James Fenimore Cooper Die Monikins Inhalt Einleitung. Erstes Kapitel. Des Verfassers Stammbaum, – sowie auch der seines Vaters. Zweites Kapitel. Von mir und zehen Tausend Pfund. Drittes Kapitel. Ansichten von dem Vorfahren unseres Verfassers, zusammt mit dessen eignen und fremden. Viertes Kapitel. Das Auf und Nieder, Hoffnungen und Befürchtungen, das Schwärmen der Liebe, einige Ansichten von Tod und eine Nachricht von einer Erbschaft. Fünftes Kapitel. Von dem socialen Haltpunkt-System, den Gefahren des Concentrirens, und andere moralische und unmoralische Merkwürdigkeiten. Sechstes Kapitel. Eine Theorie von handgreiflicher Erhabenheit. – Einige praktische Ideen. – Anfang der Abentheuer. Siebentes Kapitel. Von einem Amphibium; eine ganz besondre Einführung und ihre Folgen. Achtes Kapitel. Einführung vier neuer Charaktere, einige philosophische Winke und Hauptgedanken über Staatsökonomie. Neuntes Kapitel. Anfang der Wunder, die in Betracht ihrer Wahrheit um so ausserordentlicher sind. Zehntes Kapitel. Viel Unterhandlung, worin Menschenwitz gänzlich zu Schanden wird und menschlicher Scharfsinn sich als eine Eigenschaft von sehr secondärem Rang dargestellt. Eilftes Kapitel. Eine auf etwas Solides gegründete Philosophie; – einige deutlich dargestellte Gründe und spöttische Einwürfe dagegen in die Flucht geschlagen durch einen logischen Bayonettenangriff. Zwölftes Kapitel. Besser und Besser – Höherer Flug der Vernunft – Augenscheinlichere Wahrheiten – Tiefere Philosophie – Thatsachen, die selbst ein Straus verdauen könnte. Dreizehntes Kapitel. Kapitel der Vorkehrungen, – Charakter-Unterscheidung, – enges Anpassen, nebst andern Convenienzen und einigem Urtheil. Vierzehntes Kapitel. Wie man klein steuert, – wie man das Schiff durch den Handschuh laufen läßt; – wie man klar geht; – eine neumodische Werfte und gewisse Meilensteine. Fünfzehntes Kapitel. Ankunft. Empfangsfeierlichkeiten. Einige neue Taufen. Ein offizielles Dokument. Terra firma. Zweiter Theil Erstes Kapitel. Ein Wirthshaus. – Vorausbezahlte Schulden und seltsame Spuren von Menschen-Natur, innig mit Monikins-Natur verwachsen. Zweites Kapitel. Neue Lords. – Neue Gesetze. – Gyration, Rotation und noch eine Nation; auch eine Invitation. Drittes Kapitel. Ein Hof, ein Hofkleid und ein Höfling. – Gerechtigkeit und Ehre nach verschiedenen Rücksichten. Viertes Kapitel. Ueber die Demuth der professionellen Heiligen. – Eine Reihenfolge von Schweifen. – Eine Braut und ein Bräutigam und andre himmlische Dinge, – Diplomatie mit einbegriffen. Fünftes Kapitel. Ein sehr gewöhnlicher Fall, oder viel Gesetz und wenig Gerechtigkeit, – Köpfe und Schweife, und die Gefahren beider. Sechstes Kapitel. Immerbesser, – mehr Recht und mehr Gerechtigkeit, – Schweife und Köpfe, – die Wichtigkeit, jeden am Ort zu haben. Siebentes Kapitel. Ein Neuling in der Diplomatie. – Diplomatische Anleitung. - Eine Berechnung. – Eine Schiffslast von Ansichten. – Wie man Warensendungen zu wählen, nebst einer Auswahl davon. Achtes Kapitel. Politische Schranken, – politische Rechte, – politische Ausscheidungen, und politische Untersuchungen, nebst politischen Ergebnissen. Neuntes Kapitel. Ankunft, – Wahl, – Architektur, – Welgerholz und Patriotismus vom reinsten Wasser. Zehntes Kapitel. Ein Grundprincip, ein Grundgesetz und ein Grundirrthum. Eilftes Kapitel. Wie man Gesetze erläßt; – Beredtsamkeit, Logik und Rhetorik, Alles in seiner alltäglichen Gestall betrachtet. Zwölftes Kapitel. Wirkung der Berechnungen auf die Moral; – eine Obscuration, eine Dissertation und eine Calculation. Dreizehntes Kapitel. Wichtigkeit der Beweggründe für einen Gesetzgeber, moralische Folgerungen, Kometen, Katzen und ein Obhutsmann, nebst etwas alltäglicher Gesetzgebung, zusammen mit Ursache und Wirkung. Vierzehntes Kapitel. Einige Erklärungen, – ein menschlicher Appetit,– ein Mittagessen und ein Trinkgeld. Fünfzehntes Kapitel. Ein wenig Freundschaft, – etwas Gefühl, viel Liebe, und – eine Abrechnung. Sechzehntes Kapitel. Glück; – der beste Anhalt in der Staatsgesellschaft; – das Ergebniß vieler Erfahrung und – das Ende. »Und du, du kanntest sie,« sprach dann der Ritter. »O nein,« erwiederte der Knapp', »doch er, der mir die Geschichte erzählte, sagte mir, sie sei so wahr und gewiß, daß wenn ich sie etwa wieder erzählte, ich eidlich versichern könnte, ich hätte es mit eignen Augen gesehen.« Don Quixote Einleitung. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß manche, die dies lesen, wünschen mögen zu erfahren, wie ich in Besitz des Manuscripts gekommen. Ein solch' Verlangen ist zu billig und natürlich, um ihm nicht zu willfahren, und die Sache soll so kurz als möglich erzählt werden. Im Sommer 1828 auf einer Reise in jenen Schweizerthälern, die zwischen den zwei großen Alpenreihen liegen, und in welchen, beide, die Rhone und der Rhein ihren Ursprung nehmen, war ich von den Quellen des letzteren zu denen jenes Flusses fortgegangen, und hatte das Becken in den Gebirgen erreicht, das so berühmt ist, weil es den Gletscher der Rhone enthält, als der Zufall mir einen jener seltnen Augenblicke von Erhabenheit und Stille verschaffte, welche in dieser Halbkugel wegen ihres nicht häufigen Vorkommens nur um so köstlicher sind. Auf jeder Seite war die Aussicht durch hohe, zerrissene Berge begrenzt, deren Gipfel nahe an der Sonne erglänzten, während unmittelbar vor mir und auf gleicher Linie mit dem Auge jener wunderbare gefrorene See lag, aus dessen Ueberfluß die Rhone hervorstürzt, um, ein schäumender Strom, weg nach dem fernen Mittelländischen Meer zu enteilen. Zum ersten Mal, auf einer Pilgerfahrt von vielen Jahren, fühlte ich mich in Europa allein mit der Natur. Ach, der Genuß, wie nothwendiger Weise alle solche Genüsse im Drängen der alten Welt, war kurz und trügerisch. Ein Trupp kam um die Ecke eines Felsens herum, auf dem engen Maulthierpfad, in einzelnen Reihen; zwei Damen beritten, ebenso viel Herren zu Fuß, und voran der gewöhnliche Führer. Es war nichts weiter als Höflichkeit, aufzustehen und die Taubenaugen zu begrüßen , die blühenden Wangen der ersteren, als sie vorüberzogen. Sie waren Engländer und die Herren schienen mich für ihren Landsmann zu erkennen. Einer der letztern blieb stehen, und erkundigte sich höflich, ob der Uebergang über die Furka nicht durch Schnee gesperrt sei. Die Antwort war Nein, und für diese Belehrung sagte er mir, ich würde den Grimsel etwas schwierig finden, »aber,« fügte er lächelnd hinzu, »den Damen gelang der Uebergang, und Sie werden sich kaum bedenken.« Ich dachte, ich möchte wohl Schwierigkeiten überwinden, über die seine schönen Gefährtinnen hinausgekommen; er sagte mir dann, Sir Herbert Taylor sei Generaladjutant geworden, und wünschte mir guten Morgen. Ich saß, sinnend über Charakter, Hoffnungen, Erstrebungen und Interessen der Menschen, eine Stunde lang, und schloß dann, daß der Fremde Soldat sein müsse, der selbst in dieser kurzen und zufälligen Zusammenkunft einiges von dem gewöhnlichen Arbeiten seiner Gedanken über sein Gemüth hatte überfließen lassen. Meine einsame Wanderung über die Rhone wieder aufzunehmen und mich den Weg der steilen Seite des Grimsel hinaufzuarbeiten, kostete zwei weitere Stunden, und froh war ich, als ich die kleine kaltblickende Wasserfläche auf seinem Gipfel zu Gesicht bekam, die der todte See heißt. Der Pfad war an einer sehr kritischen Stelle mit Schnee erfüllt, wo in der That ein fehlgesetzter Tritt den Unvorsichtigen in's Verderben verlocken mochte. Eine große Gesellschaft erschien auf der andern Seite und erkannte vollkommen das Schwierige, denn sie hatte Halt gemacht, und war in ernster Berathschlagung mit dem Führer über die Möglichkeit des Durchgangs. Man beschloß es zu versuchen. Zuerst kam eine Dame mit dem lieblichsten, heitersten Antlitz, wie ich es nur je gesehen. Sie war auch eine Engländerin, und obwohl sie zitterte und erröthete und über sich selbst lachte, schritt sie vor mit Muth, und würde sicher meine Seite erreicht haben, hätte nicht ein unglücklicher Stein sich unter einem Fuße gedreht, der viel zu niedlich war für diese wilden Berge. Ich sprang vor und war so glücklich, sie vom Untergang zu retten. Sie fühlte die ganze Fülle ihrer Schuld, und bezeigte ihren Dank bescheiden aber mit Wärme. In einem Augenblick war ihr Gemahl bei uns; er ergriff meine Hand mit der Bewegung, die der empfinden mußte, der Zeuge gewesen war, wie er Gefahr gelaufen, einen Engel zu verlieren. Die Dame schien froh, uns zusammen allein zu lassen. »Sie sind ein Engländer,« sagte der Fremde. »Ein Amerikaner.« »Ein Amerikaner! Das ist seltsam. – Wollen Sie mir eine Frage vergönnen? – Sie haben mehr als mein Leben gerettet, Sie haben mir wahrscheinlich die Vernunft erhalten. Wollen Sie mir eine Frage vergönnen? Kann Geld Ihnen dienen?« Ich lächelte, und sagte ihm, daß, so närrisch es ihm auch scheinen möge, ich, obgleich ein Amerikaner, doch ein Mann von Ehre wäre. Er schien verlegen, und sein schönes Gesicht arbeitete sich ab, bis ich anfing ihn zu bemitleiden; es war augenscheinlich, er wollte mir irgendwie zeigen, wie sehr er sich für meinen Schuldner halte, und doch wußte er nicht genau, was er vorschlagen sollte. »Wir können uns wieder treffen,« sagte ich, seine Hand drückend. »Wollen Sie meine Karte hinnehmen?« »Sehr gerne.« Er legte »Viscount Householder« in meine Hand, und dafür gab ich ihm meinen unbedeutenden Namen. Er sah von der Karte auf mich und von mir auf die Karte, und ein angenehmer Gedanke schien über seinen Geist hinzublitzen. »Werden Sie Genf diesen Sommer besuchen?« fragte er ernst. »In einem Monat.« »Ihre Adresse – »Hotel de l'Ecu.« »Sie sollen von mir hören. – Adieu.« Wir schieden; er, seine liebliche Frau, seine Führer stiegen zur Rhone herab, während ich meinen Weg zum Grimsel-Hospiz fortsetzte. Nach einem Monat erhielt ich ein dickes Paquet im Ecu; es enthielt einen werthvollen Diamantring, mit der Bitte, ich möchte ihn als ein Andenken der Lady Householder tragen, und außerdem ein schön geschriebenes Manuscript. Das folgende kurze Schreiben erklärte das Weitere: »Die Vorsehung brachte uns zu mehr Zwecken, als zuerst ersichtlich, zusammen. Ich habe lange gezögert, anliegende Erzählung herauszugeben, denn in England herrscht die Neigung vor, über außerordentliche Thatsachen zu spotten, aber die Entfernung Amerika's von meinem Wohnort wird mich hinlänglich vor dem Lächerlichen schützen. Die Welt muß die Wahrheit haben, und ich sehe dazu kein besseres Mittel, als zu Ihnen meine Zuflucht zu nehmen. Alles, was ich erbitte, ist, daß Sie das Buch schön drucken lassen, und ein Exemplar an meine Adresse, Householder-Hall, Dorshetshire, England, und ein andres an Capitain Noah Poke, Stonington, Connecticut, in Ihrem Vaterland, schicken wollen. Meine Anna betet für Sie, und ist für immer Ihre Freundin. Vergessen Sie uns nicht. Ihr ergebenster Householder. Ich bin genau dieser Bitte nachgekommen, und nachdem ich die beiden Exemplare, wie mir geboten, abgesendet habe, ist der übrige Theil der Auflage zur Verfügung eines jeden, der sich geneigt fühlen mag dafür zu bezahlen. Für das nach Stonington gesandte Exemplar erhielt ich folgenden Brief: »An Bord des Debby und Dolly. Stonington, 1. April 1835. Dem Verfasser des Spion, Esq. Sir, Ihr Geehrtes ist mir zugekommen, und fand mich in guter Gesundheit, so wie ich hoffe, daß es mit diesen Zeilen bei Ihnen der Fall sein wird. Ich habe das Buch gelesen und muß sagen, es ist einiges Wahre darin, was, die Bibel, den Kalender und die Staatsgesetze ausgenommen, überhaupt alles ist, was man von einem Buch sagen kann. Ich erinnere mich des Sir John wohl, und werde dem, was er versichert, nichts entgegensagen, schon aus dem Grund, weil Freunde einander nicht widersprechen sollen. Ich war auch mit den vier Monikins bekannt, wovon er spricht, wiewohl ich sie anders nennen hörte. Meine Frau sagt, sie wundre sich, daß alles wahr sein sollte, und ich lasse sie dabei, da etwas Ungewißheit eine Frau vernünftig macht. Was mein Segeln ohne Geometrie betrifft, so war das kaum nöthig zu drucken, denn es ist nichts seltnes in diesen Breitegraden, wenn man nur ein oder zwei Mal des Tags einen Blick auf den Compaß wirft. Und so nehme ich Abschied von Ihnen, und erbiete mich, jeden Auftrag für Sie bei den Inseln zu besorgen, nach denen ich morgen, wenn es Wind und Wetter erlaubt, absegle. Ihr Noah Poke. Erstes Kapitel. Des Verfassers Stammbaum, – sowie auch der seines Vaters. Der Philosoph, der eine neue Lehre verkündet, ist gehalten, wenigstens einige Grundbeweise von der Vernunftmäßigkeit seiner Sätze zu liefern, und der Geschichtschreiber, der Wunder zu erzählen wagt, die bis dahin von menschlicher Erkenntniß verborgen gehalten worden , ist es einer gebührenden Rücksicht für die Meinungen andrer schuldig, einige glaubhafte Zeugnisse für seine Wahrhaftigkeit beizubringen. Ich bin in Hinsicht dieser beiden großen Erfordernisse in einer besondren Lage, da ich für meine Philosophie wenig mehr als ihre Wahrscheinlichkeit, und keinen andern Zeugen als mich selbst aufzuweisen habe, um die wichtigen Thatsachen zu begründen, die jetzt zum ersten Mal der lesenden Welt vorgelegt werden sollen. In dieser Verlegenheit fühle ich recht wohl die Verantwortlichkeit, die ich auf mich nehme, denn es gibt Wahrheiten von so wenig anscheinender Wahrscheinlichkeit, daß sie Erdichtungen gleichen, und ferner der Wahrheit so ähnliche Erdichtungen, daß der gewöhnliche Beobachter geneigt ist zu versichern, er sei ein Augenzeuge ihrer Wirklichkeit gewesen; zwei Thatsachen, welche alle unsre Geschichtschreiber wohl thun würden sich zu Gemüth zu führen, da eine Kenntniß der Umstände ihnen den Schmerz ersparen würde, Zeugnisse, die ihnen viele Mühe kosten, in dem einen Fall in Mißcredit gebracht zu sehen, und in dem andern viele peinvolle und unnöthige Mühe zu vermeiden. Also sowohl in Hinsicht dessen, was der Franzose die pièces justificatives meiner Theorien nennen würde, als auch was meine Thatsachen betrifft, auf mich selbst zurückgewiesen, sehe ich keinen andern Weg, den Leser zu bewegen mir zu glauben, als indem ich eine ungeschminkte Nachricht von meiner Abstammung, Geburt, Erziehung und Leben bis zu der Zeit gebe, wo ich Augenzeuge jener wunderbaren Begebenheiten ward, die ich das Glück habe zu erzählen, und womit zu seinem Glück der Leser jetzt bekannt gemacht werden soll. Ich werde mit meiner Abstammung, meinem Stammbaum beginnen, sowohl weil es die gewöhnliche Ordnung der Dinge so mit sich bringt, als auch um von diesem Theil meiner Erzählung gehörigen Vortheil zu ziehen, da er nicht nur dem übrigen Glaubwürdigkeit verschaffen wird, sondern auch dazu beitragen mag, Wirkungen auf ihre Ursachen zurückzuführen. Ich habe mich gemeiniglich als auf gleichem Fuß mit den ältesten Edelleuten Europa's angesehen, da wenige Familien klarer und direkter in den Nebel der Zeiten hinaufgeführt worden, als die, deren Glied ich bin. Meine Abkunft von meinem Vater wird unbestreitbar dargethan sowohl durch die Pfarrregister als durch das Testament von ihm selbst; und ich glaube, niemand kann die Wahrheit des ganzen Stammbaums seiner Familie deutlicher beweisen, als ich es im Stande bin mit dem meines Vorfahrs bis zur Stunde, wo er, zwei Jahre alt, schreiend vor Kälte und Hunger in dem Kirchspiel St. Giles in Westminster in dem vereinten Königreich Großbritanien gefunden ward. Ein Orangen-Weib hatte Erbarmen mit seinem Leiden. Sie sättigte ihn mit einer Brodkruste, wärmte ihn mit Wermuthbier und dann geleitete sie ihn voll Menschlichkeit zu einem Manne, mit welchem sie von jeher häufige aber ärgerliche Verhandlungen hatte, – zu dem Gemeindeaufseher. Der Fall mit meinem Vorfahr war so dunkel, daß er ganz klar war. Niemand konnte sagen, wem er angehörte, woher er gekommen, oder was etwa aus ihm werden sollte; und da das Gesetz damals noch nicht zuließ, unter Umständen wie diese, die Kinder auf der Straße verhungern zu lassen, sah sich der Gemeindeaufseher, nachdem er alle geeignete Schritte gethan, um die Kinderlosen und Barmherzigen seiner Bekannten zu dem Glauben zu vermögen, solch ein verlassenes Kind sei als besondres Pfand von der Vorsehung einem jeden von ihnen ins Besondre bestimmt, genöthigt, meinen Vater der Obhut einer der gewöhnlichen Ammen des Kirchspiels zu übergeben. Es war ein großes Glück für die Authenticität dieses Stammbaums, daß des Orangen-Weibes Verwenden diesen Erfolg hatte, denn wäre mein Vater den glücklichen Zufällen und edelmüthigen Launen freiwilliger Wohlthätigkeit ausgesetzt gewesen, so ist es mehr als wahrscheinlich, ich würde einen Schleier über jene wichtigen Jahre seines Lebens werfen müssen, die er notorisch im Arbeitshause zubrachte, und die jetzt, in Folge dieses Vorfalls, leicht durch rechtskräftige Beweise und documentarische Evidenz beglaubigt werden können. So geschieht es denn, daß in den Jahrbüchern unsrer Familie sich keine Lücken finden; selbst jene Periode, die gewöhnlich nur mit Mährchen und eitlen Erzählungen in dem Leben der meisten Männer ausgefüllt wird, ist Gegenstand eines gesetzlichen Aufzeichnens in dem Leben meines Vorfahren, und war es so immer bis zum Tag seiner angenommenen Volljährigkeit, da er einem sorgsamen Meister den Augenblick übergeben ward, wo der Pfarrsprenkel mit einigem gesetzlichen Grund, denn von Schicklichkeit und Anstand kann ja hier keine Rede sein, seiner los werden konnte. Ich hätte bemerken sollen, daß das Orangen-Weib von dem Schild eines Metzgers, dessen Thür gegenüber mein Vorfahr gefunden ward, Veranlassung nahm, ihm sehr scharfsinnig den Namen Thomas Goldenkalb zu geben. Dieser zweite wichtige Uebergang in der Geschichte meines Vaters, seine Lehrzeit nämlich, kann als eine Vorbedeutung seines künftigen Glücks betrachtet werden. Er ward Lehrling bei einem Händler in Mode-Artikeln, bei einem Ladeninhaber, der mit solchen Gegenständen verkehrte, wie sie gewöhnlich von denen gekauft werden, die nicht recht wissen, was sie mit ihrem Gelde thun sollen. Dieses Gewerb war von ausserordentlichem Nutzen für das künftige Wohlergehen des jungen Abentheurers, denn ungerechnet die bekannte Thatsache, daß die, welche ergötzen, weit besser bezahlt werden, als die, so belehren, so setzte ihn auch seine Stellung in den Stand, jene Launen der Menschen zu studieren, welche, wenn gehörig geleitet, an sich selbst eine Mine des Reichthums sind, und ausserdem zu der wichtigen Wahrheit führen, daß die größten Begebenheiten dieses Lebens weit öfter das Ergebniß des bloßen Antriebs als der Berechnung sind. Ich habe es in direkter Ueberlieferung mündlich von den Lippen meines Großvaters überkommen, daß niemand in dem Charakter seines Herrn hätte glücklicher sein können als er selbst; dieser Mann, der zu rechter Zeit als mein Großvater von mütterlicher Seite sich erwieß, war einer jener vorsichtigen Krämer, die andre aus eignem Vortheil in ihren Thorheiten bestärken, und die Erfahrung von fünfzig Jahren hatte ihn in den Kniffen seines Handwerks so gewandt gemacht, daß er selten eine neue Ader in seiner Mine anschlug, ohne sich für sein Beginnen durch einen Erfolg belohnt zu sehen, der seinen Erwartungen gänzlich entsprach. »Tom,« sagte er eines Tags zu seinem Lehrling, als die Zeit Vertrauen zwischen ihnen hervorgebracht, und gleiche Gefühle geweckt hatte, »du bist ein glücklicher Junge, oder der Gemeindeaufseher hätte dich nie zu meiner Thür gebracht. Du kennst schlecht den Reichthum, der für dich aufgespeichert ist, alle die Schätze, die zu deinem Befehl stehen, wenn du dich eifrig erweisest, und besonders treu meinen Interessen bist.« Mein vorsichtiger Großvater ließ selten eine Gelegenheit vorübergehen, ohne eine nützliche Moral einfließen zu lassen, obgleich auch im Allgemeinen sein Handel durch Wahrhaftigkeit sich auszeichnete. »Nun wie hoch denkst du, Junge, beläuft sich mein Kapital?« Mein Vorgänger in männlicher Linie wagte keine Antwort, denn bis jetzt waren seine Gedanken auf den Profit beschränkt gewesen, und nie hatte er gewagt, seine Ideen bis zu jener Quelle zu erheben, aus der, wie er nothwendig sehen mußte, er in reichem Strom herfloß; aber auf sich selbst beschränkt durch diese unerwartete Frage, und schnell in den Zahlen, fügte er zehn Prozent zu der Summe, welche, wie er wußte, letztes Jahr der Netto-Gewinn ihrer vereinten Kunstfertigkeit gewesen, hinzu, und nannte den Betrag als Antwort auf die Frage. Mein Großvater von mütterlicher Seite lachte meinem direkten Lenear-Vorfahren gerade zu in das Gesicht. »Du urtheilst, Tom,« sagte er, als seine Lustigkeit sich ein wenig gelegt hatte, »nach dem, was du für die Interessen des wirklichen Kapitals vor deinen Augen hältst, während du auch das in Rechnung bringen solltest, was ich unser schwebendes Kapital nenne.« Tom sann einen Augenblick; denn wenn er auch wußte, daß sein Herr Geld in den Fonds hatte, so rechnete er doch das nicht als einen Theil der verfügbaren Mittel, die mit seinem gewöhnlichen Geschäft zusammengehangen hätten; und in Hinsicht des schwebenden Kapitals sah er nicht recht ein, wie es von großem Belang sein konnte, da das Mißverhältniß zwischen dem Einkaufspreiß und den Verkaufspreißen der einzelnen Artikel, womit sie handelten, so groß war, daß bei einer solchen Untersuchung nicht viel herauskommen konnte. Da jedoch sein Herr selten für etwas bezahlte, bevor er nicht im Besitz des Einkommens davon war, welches die Schuld einige sieben Mal überstieg, dachte er anfangs, der alte Mann spiele auf die Vortheile an, die er durch Credit erlangte, und nach einigem weitern Nachdenken faßte er ein Herz und sagte noch ein Mal soviel. Nochmals überließ sich mein mütterlicher Großvater einem herzlichen Lachen. »Du bist geschickt auf deine Art, Tom«, sagte er, »und ich liebe die Genauheit deiner Rechnungen, denn sie zeugen von Talent für die Handlung; aber in unserm Beruf liegt Genie sowohl als Geschicklichkeit. Komm hierher, Junge,« fügte er hinzu, und zog Tom an ein Fenster, von wo sie die Nachbarn auf ihrem Weg zur Kirche sehen konnten, denn an einem Sonntag überließen sich meine zwei vorsichtigen Vorfahren diesen moralischen Ansichten von der Menschheit, als besonders passend für diesen Tag. »Komm hierher, Junge, und du sollst einen kleinen Theil jenes Kapitals sehen, welches, während du es versteckt glaubst, draußen herschreitet am Tageslicht und in den offenen Straßen. Hier, du siehst das Weib unseres Nachbars, des Pastetenbäckers, mit welchem Air wirft sie ihr Haupt, und zeigt die Schleife, die du ihr gestern verkauftest; nun eben jene, müßig und eitel, und wenig trauenswerth wie sie ist, sie trägt einen Theil meines Kapitals bei sich.« Mein würdiger Vorfahr staunte, denn er wußte nicht, daß der andere jemals sich einer solchen Unvorsichtigkeit schuldig gemacht, um einem Weibe zu trauen, das, wie sie beide wußten, mehr kaufte, als ihr Mann zu bezahlen Willens war. »Sie gab mir eine Guinee, Meister, für das, was nicht sieben Shillinge kostete.» »Freilich, Tom, und Eitelkeit trieb sie dazu; ich stelle auf ihre Thorheit, Junge, und auf die aller andern, Wechsel aus; nun siehst du nicht, mit welchem Kapital ich meine Geschäfte führe. Dort, dort ist die Magd, die da hinten die Oberschuhe trägt; ich zog erst letzte Woche auf mein Kapital in jenes Weibes Besitz eine halbe Krone.« Tom dachte lange Zeit über diese Anspielungen seines vorsichtigen Meisters nach, und obgleich er sie fast eben so gut verstand, als sie von den Eigentümern der sanften Augen und sich spreitzenden Backenbärten unter meinen Lesern verstanden sein werden, gelangte er doch durch Nachdenken zuletzt zu einem praktischen Verstehen des Gegenstandes, den er, ehe er noch in den dreißigen war, ziemlich wohl, um einen französischen Ausdruck zu gebrauchen, exploitirt hatte. Ich höre nach unbestreitbarer Ueberlieferung, die ich auch aus dem Mund seiner Zeitgenossen empfangen, daß die Ansichten meines Vorfahrs zwischen zehen und vierzig einige wesentliche Veränderungen erlitten; ein Umstand, der mich oft auf den Gedanken gebracht, daß man wohl thun würde, nicht zu sehr auf seine Grundsätze während der beugsamen Periode des Lebens zu vertrauen, wo das Gemüth, gleich dem zarten Schößling, leicht auf die Seite gewandt und der Einwirkung der umgebenden Ursachen unterworfen wird. Während der früheren Jahre der Bildungsperiode bemerkte man in meinem Vorfahr lebhafte Gefühle des Mitleids beim Anblick von verlassenen Kleinen; auch sah man ihn niemals an einem Kind, besonders an einem Knaben vorübergehen, der noch im Flügelkleide war, und vor Hunger in den Straßen schrie, ohne seine Brodkruste mit ihnen zu theilen. In der That diese seine Gewohnheit soll beständig und gleichförmig gewesen sein, jedes Mal wenn dies Begegnen Statt hatte, nachdem mein würdiger Vater sein eignes Mitgefühl durch ein gutes Mittagessen geschärft hatte, ein Umstand, der einer lebhaftemrn Mitempfindung des Vergnügens, das er verschaffen wollte, zugeschrieben werden mag. Nach seinem sechszehnten Jahre hörte man ihn manchmal von Politik reden, ein Gegenstand, über den er sich vor seinem zwanzigsten mit Erfahrung und Beredsamkeit ausließ. Sein gewöhnliches Thema war Gerechtigkeit und die heiligen Rechte des Menschen, über welche er bisweilen sehr glänzende Sprüche äußerte, wie sie recht eigentlich einem Manne zukamen, der auf dem Boden des großen Staatstopfs sich befand, welcher damals wie jetzt, tüchtig kochte, und wo ihm die Hitze, die den Topf in Wallungen erhielt, am fühlbarsten ward. Man versichert mich, über Taxen, über die Unbilden Amerika's und Irland's konnten wenig junge Leute in dem Pfarrsprengel mit mehr Eifer und Salbung reden. Um diese Zeit hörte man ihn auch in den Straßen rufen: Wilkes und Freiheit! Aber wie dies bei allen Leuten von seltnen Fähigkeiten so ist, es fand sich im Gemüth meines Vorfahrs eine Centralisation von Kräften, welche bald alle seine herumschweifenden Sympathien, den bloßen Auswuchs lebhafter, überfließender Gefühle, zu einer gehörigen und nützlichen Unterwerfung brachte, indem sie alles in das Eine verschlingende und geräumige Gefach seines eignen Selbst zusammenfaßte. Ich nehme für meinen Vater in der Hinsicht nichts Besondres in Anspruch; wie oft habe ich solche Leute beobachtet; gleich unvernünftigen Reutern, die, ehe sie nur noch fest im Sattel sitzen, vielen Staub erregen, und herum trotten, als wenn die Heerstraße für ihre excentrische Ritte zu enge wäre, die aber hernach gerade auf ihr Ziel losschießen, wie der Pfeil vom Bogen, – ihnen gleich überlassen sich die Meisten beim Eintritt in ihre Laufbahn ihren überschwenglichen Gefühlen, sind aber später gerade die, die am ersten eine gehörige Herrschaft darüber erlangen, und sie in die Schranken des gesunden Menschenverstandes und der Klugheit einschließen. Vor seinem fünf und zwanzigsten Jahr war mein Vater ein so exemplarischer und beständiger Anhänger des Plutus, als nur irgend jemand damals zwischen Ratcliffe-Highway und Bridge-Street gefunden ward, – ich nenne diese Orte besonders, da alle übrige in der großen Hauptstadt, in der er geboren ward, wie man weiß, in Hinsicht des Geldes gleichgültiger sind. Mein Vorfahr war gerade dreißig Jahr alt, als sein Herr, der wie er selbst ein Junggesell war, sehr unerwartet und zu bedeutendem Aergerniß der Nachbarschaft einen neuen Inwohner in seinen spärlichen Haushalt in der Person eines kleinen Mädchens einführte. Jemand mußte ebenfalls auf sein Kapital von Schwachheit spekulirt haben; denn dieß arme, kleine, hülflose, verlassene Wesen ward seiner Sorgfalt, wie Tom selbst, von der Wachsamkeit des Gemeindeaufsehers übergeben. Viele gutgemeinte Scherze ergingen von Seite der Witzigeren seiner Nachbarn bei dieser plötzlichen Wendung seines Glücks über den gedeihenden Modehändler, und nicht geringen, böswilligen Hohn erhielt er hinter seinem Rücken, da viele der Kundigen in der Nachbarschaft eine weit stärkere Aehnlichkeit des kleinen Mädchens mit all den andern unverheiratheten Männern der acht oder zehn anstoßenden Straßen als mit dem würdigen Haushälter finden wollten, der zu ihrem Unterhalt ausersehen worden. Ich war sehr geneigt, die Ansicht dieser edlen Beobachter als Autorität in meinem Stammbaum anzunehmen, weil ich dadurch das Dunkel, worin alle alten Geschlechter wurzeln, um eine Generation früher erreicht haben würde, als wenn ich zugebe, daß die kleine Betsey die Tochter von dem Herrn meines directen männlichen Vorfahren gewesen; aber bei näherem Nachdenken habe ich mich entschlossen, der weniger allgemeinen, aber einfacheren Auslegung der Sache beizustimmen, da sie mit der Vererbung eines nicht kleinen Theils unseres Besitzes zusammenhängt, ein Umstand, der an und für sich schon der Genealogie Würde und Wichtigkeit gibt. Was aber auch immer die Ansichten des vermeintlichen Vaters in Hinsicht seiner Rechte auf die Ehren dieses edlen Titels gewesen sein mögen, er faßte bald eine so feste Zuneigung zu dem Kinde, als wenn es ihm wirklich sein Dasein verdankte. Das kleine Mädchen ward sorgfältig gewartet, reichlich genährt und gedieh auch demgemäß. Sie hatte ihr drittes Jahr erreicht, als der Modehändler von seiner kleinen Puppe, die sich eben von dieser Krankheit erholte, die Blattern bekam, und nach dem zehnten Tag starb. Das war ein unvorhergesehener und betäubender Schlag für meinen Vorfahr, der damals in seinem 35. Jahre stand, und Hauptcommis des Geschäfts war, welches mit den wachsenden Thorheiten und Eitelkeiten der Zeit gewachsen war. Bei Eröffnung von seines Herrn Testament fand sich, daß meinem Vater, der allerdings zuletzt bedeutend zur Erwerbung des Geldes mitgewirkt hatte, der Besitz des Geschäfts, die Verfügung über alle Fonds und die alleinige Verwaltung des Vermögens überlassen ward. Ihm ward auch die ausschließliche Vormundschaft über die kleine Betsey anvertraut, der sein Herr gütigst jeden Shilling seines Vermögens vermachte. Ein gewöhnlicher Leser wird sich vielleicht erstaunen, daß ein Mann, der so lange die Schwachheiten der Menschen ausgebeutet, so viel Zutrauen auf einen bloßen Commis gehabt haben sollte, um seinen ganzen Besitz so vollständig in seiner Hand zu lassen, aber man muß sich erinnern, daß der menschliche Scharfsinn noch kein Mittel ausgefunden, wodurch wir unsere Habe mit in die andere Welt nehmen können, man muß sich erinnern, daß, was nicht zu ändern, ertragen werden muß, daß er notwendigerweise dieses wichtige Vertrauen zu einem seiner Nebenmenschen haben mußte, und daß es besser war, die Verwaltung seines Geldes einem zu überlassen, der das Geheimniß wußte, wie es aufgehäuft worden, und also weniger Antrieb zur Unredlichkeit hatte, als einem, der den Lockungen der Begehrlichkeit ausgesetzt war, ohne Kenntnis von den directen und gesetzlichen Mitteln zu haben, sein Verlangen zu stillen. Man hat daher angenommen, daß der Erblasser, indem er sein Geschäft einem Manne überließ, der so sehr alle dessen Vollkommenheiten, moralische und pekuniäre, zu würdigen wußte, wie mein Vorfahr, in der festen Ueberzeugung stand, er sichre ihn hinlänglich vor aller Versuchung der Sünde des Raubs und Betrugs, indem er ihn so sehr mit den einfachern Mitteln sich zu bereichern versähe. Außerdem muß man auch billiger Weise annehmen, daß die lange Bekanntschaft hinlängliches Vertrauen erzeugt hatte, um die Wirkung jenes Sprüchworts zu schwächen, das ein Witzbold einem Possenreisser in den Mund gelegt hat: »Macht mich zu eurem Testamentsvollstrecker, Vater, und ich kümmere mich nichts darum, wem ihr das Erbe laßt.« Dem sei, wie ihm wolle, nichts ist sichrer, als daß mein würdiger Vorfahr das ihm Anvertraute mit der gewissenhaftesten Treue eines Mannes ausführte, dessen Rechtschaffenheit in der Moral des Handels streng geschult worden. Die kleine Betsey wurde ihrem Stand gemäß erzogen, und über ihre Gesundheit so sorgfältig gewacht, als wenn sie statt die einzige Tochter eines Modehändlers die einzige Tochter des Fürsten gewesen; ihre Aufführung wurde beaufsichtigt von einer bejahrten Dame, ihr Geist seiner ursprünglichen Reinheit überlassen, ihre Person eifersüchtig gegen die Pläne gieriger Glücksritter geschützt; ja, um die lange Reihe seiner väterlichen Aufmerksamkeiten und Sorgen voll zu machen, trug mein wachsamer und treuer Vorfahr, um allen Zufällen zuvorzukommen und soweit es menschlicher Vorsicht gestattet wäre, allen Wechseln des Lebens entgegenzuarbeiten, Sorge, sie gesetzlich den Tag, wo sie ihr 19. Jahr erreicht hatte, an den Mann zu verheirathen, welchen, wie wir alle Ursache zu glauben haben, er für den untadeligsten seiner Bekannten hielt, – mit andern Worten an sich selbst. Nähere Bestimmungen waren zwischen beiden Theilen unnöthig, da sie so lange mit einander bekannt gewesen, und bei der großen Freigebigkeit von seines frühern Herrn Testament, bei der langen Minderjährigkeit, und dem Eifer des ehemaligen Hauptcommis, war der Ehesegen kaum gesprochen worden, als unsre Familie in den unbestrittenen Besitz von 400,000 Pf. eintrat. Ein in Hinsicht der Religion und Gesetze weniger gewissenhafter Mann würde es nicht für nöthig gehalten haben, der verwaisten Erbin nach Ablauf der Vormundschaft eine so befriedigende Versorgung zu bereiten. Ich war der fünfte von den Kindern aus dieser Verbindung, und der einzige unter ihnen, der über das erste Jahr hinauskam. Meine arme Mutter überlebte meine Geburt nicht, und so kann ich von ihren Eigenschaften nur nach jener wichtigen Quelle aller Familienarchive, der Überlieferung, reden. Nach allem, was ich gehört, muß sie ein sanftes, ruhiges, häusliches Weib gewesen sein, die durch Charakter und andere Eigenschaften ausgezeichnet, wohl im Stande war, die klugen Plane meines Vaters für ihre Wohlfahrt zu unterstützen. Wenn sie Ursachen zu Klagen hatte (und daß sie deren hatte, müssen wir denken, denn wer ist ohne sie?), wurden sie mit weiblicher Treue verheimlicht und in dem heiligen Schreine ihres eignen Herzens versteckt; und wenn die trügerische Phantasie manchmal ihr dunkel die Umrisse ehelicher Glückseligkeit verschieden von den Umständen entwarf, die in trüber Wirklichkeit ihr vor Augen standen, verweilte sie nur bei dem Gemälde mit einem Seufzer und zog sich zurück in ein Gemach, wozu niemand den Schlüssel berührte als sie selbst und auch sie selten. Von diesem unterdrückten und wenig auffallenden Gram, (denn manchmal, fürchte ich, kam es zu dieser Stärke des Gefühls,) hatte mein edler und unermüdlicher Vorfahr, so schien es, keine Ahnung. Er fuhr fort in seinen Geschäften mit seiner gewöhnlichen einförmigen Hingebung, und das letzte, was ihm in den Sinn gekommen, wäre der Zweifel gewesen, daß er in seiner Vormundschaft nicht genau seine Pflicht gethan. Wäre es so gewesen, sicher hätte niemand mehr durch sein Unterlassen gelitten als ihr Gemahl, und niemand mehr Recht zur Klage gehabt. Da sich aber ihr Gemahl nie eine solche Beschuldigung auch nur zu machen gedachte, ist es gar nicht zu erstaunen, daß mein Vorfahr in Unwissenheit von seines Weibes Kummer bis zur Stunde seines Todes verblieb. Es ist schon bemerkt worden, daß die Ansichten des Nachfolgers von dem Modehändler einige wesentliche Veränderungen zwischen den Jahren zehen und vierzig erlitten. Nachdem er sein zwei und zwanzigstes Jahr erreicht, oder mit andern Worten, sobald er für sich selbst sowohl als seinen Herrn Geld zu verdienen begann, hörte er auf »Wilkes und Freiheit!« zu rufen; man vernahm während der ganzen fünf Jahre, die auf seine Volljährigkeit folgten, keine Sylbe von ihm über die Verpflichtungen der Staatsgesellschaft, dem Schwachen und Unglücklichen gegenüber; er berührte die Pflichten des Christen nur leichthin, nachdem er fünfzig Pfd. reich geworden, und über die Thorheiten der Menschen zu spotten, – das wäre niedrige Undankbarkeit von einem Manne gewesen, der so augenscheinlich sein Brod durch sie verdient hatte. Doch waren um diese Zeit seine Bemerkungen über Taxen ganz besonders bitter und wohl angebracht. Er spottete über die Staatsschuld wie über einen Fluch des Staats, und sagte vorbedeutungsvoll, in Folge der Lasten und Beschwerden, die sie stündlich auf die schon überladenen Schultern des Kaufmanns häufe, die Auflösung der Staatsgesellschaft voraus. Die Zeit seiner Vermählung und Nachfolge in den Kisten und Kasten seines früheren Herrn kann als die zweite Epoche in den Ansichten meines Vorfahren angesehen werden. Von diesem Augenblick an stieg sein Ehrgeiz, seine Ansichten erweiterten sich wie seine Mittel, und seine Betrachtungen über sein großes schwebendes Kapital wurden tiefer und philosophischer. Ein Mann von meines Vaters angebornem Scharfsinn, dessen ganze Seele in Verfolgung des Gewinns vertieft war, der so lange seinen Geist durch den Verkehr mit den Elementen der menschlichen Schwächen gebildet hatte, und schon 400,000 Pf. besaß, mußte natürlich für sich einen erhabneren Weg nach der Größe einschlagen, als der war, auf welchem er so mühsam während der Jahre peinlicher Prüfung gewandert war. Das Eigenthum meiner Mutter war hauptsächlich in guten Verschreibungen und Pfändern angelegt worden, da ihr Beschützer, Patron, Wohlthäter und vom Gesetz bestellter Vater einen unbesiegbaren Widerwillen dagegen hatte, sich der seelenlosen, conventionellen, unbegränzten Körperschaft, dem Staate zu vertrauen. Das erste Zeichen, das mein Vater von einer Veränderung seiner beabsichtigten Bestrebungen gab, war, daß er alle seine Ausstände einkassirte, und so den Napoleonischen Plan annahm; er concentrirte seine Kräfte in Einen Punkt, um dann mit Massen zu operiren. Um diese Zeit hörte er auch plötzlich auf, über Taxen zu spotten. Diesen Wechsel kann man dem vergleichen, der mit der Sprache ministerieller Blätter vorgeht, wenn sie aufhören einen fremden Staat zu höhnen, mit welchem die Nation Krieg geführt, den man aber endlich für zweckmäßig hält zu beendigen; und es geschah auch fast aus denselben Gründen, da es die Absicht meines listigen Vorfahrs war, eine Macht sich zum Verbündeten umzuschaffen, die er bisher immer als einen Feind behandelt hatte. Das Ganze der 400,000 Pf. wurde freigebig dem Land vertraut, und der frühere Modehändlers Lehrling betrat den Kampfplatz der tugendhaften und patriotischen Börsenspekulation als Bulle, wenn auch mit mehr Vorsicht, doch wenigstens mit einem Theil der Energie und Störrigkeit jenes verzweifelnden Thiers, das dieser Klasse von Abentheurern den Namen gibt. Erfolg krönte seine lobenswerthen Bestrebungen, das Gold strömte auf ihn ein, wie Wasser bei der Fluth, und erhob ihn, Geist und Körper, zu jener neidenswerthen Höhe, wo, wie es scheinen möchte, allein der rechte Anblick von der Gesellschaft in ihren unzähligen Phasen erlangt werden kann. All seine früheren Ansichten vom Leben, welche er, wie alle andre von ähnlicher Herkunft und ähnlichen politischen Gefühlen, in den frühsten Jahren sich gebildet hatte, und welche mit Recht nähere Ansichten genannt werden können, wurden jetzt vollständig durch die höhere und weitre Aussicht, die sich vor ihm aufthat, verdunkelt. Ich fürchte die Wahrheit wird mich zuzugeben nöthigen, daß mein Vorfahr nie in der gewöhnlichen Bedeutung des Worts wohlthätig war, aber dann behauptete er immer, seine Theilnahme an seinen Mitgeschöpfen sey von einer höheren Art, umfasse in einem Gesammtblick alle Quellen des Guten und Bösen, sei von jener Art Liebe, die den Vater bestimmt, sein Kind zu züchtigen, damit die Lehre des gegenwärtigen Leidens die Wohlthat künftigen Wohlverhaltens und Brauchbarkeit hervorbringe. Nach diesen Grundsätzen verfahrend, entfremdete er sich immer mehr von seinen Mitmenschen, ein Opfer, das wahrscheinlich die Strenge seiner durch die That bewiesenen Mißbilligung ihrer wachsenden Schlechtigkeit und die unnachsichtliche Staatsklugheit erheischte, die nöthig war, um ihr Gewicht zu geben. Um diese Zeit fühlte auch mein Ahnherr recht innig, was man den Werth des Geldes nennt, ein Gefühl, das meiner Meinung nach ihrem Besitzer eine mehr als gewöhnlich lebhafte Würdigung der Gefahren verleiht, denen diese edle Metalle ausgesetzt sind, sowie es ihn ihre Vorrechte und Anwendung ganz besonders kennen lehrt. Er ließ sich gelegentlich über die Bürgschaften und Garantie'n aus, die man nothwendig der Staats-Gesellschaft ihrer eignen Sicherheit wegen leisten müsse, stimmte nie, selbst nicht für einen Gemeindediener, wenn er nicht ein eifriger, solider Bürger war, und fing nachgerade an auch als Subscribent bei den patriotischen Fonds und den andern ähnlichen kleinen moralischen und pecuniären Stützen der Regierung aufzutreten, deren allgemeiner und lobenswerther Zweck ja sei, unser Land, unsre Altäre und unsern Heerd zu schützen. Meiner Mutter Sterbebett ist mir als ein rührender, trauervoller Auftritt beschrieben worden. Es scheint, daß in dem Maße, als diese sanfte, eingezogene Frau der Hülle der Sterblichkeit sich entwand, ihr Geist heller, ihre Seelenkräfte stärker und ihr Charakter in jeder Hinsicht höher und gebietender ward. Obgleich sie weit weniger als ihr Gemahl von unserm »Heerd und unsern Altären« gesprochen, sehe ich doch keinen Grund zu zweifeln, daß sie immer ganz ebenso treu dem erstern und ebenso andächtig bei den andern gewesen. Ich werde ihren Übergang von dieser zu einer bessern Welt beschreiben, wie ich es oft von den Lippen eines Mannes vernommen, der zugegen war, und später mich vorzüglich zu dem machte, der ich bin. Dieser Mann war der Pfarrer der Gemeinde, ein frommer Geistlicher, ein Gelehrter und ein Mann von Ehre sowohl durch seinen Charakter als durch die Geburt. Meine Mutter, obgleich seit langem sich bewußt, daß sie sich ihrem letzten großen Tag nähere, hatte standhaft verweigert, ihren Gemahl seinen alles verschlingenden Geschäften zu entziehen, indem sie ihn von ihrer Lage hätte benachrichtigen lassen. Es war ihm bekannt, daß sie krank sei, sehr krank, wie er wohl denken mußte, aber da er ihr nicht nur vergönnte, sondern auch von freien Stücken allen Rath, alle Hilfe ihr zukommen ließ, die Geld verschaffen konnte (mein Vorfahr war kein Geizhals in der gemeinen Bedeutung des Worts), so glaubte er alles gethan zu haben, was ein Mensch in Hinsicht auf Leben und Tod thun könnte, denn solche Fälle, gestand er, stünden nicht unter seiner Kontrolle. Er sah den Dr. Ethrington, den Oberpfarrer, täglich kommen und gehen einen Monat lang, ohne Unruhe, ohne Befürchtung; denn er dachte die Unterredung mit ihm werde einen beruhigenden Einfluß auf meine Mutter ausüben, und er hatte eine große Vorliebe für alles, was ihn ungestört der Beschäftigung überließ, worin sich jetzt alle seine Geisteskräfte so ausschließlich concentrirt hatten. Der Arzt erhielt bei jedem Besuch seine Guinee mit gewissenhafter Pünktlichkeit, die Wärterinnen waren wohl aufgenommen und wohl zufrieden, denn Niemand mischte sich in ihr Geschäft als der Arzt, und alle sonstige ihm obliegende Dienste wurden so regelmäßig von meinem Vorfahren erfüllt, als wenn das hinwelkende ergebene Wesen, von dem er bald für immer getrennt werden sollte, die freie Wahl seiner jugendlich frischen Zuneigung gewesen. Als daher ein Diener hereintrat, um zu melden, Dr. Ethrington wünsche eine geheime Unterredung, war mein würdiger Vorfahr, der sich keiner Vernachlässigung irgend einer dem Freund der Kirche und des Staats zukommenden Pflicht bewußt fühlte, nicht wenig betroffen. »Ich komme, Herr Goldenkalb, mit einer traurigen Botschaft«, sagte der fromme Oberpfarrer, indem er in das geheime Kabinet trat, wozu auf sein Verlangen er zum ersten Mal zugelassen worden.« Das schreckliche Geheimniß kann Ihnen nicht länger vorenthalten werden, und Ihre Frau gibt endlich ihre Einwilligung, daß es Ihnen durch mich offenbart werden soll.« Der Pfarrer hielt ein, denn bei solchen Gelegenheiten ist es vielleicht nicht übel, wenn man den Theil, der erschüttert werden soll, etwas von dem Schlag durch sein eignes Errathen aufnehmen läßt: und ziemlich geschäftig soll auch bei dieser peinlichen Gelegenheit die Einbildungskraft meines Vaters gewesen sein. Er ward blaß, öffnete seine Augen, bis sie wieder gänzlich die Höhlen füllten, in die sie allmählig seit zwanzig Jahren eingesunken, und that mit ihnen hundert Fragen, die seine Zunge sich zu thun weigerte. »Es ist nicht möglich, Herr Pfarrer«, sagte er endlich kläglich, »daß ein Weib wie Betsey, einen Blick in die, mit der letzten großen geheimen Reise verbundenen Vorfälle sollte gethan haben, die meiner Sorge und Erfahrung entgangen sind.» »Ich fürchte, Sir, Madame Goldenkalb hat Blicke in jene letzte große geheime Reise gethan, zu der wir uns alle früher oder später einschiffen müssen, die aber gänzlich ihrer Wachsamkeit entgangen sind. Aber davon will ich ein ander Mal sprechen. Jetzt ist es meine peinliche Pflicht, Sie zu benachrichtigen, daß der Arzt der Meinung ist, Ihre vortreffliche Frau werde nicht das Ende des Tags, vielleicht nicht dieser Stunde erleben.« Mein Vater ward von dieser Botschaft betroffen, und länger als eine Minute blieb er schweigend und ohne Regung. Er warf seine Augen auf die Papiere, mit welchen er so eben beschäftigt gewesen, und die einige sehr wichtige mit dem nächsten Abschlußtag zusammenhängende Berechnungen enthielten, und begann alsdann endlich: »Wem dem wirklich so ist, Herr Pfarrer, wird es gut sein, mich zu ihr zu begeben, da in ihrer Lage die arme Frau mir in der That etwas von Wichtigkeit mitzutheilen haben kann.« – »Zu dem Zweck bin ich jetzt gekommen, Ihnen die Wahrheit zu sagen«, antwortete ruhig der Geistliche, der wohl wußte, daß durch Bestreitung seiner ihn ganz beherrschenden Schwachheit mit einem solchen Mann in einem solchen Augenblick nichts zu gewinnen war. Mein Vater nickte mit dem Kopf Beistimmung, und nachdem er erst sorgsam die offenen Papiere in einem Sekretär verschlossen, folgte er seinem Gefährten zum Bette seines sterbenden Weibes. Zweites Kapitel. Von mir und zehen Tausend Pfund. Obgleich mein Vorfahr viel zu weise war, um nicht manchmal in weltlicher Rücksicht auf seinen Ursprung zurückzuschauen, so warf er doch diese Rückblicke nie so weit, daß sie das hohe Geheimniß seines moralischen Zustandes hätten erreichen können, und während seine Gedanken, wie man hätte sagen mögen, immer auf der Jagd waren, Blicke in die Zukunft zu thun, waren sie doch viel zu irdisch, um sich über einen andern Abrechnungstag zu verbreiten, als den, der durch die Stockbörse regulirt ward. Bei ihm war geboren worden, nur der Anfang einer Speculation und sterben das Abschließen der allgemeinen Bilanz zwischen Gewinn und Verlust. Ein Mann also, der so selten über die wichtigen Wechsel des Lebens nachgedacht hatte, war um so weniger vorbereitet, auf die sichtliche Erhabenheit des Sterbebettes zu blicken. Obgleich er nie meine Mutter wahrhaft geliebt hatte, denn Liebe war ein viel zu reines und erhabenes Gefühl für einen Mann, dessen Einbildung gewöhnlich über den Schönheiten des Rentenbuchs verweilte, war er doch immer gütig gegen sie gewesen, und zuletzt war er selbst, wie schon gesagt, sogar ziemlich geneigt, zu ihren zeitlichen Bequemlichkeiten soviel beizutragen, als nur immer mit seinen Bestrebungen und Gewohnheiten verträglich war. Andrerseits verlangte das ruhige Gemüth meiner Mutter eine mehr erregende Ursache, als dieß bei der Zuneigung ihres Mannes der Fall war, um diese Keime tiefer, ruhiger, weiblicher Liebe zu beleben, die gewiß in ihrem Herzen versteckt waren, wie der Saame, den des Winters unerfreuliche Kälte drückt. Das letzte Zusammentreffen eines solchen Paars konnte nicht wohl von heftigen Ergüssen des Schmerzes begleitet sein. Doch war mein Vorfahr tief von den körperlichen Veränderungen im Aeußern seiner Frau betroffen. »Du bist sehr mager geworden, Betsey,« sagte er, und nahm nach einer langen feierlichen Pause ihre Hand; »vielmehr als ich geglaubt hatte, oder hätte denken können. Gibt die Wärterin Dir stärkende Suppe und Nahrung?« Meine Mutter lächelte das geisterhafte Lächeln des Todes, aber wieß bei dieser Aeußerung voll Ueberdruß mit der Hand zurück. »Dieß all ist jetzt zu spät«, antwortete sie, und sprach mit einer Deutlichkeit und Stärke, wozu sie lange ihre Kraft zurückgehalten. »Nahrung und Kleidung stehen nicht ferner unter meinen Bedürfnissen.« »Gut, gut Betsey, fehlt es einem weder an Nahrung noch Kleidung, so kann man doch gerade nicht in großer Noth sein, und ich freue mich, daß es dir in soweit wohl ergeht. Doch sagt mir Dr. Ethrington, körperlich stehe es nicht so gut, und ich bin ganz besonders hierher gekommen, um zu sehen, ob ich etwas anordnen kann, was beitragen mag, deine Lage leichter zu machen.« »Das kannst du, mein Gemahl; meine Bedürfnisse für dieses Leben sind fast vorüber, eine kurze Stunde oder zwei werden mich über diese Welt hinausbringen, über ihre Sorgen, ihre Eitelkeiten, ihre – –« Meine arme Mutter gedachte wahrscheinlich hinzuzufügen, ihre Herzlosigkeit oder ihren Eigennutz; aber sie strafte sich und machte eine Pause. »Durch die Gnade unsres gebenedeiten Erlösers und die gütige Bemühung dieses vortrefflichen Mannes,« begann sie wieder und warf ihr Auge erst nach oben voll heiliger Ehrfurcht, und dann nach dem Geistlichen mit ruhiger Dankbarkeit, »verlasse ich dich ohne Beängstigung und wäre eins nicht, auch ohne Sorge.« »Und was macht dich so besonders besorgt, Betsey?« fragte mein Vater, und schneuzte sich, sprach aber mit ungewöhnlicher Zärtlichkeit; »wenn es in meiner Macht steht, dein Herz darüber oder über sonst etwas zu beruhigen, nenne es, und ich will Befehle geben, es sogleich auszuführen. Du bist ein gutes frommes Weib gewesen, und kannst dir wenig vorzuwerfen haben.« Meine Mutter sah ernst und nachdenkend auf ihren Gemahl. Nie vorher hatte er so große Theilnahme an ihrem Glück gezeigt; und wäre es, ach! nicht zu spät gewesen, dieses Aufglimmen von Güte hätte die eheliche Fackel zu einer glänzenderen Flamme anfachen mögen, als sie je früher geglüht hatte. »Mein Gemahl, wir haben einen einzigen Sohn –« »Ja, Betsey, und es wird dich erfreuen zu vernehmen, daß der Arzt glaubt, der Junge möge eher am Leben bleiben, als einer seiner armen Brüder und Schwestern.« Ich kann mir die heilige, geheimnißvolle Urquelle der Mutterliebe nicht erklären, die bewirkte, daß meine Mutter die Hände faltete, ihre Augen zum Himmel erhob und während ein Freudestrahl über die gebrochenen Augen und welken Wangen glitt, Gott für das theure Pfand ihren Dank stammelte. Sie selbst eilte schon weg zum ewigen Glück derer, die reinen Herzens sind, der Erlösten, und ihre Phantasie, ruhig und einfach, hatte ihr schon Bilder vorgezaubert, worin sie und ihre Abgeschiednen vor dem Throne des Höchsten standen, seinen Ruhm sangen und unter den Sternen glänzten,– und doch freute sie sich jetzt, daß das letzte und geliebteste von all ihrer Nachkommenschaft ausgesetzt seyn sollte all den Uebeln und Lastern, – ja all dem Greuel eines Zustandes, den sie selbst so gerne verließ. »Von unserm Knaben möcht' ich jetzt sprechen,« begann meine Mutter wieder, als ihr Gebet geendet; »das Kind wird Belehrung und Sorgfalt nöthig haben, kurz, Vater und Mutter brauchen.« »Betsey, du vergißt, daß er immer noch den erstern haben wird.« »Du bist zu sehr in deine Geschäfte vertieft und außerdem nicht geeignet, ein Kind zu erziehen, das zum Unglück und zur Verführung großer Reichthümer geboren ward.« Mein herrlicher Ahn sah auf, als dächte er, seine sterbende Gefährtin habe in Wahrheit für immer von ihrer Besinnung Abschied genommen. »Es gibt öffentliche Schulen, Betsey, ich verspreche dir, das Kind soll nicht vergessen werden, ich will ihn wohl unterrichten lassen, sollte es mich Tausende jährlich kosten.« Sein Weib streckte die Hand nach der Seinigen aus, und drückte mit der abgemagerten so hart, als eine sterbende Mutter konnte; für einen schnellen Augenblick schien sie selbst von ihrer letzten Sorge befreit zu sein. Aber ihre Kenntniß von ihres Mannes Charakter, die sie durch dreißigjährige harte Erfahrung gewonnen, konnte durch die Dankbarkeit eines Augenblicks nicht umgestoßen werden. »Ich wünsche«, begann sie wieder ängstlich, »dein feierliches Versprechen zu erhalten, die Erziehung unseres Knaben dem Herrn Etherington zu übertragen, du kennst seinen Werth und mußt volles Vertrauen in ihn haben.« »Nichts würde mir größre Freude machen, meine liebe Betsey, und wenn Herr Etherington ihn aufnehmen will, will ich Jack noch diesen Abend in sein Haus schicken, denn die Wahrheit zu sagen, ich bin nur wenig dazu geschaffen, die Aufsicht über ein Kind unter einem Jahr zu übernehmen. Ein Hundert des Jahrs mehr oder weniger soll einen so guten Handel nicht zerschlagen.« Der Geistliche war ein Mann von Ehre und sah ernst bei dieser Rede; jedoch als er den ängstlichen Augen meiner Mutter begegnete, verloren seine ihren Unwillen in einem Blick von Ruhe und Mitleid. »Der Lohn für seine Erziehung wird sich leicht bestimmen,« fügte meine Mutter hinzu, »aber der Doctor hat nur ungern die Verantwortlichkeit wegen meines armen Jungens übernommen, und zwar nur unter zwei Bedingungen.« Der Papierspeculant bat mit den Augen um Aufschluß. »Die eine ist, daß das Kind von seinem vierten Jahr an allein seiner Sorge überlassen werden soll, und die andere, daß du ein Vermächtniß machst zur Unterhaltung zweier armen Schüler an einer der Hauptschulen.« Als meine Mutter die letzten Worte herausgebracht, fiel sie zurück auf ihr Kissen, von wo ihre Theilnahme an dem Gegenstand sie vermochte, ihr Haupt ein wenig aufzurichten; sie rang leise nach Athem in der Ueberfülle ihrer Angst die Antwort zu vernehmen. Mein Vorfahr zog die Stirne zusammen, wie einer, der einsah, es sei eine Sache, die Nachdenken forderte. »Du weißt vielleicht nicht, Betsey, daß dergleichen Stiftungen viel Geld wegnehmen, viel Geld, und oft unnützer Weise.« »Zehn Tausend Pfund ist die Summe, über die Madame und ich übereingekommen,« bemerkte fest der Geistliche, der nach meiner Vermuthung gehofft hatte, seine Bedingung werde zurückgewiesen werden, da er mehr den dringenden Bitten eines sterbenden Weibes als seiner eignen Ansicht von dem, was wünschenswerth oder nützlich sein möchte, gefolgt war. »Zehen Tausend Pfund!« Meine Mutter konnte nicht sprechen, doch gelang ihr ein bittendes Zeichen der Bejahung. »Zehen Tausend Pfund ist viel Geld, meine liebe Betsey, viel, sehr viel.« Meine Mutter wechselte die Farbe zur Blässe des Todes und nach ihrem Athmen zu urtheilen, schien sie in den letzten Zügen. »Nun, nun, Betsey,« sagte mein Vater ein wenig hastig, denn er ward erschreckt bei ihrem blassen Antlitz und großer Betrübniß; »mag es so sein, das Geld, – ja, ja, es soll bezahlt werden, wie Du wünschest; nun gib Dein treues Herz zur Ruhe.« Diese Spannung des Gefühls war zu stark für die Schwäche meiner Mutter, die eine Stunde zuvor kaum, so schien es, hätte sprechen können. Sie reckte ihre Hand nach ihrem Gemahl aus, lächelte freundlich in sein Gesicht, und lispelte das Wort Dank; dann, da ihr Körper alle Kräfte verlor, sank sie in den letzten Schlaf, so ruhig, wie das Kind sein Haupt neigt auf dem Busen der Amme. Dieß war, bei allem dem, ein plötzlicher und gewissermaßen unerwarteter Tod; alle Anwesenden waren von Ehrfurcht erfüllt. Mein Vater staunte für eine ganze Minute auf die ruhigen Züge seines Weibes und verließ schweigend das Zimmer. Ihm folgte Dr. Etherington, welcher ihn zu seinem geheimen Kabinette begleitete, wo sie diesen Abend zum ersten Mal zusammengekommen, und keiner sprach eine Sylbe, bis sie sich gesetzt. »Sie war eine gute Frau, Dr. Etherington,« sagte der Verwittwete, und schüttelte voll Bewegung sein Knie. »Sie war eine gute Frau, Herr Goldenkalb.« »Und ein gutes Weib.« »Ich habe sie immer für ein gutes Weib gehalten, Sir.« »Treu, gehorsam und sparsam.« »Drei Eigenschaften, die von großem praktischen Nutzen in den Geschäften dieser Welt sind.« »Ich werde nie wieder heirathen, Sir.« Der Geistliche machte eine Verbeugung. »Nein, ich könnte nie so eine zweite finden.« Wieder verbeugte der Geistliche sein Haupt, jedoch war die Beistimmung von einem leichten Lächeln begleitet. »Nun sie hat mir einen Erben gelassen.« »Und etwas mitgebracht, was er erben könnte,« bemerkte der Doctor trocken. Mein Ahn blickte forschend zu seinem Gefährten auf, aber offenbar war viel von seinem Sarkasmus weggeworfen. »Ich übergebe dem letzten Verlangen meiner geliebten Betsey gemäß das Kind Eurer Sorgfalt, Doctor Etherington.« »Ich nehme den Auftrag an, Herr Goldenkalb, nach dem der Verstorbenen gegebenen Versprechen, aber ihr werdet Euch erinnern, daß eine Bedingung an dieß Versprechen geknüpft war, welche getreu und schnell erfüllt werden muß.« Mein Vorfahr war zu sehr an Beobachtung der Verbindlichkeiten des Handels gewöhnt, dessen Gesetzbuch nur für gewisse Fälle Betrügereien zuläßt, die indeß in seinen allgemein angenommenen Regeln der Ehre gehörig bestimmt sind. Es ist eine Art besondrer Moral, mehr auf Convenienz unter seinen Bekennern gegründet, als auf die allgemeinen Rechtssätze. Er achtete den Buchstaben des Versprechens, während es ihm in seiner Seele verlangte, den eigentlichen Sinn desselben zu vermeiden; und seine List suchte schon emsig nach den Mitteln, was er so sehr wünschte; zu vollbringen. »Ich leistete freilich der armen Betsey ein Versprechen,« antwortete er sinnend, »und es war sogar ein Versprechen unter sehr feierlichen Umständen.« »Versprechen an Sterbende sind doppelt bindend, da durch ihr Abscheiden in die Welt der Geister sie die Erfüllung derselben, so zu sagen, der ausschließlichen Oberaufsicht des Wesens überlassen, das nicht lügen kann.« Mein Vorfahr seufzte; sein ganzes Wesen erzitterte und sein Vorsatz wurde erschüttert. »Doch ließ Euch die arme Betsey als ihren Stellvertreter in diesem Fall,« bemerkte er nach einem Zögern von mehr als einer Minute, und warf seine Augen forschend auf den Geistlichen. »Gewisser Maßen, freilich, Herr.« »Und ein Stellvertreter mit voller Macht ist gesetzlich wie ein Eigenthümer, nur unter einem andern Namen; ich denke die Sache kann zu unsrer gegenseitigen Zufriedenheit abgemacht, und die Absicht der armen Betsey dennoch vollkommen erreicht werden. Sie, das arme Weib, verstand wenig von Geschäften, wie es auch für ihr Geschlecht am besten war; und wenn Weiber Sachen von Wichtigkeit unternehmen, machen sie gewöhnlich seltsame Arbeit.« »Wird nur die Absicht der Verstorbenen vollständig erfüllt, so werdet Ihr mich nicht begehrlich finden.« »Ich dacht' es auch; ich wußte, zwischen zwei verständigen Leuten könne keine Schwierigkeit sich zeigen, wenn sie, so etwas in Ordnung zu bringen, mit ehrlichen Absichten zusammenkommen. Die Absicht der armen Betsey war, ihr Kind unter Eure Obhut zu bringen, in der Erwartung (und ich lasse ihr hierin alle Gerechtigkeit widerfahren), der Knabe werde von Euren Kenntnissen mehr Nutzen ziehen, als möglicher Weise von meinen.« Dr. Etherington war zu ehrlich, diesen Vordersätzen zu widersprechen, und zu höflich, sie ohne eine Verbeugung der Anerkennung anzunehmen. »Da wir, mein lieber Herr, in Hinsicht der Präliminarien ganz einstimmig sind,« fuhr mein Vorfahr fort, »wollen wir ein wenig mehr ins Einzelne gehen. Es scheint mir nicht mehr als billig, daß, wer die Arbeit thut, auch den Lohn empfange; in diesem Grundsatz bin ich erzogen worden; darin möchte ich meinen Sohn erzogen haben, und nach ihm hoffe ich immer zu verfahren.« Eine zweite Verbeugung bezeugte die schweigende Beistimmung des Geistlichen. »Nun, die arme Betsey, – der Himmel segne sie, sie war eine sanfte, ruhige Lebensgefährtin, und verdient reichlich dafür belohnt zu werden in einem künftigen Zustand; aber die arme Betsey hatte wenig Kenntniß von Geschäften; sie bildete sich ein, wenn sie 10,000 Pfund für milde Zwecke vermache, handle sie recht, während sie in der That eine Ungerechtigkeit beging. Wenn Ihr die Mühe und Sorge der Erziehung des kleinen Jack übernehmt, wer anders als Ihr sollte die Belohnung erhalten?« »Ich erwarte, Herr Goldenkalb, daß Ihr die Mittel zur Unterhaltung des Kindes herbeischaffet.« »Davon ist nicht nöthig zu sprechen, Sir,« unterbrach ihn mein Vorfahr schnell und stolz; »ich bin ein vorsichtiger und ein kluger Mann, ein Mann, der den Werth des Geldes kennt, glaub ich, aber kein Geizhals, mein eigen Fleisch und Blut verkümmern zu lassen. Jack soll nie an etwas Mangel leiden, so lange es in meiner Macht steht, es herbeizuschaffen. Ich bin lange nicht so reich, als die Nachbarn annehmen, Herr, aber dann bin ich auch kein Bettler. Ich darf sagen, wenn all meine Ausstände gehörig berechnet werden, ich 100,000 Pfund besitze.« »Man sagt, Ihr hättet eine weit größere Summe mit der verstorbenen Mad. Goldenkalb erhalten,« bemerkte der Geistliche nicht ohne Tadel in seiner Stimme. »Ach, mein Herr, ich brauch' Euch nicht zu sagen, was allgemeine Gerüchte sind, aber ich will meinen eignen Credit nicht untergraben. Sprechen wir von etwas anderm. Ich wollte nur gerecht sein, Herr Pfarrer. Die arme Betsey verlangte, zehen tausend Pfund sollten zu einem Stipendium oder für zwei Studirende verwandt werden; nun, was haben diese Studierende für mich und die meinigen gethan, oder was werden sie noch thun? Anders ist es mit Euch, Ihr werdet Mühe haben, viel Mühe, ich zweifle nicht daran; und Euch gebührt eine hinlängliche Belohnung. Ich wollte Euch daher vorschlagen, meine Unterschrift auf drei – vier – oder auch fünf tausend Pfund anzunehmen,« fuhr mein Vorfahr fort und stieg mit dem Gebot, je mehr er den Unwillen auf des Geistlichen Stirn sich erhöhen sah. »Ja, Herr, ich will die letzte Summe annehmen, die wohl nicht zu viel für Eure Mühe und Sorge ist, und wir wollen den kindischen Plan der armen Betsey mit den zwei Stipendien und der Stiftung vergessen. Fünf tausend Pfund, Topp, Doktor, für Euch, und die Stiftung sei für immer vergessen.« Als mein Vater seinen Vorschlag so bestimmt ausgesprochen, wartete er auf den Erfolg mit dem Vertrauen eines Mannes, der lange mit der Begehrlichkeit der Menschen umgegangen. Ihm etwas ganz Neues, schlug seine Berechnung fehl. Das Gesicht des Doktor Etherington erröthete, ward blaß und nahm zuletzt den Ausdruck des bemitleidenden Tadels an. Er stand auf und schritt mehrere Augenblicke schweigend im Zimmer auf und ab; indeß glaubte der andre, er überlege bei sich die Möglichkeit, ein höheres Gebot für seine Zustimmung zu erhalten, als er plötzlich stille stand, und meinen Vorfahren in einem milden aber festen Ton anredete. »Ich halte es für meine Pflicht, Herr Goldenkalb,« sagte er, »Euch vor dem Abgrund zu warnen, über dem ihr hängt. Die Liebe zum Geld, welches die Wurzel alles Uebels ist, welches Judas vermochte selbst seinen Erlöser und Gott zu verrathen, hat tiefe Wurzel in Eurem Herzen gefaßt. Ihr seid nicht mehr jung, und obwohl noch stolz in Eurer Stärke und Glückseligkeit, näher dem großen Rechnungstag, als Ihr vielleicht selbst glauben mögt. Es ist noch keine Stunde, seit Ihr Zeuge von dem Abscheiden einer reuigen Seele wart, um vor ihren Gott zu treten; seit Ihr die sterbende Bitte von ihren Lippen hörtet und in solcher Umgebung, bei solch einem Auftritt das Versprechen gabt, ihre Wünsche zu ehren, und jetzt, unter der Herrschaft des verfluchten Geistes des Gewinnes wolltet Ihr mit diesen heiligsten Verpflichtungen Euer Spiel treiben, um ein wenig werthloses Gold mehr in der Hand zu behalten, die schon voll ist bis zum Ueberfließen? Denkt Euch, der reine Geist Eures vertrauenden einfachen Weibes wäre zugegen bei dieser Unterredung, denkt ihn Euch trauernd über Eure Schwäche und gebrochene Treue; – ja ich weiß nicht, ob es wirklich so ist, denn es ist kein Grund vorhanden zu glauben, die seligen Geister dürften nicht über uns wachen und trauern, bis wir erlößt sind von dieser Masse von Sünde und Verworfenheit, worin wir wohnen, und dann bedenkt, welches ihr Kummer sein muß, wenn sie ihr scheidendes Verlangen so bald vergessen sieht, wenn sie bemerkt, wie nutzlos das Beispiel ihres heiligen Endes gewesen, wie eingewurzelt und fürchterlich Eure eignen Schwachheiten sind!« Mein Vater war mehr von der Art als von den Worten des Geistlichen zerknirscht; er fuhr mit der Hand über die Stirne, als wolle er den Anblick von seines Weibes Geist da auswischen, er wandte sich um, zog sein Schreibzeug herbei, schrieb einen Wechsel auf zehen tausend Pfund und händigte ihn dem Geistlichen mit der demüthigen Weise eines gestraften Knaben ein. »Jack steht zu Eurer Verfügung, mein lieber Herr,« sagte er, als das Papier eingehändigt war, »sobald Ihr nach ihm schicken wollt.« Sie gingen schweigend weg, der Geistliche zu unzufrieden, und mein Vorfahr zu betrübt, um ceremonielle Worte zu machen. Als mein Vater sich allein befand, blickte er erst verstohlen in der Stube herum, um sich zu versichern, daß der strafende Geist seines Weibes nicht etwa eine weniger in Frage zustellende Gestalt, als die der Luft angenommen, und dachte dann wenigstens eine Stunde lang über alle die Hauptvorfallenheiten des Abends voll Schmerz nach. Man sagt, Beschäftigung sei ein sicherer Trost im Kummer, und so zeigte es sich jetzt; denn glücklicher Weise hatte mein Vater grade an jenem Tag seine Privatrechnung über die ganze Summe seines Vermögens abgeschlossen. So machte er sich denn an die angenehme Arbeit, zog ganz einfach den Betrag des ebenausgestellten Wechsels davon ab, und da er fand, daß er noch über 782311 Pf. verschiedene Schilling und selbst Pence gebiete, ergab sich für ihn ein sehr natürlicher Trost für die Größe der eben weggegebenen Summe durch die Vergleichung mit dem, was ihm noch blieb. Drittes Kapitel. Ansichten von dem Vorfahren unseres Verfassers, zusammt mit dessen eignen und fremden. Doktor Etherington war beides, ein frommer Mann und ein Mann von Geburt. Als der zweite Sohn eines Baronet alter Herkunft war er so ziemlich in den Ansichten seiner Caste erzogen worden und wahrscheinlich nicht ganz über deren Vorurtheile hinaus; aber dieß zugegeben, hielten wenige Geistliche mehr auf die Moral und den Grund der Bibel als er. Seine Demuth nahm daher eine gebührende Rücksicht auf den Stand; sein Christenthum wurde verständig von den Glaubensartikeln geleitet, und seine Menschenliebe war von jenem unterscheidenden Charakter, wie sie einem warmen Vertheidiger von Kirche und Staat zukam. Bei Annahme des vertrauten Pfandes, das ihm jetzt geworden, hatte er nur dem wohlwollenden Wunsche nachgegeben, das Sterbekissen meiner Mutter leicht zu machen. Mit dem Charakter ihres Gemahls bekannt, hatte er eine Art frommen Betrugs angewandt, indem er die Bedingung der Stiftung an seine Einwilligung knüpfte; denn trotz der angemessenen Sprache seiner Strafrede, des Versprechens und aller andern kleineren begleitenden Umstände dieses Abends hätte man noch fragen können, wer am meisten erstaunt war, nachdem der Wechsel eingehändigt und gehörig honorirt worden, er, der sich im Besitz der 10,000 Pf. Sterling befand, oder er, der sie verloren hatte. Immer verfuhr Dr. Etherington mit der gewissenhaftesten Rechtlichkeit in der ganzen Sache; und obgleich ich weiß, daß ein Schriftsteller, der so viele Wunder zu erzählen hat, als nothwendiger Weise die folgenden Seiten dieses Manuskripts zieren müssen, eine wohlbewachte Sparsamkeit beobachten sollte, wenn er den Glauben seiner Leser in Anspruch nimmt, so nöthigt mich dennoch die Wahrheit, hinzuzufügen, daß jeder Heller von dem Geld nur im Hinblick auf die Wünsche der sterbenden Christin verwandt ward, die vermittelst der Vorsehung das Werkzeug gewesen, den Armen und Ungelehrten solche Reichtümer zuzuwenden. Ueber die Weise, wie die Wohlthat endlich benutzt ward, werd' ich nichts weiter sagen, da keine Untersuchung meinerseits mich jemals in den Stand gesetzt hat, solche Nachweise zu erhalten, als mich zu einiger Glaubwürdigkeit berechtigen würden. Was mich betrifft, so hab' ich wenig mehr über die Begebenheiten der folgenden zwanzig Jahre hinzuzufügen. Ich ward getauft, gesäugt, bekam Hosen, wurde geschult, reiten gelernt, konfirmirt, auf die Universität geschickt und zum Doctor gemacht, ganz wie dieß bei allen Herrn der Hochkirche in den vereinigten Königreichen Großbritannien und Irland der Fall ist. Während dieser wichtigen Jahre unterzog sich Dr. Etherington seiner Pflicht, welche er, nach den vorherrschenden Gefühlen der Menschheit zu urtheilen (die seltsam genug uns im allgemeinen nicht geneigt macht, von andrer Leute Geschäften uns belästigt zu sehen), ziemlich beschwerlich gefunden haben muß; er unterzog sich ihr ganz auf die Art, wie meine gute Mutter nur ein Recht zu erwarten hatte. Der größte Theil meiner Ferien ward in seiner Pfarrwohnung zugebracht; denn er hatte geheiratet, war dann Vater, dann Wittwer geworden, und hatte seine Stadtpfarrei mit einer auf dem Lande vertauscht, alles dieß in der Zeit von dem Tod meiner Mutter an bis zu meinem Abgange nach Eton; und auch nachdem ich Oxford verlassen, brachte ich weit mehr von meiner Zeit unter seinem freundlichen Dach als unter dem meines Vaters zu. In der That, ich sah den letztern wenig. Er bezahlte meine Rechnungen, versah mich mit Taschengeld, und äußerte seine Absicht, mich reisen zu lassen, wenn ich volljährig geworden. Aber mit diesen Zeichen seiner väterlichen Fürsorge zufrieden, schien er gerne mich meinen eignen Weg gehen lassen zu wollen. Mein Vater war ein schlagendes Beispiel von der Wahrheit jenes Satzes in der Staatsökonomie, der die Wirksamkeit der Trennung der Arbeit lehrt. Kein Fabrikarbeiter, der die Fertigung des Knopfs einer Stecknadel über sich hat, erreichte je größere Geschicklichkeit in seiner einförmigen Beschäftigung, als mein Vater erlangte in der einzigen Bestrebung, der er so weit als menschliches Wissen gehen konnte, Leib und Seele widmete. Wie jeder Sinn bekanntlich durch beständige Uebung an Schärfe zunimmt, und jede Leidenschaft durch langes Nachgeben wächst, so wuchs sein Eifer in Hinsicht des großen Gegenstands all seines Dichtens und Trachtens mit dessen Wachsthum, und ward immer auffallender, als schon, wie ein gewöhnlicher Beobachter denken möchte, der Grund von dessen Dasein beinahe gänzlich aufgehört hatte. Dieß ist ein moralisches Phänomen, das ich oft zu beobachten Gelegenheit gehabt habe, und welches, wie man glauben muß, auf dem Grundsatz der Anziehung beruht, die bisher dem Scharfsinn der Philosophen entgangen ist, die aber eben so thätig in der immateriellen Welt ist, als die Gravitation in der materiellen. Talente wie die seinigen, so unaufhörlich und unermüdlich geübt, brachten die gewöhnlichen Früchte hervor. Er wurde stündlich reicher und zur Zeit, wovon ich spreche, war er den Eingeweihten so ziemlich allgemein als der reichste Mann bekannt, der etwas mit der Stockbörse zu thun hatte. Ich glaube nicht, daß die Ansichten meines Vorfahren eben so viele wesentliche Veränderungen zwischen dem fünfzigsten und siebenzigsten Jahre erlitten, als dieß zwischen dem zehnten und vierzigsten der Fall gewesen. In der letzten Zeit treibt der Baum des Lebens gewöhnlich tiefe Wurzeln, seine Neigung ist bestimmt, mag er sie nun durch Beugen unter die Stürme oder durch sein Drängen nach Licht erhalten haben, und Früchte trägt er wahrscheinlich mehr von selbst als durch Bearbeitung und Wartung. Dennoch war mein Vorfahr nicht mehr ganz derselbe Mann, als er seinen siebzigsten Geburtstag feierte, der er an seinem funfzigsten gewesen. Erstlich besaß er drei Mal so viel und folglich war sein moralisches System all den Verändrungen unterworfen gewesen, die, wie man weiß, von einer Verändrung so wichtiger Art abhängig zu sein pflegen. Zweifelsohne neigte sich aber auch mein Vorfahr, während der letzten fünf und zwanzig Jahre in der Politik ganz besonders zu Gunsten ausschließlicher Vorrechte und Begünstigungen. Ich meine nicht, er sei ein Aristokrat in der gewöhnlichen Bedeutung des Worts gewesen. Ihm war Lehnswesen ein Wort ohne Bedeutung. Er hatte wahrscheinlich es nicht ein Mal gehört; Fallgatter erhoben sich und fielen, Flankenthürme reckten ihre Häupter empor und verschanzte Wälle legten all ihre Pracht vergeblich dar, seine Einbildung ward dadurch nicht gerührt. Er kümmerte sich nicht um Hoftage noch um Baronen-Tage, noch um die Baronen selbst, noch um die Ehren eines Stammbaums (warum sollte er auch? kein Prinz im Lande konnte klarer seine Familie ins Dunkel hinaufführen als er selbst), noch um die Eitelkeiten eines Hofes, noch um die der Gesellschaft, noch um etwas sonst von derselben Art, was wohl Reize für den Schwachköpfigen, den Phantasiereichen oder den Eingebildeten hat. Seine politischen Vorurtheile zeigten sich auf eine ganz andre Art. Während der ganzen fünf und zwanzig Jahre, die ich erwähnt hatte, hörte man ihn nie auch nur lispelnd irgend einen Tadel gegen die Regierung aussprechen, mochten ihre Maßregeln und der Charakter ihrer Verwaltung sein, wie sie wollten; es war ihm genug, daß es die Regierung war. Selbst die Taxen erregten ferner seinen Grimm nicht, noch weckten sie seine Beredsamkeit, er sah ein, sie seien nöthig zur Ordnung und besonders zum Schutz des Eigenthums, ein Zweig der Staatswissenschaft, den er so studirt hatte, daß er gewisser Maßen seinen eignen Besitz sogar gegen diesen großen Alliirten selbst zu schützen vermochte. Nachdem er eine Million reich geworden, bemerkte man, wie alle seine Absichten der Menschheit weniger vortheilhaft wurden, und daß er sehr geneigt war, den Betrag und die Eigenschaften der wenigen Glücksgüter, die die Vorsehung den Armen verliehen, zu überschätzen. Die Nachricht von einer Versammlung der Whigs äusserte gemeiniglich einige Wirkung auf seinen Appetit; ein Beschluß, von dem man argwöhnte, er sei von Brockos Club ausgegangen, beraubte ihn gemeiniglich eines Mittagessens, und die Radicalen machten nie ernstlich eine Motion, ohne daß er eine schlaflose Nacht zubrachte, und einen bedeutenden Theil des nächsten Tags Worte murmelte, die zu wiederholen kaum moralisch wäre. Ich kann jedoch ohne Anstoß hinzufügen, daß bei solchen Gelegenheiten er Anspielungen über den Galgen nicht sparte; Sir Francis Burdett in's Besondre ward häufig mit Billingsgate zusammenausgesprochen, und Männer so hochherzig und verehrt wie selbst die Lords Grey, Lansdowne und Holland wurden behandelt, als ob sie nicht besser wären, als sie sein sollten. Aber bei diesen kleinen Einzelheiten ist es unnöthig zu verweilen, denn Jedermann muß schon bemerkt haben, daß je erhabener und feiner die Menschen in ihrer politischen Moral werden, desto gewohnter sie sind, Schmutz auf ihren Nächsten zu werfen. Ich will jedoch nur noch hinzufügen, daß, was ich hier erzählt habe, mir größten Theils durch direkte mündliche Ueberlieferung mitgetheilt worden ist, denn ich sah selten meinen Vorfahren, und wenn wir zusammenkamen, geschah es nur, um Rechnungen in Ordnung zu bringen, einen Hammelsschlegel mit einander zu essen, und dann zu scheiden wie Leute, die sich wenigstens niemals gezankt haben. Nicht so war es mit Dr. Etherington. Gewohnheit (um nichts von meinen eignen Verdiensten zu sagen) hatte ihn mir, der ich seiner Sorgfalt so vieles verdankte, so geneigt gemacht, daß seine Thüre mir immer offen stand, als wenn ich sein Sohn gewesen. Ich habe schon gesagt, daß der größte Theil meiner müßigen Zeit, (die in der Schule verlorenen nicht gerechnet) in dem Pfarrhaus zugebracht wurden. Der tüchtige Geistliche hatte ein oder zwei Jahre nach meiner Mutter Tod eine sehr liebenswürdige Frau geheirathet, die ihn zum Wittwer und zum Vater eines kleinen Ebenbildes von sich gemacht hatte, ehe noch das Jahr herum war. Bei der Stärke seiner Liebe für die Verstorbene oder für seine Tochter, oder vielleicht weil er sich in einer zweiten Ehe nicht so wohl befinden konnte als in der ersten, hatte Dr. Etherington nie davon gesprochen, eine andre Verbindung einzugehn. Er schien zufrieden, seine Pflichten als Christ und Mann von Ehre zu erfüllen, ohne sie zu vermehren, indem er neue Verbindungen mit der Gesellschaft eingehe. Anna Etherington war daher meine beständige Gefährtin während vieler langer und köstlicher Besuche in dem Pfarrhause. Da sie drei Jahre jünger als ich war, hatte die Freundschaft meinerseits mit hundert Handlungen kindlichen Wohlwollens begonnen. Zwischen dem siebten und zwölften Jahr schleppte ich sie herum in einem Gartenstuhl, stieß sie auf der Schaukel und trocknete ihre Augen und sprach ihr Worte freundlichen Trostens ein, wenn eine vorübergehende Wolke die sonnige Freude ihrer Kindheit verdunkelte. Vom zwölften zum vierzehnten erzählte ich ihr Geschichten, erstaunte sie durch Berichte von meinen Thaten zu Eton und machte ihre heiteren blauen Augen sich weit aufthun vor Staunen bei den Wundern von London. Im vierzehnten fing ich an ihr Taschentuch aufzuheben, auf ihren Fingerhut Jagd zu machen, sie in Duetten zu begleiten, und ihr Gedichte vorzulesen, während sie sich mit den kleinen zümferlichen Arbeiten der Nadel beschäftigte. Im Alter von siebzehn verglich ich Cousine Anna, so durfte ich sie nennen, mit den andern jungen Mädchen meiner Bekanntschaft und die Vergleichung fiel gemeiniglich zu ihren Gunsten aus. Um diese Zeit auch, wie meine Bewundrung wärmer und deutlicher wurde, zeigte sie sich weniger vertrauend und offen; ich bemerkte auch jetzt als etwas Neues, daß sie Geheimnisse hatte, die sie mir nicht mitzutheilen für gut fand, daß sie öfter bei ihrer Gouvernantin und weniger als früher in meiner Gesellschaft war, und ein Mal bitter fühlte ich die Vernachlässigung, erzählte sie wirklich ihrem Vater die ergötzlichen Vorfälle einer kleinen Geburtstagsfeier, bei der sie zugegen gewesen, und die durch einen Herrn in der Nachbarschaft veranstaltet worden, ehe sie mir nur einen Wink von dem Vergnügen gegeben, das sie dabei gehabt! Ich wurde jedoch größten Theils wieder dafür entschädigt, als sie am Ende ihrer lustigen und launigen Erzählung gütig hinzufügte: »Es hätte Euch herzlich lachen machen, Jack, wenn Ihr die drollige Art mit angesehen, wie die Bedienten ihre Rolle spielten« (es hatte eine Art maskirter Comödie gegeben) »besonders der fette alte Kellermeister, aus dem sie, wie Dick Griffin sagte, einen Cupido gemacht, um daran zu zeigen, daß die Liebe schläfrig und dumm wird, durch zu gutes Essen und Trinken. Ich wünsche, Ihr hättet dabei sein können, Jack.