, in voller Ruhe verzehrte; » Asinus domesticus Americanus ausgenommen.« »Ich freue mich, daß so viele gerettet wurden, obgleich ich den Werth der Thiere, die Ihr nennt, nicht kenne, was gar nicht auffallend sein kann, da ich so lange von den Ansiedelungen weg gewesen bin. Aber könnt Ihr mir sagen, Freund, was der Wanderer unter dem weißen Tuch führt, das er so bissig wie ein Wolf bewacht, der sich um ein todtes Thier streitet, welches der Jäger zurückgelassen.« »Ihr habt davon gehört!« rief der Andere, und ließ den Bissen voll Verwunderung fallen, den er eben zum Mund führen wollte. »Nun, ich hab' nichts gehört, aber ich habe das Tuch gesehen, und wäre beinah' gebissen worden, bloß, weil ich das Verbrechen beging, wissen zu wollen, was es verbarg.« »Gebissen! Dann muß das Thier doch fleischfressend sein. Es ist zu ruhig für den ursus horridus , wär's der canis Iatrans ; so müßte sein Bellen ihn verrathen; auch würde Nelly Wade nicht so vertraulich mit einem vom Genus , ferae sein. Ehrwürdiger Jäger, das geheimnißvolle Thier, welches bei Tage in diesem Wagen, bei Nacht im Zelt gehalten wird, hat mir mehr den Kopf angestrengt, als der ganze übrige Catalog der Quadrupeden; und bloß, weil ich nicht wußte, in welche Klasse ich es bringen sollte.« »Ihr meint, es wär' ein Raubthier?« »Ich weiß, daß es ein Quadruped ist; Eure eigne Gefahr zeigt, daß es fleischfressend sein muß.« Während dieser abgebrochenen Erklärung hatte Paul Hover still und gedankenvoll dagesessen, und beide aufmerksam angesehen. Aber als werde er plötzlich von der bestimmten Art des Doctors bewegt, hatte dieser kaum Zeit, seinen absprechenden Satz zu vollenden, als der junge Mann ihn schnell fragte: »was nennt Ihr, Freund, ein Quadruped?« »Eine Laune der Natur, worin sie weniger ihre unendliche Weisheit gezeigt hat, als gewöhnlich. Könnten Räder-Hebel an die Stelle von zwei der Beine gesetzt werden – nach der Verbesserung in meinem neuen System der Phalangacrura (in der Uebersetzung etwa hebel-beinigt) – so würde dieses zur Vervollkommnung und Harmonie in ihrem Bau außerordentlich viel beitragen. Aber wie das Quadruped jetzt gebildet ist, nenne ich's nur eine Laune der Natur, eine Laune, nichts anders.« »Hört, Fremder, in Kentucky verstehen wir uns schlecht auf Wörter. Laune ist ein schwerer Ausdruck, fast so schwer als Quadruped selbst.« »Ein Quadruped ist ein Wesen mit vier Beinen, – ein Vieh.« »Ein Vieh! Glaubt Ihr denn, Ismael ziehe mit einem Vieh, in diesem kleinen Wagen eingesperrt, herum?« »Ich weiß es, hört nur zu – nicht buchstäblich, Freund (zu Paul, dessen Staunen er bemerkte), sondern durch Schlüsse, aus seinen Verrichtungen; Ihr sollt gleich hören. – Ich hab' schon bemerkt, daß Kraft eines compactum ich mit dem obengenannten Ismael Busch ziehe; aber ob ich gleich verbunden bin, so lange die Reise währt, gewisse Dienste zu leisten, findet sich doch keine Bedingung, die besagt, daß die genannte Reise sempiternum oder ewig sein wird. Nun, wenn auch diese Gegend kaum für wissenschaftliche Forschung viel verspricht, da sie in jeder Hinsicht für einen Naturkundigen ein junges Land ist, und im Pflanzenreich fast ganz aller Ausbeute entbehrt, – ich also vielmehr einige hundert Meilen weiter nach Osten hätte gehen sollen, bin ich doch geblieben, bloß wegen des innern Triebs, den ich fühle, das fragliche Thier zu untersuchen, gehörig zu beschreiben und einzuclassen,« fuhr er fort, und dampfte seine Stimme, als ob er ein wichtiges Geheimniß mittheile, »ich hoffe selbst Ismael zu überreden, daß er es mich zu diesem Behuf seciren läßt.« »Ihr habt das Ding gesehen?« »Nicht mit den Organen des Gesichts, aber mit weit untrüglicheren Sehwerkzeugen, durch Schlüsse der Vernunft, durch Deduktionen aus wissenschaftlichen Prämissen. Ich bewachte die Lebensweise des Thiers, junger Mann, und kann nach Zeichen, die bei gewöhnlichen Beobachtern weggeworfen sein würden, versichern, daß es von großen Verhältnissen, unthätig, vielleicht schlafsüchtig, von ungeheurer Gefräßigkeit, und wie jetzt aus dem unmittelbaren Zeugniß des verehrungswürdigen Jägers erhellt, wild und fleischfressend ist.« »Ich möchte mich lieber erst überzeugen, Fremder,« sagte Paul, auf den des Doctors Beschreibung sehr sichtbaren Eindruck machte, »ob es überhaupt ein Thier ist.« »Was das betrifft; wenn noch ein Beweis für eine Thatsache nöthig wäre, die aus der Lebensweise des Thiers augenscheinlich erhellt, so habe ich Ismael's Wort selbst. Ich kann für meine geringsten Schlüsse einen Grund angeben. Mich treibt nicht, junger Mann, gewöhnliche, müßige Neugier; alle meine Bestrebungen nach Erkenntniß, wie ich wenigstens glauben darf, sind erstens auf Erweiterung der Wissenschaft, und dann auf den Nutzen meiner Nebenmenschen gerichtet. Ich brannte außerordentlich im Geheim vor Begierde, den Inhalt des Zelts zu erforschen, das Ismael so sorgfältig bewachte, und welchem, wie er mich hatte schwören lassen, ich mich für eine bestimmte Zeitfrist nicht über eine festgesetzte Zahl Schritte nähern sollte. Ein solcher Eid oder jusjurandum ist ein ernsthaftes Ding, das man nicht leicht nehmen darf; aber da mein Zug von der Einwilligung in dieses Verlangen abhing, so unterwarf ich mich dem Act, behielt mir aber immer die Befugniß vor, aus der Ferne zu beobachten! Es sind jetzt beinah' zehn Tage, seit Ismael, aus Mitleid über den Zustand, worin er mich sah, mir der sich so ganz der Wissenschaft hingibt, mittheilte, daß der Wagen ein Thier enthielt, welches er mit sich in die Steppen als Köder brächte, um dadurch andere von demselben Genus oder derselben Species zu fangen. Seit der Zeit hat sich meine Aufgabe nur darauf beschränkt, die Lebensweise des Thiers zu beobachten, und die Ergebnisse mir zu bemerken. Wenn wir eine bestimmte Entfernung erreichen, wo diese Thiere sehr häufig sein sollen, will er mir die freie Untersuchung des Exemplars überlassen.« Paul hörte fortwährend mit dem tiefsten Schweigen zu, bis der Doctor seine sonderbare, aber ihn so bezeichnende Erklärung geschlossen; dann schüttelte der ungläubige Bienenjäger den Kopf, und erwiederte ihm: »Fremder, der alte Ismael hat Euch mit dem Kopf in einen hohlen Baum gesteckt, wo Eure Augen Euch nicht mehr nützen, als der Horniß der Stachel. Auch ich weiß Manches von dem Wagen, und ich behaupte selbst, ich habe den Alten auf einer platten Lüge ertappt. Hört, Freund, glaubt Ihr ein Mädchen, wie Ellen Wade, werde die Gefährtin eines wilden Thiers sein wollen?« »Warum nicht, warum nicht?« wiederholte der Naturforscher; »Nelly hat Geschmack für die Wissenschaft, und merkt oft mit Vergnügen auf die Schätze, die ich manchmal in dieser Wüste auswerfen muß. Warum sollte sie nicht die Lebensweise eines Thiers studiren, wär' es selbst ein Rhinoceros?« »Langsam, langsam,« erwiederte der immer gleich bestimmte, und wenn auch weniger gelehrte, doch gewiß über diesen Gegenstand besser unterrichtete Bienenjager. »Ellen ist ein Mädchen von Geist, das sich selbst sehr gut kennt, oder ich müßte mich sehr irren, aber bei all ihrem Muth und ihren kühnen Blicken bleibt sie immer ein Weib. Hab' ich nicht oft das Mädchen zum Schreien gebracht– –« »Ihr seid also mit Nelly bekannt?« »Ein wenig, wenn Ihr wollt; aber ich weiß, ein Weib ist ein Weib; und alle Bücher in Kentucky könnten Ellen nicht bewegen, allein in ein Zelt mit einem wilden Thier zu gehen.« »Mir scheint,« bemerkte der Streifschütz ruhig, »etwas dunkles und verborgenes dahinter zu sein. Ich kann bezeugen, daß der Auswandrer keinen in das Zelt sehen läßt, und ich hab' ein sichreres Zeichen als einer von Euch beiden; ich weiß, daß der Wagen keinen Verschlag für ein Thier führt. Hier ist Hektor, der von einer Race abstammt, deren Nasen so richtig und treu stets waren, wie je eine Hand die allmächtig ist, eine von ihrer Art gebildet hat, und wäre ein Thier an dem Ort gewesen, so hätte es schon längst der Hund seinem Herrn gesagt.« »Wollt Ihr einen Hund einem Mann gegenüberstellen! Thierheit der Gelehrsamkeit! Instinct der Vernunft!« rief der Doctor ziemlich hitzig. »Woran doch kann der Hund die Lebensweise, die Art oder auch nur die Ordnung eines Thiers unterscheiden, wie dies der Mensch kann, der vernünftige, gelehrte, gebildete, herrschende Mensch!« »Woran?« erwiederte der alte Waldmann kalt. »Merkt auf; und wenn Ihr meint, ein Schulmeister könne einen schnelleren Verstand hervorbringen als der Herr, so sollt Ihr bald Euern Irrthum einsehn. Hört Ihr nicht etwas im Dickicht sich bewegen; es erschüttert schon die Zweige seit fünf Minuten. Nun sagt mir, was es für ein Thier ist?« »Ich denk', nichts wildes,« rief der Doctor, der sich noch lebhaft an sein Abenteuer mit dem Vespertilio horribilis erinnerte. »Ihr habt Gewehre, Freunde; würde es nicht gut sein, sie zu laden; denn auf meine Vogelflinte kann man sich nur wenig verlassen!« »Das mag wohl sein,« entgegnete der Streifschütz lächelnd, und folgte in so weit, als er seine Waffe von der Stelle nahm, wo er sie während des Essens hingelegt, und die Mündung in die Höhe richtete. »Nun sagt mir den Namen des Dings.« »Das geht über die Grenzen irdischer Wissenschaft hinaus. Buffon selbst könnte nicht sagen, ob das Thier ein vierfüßiges oder von der Ordnung: Schlange, ein Schaf oder ein Tieger ist!« »Dann war Euer Buffon ein Thor gegen meinen Hektor! Hierher, Alter! Was gibt's, Hund? Sollen wir's niederwerfen oder durchlassen?« Der Hund, welcher schon dem erfahrnen Streifschützen durch ein zitterndes Bewegen seiner Ohren gezeigt, daß er ein fremdes Thier merke, erhob jetzt sein Haupt von den Vordersätzen, und öffnete ein wenig die Lippen, als ob er den Rest seiner Zähne zeigen wollte. Aber plötzlich gab er seine feindselige Gesinnung auf, schnaufte ein wenig, holte tief Athem, und nahm dann ruhig seine vorige liegende Stellung wieder ein. »Nun, Doctor,« rief der Streifschütz triumphirend, »ich bin fest überzeugt, weder Wild noch ein Raubthier ist in dem Dickicht, und das nenn' ich doch eine Kenntniß für einen Mann, der zu alt ist, um mit seiner Kraft zu prahlen, und doch nicht gern ein Mahl für einen Panther werden möchte.« Der Hund unterbrach seinen Herrn durch ein lautes Knurren, ließ aber immer noch das Haupt auf dem Boden liegen. »Es ist ein Mensch,« rief der Streifschütz aufstehend; »es ist ein Mensch, wenn ich über den Gang eines Wesens urtheilen kann. Nur wenig ward zwischen dem Hund und mir gesprochen, aber wir machen selten einen Fehler!« Paul Hover stand mit Blitzesschnelle auf seinen Füßen und rief, indem er die Flinte vorhielt, mit drohender Stimme: »Kommt heran, wenn ein Freund, wenn Feind, Macht Euch auf das Schlimmste gefaßt.« »Ein Freund, ein weißer Mann, und ich hoffe ein Christ,« entgegnete eine Stimme aus dem Dickicht, das sich zugleich öffnete und alsbald den Sprechenden sehen ließ. Zehntes Kapitel. »Geh' auf die Seite, Adam, und du kannst dann hören, Wie sehr er mich bestürmen wird.« So wie es euch gefällt.   Es ist bekannt, daß selbst lange vorher, ehe die unbegrenzten Landschaften von Louisiana ihren Herrn zum zweiten, und, wie man hoffen darf, zum letzten Mal vertauschten, sein ungeschütztes Gebiet gar nicht vor den Einfällen weißer Abenteurer sicher war. Die halbwilden Jäger aus den Canada, dieselbe Menschenrasse, ein wenig mehr gebildet, aus den Staaten, und die Mestizen oder Gemischten, welche zu den Weißen gezählt sein wollten, lebten unter den verschiedenen indischen Stämmen zerstreut, oder suchten in der Einöde, unter den Schlupfwinkeln der Biber und Bison, oder, um dem Landessprachgebrauch zu folgen, – der Büffel kärglichen Unterhalt. Zur Vervollständigung der wissenschaftlichen Unterschiede, welche die zwei Arten trennen, bemerken wir noch, mit aller Ehrfurcht vor Doctor Battius, als eine weit wichtigere Einzelheit die Thatsache, daß während das erstere dieser Thiers ein köstliches und nährendes Fleisch gibt, das letztere kaum eßbar ist, Anm. d. Vfs. So war es also nicht ungewöhnlich, daß Fremde einander in den endlosen Wüsten des Westen begegneten. An Zeichen, die ein ungeübtes Auge unbemerkt gelassen hatte, erkannten diese Grenzwohner, wenn einer ihrer Gefährten nahe war, und so vermieden oder suchten sie den Ankömmling, je nachdem es mit ihren Gefühlen oder Vortheilen übereinstimmte. Zum öftersten waren diese Besuche friedlich, denn die Weißen hatten einen gemeinsamen Feind in den alten und vielleicht rechtmäßigern Bewohnern des Landes zu fürchten; aber auch die Fälle waren gar nicht selten, wo Eifersucht und Gier sie trieben, sich in Ausbrüchen der größten Gewaltthätigkeit und gefühllosesten Verrätherei zu trennen. Das Begegnen zweier Jäger in der amerikanischen Wüste, wie wir manchmal diese Gegend zu nennen belieben, hatte folglich immer etwas von der verdachtvollen und vorsichtigen Art, womit zwei Schiffe in einer See zusammenkommen, von der man weiß, daß sie von Seeräubern unsicher gemacht wird. Während kein Theil durch ein Zeichen von Mißtrauen seine Schwäche verrathen will, ist auch keiner geneigt, durch ein zutrauliches Benehmen, das dann nicht so leicht wieder abgestellt wird, sich in Gefahr zu bringen. Von dieser Art war auch gewissermaßen die gegenwärtige Zusammenkunft. Der Fremde näherte sich vorsichtig, und hielt sein Auge standhaft auf alle Bewegungen des andern Theils gerichtet, während er vorsätzlich kleine Hindernisse sich schuf, um ein Nahekommen zu verzögern, das vielleicht zu schnell sein möchte. Auf der andern Seite spielte Paul mit dem Schloß seiner Flinte, zu stolz, als daß er merken lassen sollte, drei Männer könnten die geringste Furcht vor einem einzelnen zeigen, und doch zu vorsichtig, ganz die gewöhnlichen Vorkehrungen zu versäumen. Die Hauptursache von dem auffallenden Unterschied, womit die zwei gesetzmäßigen Theilnehmer an der Mahlzeit ihre Gäste empfingen, mußte man in der gänzlichen Verschiedenheit ihres respectiven Aeußern suchen. Während das Ansehen des Naturforschers ausgezeichnet friedlich, um nicht zu sagen, zerstreut schien, drückte das des neuen Ankömmlings eine Kraft aus, zeigte eine Stirn und einen Schritt, die man leicht für militärisch hätte halten mögen. Er trug eine Commiskappe von feinem, blauem Tuch, an der eine schmutzige goldene Quaste herabhing; die Mütze selbst verlor sich fast ganz in der Masse des reichen, lockigen, pechschwarzen Haars. Um den Hals hatte er nachlässig ein schwarzes seidenes Tuch herumgewunden; im Uebrigen war er in ein Jägergewand gekleidet, das mit gelben Franzen und andern Zierrathen besetzt war, wie man es manchmal unter den Grenztruppen der Conföderation sah. Unter diesem Kleid ward jedoch das Koller und die Umschläge einer Jacke von derselben Farbe und aus demselben Stoff, wie die Mütze, sichtbar. Seine untern Gliedern wurden durch Strümpfe von Bockleder und seine Füße durch gewöhnlichen indischen Moccasins geschützt. Ein reich geschmückter und außerordentlich gefährlicher langer Dolch steckte in einem Gürtel von roth seidener Nesselarbeit; ein anderer Gürtel oder vielmehr Bund von ungefärbtem Leder enthielt in wohlangepaßten Halftern kleine Pistolen; und um seine Schultern hatte er ein kurzes, schweres Soldatengewehr geworfen; sein Pulverhorn und seine Taschen nahmen ihre gewöhnliche Stelle zur Seite unter seinem Arm ein. Auf dem Rücken trug er einen Schnappsack, mit den wohlbekannten Anfangsbuchstaben, die der Verwaltung der Vereinten Staaten ( United States ) seitdem den witzigen und lieben Namen UncIe Sam (Onkel Sam) verschafft haben. »Ich komm' als Freund,« sagte der Fremde und schien zu sehr an den Anblick der Waffen gewöhnt, um sich über die lächerlich kriegerische Stellung, die Doctor Battius hatte annehmen wollen, zu entsetzen. »Ich komm' als Freund, dessen Streben und Wünsche mit Euren nicht in Streit gerathen werden.« »Hört, Fremder,« sagte Paul Hover barsch, »versteht Ihr einen Schwarm von dieser offenen Stelle bis in einen Wald, entfernt vielleicht ein Dutzend Meilen zu verfolgen.« »Die Biene ist ein Vogel, dem ich nie nachzugehen gedachte,« erwiederte der Andere lachend, »obwohl ich zu meiner Zeit auch so etwas von einem Vogeljäger war.« »Das meint' ich auch,« rief Paul, und streckte offen die Hand aus, ganz mit der wahren Freimüthigkeit, die den amerikanischen Grenzwohner auszeichnet. »Gebt die Hand. Ihr und ich, wir werden uns nie um die Scheiben zanken, da Ihr Euch so wenig aus dem Honig macht. Und nun, wenn Euer Magen noch einen leeren Platz hat, und Ihr einen klaren Thautropfen, der Euch in's Maul fällt, zu benutzen wißt, so liegt dort ein herrlicher Bissen, den Ihr hineinstecken könnt. Versucht's, Fremder, und wenn Ihr's versucht habt, und es nicht ein so köstliches Stückchen nennt, wie Ihr je, seit – wie lange verließt Ihr die Ansiedelungen?« »Seit vielen Wochen, und ich fürchte, es kann noch einmal so lang dauern, bis ich wieder hinkomme. – Ich nehme übrigens Eure Einladung gerne an, denn ich habe seit Sonnenaufgang gestern gefastet und kenne zu wohl die Vortrefflichkeit eines Bisonrücken, um das Essen auszuschlagen.« »Ah, Ihr kennt das Gericht! Nun darin hättet Ihr freilich noch vor einem Augenblick etwas vor mir vorausgehabt, wiewohl ich jetzt denken sollte, wir ständen uns gleich. Ich wär' in der That der glücklichste Bursche zwischen Kentucky und den Felsengebirgen, wenn ich nur eine kleine Hütte an einem alten Wald mit hohlen Bäumen hätte, so einen Bisonrücken jeden Tag zum Mittagessen, eine Last frisches Stroh für die Bienen und klein El – –« »Klein, was?« fragte der Fremde, dem der gesprächige und offene Bienenjäger zu gefallen schien. »Etwas, das ich eines Tags haben werde, und das Niemand so sehr betrifft als mich,« erwiederte Paul, und pickte an seinem Flintenstein, während er sehr kriegerisch ein an den Wassern des Mississippi gewöhnliches Lied pfiff. Unter diesem einleitenden Gespräch hatte der Fremde seinen Sitz vor dem Bisonrücken eingenommen, und machte schon einen ernsthaften Angriff auf die Ueberbleibsel. Doctor Battius jedoch beobachtete seine Bewegungen mit einer Eifersucht, die noch weit auffallender, als die herzliche Aufnahme des offenen Paul war. Aber die Zweifel oder vielmehr Besorgnisse des Naturforschers waren von ganz anderer Art, als das Zutrauen des Bienenjägers. Er hatte sich darüber erstaunt, daß der Fremde den rechten Namen statt des falschen von dem Thier gebrauchte, welches jetzt seine Mahlzeit ausmachte, und da er selbst einer der ersten gewesen war, welche die Wegräumung der Hindernisse benutzten, die die spanische Politik der Erforschung ihrer transatlantischen Besitzungen in den Weg gelegt, (mochte sie Handelsabsichten, oder, wie dies bei ihm der Fall war, die löblichern Zwecke der Wissenschaft betreffen,) so hatte er Einsicht genug, zu fühlen, daß dieselben Beweggründe, die ihn so mächtig zu seiner gegenwärtigen Unternehmung getrieben hatten, eine gleiche Wirkung auf das Gemüth anderer Freunde der Natur haben könnten. Er sah also hier eine beunruhigende Rivalität voraus, welche ganz das Aussehen hatte, als ob sie ihn wenigstens der Hälfte des gerechten Lohns seiner Arbeiten, Entsagungen und Gefahren berauben wollte. Betrachtet man seinen Charakter also von dieser Seite, so ist es gar nicht zu verwundern, wenn die Milde der Gemüthsart des Naturforschers ein wenig getrübt ward, und er das Verhalten des Andern mit der Aufmerksamkeit bewachte, die er für nöthig hielt, um seine feindlichen Pläne zu entdecken. »Das ist in Wahrheit ein herrliches Essen,« bemerkte der sorglose, junge Fremde, denn auf beides, Jugend und Schönheit mochte er wohl Anspruch machen; »entweder hat mein Hunger dem Fleisch eine besondere Schmackhaftigkeit gegeben, oder der Bison kann sich mit den herrlichsten des Ochsengeschlechts vergleichen!« »Die Naturforscher, Herr, wenn sie vertraulich sprechen, geben wohl der Kuh den Vorzug, nach ihr das Genus zu benennen«, sagte Doctor Battius und räusperte sich, ehe er sprach, ganz so, wie ein Zweikämpfer die Spitze der Waffe untersucht, die er dem Gegner in den Leib rennen will. »Ihre Gestalt ist vollkommner, auch ist der bos , d. h, Ochse, nicht im Stande die Art fortzupflanzen; während der b os im weitesten Sinn oder die vacca immer das edlere Thier von den beiden ist.« Der Doctor sprach diese Meinung mit einer Miene aus, die seine Bereitwilligkeit ausdrücken sollte, alsbald auf einen der zahlreichen Streitpunkte überzugehen, die, wie er nicht zweifelte, zwischen ihnen bestünden; und so wartete er auf den Schlag seines Gegenkämpfers, worauf denn sein nächster Hieb noch kräftiger sein sollte. Aber der junge Fremde schien weit mehr geneigt, an dem guten Essen Theil zu nehmen, womit er so gelegen versehen worden, als den Handschuh zum Streit über Einen oder den Andern der verwickelten Puncte aufzuheben, welche so geeignet sind, dem Liebhaber der Wissenschaft Stoff zu einem gelehrten Lanzenbrechen zu geben. »Ich glaube wohl, Ihr habt ganz Recht,« erwiederte er mit der empörendsten Gleichgültigkeit in Hinsicht der Wichtigkeit des Zugestandenen. »Ich glaube, Ihr habt ganz Recht, und vacca würde das bessere Wort gewesen sein.« »Verzeiht mir, Herr, Ihr gebt meiner Sprache einen falschen Sinn, wenn Ihr meint, ich brächte, ohne viele und ganz besondere nähere Bestimmungen den bubulus americanus in die Familie vacca . Denn, wie Ihr wohl wißt, Herr, – oder wie ich lieber hätte sagen sollen, Doctor – Ihr habt doch ohne Zweifel das medizinische Diplom?« – »Ihr schreibt mir da eine Ehre zu, worauf ich keinen Anspruch mache,« unterbrach der Andere. »Einen untern Grad also! – oder vielleicht habt Ihr in einer andern freien Kunst promovirt?« »Noch weit schlimmer, versichere Euch.« »Ihr habt Euch aber doch gewiß nicht, junger Mann, in dies wichtige – ich möchte sagen feierliches Unternehmen gewagt, ohne einen Beweis von Eurer Tüchtigkeit zu diesem Dienst vorzeigen zu können; einen Auftrag, wodurch Ihr einen Beruf zu diesem Geschäft darthun, und eine Verwandtschaft und Gemeinschaft mit Euren Mitarbeitern in dem menschenfreundlichen Bestreben ansprechen könnt.« »Ich weiß nicht durch welche Mittel oder zu welchem Zweck Ihr Euch mit meinen Plänen bekannt gemacht,« rief der Jüngling, ward roth, und erhob sich mit einer Schnelligkeit, welche zeigte, wie wenig er die leiblichen Bedürfnisse berücksichtige, wenn etwas seinem Herzen näher liegendes berührt ward. »Noch, Herr, ist Eure Sprache mir unverständlich. Das Streben, was bei einem Andern vielleicht mit Recht menschenfreundlich und aufopfernd genannt werden könnte, ist bei mir eine theure, liebe Pflicht; warum aber ein Auftrag verlangt werden oder nöthig sein sollte, ist, ich gesteh' es, ebenfalls etwas, was mich nicht weniger erstaunt.« »Es ist gewöhnlich, sich mit einem solchen Document zu versehen,« erwiederte der Doctor ernst, »und es bei allen schicklichen Gelegenheiten vorzuzeigen, damit geistesverwandte und freundliche Gemüther zugleich allen unwürdigen Verdacht unterdrücken, und, was die Elemente des Gesprächs genannt werden kann, übergehend, mit einem Mal zu den Puncten kommen, welches für beide die wahren desiderata sind.« »Eine sonderbare Forderung!« murmelte der Jüngling und wandte sein schwarzes, umschattetes Auge von einem zum andern, als ob er den Charakter seiner Gefährten erforschen und ihre physische Kraft wägen wollte. Dann brachte er die Hand in den Busen, zog ein kleines Kästchen hervor, und fuhr, es dem Doctor mit Würde reichend, fort: »Ihr werdet darin finden, Herr, daß ich einiges Recht habe, in einem Lande zu reisen, welches jetzt Eigenthum der amerikanischen Staaten ist.« »Was haben wir da!« rief der Naturforscher, während er ein großes Pergament entfaltete; »ei, das ist ja die Unterschrift des Philosophen Jefferson. Es ist das Staatssiegel! Mitunterschrieben von dem Kriegsminister! Es ist ein Document, das Duncan Uncas Middleton zum Capitain der Artillerie macht.« »Wen, wen!« rief wiederholt der Streifschütz, der den Fremden während der ganzen Unterredung mit Augen betrachtet hatte, die jeden Gesichtszug eifrigst zu verschlingen schienen. »Wie ist der Name? Nanntet Ihr ihn Uncas? War's Uncas?« »Das ist mein Name,« erwiederte der Jüngling stolz. »Es ist der Name von einem Landeshäuptling, den mein Oheim und ich stolz sind zu tragen, da er ein Andenken an einen wichtigen Dienst ist, welcher meiner Familie von einem Krieger in den alten Kämpfen der Provinzen geleistet ward.« »Uncas! Nanntet Ihr ihn Uncas!« wiederholte immer noch der Streifschütz, er näherte sich dem Jüngling, und theilte die dunkeln Locken, welche über seine hohe Stirn herabfielen, ohne den geringsten Widerstand von Seiten des erstaunten Eigenthümers. »Ach meine Augen sind alt, und nicht mehr so scharf, als wie auch ich Soldat war; aber ich kann das Bild des Vaters im Sohn erkennen; ich sah es, als Ihr zuerst nahe kamt. Doch es gingen so viele Begebenheiten seitdem vor meinem erlöschenden Blick vorüber, daß ich den Ort nicht nennen konnte, wo mir ein Gegenbild vorgekommen. Sagt mir, Junge, unter welchem Namen ist Euer Vater bekannt?« »Er war Offizier bei den Staaten im Revolutionskrieg, und natürlich trug er meinen Namen. Meiner Mutter Bruder hieß Duncan Uncas Heyward.« »Noch Uncas, Uncas!« entgegnete der Andere zitternd vor Erwartung. »Und sein Vater?« »Hieß eben so ohne den Titel des Landeshäuptlings. Ihm und meiner Großmutter ward der Dienst erwiesen, wovon ich eben sprach.« »Ich wußte es, ich wußte es!« rief der alte Mann mit zitternder Stimme; seine rauhen Züge waren in mächtiger Bewegung, als ob die Namen, welche der andere nannte, lange schlafende Erinnerungen wieder aufweckten, die sie an Begebenheiten eines früheren Alters anknüpften. »Ich wußte es! Sohn oder Enkel, es ist dasselbe. Es ist sein Blut, es ist sein Blick! Sagt mir, lebt der, den sie Duncan nennen, ohne Uncas, lebt der noch?« Der junge Mann schüttelte traurig das Haupt, als er Nein antwortete: »Er starb reich an Tagen und Ehren. Geliebt, glücklich und beglückend.« »Reich an Tagen!« wiederholte der Streifschütz, und sah nieder auf die eigenen magern, aber noch kräftigen Hände. »Ach er lebte in den Ansiedelungen und war nur weise nach ihrer Art. Aber Ihr habt ihn oft gesehen, ihn sprechen hören von dem Uncas und von der Wildniß.« »Oft! Er war damals Diener des Königs. Aber als der Krieg ausbrach zwischen der Krone und den Colonieen, da vergaß mein Großvater nicht den Geburtsort, sondern warf weg die leere Last der Namen, und war treu seinem Vaterlande. Er focht auf der Seite der Freiheit.« »Darin war Vernunft, und was noch besser ist, Natur! Kommt, setzt Euch nieder zu mir, Junge; setzt Euch, und sagt mir, was Euer Großvater zu erzählen pflegte, wenn seine Gedanken auf den Wundern der Wildniß verweilten.« Der Jüngling lächelte, eben so sehr über das Drängen als über die Theilnahme des alten Mannes; aber da er fand, daß auch nicht mehr der geringste Schein einer Gewaltthätigkeit, die man hätte beabsichtigen können, da war, so willfahrte er ohne Zögern. »Erzählt es all dem Streifschützen mit allen Umständen,« sagte Paul, und nahm ruhig seinen Sitz an der andern Seite des jungen Kriegers ein. »Die Greise lieben solche alten Erzählungen, und auch ich muß gestehen, ich höre sie nicht ungern.« Middleton lachte wieder, und vielleicht mit etwas Spott; aber dann gutmüthig zum Streifschützen gewandt, fuhr er fort: »Es ist eine lange und möchte wohl eine unangenehme Geschichte sein. Blutvergießen und alle Schrecken indianischer Grausamkeit und indianischer Kriege sind furchtbar in die Erzählung gemischt.« »Ach gebt sie uns ganz, Fremder,« fuhr Paul fort. »Wir sind an solche Dinge in Kentucky gewöhnt, und ich muß sagen, ich halte deßwegen eine Erzählung nicht für schlechter, wenn manchmal darin ein Kopf scalpirt wird.« »Aber er erzählte Euch von Uncas, nicht?« nahm der Streifschütz wieder das Wort, ohne auf die kurzen Unterbrechungen des Bienenjägers zu achten, die nur eine Art Zwischenspiele waren, »Und was dachte und sagte er von dem Jungen in seinem Cabinet, mit allen Bequemlichkeiten und Erfindungen der Colonieen zur Hand?« »Ich zweifle nicht, er sprach so, wie er in den Wäldern gesprochen haben würde, hätte Aug' im Aug' vor seinem Freund er gestanden.« »Nannte er den Wilden seinen Freund, den armen, nackten, bemalten Kämpfer, war er nicht zu stolz dazu, den Indianer Freund zu nennen?« »Er rühmte sich sogar seiner Bekanntschaft, und wie Ihr schon gehört, gab seinem Erstgebornen einen Namen, der wie ein Erbstück auf seine übrigen Nachkommen übergehen soll.« »Er that recht, er that wie ein Mann, ja und auch wie ein Christ. Er sagte oft, der Delaware sei schnellfüßig. Sagte er noch so?« »Wie die Antilope! In der That er sprach oft von ihm unter der Benennung Le Cerf agile , ein Name, den er sich durch seine Thätigkeit erworben.« »Und kühn und furchtlos, Junge,« fuhr der Streifschütz mit einem Eifer fort, der verrieth, mit welchem Vergnügen er das Lob eines Mannes hörte, den er offenbar einst zärtlich geliebt hatte. »Tüchtig wie ein Löwe. Ohne Furcht. Er nannte immer Uncas und seinen Vater, der von seiner Weisheit Grand Serpent genannt ward, als Muster des Heldenmuths und der Standhaftigkeit.« »Er ließ ihnen Gerechtigkeit widerfahren! Ja, nur Gerechtigkeit! Treuere Männer waren nicht zu finden, in keinem Stamm, in keinem Volk, ihre Haut mag eine Farbe haben, wie sie will. Ich seh', Euer Großvater war gerecht, und that seine Schuldigkeit auch noch nach seinem Tode! Es war eine gefährliche Zeit, die er auf den Hügeln verlebte; und er spielte seine Rolle edel. Sagt mir, Junge, oder Capitain vielmehr, – da Ihr Capitain seid, – war dies alles?« »O nicht; es war, wie ich Euch gesagt habe, eine furchtbare Geschichte, voll der rührendsten Vorfälle, und das Gedächtniß meines Großvaters und meiner Großmutter – –« »Ach!« rief der Streifschütz, und reckte die Hand in die Höhe, während sein ganzes Antlitz durch die Rückerinnerungen, die in ihm bei diesem Namen wieder auflebten, glänzte. »Sie nannten sie Alice! Elsie oder Alice, es ist dasselbe. Ein lachendes, spielendes Kind war sie, wenn glücklich; im Unglück sanft und voll Gefühl! Ihr Haar glänzend, blond, wie das Fell des jungen Reh's, und ihre Haut klarer als das reinste Wasser, das vom Felsen träufelt. Wohl erinnere ich mich noch ihrer; ja noch recht wohl.« Die Lippe des Jünglings verzog sich ein wenig, er betrachtete den alten Mann mit einem Blick, der leicht als eine Andeutung hätte erklärt werden mögen, daß seine Rückerinnerungen an den verehrungswürdigen und verehrten Ahnen nicht von der Art seien, obgleich es scheinen wollte, als ob er es für unnöthig hielt, dies in Worten auszudrücken. Er begnügte sich mit der Antwort: »Sie beide bewahrten die Eindrücke der Gefahren, denen sie ausgesetzt gewesen, zu lebhaft, um einen ihrer Mitgenossen zu vergessen.« Der Streifschütz sah seitwärts, und schien mit einem tief ihm inwohnenden Gefühl zu kämpfen; dann, ob gleich seine treuen Augen nicht mehr mit demselben offenen Interesse, wie vorher, an ihm hingen, wieder zu ihm gewendet, fuhr er fort: »Erzählte er Euch von ihnen allen? Waren sie alle Rothhäute, er und die Töchter Munro ausgenommen?« »Nein. Es hatte sich auch noch ein Weißer zu den Delawaren gesellt. Ein Spion der englischen Armee, aber ein Eingeborner der Provinzen.« »Ein betrunkener, nichtswürdiger Herumstreicher?, wie die meisten seiner Farbe, die sich zu den Wilden halten; ich versichere Euch.« »Alter Mann, Eure grauen Haare sollten Euch vor einer Verläumdung bewahren. Der Mann, wovon ich spreche, besaß große Einfalt, aber hohen Werth. Unähnlich vielen, welche sich auf der Grenze herumtreiben, vereinigte er, statt der schlechten, nur die guten Eigenschaften der beiden Völker. Er war von der Natur mit der herrlichsten und vielleicht seltensten Eigenschaft versehen, mit der, das Gute vom Bösen zu scheiden. Seine Tugenden waren die der Einfalt, wie auch die Früchte seiner Handelsweise und selbst seine Vorurtheile. Im Muth war er seinen rothen Gefährten gleich; in Kriegskenntniß, da er besser unterrichtet war, stand er über ihnen. Kurz er war ein edler Sprosse aus dem Baum der Menschennatur, der nie seine wahre Höhe und Wichtigkeit erlangen konnte, blos weil er im Wald wuchs; dies, alter Jäger, waren die eigenen Worte meines Großvaters, als er von dem Manne sprach, den Ihr für so nichtswürdig haltet.« Der Streifschütz senkte die Augen zu Boden, während der Fremde mit allem Feuer edler Jugend diese Schilderung von der Person entwarf, die der Gegenstand ihres Gesprächs war. Er spielte mit den Ohren seines Hundes, zupfte an seinem groben Gewand, und öffnete und verschloß die Pfanne seiner Flinte, mit so zitternder Hand, daß man sie für ganz unfähig hätte halten mögen, die Waffe zu führen. Als der Andere geendet, fügte er ruhig hinzu: »Euer Großvater vergaß also nicht ganz den Weißen?« »Im Gegentheil, drei von uns führen immer den Namen des Kundschafters.« »Den Namen, wie?« rief der alte Mann staunend, »den Namen eines verlassenen, ungelehrten Jägers! Führen die Großen, Reichen, Gelehrten, und, was noch mehr ist, die Gerechten, führen sie wirklich denselben Namen!« »Ihn führt mein Bruder und zwei meiner Vettern, welches Recht sie auch außerdem auf die von Euch erwähnten Titel haben.« »Ja ist es aber auch derselbe Name, sind's dieselben Buchstaben, fängt er mit einem N an und endet er mit einem L?« »Ganz so,« erwiederte der Jüngling lächelnd. »Nein, nein, wir haben nichts vergessen, was sein war. Ich habe in diesem Augenblick einen Hund, – er verfolgt nicht weit von hier ein Reh, – der von einem abstammt, den eben dieser Kundschafter seinen Freunden zum Geschenk machte, und der von derselben Race ist, die er immer hatte; ein sichereres Thier, nach Nase und Fuß, findet man in der weiten Union nicht.« »Hektor!« sagte der alte Mann, und bemühte sich einer Bewegung, Meister zu werden, die ihn fast erstickte; »Hektor!« sprach er zu seinem Hund in einem Ton, wie er ihn bei einem Kind gebraucht hätte, »hörst du, Alter; dein Fleisch und Blut ist in der Steppe! Ein Name, – wunderbar, – wunderbar!« Die Natur widerstand nicht länger. Ueberwältigt von einer Fluth seltner, außerordentlicher Bewegungen, ergriffen von zarten Rückerinnerungen, die lang geschlafen, und jetzt so wunderbar und unerwartet wieder auflebten, hatte der alte Mann kaum Macht genug über sich, um mit hohler, gepreßter Stimme und mit aller Anstrengung hinzufügen: »Junge, ich bin der Kundschafter, Soldat einst, jetzt ein armer Streifschütz.« – Die Thränen flossen über die zerstörten Wangen, wie Wasserbäche aus Quellen, die seit Langem versiegt; – sein Haupt sank auf seine Kniee, er bedeckte es mit dem ledernen Gewand und schluchzte laut. Der Anblick brachte entsprechende Bewegungen in seinen Gefährten hervor. Paul Hover hatte wirklich jede Silbe der Unterredung, wie sie abwechselnd die Sprechenden vorbrachten, eifrigst verschlungen, und seine Gefühle hatten gleichen Schritt mit dem wachsenden Interesse der Scene gehalten. An so fremdartige Auftritte nicht gewöhnt, wandte er sein Gesicht nach allen Seiten hin, um zu vermeiden, – er wußte nicht recht, was? bis er die Thränen sah, und das Schluchzen des alten Mannes hörte, da sprang er auf, ergriff seinen Gast heftig an der Kehle und fragte, mit welchem Recht er seinen bejahrten Gefährten zu Thränen gebracht. Ein Blitz der Rückerinnerung fuhr ihm in demselben Augenblick durch den Kopf, er ließ ihn los, und ergriff, als er in der Verlegenheit und Freude über den erkannten Irrthum die Hand ausstreckte, den Doctor bei'm Haar, wodurch alsbald dessen künstliche Natur an den Tag kam, da es ihm an der Hand hängen blieb, und dem weißen, glänzenden Schädel des Naturforschers keine wärmere Bekleidung ließ, als die Haut. »Was denkt Ihr dazu, Herr Ungeziefer-Sammler,« triumphirte er schreiend, »ist das nicht eine sonderbare Biene, um sie in ihre Höhle zu verfolgen?« »Es ist merkwürdig, wunderbar, erbauend!« erwiederte der Freund der Natur und nahm ihm gutmüthig die Perrücke wieder ab, während seine Augen glänzten und die Stimme stockte. »Es ist seltsam und werth der Aufbewahrung, wiewohl ich nicht an der rechten Folge der Ursachen und Wirkungen zweifle.« Durch diesen plötzlichen Zwischenfall hatte jedoch auch die Bewegung Aller alsbald ein Ende; die drei Gegenwärtigen umringten den Streifschützen mit einer Art Ehrfurcht, als sie die Thränen eines so bejahrten Mannes sahen. »Es muß so sein, wie könnte er sonst eine Geschichte so genau wissen, die außerhalb meiner eignen. Familie so wenig bekannt ist;« bemerkte endlich der Jüngling, und scheute sich gar nicht, durch ein Wischen der Augen offen an den Tag zu legen, wie sehr er gerührt worden. »Freilich,« entgegnete Paul, »und wenn Ihr noch einen Beweis braucht, so will ich schwören. Ich bin überzeugt, daß jedes Wort so wahr ist, wie das Evangelium.« »Und doch hatten wir ihn längst für todt gehalten!« fuhr der Soldat fort; »mein Großvater hatte in Ehren seine Tage schon geschlossen, und wir hatten jenen für jünger gehalten.« »Nicht oft hat die Jugend eine Gelegenheit, so auf die Schwäche des Alters herabzusehen;« bemerkte der Streifschütz, erhob sein Haupt und sah um sich mit Haltung und Würde. »Daß ich noch hier bin, junger Mann, ist das Geschenk des Herrn, der mich so lange bewahrt, mich achtzig arbeitsvolle Jahre nach seinen verborgenen Zwecken erleben ließ. Daß ich der bin, für den ich mich ausgebe, bezweifelt nicht; warum sollt' ich zu Grabe gehen mit so unnützer Lüge im Mund.« »Ich nehme keinen Anstand, es zu glauben; ich wundere mich nur, daß es so sein soll. Aber warum find' ich Euch, ehrwürdiger, trefflicher Freund meiner Eltern in diesen Wüsten, so weit von aller Bequemlichkeit und Sicherheit des untern Landes?« »Ich kam ich diese Gegend, dem Schall der Axt zu entgehen; denn hierhin sicherlich kann ein Holzfäller mir nicht folgen. Aber ich kann dieselbe Frage Euch zurückgeben. Gehört Ihr zu denen, welche die Staaten aussandten, um die Beschaffenheit ihres neuen Ankaufs zu untersuchen?« »Ich nicht. Lewis zieht den Fluß hinauf, einige hundert Meilen von hier; ich komme als ein Privat-Abenteurer.« »Obgleich man sich nicht wundern darf, daß ein Mann, dessen Kraft und Augen ihn als Jäger verlassen haben, nahe den Höhlen der Biber getroffen wird, wo er statt der Flinte eine Falle gebraucht; so ist es doch sonderbar, daß ein so junger und glücklicher Mann, der einen Auftrag vom großen Vater erhalten, die Steppen durchstreift, ohne selbst einen farbigen Diener zu seinen Befehlen zu haben!« »Ihr würdet meine Gründe für hinlänglich halten, wenn Ihr sie wüßtet, und Ihr sollt sie wissen, wenn Ihr meine Geschichte anhören wollt. Ich halt' euch Alle für edel, für Männer, die eher den unterstützen als verrathen würden, der einen guten Zweck verfolgt.« »So kommt und erzählt uns nach Gefallen,« sagte der Streifschütz, setzte sich und gab dem Jüngling einen Wink, seinem Beispiel zu folgen. Der letztere willfahrte gern, und nachdem Paul und der Doctor, wie sie es für gut fanden, einen Platz eingenommen, begann der neue Ankömmling, die ganz eigenen Ursachen auseinander zu setzen, die ihn so weit in die Wüsten geführt hatten. Eilftes Kapitel. So schwüle Luft kühlt nur ein Wetter ab. König Johann.   Indeß setzten die fleißigen, unwiederbringlichen Stunden ihre Arbeiten fort. Die Sonne, welche den ganzen Tag entlang durch große Massen von Gewölk sich durchgewunden hatte, trat endlich auf einen Strich klarer Luft heraus und sank von da glorreich In die prangenden Wüsten, wie sie sonst in die Wasser des Oceans sich hinabläßt. Die langen Heerden, welche auf den wilden Weiden der Steppe gegrast hatten, verschwanden allmählich, und die endlosen Schwärme der Wasservögel, die ihre gewöhnliche jährliche Reise von den jungen See'n des Norden nach dem Golf von Mexico fortsetzten, durchschnitten nicht mehr die Luft, welche sich jetzt angefüllt hatte mit Thau und Nebel. Kurz, die Schatten der Nacht fielen auf den Felsen und fügten zu den düstern Gegenständen des Orts noch den Mantel der Finsterniß. Als der Esther das Licht zu mangeln begann, sammelte sie die jüngern Kinder um sich und setzte sich auf eine vorragende Spitze ihrer inselförmigen Feste, ruhig die Ankunft der Jäger erwartend. Ellen Wade saß nicht weit davon entfernt, als wolle sie einen geringen Zwischenraum zwischen sich und dem ängstlichen Zirkel lassen, um dadurch den Unterschied anzudeuten, der zwischen ihr und der übrigen Gesellschaft bestand. »Euer Oheim ist und bleibt ein dummer Projectmacher, Nell,« bemerkte die Mutter nach einer langen Pause, die auf ein Gespräch über die Arbeiten des Tags eingetreten war; »im Rechnen und in Vorkehrungen ist benannter Ismael Busch ein armer Wicht. Da sitzt er faul auf dem Felsen von Morgen bis Abend; nichts macht er als Pläne, Pläne, Pläne, er und seine sieben edeln Söhne, so edel, wie je sie ein Weib dem Mann schenkte, und was ist von Allem das Ende? Die Nacht kommt, und sein großes Werk ist noch nicht fertig!« »Es ist nicht klug, Tante, freilich nicht;« erwiederte Ellen in einem Ton von Zerstreuung, der zeigte, wie wenig sie wußte, was sie sagte; »und er gibt auch seinen Söhnen ein böses Beispiel.« – »Hoho, Mädchen! Wer hat Euch zum Richter über Aeltere, ei, und die auch besser sind, als Ihr, gesetzt. Ich möchte doch den Mann auf der ganzen Grenze sehen, der seinen Kindern ein schöneres Beispiel gibt, als Ismael Busch. Zeigt mir, wenn Ihr könnt, Fräulein Fehlerfinder, aber nicht Fehlerverbesserer, einen Haufen Jungen, die in der Noth schneller einen Baum zur Wohnung fällen und ihn behauen, als meine Kinder, obgleich ich es selbst sage, ich, die vielleicht still sein sollte, – oder einen Mäher, der besser einen Haufen Schnitter durch ein Waizenfeld zu führen versteht und die Stoppeln gleicher hinter sich läßt, als mein guter Mann! Dann, als Vater ist er so großmüthig wie ein Herr; seine Söhne brauchen nur den Ort zu nennen, wo sie sich anbauen möchten, und er gibt ihnen die Pflanzung, ohne daß sie sich um den Ankauf zu kümmern brauchen.« Als das Weib des Grenzwohners schloß, erhob sie ein hohles, höhnendes Gelächter, das in dem Munde verschiedener jungen Nachäffer nachhallte, die sie zu einem Leben heranzog, welches eben so unstet und gesetzlos als ihr eigenes, doch trotz seiner Unsicherheit nicht ohne versteckte Reize war. »Holla, alte Esther,« ertönte die wohlbekannte Stimme ihres Gemahls von der Ebene unten herauf; »habt Ihr Eure Spiele vor, während wir zu Euch mit Wild und Büffel kommen! Herunter, herunter, altes Mädchen, mit deinen Jungen oben, steh' uns bei, das Fleisch hinaufzubringen; – ei, was ist denn das für eine Freude oben? Herunter, herunter; die Buben sind schon alle da, und wir haben hier Arbeit für noch einmal so viele Hände.« Ismael hätte seine Lungen schonen können; mehr als die Hälfte seiner Anstrengung, um gehört zu werden, war unnöthig. Er hatte kaum den Namen seines Weibes gerufen, als der ganze zusammengekauerte Kreis sich erhob und, über einander fallend, sich den gefährlichen Gängen des Felsen mit unbedachtsamer Hast hinabstürzte. Esther folgte dem jungen Schwarm in mehr abgemessenem Schritt; auch hielt es Ellen nicht für gut oder vielmehr rathsam, zurückzubleiben. Folglich hatte sich bald der ganze Haufen an dem Fuß der Zitadelle in der Ebene versammelt. Hier fand man den Grenzwohner fast niedergedrückt unter der Last eines schönen, fetten Bocks mit einem oder zwei seiner jüngern Söhne. Abiram erschien auch bald, und ehe einige Minuten vorüber waren, kamen die meisten andern Jäger, einzeln und in Paaren, jeder den Lohn seiner Geschicklichkeit auf der Jagd mit sich bringend. »Die Ebene ist frei von Rothhäuten, heut Nacht wenigstens;« sagte Ismael, nachdem das Geräusch ihrer Ankunft ein wenig nachgelassen; »denn ich hab' die Steppe viele Meilen weit selbst durchforscht, und kann mich einen Kenner in den Fußtapfen eines Indianers nennen. So, Weib, könnt Ihr uns einige Stücke von dem Wildpret geben, und dann wollen wir auf unser Tagwerk schlafen.« »Ich möchte nicht schwören, daß keine Wilden in unserer Nähe sind,« sagte Abiram. »Ich versteh' mich auch auf die Spur einer Rothhaut, und wenn meine Augen nicht etwas von ihrer Sehkraft verloren haben, möchte ich kecklich schwören, daß Indianer bei der Hand sind. Aber wartet, bis Asa kommt. Er ging über die Stelle, wo ich die Spuren fand, und der Junge versteht auch etwas von diesen Dingen.« »Ach, der Junge versteht zu viel von manchen Dingen,« erwiederte Ismael finster; »es wäre besser für ihn, wenn er dächte, er verstünde weniger. Aber was thut's, Hetty, wären auch alle Sioux-Stämme westlich vom großen Fluß nur eine Meile von uns; sie werden es nicht leicht finden, diesen Felsen zu ersteigen, den zehn kühne Männer vertheidigen.« »Sagt zwölf gleich, Ismael, sagt zwölf,« rief seine mannhafte Gemahlin; »denn wenn Euer Mottensammler, Insectenjäger von Freund als ein Mann gerechnet wird, müßt Ihr mich gewiß für zwei zählen. Ich werd' ihm nicht nachstehen mit der Flinte oder dem Gewehr und was den Muth betrifft! – Das junge Kalb, das die schielenden Schelme von Teton gestohlen haben, war der Feigste von uns Allen, und nach ihm kam Euer blödsinniger Doctor. Ach, Ismael, Ihr geht selten einen regelmäßigen Handel ein, ohne dabei zu verlieren, und dieser Mann ist, behaupte ich, der dümmste Handel von allen! Könnt Ihr glauben, der Kerl wollte mir ein Pflaster um den Mund legen, weil ich Schmerzen im Fuß fühlte.« »Es ist Schade, Esther,« antwortete ihr Gemahl trocken, »daß Ihr es nicht nahmt; ich denke, es hätte Euch sehr gut gethan. Aber, Jungen, es könnte gehen, wie Abiram meint, es könnten Indianer in der Nähe sein; wir müßten den Felsen hinauf, und unser Abendessen wäre hin. Deßwegen wollen wir das Wild in Sicherheit bringen, und über die Curen des Doctors sprechen, wenn wir nichts Besseres zu thun haben.« Der Wink ward befolgt, und in wenig Minuten war die offene Stellung, worin sich die Familie gesammelt, mit der sicherern Höhe des Felsen vertauscht. Hier machte sich Esther an's Werk, schaffte und zankte mit gleichem Eifer, bis das Mahl bereit war, wo sie dann den Gemahl mit eben so wohltönender Stimme zum Essen herbeirief, als der Imam, der die Gläubigen an ein wichtigeres Geschäft erinnert. Als Jeder seinen gewöhnlichen Platz um das dampfende Fleisch eingenommen, gab der Grenzwohner das Zeichen, indem er sich an ein köstliches Wildpretstück machte, das wie der Bison-Rücken zubereitet worden, mit einer Geschicklichkeit, die seine natürlichen Vorzüge eher erhöhte als versteckte. Ein Maler hätte eifrig den Augenblick erfaßt, um die wilde, charakteristische Scene auf die Leinwand zu tragen. Der Leser wird sich erinnern, daß Ismael's Citadelle abgesondert, luftig, hoch und fast unzugänglich dastand. Ein helles, flammendes Feuer, das auf dem Mittelpunkt des Gipfels brannte, und um welches die geschäftige Gruppe gelagert war, gab ihm das Ansehn eines kleinen Leuchtthurms, der in dem Mittelpunkt der Wüsten aufgerichtet worden, um den Wanderern zu leuchten, die die weiten Steppen durchziehen möchten. Die sprühende Flamme erhellte ein verbranntes Antlitz nach dem andern, und zeigte jede Verschiedenheit des Ausdrucks, von der jugendlichen Einfachheit der Kinder, gemischt wie sie war mit einem Schatten der ihrem halb rohen Leben eignen Wildheit, bis zur stumpfen, unbeweglichen Ruhe, die in den Mienen des Grenzwohners lag, wenn er nicht gereizt ward. Manchmal ging ein Windstoß über die Glut, und dann wurde, da helleres Licht emporschoß, das kleine einsame Zelt gesehen, wie es aufgerichtet war in der düstern obern Luft. Alles unten war, wie es gewöhnlich ist zu dieser Stunde, in das undurchdringliche Gewand der Dunkelheit gehüllt. »Es ist unbegreiflich, daß Asa noch zu solcher Zeit auswärts ist;« bemerkte Esther unmuthig. »Wenn alles zu End' und recht ist, hätte der Junge heraufkommen müssen, nach dem Essen verlangen? und hungrig wie ein Bär nach dem Winterschlaf. Sein Magen geht so richtig, wie die beste Uhr in Kentucky, und braucht selten aufgezogen zu werden; der geht bei Tag und Nacht. Asa ist ein verzweifelter Esser, wenn nach einer Arbeit er hungrig ist.« Ismael musterte ernst den Kreis seiner stillen Söhne, als ob er sehen wolle, ob einer von ihnen etwas zu Gunsten des abwesenden Strafbaren zu sagen wagen würde. Aber jetzt, wo keine treibenden Ursachen da waren, ihre schlummernden Gemüther anzuregen, schien es zu große Anstrengung, sich auf die Vertheidigung ihres rebellischen Bruders einzulassen. Abiram jedoch, der seit der Friedenstiftung einen edlern Antheil an seinem frühern Gegner nahm oder zu nehmen vorgab, hielt es für schicklich, eine gewisse Aengstlichkeit an den Tag zu legen, der die andern fremd blieben. »Es ist viel, wenn der Junge dem Teton entwischt ist,« murmelte er. »Es würde mir leid thun, wäre Asa, der kräftigste in unserm Zug, nach Herz und Hand, in die Gewalt der rothen Teufel gefallen.« »Sorgt für Euch, Abiram, und spart Euern Athem, wenn Ihr ihn nur anwenden könnt, um das Weib und ihre zusammengekauerten Mädchen zu erschrecken. Ihr habt schon Ellens Antlitz ganz weiß gemacht; sie sieht so blaß aus, als da sie heute nach denselben Wilden schaute, die Ihr eben nennt, und wo ich genöthigt war, zu ihr durch die Flinte zu sprechen, weil ich ihre Ohren nicht mit meiner Zunge erreichen konnte. Wie kam das, Nell? Ihr habt noch gar nicht den Grund von Eurer Taubheit gesagt!« Die Farbe auf Ellens Wange änderte sich eben so plötzlich, wie des Grenzwohners Gewehr bei der Gelegenheit geblitzt hatte, worauf er anspielte, und eine brennende Röthe überzog ihre Züge, so daß selbst der Hals sich in das Roth der Gesundheit kleidete. Sie senkte beschämt das Haupt, schien es aber nicht für nöthig zu halten, etwas zu erwiedern. Ismael, zu träge, um den Gegenstand weiter zu verfolgen, oder mit der Anspielung, die er eben gemacht, zufrieden, erhob sich von seinem Sitz auf dem Felsen, streckte seine schwere Gestalt, wie ein wohlgenährter, gemästeter Stier, und äußerte sein Verlangen, schlafen zu gehen. Unter einer Race, die hauptsächlich lebte, um die Bedürfnisse des Leibes zu befriedigen, konnte eine solche Erklärung nur entsprechende Gefühle finden. Einer nach dem Andern verschwand, Jeder suchte sein rauhes Lager, und ehe einige Minuten vergingen, fand sich Esther, welche um diese Zeit die Kleineren in den Schlaf gezankt hatte, wenn wir die gewöhnliche Wache unten ausnehmen, im alleinigen Besitz des nackten Felsen. Welche weniger edeln Früchte auch immer in diesem ungebildeten Weibe durch ihre wandernde Lebensart hervorgebracht worden, der Hauptcharakter der Frauennatur war zu tief gewurzelt, um je ganz ausgerottet zu werden. Von kräftiger, hitziger Gemüthsart waren ihre Leidenschaften heftig und schwer zu besänftigen. Aber wie sehr sie auch oft die gelegentlichen Vorrechte ihrer Lage mißbrauchen mochte, und wirklich mißbrauchte, die Liebe zu ihren Kindern, wenn sie oft schlummerte, konnte doch nie gänzlich erlöschen. Sie liebte nicht Asa's verlängerte Abwesenheit. Zu furchtlos selbst, um einen Augenblick zu zögern, für ihre eigene Person den dunkeln Abgrund zu durchschreiten, in welchen sie jetzt mit erwartungsvollen Blicken starrend da saß, begann ihre geschäftige Phantasie, in Folge dieses unzerstörbaren Gefühls, namenlose Nebel für ihren Sohn herauf zu beschwören und sich auszumalen. Es konnte möglich sein, daß er, wie Abiram angedeutet, ein Gefangener eines der Stämme geworden, die in der Nähe auf die Büffel Jagd machten, oder daß selbst ein noch größeres Unglück ihn befallen. So fürchtete die Mutter, während Stille und Dunkel die geheimen Gefühle der Natur erhöhten und verstärkten. Von diesen Gedanken bewegt, die den Schlaf fern hielten, blieb Esther auf ihrem Sitze und lauschte mit der Aufmerksamkeit, welche bei Thieren, wenige Stufen unter ihr in Geistesgaben, Instinct genannt wird, ob sie ein Geräusch vernehme, welches von nahenden Fußtritten herrühren könnte. Endlich schien es, als ob ihre Wünsche erfüllt werden sollten, denn die langersehnten Tritte wurden ganz vernehmlich hörbar, und alsbald unterschied sie die dunkle Gestalt eines Mannes am Fuße des Felsen. »Nun, Asa, sehr verdienst du diese liebe Nacht auf bloßer Erde zuzubringen,« murmelte das Weib, in einem Sturm von Gefühlen, die denen nicht auffallend sein werden, welche die Widersprüche, die dem Gemüth des Menschen Abwechselung geben, zu ihrem Studium gemacht haben. »Und ich denke, selbst dein Bett sollte hart sein! Ei, Abner, Abner, schläfst du? Laß mich ja nicht sehen, daß du die Höhlung öffnest, ehe ich hinunter komme. Ich will sehen, wer eine ruhige, ja, und auch eine ehrliche Familie zu solcher Nachtzeit stören mag.« »Weib!« rief eine Stimme, die trotzig sein sollte, während der, welchem sie angehörte, offenbar ein wenig wegen der Folgen fürchtete; »Weib, ich verbiete Euch bei Gesetzesstrafe, etwas von Euern höllischen Stücken herabzuwerfen. Ich bin ein Bürger und ein Landbesitzer, ein Graduirter von zwei Universitäten, und bin hier in meinem Recht. Hütet Euch vor vorsetzlicher Bosheit, vor zufälliger Verletzung und vor Todtschlag. – Ich bin es, Euer amicus , ein Freund und Genosse, – ich, der Doctor Obed Battius.« »Wer!« fragte Esther, mit einer Stimme, die fast die Worte nicht bis zu den Ohren des Aengstlichen unten bringen konnte, mit dem sie sprach; »es wäre nicht Asa?« »Nein, ich bin weder Asa, noch Absalon, noch sonst einer von den hebräischen Prinzen, sondern Obed, die Wurzel und der Stamm von ihnen allen. Sagt' ich nicht, Weib, daß Ihr hier Jemand warten lasset, der so viel Anspruch auf einen friedlichen und ehrenvollen Empfang hat. Haltet Ihr mich für ein Thier aus der Classe Amphibia , und meint, ich könnte mit meinen Lungen umgehen, wie der Grobschmidt mit seinen Blasbalgen.« Der Naturforscher hätte wohl seinen Athem noch weit länger angestrengt, ohne die gewünschte Wirkung zu erreichen, wäre Esther seine einzige Zuhörerin gewesen. Getäuscht und beunruhigt, hatte schon das Weib ihr Lager gesucht, und schickte sich in einer Art verzweifelter Gleichgültigkeit an, schlafen zu gehen. Aber Abner, die Wache unten, war durch das Geschrei aus einer außerordentlich zweideutigen Lage aufgeschreckt worden, und ließ, als er hinlänglich zu sich selbst gekommen, um die Stimme des Doctors zu erkennen, diesen ohne weitern Verzug herein. Battius stolperte durch den engen Eingang mit ganz besonderer Ungeduld, und stieg schon der schwierigen Anhöhe hinauf, als er noch einen Blick aus den Pförtner warf, und stehen blieb, um mit einem Ton, der außerordentlich ermahnend sein sollte, noch zu bemerken: »Abner, ich finde gefährliche Symptome von Schläfrigkeit an dir. Sie zeigt sich hinlänglich an deiner Neigung zum Gähnen, und könnte sehr gefährlich für dich und deines Vaters ganze Familie werden.« »Nie wart Ihr in größerm Irrthum, Doctor,« erwiederte der Jüngling, und gähnte wie ein fauler Löwe, »ich habe kein Symptom, wie Ihr es nennt, nirgends an mir, und was den Vater und die Kinder betrifft, so denk' ich, haben die Pocken und Rötheln seit vielen Monaten hinlänglich unter uns ausgetobt.« Zufrieden mit seiner kurzen Ermahnung, war schon der Naturforscher halb über die Hindernisse hinaus, welche die Anhöhe schützten, ehe der bedächtige Abner seine Rechtfertigung geendet hatte. Auf dem Gipfel dachte Obed gewiß Esther zu finden, von deren Geschicklichkeit in der Zunge er zu oft die stärksten Beweise erhalten hatte, und vor der er zu viel Ehrfurcht hegte, um eine Wiederholung ihrer Angriffe zu wünschen. Der Leser kann voraussehen, daß er angenehm überrascht werden sollte. Er trat leise auf und sah oft furchtsam über die Schulter in die Höhe, als fürchte er einen Schauer von oben, der aus etwas weit furchtbarerem als Worte bestehen möchte, und kam so glücklich an den Ort, der ihm bei der allgemeinen Austheilung der Lagerstätten angewiesen worden war. Statt zu schlafen, saß der würdige Naturforscher sinnend über dem, was er während des Tags gehört und gesehen hatte, bis das Bewegen und Murmeln in Esther's Cabinet, die sein nächster Nachbar war, ihn überzeugte, daß sie noch wache. Er sah die Nothwendigkeit ein, etwas zu thun, was diesen weiblichen Cerberus entwaffnen könnte, ehe er seinen Plan ausführen dürfe, und so fand sich der Doctor, so ungern er auch ihrer Zunge begegnete, gezwungen, sie zu einer Unterhaltung aufzufordern. »Ihr scheint nicht zu schlafen, meine gütigste, würdigste Frau Busch,« sagte er, entschlossen, sein Anerbieten mit einem Pflaster zu eröffnen, das, wie er fand, gewöhnlich anschlug; »Ihr scheint übel zu ruhen, meine verehrte Wirthin; kann ich etwas gegen Euer Leiden anbieten?« »Was würdet Ihr mir geben,« brummte Esther. »Ein beschmiertes Läppchen, um Schlaf zu bekommen!« »Sagt lieber ein Cataplasma . Aber wenn Ihr Schmerzen habt, hier sind herrliche Tropfen, welche, in einem Glas von meinem Cognac genommen, Euch Ruhe verschaffen werden, oder ich müßte wenig von der materia medica verstehen.« Der Doctor hatte, wie er wohl wußte, Esther an ihrer schwachen Seite angegriffen; und da er die Annahme seines Rezepts nicht bezweifelte, machte er sich ohne allen unnöthigen Aufschub an die Zubereitung. Sein Anerbieten ward auf eine barsche, drohende Art angenommen, aber mit einer Leichtigkeit verschlungen, die klar zeigte, wie sehr sein Patient es liebte. Das Weib murmelte Dank, und ihr Arzt setzte sich ruhig hin, die Wirkung der Dosis abzuwarten. In weniger als einer halben Stunde ward das Athmen der Esther so tief, und wie es der Doctor selbst nannte, so abstract, daß hätte er diesen neuen Anfall von Schlafsucht nicht der mächtigen Gabe Opium, womit er den Branntwein versetzt, zuschreiben müssen, er fast Ursache gehabt, in sein eigenes Rezept Mißtrauen zu setzen. Mit dem Schlaf des unruhigen Weibes ward die Stille tief und allgemein. Nun hielt es Doctor Battius für sicher aufzustehen. Mit der leisen Vorsicht eines Nachtdiebs stahl er sich aus seinem Cabinet oder vielmehr Stall, denn es verdiente keinen bessern Namen, und ging nach den naheliegenden Schlafstätten. Hier versicherte er sich, daß all' seine Nachbarn in tiefen Schlaf begraben waren; dann von diesem wichtigen Umstand überzeugt, zögerte er nicht länger, sondern stieg die mühevolle Anhöhe hinaus, welche zu der obersten Spitze des Felsen führte. Sein Gang, obgleich außerordentlich vorsichtig, war doch nicht ganz geräuschlos, und als er sich eben Glück wünschte, daß er seinen Zweck erreicht hatte und seinen Fuß auf die höchste Spitze setzen wollte, hielt ihn eine Hand an dem Saum seines Kleides, welche so wirksam seinem Fortschreiten ein Ende machte, als wenn Ismael's gigantische Stärke selbst ihn an dem Boden festhielt. »Ist Jemand krank im Zelt,« lispelte eine sanfte Stimme ihm in's Ohr, »daß Doctor Battius zu einer solchen Stunde seinen Besuch macht?« Sobald das Herz des Naturforschers von seiner hastigen Expedition in seine Kehle zurückgekommen war, wie ein in dem Bau des Thiers weniger Unterrichteter, als Doctor Battius sich diese ungewöhnliche Stimmung, in welcher er bei der unerwarteten Unterbrechung sich befunden hatte, erklärt haben würde, fand er sich entschlossen genug zu antworten, aber sowohl aus Schreck als aus Klugheit mit eben so gedampfter Stimme. »Meine würd'ge Nelly, ich freue mich außerordentlich, daß es Niemand anders ist als du. Hst, hst, Kind, erführ Ismael etwas von unsern Plänen, er würde uns beide von dem Felsen in die Ebene hinunterstürzen. Still, Nelly, still.« Da der Doctor, während er diese Ermahnungen gab, immer weiter hinaufstieg, so fanden sich beide, als er geendet, auf dem obersten Punct des Felsen. »Und nun, Doctor Battius,« fragte das Mädchen ernst, »darf ich jetzt die Ursache wissen, warum Ihr Euch dem Fall aussetzt, von diesem Ort ohne Flügel und mit unvermeidlicher Gefahr für Euren Hals herunterzusegeln?« »Nichts soll dir verborgen bleiben, meine würdige, treue Nelly; aber seid Ihr sicher, daß Ismael nicht erwacht?« »Fürchtet nichts von ihm, er wird schlafen, bis die Sonne seine Augenlieder trifft. Gefahr kommt von meiner Tante.« »Esther schläft,« erwiederte der Doctor bedeutungsvoll. »Ellen, Ihr habt auf diesem Felsen heute Wache gestanden?« »Es ward mir befohlen.« »Und Ihr saht den Bison, die Antilope, den Wolf und das Reh, wie gewöhnlich; Thiere aus den Ordnungen: belluae, pecora und ferae .« »Ich sah die Thiere, die Ihr in unsrer Sprache genannt habt, aber ich verstehe nichts von den indianischen Sprachen.« »Es gibt auch eine Ordnung, die ich nicht genannt habe, die die Ihr auch gesehen habt. Die primates , ist's nicht wahr?« »Ich weiß nicht, ich kenn' kein Thier von diesem Namen.« »Nun, Ellen, Ihr sprecht mit einem Freund. Von dem Geschlecht homo , Kind?« »Was mir auch zu Gesicht gekommen sein mag, sicher sah ich nicht Vespertilio horribi –« »Hsch, Nelly, dein Eifer wird uns verrathen. Sagt mir, Mädchen, saht Ihr nicht gewisse Zweifüßler, genannt Menschen, in den Steppen?« »Freilich; mein Oheim und seine Söhne haben Büffel gejagt bis Sonnenuntergang.« »Ich muß in der Landessprache reden, um verstanden zu werden; Ellen, ich wollte sagen, von der Species Kentucky .« Obgleich Ellen wie die Rose erröthete, ward dies glücklicherweise durch die Dunkelheit verdeckt. Sie zögerte einen Augenblick und faßte sich dann hinlänglich, um bestimmt zu sagen: »Wenn Ihr in Gleichnissen reden wollt, Doctor Battius, müßt Ihr Euch einen andern Zuhörer suchen. Legt mir Eure Fragen deutlich, in unserer Sprache vor, und ich will sie eben so treu beantworten.« »Ich bin in dieser Wüste herumgezogen, Nelly, wie du weißt, um Thiere zu suchen, die sich bis jetzt vor dem Auge der Wissenschaft versteckt haben. Unter andern entdeckte ich einen Zweifüßler von dem Genus, homo; Species, Kentucky , den ich Paul nenne.« »Hst, um's Himmelswillen,« sagte Ellen, »sprecht leise, Doctor oder wir werden gehört.« »Ja, Paul Hover, von Gewerb ein Sammler von apes oder Bienen,« fuhr der Andere fort. »Sprech ich jetzt verständlich, verstehst du es nun?« »Vollkommen, vollkommen,« erwiederte das bestürzte Mädchen, das in ihrem Erstaunen kaum zu Athem kommen konnte. »Aber was ist mit ihm, hieß er Euch auf den Felsen steigen, – er weiß selbst nichts, denn ich schwur meinem Onkel, und so ist mein Mund verschlossen.« »Ei, aber da ist einer, der hat keinen Eid geschworen; und hat alles entdeckt. Ich wünschte, der Schleier, der über die Geheimnisse der Natur gebreitet ist, wär' eben so gänzlich von ihren verborgnen Schätzen weggenommen. Ellen, Ellen, der Mann mit dem ich unkluger Weise ein compactum oder einen Vertrag geschlossen habe, ist außerordentlich vergessen in den Pflichten der Ehrlichkeit! Dein Oheim, Kind.« »Ihr meint Ismael Busch, meines Vaters Bruders Wittwe Mann,« erwiederte das beleidigte Mädchen ein wenig stolz; »in der That, es ist grausam, mir ein Verwandtschaftsband vorzuwerfen, das der Zufall geknüpft hat, und das ich so gerne für immer zerreißen möchte.« Die erniedrigte Ellen konnte nichts weiter hervorbringen, sondern sank auf einen Vorsprung des Felsen und schluchzte auf eine Art, die ihre Lage doppelt gefährlich machte. Der Doctor murmelte einige Worte, die eine Entschuldigung sein sollten, aber ehe er noch Zeit hatte, seine mühsame Rechtfertigung zu schließen, stand sie auf und sagte mit großer Entschlossenheit: »Ich kam nicht hierher, um meine Zeit mit thörichten Thränen hinzubringen, noch Ihr, um sie zu stillen. Was hat Euch also hierher gebracht?« »Ich muß den Bewohner dieses Zeltes sehen.« »Ihr wißt, was es enthält?« »Ich bin wohl geneigt, es zu glauben, und habe einen Brief, den ich selbst übergeben muß. Ist das Thier ein Quadruped, dann ist Ismael ein aufrichtiger Mann, ist es ein Biped, befiedert oder unbefiedert, dann kümmere ich mich um nichts; er ist falsch, und unser compactum ist zu Ende!« Ellen gab dem Doctor ein Zeichen zu bleiben und stille zu sein. Dann schlüpfte sie in das Zelt und blieb mehrere Minuten, die für den Wartenden draußen außerordentlich unangenehm und voller Angst waren. Doch sie kehrte zurück, nahm ihn bei der Hand, und beide verschwanden zusammen hinter den Falten der geheimnißvollen Decke. Zwölftes Kapitel. O, daß der Herzog von York sich könnt' entschuldigen. König Heinrich VI.   Die Zusammenkunft der Grenzwohner am folgenden Morgen war still, dumpf und traurig. Das Mahl zu dieser Tageszeit entbehrte der unharmonischen Begleitung, womit Esther gewöhnlich ihre Gerichte würzte; denn die Wirkungen des mächtigen Schlaftrunks, welchen der Doctor ihr beigebracht, umnebelten noch ihren sonst so lebhaften Geist. Die jungen Leute machten sich über die Abwesenheit ihres ältern Bruders Gedanken, und selbst Ismael's Braunen waren ernst zusammengezogen, als er seine forschenden Augen von einem zum andern warf, als rüste er sich, einem erwarteten Angriff auf sein Ansehen zu begegnen und ihn zurückzuschlagen. Mitten unter diesem Familienhader nahm Ellen und ihr mitternächtiger Cumpan jeder seinen gewöhnlichen Sitz unter den Kindern ein, ohne Verdacht zu erregen, ohne zu einer Bemerkung Veranlassung zu geben. Die einzige sichtbare Folge des Abenteuers, welches sie bestanden hatten, war ein gelegentliches Aufblicken von Seiten des Doctors, welches von den Beobachtern für eine von seinen gelehrten Betrachtungen des Himmels gehalten ward, aber in der That nichts weiter war, als ein verstohlenes Hinsehen nach den flatternden Wänden des verbotenen Zeltes. Endlich entschloß sich der Auswanderer, der vergebens sich auf eine entschiedenere Darlegung des erwarteten Aufruhrs unter seinen Söhnen gefaßt gemacht hatte, seinen eigenen Plan ihnen zu erkennen zu geben. »Asa soll mir dies ungebührliche Betragen entgelten!« bemerkte er kalt. »Da ist die liebe lange Nacht vorübergegangen, und er hat draußen gelegen in der Steppe, während sein Arm und seine Büchse uns sehr nöthig hätten sein können in einem Kampf mit den Sioux; denn was könnte er vom Gegentheil wissen?« »Spare den Athem, Guter,« entgegnete sein Weib, denn du möchtest lange nach deinem Sohn rufen müssen, ehe er dir antwortet.« »Es ist wahr, manche Männer sind so weibisch, daß sie die Jungen die Alten meistern lassen, aber du, Esther, solltest's doch besser wissen, solltest nicht meinen, daß je so etwas in Ismael Busch's Familie geschehen könnte.« »Ei, du bist ein Tyrann gegen die Jungen, wenn es sich trifft, ich weiß es wohl, Ismael, und jetzt hast du einen von deinen Söhnen durch deinen Zorn fortgetrieben, gerade wenn du ihn am nöthigsten brauchst.« »Vater,« sagte Abner, dessen schläfrige Natur sich allmählig zu der Kraftäußerung hinaufgewunden hatte, um so was Kühnes zu wagen, »die Jungen und ich haben einmüthig beschlossen, Asa aufzusuchen. Uns gefällt gar nicht, daß er in der Steppe campirt, statt in sein Bett zu kommen, was, wie wir wissen, er sonst gerne that.« »Psah,« murmelte Abiram, »der Junge hat einen Bock getödet, oder vielleicht einen Büffel, und schlief bei der Beute, um die Wölfe bis zu Tage abzuhalten. Wir werden ihn bald sehen oder nach Hülfe rufen hören, um die Last hereinzubringen.« »Ein Sohn wie meiner braucht wenig Hülfe, um einen Bock aufzuschultern oder wildes Rind zu vierteln!« entgegnete die Mutter. »Und du, Abiram, du magst so Unwahrscheinliches vorbringen, du, der selbst sagte, die Rothhäute seien noch gestern um diese Stelle herumgestreift?« »Ich!« rief ihr Bruder hastig, als möchte er gerne seinen Irrthum zurücknehmen, »ich sagte es damals und sag' es noch, und so wirst du es finden. Die Teton sind in unserer Nähe, und es ist noch ein Glück für den Jungen, wenn sie ihn gut getroffen haben!« »Mir scheint es,« sagte Doctor Battius, und sprach mit der Ueberlegung und Würde, wie man sie anzunehmen pflegt, wenn man seine Meinung durch hinlängliches Nachdenken gehörig hat reisen lassen; »mir scheint es, mir, einem Mann, der sich nur wenig auf die Zeichen und Eigenheiten der indianischen Kriegskunst versteht, besonders wie sie in diesen entfernten Ebenen ausgeübt wird, obwohl ich ohne Ruhmredigkeit sagen darf, daß ich einige Einsicht in die Geheimnisse der Natur habe; mir scheint es also, mir, der nur so wenig hierüber zu urtheilen im Stande ist, daß wenn Zweifel über eine Sache von so großer Wichtigkeit bestehen, es immer das Weiseste sein würde, sich zu vergewissern.« Mir nichts weiter von Eurem doctern!« rief Esther grimmig, »nichts weiter von Euren Siebenfachen in einer gesunden Familie, sag' ich; da war ich ganz gesund, nur etwas abgespannt durch das viele Wehren unter den Kleinen, und Ihr gabt mir einen Trunk, der mir noch auf der Zunge hängt, wie ein Pfundgewicht an dem Flügel eines Sommervogels!« »Ist die Medizin vorüber,« fragte Ismael trocken, »es muß ein rarer Verschreiber sein, der, – wenn es der Zunge der alten Esther ein schweres Gefühl macht!« »Freund!« fuhr der Doctor fort, und winkte dem erbosten Weibe mit der Hand, stille zu bleiben, »daß sie nicht Alles wirkt, was man von ihr rühmt, davon ist gerade die Anklage der guten Frau Busch ein hinlänglicher Beweis. Aber um von dem abwesenden Asa zu sprechen. Es besteht ein Zweifel über sein Schicksal, und auch ein Vorschlag ist da, ihn zu heben. Nun, in den Naturwissenschaften ist die Wahrheit immer ein Desideratum , und ich gestehe, es möchte auch so im gegenwärtigen Fall scheinen, den man ein Vacuum wo? nennen könnte, da nach den Gesetzen der Physik einige tastbare Beweise von der Materialität da sein sollten.« »Hört ihn nicht, hört ihn nicht!« rief Esther, als sie bemerkte, daß die Uebrigen mit einer Aufmerksamkeit ihm zuhörten, die eben sowohl von Hingebung zu seinen Vorschlägen, als von der Unverständlichkeit seines Vortrags herrühren mochte. »In jedem Wort, das er ausspricht, ist ein Schlaftrunk!« »Doctor Battius wünschte zu sagen,« bemerkte Ellen bescheiden, »daß, da Einige von uns meinen, Asa sei in Gefahr, und Andere anders denken, die ganze Familie eine oder zwei Stunden ihn suchen sollte!« »So, meint er das?« fiel das Weib ein, »dann hat Doctor Battius mehr Verstand, als ich geglaubt hatte. Sie hat Recht, Ismael, und was sie sagt, soll geschehen. Ich will selbst eine Büchse auf die Schulter nehmen; und wehe dem Rothhäutigen, der mir in den Weg kommt. Ich habe schon eher den Hahn losgedrückt, und zu meiner Pein schon genug den Lärm der Indianer gehört!« Esther's Muth theilte sich, wie der Antrieb, der ein siegreiches Kriegsgeschrei begleitet, ihren trägen Söhnen mit. Sie erhoben sich alle zugleich, und erklärten ihre Bereitwilligkeit, so kühnen Anschlag zu unterstützen. Ismael gab klüglicher Weise einem Eifer nach, dem er nicht widerstehen konnte, und in wenigen Augenblicken erschien das Weib, ihre Waffe auf der Schulter, und bereit, in Person die von ihren Nachkommen anzuführen, welche ihr folgen wollten. »Laßt bei den Kindern zurückbleiben, wem es gefällt, und mitgehn mag, wer nicht feigherzig ist!« – »Abiram, es geht nicht, die Hütten ohne Wache zu lassen,« lispelte Ismael, und warf seinen Blick nach oben. Der Mann, zu dem er sprach, stand, und verrieth ungewöhnlichen Eifer in seiner Antwort: »Ich will bleiben und das Lager bewachen.« Ein Dutzend Stimmen erhoben sich sogleich gegen diesen Vorschlag. Man brauchte ihn, um den Ort anzuzeigen, wo die feindlichen Spuren gesehen worden, und seine mannhafte Schwester tadelte offen den Gedanken als eines Mannes unwürdig. Der widerstrebende Abiram mußte nachgeben, und Ismael traf eine neue Anordnung zur Vertheidigung des Orts, der von Allen als sehr wichtig für ihre Sicherheit und Bequemlichkeit angesehen ward. Er bot den Posten eines Commandanten dem Doctor Battius an, der jedoch peremtorisch und etwas stolz die zweifelvolle Ehre ausschlug, und dabei Blicke von ganz eigener Bedeutung mit Ellen wechselte. In dieser Verlegenheit mußte der Wanderer das Mädchen selbst zum Castellan machen, trug jedoch Sorge, als er ihr dies wichtige Amt übergab, es nicht an Ermahnungen zur Vorsicht und an Lehren fehlen zu lassen. Als diese vorgängigen Einrichtungen getroffen waren, machten die jungen Leute einige Vorkehrungen zur Vertheidigung und stellten Lärmzeichen fest, die der Schwäche und dem Charakter der Garnison angemessen waren. Mehrere Felsenmassen wurden an den Abhang der oberen Plattform gebracht und so hingelegt, daß es dem Gutdünken der schwachen Ellen und ihren Gefährten überlassen blieb, sie, wie es ihnen beliebte, auf die Häupter jedes Angreifers, der nothwendig die Anhöhe auf dem schwierigen, engen Weg, den wir schon oft erwähnt haben, hätte ersteigen müssen, hinunter zu wälzen oder nicht. Außer dieser furchtbaren Verschanzung wurden die Eingänge verstärkt und fast unzugänglich gemacht. Kleinere Wurfgeschosse, die selbst von den Händen der jüngern Kinder regiert werden mochten, die aber von der Höhe des Orts herab außerordentlich gefährlich werden konnten, wurden in Menge herbeigeschafft. Ein Haufen dürrer Blätter und Scheiter wurde wie ein Leuchthurm auf dem oberen Felsen aufgethürmt, und so ward, selbst nach dem vorsichtigen Urtheil des Wanderers, der Posten für stark genug gehalten, eine ziemliche Belagerung zu ertragen. Sobald man den Felsen hinlänglich gesichert glaubte, machte sich der Theil, den man als den Ausfall bildend betrachten konnte, auf seinen gefährlichen Zug. Er ward von Esther in Person angeführt, die in einem halb männlichen Anzuge und eine Waffe wie die übrigen tragend, kein unpassender Häuptling für einen Haufen wilder Grenzleute schien, der ihr langsam folgte. »Nun Abiram!« schrie die Amazone mit einer Stimme, die rauh und heiser war, aus dem einfachen Grunde, weil sie zu oft in einem zu hohen unnatürlichen Schlüssel angestrengt wurde; »nun Abiram lauf, die Nase am Boden; zeig dich als ein Hund von guter Race, und mach' deiner Zucht Ehre. Du sahst die Spur des indianischen Stiefels, und du mußt Andere auch so gelehrt machen. Komm, komm an die Spitze, Mann, und führ' uns tapfer!« Der Bruder, welcher zu jeder Zeit eine heilsame Ehrfurcht gegen seiner Schwester Ansehen zu hegen schien, folgte, obwohl es mit so offenbarem Widerstreben geschah, daß es selbst unter den wenig beobachtenden und schläfrigen Söhnen des Auswanderers Spott erregte. Ismael selbst schritt unter seinen schlanken Kindern daher, als erwarte er nichts von dem Suchen, und sei gleichgültig für den Erfolg und das Mißlingen. Auf diese Weise marschirte der Haufen, bis die entfernte Feste so niedrig geworden war, daß sie keine größere Höhe darstellte, als irgend ein dunkler Punct am Rande der Steppe. Bisher war ihr Zug still und etwas schnell gewesen, denn da Anhöhe auf Anhöhe erstiegen und zurückgelassen wurde, ohne daß eine Abwechslung sich zeigte, oder etwas Lebendiges entdeckt ward, die Einöde zu beleben, so hatte die Eintönigkeit der Aussicht selbst Esther's Zunge mit stets wachsender Erwartung gefesselt. Hier jedoch wollte Ismael stehen bleiben, und den Kolben seiner Büchse von der Schulter auf den Boden stoßend, bemerkte er: »Es ist genug. Büffelspur und Wildfährte sieht man genug, aber wo sind der Indianer Fußtapfen, die du gesehen hast, Abiram?« »Noch weiter gen Westen,« entgegnete dieser, und deutete nach der genannten Gegend. »Das war der Ort, wo ich die Fährte des Bocks traf, den ich tödtete; erst nachdem ich das Thier gejagt, kam ich auf die Tetonspur.« »Und ein blutiges Werk hast du daraus gemacht, Mann,« rief der Auswanderer, und deutete erstaunt auf das besudelte Kleid seines Verwandten, worauf er die Aufmerksamkeit der Zuschauer, über den Gegensatz triumphirend, auf sein eigenes richtete. »Hier habe ich zwei Ziegen die Kehle abgeschnitten und einem herumstreichenden Pfau, ohne Flecken und Mackel, während du, Ungeschickter, du der Esther und den Mädchen so viele Arbeit gemacht hast, als wäre die Schlächterei dein gewöhnliches Geschäft. Kommt, Jungen; ich sage, es ist genug. Ich bin zu alt, um die Zeichen der Grenze nicht zu kennen; kein Indianer ist hier gewesen, seit dem letzten Fallen des Wassers. Folgt mir, und ich will eine Richtung einschlagen, die uns wenigstens für unsere Mühe das Fleisch einer fahlen Kuh geben soll!« »Folgt mir,« rief Esther, und schritt unaufhaltsam vorwärts. »Ich bin heute der Anführer, und verlange Gehorsam. Wer ist auch so geschickt dazu als eine Mutter, bei einem Zug, um ihr Kind zu suchen, sich an die Spitze zu stellen.« Ismael sah seine schwer zu behandelnde Ehehälfte mit einem nachsichtigen Lächeln an. Als er bemerkte, daß sie schon selbst einen Weg eingeschlagen hatte, der von dem Abiram's und dem, welchen er selbst wählen wollte, verschieden war, und da er es nicht für gut hielt, gerade in diesem Augenblick die Zügel seines Ansehens zu straff anzuziehen, gab er wieder düster ihrem Willen nach. Aber Doctor Battius, der bis jetzt das Weib schweigend und gedankenvoll begleitet hatte, wollte jetzt eine schwache Stimme in einer Vorstellung erheben. »Ich stimme mit Eurem Lebensgefährten überein, würdige, liebe Frau Busch,« sagte er, »und glaube, daß ein ignis fatuus (Irrwisch) der Einbildungskraft Abiram bei den Zeichen oder Symptomen betrogen hat, von welchen er gesprochen.« »Symptomen, selbst Symptomen!« unterbrach ihn das Mannweib. »Das ist keine Zeit für Bücherwörter, auch kein Ort, still zu stehen, und Medizin zu verschlucken. Wenn Euch die Beine matt sind, so sagt's wie ein aufrichtiger Mann, setzt Euch in die Steppe, wie ein lahmer Hund, und überlaßt Euch der Ruhe.« »Das bin ich zufrieden,« entgegnete der Naturforscher ruhig, und folgte buchstäblich dem Rath der spottenden Esther, indem er kalt seinen Sitz an der Seite eines inländischen Strauchs nahm, und sogleich die Untersuchung damit begann, auf daß die Wissenschaft in keinem von ihren gerechten und wichtigen Ansprüchen zu kurz käme. »Ich ehre, wie Ihr seht, Euren kostbaren Rath, Mrs. Esther. Geht, sucht Euren Sohn auf, während ich hier weile, und das, was besser ist, verfolge, nämlich die Einsicht in die Geheimnisse des Buchs der Natur.« Das Weib antwortete durch ein hohles, unnatürliches, verächtliches Lachen, und selbst ihre schwerfälligen Söhne, als sie langsam an dem Sitz des schon ganz vertieften Naturforschers vorüber gingen, ermangelten nicht, ihre Verachtung in bedeutendem Lächeln zu erkennen zu geben. In wenigen Augenblicken hatte der Zug die nächste Anhöhe erstiegen, und als er sich dem Abhang hinabwandte, war der Doctor allein, und seinen nützlichen Untersuchungen in gänzlicher Einsamkeit überlassen. Noch eine halbe Stunde ging vorüber, während welcher Esther in ihrem, dem Anschein nach fruchtlosen, Suchen fortfuhr. Die Pausen wurden jedoch häufiger, ihre Blicke unsteter und ungewisser, als man Tritte durch die Gegend ertönen hörte, und einen Bock im nächsten Augenblick die Anhöhe heraufspringen. uns vor ihren Augen vorbei nach der Seite des Naturforschers hinschießen sah. So plötzlich und unerwartet war das Vorübereilen des Thiers gewesen, und so sehr war es durch die Natur des Bodens begünstigt worden, daß, ehe noch einer von den Waldleuten Zeit hatte, seine Büchse an die Wange zu bringen, es schon außer dem Bereich einer Kugel war. »Sieh' dort den Wolf!« rief Abner und schüttelte unwillig den Kopf, daß er einen Augenblick zu spät gekommen. »Eine Wolfshaut wird nichts Geringes für eine Winternacht sein; ach, dort kommt der hungrige Teufel.« »Halt,« schrie Ismael, und schlug die angeschlagene Büchse seines zu eifrigen Sohnes weg. »Das ist kein Wolf, sondern ein Hund und das von guter Race. Ah, wir haben Jäger in der Nähe; dort sind deren zwei.« Er sprach noch, als die genannten Thiere auf der Fährte des Wildes hineilten, und sich im edlen Eifer einander zu übertreffen suchten. Der eine war ein altes Thier, dessen Kräfte nur noch durch seine Anstrengung aufrecht gehalten zu werden schienen, und der andere noch jung, welcher, während er eifrig die Jagd betrieb, mancherlei Sprünge machte. Beide liefen jedoch in großer Eile hin, und trugen die Nase hoch, ganz wie Thiere von scharfer, feiner Spürkraft. Sie waren vorüber, und würden im nächsten Augenblick mit offener Schnauze dem ansichtig gewordenen Wild nachgeeilt sein, wäre nicht der jüngere Hund plötzlich von seinem Lauf abgesprungen und in einen Schrei des Entsetzens ausgebrochen. Sein bejahrter Gefährte hielt ebenfalls und kehrte tiefathmend und erschöpft nach dem Ort zurück, wo der andere in schnellen und fast tollen Umkreisen die Stelle umlief, und sein Schreien mit kurzem, heisern Bellen fortsetzte. Aber als der ältere angelangt war, setzte er sich, erhob die Nase hoch in die Luft, und brach in ein langes, lautes, schmerzvolles Geheul aus. »Es muß eine starke Fährte sein,« sagte Abner, der mit der übrigen Familie ein erstaunter Beobachter von den Bewegungen der Hunde gewesen war, »die zwei solche Burschen so plötzlich von ihrer Spur abbringen kann!« »Tödte sie!« rief Abiram. »Ich schwöre der alte Hund gehört dem Streifschütz, den wir jetzt als unsern Todtfeind erkannt haben.« Obwohl Esther's Bruder einen so feindseligen Rath gab, schien er doch ganz und gar nicht geneigt, ihn selbst in Ausführung zu bringen. Das Erstaunen, welches sich des ganzen Haufens bemächtigt hatte, zeigte sich in seinem leeren, verwunderten Hinstarren eben so stark, als in irgend einem von den andern sich wundernden Gesichtern, die ihn umgaben. Sein Aufruf ward daher trotz seines wilden Gehalts nicht beachtet, und die Hunde ließ man dem Antrieb ihres geheimnißvollen Instinkts folgen, ohne Rückhalt, ohne Hinderniß. Es dauerte lange, ehe einer der Zuschauer das Schweigen brach; aber der Auswanderer erlangte endlich wieder in soweit sein Ansehen, daß er das Recht erwarb, die Bewegungen seiner Kinder zu lenken. »Kommt weg, Jungen; kommt, und laßt die Hunde ihre Noten zu ihrer eigenen Belustigung absingen;« sagte Ismael in seiner ruhigsten Weise, »Ich möchte nicht gerne einem Thier das Leben nehmen, weil sein Herr sich zu nahe an meine Ansiedelung festgesetzt hat. Kommt weg, Jungen, kommt, wir haben genug für uns selbst zu thun, ohne uns um die ganze Nachbarschaft zu kümmern.« »Geht nicht fort!« schrie Esther in Tönen, die wie die Ermahnung einer Sibylle erschallten. »Ich sag Euch, geht nicht, meine Kinder. Das ist ein Wink und eine Warnung, und so wahr ich ein Weib und Mutter bin, will ich Alles erfahren!« So sagend schwang das gereizte Weib des Auswanderers ihre Waffe, auf eine Art, die nicht ohne wilden geheimen Einfluß war, und ging voran nach der Stelle, wo noch die Hunde zögerten und die Luft mit ihren langgezogenen mitleidigen Klagen erfüllten. Der ganze Haufen folgte ihr, einige zu lässig, zu widerstreben, andere ihrem Willen gehorsam, und alle aufgeregt durch die ungewöhnliche Beschaffenheit des Auftritts. »Sagt mir, Abner – Abiram – Ismael!« rief das Weib, als sie an einer Stelle stand, wo die Erde zertreten, und zerstampft und mit Blut befleckt war; »sagt mir, ihr seid Jäger, was für ein Thier hat hier seinen Tod gefunden? Sprecht! Ihr seid Männer und versteht euch auf die Zeichen der Steppe, ihr alle! Ist es das Blut eines Wolfs oder Panthers?« »Ein Büffel, – und ein edles, kräftiges Thier ist's gewesen!« entgegnete der Wanderer, der ruhig auf die verhängnißvollen Zeichen herab sah, die sein Weib so sonderbar rührten. »Hier sind die Zeichen der Stelle, wo er seine Hufe in die Erde gegraben, als er mit dem Tod rang, und dort hat er mit seinen Hörnern den Boden zerrissen und aufgewühlt. Ah, ein Büffelochse von wunderbarer Stärke und Muth ist es gewesen.« »Und wer hat ihn erschlagen?« fuhr Esther fort. »Mann, wo sind denn die Stücke? Wölfe? Sie fressen die Haut nicht! Sagt mir ihr Männer und Jäger, ist das das Blut eines Thieres?« »Der Kerl hat sich der Anhöhe hinabgestürzt,« sagte Abner, der etwas weiter als die übrigen gegangen war. »Ah, dort werdet Ihr ihn finden, in jenem Weidengehölz. Seht ein Tausend Raubvögel fliegen in diesem Augenblicke darüber hin!« »Das Thier lebt noch,« entgegnete der Wanderer, »sonst würden die Geier auf ihren Raub herabfliegen! Nach dem Verhalten der Hunde muß es etwas von einem Raubthiere sein; ich glaube es ist der weiße Bär von den obern Wasserfällen. Sie sollen ausserordentlich zähes Leben haben.« »Ach, laßt uns zurück gehen,« sagte Abiram, »es könnte Gefahr dabei sein, und es kann zu nichts dienen, ein Raubthier anzugreifen. Bedenk Ismael, es könnte ein gefährliches Spiel sein, und wenig dabei herauskommen!« »Die jungen Leute lächelten bei diesem neuen Zeichen von der wohlbekannten Feigherzigkeit ihres zu empfindsamen Oheims. Der Aelteste ging selbst so weit, seine Verachtung durch beleidigende Reden zu erkennen zu geben. »Man kann es zu dem andern Thier einsperren, das wir mit uns führen, dann können wir, beide Hände voll, in die Ansiedelungen zurückkehren, und sie sehen lassen in den vornehmen Häusern und Plätzen von Kentucky.« Die finstere, drohende Stirn, die der Vater zusammenzog, ermahnte den jungen Mann abzulassen. Blicke, die halb rebellisch waren, mit seinen Brüdern wechselnd, hielt er's für gut zu schweigen. Aber statt die von Abiram empfohlene Vorsicht zu beobachten, gingen sie zusammen weiter vor, bis sie wieder eine geringe Strecke von dem verdeckten Dickicht Halt machten. Die Scene war jetzt in der That wild und schrecklich genug geworden, um einen mächtigen Eindruck selbst auf besser vorbereitete Gemüther zu machen, als es bei der Familie des Auswanderers der Fall war, die wenig solch einem erregenden Anblick zu widerstehen vermochte. Der Himmel war, wie gewöhnlich zu dieser Jahreszeit, mit dunkeln, treibenden Wolken bedeckt, unter denen unermeßliche Schwärme von Wasservögeln wieder auf den Flügeln waren, und ihren mühsamen, schweren Weg nach den fernen Wassern des Südens nahmen. Der Wind hatte sich erhoben, und fuhr wieder über die Steppe in Stürmen, denen oft zu widerstehen vergebens war, und die dann in die obere Luft sich zu versteigen schienen, als wollten sie mit den ziehenden Nebeln spielen, die ungeheure Massen von dumpfen, zerrissenen Dünsten in furchtbarer und doch erhabener Verwirrung übereinander thürmten. Ueber dem kleinen Gehölz setzten immer noch Schaaren von Vögeln ihren Flug fort und umkreisten mit schwerem Flügel die Stelle, bald gegen den Luftstrom ankämpfend, bald von ihrem Standpunkt und der Höhe begünstigt, kühne Angriffe auf das Dickicht machend, doch immer wieder erschreckt und schreiend forteilend, als würden sie durch den Anblick oder ihren Instinct gewarnt, daß die Stunde ihrer gefräßigen Herrschaft noch nicht gekommen. Ismael stand viele Augenblicke mit Weib und Kindern in eine Gruppe zusammengedrängt voll Staunen da, in das sich auf sonderbare Weise eine gewisse Ehrfurcht gemischt hatte, in todtengleicher Stille auf den furchterregenden Ort hinstarrend. Esthers Stimme brach endlich den Zauber und erinnerte die Schauenden an die Nothwendigkeit, ihre Zweifel auf eine Männern würdigere Weise zu lösen, als durch dumpfes, unthätiges Hinschauen. »Ruft die Hunde,« sagte sie, »treibt sie in das Dickicht, es sind genug Männer da, wenn ihr nicht den Muth verloren habt, mit dem ich weiß, ihr geboren seid, um die Wuth all' der Bären westlich vom großen Strom zu bezähmen! Ruf' die Hunde herbei, sag' ich, du Enoch! Abner! Gabriel! Hat euch Verwunderung taub und stumm gemacht?« Einer der jungen Leute folgte; und als es ihm gelungen war, die Hunde von der Stelle wegzubringen, um die sie bis jetzt ohne Unterlaß herumgelaufen waren, führte er sie herunter an den Rand des Dickichts. »Treib' sie hinein, Junge, hinein!« fuhr das Weib fort; »und du, Ismael und Abiram, wenn irgend etwas Gefährliches oder Verletzendes hervorkommt, dann zeigt ihm euere Büchsen, wie Grenzleute. Wenn es euch an Muth fehlt, will ich vor meinen Kindern euch beide beschämen!« Die Jungen, welche bis jetzt die Hunde gehalten hatten, ließen die Riemen fahren, an welchen sie sie lenkten, und trieben sie durch ihren Zuruf zum Angriff. Aber es wollte scheinen; als wenn der ältere Hund durch ein ganz ungewöhnliches Gefühl zurückgehalten würde, oder als wenn er viel zu erfahren wäre, um rasch ein solches Abenteuer zu bestehen. Nachdem er einige Schritte zum Rand des Gehölzes vorgegangen war, machte er eine plötzliche Pause, und stand an allen seinen alten Gliedern zitternd, offenbar gleich unfähig zurück als vorwärts zu gehen. Die ermuthigende Zusprache der jungen Leute blieb unbeachtet, oder ward nur durch ein dumpfes, klägliches Winseln beantwortet. Für einen Augenblick machte es auch auf den jüngeren einen ähnlichen Eindruck, aber weniger vorsichtig, oder leichter erregt, ward er endlich bewogen vorwärts zu springen und dann in das Dickicht einzudringen. Ein erschrecktes, furchtsames Geheul ward gehört, und im nächsten Augenblick brach er heraus, und fing wieder die Stelle auf dieselbe wilde, unstete Art zu umkreisen an, wie vorher. »Hab' ich einen Mann unter meinen Kindern?« fragte die erregte Esther. »Gebt wir ein sichereres Stück, als eine Kinderflinte, und ich will euch zeigen, was der Muth eines Grenzweibes vermag.« »Bleibt, Mutter,« rief Abner und Enoch; »wenn du das Ding sehen willst, wollen wir dir's vortreiben!« Gerade so viel pflegten die Jungen selbst bei wichtigeren Gelegenheiten zu sprechen; aber als sie so ihren Plan angedeutet hatten, waren sie weit entfernt, in seiner Ausführung zurückzubleiben. Sie setzten ihre Waffen mit der äußersten Sorgfalt in Stand, und schritten dann beherzt auf das Gehölz zu. Weniger geübte Nerven, als die der jungen Grenzwohner, möchten leicht vor den Gefahren einer so ungewissen Unternehmung zurückgeschreckt sein. Als sie vorschritten, ward das Geheul der Hunde greller und klagender. Die Geier und Krähen kamen so weit herab, daß sie mit ihren schweren Flügeln die Büsche bestrichen, und der Wind strich rauh über die nackte Steppe, als wenn die Geister der Luft auch herabgestiegen wären, um bei der nahenden Auflösung zugegen zu sein. Es war ein athemloser Augenblick, wo selbst das Blut der sonst so unbewegbaren Esther zurück nach ihrem Herzen floß, als sie ihre Söhne an den dürren Zweigen des Dickichts vorbei, sich in sein Labyrinth begeben sah. Eine tiefe, feierliche Pause folgte. Dann hörte man zweimal ein lautes, durchdringendes Geschrei, schnell auf einander, dem dann eine noch schrecklichere, entsetzendere Stille folgte. »Kommt zurück, meine Kinder, kommt zurück!« rief das Weib, und die Gefühle der Mutter bekamen gänzlich die Oberhand in ihrem Busen. Aber ihre Stimme versagte ihr, und alle ihre Kräfte schienen starr vor Schreck, als in diesem Augenblick das Gebüsch nochmals sich aufthat und die beiden Abenteurer wieder erschienen und, blaß und fast unempfindlich selbst, zu ihren Füßen niederlegten den steifen, regungslosen Leichnam des verlornen Asa, mit allen Zeichen eines gewaltsamen Todes nur zu deutlich in jedem blassen Gesichtszug. Die Hunde stießen ein langes, letztes Geheul aus und brachen dann zusammen auf und verschwanden auf der verlassenen Fährte des Wilds. Die Heerde von Vögeln stieg auf gen Himmel und erfüllte die Luft mit Klagen, daß sie eines Opfers beraubt worden, das, schreckbar und entstellt, wie es war, doch noch zuviel von dem Menschenbilde an sich trug, um das Opfer ihres schmutzigen Hungers zu werden. Dreizehntes Kapitel. »Die Pickelhack', den Spaten her, Zum Schuß 'ne Erdeschicht; Und Schollen dann, nicht braucht es mehr, Braucht mehr zur Ruh' ihm nicht.« Gesang in Hamlet.   »Tretet zurück, zurück ihr Alle!« sagte Esther barsch zu dem Haufen, der sich zu nahe an den Leichnam drängte; »ich bin seine Mutter, und mein ist das Recht vor euch Allen! Wer hat das gethan? Sagt's mir, Ismael, Abiram, Abner! Oeffnet euern Mund und euer Herz und laßt sie Gottes Wahrheit und nichts Anderes reden! Wer beging diese blutige That?« Ihr Mann gab keine Antwort; erstand auf seine Buchse gelehnt, düster, doch mit unverändertem Auge, auf die zerrissenen Ueberreste seines Sohns hinblickend. Nicht so die Mutter; sie warf sich zur Erde, nahm das kalte, starrende Haupt des Todten in ihren Schooß auf und saß, viele Augenblicke auf jene muskelvolle Züge schauend, in die der Todeskampf sich eingeprägt, mit einem Schweigen, da? sprechender war, als alle Klagetöne hätten sein können. Die Stimme des Weibes war wirklich von Gram gefesselt. Vergebens versuchte Ismael einige rauhe Trostworte; sie hörte, sie antwortete nicht. Ihre Söhne standen im Kreis um sie und bewiesen nach ihrer ungeschlachten Weise ihre Theilnahme an ihrem Kummer, so wie ihre Empfänglichkeit für ihren eignen Verlust; aber sie winkte sie ungeduldig weg. Manchmal spielten ihre Finger in dem wirren Haar des Getödteten, und dann versuchte sie leichthin, die furchtbar ausdrucksvollen Muskeln seines geisterhaften Antlitzes zu sänftigen, wie wenn die Hand der Mutter oft freundlich über den Mienen des schlafenden Kindes sich hinbewegt. Dann, aufspringend von ihrem trostlosen Geschäft, waren ihre Hände in rastloser Bewegung, als suchten sie vergeblich ein Mittel gegen den furchtbaren Schlag, der so plötzlich das Kind vernichtet, auf das sie ihre größte Hoffnung, als ihren mütterlichen Stolz gesetzt hatte. Während sie mit dieser unbegreiflichen Bemühung beschäftigt war, wandte der schläfrige Abner sich zur Seite und zerdrückte die ungewohnte Bewegung, die ihn ergriffen durch die Bemerkung: »Die Mutter will, wir sollen nach den Zeichen forschen, um zu entdecken, wie Asa seinen Tod gefunden.