Walter Harich Dämon Kunst Das Leben E. T. A. Hoffmanns Aus Briefen, Tagebüchern und den autobiographischen Stellen seiner Schriften zusammengestellt und eingeleitet   Deutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H. Berlin Alle Rechte vorbehalten Copyright 1926 by Deutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H., Berlin Einleitung Noch kurz ehe sie zu Ende läuft, treibt die deutsche Romantik diese seltsame Wundergestalt E. T. A. Hoffmanns hoch. Einer der eigenartigsten Menschen, die je gelebt haben, mit den abenteuerlichsten Schicksalen. Drei große Begabungen sind auf einen einzelnen Menschen gehäuft: Dichtkunst, Musik, Malerei. Der Knabe kann sich nur schwer in dem inneren Chaos zurechtfinden. Der Weg, den er vorgezeichnet findet: der Weg des juristischen Beamten, lockt ihn von Beginn an am wenigsten. Nach anderen Richtungen fühlt er sich hingerissen. Der Dämon Kunst hat ihn frühzeitig gepackt. »Künstler-Leben«, dieses Wort übt noch auf den Erwachsenen, auf den Mann, noch auf den umgetriebenen Kapellmeister eine magische Wirkung aus. Er ist, wie immer er sich sein Brot verdienen mag, »Künstler«. Und dennoch ist die Familientradition so stark in ihm, daß er sich zunächst der Beamtenkarriere zuwendet, bis unter der Umarmung Napoleons der Staat Preußen zusammenbricht und der Rat an der preußischen Regierung in Warschau ohne Geld, ohne Brot auf der Straße liegt und schließlich als verunglückter »Musik-Direktor« in Bamberg unterkriechen kann. Eine Kunst hat schließlich ganz von ihm Besitz ergriffen: die Musik. Durch seine Kompositionen will er Unsterblichkeit gewinnen. Aber diese geliebte Kunst bleibt ihm alles schuldig. Ihr widmet er sich mit ganzer Seele, ihr wirft er fbegeistert sein Bettelleben hin. Aber sie ernährt ihn nicht, wirft ihn in wildem Tanz hierhin und dorthin, bis er – ein verkrachter Musiker – zur Staatskrippe zurückkehrt, ein Bürger wider Willen, noch immer von Dämonen innerlich geschüttelt. Noch als würdiger, sogar, wie er nie zu betonen unterläßt, rangältester Kammergerichtsrat jagt er dem Dämon Musik nach, erwartet von seiner Oper »Undine« die Krönung seines Lebens. Ach, er hat sie schon, fast ohne es zu wissen, auf einem ganz anderen Gebiet gefunden: Über Nacht ist er als Schriftsteller berühmt, als Mensch eine Sehenswürdigkeit Berlins geworden. Was hat er geschrieben, um diesen Erfolg zu erringen? Hat er in schwerem Ringen seiner Seele dichterische Gestalten und Formen abgerungen? Keineswegs! Er schrieb sich nur, ganz nebenbei, von Herzen, was ihn drückte, was innerlich in ihm rumorte; er schrieb sein eigenes Leben, seine eigenen Qualen als Anklage gegen den Mechanismus der Welt und als wehen Aufschrei. Ohne jeden literarischen Ehrgeiz, nur so, weil es ihn trieb, zu schreiben, und weil er damit Geld zu verdienen hoffte. Und auf einmal war das, was er geschrieben hatte, Dichtung, echteste Märchendichtung sogar, Zusammenfassung aller romantischen Sehnsüchte, Erfüllung einer ganzen großen dichterischen Strömung, die seit mehr als einem Jahrzehnt Deutschland bewegt hatte und nun auf einmal, von ihm hemmungslos hinausgestellt, die weitesten Schichten ergriff. Läßt sich das, was er schrieb, irgendwie mit den großen Begabungen der Romantik vergleichen, etwa mit Novalis, Friedrich Schlegel, Brentano, Arnim auf eine Stufe stellen? Keineswegs! Es fehlte ihm schon an dem Ethos des Dichterischen, an der letzten Hingabe der Person an das gestaltete Wort. Aber er hatte sich der Kunst hingegeben, sein Leben in ihren chaotischen Strom rücksichtslos hineingeworfen, und dieses romantische Sichhineinstürzen in die Welt »Kunst«, das gerade war in ihm Gestalt geworden. Er brauchte sich selbst, sein Schicksal, seine Träume jetzt nur niederzuschreiben, um aller Augen auf sich zu lenken. Er war nicht im ethischen oder künstlerischen Sinne die Erfüllung der Romantik, aber in ihm wurde die Romantik sichtbar, fesselnd, ja faszinierend, die breitesten Schichten ergreifend und durchwühlend. Aber diese Erfolge beglückten ihn nicht und brachten ihm nicht den Frieden. Sie lagen außerhalb dessen, was er eigentlich war und wollte. Er hatte die Tragödie des vom Dämon Kunst Umgetriebenen und Gehetzten zu leben und in Gestaltung herauszustellen. Und er lebte diese Tragödie bis zum Ende. Eigentlich ist es nicht abzusehen, weshalb er in den letzten sechs oder acht Jahren nicht das glücklichste Dasein im sicheren Hafen hätte führen können. Ruhm, Geld, geachtete bürgerliche Stellung, liebenswürdige Freunde, ihm kongeniale Naturen – alles sammelte sich um ihn, und dennoch blieb er ruhelos bewegt, fühlte er ständig die Hetzpeitsche des Schicksals über sich. Wieviel Geld ihm auch zufloß, er mußte es vertun, nicht aus Verschwendung, sondern weil er die Gefahr der Not liebte. Und so blieb er gehetzt und getrieben, bis die Affäre des »Meister Floh«, seines letzten Märchens, in dem er Vorkommnisse, die ihm auf dienstlichem Wege bekanntgeworden waren, zum Gegenstand seiner Satire machte, ihm ein Disziplinarverfahren auf den Hals lud, das nur durch seinen Tod seine Erledigung fand. Dieses eigenartige Leben soll in dem vorliegenden Band durch Hoffmanns Selbstzeugnisse dargestellt werden. Wir haben zusammengestellt, was den Gang seines Lebens in seiner eigenen Darstellung spiegelt: Briefe, Tagebücher, die Stellen seiner Schriften, in denen Hoffmann von sich selbst direkt oder unter irgendeiner Verhüllung erzählt. In allen seinen bewegten Schicksalen tritt dieses Leben hier gewissermaßen der Hüllen entkleidet vor uns hin. Jede Phase seines Lebens ersteht vor unserm Blick: der schwärmerische Jugendfreund Hippels, der Bräutigam der Kusine Minna, der nach Plock Verbannte, der Warschauer Beamte, der im zusammengebrochenen Berlin Hungernde. Dann der von »Julia's« Himmelsbild Besessene, der in die Kämpfe um Dresden und Leipzig Hineingerissene und schließlich der zur Juristerei Zurückgekehrte. Tagebuchstellen, die der Gequälte nur für sich selber schrieb, lassen uns in seine tiefste Seele hineinsehen, oder wir verfolgen den Prozeß, wie aus seinem Leben Dichtung wird. Der »Roman« Hoffmanns tut sich uns auf. – Diesem Zweck haben wir die Auswahl untergeordnet. Die hier mitgeteilten Stellen aus seinen Briefen oder seinen Dichtungen stehen nicht für sich da, nicht als Zeugnisse seines Schaffens, sondern als Dokumente seines Lebens. Wir haben deshalb alles Beiwerk fortgelassen und lassen nur den epischen Strom dieses Lebens vorwärtsströmen oder geben Schilderungen und Stimmungen, die für einzelne Abschnitte dieses Lebens besonders charakteristisch sind. Wir hoffen, daß sich diese Fragmente, so zerrissen sie sein mögen, zu einem Lebensbilde runden. Nähere Hinweise und ausführliche Darstellung gibt mein Buch »E. T. A. Hoffmann, das Leben eines Künstlers«, Verlag Erich Reiß - Berlin, 2 Bände. 4. Auflage. Die Texte sind meiner Ausgabe entnommen: »E. T. A. Hoffmanns Schriften und Dichtungen, nebst Briefen und Tagebüchern«, 15 Bände, Verlag Erich Lichtenstein-Weimar. Wenn dieses Buch erscheint, jährt sich – am 24. Januar 1926 – zum 150. Male Hoffmanns Geburtstag. Möge auch dieses Jubiläum Hoffmanns Gestalt immer weiteren und weiteren Kreisen nahebringen. Königsberg, im Herbst 1925. Dr. Walther Harich. I. Jugend und Beamtenjahre Die Kindheit Ernst Theodor Willhelm Hoffmann wurde am 24. Januar 1776 in Königsberg in Preußen als Sohn des Advokaten am Königsberger Hofgericht Christoph Ludwig Hoffmann und seiner Frau Luise Albertine geb. Doerffer geboren. Vater und Mutter waren miteinander verwandt, beide entstammten einer alten ostpreußischen Juristen- und Pfarrerfamilie, den Voeteri, Doerffer, Hoffmanns, die nach neueren Forschungen fränkisch-thüringischen Ursprungs sind. Christoph Ludwig Hoffmann war eine Künstlernatur, aber voll unordentlicher Neigungen. Er paßte schlecht zu seiner Kusine, die seine Ehefrau geworden war. Vier Jahre nach der Geburt des Knaben gingen die Ehegatten auseinander. Bei dem Vater blieb der ältere Sohn Karl in der Französischen Straße, die Mutter siedelte mit dem jüngeren Sohn, unserm Ernst Theodor Willhelm, nach ihrem elterlichen Hause in der Junkerstraße über, wo allein sie auch in den Jahren ihrer Ehe heimisch geblieben war. Die Familie bestand aus der alten Großmutter, der Konsistorialrätin Voeteri, einer Frau von »höchster Dezenz in allen äußeren Formen« und »peinlicher Ordnungsliebe«; dem Onkel Otto Willhelm Doerffer, damals noch Justizrat beim Hofgericht, einem seltsamen Pedanten, dessen Tageslauf genau nach diätetischen Vorschriften geregelt war; einer älteren Schwester des Justizrats, der Tante Sophie, und einem jungen Mädchen, der »Tante Füßchen«, der der Knabe seine ganze Liebe zuwandte. Großmutter und die an ihrer Ehe innerlich zerbrochene Mutter verließen nur selten ihr Zimmer. Des Knaben eigentlicher Erzieher wurde somit der pedantische Justizrat, besonders seit er infolge einer Justizreform den Abschied erhalten hatte. Dieselbe Justizreform versetzte den Vater als Justizkommissar und Kriminalrat an das Hofgericht Insterburg. Ernst Hoffmann sollte seinen Vater nie wiedersehen. Das Doerffersche Haus, in dem der Knabe aufwuchs, ist heute noch erhalten. Es liegt – jetzt als Poststraße 13 bezeichnet – neben der Hauptpost. Die Umgebung aber hat sich bis zur Unkenntlichkeit verändert. Wo heute das Hauptpostgebäude steht, befand sich damals das Palais jenes seltsamen Mannes, dessen teils ehrfürchtige, teils skurrile Gestalt Hoffmanns Kindheit und erste Jugend seltsam überschatten sollte. Theodor Gottlieb Hippel hatte es aus einem armen Kandidaten der Theologie zum reichsten und mächtigsten Mann von Königsberg gebracht. Er war Geheimer Kriegsrat und Stadtpräsident, besaß ein großes Vermögen und ein palaisartiges Wohnhaus mit einer berühmten Gemäldesammlung, war Freund Kants, Hamanns und Scheffners und überdies selbst ein Schriftsteller von bedeutendem Ruf. Sein Buch »Über die Ehe« hat die moderne Frauenemanzipation eingeleitet, und als Verfasser des ersten ostpreußisch-baltischen Heimatromans »Lebensläufe in aufsteigender Linie« wurde er zum Vater des sentimentalen Romans in Deutschland, einer der großen Vorkämpfer der Engländer und Rousseaus. Sein Stern strahlt über der Entwicklung des jungen Jean Paul, dem er Vorbild und Meister war. Auf E. T. A. Hoffmann hat er als Schriftsteller nicht eingewirkt, aber unvergeßlich mußte sich die seltsame Gestalt dieses Mannes dem Knaben einprägen. Jene eigenartigen Sonderlinge, die vom Archivarius Lindhorst an immer wieder bei Hoffmann auftauchen, stammen wohl alle von Hippel ab. Wie überhaupt die Eindrücke, die der Knabe in seiner ersten Kindheit erhielt, bisher viel zuwenig berücksichtigt worden sind. So hat z. B. die Bibliothek des Archivarius Lindhorst ihr Vorbild in der Wallenrodschen Bibliothek im Königsberger Schloß. Zwischen dem Doerfferschen und dem Hippelschen Hause lag das alte v. Lesgewangsche Fräuleinstift, dessen bei Hoffmann öfter gedacht ist. Hinten trennte der Garten des Stifts den Doerfferschen und Hippelschen Garten voneinander. Nur wenige Schritte um die Ecke herum lag das Häuschen Kants, der, als der Knabe aufwuchs, bereits Weltruhm hatte. Auch wenn es nicht ausdrücklich bezeugt ist, so müssen wir doch annehmen, daß die Gestalt Kants dem Knaben von Jugend auf vertraut war. Kant und Hippel besuchten sich gegenseitig viel. Diejenige Kunst, die dem späteren Dichter des Kapellmeisters Kreisler von Kindheit an vertraut war, war die Musik. Mochte das Doerffersche Haus auch sonst nicht zu den geistig regsamen Königsbergs gehören, Musik wurde selbst von dem »O weh-Onkel«, wie Otto Wilhelm bald genannt wurde, mit regem Eifer betrieben. Allwöchentlich versammelten sich die Freunde im Hause, um Kammermusikwerke und wohl auch größere Flügelkonzerte aufzuführen. Der Kleine aber saß dabei mit gemischten Gefühlen. In den Novellen »Der Musikfeind« und »Die Fermate« hat er später diese musikalischen Sitzungen beschrieben, und wenn die Gestalten, die er beschreibt, auch phantastisch ausgeschmückt sind, sie geben doch ein Bild von jenem Musikenthusiasmus, wie er damals und auch heute noch in Hoffmanns Heimatstadt lebendig ist.   ... Mein Vater war gewiß ein tüchtiger Musikus; er spielte fleißig auf einem großen Flügel oft bis in die späte Nacht hinein, und wenn es einmal ein Konzert in unserm Hause gab, dann spielte er sehr lange Stücke, wozu ihn die andern auf Violinen, Bässen, auch wohl Flöten und Waldhörnern ganz wenig begleiteten. Wenn solch ein langes Stück endlich heraus war, dann schrien alle sehr und riefen: »Bravo, Bravo! welch ein schönes Konzert! wie fertig, wie rund gespielt!« und nannten mit Ehrfurcht den Namen Emanuel Bach! – Der Vater hatte aber so viel hintereinander gehämmert und gebrauset, daß es mir immer vorkam, als sei das wohl kaum Musik, worunter ich mir so recht ans Herz gehende Melodien dachte, sondern er tue dies nur zum Spaß, und die andern hätten auch wieder ihren Spaß daran. – Ich war bei solchen Gelegenheiten immer in mein Sonntagsröckchen geknöpft und mußte auf einem hohen Stuhl neben der Mutter sitzen und zuhören, ohne mich viel zu regen und zu bewegen. Die Zeit wurde mir entsetzlich lang, und ich hätte wohl gar nicht ausdauern können, wenn ich mich nicht an den besonderen Grimassen und komischen Bewegungen der Spieler ergötzt hätte. Vorzüglich erinnere ich mich noch eines alten Advokaten, der immer dicht bei meinem Vater die Geige spielte, und von dem sie immer sagten, er wäre ein ganz übertriebener Enthusiast, und die Musik mache ihn halb verrückt, so daß er in der wahnsinnigen Exaltation, zu der ihn Emanuel Bachs, oder Wolfs, oder Bendas Genius hinaufschraubte, weder rein greife, noch Takt halte. – Mir steht der Mann noch ganz vor Augen. Er trug einen pflaumfarbenen Rock mit goldbesponnenen Knöpfen, einen kleinen silbernen Degen und eine rötliche, nur wenig gepuderte Perücke, an der hinten ein kleiner runder Haarbeutel hing. Er hatte einen unbeschreiblichen Ernst in allem, was er begann. »Ad opus!« pflegte er zu rufen, wenn der Vater die Musikblätter auf die Pulte verteilte. Dann ergriff er mit der rechten Hand die Geige, mit der linken aber die Perücke, die er abnahm und an einen Nagel hing. Nun hob er an, sich immer mehr und mehr übers Blatt beugend, zu arbeiten, daß die roten Augen glänzend heraustraten und Schweißtropfen auf der Stirn standen. Es geschah ihm zuweilen, daß er früher fertig wurde als die übrigen, worüber er sich denn nicht wenig wunderte und die andern ganz böse anschaute. Oft war es mir auch, als brächte er Töne heraus, denen ähnlich, die Nachbars Peter, mit naturhistorischem Sinn die verborgenen musikalischen Talente der Katzen erforschend, unserm Hauskater ablockte durch schickliches Einklemmen des Schwanzes und sonst: weshalb er zuweilen von dem Vater etwas geprügelt wurde – (nämlich der Peter). – Kurz, der pflaumfarbene Advokat – er hieß Musewius – hielt mich ganz für die Pein des Stillsitzen schadlos, indem ich mich an seinen Grimassen, an seinen komischen Seitensprüngen, ja wohl gar an seinem Quinkelieren höchlich ergötzte. – Einmal machte er doch eine vollkommene Störung in der Musik, so daß mein Vater vom Flügel aufsprang, und alle auf ihn zustürzten, einen bösen Zufall, der ihn ergriffen, befürchtend. Er fing nämlich an, erst etwas weniges mit dem Kopfe zu schütteln, dann aber in einem fortsteigenden Crescendo immer stärker und stärker den Kopf hin und her zu werfen, wozu er gräßlich mit dem Bogen über die Saiten hin und her fuhr, mit der Zunge schmalzte und mit dem Fuße stampfte. Es war aber nichts als eine kleine feindselige Fliege, die hatte ihn, mit beharrlichem Eigensinn in demselben Kreise bleibend, umsummt und sich, tausendmal verjagt, immer wieder auf die Nase gesetzt. Das hatte ihn in wilde Verzweiflung gestürzt. (Aus »Der Musikfeind«.)   Man braucht nur etwa die Schilderung des bekannten Kapellmeisters Friedrich Reichardt, eine Generation vor Hoffmann in Königsberg geboren und erzogen, neben Hoffmann musikalische Jugenderinnerungen zu halten, um sogleich zu erkennen, daß die entlegene Stadt im Osten des Reichs tatsächlich solche Originale in Menge hervorbrachte. Der pflaumfarbene Advokat stand keineswegs vereinzelt mit seinen Sonderbarkeiten da. Diese Gestalten gehören zu Hoffmanns Jugend, an ihnen lernte sein Blick das Menschliche in seiner letzten skurrilen Zuspitzung erfassen und festhalten. Der Vater, der im »Musikfeind« vorkommt, ist natürlich nicht Hoffmanns Vater, dessen Musikalität der Knabe mit Ehrfurcht von seinem ersten Lehrer hatte nennen hören, sondern niemand anders als der »O-weh-Onkel«, den er auch in dem folgenden Stück aus der »Fermate« geschildert hat.   ... »Daß ich nun endlich«, fing Theodor an, »alles andere beiseite geworfen und mich der edlen Musika ganz und gar ergeben, darüber wundere sich niemand, denn schon als Knabe mochte ich ja kaum was anderes treiben und klimperte Tag und Nacht auf meines Onkels altem, knarrenden, schwirrenden Flügel. Es war an dem kleinen Orte recht schlecht bestellt um die Musik, niemanden gab es, der mich hätte unterrichten können, als einen alten eigensinnigen Organisten, der war aber ein toter Rechenmeister und quälte mich sehr mit finstern übelklingenden Toccaten und Fugen. Ohne mich dadurch abschrecken zu lassen, hielt ich treulich aus. Manchmal schalt der Alte gar ärgerlich, aber er durfte nur wieder einmal einen wackern Satz in seiner starken Manier spielen, und versöhnt war ich mit ihm und der Kunst. Ganz wunderbar wurde mir dann oft zu Mute, mancher Satz, vorzüglich von dem alten Sebastian Bach, glich beinahe einer geisterhaften graulichen Erzählung, und mich erfaßten die Schauer, denen man sich so gern hingibt in der phantastischen Jugendzeit. Ein ganzes Eden erschloß sich mir aber, wenn, wie es im Winter zu geschehen pflegte, der Stadtpfeifer mit seinen Gesellen, unterstützt von ein paar schwächlichen Dilettanten, ein Konzert gab und ich in der Symphonie die Pauken schlug, welches mir vergönnt wurde wegen meines richtigen Taktes. Wie lächerlich und toll diese Konzerte oft waren, habe ich erst später eingesehen. Gewöhnlich spielte mein Lehrer zwei Flügelkonzerte von Wolff oder Emanuel Bach, ein Kunstpfeifergesell quälte sich mit Stamitz, und der Akzise-Einnehmer blies auf der Flöte gewaltig und übernahm sich im Atem so, daß er beide Lichter am Pult ausblies, die immer wieder angezündet werden mußten. An Gesang war nicht zu denken, das tadelte mein Onkel, ein großer Freund und Verehrer der Tonkunst, sehr. Er gedachte noch mit Entzücken der älteren Zeit, als die vier Kantoren der vier Kirchen des Orts sich verbanden zur Aufführung von Lottchen am Hofe im Konzertsaal. Vorzüglich pflegte er die Toleranz zu rühmen, womit die Sänger sich zum Kunstwerk vereinigt, da außer der katholischen und evangelischen noch die reformierte Gemeinde sich in zwei Zungen, der deutschen und französischen, spaltete; der französische Kantor ließ sich das Lottchen nicht nehmen und trug, wie der Onkel versicherte, brillbewaffnet die Partie mit dem anmutigsten Falsett vor, der jemals aus einer menschlichen Kehle herauspfiff. Nun verzehrte aber bei uns (am Orte, mein' ich) eine fünfundfünfzigjährige Demoiselle namens Meibel die karge Pension, welche sie als jubilierte Hofsängerin aus der Residenz erhielt, und mein Onkel meinte richtig, die Meibel könne für das Geld noch wirklich was weniges jubilieren im Konzerte. Sie tat vornehm und ließ sich lange bitten, doch gab sie endlich nach, und so kam es im Konzerte auch zu Bravour-Arien. Es war eine wunderliche Person, diese Demoiselle Meibel. Ich habe die kleine hagere Gestalt noch lebhaft in Gedanken. Sehr feierlich und ernst pflegte sie mit ihrer Partie in der Hand in einem buntstoffnen Kleide vorzutreten und mit einer sanften Beugung des Oberleibes die Versammlung zu begrüßen. Sie trug einen sonderbaren Kopfputz, an dessen Vorderseite ein Strauß von italienischen Porzellanblumen befestigt war, der, indem sie sang, seltsam zitterte und nickte. Wenn sie geendigt und die Gesellschaft nicht wenig applaudiert hatte, gab sie ihre Partie mit stolzem Blick meinem Lehrer, dem es vergönnt war, in die kleine Porzellandose zu greifen, die einen Mops vorstellte, und die sie hervorgezogen, um daraus mit vieler Behaglichkeit Tabak zu nehmen. Sie hatte eine garstige quäkende Stimme, machte allerlei skurrile Schnörkel und Koloraturen, und du kannst denken, wie dies, verbunden mit dem lächerlichen Eindruck ihrer äußeren Erscheinung, auf mich wirken mußte. Mein Onkel ergoß sich in Lobeserhebungen, ich konnte das nicht begreifen und gab mich um so eher meinem Organisten hin, der, überhaupt ein Verächter des Gesanges, in seiner hypochondrischen boshaften Laune die alte possierliche Demoiselle gar ergötzlich zu parodieren wußte.« (Aus »Die Fermate«.)   Allerdings gab es einen Gesang, der dem Knaben tief ans Herz griff. Er berichtet im »Musikfeind« darüber:   ... Manchmal geschah es, daß die Schwester meiner Mutter eine Arie sang. Ach, wie freute ich mich immer darauf! Ich liebte sie sehr; sie gab sich viel mit mir ab und sang mir oft mit ihrer schönen Stimme, die so recht in mein Innerstes drang, eine Menge herrlicher Lieder vor, die ich so in Sinn und Gedanken trage, daß ich sie noch für mich leise zu singen vermag. – Es war immer etwas Feierliches, wenn meine Tante die Stimmen der Arien von Hasse, oder von Traetta, oder sonst einem Meister auflegte; der Advokat durfte nicht mitspielen. Schon wenn sie die Einleitung spielten und meine Tante noch nicht angefangen zu singen, klopfte mir das Herz, und ein ganz wunderbares Gefühl von Lust und Wehmut durchdrang mich, so daß ich mich kaum zu fassen wußte. Aber kaum hatte die Tante einen Satz gesungen, so fing ich an bitterlich zu weinen und wurde unter heftigen Scheltworten meines Vaters zum Saal hinausgebracht. (Aus »Der Musikfeind«.)   Niemand anders war tiefe Tante als »Tante Füßchen«, der Hoffmann später in seinem »Kater Murr« das herrlichste Denkmal gesetzt hat. Man hat lange Zeit angenommen, daß diese »Tante Füßchen« eine Phantasiegestalt Hoffmanns gewesen wäre, aber es stellte sich heraus, daß sie genau so jung gelebt hat und gestorben ist, wie es Hoffmann im »Kater Murr« beschrieb:   ... Die jüngere Schwester meiner Mutter war Virtuosin auf diesem zurzeit in die musikalische Polterkammer verwiesenen Instrument. Gesetzte Männer, die schreiben und rechnen können und wohl noch mehr als das, haben in meiner Gegenwart Tränen vergossen, wenn sie bloß dachten an das Lautenspiel der seligen Mamsell Sophie; mir ist es deshalb gar nicht zu verdenken, wenn ich, ein durstig Kind, meiner selbst nicht mächtig, noch ohne in Wort und Rede aufgekeimtes Bewußtsein, alle Wehmut des wunderbaren Tonzaubers, den die Lautenistin aus ihrem Innersten strömen ließ, in begierigen Zügen einschlürfte. – Jener Lautenist an der Wiege war aber der Lehrer der Verstorbenen, klein von Person, mit hinlänglich krummen Beinen, hieß Monsieur Turtel und trug eine sehr saubere weiße Perücke mit einem breiten Haarbeutel sowie einen roten Mantel. – Ich sage das nur, um zu beweisen, wie deutlich mir die Gestalten aus jener Zeit aufgehen, und daß weder Meister Abraham noch sonst jemand daran zweifeln darf, wenn ich behaupte, daß ich, ein Kind von noch nicht drei Jahren, mich finde auf dem Schoße eines Mädchens, deren mildblickende Augen mir recht in die Seele leuchteten, daß ich noch die süße Stimme höre, die zu mir sprach, zu mir sang, daß ich es noch recht gut weiß, wie ich der anmutigen Person all meine Liebe, all meine Zärtlichkeit zuwandte. Dies war aber eben Tante Sophie, die in seltsamer Verkürzung »Füßchen« gerufen wurde. Eines Tages lamentierte ich sehr, weil ich Tante Füßchen nicht gesehen hatte. Die Wärterin brachte mich in ein Zimmer, wo Tante Füßchen im Bette lag, aber ein alter Mann, der neben ihr gesessen, sprang schnell auf und führte, heftig scheltend, die Wärterin, die mich auf dem Arm hatte, hinaus. Bald darauf kleidete man mich an, hüllte mich ein in dicke Tücher, brachte mich ganz und gar in ein anderes Haus zu anderen Personen, die sämtlich Onkel und Tanten von mir sein wollten und versicherten, daß Tante Füßchen sehr krank sei, und ich, wäre ich bei ihr geblieben, ebenso krank geworden sein würde. Nach einigen Wochen brachte man mich zurück nach meinem vorigen Aufenthalt. Ich weinte, ich schrie, ich wollte zu Tante Füßchen. Sowie ich in jenes Zimmer gekommen, trippelte ich hin an das Bett, in dem Tante Füßchen gelegen, und zog die Gardinen auseinander. Das Bett war leer, und eine Person, die nun wieder eine Tante von mir war, sagte, indem ihr die Tränen aus den Augen stürzten: Du findest sie nicht mehr, Johannes, sie ist gestorben und liegt unter der Erde. – Ich weiß wohl, daß ich den Sinn dieser Worte nicht verstehen konnte, aber noch jetzt, jenes Augenblicks gedenkend, erbebe ich in dem namenlosen Gefühl, das mich damals erfaßte. Der Tod selbst preßte mich hinein in seinen Eispanzer, seine Schauer drangen in mein Innerstes, und vor ihnen erstarrte alle Lust der ersten Knabenjahre. – (Aus dem »Kater Murr«.)   Tante Füßchen und ihr Tod waren das einschneidende Erlebnis seiner Kinderjahre. Durch den Gesang und das Lautenspiel des jungen Mädchens war ihm die Welt des Klanges erschlossen worden. Wir wissen wenig von den innerlichen Erlebnissen dieser Jahre, aber wie stark das Tonempfinden schon des Kindes war, geht aus gelegentlichen späteren Briefstellen unzweifelhaft hervor. Unvergeßlichen Eindruck machte auf den Knaben z. B. die Musik, die in Königsberg in der Neujahrnacht vom hohen Schloßturm herab jedes Jahr geblasen wurde. Noch als Zweiundzwanzigjähriger schrieb er darüber an seinen späteren Freund Hippel:   » ... Auf die zwölfte Stunde der Neujahrsnacht habe ich immer viel gehalten – immer weckte mich da die sanfte Musik von Clarinetten und Hörnern auf dem Schloßturme – ich glaubte kindisch phantasierend – silberne Engel trügen jetzt das neue Jahr einem Sterne gleich am blauen Himmel vorbei – aber ich hatte nicht Mut aufzustehen und zu sehen – ihren Flug hörte ich in jener für mich damals himmlischen Musik.« (An Theodor v. Hippel, 31. Dezember 1798.)   Musik war das Element, in dem der Knabe aufwuchs. Der alte Organist Podbielski, von dem bereits Friedrich Reichardt in seiner Selbstbiographie köstliche Anekdoten erzählt, wurde bald der ausschließliche Lehrer des Knaben. Bereits in der »Fermate« wird dieser seltsame Alte mit seiner Abneigung gegen den modischen Gesang erwähnt. Das eigentliche Denkmal aber setzte Hoffmann seinem Lehrer im »Kater Murr«, wo der Organist als Meister Abraham Liskow eine Hauptfigur dieses wahrhaften Musikromans geworden ist. Im »Kater Murr« gab Hoffmann die eigentliche Geschichte seines Lebens wieder. Hier findet auch seine Jugend ihren Widerhall:   ... Es ist gar nicht zu verwundern, daß in dem Innern dieses jungen Mannes durch tausend Adern und Äderchen lauter musikalisches Blut läuft, denn das war der Fall bei vielen seiner Blutsverwandten, deren Blutsverwandter er eben deshalb ist. – Ich will nämlich sagen, daß die meisten von meinen Tanten und Onkeln, deren es, wie der Meister weiß und du eben erst erfahren hast, eine nicht geringe Anzahl gab, Musik trieben, und noch dazu meistenteils Instrumente spielten, die schon damals sehr selten waren, jetzt aber zum Teil verschwunden sind, so daß ich nur noch im Traum die ganz wunderbar klingenden Konzerte vernehme, die ich ungefähr bis zu meinem zehnten, elften Jahre hörte. – Mag es sein, daß deshalb mein musikalisches Talent schon im ersten Aufkeimen die Richtung genommen hat, die in meiner Art zu instrumentieren sich kundtun soll und die man als zu phantastisch verwirft. – Kannst du dich, Geheimrat, der Tränen enthalten, wenn du recht schön auf dem uralten Instrument, auf der Viola d'Amore, spielen hörst, so danke dem Schöpfer für deine robuste Konstitution; ich für mein Teil flennte beträchtlich, als der Ritter Esser sich darauf hören ließ, früher aber noch mehr, wenn ein großer ansehnlicher Mann, dem die geistliche Kleidung ungemein gut stand und der nun wieder mein Onkel war, mir darauf vorspielte. So war auch eines andern Verwandten (des Vaters!) Spiel aus der Viola di Gamba gar angenehm und verlockend, wiewohl derjenige Onkel, der mich erzog oder vielmehr nicht erzog und der das Spinett mit barbarischer Virtuosität zu hantieren wußte, ihm mit Recht Mangel an Takt vorwarf. Der Arme geriet auch bei der ganzen Familie in nicht geringe Verachtung, als man erfahren, daß er in aller Fröhlichkeit nach der Musik einer Sarabande ein Menuett à la Pompadour getanzt. Ich könnte euch überhaupt viel erzählen von den musikalischen Belustigungen meiner Familie, die oft einzig in ihrer Art sein mochten, aber es würde manches Groteske mit unterlaufen, worüber ihr lachen müßtet; und meine werten Verwandten eurem Gelächter preiszugeben, das verbietet der respectus parentalis . Johannes, begann der Geheimrat, du wirst es mir in deiner Gemütlichkeit nicht verargen, wenn ich eine Saite in deinem Innern anschlage, deren Berührung dich vielleicht schmerzt. – Immer sprichst du von Onkeln, von Tanten, nicht gedenkst du deines Vaters, deiner Mutter! – O mein Freund, erwiderte Kreisler mit dem Ausdruck der tiefsten Bewegung, eben heute gedachte ich – doch nein, nichts mehr von Erinnerungen, von Träumen, nichts von dem Augenblick, der heute alles nur gefühlte, nicht verstandene Weh meiner frühen Knabenzeit weckte, aber eine Ruhe kam dann in mein Gemüt, die der ahnungsvollen Stille des Waldes gleicht, wenn der Gewittersturm vorüber! – ... Du kannst dir deutlicher die dumpfe Betäubung denken, in der ich wohl ein paar Jahre fortleben mochte, als ich Tante Füßchen verloren, wenn ich dir sage, daß der Tod meiner Mutter, der in diese Zeit fällt, keinen sonderlichen Eindruck auf mich machte. Weshalb aber mein Vater mich ganz dem Bruder meiner Mutter überließ oder überlassen mußte, darf ich dir nicht sagen, da du Ähnliches in manchem verbrauchten Familienroman oder in irgendeiner Ifflandschen Hauskreuzkomödie nachlesen kannst. Es genügt, dir zu sagen, daß, wenn ich meine Knaben-, ja einen guten Teil meiner Jünglingsjahre im trostlosen Einerlei verlebte, dies wohl eben dem Umstande zuzuschreiben, daß ich elternlos war. Der schlechte Vater ist noch immer besser als jeder gute Erzieher, mein ich, und mir schaudert die Haut, wenn Eltern in lieblosem Unverstande ihre Kinder von sich lassen und verweisen in diese, jene Erziehungsanstalt, wo die Armen ohne Rücksicht auf ihre Individualität, die ja niemanden anders als eben den Eltern recht klar aufgehen kann, nach bestimmter Norm zugeschnitten und appretiert werden. – Was nun eben die Erziehung betrifft, so darf sich kein Mensch auf Erden darüber verwundern, daß ich ungezogen bin, denn der Oheim zog oder erzog mich ganz und gar nicht, sondern überließ mich der Willkür der Lehrer, die ins Haus kamen, da ich keine Schule besuchen und auch durch irgendeine Bekanntschaft mit einem Knaben meines Alters die Einsamkeit des Hauses, das der unverheiratete Oheim mit einem alten trübsinnigen Bedienten allein bewohnte, nicht stören durfte. – Ich besinne mich nur auf drei verschiedene Fälle, in denen der beinahe bis zum Stumpfsinn gleichgültige, ruhige Oheim einen kurzen Akt der Erziehung vornahm, indem er mir eine Ohrfeige zuteilte, so daß ich wirklich während meiner Knabenzeit drei Ohrfeigen empfangen. Ich könnte dir, mein Geheimrat, da ich eben zum Schwatzen so aufgelegt, die Geschichte von den drei Ohrfeigen als ein romantisches Kleeblatt auftischen, doch hebe ich nur die mittelste heraus, da ich weiß, daß du auf nichts so erpicht bist als auf meine musikalischen Studien und es dir nicht gleichgültig sein kann, zu erfahren, wie ich zum ersten Mal komponierte. – Der Oheim hatte eine ziemlich starke Bibliothek, in der ich nach Gefallen stöbern und lesen durfte, was ich wollte; mir fielen Rousseaus Bekenntnisse in der deutschen Übersetzung in die Hände. Ich verschlang das Buch, das eben nicht für einen zwölfjährigen Knaben geschrieben und das den Samen manches Unheils in mein Inneres hätte streuen können. Aber nur ein einziger Moment aus allen, zum Teil sehr verfänglichen Begebenheiten erfüllte mein Gemüt so ganz und gar, daß ich alles übrige darüber vergaß. Gleich elektrischen Schlägen traf mich nämlich die Erzählung, wie der Knabe Rousseau, von dem mächtigen Geist seiner inneren Musik getrieben, sonst aber ohne alle Kenntnis der Harmonik des Kontrapunktes, aller praktischen Hilfsmittel, sich entschließt, eine Oper zu komponieren, wie er die Vorhänge des Zimmers herabläßt, wie er sich aufs Bett wirft, um sich ganz der Inspiration seiner Einbildungskraft hinzugeben, wie ihm nun sein Werk aufgeht, gleich einem herrlichen Traum! – Tag und Nacht verließ mich nicht der Gedanke an diesen Moment, mit dem mir die höchste Seligkeit über den Knaben Rousseau gekommen zu sein schien! – Oft war es mir, als sei ich auch schon dieser Seligkeit teilhaftig geworden, und dann, nur von meinem festen Entschluß hinge es ab, mich auch in dies Paradies hinaufzuschwingen, da der Geist der Musik in mir ebenso mächtig beschwingt sei. Genug, ich kam dahin, es meinem Vorbilde nachmachen zu wollen. Als nämlich an einem stürmischen Herbstabend der Oheim wider seine Gewohnheit das Haus verlassen, ließ ich sofort die Vorhänge herab und warf mich auf des Oheims Bett, um wie Rousseau eine Oper im Geiste zu empfangen. So vortrefflich aber die Anstalten waren, so sehr ich mich abmühte, den dichterischen Geist heranzulocken, doch blieb er im störrischen Eigensinn davon. – Durchaus summte mir statt aller herrlichen Gedanken, die mir aufgehen sollten, ein altes erbärmliches Lied vor den Ohren, dessen weinerlicher Text begann: »Ich liebte nur Ismenen, Ismene liebt' nur mich«, und ließ, so sehr ich mich dagegen sträubte, nicht nach. Jetzt kommt der erhabene Priesterchor: »Hoch von Olympos' Höh'n«, rief ich mir zu, aber »Ich liebte nur Ismenen« summte die Melodie fort und unaufhörlich fort, bis ich zuletzt fest einschlief. Mich weckten laute Stimmen, indem ein unerträglicher Geruch mir in die Nase fuhr und den Atem versetzte! Das ganze Zimmer war von dickem Rauch erfüllt, und in dem Gewölk stand der Oheim und trat die Reste der flammenden Gardine, die den Kleiderschrank verbarg, nieder und rief: Wasser her – Wasser her! bis der alte Diener Wasser in reichlicher Fülle herbeibrachte, über den Boden ausgoß und so das Feuer löschte. Der Rauch zog langsam durch die Fenster. Wo ist nur der Unglücksvogel? fragte der Oheim, indem er im Zimmer umherleuchtete. Ich wußte wohl, welchen Vogel er meinte, und blieb mäuschenstill im Bette, bis der Oheim herantrat und mir mit einem zornigen: Will er wohl gleich heraus! auf die Beine half. Steckt mir der Bösewicht das Haus über dem Kopfe an! fuhr der Onkel fort. – Ich versicherte auf weiteres Befragen ganz ruhig, daß ich auf dieselbe Weise, wie der Knabe Rousseau nach dem Inhalt seiner Bekenntnisse es getan, eine Opera seria im Bette komponiert hätte, und daß ich durchaus gar nicht wisse, wie der Brand entstanden. Rousseau? komponiert? Opera seria? – Pinsel! so stotterte der Oheim vor Zorn und teilte mir die kräftige Ohrfeige zu, die ich als die zweite empfing, so daß ich vor Schreck erstarrt sprachlos stehenblieb, und in dem Augenblicke hörte ich wie einen Nachklang des Schlages ganz deutlich: »Ich liebte nur Ismenen usw. usw.« Sowohl gegen dieses Lied als gegen die Begeisterung des Komponierens überhaupt empfand ich von diesem Augenblick an einen lebhaften Widerwillen. Aber wie war nur das Feuer entstanden, fragte der Geheimrat. Noch in diesem Augenblick, erwiderte Kreisler, ist es mir unbegreiflich, durch welchen Zufall die Gardine in Brand geriet und einen schönen Schlafrock des Oheims sowie drei oder vier schön frisierte Toupets, die der Oheim als partielle Perückenstudien aus einer Gesamtfrisur aufzusetzen pflegte, mit in ihr Verderben riß. Mir ist es auch immer so vorgekommen, als habe ich nicht des unverschuldeten Feuere, sondern nur der unternommenen Komposition halber die Ohrfeige erhalten. – Seltsam genug war es die Musik allein, die zu treiben mich der Oheim mit Strenge anhielt, unerachtet der Lehrer, getäuscht von dem nur momentanen Widerwillen, den ich dagegen äußerte, mich für ein durchaus unmusikalisches Prinzip hielt. Was ich übrigens lernen oder nicht lernen mochte, das war dem Oheim völlig gleich. Äußerte er manchmal lebhaften Unwillen, daß es so schwer hielt, mich zur Musik anzuhalten, so hätte man denken sollen, daß er von der Freude hätte durchdrungen sein müssen, als nach ein paar Jahren der musikalische Geist sich so mächtig in mir regte, daß er alles übrige überflügelte; das war aber nun wieder ganz und gar nicht der Fall. Der Oheim lächelte bloß ein wenig, wenn er bemerkte, daß ich bald mehrere Instrumente mit einiger Virtuosität spielte, ja, daß ich manches kleine Stück aufsetzte zur Zufriedenheit der Meister und Kenner. Ja, er lächelte bloß ein wenig und sagte, wenn man ihn mit Lobeserhebungen anfuhr, mit schlauer Miene: Ja, der kleine Neveu ist närrisch genug. – So ist es mir, nahm der Geheimrat das Wort, aber ganz unbegreiflich, daß der Oheim deiner Neigung nicht Freiheit ließ, sondern dich hineinzwang in eine andere Laufbahn. Soviel ich nämlich weiß, ist deine Kapellmeisterschaft eben nicht von lange her. Und auch nicht von weither, rief Meister Abraham lachend und fuhr, indem er das Bildnis eines kleinen, wunderlich gebauten Mannes an die Wand warf, weiter fort. Aber nun muß ich mich des wackeren Oheims, den mancher verruchte Neffe den O-weh-Onkel nannte, weil er sich mit Vornamen Otfried Wenzel schrieb, ja, nun muß ich mich seiner annehmen und der Welt versichern, daß, wenn der Kapellmeister Johannes Kreisler es sich einfallen ließ, Legationsrat zu sein und sich abzuquälen mit seiner innersten Natur ganz widrigen Dingen, niemand weniger daran schuld ist als eben der O-weh-Onkel. – O, still davon, Meister, sagte Kreisler, und nehmt mir dort den Oheim von der Wand, denn mochte er auch wirklich lächerlich genug aussehen, so mag ich doch eben heute über den Alten, der lange im Grabe ruht, nicht lachen! – Ihr übernehmt Euch heute ja ganz in geziemlicher Empfindsamkeit, erwiderte der Meister; Kreisler achtete aber nicht darauf, sondern sagte, sich zum kleinen Geheimrat wendend: Du wirst es bedauern, mich zum Schwatzen gebracht zu haben, da ich dir, der vielleicht das Außerordentliche erwartete, nur Gemeines, wie es sich tausendmal im Leben wiederholt, auftischen kann. – So ist es denn auch gewiß, daß es nicht Erziehungszwang, nicht besonderer Eigensinn des Schicksals, nein, daß es der gewöhnlichste Lauf der Dinge war, der mich fortschob, so daß ich unwillkürlich dort hinkam, wo ich eben nicht hinwollte. – Hast du nicht bemerkt, daß es in jeder Familie einen gibt, der sich, sei es durch besonderes Genie oder durch das glückliche Zusammentreffen günstiger Ereignisse, zu einer gewissen Höhe hinaufschwang und der nun, ein Heros, in der Mitte des Kreises steht, zu dem die lieben Verwandten demütig hinaufblicken, dessen gebietende Stimme vernommen wird in entscheidenden Sprüchen, von denen keine Apellation möglich? – So ging es mit dem jüngeren Bruder meines Oheims, der dem musikalischen Familiennest entflohen war und in der Residenz als Geheimer Legationsrat in der Nähe des Fürsten eine ziemlich wichtige Person vorstellte. Sein Emporsteigen hatte die Familie in eine erstaunende Bewunderung versetzt, die nicht nachließ. Man nannte den Legationsrat mit feierlichem Ernst, und wenn es hieß: Der Geheime Legationsrat hat geschrieben, der Geheime Legationsrat hat das und das geäußert, so horchte alles in stummer Ehrfurcht auf. Dadurch schon seit meiner frühesten Kindheit daran gewöhnt, den Oheim in der Residenz als einen Mann anzusehen, der das höchste Ziel alles menschlichen Strebens erreicht, mußte ich es natürlich finden, daß ich gar nichts anderes tun konnte, als in seine Fußtapfen treten. Das Bildnis des vornehmen Oheims hing in dem Prunkzimmer, und keinen größeren Wunsch hegte ich, als so frisiert, so gekleidet umherzugehen, wie der Oheim auf dem Bilde. Diesen Wunsch gewährte mein Erzieher, und ich muß wirklich als zehnjähriger Knabe anmutig genug ausgesehen haben, im himmelhoch frisierten Toupet und kleinen zirkelrunden Haarbeutel, im zeisiggrünen Rock mit schmaler silberner Stickerei, seidenen Strümpfen und kleinem Degen. Dies kindliche Streben ging tiefer ein, als ich älter worden, da, um mir Lust zur trockensten Wissenschaft einzuflößen, es genügte, mir zu sagen, dies Studium sei mir nötig, damit ich, dem Oheim gleich, dereinst Legationsrat werden könne. Daß die Kunst, welche mein Inneres erfüllte, mein eigentliches Streben, die wahre, einzige Tendenz meines Lebens sein dürfte, fiel mir um so weniger ein, als ich gewohnt war, von Musik, Malerei, Poesie nicht anders reden zu hören als von ganz angenehmen Dingen, die zur Erheiterung und Belustigung dienen könnten. Die Schnelle, mit der ich, ohne daß sich jemals auch nur ein einziges Hindernis offenbart hätte, durch mein erlangtes Wissen und durch den Vorschub des Oheims in der Residenz in der Laufbahn, die ich gewissermaßen selbst gewählt, vorwärts schritt, ließ mir keinen Moment übrig, mich umzuschauen und die schiefe Richtung des Weges, den ich genommen, wahrzunehmen. Das Ziel war erreicht, umzukehren nicht mehr möglich, als in einem nicht geahnten Momente die Kunst sich rächte, der ich abtrünnig worden, als der Gedanke eines ganzen verlorenen Lebens mich mit trostlosem Weh erfaßte, als ich mich in Ketten geschlagen sah, die mir unzerbrechlich dünkten! Glückselig, heilbringend also die Katastrophe, rief der Geheimrat, die dich aus den Fesseln befreite! Sage das nicht, erwiderte Kreisler, zu spät trat die Befreiung ein. Mir geht es wie jenem Gefangenen, der, als er endlich befreit wurde, des Getümmels der Welt, ja des Lichts des Tages so entwöhnt war, daß er, nicht vermögend der goldenen Freiheit zu genießen, sich wieder zurücksehnte in den Kerker. (Aus dem »Kater Murr«.) Theodor v. Hippel   Diese Szene aus dem »Kater Murr«, von den ersten jugendlichen Musikbemühungen ausgehend, enthält Hoffmanns wichtigstes Urteil über sein Leben. Alles, was er über den Verlauf seines Lebens hier anführt, werden wir später bestätigt finden. Es war kein besonderer Zwang, der ihn in die Laufbahn eines juristischen Beamten hineintrieb, sondern lediglich die Familienkonvention, in der er aufwuchs. Man wird es gerade in solchen kunst- oder musiksinnigen Familien des öfteren finden, daß selbst starke Begabungen sich gar nicht oder erst spät der Kunst als einem lebenfüllenden Beruf zuwenden. Auch jener Geheime Legationsrat, das Orakel und anerkannte Oberhaupt der Familie, ist durchaus historisch: Johann Ludwig Doerffer, der jüngere Bruder des »O-weh-Onkels«, hatte es bereits in jungen Jahren zum Rat an der Oberamtsregierung in Glogau gebracht, und man konnte annehmen, daß ihm noch eine große Laufbahn bevorstand. Wirklich wurde er später Geheimer Obertribunalrat und Mitglied der Gesetzeskommission in Berlin. Nach bestandenem Auskultatorexamen siedelte Hoffmann bekanntlich nach Glogau über, wo er bei der Familie des Oheims liebevolle Aufnahme fand. Als dann der Oheim nach Berlin berufen wurde, begleitete er die Familie dorthin und trat als Referendar beim Berliner Kammergericht ein. Die Katastrophe, die ihm die Befreiung aus einem ungeliebten Beruf brachte, war die Eroberung Warschaus durch die Franzosen und die Auflösung der dortigen preußischen Regierung durch Napoleon. Und auch darin hat die eben angeführte Schilderung recht, daß diese Befreiung »zu spät« eintrat. Nach einigen Kapellmeisterjahren in Armut und Elend trat er von neuem in den Staatsdienst. Doch wir sind der Entwicklung vorausgeeilt. Noch lebte der Knabe unter dem Druck eines geistlosen Pedanten und einer freudlosen Familie in dem großmütterlichen Haus. Selbst ohne Freund war er, bis er in einem Landhaus »östlich von Königsberg« in dem gleichalten Theodor Hippel, dem Sohn des Dorfpfarrers von Arnau, einen Freund fand, mit dem er bis zum Tode verbunden sein sollte. Da Ernst Hoffmann in der Schule an Stetigkeit zu wünschen übrig ließ, wurde der Sohn des armen Dorfpfarrers als Repetent in das sonst so verschlossene Haus eingelassen. Theodor aber wurde bald mehr der Genosse übermütiger Jungenstreiche und erster geistiger Bemühungen des Knaben, die ganz außer dem Rahmen der Schularbeiten lagen. Allerhand Allotria, verbotene Lektüre, Musik, erste Verse füllten die Stunden aus, von denen der »O-weh-Onkel«, auch »der dicke Sir« genannt, annahm, daß sie den Schularbeiten dienten. Unter dem Garten des Lesgewangschen Stiftes hindurch wollten einmal die Knaben einen unterirdischen Gang graben, der den Doerfferschen Garten mit dem des Oheims Hippel verbinden sollte. Sie kamen nicht weit, und der dicke Sir mußte mit vielen Kosten das tiefe Loch wieder zuschütten lassen. Hippel wurde auch Zeuge der ersten Schülerliebe Hoffmanns. Amalie Neumann, ein leidlich hübsches, pausbackiges Mädchen, war die Glückliche, die Hoffmanns erste Liebe auf sich zog. Sie hat wohl kaum jemals etwas von diesem Glück erfahren. Hoffmann aber bedrängte den Freund mit allen in solchem Fall üblichen Ergüssen seiner Leidenschaft, mit Versen an die Geliebte und ersten Malversuchen. Denn auch in der Malerei übte er sich früh und brachte es zu einiger Meisterschaft auch auf diesem Gebiet. Theodor Hippel hatte zunächst wenig davon, daß er der Neffe des großen Gottlieb Theodor Hippel war. Der berühmte Oheim zog ihn nur zu einigen Mahlzeiten in sein Haus. Bis in seine Primanerjahre hinein blieb er der Sohn eines armen Dorfpfarrers, der sich in dem Hause der angesehenen Familie Doerffer nur geduldet fühlte und zu dem großen Oheim in Ehrfurcht aufsah. Hippel der Ältere war für die Knaben naturgemäß ein Gegenstand weitgehender Neugier. Sie umschlichen den berühmten Mann und seine Freunde. Mit besonderem Interesse beobachteten sie den »stets grau in grau gekleideten« Kriegsrat Scheffner, der viel im Hause Hippels verkehrte. Ihm wollten sie sogar die »Gedichte im Geschmack des Grécourt« zuschreiben, eines ziemlich laszives Buches, und es amüsierte sie, als sie glaubten, in dem höchst moralischen Freunde Kants und der sonstigen Königsberger Größen den Verfasser dieser zweideutigen Verse entdeckt zu haben. Sie taten dem wackeren Scheffner unrecht. Er hat die »Gedichte im Geschmack des Grécourt« sicher nicht verfaßt. Weit eher dürfte der eigenartige Stadtpräsident selbst als deren Verfasser in Frage kommen. Die Lebenslage des Freundes sollte sich mit einem Schlage ändern, als der ehrwürdige Stadtpräsident auf einmal die Erhebung seiner Familie in den erblichen Adelsstand durchsetzte. Hippel gelang der Beweis, daß die Familie früher einmal adlig gewesen wäre. Dieser Schüler und Anhänger Rousseaus wurde vom Ehrgeiz gepackt. Auch aus dem Sohn des armen Arnauer Dorfpfarrers wurde nun ein Mitglied des römischen Reichsadels, und Theodor wurde überdies zum Haupterben und Träger der Familienpolitik Derer von Hippel ausersehen. Schon damals bestimmte der Geheimrat und Stadtpräsident testamentarisch, daß aus seinem Vermögen eine Standesherrschaft errichtet werden solle. Sein Neffe wurde zum dereinstigen Herrn dieser noch zu errichtenden Herrschaft bestimmt, und schon jetzt wurde seine Ausbildung und sein Studiengang diesem Zweck angepaßt. Das Blatt hatte sich überraschend gewendet. Eine innerliche Entfremdung konnten die neuen Verhältnisse zwischen den Freunden nicht hervorrufen, aber dennoch wichen von jetzt ab ihre Lebenswege voneinander ab. Das zeigte sich besonders deutlich, als die Freunde die Universität bezogen, Hippel übrigens ein Jahr vor Hoffmann. Hippel erhielt als künftiger Diplomat eine möglichst allseitige Ausbildung, beteiligte sich auch an dem studentischen Leben und Treiben. Hoffmann hingegen erledigte so rasch wie möglich sein Brotstudium, um sich in den Mußestunden ganz den geliebten Künsten zu widmen. So hielten verschiedene Interessen und Studien die Freunde auseinander. In jeder Woche aber vereinigten einige Abende sie zu schwärmerischem Gedankenaustausch. Ein Jahr vor Hoffmann bestand Hippel sein Auskultatorexamen und verließ Königsberg, um sich zunächst noch im Hause seines Vaters einige Erholung zu gönnen und dann an der Regierung von Marienwerder seine Beamtenlaufbahn zu beginnen. Hoffmann blieb allein in Königsberg zurück. Dieser Trennung verdanken wir mit das Schönste, was Hoffmann geschrieben hat, seine Jugendbriefe an Hippel, die voll sind von Rousseau-hafter schwärmerischer Sentimentalität der Wertherzeit. Es war die eigentliche Periode seines Erwachens. Die ersten schriftstellerischen Versuche wurden damals unternommen, und ebenso versuchte er sich jetzt bereits in ersten Kompositionen. Er gab Musikstunden und malte Bilder. Es war wohl weniger Geldnot als Hang zum Künstlerleben, wenn er den Versuch machte, sich auf diese Weise einiges Geld zu verdienen. Von einem derartigen, wenn auch mißglückten Versuch bei dem großen Geheimrat v. Hippel berichtet der älteste uns erhaltene Brief an den Freund in Arnau:   An Theodor von Hippel in Arnau Königsberg, Ende Oktober 1794. In der größten Mißlaune von der Welt schreibe ich Dir diese Zeilen – teils ist es mir im äußersten Grade unangenehm, daß ich Dich vor Deiner Abreise gar nicht mehr sprechen, daß ich Dir nicht noch ein herzliches Lebewohl sagen kann, teils ärgert's mich, daß ich in einer Sache, die Dich doch auch in gewisser Rücksicht interessieren könnte, nicht aufrichtiger gewesen bin. Jetzt, da das Ganze vorüber ist, will ich Dir wenigstens zu einiger Herzenserleichterung den ganzen Vorfall erzählen – Du kennst doch meine beiden neuesten Stücke, auf die ich vorzüglichen Fleiß angewendet habe, und von denen ich immer zu sagen pflegte, daß ich sie einem Kenner anonymisch zum Kauf anbieten lassen würde – nie hast Du aber erraten, daß dieser Kenner Dein Onkel, der Geh. Rat v. H. sein sollte. Gestern führte ich meinen Entschluß aus, und schickte sie durch den Bedienten meines Großonkels ganz inkognito von einem kurzen Billet begleitet hin. Der Geh. Rat ließ sagen, daß ihm die Stücke recht gut gefielen, und daß er den Maler davon kennenzulernen wünschte. Wer war vergnügter als ich, heute morgen setzte ich mich ganz modeste ins Zeug, und spazierte, zum erstenmal in meinem Leben als ein eingefleischter Maler, hin. Noch nie bin ich von jemanden artiger empfangen. Er rühmte meine Stücke, ließ mir den Rousseau in Pastell zum Besehen hinunterbringen, frug mich, ob ich seine ganze Sammlung gesehen hätte, worauf ich unvorsichtig »ja!« antwortete, worüber er sich zu wundern schien, noch immer kam nicht der rechte Punkt nach meiner Meinung. Endlich löste sich das Rätsel, durch wiederholte Äußerungen, er dachte, ich hätte ihm die Stücke zum Präsent geschickt, wie war ich bestürzt, mechanisch rückte ich gegen die Türe, und unmutig lief ich heraus und nach Hause. Was in aller Welt muß der Geh. Rat von mir denken, notwendig muß er sich irgendeinen versteckten Zweck dabei vorstellen, sonst ist es ja Torheit von mir; denn zur großen entscheidenden Empfehlung auf immer sind die Stücke viel zu schlecht. Er muß am Ende über mich lachen. Das Resultat der ganzen Begebenheit ist nun nichts weiter, als daß ich mit großem Aufwand von Zeit und Mühe mich lächerlich gemacht habe, und dieser Gedanke ist für mich jetzt nicht sehr erbaulich. Der Großonkel Voeteri   Wenige Kilometer von Königsberg den Pregel aufwärts liegt das kleine Dorf Arnau, wo Theodor etwa ein Jahr verbrachte, bevor er nach Marienwerder ging. Über den Pregelwiesen erhebt sich malerisch ein bebuschter Hügel, offenbar eine alte Wendenschanze, die stattlich über das Land sieht. Wie in einer Gebirgslandschaft liegt das kleine Pfarrhaus neben der alten Kirche. Die Häuser des Dorfes stehen längs des Flusses im gelben Sand des Ufers. Von der alten Heerstraße, die weiter nach Insterburg führt, geht eine alte Pappelallee zu dem Rittergut Arnau, dem späteren Sitz Theodors von Schön. Wegen seiner eigenartigen Lage ist Arnau noch heute ein beliebter Ausflugsort. Hier besuchte Hoffmann des öfteren den Freund in dessen elterlichem Hause. Fast täglich pflegte von dort ein Bote in die Stadt zu kommen, der Theodors Briefe mitbrachte und nach erledigten Besorgungen die Antwort Hoffmanns mit hinausnahm. Gerade diese Trennung durch die wenigen Meilen war es, die die Jünglinge aufs engste miteinander verband. Aber noch eines Mannes müssen wir gedenken, der in dieser Zeit für Hoffmann wichtig war: des alten Justitiars Voeteri, eines Bruders der Großmutter, der auf seinen Dienstreisen den jungen Juristen mitzunehmen pflegte. Durch ihn lernte Hoffmann die juristische Praxis sowie Land und Leute kennen. An diesem Großonkel – Großonkel und Neffe nannten sich nach damaligem Brauch übrigens Vettern – hing Hoffmann mit einer schwärmerischen Zuneigung. Er war der einzige, der sich des jungen Verwandten mit wirklicher Liebe annahm. Hoffmann hat später eine der Reisen mit dem alten Voeteri in seiner Novelle »Das Majorat« geschildert. Das dort erwähnte Majorat R. ist das alte Rossitten auf der Kurischen Nehrung. Das Dorf wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch die Wanderdünen verschüttet und dann erst an der heutigen Stelle neu aufgebaut. Das alte Rossitten, von dem Hoffmann spricht, haben wir in dem verschütteten Dorf Kunzen wiederzuerkennen, das heute an der andern Seite der Wanderdüne wieder zum Vorschein kommt. Einen Kilometer nach der See zu findet man in den dichten Kusseln versteckt noch heute die Trümmer eines alten Schlosses. Offenbar handelt es sich um die von Henning Schindekopp erbaute Ordensburg Rossitten. Die beschriebene Reise nach Rossitten hat jedenfalls in Wirklichkeit stattgefunden.   Dem Gestade der Ostsee unfern liegt das Stammschloß der Freiherrlich von R ...schen Familie, R...sitten genannt. Die Gegend ist rauh und öde, kaum entsprießt hin und wieder ein Grashalm dem bodenlosen Triebsande, und statt des Gartens, wie er sonst das Herrenhaus zu zieren pflegt, schließt sich an die nackten Mauern nach der Landseite hin ein dürftiger Föhrenwald, dessen ewige düstre Trauer den bunten Schmuck des Frühlings verschmäht, und in dem statt des fröhlichen Jauchzens der zu neuer Luft erwachten Vögelein nur das schaurige Gekrächze der Raben, das schwirrende Kreischen der sturmverkündenden Möwen widerhallt. Eine Viertelstunde davon ändert sich plötzlich die Natur. Wie durch einen Zauberschlag ist man in blühende Felder, üppige Acker und Wiesen versetzt. Man erblickt das große reiche Dorf mit dem geräumigen Wohnhause des Wirtschaftsinspektors. An der Spitze eines freundlichen Erlenbusches sind die Fundamente eines großen Schlosses sichtbar, das einer der vormaligen Besitzer aufzubauen im Sinne hatte. Die Nachfolger, auf ihren Gütern in Kurland hausend, ließen den Bau liegen, und auch der Freiherr Roderich von R., der wiederum seinen Wohnsitz auf dem Stammgute nahm, mochte nicht weiter bauen, da seinem finstern, menschenscheuen Wesen der Aufenthalt in dem alten einsam liegenden Schlosse zusagte. Er ließ das verfallene Gebäude, so gut es gehen wollte, herstellen und sperrte sich darin ein mit einem grämlichen Hausverwalter und geringer Dienerschaft ... Um für die Zukunft wenigstens das Haupt der Familie an das Stammhaus zu fesseln, bestimmte er es zu einem Majoratsbesitztum. – In diesen Geschäften stand ihm der alte Advokat V., von Vater auf Sohn vererbter Geschäftsträger des R ...schen Hauses und Justitiarius der in P. liegenden Güter, redlich bei, und V. pflegte daher schon acht Tage vor der bestimmten Ankunft des Freiherrn nach dem Majoratsgute abzureisen. Im Jahre 1794 war die Zeit gekommen, daß der alte V. nach R...sitten reisen sollte. So lebenskräftig der Greis von siebzig Jahren sich auch fühlte, mußte er doch glauben, daß eine hilfreiche Hand im Geschäft ihm wohltun werde. Wie im Scherz sagte er daher eines Tages zu mir: »Vetter!« (so nannte er mich, seinen Großneffen, da ich seine Vornamen erhielt) »Vetter! – ich dächte, du ließest dir einmal etwas Seewind um die Ohren sausen und kämst mit mir mit nach R...sitten. Außerdem, daß du mir wacker beistehen kannst in meinem manchmal bösen Geschäft, so magst du dich auch einmal im wilden Jägerleben versuchen und zusehen, wie, nachdem du einen Morgen ein zierliches Protokoll geschrieben, du den andern solch trotzigem Tier, als da ist ein langbehaarter greulicher Wolf oder ein zahnfletschender Eber, ins funkelnde Auge zu schauen oder gar es mit einem Büchsenschuß zu erlegen verstehest.« Nicht soviel Seltsames von der lustigen Jagdzeit in R...sitten hätte ich schon hören, nicht so mit ganzer Seele dem herrlichen alten Großonkel anhängen müssen, um nicht hocherfreut zu sein, daß er mich diesmal mitnehmen wolle. Schon ziemlich geübt in derlei Geschäften, wie er sie vorhatte, versprach ich mit tapferm Fleiß ihm alle Mühe und Sorge abzunehmen. Andern Tages saßen wir in tüchtige Pelze eingehüllt im Wagen und fuhren durch dickes, den einbrechenden Winter verkündendes Schneegestöber nach R...sitten. – Unterwegs erzählte mir der Alte manches Wunderliche von dem Freiherrn Roderich, der das Majorat stiftete und ihn seines Jünglingsalters ungeachtet zu seinem Justitiarius und Testamentsvollzieher ernannte. – Endlich nach schneller, aber beschwerlicher Fahrt kamen wir in tiefer Nacht nach R...sitten. Wir fuhren durch das Dorf, es war gerade Sonntag, im Krug Tanzmusik und fröhlicher Jubel, des Wirtschaftsinspektors Haus von unten bis oben erleuchtet, drinnen auch Musik und Gesang; desto schauerlicher wurde die Öde, in die wir nun hineinfuhren. Der Seewind heulte in schneidenden Jammertönen herüber und, als habe er sie aus tiefem Zauberschlaf geweckt, stöhnten die düstern Föhren ihm nach in dumpfer Klage. Die nackten schwarzen Mauern des Schlosses stiegen empor aus dem Schneegründe, wir hielten an dem verschlossenen Tor. (Aus »Das Majorat«.) Cora   In diese düstere Landschaft verlegte Hoffmann später im »Majorat« die Geschichte seiner ersten Liebe. Dora Hatt, oder wie er sie nannte »Cora«, nach der Heldin eines damals beliebten Theaterstücks, der »Sonnenjungfrau« von Kotzebue, war die Frau eines erheblich älteren Kaufmanns. Er gab der jungen Frau Musikstunden, und hierbei ereilte ihn das Verhängnis. Jahrelang dauerte diese untertägige Leidenschaft, von der niemand wissen durfte. In der Baronin Seraphine des »Majorats« haben wir Cora wiederzuerkennen, und Hoffmann hat seine »Inamorata« wohl auch unter ähnlichen Umständen, wie den in der Novelle beschriebenen, kennengelernt.   ... Endlich, nach mehreren Tagen, traf der Baron ein mit seiner Gemahlin und zahlreichem Jagdgefolge. Mich schien er wenig oder gar nicht zu beachten, er sah in mir den gewöhnlichen Schreiber. Gleich das erstemal, als ich eine Verhandlung aufgenommen, wollte er etwas in der Fassung unrichtig finden, das Blut wallte mir auf, und ich war im Begriff, irgend etwas Schneidendes zu erwidern ... Mußte mir nun nicht mein Inneres recht klar werden, mußte ich es nicht deutlich fühlen, daß jenes wunderliche Hassen aufkeimte aus dem Lieben oder vielmehr aus dem Verlieben in ein Wesen, das mir das holdeste, hochherrlichste zu sein schien, was jemals auf Erden gewandelt? Dieses Wesen war niemand als die Baronesse selbst. Schon gleich, als sie angekommen und in einem russischen Zobelpelz, der knapp anschloß an den zierlich gebauten Leib, das Haupt in reiche Schleier gewickelt, durch die Gemächer schritt, wirkte ihre Erscheinung auf mich wie ein mächtiger unwiderstehlicher Zauber. Ja selbst der Umstand, daß die alten Tanten in verwunderlicheren Kleidern und Fontangen, als ich sie noch gesehen, an beiden Seiten neben ihr her trippelten und ihre französischen Bewillkommnungen herschnatterten, während sie, die Baronin, mit unbeschreiblich milden Blicken um sich her schaute und bald diesem, bald jenem freundlich zunickte, bald in dem reintönenden kurländischen Dialekt einige deutsche Worte dazwischen flötete, schon dies gab ein wunderbar fremdartiges Bild, und unwillkürlich reihte die Phantasie dies Bild an jenen unheimlichen Spuk, und die Baronesse wurde der Engel des Lichts, dem sich die bösen gespenstischen Mächte beugen. – Die wunderherrliche Frau tritt lebhaft vor meines Geistes Augen. Sie mochte wohl damals kaum neunzehn Jahre zählen, ihr Gesicht, ebenso zart wie ihr Wuchs, trug den Ausdruck der höchsten Engelsgüte, vorzüglich lag aber im Blick der dunklen Augen ein unbeschreiblicher Zauber, wie feuchter Mondesstrahl ging darin eine schwermütige Sehnsucht auf; so wie in ihrem holdseligen Lächeln ein ganzer Himmel voll Wonne und Entzücken. Oft schien sie ganz in sich selbst verloren, und dann gingen düstre Wolkenschatten über ihr holdes Antlitz. – Den andern Morgen, nachdem der Baron angekommen, versammelte sich die Gesellschaft zum Frühstück, der Alte stellte mich der Baronesse vor, und wie es in solcher Stimmung, wie es die meinige war, zu geschehen pflegt, ich benahm mich unbeschreiblich albern, indem ich auf die einfachen Fragen der holden Frau, wie es mir auf dem Schlosse gefalle usw., mich in die wunderlichsten, sinnlosesten Reden verfing, so daß die alten Tanten meine Verlegenheiten wohl lediglich dem profunden Respekt vor der Herrin zuschrieben, sich meiner huldreich annehmen zu müssen glaubten und mich in französischer Sprache als einen ganz artigen und geschickten jungen Menschen, als einen garçon trés joli anpriesen. Das ärgerte mich, und plötzlich mich ganz beherrschend, fuhr mir ein Witzwort heraus in besserem Französisch, als die Alten es sprachen, worauf sie mich mit großen Augen anguckten und die langen spitzen Nasen reichlich mit Tabak bedienten. An dem ernsteren Blick der Baronesse, mit dem sie sich von mir ab zu einer anderen Dame wandte, merkte ich, daß mein Witzwort hart an eine Narrheit streifte, das ärgerte mich noch mehr, und ich verwünschte die Alten in den Abgrund der Hölle. Die Zeit des schäferischen Schmachtens, des Liebesunglücks in kindischer Selbstbetörung hatte mir der alte Großonkel längst wegironiert, und wohl merkt' ich, daß die Baronin tiefer und mächtiger als noch bis jetzt eine Frau mich in meinem innersten Gemüt gefaßt hatte. Ich sah, ich hörte nur sie, aber bewußt war ich mir deutlich und bestimmt, daß es abgeschmackt, ja wahnsinnig sein würde, irgendeine Liebelei zu wagen, wiewohl ich auch die Unmöglichkeit einsah, wie ein verliebter Knabe von weitem zu staunen und anzubeten, dessen ich mich selbst hätte schämen müssen. Der herrlichen Frau näherzutreten, ohne ihr nur mein inneres Gefühl ahnen zu lassen, das süße Gift ihrer Blicke, ihrer Worte einsaugen und dann fern von ihr sie lange, vielleicht immerdar im Herzen tragen, das wollte und konnte ich. Diese romantische, ja wohl ritterliche Liebe, wie sie mir aufging in schlafloser Nacht, spannte mich dermaßen, daß ich kindisch genug war, mich selbst auf pathetische Weise zu haranguieren und zuletzt sehr kläglich zu seufzen: »Seraphim, ach Seraphine!« so daß der Alte erwachte und mir zurief: »Vetter! Vetter! ich glaube, du phantasierst mit lauter Stimme! Tu's bei Tage, wenn's möglich ist, aber zur Nachtzeit laß mich schlafen!« – – ... So kam es, daß ich mehrere Tage ganz fern von der Baronesse, am unteren Ende des Tisches saß, bis mich endlich ein Zufall in ihre Nähe brachte. Als der versammelten Gesellschaft der Eßsaal geöffnet wurde, hatte mich gerade die Gesellschafterin der Baronin, ein nicht mehr ganz junges Fräulein, aber sonst nicht häßlich und nicht ohne Geist, in ein Gespräch verwickelt, das ihr zu behagen schien. Der Sitte gemäß mußte ich ihr den Arm geben, und nicht wenig erfreut war ich, als sie der Baronin ganz nahe Platz nahm, die ihr freundlich zunickte. Man kann denken, daß nun alle Worte, die ich sprach, nicht mehr der Nachbarin allein, sondern hauptsächlich der Baronin galten. Mag es sein, daß meine innere Spannung allem, was ich sprach, einen besonderen Schwung gab, genug, das Fräulein wurde aufmerksamer und aufmerksamer, ja zuletzt unwiderstehlich hineingezogen in die bunte Welt stets wechselnder Bilder, die ich ihr aufgehen ließ. Sie war, wie gesagt, nicht ohne Geist, und so geschah es bald, daß unser Gespräch, ganz unabhängig von den vielen Worten der Gäste, die hin und her streiften, auf seine eigene Hand lebte und dorthin, wohin ich es haben wollte, einige Blitze sandte. Wohl merkt' ich nämlich, daß das Fräulein der Baronin bedeutende Blicke zuwarf, und daß diese sich mühte uns zu hören. Vorzüglich war dies der Fall, als ich, da das Gespräch sich auf Musik gewandt, mit voller Begeisterung von der herrlichen heiligen Kunst sprach und zuletzt nicht verhehlte, daß ich trockner, langweiliger Juristerei, der ich mich ergeben, unerachtet den Flügel mit ziemlicher Fertigkeit spiele, singe und auch wohl schon manches Lied gesetzt habe. – Man war in den anderen Saal getreten, um Kaffee und Liköre zu nehmen, da stand ich unversehens, selbst wußte ich nicht wie, vor der Baronin, die mit dem Fräulein gesprochen. Sie redete mich sogleich an, indem sie, doch freundlicher und in dem Ton, wie man mit einem Bekannten spricht, jene Fragen, wie mir der Aufenthalt im Schlosse zusage usw., wiederholte. Ich versicherte, daß in den ersten Tagen die schauerliche Öde der Umgebung, ja selbst das altertümliche Schloß mich seltsam gestimmt habe, daß aber eben in dieser Stimmung viel Herrliches aufgegangen, und daß ich nur wünsche, der wilden Jagden, an die ich nicht gewöhnt, überhoben zu sein. Die Baronin lächelte, indem sie sprach: »Wohl kann ich's mir denken, daß Ihnen das wüste Treiben in unseren Föhrenwäldern nicht eben behaglich sein kann. Sie sind Musiker, und täuscht mich nicht alles, gewiß auch Dichter! Mit Leidenschaft liebe ich beide Künste! Ich spiele selbst etwas die Harfe, das muß ich nun in R...sitten entbehren, denn mein Mann mag es nicht, daß ich das Instrument mitnehme, dessen sanftes Getön schlecht sich schicken würde zu dem wilden Halloh, zu dem gellenden Hörnergetöse der Jagd, das sich hier nur hören lassen soll! O mein Gott! wie würde mich hier Musik erfreuen!« Ich versicherte, daß ich meine ganze Kunst aufbieten werde, ihren Wunsch zu erfüllen, da es doch im Schlosse unbezweifelt ein Instrument, sei es auch nur ein alter Flügel, geben werde. Da lachte aber Fräulein Adelheid (der Baronin Gesellschafterin) hell auf und frug, ob ich denn nicht wisse, daß seit Menschengedenken im Schlosse keine anderen Instrumente gehört worden als krächzende Trompeten, im Jubel lamentierende Hörner der Jäger und heisere Geigen, verstimmte Bässe, meckernde Hoboen herumziehender Musikanten. Die Baronin hielt den Wunsch, Musik und zwar mich zu hören, fest, und beide, sie und Adelheid, erschöpften sich in Vorschlägen, wie ein leidliches Fortepiano herbeigeschafft werden könne. In dem Augenblick schritt der alte Franz durch den Saal. »Da haben wir den, der für alles guten Rat weiß, der alles herbeischafft, selbst das Unerhörte und Ungesehene!« Mit diesen Worten rief ihn Fräulein Adelheid heran, und indem sie ihm begreiflich machte, worauf es ankomme, horchte die Baronin mit gefalteten Händen, mit vorwärts gebeugtem Haupt dem Alten mit mildem Lächeln ins Auge blickend, zu. Gar anmutig war sie anzusehen wie ein holdes, liebliches Kind, das ein ersehntes Spielzeug nur gar zu gern schon in Händen hätte. Franz, nachdem er in seiner weitläufigen Manier mehrere Ursachen hergezählt hatte, warum es denn schier unmöglich sei, in der Geschwindigkeit solch ein rares Instrument herbeizuschaffen, strich sich endlich mit behaglichem Schmunzeln den Bart und sprach: »Aber die Frau Wirtschaftsinspektorin drüben im Dorfe schlägt ganz ungemein geschickt das Klavizimbel oder wie sie es jetzt nennen mit dem ausländischen Namen, und singt dazu so fein und lamentabel, daß einem die Augen rot werden wie von Zwiebeln und man hüpfen möchte mit beiden Beinen.« »Und besitzt ein Fortepiano!« fiel Fräulein Adelheid in die Rede. »Ei freilich,« fuhr der Alte fort, »direkt aus Dresden ist es gekommen, ein« – »O das ist herrlich«, unterbrach ihn die Baronin – »Ein schönes Instrument,« sprach der Alte weiter, »aber ein wenig schwächlich, denn als der Organist neulich das Lied: ›In allen meinen Taten‹ darauf spielen wollte, schlug er alles in Grund und Boden, so daß« – »O mein Gott«, riefen beide, die Baronin und Fräulein Adelheid, »so daß«, fuhr der Alte fort, »es mit schweren Kosten nach K. geschafft und dort repariert werden mußte.« »Ist es denn nun wieder hier?« frug Fräulein Adelheid ungeduldig. »Ei freilich, gnädiges Fräulen! und die Frau Wirtschaftsinspektorin wird es sich zur Ehre rechnen.« – In diesem Augenblick streifte der Baron vorüber, er sah sich wie befremdet nach unserer Gruppe um und flüsterte spöttisch lächelnd der Baronin zu: »Muß Franz wieder guten Rat erteilen?« Die Baronin schlug errötend die Augen nieder, und der alte Franz stand erschrocken abbrechend, den Kopf geradegerichtet, die herabhängenden Arme dicht an den Leib gedrückt, in soldatischer Stellung da ... Der Alte blieb in seinem Gemach, ich hingegen hatte mich eben zum Ball gekleidet, als es leise an unsere Tür klopfte und Franz hereintrat, der mir mit behaglichem Lächeln verkündete, daß soeben das Klavizimbel von der Frau Wirtschaftsinspektorin in einem Schlitten angekommen und zur gnädigen Frau Baronin getragen worden sei. Fräulein Adelheid ließe mich einladen, nur gleich herüberzukommen. Man kann denken, wie mir alle Pulse schlugen, mit welchem inneren süßen Erbeben ich das Zimmer öffnete, in dem ich sie fand. Fräulein Adelheid kam mir freudig entgegen. Die Baronin, schon zum Ball völlig geputzt, saß ganz nachdenklich vor dem geheimnisvollen Kasten, in dem die Töne schlummern sollten, die zu wecken ich berufen. Sie stand auf, so in vollem Glanz der Schönheit strahlend, daß ich keines Wortes mächtig sie anstarrt«. »Nun Theodor« (nach der gemütlichen Sitte des Nordens, die man im tieferen Süden wiederfindet, nannte sie jeden bei seinem Vornamen), »nun, Theodor,« sprach sie freundlich, »das Instrument ist gekommen, gebe der Himmel, daß es Ihrer Kunst nicht ganz unwürdig sein möge.« Sowie ich den Deckel öffnete, rauschten mir eine Menge gesprungener Saiten entgegen, und sowie ich einen Akkord griff, klang es, da alle Saiten, die noch ganz geblieben, durchaus verstimmt waren, widrig und abscheulich. »Der Organist ist wieder mit fernen zarten Händchen darüber gewesen«, rief Fräulein Adelheid lachend, aber die Baronin sprach ganz mißmutig: »Das ist denn doch ein rechtes Unglück! ach, ich soll denn hier nun einmal keine Freude haben.« – Ich suchte in dem Behälter des Instruments und fand glücklicherweise einige Rollen Saiten, aber durchaus keinen Stimmhammer! – Neue Klagen! – Jeder Schlüssel, dessen Bart in die Wirbel passe, könne gebraucht werden, erklärte ich; da liefen beide, die Baronin und Fräulein Adelheid, freudig hin und wieder, und nicht lange dauerte es, so lag ein ganzes Magazin blanker Schlüsselchen vor mir auf dem Resonanzboden. Nun machte ich mich emsig darüber her, Fräulein Adelheid, die Baronin selbst mühte sich mir beizustehen, diesen, jenen Wirbel probierend. Da zieht einer den trägen Schlüssel an, »es geht, es geht!« riefen sie freudig. Da rauscht die Saite, die sich schier bis zur Reinheit herangeächzt, gesprungen auf, und erschrocken fahren sie zurück! Die Baronin hantiert mit den kleinen zarten Händchen in den spröden Drahtsaiten, sie reicht mir die Nummern, die ich verlange, und hält sorgsam die Rolle, die ich abwickle; plötzlich schnurrt eine auf, so daß die Baronin ein ungeduldiges Ach! ausstößt, Fräulein Adelheid lacht laut auf, ich verfolge den verwirrten Knäuel bis in die Ecke des Zimmers, und wir alle suchen aus ihm noch eine grade unzerknickte Saite herauszuziehen, die dann aufgezogen zu unserem Leidwesen wieder springt, aber endlich, endlich sind gute Rollen gefunden, die Saiten fangen an zu stehen, und aus dem mißtönigen Sumsen gehen allmählich klare, reine Akkorde hervor! »Ach, es glückt, das Instrument stimmt sich!« ruft die Baronin, indem sie mich mit holdem Lächeln anblickt! – Wie schnell vertrieb dies gemeinschaftliche Mühen alles Fremde, Nüchterne, das die Konvenienz hinstellt; wie ging unter uns eine heimische Vertraulichkeit auf, die, ein elektrischer Hauch mich durchglühend, die verzagte Beklommenheit, welche wie Eis auf meiner Brust lag, schnell wegzehrte. Jenes seltsame Pathos, wie ihn solche Verliebtheit wie die meinige wohl erzeugt, hatte mich ganz verlassen, und so kam es, daß, als nun endlich das Pianoforte leidlich gestimmt war, ich, statt, wie ich gewollt, meine inneren Gefühle in Phantasien recht laut werden zu lassen, in jene süße liebliche Kanzonetten verfiel, wie sie aus dem Süden zu uns herübergeklungen. Während dieser Senza di te – dieser Sentimi idol mio , dieser Almen se non poss'io und hundert morir mi sento's und Addio's und Oh dio's wurden leuchtender und leuchtender Seraphinens Blicke. Sie hatte sich neben mir an das Instrument gesetzt, ich fühlte ihren Atem an meiner Wange spielen; indem sie ihren Arm hinter mir auf die Stuhllehne stützte, fiel ein weißes Band, das sich von dem zierlichen Ballkleide genestelt, über meine Schulter und flatterte, von meinen Tönen, von Seraphinens leisen Seufzern berührt, hin und her wie ein getreuer Liebesbote! (Aus »Das Majorat«.)   Wie Theodor sich in der Novelle der Baronin Seraphine näherte, genau so näherte sich bei gemeinsamem Musizieren der junge Student Hoffmann der angebetenen Frau. Es wuchs eine Leidenschaft aus diesem Verhältnis, die ihn, wie Hippel später schrieb, weit über seine Jahre hinaus reifte. Die Liebe zu Cora durchschwingt Jahre seines Lebens und erfüllt den Briefwechsel mit dem Freunde. Schmerzhaft spannen sich die Saiten seiner Nerven. An dieser Leidenschaft wächst er zur Klarheit an sich selber. Er beginnt, unter den Anverwandten maßlos zu leiden. Als Hippel nach Marienwerder gegangen ist, fühlt er sich ganz verlassen. Nichts Befreiendes lebt in seiner Liebe. Als er Cora kennenlernte, schiffte er gerade mutig auf das Meer der Dichtung und der Musik hinaus. Aber diese verbotene Liebe drückte ihn nach kurzem ersten Anlauf nieder. Es beginnt jene Zeit der Resignation, die ihn zum Beamtendasein hintrieb. Zu etwas Großem fühlte er sich nicht mehr fähig. Hören wir ihn in seinen Briefen an Hippel: Freitag, den 12. Dezember 1794. ... So isoliert, so abgesondert von allen hab' ich seit meinen Studentenjahren noch nicht gelebt. Nur der spricht mich, der mich ausdrücklich aufsucht, und denn geb' ich ihm zehn Minuten preis, und damit Punktum. Ich glaube, daß ein Nichtkenner etwas Menschenscheues darin erblicken könnte, er irrt sich aber ganz. Ich liebe die Menschen noch so wie vorher. Daß ich die wiederhasse, die mich hassen, daß ich denen bei Gelegenheit einen Seitenhieb versetze, die mir einen zudachten, daß ich über die lache, die lächerlich sind, das wird doch keiner für Menschenhaß halten. Alle meine Damenbekanntschaften schränken sich auf ein paar Worte Gespräch ein (eine ausgenommen), und weiter es auszudehnen hab ich auch bei keiner Lust, – Schaden hat mich vorsichtig und klug gemacht, – Erfahrung hat mich gelehrt, daß viel reden und wenig handeln das Prädikat eines Schwächlings ist, in den Fall werd' ich nicht kommen, daß dies mir zum Vorwurf dienen soll ... ...Jeden Abend sitze ich bis nach 12, oft bis nach 1 Uhr auf, und des Morgens stehe ich um 8 Uhr auf. Diese Lebensart hat für mich so einen Anstrich von Behaglichkeit, der sie mir immer fortsetzen heißt. Daß ich meine Inamorata so ganz mit all dem Gefühl liebe, dessen mein Herz fähig wäre, daran zweifle ich sehr, nichts wünsche ich aber weniger, als einen Gegenstand zu finden, der diese schlummernden Gefühle weckt, das würde meine behagliche Ruhe stören. – Zu jeder Empfindung für Cora zum Beispiel, hab' ich gleich irgendeine komische Posse zur Surdine und die Saiten des Gefühls werden so gedämpft, daß man ihren Klang gar nicht hört ... den 12. Januar 1795. ... Zum größten Glück in meinem Leben würd' ich rechnen, wenn mich ein günstiges Schicksal ganz mit Dir vereinte. Ist mein Käficht gleich golden, so ist's doch ein Käficht, und keiner kann mir das Schnappen nach Freiheit verargen. Solche Abende wie der neuliche, das sind herrliche Abende, die auf mein Ganzes einen immerwährenden Eindruck machen. den 19. Februar 1795. ... Meine neue Lektüre ist jetzt der Genius von Grosse. Mit einer Art Geisteserhebung les' ich die schwärmerischen Schilderungen der Glückseligkeit, den Umgang eines innig vertrauten Freundes genießen zu können. – Unbemerkt entschlüpfen die Ideen aus dem Buche, und eigne traten an ihre Stelle – ich sann nach über meinen Zustand – die Ahndung bald alles zu verlieren, was mich hier noch fesselt, gemischt mit einer bangen Empfindung, brachte mich außer mir – ich warf das Buch weg, und ich glaube, Tränen hätten meine Augen gefüllt, wenn mir diese die Natur nicht fast ganz versagt hätte ... ... Es war ein schöner Abend, an dem ich den lebten Teil des Genius las – meine Fantasie hatte einen Festtag. – Es war elf Uhr, als ich das Buch aus Der Hand legte. – Das Aufwallen von unzähligen Leidenschaften hatte meinen Geist in eine Art von matter Betäubung versenkt. – Mir war wirklich sehr wohl – die traurigen Bilder der kummervollen Tage der Vergangenheit traten zurück in den Schatten, und süße Träume einer froheren Zukunft umnebelten meine Sinne – wichen ganz aus meinem Gedächtnis – aus ihnen schmolz ein Ideal zusammen, und dies Ideal war sie – eine neue Schöpfung hatte sie hervorgebracht – gereinigt von den irdischen Verbindungen schwebte sie mir entgegen im himmlischen Glanze – ich sah sie, ich fühlte sie, ich hörte ihre Stimme – sie kam mir entgegen, sie bot mir einen Kranz, geflochten von Myrthen und Rosen. – Es war ein schönes Bild, das mir meine Fantasie vorzauberte. In einem Zustande, der gleich weit vom Wachen und Schlafen entfernt ist, lag ich auf meinem Bette, ein Knistern weckte mich, ein schneidender Luftzug durchwehte meine Stube – ich sah auch meinen Genius, ach es war nicht Emanuel! ... Mich verläßt alles. – Auch sie wird mich verlassen – bald naht sich ein kritischer Zeitpunkt, der sie mir vielleicht auf immer entrückt. – 28. Februar 1795 abends. ... Wärmer noch schlägt mein Herz für Deine Freundschaft, als für jene so unglückliche Liebe, denn unglücklich ist sie auf alle Fälle. – Mit Dir ziehe ich gern in eine Einöde – ich verlange denn keinen mehr zu sehen, keinen zu hören als Dich ... Freund – Innig Geliebter – ich sag's Dir feierlich und ernst. – Gern opfere ich die Geliebte und alles, wenn ich Dich mir erhalten könnte – wie gern folgt' ich Dir nach Marienwerder. – Pläne durchkreuzen meine Seele, neue Vorsätze und Entschließungen brüten in mein Gehirn. Für Dich möcht' ich mit froher Miene mein ganzes scheinbares Glück aufopfern, um Dir unwandelbar zugesellt des einzigen für mich wahrhaften Glücks zu genießen ... Mittwoch, den 4. März 1795. ... Den Don Juan habe ich jetzt auch, eigentümlich – er macht mir manche selige Stunden, ich fange an jetzt je mehr und mehr Mozarts wahrhaft großen Geist in der Komposition zu durchschauen, Du sollst gar nicht glauben, wieviel neue Schönheiten sich dem Ohre des Spielers entwickeln, wenn er auch nicht die geringste Kleinigkeit vorüber schlüpfen läßt, und mit einer Art von tiefem Studium zu jedem einzelnen Takt den gehörigen Ausdruck sucht. – Das Anschwellen von sanfter Melodie bis zum Rauschenden, bis zum Erschütternden des Donners, die sanften Klagetöne, der Ausbruch der wütendsten Verzweiflung, das Majestätische, das Edle des Helden, die Angst des Verbrechers, das Abwechseln der Leidenschaften in seiner Seele, alles dieses findest Du in dieser einzigen Musik – sie ist allumfassend, und zeigt Dir den Geist des Komponisten in allen möglichen Modifikationen. Noch sechs Wochen wollte ich den Don Juan studieren, und Dir ihn denn auf einem englischen Fortpiano vorspielen – wahrhaftig, Freund, Du säßest still und ruhig von vorne an bis zu Ende, und würdest ihn noch viele Zeit in Deinem noch dazu unmusikalischen Gehirn behalten. – – Freitag, den 1. Mai 1795. ... Mein physisches Leiden kam auch wieder. – Es besteht in Migräne, Unwohlheit und einem entsetzlichen Nasenbluten – vorige Nacht blutete ich anderthalb Stunden – heute schon wieder, obgleich nicht so lange – vorgestern befürchtete ich einen Blutsturz. – Mir wurde so weh, und so halb ohnmächtig, ich weiß selbst nicht wie. – Motion hilft mir – ich befinde mich besser darnach. Wenn ich nur wüßte, daß es Deinem Vater lieb wäre, würd' ich künftige Woche einen Tag morgens zu Fuß herauskommen, und allenfalls um den Abend zu genießen, erst auf den andern Morgen früh meine Retour nehmen, ich denke immer, ich habe einen Künstlerkörper, d. h. er wird bald gar nicht zu brauchen sein, und ich werd' mich empfehlen, ohne ihn mitzunehmen. Mein moralisches Übel kennst Du. – – Seitdem Du in A. bist, bin ich wirklich hier mitten im größten Gewühl sehr verlassen – ich bin ein Anachoret, als wenn ich auf Formentera wäre. – Wie Du noch hier warst, war es anders – Wärst Du und der Bruder nicht damals hier gewesen – Himmel wo wäre ich jetzt! – Ich werde noch zur Verzweiflung kommen, über die gänsedummen Bocksprünge des gemeinen maulaffenden Pöbels, – ich ergreife den Stab! – Sieh nur, unser Übel ist entgegengesetzt, Du hattest zu viel Fantasie, ich habe zu viel Wirklichkeit. – – – Du glaubst gar nicht, wie mich dieses quält – auch mein Schicksal, meine Bestimmung – Das Studieren geht langsam und traurig – ich muß mich zwingen ein Jurist zu werden. Wenn ich doch eine Hackertsche Mondgegend hätte – Leb' wohl –   Im Sommer 1795 war Hippel nach Marienwerder übergesiedelt. Hoffmann hatte fast gleichzeitig das Auskultatorexamen bestanden.   