« Anna war ein liebliches, jungfräuliches Mädchen, mit einem sehr liebegewinnenden Antlitz und ich hatte besonders gern, wenn sie das Wort Jack aussprach, es war so ganz verschieden von dem lärmenden Schreien der Eton-Jungen oder dem affektirten Ruf meiner Gefährten zu Oxford! »Ich hätte es selbst gerne gewünscht, Anna«, antwortete ich, »besonders da Ihr Euch so sehr an dem Spaß erfreut zu haben scheint.« »Ja, aber das konnte nicht sein«, fiel Fräulein Norton ein, die Gouvernante, »Sir Harry Griffin ist sehr schwierig in der Wahl seines Umgangs; und Ihr wißt, meine Theure, Herr Goldenkalb, obgleich selbst ein sehr ehrbarer junger Mann, konnte nicht erwarten, daß einer der ältesten Baronets des Landes sich so weit herablassen würde, den Sohn eines Stockreuters zu einem seinem Erben gegebenen Feste einzuladen.« Zum Glück für Fräulein Norton war Dr. Etherington gleich, nachdem seine Tochter auserzählt hatte, herausgegangen, oder sie hätte einen unangenehmen Commentar über ihre Begriffe von schicklicher Gesellschaft vernehmen mögen. Anna selbst sah ernst auf ihre Gouvernante, und ich bemerkte, wie eine Glut über ihr sanftes Antlitz sich lagerte, die mich an die Morgenröthe erinnerte. Ihr sanftes Auge fiel dann zu Boden, und es dauerte einige Zeit, ehe sie sprach. Den folgenden Tag brachte ich unter dem Fenster des Studierzimmers eine Fischangel in Ordnung; ich war vom Gebüsch versteckt, als ich die melodische Stimme Annens ihrem Vater guten Morgen wünschen hörte. Mein Herz schlug stärker, als sie sich der Fensterbrüstung näherte, und zärtlich weiter fragte, wie er die Nacht zugebracht. Die Antworten waren so liebevoll als die Fragen, und dann trat eine kleine Pause ein. »Was ist ein Stockreuter, Vater«, begann plötzlich Anna wieder, die ich in den Blättern über meinem Haupte ratschlen hörte. »Ein Stockreuter, meine Liebe, ist ein Mann, der des Gewinns wegen Staatspapiere kauft und verkauft.« »Und hält man dieß für ein so besonders entehrendes Geschäft?« »Ei das hängt von Umständen ab; an der Börse ist es angesehen genug, unter Kaufleuten und Banquiers ist, glaube ich, etwas Gehässiges damit verknüpft.« »Und weißt du warum, Vater?« »Ich glaube,« sagte Doktor Etherington lachend, »aus keinem andern Grund, als weil es ein unsichres Gewerb ist, plötzlichem Wechsel unterworfen, – was man nennt ein Hazardspiel ist, – und alles, was das Eigenthum unsicher macht, hat notwendig etwas gehässiges bei denen, deren Hauptsorge dessen Vergrößerung ist, und die Zahlfähigkeit andrer als besonders wichtig für sich betrachten.« »Aber ist es ein entehrendes Geschäft, Vater?« »Wie jetzt die Zeiten sind, nicht geradezu, wiewohl es dazu leicht werden kann.« »Und bringt es im Allgemeinen bei der Welt in Mißcredit?« »Das hängt von Umständen ab, meine Liebe. Wenn der Stockreuter verliert, wird er wahrscheinlich verdammt; aber ich denke sein Charakter wird im Verhältniß zu seinem Gewinnst eher erhabener. Aber warum thust du alle diese Fragen an mich, Liebe?« Ich meinte, ich hörte Anna tiefer aufathmen, und gewiß ist, sie lehnte sich weiter aus dem Fenster, um eine Rose zu pflücken. »Miß Norton sagte, Jack sei nicht bei Sir Harry Griffin eingeladen worden, weil sein Vater ein Stockreuter wäre. Glaubst du, daß dem so ist?« »Sehr wahrscheinlich, meine Liebe,« entgegnete der Geistliche, der, so bildete ich mir ein, bei der Frage lächelte; »Sir Harry hat den Vorzug der Geburt, und er vergaß wahrscheinlich nicht, daß unser Freund Jack nicht so glücklich ist; ferner ist aber Sir Harry, während er sich viel auf seinen Reichthum einbildet, um eine Million oder auch zwei weniger reich als Jack's Vater: mit andern Worten, wie man auf der Börse sagt, Jack's Vater könnte seiner zehen auskaufen. Dieser Grund hatte vielleicht mehr Gewicht auf ihn als der erstre. Noch mehr, Sir Harry steht im Verdacht, selbst in Papieren zu speculiren, durch Agenten nämlich, und ein Mann von Geburt, der zu solchen Mitteln greift, sein Vermögen zu vermehren, von dem läßt es sich wohl denken, daß er seine Vorrechte in der Gesellschaft erhöhen will durch Verachtung und Erniedrigung andrer.« »Und Leute von Geburt werden wirklich Stockreuter, Vater?« »Anna, die Welt hat heutiges Tags große Veränderungen erlitten. Alte Ansichten sind erschüttert worden, und Staatsverfassungen sind jetzt wenig mehr, als politische Einrichtungen, Gelderwerb zu erleichtern. Das ist jedoch etwas, was du nicht gut verstehen kannst, auch maße ich mir selbst nicht an, darin sehr tiefe Kenntnisse zu haben.« »Und ist Jack's Vater wirklich so sehr, sehr reich,« fragte Anna, deren Gedanken von dem Faden des Gesprächs ihres Vaters ganz abgekommen. »Man hält ihn dafür.« »Und Jack ist sein Erbe?« »Sicher, – er hat kein andres Kind, wiewohl es nicht leicht ist, zu sagen, was so ein eigner Mann mit seinem Gelde thun mag.« »Ich hoffe, er wird Jack enterben!« »Du setzest mich in Erstaunen, Anna; du, so mild und vernünftig, warum unserm jungen Freunde John Goldenkalb ein solches Unglück wünschen?« Ich blickte auf voll Erstaunen bei dieser seltsamen Rede und hätte im Augenblick all mein Interesse an dem fraglichen Glück darum gegeben, wenn ich ihr Antlitz, (denn sie war mit dem größten Theil des Körpers ausser dem Fenster, ich hörte sie wieder im Busch über meinem Haupte ratschlen) hätte sehen können, um über den Grund bei diesem ihrem Ausspruch zu urtheilen, aber eine neidische Rose wuchs gerade an dem einzigen Ort, wo es möglich gewesen einen Blick von ihr zu erhalten. »Warum wünschest du so etwas grausames?« begann wieder Doktor Etherington, etwas ernstlich. »Weil ich die Stockreuterei und ihre Reichthümer hasse, Vater. Wäre Jack ärmer, er würde, scheint mir, mehr geehrt werden.« Als sie dieses ausgesprochen, zog sich das theure Mädchen zurück, und ich bemerkte nun, daß ich ihre Wange für eine der größten und blühendsten Blumen gehalten. Doktor Etherington lachte, und ich hörte ihn deutlich das erröthende Antlitz seiner Tochter küssen. Ich glaube, ich würde meine Hoffnungen zu noch einer Million aufgegeben haben, um der Pfarrer von Tenthpig in diesem Augenblick zu sein. »Wenn dieß alles ist, Kind,« antwortete er, »so gieb deinen Geist in Ruhe; Jack's Geld wird ihn nie in Verachtung bringen, es sei denn durch den Gebrauch, den er davon macht. Ach, Anna, wir leben in einer Zeit der Verdorbenheit und Gier. Edle Absichten scheinen bei dem allgemeinen Verlangen nach Gewinn ganz aus dem Auge verloren zu werden, und wer zu einer reinen und uneigennützigen Menschenliebe sich hinneigen würde, käme entweder in den Verdacht als ein Heuchler oder würde verlacht als ein Narr. Die fluchwürdige Umwälzung bei unsern Nachbarn, den Franzosen, hat die Ansichten ganz aus der gewöhnlichen Ordnung gebracht, und selbst die Religion hat gewankt unter der wilden Gesetzlosigkeit der Theorien, wozu sie Veranlassung gegeben. Kein weltlicher Vorzug ist strenger von den göttlichen Lehrern angeklagt worden, als der Reichthum, und doch erhebt er sich reißend zum Gott über alles übrige. Nichts von einer Zukunft zu reden, wird die Gesellschaft hier schon durch ihn bis in's Innerste verderbt und selbst Achtung vor der Geburt weicht dem gewinnsüchtigen Streben.« »Und hältst du nicht Stolz auf die Geburt, Vater, für ein eben so mißverstandnes Vorurtheil als Stolz auf den Reichthum?« »Stolz, jeder Art, mein Kind, kann genau genommen nach evangelischen Grundsätzen nicht vertheidigt werden; aber sicher sind einige Unterschiede unter den Menschen nöthig, selbst schon der Ruhe wegen. Würde das gleichmachende Princip anerkannt, dann müßten die Unterrichteten und Gebildeten auf gleiche Linie mit den Unwissenden und Gemeinen herabsteigen, da nicht alle die Vorzüge der erstern erreichen können, und die Welt kehrte zur Barbarei zurück. Der Charakter eines christlichen Edelmanns ist viel zu kostbar, um zur Ausführung einer unthunlichen Theorie seinen Scherz damit zu treiben.« Anna schwieg, wahrscheinlich war sie verwirrt durch die Ansichten, zu welchen sie sich am liebsten bekannte, und das leichte Glimmern von Wahrheiten, die wir durch die gewöhnlichen Verhältnisse des Lebens annehmen. Was den guten Geistlichen selbst betrifft, so war es mir nicht schwer, seine Vorliebe zu begreifen, obwohl weder seine Vordersätze noch sein Schluß die logische Klarheit hatte, die seine Predigten so angenehm machte, besonders wenn er über die höhere Bedeutung von des Heilands Lehre, von der Barmherzigkeit, allgemeinen Menschenliebe und der gebietenden Pflicht, uns vor Gott zu demüthigen, sprach. Einen Monat nach diesem zufälligen Gespräch machte mich der Zufall zum Hörer alles dessen, was zwischen meinem Vater und Sir Joseph Job, einem andern berühmten Börsenspekulanten, vorging. Es war bei einer Zusammenkunft im Hause des erstern, in Cheapside. Da der Unterschied so patent war, wie der Franzose es ausdrückt, so will ich hier die Hauptsache anführen. »Das ist eine sehr ernsthafte und beunruhigende Bewegung, Herr Goldenkalb,« bemerkte Sir Joseph, »und fordert Eintracht und Herzlichkeit unter denen, die etwas besitzen. Sollten diese verdammten Ansichten recht unter dem Volke bekannt werden, was würde aus uns werden?« »Ich stimme darin mit Euch überein, Sir Joseph; es ist sehr beunruhigend, außerordentlich beunruhigend!« »Wir werden Agrarische Gesetze bekommen, Sir; Euer Geld, Herr, und meine, unsere harten Ersparnisse werden der Raub politischer Räuber werden, unsere Kinder aber zu Bettlern, um das neidische Verlangen eines erbärmlichen Schurken ohne einen Heller zu befriedigen.« »Es ist ein trauriger Zustand der Dinge, Sir Joseph, und die Regierung ist sehr strafbar, daß sie nicht wenigstens zehen neue Regimenter errichtet.« »Das schlimmste dabei ist, guter Herr Goldenkalb, daß es gewisse Hausnarren unter der Aristokratie giebt, die die Schurken anleiten, und ihnen die Sanktion ihres Namens leihen. Es ist ein großer Mißgriff, Sir, daß wir auf dieser Insel auf die Geburt so große Wichtigkeit legen, wodurch denn stolze Bettler die ungewaschnen Tollköpfe in Bewegung setzen, und die soliden Unterthanen darunter leiden müssen. Das Eigenthum, Herr, ist in Gefahr, und Eigenthum ist die einzige wahre Basis der Staatsgesellschaft!« »Sicher, Sir Joseph, ich konnte nie den geringsten Nutzen der Geburt einsehen.« »Sie ist zu nichts nütze, Herr Goldenkalb, als um Pensionaire zu machen; aber mit Eigenthum ist es anders; Geld ist der Vater des Gelds, und durch Geld wird ein Staat mächtig und glücklich. Aber diese verfluchte Revolution bei unsern Nachbarn, den Franzosen, hat die Ansichten ganz umgekehrt, und ach! Eigenthum ist in beständiger Gefahr!« »Traurig, daß ich's sagen muß, aber ich fühle es in allen meinen Nerven, Sir Joseph.« »Wir müssen uns vereinen und vertheidigen, Herr Goldenkalb, sonst gerathen wir, ihr und ich, beide jetzt noch reiche und solide Männer, in den Abgrund. Seht ihr nicht, daß wir in wirklicher Gefahr einer Theilung des Eigenthums sind?« »Gott behüte.« »Ja, Herr, unser geheiligtes Eigenthum ist in Gefahr!« Hier schüttelte Sir Joseph meinen Vater herzlich bei der Hand und schied. Ich finde in einem Memorandum unter den Büchern meines verstorbenen Vorfahren, daß er dem Banquier Sir Josephs von diesem Tag an einen Monat nachher 62,712 Pfund Differenz (als Bull und Bär) Börsenbenennungen für die Speculanten aufs Steigen und Fallen der Renten. D. Ü. ) bezahlen mußte, was daher kam, daß der letztre eine geheime Nachricht durch einen Schreiber auf einem der Staatsbüreau erhielt, ein Vortheil, der ihn in den Stand setzte, in diesem Fall wenigstens einen bessern Handel zu machen, als mein Vater, der gemeiniglich zu den verschlagensten Spekulanten der Börse gerechnet ward. Meine Gedanken beschäftigten sich beträchtliche Zeit mit den einander so ganz entgegengesetzten Ansichten des Doktor Etherington und Sir Joseph Job. Auf der einen Seite lehrte man mich die Entweihung der Geburt, auf der andern die Gefahren des Eigenthums. Anna war gemeinlich meine Vertraute, aber in diesem Fall war meine Zunge gefesselt, denn ich durfte ihr nicht gestehen, daß ich ihre Unterredung mit ihrem Vater mitangehört, und so war ich genöthigt, die widersprechenden Lehren, so gut ich konnte, zu verdauen. Viertes Kapitel. Das Auf und Nieder, Hoffnungen und Befürchtungen, das Schwärmen der Liebe, einige Ansichten von Tod und eine Nachricht von einer Erbschaft. Von meinem zwanzigsten bis drei und zwanzigsten Jahr trug sich nichts von einigem Belang mit mir zu. Vom Tag meiner Volljährigkeit an, warf mir mein Vater regelmäßig tausend Pfund jährlich aus, und ich zweifle nicht, ich würde meine Zeit so ziemlich wie andre junge Leute zugebracht haben, wäre nicht der besondre Umstand meiner Geburt gewesen, welcher, wie ich nun einsah, einige von den nothwendigen Erfordernissen abgingen, um mich mit Erfolg durch Ringen nach einer Stellung unter dem, was man große Welt nennt, durchzubringen. Während die meisten nichts eifriger zu thun wußten, als sich zur Dunkelheit hinaufzuführen, fühlte ich ein besondres Widerstreben, dieß auf die klare und bestimmte Art zu thun, wie es doch in meiner Macht war. Daraus und aus andern Zeugnissen bin ich daher geneigt zu schließen, daß die Dosis von Mystification, die zum Glück der Menschen nöthig ist, mit einer erfahrnen und zarten Hand gemischt werden muß. Unsre Organe sind physisch und moralisch so seltsam beschaffen, daß sie vor allem vor der Wirklichkeit geschützt zu werden verlangen. Wie das physische Auge eines dunklen Glases bedarf, um standhaft in die Sonne zu sehen, so scheint's, muß auch das geistige Auge etwas nebliges haben, um standhaft auf die Wahrheit zu blicken. Aber während ich vermied, das Geheimniß meines Herzens Annen zu eröffnen, suchte ich häufig Gelegenheit, mit Dr. Etherington und meinem Vater über jene Punkte zu sprechen, die mich am meisten beschäftigten. Von dem erstern hörte ich Sätze, welche zeigen sollten, daß die Gesellschaft nothwendiger Weise in gewisse Classen zerfalle, daß es nicht allein unklug, sondern selbst verbrecherisch sei, die Schranken zu schwächen, durch welche sie abgemarkt worden; der Himmel habe seine Seraphim und Cherubim, seine Erzengel und Engel, seine Heiligen und bloß Seligen, und nach einer in die Augen fallenden Induktion müsse auch diese Welt ihre Könige, Lords und Gemeinen haben. Der gewöhnliche Schluß aller Untersuchungen des Pfarrers war eine Klage über die Verwirrung der Klassen, die England wie eine Strafe Gottes heimsuche. Mein Vorfahr anderer Seits kümmerte sich wenig um gesellschaftliche Classifikation, oder um sonst ein andres conservatives Mittel, die Gewalt ausgenommen. Darüber konnte er den ganzen Tag sprechen, und Regimenter und Bayonette glitzerten in allen seinen Reden. Wenn er am beredtesten darüber war, pflegte er, wie Manners Sutton zu rufen: Ordnung! Ordnung! Auch erinnere ich mich keiner seiner Betrachtungen, die nicht damit endete: »Ach! Jack, das Eigenthum ist in Gefahr!« Ich will nicht behaupten, daß mein Geist ganz unverwirrt aus diesen widerstrebenden Ansichten herauskam, jedoch erlangte ich glücklicher Weise ein Glimmern von einer wichtigen Wahrheit; denn die beiden Commentatoren stimmten herzlich in der Furcht und folglich auch in dem Haß gegen die Masse ihrer Mitmenschen überein. Meine eigne natürliche Neigung trieb mich zur Menschenliebe, und da ich nicht gerne die Wahrheit von Lehren zugab, die mich in offene Feindseligkeit gegen einen so großen Theil der Menschen brachten, entschloß ich mich bald eine eigne aufzustellen, welche, während sie die Fehler vermiede, das Vortreffliche der beiden andern in sich fassen sollte. Es war freilich nichts grosses, nur solch einen Entschluß zu fassen, aber ich werde später Gelegenheit haben, ein Wort über die Weise zu sagen, wie ich sie in Ausführung zu bringen versuchte. Die Zeit rückte voran, und Anna ward jeden Tag schöner. Ich dachte zwar, sie hätte nach ihrer Unterredung mit ihrem Vater etwas von ihrer Freimüthigkeit und mädchenhaftem Frohsinn verloren, aber dieß schrieb ich der Rückhaltung und Besonnenheit zu, wie sie für den mehr entwickelten Verstand, das größre Schicklichkeitsgefühl, welches junge Weiblichkeit schmückt, sich paßten. Mit mir war sie immer offen und einfach, und sollte ich tausend Jahre leben, die engelgleiche Heitre des Antlitzes, womit sie unwandelbar auf die Theorien meines geschäftigen Gehirns hörte, würden meinem Andenken nicht entfallen. Wir sprachen von all diesen Dingen eines Morgens ganz allein. Anna hörte mich mit Vergnügen, wenn ich am ruhigsten war, und lächelte schmerzlich, wenn der Faden meiner Beweisgründe durch ein Schwärmen der Phantasie sich verwickelte. Ich fühlte in meines Herzens Innerstem, welch ein Glück solch ein Mentor sein würde, und wie neidenswerth mein Loos wäre, wenn ich sie mir für's Leben sichern könnte. Doch faßte ich nicht Muth (konnte es auch nicht), ihr meine innersten Gedanken darzulegen, und um ein Pfand zu bitten, das in diesen Augenblicken vorübergehender Demuth ich fürchtete, nie würdig zu sein zu besitzen. »Ich habe selbst daran gedacht, mich zu verheirathen;« fuhr ich fort, zu sehr mit meinen Theorie'n beschäftigt, um den vollen Inhalt meiner Worte mit der Zartheit zu erwägen, wie sie der Offenheit und den überwiegenden Vorrechten zukommt, die der Mann über das schwächere Geschlecht besitzt; »könnte ich eine finden, Anna, so lieblich, so gut, so schön und so verständig wie Ihr, die die Meine sein wollte, ich würde nicht einen Augenblick anstehen; aber leider, fürchte ich, ist dieß nicht mein glückliches Loos. Ich bin nicht der Enkel eines Baronet, und Euer Vater gedenkt, Euch mit einem Manne zu vereinen, der wenigstens zeigen kann, daß die »blutige Hand« ein Mal auf seinem Schild getragen worden, und andrer Seits spricht mein Vater nur von Millionen.« Während des ersten Theils dieser Rede sah das liebliche Kind gütig zu mir auf, offenbar mit dem Verlangen, mich zu beruhigen, aber gegen das Ende fielen ihre Augen auf ihre Arbeit und sie blieb schweigend. »Euer Vater sagt, jeder, der ein Interesse am Staat nimmt, sollte ihm Garantie'n geben.« Hier lächelte Anna, aber so versteckt, daß ihr süßer Mund kaum eine Spur verrieth; »und daß niemand anders ihn mit Glück regieren kann. Ich habe daran gedacht, meinen Vater zu bitten, einen Burgflecken und eine Baronie zu kaufen, denn mit dem erstern und dem Einfluß, den sein Geld gibt, braucht er nicht lange auf das andere zu warten, aber ich öffne nie meine Lippe über etwas der Art, daß er nicht antwortet: »Follolderoll, Jack, mit deiner Ritterschaft und socialen Ordnung, und Bischofthümern und Burgflecken, – das Eigenthum ist in Gefahr, – Anlehen und Regimenter, wenn du willst, – gib uns mehr Ordnung! Ordnung! Ordnung! Bayonette brauchen wir, Junge, und gute, heilsame Taxen, die Nation zu gewöhnen, zu den Bedürfnissen des Staats beizutragen und seinen Credit zu erhalten. Ei, junger Mann, wenn die Interessen von der Schuld vier und zwanzig Stunden unbezahlt blieben, dann würde eure Corporation, wie ihr sie nennt, eines natürlichen Todes sterben, und was würde aus euren Rittern und Baronen werden, bar Wortspiel im Original mit baron und barren (wüst, leer). Der Uebers. und ohne würden genug von ihnen sein durch ihre Verschwendung und Ausschweifungen. Verheirathe dich, Jack, etablire dich vernünftig; da ist der Nachbar Silberpfennig, hat eine einzige Tochter von gehörigem Alter, und ein gutes Weibsbild ist sie noch dazu. Die einzige Tochter von Oliver Silberpfennig wird ein passendes Weib abgeben für den einzigen Sohn von Thomas Goldenkalb; jedoch sag' ich dir, Junge, wirst du mit einer Competenz abgefunden werden; also halte deinen Kopf rein von ausschweifenden Luftschlössern, lerne Oekonomie bei Zeiten, und vor allem, mach keine Schulden.« Anna lachte, als ich gut gelaunt die wohlbekannte Intonation des Sprechers Sutton nachmachte, aber eine Wolke verdunkelte ihre klaren Züge, als ich schloß. »Gestern erwähnte ich die Sache bei Eurem Vater,« fuhr ich fort, »und er meinte mit mir, die Idee von dem Burgflecken und der Baronie sei gut. Ihr würdet der zweite Eures Geschlechts sein, Jack,« sagte er, »und das ist immer besser, als der erste; denn es gibt keine Sicherheit, daß jemand ein gutes Glied des Staats sei, die mit der zu vergleichen ist, wenn er vor seinen Augen die Beispiele jener hat, die ihm vorausgegangen, und durch ihre Dienste und Tugenden ausgezeichnet gewesen sind. Wollte Euer Vater ins Parlament kommen, und die Regierung in diesem kritischen Augenblick unterstützen, dann würde seine Geburt übersehen werden, und Ihr stolz auf seine Handlungen zurücksehen können. Wie's jetzt ist, fürcht' ich, ist seine ganze Seele mit der unwürdigen und erniedrigenden Leidenschaft der blosen Gewinnsucht beschäftigt. Geld ist ein nothwendiges Hülfsmittel zum Rang, und ohne Rang kann keine Ordnung sein, und ohne Ordnung keine Freiheit; aber wenn die Liebe zum Geld die Stelle der Achtung vor der Abstammung und den vergangnen Thaten einnimmt, verliert eine Gemeinde eben dadurch sogar das Gefühl, worauf alle ihre Großthaten sich stützen. So seht Ihr, liebe Anna, halten unsre Eltern zu sehr verschiedene Ansichten über einen sehr wichtigen Punkt; und zwischen natürlicher Hinneigung und erworbener Verehrung weiß ich kaum, welche ich annehmen soll. Wenn ich jemand finden könnte, sanft, verständig, schön wie du, die sich meiner erbarmen wollte, würde ich morgen heirathen, und die ganze Zukunft auf das Glück bauen, das mit solch einer Gefährtin zu finden ist.« Wie gewöhnlich hörte mich Anna stille an. Daß sie jedoch die Ehe nicht ganz so wie ich ansah, zeigte sich deutlich schon den nächsten Tag. Der junge Sir Harry Griffin (der Vater war todt) hielt in aller Form um sie an, und ward entschieden abgewiesen. Obgleich ich immer im Pfarrhaus glücklich war, konnte ich doch nicht anders als fühlen (noch mehr als sehen), daß, wie der Franzose sagt, ich eine falsche Stellung in der Gesellschaft einnahm. Als der vermuthliche Erbe großer Reichthümer bekannt, konnte ich nicht leicht gänzlich in einem Lande übersehen werden, dessen Regierung auf eine Repräsentation des Eigenthums basirt ist, und wo Burgflecken öffentlich feil sind; doch suchten die, welche zufällig den Vortheil für sich hatten, daß ihr Reichthum durch ihre Vorfahren zusammengebracht worden, mir immer zu beweisen, daß meiner, so ungeheuer er auch sei, nur von meinem Vater herrühre. Zehen tausend Mal wünschte ich, (wie es seitdem durch den großen Feldherrn des Jahrhunderts ausgedrückt worden) daß ich mein eigner Urenkel gewesen; denn trotz der größren Wahrscheinlichkeit, daß wer am nächsten bei'm Gründer eines Vermögens, auch gewiß den größeren Theil von dem zusammengeraften erhält, sowie wer am nächsten in der Abstammung bei dem Urahnen, der sein Geschlecht berühmt gemacht, auch gewiß am meisten noch von dem Einfluß von dessen Charakter in sich verspürt – trotz allem diesem bemerkte ich bald, daß in hochgebildeten und verständigen Staatsgesellschaften, die allgemeine Meinung, insofern sie mit Ansehn und Einfluß zusammenhängt, was die Hauptsache ist, geradezu alle diese vernünftigen Vermuthungen in der Hinsicht verwirft. Ich war nicht an meinem rechten Platze, unruhig, beschämt, stolz und empfindlich, – kurz ich nahm eine falsche Stellung ein; und unglücklicher Weise eine, aus der ich keinen möglichen Ausweg sah, ausgenommen ich fiele nach Lombardstreet zurück, oder schnitte mir die Kehle ab. Anna allein, gütig, lieb, mit den heitern Augen, sie allein fand sich in alle meine Freuden, nahm Theil an allen meinen Bekümmernissen, und schien mich zu sehen, wie ich war, nicht bezaubert durch meinen Reichthum, nicht zurückgestoßen durch meine Geburt. Den Tag, wo sie den jungen Harry Griffin abwieß, hätte ich vor ihr niederknie'n und sie Heilige nennen mögen. Man sagt, kein moralisches Uebelbefinden werde je durch sein Ergründen besser. Ich war ein lebendiges Beispiel von der Ansicht, daß Hinbrüten über sein Weh und seine Leiden nur das Uebel ärger macht. Ich fürchte sehr, es liegt in der Natur des Menschen, die Vortheile, die er wirklich genießt, gering zu schätzen, und die, welche ihm verweigert worden, zu übertreiben. Fünfzig Mal, während der sechs Monate, die auf die Abweisung des jungen Baronet folgten, entschloß ich mich Herz zu fassen, und zu Annens Füßen zu fallen; und ebenso oft ward ich durch die Besorgniß zurückgeschreckt, daß ich nichts hatte, mich würdig zu machen einer so herrlichen, die noch dazu die Enkelin des siebenten Englischen Baronets war. Ich will mir nicht herausnehmen, den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung zu erklären, ich bin weder Arzt noch Metaphysiker, aber die Geistesunruhe, die aus so vielen Zweifeln, Hoffnungen, Befürchtungen, Entschlüssen und Aufgaben von Entschlüssen hervorging, fing an meine Gesundheit anzugreifen; und ich wollte eben den Rath meiner Freunde, unter denen Anna die ernsteste und bekümmertste war, nachgeben, und reisen, als ich unerwartet vor das Sterbebette meines Vaters beschieden ward. Ich riß mich vom Pfarrhaus los, und eilte zur Stadt mit der Eile und dem Eifer eines einzigen Sohns und Erben, der bei einer so feierlichen Gelegenheit herbeigerufen wird. Ich fand meinen Vater noch im Besitz seiner Sinne, obwohl von den Aerzten schon aufgegeben, ein Umstand, der von ihrer Seite eine Uneigennützigkeit und Seltsamkeit bewieß, die man kaum gegen einen Patienten, der nach der allgemeinen Meinung mehr als eine Million reich war, hätte erwarten sollen. Mein Empfang bei dem Gesinde und zwei oder drei Freunden, die bei dieser traurigen Gelegenheit sich versammelt hatten, war voll Mitgefühl und warm, und zeugte von ihrer Besorgniß und Vorsicht. Meine Aufnahme bei dem Kranken war weniger ausgezeichnet. Das gänzliche Versenken seiner Geisteskräfte in das eine große Streben seines Lebens, eine gewisse Hartnäckigkeit, welche leicht die Oberherrschaft bei denen gewinnt, die entschlossen sind zu erwerben, und welche sich gewöhnlich ihren Manieren mittheilt, ferner der Mangel jener zarteren Bande, die nur durch die Uebung der vertrauteren Liebeserweisungen während unsres Daseins sich ausbilden, – alles dieß hatte einen Bruch zwischen uns hervorgebracht, der durch das einfache, nicht unterstützte Faktum der Verwandtschaft nicht ausgefüllt werden konnte. Ich sage Verwandtschaft, denn trotz der Zweifel, die ihre Schatten auf jenen Zweig des Stammbaumes warfen, durch den ich mit meinem Großvater von mütterlicher Seite zusammenhing, ist offenbar das Recht des Königs auf seine Krone nicht offenbarer, als meine direkte Abkunft von meinem Vater. Ich hielt ihn immer für meinen Vorfahr de jure und de facto und hätte ihn wohl als solchen lieben und ehren mögen, wenn die Stimme der Natur auf meiner Seite zärtere Erwiederungen von ihm gefunden hätte. Trotz der langen, und unnatürlichen Entfremdung, die so zwischen Vater und Sohn bestanden hatte, war das Zusammentreffen bei dieser Gelegenheit nicht ganz ohne einige Zeichen des Gefühls. »Du bist endlich gekommen, Jack,« sagte mein Vorfahr, »ich fürchtete, Junge, du möchtest zu spät kommen.« Das schwere Aufathmen, der geisterhafte Blick und die gebrochene Sprache meines Vaters erfüllte mich mit Schrecken; es war das erste Sterbebett, an dem ich je gestanden und das mahnende Gemälde der zur Ewigkeit schreitenden Zeit ward unauslöschlich meinem Gedächtnis eingeprägt. Es war nicht nur eine Sterbescene, es war eine Familien-Sterbescene. Ich weiß nicht, wie es zuging, aber mir schien, mein Vorfahr gliche mehr einem Goldenkalb als je zuvor. »Endlich bist du gekommen, Jack,« wiederholte er, »und das freut mich; du bist der einzige, der mir nun noch Sorge macht. Es wäre vielleicht besser gewesen, hätte ich mehr mit meiner Familie gelebt, – aber du wirst den Vortheil davon haben; ach, Jack, wir sind bei dem allem armselige Sterbliche; abgerufen zu werden so plötzlich und noch so jung.« Mein Vorfahr hatte seinen siebzigsten Geburtstag erlebt, aber leider! hatte er noch nicht seine Rechnung mit der Welt abgeschlossen, obwohl er dem Arzt seinen letzten Sold gegeben, und den Pfarrer mit einem Geschenk für die Armen des Sprengels fortgeschickt hatte, das selbst einen Bettler für sein ganzes Leben würde froh gemacht haben. »Du bist endlich gekommen, Jack, nun gut, mein Unglück wird dein Gewinn sein. Junge! Schick die Wärterin aus dem Zimmer.« Ich that, wie er befohlen und wir waren allein. »Nimm diesen Schlüssel;« er gab mir ihn unter seinem Kissen hervor, »und öffne die obere Schublade meines Sekretairs. Bring mir das Packet mit deiner Adresse.« Ich gehorchte schweigend; worauf denn mein Vorfahr erst mit einer Trauer darauf blickte, die ich nicht gut beschreiben kann, denn sie war weder weltlich, noch ganz von einem ätherischen Charakter, sondern eine seltsame fürchterliche Zusammensetzung von beiden, worauf er dann die Papiere in meine Hand gab, langsam und mit Widerstreben sie loslassend. »Du wirst warten, bis mich dein Auge nicht mehr sieht, Jack.« Eine Thräne brach daraus hervor und fiel auf die abgemagerte Hand meines Vaters; er sah gedankenvoll auf mich und ich fühlte ein leises Drücken, das seine Rührung bezeugte. »Es wäre wohl besser gewesen, Jack, hätten wir uns mehr gekannt. Aber die Vorsehung ließ mich den Vater nicht kennen und kinderlos lebte ich durch meine Thorheit. Deine Mutter war eine Heilige, glaub' ich, aber ich fürchte, ich erfuhr es zu spät. Nun, ein Segen kommt oft erst um Mitternacht.« Da mein Vorfahr jetzt den Wunsch zu erkennen gab, ungestört zu bleiben, rief ich die Wärterin und verließ das Zimmer; in meine eigne bescheidne Stube zog ich mich zurück, wo der Pack Papiere, versiegelt und von der eignen Hand meines Vaters an mich adressirt, sorgfältig unter ein gutes Schloß gelegt ward. Ich traf mit meinem Vater nur noch ein Mal unter Umständen zusammen, die eine verständliche Mittheilung zuließen. Von der Zeit unsrer ersten Zusammenkunft an ward er allmählich schlimmer, seine Vernunft wankte und gleich Shakspeare's sündhaftem Cardinal, »starb er und gab kein Zeichen von sich.« Drei Tage nach meiner Ankunft jedoch ward ich allein mit ihm gelassen, und plötzlich erwachte er aus einem an Ohnmacht grenzenden Zustand. Es war das einzige Mal seit der ersten Zusammenkunft, wo er mich auch nur zu erkennen schien. »Endlich bist du gekommen,« sagte er in einem Ton, der schon aus dem Grabe zu kommen schien. »Kannst du mir sagen. Junge, warum sie goldne Ruthen hatten, die Stadt auszumessen? (seine Wärterin hatte ihm ein Kapitel aus der Offenbarung gelesen, das er sich selbst ausgewählt). Du siehst, Junge, die Mauer selbst war von Jaspis und die Stadt von eitel Gold. Ich werd' kein Gold nöthig haben in meiner neuen Wohnung, ha! man wird dort keins brauchen! Ich bin nicht geizig, Jack; wollte Gott, ich hätte das Gold weniger geliebt, und meine Familie mehr! Die Stadt selbst ist von eitel Gold und die Mauern von Jaspis, herrliche Wohnung! ha! Jack; du hörst's, Junge, – ich bin glücklich, zu glücklich! Gold! Gold!« Die letzten Worte wurden mit einem Schrei ausgestoßen, sie waren die letzten, die je von den Lippen Thomas Goldenkalb's kamen. Der Lärm brachte die Wärter herein, sie fanden ihn todt. Ich ließ sie das Zimmer verlassen, sobald die traurige Wahrheit gehörig feststand und blieb mehrere Augenblicke allein mit der Leiche. Das Gesicht lag im Tod, die Augen, noch offen, hatten den abstoßenden Glanz des wahnsinnigen Entzückens, womit der Geist abgeschieden, und das ganze Antlitz zeigte das furchtbare Bild eines hoffnungslosen Endes. Ich kniete nieder und betete, obwohl Protestant, inbrünstig für die Seele des Verstorbenen. Ich schied dann von dem ersten und letzten all meiner Vorfahren. Diesem Auftritt folgte die gewöhnliche Zeit äußrer Trauer, das Begräbniß und dann die getäuschten Erwartungen der Überlebenden. Ich sah das Haus sehr besucht von vielen, die selten oder nie beim Leben seines früheren Eigenthümers seine Schwelle betreten hatten. Viel Munkeln und Blispern begann, man sah mich bedeutungsvoll an, ohne daß ich von dem allen etwas verstand; nach und nach mehrte sich die Zahl des regelmäßigen Besuchs, und belief sich zuletzt auf zwanzig. Unter ihnen war der Pfarrer des Sprengels, die Vorsteher einiger berühmten Wohlthätigkeitsanstalten, drei Procuratoren, vier oder fünf wohl bekannte Börsenmänner, unter ihnen der Vorderste Sir Joseph Job, und drei von den gewöhnlichen Barmherzigen, deren einzige Beschäftigung zu sein scheint, den versteckten Wohlthätigkeitssinn ihrer Nachbarn hervorzurufen und zu beleben. Den Tag, nachdem mein Vorfahr für immer unsern Blicken entzogen worden, war das Haus mehr als gewöhnlich angefüllt. Die geheimen Verhandlungen nahmen zu an Ernst und Häufigkeit, und endlich ward ich aufgefordert, mit diesen lästigen Gästen in das Zimmer, das das sanctum sanctorum des früheren Hauseigenthümers gewesen, zusammenzukommen. Als ich unter zwanzig fremde Gesichter trat, voll Verwunderung, wie ich, der bisher so wenig bemerkt, durch's Leben gegangen, so unzeitiger Weise belästigt werden sollte, stellte sich mir Sir Joseph Job als den Sprecher der Versammlung dar. »Wir haben nach Ihnen geschickt, Herr Goldenkalb,« begann der Herr, sich gebührend die Augen wischend, »weil wir dafür halten, daß Achtung für unsern verstorbenen sehr geehrten, vortrefflichen und ehrbaren Freund es verlangt, nicht länger seinen letzten Willen hintanzusetzen, sondern ohne weitres zur Eröffnung seines Testaments zu schreiten, und dann die gehörigen Maaßregeln zu dessen Vollstreckung zu treffen. Es würde mehr in der Ordnung gewesen sein, wenn wir dies vor seiner Beerdigung gethan, denn wir könnten seinen Willen in Hinsicht seiner verehrten Ueberreste nicht so gerade errathen haben. Indeß ist es mein fester Vorsatz, alles so angeordnet zu wissen, wie er gewollt, sollten wir selbst genöthigt sein, die Leiche wieder auszugraben.« Ich bin von Natur ruhig und vielleicht leichtgläubig, aber nicht ganz ohne die gehörige Empfindsamkeit. Was Sir Joseph Job oder sonst Jemand ausser mir mit dem Testament meines Vorfahrens zu thun hatte, wollte mir zuerst nicht einleuchten, und ich unterließ nicht, so etwas in Ausdrücken zu erkennen zu geben, die nicht leicht mißverstanden werden konnten. »Als einziges Kind und noch dazu einzige Verwandte des Verstorbenen,« sagte ich, »sehe ich nicht recht ein, meine Herren, in wie fern diese Sache auf so lebhafte Art so viele Fremde interessiren kann.« »Sehr scharfsinnig und passend, freilich Sir,« entgegnete Sir Joseph lächelnd, »aber sie sollten wissen, junger Mann, daß wenn es Leute giebt wie Erben, es auch solche wie Testamentsvollstrecker giebt.« Das wußte ich schon, und ich hatte schon irgendwo die Ansicht gewonnen, daß der letztre gemeiniglich als der profitlichere Stand sich zeige. »Haben Sie einigen Grund anzunehmen, Sir Joseph, daß mein verstorbener Vater Sie zum Vollstrecker bestellte?« »Das wird sich besser am Ende zeigen, junger Herr! Ihr verstorbener Vater soll reich gestorben sein, sehr reich, – nicht daß er gegen eine halbe Million so viel hinterlassen, als das Gerücht behauptet, aber es ist ganz bedeutend, und es wäre unvernünftig anzunehmen, ein Mann von seiner großen Vorsicht und Klugheit sollte sein Geld an den gesetzlichen Erben übergehen lassen, dieser Erbe, ein junger Mann von nur 23 Jahren, unerfahren in Geschäften, nicht zu sehr mit Klugheit begabt, und mit all den Neigungen derer von seinen Jahren in dieser übelberathenen und ausschweifenden Zeit; – er hätte es ihm überlassen ohne gewisse Vorkehrungen und Sicherheiten, die sein hart Erworbenes für noch einige Zeit unter die Sorgfalt von Männern stellen, die wie er den vollen Werth des Goldes kennen?« »Nein, niemals, es ist ganz unmöglich, es ist mehr als unmöglich!« riefen kopfschüttelnd die Beistehenden. »Besonders da der verstorbene Herr Goldenkalb mit den meisten soliden Namen an der Börse, z. B. Herrn Joseph Job sehr vertraut war;« fügte ein anderer hinzu. Sir Joseph nickte, lächelte, strich sich das Kinn und wartete auf die Antwort. »Das Eigenthum ist in Gefahr, Sir Joseph!« sagte ich ironisch, »aber es thut nichts! Wenn ein Testament da ist, liegt es ebensowohl in meinem Interesse, als möglicher Weise in dem Ihrigen, seinen Inhalt zu kennen, und ich gebe gerne zu, daß auf der Stelle darnach gesucht werde.« Sir Joseph blickte Dolche nach mir; aber als Geschäftsmann nahm er mich beim Wort, und nach Empfang der dargebotenen Schlüssel, ward sogleich eine geeignete Person in Thätigkeit gesetzt, die Schubladen zu öffnen. Das Suchen ging ohne Erfolg vier Stunden lang vor sich. Jede geheime Schublade wurde durchwühlt, jedes Papier geöffnet, und manch neugieriger Blick auf den Inhalt der letztern geworfen, um einige Winke über den wahrscheinlichen Belauf der ausstehenden Capitalien des Verstorbenen zu erhalten. Bestürzung und Unruhe stiegen sehr augenscheinlich unter den meisten der Zuschauer, während die fruchtlose Nachforschung vor sich ging und als der Notar mit der Erklärung endete, daß kein Testament zu finden sei, noch sonst ein Zeichen von Ausständen, heftete sich jedes Auge auf mich, als wenn ich im Verdacht stände, weggestohlen zu haben, was nach dem natürlichen Gange mein werden mußte, ohne die Notwendigkeit eines Verbrechens. »Es muß irgendwo ein geheimes Fach für die Papiere sein,« sagte Sir Joseph Job, als wenn er mehr argwöhnte, als er für jetzt sagen wollte. »Herr Goldenkalb ist mit einer bedeutenden Summe in den Staatsschuldbüchern interessirt, und doch findet sich hier nicht ein Papierstreifen von einem Pfd. Sterling!« Ich verließ das Zimmer und kehrte bald mit dem Bündel zurück, das mir von meinem Vater übergeben worden. »Hier, Ihr Herren,« sagte ich, »ist ein großes Packet Papiere, das mir von dem Verstorbenen eigenhändig auf seinem Sterbebett eingehändigt ward. Es ist, wie Sie sehen, unter seinem Siegel und unter meiner Adresse, von seiner eignen Hand, und es ist wohl für keine Anmaßung anzunehmen, daß der Inhalt mich ganz allein betrifft. Doch da Sie sich für des Verstorbenen Angelegenheiten so sehr interessiren, soll es jetzt geöffnet werden, und der Inhalt, so weit Sie einiges Recht haben können, ihn zu erfahren, Ihnen nicht verborgen bleiben.« Mir schien's, Sir Joseph sah ernsthaft aus beim Anblick des Packs und nachdem er die Handschrift auf der Decke untersucht hatte. Alle jedoch bezeugten ihre Zufriedenheit, daß die Nachsuchung nun wahrscheinlich beendet sei. Ich zerbrach das Siegel, und legte den Inhalt des Couverts dar. Darin befanden sich verschiedene Packete, jedes unter dem Siegel des Verstorbenen und an mich, wie die äußere Decke von seiner eignen Hand adressirt. Jedes dieser kleineren Packete hatte auch eine besondere Aufschrift über seinen Inhalt. Ich nahm sie, wie sie lagen, und las die Aufschrift eines jeden, ehe ich zum nächsten überging. Sie waren auch numerirt. »Nro. 1.,« fing ich an, »Scheine auf die Staatsschuld von Th. Goldenkalb. 12. Juni 1815.« Wir hatten damals den zwanzigsten desselben Monats und Jahrs. Als ich dieses Packet bei Seite legte, sah ich, daß die aufgeschriebene Summe weit eine Million überstieg. »Nro. 2. Scheine der Bank von England.« Die Summe war mehrere hundert Tausende. »Nro. 3. Süd-See-Annuitäten,« fast 300,000 Pf. »Nro. 4. Schuldscheine und Verschreibungen.« 430,000 Pf. »Nro. 5. Verschreibung von Sir Peter Job, 63,000 Pf.« Ich legte das Papier hin, und rief unwillkührlich aus: »Das Eigenthum ist in Gefahr!« Sir Joseph ward blaß, aber er winkte mir fortzufahren und sagte: »Wir werden bald an das Testament kommen, Sir.« »Nr. 6.« Ich zögerte, denn es war eine Verschreibung an mich selbst, die, wie ich eben daraus sah, ein verunglückter Versuch war, die Zahlung der Erbschaftstaxe zu umgehen. »Nun, Sir, Nro. 6?« fragte Sir Joseph mit tremulanter Freude. »Ist ein Papier, das mich selbst betrifft, womit Sie nichts zu schaffen haben, Sir.« »Wir werden sehen, Herr, wir werden sehen; wenn Sie, sich weigern, gibt's Gesetze, Sie zu zwingen.« »Zu was, Sir Joseph Job? Meines Vaters Schuldnern Papiere zu zeigen, die ausschließlich an mich adressirt sind, und mich nur betreffen können? Aber hier ist das Papier, meine Herren, das Sie so sehr zu sehen wünschen. Nro. 7. Letzter Wille und Testament des Th. Goldenkalb, 17. Juni 18l5.« (Er starb den 24. desselben Jahrs.) »Ah, das köstliche Papier!« rief Sir Joseph Job aus, seine Hand eifrig darnach streckend, als erwarte er, er werde es erhalten. »Dies Papier, wie Sie sehen, meine Herren,« sagte ich, und hielt's in die Höhe, daß alle Anwesende es sehen möchten, »ist besonders an mich adressirt, und ich werd's nicht aus der Hand lassen, bis ich ersehe, daß jemand anders ein besser Recht darauf hat.« Ich gestehe, der Muth gebrach mir, als ich es eröffnete, denn ich hatte nur wenig meinen Vater gekannt, und wußte, daß er ein Mann von eben so besondern Ansichten als Gewohnheiten gewesen. Das Testament war ganz von seiner Hand und sehr kurz. Ich faßte Herz und laß laut folgendes vor: »Im Namen Gottes, Amen. – Ich, Th. Goldenkalb aus dem Kirchsprengel Bow, in der Stadt London, verkünde und erkläre dieß Instrument als meinen letzten Willen und Testament. Nämlich: »Ich vermache meinem einzigen Kind und sehr geliebten Sohn, John Goldenkalb, all mein Besitzthum in dem vorbesagten Sprengel Bow und der Stadt London, daß er es besitze als einfaches Besitzthum für sich, seine Erben und Stellvertreter für immer.« »Ich vermache meinem einzigen Kind und vielgeliebten Sohn, dem besagten John Goldenkalb, all mein persönliches Eigenthum, von welcher Art und Beschaffenheit es immer sei, in dessen Besitz ich mich bei meinem Tode befinde, einschließlich Verschreibungen und Schuldscheine bei der Staatsschuld, Banknoten, einfache Scheine, Gut und Vieh, und alle andre Effekte, ihm, seinen Erben und Stellvertretern.« »Ich ernenne und bestelle meinen genannten vielgeliebten Sohn, John Goldenkalb, zum alleinigen Vollzieher dieses meines letzten Willens und Testaments, und rathe ihm, keinem von denen, die sich für meine Freunde ausgeben mögen, zu vertrauen, besonders allen Ansprüchen und Bitten Sir Joseph Jobs ein taubes Ohr zu leihen. Zum Zeugniß von welchem u.s.w. u.s.w.« Dieses Testament war gehörig ausgefertigt, und Zeugen waren die Wärterin, der Hauptcommis und das Hausmädchen. »Das Eigenthum ist in Gefahr, Sir Joseph,« bemerkte ich trocken, als ich die Papiere, sie aufzuheben, zusammennahm. »Dieß Testament kann umgestoßen werden, meine Herren,« schrie der Mann in Wuth, »es ist eine Schmähschrift.« »Und wem zu Nutz, Sir Joseph?« fragte ich ruhig. »Mit und ohne dieß Testament, möchten meine Ansprüche auf meines Vaters Capitalien gleich triftig sein.« Dieß war so augenscheinlich wahr, daß sich die Klügeren schweigend entfernten, und selbst Sir Joseph ging nach kurzem Zögern, während welchem er seltsam bewegt schien, weg. Die Woche darauf ward sein Bankrot, in Folge einiger übertrieben gewagten Spekulationen an der Börse, bekannt gemacht, und so erhielt ich für meine Verschreibung von 63000 Pf. nur 3 Shilling, 4 Pence vom Pfund. Als mir das Geld ausbezahlt wurde, konnte ich mich nicht enthalten, bei mir auszurufen: »das Eigenthum ist in Gefahr!« Am folgenden Tag schloß Sir Joseph Job seine Rechnung dadurch mit der Welt ab, daß er sich die Kehle abschnitt. Fünftes Kapitel. Von dem socialen Haltpunkt-System, den Gefahren des Concentrirens, und andere moralische und unmoralische Merkwürdigkeiten. Die Geschäfte meines Vaters waren fast so leicht zu ordnen, als die eines Unvermögenden. In vier und zwanzig Stunden war ich in vollständigem Besitz von allem, und fand mich, wenn nicht den reichsten, so doch einen der reichsten Privatleute von Europa. Ich sage Privatleute; denn Fürsten haben häufig eine Weise, sich die Habe Andrer zuzueignen, die jeden Versuch mit ihnen zu wetteifern, lächerlich machen würde. Schulden waren keine da, und wären deren gewesen, so fehlte bares Geld nicht; die Billanz in klingender Münze zu meinen Gunsten an der Bank belief sich selbst wieder zu einem bedeutenden Vermögen. Der Leser wird jetzt annehmen, ich wäre vollkommen glücklich gewesen. Ohne die geringste Beschränkung in meiner Zeit oder meinem Besitz, befand ich mich im Genuß eines Einkommens, das bedeutend die Revenuen vieler regierenden Fürsten überstieg. Ich hatte weder eine kostspielige noch eine lasterhafte Gewohnheit irgend einer Art. Häuser, Pferde, Hunde, Gepäck, Diener, nichts plagte oder hinderte mich. In jeder Hinsicht, eine ausgenommen, war ich vollkommen mein eigner Herr. Dieses war das tiefe, theure, geliebte Gefühl, das Anna in meinen Augen zu einem Engel machte (in der That war sie nicht viel weniger auch bei andern Leuten), zum Polarstern, nach dem jeder meiner Wünsche hinwieß. Wie gerne hätte ich gerade damals eine halbe Million bezahlt, um der Enkel eines Baronet mit Vorfahren aus dem siebzehnten Jahrhundert zu sein. Es war jedoch noch eine andre und näher liegende Ursache der Unruhe, die mir selbst noch mehr Besorgniß machte, als der Umstand, daß meine Familie in die dunklen Jahrhunderte mit so verdrießlicher Leichtigkeit hinabreichte. Das, daß ich Zeuge von dem Todeskampfe meines Vorfahren gewesen, war mir eine schreckliche Lehre über die Eitelkeit, die Hoffnungslosigkeit, die Gefahren und Täuschungen des Reichthums, welche die Zeit nie ausrotten kann. Die Geschichte von dessen Aufhäufung war mir immer gegenwärtig, um das Vergnügen von seinem Besitz zu stören. Nicht als wenn ich, was die Welt nennt, Unredlichkeit geahnt hätte,– dazu war kein Grund, sondern nur, weil das engherzige, allem entfremdete Leben, der Aufwand von Kräften, die abgestumpfte Menschenliebe und der isolirte, mißtrauische Charakter meines Vaters mir nur schlecht durch den freudlosen Besitz seiner Millionen wieder gut gemacht schien. Ich würde viel darum gegeben haben, wenn mir jemand einen Weg gezeigt hätte, wo dem Verschlingen von Scylla's Schlund entgehend, ich an den habsüchtigen Felsen der Charybdis hätte vorbeisteuern mögen. Als ich aus den raucherigen Linien der Londoner Häuser in die grünen Felder zwischen den blühenden Hecken herausfuhr, schien mir diese Erde schön, wie gemacht, sie zu lieben. Ich sah in ihr das Werk eines göttlichen und wohlthätigen Schöpfers, und überzeugte mich leicht, daß, wer im Gewirr einer Stadt lebte, um Gold aus seines Nachbars Tasche in seine zu bringen, den Zweck seines Daseins verfehlte. Mein armer Vater, der nie London verlassen, stand vor mir mit seinem Kummer im Tode, und mein erster Entschluß war, mit meinen Nebenmenschen in Verbindung zu leben. So heftig in der That ward meine Angst, diesen Plan auszuführen, daß sie sich zum Wahnsinn hätte steigern können, wenn nicht ein glücklicher Umstand eingetreten, mich vor diesem schrecklichen Unglück zu retten. Die Kutsche, in der ich die Reise machte (denn ich vermied vorsätzlich allen Pomp und die Beschwerde der Extrapost und der Bedienten) ging durch einen Marktflecken von anerkannter Loyalität, am Vorabend einer bestrittenen Wahl. Diese Berufung an den gesunden Verstand und Patriotismus der Wähler hatte stattgefunden, weil der frühere Bevollmächtigte ein Amt bekommen. Der neue Minister (er war nämlich Cabinetsmitglied) hatte eben seinen Ueberblick genommen und schickte sich an, seine Mitbürger aus dem Fenster des Wirtshauses, worin er logirte, anzureden. Obwohl ermüdet, doch begierig geistige Erholung auf irgend eine Art zu suchen, warf ich mich aus der Kutsche, sicherte mir ein Zimmer und ward einer von den Zuhörern. Der begünstigte Bewerber nahm einen weiten Balkon ein, der von seinen Hausfreunden umringt ward, unter welchen ich mit Freuden Grafen, Lords und Baronets, geistliche Würdeträger, Handelsleute von Einfluß in dem Flecken, und selbst einen oder zwei Handwerker bemerkte, die in dem angenehmen Amalgam politischer Verwandtschaft zusammengedrängt waren. »Hier also,« dacht ich, »ist ein Beispiel himmlischen Segens. Der Bewerber selbst, der Sohn und Erbe eines Pairs, fühlt, daß er in Wirklichkeit dasselbe Fleisch und Blut ist wie seine Constituenten; wie lieblich er lächelt! wie angenehm sind seine Manieren! mit welcher Herzlichkeit schüttelt er die Hand des schmutzigsten und geringsten! Hier muß ein Mittel gegen Menschenstolz liegen! ein Antrieb zur Güte, eine nie endende Lehre des Wohlwollens, hier in diesem Theil unsrer herrlichen Staatsverfassung, und ich will es weiter verfolgen!« Der Bewerber erschien und seine Rede begann. Mein Gedächtniß würde nicht ausreichen, wollte ich die eignen Worte des Redners anzuführen versuchen. Aber seine Ansichten und Lehren sind so tief in meine Erinnerung eingegraben, daß ich sie nicht zu entstellen fürchte. Er fing mit einem sehr passenden und beredten Lob der Constitution an, welche er unbedenklich in ihrer Art die größte Vervollkommnung menschlicher Vernunft nannte; es zu beweisen, führte er die feststehende Thatsache an, daß sie, bei allen Wechseln und Prüfungen so vieler Jahrhunderte sich, alle Veränderungen verabscheuend, nach den Umständen gerichtet. »Ja, meine Freunde,« rief er in einem Ausbruch patriotischer und constitutioneller Inbrunst, »wie unter den Rosen, so unter den Lilien, unter den Tudors, den Stuarts und dem hohen Hause Braunschweig hat dieß glorreiche Gebäude den Stürmen der Partheien widerstanden, hat unter sein schützendes Dach die entgegengesetzten Elemente bürgerlicher Streitigkeiten aufgenommen, Schutz, Wärme, ja auch Nahrung und Kleidung« (hier legte der Redner sehr passend seine Hand auf die Schulter eines Metzgers, der ein Flausgewand trug, das ihn nicht unähnlich einem stallgefütterten Vieh machte) »ja auch Nahrung und Kleidung, Lebensmittel und Trank dem geringsten Unterthan des Reichs verschaffend. Und das ist noch nicht alles; es ist eine ganz besonders englische Constitution, und wer ist so niederträchtig, so gemein, so untreu sich selbst, seinen Vätern, seinen Nachkommen, um einer Constitution den Rücken zu kehren, die so durch und durch, so wesentlich englisch ist; einer Constitution, die er von seinen Vorfahren geerbt, die nach göttlichen und menschlichen Gesetzen er verpflichtet ist, unverändert der Nachwelt zu überliefern?« Hier wurde der Redner, der jedoch zu sprechen fortfuhr, vom Beifallsgeschrei übertäubt, und diesen Theil des Gegenstandes konnte man wohl als definitiv bewiesen betrachten. Unter Constitution als einem Ganzen, ging der Bewerber zunächst weiter, den besondern Theil von ihr, den Burgflecken Householder zu erheben. Nach seinem Bericht davon waren seine Bewohner von dem edelsten Geist der Unabhängigkeit erfüllt, von dem festesten Entschluß, das Ministerium aufrecht zu erhalten, wovon er selbst das geringste Glied sei, und besonders ausgezeichnet durch das, was er in der Begeisterung politischer Beredsamkeit, sehr glücklich das freigeborne Verständniß ihrer Rechte und Privilegien nannte. Diesen loyalen und vernünftigen Flecken habe man nie seine Gunst an solche verschwenden gesehen, die keinen Anhaltspunkt in der Gemeinde gehabt; er verstehe das Grundprincip guter Regierung, welches als Hauptsatz festgestellt, daß niemand Vertrauen verdient, er habe dann ein sichtliches und ausgedehntes Interesse am Land, denn was hätte ohne diese Pfänder der Rechtlichkeit und Unabhängigkeit der Wähler andres zu erwarten als Bestechung und Arglist, einen Handel mit den theuersten Rechten, ein Feilschen, das die glorreichen Institutionen, unter denen er lebte, zerstören könnte. Dieser Theil der Rede ward in ehrerbietiger Stille angehört, und bald darauf schloß der Redner, wo dann die Wähler wahrscheinlich mit einer bessern Meinung von sich und der Constitution auseinandergingen, als sie vielleicht seit der vorigen Wahl zu hegen das Glück gehabt. Der Zufall brachte mich bei Tische (das Haus war voll) an dieselbe Tafel mit einem Notar, der den ganzen Morgen unter den Householdern sehr thätig gewesen, und wie ich von ihm selbst hörte, der eigentliche Agent des Eigenthümers von dem fraglichen unabhängigen Flecken war. Er sagte mir, er sei, in der Erwartung, das ganze Eigenthum an Sir Pledge, so hieß der ministerielle Candidat, übergeben zu können, hierher gekommen, aber die Geldmittel seien nicht zur Stelle gewesen, wie man ihn hätte hoffen lassen, und der ganze Handel so unglücklicher Weise in dem Augenblick abgebrochen worden, wo es von der höchsten Wichtigkeit gewesen, zu wissen, wem die unabhängigen Wähler eigentlich angehörten. »Der Lord hat jedoch,« fuhr der Notar blinzelnd fort, »gethan, was recht war, und seine Wahl kann keinem Zweifel unterliegen, ebenso wenig wie die Ihrige, wenn der Flecken etwa Ihnen gehörte.« »Und ist dieß Eigenthum jetzt zu verkaufen?« fragte ich. »Freilich. – Der Herr kann's nicht länger machen; der Preis steht fest, und ich hab' Vollmacht, den Handel vorläufig abzuschließen. Es ist Jammerschade, daß die öffentliche Meinung an dem Vorabend einer Wahl in diesem unentschiednen Zustand gelassen wird.« »Dann, Sir, will ich es kaufen.« Der andre sah mit Staunen und Zweifel auf mich. Er hatte jedoch schon zuviel Geschäfte der Art gemacht, um nicht erst weiter zu hören, ehe er ab- oder zuschlug. »Der Preis des Fleckens ist 325000 Pf., und die Abgaben nur 6000, Sir.« »Es mag sein. Mein Name ist Goldenkalb; wenn Sie mich in die Stadt begleiten wollen, sollen Sie das Geld erhalten.« »Goldenkalb! Was, Sir, der einzige Sohn und Erbe des verstorbenen Thomas Goldenkalb von Cheapside?« »Derselbe. Mein Vater ist noch keinen Monat todt.« »Verzeihen Sie, Herr, beweisen Sie mir Ihre Identität, man muß bei solchen Dingen genau sein, – und Sie sollen noch zu rechter Zeit in den Besitz kommen, um Ihre eigne Wahl oder die eines Ihrer Freunde zu sichern. Ich werde Herrn Pledge seine geringen Vorschüsse zurückgeben, und künftig wird er sich nicht mehr unterstehen, sein Versprechen nicht zu halten. Wozu nützt ein Flecken, wenn eines Edelmanns Wort nicht heilig ist? Sie werden die Wähler insbesondre in jeder Hinsicht Ihrer Gunst würdig finden. Sie sind so freimüthige, loyale und gerade Constituenten, als nur irgend wo in England. Da ist kein Rückhalten mit dem Stimmen, in jeder Hinsicht sind sie furchtlose Engländer, die thun, was sie sagen, und sagen, was nur immer ihr Oberherr von ihnen verlangen mag.« Da ich tausend Briefe und andere Dokumente bei mir hatte, war nichts leichter als den Notar von meiner Identität zu überzeugen. Er forderte Tinte und Feder; zog aus seiner Tasche den für Lord Pledge bestimmten Contrakt, und gab mir ihn zu lesen. Er füllte ihn aus, und meinen Namen einschreibend, rief er die Kellner zu Zeugen auf, und überreichte mir das Papier mit einer Schnelle und Ehrfurcht, die ich wirklich ergötzlich fand. So ein Mal, dacht' ich, der Gesellschaft durch den Ankauf eines Fleckens Sicherheits-Pfänder gegeben! Ich zog auf meine Bankiers 325,000 Pfund und stand wirklich als der Eigenthümer des Burgfleckens Householder und der politischen Gewissen aller seiner Bewohner vom Stuhl auf. Eine so wichtige Begebenheit konnte nicht lange unbekannt bleiben, und in wenigen Minuten richteten sich Aller Augen im Kaffeehause auf mich. Der Wirth präsentirte sich, und bat, ich möchte ihm die Ehre erweisen, Besitz von seinem Wohnzimmer zu nehmen, da sonst keines zu seiner Verfügung stehe. Ich hatte mich dort kaum festgesetzt, als schon ein Diener in schöner Livree mir folgendes Schreiben überbrachte: »Mein theurer Herr Goldenkalb! »Ich hab' in diesem Augenblick vernommen, daß Sie hier sind und bin sehr froh darüber. Eine lange vertraute Freundschaft mit Ihrem verstorbenen vortrefflichen und sehr loyalen Herrn Vater rechtfertigt mich, wenn ich Sie meinen Freund nenne; so unterlasse ich alle weitere Ceremonien (ich meine Geschäftsceremonien, da von keinen andern zwischen uns die Rede sein kann), und bitte, mich eine halbe Stunde vorzulassen.– Mein theurer Herr Goldenkalb Ihr sehr ergebener und aufrichtiger Pledge.« Ich bat, man möge den edlen Besuch nicht einen Augenblick warten lassen. Lord Pledge trat herein wie ein alter, vertrauter Freund. Er that hundert schöne Fragen nach meinem verstorbenen Vorfahren, sprach mit Gefühl von seinem Verdruß, nicht vor sein Sterbebett beschieden worden zu sein, und wünschte mir dann sehr aufrichtig und warm zu meiner Nachfolge zu so großem Reichthum Glück. »Ich höre auch, Sie haben diesen Flecken gekauft, mein Lieber; ich konnte es gerade in diesem Augenblick nicht machen, um den Handel selbst abzuschließen; aber es ist nicht übel; 320,000 Pf., nicht, so war wenigstens zwischen mir und der Gegenparthie die Rede.« »325,000 Pfund, Lord Pledge!« Ich merkte an den Mienen des edlen Bewerbers, daß ich die schlechten fünf Tausend Pfund als eine Zugabe bezahlt, – ein Umstand, der die Bereitwilligkeit des Notars in der ganzen Verhandlung erklärte, da er wahrscheinlich den Ueberschuß selbst einsteckte. »Sie denken also zu sitzen?« »Ja, Mylord; doch erst nach der nächsten allgemeinen Wahl; für jetzt werde ich mich glücklich schätzen, Ihre Wiedererwählung zu unterstützen.« »Mein lieber Herr Goldenkalb –« »In der That, ohne Ihnen ein Compliment machen zu wollen, Lord Pledge, die edlen Gesinnungen, die ich Sie diesen Morgen äußern hörte, waren so geeignet, so außerordentlich eines Staatsmanns würdig, so wahrhaft englisch, daß ich weit lieber Sie selbst in dem erledigten Sitze als mich wünschen würde.« »Ich ehre Ihre Vaterlandsliebe, Herr Goldenkalb, und wünsche nur, daß die Welt mehr solcher Männer besäße; aber Sie können auf unsre Freundschaft zählen, Sir; was sie eben bemerkten, ist wahr, sehr wahr, nur zu wahr, ist – ist, ich meine, mein lieber Herr Goldenkalb, gerade diese meine Gesinnungen, ich, ich, – ich sage es vor Gott, ohne Eitelkeit, aber es, – es, – wie Sie so ganz recht zu verstehen gegeben, sie sind recht geeignet und wahrhaft englisch.« »Ich halte Sie in der That dafür, Lord Pledge, sonst hätte ich es nicht gesagt; – ich selbst befinde mich in einer seltsamen Lage, – bei ungeheurem Reichthume ohne Rang, Name, Verbindungen, – nichts ist leichter für einen von meinen Jahren, als mißleitet zu werden; und es ist daher mein heißer Wunsch, irgend ein Mittel zu finden, mich auf passende Art mit der Staatsgesellschaft zu verketten.« »Ei, mein theurer junger Freund, wählen Sie ein Weib unter den Schönen und Tugendhaften dieser glücklichen Insel; leider kann ich selbst in dieser Hinsicht nichts vorschlagen; meine beiden Schwestern sind schon vergeben.« »Ich hab' schon gewählt, ich danke Ihnen tausend Mal, mein theurer Lord Pledge, obgleich ich kaum selbst meine Wünsche zu erfüllen wage. Es sind Anstände, – wenn ich nur jetzt das Kind von eines Baronets zweitem Sohn wäre, oder – –« »Werden Sie selbst Baron,« unterbrach mich nochmals mein edler Freund, der offenbar leichteren Herzens geworden; denn ich glaube wirklich, er dachte, ich würde ihn um etwas Höheres ansprechen. »Ihre Sache soll mit Ende der Woche gemacht sein, und wenn ich sonst etwas für Sie thun kann, nennen Sie es ohne Rückhalt!« »Wenn ich noch etwas weiter von Ihren so bemerkenswerthen Gedanken über den Haltpunkt, den wir alle in der Staatsgesellschaft haben sollten, hören könnte, ich glaube, das würde mich sehr erleichtern.« Der andere sah einen Augenblick mit sehr seltsamem Ernst auf mich, fuhr mit der Hand über die Stirn, sann nach und willfahrte mir dann sehr zuvorkommend. »Sie legen, Herr Goldenkalb, zu große Wichtigkeit auf einige, freilich sehr wahre aber doch sehr übel geordnete Ideen. Daß ein Mann ohne einen gehörigen Haltpunkt im Staat wenig besser als das Thier des Feldes ist, halte ich für so augenscheinlich, daß es unnöthig ist, sich dabei aufzuhalten. Schließen Sie, wie Sie wollen, vorwärts und rückwärts. Sie kommen zu demselben Ergebniß; wer nichts hat, wird gewöhnlich von den Menschen wenig besser als ein Hund behandelt, und wer wenig mehr als ein Hund ist, hat gewöhnlich nichts. Ferner, was unterscheidet den Wilden vom Civilisirten? die Civilisation natürlich; – nun was ist Civilisation? Die Künste des Lebens. Was säugt, nährt, erhält die Künste des Lebens? Geld und Eigenthum. Folglich ist Civilisation Eigenthum und Eigenthum Civilisation. Wenn die Regierung eines Landes in den Händen derer ist, die Eigenthum besitzen, ist die Regierung eine civilisirte, aber im Gegentheil, ist sie in den Händen derer, die nichts besitzen, so ist sie nothwendig eine uncivilisirte. Es ist ganz unmöglich, daß jemand ein zuverlässiger Staatsmann werde, der nicht ein direktes Eigenthumsinteresse in der Staatsgesellschaft besitzt. Sie wissen, es gibt keinen Anfänger in unsrer politischen Sekte, der nicht die Wahrheit dieses Grundsatzes zugäbe.« »Herr Pitt?« »Ei Pitt war freilich gewisser Maßen eine Ausnahme, aber dann müssen Sie bedenken, war er der unmittelbare Vertreter der Tory, die das meiste Eigenthum in England besitzen.» »Herr Fox.« »Fox vertrat die Whigs, die, wie Sie wissen, alles übrige besitzen. Nein, mein lieber Goldenkalb, bedenken Sie, wie Sie wollen, wir werden immer zu demselben Resultat gelangen. Sie werden also, wie Sie eben gesagt, selbst einen der Sitze bei der nächsten Wahl einnehmen?« »Ich bin zu stolz, Ihr College zu werden, um zu zögern.« Diese Rede besiegelte unsre Freundschaft; denn sie war meinem edlen Bekannten ein Pfand für seine künftige Verbindung mit dem Flecken. Er war zu hoch geboren, seinen Dank in gewöhnlichen Phrasen auszudrücken (obwohl hohe Geburt selten alle ihre Vorzüge geltend macht, wenn es eine Wahl gilt) aber er war ein Mann von Welt, von jener Classe, deren Hauptgeschäft es ist, das »suaviter in modo« wie der Franzose sagt »en evidence« zu setzen, und so kann der Leser versichert sein, daß, als wir jenen Abend schieden, ich in vollkommen guter Laune mit mir und folglich mit meinem neuen Bekannten war. Den folgenden Tag wurde das Abstimmen erneuert, und wir hatten eine zweite überzeugende Rede über die Wichtigkeit der Lehre, vom Anhaltspunkt in der Gesellschaft; denn Lord Pledge war Tactiker genug, gleich die Citadelle anzugreifen, nachdem er ihre schwache Seite erfaßt, und nicht seine Kräfte auf die Aussenwerke zu verschwenden. Am Abend kam der Notar aus der Stadt mit den Dokumenten; sie waren alle gehörig ausgefertigt, da sie für Lord Pledge schon einige Zeit bereit gewesen, und am folgenden Morgen frühe wurde den Einwohnern die gehörige Nachricht gegeben, mit einer zierlich abgefaßten Anrede von meiner Seite, zu Gunsten »des Haltpunkts in der Gesellschaft.« Um Mittag schritt Lord Pledge, wie es in Newmarket und Donkaster heißt, über den Kampfplatz; nach dem Essen schieden wir; mein edler Freund kehrte in die Stadt zurück, während ich den Weg nach dem Pfarrhaus einschlug. Anna schien mir nie frischer, heitrer, über alles sterbliche erhabner, als damals, wo wir, eine Woche, nachdem ich Householder verlassen, in dem Frühstückzimmer von ihres Vaters Wohnung zusammentrafen. »Ihr fangt wieder an, Euch selbst gleich zu sehen, Jack,« sagte sie, indem sie die Hand mit der einfachen Herzlichkeit einer Engländerin ausstreckte, »und ich hoffe, wir werden Euch vernünftiger finden.« »Ach, Anna, wenn ich nur wagen dürfte, mich zu Euren Füßen zu werfen, und Euch zu sagen, wie sehr und was ich fühle, ich würde der glücklichste Mann in ganz England sein!« »Wie's nun ist, seid Ihr der unglücklichste,« antwortete das lachende Mädchen, als bis an die Schläfe erröthend, sie die Hand wegzog, die ich närrisch an's Herz drückte; »laßt uns zum Frühstück geh'n, Herr Goldenkalb; mein Vater ist über Feld geritten, Doktor Liturgy zu besuchen.« »Anna,« sagte ich, nachdem ich mich gesetzt, und eine Tasse Thee von Fingern genommen, die rosig waren, wie der Morgen, »ich fürchte, Ihr seid der größte Feind, den ich auf der Erde habe.« »John Goldenkalb!« rief das entsetzte Mädchen, ward blaß und erröthete dann heftig; »bitte, erklärt Euch.« »Ich liebe Euch im Innersten, – könnte Euch heirathen, und dann fürchte ich, verehre ich Euch, wie je ein Mann eine Frau verehrt.« Anna lachte leise. »Und so fühlt Ihr Euch in der Sünde der Götzendiener?« brachte sie zuletzt heraus. »Nein, ich bin in Gefahr, meine Gefühle enger zu beschränken, einen festen, sichern Halt im Leben zu verlieren, meinen eigenthümlichen Standpunkt in der Gesellschaft aufzugeben, kurz, unnütz meinen Mitmenschen, wie mein armer, armer Vater zu werden, und ein ebenso erbärmliches Ende zu haben. O Anna, hättet Ihr die Hoffnungslosigkeit jenes Sterbebetts mitangesehn, Ihr könntet mir nie ein Schicksal wie das seinige wünschen!« Meine Feder ist nicht im Stande eine angemessene Idee von dem Ausdruck zu geben, womit mich Anna betrachtete; Verwunderung, Zweifel, Befürchtung, Zuneigung und Angst, glänzte all in ihren Augen, aber die unnatürliche Gluth dieser widerstrebenden Gefühle war durch eine Sanftheit gemäßigt, die dem perlenden Glanz eines italienischen Himmels glich. »Wenn ich meiner Neigung nachgebe, Anna, worin wird meine Lage von der meines unglücklichen Vaters sich unterscheiden? Er concentrirte seine Gefühle in der Liebe zum Geld, – und ich, ja ich fühle es hier, ich erkenne es hier, ich würde Euch so innig lieben, daß es jedes edelmüthige Gefühl für andre ausschlösse. Ich hab' eine schreckliche Verantwortung auf meinen Schultern, Reichthum – Gold – Gold über alle Maßen, und meine Seele zu retten, muß ich mein Interesse an meinen Mitgeschöpfen ausdehnen, nicht verengen. Gäb' es ein hundert solcher Anna, ich könnte euch alle an mein Herz drücken, aber Eine, nein, nein; es wäre Elend, es wäre Verderben. Gerade das Uebermaß einer solchen Leidenschaft würde mich zum herzlosen Geizhals machen, der unwürdig wäre des Vertrauens seiner Mitmenschen!« Das strahlende und doch heitre Auge Annens schien in meiner Seele zu lesen; und als ich ausgesprochen, erhob sie sich, stahl sich furchtsam an meine Seite des Tisches, wie eine Frau sich nähert, wenn sie am meisten fühlt, legte ihre Sammethand auf meine brennende Stirn, drückte deren schlagende Pulse leise an ihr Herz, brach in Thränen aus und entfloh. Wir speisten allein, auch sahen wir einander nicht wieder bis zur Mittagszeit. Annens Weise war sänftigend, lieb, selbst einnehmend, doch vermied sie sorgfältig das Gespräch vom Morgen. Ich selbst, ich brütete beständig über der Gefahr, die Interessen zu concentriren, und über der Vortrefflichkeit eines socialen Haltpunktsystems. »Ihr werdet Euch, Jack, in einem Tag oder zwei besser befinden,« sagte Anna, als wir Wein nach der Suppe getrunken. »Landluft und Freunde werden Eure Frische, Eure Farben zurückbringen.« »Gäb' es tausend Anna, dann könnt' ich glücklich sein, wie nie jemand zuvor; aber ich muß nicht, darf nicht meinen Halt an der Staatsgesellschaft aufgeben!« »Dieß alles beweißt meine Unzulänglichkeit, Euch glücklich zu machen. Aber da kommt Francis mit der gestrigen Morgenzeitung, laßt uns sehen, was die Staatsgesellschaft in London macht!« Nach einigen Augenblicken ernsthafter Beschäftigung mit dem Journal entfuhr dem lieblichen Kinde ein Ausruf des Vergnügens und Erstaunens. Als ich meine Augen emporrichtete, sah ich sie (wie ich mir einbildete) freundlich auf mich blicken. »Les't, was Ihr da habt, das Euch so viel Vergnügen zu machen scheint!« Sie folgte und las mit eifriger und zitternder Stimme folgende Nachricht: »Seine Majestät hat gnädigst geruht, John Goldenkalb von Householder-Hall in der Grafschaft Dorset und von Cheapside, Esquire, zur Würde eines Baronet der vereinigten Königreiche Großbritannien und Irland zu erheben.« »Sir John Goldenkalb, ich habe die Ehre auf Eure Gesundheit und Glück zu trinken!« rief das entzückte Mädchen, freudestrahlend gleich dem Morgen und ihre schwellende Lippe mit einem Naß benetzend, das weniger roth war als diese. »Hier, Francis, füll' ein Glas und trink dem neuen Baronet zu.« Der graugelockte Kellermeister that, wie ihm befohlen, und zwar mit viel Anstand und eilte dann in das Gesinde-Zimmer, die Nachricht zu hinterbringen. »Hier wenigstens, Jack, ist ein neuer Anhalt, den die Gesellschaft an Euch hat, welchen Halt Ihr nun auch an die Gesellschaft haben mögt.« Ich war erfreut, weil sie erfreut war, und weil es von Seiten Lord Pledge einige Dankbarkeit zeigte, (wie wohl er späterhin Gelegenheit nahm, zu verstehen zu geben, daß ich die Gunst hauptsächlich der Hoffnung verdankte) und ich glaube, meine Augen drückten nie mehr Freude aus. »Lady Goldenkalb würde indeß doch auch nicht so übel lauten, liebste Anna!« »Einer beigelegt, Sir John, wohl möglich, doch nicht wenn einem hundert.« Anna lachte, erröthete, brach nochmals in Thränen aus und entfloh wieder. Welch' Recht hab' ich mit den Gefühlen dieses einfachen, trefflichen Mädchens zu spielen? sagte ich zu mir selbst; es ist offenbar, dieser Gegenstand betrübt sie, sie erträgt nicht seine Berührung, und es ist unmännlich und ungeeignet von mir, so zu verfahren. Ich muß meinem Charakter als ein Mann von Bildung treu bleiben; ja besonders jetzt als Baronet; ich will nie wieder, so lang ich lebe, davon sprechen. Am folgenden Tag nahm ich Abschied von Dr. Etherington und seiner Tochter in der ausgesprochenen Absicht, ein Jahr oder zwei zu reisen. Der gute Geistliche gab mir viel freundlichen Rath, schmeichelte mir mit Versicherung seines Vertrauens in meine Vorsicht und mir warm die Hand drückend, bat er mich zu bedenken, daß ich immer eine Heimath im Pfarrhaus hätte. Als ich dem Vater Adieu gesagt, machte ich mich mit betrübtem Herzen auf, die Tochter aufzusuchen. Sie war noch in dem kleinen Frühstückzimmer, – jenem so geliebten Gemach. Ich fand sie blaß, schüchtern, gefühlvoll, schmeichelnd aber heiter. Nichts konnte je diese himmlische Heitre an dem lieben Kinde stören; wenn sie lachte, geschah es mit zurückgehaltener, gemäßigter Freude; wenn sie weinte, war es gleich Regen, der aus einer Luft fällt, die noch glänzt von dem hellen Sonnenschein. Nur wenn Gefühl und Natur unaussprechlich schwer in ihr war, führte ein unwiderstehlicher Trieb ihres Geschlechts zu Bewegungen, wie ich sie zwei Mal vor so kurzem in ihr wahrgenommen. »Ihr wollt uns verlassen, Jack,« sagte sie und reichte freundlich und ohne affektirte Gleichgültigkeit, die sie nicht fühlte, ihre Hand. »Ihr werdet viele fremde Gesichter sehen, aber keine, die – –« Ich wartete auf den Schluß des Satzes, aber ob sie auch eifrig nach Selbstüberwindung rang, er ward nie beendigt. »Bei meinem Alter, Anna, bei meinen Mitteln, würde es unschicklich sein, zu Haus zu bleiben, während, wenn ich es so ausdrücken darf, die Menschheit draußen ist. Ich gehe meine Theilnahme an ihr zu beleben, mein Herz den Mitmenschen zu öffnen, und die grausamen Vorwürfe zu vermeiden, die meines Vaters Sterbebett zur Folter machten.« »Gut, gut!« unterbrach das schluchzende Mädchen, »wir wollen nicht mehr davon sprechen; es ist am besten, Ihr reiset und so Adieu – mit Tausenden, mit Millionen meiner besten Wünsche für Euer Glück und sichre Wiederkehr. Ihr werdet zu uns zurückkommen, Jack, wenn überdrüssig Ihr geworden der andern Scenen.« Dieß ward mit leichtem Ernst und einer so gewinnenden Aufrichtigkeit gesprochen, daß es fast meine ganze Philosophie umgestoßen; aber ich konnte ihr ganzes Geschlecht nicht heirathen, und meine Neigung auf eine zu beschränken, wäre der Todesstreich für die Entwicklung jenes erhabenen Grundsatzes gewesen, an dem ich so sehr hing, und der, wie ich schon beschlossen, mich würdig machen sollte meines Reichthums, und zur Zierde der Menschen. Doch wäre mir ein Königreich geboten worden, ich hätte nicht sprechen können. Ich nahm das nicht widerstrebende Kind in meine Arme, preßte sie an mein Herz, drückte einen brennenden Kuß auf ihre Wange und schied. »Ihr werdet zu uns zurückkommen, Jack,« lispelte sie halb, als sie ihre Hand widerstrebend durch die meinige zog. O, Anna, es war in der That schmerzlich, von deinem freien, lieblichen Vertrauen zu scheiden, von deiner strahlenden Schönheit, deiner heitern Liebe und all den weiblichen Tugenden, nur um meine neuentdeckte Theorie in Ausübung zu bringen. Lange umschwebte deine Gegenwart mich, ja nie verließ sie mich gänzlich. Sie setzte meine Sündhaftigkeit auf eine strenge Probe, und drohte bei jeder Meile die sich verlängernde Kette anzuziehen, die mich schon band an dich, deinen Herd und deine Altäre. Aber ich triumphirte und trat hinaus in die Welt mit einem Herzen, allen Wesen geöffnet, obwohl dein Bild stets verschlossen blieb in seinem Innersten, und in weiblicher Glorie glänzte, rein, strahlend und ohne Fleck, gleich dem scheinenden Prisma, das den Glanz des Diamanten macht. Sechstes Kapitel. Eine Theorie von handgreiflicher Erhabenheit. – Einige praktische Ideen. – Anfang der Abentheuer. Die Rückerinnerung an die tiefen Gefühle dieser wichtigen Periode meines Lebens hat gewisser Maßen den Zusammenhang der Erzählung gestört, und kann möglicher Weise einiges Dunkel in dem Gemüth des Lesers in Hinsicht der neuen Quellen von Glückseligkeit zurückgelassen haben, die über meinen Verstand hereingebrochen. Daher mag ein Wort hier zur Erläuterung nicht unnütz sein; wiewohl es mein Zweck ist, mich, um zu einem gehörigen Verständniß meiner Absichten zu führen, mehr auf meine Handlungen und die wunderbaren Vorfälle zu beziehen, die ich jetzt bald der Welt werde darlegen müssen, als auf wörtliche Erklärungen. Glückseligkeit, Glückseligkeit, hier und jenseits war mein Ziel. Ich strebte nach einem Leben nützlichen, thätigen Wohlwollens, einem Sterbebett voll Freude und Hoffnung, und einer Ewigkeit der Vergeltung. Mit solch einem Plan vor mir, hatten meine Gedanken vom Augenblick an, wo ich den Kummer meines Vaters auf dem Sterbebett mit angehört, sich eifrigst mit den Mitteln seiner Erreichung beschäftigt. So wunderbar als es ohne Zweifel auch gewöhnlichen Gemüthern scheinen mag, ich kam auf die Spur dieses hohen Geheimnisses bei der letzten Wahl für den Burgflecken Householder und zwar durch Lord Pledge. Gleich andern wichtigen Entdeckungen ist es ganz einfach, wenn man es schon weiß, da es leicht dem schwerfälligsten Geiste verständlich gemacht werden kann, und so sollte es ja eigentlich mit jedem Grundsatz sein, der mit der Wohlfahrt des Menschen so nahe verbunden ist. Es ist eine allgemein angenommene Wahrheit, daß Glückseligkeit der einzige wirkliche Zweck aller menschlichen Verbindungen ist. Die Beherrschten treten für die Wohlthaten des Friedens, der Sicherheit und Ordnung einen gewissen Theil ihrer natürlichen Rechte unter der wohlverstandnen Bedingung ab, daß sie den übrigen Theil als ihren unveräusserlichen Besitz genießen dürfen. Freilich bestehen unter den verschiednen Nationen auch sehr materiell verschiedne Ansichten über die Mengen des abzutretenden und zurück zu behaltenden Theils, aber diese Abirrungen von der rechten Mitte sind nur eben so viele Launen des menschlichen Geistes, und berühren keineswegs den Grundsatz selbst. Ich fand auch, daß gerade die weisesten und besten, oder was dasselbe ist, die verantwortlichsten allgemein behaupten, daß wer den größten Haltpunkt in der Gesellschaft besitzt, nach der Natur der Dinge auch am geeignetsten ist, ihre Geschäfte zu führen. Unter einem Haltpunkte der Staatsgesellschaft meint man, nach allgemeinem Uebereinkommen, eine Vervielfältigung jener Interessen, die uns in unserm täglichen Verkehr beschäftigen, oder was man gemeiniglich Eigenthum nennt. Dieser Grundsatz wirkt, indem er uns zum Rechtthun reizt, eben durch jenes schwere Pfand unsers Besitzes, das unvermeidlich leiden würde, wollten wir unrecht thun. Der Satz ist jetzt klar, auch kann, was wir vorausgeschickt, nicht mißverstanden werden. Glückseligkeit ist der Zweck der Staatsgesellschaft und Besitz, oder ein festes Interesse an dieser Gesellschaft das beste Pfand unsrer Uneigennützigkeit und Gerechtigkeit, und die beste Befähigung zu ihrer gehörigen Lenkung. Es folgt, als ein nothwendiger Folgesatz, daß eine Vermehrung jener Interessen das Pfand erhöhen wird, und uns mehr und mehr des Vertrauens würdig macht, indem sie uns, so nah als nur möglich, zu dem reinen und ätherischen Zustand der Engel erhebt. Einer jener glücklichen Zufälle, die manchmal die Menschen zu Kaiser und Könige machen, hatte mich vielleicht zum reichsten Unterthan von Europa gemacht. Mit diesem Polarstern der Theorie vor meinen Augen scheinend, und mit so reichen praktischen Mitteln, wäre es offenbar meine Schuld gewesen, hätte ich meine Barke nicht in den rechten Hafen gesteuert. Wenn der, der die größten Pfänder gegeben, auch wohl am meisten seine Mitmenschen liebte, so konnte für einen in meiner Lage sich wohl keine große Schwierigkeit finden, sich an die Spitze der Philanthropie zu stellen. Zwar bei oberflächlicher Betrachtung hätte man den Fall mit meinem eignen unmittelbaren Vorfahren für eine Ausnahme oder vielmehr einen Einwurf gegen die Theorie ansehen können; aber weit entfernt, beweist er gerade das Gegentheil. Mein Vater hatte größtentheils alle seine Pfänder in der National-Schuld concentrirt; nun liebte er ohne allen Scherz die Fonds außerordentlich, ward heftig, wenn sie angegriffen wurden, schrie nach Bayonetten, wenn die Massen gegen Taxen sprachen, hielt dem Galgen eine Lobrede, wenn man mit Empörung drohte, und zeigte auf hundert andere Arten, daß wo der Schatz ist, auch das Herz sein wird; der Fall mit meinem Vater also, wie alle Ausnahmen, bestärkte nur die Vortrefflichkeit der Regel. Er war nur in den Irrthum des Zusammenziehens verfallen, wo der einzige Weg der der größtmöglichen Eröffnung gewesen. Ich beschloß, mich zu öffnen, wozu sich vielleicht noch nie ein politischer Oekonom entschlossen; – kurz die Theorie vom socialen Anhaltspunkt auf eine Weise auszuführen, daß ich alles lieben müsse, und dadurch würdig würde, mit der Obhut von allem beauftragt zu werden. Als ich in die Stadt kam, war mein erster Besuch der der Danksagung bei Lord Pledge. Erst hatte ich einige Zweifel verspürt, ob die Baronie das System der Philantropie unterstützen würde oder nicht; denn dadurch, daß sie mich über einen großen Theil meiner Mitmenschen erhob, war es in so weit wenigstens ein Entfernen von philantropischem Mitgefühl, aber als das Patent kam und die Kosten bezahlt waren, fand ich, daß sie wohl als ein Pfand in Geld betrachtet werden könnte, und folglich in den Bereich der Regel gehörte, die ich mir für mein eignes Regime vorgeschrieben. Das nächste war, gehörige Agenten zu bekommen, um mich bei den Ankäufen zu unterstützen, die nöthig geworden, um mich an die Menschheit zu ketten. Ein Monat verging mit dieser eifrigen Beschäftigung. Da baares Geld nicht fehlte, und ich nicht sehr genau im Preis war, fing ich am Ende jener Zeit an, gewisse, sich regende Gefühle in mir zu verspüren, welche von dem triumphirenden Erfolg des Experiments zeugten. Mit andern Worten, ich erwarb viel, und fing an ein lebhaftes Interesse in allem dem zu nehmen, was ich erworben. Ich machte Ankäufe in Gütern in England, Schottland, Irland und Wales; diese Zersplitterung des Eigenthums sollte meine Mitgefühle gerade zwischen den verschiednen Theilen meines Vaterlands vertheilen. Doch damit nicht zufrieden, dehnte ich das System auf die Kolonien aus; ich hatte Ostindische Actien, ein Schiff auf der See, Land in Canada, eine Plantage in Jamaica, Schafe auf dem Kap und zu Neu-Süd-Wallis, ein Indigo-Geschäft in Bengalen, ein Comptoir für Sammlung von Alterthümern auf den Ionischen Inseln, und stand in Verbindung mit einem Schiffseigenthümer zur allgemeinen Verproviantirung unsrer verschiednen Besitzungen mit Bier, Schinken, Käse, groben Tüchern und Eisenwerk. Vom Brittischen Reich dehnten sich meine Interessen bald auf andre Länder aus. An der Garonne und in Xeres kaufte ich Weinberge. In Deutschland nahm ich einige Actien in verschiednen Salinen und Kohlenbergwerken, ebenso in Südamerika in den edlen Metallen; in Rußland ließ ich mich tief in Talg ein; in der Schweiz errichtete ich eine ausgedehnte Uhrenfabrik, und kaufte alle nöthige Pferde zu einem Vetturin in großem Maßstab. Ich hatte Seidenwürmer in der Lombardei, Oliven und Hüte in Toskana, ein Bad in Lucca und eine Macaroni-Fabrik zu Neapel. Nach Sicilien schickte ich Fonds zum Ankauf von Waitzen, und in Rom unterhielt ich einen Kenner an der Spitze eines großen Geschäfts von englischen Artikeln, als: Senf, Porter, Bückinge und Hornvieh; sowie einen andern, um die Liebhaber der Künste und Virtuosität mit Gemälden und Statuen zu versehen. Bis dieß alles durchgesetzt war, hatte ich die Hände voll zu thun. Jedoch die Methode, gehörige Agenten, und der feste Entschluß es zu Stande zu bringen, ebneten den Weg, und ich fing an um mich zu schauen und Athem zu schöpfen. Mich zu erholen, ging ich nun ins Einzelne; und einige Tage lang besuchte ich nun die Versammlungen der sogenannten »Frommen«, um zu sehen, ob etwas durch sie zur Erreichung meines Zwecks geschehen könnte. Ich kann nicht sagen, daß dieser Versuch mit allem Erfolg begleitet war, den ich erwartete. Ich hörte viel eitel Gerede, fand, daß die äußre Art von größrer Wichtigkeit als die Sache war, und sah meinen Beutel sehr unbescheiden und unaufhörlich in Anspruch genommen. Eine so zu nahe Ansicht von christlicher Barmherzigkeit mußte auch ihr tadelhaftes zeigen, wie bekanntlich der Glanz der Sonne Mängel auf dem Gesicht der Schönheit entdeckt, die dem Auge entgehen, wenn sie durch das künstliche Licht gesehen werden, das besser für sie paßt. Ich begnügte mich bald meine Beiträge in gehörigen Zwischenräumen einzusenden und hielt mich mit meiner Person fern. Dieser Versuch ließ mich bemerken, daß menschliche Tugenden wie kleine Lichter am besten im Dunklen scheinen und ihren Glanz hauptsächlich der Atmossphäre einer nichtigen Welt verdanken; jedoch vom Spekuliren kehrte ich zu Handlungen zurück. Die Frage über Sklaverei hatte seit vielen Jahren die Wohlthätigen in Bewegung gesetzt, und da ich eine ganz besondre Theilnahmslosigkeit in dieser Hinsicht in mir fühlte, kaufte ich 500 von jedem Geschlecht, mein Mitgefühl zu erregen. Dieß führte mich den Vereinten Staaten von Amerika näher, ein Land, das ich aus meinem Sinn auszutilgen versucht hatte; denn während ich so eine Liebe für meine Mitmenschen hervorzubringen suchte, hatte ich kaum für nöthig gehalten, so weit von Haus wegzugehen. Da keine Regel ohne Ausnahme ist, gesteh' ich, war ich fast zu glauben geneigt, ein Yankee Die gewöhnliche, scherzende Beziehung für Nordamerikaner, so wie John Bull für Engländer. d. Ü. möge wohl in eines Engländers allgemeiner Menschenliebe ausgelassen werden. Aber, »läßt man sich für einen Penny ein, läßt man sich für ein Pfund ein.