« »Das verdanken wir den verfluchten Sioux!« antwortete Ismael; »zweimal haben sie mich arg zu ihrem Schuldner gemacht; mit dem dritten Male werden wir quitt sein!« Aber gleichsam nicht zufrieden mit dieser annehmlichen Erklärung, und vielleicht in's Geheim froh, ihre Augen von einem Schauspiel abwenden zu können, das so außerordentliche und ungewöhnliche Bewegungen in ihrer wilden Brust erweckte, wandten die Söhne des Auswanderers zusammen sich weg von ihrer Mutter und dem Leichnam und machten Anstalten, die Untersuchungen anzustellen, welche die erstere nach ihrer Meinung so wiederholt gefordert hatte. Ismael widerstrebte nicht; aber obgleich er seine Söhne in ihrer Untersuchung begleitete, geschah's mehr dem Schein nach, um ihren Wünschen nachzugeben zu einer Zeit, wo Widerstand nicht rathsam war, als mit irgend einer sichtlichen Theilnahme an dem Erfolg. Da die Grenzwohner trotz ihres gewöhnlichen Stumpfsinns wohl erfahren waren in den meisten Dingen, die ihre Lebensart betrafen, mußte ein Nachforschen, dessen Erfolg so sehr auf Zeichen und Beweisen beruhte, die alle mit den Verrichtungen der Jagd so große Ähnlichkeit hatten, nothwendig mit Geschicklichkeit und Scharfsinn betrieben werden. So gingen sie an die traurige Aufgabe mit großer Fertigkeit und vielem Geschick. Abner und Enoch trafen überein in ihrer Erzählung von der Lage, worin sie den Leichnam gefunden. Er saß fast aufrecht, den Rücken mit einer Masse zerknicktem Buschwerk unterstützt, und in der Hand noch einen abgebrochenen Weidenast festhaltend. Wahrscheinlich diesem erstern Umstand mußte man es zuschreiben, daß der Leichnam der Gier der Raubvögel entgangen war, die man über dem Dickicht hatte herumfliegen sehen, und das Letztere bewies, daß das unglückliche Opfer noch nicht ganz ohne Leben war, als er in das Gehölz kam. Die Meinung wurde jetzt allgemein, der Junge habe seine tödtliche Wunde auf der offenen Steppe erhalten und seine schwachen Glieder in das Dickicht geschleppt, um sich zu verbergen; eine Spur durch das Gebüsch bestätigte diese Ansicht. Man fand auch bei näherer Untersuchung, daß ein verzweifeltes Ringen am Rand des Wäldchens selbst stattgefunden. Das zeigte sich deutlich an den zertretenen Zweigen, den tiefen Fußstapfen auf dem nassen Boden und den Blutflecken. »Er ist aus dem freien Land geschossen worden, und hierher gekommen, des Schutzes wegen« sagte Abiram. »Diese Zeichen würden es klar beweisen. Der Junge ist von einer ganzen Schaar Wilder angegriffen worden und hat wie ein Held gefochten, der er auch war, bis sie seine Kraft übermeistert und ihn in's Gebüsch gezogen haben.« Gegen diese wahrscheinliche Meinung war jetzt nur noch Eine abweichende Stimme, die des langsam begreifenden Ismael; er verlangte, der Leichnam solle selbst zu einer genauer Kenntnisse der Verletzungen untersucht werden. Beim Nachforschen fand sich, daß eine Büchsenkugel gerade durch den Leib des Verstorbenen gegangen war, unter einer seiner breiten Schultern hinein, und durch die Brust heraus. Es erforderte einige Kenntnisse von Schusswunden, um diesen schwierigen Punkt zu entscheiden; aber die Erfahrung der Grenzzone war der Aufgabe ganz gewachsen, und ein Lächeln wilder, gewiss sonderbarer Selbstgefälligkeit verbreitete sich unter Israels Söhnen, als Abner fest behauptete, Asa's Feinde hätten ihn im Rücken angegriffen. »Es muß so sein,« sagte der finstere aber aufmerksame Wanderer; »er war von zu guter Art, zu gut unterrichtet, um die schwache Seite einem Menschen oder Thier zuzuwenden. Erinnert euch, Jungen, daß so lang ihr die männliche Stirn euerm Feinde bietet, mag er sein, wer er will, ihr sicher seid vor schurkischem Ueberfall. – Ei, Esther, Weib! Du bist ganz außer dir, zupfst an dem Haar, dem Kleid des Kindes! Wenig kannst du ihm jetzt helfen, altes Kind!« »Sieh!« fiel Enoch ein und brachte aus den Ueberresten von Asa's Kleidern eine Bleikugel heraus, die die Kraft eines so Starken zu Boden geworfen. »Da ist die Kugel.« Ismael nahm sie in die Hand und betrachtete sie lang und genau. »Es kann kein Zweifel sein;« murmelte endlich der Vater zwischen den Zähnen; »die Kugel kommt von dem Stutz des verfluchten Streifschützen. Wie viele Jäger, hat er ein Zeichen an seiner Munition, um die Dienste wieder zu erkennen, die ihm seine Büchse thut; und hier seht Ihr es deutlich, sechs kleine Löcher kreuzweis.« »Ich will darauf schwören!« rief Abiram triumphirend. »Er zeigte mir das besondere Merkmal selbst, und rühmte sich der Menge Wild, die er eben mit diesen Kugeln auf den Steppen niedergestreckt hatte. Nun, Ismael, werdet Ihr mir glauben, wenn ich Euch sage, daß der alte Schurke ein Spion der Rothhäute ist!« Das Blei ging von Hand zu Hand; und zum Unglück für die Ehre des Alten erinnerten sich noch mehrere von ihnen, die ebengenannten Kugelzeichen gesehen zu haben, als sie seine Habseligkeiten genau untersuchten. Außer dieser Wunde jedoch fanden sich noch viele andere von weniger gefährlicher Art, welche alle die vermeintliche Schuld des Streifschützen bethätigen sollten, Spuren vom Ringen fand man noch an mehreren Orten zwischen der Stelle, wo das erste Blut vergossen worden, und, dem Dickicht, wohin sich, wie zu einem Zufluchtsort, Asa sollte zurückgezogen haben. Dies wurde als eben so viele Beweise von der Schwäche des Mörders dargestellt, welcher weit eher sein Opfer hingerichtet haben würde, hätte nicht die sterbende Kraft des Jünglings ihn der Hinfälligkeit eines so alten Mannes furchtbar gemacht. Die Gefahr, noch andere Jäger herbeizuziehen, wenn er nochmals gefeuert hätte, hielt man für einen hinlänglichen Grund, daß er nicht nochmals seine Büchse zur Hand nahm, nachdem sie ihm durch Entwaffnung des Opfers einen so wichtigen Dienst gethan hatte. Die Waffe des Todten war nicht zu finden, war ohne Zweifel mit noch mehreren andern weniger werthvollen Dingen, die der Verstorbene bei sich zu tragen pflegte, eine Beute seines Mörders geworden. Aber was noch außer der Kugel die verruchte That mit ganz besonderer Gewißheit auf den Streifschützen zu bringen schien, das war der noch dazu kommende Beweis, den man von den Fußstapfen hernahm, welche zeigten, daß trotz der tödtlichen Verwundung Asa noch im Stande gewesen war, den folgenden Anstrengungen seines Mörders einen langen, verzweifelten Widerstand zu leisten. Ismael schien dies Zeugniß mit einer seltsamen Mischung von Kummer und Stolz besonders geltend zu machen; mit Kummer über den Verlust eines Sohnes, den er zur Zeit ihrer Eintracht hoch geschätzt; mit Stolz über den Muth und die Kraft, die er bis zu seinem letzten schwächsten Athemzug gezeigt hatte. »Er starb, wie ein Sohn von mir sterben sollte;« sagte der Wanderer, und zog einen düstern Trost aus einer so unnatürlichen Freude; »ein Schrecken seines Feindes bis an sein Ende, und ohne Hülfe von dem Gesetz! Kommt, Kinder; erst müssen wir sein Grab machen, dann seinen Mörder verfolgen!« Die Söhne des Auswanderers gingen an ihr Werk stille und betrübt. Mit großem Aufwand von Mühe und Zeit ward ein Loch in die harte Erde gemacht, und der Leichnam in die ärmlichen Gewänder gehüllt, die man unter den Grabenden sammeln konnte. Als diese Vorkehrungen getroffen waren, näherte sich Ismael der dem Anschein nach unempfindlichen Esther und theilte ihr seine Absicht mit, den Todten einzusenken. Sie hörte ihn und ließ ruhig den Leichnam los, stand schweigend auf, und folgte ihm zu seinem engen Ruheort. Hier setzte sie sich wieder an das Grab, und bewachte jede Bewegung der Jungen mit eifrigem, sorgsamem Auge. Als hinlänglich Erde auf Asa's empfindungslose Hülle geworfen worden, um sie vor jeder Entweihung zu schützen, stiegen Enoch und Abner in die Gruft, und traten durch das Gewicht ihrer hohen Gestalten die Masse fest, alles mit einer sonderbaren, um nicht zu sagen wilden Mischung von Sorgfalt und Gleichgültigkeit. Diese wohlbekannte Vorsichtsmaßregel ward getroffen, um das schnelle Ausgraben des Leichnams durch die gefräßigen Thiere der Steppe zu verhindern, deren Instinct sie sicher auf diese Stelle führen mußte. Auch schienen die Raubvögel die Art dieser Ceremonie zu begreifen; denn geheimnißvoll unterrichtet, daß das unglückliche Opfer jetzt von den Menschen verlassen werden sollte, begannen sie wieder ihre luftigen Kreise um die Stelle, mit lautem Geschrei, als wollten sie die Verwandten zurückschrecken von der Arbeit ihrer Vorsicht und Liebe. Ismael stand mit gefalteten Armen, standhaft die Art beobachtend, auf welche diese nöthige Pflicht erwiesen ward, und als das Ganze vorüber war, rückte er seine Mütze vor seinen Söhnen und dankte ihnen für ihren Dienst mit einer Würde, die selbst einem viel besser Erzogenen angestanden haben würde. Während des Ganzen einer Ceremonie, die immer feierlich und ergreifend ist, hatte der Wanderer eine ernste, nachdenkende Haltung bewahrt. In seinen groben Zügen lag offenbar der Ausdruck großen Kummers, aber nicht einmal verriethen sie Schwäche, bis er dem Grabe seines Erstgebornen, wie er glaubte für immer, den Rücken wandte. Da regte sich mächtig die Natur in ihm, und der Muskeln seines ernsten Gesichts begannen, merklich zu kämpfen. Seine Kinder warfen ihre Augen auf ihn, als suchten sie einen Ableiter für die sonderbaren Erregungen, die ihre schwerfälligen Naturen erschütterten, als der Kampf in des Auswanderers Brust plötzlich aufhörte, er sein Weib am Arm ergriff und sie aufzog, als wäre sie ein Kind, während er mit einer Stimme, die vollkommen fest war, obgleich ein scharfsichtiger Beobachter entdeckt haben würde, daß sie sanfter war als gewöhnlich, sagte: »Esther, wir haben jetzt alles gethan, was wir thun können. Wir zogen den Knaben auf und bildeten ihn, daß wenige ihm gleich waren auf den Grenzen von Amerika, und jetzt haben wir ihm ein Grab bereitet. Laß uns gehen.« Das Weib wandte langsam ihre Augen von der frischen Erde weg, legte ihre Hand auf die Schulter ihres Gemahls, und sah ihm ängstlich für einige Augenblicke in die Augen, ehe sie mit einer tiefen, furchtsamen und fast erstickten Stimme sagte: »Ismael, Ismael, du verließest den Jungen in deinem Zorn!« »Möge der Herr ihm seine Sünden so gerne verzeihen, als ich ihm seine schwersten Vergehungen vergeben habe,« entgegnete ruhig der Wanderer; »Weib, geh' du zurück zum Felsen, und lies in deiner Bibel; ein Kapitel aus diesem Buch tröstet dich immer. Du kannst lesen, Esther, ein Vorzug, dessen ich mich nie erfreute.« »Ja, ja,« murmelte das Weib und gab seiner Stärke nach, und ließ sich, obwohl mit großem Widerstreben, von der Stelle wegführen. »Ich kann lesen, und wie hab' ich diese Kenntniß benutzt! Er, Ismael, er hat nicht die Sünde auf sich, sein Lernen nicht gebraucht zu haben. Diese wenigstens haben wir ihm erspart, ob aus Liebe oder Grausamkeit, ich weiß es nicht.« Ihr Gemahl antwortete nicht, sondern führte sie immer weiter nach ihrer einstweiligen Wohnung zu. Als sie den Gipfel der geringen Anhöhe erreichten, welche, wie sie wußten, die letzte Stelle war, von wo Asa's Grab gesehen werden konnte, wandten sie sich Alle, wie durch gemeinsamen Antrieb, um, um zum letzten Mal einen Blick auf den Ort zu werfen. Der kleine Hügel selbst war nicht sichtbar, aber er wurde auf schreckliche Weise durch die Heerde schreiender Vögel angedeutet, die über ihm kreisten. In der entgegengesetzten Richtung bezeichnete eine niedere, blaue Erhöhung an den Grenzen des Horizonts den Ort, wo Esther ihre übrigen Kleinen gelassen, und diente als ein Anziehungsmittel für ihre Schritte, die sich nur widerstrebend von der letzten Wohnung ihres ältesten Sohnes entfernten. Die Natur regte sich in dem Busen der Mutter bei dem Anblick, und die Rechte des Todten wichen endlich den drängenderen Ansprüchen der Lebenden. Die eben erzählten Vorgänge hatten den rohen Gemüthern, die so sonderbar durch ihre wilde Lebensweise sich gestaltet hatten, einen Funken entlockt, der dazu beitrug, die erlöschende Gluth der Familienanhänglichkeit lebendig zu erhalten. An ihre Eltern durch keine stärkeren Bande geknüpft, als die waren, welche der Umgang erzeugt, war große Gefahr gewesen, wie Ismael vorausgesehen hatte, daß der überladene Stock bald schwärmen, und ihn belastet mit der Sorge für eine junge, hülflose Brut verlassen würde, nicht mehr unterstützt von den Bemühungen derer, die er schon zum Mannesalter herangezogen. Der Geist des Ungehorsams, der von dem unglücklichen Asa ausgegangen, hatte sich unter seinen jüngeren Brüdern verbreitet und den Wanderer in die traurige Nothwendigkeit gesetzt, an die Zeit zu denken, wo im Leichtsinn der Jugend und Kraft, er, die Ordnung der Thierwelt umkehrend, seinen eigenen bejahrten, hinfälligen Vater zurückgestoßen hatte, um in die Welt zu gehen, ungefesselt und frei. Aber die Gefahr war jetzt vorüber, eine Zeit lang wenigstens; und wenn sein Ansehen nicht mehr in all seinen früheren Einfluß eingesetzt ward, gab man doch offenbar zu, daß es bestand und seine Herrschaft noch etwas länger behielt. Es ist wahr, seine langsamen Söhne, selbst während sie sich den Eindrücken des jüngsten Vorfalls überließen, hatten Anfälle von gefährlichem Mißtrauen über die Art, wie ihr älterer Bruder seinen Tod gefunden. Es waren dunkele und undeutliche Bilder in dem Geist von zwei oder drei der ältesten, welche den Vater selbst für fähig hielten, Abrahams Beispiel nachzuahmen, ohne die Entschuldigung des göttlichen Ansehens zu haben, das dem heiligen Mann gebot, die empörende That zu versuchen. Aber dann waren diese Bilder so vorübergehend und so sehr von Verstandesscrupeln verdunkelt, daß sie keine feste Eindrücke zurückließen, und das Ergebniß der ganzen Verhandlung ging, wie wir schon gesagt haben, eher dahin, Ismael's Ansehen zu befestigen als zu schwächen. In dieser Gemüthsverfassung setzte der Haufen seinen Weg nach dem Ort fort, wo sie diesen Morgen auf ein Nachsuchen ausgegangen waren, das mit einem so traurigen Erfolg gekrönt worden. Der lange fruchtlose Marsch, den sie unter Abiram's Leitung gemacht, die Entdeckung des Leichnams und die darauf folgende Beerdigung, hatten in soweit den Tag weggenommen, daß um die Zeit, wo sie über den breiten Strich der Wüste hinschritten, welcher zwischen Asa's Grab und dem Felsen lag, die Sonne schon weit unter ihre Meridianhöhe hinabgesunken war. Der Hügel hatte sich allmählig, wie sie sich näherten, gleich einem Thurme aus dem Busen der See, erhoben, und als sie ihm auf eine Meile nahe kamen, wurden die einzelnen Gegenstände, die seine Höhe krönten, dunkel sichtbar. »Es wird eine traurige Zusammenkunft für die Mädchen sein,« sagte Ismael, der von Zeit zu Zeit nicht unterließ, etwas zu sagen, was tröstend sein sollte für den zerrütteten Geist seiner niedergeschlagenen Gemahlin. »Asa war sehr geachtet von all den Kindern, und verfehlte selten, etwas von der Jagd mitzubringen, was sie gern hatten.« »Ja, das that er,« murmelte Esther; »der Junge war der Stolz der Familie. – Meine anderen Kinder sind nichts gegen ihn.« »Sag' das nicht, gutes Weib,« entgegnete der Vater und warf sein Auge etwas stolz auf den athletischen Zug, der in nicht großer Entfernung folgte. »Sag' das nicht, alte Esther; denn wenige Väter und Mütter haben größere Ursache stolz zu sein als wir.« »Dankbar, dankbar,« murmelte das demüthige Weib, »du meinst dankbar, Ismael!« »Nun denn dankbar, wenn du das Wort lieber willst, mein gutes Kind; aber was ist aus Nelly geworden und den Kleinen! Das Kind hat den Auftrag vergessen, den ich ihr gab, und nicht nur die Kleinen schlafen lassen, sondern ich wette, träumt auch selbst von den Feldern von Tenessee in diesem Augenblick. Der Sinn deiner Nichte ist nur, ich glaub's gewiß, auf die Ansiedelungen gerichtet.« »Ach sie ist nicht für uns; ich sagt' es und dacht' es, wie ich sie sah, da der Tod sie all' ihrer Freunde beraubt hat. Der Tod ist ein böser Werkmann in den Familien. Ismael! Asa hatte Liebe zu dem Kind, und sie hätten eines Tags an unsere Stelle treten können, wenn es gegangen wäre.« »Nein, sie paßt nicht zu einem Grenzweib, wenn das die Art ist, wie sie das Haus wahrt, während der Gemahl auf der Jagd ist. Abner, laß deine Flinte hören, daß sie merken, daß wir kommen. Ich fürchte Nelly und die Kleinen schlafen.« Der junge Mann folgte mit einer Schnelligkeit, welche verrieth, wie gern er die gerundete, lebhafte Gestalt Ellens die zackigen Gipfel des Felsens beleben sehen möchte. Aber dem Schalle folgte weder ein Zeichen noch eine Antwort irgend einer Art. Für einen Augenblick stand der ganze Haufen in Erwartung, auf den Erfolg gespannt, und dann trieb ein plötzlicher Entschluß sie Alle, ihre Gewehre zu gleicher Zeit abzufeuern, was ein Geräusch hervorbrachte, das nicht verfehlen konnte, Aller Ohren in so geringer Entfernung zu erreichen. »Ach, da kommen sie endlich!« rief Abiram, der gewöhnlich unter den ersten war, einen Umstand zu ergreifen, welcher Befreiung von unangenehmer Befürchtung versprach. »Es ist ein Rock, der auf der Leine flattert,« sagte Esther, »ich hing ihn selbst dahin.« »Du hast Recht; aber jetzt kommt sie. Die Dirne hat Trost im Zelt gesucht.« »So ist's auch nicht,« sagte Ismael, dessen sonst so unveränderliche Züge anfingen die Unruhe zu verrathen, die er fühlte. »Es ist das Zelt selbst, das leicht in dem Wind flattert. Sie haben es am Boden losgemacht, wie sie denn thörichte Kinder sind, und wenn wir nicht Sorge tragen, wird das Ganze herunterkommen.« Die Worte waren kaum ausgesprochen, als ein wilder, rauschender Windstoß an der Stelle vorbeisauste, wo sie standen, und Staub in kleinen Theilchen mit sich fortriß; dann, wie von einer Meisterhand geleitet, den Boden verließ, und in seinem Fortgang gerade nach dem Ort zustieg, auf den Aller Augen eben jetzt gerichtet waren. Die losgemachte Leinwand fühlte seinen Einfluß und wankte; gewann jedoch das Gleichgewicht wieder und ward für einen Augenblick ruhig. Die Wolke von Blättern spielte dann in kreisenden Wirbeln um die Stelle und fiel mit der Schnelligkeit eines schwebenden Habichts herab, worauf sie fortsegelte in der Steppe in langen, geraden Linien, wie eine Flucht von Schwalben, die ausruhen auf ihren ausgebreiteten Flügeln. Ihr folgte auf einige Entfernung das schneeweiße Zelt, das jedoch bald hinter den Felsen fiel, und dessen höchste Spitze so nackt ließ, als läg' er in gänzlicher Verlassenheit in der Wüste. »Die Mörder find hier gewesen,« seufzte Esther. »Meine Kleinen, meine Kleinen!« Für einen Augenblick fuhr selbst Ismael vor dem Gewicht eines so unerwarteten Schlags zurück. Aber sich schüttelnd, wie ein erwachter Löwe, sprang er vorwärts, warf zur Seite die Hindernisse der Verschanzung, als seien es Federn, und eilte der Höhe mit einer Unaufhaltsamkeit hinauf, welche verrieth, wie furchtbar eine lässige Natur werden konnte, wenn sie recht erregt wird. Vierzehntes Kapitel. »Zu wessen Fahne schwör'n die Städter jetzt?« König Johann.   Um uns ebenen Weg zwischen den Vorfällen der Erzählung zu sichern, wird es nöthig, zu den Ereignissen zurückzukehren, die sich während des Commando's der Ellen Wade begaben. In den ersten Stunden hatten sich die Sorgen des edeln, gefühlvollen Mädchens auf die einfache Pflicht beschränkt, den oft wiederholten Anforderungen zu genügen, welche ihre jüngeren Gefährten an ihre Zeit und Geduld machten. Hunger, Durst und all' die andern unaufhörlichen Bedürfnissen der launigen, unbedachtsamen Kinder hatte sie zu bekämpfen. Sie benutzte eine Pause in ihren Quälereien, um sich in das Zelt zu stehlen, wo sie zur Bequemlichkeit einer Person beitrug, die weit mehr ihre Sorgfalt verdiente; als ein Geschrei, das sich unter den Kindern erhob, die sie verlassen, sie zu ihren auf einen Augenblick vergessenen Pflichten zurückrief. »Sieh, Nelly, sieh!« riefen ein halb Dutzend eifriger Stimmen, als sie wieder zu ihnen kam, »dort sind Männer, und Phöbe sagt, es seien Sioux-Indianer!« Ellen richtete ihre Augen nach der Richtung, nach der schon so viele Arme sich ausstreckten, und sah zu ihrer Bestürzung die Gestalten mehrerer Männer, die offenbar und schnell in gerader Linie auf den Felsen zugingen. Sie zählte ihrer vier; aber konnte zu keiner Gewißheit kommen über ihren Charakter, außer daß keiner von ihnen ein Recht hatte, Einlaß in die Feste zu begehren. Es war ein furchtbarer Augenblick für Ellen. Um sich schauend auf den jugendlichen, erschreckten Haufen, der sich hinter ihr Gewand verbarg, bemühte sie sich, ihrem verwirrten Geist einige von den vielen Geschichten von weiblichem Heldenmuth zurückzurufen, an denen die Annalen der Westgrenze so reich waren. In einer war eine Palissade glücklich von einem einzigen Mann, den drei oder vier Weiber unterstützten, Tage lang gegen die Angriffe von hundert Feinden vertheidigt worden. In einer andern hatten Weiber allein die Kinder und weniger schätzbaren Habseligkeiten ihrer abwesenden Männer schützen können; und eine dritte kam noch hinzu, worin ein einziges Weib ihre schlafenden Wachen ermordet und nicht allein sich sondern auch einem Haufen furchtsamer, hülfloser Kleinen die Freiheit wieder gegeben hatte. Dieser letzte Fall kam der Lage am nächsten, worin sich Ellen jetzt befand, und mit brennenden Wangen und funkelnden Augen begann das ermuthigte Mädchen ihre schwachen Vertheidigungsmittel zu überschauen und festzustellen. Sie postirte die größern Mädchen an die kleinen Hebebäume, welche die Felsen auf die Angreifenden stürzen sollten, die kleineren wurden mehr zur Schau als zu wirklichem Dienst, den sie hätten leisten können, gebraucht, während, wie jeder andere Führer, sie für ihre eigene Person die oberste Leitung und Ermuthigung sich vorbehalten hatte. Als diese Anstalten getroffen waren, bemühte sie sich, den Ausgang mit fester Haltung zu erwarten, die ihren Verbündeten das zu einem glücklichen Erfolg nöthige Vertrauen einflößen sollte. Obwohl Ellen bei weitem durch den Geist hervorragte, der aus moralischen Eigenschaften entspringt, kam sie doch ganz und gar nicht den beiden ältesten Töchtern Esthers in der nicht weniger wichtigen militärischen Eigenschaft der Unempfindlichkeit gegen die Gefahr gleich. Aufgezogen in aller Mühseligkeit eines beständig herumziehenden Lebens an den Kränzen der bürgerlichen Gesellschaft, wo sie vertraut geworden mit dem Anblick und den Gefahren der Wildniß, versprachen diese Mädchen sicher einst nicht weniger sich durch ihren Muth auszuzeichnen, als ihre Mutter durch jene sonderbare Mischung von Gutem und Bösem, welche in einem weiteren Kreis von Thätigkeit das Weib des Auswanderers in den Stand gesetzt haben würde, ihren Namen auf die Liste der merkwürdigen Frauen ihrer Zeit zu bringen. Esther hatte schon bei einer Gelegenheit das Lager Ismael's gegen einen Anfall der Wilden vertheidigt; und bei einer andern war sie für todt von ihren Feinden nach einer Vertheidigung liegen gelassen worden, die gegen einen gebildeteren Feind ihr Ansprüche auf die Ehre und Achtung einer freien Capitulation gegeben haben würde. Diese Thatsachen und tausend andere ähnlicher Art waren oft mit der gehörigen Freude in Gegenwart ihrer Töchter erzählt worden, und die Brust der jungen Amazone schwankte jetzt auf seltsame Weise zwischen natürlichem Schreck und dem ehrgeizigen Wunsche, etwas zu thun, was sie würdig machen könnte, Kinder einer solchen Mutter zu sein. Es schien jetzt, daß eine Gelegenheit, sich in diesem wilden, unnatürlichen Charakter auszuzeichnen, ihnen nicht länger verweigert ward. Der Haufen der Fremden war schon auf zweihundert Schritte dem Felsen nahe. Entweder ihre gewöhnliche vorsichtige Art vorzuschreiten befolgend, oder gemahnt durch die drohende Stellung der zwei Gestalten, die die Läufe von eben so vielen alten Musqueten hinter ihrer steinernen Verschanzung hervorstreckten, hielten die Ankömmlinge von einer Unebenheit des Bodens begünstigt, wo ein dichterer Graswuchs ihnen den Vortheil eines Schlupfwinkels anbot. Von dieser Stelle aus recognoscirten sie die Feste einige Zeit; ängstliche, und für Ellen fast unendliche Minuten. Dann trat einer allein vor, und zwar mehr in der Eigenschaft eines Herolds als eines Angreifenden. »Phöbe, feure,« und »nein Hetty, du,« hörte man zwischen den halberschrockenen und doch eifrigen Töchtern des Wanderers, als Ellen wahrscheinlich den herankommenden Fremden vor einem bevorstehenden Schreck bewahrte, wenn nicht vor größerer Gefahr, indem sie rief: »Legt die Musqueten nieder; es ist Doctor Battius!« Ihre Untergebenen folgten insoweit, daß sie ihre Hände vom Hahn wegthaten, obwohl die drohenden Läufe noch ihre verhängnißvolle Lage beibehielten. Der Naturforscher, der mit hinlänglicher Vorsicht vorgeschritten war, um die geringste von der Garnison gemachte feindliche Bewegung zu bemerken, hielt jetzt ein weißes Tuch am Ende seines« eigenen Stutzes empor, und kam der Festung nahe genug, um gehört zu werden. Dann nahm er, wie er dachte, eine recht imponirende Autoritätsmiene an, und sprach mit einer Stimme, die in weit größerer Entfernung hätte gehört werden können: »Was! hoho! Ich fordere euch alle auf, im Namen der Conföderation der Vereinigten, Unabhängigen Staaten von Nordamerika, Euch den Gesetzen zu unterwerfen!« »Doctor oder nicht Doctor; er ist ein Feind, Nelly; hör', hör', er spricht vom Gesetz!« »Schweig; wart bis ich ihn gehört habe!« sagte die fast athemlose Ellen, und drückte die gefährlichen Waffen zur Seite, welche wieder auf die geduckte Gestalt des Herolds gerichtet waren. »Ich ermahne und warne Euch alle,« fuhr der erschreckte Doctor fort, »ich bin ein friedlicher Bürger der ebengenannten Conföderation, ein Vertheidiger des Social-Compacts, und ein Freund der Ordnung und Freundschaft;« dann, als er bemerkte, daß die Gefahr wenigstens für einige Zeit vorüber war, erhob er wieder seine Stimme zu jener feindlichen Höhe und fuhr fort: »Ich gebiete euch deßwegen allen, euch den Gesetzen zu unterwerfen.« »Ich dachte, Ihr wärt ein Freund,« entgegnete Ellen, »und reistet mit meinem Oheim in Folge eines Vertrags?« »Er ist nichtig! Ich bin in den Hauptsachen betrogen worden, und erkläre hiermit ein gewisses Compactum eingegangen und geschlossen, zwischen Ismael Busch, Grenzwohner, und Obed Battius, Med. Dr. sei von diesem Augenblick an null und ohne Kraft. Aber, Kinder, null ist nur eine negative Eigenschaft, und enthält nichts Schlimmes gegen euren würdigen Vater. So legt denn bei Seite die Feuerwaffen und hört auf die Ermahnungen der Vernunft. – Ich erklär' den Vertrag für mangelhaft, null, abgeschafft. Was aber dich betrifft, Nelly, gegen dich bin ich gut gesinnt, und ganz und gar nichts Feindliches habe ich gegen dich, deßwegen hör', was ich zu sagen habe, und wend' dein Ohr nicht ab im Leichtsinn über deine Sicherheit. Du kennst den Charakter des Mannes, bei dem du wohnst, Mädchen, kennst auch die Gefahr, in so übler Gesellschaft getroffen zu werden. Verlaß also die geringen Vortheile deiner Lage, und übergib friedlich den Felsen denen, welche mich begleiten; eine Legion ist's, Mädchen, versichere dich, eine unüberwindliche, mächtige Legion. Ueberlaß die Effecten des gesetzlosen, verworfenen Grenzwohners, – ja, Kinder, solche Rücksichtslosigkeit gegen Menschenleben zerstört ganz und gar die Vergnügungen freundschaftlicher Unterredung. Bringt diese gefährlichen Waffen weg, ich bitte euch; mehr euretwegen, als um meinetwillen. Hetty, hast du vergessen, wer deine Schmerzen linderte, als deine Auricularnerven gepeinigt, wurden von der Kälte und den Nebeln der nackten Erde; und du, Phöbe, undankbare, vergeßliche Phöbe, wäre gerade dieser Arm nichts gewesen, den du jetzt mit immerwährender Paralysis schlagen möchtest, deine incisores würden dir noch Schmerz und Pein verursachen. Leg' denn zur Seite deine Waffen und hör' auf den Rath eines Mannes, der immer dein Freund gewesen ist. Und du, Mädchen,« immer noch hatte er ein wachsames Auge auf die Musqueten, die die Mädchen etwas von ihrer Richtung abgewendet hatten, »und nun Mädchen, frag' ich zum letzten Mal und aufs Feierlichste; ich fordere von dir die Uebergabe dieses Felsens, ohne Aufschub und Widerstand, in dem vereinigten Namen der Gewalt, Gerechtigkeit und des –« Gesetzes würde er hinzugefügt haben, erinnerte sich aber, daß dies böse Wort wieder des Grenzwohners Kinder zu Feindseligkeiten reizen möchte; daher gelang es ihm, es noch zu rechter Zeit hinunterzuschlucken, und so schloß er mit dem weniger gefährlichen aber einnehmenderen Worte »Vernunft.« Diese ungewöhnliche Anrede verfehlte jedoch, die gewünschte Wirkung hervorzubringen. Sie blieb den jüngeren Zuhörern mit Ausnahme der wenigen beleidigenden Ausdrücke, die wir schon hinlänglich ausgezeichnet haben, gänzlich unverständlich, und obwohl Ellen besser den Sinn des Herolds begriff, schien sie doch ebensowenig von seiner Rhetorik gerührt, als ihre Gefährtinnen. Bei jenen Stellen, welche nach seiner Meinung zärtlich und rührend sein sollten, hatte das verständige Mädchen, obwohl sie von peinvollen, widerstreitenden Gefühlen gefoltert wurde, sogar eine Neigung zu lachen verrathen, während sie seinen Drohungen gänzliche Ungerührtheit entgegensetzte. »Ich fasse nicht den Sinn von allem, was Ihr sagen wollt, Doctor Battius,« erwiederte sie ruhig, als er geendet hatte, »aber das ist gewiß, wenn Ihr mich vermögen wollt, untreu zu werden, so darf ich so etwas nicht einmal hören. Ich rathe Euch, keine Gewalt zu gebrauchen, denn laßt meine Wünsche sein, welche sie wollen, Ihr seht, ich bin mit einer Macht umgeben, die mich leicht niederschmettern kann, und Ihr wißt oder solltet wissen, was das für eine Familie ist, um in solchen Dingen mit einem Glied von ihr zu scherzen, mag es nun von einem Geschlecht oder Alter sein, von welchem es will.« »Ich bin nicht ganz unbekannt mit dem menschlichen Charakter,« erwiederte der Naturforscher, und wich klüglicher Weise etwas aus seiner Stellung zurück, die er bis jetzt standhaft hart an dem Fuße des Hügels behauptet hatte. »Aber da kommt einer, der dessen geheime Windungen noch besser verstehen mag, als ich.« »Ellen, Ellen Wade!« rief Paul Hover, der an seine Seite getreten war, ohne etwas von jener Furcht vor Gefahr zu verrathen, die so augenscheinlich den Doctor beunruhigt hatte; »ich erwartete nicht, einen Feind in dir zu finden.« »Auch sollst du es nicht, wenn du verlangst, was ich ohne Verrätherei und Undank bewilligen kann. Du weißt, daß mein Onkel seine Familie meiner Sorgfalt anvertraut hat, und soll ich so sehr sein Vertrauen verrathen, daß ich seine bittersten Feinde hereinlasse, um seine Kinder vielleicht zu morden, und ihn des Wenigen zu berauben, was die Indianer ihm gelassen haben?« »Bin ich ein Mörder? Dieser Greis? Dieser Beamte der Staaten?« fragte Paul und deutete dabei auf den Streifschützen und seinen neuen Freund, welche beide zu dieser Zeit neben ihm standen; »ist es wahrscheinlich, daß einer von ihnen so etwas thut?« »Was verlangt Ihr denn von mir?« sagte Ellen und rang die Hände in großer Ungewißheit. »Das Thier! Nichts mehr und nichts weniger als des Grenzwohners verborgenes, räuberisches, gefährliches Thier!« »Herrliches Mädchen,« begann der junge Fremde, der eben erst zu den andern in der Steppe gekommen war, aber sein Mund schloß sich alsbald auf ein bedeutungsvolles Zeichen vom Streifschützen, der ihm in's Ohr lispelte: »Laßt den Jungen unsern Sprecher sein. Die Zuneigung wird in der Brust des Kindes wirken, und wir werden all' unsern Zweck auf's baldigste erreichen.« »Es ist Alles heraus, Ellen,« fuhr Paul fort, »und wir haben dem Grenzwohner bis in seine geheimsten Missethaten nachgespürt. Wir sind gekommen, dem Bedrückten Recht zu schaffen und den Eingekerkerten zu befreien; nun, wenn du das treue Mädchen bist, wie ich immer geglaubt habe, wirst du, weit entfernt, uns Hindernisse in den Weg zu legen, mit dem ganzen Schwarm mitschwärmen und den alten Ismael und seinen Bienenstock von eigner Brut verlassen.« »Ich hab' einen Eid abgelegt –« »Ein Compactum , das man in Unwissenheit oder Noth eingeht, ist null nach der Einsicht aller guten Moralisten,« schrie der Doctor. »Hsch, hsch,« lispelte wieder der Streifschütz, »überlaßt Alles der Natur und dem Jungen!« »Ich habe unter den Augen und im Namen Dessen geschworen, der der Schöpfer und Erhalter von allem Guten ist, sei es in der Moral oder Religion,« fuhr die gereizte Ellen fort, »weder den Inhalt jenes Zeltes zu verrathen, noch den Eingekerkerten zur Flucht behülflich zu sein. Wir haben beide feierlich, furchtbar geschworen, unser Leben war vielleicht die Belohnung, die wir für das Versprechen erhielten. Es ist wahr, Ihr wißt um das Geheimniß, aber nicht durch einen von uns; auch weiß ich nicht, wie ich mich rechtfertigen soll, daß ich nur neutral geblieben bin, während Ihr in die Wohnung meines Oheims auf so feindliche Art eindringt.« »Ich kann über alle Widerlegung hinaus beweisen,« rief der Naturforscher eifrig, »mit Payley, Berkley, ja selbst mit dem unsterblichen Bynkershoek, daß ein Compactum geschlossen, während einer von den Theilen, sei es nun ein Staat oder ein Individuum, in Noth ist –« »Ihr werdet nur das Kind durch solche unverständliche Sprache aufbringen,« sagte der vorsichtige Streifschütz, »während der Junge, dem menschlichen Gefühl überlassen, sie zur Sanftmuth eines spielenden Rehs herabbringen wird. Ach, Ihr seid gleich mir wenig bekannt mit der Natur jener Art verborgener Neigung.« »Ist das das einzige Gelübde, das du abgelegt, Ellen!« fuhr Paul in einem Tone fort, der für den fröhlichen, leichtmüthigen Bienenjäger schmerzvoll und vorwurfsreich schien, »hast du nur das beschworen! Sind die Worte, die der Grenzwohner sagt, wie Honig in deinem Mund, und alle andern Versprechungen nur wie Abwurf?« Die Blässe, die das sonst so blühende Gesicht Ellens überzogen, ward von einer hohen Röthe verdeckt, die man deutlich selbst in seiner Entfernung sah. Sie stockte einen Augenblick, als bemühte sie sich, etwas wie Unwillen hinunterzuschlucken, ehe sie mit ihrem angebornen Reiz antwortete: »Ich weiß nicht, welches Recht irgend Jemand hat, mich über Eide und Versprechungen zu befragen, die nur Diejenige angehen können, welche sie abgelegt hat, wenn überhaupt so etwas geschehen ist. Ich werde nicht weiter mit Jemand sprechen, der so sehr an sich denkt und nur sein eigenes Gefühl befragt.« »Nun, alter Streifschütz, hört Ihr das?« sagte der wenig sophistische Bienenjäger und wandte sich plötzlich zu seinem bejahrten Freund. »Das geringste Insect, das unter dem Himmel flattert, wenn es seine Ladung aufgenommen, fliegt gerade und ehrlich nach seinem Nest oder Stock, je nach seiner Art; aber die Windungen eines Weiberherzens sind so verwickelt, wie eine knotige Eiche, und krummer als der Lauf des Mississippi.« »Ja, ja, Kind,« sagte der Streifschütz, und schlug sich gutmüthig in's Mittel zu Gunsten des fehlenden Paul's; »du mußt bedenken, der Jüngling ist hastig und nicht sehr nachdenkend. Aber dennoch, ein Versprechen ist ein Versprechen, und nicht auf die Seite zu werfen und zu vergessen, wie die Hufe und Hörner eines Büffels.« »Ich dank Euch, daß Ihr mich an meinen Eid erinnert,« sagte die noch zürnende Ellen, und biß ihre schöne Unterlippe voll Verdruß; »ich möchte ihn sonst vielleicht vergessen haben.« »Ah! die weibliche Natur erwacht in ihr,« sagte der Alte, und schüttelte den Kopf auf eine Art, die zeigen sollte, wie sehr er durch den Ausgang befremdet worden; »aber sie zeigt sich gegen den wahren Geist!« »Ellen!« rief der junge Fremde, der bis jetzt ein aufmerksamer Zuhörer der Unterredung gewesen war, »da Ellen der Name ist, bei dem man Euch ruft –« »Sie fügen oft einen andern hinzu. Ich werde manchmal bei dem Namen meines Vaters genannt.« »Nennt sie ein für allemal Nelly Wade,« lispelte Paul, »es ist ihr rechtmäßiger Name, und mir liegt nichts daran, wenn sie ihn immer behält.« »Wade hätte ich hinzufügen sollen,« fuhr der Jüngling fort; »Ihr werdet gestehen, daß, obgleich nicht selbst durch einen Eid gebunden, ich zum wenigsten gelernt habe, den Anderer zu achten. Ihr seid selbst Zeuge, daß ich mich gehütet habe, ein einziges Wort zu rufen, während ich doch gewiß war, daß es Ohren erreichen könnte, die so sehr erfreut darüber sein würden. Erlaubt mir also, allein auf den Felsen zu kommen; ich verspreche Euch vollkommene Schadloshaltung Eures Verwandten für jeden Schaden, der seine Effecten treffen könnte.« Ellen schien zu schwanken, als sie aber einen Blick auf Paul warf, der, stolz auf seine Büchse gelehnt, dastand, und, dem Anschein nach, mit der grüßen Gleichgültigkeit die Melodie eines Schifferlieds summte, kam sie zu rechter Zeit noch zu sich, um zu antworten: »Ich bin als Befehlshaber des Felsens zurückgelassen worden, während mein Onkel und seine Söhne jagen, und Befehlshaber will ich bleiben, bis er zurückkommt und mir das Amt abnimmt.« »Das heißt die Zeit verlieren, die nicht bald wieder kommen wird, und eine Gelegenheit versäumen, die sich nie wieder darbieten möchte,« bemerkte der junge Soldat ernst. »Die Sonne fängt schon an, zu sinken, und lange Zeit kann nicht mehr vorübergehn, ehe der Wanderer und seine wilde Horde in ihre Hütten zurückkommen!« Doctor Battius warf einen ängstlichen Blick hinter sich, und nahm die Rede wieder auf, indem er sagte: »Vollkommenheit findet sich immer bei der Reise, mag es nun im Thierreich oder in der intellektuellen Welt sein. Nachdenken ist die Mutter der Weisheit, und Weisheit die Mutter des Erfolgs. Ich schlage vor, daß wir uns in eine vorsichtige Entfernung von dieser unbesiegbaren Position zurückziehn und dort eine Versammlung oder Berathung halten, um zu sehen, auf welche Weise wir regelmäßig den Platz belagern mögen, oder vielleicht indem wir die Einschließung auf eine andere Zeit verschieben, Hülfstruppen aus den unbewohnten Landstrichen an uns zu ziehen, und so die Würde der Gesetze gegen alle Gefahr einer Zurücktreibung sichern könnten.« »Ein Sturm würde besser sein,« antwortete der Soldat lächelnd, und maß die Höhe und berechnete alle Schwierigkeiten mit berathendem Auge; »es würde höchstens nur einen zerbrochenen Arm oder zerschellten Kopf absetzen.« »So sei's denn!« rief der ungeduldige Bienenjäger und that einen Sprung, der ihn mit einem Mal außer alle Gefahr vor einem Schuß setzte, indem er ihn unter die vorragende Zinne brachte, auf der die Garnison stand; »nun thut euer Schlimmstes, junge T – l einer verd–ten Brut; ihr habt nur noch einen Augenblick, all eure Bosheit auszuüben!« »Paul, rascher Paul!« schrie Ellen, »noch ein Schritt, und die Felsen werden dich zermalmen; sie hängen nur an einem Faden, und diese Mädchen sind bereit und willens, sie fällen zu lassen!« »Dann treib die verd – te Brut aus dem Korb, denn den Fels will ich ersteigen, find' ich ihn auch bedeckt mit Hornissen.« »Sie versuche, wenn sie's wagt!« schrie trotzig das älteste Mädchen, und schwang eine Musquete mit einer Miene und Entschlossenheit, die einer Amazone Ehre gemacht hätte; »ich kenne dich, Ellen Wade, du bist im Herzen mit den Gesetzleuten, und wenn du einen Fuß näher kommst, sollst du Grenzbewohnerstrafe erfahren. Steckt noch einen andern Hebel hinein, Mädchen, hinein mit ihm! Ich möchte doch den von ihnen all sehen, der in Ismael Busch's Lager zu kommen wagte, ohne seine Kinder um Erlaubniß zu fragen!« »Rühr' dich nicht Paul, um's Leben halt' dich unter dem Felsen!« Ellen ward durch dieselbe glänzende Erscheinung unterbrochen, welche am vorhergehenden Tag einen kaum weniger verhängnißvollen Tumult gestillt hatte, indem sie sich auf derselben luftigen Höhe zeigte, wo sie jetzt gesehen ward. »In dem Namen dessen, der Alles beherrscht, gebiete ich euch, zu ruhen; beide ihr, die so tollkühn sich in Gefahr stürzen, und ihr, die so rasch sich anschicken, das zu nehmen, was sie nicht wieder erstatten können!« So sprach eine sanfte, beschwörende Stimme in einem etwas fremdartigen Accent, und zog sogleich Aller Augen aufwärts. »Inez, Inez,« schrie der Offizier, seh' ich dich wieder! Mein sollst du jetzt sein, und hätten tausend T,–l auf den Felsen sich postirt. Dringt vor, meine braven Waldmänner, und macht einem andern Platz!« Die plötzliche Erscheinung der Gestalt aus dem Zelt hatte ein augenblickliches Staunen unter den Vertheidigern der Felsen erregt, welches mit gehöriger Vorsicht glücklich hätte benutzt werden mögen. Aber, aufgeregt durch Middletons Ruf, schoß die erstaunte Phöbe ihre Musquete auf das Weib ab, sich kaum bewußt, ob sie nach dem Leben eines Sterblichen oder nach einem Wesen ziele, das einer andern Welt angehöre. Ellen stieß einen Schrei des Entsetzens aus, und eilte dann zu ihrer erschreckten oder verwundeten Freundin, sie wußte nicht, welches. Während dieses gefährlichen Zwischenspiels wurde das Geräusch eines ernsthaften Angriffs sehr deutlich unten gehört. Paul hatte die Bewegung über seinem Haupte benutzt, um seine Stelle in so weit zu ändern, daß er Middleton Platz machte; dem letztern war der Naturforscher gefolgt, welcher in einem Zustand geistiger Abwesenheit, in die der Schall der Musquete ihn versetzt hatte, Instinctmäßig nach dem Felsen eilte, um sich zu schützen. Der Streifschütz blieb da, wo er zuletzt gesehen worden, ein unbewegter, aber aufmerksamer Beobachter dieser verschiedenen Vorgänge. Obgleich nicht willens, sich zu offenen Feindseligkeiten mit ihnen zu verbinden, war doch der Alte gar nicht unnütz. Durch seine Stellung begünstigt, war er in Stand gesetzt, seine Freunde unten von den Bewegungen derer zu benachrichtigen, welche oben ihren Untergang beabsichtigten, und dem gemäß ihr Vorschreiten zu lenken, zu regieren. Mittlerweile waren Esthers Kinder dem Geiste treu, den sie von ihrer furchtbaren Mutter geerbt hatten. Sobald sie sich von Ellens und ihrer unbekannten Gefährtin Gegenwart befreit sahen, schenkten sie ihren männlicheren und gewiß gefährlicheren Angreifern, die um diese Zeit sich gänzlich unter den Spitzen der Citadelle festgesetzt hatten, ungetheilte Aufmerksamkeit: die wiederholten Aufforderungen zur Uebergabe, die Paul in einem Tone ausstieß, der den jungen Gemüthern Schrecken einflößen sollte, wurden eben so wenig geachtet, als der Ruf des Streifschützen, allen Widerstand aufzugeben, der nur Mehreren unter ihnen verderblich werden konnte, ohne die geringste Wahrscheinlichkeit wirklichen Erfolgs darzubieten. Einander ermuthigend, zu beharren, erschütterten sie die Felsstücke und bereiteten die leichteren Geschosse zu unmittelbarem Gebrauch vor, und richteten die Musquetenläufe mit einer geschäftigen Art und einer Kälte, die Männern, lang geübt in den Gefahren des Kriegs, Ehre gemacht haben würde. »Haltet Euch unter der Zinne,« sagte der Streifschütz und deutete Paul die Art an, wie er vorschreiten sollte, »zieht den Fuß mehr ein, Junge, – ah, Ihr seht, die Warnung war nicht unnütz! hatte der Stein ihn getroffen, die Bienen hätten ihren Gefährten auf Monate entbehrt. Nun, Namensverwandter meines Freundes Uncas, dem Namen und Muth nach, jetzt, wenn Ihr die Schnelligkeit des Cerf agile habt, jetzt könnt Ihr einen schönen Sprung rechts machen, und gute zwanzig Fuß Höhe gewinnen ohne Gefahr! Hütet Euch vor dem Busch, es ist ein verrätherischer Halt! Ah, er hat's vollbracht, sicher und tapfer hat er's vollbracht. Jetzt kommt Ihr an die Reihe, Freund, Ihr eifriger Freund der Natur. Wendet Euch links, und Ihr könnt die Aufmerksamkeit der Kinder theilen. – Ja, Mädchen, feuert immer zu, meine alten Ohren sind an das Pfeifen des Bleies gewöhnt, und bei achtzig Jahren auf dem Rücken, findet sich bei mir kein Hasenherz.« Er schüttelte den Kopf mit melancholischem Lächeln, aber ohne eine Muskel zu rühren, als die Kugel, welche die erzürnte Hetty abfeuerte, unschädlich in nicht großer Entfernung von der Stelle, wo er stand, vorbei fuhr. »Es ist sicherer, gerade auf die Mündung Eurer Flinte loszugehen, als auszubeugen, wenn ein so schwacher Finger den Hahn losdrückt;« fuhr er fort, »aber es ist ein ergreifender Anblick zu sehen, wie sehr die menschliche Natur zum Bösen geneigt ist, selbst in so jungen Geschöpfen! Gut gemacht, Mann der Thiere und Pflanzen! Noch so einen Sprung, und Ihr könnt lachen über all des Wanderers Verhaue und Wälle. Der Doctor bietet Muth auf, ich seh's in seinem Auge, und es kann noch etwas aus ihm werden! Halt dich näher, Mann, näher!« Der Streifschütz, obwohl er sich über den Zustand von Doctor Battius Muth nicht betrog, war jedoch sehr im Irrthum über die anregende Ursache. Während er die Bewegungen seiner Gefährten nachahmte, und seinen Weg mit der größten Vorsicht auswärts nahm, nicht ohne großen Feuereifer, hatte das Auge des Naturforschers eine unbekannte Pflanze erblickt, wenige Ellen über seinem Haupte, und an einer Stelle, die ganz besonders den Geschossen ausgesetzt war, welche die Mädchen ohne Unterlaß auf die Angreifer herabschickten. Für einen Augenblick alles bei dem Ruhm vergessend, der Erste zu sein, der diesen Juwel in die Cataloge der Wissenschaft niederlege, sprang er aufwärts nach dem Preis mit der Gier, womit der Sperling auf den Schmetterling schießt. Die Felsen, die sogleich donnernd herunter kamen, verkündeten, daß er gesehen worden, und für einen Augenblick, wo seine Gestalt von einer Wolke von Staub und Felsstücken, die auf den Steinregen folgte, verdeckt war, gab der Streifschütz ihn verloren, aber im nächsten Augenblick sah man ihn sicher in einer Höhle sitzend, die von einigen vorragenden Steinen gebildet wurde, welche dem Stoß nachgegeben hatten, triumphirend den eroberten Stengel in der Hand haltend, den er schon mit vergnügten und gewiß nicht ungeschickten Augen verschlang. Paul benutzte diese Gelegenheit, seine Richtung mit Gedankenschnelligkeit ändernd, sprang er auch auf den Posten, den Obed so sicher einnahm, machte ohne Umstände einen Schemel aus seiner Schulter, während er über seinen Schatz brütete, drang durch die von den gefallenen Steinen gemachte Bresche durch, und gewann den Gipfel. Ihm folgte Middleton, der ihm im Ergreifen und Entwaffnen der Mädchen beistand. Auf diese Art erlangten sie einen unblutigen, vollkommenen Sieg über die Citadelle, welche, wie Ismael mit Unrecht sich geschmeichelt hatte, für die kurze Zeit seiner Abwesenheit unbezwingbar hatte sein sollen. Fünfzehntes Kapitel. »So Iächle denn der Himmel auf die Feier hin, Daß künft'ge Stund' uns treff' mit Trauer nicht.« Shakespeare.   Es ist gut, daß der Lauf der Erzählung stille stehe, während wir zu jenen Ursachen uns wenden, die in ihrer Kette von Folgen den eben beschriebenen sonderbaren Kampf herbeiführten. Die Unterbrechung muß nothwendig eben so kurz sein, als sie, wie wir hoffen, für jene Classe von Lesern genügend sein wird, die verlangen, daß die, welche das Amt der Geschichtschreiber auf sich nehmen, keine Lücke ihrer eigenen fruchtbaren Einbildungskraft auszufüllen überlassen. Unter den Truppen, welche die Regierung der Conföderation abgeschickt hatte, um Besitz von ihrem neu erworbenen Gebiet im Westen zu nehmen, war ein Detachement, das von dem jungen Krieger angeführt ward, der eine so geschäftige Rolle in den Vorfällen unserer Sage gespielt hat. Die ruhigen, gleichgültigen Abkömmlinge der alten Colonisten empfingen ihre neuen Landsleute ohne Argwohn, da sie wohl wußten, daß die Veränderung sie aus Unterthanen zu beneidenswerthern Bürgern unter der Herrschaft der Gesetze machte. Die neuen Beamten übten ihre Functionen mit Umsicht und gebrauchten ihr übertragenes Ansehen ohne Druck. Bei solch einer neuen Mischung aber, von Leuten, die als freie Bürger geboren und erzogen worden, und von nachgiebigen Sclaven unumschränkter Gewalt, von Katholiken und Protestanten, von Arbeitsamen und Trägen, war einige Zeit nöthig, um diese widerstrebenden Elemente der Gesellschaft zu einigen. Solch einen wünschenswerthen Zweck zu erreichen, sollte das Weib seine gewohnte freundliche Hülfe bieten. Die Schranken des Vorurtheils und der Religion wurden durch die unwiderstehliche Macht der ersten Leidenschaft der Menschen durchbrochen, und Familien-Vereine begannen bald die Staatsbande zu befestigen, die eine gezwungene Verbindung zwischen einem Volk hervorgebracht hatten, das so verschieden war in seinen Gewohnheiten, seiner Erziehung, und seinen Meinungen. Middleton war unter den Ersten der neuen Besitzer des Landes, die die Reize louisianischer Damen gefangen nahmen. In der unmittelbaren Nähe des Standquartiers, das er einzunehmen beordert worden, lebte das Haupt einer jener alten Familien der Colonieen, die Jahre lang sich begnügt hatten, in der Ruhe, Gemächlichkeit und dem Wohlstand der spanischen Provinzen hinzuschlummern. Er war ein Officier der Krone, und durch ein reiches Erbe vermocht worden, die Florida zu verlassen und sich unter den Franzosen der angrenzenden Provinz niederzulassen. Der Name des Don Augustin de Certavallos war kaum über die Grenzen der kleinen Stadt hinaus, wo er residirte, bekannt, obwohl er sich ein heimliches Vergnügen daraus machte in großen Rollen rußiger Dokumente einem einzigen Kinde zu zeigen, wie er eingeschrieben sei unter die früheren Helden und Großen Alt- und Neu-Spaniens. Diese für ihn so wichtige, für jeden Andern so gleichgültige Thatsache war der Hauptgrund, daß, während seine lebendigeren gallischen Nachbarn nicht lässig waren, einen freien Umgang mit ihrem Besuch anzuknüpfen, er lieber allein bleiben wollte, zufrieden, wie es schien, mit dem Umgang seiner Tochter, die eben in den Stand der Mannbarkeit trat. Die Wißbegierde der jugendlichen Inez war jedoch noch nicht gänzlich unthätig. Sie hatte die kriegerische Musik der Garnison nicht gehört, wie sie mit der Abendluft zerschmolz, nicht das fremdartige Banner gesehen, das über den Höhen flatterte, welche nicht weit von ihres Vaters ausgedehnten Besitzungen sich erhoben, ohne etwas von den geheimen Regungen in sich zu fühlen, welche, wie man meint, ihr Geschlecht auszeichnen. Natürliche Furchtsamkeit und jene sich zurückziehende, vielleicht eigenthümliche Gleichgültigkeit, die die Hauptquelle weiblichen Zaubers in den tropischen Provinzen Spaniens ist, hielten sie in ihren, dem Anschein nach unauflöslichen Banden, und es ist mehr als wahrscheinlich, daß, hätte sich nicht ein Vorfall ereignet, worin Middleton ihrem Vater einigermaßen nützlich gewesen, so lange Zeit vorübergegangen wäre, ehe sie zusammen gekommen, daß eine andere Richtung den Wünschen eines Wesens hätte gegeben werden mögen, das gerade in einem Alter war, welches für die Macht der Jugend und Schönheit so empfänglich ist. Die Vorsehung, – oder wenn dieses hohe Wort hier nicht passend scheinen sollte, – das Geschick hatte es anders beschlossen. Der stolze, zurückhaltende Don Augustin war viel zu aufmerksam auf die Formen jenes Ranges, worauf er sich so viel zu gut that, um die Pflichten eines Edelmannes zu vergessen. Dankbarkeit für Middletons Gefälligkeit vermochte ihn, seine Thüre den Offizieren der Garnison zu öffnen und sich auf einen vorsichtigen, aber höflichen Umgang einzulassen. Die Zurückhaltung wich allmählich der Anmuth und Aufrichtigkeit des jungen Anführers, und es dauerte nicht lange, so erfreute der wohlhabende Pflanzer sich eben so sehr als seine Tochter, wenn das wohlbekannte Zeichen am Thor den angenehmen Besuch des Befehlshabers des Postens verkündete. Es ist unnöthig, sich über den Eindruck zu verbreiten, den Inezens Reiz auf den Soldaten machte, oder die Erzählung aufzuhalten, um eine umständliche Nachricht von dem fortschreitenden Einfluß zu geben, den ein einnehmendes Betragen, männliche Schönheit und ungetheilte Aufmerksamkeit und Geist nothwendig aus das gefühlvolle Gemüth eines romantischen, liebevollen und einsamen Mädchens von sechszehn Jahren sich verschaffen mußten. Es ist zu unserm Zweck hinlänglich zu sagen, daß sie liebten, daß der Jüngling nicht zögerte, seine Gefühle zu erklären, daß er mit einiger Leichtigkeit sich über die Anstände des Mädchens hinaus setzte, doch mit nicht geringen Schwierigkeiten die Einwürfe des Vaters wegräumte, und daß, ehe noch die Provinz Louisiana sechs Monate im Besitz der Staaten gewesen war, der Beamte der letzteren der Verlobte der reichsten Erbin an den Küsten des Mississippi war. Obwohl wir versucht haben, den Leser mit der Art bekannt zu machen, wie man zu solchen Ergebnissen gewöhnlich gelangt, muß man doch nicht meinen, daß Middletons Sieg über die Vorurtheile des Vaters und seiner Tochter ganz ohne Mühe erreicht ward. Die Religion war bei Beiden ein schweres und fast unüberwindliches Hinderniß. Der ergebene Jüngling unterzog sich geduldig einem furchtbaren Versuch, den Pater Ignatius machte, der abgesandt ward, um ihn zum wahren Glauben zu bekehren. Die Anstrengungen von Seiten des würdigen Priesters waren systematisch, kräftig, ausdauernd. Ein Dutzend Mal (nämlich in den Augenblicken, wo die leichte, sylphenähnliche Gestalt der Inez wie ein Feenwesen über die Scene ihrer Unterredungen schritt) dachte der gute Pater, er stünde am Vorabend eines glorreichen Triumphs über den Unglauben; aber alle seine Hoffnungen wurden dann durch einen unvorhergesehenen Widerspruch von Seiten des Gegenstandes seiner frommen Bemühungen wieder vereitelt. So lange der Angriff auf seinen Glauben entfernt und schwach war, wich Middleton, der keine besondern Progresse in der Polemik gemacht, ihren Wirkungen mit der Geduld und Ergebung eines Märtyrers; aber sobald der gute Pater, der so große Sorge für sein künftiges Glück trug, den gewonnenen Boden zu benutzen suchte, um einige von den Spitzfindigkeiten seines eigenen Glaubens zu Hülfe zu rufen, dann war der Jüngling ein zu guter Soldat, um nicht dem heißen Angriff die Spitze zu bieten. Er kam freilich mit keinen furchtbarern Waffen auf den Kampfplatz, als mit seinem gesunden Menschenverstand und mit der geringen Kenntniß von den Gebräuchen seines Vaterlandes, in so weit sie mit denen seines Gegners in Widerspruch standen; aber mit dieser hausbackenen Rüstung verfehlte er nie, den Pater mit einer Kraft zurückzuschlagen, die der in etwas ähnlich war, womit ein nervigter Klopffechter einen geschickten Meister im Rappier empfangen und seine Paraden durch den direkten und unumstößlichen Beweis eines zerschlagenen Kopfes und zersplitterter Waffe auf Nichts zurückführen würde. Ehe der Streit noch geendigt war, kam ein Einfall der Protestanten dem Soldaten zu Hülfe. Die rücksichtslose Freiheit Solcher von ihnen, die nur an dieses Leben dachten, und die sich gleichbleibende und gemäßigte Frömmigkeit Anderer machte, daß der ehrliche Priester voll Besorgnis um sich sah. Der Einfluß des Beispiels auf der einen Seite, und Ansteckungen eines zu freien Umgangs auf der andern, fing an, sich selbst in dem Theil seiner eigenen Heerde zu zeigen, den er für zu sehr von geistlicher Leitung umwickelt gehalten hatte, als daß er irre gehen könnte. Es war Zeit, daß er seine Gedanken von der Offensive abwandte und seine Bekenner vorbereitete, der gesetzlosen Fluth von Meinungen zu widerstehen, die die Schranken ihres Glaubens umzureißen drohten. Gleich einem weisen Feldherrn, welcher findet, daß er für seine Streitkräfte zu viel Land besetzt hält, begann er, seine Außenwerke zusammen zu ziehen; die Ueberbleibsel wurden profanen Augen verborgen; seine Anhänger wurden ermahnt, nicht von Mirakeln vor einem Haufen zu reden, der nicht allein ihr Dasein leugnete, sondern der selbst die verzweifelte Kühnheit hätte, die Beweise dafür heraus zu fordern. Die Bibel ward nochmals mit furchtbaren Drohungen aus dem siegenden Grunde verboten, weil sie mißverstanden werden könnte. Indeß ward es nöthig, Don Augustin die Wirkungen mitzutheilen, die seine Beweise und Gebete auf die ketzerische Anlage des jungen Kriegers hervorgebracht hatten. Niemand ist geneigt, seine Schwäche gerade in dem Augenblick zu gestehen, wo die Umstände die äußerste Kraftanstrengung erfordern. Durch eine Art frommen Betrugs, wofür ohne Zweifel der würdige Priester Absolution in der Reinheit seiner Beweggründe fand, erklärte er, daß, wenn keine wirkliche Veränderung mit Middletons Gemüth schon vorgegangen, doch aller Grund da sei, um zu hoffen, der eingetriebene Keil der Ueberzeugung sei bis zu seinem Haupte gedrungen, und daß folglich eine Oeffnung da sei, wodurch, wie man vernünftigerweise erwarten könne, der gesegnete Same religiöser Befruchtung seinen Weg finden werde, besonders wenn dem jungen Mann ununterbrochen vergönnt würde, des Segens der katholischen Communion sich zu erfreuen. Jetzt ward Don Augustin selbst von der Wuth des Proselytismus ergriffen. Selbst die sanfte, liebenswürdige Inez hielt es für eine glorreiche Erfüllung ihrer Wünsche, wenn sie zum geringen Werkzeug dienen könnte, ihren Geliebten in den Schooß der wahren Kirche zurückzuführen. Die Bewerbungen Middletons wurden schnell angenommen, und während der Vater ungeduldig dem zur Vermählung bestimmten Tag entgegen sah, als wäre er das Pfand seines eigenen glücklichen Erfolgs, dachte die Tochter an ihn mit Gefühlen, worin die heiligen Erregungen ihres Glaubens sich mit den sanfteren Gefühlen ihrer Jahre und Lage mischten. Die Sonne ging am Morgen ihres Hochzeittages so glänzend und wolkenlos auf, daß die gefühlvolle Inez ihm wie dem Bürgen ihres künftigen Glücks entgegen jauchzte. Pater Ignatius beging die kirchliche Handlung in einer kleinen Capelle, die zu Don Augustins Gut gehörte, und lange, ehe die Sonne zu sinken begonnen, drückte Middleton die erröthende, furchtsame Creole, als sein anerkanntes und unzertrennliches Weib, an den Busen. Es hatte beiden Theilen gefallen, den Tag der Hochzeit in der Stille hinzubringen, und ihn fern von allen den geräuschvollen und gewöhnlich herzlosen Vergnügungen einer erzwungenen Festlichkeit nur den besten und feinsten Gefühlen zu weihen, Middleton kehrte durch Don Augustins Gebiet von einem Pflichtbesuch in sein Lager zurück, zur Zeit, als das Licht der Sonne mit dem Schatten des Abends zu verschmelzen begann; da traf ein Strahl von einem Kleid, das dem ähnlich war, in welchem er Inez zum Altar geführt hatte, sein Auge durch das Blätterwerk eines verlornen Gebüsches. Er näherte sich der, Stelle mit einer Zartheit, welche durch das Recht, das sie ihm vielleicht gegeben hatte, in ihren geheimen Augenblicken sich zuzudrängen, eher vermehrt als vermindert worden, aber die Töne ihrer sanften Stimme, welche Gebete hinaufsendete, in den er sich mit den theuersten aller Benennungen bezeichnet hörte, besiegten seine Anstände, und vermochten ihn, eine Stellung einzunehmen, wo er ohne Furcht vor Entdeckung lauschen konnte. Es war gewiß dem Gefühl eines Gemahls angenehm, auf diese Weise im Stande zu sein, die fleckenlose Seele seines Weibes zu durchschauen, und zu finden, daß sein Bild von ihren reinsten und heiligsten Gefühlen umgeben war. Seine Selbstachtung war zu sehr geschmeichelt, um ihn nicht zu vermögen, den eigentlichen Zweck der Bittenden zu übersehen. Während sie betete, daß sie das geringe Werkzeug werden möchte, um ihn in die Schaar der Gläubigen zurückzubringen, bat sie um Vergebung für sich selbst, wenn Anmaßung oder Gleichgültigkeit gegen den Rath der Kirche sie veranlaßt, zu hohen Werth auf ihren Einfluß zu legen, und sie in den gefährlichen Irrthum verleitet hätte, ihre eigene Seele zu gefährden, indem sie mit einem Ketzer sich vermählte. Es war so viel brünstige Frömmigkeit, gemischt mit so starkem Ausbruch natürlichen Gefühls, so viel von einem Weibe und einem Engel in ihren Gebeten, daß Middleton ihr hätte vergeben können, auch wenn sie ihn einen Heiden genannt, mit so viel Milde und Antheil bat sie für ihn. Der junge Krieger wartete, bis seine Braut aufgestanden, und trat dann zu ihr, als sei er ganz unbekannt mit Allem, was eben vorgefallen. »Es wird spät, meine Inez,« sagte er, »und Don Augustin könnte Euch Unaufmerksamkeit gegen Eure Gesundheit vorwerfen, daß Ihr so lange zu solcher Stunde außen seid. Was soll ich nun thun, dem all sein Ansehn übertragen ward, und doppelt seine Liebe?« »Seid ihm gleich in jedem Stück,« antwortete sie, sah mit Thränen im Auge zu ihm auf, und sprach mit besonderer Wärme; »in jedem Stück! Ahmt meinem Vater nach, Middleton, und ich kann von Euch nicht mehr verlangen.« »Auch nicht für mich, Inez? Ich zweifle nicht, daß ich alles sein würde, was Ihr wünschen könnt, würde ich so gut wie der würdige, verehrte Don Augustin. Aber Ihr müßt den Schwachheiten und Angewöhnungen eines Soldaten etwas nachsehen. Nun laßt uns gehen und diesen trefflichen Vater sehen?« »Noch nicht,« sagte die Braut, und wand sich sanft aus seinem Arm, den er um ihre schlanke Gestalt geworfen, als er sie wegzog. »Ich habe noch eine Pflicht zu erfüllen, ehe ich so vorbehaltlos Euern Befehlen mich unterwerfen kann, möcht Ihr auch Soldat sein. Ich versprach der würdigen Inesella, meiner treuen Amme, ihr, die wie Ihr gehört, so lange mir Mutter gewesen ist; Middleton, ich versprach ihr einen Besuch zu dieser Stunde; es ist der letzte, wie sie meint, den sie von ihrem Kind empfangen kann, und ich werde sie nicht vergebens warten lassen. Geht Ihr dann zu Don Augustin, und in einer kleinen Stunde werde ich Euch dort treffen.« »Erinnert Euch, nur eine Stunde!« »Eine Stunde,« wiederholte Inez, und warf ihm einen Kuß zu; dann erröthend, als sei sie über ihre Kühnheit beschämt, schoß sie von dem Gesträuch weg, und ward für einen Augenblick nach der Hütte ihrer Amme hineilen gesehen, in welcher sie in der nächsten Minute verschwand. Middleton kehrte langsam und gedankenvoll nach dem Hause zurück, oft seine Augen nach der Seite richtend, wo er sein Weib zum letzten Mal gesehen, als wollte er gerne ihre liebliche Gestalt in dem Dunkel des Abends auffinden, wo sie ihm noch in dem freien Raum hinzuschweben schien. Don Augustin empfing ihn mit Wärme, und vergnügte sich einige Zeit lang, sich von seinem neuen Schwiegersohne Pläne für die Zukunft vorlegen zu lassen. Der alte spanische Zuhörer lauschte auf seine blühende, aber treue Beschreibung des Wohlstandes und Glückes jener Staaten, von denen er ein halbes Leben lang ein unwissender Nachbar gewesen war, theils mit jener Art Unglauben, womit man das anhört, was man für übertriebene Beschreibung zu parteiischer Freundschaft hält. Auf diese Art ging die Stunde, welche sich Inez ausbedungen, viel früher vorüber, als ihr Gemahl in ihrer Abwesenheit hatte für möglich halten können. Endlich richteten sich seine Blicke auf die Uhr, und dann wurden die Minuten gezählt, wie eine nach der andern verrann, und Inez erschien noch nicht. Der Zeiger hatte schon die Hälfte eines andern Umlaufs um das Zifferblatt zurückgelegt, als Middleton aufstand und seinen Entschluß erklärte, zu gehen und sich zum Schützer der Abwesenden anzubieten. Er fand die Nacht dunkel, und den Himmel mit drohenden Dünsten bedeckt, was in jenem Clima der untrügliche Vorläufer eines Sturms war. Getrieben, eben so sehr durch den unheilvollen Anblick der Luft, als durch seine geheime Unruhe, beeilte er seine Schritte, stürzte auf Inesella's Hütte zu. Zwanzigmal blieb er stehen, glaubte einen Strahl von Inez reizender Gestalt aufzufangen, wie sie auf ihrem Rückweg zum Herrenhaus hinschwebte, und ward eben so oft genöthigt, getäuscht seinen Weg wieder aufzunehmen. Er erreichte die Thür der Hütte, klopfte, öffnete, trat ein und stand selbst vor der bejahrten Amme, ohne auf die zu treffen, die er suchte. Sie hatte schon das Haus verlassen, war schon zu ihrem Vater zurückgekehrt. In der Meinung, er habe sie in der Dunkelheit verfehlt, ging Middleton zurück, um nochmals in seiner Erwartung sich getäuscht zu sehen. Man hatte nichts von Inez vernommen. Ohne seine Absicht irgend Jemand mitzutheilen, ging der Bräutigam mit klopfendem Herzen nach dem kleinen abgelegenen Gebüsch, wo er seine Braut jene Gebete für sein Glück und seine Bekehrung zum Himmel hatte hinaufschicken hören. Auch hier täuschte ihn seine Hoffnung, und nun gerieth er außer sich in der peinvollen Ungewißheit des Zweifels und der Vermuthung. Mehrere Stunden lang vermochte ein geheimer Verdacht in die Beweggründe seines Weibes Middleton, in seinem Forschen mit Zartheit und Vorsicht vorzuschreiten. Aber als der Tag dämmerte, ohne sie in die Arme ihres Vaters oder Gemahls zurückzubringen, ward jeder Rückhalt bei Seite gelegt, und ihr unerklärliches Verschwinden laut bekannt gemacht. Die Nachforschungen nach der verlorenen Inez geschahen jetzt ohne Umschweife und offen, aber sie zeigten sich gleich fruchtlos. Niemand hatte sie gesehen oder von ihr gehört, seit sie die Hütte der Amme verlassen. Ein Tag ging nach dem andern vorüber und noch belohnte keine Nachricht das Nachforschen, das sogleich angestellt worden, bis sie endlich von den meisten ihrer Verwandten und Freunde als unwiederbringlich verloren aufgegeben ward. Eine so außerordentliche Begebenheit ward nicht so bald vergessen. Sie reizte den Erwerbgeist, gab Veranlassung zu einer Fluth von Gerüchten und zu nicht wenig Vermuthungen. Die vorherrschende Meinung unter solchen Auswanderern, die das Land überströmten, und welche bei der Menge ihrer Geschäfte noch Zeit hatten, an fremden Kummer zu denken, war der einfache und unmittelbare Schluß, daß das Verschwinden der Braut nichts mehr und nichts weniger als ein Selbstmord sei. Vater Ignatius hatte manche Zweifel und viele geheime Gewissensunruhe, aber gleich einem weisen Befehlshaber bemühte er sich, den betrübenden Vorfall zu einigem Vortheil in dem bevorstehenden Glaubenskampf zu wenden. Er richtete die Batterie anders und lispelte einigen seiner ältesten Pfarrkinder in die Ohren, er habe sich über den Zustand von Middletons Herz getäuscht, welches, wie er jetzt zu glauben genöthigt wäre, gänzlich in den Schmutz der Ketzerei versunken sei. Er fing wieder an seine Reliquien zu zeigen, und man hörte ihn selbst wieder auf den zarten und fast vergessenen Punct der neuesten Wunden anspielen. In Folge dieser Bemerkungen des ehrwürdigen Priesters, vernahm man ein Wispern unter den Gläubigen, und endlich ward es als ein Theil des Kirchenglaubens aufgenommen, Inez sei gen Himmel aufgehoben worden. Don Augustin besaß alles Gefühl des Vaters; aber es ward durch die Laßheit der Creolen eingeschläfert. Gleich seinem geistlichen Vormund begann er zu meinen, es sei unrecht gewesen, ein so reines, junges, liebenswürdiges und vor allem so frommes Wesen den Armen eines Ketzers zu überliefern, und er glaubte gern, das Unglück, das sein Alter befallen, sei ein Strafgericht seiner Anmaßung und seines Mangels an Anhänglichkeit, an die festgesetzten Formen. Er fand freilich, als das Lispeln der Congregation zu seinen Ohren drang, für den Augenblick Trost in ihrem Glauben; aber dann war doch die Natur zu mächtig und hielt fest des alten Mannes Herz, um nicht dem rebellischen Gedanken Eingang zu verschaffen, der Eintritt seiner Tochter in das himmlische Erbe sei ein wenig zu frühzeitig. Aber Middleton, der Liebende, der Gemahl, der Bräutigam, Middleton war fast zerschmettert von der Stärke dieses unerwarteten furchtbaren Schlags. Erzogen unter der Herrschaft des einfachen vernünftigen Glaubens, worin nichts von den Gläubigen zu verbergen gesucht wird, konnte er keine andern Besorgnisse für Inezens Schicksal hegen, als solche, wie seine Kenntniß vor den abergläubischen Begriffen in ihm erregte, die sich Inez von seiner Kirche machte. Es ist unnöthig, sich über den Schmerz auszulassen, den er empfand, oder all die verschiedenen Vermuthungen, Hoffnungen und Täuschungen aufzuzählen, die er während den ersten Wochen seines Unglücks erfahren sollte. Ein eifersüchtiger Verdacht in Inezens Beweggründe und eine geheime glimmende Hoffnung, er werde sie noch wieder finden hatten seine Untersuchungen gemäßigt, ohne jedoch zu bewirken, daß er sie ganz aufgab. Aber die Zeit fing an, ihn selbst des betrübenden Trostes zu berauben, daß er vorsätzlich, wiewohl vielleicht vorübergehend verlassen worden, und er gab allmählig der peinvolleren Ueberzeugung nach, sie sei todt, als seine Hoffnungen plötzlich von neuem und auf seltsame Weise wieder auflebten. Der junge Befehlshaber kehrte langsam und trübselig von einer Abendparade in sein Quartier zurück, das in einiger Entfernung von dem Lager war, aber auf derselben Erhöhung stand, als seine herumstreifenden Augen auf die Gestalt eines Mannes fielen, die nach den Vorschriften des Ortes zu dieser verbotenen Stunde nicht hätte da sein sollen. Der Unbekannte trug schlechte Kleidung und seine ganze Gestalt und sein Antlitz verriethen die schmutzigste Armuth und die liederlichsten Sitten. Kummer hatte den militärischen Stolz Middletons gemildert, und als er an der niedergebeugten Gestalt des Eingedrungenen vorüber schritt, sagte er in einem Ton großer Milde, oder vielmehr Güte: »Ihr werdet die Nacht auf der Wache zubringen, Freund, wenn Euch die Patrouille hier findet; – da ist ein Thaler, geht, sucht Euch ein besseres Nachtquartier und etwas zu essen!« »Ich verschlinge all mein Essen, ohne zu kauen,« entgegnete der Herumstreicher mit der gemeinen Freude eines vollkommenen Taugenichts, während er begierig nach dem Silber griff. »Gebt für diesen Mexikaner zwanzig und ich will Euch ein Geheimniß verkaufen!« »Geht, geht,« erwiederte der Andere mit etwas von seiner Soldatenstrenge, und nahm seine frühere Weise wieder an; »geht, ehe ich die Wache Euch ergreifen lasse.« »Gut, mag sein; aber wenn ich gehe, Capitain, nehme ich mein Geheimniß mit mir, und dann mögt Ihr ein gebannter Wittwer bleiben, bis der Zapfenstreich Eures Lebens geschlagen wird.« »Was meinst du, Bursche?« rief Middleton und wandte sich schnell nach dem Wicht, der seine morschen Knochen schon wegschleppte. »Ich meine, ich will mir den Thaler in spanischen Branntwein umsetzen lassen und dann zurückkommen und Euch mein Geheimniß theuer genug verkaufen, um dafür ein ganzes Quart zu bekommen.« »Wenn Ihr etwas zu sagen habt, sagt es jetzt,« fuhr Middleton fort, und unterdrückte kaum die Ungeduld, die ihn trieb, sein Inneres zu verrathen. »Ich bin trocken und kann nie mit Anstand reden', wenn meine Kehle staubig ist, Capitain. Wie viel wollt Ihr geben, wenn Ihr erfahrt, was ich Euch sagen kann; laßt es etwas Hübsches sein, so etwas, wie es ein Mann dem andern anbieten kann.« »Ich glaube, es würde bessere Rechtspflege sein, Bursche, wenn ich dem Tambour befähle, Euch einen Besuch zu machen.« »Worauf bezieht sich Euer so gerühmtes Geheimniß?« »Auf die Hochzeit, ein Weib oder kein Weib! Ein schönes Gesichtchen, eine reiche Braut! Sprech ich jetzt deutlich, Capitain?« »Wenn Ihr etwas von meinem Weib wißt, sagt es nur gleich; Ihr braucht wegen Eurer Belohnung nicht zu fürchten.« »Ei, Capitain, ich habe manchen Handel in meinem Leben gemacht; manchmal bin ich mit Geld, manchmal mit Versprechungen bezahlt worden. Das letzte nenn' ich faule Nahrung.« »Sagt denn den Preis!« »Zwanzig, – nein, verd– mich, es ist dreißig Thaler werth, ja hundert.« »Nun, da habt Ihr Euer Geld; aber erinnert Euch, wenn Ihr mir nichts Wichtiges sagt, kann ich's Euch leicht wieder nehmen, und Eure Freiheit noch obendrein bestrafen.« Der Bursche untersuchte die Banknoten, die er empfangen, mit mißtrauischem Auge und steckte sie dann, wie es schien, wohl zufrieden mit ihrer Aechtheit, ein. »Ich liebe die nördlichen Banknoten,« sagte er kalt; »sie haben, wie ich, noch die Ehre zu verlieren. Fürchtet nicht Capitain, ich bin ein ehrlicher Mann, und werde Euch kein Wort mehr und kein Wort weniger sagen, als wahr ist.« »So fangt denn ohne Weiteres an; oder es möchte mich reuen, und ich Euch all Euren Erwerb, Silber und Noten wieder nehmen lassen.« »Ehre, und wenn Ihr dafür sterben müßt!« entgegnete der Taugenichts, und hielt die Hand empor in erdichtetem Schrecken über so schwere Drohung. »Nun Capitain, Ihr müßt wissen, daß ehrliche Leute nicht alle von demselben Gewerb leben, einige behalten, was sie haben, andere erwerben, was sie können.« »Ihr seid ein Dieb gewesen.« »Ich mag nicht das Wort. Ich bin ein Menschenjäger gewesen; wisst Ihr was das heißt? Ei, es hat viele Bedeutungen. Manche meinen, die wolligen Köpfe wären unglücklich, weil sie auf heißen Plantagen unter brennender Sonne arbeiten müssen, andere Unbequemlichkeiten nicht zu gedenken. Nun, Capitain, ich bin zu meiner Zeit ein Mann gewesen, der ihnen wenigstens die Annehmlichkeit der Abwechslung verschaffen wollte, indem er ihnen den Aufenthalt veränderte. Ihr versteht mich?« »Ihr seid, gerade heraus, ein Menschenverkäufer – –« »Gewesen, mein guter Capitain, gewesen; aber jetzt gerade ein wenig zurückgekommen, wie ein Kaufmann, der aufhört Tabak centnerweise zu verkaufen und den Handel pfundweis fortsetzt. Ich bin auch meiner Zeit Soldat gewesen. Was man das große Geheimniß unseres Standes nennt, nun, könnt Ihr mir das sagen?« »Weiß nicht!« sagte Middelton, der anfing, des Schelmen Späße überdrüssig zu werden; »Muth?« »Nein, Beine, – Beine, damit zu fechten, und Beine, darauf fortzulaufen, und darin kamen, wie Ihr seht, meine beiden Berufsarten überein. Meine Beine sind gerade jetzt keine von den besten, und ohne Beine würde ein Seelenverkäufer einen unvortheilhaften Handel treiben, und es sind Leute genug da, die besser damit versehen sind, als ich.« »Sie geraubt!« erdröhnte der von Entsetzen niedergeschmetterte Gatte. »Auf ihrem Weg, so gewiß als Ihr hier steht.« »Schurke, welchen Grund hast du, so etwas Empörendes zu glauben?« »Laßt die Hand weg, die Hand weg; meint Ihr, meine Zunge werde ihre Pflicht besser thun, wenn Ihr mir die Kehle ein wenig kitzeltet! Habt Geduld und Ihr sollt Alles erfahren; aber wenn Ihr mich wieder so unhonnet behandelt, dann werde ich den Beistand der Gesetzleute anrufen müssen.« »So sprecht denn; aber wenn Ihr ein einziges Wort mehr oder weniger als die Wahrheit vorbringt, dann erwartet meine alsbaldige Rache!« »Seid Ihr Thor genug zu glauben, daß ein Schelm wie ich, Euch etwas sagen würde, dessen Wahrscheinlichkeit ihm nicht den Rücken freihielte. Nein, das seid Ihr gewiß nicht; deßwegen will ich Euch meine Beweise und meine Meinung darlegen, und dann mögt Ihr daran kauen, während ich gehe und von Eurem Edelmuth trinke. Ich kenne einen gewissen Abiram White. Ich glaube, der Schurke nahm den Namen an, um dadurch seine Feindschaft gegen die Race der Schwarzen anzudeuten. Aber dieser Herr ist jetzt und war's seit Jahren, wie ich gewiß weiß, ein förmlicher Uebersetzer der Menschheit von einem Staat in den andern. Ich hab' zu meiner Zeit mit ihm zu thun gehabt, und ein betrügerischer Hund ist es! Er hat nicht mehr Ehre im Leibe, als ich Speise darin. – Ich sah ihn hier, in dieser Stadt hier, am Tag Eurer Hochzeit. Er war in Gesellschaft seines Weibes Bruders, und er gab vor, er sei ein Colonist auf der Jagd nach neuem Land. Es war eine volle Partie, um Geschäfte darin zu machen: sieben Söhne, jeder so groß wie Euer Sergeant mit sammt seiner Mütze. Nun, sobald ich hörte, Euer Weib sei fort, sah ich sogleich, Abiram müsse Hand an sie gelegt haben.« »Wisst Ihr das, – kann es sein? Welchen Grund habt Ihr zu so schrecklichen Gedanken?« »Grund genug; ich kenne Abiram White. Nun, wollt Ihr noch eine Kleinigkeit hinzufügen, gerade genug, um meine Kehle vor dem Vertrockenen zu sichern?« »Geht, geht, Ihr seid schon vom Trunke um den Verstand gebracht, Unglücklicher, und wißt nicht, was Ihr sagt. Geht und nehmt Euch vor dem Tambour in Acht!« »Erfahrung ist ein guter Führer!« rief der Bursche dem weggehenden Middleton nach, dann wandte er sich mit einem verschluckten Lachen, das zeigte, wie zufrieden er mit sich sei, um, und schleppte sich, so gut es gehen wollte, nach der Kneipe des Branntweinschenks. Hundertmal dachte Middleton im Verlauf jener Nacht, die Mittheilung des Wichts verdiene Aufmerksamkeit, und eben so oft verwarf er den Gedanken als zu wild und schwärmerisch und nahm einen andern vor. Früh am folgenden Morgen nach einer unruhigen und fast schlaflosen Nacht ward er von seiner Ordonnanz aufgeweckt, die ihm rapportirte, ein Mann sei auf der Parade todt gefunden worden, nicht weit von seinem Quartier. Er warf seine Kleider an, eilte nach der Stelle und sah den Menschen, mit dem er die obige Unterhaltung gehabt, ganz in der Lage, worin er ihn zuerst gefunden. Der unglückliche Schelm war seiner Unmäßigkeit zum Opfer geworden. Diese niederbeugende Thatsache ward hinlänglich bewiesen, durch seine vorgedrungenen Augäpfel, sein aufgedunsenes Gesicht und die fast unerträglichen Gerüche, die selbst dann noch sein Leichnam aushauchte. Voll Ekel über den häßlichen Anblick wollte sich der junge Krieger wegwenden, nachdem er befohlen hatte, die Leiche wegzuschaffen, als die Haltung einer Hand des Todten ihm auffiel. Bei näherer Untersuchung fand er den Vorderfinger ausgereckt, als wolle er in den Sand schreiben, und folgende unvollendete fast unleserliche, aber doch zu entziffernde Worte: »Capitain, es ist wahr, so gewiß ich ein ehrl –« Er war entweder gestorben, oder in Schlaf gefallen, der der Vorläufer seines Todes war, ehe er endigen konnte. Dies vor den Andern verbergend, wiederholte Middleton seine Befehle und ging weg. Die hartnäckige Betheurung des Verstorbenen und all diese Umstände zusammen, vermochten ihn, einige geheime Nachforschungen zu machen. Er fand, daß eine Familie, die der ihm gegebenen Beschreibung entsprach, in der That gerade an dem Tag seiner Hochzeit durchgekommen war. Man verfolgte ihren Weg auf einige Strecke dem Rand des Mississippi hinab, bis sie ein Boot nahmen, und dem Flusse hinauf stiegen, bis zu seinem Zusammenfluß mit dem Missouri. Hier waren sie wie hundert Andere verschwunden, den verborgenen Reichthum des Innern erforschend. Mit diesen Thatsachen ausgerüstet, wählte sich Middleton eine kleine Wache von seinen zuverlässigsten Leuten aus, nahm von Don Augustin Abschied, ohne ihm seine Hoffnung oder Furcht zu entdecken, erreichte die angedeutete Stelle und drang vorwärts forschend in die Wildniß. Es war nicht schwer, einen Haufen wie der Ismael's zu verfolgen, bis er sich überzeugte, sein Ziel liege weit über den gewöhnlichen Grenzen der Colonieen hinaus. Dieser Umstand an sich schärfte seinen Verdacht und gab seinen Hoffnungen auf endlichen Erfolg neue Stärke. Als er über den Bereich mündlicher Zurechtweisung hinaus war, nahm der angstvolle Gatte seine Zuflucht zu den gewöhnlichen Fährtezeichen, um die Flüchtlinge zu verfolgen. Auch dies fand er keine schwere Aufgabe, bis er den harten, widerstrebenden Boden der höckerichten Steppen erreichte. Hier wirklich war er gänzlich im Dunkel. Er sah sich endlich genöthigt, sein Gefolge zu vertheilen, bestimmte jedoch auf einen entfernten Tag einen Versammlungs-Ort, und bemühte sich so, die verlorene Spur aufzufinden, indem er soviel wie möglich die Zahl der Augen vervielfältigte. Er war eine Woche allein gewesen, als der Zufall ihn mit dem Streifschützen und Bienenjager zusammenbrachte. Ein Theil ihrer Unterredung ist schon erzählt worden, und der Leser kann sich leicht die Aufschlüsse denken, die auf die von ihm erzählte Geschichte folgten, und, wie wir schon gesehen haben, zur Entdeckung seiner Braut führten. Sechzehntes Kapitel. »Die Zeichen all' bestät'gen ihre Flucht von hier, D'rum bitt' ich Euch, sprecht nicht erst lange noch. Auf, schnell zu Pferde jetzt!«' Shakespeare.   Eine Stunde war in hastigen und fast unzusammenhängenden Fragen und Antworten vorüber geflogen, ehe Middleton, welcher mit der Art eifersüchtiger Wachsamkeit über seinem Kleinod hing, mit der ein Geiziger seine Geldhaufen betrachten würde, die unterbrochene Erzählung seiner eigenen Abenteuer schloß, indem er fragte: »Und du, meine Inez, wie wurdest du behandelt?« »In allen Dingen, das große Unrecht ausgenommen, das sie mir zufügten, indem sie mich gewaltsam von meinen Freunden trennten, so gut vielleicht, als es die Umstande meiner Räuber erlauben wollten. Ich denke, der Mann, der sicherlich der Herr hier ist, ist nur ein Anfänger in der Schlechtigkeit. Er zankte furchtbar in meiner Gegenwart mit dem Elenden, der mich wegnahm, und dann machten sie einen gottlosen Handel, dem ich beizustimmen gezwungen ward, und dem ich mich, so wie auch sie durch einen Eid verpflichtete. Ach, Middleton, ich fürchte, die Ketzer sind nicht so aufmerksam gegen ihren Eid, als die, welche im Schooß der wahren Kirche erzogen werden!« »Glaub' es nicht! Diese Schurken sind von keiner Religion. Wurden sie meineidig?« »Nein, das nicht. Aber war es nicht schrecklich, Gott zum Zeugen eines so sündlichen Vertrags aufzurufen?« »Und das glauben wir so fest, als der würdigste Cardinal von Rom. Aber wie beobachteten sie ihren Eid, und was war ihre Absicht.« »Sie machten sich verbindlich, mich unbelästigt und frei von ihrer verhaßten Gegenwart zu lassen, wenn ich ihnen Sicherheit geben wollte, keinen Versuch zur Flucht zu machen, ja daß ich mich nicht einmal zeigen wollte, bis zu der Zeit, die meine Herren bestimmen würden.« »Und diese Zeit?« fragte der ungeduldige Middleton, der die religiösen Anstände seines Weib's so gut kannte. »Sie ist schon vorüber. Ich mußte bei meinem heiligen Schutzpatron schwören, und treu hielt ich das Gelübde, bis der Mann, den sie Ismael nennen, die Bedingungen vergaß und Gewalt übte. Da erschien ich auf dem Felsen, auch war die Zeit vorüber, obwohl ich glaube, daß selbst Pater Ignatius mich wegen der Verrätherei meiner Gefangenwärter vom Gelübde losgesprochen haben würde.« »Hatt' er's nicht,« murmelte der Jüngling zwischen den Zähnen, »würde ich ihn für immer von seiner geistlichen Sorge für dein Gewissen losgesprochen haben.« »Du, Middleton,« entgegnete sein Weib und sah auf in sein erröthendes Antlitz, während eine tiefe Röthe ihre eigenen sanften Züge überdeckte, »du kannst meine Gelübde annehmen; aber sicher kannst du keine Macht haben, mich von ihrer Befolgung loszusprechen.« »Nein, nein, nein, Inez, du hast Recht; ich verstehe nur wenig von diesen Gewissensspitzfindigkeiten, und bin alles Andere, nur kein Priester. Doch, sage mir, was hat diese Ungeheuer veranlaßt, dieses verzweifelte Spiel zu spielen, so mit meinem Glück zu scherzen?« »Du kennst meine Unbekanntschaft mit der Welt, und wie schlecht ich geeignet bin, Ursachen für das Betragen von Wesen anzuführen, die so verschieden sind von allen, die ich je zuvor gesehen. Aber, treibt nicht die Liebe zum Geld die Menschen selbst zu noch schlechteren Handlungen, als diese. Ich glaube, sie dachten, ein alter, reicher Vater könnte bewogen werden, ihnen ein reiches Lösegeld für sein Kind zu zahlen! Und vielleicht,« fuhr sie fort, und ein forschender Blick auf den aufmerksamen Middleton stahl sich durch ihre Thränen, »rechneten sie auch in etwas auf die junge Liebe eines Bräutigams.« »Sie hätten alles Blut ans meinem Herzen saugen können, Tropfen für Tropfen.« »Ja,« fiel sein junges furchtsames Weib ein, wandte sogleich den verstohlnen Blick weg, den sie gewagt hatte, und setzte schnell das Gespräch fort, als möchte sie gern die Freiheit vergessen machen, die sie sich eben genommen; »ich habe mir sagen lassen, es gäbe so verworfene Männer, daß sie am Altar einen Meineid schwüren, um das Geld unwissender, vertrauender Mädchen zu beherrschen; und wenn Liebe zum Geld zu solcher Niederträchtigkeit führt, können wir sicher erwarten, daß es die, welche sich der Gewinnsucht hingeben, zu Handlungen des Betrugs hinreißen möchte.« Es muß so sein; und nun, Inez, obwohl ich hier bin, dich mit meinem Leben zu schützen, und wir diesen Felsen inne haben, find doch unsere Schwierigkeiten, vielleicht unsere Gefahren noch nicht vorüber. Du wirst allen Muth aufbieten, um die Prüfung zu bestehen, und dich als eines Soldaten Weib zu zeigen, meine Inez?« »Ich bin bereit, sogleich aufzubrechen. Der Brief, den du mir durch den Doctor schicktest, hatte mich zu den schönsten Hoffnungen vorbereitet, und so habe ich Alles zur Flucht auf das erste Wort in Ordnung gebracht.« »So laß uns diesen Ort verlassen und zu unsern Freunden eilen.« »Freunde!« fiel Inez ein und blickte, nach Ellen suchend, auf das kleine Zelt hin. »Auch ich hab' eine Freundin, die nicht vergessen werden darf, und die ihr übriges Leben bei uns zubringen soll. Sie ist fort!« Middleton führte sie liebend weg und antwortete mit einem Lächeln: »Auch sie mag, wie ich, ihre besondern Mittheilungen einem begünstigten Ohr vorzutragen gehabt haben.« Doch hatte der junge Krieger sich in Ellen Wade's Beweggründen getäuscht. Das gefühlvolle, verständige Mädchen hatte bald eingesehen, wie wenig ihre Gegenwart in der eben erzählten Zusammenkunft nöthig sei, und sich mit jenem scharfsichtigen Zartgefühl zurückgezogen, das ihrem Geschlecht ganz besonders eigenthümlich zu sein scheint. Man sah sie jetzt auf einer Felsenspitze sitzen, ihre Gestalt so gänzlich in ihr Gewand eingehüllt, daß es alle ihre Züge verbarg. So war sie länger als eine Stunde geblieben, da Niemand sich ihr näherte, wie ihre scharfen, beobachtenden Augen meinten, ganz unbemerkt. Aber in dem letztern Punct täuschte sich selbst die Wachsamkeit der scharfsichtigen Ellen. Das Erste, was Paul Hover that, als er sich Herr von Ismael's Citadelle sah, war, die Nachricht des Siegs auf jene sonderbare, lächerliche Art zu verkünden, die so oft unter den Grenzwohnern des Westen vorkommt. Er schlug seine Seiten mit den Händen, wie der siegende Kampfhahn mit den Flügeln zu thun Pflegt, und stieß einen lauten Schrei aus, indem er auf lächerliche Weise jenem Vogel in seiner Freude nachahmte; ein Schrei, der eine gefährliche Herausforderung hätte werden können, wäre einer der athletischen Söhne des Auswanderers nahe genug gewesen, ihn zu hören, »Das ist ein regelmäßiges Ueberrumpeln und Einnehmen gewesen,« rief er, »und keine Beinbrüche! Wie, alter Streifschütz, Ihr seid in Eurer Zeit einer von jenen disciplinirten Peloton-, Rang- und Liniensoldaten gewesen und habt früher schon Festungen wegnehmen und Batterieen erstürmen sehen, – hab' ich nicht Recht?« »Ei, ei, das hab' ich,« antwortete der Alte, der immer noch seinen Posten am Fuße des Hügels behauptete und so wenig von dem, was er gesehen, gerührt worden, daß er Paul's Lachen auf seine eigene stille Art herzlich erwiederte; »ihr habt euch bei der Affaire als Männer gezeigt!« »Nun, sagt mir, ist es nicht Regel, die Namen der Lebenden aufzurufen und die Todten zu begraben nach jeder Schlacht?« »Einige thaten's, Andere nicht. Als Sir William die Deutschen unter Dieskau trieb, durch die Engpässe am Fuße des Hori –« »Euer Sir William war eine Drohne gegen Sir Paul und verstand nichts von Regelmäßigkeit. So soll denn hier Appell gehalten werden; – beiläufig gesagt, Alter, über der Bienenjagd, den Büffelschenkeln und andern Dingen hab' ich vergessen, nach Euerm Namen zu fragen; denn ich bin Willens, mit meiner Arrieregarde den Aufruf zu beginnen, da ich wohl weiß, daß mein Mann in der Fronte zu beschäftigt ist, um zu antworten.« »Himmel, Junge, ich bin zur Zeit bei eben so vielen Namen genannt worden, als es Völker gab, unter denen ich wohnte. Die Delawaren nannten mich nach meinen Augen und gaben mir den Namen des weitsichtigen Falken Falkenauge, s. den Roman »Der Letzte der Mohikaner« . Dann wieder tauften mich die Colonisten auf den Otsego-Hügeln anders, nach der Art meiner Beinbekleidung Lederstrumpf, s. »Die Ansiedler« und noch viele andere Benennungen habe ich im Leben geführt; aber das wird wenig ausmachen, wenn die Zeit kommen wird, wo die große Musterung angeht von Angesicht zu Angesicht, unter welchem Namen Jemand seine Rolle gespielt hat. Ich hoffe demüthig, ich werde im Stande sein, auf jede Frage mit lauter männlicher Stimme zu antworten.« Paul achtete wenig oder gar nicht auf diese Erwiederung, von der mehr als die Hälfte durch die Entfernung verloren ging; aber seinen Scherz fortsetzend, rief er mit einer Stentorstimme dem Naturforscher zu, seinen Namen zu sagen. Doctor Battius hatte es nicht für nöthig gehalten, seine erlangten Vortheile über die tröstliche Nische hinaus zu verfolgen; in ihr, die der Zufall so recht zu seinem Schutz gebildet hatte, ruhte er setzt aus von seiner Arbeit, freute sich selbstgefällig der Sicherheit und vor Allem des botanischen Kleinods, das wir schon erwähnt haben. »Kommt herauf, herauf, mein würdiger Maulwurffänger! Kommt und genießt die Aussicht des schielenden Ismael; kommt, seht der Natur kühn in's Antlitz und schnüffelt nicht länger unter dem Steppengras und den Maulwurfshügeln, wie ein Jäger und Feind der Grasspringer.« Des leichtherzigen, unbedachtsamen Bienenjägers Mund schloß sich sogleich und ward so stumm, als er vorher geschwätzig und prahlerisch gewesen war, sobald er Ellen erblickte. Als das trauernde Mädchen seinen Sitz auf der schon erwähnten Felsenspitze nahm, that Paul, als beschäftige ihn eine genaue Untersuchung der Geräthschaften des Auswanderers. Er durchwühlte den Kasten der Esther mit nicht sehr delicater Hand, warf den rohen Staat ihrer Mädchen auf den Boden umher, ohne nur die geringste Rücksicht auf dessen Werth oder Kostbarkeit zu nehmen, und stieß ihre Töpfe und Kessel hierhin und dorthin, als wären sie Geräthschaften von Holz statt von Eisen gewesen. All' dieser Eifer hatte jedoch offenbar gar keinen Zweck. Er behielt nichts für sich, und schien selbst nicht die Gegenstände zu bemerken, die durch die Vertraulichkeit litten, die er sich mit ihnen nahm. Als er das Innere jeder Hütte untersucht und von neuem die Stelle in Augenschein genommen, wo er die Kinder eingekerkert und so sorgfältig vermittelst Seiler unschädlich gemacht, ja sogar einen von Esther's Stühlen wie einen Ball fünfzig Fuß aus bloßem Muthwillen in die Luft geschleudert hatte, kehrte er zum Gipfel des Felsens zurück, steckte seine beiden Hände in den Wampengürtel und begann, die »Kentucky-Jäger« so sorgfältig herzusingen, als wäre er gedungen worden, seine Zuhörer eine Stunde lang mit Musik zu vergnügen. Auf diese Art ging die übrige Zeit vorüber, bis Middleton, wie wir erzählt haben, Inez aus dem Zelt hervorführte und den Gedanken des ganzen Haufens eine neue Richtung gab. Er rief Paul von seiner musikalischen Uebung ab, zog den Doctor aus seinem Sinnen über seine Pflanze und gab als anerkannter Häuptling die nöthigen Befehle zu ihrem unmittelbaren Abzug. In dem Lärm und Gewirr, das auf eine solche Ordre folgen mußte, war wenig Gelegenheit für Klagen oder Betrachtungen. Da die Abenteurer sich auf ihren Sieg vorgesehen, unterzog sich jeder solchen Diensten, wie sie seiner Kraft und Lage am angemessensten waren. Der Streifschütz hatte sich schon des geduldigen Asinus bemächtigt, der nicht weit vom Felsen ruhig weidete, und war jetzt damit beschäftigt, seinen Rücken mit der zusammengesetzten Maschienerie zu beladen, die Doctor Battius sich veranlaßt sah, einen Sattel nach seiner eigenen Erfindung zu benennen. Der Naturforscher selbst ergriff seine Portefeuille's, Herbarien und Insectensammlungen, welche er schnell aus dem Lager des Auswanderers brachte, und sie in verschiedenen Taschen an dem oben erwähnten Kunstwerk verwahrte, die aber der Streifschütz gleichmäßig wegwarf, sobald er den Rücken gewendet. Paul zeigte seine Schnelligkeit im Wegschaffen solcher Artikel nach dem Fuß des Felsens, wie sie Inez und Ellen zu ihrer Flucht vorbereitet hatten, während Middleton, nachdem er die Kinder durch Drohung und Versprechungen vermocht, ruhig in ihren Banden zu bleiben, den Frauenzimmern bei'm Hinabsteigen behülflich war. Da die Zeit sie zu drängen begann, und Ismael's Rückkehr sehr zu befürchten war, wurden diese verschiedenen Vorkehrungen mit ganz besonderem Eifer und großer Eile getroffen. Der Streifschütz steckte solche Dinge, wie er sie zur Bequemlichkeit des schwächeren und zarteren Theiles des Haufens für nöthig hielt, in jene Taschen, aus denen er mit so wenig Umständen die Schätze des nichts ahnenden Naturforschers verwiesen hatte, und ließ dann Middleton Inez auf einen jener Spitze hinaufheben, die er für sie und ihre Gefährtin auf dem Rücken des Thieres bereitet hatte. »Geh, Kind,« sagte der Alte, und winkte Ellen, ihrem Beispiel zu folgen, und wandte sich dann etwas ängstlich um, die Wüste hinter sich zu untersuchen. »Es kann nicht lange dauern, und der Eigenthümer dieses Platzes wird zurückkommen, um nach seinem Haus zu sehen, und er ist nicht der Mann, sein Eigenthum, wie er es auch erlangt haben mag, ohne Weigern aufzugeben.