Königsberg, den 22. September 1795. ... Ich fühle eine schreckliche Leere in meinem Herzen – Keiner – keiner, dem ich's klagen konnte. – Was wir uns waren – ich bin stolz darauf, es frei sagen zu können – Du findest mich auch nicht zum zweitenmal – von Dir find' ich keinen Schatten – Ich kann das nun schon in den Tod nicht leiden, die Bekanntschaften – wenn man sie Freundschaft nennt – Eine gewisse Person war so stockfischmäßig dumm, mir mit dem plumpsten Anstande zu sagen: Ja freilich, er ist fort, Du wirst Dir einen andern Freund zulegen müssen. – Wer diese Person war, wirst Du an dem Gemälde leicht erkennen. – Mein Schicksal ist traurig, eben in dem Zeitpunkt, wo ich den ganzen Umfang des Glücks fühle, das ich genießen könnte – gerade denn stehe ich in Gefahr es auf immer zu verlieren. – Ich müßte verzweifeln ohne mein Pianoforte. – ... Da hast Du das ganze Verhältnis – da hast Du den Urgrund meines Kummers – das Bild meiner schlaflosen Nächte – meiner blassen Wangen! – Wo ist die Jovialität, die sonst meinem Geist eigen ist! – sage Freund – Ist das Schicksal oder liegt es in Umständen, die doch subjektiv sind, daß ich nur gleichsam Erholungen habe, um desto empfindlicher wieder gequält zu werden? – Es ist, als ob sich alles vereinigte mir meine Tage jetzt abscheulich zu machen – schon geht's in die zehnte Woche, daß ich examiniert bin, und noch ist nichts von Berlin zurück, noch bin ich nicht vereidigt. Mein geschäftloses Leben ist mir im höchsten Grade zur Last. Werde ich nur erst arbeiten ... Überhaupt – weiß Gott, welches Ungefähr, oder vielmehr, welch eine sonderbare Laune des Schicksals mich in dies Haus hier versetzte. Schwarz und weiß kann unmöglich entgegengesetzter sein, als ich und meine Familie – Gott was sind das für Menschen! – Freilich gesteh' ich ein – daß manches an mir zuweilen so ziemlich exzentrisch ausfällt – aber auch nicht die geringste Nachsicht – der dicke Sir, für meinen Spott zu abgenutzt, für meine Verachtung zu erbärmlich, fängt mich an mit einer Indignation zu behandeln, die ich wahrlich nicht verdiene ... Montag, den 25. Oktober 1795. Nachmittag um 2 Uhr. Ich dachte heute einen recht frohen Tag zu haben, wie Montag gewöhnlich, aber das ist verdorben, denn eben jetzt sehr zur Unzeit stirbt der Großonkel. – Eben bin ich dagewesen – da liegt er mit eingefallenen Backen, offnem Munde, brechenden Augen, und röchelt dumpf – der Anblick war grausig für mich. – Der Mensch ist doch ein elendes Geschöpf, wenn er geboren wird und wenn er stirbt – Du siehst, daß meine Abwechslungen hier sehr traurig sind, daß ich schwarz gehe ... Wenn Du noch in Arn. wärst, so käme ich morgen in jedem Fall zu Dir hinaus, denn es wird ein sehr fataler Tag sein – da wird ex officio geweinet und ich darf mein Fortepiano nicht ansehn, ob ich gleich eine sehr schöne zärtliche Arie von Pietro Winter nur gestern aus der Partitur gezogen und unaufhörlich gespielt habe, und heute und morgen wieder spielen möchte ... – Der Onkel balgt sich fürchterlich mit dem Tode – ... Meine kleinen Konzerte dauern noch fort, und neulich legt' ich den Anfang eines Motetts von eigner Komposition auf – aber den Text dazu wirst Du schwerlich raten – er ist aus Goethes Faust – Judex ille cum sedebit pp , die Worte des Mädchens sind begleitendes Rezitativ – das Judex pp vollstimmig, meinte J. (so wie ich's nämlich aufgeschrieben habe, eine Strophe bloß mit Posaunen, Fagotts und Hoboen und dann erst fugenmäßig die Orgel und andere Stimmen) müßte eine schauervolle Wirkung tun. – Wohnt' ich an einem katholischen Ort, so ließ ich die Rezitative weg, komponierte ein paar Fugen dazu, und hätte dann die Hoffnung, es in der Kirche aufführen zu hören. – Habe ich mich erst wieder mehr in der Komposition geübt, so mach' ich mich über Claudine von Villa Bella her. Du glaubst überhaupt gar nicht, wie mich jetzt die Furie der Komposition in Musik – Romanschreiberei pp anpackt. – Das beste ist – daß ich alles das, was mir nicht gut dünkt, in's Feuer werfe. – Königsberg, den 25. November 1795. ... In der Nacht ist mein Geist am tätigsten, und wenn ich ungenierter wäre, würden die Produkte mancher glücklich durchträumten Nacht Musterstücke ihrer Art sein. Die Ouverture zum neuesten Motett, dem noch die Vollendung fehlt, habe ich in der Nacht gesetzt, indem ich bloß den Baß auf des J. Harfe, die eben in meiner Stube stand, probierte, und ich versichere Dich, daß diese Ouverture das einzige von meiner Arbeit ist, was mich das Inwohnen eines musikalischen Genies vermuten läßt – doch schon auf der ersten Seite verirre ich mich in meine Lieblingsmaterie ... Man ist doch im Grunde ein erbärmliches Geschöpf – dünkt sich frei und glücklich, und hängt mehr wie einer von Konvenienzen und Launen ab. Daß ich zuweilen recht niederträchtige Tage verlebe, ist eine traurige Wahrheit. Wenn ich könnte, wie ich wollte, so wie ich immer gewollt habe, so säße ich nicht hier und ließ mir von der Melusinenbrut und dem Apollo aus dem Bierfaß eine doppelte Sonate vorschnarchen! – Wenn ich von mir selbst abhinge, würd' ich Komponist, und hätte die Hoffnung, in meinem Fache groß zu werden, da ich in dem jetzt gewählten ewig ein Stümper bleiben werde ... Du übst Dich in allen möglichen Arbeiten und wirst gewiß längst Rat sein, wenn ich noch als Auskultator (Ohrenspitzer – ich hab' über diesen Ausdruck mich sehr gefreut) herumlaufe, und irgendwo Präsident, wenn ich irgendeine kleine Stelle von ein paar hundert Taler Gehalt erhasche. Doch das alles soll in unserer Freundschaft nichts ändern – – – Sonntag, den 10. Januar 1796. ... Die Unannehmlichkeiten und Zänkereien haben eine gute Wendung genommen, nachdem eine gewisse Mittelsperson aufgehört hat, dumme Streiche zu machen. – Du hast alles in Anschlag gebracht, nur nicht, daß ich sie bis zum Unsinn liebe, und daß gerade das mein ganzes Unglück ausmacht. – Du mußt mich für den wankelmütigsten Menschen halten, wenn Du dies liest – ich schäme mich fast Dir mehr von einer Sache zu schreiben, die mich zum Fangball der heterogensten Launen macht, die mich vielleicht in Deinen Augen herabwürdigt und lächerlich macht – ich liebe sie und bin unglücklich, weil ich sie nicht besitzen kann, weil in dem süßesten Genuß der Liebe ich qualvoll daran erinnert werde, daß sie nicht mein ist – nicht mein sein kann. – Sie, die ich über alles liebe, ohne die für mich kein Glück blüht, keine Freude existieren kann, ist das Weib eines anderen – eines Menschen, der ohne die Kostbarkeit zu genießen die er besitzt, sie nur ängstlich bewacht. – Da hast Du meine ganze Schwachheit – – – Meine Musik – mein Malen – meine Autorschaft – alles ist zum Teufel gegangen, ich bin so dumm wie ein Stockfisch, und versteh nicht einmal ein gescheutes Protokoll aufzunehmen, so wie alles, was mir vernünftige Leute, die weit gegründeter denken als ich, wohlmeinend raten. – Bleibe Du in M. oder gehe nach B. – werde alles – werde viel mehr, was Du mit Deinen kühnsten Wünschen glaubst oder hoffst – mich laß hier in Königsberg mich verzehren – mit mir ist nichts anzufangen, das siehst Du wohl, ich kann nicht fort – und will sie nicht verlassen, und sie möcht um mich 24 Stunden weinen und mich dann vergessen – ich sie nie – ich bin schon zu allem verdorben – man hat mich um alles geprellt, und auf eine sauersüße Art – – – Den 22. Februar 1796 morgens. Ich eile Dir zu sagen, was eigentlich meine Briefe aufgehalten hat – Die Stierszene auf der Redoute, die ich Dir letzthin beschrieb, hat doch ernsthaftere Folgen gehabt als ich anfangs dachte ... Daher sagte ich Mittwoch vor 14 Tagen, daß ich schlechterdings nach Marienwerder wollte. Das wurde mir nicht zugestanden – ich schlug Glogau vor – das war besser. Den Tag darauf wurde deswegen geschrieben, und gestern erhielt ich die Antwort – daß man mich mit offnen Armen empfangen würde, daß schon alles mit dem dortigen Präsidenten abgemacht, und daß es gut wäre, wenn ich noch vor Ostern abginge. Die Reise ist aber ganz fest im Anfange des Mai bestimmt, und schon wird die Equipage instand gesetzt, d.h. was um und an mir ist! ... Außer uns (im Hause) und dem Z., der allem Vermuten nach mitgeht, weiß es noch niemand, und wird's auch niemand bis ungefähr 14 Tage vor meiner Abreise wissen, denn werden manche Nase und Maul aufsperren, und den Flüchtling entweder loben oder verdammen, je nachdem das Glas ihrer Laune, wodurch sie's ansehn, geschliffen ist ... Ich kann's Dir versichern, daß K. ein wahres Nest ist, und daß in keinem Orte ich so geplagt werden kann als hier. Die romantischen Gebirgsgegenden in Schlesien werden allein schon imstande sein, eine zentnerschwere Last, die meinen Geist hier niederdrückt, abzuwälzen; – ich werde freier atmen, wenn ich durch die Obstalleen fahren werde, die mit ihren Blütendüften die Luft ringsumher besser parfümieren als ein paar hundert Flakons der K. Damen die Balluft ... In ein musikalisches Land geht meine Wanderschaft – Kirchenmusiken werde ich erst kennenlernen, und meine Kompositionen werden sich unter der Bildung echter Musiker besser erheben, als hier in dem musikalischen Schlaraffenleben, wo ein jeder geigt und pfeift wie's ihm dünkt ... Für eins ist mir bange, für die Verzweiflungsszenen einer gewissen Person, wenn es heißen wird – fort! – Wenigstens wird's mir eine fatale Laune verursachen, die ich nicht sobald verlieren kann ... Königsberg, den 18. März 1796. ... Der Tod hat bei uns auf eine so schreckliche Art seine Visite gemacht, daß ich das Grausenvolle seiner despotischen Majestät mit Schaudern gefühlt habe. – Heute morgen fanden wir meine gute Mutter tot aus dem Bette herausgefallen – Ein plötzlicher Schlagfluß hatte sie in der Nacht getötet, das zeigte ihr Gesicht, von gräßlicher Verzuckung entstellt – Ich weiß, daß Du imstande bist, eine solche Szene zu fühlen – den Abend vorher war sie munterer als je, und aß mit gutem Appetit. – Das sind wir Menschen! – quälen und härmen uns im spannlangen Leben – sorgen für die Zukunft – machen Pläne auf Pläne, wenn vielleicht nur noch ein armseliger Tag unsere Todesstunde verzögert – Das große Studium des Todes ist uns verhaßt, weil unser verzärtelter Geist sich nur an blühenden Rosen weidet, deren Dorn er fürchtet – Ach Freund, wer nicht den Tod sich beizeiten zum Freunde macht, und auf vertraulichem Fuß mit ihm umgeht, dem macht er zuletzt seine Visite immer auf die quälendste Art – ich meine, daß das seine Lieblinge sind, die er so ohne viel von sich blicken zu lassen weghascht, und was so schrecklich scheint, ist bloß ein Erziehungskniff von ihm für uns übrige – Du wirst meinen Schmerz mit mir fühlen, und Dein Gefühl, Dein gutes Herz stimmt gewiß in das Requiem ein, das ich den Manen meiner guten Mutter weihe ... ... Sie zu verlieren ... dieser Gedanke drückt mich zu Boden, und ich zweifle, daß ich auf Schlesiens Gebürgen freier atmen werde! Was kann mich sonst an diesen Ort fesseln, wo man mich gewaltsam einsperrt, und mit einer heiligen Dummheit meinen Geist in eine von Vorurteilen erschaffene Dogmatik einzwängt. – Ach lieber Freund, bogenlang würde der Rotulus all der Ärgerlichkeiten, die mich täglich an meine widrige Lage mahnen. Welch ein Blitzstrahl der erzürnten Gottheit hat mich doch in einer Stunde des Zorns in den Kreis dieser Menschen herabgeschleudert! – Nicht ein Stündchen Alleinsein gönnt man mir. – Nach dem Tode meiner Mutter ist noch alles zehnfach konfuser, und man martert mich mit Grammairediskursen bis in die späte Nacht ... In Glogau Am 15. Juni 1796 traf Hoffmann bei seinen Glogauer Verwandten ein, deren jahrelanger Hausgenosse er werden sollte. Die Reise ging über Marienwerder, wo er den Freund zu finden hoffte. Hippel war aber verreist. Hoffmann beschrieb sein Reiseerlebnis für den Freund im Stil seines Lieblingsbuches, von Sternes »Sentimentaler Reise«.   Glogau, den 18. Juli 1796. Dein lieber Brief vom 26. Juni er., den ich einige Tage nach meiner Ankunft in G. aus den Händen des Onkels empfing, kettete mich wieder an Dich fester an – an Dich, und an jene Verhältnisse, ohne die mein Herz leer, und die Harmonie meines Kopfes mit demselben total verstimmt ist. – Ich bin in einer Art Betäubung oder Rausch meiner Vaterstadt entflohen – der Abschied von ihr hatte mich so butterweich gemacht, daß ich mich bald vor mir selber sehr prostituiert und beweint hätte – nachher war ich verzweifelt lustig und zog mir die Überhosen richtig dreimal verkehrt an, dann aß ich sehr viel und trank noch mehr – sie sah ich noch einmal am Fenster, – vielleicht war mein Universal-Kompliment gegen die Nachbarschaft und mein Spezial-Gruß, den ich ihr in's Fenster als letztes Lebewohl zuwarf, meine Schlußvignette für K. – Ich meine, daß ich ihnen zum letztenmal hingezeichnet stand, und mich in meinen rund verschnittenen Haaren und Reisehabit nicht sonderlich produzierte. – Von meiner Reise nichts, lieber Freund, außer daß ich mit einem Deiner Stadtinwohner reiste, der mich in M., während der zwei Stunden, die man auf der Post mit Packen und Pferdewechseln zubringt, überall herumführte und mir verschiedene Damen zeigte, und unter anderen – – Dieser Cicerone und Reiseami war übrigens ein Knopfmacher, und hatte eine sehr hübsche Frau, – eins von den feinen Gesichtern aus dem Lavater, – gegen die man gleich freundlich sein muß, wenn man nur ein einzigesmal einen Crayon zwischen den Fingern kunstmäßig gehabt hat. Die kleine Knopfmacher-Familie versammelte sich um den zurückgekehrten Papa, der bloß eine Visite in K. abgestattet hatte, aber acht Tage, für ihre Liebe eine lange Zeit, weggeblieben war – eins kletterte ihm an den Hals herauf – eins umklammerte seine Knie – und als er nun vollends bunte Pantoffel für die Mädchen, und Gastkuchen auspackte, da hättest Du die Freude sehen sollen. – Das Kleinste erwachte jetzt auch in der Wiege und lallte, seine kleinen Ärmchen ausstreckend, nach der Mutter, die lächelnd die Falten aus dem Bratenrock des Mannes, der eben aus dem Mantelsack hervorgegangen (nämlich der Bratenrock) war, ausstrich, und den vom Königsberger Gastmahl restierenden Staub – den Federanflug ausbürstete. – Ein alter Mann mit dem frappantesten Gesicht, der am Tische Knöpfe ausarbeitete – füllte die Szene mit Bewillkommnungs-Komplimenten und einem sehr höflichen Sermon an mich und seinen Kumpan – indem er schon längst ganz leise, mit einem Flugblick auf mich, sein etwas poröses Mützchen hinter sich geworfen hatte und in einer sehr konservierten Frisur mit einem Coeurtoupé dasaß. – Jetzt kam der Kaffee in einer mächtigen Kanne. – Die Frau eilte vom Bratenrock weg, um eine Porzellantasse herunterzulangen und auszuwischen. – Die Tasse war für mich – eine von Fayence für den Mann, – der Alte sah ziemlich lüstern den braunen Trank aus der Kanne fließen, und schmunzelte nicht wenig, als ganz unvermutet mit einer schnellen Wendung der Mann ihm die Tasse darbot und alle seine Höflichkeitsweigerungen mit einem lauten Ruf nach einer neuen Tasse abschnitt. – Die Kleinen versammelten sich um den Tisch mit ihrem Kuchen in der Hand – die Bitte um Kaffee durften sie nicht wagen – und doch bissen sie nicht in den Kuchen. – Ich fütterte sie aus meiner Tasse, indem ich den Kuchen einbrockte, und es ihnen mit dem Teelöffel herauslangen ließ. – Die Mutter wollte das nicht zugeben, und als ich darauf bestand, schenkte sie, um mir jede Entäußerung zu ersparen, ihnen nun ein Näpfchen zur Tunke ein – jetzt war allgemeiner Jubel – alles trank Kaffee, und sogar der Hauskater, der mit hohem Rücken knurrend schon längst an die Familie näher getreten war, bekam fetten Rahm – ich hatte mich so bei den Kleinen insinuiert, daß sie mich nicht fortlassen wollten, als man mich zur Post rief – ich küßte sie alle – und auf den sanft gerundeten Contour der Lippen des Weibes hätte ich auch einen Joricks-Kuß gedrückt, als Zueignungsdokument meiner Seele und Innungsgruß des Handwerks, das ich treibe um besser zu sein, als ich ohne dasselbe wäre und sein könnte. – Du verstehst mich! – Doch hätte dies Sensation erregt, und der Polizei-Bürgermeister, dem ich gewiß bekannt geworden wäre, hätte diesen Kuß quaest. registrieren und mich vor der ganzen Welt in Mißkredit setzen können. – Du siehst, daß ich in M. sentimentalisiert habe, und daran ist bloß das Profil oder auch die face einer Knopfmacherfrau schuld! – habent sibi – nimm nicht übel, daß diese Geschichte ganz offenbar zwei Seiten meines Briefes einnimmt. In Posen mußte ich mich der Post, nicht meiner Müdigkeit wegen von Sonnabend früh bis Montag spät um 6 Uhr aufhalten. – Da lebte ich in einem trefflichen Hotel, bei Madam Speichert, recht lustig. – Mittwoch den 15. Junius früh um 6 Uhr stand ich Stirn gegen Stirn mit meinem Onkel. – Du glaubst jetzt meine Ankunft zu lesen mit allen Att- und Pertinenzien. – Du irrst Dich, denn mehr sage ich Dir nicht, als daß eine unausstehliche Verlegenheit mich von denen zurückstieß, denen mein Herz in den ersten Momenten des Kommenwerdens zufliegen sollte. – Nach und nach, als diese Verlegenheitseisrinde durch den Sonnenschein, den die Kusinen mitbrachten, von meinen Intestinen weggetaut war, wurde ich von einer Jovialität belebt, die mir selbst oder deren Ursache mir rätselhaft war. Zum Glück webte ein komischer Zufall mit dem Bräutigam der Kusine gleich in den ersten Dialog ein gewisses Interesse, daß wenigstens die fatalen Momente schneller als sonst vorüberschlüpften. – Dieser Erzspaß bestand darin, daß ich mich mit K. (Kriegsrat Korn), der auch auf der Durchreise nach G. war, in einem polnischen Städtchen beim Pferdewechseln in der Nacht zusammentraf, daß wir schieden (er fuhr mit eigner Equipage) ohne uns kennenzulernen, daß wir beide zu gleicher Zeit eintrafen, und daß er kaum zwei Perioden seines Eintrittsgrußes vollendet und noch nicht einmal seine Braut geküßt hatte, als ich hineintrat. – Genug von dem allen – ich bin in G. entfernt von allem, was mir lieb war, und ich lebe, wie's Hamlet seiner Mutter rät, die eine kranke Hälfte meines Herzens weggeworfen, um mit der anderen desto vergnügter zu leben. Meine Kusinen sind sehr gebildete Mädchen – die zweite hat eine äußerst interessante Figur, das Gesicht von beiden ist, ohne hübsch oder häßlich zu sein, ein Gemisch von interessanten und Wechselbalgszügen, doch aber im ganzen gar nicht uneben. Sie sind Dir beide sehr gut. – Der ältesten hab' ich gesagt, daß Du Dich sehr gut kleidest und elegant zu Pferde säßest (Steckenpferd und rechtes Pferd), der zweiten, daß Du ihrem Liebhaber ähnlich sähst – beides wichtige Gründe, Dir ihre Zuneigung zu verschaffen. – Der Onkel schätzt Dich als meinen Lebens-Associé und wünscht sehnlich Dich kennenzulernen. – Jetzt stoße ich an eine Hauptfrage, die ich in Deinem Blick lese – ob ich glücklich – zufrieden bin! – und leider muß ich antworten, daß ich nie dauernd unglücklicher, nie bei mitunter langem Durchbruch meiner Jovialität so ein Sklave unseliger Kleinheiten gewesen bin. – Nimm an, daß ich mich mit Gewalt losriß von einem Wesen, das meine ganze Seele füllte, das mir alles sein konnte, ich opferte mich einem unglücklichen konventionellen Verhältnisse auf und floh mit blutendem Herzen – einen wohltätigen Genius suchte ich fern von meinem Vaterlande und fand ihn nicht! ... ... Die Tante ist eine vortreffliche Frau – sie und der Kusin, ein äußerst natürlicher jovialischer Junge, sind die einzigen, die mir noch oft manche frohe Stunde machen werden. – Dem Onkel warf ich mich an den Hals mit meinem Leiden – sein Trost – sein Rat war eiskalt – ein tiefer inniger Schmerz frißt an der besten Blüte meines Lebens, denn der, der mich glücklich machen sollte, ist mir fremd geworden! Denke Dir, daß er mir sogar den Rat gab, nie mehr zu schreiben, damit nicht meine Briefe ad acta kämen. – den 20. Julius. Eben kehre ich aus der Jesuitenkirche zurück – sie wird neu gemalt, und ich habe den exzentrischen Einfall zu helfen – das wird mir wahrscheinlich juristischerseits übelgenommen werden! – In der Glogauer Jesuitenkirche Mit der Ausmalung der alten Jesuitenkirche des Orts war ein Maler Molinari betraut worden, der bald zu Hoffmanns wichtigsten Bekanntschaften aus seiner Glogauer Zeit gehören sollte. Hoffmann beschrieb seine Teilnahme an der Architekturmalerei seines neuen Bekannten in seiner Novelle »Die Jesuitenkirche in G.«.   Als ich bei der Jesuitenkirche vorüberging, fiel mir das blendende Licht auf, das durch die Fenster strahlte. Die kleine Seitenpforte war nur angelehnt, ich trat hinein und wurde gewahr, daß vor einer hohen Blende eine Wachsfackel brannte. Näher gekommen, bemerkte ich, daß vor der Blende ein Netz von Bindfaden aufgespannt war, hinter dem eine dunkle Gestalt eine Leiter hinauf und hinunter sprang und in die Blende etwas hineinzuzeichnen schien. Es war Berthold, der den Schatten des Netzes mit schwarzer Farbe genau überzog. Neben der Leiter auf einer hohen Staffelei stand die Zeichnung eines Altars. Ich erstaunte über den sinnreichen Einfall. Bist du, günstiger Leser! mit der edlen Malerkunst was weniges vertraut, so wirst du ohne weitere Erklärung sogleich wissen, was es mit dem Netz, dessen Schattenstriche Berthold in die Blende hineinzeichnete, für eine Bewandtnis hat. Berthold sollte in die Blende einen hervorspringenden Altar malen. Um die kleine Zeichnung richtig in das Große zu übertragen, mußte er beides, den Entwurf und die Fläche, worauf der Entwurf ausgeführt werden sollte, dem gewöhnlichen Verfahren gemäß mit einem Netz überziehn. Nun war es aber keine Fläche, sondern eine halbrunde Blende, worauf gemalt werden sollte; die Gleichung der Quadrate, die die krummen Linien des Netzes zur Höhlung bildeten, mit den geraden des Entwurfes und die Berichtigung der architektonischen Verhältnisse, die sich herausspringend darstellen sollten, war daher nicht anders zu finden, als aus jene einfache geniale Weise. Wohl hütete ich mich, vor die Fackel zu treten und mich so durch meinen Schlagschatten zu verraten, aber nahe genug zur Seite stand ich, um den Maler genau zu beobachten. Er schien mir ein ganz anderer, vielleicht war es nur die Wirkung des Fackelscheins, aber sein Gesicht war gerötet, seine Augen blitzten wie vor innerem Wohlbehagen, und als er seine Linien fertig gezeichnet, stellte er sich mit in die Seite gestemmten Händen vor die Blende hin und pfiff, die Arbeit beschauend, ein munteres Liedchen. Nun wandte er sich um und riß das aufgespannte Netz herunter. Da fiel ihm meine Gestalt ins Auge, »he da! he da!« rief er laut, »seid Ihr es, Christian?« – Ich trat auf ihn zu, erklärte ihm, was mich in die Kirche gelockt, und den sinnreichen Einfall mit dem Schattennetz hochpreisend, gab ich mich als Kenner und Ausüber der edlen Malerkunst zu erkennen. Ohne mir darauf weiter zu antworten, sprach Berthold: »Christian ist auch weiter nichts als ein Faulenzer; treu wollte er aushalten bei mir die ganze Nacht hindurch, und nun liegt er gewiß irgendwo auf dem Ohr! – Mein Werk muß vorrücken, denn morgen malt sich's vielleicht hier in der Blende teufelmäßig schlecht – und allein kann ich doch jetzt nichts machen.« Ich erbot mich, ihm behilflich zu sein. Er lachte laut auf, faßte mich bei beiden Schultern und rief: »Das ist ein exzellenter Spaß; was wird Christian sagen, wenn er morgen merkt, daß er ein Esel ist, und ich seiner gar nicht bedurft habe? Nun so kommt, fremder Geselle und Bruder, helft mir erst fein bauen.« Er zündete einige Kerzen an, wir liefen durch die Kirche, schleppten Böcke und Bretter herbei, und bald stand ein hohes Gerüst in der Blende. »Nun frisch zugereicht«, rief Berthold, indem er heraufstieg. Ich erstaunte über die Schnelligkeit, mit der Berthold die Zeichnung ins Große übertrug; keck zog er seine Linien, niemals gefehlt, immer richtig und rein. An dergleichen Dinge in früherer Zeit gewöhnt, half ich dem Maler treulich, indem ich bald oben, bald unter ihm stehend die langen Lineale in die angedeuteten Punkte einsetzte und festhielt, die Kohlen spitz schliff und ihm zureichte usw. »Ihr seid gar ein wackrer Gehilfe«, rief Berthold ganz fröhlich, »und Ihr«, erwiderte ich, »in der Tat einer der geübtesten Architekturmaler, die es geben mag; habt Ihr denn bei Eurer fertigen kecken Faust nie andere Malerei getrieben als diese? – Verzeiht meine Frage.« »Was meint Ihr denn eigentlich?« sprach Berthold. »Nun,« erwiderte ich, »ich meine, daß Ihr zu etwas Besserem taugt, als Kirchenwände mit Marmorsäulen zu bemalen. Architekturmalerei bleibt doch immer etwas Untergeordnetes; der Historienmaler, der Landschafter steht unbedingt höher. Geist und Fantasie, nicht in die engen Schranken geometrischer Linien gebannt, erheben sich in freiem Fluge. Selbst das einzige Fantastische Eurer Malerei, die sinnetäuschende Perspektive, hängt von genauer Berechnung ab, und so ist die Wirkung nicht das Erzeugnis des genialen Gedankens, sondern nur mathematischer Spekulation.« Der Maler hatte, während ich dies sprach, den Pinsel abgesetzt und den Kopf in die Hand gestützt. »Unbekannter Freund,« fing er jetzt mit dumpfer feierlicher Stimme an: »unbekannter Freund, du frevelst, wenn du die verschiedenen Zweige der Kunst in Rangordnung stellen willst, wie die Vasallen eines stolzen Königs – – – – – – – – – –« ... Nicht möglich ist es mir, alles das wörtlich zu wiederholen, was Berthold sprach, indem er rasch fortmalte und mich ganz wie seinen Handlanger brauchte. In der gegebenen Manier fuhr er fort, die Beschränktheit alles irdischen Beginnens auf das Bitterste zu verhöhnen; ach, ich schaute in die Tiefe eines auf den Tod verwundeten Gemüts, dessen Klage sich nur in schneidender Ironie erhebt. Der Morgen dämmerte, der Schein der Fackel verblaßte vor den hereinbrechenden Sonnenstrahlen. Berthold malte eifrig fort, aber er wurde stiller und stiller, und nur einzelne Laute – zuletzt nur Seufzer, entflohen der gepreßten Brust. Er hatte den ganzen Altar mit gehöriger Farbenabstufung angelegt, und schon jetzt, ohne weiter ausgeführt zu sein, sprang das Gemälde wunderbar hervor. »In der Tat herrlich – ganz herrlich«, rief ich voll Bewunderung aus. »Meinen Sie?« sprach Berthold mit matter Stimme: »meinen Sie, daß etwas daraus werden wird? Ich gab mir wenigstens alle Mühe, richtig zu zeichnen; aber nun kann ich nicht mehr.« – »Keinen Pinselstrich weiter, lieber Berthold!« sprach ich: »es ist beinahe unglaublich, wie Sie mit einem solchen Werk in wenigen Stunden so weit vorrücken konnten; aber Sie greifen sich zu sehr an und verschwenden Ihre Kraft.« – »Und doch«, erwiderte Berthold, »sind das meine glücklichsten Stunden. – Vielleicht schwatzte ich zuviel, aber es sind ja nur Worte, in die sich der das Innere zerreißende Schmerz auflöst.« »Sie scheinen sich sehr unglücklich zu fühlen, mein armer Freund,« sprach ich: »irgendein furchtbares Ereignis trat feindlich zerstörend in Ihr Leben!« – Der Maler trug langsam seine Gerätschaften in die Kapelle, löschte die Fackel aus, kam dann auf mich zu, faßte meine Hand und sprach mit gebrochener Stimme: »Könnten Sie einen Augenblick Ihres Lebens ruhigen, heiteren Geistes sein, wenn Sie sich eines gräßlichen, nie zu sühnenden Verbrechens bewußt wären?« Erstarrt blieb ich stehen. Die hellen Sonnenstrahlen fielen in des Malers leichenblasses zerstörtes Gesicht, und er war beinahe gespenstisch anzusehen, als er fortwankte durch die kleine Pforte in das Innere des Kollegiums. (Aus der Novelle »Die Jesuitenkirche in G.«.) Aloys Molinari Glogau, den 22. Oktober 1796. ... Ein gewisser M., der ein sehr geschickter Maler ist, hält sich seit einigen Tagen hier auf. – Alles, was ich von ihm sehe und höre, ist so äußerst interessant, das ich nicht die Zeit erwarten kann, ihn kennenzulernen. – Noch nie habe ich eine solche lebhafte Miniaturmalerei gesehen! Glogau, im Januar 1797. Sonntag früh um 9 Uhr. ... Einige Zeit hindurch (um nicht ewig vom Sonntage zu reden) habe ich hier einen Umgang genossen, der meinem Geist oder willst Du lieber, meiner Fantasie neuen Schwung gegeben hat. Ein Mensch wie ich ihn mir oft idealisierte, kam wie eine Erscheinung her, und floh wie ein guter Genius, der im Vorüberfluge Rosenblätter in die Lüfte streut. – Sein Ruf war wider ihn, und er wurde wie viele Menschen verkannt. – Denk Dir einen Menschen – schön gebaut wie der Vatikanische Apoll – dazu aber einen Kopf, wie ich ihn einen Fiesco zu charakterisieren wählen möchte, denn es ist wahr, daß aus dem sonst schönen Auge oft eine gewisse boshafte Schadenfreude herausstrahlte. – Die schwarzen, kurzen, krausen Haare schienen dies noch mehr zu bestätigen. – In der ganzen Haltung des Körpers lag etwas Stolzes – eine gewisse Superiorität, die doch nie anmaßend war – dieser Mensch hieß Molinari und war ein Maler. – Du kennst mich, Theodor, kennst meinen Enthusiasmus für die Kunst. – War's Wunder, daß ich mich gleich ihm zu nähern suchte. Es gelang mir bald, und nun verbrachte ich fast jeden Tag ein paar Abendstunden in seiner Gesellschaft. – Er hatte die mehreste Zeit seines Lebens in Italien gelebt, und sich vorzüglich in Rom zum Künstler gebildet. – Ich behalte mir's vor, künftig bei einer mündlichen Unterhaltung Dir mehr von ihm zu sagen, jetzt nur soviel, daß ich durch ihn unendlich in der Kunst gewonnen habe. Der Feuergeist des Italieners belebte seine Werke, und einige Funken davon weckten meinen schlafenden Genius – dieses dokumentiere ich durch ein paar Mädchenköpfe, die ich in meinem Portefeuille von meiner Hand habe. Aloys Molinari verließ Glogau nach kurzer Zeit und er hat nicht wieder Hoffmanns Weg gekreuzt. Aber er ist ihm doch wichtig geworden als der erste Berufskünstler, mit dem Hoffmann zusammentraf. Molinari gab ihm nicht nur das Vorbild für den Berthold der »Jesuitenkirche in G.«, sondern auch wahrscheinlich für jene südlichen bestrickenden und doch verbrecherischen Naturen, die in so vielen seiner Werke, von den »Elixieren des Teufels« an bis zum Prinzen Hektor im »Kater Murr« vorkommen. Inzwischen hatte sich Hoffmann von seiner Königsberger Inamorata keineswegs gelöst. Sie standen im Briefwechsel miteinander. Aber allmählich wandte Hoffmann doch sein Herz anderen Sternen zu. Eine kleine Episode verbrachte er mit einer gewissen M ..., deren Name leider nicht zu ergänzen ist. Jedenfalls handelt es sich hierbei nicht um seine spätere Frau.   Glogau, den 21. Januar 1797. ... Es ist wahr, daß ich einige Ausschweifungen begangen habe – dieser M. zu Gefallen einigemal bei den Franziskanern Messe gehört, auf der Redoute nur mit ihr getanzt habe, das ist alles wahr, sowie, daß sie ganz ausgezeichnet hübsch ist, und daß ihr Kopf bei mir im Portefeuille liegt. – – – Den 15. März. ... Ich liebe nicht mehr die Musik – es ist wahr, was Jean Paul sagt, die Musik legt sich um unser Herz wie die Löwenzunge, welche so lange kitzelnd und juckend auf der Haut liegt, bis Blut fließt! – so ungefähr lautet die Stelle. – Sie macht mich weich wie ein Kind, alle vergessene Wunden bluten aufs neue. – Neulich war ich mit jenem Mädchen zusammen – in der frohesten Laune – die untergehende Frühlingssonne warf noch die letzten Strahlen durchs Fenster – alles war so in lieblicher Haltung – ihre Figur schien in den Atomen, welche der Strahl sichtbar machte, zu schweben, und ich fühlte halb zu ihr hinüber gebogen ihren sanften Hauch auf meiner glühenden Wange, – ich war glücklich und wollt's ihr sagen, – das Wort erstarb mir auf der Zunge, als es sechs schlug und die Flötenuhr das Mozartsche Vergißmeinnicht in feierlichen Tönen spielte – die lange Wimper ihres Auges senkte sich, und ich fiel in meinen Stuhl zurück – zwei – drei Verse, ich dachte an die Worte. Denk' daß ich's sei, wenn's laut in Deiner Seele spricht Vergiß mein nicht! Aller Frohsinn schwand dahin, und ein Fieberfrost kühlte die Glut, welche in mir aufgestiegen war! – Endlich schwiegen die Töne. – Es ist vorbei, sagte ich! – Ja – erwiderte sie dumpf – ich wollte ihr zu Füßen stürzen, da dachte ich an ... Reise nach Königsberg Das große Ereignis dieser Zeit für die Freunde war aber Hippels Verlobung mit Jeanette von Gruszczynska, der Tochter eines polnischen Generals, die der Freund in Marienwerder kennengelernt hatte. Hippel schien am Ziele aller Wünsche zu stehen. Aus dem hinterlassenen Vermögen des großen Oheims, der vor wenigen Jahren gestorben war, wurde gerade die Standesherrschaft Leistenau zusammengekauft, die Theodor, den Alleinerben, zum Großgrundbesitzer machte, während Hoffmann noch immer als kleiner Auskultatur in Glogau lebte. Es konnte nicht ausbleiben, daß diese Verschiebung ihrer äußeren Lage auch auf das Verhältnis der Freunde trotz beiderseitiger bester Absichten zurückwirkte. In jener Zeit schloß Hoffmann eine enge Herzensfreundschaft mit Johannes Hampe, über die leider alle Unterlagen verlorengegangen sind. Hampe, wenige Jahre älter als Hoffmann, lebte als Registrator der Kgl. Zolldirektion in Glogau. Ein gleicher Enthusiasmus für Musik führte Hoffmann und Hampe, der ein ausgezeichneter Klavierspieler und Dirigent war, zusammen. Wenn sich Hoffmann wenige Jahre später ganz der Musik widmete, so war dies vielleicht nicht ausschließlich auf Hampes Einfluß zurückzuführen, jedoch wirkten sich darin die starken Anregungen, die Hoffmann durch Hampe erhalten hatte, aus. Im Mai 1797 unternahm Hoffmann mit dem Onkel eine Reise nach Königsberg. Unterwegs wurde Hippel besucht, der sich gerade auf Litschen, dem Stammgut seiner Braut, in der Nähe von Marienwerder, aufhielt. Das Zusammentreffen fiel ziemlich unglücklich aus. Die Freunde sprachen sich nur kurz auf der Treppe des Gutshauses. Eine unerklärliche Schüchternheit hielt Hoffmann zurück, sich der Braut Hippels vorstellen zu lassen.   Königsberg, den 10. Mai 1797. ... Unsere romantische Zusammenkunft in L. auf der Schloßtreppe hat mich auf der ganzen übrigen Reise in gutem Schwunge gehalten und eine abscheuliche Laune vertrieben, welche mich, seit ich von G. ausfuhr, für alle Freuden des Wiedersehens gefühllos machte. – Ich habe Dich wieder gesehen, Du bist noch der alte gewesen was kann mich mehr mit allem – selbst mit dem widrigsten Schicksal aussöhnen! – Laß Dir's mit zwei Worten sagen, daß ich in K. sie wiederfand – daß sie nur für mich lebt, und daß in diesem Wiedersehen alles um mich her versunken ist – daß ich sie mir gedacht – daß ihr Wesen ins meine verschmolzen – ewig in mir leben wird – und daß ich dies nur Dir sage! ... ... Was könnte mir mehr am Herzen liegen, als endlich einmal Dich wieder zu sprechen und solche glückliche Stunden zu genießen wie ehemals, als wir beide noch ungetrennt täglich unsere Gefühle und Empfindungen austauschten. Damals schienen uns Tage, die uns voneinander trennten, Ewigkeiten – und jetzt vergehen Jahre, und wir sehen uns nicht! Ich bin müde, das Schicksal und mich selbst anzuklagen – ich habe verloren durch Konventionen – Umstände – durch mich selbst. – Die Vergangenheit war immer schöner als die Gegenwart – an die Zukunft mag ich gar nicht denken, jedes Bild derselben ist mir verhaßt. – Du bist nicht mehr frei – von Dir erwarte ich nichts mehr, es ist die Reihe an mir, Dich in Deinem Sitze aufzusuchen, daher will ich's möglich machen, Dich künftigen Frühling in L. zu besuchen, ich werde mich alsdann auf einige Tage in Deinen häuslichen Zirkel drängen, es kommt nur darauf an, daß Du mir die Lücke zeigst, wo ich allenfalls stehen könnte, so lange wenigstens, als Du's willst! – Eben fällt mir ein, daß ich jene Nacht in L. alles anwandte, um von Dir überwunden nicht alles – Onkel – Extrapost – K. zu vergessen, und daß ich um abzubrechen Dich sogar auf meinen dicken Stock aufmerksam machte, womit ich mich gegen die blutgierigen Bullenbeißer verteidigt hatte, die mich, noch ehe ich Dich gesehen, auffressen wollten. – In solchen Fällen ist man recht läppisch! – Deine Braut wird mir's nicht übelnehmen, daß ich mich so eifrig dagegen setzte, ihr vorgestellt zu werden – ich hätte mich unter den ungünstigsten Umständen produziert, und der üble Eindruck, den ich auf sie gemacht, hätte mir in der Folge sogar bei Dir schädlich werden können ... ... Mancher ist gestorben im Jahr meiner Abwesenheit, z. B. mein Vater! Glogau, den 27. Junius 1797. ... Hier habe ich alles so wiedergefunden, wie ich es verließ – eben die gegenseitige Spannung – eben das preziöse Wesen, das mich sonst aus meiner Stube jug, entfernt mich auch jetzt. Mich überfällt zuweilen eine tötende Langeweile, wenn man um mich herum lacht, und nach Fliegen und Bonmots jagt –. O Freund! – warum behandelte mich das Schicksal so karg, daß ich nicht alle diese unerträglichen Bande abwerfen und in Dein Asyl fliehen kann, wo endlich Ruhe sein würde und Friede auf ewig! – Ich bin in K. beim Abschied so weich geworden, daß ich weinte wie ein Kind – die Rührung war widernatürlich – meinem Charakter, meiner Art solche Gefühle zu äußern ganz entgegen – vielleicht mischte sich die Ahnung drein, welche mich marterte – ich glaube sie nicht wiederzusehn. Glogau, den 29. August 1797. ... Im Grunde ist es mir doch noch immer äußerst schmerzhaft, daß es bei meiner letzten Reise von K. nach G. ganz unmöglich gemacht wurde Dich zu sehn, und es gehört mit zu den Eigenheiten, womit mich das Schicksal quält, daß ich in Preußen gewesen bin und Dich nur zehn Minuten gesprochen, daß nur ein Raum von ungefähr zehn Schritten mich von Deiner Braut trennte, und ich sie doch nicht kennenlernte! – Jetzt ist's mir klar, was ich damals hätte tun sollen. – Acht Tage bei Dir bleiben, und denn nachgehn nach K.! – Vielleicht wäre man in L. in Rücksicht auf Dich hospital gegen mich gewesen. – Es ist vorbei und wenn – wenn werde ich Dich wiedersehn! – In Kön. ist man jetzt so konfus, daß ich die widersprechendsten Nachrichten erhalte, und so wenige, daß man mich wohl am Ende ganz und gar vergessen würde, wenn nicht noch eine Person zuweilen an mich dächte ... Du bist vielleicht der einzige, der nichts Arges gegen mich im Sinn hatte, und der mich keinen Narren heißt, weil ich es wagte, gegen die Konvention zu lieben. – Du allein beurteilst mich da mit Schonung, wo andern der Verdammungsspruch so leicht wird. – Dir allein mag ich also nur das anvertrauen, was gegen alle ewig in mir verschlossen bleibt. – Man muß geliebt haben – ein Weib, so wie sie war und ist, um es glaublich zu finden, daß ich noch mit all der Schwärmerei der ersten Liebe an ihr hänge, daß meine süßesten – ich muß sagen, meine tröstendsten Augenblicke die sind, die ich bei ihrem Portrait in der Erinnerung an jene goldne Zeit zubringe! – Daß man uns trennen will, daß man mein Herz lieber tausendmal verwundet, als es geschmiegt an das ihrige Linderung suchen läßt, ist mir nichts Neues, wenn es auch von einer Vertrauten, die uns einander näherbrachte, inkonsequent gehandelt ist – aber die Mittel, welche man jetzt wählt, sind niedrig und erfüllen mich mit Indignation gegen die falsche Spielerin, die jetzt mir meine Karten aus immer zuwerfen will ... Erinnerst Du Dich noch der ersten Zeit jener Liebe, als Du mich wenig sahst, und ich so stumm und verschlossen wurde, als ich endlich Dir alles sagte und Du mich mit unendlicher Schonung auf das Auffallende unseres Verhältnisses aufmerksam machtest? – Denkst Du noch der lustigen Zeit, als wir uns von Deinem Kammerhusaren – Jockei – Stallmeister und vorzüglich Leibfriseur so schön kraus und gelockt zu den Rüdigerschen und all den Privatbällen frisieren ließen? – wie glücklich waren wir da ... Abends 10 Uhr. ... Hampe, der einzige, der hier es der Mühe wert findet sich mir anzuschmiegen, ist in Breslau ... Es scheint den Intriguen jener »Vertrauten«, die einst die Liebenden zusammenbrachte und die wir wohl in dem Fräulein Adelheid aus dem »Majorat« wiedererkennen dürfen, gelungen zu sein, Hoffmann von Cora zu trennen. Bald darauf verlobte sich Hoffmann mit seiner Glogauer Kusine und Hausgenossin Minna Doerffer. Glogau, den 25. Februar 1798. ... Mit der Welt in Königsberg habe ich vollkommen abgeschlossen. Außer den Schneesäulen der Verwandtschaft, von denen ich zuweilen emballierte Flocken erhalte, höre ich von keinem Menschen etwas, mag auch nichts hören – eine Reise nach Preußen würde nur bis Leistenau gehen ... Glogau, den 1. April 1798. ... Der Zufall, teurer einziger Junge, mischt seine Karten wunderlich – Rot und Schwarz – Gewinn und Verlust. – Mit K. habe ich wirklich ganz abgerechnet. – Aber Du weißt es, mir geht's wie Jorick – die Pausen sind mir fatal – ich bin so gut gefesselt als ehemals – aber jetzt ist's ein Mädchen – ich studiere mit erstaunenswürdiger Emsigkeit die trockensten Dinge – begrabe mich in Akten. – Alles Unglück ist mir wahrscheinlich, also auch daß ein unvermuteter Schlag des Schicksals, das alles wieder vernichtet – siehst Du den seidnen Faden? ... Eine merkwürdige Bekanntschaft hab' ich gemacht! – Die Gräfin Lichtenau ist jetzt hier auf der Festung, und kommt oft zu uns. – Ach Himmel, welch ein Gemisch von Hoheit und Niedrigkeit! – Wie viel Bildung – wie viel Verstand – wie viel Ungezogenheit – das Weib ist eine wahre Vexierdose, wo ganz was anders herauskommt, als man erwartete. – Der glimmende Docht von dieser ausgelöschten Fackel kann hier in G. noch etwas anzünden. Der Kommandant und das Militär sind kommandiert, artig gegen sie zu sein – sie sind's also – so wie überhaupt die bessere Klasse. – Der Pöbel achtet kein Kommando – sondern erhitzt sich mit dem Witzfusel, den er aus den elenden schändlichen Broschüren, die über die Gräfin herausgekommen sind, aufsaugt. – Der Schneider legt die Nadel aus der Hand, um das Leben der Gr. L. zu lesen, und sein Junge bringt ihm statt des Zwirns ihr Bild in neuseeländischer Manier! – In jedem Scheerbeutel stecken die Bekenntnisse der Gräfin L., und um 11 Uhr fliegen noch unfrisierte Köpfe ungeduldig durch's Fenster, um den längst erwarteten Friseur zu ersehn, der ein neues unsinniges Ding über die Gr. L. lesend jetzt um die Ecke schleicht, die er sonst mit geflügelter Eile drei Stunden früher umsprang. – Der Janhagel übt wie Du weißt Gerechtigkeit – vox populi vox dei . – Daher erhalten die Straßenjungen als Vedetten – Plänklersfeldwachen und leichte Aventgarde der größeren Menge, die sich zusammenzieht, sobald die Gräfin aus- oder einsteigt, ein ununterbrochenes Feuer mit Schneebällen. – Wenn der liebe Gott nicht mehr Schnee gibt, so fürcht' ich, daß wenn nicht die Polizei als vermittelnde Macht sich darin legt, sie sich gewisser glühender Kugeln bedienen werden, die aus gewissen Formen gegossen immer auf den Straßen zu liegen pflegen. Ist das nicht ein unsinniges Zeug!   Die Gräfin Lichtenau war die bekannte frühere Maitresse Friedrich Wilhelme II . von Preußen. Der »glimmende Docht von dieser ausgelöschten Fackel« zündete in der Tat in Glogau noch etwas an. 1802 heiratete sie den um 24 Jahre jüngeren Schauspieler Franz von Holbein, mit dem Hoffmann in Berlin befreundet wurde, und mit dem er später in Bamberg denkwürdige Theaterjahre gemeinsam verleben sollte.   Die Reise nach dem Riesengebirge Glogau, den 30. Junius 1798. ... Mit meiner juristischen Laufbahn gehts sehr pianissimo. Vorigen Februar meldete ich mich zum zweiten Examen, nach der nur hier üblichen Verzögerung wurde ich aber erst vor drei Wochen, nachdem ich schon vor sechs Wochen die Proberelation verlesen hatte, mündlich examiniert, und bin daher erst jetzt ins Referendariat eingeschritten. Gegenwärtig verändert sich aber wieder meine Lage. Der Onkel ist Geh. Ober-Tribunals-Rat geworden, ich lass' mich daher natürlich an's Kammergericht versetzen, und hoffe, dort etwas schneller zum Ziel zu gelangen, als es hier geschehen sein würde. Spätestens in acht Wochen hoff' ich in Berlin zu sein, und ein – Nest verlassen zu haben, dessen Einsamkeit mir vielleicht aber hin und her heilsam gewesen ist. Glogau, den 26. August 1798. Ich eile, Dir noch am letzten Tage, den ich in Glogau zubringe, zu sagen, daß ich Dich liebe, und daß Dein letzter Brief, der ganz das Gepräge jener Stimmung die uns in K. einst so glücklich machte trägt, mich überaus glücklich gemacht hat. Mein Stillschweigen wird Dir unerklärlich gewesen sein, – eine höchst interessante Reise, die ich durch einen Teil des schlesischen Gebürges über Liebwerda – Friedland in Böhmen nach Dresden gemacht habe, hat mich vom Schreiben abgehalten. – Wie viel Neues hab' ich gesehen. – In Schönheiten der Natur und der Kunst hab' ich geschwelgt zwei Wochen lang. Bei mehrerer Muße sag' ich Dir viel über diese Reise. Ich könnt's mir bequem machen, und Dir statt anderer Briefe immer einen Teil meines Reisejournals schicken, das so schon in Briefen an Theodor eingeteilt ist. – Du lebst ja mit und in mir, – denn Dir sagte ich jeden Abend – was ich gesehen, was mich besonders gerührt hatte. – Morgen gehe ich von Glogau und Mittwoch den 29. d. M. bin ich in Berlin. Auf das Briefkuvert setze »abzugeben in der Kurstraße im Hause der Madame Patté«, so wird mich kein Brief verfehlen, denn da werd' ich wohnen. Es macht immer Rumor, wenn man einen Ort auf immer verläßt – tausend unvorherbedachte Kleinigkeiten ziehen mich vom Schreibtisch. Nur noch das einzige sag' ich Dir, daß mich die Nacht von Correggio in den Himmel gehoben – daß mich die Magdalena von Battoni entzückt hat, und daß ich mit tiefer Ehrfurcht vor der Madonna von Raffael gestanden habe. – Vom Antiken-Saal, den Statuen aus Antium und Ercolano zieren, muß ich schweigen. Leb' wohl, Einziger – Grüß Deine liebe Gattin, und fliege wenn Du kannst – bald bald zu mir, an meine Brust. – Berlin, den 15. Oktober 1798. ... Jetzt bin ich fast zu verwöhnt durch die Dresdener Galerie, wo ich Meisterstücke aus allen Schulen sah. – Ich kann in Enthusiasmus geraten, wenn ich mich zurückversetze in den Saal der Italiener – denke Dir einen Saal, der gewiß noch einmal so lang ist, wie das Haus Deines Onkels ehemals in K., dessen ungeheure Wände von oben bis unten Gemälde von Raffael, Correggio, Titian, Battoni usw. decken – bei alledem sah ich denn nun freilich bald, daß ich gar nichts kann. – Ich habe die Farben weggeworfen und zeichne Studien wie ein Anfänger, das ist mein Entschluß. Im Porträtmalen allein glaube ich starke Fortschritte gemacht zu haben – ich schicke Dir gewiß nächstens etwas zur Probe. – Mein Tagebuch liegt unvollendet da. – Zum Glück habe ich den Stoff dazu auf der Reise schon niedergeschrieben. Es ist ein Kokon von 5 Blättchen, den ich zu einem Werk von 15 Bogen ausspinnen muß. – Diese Reise – welche ich fast nur einen Durchflug nennen kann – hat mir nicht allein Vergnügen gemacht – sie hat mich auch belehrt – die Art des Glasschleifens – die Art – Vitriol zu bereiten, Papier zu machen – kurz über so manches habe ich mich belehren können. – Du weißt, mein T., daß alle Theorie ein Schatten ist gegen das Lebendige der Ausübung – ich vergesse nie, alles, was ich auch nur einen Augenblick auf jener Reise sah. – Wie habe ich an Dich gedacht, als ich in jenem Felsenabgrund stand – zwischen den Riesenmauern, die sich auf beiden Seiten auftürmten. – Tannen, höher als die höchsten Masten, schienen mir niederes Gesträuch, moosartig durch die Steine gewachsen. – Vor mir stürzte sich der Zacken 200 Fuß hoch mit furchtbarem donnerndem Getöse hinab. – Laß mich diese Gegend Dir mit wenig Worten beschreiben. – Wir gingen von Schreiberhau, einem kleinen Dorfe unweit Warmbrunn, durch einen Wald, der allmählich immer steigt nach der Gegend des Zackens. Wir waren zwei Stunden gegangen, als wir ein ungewöhnliches Rauschen vernehmen – dies war schon der Fall. – Immer stärker – immer mehr durch die Felsenklüfte hallend wurde das Geräusch – noch eine halbe Stunde – wir traten aus dem dichten Tannengebüsch, und standen am Zackenfall – eine ungeheure Wassersäule, die sich in eine unabsehbare Felsenkluft zu senken schien. Nun kam es darauf an, hinabzusteigen, um den Fall in seiner ganzen Riesengröße von unten herauf zu sehen, da aber die Felsen mit Moos bezogen, sehr glatt, und überhaupt der Erdboden durch den Regen sehr schlüpfrig geworden war, das Heruntersteigen überhaupt auch immer sehr gefährlich ist, so war ich von der Gesellschaft der einzige, der es wagte unserm Führer, einem kleinen Jungen, nachzusteigen. – Schon eine beträchtliche Höhe war ich mit Mühe herabgeklettert, als ich eine steilherabhängende Leiter von 26 Sprossen erfand – sie wird beim Holzflößen gebraucht – endlich war ich in der Tiefe – quer über den Zacken führte ein schmaler Steig ungefähr 12 Fuß über dem Wasser – über diesen ging ich, um auf ein in der Mitte des Zackens dicht vor dem Fall hervorragendes Felsenstück zu kommen – hier setzte ich mich hin. – Die Größe, die Erhabenheit – das furchtbar Schöne des Anblicks kann ich nicht beschreiben – die Sonne schien auf den Fall – und nun glich er geschmolzenem Silber. – In dem Wasserstaube, der die Luft umher über dem Felsenbecken netzte, bildeten sich tausend Regenbogen in den mannigfaltigsten Farben. – Nun ein Blick in die Gegend – von beiden Seiten türmen sich perpendikulär die Felsen auf – ihre Wände sind so glatt, daß sie abgemeißelt zu sein scheinen, zwischen den Felsen, die eine unabsehbar lange Straße bilden, stürzt sich der Zacken nach dem Falle durch die Felsenufer durch. – In der Ferne entdeckt man die mannigfaltigsten Täler und Berge, die in das Blaugrau des Äthers halb verhüllt in Sonnenblicken hervorschimmern. Um Dir einen Begriff von der Gewalt des Zackenfalls zu geben, füge ich nur noch hinzu, daß zwei Männer ein großes Felsenstück so heranwälzten, daß das Wasser oben es fassen konnte. – Wie ein kleiner Ball wurde das Felsenstück geschleudert, daß es in hundert Stücke zersprang. – Ich habe auch den Kochelfall gesehen, dieser ist nicht so wildromantisch, aber schön, er verhält sich ungefähr so zum Zacken, wie Emilia Galotti zu den Räubern von Schiller. – Den Elbfall, der mit dem Rheinfall die meiste Ähnlichkeit haben soll und unfern den Schneegruben liegt, konnte ich wegen kürze der Zeit leider nicht besuchen. – Verzeih', Teuerer, meiner Schwatzhaftigkeit – es ist meine Lieblingsmaterie! – – Spielerglück Auf dieser Reise spielte sich auch jene Episode ab, die Hoffmann später in den Unterhaltungen der Serapionsbrüder anläßlich der Novelle »Spielerglück« erzählte:   »Ihr wißt,« begann Theodor, »daß ich mich, um meine Studien zu vollenden, eine Zeitlang in G. bei einem alten Onkel aufhielt. Ein Freund dieses Onkels fand, der Ungleichheit unserer Jahre unerachtet, großes Wohlgefallen an mir, und zwar wohl vorzüglich deshalb, weil mich damals eine stets frohe, oft bis zum Mutwillen steigende Laune beseelte. Der Mann war in der Tat eine der sonderbarsten Personen, die mir jemals aufgestoßen sind. Kleinlich in allen Angelegenheiten des Lebens, mürrisch, verdrießlich, mit großem Hange zum Geiz, war er doch im höchsten Grade empfänglich für jeden Scherz, für jede Ironie. Um mich eines französischen Ausdrucks zu bedienen – der Mann war durchaus amusable, ohne im mindesten amusant zu sein. Dabei trieb er hoch an Jahren eine Eitelkeit, die sich vorzüglich in seiner nach den Bedingnissen der letzten Mode sorglich gewählten Kleidung aussprach, beinahe bis zum Lächerlichen, und eben diese Lächerlichkeit traf ihn, wenn man sah, wie er im Schweiß seines Angesichts jedem Genuß nachjagte und mit komischer Gier soviel davon auf einmal einzuschnappen strebte, als nur möglich ... ... Der Mann, den ich euch geschildert, forderte mich auf, ihn auf einer Reise nach einem Badeort zu begleiten, und unerachtet ich wohl einsah, daß ich seinen Besänftiger, Aufheiterer, Maitre de plaisir spielen sollte, war es mir doch gelegen, die anziehende Reise durch das Gebirge zu machen ohne allen Aufwand an Kosten. – An dem Badeort fand damals ein sehr bedeutendes Spiel statt, da die Bank mehrere tausend Friedrichs'dor betrug. Mein Mann betrachtete mit gierigem Schmunzeln das aufgehäufte Gold, ging auf und ab im Saal, umkreiste dann wieder näher und näher den Spieltisch, griff in die Tasche, hielt einen Friedrichsdor zwischen den Fingern, steckte ihn wieder ein – genug, ihn gelüstete es nach dem Golde. Gar zu gern hätte er sich ein Sümmchen expontiert von dem aufgeschütteten Reichtum, und doch mißtraute er seinem Glücksstern. Endlich machte er dem drolligen Kampf zwischen Wollen und Fürchten, der ihm Schweißtropfen auspreßte, dadurch ein Ende, daß er mich aufforderte, für ihn zu pontieren, und mir zu dem Behuf fünf – sechs Stück Friedrichsdor in die Hand steckte. Erst dann, als er mir versicherte, daß er meinem Glück durchaus nicht vertrauen, sondern das Geld, das er mir gegeben, für verloren achten wolle, verstand ich mich zum Pontieren. Was ich gar nicht gedacht, das geschah. Mir, dem ungeübten, unerfahrenen Spieler, war das Glück günstig, ich gewann in kurzer Zeit für meinen Freund etwa dreißig Stück Friedrichsdor, die er sehr vergnügt einsteckte. Am andern Abend bat er mich wiederum, für ihn zu pontieren. Bis zur heutigen Stunde weiß ich aber nicht, wie es mir herausfuhr, daß ich nun mein Glück für mich selbst versuchen wolle. Nicht in den Sinn war es mir gekommen, zu spielen, vielmehr stand ich eben im Begriff, aus dem Saal ins Freie zu laufen, als mein Freund mich anging mit seiner Bitte. Erst, als ich erklärte, heute für mich selbst zu pontieren, trat ich auch entschlossen an die Bank und holte aus der engen Tasche meines Gilets die beiden einzigen Friedrichsdor hervor, die ich besaß. War mir das Glück gestern günstig, so schien es heute, als sei ein mächtiger Geist mit mir im Bunde, der dem Zufall gebiete. Ich mochte Kartenehmen, pontieren, biegen, wie ich wollte, kein Blatt schlug mir um, kurz – mir geschah dasselbe, was ich von dem Baron Siegfried gleich im Anfange meines Spielerglücks erzählt. – Mir taumelten die Sinne; oft, wenn mir neues Geld zuströmte, war es mir, als läg' ich im Traum und würde nun gleich, indem ich das Geld einzustecken gewähnt, erwachen. – Mit dem Schlage zwei Uhr wurde wie gewöhnlich das Spiel geendet. – In dem Augenblick, als ich den Saal verlassen wollte, faßte mich ein alter Offizier bei der Schulter und sprach, mich mit ernstem, strengen Blick durchbohrend: »Junger Mann! verstanden Sie es, so hätten Sie die Bank gesprengt. Aber wenn Sie das verstehen werden, wird Sie auch wohl der Teufel holen wie alle übrigen.« Damit verließ er mich, ohne abzuwarten, was ich wohl darauf erwidern werde. Der Morgen war schon heraufgedämmert, als ich auf mein Zimmer kam und aus allen Taschen das Gold ausschüttete auf den Tisch. – Denkt Euch die Empfindung eines Jünglings, der in voller Abhängigkeit auf ein klägliches Taschengeld beschränkt ist, das er zu seinem Vergnügen verwenden darf, und der plötzlich wie durch einen Zauberschlag sich in dem Besitz einer Summe befindet, die bedeutend genug ist, um wenigstens von ihm in dem Augenblick für einen großen Reichtum gehalten zu werden! – Indem ich aber nun den Goldhaufen anschaute, wurde plötzlich mein ganzes Gemüt von einer Bangigkeit, von einer seltsamen Angst erfaßt, die mir kalten Todesschweiß auspreßte. Die Worte des alten Offiziers gingen mir nun erst auf in der entsetzlichsten Bedeutung. Mir war es, als sei das Gold, das auf dem Tische blinkte, das Handgeld, womit die finstre Macht meine Seele erkauft, die nun nicht mehr dem Verderben entrinnen könne. Meines Lebens Blüte schien mir angenagt von einem giftigen Wurm, und ich geriet in vernichtende Trostlosigkeit. – Da flammte das Morgenrot höher auf hinter den Bergen, ich legte mich ins Fenster, ich schaute mit inbrünstiger Sehnsucht der Sonne entgegen, vor der die finstern Geister der Nacht fliehen mußten. So wie nun Flur und Wald aufleuchteten in den goldenen Strahlen, wurd' es auch wieder Tag in meiner Seele. Mir kam das beseligende Gefühl der Kraft, jeder Verlockung zu widerstehen und mein Leben zu bewahren vor jenem dämonischen Treiben, in dem es, sei es wie und wenn es wolle, rettungslos untergeht! – Ich gelobte mir selbst auf das Heiligste, nie mehr eine Karte zu berühren, und habe dies Gelübde streng gehalten. – Der erste Gebrauch, den ich übrigens von meinem reichen Gewinst machte, bestand darin, daß ich mich von meinem Freunde zu seinem nicht geringen Erstaunen trennte und jene Reise nach Dresden, Prag und Wien unternahm, von der ich euch schon so oft erzählt.« (Unterhaltungen der Serapionsbrüder, 6. Abschnitt.) In Berlin An Hippel in Leistenau Berlin, den 15. Oktober 1798. ... Hier war mir nun alles neu – eine andere Welt umgab mich, – ich war nicht Herr meiner Zeit ... Als ich Deinen Brief las, war es mir, als trätest Du in meine Türe, und breitetest Deine Arme aus mich an Dein Herz zu drücken – die Herzlichkeit, womit Du mir Deine Wünsche – Deine Träume mitteilst – der eingeschlossene Brief an Schleinitz (Präsident des Instruktions-Senats, Hippels Schwippschwager) – die Art, wie Du mir ihn gibst – Alles – alles hat diesen Brief in mein Herz gedrückt. – Zwei Tage vorher, als der Brief ankam, war S. nach Preußen abgegangen – Du wirst ihn jetzt schon gesprochen haben – und mein Theodor – wie sehr bedarf ich Deiner Empfehlung. – Deine Schilderung von S. hat mich an ihn gezogen, und ich wünschte die Aufmerksamkeit, welche er mir vielleicht in Rücksicht Deiner schenken wird, zu verdienen. – Im Anfange bekam ich hier, ob ich gleich schon längst zum zweitenmale examiniert bin, gar keine Arbeiten. Dies veranlaßte mich, den Präsident Kircheisen ausdrücklich um Instruktionen und Spruchsachen zu bitten. – Dies hat gewirkt, denn seit dem 11. Ott. habe ich 15 Instr-Term., 2 Spruchsachen, 1 Kriminal. zum Gutachten erhalten und nebenher noch 2 Appell.-Berichte, 2 Deduct. und einen Schlußbericht anzufertigen. Innerhalb vier oder höchstens acht Wochen melde ich mich zu Probearbeiten, hoffe denn wohl binnen einem halben Jahre die Feuerprobe des großen Examens überstanden zu haben. – Ist es irgend möglich zu machen, so bleibe ich hier in Berlin. – Welche Aussicht Dich hier zu sehen! – In Glogau durfte ich dies nicht hoffen! – Du mußt Deine Reise hierher sehr bald machen – wie vieles Neue wirst Du sehen – Dein Geschmack für schöne Künste wird hier in dem schönen Berlin reiche Nahrung finden. Eben jetzt sind die Kunstausstellungen auf der Akademie der K. u. W. Du würdest mit mir den Kunstfleiß unserer inländischen Künstler bewundern. Hackert, der jetzt in Neapel lebt, hat zu dieser Ausstellung vier ganz vortreffliche Landschaften nach der Natur in Öl geschickt.– Das schönste Stück ist aber die Familie des Julius Sabinus vorn Professor Rehberg in Rom, in Öl (Lebensgröße) ... Das Stück hat einen bewunderungswürdig großen schönen Stil, und ist ganz in italienischer Haltung vortrefflich gemalt. Die letzte Szene aus Schillers Räubern, eine getuschte Zeichnung von Wolf, hat mich auch ihres unnachahmlichen Ausdrucks wegen sehr angezogen. Mehrere Gemälde hätten vor einem Jahr mich zur Bewunderung hingerissen. – Jetzt bin ich fast zu verwöhnt durch die Dresdner Galerie, wo ich Meisterstücke aus allen Schulen sah ... den 24. Januar 1799. ... Das Wichtigste, was ich Dir zu sagen habe ist, daß ich mich auch seit kurzer Zeit ganz unbeschreiblich nach einer Unterhaltung mit Dir sehne, und daß ich Dich beschwöre, wenn's nur irgend möglich ist, sobald die Jahreszeit besser wird, nach B. zu kommen. – Deiner ganzen Lage würde eine solche Reise sehr vorteilhaft sein. – Im Grunde genommen hast Du doch noch wenig gesehen. B. würde Dir so manches Neue darbieten. Wenigstens ist es ganz ohne Vorurteil gesprochen ein Ort, der gerade für uns äußerst interessant ist. In den schönen Künsten ist man hier wirklich sehr weit, der gute gebildete Geschmack zeigt sich in den öffentlichen Vergnügungen. Du kannst Dir z. B. keine Vorstellung von der großen italienischen Oper machen. – Der Zauber der Meisterstücke Verona's – die himmlische Musik – alles vereinigt sich zu einem schönen Ganzen, das auf Dich gewiß seine Wirkung nicht verfehlen würde. – Nicht oft genug kann ich mir den schönen Augenblick des Wiedersehens denken! – Du würdest Dich gewiß in unserem Familienkreise gefallen! – Schreibe mir doch ja bestimmt, ob ich wenigstens hoffen kann, Dich hier wiederzusehen. Denke Dir, welche Stunden – wenn wir uns der Vergangenheit erinnern – wenn wir jede Freude die uns damals so glücklich machte – noch einmal genießen. – An nichts werde ich mich so gern erinnern, als an unsere Blütezeit – der sonderbar romantische Schwung, den wir damals gemein hatten – das Zusammentreffen unserer Ideen, sogar unserer Bonmots – alles – alles knüpfte uns so fest, daß uns eine Trennung unmöglich schien! Ich gebe noch nicht die Hoffnung auf, mit Dir zusammen zu leben. – Ich kann es mir gar nicht denken, daß Du bei Deinem Drange nach Tätigkeit – nach einem Wirkungskreise wirklich in L. bleiben solltest. – L. sollte Dir nur eine Retirade sein. – Was man wünscht hofft man auch, und daher ist auch meine Phantasie so geschäftig mir's ganz glaublich zu machen, daß Du noch auf diese oder jene Art hierher kommen könntest.   Diese Briefstellen geben nur ein ungefähres Bild von dem Leben, das Hoffmann in Berlin führte. Reiche Anregungen strömten aus der Stadt in ihn ein. Im Haufe des Onkels herrschte reges gesellschaftliches Leben. Damals bereits lernte Hoffmann eine Reihe von hohen Beamten kennen, die auf seine juristische Laufbahn späterhin Einfluß haben sollten. Der Präsident des Instruktionssenats des Kammergerichts Freiherr Karl von Schleinitz, also sein unmittelbarer Vorgesetzter, hatte eine Schwester von Hippels Gattin zur Frau. Der Präsident Kircheisen ist der spätere Justizminister, dessen wohlwollendes Verhalten bei der späteren Knarrpanti-Episode Hoffmann nicht vor dem Schlimmsten bewahren konnte, ihm aber doch wohltat. Eine andere Bekanntschaft, die Hoffmann hier machte, ist die mit dem reisenden Gitarrevirtuosen und Schauspieler Franz von Holbein, dem späteren Genossen seiner Bamberger Zeit. Noch immer war er mit seiner Kusine Minna Doerffer verlobt. Minna hatte bald nach der Übersiedlung nach Berlin Freundschaft mit den Schwestern Meyer geschlossen, von denen die älteste, ebenfalls Minna mit Namen, sich gerade mit Richard Spazier in Dessau, dem späteren Herausgeber der »Eleganten Welt«, verheiratet hatte. Eine andere Schwester, Karoline, verlobte sich damals mit Jean Paul, den sie bald darauf heiratete. Es ist anzunehmen, daß Hoffmann die Schwestern ebenfalls kennengelernt hat. Jahre später besuchte er Jean Paul von Bamberg aus, wobei eine Tagebucheintragung auf eine Berliner Bekanntschaft mit Karoline Richter schließen läßt. Nun wurde Hoffmann auch sein Herzenswunsch erfüllt, den Freund Hippel in Berlin zu sehen. Hippel hatte bereits seinen Abschied aus dem Staatsdienst genommen um sich ganz der Verwaltung der Herrschaft Leistenau zu widmen. Plötzlich jedoch entschloß er sich, doch noch in Berlin das Assessorexamen zu machen. Die Freunde verlebten glückliche Monate der gemeinsamen Vorbereitung zusammen und bestanden zusammen das Examen. Hoffmann hatte währenddessen seine Beschäftigung mit den Künsten keineswegs aufgegeben. Wohl durch Holbein angeregt, der damals unter dem Pseudonym Fontana Gitarrenkonzerte in Berlin gab, komponierte er sechs Lieder für Klavier und Gitarre und bot sie in einem Briefe dem Verlag Breitkopf \& Härtel an, mit dem er später in so durchaus fruchtbaren Beziehungen stehen sollte. Die Musikalienhandlung schickte ihm übrigens sein Manuskript zurück. Eine größere Arbeit war das fertiggestellte größere Singspiel »Die Maske«. Hoffmann versuchte zunächst, diese Arbeit auf dem Wege über die Königin Luise auf die Bühne zu bringen. Offenbar verwies ihn die Königin auf den richtigen Instanzenweg, und so schickte er das Manuskript, gleichfalls ohne Erfolg, an Iffland, den Intendanten der Königlichen Bühnen in Berlin. An die Musikalienhandlung Breitkopf \& Härtel in Leipzig Wohlgeborener Herr! In allen Musikhandlungen ist Nachfrage nach Musikalien für die spanische Chitarra – das Instrument, welches jetzt, sei's auch nur der Mode wegen, in den Händen jeder Dame, jedes Elegants von gutem Ton sein muß. Der geringe Umfang und vorzüglich das Eigentümliche der auf diesem Instrumente ausführbaren Begleitung setzt, um etwas Brauchbares komponieren zu können, eine genaue Kenntnis desselben voraus, und daher mag wohl der Mangel mehrerer Musikalien, besonders deutscher Lieder für die Chitarra herrühren. Ich glaube daher, daß der Verlag einiger deutscher Lieder fürs Klavier und die Chitarra, die durchaus komponiert, sich von dem Geleier der gewöhnlichen Zwei-Zeilenlieder unterscheiden, gewiß einträglich sein würde, und dies veranlaßt mich, Ew. Wohlgebor., den sich gewiß, auch schon der außerordentlichen Eleganz und Korrektheit des Drucks wegen, jeder Komponist zum Verleger wünschen wird, sechs von mir durchaus komponierte Lieder fürs Klavier und die Chitarra, welche ungefähr 8 bis 8 ½ Druckbogen ausmachen werden, zum Verlage anzubieten. Da ich aber bloß Dilettant bin, und mein Name in der musikalischen Welt noch unbekannt ist, so lege ich eine zur Ersparnis des Portos eng abgeschriebene Arie bei, nach welcher Ew. Wohlgeb. den Wert oder vielmehr die Manier meiner Komposition beurteilen und darnach in Rücksicht meines Anerbietens einen Entschluß fassen können, wobei ich nur noch bemerke, daß ich jene Arie nicht darum wählte, weil sie mir die beste zu sein schien, sondern weil sie eine der kürzesten ist. Nehmen Ew. Wohlgeboren den Verlag der Arien an, so bin ich erbötig binnen acht Tagen nach erhaltener Nachricht Ihnen das korrekt und sauber abgeschriebene Manuskript zuzusenden, und ich glaube gewiß billig zu sein, wenn ich dafür nur ein Honorar von 10 Stück vollwichtige Friedrichsdor und nach geschehenem Druck 3O Exemplare verlange. Auf jenes Honorar würde ich mir aber statt eines Teils des baren Geldes einiges aus Ew. Wohlgeboren Verlage ausbitten. Ich habe zu Ew. Wohlgebor, auch unbekannter Weise das feste Vertrauen, daß Sie meine Bitte erfüllen und mir gewiß gefälligst so bald als möglich und zwar binnen acht Tagen über die Annahme oder Nichtannahme meines Anerbietens antworten werden, weil ich danach meine Maßregeln nehmen, und im Falle der Nichtannahme die Arien hier zum Druck befördern muß, welches ich schon halb und halb versprochen habe, aber gern vermeiden möchte. Mit der vollkommensten Hochachtung habe ich die Ehre zu sein Berlin, den 14. September 1799 Ew. Wohlgeboren ganz gehorsamster Diener Der Kgl. Kammergerichts-Referendarius Hoffmann (wohnhaft in der Leipziger Straße, zwischen der Jerusalemer und Markgrafenstraße im Brandtschen Hause bei dem Geh. Obertribunalsrat Doerffer).   An Iffland, Intendanten der Kgl. Bühnen in Berlin (Mit dem Manuskript des Singspiels »Die Maske«) Wohlgeborener Herr! Insonders hoch zu ehrender Herr Direktor! Ew. Wohlgeboren erhalten in der Anlage den Text eines Singspiels, welches ich schon im März v. I. vollendet habe. Meine Freunde urteilten damals ziemlich günstig von dem Werke und meinten, daß es der öffentlichen Vorstellung wohl wert wäre, allein von mancher Bedenklichkeit zurückgeschreckt, wagte ich deshalb keinen Versuch. Vor kurzer Zeit erhielten Ihro Majestät die regierende Königin die vollständige Partitur, und vor wenig Tagen hatten sie die Gnade mich ausdrücklich auffordern zu lassen, Ew. Wohlgeboren die Vorstellung des Singspiels vorzuschlagen. Fern von jedem Eigendünkel, fern von jeder Vorliebe für mein Werk wage ich daher, Ew. Wohlgeboren vor der Hand bloß zu bitten, den Text durchzusehen und mir dann zu sagen, ob, wenn er mit einer guten Musik vereinigt wäre, das Singspiel einer Vorstellung auf dem hiesigen Theater wert sein würde. Sollte dies der Fall sein, so bin ich, da ich das Gewicht meiner Obskurität in der musikalischen Welt nur zu sehr fühle, bereit, meine Partitur einer gewissenhaften Beurteilung zu unterwerfen, und erwarte deshalb nur Ew. Wohlgeboren Befehle. Sind dann künftig Ew. Wohlgeboren zur Annahme des Werks geneigt, so übergebe ich in einer von Ew. Wohlgeboren zu bestimmenden Zeit dem Theater eine korrekte saubere Abschrift des Textes und der Partitur, wobei es sich von selbst versteht, daß ich nicht auf den kleinsten Vorteil rechne. Ich spreche zu Ew. Wohlgeboren als zu einem Manne, der schon so oft die innigsten Gefühle des Wohlwollens in mir erregte, der mit echtem wahren Sinn für die Kunst nicht allein den Namen , welchen ein oft zufälliger Ruf zu gangbarer Münze prägt, achtet, sondern auch dem , der das Wagestück des ersten Debuts, ohne welches noch kein Künstler für die Welt geboren wurde, beginnen will, freundlich die Hand bietet, und daher bitte ich Ew. Wohlgeboren mit dem unbegrenzten Zutrauen, welches mich alle Umwege verachten ließ, mich nicht in die erbärmliche Klasse Kunst pfuschender Dilettanten zu setzen, welche man, ohne sich auf den Wert oder Unwert ihrer Produkte einzulassen, unbedingt abweiset, und meinem Werke – mir selbst einige Aufmerksamkeit zu schenken. Ew. Wohlgeboren hoffe ich dann noch zu überzeugen, daß unerachtet aller Aufforderung nur eine gewissenhafte kritische Vergleichung meiner Komposition mit den Werken großer Meister mich bestimmen konnte, einen Versuch, mich als Komponist bekanntzumachen, zu wagen, überhäufte Dienstgeschäfte verhinderten mich, mein Manuskript noch einmal abzuschreiben. Ew. Wohlgeboren erhalten es daher vor der Hand meistenteils mit den sichtbaren Spuren der Feile und der Reisen, die es zu auswärtigen kritischen Freunden machte, welches ich gütigst zu verzeihen bitte. Von Ew. Wohlgeboren hängt es nun allein ab, mir schriftlich zu antworten oder zu bestimmen, wenn ich so glücklich sein kann, die Bekanntschaft eines Mannes zu machen, den ich schon längst innig verehre. Inständigst bitte ich Ew. Wohlgeboren, meinen Namen vor der Hand ganz zu verschweigen, und habe die Ehre mit der ausgezeichnetsten Hochachtung zu sein Berlin, den 4. Januar 1800 Ew. Wohlgeboren ganz gehorsamster Diener Der Kammergerichts-Referendarius Hoffmann (wohnhaft in der Leipziger Straße in Nr. 66 bei dem Geh. Obertribunalsrat Doerffer).   Unter den »auswärtigen kritischen Freunden« haben wir in erster Linie an Johann Samuel Hampe zu denken. Iffland nahm das Singspiel »Die Maske« übrigens nicht an. Es blieb verschollen, bis Dr. Friedrich Schnapp es 1923 in der Königlichen Hausbibliothek in Potsdam entdeckte und herausgab. Anfang 1800 bestanden die Freunde gemeinsam das Assessorexamen, Hoffmann mit der Note »Vorzüglich«. Bereits am 27. März wurde Hoffmann zum Beisitzer der Regierung in Posen ernannt. Gemeinschaftlich reisten die Freunde nach dem Osten ab, benutzten die freie Zeit aber noch zu einem Abstecher nach Potsdam, Dessau, Leipzig und Dresden. Hippel brachte den Freund an seinen neuen Bestimmungsort und kehrte von dort auf seine Güter und zu seiner Familie zurück. In Posen Ein neuer Lebensabschnitt Hoffmanns begann mit der Übersiedlung nach Posen. Zum erstenmal in seinem Leben war der Jüngling aus der Hut seiner engeren und weiteren Familie entlassen. Die Folgen blieben nicht aus, seine lange zurückgedämmte Lebenslust schlug hohe Wogen. Das stark vertretene polnische Element in der östlichen Stadt gab dem Leben dort einen eigenen Reiz, für den Hoffmann keineswegs unempfänglich war. Schon auf der Reise nach Glogau hatte er die Stadt berührt und war damals in »einem vortrefflichen Hotel, bei Madam Speichert«, abgestiegen. Dieses Hotel spielte als Mittelpunkt der deutschen Gesellschaft eine wichtige Rolle. Auch Hoffmann mußte Mitglied der »Ressource« werden, über die merkwürdigen Statuten dieser Gesellschaft spottete er später in den »Unterhaltungen der Serapionsbrüder«. Die Posener »Ressource« Erinnerst Du Dich wohl noch der Zeit, als wir das erstemal die Residenz verließen und nach dem kleinen Städtchen P. zogen? – Anstand und Sitte verlangten es, wir mußten uns sofort in den Klub aufnehmen lassen, den die sogenannten Honoratioren der Stadt bildeten. Wir erhielten in einem feierlichen, im strengsten Geschäftsstil abgefaßten Schreiben die Nachricht, daß wir nach geschehener Stimmensammlung wirklich als Mitglieder des Klubs aufgenommen worden, und dabei lag ein wohl fünfzehn bis zwanzig Bogen starkes, sauber gebundenes Buch, welches die Gesetze des Klubs enthielt. Diese Gesetze hatte ein alter Rat verfaßt, ganz in der Form des preußischen Landrechts, mit der Einteilung in Titel und Paragraphen. Etwas Ergötzlicheres konnte man gar nicht lesen. So war ein Titel überschrieben: »Von Weibern und Kindern und deren Befugnissen und Rechten«, worin dann nichts Geringeres sanktioniert wurde, als daß die Frauen der Mitglieder jeden Donnerstag und Sonntag des Abends in dem Lokal des Klubs Tee trinken, zur Winterzeit aber sogar vier bis sechsmal tanzen durften. Wegen der Kinder waren die Bestimmungen schwieriger und kritischer, da der Jurist die Materie mit ungemeinem Scharfsinn behandelt und unmündige, mündige, minderjährige und unter väterlicher Gewalt stehende Personen sorglich unterschieden hatte. Die unmündigen wurden gar hübsch ihrer moralischen Qualität nach in artige und unartige Kinder eingeteilt und letzteren der Zutritt in den Klub unbedingt untersagt, als dem Fundamentalgesetz entgegen: der Klub sollte durchaus nur ein artiger sein. Hierauf folgte unmittelbar der merkwürdige Titel von Hunden, Katzen und anderen unvernünftigen Kreaturen. Niemand solle, hieß es, irgendein schädliches wildes Tier in den Klub mitbringen. Hatte also ein Klubist sich etwa einen Löwen, Tiger oder Parder als Schoßhund zugelegt, so blieb alles Mühen vergebens, die Bestie in den Klub einzuführen, selbst mit verschnittenen Haaren und Nägeln verwehrten unbedingt die Vorsteher dem tierischen Schismatiker den Eintritt. Waren doch selbst gescheute Pudel und gebildete Möpse für nicht klubfähig erklärt und durften nur ausnahmsweise zur Sommerzeit, wenn der Klub im Freien speiste, auf den Grund der nach Beratung des Ausschusses erteilten Erlaubniskarte mitgebracht werden. Wir – ich und Lothar, erfanden die herrlichsten Zusätze und Deklarationen zu diesem tiefsinnigen Kodex, die wir in der nächsten Sitzung mit dem feierlichsten Ernst vortrugen und zu unserer höchsten Lust es dahin brachten, daß das unsinnigste Zeug mit großer Wichtigkeit debattiert wurde. Endlich merkte dieser, jener den heillosen Spaß, man traute uns nicht mehr, doch geschah nicht, was wir wollten. Wir glaubten nämlich, daß der förmliche Bann über uns ausgesprochen werden würde. (Unterhaltungen der Serapionsbrüder. Erster Abschnitt.) In dem Schoß dieser Ressource spielte sich dann auch jener lustige Streich ab, der mit Hoffmanns Versetzung nach dem entlegenen Plock in dem neu gewonnenen polnischen Teil Preußens endete. Ein ärgerlicher Zusammenstoß zwischen dem früheren Kammergerichtsrat Kühtze, bekannt durch sein mannhaftes Auftreten in der Angelegenheit zwischen Friedrich dem Großen und dem »Müller von Sanssouci«, und einem Major von Schmidtseck verschärfte die Spannung, die zwischen den Offizieren und den Zivilbeamten in Posen bestand. Kühtze nahm sich infolge dieses Zusammenstoßes das Leben. Der neu nach Posen versetzte Regimentskommandeur, Generalmajor von Zastrow, machte sich durch übermütiges Benehmen vollends verhaßt. Auf dem Karneval 1802 führte Hoffmann im Verein mit mehreren Freunden seinen Streich aus. Monatelang vor dem Karnevalsball in der Ressource arbeitete Hoffmann an Karikaturen sämtlicher mißliebiger Persönlichkeiten, darunter des Generals. Am Ball selbst wurden diese Karikaturen durch verkleidete Personen verteilt. Der Vorfall erregte großes Aufsehen. Zastrow wandte sich nach Berlin und erreichte, daß Hoffmann, der gerade zum Rat an der Posener Regierung ernannt werden sollte, nach Plock strafversetzt wurde, obgleich die amtliche Untersuchung kein Resultat ergab. Hoffmann hat aber während der Posener Jahre noch eine Menge anderer Streiche vollführt, von denen wir nichts Näheres wissen. Kein Zweifel, dieser bis dahin sorglich von Onkels und Tanten behütete junge Mann war über die Stränge geschlagen, zum Teil verlockt durch einige lebenslustige Freunde, mit denen er sich in Posen zusammenfand. Hauptsächlich verkehrte er mit dem Regierungsrat Schwarz und seiner ebenfalls schriftstellernden Gattin. Schwarz hatte in Halberstadt zu dem engeren Kreise des ehrwürdigen Dichtervaters Gleim gehört. Aus dem Plan, mit Schwarz zusammen eine Oper zu schreiben, wurde nichts, wohl aber verbanden sich die Freunde zu einer andern Arbeit, einer »Kantate zur Feier des neuen Jahrhunderts«, zu der Schwarz den Text und Hoffmann die Musik verfaßte. Zu Silvester 1801 wurde das Werk in Speicherts Hotel im Rahmen der Ressource aufgeführt und errang allgemeinen Beifall. Auch sonst trat Hoffmann in Posen zum erstenmal als Komponist an die Öffentlichkeit. Er zog Goethes Singspiel »Scherz, List und Rache« in einen Akt zusammen und komponierte es. Die Arbeit wurde von der Truppe Karl Döbbelins aufgeführt. Hoffmann erwähnte diese Aufführung viele Jahre später in seiner Kritik von Beethovens Egmont-Musik, wobei er scherzhaft mystizierend verschwieg, daß er selbst der Komponist des aufgeführten Werkchens gewesen war. ... Die Musik zu »Erwin und Elmire« ist veraltet, und nur die lustige, echt italienische Buffonade »Scherz, List und Rache« erinnert sich Rez. vor mehreren Jahren in Posen von der Gesellschaft des Schauspieldirektors Karl Döbbelin, die sich damals dort befand, mehrmals mit der geratenen Komposition eines unbekannten Meisters aufführen gehört zu haben. Partitur und ausgeschriebene Orchesterstimmen sollen nachher zufällig verbrannt und durchaus nicht mehr zu haben gewesen sein. Die Entlobung Noch in der ersten Posener Zeit hatte Hoffmann die Absicht gehabt, seine langjährige Braut Minna baldigst heimzuführen. Zu dem ersten Weihnachtsfest eilte er nach Berlin, wo seine Gedanken ständig weilten. Aber bald daraus löste er die Verlobung aus keinem andern Grunde, als weil er in der wohlhabenden, verwöhnten und geistreichen Kusine nicht die richtige Gefährtin für sein Künstlerleben erwartete, von dem er immer noch träumte. Mehrmals hat er sich über seinen Schritt ausgesprochen. In der folgenden Briefstelle an Hippel deutet er die Gründe seines Entschlusses an:   Schriebe ich diese Selbstbiographie mit der Gewissenhaftigkeit Rousseaus, der mit seinen Bekenntnissen unter dem Arm vor den Richterstuhl des Ewigen treten wollte, so würde Minna D. mir die Hand – nicht zur Versöhnung, nein – weil ich schuldlos war – als alles mich verwünschte und den Treulosen schalt – freundlich bieten. – Ich habe mit Kraft ein Verhältnis vernichtet, welches sie und mich unglücklich gemacht haben würde. – Soviel von dieser Geschichte – willst Du das Detail davon um völlig überzeugt zu werden, wie wenig ich Vorwürfe verdiene, so will ich mich hinsetzen, und eine pragmatische Erzählung liefern. –   Im Herbst 1801 starb die alte würdige Großmutter Voeteri. Von ihrem Begräbnis kommend, traf er in Danzig mit Hippel zusammen. Dieses Zusammentreffen verlief äußerst unglücklich. Hoffmann hatte sich nach dem Eindruck Hippels verändert: »Eine ungewöhnliche Lustigkeit, die fast in possenreißende Skurrilität ausartete, und das Wohlgefallen am Obszönen ließen ahnen, daß irgendeine Veränderung, die sein Herz betroffen, ihn dem Gemeinen und besonders einer gewissen Laszivität zugewandt habe, die für ihn um so verderblicher sein mußte, als die südliche Heftigkeit seines Temperaments ihn immer auf Extreme führte.« Hippel hatte richtig gesehen: Hoffmann fühlte sich in seiner Haut nicht wohl. Sein Künstlertum bäumte sich gegen das Versinken in der Beamtenlaufbahn auf. Hierin lag auch vielleicht der tiefere Grund für seine Entlobung mit Minna. Als seine Versetzung als Regierungsrat nach Plock herauskam, entschloß er sich ganz plötzlich zu einem Schritt, der auf sein Leben den denkbar größten Einfluß haben sollte. Er verheiratete sich mit Michalina Rohrer-Trzinska, der bildhübschen Tochter eines kleinen Stadtschreibers aus Posen, die ihr Leben lang nur gebrochen deutsch sprach und nie eine Zeile seiner Bücher gelesen hat. Der Regierungsrat Schwarz berichtet in seinen Erinnerungen, wie Hoffmann sich in die kleine Polin verliebte und ihr vergeblich nachstellte. Auf den Rat der Frau Schwarz heiratete er »Mischa« dann. Vielleicht war seine Wahl die richtige. »Mischa«, wie er sie nannte, wurde die treue Begleiterin seines umhergeworfenen Künstlerdaseins. Irgendeine Ahnung, mit wem sie verheiratet war, hat sie nie gehabt, und glücklich ist sie an der Seite dieses ruhelosen Mannes auch nicht geworden. Über diese ganzen Vorgänge in Posen berichtet Hoffmann nach längerem Schweigen an Hippel, als er bereits in der Plocker Verbannung lebte. Plock, den 25. Januar (an meinem 27. Geburtstag) 1803. Mein einziger teuerster Freund! Ein ganzes volles Jahr hab' ich geschwiegen, wenn Du aber glaubst, daß das Andenken an Dich während dieser Zeit auch nur einen Augenblick aus meiner Seele gewichen sei, tust Du mir sehr unrecht. – Wenn ich (vorzüglich in dem vergangenen Frühjahr) mich mit allem, was mich umgab, und mit mir selbst überworfen hatte, so nahm ich Deine Briefe vor; vorzüglich die älteren, welche Du mir aus Arnau schriebst, versetzten mich dann in jene glückliche Jahre zurück als es nur meine Fantasie war, die mir Höllen und Paradiese schuf, und als noch kein eiserner Zwang der Wirklichkeit mich fesselte, und es gelang mir im Andenken an jene Zeit wieder ruhig zu werden. – Es ist mir oft, als hätt' ich all jene Briefe in einer anderen Lage selbst geschrieben, aber konnten auch zwei Menschen gleicher empfinden, als wir? – Du schriebst in Deinem letzten Briefe, unser letztes Zusammensein in Danzig hätte nicht so, wie vormals, die reine unverdorbene Laune, den Erguß der innigen Freundschaft herbeigeführt, aber Freund – Wein, der eben gärt, hat niemals einen guten Geschmack, und ich war damals wirklich im Gären. – Ein Kampf von Gefühlen, Vorsätzen pp, die sich geradezu widersprachen, tobte schon seit ein paar Monaten in meinem Innern – ich wollte mich betäuben, und wurde das, was Schulrektoren, Prediger, Onkels und Tanten liederlich nennen. – Du weißt, daß Ausschweifungen allemal ihr höchstes Ziel erreichen, wenn man sie aus Grundsatz begeht, und das war denn bei mir der Fall. – Ich lebte in einer überaus lustigen Verbrüderung, wenn ich so sagen darf – die letzten leuchtenden Blitze, welche wir schleuderten, waren aber solche Geniestreiche, die empfindlichen Leuten, die wir nur für zu unschädlich hielten, Haare und Bart versengten. – Sie nahmen es übel und borgten sich vom Olymp in B. her solche Gegenblitze, die mich endlich hierher an einen Ort schleuderten, wo jede Freude erstirbt, wo ich lebendig begraben bin. ... Daß Du mich vergessen haben solltest, fällt mir nicht ein, willst Du mich daher wiedersehen, so bestimme, wenn und wie ich Dich besuchen soll auf Deinem Rittergute. – Führen Dich etwa aber Deine Geschäfte oder sonstige Zufälle im künftigen Frühlinge nach Thorn, so wäre es ganz herrlich, ich würde alsdann um die von Dir bestimmte Zeit dort eintreffen, und die Reise, da Thorn von hier nur 12 Meilen entfernt ist, mit der ordinären Post machen, weil ich so sparsam als möglich zu Werke gehen muß. – Wenn Du eben so lebhaft als ich es fühlst, daß wir uns niemals, niemals zu lieben aufhören können, daß wir uns aber wieder von Mund zu Mund sagen müssen was wir jetzt tun und was wir künftig tun wollen, so bin ich sehr glücklich! – Ich habe mich unter der Zeit im Malen und vorzüglich im Treffen ziemlich vervollkommnet – ich werde daher Dich, Deine Frau und kleine Familie auf ein Tableau bringen, wenn ich bei Dir bin, und überhaupt nicht bei Dir als Regierungsrat Hoffmann, sondern als Miniaturmaler Molinari auftreten, da ich, wenn ich zehn Schritte von Thorn gehe, vor der Hand meinen Namen verleugnen muß. Daß ich Regierungsrat geworden bin (seit einem Jahr), siehst Du aus obigem, daß ich aber seit drei Vierteljahren verheiratet bin, kannst Du aus obigem nicht ersehen, daher sage ich es Dir besonders! – Vielleicht hast Du durch Zufall einige Nachrichten von dem tragischen Ende der zweiten Liebesepisode in meinem Leben aus B. erhalten. – – Jetzt leb' ich wie ein Heiliger, der Buße tut, oder eigentlicher wie jeder Christ leben soll, in der Hoffnung des Zukünftigen. – Denke Dir, Freund, was ich empfinden muß, wenn ich auf alles, was nur meinen Sinn für die Künste, für den Umgang mit geistreichen Personen, der den Geschmack bildet, geradehin ganz Verzicht zu leisten genötigt bin? – Ich müßte verzweifeln, oder vielmehr, ich würde längst meinen Posten aufgegeben haben, wenn nicht ein sehr liebes, liebes Weib mir alle Bitterkeiten, die man mir hier bis auf die Neige auskosten läßt, versüßte, und meinen Geist stärkte, daß er die Zentnerlast der Gegenwart tragen, und noch Kräfte für die Zukunft behalten kann. Von Berlin aus tröstet man mich sehr – ich soll in eine neue deutsche Provinz versetzt werden, welches denn nur mein Wunsch ist, an dessen Erfüllung ich aber sehr zweifle. – Durch Schleinitz, der ein Freund von B. ist, könntest auch Du zu meiner Erlösung beitragen, indessen ist es hierzu noch nicht Zeit, und wir können darüber sprechen ! – Schreibe mir indessen, ob Du auf die Güte jenes Kanals baust? – Alle Stürme haben zu toben aufgehört, und Du wirst in mir ganz den alten Königsberger, Berliner, Leipziger, Dresdener, Dessauer pp (aber nicht Danziger) wiederfinden! Ich bin schwatzhaft geworden, merk' ich! – Auch geb' ich mich wieder mit literarischen Arbeiten ab. – Willst Du, wenn Du keine öconomica treibst, d. h. im Winter, wieder rezensieren? – Ich bin ein Tor gewesen, daß ich Dir nicht längstens schrieb, mir ist so wohl geworden indem ich mit Dir spreche, daß meine Frau, die mir gegenübersitzt und ein Kindermützchen strickt, schon ein paarmal gefragt hat, warum ich denn in eins fort lächle? – Liebst Du mich noch, so vergilt nicht Gleiches mit Gleichem – schreibe mir, ich beschwöre Dich bei dem Andenken unserer herrlichen Jugendzeit in K. sehr bald . Unser Briefwechsel soll nicht wieder so schändlich von mir unterbrochen werden – ein merkwürdigstes Jahr kann man doch nur einmal erleben – der Superlativ schließt ja jeden Nebenmann aus! – Grüß' Deine Frau sehr herzlich von mir, und sag' ihr, daß ich Dir den Maler Molinari empfohlen habe – es kann ja derselbe sein, der Dich gemalt hat. – Adio, – Ich bitte Dich schreib mir bald. Plock, ohne Datum. Du hast in Deinem Briefe einen Punkt berührt, den ich, wenn ich meine Biographie zur Belehrung, wie man nicht handeln soll, wenn man eine gesunde Stirn und Nase für das Grab konservieren will, schriebe, sehr umständlich abhandeln würbe. Ja ja – in meiner ersten Erziehung, zwischen den vier Mauern mir selbst überlassen, liegt der Keim mancher von mir hinterher begangenen Torheit. – Deine gütige Freundschaft nennt die Frucht jener bizarren Einsamkeit Originalität – es ist aber wie ich wohl weiß und empfunden habe nichts als Starrköpfigkeit – Ungeschick! Das Übersehen der Verhältnisse, die jedem, der als Knabe nachgeben und sich schicken in die Umstände gelernt hat, ins Auge fallen, hat mir einen guten Teil der Ruhe für lange Zeit gekostet. Ich mag die teuflische Geschicklichkeit, womit man mich zum Werkzeug einer ausgedachten Rache machte, gar nicht berühren, indessen soviel laß Dir gesagt sein, daß der wirkliche Hergang der Sache eine Ansicht gibt, die gewiß niemand erwartet. – Soviel von der famosen Gillrayade! Nachdem ich beinahe zwei Jahre hindurch von allen Menschen recht schief beurteilt worden bin und ich es unter meiner Würde gehalten habe, die nachplappernde Menge überschreien und eines Besseren belehren zu wollen, ist mir das Urteil der Welt ziemlich gleichgültig geworden, nur wenigen mag ich so wie ich bin erscheinen, und daß Du unter diesen wenigen obenanstehst, versteht sich wohl von selbst ... Die Danziger Reise Das Zusammentreffen der Freunde in Danzig hatte keine angenehme Erinnerung in beiden zurückgelassen, dennoch aber hatte die alte Stadt auf Hoffmann den denkbar stärksten Eindruck gemacht. Im Durcheinander der widersprechendsten Empfindungen hatte er die Stadt besucht, und sicher gibt die Danziger Erzählung »Der Artushof«, die er später schrieb, seine damalige Stimmung wieder. Wie Traugott, der Held dieser Erzählung, zwischen zwei, ja drei Frauen steht, so mag Hoffmann auch während seines Aufenthaltes in Danzig zwischen Minna und Mischa geschwankt haben. Aus der Erzählung erkennen wir, welche Teile Danzigs den stärksten Eindruck auf Hoffmann gemacht hatten. Es war die grandiose Aussicht des Karlsberges auf die Danziger Bucht mit der weit dahinter liegenden, allerdings mehr geahnten als geschauten Landzunge von Hela und jener altertümliche Teil der Stadt um das Rathaus herum, insbesondere der alte Artushof, der noch heute eine Sehenswürdigkeit bildet.   Der Artushof Gewiß hast du, günstiger Leser! schon recht viel von der alten merkwürdigen Handelsstadt Danzig gehört. Vielleicht kennst du all das Sehenswerte, was sich dort befindet, aus mancher Beschreibung; am liebsten sollt' es mir aber sein, wenn du selbst einmal in früherer Zeit dort gewesen wärest und mit eigenen Augen den wunderbaren Saal geschaut hättest, in den ich dich jetzt führen will. Ich meine den Artushof. – In den Mittagsstunden wogte drängend und treibend der Handel den mit Menschen der verschiedensten Nationen gefüllten Saal auf und ab, und ein verwirrtes Getöse betäubte die Ohren. Aber wenn die Börsenstunden vorüber, wenn die Handelsherren bei Tische saßen, und mir einzelne geschäftig durch den Saal, der als Durchgang zwei Straßen verbindet, liefen, dann besuchtest du, günstiger Leser! der du in Danzig warst, den Artushof wohl am liebsten. Nun schlich ein magisches Helldunkel durch die trüben Fenster, all das seltsame Bild- und Schnitzwerk, womit die Wände überreich verziert, wurde rege und lebendig. Hirsche mit ungeheuren Geweihen, andere wunderliche Tiere schauten mit glühenden Augen auf dich herab, du mochtest sie kaum ansehen; auch wurde dir, je mehr die Dämmerung eintrat, das marmorne Königsbild in der Mitte nur desto schauerlicher. Das große Gemälde, auf dem alle Tugenden und Laster versammelt mit beigeschriebenen Namen, verlor merklich von der Moral, denn schon schwammen die Tugenden unkenntlich hoch im grauen Nebel, und die Laster, gar wunderschöne Frauen in bunten schimmernden Kleidern, traten recht verführerisch hervor und wollten dich verlocken mit süßem Gelispel. Du wandtest den Blick lieber auf den schmalen Streif, der beinahe rings um den Saal geht, und auf dem sehr anmutig lange Züge buntgekleideter Miliz aus alter reichsstädtischer Zeit abgebildet sind. Ehrsame Bürgermeister mit klugen bedeutsamen Gesichtern reiten voran auf mutigen, schön geputzten Rossen, und die Trommelschläger, die Pfeifer, die Hellebardierer schreiten so keck und lebendig daher, daß du bald die luftige Soldatenmusik vernimmst und glaubst, sie werden nun gleich alle zu jenem großen Fenster dort hinaus auf den langen Markt ziehen. – Weil sie denn nun fortziehen wollten, konntest du nicht umhin, günstiger Leser! insofern du nämlich ein rüstiger Zeichner bist, mit Tinte und Feder jenen prächtigen Bürgermeister mit seinem wunderschönen Pagen abzukonterfeien. Auf den Tischen rings umher lag ja sonst immer auf öffentliche Kosten Papier, Tinte und Feder bereit, das Material war also bei der Hand und lockte dich unwiderstehlich an. (Aus »Der Artushof«.) In Plock Die Stadt Plock an der Weichsel hatte 3000 Einwohner, von denen ein starkes Drittel aus Juden bestand. Es war eine richtige, trostlose Verbannung, zu der Hoffmann verurteilt worden war. Mittwochs und Sonnabends kam die Post an. Es waren die mit Spannung erwarteten Tage. Dienstags und Freitags versammelten sich die Beamten der »Neuostpreußischen Regierung« vormittags im Kollegiengebäude als hohe Behörde, abends als »Plocker Ressource« in der einzigen Kneipe des Orts. Beide Male unter dem Vorsitz des Präsidenten von Bayer, der seine Beamten mit Vorliebe kujonierte. Hoffmann indessen errang sich bald durch rasche und schnelle Arbeit die besondere Vorliebe des strengen Vorgesetzten. Sonst bot der Ort dem Verbannten nichts. Bei einem Regierungsrat Reichenberg wurde schauderhaft Quartett gespielt. Später schrieb Hoffmann einige Kirchenmusik für umliegende Klöster. Es war ein Aufenthalt schauerlicher Öde für den regen Geist, der bereits den Aufenthalt in Posen als Verbannung empfunden hatte. Seine Stimmung war denn auch durchweg eine trostlose Niedergeschlagenheit. Dennoch war die Plocker Zeit für ihn wichtig. Hier begann er seine musiktheoretischen Kenntnisse gründlich zu vermehren, so daß er kurze Zeit darauf in Warschau als vollkommen durchgebildeter Musiker auftreten konnte, und von hier aus glückte ihm auch der erste Vorstoß in das Gebiet der Literatur.   