« Die Neger führten mich zu den Ufern des Mississipi, wo ich bald Eigenthümer von einer Zucker- und einer Baumwollen-Plantage war. Außer diesen Ankäufen nahm ich Actien in verschiedenen Süd-See-Schiffen, erwarb für mich allein eine Korallen- und Perlenfischerei, und schickte einen Agenten mit einem Vorschlag zu König Tamamaah, um zu unsrer beiden Besten ein Monopol von Sandelholz zu errichten. Die Erde und was sie enthielt bekam neue Glorie in meinen Augen. Ich hatte die wesentliche Bedingung der Staatsökonomen, der Juristen, der Verfassungskünstler und aller die Talent und Anstand besaßen, erfüllt, und in der Hälfte der Staatsgesellschaften der ganzen Welt Anhaltspunkte erworben. Ich war im Stande zu regieren, Rath zu geben, den meisten Völkern der Christenheit zu gebieten, denn ich hatte direktes Interesse an ihrer Wohlfahrt genommen, indem ich sie zu meiner eignen machte. Zwanzig Mal wollte ich in eine Postchaise springen, und zum Pfarrhaus eilen, um meine neugeborne Verbindung mit den Menschenarten und alle sie begleitende Glückseligkeit zu den Füßen Annens niederzulegen, aber der schreckliche Gedanke der Monogamie und ihrer alles andre Gefühl vernichtenden Folgen hielt mich eben so oft wieder ab. Ich schrieb ihr jedoch wöchentlich, und machte sie zur Teilnehmerin meines Glücks, obgleich ich nie die Freude hatte, eine einzige Zeile als Antwort zu erhalten. Gänzlich von Selbstsucht befreit, und meinen Mitmenschen verpfändet, verließ ich nun England, eine philanthropische Inspectionsreise zu machen. Ich werde den Leser nicht mit einer Beschreibung meiner Reise über die ausgetretenen Striche auf dem Continent ermüden, sondern ihn und mich mit einem Male nach Paris versetzen, in welcher Stadt ich am 17. Mai, im Jahr des Herrn 1819 ankam. Ich hatte viel gesehen, hielt mich für besser und durch beständiges Brüten über meinem System sah ich seine Vortrefflichkeit so klar, als Napoleon den berühmten Stern sah, der dem stumpferen Gesicht des Cardinals, seines Onkels, entging. Zu gleicher Zeit, wie dies gewöhnlich bei solchen geschieht, die alle ihre Kräfte auf einen gegebenen Punkt richten, erlitten die ursprünglich gewonnenen Ansichten von gewissen Theilen meiner Theorie mancherlei Aenderungen, je nachdem nähere und praktischere Blicke Folgewiedrigkeiten darlegten und Mängel mir zeigten. Was besonders Anna betrifft, so hatte dieß ruhige, liebliche, sich nicht aufdringende und doch klare Bild weiblicher Liebenswürdigkeit, das selten von meiner Seele abwesend war, seit dem vergangnen Jahre mit einer Beständigkeit von Beweiskraft mich umschwebt, die selbst die Newton'sche Philosophie hätte umstürzen mögen. Ich stellte schon wirklich mehr als in Frage, ob die von dem Beistand einer so Zugeneigten und Wahren zu erlangenden Hilfe nicht wohl vollständig den Mißstand einer zu großen Concentrierung in Hinsicht des weiblichen Geschlechts aufhebe. Diese entstehende Ansicht war sehr nahe daran zur Ueberzeugung zu werden, als ich eines Tages auf den Boulevards einem alten Nachbar des Pfarrhauses begegnete, der mir die beste Nachricht von der Familie gab, und hinzufügte, nachdem er Annens Schönheit und Vortrefflichkeit gepriesen, daß das theure Mädchen ganz kürzlich wirklich einen Pair abgewiesen, der all die anerkannten Vorzüge besessen: Jugend, Reichthum, Geburt, Rang und einen guten Namen, und sie aus tiefer Ueberzeugung von ihrem Werth und ihrer Tüchtigkeit ausersehen hatte, einen Mann von Gefühl glücklich zu machen. Wegen meiner Macht über Annens Herz hegte ich nie einen Zweifel. Sie hatte auf tausend Weisen und bei hundert Gelegenheiten es verrathen; auch war ich gar nicht zurückgeblieben, ihr verstehen zu geben, wie sehr ich die Theure schätzte, obwohl sich noch nie mein Entschluß so befestigt, daß ich um ihre Hand angehalten. Aber alle meine schwankenden Gedanken concentrirten sich, als ich diese willkommne Nachricht hörte; ich nahm schnell von meinem alten Bekannten Abschied, eilte nach Haus und schrieb folgenden Brief: Theure, sehr theure, – ja theuerste Anna. Ich begegnete diesen Morgen unserm alten Nachbar auf den Boulevards, und während einer Stunde sprachen wir nur von dir. Obwohl es mein feurigster und vorherrschendster Wunsch gewesen, mein Herz der ganzen Menschheit zu öffnen, fürcht' ich doch, Anna, habe ich nur dich allein geliebt; Abwesenheit, weit entfernt meine Gefühle zu erweitern, scheint sie zu beengen, und zu viele vereinen sich in deiner lieblichen Gestalt, deinen herrlichen Tugenden. Das vorgenommene Mittel ist unzureichend; und ich fange an zu denken, die Ehe allein könne mir hinlängliche Freiheit des Denkens und Handelns lassen, um die schuldige Aufmerksamkeit der übrigen Menschheit zuzuwenden. Du bist im Geiste bei mir gewesen an den vier Enden der Welt, zu Land und See; in Gefahren und Sicherheit, in allen Zeiten, Ländern und Lagen, und es ist kein eigentlicher Grund vorhanden, warum die, so im Geiste beisammen sind, materiell getrennt sein sollten. Du brauchst nur ein Wort zu sagen, eine Hoffnung zu lispeln, einen Wunsch anzudeuten, und ich werfe mich, ein zerknirschter Reuiger, zu deinen Füßen nieder, und flehe an dein Mitleid. Sind wir erst verbunden, dann wollen wir uns nicht in den schmutzigen und engen Pfaden der Selbstsucht verlieren, sondern vereint hinschreiten, einen neuen und noch mächtigeren Haltpunkt in dieser schönen Schöpfung zu erhalten, für deren göttlichstes Glied ich dich hiedurch anerkenne. Theuerste, theuerste Anna, dein und der Menschheit für immer John Goldenkalb. Wenn es je einen glücklichen Burschen auf der Erde gab, war ich's, als dieser Brief geschrieben, gesiegelt und gehörig abgeschickt war. Der Würfel war gefallen; und ich wanderte in freier Luft, ein wiedergebornes, elastisches Wesen; mochte geschehen, was wollte, ich war Annens sicher; ihre Lieblichkeit mußte meine Reizbarkeit beruhigen, ihre Klugheit meine Thatkraft mäßigen, ihre freundliche aber ausdauernde Liebe meine Seele sänftigen. Ich fand mich, mich selbst inbegriffen, in Frieden mit allem um mich, ich fühlte eine süße Sicherheit in Hinsicht der Weisheit des Schrittes, den ich eben in Erweiterung des Mitgefühls gethan. Wenn dieß meine Gesinnungen waren, nun, da jeder Gedanke in Anna sich concentrirte, was würden sie nicht erst werden, wenn diese persönlichen Entzückungen durch Gewöhnung abgekühlt, und die Natur der Einwirkung gewöhnlicher Antriebe überlassen worden. Ich begann an der Unfehlbarkeit dieses Theils meines Systems zu zweiflen, der mir doch so viele Mühe gemacht, und mich zu der neuen Lehre hinzuneigen, daß durch Concentrirung auf besondre Punkte wir am meisten zur Liebe des Ganzen gelangen. Bei näherer Untersuchung konnte man selbst fragen, ob es nicht gerade dieser Grundsatz wäre, der mir als besondrer Landeigenthümer so großes Interesse an meine vaterländische Insel beibrachte; denn während ich offenbar nicht ganz Großbritanien besaß, fühlte ich doch ein tiefes Interesse für alles darin, was nur in irgend einer Weise, selbst der entferntesten, mit meinen eignen Besitzungen verbunden war. Eine Woche flog in entzückenden Ahnungen vorüber; das Glück dieser kurzen aber himmlischen Zeit ward so aufregend, so ausgesucht, daß ich auf dem Punkt stand, meiner Theorie (oder vielmehr der Theorie der Staats-Oekonomen und Verfassungskünstler, denn es war in der That ihre und nicht meine) eine Verbesserung hinzuzufügen, als ich Annens Antwort erhielt. Wenn Ahnen ein Zustand so vielen Glücks ist, – Glück aber das ganze Streben des Menschen, warum nicht einen blos vermuthenden Zustand der Staatsgesellschaft erfinden? Warum nicht seine Grundzüge vom Positiven zu blos ahnenden Interessen abändern, die dem Leben mehr Reiz geben, und eine Glückseligkeit, nicht beeinträchtigt von dem Tand der Wirklichkeit, herstellen würden. Ich war schon entschlossen, diesen Grundsatz durch ein Experiment praktisch zu versuchen, und verließ das Hotel, um einem Agenten Auftrag zu geben, einen oder zwei Aufträge bekannt zu machen, und in Unterhandlungen darüber zu treten (ohne daß ich jedoch die geringste Absicht hatte, sie abzuschließen), als der Portier mir den heiß-ersehnten Brief überlieferte. Ich erfuhr daher nie die Wirkung von einem Anhaltspunkt in der Staatsgesellschaft, den man nur in Erwartung ahnend genommen, da der Inhalt von Annens Schreiben alles, was nicht mit der theuren Schreiberin und den traurigen Wirklichkeiten zusammenhing, vollständig mir aus dem Sinn trieb. Es ist jedoch nicht unwahrscheinlich, daß sich die neue Lehre als falsch erwiesen hätte, denn ich habe oft Gelegenheit gehabt, zu bemerken; daß Erben (Erben, die leer ausgegangen z. B.) viel eher eine feindselige Gesinnung gegen das Eigenthum zeigen, indem sie den Grundsatz des Vorausgenusses in Ausführung bringen, als sonst eine jener klugen Rücksichten auf gesellschaftliche Folgen, worauf der Gesetzgeber doch so ängstlich sieht. Annens Brief lautete so: »Guter; – ja theurer John! Dein Brief kam mir gestern zu Hand. Dies ist die fünfte Antwort, die ich begonnen, und du wirst also sehen, daß ich nicht ohne Ueberlegung schreibe. Ich kenne dein vortreffliches Herz, John, besser als du selbst. Es hat dich entweder zur Entdeckung eines Geheimnisses von der höchsten Wichtigkeit für deine Mitmenschen geführt, oder dich grausam mißleitet. Ein so edles, so preiswürdiges Experiment darf wegen einiger augenblicklichen Zweifel an seinem Erfolg nicht sogleich aufgegeben werden. Halt nicht ein den Adlerflug im Augenblick, wo du so nahe der Sonne streichst! Sollten wir beide es unserm gegenseitigen Glück zuträglich halten, kann ich wohl noch künftig dein Weib werden. Wir sind noch jung, und unmittelbare Vereinigung drängt nicht. Indeß will ich versuchen, mich vorzubereiten, die Gefährtin eines Philantropen zu werden, indem ich deine Theorie in Ausführung bringe, und meine eignen Gefühle mehr und mehr ausdehne, so zum würdigen Weibe eines Mannes mich machend, der einen so weiten Anhaltpunkt in der menschlichen Gesellschaft hat, und so viele und so wahr liebt. Deine Nachahmerin und Freundin ohne Wechsel Anna Etherington. Nachschrift. Du kannst sehen, daß ich immer weiter in meiner Besserung komme; denn ich schlug des Lords Mac Dee's Hand aus, weil ich fand, daß ich alle seine Nachbarn ganz eben so liebte als den jungen Pair selbst.« Zehntausend Furien nahmen Besitz von meiner Seele in Gestalt eben so vieler Teufel der Eifersucht. Anna ihre Gefühle mehr und mehr ausdehnen! Anna einen andern Haltpunkt in der Staatsgesellschaft annehmen, als den, wie ich sicher glaubte, durch mich! Anna sich bestreben mehr als Einen zu lieben, und dieser Eine ich selbst! Der Gedanke war zum rasend werden. Ich glaubte nicht an ihre aufrichtige Abweisung des Lords Dee. Ich eilte, ein Exemplar des Pairverzeichnisses zu bekommen (denn seit meiner eignen Erhebung kaufte ich regelmäßig sowohl dies als das andere über die Baronen) und schlug die Seite auf, wo sein Name stand. Er war ein Schottischer Vicomte, der eben Baron des Reichs geworden, und sein Alter gerade wie mein eignes. Das war ein Nebenbuhler, Mißtrauen zu erregen! Durch einen seltsamen Widerspruch, setzte ich, je mehr ich seine Macht, mir zu schaden, fürchtete, um so mehr seine Mittel herunter. Während ich mir dachte, Anna spiele nur mit mir, und wolle in's Geheim die Gemahlin eines Pair werden, zweifelte ich nicht, der Gegenstand ihrer Wahl sei übel gebildet und linkisch und habe Backenknochen wie ein Tartar. Während ich vom großen Alter seiner Familie las, die das Dunkel erst mit dem dreizehnten Jahrhundert erreichte, setzte ich als ausgemacht fest, daß der erste seiner unbekannten Vorfahren ein barbeiniger Dieb gewesen, und im Augenblick, wo ich mir Anna ihn anlächelnd dachte, indem sie ihre koquettische Weigerung zurücknähme, hätte ich schwören mögen, er spräche mit einem unverständlichen Grenzlandaccent, und hätte rothes Haar! Die Folter solcher Bilder ward unerträglich, und ich eilte in freie Luft zur Erholung. Wie lange und wohin ich wanderte, ich weiß es nicht, aber am Morgen des folgenden Tags fand ich mich in einer Schenke am Fuße des Montmartre eifrigst ein Brödchen verzehrend und mich mit saurem Wein erfrischend. Als ich mich ein wenig von dem Schlag erholt, mich in einer so seltsamen Gesellschaft zu finden, (denn da ich keine Actien in Schenken genommen, nahm ich auch nicht den gehörigen Antheil an diesen Volks-Instituten, um sie auch nur je vorher zu betreten) hatte ich Muße, um mich zu blicken und mir die Gesellschaft zu betrachten. Gegen fünfzig Franzosen der arbeitenden Klasse tranken überall und sprachen mit einer Heftigkeit der Gestikulation und einem Geschrei, das jeden Gedanken geradezu vernichtete. Das ist also, dachte ich, eine Scene der Volksbelustigung. Diese Leute sind herrliche Bursche, sie erquicken sich an Getränken, die die Stadtaccise nicht bezahlt haben, vielleicht kann ich irgend etwas erhaschen, das mein System begünstigt, besonders unter so freimüthigen und schreienden Geistern. Sicher, besitzt einer von ihnen ein wichtiges Geheimniß über Staatsverfassung, so wird es ihm hier entfahren. Von Gedanken dieser philosophischen Art ward ich plötzlich durch einen heftigen Schlag vor mir aufgeschreckt. Er war in sehr erträglichem Englisch von dem Ausruf des Wortes »König« begleitet. Auf der Mitte des Bretts, das als Tisch diente, und gerade vor meinen Augen lag eine geballte Faust von furchtbaren Dimensionen, die in Farbe und Auswüchsen eine ziemliche Aehnlichkeit mit einer frisch ausgegrabnen Jerusalem-Artischocke hatte. Ihre Sehnen schienen vor Spannung zu krachen, und der ganze Knollen war so angefüllt von gieriger Kampflust, daß unwillkührlich mein Auge das Gesicht ihres Eigenthümers suchte. Ich hatte, mir unbewußt, meinen Sitz gerade einem Mann gegenüber eingenommen, dessen Natur fast das doppelte von den gedrängten, geschäftigen, sich spreizenden und schwabbelnden kleinen Burschen betrug, die überall um uns sich bewegten, und deren dicke Lippen, statt in dem Lärm mitzumachen, so fest zusammengepreßt waren, daß die Spalte des Mundes nur bemerklich ward, wie eine Falte in der Stirn eines Sechszigers. Sein Gesicht war von Natur schön aber der Sonne ausgesetzt, war seine Haut von ihr gegerbt worden bis zur Farbe der krachenden Kruste eines gebratenen Spanferkels, und jene Theile, die ein Maler vielleicht die Höhen nennen würde, wurden bezeichnet durch Lagen von Roth, fast so dunkel als viermal rectificirter Brandwein. Seine Augen waren klein, fest, feurig und sehr grau; gerade im Augenblick, wo sie auf meinen verwunderten Blick trafen, glichen sie zwei zerstreuten Kohlen, die, irgend wie, von der Masse der anliegenden Hitze im Gesicht getrennt worden. Er hatte eine vorragende, wohlgebildete Nase, über welche sich die Haut ausbreitete wie ein auf dem Postillonsitz abgeriebenes Leder, und sein schwarzes hanfenes Haar war sorgfältig über Schläfe und Stirne gezogen, was zeigte, daß er eine Feiertags-Excursion vorhatte. Als unsere Augen sich begegneten, warf mir dieß seltsam blickende Wesen einen Wink freundlichen Wiedererkennens zu, offenbar aus keiner andern Ursache, wie ich mir dachte, als weil ich kein Franzose zu sein schien. »Hörte je ein Sterblicher solche Narren, Kapitain,« bemerkte er, gleichsam meiner Beistimmung gewiß. »In der That, ich hörte nicht, was gesagt ward; es ist gewiß viel Lärm.« »Ich will auch nicht behaupten, ein Wort von dem zu verstehen, was sie sagen; aber es klingt ganz wie Unsinn!« »Mein Ohr ist noch nicht scharf genug, Sinn von Unsinn durch den bloßen Ton zu unterscheiden; aber Ihr sprecht, scheint es, nur Englisch.« »Darin irrt Ihr Euch; denn als großer Reisender war ich genöthigt, um mich zu blicken, und als natürliche Folge spreche ich etwas von allen Sprachen. Ich will nicht sagen, daß ich die fremden Wörter immer so ganz recht gebrauche, aber dann arbeite ich mich durch den Gedanken durch, daß ich ihn doch leserlich und brauchbar mache, besonders was Essen und Trinken betrifft. Im Französischen z. B. kann ich sagen: donnez me some van und donnez vous some pan so gut als der Beste von ihnen, aber wenn ein Dutzend Kehlen auf ein Mal plärren, wie diese Kerls hier, ei, da könnte man eben so gut auf den Gipfel des Affenbergs gehen, und eine Unterredung mit dem Volk dort halten, als hier vernünftig reden und diskutiren. Ich für meinen Theil, wenn wo eine Unterredung ist, will, daß an jeden die Reihe komme, und im Sprechen einer den andern ablöse, wie auf der Wache; aber bei den Franzosen ist es, als wenn ihre Ideen im Käfig gesessen, und bei plötzlicher Eröffnung der Thür haufenweis herausflögen, und zwitscherten, blos um zu zeigen, sie seien frei.« Ich bemerkte jetzt, daß mein Kumpan ein reflektirendes Wesen sei, da seine Schlüsse durch regelmäßige Glieder sich verketteten; daß er nicht philosophirte mit den bloßen Springstangen des Ungefährs, wie die meisten, die in allen Ecken der Schenke mit unermüdeten Lungen plapperten und schlossen und zankten. Ich schlug daher freimüthig vor, diesen Ort zu verlassen und auf der Straße herumzugehn, wo unsre Unterhaltung weniger gestört und folglich befriedigender sein würde. Der Vorschlag wurde gut aufgenommen, wir verließen die Schreier und gingen auf den äußern Boulevards nach meinem Hotel in der Straße Rivoli über die Champs Elisées. Siebentes Kapitel. Von einem Amphibium; eine ganz besondre Einführung und ihre Folgen. Ich hatte bald Interesse an meinem neuen Bekannten. Er war mittheilend, klug und eigen; und obwohl er sich manchmal seltsam ausdrückte, geschah es doch mit der Kraft eines Mannes, der viel von wenigstens einem Theil seiner Mitmenschen gesehen. Unter solchen Umständen stockte denn die Unterhaltung nicht, im Gegentheil sie ward interessanter, da der Fremde anfing, seine Privatinteressen zu berühren. Er sagte mir, er sei ein Seemann, der durch einen der Zufälle seines Berufs an's Land geworfen worden; und um ein Wort zu seinen Gunsten einfließen zu lassen, gab er mir zu verstehen, daß er viel, besonders von jener Klasse seiner Mitmenschen gesehen, die wie er auf der mächtigen Tiefe leben. »Ich fühle mich glücklich,« sagte ich, »einen Mann getroffen zu haben, der mir Nachricht über eine ganze Classe von Menschen geben kann, mit denen ich bis jetzt nur wenig Verbindung gehabt. Um die Gelegenheit auf's Beste zu benutzen, schlage ich vor, uns mit einem Male mit einander bekannt zu machen, und eine ewige Freundschaft zu schwören, – oder wenigstens so lange, bis wir es für dienlich finden mögten, die Verbindung wieder aufzuheben.« »Ich, meines Theils, bin ein Mann, der die Freundschaft eines Hundes lieber hat, als seine Feindschaft,« erwiederte mein Gefährte mit einer Einfachheit, die ihn nicht viel Complimente machen ließ. »Ich nehme daher von ganzem Herzen das Anerbieten an, und um so lieber, weil Ihr der Einzige seid, den ich seit einer Woche getroffen, der mich fragen kann, wie ich mich befinde, ohne zu sagen: Come on dong portez vous? Da ich jedoch die Stürme kenne, werd' ich Euer Anerbieten unter der besagten Bedingung annehmen.« Mir gefiel die Vorsicht des Fremden; sie zeigte eine gehörige Rücksicht auf Charakter und gab einen Beweis von Verantwortlichkeit. Die Bedingung ward daher von meiner Seite so freimüthig angenommen, wie sie von seiner vorgeschlagen worden. »Und nun, Sir,« fuhr ich fort, nachdem wir einander herzlich die Hand geschüttelt, »darf ich um Euren Namen bitten?« »Ich heiße Noah, und jeder darf's wissen, ich schäme mich keines meiner Namen, wenn ich mich auch sonst zu schämen hätte.« »Noah – –?« »Poke, zu dienen.« Er sprach das Wort langsam und sehr deutlich aus, als ob, was er von seinem Selbstvertrauen gesagt, wahr gewesen. Da ich späterhin seine Unterschrift erfuhr, will ich sie hier in ihrer gehörigen Form geben: »Capitain Noah Poke.« »Aus welchem Theil von England seid Ihr, Herr Poke?« »Ich denke, ich kann sagen, aus den neuen Theilen.« »Ich wußte nicht, daß ein Theil der Insel so genannt würde. Wollt Ihr Euch gütigst näher erklären?« »Ich bin von Stonington im Staat Connekticut, in Alt-Neu-England. Nachdem meine Eltern gestorben, ward ich in See geschickt, vier Jahr alt, und nun wandere ich in Frankreich herum, ohne einen Centime in der Tasche, ein schiffbrüchiger Seemann. Indeß, die Wahrheit zu sagen, hart wie mein Loos ist, würd' ich lieber Hungers sterben, als ihr verd – –s Zeug sprechen.« »Schiffbrüchig, Seemann, verhungernd und ein Yankee!« »All das und vielleicht noch mehr, obwohl, mit Eurer Erlaubniß, Commodore, wir den letzten Titel weglassen wollen. Ich bin stolz genug, mich selbst einen Yankee zu nennen, aber der Kamm steigt mir, wenn ich einen Engländer das Wort gebrauchen höre. Wir sind noch Freunde und wir können es auch bleiben, bis etwas Gutes einem oder dem andern daraus entsteht.« »Ich bitte Euch um Verzeihung, Herr Poke, und will Euch nicht wieder beleidigen; habt ihr die Welt umsegelt?« Capitain Poke schnippte mit den Fingern aus purer Verachtung über die Einfalt der Frage. »Hat der Mond je die Erd' umschifft? Seht ein wenig hierher, Commodore;« er nahm einen Apfel aus seiner Tasche, deren er auf dem Weg schon ein halbes Dutzend verzehrt, und hielt ihn mir vor die Augen. »Zieht eine Linie, wie Ihr wollt, auf dieser Kugel, kreuzweis oder in die Länge, auf oder nieder, Zig-Zag oder senkrecht, und Ihr werdet nicht mehr Kreise finden, als ich um den alten Ball gemacht.« »Zu Land wie zur See?« »Ei, zu Land hab' ich meinen Theil auch gemacht, denn mein hart Geschick ist's gewesen, auf es anzurennen, wenn ein sanfteres Bett einen ruhigeren Schlaf verschafft hätte. Das ist grad meine jetzige Noth, denn ich schlenkere jetzt unter diesen Franzosen herum, um wieder flott zu werden, wie ein Krokodill, das im Schlamm steckt. Ich verlor meinen Schoner an der Nordostküste von Rußland, so etwa hier herum,« er deutete gerade auf die Stelle auf dem Apfel, »wir handelten dort mit Häuten, und da ich keine Mittel fand, die Heimath auf dem Weg, den ich gekommen, zu erreichen, und ich hier herunter zu Salzwasser roch, hab ich meinen Lauf die letzten achtzehn Monate westlich gesteuert, so daß es so ziemlich quer durch Europa und Asien ging, und bin nun endlich hier, von Havre zwei Tagreisen, und wenn ich gute Yankee-Bretter noch ein Mal unter mich bekommen kann, etwa achtzehn oder zwanzig Tagreisen von Hause.« »Die Bretter erlaubt Ihr mir denn doch Yankee zu nennen?« »Nennt sie, wie Ihr wollt, Commodore, obwohl ich Debby und Dolly von Stonington jedem andern vorziehen würde; denn das war der Name des Schiffs, das ich verlor. Nun, die besten von uns sind schwach, und der langathmigste ist kein Delphin, daß er mit dem Kopf unterm Wasser schwimmen kann.« »Bitte, Herr Poke, erlaubt mir die Frage, wo Ihr das Englische mit so viel Reinheit sprechen lerntet?« »Zu Stonington – –Ich hatte nie auch nur eine Messerspitze voll Gelehrsamkeit, ausser was ich zu Haus lernte. Es ist alles hausmachend. Ich rühme mich nicht, ein Gelehrter zu sein; aber in der Schifffahrt – seinen Weg zu finden um die Erde, – ich will Niemanden den Rücken kehren, ausser um ihn hinter mir zu lassen. Da haben wir Leute unter uns, die halten viel auf Geometrie und Astronomie, aber ich hänge nicht an so schwachen Fäden; meine Art ist, wenn ich irgendwohin fahren soll, mir die Stelle recht in den Sinn zu nehmen und dann gerade darauf los zu machen, wie es die Natur erlaubt, wenig bekümmert um Charten, die Euch eben so leicht unrecht als recht führen, und wenn sie Euch in eine Falle führen, ist es ein Elend! Verlaßt Euch auf Euch selbst und die Menschennatur, das ist meine Regel; obwohl ich zugebe, daß einiger Nutzen am Kompaß ist, besonders bei kaltem Wetter.« »Kaltes Wetter! Ich verstehe das nicht.« »Ei, ich meine, der Geruch wird einem stumpf beim Frost; aber das mag nichts weiter als Einbildung sein; indeß die zwei Mal, wo ich Schiffbruch gelitten, waren im Sommer, bei sehr starkem Wind und hellem Tagslicht, wo nichts Menschliches ausser einer Veränderung des Windes uns hätte retten können.« »Und Ihr zieht diese Schifffahrt vor?« »Allen andern, besonders im Robbenfang, was mein eigentliches Geschäft ist; es ist das beste Mittel in der Welt, Inseln zu entdecken, und Jeder weiß, daß wir Seehundsjäger immer nach so etwas lugen.« »Wollt Ihr mir die Frage erlauben, wie oft Ihr um das Cap Horn herum seid, Capitain Poke.« Mein Schiffer warf einen schnellen mistrauischen Blick auf mich, als wenn er der Frage nicht traute. »Ei, das ist weder hier noch da; vielleicht kam ich herum, vielleicht nicht. Ich komme in die Südsee mit meinem Schiff, und es liegt wenig daran, wie? Eine Haut gilt ganz eben so viel auf dem Markt, wenn auch der Pelzhändler kein Verzeichniß über den Weg hat, den sie gemacht.« »Ein Verzeichnis?« »Was liegt an dem Wort, Commodore, wenn man sich versteht? Diese Landreise hat mich erfindrisch gemacht. Denn Ihr müßt wissen, daß ich unter Völkern gereist bin, die nicht eine Sylbe von dem Hausmachenden sprechen konnten. So nahm ich des Schooners Dictionnair wie einen Landalmanach mit, und da sie zigeunerisch mit mir sprachen, hielt ich's für's Beste, es ihnen so ziemlich in ihrer eignen Münze zurückzugeben, in der Hoffnung, auf etwas zu treffen, was ihnen anstehen würde. Dadurch habe ich eine etwas geläufigere Zunge als gewöhnlich bekommen.« »Die Idee war glücklich.« »Freilich, war sie es, wie eben gezeigt. Aber nachdem ich Euch eine ziemlich klare Einsicht in meine Natur und Beschäftigung gegeben, ist es Zeit, daß ich Euch auch ein wenig ausfrage. Das ist etwas, was wir häufig zu Stonington thun, und worin wir gemeiniglich für geschickt gehalten werden.« »Thut Eure Fragen, Capitain Poke, ich hoffe, die Antworten werden befriedigend sein.« »Euer Name?« »John Goldenkalb, durch die Gnade Seiner Majestät Sir John Goldenkalb Baronet.« »Sir John Goldenkalb, durch die Gnade Seiner Majestät Baronet! Ist Baronet ein Gewerbe? oder was für ein Geschöpf oder Ding ist es?« »Es ist der Rang im Königreich, wozu ich gehöre.« »Ich fange an zu verstehen, was Ihr meint. Unter Eurem Volk sind die Menschen, was man nennt, in Reihen abgetheilt, wie eine Schiffsmannschaft, die beordert wird; jeder hat seine bestimmte Berth Ein seemännischer Ausdruck; bedeutet Anstellung, Rangordnung im Schiff. d. Ü. in Eurem Reich, ganz wie in einem Schooner.« »Ganz so, und ich denke, Ihr werdet zugeben, daß Ordnung, Schicklichkeit und Sicherheit aus dieser Methode unter den Seeleuten entspringt.« »Freilich, freilich; wir machen jedoch die Eintheilung bei jeder Reise immer wieder anders, ich weiß nicht, ob es sich thun ließe, auch nur den Koch immer von Vater zu Sohn zu nehmen, das möchte ein schönes Gemengsel geben.« Hier that der Seemann eine Reihe Fragen mit einer Kraft und Ausdauer, die, fürcht' ich, mir nicht eine einzige Thatsache meines Lebens verborgen ließ; nur was das heilige Gefühl, das mich an Anna band, betrifft, ausgenommen, und was viel zu hehr war, um mir selbst in der Feuerprobe unter einem Stoningtoner Inquisitor zu entschlüpfen. Kurz, da ich mich fast hilflos in solchen Händen fand, machte ich aus der Noth eine Tugend, und ließ meine Geheimnisse aus, wie das Holz unter einer Schraube das Wasser. Es war kaum möglich, daß meine Seele, der Wirkung eines solchen Paares moralischer Pressen unterworfen, nicht einige Winke über ihre vorherrschenden Neigungen hätte geben sollen. Der Capitain erhaschte diese Spur, und stürzte auf die Theorie los, wie ein Bullenbeißer nach dem Rüssel eines Ochsen. Um mich ihm daher gefällig zu zeigen, ließ ich mich in einiger Länge in Erklärung meines Systems ein. Nach den allgemeinen Bemerkungen, die nöthig waren, um einem Fremden einen Blick in dessen Hauptgrundsätze zu geben, sagte ich ihm, daß ich mich lange nach einem solchen Mann umgesehen, zu einem Zweck, der jetzt dem Leser mitgetheilt werden soll. Ich hatte freilich einige Verbindungen mit Tamamaah unterhalten und war bei den Perlenfischereien und dem Wallfischfang interessirt, aber im Ganzen waren meine Verbindungen mit all jenem Theil der Menschheit, die die Insel des stillen Meers, die Nordwestküste von Amerika und die Nordostküste der alten Welt bewohnen, doch etwas lose und gemeiniglich in einem ungeordneten und wirren Zustand; und so schien ich mir denn ganz besonders dadurch begünstigt, daß mir die Vorsehung auf eine so ungewöhnliche Weise einen Mann gerade in den Weg geworfen, der so sehr zu deren Wiederbelebung und Herstellung geeignet war. Ich schlug ihm daher jetzt freimüthig vor, eine Expedition auszurüsten, theils zum Handel, theils zur Entdeckung, die meine Interessen in dieser neuen Richtung ausdehnen sollte, und meinen neuen Bekannten an ihrer Spitze hätte. Zehn Minuten ernster Darlegung meiner Seits waren hinreichend, meinem Gefährten die Hauptsache des Plans mitzutheilen. Als ich diesen direkten Aufruf an seinen Unternehmungsgeist beendet, antwortete er mir mit seinem Lieblingsausruf »König.« »Ich wundre mich nicht, Kapitain Poke, daß Eure Verwunderung auf diese Weise ausbricht, denn ich denke, nur wenige gehen auf die Schönheit dieses wohlthätigen Systems ein, ohne gleichfalls von dessen Größe und Einfachheit betroffen zu werden. Aber ich rechne auf Euren Beistand.« »Das ist eine neue Idee, Sir Goldenkalb!« – »Sir John Goldenkalb, bitte Sir.« »Eine neue Idee, Sir John Goldenkalb, und es braucht Umsicht. Umsicht bei einem Handel ist der sicherste Weg, gerade ohne Mißverständnisse durchzusteuern. Ihr wünscht einen Schiffer, Eure Ladung, welche es auch sei, in unbekannte See'n zu führen, und ich wünsche natürlicher Weise meinen Lauf gerade nach Stonington zu nehmen. Ihr seht, unser Handel ist gleich beim Anfang in der Erdferne!« »Geld ist bei mir kein Hinderniß, Kapitain Poke.« »Nun, das ist eine Idee, die manch schwierigen Contract mit einem Mal in die Erdnähe gebracht, Sir John Goldenkalb. Geld ist bei mir immer eine gar beträchtliche Rücksicht, und ich muß sagen, gerade jetzt weit mehr als gewöhnlich. Aber wenn ein Herr auf so schöne Art den Weg sauber macht, wie Ihr, kann man jeden Handel für mehr als halb zu Stande gekommen betrachten.« Einige nähere Verhandlungen brachten dieß in die Reihe, und Capitain Poke, nahm meine Bedingungen mit dem Geist der Freimüthigkeit an, indem sie ihm gemacht worden. Vielleicht ward sein Entschluß beschleunigt durch ein Anerbieten von zwanzig Napoleons, das ich nicht verfehlte auf der Stelle zu machen. Freundschaftliche und gewisser Maßen vertrauliche Verbindungen traten nun zwischen meinem neuen Bekannten und mir ein, und wir setzen unsern Weg fort, immer die zur Ausführung unsers Plans nöthigen Einzelheiten besprechend. Nachdem eine oder zwei Stunden auf diese Weise vergangen, lud ich meinen Gefährten in mein Hotel ein, da ich ihn an meiner Tafel haben wollte, bis wir beide nach England abreisen könnten, wo mein Plan war, ohne weitern Aufschub ein Schiff für die beabsichtigte Reise zu kaufen, auf dem ich mich auch in eigner Person einschiffen wollte. Wir mußten uns durch den Haufen drängen, der gewöhnlich den untern Theil der Champs Elisées bei gutem Wetter und gegen Abend erfüllt. Das war beinahe vollbracht, als meine Aufmerksamkeit ganz besonders auf eine Gruppe gezogen ward, die eben in den Sammelplatz eintrat, offenbar um die Scene der Müßigkeit und Lust zu vermehren. Aber da ich jetzt an den wesentlichsten Theil dieses ausserordentlichen Werks komme, wird es gut sein, die Eröffnungen einem neuen Kapitel aufzubewahren. Achtes Kapitel. Einführung vier neuer Charaktere, einige philosophische Winke und Hauptgedanken über Staatsökonomie. Die Gruppe, die meine Aufmerksamkeit auf sich zog, bestand aus sechs Individuen, zwei waren Thiere von dem Genus »homo,« oder was gemeinlich genannt wird »Mensch« und die übrigen aus der Ordnung »primates,« Classe »mammalia« oder nach gewöhnlichem Sprachgebrauch »Affen« (Monikins.) Die ersteren waren Savoyarden und können im Allgemeinen beschrieben werden als: »ungewaschen, zerlumpt und gefräßig,« in Farbe: »dunkelbraun,« in Zügen und Ausdruck: »habgierig und verschlagen,« und in Neigungen und Appetit: »alles verschlingend.« Die andern waren von der gewöhnlichen Art, gewöhnlichen Größe und erprobter Ernsthaftigkeit. Es waren zwei von jedem Geschlecht, ziemlich gleichgepaart nach Jahren und äußeren Vorzügen. Die Affen waren alle mehr oder weniger in die gewöhnlichen Kleidungsstücke unsrer modernen Europäischen Civilisation gekleidet; aber besondre Sorgfalt war auf die Toilette des ältern der zwei Männchen verwandt worden. Dieß Individuum hatte einen Husaren-Wamms an, ein Umstand, der einem besondern Theil seines Körpers einen militairischeren Contour gegeben haben würde, als sein eigentlicher Charakter mit sich brachte, wäre nicht ein rother Weiberrock gewesen, der kürzer gemacht war als gewöhnlich, weniger jedoch, in der Absicht, einen seinen Fuß und Knöchel zu zeigen, als um den untern Gliedmaßen volle Freiheit zur Ausführung gewisser übertriebenen Anstrengungen zu lassen, die die Savoyarden unbarmherzig von seiner natürlichen Behendigkeit verlangten. Er hatte einen dreieckigen Hut, verziert mit einigen zerknitterten Federn, eine weiße Cocarde und ein hölzernes Schwert. Ausser diesem letztern führte er in der Hand einen kleinen Besen. Als sie meine Aufmerksamkeit auf ihren Haufen bemerkten, begannen die übelberathenen Savoyarden alsbald eine Reihe von Vorstellungen im höheren Tanz, ohne allen Zweifel in der einzigen Absicht, meine Neugier auszubeuten. Die unschuldigen Opfer dieses Akts thierischer Tyrannei unterwarfen sich mit einer Geduld, die der tiefsten Philosophie würdig gewesen, und begegneten den Wünschen ihrer Herrn mit einer Bereitwilligkeit und einem Geschick, die ganz über alles Lob erhaben waren. Der eine kehrte den Boden, ein andrer sprang einem Hund auf den Rücken, ein dritter drehte sich um sich selbst herum, nochmals und nochmals, ohne auch nur ein Murren auszustoßen, und der vierte bewegte sich graziös hin und her wie ein junges Mädchen in einer Quadrille. All dieß hätte unbemerkt vorübergehen mögen (denn leider! sind solche Schauspiele nur zu häufig) wären nicht gewisse beredte Zusprüche gewesen, die mir das Individuum in der Husaren-Jacke mit den Augen machte; sein Blick war selten für einen Augenblick von mir gewandt, und so trat bald ein schweigender Verkehr zwischen uns ein. Ich bemerkte, daß sein Ernst unverwüstlich war. Nichts konnte ein Lächeln, eine Veränderung in seinem Antlitz hervorbringen; gehorsam der Peitsche seines brutalen Herrn, verweigerte er nie den verlangten Sprung, minutenlang auf ein Mal beschrieben seine Beine, sein Rock, wirre Kreise in der Luft, und schienen für immer von der Erde Abschied genommen zu haben; aber, die Anstrengung vollbracht, stieg er immer wieder zur Erde herab, mit einer ruhigen Würde, mit einer Haltung, welche zeigte, wie wenig der innere Affe Theil nahm an den wilden Sprüngen des äußeren Thiers. Ich zog meinen Gefährten ein wenig bei Seite, und wagte ihm einige Gedanken in dieser Hinsicht mitzutheilen. »Wirklich, Capitain Poke, es scheint mir große Ungerechtigkeit, die armen Geschöpfe so zu behandeln,« sagte ich. »Welches Recht haben die zwei schelmisch aussehenden Schurken, für's Auge weit interessantere, und ich darf wohl sagen, verständigere Wesen, als sie selbst sind, aufzugreifen, und sie mit Schlägen und ohne Rücksicht auf ihr Gefühl oder ihre Geneigtheit zu zwingen, ihre Beine auf diese übertriebene Art herumzuwerfen? Ich sage Euch, dies Verfahren scheint mir unerträglich tyrannisch, und fordert schnelle Abhülfe.« »König!« »König oder Unterthan, es ändert nichts in der moralischen Häßlichkeit der Handlung. Was haben diese unschuldige Wesen gethan, sie dieser Noth zu unterwerfen? Sind sie nicht Fleisch und Blut wie wir? Nähern sie sich nicht am meisten unsrer Gestalt, und, denn was wissen wir vom Gegentheil, unsrer Vernunft? Ist es erträglich, daß unser nächstes Ebenbild, unsre wahren Vettern, so behandelt werden sollten? Sind sie Hunde, daß sie wie Hunde behandelt werden?« »Ei, nach meiner Meinung, Sir John, gibt es keinen Hund auf der Erde, der solche Sprünge machen könnte. Ihre Purzelbäume sind wirklich ganz außerordentlich.« »Ja, und mehr als außerordentlich; sie sind tyrannisch. Setzt Euch, Herr Poke, einen einzigen Augenblick an die Stelle eines dieser Individuen. Denkt, Ihr hättet eine Husarenjacke über Eure braunen Schultern gemuffelt, einen Weiberrock über Eure untern Theilen; einen dreieckigen Hut mit zerknitterten Federn auf dem Kopf, ein hölzernes Schwert an Eurer Seite und einen Besen in der Hand! Diese zwei Savoyarden drohten Euch mit Streichen, bis Ihr zur Belustigung Fremder Sprünge machtet. Ich bitte Euch nur, den Fall zu dem Euren zu machen, und dann zu sagen, wie Ihr Euch benehmen, was Ihr thun würdet?« »Ich würde ohne Anstand diese jungen Schelme fegen, Sir John, das Schwert und den Besen an ihren Köpfen zerschlagen, ihnen die Sinne wecken, bis sie nicht mehr sehen könnten, und meinen Lauf nach Stonington richten, wohin ich gehöre.« »Ja, Herr, das ginge mit den Savoyarden, die jung und schwach sind, –« »Es würde nichts an der Sache ändern, wenn zwei von diesen Franzosen an ihrer Stelle wären,« fiel der Capitain ein und spähte wie ein Wolf um sich herum. »Euch's gerade herauszusagen, Sir John, als Mensch würde ich mich solchen Affenspässen nicht unterwerfen.« »Gebraucht nicht, Herr Poke, diesen Ausdruck als Vorwurf, ich bitte; wir nennen diese Thiere zwar Affen, aber wir wissen nicht, wie sie sich selbst nennen. Der Mensch ist nur ein Thier, und Ihr müßt wissen –« »Hört, Sir John,« fiel der Capitain ein, »ich bin kein Botaniker, und will nichts weiter von der Gelehrsamkeit wissen, als was ein Seemann braucht, um seinen Weg um die Welt zu finden; aber was das betrifft, daß der Mensch ein Thier wäre, will ich Euch jetzt nur fragen, ob nach Eurer Meinung ein Schwein auch ein Thier ist?« »Ohne Zweifel, und Flöhe und Kröten und Seeschlangen und Eidechsen und Wasserteufel. Wir sind alle nicht mehr und nicht weniger als Thiere.« »Nun, wenn ein Schwein ein Thier ist, will ich die Verwandtschaft anerkennen; denn bei meiner Erfahrung, die nicht gering ist, bin ich auf Menschen getroffen, die Ihr in jeder Hinsicht, nur Borsten, Schnauze und Schwanz ausgenommen, hättet für Schweine halten mögen. Ich will nicht läugnen, was ich mit eignen Augen gesehen, obwohl ich darunter leide, und deswegen, da Schweine Thiere sind, ist es mehr als wahrscheinlich, daß auch einige Menschen Thiere seyn müssen.« »Wir nennen diese interessanten Wesen, Affen, aber woher wissen wir, daß sie das Compliment nicht wieder geben, und uns in ihrer eignen Sprache auf ganz ebenso beleidigende Art heißen? Es schickte sich für unser Geschlecht, billigere und philosophischere Gesinnungen zu zeigen, und diese interessanten Fremdlinge als eine unglückliche Familie zu betrachten, die Thieren in die Hände gefallen, und auf jede Weise auf unser Erbarmen und unsre thätige Verwendung ein Recht haben. Bis jetzt habe ich noch niemals meine Gefühle für die thierische Welt durch eine Actie auf Vierfüßler gehörig erregt, aber es ist meine Absicht, morgen meinem Englischen Agenten zu schreiben, einen Pack Hunde zu kaufen, und eine gehörige Masse Pferde, und um so lobenswerthe Entschlüsse zu beschleunigen, werde ich sogleich den Savoyarden wegen der schleunigen Emancipation dieser Familie liebenswürdiger Fremdlinge Anerbietungen machen. Der Sclavenhandel ist ein unschuldiger Zeitvertreib im Vergleich mit der grausamen Unterdrückung, die der Herr mit dem dreieckigen Hut besonders erleiden muß.« »König!« »Er mag freilich in seinem Lande, Capitain Poke, ein König sein; ein Umstand, der zehenfache Schmerzen zu seinem unverdienten Leiden hinzufügen würde.« Hiermit schritt ich ohne viel Umstände zu Unterhandlungen mit den Savoyarden. Die vernünftige Anwendung von einigen Napoleons brachte bald ein glückliches Verständnis zwischen den contrahirenden Theilen hervor, wo denn die Savoyarden meinen Händen die Stränge, welche ihre Vasallen hielten, als das förmliche, gewöhnliche Anerkenntniß des Eigenthumsrechts, überlieferten. Die drei andern der Obhut des Herrn Poke überlassend, führte ich das Individuum in der Husaren-Jacke ein wenig bei Seite, und meinen Hut abnehmend, um ihm zu zeigen, daß ich über das gemeine Gefühl der Lehnsoberherrschaft hinaus wäre, redete ich ihn kurz mit folgenden Worten an: »Obwohl ich dem Anschein nach das Recht erkauft habe, welches diese Savoyarden über Eure Personen und Dienste zu haben behaupteten, ergreife ich sogleich die Gelegenheit, Euch zu benachrichtigen, daß der Sache nach Ihr jetzt frei seid. Da wir uns jedoch unter einem Volke befinden, das Eure Raçe in Unterwürfigkeit zu sehen gewohnt ist, möchte es nicht klug seyn, das Wesen unsrer jetzigen Verhandlung bekannt zu machen, damit nicht eine neue Verschwörung gegen Eure natürlichen Rechte eintrete. Wir wollen uns daher sogleich in mein Hotel zurückziehen, wo Euer künftiges Glück der Gegenstand unsrer reiferen und vereinten Betrachtungen sein soll.« Der ehrbare Fremde in der Husarenjacke hörte mich mit unnachahmbarem Ernste und Selbstbeherrschung an, bis in der Wärme des Gefühls ich einen Arm in ernster Gesticulation erhob, wo er denn, wahrscheinlich überwältigt von den Regungen des Entzückens, die in seinem Busen natürlich bei einem so plötzlichen Wechsel seines Schicksals erweckt wurden, drei Sprünge oder Purzelbäume, wie Capitain Poke seine Evolutionen recht passend genannt hatte, in so schneller Aufeinanderfolge machte, daß es für einen Augenblick zweifelhaft war, ob die Natur seinen Kopf oder seine Fersen obenhin gestellt. Ich gab Capitain Poke ein Zeichen mir zu folgen, und wir nahmen nun gerade unsern Weg nach der Straße Rivoli. Wir wurden von einer beständig wachsenden Menge begleitet, bis das Thor des Hotels überschritten war; und ich war froh, meine Schutzbefohlenen sicher unter Obdach zu sehen, denn reichliche Anzeichen eines zweiten auf ihre Rechte abgesehenen Plans waren da in den Drohungen und Spöttereien der lebhaften Menge, die uns gleichsam auf den Fersen nachstürzte. Als ich in mein Zimmer kam, legte ein Kourier, der auf meine Heimkunft gewartet hatte, und eben expreß von England angekommen war, ein Packet in meine Hand, mit der Nachricht, es käme von meinem Hauptagenten in England. Schnelle Befehle wurden gegeben, für die Bequemlichkeit und Bedürfnisse des Capitain Poke und der Fremden zu sorgen (Befehle, die nicht leicht vernachläßigt wurden, da Sir John Goldenkalb bei den bekannten Einkünften von drei Millionen Franken jährlich unbegrenzten Credit bei allen Bewohnern des Hotels hatte) und ich eilte in mein Kabinet und setzte mich eiligst hin, die verschiednen Mittheilungen zu lesen. Ach, es war keine Zeile von Anna dabei. Das hartnäckige Mädchen spielte noch mit meinem Elend, und aus Rache faßte ich auf einen Augenblick den Entschluß, Mahmuds Lehre anzunehmen, um das Recht zu haben, einen Harem zu errichten. Die Briefe waren von mancherlei Correspondenten, und unter ihnen viele von solchen, denen ich die Sorge für meine Interessen in sehr entgegengesetzten Theilen der Welt aufgetragen hatte. Eine halbe Stunde vorher verlangte mich's sterblich darnach, intimere Verbindungen mit den interessanten Fremden anzuknüpfen, aber meine Gedanken nahmen alsbald eine neue Richtung, und ich fand, daß die peinlichen Gefühle, die ich über ihre Wohlfahrt und Glück gehabt, sich ganz in dem eben erweckten Interesse verloren, das vor mir lag. Auf diese einfache Weise bringt ohne Zweifel das System, dessen Anhänger ich bin, keinen geringen Theil seiner großen Endzwecke hervor. Nicht sobald wird ein Interesse peinlich durch Uebermaaß, als schon ein neues sich erhebt, um die Gedanken zu zerstreuen, und eine neue Anforderung an die Gefühle gemacht wird; indem es nun so unsre Neigungen von der Heftigkeit der Selbstsucht zu dem linderen und gleichförmigeren Gefühl der Unparteilichkeit herabstimmt, bringt es gerade jenen richtigen und edlen Zustand des Geistes hervor, nach welchem die Staatsökonomen streben, wenn sie sich über die Glorie und Vortheile ihrer Lieblingstheorie vom gesellschaftlichen Anhaltpunkt auslassen. In dieser glücklichen Gemüthsstimmung machte ich mich an's Lesen der Briefe mit Eifer und mit dem herrlichen Entschluß, die Vorsehung zu verehren und Recht zu thun – fiat justitia, ruat coelum! Das erste Schreiben war von dem Agenten des vornehmsten Westindischen Landguts. Er benachrichtigte mich, daß alle Hoffnung einer zu erwartenden Ernte durch einen Orkan zerstört sei, und bat, ich möchte die nöthigen Mittel herbeischaffen, die Geschäfte der Pflanzung fortzuführen, bis die nächste Ernte den Verlust wieder ausgliche. Als Geschäftsmann bildete ich mir auf pünktliche Ordnung etwas ein, und ehe ich daher ein zweites Siegel erbrach, wurde ein Brief an einen Bankier in London geschrieben, mit dem Auftrag, den nöthigen Credit anzuschaffen, und den Agenten in West-Indien davon zu benachrichtigen. Da er Parlamentsmitglied war, ergriff ich die Gelegenheit, ihm auch die Notwendigkeit an's Herz zu legen, daß die Regierung schnelle Maßregeln zum Schutz der Zuckerpflanzer treffe, einer sehr verdienstvollen Classe von Unterthanen, deren Gefahren und wirkliche Verluste laut Hülfe dieser Art erheischten. Als ich den Brief schloß, konnte ich mich nicht erwehren, mit Wohlgefälligkeit bei dem Eifer und der Schnelligkeit zu verweilen, womit ich gehandelt hatte, – ein sichrer Beweis von dem Nutzen der Theorie der Kapitalanlegung. Die zweite Mittheilung war von dem Verwalter eines Ostindischen Besitzthums, die sehr zum Glück mit ihrer Anerbietung kam, die durch den Verlust der eben erwähnten Ernte entstandne Lücke auszufüllen. Zucker würde wahrscheinlich ein Handelsartikel für die Halbinsel werden, und so sagte denn mein Correspondent, da die Transportkosten so viel größer wären als von den andern Kolonien, dieser Vortheil ganz verloren gehen würde, wenn nicht die Regierung etwas thäte, dem Ostindier wieder zu seiner natürlichen Gleichheit zu verhelfen. Ich schloß diesen Brief in einen an Lord Sagund- Thu, der ja im Ministerium war, und fragte ihn in sehr lakonischen und spitzen Worten, ob das Reich wohl gedeihen könne, wenn zum Nachtheil aller andern ein Theil davon im Besitz ausschließlicher Vortheile bliebe? Da diese Frage in wahrhaft englischem Geiste gestellt war, hoffe ich, trug sie etwas dazu bei, Seiner Majestät Ministern die Augen zu öffnen; denn kurz nachher wurde viel in den Journalen und im Parlament über die Notwendigkeit gesprochen, unsere Ostindischen Mitbürger zu schützen, und natürliche Gerechtigkeit durch Feststellung der Nationalwohlfahrt auf die einzige sichre Basis des freien Handels ergehen zu lassen. Der nächste Brief war von dem das Geschäft betreibenden Associé einer großen Manufaktur, welchem ich die eine ganze Hälfte des Capitals vorgestreckt hatte, um in eine teilnehmende Verbindung mit den Baumwollespinnern zu treten. Der Correspondent beklagte sich bitter über den Eingangszoll auf den rohen Artikel, machte einige spitze Anspielungen auf die wachsende Concurrenz in Amerika und auf dem Continent, und gab ziemlich klar zu verstehen, daß der Inhaber des Fleckens Householder bei einer Frage von solcher Wichtigkeit für die Nation sich der Verwaltung fühlbar machen sollte. Bei diesem Wink sprach ich. Ich setzte mich auf der Stelle hin und schrieb meinem Freunde Lord Pledge einen langen Brief, worin ich auf die Gefahr hinwies, die unsrer Staatsökonomie drohte; wir ahmten die falschen Theorien der Amerikaner nach (der Landsleute des Capitain Poke), die Gewerbe aber gediehen gewiß nie so, als wenn sie erfolgreich wären, daß Erfolg von den Anstrengungen abhinge und die Anstrengungen am wirksamsten wären, wenn am wenigsten belastet, und mit einem Wort, daß wie es augenscheinlich sei, der Mensch würde weiter springen, wenn er nicht in Fußangeln wäre, und härter schlagen ohne Handfesseln, so es auch von selbst einleuchte, daß der Kaufmann bessere Geschäfte für sich machte, wenn er die Sachen alle nach seiner Weise und woher er wolle, bekäme, als wenn sein Unternehmungsgeist und Kunstfleiß durch die unbefugte und selbstische Einmischung der Interessen andrer beengt würde. Zum Schluß folgte eine beredte Beschreibung der demoralisirenden Folgen des Schmuggels und ein stechender Angriff auf die Tendenzen der Taxen im Allgemeinen. Ich habe zu meiner Zeit manches gute gesagt und geschrieben, wie mir selbst mehrere meiner Clienten beschworen haben, und zwar auf eine Weise, daß selbst angeborne Bescheidenheit es nicht abweisen kann, aber man wird mir die Schwachheit vergeben, wenn ich jetzt hinzufüge, daß dieser Brief an Lord Pledge so schöne Sachen enthielt, als ich mir nur etwas in dieser Hinsicht erinnern konnte. Der letzte Satz war offenbar die feinste und best turnirtste Moral, die ich je vorgebracht. Der Brief, Nummer vier, war vom Verwalter der Besitzungen zu Householder. Er sprach von der Schwierigkeit, die Renten einzutreiben, eine Schwierigkeit, die er ganz allein dem niederen Preis des Getreides zuschrieb. Er sagte, es würde bald nöthig werden, einige Meiereien von neuem zu verpachten, und fürchtete, das gedankenlose Schreien gegen die Korngesetze möchte auf die Bedingungen dabei Einfluß haben. Es läge dem Interesse der Landeigenthümer ob, ein Auge auf die Volkstendenzen in Hinsicht dieses Punktes zu haben, denn jede wesentliche Abänderung des gegenwärtigen Systems würde mit einem Schlag wenigstens um 30 pCt. die Einkünfte von allen Getreide erzeugenden Grafschaften verringern. Er schloß mit einem sehr harten Tadel gegen die Agrarier, eine Parthei, die sich gerade damals ein wenig in Großbritannien bemerklich machte, und mit einer seinen Wendung bewies er vollständig, daß der Schutz des Landeigenthümers und die Aufrechthaltung der protestantischen Religion unauflöslich mit einander zusammenhingen. Auch ein kräftiger Aufruf an den gesunden Menschenverstand der Bürger über die vom Volk für sich selbst zu befürchtende Gefahr folgte; er behandelte dieß auf eine Weise, daß, ein wenig mehr ausgeführt, es eine herrliche Rede über die Rechte des Menschen gegeben haben würde. Ich glaube, ich dachte über den Inhalt dieses Briefs eine volle Stunde nach. Der Verfasser davon, John Dobbs, war ein so ehrlicher, würdiger Bursche, als vielleicht je einer lebte; und ich konnte nicht anders als die erstaunliche Menschenkenntnis bewundern, die sich in jeder Zeile zeigte. Etwas mußte geschehen, das war klar; und zuletzt beschloß ich, den Ochsen bei den Hörnern zu nehmen, und mich mit einem Male an Herrn Huskisson zu wenden, als den kürzesten Weg, um an das Uebel zu kommen. Er war der politische Repräsentant aller neuen Ideen in Betreff unsrer ausländischen Handelspolitik; und indem ich auf eine feste Weise die schrecklichen Folgen seines bis auf's Aeußerste getriebenen Systems ihm vorlegte, hoffte ich, könnte noch etwas geschehen für die Eigentümer eines festen Besitzes, die Gebeine und Nerven des Landes. Ich will nur noch hier hinzufügen, daß Herr Huskisson mir eine sehr höfliche und männliche Antwort zurückschickte, worin er sich gegen jede Absicht, auf irgend eine Weise ungehörig in Britische Interessen sich zu mischen, vertheidigte; Taxen seien unserm System nothwendig, und jedes Volk sei selbst der beste Richter über seine Mittel und Hülfsquellen, er aber strebe nur nach Aufstellung gerechter, edelmüthiger Grundsätze, wodurch Nationen, die mit Britischen Maßregeln nichts zu schaffen hätten, sie auch nicht auf ungehörige Weise anwenden möchten – gewisse ewige Wahrheiten sollten wie eben so viele wohlgebaute Fässer, jede auf ihrem eignen Boden stehen. Ich muß sagen, mir gefiel diese Aufmerksamkeit von einem allgemein als so tüchtig anerkannten Manne als Herr Huskisson, und von jener Zeit an ward ich ein Anhänger seiner meisten Ansichten. Die nächste Mittheilung, die ich aufmachte, war vom Aufseher über meine Besitzungen in Louisiana; er benachrichtigte mich, der allgemeine Stand der Dinge in jenem Theil der Welt sei günstig, aber die Blattern hätten sich unter den Negern gezeigt, und die Arbeiten der Plantagen würden alsbald noch fünfzehn kräftige Männer mit dem gewöhnlichen Anhang von Weibern und Kindern verlangen. Er fügte hinzu, die Amerikaner hinderten die fernere Einbringung von Schwarzen aus irgend einem Lande ausserhalb der Union, aber ein sehr lebhafter und gewinnreicher Binnenhandel werde in diesem Artikel getrieben, und entweder von Carolina, von Virginien oder Maryland könnte man zu rechter Zeit den erforderlichen Zuschuß erhalten. Doch gab er zu, unter dem Vorrath dieser verschiedenen Staaten sei wieder eine Wahl zu treffen, und sie erfordere einige Umsicht. Der Neger aus Karolina sei mehr an's Baumwollenfeld gewöhnt, habe weniger Kleidung nöthig, und wie die Erfahrung gezeigt, könne mit Bückingen genährt werden, während dagegen der Neger weiter nördlich den feinsten Instinkt habe, manchmal denken könne, ja man ihn sogar hätte predigen hören, wenn er bis nach Philadelphia hinaufgekommen. Er liebe auch sehr Schinken und Geflügel. Vielleicht wäre es nicht übel, Exemplare von allen verschiedenen Vorräthen auf dem Markte zu kaufen. In meiner Erwiederung stimmte ich dem letztern bei, und sprach von der Nützlichkeit, einen oder zwei von den höhern Casten aus dem Norden zu erhalten. Ich hätte nichts gegen das Predigen, wenn sie zur Arbeit predigten, aber ich warnte den Aufseher besonders vor Sektirern. Das Predigen an und für sich könnte keinen Schaden thun, alles hinge von der Lehre ab. Dieser Rath ward als das Ergebniß vieler ernster Beobachtungen gegeben. Jene europäischen Staaten, die am hartnäckigsten der Einführung der Wissenschaften widerstanden, hätten, wie ich kürzlich bemerkt, ihr System geändert, und verführen nun nach dem Grund, »Feuer Feuer bekämpfen zu lassen.« Sie nähmen schnell ihre Zuflucht zum Schreiben von Schulbüchern, und zwar ohne andre Vorsicht, als daß sie sie selbst schrieben, durch diese sinnreiche Erfindung werde Gift in Nahrung verwandelt und die Wahrheiten für alle Classen mit Einem Male über die Gefahren des Disputirens und der Ketzerei hinausgesetzt. Nachdem ich dem Louisianer geholfen, wandte ich mich mit Freuden zur Eröffnung des sechsten Siegels. Das Schreiben war von dem wirklichen Vorstand einer Gesellschaft, zu deren Fonds ich reichlich beigetragen, um mich nämlich auch für Wohlthätigkeitsanstalten zu interessiren. Es war mir, kurz ehe ich die Heimath verlassen, aufgefallen, daß so positive Interessen, wie ich sie größten Theils hatte, den Geist leicht weltlich machten, und ich sah kein andres Auskunftsmittel gegen solch ein Uebel, als eine Verbindung mit den Heiligen zu suchen, um der gefährlichen Neigung ein Gegengewicht zu halten. Eine glückliche Gelegenheit zeigte sich in den Bedürfnissen der »Philo-Africanischen-Anti-Correctionel-Frei-Arbeit-Gesellschaft,« deren verdienstvollen Bemühungen aus Mangel an der großen Wohlthätigkeits-Kraft, dem Geld, eben aufhören sollte. Ein Wechsel von 5000 Pfd. erwarb mir die Ehre eines Mitglieds und Patrons, und ich weiß nicht warum, aber sicher ist, er machte, daß ich mit weit größerm Interesse nach den Resultaten davon fragte, als ich sonst früher bei irgend einem andern Institut gethan hatte. Vielleicht entstand diese wohlthätige Aengstlichkeit aus jenem Prinzip in unsrer Natur, welche uns veranlaßt, nach allem zu sehen, was ein Mal unser gewesen, so lange wir noch einen Theil davon erblicken können. Der Hauptvorstand nun dieser Gesellschaft schrieb, einige der Spekulationen, die pari passu mit der Wohlthätigkeit gegangen, seien glücklich gewesen, und daß die Actieninhaber nach den Grundbestimmungen der Association zu einer Dividende berechtigt seien, aber – wie oft steht dieses Wort zwischen Becher und Lippe, – aber er sei der Meinung, die Errichtung einer neuen Faktorei an einem Punkt, wo die Sklavenhändler sich am meisten einfänden und Goldstaub und Palmöl in den größten Mengen und folglich zu den niedrigsten Preisen zu haben wären, würde gleicher Maßen Handel und Menschenliebe begünstigen. Durch eine vernünftige Anwendung unsrer Mittel könnten diese beiden Interessen, wie Ursache und Wirkung, so als Wirkung und Ursache gar schön Hand in Hand gehen; den Schwarzen würde eine unberechenbare Menge von Noth erspart, den Weißen aber eine schwere Sündenlast abgenommen, und die besondere Agenten eines so augenscheinlichen Guts könnten mit allem Recht wenigstens 40 pCt. das Jahr von ihrem Geld berechnen, während sie noch als Zugabe ihre Seelen retteten. Ich stimmte natürlich einem an sich so vernünftigen Vorschlag, der noch ausserdem so offenbare Vortheile darbot, von ganzem Herzen bei. Das nächste Schreiben war vom Chef eines großen Handlungshauses in Spanien, wo ich einige Actien genommen, und dessen Interessen für einige Zeit, durch die Unruhen im Volke, in Unordnung gekommen, das für wirkliche oder eingebildete Bedrückungen Abstellung verlangte. Mein Correspondent äußerte bei dieser Gelegenheit einen gehörigen Unwillen, und sparrte überhaupt die Ausdrücke nicht, wenn er von Volksauflauf sprechen mußte; »was wollen die Wichte,« fragte er mit vieler Kraft, »unser Leben und unser Eigenthum! Ach, mein theurer Herr, diese traurige Thatsache legt uns allen (unter uns meinte er die merkantilischen Interessen) die Wichtigkeit strenger Mittel auf. Wo wären wir gewesen ohne die Bayonette des Königs? Was wäre aus unsern Altären, unserm Heerd und Personen geworden, hätte es nicht Gott gefallen, uns einen Monarchen zu verleihen, unerschütterlich in seinem Willen, tapfer von Muth und schnell in der That?« Ich schrieb eine passende glückwünschende Antwort, und wandte mich zu dem nächsten Brief, der der letzte der Mittheilungen war. Der achte Brief war von dem Chef eines andern Handlungshauses in Neu-York, V. St. von Amerika, aus dem Lande Capitains Poke, wo es scheinen wollte, als wenn der Präsident durch eine entschiedene Ausübung seiner Gewalt sich den Fluch eines großen Theils der handelnden Interessen des Landes zugezogen; da die Wirkung der Maßregel, sie mochte nun recht gewesen oder unrecht, als unmittelbare Folge oder nicht, mit Rumpf und Stumpf, das Geld rar gemacht hatte. Niemand ist so scharf in seinen Philippiken, so listig im Entdecken, so schnell im Auseinandersetzen der Thatsachen, so feurig in seiner Philosophie, so beredt in seinen Klagen, als der Schuldner, wenn das Geld plötzlich selten wird. Credit, Bequemlichkeit, Beine, Nerven, Mark und alles scheinen von dem Erfolg abzuhängen; und es ist kein Wunder, daß bei so lebhaften Eindrücken, Leute, die bisher zufrieden gewesen, in den geregelten und ruhigen Gewohnheiten des Handels fortzugehen, da auf einmal sich zu Logiker, Politiker, ja selbst zu Magiker erheben. Dies war mit meinem jetzigen Correspondenten der Fall gewesen, der im Allgemeinen so wenig von der Politik seines Landes zu verstehen und sich darum zu bekümmern schien, als wenn er nie darin gewesen, aber der nun mit einem Metaphysiker Haare gespaltet, und nicht mit mehr Liebe über die Constitution hätte schreiben können, wenn er sie gelesen hätte. Die Schranken dieses Buchs wollen mir nicht erlauben, den ganzen Brief hierherzusetzen, aber einige Sätze daraus sollen gegeben werden. »Ist es erträglich, Sir,« so hieß es, »daß die vollstreckende Gewalt, ich will nicht sagen nur in unserm Land, sondern in irgend einem, solche unerhörte Gewalten besitze, oder, selbst zugegeben, sie besäße sie, ausübe. Unsre Lage ist schlimmer als bei den Muselmännern, die mit dem Verlust ihres Geldes gewöhnlich ihren Kopf verlieren, und dadurch in einer glücklichen Unempfindlichkeit ihrer Leihen bleiben; aber ach! es hat ein Ende mit der viel gerühmten Freiheit von Amerika! Die vollstreckende Gewalt hat alle übrigen Zweige der Regierung verschlungen, und nächstens wird sie uns auch verschlingen; unsre Altäre, unser Heerd und unsre Personen werden bald angegriffen werden, und ich fürchte sehr, Sie werden meinen letzten Brief erhalten, nachdem schon lange alle Correspondenz verhindert, jedes Verbindungsmittel abgeschnitten, und wir selbst am Schreiben gehindert werden, gefesselt, wie wir sein werden, gleich Lastthieren an dem Karn eines blutigen Tyrannen!« Dann folgte eine so schöne Reihe von Beiwörtern, als ich deren nur immer aus dem Mund des größten Schelms zu Billingsgate vernommen. Ich konnte nicht anders, ich mußte die Kraft des »gesellschaftlichen Anhaltspunkts-Systems« bewundern, das den Menschen so sehr lebhafte Aufmerksamkeit auf alle ihre Rechte gibt, mögen sie nun leben, wo sie wollen, und unter welcher Regierungsform es auch sei; das so wunderbar geeignet ist, die Wahrheit aufrecht zu erhalten und uns gerecht zu machen. Als Antwort sandte ich zurück Schimpfwort um Schimpfwort, wiederholte alle die Seufzer meines Correspondenten und spottete, wie es einem Manne zukam, der mit einem verlierenden Geschäfte in Verbindung stand. Dieß schloß für jetzt meine Correspondenz, und ich erhob mich, müde von meinen Arbeiten, doch sehr erfreut über ihre Früchte. Es war spät, aber die Aufregung schloß den Schlaf aus, und eh' ich mich für die Nacht zurückzog, konnt' ich mich nicht enthalten, nach meinen Gästen zu sehen. Capitain Poke war in ein Zimmer in einem andern Theil des Hotels gegangen, aber die Familie der liebenswürdigen Fremdlinge schlief fest im Vorzimmer. Sie hatten, wie ich versichert war, herrlich zu Nacht gespeist, und überließen sich nun, einen erprobten Ausdruck zu gebrauchen, einem glücklichen aber vorüber gehenden Vergessen aller ihrer Leiden. Zufrieden mit diesem Zustand der Dinge, suchte ich nun auch mein Kissen, oder nach einem Lieblingsausdruck Noah Poke's ich auch »lief ein.« Neuntes Kapitel. Anfang der Wunder, die in Betracht ihrer Wahrheit um so ausserordentlicher sind. Ich darf sagen, mein Haupt lag eine volle Stunde auf dem Kissen, ehe mir der Schlaf die Augen schloß. Während dieser Zeit hatte ich hinlängliche Gelegenheit, die Thätigkeit desselben kennen zu lernen, was man »geschäftige Gedanken« nennt. Meine Seele war fieberisch, glühend, ruhlos; sie wanderten über ein weites Feld; es begriff Anna mit ihrer Schönheit, ihrer milden Wahrheit, ihrer weiblichen Sanftheit und ihrer weiblichen Grausamkeit; es begriff Capitain Poke und seine besondern Ansichten, die liebliche Familie der Vierfüßler und ihr verwundetes Gefühl, und dann die Vortrefflichkeit des gesellschaftlichen Anhaltspunkts-Systems; kurz, den größten Theil dessen, was ich während der letzten vier und zwanzig Stunden gesehen und gehört. Als der Schlaf langsam kam, überraschte er mich gerade in dem Augenblick, wo ich bei mir schwur, meine herzlose Geliebte zu vergessen, und den übrigen Theil meines Lebens der Verbreitung der Lehre von dem »expandirenden-superhumanen-generalisirenden-Affektionsprinzip« zu widmen, um gänzlich auszuschließen alle engherzige und selbstische Absichten, dazu mich verbindend mit Capitain Poke, der einen großen Theil dieser Erde und ihrer Bewohner gesehen, ohne sein Mitgefühl zu Gunsten eines Ortes oder einer Person zu beschränken, Stonington und ihn selbst natürlich ausgenommen. Es war heller Tag, als ich am folgenden Morgen erwachte. Mein Geist war durch den Schlaf beruhigt, meine Nerven waren besänftigt worden durch die balsamische Frische der Atmosphäre. Es schien, mein Diener war hereingekommen und hatte die Morgenluft zugelassen, sich aber dann wie gewöhnlich wieder zurückgezogen, um das Zeichen der Schelle zu erwarten, bevor er wieder einzutreten wagte. Ich lag viele Minuten in köstlicher Ruhe, im Genuß des periodischen Zurückkehrens zu Leben und Vernunft, die mit sich brachten die Vergnügungen des Gedankens und seine zehen Tausend liebliche, sich anschließende Bilder. Das entzückende Träumen indeß, worin ich unmerklich versank, wurde bald durch leise, lispelnde und, wie ich glaubte, klägliche Stimmen, nicht weit von meinem Bett entfernt, aufgehalten und gestört. Ich richtete mich auf, ich lauschte aufmerksam und mit vielem Staunen, denn es war nicht leicht sich zu denken, woher diese Töne, so ungewöhnlich zu dieser Stelle und Stunde, kommen könnten. Die Unterredung war ernst und selbst lebhaft, aber sie ward so leise geführt, daß sie ohne die tiefe Stille im Hotel gänzlich unhörbar gewesen. Gelegentlich traf ein Wort mein Ohr, aber ich vermochte ganz und gar nicht auch nur zu bestimmen in welcher Sprache. Daß es in keiner der fünf großen europäischen Sprachen war, wußte ich sicher, denn alle diese sprach oder las ich, und es fanden sich ganz besondre Töne und Inflexionen, die mich auf den Gedanken brachten, es schmecke nach der ältern von den beiden Classischen. Freilich ist die Aussprache dieser beiden, während sie selbst das Schibboleth der Gelehrsamkeit sind, ein strittiger Punkt, da der Ton der Vokale bei jeder Nation anders bestimmt ist; das lateinische Wort dux z. B. wird Docks in England, Duk's in Italien und Dükes in Frankreich; doch ist, ich weiß nicht welche, Feinheit in dem Ohrengeschmack eines wahren Gelehrten, die ihn selten irre führen wird, wenn seine Ohren von Worten begrüßt werden, die Demosthenes oder Cicero (Tschitschero, Zizero oder Kikero, wie es dem Leser gefällt,) gebraucht haben. Im gegenwärtigen Fall hörte ich genau das Wort: »Meibomeinosfoskomeiton,« welches sicher ein Zeitwort im Dual und in der zweiten Person von einer griechischen Wurzel war, obwohl von einer Bedeutung, die ich für den Augenblick nicht herausbringen konnte; über allen Zweifel aber wird jeder Gelehrte anerkennen, daß sie eine starke Aehnlichkeit mit einem wohlbekannten Vers im Homer hat. Wenn ich wegen der Silben in Verlegenheit war, die mich manchmal erreichten, ward ich nicht weniger verwirrt von den verschiedenen Intonationen der Stimmen der Sprechenden. Während man leicht wahrnehmen konnte, daß sie von verschiednem Geschlechte waren, hatten sie doch keine besondre Aehnlichkeit mit dem verschluckenden Gelispel der Engländer, der großen Monotonie der Franzosen, dem schallenden Wohllaut der Spanier, der geräuschvollen Melodie der Italiener, der ohrzerreißenden Octaven der Deutschen, oder der wallenden hals-über-kopf Aussprache der Landsleute meines intimen Bekannten Capitain Noah Poke. Von allen lebenden Sprachen, von denen ich einige Kenntniß hatte, kam die Aehnlichkeit der Dänischen und Schwedischen näher als irgend einer andern, aber ich zweifelte sehr, und beanstande es jetzt noch, ob wirklich selbst in diesen Sprachen so ein Wort zu finden ist wie: »Meibomeinosfoskomeiton.« Ich konnte die Zweifel nicht länger ertragen. Die classischen und gelehrten Bedenklichkeiten, die mich besessen, wurden ausserordentlich peinlich; ich stand mit der größten Vorsicht auf, um die Sprechenden nicht zu stören, und wollte dem allen durch den einfachen und natürlichen Proceß wirklichen Beobachtens ein Ende machen. Die Stimmen kamen von dem Vorzimmer, dessen Thüre etwas offen war; ich warf einen Schlafrock über, fuhr in die Pantoffeln hinein, und auf den Zehen mich der Oeffnung nähernd; richtete ich mein Auge so, daß ich die Personen überschauen konnte, die noch ernstlich im anstoßenden Zimmer mit einander sprachen. Alles Erstaunen verschwand, sobald ich die vier Affen in einer Ecke des Zimmers gruppirt fand, wo sie eine lebhafte Unterredung miteinander pflogen, in der die zwei ältesten (ein Männchen und ein Weibchen) die Hauptsprecher waren. Man konnte nicht erwarten, daß selbst ein Graduirter von Oxford, wenn auch zu einer Sekte gehörig, die wegen ihrer classischen Studien so sehr zum Sprüchwort geworden ist, daß Viele von ihnen nichts weiter wissen, – daß selbst einer von ihnen bei'm ersten Anhören, über die Analogie und den Charakter einer Sprache hätte entscheiden mögen, die selbst in jenem alten Sitz der Gelehrsamkeit so wenig angebaut ist. Obwohl jetzt auf der Spur zur Wurzel des Dialekts der Sprechenden, fand ich es doch ganz unmöglich, eine nützliche Kenntniß von dem, was eigentlich unter ihnen vorgehe, zu erhalten. Da sie aber meine Gäste waren, und möglicher Weise etwas nöthig haben konnten, was ihren gewohnten Bedürfnissen abginge, oder vielleicht unter noch schwereren Verlegenheiten litten, hielt ich es für meine Pflicht, die gewöhnlichen gesellschaftlichen Gebräuche bei Seite zu setzen, und mit einem Male, was in meiner Macht stünde, anzubieten, selbst auf die Gefahr hin, in Umstände mich einzudrängen, die sie vielleicht geheim zu halten hätten wünschen mögen. Indem ich daher die Vorsicht gebrauchte, etwas Lärm zu verursachen, als das beste Mittel meine Annäherung bekannt zu machen, öffnete ich leise die Thür und stellte mich ihnen vor. Erst war ich in Verlegenheit, wie ich die Fremden anreden sollte, aber in der Voraussetzung, Leute, die eine so schwer auszusprechende und so reiche Sprache redeten, wie die eben gehörte, mußten, gleich denen die von Slavischer Wurzel abgeleitete Dialekte sprächen, alle andre inne haben, und in der Erinnerung, daß das Französische das Unterhaltungsmittel unter allen gebildeten Leuten sei, beschloß ich zu jener Sprache meine Zuflucht zu nehmen. » Messieurs et Mesdames, « sagte ich und verbeugte mich grüßend, » mille pardons pour cette intrusion peu convenable, « aber da ich in einer andern Sprache schreibe, werde ich wohl im Fortgang der Erzählung die Reden übersetzen müssen, obwohl ich nur ungern den Vortheil aufgebe, sie hier buchstäblich mitzutheilen, und in der eigentlichen Sprache, in der sie gehalten wurden. »Meine Herrn und Damen,« sagte ich, und verbeugte mich grüßend, »ich bitte tausend Mal um Verzeihung für dieses unschickliche Eindringen in Ihre Zurückgezogenheit, aber da ich etwas von dem, was, wie ich sehr fürchte, nur zu begründete Klagen über die falsche Stellung sind, in welcher Sie sich befinden, mit anhörte, und als der Besitzer dieses Zimmers und in diesem Sinne als Ihr Wirth habe ich's gewagt, in keiner andern Absicht als mit dem Wunsche mich zu nähern, Sie möchten mich zum Vertrauten all Ihrer Noth machen, damit ich ihr, wo möglich, sobald als die Umstände es einiger Maßen erlauben mögen, abhelfen könne.« Die Fremden waren natürlich ein wenig erstaunt über mein unerwartetes Erscheinen, und überlegten, was ich eben gesagt. Ich bemerkte, daß die beiden Damen selbst offenbar in einiger Weise betrübt darüber waren, da die jüngere in mädchenhafter Bescheidenheit den Kopf zur Seite kehrte, während die ältere, eine dummartig aussehende Person, die Augen auf den Boden warf, aber ihre Selbstbeherrschung und ihren Ernst besser zu behaupten vermochte; der ältere der beiden Herrn trat mir nach einem Augenblick Zauderns mit würdevoller Haltung entgegen, und meinen Gruß erwiedernd, indem er mit seltner Grazie und vielem Decorum mit dem Schweif wedelte, antwortete er mir, wie folgt. Ich darf wohl hierbei behaupten, daß er das Französische fast eben so gut wie ein Engländer sprach, der lange genug auf dem Continent gelebt, um sich einzubilden, er könne in den Provinzen reisen, ohne als Fremder entdeckt zu werden. Uebrigens war sein Accent ein wenig Russich und seine Aussprache lispelnd und harmonisch. Die Frauenzimmer, besonders in dem tiefern Schlüssel ihrer Stimmen, brachten Töne, nicht unähnlich dem Seufzen der Aeols-Harfe, hervor. Es war in der That ein Vergnügen sie zu hören, aber ich habe immer zu bemerken Gelegenheit gehabt, daß in jedem Lande, nur eins ausgenommen, das ich nicht nennen will, die Sprache bei dem sanftern Geschlecht neue Reize annimmt und dem Ohr lieblicher erscheint. »Sir«, sagte der Fremde, nachdem er mit dem Schwanz ausgewedelt hatte, »ich würde meinen Gefühlen und dem Monikins-Charakter im Allgemeinen groß Unrecht thun, wenn ich nicht einen kleinen Theil von der Dankbarkeit ausdrückte, den ich bei dieser Gelegenheit fühle. Verlassene, hauslose, beschimpfte Wanderer und Gefangne, sehen wir endlich, daß das Schicksal einen Strahl des Glücks über unsre traurige Lage geworfen hat, und die Hoffnung beginnt wieder durch die Wolken der Trübsal wie ein vorübergleitender Blick der Sonne zu scheinen. Bis von meinem Schweif an, Sir, in meinem und dieser herrlichen und klugen Matrone Namen, so wie auch in dem der zwei edlen, jugendlichen Liebenden danke ich Ihnen; ja verehrtes und menschliches Wesen von dem » genus: homo, species: Anglicus, « wir alle legen dir unsere schweif-gefühltste Anerkennung deiner Güte dar!« Hier schwenkte die ganze Gesellschaft mit vieler Grazie den erwähnten Schmuck über ihre Häupter, berührte ihre zurückgebognen Stirnen mit den Zehen und verbeugte sich. Ich würde in diesem Augenblick zehen tausend Pfund darum gegeben haben, wenn ich rechte Actien in Schweifen gehabt, um ihre Art Höflichkeit nachmachen zu können; aber bloß, kahl und verlassen wie ich war, mußte ich mit einem erniedrigenden Gefühl mein Haupt ein wenig auf eine Schulter neigen, und als Erwiederung ihrer mehr ausgesuchten Höflichkeit, den gewöhnlichen englischen Knix machen. »Wenn ich blos sagen wollte, Herr,« fuhr ich fort, als die eröffnenden Grüße gehörig ausgetauscht waren, »daß ich über diese zufällige Zusammenkunft erfreut bin, würde das Wort, mein Entzücken auszudrücken, sehr unzureichend sein. Betrachten Sie dieß Hotel wie Ihr eignes, seine Diener wie die Ihrigen, seine Vorräthe als Ihre Vorräthe, und seinen scheinbaren Inhaber als Ihren ergebensten Diener und Freund. Ich bin außerordentlich durch die Unwürdigkeiten beleidigt worden, denen Sie bis jetzt ausgesetzt gewesen, und verspreche Ihnen jetzt Freiheit, Güte und alle jene Aufmerksamkeiten, zu welchen Sie augenscheinlich durch Geburt, Erziehung und die Zartheit Ihrer Gefühle berechtigt sind. Ich wünsche mir tausendfach Glück, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben. Mein größtes Verlangen ist immer gewesen, mein Mitgefühl anzuregen, aber bis auf diesen Tag haben verschiedne Zufälle den Anbau dieser himmelgebornen Eigenschaft größtentheils auf mein eignes Geschlecht beschränkt; doch blicke ich jetzt vorwärts zu einer herrlichen Laufbahn neugeborner Interessen an der ganzen animalischen Schöpfung, – ich brauche kaum noch zu sagen, in's Besondere an den Vierfüßlern Ihrer eignen Familie.