« »Das ist wahr,« rief Middleton, »wir haben kostbare Augenblicke verloren, und all unsere Eile nöthig.« »Ja, ja, ich dacht' es, und würde es gesagt haben, Capitain, aber ich erinnerte mich, wie Euer Großvater so gern zu der aufzublicken pflegte, die er in den Tagen seiner Jugend, seines Glückes heimführte. Es ist Natur, Natur, und besser ihren Gefühlen ein wenig nachzugeben, als einen Strom zu dämmen suchen, der seinen Lauf haben will.« Ellen trat zu dem Thier, ergriff Inez Hand und sagte mit herzlicher Rührung, nachdem sie ein Gefühl bekämpft hatte, das sie fast erstickte: »Gott segne dich, sanftes Mädchen; ich hoffe, du wirft die Uebel vergessen und vergeben, die mein Oheim dir that.« Das niedergeschlagene kummervolle Kind konnte nichts weiter vorbringen, ihre Stimme ward gänzlich unvernehmbar in einem nicht zu beherrschenden Ausbruch ihres Kummers. »Was soll das« rief Middleton; »sagtest du nicht, Inez, diese werde uns begleiten, und in's künftige bei uns leben, oder wenigstens bis sie einen angenehmern Aufenthalt für sich gefunden?« »So sagt' ich, und hoffe es noch. Sie hat mir immer Ursache zu glauben gegeben, daß, nachdem sie mir so viel Mitleid und Freundschaft in meinem Unglück bewiesen, sie mich nicht verlassen würde, sollten glücklichere Zeiten zurückkehren.« »Ich kann nicht – ich darf nicht,« fuhr Ellen fort, als sie ihre augenblickliche Bewegung bemeistert. »Es hat Gott gefallen, mich unter dies Volk zu werfen, und ich darf sie nicht verlassen. Es würde noch den Schein der Verrätherei dem beifügen, was schon schlimm genug bei einem von seinem Charakter erscheint. Er ist gütig gegen mich, die Waise, nach seinen rohen Sitten gewesen, und ich kann in solchem Augenblick mich nicht von ihm wegstehlen.« »Sie ist eben so viel eine Verwandte vom schielenden Ismael, als ich ein Bischof bin!« sagte Paul mit einem so lauten Hem, als müßte er sich die Kehle reinigen. »Wenn der alte Schelm das größte an ihr gethan hat, indem er ihr ein Stückchen Wildpret gab, dann und wann, oder sonst etwas zu essen, hat sie es ihm nicht dadurch vergolten, indem sie die jungen Teufel ihre Bibel lesen lehrte, oder der alten Esther half, ihren Putz in Ordnung und gutem Zustand zu erhalten? Sagt mir, eine Drohne habe einen Stachel, und ich will es eben so gern glauben, als daß dies Mädchen einem von Buschs Stamm etwas verdankt!« »Es thut nur wenig zur Sache, wer mir etwas verdankt, oder wem ich verbunden bin. Es ist Niemand, der für ein Mädchen sorgt, das vater- und mutterlos ist, und dessen Verwandte der Auswurf der Gesellschaft sind. Nein, nein, geh' Mädchen, und der Himmel sei stets mit dir! Ich befinde mich hier besser in dieser Wüste, wo Niemand meine Schande kennt.« »Nun, alter Streifschütz,« erwiederte Paul, »das nenn' ich doch wissen, woher der Wind bläst! Ihr seid ein Mann, der die Welt gesehen, und etwas von Sitten versteht. Ich überlaß es ganz Euerm Urtheil, liegt es nicht in der Natur der Dinge, daß der Stock schwärmt, wenn die Brut herangewachsen, und wenn die Kinder ihre Eltern verlassen, soll da eine, die Niemand hat– –« »Hst!« unterbrach ihn dieser. »Hektor ist unwillig. Sag es heraus, deutlich, alter Junge; was giebt's, mein Hund, was?« Das ehrwürdige Thier war aufgestanden und schnupperte die frische Luft ein, die schwer über die Steppe hinzog. Bei den Worten seines Herrn kauerte er, und zog die Muskeln seiner Schnauze zusammen, gleichsam halb zum Drohen mit dem Reste seiner Zähne geneigt. Der jüngere Hund, der nach der Jagd von diesem Morgen ausruhte, gab auch einige Zeichen, daß seine Nase etwas in der Luft entdecke, und dann nahmen beide ihre schlummernde Stellung wieder an, als hatten sie genug gethan. Der Streifschütz ergriff den Zügel des Esels und rief, indem er ihn vorwärts zog: »Es ist nicht Zeit für Worte. Der Wanderer und sein Haufen sind nur eine oder zwei Meilen von dieser gesegneten Stelle.« Middleton vergaß Ellen gänzlich bei der Gefahr, die jetzt so nahe seiner wiedererlangten Braut nochmals drohte; auch ist es nicht nöthig, erst zu sagen, daß Doctor Battius keine zweite Aufforderung abwartete, um den Rückzug zu beginnen. Der Richtung folgend, die der Alte andeutete, wand sich zusammen um den Felsen, und setzten ihren Weg so schnell als möglich über die Steppe fort, von der Höhe gedeckt. Paul Hover jedoch blieb zurück, düster auf seine Büchse gelehnt. Einige Minuten vergingen, ehe er von Ellen bemerkt ward, die ihr Gesicht mit ihren Händen bedeckte, als wolle sie vor sich selbst ihre traurige Verlassenheit verbergen. »Warum fliehst du nicht?« rief das weinende Mädchen, sobald sie sich allein sah. »Das ist nicht meine Gewohnheit.« »Mein Oheim wird gleich hier sein, du hast von seiner Barmherzigkeit nichts zu hoffen.« »Auch nichts von seiner Nichte, vermuth' ich. Laß ihn kommen, er kann mich nur erschlagen.« »Paul, Paul, wenn du mich liebst, flieh!« »Allein! – Wenn ich es thue, will ich – – –« »Wenn du dein Leben liebst, flieh!« »Ich schätz' es nicht, verlier ich dich!« »Paul!« »Ellen!« Sie reckte ihre beiden Hände aus, und vergoß eine Fluth von Thränen. Der Bienenjäger schlang seinen kräftigen Arm um ihre zarte Gestalt, und eilte dann in schnellem Lauf über die Ebene seinen fliehenden Freunden nach. Siebenzehntes Kapitel. »Tret' in's Gemach, zerstör' die Augen dir Vor einer neuen Gorgo; – frag' mich nicht, Sieh', und dann, sprich, du selbst!« Shakespeare.   Der kleine Quell, welcher des Wanderers Familie mit Wasser versah, und die Bäume und Büsche sich aufgezogen hatte, die nahe am Fuß der felsigen Anhöhe wuchsen, hatte seinen Ursprung, nicht weit vom letztern entfernt, in einem geringen Dickicht von Baumwollensträuchen und wilden Reben. Dorthin nun führte der Streifschütz die Fliehenden, als zu einem Ort, der allein in so drängenden Umständen den nöthigen Schutz gewährte. Man wird sich erinnern, daß der Scharfblick des Alten, der durch lange Uebung in ähnlichen Auftritten fast zum Instinct in allen Fällen plötzlicher Gefahr geworden, ihn zuerst veranlaßt hatte, diese Richtung zu nehmen, da sie zwischen ihn und die nahenden Feinde den Hügel setzte. Durch diesen Umstand begünstigt, gelang es ihm, das Gebüsch noch zu rechter Zeit zu erreichen, und Paul Hover hatte eben die athemlose Ellen in das verwachsene Dickicht gebracht, als Ismael auf die schon beschriebene Weise den Gipfel des Felsen erreichte, wo er für einen Augenblick gleichsam seiner Sinne beraubt dastand und auf die Verwirrung blickte, welche unter seinen Habseligkeiten hervorgebracht worden, auf seine eingesperrten, gebundenen Kinder, die die Vorsicht des Bienenjägers unter ein Rindendach, eine Art unregelmäßiger Halle, sicher eingesperrt hatte. Eine weittreibende Büchse würde von der Höhe, auf welcher der Auswanderer jetzt stand, eine Kugel mitten in das Dickicht haben schicken können, wo die Flüchtlinge, die all dies Unheil angerichtet, sich zusammenkauerten. Der Streifschütz nahm zuerst das Wort, als der Mann, bei dessen Einsicht und Erfahrung sie sich alle Raths erholen mußten; doch erst, nachdem er sein Auge über die Einzelnen sich hatte ergehen lassen, die um ihn standen, sich zu versichern, daß keiner fehle! »Ah, Natur ist Natur und hat gewirkt!« sagte er, und nickte dem erfreuten Paul mit einem billigenden Lächeln zu. »Ich dachte mir's, es würde denen schwer werden, die sich so oft begegnet sind im Glück und Unglück, bei Sternenlicht und unter umwölktem Mond, sich für immer zuletzt noch im Unwillen zu trennen. Jetzt ist nicht viel Zeit mit Reden zu verlieren und alles durch Eifer zu gewinnen! Es kann nicht lange dauern und einige von jener Brut werden auf der Erde nach unserer Spur schnüffeln, und sollten sie uns finden, wie dies sicher geschehen wird, und uns treiben, uns auf unsern Muth zu verlassen, so muß der Streit mit der Büchse ausgemacht werden, was der Himmel verhüten möge! Capitain, könnt Ihr uns nach dem Ort führen, wo einige von Euren Soldaten sich befinden? – Die stattlichen Söhne des Wanderers werden einen männlichen Angriff machen, oder ich müßte mich schlecht auf den Krieg verstehen!« »Der Ort des Zusammentreffens ist viele Meilen von hier an den Ufern des la Plata.« »Das ist schlimm, sehr schlimm. Müssen wir fechten, so ist's immer besser unter gleichen Verhältnissen. Aber wie kommt ein Mann, der seinem Ende so nahe ist, zu so bösem, heißem Blut! Hört was ein graues Haupt und einige Erfahrung euch vorzuschlagen hat, und dann, wenn einer unter euch eine klügere Art des Rückzugs andeuten kann, wollen wir seinem Rath folgen und vergessen, daß ich gesprochen. Dieses Dickicht erstreckt sich fast eine Meile weit, gerade in entgegengesetzter Richtung vom Felsen und führt nach Sonnenuntergang, nicht nach den Ansiedelungen.« »Genug, genug,« rief Middleton, zu ungeduldig, um zu warten, bis der umsichtige und vielleicht geschwätzige Alte seine in's Einzelne gehende Erklärung geendigt hatte. »Die Zeit ist zu kostbar, laßt uns fliehen!« Der Steifschütz gab durch eine Geberde seine Einwilligung, wandte sich zurück, führte Asinus über die nachgebende Erde des Gebüsches und kam bald auf festen Boden auf der der Lagerung des Auswanderers entgegengesetzten Seite. »Wenn der alte Ismael das geringste von diesem verstohlenen Weg durch das Gebüsch bemerkt,« rief Paul und warf, als er die Stelle verließ, einen leichten Blick auf die breiten Fußtapfen, die der Haufen im Dickicht zurückließ, »so braucht er keinen Wegweiser, der ihm sagt, wohin er sich wenden muß. Aber laßt ihn kommen, ich weiß, der Herumstreicher würde gern seine Brut mit etwas ehrlichem Blut versetzen, aber wenn je einer seiner Söhne der Gemahl von – –« »Hsch, Paul, hsch,« sagte das erröthende und erschreckte Mädchen, das sich auf seinen Arm stützte. »Deine Stimme könnte man hören.« Der Bienenjäger schwieg, obwohl er nicht aufhörte, gewisse vielbedeutende Blicke hinter sich zu werfen, als sie längs am Rande des Quells hinflohen, die hinlänglich die kriegerische Stimmung seines Gemüths verriethen. Da jeder sich beeilte, brauchte es nur einige Minuten und der Haufen kam an einer Erhöhung der Steppe hervor, stieg, ohne einen Augenblick zu zögern, auf der entgegengesetzten Seite hinab, und war nun mit einem Mal außer aller Gefahr, von Ismael's Söhnen gesehen zu werden, wenn nur ihre Verfolger nicht zufällig auf ihre Spur kamen. Der Alte machte sich jetzt die Beschaffenheit des Landes zu Nutz, um eine andere Richtung einzuschlagen, in der Absicht, die Verfolgung zu vermeiden, so wie ein Schiff im Nebel und Dunkel seinen Lauf ändert, der Wachsamkeit der Feinde zu entgehen. Zwei Stunden der größten Eile hatten sie in den Stand gesetzt, die Hälfte des Kreises um den Felsen zurückzulegen, und einen Punct zu erreichen, der gerade der ersten Richtung ihrer Flucht entgegengesetzt war. Den Meisten der Flüchtlinge blieb ihr Weg ganz unbekannt, so wie es auf einem Schiff mitten im Weltmeer bei dem unbelehrten Reisenden der Fall ist; aber der Alte schritt bei jeder Biegung, durch jeden Boden mit einer Bestimmtheit hin, die seinem Gefolge Vertrauen einflößte, da sie zum Vortheil seiner Kenntniß der Oertlichkeiten sprach. Sein Hund stand zu Zeiten, um in seinen Augen zu lesen und ging vor ihm her die ganze Zeit über mit einer Sicherheit, als hätten sie im Voraus und verständlich sich mit einander besprochen, und den Weg festgesetzt, den sie einschlagen wollten. Aber gegen Ende des genannten Zeitraums hielt der Hund wieder plötzlich ein, setzte sich in die Steppe nieder, schnüffelte einen Augenblick und begann ein dumpfes, trauriges Geheul. »Ja, Bursche, ja, ich kenn' den Ort, kenn' ihn, und es ist recht, sich wohl an ihn zu erinnern!« sagte der Alte, blieb neben seinem unruhigen Gefährten stehen, bis die, welche folgten, herangekommen waren. »Nun dort ist ein Gehölz vor uns,« fuhr er fort und deutete vorwärts, »wo wir liegen bleiben können, bis schlanke Bäume auf diesen nackten Feldern wachsen, und keiner von des Auswanderers Geschlecht wird es wagen, uns zu belästigen.« »Die Stelle dort, wo der Todte liegt?« rief Middleton und untersuchte den Ort mit einem Auge, das sich bei der Rückerinnerung empörte. »Gerade die! Aber ob seine Freunde ihn in den Schooß der Erde gesenkt oder nicht, bleibt noch zu untersuchen. Der Hund kennt den Geruch, aber scheint auch noch ein wenig zweifelhaft. Es ist daher nöthig, daß Ihr hingeht, Freund Bienenjäger, um zu untersuchen, während ich die Hunde halte, daß sie nicht zu laut klagen.« »Ich!« rief Paul und wickelte seine Hände in seine krausen Locken, wie, wenn man es für räthlich hält zu zögern, ehe man ein gefährliches Abenteuer besteht. »Ei, hört, alter Streifschütz: ich hab' in meinem dünnsten Rock mitten unter einem Bienenschwarm gestanden, der seine Königin verloren, ohne zu wanken, und laßt Euch sagen, wer das thun kann, fürchtet sich nicht leicht vor einem lebenden Sohn Ismael's; aber sich mit Todtenbeinen zu befassen, ei, das ist weder mein Beruf noch meine Neigung; – so, nachdem ich Euch für Eure gütige Wahl gedankt, lehne ich, wie sie sagen, wenn sie einen zum Korporal in der Kentucky-Miliz machen, den Dienst ab.« Der Alte wandte sich, in seiner Erwartung getäuscht, gegen Middleton, der zu sehr damit beschäftigt war, Inez zu trösten, als daß er seine Verlegenheit hätte bemerken können, aus der dieser jedoch plötzlich von einer Seite her errettet wurde, von der, nach früheren Zeichen, man wenig Grund hatte, eine solche Kraftäußerung zu erwarten. Doctor Battius hatte sich während des ganzen Rückzugs etwas durch den außerordentlichen Eifer bemerkbar gemacht, mit dem er den gewünschten Erfolg zu erstreben sich bemühte. So ungemein umsichtig war in der That eine Anstrengung, daß sie gänzlich all seine frühern Neigungen sich unterworfen. Der würdige Naturforscher gehörte zu jener Art von Entdeckern, die die schlimmsten Reisegefährten für Jemand sind, der Eile hat. Keinen Stein, keinen Busch, keine Pflanze lassen sie je der Untersuchung ihres wachsamen Auges entgehen, und der Donner mag rollen, Regen niederströmen, er stört nicht die reizende Selbstvergessenheit ihrer Träumereien. Doch das war nicht der Fall mit Linné's Schüler während des wichtigen Zeitraums, wo der interessante Punct vor dem Tribunal seines Verstandes verhandelt ward, ob des Auswanderers kühne Söhne ihm nicht vielleicht das Recht streitig machen würden, frei die Steppe zu durchziehen. Ein Hund von der beste Race und Zuckt hätte, sein Wild im Auge, nicht eifriger ihm nacheilen können, als der Doctor seine Curvenlinie durchlief. Es war vielleicht ein Glück für seine Tapferkeit, daß die List des Streifschützen ihm unbekannt blieb, der sie um Ismael's Citadelle herumführte, und daß er in der beruhigenden Meinung lebte, jeder Zoll der Steppe, den er durchlaufe, werde zu der Entfernung zwischen ihm und dem verabscheuten Felsen hinzugefügt. Trotz des augenblicklichen Erstaunens, das er sicher fühlte, als er seinen Irrthum entdeckt, war er doch der Mann, der so kühn sich freiwillig stellte, um das Dickicht zu erforschen, worin er zu glauben Ursache hatte, er werde noch Asa's Leichnam finden. Vielleicht ward der Naturforscher angetrieben, seinen Muth bei dieser Gelegenheit zu zeigen, weil er sich innerlich bewußt war. daß sein außerordentlicher Eifer auf dem Rückzug der Mißdeutung unterworfen sei, und es ist gewiß, daß, welches auch immer seine besondern Begriffe von der Gefahr vor den Lebenden gewesen sein mögen, seine Sitten und Kenntnisse ihn doch weit über die Furcht, durch Umgang mit Todten in Noth zu kommen, hinausgesetzt hatten. »Wenn etwas zu thun ist, was vollkommene Beherrschung des Nervensystems verlangt,« sagte der Mann der Wissenschaft, mit einem Blick, der etwas Stolzes hatte, »braucht Ihr nur seinem intellektuellen Vermögen eine Richtung zu geben, und hier steht ein Mann, auf dessen physische Kräfte Ihr Euch verlassen könnt,« »Der Mann spricht gern in Parabeln,« murmelte der sonderbare Streifschütz, »aber ich vermuthe, es liegt immer ein verborgener Sinn in seinen Worten, obgleich es eben so schwer ist, in seinen Reden Sinn zu finden, als drei Adler auf demselben Baum zu entdecken. Es wird gut sein, Freund, sich versteckt zu halten, die Söhne des Auswanderers möchten uns aus der Spur sein, und wir haben Ursache, wie Ihr wohl wißt, zu fürchten, jenes Gehölz berge einen Anblick, der ein Weib erschrecken könnte. Seid Ihr Mann genug, dem Tod in's Gesicht zu sehen, oder soll ich uns der Gefahr aussetzen, daß die Hunde ein Bellen erregen, und selbst hineingehen? Ihr seht, der Kleine will schon mit offenem Maule hinrennen.« »Ob ich Mann genug! Verehrungswürdiger Streifschütz, unsere Bekanntschaft ist neuen Ursprungs oder Eure Frage müßte bezwecken wollen, uns in einen wilden Streit zu bringen. Ich Mann genug! Ich behaupte, von der Klasse mammaIia , der Ordnung primates , dem Genus homo zu sein. Das englische man, das Mann und Mensch bedeutet, verhindert uns, diese Redeweise des Doctors in ihrer ganzen Herrlichkeit wiederzugeben, mag viel Witz darin liegen, da dasselbe schon im Anfang des Romans vorkam. Das sind meine physischen Attribute, von meinen moralischen laßt die Nachwelt reden; mir kommt's zu, stumm zu sein.« »Der Physikus Im Original steht physic, was Arznei bedeutet. Wir haben, um das schöne Wortspiel auszudrücken, oder vielmehr nicht ganz zu verwischen, den Physikus (Arzt, Wundarzt) zu Hülfe genommen, und glauben, darin sehr glücklich gewesen zu sein, wiewohl auch uns, wie dem Doctor Battius, eigentlich zukäme, darüber stumm zu sein, da gewiß die Nachwelt unsere Verdienste nicht verkennen wird. mag gut sein, für die, welche ihn lieben; nach meinem Geschmack und Urtheil ist sein Erscheinen weder angenehm, noch von Gesundheit zeugend; aber Moral that nie einer lebenden Seele etwas zu Leid, mochte der Mensch sich im Wald aufhalten oder von kristallenen Fenstern und wärmenden Caminen umgeben sein. Nur einige schwere Worte trennen uns, Freund, denn ich bin der Meinung, daß bei Umgang und Freimüthigkeit wir bald einander verstehen sollten, und in der Hauptsache in unserm Urtheil über die Menschen und den Lauf der Welt übereinkommen würden. Still, Hektor, still, was bringt dich auf, Kleiner, bist du nicht an Menschenblut gewöhnt?« Der Doctor warf einen gnädigen, aber bedauernden Blick auf den Philosoph der Natur und trat einen oder zwei Schritte von der Stelle zurück, wohin ihn sein gereizter Muth getrieben hatte, um mit weniger Athemaufwand und größerer Freiheit in Action und Stellung ihm zu erwiedern. »Ein homo ist freilich ein homo ,« sagte er, und streckte seinen Arm auf eine imponirende und beweisende Art aus; »so weit die animalischen Functionen gehen, find die vereinigenden Ringe der Harmonie, Ordnung, Gleichförmigkeit, Absicht dem ganzen Genus gemein, aber hier hört auch die Aehnlichkeit auf. Der Mensch kann bis zu der Linie, die ihn von dem Thier trennt, durch Unwissenheit herabgewürdigt werden, aber auch erhoben werden zu einer Gemeinschaft mit dem großen Weltgeist durch Wissenschaft; ja, ich weiß nicht, ob er nicht, wären ihm Zeit und Gelegenheit verliehen, Herr alles Wissens und folglich gleich werden könnte dem großen belebenden Princip.« Der Alte, der sich gedankenvoll auf seine Büchse lehnte, schüttelte den Kopf, als er mit angeborner Festigkeit antwortete, die gänzlich das imponirende Wesen, das sein Gegner hatte annehmen wollen, verdunkelte. »Das ist nichts mehr und nichts weniger als große Verkehrheit! Jetzt hab' ich achtzig und sechsmal die Jahreszeiten sich folgen gesehen, und all diese Zeit die wachsenden oder sterbenden Bäume betrachtet, und doch weiß ich die Ursache nicht, warum die Knospe aufbricht im Sonnenschein, warum das Blatt fällt, wenn der Frost es durchdringt. Eure Gelehrsamkeit, rühmt sich auch ihrer der Mensch, ist Thorheit in dessen Augen, der in den Wolken thront und mit Betrübniß herabblickt auf den Stolz, die Eitelkeit seiner Geschöpfe. Viel sind der Stunden, die ich zugebracht, im Schatten der Wälder liegend, oder hingestreckt auf die Hügel jener offenen Felder, wo ich aufsah in die blauen Lüfte, hin, wo ich mir denken konnte, der große Geist habe seinen Stand genommen, und schaue auf die Verkehrtheit des Wegs der Menschen und Thiere unter ihm, wie ich selbst oft hingeblickt auf die Mücken, die sich überflogen in ihrem Eifer, – doch Er auf eine Weise angemessener seiner Kraft und Herrlichkeit! Wissenschaft! Er spielt damit. Sagt mir, Ihr haltet's ja für so leicht, hinaufzuklimmen auf den Richtersitz oben, könnt Ihr mir erzählen vom Anfang und Ende? Ja, auch Ihr habt Wissenschaft von der Krankheit und der Heilung, was ist Leben und was ist Tod? Warum lebt der Adler lange Jahre, warum ist des Schmetterlings Zeit so kurz? Beantwortet mir noch eine leichtere Frage: warum ist dieser Hund so unruhig, während Ihr, die Ihr unter Büchern Euer Leben verbracht, keine Ursachen sehen könnt, Euch zu fürchten?« Der Doctor, den die Würde und Kraft des Alten etwas erstaunt hatte, athmete tief, wie ein bedrängter Kämpfer, der sich eben von dem würgenden Griff seines Feindes losgemacht, und ergriff die Unterbrechung, als günstige Gelegenheit, etwas zu erwiedern: »Es ist sein Instinkt.« »Und was ist das?« »Ein niederer Grad von Vernunft. Eine Art geheimer Verbindung von Gedanke und Materie.« »Und was nennt Ihr Gedanke?« »Ehrwürdiger Jäger, das ist eine Methode, zu untersuchen, welche allen Nutzen der Definition zu nichte macht, und die auch, ich versichere Euch, ganz und gar in den Schulen nicht geduldet wird.« »Dann ist noch mehr List in euren Schulen, als ich gedacht hatte, denn gerade das ist die sicherste Methode, ihnen die Eitelkeit zu zeigen,« entgegnete der Streifschütz, und ließ plötzlich eine Unterhaltung fallen, an der der Naturforscher eben so große Freude zu finden begann. Jener wandte sich zum Hund und suchte ihn durch's Spielen mit seinen Ohren zu beruhigen. »Es ist thöricht, Hektor, und schickt sich besser für einen jungen ohne Zucht, als für einen verständigen Hund, der seine Erziehung durch harte Erfahrung gemacht hat, und nicht, indem er die Spur anderer Hunde nachschnüffelte, wie ein Junge in den Colonieen den Fußstapfen seiner Lehrer folgt, mögen sie nun Recht haben oder nicht. – Nun, Freund, Ihr vermögt so viel, könnt Ihr in's Dickicht schauen, oder muß ich selbst gehen?« Der Doctor nahm seine entschlossene Miene wieder an und machte sich fertig, ohne weiteres Reden zu thun, was der Andere verlangte. Die Hunde wurden in so weit durch die Vorstellungen des Alten zurückgehalten, daß sie ihre Klagen auf dumpfes, aber oft wiederholtes Seufzen beschränkten. Als sie aber den Naturforscher vorschreiten sahen, brach der alte Hund durch alle Schranken, und lief um ihn in schnellen Kreisen herum, die Erde beriechend, als er weiter ging, kehrte dann zu seinem Gefährten zurück und heulte laut. »Der Wanderer und seine Söhne müssen starke Spuren auf dem Boden zurückgelassen haben,« sagte der Alte, und wartete, während er sprach, auf ein Zeichen von seinem gelehrten Gefährten, um ihm zu folgen; »ich hoffe, jener Schulgelehrte versteht genug, um sich des Auftrags zu erinnern, den ich ihm gab.« Doctor Battius war schon im Gebüsch verschwunden, und der Streifschütz verrieth immer mehr Zeichen von Ungeduld, als die Gestalt des erstem aus dem Dickicht rücklings sich zurückzog, die Augen immer auf die Stelle gerichtet, die er eben verlassen, als sei sein Blick durch die Kraft eines Zaubers hingebannt. »Nach seinem wilden Blick zu urtheilen, muß es etwas Furchtbares sein,« rief der Alte, ließ Hektor los, und schritt muthig auf den gänzlich sich unbewußten Naturforscher zu. »Was gibt's, Freund, habt Ihr ein neues Blatt in Eurem Buch der Weisheit gefunden?« »Es ist ein Basilisk!« murmelte der Doctor, dessen veränderte Gesichtszüge die gänzliche Verwirrung verriethen, die seinen Geist befallen. »Ein Thier von der Ordnung: Schlangen. Ich hatte gemeint, seine Charaktere wären fabelhaft, aber die mächtige Natur kann Alles hervorbringen, was man sich denken kann.« »Was ist es, was ist's? Die Schlangen der Steppe sind unschädlich, es müßte denn manchmal eine erboste Klapperschlange sein, und diese benachrichtigt Euch immer mit ihrem Schwanz, ehe sie mit ihren Fängen an's Werk geht. Himmel, welch erniedrigendes Ding ist die Furcht! Da ist einer, der gewöhnlich zu hohe Worte vorbringt, als sich für einen demüthigen Mund schicken, jetzt so ganz außer sich, daß seine Stimme so sein ist, wie das Zwitschern des Whippoorwill. Muth, Mann, was gibt's?« »Ein Wunder, ein lusus naturae (Naturspiel), ein Ungeheuer, das die Natur hat bilden wollen, um ihre Macht zu zeigen. Nie hab' ich solch eine Verwirrung in allen ihren Gesetzen gesehn oder ein Exemplar getroffen, das so gänzlich der Unterscheidung in Klassen und Genera Hohn spricht. Laß mich sein Aeußeres aufschreiben,« (er suchte nach seiner Brieftasche, doch zitterten die Hände zu sehr, um ihm den Dienst zu leisten), »so lange es Zeit und Gelegenheit noch erlaubt; Augen, bezaubernd, Farbe, bunt, complex – –«. »Man sollte denken, der Bursche wär' verrückt mit seinen bezaubernden Blicken und seinen Farben!« fiel der unwillige Streifschütz ein, der etwas unruhig zu werden anfing, daß seine Begleiter immer noch nicht sich an einen verdeckten Ort begeben; »wenn ein Reptil im Gebüsch ist, zeigt mir das Ding, und sollte es nicht gutwillig weggehn, nun so müssen wir um den Besitz der Stelle kämpfen.« »Dort!« sagte der Doctor, und deutete im Gebüsch nach einer Stelle, die etwa fünfzig Fuß von ihnen entfernt war. Der Streifschütz sah hin mit vollkommner Ruhe, aber sobald sein scharfer, geübter Blick auf den Gegenstand traf, der so sehr die Philosophie des Naturforschers verwirrt hatte, prallte er selbst zurück, nahm schnell seine Büchse vor, und wendete sie aber eben so plötzlich wieder weg, als wenn ein anderer Gedanke ihn überzeugt hatte, daß es Unrecht sei. Weder jene Instinctmäßige Bewegung noch das plötzliche Besinnen war ohne Grund. An dem Rande des Dickichts, in enger Berührung mit der Erde, lag eine belebte Kugel, die leicht wegen ihrer Seltsamkeit und Wildheit ihres Anblicks den wirren Zustand in des Naturforschers Geist rechtfertigen konnte. Es war schwer, die Gestalt und Farben dieses ungewöhnlichen Wesens zu beschreiben, man konnte nur im Allgemeinen sagen, daß es fast sphärisch war, und alle Farben des Regenbogens ohne Rücksicht auf Harmonie und ohne bemerkbaren Plan zusammengemischt darlegte. Die vorherrschenden Farben waren ein Schwarz und ein glänzendes Roth. In diese jedoch verschmolzen seltsam und wild die verschiedenen Tinten von weiß, gelb und karmoisin. Wäre dies alles gewesen, würde man kaum haben sagen können, daß das Wesen Leben besäße, denn es lag regungslos da wie ein Stein; aber ein Paar schwarzer, glänzender, bewegter Augäpfel, welche die geringsten Schritte des Streifschützen und seines Gefährten bewachten, bewiesen hinlänglich den wichtigen Punct seines Belebtseins. »Euer Reptil ist ein Auskundschafter, oder ich verstehe mich nicht auf indianische Färbung und Teufelei,« murmelte der Alte, stieß den Kolben seines Gewehrs auf den Boden und sah mit festem Auge auf den furchtbaren Gegenstand, während er sich kaltblütig auf den Flintenlauf stützte. »Er will uns unser Gesicht und unsere Vernunft aussehen und uns glauben machen, der Kopf einer Rothhaut sei ein mit Herbstblättern bedeckter Stein, oder er hat sonst eine andere teuflische List im Sinn.« »Das Thier wäre ein Mensch?« fragte der Doctor; »von dem Genus homo ! Ich hätte es für ein noch nicht beschriebenes gehalten.« »Es ist ein menschliches und auch so sterblich, wie je ein Krieger dieser Steppen gewesen ist. Ich hab' die Zeit gesehen, wo eine Rothhaut sich tollkühn gezeigt haben würde, wenn sie aus ihrem Versteck in einem solchen Habit einen Jäger angesehen, den ich nennen könnte, der aber jetzt zu alt und seiner Zeit zu nah' ist, als etwas besseres zu sein, wie ein elender Streifschütz. Er wird gut sein, zu dem Ungeziefer zu reden, und es wissen zu lassen, daß es mit Leuten zu thun hat, deren Bärte gewachsen sind. Kommt hervor aus Euerm Versteck, Freund,« fuhr er in der Sprache der ausgedehnten Stämme der Dahcotah fort; »es ist auf der Steppe noch Raum für einen Krieger.« Die Augen schienen noch stolzer zu glühen als vorher, aber die Masse, welche nach des Streifschützen Meinung nichts mehr und nichts weniger als ein Menschenkopf war, den man, wie unter den Kriegern des Westen gewöhnlich, geschoren hatte, blieb noch ohne Regung und ohne jedes andere Zeichen von Leben. »Es ist ein Irrthum!« rief der Doctor. »Das Thier ist selbst nicht aus der Classe mammalia , viel weniger ein Mensch.« »Ja, so viel Ihr versteht!« entgegnete der Streifschütz, und lachte mit vieler Selbstzufriedenheit. »Nach der erlernten Weisheit eines Mannes, der in so viele Bücher gesehen, daß seine Augen kein Moschusthier von einer wilden Katze unterscheiden können. Nun, mein Hektor, hier ist ein Hund von Erziehung nach seiner Art, und obgleich der kleinste Bursche in den Colonieen sein Wissen zu Schande zu machen sich getraute, könntet Ihr doch den Hund in einem solchen Fall nicht täuschen. Da Ihr meint, der Gegenstand sei kein Mensch, so sollt Ihr seine ganze Bildung sehen, und dann laßt einen unwissenden alten Streifschützen, der nie einen Tag in seinem Leben im Bereich eines Buchstabirbuchs zubrachte, wissen, wie das Ding zu nennen ist. Bedenkt, ich will ihm nichts Leids zufügen, sondern nur dem Teufel seine Hülle abstreifen.« Der Streifschütz untersuchte jetzt sehr genau den Hahn seiner Flinte, trug Sorge, so viel möglich, seine feindlichen Absichten recht bemerkbar zu machen, indem er mit der Waffe alle nöthigen Evolutionen vornahm. Als er glaubte, der Unbekannte fange wirklich an, Gefahr zu fürchten, schlug er sehr behutsam die Büchse an und rief laut: »Nun, Freund, Friede oder Krieg, wie Ihr wollt. – Nein, es ist kein Mensch, wie der gelehrte Mann hier sagt, und es kann nichts schaden, wenn ich so gerade in den Blätterhaufen hineinschieße.« Die Mündung der Flinte richtete sich dahin, als er schloß, und die Waffe nahm nach und nach eine feste, und, was sich leicht hätte zeigen können, eine gefährliche Haltung an, als ein schlanker Indianer unter seinem Blätter- und Reiserbett hervorsprang, das er wahrscheinlich bei Annäherung des Haufens über sich geworfen, und aufrecht dastand, und den inhaltreichen Ausruf: »Wagh« hervorstieß. Achtzehntes Kapitel. Die Maske ist Philemons Dach, Im Haus ist Jupiter's. Shakespeare.   Der Streifschütz, der keine Gewaltthätigkeit im Sinne hatte, senkte seine Büchse wieder und über den Erfolg seines Experiments lachend, denn groß schien seine Selbstzufriedenheit, zog er den erstaunten Blick des Naturforschers von dem Wilden auf sich selbst, indem er sagte: »Die Wichte liegen Euch Stunden lang, wie schlafende Krokodille, und brüten über ihren Teufeleien und andern Ränken, bis wirkliche Gefahr droht, und dann sorgen sie für sich, wie andere Leute. Das ist ein Spion in seinem Kriegsfirniß! Es werden noch mehr von seinem Stamm in nicht großer Entfernung sein. Laßt uns aus ihm die Wahrheit herauspressen, denn ein unglücklicher Streit könnte uns gefährlicher werden, als ein Besuch von der ganzen Familie des Wanderers.« »Es ist in der That eine verzweifelte, gefährliche Species!« sagte der Doctor und erholte sich von seinem Erstaunen durch ein Aufathmen, das alle Luft aus seinen Lungen zu ziehen schien; »eine gewaltthätige Race, eine, die schwer zu bestimmen oder in die gewöhnlichen Schranken der Definitionen einzuclassen ist. Sprecht also mit ihm, aber laßt Eure Worte bei aller Freundschaft streng sein.« Der Alte warf einen scharfen Blick um sich, als wolle er sich des wichtigen Umstands vergewissern, ob der Unbekannte von Gefährten unterstützt werde, machte dann die gewöhnlichen Friedenszeichen, indem er seine flache, nackte Hand hinhielt, und schritt kühn vor. Indeß zeigte der Indianer nicht die geringste Unruhe. Er ließ den Streifschützen herbeikommen, und behielt in Miene und Stellung alle Würde und Furchtlosigkeit bei. Vielleicht wußte der kluge Streiter auch, daß wegen der Verschiedenheit ihrer Waffen er unter gleichmäßigeren Bedingungen kämpfen würde, wenn er den Angekommenen näher gebracht worden. Da eine Beschreibung dieses Menschen eine Idee von dem Aeußern der ganzen Race geben kann, mag es gut sein, wenn wir die Erzählung aufhalten, um sie hastig und unvollkommen dem Leser vorzulegen. Wollten die scharfsichtigen Augen eines Alston und Leslie sich nur für kurze Zeit von ihrem Anstaunen der Musterbilder des Alterthums wegwenden, um dies verworfene und herabgewürdigte Volk zu betrachten, dann würde wenig für so geringe Künstler, als wir sind, zu zeichnen übrig bleiben. Der in Frage stehende Indianer war in jeder Hinsicht ein Krieger von schöner Statur und wunderbaren Verhältnissen. Als er seine Maske abwarf, die aus verschiedenfarbigen Blättern bestand, wie er sie eilig zusammengerafft hatte, erschien sein Antlitz in all dem Ernst, der Würde und, man kann hinzufügen, dem Schrecken seines Standes. Seine Gesichtszüge waren auffallend edel, und den römischen sich nähernd, wiewohl einigen geringeren die wohlbekannten Spuren seines asiatischen Ursprungs eingedrückt waren. Der besondere Teint der Haut, der schon an und für sich so sehr geeignet ist, den kriegerischen Ausdruck zu unterstützen, hatte durch die Farben der Kriegerschminke noch einen eigenen Anstrich von Wildheit bekommen. Aber als verschmähe er die gewöhnlichen Kunstgriffe seines Volkes, trug er nichts von jenen sonderbaren, schreckhaften Abzeichen, womit die Kinder des Waldes, wie die gebildeteren schnurrbärtigen Helden, den Ruf ihres Muthes auf die Nachwelt zu bringen pflegen, und begnügte sich mit breiten, dunkelschwarzen Linien, die eine hinlängliche und bewunderungswürdige Folie für den größeren Glanz seiner natürlichen Schwärze waren. Sein Haupt war, der Sitte gemäß, bis zum Wirbel rasirt, wo eine große, mächtige Scheitellocke furchtlos den Griff seiner Feinde herauszufordern schien. Der Schmuck, der im Frieden von dem Knorbel seiner Ohren herabhing, war entfernt worden, seines gegenwärtigen Vorhabens wegen. Sein Leib war trotz der späten Jahrszeit fast nackt, und der bekleidete Theil trug keine wärmere Bekleidung als einen leichten Kittel von fein zubereiteter Rehhaut, die sehr schön mit dem rohen Gemälde eines kühnen Abenteuers geschmückt und sorglos umgeworfen war, gleichsam mehr zum Putz als aus einer unmännlichen Rücksicht auf Bequemlichkeit. Seine Beinbekleidung bestand aus glänzendem Scharlachtuch, das einzige Zeichen an ihm, daß er Gemeinschaft gehabt mit den Handelsleuten der blassen Gesichter. Aber gleichsam um einen Gegensatz gegen diesen einzigen weibischen Schmuck zu bilden, war sie furchtbar von dem geschnürten Knie bis zur Sohle der Halbstiefel mit dem Haar von Menschenschädeln behangen. Er lehnte sich leicht mit der einen Hand auf einen kleinen Bogen, während die andere die zierlich gearbeitete Handhabe einer langen Eschenlanze mehr berührte, als Stütze durch sie suchte. Ein Helm von Cougarhaut, an dem als eine auszeichnende Zierde der Schwanz des Thiers noch herabhing, war auf seinem Rücken befestigt, und ein Schild von Häuten, schön mit einer andern von seinen kriegerischen Thaten bemalt, hing an einem Sehnenbündel an seinem Nacken. Als der Streifschütz sich näherte, behielt dieser Krieger seine ruhige, aufrechte Stellung bei, und verrieth weder Begierde, den Charakter derer zu untersuchen, die sich ihm näherten, noch den geringsten Wunsch, ihre auf ihn gerichtete forschende Blicke zu vermeiden. Ein Auge, das dunkler und glänzender war, als das eines Hirsches, richtete sich jedoch unaufhörlich von einem zum andern der Fremden und schien nie Ruhe für einen Augenblick zu kennen. »Ist mein Bruder weit von seinem Dorf?« fragte der Alte in der Pawnee-Sprache, nachdem er die Schminke und die andern kleinen Zeichen untersucht hatte, woran ein geübtes Auge den Stamm der Krieger, mit denen es in den amerikanischen Wüsten zusammentrifft, ganz mit derselben Leichtigkeit, und durch dieselbe Art geheimnisvoller Beobachtung erkennt, mit der der Seemann das entfernte Segel unterscheidet. »Es ist weiter nach den Städten der Großmesser zu,« war die lakonische Antwort. »Warum ist ein Pawnee-Wolf so weit von der Gabel seines Flusses, ohne ein Pferd, darauf zu reisen, und in so ödem Ort wie dieser?« »Können die Weiber und Kinder eines Blaßgesichts ohne Bisonfleisch leben? Es war Hunger in meiner Hütte.« »Mein Bruder ist zu jung, um schon eine eigene Hütte zu haben,« entgegnete der Streifschütz und sah fest in das unbewegte Gesicht des jungen Wilden; »aber ich muß sagen, er ist tapfer und mancher Häuptling mag ihm seine Töchter angeboten haben. Aber hat er sich nicht vergessen (er deutete auf den Pfeil, den er in der Hand hatte, welche zugleich den Bogen hielt) hat er sich nicht vergessen, daß er einen losen Pfeil mit einem Barte führt, um damit den Büffel zu tödten. Wollen die Pawnee durch die Wunden das Wild verderben?« »Er ist für die Sioux gut; sieht man sie auch nicht, kann selbst ein Busch sie verbergen.« »Der Mann ist ein schlagender Beweis für die Wahrheit seiner Worte,« murmelte der Streifschütz auf Englisch; »und ein festgebauter, kräftiger Junge ist es, aber nicht alt genug, um ein Häuptling von einiger Wichtigkeit zu sein. Es ist jedoch gut, mit ihm gütig zu sprechen, denn ein einziger Arm, der zur einen oder andern Partei hinzukommt, kann, wenn es mit dem Wanderer und seinen Söhnen zu Schlägen kommt, den Ausschlag geben. Ihr seht, meine Kinder sind müde,« fuhr er in der Sprache der Steppe fort, und deutete, als er sprach, auf den übrigen Haufen, der um diese Zeit auch herankam. »Wir möchten uns lagern und etwas essen. Gehört meinem Bruder diese Stelle?« »Die Wandernden von dem Volk am großen Fluß sagen uns, daß Eure Nation mit den Pawnee-Gesichtern gehandelt hat, die über dem Salzsee wohnen, und daß die Steppen jetzt der Jagdgrund der Langmesser sind.« »Es ist wahr; ich hab's auch von den Jägern und Streifschützen am La Plata gehört, aber mit den Frenchern (Franzosen?), nicht mit den Leuten, denen die Mexiko gehören, hat mein Volk den Handel geschlossen.« »Und Krieger ziehen dem langen Fluß hinauf, um zu sehen, ob sie nicht bei ihrem Kauf betrogen worden sind?« »Ei, auch das ist theilweise wahr, fürcht' ich, und es wird nicht lange dauern, und eine verfluchte Bande von Häuslern und Colonisten wird ihnen auf dem Fuße folgen, um die Wildniß zu unterjochen, die so breit und reich daliegt an den Westküsten des Mississippi, und dann wird das Land eine bevölkerte Wüste werden von dem Hauptsee bis zum Fuß der Felsgebirge, erfüllt mit allem Verabscheuungswürdigen, aller List des Menschen, und des Trostes, der Lieblichkeit beraubt, die sie aus den Händen des Herrn empfing!« »Und wo waren die Häuptlinge der Pawnee-Wölfe, als dieser Handel geschlossen ward?« fragte plötzlich der junge Krieger, und ein Blick hohen Stolzes schoß zugleich aus seinem dunkeln Gesicht. »Kann man eine Nation verkaufen wie ein Bieberfell?« »Sehr recht, und wo waren ferner Wahrheit und Edelmuth? Aber Gewalt ist Recht nach dem Gang der Welt, und was die Mächtigen thun wollen, muß der Schwache Gerechtigkeit nennen. Wenn man auf der Wahcondah Gesetz eben so hörte, Pawnee, als auf die Gesetze der Langmesser, würde Euer Recht auf die Steppen so gut sein als das des größten Häuptlings in den Colonieen auf das Haus, das sein Haupt schirmt.« »Die Haut des Reisenden ist weiß,« sagte der junge Eingeborne und legte ausdrucksvoll einen Finger auf die harte, schwülenvolle Hand des Streifschützen. »Spricht sein Herz das, und seine Zunge etwas Anderes?« »Der Wahcondah, der Weiße hat Ohren und verschließt sie vor der Lüge! Seht auf mein Haupt, gleicht es nicht der erfrorenen Tanne, muß es nicht bald in der Erde ruhen? Warum denn sollt ich vor den großen Geist treten wollen, von Angesicht zu Angesicht; während sein Blick finster auf mir wäre?« Der Pawnee warf mit Anstand seinen Schild über die eine Schulter, steckte die Hand in seinen Gürtel, und beugte sein Haupt ehrerbietig vor den grauen Locken, die der Streifschütz zeigte, worauf sein Auge fester ward und sein Blick weniger stolz. Noch behielt er all sein Mißtrauen und seine Wachsamkeit bei, die mehr gemäßigt und unterdrückt als vergessen ward. Als diese zweideutige Art von Freundschaft zwischen dem Krieger der Steppen und dem alten, erfahrenen Streifschützen geschlossen worden, gab der letztere seinem Gefährten Paul die nöthige Anweisung wegen der Anordnung des beabsichtigten Halts. Während Inez und Ellen abstieg und der Bienenjäger und Middleton für ihre Bequemlichkeit sorgte, ward die Unterhaltung fortgesetzt, manchmal in der Sprache der Eingebornen, aber oft, da Paul und der Doctor sich unter die Hauptredenden mischten, in der englischen Sprache. Es war ein scharfer, schwerer Wettkampf zwischen dem Pawnee und dem Streifschützen, in welchem jeder die Pläne des andern zu entdecken suchte, ohne den Antheil zu verrathen, den er an der Erforschung nahm. Wie man erwarten konnte, da der Kampf zwischen den Gegnern so gleich war, entsprach der Erfolg des Streits den Erwartungen keines von beiden. Der Letztere hatte all die Fragen, die Scharfsinn und Uebung ihm eingeben konnte, so gestellt, um über den Zustand des Stammes der Wölfe, ihre Ernten, ihren Vorrath an Lebensmitteln für den folgenden Winter, ihre Verhältnisse zu ihren verschiedenen kriegerischen Nachbarn Auskunft zu erhalten, ohne jedoch eine Antwort herauszulocken, die im Geringsten die Ursache angab, warum er einen einzelnen Krieger so fern von seinem Volk antraf. Auf der andern Seite waren die Fragen des Indianers, während sie weit würdevoller und zarter waren, gleich scharfsinnig. Er sprach über den Zustand des Pelzhandels, über das Glück oder Unglück vieler weißen Jäger, denen er entweder begegnet war, oder die er hatte nennen hören, und deutete selbst auf die beständigen Fortschritte hin, die die Nation seines großen Vaters, wie er vorsichtig die Regierung der Staaten nannte, nach dem Jagdgrund seines Stammes hinmachte. Es war jedoch nach der sonderbaren Mischung von Antheil, Verachtung und Unwillen, die zu Zeiten durch das zurückhaltende Wesen des Kriegers brachen, augenscheinlich, daß er das fremde Volk, welches solche Eingriffe in seine angebornen Rechte machte, mehr von Hörensagen als aus wirklichem Umgang kannte. Diese persönliche Unbekanntschaft mit den Weißen verrieth sich eben so sehr in der Art, wie er die Weiber ansah, als durch die kurzen oder kräftigen Ausdrücke, welche ihm gelegentlich entfielen. Während er zu dem Streifschützen sprach, ließ er seine unsteten Blicke nach der verständigen und fast kindlichen Schönheit der Inez hinstreichen, wie man etwa die Lieblichkeit eines ätherischen Wesens anstaunen würde. Es war gewiß, er sah jetzt zum ersten Mal eine von jenen Frauen, von denen die Väter seines Stammes so oft sprachen, und die für so herrlich gehalten wurden, daß sie Allem gleich kamen, was ihre rohe Einbildungskraft als lieblich sich denken konnte. Seine Beobachtung Ellens war weniger auffallend, aber trotz des kriegerischen und strengen Ausdrucks seines Auges lag viel von der Huldigung darin, die der Mann dem Weibe darzubringen pflegt; selbst in seinem schnelleren Aufblicken wandte er sich manchmal zu ihrer reifern und vielleicht belebteren Schönheit. Diese Bewunderung wurde jedoch durch seine Gewohnheiten so gemäßigt, und verlor sich so in seinem Kriegerstolz, daß er jedes Auge vollkommen täuschte, nur nicht das des Streifschützen, der in indianischen Sitten zu bewandert war, zu wohl die Wichtigkeit einsah, den Charakter des Fremden ganz zu erforschen, um sich den geringsten Zug oder den unbedeutendsten seiner Schritte entgehen zu lassen. Indeß machte sich die von nichts wissende Ellen um die schwache und weniger entschlossene Inez mit ihrer gewohnten Thätigkeit und Zärtlichkeit zu schaffen, und zeigte in ihren freien Zügen jene vorübergehenden Bewegungen von Freude und Kummer, die sie zu Zeiten befielen, wenn ihr thätiger Geist bei dem entschlossenen Schritt verweilte, den sie eben gethan, und sich alle widerstreitende Zweifel und Hoffnungen dabei ihr aufdrängen; sie fühlte wohl etwas von der Unentschlossenheit, die ihrem Geschlecht und ihrer Lage so natürlich war. Nicht so Paul; da er sah, daß er die zwei Dinge, die seinem Herzen die theuersten waren, erreicht hatte, den Besitz Ellens und einen Triumph über Ismael's Söhne, that er seinen Theil von den Geschäften des Augenblicks mit so viel Kaltblütigkeit, als führe er schon seine willige Braut von der Feier ihrer Hochzeit vor einem Grenzbeamten in die Sicherheit seiner eigenen Wohnung. Er hatte die wandernde Familie, während der unangenehmen Zeit ihres schwierigen Marsches, umschwärmt, sich bei Tag verborgen gehalten, und mit seiner Verlobten, wie Gelegenheit sich darbot, auf die schon beschriebene Weise Zusammenkünfte gesucht, bis das Glück und seine eigene Unerschrockenheit sich vereinigten, ihn in demselben Augenblick an das Ziel seiner Wünsche zu bringen, als er schon anfing zu verzweifeln. Ihn kümmerte jetzt weder Entfernung noch Gewalt noch Mühseligkeit. Seiner sanguinischen Einbildungskraft und Entschlossenheit war alles Uebrige leicht zu vollenden. Das waren seine Gefühle, und von der Art schienen sie zu sein, als, die Mütze auf einer Seite und ein Lied summend, er zwischen dem Gebüsch herumstrich, um einen schicklichen Ruheplatz für die Frauen auszusuchen, während er von Zeit zu Zeit einen billigenden Blick auf die leichte, runde Gestalt Ellens warf, wenn sie im Verfolg ihrer eigenen Geschäfte hinter ihm herkam. »Und so haben der Stamm der Wolf-Pawnee und ihre Nachbarn, die Konza, die Streitaxt begraben,« sagte der Streifschütz, und setzte eine Unterredung fort, die er kaum hatte fallen lassen, obwohl er gelegentlich durch die verschiedenen Anweisungen war unterbrochen worden, die er für nöthig gehalten einzustreuen, – doch erinnert sich der Leser, daß während er mit dem eingebornen Krieger in seiner eigenen Sprache redete, er nothwendig mit seinen weißen Gefährten Englisch reden mußte. »Die Wölfe und die lichten Rothhäute sind also wieder Freunde. Doctor, das ist ein Stamm, von welchem, ich wette, Ihr oft gehört habt, und von dem manche runde Lüge das unwissende Volk in den Colonieen sich in die Ohren flüstert. Da war eine Geschichte von einer Nation Welsher, die hier herum in den Steppen lebte, und wie sie in's Land kamen, ehe der unruhige Mann, der zuerst Christen Heiden ihres Erbes berauben ließ, je geträumt, daß die Sonne in einem eben so großen Land unterginge, als das ihres Aufgangs sei. Und wie sie die weißen Wege wüßten und mit weißen Zungen redeten und tausend Thorheiten und dumme Erfindungen weiter.« »Ob ich nicht von ihnen gehört!« rief der Naturforscher und legte ein Stück gesalzen Bisonfleisch weg, mit dem er in dem Augenblick etwas roh umging. »Ich müßte sehr unwissend sein, wenn ich nicht oft mit Vergnügen bei einer so schönen Theorie verweilt hätte, die so siegend die beiden Sätze beweist, welche ich oft als unbestreitbar, selbst ohne solchen lebenden Beweis zu ihren Gunsten, behauptet habe, nämlich, daß dieser Continent auf eine entferntere Verwandtschaft mit der Cultur Anspruch machen kann, als Columbus Zeiten sind, und daß die Farbe Wirkung des Climas und der Lebensart, nicht Anordnung der Natur ist. Legt diese letztere Frage dem indianischen Herrn vor, verehrungswürdiger Jäger, er ist selbst von rothem Teint, und seine Antwort könnte uns zu Herren der beiden Seiten des bestrittenen Punktes machen.« »Meint Ihr, ein Pawnee lese Bücher, glaube an gedruckte Lügen wie die Müßiggänger der Städte!« entgegnete verächtlich der Alte; »aber was kann's schaden, dem Manne den Willen zu thun, da alles, so unmöglich es auch ist, doch nichts mehr und nichts weniger als seine natürlichen Gaben sind, und dem man daher folgen kann, so bemitleidenswerth es auch erscheint. – Was meint mein Bruder? Alle, die er hier sieht, haben weiße Häute, aber die Pawnee-Krieger sind roth; glaubt er, daß der Mensch sich durch das Clima verändert, und daß der Sohn seinen Vätern nicht gleich ist?«' Der junge Krieger betrachtete den Fragenden für einen Augenblick mit festem, unwilligem Auge, dann hob er den Finger auf mit stolzer Geberde und antwortete mit Würde: »Der Wahcondah zieht den Regen aus der Wolke herab; wenn er spricht, erbeben die Hügel, und das Feuer, das die Bäume verzehrt, ist der Zorn seines Auges. Aber er bildet die Kinder mit Sorgfalt und Gedanken. Was er so gemacht, ändert sich nie.« »Ei, es liegt in der Natur, daß es so ist, Doctor,« fuhr der Streifschütz fort, als er diese Antwort dem betroffenen Naturforscher erklärt hatte; »die Pawnee sind ein weises, großes Volk, und ich bin gewiß, sie sind reich an mancher heilsamen, guten – Die Jäger und Streifschützen, hör' ich manchmal, sprechen von einem großen Krieger Eurer Race!« »Mein Stamm besteht nicht aus Weibern. Ein Tapferer ist kein Fremdling in meinem Dorf.« »Ei, aber der, von dem sie am meisten sprechen, ist ein Häuptling, weit über den Ruf gewöhnlicher Krieger, einer, der jenem einst mächtigen, aber jetzt gesunkenen Volk den Delawaren der Hügel hätte Ehre machen können.« »Solch ein Krieger müßte einen Namen haben.« »Sie nennen ihn Hartherz, wegen der Festigkeit seines Entschlusses, und mit Recht wird er so genannt, wenn Alles, was ich von ihm gehört, wahr ist.« Der Fremde warf einen Blick, der in dem unverstellten Herzen des Alten zu lesen schien, als er fragte: »Hat das Blaßgesicht den Obersten meines Stammes gesehen?« »Nie; es ist jetzt nicht mit mir, wie es vor etwa vierzig Jahren mit mir zu sein pflegte, als Krieg und Blutvergießen mein Beruf und Gewerb war.« Ein lauter Ruf von dem unbesorgten Paul unterbrach seine Rede, und im nächsten Augenblick erschien der Bienenjäger selbst und führte ein indianisches Streitroß von der Seite des Dickichts her, die der von dem Haufen eingenommenen entgegengesetzt war. »Hier ist ein Pferd für eine Rothhaut gesattelt!« rief er, während er das Thier einige seiner wilden Sprünge machen ließ. »Es gibt keinen Brigadier in ganz Kentucky, der sich Herr von einem so niedlichen, wohlgefügten Ding nennen kann. Ein spanischer Sattel auch, wie ein Grand aus Mexiko! Und seht die Mähne und den Schweif, behängt und geschmückt mit kleinen Silberkugeln, als wär' es Ellen selbst, die ihr glänzend Haar ordnete zum Tanz und zur Fröhlichkeit. Ist es nicht ein tüchtiger Läufer, alter Streifschütz, und der soll aus der Grippe eines Wilden fressen!« »Langsam, Junge, langsam. Die Wölfe sind berühmt wegen ihrer Pferde, und Ihr könnt oft einen Krieger auf den Steppen weit besser beritten sehen, als einen Congreßmann in den Ansiedelungen. Aber das, in der That, ist ein Thier, das keiner als ein mächtiger Häuptling reiten sollte. Der Sattel, wie Ihr ganz recht glaubt, hat zu seiner Zeit einen großen spanischen Capitain getragen, der ihn und sein Leben zugleich verloren hat, in einer Schlacht, wie sie dies Volk öfters gegen die südlichen Provinzen auskämpft. Ich wette, dieser junge Bursch ist der Sohn eines großen Häuptlings, kann sein des großen Hartherz selbst.« Während dieser plötzlichen Unterbrechung des Gesprächs zeigte der junge Pawnee weder Ungeduld noch Mißvergnügen; aber als er dachte, das Thier habe genug Stoff zu Bemerkungen gegeben, nahm er sehr kalt und mit der Miene eines Mannes, der gewohnt ist, seinen Willen gethan zu sehen, Paul den Zügel ab, warf ihn um den Nacken des Thiers, und sprang darauf mit der Geschicklichkeit eines Professors der Reitkunst. Nichts konnte schöner und fester sein als der Sitz des Wilden. Der hochgearbeitete, gewichtige Sattel diente offenbar mehr zur Schau als zum Nutzen. In der That, er hinderte mehr die Bewegung der Glieder, als er sie unterstützte, da sie keinen Beistand suchten, und keine Beschränkung zuließen von so weibischen Erfindungen als Steigbügeln. Das Pferd, das sogleich sich zu bäumen anfing, war wie sein Reiter wild und unbändig in allen seinen Bewegungen, aber während sich so wenig Kunst fand, bemerkte man alle Freiheit und Anmuth der Natur in beiden. Das Thier war vermutlich seine Schönheit arabischem Blut schuldig, von dem langen Stammbaum herab, der die Stute von Mexiko, die spanische Barbe und den maurischen Renner umfaßte. Der Reiter hatte mit seiner Stute aus den Provinzen von Centralamerika zugleich jenen Muth, jene Grazie in deren Lenkung erlangt, welche sich vereinigen, um den unerschrockensten und vielleicht geschicktesten Pferdebändiger der ganzen Welt zu bilden. Trotz dieser plötzlichen Besitznahme seines Thiers schien der Pawnee mit seinem Abzug nicht zu eilen. Mehr in seiner Bequemlichkeit und vielleicht unabhängiger sah er sich jetzt im Besitz aller Mittel des Rückzugs und ritt auf und ab, betrachtete sich die verschiedenen Individuen der Gesellschaft mit größerer Freiheit als zuvor. Aber immer an jedem Ende seiner Reitbahn, wenn der scharfsinnige Streifschütz erwartete, er werde seinen Vortheil benutzen und fliehen, wandte er sein Pferd um, und durchritt nochmals dieselbe Strecke, manchmal mit der Schnelligkeit einer fliehenden Antilope, und dann wieder langsam, mit größerer Würde in Miene und Haltung. Begierig, etwas zu erfahren, was Einfluß auf seine künftigen Schritte haben könnte, beschloß der Alte, ihn zu einer Erneuerung ihrer Unterredung zu veranlassen. Er machte daher eine Geberde, die zu gleicher Zeit seinen Wunsch, das unterbrochene Gespräch wieder aufzunehmen, und seine friedliche Gesinnung ausdrücken sollte. Das schnelle Auge des Fremden ermangelte nicht, das Zeichen zu bemerken, aber erst nachdem hinlängliche Zeit verflossen war, um bei sich die Klugheit der Maßregel zu überlegen, schien er willens, sich einem Haufen wieder nahe zu wagen, der so sehr an Stärke ihm überlegen, und also im Stande war, in jedem Augenblick über sein Leben zu verfügen, oder seine Freiheit zu beschränken. Als er nah genug kam, um sich mit Leichtigkeit zu unterreden, geschah es mit einer sonderbaren Mischung von Hochmuth und Mißtrauen. »Es ist weit zum Dorf der Wölfe,« sagte er und streckte seine Hand in einer, der gerade entgegengesetzten Richtung aus, in welcher, wie der Streifschütz wohl wußte, der Stamm wohnte; »und der Weg ist sehr winklicht. Was hat das Langmesser zu sagen?« »Ja, winklicht genug,« murmelte der Alte auf Englisch, »wenn Ihr Eure Reise auf diesem Weg antreten wollt, aber nicht halb so windungsvoll als die List eines Indianergemüths. Sagt, mein Bruder, sehen der Pawnee Häuptlinge gern fremde Gesichter in ihren Wohnungen?« Der junge Krieger verbeugte sich mit Anstand, jedoch nur leicht über seinen Sattelknopf, als er mit großer Würde antwortete: »Wenn hat mein Volk vergessen, dem Fremden Speise zu geben?« »Wenn ich meine Töchter an die Thüren der Wölfe führe, werden die Weiber sie bei der Hand fassen, und die Krieger mit meinen Leuten rauchen?« »Das Land der Blaßgesichter liegt hinter ihnen, warum ziehen sie so weit nach dem Untergang? Haben sie ihren Weg verfehlt, oder sind dies die Weiber der weißen Krieger, die, wie ich höre, dem Fluß mit trübem Wasser hinaufdringen?« »Nein; die den Missouri hinaufgehn, sind Krieger meines großen Vaters, der sie auf eine Botschaft ausgeschickt hat, aber wir sind friedliche Wandrer. Die Weißen und Rothen sind Nachbarn, und möchten Freunde sein. Besuchen nicht die Omahaw die Wölfe, wenn der Tomahawk begraben ist auf dem Pfad zwischen den beiden Nationen?« »Die Omahaw sind willkommen.« »Und die Yankton und verbrannten Teton, die am Ellenbogen des Flusses mit schmutzigem Wasser leben, kommen sie nicht in die Wohnungen der Wölfe und rauchen?« »Die Teton sind Lügner!« rief der Andere. »Sie wagen die Augen nicht zu schließen bei der Nacht. Nein, sie schlafen in der Sonne. Seht,« fügte er, in stolzem Triumph auf die furchtbaren Verzierungen seiner Beinbekleidung hindeutend, hinzu, »ihr Haarwuchs ist so reichlich, daß die Pawnee darauf treten! Geht, der Sioux mag auf Schneeschichten leben, die Ebenen und Büffel sind für Männer.« »Ah, jetzt haben wir das Geheimniß heraus,« sagte der Streifschütz zu Middleton, der ein aufmerksamer, weil ein sehr dabei interessirter, Beobachter der Vorgänge war. »Dieser gutaussehende junge Indianer forscht nach den Schlichen der Sioux; Ihr könnt es an seinen Pfeilköpfen und seiner Schminke sehen. Ja auch an seinem Auge, denn eine Rothhaut nimmt immer ihren Charakter mit, im Frieden wie im Krieg, – still, Hektor, still. Hast du nie vorher einen Pawnee gerochen, Kleiner? – nieder, Hund, nieder. – Mein Bruder hat Recht, Die Sioux sind Diebe. Leute, von allen Farben und Nationen sagen es ihnen nach und sagen's mit Recht. Aber die Leute vom Aufgang sind keine Sioux, und sie wünschen die Wohnungen der Wölfe zu besuchen.« »Das Haupt meines Bruders ist weiß,« entgegnete der Pawnee und warf einen jener Blicke auf den Streifschützen, die so sprechend Mißtrauen, Verstand und Stolz ausdrückten, und deutete, als er fortfuhr, nach dem östlichen Horizont; »und seine Augen haben Vieles geschaut, kann er mir den Namen dessen sagen, was ich dort sehe; – ist es ein Büffel?« »Es gleicht eher einer Wolke, die über den Saum der Ebene, an den Enden von der Sonne beleuchtet, hervorschaut. Es ist der Rauch der Himmel.« »Es ist ein Erdhügel, und auf seinem Gipfel und die Wohnungen der Blaßgesichter. Laßt die Weiber meines Bruders ihre Füße bei dem Volk von ihrer Farbe waschen.« »Die Augen eines Pawnee sind gut, wenn er eine Weißhaut so weit sehen kann.« Der Indianer wandte sich langsam zu dem Sprechenden, und fragte dann ernst nach einer Pause von einem Augenblick: »Kann mein Bruder jagen?« »Ach, ich bin nichts weiter als ein armer Streifschütz.« »Wenn die Ebene mit Büffeln bedeckt ist, kann er sie sehen?« »Freilich, freilich, es ist leichter einen herumstreichenden Ochsen zu sehen, als ihn zu fangen.« »Und wenn die Vögel vor der Kälte fliehen, und die Wolken schwarz sind von ihrem Gefieder, kann er sie auch sehen?« »Ei, es ist nicht schwer, eine Ente oder Gans zu finden, wenn Millionen den Himmel verfinstern.« »Wenn der Schnee fällt, und die Wohnungen der Langmesser bedeckt, kann dann der Fremde Federn in der Luft sehen?« »Meine Augen sind keine von den besten jetzt,« erwiederte der Alte ein wenig böse, »aber es war eine Zeit, Pawnee, wo ich einen Namen hatte für das, was ich sah.« »Die Rothhäute finden die Langmesser so leicht, wie der Fremde den Büffel sieht, oder die Wandervögel und den gefallnen Schnee. Eure Krieger meinen, der Herr des Lebens habe die ganze Erde weiß gemacht; sie irren sich. Sie sind blaß und sehen ihr eigen Gesicht. Geht, ein Pawnee ist nicht blind, daß er sich lang nach Euerm Volk umsehen müßte!« Der Krieger schwieg plötzlich und wandte sich zur Seite, als lausche er mit all seinen Sinnen. Dann wandte er sein Pferd, ritt zur nächsten Ecke des Dickichts, und schaute eifrig über die falbe Steppe, gerade der Seite entgegengesetzt, wo die Gesellschaft stand. Als er sich von dieser unerklärlichen und für die Beobachtenden erstaunenden Vorkehrung wegwandte, warf er seine Augen auf Inez, und schritt mehrere Male auf und ab, als kämpfte es in den geheimsten Tiefen seiner Gedanken über einen schwierigen Punct. Er hatte die Zügel der ungeduldigen Stute angezogen und wollte, wie es schien, sprechen, als sein Haupt wiederum auf seine Brust fiel, und er seine frühere aufmerksame Stellung wieder annahm. Wie ein Reh nach dem Orte seiner früheren Beobachtung hineilend, ritt er für einen Augenblick schnell in kurzen, flüchtigen Kreisen, als sei er über seinen Weg ungewiß, und schoß dann weg, wie ein Vogel, der um sein Nest geflattert, ehe er den fernen Flug nimmt. Nachdem er für einen Augenblick die Ebene durchstrichen, verlor er sich dem Auge hinter einer kleinen Erhöhung des Landes. Die Hunde, welche auch seit einiger Zeit große Unruhe gezeigt, folgten ihm auf kurze Entfernung, und beschlossen ihre Jagd, indem sie sich auf den Boden hinsetzten und ihr gewöhnliches dumpfes, klagendes, erschreckendes Geheul erhoben. Neunzehntes Kapitel. »Und wenn nicht steh'n er will?« Shakespeare.   Die verschiedenen zu Ende des vorigen Kapitels erzählten Vorgange waren so schnell einander gefolgt, daß der Alte, während ihm nicht das Geringste entging, keine Zeit hatte, seine Meinung über des Fremden Beweggründe zu sagen. Als aber der Pawnee verschwunden war, schüttelte er den Kopf und murmelte, während er langsam nach der Ecke des Dickichts ging, die der Pawnee eben verlassen hatte: »Es ist Geruch und Schall in der Luft, obgleich meine armen Sinne nicht gut genug sind, den Gehalt des einen zu erfassen oder den andern zu hören.« »Es ist nichts zu sehen,« sagte Middleton, der dicht bei ihm stand. »Meine Augen und Ohren sind gut, und ich kann Euch versichern, daß ich nichts sehe und höre.« »Eure Augen sind gut! Und Ihr seid nicht taub!« entgegnete der Andere etwas verächtlich; »nein, Junge, nein, sie können gut sein, durch eine Kirche zu sehen oder eine Stadtglocke zu hören; aber wenn Ihr ein Jahr in diesen Steppen erst zugebracht, werdet Ihr sehen wie Ihr einen Hahn für ein Pferd gehalten, oder fünfzigmal gemeint habt, das Brüllen eines Büffels sei der Donner des Herrn. Von Natur ist eine Täuschung in diesen nackten Ebenen, worin die Luft wie das Wasser das Bild der Dinge darstellt und es schwierig macht, die Steppen von der See zu unterscheiden. Aber dort ist ein Zeichen, das der Jäger nie verkennt.« Der Streifschütz deutete nach einem Flug Geier, die nicht weit entfernt über die Ebene hinsegelten, offenbar nach der Seite, wohin der Pawnee sein Auge gerichtet hatte. Anfangs konnte Middleton die kleinen, dunkeln Gegenstände nicht unterscheiden, die sich an den finstern Wolken hinzeichneten; aber als sie schnell herbeikamen, wurden zuerst ihre Gestalten, dann ihre schweren, schwingenden Flügeln deutlich sichtbar. »Hört,« sagte der Streifschütz, als es ihm gelungen war, Middleton die beweglichen Colonnen zu zeigen; »nun hört Ihr die Büffel oder Bison, wie Euer gelehrter Doctor sie zu nennen beliebt, wiewohl unter dem Namen Büffel sie bei allen Jägern dieser Gegenden bekannt sind. Nun sollte ich doch denken, daß ein Jäger ein besserer Beurtheiler eines Thieres ist und seines Namens,« fuhr er fort und winkte dem jungen Soldaten, »als jeder Andere, der nur in Büchern geblättert hat, statt auf der Erde herumzuwandern und die Namen und Naturen ihrer Bewohner aufzufinden.« »Von ihrer Lebensweise will ich Euch das zugeben,« rief der Naturforscher, der selten eine Gelegenheit vorbeigehen ließ, um einen Punct zu verhandeln, der seine Lieblingsstudien betraf; »das heißt, immer mit der Voraussetzung, daß man Achtung hat vor dem rechten Gebrauch der Definitionen, und daß sie mit wissenschaftlichem Auge betrachtet werden.« »Augen eines Maulwurfs sind die Augen der Wissenschaft! Als ob des Menschen Auge nicht so gut wäre, Namen zu geben, als die Augen jedes andern Geschöpfs! Wer hat die Werke seiner Hand benannt? Könnt Ihr mir das sagen mit Euern Büchern und Eurer Universitäts-Weisheit? War's nicht der erste Mensch im Garten, und folgt daraus nicht offenbar, daß seine Kinder seine Rechte erbten?« »Das ist freilich die mosaische Erzählung von dem Hergang der Sache,« sagte der Doctor, »wiewohl Eure Lesart viel zu buchstäblich ist.« »Meine Lesart! Nun, wenn Ihr meint, ich hätte meine Zeit in Schulen zugebracht, thut Ihr meinem Wissen solches Unrecht, wie nie ein Sterblicher dem andern ohne hinlängliche Ursache thun sollte. Wenn ich je nach der Kunst zu lesen gestrebt habe, so geschah es, um besser die Sprüche des Buchs, das Ihr nennt, kennen zu lernen; denn es ist ein Buch, das in jeder Zeile nach dem Gefühl des Menschen spricht und mit der Vernunft übereinkommt.« »Und glaubt Ihr also,« sagte der Doctor, ein wenig über den Dogmatismus seines störrigen Gegners entrüstet und vielleicht insgeheim zu sehr auf seine eigenen, liberaleren, wiewohl kaum so nützlichen Kenntnisse vertrauend. »Glaubt Ihr denn, daß alle diese Thiere wirklich in einem Garten beisammen waren, um in das Namenverzeichniß des ersten Menschen einregistrirt zu werden?« »Warum nicht? Ich verstehe Euch; denn es ist nicht nöthig, in Städten zu leben, um all' die teuflischen Anschläge zu hören, die der Verstand des Menschen erfinden kann, um sein eigenes Glück zu zerstören. Was beweist es, ausgenommen, daß es beweisen soll, der Garten, den Er machte, wäre nicht nach der erbärmlichen Weise unserer Zeiten gewesen, wodurch denn zugleich geradezu das, was die Welt ihre Zivilisation nennt, zu Schanden wird. Nein, nein, der Garten des Herrn war der Wald damals, und ist der Wald jetzt, wo die Früchte wachsen und die Vögel singen nach seiner weisen Anordnung. – Nun, Capitain, könnt Ihr das Geheimniß der Geier durchschauen? Da kommen die Büffel selbst, und eine schöne Heerde ist es. Ich wette, der Pawnee hat einen Trupp seines Volks in einigen Schluchten in der Nähe, und da er zu ihnen geeilt ist, werdet Ihr bald eine herrliche Jagd sehen. Es wird dazu dienen, den Wanderer und seine Brut versteckt zu halten, und für uns ist wenig zu fürchten. Ein Pawnee ist nicht leicht ein boshafter Wilder.« Jedes Auge richtete sich nun auf das reizende Schauspiel, welches folgte. Selbst die furchtsame Inez eilte an Middletons Seite, um zuzusehn, und Paul rief Ellen von ihren gewöhnlichen Küchengeschäften weg, um Zeuge des belebten Auftritts zu sein. Während aller jener sich drängenden Vorfälle, die wir haben erzählen müssen, hatten die Steppen in majestätischer, tiefer Stille gelegen. Der Himmel war zwar schwarz vom Zuge der Wandervögel, aber die Hunde der Gesellschaft und der Esel des Doctors waren die einzigen vierfüßigen Thiere gewesen, die die weite Fläche der Wüste unten belebten. Da zeigte sich jetzt plötzlich eine Masse thierischen Lebens, die die Scene änderte, wie durch Magie, in das andere entgegengesetzte Extrem. Einige ungeheure Bisonochsen bemerkte man zuerst, wie sie längs der entferntesten Anhöhe der Steppe hinstürzten, und dann folgten lange Reihen einzelner Thiere, auf die wieder eine dunkle Masse von Körpern kam, wo das trübfarbige Gestrauch der Steppe gänzlich in der dunkleren Decke ihrer zottigen Häute sich verlor. Die Heerde war, wie die Colonnen sich ausdehnten und drängten, gleich den endlosen Schaaren der kleineren Vögel, deren weite Reihen man so oft sich aus dem Abgrund der Himmel aufhäufen sieht, bis sie so zahllos erscheinen, wie die Blätter in jenen Wäldern, über die sie ihren endlosen Flug hinsteuern. Wolken von Staub stiegen in kleinen Massen aus der Mitte des Haufens auf, wenn einige Thiere, wilder als die übrigen, die Ebene mit ihren Hörnern durchfurchten, und von Zeit zu Zeit ward ein tiefes, hohles Brüllen vom Wind herübergetragen, als wenn tausend Kehlen ihre Klagen in unharmonischem Murren ausstießen. Langes, sinnendes Schweigen herrschte in der Gesellschaft, als sie auf das Schauspiel wilder, ganz eigener Größe hinstaunten. Endlich ward es von dem Streifschützen unterbrochen, der, lange an ähnlichen Anblick gewöhnt, weniger seinen Einfluß fühlte, oder vielmehr ihn nicht so ergreifend und hinreißend fand, als die, denen der Auftritt neuer war. »Da gehn zehntausend Ochsen in einem Trieb, ohne Aufseher, ohne Herr, Ihn ausgenommen, der sie erschuf, und ihnen die offenen Ebenen gab zur Weide! Ja hier mag der Mensch Beweise für seine Nichtigkeit und Thorheit finden! Kann der stolzeste Statthalter in all den Staaten auf seine Felder gehen und einen edleren Ochsen schlachten, als hier dargeboten wird der geringsten Hand; und wenn er sein Essen erlangt hat, kann er es mit solcher Lust verzehren, als der, der sein Mahl durch gesunde Arbeit gewürzt und es nach dem Gesetz der Natur sich erworben hat, indem er rechtlich sich dessen bemeisterte, was der Herr vor ihn gestellt!« »Wenn die Suppenschüssel von einem Büffelschlegel dampft, antwort' ich: nein,« fiel der üppige Bienenjäger ein. »Ja, Bursche, Ihr hab'ts versucht, und die klaren Beweise davon gefühlt. Aber die Heerde kommt etwas hierher zu, und es ist gut, wenn wir uns auf ihren Besuch vorsehen. Wenn wir uns Alle verstecken, wird das Hornvieh durch das Gehölz brechen, und uns zertreten, wie sich krümmende Würmer. So wollen wir nur die Schwächlichen bei Seite thun und vornen Posto fassen, wie es Männern und Jägern geziemt.« Da nur wenig Zeit übrig war, um die nöthigen Vorkehrungen zu treffen, machte sich die ganze Gesellschaft mit Ernst daran. Inez und Ellen wurden an das Ende des Dickichts auf der von der nahenden Heerde entferntesten Seite hingestellt. Asinus kam in die Mitte, mit Rücksicht auf seine Nerven, und dann theilten der Alte, mit seinen drei männlichen Gefährten sich so ein, wie sie es für nöthig hielten, um die Spitze der stürmenden Colonne wegzuwenden, sollte sie etwa ihrer Position zu nahe kommen. Nach den unsichern Bewegungen einiger fünfzig oder hundert Ochsen, die vorangingen, blieb es zweifelhaft für einige Augenblicke, welchen Weg sie einzuschlagen gedächten. Aber ein furchtbares, schreckliches Gebrüll, das hinter der Staubwolke herkam, die sich im Mittelpunkt erhob, und das wild beantwortet ward von dem Geschrei der Raubvögel, die freudig gerade über dem fliehenden Trieb hinsteuerten, schien ihrer Flucht einen neuen Antrieb zu geben, und mit einem Mal jedes Zeichen von Unentschlossenheit zu entfernen. Gleichsam mit Freuden die geringsten Zeichen von dem Wald aufsuchend, schlug die ganze erschreckte Heerde standhaft ihre Richtung gerade nach dem kleinen Buschwerk ein, das schon so oft benannt worden ist. Die Gefahr nahm jetzt in der That einen Charakter, daß sie die größte Standhaftigkeit hätte versuchen können. Die Reihen der finstern, sich bewegenden Massen hatten sich so genähert, daß sie eine krumme Linie um die Fronte bildeten, und jedes trotzige Auge, das aus der rohen Wildheit von Haarbüscheln hervorlugte, womit das ganze Haupt der Ochsen verhüllt war, richtete sich in toller Angst auf das Dickicht. Es schien, als wenn jedes Thier seinen Nächsten überholen wollte, um diesen gewünschten Schlupfwinkel zu gewinnen, und da Tausende im Nachzug blindlings die vornen drängten, war die Gefahr nahe, daß die Anführer der Heerde auf die versteckte Gesellschaft gestürzt werden könnten, in welchem Fall der Untergang Aller gewiß war. Jeder unserer Abenteurer fühlte das Bedenkliche seiner Lage nach seinem besonderen Charakter und seinen Umständen. Middleton war unschlüssig. Manchmal fühlte er sich geneigt, durch das Gebüsch zu stürzen, Inez zu ergreifen und die Flucht zu versuchen. Dann bedachte er die Unmöglichkeit, der wilden Eile eines erschreckten Bisons zuvorzukommen, und griff nach den Waffen, als sei er entschlossen, der zahllosen Menge des Triebs die Spitze zu bieten. Die Geisteskräfte des Doctor Bantus waren bis zum höchsten Grade von Geistesbethörung gesteigert. Die dunkeln Formen der Heerden verloren ihre Begrenzung für's Auge, und nun begann der Naturforscher sich einzubilden, er sähe eine wilde Sammlung aller Geschöpfe der Welt, die in einem Haufen auf ihn eindrangen, gleichsam die mannichfache Unbill zu rächen, welche im Lauf seines Lebens voll unermüdlichen Eifers für die Naturwissenschaften er gegen ihre verschiedenen Generus verübt hatte. Die Lähmung, die dies in seinem System verursachte, war gleich der Wirkung des Alps. Eben so unfähig, zu fliehen, als vorzuschreiten, stand er auf der Stelle angewurzelt, bis die Täuschung so vollständig wurde, daß der würdige Naturforscher in einem verzweifelten Versuch wissenschaftlicher Entschlossenheit selbst die verschiedenen specimina zu classificiren begann. Auf der andern Seite schrie Paul und rief Ellen, sie solle kommen und ihm im Schreien beistehen, aber sein Ruf verlor sich im Brüllen und Trampeln der Heerde. Wüthend und doch sonderbar erregt von der Störrigkeit des Viehs und der Wildheit des Anblicks, und fast toll vor Theilnahme und einer Art bewußtloser Beängstigung, worin die Ansprüche der Natur sich seltsam mit der Besorgnis? für seine Geliebte mischten, zersprengte er sich beinahe die Kehle in Aufforderungen gegen seinen bejahrten Freund, der einschreiten sollte. »Kommt herbei, alter Streifschütz,« schrie er, »mit Euren Steppenkünsten, oder wir werden Alle unter einem Berge von Büffelschenkeln erstickt werden!« Der Alte, welcher die ganze Zeit über, auf seine Büchse gelehnt, dagestanden, und die Bewegungen der Heerde mit festem Auge bewacht hatte, hielt es jetzt für Zeit, einen Schlag zu thun. Er richtete sein Gewehr auf den vordersten Ochsen mit einer Behendigkeit, die seiner Jugend würde Ehre gemacht haben, und feuerte. Das Thier empfing die Kugel auf das struppichte Haar zwischen seinen Hörnern und fiel auf seine Kniee nieder, aber das Haupt schüttelnd stand es alsbald wieder auf, und gerade der Stoß schien seine Anstrengung zu erhöhen. Es war nicht länger Zeit zum Zaudern. Er warf seine Flinte weg, streckte seine Arme aus, und trat unbewaffnet aus dem Versteck hervor, gerade auf die heranrauschende Säule der Thiers hin. Die Gestalt des Menschen, wenn von Muth und Festigkeit unterstützt, die der Verstand allein geben kann, verfehlt selten, allen geringeren Thieren der Schöpfung Ehrfurcht zu gebieten. Die Seitochsen wichen zurück, und für einen Augenblick trat plötzlicher Stillstand in ihrer Eile ein; eine dichte Masse von Körpern häufte sich an der Spitze auf, bis Hunderte sich auf der Ebene zerstreuten. Dann erschallte ein zweites hohles Gebrüll vom Nachzug her, und setzte die Heerde wieder in Bewegung. Die Spitze der Säule jedoch theilte sich, da die unbewegliche Gestalt des Streifschützen sie gleichsam in zwei vorübergleitende lebendige Ströme zerspaltete. Middleton und Paul machten sich sogleich das ihnen gegebene Beispiel zu Nutz, und streckten die schwachen Schranken durch eine ähnliche Stellung aus. Für einige Augenblicke diente der frische Eindruck, den die Thiers an der Spitze empfangen hatten, zum Schutz des Dickichts. Aber als die Hauptmasse der Heerde mehr und mehr die offene Linie ihrer Vertheidiger drängte und der Staub dichter ward, so daß er ihre Gestalten verdeckte, erneuerte sich in jedem Augenblick die Gefahr, die Thiere möchten durchbrechen. Der Streifschütz und seine Gefährten mußten immer wachsamer werden, und sie wichen allmählich vor der heranstürmenden Menge zurück, als ein Ochse wüthend so nahe an Middleton vorbeistürzte, daß er ihn berührte, und dann durch das Dickicht mit der Schnelligkeit des Windes hinsauste. »Steht fest; laßt Euer Leben für den Stand,« rief der Alte, »oder ein Tausend von den T – ln werden ihm folgen!« All die Anstrengungen jedoch würden gegen den lebendigen Strom vergebens gewesen sein, hätte nicht Asinus, dessen Revier so frech verletzt worden war, seine Stimme im Aufruhr erhoben. Die störrigsten, wüthendsten der Ochsen zitterten bei diesem erschreckenden und unbekannten Geschrei, und dann sah man jedes einzelne Thier wie toll von eben dem Gebüsch sich wegdrängen, das einen Augenblick vorher sie mit demselben Eifer zu erreichen gestrebt hatten, mit dem der Mörder das Asyl der Kirche sucht. Als der Strom sich theilte, ward die Stelle licht, da die zwei dunkeln Colonnen sich seitwärts von dem Gehölz wegbewegten, um sich eine Meile entfernt an der entgegengesetzten Seite zu vereinigen. Sobald der Alte die plötzliche Wirkung bemerkte, die die Stimme des Esels hervorgebracht hatte, lud er kalt seine Büchse wieder, und überließ sich zugleich seiner so eigenen, herzlichen, stillen Munterkeit. »Da gehen sie wie Hunde, denen man halbgefüllte Pulverschlage an den Schwanz gebunden, und man braucht nicht zu fürchten, daß sie ihre Ordnung ändern werden; denn was die Thiere im Nachzug nicht mit eigenen Ohren hörten, werden sie so ansehen, als hätten sie's gehört; wenn sie aber auch ihren Beschluß änderten, wird es nicht schwer halten, den Jakob zu bewegen, daß er sein Lied ferner singt!« »Der Esel hat gesprochen, aber Bileam schweigt,« schrie der Bienenjäger, der nach einem wiederholten Ausbruch geräuschvollen Lachens, das vielleicht den panischen Schrecken der Büffel noch vermehrt haben mochte, mühsam nach Athem schnappte; »der Mann ist so ganz stumm, als wenn ein Schwarm junger Bienen sich an die Spitze seiner Zunge gehängt hatte, und er aus Furcht vor ihrer Antwort nicht sprechen wollte.« »Wie nun, Freund,« fuhr der Streifschütz fort und wandte sich zu dem immer noch regungslosen und starren Naturforscher; »wie nun, Freund, seid Ihr, der sein Leben darauf verwendet, die Namen und Naturen der Thiere des Feldes und der Vögel der Luft zu notiren, über eine Heerde springender Büffel erschreckt? Wiewohl Ihr vielleicht geneigt seid, mir mein Recht streitig zu machen, sie bei einem Namen zu nennen, der im Mund jedes Jägers und Handelsmannes auf der Grenze ist?« Der Alte betrog sich jedoch, wenn er meinte, er könne den betäubten Doctor aufreizen, indem er mit ihm einen Streit über diesen wichtigen Satz anfinge. Von dieser Zeit an hörte man ihn nur noch bei einer Gelegenheit ein Wort aussprechen, das die Species oder das Genus des Thiers anzeigte. Er verweigerte sich hartnäckig die nährende Nahrung der ganzen Ochsfamilie, und selbst bis auf diese Stunde, wo er in aller wissenschaftlichen Würde und Sicherheit eines Gelehrten in einer der Seestädte angestellt ist, kehrt er mit einem Schauder jenen köstlichen, unvergleichlichen Fleischspeisen den Rücken, die so oft auf dem Tische der Innung gesehen werden, und denen nichts gleich kommt, was unter demselben Namen in den gerühmten Gasthäusern zu London oder den berühmtesten der Pariser Restaurateurs aufgetragen wird. Kurz der Widerwille des würdigen Naturforschers gegen Rindfleisch war dem nicht unähnlich, welchen der Schäfer manchmal in seinem strafbaren Hund erregt, indem er ihn bindet und fesselt, und ihn dann zum Schemel der ganzen Heerde macht, die er bei einer Mauer oder an einer Oeffnung der Hürde über ihn hintreibt; ein Experiment, welches, wie man sagt, in dem Schuldigen eine Art Abscheu vor Schöpsfleisch für immer erregt. Als Paul und der Streifschütz endlich die Scherze einzustellen für gut fanden, welche die fortgesetzte Geistesabwesenheit ihres gelehrten Gefährten immer noch veranlaßte, fing er wieder zu athmen an, als sei die unterbrochene Thätigkeit seiner Lungen durch die Anwendung eines Paares künstlicher Blasbälge wieder erneuert worden, und gebrauchte das nachher für immer verbannte Wort, auf welches wir eben hingedeutet haben. » Boves Americani horridi !« rief der Doctor, und legte großen Nachdruck auf das letzte Wort, worauf er wieder stumm blieb, als wenn er über seltsamen, unerklärlichen Begebenheiten brütete. »Ja, horrende Augen genug, das will ich gern zugeben,« entgegnete der Streifschütz; »aber so schreckhaft die Wichte auch aussahen, wenn man den Anblick und das Gewühl des natürlichen Lebens nicht gewöhnt ist, so ist doch der Muth des Thiers keineswegs seinem Aeußern gleich. Himmel, Mann, wenn Ihr einmal hübsch von einer Brut gräulicher Bären überfallen würdet, wie das mir und dem Hektor am großen Fall des Miss – Ah, da kommt das Ende der Heerde, und dort geht ein Gang hungriger Wölfe, bereit, die Schwachen wegzuschnappen, oder einen abgesonderten Ochsen zu überfallen. Ha, da sind auch berittene Männer auf ihrer Spur, so wahr ich ein Sünder bin; da, Junge, da könnt Ihr sie sehen, gerade da, wo der Staub vom Wind zerstreut wird. Sie schwärmen um einen verwundeten Büffel und machen dem armen T–l mit ihren Pfeilen den Garaus!« Middleton und Paul erhaschten einen Strahl von der dunkeln Gruppe, die das schnelle Auge des Alten so leicht entdeckt hatte. Einige fünfzehn oder zwanzig zu Pferde sah man wirklich in schnellen Umkreisen um einen edeln Ochsen reiten, der ihnen die Spitze bot, zu schwer verwundet um zu fliehen, und doch dem Anschein nach nicht willig, sich zu ergeben, obwohl sein rauher Körper die Zielscheibe von hundert Pfeilen gewesen. Ein Lanzenstoß von einem kräftigen Indianer aber vollendete die Eroberung, und das Thier gab den widerstrebenden Geist mit einem Gebrüll auf, das widerhallend zur Stelle drang, wo unsre Abenteurer standen, und die Ohren der erschreckten Heerde erreichend, ihrer Flucht neuen Antrieb gab. »Wie der Pawnee so gut die Philosophie einer Büffeljagd kannte!« sagte der Alte, nachdem er die belebte Scene mit augenscheinlicher Zufriedenheit einige Minuten betrachtet hatte. »Ihr saht, wie er dem Winde gleich vor dem Trieb wegeilte, es geschah, um die Luft nicht zu verderben und sie von der Seite anzugreifen Ha! Was ist das? Dort die Rothhäute sind keine Pawnee! Die Federn auf ihren Köpfen sind von den Flügeln und Schwänzen der Eulen. Ah, so wahr ich nur ein armer, halbsichtiger Streifschütz bin, es ist eine Bande verd–ter Sioux! In's Versteck, Jungen, in's Versteck! Ein einziger Blick hierher würde uns jedes Kleidungsstückes berauben, so gewiß, als der Blitz den Baum abschält, und selbst unser Leben möchte nicht sehr sicher sein.« Middleton hatte sich schon vom Schauplatz weggewendet, um zu suchen, was ihm besser gefiel, den Anblick seiner jungen, schönen Braut, Paul ergriff den Doctor bei'm Arm, und da der Streifschütz so schnell wie möglich folgte, war die ganze Gesellschaft bald im Schutz des Dickichts versammelt. Nach einigen kurzen Erklärungen über die Art der neuen Gefahr setzte der Alte, dem die Pflicht geworden, seiner großen Erfahrung wegen alle ihre Schritte zu leiten, folgendermaßen seine Rede fort: »Dies ist ein Land, wie ihr Alle wissen müßt, wo ein starker Arm weit besser ist, als das Recht, und das Gesetz der Weißen eben so wenig bekannt als nöthig ist. Deßwegen hängt jetzt Alles von Klugheit und Kraft ab. Wenn,« fuhr er fort und legte seinen Finger auf seine Wange, als wenn er tiefsinnig die verzweifelte Lage von allen Seiten betrachte, »wenn wir etwas erdenken könnten, was diese Sioux und des Auswanderers Brut hinter einander bringen könnte, dann könnten wir herbeikommen und, wie die Krähen nach einem Gefecht zwischen den Thieren, den Kampfplatz uns zu Nutz machen, – auch sind Pawnee in der Nähe; das ist gewiß, denn jener Junge würde ohne einen Auftrag sich nicht so weit von seinem Dorfe entfernt haben. Hier und da sind wir vier Parteien auf Kanonschußweite entfernt, von denen keine der andern trauen kann. All das macht eine Bewegung schwierig, besonders da Verstecke nicht im Ueberfluß sind. Aber wir sind drei wohlbewaffnete, und ich darf sagen muthige Männer.« »Vier,« fiel Paul ein. »Wie!« sagte der Alte und sah zum ersten Mal seine Gefährten an. »Vier,« wiederholte der Bienenjäger und deutete auf den Naturforscher. »Jede Armee hat ihre Nachzügler und Marodeurs,« entgegnete der barsche Grenzmann. »Freund, es wird nöthig sein, den Esel zu schlachten.« »Den Asinus schlachten! Solch eine That würde eine Handlung unnöthiger Grausamkeit sein.« »Ich verstehe nichts von Worten, die ihren Sinn in Schall einhüllen; aber das ist grausam, was einen Christen einem Thiere opfert. Das ist's, was ich den Grund der Barmherzigkeit nenne. Es würde gerade so sicher sein, in die Trompete zu stoßen, als das Thier nochmals seine Stimme erheben zu lassen, besonders, da es offenbar eine Herausforderung der Sioux sein würde.« »Ich will für Asinus Diskretion stehen; er spricht selten ohne Ursache.« »Man sagt, man könne Jemand aus seinen Umgang kennenlernen,« entgegnete der Alte, »und warum nicht auch ein Thier? Ich machte einst einen forcirten Marsch und hatte viele Gefahren mit einem Begleiter zu bestehen, der nie den Mund aufthat, als um zu singen, und viel Mühe und Kummer machte mir der Bursch. Es war gerade in jenem Geschäft mit Eurem Großvater, Capitain. Aber der Begleiter hatte eine menschliche Kehle und wußte bei Gelegenheit sie wohl zu gebrauchen, obwohl er es nicht immer für nöthig hielt, die für sein Schreien passende Zeit zu beachten. Ach wenn ich jetzt wäre, was ich damals war, eine Bande diebischer Sioux sollte mich nicht leicht aus einer Lagerung wie diese vertreiben! Aber was hilft das Rühmen, wenn Gesicht und Stärke fehlen. Der Krieger, den die Delawaren einst nach dem Falken nannten, der Schärfe seiner Augen wegen, würde jetzt besser nach dem Maulwurf benennt. Nach meinem Urtheil also, wird es gut sein, das Thier zu schlachten.« »Da ist Beweis und gute Logik,« sagte Paul; »Musik ist Musik, und immer geräuschvoll, komme sie von einer Fidel oder einem Esel; deßhalb stimme ich dem Alten bei, und sage, tödtet den Esel.« »Freunde,« sagte der Naturforscher und sah mit traurigem Auge von einem zum andern seiner blutgierigen Gefährten; schlachtet Asinus nicht; er ist Specimen von seiner Art von dem viel Gutes und wenig Böses gesagt werden kann. Abgehärtet und gelehrig nach seinem Genus; enthaltsam und geduldig nach seiner niedern Species . Wir sind zusammen gereift, und sein Tod würde mich betrüben. Wie würde es dich beunruhigen, verehrungswürdiger Jäger, wenn du auf so gewaltsame Art dich von deinem treuen Hund trennen solltest?« »Das Thier soll nicht sterben,« sagte der Alte und räusperte sich plötzlich auf eine Art, die bewies, daß er die ganze Kraft der Appellation fühlte; »aber seine Stimme muß gedämpft werden. Binder ihm die Schnauze mit dem Halfter, und dann, denk' ich, können wir das Uebrige der Vorsehung überlassen.« Mit dieser doppelten Sicherheit für des Esels Diskretion, – denn Paul band ihm sogleich auf die verlangte Weise die Schnauze, – schien der Streifschütz zufrieden. – Darauf ging er an den Rand des Dickichts zu recognosciren. Der Lärm, welcher den Zug der Heerde begleitet hatte, war jetzt vorüber, oder wurde vielmehr in der Entfernung einer Meile von der Steppe herüberschallen gehört. Die Staubwolken hatte der Wind schon verweht, und das Auge konnte frei um sich blicken, wo zehn Minuten vorher solch ein sonderbarer Auftritt von Wildheit und Verwirrung stattgefunden hatte. Die Sioux hatten ihre Eroberung vollendet und schienen nun, zufrieden mit dieser Vermehrung ihrer schon so reichen Beute, willens, die übrige Heerde entwischen zu lassen. Ein Dutzend blieb bei dem Leichnam, über den einige Krähen mit stetigem Fittich und gierigen Augen hin und her flogen; die übrigen ritten umher, als wenn sie weitere Beute suchten, die ihnen nach einem so zahllosen Zug in den Weg kommen könnte. Der Streifschütz maß die Gestalten und den Anzug Derer, die dem Dickicht näher kamen, mit sorgsamem Auge. Endlich zeigte er Middleton einen von ihnen, den er für Weucha hielt. »Nun wissen wir nicht nur, wer sie find, sondern auch ihren Auftrag,« sagte der Alte und schüttelte überlegend den Kopf. »Sie haben die Spur des Wanderers verloren und sind auf der Jagd nach ihm. Die Büffel sind ihnen in den Weg gekommen, und auf ihrer Verfolgung hat ein Unstern sie gerade in offene Aussicht auf den Hügel gebracht, wo Ismael's Brut lagert. Seht Ihr jene Vögel, die auf die Ueberbleibsel des Thiers warten, das Jene getödtet haben? Darin liegt eine Lehre für die Lebensart in der Steppe. Eine Bande Pawnee liegt im Hinterhalt gerade so gegen die Sioux, wie diese Vögel auf ihren Raub warten, und als Christenleute, die so viel zu verlieren haben, kommt es uns zu, auf Beide Acht zu geben. Ha, was bringt jene zwei schielenden Wichte zum Stehen! So wahr ich lebe, sie haben die Stelle gefunden, wo der unglückliche Sohn des Wanderers seinen Tod fand!« Der Alte irrte sich nicht. Weucha und ein Wilder, der ihn begleitete, hatte den Ort erreicht, welcher, wie wir schon erwähnten, so schreckliche Spuren von Gewalt und Blutvergießen zeigte. Da saßen sie auf ihren Pferden und untersuchten die wohlbekannten Zeichen mit aller Kenntniß, die den Indianer auszeichnet. Ihr Forschen dauerte lang und war, wie es schien, nicht frei von Mißtrauen. Endlich erhoben Beide zugleich ein Geschrei, das kaum weniger trauernd und ergreifend war, als das, welches die Hunde vorher bei den verhängnißvollen Zeichen gemacht hatten, und das nicht verfehlte, die ganze Bande sogleich um sie zu versammeln, wie das wilde Rufen des Schakals seine Gefährten zur Jagd um ihn versammeln soll. Zwanzigstes Kapitel. »Willkommen, alter Pistol.« Shakespeare.   Es dauerte nicht lange, und der Streifschütz zeigte ihnen den Anführer Mahtoree, als den Häuptling der Sioux. Dieser Befehlshaber, der am letzten der lauten Aufforderung Weucha's gehorcht hatte, erreichte nicht sobald die Stelle, wo sein ganzer Haufen sich jetzt sammelte, als er sich von seinem Pferde stürzte und sich anschickte, mit jenem Grad von Würde und Aufmerksamkeit die sonderbare Spur zu erforschen, wie sie seiner hohen und geehrten Stellung zukam. Die Krieger, – denn es war nur zu augenscheinlich, daß sie zu jener furchtlosen und unbändigen Classe gehörten, – erwarteten mit geduldiger Zurückhaltung den Erfolg seines Forschens, und keiner als einige von den tapfersten nahm sich heraus, auch nur zu reden, während ihr Anführer so ernst beschäftigt war. Es dauerte mehrere Minuten, ehe Mahtoree sich zufrieden stellte. Er wandte dann seine Augen über den Boden nach jenen verschiedenen Stellen, wo Ismael dieselben empörenden Spuren des Wegs gefunden, den irgend ein blutiger Streit genommen haben mußte, und winkte seinem Volk, ihm zu folgen. Die ganze Bande schritt zugleich nach dem Dickicht zu und machte einige Schritte von derselben Stelle Halt, wo Esther ihre trägen Söhne angereizt hatte, in das Gebüsch zu brechen. Der Leser wird sich leicht denken, daß der Streifschütz und seine Gefährten keine gleichgültigen Beobachter solch einer drohenden Bewegung waren. Der Alte rief Alle, welche im Stande waren, die Waffen zu tragen, zu sich und fragte in sehr bestimmten Ausdrücken, obwohl mit einer Stimme, die etwas gedämpft war, um den Ohren seiner gefährlichen Nachbarn zu entgehen, ob sie geneigt wären, für ihre Freiheit zu kämpfen, oder ob sie das sanftere Mittel der Unterhandlung versuchen wollten. Da dies eine Frage war, die für Alle gleiches Interesse hatte, legte er sie ihnen gleichsam wie einem Kriegsrath vor, und nicht ohne einige Spuren eines fast erloschenen Kriegerstolzes zu verrathen. Paul und der Doctor waren in ihrer Meinung einander schnurstracks entgegengesetzt; da der Erstere ohne Weiteres zu den Waffen zu greifen rieth, und der Andere mit Wärme die Klugheit friedlicher Maßregeln vertheidigte. Middleton, welcher sah, es sei ein heißer Wortstreit zwischen Beiden zu befürchten, da sie von so ganz entgegengesetzten Ansichten beherrscht wurden, hielt es für gut, das Amt eines Mittlers zu übernehmen, oder vielmehr die Frage zu entscheiden, da seine Lage ihn gewissermaßen zum Richter machte. Auch er neigte sich auf die Seite des Friedens; denn er sah deutlich, daß wegen der großen Uebermacht ihrer Feinde, Gewalt unabänderlich zu ihrem Untergang führen würde. Der Streifschütz hörte auf die Gründe des jungen Soldaten mit großer Aufmerksamkeit, und da sie mit der Festigkeit eines Mannes dargelegt wurden, der sein Urtheil nicht durch Besorgnisse geblendet werden ließ, verfehlten sie nicht, den gehörigen Eindruck zu machen. »Es ist vernünftig,« begann der Streifschütz wieder, als der Andere seine Gründe gesagt hatte, »es ist sehr vernünftig; denn was der Mensch durch seine Kraft nicht bewegen kann, muß er durch List umgehen. Die Vernunft macht ihn stärker als der Büffel, schneller als das Rennthier. Nun bleibt ihr hier stehen und haltet euch in der Nähe. Mein Leben und Gewerb ist nur wenig werth, wenn das Wohl so vieler Menschenseelen auf dem Spiel steht, und vorzüglich darf ich sagen, ich verstehe mich auf die Windungen der Indianerlist. Deßwegen will ich allein auf die Steppe gehen. Es kann sein, daß ich noch die Augen der Sioux von dieser Stelle abziehen und euch Zeit und Raum zum Fliehen geben kann.