Die Plocker Ressource In einem kleinen polnischen Grenzstädtchen, das ehemals von den Preußen in Besitz genommen, waren die einzigen deutschen Offizianten ein alter invalider Hauptmann, als Posthalter angestellt, und der Akziseeinnehmer. Beide kamen jeden Abend auf den Schlag fünf Uhr in der einzigen Kneipe, die es an dem Orte gab, und zwar in einem Kämmerchen zusammen, das sonst niemand betreten durfte. Gewöhnlich saß der Akziseeinnehmer schon vor seinem Kruge Bier, die dampfende Pfeife im Munde, wenn der Hauptmann eintrat. Der setzte sich mit den Worten: »Wie geht's, Herr Gevatter?« dem Einnehmer gegenüber an den Tisch, zündete die schon gestopfte Pfeife an, zog die Zeitungen aus der Tasche, fing an, emsig zu lesen, und schob die gelesenen Blätter dem Einnehmer hin, der ebenso emsig las. In tiefem Schweigen bliesen sich beide nun den dicken Tabaksqualm ins Gesicht, bis auf den Glockenschlag acht Uhr der Einnehmer aufstand, die Pfeife ausklopfte und mit den Worten: »Ja, so geht's, Herr Gevatter!« die Kneipe verließ. Das nannten denn beide sehr ernsthaft: Unsere Ressource. (Aus den »Unterhaltungen der Serapionsbrüder«, 1. Abschnitt.)   Nicht viel anders als hier geschildert, mögen sich unzählige Abende der Plocker Ressource abgespielt haben. Einen entscheidenden Anstoß gab eines Tages eine Postsendung, die Hoffmann von Minnas Bruder, seinem »jovialischen Vetter« aus Berlin, erhielt. Sie bestand aus einigen Nummern von Kotzebues »Freimütigem« und Spaziers »Eleganter Welt«. »Der Freimütige« regte den Verschlagenen in dreifacher Hinsicht an. Zunächst war es eine Anzeige des Züricher Musikverlegers Nägeli, der alle fähigen und würdigen Künstler zur Mitarbeit an seinem » Repertoire des Clavicinistes « aufforderte und um Einsendung von Klaviersolos in großem Stil, von großem Umfang, in mannigfaltigen Abweichungen von der gewöhnlichen Sonatenform ersuchte. Hofsmann beschloß natürlich sofort, an dieser Konkurrenz teilzunehmen und komponierte eine »Große Phantasie für Klavier«. Wenn er auch mit dieser Komposition keinen Erfolg hatte, so kam er doch durch deren Einsendung mit Nägeli in Verbindung, und späterhin wurden wirklich Kompositionen von ihm in das » Repertoire des Clavicinistes « aufgenommen. Ferner regte ihn ein Aufsatz im »Freimütigen« über die Verwendung des Chors in Schillers »Braut von Messina« zur Abfassung einer längeren Abhandlung über dasselbe Thema an. Es wurde das »Schreiben eines Klostergeistlichen« seine erste von einer Zeitschrift angenommene und gedruckte Arbeit. Die wichtigste Anregung aber kam ihm von Kotzebues Preisausschreiben für das beste deutsche Lustspiel. Er schrieb umgehend ein Lustspiel »Der Preis«, das zwar nicht den ausgesetzten Preis von 100 Friedrichsdor erlangte, ihm aber immerhin eine Anerkennung seines dramatischen Talents einbrachte.   An den Musikalienverleger Nägeli in Zürich Als ich im Freimütigen die das Repertoire des Clavicinistes betreffende Anzeige las, bestimmte mich die humane, die echte Vorliebe für die Kunst verratende Art, womit Sie die noch unbekannten Komponisten auffordern an dem Werke teilzunehmen, sogleich Ihnen meine Beiträge anzubieten. Mein musikalischer Wirkungskreis waren bis jetzt einige Klöster, für die ich Messen und Vespern setzte, welche mit Beifall aufgenommen wurden. Das Klavier ist mein Hauptinstrument, die Kompositionen dafür blieben solange in meinem Pulte, weil ich mir selbst ein strenger Kritiker bin, und weil Verleger von gewöhnlichem Schlage mit Leuten ohne ausgebreiteten Ruf nichts zu tun haben mögen – der Wert der Arbeit tut nichts zur Sache, nur der Name entscheidet. – Die Fantasie, welche ich Ihnen anbei übersende, erfüllt die in der oben erwähnten Anzeige aufgestellten Bedingnisse. Es ist ein von der gewöhnlichen Sonatengattung abweichendes nach den Regeln des doppelten Contrapunktes gearbeitetes Klavierstück von größerem Umfange. Sollten Sie einigen Gefallen an meiner Komposition finden, welches mich, da Sie gewiß selbst Kenner und vorzüglicher Tonkünstler sind, innigst freuen würde, so bin ich erbötig noch mehr Beiträge zu liefern, indessen ist der Arbeiter des Lohnes wert und da Sie den Komponisten ein angemessenes Honorar versprochen haben, so überlasse ich es Ihrer Diskretion wie Sie die Fantasie im Fall der Aufnahme vergütigen und welche Norm Sie in Ansehung des Honorars für künftige Arbeiten bestimmen wollen. Ich bitte auf das inständigste um baldige Antwort, welche ich so wie das Honorar für die Fantasie unter der äußeren Adresse   An den Kammergerichts-Referendarius Doerffer in Berlin Leipziger Straße Nr. 66 nach Berlin zu senden bitte. Ich empfehle mich Ihrem Wohlwollen und habe die Ehre zu sein pp Warschau, den 9. August 1803. Giuseppe Dori An den Verleger J. D. Sander in Berlin Konzept (Mit dem »Schreiben eines Kloster-Geistlichen«) Ew. Wohlgeboren erhalten in der Anlage den Brief eines Kloster-Geistlichen an seinen Freund in der Hauptstadt, worin wie ich glaube mit nicht ganz mißlungener Ironie das Übersehen eines wichtigen Umstandes bei dem Einführen des griechischen Chors auf unsrer Bühne gerügt, und welcher für den » Freimütigen « bestimmt ist. Da die Schriftsteller, welche Beiträge zum »Freimutigen« liefern wollen, ausdrücklich an Ew. Wohlgeboren gewiesen sind, so bitte ich Sie ergebenst für das Einrücken jenes Aufsatzes in die genannte Zeitschrift gefälligst zu sorgen. Der Verfasser, der unbekannt zu bleiben wünscht und diese Anonymität bei dem harmlosen Scherze jenes Aufsatzes wohl behaupten kann, empfiehlt sich dem Wohlwollen des ... Herrn. v. K. und unterzeichnet sich als Ew. Wohlgeboren gehorsamsten W. d. 19. August 1803. G.D. und frägt an, ob es ihm vergönnt sei, noch mehr Beiträge über artistische Gegenstände einzusenden, welche Frage er im Freimütigen beantwortet zu sehen wünscht. An Kotzebue Konzept (Mit dem Lustspiel »Der Preis«) 22. September 1803. Der Verfasser des beiliegenden Lustspiels »Der Preis« wählte unter mehreren Plänen, die ihm vorschwebten, den einfachsten, und die Ausführung führte die einfachen Charaktere von selbst herbei; ob es ihm gelang doch das Ganze interessant zu machen, ist eine Frage, die der Aeropag, welcher zu Michaelis d. J. die armen Musensöhne, welche um den ausgesetzten Preis rangen, richtet, zu entscheiden haben wird. Kann indessen »Der Preis« auch nicht den Preis erringen, so wird es dem Verfasser, an hundert Meilen von der Residenz entfernt, doch große Freude verursachen, wenn Ew. Hochwohlgeboren seinem Machwerk einige Aufmerksamkeit schenken, er hofft sogar jetzt einiges Licht darüber zu erhalten, quid valeant humeri aut ferre recusent , da er schon feit mehreren Jahren in einer Einöde von dem Throne der Kritik weggebannt ist und, da er den Dämon der Eigenliebe wohl kennt, über sich selbst zu seiner Qual in völliger Ungewißheit lebt. Nachschrift wegen des Ausdrucks Szene und Auftritt, dabei befand sich noch der Zusatz »sollte das ganz« Werk für einen Schreibfehler geachtet werden, so widmet es der Verfasser demjenigen aus dem Areopag, der Locken oder gelocktes Haar trägt – es ist schönes weiches Papier.« Aus dem Plocker Tagebuch Den 1. Oktober 1803: Vorgestern faßte ich den Entschluß endlich einmal, wie ich's mir schon so lange vorgenommen hatte, wirklich ein reguläres Tagebuch zu halten und setzte den Termin zum Anfangen auf heute an. – Eigentlich dacht' ich recht jovialisch anfangen zu können voll Vergnügen über die erhaltene Freiheit, der Umstand, daß heute der erste, war mir Nebensache – aber der schwarzgesiegelte Brief aus Berlin enthielt die Nachricht, daß der Onkel in der Nacht vom 24. auf den 25. September an der Lungenentzündung gestorben ist. – Die Tränen sind mir nicht ausgebrochen – auch hab' ich nicht geschrien vor Schrecken und Schmerz, aber das Bild des Mannes, den ich ehrte und liebte, steht mir immerwährend vor Augen – es verläßt mich nicht. – Den ganzen Tag ist mein Inneres im Aufruhr gewesen – meine Nerven sind so gespannt, daß ich über jedes kleine Geräusch zusammenfahre. – Ich habe übrigens das letzte Vasengemälde mit Anstrengung gezeichnet – es ist geraten. Guter Gott, warum mußte gerade der Onkel in B. sterben, warum nicht lieber – – – – – – – – – In voriger Woche klopfte Nachts einmal etwas an die Türe – meine Frau behauptete der Onkel habe Abschied genommen – heute bin ich geneigt so etwas zu glauben, und mich mit allen Schwärmern hinter Hamlets Ausspruch zu stecken. – Meine Sache scheint übrigens gut zu stehen, da Schmettau zu meiner Versetzung viel Hoffnung gegeben hat! – Wie lange ist mir schon Hoffnung gegeben! – Ich sehe heute alles durch den Trauerflor. – Des Onkels Tod hat mich ganz verstimmt – ein schlechter Anfang – doch non olim sic erit . – Meine Frau ist zu Bette gegangen, und mich wandelt eine Kinderfurcht an im öden Zimmer. – Das nenn' ich schwach sein. – Ich wünschte es wäre schon Morgen. – Liegt nur erst eine Nacht zwischen einem solchen Inzidentpunkt und der Fortsetzung des Lärmens um nichts – der elenden Farze aus der denn doch alles menschliche Treiben und Tun besteht, so gewinnt die Ansicht der Dinge wieder ein günstigeres Kolorit. – Ich wette, daß die folgende Seite besser klingen wird. – Wenig Freude hatte der alte Mann doch im Leben – er hat sich offenbar zu Tode referiert – das war die Belohnung für langjährige Dienste. – Oh, das Justizfach hat eine ganz faule Einrichtung: je älter man wird, desto mehr Arbeit – recht eulenspiegelmäßig. – Wenn's angeht, werd' ich doch noch Konzertmeister oder –   Sonntag, den 22. Oktober: Heute vormittag hörte ich bei den Norbertiner Nonnen eine Messe – die Musik war brillant gesetzt – sie heulten aber wie die Uhus – das Incarnatus aus G.-Moll war sehr gut gesetzt. – Die Nonne sang nur einigermaßen so, daß man daraus klug werden konnte und es wirkte schon gewaltsam auf mich. Was werde ich empfinden, wenn ich die Schik, die Marketti – wenn ich wieder eine Messe in Dresden hören werde! – es wird nicht zum Aushalten sein, ich werde weinen wie ein Kind! – Mittags bei Hiltebrandt – viel von der Versetzung gesprochen – er affichiert es sehr geheim zu halten! – Nachmittags dem Kusin und Focken einen de- und wehmütigen Brief geschrieben – den ganzen Abend läppischerweise in Wieglebs »Magie« gelesen und mir vorgenommen, einmal, wenn die gute Zeit da sein wird, zu Nutz und Frommen aller Verständigen, die ich bei mir sehe, ein Automat anzufertigen! – Quod des bene vertat ! – Was nehme ich mir alles vor! – Noch ein guter Gedanke! – Mit meinen musikalischen Ideen geht's so wie mit Savonarolas, des Märtyrers zu Florenz, dessen Geschichte ich in diesen Tagen las, Eingebungen: – Erst schwirrt's mir wild im Kopfe herum – dann fange ich an zu fasten und zu beten, d. h. ich setze mich ans Klavier, drücke die Augen zu, enthalte mich aller profanen Ideen und richte meinen Geist auf die musikalischen Erscheinungen in den vier Wänden meines Hirns – bald steht die Idee klar da – ich fasse und schreibe sie auf wie Savonarola seine Prophezeiungen. – Ob's nur andre Komponisten auch so machen mögen? – Ich bin doch sehr verstimmt. – Ich muß wahrhaftig an Hippel schreiben!   Den 3. Oktober : – Ein erbärmlicher Tag in jeder Hinsicht. – Vor- und Nachmittag bis zehn Uhr gearbeitet wie ein Pferd – gewühlt in staubigen Akten. Die Arbeit ist jetzt in der Flut begriffen, und es wär' ein ganz eigner Treffer wenn mich jetzt ein Versetzungsreskript mit einem Ruck aus dieser Flut zöge! – Nachmittags war ich eine Stunde bei Reichenberg, zog ihm Saiten aufs Klavier und spielte ihm die neue Messe vor – es will ihm nicht zu Leibe, doch tat er entzückt als ich ihm das Benedictus spielte. – Wann werde ich Dich wiedersehen mit Deinem blassen Gesichte – mit Deinem innigen Gefühl Dich wieder spielen hören, guter Hampe! – Beim Himmel, ich bin so abgespannt, so prosaisch geworden durch die verfluchten Akten – ich könnte heute keinen Walzer setzen! – Ich will noch etwas Noten schreiben und dann zu Bette gehen. – Ich bemerke, daß das Tagebuch immer kürzer wird – ganz einschrumpfen in ein Nichts soll es nicht! – An Hippel in Leistenau Plock, Oktober 1803. Mein einziger teuerster Freund! Du bist seit langer finstrer Zeit der erste, der aufgehen läßt die Sonne der Hoffnung über den Ungerechten! – Es ist über alle meine Erwartung, daß Schleinitz sich so warm für mich interessiert hat, und mir ein neuer bündiger Beweis, daß er der vortreffliche Mann ist für den ich ihn immer hielt. Wäre er dieses nicht, so würde er, ohne weiter das, was er sonst Gutes von mir wußte, zu berücksichtigen, mit dem Strome mitgeschwommen sein und den nicht Gehörten verdammt haben. Daß ich freilich meiner eignen charmanten Person nicht allein jene Protektion zuschreibe, sondern daß Du dabei sehr ins Spiel kommst, versteht sich wohl von selbst. S.' Einfluß zeigt sich schon, denn S. hat dem Cousin D. bei Gelegenheit eines Gesprächs über mein Exil cum annexis viel Hoffnung zu meiner baldigen Versetzung gemacht. – Der Onkel in Berlin wird mich nicht mehr sehr empfehlen, er ist, wie Mercutio bei Shakespeare sagt, ein stiller Mann geworden; in der Nacht vom 24. auf den 25. September starb er an einer Lungenentzündung! – Werd' ich wie ich es wünsche und hoffe jetzt bald versetzt, so wollt' ich Dich gern noch vorher besuchen und erwarte von Dir Bestimmung der Zeit und des Wie's der Überkunft. – Hast Du etwa ein paar Ackerpferde übrig, die Du nach Thorn oder sonst wohin schicken kannst, so wär's mir lieb. Schwer bin ich nicht wie Du weißt, und wenn ich auch noch drei Schlafmützen, ein Paar Pantoffeln und einen Schlafrock mitnehme, so würden doch die ältesten schwächsten Glieder Deines Gestüts, die freilich nicht, mit dem Fähndrich Pistol zu reden, Schindmähren Asiens, die nur des Tags dreihundert Meilen laufen mit mir wie der Blitz davonrennen. – Du siehst, daß ich darauf erpicht bin Dir einen Besuch abzustatten, und zwar soll diese Zusammenkunft ein Friedenskongreß sein – Allianztraktate für künftige Operationen sollen geschlossen werden, denn ich schwöre Dir's, daß ich von unsern alten Plänen nicht ablasse. Im Hintergründe steht, wie auf Rederns Landgute im schlesischen Gebürge die Schneekoppe, ich mag hinsehen wo ich will. – Die große Reise! Ich bitte Dich herzlich und innig, Dein Augenmerk darauf zu richten, daran zu denken, was wir noch sehen, erfahren, lernen, was wir noch einsammeln können für die ganze Lebenszeit! – Wir werden ja zu gleicher Zeit 30 Jahre alt, und das ist ja Dein terminus , es soll auch der meinige sein! Du schreibst, daß Du unter niedern Gesträuchen wandelst und Dich zu ihnen herabbeugen mußt – ich wandle hier in einem Sumpf unter niederm Dorngesträuch, welches mir die Füße wund ritzt – in ehrbarer Gesellschaft kann ich nicht so erscheinen, ohne mich vorher entsetzlich zu waschen von wegen des Sumpfs, der mir sogar die Hosen naß gemacht hat. – Es ist abscheulich! – Welch eine Anstrengung es kostet in diesem Sumpfe nicht totaliter zu versinken, kannst Du Dir denken! Werde ich nur nicht zu sehr vom Präsidenten qua Packesel behandelt, dem man aufbürdet, daß er unter der Last verseufzt – so geht's in meinen vier Wänden ganz gut her. Die Akten werden in die Nebenkammer geworfen, und dann zeichne, komponiere und dichte ich wie's kommt, freilich alles nur schlecht, aber desto mehr Vergnügen macht mir's, denn es ist ein psychologisches Phänomen, daß die schlechten Künstler und Dichter sich am allermeisten über ihre Mißgeburten freuen – den großen Dichtern machen die Amorinos, welche sie zur Welt befördern, lange nicht soviel Freude! – Ich sehne mich herzlich nach Dir, daß ich manchmal ungeduldig werde über den Schneckengang der Angelegenheit in Berlin. – Was haben wir uns alles zu sagen! – Ich wollte Dir erst viel schreiben, aber es geht heute nicht – ich muß diesen Augenblick in die Pupillensession laufen und habe noch nicht einmal alles dekretiert. – Dieser Brief ist eine flüchtige Skizze meines fröhlichen Gemütszustandes – es folgt noch baldigst eine zierliche Epistel, – bin ich wirklich versetzt, ein Juchheisa! womöglich in Jamben, welche mir seit einiger Zeit sehr gut gelingen. – Auch Verse – gereimte nämlich – sonettenmäßig – auch auf einen Endreim, das ist wie Shakespeare sagt der wahre Butterfrauentrab wenn sie zu Markte gehen! – Ich stelle Dir anheim diesen Brief für humoristisch zu halten, weil ich dreimal den Shakespeare allegiert habe. – Meine Frau küßt Dich herzlich – meine Kinder sind gesund und vorzüglich still und artig – ich habe sie alle in petto – Adio mein einziger lieber Freund Ewig ewig Dein H. Ehrfurchtsvoll küsse ich Deiner Frau die Hand. Empfiehl mich S. sehr, wenn er noch da ist. Tagebuch Den 8. Oktober : Wieder ein Posttag und wieder getäuscht in meinen Erwartungen! – Es ist mir zuweilen so, als würd' ich einen recht harten abweisenden Kabinettsbrief erhalten und darauf einen gewaltsamen Entschluß fassen! – Worin wird dieser bestehen? – Ich mag niemanden den Tod wünschen, aber warum mußte der Onkel in B. zu früh für Familie und Freunde sterben und der ältere Bruder – einsam – verlassen, ein Hagestolz, an dessen Dasein nichts hängt, der in keinem Fache etwas leistet, der sich ennuyiert, sowie er morgens aufsteht, bis er punkto neun Uhr abends wieder schlafen geht, warum mußte dieser leben bleiben? – Wäre er gestorben, so hätt' ich ihn wahrscheinlich beerbt, und vielleicht hätte ich denn nicht den lyrischen Traum des wirksamen freien Künstlerlebens realisieren können. Ich hätte das unerträgliche Joch abgeschüttelt und wäre nach meinem Eden gezogen! – Wann werde ich wieder in den paradiesischen Gefilden wandeln! – Wann werde ich Dresden wiedersehen! Ich bin heute so verstimmt, so verdrießlich, daß mir nichts gelingen will! – Ich war solange nicht mit Arbeiten überhäuft und konnte viel für die Kunst tun, das war der einzige Vorzug des Exils. Auch das hat jetzt aufgehört! – ... Hätte ich doch nur erst Nachrichten aus der Schweiz. – Ist Nägeli bereit die Phantasie stechen zu lassen, so ist viel für meine musikalische Laufbahn geschehen. – Ich quäle mich mit einer Idee zum Trio für Fortepiano, Violine und Cello – meines Bedenkens nach werde ich in diesem Genre etwas leisten – Haydn soll mein Meister sein – so wie in der Vokalmusik Händel und Mozart. – Ich schließe mit einem Stoßseufzer, der meine tägliche Litanei ist. Wann werde ich die Freiheit erhalten! – Sonntag, den 16. Oktober : – Wann werde ich mehr als das ewige tote Einerlei hier wiederholen dürfen. – Die Kindergruppe hab' ich fertig komponiert. – Ob ich wohl zum Maler oder zum Musiker geboren wurde? – Ich muß die Frage dem Präsidenten B. vorlegen oder mich bei dem Großkanzler darnach erkundigen, die werden's wissen ...   Den 17. Oktober : Gearbeitet den ganzen Tag! – O weh! – ich werde immer mehr zum Regierungsrat. – Wer hätte das gedacht vor drei Jahren. – Die Muse entflieht – der Aktenstaub macht die Aussicht finster und trübe! – Das Tagebuch wird merkwürdig, weil es der Beweis der ungeheuern Erbärmlichkeit ist, in die ich hier versinke. – Wo sind meine Vorsätze hin! – wo meine schönen Pläne für die Kunst? – Allmächtiger B. – bitte für mich! – hebe mich weg aus diesem Jammertal in das Paradies an den Ufern der Elbe – oder laß mich den Rhein, wie Mosen das gelobte Land, aus der Ferne sehen!   Den 26. Oktober : Mich zum erstenmal gedruckt gesehen im »Freimütigen« – habe das Blatt zwanzigmal mit süßen liebevollen Blicken der Vaterfreude angesehen – – frohe Aspekten zur literarischen Laufbahn! – Jetzt muß was Witziges gemacht werden!   Den 17. November : ... ... Herr Nägeli hat mir gesagt woran ich bin. – Sonderbar genug, daß ich an demselben Tage, an welchem ich von der Miserabilität meiner Kompositionen überzeugt war, den Mut hatte, eine Andante zu setzen! – Jetzt will ich ein Buch machen! An Hippel in Leistenau Plock, den 10. Dezember 1803. ...Du kannst mir jetzt nicht helfen, das ist sehr schlimm – es gehört zu den Streichen des bösen Genius, der mich verfolgt, seit ich aus Berlin bin. Ist es indessen mit Deinem Anerbieten, mir das Verlangte in drei Monaten zu schaffen, Ernst, woran ich nicht einen Augenblick zweifle, so ziehst Du mich doch mit einem Ruck aus aller Verlegenheit, und setzest mich in die Lage, daß mir nicht noch das Bißchen armseliger Lebensgenuß, welches ich hier dann und wann mit Mühe erhasche, durch Sorgen der bittersten Art verkränkt wird. Um einer jugendlichen Sottise willen, von der mein Anteil nicht einmal feststeht, muß ich auf alles, was mir lieb und teuer ist, Verzicht tun! – Mein Sinn für die Kunst ist hier so hors de saison , daß ich überall damit anstoße und mich verwunde. – Die Malerei habe ich ganz bei Seite geworfen, weil mich die Leidenschaft dafür, hinge ich ihr nur im mindesten nach, wie ein griechisches Feuer unauslöschlich von innen heraus verzehren könnte – ich würde vielleicht zur großen Erbauung der Umstehenden mit einem Male wie jene Prinzessin im Märchen, die mit dem Salamander kämpfte, der ihr einen unsichtbaren Feuerbrand ins Herz warf, in ein Aschenklümpchen zusammenfallen! – Die Musik mit ihren gewaltigen Explosionen ist mehr ein Theaterdonnerwetter – ein feuerspeiender Berg von Gabrieli (jene Kunst ein Vesuv in natura ) – man kann sich mit ihr ohne Gefahr vertrauter machen, darum habe ich sie zu meiner Gefährtin und Trösterin erkieset auf diesem dornigen, steinigen Pfad! – Im Ernst, lieber Freund, – in dieser Abgeschiedenheit steige ich herab oder lieber hinauf in die unbesuchtesten Regionen, wo die Muse ihren geweihten Jüngern das Buch ihrer Geheimnisse aufschlägt. In Prosa soviel: ich studiere mit Eifer die Theorie der Musik, und dieses Studium, sowie der Umgang mit meiner Frau, die sich, Dank sei es dem Schicksal! meinem Anachoretenleben ganz anschmiegt, ist das Einzige, was mir zuweilen Augenblicke des Lichts gewährt ... ... Meine Korrespondenz mit Berlin stockt, – ich bin ohne alle Nachrichten. – Weder Beyme noch Schleinitz haben geantwortet, auch Focke schweigt, schweigt auf zwei lamentable Sendschreiben; alles dieses sind sehr traurige Aspekten! – Hat Dir wenigstens nicht Schleinitz geschrieben, inwiefern sich Beyme meinen Wünschen geneigt gezeigt hat, oder nicht. – Die wegwerfende Art, womit man mich – laufen läßt, kränkt mich unbeschreiblich, und legt noch ein bedeutendes Gewicht zu den Übeln, die mich hier zu Boden drücken. – Durch Dich kann ich wenigstens erfahren, ob mein Versetzungsplan total gescheitert oder ob noch einige Hoffnung da ist ... Aus dem Tagebuch 1804 Sonntag, den 1. Januar 1804 : – – – Zwei für mich wichtige Dinge geben jetzt bald meinem zu einfachen Leben einen neuen Schwung – die mir angebotene Versetzung nach Warschau, welche ich angenommen habe, und der Tod der alten Tante in Königsberg, der mich vielleicht zum vermögenden Mann gemacht hat. – Wie wird nun alles werden? – Wie weit werde ich mit meinen weitschichtigen Plänen für das Künstlerleben in diesem Jahre kommen? – Hampen hab' ich zum Neuen Jahr die Sonate aus As-Dur geschickt! –   Den 4. Januar : ... Ich dachte heute gewiß Briefe aus K. zu erhalten. – Alle meine Pläne hängen ja von diesen Nachrichten ab – es ist unangenehm so in der Erwartung zu hängen. –   Den 5. Januar : ... Übermorgen müssen Nachrichten aus K. eingehen, hoff ich!   Den 6. Januar : ... Ungeheure Gespanntheit des Abends. – Alle Nerven exziziert von dem gewürzten Wein – Anwandlung von Todes-Ahndungen – Doppelt-Gänger. –   Den 10. Januar : Session – Abends in der Ressource – mit Bachmann und Hiltebrandt Kaviar gegessen und mit Lange Bischoff getrunken – es war sehr lächerlich, als Gesetze vorgeschlagen wurden. – Der große Bär wünschte dies und das mit einer Miene und einem Akzent, der es leicht macht, dem Worte Wünschen die rechte Deutung zu geben. – »Ich bin der große Bär, und wer meine rauhe Tatzen nicht fühlen will, fliege meine Befehle auszurichten«. – In der schlaflosen Nacht beschäftigte ich mich mit lauter Gedanken an die Reise – schlummerte ich ein, so träumte ich von Hampen. – Wäre ich nur erst aus dem verdammten Loche. –   Den 11. Januar : – Auch heute keine Nachrichten aus K.! – Das Ding fängt mir an verdächtig zu werden – es macht mich unruhig; das nenn ich einen Zustand der Spannung! – In vier Wochen, hoff ich muß alles entschieden sein; länger wär's auch nicht auszuhalten! – Den 18. Januar : Das Testament ist gekommen! – Nichts, gar nichts! – Alle Pläne gescheitert – es muß was Großes ausgeführt werden – ich reise nach K. – 100 Reichstaler von Hiltebrandt. – Abends in der Ressource Urlaub genommen!   Den 24. Januar : In Königsberg angekommen, nachts 12 Uhr, eigentlich also den 23. – 25., 26., 27., 28., 29., 30. imb 31.! Ohe! Ohe!!!! Die Reise nach Königsberg Die Hoffnung auf die Erbschaft war fehlgeschlagen wie bereits beim Tode der Großmutter Voeteri. Die Schulden wuchsen Hoffmann über den Kopf. Das Gehalt war klein, die Familie hatte sich durch eine Nichte der Frau vergrößert. Die Abgeschiedenheit des Orts verlockte Hoffmann zum erstenmal zum Genuß von Stimulantien, die er zum Arbeiten brauchte. Wenn er in sein Tagebuch hineinschrieb: »Es muß was Großes ausgeführt werden«, so dachte er an eine größere Anleihe bei dem O-weh-Onkel, der jetzt Herr des gesamten Doerfferschen Familienvermögens geworden war. Kurz entschlossen reiste Hoffmann nach Königsberg ab, um wenigstens einen Teil des vergeblich erwarteten Geldes durch Pump an sich zu bringen. Diese Absicht scheint er erfolgreich ausgeführt zu haben. In Königsberg, das er zum letztenmal in seinem Leben besuchte, hörte er Konzerte und Theater. Wie früher, las er in des Onkels Bibliothek herum und langweilte sich. Nur ein erschütterndes Erlebnis hatte er, gerade an dem Tage, da Kants Tod die Welt in Aufregung setzte: er sah Malchen Hatt, die Tochter der einstigen Inamorata. Cora Hatt selbst war gestorben.   Den 13. Februar 1804 : – Ein kleiner Vorfall! – nein kein kleiner Vorfall – ein Ereignis – wichtig für Kopf und Herz hebt den heutigen Tag für seine tristen ältern Bruder heraus. – Ein junges blühendes Mädchen, schön wie Corregios Magdalena – gewachsen wie die Grazien der Angelika Kaufmann, stand nachmittags vor mir! – es war Malchen Hatt. – Sie hatte der Mutter Grazie – das Ideal meiner kindischen Fantasien von dem Vormals meiner Inamorata stand vor mir – eine süße unbekannte Wehmut ergriff mich – sie blickte mich mehrmals bedeutend an – gewiß war ich ihr nicht minder merkwürdig als sie mir – Die Mamsell Rink, die jüngere, introduzierte sie – der Onkel sprach unendlich lange von einem Begräbnis – vergebens rang ich darnach dem Gespräch eine interessante Wendung zu geben – das aufgeblühte Mädchen wollt' ich mit meinen Geistesarmen umranken – ich wollte sie unmerklich in die magischen Kreise meiner Imagination ziehen – einige emphatische Augenblicke hätten mich schadlos gehalten für das geisttötende Einerlei der vorigen Woche – aber es ging nicht – die Rink verdarb alles mit ihrem bleiernen Wesen – mit ihrer Langweiligkeit. – Ich lese Rousseaus Bekenntnisse vielleicht zum 30. Male – ich finde mich ihm in manchem ähnlich. – Auch mir verwirren sich die Gedanken, wenn es darauf ankommt, Gefühle in Worte zu fassen! – ich bin sonderbar bewegt! – Der Toten sei hier ein Monument gesetzt! – Es ist lebendiger, wie sonst die Castra doloris zu sein pflegen, da statt des marmornen Todesengels auf jenen hier eine lebendige Grazie die Hauptrolle spielt. – Das Kompliment zum Abschiede war höchst abgeschmackt – ich wollte zu viel sagen – bei gehöriger Muße rede ich wie oft auch im Traume am schönsten – ich mache auch wohl Impromptus, aber alles wie gesagt mit Muße! – Am 15. Februar reiste Hoffmann aus Königsberg ab und blieb bis zum 20. Februar bei Hippel in Leistenau. An Hippel in Leistenau Plock, den 28. Februar 1804. Mein lieber teuerster Freund! Der Kreissteuereinnehmer in Strasburg war über alle Begriffe freundlich – kaum hatte ich ein Glas Franzwein eingeschlürft, als zwei tüchtige Pferde vor meinem Wagen angelegt waren. Der blauschenklichte Sohn des Tals, den der besagte Einnehmer zu meinem Achates gewählt hatte, brachte mich seiner Ordre gemäß, ohne zu ruhen und zu rasten, um halb sechs Uhr glücklich vor das Posthaus in Sierps, und meine Frau wollte eben den rechten Fuß dem linken, der schon im Bette stand, nachziehen, als ich um l0 ½ Uhr in die Stube trat. Die Meinigen (so schreib ich stolz, seitdem ich in meinem Hause mehrere Köpfe zähle) fand ich gesund und wohl; meine Frau war dem Porträt ähnlicher als je – – – Plock ist dazu bestimmt, mich in einer mißvergnügten Stimmung zu erhalten. – Zwei Worte sind hinlänglich um Dir Alles zu erklären! – Mein Versetzungsreskript ist noch nicht da, und ich muß arbeiten – arbeiten in der exaltierten Stimmung, worin mich Deine Gespräche, die Reise nach Italien und Deine Handskizzen von Perugino und Raffael gesetzt haben. – Ob Dir's auch so gut geht, weiß ich nicht, – aber auf mich hat unser Beisammensein diesmal mit besondrer energischer Kraft gewirkt; ich fühle mich emporgehoben über die Kleinigkeiten, die mich hier umgeben – eine bunte Welt voll magischer Erscheinungen flimmert und flackert um mich her – es ist als müsse sich bald was Großes ereignen – irgend ein Kunstprodukt müsse aus dem Chaos hervorgehen! – ob das nun ein Buch – eine Oper – ein Gemälde sein wird – quod diis placebit – meinst Du nicht, ich müsse noch einmal den Großkanzler fragen, ob ich zum Maler oder zum Musiker organisiert bin? – Aber – um dem Dinge näherzukommen – gestern habe ich eine komische Oper gemacht und heute morgen – es war noch finster – ungefähr 5 Uhr – die Musik dazu. – Aufgeschrieben ist noch nichts, das wird auch wohl noch etwas länger dauern. Unter andern! – Als ich die Preisaufgabe aufs beste Lustspiel im Freimütigen las (acht Wochen vor Michaelis ganz zufällig), fiel es mir ein, aus dieser Preisaufgabe selbst den Stoff zu einem Lustspiel herzunehmen; ich schmierte in aller Eile ein Lustspiel zusammen, nannte es den Preis und schickte es den Herren ein. Daß es den Preis nicht gewinnen würde, wußte ich wohl, daß mir die Herren aber entschiedene Anlage zum Lustspieldichter und eine vim comicam zugestehen würden, glaubte ich nicht. In dem Freimütigen (oder Ernst und Scherz) wirst Du die Rezension lesen. Da der Preis mein erstes, in aller Eil' zusammengeschriebenes Lustspiel ist, werde ich wohl noch nach Gelegenheit ein ziemlich drolliges Ding von komischer Oper zusammenschmeißen können. – Du mußt alles zuvor rezensieren, die Musik exzipiere ich, da Du noch nicht vollkommen gut den Kontrapunkt verstehst und auf Kirnbergers Kunst des reinen Satzes wenig hältst. – Nun ein Plänchen! – Der Riese Gargantua muß ausgearbeitet werden; sobald das Versetzungsreskript da ist, spendiere ich 2 rth. an eine Flasche Burgunder und fange an. – Wie wär's aber, wenn wir noch auf einige witzige Aufsätze dächten, und ein Taschenbuch für 1805 edierten? – es ist nur des Absatzes und der Kupfer wegen. Ad vocem Kupfer – diese müssen durchaus satirischen Inhalts sein – denke darauf! – Ein paar Blätter Köpfe allenfalls so wie Voltaire. – Schreibe mir was Du von der Idee hältst – ich würde hoffen (ich zeichne alles selbst) ein gutes Honorar zu erhaschen und die gelehrte Welt mal zu einem Lachkrampf zu reizen. Das Taschenbuch-Format allein begeistert mich schon, wenn ich daran denke, mit allerlei skurilen Ideen! – Die Wahl des Buchhändlers überlasse ich Dir, da Du ein Mann bist, der schon manches geschrieben hat, was gedruckt worden ist. – Den Seume habe ich hier vorgefunden und ganz gelesen – er möge die Idee der italienischen Reise in Dir wach und rege erhalten – er ist wahrlich dazu geeignet. Leb wohl, mein lieber teurer einziger Freund, und antworte mir bald. – Meine Frau grüßt Dich und die Deinige herzlich – ich küsse Deiner Frau die Hand – Adio. Ewig Dein H. In Warschau Im April 1804 siedelten Hoffmanns nach Warschau über. An Hippel in Leistenau Warschau, den 14. Mai 1804. Mein teuerster einziger Freund! Ich bin in Warschau angekommen, bin heraufgestiegen in den dritten Stock eines Pallazzos in der Fretagasse Nr. 278, habe den freundlichen Gouverneur, den Präsidenten, der die Nase 1/8 Zoll über den Horizont emporhebt und drei Orden trägt, und ein ganzes Rudel Kollegen gesehen und schwitze jetzt über Vorträgen und Relationen! – Sic eunt fata dominum ! Schriftstellern und komponieren wollte ich, mich begeistern im Hain von Lazenki und in den breiten Alleen des Sächsischen Garten, und nun? – Erschlagen von 28 voluminibus Conkurs-Akten wie von Felsen, die Zeus' Donner herabschleuderten, liegt der Riese Gargantua, und der Renegat ächzt unter der Last dreier Totschläger, die zur Festung bereit noch den letzten fürchterlichsten Totschlag begehen. Lebhaft ist es in Warschau erstaunlich, vorzüglich in der Fretagasse, da hier der Mehl-, Grütz-, Brot- und Grünzeug-Handel ganz ausnehmend blüht. Gestern am Himmelfahrtstage wollte ich mir etwas zugute tun, warf ich die Akten weg und setzte mich ans Klavier um eine Sonate zu komponieren, wurde aber bald in die Lage von Hogarths Musicien enragé versetzt! – Dicht unter meinem Fenster entstanden zwischen drei Mehlweibern, zwei Karrenschiebern und einem Schifferknechte einige Differenzen, alle Parteien plädierten mit vieler Heftigkeit an das Tribunal des Hökers, der im Gewölbe unten seine Waren feilbietet. – Während der Zeit wurden die Glocken der Pfarrkirche – der Bennonen – der Dominikanerkirche (alles in meiner Nähe) gezogen – auf dem Kirchhofe der Dominikaner (gerade über mir) prügelten die hoffnungsvollen Katechumenen zwei alte Pauken, wozu vom mächtigen Instinkt getrieben die Hunde der ganzen Nachbarschaft bellten und heulten – in dem Augenblick kam auch der Kunstreiter Wambach mit Janitscharemusik ganz lustig dahergezogen – ihm entgegen aus der neuen Straße eine Herde Schweine. – Große Friktion in der Mitte der Straße – sieben Schweine wurden übergeritten! Großes Gequieke. – O! – O! – ein Tutti zur Qual der Verdammten ersonnen! – Hier warf ich Feder – Papier beiseite, zog Stiefeln an und lief aus dem tollen Gewirre heraus durch die Krakauer Vorstadt – durch die neue Welt – bergab! – Ein heiliger Hain umfing mich mit seinem Schatten! – ich war in Lazenki! – Ja wohl ein jungfraulicher Schwan schwimmt der Palast auf dem spiegelhaften See! – Zephire wehen wollüstig durch die Blütenbäume – wie lieblich wandelt's sich in den belaubten Gängen! – Das ist der Aufenthalt eines liebenswürdigen Epikuräers! – Was? – Das ist ja der Kommendatore aus dem Don Juan, der da so in dem dunklen Laube mit weißer Nase einhergaloppiert? – Ach! Johann Sobieski! Pink fecit? – Male fecit! Was für Verhältnisse! –er reitet Sklaven zu Boden, die sich krümmen, die welken Arme gegen das sich bäumende Roß erheben – ein widriger Anblick! Was? – ist's möglich! – der große Sobieski – als Römer mit Wonzen hat einen polnischen Säbel umgeschnallt und dieser ist – von Holz! – lächerlich! Nun bin ich verloren. – Da kommt der R. R. Markgraf – er packt mich mit Gewalt in eine Droschke – der Wagen hält vor einem unförmlichen Gebäude – hinten ein Dach mit wenigstens zwölf Dampfsäulen, alias Schornsteine, vorne ein ganz kleines winziges Frontispizchen, von beiden Seiten noch winzigere Vorsprünge! – es ist das Schauspielhaus! – Was wird gegeben? – Der Wasserträger – Musik von Cherubini – Schön! – Das Orchester spielt die feurige rasche Symphonie mit italienischer Gemächlichkeit! – Graf Armand erscheint mit falscher Nase und Wonzen, seine händeringend« Gemahlin schlägt und singt durchweg einen Achtelton zu hoch – Nationalgarde in russischer Uniform. – Die Pariser Spaziergänger machen am Tore Padam donnoks und fassen die Wache, die ihre Pässe visitiert, ans Knie. – Der Wasserträger kommt an – sein Faß enthält ungefähr drittehalb Eimer, und doch springt, sowie die Wache den Rücken wendet, Graf Armand heraus und entflieht durch's Tor. – Wunder über Wunder! – Jetzt singen sie. – Sie stehn zu hoch, sagt im Orchester ein Musiker zum andern. Um Vergebung, antwortet dieser ganz freundlich, wie soll ich's auf gleicher Erde anfangen um niedriger zu stehn! – Wie es mir in Warschau geht, fragst Du, mein teurer Freund? – Eine bunte Welt! – zu geräuschvoll – zu toll – zu wild – alles durcheinander. – Wo nehme ich Muße her um zu schreiben – zu zeichnen – zu komponieren! – Der König sollte mir Lazenki einräumen, da muß es sich ganz gut leben lassen! – Oder ich komme nach L., komponiere in der Eil' einige Opern und retourniere zu den Akten. Vergilt nicht Gleiches mit Gleichem und antworte mir bald. – Denke an die Reise nach Italien und bleibe mein Freund, so wie ich ewig ewig der Deinige mit ganzer Seele sein werde. Meine Frau grüßt Dich und die Deinige, der ich mich auf das angelegentlichste zu empfehlen bitte. Adio! H.   Warschau, den 26. September 1805. ... Während des Jahres, daß ich Dir nicht schrieb, habe ich ein angenehmes künstlerisches Leben geführt, ich habe komponiert, gemalt und nebenher ziemlich gut italienisch gelernt, das Romanische verstehe ich vollkommen gut und spreche es ziemlich, dieser Winter ist dazu bestimmt es im Sprechen zur Fertigkeit zu bringen und auch die verschiedensten Dialekte (Venetianisch, Neapolit. usw.) zu erlernen, allein die Russen werden es wohl nicht erlauben, daß ich hierbleibe. – Dabei habe ich durch vieles Zeichnen nach der Natur aus dem Stegreif eine recht fertige Faust bekommen, und so denke ich der würdige Gefährte zu sein. – Die temporelle Anwesenheit des Geh. Rat Uhden, vormals Resident in Rom wie Du weißt, und des Griechen Bartholdy, mit denen ich viel lebte, hat mich in Feuer und Flammen gesetzt und meine Sehnsucht nach dem Lande »wo die Zitronen glühn!« stieg bis zu einem Grade, daß es wirklich der bleiernen Gewichte meines Geschäftslebens bedurfte, um mich davon abzuhalten den Stab zu ergreifen und zu wandern. – Hier hast Du den Zyklus meines schaffenden Künstlerlebens! – Im Dezember v. J. komponierte ich eine äußerst geniale Oper von Clemens Brentano, Die lustigen Musikanten, welche im April d. J. auf das hiesige deutsche Theater gebracht wurde; der Text mißfiel – es war Kaviar für das Volk wie Hamlet sagt, von der Musik urteilten sie günstiger, sie nannten sie feurig und durchdacht, nur zu kritisch und zu wild – in der eleganten Zeitung wurde ich dieser Komposition wegen ein kunstverständiger Mann genannt!! Vorzüglich nahm man daran einen Arger, daß sich die komischen Masken der Italiener darin herumdrehen, Truffaldin, Tartaglia und Pantalone. Aber! – Heiliger Gozzi, was für Mißgeburten wurden hier auch aus den anziehenden Gestalten des jovialen Mutwillens! – Der Frühling gab mir eine herz- und geiststärkende Muße, ich arbeitete nichts, sondern lag träumend unter den hohen Buchen von Lazenki und Willanow, oder zeichnete höchstens Studien nach der Natur. – Im Sommer brach eine Flut von Geschäften und häuslichen Sorgen ein, meine Frau gebar mir im Julius eine Tochter, ich ließ sie Cezilia taufen und legte die letzte Hand an eine Messe, welche ich bis jetzt für mein bestes Werk halte und welche, wenn der Krieg uns nicht vertreibt, am Cezilientage bei den Bernhardinern aufgeführt werden soll. Eben jetzt habe ich eine kleine Oper aus dem Französischen in der Arbeit, in der sich der freie Geist der Franzosen, ihr komischer graziöser Genius ganz ausspricht, sie heißt: Die ungeladenen Gäste oder der Kanonikus von Mailand. Ich gedenke sie auf das Berliner Theater zu bringen, da ich anfange jetzt etwas bekannter zu werden. Hier hast Du, mein einziger Freund, meine Lebensweise und Du wirst finden, daß die Kunst noch immer wie eine schützende schirmende Heilige mich durchs Leben geleitet; ihr habe ich mich ganz ergeben und sie zürnt nicht, wenn unabänderliche Verhältnisse oft nur wenige selige Momente übriglassen, wo ich meinen Geist zu ihr wenden kann. – Oft, nur zu oft, ist es Künstlers Erdenwallen, welches mich niederdrückt , aber nicht erdrückt , neue Umgebungen wie in Plock konnten auf mein besseres Ich wirken und ihm Zerstörung drohen, hier ist das anders. Mitten unter wüstem unkünstlerischen Pöbel findet der Geist doch Nahrung – Erwidere nur bald meine Herzensergießung mit einer ähnlichen, schreibe mir insonderheit, ob und wenn unsere Reise vor sich geht; bricht auch hier der Krieg aus; so wird es doch in Italien ruhig sein – Der Bankier E. erzählte mir, Du seist – – geworden; ist dieses richtig und schadet es in casu quod sic Deiner Freiheit nicht? – Du weißt, daß wir jetzt Revision haben; mich kümmert das wenig, da ich keine Reste habe und gehabt habe; ich muß ja wohl frisch von der Hand wegarbeiten, um nur die Akten mit Partituren verwechseln zu können. Der Revisor hat ein gar grimmiges Gesicht, scheint aber schon ein guter Mann zu sein, warum kriecht ihm die Peinlichkeit und Langeweile in der Gestalt des – – nach? – Das dritte Glied der Revisionsdreizahl ist ja ein Verwandter von Scheffner und bei diesem im Hause gewesen! – S. hat an Werner geschrieben: Ich würde Ihnen meinen Neveu empfehlen, wenn er nicht solch ein Erzprosaiker wäre – Ad vocem Werner fällt mir ein, daß ich oben eine ganze Periode meines Künstlerlebens ausließ, wahrscheinlich weil ich nie ohne Mißbehagen daran denke! – Du wirst in öffentlichen Blättern gelesen haben, daß Werner an einem Trauerspiel »Das Kreuz an der Ostsee« für die Berliner Bühne arbeitete. In dem ersten Teil kommen Chöre der alten Preußen und vorzüglich eine Szene vor, die der Unterstützung der Musik bedurften; ... So hatte ich, da Werner mich anging, die Komposition zu übernehmen, die Szene behandelt und außerdem noch eine starke Ouvertüre sowie die Chöre gesetzt. Werner ist unerträglich ängstlich, lag mir immer auf dem Halse und quälte mich, daß ich Tag und Nacht arbeiten mußte, um zu einem bestimmten Termin fertig zu werden. Als die Partitur denn nun zum Absenden fertig lag, schrieb Iffland einen langen Brief an W., dessen kurzer Inhalt war: Das Stück sei für die Aufführung zu kolossal. W. hatte nämlich schon früher den ersten Teil seines Ostseekreuzes, betitelt: Die Brautnacht, auf Andringen Ifflands, der die Zeit nicht erwarten konnte, nach B. zur Aufführung geschickt. Sanders Preßbengel arbeiten schon an der Brautnacht, und Du wirst finden, daß viele geniale Züge darin enthalten sind, das Ganze aber ein ziemlich rohes, hin und her geschmackloses Produkt ist, welches den Talssöhnen gleich kommt. Der erste Akt ist unerträglich – vielleicht gewinnt aber auch das Werk, wenn man es liest – ich habe es nur (ein wenig zu oft) von Werner vorlesen gehört, welcher unsinnig schreit und sich abmartert, um nur alle Assonanzen, Alliterationen, alle Terzinen, Sonettformen usw. hören zu lassen, welches eben nicht angenehm ist. Überhaupt wirst Du finden, daß Werners Kreuz einen wirklich mit allen nur möglichen Formen der neuen Schule kreuzigt! – Tiek bedient sich auch dieser Formen, wenn es aber so geschieht wie in der Genoveva oder im Oktavian, so ist das freilich etwas anders. – Hast Du schon Sternbalds Wanderungen von Tiek gelesen? – In casu quod non – lies sobald als möglich dies wahre Künstlerbuch – Aus allem diesen wirst Du sehen, daß ich mit W. nicht ganz zufrieden bin, und aufrichtig gesagt, W. ist mir ein trauriger Beweis, wie die herrlichsten Anlagen durch eine alberne Erziehung ertötet werden können, und wie die regste Fantasie kriechen lernen muß, wenn sie von niedrigen Umgebungen heruntergezogen wird ...   Warschau, den 6. März 1806. ... Mein Geschäftsleben ist die ekelhafte Puppe, welche die schönen Fittiche des Kunstgenius einzuschließen strebt, bis sie gewaltsam durchbrechen! – Der Kunstzyklus, in dem ich mich hier umhertreibe, ist eine Anmahnung zum Nachstreben des Besseren, er übt und stärkt, wiewohl er, als Zweck betrachtet, nur ein Spiel mit hohlen Nüssen um hohle Nüsse sein kann, und ich hiernach auch den Vorwurf, der dem Wilhelm Meister von jenem soi disant Offizier gemacht wird, verdienen möchte! – Das Ende der Warschauer Regierung In einen anregenden Kreis war Hoffmann in Warschau eingetreten. Zacharias Werner war sein alter Hausgenosse in Königsberg gewesen. Oft hatte er den jugendlichen Dichter mit hoch erhobenem Kopf in dem Doerfferschen Garten spazieren sehen. Näher trat er dem um einige Jahre älteren aber erst jetzt in Warschau. In Franz Anton Morgenroth fand Hoffmann einen Musikschwärmer, der sich gleich ihm bald darauf ganz dem Musikerberuf zuwandte. Die Seele des Kreises aber war der Assessor Eduard Itzig, später Julius Hitzig, der nebst Hippel Hoffmanns bester und uneigennützigster Freund werden sollte. Itzig verfügte über die besten Verbindungen zum literarischen Berlin. Durch ihn wurde Hoffmann auch mit den Werken der romantischen Schule bekannt. Hoffmann hatte in Warschau die beste Gelegenheit, sich künstlerisch zu betätigen. Sein Hauptwirkungsfeld war die »Musikalische Akademie«, deren Konzertsaal er eigenhändig ausmalte und deren Konzerte er selbst dirigierte. Am 3. August 1806 wurde der Saal dieser Akademie (es war das alte Mniszeksche Palais) durch ein Festkonzert feierlich eingeweiht. Es war vielleicht der stolzeste Tag, den der künstlerische Dilettant Hoffmann bisher erlebt hatte. Aber er hatte selbst das Gefühl, daß es sich bei allen diesen Betätigungen doch nur um gesteigerten Dilettantismus handelte, der ihm auf die Dauer nicht genügen konnte. Bald sollten indes die Gitterstäbe zerbrochen zu Boden fallen. Am 28. November 1806 wurde Warschau von den Franzosen besetzt und die preußische Regierung aufgelöst. Itzig ging nach Berlin und wurde Buchhändler und Verleger. Morgenroth wurde Geiger in Dresden. Werner würde von Dalberg, dem Großherzog von Frankfurt, aufgenommen. Hoffmann blieb zunächst in Warschau, leitete die Konzerte der Musikalischen Akademie weiter und siedelte mit der Familie in eine Dachkammer des Mniszekschen Palais über. Als die Verhältnisse zu unsicher wurden, schickte er seine Familie nach Posen zu den Eltern seiner Frau. Bald aber gingen seine Mittel aus, und es begann für ihn die schlimme Zeit, in der er lange Monate hindurch vergeblich irgendwo ein Unterkommen suchte.   An Eduard Itzig in Potsdam Warschau, den 20. April 1807. Bald nachdem Sie abgereist waren, wurde ich wieder kränker, und mußte die Stube hüten; am Ende fuhr mir der Krankheitsstoff überall heraus, so daß ich abends einen phosphorischen Glanz um mich verbreitete, weshalb der Doktor anfing, mit allerlei Mitteln mein Blut zu reinigen, womit er noch jetzt beschäftigt ist. Darüber hat sich der Bestand meiner Kasse so verringert, daß ich an eine Reise nicht denken kann, und um so mehr sitzen bleiben muß, als ich außerstande bin, hier Geld aufzutreiben, ungeachtet der Justizrat K., der leider selbst kein bares Geld hat, sich erboten, jeden Schuldschein von mir als Selbstschuldner zu unterschreiben. – Hier haben Sie, mein teuerster Freund, in einem Atemzuge, alle Odiosa, welche mich in Warschau festhalten, und, ob ich demungeachtet alle Segel aufspannen soll, um fortzukommen, soll ganz von Ihrem freundschaftlichen Rat abhängen, da Sie jetzt sich selbst überzeugt haben werden, inwiefern es mir möglich sein dürfte, in Berlin den Anfang zu einem weiteren Fortkommen zu machen; – ganz vorzüglich aber, ob ich, auf diese oder jene Art, in Berlin, meinen notdürftigen Unterhalt finden würde; von Ihrer Freundschaft, die sich so oft für mich geäußert hat, erwarte ich hierüber gütige genaue Auskunft, um meine bestimmten Maßregeln danach ergreifen zu können! – Mit erneuter Kraft und mit einem Humor, der mir selbst unbegreiflich ist, arbeite ich jetzt an einer Oper, von der ich wünschte, sie wäre die erste , die von mir auf irgendeinem großen Theater erschiene, denn ich fühle es zu sehr, daß sie alle meine übrigen Kompositionen hinter sich lassen wird! – Der Text ist kein anderer, als Calderons: Die Schärpe und die Blume. – Der Himmel hat mich bis jetzt mit einer ganz unglaublichen Blindheit gestraft, daß ich die geborenen Arien, Duetts, Terzetts pp in dem herrlichen Stück, nicht gesehen habe, in der Krankheit ist mir ein Licht darüber aufgegangen ... Seit der Zeit, daß ich komponiere, vergesse ich oft meine Sorgen, – die ganze Welt, denn die Welt aus tausend Harmonien geformt auf meiner Stube, an meinem Klavier, verträgt sich mit keiner andern außerhalb, – in dieser andern außerhalb regnet es eben jetzt so ganz erschrecklich, daß wir in Warschau bald mit Gondeln durch die Straßen fahren werden, welches der Protonotarius K. nie tun wird, nicht aus Furcht zu ersaufen, sondern aus angeborener Scheu, etwas Ungewöhnliches zu tun. –   Warschau, den 14. März 1807. ... Von meinen dürftigen Umständen und deren Veranlassung schrieb ich Ihnen gleich im ersten Briefe, ich müßte daher jetzt, so wie Sie es mir auch raten, wenigstens 500 Taler, wenn auch größtenteils in Papieren, borgen, um mich in mein Eden zu versetzen und das ist eine fast unausführbare Sache. – Kausch ist der einzige, der meine Königsberger Verhältnisse, über die ich übrigens kein Papier besitze, kennt, und dieser hat sich, da er selbst ohne Geld zum Verleihen ist, erboten, jeden Schuldschein von mir als Selbstschuldner zu unterschreiben und doch gelang es mir vor etwa vier Wochen nicht, auch nur 200 Taler bar Geld anzuleihen. – Es ist ein einziger Mann hier, dem ich zutraue, daß er mir aus der Verlegenheit helfen würde, allein eine besondere Scheu und eine nicht ungegründete Furcht durch eine Bitte dergleichen Art in den ersten Wochen der Bekanntschaft wider die Delikatesse zu verstoßen, verschließen mir den Mund. Sie erraten leicht, daß dieser Mann der I. R. Küs. ist und daß irgendeine Mittelsperson, dergleichen der alte Loest ein vortrefflicher war, der Sache den Ausschlag geben würde; aber so sitze ich nun, und brüte und brüte – vergebens über meinen Plänen! – Nach K. habe ich dreimal geschrieben aber keine Antwort erhalten, wahrscheinlich sind die Briefe gar nicht hingekommen. – Schon zum zweitenmal in meinem Leben geht es mir so, daß ich im Begriff einzutreten von der Türe abgewiesen werde, und es gehört wahrlich Mut dazu nicht für immer zu verzagen! – – – Hungermonate in Berlin Trotz aller Bedenken hatte sich Hoffmann entschließen müssen, nach Berlin zu gehen. Auf der Durchreise besuchte er die Familie in Posen. Seine kleine Tochter Cäcilie sollte er bei dieser Gelegenheit zum letztenmal in die Arme schließen. Sie starb bald darauf. Am 18. Juni 1807 traf Hoffmann in Berlin ein und mietete sich ein Zimmer im Hause Friedrichstraße 179. Von seinen früheren Bekannten scheint er niemanden in Berlin angetroffen zu haben. Jedenfalls erfahren wir von der Familie der verstorbenen Onkels nichts. Die einzigen Verbindungen, die er erhielt, gingen über Itzig, der als Buchhändlerlehrling in die Verlagsbuchhandlung von Georg Reimer eingetreten war, um bald selbst einen Verlag zu eröffnen. Ein Schwager Itzigs, der Apotheker Dr. Oetzel, späterhin Generalmajor v. Etzel, nahm sich Hoffmanns liebevoll an. Ebenso machte Itzig den Freund mit seiner in den Berliner Salons sehr einflußreichen Tante Sara Levy bekannt. Über Uhden, einen Freund der Madam Levy, suchte Hoffmann Beziehungen mit Iffland anzuknüpfen. Aber alle seine Versuche, Geld zu verdienen, blieben vergebens. Er schrieb Artikel für eine Wiener Theaterzeitschrift, aber diese Zeitschrift ging ein, noch bevor sie Hoffmanns ersten Artikel gebracht hatte. Er zeichnete eine Mappe, »Sammlung grotesker Gestalten nach Darstellungen auf dem Königlichen Nationaltheater in Berlin«, aber das kleine Opus ging verloren. Wir beobachten den Verjagten bei seinem Verzweiflungskampf um irgendeine Stellung, irgendeinen Broterwerb. Nichts wollte ihm glücken. An Itzig in Potsdam ... Oetzel hat mich ebenfalls sehr freundlich empfangen und hat alles nur Mögliche für mich getan, wiewohl leider vergebens. Schiavonetti fand die Sachen: tres jolies , meinte, daß sie durchaus gestochen werden müßten, wollte sich aber mit dem Verlage nicht befassen, weil man abwarten müsse: comme les circonstances se tournent! Oetzel ging noch mit den Bildern zu Weiß, ich ging nicht mit hinein, ein böser Wind entführte mich, und ich sah Oetzel und meine Bilder nicht wieder – Oetzel ist ein ganz herrlicher Mensch, dem ich, folgte ich meiner Neigung, nur zu oft lästig fallen würde, da in seinem Laboratorio sonderbare alte Neigungen in mir erwachten. – Sowohl die Madame Levy als vorzüglich Uhden dringen darauf, daß ich mich mit dem hiesigen Theater in Korrespondenz setzen soll – Uhden ist nun freilich wohl der Mann, der viel bei Iffland für mich tun könnte, indessen habe ich leider nichts vorrätig, und ich möchte fast, daß mir I. selbst aus dem reichen Vorrat etwas von kleinem Umfang (1 Akt) vorschlüge, um den Debut zu machen – Morgen werde ich bei Madame Levy Zelters Bekanntschaft machen! – Sie sehen, liebster Freund, daß ich auf gutem Wege bin mit meinen Werken hervorzutreten, indessen bin ich während dieser Präliminarien in einem etwas ängstlichen Zustand, – warum sollte ich es Ihnen nicht aufrichtig sagen, da Sie es doch raten würden – das wenige Geld, welches ich nach B. brachte, geht zu Ende, und das Fehlschlagen jener Angelegenheit mit den Zeichnungen stürzt mich in eine nicht geringe nie gekannte Verlegenheit, indessen lasse ich den Mut nicht sinken, und arbeite nur daran mich gegen das Eindringen der ängstlichen Sorgen ums Brot zu waffnen, um nicht die innere Kraft des Geistes, von der mein Leben und Glück abhängt, töten zu lassen! –   ...Gestern war ich von 7½ bis 8½ bei Madame Levi, wo viele Leute Tee mit Rum tranken und vernünftige Gespräche führten, von 9 Uhr bis 11½ bei Winzer eingeladenermaßen, wo wieder viele Leute Rum mit Tee tranken – ich lernte Bernhardi (hat ein hübsches Gesicht), Schleiermacher, vor allen Dingen aber den Komponisten Schneider kennen, der auf einem guten Wiener Piano gute Sachen spielte und mehrere Arietten von einer gewissen Madam Seebald absingen ließ – die ganze Gesellschaft trat ein paarmal als Chorus ein, z. B. mit dem Refrain »Als hätt' sie Lieb' im Leibe«! – Gern hätte ich gesehen oder gehört, wenn auch der Lebenslauf des Premierministers und Protektor der Akademie der schönen W. u. K. Hrn. Grafen von Floh singender Weise vorgetragen worden wäre, es geschah aber nicht! – Zum Schluß eine Frage, deren aufrichtige Beantwortung ich Ihrer Freundschaft zutraue – möglich ist es, daß ich etwas für's hiesige Theater komponiere, wiewohl unwahrscheinlich – Gesetzt, ich sollte nun aber rasch komponieren, würbe es in Ihrem Hause Umstände machen, mich ganze lange acht Tage hindurch dort zu sehen? – es wäre mir nämlich dann ein von Berlin entfernter Ort, der mir das gewährt, was ich in Ihrem Hause gefunden habe, höchst wünschenswert – Sagen Sie nur – Nein es geht nicht! – denn daran denken Sie doch nicht, was man so: übel nehmen nennt! – das ist nicht mein Casus.   Gestern morgen komme ich zum alten Freunde Julius v. Voß und das erste, was mir ins Auge fällt, ist eine dicke Partitur »Die ungebetenen Gäste, eine komische Oper in einem Akt von I. v. V., in Musik gesetzt vom Kammermusikus Schneider«! – Sie raten, daß dies eben mein Kanonikus ist, den Voß auch zur Bearbeitung auswählte und Schneider komponierte – ich bin recht belehrt worden, wie man kleine leichte Sachen, deren Inhalt sich um einen lustigen Einfall dreht, behandeln muß – es fängt mit einem feierlichen Grave an, es kommt darin vor eine Kanonade, ein Schlachtgesang, Sturm und Drang usw. – Nun weiter! Voß erzählte mir, daß er lange vor dem Ausbruch des Krieges auf Schneiders Verlangen den Text arrangiert, S. sodann die Oper komponiert und dem Theater zur Aufführung angeboten hätte ohne Namen des Dichters und des Komponisten zu nennen; Iffland hätte indessen des Inhalts wegen, damals die Aufführung abgelehnt, und S. hätte ihn (den Voß) ersucht Partitur und Text zurückzunehmen, welches denn auch geschehen sei. Eines Tages wäre S. erzürnt zu Voß gekommen und habe ihm Vorwürfe gemacht, daß er die Partitur doch beim Theater gelassen habe, denn ein Kanonikus solle einstudiert werden. V. sei zu Web. (dem Kapellmeister Bernhard Anselm Weber) hingelaufen und nun habe sich die Existenz eines zweiten Kanonikus dargetan! – Dir Ursache, warum meine Oper nicht aufs Theater kam, ist daher die unangenehme Kollision mit einer hiesigen beliebten Comp, und nicht eine Kabale Webers, der, wie ich aus einigen Äußerungen von Voß schließe, meiner Musik, für die sich die Bethmann interessierte , den Vorzug gab. – Den Text der Oper Circe hat Hr. Levi, Verfasser der Sylphen, arrangiert und W. ist fortgereist um den Vorwürfen des Kabalierens zu entgehen. – Kommt er nun zurück, so setze ich alles in Bewegung wegen der Schärpe und Blume – ich denke, es wird gehen – vielleicht auch nicht – In wenigen Tagen wird Circe gegeben! – Mein lieber bester Freund, Werckmeister ist schon hier oder kommt in wenigen Tagen, Ihr Billet ist veraltet und durch die Reisen etwas unscheinbar geworden, würden Sie wohl gütigst ein dito Empfehlungsschreiben entwerfen und mir zusenden? wie viel mir daran liegt, können Sie leicht denken! – Sobald ich nur ein wenig hier ins Reine gekommen bin, mache ich von der Güte Ihres Vaters, dem ich mich auf das angelegentlichste zu empfehlen bitte, Gebrauch und komme heraus um meine Oper zu vollenden, wozu es mir hier gänzlich an Ruhe fehlt.   Berlin, den 22. August 07. Sie fanden mich bei Ihrem letzten Hiersein in einer etwas fatalen Stimmung – indessen müssen Sie diese dem äußersten Druck der Umstände zuschreiben – ich bin in einer Lage, über die ich selbst erschrecke, und die heutigen Nachrichten aus Posen sind nicht von der Art mich zu trösten. Meine kleine Cecilia ist gestorben und meine Frau ist dem Tode nahe! Aus einem dumpfen Hinbrüten bin ich denn nun wieder soweit erwacht, um daran denken zu können, was ich tun muß um nicht in bona pace zu verderben – am liebsten wünschte ich ein Unterkommen als Musikdirektor bei irgendeinem Theater und da wäre es wohl auch ersprießlich, mich im Reichsanzeiger auszubieten – wo kommt der Reichsanzeiger heraus, was muß man tun, um das Einrücken zu bewirken? – Geben Sie mir, bester Freund, hierüber Auskunft und sagen Sie mir, ob die anliegende Anzeige genügt oder was noch mehr zu sagen oder wegzulassen sein würde! wie soll ich die Adresse bezeichnen! Darf ich Sie bald in P. besuchen? – wie wohltätig würde mir Ihre Gesellschaft jetzt sein – indessen müßte ich nicht lästig sein und das bin ich, solange Ihr Haus so besetzt ist wie jetzt. Tausend Empfehlungen an Ihre liebe Frau und Familie. – Baldige Antwort, bester Freund – Bei Winzer bin ich gestern und vorgestern gewesen, habe ihn aber nicht getroffen. Auch will ich zu Werckmeister gehen um zu fragen ob er hier ist. – Gestern morgen glaubte K., ich würd« sterben, ich bin aber am Leben geblieben. – – – Anzeige für das Eerschersche Kommissions-Kontor in Leipzig und für den Allgemeinen Reichsanzeiger Jemand, der in dem theoretischen und praktischen Teil der Musik völlig erfahren ist, selbst bedeutende Kompositionen, die mit Beifall aufgenommen wurden, geliefert und bis jetzt einer wichtigen musikalischen Anstalt als Direktor vorgestanden hat, wünscht, da er seinen Posten durch den Krieg verlor, bei irgendeinem Theater oder einer Privatkapelle als Direktor angestellt zu werden. Er ist mit der Anordnung der Dekorationen und des Kostüms vertraut, kennt überhaupt das Theaterwesen in seinem ganzen Umfange, spricht außer dem Deutschen das Französische und Italienische, und ist überhaupt nicht allein künstlerisch, sondern auch literarisch ausgebildet, er würde also auch mit Erfolg der Regie eines Theaters vorstehen können. Jede nähere Verbindung wird leicht zum Nachweis der gerühmten Talente führen, und um diese anzuknüpfen, wendet man sich in postfreien Briefen an den R. R. Hrn. Hoffmann in Berlin, Friedrichstraße Nr. 179. An Hippel in Leistenau Berlin, den 20. Oktober 1807. Mein einziger teuerster Freund! Seit vielen Monaten, seit der schrecklichen Katastrophe, die Dir auch gewiß tausend Ungemach bereitete, haben wir nichts voneinander gehört; daß Du Deinen bisherigen Aufenthalt indessen verlassen haben solltest, setze ich nicht voraus, und ich versuche es wenigstens Dir nach L. hin Nachricht von mir zu geben! Daß gleich nach dem Einmarsch der Franzosen in Warschau die preußischen Offizianten entsetzt wurden, ist Dir bekannt, da indessen die Änderung der Umstände damals wenigstens noch möglich war, blieb ich mit mehreren von meinen Kollegen am Orte, bis man Anfang Junius uns aufforderte, entweder eine Unterwerfungsakte, die einen Huldigungseid enthielt, zu unterschreiben oder W. binnen acht Tagen zu verlassen. Daß jeder rechtliche Mann das letztere wählte, kannst Du Dir leicht denken. Meine Frau hatte ich schon, um sie dem Ungemach des nahen Krieges zu entziehen, im Januar mit einer sichern Gelegenheit nach Posen zur Mutter geschickt, und nun ging ich selbst, da man mir die Pässe nach Wien, wo ich mein Unterkommen zu finden hoffte, schlechterdings verweigerte, nach Berlin, wo ich mich bis jetzt kümmerlich hingehalten habe. – Du weißt, daß ich kein Vermögen, sondern nur Talente habe, die mich erhalten können, diese Talente aber hier in dem menschenleeren geldarmen Berlin wuchern zu lassen, ist kaum möglich! – Meine einzige Hoffnung ist bei irgendeiner Kapelle als Direktor unterzukommen, und hierzu habe ich alle Anstalten gemacht, bis jetzt aber vergebens! – Wäre es mir möglich nach Wien zu gehen, wohin ich die dringendsten Empfehlungen habe, und wo es mehrere Privatkapellen gibt, so wäre vielleicht mein Glück gemacht, indessen fehlt es mir hierzu durchaus an einem Fonds!   ... Ist es Dir möglich, so hilf mir mit Rat und Tat, denn ohne weiter in das Detail meiner jetzigen Existenz zu gehen, kann ich Dich versichern, daß ein standhaftes Gemüt dazu gehört, nicht zu verzweifeln! – Nur der einzige tröstende Gedanke erhält mich aufrecht, daß meine Kompositionen, habe ich nur erst den rechten Ort gefunden, mich durchaus in eine recht günstige Lage bringen müssen! – Antworte mir sobald Du kannst ... An Kühnel, Inhaber der Petersschen Musikalienhandlung in Leipzig Berlin, den 27. Oktober 1807. Ew. Wohlgeboren bin ich durch Herrn Itzig, der soeben von Leipzig kommt und der die Güte hatte, Ihnen in meinem Namen ein Harfenquintett zum Verlage anzubieten, bekannt geworden, und ich eile, eine Verbindung anzuknüpfen, die mir in jeder Hinsicht äußerst angenehm sein würde. Sie haben gegen das erwähnte Quintett in C -Moll, das gegründete Bedenken aufgestellt, daß es seiner Schwierigkeit wegen wenig gesucht werden würde, indessen ist die Harfenpartie nicht allein auf dem Piano sehr ausführbar, sondern dieses letztere Instrument macht auch, wie ich mich selbst überzeugt habe, in dem Quintett eine sehr angenehme Wirkung. Man könnte daher sagen: Quintett für die Harfe oder das Pianoforte pp und vielleicht würden Sie unter dieser Modalität den Verlag des Quintetts, welches, wie ich glaube, wohl sein Glück machen würde, um so mehr übernehmen, als ich übrigens die Bestimmung des Honorars ganz Ihnen überlasse ... ... Unglücklich genug bin ich gewesen, solange an einem Orte verweilt zu haben, der meinem Bekanntwerden um so mehr entgegen war, als eine günstige Lage, und eine gute Aufführung meiner Kompositionen mich vollkommen befriedigte und mich ein weiteres Eindringen in die musikalische Welt nicht sehr angelegentlich suchen ließ; jetzt hat der Krieg dies alles zerstört, indessen bin ich für mein Bekanntwerden nicht besorgt, da ich in Ew. Wohlgeboren, nach alledem was mir Hr. Itzig gesagt hat, den Mann zu finden hoffe, der ohne Vorurteil nicht nur auf den Namen, sondern auf die Sache sieht und überzeugt ist, daß diese den Namen , an dem der Haufe hängt, unfehlbar schaffen muß. Ich bitte dringendst um baldige Antwort ... An denselben Berlin, den 14. November 1807. Ganz gewiß würde ich Ihnen sogleich das Nähere über meine persönlichen Verhältnisse geschrieben haben, wenn ich nicht voraussetzen durfte, daß Sie durch Herrn Itzig ganz genau davon unterrichtet wären. – Ich bin, wie Sie sich wohl nach dem Verzeichnis der von mir komponierten Sachen, welches ich meinem letzten Brief beilegte, vorstellen können, in der Setzkunst ganz erfahren, welches eine genaue Kenntnis der Instrumente voraussetzt. Ich spreche außer dem Deutschen, französisch und italienisch, und bin sowohl literarisch als künstlerisch ausgebildet. Daß Sie es mit einem redlichen, tätigen Manne zu tun haben, darf daraus folgen, daß ich bis jetzt den wichtigen Posten eines Rates bei der preußischen Regierung in Warschau bekleidete, den mir die Abtretung der Provinz an Sachsen geraubt hat. Nächstdem war ich, wie es auch durch die Leipziger Musikalische Zeitung bekannt geworden ist, Direktor und Kapellmeister des großen Musikalischen Institutes in Warschau, und hatte als solcher das Amt, die großen Musiken zu dirigieren. Ich bin jetzt 30 Jahre alt und verheiratet, aber ohne Kinder. Hier haben Sie nun alles wahr und offen über meine Persönlichkeit. – Zum Korrektor würde ich allerdings taugen und es sollte mir höchst erfreulich (sein,) mit einem humanen Manne wie Sie in Verbindung zu treten, aber aufrichtig gesagt, das Gehalt von 14 rth. ist so gering, daß es, selbst bei den eingeschränktesten Ansprüchen, nicht möglich ist, es annehmbar zu finden. Bin ich von 8 bis 12, und von 2 bis 7 Uhr beschäftigt, wenn soll ich dann noch etwas verdienen durch Komponieren und andere Arbeiten? – Zum Komponieren bedeutender Sachen braucht man mehr als ein übriges Stündchen. – Ich fühle, daß ich mit meinen Kenntnissen einer Musikhandlung als Korrektor und als Kommis äußerst nützlich sein, und daß ich daher wohl auf etwas mehr Anspruch machen könnte, als auf einen Gehalt, der mich nicht nährt. Ganz Ihrer Humanität, und Ihrem Zutrauen zu den Zeugnissen des Herrn Itzig und anderer sachkundiger Männer in Berlin, überlasse ich es aber, inwiefern Sie mir einen etwas annehmlicheren Antrag machen wollen, indem ich nur bemerke, daß sich mir Aussichten in Luzern und Bamberg zu einer Musikdirektorstelle geöffnet haben, wiewohl ich es vorziehen würde, in Leipzig zu leben, und um so mehr mit Ihnen in Verbindung zu treten, als Sie allgemein den Ruf einer ausgezeichneten Liberalität haben. – Sie schweigen ganz davon, ob Sie es nicht mit einem Werke von mir als Verlagsstück versuchen wollen – wenigstens bitte ich Sie mir zu schreiben, ob ich Ihnen nicht wenigstens eine Sinfonie oder ein paar Sonaten schicken darf – urteilen Sie dann selbst, ob es wohl verlohnen würbe, die Kompositionen in Verlag zu nehmen oder nicht. Recht dringend erbitte ich mir eine baldige gütige Antwort, um meine Maßregeln darnach nehmen zu können. Sollten Sie geneigt sein, eine Verbindung mit mir anzuknüpfen, so würde ich vielleicht selbst nach Leipzig kommen um das Nähere mündlich zu verabreden. – Noch bin ich in Deutschland unbekannt, indessen wird es mir über kurz oder lang gelingen durchzudringen – dann hätten Sie die gerechtesten Ansprüche auf die Werke des bekannten Komponisten , da Sie es waren, der das Werk eines zurzeit unbekannten Komponisten der Welt vorlegte ... An Hippel in Leistenau Berlin, den 12. Dezember 1807. Mein teuerster einziger Freund! Dem Himmel sei es gedankt, daß das fatale Mißverständnis, welches unter uns obwaltet, jetzt ganz gehoben ist, und daß ich frei mit Dir über mich und meine Existenz sprechen kann. Leider habe ich noch bitter zu klagen, und die Freude war sehr vorübergehend, da indessen wenigsten die drückendste Sorge gehoben ist, so verweise ich mein Klagelied aufs letzte Blatt und trenne es ganz von dem, was ich Dir über meine Kunst zu sagen habe. Du hast ganz recht mein teuerster Freund! – für verloren, für ganz verloren kann ich die Zeit nicht halten, die ich in der Sklaverei zubrachte. Außerdem, daß ich Zeit genug gewann, die Theorie fleißig zu studieren, gelang es mir auch, in der letzten Zeit praktische Werke zu liefern und zur Ausführung zu bringen. In Warschau hat man Messen und Opern von mir aufgeführt, und daß ich nicht bekanntgeworden bin, liegt bloß darin, daß W. kein Ort ist, der einige Concurrenz hinsichts der Kunst hat. – Vorzüglich aber glaube ich dadurch, daß ich außer der Kunst meinem öffentlichen Amte vorstehen mußte, eine allgemeine Ansicht der Dinge gewonnen und mich von dem Egoismus entfernt zu haben, der, wenn ich so sogen darf, die Künstler von Profession ungenießbar macht. – Mit Werner habe ich sehr viel in W. gelebt, und er vorzüglich gab auch Anlaß zu einer sehr schwierigen Komposition von mir, die aber nicht aufgeführt worden ist ... Ohne Zweifel wäre ich längst bekanntgeworden, wenn jene Komposition aufs Theater gekommen wäre, und auch jetzt würde es mir gelingen bekannt zu werden, wenn die Zeitumstände nicht hier auf alles, was Kunst heißt, so verderbend wirkten, indessen lacht mir so eine frohe Zukunft entgegen, und diese muß mich stärken für die Gegenwart. Ich glaube Dir schon geschrieben zu haben, daß ich eine Oper und ein Melodram fürs Bamberger Theater setzen soll, von beiden ist der Text vom Grafen Julius von Soden. Die Oper heißt: der Trank der Unsterblichkeit – das Melodram: Josef in Ägypten. – Da habe ich denn nun den Winter vollauf zu tun, vorzüglich auch, wenn es mir gelingt, die Komposition der Musikpartie eines Wernerschen Schauspiels, das hier auf die Bühne kommen soll, zu erhaschen. Werner, dem es auf seiner Reise sehr wohl ging, der dem Könige von Bayern mit seiner Gemahlin vorgestellt wurde, der mit dem Herzog von Gotha viel lebte, usw., ist jetzt in Jena und wohnt bei Goethe, der ihn auf das freundschaftlichste aufgenommen und der sich über seine Werke sehr vorteilhaft erklärt hat. Den Bock habe ich in W. persönlich kennengelernt und von seinem Mönchtum auch schon früher Kunde erhalten. – Von Schrötter und Schenkendorf ist auch in Berlin viel die Rede. – Fichte und Schleiermacher sind wieder hier, Werner kehrt auch nach Berlin zurück. Varnhagen. Chamisso, Winzer, Robert sind Dir gewiß unbekannte Namen, indessen nenne ich sie Dir als junge höchst talentvolle Leute, die uns gewiß viel, viel Gutes liefern werden. So wird z. B. in kurzem aus diesem Kreise ein Künstlerroman erscheinen, der so ziemlich das, was in dieser Art jetzt da ist, ins Dunkle stellen wird. (»Versuche und Hindernisse Karls« von Varnhagen, Neumann und Bernhardi sind Fragment geblieben.) Nur wenig kann ich den Umgang dieser Leute nützen, da ich wieder tief, tief in das Studium alter Meisterwerke, von denen ich hier die Partituren auftreiben konnte, wahrscheinlich in Reichardts »Magazin«, geraten bin. Du kannst Dir überhaupt nicht denken, mein einziger Freund, was ich hier in B. für ein stilles zurückgezogenes Künstlerleben führe. In meinem kleinen Stübchen, umgeben von alten Meistern, Feo, Durante, Händel, Gluck, vergesse ich oft alles, was mich schwer drückt, und nur, wenn ich morgens wieder aufwache, kommen alle schweren Sorgen wieder! – Erfährst Du etwas Näheres über die Absichten des Ministers Stein mit uns verjagten Offizianten, so schreibe es mir doch, vorzüglich wünschte ich auch zu wissen, ob es wohl ratsam sein würde, sich an ihn oder an den Kanzler Schrötter schriftlich zu wenden. Letzteren kennst Du ja persönlich, ich zwar auch, doch nur flüchtig bei Gelegenheit der Justizrevision. – Bekäme ich das halbe Gehalt, so würde ich an irgendeinem wohlfeilen Orte ganz der Kunst leben. An denselben Berlin, den 12. April 1808. ... Du hast mich getröstet und mich mit neuem Mut belebt, den Kümmernissen und dem harten Druck der Umstände zu widerstehen. Überzeugt wirst Du von meinem Künstlerenthusiasmus sein, der die Vorstellung, wie ich wohl mich hinaufschwingen werde aus diesem Elend, nie untergehen läßt; indessen glaubst Du es nicht, wie eigentlich unbedeutende Sachen, die nur den Körper betreffen, z. B. schlechte Nahrung, Entbehrungen gewisser Dinge, an die man sich in guter Zeit gewöhnt hat, als da sind ein Glas guter Rum des morgens usw., auf die Seele wirken und nachgerade Dumpfheit und Trübsinn hervorbringen. – Daß Du mich freundlich aufnehmen würdest in Deinem Hause, dachte ich wohl; Du versprichst mir überdem ein ruhiges Plätzchen und ein Klavier, das sind meine Hauptbedürfnisse, und sollte ich daher erst vom 1. Oktober an in Bamberg engagiert werden, so bin ich entschlossen, da Du es erlaubst, ein paar Sommermonate bei Dir zuzubringen und ein paar große Kompositionen, über die ich brüte, zu endigen. Von Dir reise ich dann nach Posen, hole meine Frau und dann fort nach Bamberg. – Wie sehr ich aber barer Hilfe bedarf, kannst Du Dir wohl denken, kannst Du mir daher um oder nach Ostern noch etwa 100 Rthlr. schicken, so machst Du es mir möglich, Berlin zu verlassen, und befreiest mich von Sorgen, die drückender sind als Du es Dir vorstellen magst. In diesem Augenblicke würde ich den drückendsten Mangel leiden an den notwendigsten Bedürfnissen des Lebens, wenn nicht bei Werckmeister (Kunst- und Musikhandlung) drei Kanzonetten mit italienischem und deutschem Text gestochen würden, auf die ich vorschußweise zwei Friedrichsdor erhalte habe; denn (kannst Du es Dir denken?) bares Honorar erhalte ich gar nicht, sondern nur 30 freie Exemplare. Aus der Schweiz und aus Bamberg hab ich noch für meine saure Arbeit nichts erhalten. Auf das Bekanntwerden kommt alles an, und in dieser Rücksicht habe ich gute Hoffnung, da der Hofrat Rochlitz in Leipzig (er redigiert die musikalische Zeitung) mir versprochen hat, von meinen Sachen Notiz zu nehmen, die er übrigens rühmt und preist (die Sachen nämlich).   Mich hat eine Wut befallen, Dir Briefe, die ich von interessanten Personen erhielt, beizulegen. – Ich schrieb Dir doch die Geschichte mit Werner? – Hast Du in irgendeinem Blatte von der Aufführung der Wanda in Weimar gelesen? – Die Verse der Chöre sind irgendwo eingerückt, das Ganze muß ein höchst fantastisches geniales Werk sein ... An denselben Berlin, den 7. Mai 1808. Mein einziger teuerster Freund! Wie kommt es, daß ich gar nichts von Dir höre? Alles schlägt mir hier fehl, weder aus Bamberg, noch aus Zürich, noch aus Posen erhalte ich einen Pfennig; ich arbeite mich müde und matt, setze fort die Gesundheit zu und erwerbe nichts! Ich mag Dir meine Not nicht schildern; sie hat den höchsten Punkt erreicht. Seit fünf Tagen habe ich nichts gegessen als Brot. – So war es noch nie! Jetzt sitze ich von morgens bis in die Nacht und zeichne an Szenen für Werners Attila, der in der Realbuchhandlung verlegt wird. Noch ist es nicht gewiß, ob ich alle Kupfer zu zeichnen erhalte, gelingt mir dies, so verdiene ich etwa 4 bis 5 Friedrichsdor, die dann auf Miete und kleine Schulden aufgehen. Ist es Dir möglich mir zu helfen, so schicke mir etwa 20 Friedrichsdor, sonst weiß ich bei Gott nicht, was aus mir werden soll. Übrigens ist mein Kontrakt mit dem Bamberger Theaterdirektor jetzt abgeschlossen, und vom 1. September geht mein Offizium an, so daß ich im August schon abreisen muß. Mein einziger Wunsch wäre es, mich jetzt schon von Berlin loszureißen und nach Bamberg zu gehen. Hierzu würde aber mehreres Geld gehören, da ich auch meine Garderobe zur Reise instand setzen muß. – Gelingt es mir nur erst, Geld zu erwerben, so will ich darauf bedacht sein, wenigstens nach und nach meine große Schuld bei Dir abzutragen. Wäre es Dir wohl möglich, im Fall Du eine bedeutende Summe reponiert habest, mir noch 200 Taler zu borgen? In diesem Falle wäre ich nicht allein aus aller Not, sondern könnte auch nach Bamberg abgehen! – Mein Freund! Verkenne mich Unglücklichen nicht! – Gott weiß es, wie nahe es mir geht so zu Dir sprechen zu müssen! Antworte mir mit umgehender Post, darum fleht Dein treuer bis in den Tod Hoffmann An denselben ... Vor wenigen Tagen hatte mich der Mangel der notwendigsten Bedürfnisse halb wahnsinnig gemacht, und in diesem Zustande erinnere ich mich Dir geschrieben zu haben! – Eine gute Mahlzeit und eine ruhige Nacht haben mich jetzt mehr zu mir selbst gebracht, indessen um mein Elend desto stärker wieder zu empfinden. – Es gehört wirklich eine Stärke der Seele dazu, die an Heldenmut grenzt, um all das bittere Ungemach zu ertragen, welches mich nicht zu verfolgen aufhört. – Auch aus den Bestellungen der Zeichnungen für Werners Attila ist nichts geworden, wovon ich Dir in meinem vorletzten Briefe schrieb. Werner, mein Freund! erklärte nämlich, es sei ihm denn doch lieber, wenn ein gewisser S. die Zeichnungen machte und nicht ich! ... An Hofrat Rochlitz, den Herausgeber der Leipziger Allgemeinen Musikalischen Zeitung Berlin, den 10. Mai 1808. ... Es ist eine lange Zeit verflossen, seit ich von Ew. Wohlgeboren die freundliche Zusicherung Sich meines Bekanntwerdens in der Künstlerwelt gütigst anzunehmen, erhielt; ich habe in dieser Periode mit den drückendsten Verhältnissen gekämpft und beinahe erlegen, bis sich denn nun endlich ein Unterkommen für mich als Künstler fand. Das Theater in Bamberg wird diesen Sommer neu organisiert und ich bin, empfohlen durch die Komposition einer Oper, deren Dichter der Reichsgraf von Soden ist, als Musikdirektor angestellt worden, gedenke auch in kurzer Zeit dahin abzugehen. Auch mit meinen Kompositionen glückt es mir endlich hervorzutreten; Herr Nägeli in Zürich nimmt Sonaten von mir, welche durchgehends thematisch gearbeitet sind, in das repertoire de clavenistes auf, und eben jetzt ist auch eine Kleinigkeit von mir bei Werckmeister erschienen. Es sind drei Kanzonetten mit italienischem und deutschen Text, welche ich Ew. Wohlgeboren zu überreichen die Ehre habe ... An Hippel in Leistenau ... Nein! – ich lasse den Mut nicht sinken, da ich auf Dich bauen kann, und die feste innige Überzeugung habe, daß mit meinem ersten Fußtritt aus Berlin sich all mein Leid enden und in Freude und Wohlsein umwandeln wird. In einer solchen hilflosen Lage, wie die letzten acht Tage über, bin ich noch nie gewesen; zufällig würde sie von einem meiner Bekannten, dem ehemaligen Regierungsrat Friedrich, welcher mich trostlos im Tiergarten fand, erraten; und selbst in Verlegenheit, teilte er doch sein letztes Geld mit mir. Um nicht einen Augenblick mit der Abreise nach Empfang des Geldes zögern zu dürfen, habe ich mir schon im voraus die notwendigsten Kleider und Wäsche bestellt; bezahlen und abreisen wird daher wohl der Akt eines Vormittags sein. – Du siehst, mein Freund, daß, nun ich nur der Hilfe gewiß bin, auch meine Mutlosigkeit, die wohl – mit einem Wort gesagt – durch wirklichen Mangel der schrecklichsten Art, durch den Hunger, erzeugt wurde, ein Ende hat, und daß ich nun mein Schicksal preise, welches mich mit einem Ruck dahin versetzt, wohin mich schon längst meine ganze Neigung trieb. Bei der jetzigen Konkurrenz brotlos gewordener Künstler war es wirklich viel, ein Unterkommen zu finden, welches schon zu den bedeutenderen gehört, und für mich um so ersprießlicher sein muß, als ich nun nichts tun darf, als schreiben, um bekannt zu werden. In Warschau konnte ich aber Opern stoßweise komponieren, ohne daß irgend eine Menschenseele davon Notiz nahm. Wie aber meine Sehnsucht nach dem Orte meiner Bestimmung mit jedem Tage steigt, davon hast Du keine Idee! – Es geht so weit, daß ich nicht mehr ruhig arbeiten kann, sondern unwillkürlich vom Tische aufspringe und Stub' auf Stub' ablaufe, ehe ich es mir versehe, auch wohl auf der Straße und im Tiergarten bin, wo mir seit einiger Zeit die einsamen Partien sehr lieb sind, indem mich Lichtenbergs Abhandlungen von lichtscheuen Hasen und dergleichen jetzt etwas näher angehen als sonst. – Zu keiner Kunst (um sie nämlich auszuüben) gehört wohl so körperliches Wohlsein, als zum Komponieren, das Gegenteil bewirkt eine große Kränklichkeit, die sich nicht allein in den Ideen, sondern, was in der Komposition ein Hauptmoment ist, auch in ihrer Zusammenfügung ausspricht. Lebhaft habe ich dies alles jetzt gefühlt, und ein Salve Regina, das ich in diesen Tagen des Unglücks setzte, unerbittlich zum Feuertode verdammt; dagegen nach dem Empfange Deines Briefes mittags gut gegessen und getrunken und abends ein neues Salve Regina angefangen, das nun schon ein ganz ander Ding wird. – In kurzer Zeit werden nämlich von mir drei oder vier vierstimmige Hymnen an die Jungfrau unter dem allgemeinen Titel: La santa Virgine , erscheinen, die bloß von Singstimmen ohne alle weitere Begleitung als höchstens des Pianoforte, welches leise und diskret die Grundakkorde anschlägt, vorgetragen werden ... Dein Urteil über Werner ist ganz das meinige, jedoch wirst du finden, daß im Attila es wieder herrliche Züge gibt, wiewohl auch dieses Stück wieder mit läppischen Dingen und Geschmacklosigkeiten durchflochten ist. Zu letzteren rechne ich besonders im Kreuz den ganzen ersten Akt, wenig ausgenommen die Szenen der Pregolla »wer wird nun hüten mein Feuerlein«, und die unendlich läppische Szene des Fischermädchens. Hast Du Werner persönlich gekannt? – ich glaube, ja! Über seinen schmutzigen Geiz, der doch in keiner Künstlerseele wohnen sollte, hat Iffland neulich eine charakteristische Anekdote debütiert. Als die Weihe der Kraft in Berlin aufgeführt werden soll, erhält Werner bloß für die Mitteilung des Manuskripts, welches er gleich darauf drucken ließ, aus der Theaterkasse 500 Taler in Talerstücken – gewiß ein ungeheuer großes Honorar. Im Begriff sie einzustreichen neigt er sich, bittersüß lächelnd zu Iffland und flüstert: »hätte doch gedacht im Golde, mein Herr Direktor!« – Iffland drückte sich sehr pittoresk aus, indem er sagte: »Immer nur sehe ich, wenn ich mit Werner über seine Werke für unser Theater spreche, die Goldfaust hervorragen!« (wie eine Teufelspfote). Übrigens ist das hiesige Theater, da wegen der Gäste niemand hineingehen mag, so in schlechten Umständen, daß die Schauspieler nicht mehr bezahlt werden konnten, und Iffland dem Komité administrativ erklärte, daß er, bekäme er nicht bedeutende Zuschüsse, das Theater schließen müsse. – Des Brotes wegen, dessen jetziger Preis für Arme unerschwinglich und das zuweilen gar nicht zu haben ist, sind hier einige Tage hindurch unruhige Auftritte gewesen, die aber bald durch starke Patrouillen zu Fuß und zu Pferde gedämpft wurden! Über die mir zugesagte Hilfe bin ich voll unruhiger Erwartung, und werde meine ganze Seelenruhe nur dann genießen, wenn ich dem Weichbilde Berlins entflohen bin ... II. Kapellmeisterjahre In Bamberg Man hätte annehmen sollen, daß Hoffmann gern die Gelegenheit benutzt hätte, einige Sommermonate bei Hippel zuzubringen. Aber es zog ihn nicht nach Leistenau, sondern zu dem Musikfreund Johannes Hampe nach Glogau. Mitte Juni reiste er nach Glogau ab, um bei Hampe den September abzuwarten. Sein ganzes Wesen war jetzt nur auf Musik gestellt. Die in den Briefen an Hippel erwähnten Chöre »La santa Virgine« wollten Gestalt werden, außerdem rumorten in seinem Innern neue Künstlerpläne. Wahrscheinlich ist seine erste bedeutende Dichtung aus Berliner Erinnerungen in Glogau bei Hampe niedergeschrieben worden, »Der Ritter Gluck«. Auch verspürte Hoffmann wohl das Bedürfnis, sich vor Antritt der wichtigen Stelle bei dem erfahrenen Musiker Rat für manches zu holen, was ihm in der musikalischen Praxis noch abgehen mochte. Von Glogau aus holte Hoffmann dann seine Frau aus Posen ab. Am 1. September trafen Hoffmanns in Bamberg ein und bezogen das Haus des Schönfärbers Schneider »auf dem Zinkenwörth Nr. 56«, jetzt Nonnenbrücke 2. Das Theater war in dem Gasthaus »Zur Rose« untergebracht, das einer Witwe Cauer gehörte. Am 12. Oktober wurde der neu ausgemalte Theatersaal der »Rose« mit einem Festspiel eröffnet. Vier Tage darauf begann die eigentliche Saison mit einem Schauspiel. Am 21. Oktober dirigierte Hoffmann zum ersten- und letztenmal in Bamberg eine Oper. Sie fiel durch, und gleichzeitig mißfiel er den Bambergern als Dirigent so gründlich, daß ihm der Musikdirektorposten entzogen wurde. Wir wissen nicht genau, was an diesem Durchfall Hoffmanns Schuld trug. Vielleicht war er wirklich ungewöhnlich aufgeregt, vielleicht war es aber auch nur seine neue Art, vom Flügel aus zu dirigieren, die damals erst langsam aufkam und die die Bamberger und die Orchestermusiker befremdete. Jedenfalls dirigierte von da ab der Konzertmeister Dittmayer das Orchester weiter mit der Geige in der Hand. Mit Hoffmann machte der Theaterdirektor Cuno, an den Graf Soden das Theater verpachtet hatte, einen neuen Kontrakt. Hoffmann wurde lediglich als Komponist der Bühnenmusiken verpflichtet. Im übrigen mußte er sich seinen Unterhalt durch Stundengeben erwerben. Das Künstlerleben, von dem er geträumt hatte, begann also für ihn mit furchtbaren Enttäuschungen.   