« »Ob wir zu den Vierfüßlern gehören oder nicht, ist eine Frage, die unsre eignen Gelehrten sehr in Verlegenheit gebracht hat,« entgegnete der Fremde. »Es ist eine Zweideutigkeit in unsrer physischen Einrichtung, die diesen Punkt etwas zweifelhaft macht, und deswegen glaub' ich, ziehen die höheren Classen unsrer Naturphilosophen es vor, lieber der ganzen Monikins-Spezies mit all ihren Varietäten den Namen caudam jactans , Schweifschwinger, zu geben, indem sie die Benennung von dem edleren Theil der animalischen Bildung hernehmen. Ist dieß nicht die bessere Meinung daheim, Mylord Chafferim?« fragte er und wandte sich zum Jüngling, der ehrerbietig an seiner Seite stand. »Dieß, glaube ich, mein theurer Doktor, war die letzte von der Academie angenommene Classification;« erwiederte der edle Jüngling, mit einer Schnelligkeit, welche ihn als wohl unterrichtet und verständig darstellte, und zu gleicher Zeit mit einer Rückhaltung in seiner Art und Weise, welche seiner Bescheidenheit und Erziehung gleich viele Ehre machte. »Die Frage, ob wir Zweifüßler sind oder nicht, hat die Schulen seit länger als drei Jahrhunderte in Bewegung gesetzt.« »Die Nennung des Namens dieses Herrn,« fügte ich hastig hinzu, »erinnert mich, Sir, daß wir nur halb mit einander bekannt sind. Erlauben Sie mir, alle Ceremonie bei Seite zu setzen, und mich sogleich als Sir John Goldenkalb, Baronet, von Householder-Hall im Königreich Großbritannien bei Ihnen anzukündigen; als einen demüthigen Bewundrer der Vortrefflichkeit, wo immer, und unter welcher Form sie auch zu finden ist, und als Anhänger des Systems vom »gesellschaftlichen Anhaltspunkt.« »Ich fühle mich glücklich zur Ehre dieser förmlichen Einführung zugelassen zu werden, Sir John. Dagegen bitte ich, werden Sie mir erlauben zu sagen, daß dieser junge Edelmann in unsrer eignen Sprache Nro. 6. purpurn, oder den Namen zu übersetzen, Mylord Chatterino ist. Diese junge Dame ist Nro. 4. violet, oder Milady Chatterissa, diese vortreffliche, kluge Matrone ist Nro. 4,626243, röthlich oder Mistreß Vigelanza Lynx, u]m ihren Namen auch in's Englische zu übertragen: und ich bin Nro. 22817, braun Stubenfarbe, oder der Raisono; um Ihnen eine buchstäbliche Erklärung meines Namens zu geben, nur ein ärmlicher Schüler der Philosophen unsres Geschlechts, ein Dr. der Philosophie und vieler gelehrten Gesellschaften Mitglied, der Reisegefährte dieses Erben eines der berühmtesten und ältesten Häuser der Insel Springhoch, von der Monikins-Section der Sterblichen.« »Jede Sylbe, gelehrter Doktor Raisono, die von Ihren verehrten Lippen kommt, reizt nur meine Neugierde, und gibt neue Nahrung der Flamme des Verlangens, noch weiter in Ihre besondre Geschichte, Ihre künftigen Absichten, die Politik Ihres Geschlechts und in alle jene interessante Umstände zu dringen, die sich schnell einem Manne von Ihrer großen Fassungskraft und ausgedehnten Wissenschaft aufdringen werden. Ich fürchte für zudringlich gehalten zu werden, und doch, wenn Sie sich in meine Stelle sehen, hoffe ich, Sie werden ein so natürliches, brennendes Verlangen entschuldigen.« »Entschuldigung ist unnöthig, Sir John, und nichts würde mir größere Freude machen, als alle und jede Fragen zu beantworten, die Sie an mich thun wollen.« »Dann, Sir, alle unnöthige Umschweife abzuschneiden, lassen Sie mich Sie sogleich um eine Erklärung des Zahlensystems bitten, wonach Sie die Einzelnen benamen? Sie heißen Nro. 22,817, braun – Stubenfarbe – –.« »Oder Dr. Raisono. Da Sie ein Engländer sind, werden Sie mich vielleicht besser verstehen, wenn ich mich auf eine bürgerliche Vorkehrung der neuen Londner Polizei beziehe. Sie werden bemerkt haben, daß die Leute Buchstaben in Roth und Weiß tragen, und Zahlen auf den Aufschlägen ihrer Röcke. Durch die Buchstaben kann der Fremde die Compagnie herausbringen, während die Zahl das Individuum bedeutet. Nun die Idee zu dieser Verbesserung kam zweifelsohne von unserm System her, wo die Gesellschaft der Harmonie und Subordination wegen in Kasten eingetheilt ist, und diese Kasten durch Nuancen von Farben bezeichnet werden, die ihren Stand und ihre Gewerbe andeuten. Der einzelne, wie bei der Polizei, wird durch die Zahl erkannt. Da unsre Sprache sehr sentenziös ist, ist sie im Stande die verwickeltste dieser Combinationen in sehr wenig Worten auszudrücken. Ich muß noch hinzufügen, daß zur Bezeichnung der Geschlechter kein weitrer Unterschied gemacht wird, nur daß jedes besonders gezählt wird, und jedes sein zu seiner Farbe gehöriges Gegenpaar von derselben Caste in dem andern Geschlecht hat. So sind Purpur und Violet beide adlig, das erste männlich, das andre weiblich, und röthlich ist das Gegenpart von Braun-Stubenfarbe.« »Und – entschuldigen Sie mein natürliches Verlangen, mehr zu wissen, – tragen Sie in Ihrem Vaterland diese Zahlen und Farben auf Ihrer Kleidung?« »Was Kleidung betrifft, Sir John, so sind die Monikins zu weit, geistig und physisch, um deren zu brauchen. In allen Fällen begegnen sich bekanntlich die Extreme. Der Wilde ist der Natur näher als die blos Civilisirten; und die Wesen, die über die Täuschungen des Mittelzustands hinaus sind, finden sich wieder näher den Gewohnheiten, Wünschen und Zwecken unsrer gemeinsamen Mutter. So wie der wahre Mann von Stand einfacher in seiner Haltung ist als der blose Nachahmer, wie Gewohnheiten und Moden in der Provinz übertriebener sind, als in gebildeten Hauptstädten, und der tiefe Philosoph weniger Ansprüche macht als der Anfänger, so lernt auch unser gemeinsames Geschlecht, so wie es der Erfüllung seiner Bestimmung und seinen höchsten Erstrebungen sich nähert, die Hochgeschätztesten Gebräuche des Mittelzustandes ablegen, und kehrt mit Eifer zur Natur wie zu einer ersten Liebe zurück. Aus diesem Grunde, Sir, trägt die Monikins-Familie nie Kleider.« »Ich konnte jedoch nicht anders, ich mußte bemerken, daß die Damen, seitdem ich eingetreten, einige Verlegenheit gezeigt; wäre es möglich, daß ihr Zartgefühl über den Zustand meiner Toilette erschrocken?« »Ueber die Toilette mehr selbst, als über den Zustand derselben, Sir John, wenn ich offen reden darf. Das weibliche Gemüth, auferzogen, wie es bei uns der Fall ist, von Kindheit an, in den Gebräuchen und Gewohnheiten der Natur, wird durch die geringste Abweichung von ihren Regeln unangenehm berührt. Sie werden dieß den Launen des schönen Geschlechts zu gut halten, denn ich glaube, in ihnen gleicht es sich ziemlich, es mag von einem Theil der Welt herkommen, woher es will.« »Ich kann die anscheinende Unhöflichkeit nur durch meine Unwissenheit entschuldigen, Dr. Raisono. Ehe ich aber noch eine Frage thue, soll das Versehen gut gemacht werden. Ich muß, Herren und Damen, für einen Augenblick mich in mein Zimmer zurückziehen, und bitte Sie, bis ich zurückkomme, sich zu vergnügen, wie immer möglich. Nüsse sind, glaub' ich, in dieser Schublade, Zucker steht gewöhnlich auf dem Tisch und vielleicht könnten die Damen einige Unterhaltung finden, indem sie Uebungen an den Stühlen machten. In einem Augenblick werde ich wieder bei Ihnen sein.« Hierauf zog ich mich in mein Schlafzimmer zurück, und legte den Schlafrock sowohl als das Hemd ab. Da mir jedoch einfiel, daß ich mir sehr leicht den Kopf verkältete, ging ich, Dr. Raisono zu bitten, ein wenig herein zu kommen. Als ich ihm meine Verlegenheit mittheilte, nahm dieser Herrliche es auf sich, die Damen vorzubereiten, den leichten Mißstand, daß ich nämlich noch eine Nachtmütze und Pantoffeln trug, zu übersehen. »Die Damen würden sich nichts dabei denken,« bemerkte, um meine Betrübniß über Verwundung ihres Zartgefühls zu mindern, gutmüthig der Philosoph, »erschienen Sie selbst in einem Militair-Rock und Suwarow-Stiefeln, wenn man nur nicht glaubt, Sie wären von ihren Bekannten, und in ihrer unmittelbaren Gesellschaft. Ich denke, Sie müssen oft bemerkt haben, daß das schöne Geschlecht von Ihrer eignen Gattung oft ganz gleichgültig gegen Nuditäten ist (seine Vorurtheile sind nämlich nicht wie die unsern), welche auf der Straße erscheinen, während es sogleich aus dem Zimmer gestürzt wäre, wenn sie in der Person eines Bekannten zur Schau ausgestellt worden; diese conventionellen Ungleichheiten werden überall geduldet, weil sonst das Leben unerträglich würde.« »Diese Unterscheidung ist zu vernünftig, Sir, um noch ein Wort der Erklärung zu bedürfen. Nun lassen Sie uns zurück zu den Damen gehen, da ich jetzt endlich einiger Maßen mich sehen lassen kann.» Ich wurde für diese zarte Aufmerksamkeit durch ein billigendes Lächeln von der liebenswürdigen Chatterissa belohnt; und die gute Mad. Lynx warf nicht länger ihre Augen zu Boden, sondern richtete sie auf mich mit Blicken der Bewunderung und Dankbarkeit. »Nun, da dieser kleine Zwischenfall weiter kein Hinderniß ist,« begann ich wieder, »so lassen Sie mich die Fragen fortsetzen, welche Sie bisher mit so viel Güte und so befriedigend beantwortet haben. Da Sie keine Kleider haben, wie wird dann jene Ähnlichkeit zwischen Ihrem Gebrauch und der neuen Londner Polizei ausgeführt?« »Obgleich wir nicht bekleidet sind, hat uns doch die Natur, deren Gesetze nie ungestraft verletzt werden, sondern die eben so gütig als unbedingt gebietend ist, mit einer sanften Decke versehen, um die Stelle der Kleider, wo sie der Bequemlichkeit wegen nöthig werden, zu ersetzen. Wir haben Gewänder, die die Moden zu Schanden machen, keine Schneider brauchen und nie ihren Glanz verlieren. Aber es wäre unpassend ganz auf diese Art gekleidet zu sein; und deßwegen ist, wie Sie sehen, das Innere unsrer Hand ohne Handschuhe, und der Theil, worauf wir sitzen, unbedeckt gelassen, sehr wahrscheinlich, damit nicht durch zufällige und ungünstige Stellungen ein Mißstand entstehe. Dieß ist auch der Theil bei der Monikins-Art, der am besten geeignet ist, bemalt zu werden, und die Zahlen, wovon ich gesprochen, werden daher zu gewissen Zeiten von Staatswegen da angebracht. Unsre Buchstaben sind so klein, daß sie dem Menschenauge entgehen, aber wenn Sie dieses Opernperspectiv nehmen, zweifle ich nicht, werden Sie noch etwas von meiner Bezeichnung bei mir finden, obgleich, ach! ungewöhnliche Reibung, große Noth und ich darf wohl sagen, unverdiente Leiden mich hierin sowohl als in verschiedenen andern Stücken ganz entmonikint haben.« Da Dr. Raisono die Güte hatte, sich umzudrehen und seinen Schweif wie ein Deutholz an einer schwarzen Tafel gebrauchte, gewahrte ich mit Hülfe des Glases sehr genau die besprochenen Figuren. Statt jedoch gemalt zu sein, wie er mich hatte vermuthen lassen, schienen sie unauslöschlich eingebrannt, wie wir gewöhnlich Pferde, Diebe und Neger brennen. Als ich es dem Philosophen bemerkte, erklärte er es mir mit seiner gewöhnlichen Leichtigkeit und Höflichkeit. »Sie haben ganz Recht, Sir,« sagte er, »das Weglassen der Malerei geschah zur Vermeidung der Tautologie, die ein Fehler gegen die Einfachheit der Monikins- Sprache wäre, sowie auch gegen den Geschmack, und leicht bei unsern Ansichten die Regierung umstoßen könnte.« »Tautologie!« »Tautologie, Sir John; wenn Sie den Grund des Gemäldes untersuchen, werden Sie finden, daß er schon von einer düstern, dunklen Farbe ist; da dieß nun von einem betrachtenden, ernsten Charakter zeugt, hat man es in unsrer Academie »braun-Stubenfarbe«genannt, und es wäre offenbar unnöthig gewesen, dieselbe Farbe noch darauf zu bringen. Nein, Sir, wir vermeiden Wiederholungen selbst in unsern Gebeten, indem wir sie für Beweise eines unlogischen und unconsequenten Geistes halten.« »Dieß System ist herrlich, ich sehe jeden Augenblick neue Schönheiten. Sie haben z. B. durch diese Art der Aufzählung den Vortheil, ihre Bekannten von hinten zu erkennen, ganz so als wenn Sie ihnen gegenüber stünden.« »Diese Folgerung ist scharfsinnig und zeugt von einem thätigen, beobachtenden Geist, aber sie erreicht nicht ganz die Ursache unseres politico-numerischen-Identitäts-Systems, wovon wir sprechen. Die Zwecke hiervon sind von einer höheren und nützlicheren Art; auch erkennen wir unsre Freunde gewöhnlich nicht an ihrem Antlitz, welche höchstens nur falsche Signale sind, sondern an ihren Schweifen.« »Das ist bewundernswerth; mit welcher Leichtigkeit können Sie dann einen Bekannten erkennen, der auf einem Baum sitzt; aber darf ich fragen, Dr. Raisono, welches so die eigentlichsten Vortheile Ihres Systems sind? Ich brenne vor Begierde.« »Sie hängen mit Staatszwecken zusammen. Sie wissen, Sir, die Staatsgesellschaft ist der Regierungen wegen da, und Regierungen selbst hauptsächlich, um Contributionen und Taxen leichter einzutreiben. Durch dieß numerische System nun haben wir jede Gelegenheit die ganze Monikinsrasse bei den Steuerbüchern beizuziehn, wenn sie von Zeit zu Zeit nach ihrer Zahl aufgeschrieben werden. Die Idee war ein glücklicher Gedanke eines unsrer ausgezeichnetsten Statistiker, der durch die Erfindung großen Credit bei Hofe erlangte, und wirklich in Folge seines Scharfsinns in die Akademie aufgenommen wurde.« »Doch muß man zugeben, mein theurer Doktor,« fiel Lord Chatterino, doch immer mit der Bescheidenheit, und ich darf hinzufügen, mit der Großmuth eines Jünglings ein, »daß es unter uns viele giebt, die leugnen, daß die Staatsgesellschaften der Regierungen wegen da sind, und behaupten die Regierungen seien wegen der Staatsgesellschaften gemacht, oder mit andern Worten für die Monikins.« »Bloße Theoretiker, mein guter Lord; auch wird nach ihren Ansichten, selbst wenn sie wahr wären, nie verfahren; Praxis ist alles in der Politik, und Theorien sind von gar keinem Werth, nur in soweit sie die Praxis bestätigen.« »Beide, Theorie und Praxis sind vollkommen!« schrie ich, »und ich zweifle nicht, daß die Eintheilung in Farben und Kasten die Obrigkeiten in den Stand setzt, bei den Auflagen mit »den Reichsten, den Purpurnen« zu beginnen.« »Sir, Monikins-Weisheit legt nie den Grundstein oben hin; sie sucht den Grund des Gebäudes auf, und da Auflagen die Mauern der Staatsgesellschaft sind, fangen wir am Boden an. Wenn Sie uns besser kennen, Sir John Goldenkalb, werden Sie anfangen, die Schönheit und Wohlthätigkeit der ganzen Monikins-Oekonomie zu begreifen.« Ich wieß nun auf den häufigen Gebrauch dieses Wortes Monikin hin, und meine Unwissenheit eingestehend, bat ich um eine Erklärung des Ausdrucks, sowie um eine allgemeinere Nachricht über den Ursprung, die Geschichte, Hoffnungen und Politik der interessanten Fremdlinge, wenn sie anders noch so genannt werden können, da sie mir schon so wohl bekannt waren. Doktor Raisono gab zu, daß das Verlangen natürlich und zu ehren wäre, aber er zeigte auch auf die Notwendigkeit hin, erst die animalischen Funktionen durch einige Nahrung zu unterstützen, besonders da die Damen den Abend vorher nur ein unbedeutendes Nachtessen gehabt, und auch er, obgleich Philosoph, mit weit mehr Eifer und Erfolg die verlangten Erklärungen geben würde, wenn er erst die geringe Bekanntschaft, die er schon mit einigem Eingemachten in einem der Schränke angeknüpft, weiter fortsetze, als er im jetzigen Zustand seines Appetits möglicher Weise könnte. Diese Hinweisung war so augenscheinlich, daß man nichts entgegnen konnte; indem ich daher meine Neugier unterdrückte, zog ich die Schelle, und ging in mein Schlafzimmer zurück, wo ich soviel von meiner Kleidung wieder anzog, als die Halbbildung des Menschen nöthig macht, und dann den Bedienten die geeigneten Befehle gab; jene wurden, beiläufig gesagt, unter dem Einflusse der gewöhnlichen und gemeinen Vorurtheile gelassen, wie sie fast allgemein von der menschlichen gegen die Monikins-Familie gehegt werden. Ehe ich mich jedoch von meinem neuen Freunde, Doktor Raisono, trennte, nahm ich ihn bei Seite, und teilte ihm mit, daß ich einen Bekannten im Hotel hätte, einen Mann von besondrer Philosophie, aber nach Menschen-Art und der viel gereist wäre; ich bäte daher um Erlaubniß, ihn in's Geheimniß unsrer beabsichtigten Vorlesung über Monikins-Oekonomie einweihen und als Zuhörer mitbringen zu dürfen. Diese Bitte bewilligte Nro. 22,817, braun-Stubenfarbe oder Doktor Raisono sehr herzlich, gab aber auf zarte Art zugleich zu verstehen, wie er erwarte, dieser neue Zuhörer, der natürlich niemand anders als Kapitain Noah Poke war, werde es seiner Mannheit nicht für unwürdig halten, in soweit auf das Zartgefühl der Damen Rücksicht zu nehmen, daß er nur in den Gewändern jener anständigen und verehrungswerthen Schneiderin und Drappistin, der reinen Natur nämlich, erschiene. Diesen Wink billigte ich sogleich, worauf dann jeder, nach den gewöhnlichen Begrüßungen des Verbeugens und Schweifschwingens mit dem gegenseitigen Versprechen, pünktlich der Uebereinkunft nachzukommen, seines Wegs ging. Zehntes Kapitel. Viel Unterhandlung, worin Menschenwitz gänzlich zu Schanden wird und menschlicher Scharfsinn sich als eine Eigenschaft von sehr secondärem Rang dargestellt. Herr Poke hörte auf meine Erzählung von allem, was sich zugetragen, mit einem sehr ruhigen Ernst. Er versicherte mich, er habe soviel Scharfsinn unter den Robben und Seehunden getroffen, und so viele Thiere gekannt, die Menschenverstand und so viele Menschen, die thierische Dummheit zu besitzen geschienen, daß es ihm gar nicht schwer falle, jedes Wort, was ich ihm gesagt, zu glauben. Er drückte auch seine Freude darüber aus, eine Vorlesung über Naturphilosophie und Staatsökonomie von den Lippen eines Affen zu hören, obgleich er zu verstehen gab, daß dabei gerade nicht die Erwartung zum Grund liege, etwas zu lernen; denn in seinem Lande würden alle diese Sachen ziemlich allgemein in den Distriktschulen gelehrt, und die Kinder sogar, die auf den Straßen von Stonington herumliefen, wüßten mehr davon als die ältesten Leute in andern Ländern. Doch möge ein Affe neue Idee'n haben, und er seiner Seits sei willens, zu hören, was jeder zu sagen hätte; denn wenn man in dieser Welt nicht selbst ein Wort mitspräche, könne man sicher sein, niemand sonst werde sich die Mühe geben, für einen zu reden. Als ich aber die näheren Bestimmungen des Programms über die künftige Zusammenkunft erwähnte, und ihm mittheilte, wie man erwarte, daß aus Ehrerbietung vor den Damen die Zuhörer nur in die reine Natur gekleidet erscheinen würden, fürchtete ich sehr, mein Freund möchte sich erzürnen, daß er einen Anfall von Schlag bekäme. Der rauhe alte Robbenjäger schwur einige schreckliche Flüche und versicherte, nicht um aller Monikins-Philosophie oder hochgeborner Affenweibchen willen, womit man einen Schiffraum anfüllen könnte, werde er sich jemals selbst zum Affen machen, indem er in einem solchen Zustand erschiene; er erklärte sich sehr leicht, er habe ein Mal einen Mann gekannt, der sich unterstanden, auf solche Art die Rolle eines Thiers zu spielen, und das erste, was der arme Teufel verspürt, seien große Klauen und ein Schweif gewesen, die mit einem Male ihm gewachsen; – ein Fall, den er immer als gerechte Strafe betrachtet, wenn man sich zu mehr machen wolle, als die Vorsehung bestimmt habe, wenn nur des Menschen Ohren nackt wären, könne er ebenso gut hören, als wenn der ganze Leib nackt sei; er beklage sich nicht, daß die Monikins nur in ihr Fell gekleidet gingen, und sie sollten daher auch nicht sich um seine Kleider kümmern; er würde sich die ganze Zeit über kratzen und nur an die armselige Figur denken, die er mache; hätte dann auch nichts, wo er seinen Tabak hinbrächte, würde leicht taub, wenn es ihn fröre, er wolle verdammt sein, wenn er so etwas thäte, Menschennatur und Affennatur sei nicht dasselbe, und man könne nicht erwarten, daß Menschen und Affen derselben Mode folgten, die Zusammenkunft würde das Ansehn einer Boxparthie, statt einer philosophischen Vorlesung haben, er hätte nie so was in Stonington gehört, er würde sich beschämt fühlen, wenn er so in Gegenwart von Damen sich bloß sähe, ein Schiff fahre immer besser, unter einiger Leinwand, als unter nackten Stangen, man könne ihn wohl bis auf sein Hemd und seine Hosen herabbringen, aber diese aufzugeben, da könnte er ebenso gut daran denken, den Hauptanker am Bogen des Schiffs abzuhauen, während es an einem dem Wind entgegengesetzten Ufer läge; Fleisch und Blut wären Fleisch und Blut, und liebten es bequem zu haben; er würde die ganze Zeit über denken, es solle an's Schwimmen gehen, und sich nach einem zum Untertauchen geeigneten Ort umsehen; – diese und viele andre ähnliche Einwürfe machte er; sie sind in der Menge von Dingen von größrem Interesse, die meine Zeit beschäftigt haben, meinem Gedächtniß entfallen. Ich habe häufig zu bemerken Gelegenheit gehabt, daß wenn der Mensch keinen guten triftigen Grund für seine Entschließung hat, es nichts leichtes ist, ihn davon abzubringen; daß aber der, welcher sehr viele hat, sie gewöhnlich, im Streit der Ansichten, von geringerem Belang hält. So war es mit Kapitain Poke bei dieser Gelegenheit. Ich beraubte ihn glücklich seiner Kleidungsstücke, eins nach dem andern, bis ich ihn bis auf's Hemd gebracht, wo er denn gleich einem stattlichen Schiff, das durch den geringsten Windhauch in seinen gewöhnlichen Gang gebracht wird, »stack und hing« und dadurch zeigte, es würde eines stärkeren Stoßes bedürfen, um ihn noch weiter herunterzubringen. Ein glücklicher Einfall befreite uns alle aus der Verlegenheit. Unter meinen Sachen befanden sich ein Paar gute, weite Büffelhäute, und auf mein Hindeuten, den Kapitain Poke in die weiten Falten eines derselben einzuhüllen, stimmte der Philosoph Doktor Raisono freudig bei, indem er bemerkte, alles von natürlicher, einfacher Bildung sei den Monikins-Sinnen genehm, sie hätten nur gegen die Mißstände der Kunst einige Einwendungen, da sie sie als ebenso viele Vergehungen gegen die Vorsehung ansähen. Auf diese Erklärung hin, wagte ich zu verstehen zu geben, daß, da ich noch in der Kindheit der neuen Civilisation begriffen, es meinen alten Gewohnheiten sehr angemessen sein würde, wenn man mir erlauben könnte, auch von der einen der Häute Gebrauch zu machen, während Herr Poke die andere einnähme. Nicht die geringste Einwendung wurde gemacht, und Maßregeln sogleich getroffen, um uns in den Stand zu setzen, in guter Gesellschaft zu erscheinen. Bald nachher erhielt ich von Dr. Raisono das Protocoll der Bedingungen, die die herannahende Zusammenkunft regeln sollten. Dieß Document war aus Ehrfurcht gegen die Alten lateinisch geschrieben, und wie ich nachher erfuhr, von Lord Chatterino aufgesetzt worden, der zu Hause vor dem Vorfall, der ihn ach! in Menschenhänden gebracht, eine Erziehung für die diplomatische Laufbahn erhalten hatte. Ich übersetze es frei, zum Besten der Damen, die gewöhnlich ihre eignen Zungen am meisten lieben, und sie allen andern vorziehen. Protocoll einer zwischen Sir John Goldenkalb, Baronet, von Householder-Hall in dem Königreich Großbritanien und Nro. 22,817 braun-Stubenfarbe oder Socrates Raisono, vieler gelehrten Gesellschaften Mitglied und Prof. der Probabilitäten auf der Universität Monikinia, im Königreich Springloch, statt habenden Zusammenkunft. Die kontrahirenden Theile kommen überein, wie folgt, nämlich: Art. 1. Es soll eine Zusammenkunft statt haben. Art. 2. Besagte Zusammenkunft soll eine friedliche, nicht zu kriegerisch feindlichen Zwecken sein. Art. 3. Besagte Zusammenkunft soll logisch, explanatorisch und discursorisch sein. Art. 4. Während derselben soll Dr. Raisono das Vorrecht haben, am meisten zu sprechen, und Sir John Goldenkalb das am meisten zu hören. Art. 5. Sir John Goldenkalb hat das Vorrecht, Fragen vorzulegen, und Dr. Raisono das, sie zu beantworten. Art. 6. Gehörige Rücksicht soll sowohl auf menschliche als monikin'sche Vorurtheile und Gefühle genommen werden. Art. 7. Dr. Raisono und alle Monikins, die ihn begleiten, sollen ihre Felle glätten, und ihr natürliches Gewand überhaupt so ordnen, wie es Sir John Goldenkalb und seinem Freunde am angenehmsten sein mag. Art. 8. Sir John Goldenkalb und sein Begleiter sollen in Büffelhäuten erscheinen, und kein andres Gewand tragen, um sich Dr. Raisono und seinen Freunden angenehm und gefällig zu bezeigen. Art. 9. Die Bedingungen dieses Protocolls sollen gehalten werden. Art. 10. Jeder zweifelhafte Ausdruck in diesem Protocoll soll so viel als möglich zu Gunsten beider Theile ausgelegt werden. Art. 11. Kein Vorrecht, weder zu Nachtheil der menschlichen noch der Monikins-Sprache soll durch den Gebrauch der lateinischen bei dieser Gelegenheit begründet werden. Erfreut über diesen Beweis von Aufmerksamkeit von Seiten Lords Chatterino, ließ ich sogleich eine Charte für den jungen Herrn zurück, und machte mich dann mit erhöhtem Eifer ernsthaft an die Vorbereitungen, um auch die geringste Bedingung des Vertrags zu erfüllen. Capitain Poke war bald bereit, und ich muß gestehen, er sah eher einem Vierfüßler auf den Hinterbeinen, als einem menschlichen Wesen, in seinem neuen Anzug ähnlich. Was mein eignes Aussehen anlangte, hoffe ich, es war meiner Stellung, meinem Charakter angepaßt. Zur festgesetzten Zeit versammelten sich die beiden Theile, und Lord Chatterino erschien mit einer Abschrift des Protocolls in der Hand. Dieß Document wurde von dem jüngeren Herrn auf eine sehr deutliche Weise verlesen, worauf dann eine Stille folgte, die zu Bemerkungen aufzufordern schien. Ich weiß nicht, woher es kommt, aber ich hörte noch nie die bestimmten Clauseln eines Handels, ohne eine Neigung in mir zu verspüren, nach den schwachen Seiten darin zu spähen. Ich fing an einzusehen, daß die Discussion zu Beweisen, die Beweise zu Vergleichungen zwischen den zwei Species führen könnten, und so regte sich etwas in mir wie ein esprit de corps ; es fiel mir ein, man könne wohl die Schicklichkeit in Frage stellen, daß Dr. Raisono mit drei Beiständen erschien, während ich nur einen hatte. So wurde denn dieser Einwand meiner Seits, ich hoffe, auf bescheidne und verträgliche Weise aufgestellt. In Erwiedrung bemerkte Mylord Chatterino, daß zwar allerdings das Protokoll in allgemeinen Ausdrücken von gegenseitigen Beiständen spräche, »wenn aber Sir John Goldenkalb sich die Mühe geben wolle, im Dokument selbst nachzusehen, werde er finden, daß die Beistände des Dr. Raisono im Plural erwähnt worden, während von dem des Sir John nur im Singular gesprochen würde.« »Ganz wahr, Mylord, aber Sie werden mir doch die Bemerkung erlauben, daß zwei Monikins ganz vollständig die Bedingungen zu Gunsten Dr. Raisano's erfüllen würden, während er hier mit dreien erscheint; es müssen offenbar dieser Mehrheit einige Schranken gesetzt werden, sonst könnte der Doktor das Recht haben, die Versammlung in Begleitung aller Einwohner von Springhoch zu besuchen.« »Der Einwurf ist sehr scharfsinnig und macht den diplomatischen Fähigkeiten Sir John Goldenkalb's alle Ehre, aber unter den Monikins werden zwei Weibchen nur Einem Männchen vor dem Gesetz gleich geachtet. So sind in Fällen, welche zwei Zeugen erheischen, wie in Uebertragung von liegenden Gründen zwei männliche Monikins hinreichend, während vier weibliche Unterschriften vonnöthen sein würden, um dem Dokument Gültigkeit zu verschaffen. In gerichtlichem Sinne ist also Dr. Raisono nur von zwei Monikins begleitet.« Capitain Poke bemerkte hierbei, daß diese Vorkehrung in dem Gesetze von Springhoch sehr gut wäre, denn er hätte oft Gelegenheit gehabt zu bemerken, daß die Weiber immer die Hälfte der Zeit über nicht wüßten, was sie thäten, und er glaube, im Allgemeinen brauchten sie mehr Ballast als die Männer. »Diese Entgegnung würde den Fall hinlänglich entscheiden,« erwiederte ich, »wenn das Protocoll nur ein Monikins-Document und diese Versammlung nur eine Monikins-Versammlung wäre. Aber die Thatsachen sind offenbar anders. Das Document ist in dem den Gelehrten gemeinsamen Verständigungsmittel abgefaßt, und ich ergreife gerne diese Gelegenheit, hinzuzufügen, daß ich mich nicht erinnere, eine bessere Probe moderner Latinität gesehen zu haben.« »Es ist nicht zu läugnen, Sir John,« entgegnete Lord Chatterino, indem er zur Anerkennung des Compliments mit dem Schwanz wedelte, »daß das Protokoll in einer Sprache geschrieben ist, die jetzt Gemeingut geworden; aber das bloße Verständigungsmittel ist bei solchen Gelegenheiten nicht von großer Wichtigkeit, wenn es nur in Hinsicht der contrahirenden Theile neutral ist; ausserdem enthält für diesen besondern Fall Art. 11. des Protocolls eine Clausel, daß keinerlei Folgen aus dem Gebrauch der lateinischen Sprache gezogen werden sollen; eine Clausel, die beide Theile in Besitz ihrer ursprünglichen Rechte läßt. Nun da die Vorlesung eine Monikins-Vorlesung, von einem Monikins-Philosophen auf Monikinschem Grund und Boden ist, behaupte ich unmaßgeblich, daß es sich auch geziemt, daß sie im Allgemeinen nach Monikinschen Principien gehalten werde.« »Was den Monikinschen Grund und Boden betrifft, glaube ich doch den Herrn erinnern zu müssen, daß die contrahirenden Theile in diesem Augenblick auf neutralem Gebiet sich befinden, und daß, wenn einer Territorial-Jurisdiction oder die Rechte der Flagge in Anspruch nehmen kann, diese offenbar den Menschen gehören, da der Miether dieses Zimmers ein Mensch ist, den locus in quo inne hat, und pro hac vice der Suzerain ist.« »Ihr Scharfsinn, Sir John, ist weit über meine Meinung hinausgegangen, und ich bitte, meine Vertheidigung ändern zu dürfen. Alles, was ich sagen will, ist, daß die Hauptbetrachtung bei dieser Versammlung, die Monikins Interessen sind, daß wir ein Monikins-Thema vorschlagen, erklären, besprechen, erläutern, ausschmücken – daß das Accessorische der Hauptsache untergeordnet sein muß, daß das Geringere im Größeren untergehen muß, und daß folglich – –« »Sie werden verzeihen, Mylord, aber ich behaupte –« »O, Sir John, ich vertraue Ihrem gesunden Menschenverstand, daß Sie mich entschuldigen – –« »Ein Wort, Herr Chatterino, bitte, um – –« »Tausend, sehr gerne, Sir John, aber – –« »Mylord Chatterino!« »Sir John Goldenkalb!« Nun begannen wir beide zugleich zu reden, der edle junge Monikin richtete nach und nach seine Beobachtungen nur an Mademoiselle Vigilanza Lynx, welche, wie ich später erfuhr, eine herrliche Zuhörerin war, und ich meinerseits, nachdem ich von Auge zu Auge gewandert, kam zu einer Rede, die ich einzig an den Verstand des Capitain Noah Poke hielt. Mein Zuhörer suchte ein Ohr ganz vom Büffelfell frei zu bekommen und nickte Beifall zu allem, was von mir kam, mit einem gewissen patriotischen Menschen- und Stammverwandtschafts-Geist. Wir hätten vielleicht in dieser getrennten Weise bis jetzt fortgesprochen, wenn nicht die liebenswürdige Chatterissa vorgetreten wäre, und mit dem Takt und der Zartheit, die ihr Geschlecht auszeichnet, ihre kleine Patsche auf den Mund des jungen Herrn gelegt und so seine Mundfertigkeit gehemmt hätte. Wenn ein Pferd weggerennt ist, bleibt es gewöhnlich, nachdem es durch Gassen, Thore und Schranken durch ist, in dem Augenblick plötzlich stehen, wo es im offnen Feld Herr seiner Bewegungen wird. So auch ich; ich befand mich nicht sobald im alleinigen Besitz des Streitpunkts, als ich augenblicklich stille schwieg. Dr. Raisono benutzte die Pause, um den Vorschlag zu machen, daß der Vorgang zwischen mir und Lord Chatterino schon augenscheinlich ein Bruch des Vertrags wäre, er und Herr Poke sich zurückziehe, und versuchen wollten, über ein ganz neues Programm der Verhandlungen übereinzukommen. Dieser glückliche Gedanke stellte augenscheinlich den Frieden wieder her, und während der Abwesenheit der zwei Vermittler benutzte ich die Gelegenheit, mit der liebenswürdigen Chatterissa und ihrem weiblichen Mentor näher bekannt zu werden. Lord Chatterino, der alle diplomatische Grazie besaß, – der von einer heißen und heftigen Verhandlung sogleich zu der süßesten und gewinnendsten Höflichkeit zurückkommen konnte, war der eifrigste, meine Wünsche zu unterstützen. Er vermochte seine reizende Herrin die Rückhaltung einer kurzen Bekanntschaft bei Seite zu sehen, und mit einem Mal in ein freies, freundliches Gespräch sich einzulassen. Einige Zeit verfloß, ehe die Bevollmächtigten zurückkehrten, denn es scheint eine konstitutionelle Eigenthümlichkeit, oder, wie er es selbst nachher ausdrückte, ein Stoningtoner Grundsatz in Capitain Poke gewesen zu sein, wonach er in einem Handel sich für verpflichtet hielt, jeden Punkt zu bestreiten, der von der Gegenparthei kam. Diese Schwierigkeit wäre wahrscheinlich unübersteiglich gewesen, hätte nicht glücklicher Weise Dr. Raisono den aufrichtigen und freimüthigen Vorschlag gethan, seinem Collegen ganz allein immer den zweiten Artikel ohne Vorbehalt zu überlassen, sich aber dasselbe Recht für die übrige Hälfte ganz ebenso ausbedungen. Noah, nachdem er sich wohl versichert, daß der Philosoph kein Rechtsgelehrter sei, gab seine Beistimmung; und das ein Mal in diesem Geist des Nachgebens begonnene Geschäft ward bald zu Stande gebracht. Ich würde diesen glücklichen Ausweg bei allen Verhandlungen über schwierige und verworrene Verträge empfehlen, da er jeden Theil seine Absicht erreichen läßt, und wahrscheinlich nicht mehr schwache Seiten für nachfolgende Streitigkeiten darbietet, als jede andre bisher befolgte Methode. Das neue Dokument lautete, wie folgt und war in duplo englisch und im Monikin'schen ausgestellt. Man wird sehen, daß die Halsstarrigkeit des einen ihm so ziemlich den Anschein einer Capitulation gab. Protokoll für eine Zusammenkunft u.s.w. u.s.w. Die contrahirenden Theile kommen überein, wie folgt, nämlich: Art. 1. Es soll eine Zusammenkunft sein. Art. 2. Zugegeben; vorausgesetzt, daß beide Partheien kommen und gehen können, wie's ihnen beliebt. Art. 3. Die besagte Zusammenkunft wird im Allgemeinen über philosophische und liberale Grundsätze geführt. Art. 4. Zugegeben; vorausgesetzt, daß Tabak nach Belieben geraucht werden kann. Art. 5. Jeder Theil soll das Vorrecht haben, Fragen vorzulegen und jeder Theil das Vorrecht, sie zu beantworten. Art. 6. Zugegeben; vorausgesetzt, das niemand zu hören und zu sprechen braucht, er sei denn dazu geneigt. Art. 7. Der Anzug aller Gegenwärtigen soll den abstrakten Regeln der Schicklichkeit und des Anstands angemessen sein. Art. 8. Zugegeben; vorausgesetzt, daß die Büffelhäute von Zeit zu Zeit nach dem Stand des Wetters gelüftet werden mögen. Art. 9. Die Bestimmungen dieses Protokolls sollen streng geachtet werden. Art. 10. Zugegeben; vorausgesetzt, daß die Rechtsgelehrten keinen Vortheil davon ziehen. Lord Chatterino und ich stürzten auf die gegenseitigen Dokumente wie zwei Habichte, eifrigst nach Blößen oder den Mitteln schauend, die vorher ausgesprochenen Ansichten zu unterstützen, die wir beide zu vertheidigen so viel Geschick gezeigt hatten. »Ei, Mylord, da ist bei dieser Zusammenkunft von dem Erscheinen von Monikins überhaupt gar keine Rede!« »Die Allgemeinheit der Ausdrücke läßt schließen, daß alle kommen und gehen können, denen es beliebt!« »Bitte um Verzeihung, Mylord, Art. 8. enthält eine direkte Hinweisung auf Büffelhäute im Plural, und unter Umständen, woraus sich durch richtige Folgerung ergibt, daß man beabsichtigte, mehr als ein Träger der besagten Büffelhäute werde bei besagter Zusammenkunft zugegen sein.« »Vollkommen recht, Sir John, aber Sie werden mir die Bemerkung erlauben, daß nach Art. 1. bedungen wird, es solle eine Zusammenkunft sein, und nach Art. 3. ist ferner übereingekommen, daß die besagte Zusammenkunft über philosophische und liberale Grundsätze geführt werden soll. Nun braucht aber kaum, mein guter Sir John, erst dargethan zu werden, daß es die äußerste Illiberalität sein würde, dem einen Theil ein Privilegium zu verweigern, was der andere genösse!« »Ganz recht, Mylord, wenn es eine Sache bloßer Höflichkeit wäre, aber legale Auslegungen müssen auf legale Grundsätze sich stützen, sonst sind wir alle, Juristen und Diplomaten, der Fluth eines unbegrenzten Oceans von Vermuthungen Preis gegeben.» »Und doch bestimmt Art. 10. ausdrücklich, daß die Rechtsgelehrten keinen Vortheil daraus ziehen sollen. Betrachten wir Art. 3. und 10. genau und in Verbindung, so sehen wir, daß es die Absicht der Vermittler war, den Mantel der Liberalität, von allen Spitzfindigkeiten und Kniffen blos legaler Praktiker entfernt, über die ganze Verhandlung zu werfen. Erlauben Sie mir, um, was ich jetzt vorgebracht, zu erhärten, an die Stimmen derer zu appelliren, die eben die Bedingungen entwarfen, über welche wir jetzt streiten. Dachten Sie, Sir,« fuhr Mylord Chatterino, zu Kapitain Poke gewandt, mit Kraft und Würde fort, »dachten Sie, Sir, als Sie diesen berühmten Artikel 10. aufsetzten, je daran, Sie stellten eine Autorität auf, von der die Rechtsgelehrten Vortheil ziehen könnten?« Ein tiefes und sehr lautes »Nein« war die feste Antwort des Herrn Poke. Mylord Chatterino, dann mit gleicher Grazie zu dem Doktor gewandt, nachdem er zuerst diplomatisch dreimal mit seinem Schweif gewedelt, fuhr fort: »Und Sie, Sir, als Sie Art. 3. aufstellten, glaubten Sie, daß Sie illiberale Grundsätze unterstützten und verbreiteten?« Auf die Frage folgte eine schnelle Verneinung, worauf denn der edle Jüngling inne hielt und mich ansah, als wenn er vollständig triumphirt hätte. »Vollkommen beredt, ganz überzeugend, unwiderleglich beweiskräftig, unläugbar wahr, Mylord,« fiel ich ein, »aber es muß mir vergönnt seyn, zu bemerken, daß die Kraft aller Gesetze von ihrem Erlaß abhängt; nun fließt aber der Erlaß, oder im Fall eines Vertrags die Kraft der festgesetzten Bedingungen, nicht aus der Absicht des einen Theils, der zufällig ein Gesetz oder eine Clausel aufgestellt haben mag, sondern aus der Beistimmung aller legalen Deputirten. Im gegenwärtigen Fall sind zwei Unterhändler, ich bitte nun um Erlaubniß, ihnen einige Fragen vorzulegen, indem ich die Ordnung Ihrer eignen herumkehre, und dann möchte der Erfolg vielleicht eine Spur geben, zu dem wahren quo animo zu gelangen.« Mich zum Philosophen wendend, fuhr ich fort: »Vermeinten Sie, Sir, als Sie Ihre Beistimmung zu Art. 10. gaben, alle Gerechtigkeit zu Boden zu werfen, Unterdrückung aufzufordern, und der Gewaltthätigkeit zum Schaden des Rechts beizustehen?« Die Antwort war ein feierliches und ich zweifle nicht sehr gewissenhaftes »Nein!« »Und Sie, Sir,« zu Kapitain Poke gewandt, »standen Sie bei Ihrer Beistimmung zu Art. 3. im mindesten in der Meinung, daß möglicher Weise die Feinde der Menschheit Ihre Beistimmung zu Mitteln verkehren könnten, um festzustellen, die Büffelhäuteträger stünden nicht auf gleichem Fuß mit den besten Monikins des Landes!« »Verdammt will ich sein, wenn ich's that!« »Aber, Sir John Goldenkalb, die Sokratische Methode des Untersuchens – –« »Wurde zuerst von Ihnen angewandt, Mylord –« »Ei, mein Herr« – – »Erlauben Sie« – – »Sir John« – – »Mylord« – – Hier trat die liebliche Chatterissa wieder vor, und durch eine zweite Vermittlung ihres graziösen Takts zu rechter Zeit verhinderte sie glücklich die Antwort. Das Gleichniß von dem weggelaufenen Pferd ward noch ein Mal dargestellt, und ich kam wieder zur Ruhe. Lord Chatterino schlug jetzt sehr galant vor, die ganze Sache solle mit unbegrenzter Vollmacht den Damen überlassen bleiben. Ich konnte mich nicht weigern, und die Bevollmächtigten zogen sich, von einem Murren von Seiten Kapitain Pokes begleitet, zurück. Dieser erklärte sehr offen heraus, die Weiber verursachten mehr Streit als alle übrigen, und nach dem wenigen, was er gesehen, erwarte er, es werde auch so mit den Monikins-Weibchen kommen. Die Frauen besitzen sicherlich eine Leichtigkeit der Zufriedenstellung, die unserm Theil der Schöpfung verweigert ist. In einer unglaublich kurzen Zeit kehrten die Bevollmächtigten mit folgendem Programm zurück. Protokoll zu einer Unterredung u. s. w. Die contrahirenden Theile kommen überein, wie folgt: nämlich: Art. 1. Es soll eine freundschaftliche, logische, philosophische, ethische, liberale, generelle und controversielle Zusammenkunft sein. Art. 2. Die Zusammenkunft soll freundschaftlich sein. Art. 3. Die Zusammenkunft soll generell sein. Art. 4. Die Zusammenkunft soll logisch sein. Art. 5. Die Zusammenkunft soll ethisch sein. Art. 6. Die Zusammenkunft soll philosophisch sein. Art. 7. Die Zusammenkunft soll liberal sein. Art. 8. Die Zusammenkunft soll controversiell sein. Art. 9. Die Zusammenkunft soll controversiell, liberal, philosophisch, ethisch, logisch, generell und freundschaftlich sein. Art. 10. Die Zusammenkunft soll sein, wie besonders bestimmt worden. Die Katze springt nicht mit mehr Gier auf die Maus, als Lord Chatterino und ich auf das dritte Protokoll stürzten, indem wir neuen Grund für den Beweis suchten, den jeder für den seinen angenommen. » Auguste, cher Auguste « rief die liebliche Chatterissa, im schönsten französischen Dialekt, den ich je gehört. » Pour moi! Mir zu Lieb'!« »A moi! Monseigneur!« schrie ich und schwang meine Abschrift des Protokolls. »Nur heran!« Ich wurde in der Mitte meiner Streitlust durch ein Zupfen an der Büffelhaut aufgehalten, und als ich einen Blick hinter mich warf, sah ich Kapitain Poke winken und andre Zeichen machen, als wünschte er mir etwas in's Geheim zu sagen. »Ich denke, Sir John,« bemerkte der würdige Robbenjäger, »wenn wir anders diesen Handel zu einem Bruch wollen kommen lassen, ist es wohl jetzt die rechte Zeit. Die Damen sind schlau gewesen; aber es müßte der Teufel sein, wenn wir nicht zwei Weiber überseglen könnten, ehe alles vorüber ist. In Stonington, wenn wir's für das Beste halten, Vorschläge anzunehmen, ei, da machen wir erst Einwände und erheben einen Sturm im Anfang, aber gegen das Ende werden wir freundlicher, sanfter und weicher, sonst käme auch der ganze Handel in Verfall. Der stärkste Wind wird zuletzt sich ausblasen; vertraut Euch mir, ich mache den besten Beweis zu Schanden, den der beste Monikin von ihnen allen vorbringen kann.« »Die Sache wird ernsthaft, Noah, und ich bin voll esprit de corps : Fühlt Ihr Euch nicht nach und nach als Mensch?« »Gütiger, aber büffelmäßiger als sonst etwas. Laßt sie fortfahren, Sir John, und wenn die Zeit kommt, wollen wir sie von hinten angreifen oder haltet mich für einen Stümper.« Der Kapitain nickte pfiffig, und ich sah, es war einiger Verstand in seiner Ansicht. Als ich zu unsern Freunden oder Verbündeten wieder zurückkam, ich weiß kaum, wie ich sie nennen soll, fand ich, daß die liebliche Chatterissa gleichfalls die diplomatische Hitze ihres Liebhabers wieder beruhigt hatte, und so traten wir auf dem besten Fuße wieder zusammen. Das Protokoll wurde durch Zuruf angenommen, und Vorkehrung sogleich zur Vorlesung Doktor Raisono's getroffen. Eilftes Kapitel. Eine auf etwas Solides gegründete Philosophie; – einige deutlich dargestellte Gründe und spöttische Einwürfe dagegen in die Flucht geschlagen durch einen logischen Bayonettenangriff. Doktor Raisono war in Verschönerung seiner Person wie seines Lyceums ganz so vernünftig, als ich nur jemals einen öffentlichen Professor mich erinnere gesehen zu haben, wenn er sein Lehramt in Gegenwart von Damen üben soll. Wenn ich sage, daß sein Fell gebürstet, sein Schweif neu gekräuselt und sein ganzes Aeussere mehr als gewöhnlich »solennisirt« war, wie Kapitain Poke es in einem bescheidnen Lispeln beschrieb, glaube ich alles gesagt zu haben, was nöthig und wahr ist. Er stellte sich hinter einen Schemel, der als Tafel diente, glättete dessen Teppich ein wenig mit seinen Pfoten, und schritt alsbald zur Sache. Ich muß wohl noch hinzufügen, daß er ohne Geschriebenes las, und da der Gegenstand nicht gerade Experimente verlangte, auch ohne einigen Apparat. Seinen Schweif nach den verschiednen Theilen des Zimmers wedelnd, wo seine Zuhörer saßen, begann er also: »Da gegenwärtig, meine Zuhörer, nur ganz zufällig die Wissenschaft in Anspruch genommen wird, wo alle den Academie'n Zugehörige auftreten mögen, und jetzt nur eine Erklärung der Hauptstücke unsrer Thesis verlangt wird, werde ich nicht auf den Grund des Gegenstands eingehen, sondern mich auf allgemeine Bemerkungen beschränken, die nur dazu dienen mögen, eine Skizze unsrer Philosophie zu geben, die moralischen, natürlichen und politischen – –« »Wie, Sir,« schrie ich, »haben Sie eine politische und eine Moral-Philosophie?« »Unstreitig und eine sehr nützliche Philosophie ist es. Keine Interessen verlangen mehr Philosophie als die mit der Politik verbundnen. Nochmals – nur eine Skizze unsrer Philosophie wollen wir geben, der natürlichen Moral- und politischen Philosophie, indem wir den größten Theil der Sätze, Beweise und Folgerungen größerer Muße und einem weiter fortgeschrittenen Stande der Gelehrsamkeit bei unsren Zuhörern aufbewahren. Indem ich mir also selbst diese heilsamen Schranken setze, werde ich nun mit der Natur beginnen. »Natur ist ein Ausdruck, den wir gebrauchen, um das alles durchdringende und beherrschende Princip der erschaffenen Dinge auszudrücken. Es ist bekanntlich eine allgemeinere und besondere Bezeichnung, indem sie im ersteren Falle die Elemente und Verbindungen der Allmacht, angewandt auf die Materie, im Allgemeinen bezeichnet, im andern, deren besondre Unterabtheilungen, in Verbindung mit der Materie in ihren unendlichen Verschiedenheiten. Sie wird ferner wieder eingetheilt, in ihre physische und moralische Attribute, und bekommt dann diese beiden Beziehungen. So wenn wir sagen, die Natur in abstracto und es physisch meinen, so verstehen wir darunter jene allgemeinen, gleichförmigen, unumgänglichen, feststehenden und schönen Gesetze, die das ganze Wirken, die Verwandschaften und Bestimmungen des Weltalls als eines großen Ganzen beherrschen und in Harmonie bringen, und wenn wir sagen die Natur im Besondern, so wollen wir z. B. von der Natur eines Felsen, eines Baums, der Luft, des Feuers, Wassers und der Erde reden. Wieder, wenn wir auf eine moralische Natur in abstracto hinweisen, meinen wir die Sünde, ihre Schwäche, ihr Anzügliches, ihr Häßliches, in Einem Wort, ihre Totalität, während auf der andern Seite, wenn wir den Ausdruck in diesem moralischen Sinn, aber speciell gebrauchen, wir seine Bedeutung auf die besondern Schattirungen der natürlichen Eigenschaften beschränken, die den besonders genannten Gegenstand bezeichnen. Lassen Sie uns unsre Sätze durch einige kurze Beispiele erläutern. »Wenn wir sagen: O Natur, wie glorreich, erhaben und belehrend bist du! meinen wir, daß ihre Gesetze aus einer Allmacht unendlicher Weisheit und Vollkommenheit herfließen; und wenn wir sagen: O Natur, wie bist du hinfällig, eitel und unzulänglich! meinen wir, daß sie bei dem allen doch nur etwas Untergeordnetes ist, unterworfen dem, der sie in's Dasein rief, und zwar zu bestimmten, begrenzten und unzweifelhaft weisen Zwecken. In diesen Beispielen sprechen wir von der Natur in abstracto .« »Die Beispiele über Natur im Besonderen werden meinen Zuhörern geläufiger und obwohl keineswegs wahrer, so doch verständlicher erscheinen. Die Natur im Besondern in physischer Bedeutung fällt in die Sinne, verräth sich in den äußern Formen der Dinge, durch ihre Stärke, Größe, Substanz und ihre Verhältnisse; und in ihren mehr geheimnißvollen Eigenthümlichkeiten, erst bei näherer Untersuchung, durch ihre Gesetze, Harmonie und Wirkungen. Besondre moralische Natur zeigt sich in den verschiednen Neigungen und Fähigkeiten, in dem Benehmen der verschiednen Classen aller moralischen Wesen. In diesem letztren Sinn haben wir Monikins-Natur, Hunde-Natur, Pferde-Natur, Schwein-Natur, Menschen-Natur – –« »Erlauben Sie mir, Dr. Raisono;« unterbrach ich, »hier zu fragen, ob Sie diese Classifizirung für mehr als zufällige Stellung von Beispielen geltend machen wollen.« »Nur das letztre, versichre Sie, Sir John.« »Und geben Sie den großen Unterschied zwischen animalischer und vegetabilischer Natur zu?« »Unsre Academie'n sind über diesen Punkt getheilter Meinung. Eine Schule behauptet, die ganze lebende Natur müsse in ein großes alles begreifendes Genus zusammengefaßt werden, während die andre die von Ihnen genannten Unterscheidungen zuläßt. Ich bin der letztern Meinung, und neige mich zu der Ansicht, daß die Natur selbst die Linie zwischen den zwei Classen gezogen hat, indem sie der einen die doppelte Gabe moralischer und physischer Natur zugetheilt und der andern die erstere vorenthalten hat. Das Dasein der moralischen Natur zeigt sich im Dasein eines Willens. Die Academie von Springhoch hat eine scharfsinnige Classification aller bekannten Thiere gemacht, an deren Ende sich der Schwamm, an deren Spitze sich der Monikin befindet.« »Schwämme sind sonst gewöhnlich am obersten,« murmelte Noah. »Herr,« sagte ich mit einem unangenehmen Anschwellen der Kehle, »soll ich das so verstehen, daß Ihre Gelehrten den Menschen für ein Thier halten, in einem Mittelzustand zwischen Schwamm und Affe?« »Wirklich, Sir John, diese Hitze ist ganz unstatthaft bei philosophischen Verhandlungen; wenn Sie fortfahren, sich ihr zu überlassen, muß ich die Vorlesung aussetzen.« Bei diesem Tadel machte ich einen glücklichen Versuch mich zu fassen, ob mich gleich der esprit de corps fast erstickte. Ich gab, so gut ich konnte, Besserung zu verstehen, und Dr. Raisono, der über seinen Tisch gelehnt, zweifelhaft da gestanden hatte, wedelte mit dem Schweif und fuhr fort: »Schwämme, Austern, Krabben, Störe, Kröten, Schlangen, Eidechsen, Opossum, Ameisenlöwen, Paviane, Neger, Waldtauben, Löwen, Eskimo, Faulthiere, Schweine, Hottentoten, Ourangnikins sind ohne allen Zweifel alles Thiere, der einzige bestrittene Punkt bei uns ist, ob sie alle von demselben Genus sind und nur Varietäten oder Species bilden, oder ob sie in drei große Familien wieder zerfallen müssen, in die verbesserlichen, unverbesserlichen und die rückgängigen. Die, welche behaupten, daß wir nur eine große Familie bilden, urtheilen nach gewissen in die Augen fallenden Analogien, die als eben so viele Glieder dienen, um die animalische Welt in einer großen Kette zu vereinen. Indem sie z. B. den Menschen als den Mittelpunkt annehmen, zeigen sie, daß dieß Wesen, gemeinsam mit jedem andern Geschöpf, eine sehr bemerkbare Eigenthümlichkeit besitzt. So ist der Mensch in einer Hinsicht gleich einem Schwamm, in einer andern gleich einer Auster, ein Schwein ist dem Menschen ähnlich, der Hamster hat etwas eigenthümliches von dem Menschen, der Ourang-Outang wieder etwas anders, das Faulthier ebenfalls – –« »König!« »Und so bis zuletzt. Diese Philosophenschule jedoch, während sie sehr scharfsinnig vertheidigt wird, ist gerade in diesem Augenblick nicht die begünstigste in der Academie von Springhoch.« »Gerade in diesem Augenblick, Doktor!« »Freilich, Sir. Wissen Sie nicht, daß Wahrheiten, eben sowohl physische als moralische, eben so sehr ihre Umwälzungen erleiden, als die ganze geschaffne Natur. Die Academie hat diesem Gegenstand große Aufmerksamkeit geschenkt, und sie gibt jährlich ein Taschenbuch heraus, worin die verschiednen Phasen, Umwälzungen, Umläufe, Verfinsterungen, totale und partielle, die Entfernungen vom Mittelpunkt des Lichts, die Erdferne und Erdnähe aller wichtigsten Wahrheiten mit seltner Genauigkeit berechnet sind, und vermittelst dessen die Vorsichtigen sich so nah als möglich im Bereich der Vernunft halten können. Wir halten diese Bemühung des Monikin'schen Geistes für die erhabenste aller seiner Erfindungen, für den stärksten Beweis seiner nahen Annäherung zu der Erreichung seiner irdischen Bestimmung. Doch hier ist nicht der Ort, bei diesem besondern Punkt unsrer Philosophie zu verweilen, und für jetzt wollen wir diesen Gegenstand aussetzen.« »Doch werden Sie mir erlauben, Dr. Raisono, kraft der ersten Bestimmung des Art. 5. Protokoll Nro. 1. (welches Protokoll, wenn auch nicht geradezu angenommen, doch den Geist des damals angenommenen enthielt) Sie zu fragen, ob die Berechnungen der Umwälzung in der Wahrheit nicht zu gefährlichen moralischen Ausschweifungen führen, zu verderblichen Speculationen mit Ideen, und zum Umsturz der Staatsgesellschaft.« Der Philosoph zog sich einen Augenblick mit Mylord Chatterino zurück, um zu berathschlagen, ob es klug sei, die Gültigkeit des Protokolls Nummer 1. selbst in dieser indirekten Weise zuzulassen; worauf sie denn übereinkamen, daß eine solche Annahme alle kitzliche Fragen, die eben noch so glücklich beseitigt worden, wieder in Anregung bringen würden, da die erste Bestimmung des Artikels 5. in direkter Verbindung mit der zweiten stünde, indem sie nur einen Artikel ausmachten, und der 5. Art. in seiner Gesammtheit einen wesentlichen Theil des ganzen Dokuments bildete, die Lehre der Auslegung aber einschärfe, daß Dokumente gleich Testamenten nach ihrem allgemeinen Inhalt ausgelegt werden müßten, nicht aber nach ihren besondern Bestimmungen; es würde also für die Zwecke der Zusammenkunft gefährlich sein, diese Anwendung zuzugeben. Aber unser Vorbehalt, daß es nicht in ein Recht übergehe, könnte man wohl als Höflichkeit zugeben, was man als Recht verweigert hätte, und so benachrichtigte mich denn Dr. Raisono, daß diese Berechnungen über die Umwälzung in den Wahrheiten zu gewissen moralischen Übertreibungen führten, und in manchen Fällen selbst zu gefährlichen Spekulationen mit Ideen. Die Academie von Springhoch, und soweit seine Kenntniß ginge, die Academie jedes andern Landes hätte die Sache mit der Wahrheit, und besonders mit moralischer Wahrheit immer als die allerschwierigste zu leiten gefunden, als die, welche am leichtesten mißbraucht, und am gefährlichsten allgemein verbreitet würde. Es ward mir ausserdem für die Zukunft weitre Erläuterung über diesen Zweig des Gegenstandes versprochen. »Den regelmäßigen Faden meiner Vorlesung wieder anzuknüpfen,« fuhr Dr. Raisono fort, nachdem er aus Höflichkeit diese Abschweifung gemacht, »theilen wir also diese Classen der erschaffnen Welt in belebte und vegetabilische Natur; die erstre wird wieder eingetheilt in verbesserliche, unverbesserliche und rückgängige. Die verbesserliche umfaßt alle jene Arten, welche in langsamen, fortschreitenden aber unabwendbaren Verändrungen nach der Vollkommenheit des irdischen Lebens fortgehen, nach jenem letzten, erhabenen, höchsten Zustand der Sterblichkeit, wo das materielle seinen letzten Streit mit dem immateriellen, – der Geist mit der Materie auskämpft. Die verbesserliche Classe von Thieren fängt nach der Monikins-Lehre mit jenen Arten an, wo die Materie das augenscheinlichste Uebergewicht hat, und endigt mit denen, wo der Geist der Vollkommenheit so nahe ist, als diese sterbliche Hülle nur immer zuläßt. Wir halten dafür, daß Geist und Materie in jener geheimnißvollen Vereinigung, die das geistige mit dem physischen Wesen verbindet, in einem Mittelzustand anfängt, und nicht, wie einige behauptet haben, nur Seelenwanderungen erleidet, sondern jene stufenförmigen und unmerklichen Veränderungen beides der Seele und des Leibes erfährt, die die Welt mit so wunderbaren Wesen bevölkert haben; wunderbar, geistig und physisch, und die alle (die verbesserliche Classe nämlich) nichts weiter als Thiere von demselben großen Genus sind, die auf der Heerstraße zu ihren Zwecken, auf die letzte Stufe der Vollkommenheit zugehen, bevor sie endlich auf einen andern Planeten, zu einem neuen Dasein versetzt werden. »Die rückgängige Classe besteht aus jenen Arten, welche ihrem Geschick folgend, eine falsche Richtung nehmen, welche statt auf das immaterielle los zu gehen, nach dem materiellen streben, die stufenweise mehr und mehr unter die Herrschaft der Materie kommen, bis durch eine Reihenfolge physischer Wechsel der Wille ganz und gar verloren geht, und sie mit der Erde in Eins zerfallen. In dieser letzten Umbildung werden diese blos materiellen Wesen chemisch in dem großen Laboratorium der Natur zersetzt und ihre sie bildenden Theile getrennt; so werden die Gebeine zu Felsen, das Fleisch zu Erde, die Geister zu Luft, das Blut zu Wasser, der Knorpel zu Lehm und die Asche des Willens geht in die Elemente des Feuers über. Zu diesen Classen zählen wir Wallfische, Elephanten, Nilpferde und verschiedne andre Thiere, welche offenbar Anhäufungen von Materie verrathen, die schnell über die weniger materiellen Theile ihrer Natur triumphiren müssen.« »Und doch, Doktor, finden sich Thatsachen, die gegen die Theone streiten; der Elephant z. B. wird für das vernünftigste aller Vierfüßler gehalten.« »Nur eine falsche Darstellung, Sir. Die Natur gefällt sich in jenen kleinen Zweideutigkeiten; so haben wir falsche Sonnen, falsche Regenbogen, falsche Propheten, falsche Erscheinungen und selbst falsche Philosophien. Es gibt ganze Rassen von unsern beiden Geschlechtern, wie die Congo und die Eskimo in Ihrem und die Paviane und gewöhnlichen Affen, die dem Menschen unterworfene Erdstriche bewohnen, in unserm Geschlecht, die bloße Schatten von der Gestalt und den Eigenschaften sind, die eigentlich das Thier in seinem Zustand von Vollkommenheit auszeichnen.« »Wie, Sir, sind Sie also nicht von derselben Familie, wie all die andern Affen, die wir auf den Straßen herum hüpfen und springen sehen?« »Eben so wenig als Sie, Sir, dieselbe Familie mit den plattnasigen, dicklippigen, niedrig gestirnten, dintenfarbigen Negern, oder den schmutzigen, leidenschaftslosen, thierischen Eskimo ausmachen. Ich habe gesagt, die Natur gefalle sich in Abschweifungen, und alles dies ist nichts weiter als Täuschung von ihr. Von der Art ist auch der Elephant, der, während er sich am meisten dem reinen Materialismus zuneigt, trügerisch Parade mit einer Eigenschaft macht, die er in schnellem Grade verliert. Beispiele von diesem Schnippchenschlagen, wenn ich mich so ausdrücken darf, sind in allen Klassen von Wesen gemein. Wie oft z. B. paradiren Menschen gerade in dem Augenblick, wo sie Bankerott machen wollen, mit ihrem Reichthum; Frauen scheinen unerbittlich, im Augenblick, wo sie kapituliren, und Diplomaten rufen den Himmel zum Zeugen ihrer Entschlüsse den Tag vorher an, ehe sie das Gegentheil unterzeichnen und besiegeln. Im Falle mit dem Elephanten jedoch ist eine kleine Ausnahme von der allgemeinen Regel, die sich auf das ausserordentliche Ringen zwischen Geist und Materie gründet, indem der erstre Anstrengungen macht, die man als ungewöhnlich, als eine Ausnahme von der gewöhnlichen Art Krieg zu führen, zwischen diesen zwei Principien betrachten kann. Das untrüglichste Zeichen des Triumphs des Geistes über die Materie liegt in der Entwicklung des Schweifs – –« »König!« »Des Schweifs, Dr. Raisono!« »Allerdings, Herr, jenes Sitzes der Vernunft, des Schweifs! Bitte, Sir John, welchen andern Theil unsers Körpers hielten Sie für den Sitz des Verstandes?« »Unter den Menschen, Dr. Raisono, hält man das Haupt für das edelste Glied, und seit kurzem haben wir analysirende Charten von diesem Theil unsrer Körperbildung gemacht, wonach man dann die Breite und Länge einer moralischen Eigenschaft, eben so gut als ihre Grenzen bestimmen will.« »Sie haben den besten Gebrauch von Ihrem Material, wie es gerade war, gemacht, und ich muß sagen, die besagte Charte im Ganzen ist ein sehr gutes Stück Arbeit. Aber in der Verwickelung und Schwierigkeit eben dieser moralischen Charte (ich sehe eine davon auf Ihrem Kamin stehen) können Sie sich von der Verwirrung überzeugen, die noch in der Menschen-Vernunft herrscht. Nun, wenn Sie uns betrachten, können Sie das gerade Gegentheil Ihrer Verlegenheit bemerken. Wie viel leichter z. B. ist es eine Elle zu nehmen, und durch einfache Abmessung eines Schweifs zu einem gefunden, in die Augen fallenden, unwidersprechlichen Schluß über die Ausdehnung des Verstandes bei einem Individuum zu gelangen; weit besser als durch die verwickelte, widersprechende, zweideutige und bestreitbare Art, wozu Sie gezwungen sind. Schon diese Thatsache würde hinreichend den höheren moralischen Standpunkt der Monikinsrasse in Vergleich mit dem des Menschen begründen.« »Soll ich, Dr. Raisono, wirklich glauben, daß die Monikins-Familie einen so abentheuerlichen Stolz ernsthaft behauptet; daß Sie einen Monikin für ein verständigeres und hoher civilisirtes Wesen als den Menschen hält?« »In allem Ernst, Sir John. Ei, Sie sind in der That die erste verehrte Person, die ich getroffen, welche nur die Thatsache zu bezweifeln schien. Es ist wohlbekannt, daß beide zu der verbesserlichen Classe gehören, daß die Affen, wie Sie uns zu benennen belieben, einst Menschen waren mit ihren Leidenschaften, Schwächen, Unbeständigkeiten, ihren philosophischen Systemen, ungesunder Moral, Gebrechen, Inconsequenzen und Knechtschaft unter der Materie; daß sie stufenweise in den Monikin-Stand übertraten, und große Abtheilungen von ihnen beständig in die immaterielle Welt verdunsten, vollständig Geist geworden und frei von der groben Materie des Fleisches. Ich glaube nicht an das, was man Tod nennt, denn es ist nichts weiter, als ein gelegentliches Ablegen der Materie, um sie in neuer Gestalt und mit größrer Annäherung zu den wichtigen Erfolgen (bei der verbesserlichen sowohl als bei der rückgängigen Classe) wieder anzunehmen; nichts weiter als jene endlichen Wechsel, die uns auf einen andern Planeten versetzen, um einen höhern Standpunkt des Daseins zu genießen, und uns immer auf der Heerstraße nach endlicher Vortrefflichkeit zu führen.« »Das ist alles sehr scharfsinnig, Sir; aber bevor Sie mich überzeugen können, daß der Mensch niedriger als der Affe steht, müssen Sie es mir, mit Ihrer Erlaubniß zu sagen, beweisen.« »Ja, ja, und mir auch,« fiel Capitain Poke bitter ein. »Brauchte ich Beweise anzuführen, meine Herren,« fuhr der Philosoph fort, der weit weniger durch unsre Zweifel gerührt schien, als wir durch seine Lehre, »so würde ich zuerst Sie auf die Geschichte verweisen. Alle Monikinschen Schriftsteller stimmen in der allmähligen Abstammung aller Arten von dem Menschengeschlecht überein.« »Das wäre genug, Sir, für die Breitegrade von Springhoch, aber erlauben Sie mir, kein menschlicher Geschichtschreiber von Moses bis Buffon hat je solch eine Ansicht unsrer verschiedenen Rassen gehabt. Es findet sich bei keinem ein Wort davon.« »Wie sollte es auch, Sir? Die Geschichte ist keine Vorhersagung, sondern eine Erzählung des Geschehenen. Ihr Schweigen ist in so fern ein negativer Beweis zu unsern Gunsten. Spricht Tacitus z. B. von der Französischen Revolution? Schweigt nicht Herodot von dem Abfall des amerikanischen Continents? oder giebt uns irgend ein griechischer oder römischer Schriftsteller die Annalen von Stonington? einer Stadt, die offenbar erst nach der christlichen Zeitrechnung gegründet ward? Es ist moralisch unmöglich, daß Menschen oder Monikins getreu Begebenheiten erzählen sollten, die sich nie zugetragen, und da es noch nie einem Menschen begegnet ist, daß er in den Monikins-Stand versetzt worden, so geht als nothwendige Folge daraus hervor, daß er nichts davon wissen kann. Wenn Sie daher historische Beweise von dem, was ich sage, wollen, müssen Sie die Monikins-Annalen nach Belehrung aufschlagen; da findet man es mit einer Menge seltsamer Einzelheiten, und ich hoffe, die Zeit ist nicht mehr fern, wo ich das große Vergnügen haben werde, Ihnen die Hauptcapitel unsrer besten Schriftsteller darüber anzudeuten. Aber wir sind nicht auf das Zeugniß der Geschichte beschränkt, um unsern Zustand als eine fortgeschrittene Bildung darzustellen. Der innere Beweis ist schlagend, wir berufen uns auf unsre Einfachheit, unsre Philosophie, den Zustand der Künste unter uns, kurz auf alle jene mitwirkenden Beweise, welche aus dem höchst möglichen Zustand der Civilisation hervorgehen. Ausserdem haben wir noch das untrügliche Zeugniß, die Entwickelung unsrer Schweife, unser System der Caudologie ist an und für sich ein triumphierender Beweis von der hohen Vervollkommnung der Monikinschen Vernunft.« »Verstehe ich Sie recht, Dr. Raisono, so stellt Ihre Caudologie oder Lehre vom Schweif, um es zu übersehen, die Möglichkeit auf, der Verstand des Menschen, der heut zu Tage sicher in seinem Gehirn ist, könne je in einen Schweif sich herabsenken.« »Wenn Sie Entwickelung, Verbesserung, Vereinfachung ein Herabsteigen nennen, dann freilich, Sir. Aber Ihr Bau ist ein schlechter, Sir John; Sie sehen's mit eignen Augen, daß ein Monikin seinen Schweif so hoch tragen kann, als ein Mensch den Kopf. Unsre Nase ist in diesem Sinn moralisch höher, und es kostet uns keine Anstrengung, auf gleicher Höhe mit menschlichen Königen zu stehen. Wir behaupten mit Ihnen, daß das Gehirn der Sitz der menschlichen Vernunft ist, so lange der Mensch in dem, was wir Prüfungsstand nennen, sich befindet; aber dann ist die Vernunft unentwickelt, unvollkommen, verwirrt, gleichsam in eine Hülse, die für ihre Funktionen nicht passt, eingehäußt, so wie sie jedoch nach und nach aus diesem engen Gehäuse heraustritt, nach der Basis des Thiers zu, gewinnt sie Festigkeit, Helle, und endlich durch Verlängerung und Entwickelung Pointe. Wenn Sie das menschliche Gehirn untersuchen, werden Sie es, obgleich einer großen Ausdehnung fähig, in einem kleinen Raume zusammengedrückt, in einander gewirrt, beengt finden; während nur in der Monikinsspecies dasselbe Einfachheit, einen Anfang und ein Ende erlangt, eine Richtung und Aufeinanderfolge, die zur Logik nötig sind, wie schon gesagt, eine Pointe, welches alles, der Analogie gemäß, die großen Vorzüge derselben beweis't.« »Ja, Herr, wenn Sie auf Analogie kommen, so möchte diese leicht mehr beweisen, als Sie wünschen. Bei den Vegetabilien z.B. steigen die Schößlinge der Befruchtung und Nutzbarkeit wegen aufwärts, und nach dieser Analogie ist es weit wahrscheinlicher, daß die Schweife sich zu Gehirn vervollkommnet als umgekehrt; und daß folglich weit wahrscheinlicher der Mensch eine Vervollkommnung vom Affen, als der Affe vom Menschen ist.« Ich wußte, ich sprach mit Wärme, denn Dr. Raisono's Lehre war mir neu; und um diese Zeit hatte mein esprit de corps fast gänzlich meine Ueberlegung unterdrückt. »Ihr gabt ihm einen tüchtigen Schlag, Sir John,« lispelte Kapitain Poke an meiner Seite; »wenn Ihr jetzt wollt, will ich all diesen kleinen Schelmen die Hälse herumdrehen, und sie dem Fenster hinauswerfen.« Ich stellte ihm sogleich vor, daß jede Aeußerung roher Gewalt gerade gegen unsere Sache sprechen würde, besonders da die Unterhaltung gerade jetzt so immateriell als möglich wäre. »Gut, gut, macht es, wie Ihr wollt, Sir John; ich will mich so immateriell verhalten, als Ihr nur wünschen könnt; aber sollte dieß listige Ungeziefer wirklich in dem Streit über uns obsiegen, werde ich nie mehr wagen, auf Miß Poke zu schauen, oder mein Gesicht wieder in Stonington zu zeigen.« Dieß kleine Zwischengespräch ward heimlich geführt, während Dr. Raisono ein Glas Zuckerwasser trank; aber er kehrte bald wieder zum Streitpunkt mit dem würdevollen Ernst zurück, der ihn nie verließ. »Ihre Bemerkung über die Schößlinge schmeckt ganz nach menschlicher Weisheit, jedoch mit der sprichwörtlichen Kurzsichtigkeit Ihres Geschlechts verbunden. Es ist wahr, die Schößlinge steigen der Befruchtung wegen aufwärts, aber was ist diese Befruchtung? es ist nichts weiter als eine falsche Darlegung der Kräfte der Pflanze. Zu allen übrigen Zwecken des Wachsthums, Lebens, der Dauerhaftigkeit und endlichen Verwandlung des vegetabilischen Stoffs in ein Element ist die Wurzel der Sitz der Macht und Gewalt, und über allen, oder vielmehr unter allen besonders die Pfahlwurzel. Diese Pfahlwurzel kann man den Schweif der Vegetation nennen. Sie können ohne Schaden Früchte abbrechen, ja selbst die Spitze aller Zweige, und der Baum lebt; aber legt die Axt an die Wurzel und der Stolz des Haines fällt.« Alles dieß war zu augenscheinlich wahr, um es zu leugnen, und ich fühlte mich ermüdet und beschämt, denn niemand sieht sich gern in einem Streit dieser Art geschlagen, und besonders von einem Affen. Ich erinnerte mich des Elephanten, und entschloß mich, mit Hülfe seiner mächtigen Hauer noch einen Angriff zu machen, ehe ich den Streitpunkt aufgäbe. »Ich denke, Doktor Raisono, Ihre Gelehrten sind nicht sehr glücklich gewesen,« begann ich wieder, sobald als möglich, »indem sie ihre Theorie vermittelst des Elephanten erläuterten. Dieß Thier, ausser seiner Fleischmasse, ist zu sehr mit Verstand versehen, um als Dummkopf zu gelten; und er hat nicht blos einen, sondern man könnte fast sagen zwei Schweife.« »Das ist gerade sein Hauptunglück, Sir; die Materie, in ihrem großen Kampf mit dem Geist, hat das Princip: »Theile und beherrsche« angenommen; Sie sind näher der Wahrheit, als Sie dachten, denn der Rüssel des Elephanten ist nur ein verunglückter Schweif; und doch, sehen Sie, enthält er fast allen Verstand, den das Thier besitzt. Was indeß den Elephanten betrifft, so wird die Theorie hier durch die wirkliche Erfahrung bestätigt. Sprechen nicht Geologen und Naturforscher von den Ueberresten von Thieren, welche nicht weiter unter den lebenden Wesen gefunden werden?« »Freilich, Sir; – das Mastodon, das Megatherium, Iguanodon und der Plesiosaurus.« »Und finden Sie nicht auch unzweideutige Zeichen von thierischen Stoffen in Felsen?« »Auch das muß man zugeben.« »Diese Phänomene, wie Sie sie nennen, sind nun aber nichts weiter, als der letzte Niederschlag, den die Natur bei solchen Thieren zurückgelassen, wo die Materie gänzlich ihren Nebenbuhler besiegt hat, den Geist nämlich. Sobald der Wille gänzlich erloschen ist, hört das Wesen zu leben auf, oder ist nicht länger ein Thier. Es fällt und kehrt gänzlich in das Element der Materie zurück. Der Proceß der Zersetzung und Verkörperung währt mehr oder weniger lang, je nach den Umständen, und diese fossilen Ueberreste, wovon Ihre Schriftsteller soviel reden, sind nur Fälle, wo die endliche Zersetzung auf zufällige Hindernisse gestoßen ist. Was unsre zwei Arten betrifft, so muß auch eine nur flüchtige Untersuchung ihrer Eigentümlichkeiten jedes aufrichtige Gemüth von der Wahrheit unsrer Philosophie überzeugen. So ist der physische Theil im Menschen im Verhältniß zum geistigen viel größer als bei dem Monikin; seine Gewohnheiten sind gröber und weniger geistig, er bedarf der Sauce und Gewürze zu seiner Nahrung, er ist weiter von der Einfachheit entfernt, und so auch nothwendig von wahrer Civilisation, er ißt Fleisch, ein sichrer Beweis, daß das materielle Princip bei ihm noch sehr das Uebergewicht hat, er hat keinen Schweif – –« »Hier möchte ich Sie fragen, Doktor Raisono, ob Ihre Gelehrten einiges Gewicht auf Tradition legen.« »Ganz ausserordentliches, Sir. Es ist Monikin'sche Tradition, daß unser Geschlecht aus verfeinerten Menschen besteht, aus verringerter Materie und vermehrtem Geist, die Vernunft befreit aus der Gefangenschaft und Verwirrung des Hauptes, und ausgedehnt, entwirrt und logisch und consequent geworden in dem Schweif.« »Nun, Sir, wir haben auch unsre Traditionen, und ein ausgezeichneter Schriftsteller, nicht weit von uns entfernt, hat es als unbestreitbar aufgestellt, daß die Menschen einst Schweife gehabt.« »Ein bloßer prophetischer Blick in die Zukunft; wie ja bekanntlich kommende Ereignisse ihren Schatten vor sich werfen.« »Sir, der besagte Philosoph begründet seine Behauptung, indem er auf die Stümpfe hindeutet.« »Er hat unglücklicher Weise den Grundstein für eine Ruine gehalten. Solche Irrthümer sind nicht selten bei eifrigen und scharfsinnigen Leuten. Daß die Menschen einst noch Schweife erhalten werden, bezweifle ich nicht im Geringsten, aber daß sie je diesen Punkt der Vollkommenheit erreicht, leugne ich feierlichst. Es sind viele vorausverkündende Symptome da, daß sie diesen Zustand erreichen werden; die gewöhnlichen Ansichten des Tages, die Kleidung, Gewohnheiten, Moden, die Philosophie der Gattung bestärken in diesem Glauben; aber bis jetzt habt ihr noch nicht diese neidenswerthe Auszeichnung erlangt. Was Tradition betrifft, so ist Ihre eigne zu Gunsten unsrer Theorie. So z. B. haben Sie eine Tradition, daß die Erde einst von Riesen bevölkert war; nun, das kömmt daher, daß die Menschen einst noch mehr unter dem Einfluß der Materie standen als heut zu Tag. Sie geben zu, daß Sie an Größe ab- und in moralischen Vorzügen zunehmen; alles dieß Beweise für die Monikin'sche Philosophie. Sie fangen an, weniger Gewicht auf physische und mehr auf moralische Vorzüge zu legen; und mit einem Wort, vieles zeigt, daß die Zeit der endlichen Befreiung und großen Entwicklung Ihres Gehirns nicht mehr fern ist. Soviel gebe ich gern zu; denn während die Dogmen unsrer Schulen nicht zu verwerfen sind, gestehe ich gerne, daß Sie unsre Mitgeschöpfe sind, obwohl in einem jüngern und weniger vollkommnen Zustand der Staatsgesellschaft.« »König!« Hier äusserte Doktor Raisono die Notwendigkeit einer kleinen Pause, um sich zu erfrischen. Ich zog mich mit Kapitain Poke zurück, und unter den besondern Umständen, worin wir uns befanden, meinem Gefährten mich mitzutheilen, und ihn nach seiner Meinung von dem Gesagten zu befragen. Noah fluchte bitterlich über einige von den Schlüssen des Monikin'schen Philosophen, und versicherte, er wünsche nur ihn in den Strassen von Stonington Vorlesungen halten zu hören, wo solche Lehren nicht länger geduldet werden würden, als nöthig wäre, eine Harpune scharf zu machen oder eine Büchse zu laden. In der That, er wisse nicht anders, als der Doktor werde alsbald ohne alle Umstände in Rhode-Island nieder gemacht werden. »Da wünschte ich mir's nicht besser,« fuhr der unwillige alte Robbenfänger fort, »als die große Zehe meines rechten Fußes mit vollen Segeln gegen den Theil anfahren zu lassen, wo der Schelm seinen geliebten Schweif befestigt hat. Das sollte ihn bald zur Vernunft bringen. Ei, was seinen Schweif betrifft, Ihr könnt mir glauben, Sir John, ich sah einst an der Küste von Patagonien einen Menschen, – einen Wilden natürlich und keinen Philosophen, wie dieser Schelm sein will,– der hatte einen Ringler dieser Art, so lang, wie ein Schiffs-Vordermast. Und was war er bei dem allem, nur ein armer Teufel, der kein Seekalb von einem Wallfisch unterscheiden konnte.« Diese Versicherung des Kapitain Poke erleichterte mein Gemüth beträchtlich; und indem ich die Büffelhaut bei Seite legte, bat ich ihn, mit einiger Genauigkeit die Lokalitäten um das Ende des Rückenbeins zu untersuchen, um sich zu versichern, ob da ein ermuthigendes Zeichen zu entdecken wäre. Kapitain Poke setzte die Brille auf, denn die Zeit hatte dem würdigen Seemann ihren Gebrauch aufgedrungen, »so oft,« wie er sagte, »er seinen Druck zu lesen hatte,« und nach einiger Zeit hatte ich die Freude, die Erklärung zu vernehmen, daß, wenn es mir nur an einem Schweif gebräche, sich ein so guter Ort, einen einzufügen fände, als nur je an einem Monikin in der ganzen Welt gefunden werden könnte; »und Ihr braucht nur ein Wort zu sagen, Sir John, und ich gehe in's nächste Zimmer und mit Hilfe meines Messers und einiger Geschicklichkeit in der Auswahl will ich Euch mit einem derartigen Artikel versehen, der, wenn nur sonst einige Kraft in diesem Zeug ist, Euch mit einem Male zu einem Richter, oder auch Bischof befähigen soll.« Wir wurden nun wieder in das Vorlesungszimmer berufen, und ich hatte kaum Zeit, Kapitain Poke für sein verbindliches Anerbieten zu danken, das gerade damals Umstände mir nicht erlaubten anzunehmen. Zwölftes Kapitel. Besser und Besser – Höherer Flug der Vernunft – Augenscheinlichere Wahrheiten – Tiefere Philosophie – Thatsachen, die selbst ein Straus verdauen könnte. »Ich verlasse gerne, was einige Anwesende als den persönlichen Theil meiner Vorlesung betrachtet haben mögen,« begann Doktor Raisono wieder, »um mich zu jenen Theilen meines Themas zu wenden, die ein allgemeines Interesse besitzen, allgemeinen Stolz erwecken, allgemeine Glückwünsche auffordern sollten. Ich will nun einige Worte über jenen Theil unsrer Naturphilosophie sagen, der mit dem Planetensystem zusammenhängt, mit der Stellung der Monikins und als Folge von beiden mit der Erschaffung der Welt.« »Obwohl ich vor Ungeduld sterbe, über alle diese interessanten Punkte belehrt zu wetden, werden Sie mir doch, Doktor Raisono, erlauben en passant zu fragen, ob Ihre Weisen die Mosaische Nachricht von der Erschaffung annehmen oder nicht.« »Soweit sie unser eignes System bestätigt, Sir, und nicht weiter. Es wäre offenbar Inconsequenz, wenn wir einem Gegner Ansehn bei einer feindlichen Lehre geben wollten; das wird Ihr angeborner gesunder Verstand und die spätere Bildung desselben einsehen.« »Erlauben Sie mir, Doktor Raisono, zu bemerken, daß die Unterscheidung Ihrer Philosophen hierin einem sehr eigensinnigen Kanon in den Gesetzen der Evidenz widerspricht, welcher behauptet, man müsse das ganze Zeugniß verwerfen, wenn man einen Theil verwirft.» »Das mag eine Menschen-, kann aber keine Monikins-Unterscheidung sein. Nicht nur, daß wir die Richtigkeit dieses Grundsatzes nicht annehmen, behaupten wir auch, daß kein Monikin je ganz Recht hat oder haben wird, so lange er im Geringsten unter dem Einfluß der Materie bleibt; und deswegen scheiden wir das Falsche vom Wahren, werfen das erstre als schlechter, als nutzlos weg, und behalten das andre als Stoff zu Thatsachen.« »Ich wiederhole jetzt meine Entschuldigung, daß ich Sie so oft unterbreche, verehrter und gelehrter Herr, und bitte Sie, keinen Augenblick länger mit Beantwortung meiner Fragen zu vergeuden, sondern mit Einem Male zur Erklärung Ihres Planetensystems zu schreiten, oder sonst zu etwas, wie es Ihrer Bequemlichkeit angemessen erscheint. Wenn man einem wahren Philosophen zuhört, ist man sicher, etwas nützliches oder angenehmes zu lernen, mag der Gegenstand sein, welcher er will.