« Gleichsam entschlossen, auf keine Vorstellung zu hören, schulterte der Alte ruhig die Büchse, ging gemächlich durch das Dickicht und trat heraus auf die Ebene, an einem Punct, wo er zuerst den Sioux in die Augen fallen konnte, ohne Verdacht zu erregen, daß er aus dem Versteck kam. Sobald die Gestalt eines Mannes im Jägergewand und mit der wohlbekannten und sehr gefürchteten Büchse vor den Sioux erschien, entstand eine merkliche, wiewohl unterdrückte Bewegung in der Bande. Die List des Streifschützen war in so weit gelungen, als es außerordentlich zweifelhaft blieb, ob er von einem Punct in der offenen Ebene, oder aus dem Dickicht käme, obgleich die Indianer immer noch häufige und verdachtsvolle Blicke auf das Versteck warfen. Sie hatten auf Pfeilschußweite von den Büschen Halt gemacht; aber als der Streifschütz nahe genug kam, um sehen zu lassen, daß die tiefe Farbe Roth und Braun, die die Zeit und das Ausgesetztsein der Luft seinen Zügen gegeben hatte, auf der eigentlichen Farbe eines Blaßgesichts lag, wichen sie langsam von der Stelle zurück, bis sie eine Entfernung erreichten, die die Kraft der Feuerwaffe weniger unheilvoll machen könnte. Indeß schritt der Alte immer vorwärts, bis er nah genug gekommen, um ohne Schwierigkeit gehört zu werden. Hier blieb er stehen, brachte die Büchse zur Erde und erhob zum Friedenszeichen die Hand, das Innere auswärts gekehrt. Nachdem er einige Worte als Verweis zu seinem Hund gemurmelt, der die wilde Gruppe mit Augen bewachte, die sie als die früheren Gefangenwärter seines Herrn zu erkennen schienen, begann er in der Sioux-Sprache »Meine Brüder sind willkommen,« sagte er und stellte sich listig als Herrn des Landes dar, in dem sie auf einander getroffen, und nahm die Pflichten der Gastfreundschaft auf sich. »Sie sind weit von ihren Dörfern und hungrig; wollen sie mir zu meinem Lager folgen und essen und schlafen?« Nicht sobald ward seine Stimme gehört, als ein Freudenschrei, der aus einem Dutzend Kehlen kam, den scharfsichtigen Streifschützen überzeugte, daß auch er erkannt worden. Er sah ein, es sei zum Rückzuge zu spät, benutzte also die Verwirrung, welche unter ihnen herrschte, und schritt, während Weucha ihn beschrieb, vor, bis er wieder Angesicht zu Angesicht vor dem furchtbaren Mahtoree selbst stand. Die zweite Zusammenkunft zwischen diesen beiden Männern, von denen jeder in seiner Art etwas Ungewöhnliches hatte, zeichnete sich durch die gewöhnliche Vorsicht der Grenze aus. Sie standen fast einen Augenblick und sahen einander an, ohne zu sprechen. »Wo sind Eure jungen Leute?« fragte ernst der Teton-Häuptling, als er gefunden, daß die unbeweglichen Züge des Streifschützen unter seinem einschüchternden Blick keine von ihres Herrn Geheimnisse verrathen wollten. »Die Langmesser kommen nicht in Banden, um dem Biber Fallen zu stellen; ich bin allein.« »Euer Haupt ist weiß, aber Eure Zunge ist spitzig. Mahtoree ist in Euerm Lager gewesen. Er weiß, daß Ihr nicht allein seid. Wo ist Euer junges Weib und der Krieger, den ich auf der Steppe fand?« »Ich hab' kein Weib. Ich hab' meinem Bruder gesagt, daß das Weib und ihr Freund Fremde sind. Die Worte eines grauen Hauptes sollten gehört und nicht vergessen werden. Die Dahcotah fanden Wanderer schlafen und dachten, sie brauchten nicht Pferde. Die Weiber und Kinder eines Blaßgesichts sind nicht gewohnt, weit zu Fuß zu gehen. Laßt sie suchen, wo Ihr sie ließet.« Die Augen des Tetons sprühten Feuer, als er antwortete: »Sie sind fort, aber Mahtoree ist ein weiser Häuptling und seine Augen können weit sehen!« »Sieht der Führer der Teton Leute auf diesen nackten Feldern?« entgegnete der Streifschütz mit großer Festigkeit. »Ich bin alt und meine Augen werden dunkel. Wo stehen sie?« Der Häuptling blieb einen Augenblick stumm, als halte er es für erniedrigend, eine Thatsache länger zu bestreiten, über die er schon gewiß war. Dann deutete er auf die Spur am Boden und sagte mit einem plötzlichen Uebergang zur Milde in Aug und Haltung. »Mein Vater hat in den vielen Wintern Weisheit gelernt, kann er mir sagen, wessen Stiefel diese Spur zurückgelassen?« »Es sind Wölfe und Büffel auf den Steppen gewesen und auch an Cougar mag's nicht gefehlt haben.« Mahtoree warf sein Auge auf das Dickicht, als wenn er die letztere Vermuthung nicht für unmöglich hielte. Er deutete nach der Stelle und befahl seinen Leuten, sie sorgsamer zu untersuchen, während er sie zugleich mit einem ernsten Blick auf den Streifschützen ermahnte, sich vor der Verrätherei der Großmesser zu wahren. Drei oder vier halbnackte, eifrig aussehende Jünglinge ließen ihren Pferden auf sein Wort die Zügel schießen und eilten davon, seinem Befehl zu gehorchen. Der Alte zitterte etwas für die Klugheit Paul's, als er diese Bewegung sah. Die Teton umkreisten zwei- oder dreimal die Stelle, sich jedesmal ihr mehr nähernd, und galoppirten dann zu ihrem Führer mit der Nachricht zurück, das Gehölz schien leer. Obgleich der Streifschütz Mahtoree's Ange bewachte, um die innere Bewegung seines Gemüths zu entdecken, und wo möglich voraus zu vermuthen, um seinen Verdacht zu berichtigen, konnte doch die äußerste Anstrengung eines Mannes, der so lange die kalten Gewohnheiten der indianischen Race studirt hatte, kein Zeichen, keinen Ausdruck wahrnehmen, der verrieth, in wie weit er dieser Botschaft Glauben schenkte. Statt auf die Benachrichtigung seiner Spionen etwas zu erwiedern, sprach er freundlich zu seinem Pferd, winkte einem Jüngling, den Zaum oder vielmehr Halfter zu halten, woran er das Thier lenkte, nahm den Streifschütz bei'm Arm, und führte ihn etwas seitwärts von den Uebrigen der Bande. »Ist mein Bruder ein Krieger gewesen?« sagte der listige Teton in einem Ton, der verbindlich sein sollte. »Bedecken die Blätter die Bäume zur Zeit der Frucht! Geht. Die Dahcotah haben nicht so viele lebendige Krieger gesehen, als ich in ihrem Blut! Aber was hilft eitle Rückerinnerung,« fügte er auf Englisch hinzu, »wenn die Glieder steif werden und das Gesicht fehlt?« Der Häuptling betrachtete ihn einen Moment mit ernstem Blick, als wollte er das Falsche aufdecken, das er gehört, aber als er im ruhigen Auge, in der festen Miene des Streifschützen eine Bestätigung der Wahrheit dessen fand, was er gesagt hatte, nahm er die Hand des Alten und legte sie leise auf sein Haupt, zum Zeichen der Ehrfurcht, die des andern Jahren und Erfahrung gebührte. »Warum denn sagen die Großmesser ihren rothen Brüdern, sie sollten den Tomahawk begraben,« entgegnete er, wenn ihre jungen Leute nie vergessen, daß sie tapfer sind, wenn sie einander so oft mit blutiger Hand begegnen?« »Meine Nation ist zahlreicher als die Büffel auf den Steppen oder die Tauben in der Luft. Ihre Streitigkeiten sind häufig, doch sind ihrer Krieger wenig. Niemand zieht uns auf den Weg des Kriegs als die, welche begabt sind mit den Eigenschaften eines Tapfern, und deßwegen sehen solche viele Schlachten.« »So ist es nicht, – mein Vater irrt sich,« entgegnete Mahtoree, und überließ sich einem Lächeln vor Freude über seine Scharfsicht, während er zu gleicher Zeit die Stärke seiner Verneinung aus Ehrfurcht vor den Jahren und Diensten eines solchen Greises milderte. »Die Großmesser sind sehr weise, sind Männer, sie alle möchten Krieger sein, und die Rothhäute Wurzeln graben und Korn schneiden lassen. Aber ein Dahcotah ist nicht geboren, um wie ein Weib zu leben, er muß den Pawnee und Omahaw schlagen oder wird den Namen seiner Väter verlieren.« »Der Herr des Lebens sieht mit offenem Auge auf seine Kinder, die in einer Schlacht fallen, die für das Recht gekämpft wird, aber er ist blind, und seine Ohren sind dem Geschrei des Indianers verschlossen, der getödtet wird, während er plünderte, und Uebel that seinem Nachbar.« »Mein Vater ist alt,« sagte Mahtoree und sah auf seinen bejahrten Gefährten mit einem Ausdruck voll Hohn, der hinlänglich zeigte, daß er einer von jenen war, die die Schranken der Erziehung überschreiten und vielleicht ein wenig geneigt sind, die Geistesfreiheit zu mißbrauchen, die sie so erlangen. »Er ist sehr alt; hat er eine Reise gemacht in das ferne Land und ist in dem Gewirr gewesen, um zurückzukommen und den Jüngeren zu erzählen, was er gesehen?« »Teton,« entgegnete der Streifschütz, und stieß den Kolben seiner Büchse mit wilder Wuth auf den Boden und betrachtete seinen Gefährten mit festem Ernst, »ich habe gehört, daß es Leute unter meinem Volke gibt, die ihre großen Arzneien studiren, bis sie sich für Götter halten, und die über jeden Glauben lachen, ihre eigene Eitelkeit ausgenommen. Es mag wahr sein; es ist wahr, denn ich habe sie gesehen. Wenn der Mensch in Städten und Schulen eingeschlossen ist mit seinen Thorheiten, mag es leicht sein, daß er sich für größer hält, als den Herrn des Lebens, aber ein Krieger, der in einem Hause lebt, dessen Dach die Wolken sind, wo er in jedem Augenblick beides, den Himmel und die Erde betrachten kann, und der täglich die Macht des großen Geistes sieht, der wird demüthiger sein. Ein Dahcotah-Häuptling muß zu weise sein, um über Gerechtigkeit zu lachen.« Der listige Mahtoree, welcher sah, daß seine freie Denkungsart nicht leicht einen günstigen Eindruck auf den Alten machen möchte, veränderte sogleich den Gegenstand des Gesprächs, indem er auf den eigentlicheren Zweck ihrer Unterredung kam. Er legte dem Streifschützen freundlich die Hand auf die Schulter, und führte ihn weiter, bis sie beide fünfzig Fuß vom Rand des Dickichts standen. Hier heftete er seine forschenden Augen auf des Andern ehrliche Mienen, und fuhr fort: »Wenn mein Vater seine jungen Leute im Gebüsch versteckt hat, so lasse er sie hervorkommen. Ihr seht, ein Dahcotah fürchtet sich nicht. Mahtoree ist ein großer Häuptling. Ein Krieger, dessen Haupt weiß ist, und der bald in das Land der Geister geht, kann nicht doppelzüngig sein wie eine Schlange.« »Dahcotah, ich hab' keine Lüge gesagt. Seit der große Geist mich zum Mann gemacht, hab' ich in der Wildniß gelebt, oder in diesen nackten Steppen ohne Haus und Familie. Ich bin ein Jäger und geh' meinen Pfad allein!« »Mein Vater hat einen guten Carabiner, Er richte ihn in's Gebüsch und feuere.« Der Alte zögerte einen Augenblick, und machte sich dann langsam bereit, um den gefährlichen Beweis von der Wahrheit seiner Rede zu geben, da er wohl einsah, seines listigen Gefährten Verdacht könne auf andere Weise nicht beschwichtigt werden. Als er seine Buchse richtete, eilte sein Auge, obwohl vom Alter sehr dunkel und geschwächt, über die wirre Menge der Dinge hin, die in dem bunten Laub des Dickichts verborgen lag, bis es die braune Decke eines kleinen Baumstamms gewahrte; diesen Gegenstand im Auge, schlug er die Büchse an und feuerte. Die Kugel hatte kaum den Lauf verlassen, als des Schützen Hand ein Zittern befiel, das, wenn es einen Augenblick früher gekommen, ihn gänzlich unfähig gemacht zu so gewagtem Beginnen. Ein schreckliches Schweigen von einem Augenblick folgte auf den Schuß, während dessen er das Geschrei der Weiber zu hören erwartete, und dann, als der Rauch im Wind wegwirbelte, erblickte er die zerschossene Rinde, und überzeugte sich, daß all seine frühere Geschicklichkeit ihn nicht ganz verlassen. Das Gewehr kam zu Boden und er wandte sich wieder mit einem Blick des größten Gleichmuths zum Wilden und fragte: »Ist mein Bruder zufrieden?« »Mahtoree ist ein Häuptling der Dahcotah,« entgegnete der listige Teton und legte die Hand auf die Brust, zum Zeichen, daß er des andern Aufrichtigkeit anerkenne. »Er weiß, daß ein Krieger, der an so vielen Rathsfeuern geraucht, bis sein Haupt weiß ward, nicht in schlechter Gesellschaft gefunden werden wird. Aber ritt nicht einst mein Vater ein Pferd, gleich einem reichen Häuptling der Blaßgesichter, statt wie ein hungriger Konza zu Fuß zu gehen?« »Nie. Wahconda hat mir Beine gegeben und den Entschluß, sie zu gebrauchen. Sechzig Sommer und Winter zog ich in Amerika's Wäldern herum, und dann haben traurige Jahre mich in diese Steppen gebracht, ohne daß ich nöthig gehabt, oft die Gaben der andern Geschöpfe des Herrn anzusprechen, um mich von Ort zu Ort zu bringen.« »Wenn mein Vater so lange in den Schatten gelebt, warum ist er auf die Steppen gekommen? Die Sonne wird ihn brennen.« Der Alte sah sich für einen Augenblick traurig um, und wandte sich dann mit einer Art von Zutrauen zum Andern, als er erwiederte: »Ich brachte den Frühling, Sommer und Herbst des Lebens unter den Bäumen zu. Der Winter meiner Tage war gekommen, und fand mich, wo ich gern sein mochte, in der Ruhe, – ja und in der Ehrlichkeit der Wälder. Teton, damals schlief ich glücklich, wo mein Auge aufschauen konnte durch die Zweige der Tannen und Birken zur Wohnung des guten Geistes meines Volks. Wenn ich Noth hatte, mein Herz ihm zu öffnen, während seine Lichter über meinem Haupte brannten, fand ich, die Thüre offen und vor meinen Augen. Aber die Aexte der Holzfäller weckten mich. Lange Zeit hörten meine Ohren nichts als den Lärm der Anbauung. Ich ertrug es wie ein Krieger und Mann; ich hatte meine Ursache dazu, aber als diese Ursache nicht mehr da war, beschloß ich, diesen verfluchten Lärm zu meiden. Es war eine schwere Probe für meinen Muth und meine Gewohnheiten; aber ich hatte von diesen weiten, nackten Feldern gehört, und kam hierher, der zerstörenden Wuth meines Volks zu entgehen. Sagt mir, Dahcotah, hab' ich nicht wohl gethan?« Der Streifschütz legte, als er endete, seine langen, dürren Finger auf die nackte Schulter des Indianers, und schien dessen Glücklichpreisen über seine Klugheit und seinen Erfolg mit einem rauhen Lächeln zu erwarten, worin sich seltsam Triumph mit Trauer mischte. Sein Gefährte hörte aufmerksam zu, und erwiederte auf die Frage, indem er in der seinem Stamme eigenthümlichen kurzen Weise sagte: »Das Haupt meines Vaters ist sehr grau, er hat immer unter Menschen gelebt, und Alles gesehen. Was er thut ist gut, was er spricht ist weise. Nun laßt ihn sagen, ob er sicher mit den Langmessern unbekannt ist, die überall in den Steppen nach ihrem Vieh suchen und es nicht finden können.« »Dahcotah, was ich gesagt, ist wahr. Ich leb' allein, und hab' nie zu schaffen mit den Leuten, deren Haut weiß ist, wenn – –« Sein Mund schloß sich plötzlich durch eine Unterbrechung, die eben so niederschlagend als unerwartet war. Die Worte lagen noch auf seiner Zunge, als die Büsche auf der Seite des Dickichts, wo sie standen, sich öffneten, und die ganze Gesellschaft, die er eben verlassen und zu deren Gunsten er sich bemühte, seine Wahrheitsliebe mit der Nothwendigkeit zu täuschen, zu vereinigen, offen hervortrat. Eine Pause stummen Erstaunens folgte auf diesen überraschenden Anblick. Dann deutete Mahtoree, der durch nichts sein Verwundern und Staunen verrieth, das ihn wirklich befiel, auf die herankommenden Freunde des Streifschützen mit einer Art angenommener Höflichkeit und einem Lächeln, das sein stolzes, finsteres Gesicht erleuchtete, wie der Blick der untergehenden Sonne die Ungeheuern Massen und furchtbare Ladung der Wolke darstellt, die bis zum Bersten mit elektrischem Stoffe gefüllt ist. Doch hielt er es nicht für würdig zu reden, oder ein anderes Zeichen seines Plans zu geben, als daß er die ferne Bande zu sich rief, die auf seinen Befehl mit der Schnelligkeit ergebener Unterworfenen herbeisprangen. Indeß schritten die Freunde des Alten immer voran. Middleton war der vorderste und führte die leichte, feenartige Gestalt der Inez, auf deren ängstliches, ausdrucksvolles Gesicht er zu Zeiten Blicke einer zarten Theilnahme warf, wie in ähnlichen Umständen sie ein Vater auf sein Kind richten würde. Paul geleitete Ellen dicht hinter ihnen. Aber, während das Auge des Bienenjägers seine blühende Gefährtin nicht versäumte, schaute es trotzig, und glich mehr dem Blick des finstern, fliehenden Bären, als dem sanften Ausdruck eines begünstigten Begleiters. Obed und der Esel kamen zuletzt, und jener führte diesen mit einem Grade von Güte, die kaum von einem Andern in der Gesellschaft übertroffen wurde. Der Gang des Naturforschers war weit weniger schnell als der jener, die ihm vorangingen. Sein Fuß schien gleich unwillig, vorzuschreiten als stehen zu bleiben, seine Lage hatte große Ähnlichkeit mit der von Mahomed's Sarg, nur mit dem Unterschied, daß mehr die Repulsions- als Attractionskraft ihn im Stand der Ruhe hielt. Die Repulsivkraft hinter ihm schien jedoch vorzuherrschen, und nach einer sonderbaren Ausnahme, wie er selbst gesagt haben würde, von allen philosophischen Grundsätzen, schien sie durch Entfernung eher zu wachsen als abzunehmen. Da die Augen des Naturforschers standhaft eine Richtung behaupteten, die seinem Weg entgegengesetzt war, dienten sie dazu, denen der Beobachter aller dieser Bewegungen eine Richtung zu geben, und lieferten mit einem Mal einen guten Schlüssel, durch den man sich das Geheinmiß eines so plötzlichen Hervorbrechens aus dem Versteck öffnen konnte. Ein zweiter Haufen stattlicher, bewaffneter Männer ward in nicht weiter Entfernung bemerkt, der eben um die Spitze des Gehölzes herumkam und gerade, jedoch vorsichtig, auf die Stelle zuging, wo die Bande der Sioux stand; so steht man oft eine Schwadron Kreuzer über die Weite der Wasser auf die reichen aber wohlgeschützten Handelsschiffe lossteuern. Kurz die Familie des Auswanderers oder wenigstens solche von ihr, die Waffen tragen konnten, erschienen auf der weiten Steppe, offenbar begierig ihre Schmach zu rächen. Mahtoree und sein Haufen zog sich langsam vom Dickicht zurück, sobald er die Fremden ansichtig ward, und hielt auf einer Erhöhung, die eine weite und ungehinderte Aussicht auf die nackten Felder gewährte, auf denen sie standen. Hier schien der Dahcotah entschlossen, Posto zu fassen, und es zur Entscheidung kommen zu lassen. Trotz dieses Rückzugs, auf dem er den Streifschützen nöthigte, ihn zu begleiten, ging Middleton immer vorwärts, bis er auch auf derselben Anhöhe und in gehöriger Entfernung von den kriegerischen Sioux hielt. Die Grenzwohner nahmen ebenfalls eine günstige Stellung ein, obwohl in weit größerer Entfernung. Die drei Gruppen glichen jetzt eben so vielen Flotten auf der See, die die Segel am Mast in der lobenswerthen Absicht stille legen, zu erforschen, wen von den Fremden sie als Freund oder Feind betrachten sollten. Während dieses augenblicklichen Aufschubs fuhr das schwarze drohende Auge Mahtoree's von einem Haufen der Fremden zum andern, scharf und hastig beobachtend, und wandte dann seinen durchbohrenden Blick auf den Alten. Er sagte in hohem, bittern Unwillen: »Die Langmesser sind Thoren! Es ist leichter den Cougar schlafend als einen blinden Dahcotah zu finden. Glaubten die Weißen, sie würden auf dem Pferd eines Sioux reiten?« Der Streifschütz, welcher Zeit gefunden, seine verwirrten Seelenkräfte zu sammeln, sah sogleich, daß Middleton, als er Ismael auf der Spur bemerkte, auf der er geflohen, sich lieber der Gastfreundschaft der Wilden als der Behandlung hatte überlassen wollen, die er wahrscheinlich vom Auswanderer hätte erdulden müssen. Er entschloß sich daher, der Aufnahme seiner Freunde das Wort zu reden, da er fand, daß diese unnatürliche Vereinigung nöthig geworden, um das Leben, wenn nicht die Freiheit der Gesellschaft zu sichern. »Machte mein Bruder sich je auf den Weg, um mein Volk zu schlagen?« fragte er ruhig den unwilligen Häuptling, der noch seine Antwort erwartete. Der finstere Blick des Tetonkriegers verlor in so weit seine Strenge, als er einen Strahl von Lust und Triumph dessen Wildheit mäßigen ließ. Er bewegte seinen Arm in einem Zirkel und antwortete: »Welcher Stamm und welche Nation hat nicht die Schläge der Dahcotah gefühlt? Mahtoree ist ihr Haupt.« »Und hat er die Großmesser als Weiber gefunden, oder als Männer?« Eine Menge wilder Leidenschaften schienen gegen einander in dem trotzigen Gesicht des Indianers zu kämpfen, als er diese Frage vernahm. Für einen Augenblick schien unauslöschlicher Haß die Oberhand zu behaupten, und dann bemeisterte sich ein edler Ausdruck, einer, der besser dem Charakter eines tapferen Kriegers angemessen war, seiner Züge, und behauptete sich, bis er sein leichtes Gewand von bemalter Rehhaut abwarf, und aus die Narbe eines Bayonnetstichs deutend antwortete: »Es ward gegeben, wie es genommen ward, Angesicht zu Angesicht.« »Es ist genug. Mein Bruder ist ein tapferer Häuptling, und sollte auch ein weiser sein. Möge er sehen. Ist das ein Krieger von den Blaßgesichtern? War es so einer, der dem großen Dahcotah die Wunde beibrachte?« Die Augen Mahtoree's folgten der Richtung der ausgestreckten Hand des Alten und fielen auf die zitternde Gestalt der Inez. Der Blick des Teton währte lang, war fest und bewundernd. Wie der des jungen Pawnee glich er mehr dem Staunen eines Sterblichen auf ein himmlisches Gebild als der Bewunderung, womit man selbst die Lieblichkeit einer Frau zu betrachten pflegt. Auffahrend, als bemerke er plötzlich seine Selbstvergessenheit, wandte der Häuptling zunächst seine Augen auf Ellen, wo sie einen Augenblick mit einem weit merklicheren Ausdruck von Bewunderung verweilten, und dann ihren Lauf fortsetzten, bis sie nochmals jeden einzelnen der Gesellschaft betrachtet hatten. »Mein Bruder sieht, daß meine Zunge nicht falsch ist,« fuhr der Streifschütz fort und bewachte die Bewegungen, die der Andere verrieth, mit einer Schnelligkeit der Auffassung, die der des Tetons selbst wenig nachgab. »Die Großmesser schicken ihre Weiber nicht in den Krieg. Ich weiß, der Dahcotah wird mit den Fremden rauchen.« »Mahtoree ist ein großer Häuptling. Die Großmesser sind willkommen;« sagte der Teton und legte seine Hand mit einer Art nachläßiger Höflichkeit, die jeder Gesellschaft Ehre gemacht haben würde, auf die Brust. »Die Pfeile meiner jungen Leute sind in den Köchern.« Der Streifschütz winkte Middleton, heranzukommen und in wenig Augenblicken waren die beiden Parteien vereinigt, nachdem jeder der Männer freundliche Grüße nach Art der Steppenkrieger gewechselt hatte. Aber selbst während sie auf diese gastfreundliche Weise beschäftigt waren, unterließ der Dahcotah nicht, ein strenges Auge auf die entferntere Gruppe der Weißen zu haben, als argwöhne er noch eine List, oder suche weitere Erklärung. Der Alte seinerseits sah die Nothwendigkeit ein, weitläufiger zu werden und den geringen, zweideutigen Vortheil sich zu sichern, den er schon erlangt hatte. Während er sich stellte, als untersuche er die Gruppe, die nah an der Stelle zögerte, wo sie zuerst Halt gemacht, gleichsam um den Charakter der Gegenüberstehenden zu entdecken, sah er deutlich, daß Ismael geradezu Feindseligkeiten bezwecke. Das Ergebniß eines Kampfes auf der offnen Steppe zwischen einem Dutzend entschlossener Grenzleute und den halbbewaffneten Eingebornen, selbst wenn sie von ihren weißen Verbündeten unterstützt würden, war nach seinem erfahrnen Urtheil ein sehr Ungewisser Punct, und obwohl weit entfernt, für seine eigene Person dem Kampf abgeneigt zu sein, hielt es doch der bejahrte Streifschütz für weit passender für seine Jahre und seinen Charakter, den Streit zu vermeiden, als ihn zu suchen. Seine Gefühle waren aus sehr naheliegenden Ursachen, mit denen Paul's und Middletons in Uebereinstimmung, da diese noch weit kostbarere Leben als ihre eignen zu bewahren und zu schützen hatten. In dieser Lage beratschlagten die drei über die Mittel, den schrecklichen Folgen zu entgehen, welche unmittelbar aus einem feindseligen Act der Grenzwohner hervorgehen mußten, und der Alte trug Sorge, daß ihre Unterredung in den Augen derer, welche den Ausdruck ihres Antlitzes mit eifersüchtiger Aufmerksamkeit bewachten, nur als Erklärung über die Ursache erschiene, die solch einen Haufen Reisender in die Steppen gebracht. »Ich weiß, daß die Dahcotah ein weises und großes Volk sind;« begann endlich der Streifschütz und wandte sich wieder an den Häuptling, »aber kennt ihr Anführer keinen einzigen Bruder, der schlecht ist?« Mahtoree's Auge durchlief stolz seine Bande, aber ruhte einen Augenblick mit Widerwillen auf Weucha, als er antwortete: »Der Herr des Lebens hat Häuptlinge gemacht und Krieger und Weiber, damit wollte er alle Stufen der menschlichen Herrlichkeit von der höchsten zur niedrigsten umfaßt wissen.« »Und er hat auch Blaßgesichter gemacht, die schlecht sind? Das sind die, welche mein Bruder dort sieht.« »Kommen sie zu Fuß, um Uebel zu thun?« fragte der Teton mit einem wilden Blick, der hinlänglich verrieth, wie gut er die Ursache wisse, warum sie so herabgekommen. »Ihre Thiere sind fort, aber ihr Pulver und Blei und ihn Decken sind noch da.« »Tragen sie ihren Reichthum in der Hand, wie die ärmsten Konza? Oder sind sie tapfer und lassen ihn bei den Weibern, wie Leute thun sollen, die wieder zu finden wissen, was sie verloren haben.« »Mein Bruder sieht die blaue Stelle dort über der Steppe, seht, die Sonne hat sie zum letzten Mal für heute berührt.« »Mahtoree ist kein Maulwurf.« »Es ist ein Felsen, und auf ihm ist die Habe der Großmesser.« Ein Ausdruck wilder Freude schoß in das finstere Antlitz des Tetons, als er es hörte; er wandte sich zu dem Alten, als wolle er in seiner Seele lesen, und sich versichern, daß er nicht getäuscht würde. Dann richtete er seinen Blick auf Ismael's Begleiter und zählte sie. »Einer fehlt,« sagte er. »Sieht mein Bruder die Krähen? Dort ist sein Grab. Fand er Blut auf der Steppe, es war seins.« »Genug, Mahtoree ist ein weiser Häuptling. Setzt Eure Weiber auf der Dahcotah Pferde, wir werden sehen, unsere Augen sind weit offen.« Der Streifschütz verlor keine unnöthigen Worte mit weiterer Erklärung. Bekannt mit der Kürze und Schnelligkeit der Eingebornen, theilte er sogleich das Ergebniß seinen Gefährten mit. Paul saß in einem Augenblick zu Pferde, Ellen mit ihm. Einige Augenblicke mehr waren nöthig, um Middleton von der Sicherheit und Bequemlichkeit der Inez zu versichern. Während er so beschäftigt war, trat Mahtoree an die Seite des Thieres, das er zu diesem Dienst bestimmt hatte und welches sein eigen war und zeigte seine Absicht, seinen gewöhnlichen Platz darauf einzunehmen. Der junge Soldat ergriff den Zügel des Pferdes und Blicke plötzlicher Wuth und hohen Stolzes wurden zwischen ihnen gewechselt. »Niemand nimmt diesen Sitz ein, als ich selbst,« sagte Middleton streng auf Englisch. »Mahtoree ist ein großer Häuptling,« entgegnete der Wilde, ohne nur den Sinn seiner Worte zu verstehen. »Der Dahcotah wird zu spät kommen,« lispelte der Alte an seiner Seite; »seht, die Langmesser sind erschreckt und werden bald davon laufen.« Der Teton-Häuptling gab sogleich seinen Anspruch auf, warf sich auf ein anderes Pferd, und wies einen seiner Leute an, für den Streifschützen auch eines herbeizuschaffen. Die Abgestiegenen setzten sich hinter ihren Gefährten auf. Doctor Battius bestieg den Esel, und trotz der kurzen Unterbrechung, war die Gesellschaft in halb der Zeit, die wir zum Erzählen gebraucht haben, bereit, aufzubrechen. Als er sah, daß Alles geschehen, gab Mahtoree das Zeichen zum Abmarsch. Einige der Bestberittenen, mit dem Häuptling selbst, waren ein wenig voraus und machten eine drohende Demonstration, als wollten sie die Andern angreifen. Der Auswanderer, der in der That sich langsam zurückzog, machte sogleich Halt und bot willig die Spitze. Statt jedoch in den Bereich der gefährlichen Westflinte zu kommen, jagten die gewandten Wilden um die Fremdlinge herum, bis sie, die letztern in beständiger Erwartung eines Angriffs haltend, einen Halbkreis um sie beschrieben hatten. Dann der Erreichung ihres Zweckes gewiß, erhoben die Teton ein lautes Geschrei und schossen in gerader Linie über die Steppe auf den fernen Felsen los, so sicher und fast eben so schnell, wie ein Pfeil, der eben dem Bogen entflohen. Einundzwanzigstes Kapitel. »Spott' mit den Göttern nicht, geh' fort. Signor Baptista, soll den Weg ich zeigen?« Shakespeare.   Mahtoree hatte kaum seinen wahren Plan verrathen, als eine allgemeine Salve von Seiten der Grenzwohner bewies, wie sehr sie ihn begriffen. Doch machte die Entfernung und die Schnelligkeit des Ritts ihr Feuer gänzlich nutzlos. Zum Zeichen, wie wenig er diese Feindseligkeit beachte, antwortete der Dahcotah-Häuptling auf die Ladung mit einem schallenden Gelächter, und seinen Carabiner über das Haupt schwingend, machte er, von seinen auserlesenen Kriegern begleitet, einen Umkreis in der Steppe, als verachte er all diese ohnmächtigen Anstrengungen seiner Feinde. Da die Hauptmacht den geraden Weg fortsetzte, kam dieser auserlesene Haufen, von der wilden Darlegung seiner rohen Verachtung zurückkehrend, in den Nachzug, und nahm dort mit einer Geschicklichkeit und Uebereinstimmung seinen Platz ein, die zeigte, daß das Manöuver mit Vorbedacht gemacht worden. Ladung folgte schnell auf Ladung, bis der erzürnte Auswanderer trotz seines Widerstrebens genöthiget war, den Gedanken, seinem Feind mit so schwachen Mitteln zu schaden, aufzugeben. Er unterließ seine fruchtlose Anstrengung, und begann eine schnelle Verfolgung; gelegentlich eine Flinte abschießend, um die Garnison in Allarm zu bringen, die er klüglich unter dem Commando der furchtbaren Esther selbst zurückgelassen hatte. Auf diese Art wurde die Jagd mehrere Minuten fortgesetzt, während der die Reiter ihren Verfolgern allmählig zuvorkamen, obgleich diese den Lauf mit unglaublicher Ausdauer fortsetzten. Als der kleine blaue Punct sich an dem Himmel wie ein Eiland zeigte, das aus der Tiefe steigt, erhoben die Wilden gelegentlich ein Triumphgeschrei. Aber die Nebel des Abends sammelten sich schon über den ganzen östlichen Rand der Steppe, und ehe die Bande die Hälfte des Weges zurückgelegt, war der dunkle Rand des Felsen mit dem Gewölk des Hintergrundes zusammengeflossen. Gleichgültig gegen diesen Umstand, der ihre Pläne eher begünstigte als störte, setzte Mahtoree, der wieder an die Spitze geritten, seinen Weg mit der Genauigkeit eines Jagdhundes von der besten Zucht fort, und mäßigte nur ein wenig seine Eile, da die Pferde jetzt ganz außer Athem waren. Um diese Zeit ritt der Alte an Middletons Seite, und sprach zu ihm auf Englisch: »Das gibt wohl einen Raubzug, woran ich, ich muß es gestehen, nicht gern Theil haben möchte.« »Was wollt Ihr machen. Es würde gefährlich sein, uns den Schelmen hinter uns zu überlassen.« »Ja, Schelme sind es, mögen sie roth sein oder weiß. Thut, Junge, als sprächt Ihr von unserer Arznei, oder als lobtet Ihr die Teton-Pferde. Denn die Schelme hören gern den Ruhm ihrer Thiere, wie etwa eine thörichte Mutter in den Ansiedelungen das Lob ihres eigensinnigen Kindes erfreut. So, streichelt das Vieh, und legt Eure Hand auf die Zierrathen, womit die Rothhäute seine Mähne geschmückt haben; richtet Euer Auge auf das Eine und Euer Herz auf das Andere. Hört, wenn wir's klug anfangen, können wir mit Einbruch der Nacht diese Teton verlassen.« »Ein herrlicher Gedanke!« rief Middleton, dem der bewundernde Blick, womit Mahtoree die Lieblichkeit seiner Inez betrachtet hatte, so wie auch dessen spätere Anmaßung, ihr Schützer sein zu wollen, noch in peinlichem Andenken war. »Himmel! Welch ein schwaches Wesen ist der Mensch, wenn die Gaben der Natur in Büchergelehrsamkeit und weibischen Sitten zu Grunde gehen. Noch ein solcher Blick würde den Wichten neben uns gerade eben so deutlich sagen, daß wir gegen sie Complotte machen, als wenn wir es ihnen in ihrer Sprache in die Ohren raunten. Ei, ich kenne die T –l, sie sehen so unschuldig aus wie die spielenden Rehkälber, aber es ist kein einziger unter ihnen, der nicht ein Auge auf unsere geringsten Bewegungen hat. Daher muß Alles, was geschehen soll, mit Weisheit geschehen, um ihre List zu überlisten. So ist's recht; streichelt seinen Nacken und lächelt, als ob Ihr das Pferd prieset, und haltet Euer Ohr neben mir offen für meine Worte. Gebt Acht, daß Ihr Euer Thier nicht ermüdet, denn so wenig ich auch von Pferden verstehe, sagt mir doch die Vernunft, daß zu einem tüchtigen Ritt Athem gehört, und daß ein müdes Bein einen schlechten Lauf macht. Seid bereit auf das Signal, wenn Ihr den alten Hektor heulen hört Das erste Mal soll es Euch bereit halten, das zweite Mal müßt Ihr Euch von dem Haufen trennen, und das dritte Mal, hu – – Ihr versteht mich?« »Vollkommen, vollkommen,« sagte Middleton und zitterte vor Eifer, den Plan sogleich in's Werk zu setzen, und drückte die kleine Hand, die ihn umfaßte, an sein Herz. »Vollkommen; eilt, eilt!« »Ei, das Thier ist nicht faul,« fuhr der Streifschütz in der Tetonsprache fort und drückte sich zu gleicher Zeit vorsichtig durch den Haufen, bis er sich an Paul's Seite reiten sah. Er theilte ihm seinen Plan auf dieselbe bedächtige Weise mit, wie dem Andern. Der muthige, furchtlose Bienenjäger empfing die Nachricht mit Entzücken und erklärte seine Bereitwilligkeit, es mit der ganzen wilden Bande aufzunehmen, wenn es zu ihrem Plan nöthig sein sollte. Als der Alte von diesem Paar weggekommen, sah er sich um, die Lage zu entdecken, in der sich der Naturforscher befände. Der Doctor hatte mit unendlicher Mühe für sich und den Esel eine Stellung in der Mitte der Sioux behauptet, so lange als noch die geringste Ursache zu fürchten da war, es könnten Ismael's Geschosse in Contact mit seiner Person kommen. Als diese Gefahr sich gemindert, oder vielmehr ganz verschwunden war, lebte sein Muth wieder auf, während der seines Thiers zu sinken begann. Dieser gegenseitigen, aber sehr wichtigen Veränderung war es zuzuschreiben, daß der Reiter und der Esel jetzt unter der Abtheilung der Bande gesucht werden mußten, die gleichsam die Nachhut bildeten. Dahin also gelang es dem Streifschütz seine Stute zu lenken, ohne den Verdacht eines seiner listigen Gefährten zu erregen. »Freund,« begann der Alte, als er sich in einer zur Unterredung passenden Stellung befand; »würdet Ihr gerne ein Dutzend Jahre unter den Wilden mit geschorenem Kopf, einem bemalten Gesicht und vielleicht einem Schock Weiber und fünf oder sechs Kindern, halberzogen, die Euch Vater nennen würden, zubringen wollen?« »Unmöglich!« rief der erstaunte Naturforscher: »ich bin überhaupt nicht geneigt zu heirathen, und ganz besonders gegen alle Vermischung zwischen Varietäten einer Species , die nur dazu dienen, die Schönheit zu mindern und die Harmonie der Natur zu unterbrechen. Außerdem ist es eine beschwerdevolle Neuerung in der Ordnung der Nomenklatur.« »Ei, Ihr habt hinlänglich Grund für Euren Widerwillen gegen solch ein Leben; aber sollten die Sioux hübsch in ihre Dörfer zurückkommen, würde das Euer Loos sein, so gewiß nach dem Willen des Herrn die Sonne aufgeht und niedersinkt.« »Mich verheirathen mit einem Weib, das nicht geschmückt ist mit der Schönheit ihrer Species !« antwortete der Doctor; »welches Verbrechens hab' ich mich schuldig gemacht, daß so schreckliche Strafe meiner warten sollte? Jemanden gegen seinen Willen verheirathen, heißt der Menschennatur Gewalt anthun!« »Nun, da Ihr von Natur sprecht, hoffe ich, hat die Gabe der Vernunft nicht gänzlich Euren Hirnschädel verlassen,« entgegnete der Alte, und ein versteckter Ausdruck von Scherz spielte um die Winkel seiner Augen, und verrieth, daß ihm nicht ganz die Laune abging. »Ja, sie können Euch als einen ganz besondern Gegenstand ihrer Güte ausersehen, und Euch deßwegen an fünf oder sechs verheirathen. Ich hab' in meinem Leben begünstigte Häuptlinge gekannt, die zahllose Weiber hatten.« »Aber warum sollten sie diese Rache erdenken?« fragte der Doctor, dessen Haar sich aufrichtete, als besäße jede Fiber Empfindung; »welches Böse hab' ich gethan?« »Von der Art ist ihre Güte. Wenn sie erfahren, daß Ihr ein großer Arzt seid, werden sie Euch in den Stamm aufnehmen, ein mächtiger Häuptling wird Euch seinen Namen geben, und vielleicht auch seine Tochter, oder ein Weib oder zwei von seinen eigenen, die lange bei ihm gewohnt, und von deren Werth er aus Erfahrung urtheilen kann.« »Der Erhalter und Gründer der natürlichen Harmonie schütze mich!« rief der Doctor. »Ich fühle keine Zuneigung zu einer einzigen Gemahlin, viel weniger zu Dupletten und Tripletten aus derselben Classe. Ich werde gewiß eher zu fliehen suchen, als ich in eine so gewaltsame Vereinigung einwillige.« »So ist Vernunft in Euren Worten, aber warum nicht die Flucht, von der Ihr sprecht, sogleich versuchen?« Der Naturforscher sah sich furchtsam um, als wenn er geneigt wäre, sogleich eine Probe von seiner verzweifelten Anstrengung zu geben, aber die dunkeln Gestalten, welche auf jeder Seite bei ihm ritten, verdreifachten sich plötzlich an Anzahl, und das Dunkel, das sich schon dicht auf die Steppe herabgelassen, schien in seinen Augen den Glanz des Vollmonds zu bergen. »Es würde zu frühzeitig sein und die Vernunft verbietet es,« antwortete er. »Laßt mich, verehrungswürdiger Jäger, mit meinen Gedanken zu Rathe gehen, und wenn meine Pläne gehörig geordnet sind, will ich Euch meinen Entschluß mittheilen.« »Entschluß!« wiederholte der Alte und schüttelte den Kopf etwas verächtlich, als er seinem Pferd die Zügel schießen ließ und ihn unter die Stuten der Wilden trieb. »Entschluß ist kein Wort, das man in den Ansiedelungen gebraucht und an den Grenzen versteht. Kennt mein Bruder das Thier, worauf das Blaßgesicht reitet?« fuhr er fort und wandte sich an einen finsterblickenden Krieger in dessen Sprache, während er zugleich eine Bewegung machte, die ihn auf den Naturforscher und das sanfte Thier hinwies. Der Teton wandte einen Augenblick sich nach dem Esel, wollte aber nicht im mindesten die Verwunderung verrathen, die er mit all seinen Gefährten empfunden hatte, als er zuerst ein so seltenes Quadruped erblickte. Dem Streifschützen war nicht unbekannt, daß während Esel und Maulthiere bei jenen Stämmen in Gang kamen, die am nächsten bei Mexiko wohnten, sie dagegen so weit nördlich, wie die Wasser des la Plata nicht gewöhnlich waren. Er begnügte sich daher, das stumme Erstaunen, das so tief verborgen lag, in dem rohen Gesicht des Wilden zu lesen, und nahm dem gemäß seine Maßregeln. »Glaubt mein Bruder, daß der Reiter ein Krieger der Blaßgesichter ist?« fragte er, als er glaubte, es sei hinlängliche Zeit verflossen, um die friedliche Miene des Naturforschers zu untersuchen. Ein verächtlicher Blick, der über die Züge des Teton schoß, war selbst bei dem düstern Sternenlicht zu bemerken. »Ist ein Dahcotah ein Narr!« war die Antwort. »Sie sind eine weise Nation, deren Augen sich nie schließt; so wundere ich mich, daß sie nie den großen Arzt der Langmesser gesehen.« »Wagh!« rief der Andere und ließ seine volle Verwunderung aus seinen finstern, strengen Zügen bei der Ueberraschung hervorbrechen, wie wenn ein Blitzstrahl das Dunkel der Mitternacht erhellt. »Der Dahcotah weiß, daß ich nicht zweizüngig bin; er lasse seine Augen sich weiter öffnen; sieht er nicht einen großen Arzt?« Licht war nicht nöthig, um dem Wilden jenen Zug in dem in der That merkwürdigen Aeußern und Verhalten des Doctor Battius zurückzurufen. Wie die übrige Bande und nach der allgemeinen Gewohnheit der Indianer hatte dieser Krieger, während er nicht zuließ, daß ein Blick eitler Neugierde seine Mannheit entwürdige, nicht einen einzigen auszeichnenden Zug, der einen der Fremden charakterisiren könnte, sich entschlüpfen lassen. Er kannte die Art, Gestalt, die Kleidung die Züge, selbst die Farbe der Augen und des Haars eines jeden Großmesser, mit denen er so seltsam zusammengetroffen, und hatte ernst über den Ursachen gebrütet, die einen so sonderbar beschaffenen Haufen in die Höhlen der rohen Einwohner seiner vaterländischen Wüsten gebracht haben könnte. Er hatte schon die verschiedene Körperstärke des ganzen Haufens betrachtet und ihre Geschicklichkeit mit dem, was er für ihre Absicht hielt, verglichen. Krieger waren's nicht, denn die Großmesser, wie die Sioux, ließen ihre Weiber in den Dörfern, wenn sie den blutigen Pfad des Kriegs betraten. Dieselben Schwierigkeiten trafen ein, wenn man sie für Jäger oder Kaufleute nahm, jene beiden, Eigenschaften, unter denen gewöhnlich weiße Leute bei ihnen erschienen. Er hatte von einer großen Versammlung gehört, bei der die Menahashah oder Langmesser und die Washsheomantiqua oder Spanier zusammen geraucht hatten, als die letztern den erstern ihre vermeintlichen Rechte über jene weiten Gegenden verkauft hatten, durch die seine Nation seit so vielen Jahrhunderten in voller Freiheit hingewandert. Sein einfacher Verstand war nicht fähig gewesen, die Ursachen zu fassen, aus welchen ein Volk auf diese Art eine Oberherrschaft über die Besitzungen eines andern sich anmaßen könnte, und man wird sich leicht denken, daß bei dem eben vom Streifschützen bekommenen Wink er nicht ungeneigt war, sich einzubilden, es solle etwas von der geheimnißvollen Feinheit jenes magischen Einflusses, woran er so fest glaubte, von dem arglosen Gegenstand ihrer Unterredung zur Förderung jener wunderbaren Ansprüche angewandt werden. Er warf deßwegen bei der sich bewußten Hülflosigkeit alle Zurückhaltung und Würde in seinem Benehmen ab, wandte sich zu dem Alten und sagte, seine Arme ausstreckend, als wolle er dadurch zeigen, wie sehr er seiner Gnade überlassen sei; »möge mein Vater auf mich blicken. Ich bin ein Wilder der Steppen, mein Leib ist nackt, meine Hand wehrlos, meine Haut roth. Ich hab' die Pawnee, die Konza, die Omahaw, die Osagen und selbst die Langmesser geschlagen. Ich bin ein Mann unter Kriegern, aber ein Weib unter Beschwörern. Möge mein Vater sprechen; die Ohren des Tetons sind offen; er hört wie ein Reh auf den Schritt des Cougars. »Dies sind die Wege, die weisen und unerforschlichen Dessen, der allein das Gute zu unterscheiden weiß vom Bösen,« rief der Streifschütz auf Englisch aus. »Dem Einen gibt er List, dem Andern die Gabe der Männlichkeit. Es ist demüthigend und rührend, so ein edles Geschöpf, wie diesen, zu sehen, der in mancher blutigen Schlacht gefochten, und vor seinem Aberglauben sich beugt, wie ein Bettler, der sich die Knochen erbittet, die ihr vor die Hunde werfen würdet. Der Herr möge mir vergeben, daß ich mit der Unwissenheit des Wilden spiele, denn er weiß, ich thu' es nicht, aus Scherz über seinen Zustand oder aus eitler Prahlerei über den meinigen, sondern um ein Menschenleben zu retten, und Gerechtigkeit dem Bedrängten zu verschaffen, während ich die T – leien des Bösen zu nichte mache. »Teton,« fuhr er in dessen Sprache fort, »ich frage Euch, ist das nicht ein wunderbarer Arzt? Wenn die Dahcotah weise sind, werden sie die Luft nicht athmen, die er athmet, noch sein Kleid berühren. Sie wissen, daß der Wahconshecheh (böse Geist) seine Kinder liebt, und dem nicht den Rücken kehren wird, der ihnen Leid zufügt.« Der Alte gab diese Meinung auf eine bedeutungsvolle kurze Weise und ritt dann zur Seite, als habe er genug gesagt. Der Erfolg entsprach seinen Erwartungen. Der Krieger, an den er sich gewendet, theilte bald seine wichtige Nachricht den Uebrigen in der Nachhut mit, und in wenig Augenblicken war der Naturforscher Gegenstand allgemeiner Hochachtung und Ehrerbietung. Der Streifschütz, welcher wußte, daß die Eingebornen oft in der Absicht, sich ihn günstig zu machen, den bösen Geist verehrten, erwartete die Wirkung seiner List mit der Kaltblütigkeit eines Mannes, der nicht den geringsten Antheil an dem Erfolg nähme. Es dauerte nicht lange, und er sah eine dunkele Gestalt nach der andern das Pferd antreiben und schnell in den Mittelpunkt der Bande galoppiren, bis Weucha allein bei ihm und Obed blieb. Nur die Unempfindlichkeit dieses stumpfsinnigen Wilden, der immerfort den vermeintlichen Beschwörer mit einer Art dummer Bewunderung anstaunte, legte jetzt noch das einzige Hinderniß dem vollständigen Gelingen seiner List in den Weg. Vollkommen mit dem Charakter dieses Wilden bekannt, verlor der Alte keine Zeit, sich auch seiner zu entledigen. Er ritt zu ihm und sagte mit verstelltem Lispeln: »Hat Weucha von der Milch der Großmesser heute getrunken?« »Hugh!« rief der erstaunte Wilde, da sogleich jeder dumpfe Gedanke durch die Frage vom Himmel zur Erde herabgerufen ward. »Weil der große Capitain meines Volkes, der an der Spitze reitet, eine Kuh hat, die nie leer ist. Ich weiß, es wird nicht lange währen und er wird sagen: haben einige meiner rothen Brüder Durst?« Die Worte waren kaum ausgesprochen, als Weucha ebenfalls sein Thier antrieb und bald mit den Uebrigen in der schwarzen Gruppe sich mischte, die wenig vor ihm in langsamerem Schritt ritten. Der Streifschütz, welcher wußte, wie häufig und plötzlich die Veränderungen in einem wilden Gemüth seien, verlor keinen Augenblick, seinen Vortheil zu benutzen. Er ließ seiner ungeduldigen Stute den Zügel schießen, und war in einem Augenblick wieder bei Obed. »Seht Ihr den glitzernden Stern, der etwa auf vier Büchsenschuß Länge über der Steppe hierherum sein mag, gegen Norden, mein' ich.« »Ei, er ist von der Constellation – –« »Den T –l mit Euren Constellationen, Mann; seht Ihr den Stern, den ich meine? Sagt mir auf gut Englisch ja oder nein!« »Ja.« »Sobald ich mich umwende, laßt Eurem Esel den Zügel schießen, bis Ihr den Wilden aus dem Gesichte kommt. Dann nehmt den Herrn zu Eurem Schutz und diesen Stern zum Führer. Weicht weder zur Rechten noch zur Linken, sondern benutzt Eure Zeit, denn Euer Thier ist nicht schnell genug zu Fuß, um jeder Zoll der Steppe, den Ihr gewinnt, ist ein Tag, den Ihr Eurem Leben und und Eurer Freiheit hinzufügt.« Ohne die Fragen zu erwarten, zu denen der Andere sich anschickte, ließ der Alte wieder seinem Pferde die Zügel schießen, und alsbald verlor auch er sich in der Gruppe vornen. Obed war jetzt allein. Der Esel gehorchte willig dem Wink, den sein Herr bald mehr aus Verzweiflung, als weil er sich der Anweisung deutlich bewußt gewesen, die er empfangen, ihm gab; er ritt langsamer. Da die Teton aber stets galoppirten, war nur ein Augenblick nöthig, sie gänzlich aus seinem Gesicht zu bringen. Ohne Plan, Erwartung und Hoffnung irgend einer Art, nur mit dem Wunsch, seinen gefährlichen Nachbarn zu entgehen, suchte sich der Doctor zuerst durch Fühlen zu versichern, ob das Gepäck, das die traurigen Ueberreste seiner Specima und Noten enthielt, sicher hinter ihm verwahrt sei, wandte dann sein Thier nach der bezeichneten Richtung, kniff ihn mit einer Art Wuth, und war bald so glücklich, die Eile des geduldigen Thiers zu einem kurzen Trab zu erhöhen. Er war kaum in eine Höhlung hinabgejagt, und hatte die daranliegende Höhe erstiegen, als er in gutem Englisch aus den Kehlen von zwanzig Teton seinen Namen hörte, oder vielmehr ihn zu hören glaubte. Diese Täuschung gab seinem Eifer neuen Schwung, und kein Tanzmeister übte je größere Geschicklichkeit, als der Naturforscher jetzt mit seinen Fersen auf des Esels Rippen an den Tag legte. Diese Reibung dauerte ohne Unterbrechung mehrere Minuten, und allem Anschein nach würde sie bis jetzt gewährt haben, hätte nicht das stille Gemüth des Thiers selbst eine ungewohnte Erregung gezeigt. Der Weise, worin sein Herr seine Tätigkeit äußerte, nachahmend, änderte Asinus in so weit die Bewegung seiner eigenen Hufe, daß er sie zugleich in unwilligem Schwung in die Luft warf; eine Maßregel, die alsbald den Streit zu seinen Gunsten entschied. Obed verließ seinen Sitz, als eine Position, die nicht länger haltbar sei, setzte jedoch seine Flucht in derselben Richtung fort, während der Esel, als Sieger, Besitz von dem Schlachtfeld nahm, und die trockenen Kräuter, Früchte seiner Tapferkeit, abzuweiden begann. Als Doctor Battius wieder auf seine Füße gekommen war und sich gesammelt hatte, da seine Geisteskräfte durch die übereilte Weise, wie er seine frühere Lage verlassen, sehr in Unordnung gerathen waren, wandte er um, seine Pflanzen und seinen Esel zu suchen. Asinus war hochherzig genug, die Zusammenkunft eine friedliche sein zu lassen, und so setzte der Naturforscher die nöthige Reise mit sehr löblichem Eifer, aber gemäßigter fort. Indeß hatte der alte Streifschütz die wichtigen Bewegungen, deren Leitung er selbst über sich genommen, nicht aus dem Auge verloren. Obed hatte sich nicht geirrt, als er vermuthete, daß er schon vermißt und gesucht werde, wiewohl seine Einbildungkraft gewisses wildes Geschrei zu den wohlbekannten Tönen, die seinen lateinischen Namen bildeten, verfälscht hatte. Das Wahre war kurz dieses. Die Krieger des Nachtrupps hatten nicht versäumt, die vor ihnen mit dem mysteriösen Charakter bekannt zu machen, in welchem der Streifschütz den arglosen Naturforscher hatte darstellen wollen. Dieselbe unbegrenzte Bewunderung, welche bei dieser Nachricht die hinten nach vornen getrieben hatte, trieb jetzt viele von der Spitze zu dem Nachtrupp. Der Doctor war aber fort, und das Geschrei war nur der wilde Ruf, den sie im ersten Anfall ihres wilden Befremdens erhoben hatten. Aber Mahtoree's Ansehn unterstützte kräftig den Scharfsinn des Streifschützen im Unterdrücken dieses gefährlichen Lärmens. Als die Ordnung hergestellt war, und jener die Ursache erfuhr, warum seine Leute solche Unvorsichtigkeit gezeigt, sah der Alte, der an seine Seite gekommen, mit Bestürzung den Strahl hohen Mißtrauens, der in seinem schwarzen Gesicht blitzte. »Wo ist Euer Beschwörer?« fragte der Häuptling, und wandte sich plötzlich zum Streifschützen, als wolle er ihn für die Wiedererscheinung Obed's verantwortlich machen. »Kann ich meinem Bruder die Zahl der Sterne sagen? Die Wege eines großen Arztes sind nicht gleich den Wegen anderer Leute.« »Hör', Graukopf, und erwäge meine Worte,« fuhr der Andere fort und neigte sich auf seinen rohen Sattelknopf, wie ein gebildeter Reiter, und sprach in den stolzen Worten oberster Gewalt: »die Dahcotah haben kein Weib zu ihrem Anführer gemacht; wenn Mahtoree die Macht eines großen Zauberers empfindet, wird er zittern, – bis dahin, will er selbst sehen, ohne sich die Augen von einem Blaßgesichte zu borgen. Wenn Euer Beschwörer nicht bis morgen bei seinen Freunden ist, sollen meine Leute nach ihm sehen. Eure Ohren sind offen. Genug.« Dem Streifschützen gefiel's nicht übel, daß so lange Frist gewährt worden. Er hatte schon vorher sich zu glauben veranlaßt gesehen, der Teton-Häuptling sei einer jener kühnen Geister, die die Schranken überschreiten, welche Gewohnheit und Erziehung den Meinungen des Menschen in jedem Stande der Gesellschaft setzen, und sah nun deutlich, er müsse, um diesen zu täuschen, eine andere List ersinnen, als die gewesen, welche ihm so wohl bei seinen Begleitern geglückt war. Die plötzliche Erscheinung des Felsens jedoch, der eine dunkle, zackige Masse aus der Dunkelheit hervorstreckte, machte für jetzt dem Gespräch ein Ende, da Mahtoree alle seine Gedanken auf die Ausführung seiner Pläne gegen den Rest von des Auswanderers Habe richtete. Ein Murmeln lief durch die Bande, als jeder finstere Krieger den ersehnten Haven zu Gesicht bekam, und dann hatte das zarteste Ohr vergebens sich anstrengen mögen, ein lauteres Geräusch zu vernehmen, als das Rascheln der Tritte in dem hohen Gestrüpp der Steppe war. Aber Esther's Wachsamkeit konnte nicht leicht hintergangen werden; sie hatte lange ängstlich auf die verdächtigen Töne gelauscht, die über die nackte Wüste sich dem Felsen näherten, und den plötzlichen Ruf der Wachen des Felsens nicht überhört. Die Wilden, welche in geringer Entfernung abgestiegen waren, hatten nicht Zeit, sich in ihrer gewohnten stillen, nachstellenden Weise um den Fuß des Hügels herumzuziehen, als schon die Stimme der Amazone in der Stille des Orts sich erhob und furchtlos fragte: »Wer ist unten? Antwortet, es gilt Euer Leben! Sioux oder T – l, ich fürcht' Euch nicht!« Der Ausforderung ward nichts erwiedert, und jeder Krieger, sicher, seine dunkle Gestalt schwimme mit den Schatten der Ebene zusammen, hielt, wo er stand. In diesem Augenblick entschloß sich der Streifschütz zu entwischen. Er war mit den übrigen seiner Freunde unter der Bewachung derer, denen auch die Aufsicht über die Pferde gegeben worden war, zurückgelassen worden, und da sie alle zu Pferde blieben, schien der Augenblick dem Plane günstig. Die Aufmerksamkeit der Wachen war auf den Felsen gerichtet, und eine dunkle Wolke, die in diesem Augenblick über ihnen hintrieb, verfinsterte selbst das schwache Licht, das von den Sternen kam. Der Alte lehnte sich auf den Nacken seines Pferdes und flüsterte: »Wo ist mein Kleiner? Wo ist er? Hektor! Wo ist der Hund!« Das Thier hörte die wohlbekannten Töne und antwortete mit einem freundlichen Winseln, das in ein durchdringendes Heulen auszubrechen drohte. Der Streifschütz wollte sich von seiner gelungenen That erheben, als er Weuchas Hand an seiner Kehle fühlte, wie wenn sie entschlossen sei, seine Stimme durch den kurzen Prozeß der Erdrosselung zu unterdrücken. Diesen Umstand benutzend, erhob er einen zweiten leisen Ruf, als sei er nur die natürliche Anstrengung, zu Athem zu kommen, und erhielt einen zweiten antwortenden Ton von dem Hunde. Weucha ließ sogleich den Herrn los, um seine Rache an dem treuen Diener auszuüben. Aber man hörte wieder Esther's Stimme, und jeder andere Plan ward im Lauschen aufgegeben. »Ei, winselt und verstellt eure Kehlen, soviel ihr wollt, ihr Ungeziefer des Dunkels,« sagte sie mit einem verächtlichen Lachen; »ich kenn' euch; wartet, ihr sollt Licht zu euern Unthaten haben. Wirf die Kohlen hinein, Phöbe, die Kohlen; dein Vater und die Burschen sollen sehen, daß man sie zu Haus braucht, um ihre Gäste zu bewillkommnen!« Selbst als sie noch sprach, sah man ein helles Licht, wie das eines glanzenden Sterns, auf der Spitze des Felsen, und dann folgte eine züngelnde Flamme, die für einen Augenblick in den Windungen eines Ungeheuern Strohhaufens sich hinschlängelte, dann in einem Strahl aufschoß, in der bewegten Luft hin und her brauste und mit glänzender Helle alle Gegenstände in ihrem Bereich bestrahlte. Ein erschütterndes Gelächter hörte man von der Höhe, in das sich Stimmen von jedem Alter mischten, als triumphirten sie, daß sie der Teton verrätherische Plane so glücklich an's Licht gebracht. Der Streifschütz blickte umher, sich über die Lage seiner Freunde zu unterrichten. Den Zeichen treu, hatten Middleton und Paul sich ein wenig bei Seite gezogen und standen jetzt allem Anschein nach bereit, bei dem dritten Schrei ihre Flucht zu beginnen. Hektor war seinem wilden Verfolger entwischt und krümmte sich wieder an die Hufe von seines Herrn Pferd. Aber der weite Lichtkreis vermehrte sich allmählich in Ausdehnung und Stärke, und der Alte, dessen Auge und Urtheil ihn selten trog, erwartete geduldig einen günstigeren Augenblick für seine Unternehmung. »Nun, Ismael, Mann, wenn Gesicht und Arm treu sind, wie je, ist eine Gelegenheit da, auf diese Rothhäute loszuschlagen, die all' dein Eigenthum, selbst dein Weib und deine Kinder sich zueignen wollen. Nun, mein guter Mann, zeig' deiner Abstammung, deines Namens dich würdig!« Ein fernes Geschrei hörte man in der Richtung des herankommenden Haufens des Wanderers, das der weiblichen Garnison andeutete, daß Hülfe nicht mehr fern sei. Esther antwortete den angenehmen Tönen durch einen Schrei von ihren eignen und erhob ihre Gestalt im ersten Freudenausbruch auf eine Weise über den Felsen hervor, daß sie denen unten ganz sichtbar wurde. Nicht zufrieden mit dieser gefährlichen Preisgebung ihrer selbst, wollte sie ihre Hände frohlockend zusammenschlagen, als Mahtoree's dunkle Gestalt in das Licht sprang und sie ihr auf den Rücken band. Drei andere Krieger sprangen auf den Gipfel des Felsens gleich nackten Dämonen, die durch die Wolken sausen. Die Luft ward mit Bränden von dem Lärmzeichen angefüllt, und dann folgte tiefes Dunkel, nicht unähnlich jenem, wenn die letzten Sonnenstrahlen durch den herankommenden Mond ausgeschlossen werden. Nun stießen die Wilden ihrerseits ein Triumphgeschrei aus, das von einem langen, lauten Winseln des Hundes mehr begleitet, als abgelöst ward. In einem Augenblick war der Alte zwischen Middletons und Paul's Pferden und streckte eine Hand nach dem Zaum eines jeden aus, um die Ungeduld der Thiere zu mäßigen. »Langsam, langsam,« lispelte er; »ihre Augen sind seltsam für einen Augenblick geschlossen, als hätte der Herr sie mit Blindheit geschlagen; aber ihre Ohren sind offen. Langsam, langsam; fünfzig Schritte, wenigstens, dürfen wir nicht schneller eilen, als man geht.« Die fünf Minuten, welche folgten, schienen Allen, den Streifschützen ausgenommen, wie ein Jahrhundert. Als sie wieder sehen konnten, schien es Jedem, als ob das augenblickliche Dunkel, das auf das Auslöschen der Feuersäule folgte, durch so helles Licht wie das des Vollmonds ersetzt werden würde. Doch allmählich ließ der Alte die Thiere ihre Schritte beschleunigen, bis sie den Mittelpunkt eines Steppengrundes erreicht hatten. Dann auf seine stille Weise lachend, ließ er die Zügel los und sagte: »Nun lasst sie ihre Beine anstrengen; aber haltet euch auf dem alten Gestrüpp, um das Geräusch zu dämpfen.« Wir brauchen nicht erst zu sagen, wie gern man ihm folgte. In wenigen Minuten stiegen sie einer Anhöhe hinauf und durchritten sie, worauf die Flucht mit der größten Eile fortgesetzt ward; wie die arbeitende Barke nach dem Lichte steuert, das den Weg zum Haven und Schutz andeutet, so behielten sie stets den angezeigten Stern im Auge. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Die Wolken und die Strahlen, die umhüllten Mit ihrem Schatten, ihrem Glanz den Blick; Sie ließen in den schweigenden Gefilden Von ihrem Lauf auch keine Spur zurück. Montgomery.   Eine Stille, tief wie die, welche die düstern Wüsten vor ihnen auszeichnete, ward von den Flüchtlingen beobachtet, um die Stelle zu unterscheiden, welche sie eben verlassen hatten. Selbst der Streifschütz bot seine geübte Erfahrung vergebens auf, um etwas von den wohlbekannten Zeichen zu entdecken, welche hätten verrathen können, daß die Feindseligkeiten wirklich zwischen dem Haufen des Mahtoree und Ismael angefangen; ihre Pferde brachten sie außer dem Bereich der Töne, ohne ihnen das geringste Zeichen von dem Vorgefallenen zu gestatten. Der Alte murmelte von Zeit zu Zeit sein Befremden, verrieth aber die Unruhe, die er wirklich fühlte, durch nichts weiter, als vielleicht dadurch, daß er steigende Aengstlichkeit im Antreiben der Thiere zeigte. Er hatte im Vorübereilen auf jene verlassene Erhöhung hingedeutet, wo die Familie des Auswanderers sich zur Nacht gelagert, als sie dem Leser zum ersten Mal vorgeführt wurde, und behielt hernach sein vielbedeutendes Schweigen bei; vielbedeutend, weil seine Gefährten schon genug von seinem Charakter gesehen hatten, um sich zu überzeugen, daß die Umstände in der That gefährlich sein müßten, welche die Gewalt besaßen, die wohlbegründete Ruhe des Alten zu trüben. »Haben wir nicht genug gethan?« fragte Middleton aus Zärtlichkeit gegen Inez und Ellen, die nach einigen Stunden nicht mehr im Stande waren, so große Ermüdung zu ertragen; »wir sind hart zugeritten und haben eine weite Strecke zurückgelegt. Es ist Zeit, einen Ruheplatz zu suchen.« »Dann müßt Ihr ihn im Himmel suchen, wenn Ihr zu weiterem Marsch unfähig seid,« murmelte der alte Streifschütz. »Wären die Teton und der Wanderer hinter einander gekommen, wie man hätte vermuthen mögen, sie geneigt wären, dann hätten wir wohl Zeit, uns umzusehen, und nicht allein die Zufälle, sondern auch die Bequemlichkeiten der Reise zu berechnen; aber wie es jetzt steht, würde es uns gewissen Tod oder endlose Gefangenschaft bereiten, wenn wir unsere Augen dem Schlaf überlassen wollten, ehe unsere Häupter sicher in einem ungewöhnlichen Versteck verborgen sind.« »Ich weiß es nicht,« entgegnete der ungeduldige Jüngling, der mehr auf die Leiden des zarten Wesens, das er unterstützte, als auf die Erfahrung seines Gefährten achtete; »ich weiß es nicht. Wir sind Meilen geritten, und ich kann keine besondern Zeichen von Gefahr sehen; wenn Ihr für Euch fürchtet, guter Freund, glaubt mir, Ihr irrt, denn – –« »Euer Großvater, lebte er und wäre er hier,« unterbrach ihn der Alte, streckte seine Hand aus, und legte mit Ausdruck einen Finger auf Middletons Arm; »der hätte nicht so gesprochen; er hatte einige Ursache, zu meinen, im Frühling meiner Tage, als mein Auge schärfer war als das des Falken, und meine Glieder so schnell als die Schenkel des Rehs, hätte ich nie zu fest und freudig am Leben gehangen; warum sollte ich nun jetzt eine so kindische Liebe zum Leben fühlen, da ich weiß, daß es eitel ist und der Gefährte der Mühe und Arbeit. Mögen die Teton ihr Schlimmstes thun, sie werden einen armen, abgelebten Streifschützen finden, der aber in seinen Klagen und Bitten nicht der lauteste sein wird.« »Verzeiht mir, mein würdiger, unschätzbarer Freund,« rief der reuige Jüngling, und ergriff gerührt die Hand, welche dieser wegziehen wollte; »ich wußte nicht, was ich sagte, oder vielmehr ich dachte nur an jene, deren Zärtlichkeit wir besonders beachten müssen.« »Genug. Es ist Natur und recht. Darin würde Euer Großvater dasselbe gethan haben. Ach, wie viel Jahrszeiten, heiße und kalte, nasse und trockene, sind über meinen armen Kopf hingeflogen, seit wir zusammen jagten unter den rothen Huronen der See'n, bis zurück in jene rauhen Gebirge von alt York, und mancher edle Bock ist seitdem durch meine Hand gefallen, ja, und auch mancher diebische Mingo. Sagt mir, Junge, erzählte der General, denn General, weiß ich, ist er geworden, erzählte er Euch je von dem Thier, das wir jagten in der Nacht, wo die Wegelagerer von dem verfluchten Stamm uns in die Höhlen auf der Insel trieben, und wie wir speisten und tranken in Sicherheit?« »Ich hab' ihn oft die geringsten Umstände von der Nacht, die Ihr meint, erwähnen hören; aber – –« »Und der Sänger und seine offene Kehle und sein Schreien im Gefecht?« fuhr der Alte fort, und lachte freudig über die Stärke seiner Erinnerung. »Alles, Alles; er vergaß nichts, bis zum geringsten Umstand. Wißt Ihr nicht – –« »Was, erzählte er Euch von dem Wicht hinter dem Stamm, – von dem armen Teufel, der über den Wasserfall kam, – oder von dem Schurken im Baum?« »Von jedem, mit Allem, was dahin gehörte. Ich sollte denken – –« »Ei,« fuhr der Alte in einem Tone fort, welcher verrieth, wie stark seine Geistesfähigkeiten den Eindruck des Auftritts festhielten; »ich bin ein Bewohner der Wälder und der Wildniß siebzig Jahre lang gewesen, und wenn einer behaupten kann, er kenne die Welt, oder habe schreckliche Scenen gesehen, so bin ich's. Aber nie vorher, noch nachher habe ich einen Menschen in einem solchen Zustand köstlicher Verzweiflung gesehen, als eben jenen Wilden, und doch wollte er nicht sprechen oder rufen oder seine verlorene Lage gestehen! Es ist ihr Charakter so, und edel behauptete er ihn.« »Hört, alter Streifschütz,« fiel Paul ein, der zufrieden, daß seine Brust von einem von Ellens reizenden Armen umschlungen werde, bis jetzt in ungewöhnlichem Schweigen geritten war; »meine Augen sind so sicher und genau als die eines Summvogels bei Tage, aber bei Sternenlicht taugen sie nicht besonders. Ist das ein kranker Büffel, der sich am Boden dort hinschleppt, oder ist es eine von den herumstreichenden Kühen der Wilden?« Die ganze Gesellschaft richtete sich auf, um den Gegenstand zu untersuchen, auf den Paul hingewiesen hatte. Meistens waren sie in den kleinen Thälern geritten, um in den Schatten Schutz zu suchen, aber gerade jetzt waren sie einer Erhöhung in der Steppe hinaufgestiegen, um denselben Grund zu durchreiten, wo dies unbekannte Thier erblickt worden. »Laßt uns absteigen,« sagte Middleton, »mag es Thier oder Mensch sein, wir sind zu stark, um uns zu fürchten.« »Nun wenn es nicht moralisch unmöglich wäre,« rief der Streifschütz, der, wie der Leser schon bemerkt haben muß, nicht immer genau in dem Gebrauch der Beiwörter war, »wenn es nicht moralisch unmöglich wäre, würde ich behaupten, es sei der Mann, der auf Ungeziefer und Insecten Jagd macht; unser Reisegefährte, der Doctor.« »Warum unmöglich? Habt Ihr ihn nicht angewiesen, diesen Weg zu nehmen, um zu uns zu stoßen?« »Ei, aber ich sagte ihm nicht, er solle es mit seinem Esel einem Pferde zuvorthun, – Ihr habt Recht, – ja, es ist so,« sagte der Streifschütz, und unterbrach sich selbst, als mit der allmählig verminderten Entfernung zwischen ihnen, seine Augen sich versicherten, es sei Obed und Asinus, was er sah, »Ihr habt Recht, so gewiß es ein Wunder ist; Himmel, was thut doch die Furcht! Nun, Freund, Ihr seid eifrig gewesen, um so weit in so kurzer Zeit zu kommen. Ich bewundere die Schnelligkeit des Esels.« »Asinus ist erschöpft,« erwiederte der Naturforscher traurig. »Das Thier ist wahrhaftig nicht faul gewesen, seit wir uns trennten, aber er weist alle meine Ermahnungen und Aufforderungen zurück, weiter zu gehen. Ich hoffe, wir brauchen für den Augenblick uns vor den Wilden nicht zu fürchten.« »Ich kann es nicht sagen, ich weiß nicht; es ist nicht so zwischen dem Wanderer und den Teton, wie es sein sollte, auch will ich bis jetzt für die Sicherheit keines unserer Köpfe stehen. Das Thier ist zu Grunde gerichtet; Ihr habt es über seine Kräfte angestrengt, es ist wie ein ausgemergelter Hund. Mitleid und Maß und Ziel muß bei allem sein, selbst wenn Jemand auf Tod und Leben reitet.« »Ihr zeigtet mir den Stern,« entgegnete der Doctor, »und ich hielt es für gut, mit der größtmöglichen Schnelligkeit die Richtung zu verfolgen.« »Wolltet Ihr etwa in ihn durch solche Eile? Geht, Ihr sprecht stolz von den Geschöpfen des Herrn, obwohl ich deutlich sehe, daß Ihr nur ein Kind in dem seid, was ihre Naturgaben und ihren Instinkt angeht. In welcher Noth würdet Ihr Euch jetzt befinden, wenn wir unsere Thiere lang und stark anstrengen müßten.« »Der Fehler liegt in der Bildung des Quadruped's,« sagte Obed, dessen ruhiges Gemüth sich über so viele schwere Vorwürfe zu empören anfing. »Wären rotirende Hebel Schöne Geister begegnen sich; dasselbe hatte schon der ehrliche Polwarth in »Lionel Lincoln« gemeint. statt der beiden Beine dagewesen, würde ihm die Hälfte der Ermüdung erspart worden sein, den – –« »Weg mit Eurem Rotiren und Halbiren und dergleichen; ein matter Esel ist ein matter Esel, und wer es leugnet ist sein Bruder. Nun, Capitain, müssen wir zwischen zwei Uebeln wählen, entweder diesen zurücklassen, der zu viel unser Glück und Unglück getheilt hat, um leicht aufgegeben zu werden, oder ein Versteck aufsuchen, um das Thier ausruhen zu lassen.« »Verehrungswürdiger Jäger!« rief der beunruhigte Obed; »ich beschwör' Euch bei der geheimen Sympathie unserer gemeinsamen Natur, bei all den versteckten« »Ah, die Furcht läßt ihn doch jetzt ein wenig vernünftig reden! Es ist nicht Natur in der That, einen Bruder in der Noth zu verlassen, und der Herr weiß, daß ich nie so etwas Schändliches gethan. Ihr habt Recht, Freund; wir müssen uns alle verstecken und das schnell. Aber was mit dem Esel machen? Freund Doctor, schätzt Ihr wirklich sein Leben?« »Er ist ein alter, treuer Diener,« entgegnete der trostlose Obed, »und ungern würde ich ihm ein Leid widerfahren sehen. Bindet seine untern Gliedmassen und laßt ihn in dem Blätterbett ruhen. »Ich stehe dafür, wir werden ihn am Morgen finden, wo wir ihn gelassen haben.« »Und die Sioux? Was würde aus dem Thier werden, wenn die rothen Schelme seine Ohren wie zwei Wollkrautstengel über das Gras hervorpiepen sähen,« rief der Bienenjäger. »Sie würden ihn mit Pfeilen bespießen, gleich einem Weiberkissen voll Nadeln, und dann Wunders meinen, was Großes sie gethan! Welch' ein Kaninchen sie gejagt, aber mein Wort darauf, beim ersten Bissen würden sie ihren Fang erkennen!« Middleton, der bei dem fortgesetzten und in die Länge gezogenen Gespräch ungeduldig zu werden begann, schlug sich jetzt in's Mittel, und da man seinen hohen Rang sehr verehrte, gelang es seinen Anstrengungen bald, eine Art von Vertrag zu Stande zu bringen. Der demüthige Asinus, zu sanft und müde, um Widerstand zu leisten, war bald gefesselt und auf eine Streu welken Grases gelegt, wo man ihn mit der festen Ueberzeugung ließ, sein Herr werde ihn nach Verfluß einiger Stunden wieder finden. Der Alte war sehr gegen diese Vorkehrung, und gab mehr als einmal zu verstehen, daß das Messer weit sicherer als der Strick sei; aber Obed's Bitten, unterstützt vielleicht durch den geheimen Widerwillen, den der Streifschütz selbst gegen das Schlachten des Thiers empfand, retteten ihm das Leben. Als Asinus so gesichert und versteckt war, wie sein Herr wenigstens glaubte, schickte sich die ganze Gesellschaft an, eine Stelle aufzusuchen, wo auch sie während der für das Thier nöthigen Ruhe sich erholen könnten. Nach den Berechnungen des Streifschützen waren sie zwanzig Meilen seit ihrer Flucht geritten. Die zarte Gestalt der Inez begann bei der außerordentlichen Anstrengung kraftlos zu werden, und selbst die stärkere aber immer weibliche Natur Ellens war nicht unempfindlich gegen die übermäßige Ermüdung. Middleton selbst sehnte sich nach Ruhe, auch nahm der kräftige, muthige Paul keinen Anstand, zu erklären, daß durch etwas Erholung alles besser werden würde. Der Alte allein schien gleichgültig gegen die gewöhnlichen Aufforderungen der Natur. Obgleich nur wenig an die ungewöhnliche Art von Bewegung gewöhnt, die er sich eben gemacht, schien er doch allen Angriffen menschlicher Hinfälligkeit Trotz zu bieten. Offenbar ihrer Auflösung nahe, stand seine geschwächte Gestalt noch wie der Stamm einer alten Eiche, trocken, nackt und vom Wetter gepeitscht, aber ungebeugt, und, so schien es, zur Festigkeit eines Steins abgehärtet. Bei der gegenwärtigen Gelegenheit betrieb er das Suchen nach einem Ruheplatz, das sogleich begann, mit aller Energie der Jugend, gemäßigt durch die Ueberlegung und Erfahrung seines hohen Alters. Das Graslager, wo man auf den Doctor getroffen, und seinen Esel eben zurückgelassen hatte, ward noch auf eine geringe Entfernung verfolgt, bis man fand, daß die wellenförmigen Erhöhungen der Steppe sich in eine große, weite Ebene verloren, die meilenweit mit derselben Art Gras bedeckt war. »Ah, das mag's thun,« sagte der Alte, als sie an die Grenzen dieses, See's von falbem Gestrüpp kamen, »ich kenne die Stelle, und habe oft in ihren verborgenen Schluchten gelegen, Tage lang; während die Wilden auf dem offenen Grund den Büffel jagten. Wir müssen ihn sehr vorsichtig betreten, denn tiefe Spur könnte gesehen werden, und indianische Neugier ist ein gefährlicher Nachbar.« Selbst vorangehend, wählte er eine Stelle aus, wo das hohe, wilde Gestrüpp am höchsten stand, und dadurch an Höhe und Dichte einem Schilfboden nicht unähnlich ward. Dahin ging er, allein, und wies die Andern an, so viel als möglich in seine eigenen Fußstapfen zu treten. Als sie einige hundert Schritte in der Wildniß des Gesträuchs zurückgelegt, gab er Paul und Milddleton ihre Anweisung, die tiefer eindrangen, während er abstieg und an den Rand der Wiese zurückging. Hier brachte er mehrere Minuten damit zu, das niedergetretene Gras wieder aufzurichten, und, so weit es möglich, jede Spur ihrer Tritte zu verwischen. Indeß setzte der übrige Theil seinen Weg fort, nicht ohne Mühe, und also in sehr mäßiger Eile, bis sie eine Meile weit in die Stelle eingedrungen. Hier fanden sie einen Ort, der für ihre Absicht paßte, stiegen ab und fingen an ihre Vorkehrungen zu treffen, um da den übrigen Theil der Nacht zuzubringen. Jetzt war auch der Streifschütz zu ihnen zurückgekommen, und unterzog sich wieder der Leitung ihrer Geschäfte. Das Gestrüpp und Gras war bald von einem beträchtlichen Stück Land ausgerissen und abgeschnitten, und eiligst wurde für Inez und Ellen, ein wenig bei Seite, ein Bett bereitet, das in Weichheit und Bequemlichkeit mit einem von Eiderdunen hatte streiten können. Die erschöpften Frauen begaben sich nun, nachdem sie einige leichte Erfrischungen aus Paul's und des Alten Vorräthen zu sich genommen, zur Ruhe, und ließen ihren stärkern Begleitern die Freiheit, für ihre eigenen Bedürfnisse nun zu sorgen, Middleton und Paul folgten bald dem Beispiel ihrer Verlobten und ließen den Streifschützen und Naturforscher um ein saftiges Stück Bisonfleisch sitzen, das bei einem vorigen Halt gekocht worden und jetzt, wie gewöhnlich, kalt gegessen ward. Eine gewisse noch zurückbleibende Erregung, die so lange in Obed's Gemüth sich behauptet, verbannte noch den Schlaf, und was den Alten betraf, hatten sich seine Bedürfnisse durch Gewohnheit und Noth so sehr seinem Willen unterworfen, daß sie beinahe in jedem Augenblick von seinem Willen abhing. Wie sein Gefährte wollte er daher wach bleiben, und beobachten. »Wenn die Kinder der Gemächlichkeit und Sicherheit die Mühen und Gefahren der Naturforscher kennten, die sie ihretwegen erdulden,« sagte Obed nach einem Augenblick Stille, als Middleton ihnen gute Nacht gesagt hatte, »sie würden ihnen Säulen von Silber und Statuen von Erz errichten, als dauernde Zeichen ihres Ruhms.« »Ich weiß nicht,« entgegnete der Andere, »Silber ist gar nicht häufig, wenigstens nicht in der Wildniß, und eherne Götzen sind in den Gesetzen Gottes verboten.« »Das war die Meinung des großen Gesetzgebers der Juden; aber die Aegypter und Chaldäer, die Griechen und Römer pflegten ihre Dankbarkeit in jenen Musterbildern der Menschengestalt an den Tag zu legen. In der That, viele der ausgezeichneten Meister des Alterthums haben mit Hülfe der Kunst und Geschicklichkeit die Werke der Natur selbst übertroffen, und eine Schönheit und Vollkommenheit in der Menschengestalt dargestellt, die schwer in dem seltensten lebendigen Specimen von einer der Species des Genus: homo zu finden sind.« »Können Eure Götzenbilder gehen oder sprechen, oder haben sie die glorreiche Gabe der Vernunft?« fragte der Streifschütz etwas unwillig; »obgleich nur wenig geneigt, mich in dem Geräusch und Lärm der Ansiedelungen herumzutreiben, bin ich doch meiner Zeit in den Städten gewesen, um Pelzwerk für Pulver und Blei umzusetzen und oft hab' ich eure wächserne Dinger gesehen, mit ihrem Flitterstaat und ihren Glasaugen.« »Wächserne Dinger!« fiel Obed ein, »es ist eine Entweihung in den Augen der Kunst, die elenden Machwerke der Wachsfigurenhändler den reinen Mustern des Alterthums zu vergleichen.« »Es ist Entweihung in den Augen des Herrn,« versetzte der Alte, »die Werke seiner Geschöpfe der Macht seiner Hand zu vergleichen.« »Verehrungswürdiger Jäger,« fuhr der Naturforscher fort und räusperte sich, wie wenn man sehr eifrig ist, »laßt es uns verständig und in Freundschaft untersuchen. Ihr sprecht von dem Troß der Unwissenheit, während meine Gedanken über jenen kostbaren Juwelen schweben, welche ich früher so glücklich war, unter den gehäuften Schätzen der alten Welt zu sehen.« »Alte Welt!« versetzte der Streifschütz, »das ist der armselige Schrei all der halbverhungerten Wichte, die in das gesegnete Land gekommen sind seit den Tagen meiner Kindheit! Sie sprechen euch von der alten Welt; als ob der Herr nicht Macht hätte, nicht den Willen, das Universum an einem Tag zu schaffen, oder als wenn er seine Gaben nicht mit gleicher Hand ausgetheilt, obwohl nicht mit gleichem Sinn und gleicher Weisheit sie sie angenommen und gebraucht haben. Nennten sie sich eine abgelebte, abgenutzte, verbrecherische Welt, dann wären sie der Wahrheit schon näher.« Doctor Battius, der es eben so schwierig fand, einen seiner Lieblingssätze gegen einen so regellosen Angreifer zu vertheidigen, als es ihm schwer gefallen sein würde, mit einem Klopffechter des Westen zu ringen, brummte etwas für sich und benutzte die neue Aussicht, die der Streifschütz ihm eröffnete, um den Kampfplatz zu ändern. »Unter alter und neuer Welt, mein würdiger Gefährte,« sagte er, »darf nicht verstanden werden, es seien die Hügel und Thäler, die Felsen und Flüsse unserer Erdhälfte, physikalisch gesprochen, nicht von eben dem Datum, als die Stelle, wo man babylonische Ziegel findet; es soll nur bedeuten, der moralische Zustand sei nicht gleichzeitig mit ihrer physischen, geologischen Bildung.« »Ah!« rief der Alte und sah forschend in des Philosophen Gesicht. »Nur daß sie nicht so lange moralisch bekannt war, als die andern Ländern der Christenheit.« »Desto besser. Ich bin kein großer Bewunderer eurer alten Moral, wie ihr sie nennt, denn ich hab' immer gefunden und hab' lange im Herzen der Natur gleichsam gelebt, daß eure alte Moral keine von den besten ist. Der Mensch verwickelt und verkehrt die Gesetze des Herrn, um sie seiner Verderbtheit anzupassen, wenn seine teuflische List zu viel Zeit hat, mit seinen Geboten zu spielen.« »O, würdiger Jäger, noch begreift Ihr mich nicht. Moral nehm' ich nicht in dem beschränkten, buchstäblichen Sinn des Worts, wie etwa seine Synonymie, Moralität, gebraucht wird, sondern es soll das Verhalten der Menschen, wie es sich in ihrem täglichen Verkehr, ihren Einrichtungen und Gesetzen zeigt, andeuten.« »Aber das nenn' ich geradezu baaren Unsinn und Thorheit,« unterbrach ihn sein störriger Gegner. »Nun, es sei so,« entgegnete der Doctor und gab verzweifelnd seine Worterklärung auf. »Vielleicht hab' ich zu viel zugegeben,« fügte er dann zugleich hinzu, da er das Glimmen eines andern Streitpuncts zu erspähen glaubte, den er zu einem neuen Wortstreit ausspinnen wollte, »vielleicht hab' ich zu viel zugegeben, als ich sagte, diese Hemisphäre sei buchstäblich in ihrer Bildung so alt, als die, welche die verehrungswürdigen Theile Europa, Asien und Afrika umfaßt.« »Es ist leicht sagen, eine Erle sei nicht so groß als eine Fichte, aber es würde schwer zu beweisen sein. Könnt Ihr mir den Grund von so thörichtem Glauben angeben?« »Die Gründe sind zahlreich und mächtig,« entgegnete der Doctor, erfreut über diesen ermuthigenden Anfang; »seht in die Ebenen von Aegypten und Arabien; ihre Sandwüsten sind angeschwängert mit den Denkmalen ihres Alterthums; – und dann haben wir auch geschriebene Zeugnisse ihres Ruhms, die den Beweisen ihrer früheren Größe doppeltes Gewicht geben, nun, da sie daliegen, ihrer Fruchtbarkeit beraubt. Aber vergebens sehen wir uns nach ähnlicher Bürgschaft um, daß der Mensch je den Grad von Cultur auf diesem Continent erreicht habe, und suchen, ohne Lohn für unsere Mühe, nach dem Pfad, auf dem er die Reise zurückgemacht zu seinem jetzigen Zustand einer zweiten Kindheit.« »Und was seht Ihr in dem Allem?« fragte der Streifschütz, welcher, obgleich etwas durch die Ausdrücke seines Gefährten verwirrt, doch den Faden seiner Ideen ergriffen hatte. »Einen Beweis für meinen Satz, daß die Natur solch ein großes Land nicht schuf, um so viele Jahrhunderte hindurch dazuliegen, eine unbewohnte Wüste. Das ist nur die moralische Ansicht der Sache, die genauere und geologische – –« »Eure Moral ist schon genug für mich,« entgegnete der Alte ernst, »denn ich glaube darin den Stolz der Thorheit zu sehen; ich bin nur wenig in den Fabeln über das, was Ihr die alte Welt nennt, bewandert, da ich meine Zeit hauptsächlich damit zugebracht, der Natur fest in's Angesicht zu sehen, und lieber über das urtheilte was ich selbst geschaut, als was ich durch Andere gehört. Aber nie hab' ich mein Ohr den Worten des guten Buchs verschlossen, und viele sind der langen Winterabende, die ich in den Wigwam der Delawaren zugebracht, auf die guten Mähren hörend, wenn sie die Geschichte und Lehren älterer Zeiten dem Volke von Lenape vortrugen. Es war angenehm, solche Weisheit nach beschwerlicher Jagd zu vernehmen! Sehr angenehm fand ich's und oft hab' ich darüber mit der großen Schlange der Delawaren in den friedlicheren Stunden unserer Wegelagerung gesprochen, mochten wir nun im Krieg den Mingo auf der Spur sein oder dem York-Hirsch nachstellen. Ich erinnere mich, hier und da sagen gehört zu haben, das gesegnete Land sei einst fruchtbar gewesen wie die Gründe des Mississippi, habe geächzt unter seinen Vorräthen von Korn und Früchten, aber das Gericht sei einst über es gekommen, und so war das Land jetzt merkwürdiger durch seine Dürre, als durch sonst eine Eigenschaft, der es sich rühmen könne.« »Es ist wahr, aber Aegypten, ja ein großer Theil von Afrika gibt noch schlagendere Beweise von dieser Erschöpfung der Natur.« »Sagt mir,« fiel der Alte ein, »ist es Wahrheit, daß noch Gebäude im Lande Pharao's stehen, die in ihrer Größe verglichen werden mögen mit den Hügeln der Erde?« »Es ist wahr, eben so wahr, wie die Thatsache, daß die Natur nie ihre incisores den Thieren mammalia, Genus: homo zu geben unterläßt.« »Es ist sehr bewunderungswürdig! und es zeigt, wie groß er sein muß, wenn seine geringen Geschöpfe solche Wunder vollbringen können. Viele Menschen muß es bedurft haben, solch ein Gebäude aufzuführen, ja und Leute mit Kraft und Geschicklichkeit! Hat das Land auch zu dieser Stunde noch solche Bewohner?« »Weit gefehlt! Viel vom Land ist eine Wüste; wär' ein mächtiger Strom nicht, das Ganze würde so sein!« »Ja, Ströme sind herrliche Gaben für den, der das Land erbaut, wie jeder sehen mag, der weit zwischen den Felsgebirgen und dem Mississippi hinzieht. Aber wie erklärt ihr diese Veränderungen auf der Fläche der Erde, dieses Sinken der Völker; Männer der Schule, wie erklärt ihr's?« »Es ist moralischen Ur –« »Recht, ihre Moral ist es! Ihre Verkehrtheit, ihr Stolz, und besonders ihre Verwüstung hat all dies bewirkt! Nun hört, was die Erfahrung eines Greises ihn lehrt! Ich hab' lang gelebt, wie diese grauen Haare, diese dürren Hände es zeigen würden, selbst wenn meiner Zunge die Weisheit der Jahre fehlte. Ja, viel hab' ich gesehen von der Thorheit des Menschen; denn seine Natur ist dieselbe, werd' er in der Wildniß, in den Städten geboren. Meinem schwachen Urtheil hat es immer geschienen, seine Gaben seien seinen Wünschen nicht gleich. In den Himmel würde er steigen, mit all seiner Mißgestalt, wüßte er den Weg dahin; wer wird's leugnen, der seine mühevollen Anstrengungen auf der Erde gesehen? Wenn seine Macht seinem Willen nicht gleich ist, ist es die Weisheit des Herrn, die seinem bösen Streben Schranken gesetzt!« »Es ist zu gewiß, daß einige Thatsachen auf die natürliche Verderbtheit des Genus hinführen, aber könnte nur die Wissenschaft mit einem Mal auf eine ganze Species zum Beispiel eindringen, dann würde die Erziehung den bösen Grundsatz ausrotten.« »Genug mit Eurer Erziehung! Es gab eine Zeit, wo ich's für möglich hielt, einen Gefährten aus einem Thier zu machen; viele junge Bären und gefleckte Rehkälber hab' ich mit diesen alten Händen erzogen, bis ich sie endlich für vernünftige und veränderte Wesen hielt; – aber wie weit bracht' ich's? Der Bär biß, das Reh entrann, trotz meiner verkehrten Einbildung, ich könnte die Naturanlage ändern, die der Herr selbst ihnen hatte geben wollen. Nun wenn der Mensch so blind ist, daß er in seiner Thorheit von Geschlecht zu Geschlecht fortschreitet, und dadurch sich Uebel zufügt, kann man sich wohl denken, daß er sein Unglück hier wie in den Ländern, die Ihr so alt nennt, selbst geschaffen hat. Seht um Euch, Mann, wo sind die Mengen, die einst diese Steppen bevölkerten, die Könige und Paläste, der Reichthum und die Macht dieser Wüste?« »Wo sind die Denkmäler, die eine solche Annahme beweisen würden?« »Ich weiß nicht, was Ihr ein Denkmal nennt.« »Die Werke des Menschen! Der Ruhm von Theben und Balbek, – Säulen, Katacomben und Pyramiden, die im Sande des Osten stehen, wie Bretter fluthen an der Felsküste, die Stürme der Jahrhunderte zu bezeugen!« »Sie sind vergangen. Die Zeit hat zu lang gewährt für sie. Warum? Die Zeit schuf der Herr, und sie waren vom Menschen geschaffen. Diese Stelle voll Schilf und Gras, worauf wir sitzen, mag einst der Garten eines mächtigen Königs gewesen sein! Es ist das Loos aller Dinge, zu reisen und dann abzufallen. Der Baum blüht und trägt seine Frucht, die fällt, fault, vertrocknet und selbst der Same ist verloren. Geht, zählt die Ringe der Eiche und Sycamora; Kreis folgt auf Kreis, einer liegt um den andern, bis das Auge ermüdet, ihre Anzahl zu fassen; und doch vollenden die Jahreszeiten ihren Lauf, ehe der Stamm einen jener Kreise um sich beschreibt; es ändert der Büffel sein Fell, der Bock sein Horn, und was bedeutet das alles? Die edle Eiche nimmt ihre Stelle ein im Wald, luftiger und größer und reicher, und schwerer nachzuahmen als einer Eurer ärmlichen Pfeiler für tausend Jahre, bis die Zeit erfüllt ist, die der Herr ihr gegeben. Dann kommen die Winde, die Ihr nicht seht, und durchfurchen die Rinde, und die Wasser des Himmels erweichen ihre Poren, und die Fäulniß, die wir alle bemerken und Niemand versteht, erniedrigt ihren Stolz, bringt auf den Boden ihre Krone. Dann beginnt ihre Schönheit zu verfallen. Sie liegt noch ein Hundert Jahre, ein faulender Stamm, dann ein Haufen Moos und Erde, ein trauriges Bild vom Grabe des Menschen. Das ist eins von Euren ächten Denkmalen, obwohl von einer andern Macht geschaffen, als die Eurer meißelnden Zimmerei! Und dann, wenn dies all geschehen, könnte der listigste Späher der ganzen Dahcotah-Nation sein Leben im Suchen nach der Stelle hinbringen, wo sie fiel, und würde nicht weiser sein, wenn seine Augen dunkel werden, als da zuerst er sie öffnete. Als wenn dies nicht genug wäre, um den Menschen von seiner Unwissenheit zu überführen, als wenn sie zum Spott über seine Anmaßung hingestellt worden, schießt eine Fichte aus der Fäulniß der Eiche hervor, ganz wie Dürre folgt, auf Fruchtbarkeit, wie diese Wüsten sich ausgebreitet haben, wo einst ein Garten gewesen sein mag. Sprecht mir nicht von Euren Welten, die alt sein sollen, es ist Gotteslästerung, Schranken und Jahreszeiten den Werken des Herrn zu setzen, wie ein Weib zählt die Jahre ihres Kindes.« »Freund Jäger oder Streifschütz,« entgegnete der Naturforscher, und räusperte sich etwas verwirrt durch den kräftigen Angriff seines Gefährten; »Eure Deduktionen, würden sie von der Welt angenommen, würden gar sehr die Wirkungen der Vernunft beschränken und einengen das Gebiet der Wissenschaft.« »Desto besser, denn ich hab' immer gefunden, daß ein Betrogener nie Maß und Ziel kennt; Alles beweist es. Warum haben wir nicht die Flügel der Taube, die Augen des Adlers und die Füße des Wiesels, wenn der Mensch all seine Wünsche erreichen sollte?« »Es gibt gewisse physische Mängel, verehrungswürdiger Streifschütz, wo ich immer gerne große und glückliche Aenderungen an Hand geben würde. Zum Beispiel in meiner Phalangaeru – –« »Greuelhaft genug würden die Aenderungen sein, die von so armen Händen kämen, wie Eure. Eine Berührung von solch einem Finger würde die Mißgestalt eines Affen gefährden. Geht, geht, menschliche Thorheit braucht den großen Plan Gottes nicht auszuführen. Es gibt keine Gestalt, keine Schönheit, kein Verhältniß, keine Farbe, die den Menschen schmücken könnte, welche nicht schon für ihn angewandt worden.« »Da berühren wir eine zweite große und sehr bestrittene Frage,« rief der Doctor, der jeden klaren Gedanken ergriff, den der feurige und etwas absprechende Alte ihm darbot, bloß in der Hoffnung, er werde eine logische Discussion dadurch bewirken, worin er seine Schlußbatterieen aufführen könnte, um die wenig wissenschaftlichen Vertheidigungen seines Gegners in den Grund zu schießen. Es ist jedoch für unsere Erzählung unnöthig, die abschweifende Unterredung, welche folgte, wiederzugeben. Der Alte wich den vernichtenden Schlägen seines Gegners aus, wie der leichtbewaffnete Soldat die Bemühungen eines mehr regelmäßig ausgerüsteten Kriegers gerade dann vereitelt, wenn er am meisten gedrängt wird; und eine Stunde ging vorüber, ohne daß sie einen der zahlreichen Gegenstände, die sie berührten, zu einem genügenden Schluß brachten. Doch wirkten die Beweise auf des Doctors Nervensystem, wie eben so viel einschläfernde Mittel, und als sein bejahrter Gefährte sein Haupt auf seinen Pack niederlegte, hatte sich Obed durch diesen Wortkampf so erquickt, daß er in einem Zustand war, sich dem Schlaf zu überlassen, ohne die Qualen des Alps in der Gestalt eines Tetonkriegers mit blutigem Tomahawk zu erdulden. Dreiundzwanzigstes Kapitel. »Herr, rettet Euch.« Shakespeare.   Der Schlaf der Flüchtlinge dauerte mehrere Stunden. Der Streifschütz schüttelte zuerst seine Herrschaft ab, wie er sich ihm auch zuletzt überlassen. Er stand auf, als gerade das graue Licht des Tages jenen Theil der hohen Wölbung zu erleuchten begann, der auf dem Ostrande der Ebene ruhte, rief seine Gefährten von ihrer warmen Streu auf, und machte ihnen bemerklich, wie sehr nochmalige Anstrengung Noth sei. Während Middleton sich mit den Vorkehrungen für Inez und Ellens Bequemlichkeit auf der langen, mühsamen Reise, die vor ihnen lag, beschäftigte, sorgten der Alte und Paul für das Mahl, welches, wie jener rieth, sie einnehmen sollten, ehe sie zu Pferde stiegen. Diese verschiednen Anordnungen nahmen nicht viel Zeit weg, und die kleine Gruppe saß bald um ein Essen, das, wenn ihm auch die Eleganz fehlte, woran Middletons Braut gewöhnt war, doch in den wichtigeren Erfordernissen, Geschmack und Nahrhaftigkeit, nicht nachstand. »Wenn wir tiefer in die Jagdgründe der Pawnee hineindringen,« sagte der Streifschütz, und legte ein Stück zartes Wild auf einem kleinen, niedlich in Horn gearbeiteten Teller, der besonders zu seinem Gebrauch gemacht war, vor Inez, »dann werden wir die Büffel fetter und lieblicher finden, die Rehe häufiger und alle Gaben des Herrn im Ueberfluß, unserm Bedürfniß abzuhelfen. Vielleicht können wir selbst einen Biber erhaschen, und ein Stück von seinem Schwanz als Leckerbissen erhalten.« »Welchen Weg gedenkt Ihr einzuschlagen, wenn Ihr jetzt diese Bluthunde von unsrer Spur abgebracht habt?« fragte Middleton. »Wenn ich rathen darf,« rief Paul, »wär's zu Wasser; wir führen den Strom abwärts so bald als möglich. Gebt mir einen Baumwollenstamm, und ich will ein Kanoe daraus machen, das uns Alle tragen soll, das Eselein ausgenommen, und das in nicht längrer Zeit als Tag und Nacht. Ellen hier ist lebendig genug, aber sie ist kein besondrer Wettreiter und es würde weit bequemer sein, sechs- oder achthundert Meilen im Boot zu fahren, als wie Elenne die Steppen zu durchstreichen; außerdem läßt das Wasser keine Spur zurück.« »Dafür will ich nicht stehn,« entgegnete der Streifschütz, »ich hab' oft gemeint, eine Rothhaut könnte in der Luft eine Spur finden.« »Seht, Middleton,« rief Inez in einem plötzlichen Ausbruch jugendlichen Entzückens, das sie für einen Augenblick ihre Lage vergessen ließ; »wie lieblich ist die Luft; sicher verspricht sie glücklichere Zeiten!« »Es ist herrlich,« entgegnete ihr Gemahl, »glorreich und himmlisch ist jener Streifen hohen Roths und hier noch ein glänzenderes Karmoisin; selten hab' ich einen reicheren Sonnenaufgang gesehen.« »Sonnenaufgang!« wiederholte bedächtig der Alte, und erhob seine schlanke Gestalt mit einem nachdenkenden, sinnenden Blick von seinem Sitz, während er sein Auge auf die wechselnden und gewiß schönen Tinten richtete, die die Wölbung des Himmels umgrenzten. »Sonnenaufgang! Ich lieb nicht solchen Aufgang. Ah, die Schurken haben mit ihrer Rache uns umzingelt. Die Steppe ist in Feuer!« »Gott im Himmel schütz' uns!« rief Middleton und drückte Inez bei der drängenden Gefahr an seinen Busen; »es ist keine Zeit zu verlieren, alter Mann, jeder Augenblick ist ein Tag, laßt uns fliehen!« »Wohin?« fragte der Streifschütz und winkte ihm mit Ruhe und Würde, stille zu stehen. »In dieser Wildniß voll Gras und Disteln seid Ihr wie ein Boot ohne Compaß auf der hohen See. Ein einziger Schritt nach der unrechten Seite könnte uns Allen den Untergang bereiten. Selten ist eine Gefahr so drängend, daß sie der Vernunft nicht Zeit ließe zu handeln, junger Offizier, darum laßt uns ihre Befehle abwarten.« »Was mich betrifft,« sagte Paul, und sah mit deutlicher Bekümmerniß um sich, »ich gestehe, sollte dieses dürre Bett von Gestrüpp die Flammen ergreifen, eine Biene müßte höher als gewöhnlich fliehen, um ihre Flügel nicht zu versengen. Deßwegen, alter Streifschütz, stimm' ich dem Capitain bei, und sage, steigt auf und flieht.« »Ihr habt Unrecht, der Mensch soll nicht wie ein Thier dem Instinct folgen, und seine Kenntniß durch einen Geruch in der Luft, oder ein Getös sich verschaffen, er muß sehen, und urtheilen und schließen. So folgt mir ein wenig zur Linken, wo eine kleine Anhöhe ist und wir recognosciren können.« Der Alte winkte gebietend mit der Hand und führte ohne weiteres Reden nach der Stelle, die er angedeutet hatte; ihm folgten seine erschreckten Gefährten. Ein weniger geübtes Auge als das des Streifschützen hätte wohl die geringe Anhöhe nicht entdeckt, von welcher er gesprochen, und die auf der Fläche der Steppe wie eine etwas höher mit Gras bewachsene Stelle erschien. Als sie jedoch den Ort erreichten, verrieth das dürre Gras selbst den Mangel jener Nässe, welche die höheren Halmen auf der übrigen Ebene ernährt hatte, und gab einen neuen Beweis, wie scharfsinnig er die Bildung des unten verborgenen Bodens beurtheilt hatte. Hier wurden einige Minuten damit verloren, die Spitzen des umgebenden Gesträuchs, das trotz ihrer Größe über Middletons und Paul's Kopf reichte, niederzubrechen, um dadurch eine Aussicht zu erlangen, die einen weiten Theil des umgebenden Feuermeers beherrschen könnte. Der furchtbare Anblick erhöhte die Hoffnung derer nicht, die so hohes Interesse bei einem glücklichen Erfolg hatten. Obgleich der Tag zu dämmern begann, fuhren die lebhaften Farben der Luft fort, dunkler zu werden, als kämpfe das stolze Element, gottlosen Kampf mit dem Licht des Tages, Helle Flammensäulen schossen hier und da längs des Randes der Wüste hervor, dem plötzlichen Roth des Nordens nicht unähnlich, aber weit wilder und drohender in Farbe und Schattirung. Die Angst in den starren Zügen des Streifschützen ward allmählig größer, als er bedächtig sich von der Feuersbrunst überzeugt hatte, die sich in einem breiten Gürtel um ihren Zufluchtsort ausdehnte, bis sie den ganzen Horizont umfaßt hatte. Er schüttelte den Kopf, als er sich wieder auf den Punct richtete, wo die Gefahr am nächsten schien, trat schnell herbei und sagte: »Da haben wir uns sehr betrogen, als wir glaubten, wir hätten diese Teton von unserer Spur abgebracht; hier ist ein hinreichender Beweis, daß sie nicht allein wissen, wo wir sind, sondern auch uns durch den Rauch herauszutreiben meinen, als wären wir versteckte Raubthiere. Seht, sie haben zugleich das Feuer um die ganze Gegend herumgeführt, und wir sind gänzlich von den T– ln eingeschlossen, wie ein Eiland vom Wasser.