An Hippel in Leistenau Bamberg, den 23. Dezember 1808. ... Ich fand alles anders, als ich erwartet hatte; Soden hatte das Theater einem gewissen Cuno abgetreten, und die Gesellschaft sowie die Theaterverhältnisse sind getreu im Wilhelm Meister geschildert (videatur der Name Malina usw.) daß mir das nicht behagen konnte, war natürlich, und um so weniger, als meine ganze Zeit aufgeopfert und das Ganze, mit Jarno zu reden, ein Spiel um taube Nüsse war. Ich wurde dem hiesigen Publikum bald als Komponist und tüchtiger Singmeister bekannt, und so wurde es mir möglich, eine recht gemütliche, vom Theater fast ganz unabhängige Existenz zu begründen. Musikdirektor bin ich zwar geblieben, korrepitiere aber nicht mehr, und dirigiere nur höchst selten im Orchester, komponiere aber die Balette und Gelegenheitsstücke, wofür ich 30 fl. monatlich erhalte. Nun fühle ich aber erst recht, wie durchaus nicht für mich die frühere Karriere war, und wie wohl mir das Künstlerleben tut, wozu die Wiedervereinigung mit meinem herrlichen Weibe nicht wenig beiträgt! – Und nun, mein teurer einziger Freund! kannst Du es irgend möglich machen, so reiße Dich los! – Komm in das herrliche südliche Deutschland, und Du wirst bald die Wunden, die der verderbliche Krieg auch Dir geschlagen hat, vergessen. Nur ein fixiertes Unterkommen bei irgendeiner fürstlichen Kapelle in hiesiger Gegend kann mich von Bamberg, wo es mir so wohl geht, entfernen! –   Hoffmann hatte in diesem Brief nicht durchaus die Wahrheit geschrieben. In Wirklichkeit war seine Lage nahezu trostlos. Der folgende Brief an Itzig, der inzwischen den Namen Hitzig angenommen hatte, schildert seine Lage weit treffender.   An den Buchhändler Eduard Hitzig in Berlin Bamberg, den 1. Januar 1809. ... Mein Eintreten in B. war von manchen höchst unangenehmen Ereignissen begleitet, das unangenehmste aber war, daß ich die Verhältnisse bei dem Theater ganz anders fand als ich es nach den Briefen des Gr. v. Soden erwarten konnte. – Soden hatte nicht allein die Regie, sondern die ganze Entreprise einem gewissen Heinrich Cuno abgetreten und sich nach Würzburg zurückgezogen. Dieser H. C. ist ein unwissender eingebildeter Windbeutel, der bei der Organisation des Theaters so übereilt zu Werke ging, daß in diesem Augenblick das Ganze seiner Auflösung nahe ist, indem das Publikum nun nicht mehr dem abscheulichen Unfug, der hier auf dem Theater getrieben wird, ruhig zusehen will. Wie schlecht ich mit meinem Enthusiasmus für die wahre Kunst und mit meinen Vorschlägen und Plänen, das Ganze nur zu irgendeinem Grad von Vollkommenheit zu erheben angekommen bin, können Sie sich bei jenen Umständen wohl denken; dies hat denn auch zur Folge gehabt, daß ich bereits seit zwei Monaten mein Musikdirektorat gänzlich aufgegeben und mich nur dazu verstanden habe, die etwa vorkommenden Gelegenheitsstücke, z.B. Märsche und Chöre in Schauspielen und dgl. zu komponieren, wofür ich monatlich 30 fl. erhalten soll aber nicht erhalte, weil die Theaterkasse bei der grenzenlosen Unordnung des Direktors fortwährend in den erbärmlichsten Umständen ist. Um so unangenehmer sind mir jene Theaterverhältnisse, als es hier ein Publikum gibt, wie es sich nur ein Schauspieldirektor, der wahre Ausbildung mit Geschmack und Talent verbindet, wünschen kann. Z. B. die lustigen Musikanten gut gegeben, würden hier recht sehr gefallen, doch davon nachher ein mehreres! – Das war das Schlechte – nun zu angenehmeren Dingen. – Ich stand, da Soden in Würzburg ist und der einzige, an dem ich sonst empfohlen war, der Pr. Graf v. Seckendorf, sich gar nicht um mich bekümmert hat, ganz allein hier; indessen ein glücklicher Zufall wollte es, daß ich schon im zweiten Monate dem besten Teil des Publikums bekannt wurde. An der Spitze dieses Publikums steht der Generalkommissar Freiherr v. Stengel, ein äußerst humaner und in der Kunst ganz ausgebildeter Mann; Sie können denken, wie ich erstaunte, als er bei der ersten Visite, die ich ihm machte, so tief in die Theorie der Musik hineingeriet, daß ich glaubte mit einem tüchtigen Kapellmeister zu sprechen; nun gelang es mir bald meine musikalischen Kenntnisse geltend zu machen und ich erhielt in den ersten Häusern als Singemeister Zutritt, so daß meine Existenz wenigstens gesichert ist, indem ich überall gut und prompt bezahlt werde. – Recht erfreulich ist es mir gewesen, hier in Deutschland so viel Empfänglichkeit für das wahre Schöne zu finden. Überall wo ich hinkomme, ist Tiek ein gefeierter Name, auch unser Freund Werner hat hier sein Publikum; im Gräflich Rothenhanschen Hause wo ich fünf! Komtessen im Gesange unterrichte, habe ich (mit welchen sonderbaren Empfindungen können Sie sich denken) den Attila gesehen, und als ich meiner Verhältnisse mit Werner erwähnte, mußte ich erzählen, was ich nur wußte aus seinem frühern Leben und von dem Gange, den seine Ausbildung genommen hat. Den andern Tag rollte ich sein Crayonbild auseinander und sagte: so sieht er aus. Das Bild wurde gleich in Beschlag genommen und eben jetzt kopiert es Gräfin Gabriele, ein recht liebenswürdiges sechzehnjähriges Mädchen. – Hört das Theater nun hier ganz auf, so erwerbe ich doch durch Unterricht und Komponieren mein notdürftiges Brot und werde das schöne Bamberg nicht verlassen, bis ich etwa ein fixiertes Unterkommen bei einer fürstlichen oder königlichen Kapelle finde, wozu sich vielleicht nach den Versicherungen meiner hiesigen Gönner eine Aussicht öffnen könnte. Unter andern (lachen Sie mich tüchtig aus, liebster Freund!) habe ich auch fürs hiesige Theater Verse gemacht. Es hatte mit ihnen folgende Bewandtnis. Die Tochter des hier residierenden Herzogs von Bayern, Prinzessin von Neufchatel, deren Gemahl (Marschall Berthier) bekanntlich in Spanien ist, ist hier. Herr Cuno beschloß ihren Namenstag im Theater zu feiern und übertrug mir die Ausarbeitung eines Prologs. Ich warf so ein recht gemein sentimentales Ding zusammen, komponierte ebensolche empfindsame Musik dazu – es wurde gegeben – Lichter – Hörner – Echos – Berge – Flüsse – Brücken – Bäume – eingeschnittene Namen – Blumen – Kränze nicht gespart, es gefiel ungemein und ich erhielt mit sehr gnädigen Ausdrücken von der Prinzessin-Mutter für die verschaffte Rührung 30 Karolin, die gerade hinreichten mich hier so ziemlich auf reinen Fuß zu setzen. – Bei einer gewissen Stelle im Prolog »Ich ging – ich flog – ich stürzt' in ihre Arme!« (ein ungemein schöner Klimax) umarmten sich in der herzoglichen Loge weinend Mutter und Tochter, wobei das Publikum ziemlich ironisch klatschte; nun hatte der Prolog auch dem Publikum gefallen und wurde für den andern Tag begehrt; die herzoglichen Personen erschienen in der Loge und umarmten sich richtig wieder bei jener Stelle, worüber das Publikum viel in die Hände klatschend seine Zufriedenheit äußerte. Mir schien es als ob dadurch sich das Ganze, Theater und Publikum, auf eine höchst vortreffliche Weise zu einer Aktion verband und so das fatale Verhältnis zwischen darstellen und zusehen ganz aufgehoben wurde; mir lachte das Herz im Leibe und ich hatte noch nicht einmal meine 30 Karolin sondern nur etwelche gnädige Blicke ins Orchester hinab erhalten. – Nun bin ich auch auf eine gewisse Weise bei dem Hofe introduziert, singe im Hofkonzert und werde die Gemahlin des Herzogs Pius, sobald sie den Katarrh verloren hat, welches wie der Hofmarschall versichert, sich Mitte März zu ereignen pflegt, wo Sie (die Durchlaucht) auf der Terrasse etwas weniges Sonnenschein gnädigst einzunehmen pflegen, im Gesange unterrichten. – An Rochlitz (mit dem Manuskript des »Ritter Gluck«) Bamberg, den 12. Januar 1809 ... Ich wage es einen kleinen Aufsatz, dem eine wirkliche Begebenheit in Berlin zum Grunde liegt, mit der Anfrage beizulegen, ob er wohl in die Musikalische Zeitung aufgenommen werden könnte? – Ähnliche Sachen habe ich ehemals in obenerwähnter Zeitung wirklich gefunden, z. B. die höchst interessanten Nachrichten von einem Wahnsinnigen, der auf eine wunderbare Art auf dem Klavier zu fantasieren pflegte. – Vielleicht könnte ich mit der Redaktion der Musikalischen Zeitung in nähere Verbindung treten und zuweilen Aufsätze und auch Rezensionen kleinerer Werke einliefern. Ew. Wohlgeboren würden mich ganz außerordentlich verbinden, wenn Sie die Güte hätten Sich dafür zu interessieren und mich mit den Bedingungen unter denen es geschehen könnte, bekanntmachten. – Die Tendenz des beigelegten Aufsatzes werden Ew. Wohlgeboren gewiß nicht verkennen ... Aus dem Tagebuch 25. Januar 1809: Einen sehr angenehmen Brief von Rochlitz aus Leipzig. Er nimmt den »Ritter Gluck« zum Einrücken, und mich zum Mitarbeiter an der Musikalischen Zeitung an. Abends bei dem Landesdirekt.-Rat Fuchs zum Tee. Als wir um 9½ nach Hause wollten, hatte die Rednitz die ganze Gegend bis zur Jüdenstraße überschwemmt, so daß wir nicht nach Hause konnten, wir gingen zu Madame Cuno, die uns aufnahm – Not bricht Eisen. – Meine Frau sehr erschrocken, ich aber nicht.   13. Februar . An der Fuge gearbeitet – die Theatergeschichte kommt zum Ausbruch – Cuno erklärt sich nicht länger halten zu können. Die Gesellschaft soll reduziert werden und von den Gagen 25 % Abzug – Wie wird das enden!! – Abends auf dem Ball im Kasino. An den Violinisten (früheren preußischen Beamten in Warschau) Morgenroth in Dresden. Bamberg, den 26. Februar 1809. ... Gleich den ersten Tag, als ich hergekommen war, merkte ich es dem Herrn Unternehmer Heinrich Cuno an, daß sein hoher Grad Windbeutelei und Unkenntnis die ganze Sache scheitern machen würde, und so ist es denn auch gekommen; er hat in wenigen Monaten bankerott gemacht und nach sechs Wochen hört das hiesige Theater auf. Das Orchester ist erbärmlich, die Fagotts Kämme, die Hörner Brummeisen und die Violinen Pappendeckel, dabei besitzen die Herren Kapellisten des vorigen Bischofs, dem die Musik allemal Leibschneiden verursachte, einen Dünkel ohne Grenzen und sind nie vergnügter als wenn sie eine Sache umgeworfen haben. Ich habe daher schon seit langer Zeit der Direktion des Orchesters entsagt, bloß die Komposition fürs Theater besorgt und mit einer Gage von 30 fl. vorliebgenommen. Auf diese Weise hatte ich die Zeit nebenher zu komponieren und im Gesange Unterricht zu erteilen, welches mein Auskommen, auch wenn das Theater aufhört und ich kein anderes Engagement finde, begründet, denn es lebt sich hier ganz angenehm und spottwohlfeil. In diesem Augenblick etabliere ich unter höherm Schutz eine Singakademie, welche allein mir so viel einbringen soll, daß ich zur Not leben kann. Sie mit Ihrer Violine würden hier als ein Phönix und rara avis bewundert werden, denn der erste und einzige Violinspieler hier, Herr Konzertmeister Dittmayer, spielt wenigstens zwölfmal schlechter als Sie. Die Hoffnung, daß Sie wieder neben meinem Flügel stehen und losstreichen sollen, gebe ich noch gar nicht auf, und vielleicht kann eine Reorganisation des Theaters und Orchesters Sie noch mit Vorteil nach dem schönen wohlfeilen Bamberg bringen. Es schlägt ½6 Uhr – ich muß ins Theater, um in der Zauberflöte das Glockenspiel zu handhaben ... An den Musikverleger Härtel in Leipzig Bamberg, den 26. Februar 1809. Ew. Wohlgeboren werde ich schon durch den Herrn Hofrat Rochlitz bekanntgeworden sein, ich darf daher keinen Anstand nehmen, mich in einer Angelegenheit an Sie zu wenden, die vielleicht in ihrer Ausführung Ihnen nicht ganz (un)angenehm sein dürfte. – Es fehlt hier in Bamberg gänzlich an einem Musiklager und meine Scolaren (ich gebe Unterricht im Gesange und Klavier) sind in beständiger Verlegenheit, neue Sachen zu erhalten: ich bin daher gesonnen selbst einige Sachen, die hier gerade gesucht werden, in Kommission zu nehmen und frage Sie, ob Sie wohl geneigt wären, mir einige Sachen aus Ihrem Verlage in Kommission zu geben? – Zu diesem Behufe würde ich mir die gütige Zuwendung Ihres Verlagskatalogs erbitten und zugleich würden Sie gütigst bestimmen was Sie mir an Rabatt, Kommissionsweise, und kaufsweise geben würden, wie Sie die Zahlungen verlangen. Ew. Wohlgeboren würden an mir, wie ich als ein gewissenhafter ehrlicher Mann versichern kann, einen fleißigen, ordentlichen Korrespondenten jederzeit haben ... Aus dem Tagebuch 13. März 1809: Im Konzert – Den »Ritter Gluck« gedruckt gelesen! – es ist sonderbar, daß sich die Sachen gedruckt anders ausnehmen als geschrieben.   14. März : Brief von Hampe und von Breitkopf und Härtel – Sie gehn die Verbindung ein – Hampe rühmt ganz ungemein die Ouvertüre der »lustigen Musikanten«. An Härtel in Leipzig Bamberg, den 5. April 1809. ... Es ist ganz richtig, daß es nicht der Mühe verlohnen würde, hier ein großes Kommissionslager zu etablieren, und Ew. Wohlgeboren Vorschlag, mir nur dasjenige zu senden, was ich des sicheren Debuts wegen verlange, ist meiner Meinung nach angemessen. In diesem Augenblick ist auch die unruhige kriegerische Zeit meinen Unternehmungen sehr entgegen, mehrere meiner Scolaren haben sich aufs Land zurückgezogen und dies erschwert mir den Debut der Musik, indessen hoffe ich doch die jetzige Sendung bald zu verkaufen und werde das Geld Herrn Göbhardt auszahlen, Quittung aber Ew. Wohlgeboren übersenden ... Aus dem Tagebuch 1. Mai 1809: Neue angenehme Wohnung bezogen mit herrlicher Aussicht in Berg und Tal. Auch ein Poetenstübchen dabei!! – An Hitzig in Berlin Bamberg, Zinkenwörth Nr. 50. Im Hause des Trompeters Warmuth. Den 25. Mai 1809. ... Der leidige Krieg hat mir aufs neue viel Schaden getan und einen großen Teil meiner Pläne und Hoffnungen zerstört. Als noch Franzosen und Österreicher hier herum standen, geriet alles in Furcht und Schrecken, so daß mehrere der ersten hiesigen Familien mit dem herzoglichen Hause den Ort verließen und noch nicht zurückgekehrt sind. So ist nicht allein mein Singe-Institut nicht zustandegekommen, sondern ich habe auch mehrere meiner Scolaren verloren; nehmen Sie noch dazu, daß mein Theatergehalt ausblieb, so können Sie denken, wie es mir schwer wurde mich durchzufristen, indessen – es muß gehen und geht auch, da ich nun und nimmermehr: Relatio ex Actis usw. schreiben darf und so die eigentliche Quelle alles Übels versiegt ist. Jetzt ist hier alles ruhig, wir leben wie im tiefsten Frieden, und dies läßt mich auch die Verbesserung meiner Lage hoffen, wozu nicht viel gehört, da man wirklich hier so wohlfeil lebt, als ich es mir nicht gedacht hatte. Überhaupt bin ich mit dem Orte meines Aufenthaltes sehr zufrieden, da er sich ganz dazu eignet ein ruhiges Künstlerleben zu führen, welches mir meine gänzliche Entfernung von dem Theater jetzt verstattet und wozu mir die Eröffnung einer gewissen literarisch künstlerischen Laufbahn eine nicht unangenehme Aussicht darbietet. – Über beides einige Worte! – Was zuerst das Theater anbetrifft, so ist es dabei dem Zeitgeiste getreu ganz revolutionär zugegangen und mit einer Schnelle sondergleichen hat es die verschiedensten Perioden durchlaufen. – Schon im Februar erklärte Hr. Cuno mit einem Male der ganzen Gesellschaft, daß er insolvent sei und das Theater aufgeben müsse; den Regisseur des Schauspiels Herrn Opel an der Spitze movierte sich die Gesellschaft gegen dies Verfahren und es kam zu gerichtlichen Verhandlungen, die den sauberen Hrn. Direktor nötigten die Vorstellungen fortzusetzen und die Administratur der Kasse einem aus der Gesellschaft gewählten Komitee zu überlassen – Daß hierbei auch nicht viel Gescheutes herauskam, können Sie sich denken, das Ganze kam wieder seiner völligen Auflösung ganz nahe, und nun traten die drei Hauptgläubiger des Hrn. C. auf und sprachen also: Wir müssen, koste was es wolle, Hrn. C. und sein Theater erhalten, denn nur auf diese Weise können wir noch zu unsern Gelde kommen, wir übernehmen daher die Direktion und garantieren die Gagen den Sommer über mit 30 p. C. Abzug. Die armen Schauspieler und Ihr Freund, der Mus. Dir. in dieser glücklichen Zeit, wo die großen Opern mit obligaten Kanonen alles übertäuben, sagten ja und das Ding ging aufs neue los. Die neuen Direktoren zeigten sich indessen bald dem ganz getreu was sie sind – knauserten und knickten, machten tolle Streiche, wurden grob, so daß, wer noch auf eine andre Art ein Stück Brot verdienen konnte, das Theater ganz verließ, wie ich es denn auch tat, so daß mein Kontrakt, in dem glücklicherweise sechswöchentliche Aufkündigung bedungen war, vorigen Montag sein Ende erreicht hat und ich nichts weiter von meiner Carr. übrig behalte als den Titel Mus. Dir., den ich für künftige Fälle konservieren will. Die neue Direktion besteht aus einem Zuckerbäcker, einem Liqueursieder und einem jüdischen Seidenhändler!! und damit Sie einen Begriff von dem Geiste des neu organisierten Theaters bekommen, lege ich Ihnen ein Stück Komödienzettel bei mit der Szenerie der Teufelsmühle.– Was nun meine artistisch-literarische Laufbahn betrifft, so ist darin ein nicht unbedeutender Schritt dadurch geschehen, daß ich von der Redaktion der Musik. Zeitung in Leipzig als Mit-Arbeiter feierlich auf und angenommen worden bin, welches übrigens natürlicherweise ganz unter uns bleibt. Sie können meinen Debut in Nr. 20 (ni fallor) Februar sub titulo Ritter Gluck lesen; ein Aufsatz der Ihnen in mancher Beziehung merkwürdig sein wird, dem Sie es aber auch anmerken werden, daß R. hin und wieder nach seiner Art gefeilt hat, welches ich geschehen lassen mußte, unerachtet es mir nicht lieb war. Das übrige von mir sind Rezensionen praktischer Werke die Sie nicht interessieren, finden Sie aber künftig zufällig einen Aufsatz über Operntexte, so würdigen Sie ihn Ihrer Aufmerksamkeit. Was meine praktische Arbeiten betrifft, d. h. Kompositionen, so soll das Wesen jetzt erst recht angehen, denn bis dahin habe ich fürs Theater nicht komponieren sondern Musikschmieren müssen, z.B. Alleg. Ballette pp., welches mir Zeit und Laune geraubt hat. – Daß Ihre Geschäfte, mein teuerster Freund! so gut von statten gehen, daß Sie Ihren Grundsätzen getreu blieben und sich um das bessere in der schönen Literatur so hochverdient machen, das freut mich recht innig. Ihren Katalog habe ich abschriftsweise verteilt und glaube dadurch manche Nachfrage bei Göbhardt veranlaßt zu haben. Wie schmerzhaft ist es mir, zur Zeit nichts auf die Reorganisation meiner kleinen Bibliothek wenden zu können, indessen den Gozzi muß ich haben; vielleicht bekommt ihn Göbhardt, wo nicht, so könnte ich ihn vielleicht von Ihnen zugeschickt erhalten und das Geld dafür an Göbh. zahlen; schreiben Sie mir darüber das nötige. Den zweiten Teil des spanischen Theaters habe ich hier schon gesehen und durchblättert. – Nach dem ersten Blick interessiert mich die Brücke von Mantible ganz vorzüglich. – Werner hat, wie ich in den öffentlichen Blättern gelesen habe, eine Pension von 1000 rth. vom Fürsten Primas (Dalberg) erhalten – nun ist ja seine Existenz für immer gesichert, und sein Genius könnte sich frei erheben, ob er aber jemals mehr werden wird als er ist, daran zweifle ich! – Sein kleinliches Verfahren gegen Sie, dem er doch sein Aufkommen recht eigentlich zu verdanken hat, hat mich recht sehr indigniert, wie er sich gegen mich benahm, mag ich gar nicht rügen. – Winzers Schicksal hat mich erschreckt, mich aber auch über die sonderbare Verstimmung, die ich immer an ihm bemerkte, aufgeklärt. – Man debutiert hier seit einiger Zeit über den Zustand von Berlin und die dortigen Ereignisse seit dem romanesken Schillschen Ausmarsch die seltsamsten Gerüchte, so daß ich die innere Sicherheit für gefährdet glauben muß, können Sie mir darüber etwas Näheres schreiben, so tun Sie es, denn leicht können Sie glauben, wie sehr mich die neueren Tatsachen und Vorgänge in B. interessieren. – Tun Sie mir die Freundschaft beiliegende kleine Anzeige (über das Singeinstitut), die für die gute Wirkung hier am Orte sehr berechnet ist, so schnell als möglich in die eleg. Zeitung oder ins Morgenblatt rücken zu lassen, bei Ihren Verbindungen kann es Ihnen nicht schwer fallen meine dringende Bitte darum zu erfüllen ...   Mit dem Kampf ums tägliche Brot war das Jahr 1809 ausgefüllt. Der Krieg zwischen Österreich und Frankreich gefährdete immer wieder Hoffmanns Lage. Österreichische und französische Truppen durchzogen die Stadt. Die vornehmsten Familien blieben fort oder kamen erst allmählich zurück. Aus dem geplanten »Singe-Institut« wurde nichts. Ebensowenig schlug der in Verbindung mit Breitkopf \& Härtel begonnene Notenhandel ein. Aber die Mitarbeit für die Leipziger Musikalische Zeitung trug schönste Früchte, besonders seit Hoffmann die Werke Beethovens in dieser wichtigsten deutschen Musikzeitschrift anzuzeigen hatte. Bekanntlich wurde Hoffmann mit diesen Arbeiten zum ersten Vorkämpfer des größten musikalischen Genius der Zeit und zum Begründer der Musikkritik im modernen Sinne. Das eigentliche Schicksalsjahr aber sollte für ihn 1810 werden. In dieser Zeit begann seine Leidenschaft zu Julia Mark, einer vierzehnjährigen Gesangsschülerin. Julia bedeutet für Hoffmann das größte innere Erlebnis, das ihn in den nächsten Jahren vom Musikschriftsteller zum unsterblichen Dichter entwickeln sollte. Fast sein ganzes späteres, dichterisches Werk baut sich auf diesem Julia-Erlebnis auf, von den ersten Aufsätzen der »Kreisleriana« bis zum »Kater Murr«. Leider wissen wir von den Vorgängen des Jahres 1810 sehr wenig, da aus dieser Zeit nur der Briefwechsel mit Härtel erhalten und ein Tagebuch wohl überhaupt nicht geführt ist. Als das Tagebuch mit dem 1. Januar 1811 wieder einsetzt, sind bereits alle Personen dieser seltsamen Julia-Tragödie auf den Schauplatz getreten: Julias Mutter, die Witwe des Konsuls Mark, die das schöngeistige Haus in Bamberg führt. Der Medizinaldirektor Marcus, Leiter des Irrenhauses St. Getreu bei Bamberg, einer der hervorragendsten Psychiater seiner Zeit, überdies naher Verwandter des Markschen Hauses. Der Arzt Dr. Speier, ein Vetter Julias und Hoffmanns vertrauter Freund. Die wichtigste Figur dieser Jahre: Der merkwürdige Weinhändler und spätere Verleger Hoffmanns, Kunz, sein nicht immer ganz zweifelfreier Mäzen, damals bereits Besitzer einer großen Leihbibliothek. Auch die Theaterverhältnisse hatten sich von Grund auf verändert. Im Frühjahr 1810 legte Graf Soden das Theaterprivileg in die Hände der Frau Cauer, Besitzerin der »Rose«, zurück. Im April absolvierte Hoffmanns alter Freund aus seiner Berliner Zeit, der einstige Gitarrenvirtuose und Schauspieler, jetzt Schauspieldirektor Franz v. Holbein, ein Gastspiel mit seiner Truppe. Ihm wurde das Theater für die nächsten Jahre übertragen. Holbein schuf in Bamberg, von Hoffmann nennenswert unterstützt, geradezu eine Musterbühne, deren Aufführungen Calderonscher und Kleistscher wie Shakespearescher Dramen vorbildlich wurden. Holbein hatte in der Glogauer Zeit die Gräfin Lichtenau kennengelernt und war von ihr, der alten Mätresse Friedrich Wilhelms II., geehelicht worden. Er trennte sich bald von dieser Frau und lebte in freier Liebe mit Madame Renner, der besten Schauspielerin seines Ensembles, zusammen. Holbein und die Renner wurden somit ebenfalls zu ständigen Figuren von Hoffmanns Bamberger Leben. Es scheint sogar, daß der gewandte Mime der kleinen Julia Mark zuzeiten ein wenig den Kopf verdreht hat. Die folgende Schilderung von Hoffmanns »Musikalischen Leiden«, die sich der vom Schicksal Gehetzte als »Johannes Kreislers, des Kapellmeisters, musikalische Leiden« von der Seele schrieb, stammt bereits aus dem Sommer 1810. Zum erstenmal tritt hier in dem Kapellmeister Kreisler jene Gestalt auf, die Hoffmanns zweites Ich darstellt. Auch hier wirft bereits die beginnende Liebe zu Julia ihren ersten Schatten auf Kreislers Gestalt, wie sie überhaupt mit dem Julia-Erlebnis verbunden blieb. Kreisler, der des geliebten Musikfreundes Hampe Vornamen Johannes erhielt, ist ja nicht nur der Held der unter dem Namen »Kreisleriana« zusammengefaßten Aufsätze, sondern auch des späteren Romans »Kater Murr«, in dem das Kreisler-Julia-Schicksal seinen künstlerischen Ausdruck finden sollte. Auf einem Musiktee Sie sind alle fortgegangen. – Ich hätt' es an dem Zischeln, Scharren, Räuspern, Brummen durch alle Tonarten bemerken können; es war ein wahres Bienennest, das vom Stocke abzieht, um zu schwärmen. Gottlieb hat mir neue Lichter aufgesteckt und eine Flasche Burgunder auf das Fortepiano hingestellt. Spielen kann ich nicht mehr, denn ich bin ganz ermattet; daran ist mein alter herrlicher Freund hier auf dem Notenpulte schuld, der mich schon wieder einmal wie Mephistopheles den Faust auf seinem Mantel durch die Lüfte getragen hat, und so hoch, daß ich die Menschlein unter mir nicht sah und merkte, unerachtet sie tollen Lärm genug gemacht haben mögen. – Ein hundsföttischer, nichtswürdig vergeudeter Abend! Aber jetzt ist mir wohl und leicht. – Hab' ich doch gar während des Spielens meinen Bleistift hervorgezogen und Seite 63 unter dem letzten System ein paar gute Ausweichungen in Ziffern notiert mit der rechten Hand, während die Linke im Strome der Töne fortarbeitete! Hinten auf der leeren Seite fahr' ich schreibend fort. Ich verlasse Ziffern und Töne mit wahrer Lust, wie der genesene Kranke, der nun nicht aufhören kann zu erzählen, was er gelitten, notiere ich hier umständlich die höllischen Qualen des heutigen Tees. Aber nicht für mich allein sondern für alle, die sich hier zuweilen an meinem Exemplar der Johann Sebastian Bachschen Variationen für das Klavier, erschienen bei Nägeli in Zürich, ergötzen und erbauen, bei dem Schluß der dreißigsten Variation meine Ziffern finden und, geleitet von dem großen lateinischen Verte (ich schreib es gleich hin, wenn meine Klageschrift zu Ende ist), das Blatt umwenden und lesen. Diese erraten gleich den wahren Zusammenhang; sie wissen, daß der Geheime Rat Röderlein hier ein ganz scharmantes Haus macht und zwei Töchter hat, von denen die ganze elegante Welt mit Enthusiasmus behauptet, sie tanzten wie die Göttinnen, sprächen französisch wie die Engel und spielten und zeichneten und sängen wie die Musen. Der Geheime Rat Röderlein ist ein reicher Mann; er führt bei seinen vierteljährigen Dinés die schönsten Weine, die feinsten Speisen, alles ist auf den elegantesten Fuß eingerichtet, und wer sich bei seinen Tees nicht himmlisch amüsiert, hat keinen Ton, keinen Geist und vornehmlich keinen Sinn für die Kunst. Auf diese ist es nämlich auch abgesehen; neben dem Tee, Punsch, Wein, Gefrorenen usw. wird auch immer etwas Musik präsentiert, die von der schönen Welt ganz gemütlich so wie jenes eingenommen wird. Die Einrichtung ist so: nachdem jeder Gast Zeit genug gehabt hat, eine beliebige Zahl Tassen Tee zu trinken, und nachdem zweimal Punsch und Gefrorenes herumgegeben worden ist, rücken die Bedienten die Spieltische heran für den älteren, solideren Teil der Gesellschaft, der dem musikalischen das Spiel mit Karten vorzieht, welches auch in der Tat nicht solchen unnützen Lärm macht und wo nur einiges Geld erklingt. – Auf dies Zeichen schießt der jüngere Teil der Gesellschaft auf die Fräuleins Röderlein zu; es entsteht ein Tumult, in dem man die Worte unterscheidet: Schönes Fräulein, versagen Sie uns nicht den Genuß Ihres himmlischen Talents – o singe etwas, meine Gute –. Nicht möglich – Katarrh – der letzte Ball – nichts eingeübt. – O bitte, bitte – wir flehen usw. Gottlieb hat unterdessen den Flügel geöffnet und das Pult mit dem wohlbekannten Notenbuche beschwert. Vom Spieltisch herüber ruft die gnädige Mama: » Chantez donc, mes enfants! « Das ist das Stichwort meiner Rolle; ich stelle mich an den Flügel, und im Triumph werden die Röberlein an das Instrument geführt. Nun entsteht wieder eine Differenz: keine will zuerst singen. »Du weißt, liebe Nanette, wie entsetzlich heiser ich bin.« – »Bin ich es denn weniger, liebe Marie?« – »Ich singe so schlecht.« – »O Liebe, fange nur an usw.« Mein Einfall (ich habe ihn jedesmal!), beide möchten mit einem Duo anfangen, wird gewaltig beklatscht, das Buch durchblättert, das sorgfältig eingeschlagene Blatt endlich gefunden, und nun geht's los: Dolce dell' anima usw. – Das Talent der Fräulein Röderlein ist wirklich nicht das geringste. Ich bin nun fünf Jahre hier und viertehalb Jahr im Röderleinschen Hause Lehrer; für diese kurze Zeit hat es Fräulein Nanette dahin gebracht, daß sie eine Melodie, die sie nur zehnmal im Theater gehört und dann höchstens noch zehnmal am Klavier durchprobiert hat, so wegsingt, daß man gleich weiß, was es sein soll. Fräulein Marie faßt es schon beim achtenmal, und wenn sie öfters einen Viertelston tiefer steht, als das Piano, so ist das bei solch niedlichem Gesichtlein und den ganz leidlichen Rosenlippen am Ende wohl zu ertragen. – Nach dem Duett allgemeiner Beifallschorus. Nun wechseln Arietten und Duettinos, und ich hämmere das tausendmal geleierte Accompagnement frisch darauf los. Während des Gesanges hat die Finanzrätin Eberstein durch Räuspern und leises Mitsingen zu verstehen gegeben: ich singe auch. Fräulein Nanette spricht: »Aber liebe Finanzrätin, nun mußt Du uns auch Deine göttliche Stimme hören lassen.« Es entsteht ein neuer Tumult. Sie hat den Katarrh – sie kann nichts auswendig! – Gottlieb bringt zwei Arme voll Musikalien herangeschleppt: da wird geblättert und geblättert. Erst will sie singen: der Hölle Rache usw., dann: Hebe, sieh usw., dann: Ach ich liebte usw. In der Angst schlage ich vor: Ein Veilchen auf der Wiese usw. Aber sie ist fürs große Genre, sie will sich zeigen, es bleibt bei der Konstanze. – O schreie du, quieke, miaue, gurgle, stöhne, ächze, tremuliere, quinkeliere nur recht munter: ich habe den Fortissimo-Zug getreten und orgle mich taub. – O Satan, Satan! welcher deiner höllischen Geister ist in diese Kehle gefahren, der alle Töne zwickt und zwängt und zerrt. Vier Saiten sind schon gesprungen, ein Hammer ist invalid. Meine Ohren gellen, mein Kopf dröhnt, meine Nerven zittern. Sind denn alle unreine Töne kreischender Marktweiber-Trompeten in diesen kleinen Hals gebannt? – Das hat mich angegriffen – ich trinke ein Glas Burgunder! – Man applaudierte unbändig, und jemand bemerkte, die Finanzrätin und Mozart hätten mich sehr ins Feuer gesetzt. Ich lächle mit niedergeschlagenen Augen, recht dumm, wie ich wohl merke. Nun erst regen sich alle Talente, bisher im Verborgenen blühend, und fahren wild durcheinander. Es werden musikalische Exzesse beschlossen: Ensembles, Finalen, Chöre sollen aufgeführt werden. Der Kanonikus Kratzer singt bekanntlich einen himmlischen Baß, wie der Tituskopf dort bemerkt, der selbst bescheiden anführt, er sei eigentlich nur ein zweiter Tenor, aber freilich Mitglied mehrerer Singe-Akademien. Schnell wird alles zum ersten Chor aus dem Titus organisiert. Das ging ganz herrlich! Der Kanonikus, dicht hinter mir stehend, donnerte über meinem Haupte den Baß, als säng' er mit obligaten Trompeten und Pauken in der Domkirche; er traf die Noten herrlich, nur das Tempo nahm er in der Eil' fast noch einmal so langsam. Aber treu blieb er sich wenigstens insofern, daß er durch's ganze Stück immer einen halben Takt nachschleppte. Die übrigen äußerten einen entschiedenen Hang zur antiken griechischen Musik, die bekanntlich die Harmonie nicht kennend, im Unisono ging; sie sangen alle die Oberstimme mit kleinen Variationen mit zufälligen Erhöhungen und Erniedrigungen, etwa um einen Viertelton. – Diese etwas geräuschvolle Produktion erregte eine allgemeine tragische Spannung, nämlich einiges Entsetzen, sogar an den Spieltischen, die für den Moment nicht so wie zuvor melodramatisch wirken konnten durch in die Musik eingeflochtene deklamatorische Sätze: z. B. Ach ich liebte – achtundvierzig – war so glücklich – ich passe – kannte nicht – Whist – der Liebe Schmerz – in der Farbe usw. – Es nahm sich recht artig aus. – (Ich schenke mir ein.) Das war die höchste Spitze der heutigen musikalischen Exposition: nun ist's aus! So dacht' ich, schlug da« Buch zu und stand auf. Da tritt der Baron, mein antiker Tenorist, auf mich zu und sagt: »O bester Hr. Kapellmeister, Sie sollen ganz himmlisch fantasieren; o fantasieren Sie uns doch Eins! nur ein wenig! ich bitte!« Ich versetzte ganz trocken, die Fantasie sei mir heute rein ausgegangen; und indem wir so darüber sprechen, hat ein Teufel in der Gestalt eines Elegants mit zwei Westen im Nebenzimmer unter meinem Hut die Bachschen Variationen ausgewittert; der denkt, es sind so Variatiönchen: nel cor mi non più sento – Ah vous dirai-je, mamam usw. und will haben, ich soll darauf losspielen. Ich weigere mich: da fallen sie alle über mich her. Nun so hört zu und berstet vor Langeweile, denk ich und arbeite drauf los. Bei Nr. 3 entfernen sich mehrere Damen, verfolgt von Titusköpfen. Die Röderleins, weil der Lehrer spielte, hielten nicht ohne Qual aus bis Nr. 12. Nr. 15 schlug den Zweiwesten-Mann in die Flucht. Aus ganz übertriebener Höflichkeit blieb der Baron bis Nr. 30 und trank bloß viel Punsch aus, den Gottlieb für mich auf den Flügel stellte. Ich hätte glücklich geendet, aber diese Nr. 30, das Thema, riß mich unaufhaltsam fort. Die Quartblätter dehnten sich plötzlich aus zu einem Riesenfolio, wo tausend Janitationen und Ausführungen jenes Themas geschrieben standen, die ich abspielen mußte. Die Noten wurden lebendig und flimmerten und hüpften um mich her – elektrisches Feuer fuhr durch die Fingerspitzen in die Tasten – der Geist, von dem es ausströmte, überflügelte die Gedanken – der ganze Saal hing voll dichten Duftes, in dem die Kerzen düstrer und düstrer brannten – zuweilen sah eine Nase heraus, zuweilen ein Paar Augen: aber sie verschwanden gleich wieder. So kam es, daß ich allein sitzen blieb mit meinem Sebastian Bach und von Gottlieb, wie von einem spiritu familiari bedient wurde! – Ich trinke! – Soll man denn ehrliche Musiker so quälen mit Musik, wie ich heute gequält worden bin und so oft gequält werde? Wahrhaftig, mit keiner Kunst wird soviel verdammter Mißbrauch getrieben, als mit der herrlichen, heiligen Musika, die in ihrem Wesen so leicht entweiht wird! Habt ihr wahres Talent, wahren Kunstsinn: gut, so lernt Musik, leistet was der Kunst Würdiges und gebt dem Geweihten euer Talent hin im rechten Maß. Wollt ihr ohne das quinkelieren: nun so tut's für euch und unter euch, und quält nicht damit den Kapellmeister Kreisler und andere ... ... Das Blatt ist richtig vollgeschrieben; auf dem vom Titel umgeschlagenen weißen Streifen will ich nur noch bemerken, warum ich hundertmal es mir vernahm, mich nicht mehr bei dem Geheimen Rat quälen zu lassen, und warum ich hundertmal meinen Vorsatz brach. – Freilich ist es Röderleins herrliche Nichte, die mich mit Banden an dies Haus fesselt, welche die Kunst geknüpft hat. Wer einmal so glücklich war, die Schlußszene der Gluckschen Armida oder die große Szene der Donna Anna im Don Giovanni von Fräulein Amalien zu hören, der wird begreifen, daß eine Stunde mit ihr am Piano Himmelsbalsam in die Wunden gießt, welche alle Mißtöne des ganzen Tages mir gequältem musikalischen Schulmeister schlugen ... (Aus »Johannes Kreislers, des Kapellmeisters, musikalische Leiden«.) Aus dem Tagebuch 1811 Unter Röderleins Nichte haben wir bereits Julia Mark zu verstehen, die im Laufe der Zeit mehr und mehr von Hoffmanns Herzen Besitz ergriff. Das Tagebuch dieser Zeit gibt deutlich die Kurve dieser seltsamen romantischen Leidenschaft an. Julia ist im Tagebuch, offenbar um Mischa zu täuschen, als »Kätchen von Heilbronn« aufgeführt, nach Kleists bekanntem Theaterstück, das Holbein auf seinem Theater gab. Hoffmann kürzt den Namen in Ktch oder Kthch ab.   6. Januar. Sonntag : Morgens Stunden – Mitt. bei Bevern, höchst erotischer Abend im »Pumpernickel« dann auf der Redute bis 6½ Uhr – exaltierte humoristische Stimmung – gespannt bis zu Ideen des Wahnsinns die mir oft kommen. Warum denke ich schlafend oder wachend so oft an den Wahnsinn? – Ich meine geistige Ausleerungen könnten wie ein Aderlaß wirken.   10. Januar. Donnerstag : Schlaflose Nacht – sehr krank – gefiebert und phantasiert – deutliche Ahndung daß Julchen kommen würde – und sie kam den Vormittag – Nachher Doct. Speier – viel Schmz. ausgestanden, doch gelesen im »Doctor Katzenberger« und Goethe.   28. Januar. Montag : Vormittags Stunden – bei Mark und Roth., dann bei Seifert diniert mit Holbein – dann zu Hause – zu Mark. Abend gegessen in einer exzellent poetischen Stimmung, exaltiert durch den herrlichen Gesang des Käthchens v. Heilbronn – fantasiert auf dem Flügel mit Glück – Nachts noch zwei Stunden auf der Redute – sehr herabgestimmt aus Mangel an jeder Ergötzlichkeit, die auf das Vorhergegangene hätte passen sollen.   31. Januar. Donnerstag : Vorm. Stunde bei Mark und Stepf – Nachmittags bei Holbein gearbeitet – dann geschlafen – ein wenig komponiert – auf dem Ball – von da und zwar von 8½ bis 10½ Uhr bei H. Kunz – Champ. non ... – auf dem Ball unangenehm exaltierte Stimmung – die Primanerliebe – sonderbar Humor durch das Kthchn erzeugt – ...   2. Februar. Sonnabend : Vormittags bei Holbein, dann Stunden bei der Mark – Mittags bei Holbein – dann ins Theater (Quodlibet – Ouvertüre von mir ... liert). – romaneske Stimmung – Abends in der »Rose« – stark gepunscht – Das Kthch wird obligat – o miserere mei domine .   3. Februar. Sonntag : Vormittags Stunden bei der Mark, dann zu Holbein. Nachmittags ebenfalls – dann nach Buch spät hinein – ins Theater! – Höchst ärgerliche Stimmung – bis zum Exzeß romant. und kapriziös. Ktchn ... De profundis clamamus – Abends in der »Rose« gepunscht –   5. Februar. Dienstag : Morgens Stunden bei Mark – Nachmittags bei Kunz – da bei Holbein – zu Hause – dann auf dem Kinderball – Ktch: plus belle que jamais et moi – amoureux comme quatre vingt diables – exaltiert – zu Kunz eingeladenermaßen ...   13. Februar. Mittwoch : Vormittags bei Mark – Theodory – Rothenhan. Kunz – 30 fl geborgt – Abends bei der Mark – Romeo und Julia – exaltiert romantische Stimmung – Ktch.   14. Februar. Donnerstag : Vormittags Mark – Holbein – Rothenhan – Nachmittags Holbein – Spaziergang – »Rose« – fortwährend fantastische Stimmung nebst enormer Faulheit – Kthch – Kthch Kthch.   15. Februar. Freitag : Vormittags Stunde bei Holbein – Roth. – Nachmittags bei der Mark – Ktch – fantast. St. – Abends im Theater, »Künstlers Erdenwallen«. Lämmermeier!! – Spät in der »Rose« – Ktch.   16. Februar. Sonnabend (Juliana): Vormittags bei Mark – Theod. – Roth. Neue Kleidung – Nachmittags in der »Rose« – Abends den Julianentag feierlichst begangen bei Mark – exaltierte Stimmung – διεσε ρομαντιοχε οτιμμυνγ γρειφτ ιμμερ μερ υρσιχ υνδ ιχ φυρχτε εσ ωιρδ υνϑειλ δαρανσ ενστεν – Κτχ   17. Februar. Sonntag : Vormittags bei Kunz – Mark – Nachmittags in Buch, dann im Theater – Holbein ist arriviert aus Würzburg – Abends in der »Rose« – Krankhafte Empf. – die gestrige griechische Bemerkung gilt für heute doppelt – Ktch.   18. Februar. Montag : Vormittags Mark – Roth. – Abends auf dem Kasino – Ktch – in ihr leben und sind wir! – ...   21. Februar. Donnerstag : Vorm. Mark – Stepf, Rothenhan. Nachmittags Holbein-Probe von »Belmonte und Konstanze« im Theater – Madame Koehl – herrliche Sängerin – Enthusiasm in Beziehung auf Ktch – Abends in der »Rose« –   22. Februar. Freitag : Vormittags Mark – Holbein – bis 1 Uhr gearbeitet – Nachmittags nach Buch – Augenschmerz, Anzeige einer Augenentzündung – Abende im Theater – »Bel. u. Konst.« – mit Ktch im Theater – Enth. – Unvernunft und Leidenschaft – quod deus bene vertat   25. Februar. Montag : Vormittags Mark – Roth. – Nachmittags Spaziergang mit K. Abends im Theater, nachher auf dem Ball – bei Kunz – wieder auf dem Ball (getrunken) im höchsten Grade – exotische Streiche im Übermaß. Ktch – Ktch – Ktch!!!! exaltiert bis zum Wahnsinn.   26. Februar. Dienstag : Bis 11½ Uhr geschlafen – dann noch exaltiert aufgestanden – Ktch – Ktch – Spazierengegangen – Nachmittags bei Holbein, abends Kunz bei mir – sehr vergnügt. Einen Augenblick auf der Redute.   28. Februar. Donnerstag : Vorm. Mark, Stepf, Rothh. Nachmittags Holbein, in Buch – im Theater, bei Kunz – Hol' der Teufel die kuriose Stimmung – entweder schieße ich mich tot wie einen Hund, oder ich werde toll! – q [uod] d [eus] b [ene] v [ertat]   3. März. Sonntag : Vormittag bei der Mark – Nachmittag »Rose« – Abends Theater (»das unterbrochene Osterfest«) mit Ktch – enthusiasmo – in der »Rose« Bekanntschaft des Komponisten Maria von Weber gemacht. Ktch – Ktch Ktch.   17. März. Sonntag : Vormittags bei Mark – bei Holbein. Nachmittags in Buch – Abends im Theater »Ida Münster« – ein Choral von mir sehr gut ausgeführt – Rose – Nachts beistehendes Sonett gemacht (zu Julias Geburtstag am 18. März!) Sonett an Julia (mit einem Rosenstock) Der Frühling kommt auf blauen Wolkenwogen,       In duft'ger Ferne leuchtet sein Gefieder,       Den stillen Wald beleben frohe Lieder,       Der Heimat sind die Sänger zugeflogen. Und Strahl auf Strahl entbrennt am Himmelsbogen,       Und was er küßt, es muß sich schnell gestalten,       Die Blüte sich aus dunkler Knosp' entfalten,       Ins Leben ist des Lebens Glut gezogen. Aus grüner Wiege will die Rose glänzen,       Ihr holdes Rot sind holder Geister Töne,       Der Jugend Anmut – Reize, ihr Erglühen. Du Mägdlein! bist das Bild des süßen Lenzen,       Der Rosenknospe gleich an Anmut, Schöne,       Und was du wirst, das zeige ihr Erblühen.   18. März. Montag : Vormittags Mark – Anstalten zur Übersendung des Rosenstocks und des Sonetts – Nachmittags solissmo in Buch – Abends herrlicher Gesang der Koehl – enthusiasmo mit Ktch beinahe den höchsten Grad erreicht. Abends Pipicampu und geistiger Ehebruch.   1. April. Montag : Früh bei der Mark in der entsetzlichsten fatalsten Stimmung, das exotische verliert sich nicht.   4. – 20. April : Im Ganzen genommen in allen diesen Tagen nichts ins Leben Einschneidendes vorgegangen. Die gewisse exotische Stimmung, wovon so oft die Rede ist, hat sich nicht verloren, sondern wird eine besondere Episode unangenehmer Art bemerkenswert bleiben.   21. April. Sonntag : Die Gewißheit von Holbein erhalten, daß ich nach Würzburg gehen soll. – Im Theater zum ersten Male mit Ktch in nähere Berührung gekommen – Folge eine ganz caduce Stimmung.   22. April bis 1. Mai : Hier tritt eine etwas bessere Periode ein, die sich in vermehrter Tätigkeit ausspricht. Das Melodrama »Saul« wurde mit Anstrengung und anhaltend komponiert, wie ich glaube auch mit Glück, auch wurden Kartons zum gotischen Turm auf der Altenburg gezeichnet – ich schrieb an Holbein, – und siehe da, er bestimmte mich für Bamberg – ich bleib' also hier.   13. – 14. Mai. Montag – Dienstag : Der Herzog hat sich zu größerer Unterstützung des Theaters erklärt, und die Anstalt, sowie meine Lage ist jetzt ganz fixiert – besonders vergnügte Stimmung.   15. – 18. Diese Stimmung wird nur durch exotische Fantastereien unterbrochen – Ktch – der Himmel lenke alles zum Guten. Nachträgliche Eintragungen für das Jahr 1811: – bei Holbein als Theater-Architekt mit 50 fl. monatlich engagiert.   Den 27. Juli : Die Nachricht von dem Tode des Onkels in Königsberg erhalten – zum Universalerben eingesetzt. Bald darauf das Testament.   Den 27. Dezember : Einen Wechsel von 500 rth aus Königsberg erhalten. Diese Tagebucheintragungen geben ein ungefähres Bild von dem Leben Hoffmanns in jener Zeit. Mit Holbein leitete er das Theater. Einsame Spaziergänge nach dem romantisch gelegenen Ausflugsort Buch, verlorene Stunden beim Wein in dem Gasthaus »Zur Rose« wechselten mit Arbeit an Kompositionen und Stundengeben in den Familien Mark, Rothenhan, Theodori, Stepf. Ganz überraschend kam die Nachricht von dem Tode des O-weh-Onkels aus Königsberg. Aber die seit einem Jahrzehnt ersehnte Erbschaft brachte nicht die Befreiung aus dem Joch der Fronarbeit. Vorläufig erhielt er nur in geringen Raten einige Zinsen, die ihn keineswegs vor Entbehrungen schützten. Als er einige Jahre später die Erbschaft kapitalisieren konnte, war sie so zusammengeschmolzen, daß sie gerade ausreichte, ihn aus der äußersten Bedrängnis für kurze Zeit zu befreien. Das war das Ende des einst so stattlichen Doerfferschen Vermögens. Medizinaldirektor Markus hatte vor der Stadt die Altenburg erworben, eine alte Burg, die Hoffmann mit dem Freunde oft auf Spaziergängen besuchte, und auf die er sich auch einmal längere Zeit zu ungestörter Arbeit zurückzog. Er malte die Räume der alten Burg übrigens aus, und ebenso schmückte er die Räume des Kasinosaals mit eigenen Fresken. Diese Malereien unterbrachen wohltätig die Arbeit an den Kompositionen und für das Theater, für das er in jener Zeit mehr und mehr als Maschinist und Dekorationsmaler tätig war. Während all dieser Tätigkeit hörten aber die Gedanken nicht auf, um Julia zu kreisen. Das Julia-Erlebnis regte ihn allmählich künstlerisch an; er fühlte die Notwendigkeit, dieses Erlebnis durch Gestaltung zu überwinden. Aber erst ganz allmählich drang er bis dahin vor. Über ein Jahr lang dauerte es, und viel Ereignisse mußten noch hinzutreten, ehe Hoffmann im »Berganza« zur dichterischen Gestaltung seines Erlebnisses kam. Sein Verhältnis zu Julia, der der verehrte Lehrer sicherlich nicht ganz gleichgültig geblieben war, nahm durch das Dazwischentreten des jungen Kaufmanns Gröpel eine verhängnisvolle Wendung. Gröpel, als Mensch wenig anziehend, ja ein roher und ungebildeter Wollüstling, wurde von Frau Mark für Julia zum Gatten bestimmt. Julia ließ sich von dem erfahrenen Mädchenjäger einspinnen und willigte in die Verlobung ein. Die folgenden Auszüge aus den Tagebüchern geben die Entwicklung dieser Verhältnisse wieder, die Hoffmann an den Rand des Wahnsinns brachte, die in ihm aber zugleich sein Dichtertum löste. Aus dem Tagebuch 4. Januar 1812: ... bittere Erfahrungen – Anstoßen der poetischen Welt mit der prosaischen. Exaltati. – exaltatione grandissima!!!   9. Januar: ... Abends im Kasino – Ktch – sonderbare widersprechende Ereignisse – exotische Stimmung – in den eigenen Eingeweiden gewühlt – Ktch – Ktch – Ktch –   11. Januar: ... Sehr exotische Ideen – Ktch im hohen Grade – O dei – es ist zu arg – ihr Blick – Orakel – Ring – che fate voi –   19. Januar: ... Es bleibt noch von der gestrigen höchst exotischen Stimmung viel zu bemerken – Ktch – Ktch – Ktch. O Satanas – Satanas – Ich glaube, daß irgendetwas hochpoetisches hinter diesem Dämon spukt, und insofern wäre Ktch nur als Maske anzusehen – demasquez vous donc, mon petit monsieur! –   20. Januar: ... Abends Kasino sehr getanzt mit Theodori – Julchen – sämtlichen Rothh. – merkwürdige Erfahrungen in Rücksicht der Ktch – σιε ωεισ αλλεσ οδερ φιελμερ ανδετ. 23. Januar: ... Nachts bis 12 Uhr »Rose« – etwas widerwärtige Stimmung – Ktch im Zunehmen –. Hier ist eine Erinnerung von 20. anzumerken und zwar von dem σιε ωεισ αλλεσ οδερ ανδετ φιελμερ.   24. Januar : Mein Geburtstag! Vormittag gemalt. Nachmittag gemalt! – Abends bei der Mark! – Ganz ungemütlich, so daß der Vorsatz feststeht, nicht mehr hinzugehen – Julchen ins Theater geschickt, so daß wir allein saßen – Nachher in der »Rose« sich toll und voll gesoffen ...   30. Januar : Vormittag bei der Mark – Rothenhan – Nachmittag zu Hause. Abends Kasino – mit Mienchen Kunz, Julia und Friderike Roth, getanzt – exaltierte Stimmung – meine Wut und Schmerz in reichlichem Grade ausgelassen, so daß wahrscheinlich manche Folgen daraus entstehen werden.   31. Januar : Vormittag bei Kunz – einen Augenblick bei der Mark, bei Rothenhan – Nachmittag zu Hause – »Rose«. Ktch im Theater – die abscheulichste und widerwärtigste Stimmung seit langer Zeit – (getrunken) um sie zu verjagen. Ehstands-Szenen im Theater – alles vergebens – Ärgerlich – galligt zum (hier eine gezeichnete Pistole) – Schon zum zweitenmal das verhängnisvolle Zeichen!!!!   3. Februar : Vormittags die Dekoration im Kasinosaal aufgestellt. Mittags bei Kunz (getrunken) – Abends in der Redute, mißmutige Stimmung – demunerachtet einen alten Stutzer mit Glück ausgeführt – Sonderbar romanesk zärtliche Stimmung rücksichts Ktch – sie kränkelt, gemeinschaftliche Todesgedanken, sonderbare Blicke in die Tiefe des Herzens ! – Wohl manches muß sich entwickeln – mit Furcht seh' ich ... entgegen und doch ist diese Furcht wohltätig.   4. Februar : Den ganzen Tag an »Roderich und Kunegunde« gearbeitet – Nachklang der gestrigen Stimmung tief im Gemüte – Wahlverwandtschaft? – Seroit il possible? – Non il n'est pas possible . 5. Februar : Dito gearbeitet – in einer wahrhaft fürchterlichen Stimmung – Ktch bis zum Wahnsinn , zum höchsten Wahnsinn – Eifersucht auf Hlb. (Holbein), ganz spät in die »Rose« – Stimmung geändert. Betrachtungen über das Selbst – dem der Untergang drohte – es ist etwas Ungewöhnliches noch nicht Erlebtes.   6. Februar : Dito gearbeitet – Mark hat fragen lassen, wie ich dachte – Wollte Gott ich hätte geantwortet – Blutsturz!! – Abends bei Kunz – »Rose« – etwas bessere Stimmung.   7. Februar : Vormittag an »Roderich« gearbeitet. Dann bei der Mark – Gemütliche Stimmung – Nachmittag im Theater, »Rose« – Abends im »Käthchen von Heilbronn« beim Burgbrand geholfen – Sehr komische Stimmung – Ironie über mich selbst – ungefähr wie im Shakespeare, wo die Menschen um ihr offenes Grab tanzen –   25. Februar : – ... Es reißt eine gewisse ganz gleichgültige Stimmung in Rücksicht des Ktch ein und nur noch zuweilen flackert es auf – Gute Aspekten.   4. März ... Gewisse Ktch-Ideen bekommen einen sanfteren ruhigeren Charakter.   18. März (Anselmus): Vorm. die drei Chansonetten an Julchen zur Feier ihres Geburtstages mit einem eleganten und galanten Billett geschickt, bald darauf kam Moritz mit der Nachricht, daß Julchen auch krank ist und im Bette liegt – sonst hätte sie schriftlich gedankt – sehr abgespannt – Kopfweh.   26. März . (Gründonnerstag): ... Kaufmann Gröpel aus Hamburg angekommen.   30. März ( Ostermontag ): Vormittag bei der Mark Visite – Mittags in der »Rose« gegessen – mit Speier – Nachricht, daß Gröpel die Julchen wahrscheinlich ehlicht – Ktch-Stimmung mit ... Das Schicksal meint es mit mir und meinem Künstlerleben gut –   31. März : ... Es reißt eine exotische Hasenfüßigkeit ein!! –   1. April : Vormittags Mark, Rothenhan – Gröpel ist Nachmittag abgereist ... Julchen sehr verstimmt über die Abreise ...   2. April : ... um 7 Uhr ins Kasino – Ganz infam gestimmt ... Julchen schlug aus mit mir zu tanzen, und war noch überdies unausstehlich grob (ich müßte in Schnaps besoffen sein) sowas irritiert mich ... zu sehr ...   18. April : ... Abends bei der Mark bis 9½ Uhr – ziemlich gemütlich – Ktch sehr aufgeklärter Himmel, welches die gewisse beinahe überstandene Affennatur wieder hervorlockt –   25. April : ... Dann zum Tee bei der Mark – Höchst merkwürdiges Gespräch mit Ktch »Sie kennen mich nicht – meine Mutter auch nicht – niemand – ich muß so vieles tief in mich verschließen – ich werde nie glücklich sein –.« Was bedeutet das – Abends spät noch bei Kunz ... videatur ein Rätsel, dessen Aufschluß der Zukunft überlassen bleibt.   27. April : – ... Merkwürdige Gespräche rücksichts des 25 – Ich fühle mich kindisch und eselhaft und das von Rechts wegen – Brief an Hitzig und an Brausewetter. Erste Spur rücksichts des Rätsels – die Sphinx hat mich beim Schopf gepackt und wirft mich bergab kopfüber in ein verfluchtes Schlammgrab wenn ich nicht rate – Nach der Auflösung fällt ein Nebelvorhang herab und die Personen hinter demselben werden und wirken poetisch.. An Hitzig in Berlin Bamberg, den 28. April 1812. ... Ich habe hier beinahe seit dem ersten Vierteljahr als ich hergekommen war in der Person des Weinhändlers Kunz einen sehr angenehmen interessanten Freund, der, wie man es in dieser Klasse von Kaufleuten gewiß selten findet, ästhetisch und literarisch ausgebildet ist, weshalb sein Umgang sich auch nur auf hiesige Gelehrte (Direktor Marcus, Prof. Klein pp.) und Künstler erstreckt. Schon seit mehreren Jahren sammelt er eine herrliche Bibliothek, die schon jetzt fünf bis sechstehalb tausend Bände und darunter sehr seltene alte Werke, sowie das Beste der neueren und neuesten Literatur und Poesie enthält. Diese Bibliothek gab die Veranlassung, daß er von seinen Freunden sowohl als von der öffentlichen Behörde aufgefordert wurde, eine Leihbibliothek zu errichten, die ganz abweichend von der Tendenz der gewöhnlichen Leihbibliotheken, nur das wahrhaft Gute der ästhetischen Literatur und wissenschaftliche Werke enthalten sollte, wozu er sich denn auch hat bereitfinden lassen. Um die neuesten Meßprodukte sogleich zu erhalten, hat er sich mit den mehrsten Buchhändlern in Leipzig (Hinrichs, Leo pp.) rücksichts ihrer Verlagsartikel in Verbindung gesetzt und ihnen, da er schon längst Wein nach Sachsen sandte, Drogatgeschäfte mit Wein gegen Bücher angeboten, welches sie alle auf das Bereitwilligste akzeptiert haben. Ein gleiches Anerbieten macht er Ihnen, mein bester Freund! in der Anlage und ich kann die Versicherung aus mannigfacher eigner Erfahrung hinzufügen, daß er in den Weinen ebenso wie in seiner Bibliothek nur das wahrhaft Gute, Geistvolle aufnimmt und hegt ... Daß ich noch hier bin, muß Ihnen schon beweisen, daß es mir so ziemlich gut geht, und nur das einzige ist mir nicht recht gewesen, daß mir bis jetzt die ganz überhäuften Theatergeschäfte alle Zeit raubten, eigentlich für mich, das heißt für das Bekanntwerden, zu arbeiten. Als das Theater durch Holbein neu organisiert wurde, fiel mir die ganze Last der ökonomischen und ein großer Teil der ästhetischen Einrichtung zu, und bald darauf wurde ich nächstdem, daß ich fürs Theater fortkomponieren mußte, noch Theaterarchitekt und Dekorateur, indem der recht geschickte Maschinist Holbein mich bald in die Geheimnisse der Maschinerie praktisch einweihte und so die Theorie, die ich aus allen Büchern, die ich nur erhalten konnte, eingeschlungen hatte, ergänzte. – So haben wir denn die einstürzende Burg zum Käthchen von Heilbronn, das auffliegende Kreuz in der Andacht pp, die Fantasmagorieen in dem standhaften Prinzen und vorzüglich die Brücke von Mantible gebaut. Von letzterer werden Sie künftig eine genaue Zeichnung nebst Beschreibung von mir im Journal des Luxus und der Moden finden. – Jetzt ist Holbein in Würzburg und ich bin hiergeblieben, um einmal den Sommer hindurch mit Muße für mich selbst arbeiten zu können. Eine Oper von mir, Text von Holbein, kommt jetzt in Würzburg aufs Theater und wandert dann nach Wien zu Lobkowitz. Gefällt sie, so bin ich als Komponist durch. – Hier habe ich das Glück, daß meine Kompositionen Sensation machen. – Dann beschäftigt mich ein sonderbares musikalisches Werk, in welchem ich meine Ansichten der Musik und vorzüglich der innern Struktur der Tonstücke aussprechen will. Um jeder anscheinenden Exzentrizität Platz und Raum zu gönnen, sind es Aufsätze von einem wahnsinnigen Musiker in lichten Stunden geschrieben; ich behalte mir vor, Ihnen künftig mehr darüber zu sagen und vorzuschlagen ... ... – Sie können denken, wie mich das Käthchen begeistert hat; nur drei Stücke haben auf mich einen gleichen tiefen Eindruck gemacht – das Käthchen – die Andacht z. K. und Romeo und Julie – sie versetzen mich in eine Art poetischen Somnambulismus, in dem ich das Wesen der Romantik in mancherlei herrlichen leuchtenden Gestaltungen deutlich wahrzunehmen und zu erkennen glaubte! – Das Käthchen ist hier nur teilweise gut, die Andacht zum Kreuz aber durch ein glückliches Zusammentreffen günstiger Umstände beinahe vollendet gegeben worden. Die Andacht hat jedesmal wahre Andacht erweckt und das katholische von jeder Überbildung freie Publikum faßte die Erzählung Eusebius von des Kreuzes sonderbaren Wundern mit tiefem Sinne auf. – Noch einmal komme ich auf den herrlichen Kleist zurück um Sie zu bitten, mir einiges über seinen heroischen Untergang zu sagen; das dumme Geschwätz in öffentlichen Blättern von Leuten, die vor einem Strahl von Kleists Genius in die erbärmliche Nußschale, die sie für einen Palast mit sieben Türmen ansehen, sich verkrochen hätten, dieses dumme Geschwätz hat mich überaus angeekelt; und schon damals wollte ich mich an Sie mein lieber Freund! wenden, um etwas Rechtes vom Rechten zu hören, doch es unterblieb, wie vieles ... Aus dem Aufsatz »über die Aufführung der Schauspiele des Calderon de la Barca auf dem Theater in Bamberg« ... – Die Weimarer Bühne, die schon seit geraumer Zeit es sich recht ernstlich angelegen sein läßt, unser Theater aus der tiefen Erniedrigung, in die es versunken, zu erheben, und schon oft die Möglichkeit und Wirkung irgendeiner scheinbar ganz außer der Sphäre unseres Theaters liegenden Produktion den in Sinn und Geist beengten Direktoren größerer Bühnen praktisch bewiesen hat, gab bekanntlich zuerst den standhaften Prinzen mit Beifall, und nicht lange darauf wagte es die noch kleinere Bühne in Bamberg mit der Andacht zum Kreuz und dann auch mit dem standhaften Prinzen und der Brücke von Mantible hervorzutreten. Unter kenntnisreichen gemütvollen Freunden des Theaters in Bamberg wurde, als die Aufführung der Calderonschen Schauspiele im Werke war, lange die Frage debattiert, ob man wohl auf ihre Einwirkung auf das Publikum rechnen könne, und welches von jenen Schauspielen am mehrsten dazu geeignet sei. Gerade die Andacht zum Kreuz, welche bestimmt war, zuerst auf die Bühne gebracht zu werden, erregte den größten Zweifel, und gerade dieses sprach in der Folge das große Publikum, von dem doch bei dem Urteil über Theatereffekt nur die Rede ist, am mehrsten an. – Ein Publikum, das Schauspiele, wie die des Calderon, in ihrer vollen Schönheit und Stärke auffaßt, das in das Ganze und Einzelne tief eingeht, dürfte wohl nicht so leicht gefunden werden, indessen möchte doch eines vor dem anderen fähiger und williger sein, die Idee, die Tendenz des Stückes zu begreifen und sich von der Gewalt der Sprache, von dem Fluge der kühnen, fantastischen Bilder fortreißen zu lassen; und eben diese größere Fähigkeit, vorzüglich aber den besseren Willen glaubte man bei dem Bamberger Publikum voraussetzen zu können, weil es nicht verbildet, von dem theatralischen Genuß noch nicht übersättigt und – katholisch fromm ist. Eben dieses letztere, der in Bamberg herrschende Katholizismus, war die Ursache, daß die Galerie, ebensogut wie Logen und Parterre, gleich bei der Exposition, vorzüglich bei der Herz und Gemüt gewaltsam ergreifenden Erzählung des Eusebio von den Wundern des Kreuzes, die der Andacht zum Kreuz zum Grunde liegende echtkatholische Idee verstand und mit steigendem Interesse den Faden des Stückes sich entwickeln sah ... Um dem Schauspiel einen desto gewisseren Eingang zu verschaffen, mußte für äußern Schmuck gesorgt werden, der jener Idee, in der sich das ganze Stück konzentriert, nicht allein angemessen sein, sondern dieselbe auch noch mehr herausheben sollte. Wie beschränkt kleine Theater sind, wo der Platz und das Geld so zurate gehalten (werden) muß, weiß wohl jeder Kenner der Bühne, indessen erreicht das Anständige, wodurch jede Störung der Illusion vermieden wird, und manche sinnige Einrichtung oft mehr den Zweck der theatralischen Erhebung und Täuschung bei dem Zuschauer als prächtige Dekorationen und Maschinerien, die nicht am Orte stehen oder der Tendenz des Stückes nicht entsprechen. – Auf jene Weise wurde der Tod des Eusebio, seine Beichte und Absolution, sowie seine und Julias Verklärung dem Zuschauer durch folgende Einrichtung versinnlicht. Eusebio erscheint in der rauhen felsichten Gegend, zu deren Muster dem Dekorateur eine Partie aus der Sierra Morena gedient hatte, von den Landleuten verfolgt, auf der Spitze eines Felsen, der im Mittelgrunde des Theaters angebracht, beinahe dessen Höhe erreichte, und stürzt hinab. Die Landleute finden den zerschmetterten Leichnam und begraben ihn unter dichten Zweigen, aus denen das dumpfe angstvolle: Alberto! hervortönt. – Als Alberto die Zweige weggenommen, richtete sich mittels einer durchaus nicht bemerkbaren Maschinerie Eusebio langsam in die Höhe und sank ebenso, nachdem er die Absolution erhalten, in sein Grab zurück. Die Wirkung dieser einfachen Idee war nach der tiefen Totenstille, die jedesmal im Theater bei dieser übrigens stummen Szene herrschte, zu berechnen. Als Julia zuletzt das Kreuz, welches in dem Hintergrund des Theaters angebracht war, umfaßte, verschwand ihr männlicher Anzug, und man sah sie in Nonnentracht an dem Kreuze knien, das sich mit ihr in die Lüfte erhob. Die Wolken teilten sich und wie in einer Strahlenglorie erschien Eusebio mit sehnsuchtsvoll nach Julia ausgestreckten Armen. Um so zweckmäßiger und wirkungsvoller war diese im Schauspiel nicht angedeutete Einrichtung, als der eigentliche Schluß desselben, nämlich Eusebios und Julias Verklärung als ein Mirakel sinnlich dargestellt wurde und es ganz in dem Geist des Katholizismus liegt, die Sinne bei der symbolischen Darstellung des Übersinnlichen in Anspruch zu nehmen. – Merkwürdig war es gewiß, wie der Ruf von dem heiligen Schauspiel sich nach jeder Ausführung mehr verbreitete und ein Publikum in das Theater zog, das man sonst nie darin gesehen hatte. Alte Bürger mit ihren Frauen, die es sonst für sündhaft geachtet hätten, das Theater zu besuchen, entschlossen sich hineinzugehen, wobei sie nicht vergaßen den Rosenkranz mitzunehmen, und mehrere Bänke des Parterres waren oft mit Geistlichen besetzt. Erinnerung an den Schauspieler Leo ...Mein Himmel! Sie schildern ja ganz jenen höchst vortrefflichen Schauspieler, den mir Jahre hindurch jedesmal der Frühling zuführte, da er sich dann in der heiteren südlichen Gegend, wo meine Gesellschaft spielte, wohlbefand. Weniger, als er sich selbst einbildete, hatte der tiefe innere Unmut, von dem er sich beherrschen ließ, einen physischen Grund, da vielmehr, wie es so oft geschieht, der im Leben nicht festgestellte Wille, die nicht erlangte reine Erkenntnis des vorgesetzten Zwecks, auf den das Streben gerichtet, die rein physische Ursache jenes Unmuts war. Dieser Schauspieler trieb das Mißtrauen oder vielmehr den Argwohn, von dem Sie vorhin sprachen, so weit, daß er die geringfügigsten, beziehungslosesten Ereignisse während des Spiels für boshaft gegen ihn gerichtete Pfeile hielt. Ein in der Loge gerückter Stuhl, das leise Sprechen zweier Zuhörer, das er, beinahe unhörbar, doch Gott weiß! vermöge welches Organs und selbst dann hörte oder wohl am Ende nur sah, wenn er in effektvollen Stellen seine Stimme bis zur höchsten Stärke erhoben, alles das brachte ihn dermaßen aus der Fassung, daß er oft innehielt, oft sogar mit groben Schmähungen die Bühne verließ. – So habe ich es selbst angesehen, daß er als König Lear in der Fluchszene, die er so wie alles übrige, wie die ganze Rolle mit hinreißender Kraft und Wahrheit spielte, plötzlich innehielt, den erhobenen Arm langsam sinken ließ, den Feuerblick nach einer Loge, in der ein paar Fräulein wahrscheinlich die wichtige Angelegenheit eines neuen Putzes, wiewohl leise genug, abhandelten, richtete, dann dicht an die Rampe tretend mit einer leichten Verbeugung nach der verhängnisvollen Loge hin sehr vernehmlich sprach: »Wenn Gänse schnattern, hab' ich nicht zu reden!« und die Bühne mit gemessenen Schritten verließ. Wie sich der Unwille des Publikums erhob, sowie daß er förmliche Abbitte leisten mußte, können Sie sich wohl denken. – Wir sprachen vorhin vom Hervorrufen – Nichts war meinem Mann, von dem ich rede, unleidlicher, als wenn er seine Rolle nicht gut durchgeführt zu haben glaubte und dann hervorgerufen wurde. – Ich bereue es noch in diesem Augenblick, daß ich einmal, als er den Hamlet vortrefflich dargestellt, nach seiner Meinung aber ein paar Momente verfehlt hatte, ihn trotz seines Weigerns nötigte, auf das Rufen des Publikums herauszutreten. – Er kommt langsam und pathetisch hervor, tritt bis dicht an die Lampen, läßt den verwunderten Blick über Parterre-Logen hinstreifen, wirft dann die Augen in die Höhe, schlägt die Hände vor der Brust zusammen und spricht mit feierlicher Stimme: »Herr! vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.« – Sie können denken, daß dieser Rede ein betäubendes Pochen, Zischen und Pfeifen folgte. Er kam aber ganz freundlich und fröhlich, wie von einer schweren Last befreit, in die Garderobe zurück! (Aus »Seltsame Leiden eines Theaterdirektors«.) Leo war nach den übereinstimmenden Berichten der Zeitgenossen einer der begabtesten Schauspieler seiner Zeit. Die Freundschaft mit ihm, der jedes Jahr wiederkehrte, um einige Gastspielwochen an Holbeins Bühne zu absolvieren, nahm gewissermaßen Hoffmanns spätere Freundschaft mit dem großen Schauspieler Ludwig Devrient vorweg. Neben der Tätigkeit für Holbeins Bühne lief die innere Spannung der Leidenschaft für Julia ständig her. Die Entwicklung ging folgendermaßen: Gröpel war abgereist, und Hoffmann konnte wohl annehmen, daß der Rivale nicht wiederkehren würde. Seine Liebe regte ihn zum literarischen Schaffen an, das sich aber zunächst nur in den Aufsätzen für die Leipziger Allgemeine Musikzeitung und in dem Theateraufsatz über die Aufführung Calderonscher Stücke in Bamberg auswirkte. Dennoch wurde es ihm immer deutlicher, wie hinter der Maske seines Julia-Erlebnisses ein Dämon die Schwingen regte. Am 29. April 1812 trug er ins Tagebuch ein: »V. M. bei der Mark – das Ding wird merkwürdig und ich trete der wahren Auflösung näher – Göttliche Ironie! – herrlichstes Mittel Verrücktheiten zu bemänteln und zu vertreiben, stehe mir bei! – N. M. in Buch mit Kunz dito – schlechte Stimmung – ekelhafte Müdigkeit. Jetzt wird es Zeit ernsthaft in litteris zu arbeiten.« Zum Zwecke ungestörten Schaffens zog er sich auf die Altenburg des Freundes Markus zurück und faßte dort den Entschluß, Fouqués Märchen »Undine« zur Oper umzuarbeiten und zu komponieren. Fouqué wurde durch Vermittlung Hitzigs gewonnen, die Bearbeitung des Märchens selbst zu übernehmen. Der Undinenstoff arbeitet nun in Hoffmann die ganzen nächsten Jahre hindurch, auch wenn er an die Komposition erst später, als hier in den Briefen an Hitzig behauptet wird, heranging. Erst in der Dresdener-Leipziger Zeit wurde die Oper komponiert, aber der Gedanke an die Oper allein wurde schon hier zu dem Sicherheitsventil, das die quälende Spannung lockerte. Sein Verhältnis zu Julia war inniger als je. Für Julia komponierte er sechs italienische Duette, die er selbst mit der Geliebten sang. Am 8. August kam aber plötzlich zu aller Überraschung Gröpel nach Bamberg zurück, zwei Tage darauf verlobte er sich mit Julia. Hoffmann raste, fand erst allmählich seine Fassung wieder. Er sah in dieser Verlobung das Werk der geldgierigen Frau Mark, die über ihre Verhältnisse gelebt hatte und nun den reichen Schwiegersohn zu fesseln verstand, die Tochter den konventionellen Verhältnissen aufopfernd. Auf einem Familienausflug nach Pommersfelden kam es zur Katastrophe. Hoffmann wie Gröpel hatten dem Alkohol zu eifrig zugesprochen. In seiner Erregung über das Verhalten Gröpels schlenderte Hoffmann der Konsulin die schlimmsten Beleidigungen ins Gesicht. An Hitzig in Berlin Bamberg, den 1. Juli 1812. ... Ich arbeite jetzt recht fleißig und habe, um recht mit Muße zu leben, 14 Tage auf der herrlichen Altenburg, wo ein alter gotischer verfallener Turm nach meiner Angabe vorigen Sommer restauriert und dekoriert wurde, eben in diesem Turm mit meiner Frau gewohnt, bloß das anhaltend böse Wetter trieb mich wieder herab. Der Sturm, der Regen, das in Strömen herabschießende Wasser erinnerte mich beständig an den Oheim Kühleborn, den ich oft mit lauter Stimme durch mein gotisches Fenster ermahnte ruhig zu sein, und da er so unartig war nichts nach mir zu fragen, habe ich mir vorgenommen, ihn mit den geheimnisvollen Charakteren, die man Noten nennt, festzubannen! – Mit andern Worten: die Undine soll mir einen herrlichen Stoff zu einer Oper geben! An denselben Bamberg, den 15. Juli 1812. ... Holbein ist jetzt in Würzburg und unser Theater wird schon wieder reorganisiert; kommt es leidlich zustande, so bringe ich es bestimmt dahin, daß Shakespearesche noch nicht gegebene Stücke (vorzüglich seine Lustspiele) auf die Bühne kommen ... Aber nun komme ich mit einer recht großen Bitte angestiegen, die mein lieber Freund mir nicht abschlagen muß! – Sie wissen, daß mir das Versifizieren gar nicht geläufig ist und wie schwer würde es mir daher werden aus der Undine eine Oper zu machen. Sollte sich dann unter Ihren gemütvollen poetischen Freunden nicht einer finden, der zu überreden wäre die Bearbeitung der Undine für mich zu übernehmen? – Meine Ideen würde ich schriftlich in extenso mitteilen ohne den Dichter im mindesten zu genieren, aber ich müßte nicht gar zu lange auf den Text warten dürfen; die Erfüllung meiner Bitte wäre das angenehmste Ereignis für mich ... Tagebuch 16. Juli. Donnerstag Vormittags Mark – exotisches Gespräch – beinahe zuviel verraten – tolle Streiche, die zum Verderben führen, das mir denn doch am Ende unvermeidlich droht – ich wollt' es wäre Schlafenszeit und alles vorbei! Innerer Wurmfraß usw. ...   5. August. Mittwoch : ... (wollüstige Empfindung zum erstenmal rücksichts Ktch) Ein gewisses Ding nimmt jetzt wieder eine sehr verderbliche Gewalt an – Ktch –   12. August. Mittwoch : Lorbeer – Mark – herrlicher Brief von Hitzig, Fouqué selbst bearbeitet Undine . Künstlerisch exaltierte Stimmung ... Gesang mit Julia ... Kreisler, keines Wortes mächtig, saß am Flügel, schlug die ersten Akkorde des Duetts an, wie von einem seltsamen Rausch betört und befangen. Julia begann »Ah che mi manca l'anima in si fatal momento..« Es ist nötig zu sagen, daß die Worte dieses Duetts nach gewöhnlicher italienischer Manier ganz einfach die Trennung eines liebenden Paares aussprachen, daß auf momento natürlich sento und formento gereimt war, und daß es wie in hundert anderen Duetten ähnlicher Art auch nicht an dem Abbi pietade o cielo und an her pena di morir fehlte. Kreisler hatte indessen diese Worte in der höchsten Aufregung des Gemüts mit einer Inbrunst komponiert, die beim Vortrage jedem, dem der Himmel ein paar passable Ohren gegeben, unwiderstehlich hinreißen mußte. Das Duett war den leidenschaftlichsten dieser Art an die Seite zu stellen und, da Kreisler nur nach dem höchsten Ausdruck des Moments und nicht darnach strebte, was eben ganz ruhig und bequem von der Sängerin aufzufassen, in der Intonation ziemlich schwer geraten. So kam es, daß Julia schüchtern mit beinahe ungewisser Stimme begann und daß Kreisler eben nicht viel besser eintrat. Bald erhoben sich aber beide Stimmen auf den Wellen des Gesanges wie schimmernde Schwäne und wollten mit rauschendem Flügelschlag emporsteigen zu dem goldenen strahlenden Gewölk, bald in süßer Liebesumarmung sterbend untergehen in dem brausenden Sturm der Akkorde, bis tief aufatmende Seufzer den nahen Tod verkündeten und das letzte Addio in dem Schrei des wilden Schmerzes wie ein blutiger Springquell hinausstürzte aus der zerrissenen Brust. (Aus »Kater Murr«.) An Hitzig in Berlin Bamberg, den 15. August 1812. ... Ihr letzter Brief, Ihre Nachrichten von Fouqué und Undine haben mir eine wahrhaft kindische Freude verursacht – Zu allen meinen Freunden bin ich gelaufen mit Ihrem Briefe in der Tasche und in dem edelsten Rheinwein hat Herr Kunz mir die Vereinigung mit Fouqué zu einem Kunstprodukt zugetrunken. – Mach' ich keine gescheute Komposition, so bin ich ein Esel und es soll forthin von mir nicht mehr die Rede sein unter gemütlichen Menschen und Freunden. – Wie sehr, wie gar sehr habe ich Ihnen, mein lieber teuerster Freund! für Ihre Bemühungen zu danken, ich fühle es ganz, welch seltenes Glück mir dadurch beschieden, daß ein Dichter wie Fouqué für meine Noten arbeitet! ... Tagebuch 10. August 1812. Montag : Il colpo e fatto! – La Donna e diventa la sposa di questo maledetto asino di mercante e mi pare che tutta la mia vita musicale e poetica e smorzata – bisogna di prender una risoluzione degna d'un uomo come io credo d'esser – quest'era un giorno diabolico –   6. September. Sonntag : Partie nach Pommersfelden – sich ganz erschrecklich besoffen und die infamsten Streiche gemacht. Rücksichts Ktch gänzlich dementie gegeben schimpfend auf den sposo , der so besoffen war, daß er hinstürzte (es ist gewiß, daß etwas Verborgenes rücksichts Ktch im Hintergrunde liegt). An die Konsulin Mark in Bamberg Auf eine mir selbst unbegreifliche Weise bin ich gestern mit einem gewaltsamen Ruck nicht berauscht worden – nein – in einen völlig wahnsinnigen Zustand geraten, so daß die letzte halbe Stunde in P. wie ein böser schwerer Traum hinter mir liegt! – Nur der Gedanke, daß man Wahnsinnige in ihren wütendsten Ausbrüchen nur bemitleiden, ihnen das Böse, was sie in diesem Zustande tun aber nicht zurechnen kann, läßt mich hoffen, daß Sie mir alles wahrhaft impertinente was ich, wie meine Frau und Herr K. mir leider versicherten, geradebrecht habe (denn reden konnte ich nicht sonderlich) nach Ihrer mir so oft bewiesenen Güte mit Bonhommie verzeihen werden! – Sie haben gewiß keinen Begriff von dem tiefen innigen Schmerz, den ich über meine gestrige Tollheit empfinde – ich büße dafür dadurch, daß ich mich des Vergnügens Sie und Ihre Familie zu sehen, solange beraube, bis ich Ihrer gütigen Verzeihung gewiß bin! – Könnte ich ein Mittel erfinden, Sie zu überzeugen, wie sehr mir Ihr Wohlwollen wert ist, und wie fern mir jede Idee, Ihnen auch nur die mindeste Unannehmlichkeit zuzufügen, liegt – möchten Sie doch jenes mir wahrhaft unheilbringenden Zustandes wegen keinen Groll gegen mich im Herzen hegen – möchten Sie doch auch dem Teil Ihrer Familie, dem ich leider in meinen sonderbaren Tendenzen noch unbekannt bin, versichern, daß nur wirklicher Wahnsinn mich so wie gestern erscheinen lassen konnte! Ihr innigst ergebener Hoffmann. Tagebuch 7. September 1812. Montag : Vormittag zu Hause nach einer schlaflosen Nacht aus Ärger – Mittags und abends bei Kunze. Speier wiedergesehen ... (An die Mark ganz früh gleich einen Entschuldigungsbrief geschrieben).   8. September. Dienstag : Vormittags sich auf der Straße in ungemütlicher Stimmung umhergetrieben – Nachmittag mit Speier, Kunz, Leykamp in Bischberg, ziemlich gemütlich – (Antwort von der Mark – die Stunden werden eine kurze Zeit ausgesetzt).   10. Donnerstag : ... Es dauert eine gleichgültige abgespannte Stimmung, die die Raserei am 6. herbeigeführt hat – fort – Ich glaube kaum Ktch auf die alte Weise wiederzusehen! – Ich wollt' es wär' alles vorbei.   17. Donnerstag : Noch nie haben sich so auf Geist und Gemüt wirkende Unannehmlichkeiten zusammengedrängt – das Zeichen Ktch wird nicht mehr erscheinen – Billett von der Mark, welches mir in gewisser Art das Haus verbietet – ... (das Rätsel bleibt unentschieden, aber entschieden ist es, daß ein Rätsel obwaltet). (Aus dem Billett der Mark: »Es ist etwas in I.' Gemüt gekommen, das ihr unmöglich macht die Stunden fortzusetzen.)   Diese Vorgänge fanden ihren ersten Niederschlag in der »Nachricht von den neuesten Schicksalen des Hundes Berganza«. Die Gestalt dieses Hundes entnahm Hoffmann den Erzählungen des Cervantes, aber das eigentliche Urbild dieses romantischen Hundes haben wir in dem Hund der Frau Cauer zu suchen, mit dem Hoffmann sich oft stundenlang auf seine Weise unterhalten konnte. Unter der Maske dieses Hundes schildert er die Vorgänge im Markschen Hause. Die Personen sind ohne weiteres zu erkennen. Julia tritt hier als Cäcilie auf. Hoffmann gab ihr also den Namen seiner eigenen früh verstorbenen Tochter. Auch Julias Geschwister sind historisch. Der Dichter und der Musiker, die sich beide um Cäciliens Gunst bewerben, sind Hoffmann und Holbein. Der »Monsieur George« scheint ein ziemlich getreues Abbild Gröpels zu sein. Genau so brutal und ungebildet, wie er hier geschildert wird, entpuppte er sich in seiner Ehe mit Julia. Berganza erzählt: ... Als ich nun traurig und in mich gekehrt die Straße herablief, kam ein Trupp Menschen auf mich zu ... Ich ... sprang ... rasch um die Ecke in ein ansehnliches Haus, dessen Tür gerade offenstand. Alles verkündete Reichtum und Geschmack; die breite lichte Treppe war schön gebohnt; kaum die Stufen mit meinen schmutzigen Tatzen berührend, war ich in drei Sprüngen oben und kauerte mich in einem Ofenwinkel eng zusammen. Nicht lange darauf hörte ich lustiges Kindergeschrei auf dem Flur und die holde Stimme eines schon erwachsenen Mädchens: »Lisette! vergiß nicht die Vögel zu füttern, meinem Seidenhäschen gebe ich schon selbst etwas!« – Da war es, als triebe mich eine geheime unwiderstehliche Gewalt hervor. Ich trat demnach mich krümmend und schwänzelnd in der demütigsten Stellung, die mir zu Gebote steht, heraus, und siehe da – ein gar herrliches Mädchen von höchstens sechzehn Jahren, mit einem munteren goldlockigen Knaben an der Hand, ging gerade über den Hausflur. – Trotz meiner demütigen Stellung erregte ich doch, wie ich es gefürchtet hatte, keinen geringen Schreck. – Das Mädchen schrie laut auf: »Was für ein häßlicher Hund, wie kommt der große Hund hierher!« – drückte den Knaben an sich und schien fliehen zu wollen. Da kroch ich zu ihr hin, und mich zu ihren Füßen schmiegend, winselte ich leise und wehmütig. »Armer Hund, was fehlt dir«, sprach das Mädchen und streichelte mich mit der kleinen weißen Hand. Nun wußte ich nach und nach mein Vergnügen zu steigern, so daß ich zuletzt meine zierlichsten Sprünge versuchte. Das Mädchen lachte, und der Knabe jauchzte und hüpfte vor Freude. Bald äußerte er, wie Knaben gemeinhin zu tun pflegen, die Lust, auf mir zu reiten; die Schwester wehrte es ihm, ich drückte mich aber an den Boden und lud ihn selbst durch allerlei lustiges Knurren und Schnupfen zum Aufsteigen ein. – Endlich ließ ihm die Schwester seinen Willen und kaum saß er auf meinem Rücken, so erhob ich mich langsam, und indem ihn die Schwester in gar anmutiger Stellung mit einer Hand hielt, ging es erst im Schritt, dann in kleinen Courbetten den Hausplatz auf und ab. – Noch mehr als vorhin jauchzte und jubelte der Knabe, noch herzlicher lachte die Schwester. Da trat noch ein Mädchen heraus, sie schlug die kleinen Hände zusammen, als sie die Reiterei sah, aber alsbald lief sie heran und hielt den Knaben bei dem andern Arm. Nun durfte ich größere Sprünge wagen, nun ging es vorwärts im kurzen Galopp, und wenn ich prustend und kopfschüttelnd es dem schönsten arabischen Hengste gleich tat, da schrieen die Kinder auf vor Freude. Bediente. Mägde kamen Treppe herauf, Treppe herunter – die Küchentür öffnete sich, der stattlichen Köchin entsank die kupferne Kasserolle und fiel klirrend auf den steinernen Boden, da sie die glutroten Fäuste in die Seite stemmte, um das Schauspiel recht herzlich zu belachen. – Immer größer wurde das schaulustige Publikum, immer lauter der Jubel; von dem schallenden Gelächter erdröhnten Wände, Decke und Boden, wenn ich als ein wahrer Pagliasso irgendeinen närrischen Bocksprung ausführte. – Plötzlich blieb ich stehen, man hielt mich für müde, aber als man den Knaben heruntergehoben, sprang ich hoch auf und legte mich dann schmeichelnd zu des braunlockigen Mädchens Füßen – »Wahrhaftig,« sprach schmunzelnd die dicke Köchin, »wahrhaftig, Fräulein Cäcilia! es ist, als wollte der Hund Sie zum Aufsitzen nötigen.« Da fiel der Chor der Bedienten, der Zofen, der Mägde ein: »Ja, Ja! – ei, der kluge Hund! – der kluge Hund!« Eine leise Röte überflog Cäciliens Wangen, in dem blauen Auge brannte die Begier nach der kindischen Lust – soll ich – soll ich nicht, schien sie zu fragen, indem sie, den Finger an den Mund gelegt, mich freundlich anblickte. – Bald saß sie auf meinem Rücken; nun ging ich, stolz auf meine holde Last, den Paßgang des Zelters, der die Königin zum Turnier trägt, und indem vorwärts, rückwärts, seitwärts sich der gesammelte Troß anreihte, ging es wie ein Triumphaufzug den langen Flur hinauf, hinab! – Plötzlich trat eine große stattliche Frau von mittleren Jahren aus der Tür des Vorzimmers und sprach, indem sie meine schöne Reiterin scharf fixierte: »Seht mir die tollen Kinderpossen!« Cäcilia verließ meinen Rücken und wußte so kindlich bittend mein unvermutetes Einfinden, mein gutes Temperament, mein neckisches Wesen darzustellen, daß endlich die Mutter zum Hausknecht sagte: »Gebt dem Hunde zu fressen, und wenn er sich an das Haus gewöhnt, so mag er hierbleiben und des nachts Wache halten.« ... ... Der Ausspruch der gnädigen Dame war ein Donnerschlag in meinen Ohren, und hätte ich nicht in dem Augenblick auf meine höfischen Künste gerechnet, ich wäre auf und davon gelaufen. Ich würde dich nur ermüden, wenn ich dir alle Mittel weitläufig herzählen sollte, wie ich mich aus dem Stall in den Hausflur hinauf und endlich in die Prunkzimmer der Dame hineinschmeichelte. – Nur soviel davon! – Die Kavalkaden des kleinen Knaben, welcher der Mutter Liebling zu sein schien, retteten mich zuerst aus dem Stall, und die Zuneigung des holden Mädchens, der ich gleich mit ganzer Seele ergeben, als ich sie zum ersten Male sah, brachte mich endlich in die Zimmer. Das Mädchen sang so vortrefflich, daß ich es wohl merkte, wie der Kapellmeister Johannes Kreisler nur sie gemeint hatte, wenn er von der geheimnisvollen zauberischen Wirkung des Tons der Sängerin sprach, deren Gesang in seinen Werken lebe oder sie vielmehr dichte. – Sie hatte nach der Art der guten Sängerinnen in Italien die Gewohnheit, jeden Morgen eine gute Stunde lang zu solfeggieren; ich schlich mich dann bei guter Gelegenheit zu ihr in den Saal, wo der Flügel stand und horchte ihr aufmerksam zu. Hatte sie geendigt, so gab ich ihr meinen Beifall durch allerlei lustige Sprünge zu erkennen, wofür sie mich mit einem guten Frühstück belohnte, das ich auf die anständigste Weise, ohne den Fußboden zu beschmutzen, verzehrte. So kam es denn, daß man endlich im ganzen Hause von meiner Artigkeit und von meiner besonderen Neigung zur Musik sprach, und Cäcilie besonders nächst diesen guten Eigenschaften meine Galanterie gegen ihr Seidenhäschen rühmte, das mich ungestraft bei den Ohren zupfte usw. Die Dame vom Hause erklärte mich für einen scharmanten Hund, und ich wurde, nachdem ich einem literarischen Tee und einem Konzert mit der gehörigen Würde und einem nachahmenswerten Anstande beigewohnt, der Kammerklub, dem mein romanesker Eintritt ins Haus erzählt worden, mich auch mit dem einstimmigsten Beifall beehrt hatte, zum Leibhunde Cäciliens erhoben, und so war das Ziel, wonach ich gestrebt, richtig erlangt ... ... Bei jeder angenehmen körperlichen Empfindung kommen mir auch im Geiste die lieblichsten Bilder vor, und eben jetzt sah ich die holde Cäcilia, wie sie einmal in dem einfachen weißen Kleide, das dunkle Haar in glänzenden Zöpfen gar zierlich zusammengeflochten, aus der Gesellschaft weinend in ihr Zimmer trat. Ich ging ihr entgegen und kroch, wie ich zu tun pflegte, mich zusammenkauernd, zu ihren Füßen. Da faßte sie mich mit beiden Händen beim Kopfe, und indem sie mit ihrem hellen Auge, in dem noch eine Träne glänzte, mich anblickte, sagte sie: »Ach! – Ach! sie verstehen mich nicht! – Keiner, die Mutter auch nicht. – Darf ich denn mit dir reden, du treuer Hund! wie ich es meine tief im Herzen? Ach, ich kann es ja doch nicht aussprechen, und könnt' ich es, du würdest mir nicht antworten, mir aber auch nicht wehe tun.« ... Ich wollte dir nur sagen, daß meine Dame alles, was sich von irgend bedeutenden Künstlern und Gelehrten am Orte befand, in ihr Haus zu ziehen gewußt, und zusammentretend mit den gebildetsten Familien, so einen literarisch-poetisch-künstlerischen Zirkel gebildet hatte, an dessen Spitze sie stand. Ihr Haus war in gewisser Art eine literarisch-künstlerische Börse, wo mit Kunsturteilen, mit Werken selbst, mitunter auch mit Künstlernamen allerlei Geschäfte gemacht wurden. Meine Dame hatte die eigene Manier, alle Künste selbst treiben zu wollen. Sie spielte, wie schon gesagt, ja sie komponierte sogar, sie malte, sie stickte, sie formte in Gips und Ton, sie dichtete, sie deklamierte, und dann mußte der Zirkel ihre abscheulichen Kantaten anhören und ihre gemalten, gestickten, geformten Zerrbilder anstaunen ... In dem Zirkel meiner Dame waren bisweilen sehr obligat: der Musiker, der Cäcilien unterrichtete, ein Professor der Philosophie und ein unentschiedener Charakter ... und da ich nun gerade der drei gedenke, kann ich nicht umhin, ein Gespräch unter ihnen auszuführen, das ich belauschte. Der Musiker sah die ganze Welt in dem Widerschein seiner Kunst, er schien schwachen Verstandes, weil er jede flüchtige Äußerung des Wohlgefallens an derselben für bare Münze nahm und die Kunst sowie den Künstler überall hochgeehrt glaubte. Der Philosoph, in dessen jesuitisch-faunischem Gesicht sich der wahre Hohn über das gewöhnliche menschliche Tun und Treiben spiegelte, trauete dagegen keinem und glaubte an den Ungeschmack und an die Roheit wie an die Erbsünde. Er stand mit dem unentschiedenen Charakter einmal im Nebenzimmer am Fenster, als der Musiker, der wieder einmal in den höheren Regionen schwebte, zu ihnen trat. – »Ha!« rief er aus ... Es ist doch eine herrliche Frau, mit ihrem tiefen Sinn für die Kunst, mit ihrer vielseitigen Ausbildung. Der unentschiedene Charakter: Ja, das muß man sagen, Madame ist ganz außerordentlich für die Kunst portiert. Der Professor der Phil. So? – So? Glaubt ihr denn das wirklich, ihr Leute? – Und ich sage: nein! – Ich behaupte das Gegenteil! Der unentschiedene Charakter. Nun freilich, so mit dem Enthusiasmus, wie unser musikalischer Freund da denkt, möchte es doch wohl – Der Professor der Phil. Ich sage euch, da der schwarze Hund unter dem Ofen, der so verständig dreinschaut, als hörte er unserm Gespräch recht aufmerksam zu, schätzt und liebt die Kunst mehr, als die Frau, der es Gott verzeihen möge, daß sie sich etwas aneignet, das ihr gar fremd ist. Ihre eiskalte Brust wird nie erwärmt, und wenn anderer Menschen Herz beim Hinausschauen in die Natur, in das All der Schöpfung, überströmt von heiligem Entzücken, da fragt sie, wieviel Grad Hitze wir haben nach Reaumur, und ob es wohl noch regnen wird. So kann auch die Kunst, diese Mittlerin zwischen uns und dem ewigen All, das wir nur durch sie recht deutlich ahnen, nie in ihr einen höheren Gedanken entflammen. Sie, mit allen ihren Kunstübungen, mit ihren Floskeln und Phrasen, sie lebt im Gemeinen! – Sie ist prosaisch – prosaisch – infam prosaisch! – Die letzten Worte hatte der Philosoph, mit den Händen stark um sich fechtend, so laut herausgeschrien, daß im Gesellschaftssaal beinahe alles in Aufruhr geriet, um den Prosaismus, der wie ein tückischer Feind still und hinterlistig herangeschlichen schien, und den nun des Professors Feldgeschrei verraten hatte, mit vereinter Macht zu bekämpfen. Der Musiker war ganz verblüfft stehengeblieben, der unentschiedene Charakter nahm ihn aber beiseite und sagte freundlich schmunzelnd ihm leise ins Ohr: »Freundchen, was halten Sie von des Professors Worten? – Wissen Sie denn, warum er so gräßlich eifert, warum er so mit Eiskälte – Prosaismus um sich wirft? – Sie gestehen, Madame ist für ihre Jahre noch ziemlich frisch und jugendlich. – Nun da hat – lachen Sie, lachen Sie! da hat der Professor ihr unter vier Augen durchaus gewisse philosophische Sätze erklären wollen, die ihr zu schwierig waren. Sie schlug den besonderen philosophischen Kursus, den der Herr Professor mit ihr machen wollte, überhaupt gänzlich aus, und das hat er denn nun sehr übelgenommen und schimpft und schmält.« »Sehen Sie mir das Bocksgesicht! nun bin ich wieder fest in meiner Meinung!