« »Nach der Monikin-Philosophie, meine Herrn,« fuhr Doktor Raisono fort, »theilen wir die großen Bestandtheile dieser Erde in Land und Wasser ein. Diese zwei Principien nennen wir die primären Elemente. Menschen-Philosophie hat Luft und Feuer hinzugefügt, aber diese verwerfen wir entweder ganz oder lassen sie nur als secundäre Elemente zu; daß weder Luft noch Feuer ein primäres Element ist, kann durch Versuche gezeigt werden. So kann die Luft zu Gas werden, kann rein und verdorben sein, ist der Verdunstung ausgesetzt, und überhaupt nichts als gewöhnliche Materie im Zustand hoher Verflüchtigung. Das Feuer hat keine unabhängige Existenz, verlangt Nahrung zu seinem Unterhalt, und ist offenbar eine Eigenthümlichkeit, die aus den Combinationen andrer Principien herrührt. So wenn man zwei oder mehrere Stücke Holz zusammenbringt, erhält man durch schnelle Reibung Feuer. Schließt die Luft plötzlich ab, und das Feuer geht aus; entzieht ihm das Holz und ihr habt dieselbe Wirkung. Aus diesen beiden Experimenten geht hervor, daß das Feuer kein unabhängiges Dasein hat, und also kein Element ist. Dagegen nehmt ein Stück Holz und sättigt es vollständig mit Wasser, das Holz erlangt eine neue Eigenthümlichkeit, (wie auch bei Anwendung des Feuers, das es in Asche und Luft verwandelt) denn seine specifische Schwere wird größer, es wird weniger entzündlich, läßt den Dampf reichlicher frei, und widersteht mehr der Art. Bringt dasselbe Stück Holz unter eine starke Schraube, und ein Gefäß darunter, preßt es, und bei gehöriger Anwendung von Kraft, ist das Holz vollkommen trocken und das Gefäß enthält Wasser. So ist gezeigt, daß das Land (alle vegetabilische Materie ist nur wie Schwämme der Erde) ein primäres Element ist, und Wasser auch; nicht so Luft und Feuer.« »Nachdem ich die Elemente festgestellt, werd' ich, der Kürze wegen, die Welt als geschaffen betrachten. Im Anfang war der Erdball in ein Vacuum, fest und mit seiner Achse perpendicular auf die Ebene seiner jetzt so genannten Bahn gestellt. Seine einzige Umwälzung war die tägliche.« »Und der Wechsel der Jahrszeiten?« »War noch nicht eingetreten. Die Tage und Nächte waren gleich; es gab keine Finsternisse, dieselben Sterne waren immer sichtbar. Dieser Zustand der Erde wird nach gewissen geologischen Zeichen als tausend Jahre dauernd angenommen; während dieser Zeit beschränkte sich der Streit zwischen Geist und Materie nur auf vierfüßige Thiere. Der Mensch, nimmt man an, soweit unsre Documente die Thatsache bestimmen, erschien im Jahre tausend und drei, um diese Zeit auch soll das Feuer erzeugt worden sein, durch die Reibung der Erdachse während ihrer täglichen Bewegung; oder, wie andre glauben, durch die Reibung der Peripherie der Bahn, indem sie mit dem Vacuum im Verhältniß so vieler tausend Meilen in einer Minute in Berührung kam. Das Feuer, die Oberfläche durchdringend, kam bald zu den Wassermassen, die die Höhlen der Erde ausfüllen; von der Zeit an schreibt sich das Dasein eines neuen und sehr wichtigen Agens in den irdischen Phänomenen, der Dampf nämlich. Die Vegetation begann sich zu zeigen, da die Erde Wärme von innen erhielt –« »Aber darf ich fragen, von was die Thiere vorher sich nährten?« »Sie fraßen einander. Der starke verschlang den schwachen, bis die kleinsten der Thiere an die Reihe kamen, die dann gegen ihre Verfolger sich wandten, und ihre Unbedeutendheit benutzend, die stärksten zu verzehren anfingen. Sie finden täglich ähnliches in der Geschichte des Menschen; der, welcher durch seine Thatkraft und Stärke über seines Gleichen triumphirt hat, wird häufig der Raub des Unbedeutenden und Schlechten. Sie wissen ohne Zweifel, daß die Polargegenden, selbst in der ursprünglichen Stellung der Erde, weil sie die Strahlen der Sonne nur schief empfingen, ein weniger erfreuliches Clima gehabt haben müssen, als die Erdtheile zwischen dem arctischen und antarctischen Kreise. Das war eine weise Vorkehrung der Vorsehung, um eine zu frühe Besetzung jener auserwählten Gegenden zu verhindern, und sie unbewohnt zu lassen, bis der Geist in soweit die Materie bemeistert hatte, daß er den ersten Monikin in's Dasein rief.« »In welche Zeit sehen Sie wohl die Erscheinung des ersten Ihres Geschlechts?« »In die Monikins-Epoche, natürlich, Sir; aber wenn Sie wissen wollen in welchem Jahr, um's Jahr 4017. Freilich wollen einige unsrer Schriftsteller meinen, mehrere Menschen hätten sich vor dieser Zeit der Höhe des Monikin'schen Geistes genähert; aber die bessere Ansicht ist, daß diese Fälle nur als vorbereitende gelten können. So waren Sokrates, Plato, Confuzius, Aristoteles, Euclid, Zeno, Diogenes und Seneca nur vorbereitende Vorbilder des künftigen Zustands des Menschen, indem sie ihre nahe Annährung zu der Monikins- oder endlichen Uebersiedlung andeuteten.« »Und Epikur?« »War eine Übertreibung des materiellen Princips, die den Rückschritt eines großen Theils der Masse zur Brutalität und Materie andeutete. Solche Phänomene zeigen sich noch täglich.« »Sind Sie denn der Meinung, Doktor Raisono, daß Sokrates z. B. jetzt ein Monikins-Philosoph ist, dessen Gehirn entwickelt und logisch consequent geworden, und Epikur vielleicht in ein Nilpferd, oder Nashorn mit Hauern, Hörnern und Haut verwandelt worden?« »Sie mißverstehen gänzlich unsre Lehren, Sir John. Wir glauben gar nicht an Wanderungen des Einzelnen, sondern an die der Classen. So behaupten wir, daß wenn eine gegebene Generation von Menschen, in einem besondern Zustand des Staats, alle zusammen einen gewissen Grad von moralischer Vervollkommnung oder Mentalität erreichen, wie wir es in den Schulen nennen, eine Vermischung ihrer Eigenschaften in Massen Statt hat, einige glauben nach Schock, andre nach Hunderten, noch andre nach Tausenden; und wenn es sich bei der Analyse, die die Natur regelmäßig anstellt, findet, daß die Verhältnisse richtig sind, wird die Materie zur Monikin-Geburt bestimmt, wenn nicht, zurück gewiesen, und entweder auf's neue zu einem zweiten menschlichen Experiment verarbeitet, oder den großen Vorräthen todter Materie überantwortet. So verliert sich alle Individualität, soweit sie mit dem Vergangenen zusammenhängt.« »Aber, Sir, bestehende Thatsachen widersprechen einem der wichtigsten Ihrer Sätze; während Sie zugeben, daß kein Wechsel der Jahrszeiten die Folge der Perpendicularität der Erdachse auf der Ebene ihres jetzigen Kreises sein würde, ist doch dieser Wechsel eine nicht zu bestreitende Thatsache. Fleisch und Blut zeugen hier gegen Sie, nicht weniger als die Vernunft.« »Ich sprach von Dingen, wie sie vor Entstehung von Monikinia waren, Sir, seit dieser Zeit ist eine große, heilsame, harmonische und wohlberechnete Veränderung vor sich gegangen. Die Natur hatte die Polargegenden für die neuen Arten zu augenscheinlichen, wohlthätigen Zwecken aufbewahrt. Sie waren unbewohnbar wegen der Schiefe der Sonnenstrahlen, und obwohl die Materie in Gestalt von Mastodon und Wallfisch, seine entgegenkämpfende Bestimmung voraussehend, oft in die Grenzen des Landes eingedrungen war, geschah es doch nur, damit der erstre Ueberreste, in Eisfelder gebettet, als einen Beweis von der Vergeblichkeit des Kampfes gegen das Schicksal zurücklassen sollte, und der andre dieselbe große Wahrheit bethätige, denn wenn er auch als Herr der großen Tiefe in die Polarbecken vordrang, ließ er doch entweder seine Gebeine da, oder kehrte in derselben Gestalt, wie er gekommen, zurück. Vom Erscheinen animalischer Natur auf der Erde bis zur Zeit, wo die Monikin-Rasse sich erhob, waren die genannten Gegenden nicht allein unbewohnt, sondern wahrhaft unbewohnbar. Als jedoch die Natur, immer vorsichtig, weise, gütig und nie zu hindern, den Weg gebahnt hatte, traten jene Phänomene ein, die den Weg dem neuen Geschlecht frei machten. Ich habe vom innern Kampf des Feuers und Wassers und ihrem Produkt, dem Dampf, gesprochen; eben dieser neue Agent sollte nun wirken. Ein Augenblick Aufmerksamkeit auf die Art, wie der nächste große Schritt in der Fortbildung geschah, wird zeigen, mit welcher Vorsicht und Berechnung unsre gemeinsame Mutter ihre Gesetze geordnet hatte. Die Erde ist an den Polen abgeflacht, das wissen Ihre Philosophen wohl, wegen der täglichen Bewegung nämlich, die schon anfing, als der Erdball noch in einem weichen Zustand war, und welche also einen Theil der ungekneteten Materie nach der Peripherie warf. Dieß geschah aber nicht ohne guten Zweck. Der am Aequator so angehäufte Theil ward nothwendig wo anders abgerissen, und so ward die Erdkruste am dünnsten an den Polen. Als hinlänglicher Dampf im Mittelpunkt des Erdballs erzeugt worden, war offenbar eine Sicherheitsklappe nöthig, eine gänzliche Zersprengung zu verhindern. Da nur die Natur die Werkmeisterin war, arbeitete sie mit ihren Werkzeugen und nach ihren eignen feststehenden Gesetzen. Die dünnsten Theile der Kruste gaben zu rechter Zeit nach, um eine Katastrophe zu verhindern, wo dann der überflüssige und erhitzte Dampf in gerader Linie mit der Erdachse in's Vacuum entwich. Dieß Phänomen fand statt, soweit wir es haben berechnen können, um's Jahr 700 vor der christlichen Zeitrechnung, oder etwa zwei Jahrhunderte vor der Geburt des ersten Monikin.« »Und warum so früh, wenn ich fragen darf, Doktor?« »Nur damit das neue Clima Zeit hätte, das Eis zu schmelzen, das sich um die Inseln und Continente jener Gegenden (denn nur am Südende der Erde hatte der Ausbruch Statt gehabt) während so vieler Jahrhunderte angehäuft hatte. Zwei hundert und siebzig Jahre strenger, unaufhörlicher Einwirkung des Dampfs reichten zu diesem Zweck hin; seit dieser Zeit ist die Monikin- Rasse im ungestörten Genuß des ganzen Landes und seiner Früchte gewesen.« »Soll ich das so verstehen,« fragte Capitain Poke mit größrem Antheil, als er bisher während des Philosophen Vorlesung gezeigt, »daß Eure Leute, wenn sie zu Hause sind, südwärts von der Eiszone wohnen, die wir Seeleute immer so gegen den 77ten Grad südlicher Breite antreffen?« »Ganz so; ach, daß wir heute so weit sein müssen von jenen Ländern des Friedens, des Entzückens, der hohen Einsicht und des Heils. Aber der Wille der Vorsehung geschehe, ohne Zweifel haben unsre Leiden, unsre Gefangenschaft einen weisen Zweck, und mögen zum weitern Ruhm der Monikinrasse, führen!« »Wollen Sie gefälligst mit Ihren Erklärungen fortfahren, Doktor? Wenn Sie die jährliche Umdrehung der Erde leugnen, wie erklären Sie den Wechsel der Jahreszeiten, und andre astronomische Erscheinungen, wie die so häufig vorkommenden Finsternisse?» »Sie erinnern mich, daß der Gegenstand noch nicht erschöpft ist,« erwiederte der Philosoph hastig und wischte schnell und heimlich eine Thräne vom Auge. »Das Glück brachte unter den Gründern unseres Geschlechts seine gewöhnlichen Wirkungen hervor. Einige Jahrhunderte fuhren sie fort sich zu vermehren, ihre Schweife noch mehr zu verlängern und consequenter zu machen, in Wissenschaft und Kunst fortzuschreiten, – bis einige Geister, kühner als die übrigen, des langsamen Gangs der Begebenheiten überdrüssig wurden, der sie auf eine, ihrer feurigen Ungeduld schlecht angemessene Weise zur Vollkommenheit führte. Zu dieser Zeit hatten die mechanischen Künste unter uns die höchste Spitze erreicht, – wir haben sie später größtentheils als ungeeignet und unnöthig für einen hohen Stand der Civilisation wieder aufgegeben, – wir trugen Kleider, bauten Kanäle und verrichteten andre Arbeiten, die unter den Arten, von denen wir ausgewandert, sehr geschätzt waren. Zu dieser Zeit auch lebte die ganze Monikinfamilie als ein Volk beisammen, erfreute sich derselben Gesetze und verfolgte die nämlichen Zwecke. Aber eine politische Sekte erhob sich unter der Leitung verkehrter, wilder Führer im Land, die die gerechten Strafen Gottes und eine Menge Uebel über uns brachten, welche Jahrhunderte erst wieder heilen können. Diese Sekte nahm bald zur Erreichung ihrer Zwecke zu religiösem Fanatismus und philosophischen Sophismen ihre Zuflucht. Sie wuchs schnell an Macht und Anzahl, denn wir Monikins sind, wie die Menschen, gierig nach Neuem. Zuletzt schritt sie zu offenbar verrätherischen Handlungen gegen die Vorsehung selbst. Die erste wilde Aeußerung ihrer Raserei und Tollheit war die Behauptung, es sei der Monikinrasse dadurch Unrecht geschehen, daß man die Sicherheitsklappe der Welt in ihrem Lande geöffnet. Obgleich wir gerade diesem Umstand unser glückliches Clima verdankten, den Werth unsrer Besitzungen, die Gesundheit unsrer Familien, ja sogar unser abgesondertes Dasein selbst als eine unabhängige Rasse, dennoch kriegten diese aufgeregten, schlecht berathene Schurken gegen den wohlwollendsten und offenbarsten Freund, den sie hatten. Scheinbare Vordersätze führten zu Theorien, Theorien zu Deklamationen, Deklamationen zu Combinationen, Combinationen zu Denunciationen und Denunciationen zu offenen Feindseligkeiten. Der Streit ward zwei Generationen lang gekämpft, wo denn, nachdem ein gehöriger Grad von Wahnsinn erreicht worden, die Führer der Parthei, die damals durch ihre Ränke sich zur obersten Leitung der Monikin-Angelegenheiten gedrängt hatten, eine Versammlung all ihrer Anhänger beriefen, und gewisse Beschlüsse erließen, welche nie im Andenken der Monikins erlöschen werden, so unglückbringend waren ihre Folgen, so verderblich eine Zeitlang ihre Wirkungen. Sie waren wie folgt: »In voller, überfließender Versammlung der eifrigsten Monikins in der Monikinrasse, gehalten im Hause des Peleg Pat (wir hatten damals noch die menschlichen Benennungen) im Jahr der Welt 3007 und der Monikin-Aere 317 ward Plausible Schreier auf den Rednerstuhl berufen, und Kielfertig zum Sekretair ernannt.« »Nach vielen vortrefflichen und beredten Anreden aller Gegenwärtigen, wurde einmüthig beschlossen wie folgt: »Dampf ist ein Fluch, kein Segen und muß von allen patriotischen und wahren Monikins verworfen werden. »Wir halten es für die höchste Unterdrückung und Ungerechtigkeit in der Natur, daß sie die große Sicherheitsklappe der Welt innerhalb der rechtmäßigen Grenzen des Monikins-Gebiets gesetzt hat. »Die genannte Sicherheitsklappe soll alsbald entfernt werden, friedlich, wo möglich, sonst mit Gewalt. »Wir billigen von ganzem Herzen die Gesinnungen John Kinnlads, unsers gegenwärtigen verehrten obersten Magistrats, des unbestechlichen Partheimanns, des unerschrocknen Freundes seiner Freunde, des abgesagtesten Feindes des Dampfs, und des vernünftigen, reinen, orthodoxen, wahren Monikin. »Wir empfehlen den genannten John Kinnlad dem Vertrauen aller Monikins. »Wir fordern das Land auf, uns in unserm großen, heiligen, glorreichen Plan zu unterstützen, und verpfänden uns, die Nachkommen, die Gebeine unsrer Vorfahren, und alle, welche vor uns gewesen und nach uns kommen werden, zur getreuen Ausführung unsrer Absichten. Unterzeichnet Plausible Schreier , Präs. Kielfertig , Sekr.« »Nicht sobald waren diese Beschlüsse erlassen, (denn statt in voller Versammlung, weiß man jetzt, wurden sie von den Herren Schreier und Kielfertig unter dem besondern Einfluß Kinnlads entworfen) als das Volk ernsthaft zum Aeußersten zu schreiten beschloß. Jene Vollkommenheit in den mechanischen Künsten, die bisher unser Stolz und Ruhm gewesen, zeigte sich nun als unsern größten Feind. Die Führer sollen wirklich die übelberathene Parthei in gewissen Schranken haben halten wollen, aber wer kann den Gießbach stemmen oder den Drang des Vorurtheils aufhalten! Die Fluth war losgelassen gegen den Dampf; alle Erfindungskraft unseres Geschlechts wurde in Bewegung gesetzt, und ein Jahr, nachdem die genannten Beschlüsse durchgegangen, waren Berge versetzt, endlose Haufen von Felsen in den Abgrund geworfen, Bogen gebaut, und die Oeffnung der Sicherheitsklappe hermetisch versiegelt. Sie können sich einen Begriff von dem Aufwand von Verstand und Kraft bei dieser Gelegenheit machen, wenn ich Ihnen noch sage, daß durch wirkliche Beobachtung sich ergab, daß dieser künstliche Theil der Erde dicker, stärker und dauerhafter war, als der natürliche. So weit führte Bethörung die Opfer, daß sie wirklich die ganze Gegend sondiren ließen, und nachdem sie die Lage der dünnsten Kruste ausgekundschaftet, verlegten John Kinnlad und alle die eifrigsten seiner Anhänger dahin im Triumph den Sitz ihrer Regierung. Die ganze Zeit über war die Natur auf ihrer Huth, ruhig ihrer Stärke sich bewußt. Doch bald bemerkten unsre Vorfahren die Folgen ihrer That in der Zunahme der Kälte, der Seltenheit der Früchte und der schnellen Vermehrung des Eises. Der Monikinsche Enthusiasmus wird leicht zu Gunsten einer in die Augen fallenden Theorie erregt, weicht aber bald dem physischen Druck der Umstände. Gewiß verräth das Menschengeschlecht, besser mit dem Materiellen physischen Widerstands versehen, nicht solche Schwäche, aber – –« »Schmeicheln Sie uns nicht mit dieser Ausnahme, Doctor. Ich finde viele Aehnlichkeiten zwischen uns, daß ich wirklich zu glauben anfange, daß wir Einen Ursprung gehabt, und wenn Sie nur zugeben wollten, daß der Mensch von der zweiten Umbildung und der Monikin von der ersten, würde ich Ihre ganze Philosophie ohne einen Augenblick Bedenkens annehmen.« »Da ein solches Zugeständniß gegen Thatsache und Theorie sein würde, hoffe ich, mein theurer Herr, Sie werden die gänzliche Unmöglichkeit einsehen, daß ein Professor auf der Universität Springhoch selbst in diesem entfernten Theil der Welt ein solches Zugeständniß mache. Wie ich eben bemerken wollte, das Volk begann Unruhe über die zunehmende und beständige Rauheit der Witterung zu zeigen, und Herr John Kinnlad hielt es für nöthig, ihre Leidenschaften durch eine neue Entwickelung seiner Grundsätze anzufeuern. Seine Freunde und Anhänger wurden alle auf dem großen freien Platz der neuen Hauptstadt versammelt, und folgende Beschlüsse, nach den Worten einer noch in den Archiven der historischen Gesellschaft zu Springhoch aufbewahrten Chronik (sie schienen gedruckt worden zu sein, ehe sie durchgegangen) »einmüthig, enthusiastisch und für immer angenommen, nämlich: Die Versammlung hat die größte Verachtung vor dem Dampf. Sie trotzt dem Schnee, der Unfruchtbarkeit und allem andern Ungemach der Natur, Wir wollen immer leben. Wir wollen in's Künftige nackt gehen, um dadurch noch besser dem Frost zu trotzen. Wir sind jetzt auf der dünnsten Stelle der Erdkruste in den Polarländern. Künftig soll kein Monikin zu einem öffentlichen Amt zugelassen werden, der sich nicht verpflichtet, alle seine Feuer auszulöschen, und das Kochen für immer aufzugeben. Wir sind von dem wahren Geist des Patriotismus, der Vernunft, Treue und Festigkeit belebt. Diese Versammlung löst sich nun auf, ohne einen Tag zu bestimmen.« »Man erzählt uns, daß der letzte Beschluß eben durch Zuruf angenommen, als die Natur sich erhob in ihrer Macht, und reichliche Rache nahm für all diese Unbill. Der große Kessel der Erde barst mit einer schrecklichen Explosion und riß mit sich fort als den schlechtesten Theil der Arbeit nicht allein Herrn John Kinnlad und alle seine Anhänger, sondern auch 40,000 Morgen Land. Das letzte Mal, daß man etwas von ihnen sah, war etwa 30 Sekunden nach dem Ausbruch, wo dann die ganze Masse in der Nähe des nördlichen Horizonts verschwand, dahin fliegend mit einer Eile, die noch die Kanonenkugel übertrifft, wenn sie eben das Geschütz verlassen.« »König,« rief Noah, »das nennen wir Seefahrer schneiden und laufen.« »Ward nie wieder etwas von Herrn Kinnlad und seinen Gefährten gehört?« »Nichts gewisses. Einige unsrer Naturforscher behaupten, daß die Monikins, die die andern Theile der Erde bewohnen, ihre Nachkommen sind; diese, durch den Stoß betäubt, hatten die Vernunftkräfte verloren, während sie jedoch noch Spuren ihres Ursprungs zeigten. Dieß ist in der That die bessere Ansicht unsrer Gelehrten, und gewöhnlich bezeichnen wir alle diese Arten von Monikins mit dem Namen »die verlornen Monikins.« In meiner Gefangenschaft hat der Zufall mich mit einigen dieser Thiere zusammengebracht, die gleichfalls unter der Herrschaft der grausamen Savoyarden standen. In der Unterredung mit ihnen, wo ich nach ihren Traditionen fragte, und die Analogien der Sprache erforschen wollte, habe ich einigen Grund für diese Meinung gefunden. Davon jedoch hernach.« »Bitte, Dr. Raisono, was ward aus den 40,000 Morgen Land?« »Darüber haben wir bessere Nachrichten; eins unsrer Schiffe, das weit nördlich auf einer Entdeckungsreise begriffen war, traf es auf einige Grade der Länge und Breite von Springhoch, und dadurch erfuhr man, daß schon verschiedene Inseln durch gefallne Bruchstücke sich gebildet hatten, und nach der Richtung des Hauptlandes zu schließen, als man es zuletzt sah, nach seiner Fruchtbarkeit und andern geologischen Zeichen zu urtheilen, glauben wir, daß der große westliche Archipelagus der Niederschlag des übrigen ist.« »Und Monikinsland, Sir? welchen Einfluß hatte jenes Phänomen auf diesen Theil der Welt?« »Einen schrecklichen, erhabenen, mannichfaltigen, dauernden! Die wichtigeren oder persönlichen Folgen sollen zuerst erwähnt werden. Ein volles Drittel der Monikinsrasse wurde zu todt gebrüht. Viele bekamen Asthma und andre Lungenkrankheiten durch Einhauchen des Dampfs. Die meisten Brücken wurden durch das plötzliche Schmelzen des Schnees weggeschwemmt, und große Vorräthe durch die unerwartete Erscheinung und den heftigen Charakter des Thauwetters verdorben. Dieß sind die traurigen Vorfälle. Zu den angenehmerern rechnen wir eine endliche und liebliche Verbesserung des Climas, das so ziemlich seinen frühern Charakter wieder annahm, und durch plötzliche Erwerbung von Weisheit eine schnelle und merkliche Verlängerung unsrer Schweife.« »Die sekundären oder tellurischen Folgen waren diese: Durch das plötzliche und heftige Vordringen des Dampfs in den Raum, einige Grade vom Pol, wurde die Erde aus ihrer perpendikularen Stellung gerissen, und ihre Achse bekam eine Neigung von 23º27' gegen die Ebene ihrer Bahn. Zur selben Zeit fing die Kugel sich im Vacuum zu bewegen an, und durch Gegenstrebungen zurückgehalten, vollbrachte sie die jährliche Umwälzung.« »Ich kann wohl begreifen, Freund Raisono,« bemerkte Noah, »daß die Erde unter einem so plötzlichen Windstoß sich neigen mußte; wie wohl ein Schiff mit gutem Ballast bald wieder gerade sein würde, wenn der Puff vorüber wäre; aber ich kann nicht verstehen, wie ein wenig Dampf, an einem Ende eines Fahrzeugs herauskommend, es auf eine solche Weise in Bewegung setzen sollte, wie wir hören, daß die Erde geht.« »Wenn der Ausfluß des Dampfs beständig wäre und die tägliche Bewegung ihm jeden Augenblick eine neue Stellung gäbe, würde freilich, Capitain Poke, die Erde nicht fortgetrieben werden; aber da in Wahrheit dieser ausströmende Dampf einen pulsirenden Charakter hat, periodisch und regelmäßig ist, hat die Natur es so angeordnet, daß es nur ein Mal in 24 Stunden geschieht, und zwar zu einer Zeit, daß seine Wirkung gleichförmig, sein Impuls immer in derselben Richtung geschieht. Das Princip, wonach die Erde diese Bewegung erhält, kann man leicht durch ein gewöhnliches Experiment deutlich machen. Nehmen Sie z.B. eine Vogelflinte mit zwei Läufen, laden Sie beide mit einer großen Menge Pulver, bringen Sie eine Kugel und zwei Propfen in jeden Lauf, richten Sie den Kolben 4 628 / 1000 Zoll von dem Unterleib, und sehen Sie, daß Sie beide Läufe zugleich losschießen. In diesem Falle werden die Kugeln ein Beispiel von der Wirkung der 40,000 Morgen Land geben, und die experimentirende Person wird unfehlbar den Impuls oder die rückgängige Bewegung der Erde nachmachen.« »Während ich nicht läugne, Dr. Raisono, daß ein solches Experiment beide Theile in Bewegung setzen würde, sehe ich doch nicht, warum die Erde nicht endlich stehen bleiben sollte, wie es sicher bei dem Menschen der Fall, nachdem er mit Hüpfen, Schlagen, Schwören fertig wäre.« »Die Ursache, warum die Erde, ein Mal im Vacuum in Bewegung gesetzt, nicht stille steht, kann auch durch folgendes Beispiel erläutert werden. Nehmt den Capitain Poke, von der Natur mit Beinen und der Kraft sich zu bewegen versehen, führt ihn auf den Vendome-Platz, laßt ihn drei Sous bezahlen, wofür er an die Säule darf, laßt ihn auf ihren Gipfel steigen, und von da mit aller Kraft in einer rechtwinkligen Richtung mit dem Schaft der Säule in die freie Luft springen, und man wird finden, daß, obgleich der ursprüngliche Impuls den Körper wahrscheinlich nicht mehr als zehen bis zwölf Fuß bewegen würde, die Bewegung doch fortdauert, bis er die Erde erreicht hat. Folgesatz: Dadurch ist bewiesen, daß alle Körper, in welchen die vis inertiae ein Mal besiegt ist, in ihrer Bewegung beharren, bis sie in Contakt mit einer Gewalt kommen, die sie aufhalten kann.« »König! Nun, da ist doch noch Verstand darin, während ich nie begreifen konnte, daß diese kleinen Stückchen von Sternen ein Schiff wie die Erde im Lauf erhalten sollten; während sie so einen weiten Weg vor sich hat, wie sie nothwendig täglich machen muß, um in einem Jahr so weit zu kommen. Das wollt ich noch viel weiter ausführen und Euch erklären, denn ich glaube, daß die Wissenschaft gleich einem guten Liqueur von einem zum andern gehen muß, und nicht in einem Winkel von Einem eingeschluckt werden darf. Und hiebei will ich auch noch sagen, was Ihr bei einer nächsten Vorlesung als Folgesatz anführen mögt, daß nämlich, wenn alles, was Ihr vom Springen des Dampfkessels und dem Polarstoß sagt, wahr ist, die Erde das erste Dampfschiff ist, welches je erfunden ward, und dann alles, was Franzosen, Engländer, Spanier und Italiener darüber prahlen, nichts weiter als Rauch ist.« »Und die Amerikaner auch, Capitain Poke,« wagte ich zu bemerken. »Ei, Sir John, das kommt noch darauf an; ich sehe nicht recht, wie Foulton die Idee gestohlen haben könnte, da er den Doktor nicht kannte und wahrscheinlich nie in seinem Leben etwas von der Insel Springhoch hörte.« Wir alle lächelten, selbst die liebenswürdige Chatterissa, über die Feinheit von des Seemanns Distinctionen, und da des Philosophen Vorlesungen in ihrer didaktischen Form nun größten Theils beendet waren, trat eine lange und leichte Unterredung ein, worin eine Menge scharfsinniger Fragen von Capitain Poke und mir vorgelegt, und sehr artig von dem Doktor und seinen Freunden beantwortet wurden. Zuletzt kam Dr. Raisono, der, obgleich Philosoph und Freund der Wissenschaft, sich doch nicht alle diese Mühe ohne weiter sehende Plane gegeben hatte, frei mit seinen Wünschen heraus. Der Zufall hatte offenbar alle Mittel zusammengebracht, um mein brennendes Verlangen zu befriedigen, weitere Nachrichten von der Monikins-Politik, ihrer Moral, Philosophie und allen andern großen socialen Interessen des Theils der Welt, den sie bewohnen, zu erhalten. Ich war reich über alle Maßen, und die Ausrüstung eines geeigneten Schiffs war eine Ausgabe von nicht besonderm Belang; der Doktor und Lord Chatterino waren gute praktische Geographen, nachdem sie ein Mal über die Parallele von 77° südlich hinaus waren, und Kapitain Poke nach seiner eignen Aussage von sich, hatte die Hälfte seines Lebens im Herumstreifen unter den unfruchtbaren, unbewohnten Inseln des Eismeeres zugebracht. Was konnte also die Erfüllung der ernstesten Wünsche aller Gegenwärtigen hindern. Der Capitain war ohne Beschäftigung und würde ohne Zweifel froh sein, den Oberbefehl über ein gut gefügtes Seeschiff zu erhalten; die Fremdlinge sehnten sich nach Hause, und mein heißester Wunsch war es, meinen Anhaltspunkt in der Staatsgesellschaft noch zu stärken, indem ich ferneren Antheil an den Monikins nähme. So machte ich dem alten Robbenjäger freimüthig den Vorschlag, sich dem Geschäft; die liebenswürdigen, aufgeklärten Fremdlinge ihrem Heerd und ihrer Familie wiederzugeben, zu unterziehen. Der Capitain zeigte bald etwas von seinem Stoningtoner Hang; denn je mehr ich wegen der Sache in ihn drang, desto mehr Einwände fand er. Die Hauptgründe für sein Verwerfen des Vorschlags mögen folgende gewesen sein: Es wäre wahr, er wolle Beschäftigung, aber er wolle auch Stonington wiedersehen; er zweifle, daß Monikins gute Seeleute abgeben würden; es sei kein Scherz, unter's Eis einzulaufen, und noch weniger einer, wieder herauszukommen; er hätte die Leiber von todten Eisbären und Seehunden so hart gefroren gesehen; wie ein Stein, und sie möchten, denn was wisse er, da hunderte von Jahren gelegen haben, er aber wünsche begraben zu werden, wenn er zu nichts sonst mehr gut sei; wer wisse, ob diese Monikins die Menschen nicht fingen, wenn sie sie erst ein Mal recht in ihrem Land hätten, sie auszögen und Sprünge machen hießen, wie die Savoyarden den Doktor und die Dame Chatterissa zu thun gezwungen hätten; er wisse, er würde bei'm ersten Burzelbaum den Hals brechen; wenn er zehen Jahre jünger wäre, würde er sich vielleicht den Spaß gefallen lassen; er glaube nicht, daß die rechte Mannschaft könne in England gefunden werden, und er liebe, mit den Sternen und dem Steuer zu fahren; vielleicht könnte er es thun, wenn er Stoningtoner Leute hätte; mit solchen Leuten wisse er immer fertig zu werden; er könne den einen erschrecken, indem er ihm drohe, es seiner Mutter zu sagen, wie er sich aufführe, und den andern zur Vernunft bringen, indem er ihn bedeute, die Winde würden ihn fliehen, wenn er nicht verträglicher wäre; sodann könnte vielleicht gar so kein Ort wie Springhoch da sein, oder wenn's wäre, er ihn nicht finden; Büffelhäute unter dem Aequator zu tragen, daran sei gar nicht zu denken, da eine Menschenhaut schon eine schwere Last wäre für die stillen Breitegrade; und endlich, er sehe nicht genau ein, was er dabei gewinne. Diesen Einwürfen begegnete ich einem nach dem andern, indem ich die Ordnung, in der sie gemacht, umkehrte und mit dem letzten begann. Ich bot ihm tausend Pfund als Belohnung, welcher Vorschlag einen Schein der Befriedigung in seine Augen brachte, obwohl er den Kopf schüttelte, als wenn er es für sehr wenig hielte. Ich gab ihm dann zu verstehen, wir würden zweifelsohne gewisse Inseln entdecken, wohl versehen mit Seehunden, und ich würde alle Rechte als Eigenthümer aufgeben, damit er diese Entdeckungen zu seinem Privatvortheil benutze. Bei dieser Lockspeise biß er an, und ich dachte, er würde sich fangen lassen. Aber er blieb hartnäckig. Nachdem wir alle unsre Beredsamkeit vereint, und die Summe der Belohnung verdoppelt hatten, verfiel Dr. Raisono endlich glücklicher Weise auf den allgemeinen Hebel menschlicher Schwachheit, und der alte Robbenjäger, der dem Geld (von großer Wirksamkeit bekanntlich in Stonington), dem Ehrgeiz, dem Geheimniß neuer Robbengründe und all den gewöhnlichen Reizen widerstanden, die man bei Leuten von seiner Classe von Gewicht halten könnte, ward endlich durch seine eigne Eitelkeit geangelt. Der Philosoph ließ sich sehr listig über das Vergnügen aus, das der alte Seemann haben würde, vor der Academie von Springhoch über seine eigenthümlichen Ansichten von der Umwälzung der Erde und den segelnden Planeten Vorlesungen zu halten, wo dann alle seine dogmatischen Scrupel wegschmolzen, gleich dem Schnee beim Thauwetter. Dreizehntes Kapitel. Kapitel der Vorkehrungen, – Charakter-Unterscheidung, – enges Anpassen, nebst andern Convenienzen und einigem Urtheil. Ich gehe leicht über die Begebenheiten des folgenden Monats hinweg. Während dieser Zeit ward die ganze Gesellschaft nach England übergesiedelt; ein geeignetes Schiff war gekauft und ausgerüstet worden, die Fremdlinge befanden sich im Besitz ihrer Kabinete, und ich hatte alle Anordnungen zu einer zweijährigen Abwesenheit von London getroffen. Das Fahrzeug war ein stark gebautes, bequemes Schiff, von etwa 300 Tonnen, und war gehörig eingerichtet, um dem Eis zu begegnen. Seine Bequemlichkeiten waren so, daß sie Monikins- und menschliche Bedürfnisse befriedigten, indem die Zimmer der Damen gehörig von denen der Herren getrennt waren, und ausserdem schön und bequem ausgerüstet worden. Dame Chatterissa nannte sehr artig ihr besondres Zimmer das Gynäceum, welches, wie ich später erfuhr, ein aus dem Griechischen hergeleitetes Wort für Frauengemach war; die Monikins sind nämlich ganz so eifrig, wie wir selbst, ihre Fortschritte durch aus fremden Sprachen hergenommenen Wörter zu zeigen. Noah bewies große Sorgfalt in der Auswahl seiner Schiffsmannschaft, da der Dienst als beschwerlich anerkannt war, und große Verantwortlichkeit auf sich hatte. Zu diesem Zweck machte er ganz besonders eine Reise nach Liverpool (das Schiff lag in Grönland-Dock in London), wo er so glücklich war, fünf Yankee zu werben, eben so viele Engländer, zwei Norweger und einen Schweden, die alle gewohnt waren, so nahe den Polen zu steuern, als nur immer gewöhnliche Menschen sie erreichen können. Er war auch gut versehen mit Koch und Untersteuerleuten; aber ich bemerkte, daß es ihm schwer fiel, einen Schiffsjungen nach seinem Sinn zu finden. Mehr als zwanzig Bewerber wurden zurückgewiesen; der eine wegen Mangels der einen Eigenschaft, der andre wegen etwas anderm. Da ich bei einigen Prüfungen der verschiedenen Kandidaten zu diesem Amt zugegen war, bekam ich einige Einsicht in seine Weise, ihre verschiedenen Verdienste zu erproben. Das unabänderliche Verfahren war, erst eine Flasche Rum und einen Krug Wasser vor den Jungen zu stellen, und ihn seine Hand in Mischung eines Glases Grog versuchen zu lassen. Vier Bewerber wurden ohne Weiteres verabschiedet, weil sie eine natürliche Unfähigkeit zeigten, das juste milieu in diesem wichtigen Stück des Schiffsdienstes zu treffen. Die meisten Kandidaten waren jedoch ziemlich erfahren in der Kunst, und der Kapitain ging bald zum zweiten Erforderniß über, welches war: Sir in einem Ton zu sagen, wie Noah sich ausdrückte, »etwas zwischen dem Zuschnappen einer Stahlfalle und dem bittendem Winseln eines Bettlers.« Vierzehn wurden wegen Mängel hierin abgewiesen, und der Kapitain bemerkte, die meisten von ihnen wären die schrecklichsten Strohköpfe, auf die er jemals getroffen. Als er endlich einen gefunden hatte, der einen Becher Grog mischen und Sir nach seinem Gefallen antworten konnte, machte er Experimente über ihre Geschicklichkeit, eine Suppenschüssel über ein schwankendes Brett zu tragen, Teller ohne ein Handtuch abzuwischen, und ohne dabei ihre Hemdärmel zu gebrauchen, Lichter mit den Fingern zu putzen, ein weiches Bett mit wenig Materialien ausser Brettern zu machen, die verschiedenen Compositionen Burgu, Lobskou und Dough zu verfertigen (das letztre sprach er affektirt Duff aus), Schweine mit Rindsknochen und Enten mit dem Kehricht des Verdecks zu mästen, Essenz anzusehen, ohne ihre Lippen zu lecken, und in verschiedenen ähnlichen Fertigkeiten, welche den Kindern von Stonington, wie er behauptete, eben so geläufig wären, als ihre Gesangbücher und die zehen Gebote. Der neunzehnte Bewerber schien in meinen ungeübten Augen vollkommen; aber Noah verwarf ihn wegen Mangel einer Eigenschaft, die, behauptete er, unerläßlich wäre zur Ruhe des Schiffs; es schien, er war zu knochig an einem wesentlichen Theil seines Baues, ein Umstand, der für einen Kapitain sehr gefährlich wäre, da er selbst einst so unglücklich gewesen, seine große Zehe zu verrenken, indem er einem dieser unglücklich gebildeten Jungen mit unvorsätzlicher Gewalt einen Tritt habe geben wollen, was einem Mann in Eile gar leicht begegnen könnte. Glücklicher Weise ging Nummer zwanzig durch, und bekam alsbald die erledigte Stelle; gleich den nächsten Tag ging das Schiff in sehr gutem Stande und mit aller Aussicht auf eine glückliche Reise in See. Ich will hier noch bemerken, daß eine allgemeine Parlamentswahl die Woche, bevor wir absegelten, Statt fand; so eilte ich nach House-Holder, und ließ mich erwählen, um die Interessen derer vertreten zu können, die ein natürliches Recht auf diese kleine Gunst von mir zu haben schienen. Wir entließen den Lootsen, als wir die Scilly-Inseln hinter uns hatten, und Herr Poke übernahm in allem Ernst den Befehl über das Schiff. So lange wir den Kanal hinunterfuhren, hatte er wenig mehr gethan, als in der Kajütte herumzustöbern, die Schlösser zu untersuchen, und seinen Fuß mit der anatomischen Beschaffenheit des armen Bob bekannt zu machen, (so hieß der Schiffsjunge) der nach des Kapitains langer Praxis zu urtheilen, ausserordentlich gut für seine Stelle wenigstens als Trittaushalter sein mußte. Aber als der letzte Anhaltspunkt mit dem Land durch des Lootsen Abgang gelös't war, kam unser Schiffer in seiner wahren Gestalt hervor, und zeigte, aus welchem Stoff er wirklich bestand. Das erste, was er that, war eine Schlinge an jede Segelstange, Bogenlinie und Brüstung im Schiff machen zu lassen; er schimpfte dann beide Untersteurer recht aus, um ihnen zu zeigen, (wie er mir nachher im Vertrauen sagte) daß er Kapitain seines Schiffs sei, und gab dem Volke zu verstehen, er liebe nicht zwei Mal über dieselbe Sache und bei derselben Gelegenheit zu sprechen, dieses Vorrecht überlasse er gern den Congreß-Mitgliedern und Weibern; – dann schien er zufrieden mit sich und allen um ihn. Eine Woche, nachdem wir abgereist, wagte ich Kapitain Poke zu fragen, ob es nicht passend wäre, eine Beobachtung anzustellen und durch ein oder das andre Mittel in Erfahrung zu bringen, wo das Schiff eigentlich wäre. Noah behandelte diese Idee mit großer Verachtung; er könne gar keinen Nutzen dabei sehen, ohne Noth die Quadranten vorzunehmen; unser Lauf wäre südlich, das wüßten wir, denn wir wollten ja nach dem Südpol; alles, was wir zu thun hätten, wäre Amerika rechts und Afrika links zu lassen; freilich müßte man etwas auf die Passatwinde dann und wann sehen, aber er und das Schiff würden bald damit bekannt werden, und dann würde alles wie ein Uhrwerk gehen. Einige Tage nach diesem Gespräch war ich auf dem Verdeck, gerade als es Tag ward und zu meinem Erstaunen rief der Kapitain, der in seiner Hangematte lag, dem Steuermann durch das Verdeckloch zu, ihn genau wissen zu lassen, wie das Land läge. Keiner hatte bis jetzt irgend Land gesehen, aber bei dieser Aufforderung sahen wir uns um, und allerdings eine Insel war dunkel sichtbar in Osten. Ihre Lage nach dem Kompas ward alsbald dem Kapitain mitgetheilt, der damit wohl zufrieden schien. Nachdem er dem Offizier auf dem Verdeck auf's Neue anempfohlen hatte, Sorge zu tragen und Afrika links zu lassen, drehte er sich im Bette herum, um sein Schläfchen fortzusetzen. Ich erfuhr später von den Untersteuerleuten, daß wir gar hübsch auf die Strömung gekommen und herrlich voranrückten; obgleich es ihnen ein eben so großes Geheimniß als mir war, wie der Kapitain wissen konnte wo das Schiff war, denn er hatte, seit wir England verlassen, seinen Quadranten nicht angerührt, ausser um ihn mit einem seidnen Tuch abzuwischen. Etwa vierzehn Tage, nachdem wir Cap Verde passirt, kam Noah in großer Wuth auf's Verdeck, und begann über den Steuermann und den Mann am Rad zu schimpfen, daß sie das Schiff nicht in seinem Lauf hielten. Hierauf antwortete klug der erstre, daß der einzige Befehl, den er seit vierzehn Tagen erhalten, wäre, es südlich laufen zu lassen, die Umstände mitbegriffen; und jetzt eben laufe es so. Hierauf gab Noah dem Schiffsjungen, der gerade vorbeiging, eine ziemliche Application a posteriori , und schwur, der Kompas wär' eben ein solcher Thor als der Steuermann, das Schiff wäre um zwei Knoten aus seiner Richtung. Süden wäre hierherum nicht dort, er wisse am Anfühlen des Winds, daß er nichts Nördliches hätte, wir bekämen ihn von der Seite, statt von der Spitze, wir liefen nach Rio, statt nach Springhoch, und wenn wir je an den letztern Ort wollten, müßten wir eine gute Tau-Länge weg. Der Steuermann zu meinem Erstaunen beruhigte sich plötzlich, und brachte alsbald das Schiff in den Wind. Er sagte mir später in einem Lispeln, der zweite Steuermann hätte einige Harpune scharf gemacht, und unwillkührlich sie zu nahe bei dem Compas-Gehäuse gelassen, wirklich sei der Magnet von ihnen angezogen worden, und habe so den Mann am Rad und ihn getäuscht, und zwar um volle zwanzig Grade über die wahren Punkte des Compasses. Ich muß gestehen, diese kleinen Vorfälle ermuthigten mich sehr, und ließen keine Zweifel über unsre wirkliche und glückliche Ankunft, wenigstens bis zur Eisgrenze, die die Menschen- von der Monikins-Region trennt. Dieß Gefühl der Sicherheit benutzend, fing ich wieder die Unterredung mit den Fremdlingen an, die durch die neuen und unangenehmen Umstände des Seelebens theilweise unterbrochen worden war. Lady Chatterissa und ihre Gefährtin, wie dieß meistens bei Frauenzimmern auf der See gewöhnlich ist, verließen selten das Gynäceum, aber als wir dem Aequator nahe kamen, verbrachten der Philosoph und junge Pair ihre meiste Zeit auf dem Verdeck oder in der Höhe. Doktor Raisono und ich brachten die Hälfte der milden Nächte im Gespräche über Gegenstände zu, die mit meinen künftigen Reisen zusammenhingen, und sobald wir im Klaren über Regen, Donner und Blitz dieser ruhigen Breitegrade waren, fing Kapitain Poke, Bob und ich das Studium der Sprache von Springhoch an. Der Schiffsjunge wurde dabei zugelassen, da Noah bemerkte, wir würden es passend finden, ihn mit an's Ufer zu nehmen; ich hatte nämlich, meine Bestimmung zu verbergen, keinen Bedienten mitgenommen. Zum Glück für uns, hatte der Monikin'sche Scharfsinn das Erlernen sehr erleichtert. Die ganze Sprache wurde nach einem Decimalsystem geschrieben und gesprochen, was sie sehr leicht machte, wenn man erst die Elemente erlernt hatte. So, ungleich den meisten menschlichen Sprachen, wo die Regel gewöhnlich die Ausnahme ist, wurde keine Abweichung von ihren Gesetzen bei Strafe des Prangers erlaubt. Diese Vorkehrung, versicherte der Kapitain, wär' die beste Regel von allen, und sparte viele Mühe; denn, wie er aus Erfahrung wisse, könne man vollkommner Meister der Sprache in Stonington sein, und dann für seine Mühe in Neu-York ausgelacht werden. Die Kürze der Sprache wäre ein zweiter großer Vortheil, obwohl, gleich allen andern erhabenen Vorzügen und überschwenglichen Gütern, sie der nächste Nachbar eines ebenso großen Uebelstandes wäre. So, wie Mylord Chatterino sehr gefällig erklärte, heißt wi-witsch-it-mi-cum – »Madam, ich liebe Sie von der Krone meines Hauptes bis zur Spitze meines Schweifs; und da ich keine andre halb so sehr liebe, würde es mich zum glücklichsten Monikin auf der Erde machen, wenn Sie mein Weib werden wollten; damit wir Muster häuslichen Glücks vor aller Augen sein möchten von nun an bis in Ewigkeit.« Kurz es wäre die gewöhnliche und feierlichste Formel der Brautwerbung, und nach den Gesetzen des Landes für den Bittenden bindend, bis er eben so förmlich vom andern Theil abgewiesen worden. Aber unglücklicher Weise bedeutet eine andre Redensart: wi-switch-it-mi-cum. »Madam, ich liebe Sie von der Krone meines Hauptes bis zur Spitze meines Schweifes, und wenn ich nicht schon eine andre liebte , würde es mich zum glücklichsten Monikin auf der Erde machen, wenn Sie mein Weib werden wollten, damit wir Muster des häuslichen Glücks sein möchten, von nun an bis in Ewigkeit.« Nun verursachte aber diese feine und für's Ohr und Aug unmerkliche Unterscheidung viel Herzbrechen und Täuschung unter dem jungen Volk von Springhoch. Mehrere ernsthafte Prozesse waren daraus entstanden, und zwei große politische Partheien hatten durch den Mißgriff eines jungen Monikins von Stande ihren Ursprung erhalten, blos weil dieser lispelte und das verhängnißvolle Wort unrecht gebrauchte. Dieser Zwist war jedoch jetzt glücklich beigelegt, nachdem er nur ein Jahrhundert gedauert hatte; aber es mochte weise sein, da wir alle drei Junggesellen waren, uns den Unterschied zu bemerken. Kapitain Poke sagte, er übrigens sei hinlänglich sicher, da er so ziemlich an das Wort switsch (auspeitschen) gewohnt sei, aber er hielte es für gut, gleich nachdem das Schiff geankert, zu einem Konsul zu gehen, und einen förmlichen Protest wegen unsrer Unbekanntschaft mit all diesen Feinheiten einzulegen, damit nicht die Reptile von Rechtsgelehrten einen Vortheil über uns erlangten; daß er besonders kein Junggeselle mehr sei, und Mad. Poke wild sein würde wie ein Orkan, wenn er sie zufällig vergessen sollte. Die Sache wurde künftiger Berathung vorbehalten. Um diese Zeit auch hatte ich eine interessante Unterredung mit Doktor Raisono über die besondre Geschichte eines jeden der Gesellschaft, wovon er das Hauptmitglied war. Es wollte scheinen, als wenn der Philosoph, obgleich reich an Gelehrsamkeit, und Besitzer eines der bestausgebildeten Schweife in der ganzen Monikins-Welt, doch arm war an den gemeinern Dingen von Monikins- Reichthum. Während er daher freigebig von den Vorräthen seiner Philosophie durch die Academie von Springhoch allen mittheilte, sah er sich genöthigt, nach einem besondern Recipienten seiner Uebergelehrsamkeit in der Gestalt eines Zöglings sich umzusehen, um für die geringen Ueberreste des Animalischen, die noch in ihm zögerten, zu sorgen. Lord Chatterino, der verwaiste Erbe eines der edelsten und reichsten, sowie auch der ältesten Häuser von Springhoch, war in sehr zartem Alter seinem Unterricht übergeben worden, wie auch Lady Chatterissa der Mad. Lynx. Dieß junge und vollkommne Paar hatte sich bald, eins das andre in der Monikins-Gesellschaft wegen seiner ungewöhnlichen Grazie, seiner allgemeinen Bildung, gegenseitigen Neigung, Harmonie der Gesinnung und wegen seiner gesunden Grundsätze ausgewählt; alles war der lieblichen Flamme günstig, die sich in dem vestalischen Busen der Chatterissa entzündete und von einer heißen aber ehrfurchtsvollen Leidenschaft in dem glühenden Herzen von Nro. 8. Purpur erwiedert ward. Die Freunde von beiden Theilen hatten, sobald die knospende Leidenschaft zwischen ihnen bemerkt ward, um eine Täuschung so passender Wünsche zu verhindern, zur Unterstützung des allgemeinen Eheraths von Springhoch noch einen vom König im Rath ganz besonders ausersehenen Diener berufen, dessen Amt es ist, Kenntniß von allen einzelnen Verpflichtungen zu nehmen, die etwa den so ernsten und dauerhaften Charakter der Ehe annehmen möchten. Dr. Raisono zeigte mir das von dem Ehe-Departement ausgegangne Certifikat, welches er auf allen seinen Wanderungen glücklich in das Futter des dreieckigen Huts versteckt hatte, den die Savoyarden ihn zu tragen gezwungen, und welches er noch als ein Document aufbewahrte, das bei seiner Rückkehr nach Springhoch unumgänglich nothwendig werden würde, weil es ihm sonst nicht erlaubt wäre, zu Fuß in Gesellschaft von zwei jungen Leuten von Geburt und Reichthum und von verschiednem Geschlecht zu reisen. Ich übersetze das Certifikat, so wörtlich, als es die Armuth unsrer Sprachen nur erlauben will: »Auszug aus dem Anpassungs-Buch; Ehe-Departement; Springhoch, Zeit der Nüsse, Tag des Glanzes, Bd. 7243. p. 82. »Lord Chatterino; Domainen: 126,952¾ Acre Land; Wiesen, ackerbares Land, Wald in gehörigem Verhältniß.« »Lady Chatterissa; Domainen: 115,999½ Acre Land; meistens ackerbar.« »Beschluß, wie im Buch: es findet sich, daß die Ländereien von Mylady Chatterissa in Qualität besitzen, was ihnen an Quantität abgeht.« »Lord Chatterino: Geburt: sechszehn Ahnen, rein; ein Bastard; vier Ahnen rein, einer verdächtig, einer rein, einer gewiß.« »Lady Chatterissa: Geburt: sechs Ahnen rein, drei Bastarde, eilf Ahnen rein, einer gewiß, einer verdächtig, unbekannt.« »Beschluß, wie im Buch: das Uebergewicht findet sich auf Seiten Mylord Chatterino's, aber die Vortrefflichkeit der liegenden Gründe, andrer Seits muß wohl die Partheien ausgleichen.« »Unterzeichnet Nro. 6. Hermelin. Getreue Abschrift.« »Gegengezeichnet: Nro. 100,003 Tintenfarbe.« »Verordnet: Beide Theile sollen die Erprobungsweise zusammen machen, unter Leitung des Professors der Probabilitäten auf der Universität Springhoch, Sokrates Raisono, und Madame Vigilanza Lynx, graduirte Duenna.« Die Erprobungsweise ist dem Monikin-System so eigenthümlich, und könnte mit so vielem Nutzen unter uns eingeführt werden, daß es gut sein mag, es hier näher zu beschreiben. So oft sich's findet, daß ein junges Paar in allen wesentlicheren Stücken der Ehe zu einander passen, werden sie auf die genannte Reise geschickt, unter der Obhut kluger und erfahrner Mentor, die sich nämlich zu vergewissern, wie weit sie im Stande sind, vereint die gewöhnlichen Wechsel des Lebens zu ertragen. Bei Prüflingen von den niedern Classen sind eigne dazu beorderte Aufseher da, die sie durch einige Schmutz-Pfützchen ziehen, und dann an eine harte Arbeit setzen, die den öffentlichen Beamten besonders zum Nutzen gereicht, welchen gemeiniglich der größere Theil ihrer jährlichen Arbeit auf diese Art gethan wird. Aber da die moralischen Vorkehrungen des Gesetzes weniger für die erfunden sind, die 126,952¾ Acre Land besitzen, getheilt in Wiesen, Ackerland und Wald im gehörigen Verhältniß, als für die, deren Tugenden leichter der Feuerprobe der Lockung unterliegen, so ziehen sich die reichen und adligen, gewöhnlich nachdem sie gehörig und zum allgemeinen Nutzen ihre Unterwerfung unter den Gebrauch zur Schau getragen, auf ihre Landsitze zurück, wo sie die Zeit der Prüfung so angenehm als möglich zubringen, tragen jedoch Sorge, daß von Zeit zu Zeit gelegentliche Auszüge aus ihren Briefen in die Springhoch-Zeitung eingerückt werden, welche die Mühen und Beschwerden beschreiben, die sie zum Trost und zur Erbauung derer, die weder Ahnen noch Landhäuser haben, zu erdulden gezwungen sind. In vielen Fällen wird die Reise wirklich durch Stellvertreter gemacht. Aber der Fall mit Mylord Chatterino und Mylady Chatterissa machte eine Ausnahme selbst von diesen Ausnahmen. Der Magistrat hält dafür, daß die gegenseitige Zuneigung eines so hohen Paars eine gute Gelegenheit darbiete, die Springhoch-Unpartheilichkeit an den Tag zu legen; und nach dem wohlbekannten Grundsatz, der uns manchmal einen Grafen in England hängen läßt, wurde dem jungen Paar befohlen, wirklich mit allem nützlichen Aufsehen (zu gleicher Zeit wurde ihren Begleitern der geheime Befehl, alle mögliche Nachsicht zu gebrauchen) auf die Reise zu gehen, damit die Untergebenen die Strenge und Gewissenhaftigkeit ihrer Herrscher erkennten und sich darüber erfreuten. Dr. Raisono hatte demnach wirklich aus der Hauptstadt nach den Gebirgen sich auf den Weg gemacht, wo er seine Mündel praktisch im Glück und Unglück dieses Lebens unterrichtete, indem er sie an den Rand der Abgründe und in die Luft der fruchtbarsten Thäler versetzte, (in welchen letztern er mit Recht behauptete, die größten Gefahren wären) indem er sie hungrig und frierend über die steinigten Pfade führte, um ihren Charakter zu erproben, und mit den rohesten Bauern Dienstverträge abschloß, um die Tiefe von Chatterissa's Philosophie zu ergründen. So noch eine Menge ähnlicher, scharfsinniger Erfindungen, die sich leicht jedem selbst darbieten werden, der einige Erfahrung von der Ehe hat, mag er nun einen Palast oder eine Hütte bewohnen. Als dieser Theil der Erprobung glücklich beendet war, (es zeigte sich, daß Chatterissa, was Charakter betrifft, probefest war) ward die ganze Gesellschaft nach der Eisgrenze entsandt, die die Monikin- von der Menschen-Rasse trennt, um zu sehen, ob ihre Zuneigung Wärme genug enthalte, dem erstarrenden Contakt mit der Welt zu widerstehen. Hier verführte unglücklicher Weise (denn die Wahrheit darf nicht verschwiegen werden) den Dr. Raisono, der schon vieler gelehrten Gesellschaften Mitglied war, der aber einen peinigenden Ehrgeiz in sich verspürte, mehr zu werden, ein trauriges Verlangen zu der außerordentlichen Unklugheit, durch eine Oeffnung, wo er auf einer frühern Expedition derselben Art eine Insel entdeckt hatte, durchzufahren; hier hatte er nämlich einen Felsen zu finden geglaubt, der das Fundament von einem Theil der 40,000 Quadrat-Morgen Land gebildet, die durch das Zerspringen des großen Erdkessels zerrissen worden. Der Philosoph sah tausend interessante Erfolge von der Aufklärung über diesen Gegenstand voraus, denn da die ganze Gelehrsamkeit von Springhoch sich schon seit 500 Jahren in Bestimmung der weitsten Entfernung, zu welcher ein Bruchstück bei dieser merkwürdigen Begebenheit hätte geschleudert worden sein können, erschöpft hatte, so war in der letzten Zeit viel Aufmerksamkeit auf die Entdeckung der geringsten Entfernung hievon verwandt worden. Vielleicht sollte ich mit Rührung von den Folgen seines gelehrten Eifers sprechen, aber nur durch diese Unvorsichtigkeit fiel die ganze Gesellschaft in die Hände gewisser Seeleute, die nach der Nordküste eben jener Insel steuerten, (Freunde und Nachbarn, wie es sich hernach zeigte, von Noah Poke) welche unbarmherzig die Reisenden aufgriffen, und sie einem heimkehrenden Ostindienfahrer verkauften, auf den sie später bei St. Helena trafen. Die Insel St. Helena! das Grab dessen, der ein Muster ist für die Nachwelt wegen der Mäßigung seiner Begierden, der Einfachheit seines Charakters, der tiefen Verehrung für Wahrheit, der hohen Ehrfurcht vor Gerechtigkeit und unwandelbarer Treue, durch eine klare Würdigung aller edleren Tugenden sich auszeichnete! Wir bekamen diese Insel gerade zu Gesicht, als Dr. Raisono seine interessante Erzählung schloß, und so fragte ich, zu Capitain Poke gewandt, feierlich diesen scharfsinnigen und schlauen Seemann, »ob er nicht glaube, die Welt werde künftig vollständige Rache nehmen an der Vergangenheit, ob die Geschichte der ungeheuren That nicht Gerechtigkeit werde widerfahren lassen, ob gewisse Namen nicht ewiger Schande überantwortet sein würden, daß sie den Helden an einen Felsen gekettet, ob sein Land, das Land freier Männer, sich jemals durch eine solche Handlung der Barbarei und Rache besudelt haben würde?« Der Kapitain hörte mich sehr ruhig an, dann bedächtig einigen Taback nehmend, antwortete er: »Hört, Sir John, zu Stonington, wenn wir ein wildes Thier fangen, setzen wir es immer in einen Käfig; ich bin kein großer Mathematiker, wie ich Euch oft gesagt, aber beißt mich mein Hund ein Mal, so schlage ich ihn, zwei Mal, treff ich ihn tüchtig, drei Mal kett' ich ihn an.« Ach, es gibt so übel berathne Geister, daß sie kein Gefühl haben für die Größe. Alle ihre Neigungen sind gerade aus und nur nach dem gesunden Menschenverstand; solchen erscheint Napoleon wenig anders als wie ein Mann der unter seinen Mitmenschen mehr wie ein Tiger als wie ein Mensch lebte; sie verdammen ihn, weil er seine Begriffe von Größe nicht zu der hausbackenen Moralität herabbringen konnte; und unter sie muß nun auch, scheint es, Kapitain Poke gerechnet werden. Der Wunsch zu erzählen, wie Doktor Raisono und seine Gefährten in die Hände der Menschen fielen, hat mich einen oder zwei Umstände von geringerer Bedeutung übersehen lassen, die jedoch, um mir Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, nicht ganz übergangen werden dürfen. Als wir zwei Tage in See waren, ward der Monikins-Rasse eine sehr angenehme Ueberraschung vorbereitet und ausgeführt. Ich hatte eine gewisse Anzahl Jacken und Hosen aus verschiednen Thierfellen, von Hunden, Katzen, Schafen, Tigern, Leoparden, Schweinen u. s. w. mit dem gehörigen Anhängsel von Schnauzen, Hufen, Klauen machen lassen und als die Damen nach dem Frühstück auf's Verdeck kamen, wurden ihre Augen nicht länger durch rohe Eingriffe in die Natur beleidigt, sondern die ganze Schiffsmannschaft kletterte auf dem Tauwerk herum, wie lauter Thiere von den besagten verschiednen Arten. Noah und ich erschienen als Seekälber, da jener zu verstehen gegeben, er kenne die Natur dieses Thiers besser als jedes andre. Diese zarte Aufmerksamkeit wurde denn auch gehörig geschätzt und gütig anerkannt. Nachahmungen von Fellen hatte ich für die kältern Breitegrade von Baumwolle machen lassen, aber in der Nähe der Falklandsinsel nahm man die wirklichen Häute bereitwillig und mit Vergnügen wieder an. Noah hatte Anfangs einige starke Einwendungen gegen diesen Plan gemacht; er würde sich nicht sicher in einem Schiff halten, das ganz und gar von wilden Thieren bemannt und bedient wäre: aber zuletzt gefiel's ihm als ein guter Spaß, und er verfehlte nie die Leute, nicht bei ihrem Namen wie früher, sondern wie er sich ausdrückte, nach ihrem natürlichen zu rufen; »Du Katz', greif das auf! Du Tieger, spring hierher! Du Schwein, aus dem Schmutz! Du Hund, trott dorthin! Du Pferd, huf zurück!« und verschiedene ähnliche Witze, die ausserordentlich seine Einbildung kitzelten. Die Leute selbst griffen den Ball auf, und hielten ihn in Bewegung, noch ausgeschmückt mit allen Arten von Matrosen-Witzen. Ihren eigentlichen Namen, sie hatten nur einen, nämlich Smith, legten sie für die neuen Benennungen ganz ab, und der Ruf Tom Hund, Tom Katz, Tom Tiger u. s. w. flog auf dem Verdeck herum vom Morgen bis zur Nacht. Gute Laune ist ein herrlicher Tröster bei körperlichen Entbehrungen. Seitdem wir Staaten-Land aus dem Gesicht verloren, hatten wir böses Wetter mit widrigen Winden von Süden und Westen, und konnten nur sehr schwierig die südliche Richtung beibehalten. Beobachtungen waren jetzt sehr schwer, da die Sonne eine ganze Woche hinter einander unsichtbar blieb. Der Seeinstinkt Noahs war um diese Zeit für alle an Bord von der höchsten Wichtigkeit. Er gab uns von Zeit zu Zeit die freudige Botschaft, daß wir nach Süden führen, obwohl die Seeleute erklärten, sie wüßten nicht, wo das Schiff wäre und hinginge; weder Sonne, Mond noch Sterne wären eine Woche lang sichtbar gewesen. Vierzehn Tage blieben wir in diesem ängstlichen, zweifelhaften Zustand, als Kapitain Poke plötzlich auf dem Verdeck erschien, und in seiner gewöhnlichen unwiderstehlichen Stentorstimme den Schiffsjungen unter dem Namen: Du Affe Bob rief; denn da sein Amt ihn am meisten mit den Monikins in Berührung brachte, hatte ich ihm ein Gewand von Affenfellen zugelegt, als den Gästen anständiger als das eines Schweins oder Wiesels. Affe Bob kam bald herbei, und als er seinem Herrn nahe kam, wandte er ruhig das Gesicht ab, um gewohnter Maßen jene drei oder vier ermahnende Winke einzunehmen, die ihn zur Thätigkeit in aufzutragenden Geschäften ermuntern sollten. Bei der Gelegenheit machte ich eine seltsame Bemerkung. Bob hatte die größren Dimensionen seines Untergewands, die für einen weit größren Jungen bestimmt worden, (einen von denen, die bei der Aussprache des Sir durchgefallen) dazu benutzt, daß er eine alte Unions- und Service-Jacke hineingesteckt, die, wie er mir später sagte, ihm vieles Schinden und Winden ersparte. Um jedoch zu den Begebenheiten zurückzukehren, – nachdem Bob durch Püffe gehörig vorbereitet worden, drehte er sich mannhaft herum und fragte nach des Kapitains Befehlen. Er erfuhr, er solle den größten und schönsten Kürbis aus den Vorräthen (der Kapitain ging nie in See ohne dergleichen Artikel, die er Stoningtoner Futter nannte) heraufholen. Der Kapitain nahm den Kürbis zwischen die Beine, und nachdem er ihn sorgfältig seiner grün-gelben Umkleidung beraubt, sah man nur noch eine weiße Kugel. Er forderte dann den Theertopf, und zog mit den Fingern verschiedne Linien, die so ziemlich die Umrisse von den verschiednen Continenten und größren Inseln der Welt bildeten. Das Land jedoch in der Nähe vom Südpol wurde unangedeutet gelassen, wobei er zu verstehen gab, daß da gewisse Inseln wären, die er so ziemlich als Stoningtoner Privateigentum ansehe. »Nun, Doktor,« sagte er, und deutete auf den Kürbis; »da ist die Erde und hier steht der Theertopf, bezeichnet gefälligst nach den besten Nachrichten, die Eure Academie davon hat, nur so eben die Lage Eurer Insel Springhoch. Macht einen Kleks hier und da, wenn Ihr wo von Felsen und Bänken wißt; dann könnt Ihr die Insel setzen, wo Ihr gefangen worden und im Allgemeinen eine Ansicht von ihrer Lage und dem Küstenzug geben.« Doktor Raisono nahm ein Stöckchen und zeichnete mit seinem Ende, ziemlich schnell und geschickt, alles Verlangte hin. Noah untersuchte die Arbeit, und schien zufrieden, mit einem Monikin zusammengetroffen zu sein, der ziemlich richtige Begriffe von Lage und Entfernungen zu haben schien, auf dessen Lokalkenntnisse hin man selbst zur Nacht segeln könnte. Er skizzirte alsdann noch die Lage von Stonington, was ihm großes Vergnügen machte, bezeichnete das Versammlungshaus und das vorzüglichste Wirthshaus, und dann ward die Charte bei Seite gelegt. Vierzehntes Kapitel. Wie man klein steuert, – wie man das Schiff durch den Handschuh laufen läßt; – wie man klar geht; – eine neumodische Werfte und gewisse Meilensteine. Kapitain Poke war nicht länger zweifelhaft über die Richtung, wie wir zu steuern hatten. Mit seinem Kürbis als Charte, seinem Instinkt als Beobachtung, seiner Nase als Compas hielt der derbe Robbenjäger kühn nach Süden; oder wenigstens er lief vor einem stätigen Wind hin, der, wie er mehrmals versicherte, so gewiß ein nördlicher war, als wenn er in Kanada erzogen und geboren worden. Nachdem er mit schrecklicher Schnelle einen Tag und eine Nacht über die Wellen hingejagt, erschien der Kapitain mit einem Gesicht von ungewöhnlichem Ausdruck und einem mit Gedanken überladnen Gemüth auf dem Verdeck. Man erkannte dieß an dem vielsagenden Nicken, so oft er einen Satz von sich gab; eine Gewohnheit, die er wahrscheinlich in früher Jugend zu Stonington angenommen, denn sie schien ganz eben so alt, als durch und durch ihm eigen. »Wir werden bald sehen, Sir John,« bemerkte er, und schob sein Robbenfell in Ordnung, »ob's heißt sinken oder schwimmen.« »Bitte, erklärt Euch, Herr Poke,« rief ich, etwas erschrocken. »Wenn etwas ernstliches vorfallen kann, müßt Ihr es zeitig mittheilen.« »Der Tod ist immer jeder Creatur unzeitig, Sir John.« »Wollt Ihr das Schiff aufgeben, Kapitain? »Wenn ich's hindern kann, Sir John, nein; aber ein Schiff zum Wrack bestimmt, wird ein Wrack werden, trotz Reffen und auf- und einziehen. Sieh da, du Löwen-Richard, da habt' ihrs.« Und freilich hatten wir's. – Ich kann die Scene, die sich jetzt meinen Augen darstellte, nur dem plötzlichen Anblick der Oberländischen Alpen vergleichen, wenn der Schauende unerwartet am Rand des Abgrunds des Weißensteins steht. Da sieht er denn vor sich eine unendliche Mauer glizzernden Eises, in glorreiche, phantastische Formen von Altanen, Mauern und Thälern gebrochen, während hier wir alles Erhabene eines solchen Anblicks hatten, das noch erhöht wurde durch das schreckliche Wirken des lärmenden Meeres, das auf die undurchdringliche Schranke mit ruhloser Gewalt zu schlug. »Guter Gott!« rief ich, sobald ich einen Blick von der schrecklichen Gefahr erhielt, die uns drohte; »Ihr werdet doch nicht, hoffe ich, Kapitain, rasend zufahren, bei solch einer Warnung vor den Folgen klar vor Augen!« »Was wollt Ihr machen, Sir John? Springhoch liegt auf der andern Seite dieser Eisinseln. Ihr braucht ja nicht das Schiff anlaufen zu lassen, – warum dann nicht daran herum?« »Weil sie um die ganze Erde in dieser Breite gehn. Nun kommt die Zeit zu reden, Sir John. Wenn wir nach Springhoch wollen, haben wir die Wahl zwischen drei gar verzweifelten Fällen; durch, unter oder über das Eis da zu gehen. Wenn wir zurück wollen, ist kein Augenblick zu verlieren, denn es ist jetzt schon die Frage, ob das Schiff weg kann bei dieser sandenden See und dem schweren Nord.« Ich glaube, ich hätte in diesem Augenblick gerne alle meine socialen Anhaltspunkte darum gegeben, um aus dem Abentheuer heraus zu sein. Doch hinderte mich der Stolz, jener Stellvertreter so vieler Tugenden, der größte und mächtigste aller Häupter, meinen Wunsch umzukehren, zu verrathen. Ich berathschlagte, während das Schiff dahin flog, und als ich mich endlich zum Kapitain wandte, um ihm zu verstehen zu geben, daß, wenn er es früher gesagt, dieß die ganze Sache vielleicht geändert hätte, erwiederte er geradezu, es wäre zu spät. Es wäre sichrer voran zu gehen, als umzuwenden, wenn umwenden anders bei diesen Wellen und Wind möglich. Aus der Noth eine Tugend machend, stählte ich meine Nerven, um der Crisis zu begegnen, und blieb ein ergebener, dem Anschein nach ruhiger Zuschauer dessen, was kommen würde. Das Wallroß, so hieß unser gutes Schiff, war indeß ruhig unter den Segeln, und fuhr vom Wind getrieben, mit beunruhigender Schnelle jener Schranke von Schaum und Dampf zu, wo das schon gefrorne und noch flüssige Element sich den Kampf lieferte. Die Gipfel der Eiszacken schwammen in ihrer glizzernden Glorie, als wollten sie ihr Flottsein bezeugen, und ich erinnerte mich, gehört zu haben, daß zu Zeiten, wenn ihr Grund geschmolzen, ganze Berge zusammen stürzten, und alles herum mit sich in den Abgrund rissen. Mir schien's nur ein Augenblick, und das Schiff war gänzlich umschattet von diesen erglänzenden Klippen, die langsam hin und her wallend, ihre gefrornen Häupter an tausend Fuß in der Luft wiegten. Ich sah erschreckt auf Noah, denn er schien uns mit Vorsatz in's Verderben stürzen zu wollen. Aber gerade als ich daran war, Vorstellungen zu machen, gab er ein Zeichen mit der Hand, und das Schiff bemeisterte den Wind. Doch war Rückkehr unmöglich, denn die Wuth der See schien zu mächtig, und der Wind zu stark, um uns hoffen zu lassen, das Wallroß lange zurückzuhalten, und sein Treiben auf die zackigen Spitzen zu verhindern, die zur Linken in eisiger Glorie erglänzten. Auch schien Kapitain Poke an so etwas gar nicht zu denken; denn statt den Wind zu stauchen, um vor der Gefahr zurück zu hufen, ließ er die Segel ganz viereckig legen, und wir rannen nun in großer Schnelle fast in einer Parallele mit der gefrornen Küste, obwohl wir uns ihr nach und nach näherten. »Haltet ganz voll, fahrt gerade zu, du Tiger Jim,« sagte der alte Robbenjäger, dessen Amtseifer gehörig aufgeregt war; »nun, Sir John, wir sind gerade auf der unrechten Seite dieser Eisberge, aus dem einfachen Grund, weil Springhoch südlich liegt. Wir müssen uns also zusammen nehmen, denn kein Boot, das jemals vom Stapel gelassen, könnte länger als eine oder zwei Stunden, bei einem solchen Wind hinter sich, sich von diesen Spitzen fern halten. Unsere Hauptabsicht muß jetzt sein, nach einem Loch zu schauen, um hinein zu fahren.« »Warum seid Ihr, bei Eurer Kenntniß von den Folgen, der Gefahr so nahe gegangen?« »Die Wahrheit zu sagen, Sir, Natur ist Natur, und ich werde mit dem Alter ein wenig kurzsichtig; ausserdem weiß ich nicht, ob die Gefahr gefährlicher wird, wenn man ihr ein Mal standhaft in's Gesicht sieht.« Noah erhob seine Hand, als wolle er keine Antwort, und wir beide sahen alsbald unverwandt ängstlich zur Linken. Vor dem Schiff öffnete sich eben eine kleine Bucht im Eis, von etwa einer Tau-Länge in Tiefe und einer Viertelmeile in seinem äußersten und vorgestreckten Theil. Ihre Form war regelmäßig, ein Halbkreis, aber an ihrem Hintergrund war das Eis, statt wie alles übrige, an dem wir vorbeigekommen, eine zusammenhängende Schranke zu bilden, durch eine schmale Oeffnung geschieden, die auf jeder Seite durch finstre Abhänge begrenzt war. Die zwei Berge näherten sich offenbar einander, aber es fand sich noch eine Meerenge, ein Wasserschlund zwischen ihnen, zweihundert Fuß weit. Wie das Schiff vorwärts ging, eröffnete sich der Paß, und wir hatten einen Blick auf die ferne Aussicht zur Linken. Es war nur ein leichter Blick, das ungeduldige Wallroß erlaubte uns nur einen Augenblick Untersuchung, aber er schien hinreichend zu den Zwecken des alten Robbenjägers. Wir waren schon über die Mündung der Bucht hinaus, und wieder nur auf Tau-Länge vom Eis; denn als wir, was man das Kap nennen konnte, näher hatten, fanden wir uns wieder in größerer Nähe mit dem drohenden Berg. Es war ein Augenblick, wo alles auf Entschlossenheit ankam; und glücklicher Weise brauchte unser Robbenfänger, der so vorsichtig und zögernd in einem Handel war, in eiligen Fällen nie zwei Mal mit seinen Gedanken zu Rathe zu gehen. Als das Schiff östlich von der Bucht um das Vorgebirg fuhr, eröffnete sich uns wieder eine Eiskurve, welche links etwas mehr Wasser ließ. Reffen war unmöglich, und das Steuer wurde dem Wind gerade entgegen gekehrt. Der Bogen des Wallrosses kehrte, und als es auf der nächsten Welle in die Höhe stieg, glaubte ich, der Rückprall werde uns rettungslos auf den Berg werfen. Aber das gute Fahrzeug, dem Ruder gehorsam, sauste herum, als würdige es selbst die Gefahr, und in weniger Zeit, als ich je gedacht, daß es sich drehen könne, hatten wir den Wind von einer andern Seite. Unsre Katzen und Hunde beeilten sich, denn, den Kapitain etwa ausgenommen, war niemand, dessen Herz nicht schnell und voll schlug. In weit weniger Zeit als gewöhnlich, wurden die Segel an einer andern Seite entfaltet, und das Schiff pflügte sich schwer westlich durch die See. Es ist unmöglich, jemanden, der nie in ähnlicher Lage gewesen, einen rechten Begriff von der fieberhaften Ungeduld, dem Ebben und Fluthen der Hoffnung zu geben, wenn man die krabbengleiche Bewegung eines Schiffs beobachtet, das im Sturm gegen den Wind sich fortdrängt. Jetzt, während die See unergründlich war, waren wir der Gefahr so nahe gekommen, daß auch nicht der kleinste ihrer Schrecken sich dem Auge verbarg. Während das Schiff sich fortarbeitete, sah ich die Wolken am Eisvorgebirg schnell im Wind dahin schießen, was zeigte, daß wir schnell fuhren, und bei unsrer Annäherung an den Punkt, ward unser Athmen mühsam und selbst hörbar. Hier nahm Noah einen Biß Tabak, ich glaube, um zum letzten Mal den köstlichen Saft zu genießen, sollten die Elemente sich verderblich erweisen, und dann ging er in eigner Person an das Rad. »Laßt's nach seinem Willen gehn,« sagte er, und gab mit dem Steuer etwas nach; »laßt's ein wenig laufen, oder wir werden alle Herrschaft über es verlieren in diesem Teufelstopf.« Das Fahrzeug fühlte die kleine Aendrung, und fuhr schneller durch die schäumende Brandung, uns in erhöhtem Lauf dem gefürchteten Punkt näher bringend. Als wir an's Vorgebirg kamen, fiel das Wasser in Schaum zurück aufs Verdeck, und für einen Augenblick schien der Wind ganz auszubleiben. Glücklicher Weise war das Schiff so weit vorgekommen, daß man schon die gute Wirkung eines kleinen Wechsels in der Fluth bemerkte, was von der Luft herrührte, die schief in die Bucht drang; und da Noah, beim Wenden des Steuers, diese Veränderung voraus gesehn, die wir einen Augenblick vorher so widrig gefunden, während wir östlich vom Vorgebirg gesteuert waren, kamen wir nun schnell um das Eiskap, ließen aber, mit des Schiffes Spitze nach ihrem Grunde gerichtet, die Bucht sich erst recht öffnen. Nur ein Augenblick blieb uns, um die Segel zum rechten Auffangen des Winds in der engen Straße zu richten. Indeß waren die beiden Berge immer näher an einander gerückt, so daß sie fast nur noch einen Bogen über die Tiefe bildeten, und auch den theilweise so nieder, daß es noch eine Frage war, ob hinlängliche Erhöhung sein würde, das Wallroß unten durch zu lassen. Aber Rückkehr war unmöglich, der Wind trieb das Schiff wild vorwärts. Die Weite des Durchgangs war jetzt wenig mehr als hundert Fuß, und es erforderte die sicherste Hand am Steuer, unsre Segelstangen von den gegenüber liegenden Abhängen fern zu halten, als das Schiff mit schäumenden Seiten in die Bucht stürzte. Der Wind trieb durch die Oeffnung mit schreckhafter Gewalt, heulend, als frohlocke er, einen Durchgang zu finden, durch den er seinen wilden Lauf fortsetzen könnte. Das Treiben von Wind und Wellen mag uns geholfen haben, beide wurden unaufhaltsam nach dem Engpaß gerissen, oder Kapitains Poke Geschicklichkeit that uns gute Dienste in dieser furchtbaren Lage; wie's auch sei, durch das eine oder das andre, oder auch beides zusammen, das Wallroß schoß so genau in die Bucht, daß es beide Eisränder vermied. Doch die obern Segelstangen waren nicht ganz so glücklich; kaum war das Schiff unter dem Bogen, als eine Welle es hob, und sein Hauptmast wider das Kap stieß. Das Eis erdröhnte und krachte über unsern Häuptern, große Stücke fielen vor und hinter unser Schiff, einige kamen herunter auf unser Verdeck. Ein großes Stück fiel kaum einen Zoll von Dr. Raisono's Schweif, der kaum der schrecklichen Noth entging, das Gehirn aus diesem Sitz aller Weisheit und Philosophie herausgeschlagen zu sehen. Dann war das Schiff durch den Engpaß, der sich alsbald nachher unter dem Donner eines Erdbebens vollständig schloß. Immer vom Wind getrieben, flogen wir schnell nach Süden hin, auf einem Kanal, nicht eine Viertelmeile breit, die Berge augenscheinlich auf jeder Seite vor uns sich schließend, und das Schiff, gleichsam der Gefahr sich bewußt, mit Kapitain Poke am Rad, das Aeußerste aufbietend. In weniger als einer Stunde war das schlimmste vorüber; das Wallroß trat in ein offnes Becken, mehrere Meilen weit, jedoch vollständig von Eisbergen umgürtet. Hier warf Noah einen Blick auf den Kürbis und sagte dann ohne viel Umstände barsch zu Doktor Raisono, daß er sich bedeutend in Bestimmung der Lage von Gefangen-Insel geirrt; so nannte er selbst die Stelle, wo die liebenswürdigen Fremdlinge in die Hände der Menschen gefallen. Der Philosoph hielt etwas fest an seiner Meinung, aber was helfen Reden im Angesicht von Thatsachen. Hier war der Kürbis und da die blauen Wasser. Der Kapitain äusserte nun freimüthig seine Zweifel, ob es überhaupt einen solchen Ort gäbe, wie Springhoch, und da das Schiff auf einer herrlichen Stelle zu solchem Zweck läge, schlug er mir geradezu, jedoch insgeheim, vor, wir wollten all die Monikins über Bord werfen, das ganze Polarbecken auf seiner Charte als völlig frei von Inseln darstellen, und so auf den Robbenfang ausgehen. Ich verwarf den Vorschlag als zu frühzeitig, als unmenschlich, ungastlich, ungeziemend und unausführbar. Es hätte über diesen Punkt ein sehr unangenehmer Streit zwischen uns entstehen können, denn Capitain Poke ward warm und schwur, ein guter Seehund mit dem rechten Fell sei hundert Affen werth, als zum Glück der Panther in dem Mastkorb ausrief, es trennten sich zwei von den Bergen südlich von uns, und er könne eine zweite Durchfahrt unterscheiden. Hierauf concentrirte Capitain Poke seine Flüche, und ließ sie wie eine Bombe herausfahren, steuerte aber alsbald nach der geeigneten Richtung hin. Um drei Uhr Nachmittags waren wir zum zweiten Mal über den Handschuh zwischen die Berge durchgefahren, und befanden uns wenigstens einen Grad näher dem Pol in einem zweiten Becken. Die Berge waren jetzt südlich ganz verschwunden, aber die See befand sich, weit wie das Auge reichte, mit Eisfeldern bedeckt. Noah fuhr ohne Besorgniß zu, denn das Wasser war seit unserm Eintritt in die erste Oeffnung ruhig gewesen; der Wind hatte nicht Kraft genug eine Welle zu erheben. Als wir nur noch eine Meile vom Rand der gefrornen und dem Anscheine nach unbegrenzten Ebene waren, ward das Schiff gestaucht und hielt. Seit das Schiff die Werfte verlassen, hatten sechs Arten von Segelstangen von so seltsamer Form unter dem Holzwerk gelegen, daß sie oft der Gegenstand der Unterhaltung zwischen mir und den Steuermännern waren, da keiner ihren Gebrauch zu sagen vermochte. Diese Stangen waren nicht von bedeutender Länge, fünfzehn Fuß höchstens und von gesunder englischer Eiche. Zwei oder drei Paar waren gleich, sie waren in Paaren, und bei jedem Paar war die eine Seite ähnlich mit verschiednen Theilen des Schiffbodens, nur daß sie hauptsächlich concav waren, während dieser mehr convex ist. Am einen Ende war jedes Paar fest zusammengefügt durch ein kurzes, massives, eisernes Band, etwa zwei Fuß lang, und am entgegengesetzten Ende war eine große Schraube in jedes Stück eingefügt und gehörig vernietet. Als das Wallroß zum Stehen gebracht worden, lernten wir zum ersten Mal den Gebrauch dieser ungewöhnlichen Vorkehrungen. Ein Paar der Hölzer von großer Festigkeit und Stärke ward über das Hintertheil hinabgelassen, und als es unter den Kiel gekommen, wurden in die Schrauben andre Stangen eingefügt, diese dann vorwärts nach dem Bauche des Schiffs gezogen, wo sie mit Tauen so befestigt wurden, daß das Eisenband gerade unter den Kiel kam, und die Hölzer selbst fest an jeder Seite des Schiffs anlagen. Da man sehr sorgfältig Zeichen auf das Schiff und die Hölzer gemacht, so paßten sie vollkommen. Fünf Paare wurden so an und in die Nähe des Bauchs befestigt, und ebenso viele hinten und vornen, alles nach der, Beschaffenheit des Schiffbodens. Vor- und Hinterstücke, die von einer Bekleidung zur andern reichten, wurden dann zwischen die um den Bauch des Schiffs gesetzt, jedes mit einer gewissen Anzahl von Rippen, nach oben und unten, dadurch bekam das Schiff einen äußern Schutz gegen die Eisfelder, eine Art Netz von Holz, was auf der Werfte alles so genau angepaßt worden, daß es fest anlag. Diese Vorkehrungen wurden erst gegen zehen Uhr am folgenden Morgen vollendet, wo dann Noah gerade auf eine sich eben im Eis vor uns sich zeigende Oeffnung losfuhr. »Mit unsrer Armirung werden wir nicht so schnell fortkommen,« bemerkte der vorsichtige alte Segler, »aber was uns an den Fersen abgeht, gewinnen wir am Boden.« Diesen ganzen Tag arbeiteten wir uns mühsam weiter, immer nach Süden. Des Nachts befestigten wir das Wallroß an ein Eisstück und erwarteten so die Rückkehr der Sonne. Gerade jedoch als der Tag dämmerte, hörte ich ein furchtbar an die Seite des Schiffs anprallendes Getös, und fand auf's Verdeck stürzend, daß wir gänzlich zwischen zwei ungeheure Eisfelder eingefangen waren, die sich einander zu keinem andern Zweck anzuziehen schienen, als um uns zu zermalmen. Hier zeigte Kapitain Poke's Vorkehrung ihre ganze Vortrefflichkeit. Geschützt durch die massiven Hölzer und falschen Rippen, widerstand der Bau des Schiffs dem Drucke, und da unter solchen Umständen etwas nachgeben mußte, ward zum Glück nichts als die Gravitation aufgehoben. Die Stangen, wegen ihrer Neigung, wirkten als Wellbäume, und die Bänder drückten wider den Kiel, so daß in einer Stunde das Wallroß nach und nach durch den mächtigen Andrang der Eismassen mit Beibehaltung seiner aufrechten Stellung aus dem Wasser emporgehoben wurde. Dieß Experiment war nicht sobald glücklich vor sich gegangen, als Herr Poke auf's Eis sprang und den Boden des Schiff's zu untersuchen anfing. »Hier ist eine trockne Werfte, Sir John,« rief der Seemann lachend; »ich werd' mir darauf ein Patent geben lassen, sobald ich nach Stonington komme.