« »Laßt uns aufsteigen und reiten,« schrie Middleton, »ist das Leben nicht des Kampfes Werth?« »Wohin wolltet Ihr gehen? Ist ein Teton-Pferd ein Salamander, der unverletzt durch feurige Flammen geht, oder meint Ihr, der Herr werde Euretwegen seine Macht beweisen wie in den Tagen des Alterthums, und Euch ohne Gefahr durch solch einen Ofen führen, wie Ihr dort unter jenem rothen Himmel sehen könnt? Auch Sioux sind da, die mit ihren Pfeilen und Messern auf jeder Seite von uns das Feuer umgeben, oder ich müßte mich nicht auf ihre mörderischen Grausamkeiten verstehen.« »Wir wollen in den Mittelpunkt des ganzen Stammes reiten,« entgegnete der Jüngling stolz, »und ihre Kraft versuchen.« »Ei, schöne Worte, aber was wären sie in der Ausführung? Da ist ein Bienenjäger, der Euch in so etwas Weisheit lehren kann.« »Nun, was das betrifft, alter Streifschütz,« sagte Paul und streckte seine athletische Gestalt aus wie ein Bullenbeißer, der sich seiner Stärke bewußt ist; »darin stimm' ich dem Capitain bei, und bin ganz für eine Flucht auf das Feuer los, sollte sie uns auch in ein Tetondorf führen. Da ist Ellen, welche –« »Wozu nutzt Euer hoher Muth, wenn die Elemente des Herrn, und Menschen zu besiegen sind? Seht um Euch, Freunde; der Kranz von Rauch, der sich aus den Gründen erhebt, sagt deutlich, daß aus diesem Ort kein Ausgang ist als durch einen Feuergürtel. Seht selbst, seht hin, und könnt Ihr eine einzige Oeffnung finden, dann will ich folgen.« Die Untersuchung, welche seine Gefährten sogleich und so aufmerksam anstellten, diente eher dazu, sie von ihrer verzweifelten Lage zu überzeugen, als ihre Furcht zu mindern. Große Rauchsäulen wälzten sich von der Ebene auf und lagerten sich in düstern Massen um den Horizont, Der rothe Glanz, der auf ihren riesigen Schichten strahlte, beleuchtete jetzt ihre Wucht mit dem Schein des Brandes und blitzte dann nach einem andern Punct, wenn die Flamme unten werter glitt, und Alles sich in furchtbares Dunkel hüllte, lauter als die Worte die drohende, stürmisch nahende Gefahr verkündend. »Es ist schrecklich!« rief Middleton und drückte die zitternde Inez an's Herz. »Zu solcher Zeit, auf solche Art!« »Die Pforten des Himmels sind allen wahren Gläubigen offen,« murmelte das ergebene Opfer an seinem Busen. »Diese Entsagung bringt zur Raserei. Aber wir sind Männer, und werden für unser Leben kämpfen! Wie nun, mein tapferer, muthiger Freund, werden wir aussitzen und durch die Flammen dringen, oder sollen wir hier stehen, und die umkommen sehen, die wir am meisten lieben, umkommen auf diese furchtbare Art, ohne Rettung zu versuchen?« »Ich bin für's Schwärmen, für die Flucht, ehe der Korb zu heiß ist, uns zu fassen,« sagte der Bienenjäger, zu dem, wie man leicht steht, der halbwirre Middleton sich wandte. »Kommt, alter Streifschütz, Ihr müßt zugeben, das ist ein zu langsamer Weg, uns aus der Gefahr zu bringen. Wenn wir hier noch viel länger zögern, liegen wir um das Stroh wie die Bienen; nachdem der Korb des Honigs wegen ausgeräuchert worden ist. Ihr könnt das Feuer schon brüllen hören, und ich weiß aus Erfahrung, daß wenn einmal das Feuer recht an's Steppengras kommt, kann man durch Trägheit ihm nicht entgehn.« »Meint Ihr,« entgegnete der Alte, und deutete verächtlich auf das dürre, falbe Gras, das sie umgab, »ein sterblicher Fuß könne auf solchem Pfad dem Feuer zuvorkommen? Wenn ich jetzt nur wüßte, auf welcher Seite die Schelme lägen.« »Was sagt Ihr, Freund Doctor,« rief der aufgeregte Paul, zu dem Naturforscher gewendet, wie oft in seiner Hülflosigkeit der Stärkere Rath bei'm Schwachen sucht, wenn Menschenmacht durch ein höheres Wesen zu Schanden geworden, »was sagt Ihr? Habt Ihr keinen Rath, wo es Leben und Tod gilt?« Der Naturforscher stand mit der Brieftasche da, und sah auf das furchtbare Schauspiel mit eben so großer Ruhe, als wenn der Brand gestiftet worden, um eine wissenschaftliche Aufgabe zu lösen. Durch die Frage seines Gefährten aufgeregt, wandte er sich zu seinem gleichfalls ruhigen, aber anders beschäftigten Genossen, dem Streifschützen, und fragte mit der empörendsten Gleichgültigkeit gegen ihre bedrängte Lage: »Verehrungswürdiger Jäger, Ihr seid oft von ähnlichen prismatischen Experimenten Zeuge gewesen – –« Er ward wild von Paul unterbrochen, der ihm mit einer Gewalt die Brieftasche aus der Hand riß, die die gänzliche Verstandesverwirrung verrieth, welche seinen Gleichmuth überwältigt hatte. Ehe jener Vorstellungen machen konnte, nahm der Alte, welcher während der ganzen Scene ungewiß geschienen, was zu thun sei (obwohl mehr verwirrt als erschreckt) auf einmal eine entschiedene Miene an, als wenn er nicht länger über den Weg zweifelhaft wäre, den zu verfolgen er am räthlichsten hielt. »Es ist Zeit, zu handeln,« sagte er und unterbrach den Streit, der zwischen dem Naturforscher und Bienenjäger erfolgen wollte, »es ist Zeit, Bücher und Klagen wegzulassen und zu handeln.« »Ihr seid zu spät zu Euch gekommen, armer Alter,« rief Middleton; »die Flammen sind noch eine Viertelmeile von uns, und der Wind bringt sie herunter an diese Stelle mit furchtbarer Schnelligkeit.« »Ach, die Flammen; mich kümmern nur wenig die Flammen. Wüßte ich nur der List der Teton zu entgehn, wie ich die Flammen um ihren Raub zu betrügen weiß, brauchte es weiter nichts mehr, als ein Dankgebet dem Herrn für unsere Rettung. Nennt Ihr das ein Feuer? Hättet Ihr gesehn, wovon ich auf den Osthügeln Zeuge war, als mächtige Berge einer Schmiedesse glichen, dann wüßtet Ihr, was Flammen fürchten, und danken heißt, daß man ihnen entgangen. Kommt, Jungen, kommt, jetzt müssen wir handeln und nicht weiter sprechen, denn jene sich kräuselnde Flamme kommt wirklich heran wie ein trabendes Wiesel. Legt Hand an dies kurze, dürre Gras, wo wir stehen, und entblöst die Erde!« »Denkt Ihr, das Feuer auf so kindische Art seiner Opfer zu berauben?« rief Middleton. Ein leichtes, aber ernstes Lächeln ging über die Züge des Alten, als er antwortete: »Euer Großvater hätte gesagt, daß wenn ein Feind nahe wäre, ein Soldat nichts Besseres thun könnte, als gehorchen.« Der Capitain fühlte den Verweis, und begann sogleich, Paul's Eifer nachzuahmen, der mit einer Art verzweifelter Folgsamkeit gegen des Streifschützen Anweisung das verblichene Gras aus dem Boden riß. Selbst Ellen legte Hand an's Werk, auch Inez sah man bald eben so beschäftigt, obgleich Niemand von ihnen wußte, warum und wozu. Wenn das Leben der Lohn der Arbeit ist, ist der Mensch fleißig. Sehr wenig Minuten reichten hin, eine Stelle von einigen zwanzig Fuß im Durchmesser zu entblößen. In die eine Ecke dieses kleinen Platzes brachte der Streifschütz die Frauen, und wieß Middleton und Paul an, ihre leichten und brennbaren Kleider mit den Tüchern, die sich fanden, zu decken. Sobald diese Vorsicht beobachtet worden, trat der Alte an den entgegengesetzten Rand des Grases, das sie noch in einem hohen, gefährlichen Kreis umgab, wählte eine Hand voll von dem trockensten Gesträuch, und legte es auf die Pfanne seiner Büchse, Der leicht brennbare Stoff fing bei'm Abdrücken Feuer. Nun legte er die geringe Flamme in das hohe Gestrüpp, trat von der Stelle in den Mittelpunkt des Kreises zurück, und erwartete geduldig den Erfolg. Das seine Element ergriff im Nu den neuen Zunder, und in einem Augenblick glitten spitze Flammen im Gras, wie man die Zungen der wiederkäuenden Thiere unter ihrem Heu sich hinbewegen sieht, offenbar, um die süßesten Pflanzen auszusuchen. »Nun,« sagte der Alte, hielt den Finger in die Höhe und lachte auf seine eigene stille Art; »nun sollt Ihr Feuer gegen Feuer kämpfen sehen. Ach, manchmal hab' ich einen schwierigen Pfad aus eitler Lässigkeit durch struppigen Boden so gebrannt!« »Aber ist's nicht gefährlich!« rief der erstaunte Middleton; »bringt Ihr uns den Feind nicht näher, statt ihn zu meiden?« »Verbrennt Ihr so leicht? Euer Großvater hatte eine rauhere Haut. Aber wir werden noch so lange leben, um es zu sehn; wir Alle!« Des Streifschützen Erfahrung war richtig. Als das Feuer Kraft und Hitze erlangte, verbreitete es sich auf drei Seiten, und erlosch von selbst auf der vierten aus Mangel an Nahrung. Als es sich vermehrte und das düstere Rauschen seine Macht andeutete, nahm es Alles vor sich weg und ließ den schwarzen, rauchenden Boden weit nackter zurück, als wenn der Scythe darüber hingestreift wäre. Die Lage der Flüchtlinge würde noch gefährlich gewesen sein, hätte nicht der Raum sich vergrößert, wie die Flamme sie umgab. Aber indem sie sich der Stelle näherten, wo der Streifschütz das Gras angesteckt hatte, vermieden sie die Hitze, und in wenig Augenblicken wichen die Flammen nach allen Seiten zurück, und ließen sie in eine Rauchwolke eingehüllt, aber vollkommen sicher vor dem Feuerstrom, der noch wüthend weiter rollte. Die Zusehenden betrachteten das einfache Hülfsmittel des Streifschützen mit jener Art Verwunderung, mit welcher Ferdinand's Höflinge die Art angestaunt haben sollen, wie Kolumbus sein Ei auf die Spitze stellte, jedoch statt mit Neid mit Dankbarkeit erfüllt. »Wunderbar!« sagte Middleton, als er den vollkommenen Erfolg des Mittels sah, wodurch sie aus einer Gefahr errettet worden, die er für unvermeidlich gehalten. »Der Gedanke war ein Geschenk vom Himmel, und die Hand, die ihn ausführte, sollte unsterblich sein.« »Alter Streifschütz!« rief Paul, und wickelte seine Finger in seine krause Locken, »ich hab' manche beladene Biene in ihr Loch verfolgt, und versteh' mich auf die Natur der Wälder, aber das heißt einer Horniß den Stachel nehmen, ohne sie zu berühren.« »Es geht,« entgegnete der Alte, der im ersten Augenblick seines Erfolgs nicht mehr an seine That zu denken schien, »nun haltet die Pferde bereit. Laßt die Flammen eine kurze halbe Stunde ihr Werk thun und dann wollen wir aufsitzen. So lange braucht's, die Steppe zu kühlen, denn diese unbeschlagenen Teton-Thiere sind so zart am Huf wie ein barfüßiges Mädchen.« Middleton und Paul, welche diese unerwartete Errettung wie eine Art Auserstehung betrachteten, erwarteten geduldig die Zeit ab, welche der Streifschütz mit erneuertem Vertrauen auf die Unfehlbarkeit seines Urtheils festgesetzt hatte. Der Doctor hob seine Schreibtafel, die etwas dadurch gelitten hatte, daß sie in's Gras gefallen, worüber die Flamme gegangen war, wieder auf, und tröstete sich über dies kleine Ungemach, indem er ununterbrochen die verschiedenen Schwankungen im Licht und Schatten bemerkte, die er als Phänomene betrachten wollte. Mittlerweile beschäftigte sich der Veterane, dessen Erfahrung sie alle so sehr ihre Rettung verdankten, damit, daß er durch die Oeffnungen, welche die Luft gelegentlich in den dicken Massen Rauch machte, der um diese Zeit in ungeheueren Säulen auf jeder Seite der Ebene lag, die fernen Gegenstände betrachtete. »Seht hier, Jungen,« sagte der Streifschütz nach einer langen und ängstlichen Untersuchung, »Eure Augen sind jung und mögen besser sein als mein schlechtes Gesicht; – obwohl es eine Zeit gegeben hat, wo ein weises und tüchtiges Volk mich für weitsichtig hat halten wollen; aber diese Zeit ist vorüber, und manch treuer, geprüfter Freund ist mit ihr hingegangen. Ach, wenn ich eine Aenderung von der Vorsehung erlangen könnte! – was ich nicht kann, und was Gotteslästerung wäre zu versuchen, da ich sehe, daß Alles von einem weiseren Verstande gelenkt wird, als menschlicher Schwäche zukommt; aber könnte eine Aenderung vorgehen, würde ich wünschen, daß die, welche lange zusammen in Freundschaft und Liebe gelebt, und die gezeigt haben, daß sie zu einander passen, durch manches Leiden und Wagen, für einander übernommen, daß die dann, wann der Tod des einen dem andern wenig Lust am Leben übrig läßt, zusammen daraus scheiden dürften.« »Ist es ein Indianer, was Ihr seht?« fragte der ungeduldige Middleton. »Roth- oder Weißhaut, es ist einerlei. Freundschaft und Umgang kann die Menschen so fest in den Wäldern als in Städten aneinanderknüpfen; ja, und noch fester. Da sind die jungen Krieger der Steppen. Oft verbinden sie sich paarweise, und wagen ihr Leben in Thaten der Freundschaft; und wohl und treu handeln sie nach ihrem Versprechen. Der Todesschlag auf den einen ist gemeinlich tödtlich dem andern. Ich bin viel von meiner Zeit allein gewesen, wenn ich den allein nennen kann, der siebenzig Jahre im Schooß der Natur gelebt hat und wo er jeden Augenblick sein Herz eröffnen konnte, ohne es erst von den Sorgen und Schlechtigkeiten der Ansiedelungen zu befreien; – aber das ausgenommen, bin ich allein gewesen, und doch hab' ich immer gefunden, daß Umgang mit meinem Geschleche angenehm, ihn abzubrechen, peinlich war, vorausgesetzt, der Genosse war tüchtig und ehrlich. Tüchtig, weil ein schwacher Gefährte in den Wäldern,« hier ließ er einen Augenblick unvermerkt seine Augen auf dem vertieften Naturforscher ruhen, »leicht einen kurzen Weg lang macht, und ehrlich, weil List eher Instinct der Thiere, als eine Eigenschaft ist, welche der Vernunft des Menschen zukommt.« »Aber das, was Ihr saht, war es ein Sioux?« »Wohin es mit der Welt von Amerika kommen wird, wo die Bestrebungen und Erfindungen seines Volks ein Ende haben werden, der Herr, er allein weiß es. Ich hab' zu meiner Zeit den Häuptling gesehen, der zu seiner Zeit den ersten Christen gesehen hatte, welcher seinen verruchten Fuß in den Landschaften von York setzte. Wie sehr ist die Schönheit der Wildniß entstellt worden in zwei kurzen Lebensaltern! Meine eigenen Augen öffneten sich zuerst auf den Küsten des östlichen Sees, und wohl erinnere ich mich, wie ich die Eigenschaften der ersten Büchse versuchte, die ich je trug, als ich einen Marsch gemacht von der Thür meines Vaters in den Wald, so weit ein Kind kommen konnte zwischen Sonnenaufgang bis zum Untergang; und dies Alles, ohne die Rechte und Vorurtheile irgend Jemandes zu beleidigen, der sich zum Herrn der Thiere des Feldes aufgeworfen hatte. Damals lag die Natur in ihrer Glorie längs der ganzen Küste und ließ nur einen schmalen Streif zwischen den Wäldern und dem Ocean zur Benutzung der Ansiedler. Und wo bin ich jetzt? Hätt' ich die Schwingen eines Adlers, sie würden ermüden, ehe ein Zehntel des Zwischenraums, der mich von der See trennt, zurückgelegt werden könnte; und Städte und Dörfer, Pachthöfe und Heerstraßen, Kirchen und Schulen, kurz alle Erfindungen Und Teufeleien des Menschen haben sich verbreitet über das Land. Ich hab die Zeit gesehen, wo einige Rothhäute, die an den Grenzen streifen, die Provinzen in ein Fieber brachten, und Männer bewaffnet wurden, und Truppen zum Schutz herbeigerufen aus fernem Land, und Gebete gesprochen wurden, und die Weiber sich entsetzten, und Wenige ruhig schliefen, weil der Irokese in den Krieg gezogen, und der verfl–te Mingo den Tomahawk in der Hand hatte. Wie ist es jetzt! Das Land sendet aus seine Schiffe in ferne Länder, Schlachten zu bestehen, Kanonen sind häufiger, als sonst Flinten gebraucht wurden, und geübte Soldaten fehlen nimmer, zu Zehntausenden sind sie da, wenn die Noth ihre Dienste erheischt. Das ist der Unterschied zwischen einer Provinz und einem Staat, und ich, unglücklich und abgelebt, wie ich scheine, lebte, all dies zu sehn!« »Daß Ihr manchen Holzfäller gesehen haben müßt, der den Rahm von der Oberfläche der Erde abgeschäumt und manchen Ansiedler, der den Honig der Natur sich verschaffte, alter Streifschütz,« sagte Paul, »kann oder soll kein vernünftiger Mann bezweifeln. Aber da ist Ellen, die sich vor den Sioux fürchtet, und nun habt Ihr uns Eure Meinung so frei über diese Dinge gegeben, daß wenn Ihr nur die Richtung unserer Flucht angeben wollt, der Schwarm zum zweiten Mal fliegen will.« »O!« »Ich sage, Ellen wird unruhig, und der Rauch verläßt die Ebene und es wäre klug, wieder aufzubrechen.« »Der Junge ist vernünftig. Ich hatte vergessen, daß wir mitten in einem wilden Feuer sind, und die Sioux um uns, wie hungrige Wölfe, die eine Heerde Büffel bewachen. Aber wenn das Gedächtniß in einem alten Gehirn über längst vergangenen Zeiten brütet, übersieht es leicht die Bedürfnisse des Tages. Ihr habt Recht, meine Kinder, es ist Zeit aufzubrechen, und nun kommt das Schwierige unserer Lage. Es ist leicht eine Feueresse zu überlisten, denn es ist nur ein tobendes Element, auch ist es nicht immer schwer, einen zottigen Bären von seiner Spur abzubringen, denn das Thier wird zugleich erleuchtet und geblendet von seinem Instinct; aber den Augen eines wachenden Tetons zu entgehen, ist eine schwierige Sache, da seine Teufelei von der listigen Vernunft unterstützt wird.« Obgleich der Alte so sich der Schwierigkeit bewußt schien, ging er doch an die Ausführung seines Unternehmens mit großer Standhaftigkeit und mit Eifer. Nachdem er die Untersuchung vollendet, die durch die traurigen Wanderungen seines Geistes unterbrochen worden, gab er seinen Gefährten das Signal, aufzusitzen. Die Pferde, welche während der Wuth des Feuers sich leidend verhalten und gezittert hatten, nahmen ihre Lasten mit so sichtbarer Freude auf, daß es eine günstige Vorbedeutung ihres künftigen Eifers gab. Der Streifschütz lud den Doctor ein, sich seiner Stute zu bedienen und erklärte sich bereit zu Fuß zu gehn. »Ich bin nur wenig gewohnt, auf den Füßen Anderer zu reisen,« fuhr er fort, »und meine Beine ermüden vom Nichtsthun. Außerdem sollten wir plötzlich in einen Hinterhalt fallen, was gar nicht unmöglich ist, wird das Thier besser mit einem als mit zwei auf dem Rücken fortrennen können. Was mich betrifft, was liegt daran, ob meine Zeit einen Tag kürzer oder länger ist. Mögen die Teton mich scalpiren, wenn es Gotteswille ist; sie werden mein Haupt mit grauen Haaren bedeckt finden, und es geht über des Menschen Macht hinaus, mich der Weisheit und Erfahrung zu berauben, durch die sie weiß geworden sind.« Da Niemand unter den ungeduldigen Zuhörern geneigt schien, der Anordnung zu widerstreben, ward sie stillschweigend angenommen. Der Doctor, wenn er auch einige klagende Ausrufungen um seinen verlorenen Esel murmelte, war doch zu sehr darüber erfreut, daß er statt zwei, vier Beine gefunden, die seine Eile unterstützen sollten, um lange zu zögern, und so verkündete in wenig Minuten der Bienenjäger, der nie der letzte war, bei solchen Gelegenheiten zu sprechen, mit volltönender Stimme, daß sie bereit wären aufzubrechen. »Nun seht dorthin nach Osten,« sagte der Alte, als er sie über die schwarze und noch rauchende Ebene führte, »wenig braucht man sich auf solchem Pfad vor kalten Füßen zu fürchten, –, aber seht nach Osten, und wenn Ihr ein Stück glänzendes Weiß, schimmernd wie ein Teller von geschlagenem Silber durch die Oeffnungen des Rauchs erblickt, – nun das ist Wasser. Ein edler Strom fließt hier herum und ich meinte, schon etwas von ihm gesehen zu haben, aber andere Gedanken kamen und ich verlor diesen. Es ist ein breiter Fluß, so wie der Herr viele gemacht hat in dieser Wüste. Denn hier kann man die Natur in all ihrem Reichthum sehen, Bäume ausgenommen; Bäume, die für die Erde sind, was Früchte für den Garten, ohne die nichts angenehm und recht nützlich sein kann. Nun gebt alle Acht, mit offenen Augen, auf jenen Streifen glänzenden Wassers, denn wir sind nicht sicher, bis er zwischen unsrer Spur und diesen scharfsichtigen Teton fließt.« Die letztere Erklärung war genug, um von Seiten aller Gefährten des Streifschützen eines wachsamen Spähens nach dem ersehnten Strom sicher zu sein. Diesen Gegenstand im Auge schritt die Gesellschaft in tiefem Schweigen fort, da der Alte bei'm Eintritt in die Rauchwolken, die noch wie Nebelmassen über die Ebene hinzogen, (besonders da, wo das Feuer auf stehende Wasser getroffen war) sie an die Nothwendigkeit der Vorsicht erinnert hatte. Sie waren auf diese Weise fast eine Meile fortgezogen, ohne den ersehnten Strom zu erblicken. Das Feuer wüthete noch in der Ferne, und wenn die Luft die ersten Dämpfe des Brandes wegtrieb, zogen neue Massen über den Ort und beschränkten die Aussicht. Endlich machte der Alte, der einige Unruhe gezeigt hatte, was seine Schützlinge fürchten ließ, daß selbst sein scharfes Auge in den Labyrinthen des Rauches verwirrt zu werden anfinge, plötzlich Halt, stieß seine Büchse auf den Boden und stand da, scheinbar nachdenkend über Etwas zu seinen Füßen. Middleton und die Uebrigen ritten zu ihm und fragten nach der Ursache. »Seht dorthin,« entgegnete der Streifschütz und deutete nach dem Aas eines Pferdes, das mehr als halb verzehrt in einer kleinen Schlucht lag; »da könnt ihr die Gewalt eines Steppenbrandes sehen. Die Erde ist naß hier herum, und das Gras stand höher als gewöhnlich. Dies arme Thier ist auf seinem Lager überrascht worden. Ihr seht die Knochen, die gerunzelte, gedörrte Haut und die grinzenden Zähne. Tausend Winter hätten das Thier nicht so verwittern können, als das Element es gethan in einem Nu.« »Und dies hätte unser Schicksal werden können,« sagte Middleton, »wären die Flammen im Schlaf über uns gekommen.« »O, das sag' ich nicht. Nicht, als ob der Mensch nicht brenne, so gut wie Holz; sondern weil er, vernünftiger als ein Pferd, besser die Gefahr zu vermeiden wissen würde.« »Vielleicht war dies dann auch nur der Leichnam eines Thiers, sonst wäre es geflohen.« »Seht Ihr diese Zeichen in dem feuchten Boden? Hier sind seine Hufe gewesen, und da ist die Spur eines Moccasin, so wahr ich ein Sünder bin. Der Eigenthümer hat sich hart angestrengt, ihn von der Stelle zu bringen; aber es ist so der Instinkt des Thiers, feig und störrig im Feuer zu sein.« »Das ist bekannt, Aber wenn das Thier einen Reiter gehabt, wo ist er?« »Ei, das ist das Geheimniß,« entgegnete der Streifschütz und hielt, um die Fußstapfen genauer zu untersuchen. »Ja, ja, es ist deutlich, es ist hier ein Kampf zwischen Zweien gewesen. Der Herr hat sich sehr bemüht, sein Thier zu retten, und die Flammen müssen sehr schnell gewesen sein, oder es wär' ihm besser gelungen.« »Seht her, alter Streifschütz,« fiel Paul ein und deutete ein wenig weiter, wo der Grund trockener und das Gestrüpp also weniger reich war; »sagt zwei Pferde, dort liegt noch eins.« »Der Junge hat Recht; ist's möglich, daß die Teton in ihrer eigenen Falle gefangen worden sind? So etwas fällt vor, und das ist ein Beispiel für alle Uebelthäter. Ei, seht hierher; da ist Eisen, Erfindungen der Weißen, die Thiere zu fangen. Es muß so sein, Ein Theil der Schelme hat uns im Gras aufgepaßt, während ihre Freunde die Steppe anzündeten, und seht jetzt die Folgen. Sie haben ihre Thiere verloren, und glücklich waren sie, wenn ihre Seelen nicht herumschweifen auf dem Pfad, der zum indianischen Himmel führt.« »Sie hatten dasselbe Mittel zu Gebot wie Ihr,« nahm Middleton wieder auf, als sie langsam vorwärts gingen und sich dem andern Aas näherten, das gerade auf ihrem Wege lag. »Ich weiß nicht; nicht jeder Wilde führt Feuer und Stahl, oder eine solche Flintenpfanne, wie dieser mein alter Freund. Es dauert lange, Feuer mit zwei Hölzern anzumachen, und wenig Zeit wurde gelassen, um nachzudenken und gerade auf der Stelle zu erfinden, wie Ihr an jenem Flammenstrahl sehen könnt, der vor dem Winde hinschießt, als wär' es Laufpulver. Es ist noch nicht lange, daß das Feuer von hier weg ist, und es möchte gut sein, nach Euren Hähnen zu sehen, nicht als wenn ich gern die Teton bekämpfen wollte, Gott bewahre; aber wenn ein Gefecht einmal sein muß, ist es immer gut, den ersten Schuß zu haben.« »Das ist ein sonderbares Thier gewesen, Alter,« sagte Paul, der den Zaum oder vielmehr Halfter seiner Stute bei dem Aas angezogen, während die Uebrigen in ihrer Eile schon vorüber waren; »ein seltsames Pferd nenn' ich's; es hat weder Kopf noch Huf.« »Das Feuer ist nicht müßig gewesen,« entgegnete der Streifschütz und strengte eifrig sein Auge an, um jene Lichtblicke am Horizont zu benutzen, die der wirbelnde Rauch seiner Untersuchung darbot. »Es backt Euch bald einen ganzen Büffel, oder verwandelt seine Hufe und Hörner in weiße Asche. Schäm' dich, alter Hektor, des Capitains Kleiner mag seine Jugend verrathen und selbst, mit Erlaubniß zu sagen, seine schlechte Erziehung; aber für einen Hund wie du, der so lange im Wald gelebt, ehe er in diese Ebenen kam, ist es schändlich, Hektor, die Zähne vor dem Leichnam eines gerösteten Pferdes zu zeigen und vor ihm zu heulen, gleichsam als wollt' er seinem Herrn sagen, er habe die Spur eines zottigen Bären gefunden.« »Ich sag' Euch, alter Streifschütz, das ist kein Pferd, weder dem Huf, dem Kopf, noch der Haut nach.« »Was? Kein Pferd! Eure Augen sind gut für Bienen und hohle Bäume, mein Junge; aber, – behüt' mich, der Junge hat Recht! Daß ich die Haut eines Büffels, verbrannt und gerunzelt wie sie ist, für den Leichnam eines Pferdes halten konnte! Ei, es gab 'ne Zeit, wo ich Euch den Namen eines Thiers sagen konnte, sobald es mein Auge erblickte, und zwar auch seine Farbe, sein Alter und Geschlecht.« »Da hattet Ihr einen unschätzbaren Vortheil, verehrungswürdiger Jäger,« bemerkte der aufmerksame Naturforscher; »der, welcher diese Unterscheidungen in einer Wüste machen kann, spart die Mühe manches sauren Wegs und oft auch eine Untersuchung, die sich als unnütz erweist. Bitte, sagt mir; dehnte sich Eure außerordentliche Vortefflichkeit des Gesichts so weit aus, daß Ihr Ordnung oder Genus unterscheiden konntet.« »Ich weiß nicht, was Ihr mit Eurer Ordnung des Genius wollt.« »Nicht!« fiel der Bienenjäger etwas verächtlich ein; »nun, alter Streifschütz, das heißt Eure Unbekanntschaft mit der englischen Sprache weiter treiben, als ich es von einem Mann von Eurer Erfahrung und Wissenschaft erwartet hätte; unter Ordnung meint unser Camerad, ob sie in gemischten Zügen gehen, wie ein Schwarm, der seiner Königin folgt, oder in einer Linie, wie Ihr oft die Büffel einen nach dem andern über die Steppe schreiten seht. Und Genius, das ist doch gewiß ein deutliches Wort und in Jedermanns Mund. Da ist der Congreß-Mann in unserm District und der kleine Bursch mit der geläufigen Zunge, der das Papier ausstellt in unserer Grafschaft, die werden Beide so genannt, ihrer Lustigkeit wegen. Das meint der Doctor, wie ich glaube, da er nie ohne ganz besondern Sinn spricht.« Als Paul diese nette Erklärung geendet, sah er hinter sich mit einem Ausdruck, welcher sagen sollte, wenn man ihn recht interpretirte: »Ihr seht, obwohl ich mich nicht oft in Eure Sachen mische, bin ich doch kein Narr.« Ellen bewunderte Paul in Allem, nur nicht in der Gelehrsamkeit. Es war genug in seinem freien, furchtlosen, männlichen Charakter, noch unterstützt von seinem Aeußern, was ihre Liebe erweckte, ohne daß sie sich in seine geistigen Vorzüge hätte zu vernarren brauchen. Das arme Mädchen erröthete wie eine Rose, ihre schönen Finger spielten mit ihrem Gürtel, durch den sie sich auf dem Pferde festhielt, und sie bemerkte schnell, als wolle sie die Aufmerksamkeit der andern Zuhörer von einer Schwäche abziehen, wobei sie selbst nicht verweilen wollte. »Und so ist das also gar kein Pferd?« sagte sie. »Es ist nichts mehr und nichts weniger als eine Büffelhaut,« entgegnete der Streifschütz, der eben so sehr durch Paul's Erklärung als durch die Sprache des Doctors erstaunt worden; »das Haar ist weg, das Feuer ist drüber hingegangen, wie Ihr seht; denn da es frisch war, konnten die Flammen nicht hasten. Das Thier ist noch nicht lange getödtet, und vielleicht ist noch etwas vom Fleisch in der Nähe.« »Hebt den Zipfel der Haut auf, alter Streifschütz,« sagte Paul in einem Ton, als fühle er, er habe jetzt das Recht, bei'm Rathe mitzusprechen; »wenn noch etwas von dem Höcker übrig ist, muß es gut gekocht werden und soll willkommen sein.« Der Alte lachte herzlich über den Irrthum seines Genossen, Er stieß mit dem Fuß unter die Haut; sie bewegte sich. Dann fiel sie plötzlich bei Seite, und ein indianischer Krieger sprang aus seinem Versteck auf die Füße mit einer Leichtigkeit, welche verrieth, wie dringend er es halte. Vierundzwanzigstes Kapitel. »Doch sag' mir, Hal, bist du entsetzlich nicht Erstaunt?« – Shakespeare.   Ein zweiter Blick war hinreichend, um die ganze erstaunte Gesellschaft zu überzeugen, daß der junge Pawnee, auf den sie schon einmal gestoßen, wieder vor ihnen stünde. Verwunderung hielt beide Theile stumm, und mehr als eine Minute ward damit hingebracht, daß sie sich gegenseitig mit großen, wenn nicht mißtrauischen Augen anstarrten. Doch war die Ueberraschung des jungen Kriegers bei weitem gemäßigter und würdevoller als die seiner christlichen Bekanntschaft. Während Middleton und Paul den Schrecken, der ihre zarten Begleiterinnen befiel, durch ihr eignes erregtes Blut durchpricklen fühlten, ging das strahlende Auge des Indianers von einem zum andern, als könne der stärkste Angriff es nimmer zu Boden schlagen. Sein Blick ruhte endlich, nachdem er die Runde an jedem verwunderten Antlitz vorüber gemacht hatte, in einem stolzen, festen Schauen auf den gleich unbeweglichen Zügen des Streifschützen. Das Schweigen wurde zuerst von Doctor Battius mit dem Ausruf unterbrochen: »Ordnung: primates; Genus: homo; Species: Steppe!« »Ei, ei, da haben wir das Geheimniß,« sagte der alte Streifschütz, und nickte mit dem Kopf, wie wenn man sich Glück wünscht, daß man endlich hinter die Verstecktheit einer knotenreichen Schwierigkeit gekommen. »Der Bursche hat sich in das Gras versteckt, das Feuer ist im Schlaf über ihn gekommen, und, da er sein Pferd verloren, ist er genöthigt gewesen, unter diese frische Büffelhaut sich zu retten. Keine üble Erfindung, wo Pulver und Feuerstein fehlte, um einen Cirkel abzubrennen. Ich schwöre darauf, es ist ein tüchtiger Junge, einer, mit dem es sicher reisen ist. Ich will gütig mit ihm sprechen, denn Leidenschaft kann auf keinen Fall uns in etwas nützen. Mein Bruder ist nochmals willkommen,« sagte er in der dem andern verständlichen Sprache, »die Teton haben ihn geräuchert, wie sie's etwa einem Tapir machen würden.« Der junge Pawnee ließ die Augen über die Steppe rollen, als wolle er die furchtbare Gefahr untersuchen, der er eben entgangen, aber er hielt es für unwürdig, die geringste Rührung wegen ihrer Nähe zu verrathen. Seine Stirn zog sich zusammen, als er auf die Bemerkung des Streifschützen antwortete: »Ein Teton ist ein Hund. Tönt der Pawnee Kriegsgeschrei in ihre Ohren, dann heult die ganze Nation.« »So ist's. Die Schurken sind uns auf der Spur, und ich bin froh, einen Krieger zu treffen, der, die Schlachtaxt in der Hand, sie nicht liebt. Will mein Bruder meine Kinder in sein Dorf führen? Wenn die Sioux uns folgen, werden meine jungen Leute sie ihm schlagen helfen.« Der junge Pawnee wandte seine Blicke von einem der Fremden zum andern, scharf forschend, ehe er auf so wichtige Frage eine Antwort geben wollte. Seine Untersuchung bei den Männern war kurz, und, wie es schien, befriedigend. Aber seine Beschauung, wie dies auch bei ihrer ersten Zusammenkunft geschehen, hielt sich länger auf, und verrieth Bewunderung, als er die hervorstechende und ungewöhnliche Schönheit eines so reizenden und so seltenen Wesens wie Inez in Augenschein nahm. Obwohl auf Augenblicke sein Anstaunen von ihrem Antlitz zu den faßlicheren und doch ausgezeichneten Reizen Ellens hinüberwanderte, kehrte es bald zu dem Studium eines Geschöpfs zurück, das für sein ungeübtes Auge, und seine unbeschränkte Einbildungskraft mit allen Vorzügen ausgeschmückt war, womit der jugendliche Dichter gern die glühenden Gebilde seines aufgeregten Geistes zu begaben pflegt. Nichts so Schönes, so Idealisches, so in jeder Hinsicht Würdiges, dem Muth, der Hingebung eines Kriegers zu lohnen, war ihm noch in den Steppen begegnet, und der junge Tapfere schien tief und sichtlich von ihrem so seltenen Muster der Lieblichkeit ihres Geschlechts gerührt. Als er jedoch bemerkte, daß sein Staunen den Gegenstand seiner Bewunderung beunruhige, wandt' er die Augen weg, legte mit Ausdruck die Hand auf die Brust, und antwortete bescheiden: »Mein Vater soll willkommen sein; die jungen Leute meines Volks sollen mit seinen Söhnen jagen, die Häupter mit dem Greise rauchen. Die Pawnee-Mädchen werden singen vor den Ohren seiner Töchter.« »Und wenn wir auf die Teton treffen?« fragte der Streifschütz, der vollkommen die wichtigeren Bedingungen seiner neuen Verbündeten zu vernehmen wünschte. »Der Feind der Großmesser soll den Arm der Pawnee fühlen!« »Gut. Nun lasse meinen Bruder und mich uns berathen, damit wir nicht gehen mögen auf krummem Pfad, sondern daß unser Weg nach seinem Dorf gleich sei dem Flug der Tauben.« Der junge Pawnee machte eine ausdrucksvolle Geberde der Zustimmung, und folgte dem Andern etwas bei Seite, damit sie nicht von dem unruhigen Paul oder dem vertieften Naturforscher unterbrochen werden möchten, Ihre Unterredung dauerte nicht lange, aber da sie auf die sententiöse Weise der Eingebornen vor sich ging, war sie hinreichend, beiden Theilen alle nöthige Belehrung zu geben. Als sie zu den Andern zurückkamen, wollte der Alte, wie folgt, einiges von dem, was zwischen ihnen vorgegangen, mittheilen. »Ei, ich trog mich nicht,« sagte er, »dieser gutaussehende junge Krieger, – denn gut, edel sieht er aus, obwohl er ein wenig durch Bemalung sich schrecklich gemacht hat, – dieser gutaussehende junge Mann also sagt mir, daß er gerade dieser Teton wegen aus ist. Sein Haufen war nicht stark genug, um die T – l zu schlagen, die herunter sind aus ihren Städten in großer Zahl, Büffel zu jagen, und Flüchtlinge sind in die Pawnee Dörfer gekommen um Hülfe. Es scheint, der Junge kennt keine Furcht, denn er hat ihre Spur allein verfolgt, bis, wie wir, er im Gras ein Lager hat suchen müssen. Aber er sagt mir noch mehr, Leute, und, was mich zu hören sehr betrübt, der listige Mahtoree, statt mit dem Auswanderer handgemein zu werden, ist sein Freund geworden, und beider Brut, roth und weiß, sind uns auf den Fersen, und legten ringsum die Steppe in Asche, unsern Untergang herbeizuführen.« »Wie kann er all das wissen?« fragte Middleton. »Wie erfuhr er, daß es so sei?« »Wie? Wie er's erfuhr? Meint Ihr, Zeitungen und Stadtausrufer brauchte es, um einem Kundschafter zu sagen, was auf den Steppen geschieht, wie dies in den Staaten der Fall ist. Kein Zigeunerweib, das von Haus zu Haus eilt, um das Unglück ihres Nachbars zu verbreiten, kann so schnell mit ihrer Zunge die Neuigkeiten herumbringen, als dieses Volk seine Meinung durch Zeichen und Warnungen, die es allein versteht, kund thut. Das ist ihre Gelehrsamkeit, und was besser ist, sie wird in freier Luft erlangt, nicht innerhalb der Schulwände. Ich versichere Euch, Capitain, was er sagt, ist wahr.« »Was das anlangt, das will ich beschwören,« sagte Paul. »Es ist vernünftig, und deßwegen muß es wahr sein.« »Und das könnt Ihr auch, Junge. Er erklärt ferner, daß meine alten Augen mir nochmals treu gewesen, und daß der Fluß hier herum ist, etwa eine halbe Meile entfernt. Ihr seht, das Feuer ist so ziemlich in dieser Gegend fertig, und unser Weg in Wolken von Rauch gehüllt. Er hält es auch für nöthig, unsere Spur im Wasser abzuwaschen. Ja, wir müssen diesen Fluß zwischen uns und die Sioux-Augen setzen, und dann, mit des Herrn Gnade, unsern eigenen Eifer nicht zu vergessen, können wir zum Dorf der Wölfe gelangen.« »Worte bringen uns keinen Schritt weiter,« sagte Middleton, »laßt uns aufbrechen.« Der Alte stimmte bei, und die Gesellschaft machte sich nochmals auf den Weg. Der Pawnee warf die Büffelhaut über seine Schulter, und führte an, blickte jedoch oft hinter sich, als er vorwärts schritt, um die ungewöhnliche und für ihn unbegreifliche Lieblichkeit der Inez anzustaunen. Eine Stunde brachte die Flüchtlinge an die Ufer des Stroms, der einer von den Hunderten war, welche durch das weite Geäder des Missouri und Mississippi die Wasser jenes großen und noch unbewohnten Landes dem Ocean zuführen. Der Fluß war nicht tief, aber sein Lauf trüb und schnell. Die Flammen hatten den Boden bis zu dessen Rande bestrichen, und da die warmen Dämpfe des Wassers sich in der kühleren Luft des Morgens mit dem Rauch des noch wüthenden Brandes mischten, war der größte Theil der Fläche in einen Mantel hinziehender Dünste gehüllt. Der Streifschütz machte auf diesen Umstand mit Vergnügen aufmerksam, und sagte, als er Inez am Rande des Wassers vom Pferd half: »Die Schelme haben sich selbst hintergangen; ich weiß nicht, ob ich nicht die Steppe auch angezündet hätte, um den Vortheil, daß der Rauch unsere Bewegungen einhülle, zu erlangen; jetzt haben uns die herzlosen Wichte die Mühe erspart. Ich hab's zu meiner Zeit so gemacht, und mit Erfolg. Kommt, Lady, setzt den zarten Fuß auf den Boden, denn eine furchtbare Zeit ist es gewesen für Jemand von Eurer Erziehung und Zartheit; – ach, was haben nicht zu meiner Zeit die Zarten, Guten, Aengstlichen unter den Schrecken und Nachstellungen des indianischen Kriegs erduldet! Kommt, es ist eine kurze Viertelmeile an das andere Ufer, und dann wenigstens ist unsere Spur unterbrochen.« Paul hatte unterdeß Ellen bei'm Absteigen unterstützt, und jetzt stand er und betrachtete mit trostlosen Augen die nackten Ufer des Flusses. Kein Baum, kein Gesträuch wuchs an seinem Rand, hier und da verlorenes Gebüsch, unter dem man nicht leicht ein Dutzend Stämme von der Dicke eines gewöhnlichen Spazierstocks hätte finden mögen. »Hört, alter Streifschütz,« rief der muthwillige Bienenjäger, »da kann man schon von der andern Seite dieses Zwergs von einem Fluß oder Bach, oder wie Ihr ihn nennen wollt, reden; es müßte in der That eine tüchtige Büchse sein, die ihr Blei hinüberbringen könnte, daß es einen Indianer oder ein Reh verletze.« »Freilich, freilich. Obwohl ich hier eine führe, die zur Noth ihre Pflicht in eben so großer Entfernung gethan hat.« »Und wollt Ihr Ellen und des Capitains Lady hinüberschießen, oder sollen sie unter'm Wasser nach Art der Forellen hinüber?« »Ist der Fluß zum Durchwaden zu tief?« fragte Middleton, der wie Paul die Unmöglichkeit zu bedenken begann, sie, deren Rettung er mehr als seine eigene schätzte, auf das andere Ufer zu bringen. »Wenn die Berge ihn mit ihren Bächen nähren, ist es, Ihr seht's, ein schneller und mächtiger Strom, und doch bin ich über sein sandiges Bett gegangen, ohne ein Knie zu benetzen. Aber wir haben die Siouxpferde, ich wette, die pfiffigen Schelme schwimmen Euch wie Rehe.« »Alter Streifschütz,« sagte Paul, und fuhr mit den Händen in seine Haare, wie er zu thun pflegte, wenn eine Schwierigkeit seinen Scharfsinn verwirrte. »Ich habe zu meiner Zeit wie ein Fisch geschwommen, und kann es noch, wenn es die Noth erfordert, auch kümmere ich mich nicht sehr um das Wetter, aber ich frage, ob Ihr Nelly auf ein Pferd bringen könnt, während das Wasser so stürmisch vor ihr hinrollt, außerdem ist es augenscheinlich, das Ding geht nicht trocken ab.« »Ei, der Junge hat Recht. Also zu unserer Erfindung, oder wir kommen nicht hinüber.« Dann schnell die Unterredung abbrechend, wandte er sich zu dem Pawnee, und machte ihn mit der Schwierigkeit bekannt, die sich bei den Frauen zeigte. Der junge Krieger hörte ernst zu, warf die Büffelhaut von der Schulter, und fing sogleich, gelegentlich von dem Alten unterstützt, an, die nöthigen Vorkehrungen zu dem gewünschten Zweck zu treffen. Die Haut war bald mit Hülfe von Rehstriemen, womit beide gut versehen waren, in die Gestalt eines Regenschirmes oder umgekehrten Schutzdaches zusammengezogen. Einige leichte Stöcke dienten dazu, die Theile am Zusammenfallen zu hindern, und als dies einfache und natürliche Mittel vorbereitet war, ward es aufs Wasser gesetzt, und der Indianer gab durch Zeichen zu verstehen, es sei bereit, seine Ladung einzunehmen. Inez und Ellen zögerten, sich einer Barke von so leichter Bauart anzuvertrauen, und auch Middleton und Paul wollten es nicht zugeben, bis sie sich durch wirklichen Versuch versichert, daß das Fahrzeug selbst eine weit schwerere Last tragen könne. Da endlich wurden ihre Anstände wiewohl mit Widerstreben besiegt, und die Haut nahm die kostbare Fracht auf. »Nun laßt den Pawnee Lootsen sein,« sagte der Streifschütz, »meine Hand ist nicht so fest wie vormals, aber er hat Glieder wie gehärtetes Eisenholz. Ueberlaßt alles der Weisheit des Pawnee.« Der Gemahl und der Liebende konnten nicht gut anders, und wurden sehr theilnehmende aber leidende Zuschauer bei dieser uranfänglichen Art von Färcherei. Der Pawnee wählte sich Mahtoree's Thier aus den drei Pferden, und das mit einer Schnelligkeit, welche bewies, daß er gar nicht unbekannt mit den Eigenschaften des edeln Rosses sei, warf sich darauf und ritt an den Rand des Flusses. Das eine Ende seiner Lanze in die Haut steckend, zog er das leichte Fahrzeug den Strom hinauf, ließ dem Pferde die Zügel schießen und drang kühn in die Fluth. Middleton und Paul folgten und hielten sich so nahe an der Barke, als es Klugheit rathsam machte. Auf diese Weise brachte der junge Krieger seine kostbare Ladung in vollkommener Wohlbehaltenheit an das andere Ufer, ohne die geringste Beschwerlichkeit für die Reisenden und mit einer Sicherheit und Schnelligkeit, welche verrieth, daß beide, Pferd und Reiter, in dem Werk nicht ungeübt seien. Als das Ufer gewonnen war, machte der junge Indianer seine Arbeit auseinander, warf die Haut über die Schulter, nahm die Stöcke unter den Arm, und ging ohne etwas zu sagen, wieder hinüber, um die Uebrigen auf ähnliche Art an das Ufer zu bringen, welches sehr mit Recht als das sichere betrachtet ward. »Nun, Freund Doctor,« sagte der Alte, als er den Indianer wieder in den Fluß gehen sah, »nun weiß ich, daß in jener Rothhaut Treue ist. Er ist ein gut aussehender, ja und ein ehrlich aussehender Junge; aber die Winde des Himmels sind nicht betrügerischer als diese Wilden, wenn der T –l sie so recht besessen hat. Wäre der Pawnee ein Teton oder einer von jenen herzlosen Mingo gewesen, die durch die Wälder von York zu streifen pflegten, es mögen etwa sechszig Jahre zurück sein, dann hätten wir sehen können, wie er uns den Rücken und nicht das Gesicht zugewendet. Mein Herz hatte schon seinen Verdacht, als ich den Jungen das bessere Pferd wählen sah, denn mit dem Thier könnte er uns eben so leicht verlassen, als eine gewandte Taube sich von einer Heerde lärmender, schwerfliegender Raben absondern möchte. Aber Ihr seht, Wahrheit ist in dem Jungen, und macht einmal eine Rothhaut Euch zum Freund, und er ist der Eurige, so lange Ihr ihn ehrlich behandelt.« »Wie weit mag's bis zur Quelle dieses Stroms sein?« fragte der Doctor, dessen Augen über die kräuselnden Wellen mit sehr zweifelvollem Ausdruck hinstrichen; »in wie weiter Entfernung könnte man sein verborgenes Entspringen auffinden?« »Je nachdem es Wetter ist. Ich wette, Eure Beine würden müde werden, eh' Ihr seinen Lauf bis in die Felsgebirge verfolgt hättet; aber dann gibt's Jahreszeiten, wo es, ohne einen Fuß naß zu machen, geschehen kann.« »Und wann ist diese Zeit?« »Wer diese Stelle einige Monate von jetzt an betritt, wird diesen brausenden Wasserspiegel als eine Wüste von Treibsand wiederfinden.« Der Naturforscher sann tief nach. Wie viele Andere, die nicht überreichlich mit physischer Kraft versehen sind, hatte sich der Würdige die Gefahr, über den Fluß zu setzen, plötzlich um so größer vorbestellt, als jetzt der Augenblick der Ausführung herankam, daß er wirklich an den verzweifelten Versuch dachte, den Fluß zu umgehen, um die Zufälle bei der Ueberfahrt zu vermeiden. Es ist unnöthig, sich bei dem unglaublichen Scharfsinn aufzuhalten, womit der Schrecken zu jeder Zeit einen wankenden Beweis zu stützen pflegt. Der würdige Obed hatte den ganzen Plan mit löblichem Eifer überdacht, und war eben zu dem tröstlichen Schluß gekommen, daß es fast eben so großer Ruhm sei, die verborgenen Quellen eines so beträchtlichen Stromes aufzusuchen, als eine Pflanze oder ein Insect den Verzeichnissen der Gelehrten einzufügen, – da stieß der Pawnee wieder an's Ufer. Der Alte nahm mit der größten Ueberlegung seinen Sitz in dem Hauptfahrzeug ein, sobald es nur zu seiner Aufnahme vorbereitet worden, und winkte nachdem er sorgsam den Hektor unter seine Beine untergebracht, dem Gefährten, den dritten Platz zu besetzen. Der Naturforscher setzte den einen Fuß in das gebrechliche Fahrzeug, wie etwa der Elephant eine Brücke untersucht, oder wie man ein Pferd oft ähnliche Untersuchungen anstellen sieht, ehe es seinen ganzen körperlichen Werth den gefürchteten Dielen anvertrauen will, und zog dann in dem Augenblick wieder zurück, wo der Alte ihn sitzen glaubte. »Verehrungswürdiger Jäger,« sagte er düster, »das ist eine unwissenschaftliche Barke; ein innerer Mahner verbietet mir auch, ihr meine Sicherheit zu vertrauen.« »Ei!« sagte der Alte, der mit den Ohren des Hundes spielte, wie es etwa ein Vater mit einem begünstigten Kinde thut. »Ich habe keine Neigung, auf diese unregelmäßige Art die Fluthen zu versuchen. Das Schiff hat weder Gestalt noch Verhältnisse.« »Es ist nicht so schön gedrechselt, wie ich ein Canoe von Birkenrinde gesehen, aber Trost ist im Wigwam wie im Palast.« »Es ist unmöglich, daß ein, auf so sehr aller Wissenschaft widerstrebende Grundsätze gebautes Fahrzeug, sicher sein kann; diese Schüssel, ehrwürdiger Jäger, wird nie sicher das andere Ufer erreichen.« »Ihr waret ja Zeuge von dem, was sie eben ausgerichtet.« »Ei, das war eine Anomalie im Glück. Wenn man Ausnahmen für Regeln im Verhalten der Dinge annehmen wollte, würde das Menschengeschlecht bald in die Abgründe der Unwissenheit gestürzt werden. Ehrwürdiger Jäger, dies Werkzeug, auf das Ihr Eure Sicherheit setzen wollt, ist in den Annalen regelmäßiger Erfindungen, was ein lusus naturae (Naturspiel) in den Verzeichnissen der Naturgeschichte heißt, – eine Mißgeburt.« Wie weit noch Doctor Battius die Rede hinausgesponnen hätte, ist schwer zu sagen; denn außer den mächtigen persönlichen Rücksichten, die ihn bewogen, ein Experiment aufzuschieben, was sicherlich nicht ohne seine Gefahren war, begann der Stolz der Vernunft ihn in seiner Erörterung zu unterstützen. Aber zum Glück für des Alten Geduld erhob sich, als der Naturalist zu dem Wort gekommen, womit er seine Rede endete, ein Ton in der Luft, der eine Art übernatürlichen Widerhalls für des Doctors Ausspruch schien. Der junge Pawnee, welcher das Ende der unbegreiflichen Unterredung mit ernster und charakteristischer Geduld abgewartet, erhob das Haupt und hörte auf den unbekannten Schrei, wie ein Hirsch, dessen geheimnißvolle Fähigkeit die Fußtritte der fernen Hunde entdeckt hat. Doch war der Streifschütz und der Doctor nicht ganz so unerfahren, von welcher Art die ungewöhnlichen Töne seien. Der letztere erkannte in ihnen die wohlbekannte Stimme seines eigenen Thieres, und er wollte die kleine Erhöhung die den Fluß einschloß, mit all dem Bangen zärtlicher Zuneigung hinauseilen, als Asinus selbst in nicht großer Entfernung auf ihn zu galoppirte, zu diesem unnatürlichen Gange durch den ungeduldigen und groben Weucha getrieben, der ihn bestiegen hatte. Des Tetons Augen und die der Flüchtlinge begegneten sich. Der erstere erhob einen langen, lauten, durchdringenden Schrei, worin die Töne des Jauchzens furchtbar mit denen der Warnung zerschmolzen. Dies Signal machte dem Streit über die Vorzüge der Barke ein Ende, indem der Doctor so schnell an des Alten Seite eilte, als wenn ein geistiger Nebel aus wunderbare Weise von seinen Augen weggenommen worden. Im nächsten Augenblick kämpfte des jungen Pawnee's Stute kräftig mit der Fluth. Die äußerste Anstrengung des Pferdes war nöthig, um die Flüchtlinge aus dem Bereich der Pfeile zu bringen, die alsbald durch die Luft segelten. Weucha's Geschrei hatte fünfzig der Gefährten an's Ufer gebracht, aber zum Glück war unter ihnen allen keiner von hinlänglichem Rang, um ihm das Privilegium zu geben, eine Flinte zu tragen. Die Hälfte des Stromes jedoch war noch nicht zurückgelegt, als man Mahtoree's Gestalt selbst an dessen Ufer sah, und eine unwirksame Ladung von den Feuerwaffen zeugte von der Wuth und getäuschten Hoffnung des Anführers. Mehr als einmal hatte der Streifschütz seine Flinte erhoben, als wolle er ihre Kraft gegen seine Feinde versuchen, aber eben so oft ließ er sie nieder, ohne zu feuern. Die Augen des Pawnee-Kriegers glänzten wie jene des Cougars, bei'm Anblick so vieler von dem feindlichen Stamme, und er beantwortete die unmächtigen Anstrengungen ihres Anführers, indem er eine Hand verachtungsvoll in die Luft reckte und das Kriegsgeschrei seiner Nation ausstieß. Die Aufforderung war zu empörend, um geduldet zu werden. Die Teton sprangen in den Fluß alle zusammen, und die Fluth erfüllte sich mit den dunkeln Gestalten von Thieren und ihren Reitern. Jetzt entstand ein furchtbarer Kampf um die freundliche Küste, da die Dahcotah mit Thieren vordrangen, welche nicht, wie die der Pawnee, ihre Kräfte in früheren Anstrengungen erschöpft hatten, und da sie unbelästigt von allem, nur ihre Reiter trugen, übertraf die Schnelligkeit der Verfolger gar sehr die der Flüchtlinge. Der Streifschütz, der klar die ganze Gefahr ihrer Lage begriff, wandte ruhig die Augen von den Teton auf seinen jungen indianischen Gefährten, um zu untersuchen, ob die Entschlossenheit des letztem zu wanken anfinge, je mehr die ersteren den Zwischenraum zwischen ihnen verringerten. Statt aber Furcht zu verrathen, oder etwas von der Besorgnis zu sagen, die so natürlich aus seinem sonderbaren Wagniß hervorzugehen schien, war die Stirn des jungen Kriegers zu einem Blick zusammengezogen, der hohe, tödtliche Feindschaft aussprach. »Schätzt Ihr, Freund Doctor, das Leben sehr?« fragte der Alte, mit einer Art philosophischem Gleichmuth, der die Frage für seinen Gefährten doppelt entsetzlich machte. »Nicht um seiner, selbst willen entgegnete der Naturforscher und schlürfte aus der hohlen Hand etwas Wasser aus dem Fluß, um seine heiße Kehle zu klären. »Nicht um seiner selbst willen, aber ganz außerordentlich, in soweit die Naturgeschichte so tiefes Interesse an meinem Leben nehmen muß, deßwegen –« »Ei,« erwiederte der Andere, der zu sehr in Gedanken war, um des Doctor's Ideen mit seinem gewöhnlichen Scharfsinn zu zergliedern. »Das ist freilich eine ganz natürliche Geschichte, und ein tiefes und eingewurzeltes Gefühl ist es; aber das Leben ist dem jungen Pawnee von eben so großem Werth als dem Statthalter der Staaten, und er könnte es retten, oder es wäre wenigstens möglich, daß er es rettete, wenn er uns dem Strom hinabgleiten ließe, und doch seht Ihr hält er sein Wort männlich, und wie ein indianischer Krieger. Ich, ich bin alt, und bereit, das Geschick zu nehmen, wie es der Herr mir verhängen will, auch sehe ich nicht, daß Ihr der Menschheit von großem Nutzen seid. Dagegen ist es eine schreiende Schande, ja eine Sünde, wenn solch ein schöner Junge, wie der, seinen Schädel um zwei so unnütze Wesen wie wir verlieren sollte. Ich bin daher geneigt, vorausgesetzt, daß es Euch recht ist, dem Burschen zu sagen, daß er für sich forteile, und uns der Gnade der Teton überlasse.« »Ich bestreite den Vorschlag als der Natur widerstrebend, als Verrath an der Wissenschaft,« rief der bestürzte Naturforscher. »Unsere Eile ist bewunderungswürdig, und da die herrliche Erfindung mit so erstaunlicher Leichtigkeit sich bewegt, werden einige Minuten uns ans Land bringen.« Der Alte betrachtete ihn einen Augenblick ernst, schüttelte den Kopf und sagte: »Himmel was ist Furcht! sie verwandelt die Geschöpfe der Welt und die Werke des Menschen, läßt, was häßlich ist, unsern Augen schön erscheinen, was schön, unansehnlich. Himmel was thut die Furcht! Doch ward durch das wachsende Interesse der Verfolgung dem Gespräch ein Ende gemacht. Der Dahcotah Pferde hatten jetzt die Mitte des Stroms erreicht, und ihre Reiter erfüllten schon die Luft mit Triumphgeschrei. In diesem Augenblick erschienen Middleton und Paul, welche die Damen in ein kleines Dickicht geführt hatten, wieder am Rand des Stroms und drohten ihren Feinden mit der Büchse. »Sitzt auf, sitzt auf,« rief der Streifschütz, sobald er sie sah, »sitzt auf und flieht, wenn Ihr die schätzt, die Eurer Hülfe vertrauen. Sitzt auf, und laßt uns in den Händen des Herrn.« »Nieder mit dem Kopf, alter Streifschütz,« erwiederte Paul's Stimme, »nieder mit euch Beiden in euer Nest. Der Teton-T–l ist in gerader Linie mit euch, macht einer Kentucky-Kugel Platz.« Der Alte wandte das Haupt, und sah, daß der eifrige Mahtoree, der seinen Begleitern etwas voraus war, fast in gerade Linie mit der Barke und dem Bienenjager gekommen, der ganz bereit war, seine gefährliche Drohung auszuführen. Er beugte sich, die Büchse ging los, und das schnelle Blei pfiff harmlos an ihm vorüber nach seinem entfernteren Ziel. Aber des Tetonhäuptlings Auge war nicht weniger schnell und sicher als das seines Feindes. Er warf sich einen Augenblick vor dem Schuß vom Pferde und versank in's Wasser. Das Thier schnaufte vor Schreck und Angst, und erhob sich halb in dem Fluß, dann trieb es fort in der Strömung und färbte die wilden Wasser mit seinem Blut. Der Tetonhäuptling erschien bald wieder auf der Oberfläche, und schwamm, als er seinen Verlust gewahrte, mit kräftigen Zügen auf den nächsten seiner Leute zu, der als etwas, was sich von selbst versteht, so einem berühmten Krieger seine Stute überließ. Doch veranlaßte der Vorfall eine Verwirrung in der ganzen Dahcotah-Bande, welche den Willen ihres Führers abzuwarten schien, ehe sie ihre Anstrengungen, die Küste zu erreichen, erneuerte. Indeß hatte das, Hauptfahrzeug das Land gewonnen, und die Flüchtlinge vereinten sich nochmals am Rand des Flusses. Die Wilden schwammen ungewiß herum, wir man etwa Heerde Tauben verwirrt fliegen sieht, wenn sie eine schwere Ladung in ihre Vordercolonne bekommen. Sie zögerten augenscheinlich, ein Ufer zu erstürmen, das so furchtbar vertheidigt ward. Die wohlbekannte Vorsicht der indianischen Kriegskunst trug endlich das Uebergewicht davon, und Mahtoree, durch den vorigen Vorfall gewitzigt, führte seine Krieger zurück an das Ufer, das sie verlassen, um die Pferde zu beruhigen, die scheu zu werden anfingen. »Nun sitzt auf mit euren Schönen, und eilt nach jenem Hügel,« sagte der Streifschütz, »hinter ihm findet ihr einen andern Strom, über den müßt ihr setzen, euch gegen die Sonne richten, und seinem Lauf eine Meile folgen, bis ihr eine hohe, sandige Ebene erreicht, dort will ich euch treffen. Geht, sitzt auf, dieser Pawnee-Jüngling und ich, und mein tapferer Freund, der Physiker, der ein verzweifelter Held ist, sind Mann genug, das Ufer zu vertheidigen, da, wie wir sehen, Schau nicht, sondern That hier nöthig ist.« Middleton und Paul wollten gegen diesen Vorschlag nicht vergebens ihre Lungen in Vorstellungen anstrengen. Froh, daß ihr Rücken gedeckt war, wenn auch nur unvollkommen, setzten sie schnell ihre Pferde in Bewegung, und verschwanden bald in der verlangten Richtung, Zwanzig bis dreißig Minuten vergingen, ehe die Teton auf dem andern Ufer geneigt schienen, etwas Neues zu unternehmen. Mahtoree war deutlich in der Mitte seiner Krieger zu sehen, wie er Befehle ausgab, und seine Rachbegierde verrieth, indem er gelegentlich seinen Arm nach den Flüchtlingen ausreckte, aber kein Schritt geschah, der eine unmittelbare Feindseligkeit zu drohen schien. Endlich erhob sich ein Geschrei unter den Wilden, das einen neuen Vorfall andeutete. Dann sah man Ismael und seine lässigen Söhne in der Entfernung, und bald trat die ganze vereinigte Macht an den Rand des Stroms. Der Auswanderer untersuchte die Stellung seiner Feinde mit seiner gewöhnlichen Ruhe, und gleichsam die Kraft seiner Büchse zu versuchen, sandte er eine Kugel unter sie, mit hinlänglicher Kraft, selbst in dieser Entfernung Tod zu bringen. »Nun laßt uns fort!« rief Obed, und versuchte, das Blei zu erblicken, das, wie er sich einbildete, an seinem Ohr nahe vorbeigepfiffen. »Wir haben das Ufer tapfer vertheidigt, und lange genug, eben so große militärische Kunst zeigt sich im Rückzug als im Vordringen.« Der Alte warf einen Blick hinter sich, und da er sah, daß die Reiter den Schutz des Hügels gewonnen, machte er gegen den Vorschlag keine weiteren Schwierigkeiten, Das noch übrige Pferd bekam der Doctor mit dem Befehl, dieselbe Richtung wie Middleton und Paul zu verfolgen. Als der Naturforscher saß, und in voller Flucht war, stahl der Streifschütz und der junge Pawnee sich auf eine Weise von der Stelle, die ihre Feinde noch einige Zeit in Zweifel über ihre Bewegungen ließ. Statt jedoch gerade über die Ebene nach dem Hügel zu gehen, was sie zu sehr ausgesetzt hätte, nahmen sie einen kürzeren Weg, der durch die Bildung des Bodens gedeckt war, und setzten über das kleine Wasser an dem Punct, wo Middleton geheißen worden, es zu verlassen, und gerade zu rechter Zeit, sich mit ihm zu vereinigen. Der Doctor hatte so großen Eifer auf der Flucht bewiesen, daß er schon seinen Freunden voraus war, und folglich waren alle Flüchtlinge wieder beisammen. Der Streifschütz sah sich jetzt nach einer passenden Stelle um, wo der ganze Haufen fünf oder sechs Stunden, wie er sich ausdrückte, Halt machen könnte. »Halt!« rief der Doctor, als der beunruhigende Vorschlag sein Ohr erreichte; »ehrwürdiger Jäger, es möchte scheinen, daß im Gegentheil wir mehrere Tage lang fliehen sollten!« Middleton und Paul waren beide dieser Meinung, und jeder sagte es auch auf seine Art. Der Alte hörte sie mit Geduld, schüttelte aber, nicht überzeugt, den Kopf, und beantwortete dann alle ihre Gründe zugleich und mit einem Worte. »Warum sollten wir fliehen?« fragte er. »Können die Beine sterblicher Menschen Pferde überflügeln? Meint Ihr, die Teton werden niederliegen und schlafen, ohne über das Wasser zu setzen und nach unserer Spur zu forschen? Dank sei Gott, wir haben unsere Fährte gut im Wasser gewaschen, und wenn wir die Stelle mit Vorsicht und Weisheit verlassen, können wir sie noch von unserer Spur abbringen. Aber Steppe ist nicht Wald. Da kann man lange Reisen machen und braucht sich nur um die Fußtapfen des Moccasins zu bekümmern, während in jenen offenen Ebenen ein Späher, auf jenen Hügel gestellt, so weit nach jeder Seite hinsehen kann, wie ein streichender Habicht, der auf Raub aus ist. Nein, nein, die Nacht muß kommen, Dunkelheit über uns sein, ehe wir diese Stelle verlassen. Aber hört auf das Wort des Pawnee's, er ist ein Bursche von Geist, und ich schwöre, er hat manchen harten Strauß mit den Sioux-Banden gehabt. Meint mein Bruder, seine Spur sei lang genug?« fragte er ihn dann auf Indianisch. »Ist ein Teton ein Fisch, daß er sie im Fluß sehen kann?« »Aber meine Leute meinen, wir sollten sie verlängern, bis sie über die Steppe reicht.« »Mahtoree hat Augen, er wird es sehen.« »Was räth mein Bruder?« »Der junge Krieger studirte einen Augenblick den Himmel, und schien ungewiß. Er überlegte einige Zeit und antwortete dann, wie wenn man fest entschlossen ist: »Die Dahcotah schlafen nicht, wir müssen in's Gras uns verstecken.« »Ah, der Junge ist meiner Meinung,« sagte der Alte und erklärte kurz die Meinung seines Gefährten seinen weißen Freunden. Middleton war genöthigt beizustimmen, und da es offenbar gefährlich war, stehen zu bleiben, machte Jeder Vorkehrungen zu seiner Sicherheit. Inez und Ellen wurden schnell unter die warmen und nicht unbequemen Büffelhäute gebracht, die eine dichte Decke bildeten, und hohes Gras ward über die Stelle gestreut, so daß das Ganze jeder Untersuchung eines gewöhnlichen Auges entging. Paul und der Pawnee banden die Thiere und warfen sie zu Boden, wo man sie, nachdem sie mit Futter versehen worden, auch in dem Nebel der Steppe versteckt ließ. Man verlor keine Zeit; als dies fertig war, suchte Jeder eine Stelle der Ruhe und Verstecktheit für sich selbst, und dann schien die Ebene wieder ihrer Einsamkeit überlassen. Der Alte hatte seinen Gefährten die Nothwendigkeit bedeutet, Stunden lang in ihrem Versteck zu bleiben. Alle ihre Hoffnung zu entrinnen, hing von dem Gelingen dieser List ab. Wenn sie die Klugheit ihrer Verfolger durch dies einfache und deßwegen weniger vermuthete Mittel hintergehen konnten, mochten sie ihre Flucht, sobald der Abend kam, fortsetzen, und indem sie ihre Richtung änderten, würde die Vermuthung des Erfolgs noch erhöht. Durch diese wichtigen Betrachtungen bewogen, lag der ganze Haufen, über seinen Zustand brütend, bis die Gedanken wirrer wurden, und der Schlaf endlich über alle nach und nach kam. Das tiefste Schweigen hatte stundenlang geherrscht, als die seinen Ohren des Streifschützen und des Pawnee's durch einen hellen Schrei des Erstaunens von Inez aufgeregt wurden. Aufspringend wie Leute, welche für ihr Leben kämpfen, fanden sie die weite Ebene, die wellenförmigen Erhöhungen, den kleinen Hügel, und das zerstreute Gebüsch alles in ein weißes, blendendes Schneegewand gehüllt. »Der Herr hab' Mitleid mit euch allen!« rief der Alte und betrachtete den Auftritt mit ängstlichem Auge; »nun Pawnee weiß ich die Ursache, warum Ihr so scharf die Wolken untersuchtet; aber es ist zu spät, zu spät! Ein Eichhörnchen ließe auf dieser leichten Decke eine Spur hinter sich. Ha, nun bekommen die Schurken Gewißheit! Nieder mit euch, nieder! Unsere Aussichten sind gering, und doch darf man sie nicht übermüthig wegwerfen.« Der ganze Haufen war sogleich wieder verborgen, obwohl mancher ängstliche und verstohlene Blick durch das Gras nach den Bewegungen der Feinde drang. Eine halbe Meile entfernt sah man die Teton-Bande in einem Kreis herumreiten, der sich allmählig zusammenzog und augenscheinlich auf derselben Stelle endete, wo die Flüchtlinge lagen. Es war nicht schwer, das Geheimnis, dieser Bewegung zu lösen. Der Schnee war früh genug gefallen, um sie zu versichern, daß die Gesuchten hinter ihnen wären und sie beschäftigten sich nun mit der unermüdlichen Ausdauer und Geduld indianischer Krieger damit, die sichern Grenzen ihres Verstecks zu umzingeln. Jeder Augenblick vergrößerte die Gefahr der Flüchtlinge. Paul und Middleton setzten bedachtsam ihre Büchsen in Stand, und als der ernstlich beschäftigte Mahtoree endlich ihnen auf fünfzig Fuß nahe kam und seine Augen immer auf das Gras geheftet hielt, durch das er ritt, schlugen sie zugleich an und drückten los. Ihre Bemühung ward nur durch das Knappen des Hahns erwiedert. »Genug,« sagte der Alte und erhob sich mit Würde. »Ich habe die Steine weggeworfen, denn plötzlicher Tod würde auf eure Raschheit folgen. Nun laßt uns unserm Geschick wie Männer begegnen. Weinen und Klagen finden nicht Gnade in indianischen Augen.« Sein Erscheinen ward durch ein Geschrei begrüßt, das weit und breit über die Ebene drang und in einem Augenblick sah man Hunderte von Wilden wie toll auf die Stätte reiten. Mahtoree empfing, seine Gefangenen mit großer Selbstbezwingung, obwohl ein Strahl stolzer Freude durch sein düsteres Auge brach, und Middleton durchdrang Eiseskälte, als er diesen Ausdruck seines Auges gewahrte, wie er ihn aus die fast unempfindliche, aber noch liebliche Inez richtete. Die Freude, daß er die weißen Gefangenen wieder habe, war so groß, daß sie für einige Zeit die dunkle unbewegliche Gestalt des Indianers, der sie begleitete, fast ganz bei ihm in Vergessenheit brachte. Dieser stand allein, nicht würdigend sein Auge auf seine Feinde zu werfen, so regungslos, als sei er in dieser würdigen, festen Stellung erfroren. Aber als einige Zeit vorübergegangen, zog selbst dieser Nebengegenstand die Aufmerksamkeit der Teton auf sich. Da erst erfuhr der Streifschütz, durch das Triumphgeschrei und das lange fortgesetzte Rufen, das mit einem Mal aus hundert Kehlen hervorkam, so wie auch durch den furchtbaren Namen selbst, der die Luft erfüllte, daß sein jugendlicher Freund Niemand anders als jener gefürchtete und bisher unbesiegte Krieger, der mächtige Hartherz sei. Fünfundzwanzigstes Kapitel. »Was, seid der alte Pistol und Ihr Freunde noch?« – Shakespeare.   Der Vorhang unsers unvollkommenen Dramas muß fallen, um über einer andern Scene aufzugehen. Die Zeit ist um mehrer Tage hinausgerückt, während welcher wichtige Veränderungen in der Lage der Auftretenden vorgegangen sind. Die Stunde ist Mittag, und der Ort eine erhöhte Ebene, welche in nicht großer Entfernung von dem Wasser etwas plötzlich über den fruchtbaren Boden sich erhob, der längs dem Rande eines der zahlreichen Wasser jener Gegend hinstrich. Der Bach nahm seinen Ursprung nahe dem Fuße der Felsgebirge, und mischte sich, nachdem er einen großen Theil der Ebene bewässert mit einem größeren Wasser, um sich dann endlich in der trüben Fluth des Missouri zu verlieren. Die Landschaft veränderte sich wesentlich zum Besseren, obgleich die Hand, welche so viel von einer Wüste dem umgebenden Land eingedrückt, auch auf dieser Stelle lastete. Der Anblick der Vegetation war jedoch weniger ermuthigend als auf den dürreren Wüsten der wellenförmigen Steppen. Baumgruppen waren verschwenderischer ausgestreut, und eine lange Linie dichten Walds begrenzte die nördliche Schranke der Aussicht. Hier und da, auf dem Boden, sah man Spuren hastigen, unvollkommenen Anbaus solcher einheimischen Gewächse, die schnell wuchsen und ohne Beihülfe der Kunst in tiefem, angeschwemmtem Boden gediehen. Am Fuße dessen, was man das Hochland nennen konnte, waren die hundert Wohnungen einer Horde wandernder Sioux aufgepflanzt. Ihre leichten Gemächer waren ohne die geringste Rücksicht auf Ordnung gestellt; Nähe beim Wasser schien die einzige Betrachtung gewesen zu sein, die man bei ihrer Anlegung angestellt hatte, und selbst diese wichtige Bequemlichkeit war nicht immer gewahrt worden. Während die meisten Wohnungen an der Grenze des Thals standen, sah man viele in größerer Entfernung solche Stellen einnehmen, wie sie zuerst dem launenvollen Auge ihrer rücksichtslosen Eigner gefallen hatten. Das Lager war nicht militärisch und auch nicht im Geringsten vor Ueberfall durch Lage oder Vertheidigung geschützt. Es war auf jeder Seite offen, auf jeder Seite eben so zugänglich wie jeder andere Punct in jenen Wüsten, wenn man die unvollkommene und natürliche Schwierigkeit, die der Fluß darbot, ausnahm. Kurz die Stelle trug den Anschein, als sei sie länger behauptet worden, als ihre Besitzer eigentlich sich vorgenommen, während ihr die Zeichen nicht abgingen, welche verriethen, sie könne leicht schnell und selbst, wenn Zwang es wolle, plötzlich verlassen werden. Dies war die einstweilige Lagerung jenes Theils seines Volks, den Mahtoree selbst auf jenen Gründen, welche die ständigen Wohnungen seiner Nation von denen der kriegerischen Pawnee-Stämme trennten, auf die Jagd geführt. Die Wohnungen waren Zelte von Häuten, hoch, kegelförmig und von der einfachsten, uranfänglichen Art. Schild, Köcher, Lanze und Bogen jedes Wohners hing an einem leichten Pfahl vor der Oeffnung oder Thüre jeder Behausung. Die verschiedenen häuslichen Geräthe seines einen Weibes, oder seiner zwei und drei, je nachdem der Tapfere größeren oder geringern Ruhm hatte, waren sorglos bei Seite geworfen, und hier und da konnte man das runde, volle, geduldige Antlitz eines Kindes aus seiner unbequemen Wiege von Rinde hervorpiepen sehen, während es mit einem Riemen von Rehhaut an demselben Pfahl aufgehängt in freier Luft schaukelte. Kinder von höherem Alter wälzten sich in Massen unter einander herum, wobei sich die männlichen selbst in dieser frühen Jugend durch jene Art von Herrschaft auszeichneten, welche für's künftige Leben die große Schranke zwischen beiden Geschlechtern bilden sollte. Jünglinge waren auf dem Grunde und übten ihre jugendliche Stärke im Bändigen der wilden Stuten ihrer Väter, während man hier und da ein schalkhaftes Mädchen ansichtig ward, das sich von ihrer Arbeit weggestohlen, um ihre kühne und wilde Wagniß zu bewundern. So weit war das Gemälde das tägliche Bild eines Lagers, das auf seine Sicherheit vertraut. Aber gleich an der Spitze der Wohnungen war eine Versammlung, die Bewegungen von mehr als gewöhnlichem Interesse zu verrathen schien. Einige verwelkte und verhärtete Weiber der Bande standen beisammen, bereit ihre heisern Stimmen zu leihen, wenn es nöthig wäre, um ihre Nachkommen zu einem Schauspiel zu reizen, nach welchem ihr wilder Geschmack verlangte, ganz so, wie Wesen von höherer Bildung oft an kaum weniger schrecklichen Schauspielen Gefallen finden. Die Männer waren wieder in Gruppen getheilt, je nach den Thaten und dem Ruf, auf die ein jeder Anspruch machte. Die, welche von jenem zweideutigen Alter waren, das sie auf Jagden zuließ, während ihre Klugheit noch zu zweifelhaft war, um sie zu Kriegsangelegenheiten zuzuziehen, hingen am Rand des Ganzen, und nahmen von den stolzen Mustern vor ihnen jenen Ernst im Benehmen und jene Rückhaltung in ihrer Weise an, die mit der Zeit in ihrem Charakter so tief mit verwachsen sollte. Einige einer noch älteren Classe, die das Kriegsgeschrei gehört hatten und anmaßender sich näher zu den Häuptlingen drängten, obgleich sie weit entfernt, waren, sich herauszunehmen, sich in ihren Rath zu mischen, zeichneten sich schon dadurch hinlänglich aus, daß man ihnen vergönnte, die Weisheit aufzufangen, die von so verehrten Lippen fiel. Die gewöhnlichen Krieger der Bande waren noch weniger blöde und zögerten nicht, sich unter die, Häuptlinge von geringern Ansehen zu mischen, obgleich sie sich nicht das Recht anmaßten, die Meinung eines bekannten Tapfern zu bestreiten, oder die Klugheit der Maßregeln in Zweifel zu ziehen, die von begabten Rathgebern des Volks anempfohlen wurden. Unter den Häuptlingen selbst war eine eigene äußere Haltung. Sie mußten in zwei Classen getheilt werden, die, welche ihren Einfluß physischen Ursachen und Wohlthaten verdankten und die, welche sich mehr durch ihre Weisheit als durch Dienste im Feld ausgezeichnet hatten. Die erstere waren bei weitem die zahlreichere und bedeutendere Classe. Sie waren Leute von Gestalt und hatten ein Ansehen, dessen ernste Züge oft doppelt imponirend durch jene Zeichen ihrer Kraft gemacht wurden, die ihre rauhen Lineamenten von der Hand ihrer Feinde eingegraben worden, in der Form tiefer, unvertilgbarer Narben. Die Classe, die ihr Uebergewicht durch moralische Vorzüge erlangt, war außerordentlich beschränkt. Sie konnten alle an dem schnellen, lebhaften Ausdruck ihrer Augen, an der vorsichtigen Art ihrer Bewegungen und manchmal an der Kraft ihrer Sprache in jenen plötzlichen Ausbrüchen erkannt werden, wodurch sich ihre jetzige Berathung manchmal auszeichnete. Gerade in der Mitte des Kreises, den diese ausgewählten Rathgeber bildeten, sah man die Gestalt des unruhigen, aber scheinbar ruhigen Mahtoree. In seiner Person und seinem Charakter waren all die verschiedenen Eigenschaften der Andern vereinigt. Gemüth sowohl als Körper hatten zusammen sein Ansehen gebildet. Seine Narben waren so zahlreich und tief als die des weisesten Hauptes seiner Nation; seine Glieder waren in ihrer größten Kraft, sein Muth auf seiner höchsten Höhe. Mit dieser seltenen Vereinigung von moralischem und physischem Einfluß begabt pflegte das kühnste Auge in der Versammlung vor seinem drohenden Blick sich niederzuschlagen. Muth und List hatte seine Herrschaft begründet, und durch die Zeit war sie geheiligt worden. Er wußte so gut Vernunft und Zwang, zu vereinigen, daß in einem Gesellschaftszustand, der eine größere Aeußerung seiner Fähigkeiten zugelassen, der Teton sehr wahrscheinlich beides Eroberer und Despot gewesen. Etwas bei Seite von der Versammlung der Bande waren Wesen von ganz verschiedenem Ursprung zu sehen. Größer und weit muskelvoller von Gestalt waren noch zögernde Spuren ihrer sächsischen und normannischen Abkunft unter der dunkeln Farbe zu finden, die ihnen eine amerikanische Sonne aufgedrückt hatte. Es würde für einen in solchen Forschungen Geübten eine interessante Untersuchung sein, jene Puncte der Verschiedenheit darzulegen, wodurch die Nachkommenschaft des westlichen Europaers noch jetzt von den Abkömmlingen des entferntesten Asiaten zu unterscheiden wäre, jetzt, da beide bei den Umkehrungen in der Welt sich einander nähern in ihren Gewohnheiten, ihrem Wohnort, und besonders in ihrem Charakter. Die Gruppe, wovon wir sprechen, bestand aus der Familie des Auswanderers. Sie standen lässig, träge und unthätig, wie gewöhnlich, wenn keine unmittelbare Anforderung an ihre schlafenden Kräfte erging, vor etwa vier oder fünf von Häuten erbauten Wohnungen, die sie der Gastfreundschaft ihrer Teton-Verbündeten verdankten. Die Bedingungen ihrer unerwarteten Verbindung waren deutlich aus der Gegenwart der Pferde und Hausthiere zu erschließen, die ruhig den Boden in der Nähe unter dem wachsamen Auge der beherzten Hetty abweideten. Ihre Wagen standen um ihre Wohnungen in einer Art ungeregelter Verschanzung, welches zugleich zeigte, daß ihr Zutrauen noch nicht gänzlich wieder hergestellt worden, während auf der andern Seite ihre Klugheit und Trägheit sie nicht deutlich ihren Verdacht an den Tag legen ließ. Es lag eine sonderbare Mischung von unthätigem Genuß und finsterer Neugier in jedem ihrer finstern Züge, während Jeder, auf seine Büchse gelehnt, die Bewegungen in die Sioux-Versammlung beobachtete. Noch verriethen selbst die Jüngsten von ihnen kein Zeichen der Erwartung oder Theilnahme, und alle schienen die gelassensten ihrer wilden Verbündeten in Darlegung der rühmlichen Tugend Geduld nachahmen zu wollen. Sie sprachen selten, und wenn es geschah, war es eine kurze Bemerkung, die die physischen Vorzüge eines Weißen vor einem Indianer in hinlänglich schlagendes Licht setzen sollte. Kurz, Ismael's Familie schien jetzt eines vollen Genusses sich zu erfreuen, der auf Unthätigkeit beruhte, aber nicht ganz frei von einem gewissen wirren Geflimmer in der Ferne war, das ihnen zu sagen schien, ihre Sicherheit sei etwas in Gefahr, durch Teton-Verrätherei plötzlich unterbrochen zu werden. Abiram allein machte eine einsame Ausnahme von diesem Zustand zweideutiger Ruhe. Nach einem Leben, das er in tausend niedrigen und unbedeutenderen Schurkereien hingebracht, war der Seelenverkäufer kühn genug geworden, die verzweifelte Unternehmung zu wagen, welche wir im Verlauf unserer Erzählung dem Leser dargelegt haben. Sein Einfluß auf den kühneren, aber weniger thätigen Geist Ismael's war gerade nicht groß, und wäre der letztere nicht plötzlich aus einem fruchtbaren Landstrich vertrieben worden, den er mit der Absicht, ihn zu behalten, ohne viele Rücksicht auf die Formen des Gesetzes in Besitz genommen, es wäre jenem nie gelungen, den Gemahl seiner Schwester zu einer Unternehmung zu vermögen, die so viel Entschlossenheit und Vorsicht erheischte. Ihr früheres Glück und folgendes Mißlingen hat der Leser mit angesehn, und Abiram saß jetzt bei Seite, die Mittel bedenkend, wodurch er sich die Vortheile seiner Unternehmung sichern konnte, die er mit jedem Augenblick bei der offenen Bewunderung Mahtoree's für den unschuldigen Gegenstand seiner Büberei ungewisser werden sah. Wir wollen ihn seinen oft veränderten, wirren Plänen überlassen, um zur Beschreibung gewisser andern Personen unseres Dramas überzugehn. Noch ein anderer Winkel des Gemäldes war besetzt. Auf einer kleinen Bank, zur äußersten Rechte der Lagerung, lagen Middletons und Paul's Gestaltet. Ihre Glieder waren schmerzlich mit Riemen gefesselt, die aus einer Bisonhaut geschnitten worden, und sie waren mit einer Art seiner Grausamkeit so gestellt, daß Jeder einen Abglanz seines eigenen Elends in dem des Andern sehen konnte. Ein Dutzend Schritte von ihnen war ein Pfahl in den Boden fest eingetrieben worden, und daran gebunden war die leichte, apollogleiche Gestalt des Hartherz. Zwischen beiden stand der Streifschütz, seiner Büchse, Tasche und seines Horns beraubt, aber sonst in einer Art mit Verachtung verknüpfter Freiheit gelassen. Fünf oder sechs junge Krieger jedoch, mit ihren Köchern auf dem Rücken, und lange Bogen auf die Schultern gehängt, standen in ernster Wachsamkeit nicht weit von der Stelle und zeigten hinlänglich, wie fruchtlos jeder Versuch zur Flucht von Seiten eines so bejahrten und schwachen Mannes ausfallen würde. Darin verschieden von andern Betrachtern der wichtigen Versammlung waren diese Individuen in einem Gespräch begriffen, das für sie von besonderem Interesse war. »Capitain,« sagte der Bienenjäger mit einem Ausdruck komischer Betrübniß, denn kein Unfall konnte seine Laune trüben, »fühlt Ihr wirklich auch jenes verfl–te Schneiden von dem ungegerbten Leder in Eurer Schulter, oder ist es nur das Prickeln in meinem eigenen Arm, was ich fühle?« »Wenn der Geist so schwer leidet, ist der Körper für den Schmerz unempfindlich,« entgegnete der gebildetere, obwohl kaum so geistreiche Middleton. »Wollte der Himmel, einige von meinen treuen Artilleristen stießen auf dies verd – te Lager!« »Ihr könntet eben so gut wünschen, diese Teton-Wohnungen wären Hornißkörbe, und jene Insecten kämen heraus, und kämpften mit jenem Schwarm halbnackter Wilden.« Dann über seinen eigenen Einfall lachend, wandte sich der Bienenjäger von seinem Gefährten weg, und suchte für den Augenblick eine Linderung seines Elends, indem er sich einbildete, solch ein wilder Einfall könnte sich verwirklichen, und über die Art dachte, wie es selbst die große Geduld eines Indianers besiegte. Middleton war gerne still, aber der Alte, der auf ihre Worte gehört, trat näher und setzte das Gespräch fort: »Es wird allem Anschein nach eine erbarmenlose und höllische Geschichte werden!« sagte er und schüttelte den Kopf auf eine Weise, welche verrieth, daß selbst seine Erfahrung in einem so schweren Fall um ein Mittel verlegen wäre. »Unser Pawnee-Freund ist schon zur Folter an den Pfahl gebunden, und ich sehe deutlich an dem Auge und der Miene des großen Sioux, daß er sich von dem Charakter seines Volks zu fernern Greueln wird hinreißen lassen.« »Hört, alter Streifschütz,« sagte Paul, und wandte sich in seinen Fesseln, um einen Blick aus des Andern traurigem Auge aufzufangen, »Ihr seid geschickt in indianischen Sprachen und versteht etwas von indianischen T–leien. Geht in die Berathung, sagt ihren Häuptern in meinem Namen, das heißt im Namen Paul Hover's, aus dem Staat Kentucky, daß, vorausgesetzt, sie versprechen mir die sichere Rückkehr einer gewissen Ellen Wade in die Staaten, sie mir willkommen sind, und meinen Kopf nehmen können, wie es ihrer Unterhaltung am besten zusagt, oder wenn sie auf diese Bedingungen nicht unterhandeln wollen, möcht Ihr ihnen noch eine Stunde oder zwei Folter zugeben, um ihnen den Handel annehmlicher zu machen.« »Ei, Bursche, die würden wenig auf solchen Vorschlag hören, da sie wissen, daß Ihr, schon wie ein Bär in der Falle, eben so wenig fliehen als fechten könnt. Aber seid nicht muthlos, die Farbe eines Weißen ist manchmal sein Todesstoß unter diesen fernen Wildenstämmen und manchmal sein Schild. Obwohl sie uns nicht lieben, bindet ihnen oft Furcht die Hände. Könnten die Rothen ihren Willen ausführen, Bäume würden bald wieder auf Amerikas bepflügten Feldern wachsen und die Wälder weiß sein von Christen-Gebein. Niemand kann es bezweifeln, der weiß, welche Liebe eine Rothhaut gegen ein Blaßgesicht hegt; aber sie haben uns gezählt, und ihr Gedächtniß hat sie verlassen, und sie sind nicht ohne Klugheit. Deswegen ist unser Schicksal noch ungewiß, aber ich fürchte, der Pawnee hat nichts mehr zu hoffen.« Als der Alte schloß, näherte er sich langsam dem Gegenstand seiner letzten Bemerkung, und blieb nicht weit von seiner Seite stehen. Hier beobachtete er eine Stille und nahm einen Blick an, wie sie in der Nähe eines so berühmten Häuptlings, der in einer Lage, wie sein gefangener Gefährte war, sich schickte. Aber Hartherz Auge war auf die Ferne gerichtet, und seine ganze Miene verrieth Einen, dessen Gedanken gänzlich der Gegenwart entrückt sind. »Die Sioux berathen wegen meines Bruders,« bemerkte endlich der Streifschütz, als er fand, daß er nur durch Sprechen des Andern Aufmerksamkeit auf sich ziehen könne. Der junge Parteigänger wandte sein Haupt mit einem ruhigen Lächeln, als er antwortete: »Sie zählen die Köpfe über der Wohnung Hartherz.« »Ohne Zweifel, ihr Zorn steigt, wenn sie an die Menge der Teton denken, die Ihr erschlagen habt, und besser würde es jetzt für Euch sein, hättet Ihr mehr Tage auf der Jagd als im Kriege zugebracht. Dann könnte eine kinderlose Mutter dieses Stammes Euch an die Stelle ihres verlornen Sohnes annehmen, und Eure Tage wären voll Friede.« »Meint mein Vater, ein Krieger könne je sterben. Der Herr des Lebens öffnet seine Hand nicht, um seine Gaben wieder zu nehmen. Braucht er seine Leute, ruft er ihnen, und sie gehen. Aber die Rothhaut hat einmal für immer gelebt.« »Ei, was ist ein tröstlicherer und demüthigerer Glaube, als dort jene herzlosen Teton hegen. Es ist Etwas in jenen Wölfen, was ihnen mein ganzes Herz öffnet; sie scheinen den Muth, ei, und auch den Edelsinn der Delawaren von den Hügeln zu haben. Und dieser Junge, es ist wunderbar, sehr wunderbar; aber Auge, Alter und Glieder sind, als wären sie Brüder. Sagt mir, Pawnee, habt Ihr je in Euern Sagen von einem mächtigen Volk gehört, das einst an den Küsten des Salzsees, hart bei Sonnenaufgang, wohnte?« »Die Erd' ist weiß von Leuten von der Farbe meines Vaters.« »Nein, nein, ich spreche jetzt nicht von Eingedrungenen, die sich in das Land geschlichen, um die rechtmäßigen Eigenthümer ihres Geburtsrechts zu berauben, sondern von einem Volk, das von Natur und durch Schminke roth ist oder vielmehr war, wie die Birne am Busch.« »Ich habe die Greise sagen hören, daß es Banden gäbe, die sich in den Wäldern nach Sonnenaufgang bärgen, weil sie nicht mit Männern in den offenen Steppen zusammen zu kommen wagten.« »Erzählen Euch Eure Sagen nicht von dem größesten, tapfersten und weisesten Volke von den Rothhäuten, auf das je Wahcondah herabsah?« Hartherz erhob sein Haupt mit einer Leichtigkeit und Würde, die selbst seine Bande nicht unterdrücken konnten, als er antwortete: »Hat das Alter meinen Vater geblendet? Oder sieht er so viele Sioux, daß er meint, es seien keine Pawnee mehr da?« »Ach, das ist die menschliche Eitelkeit und Hoffart,« rief der getäuschte Alte auf Englisch. »Natur ist so stark in einer Rothhaut, als in dem Busen eines Weißen. Nun würde ein Delaware sich für weit Mächtiger halten, als einen Pawnee, gerade wie ein Pawnee sich rühmt von den Ersten der Erde zu sein. Und so war es zwischen den Franzosen der Canada und den rothröckigen Engländern, die der König in die Staaten zu schicken pflegte, als Staaten sie noch nicht waren, sondern schreiende, bittende Provinzen; sie fochten und fochten, und zu welchen wunderbaren Prahlereien über ihre Tapferkeit und Siege veranlaßten sie die Welt, während beide Parteien den niedrigen Soldaten des Landes zu nennen vergaßen, der eigentlich die Dienste that; aber da er nicht berechtigt war, damals an dem großen Berathungsfeuer seiner Nation zu rauchen, selten von seinen Thaten hörte, nachdem er sie tapfer vollbracht.« Als der Alte so seinem fast entschlafenen, aber gar nicht erstorbenen Kriegerstolz Luft gemacht, der ihn so sehr sich unbewußt in eben den Fehler verleitete, den er tadelte, ward sein Ange, das von einer Art Jugendfeuer sich zu beleben und zu glänzen begonnen, sanfter und wandte seinen ängstlichen Blick auf den zum Opfer ausersehenen Gefangenen, dessen Züge auch ihre frühere Kälte und Gedankenversunkenheit wieder annahmen. »Junger Krieger,« fuhr er mit einer Stimme fort, die zitternd wurde, »ich bin nie Vater oder Bruder gewesen. Der Wahcondah wollte, daß ich allein lebte. Er band nie an Haus und Feld mein Herz durch die Bande, wodurch die Leute meiner Art an ihre Wohnungen gebunden sind; hätte er es gethan, ich wäre nicht so weit gewandert, hätte nicht so viel gesehen. Aber ich hab' mich lange unter einem Volke aufgehalten, das in den Wäldern lebte, die Ihr erwähntet, und fand viel Ursach', ihren Muth nachzuahmen und ihren Edelsinn zu lieben. Der Herr des Lebens hat uns allen, Pawnee, Gefühl für unsere Art gegeben. Ich war nie Vater, aber wohl weiß ich, was Liebe zu Jemanden ist. Ich glich einem Jüngling, den ich schätzte, und ich hatte selbst zu glauben angefangen, etwas von seinem Blut könnte in Euern Adern sein. Aber was hilft das! Ihr seid ein wahrer Mann, wie ich durch die Art erkannte, wie Ihr Treue hieltet; und Edelsinn ist zu seltne Tugend, um vergessen zu werden. Mein Herz neigt sich zu Euch, Junge, und gern würd' ich Euch Gutes thun.« Der jugendliche Krieger hörte auf die Worte, die von den Lippen des Andern mit einer Wärme und Einfalt kamen, die ihre Wahrheit darthat, und neigte sein Haupt auf den nackten Busen, zum Zeichen der Ehrfurcht, womit er das Anerbieten annahm. Dann sein schwarzes Auge gerade aufrichtend, schien er wieder über Dinge nachzudenken, die fern von jeder persönlichen Betrachtung waren. Der Streifschütz, welcher wohl wußte, in wie weit der Stolz eines Kriegers ihn in jenen Augenblicken aufrichten würde, die er für seine letzten hielt, wartete auf den Willen seines jungen Freundes mit einer Sanftmuth und Geduld, die er durch seinen Umgang mit diesem merkwürdigen Stamm sich zu eigen gemacht. Endlich begann das Hinstarren des Pawnee's zu schweifen, und dann wandten sich schnelle, blitzende Blicke von dem Angesicht des Alten in die offene Luft, und von da wieder auf seine tief gezeichneten Züge, als verwirre sich der Geist, der diese Bewegungen beherrschte. »Vater,« antwortete endlich der junge Tapfere in einer Stimme voll Vertrauen und Güte, »ich hab' Eure Worte gehört. Sie sind in meine Ohren gedrungen und sind jetzt in mir. Das weißköpfige Langmesser hat keinen Sohn; Hartherz, der Pawnee, ist jung, aber ist schon der Aelteste seiner Familie. Er fand die Gebeine seines Vaters auf dem Jagdgrunde der Osagen und hat sie geschickt zu den Fluren des guten Geistes. Kein Zweifel, das große Haupt, sein, Vater, hat sie gesehn und weiß, was ein Theil von ihm ist: Aber Wahcondah wird bald uns Beide rufen, Euch, weil Ihr Alles gesehen, was in diesem Land zu sehen, und Hartherz, weil er einen Krieger braucht, der jung ist. Nicht Zeit hat der Pawnee, dem Blaßgesicht die Pflichten zu zeigen, die ein Sohn seinem Vater schuldig ist.« »Alt, wie ich bin, arm und hülflos, wie ich dastehe, gegen daß, was ich einst war, ich kann noch die Sonne hinter der Steppe niedersinken sehen. Erwartet mein Sohn, je nochmals die Nacht zu sehen?« »Die Teton zählen die Schädel über meiner Wohnung!« entgegnete der junge Häuptling mit einem Lächeln, dessen Traurigkeit sonderbar durch einen Strahl von Triumph erleuchtet war. »Und sie finden ihrer viele: Zu' viele für die Sicherheit ihres Eigenthümers, da er in ihren rachsüchtigen Händen ist. Mein Sohn ist kein Weib und sieht auf den Pfad, den er bald wandeln soll, mit festem Auge. Hat er nichts seinem Volke in die Ohren zu sagen, ehe er aufbricht? Diese Beine sind alt; aber sie können mich noch zu den Windungen des Wolfsflusses tragen.« »Sagt ihnen, daß Hartherz einen Knoten in seinen Wampum gebunden für jeden Teton!« drang über die Lippen des Gefangenen mit jener Heftigkeit, womit plötzliche Leidenschaft durch die Schranken künstlichen Rückhalts bricht; »trifft er einen von ihnen allen in den Gefilden des Herrn des Lebens, dann wird sein Herz Sioux werden!« »Ach, solch ein Gefühl würde ein gefährlicher Begleiter für einen Weißen sein, um sich damit auf die feierliche Reise zu machen,« murmelte der Alte auf Englisch. »Das war's nicht, was die guten Mähren zu den versammelten Delawaren sagten, oder was so oft den Weißen in den Ansiedelungen gepredigt wird, obwohl, zur Schande dieser Farbe sei es gesagt, es so wenig beachtet wird. Pawnee, ich lieb' Euch; aber als ein Christ kann ich solche Botschaft nicht überbringen.« »Wenn mein Vater fürchtet, die Pawnee möchten ihn hören, mag er es unsern Greisen leise in's Ohr flüstern.« »Was Furcht betrifft, junger Krieger, so trifft sie nicht mehr die Blaßgesichter, als die Rothhaut. Wahcondah lehrt uns, das Leben zu lieben, welches er gibt; aber nur, wie man Jagd, Hunde und Carabiner liebt, nicht mit dem Bangen, womit eine Mutter auf ihr Kind sieht. Der Herr des Lebens wird nicht zweimal zu reden brauchen, wenn er mich ruft. Ich bin so bereit, jetzt darauf zu antworten, wie morgen, oder zu irgend einer Zeit, die seinem mächtigen Willen gefällt. Aber was ist ein Krieger ohne seine Ueberlieferungen, meine verbieten mir, Eure Worte zu überbringen.« Der Häuptling machte eine würdevolle Verbeugung bei seiner Beistimmung; und hier war große Gefahr, jene Gefühle des Vertrauens, die so sonderbar erweckt worden, möchten eben so plötzlich verstummen. Aber das Herz des Alten war durch lange schlafende, aber noch lebendige Rückerinnerungen zu empfindlich gerührt worden, um so plötzlich die Mittheilung abzubrechen. Er sann einen Augenblick; dann neigte er sich vertraulich zu seinem Gefährten und fuhr fort: »Jeder Krieger muß nach seinen Gaben beurtheilt werden. Ich hab meinem Sohn gesagt, was ich nicht kann; erhöre jetzt auf das, was ich kann. Ein Elenn kann die Steppe nicht schneller durchlaufen, als diese alten Beine, wenn der Pawnee mir eine Botschaft geben will, die ein Weißer überbringen kann.« »Es höre das Blaßgesicht,« entgegnete der Andere, nachdem er unter dem noch zurückgebliebenen Gefühl seines vorigen schlimmen Erfolgs einen Augenblick länger gezögert hatte. »Er wird hierbleiben, bis die Sioux die Schädel ihrer todten Krieger gezählt haben. Er wird warten, bis sie versucht haben, mit der Haut eines Pawnee's achtzehn Tetonköpfe zu bedecken; er wird seine Augen weit aufmachen, daß er die Stelle sehen möge, wo sie die Gebeine eines Kriegers begraben.« »All dies will und kann ich thun, edler Bursche.« »Er wird die Stelle merken, daß er sie weiß.« »Fürchtet nichts, ich werd' den Ort nicht vergessen,« fiel der Andere ein, dessen Stärke unter so ergreifender Darlegung von Ruhe und Ergebung zu wanken begann. »Dann weiß ich, wird mein Vater zu meinem Volk gehen. Sein Haupt ist grau, und seine Worte werden nicht in den Wind geblasen werden mit dem Rauch. Er gehe in meine Wohnung und rufe den Namen »Hartherz« laut. Kein Pawnee wird taub sein. Dann rufe mein Vater nach dem Füllen, das nie geritten worden, das zierlicher ist, als der Bock und schneller als das Elenn.« »Ich versteh' Euch, Junge,« fiel der aufmerkende Alte ein, »und was Ihr sagt, will ich thun, ei, und auch recht thun, oder ich müßte nur schlecht mit den Wünschen eines sterbenden Indianers vertraut sein.« »Und wenn meine Leute meinem Vater den Zaum jenes Füllen gegeben, wird er es auf Umwegen zu Hartherz Grab führen.« »Freilich, ei, das will ich, tapferer Junge, mag auch der Schnee die Steppen decken, und die Sonn' sich bergen, wie bei Nacht, Zu der heiligen Stelle will ich das Thier führen, und seine Augen richten nach der untergehenden Sonne.« »Und mein Vater wird zu ihm sprechen und sagen, daß sein Herr, der es genährt, seit es geboren, jetzt sein Noth hat.« »Das auch will ich thun, obwohl der Herr weiß, daß ich mit einem Pferde rede, nicht in der thörichten Meinung, meine Worte würden verstanden, sondern nur, den Bitten indianischen Aberglaubens zu genügen. – Hektor, mein Junge, was hältst du davon, Hund, mit einem Pferde zu reden?« »Es spreche der Graubart zu ihm in der Sprache eines Pawnee's,« fiel das junge Opfer ein, als er bemerkte, daß sein Gefährte bei der obigen Frage eine unbekannte Sprache gebraucht hatte. »Meines Sohns Wille soll geschehen. Und mit diesen alten Händen, die, wie ich hoffte, nicht mehr Blut ergießen sollten, weder eines Menschen, noch eines Thiers, will ich es schlachten auf Eurem Grabe.« »Gut,« entgegnete der Andere, und ein Strahl von Zufriedenheit flog über seine ernsten, festen Züge. »Hartherz wird sein Roß nach den gesegneten Auen lenken, und vor dem Herrn des Lebens wie ein Häuptling erscheinen.« Die plötzliche und auffallende Veränderung, die sogleich mit dem Gesicht des Indianers vorging, machte, daß der Streifschütz zur Seite blickte, wo er denn bemerkte, daß die Versammlung der Sioux zu Ende sei, und daß Mahtoree mit zwei seiner Hauptkrieger bedächtig ihrem ausersehenen Opfer sich näherten. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Nicht wein' ich leicht, wie mein Geschlecht es thut; Doch berg' ich hohen Schmerz im Busen hier. Der wilder brennt, als Thränen fallen. Shakespeare.   