« sagte der Musiker, und beide mischten sich unter die Gesellschaft. ... In dem Zirkel meiner Dame befand sich ein junger Mann, den sie mit dem Namen: Dichter! beehrten ... Er war, wie die Dichter insgemein sind, und wie man es beinahe von ihnen fordert, sehr verliebter Natur und verehrte von weitem mit Inbrunst und Andacht Cäcilien wie eine Heilige ... Ebenso wie der Dichter ließ es sich auch der Musiker, der übrigens viel älter war, angelegen sein, ihr ganz im Geist der Chevalerie den Hof zu machen, und es entstand oft zwischen beiden ein komischer Wettstreit, in dem sie sich in tausend kleinen Aufmerksamkeiten und Galanterien überboten. Cäcilie zeichnete beide, die, im hohen Grade ausgebildet, all die musikalischen, deklamatorischen und mimischen Spielereien der Dame nur um ihretwillen duldeten und nur für sie in dem Zirkel lebten, merklich vor all den übrigen jungen Laffen und Gecken, die sie umschwärmten, aus und belohnte ihre ganz absichtslose Galanterie mit einer heiteren kindlichen Offenheit, die das Entzücken steigerte, womit sie das Mädchen im Gemüte trugen ... ... Zuweilen wurden nun auch nach der dir bekannten Methode ganze Gruppen dargestellt; Cäcilie ließ sich indessen nie dazu bereden, daran Anteil zu nehmen. Endlich aber, als die Mutter sehr in sie drang, und als der Dichter und der Musiker sich in stürmischen Bitten vereinigten, ließ sie es sich doch gefallen, in der nächsten mimischen Akademie, wie meine Dame ihre Übungen vornehm nannte, die Heilige, deren Namen sie bedeutungsvoll trug, darzustellen. – Kaum war das Wort gegeben, als die Freunde m rastloser Tätigkeit sich beeiferten, alles herbeizuschaffen und anzuordnen, was zur würdigen und effektvollen Darstellung der Heiligen durch die holde Geliebte nötig war. Der Dichter wußte eine sehr gute Kopie der heiligen Cäcilie von Carlo Dolce, die sich bekanntlich in der Dresdener Galerie befindet, aufzutreiben, und da er zugleich ein geschickter Zeichner war, zeichnete er dem Theaterzeichner des Ortes so genau jeden Teil der Gewänder vor, daß dieser imstande war, aus schicklichen Stoffen Cäciliens Draperie ganz herzustellen; auch der Musiker tat geheimnisvoll und sprach von dem Effekt, den man ihm allein verdanken werde. Cäcilie, als sie das emsige Bemühen der Freunde sah, als beide mehr als je sich beeiferten, ihr tausend angenehme Dinge zu sagen, fand immer mehr Interesse an der Rolle, die sie erst hartnäckig verschmäht hatte, und konnte kaum den Tag der Darstellung erwarten, der nun endlich herankam ... ... Man hatte diesmal einen Vorhang quer durch den Saal gezogen und die Beleuchtung zwar oben, aber nicht wie sonst aus der Mitte strömend und die Gegenstände von allen Seiten so wie durchsichtig beleuchtend, sondern auf der einen Seite angebracht. Als der Vorhang sich wegschob, saß ganz wie auf Dolce's Gemälde, in seltsame Gewänder malerisch gekleidet, die heilige Cäcilie vor der kleinen altertümlichen Orgel, und mit gesenktem Haupte tiefsinnig in die Tasten schauend, schien sie die Töne körperlich zu suchen, die geistig sie umschwebten. So glich sie ganz dem Gemälde Carlo Dolces. – Nun erklang ein ferner Akkord lang ausgehalten und in die Lüfte verschwebend. – Cäcilie erhob leise den Kopf. – Nun hörte man aus höchster Ferne einen Choral weiblicher Stimmen, ein Werk des Musikers. Die einfachen und doch in wunderbarer Folge fremd und wie aus einer andern Welt herabgekommenen klingenden Akkorde dieses Chors von Cherubim und Seraphim erinnerten mich lebhaft an manche Kirchenmusik, die ich vor zweihundert Jahren in Spanien und in Italien gehört, und ich fühlte denselben heiligen Schauer mich durchbeben, wie damals. Cäciliens gen Himmel gerichtete Augen erglänzten in heiliger Verzückung, und unwillkürlich sank der Philosoph mit emporgehobenen Händen auf die Knie, indem er tief aus dem Innersten heraus rief: »Sancta Cäcilia, ora pro nobis.« Viele aus dem Zirkel folgten in wahrhafter Begeisterung seinem Beispiel, und als der Vorhang zurauschte, war alles, selbst manches junge Mädchen nicht ausgenommen, in stille Andacht versunken, bis eine laute allgemeine Bewunderung dem Zwange des inneren Gefühls Luft machte. Der Dichter und der Musiker gebärdeten sich wie närrisch, indem sie sich einmal über das andere umarmten und dabei heiße Tränen vergossen ... ... Die Zirkel (waren) auf einige Zeit gestört, bis der Sohn eines Hausfreundes von der Akademie zurückkam und eine Anstellung erhielt, da wurde das Haus meiner Dame wieder lebendiger ... Kurz und gut, Cäcilia wurde an Monsieur George (so nannte ihn der schwindsüchtige Papa, dessen Bild mit Wasser in Wasser gemalt noch kräftig werden würde) verheiratet, und die Hochzeitsnacht führte die unglückliche Katastrophe herbei, welche mich herbrachte ... ... Madame hatte seine Ankunft mit vielem Pomp verkündigt, und das war nötig, um ihn vor dem lauten Spott zu sichern, den sonst sein linkisches Betragen, seine bis zum Ekel wiederholten Erzählungen nichtsbedeutender Dinge hervorgebracht haben würden. – Er hatte sichtlich früh an dem Übel gelitten, das den armen Campuzano in das Hospital der Auferstehung brachte; das sowie vielleicht noch andere Jugendsünden, mochte auf seinen Verstand gewirkt haben. Seine ganze Fantasie drehte sich um die Begebenheiten seiner akademischen Jahre, und zur Würze dienten ihm, war er unter Männern, die niedrigsten Zoten, wie ich sie kaum in den Wachstuben und gemeinen Schenken gehört habe, welche er mit sichtlichem Behagen und großer Freude nicht aufhören konnte zu erzählen. Waren Damen zugegen, so rief er diesen oder jenen in die Ecke des Zimmers und machte durch ein schallendes Gelächter bei dem Schlusse der Erzählung der Gesellschaft bemerkbar, daß das wieder ein ganz verfluchter Spaß gewesen sei. Du kannst denken, lieber Freund, daß dieser unsaubre Geist unter den Höhergesinnten des Zirkels einigen Abscheu und Ekel erregen mußte ... George näherte sich Cäcilien im Einverständnisse mit der Mutter. Er wußte durch anscheinend unbedeutende, aber mit der Erfahrung des abgefeimten Lüstlings wohlberechnete Liebkosungen ihre Sinnlichkeit zu reizen; er wußte durch manche leichtverhüllte Zote ihre Neugierde auf gewisse Geheimnisse zu leiten, die nun sie mit magischer Kraft umfingen, und begierig zog die unbefangene kindliche Seele, einmal in den verderblichen Kreis hineingelockt, den giftigen Dunst ein, von dem betäubt, sie sich als Opfer der unglückseligsten Konvenienz hingeben sollte ... Madames zerrüttete Vermögensumstände machten die Verbindung mit dem reichen Hause wünschenswert, und all' die hohen Kunstaussichten und Ansichten, von denen man in so vielen wohlgestellten Floskeln und Phrasen gesprochen, gingen darüber zum Teufel! – ... Cäcilia hatte noch nie geliebt, jetzt nahm sie die gereizte Sinnlichkeit für jenes hohe Gefühl selbst, und konnte das siedende Blut jenen göttlichen Funken, der sonst in ihrer Brust brannte, auch nicht verlöschen, so glimmte er doch nur mühsam fort und konnte nicht mehr zur reinen Flamme auflodern. – Kurz, die Heirat wurde vollzogen ... ... Du kannst denken, wie ich den George haßte. Er durfte in meiner Gegenwart seine ekelhaften Liebkosungen nur bis zu einem gewissen Grade steigern, gewisse ihm ganz eigne Zärtlichkeiten störte ich augenblicklich durch gewaltiges Knurren, und Georges Versuch, mich einmal mit einer Ohrfeige zur Ruhe zu verweisen, bestrafte ich mit einem tüchtigen Biß nach der Wade, die ich ausgerissen hätte, wenn es möglich gewesen wäre, etwas anderes zu fassen als den festen Knochen. Da stieß das Männlein einen Schrei aus, der bis in das dritte Zimmer nachgellte, und schwur mir den Tod. Cäcilie behielt mich dessenungeachtet lieb; sie bat für mich, aber mich mitzunehmen, so wie sie es im Sinne hatte, daran war nicht zu denken, alles war dagegen, weil ich nach des Bräutigams Wade geschnappt, wiewohl der unentschiedene Charakter, der noch zuweilen ins Haus kam, keck behauptete, Georgs Wade sei eine Negation, ein Nonsens, die Sünde dagegen daher unmöglich, in nichts könne man nicht hineinbeißen usw. Ich sollte bei Madame bleiben. Welch ein trauriges Verhängnis! Am Hochzeitstage spät abends machte ich mich heimlich davon; als ich aber bei Georgs hell erleuchtetem Hause vorüberkam und die Haustür weit geöffnet sah, konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, von Cäcilien, koste es was es wolle, noch einmal ganz nach meiner alten Art Abschied zu nehmen. Ich schlich mich daher mit den hineinströmenden Gästen die Treppe hinaus, und mein Glücksstern ließ mich die freundliche Lisette, Cäciliens Kammermädchen, finden, die mich in ihr Stübchen lockte, wo mir bald ein stattliches Stück Braten entgegendampfte. Ich fraß im Zorn und Grimm, und um mich zu der mir wahrscheinlich bevorstehenden weiten Reise recht zu stärken, alles hinein, was sie mir gegeben, und schlich dann in den erleuchteten Korridor. In dem Gedränge der auf- und abtreibenden Bedienten, der Zuschauer, die sich eingefunden, bemerkte mich niemand. Ich schnupperte und spürte bedächtig umher, und mein feines Organ verriet mir Cäciliens Nähe; eine halbgeöffnete Tür erlaubte mir den Eingang, und eben in dem Augenblick kam Cäcilia im prächtigen Brautputz mit einem Paar Freundinnen aus dem Nebenzimmer. Unklug wäre es gewesen, sich jetzt schon zu zeigen, ich drückte mich daher in die Ecke und ließ sie vorüber. Kaum war ich allein, als ein süßer Duft, der aus dem Nebenzimmer strömte, mich hinanlockte. Ich schlüpfte hinein und befand mich in dem herrlich geputzten duftenden Brautgemach. Eine Alabasterlampe warf ihr mildes Licht auf die Gegenstände umher, und ich erblickte Cäciliens zierliche, mit Spitzen reich besetzten Nachtkleider, die auf dem Sofa ausgebreitet lagen. Nicht umhin konnte ich, sie mit Wohlgefallen zu beschnüffeln; indem hörte ich hastige Schritte in dem Nebenzimmer und eilte, mich in einem Winkel neben dem Brautbett zu verstecken. Cäcilia trat erhitzt hinein, Lisette folgte ihr, und in wenigen Minuten war das reiche Gewand mit dem einfachen Nachtkleide vertauscht. – Wie schön sie war! – Ich kroch leise winselnd hervor! – »Was, du da? mein treuer Hund«, rief sie, und meine plötzliche Erscheinung in dieser Stunde schien auf eine ganz eigne gespenstische Weise sie anzuregen, denn eine plötzliche Blässe überflog ihr Gesicht, und die Hand nach mir ausstreckend, schien sie sich überzeugen zu wollen, ob ich denn wirklich da oder ob ich nur ein Phantom sei. Seltsame Ahnungen mußten sie durchdringen, denn Tränen stürzten ihr aus den Augen, und sie sagte: »Geh! geh! treuer Hund, nun muß ich alles verlassen, was mir bisher lieb war, weil ich ihn habe, ach, sie sagen ja, er wird mir alles ersetzen; er ist auch wirklich ein recht guter Mann, er meint es gut, wenn auch bisweilen – doch ich versteh' es ja nicht – nun geh, geh!« – Lisette öffnete die Tür, ich kroch aber unter das Bett, Lisette sagte nichts, und Cäcilia hatte es nicht bemerkt. – Sie war allein und mußte bald dem ungeduldigen Bräutigam die Tür öffnen; er schien berauscht, denn er ergoß sich in den pöbelhaftesten Zoten und mißhandelte die zarte Braut mit seinen plumpen Liebkosungen. Wie er nun so schamlos mit der nie zu befriedigenden Begier des entnervten Lüstlings die geheimsten Reize des keuschen Mädchens enthüllte, wie sie, dem Opferlamm gleich, still weinend unter seinen rohen Fäusten litt, das machte mich schon toll, – ich murrte unwillkürlich, aber niemand hörte es. – Nun nahm er Cäcilien in seine Arme und wollte sie ins Bett tragen, aber der Wein wirkte immer mehr, und er taumelte mit ihr gegen den Bettpfosten, der sie an den Kopf traf, daß sie aufschrie. Sie riß sich aus seinen Armen und stürzte sich ins Bett. »Liebchen, bin ich besoffen? – sei nicht böse, Liebchen«, stammelte er mit lallender Zunge, indem er seinen Schlafrock herunterriß und ihr nachwollte. Aber im jähen Schreck über die entsetzliche Mißhandlung des elenden Schwächlings, der in der keuschen, engelreinen Braut nur das feile Freudenmädchen sah, schrie sie auf in schneidendem Jammer: »Ich Unglückselige, wer schützt mich vor diesem Menschen!« Da sprang ich wütend hervor aufs Bett, packte mit einem kräftigen Biß den dürren Schenkel des Elenden und riß ihn über den Boden des Zimmers zur Tür, die ich, mich mit voller Gewalt andrängend, aufsprengte, hinaus auf den Flur. Indem ich ihn zerfleischte, daß er blutbedeckt dalag, raste er vor Schmerz, und die fürchterlichen hohlen Töne, die er ausstieß, weckten das ganze Haus. Bald wurde es lebendig – Bediente – Mägde rannten die Treppe herab mit Ofengabeln – Schaufeln – Prügeln bewaffnet, aber mit stummem starren Entsetzen betrachteten sie die Szene, keiner wagte sich mir näher, denn sie hielten mich für toll und fürchteten meinen Verderblichen Biß. Unterdessen stöhnte und ächzte halb ohnmächtig Georg unter meinen Bissen und Tritten, ich konnte nicht von ihm ablassen. Da flogen Prügel, Geschirre nach mir, krachend zersplitterten die Fenster, – Gläser, Teller, noch vom gestrigen Schmause stehengeblieben, stürzten zertrümmert von den Tischen, aber mich traf kein wohlgezielter Wurf. Der lange verhaltene Grimm machte mich mordsüchtig; ich war im Begriff, meinen Feind bei der Kehle zu packen und ihm den Garaus zu machen, da sprang einer mit einem Gewehr aus dem Zimmer, das er sogleich auf mich abdrückte, die Kugel sauste mir dicht bei den Ohren vorbei. Ich ließ den Feind ohnmächtig liegen und setzte die Treppe hinab. Wie das wütende Heer kam mir nun der dicke Haufe nachgetrappelt. – Meine Flucht gab ihnen Mut. – Aufs neue flogen Besen – Prügel – Ziegelsteine mir nach, von denen mich einige hart genug trafen. Nun war es Zeit sich aus dem Staube zu machen; ich stürzte mich auf die Hintertür, sie war zum Glück nur angelehnt, und in dem Augenblick befand ich mich in dem weitläufigen Garten. Schon tobte mir der Haufe nach – der Schuß hatte die Nachbarn geweckt – »ein toller Hund, ein toller Hund!« erscholl es überall; nach mir geworfene Steine sausten durch die Luft, da gelang es mir nach drei vergeblichen Sprüngen endlich, über die Mauer zu setzen, und nun rannte ich unaufhaltsam fort durch das Feld und gönnte mir kaum einen Augenblick Ruhe, bis ich glücklich hier anlangte, wo ich auf eine seltsame Weise mein Unterkommen bei dem Theater fand ... (Aus »Nachrichten von den neuesten Schicksalen des Hundes Berganza«.) An Hitzig in Berlin Bamberg, den 30. November 1812. ... Noch habe ich keine Note aufgeschrieben, die Oper ist aber doch beinahe fertig. – Ein kleiner Abriß meiner jetzigen Lebensweise, den ich Ihnen bei dieser Gelegenheit gebe, wird Sie vielleicht belustigen – Ich habe die Unart, nicht früh aufstehen zu können – ist es endlich geschehen, so geht der Vormittag beinahe mit den Lehrstunden hin, die ich einigen Damen der hiesigen höhern Welt erteile – dann zwinge ich mich zu einer mir von Breitkopf übertragenen Übersetzung einer französischen Violinschule – endlich bin ich frei und nun eile ich (7 Uhr abends) mit der Undine in der Tasche in ein mir nahegelegenes mit dem Theater verbundenes Kaffeehaus, wo ich in einem einsamen Winkelchen eine Pfeife Tabak rauche, Tee trinke und – komponiere. Um 9 Uhr kommen mehrere Freunde aus dem Theater oder sonst her – wir verzehren ein frugales Abendbrot und trennen uns gewöhnlich um halb 11 Uhr – nun setze ich mich an mein Klavier – die aufgeschlagene Undine vor mir und nun geht erst das rechte begeisterte Komponieren los – So kommt es denn, daß ich, bin ich ganz fertig, sehr rasch und ohne eine Note ändern zu müssen, die ganze Komposition aufschreibe – Dem, seitdem Holbein die Direktion dem Nürnberger Direktor Reuter überlassen, ganz in die vorige Gemeinheit zurückgesunkenen Theater habe ich mich ganz entschlagen und meine dadurch entstandene Muße gefällt mir so wohl, daß ich mich nicht entschließen kann, nach Holbeins Wunsche in Würzburg wieder das mühevolle Geschäft der Leitung des mechanischen und ästhetischen Teils der Aufführung zu übernehmen ... Mit der behaglichen Schilderung dieses Briefes vergleiche man die Tagebucheintragungen der Tage vorher. Von der Undine wurde jedenfalls damals kaum etwas komponiert. Tagebuch 22. November, Sonntag : V. M. zu Hause – Mittags in der »Rose« gegessen. Madem. Rieser – Schausp. aus Nürnberg – N. M. exaltiert (getrunken) – Abds. Souper in d. »Rose« bis 2½ Uhr – Kunz – Speier – Marcus – ziemlich gemütliche Stimmung.   23. November. Montag : V. M. Rothenhan – N. M. Kunz – Abends Ball – mit Ktch zum letzten mal getanzt – und ihr in ein. exalt. Stimmung noch ein Adio in allerlei Schnörkeln gesagt – bis 2½ Uhr – 24. November. Dienstag : V. M. Rothenhan – N. M. bei Kunz gemalt und dageblieben.   25. November. Mittwoch : V. M. kränklich zu Hause – höchste infamste Geldnot – Kunz nichts hergegeben – infame Stimmung – »Rose« –   26. November. Donnerstag : V. M. Lorbeer – Rothenhan – In der höchsten Not den alten Rock verkauft um nur fressen zu können!! – Zu Hause gearbeitet. Abends »Rose«. Abschiedsgruß an Julia ... Wie war meine Brust so beengt, als ich den Konzertsaal betrat. Wie war ich so gebeugt von dem Drucke aller der nichtswürdigen Erbärmlichkeiten, die wie giftiges stechendes Ungeziefer den Menschen und wohl vorzüglich den Künstler in diesem armseligen Leben verfolgen und peinigen, daß er oft dieser ewig prickelnden Qual den gewaltsamen Stoß vorziehen würde, der ihn diesem und jedem andern irdischen Leide auf immer entzieht. – Du verstandest den wehmütigen Blick, den ich auf dich warf, mein treuer Freund! und hundertfältig sei es dir gedankt, daß du meinen Platz am Flügel einnahmst, indem ich mich in dem äußersten Winkel des Saals zu verbergen suchte. Welchen Vorwand hattest du denn gefunden, wie war es dir denn gelungen, daß nicht Beethovens große Sinfonie in C-Moll, sondern nur eine kurze unbedeutende Ouverture irgendeines noch nicht zur Meisterschaft gelangten Komponisten aufgeführt wurde? – Auch dafür sei dir Dank gesagt aus dem Innersten meines Herzens. – Was wäre aus mir geworden, wenn, beinahe erdrückt von all dem irdischen Elend, das rastlos auf mich einstürmte seit kurzer Zeit, nun Beethovens gewaltiger Geist auf mich zugeschritten wäre, und mich wie mit metallnen, glühenden Armen umfaßt und fortgerissen hätte in das Reich des Ungeheuern, des Unermeßlichen, das sich seinen donnernden Tönen erschließt. – Als die Ouverture in allerlei kindischem Jubel mit Pauken und Trompeten geschlossen hatte, entstand eine stille Pause, als erwarte man etwas recht Wichtiges. Das tat mir wohl, ich schloß die Augen, und indem ich in meinem Innern angenehmere Erscheinungen suchte, als die waren, die mich eben umgaben vergaß ich das Konzert und mit ihm natürlicherweise auch seine ganze Einrichtung, die mir bekannt gewesen, da ich an den Flügel sollte ... Nun strahlte wie ein himmlisches Licht die glockenhelle Stimme eines Frauenzimmers aus dem Orchester empor ... Alles war vergessen, und ich horchte nur entzückt auf die Töne, die, wie aus einer andern Welt niedersteigend, mich tröstend umfingen.– Ebenso einfach wie das Rezitativ ist das Thema der folgenden Arie: Ombra adorata gehalten; aber ebenso seelenvoll, ebenso in das Innerste dringend spricht es den Zustand des Gemüts aus, das von der seligen Hoffnung, in einer höheren besseren Welt bald alles ihm Verheißene erfüllt zu sehen, sich über den irdischen Schmerz hinwegschwingt ... Aber was soll ich von dir sagen, du herrliche Sängerin! – Mit dem glühenden Enthusiasmus der Italiener rufe ich dir zu: »du von dem Himmel Gesegnete!« Denn wohl ist es der Segen des Himmels, der deinem frommen, innigen Gemüte vergönnt, das im Innersten Empfundene hell und herrlich klingend ertönen zu lassen. – Wie holde Geister haben mich deine Töne umfangen, und jeder sprach: »Richte dein Haupt auf, du Gebeugter! Ziehe mit uns, ziehe mit uns in das ferne Land, wo der Schmerz keine blutende Wunde mehr schlägt, sondern die Brust, wie im höchsten Entzücken mit unnennbarer Sehnsucht erfüllt!« – Ich werde dich nie mehr hören; aber wenn die Nichtswürdigkeit auf mich zutritt, und mich für ihresgleichen haltend den Kampf des Gemeinen mit mir bestehen, wenn die Albernheit mich betäuben, des Pöbels ekelhafter Hohn mich mit giftigem Stachel verletzen will, dann wird in deinen Tönen mir eine tröstende Geisterstimme zulispeln: Tranquillo io sono; fra poco teco saro mia vita! In einer nie gefühlten Begeisterung erhebe ich mich dann mächtigen Fluges über die Schmach des Irdischen; alle Töne, die in der wunden Brust im Blute des Schmerzes erstarrt, leben auf und bewegen und regen sich und sprühen wie funkelnde Salamander blitzend empor; und ich vermag sie zu fassen, zu binden, daß sie wie in einer Feuergarbe zusammenhaltend zum flammenden Bilde werden, das deinen Gesang – dich – verklärt und verherrlicht. (Aus »Ombra adorata«.) Tagebuch 3. Dezember 1812. Donnerstag : Lorbeer – Rothenhan – Julchens Hochzeitstag con questo maledetto mercante – Mittags-Diner in der »Rose« – sich un poco beschampagnert mit Holst – Abends in der »Rose« geblieben – ma senza exaltatione – die alberne Periode rücksichts Ktch ist ganz vorüber –   18. Dezember. Freitag : V. M. Kunz – Mittag geblieben (getrunken) – Abschiedsvisite bei Julchen pour jamais ! – sonderbar gespannte Stimmung – in der »Rose« eingeschlafen – Abends Gröpel –   20. Dezember. Sonntag : ...Um 9 Uhr ist Julchen wirklich abgereist –   21. Dezember. Montag : V. M. Rothenhan – N. M. zum erstenmal im Hospital eine Somnambule gesehen – Zweifel! – Abends »Rose«, sonderbare Stimg. – Ktch – Ktch – Ktch   25. Februar 1813. Donnerstag: Endlich ganz unerwartet aus Königsberg 485 Taler sächsisch bekommen – aller Kummer ein Ende..   27. Februar 1813. Sonnabend: Ganz unerwartet Brief von Leipzig erhalten, worin mir Joseph Seconda die Musik-Direktor-Stelle anbietet . Nichts gearbeitet – den Kopf voll –   4. März 1813. Donnerstag :.. διε εινςιγε  Ναχριχτ  δασσ  Κτχ σχωανγερ –τραφ μιχ ωιε ειν Σχλαγ–   17.März 1813. Mittwoch: Den Brief erhalten, der meine Anstellung bei Seconda richtig macht – Große Freude!   18. März 1813. Donnerstag (Anselmus): D. Brief erhalten, durch den ich erfuhr daß Aurora in Wien gegeben wird. Mittags bei Kunz Kontrakt wegen Literatur. Von der Nachtseite der Natur Am 21. Dezember 1812 hatte Hoffmann in sein Tagebuch eingetragen: »zum erstenmal im Hospital eine Somnambule gesehen.« Das »Hospital« ist die Irrenanstalt zu St. Getreu, der Medizinaldirektor Marcus vorstand. In den Unterhaltungen der Serapionsbrüder führte Hoffmann die übersinnlichen Eindrücke, die er durch den ihm befreundeten Psychiater erhielt, und die bald einen so starken Einfluß auf seine dichterische Produktion ausüben sollten, weiter aus.   Meine Bestimmung führte mich nach B(amberg). – Auch dort wurde viel vom Magnetismus gesprochen, irgendeines praktischen Versuches aber nicht erwähnt. Man behauptete, daß ein merkwürdiger berühmter Arzt, hoch in Jahren wie jener Arzt in der Residenz, der grausamerweise antisomnabulistische Eisen in der Tasche führte, Direktor des dortigen, herrlich eingerichteten Krankenhauses, sich entschieden gegen die magnetische Kur erklärt und den ihm untergeordneten Ärzten geradehin untersagt habe, sie anzuwenden. Um so mehr mußt ich mich verwundern, als ich nach einiger Zeit vernahm, daß jener Arzt selbst, jedoch ganz insgeheim, den Magnetismus im Krankenhause anwende. Ich suchte, als ich näher mit dem würdigen Mann bekannt geworden, ihn auf den Magnetismus zu bringen. Er wich mir aus. Endlich, als ich nicht nachließ, von der dunklen Wissenschaft zu sprechen, und mich als ein Sachkundiger bewies, fragte er, wie es mit der Ausübung der magnetischen Kur in der Residenz stehe. Ich nahm gar keinen Anstand, ihm die wunderbare Geschichte mit der somnambulen Dame, die plötzlich aus himmlischer Verzückung zurückkehrte auf irdischen Boden, als sie was weniges gebrannt werden sollte, offen und klar zu erzählen. »Das ist es eben, das ist es eben«, rief er, indem Blitze in seinen Augen leuchteten, und brach schnell das Gespräch ab. Endlich, nachdem ich mehr sein wohlwollendes Vertrauen gewonnen, sprach er sich über den Magnetismus in der Art aus, daß er sich von der Existenz dieser geheimnisvollen Naturkraft und von ihrer wohltätigen Wirkung in gewissen Fällen durch die reinsten Erfahrungen überzeugt, daß er aber das Erwecken jener Naturkraft für das gefährlichste Experiment halte, das es geben, und das nur Ärzten, die in der vollkommensten Ruhe des Geistes über allen leidenschaftlichen Enthusiasmus erhaben, anvertraut werden könne. In keiner Sache sei Selbsttäuschung möglicher, ja leichter, und er halte jeden Versuch schon dann nicht für rein, wenn der Person, die zur magnetischen Kur geeignet, vorher viel von den Wundern des Magnetismus vorgeredet worden und sie Verstand und Bildung genug habe, um zu begreifen, worauf es ankomme. Der Reiz, in einer höhern Geisterwelt zu existieren, sei für poetische oder von Haus aus exaltierte Gemüter zu verlockend, um mit der heißen Sehnsucht nach diesem Zustände nicht unwillkürlich allerlei Einbildungen Raum zu geben. Sehr lustig sei die geträumte Herrschaft des Magnetiseurs über das fremde psychische Prinzip, wenn er sich ganz hingebe den Fantasien überspannter Personen, statt ihnen als Zaum und Zügel den krassesten Prosaismus über den Hals zu werfen, übrigens stelle er gar nicht in Abrede, daß er sich in seinem Krankenhause selbst der magnetischen Kuren bediene. Er glaube aber, daß bei der Art, wenn er sie aus reiner Überzeugung anwenden lasse, durch besonders dazu erwählte Arzte unter seiner strengsten Aufsicht, wohl nie ein Mißbrauch möglich, sondern dagegen nur wohltätige Einwirkung auf die Kranken und Bereicherung der Kenntnis dieses geheimnisvollsten aller Heilmittel zu erwarten sei. Aller Regel entgegen wolle er, wenn ich festes Stillschweigen verspräche, um den Andrang aller Neugierigen zu verhüten, mich einer magnetischen Kur beiwohnen lassen, sollte sich ein Fall derart ereignen. Der Zufall führte mir bald eine der merkwürdigsten Somnambulen unter die Augen. Die Sache verhielt sich in folgender Art. Der Arzt des Kreises fand in einem Dorfe ungefähr zwanzig Stunden von B. bei einem armen Bauer ein Mädchen von sechzehn Jahren, über deren Zustand sich die Eltern unter bitteren Tränen beklagten. Nicht gesund, sprachen sie, nicht krank sei ihr Kind zu nennen. Sie fühlte keinen Schmerz, kein Übelfinden, sie säße und tränke, sie schliefe oft ganze Tage lang, und dabei magre sie ob und würde von Tage zu Tage immer matter und kraftloser, so daß an Arbeit seit langer Zeit gar nicht zu denken. Der Arzt überzeugte sich, daß ein tiefes Nervenübel der Grund des Zustandes war, in dem sich das arme Kind befand, und daß die magnetische Kur recht eigentlich indiziert sei. Er erklärte den Eltern, daß die Heilung des Mädchens hier auf dem Dorfe ganz unmöglich, daß sie aber in B. von Grund aus geheilt werden solle, wenn sie sich entschlössen, das Kind dorthin in das Krankenhaus zu schaffen, wo sie auf das beste gepflegt werden und Medizin erhalten solle, ohne daß sie einen Kreuzer dafür bezahlen dürften. Die Eltern taten nach schwerem Kampf, wie ihnen geheißen. Noch ehe die magnetische Kur begonnen, begab ich mich mit meinem ärztlichen Freunde in das Krankenhaus, um die Kranke zu sehen. Ich fand das Mädchen in einem hohen lichten Zimmer, das mit allen Bequemlichkeiten auf das sorgsamste versehen. Sie war für ihren Stand von sehr zartem Gliederbau, und ihr feines Gesicht wäre beinahe schön zu nennen gewesen, hätten es nicht die erloschenen Augen, die Totenbleiche, die farblosen Lippen entstellt. Wohl mochte es sein, daß ihr Übel nachteilig auf ihr Geistesvermögen gewirkt, sie schien von dem beschränktesten Verstande, faßte nur mühsam die an sie gerichteten Fragen und beantwortete sie in dem breiten unverständlichen, abscheulichen Jargon, den die Bauern in der dortigen Gegend sprechen. Zu ihrem Magnetiseur hatte der Direktor einen jungen, kräftigen Eleven der Arzneikunde gewählt, dem die Offenheit und Gutmütigkeit aus allen Zügen leuchtete und von dem er sich überzeugt hatte, daß das Mädchen ihn leiden mochte. Die magnetische Kur begann. Von neugierigen Versuchen, von Kunststücken und dergleichen, war nicht die Rede. Niemand war zugegen außer dem Magnetiseur als der Direktor, der mit der gespanntesten Aufmerksamkeit, mit sorglicher Beachtung der kleinsten Umstände, die Kur leitete, und ich. Anfänglich schien das Kind wenig empfänglich, doch bald stieg sie schnell von Grad zu Grad, bis sie nach drei Wochen in den Zustand des wirklichen Hellsehens geriet. Erlaßt es mir, all der wunderbaren Erscheinungen zu erwähnen, die sich nun in jeder Krise darboten, es sei genug, euch zu versichern, daß ich hier, wo keine Täuschung möglich, mich im innersten Gemüt von der wirklichen Existenz jenes Zustandes überzeugte, den die Lehrer des Magnetismus als den höchsten Grad des Hellsehens beschreiben. In diesem Zustande ist, wie Kluge sagt, die Verbindung mit dem Magnetiseur so innig, daß der Clairvoyant es nicht bloß augenblicklich weiß, wenn die Gedanken des Magnetiseurs zerstreut und nicht auf des Clairvoyants Zustand gerichtet sind, sondern daß er auch in der Seele des Magnetiseurs dessen Vorstellungen auf das deutlichste zu erkennen vermag. Dagegen tritt der Clairvoyant nun gänzlich unter die Herrschaft des Willens seines Magnetiseurs, durch dessen psychisches Prinzip er nur zu denken, zu sprechen, zu handeln vermag. Ganz in diesem Fall befand sich das somnambule Bauernmädchen. – Ich mag euch nicht mit all dem ermüden, was sich in dieser Hinsicht mit der Kranken und ihrem Magnetiseur begab, nur ein und für mich das schneidendste Beispiel! – Das Kind sprach in jenem Zustand den reinen, gebildeten Dialekt ihres Magnetiseurs und drückte sich in den Antworten, die sie ihm mehrenteils anmutig lächelnd gab, gewählt, gebildet, kurz ganz so aus, wie der Magnetiseur zu sprechen pflegte. Und dabei blühten ihre Wangen, ihre Lippen auf in glühendem Purpur, und die Züge ihres Antlitzes schienen veredelt! – Ich mußte erstaunen; aber diese gänzliche Willenlosigkeit der Somnambule, dies gänzliche Aufgeben des eignen Ichs, diese trostlose Abhängigkeit von einem Fremden, geistigen Prinzip, ja diese durch das fremde Prinzip allein bedingte Existenz erfüllte mich mit Grausen und Entsetzen. Ja, ich konnte mich des tiefsten, herzzerschneidendsten Mitleids mit der Armen nicht erwehren, und dies Gefühl dauerte fort, als ich den wohltätigsten Einfluß der magnetischen Kur bemerken mußte, als die Kleine, in der vollsten, kräftigsten Gesundheit aufgeblüht, dem Magnetiseur und dem Direktor, ja auch mir dankte für alles Gute, das sie genossen, und dabei ihren Jargon sprach, breiter, unverständlicher als jemals. Der Direktor schien mein Gefühl zu bemerken und es mit mir zu teilen. Verständigt haben wir uns darüber niemals und das wohl aus guten Gründen! – Nie hab' ich seitdem mich entschließen können, Kursen beizuwohnen, was hätte ich weiter für Erfahrungen gemacht nach jenem Beispiel, das bei der vollkommenen Reinheit des Versuchs mich über die wunderbare Kraft des Magnetismus ganz ins klare setzte, zugleich aber an einen Abgrund stellte, in den ich mit tiefem Schauer hinabblickte ... (Aus den »Unterhaltungen der Serapionsbrüder«, 3. Abschnitt.)   Mit diesem Einblick in das Wesen des tierischen Magnetismus, wie er damals seinen Siegeszug über die zivilisierte Welt antrat und alle bisherigen Vorstellungen der menschlichen Natur über den Haufen zu werfen schien, nahm Hoffmann noch einen starken Eindruck aus seiner Bamberger Zeit mit. Die Bamberger Periode mußte ein Ende nehmen. Auch wenn sich das Verhältnis mit dem Markschen Hause wieder eingerenkt hatte, war die Stadt Hoffmann doch verhaßt geworden. Alle Ereignisse seit Julias Hochzeit waren nur ein Abgesang dieser an Schmerzen und Erschütterungen reichen Epoche. Der Zufall fügte es, daß Hoffmann gerade jetzt eine Musikdirektorstelle bei der Truppe des Theaterdirektors Joseph Seconda angeboten wurde. Seconda spielte abwechselnd in Dresden und Leipzig. Hoffmann sollte also die geliebten Gegenden seiner ersten glücklichen Reise wiedersehen. Auch aus den größten Geldschwierigkeiten wurde er durch eine Summe aus der Königsberger Erbschaft herausgerissen. Die größte Freude stand ihm aber an Julias immer noch heilig gehaltenem Geburtstag, dem 18. März, bevor. Hier erfuhr er, daß seine Oper »Aurora«, deren Text Holbein verfaßt hatte, für Wien angenommen war. Auf diesen Tag verlegte er auch seinen literarischen Vertrag mit Kunz, der sich ihm als Verleger angeboten hatte. Die »Fantasiestücke in Callots Manier«, die zum größten Teil in der folgenden Zeit geschrieben werden sollten, waren die Frucht dieses Vertrages. Nicht nur für die musikalische, sondern auch für die literarische Laufbahn ergaben sich also die glücklichsten Auspizien. Die politische Lage sah allerdings besorgniserregend aus. Napoleons Armee war vernichtet. Preußen bereitete den Befreiungskrieg vor. Es war noch nicht abzusehen, wo die Wetter des Krieges sich entladen würden. Hoffmann glaubte der Kriegsfurie zu entgehen, wenn er nach Dresden und Leipzig und nicht nach Würzburg ging, wohin ihn Holbein berufen hatte. Er sollte mit seiner Frau gerade mitten in den Krieg hineinkommen. Am 21. April 1813 reiste das Ehepaar nach dem neuen Bestimmungsort Dresden ab. In Dresden und Leipzig An Kunz in Bamberg Dresden, den 26. April 1813. Morgens 5 Uhr, im 4. Stock der »Stadt Naumburg« in der Wilsdruffer Straße. Geehrtester! Der Schulmeister (Spitzname des Fuhrmanns) mit seinem Lamentoso, sowie sein Treiben, sein Eilen, um aus der Stadt zu kommen, da er hier Wagen und Pferde hätte auf der Straße stehen lassen müssen, sowie endlich die auf mich niederdonnernde Nachricht: Seconda sei noch nicht hier, und an seine Anherkunft noch nicht zu denken, hatten mich gestern so außer aller Fassung gebracht, daß der Brief an Sie, den ich nicht wieder öffnen mag, sehr aphoristisch ausgefallen sein muß. Schulmeister fand in der entferntesten Vorstadt ein Unterkommen, wurde aber des Passes wegen zum Warten bis auf heute früh 8 Uhr verwiesen; ich benutze daher die Zeit, Sie und meine Freunde wenigstens in aller Kürze von den Begebenheiten auf der Reise zu unterrichten, da ich willens bin, später über Prag ein förmliches Reise-Bulletin, worin allerlei komische Fata und schnakische Abenteuer enthalten sein sollen, zu schreiben. – Also: In Bayreut fand ich den Postmeister Gschick, und dieser, sowie der Leutnant Bayerlein versicherten mich, es sei gar nicht daran zu denken, daß ich durchkommen würde. – Ich dachte: auf der Reise nun einmal, muß man alles versuchen, und in Gottes Namen weiter. Gschick empfahl mich wenigstens dem Obristwachtmeister Fortes von den Jägern, der in Münchberg die Vorposten kommandiert, an diesen wandte ich mich, und nachdem er erst einiges Bedenken geäußert, visierte er doch meinen Paß, und ich kam ohne alle weitere Nachfrage durch alle Vorposten, deren letzten ich eine halbe Stunde über Münchberg heraus antraf. In Hof kein Militär, aber beherzte Leute, die meinem Schulmeister rieten, nur weiter zu fahren; – eine halbe Stunde vor Plauen die erste Vedette, ein preußischer Husar, der mich frug, wohin ich wollte, und nachdem er mit mir auf Friedrich Wilhelms Wohl geschnapst, weiter ließ; – ein preußischer Wachtmeister mit einem Piket Husaren, – dito – weiter fort; in Plauen ein preußisches Kommando. Kaum aus Plauen heraus im Walde, ganz unvermutet leise hervorschleichend 25 Kosaken mit einem Offizier, lauter alte bärtige Leute, die mich ungefragt vorbei ließen. In Reichenbach alles voll preußischer Husaren, Kosaken. – Wir übernachteten; schon abends um 8½ Uhr kommen zwei Pulks Baschkiren und Kalmücken, und die ganze Nacht durch hörte das Durchziehen von Kosaken nicht auf. Das Gemurmel, die einzelnen Rufe in der fremden Sprache hatten was Schauerliches, Ängstliches. – Nun blieb der Weg nicht mehr leer von einzelnen streifenden Baschkiren, Kosaken und preußischen Husaren. – In Lichtenstein russische Dragoner und Artillerie, und zwar zwei Batterien, jede zu zwei Haubitzen und acht schweren Sechspfündern; in Langewitz rückten eben zwei Eskadrons preußische grüne Husaren ein – ganz herrliche Leute mit vortrefflichen Pferden, es war eine Lust sie anzusehen, mehrenteils Freiwillige; – Chemnitz ganz voller Truppen von allen Waffen und vor dem Dorfe Wiese, wo wir übernachteten, 40 Kanonen (in Batterien). – Nun wurde es immer voller und voller – Munitionswagen, Kanonen, Infanterie, Kavallerie, auf dem Marsch vorwärts begriffen. – Noch in Herzogswaldau liefen wir Gefahr, von einem herabrollenden Munitionswagen alles zerbrochen zu sehen – endlich – endlich – in Dresden! Man kann sich gar nicht denken, wie lebhaft es hier ist – dem König und Kaiser waren 20.000 Mann Garden mit 60 Kanonen gefolgt – alles steht voller Truppen, die aber heute meistens vorwärts sollen. – Fünfzig – oder damit ich nicht vielleicht dem Kellner eine Lüge nachsage, eine Menge weiß gekleideter Mädchen haben den Kaiser bei seinem Eintritt in die Stadt bekränzt. – Bei der Illumination am 25. haben Spottverse auf Napoleon geglänzt. Unter andern habe ich selbst noch an einem Fenster die Inschrift gesehen: Sonst mit Schmerzen, Heute von Herzen! Die ganze Nacht hindurch erschallen Hurrahs und russische Volkslieder; es ist ein Leben und Regen ohnegleichen – russische und preußische Offiziere umarmen sich auf den Straßen, und aus allen Tavernen hört man die Namen Alexander und Friedrich Wilhelm! Sonst weiß ich in politicis nichts, und werde erst nach gehörig eingezogenen Nachrichten im Bulletin weitläufiger sein. – Übrigens denke ich wohl aus allem, was ich gesehen, daß wenn Sie dieses lesen, Sie auch schon Preußen und Russen gesehen haben werden. Nachdem ich mich beruhigt, oder wie man zu sagen pflegt die Sache beschlafen habe, finde ich es gerade recht gut, daß Seconda noch nicht hier ist, er muß mir natürlicherweise nicht allein Reisegeld schicken, sondern auch Gage zahlen, und ich habe jetzt Muße, mich häuslich einzurichten und mein Buch zu enden, wozu ich mich auf der Reise schon präpariert. In dem Augenblick besitze ich 1 Carolin, und diesem Umstände mögen Sie es zurechnen, daß ich, da Sie mir Ihre Freundschaft in der Not bewährt, so frei war, den Schulmeister, dem ich übrigens 1 Carolin habe zulegen müssen, des überteuern Futters wegen, an Sie zu adressieren; ich werde meine Schuld richtig abtragen. – Meinen Freund Morgenroth habe ich schon gefunden, und er wird mir den (Ritter) Gluck verschaffen, den ich dann gleich dem Bulletin beilege. – Der Schulmeister ist da. Leben Sie wohl, Freund! – Bald hören Sie mehr von mir! Tagebuch 26. April 1813. Montag : Ausgegangen – sich ganz ermutigt – Morgenroth gefunden – den Kutscher abgefertigt – Mittags d.H.v. Leipziger – Herrliches Requiem von Hasse, im Linkschen Bade Hippel , Stägemann als Geheime Staatsräte getroffen – Höchst glückliche Stimmung! – Briefe nach Leipzig.   1. Mai. Sonnabend : Bei Morgenroth – dann zu (dem Bruder Joseph Secondas, Franz) Seconda, der mich nach Leipzig schickt – böse Nachrichten halten mich aber zurück – Herrliches Amt von Schuster gehört ...   3. Mai. Montag : Von hier beginnen die Tage der höchsten Unruhe   4. Mai. Dienstag : der höchsten Spannung – Armeeberichte erscheinen.   5. Mittwoch : selbst Hippel be(un)ruhigt über den Ausgang der Dinge und gibt mir den Rat nur noch einige Tage zu warten   6. Donnerstag : indessen sieht man die augenscheinlichste Retirade der Russen und Preußen. Bagage – Geschütze geht durch – französische Gefangene aber nur wenig –   7. Freitag : Der Staatskanzler von Hardenberg ist fort. Hippeln habe ich nicht mehr gesehen – Der Stadtkommandant ist ebenfalls fort – Die entsetzlichste Unruhe und Besorgnis – wann werde ich denn nach Leipzig kommen – (Probe von Cortez angehört und mich sehr erbaut)   8. Sonnabend : Höchst unruhige Nacht – Kosaken – eine Menge Artillerie zog eilig durch – um 11 Uhr brannte die Elbbrücke sowie die beiden Schiffbrücken – brennende Kähne kamen den Strom herab, mit einmal der größte Tumult – Kanonendonner ganz in der Nähe – Franzosen rückten ein – Um 5 Uhr nachmittags der Kaiser. Während der Zeit beständiges Schießen hinüber und herüber – Merkwürdige Augenblicke: auf dem Stadtwall die Russen gesehen wie sie anlegten und auf die Franzosen, welche sich auf der Brücke zeigten, schossen – Abends spät Morgenroth bei mir – gemütliche Stimmung trotz des Miseres – Nur eine Stunde vor dem Einmarsch der F. tritt der König v. P. über die Elbbrücke.   9. Sonntag : Ziemlich ruhige Nacht – von 4 Uhr an aber beständiges Schießen – Die Franzosen standen auf dem Turm und der Galerie der katholischen Kirche – dicht bei dem Schloßtor habe ich gestanden und wäre beinahe getroffen, indem fünf bis sechs Kugeln zischend an die Mauer anprallten und zurückschlugen – Mittags um 1½ platzte eine Granate auf dem Altmarkt und setzte alles nicht in geringes Schrecken – Abends mit Morgenroth im Tilkeschen Garten – ziemlich heitere Stimmung der Unruhe unerachtet – Kanonenschüsse – nachher hörte das Schießen auf – Übrigens ist heute ein alter Mann, der früh in die Kirche gehen wollte, schwer verwundet – An Kunz in Bamberg (Mit der Abschrift des »Ritter Gluck« für die »Fantasiestücke«) Dresden, den 10. Mai 1813. Vortrefflichster! Es ist jetzt eine Zeit, in der sich Neues an Neues drängt, so daß man nur das zunächst Erfahrene erzählen mag; verlangen Sie daher nichts Umständliches über meine Fata bis zum 30. April. Nur so viel, daß das herrliche Dresden selbst in den kritischen Zeiten, selbst in meiner übermißlichen Lage, mich ganz ermutigte. Schon den 26. April fand ich meinen alten Freund, den Kammermusikus Morgenroth, der nichts Angelegentlicheres zu tun hatte, als mich in die Kirche zur Aufführung eines prächtigen altertümlichen Requiems von Hasse zu geleiten. Aber noch eine größere Freude stand mir am Abend bevor; ich fand nämlich im Linkschen Bade meinen ältesten Jugend-, Schul- und akademischen Freund, den Staatsrat von Hippel, dessen Herz noch ebenso wie seit 25 Jahren, jetzt unter dem Stern des roten Adlerordens, sich den Ergießungen der innigsten Freundschaft überließ. Daß ich des gemütlichen, für deutsche Musik empfänglichen Morlachi Bekanntschaft machte, daß ich die Vestalin, Il matriomonio segreto , eine Hauptprobe des Cortez hörte und überhaupt in Kunst und Musik mich lustig bewegte, sind Nebensachen, nachdem heute der 10. Mai angefangen. – Den 30. April abends über Tische bekam ich Antwort von Seconda, mit einem Wechsel von 70 Taler und der Bitte, mich schleunigst nach Leipzig zu verfügen, insofern sein Bruder länger als vierzehn Tage hier zu bleiben gedächte. Ich begab mich zum Signor Franz (Seconda) in sein, mit den Bildnissen von Opitz, Ochsenheimer, Thering usw. (sehr gut in Öl gemalt) geschmücktes Kabinett und erhielt den Bescheid, nur ja nach Leipzig zu gehen, weil er bei der Anwesenheit des Kaisers von Rußland und des Königs von Preußen vielleicht den ganzen Sommer über hierbleiben würde. – Den 2. Mai wollte ich daher mit der Diligence abreisen, allein – keine Diligence – keine Post – keine Pferde – keinen Paß! – ich mußte bleiben. Schon den 3. ging ungeheure russische Bagage über die Elbe Tag und Nacht – den 7. verließ der Staatskanzler Hardenberg mit den Staatsräten Dresden – den 8. rückte von früh 3 Uhr Artillerie durch – um 10 Uhr ritt der König von Preußen durch die Stadt – um 11 Uhr brannte die Elbbrücke (der von Holz aufgerichtete Teil zur Kommunikation, da wo die beiden Bogen eingesprengt sind) und beide Schiffbrücken, deren Kähne brennend die Elbe herabschwammen – der Kanonendonner erschütterte die Fenster der Häuser an der Elbe – um 11 ¼ Uhr ritt ein französischer Trompeter und ein französischer Ulan durch die Straßen, Kavallerie, Infanterie folgte, und um 5 Uhr drauf traf, unter dem Geläute aller Glocken und von verschiedenen Deputationen empfangen, Se. Majestät der Kaiser Napoleon mit zahlreichem Gefolge ein. Die Russen blieben in der Neustadt, und nun ging ein Tiraillieren mit Büchsen hinüber und herüber an, welches bis in die späte Nacht, und den 9. um 3 Uhr wieder anfing und den ganzen Tag wieder bis in die Nacht dauerte. Sie wissen, daß da, wo das Kreuz auf der Brücke steht, sich zwei steinerne Schilderhäuser befinden; hinter diesen, sowie hinter einigen Steinen, hatten sich russische Jäger postiert und schossen, sowie sich französisches Militär blicken ließ, herüber; ich befand mich auf dem Wall neben dem Theater und konnte sehen, wie sie anlegten, und wie der russische Offizier hin und her sprang, um seine Feinde zu entdecken, und wie er eifrig dem versammelten neugierigen Volke zuwinkte, sich zu entfernen. – Die Kugeln prallten am Schloßtore an, und eine Frau wurde schwer verwundet, sowie ein Knabe erschossen. Den 9. hatten sich französische Jäger auf die Gallerie und auf den Turm der katholischen Kirche postiert und schossen munter herüber; – jetzt flogen Kartätschenkugeln (die Russen hatten Geschütz aufgepflanzt) bis in den Neumarkt, und um 1 ½ Uhr platzte mitten auf dem Altmarkt eine hereingeworfene Granate. – Mit dieser Gefahr unbekannt, ging ich noch vormittags um 10 Uhr an das Brühlsche Palais und fand in der Nähe des Schloßtors mehrere Menschen, wurde aber in dem Augenblick von einer Kugel, die von der Mauer abschlug, am Schienbein, jedoch so matt getroffen, daß eigentlich nur meine Stiefelkappe verwundet wurde, ich aber nur einen blauen Fleck davontrug. – Die wie ein Geldstück plattgedrückte Kugel hob ich zum Andenken auf, und mit diesem Andenken gänzlich zufrieden, uneigennützig nicht noch mehr verlangend, entfernte ich mich ziemlich schnell und gab auch die Idee auf, den Wall zu besuchen, indem eben in den noch übrigen Schießscharten französisches Geschütz aufgefahren wurde. An kein Amt, an keine Vesper war zu denken, denn die Kugeln zersplitterten die Fenster der Kirche und schlugen in die Tür ein, so daß schon in aller Frühe ein alter Mann auf der Kirchentreppe erschossen wurde – in das Schloßtor fuhren zischend unaufhörlich Kugeln – kurz in der ganzen Gegend konnte man den Tod der Neugierde sterben. – Die Nacht von gestern auf heute haben die Russen die Neustadt verlassen, und die französische Armee geht, wie man sagt, in zwei Punkten ganz in der Nähe von Dresden, wo sie Schiffbrücken geschlagen, über die Elbe. – Ob ich nun hier in Dresden bleiben – wie und wann ich nach Leipzig gehen werde, das wissen die Götter; ich habe daher das teure Hotel verlassen und mir auf dem Altmarkt Nr. 33, bei Madame Vetter , vier Treppen hoch, ein höchst romantisches Stübchen ganz in der Nähe des Uranos gemietet, wo ich jetzt sitze und im stolzen Bewußtsein meines Heldenmuts von ausgestandener Angst und Gefahr schreibe ... Ein Zusammentreffen Der Feind war vor den Toren, das Geschütz donnerte ringsumher, und feuersprühende Granaten durchschnitten zischend die Luft. Die Bürger rannten mit von Angst gebleichten Gesichtern in ihre Wohnungen, und die öden Straßen erhallten von dem Pferdegetrappel der Reiterpatrouillen, die dahersprengten und fluchend die zurückgebliebenen Soldaten in die Schanzen trieben. Nur Ludwig saß in seinem Hinterstübchen, ganz vertieft und versunken in die herrliche bunte fantastische Welt, die ihm vor dem Flügel aufgegangen; er hatte soeben eine Symphonie vollendet, in der er alles das, was in seinem Innersten erklungen, in sichtbarlichen Noten festzuhalten gestrebt, und es sollte das Werk, wie Beethovens Kompositionen der Art, in göttlicher Sprache von den herrlichen Wundern des fernen romantischen Landes reden, in dem wir in unaussprechlicher Sehnsucht untergehend leben; ja es sollte selbst wie eines jener Wunder in das beengte dürftige Leben treten und mit holden Sirenenstimmen die sich willig Hingebenden hinauslocken. Da trat die Wirtin ins Zimmer scheltend, wie er in dieser allgemeinen Angst und Not nur auf dem Flügel spielen könne, und ob er sich denn in seinem Dachstübchen totschießen lassen wolle. Ludwig begriff die Frau eigentlich nicht, bis in dem Augenblick eine dahersausende Granate ein Stück des Daches wegriß und die Fensterscheiben klirrend hineinwarf; da rannte die Wirtin schreiend und jammernd die Treppe hinab, und Ludwig eilte, sein Liebstes, was er nun besaß, nämlich die Partitur der Symphonie unter dem Arm tragend, ihr nach in den Keller ... Die Nacht verging ruhig, und am andern Morgen erfuhr man, daß die Armee eine andere Stellung genommen und dem Feind freiwillig die Stadt geräumt habe. Als man den Keller verließ, durchstreiften schon feindliche Reiter die Stadt, und ein öffentlicher Anschlag sagte den Einwohnern Ruhe und Sicherheit des Eigentums zu. Ludwig warf sich in die bunte Menge, die, auf das neue Schauspiel begierig, dem feindlichen Heerführer entgegenzog, der unter dem lustigen Klange der Trompeten, umgeben von glänzend gekleideten Garden, eben durch das Tor ritt. – Kaum traute er seinen Augen, als er unter den Adjutanten seinen innig geliebten akademischen Freund Ferdinand erblickte, der in einfacher Uniform, den linken Arm in einer Binde tragend, auf einem herrlichen Falben dicht bei ihm vorüber kurbettierte. »Er war es – er war es wahr und wahrhaftig selbst!« rief Ludwig unwillkürlich aus. Vergebens suchte er dem Freunde zu folgen, den das flüchtige Roß schnell davontrug, und gedankenvoll eilte Ludwig in sein Zimmer zurück; aber keine Arbeit wollte von statten gehn, die Erscheinung des alten Freundes, den er seit Jahren ganz aus dem Gesichte verloren, erfüllte sein Inneres, und wie in hellem Glanz trat die glückselige Jugendzeit hervor, die er mit dem gemütlichen Ferdinand verlebt. Ferdinand hatte damals keineswegs irgendeine Tendenz zum Soldatenstande gezeigt; er lebte ganz den Musen, und manches geniale Erzeugnis beurkundete seinen Beruf zum Dichter. Um so weniger begreiflich war daher Ludwigen die Umformung seines Freundes, und er brannte vor Begierde, ihn zu sprechen, ohne zu wissen, wie er es anfangen sollte, ihn aufzufinden. – Immer lebendiger und lebendiger wurde es nun am Orte; ein großer Teil der feindlichen Armee zog durch, und an ihrer Spitze kamen die verbündeten Fürsten, welche sich daselbst einige Tage Ruhe gönnten. Je größer nun aber das Gedränge im Hauptquartier wurde, destomehr schwand Ludwigen die Hoffnung, den Freund wiederzusehen, bis dieser endlich in einem entlegenen, wenig besuchten Kaffeehause, wo Ludwig sein frugales Abendbrot zu verzehren pflegte, ihm ganz unerwartet mit einem lauten Ausruf der innigsten Freude in die Arme fiel. Ludwig blieb stumm, denn ein gewisses unbehagliches Gefühl verbitterte ihm den ersehnten Augenblick des Wiederfindens. Es war ihm, wie manchmal im Traume man die Geliebten umarmt, und diese sich nun schnell fremdartig umgestalten, so daß die schönsten Freuden schnell untergehen im höhnenden Gaukelspiel. – Der sanfte Sohn der Musen, der Dichter manches romantischen Liedes, das Ludwig in Klang und Ton gekleidet hatte, stand vor ihm im hohen Helmbusch, den gewaltigen, klirrenden Säbel an der Seite, und verleugnete selbst seine Stimme, im harten, rauhen Ton aufjauchzend! Ludwigs düsterer Blick fiel auf den verwundeten Arm und glitt hinauf zu dem Ehrenorden, den Ferdinand auf der Brust trug. Da umschlang ihn Ferdinand mit dem rechten Arm und drückte ihn heftig und stark an sein Herz. »Ich weiß,« sagte er, »was du jetzo denkst, was du empfindest bei unserm Zusammentreffen! – Das Vaterland rief mich, und ich durfte nicht zögern, dem Rufe zu folgen. Mit der Freude, mit dem glühenden Enthusiasmus, den die heilige Sache entzündet hat in jedes Brust, den die Feigherzigkeit nicht zum Sklaven stempelt, ergriff diese Hand, sonst nur gewohnt den leichten Kiel zu führen, das Schwert! Schon ist mein Blut geflossen, und nur der Zufall, der es wollte, daß ich unter den Augen des Fürsten meine Pflicht tat, erwarb mir den Orden. Aber glaube mir, Ludwig! die Saiten, die sooft in meinem Innern erklungen, und deren Töne sooft zu dir gesprochen, sind noch unverletzt; ja, nach grausamer, blutiger Schlacht, auf einsamen Posten, wenn die Reiter im Biwak um das Wachtfeuer lagen, da dichtete ich in hoher Begeisterung manches Lied, das in meinem herrlichen Beruf, zu streiten für Ehre und Freiheit, mich erhob und stärkte.« Ludwig fühlte, wie sein Inneres sich aufschloß bei diesen Worten, und als Ferdinand mit ihm in ein kleines Seitengemach getreten und Kaskett und Säbel abgelegt, war es ihm, als habe der Freund ihn nur in wunderlicher Verkleidung geneckt, die er jetzt abgeworfen. Als beide Freunde nun das kleine Mahl verzehrten, das ihnen indessen aufgetragen war, und die Gläser aneinandergestoßen, lustig erklangen, da erfüllte sie froher Mut und Sinn, die alte herrliche Zeit umfing sie mit allen ihren bunten Farben und Lichtern, und alle jene holdseligen Erscheinungen, die ihr vereintes Kunststreben wie mit mächtigem Zauber hervorgerufen, kamen wieder in herrlichem Glanze erneuter Jugend. Ferdinand erkundigte sich gelegentlich nach dem, was Ludwig unter der Zeit komponiert habe, und war höchlich verwundert, als dieser ihm gestand, daß er noch immer nicht dazu gekommen sei, eine Oper zu setzen und auf das Theater zu bringen, da ihn bis jetzt kein Gedicht, was Sujet und Ausarbeitung anbelangt, zur Komposition habe begeistern können.   Ferdinand war im Begriff zu antworten, als auf der Straße dicht vor den Fenstern der Generalmarsch geschlagen wurde. Er schien betroffen, Ludwig drückte tief seufzend des Freundes Hand an seine Brust. »Ach Ferdinand, teurer, innig geliebter Freund!« rief er aus, »was soll aus der Kunst werden in dieser rauhen, stürmischen Zeit? Wird sie nicht, wie eine zarte Pflanze, die vergebens ihr welkes Haupt nach den finstern Wolken wendet, hinter denen die Sonne verschwand, dahinsterben? – Ach Ferdinand, wo ist die goldene Zeit unserer Jünglingsjahre hin? Alles Bessere geht unter in dem reißenden Strom, der die Felder verheerend dahinstürzt; aus seinen schwarzen Wolken blicken blutige Leichname hervor, und in dem Grausen, das uns ergreift, gleiten wir aus – wir haben keine Stütze – unser Angstgeschrei verhallt in der öden Luft – Opfer der unbezähmbaren Wut sinken wir rettungslos hinab!« – Ludwig schwieg, in sich versunken. Ferdinand stand auf: er nahm Säbel und Kaskett; wie der Kriegsgott zum Kampfe gerüstet, stand er vor Ludwig, der ihn verwundernd anblickte. Da überflog eine Glut Ferdinands Gesicht: sein Auge erstrahlte in brennendem Feuer, und er sprach mit erhöhter Stimme: »Ludwig, was ist aus dir geworden; hat die Kerkerluft, die du hier so lange eingeatmet haben magst, denn so in dich hineingezehrt, daß du krank und siech nicht mehr den glühenden Frühlingshauch zu fühlen vermagst, der draußen durch die in goldner Morgenröte erglänzenden Wolken streicht? – In träger Untätigkeit schwelgten die Kinder der Natur, und die schönsten Gaben, die sie ihnen bot, achteten sie nicht, sondern traten sie in einfältigem Mutwillen mit Füßen. Da weckte die zürnende Mutter den Krieg, der im duftenden Blumengarten lange geschlafen. Der trat wie ein eherner Riese unter die Verwahrlosten, und vor seiner schrecklichen Stimme, vor der die Berge widerhallten, fliehend, suchten sie den Schutz der Mutter, an die sie nicht mehr geglaubt hatten. Aber mit dem Glauben kam auch die Erkenntnis: nur die Kraft bringt das Gedeihen – dem Kampfe entstrahlt das Göttliche, wie dem Tode das Leben! – Ja Ludwig, es ist eine verhängnisvolle Zeit gekommen, und wie in der schauerlichen Tiefe der alten Sagen, die gleich in ferner Dämmerung wunderbar murmelnden Donnern zu uns herübertönen, vernehmen wir wieder deutlich die Stimme der ewig waltenden Macht – ja, sichtbarlich in unser Leben schreitend, erweckt sie in uns den Glauben, dem sich das Geheimnis unsers Seins erschließt. – Die Morgenröte bricht an, und schon schwingen sich begeisterte Sänger in die duftigen Lüfte und verkünden das Göttliche, es im Gesänge lobpreisend. Die goldnen Tore sind geöffnet, und in einem Strahl entzünden Wissenschaft und Kunst das heilige Streben, das die Menschen zu einer Kirche vereinigt. Drum, Freund, den Blick aufwärts gerichtet – Mut – Vertrauen – Glauben!« – Ferdinand drückte den Freund an sich. Dieser nahm das gefüllte Glas: »Ewig verbunden zum höhern Sein im Leben und Tode!« – »Ewig verbunden zum höhern Sein im Leben und Tode!« wiederholte Ferdinand, und in wenig Minuten trug ihn sein flüchtiges Roß schon zu den Scharen, die in wilder Kampflust hoch jubelnd dem Feinde entgegenzogen. (Aus »Der Dichter und der Komponist«.)   Hoffmann schildert in dem Gespräch »Der Dichter und der Komponist« sein überraschendes Zusammentreffen mit dem geliebten Jugendfreunde. Ganz ähnlich, wie das Zusammentreffen zwischen Ludwig und Ferdinand muß das Zusammentreffen der Freunde sich abgespielt haben. Nicht nur Hoffmann hatte mancherlei Schicksale erfahren, seit er den letzten Brief an Hippel, bald nach seinem Eintreffen in Bamberg, geschrieben hatte. Auch mit Hippel war eine Wandlung vor sich gegangen. Die Standesherrschaft Leistenau, die einst aus dem großen Vermögen des Oheims geschaffen worden war, war in dieser Zeit mehr und mehr zu einer Belastung für Hippel geworden. Die Güter ernährten ihn und seine zahlreich angewachsene Familie nicht mehr völlig. Gerade der Landadel Ostpreußens hatte unter dem Zusammenbruch des Staates furchtbar gelitten. Es blieb Hippel schließlich nichts anderes übrig, als in den Staatsdienst zurückzukehren. Er wurde dem bekannten Geheimen Staatsrat Stägemann, der rechten Hand des Staatskanzlers v. Hardenberg, attachiert. In seiner amtlichen Eigenschaft sollte er sogar ein Stückchen Unsterblichkeit gewinnen, denn er verfaßte den Aufruf des preußischen Königs »An mein Volk!« Im Gegensatz zu Hoffmann, dem Politik bis dahin höchst gleichgültig gewesen war, nahm Hippel mit ganzem Herzen teil an der Erhebung Preußens, die er am Zentralpunkt der Ereignisse mitmachte. Es ist daher kein Wunder, daß sein glühender Enthusiasmus seltsam mit den Anschauungen des Freundes kontrastierte, der bei aller Empfänglichkeit für das bunte Abenteurerleben, in das er hineingerissen war, dennoch den wieder ausbrechenden Krieg zunächst nur als eine lästige Unterbrechung seines Künstlerlebens ansehen konnte. Aber Hippels Vaterlandsliebe öffnete ihm die Augen für das, was in der Zeit vor sich ging. Zum erstenmal begriff er, worum es in diesem Kriege ging, und seither kam ein starker patriotischer Ton in ihm nicht mehr zum Schweigen. Durch den Rückzug der Verbündeten war der Weg nach Leipzig endlich freigeworden. Am 20. Mai brach Hoffmann mit seiner Frau endlich auf, um zur Truppe Joseph Secondas zu stoßen. Tagebuch 20. Mai 1813. Donnerstag : Um 10 Uhr fuhr ich in der gemütlichsten Stimmung mit der Postkutsche ab. – Französische Offiziere, Graf Fritsche mit seiner Gemahlin, Kaufleute usw. Kurz vor Meißen traf uns das schreckliche Unglück umgeworfen zu werden – meine arme Frau erhielt eine tiefe bedeutende Kopfwunde – die liebenswürdige junge hübsche Gräfin F. wurde tot in dem jammervollsten Zustande hervorgezogen – schrecklicher Eindruck – Als ich nach Meißen meine Frau führen wollt', nahmen uns fremde Leute, Senator Goldberg freundlich auf, stärkten uns mit Wein und ließen eine Portechaise holen, worin meine Frau unter dem Zulaufen des Volkes in den Gasthof zur Sonne transportiert wurde, wo sie den ersten chirurgischen Verband erhielt – ich selbst bin am ganzen Körper, jedoch ohne Verwundung, zerschlagen und kann mich kaum rühren. – Was werde ich noch alles erleben – Gott sei es gedankt, daß meine Frau lebt und außer Gefahr ist, wie der Chirurgus versichert.   21. Mai. Freitag : Meine Frau ist zwar außer aller Gefahr, indessen sehr matt, fieberhaft pp – ich blieb daher in Meißen, und arbeitete abends mit Glück an dem Aufsatz – »Träume sind Schäume«, oder wie ich ihn selbst noch anders nennen werde – Selbst an großen Schmerzen im ganzen Körper sehr gelitten.   22. Mai. Sonnabend : Ziemliche Nacht – Arzt und Chirurgus erlaubten einstimmig die Weiterreise, um 11 Uhr fuhr ich daher mit Extrapost bis Mennsdorf, wo ich schon um 5 Uhr ankam und dort blieb – meine Frau befindet sich wohl – ich leide mehr als ich sagen mag –   23. Mai. Sonntag : Früh um 7 Uhr von Wermsdorff fort und um 2 ½ Uhr glücklich in Leipzig angekommen, im Hotel France eingekehrt in ein schreckliches Loch zum Hofe heraus und darüber in ungemütliche Stimmung geraten – zu Seconda gegangen und sehr artig empfangen worden – Abends »Iphigenia in Tauris«, ziemlich gut. Madame Cramer, Herr Miller. An Dr. Speier in Bamberg Dresden, den 13. Juli 1813. So wie Sie in Bamberg wie im tiefsten Frieden leben, so habe ich in Leipzig wie mitten im Kriege selbst jetzt während des Waffenstillstandes gelebt, und zum erstenmal in meinem Leben ein nicht unbedeutendes blutiges Gefecht aus geringer Entfernung, vertrauend auf meine Schnellfüßigkeit, angesehen; es war die Affäre, welche am 7. Juni vormittags 9 Uhr vor den Toren von Leipzig stattfand. Die späteren Auftritte zwischen den Preußen und Franzosen, die durch ganz eigene Mißverständnisse erzeugt wurden, Leipzigs Belagerungszustand usw. übergehe ich, da sie aus den Zeitungen bekannt sein werden. – Ich komme zu meinen Dienstverhältnissen. – Den Seconda habe ich ganz so gefunden, wie ihn mir Rochlitz schilderte – ein lieber ehrlicher dummer Mann, der 25 Jahre hindurch die Maschine gedreht hat, wie der Esel die Walkmühle; er strich seine 4 bis 5000 rth monatlich ein und gab sie wieder aus – sowie aber das Ding etwas aus dem Geleise kommt, verliert er den Kopf und weiß sich nicht zu helfen. – In jener so unruhigen Zeit blieb natürlicherweise das Theater leer, ja wir konnten nicht einmal spielen, da oft plötzlich vor der Theaterzeit der Generalmarsch geschlagen und die Tore gesperrt wurden. Herr Seconda erklärte daher am 5. Juni ganz kaltblütig: er müsse das Theater schließen und wir könnten alle hingehen, wohin wir wollten. Sie können denken, daß uns alle dies wie ein Donnerschlag aus heiterer Luft traf, da wir überzeugt waren, daß es so weit durchaus nicht mit dem Theater gekommen war und sich allerdings Auswege finden müßten, die böse Zeit zu überstehen und die Sache zu erhalten; alle Vorstellungen, ja selbst das durch die Vermittlung unseres Komikers Herrn Kellers – eines in Leipzig durchaus geschätzten Mannes – von einem Kaufmann angebotene Darlehen von 1000 rth fruchteten nichts. Herr Seconda blieb bei seinem Vorhaben. – Nun trat die Gesellschaft zusammen und beschloß, nach möglichster Verringerung des Ausgabeetats wenigstens 14 Tage hindurch auf eigene Rechnung zu spielen und Herrn Seconda die Buchführung über Einnahme und Ausgabe zu überlassen. Der Leipziger Rat erlaubte dies nicht nur, sondern war so billig die Miete des Hauses merklich herabzusetzen. Die hohen Gagen wurden beinahe auf die Hälfte reduziert, und so fingen wir getrost an, in der Hoffnung uns vielleicht den Sommer durchzubringen, da gar keine Aussicht vorhanden im Linkischen Bade in Dresden außerhalb der Verschanzungen spielen zu können. – Das Glück wollte uns wohl; denn mit den beiden nichts weniger als neuen Opern: Sargino und Figaro, die aber exzellent gingen und mit rauschendem Beifall aufgenommen wurden, so daß jede dreimal bei vollem Hause wiederholt werden konnte, nahmen wir soviel ein, daß alle Ausgaben – diese betragen nach der Herabsetzung jeden Tag 123 rth!! – bestritten und unsere herabgesetzten Gagen ohne weiteren Abzug gezahlt werden konnten. – Schon präparierten wir uns auf die Fortsetzung unseres Unternehmens und gedachten kühn und keck die Vestalin einzustudieren, als Herrn Seconda ganz unerwartet ein Glücksstern aufgegangen war. (Für Hansen ist mir gar nicht bange, der kommt durch seine Dummheit fort!) Durch Vermittlung seines Bruders Franz hatte er nämlich die Erlaubnis erhalten, in Dresden auf dem Hoftheater, und zwar auch Sonntags , spielen zu dürfen – etwas in Dresden ganz unerhörtes und nur seit der Zeit möglich, da der König von Sachsen einen großen Hut mit Federbusch und Sturmband trägt. – Nun übernahm Herr Seconda natürlicherweise das Steuer wieder in die Hand, und wir richteten unsern Lauf am 24. Juni in neun Halbwagen gen Dresden. – Eine lächerliche Reise – die mir Stoff zu der humoristischsten Erzählung geben würde. – Vorzüglich war ein Hamburger Stuhlwagen, aus dem sich der Unterstab nebst überflüssigen Mägden, Kindern und Tieren befand, mir so merkwürdig, daß ich nie versäumte, mich beim Ein- und Ausladen gegenwärtig zu finden. Nach richtiger Schätzung und Zählung befanden sich darauf: ein Theaterfriseur, zwei Theatergehilfen, fünf Mägde, neun Kinder, worunter zwei neugeborene und drei annoch säugende; ein Papagei, der unaufhörlich und sehr passend schimpfte, fünf Hunde, worunter drei abgelebte Möpse, vier Meerschweinchen und ein Eichhorn. – Ich hatte mit meiner Frau einen Halbwagen für mich, den mir Herr Seconda meiner verwundeten Frau wegen großmütigerweise gemietet, und war immer weit voraus, konnte aber nicht unterlassen, an jedem Frühstücks- und Mittagsort auf die Karawane zu warten. (Stimmt nicht! Seconda hatte trotz Hoffmanns dringender Vorstellungen keinen besonderen Wagen für ihn und die kranke Frau gemietet. Die Tagebucheintragung vom 24. und 25. Juni 1813 lautet: »Auf einem elenden Leiterwagen die abscheulichste Reise nach Dresden in der ungemütlichsten Stimmung gemacht – Seconda verwünscht«) In Oschatz wurde übernachtet, und da es, Gott sei es gedankt! bei unserer Gesellschaft recht gebildete und dabei joviale Menschen gibt, die von dem Komödiantentick nicht heimgesucht werden, so können Sie denken, daß der Abend recht angenehm zugebracht wurde; ich schlug vor, ob es nicht rätlich sei, des augenblicklichen Imponierens wegen eine Art Triumphzug in Dresden hinein zu veranstalten, worin jener Hamburger Stuhlwagen die Hauptrolle spielen sollte – das wurde mit großem Beifall aufgenommen, und die Rollenverteilung gab Anlaß zu manchem Scherz. Herr Seconda selbst – er war nicht zugegen, sondern schon in seine Stube gekrochen – sollte in römischer Tracht – er ist ein kleiner alter gebückter Mann mit einem entsetzlich dicken Kopf und hervorstehenden Glasaugen – als Triumphator auf dem Bocke seines Halbwagens stehen, und durch eine von den Theatergehilfen zu besorgende künstliche Vorrichtung der Papagei über seinem Kopfe schweben wie ein Adler über dem Germanicus. Möpse und Meerschweinchen sollten, wie aus fernen Landen mitgebrachte seltene Tiere, mit köstlichen Blumen geschmückt, von den Mohrensklaven aus dem »Azur« nachgetragen werden, als Präsent an den König für die erhaltene Erlaubnis usw. Genug von diesen Allotriis!! – Herr Seconda hat nun nicht allein das Hoftheater, sondern auch den freien Gebrauch der Dekorationen, Requisiten und der königlichen Garderobe; Sie können daher denken, liebster Doktor, daß es unsern Vorstellungen an äußerem Glanz nicht fehlt. Wir haben bis jetzt Don Juan, den Wasserträger, Iphigenia in Tauris, die Entführung aus dem Serail, Joseph, Cendrillon, Helene von Mehul, Sargino gegeben. Vorzüglich waren die Dekorationen zum Joseph in dem edelsten Stil, und, obwohl nicht dazu besonders bestimmt, sehr passend, da sich ein ganz herrlicher ägyptischer Saal vorfand, der vielleicht 15 Jahre alt und, wie mir der Hofdekorateur Winkler sagte, höchstens zweimal gebraucht worden ist. Die Chöre werden von dreißig Choristen und Kreuzschülern gar rein und fest gesungen, und daß das Orchester sehr brav ist, können Sie wohl denken, wiewohl mir, was insonderheit die Violinen betrifft, das Leipziger Orchester besser gefällt. In Leipzig gibt es aber auch bei der ersten Violine die gefeierten Namen: Compagnole, Matthaei, Lange pp. Wir wechseln mit den Italienern, die zweimal spielen, ab, und nur dann und wann läßt der Kaiser von seinen Schauspielern – Talma, die Georges pp sind hier – für sich und die eingeladenen Zuschauer eine Vorstellung geben. Bei den Italienern haben wir, so wie sie bei uns, freien Zutritt, und bei den Franzosen öffnet sich auch dem artiste allemand die Theatertüre – Ich habe die Phaedra und den Barbier von Sevillen gesehen – um mich darüber auszusprechen, müßte ich den Brief zur Broschüre und Ihnen Langeweile machen – nur soviel, daß im Barbier von Sevillen der Kaiser oft und recht innig gelacht hat. Unsere Vorstellungen werden mehr besucht, wie die der Italiener, welches darin liegt, daß diese mit vier, höchstens fünf Opern beständig wechseln, und wir immer Neues auftischen. Das richtige Urteil des französischen und italienischen Publikums ist, daß bei den Italienern im Einzelnen besser gesungen würde, bei uns hingegen Chöre und Ensembles, worauf die Italiener weniger Fleiß verwenden, besser gingen. Wir leben überhaupt mit den Italienern auf einem freundschaftlichen Fuß, und seit der Zeit, daß die Sandrini mit Bonelli ein kleines Duett von mir gesungen hat – in der Scelta dello Sposo – hat sich Morlachi in den Kopf gesetzt, eine teutsche Arie für unsere Krahmer zu komponieren, welches er nimmermehr zustande bringt, da er so gut teutsch versteht, wie ich chinesisch, und sich bei Gerardi auslachen läßt, wenn er ein: Klasken Süßkemaktes Brandewin trinken will. – Es ist mir nicht wenig merkwürdig, daß ich hier den Sargino an demselben Platz, auf demselben rotbeschlagenen Lehnstuhl, vor demselben Pianoforte dirigiert habe, wo Paer ihn, als er zum erstenmal gegeben wurde, dirigierte. – Übrigens waren, wie ich es voraus wußte, alle Tempos in acht falsch, wie so manches andere. Secondas Gesellschaft war vor meiner Ankunft sehr brav, hat aber durch den Abgang von drei Sängerinnen, von denen sich zwei in Leipzig an Kaufleute verheirateten und die dritte eine ehrbare Organistenfrau wurde (Schneiders Frau), einen bedeutenden Stoß erlitten. Unsere prima donna Madame Krahmer hält das Mittel zwischen der Koehl und der Heunisch. Die zweite Sängerin singt, mit einer dünnen Stimme und ohne alles Gefühl wie ein Haubenstock, alles – das schwierigste prima vista vom Blatt, spielt aus der Partitur usw. und ist, von 16 Jahren und bei ziemlich hübscher Bildung, mir doch höchst odios – die übrigen helfen aus. – Mit zwei ganz besonders guten, ja vortrefflichen Tenoristen, sowie mit einem ganz Herrlichen Bassisten hat uns der Heiland gesegnet, und unter den übrigen gibt es nur zwei, die nur schwach musikalisch sind; sonst wird gut und fertig vom Blatt gesungen, und Sie können daher denken, daß mein Amt nicht eben schwer ist. Der Umstand, daß wir bis jetzt nur schon einstudierte Opern geben, setzt uns in den Stand, merklich und für den Herbst und Winter ein ganz neues Repertoir zu schaffen. – Auch dies habe ich alles genau so gefunden, wie Rochlitz mir es schrieb! – Zu andern Dingen! – Sie haben in der Tat recht, liebster Doktor! daß ich aus dem stillen friedlichen Lande in Tumult und Krieg gezogen, und in gewisser Art damit geeilt, ja mich auf den ersten Blick übereilt habe. Allein so froh, so gemütlich ich mich in manchem glücklichen Augenblick unter meinen lieben Freunden befand, so selten ich mich an irgendeinem andern Orte auf diese herzliche innige Weise angesprochen fühlte, so war ich doch im Innersten überzeugt, um nicht auf immer verloren zu sein, Bamberg so schnell als möglich verlassen zu müssen. – Erinnern Sie Sich nur lebhaft an mein Leben in Bamberg vom ersten Augenblicke meiner Ankunft, und Sie werden gestehen, daß alles wie eine feindliche dämonische Kraft wirkte, mich von der Tendenz – oder besser von der Kunst, der ich nun einmal mein ganzes Dasein, mein Ich, in allem Regen und Bestreben geweiht habe, gewaltsam wegzureißen. – Meine Lage bei Cuno selbst, das aufgedrungene fremde Fach bei Holbein, welches noch dazu soviel Verführerisches hatte, aber vorzüglich die nie zu vergessenden und zu verwindenden Auftritte mit D. (dem Konzertmeister Dittmayer?), die armseligen dümmlichen Plattituden des alten Mannes; in anderer Hinsicht aber doch verderblich wirkend, die fatalen Auftritte mit K. und ganz zuletzt mit dem S., der mir wie ein ganz neugebackenes aber mißratenes Teufelchen vorkam – kurz – die ganze Opposition gegen alles bessere Tun, Wirken und Treiben in dem höheren Leben, wo der Mensch sich mit regem Fittich über den stinkenden Pfuhl seines armseligen Brotbettellebens erhebt, erzeugte in mir eine innere Entzweiung, einen inneren Krieg, der mich viel eher vernichten konnte, als jeder Tumult um mich von außen her. – Jeder unverdiente harte Kränkung, die ich erleiden mußte, vermehrte meinen inneren Groll, und indem ich mich immer und immer mehr an Wein als Reizmittel gewöhnend das Feuer nachschürte, damit es lustiger brenne, achtete ich das nicht, daß auf diese Art nur aus dem Untergange das Heil ersprießen könne. – Mögen Sie in diesen wenigen Worten – in dieser Andeutung den Schlüssel zu manchem finden, was Ihnen, wo nicht rätselhaft, doch widersprechend schien. Übrigens transeant cum caeteris ! – Eine größere Antipolarität in wissenschaftlicher und künstlerischer Hinsicht als Bamberg und Leipzig kann es wohl in der Welt nicht geben. Ja ich möchte sagen: ist es in Bamberg des Guten zu wenig, so ist es in Leipzig beinahe des Guten zuviel. Aber soviel ist doch gewiß, daß man sich wie ein Fisch im Wasser, im rechten Elemente, froh und frei bewegen kann. Mein Empfang war überall über alle Maßen herzlich und gemütlich; Härtel und Rochlitz begrüßten mich wie einen alten Freund, und die Herren des Orchesters behandelten mich mit einer Artigkeit, ja mit einer Art von Submission, die mich in gewisser Art verlegen machte. Ich sah wohl ein, daß das kleine Samenkorn, was ich gestreut (ich meine die Musik. Zeit.) hier aufgeschossen und geblüht habe. – Die ganz eigene Empfindung hierbei kann ich nicht beschreiben, da mir alle Eseleien in Bamberg einfielen. – Wir verstanden uns gleich, und der weise Herr D. mag herkommen, um sich zu überzeugen, ob es möglich ist, am Flügel zu dirigieren, und ob ich das Dirigieren verstehe oder nicht. – Das Leben in Leipzig ist sehr angenehm und gar nicht so teuer, wie man es ausgeschrieben. Man würde noch wohlfeiler leben, wenn nicht eine ganz fatale Einrichtung stattfände, die manchen Gulden kostet. Auf dem Markte und in der Petersstraße gibt es nämlich sogenannte italienische Keller: Marinoni, Treiber, Rossi u. a. m. Geht man nun vorüber, so ist die Straße vor der Türe so abschüssig, daß man ganz unversehens die Treppe hinunterstolpert; ist man unten, so befindet man sich zwar in einem sehr artig möblierten Zimmer, aber die verdammte Kellerluft – gegen diese muß man ein Glas Bischof oder Burgunder trinken, und einen Sardellensalat mit Muscheln, Zervelatwurst, Oliven, Kapern, Luccheseöl usw. essen – ja diese Einrichtung kostet manchen Gulden! – Sagen Sie doch dem Kunz, daß Rochlitz die Witwe des Bankiers Winkler mit 150 000 rth. Vermögen geheiratet hat, ein ganz herrliches Landhaus in Connewitz besitzt, in der Stadt fürstlich eingerichtet ist usw. Er macht ein gar angenehmes gemütliches Haus, und ich habe mich bei ihm sehr gut befunden. – In Dresden wohne ich – auf dem Lande! – d. h. vor dem schwarzen Tore in einer Allee, die nach dem Linkischen Bade führt. Aus meinem mit Weinlaub umrankten Fenster übersehe ich einen großen Teil der herrlichen Elbgegend, d. h. jenseits des freundlichen Stroms einen Teil der sächsischen Schweiz, Königstein, Lilienstein usw. Gehe ich nur zwanzig Schritte von der Türe fort, welches ich sooft ich will in Mütze und Pantoffeln mit der Pfeife im Munde tun kann, so liegt das herrliche Dresden mit seinen Kuppeln und Türmen vor mir ausgebreitet, und über denselben ragen die fernen Felsen des Erzgebirges hervor. Will ich weiter gehen, so wende ich mich nach der bretternen Saloppe der stillen Musik – dem lustigen Winzer – dem spanischen Kragen – lauter possierliche Namen von nah gelegenen Weinbergen an der Elbe, wo man Erfrischungen bekommt und Gesellschaft findet. Diese große Annehmlichkeit muß ich mit der Beschwerde erkaufen, wöchentlich dreimal eine Meile und viermal eine halbe Meile zu wandern, denn so weit habe ich hin und her zur Probe und Vorstellung, nämlich ½ Stunde jeder Gang. Das tue ich aber gern, es ist gesund, und Essen und das Glas Landwein schmecken trefflich – Das Bier ist seit einiger Zeit nicht mehr trinkbar, da, läge ein Frosch darin, Sie ihn unmöglich entdecken würden. – Erst hier in Dresden ist die bedeutende Kopfwunde meiner Frau zugeheilt; sehr lange wird sie aber wohl eine schmerzliche Empfindung und lebenslang die Narbe behalten. Sie hat recht oft und dringend sich Ihre Gegenwart gewünscht, da sie von einer inneren durch Sie angeordneten Kur viel eher zu genesen hoffte, als sonst. Übrigens ist sie sehr heiter und froh und empfiehlt sich Ihrem gütigen Andenken ... An Kunz in Bamberg Dresden, den 12. August 1813. ... Am 10. hatten wir hier Napoleons Geburtstagsfeier durch Freitheater, Illumination, Gartendiner unter freiem Himmel, Feuerwerk und hauptsächlich Kanonendonner, daß die Fenster klirrten und die Häuser wackelten. – Das in der Tat feurige Feuerwerk wurde auf der Brücke abgebrannt und gewährte mit seinen dito feurigen Reflexen im Wasser einen wunderbar feenhaften Anblick. Sehr hübsch war es, daß unsere Primadonna (es wurden Paers Wegelagerer gegeben) ihre Bravourarie förmlich mit obligaten Kanonen absang. Von dem Tumult den ganzen Tag und die ganze Nacht haben Sie keine Idee; mir brummt noch der Kopf davon! – übrigens wissen wir von Krieg und Frieden nicht das mindeste ... In diesem Augenblick war der Arzt bei mir und untersagt mir das Ausgehen auf zwei Tage, denn Sie müssen wissen, daß ich auf eine ganz verfluchte Art krank geworden bin, wahrscheinlich durch Ansteckung; nämlich ein Anfall von wirklicher Ruhr, die hier grassiert und von den aus dem Lager kommenden Soldaten verbreitet wird, wirft mich körperlich nieder, aber nicht geistig ... An denselben (Über den Anfang des »Goldenen Topfes Dresden, den 19. August 1813. ... In keiner als in dieser düstern verhängnisvollen Zeit, wo man seine Existenz von Tag zu Tag fristet und ihrer froh wird, hat mich das Schreiben so angesprochen, – es ist, als schlösse ich mir ein wunderbares Reich auf, das, aus meinem Innern hervorgehen und sich gestaltend, mich dem Drange des Äußern entrückte. – Mich beschäftigt die Fortsetzung der »Fantasiestücke in Callots Manier« ungemein, vorzüglich ein Märchen , das beinahe einen Band einnehmen wird. – Denken Sie dabei nicht, Bester! an Scheherezaden und Tausend und eine Nacht – Turban und türkische Hosen sind ganz verbannt – feenhaft und wunderbar, aber keck ins gewöhnliche alltägliche Leben tretend und seine Gestalten ergreifend soll das Ganze werden. So zum Beispiel ist der geheime Archivarius Lindhorst ein ungemein arger Zauberer, dessen drei Töchter, in grünem Gold glänzende Schlänglein, in Kristallen aufbewahrt werden; aber am heiligen Dreifaltigkeitstage dürfen sie sich drei Stunden lang im Holunderbusch an Ampels Garten sonnen, wo alle Kaffee- und Biergäste vorübergehen – aber der Jüngling, der im Festtagsrock seine Buttersemmel im Schatten des Busches verzehren wollte, ans morgige Kollegium denkend, wird in unendliche wahnsinnige Liebe verstrickt für eine der Grünen; – er wird aufgeboten – getraut – bekommt zur Mitgift einen goldenen Nachttopf mit Juwelen besetzt; – als er das erstemal hinein ..., verwandelt er sich in einen Meerkater usw. – Sie bemerken, Freund! daß Gozzi und Faffner spuken! auch werden Sie bei Lesung des Ganzen wahrnehmen, daß eine früher in Bamberg gefaßte Idee, die durch Ihre sehr richtigen Bemerkungen und Einwürfe nur nicht zur gänzlichen Ausführung kam, die Grundlage des Märchens bildet. Mit meiner Gesundheit geht es besser, nur muß ich in diesem Augenblick beinahe zuviel arbeiten, da schwere Oper auf schwere Oper folgt – Iphigenia – Fanisca – Sylvana – Cortez; es ist arg! – Mein Arzt hat das Nervenfieber befürchtet, indessen: der Sturm ist abgeschlagen! Übrigens sind jetzt hier die Stufen: Ruhr – Nervenfieber – Tod! Vor zwei Tagen war ich noch so krank, daß ich wirklich daran dachte, ein schöner Engel zu werden, und heute habe ich das Billett an Nikomedes aus dem »Magnetiseur« geschrieben und alles ins Reine gebracht zum absenden! – ... Über Krieg und Frieden soll ich schreiben? – Ach, Teuerster! Krieg ist es! – arger, böser Krieg! Der Kaiser mit den Garden ging vorigen Sonntag fort, und seit der Zeit wird die Straße nicht leer von Truppen, – wie eine ewige Prozession zieht Artillerie, Kavallerie, Infanterie vorüber, die schlesische Straße hinauf. – Von einer vorgefallenen Schlacht weiß man bis dato nichts; aber Alles ist in der größten Spannung und weiß der Himmel, wie es uns ergehen wird. Wir vertrauen ganz auf das Glück und Napoleons Waffen, sonst sind wir verloren. – Ich ziehe übrigens in die Stadt, da mein Häuschen äußerst angenehm, gerade in der Schußlinie einer bedeutenden Schanze liegt. In diesem Augenblick, da ich dieses schreibe (nachts 12 Uhr) kommt Kavallerie, die auf der ganzen Straße vor meinem Fenster biwakiert, meine Wirtin hat für 12 Mann zu kochen usw. Von dem Leben hier, mitten im Kriege, haben Sie alle, verehrungswürdigste Bamberger, keine Idee! Aus dem »Tagebuch für die Freunde« Hoffmann hatte seine Erlebnisse während der Schlacht bei Dresden nach seinen Tagebucheintragungen weiter ausführen wollen. Diese Ausführungen beginnen mit dem 15. August, brechen aber schon am 29. August mitten im Satze ab.   Dresden, den 15. August 1813. Schon seit der Feier des Napoleonsfestes am 10. waren täglich Truppen und Geschütz herausgegangen. Heute verließ der Kaiser mit den Garden die Stadt und zog fort auf der Straße nach Schlesien, man spricht von einer nahen entscheidenden Schlacht.   16., 17., 18., 19. Gänzliche Totenstille – man spricht ganz heimlich, daß Osterreich den Verbündeten beigetreten.   20. Es sollen sich Preußen und Russen der Stadt nähern.   21. Augenscheinliche Retirade der Franzosen von der schlesischen Seite her; eine zahllose Menge Verwundeter auf Wagen –. Kavalleristen ohne Pferde – Infanterist(en) ohne Gewehr ppp   22. Früh morgens ein ungewöhnliches Hin- und Hertreiben in der Stadt – das Militär ist in voller Bewegung – nur mit Mühe gelang es die schwierige Hauptprobe der »Iphigenia in Tauris«, die den Abend gegeben werden sollte, zu beendigen, denn während derselben kam die Nachricht, daß Tore und Schläge gesperrt sind, weil die Russen und Preußen ganz in der Nähe stehen. Polnische Offiziere, die des Morgens in einem Kaffeehause dicht vor dem Freiberger Schlag Billard spielten wurden von Kosacken überfallen und gefangen abgeführt. Gegen Abend wurde es ruhiger und »Iphigenie« wurde wirklich gegeben. – übrigens zog ich in aller Eil vom »Sande« hinein auf die Moritzstraße.   23. Größere Unruhe als gestern. Man hörte ganz in der Nähe Kanonendonner und vor dem Seetor ganz deutlich das Tirailleurfeuer. Auf den Straßen sieht man Verwundete noch unverbunden blutig zurückkommen. Zum Teil werden sie auf Schubkarren hineingebracht; in dieser Art begegnete ich auf der Seegasse eine(m) Offizier, dem beide Augen ausgeschossen waren.   24. Die Unruhe steigt; Kanonen, Pulverwagen werden im Galopp zu den Toren hinausgeführt – immerwährendes Schießen; das schwarze Tor war offen und ich eilte nach dem Linkschen Bade, wo man die franz. und feindlichen Batterien von Pirna ganz deutlich arbeiten sehen konnte. – Abends wurde in der Stadt vom Walle bei dem Theater Viktoria geschossen des Sieges bei Löwenberg wegen, den auch ein öffentlicher Anschlag verkündete. Es hieß darin: die Kavallerie habe sehr schöne Angriffe gemacht.   25. V. M. alles ganz still und ruhig. N. M. hörte man sehr nahe tiraillieren; ich ging mit dem Schauspieler Keller zum Pirnaer Schlage heraus, der geöffnet war, und so weit, daß die Linie der französischen Tirailleurs nur 50 Schritt vor uns stand. 300 Schritt weiter ritten einzelne Kosacken ganz ruhig hin und her und nahmen gar keine Notiz von dem Plänkern der Franzosen. Ich sah, wie einer abstieg und den Gurt des Pferdes fester schnallte. Plötzlich brachen russische Tiraill. aus einem Gebüsch hervor und nun wurde das Plänkern hitziger und hitziger – viele Franz. fielen tot und andere kamen blutig und schreiend zurück. Franz. Bataillone formierten sich und es wurde eine Batterie von 4 Kanonen aufgestellt; noch ehe diese anfing zu spielen, kamen aber schon feindliche Kugeln von einer Batterie, die ich nicht bemerkt hatte, und nun sah ich auch, wie eine schwarze Linie sich von den Bergen herab bewegte. Da die Kugeln bis dicht vor den Schlag niederfielen, hielten wir es für ratsam, mit vieler Schnelligkeit durch das Willsdruffer Tor zu Hause zu eilen. – Die Nacht hat dem Gefecht (dem ersten, das ich so in der Nähe angesehen) ein Ende gemacht. Die Franzosen meinen: es sei nur ein Streifcorps, das sich Dresden genähert, das ist aber nicht wahr, dem, von dem Boden des hohen Nebenhauses, auf den ich stieg, sieht man rings umher eine unzählige Menge Wachtfeuer, auf jeden Fall ist es also eine starke Armee, die Dresden umschließt.   