« Ein Gefühl der ruhigen Sicherheit, das mir fremd gewesen, seit wir unter's Eis gekommen, ward durch Noah's Gleichmuth und Selbstglückwunsch über sein sogenanntes Projekt, den Boden des Wallrosses zu untersuchen, in mir rege. Indeß trotz all der schönen Redensarten von Freude und Erfolg, die er uns, die wir keine Seeleute waren, spendete, war ich sehr geneigt zu denken, daß gleich andern Leuten von ausserordentlichem Geist er den großen Zweck der Eiswerfte erreicht, ohne daß er vorhergesehen oder berechnet gewesen. Doch dem sei, wie ihm wolle, alle Hände waren bald auf dem Eisstück mit Besen, Bohrern, Hämmern und Nägeln beschäftigt und die Gelegenheit zum Ausbessern und Reinigen ward sehr benutzt. Vier und zwanzig Stunden blieb das Schiff in derselben Stellung, fest wie eine Kirche, und einige von uns gaben schon der Furcht Raum, es möge auf den gefrornen Blöcken für immer bleiben. Dieß alles war nach Poke's Berechnungen im 78° 13' 26" der Breite vorgefallen, obwohl ich nie erfahren konnte, wie er sich diese genaue Kenntniß von unserm wirklichen Standpunkte verschaffte. In der Meinung, es möchte nicht übel sein, nach einem so langen und schwierigen Lauf einige genaure Begriffe über diesen Gegenstand zu bekommen, verschaffte ich mir den Quadranten vom Affen Bob, und brachte ihn auf das Eis, wo ich darauf, als auf einer besondern Gunst, bestand, unser Befehlshaber sollte, da das Wetter günstig und die geeignete Stunde nahe wäre, seinen natürlichen Instinkt durch einige Beobachtungen an der Sonne rektifiziren. Noah versicherte, ein alter Seemann, besonders ein Robbenjäger und ein Stoningtoner könne sich mit solchen geometrischen Operationen, wie er sie nannte, nicht abgeben; das passe noch und sei vielleicht nöthig für unsre Comptoir-Kapitaine mit seidnen Handschuhen, die zwischen New-York und Liverpool führen; die müßten wohl ihre Gläser abreiben und Sextanten putzen, denn sie wüßten kaum jemals, wo sie sich befänden, ausser dann; aber er brauche wenig den Sterngucker in seinem Leben herumzudrehen; er werde auch, wie er schon gesagt, kurzsichtig, und zweifle, ob er einen Gegenstand, wie die Sonne, die bekanntlich so viele tausend Millionen Meilen von der Erde entfernt wäre, noch recht unterscheiden könnte. Doch wurden diese Scrupel dadurch, daß ich die Gläser reinigte, gehoben; ich stellte für ihn ein Faß zurecht, damit er in der gewöhnlichen Erhöhung über seinem Horizont stünde und legte das Instrument in seine Hände. Die Steuerleute standen um ihn, bereit die Berechnung zu machen, wenn er die Abweichung der Sonne angäbe. »Wir treiben südlich, das weiß ich,« sagte Herr Poke, ehe er seine Beobachtung begann; »ich fühl' es in meinen Beinen; wir sind in diesem Augenblick 79° 36' 14", da wir seit gestern Mittag eine südliche Fahrt von mehr als achtzig Meilen gemacht haben. Nun gebt Acht auf meine Worte und seht, was die Sonne dazu sagen wird!« Als die Berechnungen gemacht waren, fand sich unsre Breite 79° 35' 47". Noah war etwas verblüfft über die Verschiedenheit, die er nicht annehmlich erklären konnte, da die Beobachtung ungewöhnlich gut und gewiß gewesen. Aber ein scharfsinniger Mann, der seine Ansicht hat, ist selten in Verlegenheit, hinlängliche Gründe zu finden, seine eigne Correktheit darzuthun, um die Mißgriffe andrer zu beweisen. »Ah, ich sehe, wie's ist,« sagte er nach ein wenig Nachdenken, »die Sonne ist falsch; es sollte mich nicht wundern, wenn die Sonne in diesen kalten Breitegraden ein wenig aus ihrem Lauf herauskäme. Ja, ja, die Sonne muß Unrecht haben!« Ich war zu sehr erfreut zu wissen, daß wir auf dem rechten Weg wären, um den Punkt zu bestreiten, und das Licht der Welt blieb unter der Anklage, manchmal zu irren. Dr. Raisono lispelte mir gelegentlich ins Ohr, es wäre eine Philosophensekte in Springhoch, die lange der Genauheit des Planetensystems mißtraut, und die selbst zu verstehen gegeben, die Erde in ihrer jährlichen Umwälzung bewege sich in einer Richtung, der ganz entgegengesetzt, welche die Natur beabsichtigt hätte, als sie den ursprünglichen Polar-Impuls gab, aber er für seine Person halte sehr wenig von diesen Ansichten, da er häufig zu bemerken Gelegenheit gehabt, wie eine große Classe Monikins mit ihren Ideen immer gegen den Strom gingen. Noch zwei Tage und Nächte ließen wir uns mit den Eisfeldern nach Süden treiben, oder so nah als möglich nach dem Hafen unsrer Wünsche. Am vierten Morgen war einiger Wechsel im Wetter; der Thermometer und Barometer stieg, die Luft ward mild und der größte Theil unsrer Hunde und Katzen, obwohl wir noch vom Eis umgeben waren, begann die Häute abzuwerfen. Dr. Raisono bemerkte diese Zeichen, und auf dem Eis hineilend, brachte er ein ziemliches Bruchstück davon mit; dieß ward in die Esse gethan, wo es, einige Zeit dem Feuer ausgesetzt, in einer gegebenen Anzahl Minuten, wie ich meinte sehr natürlich, zerschmolz. Dennoch ward der ganze Vorgang mit der größten Aengstlichkeit von der ganzen Monikins-Gesellschaft beobachtet, und als der Erfolg bekannt wurde, schlug die liebenswürdige und liebliche Chatterissa die kleinen Patschen vor Freude zusammen, und verrieth all die andern natürlichen Anzeichen des Entzückens, welche die Regungen des zarten Geschlechts andeuten, dessen so glänzender Schmuck sie war. Dr. Raisono ließ nicht lange auf eine Erklärung der Ursache einer so ungewöhnlichen Freude warten, denn bisher war ihr Benehmen durch die feine und ängstliche Rückhaltung ausgezeichnet gewesen, welche hohe Erziehung andeutet. Das Experiment hatte nach untrüglichen, wissenschaftlichen Beweisen der Monikinschen Chemie dargethan, daß wir schon unter dem Einfluß eines Dampfklimas wären, und ferner kein Zweifel über unsre endliche Ankunft im Polarbecken obwalten könnte. Der Erfolg zeigte, daß der Philosoph Recht hatte. Gegen Mittag wichen die Eisfelder, die den ganzen Tag über, was man nennt, ein schlüpfriges Aussehen angenommen hatten, plötzlich, und das Wallroß ging wieder mit großem Gleichmuth und Anstand in sein eigentliches Element zurück. Kapitain Poke verlor keine Zeit, die Schiffswehren weg zu machen, und da ein frischer Wind schon sehr gesättigt mit Dampf im Westen sich erhob, segelten wir dahin. Unser Lauf war ganz südlich, ohne Rücksicht auf's Eis, das vor unserm Bug wie dickes Wasser wich, und gerade als die Sonne unterging, kamen wir wieder in offne See, schwelgend im Genuß ihres herrlichen Climas. Die ganze Nacht über blieben die Segel am Schiff, und gerade als es Tag wurde, kamen wir an den ersten Meilenstein – ein untrügliches Zeichen, daß wir jetzt wirklich im Monikins-Land waren. Dr. Raisono hatte die Güte, uns die Geschichte dieser Phänomene mit dem Wasser zu erklären. Es scheint, als die Erde barst, wurde ihre ganze Rinde in diesen Theilen so in die Höhe gehoben, daß sie der See eine sehr gleichförmige Tiefe gab, nie mehr als vier Faden. Daraus folgt, daß keine vorherrschende Nordwinde je die Eisberge über 78º südlicher Breite treiben können, da sie ohne Ausnahme auf den Boden aufstoßen, sobald sie den äussern Rand der Polarbank erreichen. Die dünnen Eisflächen schmelzen daher, und so wird durch diese wohlthätige Vorkehrung die Monikins-Welt ganz frei gerade von der Gefahr gehalten, der gewöhnliche Gemüther sie am meisten ausgesetzt glauben könnten. Eine Zusammenkunft der Völker war vor ungefähr fünf Jahrhunderten gehalten worden; sie hieß die »Heilige Philo-Marine-Sicherheit-und-Find-Deinen-Weg-Allianz.« Auf diesem Congreß kamen die hohen contrahirenden Theile überein, eine Commission zur allgemeinen Sicherung der Seeschifffahrt zu ernennen. Eine der Hauptvorkehrungen derselben, die, beiläufig gesagt, aus sehr hohen Monikins bestand, war, massive Steinblöcke in gemessenen Entfernungen durch das ganze Bassin legen zu lassen, in die hernach andre aufrechte Steine eingefügt wurden. Die nöthigen Inschriften waren auf geeigneten Täfelchen geschrieben, und als wir dann einem schon genannten uns näherten, bemerkte ich, daß auf ihm ein Monikin auch in Stein ausgehauen war, den Schweif in einer geraden Linie ausgereckt, und wie Herr Poke versicherte, Süd gen West halb West zeigend. Ich hatte hinlängliche Fortschritte in der Monikins-Sprache gemacht, um beim Vorüberfahren »Nach Springhoch, 15 Meilen,« lesen zu können. Eine Monikins-Meile jedoch, erfuhren wir bald, ist gleich neun Englischen, und folglich waren wir unserm Hafen nicht ganz so nahe, als anfangs angenommen worden. Ich drückte jedoch meine große Freude aus, daß wir so recht auf dem Weg wären, und machte Dr. Raisono einige wohl verdiente Komplimente über den hohen Stand der Civilisation, den sein Geschlecht offenbar erreicht hatte. Der Tag wär' nicht fern, fügte ich hinzu, wo man vernünftiger Weise annehmen könnte, daß unsre Seen auch ihre schwimmenden Restaurants und Kaffeehäuser mit den nöthigen Schenken für die Matrosen haben würden; obwohl ich nicht recht sähe, was wir statt ihrer vortrefflichen Einrichtung mit den Meilensteinen wohl anordnen könnten. Der Doktor nahm mein Kompliment mit gehöriger Bescheidenheit an und sagte, ohne Zweifel würden die Menschen alle ihre Kräfte aufbieten, um gute Eß- und Trinkhäuser, wo sie nur immer errichtet werden könnten, zu haben; aber was See-Meilensteine beträfe, gab er mir recht, wäre wenig Hoffnung, bis erst die Erdrinde aufgetrieben würde, und nur noch vier Faden unter der Oberfläche der Wasser wäre. Andrer Seits hielt Kapitain Poke diese Verbesserung für sehr leicht. Er versicherte, es sei gar kein Zeichen von Civilisation, denn je weiter der Mensch käme, desto weniger brauche er Führer und Fingerzeige, und was Springhoch beträfe, könne jeder Schiffer leicht sagen, daß es Süd gen West halb West läge, immer eine Ablenkung von 135 engl. Meilen zugegeben. Bei diesen Einwürfen war ich still, ich hatte häufig Gelegenheit gehabt zu bemerken, daß die Menschen gewöhnlich einen Vortheil nicht gehörig würdigen, den sie der Vorsehung ohne ihr Zuthun verdanken. Gerade als die Sonne im Meridian stand, schrie es von oben »Land vornen.« Die Monikins waren ganz Lächeln und Dankbarkeit, die Mannschaft voll Bewundrung und Staunen, und ich selbst buchstäblich daran, aus der Haut zu fahren, nicht allein vor Entzücken, sondern auch wegen der ausserordentlichen Hitze der Atmosphäre. Unsre Katzen und Hunde begannen sich zu häuten, Bob mußte seine am meisten ausgesetzte Seite durch Entfernung der Unionsjacke schwächen, und Noah selbst erschien auf dem Verdeck in Hemd und Nachtmütze. Die liebenswürdigen Fremdlinge waren zu sehr beschäftigt, um sich daran zu stoßen, und ich schlüpfte in mein Staatszimmer, mich in mein seidnes Gewand zu werfen, das so bemalt war, daß es dem Fell eines Polarbären glich, ein Widerspruch zwischen Schein und Sein, der bei uns zu häufig ist, um je aus der Mode zu kommen. Wir näherten uns dem Lande mit großer Schnelle, da wir von einem Dampfzug getrieben wurden, und gerade als die Sonne am Horizont unterging, ließen wir die Anker in dem Aussenhafen der Stadt Aggregation fallen. Fünfzehntes Kapitel. Ankunft. Empfangsfeierlichkeiten. Einige neue Taufen. Ein offizielles Dokument. Terra firma Es ist immer angenehm, nach einer langen, ermüdenden, gefährlichen Reise glücklich anzukommen. Aber das Vergnügen wird beträchtlich erhöht, wenn der Besuch einem neuen Lande gilt, mit einem Dampfklima und einer ganz neuen Art von Bewohnern. Meine Lust vereinte sich noch mit dem Bewußtsein, daß ich den vier sehr interessanten und wohl erzognen Fremdlingen von wirklichem Nutzen gewesen, die durch ein Mißgeschick in die Hände der Menschen gebracht worden, und mir weit mehr als ihr Leben verdankten, die Wiedereinsetzung nämlich in ihre natürlichen und erworbenen Rechte, in ihre wahre Stellung in der Gesellschaft und in die heilige volle Freiheit. Der Leser kann sich daher denken, mit welcher innern Selbstzufriedenheit ich jetzt die Danksagungen der ganzen Monikins-Gesellschaft und ihre feierlichen Versicherungen annahm, nicht allein alles das, was sie vereint und besonders besitzen möchten, Güter und Würden, als zu meiner gänzlichen Verfügung stehend zu betrachten, sondern auch ihre Personen als meine Sklaven anzusehen. Freilich stellte ich so gering als möglich jeden kleinen Dienst dar, den ich ihnen etwa gethan, und versicherte meiner Seits, daß ich das ganze mehr als eine Vergnügungsreise, als wie eine Aufgabe betrachte, sie erinnernd, wie ich nicht nur einen Blick in eine neue Philosophie gethan, sondern auch, Dank dem Decimalsystem, bedeutende Fortschritte in ihrer alten und gelehrten Sprache gemacht. Diese Höflichkeiten waren kaum vorüber, als das Boot des Hafenkapitains bei uns anlegte. Die Ankunft eines Menschen-Schiffs war ein Ereigniß, das leicht Aufregung in einem Monikins-Lande hervorbringen konnte; und da man unsre Annäherung mehrere Stunden bemerkt, waren Vorkehrungen getroffen worden, uns einen gehörigen Empfang zu bereiten. Die Sektion der Academie, der der Schutz der »Wissenschaft der Anzeichen« anvertraut ist, ward auf Befehl des Königs schnell versammelt. Dieser spricht, beiläufig gesagt, nur durch den Mund seines ältesten ersten Vetters, der, nach den Fundamentalgesetzen des Reichs, für alle offizielle Akte (im Privatleben hat der König fast eben so viele Vorrechte, als jeder andre Monikin) verantwortlich, und wie recht und billig in staatsrechtlicher Beziehung die Funktionen der Augen, Ohren, Nase, des Gewissens und Schweifs des Monarchen auszuüben befugt ist. Die Gelehrten waren schnell, und da sie mit Methode und nach wohl begründeten Principien verfuhren, war ihr Rapport bald gemacht. Er enthielt, wie wir später erfuhren, sieben Blätter Einleitung, eilf Blätter Beweisführung, sechszehn Blätter Vermuthung und zwei Zeilen Schluß. Diese schwere Aufgabe für den Monikinschen Verstand wurde gehörig gelöst durch Vertheilung der Arbeit in eben so viele Stücke, als Mitglieder der Sektion gegenwärtig waren, nämlich in vierzig. Die Hauptsache ihrer Arbeit war, zu sagen, das ansichtig gewordne Schiff sei ein fremdes, es käme in ein fremdes Land, zu einem fremdartigen Zweck und sei von Fremden bemannt; seine Absichten seien wahrscheinlich eher friedlich als kriegerisch, da die Gläser der Academie [*Schreibfehler bei Silbentrennung korrigiert] keine Mittel zu schaden auf ihm entdecken konnten, mit Ausnahme gewisser wilder Thiere, die jedoch friedlich mit Lenkung des Schiffs beschäftigt schienen. All dieses war sententiös im reinsten Monikinsch ausgedrückt. Die Folge des Rapports war, daß alle feindliche Vorkehrungen abgestellt wurden. Nicht sobald war das Boot des Hafen-Kapitains am Ufer mit der Nachricht zurück, das fremde Schiff habe Mylord Chatterino, Mylady Chatterissa und Dr. Raisono an Bord, als längst des ganzen Strandes ein allgemeines Freudengeschrei erschallte. Alsbald befahl der König, – oder eigentlich sein ältester erster Vetter, die gewöhnlichen Bewillkommnungen seinen ausgezeichneten Unterthanen zu erweisen; eine Deputation junger Herren, die Hoffnung von Springhoch, kamen heran, ihren Genossen zu empfangen, während ein Kranz schöner Mädchen von hoher Geburt sich um die lächelnde, anmuthige Chatterissa drängte, ihr Herz durch ihre liebegewinnenden Liebkosungen und Glückwünsche erfreuend. Das edle Paar verließ uns in besondern Booten, jedes von einer gehörigen Suite begleitet. Wir vergaßen die kleine Nachlässigkeit, daß sie nicht Abschied von uns nahmen; Freude hatte sie ganz ausser sich gebracht. Zunächst kam eine lange Procession von lauter hohen Zahlen, alle von »braun-Stubenfarbe.« Diese gelehrten, würdevollen Personen waren eine Deputation von der Academie; sie hatte nicht weniger als vierzig geschickt, Dr. Raisono zu empfangen. Das Zusammentreffen der Monikinität und der Wissenschaft trug den Stempel der höchsten Vernunft. Jede Sektion (es sind deren in der Academie von Springhoch vierzig) hielt eine Rede, die alle Dr. Raisono gehörig beantwortete, immer genau dieselben Gedanken beibehaltend, aber den Gegenstand durch Versetzungen variirend, wie bekanntlich Wörterbücher durch die sinnreichen Combinationen der 24 Buchstaben zu Stande kommen. Dr. Raisono entfernte sich mit seinen Gefährten zu meinem Erstaunen Kapitain Poke und mir nicht einen Gran mehr Aufmerksamkeit schenkend, als in jedem hoch civilisirten Land der Christenheit bei einer ähnlichen Gelegenheit von einer Gesellschaft Gelehrter der zufälligen Gegenwart von zwei Affen geschenkt werden würde. Ich dachte, das fange schlecht an, und schon regten sich Gefühle, wie sie Sir John Goldenkalb, Baronet, von Householder-Hall im Königreich Großbritanien zukamen, als meine Gedanken durch die Ankunft der Registrirungs- und Circulirungs-Beamten abgewandt wurden. Es war das Amt der letztern, uns die geeigneten Pässe zu geben, um an's Land und darin herum gehen zu können, nachdem die erstern vorher unsre Zahlen und Farben gehörig einregistrirt hätten, um uns dadurch unter die Taxen zu bringen. Der Registrirungs-Beamte war durch lange Praxis sehr schnell; er entschied sogleich, daß ich für mich eine neue Klasse bildete, von der ich natürlich Nro. 1. war. Der Kapitain und seine zwei Steuerleute bildeten eine zweite, Nro. l. 2. und 3. – Bob bekam auch eine Klasse für sich, und die Ehren von Nro.1. und das Schiffsvolk bildete wieder eine; sie wurden nach ihrer Größe gezählt, da das Register ihre Verdienste nur für körperlich hielt. Dann kam der wichtige Punkt der Farbe, wovon die Qualität der Klasse oder Kaste abhing, da die Zahlen nur unsre respektiven Stellungen in den besondern Divisionen andeudeten. Nach vielem Berathschlagen und Fragen ward ich Nro. 1. fleischfarben einregistrirt; Noah, Nro. 1., meergrün, und seine Steuerleute ebenso Nro. 2. und 3. Bob, Nro. 1., Schmutzfarben, und die Schiffmannschaft, Nro. 1. 2. 3. etc. Theerfarben. Der Beamte rief nun seinen Beigegebenen mit einer Art heiß gemachter Stricknadel heranzukommen, um uns allen nach der Reihe den offiziellen Stempel aufzudrücken. Zum Glück für uns, war Noah der erste, an den sich das Stempelamt wandte, daß er sich entblöße und zur Operation geschickt mache. Die Folge war einer jener Ausbrüche beredten, logischen Scheltens und remonstrirender Ausrüfe, denen jede neue persönliche Kraftäußerung in dem Robbenfänger nie Luft zu machen verfehlte. Seine Rede bei dieser Gelegenheit kann in folgende Hauptstücke eingetheilt werden, die alle sehr artig durch die gewöhnlichen Ausfüllpartikeln und Bilder verschönert waren. »Er sei kein Vieh, gebrannt zu werden wie ein Pferd, noch ein Sklave, sich behandeln zu lassen wie ein Congo-Neger; er sehe nicht die Nothwendigkeit ein, Menschen zu markiren, die schon hinlänglich von Affen unterschieden wären; Sir John habe ein Wörtchen vor seinem Namen, und wenn er wolle, möge er sich, des Gleichgewichts wegen, auch etwas hintenhin machen lassen, aber er brauche kein Anhängsel dieser Art und sei zufrieden mit dem simpeln Noah Poke; er sei Republikaner, und es sei antirepublikanisch, eingegrabene Zeichen an sich herumzutragen; er glaube auch, es heiße der heiligen Schrift zu nahe treten, oder was noch schlimmer sei, ihr den Rücken wenden; das Wallroß habe an seinem Hintertheil in guten lesbaren Buchstaben seinen Namen, und das wäre genug für sie beide!« er versicherte, verschwur seine Augen, er wolle nicht gebrandmarkt sein, wie ein Dieb; er wünsche sogleich den Großsiegelbewahrer zum Teufel, er bestand darauf, die ganze Gewohnheit habe gar keinen Nutzen, wenn man nicht alles vor sich wegstieße und gerade vorwärts in eine Gesellschaft träte, eine Rohheit, über welche menschliche Natur sich empörte; er kenne in Stonington einen Mann, der fünf Namen hätte, und er möchte doch wissen, was sie mit ihm anfangen wollten, wenn diese Gewohnheit dort aufkäme; er habe nichts gegen ein wenig malen, aber eine glühend rothe Stricknadel solle mit seinem Fleisch nicht Bekanntschaft machen, so lange er auf seinem Verdeck herumschreite.« Der Siegelbewahrer hörte auf diese Vorstellungen mit seltner Geduld und Mäßigung, eine Artigkeit, die wahrscheinlich daher rührte, daß er kein Wort von dem Gesagten verstand. Aber es giebt eine allgemeine Sprache, und es ist eben so leicht zu verstehen, wenn ein Mensch leidenschaftlich ist, als jedes andre gereizte Thier zu erkennen. Der Offizier des Einregistrirungs-Departement fragte bei dieser Beobachtung mich höflichst, ob nicht etwa ein Theil seiner Amtspflichten ganz besonders Nro. 1. meergrün unangenehm wäre. Als ich gestand, der Kapitain weigre sich des Brandmals, zuckte er die Schultern, und bemerkte, daß die Gebote des Staats selten angenehm wären, aber Amtspflicht sei Amtspflicht, die Stempelakte laute peremtorisch, und kein Fuß von uns könne Springhoch betreten, bis wir alle auf diese Art in vollkommner Uebereinstimmung mit der Registrirung versehen wären. Ich war sehr in Verlegenheit, was bei diesem unbezwinglichen Vorsatz des Beamten, seine Pflicht zu erfüllen, zu thun sei; denn, die Wahrheit zu gestehen, meine eigne Haut hatte ganz eben so großen Abscheu vor der Operation, als nur immer die des Kapitains; es war nicht sowohl das Princip, als die Neuheit der Anwendung, die mich zur Verzweiflung brachte, denn ich war schon zuviel gereist, um nicht zu wissen, daß ein Fremder selten ein civilisirtes Land betritt, ohne mehr oder weniger geplagt zu werden, und daß nur die ganz Wilden ihn ungeschoren durchlassen. Es fiel mir plötzlich ein, daß die Monikins all den Rest ihrer besondern Vorräthe an Bord zurückgelassen, der aus einer großen Menge der herrlichsten Nüsse bestand. Ich ließ einen Sack der besten holen, und ihn in des Registrators Boot bringen, indem ich sagte, ich wisse, sie seien seiner ganz unwürdig, aber ich hoffte, wie sie wären, würde er mir erlauben, sie seiner Frau zum Geschenk zu machen. Diese Aufmerksamkeit ward gehörig empfunden und aufgenommen, und einige Augenblicke nachher wurde mir ein Certifikat folgenden Inhalts eingehändigt, nämlich: »Springhoch, Versprechen-Zeit, Ausführungstag.« »Dieweil gewisse Individuen von der Menschenklasse sich kürzlich zur Einregistrirung nach dem Statut: Unter Förderung der Ordnung und Classifizirung und über Eintreibung der Steuern« gestellt haben, und Dieweil diese Personen noch in der zweiten Classe des animalischen Prüfungsstandes stehen, und körperlichen Eindrücken mehr erliegen als die höheren oder Monikins-Arten, – So sei nun kund und zu wissen allen Monikins, daß sie mit Farbe gestempelt sind, und zwar nur nach ihrer Nummer, da jede Classe unter ihnen leicht von den andern an äusseren und unauslöschlichen Zeichen zu unterscheiden ist. Unterzeichnet, Nro. 8020, Amts-Farbe.« Es wurde mir gesagt, alles, was wir nun zu thun hätten, wäre, uns mit Farbe oder Theer, wie wir wollten, zu markiren, der letztre wurde für die Schiffsmannschaft empfohlen; wir brauchten nur die Nummern, und wenn wir an's Land kämen und ein Gensdarme fragte, warum wir nicht den gesetzlichen Stempel an uns hätten, was sehr möglich wäre, da das Gesetz keine Ausnahme mache, brauchten wir nur das Certifikat zu zeigen, und wenn das nicht hinlänglich, so wären wir ja Leute von Welt, und verstünden den Lauf der Dinge zu gut, um uns erst den einfachen Satz in der Philosophie lehren zu lassen: Gleiche Ursachen gleiche Wirkungen! Er setze nämlich voraus, ich könne seine Verdienste nicht so sehr überschätzt haben, daß ich alle meine Nüsse in sein Boot gebracht. Ich gestehe, es that mir nicht sehr leid, den Offizier diese Winke geben zu hören, denn sie überzeugten mich, daß meine Reise durch Springhoch mit weniger Schwierigkeiten verbunden sein würde, als ich gedacht, da ich jetzt klar bemerkte, daß die Monikins nach Grundsätzen verfahren, die nicht wesentlich von denen der Menschheit überhaupt verschieden sind. Der gefällige Registrator und der Siegelbewahrer verabschiedeten sich zusammen, worauf wir alsbald der Anweisung gemäß uns zu numeriren anfingen. Da der Grundsatz schon fest stand, war seine Anwendung uns weiter nicht schwer, Noah, Bob, ich, die größten der Seeleute waren alle Nro. 1, die andern folgten. So ward es Nacht, die Wachboote erschienen auf dem Wasser und wir verzögerten unsre Ausschiffung bis zum Morgen. Alles war früh auf. Es war festgesetzt worden, Capitain Poke und ich, von Bob als Diener begleitet, wollten landen, um eine Reise durch die Insel zu machen, während das Wallroß der Obhut der Steuerleute und Matrosen überlassen blieb; sie hatten Erlaubniß, von Zeit zu Zeit an's Land zu gehen, wie dieß gewöhnlich bei allen Seeleuten im Hafen ist. Es brauchte viel Fegen und Schaben, ehe die ganze Gesellschaft in geeignetem Aufzug für diese Gelegenheit auf dem Verdeck erscheinen konnte. Poke trug ein dünnes Linnengewand, herrlich geeignet, ihm das Ansehen eines Seekalbs zu geben; eine Täuschung, die nicht nur seinem Herzen angenehm, und zu seinen Gewohnheiten passe, sondern auch etwas kühles, angenehmes habe, ganz und gar mit einem Dampf-Klima übereinstimmend. Ich stimmte mit dem Seehundfänger ganz überein, da ich gar keinen Unterschied zwischen diesem Gewand und gänzlicher Nacktheit zu finden vermochte. Mein Anzug war nach eignem Plan nach dem socialen Anhaltspunkt-System eingerichtet, oder mit andern Worten, es hatte etwas von fast allen Thieren in Exeter Change. In diese Menagerie war der Künstler, der es gemalt, ganz besonders geschickt worden, um die Natur zu berathen. Bob trug das Bild, wie sein Herr sich ausdrückte, von einem Pavian. Die Monikins waren viel zu gebildet, um bei unsrer Landung mit unbescheidner, lästiger Neugier sich um uns herumzustellen. Vielmehr wurden wir ohne Beschwerde und Hindrung bis zur Hauptstadt selbst zugelassen. Da es weniger meine Absicht ist, das Physische zu beschreiben, als mich über die Philosophie und moralische Seite von Springhoch auszulassen, werde ich von ihren Häusern, häuslichen Einrichtungen und andern Fortschritten in den Künsten nicht viel mehr sagen, als man nebenbei im Verlauf der Erzählung abnehmen kann. Es mag hinreichen zu bemerken, daß in diesem Punkt die Springhoch-Monikins gleich den Menschen ihre Bequemlichkeit berücksichtigen, oder sie zu berücksichtigen glauben, – was, so lange sie's nicht besser wissen, offenbar dasselbe ist, und zwar in jeder Hinsicht, den Beutel allein ausgenommen; und daß sie sehr löblich, es immer wie ihre Väter vor ihnen machen, sich selten Aenderungen erlaubend, es sei denn, sie hätten etwa die Empfehlung des »ausländischen« für sich, wo sie denn freilich angenommen werden, offenbar des großen Vorzugs wegen, daß sie als einem andern, fremden Zustand der Dinge angemessen erprobt worden sind. Unter den ersten, auf die wir trafen, als wir auf den großen Platz von Aggregation traten (so könnte man etwa den Namen der Hauptstadt von Springhoch wiedergeben) war Mylord Chatterino. Er spazierte freudig mit einer Gesellschaft junger Adligen herum, die alle ihre Jugend, Gesundheit, ihren Rang und ihre Vorrechte mit unendlichem Gout zu genießen schienen. Wir begegneten ihnen so, daß dadurch ein Entfliehen vor gegenseitigem Wiedererkennen unmöglich wurde. Zuerst schloß ich aus seinem abgewendeten Auge, es habe unser früherer Schiffsgenosse die Absicht, unsre Bekanntschaft als eine von den gefälligen Begegnungen zu betrachten, wie wir sie alle bekanntlich an Bädern, auf Reisen, auf dem Lande haben, und die in der Stadt aufzudringen von schlechter Erziehung zeugen würde; oder, wie Kapitain Poke es später bezeichnete, wie eine Bekanntschaft zwischen einem Engländer und einem Amerikaner, die im Hause des letztern gemacht worden, und bei besserm Wein als irgend wo sonst gefunden wird, die aber, soviel man weiß, noch nie den Einwirkungen des Britischen Nebels hat widerstehen können. »Ei, Sir John,« fuhr der Robbenjäger fort, »ich nahm ein Mal einen Eurer Landsleute unter meine Fittiche, zu Stonington, während des letzten Kriegs. Er war ein Gefangener, wie wir immer Gefangne machen, das heißt, er ging und that, so ziemlich, was er wollte; der Bursche bekam das beste von allem; Brandweinsyrup, ein Spahn hatte drinn stehen können, Schinken, ein Schiffsmast hätte sich nach ihm biegen mögen, und Neu-England-Rum, ein König hätte sich zu ihm hingesetzt, wäre aber nicht wieder davon weggekommen; – nun, was war das Ende von allem? so wahr wir unter diesen Affen sind, der Kerl brachte mich in's Buch! Hätte ich nur halb soviel in's Buch gebracht, als er verschlang, der Betrag wäre über die Competenz eines jeden Friedensgerichts im Lande gewesen. Er sagte darin, mein Schnapps war dünn, das Fleisch mager und der Rum infernalisch! das war Wahrheit und Dankbarkeit; er ließ das ganze drucken, als ein Müsterchen von dem, was er amerikanische Lebensart nannte.« Da erinnerte ich denn meinen Gefährten, daß ein Engländer auch nicht Wohlthaten aus Zwang anzunehmen liebe; daß, wenn er auf einen Fremden in seinem Lande trifft, und Herr über seine Handlungen ist, niemand besser wahre Gastfreundschaft zu erweisen versteht, wie ich ihm eines Tags zu Householder-Hall zu beweisen hoffte; übrigens müsse er bedenken, daß ein Engländer Amerika nur wie das Land ansähe, und es von übler Erziehung zeuge, eine dort gemachte Bekanntschaft geltend machen zu wollen. Noah war wie die meisten Leute in allen Stücken sehr billig, die nicht mit seinen Vorurtheilen und Ansichten in Berührung kamen, und gab sehr gerne die Nichtigkeit meiner Bemerkung im Allgemeinen zu. »Es ist so ziemlich, wie Ihr sagt, Sir John,« fuhr er fort. »In England preßt Ihr Leute, aber Gastfreundschaft zu erpressen, das ginge nicht; ein Freiwilliger wär' was anders. Ich hätte mich nicht sehr um des Hasenfußes Buch bekümmert, wenn er nur nichts gegen den Rum gesagt. Ei, Sir John, als die Engländer Stonington mit Achtzehnpfündern bombardirten, schlug ich vor, unsern alten Zwölfer mit einer Gallone gerade aus demselben Faß zu laden, das hätte den Schuß wenigstens eine Meile weit getrieben.« Aber diese Abschweifung bringt mich von meiner Erzählung ab. Mylord Chatterino drehte den Kopf ein wenig seitwärts, als wir vorübergingen, und ich ging mit mir zu Rathe, ob es unter den Umständen wohlgezogen sein würde, ihn an unsre alte Bekanntschaft zu erinnern, als die Frage durch Kapitain Poke entschieden ward. Er nahm eine Position an, daß es nichts leichtes war, um ihn, durch ihn oder über ihn zu kommen, oder er legte sich, was er nannte, »quer über seinen Lauf.« »Guten Morgen, Mylord,« sagte der schlichte gerade Seemann, der gewöhnlich alles anfaßte, wie wenn er an einen Seehund ging. »Ein schöner warmer Tag, und der Landgeruch nach einer so langen Fahrt ist der Nase ganz angenehm, wie beschwerlich auch immer das Auf- und Absteigen den Beinen sein mag.« Die Begleiter des jungen Edlen machten erstaunte Mienen; und einige von ihnen, fürcht' ich, verriethen trotz dem, daß Würde und Ernst der Monikins-Physiognomie eigen sind, einige Neigung zum Lachen. Nicht so Mylord Chatterino selbst. Er musterte uns einen Augenblick durch ein Glas und schien dann plötzlich und im Ganzen angenehm erstaunt über unser Erscheinen. »Wie, Goldenkalb!« rief er erstaunt; »Sie in Springhoch! das ist in der That eine unerwartete Freude, denn ich kann jetzt meinen Freunden einige von den Thatsachen beweisen, wovon ich eben aus eigner Erfahrung sprach. Hier sind zwei von der Menschengattung, Leute, wovon ich Euch so eben sagte« – – und als er in seinen Gefährten eine Neigung zum Lachen bemerkte, stellte er sich ausserordentlich ernst: »haltet Euch ein wenig, Ihr Herrn, bitte. – Das sind würdige Leute, versichere Euch, – nach ihrer Weise und dürfen nicht verlacht werden. Ich wüßte kaum selbst in unsrer eignen Marine einen bessern und kühnern Segler, als diesen ehrlichen Seemann; und was den bunthäutigen da betrifft, kann ich Euch sagen, er ist wirklich eine Person von einiger Wichtigkeit in seinem kleinen Kreise. Er ist, glaube ich, ein Par – Par – nicht wahr, Sir John, ein Par – –« »Parlamentsglied, Mylord, ein M. P. « »Ach, ich wußt's wohl ein M. P. oder Parlamentsglied in seinem Land, was, glaube ich, bei seinem Volk so etwas ist, wie etwa bei uns ein öffentlicher Ausrufer der Gesetze, die von Sr. Majestät ältestem ersten Vetter ausgehen; so etwas, – eh, – s'ist – nicht? Sir John!« »So etwas, Mylord.« »Ganz recht, Chatterino;« fiel einer der jungen Monikins mit einem sehr verlängerten Schweif ein, den er fast senkrecht trug; »aber was wäre selbst ein Gesetzmacher, nichts zu sagen von einem Gesetz-Verlacher wie wir? Ihr solltet bedenken, mein Lieber, daß ein bloßer Titel oder ein Stand kein Zeichen von wahrer Größe ist; daß das Wunder eines Dorfs ein sehr gewöhnlicher Monikin in der Stadt sein kann.« »Poh, Poh,« unterbrach Lord Chatterino, »du bist immer für Verfeinerung, Sir John Goldenkalb ist eine sehr ehrbare Person auf der Insel a – a; wie nennt Ihr die besagte Insel, Goldenkalb?« »Groß-Britanien, Mylord.« »Ja, ganz recht, Groß – Groß – Er ist eine angesehene Person, das darf ich sicher behaupten in Groß-Hoß ( Great Breeches ). Ich glaube, er besitzt keinen kleinen Theil davon selbst. Wie viel, Sir John, wenn wir die Wahrheit sagen?« »Nur das Gut und Dorf Householder, Mylord, mit einigen zerstreuten Meierhöfen hier und da.« »Nun, das ist nicht übel, freilich; dann haben Sie Geld bei der Hand?« »Und wer ist Ihr Schuldner?« fragte schnippig der Baumläufer Hochschweif. »Niemand anders, Mylord Hochschweif, als Großbritanien selbst.« »Herrlich, hört! Eines Adligen Vermögen in dem Schuh von – von Gro – Griech –« »Groß – Hoß!« fiel Lord Chatterino ein, der, ob wohl er schwur gegen seinen Freund, er sei ganz böse auf ihn wegen seiner Ungläubigkeit, doch sich selbst Gewalt anthun mußte, um nicht mitzulachen; »es ist ein sehr hübsches Land, versichre Euch; ich erinnre mich kaum, bessere Stachelbeeren irgendwo gegessen zu haben.« »Was, haben sie wirklich Gärten, Chatterino?« »Gewiß, so'ne Art, und Häuser und öffentliche Anstalten und selbst Universitäten.« »Du meinst doch gewiß nicht damit, daß sie ein System haben?« »System, freilich, sie sind so an den Anfangsgründen. Ich kann freilich nicht sagen, daß sie ein System haben.« »O ja, Mylord, – sicher wir haben eins, das sociale Anhaltpunkts-System.« »Frag das Geschöpf,« lispelte hörbar der verächtliche Thor Hochschweif, »ob er selbst jetzt ein Einkommen hat.« »Wie ist's, Sir John, habt Ihr ein Einkommen?« »Ja, Mylord, hundert und zwölf Tausend Souverains das Jahr.« »Was, was,« fragten zwei oder drei Stimmen mit vornehmem, unterdrücktem Eifer; »Souverains, das heißt ja König!« Es scheint, die Springhocher, obgleich sie nur des Königs ältestem ersten Vetter gehorchen, verrichten doch alle offizielle Akte im Namen des Souverains selbst, für dessen Person und Charakter sie ziemlich allgemein die tiefste Verehrung zeigen; gerade wie wir Bewundrung vor einer Tugend äußern, die wir doch nie ausüben. Meine Erklärung erregte daher großes Staunen und ich mußte mich bald erklären. Das that ich ganz der Wahrheit gemäß. »Ah Gold, das heißt Souverain!« riefen drei oder vier herzlich lachend. »Wie, sind denn deine berühmten Groß-Hoßen-Männer, Chatterino, noch so weit in der Kultur zurück, daß sie Geld haben? Hört, Signor Baldkalb, habt Ihr kein Geld in Promessen?« »Ich weiß nicht, Sir, ob ich die Frage recht verstehe.« »Ei, wir armen Barbaren, die, wie Ihr uns seht, nur in einem Zustand der Einfachheit und Natur leben,« es lag in jeder Silbe, die der unverschämte Schelm sprach, Spott und Ironie; »wir armen Wichte, oder vielmehr unsre Vorfahren, machten die Entdeckung, daß der Bequemlichkeit wegen, (da, wie Ihr sehet, wir keine Taschen haben,) es gut sein würde, all unsre Münze in Promessen zu verwandeln. Nun wollte ich fragen, ob Ihr so etwas habt.« »Nicht als Münze, aber als verwandt damit, Sir, haben wir deren reichlich.« »Er spricht von verwandt, als spräche er von einem Stammbaum. Seid Ihr wirklich, Herr Schulterkalb, so weit zurück in Eurem Land, daß Ihr nicht die ungeheuren Vortheile einer Münze in Promessen kennt?« »Da ich nicht genau die Art dieser Münze begreife, Sir, kann ich Ihre Frage nicht recht beantworten.« »Laßt es uns ihm erklären, denn ich gestehe, ich bin wirklich neugierig, seine Antwort zu vernehmen. Chatterino sei du, du bist etwas mit des Wesens Gewohnheiten bekannt, unser Dollmetsch.« »Die Sache ist die, Sir John. Etwa vor fünf hundert Jahren, als unsre Vorfahren jene Stufe in der Civilisation erreicht hatten, wo sie den Gebrauch der Taschen ablegten, fanden sie nöthig, an die Stelle der Metallmünze eine andre zu setzen, da jene unbequem zum Tragen war, geraubt und nachgemacht werden konnte. Das erste war, ein leichteres Surrogat zu versuchen; Gesetze ergingen, wodurch Linnen und Wolle roh Werth erhielten; dann gesponnen und verarbeitet, dann beschrieben und in kleine Stücke verwandelt, bis nachdem es die verschiednen Stufen durchgemacht, Packpapier, Braunpapier, Löschpapier, und nachdem man den Plan gehörig vorbereitet hatte und das Vertrauen gänzlich gewonnen war, das System durch ein coup-de-main vollendet ward, Versprechen, wörtliche Promessen an die Stelle aller andern Münze traten. Ihr seht den Vortheil auf den ersten Blick. Ein Monikin kann ohne Taschen und Gepäck reisen und doch eine Million bei sich führen; das Geld kann nicht nachgemacht, nicht gestohlen, nicht verbrannt werden.« »Aber Mylord, bringt es nicht den Preis des Eigenthums herab?« »Gerade das Gegentheil; ein Acre, der früher für eine Promesse gekauft ward, beträgt jetzt tausend.« »Das ist freilich eine Verbesserung; wenn nur nicht Fallimente – –« »Gar nicht. Es fand sich kein Bankrott in Springhoch, seit das Gesetz die Promesse als legale Münze creirte.« »Ich wundre mich, daß kein Schatzmeister je daran daheim dachte.« »So viel von Eurem Großhoß, Chatterino!« und dann erschallte ein zweites und sehr allgemeines Lachen. Ich fühlte nie so tief meine nationale Erniedrigung. »Da sie Universitäten haben,« rief ein andrer Thor, »so hat vielleicht diese Person eine von ihnen besucht.« »Freilich, Sir,« antwortete ich, »ich bin nach aller Regel graduirt.« »Es ist nicht leicht zu sagen, was er mit seiner Wissenschaft angefangen hat, denn obwohl ich nicht kurzsichtig bin, kann ich doch nicht die geringste Spur von einem Schweif an ihm bemerken.« »Ach!« erklärte Lord Chatterino gutmüthig, »die Bewohner von Groß-Hoß tragen ihr Gehirn in ihren Köpfen.« »In ihren Köpfen!« »Köpfen!« »Das ist vortrefflich, bei Sr. Maj. Prärogativen. Hier rächt sich die Civilisation.« Ich glaubte nun, das allgemeine Lachen würde mich zu Boden werfen. Zwei oder drei kamen wie vor Erbarmen oder Neugier näher und zuletzt rief sogar einer, ich trüge wirklich Kleider. »Kleider, der Schelm. Chatterino, tragen alle deine menschlichen Freunde Kleider?« Der junge Pair mußte die Wahrheit gestehen und nun erhob sich solch ein Geschrei, als etwa unter den Pfauen entstanden sein mag, als sie die Dohlen unter sich verkleidet entdeckten, Menschen-Natur konnte nicht länger aushalten, ich verbeugte mich vor der Gesellschaft und Lord Chatterino sehr eilig guten Morgen wünschend, ging ich auf's Wirthshaus zu. »Vergeßt nicht nach Chatterino-Haus zu kommen, Goldenkalb, ehe Ihr absegelt,« rief mein früherer Reisegefährte, sah über seine Schulter und nickte mir sehr freundlich zu. »König!« rief Kapitain Poke, »der Schurke fraß einen ganzen Brod-Kasten voll Nüsse auf unsrer Reise und jetzt sagt er uns, nach Chatterino-Haus zu kommen, ehe wir absegeln.« Ich versuchte, den Robbenjäger durch Anrufung seiner Philosophie zu beruhigen. Freilich vergäßen die Menschen nie Wohlthaten und wären ausserordentlich ängstlich darin, sie zu erwiedern; aber die Monikins wären ein gar unterrichtetes Volk; sie dächten mehr an ihre Seele als an ihren Leib, wie man klar sähe, wenn man die Kleinheit des letztern mit der Länge und Ausbildung des Sitzes ihres Verstandes betrachte. Ein Mann von seiner Erfahrung müsse wissen, daß gute Erziehung offenbar eine sehr willkührliche Sache ist, daß wir ihre Gesetze achten müssen, obwohl sie unsern frühern Gewohnheiten entgegen sind. »Ich hoffe, Freund Noah, Ihr habt einen wesentlichen Unterschied zwischen den Sitten von Paris z. B. und denen von Stonington bemerkt?« »Freilich, Sir John; freilich, und zwar zum Vortheil von Stonington.« »Wir haben alle die Schwachheit, unsre Sitten für die besten zu halten; und wir müssen viel gereist sein, ehe wir über so schwierige Punkte entscheiden können.« »Und haltet Ihr mich nicht für einen großen Reisenden? Bin ich nicht sechszehn Mal auf dem Seehundfang gewesen, zwei Mal auf dem Wallfischfang, ohne meine Querreise über Land und diese letzte Tour nach Springhoch zu rechnen.« »Ja, Ihr seid über viel Land und Wasser gegangen, Herr Poke, und Euer Aufenthalt ist gerade lange genug gewesen, die Fehler aufzufinden. Gebräuche muß man tragen, wie Schuhe, ehe man sagen kann, ob sie passen.« Vielleicht würde Noah geantwortet haben, wäre nicht Mademoiselle Vigilanza Lynx in diesem Augenblicke auf eine Weise herbeigeschlichen, die zeigte, daß sie über ihre glückliche Rückkehr sehr erfreut war. In der That, während ich sie zu vertheidigen suchte, war ich durch Mylord Chatterino's Gleichgültigkeit innerlich insgeheim etwas contrariirt, wie die Franzosen es nennen, da ich sie bald der Art und Weise zuschrieb, wie etwa ein Pair des Reichs Springhoch de haut en bas einen blosen Baronet von Großbritanien oder Groß-Hoß (wie der junge Edle hartnäckig unser berühmtes Land nannte) betrachten würde. Nun, da Mademoiselle Vigilanza von »röthlicher Farbe,« einer untern Klasse war, zweifelte ich nicht, sie würde eben so gern ihre Bekanntschaft mit Sir John Goldenkalb von Householder-Hall anerkennen, als die andern sich gern davon frei machten. »Guten Morgen, gute Mademoiselle Vigilanza,« sagte ich zutraulich und bemühte mich, auf eine Art zu grüßen, daß sich dabei ein Schweif bewegt haben würde, wenn ich damit versehen gewesen; »guten Morgen, es freut mich, Sie am Ufer wieder zu treffen.« Ich erinnere mich nicht, daß Vigilanza, während unsrer ganzen Bekanntschaft besonders spröde oder zurückhaltend in ihrem ganzen Benehmen gewesen: es war aber bescheiden und lobenswerth. Jetzt indeß täuschte sie alle vernünftige Erwartung, schreckte zurück und stieß einen leichten Schrei aus und eilte davon, als wenn wir sie beißen wollten. In der That, ich kann ihr Betragen nur mit dem eines Frauenzimmers bei uns vergleichen, das so voller Eitelkeit ist, daß sie glaubt, alle Augen hingen an ihr, und sich ein Ansehn wegen eines Hunds oder einer Spinne geben will, weil sie meinet, das mache sie um so interessanter. Von Unterhaltung konnte gar keine Rede sein, denn die Duenna eilte davon, den Kopf auf den Boden gerichtet, als wenn sie sich einer unvorsätzlichen Schwäche herzlich schäme. »Schön, gute Dame,« sagte Noah, dessen ernster Blick ihren Bewegungen folgte, bis sie sich ganz unter dem Haufen verloren hatte; »du hättest eine schlaflose Reise haben sollen, wenn ich das gedacht. Sir John, diese Leute starren uns an, als wären wir wilde Thiere.« »Das kann ich nicht sagen, Kapitain. Mir scheinen sie nicht mehr Notiz von uns zu nehmen, als wären wir zwei Hunde auf den Straßen von London.« »Ich begreife jetzt, was die Pfarrer meinen, wenn sie von dem verlornen Zustand des Menschen reden. Es ist wirklich schrecklich, zu welchem Grad von Gefühllosigkeit ein Volk herabsinken kann. Bob, geh aus dem Wege, du grinzender Schurke.« Damit erhielt Bob einen Gruß, der seinen Hinterbau demolirt haben würde, wäre die Unionsjacke nicht gewesen. Gerade jetzt war ich erfreut, Dr. Raisono auf uns zukommen zu sehen. Er war von einer Gruppe aufmerksamer Zuhörer umgeben, welche alle nach ihren Jahren, ihrem Ernst und Benehmen ohne Zweifel Gelehrte waren. Als er näher kam, fand ich, er erzähle von den Wundern seiner letzten Reise. Sechs Schritte von uns blieb der ganze Haufe stehen, der Doktor fuhr zu erzählen fort und zwar mit einem Geberdespiel und auf eine Weise, daß man sah, der Gegenstand sei von besonderm Interesse für seine Zuhörer. Zufällig sein Auge nach unsrer Seite richtend, bemerkte er unsre Gestalten und nach einigen schnellen Entschuldigungen an seine Umgebung, kam der herrliche Doktor eifrigst auf uns zu, beide Hände ausgestreckt. Da war doch ein Unterschied zwischen seinem Benehmen und dem Lord Chatterino's und der Duenna. Der Gruß ward warm erwiedert, und der Doktor und ich gingen ein wenig bei Seite, da er mir alsbald sagte, er wünsche mich allein zu sprechen. »Mein lieber Sir John,« begann der Philosoph, »unsre Ankunft ist gerade zur rechten Zeit geschehen; ganz Springhoch ist schon davon voll, und Sie können kaum sich denken, welche Wichtigkeit man darauf legt. Neue Handelsquellen, wissenschaftliche Entdeckungen, moralische und physikalische Phänomene und Ergebnisse, die, glaubt man, die Monikins-Civilisation höher als jemals heben mögen. Zum Glück hält gerade heute die Academie ihre wichtigste Sitzung im ganzen Jahr und ich bin förmlich ersucht worden, der Versammlung eine Skizze von den Begebenheiten zu geben, welche vor kurzem unter meinen Augen vorgefallen sind. Des Königs ältester erster Vetter wird offen zugegen sein, und man vermuthet auf ganz zuverlässige Weise, daß der König selbst in eigner königlicher Person beiwohnen wird.« »Wie« rief ich, »habt Ihr in Springhoch ein Mittel, Vermuthungen gewiß zu machen?« »Ohne Zweifel, Sir, oder was nützte unsre Civilisation? Von Seiner Majestät reden wir immer in den offenbarsten Zweideutigkeiten. So bei vielen unsern Ceremonien, weiß man, ist der König moralisch zugegen, während er wirklich und physisch sein Mahl an einem andern Ende der Insel einnehmen kann. Diese wichtige Verherrlichung der königlichen Ubiquität wird vermittelst einer moralischen Fiktion bewirkt. Andrer Seits folgt oft der König seinem natürlichen Hang der Neugier, der Liebe des Scherzes, dem Abscheu vor Langeweile und kommt in Person, wenn die Hoffiction ihn auf seinem Thron in seinem königlichen Pallast sitzen läßt. O, in all diesen kleinen Vollkommenheiten und Reizen der Kunst der Wahrheit stehen wir hinter keinem Volk der Welt zurück.« »Bitte, Doktor; so wird also diesen Morgen der König in der Academie erwartet?« »In einer Privatloge. Nun diese Sache ist von der größten Wichtigkeit, für mich als Gelehrten, für Euch als Mensch (es wird unmittelbar dazu beitragen, Eure ganze Gattung in der Monikinschen Achtung zu heben), und drittens für die Gelehrsamkeit. Es wird unumgänglich nöthig sein, daß Ihr kommt und zwar mit so vielen Eurer Gefährten, als möglich, besonders von der besseren Classe. Ich war schon am Landungsplatz, in der Hoffnung, Euch zu treffen und ein Bote ist ins Schiff gegangen, damit die Leute alsbald ans Land gesetzt werden. Ihr werdet eine eigne Tribüne bekommen; und wirklich, ich mag nicht vorher sagen, was ich denke, welche Aufmerksamkeit man Euch schenken wird, aber so viel kann ich sagen, – Ihr sollt sehen.« »Dieser Vorschlag, Doktor, hat mich ein wenig überrascht und ich weiß kaum, was ich antworten soll.« »Ihr könnt nicht nein sagen, Sir John, denn sollte Seine Majestät hören, daß Ihr Euch weigertet, zu einer Versammlung zu kommen, der er beiwohnen soll, würde das ihn ernsthaft, und ich darf hinzufügen, mit Recht beleidigen; und ich könnte nicht für die Folgen stehen.« »Ei, man sagte mir, alle Gewalt sei in den Händen von Seiner Majestät ältesten ersten Vetter, und so denke ich, könnt ich Seiner Majestät selbst ein Schnippchen schlagen.« »Nicht in der öffentlichen Meinung, Sir John, die eine der drei Zweigen der Regierung ist. Unsre hat nämlich drei Gewalten: Gesetz, öffentliche Meinung und Praxis. Nach dem Gesetz regiert der König, nach der Praxis regiert sein Vetter, und nach der angenommenen Meinung regiert der König wieder. So wird der schwierige Punkt der Praxis durch die Gesetze und Meinung im Gleichgewicht gehalten. Das bewirkt die Harmonie und Vollkommenheit des Systems. – Nein, es ginge nie, Seine Majestät zu beleidigen.« Obwohl ich des Doktors Beweisführung nicht recht begriff, hielt ich doch, da ich häufig in der menschlichen Gesellschaft Theorien getroffen, – politische, moralische, theologische und philosophische, an die Jedermann glaubte, und Niemand verstand, jeden weitern Streit für unnütz und gab nach, indem ich dem Doktor versprach, in einer halben Stunde, der zu unserm Erscheinen bestimmten Zeit, in der Academie zu sein. Nachdem er mir gehörig den Ort bedeutet, trennten wir uns, er seine Vorkehrungen zu beeilen, ich ein Wirthshaus zu erreichen, um mein Gepäck abzulegen, damit in nichts der Anstand bei einer so feierlichen Gelegenheit übersehen werde. Zweiter Theil »Und du, du kanntest sie,« sprach dann der Ritter. »O nein,« erwiederte der Knapp', »doch er, der mir die Geschichte erzählte, sagte mir, sie sei so wahr und gewiß, daß, wenn ich sie etwa wieder erzählte, ich eidlich versichern könne, ich hätte es mit eignen Augen gesehen.« Don Quixote. Erstes Kapitel. Ein Wirthshaus. – Vorausbezahlte Schulden und seltsame Spuren von Menschen-Natur, innig mit Monikins-Natur verwachsen. Wir nahmen bald Zimmer, bestellten Essen, bürsteten uns und trafen all die kleinen nöthigen Vorkehrungen, um unsrer Gattung Ehre zu machen. Damit fertig, verließen wir das Wirthshaus und eilten nach dem Palais des Arts et des Sciences . Wir hatten jedoch das Wirthshaus noch nicht aus dem Gesicht verloren, als ein Garçon uns mit einer Nachricht von seiner Herrin nachsprang. Er sagte uns sehr ehrerbietig: sein Herr sei aus, und hätte den Schlüssel zur Geldkasse mitgenommen, es sei gerade nicht Geld genug in der Schublade, um ein Essen für so große Herrn zu bereiten, und so hätte sie sich die Freiheit genommen, uns eine Rechnung mit der Bitte zu schicken, lieber eine kleine Vorausbezahlung zu machen, als sie in die Verlegenheit zu setzen, so ausgezeichnete Gäste nicht nach Würden zu behandeln. Die Rechnung war, wie folgt: Nro. 1. Buntfarbe und Freunde an Nro. 82,763. Traubenfarbe, Dr. Für Zimmer, Essen, Licht, nach der Uebereinkunft p.p. 300 täglich – einen Tag . . . . . . . . . . . . . . p.p. 300. Vorausbezahlt . . . . . p.p. 50. ——————————— Rest schuldig . . . . . p.p. 250. »Ganz recht,« bemerkte ich zu Noah, »aber ich bin im Augenblick ganz eben so ohne Heller, als die gute Frau selbst. In der That, ich sehe nicht, was anfangen, es sei denn, daß Bob ihr seinen Vorrath von Nüssen schickt.« »Hört, mein kleiner Springer,« fiel der Seemann ein, »was steht zu Befehl?« Der Kellner zeigte auf die Rechnung, als hinlänglich seiner Herrin Wünsche ausdrückend. »Was bedeuten diese p. p., die ich in der Rechnung finde, etwa payez , ye?« »Promessen, Eure Gnaden.« »O, dann fordert Ihr fünfzig Promessen, um unser Mahl zu bereiten.« »Nichts weiter, Sir; für diese Summe sollen Sie speisen wie Herrn, ja, Sir, wie Rathsherrn.« Es freute mich, diese würdigen Leute von seiner Klasse so ziemlich die nämlichen in allen Ländern zu finden. »Da, nehmt hundert,« antwortete Noak und schnippte mit den Fingern, »und laßt sie nicht zu Knochen werden; hört, mein Lieber, jeder Heller ist für's Mittagessen. Macht's gut, und Niemand wird über die Rechnung brummen. Ich will selbst zur Noth das Wirthshaus kaufen und alles, was es enthält.« Der Kellner ging vergnügt über diese Versicherungen fort, offenbar für seine eigne Bemühung guten Lohn voraussehend. Wir kamen bald in die Strömung, die nach dem Platz unsrer Bestimmung zufluthete. Als wir an's Thor kamen, sahen wir, daß man uns ängstlich erwartete; denn ein Diener stand da, der uns sogleich zu den Sitzen führte, die für unsern Empfang bereitet worden. Es ist immer angenehm, sich unter den Privilegirten zu befinden, und ich muß gestehen, wir fanden uns alle nicht wenig geschmeichelt, als wir eine hohe Tribüne für uns in der Mitte der Rotunde zugerichtet sahen, in welcher die Akademie ihre Sitzungen hielt, so daß wir jeden Einzelnen in der dichten Versammlung sehen und von ihm gesehen werden konnten. Die ganze Schiffsmannschaft bis zum schwarzen Koch war schon vor uns angekommen, eine weitere Artigkeit, die ich nicht verfehlte, durch die gebührenden Verbeugungen gegen alle anwesende Mitglieder gehörig anzuerkennen. Nachdem die ersten Eindrücke der Lust und des Staunens etwas vorüber waren, hatte ich Zeit, mich umzusehen und einen Ueberblick über die Gesellschaft zu bekommen. Die Akademiker nahmen die ganze Ausdehnung der Rotunde ein, mit alleiniger Ausnahme des durch die Errichtung unsrer temporären Tribüne weggenommenen Raums; in den äußeren Kreisen und längs der Seitenwände der Halle waren Sopha, Stühle, Tribunen und Bänke für die Zuschauer. Da das Gebäude selbst sehr groß war, und durch den Geist die Materie in der Monikins-Art sehr vermindert wird, konnten nicht weniger, als 50.000 Schweife gegenwärtig sein. Kurz ehe die Feierlichkeiten begannen, näherte sich Dr. Raisono unserer Tribüne, und ging von Einem zum Andern, etwas Angenehmes und Ermuthigendes einem Jeden sagend, wodurch er hohe Erwartungen in uns allen von dem, was folgen würde, erregte. Wir waren so außerordentlich geehrt und ausgezeichnet, daß ich große Mühe hatte, jedes unwürdige Gefühl des Stolzes, als menschlicher Demuth widerstrebend, niederzukämpfen und einen philosophischen Gleichmuth bei den Aeußerungen von Achtung und Dankbarkeit zu behaupten, die, wie ich wußte, selbst über den Geringsten von uns verschwendet werden sollten. Der Doktor war noch in der Mitte seiner zierlichen Aufmerksamkeiten, als des Königs ältester erster Vetter eintrat und die Verhandlungen der Versammlung alsbald begannen. Ich benutzte jedoch eine kurze Pause, um einige Worte zu meinen Gefährten zu sprechen. Ich sagte ihnen, bald werde ihre Bescheidenheit auf eine ernsthafte Probe gestellt werden. Wir hätten eine große, edle Unternehmung ausgeführt, und es schicke sich nicht, ihr Verdienst dadurch zu mindern, daß wir eine eitle, ruhmsüchtige Selbstschätzung an den Tag legten. Ich bat sie alle, mich zum Muster zu nehmen, und versprach ihnen, zuletzt würden ihre neuen Freunde dreifach ihre Kühnheit, Selbstverläugnung und Geschicklichkeit hochschätzen. Ein neues Mitglied der Akademie der latenten Sympathie'n sollte aufgenommen und eingesetzt werden. Eine lange Rede wurde von einem von diesem Departement der Monikins-Gelehrsamkeit vorgelesen, die die seltenen Verdienste des neuen Akademikers andeutete und erhob. Ihm folgte dieser, der in einem sehr ausgearbeiteten Produkt, dessen Lesen gerade 55 Minuten wegnahm, alles Mögliche versuchte, um zu beweisen, daß der Tod seines Vorgängers ein Verlust für die Welt gewesen, den kein Zufall, keine Bemühung wieder gut machen könnte; und daß er gerade der Geringste gewesen, der zu seinem Nachfolger hätte ausersehen werden können. Ich war ein wenig über die vollkommene Kälte erstaunt, mit welcher die gelehrte Versammlung einen Vorwurf anhörte, der so unumwunden und, so zu sagen, standhaft, ihr gerade zu an die Stirn geworfen ward. Aber eine genauere Bekanntschaft mit der Monikins-Gesellschaft überzeugte mich, daß Jeder, was er nur sagen wollte, sagen konnte, so lange er übrigens zugäbe, daß jeder Andere sonst ein herrlicher Bursche und er der ärmste Teufel auf der Welt wäre. Als das neue Mitglied seinen Satz siegreich begründet hatte, und ich gerade glaubte, seine Collegen würden sich nach dem gewöhnlichen Ehrgefühl für verbunden errachten, ihr Votum noch ein Mal zu überlesen, schloß er und nahm seinen Sitz unter ihnen ganz mit derselben stolzen Sicherheit als der beste Philosoph von ihnen allen ein. Nach einer kurzen Pause und einer Fluth von Glückwünschen für seine vortreffliche und sich selbst herabwürdigende Rede, erhob sich das neuzugelassene Mitglied noch ein Mal und begann einen Versuch über einige Entdeckungen zu lesen, die er in der Wissenschaft der latenten Sympathien gemacht hatte. Nach seiner Ansicht von der Sache besaß jeder Monikin ein Fluidum, unsichtbar, wie die Thierchen, die alles Wesen durchdringen, das nur beschworen und unter strengere Gesetze gebracht zu werden brauchte, um Stellvertreter für die Sinne des Gesichts, Gefühls, Geschmacks, Gehörs und Geruchs zu werden. Dieses Fluidum wäre mittheilbar, und schon in so weit dem Willen unterworfen worden, daß es zum Sehen im Dunkeln, zum Riechen bei'm Schnupfen, zum Schmecken bei verdorbenem Gaumen und zum Fühlen durch Stellvertretung gebraucht worden. Ideen wären vermittelst seiner zweiundsechszig Meilen in einer und einer halben Minute fortgepflanzt worden. Zwei Monikins mit kranken Schweifen seien während der letzten zwei Jahre isolirt und mit diesem Fluidum gesättigt worden, hätten dann durch Operation diese Zierrathen zwar verloren, es sei aber eine Quantität dieses Fluidums so glücklich an deren Stelle getreten, daß die Patienten sich mehr als jemals ausgezeichnet glaubten durch die Länge und Feinheit eben dieser Schweife. Auch mit einem Gliede des Unterhauses des Parlaments sei ein glücklicher Versuch gemacht worden; es sei mit einer Monikin von ungewöhnlichem Geist verheirathet gewesen, und habe sich lange Zeit mit Ideen von ihr auf diese Weise versehen, obgleich seine Gemahlin habe zu Haus bleiben müssen, um das Hauswesen zu leiten, und zwar zweiundvierzig Meilen von der Stadt und während der ganzen Sitzung. Er empfahl ganz besonders der Regierung die Beförderung dieser Wissenschaft, da sie sehr dienlich sein könnte, um Beweise bei der Rechtspflege zu erhalten, bei Entdeckung von Verschwörungen, bei Einsammeln der Steuern und bei der Wahl von Bewerbern für wichtige, mit großer Verantwortung verknüpfte Aemter. Diese Darlegung wurde von des Königs Vetter wohl aufgenommen, besonders jene Theile, die Revolution und Einkünfte betrafen. Dieser Versuch wurde auch von den Gelehrten wohl aufgenommen, denn ich erfuhr später, daß sehr wenig der Akademie unrecht kam, und alsbald ernannten die Mitglieder ein Comitee um »die Thatsachen in Hinsicht unsichtbarer unbekannter Fluida, ihre Wirkung, Wichtigkeit und Beziehungen zu der monikin'schen Glückseligkeit« zu untersuchen. Zunächst wurden wir mit einer Diskussion über die verschiedenen Bedeutungen des Worts »gorstchwzyb« beglückt, welches in unsern Sprachen etwa he! bedeutet. Der berühmte Philolog, der den Gegenstand behandelte, zeigte erstaunenden Scharfsinn, indem er sich über dessen Verzweigungen und Ableitungen ausließ. Zuerst versuchte er die Buchstaben durch Versetzung, wodurch er siegend bewies, daß das Wort von allen Sprachen der Alten abgeleitet sei; derselbe Versuch zeigte, daß es viertausend und zwei verschiedene Bedeutungen habe. Er philosophirte dann sehr geschickt und umfassend zehen Minuten lang, vorwärts und rückwärts, kein andres Wort, als dieses, gebrauchend, und zwar immer in einem verschiedenen Sinn; worauf er in der Controverse feststellte, daß dieser wichtige Theil der Rede so nützlich sei, daß er dadurch unnütz werde, und mit dem Vorschlag schloß, dem die Akademie durch Zuruf beitrat, daß er für immer und sogleich aus dem Springhoch-Wörterbuch getilgt werden sollte. Da der Vorschlag durch Zuruf durchging, erhob sich des Königs Vetter und erklärte, daß dem Schriftsteller, der sich so weit gegen den guten Geschmack verfehlen und künftig das verurtheilte Wort gebrauchen würde, zwei Zoll vom Ende seines Schweifs abgeschnitten werden sollten. Ein Schaudern unter den Damen, die, wie ich später erfuhr, ihre Schweife so hoch zu tragen liebten, wie unsre Weiber die Köpfe, zeugte von der Strenge des Beschlusses. Ein erfahrnes und, wie's schien, sehr geachtetes Mitglied erhob sich jetzt, folgenden Vorschlag zu machen. Er sagte, es sei bekannt, daß die Monikins-Raçe sich schnell der Vollkommenheit nähere; daß das Zunehmen des Geistes und die Abnahme der Materie zu augenscheinlich sei, um einen Zweifel zuzulassen, daß er für sich seine physischen Kräfte sich täglich mindern fühlte, während seine geistigen neue Klarheit und Stärke erlangten; er könne nicht länger sehen ohne Brille, nicht hören ohne Hörnchen, oder schmecken ohne starke Gewürze; aus allem diesen schließe er, daß sie sich einer wichtigen Veränderung näherten, und er wünsche, daß ein Theil der Wissenschaft der latenten Sympathie'n, die mit den unbekannten Fluidis verbunden sei und eben behandelt worden, einer Commitee des Ganzen überwiesen würde, um eine Vorkehrung für die Bedürfnisse einer Zeit zu treffen, wo die Monikins endlich ihre Sinne verlieren würden. Es war gegen einen so annehmbaren Vorschlag nichts einzuwenden, und er ward nemine contradicente mit Ausnahme Einiger in der Minorität angenommen. Es entstand nun viel Lispeln, viel Wedeln mit den Schweifen, und andres Vieles, daß das Hauptgeschäft der Versammlung jetzt vorgenommen werden sollte. Aller Augen waren auf Dr. Raisono gewandt, der nach einer gehörigen Pause eine für feierliche Gelegenheiten bereitete Tribune betrat und seine Rede begann. Der Philosoph, der nach auswendig gelernter Rede aus dem Stegreif sprach, begann mit einem schönen und sehr beredten Anruf an die Gelehrsamkeit, an den Enthusiasmus, der in der Brust eines jeden ihrer wahren Verehrer glüht, und sie gleich unempfindlich für ihre persönliche Ruhe, ihr zeitliches Interesse, für Gefahr, Leiden und Beschwerden des Geistes macht. Nach diesem Eingang, den man wegen seiner Einfachheit und Wahrheit für einzig erklärte, ging er ohne Weitres zur Geschichte seiner neulichen Abentheuer über. Erst anspielend auf den bewundrungswürdigen Gebrauch von Springhoch, der die Erprobungsreise vorschreibt, sprach unser Philosoph, wie er erkoren worden, um Mylord Chatterino bei einer für seine künftigen Hoffnungen so wichtigen Gelegenheit zu begleiten. Er hielt sich bei den materiellen Vorkehrungen, dem vorausgegangenen Studium und all den moralischen Hülfsmitteln auf, die er bei seinem Zögling angewandt hatte, ehe sie die Stadt verließen, welches alles dem Zweck wohl angepaßt sein mußte, da er beständig von Beifallsgemurmel unterbrochen ward. Nachdem er sich einige Zeit bei diesen wichtigen Punkten aufgehalten, hatte ich endlich die Freude, ihn, Mademoiselle Lynx und ihre zwei Mündel in allem Ernst eine Reise antreten zu sehen, welche, wie er richtig bemerkte, so reich sein sollte an Begebenheiten von der größten Wichtigkeit sowohl für die Wissenschaft überhaupt, als für das Glück der einzelnen Raçen und einiger hoch interessanten Zweige des Monikin'schen Wissens insbesondre. Ich sage die Freude; denn, die Wahrheit zu gestehen, ich war begierig, die Wirkungen zu sehen, die auf das Monikin'sche Mitgefühl hervorgebracht werden würde, wenn er von meinem eignen Scharfsinn in Entdeckung ihres wahren Charakters unter Schande und Schmach sprechen wurde, in welcher ich sie zu finden so glücklich gewesen, von dem schnellen Eifer, womit ich zu ihrer Erlösung geschritten, und der Freigebigkeit und dem Muth, mit denen ich Mittel herbeigeschafft und den Gefahren getrotzt, um sie ihrem Vaterland wieder zu geben. Die Voraussicht dieses menschlichen Triumphs konnte nichts anders, als allgemeine Freude in unsrer Tribüne verbreiten; selbst die gemeinen Matrosen, wenn sie sich die Gefahren zurückriefen, die sie bestanden, fühlten das Bewußtsein, diesen Lohn zu verdienen, verbunden mit dem sänftigenden Gefühl, das immer im Geleite desselben ist. Als der Philosoph der Zeit näher kam, wo er nothwendig von uns sprechen mußte, warf ich einen triumphirenden Blick auf Lord Chatterino, der jedoch die beabsichtigte Wirkung verfehlte, indem der junge Pair zu seinen edlen Gefährten zu lispeln fortfuhr mit eben der Wichtigkeit von sich selbst und eben der Kälte, als wenn er nicht einer von den erlös'ten Gefangenen gewesen. Dr. Raisono war mit Recht unter seinen Kollegen wegen seines Scharfsinns und seiner Beredtsamkeit berühmt. Die herrliche Moral, die er bei jeder Gelegenheit mit seinem Gegenstand verflocht, die Schönheit der Bilder, womit er sie erläuterte, und die männliche Tendenz seiner Beweisführung erfüllten die Versammlung allgemein mit Entzücken. Die Erprobungsreise wurde als das dargestellt, was sie nach den Vätern und Weisen von Springhoch hatte sein sollen, eine Erprobung voll von Ermahnungen und Belehrung. Die Alten und Erfahrnen, die durch die Zeit hart geworden, konnten ihre Lust nicht verbergen, die Reiferen und Leidenden sahen ernst und bedächtig drein, während die Jüngern und Sanguinischen etwas zitterten und ein Mal zweifelten. Aber da der Philosoph seine Pflegbefohlne heil und sicher von Abhang zu Abhang führte, da Felsen erstiegen und verführerische Thäler vermieden wurden, fing ein Gefühl der Sicherheit an, sich über die Versammelten zu verbreiten, und wir alle folgten ihm zum letzten Versuch unter dem Eis mit jenem blinden Vertrauen, welches der Soldat mit der Zeit zu den Befehlen eines erprobten und siegreichen Generals erhält. Der Doktor war sehr malerisch in seiner Erzählung von der Art, wie er und seine Mündel sich diesen neuen Erprobungen überließen. Die liebliche Chatterissa (denn alle seine Reisegefährten waren anwesend) neigte seitwärts ihr Haupt und erröthete, als der Philosoph darauf anspielte, wie die reine Flamme, die in ihrem liebreichen Busen glühte, dem erstarrenden Einfluß dieser kalten Regionen widerstand, und als er eine heiße Erklärung erwähnte, die Mylord Chatterino mitten auf einem Eisfeld gemacht, und dann die gütige, liebreiche Antwort seiner Herrin hinzufügte, – dachte ich, der Beifall der alten Akademiker würde wirklich den gewölbten Dom über unsre Häupter krachend herunter bringen. Endlich erreichte er den Punkt in der Erzählung, wo die lieblichen Wandrer auf die Seehundsjäger auf jener unbekannten Insel trafen, auf welche Zufall und ein Mißgeschick sie unglücklicher Weise auf ihrer Pilgerfahrt geführt hatte. Ich hatte insgeheim Maßregeln getroffen, Poke und meine übrigen Gefährten über die Art zu belehren, wie wir uns benehmen sollten, während der Doktor die Akademie mit jener ersten Beleidigung der Menschengier bekannt machte, nämlich mit der Gefangennehmung seiner selbst und Freunde. Wir sollten mit einem Male aufstehen und, unser Gesicht ein wenig auf die Seite wendend, unsre Augen zum Zeichen der Scham mit der Hand bedecken. Weniger als dies, sah ich ein, konnte kaum geschehen, ohne eine ungehörige Gleichgültigkeit gegen Monikins-Rechte zu verrathen, und mehr, als dies, hätte uns mit den besondern Individuen auf gleiche Stufe gestellt, die diese Unthat begangen. Aber die Gelegenheit kam nicht, diese zarte Aufmerksamkeit unsern gelehrten Gastfreunden zu erzeigen. Der Doktor, mit einer Feinheit des Gefühls, die in der That der Monikin'schen Civilisation Ehre machte, gab der ganzen Sache eine scharfsinnige Wendung und entfernte mit einem Male alle Ursache der Scham von unsrer Gattung, indem er, wenn irgend Jemand zu erröthen hatte, durch einen edlen Akt der Uneigennützigkeit die ganze Last sich selbst aufbürdete. Statt bei der unbarmherzigen Art zu verweilen, wie er und seine Freunde gefangen worden, benachrichtigte der Doktor sehr ruhig seine Zuhörer, daß, da er sich zufälliger Weise in Contakt mit einer andern Art gefunden, und die Mittel, wichtige Entdeckungen zu betreiben, unerwartet in seine Macht gegeben worden, er, wohl wissend, wie es schon längst ein Desideratum bei den Gelehrten gewesen, einen nähern Blick und richtigere Begriffe von der menschlichen Gesellschaft zu erhalten, und in der Meinung, er habe einige Vollmacht in Hinsicht seiner Mündel, so wie in Kenntniß gesetzt davon, daß die Einwohner von Springniedrig, einer Allen verhaßten Republik, ernstlich vom Aussenden einer Expedition zu eben diesem Zweck sprächen, – er also aus allen diesen Gründen sich schnell entschlossen, von den Umständen Nutzen zu ziehen, die Erforschung, so weit seine Kräfte gingen, zu betreiben und Alles für die Sache der Wissenschaft und Wahrheit zu wagen, indem er sogleich das Fahrzeug der Robbenfänger in Besitz nähme und ohne Furcht vor den Folgen, ohne Weitres mitten in die Menschenwelt steuerte. Ich habe mit Staunen den Donner der Tropenländer angehört, – ich hab' den Athem angehalten, als die Geschütze einer Flotte ihr Feuer ausspieen und die Luft durch plötzliche Erschütterung zerrissen, – ich habe das Brüllen des stürzenden Stroms von Kanada gehört und staunend dagestanden bei dem Krachen eines Waldes im Wirbelwind, – aber nie vorher fühlte ich ein solch lebenerregendes, so ergreifendes Gefühl von Staunen, Furcht und Theilnahme, als das war, das sich in mir bei dem Ausbruch von Lob und Entzücken regte, womit diese Erklärung von Selbstaufopfrung und Unternehmungsgeist von den Zuhörern aufgenommen ward. Schweife wedelten, Pfötchen drückten sich in Begeistrung, Stimme lispelte zu Stimme, und ein allgemeiner Ausruf der Freude, des Enthusiasmus und Ruhms ertönte bei diesem Beweis, nicht von Monikin'schem, denn das würde den Triumph weggefröstelt haben, sondern von Springhoch'schem Muthe. Während des Geschreis nahm ich Gelegenheit, meine Freude über die schöne Art auszudrücken, wie unser Freund, der Doktor, über eine anerkannte menschliche Vergehung hinausgegangen, so wie über den Scharfsinn, womit er das Ganze der unseligen Begebenheit zum Ruhm von Springhoch gewandt hatte. Noah antwortete, der Philosoph habe sicher Kenntniß von der Menschen-Natur und er denke, auch der Monikin'schen Natur in dieser Sache gezeigt; Niemand würde jetzt seine Erzählung bestreiten, da, wie er aus Erfahrung wisse, Niemand so leicht als ein Lügner dastehe, als der, der die gute Meinung zu untergraben unternehme, welche eine Gemeinde oder ein Einzelner von sich selbst hege. So wär's in Stonington, und so auch wohl in Neu-York und, er getraue sich es zu behaupten, auf der ganzen Erde von einem Pol zum andern. Er wünsche jedoch eine Privatunterrednng von einigen Minuten mit dem Robbenfänger zu haben, um seine Erzählung von der Sache zu hören; er wisse nicht, ob ein Schiffseigenthümer in der Welt einen Kapitän sich gefallen lassen würde, der seine Reise auf solche Weise unter keiner bessern Sicherheit, als die Promessen eines Affen, aufgäbe, und zwar eines Affen, der ihm nothwendig ganz fremd sein müßte. Als der Lärm des Beifalls ein wenig nachgelassen, fuhr Dr. Raisono in seiner Erzählung fort. Er berührte leichthin die Bequemlichkeiten in dem Schooner, welcher, wie er uns merken ließ, ganz und gar unter dem Rang seiner Reisenden gewesen, und fügte dann hinzu, wie er ein größeres und schöneres Schiff getroffen, das von Bombay nach Großbritanien gefahren, und die Gelegenheit benutzt hätte, die Fahrzeuge auszutauschen. Dieses Schiff habe auch die Insel Helena berührt, wo, nach des Doktors Bericht von der Sache, er Mittel gefunden, den größeren Theil einer Woche am Land zuzubringen. Von der Insel St. Helena gab er eine lange wissenschaftliche und allerdings sehr interessante Nachricht. Die menschlichen Gelehrten, sagte er, gäben sie für vulkanisch aus; aber eine genauere Untersuchung und Vergleichung der geologischen Formation hätte ihn gänzlich überzeugt, daß ihre alte eigne Nachricht, die sich in den mineralogischen Werken von Springhoch befinde, die wahre sei, oder mit andern Worten, daß dieser Fels ein Bruchstück der Polarwelt wäre, der bei dem großen Durchbruch weggetrieben und von der übrigen Masse an dieser Stelle getrennt worden, wo er gefallen und ein Punkt im Ocean geworden sei. Hier brachte der Doktor gewisse Muster von Felsen vor, die er den anwesenden Gelehrten überließ, ihre Aufmerksamkeit auf deren Charakter richtete, und mit großem mineralogischen Vertrauen fragte, ob sie nicht ganz und gar einer wohlbekannten Grundlage von einem Berg, zwei Meilen gerade von dem Ort, wo sie sich jetzt befänden, glichen. Dieser siegende Beweis für die Wahrheit seines Satzes wurde mit Bewundrung aufgenommen, und der Philosoph noch besonders durch das Lächeln aller anwesenden Frauen belohnt; denn Damen sind gewöhnlich mit jeder Beweisführung wohl zufrieden, die ihnen die Mühe des Vergleichens, des Nachdenkens erspart. Ehe er diese Seite seines Gegenstandes verließ, bemerkte der Doktor, daß, so interessant auch diese Beweise von der Genauigkeit ihrer Geschichten und der Umwälzungen in der unbelebten Natur wären, so sei doch noch etwas Andres mit Helena verknüpft, welches, wie er gewiß wäre, eine lebhafte Rührung in der Brust aller seiner Zuhörer erregen würde. Zur Zeit seines Besuchs sei die Insel zum Gefängniß für einen großen Erobrer und Störer seiner Mitgeschöpfe ausgewählt gewesen, und die öffentliche Aufmerksamkeit durch diesen Umstand sehr auf die Stelle gezogen worden, indem wenige Menschen dorthin kämen, die nicht alle ihre Gedanken durch die vergangenen Thaten und die jetzigen Schicksale des genannten Individuums in Anspruch nehmen ließen. Er freilich, für ihn wäre nicht viel Anziehendes in allen Begebenheiten, die mit blos menschlicher Größe verbunden seien, indem die kleinen Kämpfe und Störungen in dieser Gattung nur wenig Interesse für einen Anhänger der Monikin'schen Philosophie hatten; aber die Art, wie Aller Augen nach einer Seite gerichtet gewesen, habe ihm Freiheit im Handeln gelassen, und er sie eifrig auf eine Weise benutzt, die, wie er bescheiden hoffe, nicht ganz unwürdig ihrer Billigung gehalten werden würde. Während er unter den Klippen nach Mineralien gesucht, wäre seine Aufmerksamkeit auf gewisse Thiere gezogen worden, die in der Sprache jener Länder Affen genannt würden und, nach einer sehr in die Augen fallenden Verwandtschaft in ihrem physischen Wesen, wohl mit Recht als von gemeinsamem Ursprung mit den Monikins-Arten gehalten werden könnten. Die Akademie werde leicht sehen, wie wünschenswerth es wäre, all die interessanten Einzelheiten über ihre Gewohnheiten, Sprache, Sitten, Ehe, Begräbniß, religiöse Meinungen und Ueberlieferungen, so wie über den Zustand der Gelehrsamkeit und die allgemeine moralische Lage dieses interessanten Volkes zu erfahren, um sich zugleich zu versichern, ob sie nur eine von jenen Mißgeburten wären, welche die Natur bekanntlich zuweilen erzeugt, und die nur die äußre Gestalt von ihrer eignen Gattung hätten, oder ob, wie verschiedene ihrer beßten Schriftsteller annehmlich dargethan, sie wirklich ein Theil jener wären, die sie als die »verlornen Monikins« zu bezeichnen pflegten. Es sei ihm gelungen, Zugang zu einer Familie dieser Wesen zu erhalten und einen ganzen Tag bei ihnen zuzubringen. Das Ergebnis seiner Forschungen wäre, daß sie wirklich von der Monikins-Familie seien, und viel von dem Scharfsinn und den geistigen Begriffen ihres Ursprungs behalten hätten; aber ihr Verstand sei traurig abgestumpft, und vielleicht ihre vervollkommnungsfähigen Eigenschaften durch den Stoß der Elemente vernichtet, die sie hinausgestoßen hätten über die Oberfläche der Erde hin, hauslose, hoffnungslose, landlose Wandrer. Die Verschiedenheiten des Klimas und eine große Aendrung in ihren Gewohnheiten hätte freilich auch einige physische Veränderungen hervorgebracht; aber es bleibe immer noch eine hinlängliche scientivische Identität, um sie als Monikins zu erweisen. Sie hätten selbst noch in ihren Ueberlieferungen einige Spuren von der schrecklichen Katastrophe, wodurch sie von ihren übrigen Mitgeschöpfen getrennt worden, aber sie wären nothwendiger Weise vage und ohne Ergebniß. Nachdem er noch mehreres Andre, mit diesen außerordentlichen Thatsachen Verbundenes berührt hatte, schloß der Doktor mit den Worten, er sehe nur einen Weg, wie diese Entdeckung, außer dem Beweis für die Wahrheit ihrer Annalen, noch zu einem praktischen Urtheil führen könnte. Er deutete auf den Nutzen hin, Expeditionen auszurüsten, um zu diesen Inseln zu fahren und eine Anzahl Familien zu ergreifen, welche dann, nach Springhoch gebracht, eine Raçe nützlicher Diener begründen könnten und, während sie sich weniger lässig, als die erwiesen, welche alle Kenntniß der Monikins besäßen, wahrscheinlich verständiger und nützlicher erfunden würden, als irgend ein Hausthier, das sie jetzt hätten. Diese glückliche Nutzanwendung des Gegenstands fand entschiedene Empfehlung. Ich bemerkte, wie die meisten ältlichen Frauen sogleich die Köpfe zusammensteckten und sich einander über die Aussicht Glück zu wünschen schienen, bald von ihren Sorgen für das Haus sich befreit zu sehen. Doktor Raisono sprach dann von seiner Abreise von St. Helena und endlichen Landung in Portugal. Hier miethete er, nach seiner Erzählung, gewisse Savoyarden. um ihm als Kouriere und Führer auf einer Tour zu dienen, die er durch Portugal, Spanien, die Schweiz, Frankreich u.s.w. zu machen beabsichtigte. Ich hörte voll Bewunderung. Nie in meinem Leben hatte ich einen so lebhaften Begriff von dem ungeheuren Unterschied, der in unsrer Ansicht von Sachen durch die Einwirkung einer thätigen Philosophie hervorgebracht wird, als mir jetzt durch die Erzählung des Sprechenden ward. Statt sich über die empfangene Behandlung und die Erniedrigungen zu beklagen, denen er und seine Gefährten ausgesetzt gewesen, sprach er von Allem als einer freiwilligen Unterwerfung seiner Seits unter die Gewohnheiten der Länder, in denen er sich gerade befand, und wie von Mitteln, um tausend wichtige Thatsachen, moralische und physische, zu begründen, die er sich vornehme, zu einer andern Zeit in einer besondern Schrift der Akademie vorzulegen. Jetzt werde er durch die Uhr zu schließen ermahnt, und wolle daher seine Erzählung so sehr, wie möglich, beschleunigen. Der Doktor gestand mit großer Aufrichtigkeit, daß er gerne noch ein Jahr oder zwei länger in diesen fernen und hochinteressanten Ländern zugebracht hätte; aber er hätte nicht vergessen dürfen, daß er eine Pflicht gegen die Freunde von zwei edlen Familien zu erfüllen gehabt. Die Erprobungsreise sei unter den günstigsten Auspicien vollendet gewesen, und die Damen natürlich ängstlich geworden, nach Hause zurückzukehren; sie seien daher nach Großbritanien übergegangen, ein durch seine Seeunternehmungen merkwürdiges Land, wo er alsbald die nöthigen Vorkehrungen zu ihrer Abreise getroffen. Ein Schiff habe man sich unter dem Versprechen verschafft, es frei von Zoll mit Produkten von Springhoch befrachten zu lassen. Tausend Bewerbungen um Erlaubniß, die Fahrt mitzumachen, seien ihm zugekommen, da die Eingebornen natürlich wünschten, ein civilisirtes Land zu sehen; aber die Klugheit habe ihm gerathen, nur die anzunehmen, welche am wahrscheinlichsten nützlich werden zu können schienen. Der König von Großbritanien, kein geringer Fürst nach menschlicher Berechnung, hätte seinen einzigen Sohn und muthmaßlichen Thronerben seiner Sorgfalt überlassen, um sich durch Reisen zu vervollkommnen; und der Lord Ober-Admiral selbst habe um Erlaubniß gebeten, den Befehl über eine Expedition zu übernehmen, die von so großer Wichtigkeit für die Wissenschaft im Allgemeinen und seinen eignen Stand im Besondern wäre. Hier stieg Dr. Raisono auf unsre Bühne, und stellte Bob der Akademie als den Kronprinzen von Großbritanien und den Kapitain Poke als dessen Lord Ober-Admiral vor. Er deutete auf gewisse Besonderheiten an dem Erstern hin, besonders auf den Schmutz, der so ziemlich mit seiner Haut verwachsen war, und erklärte sie für eben so viele Zeichen der königlichen Geburt; dann hieß er den Jungen sich ausziehen und zog die Unionsjacke hervor, die der Bursche sorgfältig an seiner Hinterseite als Schutzmittel trug, und stellte sie als sein Wappen dar, eine Verwechslung in ihrem Gebrauch, die nicht so weit fehlgeschossen hätte, wenn er nur einen andern Theil dafür angenommen. Was Kapitän Poke betrifft, so forderte er die Akademiker auf, sein nautisches Ansehn zu studiren, das im Allgemeinen einen hinlänglichen Beweis von seiner Beschäftigung und dem gewöhnlichen Ansehn menschlicher Seeleute gäbe. Dann zu mir gewandt, ward ich allen Anwesenden als der Reisebegleiter und persönliche Diener Bob's dargestellt, doch nach meiner Art als eine sehr ehrenwerthe Person. Er fügte bei, er glaube auch, ich gebe mich für den Entdecker von so etwas wie ein sociales Anhaltspunkt-System aus, welches, wie er denke, eine sehr rühmliche Entdeckung für einen von meinem Stande wäre. Durch diesen schnellen Wechsel der Stände hatte ich wirklich mit dem Schiffsjungen die Plätze getauscht, welcher, statt mir aufzuwarten, künftig diese kleine Aufmerksamkeit von mir erhalten sollte. Die Steuermänner wurden als zwei Unteradmirale dargestellt, und die Schiffsmannschaft als Kapitäne in der Flotte von Großbritanien. Kurz, den Zuhörern wurde zu verstehen gegeben, daß wir alle nach Springhoch wie die Mineralien von St. Helena gebracht worden, als Muster und Exemplare von den Menschengattungen. Ich kann nicht läugnen, Dr. Raisono hatte sich und seine Thaten sowohl, als mich und die meinigen in einem von dem sehr verschiedenen Lichte dargestellt, in welchem ich Alles betrachtete, und doch, bei näherem Ueberlegen, schien es mir so gewöhnlich, daß wir uns für etwas Anderes halten, als die Andern uns ansehen, daß ich im Ganzen mich nicht so sehr über seine Darstellungen beklagen konnte, als ich im Anfang es thun zu müssen geglaubt hatte. Auf jeden Fall hatte man mir vollkommen die Nothwendigkeit, über meine Großmuth und Uneigennützigkeit zu erröthen, erspart, und sonst auch hatte ich nicht das Unangenehme, daß meine Person durch die Seltenheit der erworbenen Verdienste zu sehr die Aufmerksamkeit auf sich zog. Ich muß indeß doch sagen, daß ich erstaunt und auch ein wenig unwillig war. Aber die plötzliche und unerwartete Wendung, die der ganzen Sache gegeben worden, warf mich so gänzlich aus aller Fassung, daß ich, für mein Leben, nicht ein Wort für mich hätte vorbringen können. Es noch schlimmer zu machen, nickte der Affe Chatterino mir freundlich zu, als wolle er den Zuschauern zeigen, daß er im Ganzen mich für einen recht guten Burschen halte. Nachdem die Vorlesung vorüber war, näherte sich uns die Versammlung, um uns zu untersuchen; sie nahm sich viele große liebenswürdige Freiheiten mit unsern Personen, und zeigte sonst auf alle Arten, daß man uns für Seltenheiten, die des Studiums würdig wären, halte. Des Königs Vetter selbst vernachlässigte uns nicht; er ließ der Versammlung verkünden, wir wären ganz willkommen in Springhoch, und aus Achtung vor Doktor Raisono wurden wir alle für die ganze Zeit unsres Aufenthalts im Lande zu Ehren-Monikins erhoben. Er ließ auch bekannt machen, wenn die Jungen uns auf der Straße beleidigten, sollten ihnen die Schweife mit Brenneisen gelockt werden. Der Doktor selbst wurde zu den höchsten akademischen Würden, die je ein Gelehrter von Springhoch erlangt, feierlichst erhoben. Endlich war die Neugier befriedigt, und wir durften die Tribüne verlassen; die Gesellschaft schenkte uns keine Aufmerksamkeit mehr, um sich blos einander zu betrachten. Da ich jetzt Zeit hatte, mich zu fassen, verlor ich keinen Augenblick, nahm die zwei Steuerleute bei Seite und schlug ihnen vor, wir wollten allegesammt zu einem Notar gehen, um Protest gegen die unerklärbaren Irrthümer einzulegen, in welche Doktor Raisono verfallen war, wodurch die Wahrheit verletzt, den Rechten dieser Personen zu nahe getreten, die Menschheit entehrt, die Springhocher Philosophie irre geleitet worden. Ich kann nicht sagen, daß meine Gründe gut aufgenommen wurden; ich war genöthigt, die beiden Unteradmirale zu verlassen und die Schiffsmannschaft aufzusuchen, da ich daran dachte, daß ich diese ja erkauft. Ein Aufruf an die arglosen, freimüthigen, loyalen Naturen der gemeinen Seeleute, dachte ich, würde unfehlbar von mehr Erfolg sein. Auch hier sollte ich mich täuschen. Die Leute stießen ein paar schwere Flüche aus, und schwuren: Springhoch sei ein gutes Land. Sie erwarteten, wie natürlich, Sold und Rationen nach ihrem neuen Rang, und da sie die Süßigkeiten des Befehlens geschmeckt, fanden sie sich noch nicht in der Lage, mit ihrem guten Geschick zu streiten und die Silberschüssel für den Theertopf wieder wegzulegen. Ich verließ die Schelme, deren Köpfe in der That durch ihre unerwartete Erhebung verrückt worden schienen, und beschloß Bob aufzusuchen, um vermittelst Poke's gewöhnlicher Applikation ihn wenigstens, trotz der Unionsjacke, zum Gefühl seiner Pflicht zurück zu bringen und ihn zu nöthigen, seinen alten Posten als Diener meiner Bedürfnisse wieder anzutreten. Ich fand den kleinen Schelm mitten unter einem Schwarm von Monikins-Weibchen von allen Altern, die ihre Aufmerksamkeiten an seiner unwürdigen Person verschwendeten und überhaupt alles thaten, was sie konnten, um alle Demuth und was sonst von guten Eigenschaften noch in ihm sich vorfinden mochte, vollständig auszumerzen. Er gab mir in der That eine gute Gelegenheit, den Angriff anzufangen; denn er trug die Unionsjacke über seinen Schultern wie einen königlichen Mantel, während die Weibchen von niederm Rang sich um ihn drängten, den Saum davon zu küssen. Die Art, wie er diese Schmeichelei annahm, machte selbst auf mich Eindruck, und aus Furcht, die Monikinerinnen möchten mich steinigen, wenn ich versuchen würde, sie zu enttäuschen, – denn sie, sie mögen von welchem Rang sein, als sie wollen, hassen immer den Betrug, – gab ich meine feindseligen Absichten für den Augenblick auf und eilte Noah Poke nach, wenig zweifelnd, einen Mann von seiner angebornen Rechtlichkeit zur Vernunft zu bringen. Der Kapitän hörte meine Vorstellungen mit geziemender Achtung an, er schien selbst meine Gefühle mit dem gehörigen Grad von Theilnahme zu erwiedern; er gab sehr freimüthig zu, daß ich von Doktor Raisono nicht gut behandelt worden, und schien zu denken, eine Privatunterredung mit ihm könnte ihn noch zu einer vernünftigeren Darstellung der Thatsachen bringen; aber in Betreff jedes plötzlichen und gewaltsamen Anrufs der öffentlichen Gerechtigkeit oder eines übelberathenen Zuhilfrufens eines Notars zeigte er große Abneigung. Der Inhalt seiner Einwürfe war etwa folgender: »Er kenne nicht die Protestgesetze von Springhoch, und folglich könnten wir unser Geld für Gebühren ausgeben, ohne einigen Vortheil davon zu erlangen; der Doktor ferner sei ein Philosoph und habe alle mögliche gelehrte Titel, und gegen solche Sachen sei in jedem Lande schwer zu kämpfen, besonders in der Fremde. Er habe einen angebornen Widerwillen gegen Processe, der Verlust meines Ranges wäre freilich ein Schaden, aber man könne ihn noch ertragen; er habe nie das Amt eines Lord Großadmirals von Großbritanien begehrt, da es ihm aber zugewiesen worden, werde er Alles thun, diesen Charakter zu behaupten; er wisse, seine Freunde in Stonington würden erfreut sein, seine Beförderung zu vernehmen; denn wenn auch in seinem Vaterland keine Lords und selbst keine Admirale wären, hätten doch seine Landsleute immer große Freude, wenn einer von ihnen durch jemand anders, als sie, zu diesem Rang erhoben würde, indem sie die Einem übertragene Ehre für eine der ganzen Nation erwiesene anzusehen schienen; er liebe, seiner Nation Ehre zu machen, denn kein Volk der Erde habe Begriffe davon und theile sie besser unter sich, so daß jeder seinen Theil bekäme, als die Vereinigten Staaten; jedoch seien sie sehr vorsichtig, einige Ehrerweisung in den ersten Händen zu lassen, und so sei er entschlossen, so viel davon zu behalten, als nur möglich, so lange sie in seiner Macht wäre; er halte sich für einen bessern Seemann, als die meisten Lords Großadmirale, die ihm vorausgegangen, und in soweit fürchte er nichts; er sei begierig, ob seine Beförderung Mad. Poke zur Lady Großadmiral machen würde. Da ich so sehr wegen meines Ranges aufgebracht sei, wolle er mir das Amt eines Schiffskapitäns einstweilen geben (er glaube nämlich nicht, daß ich zum Seeofficier tauge), und zweifelsohne hätte er Einfluß genug, es daheim bestätigt zu erhalten. Ein großer Staatsmann in seinem Lande hätte gesagt: »wenige stürben und keine dankten ab,« und er wolle nicht der Erste sein, der eine neue Mode aufbrächte; er sehe Doktor Raisono als seinen Freund an, und es wäre unangenehm, mit seinen Freunden zu streiten; er wolle in der That Alles thun, nur nicht abdanken, und wenn ich den Doktor überreden könnte, daß er sage, in Hinsicht meiner besonders sei er in einen Irrthum verfallen, und ich wäre nach Springhoch entsandt worden als Lord Ober-Gesandter, Lord Oberpriester oder Lord Ober-sonst etwas, nur nicht Lord Ober-Admiral: ei, dann wolle er es beschwören, obwohl er mir voraussage, daß in einem solchen Fall ich nach dem Datum seiner eignen Bestallung eingereiht werden müßte. Wenn er seinen Rang einen Augenblick früher, als nöthig, aufgäbe, würde er seine eigne Selbstachtung verlieren und nie wieder in Madame Poke's Angesicht zu schauen wagen; wirklich, er würde so etwas nicht thun, und er wünsche mir guten Morgen, da er eben den Lord Groß-Admiral von Springhoch besuchen wolle. Zweites Kapitel. Neue Lords. – Neue Gesetze. – Gyration, Rotation und noch eine Nation; auch eine Invitation. Ich fühlte, meine Lage war nun ganz sonderbar. Freilich war meine Bescheidenheit ganz unerwartet durch die scharfsinnige Wendung geschont worden, die Doktor Raisono der Geschichte von unsrer Verbindung mit einander gegeben hatte; aber ich konnte nicht finden, daß ich irgend einen andern Vortheil dadurch erlangt hätte. Alle von meiner eignen Art hatten mich gewisser Maßen verstoßen, und ich war genöthigt, niedergeschlagen und gedemüthigt mich nach dem Wirthshaus zu wenden, wo das von Poke bestellte Gastmahl unserer wartete. Ich war auf den großen freien Platz gekommen, als ein Schlag auf mein Knie meine Aufmerksamkeit auf jemand neben mir zog. Der sich Aufdringende war ein Monikin, der alle physische Eigenthümlichkeiten eines Unterthans von Springhoch hatte, der sich jedoch von den meisten Einwohnern dieses Landes durch einen längern und weniger sorgfältig behandelten Wulst auf seinem Naturgewand, durch größere List im Ausdruck der Augen und des Mundes, durch ein geschäftiges Ansehn und, eine große Neuheit, durch einen gestutzten Schweif auszeichnete. Er war offenbar von dem am wenigsten begünstigten Wesen seiner Art begleitet, das ich jemals gesehen. Der Erstere redete mich an: »Guten Morgen, Sir hohe Goldenkalb!