Zwanzig Schritte von den Gefangenen hielten die Teton, und ihr Häuptling winkte dem Greise, näher zu treten. Der Streifschütz gehorchte, verließ den jungen Pawnee mit einem bedeutungsvollen Blick, der aufgenommen ward, wie er gemeint war, als ein neues Pfand, daß er nie vergessen würde, was er versprochen. Sobald Mahtoree fand, daß der Andere in seinen Bereich gekommen, streckte? er den Arm aus, legte eine Hand auf die Schulter des aufmerksamen Alten, und stand einen Augenblick ihn mit einem Auge betrachtend, das die geheimsten Winkel seiner verborgensten Gedanken durchdringen zu wollen schien. »Ist ein Blaßgesicht mit zwei Zungen gemacht?« fragte er, als er fand, daß wie gewöhnlich, der Gegenstand seines Forschens auch nicht im geringsten durch seinen jetzigen Ernst eingeschüchtert, oder sonst durch Furcht vor der Zukunft bewegt sei. »Rechtlichkeit liegt tiefer als die Haut.« »So ist's. Nun möge mein Vater hören. Mahtoree hat nur eine Zunge, der Graubart viele. Sie können alle gerade sein, und keine gespalten. Ein Sioux ist nur ein Sioux, aber ein Blaßgesicht Alles! Er kann zum Pawnee sprechen und zum Konza und zum Omawhaw, und er kann sprechen zu seinem eigenen Volk.« »Ei, es gibt Sprachgelehrte in den Colonieen, die noch weit mehr können. Aber was hilft's all'. Der Herr des Lebens hat ein Ohr für jede Sprache.« »Das Grauhaupt hat Unrecht gethan. Es hat das Eine gesagt, während es das Andere meinte. Es hat vor sich gesehen mit seinen Augen, hinter sich mit seinem Geist. Es hat zu arg eines Sioux Pferd geritten, und ist Freund gewesen dem Pawnee und Feind meinem Volk.« »Teton, ich bin Euer Gefangener. Sind auch meine Worte weiß, sie werden sich nicht beklagen. Thut nach Gefallen.« »Nein, Mahtoree wird ein weißes Haar nicht roth machen; mein Vater ist frei, die Steppe ihm offen nach jeder Seite, aber ehe das Grauhaupt den Sioux den Rücken wendet, möge er aufmerksam auf sie schauen, um seinem Häuptling zu sagen, wie groß ein Dahcotah ist.« »Ich bin nicht eilig, mich aufzumachen. Ihr seht, Teton, einen Mann mit einem weißen Haupt und kein Weib, deßwegen werde ich mir nicht den Athem auslaufen, den Völkern den Ruhm der Sioux zu verkünden.« »Gut. Mein Vater hat mit den Häuptlingen vieler Berathungen geraucht,« entgegnete Mahtoree, der sich jetzt des andern Gunst hinlänglich gesichert zu haben dachte, um schneller zu seinem Zweck sich zu wenden. »Mahtoree wird in der Sprache seines lieben Freundes und Vaters reden. Ein junges Blaßgesicht wird hören, wenn ein Greis dieses Volks seinen Mund öffnet. Wohlan, mein Vater wird thun, was ein armer Indianer Passendes sagt für ein weißes Ohr.« »Sprecht laut!« sagte der Streifschütz, der leicht die bildliche Art verstand, in der der Teton sein Verlangen ausdrückte, er möge der Dollmetscher seiner Worte in der englischen Sprache werden; »sprecht, meine Leute hören. Nun, Capitain, und auch Ihr, Freund Bienenjäger, macht euch bereit, die T–leien dieses Wilden mit der Standhaftigkeit weißer Krieger zu vernehmen. Sobald ihr merkt, daß ihr seinen Drohungen weicht, wendet eure Blicke auf diesen edeln Pawnee, dessen Zeit mit eben der kargen Hand gemessen ist, mit der ein Krämer der Stadt die Früchte des Herrn abmißt, Zoll bei Zoll, seine Habsucht zu befriedigen. Ein einziger Blick auf den Jungen wird euch wieder Entschlossenheit geben.« »Mein Bruder hat seine Augen auf den unrechten Pfad gewendet,« unterbrach ihn Mahtoree, mit einer Freundlichkeit, welche zeigte, wie ungern er seinen erwählten Dollmetscher beleidigen wollte. »Der Dahcotah will zu meinen Leuten sprechen?« »Nachdem er in die Ohren der Blüthe der Blaßgesichter gesungen.« »Der Herr verzeihe dem verzweifelten Schelm!« rief der Alte englisch. »Nichts ist so zart, so jung, so unschuldig, um seinen gierigen Wünschen zu entgehen. Aber harte Worte und kalte Blicke werden nichts helfen; deßwegen mag es gut sein, ihm freundlich zu antworten. Mahtoree öffne seinen Mund.« »Würde mein Vater reden, daß Weiber und Kinder die Weisheit der Häuptlinge hörten? Ins Haus wollen wir gehen und lispeln.« Als der Teton endete, deutete er bedeutungsvoll auf ein Zelt, das schimmernd mit der Geschichte seiner eigenen kühnsten und ruhmvollsten Thaten bemalt war und etwas von den andern weg stand, gleichsam um zu zeigen, es sei der Aufenthalt eines bevorrechteten Gliedes der Bande. Der Schild und Köcher an seinem Eingang war reicher als gewöhnlich, und die hohe Auszeichnung einer Feuerwaffe kündigte bestimmt die Wichtigkeit ihres Besitzers an. In jeder andern Hinsicht zeichnete es sich eher durch seine Aermlichkeit als durch seinen Reichthum aus. Das Hausgeräth war geringer an Zahl und einfacher in seiner Arbeit, als das, welches man an den Oeffnungen der geringsten Wohnungen erblicken konnte; auch fand sich kein einziger von jenen hochgeschätzten Artikeln des feineren Lebens, wie sie gelegentlich von den Handelsleuten in Einkaufen erstanden wurden, die so außerordentlich nachtheilig für die unwissenden Eingebornen auszufallen pflegten. Alles dies war, wie es erworben worden, von dem edeln Häuptling seinen Untergebenen zugefallen, um dadurch einen Einfluß zu erkaufen, der ihn zum Herrn ihres Lebens und ihrer Person machte, ein Reichthum, welcher sicher rühmlicher an und für sich war, und den sein Ehrgeiz höher schätzte. Der Alte wußte wohl, daß dies Mahtoree's Wohnung sei, und dem Winke des Häuptlings folgend, ging er darauf los mit langsamen, zögernden Schritten. Aber es gab noch andere, die eben so betheiligt bei der folgenden Unterredung waren, und deren Besorgnisse nicht so leicht gehoben wurden. Die wachsamen Augen und eifersüchtigen Ohren Middletons hatten ihm genug gesagt, um seine Seele mit den furchtbarsten Ahnungen zu erfüllen. Durch unglaubliche Anstrengung machte er sich auf, und rief laut dem weggehenden Streifschützen zu: »Ich beschwöre Euch, Alter, wenn die Liebe, die Ihr gegen Eure Eltern hegtet, mehr als Rede war, oder wenn die Liebe zu Gott die eines Christen ist, sprecht keine Silbe die das Ohr jenes unschuldigen – –« Erschöpft, ohne Athem, gefesselt, fiel er dann nieder, wie ein lebloses Holz, wo er wie todt da lag. Aber Paul hatte seinen Sinn gefaßt, und vollendete die Ermahnung auf die ihm eigenthümliche Art. »Hört, Alter,« schrie er, und bemühte sich vergebens zugleich auch eine Drohung mit der Hand hinzuzufügen; »wenn Ihr den Dollmetscher machen wollt, so sprecht solche Worte zu den Ohren des verdammten Wilden, wie sie einem Weißen zu reden und einem Heiden zu hören zukommen. Sagt ihm von mir, daß, wenn er etwas thut oder sagt, was unhöflich gegen das Mädchen ist, das sich Ellen Wade nennt, ich ihm mit meinem letzten Athemzug fluchen werde, daß ich alle gute Christen in Kentucky bitten will, ihm zu fluchen, sitzend und stehend, essend und trinkend, fechtend, betend, oder zu Pferde, in und außer dem Hause, Sommer und Winter und im Monat März, kurz ich werde, – ei, es ist gewiß, wirklich wahr, – ich werde ihn verfolgen, wenn nur der Geist eines Blaßgesichts sich dem Grab entwinden kann, das ihm die Hände der Rothhäute gemacht haben.« Als er so die schrecklichste Beschwörung, die er finden konnte, und welche in des ehrlichen Bienenjägers Augen am wahrscheinlichsten ausgeführt werden mochte, vorgebracht hatte, war er genöthigt, die Früchte seiner Drohung mit all der ruhigen Ergebung abzuwarten, die ein westlicher Grenzwohner nur auftreiben konnte, der außer den eben genannten Aussichten noch das Glück hatte, sich ihnen in Fesseln und Banden zu überlassen. Wir wollen, die Erzählung nicht aufhalten, um die schwachen Moralgründe anzuführen, durch die er zunächst den sinkenden Muth seines reizbareren Gefährten aufzurichten strebte, oder die gelegentlichen Bitten und eigenen Segnungen zu bemerken, die er gegen alle Dahcotah-Banden aussprach, mit denen beginnend, die er an den Ufern des fernen Mississippi des Diebstahls und Mords beschuldigte, und dann in gleich kräftigen Ausdrücken mit dem Tetonstamm schließend. Der letztere lockte mehr als einmal von seinen Lippen eben so sententiöse und verwickelte Flüche, als jenes berühmte Anathema der Kirche enthält, dessen Kenntniß viele unbewanderte Protestanten den frommen Forschungen des genialen Tristram Shandys verdanken. Aber als Middleton von seiner Erschöpfung sich erholte, mühte er sich, das wilde Gemüth seines Gefährten zu besänftigen, indem er ihm die Nutzlosigkeit solcher Ausrufungen und die Möglichkeit vorstellte, gerade das Uebel zu beschleunigen, das er beklagte, indem er den Haß einer Race wecke, die schon in ihrer ruhigsten Stimmung wild und gewaltthätig genug sei. Indeß waren der Streifschütz und Sioux-Häuptling immer nach der Wohnung zugegangen. Der erste hatte mit peinlicher Theilnahme den Ausdruck von Mahtoree's Auge beobachtet, während Middletons und Paul's Reden ihnen nachschallten; aber des Indianers Miene war zu beherrscht und bewacht, um die geringste seiner Bewegungen durch die Wege zu verrathen, wodurch sich der Stand des menschlichen Vulcans gewöhnlich zu erkennen gibt. Sein Blick war auf den niedrigen Aufenthalt gerichtet, dem sie sich näherten, und für den Augenblick schienen seine Gedanken nur über den Zwecken dieser außerordentlichen Zusammenkunft zu brüten. Das Innere der Wohnung entsprach dem Aeußern. Sie war geräumiger als die meisten andern, die größere Zierlichkeit in ihrer Form, und schönere Geräthschaften zeigten. Aber hier hörte auch ihr Vorzug auf. Nichts konnte einfacher und republikanischer sein als die Lebensart, die der stolze und mächtige Teton vor seinem Volke führen wollte. Eine ausgesuchte Sammlung von Jagdwaffen, drei oder vier Medaillen, die ihm die Handelsleute und politischen Agenten der Canada als einen Tribut, oder vielmehr als ein Anerkenntniß seines Ranges gebracht, mit einigen der unentbehrlichsten Geräthschaften der Bequemlichkeit machten seinen Hausrath aus. Er hatte weder Vorrath an Wildpret, noch an Büffel von den Steppen, da der listige Bewohner wohl eingesehen hatte, daß die Freigebigkeit eines Einzelnen reichlich durch die täglichen Beiträge einer Bande vergolten werden würde. Obgleich eben so hervorragend auf der Jagd als im Krieg, sah man ihn nie ein Reh oder einen Büffel ganz in sein Zelt bringen. Dagegen brachte man selten ein Thier in die Lagerung, das seinen Theil nicht zum Unterhalt von Mahtoree's Familie beitrug. Aber die Klugheit des Häuptlings ließ selten mehr zurückbleiben, als für die Bedürfnisse des Tages hinreichte, fest versichert, daß Alles eher leiden Müsse, ehe Hunger, diese Geißel des Lebens der Wilden, seine schrecklichen Krallen an ein so hohes Opfer legen könne. Gleich unter dem Lieblingsbogen des Häuptlings und mit einer Art Zauberkreis von Speeren, Schilden, Lanzen und Pfeilen umgeben, die alle zu ihrer Zeit gute Dienste geleistet, war der geheimnißvolle, geweihte Heilring aufgehängt. Er war mit Wampum bedeckt, und nach den sinnigsten Devisen indianischen Witzes verschwenderisch mit Knöpfen und Stachelschweinsspitzen geschmückt. Wir haben die besondere Freisinnigkeit Mahtoree's in Hinsicht der Religion mehr als einmal angedeutet, und durch eine ganz eigene Art Widerspruch schien er seine Aufmerksamkeit auf dieses Geräth von übernatürlicher Kraft in einem Grade verschwendet zu haben, der mit seinem Glauben in umgekehrtem Verhältniß stand. Es ahmte aber darin der Sioux nur dem wohlbekannten Kunstgriff der Pharisäer nach, »damit sie von den Leuten gesehen werden.« Das Zelt war jedoch von seinem Eigenthümer seit der Rückkehr von dem letzten Zug nicht betreten worden. Wie der Leser schon vorausgeschlossen hat, war es zum Gefängniß der Inez und Ellen gemacht worden. Middletons Braut saß auf einem einfachen Lager von wohlriechenden Kräutern, das mit Häuten bedeckt war. Sie hatte schon so viel gelitten, und während des kurzen Zeitraums ihrer Gefangenschaft so viele wilde und unerwartete Vorfälle erlebt, daß jedes weitere Unglück mit verringerter Stärke auf ihr, wir es schien, dem Leid geweihtes Haupt fiel. Ihre Wangen waren ohne Röthe, ihre dunkeln sonst so belebten Augen zusammengedrückt in stummen Gram, und ihre Gestalt schien schwankend und gereizt fast bis zur Auflösung. Aber in diesen Zeichen natürlicher Schwäche gewahrte man zu Zeiten solch einen Blick frommer Ergebung, solche Strahlen milder, heiliger Hoffnung erleuchteten ihre Züge, daß es noch sehr zweifelhaft wurde, ob die unglückliche Gefangene mehr Gegenstand des Mitleids als der Bewunderung sein müsse. Alle Lehren des Paters Ignatius lebten in ihrem treuen Gedächtniß wieder auf, und nicht wenige seiner frommen Visionen schwammen vor ihrer erhitzten Phantasie. Von solchen heiligen Entschlüssen aufgerichtet, beugte das milde, duldende, vertrauende Mädchen sein Haupt unter diesen neuen Schlag der Vorsehung mit derselben Sanftmuth, mit der sie jeder andern Buße für ihre Sünden sich unterzogen haben würde, obwohl die Natur auf Augenblicke solche erzwungenen Demuth mächtig widerstrebte. Auf der andern Seite zeigte Ellen weit mehr das Weib und also die Leidenschaften der Welt. Sie hatte geweint, bis ihre Augen geschwollen und roth waren. Ihre Wangen waren erhitzt und zornig, und ihre ganze Miene zeichnete sich durch Muth und Haß aus, die jedoch durch Besorgnisse vor der Zukunft nicht wenig modificirt wurden. Kurz es war etwas im Auge und Schritt der Verlobten Paul's, was hoffen ließ, daß wenn glücklichere Zeiten kommen sollten, und des Bienenjägers Standhaftigkeit am Ende die Belohnung erhielte, er eine Lebensgefährtin besitzen würde, die in jeder Hinsicht ein würdiges Gegenstück zu seinem eigenen schnellen und hitzigen Temperament abgeben könnte. Es war noch eine andere und dritte Figur in diesem kleinen Frauenkreis, nämlich die jüngste, begabteste und bis jetzt begünstigste von des Tetons Gemahlinnen. Ihre Reize hatten den größten Eindruck auf ihres Mannes Augen gemacht, bis sie sich so unerwartet der höheren Lieblichkeit eines Weibes der Blaßgesichter geöffnet. Von diesem unseligen Augenblick an hatten die Anmuth, die Liebe, die Treue der jungen Indianerin ihre Macht zu gefallen verloren, und doch war Tachechana's Gestalt, wenn auch weniger reizend als die ihrer Nebenbuhlerin, für ihren Stamm, rein und blühend. Ihr braunes Auge hatte die Sanftmuth und Lebendigkeit das einer Antilope, ihre Stimme war zart und lieblich wie der Gesang des Hains, und ihr fröhliches Lachen glich der Melodie der Vögel. Von all den Sioux-Mädchen war Tachechana (Reh) die leichtmüthigste und beneidetste. Ihr Vater war ein ausgezeichneter Held gewesen, und ihre Brüder hatten schon ihre Gebeine auf fernem, wildem Schlachtfeld zurückgelassen. Zahllos waren die Krieger, die Geschenke geschickt, in das Zelt ihrer Eltern, aber keiner war erhört worden, bis ein Bote kam von dem großen Mahtoree. Sie war freilich sein drittes Weib, aber man wußte es, das begünstigtste von ihnen allen. Ihr Band hatte nur zwei kurze Jahre gedauert, und die Frucht davon lag jetzt schlafend zu ihren Füßen, eingemummt in die gewöhnlichen Binden von Haut und Rinde, woraus die Wiege eines indianischen Kindes besteht. Als Mahtoree und der Streifschütz an die Oeffnung des Zeltes kamen, saß das junge Sioux-Weib auf einem einfachen Sessel, die sanften Augen mit Blicken, die wie ihre Gefühle, zwischen Liebe und Staunen wechselten, von dem bewußtlosen Kind zu jenen seltenen Wesen gerichtet, die ihr junges, unbewachtes Gemüth mit so viel Bewunderung und Neugierde erfüllt hatten. Obwohl Inez und Ellen einen ganzen Tag bei ihr zugebracht, schien es, als wenn das Verlangen ihrer Wißbegierde mit jedem neuen Blick größer würde. Sie betrachtete sie als Wesen von einer von den Weibern der Steppe ganz verschiedenen Art und Abkunft. Selbst das Geheimniß ihres zusammengesetzten Anzugs hatte seinen geheimen Einfluß auf ihr einfaches Gemüth, obgleich die Grazie und die Reize des Geschlechts, für welche die Natur Alle empfänglich gemacht, am meisten ihre Aufmerksamkeit auf sich zogen. Aber während ihre aufrichtige Sinnesart gern die Vorzüge der Fremden vor den weniger glänzenden Reizen der Dahcotah-Mädchen anerkannte, brauchte sie diese Reize nicht gerade zu verkennen. Der Besuch, den sie jetzt bekommen sollte, war der erste, den ihr Gemahl seit der Rückkehr von seinem letzten Streifzug dem Zelte gemacht, und immer war dieser ihren Gedanken gegenwärtig als ein glücklicher Krieger, der in Augenblicken der Ruhe sich nicht scheute, den sanftern Gefühlen des Vaters und Gemahls sich zu überlassen. Wir haben überall zu zeigen uns bestrebt, daß, während Mahtoree im Wesentlichen ein Steppenkrieger war, er in jenen Eigenschaften, welche die Dämmerung der Cultur verkünden, weit vor seinem Volk voraus war. Er hatte häufigen Verkehr mit den Handelsleuten und Truppen der Canada gehabt, und diese Verbindungen hatten viele von jenen wilden Meinungen ausgerottet, die ihm durch die Geburt geworden, ohne daß vielleicht andere an ihre Stelle gekommen, die klar genug gewesen, um vortheilhaft zu sein. Seine Schlüsse waren mehr fein als wahr, und seine Philosophie eher kühn als tief. Gleich Tausenden gebildeter Wesen, welche sich für fähig halten, durch die Erprobungen des Menschenlebens ohne andere Stütze als ihre Entschlüsse durchzukommen, war seine Moral den Umständen angemessen und selbstisch. Diese verschiedenen Charakterzüge wird man immer mit Beziehung auf die Lage des Indianers beurtheilen, wiewohl es nicht erst großer Entschuldigung bedarf, daß man Aehnlichkeiten zwischen Menschen findet, welche, wenn auch durch die Umstände modificirt, im Wesentlichen denselben Charakter besitzen. Trotz der Gegenwart von Inez und Ellen geschah der Eintritt des Teton-Kriegers in die Wohnung seines begünstigten Weibes mit der Haltung und Miene eines Herrn. Der Tritt seines Moccasins war geräuschlos, aber das Klingen seiner Armbänder und des Silberschmucks an seinen Beinen verrieth hinlänglich seine Annäherung, als er die Haut, die den Eingang des Zeltes verhüllte, auf die Seite schob, und vor den Bewohnerinnen stand. Ein leiser Freudeschrei entfuhr den Lippen Tachechana's bei dieser plötzlichen Ueberraschung, aber diese Erregung ward alsbald in jene unterthänige Haltung unterdrückt, welcher eine Matrone ihres Stammes eigen sein sollte. Statt den verstohlenen Blick seines jugendlichen, im Stillen sich freuenden Weibes zu erwiedern, trat Mahtoree zu dem Lager, das seine Gefangenen einnahmen, und stellte sich in der stolzen, aufrechten Stellung eines indianischen Häuptlings vor sie. Der Alte war hinter ihm hereingeschlüpft, und hatte schon eine Stelle eingenommen, wir sie zu dem Amte paßte, das er ausfüllen sollte. Staunen machte die Frauen einen Augenblick still und fast athemlos. Wenn auch an den Anblick wilder Krieger in all den schrecklichen Waffen ihres furchtbaren Standes gewöhnt, war doch so was Erschreckendes in ihrem Eintritt, so was Kühnes in dem unerklärlichen Blick ihres Besiegers, daß Beider Augen, unter einem Gefühl des Schauders und der Verlegenheit vielleicht, zu Boden sanken. Dann erholte sich Inez, wandte sich zum Streifschützen, und fragte mit der Würde einer beleidigten Dame, jedoch mit ihrer gewohnten Grazie, welchem Umstand sie diesen außerordentlichen und unerwarteten Besuch verdankten. Der Alte zögerte, räusperte sich, wie wenn man eine besondere Anstrengung machen will, und sagte dann »Lady, ein Wilder ist ein Wilder, und Ihr müßt nicht die Gewohnheiten und das Förmliche der Ansiedelungen in einer leeren, windigen Steppe erwarten. Wie diese Indianer sagen, Sitte und Höflichkeiten sind so leichte Dinge, daß sie weggeblasen werden würde. Was mich betrifft, obgleich ein Mann der Wälder, ich hab' zu keiner Zeit das Leben der Großen gesehen, und brauch' nicht zu lernen, daß sie von dem der Geringen abweichen. In meiner Jugend war Ich lang ein dienender Mann, nicht einer von Euren Gelbschnäbeln, die im Hauswesen herumlaufen, sondern ein Mann, der im Dienste des Feldes unter einem Offizier stand, und wohl weiß ich, wie der Frau eines Capitains zu begegnen ist. Hätte ich bei diesem Besuch zu befehlen gehabt, ich würde erst laut an die Thüre geklopft haben, damit Ihr hörtet, Fremde kämen, und dann – –« »Die Art ist gleichgültig,« unterbrach ihn Inez, zu eifrig, die lange Erklärung des Alten anzuhören; »wozu der Besuch?« »Das mag der Wilde selbst sagen. – Die Töchter der Blaßgesichter wünschen zu wissen, warum der große Teton hereingekommen.« Mahtoree sah den Frager mit einem Staunen an, welches zeigte, für wie unzeitig er die Frage hielt. Dann nahm er eine herablassende Stellung an, und antwortete nach einem Augenblick des Zögerns: »Sing' in die Ohren des Schwarzaugs. Sag ihr, die Wohnung Mahtoree's ist sehr groß, und noch nicht voll. Sie soll Raum darin finden, und keine größer sein als sie. Sag dem Blondhaar, auch sie kann bleiben in der Wohnung eines Tapfern und von seinem Wildpret essen. Makhtoree ist ein großer Häuptling, seine Hand stets offen.« »Teton,« entgegnete der Streifschütz, und schüttelte den Kopf, zum Zeichen der großen Mißbilligung, mit der er diese Rede gehört. »Die Zunge einer Rothhaut muß weiß werden, ehe sie singen kann in die Ohren eines Blaßgesichts. Würden Eure Worte ausgesprochen, meine Töchter würden die Ohren verschließen und Mahtoree ein Handelsmann sein in ihren Augen. Nun hört, was von einem grauen Haupte kommt und sprecht dem gemäß. Mein Volk ist ein mächtig Volk. Die Sonn' geht auf an seiner östlichen, unter an seiner westlichen Küste. Das Land ist voll von helläugigen, lachenden Mädchen, wie die, welche Ihr seht; ei, Teton, ich lüge nicht,« fuhr er fort, als er bemerkte, daß sein Zuhörer ungläubig aussah, »helläugig und lieblich anzusehen, wie die vor Euch.« »Hat mein Vater hundert Weiber?« fiel der Wilde ein, und legte seinen Finger auf die Schulter des Streifschützen mit einem auf die Antwort begierigen Blick. »Nein, Dahcotah. Der Herr des, Lebens hat zu mir gesagt, leb' allein; dein Haus, soll der Wald sein, das Dach deines Wigwams die Wolken. Aber wenn auch nicht gebunden von dem hohen Schwur, der in meinem Volke Einen Mann an Ein Weib bindet, hab' ich doch oft das Wirken jenes Gutseins beobachtet, das die beiden zusammen bringt. Geht in das Land meines Volks, Ihr werdet die Töchter des Landes sehen, flatternd durch die Städte, wie bunte, fröhliche Vögel zur Zeit der Blüthe. Ihr findet sie singend und vergnügt auf den großen Wegen, und höret die Wälder schallen von ihrem Lachen. Sie sind sehr herrlich zu betrachten, und die Jugend freut sich an ihrem Anblick.« »Hugh!« machte der gespannte Mahtoree. »Ei, wohl könnt Ihr glauben, was Ihr hört; es ist nicht gelogen. Aber wenn ein Jüngling ein Mädchen gefunden, ihm nach Gefallen, spricht er zu ihr mit so leiser Stimme, daß Niemand sonst es vermag zu hören. Er sagt nicht: mein Haus ist leer, Platz noch für eine Andere; sondern: soll ich bauen, will die Jungfrau mir zeigen, an welcher Quelle es ihr gefällt zu wohnen? Seine Stimme ist sanfter als Honig und geht schmeichelnd in's Ohr, wie der Sang eines Vogels. Deßhalb muß, sollen seine Worte gehört werden, mein Bruder sprechen mit weißer Zunge.« Mahtoree sann ernst und mit einem Staunen nach, das er nicht zu verhehlen suchte. Das hieß alle Ordnung der Gesellschaft umkehren und nach seiner angenommenen Meinung die Würde eines Häuptlings gefährden, wenn er sich so vor einem Weibe demüthigen sollte. Aber da Inez vor ihm saß, in sich zurückgezogen, und mit ernster Miene ganz unbekannt mit seinem Plane und am wenigsten von allem den wahren Zweck eines so außerordentlichen Besuchs argwöhnend, fühlte der Wilde den Eindruck eines Betragens, an das er nicht gewöhnt war. Er verbeugte sich, gleichsam zum Anerkenntniß seines Irrthums, und trat ein wenig zurück; dann eine Stellung ruhiger Würde annehmend, begann er mit dem Selbstvertrauen eines Mannes zu reden, der sich nicht weniger durch seine Beredsamkeit als seine Waffenthaten ausgezeichnet hatte. Seine Augen auf die Nichts ahnende Braut Middleton's immer geheftet, ließ er sich in folgenden Worten vernehmen: »Ich bin ein Mann von rother Haut, aber meine Augen sind dunkel. Sie sind offen gewesen seit vielen Wintern. Sie haben Vieles gesehen, sie unterscheiden einen Tapfern von einem Feigling. Wenn noch ein Knabe, sah ich nichts als Bison und Wild, Ich ging auf die Jagd und sah den Cougar und Bären. Das machte Mahtoree zum Mann. Er sprach mit seiner Mutter nicht mehr. Seine Ohren waren offen der Weisheit der Greise. Sie sagten ihm Alles, – sie sagten ihm von den Groß-Messern. Er ging in den Krieg; war damals der Letzte, jetzt ist er der Erste. Welcher Dahcotah darf sagen, er wolle vor Mahtoree gehen auf den Jagdgrund der Pawnee! Die Häuptlinge gingen ihm entgegen vor ihre Thüre und sagten, mein Sohn ist ohne ein Haus. Sie gaben ihm ihre Zelte, sie gaben ihm ihre Reichthümer, sie gaben ihm ihre Töchter. Da ward Mahtoree ein Häuptling, wie seine Väter gewesen. Er erstaunte die Krieger aller Nationen, und er hätte Weiber wählen mögen von den Pawnee, von den Omawhaw und von den Konza; aber er sah auf den Jagdgrund, nicht auf sein Dorf. Er hielt ein Pferd lieblicher als ein Dahcotah-Mädchen. Aber er fand eine Blume auf den Steppen, und er pflückte sie und bracht' sie in sein Zelt. Er vergißt, daß er nur Herr ist von einem Pferd, er gibt sie alle den Fremden, denn Mahtoree ist kein Dieb; er will nur die Blume behalten, die er auf der Steppe gefunden. Ihre Füße sind zart. Sie kann nicht gehen zur Thür ihres Vaters, sie wird bleiben in der Wohnung des Kriegers für immer.« Als er diese sonderbare Ansprache geendet, wartete der Teton mit der Miene eines Freiers, der nicht große Zweifel wegen des Erfolgs hegt, daß sie übersetzt würde. Der Streifschütz hatte keine Silbe der Rede verloren, und er schickte sich jetzt an, sie so auf Englisch wiederzugeben, daß der Hauptgedanke noch dunkler als im Original bliebe. Aber als seine widerstrebenden Lippen sich aufthun wollten, erhob Ellen den Finger und unterbrach ihn mit einem scharfen Blick aus ihrem lebhaften Auge, der sich auf die immer noch aufmerksame Inez richtete: »Spart Eure Worte,« sagte sie, »nicht Alles, was ein Wilder sagt, darf vor einer christlichen Dame wiederholt werden.« Inez sprang auf, erröthete, verbeugte sich mit einer Art von Rückhalt, während sie kalt dem Alten für seinen guten Willen dankte, und erklärte, daß sie jetzt wünsche, allein zu sein. »Meine Töchter brauchen ihre Ohren nicht, um zu verstehen, was ein großer Dahcotah sagt,« entgegnete der Streifschütz und wandte sich zu dem wartenden Mahtoree. »Der Blick den er gezeigt, die Bewegungen, die er gemacht, sind genug. Sie verstehen ihn, sie wünschen seine Worte zu überlegen; denn die Kinder der Tapfern, die wie ihre Väter sind, thun nichts ohne vieles Besinnen.« Mit dieser Erklärung, die so schmeichelhaft für die Kraft seiner Beredsamkeit, so vielversprechend für seine künftigen Hoffnungen war, zeigte sich der Teton in jeder Hinsicht zufrieden. Er gab durch den gewöhnlichen Ausruf seine Beistimmung und wollte sich zurückziehen. Er grüßte die Frauen auf die kalte, aber würdige Art seines Volks, zog sein Gewand um sich und bewegte sich von der Stätte weg, wo er mit dem Blicke schlecht verhehlten Triumphs gestanden. Aber es war noch eine, eine niedergeschlagene, obwohl regungslose und unbemerkte Zuhörerin bei dem vorigen Auftritt zugegen gewesen. Nicht eine Silbe war den Lippen des lang und ängstlich erwarteten Gemahls entfallen, die nicht unmittelbar das Herz seines unschuldigen Weibes getroffen. So hatte er sie aus dem Hause ihres Vaters entführt, und weil sie ähnlichen Gemälden von dem Ruhm und den Thaten des größten Helden ihres Stammes gelauscht, hatte sie ihr Ohr den zärtlicheren Reden so vieler Sioux-Jünglinge verschlossen. Als der Teton auf die eben erwähnte Art sich wandte, sein Zelt zu verlassen, fand er dies unerwartete und halb vergessene Wesen vor sich. Sie stand in der demüthigen Haltung und dem furchtsamen Wesen eines indianischen Mädchens, das Pfand ihrer früheren Liebe in ihren Armen haltend, gerade ihm in dem Weg. Erstaunt für einen Augenblick, gewann der Häuptling bald wieder die ruhige Gleichgültigkeit seines Antlitzes, die so auffallend den beherrschten oder vielmehr künstlichen Ausdruck seiner Züge auszeichnete, und winkte ihr auf eine gebieterische Weise Platz zu machen. »Ist nicht Tachechana die Tochter eines Häuptlings?« fragte die demüthige Stimme, in der Stolz furchtsam mit Angst kämpfte; »waren ihre Brüder nicht Helden?« »Geh; die Männer rufen nach ihrem Führer; er hat kein Ohr für ein Weib.« »Nicht?« erwiederte die Bittende, »es ist nicht die Stimme Tachechana's die Ihr hört, sondern' dieser Knabe spricht durch die Zunge seiner Mutter. Er ist der Sohn eines Häuptlings, und seine Worte werden dringen zu seines Vaters Ohr. Hört was er sagt. Wann war Mahtoree hungrig und Tachechana hatte nicht Speise für ihn? Wann ging er auf den Pfad der Pawnee und fand ihn leer, und meine Mutter weinte nicht? Wann kam er zurück mit den Spuren ihrer Schläge, und sie sang nicht? Welches Sioux-Mädchen hat einen so tüchtigen Sohn geboren, wie ich bin? Sieh mich recht an, daß du mich kennst! Meine Augen sind die des Adlers, Ich seh' in die Sonne und lache. In kurzer Zeit wird der Dahcotah mir folgen auf der Jagd und in den Krieg. Warum wendet mein Vater sein Auge weg von dem Weibe, das mich säugt, warum hat er so bald vergessen die Tochter eines mächtigen Sioux?« Einen einzigen Augenblick, wo der stolze Vater sein kaltes Auge auf das Antlitz des lachenden Knabens fallen ließ, schien das finstere Gemüth des Tetons gerührt. Aber das zarte Gefühl abschüttelnd, als wenn er eine peinliche Bewegung, die ihm Vorwürfe machte, los sein wollte, legte er seine Hand ruhig auf seines Weibes Arm und führte sie gerade vor Inez. Auf das sanfte Antlitz deutend, daß auf ihres mit einem Blick voll Zärtlichkeit und Mitleid strahlte, blieb er stehen, um sein Weib eine Lieblichkeit betrachten zu lassen, die ganz eben so ausgezeichnet ihrem aufrichtigen Gemüth erschien, als sie dem Charakter ihres untreuen Gemahls gefährlich geworden. Als er glaubte, es habe lange genug gedauert, um den Gegenstand recht schlagend zu machen, erhob er plötzlich einen kleinen Spiegel, der an ihrer Brust hing, einen Schmuck, den er ihr selbst in einer freundlichen Stunde als Huldigung ihrer Schönheit gegeben, und ließ ihr eigenes schwärzliches Bild hineinfallen. Er warf nun wieder seinen Rock um sich, winkte dem Streifschützen ihm zu folgen und schritt stolz aus seinem Zelt, auf dem Wege die Worte murmelnd: »Mahtoree ist sehr weise! Welche Nation hat einen so großen Häuptling als die Dahcotah?« Tachechana stand einen Augenblick wie zur Bildsäule der Demuth geworden. Ihr mildes, gewöhnlich frohes Antlitz arbeitete, als wolle der Kampf in ihr die Verbindung zwischen ihrer Seele und dem materiellen Theil, dessen Ungestalt ihr jetzt so betrübend geworden, zersprengen. Inez und Ellen waren gänzlich unbekannt mit der eigentlichen Beschaffenheit ihrer Unterredung mit ihrem Gemahl, obwohl der schnelle, scharfe Sinn der letzteren, sie die Wahrheit vermuthen ließ, zu der die gänzliche Unschuld der ersteren keinen Schlüssel gab. Doch schickten sich beide an, ihr die Teilnahme zu beweisen, welche dem weiblichen Geschlecht so natürlich und so anmuthsvoll ist, als es plötzlich nicht mehr nöthig schien. Die Krämpfe in den Zügen der jungen Sioux verschwanden, und ihr Gesicht ward kalt und starr wie gemeißelter Stein. Ein einziger Ausbruch unterdrückter Angst, der sich auf die Stirne festgesetzt, die selten vorher der Kummer umwölkt, blieb allein noch zurück. Er verging nie, in all den Veränderungen der Jahrszeiten, des Geschicks und der Jahre, denen als Weib sie bei einem wilden, harten Leben ausgesetzt sein sollte. Wie bei'm Sonnenstich, mag die Pflanze sich erholen und wieder aufleben, die Wirkungen dieser zerstörenden Berührung, dauern. Tachechana legte erst jede Spur jener rohen aber hochgeschätzten Zierrathen ab, welche die Freigebigkeit ihres Gemahls sonst ihr gespendet hatte, und reichte sie sanft und ohne ein Murren als ein Opfer für ihre Vorzüge der Inez. Die Spangen wurden abgestreift von den Armen, die verwickelten Massen und Knöpfe von den Beinen und die breite Silberplatte von der Stirn. Dann sann sie lang und peinvoll. Aber es wollte scheinen, als wenn der Entschluß, den sie einmal gefaßt, nicht besiegt werden könnte von den noch glimmenden Gefühlen irgend einer Zuneigung, so natürlich sie waren. Der Knabe, selbst ward zunächst zu den Füßen ihrer vermeintlichen Nebenbuhlerin gelegt, und wohl mochte das erniedrigte Weib des Tetons glauben, daß die Last ihres Opfers jetzt voll sei. Während Inez und Ellen dastanden und diese verschiedenen, sonderbaren Bewegungen mit Augen voll Verwunderung mit ansahen, hörte man eine leise, sanfte Stimme, die voll Wohllaut in einer ihnen unverständlichen Sprache sagte: »Eine fremde Zunge wird meinen Sohn zum Manne ziehen. Er wird Töne hören, die neu sind, aber er wird sie lernen und die Stimme seiner Mutter vergessen. So ist's Wahcondah's Wille, und eine Sioux-Tochter sollte sich nicht beklagen. Sprecht zu ihm sanft, seine Ohren sind so klein, ist er groß, dann mögen Eure Worte lauter sein. Laßt ihn nicht zum Mädchen werden, denn gar traurig ist das Leben eines Weibes. Lehrt ihn auf die Männer sehen, zeigt ihm, wie er die schlage, die ihm übel thun, und laßt ihn nie vergessen, Schlag mit Schlag zu vergelten. Wenn er jagen geht, wird die Blume der Blaßgesichter,« so schloß sie und gebrauchte bitter das Bild, das ihr durch die Phantasie ihres rohen Gemahls an Hand gegeben worden, »sanft in seine Ohren lispeln, daß seine Mutter roth war, daß sie einst das Reh hieß der Dahcotah.« Tachechana drückte einen Kuß auf die Lippen ihres Sohnes und eilte dann zurück an die entfernteste Stelle des Zelts. Hier zog sie den leichten Calikorock über das Haupt und nahm, zum Zeichen ihrer Niedrigkeit ihren Sitz auf der bloßen Erde. Alle Bemühungen ihrer Gefährtinnen, ihre Aufmerksamkeit zu erregen, waren fruchtlos. Sie hörte nicht ihre Vorstellungen, fühlte nicht ihre leise Berührung. Ein- oder zweimal erhob sich ihre Stimme zu einer Art Trauergesang unter dem deckenden Mantel hervor, aber stieg nie zur vollen Wildheit der Musik der Barbaren. So blieb sie ungesehen stundenlang, während Begebenheiten außerhalb des Zelts vorfielen, welche nicht allein ihr eigenes Geschick gänzlich änderten, sondern auch einen dauernden, tiefen Eindruck auf die künftigen Bewegungen des wandernden Sioux-Stamms zurückließen. Siebenundzwanzigstes Kapitel. Ich will die Prahler nicht; ich stehe bei den Besten selbst in gutem Rufe; – schließ' die Thür, es kommen keine Prahler hier herein. Ich hab' so lange nicht gelebt, um jetzt noch Prahlerei zu haben; schließ' die Thür, ich bitte dich. Shakespeare.   Mahtoree fand an der Thüre seines Zeltes Ismael, Abiram und Esther. Der erste Blick seines Auges auf das ernste, drohende Antlitz des stark gebauten Auswanderers war hinreichend, um dem listigen Teton zu verrathen, daß der gefährliche Waffenstillstand, den er mit diesen durch seine größere Klugheit betrogenen Narren gemacht hatte, in Gefahr sei, plötzlich gebrochen zu werden. »Hör, du alter Graubart,« sagte Ismael, ergriff den Streifschützen und drehte ihn herum, als wenn er ein Spielzeug gewesen, »hör', ich bin müde eine Unterredung vermittelst Finger und Daumen, statt mit der Zunge, über ein so deutliches Geschäft zu Pflegen; nun, wenn du den Sprachmeister spielen willst, leg' meine Worts offen dar im Indianischen, ohne erst zu betrachten, ob sie einer Rothhaut nach dem Sinne sind oder nicht!« »Sprich, Freund,« entgegnete ruhig der Streifschütz, »sie sollen so klar wiedergegeben werden, wie Ihr sie aussprecht.« »Freund,« wiederholte der Wanderer und betrachtete den Andern einen Augenblick mit einem nicht zu beschreibenden Ausdruck; »es ist nur ein Wort, und Töne zerschlagen nicht die Glieder und zerstören keine Häuser. Sag' diesem diebischen Sioux denn, daß ich komme, die Erfüllung der Bedingungen zu verlangen, die wir bei unserm feierlichen Handel am Fuß des Felsens aufgestellt haben.« Als der Streifschütz seine Rede in die Sioux-Sprache übertragen, fragte Mahtoree mit einem Blick des Erstaunens! »Friert's meinen Bruder? Büffelhäute sind in Menge da. Hat er Hunger? Meine Leute sollen Wild in seine Zelte tragen.« Der Auswanderer erhob drohend seine geballte Faust, und schlug sie mit Gewalt auf seine flache Hand, seinen Entschluß zu bekräftigen, als er antwortete: »Sagt dem betrügerischen Lügner, ich sei nicht hierher gekommen, wie ein Bettler, seine Knochen aufzulesen, sondern wie ein freier Mann, der sein Eigenthum verlangt; und haben will ich's! Und weiter sagt ihm, ich verlange, daß auch Ihr, elender Sünder, wie Ihr seid der Gerechtigkeit übergeben werdet. Es kann da gar kein Irrthum sein. Meine Gefangene, meine Nichte und Euch, Ich verlange die drei von seiner Hand, nach einem beschwornen Vergleich.« Der unbewegliche Alte lächelte mit einem eigenen Ausdruck, als er antwortete: »Freund, Ihr verlangt, was Wenige gewähren würden. Ihr möchtet erst dem Teton die Zunge aus dem Mund, und dann das Herz aus der Brust reißen.« »Wenig kümmert sich Ismael Busch, wer oder was gefährdet wird, wenn er sein Eigenthum verlangt. Aber stellt die Fragen in klarem Indianisch, und wenn Ihr von Euch sprecht, macht ein solches Zeichen, wie es ein Weißer versteht, daß ich sehen kann, es sei kein falsches Spiel.« Der Streifschütz lachte nach seiner stillen Art und murmelte einige Worte für sich, ehe er an den Häuptling sich wandte. »Möge der Dahcotah weit seine Ohren öffnen,« sagte er dann, damit hohe Worte Raum finden, einzugehen. Sein Freund, das Groß-Messer, kommt mit leerer Hand und sagt, der Teton müsse sie füllen.« »Wagh! Mahtoree ist ein reicher Häuptling. Er ist Herr der Steppen.« »Er muß das Schwarzhaar geben.« Die Stirn des Häuptlings zog sich in unheilschwere Falten zusammen, die dem kühnen Wanderer augenblickliche Vernichtung drohten, aber eben so schnell seiner Klugheit gedenkend, entgegnete er listig mit einem verrätherischen Lächeln: »Ein Mädchen ist zu leicht für die Hand solch eines Tapfern, ich will mit Büffeln sie füllen.« »Er sagt, er brauche auch das Blondhaar, das sein Blut in seinen Adern habe.« »Sie soll Mahtoree's Weib werden, dann wird das Lang-Messer der Vater eines Häuptlings sein.« »Und mich,« fuhr der Streifschütz fort, und machte eins jener ausdrucksvollen Zeichen, durch die die Eingebornen fast mit derselben Leichtigkeit, wie mit ihren Zungen einander mittheilen; wandte sich auch zugleich zu dem Wanderer, damit er sehen möge, er verfahre aufrichtig mit ihm: »er verlangt einen armen, ausgezehrten Streifschützen.« Der Dahcotah schlang seinen Arm über die Schulter des Alten, mit dem Ausdruck großer Anhänglichkeit, und antwortete dann auf dieses dritte und letzte Begehren: »Mein Freund ist alt,« sagte er, »und kann nicht weit wandern. Er wird bei den Teton bleiben, daß sie Weisheit lernen mögen aus seinen Reden. Welcher Sioux hat eine Zunge wie mein Vater! Nein, er lasse seine Worte mild sein, aber sehr klar. Mahtoree will Häute und Büffel geben. Er will den Leuten der Blaßgesichter Weiber geben, aber kann nicht ausliefern, nicht Einen von denen, welche in seinem eigenen Zelte wohnen.« Vollkommen selbst zufrieden mit dieser lakonischen Antwort, wollte der Häuptling sich zu seinen wartenden Rathgebern wenden, als er, plötzlich umkehrend, die Übersetzung des Streifschützen unterbrach, indem er hinzufügte: »Sagt dem großen Büffel (so hatten die Teton schon Ismael getauft), daß Mahtoree's Hand immer offen ist. Seht,« fügte er hinzu, und deutete auf das harte, runzelige Gesicht der aufmerkenden Esther, »sein Weib ist zu alt für solch einen großen Häuptling. Er bringe sie aus seinem Zelt; Mahtoree liebt ihn wie einen Bruder, er ist sein Bruder. Er soll das jüngste Weib des Tetons haben. Tachechana, der Stolz der Sioux-Mädchen, soll sein Wild kochen, und viele Tapfere werden ihn ansehn mit verlangendem Gemüth. Geht, ein Dahcotah ist edelmüthig.« Die sonderbare Kälte, womit der Teton diesen gewagten Vorschlag schloß, erstaunte selbst den geübten Streifschützen. Er starrte hinter der abgehenden Gestalt des Indianers mit einem Erstaunen her, das er nicht zu verbergen strebte; auch versuchte er nicht eher seine Dollmetschung fortzusetzen, als bis Mahtoree sich unter dem Haufen Krieger verloren hatte, der so lange und mit so charakteristischer Geduld seine Rückkehr erwartete. »Der Teton-Häuptling hat sehr klar gesprochen,« fuhr der Alte alsdann fort. »Er will auch die Lady nicht geben, auf die, der Herr im Himmel weiß es, Ihr kein Recht habt, es sei denn das des Wolfs auf das Lamm. Er will Euch das Kind nicht geben, das Ihr Eure Nichte nennt; und darin gestehe ich, bin ich gar nicht gewiß, ob er das nämliche Recht auf seiner Seite hat. Noch mehr, Nachbar Wanderer, er verweigert gerade zu Euer Verlangen, mich auszuliefern, elend und werthlos, wie ich bin; auch glaube ich nicht, daß er daran unweise gethan, da ich gar manche besondere Gründe gegen eine weite Reise in Eurer Gesellschaft habe. Aber er thut Euch ein Anerbieten, welches Euch zu sagen recht und passend iß. Der Teton sagt durch mich, der nur sein Werkzeug ist, und nicht verantwortlich für die Sünde in seinen Worten; aber er sagt, da dies gute Weib über das schöne Alter hinaus ist, es für Euch vernünftig sei, eines solchen Weibes müde zu werden. Er sagt Euch daher, sie aus Eurer Wohnung hinauszuthun, und wenn sie leer ist, will er seine eigene Begünstigte schicken, oder vielmehr die, die seine Begünstigte war, das flinke Reh, wie die Sioux sie nennen, um die Stelle einzunehmen, Ihr seht, Nachbar, obwohl die Rothhaut willens ist, Euer Eigenthum zu behalten, er Euch bei dem Allem etwas zum Ersatz dagegen geben will.« Ismael hörte diese Erwiederungen auf seine verschiedenen Forderungen mit jener Art gesammeltem Unwillen an, mit dem die schläfrigsten Gemüther bis zum heftigsten Paroxismus der Wuth steigen. Er that selbst, als lache er über den Plan, seine lang geprüfte Esther für die beugsamere Stütze der jugendlichen Tachechana umzutauschen; aber seine Stimme war hohl und unnatürlich bei dieser Anstrengung. Doch Esther war weit entfernt, den Vorschlag so artig aufzunehmen. Ihre Stimme bis zu dem ihr eigenen hörbaren Schlüssel erhebend, brach sie, nachdem sie nach Athem geschnappt, wie wenn man in der größten Gefahr zu ersticken ist, folgendermaßen heraus: »Hoho! Wer machte den Indianer zum Schließer und Löser der Ehe? Meint er, ein Weib sei ein Thier der Steppe, daß sie aus einem Dorf mit Hund und Pulver gejagt werden könne? Laßt die Tüchtigste von ihnen Allen hervorkommen und sich ihrer Thaten rühmen; kann sie solche Sprößlinge wie ich zeigen? Ein verdammter Tyrann ist diese diebische Rothhaut, und ein kühner Schurke in der That. Er möchte Befehlshaber sein in- und außerhalb der Thüre. Ein ehrliches Weib ist nicht besser in seinen Augen, als eins jener herumstreichenden Thiere. Und du, Ismael Busch, der Vater von sieben Söhnen und eben so vielen niedlichen Töchtern, du magst den Mund öffnen, außer um ihn zu verfluchen? Wolltest du deine Farbe beschimpfen, deine Familie und dein Volk, und weißes Blut mit rothem vermischen und Vater einer Race von Maulthieren sein? Der T – l hat dich oft versucht, Mann, aber nie hat er dir eine listigere Falle gelegt, als diese. Geh zurück unter deine Kinder, Freund, geh und erinnere dich, daß du kein wilder Bär bist, sondern ein christlicher Mann, und dank Gott, daß du ein rechtmäßiger Gemahl bist.« Das Geschrei der Esther war von dem scharfsinnigen Streifschützen geahnt worden. Er hatte leicht vorausgesehn, ihr zartes Gemüth werde bei einem so scandalösen Vorschlag, wie Verstoßung, überfließen, und benutzte jetzt den Sturm, sich an einen Ort zurückzuziehen, wo er wenigstens vor jeder unmittelbaren Gewalthätigkeit von Seiten des weniger gereizten, aber gewiß gefährlicheren Gemahls sicher wäre. Ismael, der seine Forderungen mit fester Entschlossenheit gethan hatte, um sie zu erzwingen, ward durch diesen wilden Sturm, wie mancher halsstarrigere Gemahl, von seinem Vorsatz abgelenkt, und, um eine Eifersucht zu besänftigen, die der Wuth glich, womit die Bärin ihre Jungen vertheidigt, wollte er sich gerne etwas von dem Zelt zurückziehn, das, wie er wußte, den unschuldigen Gegenstand des plötzlichen Aufruhrs enthielt. »Laßt Eure Kupferfarbige hervorkommen und ihre Castanien-Schönheit vor einem Weibe zeigen, das mehr als einmal die Kirchenglocke gehört hat und ihre wahre Kraft empfand,« schrie Esther und schwang triumphirend die Hände, als sie Ismael und Abiram vor sich, wie zwei herumstreichende Knaben, nach ihrem Lager hintrieb. »Ich wette, hier ist Eine, die sie bald nieder reden würde! Glaubt nicht, Ihr wolltet hier zaudern; Leute, glaubt nicht, Ihr solltet ein Auge in einem Lager schließen, durch das der Teufel so offen hinschreitet, als wäre er ein großer Herr und seines Willkomms sicher. Hierher, Abner, Enoch, Jesse, wo seid ihr? An's Werk, an's Werk! Wenn jener schwachsinnige, sanftfühlende Mann, euer Vater, hier wieder isst oder trinkt, werden wir ihn durch den Zauber der Rothhäute vergiftet sehen. Nicht, daß ich mich kümmere, wer an meine Stelle kommt, wenn sie einmal gesetzlich leer ist; aber, Ismael, ich hätte nie gedacht, daß Ihr, der ein Weib hatte mit weißer Haut, Vergnügen finden könntet im Anschauen einer kupfernen; ei, daß sie Kupfer ist, ist gewiß; Ihr könnt's nicht leugnen, und ich wette, sie ist auch ehern genug.« Gegen dieses Aufbrausen verwundeten weiblichen Stolzes leistete der erfahrne Gemahl keinen andern Widerstand, als durch eine gelegentliche Ausrufung, die der Vorläufer einer einfachen Versicherung einer Unschuld sein sollte. Die Wuth des Weibes wollte sich nicht besänftigen lassen. Sie hörte nur auf sich, und so hörte man nur ihre Befehle zum Aufbruch. Der Auswanderer hatte sein Vieh gesammelt, seine Wagen beladen, um sich vorzusehen, ehe er zu dem Extrem käme, das er beabsichtigte. Folglich fand Esther ihren Wünschen Alles günstig. Die jungen Leute starrten einander an, als sie diese außerordentliche Erregung ihrer Mutter sahen, nahmen aber wenig Antheil an einem Vorfall, der in ihrer Erfahrung so manches Gegenstück hatte. Auf Befehl ihres Vaters wurden auch die Zelte schnell auf die Wagen geworfen, gleichsam als Repressalie für die Treulosigkeit ihrer Verbündeten, und dann verließ der Zug in seiner gewöhnlichen, gleichgültigen, lässigen Manier die Stelle. Da eine schreckende Abtheilung wohl bewaffneter Grenzwohner den Nachzug des abgehenden Haufens deckte, sahen die Sioux ihn abziehen, ohne die geringste Verwunderung oder Rachsucht zu verrathen. Der Wilde, wie der Tieger, macht selten einen Angriff auf den Feind, der ihn erwartet; und wenn die Teton-Krieger eine Feindseligkeit beabsichtigten, geschah's mit der stillen, geduldigen Weise, mit der das Katzengeschlecht den unbewachten Augenblick in seinen Opfern erspäht, um den Schlag sicher beizubringen. Mahtoree's Rath aber, von welchem so viel von der Klugheit seines Volks abhing, lag tief in dem Fachwerk seiner eignen Gedanken. Vielleicht freute er sich, auf so leichte Art so unangenehmen Ansprüchen zu entgehen; vielleicht wartete er auf eine günstige Zeit, seine Gewalt zu zeigen; ja es mochte sein, daß Sachen von weit größerer Wichtigkeit seinen Geist in Anspruch nahmen, daß er nicht Zeit hatte, seine Kräfte einem so gleichgültigen Vorfalle zu weihen. Aber es wollte scheinen, als wenn Ismael, während er so sehr dem gereizten Gefühl der Esther nachgab, gar nicht so leicht seine eigentlichen Pläne aufgeben wolle. Sein Zug folgte auf eine Meile dem Lauf des Baches und machte dann auf der Spitze einer Erhöhung Halt, an einer Stelle, die die nöthigen Vortheile darbot. Hier schlug er seine Zelte wieder auf, spannte seine Thiere aus und ließ das Vieh auf den Grund, kurz, machte all' die gewöhnlichen Vorbereitungen, die Nacht mit derselben Gleichgültigkeit und Ungestörtheit zuzubringen, als wenn er nicht eben eine aufreizende Herausforderung seinen gefährlichen Nachbarn gerade in das Gesicht ausgesprochen hätte. Mittlerweile machten sich die Teton an die geregelteren Geschäfte der Tagszeit. Eine stolze, wilde Freude hatte sich im Lager verbreitet, sobald angesagt worden, ihr Häuptling kehre mit dem langgefürchteten und gehaßten Führer ihrer Feinde zurück. Seit vielen Stunden waren die Megären des Stammes von Zelt zu Zelt gegangen, um das Gemüth der Krieger zu solch einer Höhe zu reizen, daß den Betrachtungen der Gnade nur wenig Raum übrig blieb. Zum einen sprachen sie von einem Sohn, dessen Haupt im Rauch einer Pawneehütte dörre. Einem andern zählten sie seine eignen Narben, sein Unglück, seine Niederlagen auf; mit einem dritten verbreiteten sie sich über seinen Verlust an Häuten und Pferden, und ein vierter ward durch eine bedeutungsvolle Frage über einen bekannten Vorfall, worin er, wie man wußte, gelitten hatte, an die Rache erinnert. Durch diese Mittel waren die Männer in so weit aufgeregt worden, daß sie sich aus die schon erwähnte Weise zusammengerottet hatten, obwohl es noch immer zweifelhaft blieb, wie weit sie ihre Rache treiben wollten. Verschiedene Meinungen gab's über die Klugheit, ihre Gefangenen hinzurichten, und Mahtoree hatte die Debatten aufgehoben, um sich zu versichern, wie weit die Maßregel seine eignen Absichten begünstigen oder hintertreiben könnte. Bis jetzt waren die Berathungen nur einleitend gewesen, damit jeder Häuptling sehen möge, auf wie viele Verfechter seine Ansicht von der bestrittenen Frage wahrscheinlich rechnen dürfte, wenn der wichtige Gegenstand vor eine feierlichere Versammlung des Stammes kommen sollte. Der Augenblick der letzteren war jetzt erschienen, und die Vorbereitungen zu ihrer Zusammenberufung wurden mit einer Würde und Feierlichkeit getroffen, die den hohen Interessen bei dieser Gelegenheit angemessen waren. Mit einer Feinheit in der Grausamkeit, die nur ein Indianer hatte erdenken können, war der zu dieser ernsten Berathung erwählte Platz gerade um den Pfahl herum, an den der wichtigste Gegenstand der Versammlung angebunden worden. Middleton und Paul wurden in ihren Banden herbeigeschleppt und vor des Pawnee's Füße gelegt, und dann nahmen die Männer nach ihren verschiedenen Ansprüchen auf Auszeichnung ihre Sitze ein. Wie ein Krieger nach dem andern erschien, setzte er sich in den weiten Zirkel mit so ernster, bedächtiger Miene, als wenn sein Gemüth wirklich in der Lage wäre, Recht zu sprechen und gesänftigt würde durch die himmlische Gabe der Milde. Sitze wurden für drei oder vier Hauptanführer aufbewahrt, und einige der ältesten Weiber, so welk, wie Alter, Ausgesetztheit, Mühseligkeiten und ein Leben voll roher Leidenschaften sie machen konnte, drängten sich mit einer Verwegenheit in die vordersten Reihen, zu der sie von ihrer unersättlichen Gier nach Grausamkeit getrieben wurden, und die nur ihre Jahre und ihre lang geprüfte Treue gegen ihr Volk entschuldigen konnte. Alle, nur die schon erwähnten Häupter nicht, waren jetzt zur Stelle. Diese hatten in der eiteln Hoffnung mit ihrem Erscheinen gezögert, es werde ihre eigne Eintracht den Weg zu der ihrer respectiven Parteien bahnen; denn trotz des höhern Einflusses Mahtoree's konnte seine Gewalt nur durch beständiges Anfragen bei seinen Untergebenen erhalten werden. Als diese wichtigen Personen endlich zugleich in den Kreis getreten waren, verriethen ihre finstern Blicke und umwölkten Stirnen, trotz der auf die Unterredung gewendeten Zeit, hinlänglich die Uneinigkeit, welche unter ihnen herrschte. Mahtoree's Auge änderte sich in seinem Ausdruck von den plötzlichen Strahlen, in denen die wilden Antriebe seiner Seele zu brennen schienen, in jene kalte, bewachte Festigkeit, die man für einen Häuptling in der Rathsversammlung für passender hielt. Er nahm seinen Sitz mit der erkünstelten Einfachheit eines Volksführers ein, obgleich der scharfe, blitzende Strahl, den er sogleich über die schweigende Versammlung warf, den vorherrschenderen Charakter eines Tyrannen verrieth. Als Alle zugegen waren, zündete ein bejahrter Krieger die große Pfeife seines Volks an und blies den Rauch nach den vier Gegenden des Himmels. Sobald dies Sühnopfer dargebracht worden, reichte er sie Mahtoree, der aus verstellter Demuth sie einem Greise zu seiner Seite überreichte. Nachdem Alle dem besänftigenden Kraute zugesprochen, folgte ein ernstes Schweigen, als wenn ein Jeder nicht nur geeigneter wäre, über die Dinge vor ihm nachzudenken, sondern auch wirklich tiefer darüber dachte. Dann erhob sich ein alter Indianer und sprach! »Der Adler am Fall des endlosen Stroms war noch in seinem Ei, viele Winter sind es, seit meine Hand einen Pawnee erschlug. Was meine Zunge sagt, haben meine Augen gesehen. Bohrecheena ist sehr alt. Die Hügel haben länger an ihren Stellen gestanden, als er in seinem Stamme gewesen ist, und die Ströme wurden voll und leer, eh' er geboren war; aber wo ist der Sioux, der es weiß, wie er? Was er sagt, werden sie hören. Fällt ein Wort von ihm auf den Boden, werden sie es aufnehmen und in ihren Ohren bewahren. Verweht eins in dem Wind, werden meine jungen Leute, die sehr flink sind, es auffassen. Nun hört. Seit das Wasser floß, und die Bäume wuchsen, hat der Sioux den Pawnee auf seinem Kriegsweg getroffen. Wie der Cougar liebt die Antilope, liebt der Dahcotah seinen Feind. Wenn der Wolf das Rehkalb findet, legt er sich nieder und schläft? Wenn der Panther die Hindin sieht an der Quelle, schließt er seine Augen? Ihr wißt, er thut es nicht. Er trinkt auch, aber Blut! Ein Sioux ist ein springender Panther, ein Pawnee ein zitterndes Reh. Mögen meine Kinder mich hören. Sie werden meine Worte gut finden. Ich habe geredet.« Tiefes, aus der Kehle kommendes Zujauchzen brach durch die Lippen der Genossen Mahtoree's, als sie diesen blutgierigen Rath von einem Manne hörten, der gewiß unter die Aeltesten der Nation gerechnet werden mußte. Diese tief liegende Rachbegierde, die einen so hervorstehenden Zug in ihrem Charakter bildete, wurde durch jene metaphorischen Anspielungen geschmeichelt und der Häuptling selbst versprach sich bei der Menge der Beistimmenden, die sich zu Gunsten des Raths seines Freundes erklärten, einen glücklichen Erfolg seiner Pläne. Aber noch war Uebereinstimmung gar nicht vorherrschend. Eine lange, geziemende Pause ließ man auf die Worte des ersten Redners eintreten, auf daß Alles gehörig von ihrer Weisheit erwogen werden möchte, ehe ein anderer Häuptling die Widerlegung übernahm. Der zweite Sprecher, obwohl über die Jugend seiner Tage hinaus, war weit weniger bejahrt als sein Vorgänger. Er fühlte den Nachtheil dieses Umstands, und bemühte sich, ihm, so weit als möglich, durch seine außerordentliche Demuth, entgegenzuwirken. »Ich bin nur ein Kind,« begann er, und sah verstohlen um sich, um zu bemerken, in wie weit sein wohlgegründeter Ruf der Klugheit und Tapferkeit diese Aussage widerlegte. »Ich lebte noch bei den Weibern, als mein Vater schon ein Mann war. Wenn mein Haupt grau wird, geschieht's nicht, weil ich alt bin. Etwas von dem Schnee, der darauf fiel, als ich auf dem Kriegspfad schlief, ist darauf gefroren, und die heiße Sonne bei den Osagen-Dörfern ist nicht kräftig genug gewesen, den Schnee zu schmelzen.« Ein dumpfes Murmeln hörte man, das die Bewunderung jener Dienste ausdrückte, worauf er so listig anspielte. Der Redner wartete bescheiden ein wenig, bis die Erregung sich gelegt hatte, und fuhr dann mit größerer Kraft fort, als werde er heimlich durch ihr Lob ermuthigt. »Aber die Augen eines jungen Tapferen sind gut. Er kann weit sehen. Er ist ein Luchs. Seht auf mich recht. Ich will mich umwenden, daß ihr von beiden Seiten mich sehen könnt. Nun wißt ihr, ich bin euer Freund, denn ihr seht auf eine Seite, die nie ein Pawnee sah. Nun seht in mein Antlitz; nicht in diese Narbe, denn da können eure Augen nie meinen Geist sehen. Es ist ein Loch, das ein Konza geschnitten. Aber hier ist eine Oeffnung, die Wahcondah gemacht, durch die ihr in meine Seele blicken könnt. Was bin ich? Ein Dahcotah von innen und außen. Ihr wißt es, deswegen hört mich. Das Blut jedes Geschöpfs auf der Steppe ist roth. Wer kann die Stelle unterscheiden, wo ein Pawnee geschlagen ward, von der, wo meine jungen Leute einen Bison fingen? Er ist von derselben Farbe. Der Herr des Lebens machte sie für einander. Er machte sie gleich. Aber wird das Gras grün werden, wo ein Blaßgesicht getödtet wird? Meine jungen Leute müssen nicht denken, diese Nation sei so zahlreich, daß sie einen Krieger nicht vermissen werde. Sie überzählen sie oft, und sagen, wo sind meine Söhne? Wenn sie einen vermissen, werden sie in die Steppen schicken, nach ihm zu sehen; wenn sie ihn nicht finden können, werden sie ihren Boten sagen, nach ihm unter den Sioux zu fragen; meine Brüder, die Großmesser sind keine Thoren; es ist ein mächtiger Arzt von ihrer Nation jetzt unter ihnen, wer kann sagen, wie laut seine Stimme, wie lang sein Arm ist.« Die Rede des Sprechers, der in seinen Gegenstand mit der gehörigen Wärme einging, wurde durch den ungeduldigen Mahtoree unterbrochen, der plötzlich sich erhob, und in einem Tone, worin sich Ansehn mit Verachtung mischte, und zu dem zuletzt selbst Ironie kam, ausrief: »Meine jungen Leute sollen den bösen Geist der Blaßgesichter in die Versammlung führen. Mein Bruder soll seinen Arzt von Angesicht zu Angesicht sehn!« Eine todtengleiche, feierliche Stille folgte auf diese unerwartete Unterbrechung. Sie war nicht nur ein schweres Vergehn gegen die heilige Ordnung der Debatten, sondern der Befehl sollte auch der unbekannten Macht eines jener unbegreiflichen Wesen trotzen, das, wenige Indianer damals aufgeklärt genug waren, ohne Ehrfurcht anzustaunen, oder kühn genug, ihm zu widerstehen. Die Untergebenen jedoch gehorchten, und Obed ward zu Esel aus einem Zelt herbeigeführt, mit einer Ceremonie und einem Pompe, die sicher auf Spott berechnet waren, aber dennoch von der Furcht sehr gesteigert wurden. Als sie in den Kreis traten, warf Mahtoree, der den Einfluß des Doctors vorausgesehen und sich bemüht hatte, ihm zuvorzukommen, indem er ihn der Verachtung Preis gäbe, seine Blicke auf die Versammlung, um seinen Erfolg in den verschiedenen schwarzen Gesichtern zu lesen, von denen er umgeben war. In der That, Natur und Kunst hatten sich vereint, durch Miene und Haltung des Naturforschers eine Wirkung hervorzubringen, die ihn überall zum Gegenstand der Verwunderung gemacht haben würde. Sein Kopf war sorgfältig nach der unter den Sioux beliebtesten und geschmackvollsten Art geschoren worden. Eine prächtige Kopflocke, die wahrscheinlich weggelassen worden wäre, hätte man den Doctor selbst darüber befragt, war Alles, was von einem üppigen, und gerade zu der Jahrszeit gar nicht unangenehmen Haarwuchs übriggeblieben. Dicke Auflagen von Schminke waren dem nackten Schädel zu Theil geworden, und gewisse abenteuerliche Figuren in demselben Stoffe erstreckten sich bis in die Nähe von Augen und Mund, und liehen dem von Natur scharfen Ausdruck der ersteren einen Zug heimlicher List, und dem absprechenden des letzteren nicht wenig von der todtenbeschwörenden Grimmigkeit eines Zauberers. Er war seines Obergewands erleichtert und dafür sein Leib vor der Kälte hinlänglich durch ein phantastisch bemaltes Kleid aus Thierhäuten geschützt worden. Gleichsam zum Spott über sein Treiben hingen tausend Kröten, Frösche, Eidechsen, Schmetterlinge u. s. w., die er alle sorgsam zubereitet hatte, um in Zukunft ihre Stelle in seinem Privatcabinet einzunehmen, an dieser einsamen Locke seines Hauptes, an seinen Ohren, und an den verschiedenen andern vorragenden Theilen seiner Person. Wenn wir zu der durch diese kleineren Zierrathen seines Costüms hervorgebrachten Wirkung noch die furchtbaren angstvollen Blicke des Zweifels uns hinzudenken, die sein Gesicht doppelt wild machten, und die Gefühle des würdigen Obed verriethen, als er seine persönliche Würde so erniedrigt, und was noch weit wichtiger für ihn war, sich selbst, wie er fest glaubte, als Opfer einer heidnischen Festlichkeit fortgeschleppt sah, wird der Leser leicht das Staunen sich denken, das durch des Doctors Erscheinung in einer Bande erregt ward, die schon mehr als halb vorbereitet war, in ihm einen mächtigen Diener des bösen Geistes zu verehren. Weucha führte den Esel gerade in den Mittelpunct des Kreises, ließ sie dort beisammen (denn die Beine des Naturforschers waren so an das Thier gebunden, daß man beide für in einander verkörpert hätte halten und sagen können, sie bildeten eine neue Ordnung) und zog sich auf seine Stelle zurück, den Beschwörer, als er wegging, mit einem Staunen und einer Bewunderung anstarrend, wie sie dem dumpfen Trübsinn seines Gemüths natürlich war. Die Verwunderung schien gegenseitig, bei den Zuschauern und dem Gegenstand dieser sonderbaren Darstellung. Wenn die Teton die geheimnißvollen Eigenschaften des Arztes mit Verehrung und Furcht anstaunten, blickte der Doctor mit einer Mischung von ganz eben so außerordentlichen Bewegungen um sich, in der jedoch die letztere Empfindung kein unbeträchtliches Ingredienz bildete. Ueberall fielen seine Augen, welche gerade in dem Augenblick eine geheime, hohe Kraft besaßen, auf dunkle, wilde, rohe Gesichter, deren keinem er auch nur einen einzigen Strahl von Mitgefühl und Erbarmen entlocken konnte. Endlich trafen seine herumschweifenden Blicke auf die ernsten, sittigen Züge des Streifschützen, der mit Hektor zu seinen Füßen am Eingang des Zirkels stand und sich auf die Büchse lehnte, die er als ein anerkannter Freund wieder hatte tragen dürfen. Er schien über die Folgen nachzudenken, die wahrscheinlich aus einer Rathsversammlung hervorgehen mußten, welche durch so viele und auffallende Ceremonieen ausgezeichnet gewesen. »Verehrungswürdiger Jäger, oder Schütze, oder Wildfänger,« sagte der ganz trostlose Obed, »ich freue mich sehr, Euch wieder zu treffen. Ich fürchte, die kostbare Zeit, die mir zugemessen worden, um eine hohe Aufgabe zu vollenden, geht jetzt zu einem unreifen Ende, und ich möchte gern mein Herz vor einem Manne aufschließen, der, wenn auch kein Schüler der Wissenschaft, wenigstens einige Kenntniß hat von dem, was die Cultur ihrem niedrigsten Unterworfenen mittheilt. Zweifelsohne werden viele und ernste Nachforschungen nach meinem Geschick von den gelehrten Gesellschaften der Welt gemacht werden; ja Missionen werden vielleicht in diese Gegenden geschickt, um jeden Zweifel zu entfernen, der über einen so wichtigen Gegenstand entstehen könnte. Ich preise mich glücklich, daß ein Mann, der unsere Sprache versteht, zugegen ist, um die Geschichte meines Endes zu bewahren. Ihr werdet sagen, daß nach einem wohlgenützten und glorreichen Leben, ich als Märtyrer starb für die Wissenschaft, als ein Opfer der Geistesfinsterniß. Ich gedenkt ganz besonders ruhig und gesammelt in meinen letzten Augenblicken zu sein; so wenn ihr einige Einzelheiten über die Standhaftigkeit uns gelehrte Würde, womit ich dem Tod entgegentrat, hinzufügt, wird dies zum Sporn für Künftige, die nach gleicher Ehre streben, dienen, und sicherlich Niemanden Anstoß geben. Und nun, Freund Streifschütz, will ich, als eine Pflicht, die ich menschlicher Natur schuldig bin, mit der Frage schließen, ob alle Hoffnung mich verlassen, oder ob noch ein Mittel übrig, wodurch so viele kostbare Belehrung aus den Klauen der Finsternis gerettet und den Blättern der Naturgeschichte gesichert werden möge.« Der Alte lieh ein aufmerksames Ohr dieser traurigen Anrede, und bedachte augenscheinlieh die wichtige Frage von jeder Seite, ehe er sich herausnehmen wollte zu antworten. »Ich denke, Freund Physikus,« entgegnete er endlich ernst, »daß Leben oder Tod in Eurem besondern Fall ganz von dem Willen der Vorsehung abhängt, wie sie es nun durch die verfl – ten Windungen indianischer List darzulegen für gut findet. Was mich betrifft, ich sehe im Ganzen keinen großen Unterschied im Ausgang, da es Niemanden außer Euch groß anfechten kann, ob Ihr lebt oder sterbt.« »Wolltet Ihr den Fall eines Ecksteins aus dem Grund des Gebäudes der Gelehrsamkeit als eine gleichgültige Sache für Mit- und Nachwelt ansehen?« fiel schnell der beleidigte Obed ein. »Außerdem, mein alter Gefährte,« fügte er mit einem Vorwurf hinzu, »die Theilnahme, die Jemand an seinem eigenen Dasein hat, ist ganz und gar nichts Geringes, mag sie auch noch so sehr durch seine allgemeineren und menschenfreundlichen Gefühle in Schatten gestellt werden.« »Was, ich sagen wollte ist folgendes,« begann der Streifschütz wieder, der weit entfernt war, all' die spitzfindigen Unterscheidungen zu verstehen, womit sein gelehrterer Gefährte so oft seine Rede schmücken wollte; »es gibt nur eine Geburt und nur einen Tod für alle Dinge, mag es Hund sein oder Reh, roth oder weiß. Beide sind in der Hand des Herrn, und es ist eben so gottlos, die eine beschleunigen zu wollen, als unmöglich, dem andern zu entgehen. Aber ich will damit nicht sagen, daß nicht Etwas geschehen könne, um den letzten Augenblick für eine Weile zum wenigsten aufzuschieben, und deßwegen ist es eine Frage, die jeder seiner eigenen Weisheit vorzulegen ein Recht hat, wie weit er gehen will, wie viel Mühen er ertragen will, um eine Zeit zu verlängern, die schon zu lange gewesen sein könnte. Mancher traurige Winter und sengende Sommer ist vorübergegangen, seit ich mich zur Rechten und Linken gewandt, um eine Stunde einem Leben hinzuzufügen, das sich schon über achtzig Jahr hinausgestreckt. Ich halt' mich so bereit, auf meinen Namen zu antworten, wie ein Soldat bei der Abendappell. Nach meiner Meinung, wenn Euer Geschick dem Willen der Indianer überlassen bleibt, wird die Klugheit des großen Sioux sein Volk antreiben, Euch Alle zu opfern, auch verlaß ich mich nicht sehr auf seine anscheinende Liebe zu mir; daher entsteht jetzt die Frage, ob Ihr zur Reise fertig seid, und seid Ihr's, ob dies nicht eine eben so gute Zeit zum Aufbrechen sei, als eine andere. Sollte meine Meinung befragt werden, will ich in so weit sie zu Euren Gunsten geben, daß nach meiner Meinung Euer Leben unschuldig genug gewesen, das heißt, was große Vergehungen betrifft, deren Ihr Euch schuldig gemacht haben könntet; obwohl die Aufrichtigkeit mich hinzuzufügen nöthigt, daß ich glaube, Alles, was Ihr ansprechen könnt, in Hinsicht von Thaten, nicht hoch genug steigen möchte, um bei der großen Rechnung in Anschlag zu kommen.« Obed warf ein ängstliches Auge auf das ruhige, philosophische Gesicht des Andern, als er eine so entmuthigende Darstellung seines Zustandes ihm machte. Er räusperte sich, um die verzweifelnde Betrübniß zu verbergen, die seinen Geist überfiel, zugleich aber auch aus einem Ueberbleibsel von jenem Stolz, welcher die arme, menschliche Natur selbst in den feierlichsten Augenblicken nicht verläßt. »Ich glaube, ehrwürdiger Jäger,« erwiederte er, »wenn ich die Frage nach all ihren verschiedenen Seiten betrachte, und annehme, daß Eure Theorie die rechte ist, es das Sicherste sein würde, zu schließen, ich sei nicht vorbereitet zu so hastiger Abreise, und Vorsichtsmaßregeln sollten alsbald ergriffen werden.« »Wenn das Eure Meinung ist,« entgegnete der bedächtige Streifschütz, »will ich für Euch handeln, wie ich für mich handeln würde; obwohl, da die Zeit mit Euch bergabwärts geht, ich Euch nur rathen will, daß Ihr Euern Fall schnell überlegt, denn es möchte geschehen, daß Euer Name gerufen würde, wenn Ihr eben so wenig zu antworten bereit seid, als jetzt.« Mit dieser freundschaftlichen Ermahnung wandte der Alte sich wieder in den Kreis, wo er über die Mittel, die er jetzt gebrauchen sollte, mit der eigenen Mischung von Entschlossenheit und Entsagung nachdachte, die aus seinen Gewohnheiten und seiner Demuth hervorgingen, und welche sich zu dem Charakter vereinten, in welchem außerordentliche Kraft mit der sanftesten Unterwürfigkeit gegen die Vorsehung sonderbar genug verknüpft war. Achtundzwanzigstes Kapitel. Die Hex' in Smithfield soll zu Asche brennen, Und ihr drei andre sollt am Galgen sterben. Shakespeare.   Die Sioux hatten den Ausgang der vorigen Unterredung mit löblicher Geduld abgewartet. Die meisten aus der Bande wurden durch die geheime Ehrfurcht, mit der sie den mysteriösen Charakter Obed's betrachteten, zurückgehalten, während einige der verständigeren Häupter gerne die Gelegenheit benutzten, um ihre Gedanken zu dem Kampf, der jetzt deutlich vorausgesehen ward, zu ordnen. Mahtoree, der durch Nichts von diesem bestimmt wurde, wollte dem Streifschützen zeigen, wie sehr er ihm nachgäbe, und als der Alte endlich geschlossen, empfing er von dem Häuptling einen Blick, der ihn an die Geduld erinnern sollte, womit er ihn hatte reden lassen. Eine tiefe regungslose Stille folgte auf die kurze Unterbrechung. Dann erhob sich Mahtoree offenbar um zu sprechen. Er setzte sich erst in eine würdevolle Stellung und warf einen festen, strengen Blick auf die ganze Versammlung. Doch änderte sich der Ausdruck seines Auges, als es über die verschiedenen Mienen seiner Anhänger und Gegner hinging. Auf die ersteren fiel sein Blick, obwohl ernst, doch nicht drohend, während er den letztern alle Gefahren anzudeuten schien, denen sie sich aussetzten, wenn sie der Rache eines so Mächtigen zu trotzen wagten. Noch mitten unter so viel Stolz und Vertrauen verließ der Scharfsinn und die List eines Tetons ihn nicht. Als er so gleichsam den Handschuh dem ganzen Stamm hingeworfen und seinen Anspruch auf Oberherrschaft hinlänglich gesichert hatte, ward seine Miene leutseliger, sein Auge weniger zornig. Da war es, wo er seine Stimme mitten in einem todtengleichen Schweigen erhob, und die Töne nach dem veränderten Charakter seiner Bilder und seiner Beredsamkeit abwechseln ließ. »Was ist ein Sioux?« begann der Häuptling listig, »er ist Beherrscher der Steppen und Herr ihres Wildes. Die Fische in dem Strom der trüben Wasser kennen ihn und kommen auf seinen Ruf. Er ist ein Fuchs an Rath, ein Adler an Gesicht, ein gräulicher Bär in der Schlacht. Ein Dahcotah ist ein Mann!« Nachdem er das dumpfe Beifallsmurmeln, das auf diese schmeichelhafte Schilderung seines Volks gefolgt war, sich hatte setzen lassen, fuhr der Teton fort! »Was ist ein Pawnee? Ein Dieb, der nur Weiber bestiehlt, eine Rothhaut ohne Tapferkeit, ein Jäger, der Wildpret erbettelt. Im Rath ist er ein Eichhörnchen, das von Stelle zu Stelle hüpft; er ist eine Eule, die zur Nachtzeit auf die Steppen geht; im Kampf ist er ein Elenn, dessen Beine lang sind. Ein Pawnee ist ein Weib!« Eine zweite Pause folgte, während welcher ein Freudengeschrei aus mehrerer Mund brach, und der Antrag geschah, diese niederschlagenden Worte sollten dem von nichts wissenden Gegenstand ihrer beißenden Verachtung übersetzt werden. Der Alte nahm den Befehl aus Mahtoree's Augen ab und gehorchte. Hartherz hörte ihn ernst an, und dann, als bemerke er, seine Zeit zu sprechen sei noch nicht gekommen, richtete er wieder seinen Blick in die leere Luft. Der Redner bewachte sein Antlitz mit einem Ausdruck, welcher zeigte, wie unauslöschlich der Haß sei, den er gegen den einzigen Häuptling nah' und fern fühlte, dessen Ruf mit einigem Vortheil mit seinem verglichen werden konnte. Obgleich befremdet, daß er den Stolz eines Nebenbuhlers nicht hatte rühren können, den er wie einen Knaben betrachtete, fuhr er, was er für weit wichtiger hielt, fort, die Gemüther seiner Stammverwandten zu reizen, um sie zur Ausführung seiner wilden Pläne vorzubereiten. »Wäre die Erde mit Ratten bedeckt, die zu nichts nütz sind,« sagte er, »so wäre kein Raum für Büffel mehr, die dem Indianer Nahrung gäben und Kleidung. Wären die Steppen mit Pawnee bedeckt, würde kein Raum mehr sein für den Fuß eines Dahcotah's. Ein Wolf-Indianer ist eine Ratte, ein Sioux ein schwerer Büffel; laßt die Büffel auf die Ratten treten, und sich Raum machen.« »Meine Brüder, ein klein Kind hat zu euch gesprochen. Es sagt euch, sein Haar sei nicht grau aber gefroren, – das Gras werde nicht wachsen, wo ein Blaßgesicht gestorben ist! Kennt er die Farbe des Bluts von einem Großmesser? Nein; ich weiß, er kennt sie nicht, er hat es nie gesehen. Welcher Dahcotah, außer Mahtoree, hat je ein Blaßgesicht erschlagen? Nicht einer. Aber Mahtoree muß schweigen. Jeder Teton wird sein Ohr schließen, wenn er spricht. Die Häupter über seiner Wohnung wurden von Weibern genommen. Sie wurden von Mahtoree genommen und er ist ein Weib. Sein Mund ist geschlossen; er wartet auf das Fest, um mit den Mädchen zu singen.« Trotz der Ausrufungen des Bedauerns und der Rache, die auf eine so beschämende Erklärung folgten, nahm der Häuptling seinen Sitz ein, als sei er entschlossen, nicht mehr zu sprechen. Aber als das Murren lauter und allgemeiner ward, und sich drohende Anzeichen zeigten, die Rathsversammlung werde sich in Verwirrung auflösen, erhob er sich, und nahm seine Rede wieder auf, indem er seine Manier in den stolzen, schnellen Vortrag eines auf Rache sinnenden Kriegers umänderte. »Mögen meine jungen Leute nach Tetao sehen!« schrie er, »sie werden sein Haupt in Pawnee-Rauch trocknen finden! Wo ist der Sohn von Bohrecheena? Seine Gebeine sind weißer als die Gesichter seiner Mörder! Schläft Mahah in seinem Zelt? Ihr wißt, es sind viele Monden, seit er sich aufmachte nach den gesegneten Gefilden; ich wollte, er wäre hier, daß er sagen könnte, von welcher Farbe die Hand war, die seinen Schädel nahm!« Auf diese Weise fuhr der listige Häuptling mehrere Minuten fort, und nannte die Krieger bei Namen, von denen bekannt war, daß sie ihren Tod im Kampf mit den Pawnee oder sonst in einer jener gesetzlosen Streitigkeiten gefunden, welche so oft zwischen den Sioux-Banden und einer Classe weißer Leute vorfielen, die nur wenig von ihnen in der Cultur verschieden waren. Er ließ ihnen nicht Zeit, über die Verdienste oder vielmehr Verdienstlosigkeit der meisten von den Individuen nachzudenken, auf die er anspielte, mit so großer Schnelle ging er über ihre Namen hin, aber so klug berechnete er die Vorfälle, so ergreifend machte er seine Anreden, die noch dazu von seiner tiefen, aufregenden Stimme erhöht wurden, daß jede von ihnen eine entsprechende Saite in der Brust eines seiner Zuhörer berührte. Mitten in einem seiner höchsten Redeflüge trat ein Mann, so bejahrt, daß er nur mit der größten Beschwerde gehen konnte, gerade in den Mittelpunkt des Kreises, und nahm seine Stellung gerade vor dem Sprecher. Ein scharfes Ohr hätte vielleicht entdecken können, daß der Ton des Redners ein wenig wankte, als sein flammender Blick zuerst auf diesen unerwarteten Gegenstand fiel, obgleich die unerwartete Veränderung so gering war, daß Niemand, als wer beide Theile genau kannte, es geargwöhnt haben würde. Der Unbekannte war einst eben so ausgezeichnet durch seine Schönheit und seine Körperverhältnisse gewesen, als es sein Adlerauge durch seinen unwiderstehlichen, furchtbaren Glanz gewesen war. Aber seine Haut war jetzt runzlig, und seine Züge von so vielen Narben durchfurcht, daß ein halbes Jahrhundert früher er von den Franzosen der Canada einen Beinamen erhalten haben würde, wie ihn viele der Helden Frankreichs trugen, und welcher jetzt in die Sprache der wilden Horde, von der wir schreiben, als der ausdrucksvollste für die Thaten ihrer eigenen Helden aufgenommen worden ist. Das Murmeln »Le Balafré«, das durch die Versammlung rann, als er erschien, bezeichnete nicht nur seinen Namen und die hohe Würdigung seines Charakters, sondern auch, für wie außerordentlich sein Besuch angesehen ward. Da er jedoch weder sprach noch sich bewegte, legte sich bald die Aufmerksamkeit, die durch sein Erscheinen erregt worden, und dann war jedes Auge wieder auf den Sprecher gewendet, und jedes Ohr trank wieder den Zauber seiner bethörenden Anreden. Man hätte leicht Mahtoree's Triumph in den abspiegelnden Mienen seiner Zuhörer nachweisen können. Es dauerte nicht lange, und ein Blick voll Wildheit und Rache lag auf den grimmigen Gesichtern der meisten Krieger, und jede neue, listige Anspielung auf die Klugheit, die Feinde zu vernichten, ward mit frischen und weniger zurückgehaltenen Ausbrüchen der Billigung begleitet. In der Höhe dieses Erfolgs schloß der Teton mit einer plötzlichen Anrede an den Stolz und die Härte seiner Bande seine Rede und setzte sich nieder. Mitten unter dem Beifallsmurmeln, das auf ein so merkwürdiges Stück von Beredsamkeit folgte, hörte man eine tiefe, schwache, hohle Stimme sich erheben, als käme sie aus den innersten Höhlen der menschlichen Brust, und erlangte Kraft und Stärke, wie sie in die Luft hinaus kam. Eine feierliche Stille folgte auf die Töne, und dann sah man erst die Lippen des Greises sich bewegen. »Der Tag Le Balafré's ist seinem Ende nahe,« waren die ersten Worte, die deutlich gehört wurden. »Er ist gleich dem Büffel, dessen Haar nicht länger wachsen will. Er wird bald bereit sein, seine Wohnung zu verlassen, um eine andere aufzusuchen, die weit ist von den Dörfern der Sioux; deßwegen betrifft nicht ihn, was er zu sagen hat, sondern die, welche er zurück läßt. Seine Worte sind gleich der Frucht am Baum, reif und zeitig, den Häuptlingen gegeben zu werden.« »Viel Schnee ist gefallen, seit Le Balafré auf dem Kriegspfad gefunden ward; sein Blut ist sehr heiß gewesen, aber es hat Zeit gehabt, kalt zu werden. Wahcondah gibt ihm Träume des Kriegs nicht mehr, er sieht, daß es besser ist, im Frieden zu leben.« »Meine Brüder, Ein Fuß ist dem glücklichen Jagdgrund zugewendet, der andere wird bald folgen, und dann wird man einen alten Häuptling nach den Tapfen seines Vaters Moccasins spähen sehen, aus daß er sich nicht irre, sondern sicher sei, vor den Herrn des Lebens auf demselben Pfad zu kommen, den schon so viele gute Indianer eingeschlagen haben. Aber wer wird folgen? Le Balafré hat keinen Sohn; sein ältester hat zu viele Pawnee-Pferde geritten; die Gebeine des jüngsten sind von Konza-Hunden benagt worden. Le Balafré ist gekommen, nach einem jungen Arm sich umzusehen, auf den er sich lehnen könnte, und einen Sohn zu suchen, daß, wenn er heimgegangen ist, sein Zelt nicht leer sei. Tachechana, das flüchtige Reh der Teton, ist zu zart, einen Krieger zu ertragen, der alt ist. Sie sieht vor sich und nicht hinter sich. Ihr Gemüth ist in der Wohnung ihres Gemahls.« Die Rede des alten Kriegers war ruhig, aber bestimmt und entschlossen gewesen. Seine Erklärung ward mit Schweigen empfangen, und obwohl mehrere der Häuptlinge, die mit Mahtoree einverstanden waren, ihre Augen auf ihren Führer richteten, nahm sich doch keiner heraus, einem so alten und verehrten Tapfern in einem Entschluß sich zu widersetzen, der ganz mit den Gewohnheiten der Nation im Einklang stand. Der Teton selbst begnügte sich, den Erfolg mit scheinbarer Fassung abzuwarten, obwohl wilde Blicke, die um sein Auge spielten, zu Zeiten die Natur der Blicke verriethen, womit er einen Auftritt mit ansah, der ihm wahrscheinlich gerade das von allen seinen ausersehenen Opfern rauben würde, das er am meisten haßte. Indeß ging Le Balafré langsamen, mühseligen Schritts auf die Gefangenen zu. Er blieb vor Hartherz stehen, dessen untadelige Gestalt, dessen unverändertes Auge und hohe Miene er lange mit großer, augenscheinlicher Zufriedenheit betrachtete. Dann gab er einen gebieterischen Wink und wartete, bis sein Befehl vollzogen, und der Jüngling mit demselben Messerschnitt vom Pfahl und zugleich auch von seinen Fesseln befreit worden war. Als der junge Krieger seinem dunkeln, schwachen Blick näher gebracht worden, wurde die Untersuchung mit aller Genauigkeit und der Bewunderung wiederholt, die physische Vorzüge so leicht in der Brust eines Wilden erregen. »Gut,« murmelte endlich der vorsichtige alte Krieger, als er entdeckte, daß all seine Erfahrung in den Erfordernissen zu einem Tapfern nichts zu tadeln finden könne, »das ist ein springender Panther! Spricht mein Sohn mit der Zunge eines Tetons?« Das Verständniß, das aus den Augen des Gefangenen leuchtete, verrieth, wie gut er die Frage verstand; aber noch war er viel zu stolz, seine Gedanken in einer Sprache mitzutheilen, die einem feindlichen Volke angehörte. Einige der umstehenden Krieger erklärten dem alten Häuptling, der Gefangene sei ein Wolf-Pawnee. »Mein Sohn öffnete die Augen an den Wassern der Wölfe,« sagte Le Balafré in der Sprache dieser Nation; »aber er wird sie schließen in der Krümmung des Stroms der trüben Wasser. Er ward ein Pawnee geboren, aber wird sterben ein Dahcotah. Sieh' mich an. Ich bin ein Feigenbaum, der einst viele mit seinem Schatten deckte. Die Blätter sind gefallen und die Zweige beginnen sich zu neigen. Aber eine einzige Stütze sprießt aus meinen Wurzeln hervor, es ist eine kleine Rebe und sie windet sich um einen Baum, der grün ist. Ich habe lange mich umgesehen, wo eine würdige wäre, an meiner Seite zu wachsen. Nun hab' ich sie gefunden. Le Balafré ist nicht länger ohne einen Sohn; sein Name wird nicht vergessen werden, wenn er fort ist, Männer der Teton, ich nehm diesen in mein Zelt!« Keiner war kühn genug, ein Recht zu bestreiten, das oft von weit geringeren Häuptern als der jetzige Redner geübt worden, und die Ankindung war mit ernstem, ehrerbietigen Schweigen angehört. Le Balafré nahm seinen zukünftigen Sohn bei'm Arm, führte ihn gerade in den Mittelpunkt des Kreises, und stand neben ihm mit einem triumphirenden Blick, um von den Anwesenden seine Wahl billigen zu lassen. Mahtoree verrieth durch nichts seine Gesinnung, sondern schien vielmehr einen für die listige Klugheit seines Charakters passenderen Augenblicken abzuwarten. Die erfahreneren und scharfsichtigeren Häuptlinge sahen deutlich die gänzliche Unmöglichkeit ein, daß zwei so berühmte, so feindlichen Parteihäupter, die so lange Nebenbuhler im Ruhm gewesen, wie ihr Gefangener und ihr Anführer als Freunde in demselben Stamme bestehen könnten. Doch war der Charakter Le Balafré's so imponirend, und die Sitte, die er in Anspruch genommen, so geheiligt, daß keiner seine Stimme gegen die Maßregel zu erheben wagte. Sie beobachteten den Erfolg mit wachsender Theilnahme, aber mit einer Kälte in ihrem Benehmen, die die Art ihrer Unruhe verbarg. Aus diesem Zustand der Verlegenheit, und wie es leicht hätte ausfallen können, der Verwirrung, wurde der Stamm unerwartet durch den Entschluß dessen errettet, der bei dem Erfolg von des alten Häuptlings Plänen am meisten betheiligt war. Während des ganzen vorigen Auftritts würde es schwer gewesen sein, ein einziges bestimmtes Gefühl in den Zügen des Gefangenen aufzufinden. Er hatte seine Befreiung mit derselben Gleichgültigkeit als den Befehl, ihn an den Pfahl zu binden angehört, aber jetzt, da der Augenblick gekommen, wo er wählen sollte, sprach er auf eine Weise, welche zeigte, daß die Standhaftigkeit, die ihm einen so ausgezeichneten Namen verschafft hatte, ihn noch gar nicht verlassen hatte.» »Mein Vater ist sehr alt, aber noch hat er nicht auf Alles gesehen,« sagte Hartherz mit so lauter Stimme, daß sie von allen Gegenwärtigen gehört wurde. »Er hat nie einen Büffel zur Fledermaus werden sehen. Er wird nie einen Pawnee einen Sioux werden sehen!« Es lag etwas so Plötzliches und doch Ruhiges in der Art, wie er diese Entscheidung aussprach, daß die meisten der Zuhörer von der Unabänderlichkeit derselben überzeugt wurden. Aber Balafré's Herz verlangte nach dem Jüngling, und die Liebe des Greisenalters ward nicht so leicht unterdrückt. Mißbilligend den Ausbruch der Bewunderung und des Triumphs, den die Kühnheit der Erklärung und die neue Hoffnung auf Rache erregt hatte, warf er sein glimmendes Auge auf die Bande und nochmals redete der Bejahrte zu seinem Adoptivkind, als wenn sein Plan nicht verweigert werden könne. »Es ist Recht,« sagte er, »so muß der Tapfere sprechen, daß die Krieger seinen Muth sehen. Es gab eine Zeit, wo Balafré's Stimme die lauteste in den Zelten der Konza war. Aber die Wurzel eines weißen Haars ist Weisheit. Mein Kind wird den Teton zeigen, daß er brav ist, indem er ihre Feinde schlägt. Männer der Dahcotah dies ist mein Sohn!« Der Pawnee zögerte einen Augenblick, trat dann vor den Häuptling, nahm seine harte, schwielige Hand, und legte sie mit Ehrfurcht auf sein Haupt, gleichsam um die Größe seines Danks anzuerkennen. Dann that er einen Schritt zurück, erhob sich zu seiner größten Höhe und sah auf die feindliche Bande, von der er umgeben war, mit einem Blick voll Uebermuth und Verachtung, während er laut in der Sioux-Sprache sagte: »Hartherz hat sich von außen und innen betrachtet. Er hat überdacht alles, was er gethan auf der Jagd und im Krieg. Ueberall ist er derselbe. Nirgends Veränderung. Er ist in allem ein Pawnee. Er hat so viele Teton erschlagen, daß er nie in ihren Zelten essen könnte. Seine Pfeile würden zurückfliegen; die Spitze seiner Lanze würde am unrechten Ende sein; ihre Freunde würden weinen bei jedem Kriegsgeschrei, das er erhübe; ihre Feinde würden lachen. Kennen die Teton einen Wolf? Mögen sie ihn nochmals ansehn. Sein Haupt ist bemalt, sein Arm ist Fleisch, aber sein Herz ist Fels. Wenn die Teton die Sonne von den Felsgebirgen kommen, und nach dem Land der Blaßgesichter gehen sehen, dann wird Hartherzens Gemüth sanft und sein Geist Sioux werden. Bis dahin wird er leben und sterben, ein Pawnee.« Ein Freudengeschrei, worin Bewunderung und Wildheit furchtbar sich mischten, unterbrach den Sprecher und verkündete nur zu deutlich, von welcher Art sein Schicksal sein werde. Der Gefangene wartete einen Augenblick, daß die Bewegung sich legte, wandte sich dann wieder zu Le Balafré, und fuhr in weit verbindlicherem und sanfterem Ton fort, als fühlte er die Nothwendigkeit, seine abschlägige Antwort auf eine Art zu mäßigen, daß sie den Stolz eines Mannes nicht verletze, der so gern sein Wohlthäter sein wollte. »Möge mein Vater schwerer auf das Reh der Dahcotah sich lehnen,« sagte er. »Sie ist schwach jetzt, aber wenn ihr Zelt mit Kindern sich füllt, wird sie stärker werden. Seht,« fuhr er fort, und lenkte die Augen des Andern auf das ernste Antlitz des aufmerksamen Streifschützen; »Hartherz ist nicht ohne ein Grauhaupt, ihm den Weg zu zeigen zu den gesegneten Gefilden. Wenn er je einen andern Vater hat, soll es gerade dieser Krieger sein.« Le Balafré wandte sich in seiner Hoffnung getäuscht, von dem Jüngling weg und näherte sich dem Fremden, der ihm so in seinem Plan zuvorgekommen. Die gegenseitige Untersuchung dieser beiden Bejahrten war lang und eigen. Es war nicht leicht den eigentlichen Charakter des Streifschützen durch die Maske zu entdecken, die Mühseligkeiten von so vielen Jahren auf seine Züge gelegt hatte, besonders da sie durch seinen wilden, sonderbaren Anzug unterstützt wurde. Mehrere Augenblicke vergingen, ehe der Teton sprach, und dann geschah es voll Zweifel, ob er einen gleich ihm anrede, oder einen Wanderer von der Race, die, wie er gehört, sich wie hungrige Heuschrecken über das ganze Land verbreitete. »Das Haupt meines Bruders ist sehr weiß,« sagte er, »aber Balafré's Auge gleicht nicht mehr dem des Adlers. Von welcher Farbe ist seine Haut?« »Wahcondah machte mich wie die, die ihr hier auf ein Dahcotah-Urtheil warten seht; aber Gutes und Schlimmes hat mich dunkler gefärbt, als die Haut eines Fuchses ist. Was macht das! Obwohl die Rinde rauh und geborsten ist, das Herz des Baumes ist gesund.« »Mein Bruder ist ein Großmesser! Laßt ihn nach Sonnenuntergang sehen und seine Augen öffnen, Sicht er den Salzsee jenseits der Berge?« »Die Zeit ist gewesen, Teton, wo wenige das Weiße auf des Adlers Haupt weiter sehen konnten als ich; aber der Glanz von siebenundachtzig Wintern hat meine Augen verdunkelt, und nur wenig noch kann ich mich in meinen letzten Tagen des Gesichts rühmen. Meint der Sioux, ein Blaßgesicht sei ein Gott, daß er durch Hügel sehen kann?« »So möge mein Bruder auf mich sehen. Ich bin ihm nahe und er kann sehen, daß ich nur eine thörichte Rothhaut bin. Warum kann sein Volk nicht Alles sehen, da es nach Allem verlangt?« »Ich verstehe Euch, Häuptling, auch will ich nicht die Wahrheit Eurer Worte bestreiten, da ich sehe, daß sie nur zu gegründet sind. Aber obgleich von der Race geboren, die Ihr so wenig liebt, würde mein schlimmster Feind, selbst nicht ein lügender Mingo, nicht zu sagen wagen, daß ich je die Güter eines Andern angetastet, die ausgenommen, welche in männlichem Krieg erobert wurden, oder daß ich mehr Land begehrt, als der Herr wollte, daß jeder füllen sollte.« »Und doch ist mein Bruder unter die Rothhäute gekommen, einen Sohn aufzusuchen?« Der Streifschütz legte einen Finger auf Le Balafré's nackte Schulter, sah in sein benarbtes Gesicht mit einem stillen, vertrauenden Blick und antwortete: »Ei, es geschah nur dem Jungen zum Besten. Wenn Ihr denkt, Dahcotah, daß ich den Jüngling annahm, um mein Alter zu stützen, thut Ihr eben so großes Unrecht meinem guten Willen, als Ihr wenig die unbarmherzigen Neigungen Eures eigenen Volks zu kennen scheint. Ich habe ihn zu meinem Sohn gemacht, damit er wisse, Jemanden lasse er zurück. – Ruhe, Hektor, Ruhe ist das schicklich, Kleiner, wenn Grauhäupter berathen, ihre Rede durch ein Hundewinseln zu unterbrechen? Der Hund ist alt, Teton, und obwohl gut erzogen, vergißt er doch, wie wir, denk' ich, manchmal die Lehren seiner Jugend.« Weitere Unterredung zwischen diesen beiden Alten ward durch ein wirres Geschrei verhindert, das in diesem Augenblick von den Lippen einer Menge welker Megären durchbrach, die, wie wir schon erinnert, sich an einen hohen Punct im Kreise durchgedrängt hatten. Das Geschrei ward durch eine plötzliche Veränderung in Hartherzens Benehmen veranlaßt. Als die Alten sich zu dem Jüngling wendeten, sahen sie ihn in dem Mittelpunkt des Kreises stehen, das Haupt erhoben, das Aug' ins Leere gerichtet, ein Bein vorgeschritten, und den einen Arm etwas in der Höhe, als wenn alle Verstandeskräfte im Zuhören versunken wären. Ein Lächeln erhellte für einen einzigen Augenblick sein Antlitz, und dann sank der ganze Mann wieder in seinen früheren Blick von Würde und Kälte, als sei er plötzlich wieder seiner selbst sich bewußt worden. Diese Bewegung hatte man für Verachtung ausgelegt, und selbst die Gemüther der Häuptlinge begannen sich zu erhitzen. Unfähig, ihre Wuth zu zähmen, brachen die Weiber zusammen in den Kreis, und fingen ihren Angriff damit an, daß sie den Gefangenen mit den bittersten Schimpfwörtern belegten. Sie rühmten sich der verschiedenen Thaten, welche ihre Söhne auf Unkosten, der Pawnee-Stamme ausgeführt hatten. Sie würdigten seinen eigenen Ruf herab und sagten ihm, er solle auf Mahtoree sehen, wenn er noch nie einen Krieger erschaut. Sie beschuldigten ihn, von einem Reh aufgesäugt worden zu sein und Feigheit mit der Muttermilch eingesogen zu haben. Kurz, sie verschwendeten auf ihren unbewegten Gefangenen einen Strom jener rachsüchtigen Beleidigungen, worin die Weiber der Wilden so sehr ausgezeichnet bekannt sind, die aber zu oft beschrieben worden sind, um hier einer Wiederholung zu bedürfen. Die Folgen dieses Ausbruchs waren unvermeidlich. Le Balafré wandte sich getäuscht weg und verbarg sich unter dem Haufen, während der Streifschütz, dessen edle Züge mit seinen inneren Erregungen kämpften, sich näher an seinen jungen Freund drängte, als die, welche mit dem Verbrecher durch so feste Bande verbunden sind, daß sie selbst Menschenmeinungen trotzen, oft zu thun pflegen, wenn auf der Stelle der Hinrichtung sie seine sterbenden Augenblicke trösten sollen. Die Erregung verbreitete sich bald unter die jüngeren Krieger, obgleich die Häuptlinge noch zögerten, das Zeichen zu geben, welches das Opfer ihrer Gnade überließ. Mahtoree, der solch eine Erregung unter seinen Genossen aus der listigen Absicht abgewartet hatte, seinen eigenen eifersüchtigen Haß zu verbergen, ward bald des Aufschubs müde, und ermuthigte mit einem Wink seines Auges die Peiniger, anzufangen. Weucha, der, auf diese Bevollmächtigung begierig, lange dagestanden, und das Antlitz des Häuptlings bewacht hatte, sprang auf dies Zeichen vor, wie ein Jagdhund, der von der Leine losgemacht wird. Sich mitten unter die Weiber drängend, die schon von Beleidigung zur Gewaltthätigkeit vorgeschritten waren, schalt er ihre Ungeduld und hieß sie warten, bis ein Krieger mit dem Peinigen angefangen, und dann sollten sie ihr Opfer Thränen vergießen sehn wie ein Weib. Der unbarmherzige Wilde fing seine Bemühungen damit an, daß er sein Tomahawk über das Haupt des Gefangenen auf eine Art schwang, daß man hätte glauben sollen, jeder Zug müßte die Waffe tief in das Fleisch treiben, während sie so gelenkt ward, daß sie die Haut nicht berührte. Gegen dies gewöhnliche Mittel war Hartherz ganz unempfindlich. Sein Auge gewährte denselben festen, stetigen Blick in die leere Luft, obgleich die glitzernde Art in ihren Schwingungen einen glänzenden Lichtzirkel vor sein Auge zog. In diesem Versuch getäuscht, legte der listige Sioux die kalte Schneide auf das nackte Haupt seines Opfers und fing an, die Arten zu beschreiben, wie man einen Gefangenen scalpiren könne. Die Weiber hielten zu diesen Grausamkeiten mit ihrem Geschrei den Tact, und versuchten eine Spur von den Gefühlen der Natur aus den unempfindlichen Zügen des Pawnee's hervorzulocken. Aber er bewahrte sich offenbar für die Häuptlinge auf, und für jene Augenblicke der höchsten Todesangst, wo die Größe seines Geistes sich auf eine seinem hohen und unbefleckten Ruf weit geziemendere Weise darlegen könnte. Die Augen des Streifschützen folgten jeder Bewegung des Tomahawks mit der Theilnahme eines wirklichen Vaters, bis endlich, unfähig seinem Unwillen zu gebieten, er ausrieft »Mein Sohn hat seine List vergessen. Das ist ein niederträchtiger Indianer, den man leicht zur Thorheit hinreißen kann. Ich mag es nicht selbst thun, denn meine Lehre verbietet einem sterbenden Mann, seine Verfolger zu beschimpfen, aber die Gaben einer Rothhaut sind verschieden. Möge der Pawnee die bittern Worte sagen und dadurch sich leichten Tod kaufen. Ich will für den Erfolg verantwortlich sein, vorausgesetzt, daß er spricht, ehe die Weisen die Thorheit dieses Narren ablösen.