26. Früh morgens 7 Uhr wurde ich durch den Donner der Kanonen geweckt; ich eilte sogleich auf den Boden des Nebenhauses und sah wie die Fr. in geringer (Entfernung vor den Schanzen mehrere Batterien aufgestellt hatten, die mit feindlichen Batterien, welche am Fuße der Berge standen, auf das heftigste engagiert waren. Mit Hilfe eines sehr guten Glases konnte ich deutlich bemerken, daß sehr starke russische und österreichische Kolonnen (an der weißen Uniform sehr kenntlich) sich von den Bergen herab bewegten. Eine Batterie nach der andern rückte näher, die Franzosen retirierten bis in die Schanzen und nun wurde sogar von den Stadtwällen aus grobem Geschütz gefeuert; der Kanonendonner wurde so heftig, daß die Erde bebte und die Fenster zitterten – Die Russen hatten den großen Garten erstürmt sowie die Preußen die Schanzen vor der Friedrichstadt – ersteres konnte ich sehen. Die Nachricht kam, daß der Kaiser eintreffen würde, ich eilte daher auf die Terrasse des Brühlschen Gartens an der großen Brücke. Um 11 Uhr kam der Kaiser auf einem kleinen falben Pferde über die Brücke schnell geritten – es war eine dumpfe Stille im Volk – er warf den Kopf heftig hin und her und hatte ein gewisses Wesen, was ich noch nie an ihm bemerkte – er ritt bis vors Schloß, stieg aber nur wenige Sekunden ab und ritt wieder an die Elbbrücke, wo er umgeben von mehreren Marschällen stillhielt – Die Adjutanten sprengten ab und zu und holten Ordres, die er allemal in kurzen Worten, aber sehr laut erteilte – er nahm sehr häufig Tabak und schaute noch häufiger durch ein kleines Taschenperspektiv die Elbe herab. Die Garden kamen im Doppelschritt über die Brücke und eilten, nachdem sie eine sehr kurze Zeit auf dem Platz vor dem Kaiser gehalten, zu den Toren heraus. Ich mußte fort; weil der Brühlsche Garten besetzt wurde und ging wieder auf mein Observatorium. Zwischen 4 und 5 Uhr donnerten die Kanonen am heftigsten – Schlag auf Schlag – man konnte die Kugeln sausen hören, ich bemerkte es zuerst, man wollte mir es aber nicht glauben, gleich darauf stürzte aber in einer Entfernung von höchstens 25 Schritt eine Feuermauer von einer Kugel getroffen ein, und nun war es wohl klar, daß Geschütz auf die Stadt gerichtet worden. – Wir gingen herab, da unser Aufenthalt oben jetzt lebensgefährlich wurde. Eben wollte ich in meine Haustüre treten, als zischend und prasselnd über meine(n) Kopf eine Granate wegfuhr und nur 15 Schritte weiter vor der Wohnung des Gen. Gouvion St. Cyr zwischen vier gefüllten Pulverwagen , die eben zur Abfahrt bereit standen, niederfiel und sprang, so daß die Pferde sich bäumend Reißaus nahmen. – Wenigstens dreißig Personen standen daneben auf der Gasse, und außerdem daß die Pulverwagen verschont blieben , deren Explosion das ganze Stadtviertel vernichtet hätte, wurde kein Mensch, kein Pferd beschädigt , es ist unbegreiflich, wo die Stücke der Granate geblieben sind, da in unserm Hause nur ein ganz unbeträchtliches gefunden wurde, welches die Fensterladen des unteren Stocks zerschlagen und in ein unbewohntes Zimmer gefallen war. Wenige Minuten darauf kam eine zweite Granate und riß ein Stück vom Dache des gegenüberstehenden Cagiorgischen Hauses weg und drückte drei Fenster der Mezzane zusammen, daß das Holzwerk und die Ziegelsteine prasselnd auf die Gasse stürzten – bald darauf fiel eine dritte in der Nebengasse in ein Haus, und es war mir klar, daß eine Batterie gerade auf unser Stadtviertel spielte – Alle Bewohner des Hauses – Frauen – Männer – Kinder, versammelten sich auf der gewölbten steinernen Treppe des ersten Stocks, die aus der Richtung der Fenster lag! – Da gab es bei jeder Explosion der jetzt häufiger, doch in größerer Entfernung hineinfallenden Granaten ein Jammern und Wehklagen! – Nicht einmal ein Tropfen Wein oder Rum zur Herzstärkung – ein verdammter ängstlicher Aufenthalt – ich schlich leise zur Hintertür heraus und durch Hintergäßchen zum Schauspieler Keller, der auf dem Neumarkt wohnt – wir sahen ganz gemütlich mit einem Glase Wein in der Hand zum Fenster heraus, als eine Granate mitten auf dem Markte niederfiel und platzte – in demselben Augenblick fiel ein Westfälischer Soldat, der eben Wasser pumpen wollte, mit zerschmettertem Kopf tot nieder – und ziemlich weit davon ein anständig gekleideter Bürger – Dieser schien sich aufraffen zu wollen – aber der Leib war ihm aufgerissen, die Gedärme hingen heraus, er fiel tot nieder – (Zu bemerken: fünf Minuten später ritt der Kaiser über den Neumarkt, gerade wo der Bürger getroffen, nach dem Pirnaer Tor) – noch drei Menschen wurden an der Frauenkirche von derselben Granate hart verwundet – Der Schauspieler Keller ließ sein Glas fallen – ich trank das meinige aus und rief: »Was ist das Leben! nicht das bißchen glühend Eisen ertragen zu können, schwach ist die menschliche Natur!« – Gott erhalte mir die Ruhe und den Mut in Lebensgefahr, so übersteht sich alles besser! – Es gelang mir den Kaufmann Schmidt aus seinem verschlossenen Gemach hervorzutreiben, der belud mich mit Wein und Rum für mich und meine Hausgenossen. Ich trat wieder ein wie eine Erscheinung des Trostes und der Beruhigung – Eine der Frauen (Mad. Stein), die gerade im obersten Stock wohnte, hatte den Mut gehabt, allerlei nützliche Lebensmittel herabzubringen. – Das war alles bonum comm . und uns allen, die wir keinen Mittag gegessen, schmeckte es im Biwak auf der Treppe herrlich, das Kelchglas ging fleißig herum und unter dem Donner der Kanonen, unter dem Prasseln der Granaten ging uns allen ein fröhlicher Humor auf, der immer der Nachklang einer durch Gefahr exaltierten Stimmung ist. Erst als es ganz finster war, ließ das Schießen nach. Die Garden hatten, wie man nun erfuhr, die genommenen Schanzen wieder erstürmt und die verbündete Armee sich auf die Höhen zurückgezogen. – Das Kammermädchen der Gräfin Breza trat vor die Haustüre, vor welcher der Wagen stand, der die Gräfin in Sicherheit in ein anderes Stadtviertel bringen soll, in eben demselben Augenblick wurde sie aber von einer Granate im strengsten Sinne des Wortes zerrissen . Einer Hebamme auf der Pirnaer Vorstadt wurde, als sie zum Fenster hinausschaute, der Kopf weggerissen; ebenso verlor ein Handlungskommis, der im Kontor saß, den Arm. Noch mehrere Bürger sind teils verwundet, teils getötet.   27. Die Nacht verging ruhig. Erst um 8 Uhr morgens ging eine lebhafte Kanonade an, daß die Fenster bebten – es fiel unaufhörlich Regen, man konnte daher nicht viel bemerken. Nachmittags entfernte sich das Schießen und man erfuhr, daß die russ. und österr. Armee 5 St. weit zurückgedrängt worden. Abends kamen ungefähr 2 – 300 russische und pr. und wohl an 10 000 österr. Gefangene wie auch 4 österr Fahnen und 6 Kanonen.   28. Die Russen und Österr. stehen auf den Höhen von Kesselsdorf, man hört sehr deutlich Kanonen und Pelotonfeuer. Über der Elbbrücke bemerkte ich eine augenscheinliche Retirade der Franzosen, und die Nachricht, daß bei Berlin die Fr. geschlagen sind, ist daher wahr. –   29. Heute ging ich vor den Moszynskischen Garten und sah zum ersten Mal in meinem Leben ein Schlachtfeld – Erst heute hatte man angefangen aufzuräumen und zwar wurden, wie ich bemerkte, zuerst die gebliebenen Franzosen nackt ausgezogen und in große Gruben zu 20, 30 verscharrt – Hier hatten die russischen Jäger unter dem wütenden Feuer der franz. Kanonen gestürmt, das Feld war daher überdeckt mit Russen, zum Teil auf die schrecklichste Weise verstümmelt und zerrissen – So z. B. sah ich einen, dem gerade die Hälfte des Kopfes weggerissen – ein scheußlicher Anblick – Pferde – Menschen – daneben Gewehre – Säbel – gesprengte Pulverwagen – Tschakos – Patronentaschen – alles in wilder Unordnung durcheinander geworfen – Auf manchem unverstümmelten Gesicht sah man noch die Wut – den Grimm des Kampfes – einer hatte gerade in die Patronentasche gegriffen, um frisch zu laden, und so hatte ihn der Tod getroffen – Ein russ. Offizier, ein herrlicher schöner Jüngling (höchstens 23 Jahre), hielt noch den Säbel über dem Kopfe geschwungen in der rechten Hand und war so zum Tode erstarrt – Eine Kano(nen)kugel hatte ihn gerade auf der Brust am linken Arm getroffen, diesen weggerissen und die Brust zerschmettert – sein Tod war leicht! – Mir schien es, als bewege sich etwas im Grase in geringer Entfernung, ich teilte es meinem Begleiter, dem Advokaten Conradi, mit, wir gingen darauf zu, und siehe da, ein Russe, dem beide Füße auf das jämmerlichste zerschossen waren, so daß alles von geronnenem Blute klebte, saß ganz gemütlich aufrecht und zehrte von einem Stück Kommisbrot. So lag der Mensch seit dem 26. Aug N.M. und war der starken Verwundung unerachtet frisch und munter. Er zeigte uns seine leere Feldflasche und Conradi eilte sie mit Wasser zu füllen – wie gut war es, daß ich ... An Kunz in Bamberg Dresden, den 8. September 1813. ... Übrigens lebe ich jetzt hier bis auf einige Angst und Not ein wahres Schlaraffenleben, da das Theater schon seit 14 Tagen geschlossen ist, Seconda aber dem unerachtet wenigstens bis jetzt die Gage ordentlich zahlt. – Der stillste Ort, wo man entfernt von allem Kriegsgetümmel sich wie in einer andern Welt befindet, ist die Bildergalerie, und Sie können denken, daß ich jeden Nachmittag da zubringe, indem der Inspektor Schweikard, ein braver junger Künstler, der eben an einem schönen Bilde nach Schillers Dichtung: Pegasus im Joche, arbeitet, mein Freund geworden. Ebenso finde ich in der Dreysigschen Singakademie ein Asyl und erhebe mich über die Unbill der Zeit. Abends gehe ich zu Eichelkraut auf den Altmarkt, wo ich den jovialen Sekretär Schulz (Friedrich Laun); Winklern (Theodor Hell) und den Kind finde – Schade nur, daß die wahrhaft großen Ereignisse des Tages jedes andre Gespräch ertöten. Es scheint, als wären wir großen Katastrophen nahe! – Nach der Schlacht Bei Dresden begann vielleicht die furchtbarste Zeit für die eingeschlossene Stadt. Täglich erwartete man, zum Mittelpunkt des Entscheidungskampfes zu werden. Vollends als die Völkerschlacht bei Leipzig geschlagen war, stieg die Spannung aufs höchste. Hoffmann hatte inzwischen Anschluß an den Dresdener Dichterkreis gefunden, der jeden Abend im Kaffee Eichelkraut sich zusammenfand. Friedrich Laun (Pseudonym für den Sekretär Schulz), Theodor Hell (eigentlich Winkler) und Kind, später als Verfasser des Textes der Oper »Der Freischütz« bekannt geworden, bildeten den Mittelpunkt der gemütlichen Runde. Ihnen schloß sich der Advokat Conradi an, derselbe, mit dem Hoffmann das Schlachtfeld bei Dresden besucht hatte. Wie stark diese Wochen auf Hoffmann eingewirkt haben, ergibt sich daraus, daß er sie mannigfach geschildert hat. Sogar Anselmus, den Helden seines Märchens »Der goldene Topf«, ließ er in jenen Wochen in der Erzählung »Erscheinungen« ein artiges Abenteuer erleben. Aus dem belagerten Dresden Gedachte man der letzten Belagerung von Dresden, so wurde Anselmus noch blässer als er sonst schon gewesen. Er faltete die Hände auf dem Schoß, er starrte vor sich hin, ganz verloren in trübe Gedanken, er grollte und murmelte sich selbst an: Herr des Himmels! ... Nach einer ziemlich langen Pause fing er an: »Morgen früh um acht Uhr sind es gerade zwei Jahre her, als der Graf von der Lobau mit zwölftausend Mann und vierundzwanzig Kanonen aus Dresden auszog, um sich nach den Meißner Bergen hin durchzuschlagen ... Lebendig gestaltet in Fleisch und Blut, tritt mich eben heute die Macht an, welche in jenen dunklen Tagen waltete und mich forttrieb von Kunst und Wissenschaft in das wilde blutige Getümmel. – War es dir denn möglich, am Schreibtisch sitzen zu bleiben? – Ich trieb mich auf den Gassen umher, ich lief den ausziehenden Truppen nach, soweit ich durfte, nur um selbst zu schauen und aus dem, was ich geschaut, Hoffnung zu schöpfen, erbärmliche prahlhafte Anschlagzettel und Nachrichten nicht achtend. Als nun vollends jene Schlacht aller Schlachten geschlagen war, als ringsumher alles hoch aufjauchzte im entzückenden Gefühl wiedergewonnener Freiheit, und wir noch gefesselt in Sklavenketten lagen, da wollte mir die Brust zerspringen. Es war mir, als müßte ich durch irgendeine entsetzliche Tat mir und allen, die mir gleich an die Stange gekettet, Luft und Freiheit verschaffen. – Es mag dir jetzt und so, wie du mich überhaupt zu kennen glaubst, abenteuerlich, spaßhaft vorkommen, aber ich kann es dir sagen, daß ich mich mit dem wahnsinnigen Gedanken trug, irgendein Fort, das der Feind, wie ich wußte, mit starken Pulvervorräten versehen, anzuzünden und in die Luft zu sprengen ... Der ganze Tag verstrich in dumpfer ahnungsvoller Stille, vor den Toren blieb alles ruhig, kein Schuß fiel. Spät abends, es mochte beinahe zehn Uhr sein, schlich ich nach einem Kaffeehause auf dem Altmarkt, wo in einem entlegenen Hinterstübchen, das keiner der verhaßten Fremden betreten durfte, gleichgesinnte Freunde sich einander in Trost und Hoffnungen ermutigten. Dort war es, wo allen Lügen zum Trotz, die wahren Berichte der Schlachten an der Katzbach, bei Kulm usw. mitgeteilt wurden, wo unser R. schon zwei Tage nachher den Triumph bei Leipzig verkündet, den er, Gott weiß auf welche geheimnisvolle Art, erfahren. Mein Weg führte mich bei dem Brühlschen Palast, in welchem der Marschall wohnte, vorüber, und es fiel mir die ganz besonders helle Beleuchtung der Säle, sowie das rege Getümmel im Flur des Hauses auf. Eben sagte ich dies den Freunden mit der Bemerkung daß gewiß etwas bei dem Feind im Werk sein müsse, als R. ganz erhitzt und außer Atem schnell eintrat. »Hört das Neueste,« fing er sogleich an, »soeben hielt man bei dem Marschall großen Kriegsrat. Der General Mouton (Graf von der Lobau) will sich mit 12 000 Mann und 24 Kanonen nach Meißen hin durchschlagen. Morgen früh geschieht der Ausfall.« Vieles wurde nun hin und her geredet, und man pflichtete endlich R.'s Meinung bei, daß dieser Anschlag, der bei der regen Wachsamkeit unserer Freunde draußen sehr leicht dem Feinde verderblich werden könnte, vielleicht früher den Marschall zur Kapitulation zwingen und unser Elend enden würde. »Wie kann R. in demselben Augenblick des Beschlusses erfahren haben, was beschlossen worden«, dachte ich, als ich um Mitternacht zurückkehren wollte in mein Haus, aber bald vernahm ich, wie es durch die Grabesstille der Nacht dumpf zu rasseln begann. Geschütz und Pulverwagen, reichlich mit Furage bepackt, zogen langsam bei mir vorüber nach der Elbbrücke zu. »R. hat doch recht«, so mußt' ich mir selbst sagen. Ich folgte dem Zuge und kam bis auf die Mitte der Brücke an den damals gesprengten Bogen, der durch hölzerne Gerüste ersetzt war. Von beiden Seiten des Gerüstes, hüben und drüben, befand sich auf der Brücke eine starke Verschanzung von hohen Palisaden und Erdwällen. Hier vor der Verschanzung drückte ich mich dicht an das Geländer der Brücke, um nicht bemerkt zu werden ... Auf den Meißner Bergen loderten mächtige flackernde Flammen hoch in die Lüfte, ihr Widerschein strahlte in der Elbe ...,»Allons! – Allons!« erscholl es von allen Seiten; ich mußte mich aufraffen und schnell auf die Seite springen, um nicht von aufs neue heranziehenden Kanonen und Pulverwagen gerädert zu werden. Andern Morgens trieben die Russen den übermütigen Heerführer mit Schmach herab von den Bergen und hinein in die Schanzen. – »Es ist eigen«, sagte man, »daß die Freunde draußen von dem Vorhaben des Feindes wußten, denn das Signalfeuer auf den Meißner Bergen zog die Truppen zusammen, um mit voller Kraft da widerstehen und siegen zu können, wo der Feind den unerwarteten Hauptstreich auszuführen gedachte.« (Aus »Erscheinungen!«)   Wahr ist's, daß nach der Leipziger Schlacht, als mit jedem Tage unser Schicksal beängstigender, drückender wurde, Freunde oder vielmehr Bekannte, die ein gleiches Los, gleicher Sinn einander nähergebracht hatte, sich wie die Jünger zu Emmaus am späten Abend in dem Hinterstübchen eines Kaffeehauses versammelten. Der Wirt hieß Eichelkraut, war ein fester gerader Mann, verhehlte ganz und gar nicht seinen entschiedenen Franzosenhaß und wußte die fremden Gäste, die ihn besuchten, in Respekt, ja was noch mehr sagen will, sich ganz vom Leibe zu halten. In jenes Stübchen durfte nun vollends gar kein Franzmann eindringen, und gelang es zufällig einem, hineinzuschlüpfen, so bekam er, er mochte bitten, fluchen, wie er wollte, durchaus nichts an Speise und Trank. Und dabei herrschte eine tiefe Totenstille, und alle bliesen mit angestrengter Kraft dicke Tabakswolken aus den Pfeifen, so daß bald ein erstickender Dampf das kleine Stübchen erfüllte, und der Franzose im eigentlichsten Sinne des Wortes weggeräuchert wurde, wie eine Wespe, wirklich auch wie diese brummend und summend durch die Tür abfahrend. – Dann wurde der Qualm durch die Fenster gelassen, und man kam wieder in Ruhe und Behaglichkeit. Ein sehr gemütlicher, lebenswürdiger Dichter, der sonst mit seinen Kapitelchen die Lesewelt fütterte, wie mit würzhaften Bonbons, war die Seele dieses heimlichen und heimischen Klubs, und mit Vergnügen erinnere ich mich noch der Augenblicke, wenn wir auf den obersten Boden des Hauses gestiegen durch das kleine Dachfenster hinausschauten in die Nacht und ringsumher die Wachtfeuer der Belagerer aufleuchten sahen; wenn wir dann uns selbst noch allerlei Wunderliches vorfabelten, das in dem rätselhaften Schimmer des Mondes und jener Feuer uns aufgehen wollte und dann den unten harrenden Freunden all die Wunderdinge erzählten, die wir geschaut. – Wahr ist's, daß in einer Nacht einer von uns (ein Advokat), der, mag der Himmel wissen aus welchen Quellen, immer die schnellsten und gewissesten Nachrichten hatte, zu uns hereintrat und uns von dem eben im Kriegsrat beschlossenen Ausfall des Grafen von der Lobau geradeso erzählte, wie ich es euch vorlas. Wahr ist es, daß ich dann, als ich mitternachts nach Hause zurückkehrend auf der Straße mit Furage bepacktem Geschütz begegnete, als die französischen Bataillone im dumpfen Schweigen sich sammelten (es wurde kein Generalmarsch geschlagen), als sie über die Brücke zu marschieren begannen, nicht länger an der Richtigkeit jener Nachricht zweifeln konnte ... Wahr ist es endlich und zugleich das Allerwunderbarste, daß, als ich mit aufgeregtem Gemüt in meiner Wohnung angekommen auf den obersten Boden kletterte und hinausschaute, ich auf den Meißner Bergen ein Feuer gewahrte, das ebensowenig ein brennendes Gebäude als ein Wachtfeuer sein konnte. Hoch auf loderte pyramidalisch eine Flamme, die nicht abnahm, nicht zunahm, und ein Bekannter, der in demselben Hause wohnte und mit mir heraufgestiegen war, versicherte, die Flamme müsse ein Signalfeuer sein. Der Erfolg lehrte, daß die Russen durchaus von dem Ausfall, der am andern Morgen stattfinden sollte, schon in der Nacht unterrichtet sein mußten, denn gerade auf den Meißner Bergen hatten sie zum Teil sehr entferntliegende Bataillone herangezogen, ihre Kraft auf diese Weise konzentriert, und es war vorzüglich russische Landwehr, die nach kurzem Kampf die französischen Bataillone von den Meißner Bergen hinabjagte, als wenn der Sturm über ein Stoppelfeld braust. Als der Überrest der Korps die Schanzen erreichte, zogen sich die Russen ruhig in ihre Stellung zurück. Also in demselben Augenblick als der Kriegsrat bei Gouvion St. Cyr gehalten wurde, erfuhren oder noch wahrscheinlicher, hörten den Beschluß selbst Leute, die keineswegs dazu berufen. Merkwürdig genug wußte der Advokat jedes Detail der gepflegten Beratung, sowie vorzüglich, daß Gouvion anfangs gegen den Ausfall gewesen und nur nachgegeben, um nicht einer Mutlosigkeit beschuldigt zu werden da, wo es einen kühnen Entschluß galt ... (Aus den »Unterhaltungen der Serapionsbrüder«, 7. Abschnitt.) Tagebuch 10. November 1813. Mittwoch : Probe – Conradino brachte die frohe Nachricht von einer geschloss. Kapitulation, vermöge der Dresden übergeben wird – die Nachricht bestätigt von allen Seiten – frohe Hoffnungen, gemütliche Stimmung – mit Glück komponiert.   11. Donnerstag : Vor- und Nachmittag Probe – die Nachricht bestätigt sich – N. M. ein österreichischer und ein russischer Offizier in voller Gala gesehen – ganz eigenes herrliches Gefühl – ja es ist wahr ! Freiheit! Abends bei Eichelkraut die Kapit. gelesen – Franzosen sind Kriegsgefangen – Sehr gemütliche Stimmung – mit Glück komponiert . An Kunz in Bamberg Dresden, den 17. November 1813. Freiheit! – Freiheit! – Freiheit! – Meine schönsten Hoffnungen sind erfüllt, und mein fester Glaube, an dem ich selbst in der trübsten Zeit treulich gehalten, ist bewährt worden. Haben nicht selbst manche meiner Freunde, auch Sie geliebter Freund! gar kleinmütig mich in einem frommen Wahne befangen geglaubt, wenn ich immer hoffte und hoffte, und Ansichten, die so weit entfernt schienen, ins Leben trug? – Freilich wurde ich durch manches, was ich vor meinen Augen geschehen sah, und was wohl manchem entgangen, gar oft gestärkt und erhoben, aber ich mußte schweigen, da es unmöglich war, daraus irgendeinen überzeugenden Beweis meiner innigsten Meinung zu geben. – Was soll ich von der letzten Zeit, die ich hier erlebt, sagen? Sie war gewiß die merkwürdigste meines Lebens, da ich alles das, was sonst lebhafte Träume mir vor Augen brachten, wirklich und in der Tat vor mir erblickte! – Gewiß wird Sie und meine Freunde in Bamberg eine detaillierte Beschreibung der hiesigen Verhältnisse interessieren und ich weiß nichts besseres, als eine Art Tagebuch beizulegen, das das merkwürdigste enthält. Gewiß ist es ein Glück ohnegleichen, daß ich nur mit der allgemeinen Angst und Not gelitten, auf meine spezielle Lage dagegen das Ungemach der entsetzlichen Begebenheiten in und bei Dresden keinen Einfluß gehabt hat. Nur nach der Schlacht bei Dresden, am 26. u. 27. August, blieb das Theater 14 Tage geschlossen, sonst ist unausgesetzt bei vollem Hause gespielt worden, und Seconda hat gerade diesen Sommer bessere Geschäfte gemacht als sonst, da, wie man mir sagt, oft schlechte Witterung den Besuch des Theaters im Bade verminderte. So ist es auch wirklich eine ganz besondere Schickung des Himmels, daß weder ich noch meine Frau, dicht am Lazarett wohnend, erkrankt sind, da selbst in dem Hause, wo wir wohnen, mehrere an dem Nervenfieber, welches einen wahrhaft pestartigen Charakter angenommen, gestorben sind. Der kurze Klimax dieser Krankheit ist: Kopfschmerz, Schwindel, Betäubung, Tod! – Alles in wenigen Stunden. Bei dem gänzlichen Mangel an soliden Lebensmitteln (Brot war nicht zu haben, Fleisch nur dann und wann in geringer Qualität) mußte jenes Übel nur zu sehr um sich greifen, und noch in der letzten Woche vor der Kapitulation starben an 200 Personen bürgerlichen Standes, in den Spitälern aber täglich über 200 bis 250, so daß die Leichname aufgetürmt auf dem Neustädter Kirchhofe lagen. – Franzosen auf der Straße auf das jämmerlichste sterben zu sehen, war etwas gewöhnliches! ... An Hitzig in Berlin Dresden, den 1. Dezember 1813. ... Nächst der Komposition und meinem Treiben in der Musik, bewege ich mich auch fleißig in literis , das heißt: es ist ein Stück Autor aus mir geworden; es ist nämlich zum Anfange ein kleines Werk von mir sub titulo : Fantasiestücke in Callots Manier, wozu Jean Paul Fr. Richter eine Vorrede geschrieben, bei Kunz verlegt worden; bekommen Sie es zur Hand, so bin ich auf Ihr Urteil begierig. Nächst manchen schon in der M-Z. abgedruckten enthält es zwei Aufsätze, die vielleicht Ihr Interesse erwecken werden, nämlich: Nachrichten von den neuesten Schicksalen des Hundes Berganza und der Magnetiseur. Bis zur Ostermesse sollen noch zwei Bändchen erscheinen. – Undine ist vollendet und ich warte nur den günstigen Augenblick ab sie würdig auf die Bühne zu bringen; ich tue mir auf diese Musik etwas zugute und glaube vorzüglich in der Undine selbst und dem prächtigen Kühleborn den Sinn des herrlichen Dichters getroffen zu haben. Mein lieber Freund, eine recht herzliche Bitte, nämlich: Antworten Sie mir sobald als möglich, und schreiben Sie mir umständlich, was Fouqué macht und wo er sich jetzt befindet, auch wenn Sie es erfahren können, wo sich jetzt der Staatsrat von Hippel, der im Bureau des Hardenberg arbeitet, aufhält; nächstdem erbitte ich mir recht sehr die Novitäten von Berlin, soweit sie mich interessieren. – Der bekannte Schriftsteller Schulz (Fr. Laun), ein sehr gemütlicher Mann, mit dem ich sehr viel lebte, liegt auch am Nervenfieber darnieder – er hatte eben ein dramatisches Märchen in Gozzi's Manier vollendet, das ich im Manuskript zu lesen erhalten sollte, darüber ist er aber erkrankt. – Ist denn Werner noch in Rom? – Wir gehen in kurzem nach Leipzig, adressieren Sie gefälligst den Brief dahin mit dem Zusätze: zu erfragen in der Breitkopf und Härtelschen Handlung ... Wieder in Leipzig An Kunz in Bamberg Leipzig, im goldenen Herz in der Fleischergasse, den 28. Dezember 1813. ... Leipzig hat dadurch, daß sich hier das Schicksal Deutschlands durch eine Schlacht, die so glorreich, als Napoleon nie eine erfocht, gewonnen wurde, entschieden ein so hohes Interesse erhalten, als nie zuvor; die Menschen sind, unerachtet noch so vieles zu tun, heiterer, freundlicher geworden. – In den öffentlichen Häusern kehrt das alte Leben zurück, und man sieht mit freudiger Erwartung einer reichen ergiebigen Neujahrsmesse entgegen. – Die Feier des Alexandertages am 24. war wahrhaft herzlich gemeint; im Theater gaben wir Faniska von Cherubini, und als ich vor dem Anfange und in den Zwischenakten fleißig pauken und trompeten ließ, erdröhnte das Haus von dem Vivat der Deutschen und dem Hurrah der Russen. Eben heute hat sich unser alte Seconda, der schon seit mehreren Tagen klagte, gelegt; sollte der Mann Gottes ein schöner Engel werden, so dürfte mit unserem Theater sich manches ereignen, was vielleicht auch auf mich Einfluß hätte. Doch wer kann alles voraus wissen. – Tagebuch. 31. Dezember 1813. Freitag : V. M. Besuch bei Rochlitz. Abends an der Abschrift des Märchens geschrieben und aufs Neue gefunden, daß es gut ist. – Spät bis ½2 Uhr bei Keller gepunscht, jedoch ohne eigentlich gemütliche Stimmung – noch sind die verlassenen Freunde in keiner Art ersetzt – und von dieser Seite kein Genuß zu erwarten – Der Punsch war erbärmlich und die Gesellschaft trist! – Adolph Wagner – ein gebildeter Mann – spricht 1700 Sprachen – aber es will nicht recht passen – – So hätt' ich denn ein höchst merkwürdiges Jahr beschlossen! – Was wird das Neue bringen? Ich will hoffen – Gutes! –   Schon der Silvesterabend brachte Gutes, nämlich die Bekanntschaft mit Adolf Wagner, der bald zu den besten Freunden Hoffmanns gehören sollte. Ein Wort über das Verhältnis Hoffmanns zur Familie Wagner sei hier eingeschaltet. Als Hoffmann in Dresden bei seinem ersten Aufenthalt den Bruder seines Theaterdirektors, Franz Seconda, besuchte, fielen ihm einige herrliche Porträts auf, die wahrscheinlich von dem Schauspieler Ludwig Geyer, von der Theatertruppe Franz Secondas, herstammten. Dieser Ludwig Geyer ist vielleicht der eigentliche Vater Richard Wagners , jedenfalls hatte er ein in ganz Leipzig bekanntes Verhältnis mit der Frau des Aktuars Friedrich Wagner, des juristischen Vaters von Richard Wagner. Am 23. Mai 1813 traf Hoffmann in Leipzig ein. Am Tage vorher war Richard Wagner geboren worden. Übrigens lernte Hoffmann auch sehr bald den Aktuar Friedrich Wagner kennen. Am 17. Juni schrieb er in sein Tagebuch: »Abends in der ›grünen Linde‹, Actuarius Wagner ein exotischer Mensch der Opitz, Iffland pp copiert und zwar mit Geist – er scheint auch der besseren Schule anzuhängen – un poco exalt . durch den Genuß vielen Rums.« Aktuar Wagner starb bald darauf, und seine Witwe heiratete ihren Freund, den Schauspieler Geyer. In demselben Jahre, in dem Richard Wagner geboren wurde, fast am gleichen Tage, da Hoffmann in die Geburtsstadt dieses Dichterkomponisten einzog, schrieb Jean Paul in Bayreuth in seiner Vorrede zu Hoffmanns »Fantasiestücken in Callots Manier«: »... bisher warf immer der Sonnengott die Dichtgabe mit der Rechten und die Tongabe mit der Linken zwei so weit auseinanderstehenden Menschen zu, daß wir noch bis diesen Augenblick auf den Mann harren, der eine echte Oper zugleich dichtet und setzt.« Hoffmann war dieser Mann nun freilich nicht, aber in seiner Nähe war er gerade in dem Augenblick geboren worden. Wichtiger aber noch als dieses seltsame Zusammentreffen ist die Freundschaft Hoffmanns mit Adolf Wagner, dem Bruder des verstorbenen Aktuars und also dem Onkel Richard Wagners, geworden. Hoffmanns Einflüssen begegnen wir im Schaffen Wagners auf Schritt und Tritt. Kein Wunder; denn Adolf Wagner, der mit Hoffmanns Ideenwelt tief Vertraute, wurde der eigentliche Mentor des jungen, heranwachsenden Knaben Richard Wagner, der sich noch im späten Alter der gemeinsamen Spaziergänge mit dem feurigen und kenntnisreichen Onkel als einer der Hauptbildungsquellen seiner Jugend erinnerte. Es ist mehr als wahrscheinlich, daß es der Einfluß dieses Onkels gewesen ist, auf den Richard Wagners genaue und frühe Kenntnis von Hoffmanns Dichtungen zurückgeht.   An Kunz in Bamberg Leipzig, den 4. März 1814. ... Ich habe Ihnen, teuerster Freund! sehr viel Wichtiges über mich selbst und manches was sich hier seit kurzem ereignet hat, zu sagen! ich halte aber damit zurück, bis ich einen Brief von Ihnen erhalten und gelesen, alsdann sollen Sie das ausführlich hören, was Sie, da ich Ihren Anteil an meinem Schicksale unbedingt voraussetze, gar sehr interessieren wird. – Wir haben hier mehrere Tage hindurch (in den letzten Tagen des Februar) 16 bis 18 Grad Kälte gehabt; die Proben der Camilla und höchst unvernünftiger Opernballette, die der Weimarsche Ballettmeister Uhlig gibt, in dieser strengen Kälte im ungeheizten Theater von 9 bis 1 Uhr zogen mir rheumatische Beschwerden zu, die sich zu meiner Pein und Qual auf die Brust warfen, so daß ich durch einen schnellen Aderlaß (der erste in meinem Leben) und durch siebentausendachthundertvierzig andere Mittel nur der wirklichen Brustentzündung und vielleicht dem Tode entging. – Schreiber dieses sitzt in diesem Augenblick auf dem Bette, hinter seinem Rücken türmen sich eine Unzahl Kissen auf, die Füße sind mit Flanell umwickelt und Betten darüber gelegt – die Handgelenke sind mit Müffchen umwickelt – ... Lassen die unsäglichen Schmerzen, die ich noch zuweilen leide, nur etwas nach, so bin ich bei der besten Laune, auch versichert mir der Arzt, daß an langwierige Folgen nicht zu denken – Seconda ringt die Hände, da das Orchester verwaiset – ... Die wichtigen Ereignisse, auf die Hoffmann hier anspielt, waren zum Teil wenig glücklicher Natur. Abgesehen von seiner schweren Erkrankung war es mit Seconda zu einem ernstlichen Zerwürfnis gekommen. Seconda hatte ihm die Stelle gekündigt. » Aufkündigung!! Heute hat mir Seconda die Stelle aufgekündigt – consterniert – ich mußte Abends in die Probe von ›Camilla‹ mit unbeschreiblichen Gefühlen – mi. ganze Carriere ändert sich abermals!! Den Mut ganz sink. lassen ...« trug Hoffmann am 26. Februar in das Tagebuch ein. Am Tage vorher war ihm freilich die Musikdirektorstelle in seiner Vaterstadt Königsberg angeboten worden, aber er war entschlossen, sie nicht anzunehmen. Ihm schwebte für seine Zukunft etwas ganz anderes vor. Zunächst arbeitete er zum Zwecke des Geldverdienens an Karikaturen für den Verlag Baumgärtner, schmierte auch – unter dem Pseudonym Arnulph Vollweiler – eine Schlachtsymphonie hin. Das Wichtigste aber: er begann seinen ersten großen Roman, »Die Elixiere des Teufels«. An Kunz in Bamberg (Über den Anfang der »Elixiere des Teufels«) Leipzig, den 24. März 1814. ... Eben vor einiger Zeit habe ich, wie Kanne, gelobt, 40 Tage und Nächte bei meinem Liebchen zu bleiben, und Oneiros der Traumgott hat mir einen Roman inspiriert, der in lichten Farben hervorbricht, indem Tom. 1. beinahe vollendet. – Das Büchlein heißt: Die Elixiere des Teufels, aus den nachgelassenen Papieren des Paters Medardus, eines Kapuziners. Es ist darin auf nichts geringeres abgesehen, als in dem krausen, wunderbaren Leben eines Mannes, über den schon bei seiner Geburt die himmlischen und dämonischen Mächte walteten, jene geheimnisvollen Verknüpfungen des menschlichen Geistes mit all den höheren Prinzipien, die in der ganzen Natur verborgen und nur dann und wann hervorblitzen, welchen Blitz wir dann Zufall nennen, recht klar und deutlich zu zeigen. – Um mich musikalisch auszudrücken, fängt der Roman mit einem Grave sostenuto an – mein Held wird im Kloster zur heiligen Linde in Ostpreußen geboren, seine Geburt sühnt den verbrecherischen Vater – Joseph und das Christuskind erscheinen pp. – dann tritt ein Andante sost. e piano ein – das Leben im Kloster, wo er eingekleidet wird – aus dem Kloster tritt er in die buntbunteste Welt – hier hebt ein Allegro forte an. – Schon daraus, daß ich soviel von dem Dinge schwatze, können Sie sehen, daß es mich stark beschäftigt und mir die Arbeit zusagt. In fünf Wochen sind 20-30 Bogen vollendet, und das Ganze geschlossen, also noch zum Verkauf bis zur Ostermesse. – Ohe jam satis ! ... ... Meine Krankheit hat mir hart zugesetzt. Das Rheuma ist in wirkliche Gichtschmerzen ausgeartet, an denen ich periodisch und vorzüglich bei der geringsten Wetterveränderung leide – also ein lebendiger Thermometer. Der Arzt untersagte mir gänzlich das Theater, sowie die Reise nach Dresden; Seconda, der sonst unbillig, grob, insolent gegen die Schauspieler ist, macht bei mir eine glänzende Ausnahme! Er hat mir bis jetzt noch nicht einen Pfennig abgezogen, bezahlt vielmehr die volle Gage die ganze Zeit seines Hierseins, unerachtet ich nur die Proben im Hause abzuhalten imstande bin, und vielleicht nur künftige Woche, wenn die Witterung sich hält, dirigieren werde. Er läßt mich hier, und künftigen Herbst, wenn er wieder herkommt, trete ich, hoffentlich ganz hergestellt, wieder ins Amt. Den Sommer über bleibe ich also hier, pflege privatisierend, schreibend, komponierend usw. meine Gesundheit, und muß ernstlich darauf denken, nächst dem wenigen Gelde, das ich aus Königsberg erhalte, mir einen Zuschuß zu verschaffen. – Der Roman: Die Elixiere des Teufels, muß für mich ein Lebenselixier werden! – Podagristen haben gewöhnlich einen besonderen Humor – brillante Laune – dies tröstet mich, ich empfinde die Wahrheit, denn oft mit den heftigsten Stichen schreibe ich con amore ; – wird es aber gar zu toll, so nehme ich Bleistift und Pinsel und zeichne – Karikaturen der Zeit! Jetzt komme ich zu der wichtigen Nachricht von mir, die ich Ihnen mitteilen wollte, und schäme mich sehr, daß sich gar nichts jetzt darüber sagen läßt, wovon ich damals, als ich schrieb, so sehr erfüllt war! Nur so viel: Auf eine ganz unerwartete Weise ist mir eine äußerst ehrenvolle glänzende Laufbahn in der Kunst in meinem Vaterlande eröffnet worden! Meine Freunde, die sich jetzt an der Spitze des Staates befinden, denken an mich, und ein ewiger Vorwurf ist es mir, daß ich in meiner unbegreiflichen Indolenz nicht früher an sie dachte. – Sie kennen meine Verbindungen! – Alles hängt aber noch von dem Eintritt gewisser Umstände in Berlin ab. – Nach dem Frieden ein Mehreres! – Wer weiß, auf welchem Stuhl ich künftigen Sommer sitze! Hoffmann schildert hier seine Lage rosiger, als er sie selbst empfand. Insonderheit ist sein Verhältnis zu Seconda sehr euphemistisch dargestellt. Seconda dachte offenbar nicht daran, Hoffmann wieder einzustellen. Und die Hoffnungen auf die Berliner Freunde schwebten auch noch völlig in der Luft. Deutlicher erkennt man die Wahrheit aus dem folgenden Schreiben an Hitzig. Hoffmann bietet Hitzig verblümt seinen Roman »Die Elixiere des Teufels« an, der ihm so absolut gar nicht zum eigenen Lebenselixier werden sollte. Bekanntlich hatte dieses wahrhaft hinreißende Werk zu Lebzeiten des Dichters keinen Erfolg. An Hitzig in Berlin Leipzig, den 8. Juni 1814. ... Vor Ablauf des Winters bin ich an einer Brustentzündung und gichtischen Anfällen, den Folgen einer enormen Erkältung im Theater, hart erkrankt, so daß es beinahe um mich geschehen gewesen wäre. Dies, sowie ein unangenehmer Vorfall der mich über meine subordinierten Verhältnisse ganz aufklärte, gab die Veranlassung, mich von Seconda zu trennen und seit der Zeit sehe ich auch nun wieder einem besseren Schicksal entgegen, das aber wohl nicht ausbleiben wird; wenigstens habe ich nie mehr gehofft als eben jetzt. – Während der Krankheit entwarf ich allerlei lustige Zeichnungen, die in gewisser Art mich gegen den Schmerz, den ich zu erdulden hatte, im Gleichgewicht erhielten und noch überdem, da sie sämtlich in Baumgärtner den Verleger fanden, mich aus der Verlegenheit zogen. Nächstdem ging mir zu derselben Zeit ein Roman besonderer Art auf, dessen ersten Teil ich längst ins Reine gebracht, mit dem es bei der Indolenz der hiesigen Buchhändler, sobald es Verlagsartikel gilt, mir aber bis jetzt hier so gegangen ist wie mit Fouqués Galgenmännlein, indem er mir immer wieder in die Tasche kam. – Rechnen Sie es, teurer Freund! nur dem unbegrenzten Zutrauen, das ich in Ihre wie ich weiß unwandelbare Freundschaft setze, wenn ich Ihnen das Manuskript mit der Bitte beilege: ob Sie, bei Ihrer Verbindung mit so vielen Buchhändlern in Berlin mir nicht für das Werkchen einen Verleger verschaffen könnten? – Über das Werk selbst mag ich nichts sagen, nur rücksichts des Verlags: Ich bin mit jedem Honorar zufrieden Der zweite Teil kann erforderlichenfalls in fünf Wochen nachgeliefert werden, da er nur aus dem Konzept ins Reine zu bringen ist. Sein Sie nicht böse, teurer Freund, daß ich Sie mit dieser Angelegenheit behellige. Sie können wohl denken, daß bis auf bessere Zeiten mich die literaria durchhelfen müssen, und das würde freilich schwer gehen, wenn ich nicht jetzt an drei Zeitschriften mitarbeitete, nämlich an der Musikalischen Zeitschrift, an der Zeitung für die elegante Welt und am Morgenblatt. Zum letzteren hat mich Cotta bei seinem Hiersein artigerweise aufgefordert und ich glaube, daß ich das den Fantas. St. in Callots Manier verdanke, von denen die beiden letztern besseren Bändchen schon im Manuskript an Herrn Kunz versendet sind und zu Michaelis im Druck erscheinen. – Die Komposition des herrlichen Operngedichts Undine habe ich längst vollendet, und ich glaube, daß mir das Werk besonders gelungen. Wegen der Ausführung habe ich noch nicht einen einzigen Schritt getan und das mit gutem Vorbedacht. – Hätte die Holbeinsche Entreprise in B. noch einige Zeit fortgedauert, so würde die Oper dort ganz im Sinn des Dichters und des Komponisten auf die Bühne gekommen sein. Bei dem ganz plebejen Seconda und der mit jedem Tage sinkenden Truppe, die nun im Linkschen Bade in Dresden spielt und Pantomimen gibt, z. B. Napoleons Stolz und Sturz ( sic! ) war das unmöglich, denn außer dem Direktor, dem alles ästhetischer Unsinn (nach seinem wörtlichen Ausdruck) schien was über die gewöhnliche Opernschmiererei hinausging, wußte auch keiner der übriggebliebenen das Ding nur auf irgendeine Weise zu ergreifen. – Sagen Sie mir nun, teurer Freund! ob und wie es vielleicht möglich sein sollte die Oper in Berlin auf die Bühne zu bringen, ob es geraten sein dürfte noch einige Zeit damit zu warten? – Sollte eine Aussicht vorhanden sein die Oper wirklich auf die Bühne zu bringen, so würde ich Ihnen eine saubere Abschrift der Partitur und des Gedichts senden. Ich denke mir die Wirkung der ausgestellten musikalischen Massen sehr ergreifend. Es ist doch ein gar herrliches Gedicht des prächtigen Fouqué und ich wüßte in der Tat kein einziges Operngedicht, das ich der Undine an die Seite setzen könnte. Wagner'n hat die Oper noch mehr wie die Erzählung angesprochen ...   Aber Hoffmanns Hoffnungen gingen augenblicklich nach einer ganz anderen Richtung als nach künstlerischen Erfolgen. Man muß annehmen, daß er schon damals den Plan hatte, wieder in das juristische Amt zurückzukehren. Vermutlich baute er dabei auf Hippels Unterstützung. Er war des freien Künstlerlebens und seiner Gefahren satt. Insbesondere mochte es vor allem der Gedanke an die Frau sein, der ihn nach einer sicheren Futterkrippe Ausschau halten ließ. Ganz plötzlich sollte für diese Pläne Erfüllung winken. Am 6. Juli 1814 kam Hippel unvermutet von Paris nach Leipzig. Sofort wurden die Pläne Hoffmanns des näheren besprochen, und gemeinsam wurde wohl der Brief aufgesetzt, mit dem in der Hand er in Berlin für die Wiederanstellung des Freundes wirken wollte.   Tagebuch: 6.–7. Juli 1814: Zwei denkwürdige Tage! – Am 6. erschien ganz unerwartet Hippel in L. – ganz der Alte! – sagte mir die Anstellung in Berlin augenblicklich zu – schenkte mir eine goldene Repetier-Uhr usw. usw. – Fingierter Brief an Hippel Teuerster Freund! Endlich erfahre ich, daß die Flut von Geschäften, die Dich in der letzten so ereignisreichen Zeit gewiß überströmte, wenigstens für jetzt nachgelassen; so darf ich wohl hoffen, daß Du einige Augenblicke den Angelegenheiten Deines Jugendfreundes zuwenden kannst, und ich säume daher nicht, Dir jetzt alles das zu sagen, was ich schon längst auf dem Herzen hatte! – Du weißt, daß als im Jahre 1806 der unglückliche Krieg mich um meine Regierungsratsstelle in Warschau brachte, ich bei meinen künstlerischen Kenntnissen es für meine Pflicht hielt, meinen hilfsbedürftigen nur auf ihre Wissenschaft beschränkten Kollegen den Platz zu räumen, und so versuchte ich es mir durch die Musik meinen Lebensunterhalt zu erwerben. Nicht wiederholen darf ich es aber, was ich Dir schon früher in Dresden klagte, nämlich, wie sehr ich überall in meinen Erwartungen getäuscht wurde und wie ich bei einem ungewissen ärmlichen Brote noch das wenige Vermögen, was mir übrig geblieben, vollends zusetzen mußte. Fortwährend trug ich den sehnlichsten Wunsch in mir, wieder im preußischen Staate angestellt zu werden, nie ließ ich aber diesen Wunsch laut werden, denn selbst konnte ich mich ja bescheiden, daß dies damals bei der Konkurrenz so vieler Offizianten, die mit mir im gleichen Falle waren, nicht möglich gewesen sein würde. Jetzt nachdem der so glorreiche Ausgang des Krieges alle Wünsche, alle Erwartungen jedes Patrioten überstiegen, nachdem Preußen mit beispielloser Energie seine Rechte behauptet hat, geht mir die Hoffnung auf, daß auch wohl mir, über den die Bedrängnisse der kriegerischen Zeit gekommen sind, daß nur ein fester Mut – ein standhaftes Vertrauen auf die zuletzt doch siegende gute Sache mich aufrecht erhalten konnte, ein besseres Schicksal bereitet sein werde. – Mit der Treuherzigkeit, die Du gewiß Deinem ältesten Jugendfreund gut deuten wirst, bitte ich Dich daher, mir, wenn es möglich ist, eine Anstellung in irgendeinem Staatsbureau zu verschaffen, die mich nährt; mit gewissenhafter Treue, mit beharrlichem Eifer will ich jedem Dienst dieser Art vorstehen. Wohl darf ich mich auf meine ehemaligen Dienstverhältnisse berufen, da ich weiß, daß mir meine Vorgesetzten nie das Zeugnis der Fähigkeit und des Fleißes versagt haben, und übrigens kennst Du, teuerster Freund, selbst mich ja so ganz und gar, daß ich nichts mehr hinzufügen darf, um meine Bitte, deren Erfüllung, wenn sie möglich ist, ich Dir recht ans Herz lege, zu unterstützen. Ewig Dein treuester Hoffmann Leipzig, den 7. Julius 1814. An Hippel in Berlin Leipzig, den 27. Juli 1814. Deine plötzliche Erscheinung war, wie ich es Dir schon in Leipzig sagte, in der Tat ein heiterer Sonnenblick, der in mein Leben fiel und mich wunderbar aufregte. Dieser aufgeregten Stimmung magst Du es verzeihen, teuerster Freund, daß ich von einer tötlichen Ungeduld, von einem gänzlichem Mißbehagen an allem, was mich hier umgibt, geplagt, es nicht erwarten kann, daß Du mir schreibst. – Mir ist es, als wäre schon seit Deinem Hiersein gar lange Zeit vergangen, und jeden Posttag habe ich gelauert, ob der kanariengelbe Mann, der bei mir immer mit unglaublicher Schnelligkeit vorüberrennt, nicht einmal bei mir einsprechen würde, aber vergebens. So überzeugt ich bin, daß Deine freundschaftlichen Bemühungen für die Erfüllung meines Wunsches von dem besten Erfolg sein werden, so werde ich doch, vom bösen Schicksal bis jetzt recht herum getrieben, oft von einer düsteren Ahnung heimgesucht, daß man bei meinen gerechten Ansprüchen doch wohl mir manche Schwierigkeit entgegensetzen und ich abermals brotlos bleiben könne. – Schlimm wäre es in der Tat, da ich es nun erfahren, was es kostet und wie schwer es hält, in der Kunst emporzukommen. – Meine einzige Hoffnung hatte ich und habe ich auf Dich gestellt! – Nimm das Billett für weiter nichts, als für den Ausbruch eines recht im Innersten bewegten und beängstigten Gemüts, und tröste mich bald mit ein paar Zeilen, sollten sie auch nur von Hoffnungen sprechen können. – Könnte ich doch nur erst Leipzig verlassen – Du glaubst es nicht, wie schwer es hält, mich hier durchzubringen, da die Teuerung mit jedem Tage steigt, so aber mit meiner Kasse in beständigem Gegensatz steht. – Doch genug von meinen schlechten Lebensverhältnissen, da mir ja doch wohl noch die Hoffnung leuchtet, aus diesem wahren Schlamm hervorgezogen zu werden. Tagebuch 21.–31. August 1814: Dies tristes – Untätigkeit, entstanden aus seltsamen Träumen. Der innere Poet arbeitet und überflügelt den Criticus und den äußeren Bildner – romantische Stimmung rücksichts des Käthchens , die aufwacht, lebendig wird und ihr altes Recht behauptet, mich mit Fantasmatis zu befangen – So wurde der Monat beschlossen. Am 24. September konnte Hoffmann endlich Leipzig verlassen und nach Berlin gehen, um in den Justizdienst zurückzutreten. Eine Anstellung war ihm zugesagt worden. Hoffmann selbst war sich darüber unschlüssig, ob er sich im Interesse seiner künstlerischen Betätigung nicht lieber mit dem subalternen Posten eines Expedienten in irgendeinem Berliner Ministerium begnügen solle, als eine Ratstelle anzustreben. Nach mannigfachen Experimenten nahm er schließlich die ihm angetragene Stellung eines Kammergerichtsrats an. Als er in Berlin ankam, war jedenfalls von diesen Fragen noch keine gelöst. Nur so viel war klar, daß ein furchtbares Martyrium hinter ihm lag und die Zukunft mit fröhlichen Aussichten lockte. III. Serapionsbruder und Kammergerichtsrat An Kunz in Bamberg Berlin, Anfang Oktober 1814 Französische Straße Nr. 28. Sehr wichtige Gründe haben mich veranlaßt, wieder in den Justizdienst zu treten – vorläufig bin ich im Bureau des Justizministers und zugleich im Kammergericht angestellt, woselbst ich den Freund Hitzig bereits gefunden habe, der seine Buchhandlung verkauft hat (an den Verlagsbuchhändler Dümmler). – Ob ich in Berlin bleiben werde oder nicht, steht noch dahin – ersteres geschieht, wenn sich meine Karriere so wendet, wie ich wünsche und wozu ich Hoffnung habe. – Gestern hatte ich eines der interessantesten Diners, die ich erlebte. – Ludwig Tieck, Fouqué, Franz Horn, Chamisso, Bernhardi, der Professor Moretto, der Maler Veith, Hitzig und ich, das waren die Personen, die sich bei dem ersten Restaurateur nach der ersten Weise und auf verschiedene Weise restaurierten. Durch die Fantasiestücke bin ich hier ganz bekannt geworden, und ich kann auch sagen, merkwürdig , denn der Berganza ist ein Fehdehandschuh geworden, der unter die Damen gefahren, wogegen der Magnetiseur ganz nach der Frauen Wunsch geraten. – Nach dem Diner wurde ich gestern bei einem Tee unter dem Namen eines Doktors Schulz aus Rathenow eingeführt, und erst nachdem viel und gut musiziert, sagte Fouqué: der Kapellmeister J. Kr. befindet sich unter uns – und hier ist er! – Das übrige können Sie sich denken! Daß Iffland tot und begraben ist, wissen Sie längst, der Graf Brühl, ein herrlicher, wahrhaft nach unserer Weise gesinnter Mann, wird Intendant des Theaters, und diesem steht eine große Revolution bevor, an der ich teilnehme, wenigstens mittelbar. – An Hippel in Marienwerder Berlin, den 1. November 1814. Es ist in meinem Leben etwas recht Charakteristisches, daß immer das geschieht, was ich gar nicht erwartete, sei es nun Böses oder Gutes, und daß ich stets das zu tun gezwungen werde, was meinem eigentlichen tieferen Prinzip widerstrebt. – So glaubte ich mich auf immer der Justiz entschlagen zu haben, und Du siehst mich in diesem Augenblick von Akten hoch umwallt – dekretieren – referieren und was weiß ich alles! – Nach Kircheisens Verfügung soll ich bei dem Kammergericht sechs Monate umsonst arbeiten um zu lernen, daß es jetzt Wertstempel gibt usw., indessen muß ich rühmen, daß ohne die mindeste Bemühung von meiner Seite mir dadurch eine merkliche Erleichterung rücksichts meiner kärglichen Subsistenz geschehen, daß ich jetzt Urteilsgebühren erhalten werde. – Erst hier habe ich recht ausführlich erfahren, wie sehr Du, mein einziger teuerster Freund! Dich bemüht hast, mir meinem Wunsche gemäß eine meiner Neigung entsprechende Stelle in irgendeinem Ministerialbureau zu verschaffen, und nicht versichern darf ich es Dir wohl, wie tief im Innern ich Deine wahrhafte Freundschaft und Liebe fühle. – Daß Deine Bemühungen keinen glücklichen Erfolg hatten, daran ist die feindliche materia peccans schuld, die durch mein Leben schleicht, und recht verderblich, schon manche frohe Hoffnung weggezehrt hat. – Mein Mut verläßt mich indessen nicht, bin ich auch wieder hingeraten, wo ich durchaus nicht hingewollt, so muß ich doch gestehen, daß seit der entsetzlichen Zeit – 1806 – 7 – 8 sich meine Lage wirklich gebessert hat. – Ganz in meinem Wesen und Tun recht feindselig vernichten könnte mich aber, wenn man mich wieder in das mir verhaßte Polen nach Posen oder Kalisch schickte, indessen glaube ich wohl, daß man auf meine dringenden Protestationen deshalb Rücksicht nehmen wird. – Mein lebhafter Wunsch ist nun zwar in Berlin zu bleiben, das Schicksal eines Kammergerichtsrat ist indessen wohl nicht beneidenswert. Den p. Kircheisen deshalb angehen mag ich nicht, denn außerdem, daß er es für eine ganz besondere nur durch blitzendes Justiz-Brillantfeuer zu erlangende Auszeichnung hält bei dem Justiz-Garde-Normalbataillon angestellt zu werden, so würde er auch glauben, es sei mir darum zu tun recht fleißig in die Komödie zu gehen usw. Davon, daß dem Freunde der Kunst, ich kann wohl in gerechtem Bezug auf mich sagen, dem Künstler das Leben unter Freunden der Kunst, unter Künstlern, in besonderem Wohlbehagen manches leicht tragen läßt, dem er sonst erliegt, davon hat er wohl keine Idee – daß ich ferner endlich nach wahrem Vagabondieren endlich einmal einen Port finden will, in dem ich nun bleibe, das bedenkt er auch nicht – Genug! – für meine künftige Existenz ist mir in der Tat bange. – Könntest Du mir bei Deinen vielfachen hiesigen Konnektionen, vielleicht einen guten Rat geben, was ich für mein Hierbleiben tun soll und kann, so zeigst Du mir in dem verworrenen Buschwerk, in dem ich jetzt unsicher umhertappe, wenigstens einen Pfad! – Noch in diesem Augenblick nehme ich eine untergeordnetere Stellung als die eines wirklichen Rats ist mit einem auskömmlichen Gehalt mit Freuden an, wiewohl ich bei der Justiz , ohne meinem Ehrgefühl wehe zu tun, nicht herabsteigen könnte. – Genug von diesen Odiosis! – Die beiden ersten Tage, als ich in B. angekommen, lebte ich in der Tat wie in einem Freudentaumel. – Der herrliche Fouqué kam nämlich gerade von Nennhausen herein und mit ihm lernte ich bei einem Mahl, das Hitzig angeordnet, Tieck, Franz Horn und Chamisso kennen. Denselben Abend hatte ich Gelegenheit herrliche Stimmen vieles aus meiner Undine (die Oper die Fouqué dichtete und ich komponierte) recht brav vortragen zu hören, und wie ging mir das poetische Leben wahrhaft auf, als Fouqué mir versicherte, nur erst in meiner Musik wären die fantastischen Gestalten – Undine – Kühleborn pp. recht lebendig ins Leben getreten. – Wahrscheinlich kommt, sobald nur der Graf Brühl als Intendant angekommen, Undine, jedoch nicht unter meinem Namen, auf das hiesige Theater – wenn ich dann als Oberlandesgerichtsrat nach Kalisch müßte! – Aus dem Brief Hoffmann-Kreislers an den Baron Fouqué-Wallborn ... Als heute im Theater eine kräftige jugendliche Gestalt in Uniform, das klirrende Schwert an der Seite, recht männlich und ritterlich auf mich zutrat, da ging es so fremd und doch so bekannt durch mein Inneres, und ich wußte selbst nicht, welcher sonderbare Akkordwechsel sich zu regen und immer höher und höher anzuschwellen anfing. Doch der junge Ritter gesellte sich immer mehr und mehr zu mir, und in seinem Auge ging mir eine herrliche Welt, ein ganzes Eldorado süßer wonnevoller Träume auf – der wilde Akkordwechsel zerfloß in zarte Engelsharmonien, die gar wunderbarlich von dem Sein und Leben des Dichters sprachen, und nun wurde mir, da ich, wie Ew. Hoch- und Wohlgeboren versichert sein können, ein tüchtiger Praktikus in der Musik bin, die Tonart, aus der das Ganze ging, gleich klar. Ich meinte nämlich, daß ich in dem jungen Ritter gleich Ew. Hoch- und Wohlgeboren den Baron Wallborn erkannte. – Als ich einige Ausweichungen versuchte, und als meine innere Musik lustig und sich recht kindisch und kindlich freuend in allerlei munteren Melodien, ergötzlichen Murkis und Walzern hervorströmte, da fielen Ew. Hoch- und Wohlgeboren überall in Takt und Tonart so richtig ein, daß ich gar keinen Zweifel hegte, wie Sie mich auch als den Kapellmeister Johannes Kreisler erkannt und sich nicht an den Spuk gekehrt haben werden, den heute abend der Geist Droll nebst einigen seiner Konsorten mit mir trieb. – In solch eigner Lage, wenn ich nämlich in den Kreis irgendeines Spuks geraten, pflegte ich, wie ich wohl weiß, einige besondere Gesichter zu schneiden, auch hatte ich gerade ein Kleid an, das ich einst im höchsten Unmut über ein mißlungenes Trio gekauft, und dessen Farbe in Cis-moll geht, weshalb ich zu einiger Beruhigung der Beschauer einen Kragen aus E-Dur -Farbe darauf setzen lassen, Ew. Hoch- und Wohlgeboren wird das doch wohl nicht irritiert haben. – Zudem hatte man mich auch ja heute abend anders vorgezeichnet; ich hieß nämlich Doktor Schulz aus Rathenow, weil ich nur unter dieser Bezeichnung, dicht am Flügel stehend, den Gesang zweier Schwestern anhören durste – zwei im Wettgesang kämpfende Nachtigallen, aus deren tiefster Brust hell und glänzend die herrlichsten Töne auffunkelten. – Sie scheuten des Kreislers tollen Spleen, aber der Doktor Schulz aus Rathenow war in dem musikalischen Eden, das ihm die Schwestern erschlossen, mild und weich und voll Entzücken, und die Schwestern waren versöhnt mit dem Kreisler, als in ihn sich der Doktor Schulz plötzlich umgestaltete.   Das mitgeteilte Briefstück Hoffmann-Kreislers an den Baron Fouqé-Wallborn bezeugt die herzliche Freundschaft, die Hoffmann mit Fouqué und den anderen Mitgliedern des Berliner Freundeskreises vom ersten Tage seines Berliner Daseins an verband. An jenem hier und in den Briefen an Hippel und Kunz erwähnten Tee hatten auf Betreiben Fouqués die beiden Schwestern Marcuse, zwei singende Dilettantinnen, Stellen aus der Undine vorgetragen. Da die Schwestern ängstlich waren und sie Kritik des Komponisten fürchteten, hatte man Hoffmann zuerst als einen Doktor Schulz aus Rathenow eingeführt. Man kann sich das, Erstaunen der Schwestern denken, als sich der unbekannte Gast auf einmal als der durch die Fantasiestücke gerade berühmt gewordene Dichter Hoffmann und Komponist der »Undine« entpuppte. Baron Wallborn ist eine Gestalt aus der Fouquéschen Novelle »Ixion«. Unter dem Namen Wallborns richtete Fouqué in seiner Zeitschrift »Die Musen« an den »Kapellmeister Kreisler« einen fingierten Brief, den Hoffmann als Kreisler beantwortete. In diesem durch launische Einfälle gewürzten Zusammenleben der Freunde würde gewissermaßen der spätere Serapionsklub vorweggenommen. Aus diesem Freundeskreis hervorgegangen ist auch das folgende Kreislerianum: Kreislers musikalisch-poetischer Klub Alle Uhren, selbst die trägsten, hatten schon acht geschlagen, die Lichter waren angezündet, der Flügel stand geöffnet, und des Hauswirts Tochter, die den kleinen Dienst bei dem Kreisler besorgte, hatte schon zweimal ihm verkündet, daß das Teewasser übermäßig koche. Endlich klopfte es an die Tür, und der treue Freund trat mit dem Bedächtigen herein. Ihnen folgten bald der Unzufriedene, der Joviale und der Gleichgültige. Der Klub war beisammen, und Kreisler schickte sich an wie gewöhnlich durch eine symphoniemäßige Fantasie alles in Ton und Takt zu richten, ja wohl sämtliche Klubbisten, die einen gar musikalischen Geist in sich hegten, so viel nötig, aus dem staubigen Kehricht, in dem sie den Tag über herumzutreten genötigt, einige Klafter höher hinauf in reinere Luft zu erheben. Der Bedächtige sah sehr ernsthaft, beinahe tiefsinnig aus und sprach: »Wie übel wurde doch neulich Euer Spiel, lieber Kreisler! durch den stockenden Hammer unterbrochen, habt Ihr denselben reparieren lassen?« – »Ich denke, ja!« erwiderte Kreisler. »Davon müssen wir uns überzeugen«, fuhr der Bedächtige fort, und damit steckte er ausdrücklich das Licht an, welches sich auf dem breiten Schreibeleuchter befand, und forschte, ihn über die Saiten haltend, sehr bedächtig nach dem invaliden Hammer. Da fiel aber die schwere auf dem Leuchter liegende Lichtschere herab, und im grellen Ton aufrauschend sprangen zwölf bis fünfzehn Saiten. Der Bedächtige sagte bloß: »Ei, seht doch!« Kreisler verzog das Gesicht, als wenn man in eine Zitrone beißt. »Teufel, Teufel!« schrie der Unzufriedene, »gerade heute habe ich mich so auf Kreislers Fantasie gefreut – gerade heute! – in meinem ganzen Leben bin ich nicht so auf Musik erpicht gewesen.« »Im Grunde«, fiel der Gleichgültige ein, »liegt so sehr viel nicht daran, ob wir mit Musik anfangen oder nicht.« Der treue Freund meinte: Schade sei es allerdings, daß Kreisler nun nicht spielen könne, allein man müsse dadurch sich nicht außer Fassung bringen lassen. »Spaß werden wir ohnehin genug haben«, sagte der Joviale, nicht ohne eine gewisse Bedeutung in seine Worte zu legen. »Und ich will doch fantasieren,« rief Kreisler, »im Baß ist alles ganz geblieben, und das soll mir genug sein.« Nun setzte Kreisler sein kleines rotes Mützchen auf, zog seinen chinesischen Schlafrock an und begab sich ans Instrument. Die Klubbisten mußten Platz nehmen auf dem Sofa und auf den Stühlen, und der treue Freund löschte auf Kreislers Geheiß sämtliche Lichter aus, so daß man sich in dicker schwarzer Finsternis befand. Kreisler griff nun pianissimo mit gehobenen Dämpfern im Baß den vollen As-dur -Akkord. Sowie die Töne versäuselten, sprach er: »Was rauscht denn so wunderbar, so seltsam um mich her? – Unsichtbare Fittiche wehen auf und nieder – ich schwimme im duftigen Äther. – Aber der Duft erglänzt in flammenden, geheimnisvoll verschlungenen Kreisen. Holde Geister sind es, die die goldenen Flügel regen in überschwenglichen herrlichen Klängen und Akkorden.« As-moll -Akkord (mezzo forte) »Ach! – sie tragen mich ins Land der ewigen Sehnsucht, aber wie sie mich erfassen, erwacht der Schmerz und will aus der Brust entfliehn, indem er sie gewaltsam zerreißt.« E-dur-Sexten -Akkord (ancora piu forte) »Halt dich standhaft, mein Herz! – brich nicht berührt von dem sengenden Strahl, der die Brust durchdrang. – Frisch auf, mein wackrer Geist! – rege und hebe dich empor in dem Element, das dich gebar, das deine Heimat ist!« E-dur -Terz-Akkord (forte) » – Sie haben mir eine herrliche Krone gereicht, aber was in den Diamanten so blitzt und funkelt, das sind die tausend Tränen, die ich vergoß, und in dem Golde gleißen die Flammen, die mich verzehrten. – Mut und Macht – Vertrauen und Stärke dem, der zu herrschen berufen ist im Geisterreich!« A-moll (harpeggiando-dolce) »Warum fliehst du, holdes Mädchen? Vermagst du es denn, da dich überall unsichtbare Bande festhalten? Du weißt es nicht zu sagen, nicht zu klagen, was sich so in deine Brust gelegt hat wie ein nagender Schmerz und dich doch mit süßer Lust durchbebt? Aber alles wirst du wissen, wenn ich mit dir rede, mit dir kose in der Geistersprache, die ich zu sprechen vermag und die du so wohl verstehst!« F-dur »Ha, wie geht das Herz dir auf in Sehnsucht und Liebe, wenn ich dich voll glühendem Entzücken mit Melodien wie mit liebenden Armen umfasse. – Du magst nie mehr weichen von mir, denn jene geheime Ahnungen, die deine Brust beengten, sind erfüllt. Der Ton sprach wie ein tröstendes Orakel aus meinem Innern zu dir!« B-dur (accentuato) Welch lustiges Leben in Flur und Wald in holder Frühlingszeit! – Alle Flöten und Schalmeien, die Winters über in staubigen Winkeln wie zum Tode erstarrt lagen, sind wach worden und haben sich auf alle Lieblingsstückchen besonnen, die sie nun lustig trillerieren gleich den Vöglein in den Lüften.« B-dur mit der kleinen Septime (smanioso) »Ein lauer West geht wie ein düsteres Geheimnis dumpf klagend durch dem Wald, und wie er vorüberstreift, flüstern die Fichten – die Birken untereinander: Warum ist unser Freund so traurig worden? – Horchst du auf ihn, holde Schäferin?« Es-dur (forte) »Zieh ihm nach! – zieh ihm nach! – Grün ist sein Kleid wie der dunkle Wald – süßer Hörnerklang sein sehnendes Wort! – Hörst im es rauschen hinter den Büschen? Hörst du es tönen! – Hörnerton voll Lust und Wehmut! – Er ist's – auf! ihm entgegen!« D-Terz-Quart Sext-Akkord (piano) »Das Leben treibt sein neckendes Spiel auf allerlei Weise. – Warum wünschen – warum hoffen – warum verlangen?« C-dur -Terz-Akkord (fortissimo) »Aber in toller wilder Lust laßt uns über den offenen Gräbern tanzen. – Laßt uns jauchzen – die da unten hören es nicht. – Heisa – Heisa – Tanz und Jubel, der Teufel zieht ein mit Pauken und Trompeten!« C-moll -Akkorde ( fortissimo hintereinander fort) »Kennt ihr ihn nicht? – Kennt ihr ihn nicht? – Seht, er greift mit glühender Kralle nach meinem Herzen! – er maskiert sich in allerlei tolle Fratzen – als Freijäger – Konzertmeister – Wurmdoktor – ricco mercante – er schmeißt mit Lichtscheren in die Saiten, damit ich nur nicht spielen soll! – Kreisler – Kreisler! raffe dich auf! – Siehst du es lauern das bleiche Gespenst mit den rot funkelnden Augen – die krallichten Knochenfäuste aus dem zerrissenen Mantel nach dir ausstreckend? – die Strohkrone auf dem kahlen glatten Schädel schüttelnd! – Es ist der Wahnsinn – Johannes halte dich tapfer. – Toller, toller Lebensspuk, was rüttelst du mich so in deinen Kreisen? Kann ich dir nicht entfliehen? – Kein Stäubchen im Universum, auf das ich, zur Mücke verschrumpft, vor dir, grausiger Quälgeist, mich retten könnte? – Laß ab von mir! – ich will artig sein! ich will glauben, der Teufel sei ein Galanthuomo von den feinsten Sitten! – hony soit qui mal y pense – ich verfluche den Gesang, die Musik – ich lecke dir die Füße wie der trunkene Kaliban – nur erlöse mich von der Qual – hei, Hei, Verruchter, du hast mir alle Blumen zertreten – in schauerlicher Wüste grünt kein Halm mehr – tot – tot – tot – « Hier knisterte ein kleines Flämmchen auf – der treue Freund hatte schnell ein chemisches Feuerzeug hervorgezogen und zündete beide Lichter an, um so dem Kreisler alles weitere Fantasieren abzuschneiden, denn er wußte wohl, daß Kreisler sich nun gerade auf einem Punkt befand, von dem er sich gewöhnlich in einen düstern Abgrund Hoffnungsloser Klagen stürzte. In dem Augenblick brachte auch die Wirtstochter den dampfenden Tee herein. Kreisler sprang vom Flügel auf. – »Was soll denn das nun alles,« sprach der Unzufriedene, »ein gescheutes Allegro von Haydn ist mir lieber als all der tolle Schnickschnack.« – »Aber nicht ganz übel war es doch«, fiel der Gleichgültige ein. – »Nur zu düster, viel zu düster,« nahm der Joviale das Wort, »es tut not, unser Gespräch heut ins Lustige, Luftige hinauszutreiben« – Die Klubbisten bemühten sich, den Rat des Jovialen zu befolgen, aber wie ein fernes dumpfes Echo tönten Kreislers schauerliche Akkorde – seine entsetzlichen Worte nach und erhielten die gespannte Stimmung, in die Kreisler alle versetzt hatte. Der Unzufriedene, in der Tat höchst unzufrieden mit dem Abend, den, wie er sich ausdrückte, Kreislers törichte Fantasterei verdarb, brach auf mit dem Bedächtigen. Ihnen folgte der Joviale, und nur der reisende Enthusiast und treue Freund (beide sind, wie es hier ausdrücklich bemerkt wird, in einer Person vereinigt) blieb noch bei dem Kreisler zurück. Dieser saß schweigend mit verschränkten Armen auf dem Sofa. »Ich weiß nicht,« sprach der treue Freund, »wie du mir heute vorkommst, Kreisler! – Du bist so aufgeregt und doch ohne allen Humor, gar nicht so wie sonst!« – »Ach Freund!« erwiderte Kreisler, »ein düstrer Wolkenschatten geht über mein Leben hin! – Glaubst du nicht, daß es einer armen unschuldigen Melodie, welche keinen – keinen Platz auf der Erde begehrt, vergönnt sein dürfte, frei und harmlos durch den weiten Himmelsraum zu ziehen? – Ei, ich möchte nur gleich auf meinem chinesischen Schlafrock wie auf einem Mephistophelesmantel hinausfahren durch jenes Fenster dort!« – »Als harmlose Melodie?« fiel der treue Freund lächelnd ein. »Oder als basso ostinato , wenn du lieber willst,« erwiderte Kreisler, »aber fort muß ich bald auf irgendeine Weise.« Es geschah auch bald, wie er gesprochen. An Hippel in Marienwerder Berlin, den 12. März 1815. ... Eine zweite Angelegenheit, in der ich mich zutrauensvoll an Dich wende, ist die von mir gehoffte Zahlung meines rückständigen Gehalts, die mir nach der Verfügung der Kommission, die ich Dir abschriftlich beilege, rund abgeschlagen worden ist. – Du kennst meine Verhältnisse. Ich war gezwungen, von Warschau nach Berlin zu gehen und dort 1¼ Jahr in der drückendsten Lage zuzubringen. Auch nicht die mindeste Hoffnung irgendeiner Anstellung war vorhanden, überall fanden die verjagten Offizianten eine unfreundliche Aufnahme, die mich wenigstens empörte. So z. B. sagte der Großkanzler Goldbeck zu mir: Es ist mir unangenehm, Sie hier zu sehen. Sie hätten in Warschau bleiben sollen u. d. m. Dafür also, daß ich ein anderes Talent hatte, das mich nährte, so aber dem Staat in der damaligen Verhängnisvollen Lage nicht zur Last fiel und die Behörden nicht mit Gesuchen quälte, soll ich einer Wohltat verlustig gehen, die der König ohne alle engherzigen Einschränkungen ausgesprochen hat! – Daß ich im Jahre 1810 nicht im Preußischen war, ist irrelevant, da ich früher zurückkehrte und niemals in andern Staatsdiensten war, meine Reise ins Ausland daher einer Urlaubsreise gleichzustellen ist, überhaupt der deutliche Sinn der Kabinettsordre auch mir die ausschließt, die fremde Dienste genommen, und bis zum Jahre 1810 nicht zurückgekehrt waren. Daß es mir übrigens unmöglich war, in Berlin auch durch meine Kunst damals zu subsistiren, daß ich daher notgedrungen fort mußte, darf ich noch versichern ... Endlich darf ich Dir nicht verschweigen, daß aus dem tiefsten Hintergrunde mir noch ein Stern der Hoffnung entgegenschimmert, der aber auch leicht wieder ganz in dunkler Nacht verschwinden kann – Meine Oper Undine, die der Major Fouqué dem p. Brühl überreicht hat, kommt höchst wahrscheinlich auf das Theater. Der Text ist ganz herrlich, wie Du wohl von Fouqué es glauben kannst, und ich hoffe ein tüchtiges Stück Arbeit gemacht zu haben, welches auf ganz honorable Weise durchgreifen wird. Fouqué hat der Prinzessin Wilhelm, sowie dem Kronprinzen von der Oper erzählt, beide interessieren sich dafür, und so könnte ich vielleicht, gefällt meine Oper, hohe Protektionen gewinnen, und dadurch in eine angenehme Künstlerlage versetzt werden! – Beide hier offene Kapellstellen werden nämlich vor der Hand nicht besetzt –, d. h. Theaterkomponist oder Kapellmeister werden. Daß dies vor der Hand kaum mehr als ein Traum ist, darf ich wohl behaupten, überdem kommt die Undine vor dem Herbst oder Anfang des künftigen Winters kaum auf die Bühne. Dies Interregnum ist daher auf jeden Fall zu überstehen. In der Verzweiflung habe ich übrigens Diederichs geschrieben, daß wenn ich durchaus fort müßte, ich nach Posen gehen wollte. Du flehst, daß ich nur Raum und Zeit gewinnen, daß ich den Plänen für mein Lebensglück jedes Opfer bringen will, denn von Posen aus könnte ich ja selbst im schlimmsten Fall immer wieder ohne Aufsehen nach Berlin zurückwandern, und ich würde selbst meine Anstellung als Rat im Kollegio nur als ein Interimistikum ansehen. – Von der Kunst kann ich nun einmal nicht mehr lassen, und hätte ich nicht für eine herzliebe Frau zu sorgen, und ihr, nach dem, was sie mit mir ausstand, eine bequeme Lage zu bereiten, so würde ich lieber abermals den musikalischen Schulmeister machen, als mich in der juristischen Walkmühle trillen lassen! – Verzeih' es nur, mein geliebtester Freund, daß ich Dir wieder soviel vorklage! – Mit meinem zerrissenen Leben trage ich recht eigentlich die Schuld meiner wenigen Standhaftigkeit, meines Leichtsinns in früheren Jahren. – Als Knabe – als Jüngling hätte ich mich ganz der Kunst ergeben, und nie an etwas anderes denken sollen. Freilich lag es auch an verkehrter Erziehung. – Nun! – Du weißt ja alles! So wenig die Juridica anschlagen wollen, so sehr steigt, wider mein Erwarten, mein Ruf in der Literatur, da die Callots gar viel Glück gemacht haben. Ich merke dies an den verschiedenen Anträgen, die mir von Buchhändlern gemacht werden, und denen ich nicht einmal recht genügen kann, da meine Arbeiten, die mit der Ungewohnheit wegen schwerer fallen als ehemals, das nicht zulassen. – Doch habe ich in diesen Tagen zwei Erzählungen für das Frauen- Taschenbuch und für die Urania gemacht. Wenn Du künftigen Herbst die Urania zu Gesicht bekommst, wird Dich meine Erzählung gewiß interessieren, da die Szene nach Danzig verlegt ist. Sie heißt »Der Artushof«. – Matuszewski (ein Mitschüler, der als Maler nach Italien ging) kommt darin vor und eine Kriminalrätin Mathesius aus Marienwerder, die eigentlich die Tochter eines wahnsinnigen Malers ist und früher als poetische Person, Felizitas genannt, auftritt. Das Ganze dreht sich um ein wunderbares Bild im Artushof, welches in der Seele eines jungen Kaufmanns den Funken der Kunst entzündet, so daß er sich von allem losreißt und Maler wird. ... Übrigens fehlt es mir hier nicht an wohlwollenden Bekannten und sehr spaßhaft ist es, daß man hin und wieder den Verfasser der Fantasiestücke pp. zu großen Tees einladet, als sei er eine merkwürdige Person! – Auf diese Weise habe ich aber unter recht interessanten Menschen schon recht angenehme Abende verlebt, welches in Posen wahrscheinlich nicht der Fall sein dürste ... Auf dem Silvester-Ball Ich hatte den Tod, den eiskalten Tod im Herzen, ja aus dem Innersten, aus dem Herzen heraus stach es wie mit spitzigen Eiszapfen in die glutdurchströmten Nerven. Wild rannte ich Hut und Mantel vergessend, hinaus in die finstere stürmische Nacht! – Die Turmfahnen knarrten, es war, als rühre die Zeit hörbar ihr ewiges furchtbares Räderwerk und gleich werde das alte Jahr wie ein schweres Gewicht dumpf hinabrollen in den dunklen Abgrund. – Du weißt es ja, daß diese Zeit, Weihnachten und Neujahr, die euch allen in solch heller herrlicher Freudigkeit aufgeht, mich immer aus friedlicher Klause hinauswirft auf ein wogendes tosendes Meer. Weihnachten! das sind Festtage, die mir in freundlichem Schimmer lange entgegenleuchten. Ich kann es nicht erwarten – ich bin besser, kindlicher als das ganze Jahr über, keinen finstern, gehässigen Gedanken nährt die der wahren Himmelsfreude geöffnete Brust; ich bin wieder ein vor Lust jauchzender Knabe. Aus dem bunten vergoldeten Schnitzwerk in den lichten Christbuden lachten mich holde Engelsgesichter an, und durch das lärmende Gewühl auf den Straßen gehen, wie aus weiter Ferne kommend, heilige Orgelklänge: »denn es ist uns ein Kind geboren!« – Aber nach dem Feste ist alles verhallt, erloschen der Schimmer im trüben Dunkel. Immer mehr und mehr Blüten fallen jedes Jahr verwelkt herab, ihr Keim erlosch auf ewig, keine Frühlingssonne entzündet neues Leben in den verdorrten Asten. Das weiß ich recht gut, aber die feindliche Macht rückt mir das, wenn das Jahr sich zu Ende neigt, mit hämischer Schadenfreude unaufhörlich vor. »Siehe,« lispelt's mir in den Ohren, »flehe, wieviel Freuden schieden in diesem Jahr von dir, die nie wiederkehren, aber dafür bist du auch klüger geworden und hältst überhaupt nicht mehr viel auf schnöde Lustigkeit, sondern wirst immer mehr ein ernster Mann – gänzlich ohne Freude.« Für den Silvesterabend spart mir der Teufel jedesmal ein ganz besonderes Frühstück auf. Er weiß im richtigen Moment, recht furchtbar höhnend, mit der scharfen Kralle in die Brust hineinzufahren und weidet sich an dem Herzblut, das ihr entquillt. Hilfe findet er überall, so wie gestern der Justizrat ihm wacker zur Hand ging. Bei dem (dem Justizrat meine ich) gibt es am Silvesterabend immer große Gesellschaft, und dann will er zum lieben Neujahr jedem eine besondere Freude bereiten, wobei er sich so ungeschickt und täppisch anstellt, daß alles Lustige, was er mühsam ersonnen, untergeht in komischem Jammer. – Als ich ins Vorzimmer trat, kam mir der Justizrat schnell entgegen, meinen Eingang ins Heiligtum, aus dem Tee und seines Räucherwerk herausdampfte, hindernd. Er sah überaus wohlgefällig und schlau aus, er lächelte mich ganz seltsam an, sprechend: »Freundchen, Freundchen, etwas Köstliches wartet Ihrer im Zimmer – eine Überraschung sondergleichen am lieben Silvesterabend – erschrecken Sie nur nicht!« – Das fiel mir auf's Herz, düstre Ahnungen stiegen auf, und es war mir ganz beklommen und ängstlich zumute. Die Türen wurden geöffnet, rasch schritt ich vorwärts, ich trat hinein, aus der Mitte der Damen auf dem Sofa strahlte mir ihre Gestalt entgegen. Sie war es – Sie selbst, die ich seit Jahren nicht gesehen, die seligsten Momente des Lebens blitzten in einem mächtigen zündenden Strahl durch mein Inneres – kein tötender Verlust mehr – vernichtet der Gedanke des Scheidens! – Durch welchen wunderbaren Zufall sie hergekommen, welches Ereignis sie in die Gesellschaft des Justizrats, von dem ich gar nicht wußte, daß er sie jemals gekannt, gebracht, an das alles dachte ich nicht – ich hatte sie wieder! – Regungslos, wie von einem Zauberschlag plötzlich getroffen, mag ich dagestanden haben; der Justizrat stieß mich leise an: »Nun, Freundchen – Freundchen?« Mechanisch trat ich weiter, aber nur sie sah ich; und der gepreßten Brust entflohen mühsam die Worte: »Mein Gott – mein Gott, Julie her?« Ich stand dicht am Teetisch, da erst wurde mich Julie gewahr. Sie stand auf und sprach in beinahe fremden Ton: »Es freut mich recht sehr, Sie hier zu sehen – Sie sehen recht wohl aus!« – und damit setzte sie sich wieder und fragte die neben ihr sitzende Dame: »Haben wir künftige Woche interessantes Theater zu erwarten?« – Du nahst dich der herrlichen Blume, die in süßen heimischen Düften dir entgegen leuchtet, aber sowie du dich beugst, ihr liebliches Antlitz recht nahe zu schauen, schießt aus den schimmernden Blättern heraus ein glatter, kalter Basilisk und will dich töten mit feindlichen Blicken! – Das war mir jetzt geschehen. – Täppisch verbeugte ich mich gegen die Damen, und damit dem Giftigen auch noch das Alberne hinzugefügt werde, warf ich, schnell zurücktretend, dem Justizrat, der dicht hinter mir stand, die dampfende Tasse Tee aus der Hand in das zierlich gefaltete Jabot. Man lachte über des Justizrats Unstern und wohl noch mehr über meine Tölpelhaftigkeit. So war alles zu gehöriger Tollheit vorbereitet, aber ich ermannte mich in resignierter Verzweiflung. Julie hatte nicht gelacht, meine irren Blicke trafen sie, und es war, als ginge ein Strahl aus herrlicher Vergangenheit, aus dem Leben voll Liebe und Poesie zu mir herüber. Da fing einer an, im Nebenzimmer auf dem Flügel zu fantasieren, das brachte die ganze Gesellschaft in Bewegung. Es hieß, jener sei ein fremder großer Virtuose, namens Berger, der ganz göttlich spiele und dem man aufmerksam zuhören müsse. »Klappre nicht so gräßlich mit den Teelöffeln Minchen«, rief der Justizrat und lud, mit sanft gebeugter Hand nach der Tür zeigend und einem süßen: Eh bien ! die Damen ein, dem Virtuosen näher zu treten. Auch Julie war aufgestanden und schritt langsam nach dem Nebenzimmer. Ihre ganze Gestalt hatte etwas Fremdartiges angenommen, sie schien mir größer, herausgeformter in fast üppiger Schönheit, als sonst. Der besondere Schnitt ihres weißen faltenreichen Kleides, Brust, Schulter und Nacken nur halb verhüllend, mit weiten bauschigen, bis an die Ellbogen reichenden Ärmeln, das vorn an der Stirn gescheitelte, hinten in vielen Flechten sonderbar heraufgenestelte Haar gab ihr etwas Altertümliches, sie war beinahe anzusehen, wie die Jungfrauen auf den Gemälden von Mieris – und doch auch wieder war es mir, als hab' ich irgendwo deutlich mit hellen Augen das Wesen gesehen, in das Julie verwandelt. Sie hatte die Handschuhe herabgezogen, und selbst die künstlichen um die Handgelenke gewundenen Armgehänge fehlten nicht, um durch die völlige Gleichheit der Tracht jene dunkle Erinnerung immer lebendiger und farbiger hervorzurufen. Julie wandte sich, ehe sie in das Nebenzimmer trat, nach mir herum, und es war mir, als sei das engelschöne, jugendlich anmutige Gesicht verzerrt zum höhnenden Spott; etwas Entsetzliches, Grauenvolles regte sich in mir, wie ein alle Nerven durchzuckender Krampf. »0 er spielt himmlisch!« lispelte eine durch süßen Tee begeisterte Demoiselle, und ich weiß selbst nicht, wie es kam, daß ihr Arm in dem meinigen hing und ich sie oder vielmehr sie mich in das Nebenzimmer führte. Berger ließ gerade den wildesten Orkan daher brausen; wie donnernde Meereswellen stiegen und sanken die mächtigen Akkorde, das tat mir wohl! – Da stand Julie neben mir und sprach mit süßerer, lieblicherer Stimme als je: »Ich wollte, du säßest am Flügel und sängest milder von vergangener Luft und Hoffnung!« – Der Feind war von mir gewichen, und in dem einzigen Namen Julie! wollte ich alle Himmelsseligkeit aussprechen, die in mich gekommen. – Andere dazwischentretende Personen hatten sie aber von mir entfernt. – Sie vermied mich nun sichtlich, aber es gelang mir, bald ihr Kleid zu berühren bald dicht bei ihr ihren Hauch einzuatmen, und mir ging in tausend blinkenden Farben die vergangene Frühlingszeit auf. – Berger hatte den Orkan aufbrausen lassen, der Himmel war hell geworden, wie kleine goldne Morgenwölkchen zogen liebliche Melodien daher und verschwebten im Pianissimo. Dem Virtuosen wurde reichlich verdienter Beifall zuteil, die Gesellschaft wogte durcheinander, und so kam es, daß ich unversehens dicht vor Julien stand. Der Geist wurde mächtiger in mir, ich wollte sie festhalten, sie umfassen im wahnsinnigen Schmerz der Liebe, aber das verfluchte Gesicht eines beschäftigten Bedienten drängte sich zwischen uns hinein, der, einen großen Präsentierteller hinhaltend, recht widrig rief: »Befehlen Sie?« – In der Mitte der mit dampfendem Punsch gefüllten Gläser stand ein zierlich geschliffener Pokal desselben Getränkes, wie es schien. Wie der unter die gewöhnlichen Gläser kam, weiß jener am besten, den ich allmählich kennenlernte; er macht, wie der Clemens im Oktavian daherschreitend, mit einem Fuß einen angenehmen Schnörkel und liebt ungemein rote Mäntelchen und rote Federn. Diesen sein geschliffenen und seltsam blinkenden Pokal nahm Julie und bot ihn mir dar, sprechend: »Nimmst du denn noch so gern wie sonst das Glas aus meiner Hand?« – »Julia – Julia«, seufzte ich auf. Den Pokal erfassend, berührte ich ihre zarten Finger, elektrische Feuerstrahlen blitzten durch alle Pulse und Adern – ich trank und trank – es war mir, als knisterten und leckten kleine blaue Flämmchen um Glas und Lippe. Geleert war der Pokal, und ich weiß selbst nicht, wie es kam, daß ich in dem nur von einer Alabasterlampe erleuchteten Kabinett auf der Ottomane saß – Julie – Julie neben mir, kindlich und fromm mich anblickend wie sonst. Berger war aufs neue am Flügel er spielte das Andante aus Mozarts sublimer Esdur-Sinfonie, und auf den Schwanenfittichen des Gesanges regte und erhob sich alle Liebe und Lust meines höchsten Sonnenlebens. – Ja es war Julie – Julie selbst, engelschön und mild – unser Gespräch, sehnsüchtige Liebesklage, mehr Blick als Wort, ihre Hand ruhte in der meinigen. – »Nun lasse ich dich nimmer, deine Liebe ist der Funke, der in mir glüht, höheres Leben in Kunst und Poesie entzündend – ohne dich – ohne deine Liebe alles tot und starr – aber bist du denn nicht auch gekommen, damit du mein bleibest immerdar?« – In dem Augenblick schwankte eine typische, spinnbeinige Figur mit herausstehenden Froschäugen herein und rief, recht widrig kreischend und dämisch lachend: »Wo der Tausend ist denn meine Frau geblieben?« Julie stand auf und sprach mit fremder Stimme: »Wollen wir nicht zur Gesellschaft gehen? mein Mann sucht mich. – Sie waren wieder recht amüsant, mein Lieber, immer noch bei Laune wie vormals, menagieren Sie sich nur mit dem Trinken« – und der spinnbeinichte Kleinmeister griff nach ihrer Hand; sie folgte ihm lachend in den Saal. – »Auf ewig verloren!« schrie ich auf – »Ja, gewiß, Codille, Liebster!« meckerte eine L'Hombre spielende Bestie. Hinaus – hinaus rannte ich in die stürmische Nacht. (Aus »Die Abenteuer der Silvesternacht«.) Schon hier, gleich in der ersten Zeit in Berlin, wird das Doppelleben deutlich, das Hoffmann von jetzt zu führen gezwungen ist. Den größten Teil des Tages über ist er Beamter, dann wirft er die Akten beiseite und lebt als Künstler unter Künstlern. Die Verleger beginnen sich um ihn zu reißen, so daß er den glänzenden Anerbietungen nicht mehr zu genügen vermag. Es ist naturgemäß leichtere, für ein größeres Publikum geeignete Unterhaltungsware, die in erster Linie von ihm verlangt wird. Er ist schwach genug, diesen Wünschen der Taschenbuchverleger nachzukommen, und so entstehen jetzt diese vielfachen Erzählungen, die seinen Namen rasch bekannt machen, aber mit der dichterischen Produktion des enthusiastischen »Kapellmeisters Kreislers«, seines ganz der Kunst geweihten Abbildes, kaum noch etwas zu tun haben. Aus »Julias Seelenbräutigam«, wie er noch in den »Kreisleriana« und den »Abenteuern der Silvesternacht« lebt, wird er immer mehr zum heiter-fröhlichen Serapionsbruder. Es sind, außer Chamisso, der jedenfalls ein echter Dichter war, doch sonst nur Geister geringen Grades, unter denen sich Hoffmann nun vorzugsweise aufhält. Sein Hauptfreund für diese Periode seines Lebens ist Hitzig, der sich aus einem Verleger wieder in einen Kriminalrat zurückverwandelt hatte. Mit Fouqué, dessen Arbeiten immer oberflächlicher werden, verbindet ihn noch die Interessengemeinschaft ihrer gemeinsamen Oper »Undine«, deren Aufführung im Berliner Schauspielhaus sich der Verwirklichung näherte. Sonst seien von den Mitgliedern des Serapionsbundes, der übrigens seinen Namen erst später erhielt, noch der liebenswürdige Contessa und Dr. Koreff, Hardenbergs berühmter »Leib- und Seelenarzt«, genannt.   An den Baron Fouqué Berlin, den 29. März 1815. Am Sonnabend (also einen Tag zu spät) schickte mir Brühl beiliegenden Brief an Sie, Herr Baron, den ich zu öffnen mir die Erlaubnis nahm, weil die Undine ganz und gar just unsere gemeinschaftliche Sache ist und mir jede Erklärung von seiten der Theaterdirektion zu wissen nötig ist. – Jetzt haben wir es schriftlich , daß Undine mit allem nötigen Aufwande und Fleiß im Anfange künftigen Winters gegeben wird. – Etwas komisch kommt es mir vor, daß Brühl mich für einen angehenden Dilettanten zu nehmen scheint und mir vorzüglich die Kenntnis des Effekts nicht zutraut! – Lassen Sie sich, Herr Baron, dadurch nicht anfechten, was er über meine Komposition sagt. Ohne einbildisch zu sein, glaube ich gerade den Ton , die Farbe des Gedichtes getroffen zu haben, und finde nur darin, daß Brühl, als ich bei ihm spielte, immer herausgreifen wollte, wann Undine selbst sich vernehmen ließ, die Ursache, daß es ihm entgangen ist, wie die Partie der Undine höchst einfach und kantabel gehalten ist. – Erinnern Sie sich noch des: Morgen so hell! – Doch habeat sibi ! – die Oper wird gegeben, und ich vermute sogar, daß Brühl nach der ersten Probe mit gehörigen Sängern seine Meinung ändern wird. – Gott gebe, daß man uns versteht! – Ich werde suchen Schinkeln für die Sache zu gewinnen, rücksichts des Ordnens der Maschinen usw. Übrigens finde ich so wie Hitzig, daß Brühls Brief viel Worte, aber wenig Ideen, vorzüglich tiefer eingreifende, enthält. – Eben fällt mir ein, daß der neu gekaufte Anzug des Königs von Neapel den Intendanten auch merklich zerstreute und abzog vom Flügel! – Nein! es tut alles nichts! – seine Bereitwilligkeit, das Neue und Ungewöhnliche auf die Bühne zu bringen, macht alles gut und ich kann auch nicht einen Moment auf den Intendanten zürnen, werde vielmehr mich bereit finden lassen, nach der ersten Probe seine gutgemeinten Winke zu benutzen ... Aufführung der »Undine« An Hippel in Marienwerder Berlin, den 30. August 1816. ... Mein Undinchen wurde in einem Zeitraum von vierthalb Wochen gestern zum sechstenmal bei überfülltem Hause gegeben. Die Oper hat ein allgemeines Gären und Brausen und endloses Geschwätz verursacht, welches lediglich dem Dichter zuzuschreiben ist, der die Opposition sämtlicher Philister wider sich hat. Dem einen ist der Text zu mystisch, dem andern zu fromm. – Der dritte tadelt die Verse, alle rühmen die Musik und – die Dekorationen, welche aber auch das genialste der Art sind, das ich jemals gesehen. – Ich habe geflucht, daß Du die Oper nicht sehen konntest, da ich fest in meiner Seele überzeugt bin, daß Du mit wahren poetischen Gemütern übereinstimmend auf eigene Weise von dem Werk angesprochen sein würdest. Merkwürdig ist es, daß die Kritiker beweisen, an der Dichtung sei nichts dran, und doch immer wieder hineinlaufen, welches sie denn freilich mir in die Schuhe schieben, woran mir aber nichts liegt, ich vielmehr fortwährend sehr trocken behaupte, ich müßte in der Tat ein Esel gewesen sein, wenn ich zu solchem Stoff, zu solchen Worten eine lumpichte Sechsdreiermusik gemacht hätte. Wahrscheinlich kommt binnen einem halben Jahr ein Klavierauszug heraus, den verehre ich Deiner singenden Familie ... – Das einzige gescheute Wort über Undine, das gedruckt wurde, hat übrigens Catel in der Berliner Zeitung gesprochen, sonst ist viel närrisches Zeug auch in den dramaturgischen Blättern geschwatzt, an denen ich übrigens keinen Anteil nehme, da sie nach einem hiesigen sehr poetischen Kunstausdruck mierig worden, so daß nur noch Lewezows (der jetzt Löwenzopf genannt wird) Primaner lesen, und dieser gezwungene Kurs eben nicht der Sache Vorteil bringt. – Das Kammergericht hat an der Undine großen Anteil genommen, und es geht eine dunkle Sage, daß der große Mann aus der Wilhelmstraße im Hintergrunde der Eckloge bemerkt worden sein soll, und zwar bei der zweiten Darstellung. – Bei dem Kammergericht fällt mir natürlich mein Geschäftsleben ein, das ich wie den Klotz des Baugefangenen hinter mir herschleppe und glaube, es sei nun einmal die Strafe meiner vielen Sünden, daß ich in der freien Luft nicht ausdauern konnte und in den Kerker zurück mußte, so wie der verwöhnte Stubenvogel, dem das Futter so lange zugereicht wurde, daß er im Freien seine Atzung selbst zu suchen nicht mehr vermag. Alles Unangenehme haben sie mir bisher aufgebürdet – Kassenkuratel – Depositalabnahme – Untersuchungen usw. Dazu kam, daß der Kriminalsenat von acht Mitgliedern bis auf drei herabgeschmolzen war durch Reisen, Krankheit pp., so daß ich meinte, wir wollten unsere Pforten schließen und mit 5 Fuß 6 Zoll hohen Buchstaben darauf schreiben: Wir sind nach dem Bade verreiset, wonach sich jeder rücksichts der Prozesse und der begangenen und noch zu begehenden Verbrechen zu achten! Der Präsident Woldermann war auch fort, der Vizepräsident mußte im Instruktionssenat präsidieren, und Dein gehorsamer Diener führte im Kriminalsenat als ältester Rat mit Würde und Energie den Rotstift. Kam noch zur selbigen Zeit hinzu, daß mich meine Nichte aus Posen, die ich erzog, besuchte, und mir ein wahrhaft lebendiges Kind, das die mit ihrem Manne, dem Tribunalsassessor von Lekszycki erzielt, vorzeigte, so daß ich an meiner Großonkelschaft gar nicht zweifeln konnte, so magst Du es Dir denken, wie überschwenglich groß und erhaben ich mich fühlte. Nach Niederlegung meines Postens (als Direktor nämlich, nicht als Großonkel) wurde mir als gerechtes Anerkenntnis meiner hohen Verdienste von meinen Freunden in einer außerordentlichen Serapionsversammlung ein mit bunten Bändern geschmückter Ehrenrotstift überreicht, den ich an festlichen Tagen im dritten Knopfloch meiner rechten Rockklappe trage, so daß er beim Überknöpfen auf meinem Herzen ruht!! Meine Freunde rühmen sehr, daß mich alle meine Würden nicht stolz und übermütig gemacht, sondern daß ich in guten Stunden sehr mild und herablassend mit ihnen conversiere! Verzeih, mein teuerster Freund! – das tolle Zeug – Du weißt ja aber schon, welch ein besonderes Affengesicht als versteckter Poet mich kitzelt! – Daß der Uhland Dich gar sehr erfreuen wurde, habe ich gewußt. Hast Du schon Fouqués Sängerliebe gelesen, sowie sein Gedicht aus dem Jünglingsalter? In letzterem ist viel Schönes, das erste sehr zart aber kein Zauberring . – Ich schreibe keinen goldenen Topf mehr! – So was muß man nur recht lebhaft fühlen und sich selbst keine Illusionen machen! ... Hoffmann bei der Uraufführung ... Theodor hat eben nichts im Sinn als die Oper, die er vor ein paar Jahren auf das Theater brachte! »Da ich nun«, sprach er, »ein Dutzend mißlungene Proben angeschaut habe, da noch selbst in der letzten Hauptprobe der Maestro mit der Partitur nicht ganz im reinen war, so wie mit dem Verständnis des ganzen Werks überhaupt, so bin ich über die Zweideutigkeit des Schicksals, das gleich einer schwarzen Wolke über meiner Dichtung hängt, ganz beruhigt. Fällt mein Werk, so falle es denn! mir ist alle Besorgnis deshalb benommen, ich bin hinweg über alle Angst und Beklommenheit des Autors« – und was dergleichen schöne Redensarten noch mehr waren. Genug, als ich am Tage der Aufführung meinen Freund sah, und die Zeit da war, nach dem Theater zu gehen, wurde er plötzlich leichenblaß, lachte aber dabei ungemein, niemand wußte recht worüber, versicherte sehr heftig, beinahe habe er vergessen, daß seine Oper heute gegeben würde, wollte durchaus, als er den Überrock anzuziehen unternahm, den rechten Arm in den linken Ärmel stecken, so daß ihm meine Beihilfe nötig, rannte dann, ohne ein Wort zu sprechen, wie besessen über die Straße und fiel, als in dem Augenblick, da er in die Loge treten wollte, der erste Akkord der Ouverture losschlug, dem erschrockenen Logenschließer in die Arme, dann aber ... (Aus den »Unterhaltungen der Serapionsbrüder«, 6. Abschnitt.)   