« begann er mit einer Art Stoß, der, wie ich später erfuhr, ein diplomatischer Gruß sein sollte; »Ihr habt heute gerade nicht die beste Behandlung erfahren, und ich habe auf eine gute Gelegenheit gewartet, Euch mein Bedauern darüber zu bezeigen und meine Dienste anzubieten.« »Sir, Ihr seid zu gütig; ich fühle mich etwas gekränkt, und muß sagen, Teilnahme ist meinem Gefühl sehr angenehm. Ihr müßt mir indeß erlauben, mein Erstaunen zu erkennen zu geben, daß Ihr mit meinem wahren Namen wie mit meinem Unglück bekannt seid.« »Ei, Sir, die Wahrheit zu sagen, ich gehöre zu einem forschenden Volk. Die Bevölkerung ist in meinem Land sehr zerstreut, und so haben wir das Nachfragen uns angewöhnt, das bei einem solchen Zustand der Dinge sehr natürlich ist. Ich denke, Ihr müßt bemerkt haben, daß auf einer Landstraße Ihr selten an Einem ohne ein Nicken vorübergeht, während Ihr Tausenden in einer lebhaften Gasse ohne einen Blick begegnet. Diesen Grundsatz entwickeln wir weiter und lassen nur eine Thatsache aus Mangel an löblicher Neugier uns entwischen.« »Ihr seid also kein Unterthan von Springhoch?« »Gott bewahre! Nein. Herr, ich bin ein Bürger von Springniedrig, einer großen und glorreichen Republik, die drei Tagreisen zur See von dieser Insel liegt; eine ganz neue Nation, die alle Vortheile der Jugend und Kraft genießt, und ein wahres Wunder ist wegen der Kühnheit ihrer Begriffe, der Reinheit ihrer Einrichtungen und ihrer heiligen Achtung vor den Rechten der Monikins. Ich habe die Ehre, außerdem der außerordentliche Gesandte und bevollmächtigte Minister der Republik bei dem König von Springhoch zu sein, ein Volk, von dem wir ursprünglich abstammen, das wir aber auf der Laufbahn des Ruhms und Nutzens weit hinter uns gelassen. Ich muß Euch als Erwiedrung für den Vorzug, den ich in Hinsicht Eurer in diesem Punkt habe, mit meinem Namen bekannt machen.« Hierauf legte mein neuer Bekannte mir eine von seinen Visitenkarten in die Hand, worauf stand, wie folgt: »General – Kommodore – Richter – Kolonel, Volksvollmächtigter Minister der Republik Springniedrig bei Sr. Majestät dem König von Springhoch.« »Herr,« sagte ich und nahm mit einer tiefen Verbeugung den Hut ab, »ich wußte nicht, mit wem ich die Ehre zu sprechen hatte. Ihr scheint eine große Menge von Aemtern und ohne Zweifel mit gleichem Geschick zu bekleiden.« »Ja, Sir, ich glaube, ich bin in dem einen meiner Geschäfte so gut als in dem andern.« »Ihr werdet mir jedoch die Bemerkung erlauben, General – Kom – Richter – ich weiß kaum, welcher dieser Titel am meisten nach Eurem Geschmack ist.« »Nehmet, welchen Ihr wollt, Sir; ich begann mit General, war aber bis zum Kolonel herabgekommen, ehe ich die Heimath verließ. Volksfreund ist die einzige Benennung, woran ich halte. Nennt mich so, Sir, und dann mögt Ihr noch hinzufügen, was Euch beliebt.« »Sir, Ihr seid zu gefällig. Darf ich fragen, ob Ihr in eigner Person wirklich alle diese verschiedenen Stellungen im Leben bekleidet habt?« »Freilich, Sir; ich hoffe, Ihr haltet mich nicht für einen Betrüger.« »Ich bin weit davon entfernt. Aber Richter und Kommodore zum Beispiel sind zwei Stände, deren Pflichten in Menschen-Angelegenheiten so gänzlich verschieden sind, daß ich selbst bei einem Monikin die Verbindung derselben ein wenig außerordentlich finde.« »Gar nicht, Sir. Ich ward gehörig zu Beidem gewählt, diente meine Zeit darin aus und hab' für beide ehrenvolle Abschiede aufzuweisen.« »Ihr müßt einige Schwierigkeit in der Ausübung so verschiedener Pflichten gefunden haben?« »Ah, ich sehe. Ihr seid lang genug in Springhoch gewesen, um einige seiner Vorurtheile anzunehmen. Es ist ein in Vorurtheilen befangnes, trauriges Land. Ich selbst blieb mit meinem Fuß in einigen von ihnen stecken, sobald ich das Land berührte; ei, Sir, meine Karte ist eine Erklärung dessen, was wir in Springniedrig Rotation im Amt nennen.« »Rotation im Amt?« »Ja, Sir; es ist ein System, das wir für unsre eigne Bequemlichkeit erfanden, und das wahrscheinlich dauerhaft sein wird, da es auf ewigen Principien ruht.« »Darf ich fragen, Kolonel, ob es einige Verwandtschaft mit dem socialen Anhaltspunkt-System hat.« »Nicht im Geringsten. Dieses, wie ich's verstehe, ist ein stationäres, während das andre ein rotirendes ist. Nichts ist einfacher. Wir haben in Springniedrig zwei ungeheure Kasten von der Gestalt der Räder. In den einen werfen wir die Namen der Bürger, in den andern die der Aemter. Wir ziehen dann, wie bei einer Lotterie, und das gilt für ein Jahr.« »Ich finde diesen rotirenden Plan außerordentlich einfach, – geht er so gut, als er es verspricht?« »Mit der größten Vollkommenheit. Wir schmieren natürlich die Räder zu gewissen Zeiten.« »Und werden nicht manch Mal Betrügereien von denen begangen, die zur Ziehung der Zettel auserwählt werden?« »O, sie werden ganz auf dieselbe Art gewählt.« »Aber die, welche für sie die Zettel ziehen?« »Alles rotirend; sie werden ganz auf dieselbe Art gezogen.« »Aber es muß doch ein Anfang sein; die wieder, die ihre Zettel ziehen, können das Vertrauen hintergehen.« »Unmöglich; sie sind immer die patriotischsten Patrioten des Landes; nein, nein, Sir, wir sind keine solche Gimpel, um der Bestechung freies Feld zu lassen. Alles kommt auf den Zufall an; der Zufall macht mich heute zum Kommodore, zum Richter morgen. Der Zufall macht die Lotteriejungen und die Patrioten. Man muß sehen, um zu verstehen, wie viel reiner unser Lotterie-Patriot ist, als einer, der dazu erzogen worden.« »Ei, das schmeckt aber immer nach der Lehre von der Abstammung, die wenig besser, als Sache des Zufalls ist.« »Es wäre freilich so, Sir, wenn dieser Zufall nicht in einem patriotischen System wurzelte. Unsre erprobten Patrioten sind unsre Bürgen gegen Mißbräuche.« »Hm!« fiel der Begleiter des Kommodore Volksfreund mit einer seltsamen Vernehmbarkeit ein, als wolle er sich uns bemerkbar machen. »Sir John, ich bitte, meine große Vergessenheit zu entschuldigen, laßt mich meinen Mitbürger, Brigadier Geradaus, Euch vorstellen, einen Mann, der, wie Ihr, auf der Reise ist, und ein so vortrefflicher Bursche, wie nur immer im ganzen Monikin-Land zu finden.« »Brigadier Geradaus, bitte um die Ehre Eurer Bekanntschaft; aber, ihr Herren, auch ich bin sehr unhöflich gewesen. Ein Banket, das hundert Promessen gekostet, wartet auf mich; und da einige der erwarteten Gäste nothwendig abwesend sein müssen, könnten wir, wenn Ihr mich mit Eurer angenehmen Gegenwart beehren wollt, eine angenehme Stunde in fernerm Besprechen dieser wichtigen Interessen zubringen.« Da keiner der Fremden das Geringste gegen den Vorschlag einwendete, saßen wir alle bald gemächlich am Tisch. Der Kommodore, der wohl genährt schien, erwies dem Banket nur wenig Ehre, aber Geradaus griff es an mit Zähnen und Nägel, und ich hatte nicht sehr Ursache, Poke's Abwesenheit zu bedauern. Indeß stockte die Unterhaltung nicht. »Ich denke, ich verstehe die äußeren Umrisse Eures Systems, Richter Volksfreund,« begann ich wieder, »nur den Theil ausgenommen, der sich auf die Patrioten bezieht. Dürft' ich noch um einige Belehrung über diesen besondern Punkt bitten?« »Gewiß, Sir. Unser Staatsgebäude ist auf einen Wink von der Natur gegründet, eine Basis, wie Ihr zugeben werdet, breit genug, das Weltall zu tragen. Als Volk sind wir ein Schwarm, der früher von Springhoch ausging; und als wir uns frei und unabhängig sahen, machten wir uns alsbald daran, das Staatsgebäude nicht nur auf sichre Grundlage, sondern auch sichre Principien zu gründen. Da wir bemerkten, daß die Natur in Duplikaten verfährt, verfolgten wir den Wink als leitende Idee–« »In Duplikaten, Kommodore?« »Freilich, Sir John! Ein Monky hat zwei Augen, zwei Ohren, zwei Nasenlöcher, zwei Lungen, zwei Arme, zwei Hände, zwei Beine, zwei Füße und so fort. Auf diesen Wink hin verordneten wir, daß in jedem Distrikt von Springniedrig zwei deutliche und getrennte Linien in der Idee gezogen werden sollten, die sich in rechten Winkeln durchschnitten. Diese hießen die politischen Landmarken des Landes, und man erwartete, jeder Bürger würde sich an einer oder der andern hin rangiren. All das müßt Ihr indeß nur als eine ideelle, nicht wirkliche Vorkehrung ansehen.« »Ist die Verpflichtung dieser moralischen Vorkehrung gebietend?« »Zwar nicht gesetzlich, aber wer sie nicht achtet, ist gleichsam aus der Mode und wird so allgemein für einen armen Teufel gehalten, daß der Gebrauch weit mehr, als Gesetzeskraft für sich hat. Erst wollte man es in die Konstitution aufnehmen. Aber einer unsrer erfahrensten Staatsmänner zeigte so klar, wir würden dadurch nicht nur das Wesen der Verpflichtung schwächen, sondern auch sehr wahrscheinlich eine Partei dagegen aufregen, daß die Idee wieder aufgegeben ward. In der That, wenn etwas, so scheint sowohl der Buchstab, als der Geist der Konstitution sich ein wenig dagegen aufzulehnen; aber da der Gebrauch gehörig durch Folgerung eingeführt worden, ist er jetzt Bein von unserm Bein und Fleisch von unserm Fleisch. Nun, Sir, nachdem diese beiden politischen Landmarken recht gezogen worden, muß es nun die erste Bemühung dessen, der für einen Patrioten gelten will, sein, eine Uebung darin zu erhalten, mit den Fußspitzen schnell und mit Leichtigkeit auf der Marke hinzugehn. Aber wenn ich meine Sätze durch einige Experimente erläutre, werdet Ihr Alles um so besser verstehn; denn obwohl freilich die wahren Evolutionen rein ideell sind, wie ich Euch schon zu sagen die Ehre gehabt habe, haben wir doch ein anschauliches Mittel angeordnet, das mit unsern Gewohnheiten sehr stimmt und womit der Neophyte immer anfängt.« Hier nahm der Kommodore ein Stück Kreide und zog zwei sehr deutliche Linien mitten durch das Zimmer, die sich in rechten Winkeln durchkreuzten. Als dies geschehen, stellte er die Füße zusammen, und hieß mich dann untersuchen, ob es möglich wäre, etwas von den Dielen zwischen seinen äußersten Zehen und den Linien zu sehen. Nach einem genauen Blick mußte ich mit Nein antworten. »Das nennen wir die Marke betreten; es ist sociale Stellung No. 1. Fast jeder Bürger wird darin auf der einen oder der andern Linie erfahren. Nachher beginnt, wer sein Glück weiter treiben will, seine Carriere mit dem großen rotatirenden Princip.« »Verzeiht, Kommodore, wir nennen es rotirend.« »Sir, das ist nicht ausdrucksvoll genug. Jetzt will ich Euch Stellung No. 2 zeigen. Hier machte der Kommodore einen Sprung, und warf seinen Körper, wie ein Soldat es nennen würde, gerade rechtsum, und brachte zugleich seine Füße ganz auf die andre Seite der Linie, immer aber genau die Marke berührend. »Sir,« sagte ich, »das war sehr brav; aber ist diese Evolution auch so nützlich, als sie geschickt ist?« »Sie hat den Vortheil, daß sie die Fronte wechselt; ein Manöver, so nützlich in der Politik, als im Krieg.« So zeigte er mir noch viele solcher Positionen, und ich äußerte meinen Beifall darüber, und fragte, ob Viele dieselbe Geschicklichkeit erlangten. Der Kommodore und Brigadier lachten über die Einfalt der Frage; der Erstere antwortete: »das Volk von Springniedrig sei so außerordentlich thätig und kühn, und beide Linien seien so geschickt geworden, daß auf's Kommando-Wort sie ihre Sprünge eben so sehr auf's Tempo und ganz so schnell machten, als ein Garde-Regiment die Patrontasche auf und zu klappte.« »Wie, Sir,« rief ich voll Verwundrung aus, »die ganze Bevölkerung?« »Allerdings, Sir, dann und wann findet sich ein Pfuscher, aber er wird alsbald weggebracht und zählt im Ganzen für nichts.« »Aber bis jetzt, Kommodore, sind Eure Evolutionen viel zu allgemein, um die selt'ne Auswahl von Patrioten zuzulassen, da ja Patriotismus gewöhnlich ein Monopol ist.« »Sehr wahr, Sir John! Ich will deßhalb ohne Weiteres zur Hauptsache übergehen. So weit ist es allerdings, wie Ihr sagt, Sache der ganzen Bevölkerung, da Wenige die Marke zu betreten oder die nöthigen Sprünge, wie Ihr es scharfsinnig genannt, zu machen sich weigern. Die Linien, wie Ihr bemerkt haben mögt, durchkreuzen sich in rechten Winkeln, und so ist natürlich einiges Drängen und manch Mal auch viel Zusammenstoßen an und nahe dem Punkt des Zusammentreffens der Linien. Wir nennen dann einen Monikin einen Patrioten, wenn er diese Evolution gerade an dieser Stelle ausführen kann.« Hier warf der Kommodore seine Beine mit solcher Schnelligkeit in die Luft, daß ich nicht recht sagen konnte, was er machte, obgleich man deutlich sah, daß er nach dem rotirenden Princip verfuhr. Ich bemerkte, daß er mit selt'ner Genauigkeit an derselben Stelle wieder herunterkam, wo er vorher gestanden, und auf die Marke mit schöner Präcision trat. »Das ist, was wir Gyration Nro. 3 oder Position Nro. 4 nennen. Wer das ausführen kann, wird als ein Adept in der Politik betrachtet, und nimmt seine Stellung unwandelbar nahe bei dem Feind ein oder bei dem Zusammentreffen der feindlichen Linien.« »Wie, Sir, werden denn diese Linien, obgleich mit Bürgern desselben Landes besetzt, für feindlich gehalten?!« »Sind Hunde und Katzen feindlich, Sir? Obgleich sie sich Gesicht gegen Gesicht gegenüber stehen, handeln sie doch nach denselben Grundsätzen oder dem rotirenden Impuls, und haben genau denselben Zweck im Auge, nämlich das allgemeine Beste, und sind also sociale, politische und, ich mögte fast sagen, moralische Antipoden von einander. Sie heirathen selten unter sich, und wollen häufig selbst nicht mit einander sprechen. Kurz, wie der Brigadier Euch sagen könnte, wenn er dazu geneigt wäre, sie sind Antagonisten, Leib und Seel, mit einem Wort: sie sind Feinde, Sir.« »Das ist sehr seltsam für Bürger eines Staats.« »So ist der Monikin-Charakter,« bemerkte Herr Geradaus, »gewiß sind die Menschen viel weiser.« Da ich die Rede nicht gern von dem gegenwärtigen Gegenstand wegbringen wollte, nickte ich nur bei der Bemerkung, und bat den Richter, fortzufahren. »O, Herr, Ihr könnt Euch leicht denken, begann er wieder, »daß die am Durchschneidungs-Punkt der beiden Linien keine Sinekuren haben; in Wahrheit, sie necken sich aus allen Kräften und der, welcher den meisten Erfindungsgeist in dieser hohen Eigenschaft zeigt, wird gewöhnlich für den tüchtigsten Burschen gehalten. Nun, Sir, niemand anders, als ein Patriot, könnte natürlicher Weise dies Alles ertragen, wenn er nicht seines Landes Bestes immer im Auge hätte, und dafür halten wir sie denn auch.« »Aber die patriotischsten Patrioten, Kommodore?« – – Der Gesandte in Springhoch führte einen sehr künstlichen Sprung aus, der ihn auf die Linie der Gegenkämpfer brachte, und sah dann mich an, als erwarte er Lob. »Herrlich, Herr Richter! Ihr müßt auf diese Uebung großen Fleiß verwandt haben.« »Ich habe dies Manöver, Sir John, fünf Mal im wirklichen Leben ausgeführt, und auf den jedesmaligen Erfolg gründet sich mein Anspruch auf den Titel des patriotischsten Patrioten. Ein einziger falscher Schritt hätte mich vernichtet; aber, wie Ihr sagt, Uebung macht vollkommen, und Vollkommenheit ist die Mutter des Erfolgs.« »Und doch begreife ich nicht recht, wie ein so plötzliches Verlassen seiner eignen Seite, um auf diese schnelle Weise, Hals über Kopf, zur andern überzugehen, mit Recht einen Anspruch auf den so reinen Charakter eines Patrioten gibt.« »Ei, Herr, ist nicht der, welcher sich vertheidigungslos gerade in die Mitte der feindlichen Reihen stürzt, der Held der Schlacht? Da nun dies ein politischer Wettstreit und kein feindlicher ist, einer, worin das Beßte des Landes allein berücksichtigt wird, muß offenbar der Monikin, der so die größte Hingebung für die Sache zeigt, der reinste Patriot sein. Auf meine Ehre, Sir, mein ganzer Anspruch ist nur auf dies besondre Verdienst gegründet.« »Er hat Recht, Sir John, Ihr könnt jedes Wort glauben, was er sagt.« bemerkte der Brigadier nickend. »Ich fange an, Euer System zu begreifen, das allerdings herrlich den Monikin'schen Gewohnheiten angepaßt ist, und einen edlen Wetteifer im Ueben des rotirenden Princips erregen muß. Aber, ich glaube, Ihr sagtet, Kolonel, das Volk von Springniedrig sei eine Kolonie von Springhoch?« »Ganz so, Sir!« »Wie kommt es aber denn, daß Ihr Euch das edle Glied stümpft, während die Einwohner jenes Landes es wie ihren Augapfel, ja als den Sitz der Vernunft selbst lieben?« »Ihr meint unsre Schweife? Ei, Sir! die Natur hat diese Zierde mit sehr ungleicher Hand ausgetheilt, wie Ihr bemerken könnt, wenn Ihr dem Fenster hinausseht. Wir geben zu, daß der Schweif der Sitz der Vernunft, und die Enden der einsichtsvollste Theil sind; aber da die Regierungen angeordnet wurden, um diese natürlichen Ungleichheiten gleich zu machen, klagen wir sie als antirepublikanisch an. Das Gesetz verlangt daher, daß jeder Bürger, wenn er majorenn wird, nach einem in jedem Distrikt aufbewahrten Maas abgestümpft werde. Ohne solch ein Mittel könnte eine Aristokratie des Verstandes unter uns aufkommen, und alle unsre Freiheiten hätten ein Ende. Auch qualificirt es den Stimmberechtigten, und folglich streben wir alle darnach.« Hier lehnte sich der Brigadier über den Tisch und lispelte: ein großer Patriot hätte einst bei einer sehr drängenden Gelegenheit einen Sprung von seiner auf die gegenkämpfende Linie gemacht, und da er alle die heiligen Principien mit sich genommen, für welche seine Partei viele Jahre wüthend gekämpft hätte, wäre er ohne Weiteres an seinem Schweif zurückgezogen worden, der unglücklicher Weise in den Bereich eines seiner ehemaligen Freunde gekommen, denen er den Rücken gewandt; so sei das Gesetz in Wahrheit zum Besten der Patrioten ergangen. Er fügte bei, das Gesetz erlaube einen längern Stumpf, als gewöhnlich getragen würde, aber man sehe es als einen Mangel an Erziehung an, einen Stumpf länger als zwei und dreiviertel Zoll in Gesellschaft zu haben, ja die meisten ihrer politischen Streblinge besonders begnügten sich mit ein und einviertel Zoll als Zeichen außerordentlicher Demuth. Ich dankte Herrn Geradaus für seine klare und anschauliche Erklärung, und das Gespräch wurde fortgesetzt. »Ich hatte gedacht, da Eure Institutionen auf Vernunft und Natur gegründet sind,« fuhr ich fort, »daß Ihr mehr geneigt sein würdet, dieses Glied zu pflegen, als zu verstümmeln, um so mehr, da ich höre, daß alle Monikins es für die wahre Quintessenz der Vernunft halten.« »Freilich, Sir, wir pflegen unsre Schweife, aber nach dem vegetabilischen Grundsatz, wie der geschickte Gärtner die Zweige stümpft, damit sie kräftigere Schößlinge treiben. Freilich erwarten wir nicht, daß die Schweife selbst wieder treiben, aber wir sehen auf das Wachsthum der Vernunft darin und ihre allgemeinere Verbreitung in der Gesellschaft. Die Enden unsrer Schweife, sobald sie abgehauen sind, werden in die große intellektuelle Mühle geschickt, wo der Geist aus der Materie gezogen und der erstere auf Staatsrechnung den Herausgebern der täglichen Zeitungen verkauft wird. Das ist die Ursache, warum unsre Springniedrig-Journalisten so ausgezeichnet wegen ihres Scharfsinns und ihrer Fähigkeit sind; die Ursache, warum sie so treu die Höhe der Springniedrig-Bildung angeben.« »Und auch die der Rechtlichkeit derselben, solltet Ihr hinzufügen,« murmelte der Brigadier. »Ich sehe die Schönheit des Systems ein, Herr Richter. Diese Essenz der abgehauenen Schweife stellt die Höhe des Springniedrig-Gehirns dar, da sie ein Compositum von allen Schweifen des Landes ist; und da eine tägliche Zeitung an den allgemeinen Verstand einer Gemeinde sich richtet, so findet sich eine selt'ne Anpassung zwischen den Lesern und dem Gelesenen. Um mich jedoch vollständig über diesen Punkt zu belehren, werden sie mir die Frage erlauben, welche Wirkung dieses System auf die Gesammtheit des Springniedrig-Verstandes hat.« »Eine wunderbare! Da wir ein Gemeinwesen sind, müssen wir eine Einheit des Gefühls in allen Hauptsachen haben, und indem wir so alle Extreme jeder einzelnen Vernunft zusammenkneten, erlangen wir, was man öffentliche Meinung nennt, die sich wieder durch die Journale ausspricht.« »Und ein patriotischster Patriot wird immer zum Aufseher der Mühle erkoren,« fiel der Brigadier ein. »Immer schöner! Ihr sendet alle feineren Theile eures besondern Verstandes zum Mahlen und Zusammenkneten; dies Compositum wird den Journalisten verkauft, die es wieder als die Ergebnisse der vereinten Weisheit des Landes aussprechen.« »Und der öffentlichen Meinung; wir halten viel auf Vernunft in allen unsern Geschäften, und nennen uns immer das erleuchtetste Volk auf der Erde, aber wir sind dann auch wieder sehr gegen ein isolirtes Streben des Geistes, das beleidigend, antirepublikanisch, aristokratisch und gefährlich ist. Wir setzen unser ganzes Vertrauen auf diese Repräsentation des Verstandes, die ungemein, wie Sie einsehen müssen, mit dem Grundsatz unsrer Staatsgesellschaft harmonirt.« »Wir sind auch ein Handelsvolk,« fiel der Brigadier ein, »und an die Assekuranzgesetze gewöhnt, lieben wir uns mit solchen Höheberechnungen zu beschäftigen.« »Ganz recht, Bruder Geradaus; wir sind ganz besonders, gegen alle Ungleichheit; es ist fast eine eben so große Beleidigung von einem Monikin, wenn er mehr weiß, als seine Nachbarn, als wenn er nach seinen eignen Eingebungen verfährt. Nein, nein, wir sind gewiß, ein freies, unabhängiges Gemeinwesen, und unterwerfen jeden Bürger der öffentlichen Meinung in Allem, was er thut, sagt, denkt und wünscht.« »Bitte, Herr! schicken die beiden großen politischen Linien ihre Schweife in dieselbe Mühle und bekennen sie sich zu denselben Gefühlen?« »Nein, Herr! Wir haben zwei öffentliche Meinungen in Springniedrig.« »Zwei öffentliche Meinungen?« »Freilich, Herr! die horizontale und perpendikuläre.« »Das zeigt von einer außerordentlichen Gedankenfruchtbarkeit, die ich fast für unmöglich hielte.« Hier lachten der Kommodore und Brigadier sogleich beide, so laut sie konnten, und zwar mir grade in's Gesicht. »O, Sir John! Ihr seid in der That der drolligste Bursche von der Welt, die seltsamste Frage, die ich je hörte.« Er rieb sich jetzt die Thränen des Lachens aus den Augen, worauf er dann besser fortfahren konnte. »Nur eine öffentliche Meinung, Himmel! das hätte ich nicht gedacht! Ich sagte Euch ja gleich Anfangs, mein guter Sir John, daß wir, einem Wink der Natur folgend, nach Duplikaten verfahren und nach dem rotirenden Princip. Nach dem einen haben wir immer zwei öffentliche Meinungen, und obgleich die großen politischen Landmarken in einem, so zu sagen, stationären Sinn gezogen sind, sind sie doch auch eigentlich rotirend. Die eine, die man als parallel mit dem Fundamental-Gesetz denkt, der constitutionelle Meridian des Landes, wird die horizontale genannt, und die andere die perpendikuläre. Nun, da nichts wirklich stationär im Springniedrig ist, wirken diese zwei großen Landmarken stets gleichförmig auf das rotirende Princip, und ändern periodisch ihre Stellen; die also, welche die respektiven Marken betreten, bekommen dadurch nothwendig neue Ansichten von den Dingen, wie sie ihren Gesichtspunkt ändern. Diese großen Umwälzungen gehen jedoch höchst langsam vor sich, und sind für die ganz unmerklich, die sie mitmachen, ganz wie die Umwälzungen unseres Planeten seinen Bewohnern.« »Und die Gyrationen der Patrioten, von denen der Richter eben gesprochen,« fügte der Brigadier hinzu, »sind so ziemlich dieselben, wie in excentrischen Bewegungen die Kometen, die das Sonnensystem verschönern, ohne es durch ihren ungewissen Lauf zu stören.« »Nein, Sir!« begann der Richter wieder, »wir wären übel daran, wenn wir nur hier öffentliche Meinung hätten. O, ich wüßte nicht, was aus den patriotischsten Patrioten in solch einem Falle werden würde.« »Bitte, erlaubt mir die Frage! Da Ihr die Plätze verloos't, habt Ihr eben so viele Plätze als Bürger?« »Freilich, Sir! Unsre Plätze zerfallen erstlich in die zwei großen Unterabtheilungen, die innern und äußern. Die, welche auf die Marke an der populärsten Seite treten, nehmen die ersten ein, und die aus der unpopulärsten natürlich alle übrigen. Die erstern jedoch, müßt Ihr wissen, sind die einzigen, bei denen es sich der Mühe lohnt – – –« Ich hätte gern die Unterhaltung fortgesetzt, die eine Fluth von Licht über meine politische Einsicht zu verbreiten versprach; aber grade jetzt erschien ein Bursche, dem Anscheine nach ein Bedienter, mit einem Paket an dem Ende seines Schweifs gebunden. Er wandte sich um und übergab seine Last mit tiefer Ehrfurcht, worauf er sich zurückzog. Ich fand, das Paket enthielt drei Schriften, mit folgenden Adressen: »Sr. königl. Hoheit, Bob, Prinz von Wales u.s.w.« »Mylord, Ober-Admiral Poke u.s.w.« »Herren Goldenkalb, Schreiber u.s.w.« Nach einer Entschuldigung gegen meine Gäste eröffnete ich eifrigst das Schreiben an mich. Es lautete so: »Der hochedle Graf von Chatterino, aufwartender Kammerherr Sr. Majestät, benachrichtigt Herrn John Goldenkalb, Schreiber, daß ihm hiedurch aufgegeben wird, im Kabinet diesen Abend zu erscheinen, wo die Verlöbnißfeierlichkeiten zwischen Graf Chatterino und Lady Chatterissa, erster Ehrendame Ihrer Majestät der Königin, Statt finden werden.« NB . »Die Herren erscheinen in voller Galla.« Als ich den Inhalt meines Schreibens dem Richter mittheilte, sagte er mir, er wisse von der nahen Feierlichkeit, da auch er eine Einladung, in seinem officiellen Charakter zugegen zu sein, erhalten habe. Ich bat, als eine besondre Gunst, er möge, da England keine Gesandten zu Springhoch habe, in seiner Eigenschaft als fremder Minister mich vorstellen. Der Gesandte hatte nichts dagegen, und ich fragte nach dem nöthigen Costume; da, so viel ich gesehen, es zu Springhoch zur guten Sitte gehöre, nackt zu gehen. Der Gesandte hatte die Güte, mir zu bemerken, daß obwohl in Hinsicht bloßer Kleidung jede Bedeckung sowohl in Springhoch als Springniedrig außerordentlich anstößig wäre, doch im erstern Land sich Niemand, die fremden Minister allein ausgenommen, an den Hof begeben könnte, ohne einen Schweif. Da wir uns bald darüber verständigt hatten, trennten wir uns mit der Verabredung, daß ich, nebst meinen Gefährten, deren Interesse ich nicht vernachlässigt hatte, bereit sein sollte, zu einer bestimmten Stunde den Gesandten und den Brigadier zu begleiten. Drittes Kapitel. Ein Hof, ein Hofkleid und ein Höfling. – Gerechtigkeit und Ehre nach verschiedenen Rücksichten. Meine Gäste waren nicht so bald fort, als ich nach der Wirthin schickte, um mich zu erkundigen, ob Hofkleider in der Nähe zu haben wären. Sie sagte mir, freilich sei eine Menge zu bekommen, die der Monikins-Gestalt angemessen wären; aber sie zweifle sehr, ob ein Schweif in ganz Springhoch, natürlich oder künstlich, zu finden, der einer Person von meiner Größe paßte. Das war schlimm, und ich dachte mich schwarz und gelb, und bot alle meine Geisteskräfte auf, als Poke in's Wirthszimmer trat, zwei so furchtbare Ochsenschweife in der Hand, als ich sie nur je gesehen hatte. Er warf mir einen zu und sagte, der Ober-Admiral von Springhoch habe ihm mitgetheilt, es sei eine Einladung sowohl an den Prinzen und ihn selbst als an den Führer des Erstern ergangen, in einer Stunde am Hof zu erscheinen. Er sei, wie er's nannte, von einem sehr guten Mittagessen fortgeeilt, nur daß nichts Solides dabei gewesen (der Kapitän liebte besonders Pökelfleisch), um mir die uns zugedachte Ehre kund zu thun, und auf dem Weg nach Hause sei er auf Dr. Raisono getroffen, der auf die Nachricht von seiner Botschaft nicht verfehlt hätte, auf die Notwendigkeit einer Hoftracht für die ganze Gesellschaft hinzuweisen. Das war eine Verlegenheit und Rache; denn das Erste, was dem Kapitän einleuchtete, war die gänzliche Unmöglichkeit, etwas dieser Art in ganz Springhoch zu finden, das einem Lord Ober-Admiral von seiner Kiellänge nur einiger Maßen paßte. Denn in einem gewöhnlichen Monikins-Schweif zu gehen, das wäre ja gerade wie ein Dreidecker, der zum Niedermast die Segelstange einer Brigg aufstellte. Aber Doktor Raisono half ihm gütig aus der Verlegenheit, er führte ihn in das naturhistorische Kabinet, wo drei gehörige Anhängsel gefunden wurden, nämlich zwei schöne Reliquien von Ochsen und noch ein Kapitalexemplar, das früher der geistige Hebel oder, wie der Kapitän es ausdrückte, das Steuerruder eines Känguru gewesen war. Das Letztre hatte man aus zarter Rücksicht für die Ehre Großbritanniens dem Prinzen Bob geschickt, der auf einer der königlichen Familie gehörigen Villa, in der Nähe von Aggregation, sich befand. Ich war Noah sehr für seine Geschicklichkeit bei dem Anlegen meines Hofkleides verbunden; wir hatten nicht Zeit zu vielen Umständen, denn wir erwarteten jeden Augenblick Richter Volksfreunds Rückkehr. Alles, was wir daher thun konnten, war, einen Gürtel von Leinwand zu machen (der Kapitän war immer mit Nadel, Garn u.s.w. versehen), und das dünnere Ende des Schweifs durch ein Loch in dem Gürtel einzufügen, worauf wir denn die Spitze fest an das Zeug heraufzogen und den Gürtel selbst um uns herum banden. Das war freilich nur ein sehr mittelmäßiges Surrogat für das natürliche Anhängsel, und die Haut selbst war so trocken und spröde, daß auch der Allerunaufmerksamste sich nicht denken konnte, es sei nur ein Fünkchen Gehirn oder Geist darin. Diese Vorkehrung hatte noch einen andern Mißstand. Der Schweif bildete fast einen rechten Winkel mit dem Leib, und außer daß er weit mehr Raum einnahm, als uns in Gegenwart des Königs wohl vergönnt wurde, gab er den andern Springern, wie Noah bemerkte, großen Vortheil über uns, die die ihrigen wie Hebel gebrauchen konnten. Indeß ein Seemann ist unerschöpflich in Hülfsmitteln; zwei eingeflochtene Segelstangen brachten sie bald in die Höhe, und so standen sie wie zwei Masten. Der außerordentliche Gesandte von Springniedrig in Begleitung seines Freundes, des Brigadier Geradaus, kam gerade, als wir gekleidet waren; und die Wahrheit zu sagen, machte der Erstre eine seltsame Figur. Obgleich nach den Springniedrig-Gesetzen verbunden, den Schweif auf sechs Zoll abzustumpfen, und so zu einem wahren Stumpf reducirt, und zwar durch die beiden öffentlichen Meinungen seines Landes, die in diesem Punkt übereinstimmten, erschien er doch gerade mit dem größten Büschel, den ich mich je erinnre, an einem Monikins gesehen zu haben. Ich fühlte mich sehr geneigt, den rotirenden Republikaner über dieses Kokettiren zu verlachen; aber dann fiel mir ein, wie süß jede erschlichene Nachsicht ist, und um mein Leben hätte ich keinen Witz darüber machen können, die Eleganz des Ministers wurde durch die Einfachheit des Brigadier noch auffallender; er hatte seinen Stumpf, freilich einen sehr kurzen, so niedergekämmt, daß dieser dadurch fast unsichtbar ward. Als ich Herrn Geradaus meine Zweifel über seine Zulassung in einem solchen Kostüme äußerte, schnippte er mit den Fingern und gab mir zu verstehen; er wisse es besser. Er erscheine als ein Brigadier von Springniedrig (ich fand nachher, daß er wirklich kein Soldat war, daß er aber nach der Sitte seines Landes unter dem Titel eines Brigadier reiste), und dies sei seine Uniform; er möge doch den Kämmerling sehen, der den Zustand seiner Garderobe zu bekrittlen sich herausnehmen würde. Da es meine Sache nicht war, ließ ich kluger Weise das Gespräch fallen, und wir waren bald im Hofe des Pallastes. Ich übergehe die Parade der Garden, die Staatsmusiker, die Sergeanttrompeter, den Haufen von Bedienten und Pagen, und führe den Leser mit einem Male in's Vorzimmer. Hier fanden wir das gewöhnliche Gedräng derer, die im Lächeln der Fürsten leben. Es war viel Höfischkeit, viel Bücken und Komplimentiren, und der gewöhnliche Grad edlen Strebens, der Erste zu sein, sich zu freuen im Sonnenschein des Königthums. Richter Volksfreund in seinem Charakter eines fremden Gesandten war bevorrechtet; so genossen wir den Privateingang, und standen nun mit Recht am nächsten an den großen Thüren der königlichen Gemächer. Die Meisten vom diplomatischen Korps warteten schon auf, und ganz natürlich offenbarten sich viele herzliche Aeußerungen der innigen Anhänglichkeit, die sie und ihre Herren mit unverletzlichen Banden der heiligsten Freundschaft vereinten, Richter Volksfreund repräsentirte nach seiner eignen Darstellung eine große Nation, eine sehr große Nation, und doch sah ich nicht, daß er eine warme, eine sehr warme Theilnahme fand. Jedoch da er mit sich und Allen um ihn zufrieden schien, würde es unfreundlich, um nicht roh zu sagen, von einem Fremden gewesen sein, seine Selbstachtung zu stören; und ich gab mir daher ganz besondre Mühe, meine Ansicht auch nicht durch die geringste Andeutung zu verrathen, daß Viele um ihn und seinen künstlichen Schweif als etwas im Wege ansahen; die Höflinge von Springhoch besonders, die ein außerordentlich ausschließliches und feinfühlendes Korps sind, schienen die Vorrechte des Richters ungern zu sehen, und einer oder zwei hielten wirklich ihre Nasen zu, als er mit seinem Büschel ein wenig zu nahe an ihren heiligen Gesichtern hinfuhr, als hielten sie dessen Geruch schon für außer der Mode. Während ich diese stillen Beobachtungen machte, schrie ein Page vom innern Theil des Saals: »Platz für Se. königl. Hoheit den Kronprinzen von Großbritannien!« Der Haufen theilte sich, und der junge Schelm Bob schritt im Saale daher. Er trug das Beingewand als die Basis seiner Toilette, aber der obere Theil war mehr im Einklang mit des Schurken angenommenem Charakter. Die Unionsjacke war über seine Schultern wie ein Mantel geworfen, und ward vom Koch und dem Verschließer des Wallrosses (zweien Schwarzen) getragen. Beide als Krokodille gekleidet. Der Känguru-Schweif war auf eine Art aufgestutzt, daß er hörbare Zeichen des Neids in Poke's Herzen erregte. Das Aufputzen desselben, lispelte der Kapitän, mache dem jungen Kerl große Ehre; denn es sähe so natürlich aus, als nur immer eine Perrücke, und dann hatte er außer der Aufrichtungsstange noch zwei Griffe, die gleich den Hauptrudern eines Boots dienten, so daß, wenn er den einen in jeder Hand hatte, der Schweif rechts und links wie ein Ruder gebraucht werden konnte. Ich habe diese Beschreibung aus dem Munde des Kapitäns, und hoffe aufrichtig, sie möge dem Leser verständlich sein. Bob schien seiner Vorzüge sich bewußt; denn als er das obere Ende des Zimmers erreichte, rührte er seinen Schweif und wedelte rechts und links, so daß er eine sehr merkliche und lebhafte Bewunderung in dem Gemüth des Richter Volksfreunds erregte; eine Wirkung, die um so mehr von des Trägers Geschicklichkeit zeugte, da jener hohe Funktionär ex officio verbunden war, für alle Hofeitelkeiten die größte Verachtung zu zeigen. Ich sah jedoch des Kapitäns Augen leuchten, und als der übermüthige junge Narr wirklich die Verwegenheit hatte, seinem Herrn den Rücken zuzukehren und seinen Schweifbüschel gerade unter dessen Nase zu bewegen, konnte Menschennatur nicht länger aushalten. Das rechte Bein des Mylord Ober-Admiral zog sich leise zurück, leise mit der Vorsicht der Katze, die auf etwas losspringen will, und fuhr dann vor, mit einer Schnelligkeit, einer Kraft, die den Kronprinzen ganz und gar vom Boden in die Höhe warf. Die königliche Selbstbeherrschung Bob's konnte einen Schrei des Schmerzes und der Ueberraschung nicht unterdrücken, und einige der Höflinge stürzten unwillkürlich vor, ihm zu helfen; denn Höflinge eilen immer unwillkürlich den Fürsten zu Hülfe. Wenigstens ein Dutzend der Damen boten ihre Riechfläschchen mit der liebenswürdigsten Eile und Bekümmerniß an. Um jedoch jeden unangenehmen Folgen zuvorzukommen, eilte ich die Versammlung zu benachrichtigen, daß es in Großbritannien Sitte sei, die ganze königliche Familie zu stoßen und zu treten, und es sei dieß nichts weiter, als der gewohnte Tribut des Unterthans gegen den Fürsten. Zum Beweis dessen, was ich sagte, gab ich dem eitlen jungen Schelmen selbst einige Huldigung, und die Monikins, die wissen, daß verschiedene Gewohnheiten in verschiedenen Ländern herrschen, beeilten sich den jungen Sprößling des Königthums auf dieselbe Weise zu bekomplimentiren; auch der Koch und Beschließer erheiterten ihre lange Weile, indem sie uns nachahmten. Bob konnte die letzteren Huldigungen nicht ertragen und wollte zum Rückzug blasen, als der Ceremonienmeister erschien, um ihn vor den König zu führen. Der Leser darf sich durch die dem vermeintlichen Kronprinzen erwiesenen Ehren nicht irre führen lassen und glauben, es habe der Hof von Springhoch einige besondere Ehrfurcht vor dem von Großbritannien gehabt. Es geschah blos nach dem Grundsatz, der unsern eignen gelehrten König Jakob I. leitete, als er die liebenswürdige Pocahontas von Virginien nicht sehen wollte, weil sie die königliche Würde durch eine Heirath mit einem Unterthan herabgewürdigt hatte. Die Ehre wurde der Kaste, nicht dem Individuum, seiner Art oder seiner Nation erwiesen. Doch mochten seine Vorrechte herrühren, woher sie wollten, Bob war froh, von Kapitän Poke wegzukommen, welcher schon ziemlich deutlich in seinem Stoningtoner Dialekt erklärt hatte, er wolle seinen Schweif abtakeln. Von dieser gefährlichen Nähe kam er weg, um vor dem König zu erscheinen. Einige Minuten nachher gingen die Thüren auf, und die ganze Gesellschaft ward in die königlichen Zimmer gelassen. Die Etikette am Hof von Springhoch unterscheidet sich in vielen wesentlichen Stücken von der Etikette eines jeden andern Hof im Monikin-Land. Weder der König noch seine Gemahlin sind je für Einen im Lande sichtbar, so weit als gewöhnlich bekannt ist. Im gegenwärtigen Fall waren zwei Throne an den entgegengesetzten Enden des Saals aufgestellt, und ein prächtiger Purpurdamast so dicht vor jeden gezogen, daß es ganz unmöglich war, zu sehen, wer ihn einnähme. Auf der niedrigsten Stufe stand ein Kämmerling oder eine Kammerfrau, die jede besonders all die Reden hielten und sonst die Rollen des hohen Paars spielten. Der Leser wird sich daher denken, daß Alles, was hier einer von den hohen Personen zugeschrieben wird, in der That durch einen oder den andern der Stellvertreter geschah, und ich nie die Ehre hatte, Angesicht zu Angesicht vor ihren Majestäten zu stehen. Alles, was jetzt erzählt werden soll, wurde durch Stellvertreter von Seiten des Monarchen und seiner Frau gethan. Der König selbst repräsentirt nur eine Idee: alle Macht gehört seinem ältesten ersten Vetter und jede Verhandlung mit ihm ist daher gänzlich von einem uninteressanten, sentimentalen Charakter. Er ist das Haupt der Kirche, jedoch nach einer sehr weltlichen Art, und alle Bischöfe und die Geistlichkeit fielen auf ihre Kniee und sagten ihre Gebete, obwohl der Kapitän vermuthete, es könnte ihr Katechismus sein; ich erfuhr nie, welches von beiden. Ich bemerkte auch, daß alle seine richterlichen Beamten dasselbe thaten, aber da sie nie beten und ihren Katechismus nicht können, so vermuthe auch ich, ihr Kniebeugen sollte etwas Besseres erbitten, als die Plätze waren, die sie gegenwärtig ausfüllten. Darauf kam ein großer Zug militärischer und Seeofficianten, die soldatenmäßig seine Fußsohle küßten. Die Bürgerlichen waren dann an der Reihe, und zuletzt wurden wir vorgestellt. »Ich habe die Ehre, den Lord Oberadmiral von Großbritanien Eurer Majestät vorzustellen,« sagte Richter Volksfreund, der sein officielles Vorrecht, zuerst zu gehen, aufgegeben, um uns diese Gunst in Person zu erweisen. Es war nämlich nach einer Durchsicht aller dahin einschlagenden Privilegien entschieden worden, daß nichts Menschliches am Hof vor einem Monikin den Vortritt haben könnte, immer mit der Ausnahme zu Gunsten des Königthums, wie bei dem Prinzen Bob. »Es freut mich, Euch an meinem Hof zu sehen, Admiral Poke,« entgegnete der König höflich, und zeigte den Takt hohen Ranges, indem er Noah zum großen Erstaunen des alten Robbenfängers bei seinem Familien-Namen anredete. »König!« »Ihr wolltet etwas bemerken?« fragte Se. Majestät sehr gnädig, und war etwas in Verlegenheit, zu gestehen was sein Besuch sagen wollte. »Ei, ich konnte mein Erstaunen über Euer Gedächtnis nicht bergen, Herr König, das Euch in den Stand setzt, einen Namen zu nennen, den Ihr wahrscheinlich nie gehört habt.« Es entstand nun eine sehr große und eine unerklärliche Bewegung im Kreise. Es schien, der Kapitän hatte in sehr wichtigen Stücken zwei der wesentlichsten Regeln der Etikette ohne sein Wissen übertreten. Er hatte in des Königs Gegenwart eine so gemeine Regung, als das Erstaunen ist, zugegeben, und darauf hingewiesen, der König habe ein Gedächtniß; eine Eigenthümlichkeit des Geistes, welche, da sie für die Freiheiten von Springhoch gefährlich werden könnte, wenn man sie im Besitz eines Andern, als eines verantwortlichen Ministers ließe, dem König selbst zuzuschreiben, schon längst als Felonie erklärt worden. Nach dem Grundgesetz des Landes kann des Königs ältester erster Vetter so viele Gedächtnisse haben, als ihm beliebt, und sie, wie er's für dienlich erachtet, im Privat- und öffentlichen Dienst gebrauchen und mißbrauchen; aber es wird für ganz unkonstitutionel und unparlamentarisch gehalten, und folglich auch für außerordentlich schlechte Erziehung, auch nur im entferntesten zu verstehen zu geben, der König selbst habe ein Gedächtniß, einen Willen, eine Entscheidung, einen Entschluß, ein Verlangen, einen Begriff, eine Absicht, kurz irgend ein andres intellektuelles Vermögen, das seines »königlichen Vergnügens« allein ausgenommen. Es ist konstitutionel und parlamentarisch, zu sagen, der König hat ein königliches Vergnügen, vorausgesetzt immer, daß das Folgende zeigt, dies königliche Vergnügen sei immer gänzlich zur Verfügung seines ersten ältesten Vetters. Als man Herrn Poke seinen Mißgriff bedeutete, zeigte er die gehörige Zerknirschung; und die endliche Entscheidung der Sache wurde ausgesetzt, um die Ansicht der Richter über die Nöthigkeit einer Bürgschaft zu vernehmen, die ich schnell für einen alten Schiffsgefährten zu leisten versprach. Nachdem diese unangenehme kleine Unterbrechung für jetzt weggeräumt war, ging es mit dem Geschäft des Vorstellens weiter. Noah wurde zunächst vor die Königin geführt, die (freilich immer durch Stellvertretung) sehr geneigt war, den kleinen Fehler, in den er bei Ihrem königlichen Gatten verfallen, zu übersehen und ihn gnädigst zu empfangen. »Möge es Eurer Majestät gefallen, ich habe die Ehre, Eurer Majestät königlicher Aufmerksamkeit Lord Noah Poke vorzustellen, den Lord Oberadmiral eines fernen und wenig bekannten Landes, Großbritanien,« sagte der Ceremonienmeister mit dem goldnen Stab; denn Richter Volksfreund fürchtete Springniedrig zu kompromittiren, und wollte den Kapitän zu niemand Anders einführen. »Lord Poke ist ein Landsmann von unserm königlichen Vetter, dem Prinzen Bob!« bemerkte die Königin in einer außerordentlich gnädigen Weise. »Madame,« fiel der Robbenfänger schnell ein. »Euer Vetter Bob ist nicht mein Vetter, und wenn Eure Majestät nach dem Gesetz ein Gedächtniß oder eine Zuneigung oder sonst etwas der Art haben dürfte, würde ich den Befehl erbitten, den jungen Schelm tüchtig durchprügeln zu lassen.« Die Majestät von Springhoch stand erstaunt, aber durch Stellvertretung; es schien, Noah war nun wirklich in einen ernsthafteren Irrthum verfallen, als das Versehen bei dem König. Nach dem Gesetz von Springhoch ist die Königin keine femme couverte. Sie kann in ihrem eignen Namen anreden und angeredet werden; sie hat ihren besondern Hofstaat, ohne Dazwischenkunft von Vermittler, und wird betrachtet als mit einem Gedächtniß, einem Willen, einer Zuneigung und sonst dergleichen versehen, nur das »königliche Vergnügen« ausgenommen, worauf sie keinen Anspruch hat. Was sie betrifft, ist des Königs erster Vetter ein todter Buchstabe; er hat nicht mehr Herrschaft über ihr Gewissen, als über das eines Aepfelweibs, kurz Ihre Majestät ist ganz eben so gut die Herrin über ihre eignen Ueberzeugungen und ihr Gewissen, als es nur immer bei Frauen in so hohen Stellungen möglich ist, Interessen zu beherrschen, die für ihre Umgebungen von so großer Wichtigkeit sind. Noah hatte unschuldiger Weise, das glaub' ich fest, tief alle die zarten Gefühle verletzt, welche natürlicher Weise mit einem so hoch gebildeten Zustand der Staatsgesellschaft zusammenhängen. Darüber konnte Verzeihung nicht hinausgehen, und ich sah an den düstern Blicken um mich, daß der Kapitän ein schweres Verbrechen begangen. Er ward alsbald ergriffen und von der königlichen Gegenwart weg in ein anstoßendes Zimmer geführt, in welches ich nur nach vielem Bitten und Anrufen der heiligen Rechte der Gastfreundschaft zugelassen wurde. Ich sah jetzt, daß in Springhoch die Güte der Gesetze so ziemlich nach ähnlichen Principien wie bei uns der Wein erprobt wird, nämlich nach dem Alter. Je älter ein Gesetz ist, desto mehr wird es geachtet, ohne Zweifel, weil es, nachdem es durch sein Fortbestehen unter allen Wechseln der Staatsgesellschaft seine Güte bewährt hat, auch sanfter, wenn nicht annehmlicher, geworden ist. Nun soll nach einem Gesetz von Springhoch, das so alt als die Monarchie ist, wer der Königin Majestät bei einem Lever beleidigt, seinen Kopf verlieren, und wer unter denselben Umständen des Königs Majestät, – nothwendiger Weise das schwerere Vergehen, – seinen Schweif. Durch die erstere Bestrafung wird der Schuldige ohne Weitres begraben und dem gewöhnlichen Lauf der Monikin'schen Wiedergeburt und Auferstehung überlassen; aber durch die letztere hält man ihn für ganz außerhalb des Bereichs der Vernunft gesetzt, er wird der Klasse der rückgängigen Thiere überantwortet. Sein Geist nimmt ab, sein Körper zu, das Gehirn, aus Mangel an Mitteln zur Entwickelung, erhält wieder die aufstrebende Bewegung des Schößlings, die Stirn dehnt sich aus, Knollen erscheinen wieder, und endlich, nachdem er stufenweise in der Leiter des Geistes herabgestiegen, wird er zu einer todten, unempfindlichen Masse. Dieß ist wenigstens die Theorie seiner Bestrafung. Nach einem andern Gesetz, das selbst noch älter als die Theorie ist, kann Jeder, der in des Königs Palast sich vergeht, nach einem sehr summarischen Proceß gerichtet werden; des Königs Pagen sind die Richter, und die Sentenz wird ohne Aufschub vollstreckt. Dieß war die Lage, in welche Poke durch eine Unvorsichtigkeit an Hof plötzlich versetzt worden; und ohne meine schnelle Verwendung wäre er wahrscheinlich zugleich an beiden Extremitäten gerichtet worden, und zwar nach einer Etikette, die vorschreibt, daß bei einem Hofgericht weder des Königs noch der Königin Rechte einigen Vorzug haben sollen. Zur Vertheidigung meines Schutzbefohlenen führte ich seine Unbekanntschaft mit den Gebräuchen des Landes an, ja mit denen aller übrigen Länder, nur Stonington ausgenommen. Ich versicherte, der Schuldige sei ein ihrer Aufmerksamkeit ganz unwürdiger Gegenstand, daß er gar kein Lord Oberadmiral, sondern ein bloßer ärmlicher Robbenfänger wäre; ich legte einiges Gewicht auf die Nothwendigkeit, freundliche Verhältnisse mit den Robbenfängern zu unterhalten, die so nah dem Monikins-Land kreuzten; ich suchte die Richter zu überzeugen, daß Noah nichts Böses gemeint, als er dem Könige moralische Eigenschaften beilegte, und so lange er nicht unmoralische dessen königlicher Gemahlin zuschriebe, möge sie wohl Verzeihung ihm angedeihen lassen. Ich führte dann Shakespeare's berühmte Stelle über Gnade an, die wohl aufgenommen zu werden schien, und überließ die ganze Sache ihrem bessern Urtheil. Ich würde es sehr gut gemacht und wahrscheinlich die unmittelbare Freilassung meines Freundes erlangt haben, wenn nicht der Staatsanwalt von Springhoch durch Neugier in's Zimmer gezogen worden. Obwohl er nichts über das Gewicht meiner Gründe zu sagen wußte, machte er doch gegen jeden von ihnen auf den Grund der Form allerlei Einwendungen. Der war zu lang, der zu kurz, der eine zu hoch, der andre zu nieder, ein fünfter zu breit, ein sechster zu schaal, kurz, es war keine Redefigur dieser Art, die er nicht aufgriff, um die Schlechtigkeit der Beweise zu zeigen, nur erinnere ich mich nicht, daß er einen meiner Gründe zu großer Tiefe beschuldigte. Die Sachen nahmen nun eine ernste Wendung für den armen Noah, als ein Page hereinhüpfte, mit der Nachricht, die Verlobung solle so eben Statt finden, und wenn seine Gefährten zugegen zu sein wünschten, müßten sie den Gefangnen ohne Aufschub verurtheilen. Mancher, sagt man, ist gehängt worden, damit der Richter essen konnte; aber im gegenwärtigen Fall, glaube ich, ward Poke verschont, damit seine Richter nicht ein Schauspiel versäumten. Ich legte 50.000 Promessen als Pfand für das gehörige Wiedererscheinen des Angeklagten am folgenden Morgen ein, und wir alle kehrten zusammen in das Audienzzimmer zurück, und traten uns in der Eile, am vordersten zu sein, einander auf die Schweife. Jeder, der je an einem menschlichen Hof gewesen ist, muß sehr wohl wissen, daß, während es das leichteste Ding von der Welt ist, ihn durch eine Verletzung der Etikette in Bewegung zu setzen, Dinge des gewöhnlichen Lebens und Todes ganz und gar nicht seine Ruhe zu trüben vermögen. Dort ist Alles Sache der Routine und Schicklichkeit, und, nach Erfahrung zu urtheilen, ist nichts so unschicklich, als menschliches Mitgefühl zu besitzen zu scheinen. Die Sache verhält sich nicht viel anders in Springhoch; denn Monikin'sches Mitgefühl ist dem Ansehen nach ganz eben so abgestumpft, als das der Menschen, – obwohl die Billigkeit mich zu dem Geständniß zwingt, daß bei Poke das Mitgefühl für ein Wesen verschiedener Art in Anspruch genommen wurde! Es ist ferner ein feststehender Satz in der Jurisprudenz von Springhoch, daß es für den König etwas Ungeheures wäre, sich mit der Rechtspflege zu befassen, obwohl sie immer in seinem Namen geschieht; aber es wird nicht für ganz so unschicklich gehalten, daß er sich mit denen befaßt, die die Gerechtigkeit beleidigt haben. Als Folge dieser seinen Unterscheidungen, die vollständig zu verstehen eine sehr vorgeschrittene Bildung nöthig ist, empfing König und Königin unsre ganze Gesellschaft bei unserer Rückkehr, als wenn gar nichts besonders vorgefallen. Noah hielt, wie jeder Andre, Haupt und Schweif gerade, und der Lord Oberadmiral von Springhoch ließ sich mit ihm über den Ballast der Schiffe in eine vertrauliche Unterredung ganz eben so freundlich ein, als stünde er auf dem beßten Fuß mit der ganzen königlichen Familie. Diese moralische Kaltblütigkeit darf man nicht dem Phlegma zuschreiben; sie ist in der That das Ergebniß hoher geistiger Zucht, die den Höfling ganz ohne alles Gefühl läßt, nur die Fälle ausgenommen, die ihn selbst betreffen. Es war jetzt hohe Zeit, daß ich vorgestellt wurde. Richter Volksfreund, der Noah's Noth mit diplomatischer Unbekümmertheit mit angesehen, erneuerte mir sehr höflich das Anerbieten seiner Dienste, und ich trat vor und stand an dem Throne. »Sire, erlauben Sie mir, einen sehr ausgezeichneten literarischen Charakter unter den Menschen, einen sehr geschickten Schreiber, Namens Goldenkalb, Ihnen vorzustellen,« sagte der Gesandte, sich vor Sr. Majestät verbeugend. »Er ist willkommen an meinem Hof,« entgegnete der König durch Stellvertretung; »bitte, Herr Volksfreund, ist das nicht eines von den menschlichen Wesen, die vor Kurzem in mein Gebiet gekommen und so viel Geschicklichkeit gezeigt haben, Chatterino und seinen Hofmeister durch's Eis zu bringen?« »Ganz so, Ew. Majestät; und ein sehr schwerer Dienst war es und wohl geleistet.« »Das erinnert mich an eine Pflicht; laßt meinen Vetter rufen.« Ich fing nun an zu hoffen, und die Wahrheit des Sprichworts zu fühlen, daß Gerechtigkeit, obwohl manch Mal langsam, nie endlich zu erscheinen verfehle. Ich hatte auch jetzt zum ersten Male des Königs ältesten ersten Vetter recht im Gesicht. Er kam auf den Ruf herbei; und während er mit der größten Aufmerksamkeit auf die Aufträge des Königs zu hören schien, sagte er offenbar diesem Potentaten, was er zu thun hätte. Nach beendigter Konferenz sprach Sr. Majestät Stellvertreter laut genug, um von Allen gehört zu werden, die das Glück hatten, der königlichen Person nahe zu sein. »Raisono that wohl,« sagte er, »wirklich sehr wohl, daß er diese Proben der Menschengattung uns brachte. Ohne seinen Eifer wär' ich gestorben, ohne daß ich mir hätte träumen lassen, die Menschen seien mit Schweifen versehen.« (Die Könige erfassen nie recht die Wahrheit.) »Ich zweifle, daß die Königin es wüßte; bitte, wußtet Ihr, Augusta, daß die Menschen Schweife haben?« »Unsre Freiheit von Staatsgeschäften gibt uns Weibern bessere Gelegenheit, als Ew. Majestät, diese Dinge zu studiren;« entgegnete seine königliche Gemahlin durch den Mund der Kammerdame. »Ich weiß nicht recht wie, aber unser Vetter hier meint, es wäre gut, etwas für die braven Leute zu thun; denn es könnte ihren König selbst ermuthigen, hierher zu kommen.« Ein Ausruf der Freude entfuhr den Damen, die alle einmüthig erklärten, es müsse entzückend sein, einen wirklichen Menschen-König zu sehen; »es würde so spassig sein!« »Nun, nun,« fuhr der gut gelaunte Monarch fort, »der Himmel weiß, was noch geschehen mag; ich hab' schon seltsamere Dinge gesehen. Wirklich, wir sollten etwas für diese guten Leute thun; denn obwohl wir auch das Vergnügen ihres Besuchs größtentheils dem Eifer Raisono's verdanken, der, wie ich zu meiner Freude höre, große akademische Titel erhalten, so gibt er doch gerne zu, daß nur durch ihre Anstrengung, da keiner von unsern See-Monikins bei der Hand war, es möglich ward, durch das Eis zu kommen. Ich möchte gerne wissen, welches der Geschickteste und Brauchbarste von ihnen ist.« Hier gab die Königin, immer durch Stellvertretung dankend und sprechend, zu verstehen, es sei billig, es Bob zu überlassen. »Es ist nicht mehr als billig für seinen Rang; denn wenn sie auch Menschen sind, haben sie doch Gefühle wie wir selbst.« Die Frage ward jetzt Bob anheim gestellt, der über uns alle mit so viel Ernst zu Gericht saß, als wär' er von Kindheit an zu solchen Pflichten gewöhnt. Man sagt, der Mensch werde bald mit seiner Größe vertraut, und während der Gefallene nie verfehlt, rückwärts zu blicken, beschränkt der, welcher gestiegen ist, immer seinen Blick auf seinen gegenwärtigen Horizont. So zeigte sich's auch mit dem Prinzen Bob. »Diese Person,« sagte der Schurke, auf mich deutend, »ist zwar eine sehr gute Person, aber er ist kaum Einer, wie Ew. Majestät ihn gerade jetzt braucht. Da ist auch der Lord Oberadmiral, aber« – (Bob's Ader war durch tausend Fußtritte vergiftet) »aber, Ihr wünscht, Sire, zu wissen, welcher von meines Vetters Unterthanen der nützlichste war, um das Schiff nach Springhoch zu bringen.« »Gerade das wünschte ich zu wissen.« »Bob deutete nun auf den Koch, der, wie man sich erinnern wird, als einer seiner Schleppträger zugegen war. »Dieser, denk' ich, ist der Mann! Er nährte uns alle, und ohne Nahrung und zwar in beträchtlicher Menge, hätte nichts geschehen können.« Der kleine Schurke wurde durch Ausrufe der Lust von allen Umstehenden für seine Unverschämtheit belohnt. »Es war eine so feine Unterscheidung,« – »es zeugte von so vielem Nachdenken,« – »es war so tief,« – »es zeigte, wie sehr er den Grund der Staatsgesellschaft würdigte,« kurz, »es war augenscheinlich, England wäre ein glückliches Land, wenn er auf den Thron gerufen würde.« – So wurde der Koch herbeigerufen, um vor Sr. Majestät niederzuknieen. »Wie heißt Ihr?« lispelte der Kammerherr, der jetzt für sich sprach. »Jack Coppers, Ihre Gnaden.« Der Kammerherr theilte es Sr. Majestät mit, wo denn der Souverän durch Stellvertretung Jack den Rücken zuwandte, und nachdem er ihm mit dem Schweif die Akkolade gegeben, ihn aufstehen hieß als »Sir Jack Coppers.« Ich schwieg, ein verwunderter, erstaunter Zeuge dieses Akts grober, schreiender Ungerechtigkeit. Jemand stieß mich an, und ich erkannte die Stimme des Brigadier Geradaus. »Ihr denkt, die Ehren seien verschwendet worden, wo sie es am wenigsten sollten. Ihr denkt, die Reden Eures Kronprinzen hatten mehr Verschmitztheit als Wahrheit, mehr Bosheit als Ehrlichkeit. Ihr denkt, der Hof habe nach falschen Grundsätzen geurtheilt, und sei mehr einem Impuls, als einem Grunde gefolgt; der König habe seine eigne Bequemlichkeit berücksichtigt, indem er Gerechtigkeit zu üben vorgab; die Höflinge hätten ihrem Herrn gehuldigt, indem sie dem Verdienst zu huldigen schienen, und nichts in diesem Leben sei frei von Falschheit, Eigennutz und Eitelkeit. Ach, das ist nur zu sehr der Fall mit uns Monikins; bei euch, bei den Menschen, macht man es ohne Zweifel viel besser.« Viertes Kapitel. Ueber die Demuth der professionellen Heiligen. – Eine Reihenfolge von Schweifen. – Eine Braut und ein Bräutigam und andre himmlische Dinge, – Diplomatie mit einbegriffen. Da ich bemerkte, daß Brigadier Geradaus einen beobachtenden Geist hatte und ganz erhaben über den Sektengeist war, welcher so leicht eine besondre Klasse allen andern feindselig macht, bat ich ihn um Erlaubniß, von seiner Bekanntschaft Nutzen ziehen zu dürfen, und ersuchte ihn zu gleicher Zeit, mich mit einigen Bemerkungen zu erfreuen, wie sie eben seine höhere Weisheit und großen Reisen ihm eingeben würden, besonders in Hinsicht der Gewohnheiten und Ansichten, die unsre gegenwärtige Lage uns natürlich vorbringen mußte. Der Brigadier nahm das Verlangen gut auf, und wir gingen zusammen durch die Gemächer. Da der Erzbischof von Aggregation, der die Verlobungsfeierlichkeiten begehen sollte, in Kurzem erwartet wurde, bewegte sich natürlicher Weise die Unterhaltung um den allgemeinen Zustand der Religion im Monikins-Land. Es freute mich, daß die geistlichen Dogmen dieses abgeschiednen Theils der Welt ganz und gar auf Grundsätzen basirt waren, die mit denen der ganzen Christenheit im Einklang standen. Die Monikins glauben, daß sie eine erbärmliche, verlorne Art Wichte sind, die von Natur so erniedrigt worden, so ganz aufgezehrt von Neid, Unbarmherzigkeit und allen andern bösen Leidenschaften sind, daß es ganz unmöglich für sie ist, etwas Gutes durch sich selbst zu thun, daß ihre einzige Hülfe die moralische Dazwischenkunft jener großen höheren Macht der Schöpfung sein muß, und daß der erste nöthige Schritt von ihnen selbst der ist, sich gänzlich dieser Macht mit einem gehörigen Sinn der Abhängigkeit und Demuth zur Unterstützung hinzugeben. Als Folgesatz dieser Gemüthsstimmung legen sie die äußerste Mißachtung der Eitelkeiten der Welt an den Tag, eine gehörige Bezähmung der Lüste des Fleisches und ein gänzliches Entsagen der Pracht und Ruhmredigkeit, der Eitelkeit, des Reichthums, der Macht und geistiger Fähigkeiten. Kurz, das Einzige, was Noth thut, ist Demuth – Demuth – Demuth. Sind sie ein Mal gedemüthigt bis zu einem Grade, der sie der Gefahr des Rückfalls überhebt, dann erhalten sie Blicke und Ahnungen der Sicherheit und erheben sich allmählig zu den Hoffnungen und Stufen der Gerechten. Der Brigadier ließ sich noch beredt über diese interessante Materie aus, als eine ferne Thür sich öffnete und ein goldner Stock oder sonst ein Stock den ehrwürdigen Vater in Gott, seine Gnade den erhabnen und seligen Prälaten, den mächtigen und drei Mal gebenedeiten und glorreichen Heiligen, den Primaten von ganz Springhoch verkündete. Der Leser wird sich die eifrige Neugierde denken, mit der ich vorschritt, um einen Blick von einem Heiligen unter einem so sublimirten System, als das der Monikin-Familie ist, zu erhalten. Da die Civilisation so große Fortschritte gemacht, daß sie Jedermann, selbst bis zum König und zur Königin, gänzlich jeder besondern Kleidung beraubte, konnte ich mir nicht recht denken, unter welchen neuen Mantel der Einfachheit die Häupter der Kirche sich geflüchtet haben könnten. Vielleicht rasirten sie alle Haare von ihren Körpern, zum Zeichen ausserordentlicher Selbsterniedrigung, und machten sich nackt bis auf die Haut, um durch das blose Ansehn schon zu zeigen, welch eine arme, ungewinnende Art Wichte sie fleischlich betrachtet wären, oder vielleicht gingen sie auf allen Vieren zum Himmel, zum Zeichen ihrer Unvermögenheit, zur Gegenwart derer, die reinen Herzens sind, in einer geraderen und vertrauenderen Stellung vorzudringen. Nun, diese meine Einbildungen zeigten nur, wie falsch und irrig die Schlüsse eines Wesens sind, dessen Fähigkeiten noch nicht erhöht und verkettet worden durch den Scharfsinn einer sehr verfeinerten Bildung. Seine Gnade der ehrwürdige Vater in Gott trug einen Mantel von besondrer Feinheit und Schöne, dessen Stoff aus jedem zehnten Haar von allen Bürgern von Springhoch bestand, die sich sehr gerne scheeren ließen, damit nur die Bedürfnisse seiner erhabensten Demuth gehörig befriedigt würden. Der von solchem Stoff und solchem Beitrag gewobene Mantel war natürlich sehr weit und groß, und es schien mir wirklich, der Prälat wisse nicht recht, was mit dem so Vielen anfangen, besonders da zu den Beiträgen auch noch ein neues Kleid jährlich gehört. Es verlangte mich nun, seinen Schweif zu sehen; denn da ich wußte, daß die Springhocher auf die Länge und Schönheit dieses Anhängsels viel halten, setzte ich natürlich voraus, daß ein Heiliger, der aus lauter Demuth ein so schönes und herrliches Gewand trüge, zu irgend einem neuen Mittel seine Zuflucht nehmen müsse, um sich wenigstens in diesem fühlbaren Punkt zu kasteien. Ich fand: der weite Umfang des Mantels verbarg nicht allein die Person, sondern auch die meisten Bewegungen des Erzbischofs, und mit vielen Zweifeln am Erfolg führte ich den Brigadier hinter den bischöflichen Zug, um zu rekognosciren. Der Erfolg täuschte wieder alle Erwartung. Statt eines Schweifs zu ermangeln oder den, womit die Natur ihn versehen, unter dem Mantel zu bergen, trug der gnädige Würdenträger nicht weniger, als sechs, seinen eignen nämlich und noch fünf andre, die er sich durch seine Mittel klerikalischen Scharfsinns, die ich nicht weiter erklären will, beigelegt hatte. Der eine war, wie der Kapitän es später in einer Unterhaltung darüber beschrieb, auf den andern geneigt. Diese außerordentliche Schleppe ließ er den Boden berühren, – das einzige Zeichen von Demuth nach meinen ungebildeten Begriffen, das ich an der Person und dem Aeußern dieses hohen Vorbilds klerikalischer Abtödtung und Demuth entdecken konnte. Doch der Brigadier belehrte mich bald eines Bessern. Erstlich zeigte er mir, wie die Hierarchie von Springhoch durch die Ordnung ihrer Schweife verherrlicht werde; so trüge ein Dechant einen und einen halben, ein Pfarrer, wenn er wirklich im Amt, einen und zwei Drittel, und ein Rektor zwei, ein Dekan zwei und einen halben, ein Archidekan drei, ein Bischof vier, der Primat von Springhoch fünf und der Primat von ganz Springhoch sechs. Der Ursprung der Sitte, die sehr alt und folglich sehr geachtet wäre, würde der Lehre eines Heiligen von großem Ruf zugeschrieben, der genügend dargethan, daß, da der Schweif der intellektuelle und geistige Theil eines Monikin wäre, er, je weiter von der materiellen Masse oder dem Körper entfernt, auch offenbar unabhängiger, konsequenter, logischer und geistiger sein müsse. Die Idee hatte sich zuerst erstaunend verbreitet; aber die Zeit, die selbst einen Schweif abnutzt, hatte ein Schisma in der Kirche über diesen interessanten Punkt erzeugt, indem die eine Partei behauptete, zwei Anhängsel mehr müßten zur Stütze der Kirche dem Schmuck des Erzbischofs hinzugefügt werden, und die andre der Meinung war, im Wege der Reform sollte man zwei ohne Aufschub abschneiden. Diese Mittheilungen wurden durch die Erscheinung der Braut und des Bräutigams an verschiednen Thüren unterbrochen. Die reizende Chatterissa trat mit viel einnehmender Bescheidenheit vor; ihr folgte ein glorreicher Zug von Edeldamen, alle, nach einer strengen Ordnung der Hochzeits-Gesetze, die Augen auf die Füße der Königin gerichtet. Von der andern Seite schritt Mylord Chatterino, von jenem Pinsel Hochschweif und andern seines Gelichters begleitet, mit hohem Vertrauen, wie es dieselbe Etikette vom Bräutigam erheischte, gegen den Altar vor. Die beiderseitigen Theile waren nicht so bald an ihren Stellen, als der Prälat begann. Die Vermählungs-Feierlichkeit ist nach der Formel der bestehenden Kirche von Springhoch eine sehr feierliche und ergreifende Handlung. Der Bräutigam muß schwören, daß er die Braut liebt und nur die Braut, daß er sie nur gewählt hat ihrer hohen Eigenschaften wegen, ohne selbst von ihrer Schönheit gerührt worden zu sein; daß er in soweit seine Neigungen beherrschen will, daß er zu keiner Zeit eine andre auch nur ein wenig liebe. Die Braut ihrerseits ruft Himmel und Erde zu Zeugen an, daß sie Alles thue, was der Bräutigam von ihr verlangt, daß sie seine Leibeigne, seine Sklavin, sein Trost, sein Entzücken sein will; daß sie ganz gewiß ist, kein andrer Monikin könne sie glücklich machen, daß sie vielmehr weiß, jeder andre werde sie elend machen. Als diese Pfänder, Eide und Versicherungen gehörig geleistet und angenommen worden, verband der Erzbischof das glückliche Paar, indem er sie mit seinem episkopalischen Schweif umringelte, und dann wurden sie als Monikin und Monikina ausgerufen. Ich gehe über die Glückwünsche hinaus, die ganz nach der Regel waren, um eine kurze Unterredung, die ich mit dem Brigadier hatte, zu erzählen. »Sir,« sagte ich zu ihm, sobald der Prälat Amen gesprochen hatte, »wie ist das? Ich habe selbst ein Certifikat gesehen, woraus erhellt, daß ein gehöriges Anpassen dieser Vereinigung nach ganz andern Rücksichten, als hier erwähnt, vorausging.« »Dies Certifikat hängt mit der jetzigen Handlung nicht zusammen.« »Und doch verwirft diese Handlung alle im Certifikat aufgezählte Rücksichten.« »Diese Handlung hängt mit jenem Certifikat nicht zusammen.« »So scheint es; und doch beziehen sich Beide auf dieselbe feierliche Verpflichtung!« »Euch die Wahrheit zu sagen, Sir John Goldenkalb, so haben wir Monikins (denn hierin ist Springhoch Springniedrig) zwei verschiedne leitende Principien in Allem, was wir sagen und thun, ein theoretisches und ein praktisches (ein moralisches und ein unmoralisches könnte man es auch nicht übel benennen); nach dem erstern ordnen wir alle unsre Interessen, bis es zur Handlung kommt, wo wir uns dann alsbald nach dem letztern richten. Es mag vielleicht in solch einer Anordnung etwas Inkonsequentes liegen; aber dennoch sagen die Geschicktesten unter uns, daß es gut wirke. Bei den Menschen, ohne Zweifel, findet sich nicht so viel Widerspruch und Verlegenheit.