« Der wilde Sioux, der seine Worte hörte, ohne ihren Sinn zu verstehen, wandte sich zu dem Sprechenden und drohte ihm für seine Kühnheit mit augenblicklichem Tod. »Ei thut nach Gefallen,« sagte der ungebeugte Alte; »ich bin jetzt eben so bereit, wie morgen, obwohl es ein Tod wäre, den ein ehrlicher Mann sich nicht wünschen würde. Sieh auf den edlen Pawnee, Teton, und merke, was eine Rothhaut werden kann, die den Herrn des Lebens fürchtet und seinen Gesetzen folgt. Wie viele Eures Volks hat er in die fernen Gefilde geschickt,« fuhr er mit einer Art frommen Betrugs fort, indem er meinte, so lange die Gefahr ihn selbst bedrohe, könne sicherlich keine Sünde dabei sein, wenn er die Verdienste eines Andern erhübe; »wie viele heulende Sioux hat er geschlagen wie ein Krieger, in offener Schlacht, während Pfeile in der Luft segelten, reichlicher als Flocken fallenden Schnee's. Geht, wird Weucha je den Namen eines Kriegers sagen, den er erschlug?« »Hartherz!« rief der Sioux, wandte sich in seiner Wuth um, und richtete einen tödtlichen Schlag auf das Haupt seines Opfers. Sein Arm fiel in des Gefangenen hohle Hand. Für einen Augenblick standen die beiden wie gebannt in dieser Stellung. Der Eine wie leblos durch einen so unerwarteten Widerstand, der Andere sein Haupt neigend, um den Tod nur mit der innigsten Ergebung zu empfangen. Die Weiber erhoben ein Triumphgeschrei, denn sie meinten, die Nerven des Gefangenen wären endlich gewichen. Der Streifschütz zitterte für die Ehre seines Freundes, und Hektor, gleichsam mit den Vorgängen bekannt, erhob seine Nase in die Luft, und brach in ein erbärmliches Geheul aus. Aber der Pawnee schwankte, nur für den Augenblick. Er erhob die andere Hand mit Blitzesschnelle, der Tomahawk funkelte in der Luft, und Weucha sank zu seinen Füßen, das Haupt gespalten bis zum Auge. Dann sich einen Weg bahnend mit der blutigen Waffe, schoß er durch die gemachte Oeffnung, ließ die erschreckten Weiber hinter sich und schien dem Abhang hinabzueilen mit einem einzigen Sprung. Wäre ein Donnerstrahl vom Himmel mitten unter die Teton-Bande gefallen, er hätte nicht größere Bestürzung als dieser Act verzweifelter Kühnheit erregt. Ein schriller, klagender Schrei kam über die Lippen aller Weiber, und es gab einen Augenblick, wo selbst die ältesten Krieger ihre Besinnung verloren zu haben schienen. Dieser Zustand der Erstarrung dauerte nur einen Moment. Ihm folgte ein Rachegeschrei, das aus hundert Kehlen hervordrang, während eben so viele Krieger alsbald, auf die blutigste Vergeltung denkend, sich aufmachten. Aber ein gewaltiger, gebieterischer Ruf von Mahtoree fesselte jeden Fuß. Der Häuptling, in dessen Antlitz Befremden und Wuth mit angenommener Haltung kämpften, streckte seinen Arm nach dem Fluß aus, und das ganze Geheimniß war erklärt. Hartherz hatte schon fast die Hälfte des Grundes, der zwischen der Anhöhe und dem Wasser lag, zurückgelegt. Gerade in diesem Augenblick kam eine Bande bewaffneter und berittener Pawnee einer Anhöhe herauf und galoppirte an den Rand des Flusses, in, welchem der Sprung des Flüchtlings jetzt deutlich gehört ward. Einige Augenblicke reichten für seinen kräftigen Arm hin, den Durchgang zu gewinnen, und dann verkündete das Jauchzen vom andern Ufer den gedemüthigten Teton den ganzen Triumph ihrer Feinde. Neunundzwanzigstes Kapitel. »Wenn der Schäfer nicht handfest ist, so mag er flieh'n; die Flüche, die er bekommen wird, die Martern, die er dulden muß, werden den Rücken jedes Menschen, das Herz eines Ungeheuers brechen.« Shakespeare.   Man wird sich leicht denken, daß der eben erzählte Vorfall von einer außerordentlichen Erregung unter den Sioux begleitet war. Als er die Jäger seiner Bande zurück in das Lager führte, hatte der Häuptling keine von den gewöhnlichen Vorsichtsmaßregeln indianischer Klugheit verabsäumt, um seine Spur den Augen der Feinde zu verbergen. Es wollte jedoch scheinen, als wenn die Pawnee nicht nur die gefährliche Entdeckung gemacht, sondern es auch mit großer Kunst so eingerichtet hatten, daß sie sich dem Ort von der einzigen Seite näherten, wo man es für unnöthig gehalten, die Zugänge durch die gewöhnliche Posten-Linie zu bewachen. Diese Letzteren, die auf den verschiedenen kleinen Anhöhen zerstreut waren, welche hinter den Zelten lagen, waren unter den Letzten, die von der Gefahr in Kenntniß gesetzt wurden. In einer solchen Crisis blieb wenig Zeit zur Berathung. Dadurch, daß er die Stärke seines Geistes bei Auftritten von ähnlicher Schwierigkeit gezeigt, hatte Mahtoree seine Herrschaft über sein Volk erhalten und befestigt; auch schien es nicht wahrscheinlich, daß er sie durch eine bei dieser Gelegenheit gezeigte Unentschlossenheit verlieren würde. Mitten unter dem Lärm der Jüngeren, dem Geschrei der Weiber und dem wilden Heulen der Matronen, was hinlänglich war, schon an und für sich eine Verwirrung in den Gedanken eines Mannes zu erregen, der weniger gewohnt gewesen, in bedrängten Zeiten zu handeln, behauptete, er fest sein Ansehen, und ließ seine Befehle mit der Kälte eines Veteranen ergehen. Während die Krieger sich waffneten, wurden die Jungen auf den Grund nach den Pferden geschickt. Die Zelte wurden eiligst von den Weibern abgebrochen und auf solche Thiere gebracht, die nicht zuverlässig in dem Kampf schienen. Die Säuglinge kamen auf den Rücken ihrer Mütter, und die Kinder, die zum Gehen groß genug waren, wurden in die Nachhut gleich einer Heerde weniger vernünftiger Geschöpfe getrieben. Obgleich diese verschiedenen Vorkehrungen unter Geschrei vor sich gingen, und ein Lärm sich erhob, der die Stelle einem zweiten Babel ähnlich machte, wurden sie doch mit unglaublicher Schnelligkeit und großem Geschick ausgeführt. Indeß versäumte Mahtoree keine Pflicht, die zu seinem verantwortlichen Stande gehörte. Von der Anhöhe, worauf er stand, konnte er vollkommen die Stärke und Schwenkungen des feindlichen Haufens übersehen. Ein grimmiges Lächeln erheiterte sein Antlitz, als er fand, daß an Zahl seine eigene Bande bei weitem überlegen war. Trotz dieses Vortheils jedoch gab es in anderer Hinsicht eine Ungleichheit, die wahrscheinlich seinen Erfolg in dem nahen Kampfe außerordentlich zweifelhaft machen mochte. Sein Volk bewohnte die mehr nördlicheren und weniger wirthlichen Gegenden, und war gar nicht reich an jener Art von Besitz, als: Pferde und Waffen, welche den am höchsten geschätzten Reichthum der westlicheren Indianer ausmacht. Die ansichtig gewordene Bande war ganz beritten, und da sie zur Befreiung oder zur Rachenahme für ihren großen Führer gekommen, hatte er keine Ursache zu zweifeln, sie werde gänzlich aus Tapferen bestehen. Dagegen waren viele aus seinem Gefolge weit besser zur Jagd als zum Kampf; geeignet zwar, die Aufmerksamkeit seiner Feinde zu theilen, aber von geringem Nutzen in verzweifelten Unternehmungen. Noch strahlte sein blitzendes Auge über den Kriegern, auf die er sich oft verlassen und die ihn nie getäuscht; dennoch fühlte er in der besonderen Lage, worin er sich befand, kein Verlangen, die Schlacht zu beschleunigen, welche er sicherlich nicht hätte vermeiden wollen, wenn die Gegenwart der Weiber und Kinder die Wahl der Stellung nicht gänzlich den Feinden überlassen hätte. Auf der andern Seite zeigten die Pawnee, die so unerwartet glücklich in der Erreichung ihres ersten und größten Zwecks gewesen, kein Verlangen, die Sache zur Entscheidung zu treiben. Der Fluß war eine zu gefährliche Schranke, um sie im Angesicht eines entschlossenen Feindes zu überschreiten, und es würde jetzt mit ihrer ängstlichen Vorsicht in völligem Einklang gestanden haben, wenn sie sich für einige Zeit zurückgezogen, um ihren Anfall in den Stunden der Finsternis; und vermeintlichen Sicherheit zu versuchen. Aber es war für den Augenblick ein Geist in dem Häuptling, der ihn weit über die gewöhnlichen Hülfsmittel der Wilden im Krieg erhob. Seine Brust brannte vor Verlangen, die Schande auszumerzen, die ihm widerfahren, und es ist möglich, daß er glaubte, das fliehende Lager der Sioux enthalte einen Preis, der in seinen Augen einen Werth zu bekommen begann, der den weit übertraf, welchen fünfzig Tetonschädel sonst für ihn hatten. Doch dem sei, wie ihm wolle; Hartherz hatte nicht sobald die kurzen Glückwünsche seiner Bande empfangen und den Häuptlingen solche Mitteilungen gemacht, wie sie ihnen zu wissen wichtig waren, als er sich bereitete, einen Antheil an dem nahen Kampf zu nehmen, der zu gleicher Zeit seinen wohlerworbenen Ruf aufrecht erhalten und seine geheimen Wünsche erfüllen sollte. Ein Leitpferd, eins, das lange zur Jagd abgerichtet worden, brachte man herbei, seinen Herrn nochmals aufzunehmen, da man sich nicht leicht hätte einfallen lassen, daß es in diesem Leben je mehr werde gebraucht werden. Mit einer Zartheit und Bedächtigkeit, welche zeigte, wie sehr die edeln Eigenschaften des Jünglings die Gefühle seines Volks gerührt hatten, war Bogen, Lanze und Köcher über das Thier gehängt, das man zum Opfer auf dem Grab des jungen Tapferen bestimmt; eine Sorgfalt, die die fromme Pflicht überflüssig gemacht hatte, die der Streifschütz übernommen. Obgleich Hartherz gegen die Güte seiner Krieger nicht unempfindlich war, und in dem Glauben stand, ein Krieger mit solchen Zierden ausgerüstet, könne mit Ehre nach den fernen Jagdgründen des Herrn des Lebens abgehen, schien er doch eben so zu glauben geneigt, seine Vorzüge könnten nicht weniger nützlich in dem Zustand der Dinge hier auf Erden sich erweisen. Sein Antlitz erhellte sich in einem Strahl wilder Freude, als er die Federkraft des Bogens versuchte, und den wohl in's Gleichgewicht gesetzten Speer wog. Der Blick, den er auf den Schild warf, war flüchtiger und mehr gleichgültig, aber die Lust, mit der er auf sein geliebtestes Streitroß sprang, war so groß, daß sie alle Förmlichkeit indianischer Selbstbezwingung durchbrach. Er ritt unter seinen kaum weniger erfreuten Kriegern auf und ab, und lenkte das Thier mit einer Anmuth und Geschicklichkeit, die keine künstliche Regeln je geben können; zu Zeiten schwang er die Lanze, als wolle er sich seines Sitzes versichern, und dann untersuchte er wieder genau die Beschaffenheit der Feuerwaffe, mit der er auch so freudig sich beschenkt gesehen hatte, als sei er auf wunderbare Weise in den Besitz von Schätzen gekommen, die immer sein Stolz und Glück gewesen waren. Gerade in diesem Augenblick machte sich Mahtoree, der mit den nöthigen Vorkehrungen fertig geworden, bereit, eine entscheidendere Bewegung zu versuchen. Der Teton hatte sich wegen Unterbringung seiner Gefangnen in nicht geringer Verlegenheit befunden. Die Zelte des Auswanderers waren noch zu sehen, und seine vorsichtige List ermangelte nicht, ihn zu bedeuten, daß es ganz eben so nöthig wäre, sich vor einem Angriff von dieser Seite zu schützen, als er die Bewegungen seines erklärteren und thätigeren Feindes bewachen müsse. Sein erster Entschluß war gewesen, den Tomahawk gegen die Männer zu gebrauchen, und die Weiber unter denselben Schutz, wie die Weiber seiner Bande zu setzen. Aber die Weise, mit der noch so viele von seinen Helden den vermeintlichen Zauberer der Langmesser ansahen, widerrieth ihm, einen so gefährlichen Versuch am Vorabend einer Schlacht zu wagen. Er hatte als eine Vorbedeutung der Niederlage angesehen werden mögen. In diesem Zweifel winkte er einem gealterten Krieger, dem er die Nichtstreitenden übergeben, führte ihn auf die Seite, legte bedeutungsvoll einen Finger auf seine Schulter, und sagte in einem Ton, worin Herrschaft durch Vertrauen gemildert war. »Wenn meine jungen Leute die Pawnee schlagen, gebt den Weibern Messer. Genug! mein Vater ist sehr alt, er braucht nicht Weisheit zu lernen von einem Knaben.« Der grimmige, alte Wilde entgegnete mit einem Blick roher Zustimmung, und dann schien des Häuptlings Geist wegen dieses wichtigen Puncts beruhigt. Von diesem Augenblick an richtete er seine ganze Sorgfalt auf die Ausübung seiner Rache und die Aufrechthaltung seines kriegerischen Charakters. Er warf sich auf sein Roß, gab mit dem Blick eines Fürsten seinem Gefolge ein Zeichen, seinem Beispiel nachzuahmen, und unterbrach ohne Weiteres die Kriegsgesänge und feierlichen Ceremonieen, womit viele unter ihnen ihren Geist zu kühnen Thaten anfeuerten. Als alles in Ordnung bewegte sich das Ganze mit großer Festigkeit und Stille nach dem Rande des Flusses. Die feindlichen Banden waren jetzt durch das Wasser getrennt. Die Breite des Stroms war zu bedeutend, um die Anwendung der gewöhnlichen indianischen Geschosse zuzulassen, aber einige nutzlose Schüsse wechselten die Flinten der Häuptlinge, mehr aus Prahlerei, als daß sie hätten erwarten können, es würde eine Wirkung thun. Da man einige Zeit mit Demonstrationen und nutzlosen Anstrengungen vorübergehen lieh, wollen wir sie jetzt verlassen, um zu den Andern zurückzukehren, die noch als Gefangene in ihren Händen geblieben. Wir hätten viele Tinte vergebens verschrieben und manche Kiele verbraucht, die vielleicht besser hatten angewendet werden mögen, wenn wir erst dem Leser sagen müßten, daß wenige von den obigen Bewegungen der Aufmerksamkeit des erfahrenen Streifschützen entgingen. Er war, wie die Uebrigen, über die plötzliche That Hartherzens erstaunt gewesen, und für einen Augenblick bekam ein Gefühl des Bedauerns und der Betrübniß die Oberhand über sein Verlangen, das Leben des Jünglings zu retten. Der einfache, gutgesinnte Alte würde, wenn er einen Mangel an Festigkeit von Seiten des Kriegers bemerkt hätte, der so sehr seine Theilnahme auf sich gezogen, denselben Kummer gefühlt haben, den ein christlicher Vater empfindet, wenn er die sterbenden Augenblicke eines gottlosen Kindes mit ansieht. Aber als, statt eines schwachen, unmännlichen Mühens um sein Leben, er bemerkte, daß sein Freund mit der gewöhnlichen, würdigen Ergebung eines Indianers sich benommen hatte, bis eine Gelegenheit zur Flucht sich dargeboten, und daß er den Muth und die Entschlossenheit des größten Tapfern gezeigt, ward seine Freude zu mächtig, um unterdrückt zu werden. Mitten unter dem Geschrei und der Bewegung, welche auf den Tod Weucha's und das Entrinnen des Gefangenen gefolgt, näherte er sich seinen weißen Gefährten mit dem Entschluß, sich in's Mittel zu legen, wenn die Wuth der Wilden sich gegen sie wenden sollte. Das Erscheinen der feindlichen Bande ersparte ihm jedoch einen so verzweifelten, und wahrscheinlich fruchtlosen Versuch, und ließ ihn seine Beobachtungen fortsetzen, und seine Pläne mit mehr Muße zur Reife bringen. Er bemerkte besonders, daß während bei weitem der größere Theil der Weiber und all die Kinder, nebst den Effecten des Haufens in den Nachzug gebracht worden, wahrscheinlich mit dem Befehl; sie in den anliegenden Wäldern zu verbergen, Mahtoree's Zelt selbst stehen, und sein Inhalt ungestört blieb. Zwei ausgesuchte Pferde jedoch standen nahe bei, und wurden von zwei Jünglingen gehalten, die zu jung waren, um in den Kampf zu gehen, und doch alt genug, sich auf die Lenkung der Pferde zu verstehen. Der Streifschütz sah in dieser Vorkehrung den Widerwillen Mahtoree's, seine neu gefundenen »Blumen« aus dem Auge zu lassen, und zugleich auch die Vorsicht, sich vor jedem Anfall zu sichern. Auch war die Art, wie der Teton seinen Auftrag dem alten Wilden gegeben, und die stolze Freude, womit der Andere den blutigen Befehl angenommen, seiner Aufmerksamkeit nicht entgangen. Aus all diesen geheimen Bewegungen merkte der Alte, daß die Crisis nahe, und so bot er all seine Wissenschaft auf, die er in einem so langen Leben erlangt hatte, um sie in den verzweifelten Verwickelungen zu benutzen. Während er über die zu ergreifenden Mittel nachdachte, zog der Doctor wieder seine Aufmerksamkeit auf sich, indem er auf erbärmliche Weise seinen Beistand nachsuche. »Verehrungswürdiger Streifschütz, oder, wie ich jetzt sagen darf, Befreier,« begann der trübselige Obed, »es möchte scheinen, daß eine passende Zeit endlich herangekommen ist, um die unnatürliche und ganz unregelmäßige Verbindung zu brechen, die zwischen meinen unteren Gliedmaßen und dem Leibe des Asinus besteht. Vielleicht wenn solch ein Theil meiner Glieder erlöst würde, der mich zum Herrn über die übrigen machte, und ich benutzte diese günstige Gelegenheit gehörig, indem ich einen forcirten Marsch nach den Ansiedelungen anträte, möchte nicht alle Hoffnung, die Schätze der Wissenschaft zu retten, deren unwürdiger Träger ich bin, verloren sein. Die Wichtigkeit des Erfolgs ist sicherlich die Gefahr eines Versuchs werth.« »Ich weiß nicht, weiß nicht,« entgegnete der vorsichtige Alte, »die Würmer und Reptile, die Ihr bei Euch habt, waren von dem Herrn für die Steppen bestimmt, und ich sehe keinen Nutzen, wenn sie in Gegenden geschickt werden, die ihrer Natur nicht zusagen. Und außerdem könnt Ihr von großem, ganz besondern Dienste sein, so, wie Ihr jetzt auf dem Esel sitzt, obwohl es mich nicht wundert, daß Ihr es nicht einseht, da Nützlichkeit ganz etwas Neues für so einen Bücher-Mann ist.« »Von welchem Nutzen kann ich in diesen peinlichen Banden sein, worin die animalischen Functionen gleichsam unterbrochen, und die geistigen oder verständigen durch die geheime Sympathie, die Seele und Leib vereinigt, erblindet sind. Wahrscheinlich wird zwischen jenen beiden feindlichen Heidenhorden Blut vergossen, und so wenig sie auch den Dienst verlangen, würde es besser sein, daß ich mit chirurgischen Versuchen mich beschäftige, als so die kostbaren Augenblicke verliere, indem ich Beides, Leib und Seele nur abhärme.« »Wenig würde eine Rothhaut sich um einen Physikus bei ihren Verwundungen kümmern, während das Kriegsgeschrei in ihren Ohren tönt. Geduld ist eine Tugend an einem Indianer und kann einem christlichen Weißen nicht zur Schande gereichen. Seht auf diese Haufen von Megären, Freund Doctor; ich verstehe mich nicht auf wilde Gemüther, wenn diese nicht blutgierig sind, und bereit, ihre verdammte Gier an uns Allen auszuüben. Nun, so lange Ihr auf dem Esel bleibt und den stolzen Blick, der Euch sonst gar nicht natürlich ist, bewahrt, kann die Furcht vor einem so großen Zauberer ihren Muth niederhalten. Ich stehe hier wie ein General bei der Eröffnung der Schlacht, und es kommt mir zu, solch einen Gebrauch von meiner Stärke zu machen, als nach meinem Urtheil Jeder am geschicktesten ist, auszuführen. Wenn ich mich darauf Verstehe, werdet Ihr gerade jetzt durch Euer Antlitz nützlicher sein, als durch irgend einen andern bemerklicheren Dienst.« »Hört, alter, Streifschütz!« rief Paul, dessen Geduld bei den berechnenden und langen Erklärungen des Andern sich nicht länger halten konnte, »wie, wenn Ihr zwei Dinge, die ich Euch nennen kann, gerade abschnittet, nämlich Eure Rede, die angenehm genug bei einem wohlgebratenen Büffelschenkel ist, und diese verd– ten Hautriemen, die nach meiner Erfahrung nirgends angenehm sein können. Ein einziger Schnitt Eures Messers würde gerade jetzt von größerem Nutzen sein, als die längste Rede, die je in einem Kentucky-Gerichtssaal gehalten worden ist.« »Ei, Gerichtssale sind die glücklichen Jagdgründe, wie eine Rothhaut sagen würde, für die, welche keine bessere Gabe haben, als eine Lüge auf der Zunge. Ich ward selbst einst in eine dieser gesetzlosen Höhlen gebracht, und das um nichts Größeres, als die Haut eines Rehs. Der Herr vergeb' ihnen, sie wußten's nicht besser und thaten nach ihrem schwachen Verstande, und um so mehr müssen sie bemitleidet werden; und doch war es ein hoher Anblick, einen alten Mann zu sehen, der immer in freier Luft gelebt hatte, und der jetzt vom Gesetz ergriffen und als ein Schauspiel für die Weiber und Jungen einer zusammenströmenden Colonie hingestellt ward, um mit Finger auf sich deuten zu lassen.« »Wenn das Eure löbliche Ansicht von der Einkerkerung ist, ehrlicher Freund, würdet Ihr sie besser an den Tag legen, wenn Ihr uns mit so wenig Verzug als möglich in Freiheit setztet,« sagte Middleton, der wie sein Gefährte das Zögern seines oft erprobten Genossen eben so ungewöhnlich als unangenehm zu finden begann. »Ich würde ganz dasselbe wünschen, besonders an Eurer Stelle, Capitain, da Ihr als Soldat nicht allein Vergnügen, sondern auch Vortheil dabei finden möchtet, wenn Ihr mehr nach Eurer Bequemlichkeit die Nachstellungen und List eines indianischen Gefechts untersuchen könntet. Was Euern Freund da betrifft, so liegt nur wenig daran, wie weit er die Sache untersucht, und sich überzeugt, daß ein Indianer nicht auf dieselbe Weise besiegt werden mag, als eine Biene.« »Alter, dies Scherzen mit unserm Unglück ist unbedacht, um ihm nicht einen schlimmern Namen zu geben.« »Ei, Euer Großvater war von einem hitzigen, schnellen Gemüth, und man muß nicht erwarten, daß das Junge eines Panthers auf der Erde kriechen soll, wie das Junge eines Igels. Nun, haltet euch Beide ruhig, und was ich sage, soll das Ansehen haben, als sprach' ich von den Bewegungen dort auf dem Grunde. Das Alles muß die Eifersucht einschläfern und die Augen derer hintergehn, die selten sie schließen als über Niederträchtigkeit und Grausamkeit. Erstlich also müßt Ihr wissen, daß ich zu glauben Ursache habe, jener verrätherische Teton habe einen Befehl hinterlassen, uns Alle zu tödten, sobald er meint, es könne heimlich und ohne Aufsehen geschehen.« »Gütiger Himmel! wollt Ihr uns wie geduldige Schaafe abschlachten lassen!« »Hst, Capitain, hst, ein heißes Temperament ist keins von den besten, wenn List nöthiger ist, als Zuschlagen. Ah, der Pawnee ist ein edler Junge; es würde Euerm Herzen wohl thun, wenn Ihr ihn vom Flusse wegziehen sähet, um seine Feinde zum Uebergange einzuladen; und doch zählen sie, nach meinem trüben Auge zu rechnen, zwei Krieger auf einen! Aber, wie gesagt, Schnelligkeit und Ungestüm ist zu wenig nütz. Die Sachen sind so klar, daß jedes Kind ihre Weisheit einsehen kann. Die Wilden sind wegen unserer Behandlung verschiedener Meinung. Einige fürchten uns, unsrer Farbe wegen, und würden uns gerne gehen lassen; und andere möchten uns die Gnade erweisen, die das Reh vom hungrigen Wolf empfängt. Wenn Uneinigkeit in dem Rath eines Stammes entsteht, ist die Menschlichkeit selten der gewinnende Theil. Nun seht Ihr diese runzligen, grausamen Herren? – Nein, Ihr könnt sie nicht sehen, da Ihr liegt; aber dennoch, sie sind da, bereit und willig, wie eben so viele Bärinnen, um ihre Gier, sobald es Zeit ist, an uns zu stillen.« »Hört, alter Streifschütz,« fiel Paul etwas bitter ein, »sagt Ihr uns das zu unserer Erheiterung oder zu Eurer. Wenn zu unserer, könnt Ihr Euern Athem für Eure nächste Flucht sparen, da ich schon mit meinem Theil fast bis zur Erstickung genug habe.« »Hst,« sagte der Streifschütz und schnitt mit großer Geschicklichkeit und Schnelle die Riemen durch, welche Paul's einen Arm an seinen Leib banden, und legte zugleich sein Messer in den Bereich der befreiten Hand. »Hst, Junge, hst, das war ein glücklicher Augenblick!« Das Geschrei von dem Grunde zieht die Augen dieser Blutsauger nach einer andern Seite, und so weit sind wir sicher. Nun macht den gehörigen Gebrauch von Euerm Vortheil; aber gebt Acht, daß was Ihr thut, unbemerkt geschieht.« »Dank Euch für diese geringe Gunst, alte Vorsicht,« murmelte der Bienenjäger, »obwohl sie, wie Schnee im Mai, etwas außer der Zeit kommt.« »Thörichter Junge,« rief mit einem Vorwurf der Andere, der sich etwas von seinen Freunden entfernt hatte und eifrig die Bewegungen der feindlichen Theile zu beobachten schien, »werdet Ihr nie die Weisheit der Geduld einsehen lernen? Und auch Ihr, Capitain, obwohl ich mich nicht sehr um bloße Gefühle kümmere, ich sehe, Ihr seid still, weil Ihr nicht ferner um eine Gunstbezeugung einen Mann bitten wollt, den Ihr so langsam in ihrer Erweisung glaubt. Ohne Zweifel, ihr seid Beide jung und von dem Stolz eurer Stärke und Männlichkeit erfüllt, und haltet es für genug, die Bande zu durchschneiden, um euch zu Herren des Platzes zu machen. Aber, wer viel gesehen hat, denkt viel. Hatte ich wie ein geschäftiges Weib geeilt, euch die Freiheit zu geben, diese Hexen von Sioux hätten es gesehen, und dann, wo wär't ihr Beide gewesen? Unter dem Tomahawk und Messer, wie hülflose, schreiende Kinder, wenn auch versehen mit der Größe und dem Barte von Männern. Fragt unsern Freund, den Bienenjäger, in welcher Lage er sich befindet, um nach so vielen Stunden der Fesseln nur mit einem Teton Jungen zu ringen, geschweige mit einem Dutzend erbarmungsloser, blutdürstiger Megären!« »Wahr, alter Streifschütz,« entgegnete Paul und reckte die Glieder, die jetzt ganz befreit waren, und bemühte sich, die gestörte Zirkulation wieder herzustellen; »Ihr habt gewisse richtige Begriffe in diesen Dingen. Nun, hier bin ich, Paul Hover, ein Mann, der Wenigen im Ringen oder Laufen sonst nachstand, und der jetzt fast so hülflos ist, als am Tage, da ich meinen ersten Besuch im Hause des alten Paul machte, der gestorben und fort ist; der Herr vergebe ihm einige geringe Fehler, die er gemacht haben mag, während er sich in Kentucky aufhielt! Nun steht mein Fuß auf dem Boden, soweit ich meinem Auge trauen darf, und doch würde es nicht viel Redens brauchen, mich schwören zu lassen, daß er die Erde nicht berühre, daß er sechs Zoll darüber sei. Ich sag', ehrlicher Freund, da Ihr schon so viel gethan, habt die Güte, diese verd– te Vetteln, von denen Ihr so viel interessante Dinge sagt, etwas entfernt zu halten, bis ich das Blut in diesem Arm in Bewegung gebracht und im Stande bin, sie höflich zu empfangen.« Der Streifschütz gab ein Zeichen, daß er vollkommen die Gefahr ihrer Lage verstünde, und ging auf den bejahrten Wilden zu, der anzudeuten begann, er wolle seine Aufgabe anfangen. Indeß suchte Paul soviel wie möglich den Gebrauch seiner Glieder wieder zu erlangen, und Middleton, sich in eine ähnliche Lage der Vertheidigung zu setzen. Mahtoree hatte sich in seinem Mann nicht geirrt, als er ihn zur Ausführung seines blutigen Plans ausersah. Er hatte einen von jenen erbarmungslosen Wilden gewählt, die mehr oder weniger in jedem Stamme gefunden werden, und die durch Darlegung einer Kühnheit, die ihre Quellen in einer angebornen Liebe zur Grausamkeit fand, sich einen gewissen militärischen Ruf erworben hatten. Gegen den hohen, ritterlichen Geist, der unter den Indianern der Steppen es zu einer rühmlicheren That macht, die Trophäen des Siegs von einem gefallenen Feind davon zu tragen, als ihn zu erschlagen, hatte er sich dadurch ausgezeichnet, daß er das Vergnügen, Leben zu vernichten, dem Ruhme vorzog, Beute zu machen. Während die sich mehr der Gefahr aussetzenden, ehrgeizigeren Tapfern auf ihre persönliche Ehre bedacht waren, hatte man ihn immer sich hinter ein günstiges Versteck stellen sehen, wo er die Verwundeten der Hoffnung beraubte, indem er das, was ein tapferer Krieger begonnen, vollendete. Bei allen Grausamkeiten des Stammes war er immer der Vorderste gewesen, und kein Sioux ward so gleichförmig immer auf der Seite erbarmungsloser Rathschläge gefunden. Er hatte mit einer Ungeduld, die seine langgeübte Selbstbeherrschung nur schwer überwältigen konnte, den Augenblick erwartet, wo er die Wünsche des großen Häuptlings, ohne dessen Billigung und Schutz er nicht gewagt haben würde, einen von seiner Nation so sehr bestrittenen Schritt zu thun, ausführen möchte. Aber die Vorfälle hatten die Entscheidung zwischen den feindlichen Haufen beschleunigt, und die Zeit war jetzt gekommen, wo er, sehr zu seiner heimlichen, bösartigen Freude, frei war, was er wünschte, zu thun. Der Streifschütz traf ihn, wie er Messer unter die wilden Weiber austheilte, die die Geschenke mit einem dumpfen, eintönigen Gesang empfingen, der den Verlust ihres Volkes in den verschiedenen Kämpfen mit den Weißen aufzählte, und die Lust und den Ruhm der Rache feierte. Der Anblick einer solchen Gruppe war schon an und für sich hinreichend, einen an solche Auftritte weniger Gewöhnten, als dies bei dem Streifschützen der Fall war, abzuschrecken, sich in den Zirkel ihrer wilden, zurückstoßenden Gebräuche zu wagen. Jedes der Weiber, wie sie die Waffe empfing, begann einen langsamen, gemessenen, aber unergötzlichen Tanz um den Wilden, bis alle in einer Art magischer Schritte um ihn herum waren. Zu den Bewegungen bildeten gewissermaßen die Worte ihrer Gesänge den Tact, so wie dies bei ihren Geberden durch die Ideen geschah. Wenn sie von ihrem eigenen Verlust sprachen, warfen sie ihre langen, straffen grauen Haare in die Luft, oder ließen sie verwirrt auf ihren gealterten Nacken fallen; aber als die Lust, Schlag mit Schlag zu erwiedern, berührt ward, antworteten sie darauf durch ein Geheul, und durch Geberden, welche hinlänglich die Art ausdrückten, wie sie sich auf die nöthige Höhe der Wuth hinaufreizten. Gerade in den Mittelpunkt dieses Ringes von scheinbaren Höllengeistern trat der Streifschütz jetzt mit derselben Ruhe und Ueberlegung ein, mit der er in eine Dorfkirche gegangen sein würde. Keine andere Veränderung ward durch seine Erscheinung hervorgebracht, als daß die drohenden Geberden mit einem, wo möglich noch weniger zweideutigen Ausdruck ihrer unerbittlichen Vorsätze erneuert wurden. Der alte Mann gab ihnen ein Zeichen, aufzuhören, und fragte: »Warum singen die Mütter der Teton mit bitteren Zungen? Die Pawnee-Gefangenen sind noch nicht in ihrem Dorf, ihre jungen Leute sind noch nicht mit Schädeln beladen zurückgekommen!« Ihm ward durch ein zweites allgemeines Geheul geantwortet, und einige der kühnsten Furien wagten ihm selbst Vorwürfe zu machen, indem sie ihre Messer in einer gefährlichen Nähe an seinen unwandelbaren Augen vorbeischwangen. »Es ist ein Krieger, den ihr vor euch seht, und kein Flüchtling von den Langmessern, dessen Gesicht bei'm Anblick des Tomahawk's blasser wird,« entgegnete der Streifschütz, ohne eine Muskel zu verziehen, »Mögen die Sioux-Weiber bedenken; wenn eine Weißhaut stirbt, springen Hunderte auf, wo sie gefallen ist.« Noch gaben die Weiber keine andere Antwort, als daß sie ihre Eile im Kreis herum vermehrten, und gelegentlich die drohenden Ausbrüche ihres Sangs in lauteren, verständlicheren Noten erhoben. Plötzlich brach eine der ältesten und wildesten von ihnen allen aus dem Kreis, und eilte fort nach ihren Opfern wie ein Raubvogel, der auf schweren Flügeln lange genug sich geschwenkt, um sich seines Gegenstandes zu versichern und endlich auf seinen Raub losschießt. Die andern folgten, eine ungeordnete, schreiende Heerde, fürchtend, sie möchten zu spät kommen, um ihren Theil an der blutigen Lust für sich zu nehmen. »Mächtiger Zauberer meines Volkes!« rief der Alte in der Teton-Sprache, »erhebe deine Stimme und sprich, daß das Sioux-Volk möge hören.« Entweder hatte Asinus durch seine früheren Erfahrungen so viel Kenntniß erlangt, daß er den Werth seiner sonoren Eigenthümlichkeiten kannte, oder das sonderbare Schauspiel von einem Dutzend Megären, die an ihm vorübereilten, und die Luft mit Tönen erfüllten, die selbst den Ohren eines Esels empfindlich waren, rührten sein Gemüth am meisten: soviel ist gewiß, das Thier that, was Obed hätte thun sollen, und wahrscheinlich mit weit größerem Effect, als wenn der Naturforscher die mächtigsten Anstrengungen gemacht, um gehört zu werden. Es war das erste Mal, daß das sonderbare Thier seit seiner Ankunft im Lager gesprochen. Durch so furchtbaren Ruf gewarnt, zerstreuten sich die Furien, wie erschreckte Geier, von ihrem Raub, immer noch schreiend, und nur halb von ihrem Vorsatz abgelenkt. Mittlerweile hatte die plötzliche Erscheinung und Nähe der Gefahr das Blut in Paul's und Middletons Adern mehr als alle ihre mühsamen Reibungen und physischen Versuche in Bewegung gesetzt. Der Erstere war wirklich aufgesprungen, und nahm eine Stellung an, die vielleicht mehr drohte, als der Bienenjäger auszuführen im Stande war, und selbst der Letztere hatte sich auf seine Kniee erhoben, und seine Absicht verrathen, sein Leben zu vertheidigen. Die unerklärliche Befreiung der Gefangenen von ihren Banden ward von den Weibern den Beschwörungen des Zauberers zugeschrieben, und dieser Irrthum war vielleicht von eben so vielem Nutzen, als die wunderbare und zeitige Einsprache des Esels zu ihren Gunsten. »Nun ist's Zeit, aus unserm Versteck hervorzukommen,« rief der Alte, und eilte zu seinen Freunden; »jetzt müssen wir offenen, mannhaften Krieg führen. Es würde klug gewesen sein, den Kampf aufzuschieben, bis der Capitain sich in besserer Lage befunden, um uns beizustehen, aber da wir unsere Batterie demaskirt haben, ei, so müssen wir den Platz behaupten.« Er ward von der Berührung einer gigantischen Hand auf seiner Schulter unterbrochen. Er wendete sich mit einem wirren Gefühl, daß Todtenbeschwörung nun wirklich an dieser Stelle los wäre, um, und fand sich in den Händen eines nicht weniger gefährlichen und mächtigen Zauberers, als Ismael Busch. Die Reihe von des Auswanderers wohlbewaffneten Söhnen, die man hinter dem nahstehenden Zelt Mahtoree's hervorkommen sah, zeigte mit einem Mal nicht nur die Art, wie ihre Nachhut umgangen worden, während ihre Aufmerksamkeit so ernstlich auf die Dinge vor ihnen gerichtet gewesen, sondern auch die gänzliche Unmöglichkeit, Widerstand zu leisten. Weder Ismael noch seine Söhne hielten es für nöthig, in weitläufige Erklärungen einzugehen. Middleton und Paul wurden wieder gebunden, mit ausserordentlicher Stille und Schnelligkeit, und dies Mal ward selbst nicht der alte Streifschütz mit einem ähnlichen Schicksal verschont. Das Zelt wurde abgebrochen, die Frauen kamen auf die Pferde, und das Ganze machte sich auf den Weg nach des Auswanderers Lagerung, Alles mit einer Eile, die wohl auf den Gedanken eines Zaubers hätte bringen mögen. Während dieser summarischen, kurzen Anordnung der Dinge sah man den getäuschten Helfershelfer Mahtoree's und seine wilden Gefährtinnen über die Ebene in der Richtung der fliehenden Familien hineilen, und als Ismael die Stelle mit seinen Gefangenen und seiner Beute verließ, ward sie, die eben noch von dem Geräusch und dem Leben einer großen indianischen Lagerung so erfüllt gewesen, so still und leer, wie jeder andere Ort in diesen weiten Wüsten. Dreißigstes Kapitel. »Ist dies Verfahren recht und ehrenvoll?« Shakespeare.   Während dies auf der Hochebene vorging, waren die Krieger im Grunde nicht müßig gewesen. Wir verließen die feindlichen Banden, wie sie sich einander auf den entgegengesetzten Küsten des Stroms bewachten, und jeder seinen Feind durch die vorwurfvollsten Schmähungen und Schimpfreden zu einer unvorsichtigen Handlung zu reizen sich bemühte. Aber der Pawnee- Häuptling bemerkte bald, daß sein listiger Gegner gerne die Zeit so müßig hinbringen wollte, mit Versuchen, die gegenseitig gänzlich nutzlos waren. Er veränderte also seinen Plan, und zog sich wie schon durch des Streifschützen Mund gesagt worden, vom Ufer zurück, um die zahlreichere Horde der Sioux zum Uebergang einzuladen. Die Herausforderung wurde nicht angenommen, und die Wölfe waren genöthigt, einen andern Weg zu ihrem Zweck einzuschlagen. Statt länger die kostbaren Augenblicke in fruchtlosen Bemühungen zu vergeuden, um seinen Feind zum Uebergang zu vermögen, führte der junge Häuptling der Pawnee seine Truppen in schnellem Galopp an dem Rand des Stromes hin, um eine günstige Stelle zu suchen, wo durch ein schnelles Hineinspringen er seine Bande ohne Verlust an das andere Ufer bringen könnte. Sobald sein Plan entdeckt wurde, nahm jeder berittene Teton einen Fußgänger hinten auf, und so ward Mahtoree noch in den Stand gesetzt, seine ganze Streitkraft gegen den Versuch zu concentriren. Als er bemerkte, daß man seinem Plan zuvorgekommen, und weil er seine Pferde nicht durch einen Lauf ermüden wollte, der sie zum Dienst untauglich gemacht hätte, selbst wenn es ihm gelungen, die schwerer beladenen Thiere der Sioux zu überflügeln, stand Hartherz, und machte nahe an dem Rande der Fluth plötzlich Halt. Da das Land zu allen gewöhnlichen Unternehmungen der Kriegskunst der Wilden zu offen war, und die Zeit drängte, entschloß sich der ritterliche Pawnee, die Sache durch eine jener Handlungen persönlicher Kühnheit, wodurch die indianischen Helden so ausgezeichnet sind, und so oft ihren höchsten und theuersten Ruhm erkaufen, zu einem Ausschlag zu bringen. Die gewählte Stelle war zu solch einer Absicht günstig. Der Fluß, der durchaus fast tief und reißend war, hatte sich da zum mehr als Zweifachen seiner gewöhnlichen Breite ausgedehnt, und das Rieseln seiner Wasser bewies, daß er seicht floß. In der Mitte der Fluth war ein weites, nacktes Sandbett, nur wenig über die Fläche des Flusses erhaben und von einer Farbe und Festigkeit, welche einem geübten Auge dafür bürgte, daß es festen, sicheren Grund darböte. Auf diese Stelle lenkte jetzt der Parteiführer seinen scharfen Blick und zögerte nicht lange, sich zu entschließen. Erst sprach er mit seinen Kriegern, und machte sie mit seinen Plänen bekannt, dann stürzte er in die Fluth, und erreichte theils durch Schwimmen, und mehr noch mit Hülfe der Füße seines Pferdes sicher das Eiland. Hartherzens Erfahrung hatte ihn nicht betrogen. Als seine schnaubende Stute aus dem Wasser heraus kam, fand er sich auf einem zitternden, aber festen Sandbett, das außerordentlich wohl zur Darlegung der besten Eigenschaften des Thiers geschickt war. Das Pferd schien dieses Vortheils sich bewußt zu sein und trug seinen kriegerischen Reiter mit einer Federkraft im Schritt und einem Stolz im Aeußern, die dem bestgezogenen und edelsten Renner keine Schande gemacht hätte. Das Blut des Häuptlings selbst erwärmte bei der Erregung seiner glänzenden Stellung. Er lenkte das Thier, als sei er sich bewußt, daß die Augen der beiden Stämme auf seine Bewegungen gerichtet wären; und wie nichts angenehmer und erfreulicher für seine eigene Bande als die Darlegung seiner angebornen Grazie und Tapferkeit sein konnte, so mochte nichts demüthigender und erniedrigender für seine Feinde sein. Die plötzliche Erscheinung des Pawnee's auf dem Sande verkündete sich unter den Teton durch ein allgemeines Geschrei wilder Wuth. Ein Eilen nach dem Ufer entstand und ward von einer Ladung von fünfzig Pfeilen und einigen Flinten begleitet, und von Seiten einiger Tapferen zeigte sich offenbar das Verlangen, in das Wasser zu stürzen, um die Kühnheit ihres verwegenen Feindes zu bestrafen. Aber ein Ruf und Befehl von Mahtoree wehrte dem Aufbruch und fast unbeherrschbaren Geiste unter der Bande. So weit entfernt, einen einzigen Fuß sich benetzen zu lassen, oder eine Wiederholung der fruchtlosen Bemühungen seines Volkes zu gestatten, um ihren Feind durch Geschosse zu vertreiben, erging an das Ganze der Befehl, sich von der Küste zurückzuziehen, während er selbst seine Pläne einem oder zwei seiner Begünstigten aus dem Gefolge mittheilte. Als die Pawnee das Hervorspringen ihrer Feinde bemerkt hatten, ritten zwanzig Krieger in den Strom, aber sobald sie bemerkt, daß die Teton sich zurückzogen, gingen sie alle zugleich zurück, und überließen den jungen Häuptling seiner eignen oft geprüften Geschicklichkeit und seinem wohlbegründeten Ruhm, Die Anordnungen Hartherzens, als er seine Bande verließ, waren der Selbstbloßstellung und Kühnheit seines Charakters würdig. So lange einzelne Krieger gegen ihn kämen, sollte er dem Verhängniß Wahconda's und seinem eigenen Arm überlassen bleiben; aber wenn die Sioux ihn in Menge angriffen, sollte er unterstützt werden, Mann gegen Mann, selbst bis zu seiner ganzen Streitkraft, Diese großmüthigen Befehle wurden genau beobachtet, und obgleich so viele Herzen in der Truppe am Ruhm, an der Gefahr ihres Führers Theil zu nehmen sich sehnten, ward doch kein Krieger unter ihnen allen gefunden, der nicht seine Ungeduld unter der gewöhnlichen Maske indianischer Selbstbeherrschung zu bergen wußte. Sie achteten aus den Ausgang mit scharfen, eifersüchtigen Augen, und kein Ausruf des Staunens entging ihnen, da, wie sich bald zeigen wird, sie einsahen, daß das Benehmen ihres Häuptlings eben so leicht zum Frieden, als zum Krieg führen könne. Mahtoree theilte nicht erst lange seine Pläne seinen Vertrauten mit; er schickte sie schnell zu ihren Gefährten in den Nachtrupp zurück. Der Teton ritt auf eine kurze Strecke in den Fluß und hielt. Hier erhob er mehrere Male seine Hand, mit der Fläche auswärts, und machte mehrere von jenen andern Zeichen, welche als ein Pfand freundschaftlicher Gesinnungen unter den Einwohnern dieser Gegenden gelten. Dann, gleichsam die Aufrichtigkeit seine Herzens zu verbürgen, warf er sein Gewehr an das Ufer und ging tiefer in's Wasser, wo er wieder stehen blieb, um zu sehen, auf welche Weise der Pawnee seine Friedensanträge aufnehmen würde. Der listige Sioux hatte seine Berechnungen auf den edeln, guten Charakter seines jugendlicheren Nebenbuhlers nicht vergebens gemacht Hartherz war immer während der Geschosse und so lange der Schein eines allgemeinen Angriffs dauerte, mit derselben stolzen vertrauenden Miene auf dem Sand herumgeritten, mit der er zuerst der Gefahr getrotzt hatte. Als er die wohlbekannte Gestalt des Tetonparteiführers in den Fluß kommen sah, winkte er triumphirend mit der Hand, und erhob, die Lanze schwenkend, das durchdringende Kriegsgeschrei seines Volkes, als eine Herausforderung an ihn, heranzukommen. Aber als er die Zeichen eines Stillstands sah, wollte er, obwohl mit der Verrätherei in den Kämpfen der Wilden wohlbekannt, kein geringeres Vertrauen auf sich selbst als sein Feind zeigen. Er ritt zu der äußersten Spitze der Sandbank, warf seine Flinte von sich, und ritt zu dem Puncte zurück, wovon er ausgegangen war. Die beiden Häupter waren jetzt gleichförmig bewaffnet. Jeder hatte seinen Speer, seinen Bogen, seinen Köcher, seine kleine Streitaxt und sein Messer, und jeder hatte auch einen Schild von Häuten, der als Verteidigungswaffe gegen einen unvorhergesehenen Angriff mit diesen Waffen dienen konnte. Der Sioux zögerte nicht länger, sondern ging tiefer in den Fluß, und landete bald an einem Punct des Eilands, den sein höflicher Gegner zu diesem Zweck freigelassen hatte. Wäre Jemand da gewesen, Mahtoree's Angesicht zu bewachen, als er über das Wasser setzte, das ihn von dem furchtbarsten und gehaßtesten aller seiner Nebenbuhler trennte, er hätte glauben können, einen Blick geheimer Freude durch die Wolke brechen zu sehen, welche tiefe List und herzlose Verrätherei über sein schwarzes Gesicht hingezogen hatte, und doch würde es Augenblicke gegeben haben, wo er hätte meinen mögen, die Blitze aus des Tetons Auge, und die Ausdehnung seiner Nasenlöcher hätten ihren Grund in einem edleren Gefühl, in einem, das eines indianischen Häuptlings weit würdiger gewesen. Der Pawnee hatte sich auf seine Seite der Sandbank zurückgezogen, wo er seinen Feind mit Ruhe und Würde erwartete. Der Teton machte eine kurze Schwenkung oder zwei, um die Ungeduld seiner Stute zu bändigen, und nach der Anstrengung des Uebersetzens, seinen Sitz fester einzunehmen, dann ritt er in die Mitte des Platzes, und lud den Andern durch einen höflichen Wink ein, nahe zu kommen. Hartherz näherte sich, bis er sich in einer zum Vorwärtsschreiten und Rückzug gleich geeigneten Entfernung befand, und stand nun auch, sein glühendes Auge auf das seines Feindes gerichtet. Eine lange, feierliche Stille folgte auf diese Bewegung, während welcher dies, zwei ausgezeichneten Tapfern, die nun zum ersten Mal, die Waffen in der Hand, einander gegenüber standen, wie Krieger auf ihren Pferden da saßen, die den Werth eines tapfern Feindes, so sehr er auch verhaßt sein mag, zu schätzen wissen. Aber Mahtoree's Blick war bei weitem weniger ernst und kriegerisch als der des Parteiführers der Wölfe. Seinen Schild auf die Schulter werfend, als wolle er bei dem Andern Vertrauen erwecken, machte er eine begrüßende Bewegung und sprach zuerst: »Möge der Pawnee auf die Hügel gehen,« sagte er, »und von der Morgen- bis zur Abendsonne, vom Land des Schnees bis in das der Blumen schauen, er wird sehen, daß die Erde sehr groß ist. Warum können die Rothhäute nicht Raum finden, für alle ihre Dörfer?« »Hat der Teton je gehört, daß ein Krieger der Wölfe in seine Städte gekommen, um Raum für sein Zelt zu erbitten?« entgegnete der junge Tapfre mit einem Blick, worin er Stolz und Verachtung nicht zu verbergen suchte. »Wenn die Pawnee jagen, schicken sie dann Boten zu Mahtoree, ihn zu fragen, ob Sioux sind in den Steppe?« »Wenn Hunger ist im Zelt eines Kriegers, sieht er sich nach Büffeln um, die ihm zur Nahrung gegeben sind;« fuhr der Teton fort, und bemühte sich den Zorn niederzuhalten, der durch des Andern Spott erregt worden. »Wahcondah hat ihrer mehr gemacht, als Indianer sind. Er hat nicht gesagt, dieser Büffel soll für den Pawnee, und jener für den Dahcotah; dieser Biber für einen Konza, und jener für einen Omahaw sein. Nein, er sagte, es sind ihrer genug. Ich liebe meine rothen Brüder, und ich hab' ihnen große Reichthümer gegeben. Das schnellste Pferd kann vor vielen Tagen nicht aus dem Dorf der Teton in das Dorf der Wölfe gehen. Es ist weit von den Städten der Pawnee zum Fluß der Osagen. Es ist Raum für Alles, was ich liebe. Warum also sollte ein rother Mann seinen Bruder schlagen?« Hartherz ließ das eine Ende seiner Lanze zu Erde, und nachdem er auch seinen Schild auf die Schulter geworfen, saß er sich nachlässig auf seine Waffe lehnend da, während er mit einem Lächeln von nicht zweideutigem Ausdruck antwortete: »Sind die Teton müde der Jagd und des Kriegs? Wünschen sie das Wild zu kochen, und nicht zu tödten? Wollen sie ihr Haar ihr Haupt bedecken lassen, daß ihre Feinde die Köpfe nicht entdecken können? Geht, ein Pawnee-Krieger wird nie unter solche Sioux-Weiber kommen, sich eine Frau zu holen.« Ein furchtbarer Blick der Wuth brach ans dem beherrschten Gesicht des Dahcotahs, als er diese beißende Beleidigung hörte, aber schnell unterdrückte er dies Gefühl in einem für diese Gelegenheit passenderen Ausdruck. »So sollte ein junger Häuptling vom Krieg sprechen,« antwortete er mit seltner Fassung; »aber Mahtoree hat das Elend von mehr Wintern gesehen, als sein Bruder. Als die Nächte lang gewesen, wenn Dunkelheit war in seinem Zelt, während die Jüngeren schliefen, hat er nachgedacht über die Noth seines Volks. Er hat zu sich gesagt: Teton, zählt die Schädel im Rauch. Sie sind alle noch, außer zwei! Tödtet der Wolf den Wolf, oder beißt die Schlange ihre Schwester? Ihr wißt, sie thun's nicht; deßwegen, Teton, thut Ihr Unrecht, auf dem Pfad zu gehen, der in das Dorf einer Rothhaut führt, mit dem Tomahawk in der Hand.« »Der Sioux möchte den Krieger seines Ruhms berauben? Er möchte zu seinen jungen Leuten sagen: geht, grabt Wurzeln aus den Steppen, sucht Höhlen, euren Tomahawk zu begraben; ihr seid nicht länger Tapfre!« »Wenn Mahtoree's Zunge je so sagt,« entgegnete der listige Häuptling mit dem Blick hohen Unwillens; »dann mögen seine Weiber sie ihm ausschneiden, und mit den Büffelstücken verbrennen. Nein,« fuhr er fort und trat dem unbeweglichen Hartherz etwas näher, gleichsam in der Aufrichtigkeit seines Vertrauens; »die Rothhäute können nie einen Feind entbehren, sie sind zahlreicher als die Blätter der Bäume, die Vögel an den Himmeln, oder die Büffel in den Steppen. Möge mein Bruder seine Augen weit öffnen, sieht er nirgends einen Feind, den er schlagen möchte?« »Wie lange ist's, seit der Teton die Schädel seiner Krieger zählte, die trockneten im Reich eines Pawneezelts? Die Bande, die sie nahm, ist hier, und bereit, sie zu achtzehn zu machen, zu zwanzig.« »Nun möge mein Bruder nicht auf irrem Pfad gehen. Wenn eine Rothhaut immer die andere schlägt, wer wird Herr von den Steppen sein, wenn keine Krieger mehr sind, die sagen: sie sind mein. Hört die Stimmen der Alten. Sie sagen uns, daß in ihren Tagen viele Indianer aus den Wäldern unter dem Aufgang der Sonne gekommen sind, und daß sie die Steppen erfüllt haben mit ihren Klagen über die Räubereien der Langmesser. Wohin ein Blaßgesicht kommt, da kann ein rother Mann nicht bleiben. Das Land ist zu klein. Sie sind immer hungrig, seht, sie sind schon hier.« Während der Teton sprach, deutete er nach Ismael's Zelten, die ganz sichtbar waren, und dann schwieg er, die Wirkung seiner Worte auf das Gemüth seines freimüthigen Feindes zu erwarten. Hartherz hörte, als wenn eine Reihe neuer Ideen durch die Rede des Andern in ihm erregt worden. Er sann beinahe eine Minute, ehe er fragte: »Was meinen die weisen Häupter der Sioux, daß geschehen müsse?« »Sie meinen, der Stiefel jedes Blaßgesichts müsse verfolgt werden wie die Spur des Bären. Das Langmesser, das in die Steppe kommt, dürfe nie wieder zurück. Der Pfad müsse den Kommenden offen, den Weggehenden verschlossen sein. Dort sind viele. Sie haben Pferde und Gewehre. Sie sind reich, wir arm. Werden die Pawnee mit dem Teton übereinstimmen? Ehe die Sonne hinter die Felsengebirge gegangen, werden sie sagen, das gehört den Wölfen, das den Sioux.« »Teton, nein! Hartherz hat nie den Fremdling geschlagen. Sie kommen in sein Zelt und essen, und gehen hinaus in Sicherheit! Ein mächtiger Häuptling ist ihr Freund! Wenn mein Volk die jungen Leute ruft, um in den Krieg zu ziehen, ist Hartherzens Stiefel der letzte; aber sein Dorf ist nicht sobald hinter den Bäumen verborgen, als er schon der erste ist. Nein, Teton, sein Arm wird sich nie erheben gegen den Fremden.« »Thor, dann stirb mit leeren Händen!« Mahtoree riefs, legte einen Pfeil auf den Bogen, und sandte ihn mit einem plötzlichen, tödtlichen Druck gerade auf den nackten Busen seines edeln, vertrauenden Feindes. Die That des verrätherischen Tetons geschah zu schnell, und war zu wohl erwogen, um von Seiten des Pawnee's eins von den gewöhnlichen Vertheidigungsmitteln zuzulassen. Sein Schild hing an der Schulter, und selbst den Pfeil hatte er fallen lassen; er lag in der hohlen Hand, die den Bogen krampfhaft erfaßte. Aber das schnelle Auge des Tapfern hatte Zeit, die Bewegung zu sehen, und sein gewandter Griff verließ ihn nicht. Fest und mit einem schnellen Griff den Zaum anziehend, zog er seine Stute mit den Vorderfüßen in die Höhe, und da der Reiter sich niederduckte, diente das Pferd selbst als Schild gegen die Gefahr. So sicher jedoch war der Schuß, Und so mächtig die Gewalt, die ihn schickte, daß der Pfeil in den Nacken des Thiers drang und die Haut auf der andern Seite durchbrach. Schneller als ein Gedanke, sandte Hartherz einen Pfeil dafür zurück, der Schild des Tetons ward durchbohrt, aber er selbst blieb unversehrt. Einige Augenblicke dauerte das Geräusch der Bogen und das Pfeifen der Pfeile ununterbrochen fort, obgleich die Streitenden soviel von ihrer Sorgfalt auf die Vertheidigungsmittel richten mußten. Die Köcher waren bald erschöpft, und obgleich Blut geflossen, war es doch nicht bedeutend genug, um die Wuth des Kampfs zu schwächen. Nun begann eine Reihe meisterhafter, schneller Evolutionen mit den Pferden. Die Schwenkungen, die Angriffe, die windungsvollen Rückzüge waren gleich dem Flug kreisender Schwalben. Schläge wurden mit der Lanze versetzt, Sand in die Luft geschleudert, und die Anfälle schienen oft unvermeidlich verderblich; aber noch behaupteten beide Theile ihren Sitz, und noch ward von Jedem der Zaum mit fester Hand gehalten. Endlich wurde der Teton genöthigt, sich vom Pferde zu werfen, um einem Stoß zu entgehen, der sonst verderblich gewesen. Der Pawnee trieb seine Lanze durch das Thier, und stieß ein Triumphgeschrei aus, als er vorbei galoppirte. Sich zurückwendend, wollte er den Vortheil verfolgen, als seine eigene entkräftete Stute schwankte, und unter der Last fiel, die sie nicht länger tragen konnte. Mahtoree erwiederte sein zu voreiliges Siegsgeschrei, und stürzte auf den gehinderten Jüngling mit Messer und Tomahawk. Hartherzens äußerste Schnelligkeit würde nicht im Stande gewesen sein, ihn zur rechten Zeit von dem gefallenen Thier loszumachen. Er sah, daß seine Lage verzweifelt war. Da griff er nach seinem Messer, nahm die Klinge zwischen einen Finger und den Daumen, und warf es mit bewunderungswürdiger Geschicklichkeit auf den nahenden Feind. Die scharfe Waffe sauste durch die Luft, ihre Spitze traf auf die Brust des hitzigen Sioux, und die Klinge grub sich ein bis an den bockhornenen Griff. Mahtoree legte seine Hand an die Waffe, und schien ungewiß, sie herauszuziehen, oder nicht. Für einen Augenblick verfinsterte sich sein Antlitz mit dem unvertilgbarsten Haß und Zorn, und dann, gleichsam von innen ermahnt, wie wenig Zeit er zu verlieren habe, stürzte er nach dem Rande der Sandbank und hielt mit seinem Fuß im Wasser. Die List und Zweizüngigkeit, welche so lange die glänzenderen und edleren Züge seines Charakters verdunkelt hatten, verloren sich in dem nie ersterbenden Gefühl des Stolzes, das er von Jugend auf eingesogen. »Junge der Wöfe!« sagte er mit einem Lächeln grimmiger Freude, der Schädel eines mächtigen Dahcotah wird nimmer trocknen im Pawnee-Rauch!« Er zog das Messer ans der Wunde und warf es voll Grimm nach seinem Feind. Dann seinen Arm nach seinem glücklichen Feind bewegend, schien sein schwarzes Gesicht mit einem Gewicht von Verachtung und Haß zu kämpfen, den er mit der Zunge nicht aussprechen konnte. Er stürzte sich jählings in die wildeste Fluth, immer triumphirend die Hand hervorstreckend, selbst als sein Körper schon für immer versunken war in dem reißenden Strudel. Hartherz hatte sich indeß frei gemacht. Die Stille, die bisher in den Banden geherrscht, ward plötzlich durch ein allgemeines, wildes Schreien unterbrochen. Fünfzig der gegenseitigen Krieger waren schon im Fluß, und eilten, den Sieger zu vernichten oder zu vertheidigen, und so war der Kampf eher am Vorabend seines Beginnens als seines Endes. Aber gegen all diese Zeichen von Gefahr und Noth war der junge Ueberwinder unempfindlich. Er lief nach dem Messer, er sprang mit dem Fuß einer Antilope auf dem Sand hin, und sah auf die sich theilende Fluth, die seine Beute barg. Ein dunkler, blutiger Fleck bezeichnete die Stelle, und mit dem Messer bewaffnet, tauchte er in den Strom, entschlossen, in der Fluth zu sterben oder mit der Trophäe zurückzukehren. Indeß ward der Sand die Scene des Blutvergießens und der Gewaltthätigkeit. Besser beritten und vielleicht feuriger, erreichten sie in hinlänglicher Anzahl die Stelle, um ihre Feinde zum Rückzug zu zwingen. Die Sieger verfolgten ihren Vortheil bis zur entgegengesetzten Küste, und gewannen in dem Schlachtgetümmel festen Grund. Hier stießen sie aber auf all die unberittenen Tetons, und waren ihrerseits zum Weichen genöthigt. Der Kampf wurde jetzt charakteristischer und mehr umsichtig. Da die wilden Antriebe, die beide Theile in so tödtlichen Kampf gerissen, kälter wurden, konnten die Häuptlinge ihren Einfluß ausüben und die Anfälle mit Klugheit mäßigen. In Folge der Ermahnungen ihrer Führer suchten die Sioux solche Verstecke, wie sie ihnen das Gras, oder hier und da ein Busch und eine leichte Erhöhung des Bodens darbot, und die Angriffe der Pawnee-Krieger wurden nothwendiger Weise behutsamer und daher weniger verderblich. Auf diese Art dauerte der Streit mit abwechselndem Glücke und ohne großen Verlust fort. Den Sioux war es gelungen, in einen dichten, schlanken Graswuchs einzudringen, wo die Pferde ihrer Feinde nicht hinein konnten, oder wenn sie es thaten, ihnen noch weniger als nutzlos waren. Es wurde nöthig, die Teton aus diesem Versteck herauszutreiben, oder der Gegenstand des Kampfs mußte aufgegeben werden. Verschiedene verzweifelte Angriffe waren zurückgeschlagen worden, und die entmuthigten Pawnee dachten daran, sich zurückzuziehen, als das wohlbekannte Kriegsgeschrei »Hartherz« in der Nähe gehört ward, und im nächsten Augenblick der Häuptling in ihrer Mitte erschien, das Haupt des großen Sioux als eine Fahne schwenkend, die zum Sieg führen würde. Er ward mit einem Freudengeschrei begrüßt, und in das Versteck mit einer Wildheit begleitet, die für den Augenblick alles vor sich niederstürzte. Aber die blutige Trophäe in der Hand des Parteiführers diente eben so wohl den Angegriffenen als den Angreifenden zum Sporn. Mahtoree hatte manchen kühnen Tapfern in seiner Bande zurückgelassen, und der Redner, der in den Debatten an diesem Tag so friedliche Gesinnungen geäußert hatte, zeigte jetzt die edelste Selbstaufopferung, um das Andenken eines Mannes, den er nie geliebt, den Händen der verschworensten Feinde seines Volks zu entreißen. Das Ergebniß war zu Gunsten der größern Anzahl. Nach einem schweren Kampfe, worin die schönsten Thaten persönlicher Unerschrockenheit von all' den Häuptlingen ausgeführt wurden, waren die Pawnee genöthigt, sich auf ihren eignen Grund zurückzuziehen, und wurden dabei hart von den Sioux bedrängt, die nicht ermangelten, jeden fußbreit Land zu besetzen, der ihnen von den Feinden abgetreten ward. Hätten die Teton ihre Anstrengungen auf den Rand des Grases beschränkt, so ist es wahrscheinlich, die Ehre des Tags würde ihnen gewesen sein, ob sie gleich einen unersetzlichen Verlust durch Mahtoree's Tod erlitten. Aber die unbedachtsameren Helden der Bande begingen eine Unvorsichtigkeit, die gänzlich das Glück des Gefechts veränderte und plötzlich aller schwererworbenen Vortheile sie beraubte. Ein Pawnee-Häuptling war unter den zahllosen empfangenen Wunden hingesunken und fiel, eine Zielscheibe für ein Dutzend Pfeile, in dem letzten Haufen der weichenden Truppe. Eben so unbekümmert, ihren Feinden Schaden zuzufügen, als unbesorgt wegen der Gefährlichkeit der That, sprang jeder Sioux-Held mit einem Geschrei hervor, da jeder vor Verlangen brannte, den hohen Ruhm, den Kopf des Todten zu erwerben, sich zu erobern. Sie stießen auf Hartherz und auf einen auserlesenen Kern Krieger, die alle ganz eben so eifrig waren, die Ehre ihrer Nation vor einem so schimpflichen Fleck zu bewahren. Der Kampf war jetzt Hand gegen Hand, und Blut begann reichlicher zu fließen. Da die Pawnee sich mit dem Leichnam zurückzogen, folgten ihnen die Sioux auf den Fersen, und endlich brachen alle mit einem gemeinsamen Geschrei aus dem Versteck hervor und drohten, alle Gegenwehr durch große physische Uebermacht niederzuschlagen. Hartherzens und seiner Gefährten Schicksal, die alle lieber gestorben wären, als daß sie ihren Plan aufgegeben hätten, wäre jetzt schnell entschieden worden, hätte sich nicht ein mächtiger und unvorhergesehener Umstand zu ihren Gunsten in's Mittel geschlagen. Man hörte einen Schrei von einer kleinen Erhöhung zur Linken her, und eine Ladung von der verderblichen Westflinte erfolgte sogleich. Fünf oder sechs Sioux liefen vor und fielen todt nieder vor den Schüssen. Jeder Arm unter ihnen blieb plötzlich starr, als war ein Blitzstrahl aus den Wolken gekommen, um die Sache der Wölfe zu unterstützen. Dann ward Ismael und seine stattlichen Söhne sichtbar, wie sie auf ihre früheren verrätherischen Verbündeten mit Blick und Geschrei herfielen, welche die Art ihrer Hülfe andeuteten. Der Stoß war für die Tapferkeit der Teton zu heftig. Mehrere ihrer tapfersten Häupter waren schon gefallen, und die, welche noch übrig blieben, wurden von all' ihrem geringeren Gefolge verlassen. Einige der verzweifeltsten Helden zögerten noch bei dem verderblichen Zeichen ihrer Ehre und fanden da rühmlichen Tod unter den Händen der wieder ermuthigten Pawnee. Eine zweite Ladung von den Büchsen des Auswanderers und seines Haufens aber vollendeten den Sieg. Die Sioux sah man jetzt zu den entfernteren Schlupfwinkeln mit demselben Eifer und derselben Verzweiflung hinfliehen, mit der sie einige Augenblicke vorher sich in den Kampf gestürzt hatten. Die triumphirenden Pawnee sprangen zur Verfolgung vor, wie wohlgezogene Jagdhunde von guter Race. Auf jeder Seite hörte man das Geschrei des Siegs und den Ruf der Rache. Einige Flüchtlinge bemühten sich, die Leichname ihrer gefallenen Krieger wegzutragen; aber die heftige Verfolgung nöthigte sie bald, die Erschlagenen zu lassen, um die Lebenden zu erhalten. Unter allen Kämpfen, die bei dieser Gelegenheit vorfielen, die Ehre der Sioux vor dem Flecken zu retten, den ihre besondere Meinung mit dem Besitz eines Schädels von einem gefallenen Tapfern verband, ereignete sich nur ein Fall, wo sie glücklich waren. Der Widerspruch jenes ausgezeichneten Häuptlings gegen die feindlichen Anschläge im Rath jenes Morgens ist schon erzählt worden. Aber nachdem er seine Stimme vergebens für den Frieden erhoben hatte, war sein Arm in seiner Pflicht im Kriege nicht zurückgeblieben. Seine Tapferkeit haben wir gesehen, und vorzüglich sein Muth und Beispiel hielt die Teton aufrecht in den Heldenthaten, die geschahen, als Mahtoree's Tod bekannt ward. Dieser Krieger, der in der bildlichen Sprache seines Volks »der entsetzliche Adler« genannt wurde, war der Letzte gewesen, der die Hoffnung des Siegs aufgab. Als er fand, daß die Unterstützung der gefürchteten Büchse seine Bande der schwererlangten Vortheile beraubt, zog er sich finster unter einem Schauer von Geschossen zu der versteckten Stelle zurück, wo er sein Pferd in den Irrgängen des höchsten Grases verborgen hatte. Hier fand er einen neuen und ganz unerwarteten Mitbewerber, der bereit war, ihm den Besitz des Thiers streitig zu machen. Es war Bohrecheena, der bejahrte Freund Mahtoree's, er, dessen Stimme weiseren Meinung entgegengetreten. Von einem Pfeil durchbohrt, litt er augenscheinlich die Schmerzen des nahenden Todes. »Ich bin auf meinem letzten Kriegszug gewesen,« sagte der grimmige alte Krieger, als er fand, daß der wahre Eigenthümer des Thiers gekommen, um das Seine in Anspruch zu nehmen; »soll ein Pawnee das weiße Haar eines Sioux in sein Dorf tragen, auf daß es der Spott seiner Weiber und Kinder sei?« Der Andere ergriff seine Hand und antwortete auf die Anrede mit dem ernsten Blick unbeugsamer Entschlossenheit. Mit diesem schweigenden Pfand half er dem Verwundeten aufs Pferd. Sobald er das Pferd an den Rand des Verstecks geführt, warf er sich auch darauf und trieb es, nachdem er seinen Gefährten an seinen Gürtel gebunden, auf die offene Ebene, ganz der wohlbekannten Eile des Thiers ihre gegenseitige Rettung anvertrauend. Die Pawnee bemerkten bald diese neuen Gegenstände, und mehrere wandten ihre Stuten zur Verfolgung. Die Flucht ging eine Meile weit, ohne eine Murren von Seiten des Dulders, ob er gleich außer seinen körperlichen Leiden noch den Verdruß hatte, seine Feinde mit jedem Schritt näher kommen zu sehen. »Halt,« sagte er und erhob einen schwachen Arm, die Eile seines Gefährten aufzuhalten; »der Adler meines Volks muß seine Fittige weiter entfalten. Möge er die weißen Haare eines alten Kriegers in ein Dorf der Schwarzgebrannten bringen.« Wenige Worte waren zwischen Leuten nöthig, die von denselben Gefühlen des Ruhms geleitet und so wohl mit den Grundsätzen ihrer romantischen Ehre vertraut waren. »Der entsetzliche Adler« warf sich vom Pferde und half auch dem Andern herunter. Der Alte senkte seine schwankende Gestalt auf die Kniee, warf dann einen Blick zu seinem Landsmann auf, als wolle er ihm Lebewohl sagen, und hielt seinen Nacken dem Schlage dar, den er selbst erbeten. Wenige Hiebe des Tomahawk nebst einem runden Schnitt mit dem Messer reichten hin, das Haupt von dem weniger geehrten Rumpfe zu trennen. Der Teton saß wieder auf, gerade zur rechten Zeit, einer Pfeilwolke zu entgehen, die von seinen eifrigen und getäuschten Verfolgern herkam. Das grimmige, blutige Gesicht schwingend, schoß er weg von der Stelle mit einem Triumphgeschrei, und man sah ihn über die Ebenen jagen, als wenn er wirklich von den Flügeln des mächtigen Vogels getragen würde, von dessen Tugenden er seinen schmeichelhaften Namen empfangen, »Der schreckliche Adler« erreichte wohlbehalten sein Dorf; er war einer der wenigen Sioux, die dem Gemetzel dieses furchtbaren Tages entgingen, und lange Zeit war er allein von den Geretteten im Stande, seine Stimme wieder im Rath seiner Nation mit unvermindertem Vertrauen zu erheben. Messer und Lanze schnitt dem größern Theil der Besiegten den Rückzug ab. Selbst der fliehende Theil der Weiber und Kinder wurde von den Ueberwindern zerstreut, und die Sonne war längst hinter der gewölbten Linie des Horizonts hinabgesunken, ehe das traurige Tagewerk jener unheilvollen Niederlage beendet worden. Einunddreißigstes Kapitel. »Wer ist der Kaufmann hier, und wer der Jud'!« Shakespeare.   Der Tag dämmerte am folgenden Morgen über einer ruhigeren Scene. Das blutige Werk hatte gänzlich aufgehört, und als die Sonne aufging, fiel ihr Licht auf eine weite Ausdehnung voll Ruhe und Einsamkeit. Ismael's Zelte standen noch, wo sie zuletzt gesehen worden; aber keine andere Spur von menschlichem Dasein konnte sonst in der Wüste entdeckt werden. Hier und da segelten kleine Heerden von Raubvögeln vorüber und schrieen bei den Stellen, wo ein schwerfüßiger Teton seinen Tod gefunden; aber jede andere Spur des frischen Kampfs war verwischt. Den Fluß konnte man an seinem geschlängelten, rauchenden Bette weit durch die endlosen Ebenen verfolgen, und die kleinen Silberwolken leichten Dunsts, die über den Sümpfen und Quellen hingen, begannen in der Luft zu zerschmelzen, wie sie die auflösende Wärme fühlten, welche, vom erglühenden Himmel dringend, ihren sanften, leisen Einfluß auf alle Gegenstände der weiten, unbeschatteten Landschaft ausübte. Die Steppe war nach dem trüben Vorübergang des Nebels, wie der Himmel, mild, ruhig und friedlich. Auf einem solchen Schauplatz versammelte sich die Familie des Auswanderers, um einen endlichen Beschluß wegen der verschiedenen Personen zu fassen, welche durch die wechselnden Umgestaltungen der erwähnten Vorfälle in ihre Hände geworfen worden. Alles, was Leben und Freiheit besaß, war, seit der erste graue Streif den Osten erhellt hatte, auf den Beinen gewesen, und selbst die Jüngsten von der wandernden Brut schienen überzeugt, daß der Augenblick gekommen, wo Dinge geschehen sollten, die einen dauernden Eindruck auf das wilde Geschick ihres halb-barbarischen Zustandes zurücklassen müßten. Ismael schritt durch sein kleines Lager mit dem Ernst eines Mannes, der unerwartet mit Dingen von einer Wichtigkeit zu thun bekommen, die weit über die gewöhnlichen Vorfalle seines ungeregelten Lebens hinausgingen. Seine Söhne aber, die so oft Gelegenheit gefunden, die unerbittliche Strenge von ihres Vaters Charakter zu erfahren, sahen in seiner trüben Miene, seinem kalten Auge eher seine Entschlossenheit, seinen Willen, auf dem er gewöhnlich eben so fest bestand, als er ihm unklar war, auszuführen, als sonst ein Zeichen von Ungewißheit und Zweifel. Selbst Esther war sichtbar durch die wichtigen Umstände aufgeregt, die ihre Familie so sehr angingen. Während sie keine von den häuslichen Pflichten versäumte, welche wahrscheinlich in allen nur erdenklichen Fällen vor sich gegangen, – gerade wie die Welt sich dreht, während Erdbeben ihre Rinde zerreißen, und Vulcane ihre Eingeweide verzehren, – war doch ihre Stimme zu einem weit niedrigeren Schlüssel als gewöhnlich herabgedampft, und das immer noch häufige Schreien ihrer Kinder wurde durch Etwas, wie die mildere Würde mütterlichen Ansehens gestillt. Abiram schien wie gewöhnlich, am meisten der Stille und dem Hinbrüten nachhängend. Es lag ein gewisser Verdacht in den öfteren Blicken, die er auf das unbewegte Antlitz Ismaels warf, welcher zeigen mochte, wie wenig ihr früheres Vertrauen und gutes Einverständnis; noch zwischen ihnen bestand. Seine Mienen schienen sonderbar zwischen Hoffnung und Furcht zu schwanken. Manchmal erhellte sich sein Gesicht durch Strahlen wilder Freude, wenn er sein Auge auf das Zelt richtete, das seine wiedererlangte Gefangene in sich schloß, und dann wieder schien der Eindruck unbegreiflicherweise durch die Schatten hoher Besorgniß verjagt zu werden. War er unter dem Einfluß des letztern Gefühls, so ermangelte sein Auge nie, das Antlitz seines finstern, undurchdringlichen Verwandten aufzusuchen. Aber da fand er eher Grund zur Besorgniß, als Ursache zur Ermuthigung, denn der ganze Charakter von des Auswanderers Antlitz drückte die furchtbare Wahrheit aus, daß er seinen langsamen Geist vom Einfluß des Seelenverkäufers losgemacht, und daß seine Gedanken jetzt nur über der Ausführung seiner eignen störrigen Pläne brüteten. In diesem Zustand der Dinge führten die Söhne Ismael's in Folge eines Befehls ihres Vaters die verschiedenen Gegenstände seiner bedächtigen Entschlüsse aus ihrem Gefängniß in die freie Luft. Keiner ward von dieser Anordnung ausgenommen. Middleton und Inez, Paul und Ellen, Obed und der Streifschütz, wurden herbeigebracht, und nahmen Sitze ein, wie man sie zum Anhören des Spruchs ihres eigenmächtigen Richters für passend hielt. Die jüngeren Kinder sammelten sich in einer Art augenblicklicher aber steigender Neugier um die Stelle, und selbst Esther ließ ihre Küchenarbeiten und kam herbei, um zuzuhören. Hartherz war von seiner Bande allein zugegen, um von dem neuen und gar nicht unfeierlichen Schauspiele Zeuge zu sein. Er stand ernst auf seine Lanze gelehnt, während die rauchende Stute, die in der Nähe graste, zeigte, daß er weither und schnell geritten, um Zuschauer zu sein. Ismael hatte seinen neuen Verbündeten mit einer Kälte empfangen, welche seine gänzliche Unempfindlichkeit gegen jenen Zartsinn verrieth, der den jungen Häuptling vermocht hatte, allein zu kommen, damit die Gegenwart seiner Krieger keine Unruhe oder Mißtrauen erregen möchte. Er bemühte sich weder um ihren Beistand, noch fürchtete er ihre Feindschaft, und ging jetzt mit eben so vieler Haltung an sein Geschäft, als wenn diese Art patriarchalischer Gewalt, die er sich anmaßte, allein anerkannt wäre. Es ist etwas Erhabenes in dem Besitz der Macht, mag sie auch mißbraucht werden. Die Seele macht dann gewisse Anstrengungen, um das Passende zwischen den Attributen der Gewalt und dem Zustand ihres Besitzers darzulegen, wenn es auch oft fehlschlagen mag, und das lächerlich macht, was vorher bloß gehässig war. Aber die Wirkung bei Ismael Busch war nicht so entmuthigend. Ernst im Aeußern, wild von Temperament, furchtbar durch seine physische Stärke, und gefährlich durch seine gesetzlose Halsstarrigkeit, erregte er durch sein selbstgeschaffenes Tribunal eine Ehrfurcht, gegen das selbst der verständige Middleton sich nicht ganz unempfindlich halten konnte. Doch ließ man ihm nur wenig Zeit, seine Gedanken zu sammeln, denn der Auswanderer, obwohl an Eile nicht gewöhnt, mochte nicht leicht, war er einmal entschlossen, auch nur Augenblicke durch Zögern verlieren. Als er Alle auf ihren Stellen sah, warf er einen finstern Blick auf seine Gefangnen, und wandte sich an den Capitain, als die Hauptperson unter den vermeintlichen Verbrechern: »Ich bin heute berufen, das Amt auszufüllen, das Ihr in den Ansiedelungen Richtern übergebt, die gewählt werden, um über Dinge zu entscheiden, welche streitig sind unter den Leuten. Ich kenne nur wenig die Weise der Gerichtshöfe, obwohl es eine Allen bekannte Regel ist, welche sagt, daß es Auge gehen muß um Auge, und Zahn um Zahn. Ich bemühe nicht oft die Gerichtshäuser, und am wenigsten von Allem lieb' ich auf einer Plantage zu leben, worüber der Sheriff die Aussicht führt, doch liegt etwas in einem solchen Gesetz, was eine sichere Regel zum Handeln gibt, und deßwegen sei es feierlich ausgesprochen, daß ich heute darnach richte, und Allen und Jedem gebe, was ihnen gebührt, und nicht mehr.« Als Ismael so weit seinen Entschluß verkündet, machte er eine Pause, und sah um sich, als wolle er die Wirkungen in den Zügen seiner Zuhörer lesen. Als sein Auge auf Middleton traf, antwortete ihm dieser: »Wenn der Uebelthäter bestraft, und der, welcher Niemanden beleidigt hat, freigegeben werden muß, müßt Ihr mit mir tauschen, und Gefangener sein, statt Richter.« »Ihr wollt sagen, ich habe Euch Unrecht gethan, indem ich die Dame aus ihres Vaters Haus nahm, und sie so weit gegen ihren Willen in diese wilden Orte führte;« entgegnete unbewegt der Auswanderer, der eben so wenig Aerger, als Reue bei der Beschuldigung verrieth. »Ich will nicht noch eine Lüge zu einer bösen That hinzufügen, und Eure Worte bestreiten. Da die Sachen so zwischen uns gekommen sind, hab' ich Zeit gehabt, mit Muße über den Vorfall nachzudenken, und obwohl keiner Eurer schnellen Köpfe, die in die Natur aller Dinge mit einem Blick sehen können, oder zu sehen vermeinen, bin ich doch offen für die Vernunft, und wenn Ihr mir Zeit laßt, Keiner, der die Wahrheit leugnet. Deßwegen bin ich endlich zum Schluß gekommen, daß es ein Mißgriff war, ein Kind von seinem Vater zu nehmen, und die Dame soll zurückkehren, wo sie hergekommen, mit so viel Bequemlichkeit und Sicherheit als möglich.« »Ja, ja!« fügte Esther hinzu; »er hat Recht. Armuth und Arbeit drückten ihn schwer, besonders da die Einnehmer schwierig wurden, und in einem schwachen Augenblick that er die böse That, aber er hat auf meine Worte gehört, und sein Gemüth ist wieder gut geworden. Ein furchtbares, gefährliches Ding ist es, die Töchter anderer Leute in eine friedliche wohlgeordnete Familie zu bringen.« »Und wer wird es Euch danken, nach dem, was schon geschehen ist?« murrte Abiram mit einer Grimasse getäuschter Gier, worin Bosheit und Schreck eckelhaft sich einigten; wenn der T – l einmal seine Rechnung macht, setzt er sie nur über Bausch und Bogen auf.« »Ruhe!« sagte Ismael und streckte seinen Arm gegen seinen Verwandten auf eine Weise aus, die ihn sogleich zum Schweigen brachte. »Eure Stimme ist die des Raben in meinem Ohr. Hättet Ihr nie gesprochen, wäre mir diese Schande erspart!« »Da Ihr also anfangt, Eure Irrthümer zu verlassen und die Wahrheit zu sehen,« sagte Middleton, »so thut es nicht bloß zur Hälfte, sondern erkauft Euch durch Euer edelmüthiges Betragen Freunde, die Euch von Nutzen im Abwenden aller künftigen Gefahren vor dem Gesetz sein mögen.« »Junger Mann,« fiel der Auswanderer mit finsterer Stirn ein, »Ihr auch habt genug gesagt! Wäre Furcht vor dem Gesetz über mich gekommen, so wäret Ihr nicht hier Zeuge von der Art, wie Ismael Busch Gerechtigkeit übt.« »Unterdrückt nicht Eure gute Absichten, und erinnert Euch, daß wenn Ihr Gewalt gegen einen von uns beabsichtigt, der Arm des Gesetzes, den Ihr zu verachten vorgebt, weit reicht, und daß, wenn auch sein Handeln manchmal langsam ist, er deßwegen nicht weniger sicher trifft.« »Ja es ist zu viel Wahrheit in seinen Worten, Wanderer,« sagte der Streifschütz, dessen aufmerksame Ohren selten eine Silbe unbemerkt ließen, die in ihrer Gegenwart ausgesprochen wurde. »Ein geschäftiger und beschwerlicher Arm ist er oft hier in diesem Amerika, wo, wie man sagt, der Mensch meistens seinen eigenen Wünschen folgen darf, wenn man andere Länder damit vergleicht, und glücklicher, ja, ehrlicher und männlicher auch ist er durch diesen Vorzug! Ei, wißt ihr, Leute, daß es Länder gibt, wo das Gesetz so geschäftig ist, daß es sagt, auf diese Art sollt ihr leben, so sollt ihr sterben, und wieder anders sollt ihr von der Welt Abschied nehmen, um vor den Richterstuhl des Herrn geschickt zu werden. Eine verdammte, unbequeme Einmischung ist das in die Geschäfte des Einen, der seine Geschöpfe nicht gemacht hat, um wie Ochsen zusammen geheerdet und von Feld zu Feld getrieben zu werden, wie ihre dummen, selbstischen Führer es für sie nöthig halten. Ein armes Land muß das sein, wo sie Geist und Körper fesseln, wo die Geschöpft Gottes, als seine Kinder geboren, so durch die schlechten Erfindungen der Menschen eingeengt werden, die sich das Amt des großen Regierers des Alls anmaßen.« Während er diese sehr starke Meinung aussprach, begnügte sich Ismael zu schweigen, obwohl der Blick, womit er den Sprecher ansah, jedes andere Gefühl eher verrieth, als Freundschaft. Als der Alte fertig war, wandte er sich zu Middleton, und fuhr in dem Gespräch fort, das der Andere unterbrochen: »Was uns betrifft, Capitain, so war auf beiden Seiten Unrecht. Wenn ich Euer Herz gebrochen, indem ich Euer Weib in der Absicht wegnahm, sie Euch wiederzugeben, sobald die Zwecke dieses eingefleischten T–fels erreicht wären, so seid Ihr in mein Lager, hehlend und helfend, wie man oft einen edleren Handel nennt, gebrochen, und habt meine Habe zerstört.« »Aber was ich that, geschah zur Befreiung – – –« »Die Sache ist zwischen uns im Reinen, fiel Ismael mit der Miene eines Mannes ein, der, nachdem er mit sich selbst über die Vortrefflichkeit einer Sache einig geworden, sich wenig mehr um die Meinung Anderer kümmert. »Ihr und Euer Weib seid frei, könnt gehen, wohin es Euch gefällt. Abner, setz' den Capitain in Freiheit, und nun, wenn ihr warten wollt, bis ich näher den Colonieen ziehen kann, sollt ihr Beide die Bequemlichkeit des Fahrens haben; wenn nicht, so sagt nie, daß es euch nicht freundlich angeboten worden.« »Nun mögen die Starken mich drücken, und meine Sünden hart auf mein Haupt fallen, wenn ich Eure Ehrlichkeit vergesse, so langsam Ihr auch in ihrer Ausübung wart,« rief Middleton und eilte zu der weinenden Inez, sobald er befreit war; »und, Freund, ich gebe Euch das Ehrenwort eines Soldaten, daß Euer Antheil an dieser Verhandlung nie vergessen werden soll, welche Wege ich auch einzuschlagen für nöthig halten werde, sobald ich eine Stelle erreicht, wo der Arm der Regierung sich wieder geltend machen kann.« Das finstere Lächeln, womit der Wanderer auf diese Versicherung antwortete, zeigte, wie wenig er auf das Versprechen gäbe, das der Jüngling im ersten Ausbruch seines Gefühls so freigebig machte. »Nicht Furcht, noch Gunst, sondern was ich Gerechtigkeit nenne, hat mich zu diesem Spruche gebracht,« sagte er; »thut Ihr, was Euch recht scheint, und glaubt, daß die Welt weit genug ist, uns Beide zu fassen, ohne daß unsere Wege sich wieder durchkreuzen. Wenn Ihr zufrieden seid, gut; wenn nicht, sucht, wie Ihr könnt, Euch zufrieden zu stellen. Ich werde nicht bitten, mich aufzulassen, wenn Ihr mich einmal unten habt. – Und nun, Doctor, bin ich zu Eurem Blatt in meiner Rechnung gekommen. Es ist Zeit, das Wenige abzumachen, was seit einiger Zeit zwischen uns sich aufgesummt hat. Mit Euch ging ich einen offenen, ehrlichen Vertrag ein, wie habt Ihr ihn gehalten?« Das eigene Glück, womit Ismael die Verantwortlichkeit für Alles, was geschehen, von seinen eigenen Schultern auf die seiner Gefangenen zu schieben gewußt hatte, unterstützt darin durch Umstände, die kaum eine sehr philosophische Untersuchung über irgend einen in der Moral bestrittenen Punct zuließen, war hinlänglich niederschlagend für die verschiedenen Individuen, die so unerwartet Rechenschaft über ein Betragen ablegen sollten, welches sie in ihrer Einfalt für so verdienstlich gehalten hatten. Obed's Leben war so rein theoretisch gewesen, daß sein Erstaunen über einen Zustand der Dinge nicht gering war, der, hätte er sich ein wenig besser auf die Welt verstanden, ihm nicht so außerordentlich vorgekommen wäre. Der würdige Naturforscher war bei Weitem nicht der Erste, der sich gerade in dem Augenblick', wo er Lob erwartete, plötzlich aufgefordert fand, ein Benehmen zu verantworten, auf das er all seine Ansprüche auf Lob gründete. Obwohl nicht wenig betroffen über die unerwartete Wendung der Verhandlung, wollte er doch die Umstände aufs Beste benutzen und das zu seiner Rechtfertigung vorbringen, was sich zuerst seinem etwas verwirrten Geiste darbot. »Daß ein gewisses Compactum oder Vertrag zwischen Obed Batt, M. D. und Ismael Busch, Viator, oder irrender Anbauer, bestand,« sagte er, und bemühte sich, alles Anstößige im Gebrauch der Wörter zu vermeiden, »bin ich nicht willens, zu leugnen. Ich will zugeben, daß darin bedungen oder stipulirt worden, eine gewisse Reise sollte zusammen und in Gesellschaft gemacht werden, bis so und so viel Tage gezählt worden; aber da die genannte Zeit völlig vorüber, so denke ich, kann man wohl annehmen, der Handel sei zu Ende und obsoIet.« »Ismael!« fiel die ungeduldige Esther ein, »mach' nicht viel Worte mit einem Manne, der deine Gebeine eben so leicht brechen, als einrichten kann, und laß den giftigen Teufel gehen! Er ist ein Betrüger mit Büchse und Arzneiglas. Gib ihm die halbe Steppe und nimm die andere für dich! Er ist ein Arzt für die Kinder! Ich will sie selbst an einen Fieber- und Sumpfboden gewöhnen, in einer Woche, und nichts weiter soll angewandt werden, als die Rinde vom Kirschbaum und vielleicht ein oder zwei Tropfen vom »»Westtrost.«« Das wenigstens ist gewiß, Ismael, ich lieb' keine Reisegefährten, die die Zunge eines ehrlichen Weibes schwer machen können, und das, ohne sich zu bekümmern, ob ihr Haushalt in Ordnung ist, oder nicht.« Das ernste Ansehen, das auf des Auswanderers Gesicht lag, erheiterte sich einen Augenblick in finstern Spott, als er antwortete: »Andere Leute mögen anders von des Mannes Kunst urtheilen, Esther; aber da du willst, daß er fort soll, so will ich die Steppe nicht durchschneiden, um seinen Weg schwierig zu machen. Freund, Ihr seid frei, könnt in die Ansiedelungen gehen und dort würde ich Euch zu bleiben rathen, da Leute, wie ich, die so wenig Contract machen, nicht die Sitte lieben, sie so leicht zu brechen.« »Und nun, Ismael,« begann sein herrschendes Weib wieder, »um eine ruhige Familie zu behalten und allen Zwist unter uns zu schlichten, zeig' jener Rothhaut und seiner Tochter,« – sie deutete dabei auf Le Balafré und die verwittwete Tachechana, – »zeig' ihnen den Weg in ihr Dorf und laß uns zu ihnen sagen: »»Gott segne Euch und lebt wohl in demselben Athem.« »Sie sind des Pawnee Gefangenen nach den Regeln des indianischen Kriegs, und ich kann mich in seine Rechte nicht mischen.« »Bewahre, Mann! Er ist ein Betrüger und Versucher, und Niemand kann sagen, daß sie sicher sind bei seinen bösen Ränken. Nimm Rath von Einer an, der deine Ehre zu Herzen geht, und schick' die zauberische Jesabel fort!« Der Auswanderer legte seine breite Hand auf ihre Schulter, sah ihr fest ins Auge, und sagte mit einer dumpfen und zugleich ernsten Stimme: »Weib, wir haben andere Dinge vor uns, als die Thorheiten, die du argwöhnst. Denk', was geschehen muß, und gib deine thörichte Eifersucht zufrieden!« »Wahr, wahr,«' murmelte sein Weib, und ging zu ihren Töchtern, »Gott vergebe mir, daß ich es vergessen.« »Und nun, junger Mann, Ihr, die Ihr so oft in mein Geheg gekommen, unter dem Vorwand, die Biene in ihr Loch zu verfolgen,« begann Ismael nach einer kurzen Pause, gleichsam nachdem er das Gleichgewicht in seiner Seele wieder gewonnen, »mit Euch ist eine schwerere Rechnung abzumachen. Nicht zufrieden, mein Lager in Unordnung zu bringen, habt Ihr auch ein Mädchen weggestohlen, die eine Verwandte meines Weibes ist, und die ich einst zu meiner Tochter machen wollte.« Durch diese Fragen ward weit größere Spannung erregt, als durch die früheren. Alle jungen Leute richteten ihre Augen auf Paul und Ellen, von denen der Erstere in nicht geringer Verwirrung schien, während die Letztere verschämt ihr Antlitz aus ihren Busen neigte. »Hört, Freund Ismael Busch,« entgegnete der Bienenjager, der sich genöthigt sah, zugleich auf die Anklage des Raubs und der Entführung zu antworten. »Daß ich Euren Töpfen und Kisten nicht die höflichste Behandlung widerfahren ließ, will ich nicht leugnen. Wenn Ihr den Werth dieser Artikel sagen wollt, so könnte vielleicht der Schaden friedlich ersetzt und alle Feindschaft zwischen uns ausgeglichen werden. Ich war nicht in einer gesammelten Stimmung, als ich auf den Felsen kam, und gewiß wurde eben so viel zertreten, als gepredigt. Aber in des besten Mannes Kleid kann ein Loch durch Geld wieder gut gemacht werden. Was aber Ellen Wade betrifft, so möchten wir nicht so leicht einig werden. Ueber die Ehe hat Jeder seine besondere Meinung. Einige meinen, es sei genug, auf die Fragen des Beamten oder des Pfarrers, wenn einer zur Hand ist, ja und nein zu sagen, damit es ein ruhiges Haus gäbe; aber ich denke, daß, wenn eines Mädchens Sinn einmal eine gewisse Richtung eingeschlagen hat, es ganz klug sein möchte, auch ihren Leib folgen zu lassen. Doch will ich nicht sagen, Ellen habe, was sie that, ganz ohne Zwang gethan, und deßwegen ist sie so unschuldig an der Sache, als jener Packesel, der sie tragen mußte, und es auch gegen seinen Willen that, was er, wie ich schwören möchte, selbst sagen würde, wenn er so laut sprechen, als schreien könnte.« »Nelly,« begann der Auswanderer, der sehr wenig Acht auf das gehabt hatte, was Paul als eine sehr annehmliche und scharfsinnige Rechtfertigung betrachtet hatte, »Nelly, es ist eine weite, böse Welt, in die Ihr Euch so hastig gestürzt habt; Ihr habt ein Jahr lang in meinem Zelte gegessen und geschlafen, und ich hoffte, Ihr hättet die freie Luft der Grenzwohner hinlänglich nach Eurem Wunsche gefunden, um unter ihnen zu bleiben.« »Laßt dem Mädchen seinen Willen!« murmelte Esther hinten; »wer sie hatte überreden können, zu bleiben, der schläft in der kalten nackten Steppe, und man kann nicht hoffen, ihren Sinn zu ändern: Außerdem ist eines Weibes Sinn ein störriges Ding und nicht leicht von seinem Vorsatz abgebracht, wie du selbst weißt, Mann, sonst wäre auch ich nicht hier, die Mutter deiner Söhne und Töchter.« Der Auswanderer schien nicht Willens, seine Absichten mit dem beschämten Mädchen so leicht aufzugeben, und eh' er auf die Meinung seines Weibes antwortete, ließ er seinen gewöhnlichen finstern Blick an der Reihe seiner neugierigen Söhne hingehen, als ob er sehen wollte, ob keiner unter ihnen sei, der des Verstorbenen Stelle einnehmen könnte. Paul bemerkte bald diesen Blick und, die geheimen Gedanken des Andern, besser als gewöhnlich errathend, glaubte er auf ein Mittel gestoßen zu sein, das alle Schwierigkeiten wegräumen würde. »Es ist ganz klar, Freund Busch,« sagte er, »daß es zwei Meinungen über diese Sache gibt; Eure für Eure Söhne und meine für mich. Ich sehe nur ein Mittel, den Streit zu schlichten, und das ist folgendes: Wählt einen Eurer Jungen, welchen Ihr wollt, und laßt uns zusammen einige Meilen in die Steppe gehen; wer dahinter bleibt, kann nie Jemandes Haus beunruhigen, und wer zurückkommt, mag thun, was er kann, um sich die Gunst des Mädchens zu verschaffen.« »Paul!« rief die unwillige, aber gedämpfte Stimme Ellens. »Fürchte nichts, Nelly.« lispelte der einfache Bienenjäger, dessen gerades Gemüth keinen andern Grund von seiner Dame Unruhe sich denken konnte, als die Besorgniß für ihn. »Ich hab' Alles bedacht, und du kannst einem Auge trauen, das so manche Biene in ihre Höhle verfolgt hat.« »Ich mag mich nicht zum Beherrscher der Neigung aufwerfen,« bemerkte der Auswanderer. »Wenn das Herz des Kindes wirklich an den Colonieen hängt, so mag sie's sagen! Ich will ihr nicht im Wege stehen. Sprich, Nelly, und laß deine Worte aus dem Herzen kommen, ohne Furcht oder Gunst. Möchtest du uns verlassen, um mit diesem Jungen in die bebauten Gegenden zu ziehen, oder willst du bleiben und mit uns das Wenige theilen, was wir zu geben haben, was wir dir aber so gerne geben?« So zur Entscheidung aufgefordert, konnte Ellen nicht länger zögern; ihr Blick war Anfangs furchtsam und verstohlen. Aber als die Röthe über ihre Züge ging, und ihr Athmen schnell und beengt ward, zeigte es sich deutlich, daß der angeborne Verstand des Mädchens das Uebergewicht über die Schönheit ihres Geschlechtes davon trug. »Ihr nahmt mich vaterlos, eine arme, verlassene Waise auf,« sagte sie mit gepreßter Stimme, »während Andere, die mit Eurer Lage verglichen, in Ueberfluß lebten, mich vergessen wollten, und möge der Himmel in seiner Güte Euch dafür segnen! Das Wenige, was ich dagegen gethan, wird nie diese einzige Handlung Eurer Liebe vergelten. Mir gefällt Eure Lebensweise nicht; sie ist entgegen derjenigen meiner Kindheit, entgegen meinen Wünschen! Doch hättet Ihr nicht dieses sanfte, unschuldige Wesen ihren Freunden entführt, ich würde Euch nie verlassen haben, bis Ihr selbst gesagt: »Geh, und der Segen Gottes sei mit dir!« »Die Handlung war nicht weise, aber sie ward oft bereut, und soweit es füglich geschehen kann, soll sie wieder gut gemacht werden. Nun, sprich frei, willst du bleiben oder gehen?« »Ich hab' der Dame versprochen,« sagte Ellen und schlug die Augen wieder zu Boden, »sie nicht zu verlassen, und nachdem sie so großes Unrecht von Eurer Hand erduldet, mag sie ein Recht zu fordern haben, daß ich mein Wort halte.« »Nehmt dem Jüngling die Fesseln ab!« sagte Ismael. Als der Befehl ausgeführt war, winkte er alle seine Söhne herbei und stellte sie in eine Reihe vor Ellen. »Nun scherze nicht; öffne dein Herz! Da ist Alles, was ich außer einem herzlichen Willkomm anzubieten habe.« Das bestürzte Mädchen wandte ihren verschämten Blick von Einem zum Andern, bis ihr Auge auf die unruhigen, arbeitenden Mienen Paul's traf. Da siegte Natur über die Formen. Sie warf sich in die Arme des Bienenjägers und verkündete hinlänglich durch lautes Schluchzen ihre Wahl, Ismael winkte seinen Söhnen zurück, und sichtlich betrübt, wiewohl ihm vielleicht der Ausgang nicht unerwartet gekommen, zögerte er nicht länger: »Nimm sie,« sagte er, »und behandle sie ehrenvoll und freundlich. Das Mädchen hat etwas, was sie willkommen heißen sollte in jeden Mannes Haus, und es würde mich betrüben, hörte ich, es beträfe sie je ein Leid. Und nun hab' ich mit euch allen auf eine Weise gehandelt, die ihr, hoff' ich, nicht hart finden werdet, sondern im Gegentheil gerecht und männlich. Ich hab' nur noch eine Frage zu thun, und die ergeht an den Capitain. Wollt Ihr meine Gespanne zu der Reise in die Colonieen benutzen oder nicht?« »Ich höre, einige Soldaten meines Haufens suchen nach mir nahe in den Dörfern der Pawnee,« sagte Middleton, »und ich bin Willens, diesen Häuptling zu begleiten, um mich mit meinen Leuten zu vereinigen.« »Dann je eher wir uns trennen, desto besser. Pferde sind im Ueberfluß in dem Grund; geht, wählt und verlaßt uns in Frieden!« »Das ist unmöglich, so lange der Greis, der ein halbes Jahrhundert fast der Freund meiner Familie gewesen, Gefangener bleibt. Was hat er gethan, daß er nicht entfesselt wird?« »Thut keine Fragen, die zu bösen Antworten führen möchten,« entgegnete finster der Auswanderer; »ich hab' meine eigenthümlichen Geschäfte mit diesem Streifschützen, in die sich zu mischen einem Diener der Staaten nicht zukommen möchte. Geht, so lange Euch der Weg offen steht!« »Der Rath mag gut sein, und ein Rath, den zu hören euch allen dienen möchte,« bemerkte der alte Gefangene, der gar nicht unruhig über die außerordentliche Lage schien, worin er sich befand. »Die Sioux sind eine zahllose, blutgierige Race, und Niemand mag sagen, wie lang es dauern kann, ehe sie wieder aus sein werden auf der Spur nach Rache. Deßwegen sage ich euch auch, geht und gebt besonders Acht, wenn ihr über die Niederungen geht, daß ihr nicht wieder vom Feuer umzingelt werdet; denn die ehrlichen Jäger brennen oft zu dieser Zeit das Gras nieder, damit die Büffel weichere und grünere Weide finden im Frühling.« »Ich würde nicht nur meine Dankbarkeit, sondern auch meine Pflicht gegen die Gesetze vergessen, ließe ich diesen Gefangenen selbst mit seiner Einwilligung in Eurer Hand, ohne die Art seines Verbrechens zu kennen, in welchem wir alle seine unschuldigen Mitschuldigen gewesen sein könnten.« »Werdet Ihr zufrieden sein, wenn Ihr hört, daß er Alles verdient, was ihm widerfährt?« »Es wird wenigstens meine Meinung von seinem Charakter ändern!