Die Aufführung der »Undine« war eines der Lebensziele Hoffmanns gewesen. Jahrelang hatte er von einer Berliner Aufführung geträumt. Durch die »Undine« hatte er einst Unsterblichkeit zu erlangen gehofft. Die Aufführung war auch durchaus ein Erfolg, aber selbst Hoffmanns Brief an Hippel kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Erfolg nicht so bedeutend gewesen war, wie Hoffmann es wohl einst geträumt haben mochte. Auch wenn die Oper mehrmals wiederholt wurde, Unsterblichkeit – das sah Hoffmann wohl selber von Anfang an ein – konnte er durch diese Oper nicht erringen. Er resignierte, auch als Dichter. »Ich schreibe keinen gold'nen Topf mehr«, hatte er noch unter dem Eindruck der Opernaufführung an den Freund geschrieben. In einigen seiner gelungensten Erzählungen nahm er damals von dem Musikertraum Abschied: in der Kapellmeisternovelle »Das Sanctus« und in der erschütternden Erzählung »Antonie« oder »Rat Krespel«. Von nun an ergab er sich Jahre hindurch ausschließlich der anspruchslosen Unterhaltungsliteratur. Vom Werk legte sich der Schwerpunkt in das Leben. Sein Bekanntenkreis hatte sich nennenswert erweitert. Durch Dr. Koreff war er mit dem Kreise um Hardenberg, vorzüglich mit Hardenbergs Schwiegersohn, dem Grafen Pückler, bekannt geworden, der später als Fürst Pückler-Muskau auch literarisch hervortrat. Mannigfache Scherze und Mystifikationen waren unter den Freunden im Schwange. So war eine Zeit lang ein verlassenes Haus, »Unter den Linden« Nr. 9, Gegenstand heiterer Phantasterei, aus der Hoffmanns Erzählung »Das öden Haus« herauswuchs. Der Anfang der Erzählung gibt ein anschauliches Bild des damaligen Berlin und der Art, wie Hoffmann in den Straßen Berlins umher zu schlendern pflegte. Das öde Haus Ihr wißt, daß ich den ganzen vorigen Sommer in ...n zubrachte. Die Menge alte Freunde und Bekannte, die ich vorfand, das freie gemütliche Leben, die mannigfachen Anregungen der Kunst und der Wissenschaft, das alles hielt mich fest. Nie war ich heitrer, und meiner alten Neigung, oft allein durch die Straßen zu wandeln und mich an jedem ausgehängten Kupferstich, am jedem Anschlagzettel zu ergötzen oder die mir begegnenden Gestalten zu betrachten, ja wohl manchem in Gedanken das Horoskop zu stellen, hing ich hier mit Leidenschaft nach, da nicht allein der Reichtum der ausgestellten Werke der Kunst und des Luxus, sondern der Anblick der vielen herrlichen Prachtgebäude unwiderstehlich mich dazu antrieb. Die mit Gebäuden jener Art eingeschlossene Allee, welche nach dem .....ger Tore führt, ist der Sammelplatz des höheren, durch Stand oder Reichtum zum üppigeren Lebensgenuß berechtigten Publikums. In dem Erdgeschoß der hohen breiten Paläste werden meistenteils Waren des Luxus feilgeboten, indes in den obern Stockwerken Leute der beschriebenen Klasse hausen. Die vornehmsten Gasthäuser liegen in dieser Straße, die fremden Gesandten wohnen meistens darin, und so könnt ihr denken, daß hier ein besonderes Leben und Regen mehr als in irgendeinem anderen Teile der Residenz stattfinden muß, die sich eben auch hier volkreicher zeigt, als sie wirklich ist. Das Zudrängen nach diesem Orte macht es, daß mancher sich mit einer kleinern Wohnung, als sein Bedürfnis eigentlich erfordert, begnügt, und so kommt es, daß manches von mehreren Familien bewohnte Haus einem Bienenkorbe gleicht. Schon oft war ich die Alleen durchwandelt, als mir eines Tages plötzlich ein Haus ins Auge fiel, das auf ganz wunderliche seltsame Weise von allen übrigen abstach. Denkt euch ein niedriges, vier Fenster breites, von zwei hohen schönen Gebäuden eingeklemmtes Haus, dessen Stock über dem Erdgeschoß nur wenig über die Fenster im Erdgeschoß des nachbarlichen Hauses hervorragt, dessen schlecht verwahrtes Dach, dessen zum Teil mit Papier verklebte Fenster, dessen farblose Mauern von gänzlicher Verwahrlosung des Eigentümers zeigen. Denkt euch, wie solch ein Haus zwischen mit geschmackvollem Luxus ausstaffierten Prachtgebäuden sich ausnehmen muß. Ich blieb stehen und bemerkte bei näherer Betrachtung, daß alle Fenster dicht verzogen waren, ja daß vor die Fenster des Erdgeschosses eine Mauer aufgeführt schien, daß die gewöhnliche Glocke an dem Torwege, der an der Seite angebracht zugleich zur Haustür diente, fehlte, und daß an dem Torwege selbst nirgends ein Schloß, ein Drücker zu entdecken war. Ich wurde überzeugt, daß dieses Haus ganz unbewohnt sein müsse, da ich niemals, niemals, so oft und zu welcher Tageszeit ich auch vorübergehen mochte, auch nur die Spur eines menschlichen Wesens darin wahrnahm. Ein unbewohntes Haus in dieser Gegend der Stadt! Eine wunderliche Erscheinung, und doch findet das Ding vielleicht darin seinen natürlichen einfachen Grund, daß der Besitzer, auf einer langen dauernden Reise begriffen oder auf fernen Gütern hausend, dieses Grundstück weder vermieten noch veräußern mag, um, nach ...n zurückkehrend, augenblicklich seine Wohnung dort ausschlagen zu können. – So dacht' ich, und doch weiß ich selbst nicht, wie es kam, daß, bei dem öden Hause vorüberschreitend, ich jedesmal wie festgebannt stehen bleiben und mich in ganz verwunderliche Gedanken nicht sowohl vertiefen als verstricken mußte. – Ihr wißt es ja alle, ihr wackere Kumpanen meines fröhlichen Jugendabends, ihr wißt es ja alle, wie ich mich von jeher als Geisterseher gebärdete und wie mir nur in einer wunderbaren Welt seltsame Erscheinungen ins Leben treten wollten, die ihr mit derbem Verstande wegzuleugnen wußtet! – Nun! zieht nur eure schlauen spitzfindigen Gesichter, wie ihr wollt, gern zugestehen darf ich ja, daß ich oft mich selbst recht arg mystifiziert habe, und daß mit dem öden Hause sich dasselbe ereignen zu wollen schien, aber – am Ende kommt die Moral, die euch zu Boden schlägt, horcht nur auf! – Zur Sache! – Eines Tages und zwar in der Stunde, wenn der gute Ton gebietet, in der Allee auf und ab zu gehen, stehe ich, wie gewöhnlich in tiefen Gedanken hinstarrend vor dem öden Hause. Plötzlich bemerke ich, ohne gerade hinzusehen, daß jemand neben mir sich hinstellt und den Blick auf mich gerichtet hatte. Es ist Graf P., der sich schon in vieler Hinsicht als mir geistesverwandt kundgetan hat, und sogleich ist mir nichts gewisser, als daß auch ihm das Geheimnisvolle des Hauses aufgegangen war. Um so mehr fiel es mir auf, daß, als ich von dem seltsamen Eindruck sprach, den dies verödete Gebäude hier in der belebtesten Gegend der Residenz auf mich gemacht hatte, er sehr ironisch lächelte. Bald war aber alles erklärt. Graf P. war viel weiter gegangen als ich, aus manchen Bemerkungen, Kombinationen usw. hatte er die Bewandtnis herausgefunden, die es mit dem Hause hatte, und eben diese Bewandtnis lief auf eine solche ganz seltsame Geschichte heraus, die nur die lebendigste Fantasie des Dichters ins Leben treten lassen konnte. Es wäre wohl recht, daß ich euch die Geschichte des Grafen, die ich noch klar und deutlich im Sinn habe, mitteilte, doch schon jetzt fühle ich mich durch das, was sich wirklich mit mir zutrug, so gespannt, daß ich unaufhaltsam fortfahren muß. Wie war aber dem guten Grafen zumute, als er mit der Geschichte fertig erfuhr, daß das verödete Haus nichts anderes enthalte, als die Zuckerbäckerei des Konditors, dessen prachtvoll eingerichteter Laden dicht anstieß. Daher waren die Fenster des Erdgeschosses, wo die Öfen eingerichtet, vermauert und die zum Aufbewahren des Gebackenen im obern Stock bestimmten Zimmer mit dicken Vorhängen gegen Sonne und Ungeziefer verwahrt. Ich erfuhr, als der Graf mir dies mitteilte, so wie er die Wirkung des Sturzbades, oder es zupfte wenigstens der allem Poetischen feindliche Dämon den Süßträumenden empfindlich und schmerzhaft bei der Nase. – Unerachtet der prosaischen Aufklärung mußte ich doch noch immer vorübergehend nach dem öden Hause hinschauen, und noch immer gingen im leisen Frösteln, das mir durch die Glieder bebte, allerlei seltsame Gebilde von dem auf, was dort verschlossen. Durchaus konnte ich mich nicht an den Gedanken der Zuckerbäckerei, des Marzipans, der Bonbons, der Torten, der eingemachten Früchte usw. gewöhnen ... (Aus »Das öde Haus«.) Aus dem Leben der »Serapionsbrüder« Schon früh hatten die als »Seraphinenbrüder« oder als »Nordsternbrüder« zusammengeschlossenen Freunde den Plan eines gemeinsamen Romans gefaßt. »Der Roman von Vieren« sollte dieses Buch heißen, und es erinnerte an einen ähnlichen Plan, der ein Jahrzehnt vorher von Varnhagen, dem Lyriker Neumann, Bernhardi und Chamisso ins Werk gesetzt worden war. Hoffmann hatte, als er im unglücklichen Winter 1806 auf 1807 in Berlin war, davon gehört und an Hippel darüber geschrieben. Jetzt taten sich außer Hoffmann noch Contessa, Hitzig und Chamisso zu einem ähnlichen Plan zusammen. Hoffmann schreibt darüber ausführlich in den Unterhaltungen der Serapionsbrüder, wo er zugleich eine Episode aus dem Leben der Freunde erzählt, die sich im Berliner Tiergarten zutrug.   » ... Vor einiger Zeit beschlossen vier Freunde, zu denen ich auch gehörte, einen Roman zu schreiben, zu dem ein jeder nach der Reihe die einzelnen Kapitel liefern sollte. Der eine gab als Samenkorn, aus dem alles hervorschießen und hervorblühen sollte, den Sturz eines Dachdeckers vom Turme herab an, der den Hals bricht. In demselben Augenblick gebärt seine Frau vor Schreck drei Knaben. Das Schicksal dieser Drillinge, sich in Wuchs, Stellung, Gesicht usw. völlig gleich, sollte im Roman verhandelt werden. Ein weiterer Plan wurde nicht verabredet. Der andere (Contessa) fing nun an und ließ im ersten Kapitel vor dem einen der Helden des Romans von einer wandernden Schauspielergesellschaft ein Stück aufführen, in dem er sehr geschickt und auf herrliche geniale Weise den ganzen Gang, den die Geschichte wohl nehmen könnte, angedeutet hatte. Hieran mußten sich nun alle halten, und so wäre jenes Kapitel ein sinnreicher Prolog des Ganzen geworden. Statt dessen erschlug der erste (der Erfinder des Dachdeckers) im zweiten Kapitel die wichtigste Person, die der zweite eingeführt, so daß sie wirkungslos ausschied, der dritte (Hitzig) schickte die Schauspielergesellschaft nach Polen, und der vierte (Hoffmann) ließ eine wahnsinnige Hexe mit einem weissagenden Raben auftreten und erregte Grauen ohne Not, ohne Beziehung. – Das Ganze blieb nun liegen!« – »Ich kenne,« sprach Theodor, »ich kenne ein Buch, das auch von mehreren Freunden unternommen, aber nicht vollendet wurde. Es ist mit Unrecht nicht viel in die Welt gekommen, vielleicht weil der Titel nichts versprach oder weil nötige Empfehlung mangelte. Ich meine »Karls Versuche und Hindernisse«. Der erste Teil, welcher nur ans Licht getreten, ist eins der witzigsten, geistreichsten und lebendigsten Bücher, die mir jemals vorgekommen. Merkwürdig ist es, daß darin nicht allein mehrere bekannte Schriftsteller; wie z.B. Johannes Müller, Jean Paul u. a., sondern auch von Dichtern geschaffene Personen, wie z. B. Wilhelm Meister nebst seinem Söhnlein u. a., in ihrer eigentümlichsten Eigentümlichkeit auftreten.« »Ich kenne,« sprach Cyprian, »ich kenne das Buch, von dem du sprichst, es hat mich gar sehr ergötzt, und ich erinnere mich noch daran, daß Jean Paul zu einem dicken Manne, den er auf einem Felde im Schweiß seines Angesichts Erdbeeren pflückend antrifft, spricht: »Die Erdbeeren müssen recht süß sein, da Sie es sich so sauer darum werden lassen!« – Doch wie gesagt, das Zusammentreten zu einem Werk bleibt ein gewagtes Ding. Herrlich ist dagegen die wechselseitige Anregung, wie sie wohl unter gleichgestimmten poetischen Freunden stattfinden mag und die zu diesem, jenem Werk begeistert.« »Eine solche Anregung«, nahm Ottomar das Wort, »verdanke ich unserm Freunde Severin, der, ist er nur erst, wie zu erwarten steht, hier angekommen, ein viel besserer Serapionsbruder sein wird als Leander. – Mit Severin saß ich im Berliner Tiergarten, als sich das vor unsern Augen zutrug, was den Stoff hergab zu der Erzählung, die ich unter dem Titel: »Ein Fragment aus dem Leben dreier Freunde« aufschrieb und die ich mitgebracht habe, um sie euch vorzulesen. Als nämlich, wie ihr nachher vernehmen werdet, das schöne Mädchen das ihr heimlich zugesteckte Brieflein mit Tränen in den Augen laß, warf mir Severin leuchtende Blicke zu und flüsterte: »Das ist etwas für dich, Ottmar! – Deine Fantasie muß die Fittiche regen! – schreibe nur gleich hin, was es für eine Bewandtnis hat mit dem Mädchen, dem Brieflein und den Tränen!« Ich tat das!« – (Aus den »Unterhaltungen der Serapionsbrüder«, 1. Teil.)   Hoffmann war übrigens nicht der einzige, dem sich der hier geschilderte Vorfall im Tiergarten zu einer Erzählung auswuchs. Auch Contessa, der andre Serapionsbruder, wurde zu seiner Erzählung »Der Schatzgräber« angeregt. Während dieses gemütlichen Zusammenlebens der Freunde setzte der Brand des Schauspielhauses den Aufführungen der »Undine« ein jähes Ende. Hoffmann wurde bei diesem, ihm liebsten Werke vom Unglück verfolgt. Sämtliche Schinkelschen Dekorationen seiner Oper waren verbrannt. Als das neue Schinkelsche Schauspielhaus fertig geworden war, wurde als erste Oper auf der neuen Bühne Webers »Freischütz« aufgeführt, der die »Undine« rasch in Vergessenheit geraten ließ. An Adolf Wagner in Leipzig Berlin, den 25. November 1817. Der Zauberer, liebster Alf! ist wirklich bei mir gewesen und zwar im Zwielicht, es wurde aber gleich Licht angesteckt und Tee getrunken. Sei es indessen nun, daß ich spitzbemützt und in magischen Büchern lesend, ihm als ein stärkerer Zauberer erschien oder daß das adducierende Prinzip des Tees dergleichen nicht aufkommen ließ (er nahm viel Milch) – kurz! – er dachte nicht daran die Teufelskünste zu üben, wie er es vielleicht auf Ihren Anlaß im Schilde führte, sondern erzählte bloß, wie bei der Fräulein Therese aus dem Winkel Böttiger eingeschlafen und Öhlenschläger (der hier mein recht herzlicher Freund geworden) steif und zeremoniös gewesen, welches beides ich sehr gut begreife oder vielmehr ganz natürlich finde. – Warum kommen Sie denn nicht einmal her? – Auf jeden Fall würd' Ihnen wohl sein, da Sie in Hitzigs einsamer Wohnung sich jeden Augenblick außerhalb Berlin versetzen und dann bei mir in der schönsten Gegend der Residenz wieder im vollen Sinne des Worts in Berlin sein könnten. – Überhaupt! Sie würden es machen wie wir hier alle, d. h. ganz leben wie es Ihnen in den Sinn tarne, welches man hier zu tun vermag ohne alle Mühe und Störung. – Vor einiger Zeit war die gute Müller hier, die ich über alles ehre und lieb habe. Es war mir angenehm, daß gerade Undine gegeben wurde. Es war die letzte Oper in dem Hause, welches den dritten Tag darauf herunterbrannte. Sie wird Ihnen, sollte Sie sie in Leipzig sprechen, doch manches von der Darstellung sagen, unerachtet bei dem Zauber der Dekorationen und auch wohl bei dem rastlosen Fortschreiten der Handlung und den großen musikalischen Massen die Oper, zum erstenmal gehört, die Fantasie nur anregt, ohne deutliche Spuren zurückzulassen. – Majorenn ist die Oper nicht geworden, denn sie ist binnen Jahresfrist nur dreiundzwanzigmal gegeben worden. – Ich könnte Ihnen erzählen, daß ich bei dem Brande des Theaters, von dem ich nur 15 bis 20 Schritt entfernt wohne, in die augenscheinlichste Gefahr geriet, da das Dach meiner Wohnung bereits brannte, noch mehr! – daß der Kredit des Staates wankte, da, als die Perückenkammer in Flammen stand und fünftausend Perücken aufflogen, Unzelmanns Perücke aus dem Dorfbarbier mit einem langen Zopf wie ein bedrohliches feuriges Meteor über dem Bankgebäude schwebte – doch das wird Ihnen alles der Zauberer mündlich erzählen und hinzufügen, daß beide gerettet sind, ich und der Staat. Ich durch die Kraft von drei Schlauchspritzen, wovon der einen ich eine böse Wunde mit einer seidenen Schürze meiner Frau verband, der Staat durch einen kouragösen Gardejäger auf der Taubenstraße, der, als mehrere Spritzen vergeblich nach der ad altiora steigenden Perücke gerichtet wurden, besagtes Ungetüm durch einen wohlgezielten Büchsenschuß herabschoß. Zum Tode getroffen, zischend und brausend sank es nieder in den Pißwinkel des Schonertschen Weinhauses – Hierauf stiegen sofort die Staatspapiere! – Ist das nicht Stoff zum Epos? ... An Hippel in Marienwerder Berlin, den 15. Dezember 1817. ... Da mir hierbei das abgebrannte Theater einfällt, so melde ich Dir mit kurzem, daß ich mich in der augenscheinlichsten Gefahr befand, aufs neue ganz ruiniert zu werden. Das Dach des Hauses, in dem ich im zweiten Stock wohne (Tauben- und Charlotten-Straßen-Ecke) brannte bereits von der entsetzlichen Glut, die das ungeheure brennende Bohlendach des Theaters verbreitete, und nur der Gewalt von drei wohldirigierten Schlauchspritzen gelang es, das Feuer zu löschen und das Haus, sowie wohl das ganze Viertel zu retten. Ich saß gerade am Schreibtisch, als meine Frau aus dem Eckkabinett etwas erblaßt eintrat und sagte: Mein Gott, das Theater brennt! – Weder sie noch ich verloren indessen eine Sekunde den Kopf. Als Feuerarbeiter, zu denen sich Freunde gesellt hatten, an meine Türe schlugen, hatten wir mit Hilfe der Köchin schon Gardinen, Betten und die mehrsten Meubles in die hinteren, der Gefahr weniger ausgesetzten Zimmer getragen, wo sie stehen blieben, da ich nur im letzten Moment alles heraustragen lassen wollte. In den vorderen Zimmern sprangen nachher sämtliche Fensterscheiben und die Ölfarbe an den Fensterrahmen und Türen tröpfelte von der Hitze herab. Nur beständiges Gießen bewirkte, daß das Holzwerk nicht vom Feuer anging. – Meinen Nachbarn, die zu eilig forttragen ließen, wurde vieles verdorben und gestohlen, mir gar nichts usw. Der Serapionsbund Mit dem Brand des Schauspielhauses waren Hoffmanns Musikerträume endgültig begraben. Andere, sein Innerstes aufwühlende Beziehungen und Vorgänge hatte ihn auch den ehemaligen Serapionsbrüdern entfremdet, als die Serapionsidee noch einmal aufflackern sollte. Im Februar 1818 hatte Hoffmann den Plan gefaßt, seine sämtlichen, in Taschenbüchern und Kalendern verstreuten Erzählungen in Buchform zusammenzufassen und durch Zwischenstücke zu einem einheitlichen Ganzen zu verweben, wobei ihm Tiecks »Phantasus« als Vorbild vorschwebte. Aus diesem Plan entstanden die vier Bände der »Erzählungen der Serapionsbrüder«. Ende 1818 kehrte Chamisso von seiner Weltreise zurück, und es lag nahe, mit dem lang entbehrten Freunde die alten Serapionssitzungen wieder aufzunehmen. Der 14. November 1818, im Kalender als Serapionstag bezeichnet, führte die Freunde wieder zusammen. Dieses Zusammensein gab den »Unterhaltungen der Serapionsbrüder« das Gepräge, und Hoffmann machte sich bald darauf an die Zusammenstellung seiner Erzählungen und die Niederschrift der verbindenden Gespräche. In »Kreislers musikalisch-poetischen Klub« haben wir gewissermaßen die Urgestalt des Serapionsklubs zu sehen. Auch Kreislers Klub besteht aus mehreren Vertretern Hoffmanns selbst und einigen andern Freunden, deren historische Vorbilder aber nicht deutlich zu erkennen sind. Ebenso besteht der Serapionsbund aus mehreren Vertretern Hoffmanns: dem Musiker Theoder, dem sanguinischen Lothar, dem phantastischen Cyprian – und den Personen der Freunde. Hitzig tritt als Ottmar auf, Contessa als Sylvester. Dr. Koreff ist in dem launigen Vinzenz verkörpert, während der gemütvolle Chamisso, dessen Rückkehr gerade den Anlaß zur Wiederaufnahme der Sitzungen gab, nicht zu erkennen ist.   »Stelle man sich auch an, wie man wolle, nicht wegzuleugnen, nicht wegzubannen ist die bittere Überzeugung, daß nimmer – nimmer wiederkehrt, was einmal dagewesen. Eitles Mühen, sich entgegenzustemmen der unbezwinglichen Macht der Zeit, die fort und fort schafft in ewigem Zerstören. Nur die Schattenbilder des in tiefe Nacht versunkenen Lebens bleiben zurück und walten in unserem Innern und necken und höhnen uns oft, wie spukhafte Träume. Aber Toren! wähnen wir das, was unser Gedanke, unser eignes Ich worden, noch außer uns auf der Erde zu finden, blühend in unvergänglicher Jugendfrische. – Die Geliebte, die wir verlassen, der Freund von dem wir uns trennen mußten, verloren beide für uns auf immer! – Die, die wir vielleicht nach Jahren wiedersehen, sind nicht mehr dieselben, von denen wir schieden, und sie finden ja auch uns nicht mehr wieder!« So sprach Lothar, indem er heftig vom Stuhl aufsprang, dicht an den Kamin hinanschritt, die Arme übereinandergeschlagen, mit finsterem Blick in das lustig knisternde Feuer hineinstarrte. »Wenigstens«, begann jetzt Theodor »wenigstens, lieber Freund Lothar! bewährst du dich insofern als denselben, von dem ich vor zwölf Jahren schied, als du noch ebenso wie damals geneigt bist, nur im mindesten schmerzlich berührt, dich allem Unmut rücksichtslos hinzugeben. Wahr ist es, und ich, Ottmar und Cyprian, wir alle fühlen es gewiß ebenso lebhaft als du, daß unser erstes Beisammensein nach langer Trennung gar nicht so erfreulich ist, als wir es uns wohl gedacht haben mochten. Wälze die Schuld auf mich, der ich aus einer unserer unendlichen Gassen in die andere lief, der ich nicht abließ, bis ich euch heute abend hier vor meinem Kamin zusammengebracht hatte. Gescheuter wäre es vielleicht gewesen, hätt' ich unser Wiedersehen dem günstigen Zufall überlassen, aber unerträglich war mir der Gedanke, daß wir, die wir jahrelang, durch herzliche Liebe, durch ein gleiches schönes Streben in Kunst und Wissenschaft innig verbunden, zusammenlebten, die nur der wilde Orkan, wie er daherbrauste in der verhängnisvollen Zeit, die wir durchlebt, auseinanderschleudern konnte, daß wir, sage ich, auch nur einen Tag in demselben Hafen geankert haben sollten, ohne uns mit leiblichen Augen zu schauen, wie wir es unterdessen mit geistigen getan. Und nun sitzen wir schon ein paar Stunden zusammen und quälen uns mörderlich ab mit dem Enthusiasmus unserer frischblühenden Freundschaft. Und keiner hat bis zu diesem Augenblick etwas Gescheutes zu Markte gebracht, sondern fades langweiliges Zeug geschwätzt zum Bewundern. Und woher kommt das alles anders, als daß wir insgesamt recht kindische Kinder sind, daß wir glauben, es werde nun gleich wieder fortgehen in derselben Melodie, die wir vor zwölf Jahren abbrachen. Lothar sollte uns vielleicht wieder zum erstenmal Tiecks Zerbino vorlesen, und ausgelassene, jauchzende, jubelnde Lust uns erfassen. Oder Cyprian müßte vielleicht irgendein fantastisches Gedicht oder wohl gar eine ganze überschwengliche Oper mitgebracht haben und ich sie zur Stelle komponieren und auf demselben lendenlahmen Pianoforte wie vor zwölf Jahren losdonnern, daß alles an dem armen lebenssatten Instrumente knackt und ächzt. Oder Ottmar müßte erzählen von irgendeiner herrlichen Rarität, die er aufgespürt, von einem auserlesenen Wein und absonderlichen Hasenfuß. Und da das alles nun nicht geschehen ist, schmollen wir insgeheim aufeinander, und jeder denkt vom andern: »Ei, wie ist der Gute so ganz und gar nicht mehr derselbe, daß der sich so ändern könnte, nimmermehr hätt' ich das gedacht!« – Ja freilich sind wir alle nicht mehr dieselben! Daß wir zwölf Jahre älter worden, daß sich wohl mit jedem Jahr immer mehr und mehr Erde an uns ansetzt, die uns hinabzieht aus der luftigen Region, bis wir am Ende unter die Erde kommen, das will ich gar nicht in Anschlag bringen. Aber wen von uns hat indessen nicht der wilde Strudel von Ereignis zu Ereignis, ja von Tat zu Tat fortgerissen? Konnte denn aller Schrecken, alles Entsetzen, alles Ungeheure der Zeit an uns vorübergehen, ohne uns gewaltig zu erfassen, ohne tief in unser Inneres hinein seine blutige Spur einzugraben? – Darüber erbleichten die Bilder des früheren Lebens, und fruchtlos bleibt nun das Mühen, sie wieder aufzufrischen! – Mag es aber auch sein, daß manches, was uns damals im Leben, ja an und in uns selbst als hoch und herrlich erschien, jetzt merklich den blendenden Glanz verloren, da unsere Augen durch stärkeres Licht verwöhnt, die innere Gesinnung, aus der unsere Liebe entsproßte, ist doch wohl geblieben. Ich meine, ein jeder glaubt doch wohl noch vom andern, daß er was Erkleckliches tauge und inniger Freundschaft wert sei. Laßt uns also die alte Zeit und alle alten Ansprüche aus ihr her vergessen und, von jener Gesinnung ausgehend, versuchen, wie sich ein neues Band unter uns verknüpft.« »Dem Himmel sei gedankt,« unterbrach hier Ottmar den Freund, »dem Himmel sei gedankt, daß Lothar es nicht mehr aushalten konnte in unserm närrischen verzwickten Wesen, und daß du, Theodor! gleich das schadenfrohe Teufelchen festpackst, das uns alle neckt und quält. Mir wollt' es die Kehle zuschnüren, dies gezwungene fatale Freudigtun, und ich fing gerade an mich ganz entsetzlich zu ärgern, als Lothar losfuhr. Aber nun Theodor gerade heraus gesagt, woran es liegt, fühle ich mich euch allen um vieles nähergerückt, und es ist mir so, als wolle die alte Gemütlichkeit, mit der wir uns sonst zusammenfanden, alle unnützen Zweifel wegbannend, wieder die Oberhand gewinnen. Theodor hat recht, mag denn die Zeit auch vieles umgestaltet haben, fest steht doch in unserm Innern der Glaube an uns selbst. Und hiermit erkläre ich die Präliminarien unseres neuen Bundes feierlichst für abgeschlossen und setze fest, daß wir uns jede Woche an einem bestimmten Tage zusammenfinden wollen, denn sonst verlaufen wir uns in der großen Stadt hierhin, dorthin und werden auseinandergetrieben noch ärger als bisher.« ... ... Theodor nahm den Deckel von dem Gefäße herab und schenkte seinen Gästen ein Getränk ein, das König und Minister der Gesellschaft vom eierlegenden Hahn als übervortrefflich anerkannt und ohne Bedenken im Staate eingeführt haben würden ... »Was sprichst du,« rief Lothar mit lauter Stimme, indem er sich vom Stuhle erhob, »was sprichst du von Neckerei, was glaubst du von mir, O mein Cyprianus? – Bin ich nicht ein ehrliches Gemüt, ein rechtschaffener Charakter, fern von Lug und Trug – eine treuherzige Seele? – schwärme ich nicht mit den Schwärmern? fantasiere ich nicht mit den Fantasten? weine ich nicht mit den Weinenden, jubiliere ich nicht mit den Jubelnden – Aber schaue her, o mein Cyprianus, schaue nochmals in dies herrliche Werk von unumstößlicher Wahrheit, in diesen sehr stattlichen Hauskalender. Bei dem vierzehnten November findest du zwar den schnöden Namen Levin verzeichnet, aber werfe deinen Blick in diese katholische Kolonne! – Da steht mit roten Buchstaben: Serapion , Märtyrer! – ... Heute ist Serapions-Tag! – Auf! – ich leere dieses Glas zum Gedächtnis des Einsiedlers Serapion: tut, meine Freunde, desgleichen!« »Von ganzer Seele«, rief Cyprian, und die Gläser erklangen. Ludwig Devrient Ob die Serapionssitzungen regelmäßig beibehalten wurden, läßt sich nicht ermitteln. Tatsache ist jedenfalls, das zum mindesten zu Hoffmanns Geburtstag alle Freunde, auch die neu hinzugewonnenen, die sonst wenig in den Kreis der bieder heiteren Serapionsbrüder vom Schlage der Hitzig oder Contessa, wie zum Beispiel der geniale Schauspieler Ludwig Devrient, sich bei Hoffmann zusammenfanden und mit einem köstlichen Tropfen bewirtet wurden. So vielfach Hoffmann gerade jetzt in seiner Schriftstellerei als Serapionsbruder vor die Öffentlichkeit trat, so wenig füllte ihn in der Wirklichkeit dieser Freundeskreis aus. Eine andere Gemeinschaft fesselte ihn mehr und mehr: die berühmte Tafelrunde bei Lutter \& Wegner, deren hervorragendste Mitglieder Hoffmann und Devrient waren. Die übrigen Genossen setzten sich größtenteils aus alten ehemaligen Offizieren zusammen, die nach dem Friedensschluß verabschiedet waren. Bunte, vom Schicksal mitgenommene Männer waren darunter, Spielnaturen und Abenteurer. Ein Kreis, zu jedem mutwilligen Streich aufgelegt. Unter diesen Männern verbrachte Hoffmann Jahre hindurch seine Nächte. Vor allem aber war es natürlich der geniale Ludwig Devrient, der ihn anzog und dessen Verkehr ihm allein angemessen schien, zum großen Schmerz des soliden Hitzig, der sich immer wieder bemühte, Hoffmann auf den Kreis der Serapionsbrüder zu beschränken. Aber es war natürlich nicht allein das von allem Bürgerlichen losgelöste Leben, das Hoffmann mit Devrient verband, es war auch gemeinsames künstlerisches Streben und Arbeiten, das beide Freunde durchglühte. Die »Seltsamen Leiden eines Theaterdirektors« sind die Frucht dieser künstlerischen Gemeinsamkeit. Ein großer Teil dieses, alle möglichen Theaterverhältnisse betreffenden Buches handelt von Devrient, den wir in dem »kleinen Garrick« zu erkennen haben, über den sich die beiden Schauspieldirektoren: »Der Graue« (in diesen Partien Graf Brühl, der Intendant der Berliner Königlichen Theater) und »Der Braune« (Hoffmann selbst) unterhalten. Devrient oder der »kleine Garrik« wird nun keineswegs durchweg enthusiastisch gelobt. Hoffmann sah, wie sein Freund sein Talent an unbedeutenden Aufgaben verzetteln mußte, an den sogenannten Rollenstücken, in denen der gleiche Schauspieler immer in andern Verkleidungen aufzutreten hat. Devrients Hang zum Virtuosischen des Schauspielerberufs ließ ihn oft die großen Aufgaben der Gestaltung aus dem Auge verlieren. Hier setzt Hoffmann mit seinen Warnungen ein. Wie stark Hoffmanns Interesse an dem Theater geblieben war, kommt in diesen Unterhaltungen der beiden Theaterdirektoren so recht zum Ausdruck. Der ehemalige Regisseur und Maschinist Holbeins ergreift hier das Wort, um sich über Berliner Theaterverhältnisse auszusprechen.   Der Graue : ... So z. B. ist mir der Schauspieler zugetan mit Leib und Seele, der Charakterrollen in solch hohem Grade vortrefflich spielt, daß er es verdient, der Liebling des Publikums in dem höheren Sinn, wie Sie es vorhin aufstellten, zu werden. Es ist ihm ernst um die Kunst, und daher rührt der unverdrossene Fleiß, mit dem er die Rollen nicht sowohl einstudiert, als in sein Innerstes aufnimmt. Doch nie ist ihm das gänzliche Gelingen der Darstellung in allen Momenten gewiß, da eine unbegreifliche Reizbarkeit, von tiefliegendem unmutigen Mißtrauen erzeugt, ihn im Augenblick außer Fassung bringen kann. Dies Mißtrauen ist gegen andere sowohl als gegen sich selbst gerichtet. Ein unrichtig gebrachtes Schlagwort, das unzeitige Eintreten einer Person, ja das Fallenlassen eines Schwertes, eines Leuchters usw. während des Monologs – vorzüglich leises Sprechen in der Nähe, in dem er gewöhnlich seinen Namen zu hören glaubt, alle mögliche, menschlicher Schwachheit oder dem Zufall zuzuschreibende Ereignisse hält er für boshaft berechnete Störungen seines Spiels, verwirrt sich im Gefühl des beißenden Ärgers und fährt hinterher los, selbst auch auf wohlwollende Freunde. Ebenso kann es ihm mit sich selbst in Fehde setzen, wenn er sich etwa verspricht oder, wenn ihm plötzlich im eignen Spiel etwas ungehörig erscheint ... ... Nicht genug kann ich zum Lobe meines lieben Charaktermannes sagen. Ihm allein verdank' ich es, daß ich, da nun immer Neues und Neues verlangt wird, die nichts bedeutenden Produkte müßiger Köpfe, diese albernen Schubladenstücke, diese zum Überdruß wiederholten Variationen eines und desselben erbärmlichen Themas, diese seichten Übersetzungen fader französischer Machwerke, wie sie jetzt zu Markte getragen werden, dem Publikum wenigstens ohne dringende Gefahr auftischen darf. Denn immer gelingt es meinem kleinen Garrik, zu seiner Rolle sich aus dem lebendigsten Leben eine Figur herauszugreifen und diese mit Wahrheit und Kraft darzustellen, so daß das farblose Bild des Dichters erst durch ihn Farbe und Haltung erhält, und über dieses Bild vergißt man gern die Elendigkeit des ganzen Gemäldes, wiewohl dieses denn doch bald, an innerer Ohmnacht kränkelnd, abstirbt und hinabsinkt in den Orkus. Der Braune : So wird Ihr kleiner Garrik – ich bediene mich Ihrer eignen Bezeichnung – unaufhörlich in nichts bedeutenden Rollen sich bewegen und sich mühen müssen, bleiche Bilder aufzufrischen? Der Graue : Allerdings vergeht wohl keine Woche, in der ihm nicht dergleichen Rollen ins Haus fallen. Der Braune : Und kein Widerspruch? – Er nimmt sie an? Der Graue : Mit der größten Bereitwilligkeit. Es macht ihm sogar Freude, in die leblose Gestalt des Dichters oder vielmehr des Verfertigers den Prometheusfunken zu werfen, und deshalb lobe ich ihn. Der Braune : Und deshalb möcht' ich eben ihn tadeln! – überhaupt möcht' ich, ist es wirklich so, Ihrem kleinen Garrik mehr Talent als eigentliches wahrhaftes Genie zutrauen, es müßte ihn denn überschwengliche Gutmütigkeit oder ein kindisches Behagen an den funkelnden Blitzen eines Feuerwerks, das in wenigen Minuten wirkungslos verpufft, dazu verführen, an sein eignes Innere selbstmörderische Hand zu legen ... Ihr Garrik, gewöhnt, ja dazu berufen, statt der gegebenen Rollen immer selbstgeschaffene Figuren darzustellen, muß sich nur an diese halten, ohne jene im mindesten zu beachten. So wird er aber das eigentliche Studieren der Rolle, ist sie auch wirklich bedeutsam, ganz verlernen. Wie ich es überhaupt nicht begreifen kann, auf welche Weise ein vernünftiger Mensch das fade ungewaschene Zeug mancher Schau-, Trauer- und Lustspiele in den Kopf zu bringen vermag, so ist es denn nun klar, daß vorzüglich das strenge Memorieren sehr bald jenem Schauspieler unmöglich und er für Meisterwerke, zumal wenn sie metrisch gefaßt sind, gänzlich unbrauchbar werden wird. So nur an dem Erfolg des Augenblicks hängend, geht Ihnen das Höhere, Dauernde verloren. Hin ist das Talent, das der Schmuck Ihrer Bühne war. – ... Nein! – ich wiederhole es, das wahre Genie werde nie gemißbraucht zu den losen ephemerischen Erscheinungen des Tages, die statt der wahrhaften inneren Erregung nur momentanen Kitzel bezwecken. Dem ernsten tiefen Künstler werde nur das Tiefe, Ernste, Wahre zugemutet, möge es sich gestalten, wie es wolle, selbst als Scherz, den des kecken Geistes Übermut geschaffen ... Sie warfen mir vor, daß ich, die gepriesene Vielseitigkeit mancher Schauspieler anfechtend, die Beispiele heterogener Rollen zu grell wähle. Lassen Sie mich jetzt zwei Rollen nennen, die das schneidendste Widerspiel zu bilden scheinen und die doch mit gleicher Kraft und Wahrheit von einem und demselben wahrhaft genialen Schauspieler dargestellt werden könnten. Ich meine Shakespeares Othello und Molières Geizigen. Der Graue : Welche Behauptung! – Wie reimt sich das zu den Prinzipien, die Sie vorhin aufstellten! – Doch nein! – Ich fühle dunkel, daß Sie recht haben könnten, und bitte mich ganz aufzuklären. Der Braune : In beiden, in Othello und dem Geizigen, steigert sich eine Leidenschaft aus dem Innersten heraus bis zur furchtbarsten Höhe. Der eine vollführt die gräßlichste Tat, der andere tritt im tiefsten gehässigsten Argwohn gegen das ganze menschliche Geschlecht, das er verschworen gegen sich wähnt, die heiligsten Verhältnisse, wie sie Natur und bürgerliches Verhältnis bilden, mit Füßen. Nur die individuelle Gestaltung der Leidenschaft jedes bewirkt die Verschiedenheit ihres Erscheinens und entscheidet über das Tragische und Komische. Liebe und Ehre begeistern den großherzigen Mohren, nur die wahnsinnige Lust am schnöden Golde beseelt den Geizigen. Beide, in ihrem Innersten angegriffen, in ihrem eigentlichsten Wesen, Leben und Heil gekränkt, brechen los in toller Wut, und in dieser, dem höchsten Moment ihrer Erscheinung, treffen die Strahlen, wie sie aus ihrem Innern in verschiedener Brechung hervorströmten, dort tragisches Staunen, hier lachenden Spott in der Brust des Zuschauers entzündend, in einem Fokus zusammen. Wen erfaßt nicht tiefes Entfetzen bei Othellos furchtbaren Worten: »Tu aus das Licht!« – wen wird aber mitten im Lachen nicht auch tiefes Grauen anwandeln, wenn der Geizige in heilloser Raserei seinen eignen Arm erfaßt, wähnend, den Dieb festzupacken, der ihm die Kassette stahl, wenn er in voller Verzweiflung selbst unter den Zuschauern den Verräter sucht! – So ist wohl Molières Geiziger ein wahrhaft komischer Charakter, von dem uns der gehaltlose, ganz in die Gemeinheit gezogene Kammerrat Fegesack kein Bild gibt, so wie die Art, wie dieser von einem nicht längst verstorbenen großen Schauspieler (Iffland!) dargestellt wurde, eine der seltsamsten Verirrungen war, die es wohl geben mag. – Lassen Sie mich eines Shakespeareschen Charakters gedenken, in dem das Tragische und Komische, vollkommen zusammenströmend, das Entsetzliche erzeugt. Ich meine den Shylock. – Es ist soviel über diese schwürigste aller schwürigsten Rollen, die auf solche Elemente gestützt sind, gesagt worden, daß meine Bemerkungen viel zu spät kommen würden. Aber Sie gestehen mir ein, daß diese Rolle recht eigentlich in meine Theorie von tief komischen Rollen paßt und wohl nur von einem solchen Schauspieler, der in der Tat vielseitig ist, wie ich nämlich Viel- oder Doppelseitigkeit verstanden haben will, wahr und kräftig dargestellt werden könnte. Der Graue : Gerade diese Rolle, welche Sie gewiß mit Recht in die Kategorie der allerschwürigsten stellen, spielt mein kleiner Garrik so ganz vortrefflich, daß schwer zu befriedigende Kenner ihm nie den vollsten Beifall versagen. Im Grunde genommen ist dieser Shylock ein jüdischer Heros, denn der im tiefen Innern glühende Haß gegen das Christentum wird pathetisch, indem er jede andere Leidenschaft wegzehrt und die fürchterliche Rache erzeugt, der der Jude Geld und Gut, die Tochter opfert. Sein Untergang ist echt tragisch und wohl grauenvoller als der Untergang manches Helden oder Tyrannen. Was ist der Giftbecher oder der Dolchstoß gegen die Vernichtung der bürgerlichem Existenz, die über den Juden verhängt wird und die wie ein langsam tötendes Gift sein inneres Mark aufzehrt. Wenn mein Garrik die Worte spricht: »Mir ist nicht wohl« usw., so gleitet es gewiß jedem Zuschauer, dessen Gemütsart nicht gar zu robust und undurchdringlich ist, eiskalt durch alle Glieder. Der Braune : Wie geht es mit den Szenen, wenn der Jude in heller Verzweiflung um seine Tochter und um seine Dukaten schreit und dann, wenn ihn Antonios Unglück, das seine Brust labt, verkündet wird und er dazwischen immer Nachrichten von der Jessika hören muß, die ihm die Brust durchschneiden? Der Graue : Ha, ich verstehe Sie! – Gerade in diesen Szenen ist es wohl am schwersten, auf dem schillernden Hintergründe die Figur rein kräftig zu erhalten. Der Zuschauer soll lachen über den Juden, ohne daß dieser im mindesten lächerlich wird. Gerade in diesen Szenen übertrifft mein Garrik einen großen Schauspieler (Iffland!), den ich einst diese Rolle spielen sah, und der ins gemeine Jüdeln fiel, dadurch aber das Hochpoetische der Rolle gänzlich zerriß ... (Aus den »Seltsamen Leiden eines Theaterdirektors«.)   Man sieht, wie Hoffmann in den Kampf, die deutsche Bühne für Shakespeare zu erobern, auch hier eingreift. Der Shylock war eine der Hauptrollen Devrients. Um seine Erscheinung als Shylock gruppierte Hoffmann auch die Begebenheiten seines Großstadtmärchens »Die Brautwahl«. Diesem Märchen lag allerdings noch eine besondere Episode zugrunde. Der biedere Berliner Holzschneider Professor Gubitz berichtet in seinen »Erlebnissen«, wie er einst von dem Breslauer Regisseur Nagel und dem Schauspieler Stein in die ihm widerwärtige Weinstube von Lutter \& Wegner hineingelockt wurde, zum jubelnden Gaudium des ganzen Zechkreises, der dort versammelt war. Inmitten des schwirrenden Lärms hätte schweigsam und wie tiefsinnig vor sich hinschauend Devrient gesessen, der damals gerade oft den Shylock spielte. Die berüchtigte Tafelrunde trieb allerhand Allotria mit dem ehrsamen Professor, so daß er sich in jener Nacht seinen tiefen Widerwillen gegen den Champagner holte. Diese Szene, der Hoffmann beiwohnte, gab ihm den Stoff zu dem Anfang der »Brautwahl«. Wie Gubitz, wird hier der biedere Tusmann in eine verdächtige Weinstube hineingelockt, und in den »schnöden Revenants« Leonhard und Manasse haben wir Hoffmann und Devrient-Shylock wiederzuerkennen. Bekanntlich entnimmt auch der Schluß des Märchens das Motiv von den drei Kästchen dem »Kaufmann von Venedig«. Im Weinkeller In der Nacht des Herbst-Äquinoktiums kehrte der Geheime Kanzleisekretär Tusmann aus dem Kaffeehause, wo er regelmäßig jeden Abend ein paar Stunden zuzubringen pflegte, nach seiner Wohnung zurück, die in der Spandauer Straße gelegen. In allem, was er tat, war der Geheime Kanzleisekretär pünktlich und genau. Er hatte sich daran gewöhnt gerade während es auf den Türmen der Marien- und Nikolaikirche 11 Uhr schlug, mit dem Rock- und Stiefelausziehen fertig zu werden, so daß er in die geräumigen Pantoffeln gefahren, mit dem letzten dröhnenden Glockenschlage sich die Nachtmütze über die Ohren zog. Um das heute nicht zu versäumen, da die Uhren sich schon zum Elfschlagen anschickten, wollte er eben mit einem raschen Schritt (beinahe war es ein behender Sprung zu nennen) aus der Königstraße in die Spandauer-Straße hineinbiegen als ein seltsames Klopfen, das sich dicht neben ihm hören ließ ihn an den Boden festwurzelte. Unten an dem Turm des alten Rathauses wurde er in dem hellen Schimmer der Reverberen eine lange hagere, in einen dunkeln Mantel gehüllte Gestalt gewahr, die an die verschlossene Ladentüre des Kaufmanns Warnatz, der dort bekanntlich seine Eisenwaren feil hält, stark und stärker pochte, zurücktrat, tief seufzte, hinaufblickte nach den verfallenen Fenstern des Turms. »Mein bester Herr,« wandte sich der Geheime Kanzleisekretär gutmütig zu dem Mann, »mein bester Herr, Sie irren sich, dort oben in dem Turm wohnt keine menschliche Seele, ja, nehme ich wenige Ratten und Mäuse und ein paar kleine Eulen aus, kein lebendiges Wesen. Wollen Sie von dem Herrn Warnatz einiges Vortreffliche in Eisen oder Stahl erstehen, so müssen Sie sich morgen wieder herbemühen.« »Verehrter Herr Tusmann« – »Geheimer Kanzleisekretär seit mehreren Jahren«, – fiel Tusmann dem Fremden unwillkürlich ins Wort, unerachtet er etwas verdutzt darüber war, von dem Fremden gekannt zu sein. Der achtete darauf aber gar nicht im mindesten, sondern begann von neuem: »Verehrter Herr Tusmann, Sie belieben sich in meinem Benehmen hier ganz und gar zu irren. Weder der Eisen- noch der Stahlwaren bin ich bedürftig, habe es auch gar nicht mit dem Herrn Warnatz zu tun. Es ist heute das Herbst-Äquinoktium, und da will ich die Braut schauen. Sie hat schon mein sehnsüchtiges Pochen, meine Liebesseufzer vernommen und wird gleich oben am Fenster erscheinen.« Der dumpfe Ton, in dem der Mann diese Worte sprach, hatte etwas seltsam Feierliches, ja Gespenstisches, so daß es dem Geheimen Kanzleisekretär eiskalt durch alle Glieder rieselte. Der erste Schlag der elften Stunde dröhnte von dem Marienkirchturm herab, in dem Augenblicke klirrte und rauschte es an dem verfallenen Fenster des Rathausturms, und eine weibliche Gestalt wurde sichtbar. Sowie der volle Laternenglanz ihr ins Antlitz fiel, wimmerte Tusmann ganz kläglich: »O du gerechter Gott im Himmel, o all ihr himmlischen Heerscharen, was ist denn das?« Mit dem letzten Schlage und also im selbigen Augenblick, wo Tusmann, wie sonst, die Schlafmütze aufzusetzen gedachte, war auch die Gestalt verschwunden. Es war, als hätt' die verwunderliche Erscheinung den Geheimen Kanzleisekretär ganz außer sich selbst gebracht. Er seufzte, stöhnt«, starrte hinauf nach dem Fenster, lispelte in sich hinein: Tusmann – Tusmann, Geheimer Kanzleisekretär! – besinne dich doch nur! werde nicht verrückt, mein Herz! – Laß dich vom Teufel nicht blenden, gute Seele! – »Sie scheinen,« begann der Fremde, »von dem, was Sie sahen, sehr ergriffen worden zu sein, bester Herr Tusmann? – Ich habe bloß die Braut schauen wollen, und Ihnen selbst, Verehrter, muß dabei noch anderes aufgegangen fein.« »Bitte, bitte,« wimmerte Tusmann »wollen Sie mir nicht meinen schlichten Titel vergönnen, ich bin Geheimer Kanzleisekretär und zwar in diesem Augenblick ein höchst alterierter, ja wie ganz von Sinnen gekommener. Bitte ergebenst, mein wertester Herr, gebe ich Ihnen selbst nicht den gebührenden Rang, so geschieht das lediglich aus völliger Unbekanntschaft mit Ihrer werten Person; aber ich will Sie Herr Geheimer Rat nennen, denn deren gibt es in unserem lieben Berlin so gar absonderlich viele, daß man mit diesem würdigen Titel selten irrt. Bitte also, Herr Geheimer Rat mögen es mir nicht länger verhehlen, was für eine Braut Sie hier zu der unheimlichen Stunde zu schauen gedachten!« »Sie sind,« sprach der Fremde mit erhöhter Stimme, »Sie sind ein besonderer Mann mit Ihren Titeln, mit Ihrem Rang. Ist man dann Geheimer Rat, wenn man sich auf manches Geheimnis versteht und auch wohl nebenher guten Rat zu erteilen vermag, so kann ich wohl billigen Fugs mich so nennen. Mich nimmt es wunder, daß ein so in alten Schriften und seltenen Manuskripten belesener Mann wie Sie, wertester Herr Geheimer Kanzleisekretär, es nicht weiß, daß wenn ein Kundiger – verstehen Sie wohl! – ein Kundiger, zur elften Stunde in der Nacht des Äquinoktiums hier unten an die Türe oder auch nur an die Mauer des Turms klopft, ihm oben am Fenster dasjenige Mädchen erscheint, das bis zum Frühlings-Äquinoktium die glücklichste Braut Berlins wird.« »Herr Geheimer Rat,« rief Tusmann, wie plötzlich begeistert von Freude und Entzücken, »verehrungswürdigster Herr Geheimer Rat, sollte das wirklich der Fall sein?« »Es ist nicht anders,« erwiderte der Fremde, »aber was stehen wir hier länger auf der Straße. Sie haben Ihre Schlafstunde bereits versäumt, wir wollen uns stracks in das neue Weinstübchen auf dem Alexanderplatz begeben. Es ist nur darum, daß Sie mehr von mir über die Braut erfahren, wenn Sie wollen, und wieder in die Gemütsruhe kommen, aus der Sie, selbst weiß ich nicht recht warum, ganz und gar herausgebracht zu sein scheinen.« – Der Geheime Kanzleisekretär war ein höchst mäßiger Mann. Seine einzige Erholung bestand, wie schon erwähnt wurde, darin, daß er jeden Abend ein paar Stunden in einem Kaffeehause zubrachte und politische Blätter, Flugschriften durchlaufend, ja auch in mitgebrachten Büchern emsig lesend, ein Glas gutes Bier genoß. Wein trank er beinahe gar nicht, nur Sonntags nach der Predigt pflegte er in einem Weinkeller ein Gläschen Malaga mit etwas Zwieback zu sich zu nehmen. Des Nachts zu schwärmen, war ihm sonst ein Greuel; unbegreiflich schien es daher, daß er sich ohne Widerstand, ja auch ohne nur ein einziges Wort zu sagen, von dem Fremden fortziehen ließ, der mit starken, durch die Nacht dröhnenden Schritten forteilte nach dem Alexanderplatz. Als sie in die Weinstube eintraten, saß nur noch ein einziger Mann einsam an einem Tisch und hatte ein großes Glas mit Rheinwein gefüllt vor sich stehen. Die tief eingefurchten Züge seines Antlitzes zeugten von sehr hohem Alter. Sein Blick war scharf und stechend, und nur der stattliche Bart verriet den Juden, der alter Sitte und Gewohnheit treu geblieben. Dabei war er sehr altfränkisch, ungefähr wie man sich ums Jahr Eintausendsiebenhundertundzwanzig bis dreißig trug, gekleidet, und daher mocht' es wohl kommen, daß er aus längst vergangener Zeit zurückgekehrt schien. Noch seltsamer aber war wohl der Fremde anzuschauen, auf den Tusmann getroffen. Ein großer, hagerer, dabei kräftiger, in Gliedern und Muskeln stark gebauter Mann, scheinbar in den fünfziger Jahren. Sein Antlitz mochte sonst für schön gegolten haben, noch blitzten die Augen unter den schwarzen, buschigen Augenbrauen mit jugendlichem Feuer hervor – eine freie offene Stirn – eine stark gebogene Adlernase – ein sein geschlitzter Mund – ein gewölbtes Kinn – das alles hätte den Mann vor hundert andern eben nicht ausgezeichnet; während aber Rock und Unterkleid nach Art der neuesten Zeit zugeschnitten waren, gehörten Kragen, Mantel und Barett dem Ende des sechzehnten Jahrhunderts an; vorzüglich aber mocht' es wohl der eigene, wie aus tiefer schauerlicher Nacht hinausstrahlende Blick des Fremden, der dumpfe Ton seiner Stimme, sein ganzes Wesen, das durchaus gegen jede Form der jetzigen Zeit grell abstach, vorzüglich mochte es das alles sein, was in seiner Nähe jedem ein seltsames, beinahe unheimliches Gefühl einflößen mußte. Der Fremde nickte dem Alten, der am Tische saß, zu wie einem alten Bekannten. »Seh ich Euch einmal wieder nach langer Zeit,« rief er, »seid Ihr noch immer wohlauf?« »Wie Ihr mich findet,« erwiderte der Alte mürrisch, »wohl und gesund und noch zur rechten Zeit auf den Beinen und munter und tätig, wenn es darauf ankommt!« »Das fragt sich, das fragt sich«, rief der Fremde laut lachend und bestellte bei dem aufwartenden Burschen eine Flasche des ältesten Franzweins, der im Keller vorhanden. »Mein bester, verehrungswürdigster Herr Geheimer Rat!« – begann Tusmann deprezierend. Aber der Fremde fiel ihm schnell in die Rede: »Lassen wir doch jetzt alle Titel, bester Herr Tusmann. Ich bin weder Geheimer Rat noch Geheimer Kanzleisekretär, sondern nichts mehr und nichts weniger als ein Künstler, der in edlen Metallen und köstlichem Gestein arbeitet, und heiße mit Namen Leonhard.« »Also ein Goldschmied, ein Juwelier«, murmelte Tusmann vor sich hin. Er besann sich nun auch, daß er bei dem ersten Anblick des Fremden in der erleuchteten Weinstube es wohl hätte einsehen müssen, wie der Fremde unmöglich ein ordentlicher Geheimer Rat sein könne, da er in altdeutschem Mantel, Kragen und Barett angetan, wie solches bei Geheimen Räten nicht üblich. Beide, Leonhard und Tusmann, setzten sich nun hin zu dem Alten, der sie mit einem grinsenden Lächeln begrüßte. Nachdem Tusmann auf vieles Nötigen Leonhards ein paar Gläser des gehaltigen Weins getrunken, trat Röte auf seine blassen Wangen; vor sich hinblickend, den Wein gemütlich einschlürfend, lächelte und schmunzelte er überaus freundlich, als gingen die angenehmsten Bilder in seinem Innern auf. »Und nun,« begann Leonhard, »und nun sagen Sie mir unverhohlen, bester Herr Tusmann, warum Sie sogar besonders sich gebärdeten, als die Braut im Fenster des Turms erschien, und was jetzt so ganz und gar Ihr Inneres erfüllt? Wir sind, Sie mögen das nun glauben oder nicht, alte Freunde und Bekannte, und vor diesem guten Mann brauchen Sie sich wohl gar nicht zu genieren.« »O Gott,« erwiderte der Geheime Kanzleisekretär, »o Gott, mein verehrtester Herr Professor – lassen Sie mich Ihnen diesen Titel geben; denn da Sie, wie ich überzeugt bin, ein sehr wackrer Künstler sind, könnten Sie mit Fug und Recht Professor bei der Akademie der Künste sein – Also! mein verehrtester Herr Professor – vermag ich denn zu schweigen? Wovon das Herz voll ist, davon geht der Mund über! – Erfahren Sie es! – Ich gehe, wie man sprüchwörtlich zu sagen pflegt, auf Freiers Füßen und gedenke zum Frühlings-Äquinoktium ein glückliches Bräutlein heimzuführen. Konnt' es denn nun wohl fehlen, daß es mir durch alle Adern fuhr, als Sie, verehrtester Herr Professor, beliebten, mir eine glückliche Braut zu zeigen?« »Was,« unterbrach der Alte den Geheimen Kanzleisekretär mit kreischender, krächzender Stimme, »was? – Sie wollen heiraten? Sie sind ja viel zu alt dazu und häßlich wie ein Pavian.« Tusmann erschrak über die entsetzliche Grobheit des jüdischen Alten so sehr, daß er kein Wort herauszubringen vermochte. »Nehmen Sie«, sprach Leonhard, »dem Alten da das harte Worte nicht übel, lieber Herr Tusmann, er meint es nicht so böse als es wohl den Anschein haben möchte. Aufrichtig gesagt muß ich aber auch selbst gestehen, wie es mich bedünken will, daß Sie etwas spät sich zur Heirat entschlossen haben, da Sie mir beinahe ein Fünfziger zu sein scheinen.« »Auf den 9. Oktober, am Tage des heiligen Dionysius, erreiche ich mein achtundvierzigstes Jahr«, fiel Tusmann etwas empfindlich ein. »Dem sei, wie ihm wolle,« fuhr Leonhard fort, »es ist auch nicht das Aller allein, das Ihnen entgegensteht. Sie haben bisher ein einfaches, einsames Junggesellenleben geführt, Sie kennen das weibliche Geschlecht nicht, Sie werden sich nicht zu raten, nicht zu helfen wissen.« »Was raten, was helfen,« unterbrach Tusmann den Goldschmied, »ei, bester Herr Professor, Sie müssen mich für ungemein leichtsinnig und unverständig halten, wenn Sie glauben, daß ich blindlings ohne Rat und Überlegung zu handeln imstande wäre. Jeden Schritt, den ich tue, erwäge und bedenke ich weislich, und als ich mich in der Tat von dem Liebespfeil des losen Gottes, den die Alten Cupido nannten, getroffen fühlte, sollte da nicht all mein Dichten und Trachten dahin gegangen sein, mich für diesen Zustand gehörig auszubilden? – Wird jemand, der ein schweres Examen zu überstehen gedenkt, nicht emsig alle Wissenschaften studieren, aus denen er befragt werden soll? – Nun, Verehrtester Herr Professor, meine Heirat ist ein Examen, zu dem ich mich gehörig vorbereite und wohl zu bestehen glaube. Sehen Sie, bester Mann, dieses kleine Buch, das ich, seit ich mich zu lieben und zu heiraten entschlossen, beständig bei mir trage und unaufhörlich studiere, sehen Sie es an und überzeugen Sie sich, daß ich die Sache gründlich und gescheut beginne und keineswegs als ein Unerfahrener erscheinen werde, unerachtet mir, wie ich gestehen will das ganze weibliche Geschlecht bis dato fremd geblieben.« Mit diesen Worten hatte der Geheime Kanzleisekretär ein kleines in Pergament gebundenes Buch aus der Tasche gezogen und den Titel aufgeschlagen, welcher folgendermaßen lautete: »Kurzer Entwurff der politischen Klugheit, sich selbst und andere in allen Menschlichen Gesellschafften wohl zu rathen und zu einer gescheiden Conduite zu gelangen; Allen Menschen, die sich klug zu seyn dünken, oder noch klug werden wollen, zu höchst nöthiger Bedürfniß und ungemeinen Nutzen, aus dem Lateinischen des Herrn Thomasii übersetzt. Nebst einem ausführlichen Register. Frankfurt und Leipzig. In Verlag Johann Großens Erben. 1710.« »Bemerken Sie,« sprach Tusmann mit süßem Lächeln, »bemerken Sie, wie der würdige Autor im siebenten Kapitel, das lediglich vom Heiraten und von der Klugheit eines Hausvaters handelt, § 6 ausdrücklich sagt: »Zum wenigsten soll man damit nicht eilen. Wer bei vollkommenem männlichen Alter heiratet, wird so viel klüger, weil er so viel weiser wird. Frühzeitige Heiraten machen unverschämt oder arglistige Leute, und werffen sowohl des Leibes, als des Gemüths Kräffte übern Haufen. Das männliche Alter ist zwar nicht ein Anfang der Jugend, dieselbe aber soll nicht eher als mit demselben zugleich sich enden.« Und dann, was die Wahl des Gegenstandes betrifft, den man zu lieben und zu heiraten gesonnen, so sagt der vortreffliche Thomasius § 9: »Die Mittelstraße ist die sicherste, man nehme keine allzu Schöne, noch Häßliche, keine sehr Reiche noch sehr Arme, keine Vornehmere noch Geringere, sondern die mit uns gleichen Standes ist, und so wird auch bey den meisten übrigen Eigenschafften die Mittelstraße zu treffen das Beste seyn.« Dem bin ich nun auch gefolgt und habe bei der anmutigen Person, die ich erwählet, nach dem Rat, den Herr Thomasius im § 17 erteilet, nicht nur einmal Konversation gepflegt, weil man durch Verstellung der Fehler und Annehmung von allerhand Scheintugenden leicht hintergangen werden kann, sondern zum öfteren, da es denn unmöglich ist, sich gänzlich in die Länge zu bergen.« »Aber,« sprach der Goldschmied, »aber mein werter Herr Tusmann, eben dieser Umgang, oder wie Sie es zu nennen belieben, diese Konversation mit den Weibern scheint mir, soll man nicht getäuscht werden auf schnöde Weise, langer Erfahrung und Übung zu bedürfen.« »Auch hierin«, erwiderte Tusmann, »steht der große Thomasius zur Seite, indem er sattsam lehrt, wie eine vernünftige angenehme Konversation einzurichten und wie vorzüglich, konversiert man mit Frauenzimmern, dabei einiger Scherz auf liebliche Art einzumischen. Aber Scherzreden, sagt mein Autor im fünften Kapitel, soll man sich bedienen wie ein Koch des Salzes, ja selbst der spitzigen Redensarten wie eines Gewehrs, nicht andere damit anzutasten, sondern zu unserer Beschützung, ebenmäßig als ein Igel seine Stacheln zu brauchen pflegt. Und soll man dabei als ein kluger Mann auf die Gebärden fast noch mehr, als auf die Worte regardieren, indem öfters das, was einer in Diskursen verbirget, durch Gebärden hervorbricht, und die Worte gemeiniglich nicht soviel als die übrige Aufführung zu Erweckung von Freund- und Feindschaft vermögen.« »Ich merk' es schon«, nahm der Goldschmied das Wort, »man kommt Ihnen auf keine Weise bei, Sie sind gegen alles gewappnet und gerüstet. Wetten will ich daher auch, daß Sie durch Ihr Betragen die Liebe der von Ihnen erkorenen Dame ganz und gar gewonnen.« »Ich befleißige mich«, sprach Tusmann, »nach Thomasii Rat einer ehrerbietigen und freundlichen Gefälligkeit, denn diese ist sowohl das natürliche Merkmal der Liebe, als der natürliche Zug zur Erweckung der Gegenliebe, gleichwie das Hojanen oder Gähnen eine ganze Gesellschaft zur Nachahmung antreibt. Doch gehe ich in der allzu großen Ehrerbietung nicht zu weit, denn ich bedenke wohl, daß, wie Thomasius lehrt, die Weiber weder gute noch böse Engel, sondern bloße Menschen und zwar, den Leibes- und Gemütskräften nach, schwächere Kreaturen sind als wir, welches der Unterschied des Geschlechts sattsam anzeigt.« »Ein schwarzes Jahr«, rief der Alte ergrimmt, »komme über Euch, daß Ihr läppisches Zeug schwatzt ohne Aufhören und mir die gute Stunde verderbt, in der ich hier mich zu erlaben gedachte nach vollbrachtem großen Werk!« ... ... Der Geheime Kanzleisekretär schien dagegen nicht sonderlich auf des Goldschmieds Worte zu achten. Er war über die Maßen freundlich und in dem Augenblick von ganz andern Gedanken und Bildern erfüllt. Als nämlich der Goldschmied geendet, fragte er schmunzelnd mit süß lispelnder Stimme: »Aber sagen Sie mir nur, mein allerwertester hochverehrtester Herr Professor, war denn das wirklich die Demoiselle Albertine Voßwinkel, die aus dem verfallenen Fenster des Rathausturmes mit ihren schönen Augen auf uns herniederblickte?« »Was,« fuhr ihn der Goldschmied wild an, »was haben Sie mit der Albertine Voßwinkel?« »Nun,« erwiderte Tusmann kleinlaut, »nun, du mein lieber Himmel, das ist ja eben diejenige holde Dame, die ich zu lieben und zu heiraten unternommen.« »Herr,« rief nun der Goldschmied, blutrot im ganzen Gesicht und glühenden Zorn in den feuersprühenden Augen, »Herr, ich glaube, Sie sind vom Teufel besessen oder total wahnsinnig? Sie wollen die schöne blutjunge Albertine Voßwinkel heiraten? Sie alter abgelebter armseliger Pedant? Sie, der Sie mit all Ihrer Schulgelehrsamkeit, mitsamt Ihrer aus dem Thomasius geschöpften politischen Klugheit nicht drei Schritt über Ihre eigene Nase wegsehen können? – Solche Gedanken lassen Sie sich nur vergehen, sonst könnte Ihnen noch in dieser Aquinoktial-Nacht das Genick gebrochen werden.« Der Geheime Kanzleisekretär war sonst ein sanfter friedfertiger, ja furchtsamer Mann, der niemanden, wurde er auch angegriffen, ein hartes Wort sagen konnte. Zu schnöde waren aber wohl des Goldschmieds Worte, und kam noch hinzu, daß Tusmann mehr starken Wein, als er gewohnt getrunken hatte, so konnt' es nicht fehlen, daß er, wie sonst niemals, zornig auffuhr und mit gellender Stimme rief: »Ich weiß gar nicht, wie Sie mir vorkommen, mein unbekannter Herr Goldschmied, was Sie berechtigt mir so zu begegnen? – Ich glaube gar, Sie wollen mich äffen durch allerhand kindische Künste und vermessen sich, die Demoiselle Albertine Voßwinkel selbst lieben zu wollen und haben die Dame porträtiert auf Glas und mir mittelst einer Laterna magica , die Sie unter dem Mantel verborgen, das angenehme Bildnis gezeigt am Rathausturm! – 0 mein Herr, auch ich verstehe mich auf solche Dinge, und Sie verfehlen den Weg, wenn Sie glauben, mich durch Ihre Künste, durch Ihre groben Redensarten einzuschüchtern!« – »Nehmen Sie sich in acht,« sprach nun der Goldschmied gelassen und sonderbar lächelnd, »nehmen Sie sich in acht, Tusmann, Sie haben es hier mit kuriosen Leuten zu tun.« Aber in dem Augenblick grinste statt des Goldschmiedes ein abscheuliches Fuchsgesicht den Geheimen Kanzleisekretär an, der von dem tiefsten Entsetzen erfaßt, zurücksank in den Sessel. Der Alte schien sich über des Goldschmiedes Verwandlung weiter gar nicht zu verwundern, vielmehr hatte er auf einmal sein mürrisches Wesen ganz verloren und rief lachend: »Sehen Sie doch, welch hübscher Spaß; – aber das sind brotlose Künste, da weiß ich Besseres und vermag Dinge, die dir stets zu hoch geblieben sind, Leonhard.« »Laß doch sehen,« sprach der Goldschmied, der nun wieder sein menschliches Gesicht angenommen, sich ruhig an den Tisch setzend, »laß doch sehen, was du kannst.« Der Alte holte einen großen schwarzen Rettich aus der Tasche, putzte und schälte ihn mit einem kleinen Messer, das er ebenfalls hervorgezogen, sauber ab, zerschnitt ihn in dünne Scheiben und legte diese auf den Tisch. Aber sowie er mit geballter Faust auf eine Rettigscheibe schlug, sprang ein schön ausgeprägtes flimmerndes Goldstück hervor, das er faßte und dem Goldschmied zuwarf. Doch, sowie dieser das Goldstück auffing, zerstäubte es in tausend knisternde Funken. Das schien den Alten zu ärgern, immer rascher und stärker prägte er die Rettigscheiben aus, immer prasselnder zersprangen sie in des Goldschmieds Hand. Der Geheime Kanzleisekretär war ganz außer sich, betäubt von Entsetzen und Angst; endlich raffte er sich mit Gewalt auf aus der Ohmnacht, der er nahe war, und sprach mit bebender Stimme: »Da will ich mich doch den hochzuverehrenden Herren lieber ganz gehorsamst empfehlen«; sprang alsbald, nachdem er Hut und Stock ergriffen, schnell zur Türe hinaus. Auf der Straße hörte er, wie die beiden Unheimlichen hinter ihm her eine gellende Lache aufschlugen, vor der ihm das Blut in den Adern gefror. (Aus »Die Brautwahl«.)   Im weiteren Verlauf dieses Märchens stellt es sich heraus, daß der Zauberer Leonhard den komischen Geheimen Kanzleisekretär Tusmann von seinem Heiratsplan abbringen wollte, weil sein junger Freund, der Maler Edmund Lehsen, sich in Albertine Voßwinkel verliebt und Leonhard ihm zur Erlangung der Braut seine Unterstützung zugesagt hatte. Auch dieser Fabel lag eine wirkliche Begebenheit zugrunde. Nur wenig hat Hoffmann in der Person des jungen Lehsen seinen jungen Freund, den Maler Wilhelm Hensel verhüllt, der seit einiger Zeit schwärmerisch zu ihm als seinem Meister aufsah, während Hoffmann sich zu dem jungen Mann offenbar recht skeptisch verhielt. Wir lassen die Partie des Märchens folgen, in der Lehsen mit Leonhard zusammentrifft. Sie ist offenbar fast genau der Wirklichkeit entnommen. Auch das Bild Lehsens, das Leonhard hier tadelt, ist wirklich von Hensel gemalt und auf der Berliner Kunstausstellung ausgestellt worden, wo es das Befremden der Kenner und Kunstfreunde erregt hatte. Hoffmann nahm an den künstlerischen Ereignissen der Residenz das regste Interesse. Wiederholt haben Bilder dieser Ausstellungen ihn zur dichterischen Produktion angeregt. Die Art, wie Leonhard hier dem Jüngling begegnet, ist ungeheuer bezeichnend für den Verkehr Hoffmanns mit jungen Leuten, die zu ihm als Meister aufsahen. Er förderte sie, aber in einer mürrischen Weise, hinter der sich eine tiefe Zuneigung zu künstlerisch enthusiasmierten jungen Menschen verbarg. Auch die Liebe Lehsens zu einer jungen Berlinerin scheint in einer Neigung Wilhelm Hensels ihr Vorbild zu haben. Wie Lehsen ging auch Hensel, das Herz voll Liebe, nach Italien und heiratete nach seiner Rückkehr zwar nicht seine Albertine Voßwinkel oder wie die Dame seines Herzens geheißen haben mag, sondern – Fanny Mendelssohn.   Hoffmann-Leonhard und Hensel-Lehsen Auf weniger verfängliche Weise als der Geheime Kanzleisekretär Tusmann hatte der junge Maler Edmund Lehsen die Bekanntschaft des alten wunderlichen Goldschmieds Leonhard gemacht. Edmund entwarf gerade an einer einsamen Stelle des Tiergartens eine schöne Baumgruppe nach der Natur, als Leonhard zu ihm trat und ohne Umstände ihm über die Schulter ins Blatt hineinsah. Edmund ließ sich gar nicht stören, sondern zeichnete emsig fort, bis der Goldschmied rief: »Das ist ja eine ganz sonderbare Zeichnung, lieber Mann, das werden ja am Ende keine Bäume, das wird ja ganz etwas anderes.« »Merken Sie etwas, mein Herr?« sprach Edmund mit leuchtenden Blicken. »Nun«, fuhr der Goldschmied fort, »ich meine, aus den dicken Blättern da kuckten allerlei Gestalten heraus im buntesten Wechsel, bald Genien, bald seltsame Tiere, bald Jungfrauen, bald Blumen. Und doch sollte das Ganze wohl nur sich zu jener Baumgruppe uns gegenüber gestalten, durch die die Strahlen der Abendsonne so lieblich funkeln.« »Ei, mein Herr«, rief Edmund, »Sie haben entweder einen gar tiefen Sinn, ein durchschauendes Auge für dergleichen, oder ich war in diesen Augenblicken glücklicher im Darstellen meiner innersten Empfindung, als jemals. Ist es Ihnen nicht auch so, wenn Sie sich in der Natur ganz Ihrem sehnsüchtigen Gefühl überlassen, als schauten durch die Bäume, durch das Gebüsch allerlei wunderbare Gestalten Sie mit holden Augen an? – Das war es, was ich in dieser Zeitung recht versinnlichen wollte, und ich merke, es ist mir gelungen.« »Ich verstehe,« sprach Leonhard etwas kalt und trocken, »Sie wollten frei von allem eigentlichen Studium sich Rast geben und in einem anmutigen Spiel Ihrer Fantasie sich erheitern und erkräftigen.« »Keineswegs, mein Herr!« erwiderte Edmund, »gerade diese Art, nach der Natur zu zeichnen, halte ich für mein bestes, nutzvollstes Studieren. Aus solchen Studien trag ich das wahrhaft Poetische, Fantastische in die Landschaft. Dichter muß der Landschaftsmaler ebensogut sein als der Geschichtsmaler, fönst bleibt er ewig ein Stümper.« »Hilf Himmel,« rief Leonhard, »auch Sie, lieber Edmund Lehsen« – »Wie,« unterbrach Edmund den Goldschmied, »wie, Sie kennen mich, mein Herr!« »Warum«, erwiderte Leonhard, »soll ich Sie denn nicht kennen? – Ich machte Ihre erste werte Bekanntschaft in einem Augenblick, auf den Sie sich wahrscheinlich nicht sehr deutlich besinnen werden, nämlich, als Sie soeben geboren waren. Für die wenige Welterfahrung, die Sie damals besitzen konnten, hatten Sie sich überaus sittig und klug betragen, Ihrer Frau Mama ungemein wenig Mühe gemacht und sogleich ein sehr wohlklingendes Freudengeschrei erhoben, auch heftig ans Tageslicht verlangt, das man Ihnen nach meinem Rat nicht verweigern durfte, da nach dem Ausspruch der neuesten Ärzte dieses den neugeborenen Kindern nicht nur keineswegs schadet, sondern vielmehr wohltätig auf ihren Verstand, auf ihre physischen Kräfte überhaupt wirkt. Ihr Herr Papa war auch dermaßen fröhlich, daß er auf einem Beine im Zimmer herumhopste und aus der Zauberflöte sang: »Bei Männern, welche Liebe fühlen« usw. Nachher gab er mir Ihre werte kleine Person in die Hände und bat mich, Ihr Horoskop zu stellen, welches ich auch tat. Dann kam ich noch öfters in Ihres Vaters Haus, und Sie verschmähten nicht, manche Tüte Rosinen und Mandeln aufzunaschen, die ich Ihnen mitbrachte. Nachher ging ich auf Reisen, Sie mochten damals sechs oder acht Jahre alt sein. Dann kam ich hierher nach Berlin, sah Sie und vernahm mit Vergnügen, daß Ihr Herr Vater Sie aus Münckeberg hierher geschickt, um die edle Malerkunst zu studieren, für welches Studium in Müncheberg eben nicht sonderlicher Fond vorhanden an Bildern, Marmorn, Bronzen, Gemmen und ander« bedeutenden Kunstschätzen. Ihre gute Vaterstadt kann sich darin nicht mit Rom, Florenz oder Dresden messen, wie vielleicht künftig Berlin, wenn funkelnagelneue Antiken aus der Tiber gefischt und hierher transportiert werden.« – »Mein Gott,« sprach Edmund, »jetzt gehen mir alle Erinnerungen aus meiner frühesten Jugend lebhaft auf. Sind sie nicht Herr Leonhard?« »Allerdings«, erwiderte der Goldschmied »heiße ich Leonhard und nicht anders, indessen möcht' es mich doch wundern, wenn Sie sich aus so früher Zeit meiner noch erinnern sollten.« »Und doch«, fuhr Edmund fort, »ist es der Fall ... Aber noch mehr sind es die Erzählungen meines Vaters von Ihnen, die Ihr Andenken in meiner Seele frisch erhalten haben ... Mein Vater hat es mir oft wiederholt, Ihr Ausspruch sei gewesen, es würde was Großes aus mir werden, entweder ein großer Künstler oder ein großer Narr. – Wenigstens hab' ich es aber diesem Ausspruch zu verdanken, daß mein Vater meiner Neigung zur Kunst freien Lauf ließ, und glauben Sie nicht, daß Ihr Horoskop zutreffen wird?« »O ganz gewiß,« erwiderte der Goldschmied sehr kalt und gelassen, »es ist gar nicht daran zu zweifeln, denn Sie sind eben jetzt auf dem schönsten Wege, ein großer Narr zu werden.« »Wie, mein Herr,« rief Edmund betroffen, »wie mein Herr, Sie scheuen sich nicht, mir ein Sottise ins Gesicht zu sagen? Sie –« »Still,« fiel ihm der Goldschmied ins Wort, »still, das ist keine Sottise, das ist die alte deutsch« ehrliche Biederkeit, die aus mir spricht, und die Sie vertragen müssen, da Sie mit einem altdeutschen Rock angetan sind und sich die Haare nicht verschneiden. Das Wort Sottise sollten Sie gar nicht kennen, viel weniger brauchen. Sie laufen Gefahr, von irgendeinem Professor der Turnkunst (Das Ganze eine Anspielung auf Professor Jahns altdeutschelndes Wesen!) zu Boden geturnt zu werden, vernimmt er solches aus Ihrem Munde. – Doch den Beweis meines Ausspruchs! – Sie haben Recht, jeder Maler, sei er Landschafter oder Historiker, muß zugleich ein Dichter sein, denn Gemälde sind Gerichte, mit dem Pinsel ausgeführt; aber nennen Sie das dichten, wenn Bäume mit ihrem Laube, Stamm und ihren Wurzeln zugleich aussehen sollen, wie Menschen, Tiergestalten, ja wenn selbst Figuren zusammengestellt sind, nicht nur eine bestimmte Handlung, sondern nur eine außerhalb des Bildes liegende fantastische Idee auszudrücken? Da kommen wir in die Allegorie hinein, den ärmlichsten unkünstlerischsten Teil der Malerei. Hüten Sie sich vor dem Nebeln und Schwebeln! – Sie verfertigen bisweilen miserable Sonette, und gefallen sich darin, seltsame Arabesken und Grotesken zusammenzustoppeln, und schwatzen von Ahnung und Sehnsucht und Lebenstiefe, die in den abgeschmacktesten Zerrbildern liegen soll.« – »In der Tat,« brach Edmund im höchsten Unwillen los, »in der Tat, mein Herr! Ihr Horoskop bewährt sich in diesem Augenblick, denn ich bin wirklich ein großer ausgemachter Narr, der ich hier stehe und mir von einem Mann, dem es an allem poetischen Sinn gebricht, Grobheiten ins Gesicht sagen lasse. – Gott befohlen.« – Und damit rannte der Jüngling spornstreichs durch das Gebüsch von dannen. Edmund hielt den Genius, der nach seiner Meinung ihm inwohnte, so hoch in Ehren, daß er selbst gar nicht begriff, wie er mit diesem überirdischen Insassen so ruhig auf Erden unter seinesgleichen wandeln könne, und nicht vielmehr in den hohen Lüften schwebe. Schon darum mochte der Goldschmied recht haben mit seinem schlimmen Horoskop. Edmund arbeitete an einem großen Bilde, das der Triumph der Kunst sein sollte. Als es endlich vollendet, war es jedoch dermaßen mißraten, daß es auf der Ausstellung bei den Kennern Lachen, bei den Meistern aber Unwillen erregte. Dieser böse Umstand aber erzeugte in dem Innern des Jünglings einen harten Kampf, in dem aber das bessere Prinzip siegte. Er sah es nämlich ein, daß er sich wohl auf falschem Wege befunden, und gedachte des alten Goldschmieds und seiner Warnung ... (Aus »Die Brautwahl«.) An Ludwig Devrient Da es jetzt beinahe 11 Uhr ist, vermute ich mit Recht, daß die katzenjammerschwangeren Morgennebel sich verzogen haben werden, so daß ich Dir mit meinen Worten und Bitten deutlich erscheine. – Da sehr heitres Wetter ist, vor dem keine böse Laune aufkommt, glaube ich mit Recht, daß wir beide, die wir seit zweitausenddreihundertundfünfundsechzig Jahren kein gescheutes Wort unter vier Augen geredet haben, heute mit Nutzen zusammen frühstücken können. Da Pücklerscher Salat ein gutes Essen und Portwein ein gutes Getränk für magenschwache Menschen als wir beide sind (ich kacke seit gestern beträchtlich und kann nicht ausgehen) ist, so hoffe ich mit Recht, daß mir nebst geistiger Nahrung auch mit körperlicher uns leidlich stärken können. Also ziehe o Bester! Stiefeln an und eile zu Deinem treuen Geheimen Archivarus Lindhorst Julia's Erwachen Im Verkehr mit den gemütlichen Serapionsbrüdern war Hoffmanns Erinnerung an Julia in den Hintergrund getreten. Der Verfasser mehr oder minder gelungener Unterhaltungserzählungen war ein anderer als der Seelenbräutigam Julias. Unter der Oberfläche aber lebte sie ständig weiter, und wartete der enthusiastische Kreisler, der in dem gemütlichen Serapionsbruder untergegangen war, auf seine Auferstehung. Eine schwere Erkrankung im Frühjahr 1818 brachte den Umschwung in Hoffmanns Produktion. In dieser Krankheit ging ihm der Plan zu dem Märchen »Klein-Zaches« auf, mit dem er sich seit Jahren zum erstenmal wieder der großen Dichtung zuwandte, die seine letzten Lebensjahre ausfüllen sollte. Eine neue Periode höchster Schaffenskraft setzte ein, in der er den Höhepunkt seiner Entwicklung erreichte. »Klein-Zaches«, »Prinzessin Brambilla«, »Meister Floh« und »Kater Murr«, – lauter dichterische Großtaten. Wie ein Sinnbild steht in dem folgenden Brief an Holbein, den alten Bamberger Genossen, Julias Name dieser Periode voran. Julia leuchtet in die schwere Krankheit hinein, die die Umkehr brachte. An Franz von Holbein in Hannover Vorigen Sonntag, d. h. am 5. April d. I. am Sonntage Miserere Dom. Maximus (Evangel. vom guten Hirten Joh. 10 Neumond nach halb 5 Uhr nachm. Tageslänge 13 St. 4 Min ) brachte mir Herr Gerber Ihren Brief vom 19. Jan. d. I. (am Ferdinandstage geschrieben), der mich ganz und gar in die schönen Tage unseres Zusammenseins in Bamberg zurückversetzte. »Die schönen Tage von Aranjuez« pp Ew. Hoheit verließen es nicht heiter, könnte man mit Schiller von uns beiden sagen, indessen war doch im Ganzen das tolle unstete Treiben in B. keine üble Episode – Eine Flitter auf dunklem Grunde – eine Fastnachtsszene im komischen Roman des Lebens – die Novelle vom Mohren im Don Quixote usw. – A propos ! – Julchen Mark, die den Negotianten Groepel in Hamburg heiratete, ist ganz vergröpelt! Cela veut dire – unglücklich – krank – blaß – sans enfans ppp O Gott! – Bader (ein Sänger, der als blutjunger Anfänger von Hoffmann und Holbein in Bamberg entdeckt worden war) sagte mir alles wenige Minuten vorher, ehe er als Tamino von der Schlange verfolgt wurde, die die Wurzel oder vielmehr das Zündkraut alles Übels ist, das rastlos fortbrennt hier auf Erden. Der Teufel hole solche Geschichten, ich meine die von der Julia, die in Ihnen den transzendentalen Romeo ehrte, dessen Cousin germain wenigstens ich zu sein glaubte und daher im superfeinen Tenor lamentierte: Ombre amene, amiche piante ! – Soviel merken Sie, Verehrtester! daß unser Bader wirklich hier ist und Gastrollen gibt, Jean de Paris , Tamino, Ottavio, Belmonte . Er macht Furore und wird hier, wenn sein Kontrakt in Braunschweig geendet, als erster Tenorist mit 2000 rth. engagiert! – Aus Kindern werden Leute! – Sic eunt pp . In der Tat hat sich aber die vielversprechende Stimme auf das herrlichste ausgebildet und sein Spiel ist durchaus nicht störend. Er ist viel besser als der Wiener Wild, der erstaunlich zahm war in jeder Hinsicht – eine Art von Haustier (bête de maison) – Mit Bader zugleich trat Gerber als Papageno auf und entwickelte mit erstaunlichem Glück eine total neue Ansicht der Rolle. Er gab nämlich den Papageno durchaus als seinen vielseitig ausgebildeten Weltmann, den der Hof der sternflammenden Königin à la hauteur gebracht hat. Vorzüglich die erste Szene mit Tamino, wo er nicht zu wissen simuliert, daß hinter den Bergen auch noch Leute wohnen, daß Prinzen von Königinnen geboren werden (hübsche Anspielung auf die Unfruchtbarkeit der Königin der Nacht) war ein Triumph des feinsten gedachtesten Spiels. Ein glücklicher Gedanke war es auch, daß ihm das Pan-Flötlein jedesmal versagt« – das leise ironische Verhauchen mit gespitzten Lippen! – Ohe jam satis ! – Leid tut es mir, daß Gerber gerade in einer bösen Periode gekommen ist. Ich meine bloß rücksichts meiner, da ich eben jetzt mit Arbeiten so überhäuft bin, daß ich mich werde um ihn wenig kümmern können. Unser Präsident ist verreist und ich als ältester und Vorsitzender Rat (ich bin nach meinem Ratspatent von 1801 (falsch! 1802!) als Kammergerichtsrat in das Kammergericht eingerückt (per Kabinettsordre des Königs zum großen Ärger vieler Leute mit verbrannten Steißen) muß seine Stelle vertreten, habe daher außer meiner gewöhnlichen Arbeit noch die Präsidialgeschäfte – das drückt! – Am dritten Ort sind wir aber schon zusammen gewesen d. h. in einer vornehmen Weinkneipe, wo ich ihm diversen Champagner in den Hals gejagt habe. – Hätten, o hätten Sie, mein teuerster Orestes! mich Ihren demütigsten Pylades gesehen, wie er höchsteigenhändig Fenstergardinen abknüpfte – Tische – Stühle trug und zuletzt mit Adresse und Appointements eine Schlauchspritze, die durch seine Wohnung gezogen, da wo sie wund worden, in der Eil mit vortrefflichen Ginganschürzen seiner Frau verband und dann dirigieren half! – Unerachtet der Wind abwärts ging, zündete doch die Höllenglut des Theaterdaches das Dach meiner Wohnung zweimal an – die Stuben mußten ausgeräumt werden, ich ließ aber auch nicht ein Stück wegtragen (ich bin jetzt ziemlich artig meubliert) und habe deshalb – keine Teetasse verloren. Die Milder (einen Stock niedriger mehr nach der Mitte hin, gar nicht so in Gefahr) ließ ihre drei Buchsbaumtische und sieben Stühle wegbringen – über die Spree nach Kön. Str. glaub' ich! Auch wurden zur Ergötzlichkeit des, wie Sie wissen, erregbaren ... auf einer langen Stange zwölf Paar Strümpfe mit batistenen Hacken –   Den 13. Junius 1818. Was ist der Mensch! Eben heute in meinen Papieren blätternd finde ich vorstehendes Fragment eines Briefes den ich längst abgesendet glaubte – Ich bin beinahe drei Wochen hindurch an einer Verhärtung im Unterleibe gefährlich krank gewesen – und liege noch im Bette – es geht aber besser – besser – besser – die Munterkeit des Geistes hat mich nie verlassen – Meine Frau und ich bringen der Mad. Renner die herzlichsten innigsten Grüße dar. Mögen Sie uns immer in freundschaftlichem Andenken erhalten. Ich schriebe gern mehr, aber es geht noch nicht gut. Ewig unverändert der Ihrigste Hoffmann. Die Krankheit Aufs neue hatte das Leben in seiner stets wechselnden Gestaltung die Freunde auseinandergeworfen. Sylvester war zurückgegangen aufs Land, Ottmar in Geschäften verreist, Cyprian desgleichen, Vinzenz zwar am Orte, aber wieder einmal nach seiner gewöhnlichen Weise im Gewühl verschwunden und nicht aufzufinden. Nur Lothar pflegte den kranken Theodor, den ein lange bekämpftes Übel doch zuletzt auf das Lager gebracht, das er nun sobald nicht wieder verlassen durfte. Mehrere Monate waren vergangen, da kehrte Ottmar ... zurück und fand, statt, wie er gehofft die Serapionsbrüderschaft in vollem Flor anzutreffen, einen kaum genesenen Freund, der die Spuren harter Krankheit noch im bleichen Antlitz trug und den die Brüder verlassen, bis auf einen, der ihm mit allen Ergießungen einer mürrischen Laune gar hart zusetzte. ... »Theodors Krankheit,« fiel Lothar dem Ottmar ins Wort, »die ihn dem Grabe nahe brachte, war eben auch nicht dazu geeignet, mich in eine fröhliche Stimmung zu versetzen.« »Nun,« sprach Ottmar, »Theodor ist genesen, und was den Serapionsklub betrifft, so weiß ich gar nicht, warum er nicht für schön und vollständig geachtet werden sollte, wenn drei würdige Brüder sich versammeln und so die Brüderschaft aufrecht erhalten?« ... »Tut,« sprach Lothar etwas sanfter als zuvor, »tut, was ihr wollt, nur verlangt nicht, daß ich etwas damit zu schaffen haben soll. Dabei will ich aber sein, wenn ihr euch serapiontisch versammelt, und ich schlage vor, daß, da Freund Theodor soviel als möglich in der freien Luft sein soll, dies im Freien geschehe.« Die Freunde bestimmten den letzten Mai, der in wenigen Tagen einfiel als die Zeit, einen schönen, beinahe gar nicht besuchten Gastgarten aber als den Ort ihrer nächsten serapiontischen Zusammenkunft. – Ein Gewitter hatte, schnell vorüberziehend und Baum und Gebüsch nur mit einigen schweren Tropfen Himmelbalsams besprengend, die drückende Schwüle des Tages abgekühlt. Im herrlichsten Glanz stand der schöne Garten, den der liebliche Wohlgeruch des Laubes, der Blumen durchströmte, und fröhlich zwitschernd und trillerierend rauschten die bunten Vögel durch die Büsche und badeten sich in den benetzten Zweigen. »Wie,« rief Theodor, nachdem er mit den Freunden in dem Schatten dickbelaubter Linden Platz genommen, »wie fühle ich mich so durch und durch erquickt, jede Spur des leisesten Übelfindens ist verschwunden, es ist, als sei mir ein doppeltes Leben aufgegangen, das in reger Wechselwirkung sich selbst erst recht faßt und empfindet. In der Tat, man muß so krank gewesen sein als ich, um dieses Gefühls fähig zu werden, das, Geist und Gemüt stärkend, die eigentliche Lebensarzenei scheint, welche die ewige Macht, der waltende Weltgeist uns selbst unmittelbar spendet. – Aus meiner eignen Brust weht der belebende Hauch der Natur, es ist mir, als schwämme ich aller Last entnommen in dem herrlichen Himmelsblau, das über uns sich wölbt!« – »Diese Begeisterung«, nahm Ottmar das Wort, »zeigt, daß du vollkommen genesen bist, mein teurer lieber Freund! und Dank der ewigen Macht die dich mit einem Organismus ausstattete, stark genug, dergleichen Krankheit, wie sie dich überfiel, zu überstehen. Schon daß du überhaupt genesen, ist zu verwundern, noch mehr aber, daß dies so schnell geschah.« »Was mich betrifft,« sprach Lothar, »so verwundere ich mich über Theodors schnelle Herstellung ganz und gar nicht, da ich auch nicht einen Augenblick daran gezweifelt. Du kannst es mir glauben, Ottmar! so erbärmlich es auch mit Theodors physischem Zustand aussehen mochte, psychisch ist er niemals recht krank gewesen, und solange der Geist sich aufrechterhält – nun es war eigentlich zum Totärgern, daß der kranke Theodor sich eigentlich immer in viel besserer Stimmung befand als ich kerngesunder Mensch, und daß er oft, war nur der Schmerz vorüber, sich in tollen Spaßen erlustigte, wie er denn auch die seltene geistige Kraft besaß, sich manchmal seiner Fieberfantasien zu erinnern. – Viel zu sprechen, das hatte ihm der Arzt verboten; wollt' ich ihm aber dieses, jenes erzählen in ruhigen Stunden, so winkte er mir Stillschweigen zu, meinte auch wohl, ich solle ihn seinen Gedanken überlassen, er arbeite an einer großen Komposition oder sonst.« (Aus den »Unterhaltungen der Serapionsbrüder«, 5. Abschnitt.)   Diese »Komposition«, die »Theodor« in den Fieberträumen seiner Krankheit aufgegangen war, war nichts anderes als das Märchen »Klein-Zaches«.   Eine Anekdote von dem Turnvater Jahn Hoffman ließ an dem deutschtümelnden Turnvater Jahn, der mehr und mehr zur komischen Person in Berlin wurde, öfters seinen Unmut aus. Auch in der mitgeteilten Partie des Märchens »Die Brautwahl« befand sich bereits ein kräftiger Ausfall gegen den Recken. Im »Klein-Zaches« läßt Hoffmann das kleine Ungetüm Zinnober vor einem Affenkäfig einer unliebsamen Verwechslung zum Opfer fallen. Zinnober wird von durchreisenden Fremden mit einem Affen Mycetes Beelzebub verwechselt. Hoffmann hatte sich bereits im November bei Chamisso nach einer besonders scheußlichen Affenart erkundigt. Im Januar 1818 erschien anonym unter den »Vermischten Nachrichten« des »Freimütigen«, einer Zeitschrift, deren sich Hoffmann gerne zu allerhand kleinen Veröffentlichungen bediente, die weiter unten abgedruckte Anekdote, die wiederum mit dem Turnvater ihr lustiges Spiel treibt und von der nicht zweifelhaft sein kann, daß sie von Hoffmann verfaßt ist.   An Adalbert von Chamisso in Berlin Berlin, den 6. November. Verehrtester Weltumsegler und berühmter Naturforscher! Bitte mir gefälligst folgende Auskunft zu geben! Gehören die sogenannten Wickelschwänze zum Geschlecht der Affen oder nicht vielmehr der Meerkatzen? Wie heißt wohl unter diesem Geschlecht der Wickelschwänze eine besondere Art (die sich etwa durch besondere Häßlichkeit auszeichnet und sehr häßlich ist) mit dem Linneischen Namen oder sonst? Ich brauche eben einen solchen Kerl! – Wollen Sie, verehrtester Freund, nur gefälligst das Erforderliche hierunter bemerken? Guten Morgen! Hoffmann. Anekdote Vor kurzer Zeit erschien ein Fremder in .... in einer daselbst zur Schau gestellten Menagerie wilder Tiere. Der Professor .... – ein berühmter Hüpf-, Spring- und Schwungmeister – war ebenfalls zugegen, und der Charakter von Wildheit den er in seiner äußeren Erscheinung affektiert, mochte den Fremden ohne Zweifel überraschen; denn als der Wärter der Tiere Namen, Vaterland und Behandlungsweise jedes einzelnen bezeichnet hatte, vom Löwen bis zum letzten Kakadu herab, wandte sich der Fremde höflich zu ihm und fragte, auf den Professor deutend: O sagen Sie mir doch mein Bester wie heißt denn dieses wilde Tier? – Der Wärter flüsterte: Mein Herr, das ist ja der Professor .... – Der Fremde belächelte seinen Irrtum und den Wundermann, und verließ kopfschüttelnd den Saal der wilden Tiere. An Hippel in Marienwerder Berlin, den 27. Januar 1819. Mein teuerster innigst geliebter Freund! Wohl geht es mir ebenso wie Dir, am Neujahrstage treten mit doppelter Frische und Lebendigkeit die Bilder des vergangenen Lebens hervor und man gedenkt der abwesenden Freunde mit wehmütiger Freudigkeit – Daher kommt es denn auch, daß ich schon seit mehreren Jahren vermeide, Silvesterabend und Neujahrstag, wie es sonst wohl zu geschehen pflegte, in rauschender Gesellschaft zuzubringen. Ich gebe in dieser Zeit in meinem einsamen Zimmer ganz meinen inneren Gedanken Raum, und Erinnerungen sind es, die wir, meine Frau und ich, uns gegenseitig auffrischen. So haben wir auch Deiner und zwar wohl als des besten, bewährtesten, umwandelbarsten meiner Freunde gedacht; und nur deshalb mit schmerzlicher Rührung weil ein böses Verhängnis uns voneinander getrennt hat! Längst würde ich Dir geschrieben haben, hätte ich es mir nicht in den Kopf gesetzt gehabt, Dir ein kleines Buch mitzusenden, das längst unter der Presse, und dessen Erscheinung sich wider alles Vermuten bis jetzt verspätet hat. Du erhältst es jetzt in der Anlage, sowie zwei Taschenbücher, in denen Erzählungen von mir enthalten sind, und die ich Deiner lieben, von mir hochverehrten Frau in meinem Namen zu überreichen bitte. Lies doch den Zinnober, das tolle Märchen wird Dir gewiß, ich darf es glauben, manches Lächeln abzwingen. Wenigstens ist es bis jetzt das Humoristischste, was ich geschrieben, und von meinen hiesigen Freunden als solches anerkannt. – Überhaupt gewährt mir die Schriftstellerei nicht allein Aufheiterung sondern auch eine Geldzulage, die allein es mir möglich macht in dem überteuern Berlin zu subsistieren wiewohl zuweilen meine Einkünfte nicht hin- und herreichen wollen, und ich mit manchen Sorgen zu kämpfen habe, die mir unangenehme Augenblicke genug machen. – An Weiterkommen, an Verbesserung ist vor der Hand nicht zu denken da man von einer großen Justizreform, Einführung des öffentlichen Verfahrens usw. spricht, und bis dahin also wohl jeder an seinem Platz bleiben wird. Gäbe doch der Himmel, daß irgend eine Präsidentenversammlung Dich wieder nach Berlin führte, es täte wirklich Not, daß in mein Leben wieder einmal etwas recht Erfreuliches hineinleuchte! Lebe wohl, mein innigst geliebter Freund, empfiehl mich sowie meine Frau, die Dich auf das herzlichste grüßt, dem gütigen Andenken Deiner Frau Gemahlin.   »Klein Zaches« war nur der Auftakt zu einer neuen großen Schöpferperiode in Hoffmanns Leben. Bald nach dem Erscheinen dieses Märchens sollte ein Stoff in ihm aufs Neue lebendig werden, der seit Bamberg immer wieder nach Gestaltung gedrängt hatte. Im Berganza hatte er sich den ersten Groll über die Katastrophe mit Julia vom Herzen geschrieben, aber es war Hoffmann nicht verborgen geblieben, daß damit dieses Erlebnis, das so tief in sein Inneres eingeschnitten hatte, keineswegs für ihn künstlerisch erledigt war. Das »Hochpoetische«, das nach seiner Bamberger Tagebucheintragung »hinter dem Dämon spukte«, war erst noch zu beschwören. Er mußte noch den Roman schreiben, der Kreislers und Julias Schicksal gestaltet. Manches führte ihn zu den Bamberger Vorgängen im Geiste zurück: Die »Fantasiestücke in Callots Manier« hatten eine neue Auflage nötig. Wieder las Hoffmann die Aufsätze und Erzählungen, die während der Bamberger Zeit entstanden waren. Mehr und mehr wurde aus dem Serapionsbruder wieder der Kapellmeister Kreisler. Dazu kam, daß gerade jetzt die sechs italienischen Duette, die er für Julia geschrieben und mit ihr gesungen hatte, einen Verleger fanden. Kreislers und Julias Schatten waren damit beschworen. Wieder bedurfte es einer ernsten Erkrankung, um seine seelischen Kräfte vollends zu lösen. Sie suchte ihn im Frühjahr 1819 heim. In dieser Krankheit ging ihm der Plan zu seinem größten Werk endlich auf, nachdem er fast zehn Jahre lang mit ihm gerungen hatte. Unmittelbar nach der Genesung wurde der »Kater Murr« niedergeschrieben. Während der erste Teil gedruckt wurde und Hitzig die Korrekturen las, reiste er mit Mischa ins schleiche Gebirge. Einige »Briefe aus den Bergen« wurden für den »Freimütigen« von dort geschrieben. (Wir lassen einige Stücke daraus folgen.) Noch von einer andern Seite war ihm Julias Gestalt wieder in Erinnerung gerufen worden. In der »Undine« hatte Johanna Eunike die Titelrolle gesungen. Seit dieser Zeit verknüpfte ihn ein herzliches Freundschaftsband mit der hervorragenden Sängerin, die ihm Julia zu ihrem Teil ersetzte. Wenn Julia seine Arien und Duette gesungen hatte, Johanna wurde die lebendige Verkörperung seiner größten musikalischen Gestalt, eben der Undine. Gerade als ihn der Plan des »Kater Murr« beschäftigte, muß ihm Johanna Eunike besonders nahegestanden haben. Er richtete sogar den einen der »Briefe aus den Bergen« an sie, die schon seine Erzählung »Das Sanctus« erfüllt hatte. Wie war es Julia selbst aber ergangen, während sie in Kopf und Herz ihres alten Verehrers wiederum lebendig wurde? Sie hatte mit Gröpel die denkbar schlechteste Ehe geführt. Gerade als Hoffmann an die Arbeit ging, die Julia unsterblich machen sollte, kehrte das Urbild seines Himmelstraumes gebrochen in das Haus ihrer Mutter nach Bamberg zurück. Übrigens fand sie wenige Jahre später noch ein Lebensglück in der Ehe mit ihrem gleichnamigen Vetter, einem Schulmann in Arolsen. Den lebendigsten Niederschlag der inneren Vorgänge in Hoffmann, die zur Niederschrift des »Kater Murr« führten, bildet der ausführliche und in vielen Teilen erschütternde Brief, den Hoffmann bald nach Erscheinen des ersten Teils an Julias Vetter, seinen alten Freund, den Doktor Speier in Bamberg, schrieb. Die Reise nach Schlesien rückte ein Wiedersehen mit dem alten innigen Herzens- und Musikfreunde Johannes Hampe in den Bereich der Möglichkeit. Wahrscheinlich ist aus diesem Wiedersehen nichts geworden. Jedenfalls war Hoffmann dem einstigen Glogauer Genossen, der dem Kapellmeister Kreisler seinen Vornamen gegeben hatte, in dieser Zeit innerlich so nahe wie nie zuvor. An Johannes Hampe in Oppeln Sie können sich wohl vorstellen, mein geliebtester Freund, welche innige Freude es mir machte, nach jahrelangem Schweigen endlich einmal wieder etwas von Ihnen zu hören! – Wie vieles habe ich Ihnen zu sagen von meinem wirren Leben in den Jahren bis 1813, das sich endlich in ein ruhiges und ich kann wohl sagen zufriedenes aufgelöst hat! – Doch gern möcht' ich Ihnen praktisch zeigen, wie ich in der Kunst stehe! – Doch wie weitläufig und mager ist das Schreiben, viel besser wir sehen und sprechen uns Aug' zu Auge von Mund zu Mund: und da will ich Ihnen nur gleich lieber vierzig Meilen entgegenkommen, als hier mich abquälen mit verblaßten Bildern, wie ich sie Ihnen doch nur mit einem schnöden Gänsekiel aufstellen könnte! – Ich treffe zwischen dem 15. und 20. Julius bestimmt in Warmbrunn ein, und nichts in der Welt darf Sie abhalten, wenigstens einige Tage hinzukommen. In W. bleibe ich wohl bis zum 15. August und gehe dann noch auf vier Wochen nach Flinsberg und von da vielleicht nach Prag. Nun Freund, rütteln Sie sich auf, eilen Sie den wiederzusehen, der Sie nie aus Sinn und Herz gelassen hat, der Ihnen ganz und gar treu geblieben ist mit voller Seele! Machen Sie meine Hoffnung nicht zuschanden! Ihrethalben habe ich die Reise nach Schlesien der Reise nach dem Rhein vorgezogen ... An Fouqué in Nennhausen Berlin, den 15. Julius 1819. Den linken Fuß schon aufgehoben, um in einen kleinen französischen Reisewagen zu steigen, der mich nebst meiner Frau mittelst vorgespannter Pferde ins schlesische Gebirge bringen soll, sage ich Ihnen noch, Verehrtester Baron, daß der Doktor Atterbom bei mir gewesen ist und mich ungemein witzig gefunden hat!! – ... Meine Frau, die ausnehmend vergnügt ist, aus dem staubigen Berlin einmal herauszukommen, empfiehlt sich Ihrer Güte und Freundschaft angelegentlichst. Haben Sie etwa ein gutes Fernrohr, so bitte ich den 30. Julius, morgens 11 Uhr, nach der Schneekoppe zu schauen, ich werde nicht verfehlen, Ihnen einen freundlichen guten Morgen zuzuwinken!   Briefe aus den Bergen (Erschienen in Kuhns »Freimütigem«) An die Frau von B. (Offenbar Frau v. Benzon aus den »Kater Murr«) ... Vernehmen Sie, daß ich mich in den letzten Wochen vor meiner Abreise von B. in dem fürchterlichsten Stadium jener unglücklichen Krankheit befand, die nur Dichter und Schriftsteller zu befallen pflegt, wiewohl Geschäftsmänner auch nicht frei bleiben mögen. Ich meine jenes Stadium, wenn nach zwölf verschnittenen mißratenen Federn die dreizehnte die ärgsten Zähne hat, und mit heilloser Furie dermaßen um sich spritzt, daß jeder ziemlich gezogener Anfangsbuchstabe mit gesprenkeltem Marmor grundiert erscheint, wenn Ströme des schärfsten Essigs nicht hinreichen, die Tinte in Fluß zu bringen, wenn ein plötzlich, wie ein Mondstein, niederfallender Tintenklecks den sublimsten Gedanken totschlägt. Ist das zum Aushalten? – Aber noch mehr! – Ich weiß nicht, gnädige Frau, ob Sie von jenem Mann gelesen haben, der das besondere seltsame Unglück hatte, daß sich Polizeibediente in der Größe eines Fingers auf seinen Teller, seinen Löffel, seinen Krug setzten und ihm alles vor dem Munde wegschnappten, so daß er befürchten mußte, Hungers zu sterben. Ich glaube, Sie kennen den Mann, da Ihnen so leicht nichts fremd blieb, was in psychologischer Hinsicht Merkwürdiges geschrieben und gedruckt ward. Sie wissen, gnädige Frau, daß ich mit der Hast, zu der mich die Furcht vor irgendeinem mephistophelischen, mich aufs neue verstörenden Prinzip trieb, folgenden Tages alles, was zu meiner Reise nötig, in Ordnung brachte, so daß ich um Mitternacht schon in Reisewagen saß. Zu melden habe ich aber noch, daß meine Ausfahrt stürmisch und schreckenhaft zu nennen. Hat in den Zeitungen oder in irgend einem andern Blatt, das von den Ereignissen in B. spricht, irgend etwas von einem fürchterlichen Getöse gestanden, das sich zu selbigen Mitternacht in der ... Straße erhoben, ohne daß man dessen Ursache entdecken können, so ist das eben meine Ausfahrt gewesen. Durch den Torweg des Hauses fahrend, fiel es mir nämlich ein, meine Simsonskraft zu üben und den Torflügel aus den Angeln zu heben und niederzuwerfen, so daß entsetzt alle Hunde des Hauses zu heulen, alle Katzen zu miauen begannen und aus mehreren Kehlen aufgeschreckter Schläfer ein Angstgeschrei ertönte. Sie werden, gnädige Frau, das unglaublich finden, und man könnte sagen, der Postillion habe zu kurz gelenkt, die zum Glück starke haltbare Axe habe den Torflügel gefaßt und ihn umgeworfen. Da habe ich aber denn doch als alles bewegendes Prinzip im Wagen gesessen, und den Wagen gewissermaßen nur als geräumigen bequemen Reiserockelor umgenommen, so kann ich nicht umhin, mich selbst als Urheber jenes schreckhaften Ereignisses zu nennen. ... Der Postillion blies gerade sehr hell und noch dazu in ziemlich reinen Tönen: Es ritten drei Reiter zum Tore hinaus pp, als ich aus dem tiefen Schlaf erwachte, in den ich bei dem einförmigen Geräusch des auf der harten Chaussee fortdonnernden Wagens versunken. – Ich glaube Ihnen, gnädige Frau, schon einmal gesagt zu haben, daß ich im Wagen schlafend nichts träume als Musik und Musik, daß ich Symphonien, Opern, Lieder, Messen, und was weiß ich sonst noch, komponiere, mit dem nicht geringen Vorteil, alles auf der Stelle von einem ganz vortrefflichen Orchester aufführen zu hören. Diesmal wurde eben eine Symphonie in dem großen, gewaltigen Stil des Meisters Beethoven aufgeführt, und eben in das Andante ritten drei Reiter hinein. Der Postillion hielt und fragte, ob ich nicht aussteigen wolle, wir befänden uns auf der Höhe (zwischen Löwenberg und Hirschberg), von der herab man die ganze Gebirgskette übersehen könne. Ich hatte mehr Lust, weiter zu schlafen, weil ich auf den Schlußsatz der Symphonie sehr begierig war, um zu erfahren, ob der Komponist sich gut halten werde, doch schämte ich mich ein wenig, da ich doch aus B. gefahren der schönen Natur und nicht der Symphonien halber. Ich stieg daher wirklich aus, aber nun! – Der Frühmorgen war trübe und neblig gewesen, doch eben erhob sich der Morgenwind und rauschte mit seinen gewaltigen Schwingen und trieb die Wolken vor sich her, bis sie sich hinunterstürzten in den tiefen Abgrund. Und immer feuriger und feuriger schimmerten die Sonnenstrahlen auf hoch im Osten, und zerrissen die grauen feuchten Nebelschleier, welche in dunstigen Flocken hinabsanken. Der mächtige Riesenkamm erhob stolz seine zackiggekrönten Häupter, und immer mehr und mehr entfalteten sich die bunten Kleider seiner Berge. Oben, mitten im tiefen Blau, blendenden Weiß, noch von dem Überwurf her, den sie im Winter getragen, unten duftiges Violett der Wälder, weiter hinab grünglänzendes Gold der Täler! – Tief unter mir erklangen im lieblichen Wohllaut die Glocken des Viehs, das die Hirten hintrieben nach den Bergen, und dazwischen die seltsamen Töne der Gebirgshörner und fröhliches Jauchzen und Jubeln! Mir war es, als vernähme ich in dem wunderbaren Rauschen, das die Luft durchzog, die geheimnisvolle Stimme des Weltgeistes selbst, die tröstend zu den Menschen spricht und die (Erfüllung alles in der Seele Geahnten verheißt ... Jetzt sitze ich auf einem stattlichen mächtig galoppierenden weißen Roß, aber nicht um, wie die Reiter meines Postillions zum Tore hinauszureiten, sondern um zu essen. Das soll aber weiter nichts heißen, als daß ich in Hirschberg im weißen Roß eingekehrt bin, um ein kurzes frugales Mahl einzunehmen, und dann ganz geschwinde nach Warmbrunn herüberzufahren ... Zweiter Brief aus den Bergen An Theodor ... Als ich aus der Allee heraustretend den Flügelmann und König der Riesen anschaute, fand er es für gut, plötzlich einen dichten Schleier über das Haupt zu hängen, und wie auf sein Kommandowort taten sämtliche Vasallen desgleichen, so daß bald das herrliche Farbenspiel ihrer Kleider in mannigfachem Grün – Blau – Violett verborgen lag unter der aschgrauen Hülle. »Ei, ei!« sprach ein Hirschberger neben mir. »Ei, ei!« riefen mehrere unmutige Badegäste. »Ei, ei!« rief auch ich. Und nun schritten wir in ziemlicher Hast jeder nach seiner Klause, weil jeder nicht gern anders naß werden wollte, als im Bassin. Die ganze Nacht hindurch besprachen sich die Berggeister mit den Sturmwinden in solchen wunderlich pfeifenden, ächzenden, donnernden Tönen, daß nichts Gutes zu erwarten stand, und wirklich goß am andern Morgen der Regen in vollen Strömen herab. Dabei stürmte es heftig, und die Luft war unausstehlich rauh so daß man sich nach wärmendem Kaminfeuer sehnte. – Nun denke Dir aber, daß diese abscheuliche Witterung, mit gar wenigen ganz kurzen Intervallen, beinahe vierzehn Tage anhielt, so daß man kaum das Zimmer verlassen konnte, und Du wirst begreifen, daß das reichlichen Nahrungsstoff gibt für einen sich entwickelnden Spleen. Dieser unglücklichen Geistesstimmung mag ich es nämlich zuschreiben, daß mich beinahe, wie man zu sagen pflegt, die Fliege an der Wand ärgerte, ja daß mir alles, manche Einrichtung am Orte, die ich nachher als löblich und nützlich anerkannte, unausstehlich war. – In meine Klause eingesperrt, von, die schlecht verwahrten Fenster durchsausenden Winden rauh angehaucht, vor Frost zitternd vermochte ich nicht zu lesen, viel weniger an die literarische Arbeit zu gehen, die mich wie Du weißt, mitunter beschäftigen sollte ... Dritter Brief aus den Bergen An das Fräulein Johanna R. (Gemeint ist Johanna Eunike) ... Der Regen hatte nachgelassen, der Abend war heiter geworden, als ich unmutig, wie ich nun einmal war, der Gesellschaft entfloh, die sich in der Allee versammelt hatte, und ganz allein hinauswanderte aus Warmbrunn, dem Ufer des Zacken entlang. An die entferntesten Häuser des Ortes angelangt, war es mir, als vernähme ich eine weibliche Stimme, die sich in Solfeggien übte, und wirklich strömten die Töne aus dem offenen Fenster eines kleinen Hauses, ohne daß ich die Sängerin entdecken konnte. Hineinzuschauen, wäre frech gewesen, und da es still geworden, wollte ich meinen Weg fortsetzen, als die Sängerin eines jener tief gedachten tief ins Gemüt dringenden Solfeggios sang, die der Meister Crescentini setzte, um die wahre Kraft, die wahre Herrlichkeit des echten Gesanges in der Brust der Schülerin zu entzünden. Darauf folgte nach einer kleinen Pause das artige Liedlein: sul margine d'un rio , mit Veränderungen, die nicht so halsbrechend waren, als die, mit denen jetzt viel seltsamer katalanischer Prunk getrieben wird, aber bedeutsamer, aus der Tiefe der Kunst geschöpft. – Dann schien die Sängerin bald in gehaltenen Tönen, bald in bunten Läufen, bald in chromatischen Gängen, bald in anschwellenden Trillern anmutig spielend, die Nachtigallen in den Büschen herauszufordern zum Wettkampf. Die armen durften nicht antworten und auch die Sängerin schwieg. Ich stand in den Boden gewurzelt. Als ich indessen, da die einbrechende Nacht immer dichtere Schleier über die Berge warf, endlich fortwollte, vernahm ich leise – leise die Töne einer Romanze. – Nun, ich will erst sagen, daß die Sängerin eine vollendete Künstlerin war, die im Gebiet der Töne herrschte. Sehr herrlich, die hier in W. zu finden, hätt' ich gedacht, und wäre, als sie den Gesang geendet, recht froh und heiter nach Hause gegangen. Setze ich aber hinzu, daß der Gesang recht mein Innerstes aufregte, daß allerlei holde Träume, süße Erinnerungen lebensfrisch in mir aufgingen, daß der gewaltige Zauber der Tonkunst mein ganzes Wesen erfaßte, so werden Sie, teuerste Johanna, die Stimmung gerechtfertigt finden, die es mir unmöglich machte, mich auch nur einen Schritt von dem Hause zu entfernen, daß ich vielmehr unwillkürlich mich niederließ auf eine Bank, die an der Mauer des Hauses angebracht war. Ein Bauernmädchen trat aus der Türe; ich wandte mich an sie und fragte, wer in dem Hause wohne und so schön sänge. Entweder verstand das dumme Ding mich wirklich nicht oder wollte mich nicht verstehen. Genug, als ich mit Fragen nicht nachließ, meinte sie: ich solle nicht tallen (dummes Zeug reden), sie würde sonst rappelköppisch, und ließ mich stehen. – Für diesmal endigte sich das Begegnis wie tausend andere, wenn man sagt: es ist mir unmöglich, von der Stelle zu weichen, und doch am Ende weicht und nach Hause geht. Vergebens forschte ich am andern Morgen in der Badeliste nach der mutmaßlichen Bewohnerin jenes Hauses. Es fand sich, daß keine Badegäste in jenem Hause eingekehrt waren, und die Wirtsleute versicherten auf Befragen, daß durchaus keine Dame bei ihnen gesungen habe. – Waren denn nicht alle diese Nachforschungen Torheit – Wahnsinn? – Wußte ich denn nicht etwa, wer in jenem Zimmer gesungen? – Konnte ich denn nur einen Augenblick daran zweifeln, daß keine Andere als Sie – ja, Johanna – Sie selbst es waren, welche sang, als ich jene gewisse Romanze (»Morgen so hell« aus der »Undine«) vernahm, die einem gewissen Jemand in einer gewissen Begeisterung (es ist alles gewiß) recht aus dem Innersten strömte und die niemand in der Welt singt als eben Sie? – Es ist ein anmutiger mystischer Glaube, nach dem es Augenblicke gibt, in welchen der im Irdischen eingezwängte Mensch den Raum besiegt, und in welchem die psychische Annäherung so mächtig wird, daß sie wirkt gleich der physischen, und von dieser kaum zu unterscheiden ist. Die Mystiker behaupten, daß eine Wechselwirkung dazu gehöre, und ich bin überzeugt, daß Sie gerade in den Augenblicken, als ich Sie in W. hörte, in B. dasselbe, was ich hörte, wirklich sangen und wenigstens bei der Romanze ein klein wenig an mich dachten ... Widmung des ersten Teils des »Kater Murr« für Johanna Eunike Kater Murr an Johanna, die Sängerin Am 2. März 1820 Mir träumt, es wär ein holdes Kind geboren Und dies und jenes dachten die Gedanken, Es saßen Richter in Gerichtes Schranken Und sprachen: ja! das Kindlein ist erkoren! Wollt' Satan murmeln: Ha! sie ist verloren? Nein! – sanft und engelsmild? – wo gäb' es Wanken? Wo leuchtet Sicht, dem Tod und Nacht nicht sanken? O schlimmer Klang, entfleucht betörten Ohren! Ein liebes Kind, gewiegt in duft'gen Rosen, Kann, Himmelskeim entstrahlt, der Welt gebieten, Kann Blitz entzünden in dem kirr'gen Herzen. Doch Bildlein zart, in süßem sanftem Kosen Verschleuß dein Ohr nicht bangem Sehnsuchtswüten, Denn Kater Murr klagt auch romant'sche Schmerzen. Murr étudiant en belles lettres et chanteur très renommé An Dr. Friedrich Speier in Bamberg Berlin, den 1. Mai 1820. Geliebtester Freund! Da Sie ein solider Mann sind von den vortrefflichsten Grundsätzen, so hegen Sie gewiß auch die richtige Meinung, daß aneinander schreiben und aneinander denken gar was Verschiedenes ist. Versichern darf ich daher nicht erst mit vielen Worten, daß, unerachtet ich lange genug schwieg, das lebhafteste Andenken an Sie auch nicht einen Moment aus meiner Seele wich oder auch nur verblaßte. Wohl kann ich es sagen, daß unser gemütliches Zusammensein in B. das einzige ist, dessen Erinnerung aus jener bösesten Zeit aller bösen Zeiten, durchaus mir hell und rein, ohne Makel und auch ohne auf diese Weise die vernarbten Wunden wieder aufzureißen, erscheint. Legte mir aber auch damals das Schicksal solch harte Prüfungen auf, daß ich noch nicht begreife, wie ich sie überstanden, zwang es mich oft, wie in heillos gewagtem Spiel Ehre, Ruf, Leben einzusetzen (Sie verstehen mich, daß hier mehr vom innern Leben die Rede ist als vom äußern) so ist doch bald darauf, ich möchte sagen, in dem Augenblick als ich den Fuß in Berlin hineingesetzt, die Versöhnung erfolgt mit all' den feindlichen Mächten, die mich zu Tode hetzen wollten! – Ich weiß, Liebster! daß Sie teilnehmen an meinem Treiben und Tun und freu'n wird es Sie daher gewiß zu hören, daß mein Standpunkt im Geschäftsleben wirklich von der Art ist, wie ich nur wünschen kann. – Man erzeigte mir die Wohltat, mich nach meinem Ratspatent vom Februar 1801 ( rectius 1802!) in das Kammergericht einrücken zu lassen und diese Anciennität bringt mir den Vorteil, daß ich jetzt schon zum ältesten , mithin vorsitzenden Rat, der in vorkommenden Fällen den Präsidenten vertritt, hinaufgealtert bin und ein Gehalt von 2350 rth. Cour., zur Hälfte Gold, beziehe. – In Berlin ist das nicht so sehr viel, aber doch hinlänglich, um nicht hinter dem Ofen sitzen zu dürfen. Klagen könnt' ich über viele Arbeit, zumal, wie Sie vielleicht aus öffentlichen Blättern wissen werden, mich des Königs Majestät zum Mitgliede einer Immediat-Justiz-Untersuchungskommission ernannt haben, die sich ausschließlich mit der Untersuchung geheimer staatsgefährlicher Verbindungen beschäftigt, indessen arbeite ich gern und dem Himmel sei es gedankt! – leicht und frisch von der Hand weg! – Von meinem literarischen Treiben nehmen Sie doch wohl dann und wann Notiz! – Ich empfehle Ihnen den höchst weisen und tiefsinnigen Kater Murr, der in diesem Augenblick neben mir auf einem kleinen Polsterstuhl liegt und sich den außerordentlichsten Gedanken und Fantasien zu überlassen scheint, denn er spinnt erklecklich! – Ein wirklicher Kater von großer Schönheit (er ist auf dem Umschlage seines Buches frappant getroffen) und noch größerem Verstände, den ich auferzogen, gab mir nämlich Anlaß zu dem skurrilen Scherz, der das eigentlich sehr ernste Buch durchflicht. – Übrigens zahlen mir jetzt die Buchhändler Honorare, vor deren Klang Herr Kunz – sofort rücklingsüber in Ohnmacht sinken würde – Ja! – Herr Kunz! – Der gute Mann hatte sich darauf gesetzt, mir von Zeit zu Zeit die unzartesten, unangenehmsten Dinge, die mein Verhältnis mit ihm als Verleger betrafen, zu schreiben und mich dadurch lebhaft in jene heillose Periode zurückzuversetzen, in der mancher glaubte, dem Verlassenen, Bedürftigen alles bieten zu können. Der letzte Brief enthielt witzige Variationen über das Thema: Teurer Freund! – Z.B. ja! Sie sind wirklich ein teurer Freund, denn Sie kommen mir teuer zu stehen – Und nun folgte eine Apotheker-Rechnung des ungeheuren Schadens, den ihm der Verlag meiner Fantasiestücke verursacht, dann aber – mirabile dictu – die Aufforderung, ihm ferner Werke in Verlag zu geben!! que pensez vous mon cher ! – Natürlicherweise habe ich gar nicht geantwortet! – Als mir innig befreundeter Arzt wird es Sie ferner interessieren, daß ich in dem Frühling des vorigen Sommers zum Tode erkrankte und zwar an den Folgen zu großer Anstrengung in der Arbeit und an einer enormen Erkältung, die noch dazu die erbärmliche Ursache hatte, daß ich im Winter einer feierlichen Cour bei Hofe, der auch die Dikasterien beiwohnten, in der Uniform (Schuhen und Strümpfen) ohne Überrock auf dem eiskalten von allen möglichen Passatwinden durchstrichenen Korridor des Schlosses wohl eine halbe Stunde auf den Wagen warten mußte. – Verhärtung im Unterleibe – gichtischer Zustand ppp. Diese Krankheit hatte aber die angenehme Folge, daß es mir vergönnt war, vorigen Sommer von Julius an bis September hinein mich cum uxore in dem herrlichen schlesischen Gebirge (Warmbrunn, Flinsberg, Landeck) aufzuhalten und auch eine Pufffahrt nach Prag herüber zu machen. – Seit dieser Reise bin ich auf eine beinahe unanständige Weise gesund! – So viel von meinem psychischen und physischen Zustände, jetzt zu Bambergianis, die mich auf das höchste interessieren – Sagen Sie – sprechen – schreiben Sie, ist es wahr? – Doch was? – Also! – Vor zwei Tagen hörte ich in einer Gesellschaft eine Nachricht, die mich tief bis in das Innerste hinein erschütterte, so daß ich lange an nichts anderes denken konnte. Fanny Tarnow (die bekannte Schriftstellerin) erzählte mir von Hamburg kommend, daß Julie von ihrem Mann geschieden und nach Bamberg zurückgekehrt sei. – Das wäre nun an und vor sich selbst nicht so was Außerordentliches, aber die Schilderung von Juliens Verhältnissen in H., der namenlosen Leiden die sie erduldet, der zuletzt schamlos ausgebrochenen Bestialität des verhaßten Schwächlings, die war es, die mein ganzes Inneres aufregte. Denn schwer fiel es in meine Seele, wie tief die Ahnung alles Entsetzlichen damals aus meinem eignen Ich aufgestiegen, wie ich mit der Rücksichtslosigkeit, ich mochte sagen mit dem glühenden Zorn eines seltsamen Wahnsinns alles laut werden ließ, was in mir hätte schweigen sollen! – wie ich in dem Schmerz eigner Verletzung andere zu verletzen strebte! – Und nun! – Sie können denken, daß ich viel mit F. Tarnow über J. sprach, leider nahm ich aber deutlich wahr, was sie verschleiern wollte, nämlich, daß der bittre Hohn des mißverstandenen Lebens, die Schmach vergeudeter Jugend, Juliens inneres Wesen auf das grausamste zerstört hat. – Sie soll nicht mehr sanft – mild – kindlich sein! – Vielleicht ändert sich das, nachdem sie den Kirchhof voll geknickter Blüten, begrabener Lebenslust und Hoffnung verlassen. Finden Sie es geraten und tunlich, meinen Namen in der Familie M. zu nennen oder überhaupt von mir zu reden, so sagen Sie in einem Augenblick des heitern Sonnenscheins Julien, daß Ihr Andenken in mir lebt – darf man das nämlich nur Andenken nennen, wovon das Innere erfüllt ist, was im geheimnisvollen Regen des höheren Geistes uns die schönen Träume bringt von dem Entzücken, dem Glück, das keine Arme von Fleisch und Bein zu erfassen, festzuhalten vermögen – Sagen Sie ihr, daß das Engelsbild aller Herzensgüte, aller Himmelsanmut wahrhaft weiblichen Sinns, kindlicher Tugend, das mir aufstrahlte in jener Unglückszeit acherontischer Finsternis, mich nicht verlassen kann beim letzten Hauch des Lebens, ja daß dann erst die entfesselte Psyche jenes Wesen das ihre Sehnsucht war, ihre Hoffnung und ihr Trost, recht erschauen wird, im wahrhaftigen Sein! ... ... Könnten Sie es doch, geliebtester Freund möglich machen, einmal herüberzukommen nach B. – Sie finden mich in einer kleinen bescheidenen Wohnung, aber in dem besten schönsten Teil der Stadt, am Gensdarmesmarkt, geradeüber dem neuen Theatergebäude und ganz hübsch eingerichtet. Meine Stellung würde es mir erlauben, Sie mit den interessantesten Männern bekanntzumachen und rücksichts der leiblichen Bedürfnisse würden Sie wohl auch ganz zufrieden sein. Was Eleganz der Einrichtung und Feinheit und Fülle der Speisen anbetrifft, wetteifern wir mit den Parisern und viele gibt es, die, echte Schmecker, die Restauration bei Jagor unter den Linden noch der bei Verry in P. vorziehen. Auch würde Ihnen Ihr gehorsamer Diener einen kleinen aber exquisiten Weinkeller öffnen können, der sich noch neuerdings auf eine angenehme Weise vermehrt hat. – Aus reiner Dankbarkeit und Freude dafür, daß das Taschenbuch für Lieb, und Fr. der Scudery halber sehr gut gegangen ist, schickten mir die Gebrüder Willmanns aus Frankfurt, nachdem sie die Erzählung gar reichlich honoriert, eine Kiste mit 50 Bout. Hinterhäuser Eilfer der ganz köstlich ist – Nicht einmal erfahren hab' ich, an was für ein Haus der Wein adressiert war. Die Kiste wurde mir an einem guten Morgen vors Haus gefahren und mit vieler Mühe war dem Knecht ein Trinkgeld aufzudringen. – Ich schlug an mein Herz und sprach: Solch einen Glauben hab' ich in Israel nicht funden! – Nun das nenne ich geschwatzt – Aber es war mir so sehr gemütlich wieder zu Ihnen zu sprechen, daß es mir unmöglich sein mußte nicht manches einfließen zu lassen, was Ihnen vielleicht nicht sehr bedeutsam vorkommen wird. Fassen Sie nur rasch den schönen Entschluß, mir zu antworten und führen Sie ihn fein auf der Stelle aus. Auf die Nachrichten von J. bin ich sehr gespannt – Ich habe zu Ihnen, Teuerster, recht aus vollem Herzen gesprochen – gewiß, ganz gewiß werden Sie das nicht verkennen. Die Immediat-Kommission Die Immediat-Kommission gegen demagogische Umtriebe   Als Hoffmann diesen Brief schrieb, der das erschütternde Zeugnis für sein unwandelbares Empfinden für Julia ist, war der erste Teil des Romans, in dem das Julia-Kreisler-Schicksal gestaltet ist, bereits im Erscheinen. Schon arbeitete er am zweiten Teil. Der dritte sollte ungeschrieben bleiben, und zwar aus Hindernissen, die in den Brief an Holbein bereits ihre Schatten werfen. Es war die Tätigkeit bei der Immediat-Kommission gegen demagogische Umtriebe, die Hoffmanns letzte Lebensjahre verbittern sollte. Bekanntlich trat nach den Befreiungskriegen in Deutschland, von dem Wien Metternichs ausgehend, eine Periode schlimmster Reaktion ein. Die Generation, die eben noch so heldenhaft die Siege gegen Napoleon erfochten hatte, wurde in ihren Hoffnungen auf ein großes deutsches Reich und auf eine nationale Verfassung schmählich getäuscht. Die nationalen Bestrebungen wurden aufs Strengste verfolgt, und gerade die Immediat-Kommission sollte das Mittel sein, alle freiheitlichen Bestrebungen niederzuringen. Hoffmann hat sich nicht zum willenlosen Werkzeug der Reaktion hergegeben, sondern mannhaft, auch gegen den König selbst, seine Meinung verfochten. Aus seinem Verhalten sollten ihm nicht nur tausend Unannehmlichkeiten erwachsen, sondern sogar ein disziplinarisches Verfahren wurde gegen ihn eröffnet. An Hippel in Marienwerder Berlin, den 24. Juni 1820. Mein teuerster geliebtester Freund! Du erinnerst Dich des Briefes, den Du mir durch Tettau sandtest, und in dem Du Dich über die jetzige Gestaltung der Dinge aussprachst. Tief in mein Innerstes hinein sprach jedes Deiner Worte, und nie habe ich so lebhaft, so innig die Übereinstimmung unserer ganzen Lebensansicht, unseres ganzen Wesens gefühlt. Gerade in jener Zeit wurde ich zum Mitkommissarius bei der zur Untersuchung der sogenannten demagogischen Umtriebe niedergesetzten Immediatkommission ernannt, und wie Du mich kennst, magst Du Dir wohl meine Stimmung denken, als sich vor meinen Augen ein ganzes Gewebe heilloser Willkür, frecher Nichtachtung aller Gesetze, persönlicher Animosität entwickelte! – Dir darf ich nicht erst versichern, daß ich ebenso wie jeder rechtliche vom wahren Patriotismus beseelte Mann überzeugt war und bin, daß dem hirngespenstischen Treiben einiger jungen Strudelköpfe Schranken gesetzt werden mußten, um so mehr, als jenes Treiben auf die entsetzlichste Weise ins Leben zu treten begann. Aus dem Gießner Verein der Schwarzen ging die Verbreitung des aufrührerischen, sogenannten Frag- und Antwort-Büchleins hervor, aber noch mehr, Sands verabscheuungswürdige, meuchelmörderische Tat gebar der Fanatismus, den die Grundsätze der sogenannten Unbedingten (»der Zweck heiligt die Mittel« pp.), die aus dem Bunde der Schwarzen hervorgingen, entzündeten. – Jenes Büchlein hatte die Unruhen im Odenwalde zur Folge! – Hier war es an der Zeit, auf gesetzlichem Wege mit aller Strenge zu strafen und zu steuern. Aber statt dessen traten Maßregeln ein, die nicht nur gegen die Tat, sondern gegen Gesinnungen gerichtet waren. Ich schicke Dir nicht allein den zweiten Teil der Serapionsbrüder, sondern auch den ersten Teil der Lebensansichten des scharfsinnigen Katers Murr, der in der literarischen Welt eine sehr günstige Aufnahme gefunden hat, trotz der etwas bizarren Szenerie, die in dem Buche herrscht. Es folgen noch zwei Teile, die längst fertig wären, wenn mir nicht aus oben entwickelten Gründen Zeit und Humor fehlte. – Eine neue sehr interessante Bekanntschaft habe ich in dem als Komponisten wirklich großen Spontini gemacht, dessen neueste Oper Olympia ich, weil es der König gewünscht ; nolens volens ins Deutsche übertragen muß. Eine ganz verfluchte Arbeit, da im Französischen alle Rhythmen dem Deutschen entgegengesetzt sind, und ich mir in den Kopf gesetzt habe, auch in den Rezitationen nicht ein Nötchen zu ändern und die französischen Schlagwörter durch deutsche volltönende Kraftwörter totzuschlagen. Das gilt nun in den Abend- und Nachtstunden als meine Erholung! – Doch ich gerate wieder ins Ächzen! – Koreff sehe ich beinahe gar nicht. Der Staatskanzler, der mir übrigens die Ehre angetan, mich zu seiner Familientafel zu laden, ist ganz umlagert von besonderen Leuten, und ich weiß nicht, welcher Wind jetzt noch weht. – Gäbe doch der Himmel, daß Du ganz Deinen Wünschen gemäß nach Berlin kommen könntest, da würde wieder ein guter freundlicher Stern meinem Leben aufgehen. Noch einmal, – Du solltest hier sein, denn Du gehörst ebensowenig als ich in die Provinz, und bist wohl auch nicht Cäsars Meinung: lieber in dem kleinen beengten Kreise der Erste sein zu wollen als in dem großen der Zweite oder Dritte, Vierte. Das lebendige Leben der großen Stadt, der Residenz, wirkt doch nun einmal wunderbar auf das Gemüt, und solcher Kunstgenuß, wie er hier doch zu finden, ist das beste Restaurationsmittel für den Geist, den das Einerlei erschlafft, wo nicht zuletzt tötet. Man kann z. B. jetzt einen ganzen halben Tag und länger schwelgen, wenn man bloß in den neuen Theaterbau hineingeht, und dann bloß das Atelier der Bildhauer Tieck, Rauch und Konsorten im Lagerhause besucht. Am Theater arbeiten die ersten Künstler, und man kann ohne Übertreibung sagen, daß die kleinste Verzierung ein wahrhaftes Kunstprodukt ist. Vorzüglich imposant ist schon die fertige Statue Apollos (20 Fuß hoch), der auf einem mit Hippographen bespannten Wagen daher fährt aus geschlagenem Kupferblech, wie die Viktoria an dem Brandenburger Tor. Sie kommt auf dem hohen Fronton zu stehen, in dessen Tympan Amor und Psyche en haut relief in Pirnaer Sandstein gearbeitet zu stehen kommen. Die Figuren sind meistens 10–12 Fuß hoch, und ganz meisterhaft nach Tiecks herrlichen Modellen gearbeitet. Den Apollo hat Rauch modelliert. – Soviel von den neuesten Kunstprodukten Berlins!   Der große Komponist Spontini hatte sich ganz in Berlin niedergelassen. Hoffmann begrüßte ihn in der Vossischen Zeitung mit seinem »Gruß an Spontini«. Leider sollte seine Begeisterung für den französisch-italienischen Maestro ihn in einen Konflikt mit Carl Maria von Weber bringen, der von einigen besonders national empfindenden Kreisen gegen den Ausländer Spontini als deutscher Nationalkomponist ausgespielt wurde. Die erste Oper, die in dem neu errichteten Schauspielhaus, dessen Bau Hoffmann dem Freunde Hippel so begeistert beschreibt, aufgeführt wurde, war bekanntlich Webers »Freischütz«. Hoffmann hatte die Rezension der Aufführung für die Berliner Vossische Zeitung übernommen, und Weber fühlte sich durch Hoffmanns – im allgemeinen natürlich durchaus anerkennende, ja teilweise begeisterte – Kritik verletzt, um so mehr, da Weber seinerseits der »Undine« restlos zugestimmt hatte.   Gruß an Spontini Willkommen unter uns, du hoher herrlicher Meister! – Längst tönte dein Gesang recht in unser Innerstes hinein; dein Genius rührte seine kräftigen Schwingen, und mit ihm erhoben wir uns begeistert und fühlten alle Wonne, alles Entzücken des wunderbaren Tonreichs, in dem herrschest, ein mächtiger Fürst! – Und darum kannten und liebten wir dich auch schon längst – Aber wer will nicht, daß der schöne Baum, dessen süße Lebensfrüchte ihn laben und stärken in seinem Garten stehe, wer sehnt sich nicht, das, woran seine ganze Seele hängt, in seinem Hause zu haben, zu bewahren? So geht uns auch nun, da du in unserer Mitte weilst, da wir dich ganz unser nennen können, erst das Herz recht auf in voller Freude vor deinen Schöpfungen! – Ja! ganz unser bist du, denn deinen Werken entstrahlt in vollem Himmelsglanz das Wahrhaftige, wie den Werken unseres Händel, Hasse, Gluck, Mozart und aller der Meister, die in Wort und Tun nur echtes, edles Metall ausprägen und nicht prahlen dürfen mit flinkerndem Rauschgold, und nur dem Wahrhaftigen mag sich doch der echte deutsche Sinn erschließen. – Manchmal wollen uns seltsame Trugbilder foppen und mit kecker Dreistigkeit uns glauben machen, sie wären wirklich gestaltet in Fleisch und Bein, aber du, kräftiger Meister, schwingst deinen mächtigen Zauberstab und zerstoben in Nichts ist der schnöde Spuk! – Laß es dir wohl sein unter uns, reiche uns, die wir dir entgegenkommen mit offener deutscher Gemütlichkeit, freundlich die Hand! Nochmals willkommen, du hoher herrlicher Meister des Gesanges, tausendmal herzlich willkommen! Berlin, den 30. Mai 1820. E. Hoffmann. An Ludwig Tieck in Dresden Berlin, den 19. August 1820. Mit innigem Vergnügen habe ich Ihre freundlichen Worte, mein Hochverehrtester Freund ! (stolz bin ich darauf, Sie so nennen zu dürfen) durch Herrn Molbech erhalten ohne den Überbringer zu sehen, der mich leider nicht im Hause traf, da ich in Geschäften abwesend. Morgen werde ich aber den interessanten Norden bei mir bewillkommnen und mich mühen, dem günstigen Vorurteil, das Sie, mein gütiger Freund ! ihm für mich eingeflößt zu haben scheinen, zu entsprechen! – Ach! – nur zu sehr fühle ich das, was Sie mir über die Tendenz, über die ganze (hin und her wohl verfehlte) Art meiner schriftstellerischen Versuche sagen. Mögen Sie aber meiner übrigen Verhältnisse qua Kammergerichtsrat etc. etc. etc. gedenken? – Doch freilich, in der Kunst gelten dergleichen Ausreden ganz und gar nichts. – Ich empfehle Ihnen Herrn p. Kühne, Schauspieler aus Hamburg, der in der Tat auf schöne Weise in den höchst herrlichen Phantasus hinein gehört und zwar, wie ich denke, rühmlicherweise. – Er überbringt Ihnen diese wenigen Worte, die ich, mir weiteres vorbehaltend, eilig aufschrieb. Hitzig, mit dem Schaffen Hoffmanns, insbesondere mit dem genialen Märchen »Prinzessin Brambilla« ganz und gar nicht mehr einverstanden, empfahl dem Freunde als Muster den »Astrolog« von Walter Scott. An Hitzig Gestern abend war Koreff bei mir und hatte die Güte, mir auf mein Bitten noch ganz spät den »Astrolog« zu schicken, den ich nächstens lesen werde, da ich ihn in diesem Augenblick – verschlinge. Ein ganz treffliches, treffliches Buch, in der größten Einfachheit reges lebendiges Leben und kräftige Wahrheit! – Aber! fern von mir liegt dieser Geist, und ich würde sehr übel tun, eine Ruhe erkünsteln zu wollen, die mir, wenigstens zur Zeit noch, durchaus gar nicht gegeben ist. Was ich jetzt bin und sein kann, wird pro primo der Kater , dann aber will's Gott, auf andere Weise noch der Jacobus Schnellpfeffer , der vielleicht erst 1822 erscheinen dürfte, zeigen. An Ludwig Devrient Berlin, den 9. Januar 1821. Gar erfreulich würd' es mir sein, wenn Du heute abend , nachdem Du bei L. \& W. gegessen, bei mir ein Gläschen Punsch einnehmen wolltest, den meine Frau sehr amön bereitet. Du findest d'Elpons und Lüttwitz nicht bei mir, wohl aber bitte ich die gemütlichen Männer Vomsee und Meier mitzubringen, sie in meinem Namen höflichst einladend. Schlag mir ja meine Bitte nicht ab, ärgere Dich nicht und bring' ein heit'res Gemüt mit. Dein ergebenster Hoffmann. An Ludwig August von Rebeur Recht leid tut es mir, gerade heute verhindert zu werden, an dem fröhlichen Mittagsmahl teilzunehmen. Aber! – die Götter wollen es so! Nächstens hoff' ich das heute Versäumte nachzuholen und mit Dir, Verehrtester! und den Freunden den vorzüglichsten Saft, der unter dem Namen Champagner gedeiht, einzunippen. Dein treu ergebenster Hoffmann Die »Meister-Floh-Affäre« An die Verleger Gebrüder Wilmans in Frankfurt Berlin, den 25. August 1821. Nochmals bitte ich Ew. Wohlgeboren recht dringend das Verspäten meiner Erzählung gütigst verzeihen zu wollen, wenigstens hoffe und wünsche ich, daß sie einigen Beifall finden mag. Was das in Rede stehende Büchelchen betrifft, so habe ich vor einiger Zeit ein Märchen begonnen, das den Titel: Meister Floh führen und durchaus humoristisch, wie ungefähr Klein Zaches gehalten sein wird. Dieses Märchen (ungefähr im Umfange von 15 Druckbogen, nach dem Format und Druck des Katers Murr) würde ich in weniger Zeit vollenden, so daß, da keineswegs Kupfer, sondern nur ein Umschlag, den ich selbst zeichnen würde nach der Art des Umschlages zum Kater, den ich auch gezeichnet dazu nötig, das kleine Buch wohl als ein Weihnachtsgeschenk erscheinen könnte. Zwar habe ich das Werkchen schon halb und halb einem andern Verleger versprochen, wollen aber Ew. Wohlgeboren den Verlag übernehmen, so würde ich es für meine Pflicht halten, Ihnen denselben zu überlassen, um meinen begangenen Fehler wieder gutzumachen. In diesem Fall würde ich ganz ergebenst bitten, mir zu schreiben, bis zu welchem bestimmten Termin Zeichnung und Manuskript in Ihren Händen sein muß oder ob zum Fertigwerden bis Weihnachten die Zeit überhaupt zu kurz ist und das Buch erst zur Ostermesse geliefert werden kann. Rücksichts des Honorars erlaube ich mir ganz gehorsamst zu bemerken, daß sämtliche Verleger, für deren Taschenbücher ich schreibe, (Herr Sauerländer wird Ihnen dies auch sagen können) mir acht Friedrichsdor für den Druckbogen und zwar gleich nach dem Empfang des Manuskripts, die Verleger der Werke in gewöhnlichem Format (Kater Murr, Brambilla) mir aber Vier Friedrichsdor auf gleiche Weise zahlen. – Endlich darf ich nicht verschweigen, daß es ein hiesiger Verleger ist, der seine Hände ausstreckt nach dem »Meister Floh«, und der mir einen Vorschuß von 20 Friedrichsdor zugesagt hat. Eine gleiche Gunst würde ich mir auch von Ew. Wohlgeboren und die Erlaubnis erbitten müssen der Kürze halber die gedachte Summe mittelst einer Tratte des hiesigen Benikeschen Handelshauses entnehmen zu dürfen. – Wegen richtiger Lieferung des Manuskriptes würde ich jetzt um so mehr mein sicheres Wort geben können, als das mein ganzes Arbeitssystem zerstörende Geschäft, nämlich die Immediatkommission wegen demagogischer Umtriebe, bei der ich angestellt war, aufgehört hat ... An den Verleger Friedrich Wilmans in Frankfurt Berlin den 6. November 1821. Beinahe hätten Sie sowenig als das Publikum nur noch eine einzige Zeile von mir gesehen! – Eine Leberverhärtung (Folge des Stubensitzens und Mangels an Bewegung) hat mich an den Rand des Grabes gebracht. Dauerte nun auch die eigentliche Krise nur wenige Tage, so waren für mein ganzes Tun und Treiben doch die Folgen der Krankheit ebenso schlimm als die Krankheit selbst, da ich natürlicherweise auch nur die mindeste Anstrengung vermeiden mußte. Den Gedanken kann man sich wohl nicht entschlagen, mag auch der Arzt sagen was er will, und so habe ich denn auch im Bette den Meister Floh bis ins kleinste Detail in Gedanken fertige gemacht, und glaube, daß die Unterbrechung doch die Herausgabe des Buches nicht aufhalten wird. Die vollständige Skizze des Werkes liegt vor mir und so bedarf ich des fertigen Manuskripts nicht, um weiter zu schreiben. Ich sende Ihnen, Hochverehrtester Herr! daher in der Anlage pag. 1 – 12 des Manuskripts, welches 4½ Doppelbogen, auch wohl etwas mehr, mithin beinahe den dritten Teil des ganzen Werkes austragen wird, um, beliebt es Ihnen, den Druck beginnen zu können. In acht - zehn Tagen erfolgen wieder fünf Bogen und dann in gleicher Frist die letzten, so daß das Büchlein anfangs Dezember fertig gedruckt sein könnte. – Es ist mir sehr daran gelegen, daß des bösen Zufalls unerachtet die getroffene Abrede ganz erfüllt werde und ich bitte Sich zu überzeugen, daß ich die Bereitwilligkeit mit der Sie, Hochverehrtester Herr! meine Bedingungen betätigt haben, zu erkennen und schätzen weiß. – Übrigens fühle ich mich jetzt, dem Himmel sei es gedankt! recht munter und im Geiste vorzüglich frisch, das Zimmer kann ich aber noch nicht viel verlassen ... Todesanzeige des Katers Murr In der Nacht vom 29. bis 30. November d. J. entschlief, um zu einem besseren Dasein zu erwachen, mein teurer, geliebter Zögling, der Kater Murr, im vierten Jahre seines hoffnungsvollen Lebens. Wer den verewigten Jüngling kannte, wer ihn wandeln sah auf der Bahn der Tugend und des Rechts, mißt meinen Schmerz und ehrt ihn durch Schweigen. Berlin, den 1. Dezember 1821. Hoffmann   Hoffmann kam bei der in dem Brief an Wilmans erwähnten Krankheit noch einmal dicht am Rande des Grabes vorüber, aber doch hatte ihn der Tod bereits gestreift. Ein übles Vorzeichen kommender schlimmer Tage, starb in dieser Zeit der Kater Murr, dessen Existenz Hoffmann den grotesken Plan zu seinem größten Werk eingegeben hatte. Hoffmann trauerte um das Tier fast wie ein Freund. Er mochte das Gefühl haben, daß in dem Kater der Tod ihn persönlich berührte. An eine Reihe seiner Freunde schickte er lithographierte Todesanzeigen, übrigens ließ er nun auch im Roman den Kater eines plötzlichen Todes sterben. Im dritten Band, den zu schreiben ihn dann allerdings der eigene Tod verhindert hat, sollten nur noch Aphorismen von der Hand des schriftstellernden Katers nachgetragen werden. Hoffmann hatte es sich nicht versagen können, in der Geschichte des »Meister Floh« sich seinen Unmut über allerhand Unzuträglichkeiten vom Herzen zu schreiben, die ihm während seiner Tätigkeit in der Immediat-Kommission aufgestoßen waren. Die Seele der Demagogenverfolgungen war der Ministerialdirektor von Kamptz, mit dem Hoffmann verschiedene Zusammenstöße gehabt hatte. Schon im zweiten Teil des »Kater Murr« hatte sich Hoffmann über die Tätigkeit der Demagogenriecher lustig gemacht. Damals hatte sich niemand darum bekümmert. Diesmal aber machte Hoffmann etwas sehr Unvorsichtiges: Er erzählte verschiedentlich in seinem Bekanntenkreise, daß das neue Märchen »Meister Floh« eine Satire auf Kamptz enthalten werde. Kamptz erhielt davon Wind, und Hoffmann selbst erfuhr wohl bald, daß Kamptz sich anschickte, einen Gegenstoß zu unternehmen.   An Wilmans in Frankfurt Berlin, den 19. Januar 1822. Ew. Wohlgeboren erhalten in der Anlage Manuskript des Flohs pag. 38 – 40 inkl. In der gewissen Erwartung, daß ich mit nächster Post die ersten Aushängebogen erhalten werde, die ich gern, ehe ich den Schluß einsende, durchsehen möchte, halte ich die letzten übrigens schon vollendeten Seiten noch zurück. – Aber nun zu einer wichtigen Sache. In der Erzählung von dem merkwürdigen Prozeß, den Knarrpanti wider den Hrn. Per. Tyß angestellt, und zwar im fünften Abenteuer heißt es: Knarrpanti habe die verdächtigen Stellen aus Peregrinus Papieren zusammengestellt und sich dieser Zusammenstellung sehr gefreut. Sowie ferner, und zwar in einem Zusatz am Rande des Manuskripts: Die Leute hätten sich die Nasen zugehalten, wenn Knarrpanti vorbeigegangen, seien fortgegangen pp. Beide Stellen muß ich streichen, da sie mir gewisser Umstände halber großen Verdruß machen können. Ich bitte daher diese Stellen vor dem Abdruck zu streichen; sollte aber wider Vermuten der Abdruck schon geschehen sein, so würde ich genötigt sein, Sie, um jenem Verdruß zu entgehen, recht herzlich zu bitten, Kartons drucken zu lassen ... Kamptz hatte inzwischen herausbekommen, daß das Märchen Hoffmanns, das eine Karikatur seiner Person enthalten sollte – Knarrpanti ist inzwischen als aus »Narr Kamptz« mit nur kleiner Veränderung der Endung entstanden, festgestellt worden –, in Frankfurt bei Wilmans gedruckt werde, und hatte einen Dr. Klindworth dorthin entsandt. Klindworth setzte es merkwürdigerweise durch, daß die Polizei das Manuskript und die bereits gedruckten Bogen beschlagnahmte. An Wilmans in Frankfurt Berlin, den 28. Januar 1822. Ew. Wohlgeboren sehnlichst erwarteter Brief enthielt eine Nachricht, die ich beinahe vermutete. Das Ganze beruht auf einer niederträchtigen Spionage und Klatscherei. Mir Übelwollende hatten nämlich bei einem Gespräch mir abzuhorchen geglaubt, daß das Buch Aktenstücke der Kommission der demagogischen Umtriebe enthalten würde. Denken Sie sich den heillosen tollen Unsinn, es ist mir unbegreiflich, daß das Polizeiministerium nur einigermaßen darauf eingegangen ist. Da nun unser Meister besage des Inhalts Wort für Wort das harmloseste Tierchen von der Welt ist, da kein Staat in der Welt, den größten und den kleinsten nicht ausgenommen, nicht den allermindesten Anstoß daran nehmen kann, so muß sich jenes alberne Gerücht durch die Einsicht des Buches von selbst widerlegen. Ew. Wohlgeboren haben daher sehr gut getan, Manuskript und Briefe Ihrer Behörde auszuliefern, der ich Einsicht genug zutraue, Ihres Interesse halber die Sache aufs äußerste zu beschleunigen. Es soll ja jemand von hier aus dieser Angelegenheit halber nach Frankfurt geschickt sein? Das kann ich kaum glauben, denn das wäre doch gar zu viel Geschrei und keine Wolle. Wir haben übrigens eine solche sonnenklare gute Sache, daß nichts zu befürchten als Aufenthalt; ich meinerseits kann zur Zeit nichts tun, sollte aber wider alles Vermuten etwas zu tun nötig sein, so kann ich mich der besonderen Protektion von Männern rühmen, die Sr. Maj. dem Könige sehr nahestehen. – Indessen wie gesagt, ist es rein unmöglich, selbst bei der größten Neigung hämisch mißdeuten zu wollen, etwas aus dem Buche, das keinem Gegenstände entfernter liegt als Politik, herauszufinden. Ew. Wohlgeboren werden sich gütigst erinnern, daß ich gleich anfangs darum bat, vor der Einsendung des Schlusses die ersten Aushängebogen einsehen zu dürfen, deshalb lege ich auch heute noch nicht die letzten vier Seiten bei. Sie können übrigens wohl denken, daß mir die Sache bei aller Wirkungslosigkeit doch fatal ist, auf das inständigste bitte ich daher mir mit umgehender Post den ferneren Verlauf der Sache gütigst schreiben zu wollen; Sie haben doch pag. 37 – 40 inkl. des Manuskripts nach Abgang Ihres ersten Briefes erhalten? ... (Übrigens kann das vielfache Gerede, welches die Prozedur mit dem mitschuldigen Meister Floh veranlassen wird und veranlassen muß, dem künftigen Debut des Buches vorteilhaft sein.) An Hitzig Den 30. Januar 1822. Mit der schmerzlichsten Sehnsucht habe ich gestern auf Sie, teuerster Freund, gewartet! – Mehr als jemals bedarf ich Ihres guten Rates in Ansehung der vermaledeiten Flohgeschichte, die mich in die größte Unruhe und dabei noch auf andere Weise in Verlegenheit setzt. Kommen Sie doch heute, wenn es Ihnen nur irgend möglich ist, Sie tun mir den größten Freundschaftsdienst!.. Seit September 1821 weilte Hippel mit seiner Familie, als Mitglied einer Kommission, in Berlin. Hoffmann hatte also wenigstens bei all den Mißhelligkeiten den Trost, mit dem alten Jugendfreunde für längere Zeit vereinigt zu sein. Von Anfang an hat Hoffmann wohl die Flohangelegenheit in ihrer ganzen Schwere durchschaut. Er war durch seine Haltung bei der Immediat-Kommission bei Hofe und in den maßgebenden Kreisen schlecht angeschrieben und hatte auf kein besonderes Entgegenkommen zu rechnen. Man konnte ihm einen Strick daraus drehen, daß er seine Kenntnis der politischen Prozesse für seine Schriftstellerei ausgenutzt habe, und es ist wohl sicher, daß er ohne seine amtlichen Erfahrungen, z.B. das Verhör, das Knarrpanti mit Peregrinus Tyß vornimmt, niemals so geschrieben hätte. In der Tat wurde denn auch bald das Disziplinarverfahren gegen ihn eröffnet, und es schwebte bis zu seinem Tode über ihm. Dazu kam eine plötzliche Geldnot, weil infolge der Verzögerung des Drucks das Honorar, mit dem er gerechnet hatte, ausblieb. Das Schlimmste aber war: er erkrankte von neuem außerordentlich schwer. Es war die Krankheit, von der er sich nicht mehr erholen sollte. Hippel stand ihm bei allen seinen Verteidigungsschriften redlich bei und ließ seine gesamten Beziehungen spielen, ohne jedoch für den Freund etwas erreichen zu können. Hoffmann wurde auf dem Krankenbette am 23. Februar 1822 protokollarisch vernommen. Er gab eine Aussage zu Protokoll, die er mit Aufbietung der letzten Kräfte aufgesetzt hatte. Diese Verteidigungsschrift ist ein Meisterwerk in ihrer Art. Aber auch sie hätte ihn nicht vor der disziplinarischen Amtsentsetzung oder zum mindesten einer Strafversetzung nach Insterburg, die in Aussicht genommen war, bewahrt. Die Verteidigungsschrift So wie ich schon gestern bei meiner Vernehmung erklärte, haben die an mich gerichteten Anfragen mich darüber vollkommen ins Klare gesetzt, daß in dem von mir verfaßten Märchen, Meister Floh genannt, lediglich der darin vorkommende Prozeß, der dem Helden der Geschichte wegen Entführung eines Frauenzimmers gemacht wird, den Argwohn irgendeiner versteckten Nebenansicht erregt hat. Um diesen Argwohn zu widerlegen, sei es mir vergönnt, schriftstellerisch darzutun, wie das ganze sogenannte Abenteuer, welches jenen Prozeß enthält, sich aus dem ganzen Cannevas der Geschichte und aus der Charakteristik der darin auftretenden Personen als ein integrierender Bestandteil des Ganzen von selbst erzeugt, und daß kein einziges Wort darin enthalten ist, was nicht dazu beitrüge, jene Charakteristik des Ganzen in ein helleres Licht zu stellen. Schon dieses spricht dafür, daß der Verfasser keine andere Absicht haben konnte, als durch dieses Abenteuer das Märchen selbst und die darin vorkommenden Charaktere dem Leser klarer und lebendiger vor Augen zu führen. Der Held des Stückes, Peregrinus Tyß genannt, ist ein beinahe kindischer, welt- und vorzüglich weiberscheuer Mensch, und der Zufall will es, daß gerade er den Verdacht einer Entführung auf sich ladet. Der Kontrast einer inneren Gemütsstimmung mit den Situationen des Lebens ist eine Grundbasis des Komischen, welches in dem Märchen vorherrschen sollte, und so glaube ich die Erfindung nach bewährten Theorien für glücklich halten zu dürfen. (Siehe Flügels »Geschichte des Komischen«.) Das Gerücht entsteht, Tyß habe aus einer Gesellschaft ein Mädchen entführt und jeder, der in der Gesellschaft war, bestätigt das, keiner weiß aber bei näherer Nachfrage, wer denn entführt worden ist. Dies ist wie ich glaube die treue Charakteristik jedes Gerüchts. Da nun aber wirklich kein Mädchen entführt war, so wäre der Prozeß ohne irgendein Interesse und ohne dazu beizutragen, den Tyß in eine verwickelte Situation zu bringen, in sich selbst zerfallen. Es war daher nötig, dem Tyß noch einen Quälgeist entgegenzustellen, der sich abmüht, ihn in allerlei Schlingen zu fangen. Um Interesse zu erregen, um dem komischen Geiste des Ganzen treu zu bleiben, mußte dieser Mensch beschränkten Verstandes, von den seltsamsten Vorurteilen befangen, auf lächerliche Weise egoistisch dargestellt, und ihm noch ein Anflug einer durchaus fantastischen Denkungsart und Handlungsweise gegeben werden. So entstand das Zerrbild, welches ich mit dem Namen Knarrpanti bezeichnet habe, welches nur dem sich gegen den Dichter erlaubten Exzeß eines ganz ins Gebiet des ausgelassensten Humors steigenden Märchens verziehen werden darf, und zu dem man das Original wohl vergebens auf dieser Erde suchen würde. Der fantastischen Tendenz dieses Charakters war es ganz angemessen, ihn als Faktotum eines kleinen winzigen regierenden Herrn darzustellen, dessen Gnade er verloren hat, die wieder zu erhalten er auf den Unsinn gerät, wie er im Märchen geschildert ist. Solche Faktotums von erbärmlichster Gestalt haben sich in den letzten Jahren des verflossenen Jahrhunderts noch im südlichen Deutschland mannigfach umhergetrieben, und Kotzebue hat einen solchen in seinem »Unglücklichen« im Herrn von Volkenau dargestellt. Dieser Charakter war hiernach geeignet, mit dem verständigen und ruhigen Abgeordneten des Rats zu Frankfurt einen guten Kontrast zu bilden. Aber noch mehr, auch mit dem treuherzigen Tyß mußte Knarrpanti zu seinem Nachteil in Konflikt geraten. Dies konnte nicht besser geschehen, als durch die natürliche Anwendung des im ganzen Märchen vorherrschenden Gedankens, nämlich dadurch, daß Tyß vermöge des Zauberglases, mit dem er ihn ansah, seine inneren Gedanken erriet, demgemäß seine tollen Fragen beantwortete und ihn dadurch in die größte Verlegenheit setzte. Unbemerkt kann ich nicht lassen, daß ich diese Gelegenheit benutzte, um, wie es sich auch von selbst ergab, zwei der größten kriminalistischen Mißgriffe ins Licht zu stellen: einmal, wenn der Inquirent, ohne den Tatbestand des wirklich begangenen Verbrechens festzustellen, auf gut Glück hineininquiriert, – zweimal, wenn sich in seiner Seele eine vorgefaßte Meinung festgesetzt, von der er nicht ablassen will, und die ihm allein zur Richtschnur seines Verfahrens dient. Man könnte fragen, wie ich wohl dazu gekommen bin, diese juristischen Fragen in ein Märchen zu bringen? und ich kann nur darauf antworten, daß jeder Schriftsteller von seinem Metier, so es ihm am Herzen liegt, nicht abläßt, sondern sich an Schilderungen daraus ergötzt. Dem alten Rabener merkt man den Juristen auf jeder Seite an, der humoristische Hippel (Stadtpräsident und Kriminal-Direktor in Königsberg) ergießt sich gar zu gern in juristischen Erörterungen, und auch der neue berühmte Walter Scott, einer der ersten Rechtsbeamten in Edinburgh, hat es beinahe in jedem seiner Romane mit Prozessen zu tun. Ich selbst habe schon in mehreren meiner Werke, wie zum Beispiel in den Elixieren des Teufels und in den Nachtstücken Prozesse auf das Tapet gebracht und durchgeführt, um so weniger kann dies in diesem Märchen auffallen. – Nach dieser ganzen Ausführung ist es meines Erachtens wohl sehr klar, daß ich mit der ganzen in Rede stehenden Stelle nichts beabsichtigen konnte, als die ganze Tendenz des Märchens lebendiger ins Licht zu stellen, und zugleich den lachlustigen Leser zu ergötzen. Hierzu kommt aber noch, daß man in dem ganzen Abenteuer vergeblich auch nur eine einzige Silbe, auch nur den leisesten Fingerzeig finden wird, der etwa den Leser darauf bringen könnte, irgendeine andere Beziehung zu suchen. Ich gebe zu, daß Deutungen, woran ich nicht dachte, möglich sind, ja daß eine vorgefaßte Meinung solche Deutungen sogar plausibel finden mag; welch ein Vorwurf kann aber den Dichter treffen, der nur von seiner Welt ausgehend, alles derselben anschließend und aus derselben entnehmend, der sein Gewissen rein von jeder bösen Absicht fühlt, dennoch wider seinen Willen einen Verdacht erregt, gegen den viel stärkere Gründe (als) für denselben bei näherer Betrachtung sprechen müssen? Dem humoristischen Dichter muß es freistehen, sich in dem Gebiet seiner fantastischen Welt frei und frisch zu bewegen. Soll er sich in tausend Rücksichten, in mißtrauische Zweifel darüber, wie seine Gedanken mißdeutet werden könnten, wie in das Bett des Prokrustes einengen? Wie würde es ihm möglich sein, geistreich, anmutig zu schreiben und Gemüt und Herz seiner Leser zu ergreifen? Wie oft sind aber freilich rein empfundene Werke des Dichters auf die seltsamste Weise gemißdeutet worden. Es sei mir erlaubt, schließlich ein Beispiel einer solchen Mißdeutung anzuführen: Der berühmte Hölty beschäftigte sich bekanntlich in seiner Jugend mit der Anfertigung von Gelegenheitsgedichten. Ein Freund bestellte bei ihm ein Hochzeitsgedicht, ohne ihm den Namen des Brautpaares zu nennen. Es war gerade um die Zeit, als nach vergangenem Winter die Frühlingstage eintraten, und Hölty nutzte dies, um in dem Gedicht allerlei Allegorien vom scheidenden Winter und kommenden Frühling anzubringen. Nicht wenig erstaunte Hölty, als er nach einiger Zeit einen Brief von dem Bräutigam erhielt, der sich von ihm beschimpft glaubte und ihm mit einem Injurienprozeß drohte. Es fand sich nämlich, daß der Bräutigam Winter und die Braut Frühling hieß. (Siehe Höltys Leben.) Was den mir zur Rekognition vorgelegten Brief an meinen Verleger Willmanns vom 19. Januar des Jahres betrifft, so scheint man in dem von mir ausgesprochenen Wunsch, ein paar Stellen im Manuskript streichen zu lassen, irgendein Bewußtsein eines nicht vorwurfsfreien Betragens gefunden zu haben. Fürs erste muß ich bemerken, daß dieser Wunsch des Streichens mit der versuchten Beschlagnahme meines Werkes auch nicht in die mindeste Verbindung zu setzen ist. Am 19. Januar schrieb ich jenen Brief, und erst am 28. Januar erfuhr ich durch den Brief meines Verlegers vom 22. Januar die Beschlagnahme meines Werkes. Hätte ich diese Beschlagnahme nur vorher ahnen können, so würde ich gewiß nicht mit jenem Briefe vom 19. Januar den Rest meines Manuskriptes mitgesendet haben. Ich muß aber allerdings sagen, wie ich dazu gekommen bin, das Streichen der in Rede stehenden Stellen zu wünschen. Die Sache verhält sich wie folgt: Irre ich nicht, so war es am 18. Januar in der Mittagsstunde, als mir unter den Linden in der Nähe des Dümmlerschen Ladens ein junger Mann begegnete, der an öffentlichen Örtern mit mir spricht, ohne daß ich seinen Namen weiß, wie das sehr häufig geschieht. Dieser rief mir zu: nun bekommen wir ja bald von Ihnen ein neues Märchen mit einem Prozeß, worin hübsche Porträts vorkommen sollen. Dieses fiel mir schwer aufs Herz, und zwar aus folgenden Gründen: Jedem humoristischen Schriftsteller, wie z. B. Rabener, Hamann, Lichtenberg, Kästner sowie dem neuen Jean Paul Friedrich Richter ist es wohl so gegangen, daß die Leute sich abmühten, den Gebilden, die das Erzeugnis ihres Geistes waren, lebende Originale unterzuschieben, die jene nicht einmal kannten. Auch mir ist es häufig so gegangen, und ich habe wie jene Männer den Verdruß erlebt, daß Menschen sich mir plötzlich feindlich zeigten, denen geschäftige Zwischenträger weisgemacht hatten, daß ich sie in meinen humoristischen Werken aufgestellt; ich könnte hierüber die merkwürdigsten Beispiele anführen, wenn das hier nicht viel zu weit führen würde. Darum war es mir im höchsten Grad fatal, daß man jetzt im voraus von einem Werke schwatzte, von dem man auf mir ganz unbegreifliche Weise Notiz erhalten haben mußte. Die schwere Krankheit, die mich später heimgesucht hat, lag mir schon damals in den Gliedern, und dies vermehrte meinen Mißmut und meine Zweifel. In der schlaflosen Nacht brachte ich mir den ganzen Prozeß ins Gedächtnis zurück, und grübelte nach, ob irgendeine Persönlichkeit herausgefunden werden könnte. Da kam es mir vor, als habe ich bei der Schilderung des Hofrats mich des Ausdrucks Zusammenstellung bedient, und zu gleicher Zeit fiel mir ein, daß ein gemeinsamer älterer Kollege von mir diesen Ausdruck vorzüglich liebte, ja sich desselben zu oft bediente, weshalb ich mit einem jüngeren Kollegen ihn scherzweise den Zusammensteller nannte. Nun dachte ich daran, daß ein mir feindlich gesinnter Zwischenträger, deren es leider nur zu viele gibt, sehr leicht jenem erwähnten Kollegen es plausibel machen konnte, daß ich ihn gemeint, und mir dadurch ihn zum Feinde machen konnte. Jetzt sehe ich ein, daß dieser Zweifel nur in einem krankhaften Gemüt entstehen konnte, denn las jener Kollege mein Werk, so konnte er ebensowenig wie irgendein vernünftiger Mann in dem aufgestellten Zerrbilde sich wiedererkennen, und jeder Verdacht gegen mich mußte schwinden. Diese Zweifel aber waren ebenso ein Phantom des erkrankten Geistes, wie die ganze Sache, denn die Stelle, die ich geschrieben zu haben glaubte, fand sich gar nicht im Manuskript, wie dies aus dem Briefe des Wilmans vom 25. Januar hervorgeht. Mit der ganzen Stelle: die Leute hielten sich die Nasen zu usw. – hat es eine ganz andere Bewandtnis. Diese Stelle kam mir nämlich unsauber und überflüssig vor; ich hatte sie auch, wie der Augenschein es ausweisen wird, erst später an den Rand des Manuskripts hinzugefügt, Überdem hätten mich die Rezensenten auch eines Plagiats beschuldigen können, denn etwas ganz Ähnliches oder Gleiches kommt im Peregrine Pickle vor, wo Pipes aus Ekel und Abscheu gegen den Maler Pallet sich die Nase zuhält (Peregrine Pickle, 3. Band, Seite 59). Dies sind die Gründe, warum ich auch diese Stelle gestrichen wünschte. Und wenn ich sorgte, daß beide Stellen mir Verdruß zuziehen könnten, so wird dies wohl um so weniger auffallen, als mir wirklich daran lag, die Stellen aus dem Manuskript zu entfernen, die Verleger sich aber sehr schwer dazu verstehen, in schon zum Druck beförderten Manuskripten Stellen zu streichen, oder gar s.g. Kartons drucken zu lassen. Daß ich aber die Stellen schon gedruckt glaubte, welches diese Kartons nötig gemacht haben würde, geht aus meinem Briefe an Wilmans hervor. Diese beiden Willmansschen Briefe, auf welche ich mich bezog, habe ich im Original dem Herrn Fürsten Staatskanzler überreicht, und sie werden wahrscheinlich schon zu den Akten gekommen sein. Nochmals beteuere ich, daß ich mir bei der Erfindung und Ausarbeitung jenes durchaus skurrilen, ja gänzlich bizarren Abenteuers durchaus nicht im mindesten böser Nebenabsichten bewußt bin, und mich reines Gewissens fühle; ich folgte frei dem Fluge meiner Fantasie, wie sie sich aus den Bedingnissen des Märchens und den darin vorkommenden Situationen und Charakteren entzündete, ohne an andere Dinge, die außerhalb des fantastischen Gemüts, in dem sich das Märchen bewegte, zu denken. Ich bitte, den Gesichtspunkt nicht aus den Augen zu lassen, daß hier nicht von einem satirischen Werke, dessen Vorwurf Welthändel und Ereignisse der Zeit sind, sondern von der fantastischen Geburt eines humoristischen Schriftstellers, der die Gebilde des wirklichen Lebens nur in der Abstraktion des Humors wie in einem Spiegel auffassend reflektiert, die Rede ist. Dieser Gesichtspunkt läßt mein Werk in dem klarsten Licht erscheinen, und man erkennt, was es sein soll und was es wirklich ist. So werde ich aber von jedem Argwohn, der mich nur zu tief und schmerzlich betroffen, völlig gereinigt erscheinen. Diese Hoffnung, die ich mit dem größten Recht hegen zu können glaube, gibt mir Trost und Kraft, die qualvollsten Tage meines Lebens diesmal noch zu überstehen. Mehr glaubte ich nicht zu meiner völligen Rechtfertigung anzuführen zu haben. Die letzte Krankheit Nach Entfernung der inkriminierten Knarrpanti-Episode aus dem Manuskript konnte der Druck des Werkes endlich fortgesetzt werden. Das Disziplinverfahren hingegen schwebte weiter, bis es durch Hoffmanns Tod erledigt wurde. Seine Krankheit nahm rapide zu. Bald war er nicht mehr imstande, selbst zu schreiben. Seine Gliedmaßen wurden zunehmend gelähmt. Er mußte diktieren. Hitzig half ihm, das Manuskript durchzusehen, wozu er allein nicht mehr imstande war. Die Mitteilungen an Hitzig, die hier folgen, sind mit zitternder Hand mit Bleistift geschrieben.   An Hitzig Berlin, den 1. März 1822. Ich habe gestern den völligen Schluß des Märchens diktiert, und korrigiere denselben heute vormittag nach dem Bade. B. will bis morgen mittag die ganze Reinschrift des Manuskripts schaffen, so daß dieselbe noch morgen abend mit der reitenden Post nach Frankfurt geschickt werden könnte. Aber nun ist mir Himmelangst, daß man dem Schluß doch vielleicht die Schwäche des kranken Autors anmerken möchte, und geratener wäre es in diesem Falle denn doch, das Ganze liegen zu lassen; dann übersteigt aber auch die genaue Durchsicht des mundi meine Kräfte. Sie, bester Freund, sind der einzige, zu dem ich meine Zuflucht nehmen kann. Schenken Sie mir morgen nachmittag ein Stündchen Ihrer freilich kostbaren Zeit, um die Reinschrift in jener doppelten Hinsicht durchzusehen. – Verlassen Sie mich diesmal nicht in arger Schwulität. – Noch immer bin ich matt und elend. – Noch einmal, verlassen Sie mich nicht. Hoffmann. An denselben B. wird leider heute nicht fertig, sondern erst Montag früh, welches mir nicht geringen Kummer und Verdruß macht; ich bin überhaupt mit ihm nicht sonderlich zufrieden gewesen. – Zum Durchsehen des Manuskripts werden Sie aber auch das Brouillon brauchen, das B. Ihnen geben muß. Ich schicke Ihnen das, was er mir davon zurückgegeben hat. Ganz vorzüglich ist mir daran gelegen, daß Sie , liebster Freund, mit der Dienstagspost das Manuskript an W. senden. Gütigst kommen Sie also wohl Montag oder Dienstag zu mir, um das nötige zu verabreden! – Gestern früh hatt' ich drei Ohnmachten hintereinander. Nicht fünf Minuten kann ich außer Bett sein. Vale faveque Hoffmann. An denselben 4. März 1822. Anbei, teuerster Freund! die Reinschrift nebst Brouillons zur gütigen genauen Beurteilung und Durchsicht in doppelter Hinsicht. Sehr lieb würde es mir sein, wenn ich die Brouillons morgen früh zurückerhalten könnte, da dieselben durch v. H., gleichsam unter der Hand, dem v. Kampz mitgeteilt werden sollen, um jeden noch möglichen Aufenthalt in F. zu vermeiden – Morgen nachmittag schenken Sie mir wohl ein Stündchen – Es übersteigt durchaus meine Kräfte an W. zu schreiben, da ich ihm doch so manches sagen muß, also nehme ich zu Ihnen, mein teuerster Freund! meine Zuflucht – Sowie ich aus dem Bette komme, werd' ich ohnmächtig! – Ich erwarte Sie morgen mit der gespanntesten Sehnsucht Vale faveque Hoffmann. Schon bei flüchtiger Ansicht der Reinschrift finde ich garstige Fehler! O Jemine! An Wilmans in Frankfurt Berlin, den 23. März 1822. Schon am 7. März sandte Hitzig Ew. Wohlgeboren den Rest des Manuskripts, und da ich bis jetzt ohne alle Nachricht blieb, ist mir bange vor neuem Unglück; ich bitte mich darüber, ist die Antwort nicht schon unterwegs, umgehend zu beruhigen. Die Erzählung (Margaretha) sollen Sie bis in den Lauf des Junius erhalten, wenn mir Gott nur Kräfte gibt. Noch bin ich elend d. h. der Körper – der Geist nicht, der ist frisch und stark, aber ich kann nicht schreiben, denke ich auch alles auf das lebendigste. Als Gunst würde ich es erkennen, wenn Sie mir die zuersterhaltenen 20 Friedrichsdor erst auf das Honorar für die Erzählung abrechneten. Das Testament Wir, nämlich ich, der Kammergerichtsrat Ernst Theodor Willhelm Hoffmann und ich, Maria Thekla Michalina geborene Rohrer haben nun bereits seit zwanzig Jahren in einer fortdauernden wahrhaft zufriedenen glücklichen Ehe gelebt. Gott hat uns keine Kinder am Leben erhalten, aber sonst uns manche Freude geschenkt, doch uns auch mit sehr schweren harten Leiden geprüft, die wir mit standhaftem Mut ertragen haben. Einer ist immer des andern Stütze gewesen, wie das denn Eheleute sind, die sich, so wie wir, recht aus dem treuesten Herzen lieben und ehren. Sollte es nun Gott gefallen unsern Bund zu trennen und einen oder den andern aus dieser Zeitlichkeit abzurufen, so verordnen wir hiemit letztwillig und wechselseitig, daß dem überlebenden Ehegatten der Nachlaß des Verstorbenen, nicht das mindeste davon ausgenommen, als vollkommen freies, uneingeschränktes Eigentum, worüber er nach Willkür verfügen kann ohne jemanden darüber Red' und Antwort zu geben, endlich zufallen soll. Ich, der Ehegatte habe diese wechselseitige letzte Verfügung selbst geschrieben, ich, die Ehegattin, dieselbe aber mehrmals durchgelesen, beide bekräftigen und vollziehen wir aber diesen unsern ausgesprochenen letzten Willen durch unsere eigenhändige Namensunterschrift und Beidrückung unseres gewöhnlichen Siegels. Berlin, den sechsundzwanzigsten März Eintausendachthundertundzweiundzwanzig. Ernst Theodor Willhelm Hoffmann Königlicher Kammergerichtsrat. Maria Thekla Michalina Rohrer, verehelichte Hoffmann. Der kranke Dichter Meinen armen Vetter trifft gleiches Schicksal mit dem bekannten Scarron. So wie dieser hat mein Vetter durch eine hartnäckige Krankheit den Gebrauch seiner Füße gänzlich verloren, und es tut not, daß er sich, mit Hilfe standhafter Krücken und des nervigen Armes eines grämlichen Invaliden, der nach Belieben den Krankenwärter macht, aus dem Bette in den mit Kissen bepackten Lehnstuhl, und aus dem Lehnstuhl in das Bette schrotet. Aber noch eine Ähnlichkeit trägt mein Vetter mit dem Franzosen, den eine besondere, aus dem gewöhnlichen Gleise des französischen Witzes ausweichende Art des Humors trotz der Sparsamkeit seiner Erzeugnisse in der französischen Literatur feststellte. So wie Scarron schriftstellert mein Vetter; so wie Scarron ist er mit besonderer lebendiger Laune begabt und treibt wunderlichen humoristischen Scherz auf seine eigene Weise. Doch zum Ruhme des deutschen Schriftstellers sei es bemerkt, daß er niemals für nötig achtete, seine kleinen pikanten Schüsseln mit asa foetida zu würzen um die Gaumen seiner deutschen Leser, die dergleichen nicht wohl vertragen, zu kitzeln. Es genügt ihm das edle Gewürz, welches, indem es reizt, auch stärkt. Die Leute lesen gerne, was er schreibt; es soll gut sein und ergötzlich; ich verstehe mich nicht darauf. Mich erlabte sonst des Vetters Unterhaltung, und es schien mir gemütlicher ihn zu hören, als ihn zu lesen. Doch eben dieser unbesiegbare Hang zur Schriftstellerei hat schwarzes Unheil über meinen armen Vetter gebracht; die schwerste Krankheit vermochte nicht den raschen Rädergang der Fantasie zu hemmen, der in seinem Innern fortarbeitete, stets Neues und Neues erzeugend. So kam es, daß er mir allerlei anmutige Geschichten erzählte, die er, des mannigfachen Wehes, das er duldete, unerachtet, ersonnen. Aber den Weg, den der Gedanke verfolgen mußte, um auf dem Papier gestaltet zu erscheinen, hatte der böse Dämon der Krankheit versperrt. Sowie mein Vetter etwas aufschreiben wollte, versagten ihm nicht allein die Finger den Dienst, sondern der Gedanke selbst war verstoben und verflogen. Darüber verfiel mein Vetter in die schwärzeste Melancholie. »Vetter!« sprach er eines Tages zu mir, mit einem Ton, der mich erschreckte, »Vetter mit mir ist es aus! Ich komme mir vor wie jener alte, vom Wahnsinn zerrüttete Maler, der tagelang vor einer in den Rahmen gespannten grundierten Leinwand saß und allen, die zu ihm kamen, die mannigfachen Schönheiten des reichen, herrlichen Gemäldes anpries, das er soeben vollendet; – ich geb's auf das wirkende schaffende Leben, welches, zur äußern Form gestaltet, aus mir selbst hinaustritt, sich mit der Welt befreundend! – Mein Geist zieht sich in seine Klause zurück!« Seit der Zeit ließ sich mein Vetter weder von mir, noch von irgendeinem andern Menschen sehen. Der alte grämliche Invalide wies uns murrend und keifend von der Türe weg wie ein beißiger Haushund. – Es ist nötig zu sagen, daß mein Vetter ziemlich hoch in kleinen niedrigen Zimmern wohnt. Das ist nun Schriftsteller- und Dichtersitte. Was tut die niedrige Stubendecke? Die Fantasie fliegt empor und baut sich ein hohes lustiges Gewölbe bis in den blauen glänzenden Himmel hinein. So ist des Dichters enges Gemach, wie jener zwischen vier Mauern eingeschlossene, zehn Fuß ins Gevierte große Garten, zwar nicht breit und lang, hat aber stets eine schöne Höhe. Dabei liegt aber meines Vetters Logis in dem schönsten Teile der Hauptstadt, nämlich auf dem großen Markte, der von Prachtgebäuden umschlossen ist, und in dessen Mitte das kolossal und genial gedachte Theatergebäude prangt. Es ist ein Eckhaus, was mein Vetter bewohnt, und aus dem Fenster eines kleinen Kabinetts übersieht er mit einem Blick das ganze Panorama des grandiosen Platzes. Es war gerade Markttag, als ich, mich durch das Volksgewühl durchdrängend die Straße hinabkam, wo man schon aus weiter Ferne meines Vetters Eckfenster erblickt. Nicht wenig erstaunte ich, als mir aus diesem Fenster das wohlbekannte rote Mützchen entgegenleuchtete, welches mein Vetter in guten Tagen zu tragen pflegte. Noch mehr! Als ich näher kam, gewahrte ich, daß mein Vetter seinen stattlichen Warschauer Schlafrock angelegt und aus der türkischen Sonntagspfeife Tabak rauchte. – Ich winkte ihm zu, ich winkte mit dem Schnupftuch hinauf; es gelang mir seine Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen, er nickt freundlich. Was für Hoffnungen! – Mit Blitzesschnelle eilte ich die Treppe hinauf. Der Invalide öffnete die Tür; sein Gesicht, das sonst runzlig und faltig, einem naßgewordenen Handschuh glich, hatte wirklich einiger Sonnenschein zur passablen Fratze ausgeglättet. Er meinte, der Herr säße im Lehnstuhl und sei zu sprechen. Das Zimmer war reingemacht und an dem Bettschirm ein Bogen Papier befestigt, auf dem mit großen Buchstaben die Worte standen: Et si male nunc, non olim sic erit. Alles deutet auf wiedergekehrte Hoffnung, auf neu erweckte Lebenskraft. – »Ei«, rief mir der Vetter entgegen, als ich in das Kabinett trat, »ei, kommst du endlich, Vetter; weißt du wohl, daß ich rechte Sehnsucht nach dir empfunden? Denn unerachtet du den Henker was nach meinen unsterblichen Werken frägst, so habe ich dich doch lieb, weil du ein munterer Geist bist und amüsable, wenn auch nicht gerade amüsant.« Ich fühlte, daß mir bei dem Kompliment meines aufrichtigen Vetters das Blut ins Gesicht stieg. »Du glaubst,« fuhr der Vetter fort, ohne auf meine Bewegung zu achten, »du glaubst mich in voller Besserung oder von meinem Übel hergestellt. Dem ist beileibe nicht so. Meine Beine sind durchaus ungetreue Vasallen, die dem Haupt des Herrschers abtrünnig geworden und mit meinem übrigen werten Leichnam nichts mehr zu schaffen haben wollen. Das heißt, ich kann mich nicht aus der Stelle rühren und karre mich in diesem Räderstuhl hin und her auf anmutige Weise, wozu mein alter Invalide die melodiösesten Märsche aus seinen Kriegsjahren pfeift. Aber dies Fenster ist mein Trost, hier ist mir das bunte Leben aufs neue aufgegangen, und ich fühle mich befreundet mit fernem niemals rastenden Treiben. Komm, Vetter, schau hinaus!« Ich setzte mich, dem Vetter gegenüber, auf ein kleines Taburett, das gerade hoch im Fensterraum Platz hatte. Der Anblick war in der Tat seltsam und überraschend. Der ganze Markt schien eine einzige, dicht zusammengedrängte Volksmasse, so daß man glauben mußte, ein dazwischengeworfener Apfel könne niemals zur Erde gelangen. Die verschiedensten Farben glänzten im Sonnenschein, und zwar in ganz kleinen Flecken, auf mich machte dies den Eindruck eines großen, vom Winde bewegten, hin und her wogenden Tulpenbeets, und ich mußte gestehen, daß der Anblick zwar recht artig, aber auf die Länge ermüdend sei, ja wohl gar aufgereizten Personen einen kleinen Schwindel verursachen könne, der dem nicht unangenehmen Delirieren des nahenden Traums gliche; darin suchte ich das Vergnügen, das das Eckfenster dem Vetter gewähre, und äußerte ihm dieses ganz unverhohlen. Der Vetter schlug aber die Hände über den Kopf zusammen, und es entspann sich zwischen uns folgendes Gespräch. Der Vetter. Vetter, Vetter! nun sehe ich wohl, daß auch nicht das kleinste Fünkchen von Schriftstellertalent in dir glüht. Das erste Erfordernis fehlt dir dazu, um jemals in die Fußstapfen deines würdigen lahmen Vetters zu treten; nämlich ein Auge, welches wirklich schaut. Jener Markt bietet dir nichts dar als den Anblick eines scheckichten, sinnverwirrenden Gewühls des in bedeutungsloser Tätigkeit bewegten Volks. Hoho, mein Freund! mir entwickelt sich daraus die mannigfachste Szenerie des bürgerlichen Lebens, und mein Geist, ein wackerer Callot oder moderner Chodowiecki, entwirft eine Skizze nach der andern, deren Umrisse oft keck genug sind ... ... Immer mehr hatte sich das Gedränge vermindert; immer leerer und leerer war der Markt worden. Die Gemüseverkäuferinnen packten ihre Körbe zum Teil auf herbeigekommene Wagen, zum Teil schleppten sie sie selbst fort – die Mehlwagen fuhren ab – die Gärtnerinnen schuften den übriggebliebenen Blumenvorrat auf großen Schiebkarren fort – geschäftiger zeigte sich die Polizei, alles und vorzüglich die Wagenreihe in gehöriger Ordnung zu erhalten; diese Ordnung wäre auch nicht gestört, wenn es nicht hin und wieder einem schismatischen Bauernjungen eingefallen wäre, quer über den Platz seine eigene neue Beringsstraße zu entdecken, zu verfolgen und seinen kühnen Lauf mitten durch die Obstbuden, geradezu nach der Türe der deutschen Kirche, zu richten. Da gab es denn viel Geschrei und viel Ungemach des zu genialen Wagenlenkers. »Dieser Markt«, sprach der Vetter, »ist auch jetzt ein treues Abbild des ewig wechselnden Lebens. Rege Tätigkeit, das Bedürfnis des Augenblicks trieb die Menschenmasse zusammen; in wenigen Augenblicken ist alles verödet, die Stimmen, welche im wirren Getöse durcheinanderströmten, sind verklungen, und jede verlassene Stelle spricht das schauerliche: Es war! nur zu lebhaft aus.« – Es schlug ein Uhr, der grämliche Invalide trat ins Kabinett und meinte mit verzogenem Gesicht: der Herr möge doch nun endlich das Fenster verlassen und essen, da sonst die aufgetragenen Speisen wieder kalt würden. »Also hast du doch Appetit, lieber Vetter?« fragte ich. »O ja,« erwiderte der Vetter mit schmerzlichem Lächeln, »du wirst es gleich sehen.« Der Invalide rollte ihn ins Zimmer. Die aufgetragenen Speisen bestanden in einem mäßigen, mit Fleischbrühe gefüllten Suppenteller, einem in Salz aufrecht gestellten, weichgesottenen Ei und einer halben Mundsemmel. »Ein einziger Bissen mehr,« sprach der Vetter leise und wehmütig, indem er meine Hand drückte, »das kleinste Stückchen des verdaulichsten Fleisches verursacht mir die entsetzlichsten Schmerzen und raubt mir allen Lebensmut und das letzte Fünkchen von guter Laune, das noch hin und wieder aufglimmen will.« Ich wies nach dem am Bettschirm befestigten Blatt, indem ich mich dem Vetter an die Brust warf und ihn heftig an mich drückte. »Ja, Vetter!« rief er mit einer Stimme, die mein Innerstes durchdrang und es mit herzzerschneidender Wehmut erfüllte, »ja Vetter: et male nunc, non olim sie erit! « Armer Vetter! (Aus »Des Vetters Eckfenster«.) Naivität Ein Kranker, der an einer beharrlichen Schlaflosigkeit litt, sah sich genötigt, jede Nacht jemanden um sich zu haben, mit dem er nicht allein sprechen konnte, sondern der ihm auch in seinem gelähmten Zustande die nötige Hilfe leistete. So sollte ein junger Mann bei dem Kranken wachen. Statt aber zu wachen, verfiel derselbe in einen Schlaf, aus dem er nicht zu erwecken. Der Kranke war in dieser Nacht von einem besondern Geist fröhlicher und zwar musikalischer Laune ergriffen, besann sich auf alle möglichen Kanzonen und Kanzonetten, die er sonst gesungen, und sang sie mit heller Stimme ab. Endlich, als er in das schlafende Antlitz seines Wächters schaute, kam ihm dasselbe, sowie die ganze Situation, gar zu drollig vor. Er rief seinen Wächter laut bei Namen und fragte, als dieser sich aus dem Schlafe rüttelte, ob ihn vielleicht das Singen in seiner Ruhe störe. »Ach Gott!« erwiderte der junge Mann ganz naiv und trocken, indem er sich dehnte, »ach Gott nicht im mindesten. Singen Sie doch in Gottes Namen, Herr ... Rat, ich habe einen festen gesunden Schlaf!« Und damit schlief er wieder ein, indem der Kranke mit heller Stimme anstimmte: Sul margine d'un rio etc. An Hitzig 14. April 1822. Teuerster Freund! Hier ist des Vetters Eckfenster zur geneigten versprochenen Durchsicht. Ich lege auch das Konzept bei. Die letzten Seiten der Reinschrift habe ich noch gar nicht durchgesehen, weil mich alle Ungeduld zum Meister Wacht treibt, an dem ich scharf arbeite – Sie werden wohl noch viele Fehler finden, die jedoch leicht zu verbessern sind. Adios Hoffmann. An Johanna Eunike (Mit dem »Meister Floh«) (Der Köchin diktiert!) Johanna! ich sehe Ihren freundlichen Blick, ich höre Ihre süße liebliche Stimme: Ja oft lispelt mir in schlaflosen Nächten entgegen: Morgen so hell etz. Dies Tröstet mich für die Namenlosen Leiden welche mich schon seit viertehalb Monaten nicht von dem Sieg-Bette frey lassen. Gelähmt an Händen und Füßen bin ich außer Stande Ihnen beikommenden (sollte wohl eigentlich heißen beispringenden) Meister Floh selbst zu überreichen. Hier ist er, aber mittelst Übersendung. Lesen Sie, Lachen Sie, Denken Sie alles dabey, was Ihr fröhlicher Sinn Ihr feiner Takt Ihnen eingibt, und wogegen – kein Minister etwas einwenden kann. Gott mit Ihnen, ich hoffe Sie bald wiederzusehen. Berlin, den 1. Mai 1822. Bericht Hippels über seinen Abschied von dem kranken Hoffmann Es war der 14. April vorigen Jahres (1822), abends 9 Uhr, als ich Hoffmann zum letzten Male sah. Es waren bittere Momente. Schon mehrere Abende hintereinander hatte ich ihn mit der Absicht besucht ihn mit der Nähe des Scheidens bekanntzumachen. Denn meine Abreise hatte sich schon um einige Wochen verzögert und ich konnte sie nicht länger verschieben. Aber ich hatte nicht den Mut dazu. Meine Mißstimmung fiel ihm auf, und fast jeden Abend war sie der Gegenstand seines Tadels. Am meisten am letzten Abend. Ich konnte ihm die Wahrheit nun nicht länger verschweigen. Er war außer sich, und es war, als wenn der Schmerz ihm die längst verlorenen Kräfte wiedergab. Krampfhaft warf er sich im Bett hin und her mit dem Ausrufe: »Nein, nein, es kann nicht sein, Du kannst nicht reisen, Du kannst mich nicht verlassen.« Ja er verweigerte mir die schon damals halb erstorbene Hand zum Abschied. Als ich ihn nun endlich von der Notwendigkeit des Scheidens überzeugt hatte, ward er ruhiger, er reichte mir die Hand, sprach von Wiedersehen, weinte – bei ihm eine seltene Erscheinung – bitterlich, – und ich schied, um ihn nie mehr zu sehen. Am andern Morgen reiste ich ab.   Hoffmann starb am 25. Juni 1822 zwischen 10 und 11 Uhr vormittags.