« »So seht denn hierher,« sagte Ismael, und hielt dem Capitain die Kugel vor, die in dem tobten Asa gefunden worden, »mit diesem Stück Blei hat er den schönsten Jungen niedergestreckt, der je die Freude seiner Eltern war.« »Ich kann nicht glauben, daß er es gethan, es sei denn zur Selbstvertheidigung oder durch Anreizung. Daß er von dem Tode Eures Sohns wußte, gesteh' ich, denn er deutete nach dem Gehölz, worin der Leichnam lag, aber daß er auf eine schändliche Art ihm das Leben genommen, das zu glauben, könnte mich nur sein eigenes Geständniß vermögen.« »Ich hab' lange gelebt,« begann der Streifschütz, welcher an dem allgemeinen Schweigen bemerkte, daß man erwartete, er werde sich gegen die schwere Beschuldigung vertheidigen, »und viel Böses hab' ich zu meiner Zeit gesehen. Viel sind der herumschweifenden Bären und springenden Panther, auf die ich getroffen, wie sie um das Stück kämpften, das ihnen in den Weg geworfen, und viel sind der vernünftigen Leute, die ich bis zum Tode mit einander habe kämpfen sehen, damit die menschliche Thorheit auch ihre Stunde habe. Was mich betrifft, so hoffe ich, kann ich ohne Rühmen sagen, daß, obwohl diese Hand Unrecht und Druck hat bekämpfen müssen, sie nie einen Schlag versetzte, worüber ihr Eigner beschämt zu sein brauchte, wenn er ihn auf seine Rechnung gesetzt hört, die er bald einem Mächtigeren wird ablegen müssen.« »Wenn mein Vater einem seines Stammes das Leben genommen,« sagte der junge Pawnee, dessen schnelles Auge an der Kugel und den Mienen gesehen hatte, was vorging, »so mag er sich den Freunden des Todten als ein Krieger übergeben; er ist zu gerecht, um in Banden zum Gericht geführt werden zu müssen.« »Jüngling, ich hoffe, du lässest mir Gerechtigkeit widerfahren! Wenn ich die böse That begangen, deren sie mich beschuldigen, hab' ich wohl Stärke genug, zu kommen und mein Haupt dem rächenden Schlag zu unterwerfen, wie dies auch alle gute, ehrliche Rothhäute thun.« Dann auf seinen fürchtenden indianischen Freund einen Blick werfend, der ihn von seiner Unschuld überzeugen sollte, wandte er sich zu seinen übrigen aufmerksamen, teilnehmenden Zuhörern, und fuhr auf Englisch fort: »Ich hab' eine kurze Erzählung, und wer sie glaubt, wird die Wahrheit glauben; wer nicht, wird sich nur irre führen und vielleicht Andere auch. – Wir umgingen alle Euer Lager, Freund, Ihr werdet es jetzt selbst vermuthen, weil wir gehört, daß es eine bedrückte, gefangene Dame enthielt, und wollten nichts mehr und nichts weniger, als sie in Freiheit setzen, wie sie nach der Natur und dem Recht verlangen konnte. Weil man bemerkt hatte, daß ich besser im Spähen wäre, als die Andern, ward ich, während sie im Hinterhalt blieben, auf die Steppe geschickt, um zu recognosciren. Ihr dachtet wohl nicht, daß einer so nahe wäre, der Eure ganze Jagd mit ansah, aber bald lag ich flach auf der Erde hinter einem Busch oder Gestrüpp, bald rollte ich einen Hügel hinunter auf den Grund, und so dachtet Ihr wenig daran, daß Eure Schritte bewacht würden, wie der Panther bewacht das trinkende Reh. Himmel, Wanderer, als ich ein Mann war im Stolz und der Stärke meiner Tage, hab' ich hineingesehen in die Zeltthüre des Feindes; er schlief und träumte auch, er war' zu Haus und in Frieden! Ich wünschte, ich hätte Zeit, Euch die Einzel – –« »Fahrt fort in Eurer Erzählung.'« fiel der ungeduldige Middleton ein. »Ei, und ein blutiger, böser Anblick war es. Da lag ich im niedern Grasbett, als zwei Jäger aneinander kamen. Ihr Begegnen war nicht herzlich, nicht so, wie es bei Männern, die in einer Wüste auf einander treffen, sein sollte; aber ich dachte, sie würden in Frieden geschieden sein. Da sah ich den einen seine Flinte auf des andern Rücken richten, und nach meiner Meinung einen verrätherischen, fündigen Mord begehen. Es war ein edler, männlicher Junge, der Bursche! Obwohl das Pulver auf seinem Rock brannte, bestand er den Schuß langer, als eine Minute, ehe er fiel. Dann kam er zu knieen und einen verzweifelten, männlichen Kampf focht er am Gehölz, wie ein verwundeter Bär, der ein Versteck sucht.« »Und warum, um der himmlischen Gerechtigkeit willen, verbargt Ihr dies?« rief Middleton. »Was! Meint Ihr, Capitain, ein Mann, der sechs Jahrzehnde in der Wildniß zugebracht, habe nicht die Tugend der Verschwiegenheit gelernt? Welcher rothe Krieger läuft, was er gesehen, zu erzählen, ehe die rechte Zeit gekommen? Ich nahm den Doctor mit zur Stelle, um zu sehen, ob seine Kunst nicht von Nutzen sein möchte, und unser Freund, der Bienenjäger, der dabei war, wußte davon, daß die Büsche den Leichnam enthielten.« »Ja, es ist wahr,« sagte Paul; »aber da ich nicht wußte, welche besondere Gründe der alte Streifschütz haben möchte, um die Sache zu verdecken, sagte ich so wenig als möglich davon; und das war gerade gar nichts.« »Und wer war der Thäter?« fragte Middleton. »Dort steht der Mann, und ein Schimpf, eine Schande ist es für unser Geschlecht, daß er zum Blut und zur Familie des Ermordeten gehört.« »Er lügt, er lügt!« schrie Abiram, »ich mordete ihn nicht, ich gab nur Schlag für Schlag.« Die Stimme Ismaels war tief und selbst erschütternd, als er antwortete: »Genug. Laßt den Alten gehen. Jungen, bindet statt seiner den Bruder Eurer Mutter!« »Berührt mich nicht!« rief Abiram. »Gott verfl – ch Euch, wenn Ihr mich berührt!« Der wilde, zerstörte Blick seines Auges brachte zuerst die junge n Leute zum Stehen; aber als Abner, älter und entschlossener, als die übrigen, gerade auf ihn losschritt mit einer Miene, die den feindlichen Zustand seines Gemüths verrieth, wandte sich der erschrockene Verbrecher, machte einen vergeblichen Versuch zu fliehen, und fiel mit dem Gesicht auf den Boden, dem Anschein nach vollkommen todt. Unter dem dumpfen Ausruf des Schrecks, welcher folgte, machte Ismael eine Geberde, die den Söhnen befahl, den Leichnam in ein Zelt zu bringen. »Nun,« sagte er, zu den Fremden in seinem Lager gewandt, »nun bleibt nichts übrig, als daß jeder seinen Weg geht. Ich wünsch' Euch allen Wohlergehen, und du Ellen, wenn du auch die Gabe nicht schätzen magst, ich sage dir: Gott segne dich!« Middleton, wie angedonnert von dem, was er für ein offenbares Gottesurtheil hielt, zögerte nicht länger und bereitete sich zum Abzug. Die Vorkehrungen waren kurz und bald vollendet. Als sie alle bereit waren, nahmen sie kurzen, schweigenden Abschied von dem Wanderer und seiner Familie, und dann sah man das Ganze des sonderbar zusammengesetzten Haufens langsam und schweigend dem siegreichen Pawnee nach seinen fernen Dörfern folgen. Zweiunddreißigstes Kapitel. »Und ich beschwöre euch, Maßt des Gesetzes Macht euch selbst jetzt an; Um großes Recht zu thun, ein wenig Unrecht selbst.« Shakespeare.   Ismael wartete lange und geduldig, bis der langsame Zug Hartherzens verschwunden. Als sein Kundschafter verkündete, daß der letzte Nachzügler der Indianer, die sich mit ihrem Herrn vereinigt hatten, so bald er so weit vom Lager war, daß sie durch ihre Anzahl keinen Verdacht mehr erregten, hinter der entferntesten Anhöhe der Steppe sei, so ließ er den Befehl zum Abbruch der Zelte ergehen. Die Thiere waren schon an den Deichseln, und das Geräth war bald auf den verschiedenen Wagen an seinen gewöhnlichen Ort gebracht. Als alle diese Vorkehrungen getroffen waren, wurde der kleine Wagen, der so lange das Fuhrwerk von Inez gewesen, vor das Zelt gefahren, worin der empfindungslose Leib des Menschenhändlers niedergelegt worden, und augenscheinlich wurden Vorkehrungen zur Aufnahme eines andern Gefangenen getroffen. Da erschien Abiram, blaß, erschreckt, schwankend unter der Last seiner entdeckten Schuld, so daß jetzt erst die jüngern Glieder der Familie erfuhren, daß er noch zu der Classe der Lebenden gehöre. Eine allgemeine, abergläubische Meinung hatte sich unter ihnen verbreitet, sein Verbrechen sei durch eine furchtbare Vergeltung vom Himmel heimgesucht worden, und sie staunten ihn jetzt als ein Wesen an, das eher zu einer andern Welt gehörte, als zu den Sterblichen, das noch wie sie den letzten Todeskampf zu bestehen habe, ehe die große Kette des menschlichen Daseins gebrochen werden konnte. Der Verbrecher selbst erschien in einem Zustande, in welchem der gefühlteste, niederschlagendste Schreck sonderbar mit gänzlicher körperlicher Empfindungslosigkeit verbunden war. Die Sache war, während sein Körper durch den Schlag vernichtet worden, hielt seine Empfänglichkeit für Furcht seinen bewegten Geist in ununterbrochener Trauer. Als er sich in der freien Luft fand, sah er um sich, um, wo möglich, einige Zeichen von seinem künftigen Schicksal aus dem Antlitz derer zu lesen, die sich um ihn sammelten. Da er überall ernste, aber gesammelte Mienen sah, und in keinem Auge einen Ausdruck fand, der unmittelbare Gewaltthätigkeit drohte, begann der Unglückliche wieder aufzuleben, und als er im Wagen saß, brütete sein listiger Verstand über den Mitteln, der gerechten Rache seiner Verwandten zu entgehen, oder, wenn dies fehlschlagen sollte, einer Strafe zu entfliehen, welche, wie seine Ahnungen ihm sagten, furchtbar sein würde. Unter allen diesen Vorbereitungen hatte Ismael selten gesprochen; eine Miene, ein Blick hatte hingereicht, seinen Willen seinen Söhnen anzudeuten, und mit diesen einfachen Verständigungsmitteln schienen alle Theile vollkommen zufrieden. Als das Zeichen zum Aufbruch gegeben ward, warf der Auswanderer seine Büchse in seinen hohlen Arm und die Art über die Schulter, und trat wie gewöhnlich an die Spitze. Esther hatte sich in den Wagen unter ihre Töchter vergraben. Die jungen Leute nahmen ihre gewöhnlichen Stellen um das Vieh ein, oder an den Gespannen, und das Ganze schritt in dem gewöhnlichen, trübseligen, aber ausdauernden Schritte fort. Erst kehrte der Wanderer viele Tage lang seinen Rücken dem Untergang der Sonne zu. Der Weg, den er einschlug, war nach dem bewohnten Lande zu, und die Weise, wie er fortschritt, zeigte hinlänglich seinen Kindern, die ihres Vaters Entschlüsse in seinen Mienen zu lesen gelernt hatten, daß ihre Reise in der Steppe bald ein Ende haben werde. Noch hörte man seit Stunden nichts, was das Dasein einer plötzlichen, gewaltsamen Umwälzung in den Plänen und Gefühlen Ismael's verrathen mochte. Während dieser ganzen Zeit zog er allein, einige hundert Schritte vor seinen Gespannen, selten ungewöhnliche Erregung zeigend. Ein- oder zweimal freilich sah man seine hohe Gestalt auf dem Gipfel einer fernen Anhöhe stehen, das Haupt zur Erde geneigt und auf die Büchse gelehnt. Aber dann waren diese Augenblicke ernsten Nachdenkens selten und von kurzer Dauer. Der Zug hatte lange schon seine Schatten gegen Osten geworfen, ehe eine wesentliche Veränderung mit der Richtung ihres Marsches vorging. Wasser wurden durchwadet, Ebenen überschritten, wellenförmige Erhöhungen auf- und abgestiegen, ohne daß die geringste Veränderung vorging. Lange geübt in den Schwierigkeiten dieser besondern Art zu reisen, die er angefangen, vermied der Wanderer die größeren Hindernisse des Weges durch einen gewissen Instinkt, unabänderlich zur Rechten oder Linken seiner Zeit sich wendend, je nachdem die Bildung des Landes, die Gegenwart von Bäumen, oder die Zeichen von Flüssen ihn an die Nothwendigkeit solcher Bewegungen ermahnte. Endlich erschien die Stunde, wo Güte gegen Menschen und Vieh einen Aufschub der Mühseligkeit für einige Zeit nöthig machte. Ismael wählte den Ort mit all seiner gewöhnlichen Bedachtsamkeit. Die regelmäßige Bildung des Landes, so, wie sie auf den ersten Blättern unserer Erzählung beschrieben worden, war lange von einer ungleicheren und mehr unterbrochenen Oberfläche abgelöst. Zwar waren es im Allgemeinen dieselben weiten, leeren Wüsten, dieselben reichen, ausgedehnten Gründe, und jene wilde, sonderbare Vereinigung von blühenden Gefilden und Nacktheit, die jener Gegend den Anschein eines alten Landes gibt, das auf unbegreifliche Weise seiner Bewohner und Wohnungen beraubt worden. Aber diese auszeichnenden Züge einer wellenförmigen Steppe waren lange von ungeregelten Hügeln, gelegentlichen Felsmassen und breiten Wälder-Gürteln unterbrochen worden. Ismael wählte eine Quelle, die an einem Felsen gegen vierzig bis fünfzig Fuß hoch entsprang, als einen zu den Bedürfnissen seiner Heerden am besten passenden Ort, Das Wasser benetzte ein kleines Thal, das unten lag, und für die befruchtende Gabe spärlichen Graswuchs bot. Eine einsame Weide hatte in der Anschwemmung Wurzel gefaßt, und den ausschließenden Besitz des Bodens benutzend, schickte der Baum seinen Stamm weit über die Zinne des anliegenden Felsens hinaus, dessen spitziger Gipfel einst von den Zweigen beschattet worden. Aber seine Lieblichkeit war gewichen mit der geheimnißvollen Quelle des Lebens. Gleichsam zum Spott über den mageren Anblick der Grüne, den der Boden gewährte, blieb er ein edles, hohes Denkmal der früheren Fruchtbarkeit. Die größeren, zerrissenen, abenteuerlichen Zweige drängten sich noch hervor, während der weiße, rauhe Stamm nackt und vom Wetter zerschlagen dastand. Nicht ein Blatt, nicht ein Zeichen von Trieb war an ihm zu sehen; überall verkündete er die Gebrechlichkeit des Daseins und die Erfüllung der Zeit. Hier warf Ismael, nachdem er dem Zug das gewöhnliche Zeichen der Annäherung gegeben, seine hohe Gestalt aus den Boden und schien über die schwere Bedrängniß seiner Lage nachzudenken. Seine Söhne langten bald an, denn das Vieh roch kaum Futter und Wasser, als es seinen Schritt beschleunigte, und dann folgte der gewöhnliche Lärm und die Geschäfte einer Lagerung. Der Eindruck, den der Auftritt dieses Morgens auf die Kinder Ismael's und der Esther gemacht hatte, war nicht so tief und dauernd, daß er ihnen die Bedürfnisse der Natur in Vergessenheit gebracht. Aber während die Söhne unter ihrem Vorrath nach etwas Kräftigem suchten, ihren Hunger zu stillen, und der jüngere Schwarm um seine einfachen Gerichte sich sammelte, waren die Eltern der übelberathenen Familie sehr verschieden beschäftigt. Als der Wanderer sah, daß Alles, selbst der wiederauflebende Abiram, daran waren, ihre Eßlust zu befriedigen, warf er seiner niedergeschlagenen Gefährtin einen Blick zu, und zog sich nach einer fernen Erhöhung des Landes zurück, die die Aussicht nach Osten begrenzte. Die Zusammenkunft des Paares an dieser nackten Stelle war gleich einer Unterredung über dem Grabe ihres ermordeten Sohnes. Ismael bedeutete sein Weib, an einem Felsstück niederzusitzen, und dann folgte eine Weile, während der keines geneigt schien, zu sprechen. »Wir sind lange zusammen gezogen durch Gutes und Böses,« begann endlich Ismael; »viele Prüfungen haben wir überstanden, und manchen bittern Kelch mußten wir leeren, mein Weib, aber nichts diesem Aehnliches fand je ich auf meinem Pfade.« »Es ist ein schweres Kreuz für ein armes, irregeleitetes, sündhaftes Weib zu tragen!« entgegnete Esther, beugte ihr Haupt auf ihr Knie und hüllte halb ihr Gesicht ein in ihr Gewand, »Eine schwere, gewichtige Last ist es, die gelegt ward auf die Schultern einer Schwester und Mutter.« »Ja, darin liegt das Schwierige des Falles. Ich hatte mich ohne große Mühe zur Bestrafung dieses hauslosen Streifschützen entschlossen; denn der Mann hatte mir wenig Gutes erwiesen, und Gott vergebe mir, daß ich mit Unrecht ihn so vieles Bösen beargwöhnte. Doch das heißt nur Beschämung durch die eine Thür meiner Wohnung hereinbringen, um sie durch die andere hinauszutreiben. Aber soll mein Sohn gemordet werden, und der es that frei herumgehen? Der Junge würde nie Ruhe finden!« »O Ismael, wir treiben die Sache zu weit! Wär' weniger gesagt worden, wir würden weiser gewesen sein! Unser Gewissen könnte ruhen.« »Esther,« sagte der Mann, und warf einen vorwerfenden aber doch milden Blick auf sie; »es gab eine Zeit, Weib, wo du meintest, eine andere Hand habe diese Schandthat gethan?« »Ja, ich dacht's; der Herr gab mir dies Gefühl als Strafe für meine Sünden; aber seine Gnade zögerte nicht, den Schleier zu lüften. Ich sah in das Buch, Ismael, und da fand ich Worte des Trostes.« »Hast du das Buch zur Hand, Weib? es könnte geschehen, daß es uns rathe in so traurigem Falle.« Esther griff in die Tasche, und brachte bald ein Stück von einer Bibel hervor, das beschmutzt und rußig geworden, bis der Druck fast unleserlich war. Es war der einzige Artikel aus dem Büchergeschlecht, der unter dem Geräthe des Wanderers zu finden war, und sein Weib hatte es aufbewahrt als eine traurige Reliquie ihrer glücklicheren und vielleicht unschuldigeren Tage. Sie war lange gewohnt gewesen, zu ihm ihre Zuflucht zu nehmen, wenn Umstände sie drängten, die über menschliche Hülfe hinaus waren; obgleich ihr Geist und ihre Entschlossenheit ihr selten eine Hülfe in den Fällen nöthig machte, welchen durch gewöhnliche Mittel abgeholfen werden konnte. Auf diese Weise hatte Esther das Wort Gottes zu ihrem beständigen Begleiter gemacht, bemühte es jedoch selten um Rath, außer wenn ihr eigenes Unvermögen, ein Uebel abzuwenden, zu deutlich war. Wir wollen es den Casuisten überlassen, zu bestimmen, in wie weit sie in diesem Puncte andern Gläubigen glich, und gerade in unserer Geschichte fortfahren. »Es sind viele hohe Stellen auf diesen Seiten, Ismael,« sagte sie, als der Band geöffnet worden, und die Blätter sich langsam unter ihrem Finger bewegten; »und manche auch lehren die Regeln der Bestrafung.« Ihr Gemahl nickte ihr, eine von jenen kurzen Verhaltungsregeln aufzusuchen, welche von allen christlichen Völkern als die unmittelbaren Befehle des Schöpfers angenommen worden sind, und welche so richtig befunden worden, daß selbst die, welche ihr hohes Ansehen leugnen, ihre Weisheit anerkennen. Ismael hörte mit großer Aufmerksamkeit, als seine Lebensgefährtin alle jene Verse las, die ihr ihr Gedächtniß eingab, und die sie für anwendbar auf die Lage hielt, in der sie sich befanden. Er ließ sich die Worte zeigen, und betrachtete sie mit einer Art ganz besonderer Verehrung. Ein einmal gefaßter Entschluß war gewöhnlich bei ihm, der so schwierig sich bewegen ließ, unwiderruflich. Er legte seine Hand auf das Buch, und machte es selbst zu, zum Zeichen für sein Weib, daß er zufrieden wäre, Esther, die so gut seinen Charakter kannte, zitterte bei dieser Bewegung, und sagte mit einem Blick auf sein festes, zusammengezogenes Auge: »Und doch, Ismael, mein Blut und das Blut meiner Kinder fließt in seinen Adern! Kann nicht Gnade geschehen?« »Weib,« antwortete er ernst, »als wir meinten, der arme alte Streifschütz habe die That gethan, ward nichts von Gnade gesprochen!« Esther antwortete nicht; sie faltete die Hände auf der Brust und saß schweigend und gedankenvoll lange Zeit. Dann blickte sie wieder auf ihren Gemahl, in dessen Gesicht sie alle Leidenschaft und Sorge in der kältesten Unempfindlichkeit, wie es schien, begraben sah. Gewiß jetzt, als das Schicksal ihres Bruders fest beschlossen war, und vielleicht sich bewußt, wie sehr er die Strafe verdiente, die man beabsichtigte, dachte sie nicht ferner an Vermittelung. Nichts weiter ward zwischen ihnen gesprochen. Ihre Augen trafen für einen Augenblick auf einander, und dann standen Beide auf und gingen im tiefsten Schweigen nach dem Lager. Der Auswanderer fand seine Kinder auf seine Rückkehr in der gewöhnlichen stillen Weise warten, womit sie allen Ereignissen entgegen sahen. Das Vieh war schon gesammelt, die Pferde an der Deichsel, Alles war bereit aufzubrechen, sobald er so seinen Willen äußere. Die Kinder waren schon in ihrem Wagen, und kurz, nichts verzögerte den Abzug, als die Abwesenheit der Eltern von dem wilden Haufen. »Abner,« sagte der Vater mit der Bedächtigkeit, die all' seine Schritte auszeichnete, »nimm den Bruder deiner Mutter vom Wagen und bring ihn zur Erde.« Abiram kam aus seinem Versteck hervor, zitternd zwar; aber noch gar nicht ohne alle Hoffnung, es werde ihm endlich gelingen, den gerechten Zorn seines Verwandten zu besänftigen. Nachdem er in dem eitlen Wunsch, er werde ein Antlitz finden, worin er einen Strahl des Mitgefühls entdecken könnte, einen Blick um sich geworfen, bemühte er sich, jene Angst zu beschwichtigen, welche um diese Zeit in all' ihrer natürlichen Heftigkeit wieder erwachte, indem er eine Art freundlicher Unterredung zwischen sich und dem Wanderer erzwinge. »Die Thiere sind ermattet, Bruder,« sagte er, »und da wir schon einen so guten Weg gemacht, ist es da nicht Zeit, sich zu lagern? Nach meiner Meinung könnt Ihr weit gehen, ehe ein besserer Ort gefunden wird, um die Nacht zuzubringen.« »Gut, wenn er Euch gefällt! Euer Bleiben hier wird wohl lang währen. Meine Söhne, kommt näher und hört. Abiram White,« sagte er, lüftete die Mütze und sprach mit einer Feierlichkeit und Würde, die selbst seine finstere Miene imponirend machte, »Ihr habt meinen Erstgebornen erschlagen, und nach menschlichen und göttlichen Gesetzen müßt Ihr sterben!« Der Seelenverkäufer erstarrte bei diesem fürchterlichen und unerwarteten Spruch in einem Schrecken, den der verrathen würde, welcher sich plötzlich im Bereich eines Ungeheuers befindet, aus dessen Gewalt keine Rettung ist. Obgleich mit den ernsthaftesten Ahnungen dessen erfüllt, was sein Loos sein könnte, war doch sein Muth nicht stark genug gewesen, der Gefahr in's Antlitz zu sehen; und mit der trügerischen Hoffnung, womit furchtsame Gemüther gerne ihre verzweifelte Lage vor sich verbergen, hatte er sich mehr auf die eitele Hülfe seiner List verlassen, als daß er sich auf das Schlimmste gefaßt gemacht. »Sterben!« wiederholte er mit einer Stimme, die kaum aus seiner Brust hervordrang; »man ist doch wohl sicher unter seinen Freunden!« »So meinte mein Junge,« entgegnete der Wanderer und winkte dem Gespann, das sein Weib und die Mädchen enthielt, fortzufahren, während er sehr kaltblütig den Hahn seiner Büchse untersuchte. »Mit der Feuerwaffe tödtetest du meinen Sohn, und es ist schicklich und recht, daß dich der Tod durch dieselbe Waffe treffe.« Abiram starrte mit einem Blick um sich, der für einen Augenblick eine gestörte Vernunft verrieth. Er lachte sogar, als wolle er nicht nur sich selbst, sondern auch Andere überreden, was er hörte, sei irgend ein Scherz, beabsichtigt, seine Standhaftigkeit zu versuchen. Aber nirgends traf seine furchtbare Freude auf einen antwortenden Wiederhall. Alles ringsum war feierlich und still. Die Gesichter seiner Neffen waren erregt, aber kalt gegen ihn, und das seines früheren Gefährten schreckhaft entschlossen. Gerade diese Festigkeit in der Miene war tausendmal beunruhigender und hoffnungsloser für ihn, als jede gewaltthätige Handlung gewesen sein würde. Das Letztere hätte vielleicht seinen Geist erregt und Widerstand erweckt; aber das Erstere überließ ihn gänzlich seinen eigenen Hülfsmitteln. »Bruder,« sagte er in einem schnellen, unnatürlichen Lispeln, »hörte ich recht?« »Meine Worte sind deutlich, Abiram White; Ihr habt gemordet, und dafür müßt Ihr sterben!« »Wo ist Esther? Schwester, Schwester, willst du mich verlassen! O Schwester, hörst du meinen Ruf?' »Ich hör' Einen aus dem Grabe sprechen!« entgegneten die rauhen Töne der Esther, während der Wagen an der Stelle vorüberging, wo der Verbrecher stand. »Es ist die Stimme meines Erstgebornen, der laut nach Gerechtigkeit ruft; Gott habe Gnade mit deiner Seele!« Das Gespann setzte langsam seinen Weg fort, und der verlassene Abiram fand sich jetzt aller Hoffnung beraubt. Noch konnte er nicht Stärke gewinnen, dem Tod entgegen zu treten, und hätten seine Glieder ihm nicht alle Unterstützung versagt, er würde jetzt noch zu fliehen versucht haben. Dann fiel er in einem plötzlichen Uebergang von Hoffnung zur äußersten Verzweiflung auf seine Kniee und begann ein Gebet, worin Geschrei um Gnade zu Gott und zu seinem Verwandten wild und gotteslästerlich sich mischte. Ismael's Söhne wandten sich entsetzt von einem so widerlichen Anblick weg, und selbst die finstere Natur des Auswanderers fing an, vor solchem verworfenen Elend zu weichen. »Möge das, was Ihr von ihm verlangt, Euch gewährt werden,« sagte er; »aber ein Vater kann nie ein gemordetes Kind vergessen.« Ihm ward durch die demüthigsten Bitten um Aufschub geantwortet. Eine Woche, ein Tag, eine Stunde, all' dies ward mit einem Ernst erfleht, der dem Werth angemessen war, den sie empfangen, wenn ein ganzes Leben in ihre kurze Dauer zusammengedrängt ist. Der Auswanderer ward wirre und gewährte endlich zum Theil die Bitten des Verbrechers. Sein endlicher Vorsatz ward nicht geändert, obwohl er andere Mittel zählte; »Abner,« sagte er, »steig' auf den Felsen und steh', nach jeder Seite, daß wir sicher sind, Niemand sei nahe.« Während sein Neffe dem Auftrag gehorchte, sah man Strahlen wiederauflebender Hoffnung über die beruhigten Züge des Seelenverkäufers schießen. Die Botschaft war günstig; nichts Lebendiges, die abziehenden Gespanne ausgenommen, war zu sehen. Doch kam von diesen ein Bote, wie's schien in großer Eile. Ismael wartete seine Ankunft ab; er empfing aus den Händen eines seiner verwunderten und bestürzten Mädchen ein Bruchstück von jenem Buch, das Esther mit so vieler Sorgfalt aufbewahrt hatte. Der Wanderer winkte das Kind weg und gab die Blätter dem Verbrecher. »Esther schickt Euch dies,« sagte er, »daß in Euern letzten Augenblicken Ihr an Gott denken möget.« »Er segne sie; eine gute, freundliche Schwester ist sie gegen mich gewesen! Aber Zeit muß mir gelassen werden, daß ich's lesen kann; Zeit, Bruder, Zeit!« »Zeit soll Euch nicht fehlen. Ihr sollt Euer eigener Henker sein, und dies traurige Amt sollen meine Hände nicht verrichten.« Ismael machte Anstalt, seinen neuen Entschluß in Ausführung zu bringen. Die unmittelbare Besorgniß des Seelenverkäufers war durch eine Versicherung, daß er noch Tage leben könne, obgleich sein Schicksal unvermeidlich sei, beruhigt worden. Ein Aufschub brachte in einem so verworfenen und schlechten Menschen, wie Abiram, auf einige Zeit dieselbe Wirkung hervor, wie eine Begnadigung. Er war selbst voran, die schrecklichen Vorkehrungen treffen zu helfen, und von all' den Handelnden in diesem feierlichen Drama war seine Stimme allein gesprächig und scherzhaft. Eine schmale Spitze des Felsens dehnte sich unter einem der hohen Aeste einer Weide aus. Sie befand sich viele Fuß über dem Boden und war wunderbar passend zu dem Zweck, zu welchem in der That ihre Beschaffenheit Veranlassung gegeben. Auf diese kleine Plattform ward der Gefangene gestellt; seine Arme waren an den Ellenbogen, ohne alle Möglichkeit sich zu befreien, mit einem tüchtigen Strick auf den Rücken gebunden, während ein anderer von seinem Nacken an den Ast ging. Der letztere war so eingerichtet, daß, wenn er angebunden war, der Körper mit dem Fuß keinen Halt gewinnen konnte. Das Bruchstück von der Bibel wurde ihm gegeben, und er so zurückgelassen, Trost, so gut er konnte, aus ihren Seiten zu suchen. »Und nun, Abiram White,« sagte der Wanderer, als seine Söhne nach vollendetem Werk herabgekommen waren, »leg' ich Euch eine letzte, feierliche Frage vor. Tod ist vor dir in zwei Gestalten. Mit dieser Büchse kann dein Elend schnell, durch diesen Strick früher oder später abgekürzt werden.« »Laß mich noch leben! O Ismael, du weißt nicht, wie süß das Leben ist, wenn die letzten Augenblicke so nahe sind.« »Es ist geschehen,« sagte der Auswanderer, und winkte den Beistehenden, den Heerden und Gespannen zu folgen. »Und nun, Unglücklicher, dich zu trösten in deinem Tod, vergeb' ich dir deine Schuld und überlaß dich deinem Gott!« Ismael wandte sich darauf, und setzte seinen Weg über die Ebene in seinem gewöhnlichen, lässigen, schweren Schritt fort. Obwohl sein Haupt etwas zur Erde geneigt war, versuchte ihn doch nicht sein unthätiges Gemüth, einen Blick hinter sich zu werfen. Einmal freilich glaubte er seinen Namen rufen zu hören, und das in einem etwas beengten Ton, aber das konnte ihn nicht zum Stehenbleiben bewegen. An der Stelle, wo er und Esther sich besprochen hatten, erreichte er die Grenze des vom Felsen aus sichtbaren Horizontes. Hier stand er und wagte einen Blick nach der Stelle, die er eben verlassen. Die Sonne wollte sich gerade hinter den Ebenen hinabtauchen, und ihre letzten Strahlen erleuchteten die nackten Arme der Weide. Er sah die rohen Abrisse des Ganzen wider den glühenden Himmel hingegossen, und unterschied selbst die noch aufrechte Gestalt des Wesens, das er seinem Elend überlassen. Die Spitze der Erhöhung verlassend, schritt er weiter mit dem Gefühl eines Mannes, der für immer plötzlich und gewaltsam von einem Gefährten sich getrennt. In einer Meile holte der Wanderer seine Gespanne ein; seine Söhne hatten eine zu einer Lagerung für die Nacht passende Stelle gefunden und erwarteten nur, daß er bei seiner Ankunft ihre Wahl bestätige. Wenige Worte waren nöthig, seine Einwilligung darzulegen; Alles ging in einem allgemeineren und auffallenderen Schweigen vor als gewöhnlich. Esther's Schelten hörte man nicht unter ihren Kleinen, oder wenn es sich hören ließ, waren es mehr Töne sanfter Ermahnung, als Ausbrüche in ihrem gewöhnlichen, zu hoch getriebenen Schlüssel. Keine Fragen, keine Erklärungen fanden zwischen Mann und Frau statt. Erst als die letztere sich für die Nacht zu ihren Kindern begeben wollte, bemerkte jener, daß sie einen flüchtigen Blick auf die Pfanne seiner Büchse warf. Ismael hieß seine Söhne zur Ruhe gehen, und verkündete seine Absicht, selbst für die Sicherheit des Lagers zu sorgen. Als Alles still war, ging er hinaus auf die Steppe, da er fand, daß ihm das Athmen unter den Zelten zu beschwerlich ward. Die Nacht war sehr geeignet, die Gefühle zu erhöhen, welche durch die Begebenheiten des Tags in ihm erregt worden waren. Der Wind hatte sich mit dem Aufgang des Mondes erhoben und rauschte zuweilen auf eine Weise über die Steppe, die es der Schildwache leicht machte, sich einzubilden, sonderbare, überirdische Töne mischten sich in das Sausen. Den außerordentlichen Antrieben, deren Beute er war, nachgebend, warf er einen Blick um sich, zu sehen, ob Alles in Sicherheit schlummre, und dann schritt er nach der schon erwähnten Anhöhe. Hier befand sich der Auswanderer auf einem Punct, der eine Aussicht nach Osten und Westen beherrschte. Leichte, flockichte Wolken trieben vor dem Mond, der kalt und neblicht war, obwohl es Augenblicke gab, wo seine ruhigen Strahlen von klaren, blauen Feldern herabschossen, und die Gegenstände zu seiner eignen milden Lieblichkeit sänftigten. Zum ersten Mal in einem Leben voll von so vielen wilden Abenteuern, fühlte Ismael empfindlich seine Einsamkeit. Die nackten Steppen begannen die Formen unbegrenzter, trauriger Wüsten anzunehmen, und das Rauschen des Windes ertönte wie das Lispeln der Todten. Nicht lange und er glaubte ein Schrei werde vom Wind zu ihm hergetragen. Er tönte nicht wie ein irdischer Ruf, sondern schwebte furchtbar durch die obere Luft und mischte sich mit der rauheren Begleitung des Sturms. Die Zähne des Auswanderers fuhren auf einander, und seine große Hand griff nach der Büchse, als wolle er das Metall wie Papier zerknittern. Dann kam eine Stille, ein neuer Windstoß, und ein Schrei des Schreckens, der an seinen Ohren ausgestoßen worden zu sein schien. Eine Art Wiederhall drang über seine eigenen Lippen, wie man oft bei unnatürlicher Erregung zu thun pflegt, und die Flinte über die Schulter geworfen, eilte er mit Riesenschritten nach dem Felsen. Nicht oft floß das Blut Ismael's so, wie es in den Adern gewöhnlicher Leute sich bewegt; aber jetzt fand er es bereit, aus jeder Pore herauszuspringen. Das Thierische war bis aufs Aeußerste erregt. So weit er fortschritt, immer hörte er den Schrei, der manchmal unter den Wolken zu dröhnen schien und dann wieder gleichsam aus der Erde hervorkam. Endlich kam ein Schrei, wobei keine Täuschung stattfinden konnte, oder dem die Einbildung keine Schrecken lieh. Er schien jedes Atom der Luft zu erfüllen, wie oft der scheinbare Horizont bis zum Uebermaß von einem blitzenden Strahl elektrischer Flüssigkeit angeschwängert wird. Der Name Gottes wurde deutlich hörbar, aber er war furchtbar und lästerlich mit Tönen gemischt, die nicht wiederholt werden können. Der Wanderer stand, und bedeckte mit seinen Händen für einen Augenblick die Ohren; als er sie wegzog, fragte eine leise, heisere Stimme an seiner Seite in gedämpftem Tone: »Ismael, Mann, hörtest du nichts?« »Hst,« entgegnete dieser, und legte seinen mächtigen Arm auf Esther, ohne die geringste Ueberraschung über die unerwartete Gegenwart seines Weibes zu verrathen; »hst, Weib, wenn du die Furcht Gottes hast, so schweig.« Eine tiefe Stille folgte. Obwohl der Wind sich erhob und fiel wie vorher, ward doch sein Rauschen nicht ferner von diesem furchtbaren Geschrei begleitet. Die Töne waren imponirend und feierlich; aber es war die Hoheit und Majestät der Natur in ihrer Verlassenheit. »Wollen weiter gehn,« sagte Esther, »Alles ist still.« »Weib, was hat dich hierher gebracht?« fragte ihr Mann, dessen Blut in seinen früheren Lauf zurückgekehrt, und dessen Gedanken auch schon einen Theil ihrer Erregung verloren hatten. »Ismael, er mordete unsern Erstgebornen, aber es ist nicht milde, daß der Sohn meiner Mutter liegen sollte auf dem Boden, wie das Aas eines Hundes.« »Folg!« entgegnete der Wanderer, wieder seine Büchse ergreifend und nach dem Felsen eilend. Die Entfernung war noch beträchtlich, und ihre Schritte, als sie der Stelle der Hinrichtung nahe kamen, wurden durch Ehrfurcht gemäßigt. Viele Minuten waren vorüber gegangen, ehe sie eine Stelle erreichten, wo sie die Umrisse der dunkeln Gegenstände unterscheiden konnten. »Wo hast du den Leichnam hingelegt?« lispelte Esther; »sieh hier eine Hacke und Spaten, damit mein Bruder schlafen möge im Schoße der Erde.« Der Mond brach hinter einer Wolkenmasse hervor, und das Auge des Weibes konnte Ismael's Finger folgen; er deutete auf eine Menschengestalt, die unter dem nackten, hervorragenden Aste der Weide im Wind hin und her schwang. Esther beugte ihr Haupt, und bedeckte die Augen vor dem Anblick. Aber Ismael trat näher, und lange betrachtete er sein Werk mit Grauen, aber nicht mit Reue. Die Blätter des heiligen Buchs lagen zerstreut am Boden, und selbst ein Bruchstück des Felsens war im Todeskampf vom Seelenverkäufer seiner Stelle entrückt worden. Aber Alles lag jetzt in der Stille des Todes. Die grimmigen, krampfhaften Züge des Opfers wurden zu Zeiten ganz in's Licht des Mondes gebracht, dann wieder, wenn der Wind nachließ, bildete der tödtliche Strick eine dunkle Linie über seine glänzende Scheibe. Der Wanderer erhob mit großer Vorsicht die Büchse und feuerte. Der Strick zerriß, und der Körper kam polternd zur Erde, eine schwere, unempfindliche Masse. Bis jetzt hatte sich Esther nicht gerührt und nicht gesprochen. Aber ihre Hand war nicht lässig bei der Arbeit, die jetzt nöthig ward. Das Grab war bald gegraben; schnell konnte es seinen unglücklichen Bewohner aufnehmen. Als die leblose Gestalt hinabstieg, sah Esther, die das Haupt hielt, zu ihrem Manne mit einem Ausdruck voll Angst auf und sagte: »Ismael, Mann, es ist sehr furchtbar; ich kann den Leichnam nicht küssen von meines Vaters Kind!« Der Wanderer legte seine breite Hand auf des Todten Brust und sagte: »Abiram White, wir Alle bedürfen der Gnade; von Herzen, vergeb' ich Euch; möge Gott im Himmel Mitleid haben mit Euren Sünden!« Das Weib beugte ihr Antlitz und drückte ihre Lippen lang und feurig auf die blasse Stirn ihres Bruders. Dann kamen die fallenden Schollen und all das feierliche Getös, wenn ein Grab sich schließt. Esther zögerte auf ihren Knieen, und Ismael stand unbedeckt, während das Weib ein Gebet murmelte. Alles war dann zu Ende. Am folgenden Morgen sah man die Gespanne und Heerden des Wanderers ihren Weg nach den Ansiedelungen fortsetzen. Als sie den Grenzen der Gesellschaft nahten, verlor sich der Zug unter tausend andern. Obgleich einige der zahlreichen Nachkommen dieses besondern Paars von ihrem gesetzlosen und halbbarbarischen Leben zurückkehrten, hörte man doch von den Häuptern der Familie selbst nichts weiter. Dreiunddreißigstes Kapitel. »– – Nicht Abschied nehm' ich, denn ich reite. So weit die Erd' sich dehnt, an Eurer Seite.« Shakespeare.   Der Zug des Pawnee nach seinem Dorfe ward durch keinen so gewaltthätigen Auftritt unterbrochen. Seine Rache war eben so vollständig als summarisch gewesen. Selbst nicht ein einzelner Kundschafter der Sioux blieb auf den Jagdgründen, die er überschreiten mußte, und die Reise von Middletons Haufen war folglich eben so sicher, als wenn sie im Schoße der Staaten vor sich ginge. Die Märsche waren, der Schwachheit der Frauen zu begegnen, mäßig. Kurz, die Sieger schienen nach ihrem Erfolg von jeder Spur von Feindseligkeit befreit, und geneigt, den geringsten Bedürfnissen jenes wachsenden Volkes abzuhelfen, das täglich ihre Rechte begrenzte, und die Roth-Leute des Westen aus ihrem Zustande stolzer Unabhängigkeit in die Lage von Flüchtlingen und Wanderern versetzte. Die Schranken unserer Erzählung erlauben uns reine weitläufige Nachricht über den triumphirenden Einzug der Eroberer. Die Freude des Stammes entsprach dessen früherer Niedergeschlagenheit. Mütter rühmten sich des ehrenvollen Todes ihrer Söhne, Weiber verkündeten den Ruhm und zeigten auf die Narben ihrer Männer und indianische Mädchen belohnten die jungen Tapfern mit Triumphgesang. Die Trophäen ihrer gefallenen Feinde wurden, gleich den eroberten Fahnen in civilisirten Ländern, ausgestellt. Die Thaten früherer Helden wurden von den Greisen erzählt und für verdunkelt erklärt durch diesen Sieg; während Hartherz selbst durch seine Siege von Kindheit an bis auf diese Stunde so ausgezeichnet, allgemein als der würdigste Häuptling und stattlichste Tapfere fort und fort gepriesen ward, den Wahcondah je seinen geliebtesten Kindern, den Wolfs-Pawnee, verliehen.3 Trotz der gewissermaßen sichern Lage, worin Middleton sein wiedererlangtes Kleinod fand, war es ihm doch gar nicht unangenehm, seine getreuen, festen Artilleristen unter dem Haufen stehen zu sehen, wie er in dem wilden Zug ankam, und ihre Stimmen in einem kriegerischen Gruß über seine Rückkehr vernahm. Die Gegenwart dieser Streitkräfte, gering wie sie waren, entfernte jeden Schatten von Unruhe von seinem Sinn. Sie machten ihn zum Herrn über seine Bewegungen, gaben ihm Ansehn und Wichtigkeit in den Augen seiner neuen Freunde und setzten ihn in den Stand, die Schwierigkeiten der weiten Landschaft zu besiegen, die noch zwischen dem Dorf der Pawnee und der nächsten Feste seiner Landsleute lag. Ein Zelt ward Inez und Ellen zum ausschließlichen Besitz gegeben, und selbst Paul, als er eine bewaffnete Wache in der Uniform der Staaten vor dem Eingang hinschreiten sah, gab sich zufrieden und streifte in den Wohnungen der Rothhäute herum, mischte sich in ihre häuslichen Angelegenheiten mit sehr wenigem Rückhalt, machte, bald scherzend, bald ernst, seine Bemerkungen mit großer Freimüthigkeit über ihre verschiedenen Verrichtungen, oder bemühte sich, den verwunderten Hausfrauen seine kostbaren Erklärungen über das, was er für die besseren Gebräuche der Weißen hielt, verständlich zu machen. Dieser forschende, unruhige Geist fand unter den Indianern keine Nachahmer. Der feste Sinn und die Zurückhaltung Hartherzens theilte sich seinem Volke mit. Als alle Aufmerksamkeiten, die von ihren einfachen Sitten und spärlichen Mitteln gewährt werden konnten, erwiesen waren, nahm sich kein zudringlicher Fuß heraus, den Hütten zu nahen, die zum Dienst der Fremden bestimmt waren. Man ließ sie sich nach ihrer Weise, wie es am besten mit ihrer Gewohnheit und Neigung übereinstimmte, einrichten; die Gesänge und das Jauchzen des Stammes drang jedoch weit in die Nacht, während deren spätesten Stunden die Stimme von mehr als einem Krieger gehört ward, wie er, am Eingang seines Zelts, die Thaten seines Volks und den Ruhm seiner Triumphe erzählte. Alles Lebendige war, trotz den Vergnügungen der Nacht mit Sonnenaufgang auf; der Ausdruck des Jauchzens, der eben noch auf allen Gesichtern gesehen worden, hatte sich jetzt zu einem für die Gefühle des Augenblicks passenderen umgeändert. Alle hatten erfahren, daß die Blaßgesichter, die mit ihrem Häuptling so sehr sich befreundet hatten, ihren Abschied für immer vom Stamm nehmen sollten. Middletons Soldaten waren in Erwartung seiner Ankunft mit einem unglücklichen Kaufmann wegen Benutzung seines Boots einen Handel eingegangen; es lag in dem Fluß, bereit, seine Ladung einzunehmen, und nichts blieb übrig zu der langen Reise vorzubereiten. Middleton sah diesen Augenblick nicht ganz ohne Mißtrauen kommen. Die Bewunderung, womit Hartherz Inez betrachtete, war seinem eifersüchtigen Auge, gerade wie die ungesetzlichen Wünsche Mahtoree's nicht entgangen. Er kannte die kluge Weise, womit ein Wilder seine Pläne verbergen kann, und fühlte, es sei eine strafbare Schwäche, auf das Schlimmste nicht gefaßt zu sein. Geheime Anweisungen wurden daher seinen Leuten gegeben, während die Vorrichtungen, die sie trafen, geschickt hinter einer militärischen Paradeschau verborgen wurden, womit er seine Abreise begleiten wollte. Das Gewissen des jungen Soldaten machte ihm Vorwürfe, als er den ganzen Stamm seine Schaar bis an den Rand des Flusses unbewaffnet und traurig begleiten sah. Sie sammelten sich in einen Kreis um die Fremden und ihr Haupt, und wurden nicht nur friedliche, sondern sehr teilnehmende Beobachter dessen, was vorging. Da es augenscheinlich war, Hartherz wollte sprechen, stand der Führer und bezeigte seine Bereitwilligkeit, zu hören, während der Streifschütz das Amt eines Dollmetschers versah. Da sprach der junge Häuptling zu ihnen in der gewöhnlichen bildlichen Sprach, eines Indianers. Er begann mit einer Hinweisung auf das Alter und den Ruhm seines Volks. Er sprach von dessen Glück auf der Jagd und im Krieg, von der Art, wie sie sie schon ihre Rechte vertheidigen und ihre Feinde hatten bestrafen gesehen. Nachdem er genug gesagt, um seine Ehrfurcht vor der Größe der Wölfe an den Tag zu legen, und den Stolz der Hörer zu befriedigen, machte er einen plötzlichen Uebergang zu der Race, von der die Fremden stammten. Er verglich ihre zahllose Menge mit den Flügen der Wandervögel zur Zeit der Blüthe oder bei der Neige des Jahrs. Mit einer Zartheit, die Niemand besser als ein indianischer Krieger zu wahren versteht, erwähnte er nicht geradezu die raubgierige Sinnesart, welche so viele von ihnen in ihren Verhandlungen mit den Roth-Leuten verrathen hatten. Er wußte, daß das Gefühl des Mißtrauens zu fest in den Gemüthern seines Stammes gewurzelt, und wollte also lieber jede gerechte Rachsucht, die sie noch hegen könnten, durch Entschuldigung und Gründe besänftigen. Er erinnerte seine Zuhörer, daß selbst die Pawnee-Wölfe genöthigt gewesen, manchen Unwürdigen aus ihren Dörfern zu treiben; Wahcondah verschleiere oft sein Antlitz vor einem Rothen. So sehe auch zweifelsohne der große Geist der Blaßgesichter manchmal finster auf seine Kinder. Wer überlassen worden dem Fürsten des Bösen, könnte nie tapfer und gut sein, sei seine Hautfarbe, welche sie wolle. Er hieß seine jungen Leute auf die Hände der Großmesser sehen. Sie seien nicht leer, wie die hungriger Bettler. Auch nicht voll von Gütern, wie bei kargen Händlern. Sie wären wie sie, Krieger, und führten Waffen, die sie wohl zu gebrauchen wüßten; – sie seien würdig, ihre Brüder zu heißen.« Dann lenkte er Aller Aufmerksamkeit auf das Haupt der Fremdlinge. Er sei ein Sohn ihres großen, weißen Vaters. Er wäre nicht auf die Steppen gekommen, um die Büffel von ihren Weiden zu schrecken, oder das Wild der Indianer zu suchen. Schlechte Männer hätten ihn eines seiner Weiber beraubt, ohne Zweifel war' sie die gehorsamste, die sanfteste, die lieblichste von ihnen allen. Sie brauchten nur ihre Augen zu öffnen, um zu sehen, daß seine Worte wahr seien. Nun, da der weiße Häuptling sein Weib gefunden, sei er willens zurückzukehren zu seinem eigenen Volk in Frieden. Er würde ihm sagen, daß die Pawnee gerecht waren, und daß Bande der Freundschaft zwischen beiden Nationen sein würden. Er forderte sein Volk zu Wünschen auf für die sichere Rückkehr der Fremden in ihre Städte. Die Krieger der Wölfe wüßten Beides, wie ihre Feinde zu empfangen und wie die Dornen wegzuwenden vom Pfad ihrer Freunde. Middletons Herz schlug hoch, als der junge Parteiführer auf Inezens Reize hindeutete, und für einen Augenblick warf er einen ungeduldigen Blick auf die kleine Reihe seiner Artilleristen; aber der Häuptling schien von diesem Augenblick an zu vergessen, daß er je ein so schönes Wesen gesehen. Seine Empfindungen, wenn er Etwas für sie fühlte, wurden hinter der kalten Maske indianischer Selbstüberwindung verschleiert. Er nahm jeden Krieger bei der Hand, selbst den geringsten Soldaten nicht vergessend; aber sein kaltes, strenges Auge wanderte nie für einen Augenblick zu einer von den Frauen hinüber. Vorkehrungen waren zu ihrer Gemächlichkeit mit einer Verschwendung und Sorgfalt getroffen worden, die wirklich seine Leute etwas in Erstaunen gesetzt, aber in keinem andern Puncte stieß er an ihren männlichen Stolz an, daß er einige ängstliche Sorgfalt in Hinsicht des schwächeren Geschlechts verrathen. Das Abschiednehmen war allgemein und imponirend. Jeder Pawnee bestrebte sich, in Aufmerksamkeit keinem der fremden Krieger nachzustehen, und folglich nahm die Feierlichkeit einige Zeit weg. Die einzige Ausnahme, und die war nicht allgemein, machte Doctor Battius. Nicht wenige der jungen Leute zwar waren gleichgültig in ihren Höflichkeitserweisungen gegen Einen von so verdächtigem Gewerb; aber der würdige Naturforscher fand einigen Trost in der reiferen Artigkeit der Greise, welche schlossen, daß, obwohl nicht sehr tauglich im Krieg, der Zauberer der Großmesser vielleicht von Nutzen im Frieden sein könne. Als Middletons ganzer Haufen sich eingeschifft, erhob der Streifschütz ein kleines Bündel, das während der vorigen Vorfälle zu seinen Füßen gelegen, rief Hektor'n herbei und nahm zuletzt seinen Sitz ein. Die Artilleristen erhoben das gewöhnliche Geschrei, das von dem Stamm beantwortet wurde, und dann drückte das Boot in die Fluth, und glitt schnell dem Fluß hinab. Lange, sinnende, wenn nicht melancholische Stille folgte auf diese Abreise. Sie ward zuerst vom Streifschützen unterbrochen, dessen Gram nicht am wenigsten deutlich in seinem niedergeschlagenen, trüben Auge zu lesen war. »Sie sind ein starker, tüchtiger Stamm,« sagte er, »das behaupte ich kühn zu ihren Gunsten, und stehen bloß, nach meiner Meinung, dem einst mächtigen, aber jetzt zerstreuten Volke der Delawaren vom Hügel nach. Ja, Capitain, wenn Ihr so viel Gutes und Böses, als ich, unter diesen Rothhäuten gesehen hättet, Ihr würdet wissen, von welchem Werth ein tapferer, einfacher Krieger wäre. Ich weiß, man findet Leute, welche denken und sagen, ein Indianer sei nur ein wenig besser als die Thiere dieser nackten Ebenen. Aber man muß selbst ehrlich sein, um einen guten Richter von der Ehrlichkeit Anderer abzugeben. Sicher, sicher, sie kennen ihre Feinde, und wenig kümmern sie sich, ihnen großes Vertrauen oder Liebe zu zeigen.« »So ist's mit dem Menschen,« entgegnete der Capitain, »und sie sind wohl in keiner seiner natürlichen Eigenschaften vernachlässigt.« »Nein, nein, sie brauchen wenig, und das hat ihnen die Natur gegeben. Aber der versteht auch wenig von der Natur einer Rothhaut, der nur einen Indianer gesehen oder nur einen Stamm; gerade wie der die Farbe der Federn kennt, der nur eine Krähe erblickt hat. Nun, Freund Steuermann, haltet das Boot dort nach jener niederen sandigen Spitze, und Ihr erfüllt eine kleine Bitte.« »Wozu?« fragte Middleton, »wir sind jetzt im schnellsten Lauf, und indem wir nach dem Ufer fahren, verlieren wir die Kraft des Flusses.« »Der Aufenthalt wird nicht lang sein,« entgegnete der Alte, und legte, selbst Hand an die Ausführung seines Begehrens. Die Ruderer hatten seinen Einfluß bei dem Führer hinlänglich erkannt, um seinen Wünschen zuwider zu sein, und ehe noch zu weiterer Ueberlegung Zeit war, hatte schon das Boot das Land erreicht. »Capitain,« hob der Andere wieder an, und band seinen Pack mit großer Ürberlegung auf, und selbst auf eine Weise, welche verrieth, daß er Gefallen fand an seiner Langsamkeit. »Ich möchte Euch einen kleinen Handel anbieten. Nichts von Bedeutung, freilich, aber doch das Beste, was einer, dessen Hand längst nicht mehr mit der Büchse umzugehen versteht, und der nichts weiter als ein armer Fallsteller geworden ist, Euch anbieten kann, eh' wir uns trennen.« »Trennen!« wiederholte jeder Mund derer, die noch so eben seine Gefahren getheilt und seine Sorgfalt benutzt hatten. »Was der T –l, alter Streifschütz, wollt Ihr zu Fuß in die Ansiedelungen, während hier ein Boot ist, das in halb so langer Zeit die Entfernung macht, die der Packesel, den der Doctor dem Pawnee gegeben, durchtrotten könnte.« »Ansiedelungen, Junge! Es ist lang her, seit ich Abschied nahm von der Verwüstung und Verworfenheit der Ansiedelungen und Dörfer. Wenn ich hier auf einem freien Boden lebe, so hat der Herr ihn so gemacht, und ich habe keine Gedanken über die Sache, aber nie soll man mich wieder freiwillig in die Gefahr der Verworfenheit stürzen sehen.« »Ich dachte nicht an Trennung,« antwortete Middleton, und bemühte sich einige Erleichterung von seiner Unruhe zu finden, indem er auf die mitfühlenden Züge seiner Freunde die Augen richtete; »im Gegentheil, ich hatte gehofft und geglaubt, Ihr würdet uns hinabbegleiten, wo ich Euch mein feierliches Wort gebe, Nichts Euch fehlen soll, um Eure Tage angenehm zu machen.« »Ja, Junge, ja, Ihr würdet Euer Möglichstes thun; aber was sind die Bemühungen des Menschen gegen das Wirken des T–ls! Ei, wenn freundliche Hoffnungen und gute Wünsche es hätte thun können, wäre ich wohl schon seit Jahren ein Congreß-Mann oder vielleicht ein Statthalter gewesen. Euer Großvater wünschte dasselbe, und es leben ihrer vielleicht noch in den Otsego-Gebirgen, die mir gern einen Pallast zu meiner Wohnung gegeben hätten, aber was sind Reichthümer ohne Zufriedenheit! Meine Zeit muß jetzt auf jeden Fall kurz sein, und ich denke, es ist für Jemanden keine große Sünde, wenn er, nachdem er seine Rolle ehrlich, fast neunzig Winter und Sommer gespielt hat, die wenigen Stunden, die noch übrig bleiben, in Frieden hinbringen will. Wenn Ihr meint, ich hätte Unrecht gethan, daß ich so weit kam, um Euch dann wieder zu verlassen, Capitain, so will ich die Ursache ohne Scham und Rückhalt Euch sagen. Obwohl ich so viel von der Wildniß gesehen, so kann man doch nicht bestreiten, daß meine Gefühle wie meine Haut weiß sind. Nun wär' es aber kein passender Anblick, wenn jene Pawnee-Wölfe die Schwachheit eines alten Kriegers mit ansähen, wenn er etwa Schwachheit zeigte, indem er für immer von denen sich trennte, die er Ursache hätte zu lieben, obwohl sein Herz nicht so fest an ihnen hängt, daß er mit ihnen in die Ansiedelung gehen möchte.« »Hört, alter Streifschütz,« sagte Paul und räusperte sich auf eine verzweifelte Art, als wenn er entschlossen wäre, seiner Stimme einen vollkommenen, klaren Ausgang zu verschaffen. »Ich hab' gerade auch einen Handel zu machen, da Ihr doch davon sprecht, und das ist nichts mehr und nichts weniger als folgender: Ich biet' Euch, als einen Theil meines Geschäfts, die Hälfte meines Fangs, und kümmere mich nicht sehr, wenn es die größere ist, den lieblichsten und reinsten Honig, den ich erlangen kann; immer genug zu essen, mit dann und wann einem Mundvoll Wild, oder was das betrifft, einen Bissen Büffelschenkel, da ich gar gern meine Bekanntschaft mit dem Thier ein wenig weiter treiben möchte, und so gute, niedliche Kocherei, wie sie nur von den Händen einer Ellen Wade kommen kann, die bald Nelly und noch etwas sein wird, und überhaupt solche Behandlung, wie ein ordentlicher Mann seinem besten Freund widerfahren zu lassen pflegt, oder vielmehr seinem eigenen Vater. Dafür gebt Ihr uns in langen Augenblicken einige von Euren alten Ueberlieferungen, vielleicht auch etwas heilsamen Rath bei Gelegenheit, in kleinen Dosen, und soviel von Eurer angenehmen Gesellschaft, als Euch gefällt.« »Gut, gut, Junge,« entgegnete der Alte und suchte an seinem Pack, »ehrlich angeboten, und nicht undankbar abgewiesen; aber es kann nicht sein, nein, nimmer!« »Verehrungswürdiger Jäger,« sagte Doctor Battius. »Es gibt Pflichten, die Jedermann der Gesellschaft und Menschennatur schuldig ist; es ist Zeit, daß Ihr zu Euren Landsleuten zurückkehrt, einige von jenen Erfahrungsvorräthen zu überliefern, die Ihr ohne Zweifel bei einem so langen Aufenthalt in den Wildnissen gesammelt habt, und die, wären sie auch durch vorgefaßte Meinungen verdorben, doch annehmliche Vermächtnisse für die sein werden, welche, wie Ihr sagt, Ihr bald für immer verlassen müßt.« »Freund Physikus,« entgegnete der Streifschütz, und sah ihm fest in's Gesicht; »so wie es nicht leicht sein würde, von der Natur des Damhirsches nach den Gewohnheiten des Wiesels zu urtheilen, so wäre es schwer, von der Nützlichkeit des einen Mannes zu sprechen, indem man zu viel an die Thaten des andern dächte. Ihr habt Eure Gaben, wie Andere, denk' ich, und ich will sie gar nicht trüben; aber was mich betrifft, mich hat der Herr zu einem Thäter, nicht zu einem Redner gemacht, und deßwegen halt' ich's für kein Unrecht, wenn ich meine Ohren Eurer Einladung verschließe.« »Es ist genug,« fiel Middleton ein, »ich hab' so viel von diesem außerordentlichen Mann gesehen und gehört, daß ich weiß, Ueberredung wird seinen Entschluß nicht ändern. Erst wollen wir Euer Verlangen hören, Freund, und dann bedenken, was am besten für Euch geschehen kann.« »Es ist etwas Geringes, Capitain,« entgegnete der Alte und brachte endlich sein Bündel auf, »eine geringe, kleinliche Sache ist es gegen das, was ich sonst im Handel bieten konnte; aber dennoch ist es das Beste, was ich habe und deßwegen nicht zu verachten. Hier sind die Felle von vier Bibern, die ich etwa einen Monat vorher, ehe wir uns trafen, fing, und hier ist noch eins von einem Racoon, das freilich nicht von großem Werthe ist, aber vielleicht zu, unserm Einigwerden beiträgt.« »Und was soll damit geschehen?« »Ich biet' sie zu ehrlichem Handel. Die Schelme, die Sioux, der Himmel vergebe mir, daß ich je geglaubt, es wären die Konza, haben mir die besten Fallen gestohlen, und mich fast zu ärmlichen Erfindungen genöthigt, die mir einen traurigen Winter voraussagen könnten, wenn meine Zeit sich noch in ein Jahr hinausdehnen sollte. Deßwegen sollt Ihr die Felle nehmen, und sie einem der Fallsteller anbieten, die Ihr sicher unten treffen werdet; und was Ihr von Fallen dafür bekommt, mögt Ihr für mich in das Pawnee-Dorf schicken. Tragt Sorge, daß mein Zeichen darauf kommt; ein N mit einem Hundsohr und einem Flintenschloß. Dann wird keine Rothhaut mein Recht beeinträchtigen. Für all diese Mühe hab' ich wenig mehr zu bieten als meinen Dank, wenn nicht mein Freund, der Bienenjager hier, den Racoon annehmen will, und dann besonders den Auftrag übernimmt.« »Wenn ich es thue, so soll mich – –« Paul's Mund schloß sich unter Ellens schöner Hand, und er war genöthigt, das Uebrige hinunter zu schlucken, was er mit einer Anstrengung that, die keine geringe Aehnlichkeit mit dem Ersticken hatte. »Nun, nun,« entgegnete der Greis ruhig, »ich hoffe, dies Anerbieten war keine schwere Beleidigung. Ich weiß, das Racoonfell ist wenig werth, aber dann war es auch keine große Bemühung, die ich dafür verlangte.« »Ihr habt unsern Freund gänzlich mißverstanden,« fiel Middleton ein, der bemerkte, daß der Bienenjäger nach jeder Seite, nur nicht nach der rechten sah, und daß er gänzlich unfähig sei, sich selbst zu rechtfertigen. »Er wollte nicht sagen, er verweigere Eure Bitte, sondern nur, er schlage jede Belohnung aus. Doch es ist unnöthig, darüber mehr zu sagen; mein ist die Sorge, zu sehen, daß die Schuld der Dankbarkeit, die wir Euch hegen, gehörig abgetragen wird, und all Euern Bedürfnissen soll zuvorgekommen werden.« »Ei,« sagte der Alte, und sah forschend ihm in's Angesicht, als wolle er eine Erklärung. »Es soll Euch Alles nach Wunsch sein. Legt die Häute zu meinem Gepäck; wir wollen für Euch, wie für uns selbst handeln.« »Danke, danke, Capitain; Euer Großvater hatte ein freies, edles Herz. So sehr in der That, daß eben jenes Volk, die Delawaren, ihn die »offene Hand« nannten. Ich wünsche nun, ich wäre so wie sonst, daß ich der Dame einige seine Marderpelze für ihre Krägen und Oberkleider schicken könnte, nur um zu zeigen, daß ich Gefälligkeit zu erwiedern weiß. Doch erwartet das nicht; ich bin zu alt, etwas zu versprechen. Alles, wie der Herr will. Nichts weiter kann ich Euch bieten, denn ich hab' nicht so lange in der Wildniß gelebt, um die schwere Befriedigung eines Herrn zu vergessen.« »Hört, alter Streifschütz,« rief der Bienenjäger, und schlug seine Hand in die offene Rechte, die der Andere darreichte, daß ein Schall entstand, der einem Flintenschuß nicht so gar weit nachstand; »ich hab' gerade noch zweierlei zu sagen; erstens, daß der Capitain Euch meine Meinung besser gesagt hat, als ich selbst im Stande bin; und zweitens, daß, wenn Ihr eine Haut braucht, sei es für Euch selbst, oder um sie zu verschicken, ich eine zu Eurem Befehl habe, und das ist die Haut von einem gewissen Paul Hover.« Der Alte erwiederte den Händedruck, und öffnete', so weit er' kennte, den Mund in seinem ungewöhnlichen, dumpfen Lachen. »Ihr konntet eine solche Hand nicht geben, Junge, als die Teton-Schurken mit den Messern hinter Euch waren,« sagte er. »Ei, Ihr seid in Eurer Blüthe, in Eurer Kraft und im Glück, wenn Ehrlichkeit auf Euerm Weg ist.« Dann änderten sich plötzlich seine verfallenen Züge zu einem Ausdruck voll Ernst und Nachdenken. »Kommt hierher, Junge,« sagte er, und führte den Bienenjäger an einem Knopf an die Küste, und sprach bei Seite zu ihm in einem Tone der Ermahnung und des Vertrauens. »Viel haben wir von der Lust und Achtbarkeit eines Aufenthalts in den Wäldern oder auf der Grenze gesprochen. Ich will nicht sagen, daß, was Ihr gehört, nicht wahr gewesen, aber verschiedene Charaktere verlangen verschiedene Gewerbe. Ihr habt da an Eure Brust ein gutes, freundliches Kind genommen, und Ihr müßt, bei der Wahl einer Lebensart, sie so gut als Euch berücksichtigen. Ihr seid ein wenig geneigt, in den Colonieen herumzustreichen, aber nach meinem geringen Urtheil, ist das Mädchen mehr ähnlich einer prangenden Blume in der Sonne des Anbaues, als in dem Sturm der Steppe. Deßhalb vergeßt Alles, was Ihr von mir gehört haben mögt, ob es gleich wahr ist, und wendet Euch auf die Wege des Binnenlandes.« Paul konnte nur durch einen Händedruck antworten, der den meisten Augen Thränen entlockt haben würde, der aber auf die gehärteten Muskeln des Greises keine andere Wirkung hervorbrachte, als daß er lächelte und nickte, als wolle er sagen, er empfange den Druck als ein Pfand, daß der Bienenjäger seinen Rath nicht vergessen werde. Dann wandte sich der Streifschütz von seinem rauhen, aber warmfühlenden Gefährten weg, rief Hektor'n aus dem Boot, und schien willens noch einige Worte zu sagen. »Capitain,« begann er endlich, »ich weiß, wenn ein Armer von Credit spricht, braucht er ein nach den Gebräuchen der Welt delicates Wort, und wenn ein Greis vom Leben redet, spricht er von etwas, was er nicht mehr sehen möchte; dennoch gibt's noch etwas, wovon ich reden will, und das betrifft nicht so wohl mich als Jemanden anders. Da ist Hektor, ein guter, treuer Bursche, der lange über das Leben eines Hundes hinaus ist, und gleich seinem Herrn sehnt er sich jetzt mehr nach Ruhe, als nach Thaten der Jagd. Aber das Geschöpf hat sein Gefühl, nicht weniger als der Christ. Er hat sich in der letzten Zeit so sehr an seinen Verwandten dort gehängt, und große Freude an seiner Gesellschaft gefunden, so daß ich gestehen muß, es betrübe mich, das Paar sobald zu trennen. Wenn Ihr auf Euern Hund einen Preis setzen wollt, so will ich mich bestreben, den Betrag im Frühling Euch zu schicken, besonders wenn die Fallen sicher ankommen; oder wenn Ihr nicht gern Euch von dem Thier für immer trennen wollt, bitt' ich nur, mir ihn für den Winter zu leihen; ich glaube sicher zu sein, daß mein Alter nicht über diese Zeit ausdauern wird, denn darauf versteh' ich mich, seit ich so viele Freunde, Hunde und Rothhäute, in meinem Leben habe verscheiden sehen, obgleich der Herr seine Engel noch nicht hat abschicken wollen, um meinen Namen zu rufen.« »Nehmt ihn, nehmt ihn,« rief Middleton, »nehmt Alles und Jedes!« Der Greis rief den jüngeren Hund an's Land, und nahm dann seinen endlichen Abschied. Wenig ward auf beiden Seiten gesprochen. Der Streifschütz nahm Jeden feierlich bei der Hand, und sprach einige freundliche, gütige Worte zu allen. Middleton war ganz sprachlos und mußte sich den Schein geben, als beschäftige er sich mit dem Gepäck. Paul pfiff aus Aller Macht, und selbst Obed nahm seinen Abschied mit einem Zwang, der den Anschein einer verzweifelten, philosophischen Entschlossenheit trug. Als er bei Allen herumgekommen, drückte der Greis mit eigener Hand das Boot in die Fluth, und wünschte zu Gott, er möge ihnen Eile verleihen. Nicht ein Wort ward gesprochen, nicht ein Ruderschlag geschah, bis die Reisenden eine Höhe umsegelt, die den Streifschützen ihren Augen verbarg. Man sah ihn an der niedern Stelle stehen, auf die Büchse gelehnt, Hektor'n zu seinen Füßen niederkauernd, und den jungen Hund auf dem Sand hinspringen im Spiel der Jugend und Kraft. Vierunddreißigstes Kapitel. »Mich dünkt, ich hört' ne Stimm'.« Shakespeare.   Die Wasser waren in ihrer Höhe und das Boot flog der schnellen Fluth hinunter wie ein Vogel. Die Fahrt war glücklich und schnell. In weniger als einem Drittel der Zeit, die zu derselben Reise aber zu Land, nöthig gewesen, ward sie, begünstigt von diesen schnellen Flüssen, zurückgelegt. Aus einem Strom in den andern eingehend, – ganz wie die Adern des menschlichen Leibes mit den größern Lebenscanälen communiciren, traten sie bald in die große Arterie der westlichen Wasser ein, und landeten glücklich an der Thür des Vaters der Inez. Die Freude des Don Augustin und die Verlegenheit des würdigen Paters Ignatius kann man sich leicht denken. Der Erstere weinte und sagte dem Himmel Dank, der Letztere dankte und weinte nicht. Die milden Provinzleute waren zu glücklich, um Fragen über die Art einer so erfreulichen Wiederbringung zu thun, und durch eine Art allgemeiner Uebereinkunft ward es bald eine angenommene Meinung, Middletons Braut sei von einem Schelm geraubt, und durch menschliche Anstrengung ihren Freunden wiedergegeben worden. Freilich gab es in Hinsicht dieses Glaubens einige Skeptiker, aber dann erfreuten sie sich ihrer Zweifel im Geheim, mit jener Art hoher, heimlicher Lust, die ein Geiziger empfindet, wenn er auf seine wachsenden aber nutzlosen Haufen hinstarrt. Um dem würdigen Priester einige Beschäftigung zu geben, machte Middleton ihn zum Werkzeug der Vermählung Pauls mit Ellen. Der Erstere gab seine Zustimmung zu der Ceremonie, weil er fand, daß alle seine Freunde großes Gewicht darauf legten, aber bald nachher führte er seine Braut in die Ebenen von Kentucky unter dem Vorwand, mehreren Gliedern von der Familie Hover die gewöhnlichen Besuche zu machen. Während er hier war, nahm er Gelegenheit, die Vermählung gehörig durch einen Friedensrichter von seiner Bekanntschaft bestätigen zu lassen, da er in dessen Geschicklichkeit, die Ehekette fest zu schmieden, größeres Vertrauen setzte, als in die aller Geistlichen innerhalb der Ringmauern Roms. Ellen, die sich bewußt zu sein schien, daß einige außerordentliche Vorkehrungen nöthig sein möchten, um einen so herumschweifenden Geist, wie ihren Gemahl, in den gehörigen Eheschranken zu halten, machte keine Schwierigkeit wegen dieser doppelten Banden, Und so waren beide Theile befriedigt. Die locale Wichtigkeit, welche Middleton durch seine Verbindung mit der Tochter eines so begüterten Eigenthümers wie Don Augustin und durch seine persönlichen Verdienste erlangt hatte, zogen die Aufmerksamkeit der Regierung auf ihn. Er wurde bald in verschiedenen Stellungen von Verantwortlichkeit und Vertrauen gebraucht, und dies trug dazu bei, seinen Charakter in der öffentlichen Achtung zu heben, und ihm Mittel zu Empfehlungen zu geben. Der Bienenjäger war unter den Ersten, auf die er seine Gunst ausdehnen wollte; es war gar nicht schwer, passende Stellen für Pauls Geschicklichkeit in dem Staate zu finden, der erst drei und zwanzig Jahre in diesen Gegenden bestand. Die Bemühungen Middletons und der Inez für ihren Gemahl wurden warm und scharfsinnig von Ellen unterstützt, und es gelang ihnen, mit der Zeit eine große, wohlthätige Veränderung in seinem Charakter hervorzubringen. Er wurde bald Landbesitzer, dann ein glücklicher Bebauer des Bodens und kurz nachher ein Stadtbeamter, Durch das allmählige Fortschreiten, das man oft in der Republik so sonderbar von einer entsprechenden Zunahme in Wissenschaft und Selbstachtung begleitet sieht, ging er Schritt für Schritt, bis sein Weib den mütterlichen Trost hatte, ihre Kinder weit über die Gefahr hinaus gestellt zu sehen, wieder in den Zustand zurückkehren zu müssen, aus dem ihre Eltern sich hervorgearbeitet hatten. Paul ist wirklich in diesem Augenblick Mitglied der niederen Gerechtigkeitspflege des Staates, wo er so lange gelebt hatte, und er ist selbst bekannt durch seine Reden, die darauf ausgehen, diesen berathenden Körper in eine gute Laune zu versetzen, und welche, da sie auf große praktische Kenntniß gegründet sind, wie sie für den Zustand des Landes passend ist, noch ein Verdienst haben, das vielen spitzfindigeren und feingesponnenen Theorieen abgeht, die man täglich in ähnlichen Versammlungen von den Lippen gewisser Instinctartiger Politiker kommen hört. Aber alle diese herrlichen Früchte waren das Ergebniß vieler Sorgfalt und langer Zeit. Middleton, der mit einem, seiner verschiedenen Erziehung angemesseneren Ansehen einen Sitz in einem weit höheren Collegium der gesetzgebenden Gewalt einnimmt, ist die Quelle, aus der wir die meisten, zur Verfassung unserer Sage nöthigen Nachrichten geschöpft haben. Außer dem, was er von Paul erzählt hat, und was sein eigenes fortwährendes Glück betraf, hat er auch eine kurze Erzählung von dem, was bei einem folgenden Besuch der Steppen vorging, gegeben, mit der, da wir sie für einen passenden Schluß zu dem Vorhergehenden halten, wir unsere gegenwärtige Arbeit schließen wollen. Im Herbst des Jahrs, das auf jenes folgte, in das die vorhergehenden Begebenheiten fielen, fand der junge Mann, noch in dem Militärdienst des Landes, sich an den Wassern des Missouri an einem Punct, der nicht weit von den Pawnee-Städten entfernt war. Frei von jeder unmittelbaren Anforderung der Pflicht, und eifrigst zu dem Schritt von Paul angetrieben, der in seiner Compagnie stand, entschloß er sich, Pferde zu nehmen, und das Land zu durchschreiten, um den Parteiführer zu besuchen, und sich nach dem Schicksal seines Freundes, des Streifschützen, zu erkundigen. Da sein Gefolge seinem Amt und Rang angemessen war, ging die Reise mit den gewöhnlichen Entbehrungen und Mühseligkeiten vor sich, die mit einem Zug in einer Wüste verbunden sind, aber ohne alle jene Gefahren und Besorgnisse, die seinen früheren Weg durch dieselben Gegenden ausgezeichnet hatten. Als er in der gehörigen Nähe war, schickte er einen indianischen Boten ab, der zu einem befreundeten Stamm gehörte, um seine und seiner Begleitung Ankunft anzusagen, während er seine Reise bedächtig fortsetzte, damit die Nachricht, wie es gewöhnlich war, seiner Ankunft vorausginge. Zum Erstaunen der Wanderer blieb ihre Botschaft unbeantwortet. Eine Stunde ging nach der andern vorüber, eine Meile ward nach der andern zurückgelegt, ohne daß sie weder ein Zeichen einer ehrenvollen Aufnahme, oder auch nur die einfacheren Versicherungen eines freundlichen Willkommens brachten. Endlich stieg die Cavalcade, an deren Spitze Middleton und Paul ritt, von der Hochebene herab, auf der sie lang hingezogen, und langte auf einem üppigen Grunde an, der sie auf gleiche Höhe mit dem Dorf der Wölfe brachte. Die Sonne begann zu sinken, und eine Schichte goldenen Lichts war über die ruhige Ebene hingegossen, und lieh auch ihrer Oberfläche jene glorreichen Tinten und Farben, welche, wie die menschliche Einbildungskraft so gern sich vorspiegelt, den Reiz noch weit imponirender Auftritte ausmachen. Die Grüne des Jahrs blieb noch, und Heerden von Pferden und Maulthieren grasten friedlich in der weiten natürlichen Weide, unter der Obhut wachsamer Pawnee-Knaben. Paul deutete unter ihnen die wohlbekannte Gestalt des Asinus heraus; schlank, fett, und, wie es schien, schwelgend in der Fülle seiner Zufriedenheit, stand er mit zurückgeschlagenen Ohren und geschlossenen Augenliedern da, dem Anschein nach sinnend über die herrliche Beschaffenheit seines gegenwärtigen, gemächlichen Genusses. Der Weg führte die Gesellschaft nicht weit von einem jener wachsamen Burschen vorbei, denen ein so wichtiger Auftrag wie der, den Hauptreichthum des Stammes zu bewachen übergeben worden war. Er hörte das Trampeln der Pferde, und warf sein Auge seitwärts, aber statt Neugier oder Unruhe zu verrathen, wandte er seinen Blick sogleich wieder nach der vorigen Richtung, nach der Stelle, wo, wie man wußte, das Dorf stand. »Das Alles ist etwas sonderbar,« murmelte Middleton, halb beleidigt über das, was er nicht nur für eine Unaufmerksamkeit gegen seinen Rang, sondern auch persönlich gegen sich selbst für eine Unhöflichkeit ansah; »jener Junge hat von unserer Ankunft gehört, sonst würde er nicht verfehlen, sie seinem Stamme anzusagen, und doch beehrt er uns kaum mit einem Blick. Seht nach Euren Waffen, Leute, es möchte nöthig werden, diese Wilden unsere Stärke fühlen zu lassen.« »Darin, Capitain, glaub' ich, irrt Ihr Euch,« entgegnete Paul, wenn man überhaupt Ehrlichkeit auf den Steppen findet, so trefft Ihr sie in Eurem alten Freund Hartherz; auch darf ein Indianer nicht nach den Regeln eines Weißen beurtheilt werden. Seht! wir sind nicht ganz vernachlässigt, da kommt endlich ein Haufen uns entgegen, obgleich er sich ein wenig schlecht ausnimmt nach Zahl und Aeußerem.« Paul hatte in Beidem Recht. Eine Gruppe Reiter sah man endlich um eine kleine Anhöhe herumschwenken und über die Ebene gerade auf sie zukommen. Ihr Marsch war langsam und würdevoll. Als sie nahe kamen, gewahrte man den Führer der Wölfe an ihrer Spitze; das Gefolge bestand aus einem Dutzend jüngerer Krieger des Stammes. Sie waren alle unbewaffnet und trugen auch nichts an sich von jenen Zierrathen und Federn, welche eben so sehr als Zeichen von Achtung gegen den Gast betrachtet werden, den ein Indianer empfängt, als Beweis seines eigenen Rangs und seiner Wichtigkeit. Die Zusammenkunft war freundlich, wiewohl etwas zurückhaltend auf beiden Seiten. Middleton, nicht wenig eifersüchtig auf seine eigene Ehre, als auf das Ansehen seiner Regierung, argwöhnte einigen ungebührlichen Einfluß von Seiten der Agenten der Canada, und da er entschlossen war, das Ansehen aufrecht zu erhalten, dessen Repräsentant er war, fühlte er sich genöthigt, eine Hoheit anzunehmen, die ihm wirklich gar nicht natürlich war. Es war nicht so leicht, die Beweggründe der Pawnee zu durchschauen. Ruhig, würdevoll und doch gar nicht abstoßend, gaben sie ein Beispiel von Höflichkeit, mit Zurückhaltung verbunden, das mancher Diplomat des gebildetsten Hofs vergebens nachzuahmen sich bestrebt haben würde. Auf diese Weise setzten beide Theile ihren Weg nach der Stadt fort. Middleton hatte während des übrigen Theils des Ritts Zeit, bei sich all die möglichen Ursachen zu überlegen, die sein Scharfsinn dieser sonderbaren Aufnahme unterlegen konnte. Obgleich er von einem regelmäßigen Dollmetscher begleitet war, machten die Häuptlinge doch ihre gegenseitigen Grüße auf eine Art, die seine Dienste unnöthig machte. Zwanzigmal warf der Capitain seinen Blick auf seinen früheren Freund, und bemühte sich in seinen strengen Zügen zu lesen; aber alle Anstrengung und Vermuthung zeigte sich gleich fruchtlos. Hartherzens Auge war fest, beständig und etwas ängstlich, aber in Hinsicht jeder andern Bewegung undurchdringlich. Er sprach weder selbst, noch schien er seinen Besuch zum Sprechen einladen zu wollen; Middleton mußte daher die ruhigen Manieren seiner Gefährten annehmen und wegen Aufklärung den Ausgang abwarten. Als sie in die Stadt traten, sah man alle Einwohner sich auf einem freien Platz versammeln, wo sie mit der gewöhnlichen Rücksicht auf Alter und Rang sich ordneten. Das Ganze bildete einen weiten Kreis, in dessen Mitte vielleicht ein Dutzend der vorzüglichsten Häuptlinge waren. Hartherz bewegte, als er sich näherte, die Hand, und da die Masse sich öffnete, ritt er von seinen Gefährten begleitet, durch. Hier stiegen sie ab, und nachdem die Thiere zur Seite geführt worden, fanden die Fremdlinge sich von Tausenden ernster, gefaßter aber bekümmerter Gesichter umgeben. Middleton sah in wachsender Besorgniß um sich, denn kein Geschrei, kein Sang, kein Ruf bewillkommte ihn unter einem Volk, von dem er noch vor Kurzem sich mit so viel Betrübniß getrennt hatte. Seine Unruhe, um nicht Furcht zu sagen, wurde von seinem ganzen Gefolge getheilt. Entschlossenheit und ernstes Denken fing an, an die Stelle der Angst, in Aller Augen zu treten, während jeder schweigend nach seiner Waffe griff, und sich versicherte, daß sie im Stande sei, ihn sogleich und verzweifelt zu vertheidigen. Aber kein entsprechendes Zeichen von Feindseligkeit zeigte sich von Seiten der Wirthe. Hartherz winkte Middleton und Paul zu folgen und führte sie nach einem Trupp von Gestalten, die den Mittelpunkt des Kreises einnahmen. Hier fanden die Besuchenden den Schlüssel von all den Bewegungen, die ihnen so viel Grund zu Besorgnissen gegeben hatten. Der Streifschütz saß auf einem rohen Sitz, der mit gesuchter Sorgfalt gemacht worden war, um seine Gestalt in einer aufrechten, ruhigen Lage zu erhalten. Der erste Blick sagte seinen früheren Freunden, daß der Alte endlich gerufen worden, der Natur die letzte Schuld zu bezahlen. Sein Auge war starr und dem Anschein nach eben so leer an Licht als an Ausdruck; seine Züge waren etwas mehr verfallen, und schärfer markirt als vorher. Aber das war auch alle Veränderung, so weit sie das Aeußere betraf. Sein nahendes Ende konnte keiner eigentlichen Krankheit zugeschrieben werden, sondern war eine allmähliche, milde Abnahme seiner Kräfte gewesen. Leben zögerte zwar noch in seinem Bau, aber es war, als wäre es zu Zeiten ganz bereit zu entfliehen, und dann wollte es wiederscheinen, als ob die sinkende Gestalt sich nochmals belebe, als wolle das Leben nicht gerne den Besitz einer Wohnung aufgeben, die nie durch Laster untergraben und durch Krankheit erschüttert worden. Es hatte keiner großen Einbildungskraft bedurft, um sich vorzustellen, der Geist flattere um die ruhigen Lippen des alten Waldmannes, und widerstrebe aus einer Hülle zu wandern, die ihm so lange eine ehrliche und unbescholtene Wohnung abgegeben. Sein Leib saß so, daß das Licht der sinkenden Sonne voll auf die feierlichen Züge fiel. Sein Haupt war entblößt, die langen, dünnen Locken von Grau flatterten leicht in der Abendluft. Seine Büchse lag auf seinem Knie, und die andern Bedürfnisse der Jagd waren zur Seite, im Bereich seiner Hand. Zwischen seinen Füßen lag die Gestalt eines Hundes, den Kopf auf den Boden gestreckt, als schlummre er, und so vollkommen ruhig und natürlich war seine Lage, daß ein zweiter Blick nöthig war, um Middleton zu sagen, er sehe nur Hektor's Haut, die durch indianischen Zartsinn und Geschicklichkeit auf eine Weise ausgestopft worden, daß sie das Thier leibhaftig darstellte. Sein eigner Hund spielte in einiger Entfernung mit dem Kind der Tachechana und des Mahtoree. Die Mutter selbst stand zur Seite, und hielt in ihrem Armen einen zweiten Sprößling, der sich keiner geringeren Abkunft rühmen konnte, als die war, worauf ein Sohn von Hartherz Anspruch machte. Le Balafré saß nahe dem, sterbenden Streifschützen, und trug jedes Zeichen an sich, daß die Stunde seines eigenen Abscheidens auch nicht mehr weit entfernt war. Die Uebrigen derer unmittelbar im Centrum, waren bejahrte Männer, die sich augenscheinlich in die Nähe begeben, um die Art zu beobachten, wie ein gerechter und furchtloser Krieger sich zur größten seiner Reisen anschicken möchte. Der Alte erntete die Früchte eines Lebens, das so ausgezeichnet gewesen durch Mäßigung und Thätigkeit, in einem stillen, ruhigen Tod. Seine Kraft hatte sich bis zuletzt gewissermaßen gehärtet. Der Verfall, wenn einer da war, ging schnell aber frei von Schmerz vor sich. Er hatte, mit dem Stamm im Frühling gejagt, ja selbst durch einen Theil des Sommers, als seine Glieder plötzlich den gewohnten Dienst zu leisten versagten. Eine gleichförmige Schwäche nahm Besitz von allen seinen Kräften, und die Pawnee glaubten, sie würden auf diese unerwartete Art einen Weisen und Rathgeber verlieren, den sie zu lieben und zu achten angefangen hatten. Aber, wie wir schon gesagt, der unsterbliche Inwohner schien ungern seine Hülle zu verlassen. Die Lampe des Lebens flickerte ohne zu verlöschen. Am Morgen des Tags, an dem Middleton ankam, war ein allgemeines Wiederaufleben der Kräfte in dem ganzen Menschen. Seine Zunge hörte man wieder in heilsamen Grundsätzen, und sein Auge erkannte von Zeit zu Zeit die Gestalten seiner Freunde. Es zeigte sich nur als einen kurzen und letzten Verkehr mit der Welt von Seiten eines Mannes, den man schon, was Geistesgemeinschaft betraf, für immer abgeschieden geglaubt hatte. Als er seine Gäste vor den Sterbenden gestellt, lehnte Hartherz nach einer Pause, die eben so sehr der Kummer als die Schicklichkeit nöthig machte, sich ein wenig vorwärts und fragte: »Hört mein Vater die Worte seines Sohns?« »Sprecht!« entgegnete der Streifschütz in einem Ton, der aus der innersten Brust hervorkam, aber ergreifend hörbar ward durch die todtengleiche Stille, die an dem Ort herrschte. »Ich bin im Begriff abzuscheiden aus dem Dorf der Wölfe und werde bald über dem Bereich Eurer Stimme sein.« »Möge der weise Häuptling keine Sorge haben für seine Reise,« fuhr Hartherz mit einer ernsten Besorgniß fort, die ihn für einen Augenblick vergessen ließ, daß Andere warteten, um seinen angenommenen Vater anzureden; »hundert Wölfe sollen seinen Pfad reinigen von Dornen.« »Pawnee, ich sterbe, wie ich gelebt, ein Christ,« begann der Streifschütz mit einer Kraft in seiner Stimme, die dieselbe erstaunende Wirkung hatte, wie eine Trompete, wenn ihr Ton plötzlich und frei in der Luft sich erhebt, nachdem er lange von der Ferne gedämpft gehört worden; »wie ich in's Leben trat, will ich es verlassen. Pferde und Waffen sind nicht vonnöthen, um vor dem großen Geist meines Volkes zu stehen; er kennt meine Farbe und nach meinen Gaben wird er meine Thaten richten.« »Mein Vater wird meinen jungen Leuten sagen, wie viele Mingo er erschlagen, und welche Thaten der Kraft und Gerechtigkeit er gethan, daß sie lernen mögen, wie ihn nachzuahmen.« »Eine ruhmredige Zunge ist im Himmel eines Weißen nicht zu hören,« entgegnete feierlich der Alte. »Was ich gethan, Er hat's gesehen; Seine Augen waren immer offen. Was wohl gethan worden, dessen wird Er gedenken; wo ich gefehlt, da wird Er nicht zu strafen vergessen, obwohl es geschehen wird mit Gnade. Nein, mein Sohn, ein Blaßgesicht wird sein eignes Lob nicht singen und hoffen können, es würde angenehm sein vor Gott.« Ein wenig verlegen, schritt der junge Häuptling bescheiden zurück und machte den Neuangekommenen Platz, heranzutreten. Middleton nahm eine der abgemagerten Hände des Streifschützen, und bemüht, seine Sprache zu beherrschen, gelang es ihm endlich, von seiner Gegenwart ihn in Kenntniß zu setzen. Der Alte hörte, wie wenn die Gedanken schon über einen ganz verschiedenen Gegenstand brüteten; aber als der Andere ihm endlich hatte verständlich gemacht, daß er zugegen sei, da ging ein Ausdruck freudigen Wiedererkennens über seine verfallenen Züge. »Ich hoffe, Ihr habt nicht so bald die vergessen, um die Ihr Euch so hoch verdient gemacht,« schloß Middleton; »es betrübte mich, wenn ich denken müßte, ich sei so leicht in Euerm Gedächtniß vorübergegangen.« »Wenig, was ich je gesehen, ist vergessen;« entgegnete der Streifschütz; »ich bin am Ende vieler mühevollen Tage, aber es ist keiner unter ihnen allen, den ich übersehen möchte. Ich erinnere mich Eurer mit Eurem ganzen Gefolge; ja und auch Eures Großvaters, der vor Euch kam. Ich bin froh, daß Ihr zurückgekommen auf diese Ebenen, denn ich brauchte Jemanden, der Englisch spricht, weil man wenig sich verlassen kann auf die Handelsleute dieser Gegenden. Wollt Ihr, Junge, einem alten, sterbenden Mann eine Gunst erweisen?« »Sprecht,« sagte Middleton; »es soll geschehen.« »Es ist eine weite Reise, um solche Kleinigkeiten zu überschicken,« entgegnete der Alte, der mit kleinen Unterbrechungen sprach, je nachdem es Kraft und Athem ihm erlaubte. »Eine weite, beschwerliche Reise ist es; aber Güte und Freundschaft darf nicht so leicht vergessen werden. Es ist eine Colonie unter den Otsego-Hügeln – –« »Ich kenne den Ort,« fiel Middleton ein, als er bemerkte, daß der Sterbende mit wachsender Beschwerde sprach; »sagt nur, was Ihr von mir verlangt.« »Nimm denn diese Büchse, den Ranzen und das Horn und, schick' sie zu dem Manne, dessen Name auf der Platte eingegraben ist. Ein Kaufmann schnitt die Buchstaben mit seinem Messer ein; denn es ist schon lange, seit ich ihm solch ein Pfand meiner Liebe zu schicken gedachte.« »Es soll geschehen. Könntet Ihr noch Etwas wünschen?« »Wenig mehr hab' ich zu geben. Meine Fallen geb' ich meinem indianischen Sohn; denn ehrlich und freundlich hat er Treue gehalten. Möge er vor mich kommen.« Middleton bedeutete dem Häuptling, was der Streifschütz gesagt, und überließ ihm seine Stelle. »Pawnee« fuhr der Alte fort und änderte immer seine Sprache nach der Person, zu der er sprach, und nicht selten auch nach den Ideen, die er ausdrückte; »es ist bei meinem Volk Sitte, daß der Vater seinem Sohn den Segen gibt, ehe er für immer die Augen schließt. Diesen Segen geb' ich Euch, nehmt ihn; denn die Bitten eines Christen werden nie den Pfad eines gerechten Kriegers nach den gesegneten Gefilden weder länger noch schwieriger machen. Möge der Gott des Weißen auf Eure Thaten mit gnädigem Auge sehen, und Ihr nie eine Handlung begehen, die sein Antlitz von Euch wegwenden würde. Ich weiß nicht, ob wir uns je wieder treffen. Es gibt viele Ueberlieferungen über den Ort der guten Geister. Nicht ich, alt und erfahren, wie ich bin, kann meine Meinung gegen die einer Nation aufstellen. Ihr glaubt an die gesegneten Gefilde, und ich vertraue auf das, was meine Väter gesagt. Wenn Beides wahr ist, wird unser Scheiden auf ewig sein; aber wenn es sich zeigen sollte, daß derselbe Sinn in den verschiedenen Worten liegt, werden wir noch zusammen stehen, Pawnee, vor dem Antlitz Euers Wahcondahs, der dann kein Anderer sein wird, als mein Gott. Viel kann zu Gunsten beider Religionen gesagt werden; denn jede scheint ihrem Volk angepaßt, und ohne Zweifel sollte es so sein. Ich fürchte, ich hab' nicht immer die Gaben meiner Farbe benutzt, da ich es etwas peinlich finde, für immer den Gebrauch der Büchse und die Lust der Jagd aufzugeben. Aber dann ist es mein Fehler, Seiner konnte es ja nicht sein. Ei, Hektor,« fuhr er fort, lehnte sich etwas vor und fühlte nach den Ohren des Hundes; »unser Scheiden ist endlich gekommen, Hund, und es wird ein langer Lauf sein. Du bist ein ehrlicher, ein kühner und ein treuer Hund gewesen. Pawnee, Ihr könnt den Hund auf meinem Grab nicht schlachten; denn wo eines Christen Hund fällt, da liegt er für immer; aber Ihr könnt gütig gegen ihn, wenn ich fort bin, für die Liebe sein, die Ihr gegen seinen Herrn hattet.« »Meines Vaters Worte sind in meinen Ohren,« entgegnete der junge Führer und nickte ernst und ehrerbietig seine Bejahung. »Hörst du, was der Häuptling versprochen, Hund?« fragte der Streifschütz und that, als wolle er die Aufmerksamkeit der unempfindlichen Hülle aufregen. Als er keinen erwiedernden Blick empfing, noch ein freundliches Winseln hörte, fühlte der Alte nach dessen Mund und bemühte sich, seine Hand zwischen die kalten Lippen zu bringen. Da drang sich ihm die Wahrheit auf, obwohl er noch gar nicht die ganze Täuschung begriff. Zurücksinkend, hing er den Kopf, als fühle er einen harten, unerwarteten Stoß. Diese augenblickliche Vergessenheit benutzten zwei junge Indianer und brachten die Haut mit demselben Zartsinn weg, der sie veranlaßt hatte, den frommen Betrug zu versuchen. »Der Hund ist todt!« lispelte der Streifschütz nach einer Pause von einigen Minuten. »Der Hund hat seine Zeit, wie der Mensch; und gut hat er seine Tage gebraucht! Capitain,« fuhr er fort und wollte Middleton winken, »ich bin froh, daß Ihr gekommen; denn obgleich gütig und wohlgesinnt nach den Gaben ihrer Farbe, sind diese Indianer doch nicht die Leute, um das Haupt eines Weißen in's Grab zu legen. Ich habe auch an diesen Hund zu meinen Füßen gedacht; es geht nicht für einen Christen, zu glauben, daß er seinen Hund wieder finden werde; aber es kann wenig schaden, wenn, was von einem so treuen Diener noch übrig ist, nahe zu den Gebeinen seines Herrn gesetzt wird.« »Gar nicht; es soll geschehen, wie Ihr wünscht.« »Es freut mich, daß Ihr darüber mit mir einstimmt. Um nun Arbeit zu sparen, legt den Alten zu meinen Füßen, oder auch Seite an Seite. Ein Jäger braucht sich nie zu schämen, in Gesellschaft seines Hundes gesehen zu werden.« »Ich übernehme die Erfüllung Eures Wunsches.« Dann machte der Alte eine lange und, wie es schien, sinnende Pause. Zu Zeiten erhob er sein Auge, als wolle er nochmals Middleton anreden; aber ein angebornes Gefühl schien immer seine Worte zu ersticken. Der andre, der sein Zögern beobachtete, fragte auf die ermuthigendste Weise, ob er noch Etwas zu wünschen hätte. »Ich bin ohne Verwandte in der weiten Welt!« antwortete der Streifschütz; »wenn ich abgeschieden bin, wird mein Geschlecht zu Ende sein. Wir sind nie Häuptlinge gewesen, aber ehrlich und nützlich nach unserer Weise; so, hoffe ich, haben wir uns immer gezeigt. Mein Vater liegt begraben nahe der See, und die Gebeine seines Sohns werden bleichen auf den Steppen.« »Nennt den Ort, und Eure Hülle soll ruhen an der Seite Euers Vaters,« fiel Middleton ein. »Nicht so, Capitain. Laßt mich schlafen, wo ich gelebt, jenseits des Lärms der Colonieen. Doch seh' ich nicht, warum das Grab eines ehrlichen Mannes versteckt sein sollte, wie eine Rothhaut in ihrem Dickicht. Ich bezahlte einen Mann in den Ansiedelungen, um einen Grabstein zu hauen auf meines Vaters Ruheplatz. Er kostete zwölf Biberhäute, und geschickt und schön war er eingegraben! Damals sagte er allen Vorübergehenden, daß der Leib eines solchen Christen darunter läge, und er sprach von dessen Lebensart, Jahren und Ehrlichkeit. Als wir mit den Franzosen in dem alten Krieg fertig waren, machte ich eine Reise zur Stelle, um zu sehen, daß Alles recht geschehen; und es freut mich zu sagen, der Werkmann hatte sein Wort nicht vergessen.« »Und solch einen Stein möchtet Ihr auf Euer Grab?« »Ich! nein, nein; ich habe keinen Sohn außer Hartherz, und wenig versteht ein Indianer von Sitten und Gebräuchen der Weißen. Außerdem bin ich sein Schuldner schon, da ich so wenig gethan, seit ich in seinem Stamme gelebt. Die Büchse wäre vielleicht so viel werth; aber dann weiß ich, es wird dem Jungen Vergnügen machen, das Gewehr in seiner Halle aufzuhängen; denn viel sind der Rehe und Vögel, die er damit hat tödten sehen. Nein, nein, das Gewehr muß dem gesandt werden, dessen Name auf dem Schloß steht.« »Aber da ist Einer, der gerne seine Liebe Euch durch Erfüllung Eures Wunsches beweisen möchte; er, der Euch nicht nur seine eigne Befreiung aus so vielen Gefahren verdankt, sondern auch eine schwere Schuld der Dankbarkeit von seinen Vorfahren ererbt. Der Stein soll auf Euer Grab kommen.« Der Alte reckte seine hagere Hand aus und drückte ihm dankbar die seinige. »Ich dachte, Ihr würdet es thun; aber ich zögerte mit der Bitte,« sagte er, »da Ihr nicht mein Verwandter seid. Setzt keine ruhmredige Worte darauf, sondern nur den Namen, das Alter und die Zeit des Todes und Etwas aus dem heiligen Buch; nichts weiter. Mein Name wird dann nicht ganz auf Erden verloren sein; ich brauch' nicht mehr.« Middleton nickte ihm seine Einwilligung, und dann folgte eine Pause, die nur von unzusammenhängenden Sentenzen des Sterbenden unterbrochen wurde. Er schien jetzt seine Rechnung mit der Welt abgeschlossen zu haben und nur auf den endlichen Befehl, sie zu verlassen, zu warten. Middleton und Hartherz stellten sich an seinen Sitz gegen einander über und bewachten mit trauernder Sorgfalt die Veränderungen seines Gesichts. Zwei Stunden lang ereignete sich nichts Bemerkenswerthes. Der Ausdruck seines verfallenen, von der Zeit zerstörten Antlitzes war ruhig und würdig. Manchmal sprach er und brachte kurze Reden rathend vor, oder that einfache Fragen nach denen, an deren Schicksal er noch freundlichen Antheil nahm. Während dieser ganzen feierlichen, ängstlichen Zeit wahrte jeder Einzelne des Stamms seine Stelle mit der größten Selbstüberwindung. Wenn der Greis sprach, neigte Jeder sein Ohr und schien über die Weisheit seiner Worte nachzudenken. Als die Lebensflamme immer mehr verlosch, wurde seine Stimme gebrochen, und es gab Augenblicke, wo die Umstehenden zweifelten, ob er noch zu den Lebenden gehörte. Middleton, der jeden Ausdruck seines vom Wetter gepeitschten Gesichts mit dem Antheil eines scharfen Beobachters der Menschennatur bewachte, welcher noch durch die Zärtlichkeit seiner persönlichen Hochschätzung besänftigt wurde, glaubte, er könne das Arbeiten der Seele in den festen Gesichtszügen lesen. Vielleicht war, was der aufgeklärte Soldat für die Täuschung seiner Einbildungskraft nahm, wirklich geschehen, denn wer ist je aus der unbekannten Welt zurückgekehrt, um zu sagen, durch welche Formen und Weisen er eingeführt ward in ihr hohes Gebiet. Ohne erklären zu wollen, was immer ein Geheimniß bleiben muß, erzählen wir einfach was vorging. Der Streifschütz war fast eine Stunde regungslos geblieben. Seine Augen allein hatten sich bald geöffnet, bald geschlossen. Wenn geöffnet, schien sein Blick auf die Wolken gerichtet, welche um den westlichen Horizont hingen, und die glänzenden Farben zurückstrahlten, und Form und Lieblichkeit der glorreichen Tinten eines amerikanischen Sonnenuntergangs darboten. Die Stunde, die ruhige Schöne der Jahreszeit, die Umgebung, – Alles vereinte sich, die Zuschauer mit hoher Ehrfurcht zu erfüllen. Endlich, während er über die sonderbare Lage nachdachte, worin er sich befand, fühlte Middleton die Hand, die er hielt, seine mit unglaublicher Kraft drücken, und der Alte, gestützt von beiden Seiten durch seine Freunde; stand aufrecht da. Einen Augenblick sah er um sich, als wolle er Alle zum Hören auffordern (es war der Rest menschlicher Gebrechlichkeit) und dann rief er mit einer hohen, militärischen Haltung, und einer Stimme, die überall in der zahlreichen Versammlung gehört werden mochte, das nachdrucksvolle Wort: »Hier.« Eine so gänzlich unerwartete Bewegung und das Ansehen von Hoheit und Demuth, die so auffallend in des Streifschützen Miene sich mischten, zusammen mit der klaren und ungewöhnlich starken Stimme, machte die Anwesenden für einen Augenblick verwirrt. Als Middleton und Hartherz, von denen jeder unwillkührlich die Hand ausgereckt, um den Greis zu stützen, sich wieder nach ihm umwandten, fanden sie, daß der Gegenstand ihrer Theilnahme für immer über ihr Bedürfniß erhoben worden. Sie legten traurig die Leiche auf ihren Sitz, und Le Balafré erhob sich, dem Stamm das Ende des Auftritts zu verkünden. Die Worte des greisen Indianers schienen der Widerhall aus jener unsichtbaren Welt, zu der sich des ehrlichen Streifschützen Geist so eben hinaufgeschwungen. »Ein so kräftiger, gerechter, weiser Krieger hat den Pfad eingeschlagen, der ihn führen wird zu den gesegneten Gefilden seines Volks!« sagte er; »als Wahcondah's Stimme ihm rief, war er fertig zur Antwort. Geht, meine Kinder, gedenkt des gerechten Häuptlings der Blaßgesichter, und reinigt euren Weg von Dornen.« Das Grab grub man unter einer edeln Eiche; es ward bis auf diese Stunde sorgfältig von den Wolfs-Pawnee bewacht, und wird dem Reisenden und Handelsmann oft als der Ort gezeigt, wo ein gerechter Weißer schläft. Bald lag ein Stein darauf, und einfach war, wie der Greis gewollt, die Inschrift. Middleton hatte nur hinzugesetzt: »Möge keine rohe Hand je seine Asche betrüben.«