« Ich trat nun vor, der Gräfin Chatterino meine Ehrfurcht zu bezeugen; sie stand gelehnt auf die Gräfin-Wittwe, eine Dame von vieler Würde und Anstand im Benehmen. Sobald ich erschien, verschwand der erzwungene Anschein von Blödigkeit von dem Antlitz der Braut, ihr Blick verrieth ein natürliches Vergnügen, als sie, zu ihrer neuen Mutter gewandt, mich ihr als einen Menschen darstellte. Die höfliche alte Wittwe empfing mich sehr gütig, und fragte, ob ich genug gute Sachen zu essen hätte, ob ich nicht sehr erstaunt über die Menge der fremdartigen Dinge wäre, die ich in Springhoch sähe, sagte, ich müsse ihrem Sohn sehr dankbar sein, daß er mich habe mit herüber nehmen wollen, und lud mich ein, sie an einem schönen Morgen zu besuchen. Ich verbeugte mich voll Dank und kehrte dann wieder zum Brigadier zurück, um vielleicht bei'm Erzbischof eingeführt zu werden. Ehe ich jedoch meine Zusammenkunft mit diesem frommen Prälaten beschreibe, muß ich erwähnen, daß dieses das letzte Mal war, daß ich etwas von den Chatterinos sah; da sie sich sogleich nach beendigtem Glückwunsch zurückzogen. Ich hörte jedoch, kurz bevor ich das Land verließ, was etwa einen Monat nach der Vermählung geschah, daß das edle Paar getrennt lebte, entweder wegen einer Unverträglichkeit des Charakters, oder wegen eines Gardeoffiziers; ich erfuhr nie recht, welches von beiden; indeß da die Besitztümer für jeden von beiden so gut paßten, leidet es im Ganzen keinen Zweifel, daß die Vermählung so glücklich war, als nur immer erwartet werden konnte. Der Erzbischof empfing mich mit viel professionellem Wohlwollen, und die Rede kam natürlich auf eine Vergleichung zwischen den gegenseitigen religiösen Systemen von Großbritanien und Springhoch. Er freute sich, als er hörte, wir hätten eine Staatskirche, und ich glaube, dieser Nachricht verdanke ich es, daß er mich mehr wie seines Gleichen behandelte, als er sonst wohl in Betracht der Verschiedenheit unserer Gattungen gethan haben würde. Dadurch ward ich sehr aufgemuntert; denn bei'm Beginn der Unterredung hatte er mich ein wenig über die Lehre ausgefragt, worin ich gar nicht bewandert bin, da ich nie vielen Antheil an der Kirche genommen, und so schien er mir zornig über einige meiner Antworten auszusehen. Aber als er hörte, daß wir wirklich eine National-Kirche hätten, schien ihm Alles geborgen; auch fragte er hernach nicht ein Mal, ob wir Heiden wären oder Presbyterianer. Aber als ich ihm sagte, wir hätten auch eine Hierarchie, glaubte ich, der gute Prälat wollte mir die Hand abschütteln und mich auf der Stelle selig preisen. »Wir werden uns eines Tags im Himmel treffen,« rief er voll heiligen Entzückens aus, »Menschen und Monikins, es kann bei dem allen keinen großen Unterschied machen; wir werden uns im Himmel treffen, und zwar in den obern Behausungen.« Der Leser kann sich denken, daß als Fremder und sonst Unbekannter ich sehr stolz auf die Auszeichnung war. In den Himmel zu kommen in Gesellschaft des Erzbischofs von Springhoch war an und für sich keine geringe Begünstigung; aber auch am Hof so von ihm ausgezeichnet zu werden, war gewiß genug, die Philosophie eines Fremdlings zu übertäuben. Ich war indeß die ganze Zeit über sehr in Angst, er möge in's Einzelne gehen und einige wesentliche Punkte der Unterscheidung zwischen uns finden, die denn seine Bewunderung geschwächt hätte. Hätte er mich z.B. gefragt, wie viele Schweife unsre Bischöfe trügen, wäre ich vernichtet gewesen; denn, so weit ich wußte, beruhte ihre Größe auf etwas Anderm. Der ehrwürdige Prälat gab mir indeß bald seinen Segen, drang arg in mich, in seinen Palast zu kommen, bevor ich absegelte, und versprach, einige Abhandlungen durch mich nach England zu schicken; worauf er schnell wegeilte, um, wie er sagte, einen Bannspruch gegen einen unordentlichen Presbyter zu unterzeichnen, der vor Kurzem sehr die Eintracht der Kirche durch einen Versuch gestört hatte, ein Schisma einzuführen, das er Pietät nannte. Der Brigadier und ich besprachen uns über Religion etwas ausführlich, als der hohe Prälat sich entfernt hatte. Er sagte mir, die Monikins-Welt sei so ziemlich in zwei gleiche Theile getheilt, in die alte und neue. Die letztere sei unbewohnt geblieben, bis nach vielen Menschenaltern gewisse Monikins, die sich für zu gut gehalten, um in der alten Welt zu leben, in Haufen ausgewandert und sich für sich in der neuen niedergelassen. Dies, gestand der Brigadier zu, war die Springniedriger Erzählung von der Sache; die Einwohner der alten Länder dagegen behaupteten einstimmig, sie hätten die neuen Gegenden durch Ausscheidung aller derer bevölkert, die für ihre Heimath nicht paßten. Diese kleine Dunkelheit in der Geschichte der neuen Welt hält er von nicht großem Belang, da solche kleine Verschiedenheiten immer aus dem verschiedenen Charakter der Geschichtschreiber folgen. Springhoch sei gar nicht das einzige Land in den ältern Monikin'schen Gegenden; es gäbe z. B. noch Springauf und Springab, Springüber und Springdurch, Springlang und Springkurz, Springrund und Springunter. Alle diese Länder hätten eine Staatskirche; aber Springniedrig, nach neuen Staatsgrundsätzen gegründet, habe keine. Der Brigadier selbst jedoch meinte, im Ganzen seien die Hauptfolgen der zwei Systeme, daß die Länder mit einer Staatskirche einen großen religiösen Ruf, und die ohne dieselbe zwar wohl die Sache selbst, aber einen sehr mittelmäßigen Ruf in der Beziehung hätten. Ich fragte den Brigadier, ob er nicht glaube, eine Staatskirche habe die wohlthätige Wirkung, die Wahrheit aufrecht zu erhalten dadurch, daß sie Ketzerei unterdrücke, hervorsprudelnde theologische Phantasieen einschränke und abschneide, und sonst den Neuerungen Schranken setze. Mein Freund stimmte in all diesem nicht ganz mit mir überein, obwohl er freimüthig zugab, daß es zwei Wahrheiten nicht aufkommen ließe, da es sie trennte. So habe Springauf andere religiöse Dogmen in seiner Kirche, und Springab behaupte das Gegentheil davon. Durch das Getrennthalten dieser beiden Wahrheiten werde freilich die religiöse Harmonie befördert, und die einzelnen Diener des Evangeliums könnten alle ihre Aufmerksamkeit auf die Sünden der Gemeinde richten, statt sie auf die gegenseitigen Sünden ablenken zu lassen, was sehr leicht der Fall wäre, wenn sich ihnen ein gegenkämpfendes Interesse gegenüberstellte. Kurz nachher entließ der König und die Königin uns alle. Noah und ich kamen durch den Haufen ohne Gefährdung unsres Schlepps, und trennten uns im Vorhof des Palastes, er, um sich zu Bett zu begeben und von seinem Prozeß am folgenden Morgen zu träumen, und ich, um mit dem Richter Volksfreund und dem Brigadier nach Hause zu gehen, da sie mich zu einem Nachtessen bei sich eingeladen hatten. Man ließ mich schwatzen mit dem Letztern, da der Andre in sein Kabinet sich zurückzog, um über die Begebenheiten des Abends einen Bericht an seine Regierung zu entwerfen. Der Brigadier war etwas sarkastisch in seinen Bemerkungen über die Vorfälle des Kabinets. Er, als Republikaner, gab freilich gerne dem Königthume und Adel manch Mal gelegentliche Seitenhiebe, obwohl ich diesem würdigen, aufrichtigen Monikin die Gerechtigkeit widerfahren lassen muß, daß er weit erhaben über die gemeine Feindseligkeit war, die nur zu Viele seiner Kaste auszeichnet und auf einem einfachen Grunde beruht, nämlich weil sie selbst nicht Könige und Adlige werden können. Während wir sehr angenehm, ganz nach unserer Bequemlichkeit und, so zu sagen, im Negligée plauderten, der Brigadier mit seinem Stumpf und ich mit Beiseitlegung meines Schweifs, kam Richter Volksfreund mit seiner offenen Depesche in der Hand zu uns zurück. Er las zu meinem großen Erstaunen, was er geschrieben, laut vor. Ich hatte mich gewöhnt, diplomatische Mittheilungen immer für heilig zu halten. Aber der Richter bemerkte, in diesem Fall sei es aus zwei sehr guten Gründen unnöthig, das Geheimniß zu bewahren. Erstlich sei er genöthigt gewesen, einen gewöhnlichen Springhocher Schreiber zum Kopiren zu gebrauchen, denn seine Regierung beobachte eine edle republikanische Sparsamkeit, welche ihr begreiflich mache, daß, wenn sie durch das Verrathen ihrer Korrespondenz in Schwierigkeiten käme, sie doch immer noch das Geld hätte, das ein Schreiber gekostet haben würde, und das ihr wohl aus der Verlegenheit helfe. Zweitens aber wisse er auch, die Regierung selbst würde sie drucken lassen, sobald sie angekommen. Er seiner Seits liebe, seine Werke gedruckt zu sehen, und so ward mir selbst vergönnt, eine Abschrift vom Brief zu nehmen, welcher hier folgt. »Sir! »Der Unterzeichnete, außerordentliche Gesandte und bevollmächtigte Minister der Nordwestlich-Springniedrig-Konföderation hat die Ehre, den Staatsekretär zu benachrichtigen, daß unsere Interessen in diesem Theil der Erde im Allgemeinen auf dem besten Fuß stehen, unser Nationalcharakter wird täglich mehr und mehr erhaben, unsre Rechte mehr und mehr geachtet, unsre Flagge mehr und mehr bekannt auf jeder See. Nach diesem schmeichelhaften und ruhmvollen Bericht über den Stand unsrer allgemeinen Angelegenheiten, beeile ich mich, folgende interessante Einzelnheiten mitzutheilen. »Der Vertrag zwischen unsrer geliebten Nordwest-Conföderation und Springhoch ist in allen seinen Artikeln nicht geachtet worden, neunzehn Springniedrig-Matrosen sind in ein Springdurch-Kriegsschiff gepreßt worden, der Springauf-König hat mit einem sehr ungeeigneten Theil seiner Person eine unzweideutige Demonstration gegen uns gemacht, und der König von Springüber sieben unserer Schiffe wegnehmen, verkaufen und den Werth davon seiner Maitresse geben lassen. »Sir, ich wünsche Ihnen Glück zu dieser sehr schmeichelhaften Lage unserer auswärtigen Angelegenheiten, die nur der glorreichen Konstitution zugeschrieben werden kann, deren gemeinsame Diener wir sind, und der gerechten Furcht, die der Springniedrig-Name so allgemein andern Nationen einstößt. »Der König hat so eben ein Lever gehalten, bei welchem ich Sorge trug, daß unserm geliebten Lande die gehörige Ehre erwiesen wurde. Mein Schweif war wenigstens drei Zoll länger, als der des Gesandten von Springauf, des in diesem wichtigen Stück am meisten von der Natur begünstigte Ministers, und ich füge mit Vergnügen hinzu, daß Ihre Majestät die Königin mich eines gnädigen Lächelns würdigte. An der Aufrichtigkeit desselben kann nicht gezweifelt werden, Sir; denn, wenn es auch gehörig nachgewiesen ist, daß sie vor Kurzem gewisse ungeziemende Worte gegen unser heißgeliebtes Land sich erlaubte, würde es doch über alle Regeln diplomatischer Höflichkeit hinaussein und unbewiesen bleiben, wollten wir ihre königliche Aufrichtigkeit bei gegenwärtiger Gelegenheit in Zweifel ziehen. In der That, Sir, bei allen neuern Levers habe ich Lächeln von der aufrichtigsten und ermuthigendsten Art erhalten, und nicht allein vom König, sondern auch von seinen Ministern, besonders seinem erstgebornen Vetter; und ich hoffe, sie werden den wohlthätigsten Einfluß auf die zwischen dem Königreich Springhoch und unserm geliebten Lande noch obschwebenden Fragen haben. Wenn sie uns jetzt nur in der wichtigen Angelegenheit der schon so lange anhängigen und so lange vernachlässigten Entschädigung Recht widerfahren lassen wollten, die wir doch schon seit den letzten zweiundsiebzig Jahren so oft vergeblich bei ihnen erbeten haben, könnte ich sagen, unsere Verbindungen stünden mit ihnen auf dem besten Fuß. »Sir, ich wünsche Ihnen Glück über die tiefe Ehrfurcht, mit der der Springniedrig-Name in den entferntesten Theilen der Erde ausgesprochen wird, über den wohlthätigen Einfluß, den dieser glückliche Umstand über alle unsere wichtigen Interessen ausüben muß. »Ich sehe nur wenig Wahrscheinlichkeit, den Zweck meiner besondern Mission zu erreichen; indeß muß großes Gewicht auf die Aufrichtigkeit des Lächelns des Königs und der Königin und der ganzen königlichen Familie gelegt werden. »In einer neulichen Unterhaltung mit Sr. Majestät erkundigte sie sich auf die gütigste Art nach der Gesundheit des Groß-Sachem (dies ist der Titel des Ober-Haupts von Springniedrig) und bemerkte, daß unser Wachsthum und Glück alle andere Nationen beschämte, und wir bei jeder Gelegenheit uns auf die tiefste Achtung und beständige Freundschaft von ihrer Seite verlassen könnten. Kurz, Sir! alle Nationen, nah und fern, verlangen nach unserm Bündniß, sind begierig, neue Handelsquellen zu eröffnen, und haben für uns die tiefste Ehrfurcht und unverletzlichste Achtung. Ihr könnt dem Groß-Sachem sagen, daß dies Gefühl unter seiner Verwaltung sich außerordentlich erhöht und sich wenigstens vervierfacht hat während der Dauer meiner Sendung. Wenn Springhoch nur seine Verträge halten und Springdurch aufhören wollte, unsre Seeleute wegzunehmen, wenn Springauf größere Achtung vor den Gebräuchen guter Gesellschaft hätte, und der König von Springüber nicht mehr unsre Schiffe wegnehmen wollte, um seine Maitresse mit Taschengeld zu versehen, dann könnten unsre ausländischen Verhältnisse als völlig tadellos angesehen werden. Wie's nun ist, Sir, sind sie weit besser, als ich hätte erwarten können oder in der That sie zu finden hoffte; und einer Sache können Sie diplomatisch gewiß sein, daß wir allgemein geachtet sind, und der Springniedrig-Name nie erwähnt wird, ohne daß alle zusammen sich erheben und mit ihren Schweifen wedeln. (Unterzeichnet) Judas Volksfreund. »Theurer Herr! Wenn Sie diese Depeschen veröffentlichen, so lassen Sie die Stelle weg, wo die Schwierigkeiten wiederholt erwähnt werden. Ich bitte Sie, zu bemerken, daß mein Name mit denen der andern Patrioten gegen die periodische Rotation des kleinen Rads ist, da ich gewiß genöthigt sein werde, bald nach Hause zurückzukehren, nachdem ich alle meine Mittel verzehrt habe. In der That, die Ausgabe für Unterhaltung eines Schweifs, wovon unsre Leute keinen Begriff haben, ist so groß, daß ich meine, keine unsrer Missionen sollte über eine Woche dauern. »Ich würde besonders rathen, daß die Botschaft sich sehr über den hohen Standpunkt des Springniedrig-Charakters bei fremden Nationen verbreite; denn, um frei mit Ihnen zu sprechen, die Thatsachen verlangen, daß dies so oft wie möglich erwähnt werde.« Als dies Schreiben gelesen war, kehrte die Unterhaltung zur Religion zurück; der Brigadier erklärte, daß das Gesetz von Springhoch verschiedene Eigenthümlichkeiten in dieser Hinsicht habe, die ich mich nicht erinnere früher gehört zu haben. So konnte kein Monikin geboren werden, ohne etwas an die Kirche zu bezahlen, – eine Uebung, die ihn frühe in seine Pflichten gegen jenen wichtigen Zweig der allgemeinen Wohlfahrt einweihte, und selbst wenn er starb, ließ er eine Zahlung für den Pfarrer zurück als eine Ermahnung für die, welche noch im Fleisch blieben, ihre Verpflichtung nicht zu vergessen. Er fügte hinzu, dieses heilige Interesse werde auch wirklich so streng gewahrt, daß, wenn ein Monikin sich weigerte, sich für einen neuen klerikalischen. oder episkopalischen Mantel plündern zu lassen, es eine Methode, ihn mit roth glühenden Eisenruthen zu schlagen, gebe, die gewöhnlich so sehr seine Haut versengten, daß er gemeiniglich gern die Haar einsammeln, nach Belieben abreißen und wählen ließe. Ich gestehe, ich war unwillig über dies Gemälde, und zögerte nicht, den Gebrauch als barbarisch zu brandmarken. »Ihr Unwille, Sir John, ist sehr natürlich, und ganz so, wie ein Fremdling ihn fühlen muß, wenn er Gnade und christliche Liebe und Bruderthum und Tugend, vor Allem aber die Demuth zum Paradepferd gemacht sieht des Stolzes, des Eigennutzes und des Geizes. Aber so ist's mit uns Monikins; die Menschen machen es zweifelsohne besser.« Fünftes Kapitel. Ein sehr gewöhnlicher Fall, oder viel Gesetz und wenig Gerechtigkeit, – Köpfe und Schweife, und die Gefahren beider. Ich war früh bei Noah am folgenden Morgen. Der arme Schelm, wenn man bedenkt, daß er wegen eines Kapitalverbrechens in einem fremden Lande, unter neuen Institutionen und vor einer Jury von einer verschiedenen Gattung gerichtet werden sollte, zeigte eine erstaunende Geistesstärke. Doch war die Liebe zum Leben noch stark in ihm, wie man aus der Weise sah, in der er das Gespräch eröffnete. »Bemerktet Ihr, wie der Wind war diesen Morgen, Sir John, als Ihr hereinkamt?« fragte der geradsinnige Robbenjäger mit besonderm Interesse. »Es ist ein hübscher Wind von Süden.« »Gerade vom Ufer her! Wenn man wüßte, wo all die Schurken von Unteradmiralen und Kapitänen zu finden wären, – ich glaube nicht, Sir John, daß Ihr Euch viel daraus machtet, die fünfzigtausend Promessen zu bezahlen?« »Meine Bürgschaft? Gar nicht, mein theurer Freund, wäre es nicht um unserer Ehre willen. Es wäre indeß kaum ehrenvoll für das Wallroß selbst, wollte es segeln und eine unbezahlte Rechnung seines Kapitäns zurücklassen. Was würde man zu Stonington sagen, was würde Eure eigne Gemahlin von einer so unmännlichen Handlung denken?« »Ei, zu Stonington halten wir den für den Pfiffigsten, der sich am leichtesten aus einer Verlegenheit herauswindet, und ich sehe nicht recht, warum Miß Poke es wissen sollte oder, wenn es wäre, warum sie schlecht von ihrem Manne denken würde, daß er sein Leben rettete.« »Weg mit diesem unwürdigen Gedanken! Macht Euch stark, dem Prozeß zu begegnen. Wir würden wenigstens einiges Licht über die Springhocher Rechtspflege erhalten. Kommt, ich sehe Euch schon für die Sache angezogen; laßt uns genau sein, wie Duellanten.« Noah bestrebte sich, sich mit Würde zu unterwerfen; jedoch zögerte er auf dem freien Platz, um die Wolken auf eine Weise zu studiren, die zeigte, daß er die ganze Sache mit dem Vorderhauptsegel abgemacht haben würde, wenn er gewußt, wo er seine Mannschaft finden sollte. Zum Glück jedoch für alle Betroffene wußte er es nicht, und so alles einer Besorgniß Ähnliche aus seinen Blicken entfernend, trat der rauhe Seemann mit dem Schritt eines Mannes und der Festigkeit der Unschuld in Old-Bailey ein. Ich hätte früher sagen sollen, daß wir bald am Morgen benachrichtigt worden, die Instruktion habe man den Pagen abgenommen und eine neue Anklage dem obersten Kriminalhof von Springhoch eingereicht. Brigadier Geradaus kam uns an der Thür entgegen, wo auch ein Dutzend ernster, fettblickender Räthe sich um uns stellten, und dadurch andeuteten, sie seien nicht ungeneigt, für den Fremden freiwillig ihre Dienste gegen den Empfang ihres gewöhnlichen Soldes anzubieten. Aber ich hatte beschlossen, mit Erlaubniß des Hofs, Noah selbst zu vertheidigen; denn mir ahnte, unsre Sicherheit würde mehr von Berufung auf die Rechte der Gastfreundschaft, als sonst einer legalen Vertheidigung in unsrer Macht abhängen. Da jedoch der Brigadier mir seine Hilfe für nichts anbot, hielt ich es für gut, seine Dienste nicht auszuschlagen. Ich übergehe das Aeußere des Hofs, die Besetzung und Haltung der Jury; denn in Sachen blos legaler Formen ist kein großer Unterschied zwischen civilisirten Ländern, da alle in diesem Stück einander ähnlich sind. Die erste Anklage – denn unglücklicher Weise waren deren zwei, – legte Noah zur Last: er habe mit vorbedachter Bosheit des Königs Würde beleidigt, und zwar mit Stöcken, Dolchen, Musketen, Donnerbüchsen, Windbüchsen und andern ungesetzlichen Waffen, besonders aber mit der Zunge , indem er Se. Majestät von Angesicht zu Angesicht angeklagt, er habe ein Gedächtniß u.s.w. Die andre Anklage wiederholte die Formel der ersten, und legte dem ehrlichen Robbenfänger zur Last, er habe hochverrätherisch Ihre Majestät die Königin trotz des Gesetzes im Widerspruch mit der guten Moral und dem Frieden der Gesellschaft angeklagt, kein Gedächtniß zu haben u.s.w. Auf diese beiden Anklagen gaben wir so bald als möglich den Spruch: Nicht schuldig für unsern Schützling ein. Ich hätte schon vorher sagen sollen, daß Brigadier Geradaus und ich gebeten hatten, nach einem alten Gesetz von Springhoch, als nächste Verwandte, Räthe des Angeklagten sein zu dürfen; ich nämlich als menschliches Wesen, und der Brigadier durch Adoption. Nachdem die vorgängigen Formen gewahrt waren, wollte der Staatsanwalt eben zum Beweis übergehen, als mein Bruder Geradaus sich erhob und sagte, er wolle die kostbare Zeit des Hofs schonen, indem er die Thatsachen anerkenne, und die Vertheidigung solle sich nur auf die Gesetze für den Rechtsfall beschränken. Er setze voraus, die Jury sei nach dem Gesetz von Springhoch sowohl Richter des Gesetzes als der Thatsachen, und er und sein Bruder Goldenkalb wären bereit, zu zeigen, daß das Gesetz in dieser Sache ganz für uns sei. Der Hof nahm dies an, und die Thatsachen wurden als erwiesen der Jury überlassen; obgleich der Oberrichter Gelegenheit nahm, im Widerspruch mit Langbart, zu bemerken, daß, während die Jury freilich Richter über das Gesetz in dem einen Sinn wären, so gäbe es doch noch einen andern Sinn, worin sie nicht Richter darüber wären. Der Widerspruch von Baron Langbart aber ging dahin, daß, während die Jury Richter des Gesetzes in jenem andern Sinn wären, sie doch nicht Richter in dem einen genannten Sinn seien. Nachdem diese Schwierigkeit weggeräumt war, erhob sich der Staatsanwalt und sprach für die Krone. Ich fand bald, daß wir im gegenseitigen Advokaten einen Mann von sehr scharfsinnigem und philosophischem Geiste gegen uns hatten; er begann seine Beweisführung mit einer sehr kräftigen und klaren Skizze über die Lage der Welt vor der Spaltung ihrer Einwohner in Nationen, Stämme und Klane, während sie noch in ihrem menschlichen oder Puppenzustand war. Von diesen Säzzen leitete er die regelmäßigen Abstufungen ab, wodurch die Menschen sich in Gemeinden trennten und den Gesetzen der Civilisation oder, wie er's nannte, der Gesellschaft unterworfen wurden. Nachdem er soweit gekommen, berührte er leicht die verschiednen Phasen, die die Staatseinrichtungen der Menschen durchlaufen, und kam nach und nach zu den Grundprincipien des Gesellschaftsvertrags, wie sie bekanntlich unter den Monikins bestünden. Nach einigen Hauptbemerkungen, die recht eigentlich zum Gegenstand gehörten, sprach er von jenen Theilen der Elementar-Principien der Gesellschaft, die mit den Rechten des Oberhaupts verbunden sind. Diese theilte er in die Rechte der königlichen Prärogative, die Rechte von des Königs Person und die Rechte des königlichen Gewissens. Hier wurde er wieder ein wenig allgemein, und zwar sehr glücklich und so gut, daß alle Zuhörer im Zweifel blieben, an was er nachher kommen werde, als er plötzlich durch eine stolze logische Wendung auf die letztern von des Königs Rechten, als die am meisten zur Sache gehörigen, zurückkam. Er zeigte triumphirend, daß der Zweig der königlichen Freiheiten, der hauptsächlich durch das Vergehen des Gefangenen vor den Schranken beleidigt worden, ganz klar mit den Rechten von des Königs Gewissen verbunden sei; »die Attribute des Königthums,« bemerkte der scharfsinnige Advokat, »dürfen nicht auf dieselbe Weise betrachtet werden, wie die Attribute des Unterthans. In der geheiligten Person des Königs concentriren sich viele, wenn nicht die meisten der interessanten Privilegien der Monikins; die königliche Person kann in politischem Sinn nicht Unrecht thun; officielle Infallibillität ist die Folge davon. Solch ein Wesen braucht nicht die gewöhnlichen Fähigkeiten der Monikins; wozu z. B. Urtheilskraft, Gewissen für einen Beamten, der nicht Unrecht thun kann? Das Gesetz hat daher, zur Erleichterung dessen, der auf seinen Schultern die Bürde des Staats hat, gerade diesen Letztern in die Obhut eines andern gegeben, Sr. Majestät erster Vetter ist der Bewahrer seines Gewissens, wie man im ganzen Königreich Springhoch weiß; ein Gedächtniß ist die am wenigsten wichtige Geisteskraft für eine Person, die kein Gewissen hat, und da man nicht behauptet, daß der Fürst vom Besitz seines Gedächtnisses durch ein positives Statut oder eine direkte verfassungsmäßige Vorkehrung befreit worden, so folgt daraus, nach unbestreitbarer Folgerung und gesetzlicher Auslegung, daß, da er solch eine Fähigkeit gar nicht nöthig hat, die legale Annahme Statt haben muß, daß er ganz ohne sie ist.« »Jene Einfachheit, Klarheit und Helle, Mylords,« fuhr der Staatsanwalt fort, »die jedem wohlgeordneten Geiste nöthig ist, würde in dem Fall Sr. Majestät beeinträchtigt werden, sollten seine Geisteskräfte unnöthiger Weise auf diese nutzlose Art überfüllt werden, und der Staat würde darunter leiden. Mylords, der König regiert, aber er verwaltet nicht. Das ist ein Grundsatz der Konstitution, ja es ist noch mehr, es ist das Palladium unsrer Freiheiten. Mylords, es ist etwas Leichtes, in Springhoch zu regieren, es braucht nichts weiter, als die Rechte der Erstgeburt, hinlängliche Unterscheidung, um den Unterschied zwischen Regieren und Verwalten zu verstehen, und eine politische Mäßigung, die nicht leicht das Gleichgewicht des Staats stört. Aber es ist was ganz Verschiednes mit der Verwaltung. Von Sr. Majestät wird gar nicht verlangt, etwas zu verwalten mit Ausnahme der eben erwähnten geringen Interessen nicht ein Mal sich selbst braucht er zu leiten. Aber ganz anders ist es mit seinem ersten Vetter. Dieser hohe Beamte ist mit dem wichtigen Amte der Verwaltung bekleidet. Es hat sich in den früheren Zeiten der Monarchie gefunden, daß ein Gewissen oder vielmehr eine Reihe geistiger Vermögen im Allgemeinen kaum für den hinreichte, der zugleich regieren und verwalten müßte. Wir Alle, Mylords, wissen, wie unzulänglich für unsre persönlichen Zwecke unsre Privatvermögen sind, wie schwierig wir es finden, uns selbst nur, von unserm eignen Urtheil, Gewissen und Gedächtniß unterstützt, in Schranken zu halten, und darin sehen wir die große Wichtigkeit, den, welcher Andre lenkt, mit noch einer Reihe solcher wichtigen Geistesvermögen zu versehen. Mit gehöriger Berücksichtigung dieser Lage der Dinge hat das gemeine Gesetz (nicht das positive Recht, Mylords, das mit den Unvollkommenheiten der Monikinschen Vernunft in ihrem isolirten und besondern Zustand behaftet ist, und gewöhnlich den Eindruck des einzelnen Schweifs, von dem es ausgegangen, an sich trägt, sondern das gemeine Gesetz, der anerkannte Zusammenfluß alles gesunden Menschenverstandes in der Nation) schon seit Langem beschlossen, daß Sr. Majestät erster Vetter der Bewahrer von Sr. Majestät Gewissen sein soll, und ihn als nothwendige Folge hieraus mit Sr. Majestät Urtheilskraft, Vernunft und auch Gedächtniß versehen. »Mylords, das ist die legale Voraussetzung. Es würde mir ferner durch tausend Thatsachen leicht sein, zu beweisen, daß nicht allein der Beherrscher von Springhoch sondern auch die meisten andern des Gedächtnisses entbehren und immer entbehrt haben; man könnte sagen, es sei unverträglich mit dem königlichen Standtpunkte, hätte ein Fürst Gedächtniß, so könnte er seine hohe Stellung aus dem Auge verlieren, indem er sich erinnerte, daß er wie ein Anderer geboren worden und zu sterben bestimmt sei; er könnte von Geschichten der Vergangenheit geplagt werden, ja das Bewußtsein seiner Würde selbst könnte durch einen lebhaften Rückblick auf den Ursprung des Königthums gestört und geschwächt werden. Versprechungen, Verpflichtungen, Zuneigungen, Pflichten, Grundsätze und selbst Schulden könnten sich zwischen die Ausführung seines heiligen Amts drängen, und so ist denn seit undenklichen Zeiten beschlossen worden, daß seine Majestät ganz ohne den Besitz von Vernunft, Urtheil und Gedächtniß ist, als eine unvermeidliche Folge von seinem Mangel an Gewissen.« Der Staatsanwalt lenkte nun die Aufmerksamkeit des Hofes und der Jury auf ein Statut vom dritten Jahre der Regierung Firstborns VI., wodurch bestimmt war, daß Jeder, der Sr. Majestät den Besitz einer Geisteskraft aus hochverräterischer Absicht beilegte, und dadurch die Ruhe des Staates gefährdete, ohne Beistand eines Geistlichen den Schweif verlieren sollte. So weit betriebe er die Sache für die Krone. Es entstand eine feierliche Pause, nachdem der Redner sich gesetzt hatte. Seine Beweisführung, seine Logik und besonders der gesunde Menschenverstand und das unweigerliche Gesetz machten tiefen Eindruck; auch machte ich die Bemerkung, daß Noah gierig Tabak kaute. Nach einem gehörigen Zwischenraum jedoch erhob sich Brigadier Geradaus, der trotz seiner kriegerischen Benennung nichts mehr und nichts weniger, als ein ausübender Anwalt und Rath in der Handelshauptstadt von Springniedrig Bivouac war, und verlangte seinerseits gehört zu werden. Dem Hof drang sich jetzt erst der Skrupel auf, daß der Advokat nicht gehörig befähigt sei, vor den Schranken zu plädiren und zu vertheidigen. Mein Bruder Geradaus verwies jedoch sogleich die Herren auf das Adoptionsgesetz, und auf die Bestimmung im Kriminalkodex, die dem Angeklagten vergönnte, sich durch seine nächsten Verwandten vertheidigen zu lassen. »Gefangener vor den Schranken!« sagte der oberste Richter, »Ihr hört das Verlangen Eures Beistands; wollt Ihr die Vertheidigung Eurem nächsten Verwandten übertragen?« »Jedermann, Ew. Ehren, wenn es dem Hof gefällt,« entgegnete Noah, wild sein geliebtes Kraut kauend; »jedermann, der es gut und wohlfeil thun will.« »Und adoptirt Ihr unter den für solche Fälle gemachten Vorkehrungen des Statuts Aaron Geradaus als Euren nächsten Verwandten, und in welcher Kapacität?« »Ja, ja, Mylords, mit Leib und Seel', ich adoptire den Brigadier als meinen Vater und meinen Mitmenschen und erprobten Freund, Sir John Goldenkalb hier als meine Mutter.« Der Hof gab nun förmlich seine Beistimmung, die Thatsachen wurden in die Register eingeschrieben, und mein Bruder Geradaus ward aufgefordert, die Vertheidigung zu beginnen. Der Rechtsbeistand für den Gefangenen war geneigt, gleich Dandie in Racine's Komödie »les Plaideurs« die Sündfluth zu übergehen, und sogleich mit der Sache selbst zu beginnen. Er fing mit einer Uebersicht der königlichen Prärogative an, und mit einer Erläuterung des Worts »Regieren.« Mit Verweisung auf das Diktionar der Akademie zeigte er siegreich, daß »regieren« nichts weiter sei, als »verwalten, als Souverän,« und »verwalten« im gewöhnlichen Sinne nichts weiter, als verwalten im Namen eines Fürsten, als Stellvertreter. Nach Begründung dieses Punktes stellte er den Satz fest, daß das Größere das Geringere umfassen, aber das Geringere nicht wohl das Größere enthalten könnte. Das Recht zu regieren oder verwalten in der allgemeinen Bedeutung des Worts müsse alle rechtliche Attribute dessen einschließen, der nur im zweiten Sinne verwalte, und folglich regiere der König nicht nur, sondern verwalte auch. Er zeigte; denn Gedächtniß sei dem unumgänglich nöthig, der verwalte, denn ohne ein solches könne er sich der Gesetze nicht erinnern, nicht gehörige Vorkehrung zu Belohnung und Strafe treffen, oder sonst einen verständigen oder nothwendigen Akt verrichten. Ferner, werde behauptet, sei des Königs Gewissen nach dem Landesgesetz der Obhut seines ersten Vetters anvertraut; nun damit, daß es in solcher Obhut sei, wäre klar, daß er eins haben müsse, denn ein Nichtding könne nicht in der Obhut, in der Verwahrung eines Andern sein, und wenn er ein Gewissen hätte, folge nothwendig, daß er auch die Eigenschaften desselben hätte, unter denen das Gedächtniß den höchsten Rang einnehme. Das Gewissen Siehe Johnson's Wörterbuch, pag. 163 Buchstabe C ["Gewissen" = engl. "conscience"]. London bei Rivington. werde ja definirt als die Eigenschaft, durch welche wir über die Rechtschaffenheit oder Schlechtigkeit unsrer eignen Handlungen urtheilen. Wie könne aber Jemand über die Rechtschaffenheit oder Schlechtigkeit seiner Handlungen oder über die Andrer urtheilen, wenn er nichts davon wisse? wie könne er aber anders etwas vom Vergangnen wissen, als durch's Gedächtniß? Ferner, es wäre ein aus den Instituten von Springhoch hervorgehender Folgesatz, daß der König nicht Unrecht thun könne. – – »Verzeiht, Bruder Geradaus!« unterbrach der oberste Richter, »es ist kein Folgesatz, sondern ein Satz, und zwar einer, der als bewiesen dasteht; es ist das Grundgesetz des Landes.« »Danke, Mylord!« fuhr der Brigadier fort, »Eure hohe Autorität gibt meinem Satz nur um so größres Gewicht. Es ist also feststehendes Recht, meine Herren Jury-Monikins, daß der Souverän dieses Reichs nicht Unrecht thun kann. Es steht auch fest, – die Herren werden mich zurechtweisen, wenn ich irre, – daß der Souverän die Quelle der Ehre ist, daß er Krieg und Friede beschließen kann, daß er die Gerechtigkeit verwaltet, die Gesetze ausüben läßt, –« »Verzeiht nochmals, Bruder Geradaus!« unterbrach der oberste Richter; »das ist nicht Gesetz, sondern Prärogativ; es ist des Königs Vorrecht, aber nicht Gesetz all dieß zu sein und zu thun.« »Macht der Hof, Mylord, etwa einen Unterschied zwischen Prärogativ und Gesetz?« »Freilich, Bruder Geradaus! Wär' alles, was Prärogativ ist, auch Gesetz, wir könnten nicht eine Stunde fortkommen.« »Prärogativ, mit Eurer Ehren Erlaubniß, oder praerogativa wird definirt als ausschließliches und besondres Privilegium Siehe Johnson's Wörterbuch etc. .« (Der Redner sprach hier etwas langsam, damit Baron Langbart Noten machen konnte.) »Nun muß ein ausschließliches Privileg, nach meiner unmaßgeblichen Meinung über alle Erlasse und –« »Gar nicht, Sir, gar nicht!« fiel Mylord der oberste Richter absprechend ein, und sah dabei dem Fenster hinaus nach den Wolken, um zu zeigen, daß seine Meinung ganz fest stehe; »der König hat seine Prärogative freilich, und sie sind heilig, ein Theil der Verfassung; sie sind ferner, wie Johnson sagt, ausschließlich und besonders, aber ihre Ausschließlichkeit und Besonderheit darf nicht im gewöhnlichen Sinn genommen werden. Bei Behandlung der großen Interessen eines Staates muß der Geist einen weiten Flug nehmen, und ich behaupte, nicht wahr, Bruder Langbart? daß kein Grundsatz fester steht, als die Thatsache, daß praerogativa eins ist, und lex oder Gesetz ein andres.« Der Baron nickte Beifall. »Unter Ausschließlichkeit ist in diesem Fall gemeint, daß das Prärogativ nur seine Majestät angeht, das Prärogativ ist ausschließlich sein Eigenthum, er kann damit machen, was ihm beliebt, aber das Gesetz ist für die Nation gemacht, und etwas Verschiedenes. Ferner unter Besonderheit wird offenbar gemeint, daß dieser Fall keinem andern analog ist und nach besondrer Logik behandelt werden muß. Nein, Sir, der König kann zwar nach seinem Prärogativ Friede und Krieg beschließen, aber dann ist auch sein Gewissen hart und fest in der Hand eines Andern, der allein alle legale Akte verrichten kann.« »Aber, Mylord, Gerechtigkeit, obgleich von Andern, wird doch in des Königs Namen gesprochen.« »Freilich in seinem Namen, das gehört zu seinen besondern Privilegien; auch Krieg wird in seinem Namen geführt, und so ist's auch mit dem Frieden. Was ist Krieg? Ein persönlicher Konflikt zwischen Theilen verschiedener Nationen. Begibt sich Se. Majestät in diesen Konflikt? Gewiß nicht. Der Krieg wird durch Auflagen unterhalten; bezahlt diese Se. Majestät? Nein. So sehen wir, daß, während der Verfassung nach der Krieg des Königs ist, er praktisch dem Volk anheimfällt. Es folgt, da Ihr es gern mit Folgesätzen zu thun habt, Bruder Geradaus, daß es zwei Kriege gibt, der prärogativliche und der faktische. Nun ist das Prärogativ ein konstitutioneller Grundsatz, und zwar ein sehr heiliger; aber eine Thatsache fällt jedem Monikin anheim, und deßwegen haben die Gerichtshöfe schon seit Timid's II. Regierung, seit sie es nämlich wagten, beschlossen, Prärogativ und Gesetz sei verschieden. Mein Bruder Geradaus schien bedeutend durch die Distinktionen des Hofs in Verlegenheit und schloß weit früher, als er sonst wohl gethan hätte, indem er alle seine Beweisgründe zusammenfaßte und bewies oder zu beweisen suchte, daß, wenn selbst der König diese besondern Privilegien hätte, und nichts weiter, man ihm ein Gedächtniß zuschreiben müsse. Der Hof rief jetzt den Staatsanwalt zur Erwiedrung auf; aber der schien seine Sache für fest genug zu halten, wie sie war, und Alles ward einstimmig nach einer kurzen Anrede vom Richterstuhl der Jury überlassen. »Sie dürfen sich, meine Herren, durch die Beweisführung von des Gefangenen Rechtsbeistand nicht irre machen lassen,« schloß der oberste Richter, »er hat seine Pflicht gethan, und Sie müssen ebenso gewissenhaft sein. Sie sind in diesem Fall Richter über Gesetz und Thatsache; aber ich muß Ihnen sagen, was Beides ist. Durch's Gesetz wird der König als ohne Geistesvermögen dargestellt; die daraus vom Rechtsbeistand gezogene Folgerung, daß der König vermöge seiner Infallibilität die höchst möglichen moralischen Eigenschaften und folglich ein Gedächtniß haben muß, ist unrichtig. Die Verfassung sagt, der König kann nicht Unrecht thun; diese Unvermögenheit kann aber aus verschiednen Ursachen herführen, wenn er z.B. nichts thun kann, kann er auch nicht Unrecht thun; die Verfassung sagt nicht, der König wird nicht Unrecht thun, sondern er kann nicht Unrecht thun. Nun, wenn etwas nicht geschehen kann, so wird es unmöglich, meine Herren, und ist folglich über allen Streit hinaus. Es ist von keiner Wichtigkeit, ob Einer ein Gedächtniß hat, wenn er es nicht gebrauchen kann, und in diesem Fall ist die gesetzliche Voraussetzung, daß er keins hat, denn sonst würfe die Natur, die immer weise und wohlthätig ist, ihre Gaben weg. Meine Herrn Monikins, ich habe schon gesagt, Sie sind Richter in diesem Falle über Gesetz und Thatsache; das Schicksal des Gefangenen ist in Ihrer Hand; Gott verhüte, daß Sie in irgend einer Weise, von mir beengt sein sollten, aber es ist ein Vergehen gegen des Königs Würde und die Sicherheit des Staats; das Gesetz ist gegen den Gefangenen, die Thatsachen sind alle gegen ihn, und ich zweifle nicht, Ihr Spruch wird die freiwillige Entscheidung Ihres eignen vortrefflichen Verstandes sein, und der Art, daß er uns der Notwendigkeit überhebt, eine neue Untersuchung anzuordnen. Die Geschwornen steckten ihre Schweife zusammen, und in weniger als einer Minute gab ihr Vorder-Monikin den Spruch ein: »Schuldig.« Noah seufzte und nahm eine frische Handvoll Tabak. Die Sache mit der Königin ward unmittelbar darauf eröffnet; der Gefangene war vorher befragt worden, und hatte sich für »nicht schuldig« erklärt. Der Königin Prokurator griff den Willen, den animus des unglücklichen Gefangenen bitter an. Er beschrieb Ihre Majestät als ein Muster von Vortrefflichkeiten, als den Complex aller monikin'schen Tugenden, als ein Modell ihres Geschlechts. »Wenn sie, die mit so viel Recht durch die Eigenschaften der Wohlthätigkeit, Milde, Religion, Gerechtigkeit, Unterwerfung unter ihre weiblichen Pflichten ausgezeichnet wäre, kein Gedächtniß hätte, frage er, wer dann um Himmels willen eins hätte. Wie könne diese hohe Frau ihre Pflichten ihrem königlichen Gemahl, ihren königlichen Sprößlingen, ihrem eignen königlichen Selbst ohne Gedächtniß erweisen. Gedächtniß sei besonders ein königliches Attribut, ohne es könnte eigentlich Niemand – als von hoher, alter Geburt angesehen werden. Gedächtniß bezöge sich aufs Vergangene; die dem Königthum gebührende Hochachtung wäre kaum je eine gegenwärtige Hochachtung, sondern eine mit der Vergangenheit verknüpfte; wir verehrten die Vergangenheit, die Zeit sei vergangen, gegenwärtig oder zukünftig; die Vergangenheit sei immer ein monarchisches Interesse, die Gegenwart riefen die Republikaner an, die Zukunft gehöre dem Geschick. Würde entschieden, die Königin hätte kein Gedächtniß, so versetzten wir dem Königthum einen Schlag. Durch's Gedächtniß, in Verbindung mit den öffentlichen Archiven, leite der König sein Recht auf den Thron ab; durch's Gedächtniß, das die Thaten seiner Vorfahren zurückrufe, erhalte er unsre tiefste Verehrung.« Auf diese Weise sprach der Königin Sachwalter ungefähr eine Stunde, wo er dann dem Rechtsbeistand des Gefangnen Platz machte. Aber zu meinem größten Erstaunen, denn ich wußte, diese Anklage sei die schwerere von beiden, da Noah's Kopf auf dem Spiel stand, – sagte Geradaus, statt einer sehr geistreichen Erwiedrung, wie ich gewiß vermuthet hatte, nur wenige Worte, worin er so festes Vertrauen auf die Lossprechung seines Schützlings aussprach, daß er alle weitere Vertheidigung für gänzlich unnöthig hielt. Er hatte sich nicht so bald gesetzt, als ich ihm mein größtes Mißfallen mit diesem Benehmen äußerte, und meinen Entschluß kund that, selbst etwas für meinen armen Freund zu wagen. »Seid ruhig, Sir John!« lispelte Geradaus zu mir, »der Advokat, der schon viele fruchtlose Anklagen unternommen hat, wird nach und nach gering geschätzt. Ich will schon für des Lord Oberadmirals Interessen sorgen; zu rechter Zeit will ich ihrer schon Acht haben!« Ich hatte die tiefste Achtung vor des Brigadiers Gesetzkenntniß, und kein besondres Vertrauen in meine eigne; so folgte ich gern. Indeß ging die Verhandlung des Hofs vor sich, und die Jury, nach einer kurzen Anrede vom Richterstuhl, die so unparteiisch war, als nur immer ein positives Verlangen der Verurteilung sein konnte, gab er noch ein Mal den Spruch »Schuldig.« Obwohl es in Springhoch für unschicklich gehalten wird, Kleider zu tragen, wird es doch auch für außerordentlich schön bei gewissen hohen Beamten gehalten, ihre Personen mit gehörigen Zeichen ihres Amtsranges zu schmücken. Wir haben schon Nachricht von der Hierarchie der Schweife gegeben, so wie eine Beschreibung von dem aus den Zehendhaaren zusammengesetzten Mantel; aber ich hatte vergessen zu sagen, daß sowohl der Lord Oberrichter als Baron Langbart Futterale über ihre Schweife aus Häuten von verstorbenen Monikins hatten, welches ihren intellektuellen Organen ein Aussehen größrer Entwicklung gab, und wahrscheinlich durch Zusammenhalten des Gehirns, das wegen unausgesetzten Gebrauchs große Sorgfalt und Aufmerksamkeit erforderte, von Einfluß war. Sie warfen nun über diese Schweiffutterale eine Art Gewand von sehr blutdürstiger Farbe, welches, wie man uns sagte, ein Zeichen wäre, daß sie Ernst machten und das Urtheil sprechen wollten; denn in Springhoch ist die Justiz von ganz besonders blutdürstigem Charakter. »Gefangener an den Schranken!« begann der Oberichter mit anklagender Stimme, »Ihr habt den Spruch Eurer Pairs gehört, Ihr seid verurtheilt und beschuldigt worden des gehässigen Verbrechens, den Fürsten dieses Landes als im Besitz eines Gedächtnisses anzuklagen, habt dadurch den Frieden der Gesellschaft gefährdet, die socialen Verhältnisse gestört, und ein gefährliches Beispiel der Insubordination und der Verachtung der Gesetze gegeben. Dieses Verbrechens seid Ihr, nachdem man Euch ein ganz besonders ruhiges und unparteiisches Gehör geschenkt, schuldig befunden worden. Das Gesetz erlaubt dem Hof keine Einmischung in diesen Fall; meine Pflicht ist, alsbald den Spruch zu thun, und ich frage Euch nun feierlichst, ob Ihr etwas zu sagen habt, warum der Spruch des Schweifabhauens nicht gegen Euch ergehen soll.« Hier hielt der Oberrichter gerade lange genug ein, um aufzuathmen, und fuhr dann fort. »Ihr thut recht, Euch ganz der Gnade des Hofs zu überlassen, der besser weiß, was Euch gut ist, als Ihr selbst. Ihr werdet ergriffen werden, Noah Poke, oder Nro. 1. Meergrün, und ohne weitres zwischen den Stunden des Sonnenaufgangs und Untergangs heute in den Mittelpunkt des öffentlichen Platzes geführt werden, wo Euer Schweif abgehauen werden soll; und nachdem er in vier Theile getheilt, soll nach jedem der Hauptpunkte des Kompasses ein Theil ausgesteckt werden. Der Büschel davon soll verbrannt, und die Asche Euch in's Gesicht geworfen werden. Alles dieß ohne geistlichen Beistand; und sei der Herr Eurer Seele gnädig!« »Noah Poke oder Nro. 1. Meergrün,« fiel Baron Langbart, ohne dem Gefangnen Zeit zum Athmen zu lassen ein; »Ihr seid angeklagt, beurtheilt und schuldig befunden worden des ungeheuren Verbrechens, die königliche Gemahlin als jenes gewöhnlichen, wichtigen und alltäglichen Vermögens, des Gedächtnisses entbehrend dargestellt zu haben. Habt Ihr etwas zu sagen, warum der Spruch nicht alsbald gegen Euch ergehen soll? Nein, Ihr seid sicher vernünftig genug, Euch ganz der Gnade des Hofes anheim zu stellen, der Euch gerne sie ganz, so weit sie in seiner Macht steht, widerfahren lassen wird, in diesem Fall findet aber keine Statt. Ich brauche mich über die Schwere Eures Vergehens nicht auszulassen. Wenn das Gesetz zuließe, daß die Königin kein Gedächtniß hätte, könnten andre Frauen dasselbe Privilegium in Anspruch nehmen, und die Staatsgesellschaft würde zum Chaos werden. Ehegelübde, Pflichten, Neigungen, alle unsre nächsten und theuersten Interessen würden aufgehoben, und dieses herrliche Dasein in ein moralisches oder vielmehr unmoralisches Pandämonium ausarten. Im Hinblick auf diese so wichtigen Betrachtungen und besonders auf das gebietende Gesetz, das keine Einmischung duldet, verurtheilt Euch der Hof, ohne Aufschub von hier weg mitten auf den großen Platz geführt zu werden, wo Euer Haupt ohne geistlichen Beistand, durch den öffentlichen Henker vom Rumpf getrennt werden soll; worauf Eure Ueberreste den öffentlichen Hospitälern zum Seciren anheim fallen.« Die Worte waren kaum aus Baron Langbart's Mund, als die beiden Staatsanwälte sich erhoben, um den Hof Jeder für die größre Würde ihrer gegenseitigen Principale zu gewinnen. Der Staatsanwalt der Krone bat den Hof, in so weit seinen Spruch zu ändern, daß die Strafe für das Vergehen gegen den König den Vorgang erhielte, und der Prokurator für die Königin ersuchte den Hof, nicht so sehr die Rechte und Würde ihrer Majestät zu vergessen, um ein für beide Aussprüche so gefährliches Beispiel zu geben. Ich bekam einige Hoffnung, als ich die Augen meines Geradaus erblickte, der gerade lang genug gewartet hatte, um die Advokaten sich gegenseitig über diesen Punkt warm machen zu lassen, und jetzt aufstand und vom Hof einen Aufschub der Exekution verlangte, weil kein Spruch rechtskräftig sei; der des Lord Oberrichters enthalte einen Widerspruch, da er das Schweifabhauen zwischen die Stunden des Sonnenaufgangs und Untergangs und doch als alsbald Statt habend feststelle, der von Lord Langbart aber, weil er den Körper dem Seciren überweise, ganz gegen das Gesetz, was nur bei verurtheilten Monikins diese Vorkehrung treffe, hier aber gehöre der Gefangene einer ganz verschiednen Gattung an. Der Hof nahm diese Einwürfe ernsthaft, sprach aber seine Inkompetenz, darüber zu erkennen aus. Es sei eine Frage für die zwölf Richter, die sich jetzt bald versammeln sollten, und denen sie die ganze Sache in zweiter Instanz überließen. Indeß könne die Gerechtigkeit dadurch nicht aufgehalten werden. Der Gefangene müsse auf den Platz geführt werden, und die Sachen ihren Lauf behalten; sollte aber einer der Punkte endlich zu seinen Gunsten entschieden werden, dann hatte er den Vortheil davon, so weit es die Umstände dann noch erlaubten. Hiemit brach der Hof auf, und die Richter, der Gesetzbeistand und die Sekretäre begaben sich zusammen in die Halle der zwölf Richter. Sechstes Kapitel. Immerbesser, – mehr Recht und mehr Gerechtigkeit, – Schweife und Köpfe, – die Wichtigkeit, jeden am Ort zu haben. Noah wurde alsbald auf den Richtplatz geführt, wo ich ihn zu treffen versprach, um noch seinen Abschiedsseufzer aufzunehmen. Die Neugier trieb mich, den Ausgang der Apellation zu hören. Der Brigadier sagte mir auf dem Weg nach der Halle im Vertrauen, die Sache erhalte jetzt großes Interesse; bis jetzt sei Alles nur Kinderspiel gewesen, aber es würde künftig einen Beirath von großer Belesenheit und Forschung brauchen, um die Beweisgründe vorzubringen; er schmeichle sich, es werde wahrscheinlich für ihn eine gute Gelegenheit abgeben, um zu zeigen, was Monikin-Vernunft wirklich wäre. Alle Zwölfe trugen Schweiffutterale, und alle zeigten furchterweckende intellektuelle Ausbildung in denselben. Da Noah's Sache als von mehr als gewöhnlicher Dringendheit anerkannt ward, wurde nach nur drei oder vier andern kurzen Rechtshändeln von Seiten der Krone, (diese hat immer den Vortritt bei solchen Gelegenheiten) der königliche Staatsanwalt aufgefordert, die Sache zu eröffnen. Der gelehrte Rechtsbeistand sprach im Voraus von den Einwürfen seiner beiden Gegner und begann mit denen meines Geradaus. Alsbald , behauptete er, könne nach der jedesmaligen Zeit, wo es gebraucht würde, jeder Augenblick der vierundzwanzig Stunden sein. So würde alsbald am Morgen heißen: am Morgen, alsbald am Mittag: am Mittag, u.s.w. bis zum Schluß des gesetzlichen Tags. So müsse auch im legalen Sinne alsbald zwischen Sonnenaufgang und Untergang bedeuten, indem das Statut verlange, alle Hinrichtungen sollten bei Tage Statt finden. Folglich bestätigten und bestärkten beide Ausdrücke einander, statt einen Widerspruch zu enthalten oder sich aufzuheben, wie sehr wahrscheinlich vom gegenseitigen Rechtsbeistand behauptet werden würde. Zu all diesem sagte unser Geradaus, wie bei solchen Gelegenheiten gewöhnlich, so ziemlich das Gegentheil. Er behauptete, alles Licht käme von der Sonne, und daher könnte das Statut nur meinen, es sollten keine Hinrichtungen während der Sonnenfinsterniß geschehen, wo alle Monikins mit Anbetung beschäftigt sein müßten. Alsbald ferner bedeutete nicht nothwendig alsbald, denn alsbald bedeutete sogleich; und zwischen Sonnenaufgang und Untergang bedeutete: zwischen Sonnenaufgang und Untergang; was sogleich sein konnte oder auch nicht. Ueber diesen Punkt entschieden die Zwölfe: erstlich, daß alsbald nicht alsbald bedeutete; zweitens, daß alsbald alsbald bedeutete; drittens, daß alsbald zwei legale Bedeutungen hätte; viertens, es sei ungesetzlich, eine dieser gesetzlichen Bedeutungen zu unrechtem gesetzlichen Zweck anzuwenden, und fünftens, der Einwand sei, so weit er Nro. 1. Meergrün betreffe von keinem Belang. Beschluß daher, daß der Kriminal-Gefangene alsbald seinen Schweif verliere. Der Einwurf gegen die zweite Sentenz hatte kein bessres Schicksal; Menschen und Monikins unterschieden sich nicht mehr, als einige Menschen von andern, oder einige Monikins von andern. Beschluß: daß die Sentenz bestätigt werde, nebst Kosten. Ich hielt diesen Beschluß für den vernünftigeren; denn, ich hatte oft zu bemerken Gelegenheit gehabt, daß sehr erstaunende Aehnlichkeiten zwischen Affen und unserm Geschlecht sich finden. Der Streit begann nun ernstlich zwischen den zwei Generalprokuratoren, und da der zu entscheidende Punkt eine blose Rangstreitigkeit war, erregte er ein lebhaftes, ja Alles verschlingendes Interesse bei den Zuhörern. Er ward jedoch nach einer lebhaften Diskussion zu Gunsten des Königs entschieden, dessen königlicher Würde, die zwölf Richter einmüthig der Meinung waren, der Vorrang über die Königin gebühre. Zu meinem größten Erstaunen brachte Geradaus einen Beweisgrund bei diesem verwickelten Punkt vor, und hielt, wie alle, die sie hörten, zugaben, eine außerordentlich geschickte Rede zu Gunsten der königlichen Würde. Alles beruhte hauptsächlich darauf, daß die Asche des Schweifs nach dem Spruch dem Sünder in's Gesicht geworfen werden sollte; zwar könnte dies physisch nach der Enthauptung geschehen, aber nicht moralisch. Dieser Theil der Strafe hätte einen moralischen Zweck, und ihn zu erreichen, wäre Bewußtsein und Scham beides sehr nöthig. So könnte denn der moralische Akt, daß die Asche dem Schuldigen in's Gesicht geworfen würde, nur so lange er lebte und beschämt werden könnte, vor sich gehen. Meditation, der Oberrichter, sprach die Ansicht des Gerichtshofs aus. Sie enthielt die gewöhnliche Portion legalen Scharfsinns und Logik, wurde für sehr beredt in dem Theil gehalten, der den geheiligten und unverletzlichen Charakter der königlichen Prärogative berührte, und war so klar in der Darstellung des geringeren Rangs der Königin, daß ich froh war, daß Ihre Majestät nicht zugegen war, um sich und ihr Geschlecht so herabwürdigen zu sehen. Wie zu erwarten stand, legte man großes Gewicht auf die von dem Brigadier gemachte Distinktion; der Beschluß war wie folgt: »König und Königin gegen Nro. 1. Meergrün. Wird zu Recht erkannt: Die Diener der Gerechtigkeit sollen alsbald zum Schweifabschneiden bei dem Beklagten schreiten, ehe sie ihn enthaupten; vorausgesetzt, daß er nicht alsbald enthauptet worden, ehe er entschweift werden kann.« Sobald dies Mandat dem geeigneten Beamten eingehändigt worden, zupfte mich Brigadier Geradaus am Knie und führte mich aus dem Justizpalast, als wenn unser beider Leben von unsrer Eile abhinge. Ich wollte ihm eben Vorwürfe machen, daß er zu Gunsten des königlichen Staatsprokurators gesprochen, als er mich bei der Wurzel des Schweifs ergriff (denn es war kein Knopfloch da) und mit augenscheinlicher Freude sagte: »Die Sachen gehen sehr gut, mein lieber Sir John; ich erinnere mich nicht, seit vielen Jahren einen interessantern Proceß gehabt zu haben. Jetzt hat die Sache, die Ihr ohne Zweifel ihrem Ende nahe glaubt, gerade ihren Höhepunkt erreicht, und ich habe alle Aussicht, unsren Schützling, mir sehr zur Ehre, freizubringen.« »Wie, mein guter Geradaus,« fiel ich ein; »der Angeklagte ist ja in letzter Instanz verurtheilt, wenn nicht schon hingerichtet!« »Nicht so schnell, mein lieber Sir John, – noch gar nicht. Nichts ist im Gesetz völlig beendet, so lange noch ein Heller für Proceßkosten da ist oder der Angeklagte noch aufschnaufen kann. Ich glaube unsern Proceß herrlich im Gang, viel besser, als je, seit der Anklage.« Erstaunen ließ mir nur so viel Kraft, um eine Erklärung zu erbitten. »Alles hängt von dem einzigen Umstand ab, ob der Kopf noch an dem Rumpf des Angeklagten ist oder nicht. Geht Ihr so schnell, wie möglich, auf den Richtplatz; und sollte unser Klient seinen Kopf noch haben, dann haltet seine Geister durch geeignete religiöse Reden aufrecht, ihn stets auf's Schlimmste vorbereitend, denn das ist das Klügste; aber sobald sein Schweif abgetrennt ist, eilt, so schnell Ihr könnt, mit der Nachricht davon hieher zu mir. Ich verlange nur zweierlei von Euch: Eile mit der Nachricht, und vollkommne Gewißheit, daß der Schweif mit dem übrigen Körper auch nicht mehr durch ein Haar zusammenhängt. Ein Haar bringt oft die Wagschalen der Gerechtigkeit zum Sinken.« »Der Fall scheint verzweifelt; wäre es nicht eben so gut, gleich in den Palast zu eilen, eine Audienz von Ihren Majestäten zu begehren, mich vor dem königlichen Paar auf die Kniee zu werfen und Verzeihung zu erstehen?« »Euer Vorhaben ist unthunlich aus drei hinreichenden Gründen; erstlich: es ist nicht mehr Zeit; zweitens: Ihr würdet nicht ohne besondre Erlaubniß vorgelassen; drittens: in Springhoch gibt es keinen König und keine Königin.« »Kein König in Springhoch!« »So sag' ich.« »Erklärt Euch, mein Geradaus, oder ich muß Eure Aussage durch meine eignen Augen widerlegen.« »Eure Augen werden dann falsche Zeugen sein; früher gab es einen König in Springhoch, einer, der sowohl verwaltete, als regierte. Aber der Adel und die Großen des Landes hielten es für unschicklich, Seine Majestät länger mit Staatssachen zu bemühen, und nahmen alle Last der Verwaltung auf sich, dem Fürsten nur die Pflicht des Regierens überlassend. Dies geschah unter dem Vorwand, seine Gefühle zu schonen, und eine Schranke gegen die physische Gewalt und die Mißbräuche der Menge zu errichten. Nach einiger Zeit hielt man es für unbequem und kostspielig, die königliche Familie zu ernähren und sonst zu unterhalten, und alle ihre Glieder wurden insgeheim in eine ferne Gegend geschifft, die noch nicht so weit in der Civilisation fortgeschritten, um zu wissen, wie man eine Monarchie ohne einen Monarchen aufrecht erhält?« »Und gelingt Springhoch dieses Wunder?« »Sehr gut. Durch Enthauptungen und Schweifabhauen können selbst noch größre Dinge ausgeführt werden.« »Aber sagt Ihr wirklich, es sei gar kein Monarch in diesem Land?« »Ganz eigentlich gesprochen.« »Und das Vorstellen bei ihnen.« »Geschieht wie ihre Processe, die Monarchie aufrecht zu erhalten.« »Und die Purpurvorhänge?« »Verbergen leere Stühle.« »Warum dann nicht so kostbare Vorstellungen ganz aufgeben?« »Wie könnten die Großen schreien, der Thron ist in Gefahr, wenn gar keiner da ist. Es ist was andres, keinen König – und keinen Thron haben. Aber indeß schwebt unser Klient immer in Gefahr; eilt und habt Acht, daß Ihr nach meinen Vorschriften verfahrt!« Ich stand, aber erfuhr nichts mehr, und flog im nächsten Augenblick nach dem öffentlichen Platz. Man bemerkte leicht den Schweif meines Freundes, wie er über dem Haufen hervorragte; aber Gram und Furcht hatten sein Antlitz schon so düster gemacht, daß auf den ersten Blick ich sein Gesicht nicht erkannte. Er war jedoch noch im Fleische; denn zum Glück für ihn, und noch mehr für den Erfolg seines Hauptbeistands, hatte die Schwere der Verbrechen ungewöhnliche Vorkehrungen für die Hinrichtung nöthig gemacht. Da das Mandat des Hofs noch nicht angelangt war, – die Gerechtigkeit ist in Springhoch eben so schnell, als ihre Diener langsam, – waren zwei Blöcke zugerichtet worden, und der Sünder sollte auf allen Vieren zwischen sie, gerade als ich mich durch den Haufen an seine Seite drängte, sich hinbeugen. »Ah, Sir John, das ist eine schreckliche Procedur.« rief der zerknirschte Noah; »eine wirklich schreckliche Lage für einen Christen-Menschen, seine Feinde quer vor und hinter sich liegen zu sehen!« »So lange Leben, so lange Hoffnung! Aber es ist immer das Beßte, auf's Schrecklichste gefaßt zu sein; wer so vorbereitet ist, kann nie unangenehm überrascht werden. Meine Herrn Scharfrichter,« (es waren deren zwei, für den König und die Königin, einer an jedem Ende des unglücklichen Verurtheilten) »ich bitte Sie, dem Sünder einen Augenblick zu gestatten, um seine Gedanken zu sammeln und mir seine Wünsche für seine ferne Familie und Freunde mitzutheilen.« Gegen diese vernünftige Bitte hatte keiner der hohen Diener der Gerechtigkeit etwas einzuwenden, obwohl beide versicherten, daß, wenn sie nicht alsbald den Sünder zu dem Letzten vorbereiteten, sie ihre Plätze verlieren könnten. Sie sahen jedoch ein, man könne wünschen, einen Augenblick am Rande des Grabes stille zu halten. Es schien eine kleine Zwistigkeit zwischen den Vollstreckern selbst in Hinsicht des Vorrangs obzuwalten, die eine Ursache der Verzögerung gewesen, und dadurch weggeräumt worden, daß Beide zugleich operiren sollten. Noah lag nun auf Händen und Knieen, »vor Anker hinten und vornen,« wie der gefühllose Schelm Bob, der unter dem Haufen war, es ausdrückte, – zwischen zwei Blöcken, sein Nacken auf dem einen, sein Schweif auf dem andern; in dieser erbaulichen Lage durfte ich mit ihm sprechen. »Ihr werdet wohl thun, Eurer Seele zu gedenken, mein lieber Kapitän,« sagte ich; »denn in Wahrheit, diese Beile haben einen sehr expeditiven und blutgierigen Anschein.« »Ich weiß, Sir John, ich weiß; und Euch die Wahrheit zu gestehn, ich habe immer seit dem ersten Spruch tiefe Reue gefühlt. Die Sache mit dem Lord Oberadmiral besonders hat mir viel Kummer gemacht, und ich bitte Euch jetzt um Verzeihung, durch solch elenden Betrug irre geführt worden zu sein; an Allem ist das niedrige Geschöpf Doktor Raisono schuld, der einst noch seinen Lohn erhalten wird. Ich vergebe jedermann, und hoffe, jedermann wird mir vergeben. Für Mad. Poke wird's ein schwerer Fall sein; denn sie ist schon ganz darüber hinaus, einen andern Gemahl hoffen zu können, und muß eine Wittwe bleiben.« »Reue, Reue, mein theurer Noah, Reue ist das Einzige, was in Eurer Lage Noth thut!« »Die hab' ich, Sir John, mit Leib und Seel', ich bereue aus dem Grunde meines Herzens, je diese Reise gemacht zu haben; ja, ich bereue selbst, je über Montauk-Point hinausgekommen zu sein. Ich könnte jetzt ein Schulmeister oder Gastwirth in Stonington sein, und das sind beide gute, gesunde Stellen, besonders die letztere. Gott segne Euch, Sir John! Wäre Reue zu etwas gut, mir würde auf der Stelle vergeben.« Hier sah Noah, wie Bob in dem Haufen der Umstehenden grinzte, und bat die Vollstrecker, als eine letzte Gunst, daß sie den Jungen herbeibrächten, um zärtlich für immer Abschied von ihm zu nehmen. Diesem vernünftigen Verlangen wurde willfahrt, trotz des armen Bob's Widerstreben, und der Junge hatte eben so gut Ursache zur herzlichen Reue, als der Verurteilte selbst. Gerade in diesem wichtigen Augenblick langte die Bestimmung in Hinsicht der Ordnung der Vollstreckungen an, und die Diener erklärten ernst, der Verurteilte müsse sich anschicken, die Strafe zu erleiden. Die unerschrockne Art, wie Kapitän Poke dem tödtlichen Proceß des Schweifabhauens sich hingab, entlockte jedem anwesenden Monikin Beifall und erregte Theilnahme. Nachdem ich mich überzeugt, daß der Schweif wirklich vom Körper getrennt worden, lief ich so schnell, als meine Beine mich tragen konnten, nach der Halle der zwölf Richter. Mein edler Geradaus, der ungeduldig mein Erscheinen erwartete, erhob sich alsbald, und verlangte vom Gericht, es solle ein Mandat zum Aufschub der Exekution in der Sache »Königin gegen Noah Poke oder Nr. 1. Meergrün,« ergehen lassen. »Nach dem Statut vom zweiten Jahr der Regierung Longevity's und Flirtilla's ist vorgesehen, Mylords,« fuhr der Brigadier fort, »daß in keinem Fall ein verutheilter Majestätsverbrecher Verlust an Leib oder Leben erleiden soll, wenn bewiesen ist, daß er non compos mentis (geistesschwach) ist. Das ist auch eine Regel des gemeinen Gesetzes, Mylords, aber da es gesunde Monikins-Vernunft ist, hat man für gut gehalten, es noch durch ein besonderes Gesetz einzuschärfen. Ich hoffe, Herr Staatsanwalt, die Königin wird kaum in diesem Fall das Gesetz bestreiten –« »Gewiß nicht, wiewohl ich die Thatsache noch bezweifle; die Thatsache muß festgestellt werden,« antwortete dieser, und schnupfte. »Die Sache ist gewiß und wird keinen Zweifel zulassen. In der Sache »König gegen Noah Poke« bestimmte der Hof, die Strafe des Schweifabhauens sollte der Enthauptung in der Sache »Königin gegen denselben« vorgehen. Der Befehl war so ergangen, der Sünder hat also seinen Schweif verloren, mit ihm die Vernunft, ein Wesen ohne Vernunft ist immer für non compos mentis gehalten worden, und daher nach den Landesgesetzen nicht befähigt, an Leib oder Leben Strafe zu leiden.« »Eure Einrede hat was für sich,« bemerkte der Oberrichter, »aber dem Gerichtshof müssen erst die Thatsachen vorgelegt werden. Bei der nächsten Sitzung werdet Ihr vielleicht besser vorbereitet sein.« »Ich bitte, Mylord, zu bedenken, daß das ein Fall ist, der einen Aufschub von drei Monaten nicht wird zulassen können.« »Wir können das Princip in einem Jahr so gut wie heute entscheiden, und wir haben heut' länger gesessen,« er sah nach der Uhr, »als weder gewöhnlich, angenehm, noch nützlich ist.« »Aber, Mylords, der Beweis ist bei der Hand; hier ist ein Zeuge, um festzustellen, daß der Schweif Noah Poke's, des Angeklagten, wirklich vom Rumpf getrennt ist.« »Ei, mein lieber Geradaus, ein Gesetzkundiger von Eurer Erfahrung muß wissen, daß die Zwölfe nur nach beschwornem Protokoll sprechen können. Wenn Ihr ein solches bereit hättet, könnten wir vielleicht vor der Vertagung es noch hören, – wie's nun steht, müssen wir es einer andern Sitzung aufsparen.« Ich war nun in kaltem Schweiß, ich konnte genau den besondern Geruch des brennenden Schweifs riechen, und nachdem die Asche davon gehörig in Noah's Antlitz geworfen worden, blieb kein weiteres Hinderniß für die Vornahme der Enthauptung übrig; der Spruch hatte ja nur, wie man sich erinnern wird, gerade zu diesem Zweck sein Antlitz auf seinen Schultern gelassen. Mein Geradaus jedoch war kein Gesetzesmann, der sich durch einen so einfachen Fallstrick zu Boden werfen ließ. Er ergriff ein Papier, das schon von einer gehörigen Advokatenhand zu einem andern Zweck beschrieben worden und zufällig vor ihm lag, und las es ohne Pause oder Anstoß, wie folgt: »Königin gegen Noah Poke. »Königreich Springhoch, Nüssezeit, am vierten des Monds: »Erschien persönlich vor mir, Meditation, Lord Oberrichter des Gerichtshofs Königs-Bank: John Goldenkalb, Baronet, aus dem Königreich Großbritanien, der, nachdem er gehörig beeidigt worden, erklärt und sagt, nämlich: Daß er, der besagte Deponent, zugegen und Zeuge gewesen von der Entschweifung des in dieser Sache Beklagten, und daß der Schweif des besagten Noah Poke oder Nr. 1, Meergrün wahrhaft und physisch von seinem Leibe getrennt worden. – Und weiter sagt dieser Deponent nichts. Unterzeichnet u.s.w.« Nachdem mein Geradaus sehr fließend das vorstehende Protokoll verlesen, das nur in seinem Kopf existirte, verlangte er, der Hof solle meine Erklärung zu Wahrheit annehmen. »John Goldenkalb, Baronet,« sagte der Oberrichter, »Ihr habt gehört, was eben vorgelesen worden; beschwört Ihr dessen Wahrheit?« – »Ja!« Nun wurde das Protokoll vom Lord Oberrichter und mir unterzeichnet, und gehörig einregistrirt. Ich erfuhr später, das von Geradaus bei dieser merkwürdigen Gelegenheit gebrauchte Papier sei kein andres gewesen, als die Noten selbst, die der Oberrichter über einen der Beweise in dem fraglichen Fall sich aufgesetzt hatte, und als er die Namen und die Aufschrift des Processes gefunden, und da er überhaupt seine eigne Hand nicht gut lesen konnte, habe dieser oberste Beamte der Krone sehr natürlich vorausgesetzt, Alles sei recht. Die Übrigen der Gerichtsbank waren in zu großer Eile nach ihrem Mittagessen, um sich aufzuhalten und Protokolle zu lesen, und so ward die Sache sogleich durch folgenden Beschluß entschieden: »Königin gegen Noah Poke u.s.w. Zu Recht erkannt: daß der Schuldige als non compos mentis betrachtet und entlassen werde, unter Aufstellung von Bürgschaft, für's Uebrige seines natürlichen Lebens Friede zu halten.« Ein Diener ward sogleich auf den Platz mit dieser Lossprechung geschickt, und der Hof erhob sich. Ich zögerte noch ein wenig, um für Noah die nöthigen Anerkennungen zu machen und zugleich die am vorigen Tag für sein Erscheinen vor Gericht geleistete Bürgschaft zurückzunehmen. Nachdem diese Formalitäten gehörig durchgemacht waren, eilten Geradaus und ich auf den Richtplatz, um unserm Schützling Glück zu wünschen, wo denn Geradaus sich nicht wenig auf seinen Erfolg einbildete, der, wie er versicherte, seiner Erziehung nicht wenig Ehre machte. Wir fanden Noah nicht wenig erleichtert durch seine Befreiung aus den Händen der Philister, auch blieb er gar nicht in Darlegung seiner Freude über die unerwartete Wendung zurück, die die Dinge genommen. Nach seiner eignen Darstellung der Sache setzte er keinen höheren Werth auf sein Haupt, als jeder Andre; doch sei's bequem, eins zu haben; hätte er sich nothwendig davon trennen müssen, so zweifle er nicht, er hätte es männlich gethan, und bezog sich dabei auf die Geistesstärke, womit er das Abhauen seines Schweifs erlitten; er werde sich nun wohl in Acht nehmen, künftig jemand als im Besitz eines Gedächtnisses oder sonst etwas anzuklagen, und er sähe jetzt die Vortrefflichkeit der weisen Gesetzbestimmungen ein, die einen Verbrecher ausmerzten, um eine Wiederholung seiner Vergehen zu verhindern; er beabsichtige nicht, länger am Ufer zu bleiben, und glaube an Bord des Wallrosses weniger der Versuchung ausgesetzt zu sein, als unter den Monikins, und seine eignen Leute wolle er bald wieder im Schiff haben, da sie jetzt schon vierundzwanzig Stunden ohne ihr Pökelfleisch gewesen, Nüsse aber nur eine ärmliche Kost für Vordermast-Leute seien. Philosophen möchten von Staatsverfassung sagen, was sie wollten, nach seiner Meinung sei der einzige wirkliche Tyrann auf der Erde der Magen; er erinnere sich nicht, je einen Streit mit seinem Magen gehabt zu haben, – und er hätte deren tausend gehabt, – wo dieser nicht den Sieg davon getragen; es wäre seltsam, den Titel Lord Oberadmiral abzulegen, aber es sei leichter, diesen abzulegen, als das Haupt; was den Schweif betreffe (sei es auch angenehm, mit der Mode fortzugehen), den könne er gut entbehren, und käme er nach Stonington, so wolle er im schlimmsten Fall von einem Sattler dort sich mit einem eben so guten Muster versehen lassen, als er verloren; aber Madam Poke würde gewiß großen Anstand genommen haben, wenn er nach seiner Enthauptung nach Haus gekommen; es wäre vielleicht gut, so bald, wie möglich, nach Springniedrig zu segeln, denn in jenem Land, höre er, seien die Stümpfe Mode; er wolle aber nicht lange in Springhoch herumschlendern, er könne dann wie andre Leute sich tragen; er trage niemanden etwas nach, er vergebe aufrichtig jedem, nur nicht Bob, von welchem er mit Gottes Hülfe volle Genugthuung haben wolle, ehe das Schiff vierundzwanzig Stunden in See sein würde.« Dahin gingen die gewöhnlichen Bemerkungen Kapitän Poke's, während wir nach dem Hafen schritten, wo er sich einschiffte und an Bord des Wallrosses ziemlich eilig ging, da er vernahm, daß unsre Unteradmirale und Kapitäne wirklich dem Zug der Natur gefolgt und alle zu ihrer Pflicht zurückgekehrt waren, schwörend, sie wollten lieber Theerjakobs in einem gut proviantirten Schiff, als König von Springhoch mit Nüssen sein. Der Kapitän hatte nicht sobald im Besitz seines Hauptes das Boot betreten, als ich meinem Geradaus für die geschickte Art meinen Dank sagte, in der er meinen Mitmenschen vertheidigt hatte, und zugleich den scharfsinnigen und wahrhaft philosophischen Unterscheidungen des juristischen Systems von Springhoch einige wohlverdiente Lobsprüche machte. »Spart Euern Dank und Eure Lobsprüche, ich bitte, Sir John!« erwiederte der Brigadier, als wir in meine Wohnung zurückgingen. »Wir machten es so gut, als die Umstände erlauben wollten; indeß wäre unsre ganze Vertheidigung zu Schanden geworden, hätte der oberste Richter nicht glücklicher Weise seine eigne Handschrift nicht lesen können. In Hinsicht der Grundsätze und Formen der Monikin'schen Gesetze, – denn darin ist Springniedrig Springhoch sehr ähnlich, – die seht Ihr in diesen zwei Processen ganz so, wie wir sie haben. Ich gebe sie nicht für fehlerfrei aus, im Gegentheil, ich könnte selbst Verbesserungen andeuten, aber wir machen's mit ihnen, so gut wir können; ohne Zweifel habt Ihr Menschen Gesetzbücher, die besser Probe halten.« Siebentes Kapitel. Ein Neuling in der Diplomatie. – Diplomatische Anleitung. – Eine Berechnung. – Eine Schiffslast von Ansichten. – Wie man Warensendungen zu wählen, nebst einer Auswahl davon. Ich begann nun ernstlich daran zu denken, nach Springniedrig zu segeln; denn ich gestehe, ich war herzlich müde, für den Hofmeister Seiner königlichen Hoheit des Prinzen Bob gehalten zu werden, und verlangte, mich in meine frühere Stellung wieder eingesetzt zu sehen. Noch mehr bewogen mich zu diesem Wechsel die Vorstellungen des Brigadiers; er versicherte mich, es sei hinreichend, aus dem Ausland zu kommen, um für einen Edelmann in Springniedrig angesehen zu werden, und ich brauche in seinem Land nichts von der üblen Behandlung zu fürchten, die ich in dem gelitten, worin ich mich jetzt befand. Nachdem wir daher freundschaftlich die Sache besprochen, gingen wir sogleich zu der Springniedriger Gesandtschaft, um Pässe zu verlangen, und uns anzubieten, zugleich die Depeschen mitzunehmen, die Richter Volksfreund für seine Regierung in Bereitschaft hätte, da es bei den Springniedrigern gewöhnlich war, diesen Gottgesendeten die Ueberbringung der diplomatischen Korrespondenz anzuvertrauen. Wir fanden den Richter im Negligé, und er machte in der That eine sehr verschiedene Figur von der, wie wir ihn am vorigen Tag am Hof sahen. Damals war er ganz Schweif, jetzt ganz Stumpf. Er schien jedoch erfreut, uns zu sehen, und ganz entzückt, als ich ihm meine Absicht mittheilte, nach Springniedrig zu segeln, sobald es der Wind zulasse. Er bat alsbald mit republikanischer Einfachheit, selbst mitfahren zu dürfen. Es stehe ein Umdrehen der großen und kleinen Lotterie-Räder bevor, sagte er, und so sei es für ihn sehr wichtig, zur Stelle zu sein; denn wenn auch Alles zweifelsohne mit vollkommener republikanischer Rechtlichkeit geschähe, erhielten doch irgendwie, er wisse nicht genau, wie, aber irgendwie, die Anwesenden immer die besten Preise. Wenn ich ihn daher mitnehmen könnte, würde er es als eine große Gunst für sich ansehen, und ich könnte mich darauf verlassen, dieser Umstand würde von der Partei wohl aufgenommen werden. Obgleich ich nicht recht verstand, was er unter dieser Partei meinte, die es wohl aufnehmen würde, sagte ich ihm doch schnell: die kürzlich von Mylord Chatterino und seinen Freunden inne gehabten Zimmer stünden gänzlich zu seiner Verfügung. Man fragte mich dann, wann ich abzusegeln gedächte, und meine Antwort war, sobald der Wind uns aus dem Hafen zu gehen erlaube, vielleicht in einer halben Stunde. Da bat mich Richter Volksfreund, gefälligst zu warten, bis er einen Chargé d'affaires auftreiben könnte. Seine Instruktionen seien sehr peremtorisch, nie die Gesandtschaft ohne einen Chargé d'affaires zu lassen; aber er wolle nur seinen Büschel auskämmen und auf die Straße eilen und fünf Minuten sich umsehen, wenn ich so lange warten wollte. Es wäre ungefällig gewesen, einen so geringen Dienst zu verweigern, und ich versprach es. Der Richter mußte tüchtig gelaufen sein; denn in ungefähr zehn Minuten war er mit einem diplomatischen Rekruten wieder zurück. Er sagte mir, er habe sich tüchtig getäuscht; die drei ersten hätten die Stelle geradezu ausgeschlagen, und er könnte in der That Streitigkeiten deßwegen bekommen, aber zuletzt habe er glücklich einen getroffen, der sonst nichts zu thun bekommen konnte, und auf der Stelle habe er ihn in Beschlag genommen. So weit war Alles fließend fortgegangen; aber der neue Chargé d'affaires hatte zum Unglück einen sehr langen Schweif, eine Mode, die ganz und gar gegen die Springniedriger Sitten war, ausgenommen, wenn der Repräsentant bei Hof erschien; es scheint, die Springniedriger politische Moral hat, wie unsre Bauersleute, zwei Anzüge, einen für jeden Tag und einen für den Sonntag. Der Richter bedeutete seinen muthmaßlichen Ersatzmann, er müsse sich nothwendig einer Amputation unterwerfen, oder könne sonst nicht das Amt erhalten. Die Schweife seien bei ihm durch beide politische Meinungen, die horizontale und perpendikuläre, verpönt. Dem entgegnete der Bewerber: er kenne gar wohl die Springniedriger Ansichten in diesem Punkt, aber er habe ja Se. Excellenz selbst mit einem ganz besonders auffallenden Büschel an Hof erscheinen sehen, und daraus und aus tausend andern kleinen Umständen, die er nicht besonders aufführen wolle, habe er abgenommen, daß die Springniedriger nicht so engherzig in ihren Begriffen wären, und zu Rom wie die Römer sich benähmen. Darauf erwiederte der Richter: dieser Grundsatz werde allerdings in Allem, was angenehm wäre, anerkannt, und er wisse aus Erfahrung, wie schwer es sei, mit einem Stumpf herumzugehen, wenn Alles um ihn mit Schweifen ginge; aber Schweife seien wesentlich antirepublikanisch, und wären als solche früher förmlich in Springniedrig hinausvotirt worden, wo selbst der Groß-Sachem keinen trüge, so sehr er auch darnach verlange, und erführe man, daß ein öffentlicher Chargé d'affaires sich hierin verginge, könne er wohl für den Augenblick durch eine der öffentlichen Meinungen geschützt werden, aber die entgegengesetzte würde dann gewiß die Sache übel aufnehmen, und dann könnte das Volk ein neues Umdrehen des kleinen Rads beschließen, was, wisse der Himmel! jetzt weit öfter vorfiele, als weder nützlich noch bequem wäre. Nach diesen Erklärungen löste der Bewerber sehr sorgfältig die Bänder und that den Schweif weg, wodurch er zu unserm Erstaunen ihn als falsch darlegte und sich für nichts weiter als einen Springhocher in Maskerade zu erkennen gab. Ich erfuhr später, dies sei mit sehr vielen aus diesem so außerordentlich originellen Volke der Fall, wenn sie über die Grenzen ihres geliebten Landes hinausgingen. Richter Volksfreund war nun ganz vergnügt, er sagte uns, dies sei gerade, was er am meisten gewünscht. »Hier ist ein Stumpf,« sagte er, »für die Horizontalen und Perpendikulären, und da ein schon fertiger Kapital-Schweif für Se. Majestät und Ihren ersten Vetter. Ein zum Springhocher gewordener Springniedriger, besonders wenn auch noch Anlage zur Karrikatur in ihm steckt, ist gerade die Hauptsache in unsrer Diplomatie. Da er Alles so nach seinem Sinn fand, stellte er das Ernennungsschreiben auf der Stelle aus, und gab dann seinem Ersatzmann die gewöhnlichen Instruktionen. »Ihr müßt bei allen Gelegenheiten,« sagte er, »ausserordentlich Sorge tragen, weder den Hof von Springhoch, noch den geringsten der Hofleute dadurch zu beleidigen, daß Ihr eine uns eigenthümliche Ansicht aussprecht, die Ihr jedoch alle an den Fingern herzählen können müßt. Darin müßt Ihr so sorgfältig sein, daß Ihr selbst für Euch für einige Zeit den Republikanismus aufgeben könnt, da Ihr ihn ja leicht wieder bei Eurer Rückkehr annehmen mögt; Ihr müßt Euch erinnern, daß nichts so undiplomatisch, ja so gemein ist, als über irgend etwas eine Meinung zu haben, es müßten denn die Meinungen derer sein, mit denen Ihr Euch in Gesellschaft befindet, und da wir den Ruf haben, diese Eigenschaft überall, nur nicht zu Hause, in einem sehr hohen Grade zu besitzen, tragt besonders Sorge, Gemeinheit zu vermeiden, wenn Ihr könnt. Ihr werdet Euch auch bemühen, den kürzesten Stumpf in allen Euren Privat-Angelegenheiten und den längsten Schweif in Euern öffentlichen Beziehungen zu tragen; dies ist ja eine der wichtigsten von den berühmten Schranken und Gegengewichten unsrer Verfassung. Da unsre Einrichtungen ganz besonders durch die Masse zum allgemeinen Besten Aller getroffen sind, werdet Ihr Euch besonders hüten, die Ansprüche eines Bürgers oder einer Klasse von Bürgern ja nicht die Eintracht stören zu lassen, die zu Handelszwecken mit allen fremden Höfen zu erhalten, so nöthig ist. Diese Höfe selbst sind gewöhnt, ihre Unterthanen als Viehheerden anzusehen, die zu Staatszwecken dienen, und werden daher sehr unangenehm berührt, wenn sie hören, daß von einem Einzelnen so große Wichtigkeit gemacht wird. Sollte ein Springniedriger darüber unwillig werden, dann macht ihm einen schlechten Namen, schwört, daß er ein Desorganisateur ist, und mein Leben zum Pfande, beide öffentliche Meinungen zu Haus werden Euch unterstützen; denn in nichts stimmen sie so gut zusammen, als in der gänzlichen Unterwürfigkeit gegen das Ausland und besonders in Angelegenheiten, die den Vortheil betreffen, da sie den Handel stören. Vor Allem seht, daß Ihr beständig mit einem der fertigsten Artikelschreiber der Zeitungen in Verbindung steht, damit die Thatsachen zu Haus im rechten Licht erscheinen. Einen Fremden, der nie Springniedrig gesehen, solltet Ihr hiezu auswählen, einen, der auch von Springauf, Springab und andern fremden Ländern bezahlt wird; dadurch erhaltet Ihr einen unparteiischen Agenten, der die Sachen nach Euerm Willen darstellt, der für seine Dienste schon halb bezahlt ist, und nicht leicht durch bestimmte Gedanken anstößt. Habt Ihr einen solchen gefunden, dann laßt ihn dann und wann eine Zeile zu Gunsten Eures Scharfsinns und Patriotismus einfügen, und wenn er von mir gelegentlich etwas Artiges sagt, so wird das nichts schaden, sondern das kleine Rad schneller herumgehen machen. Seinen Ursprung zu verhehlen, muß Euer Artikel-Agent das Wort Unser häufig brauchen; denn durch dies Wort zeigt man sich ja nur als Bürger von Springniedrig. Vor Allem seid patriotisch und republikanisch, vermeidet die geringste Vertretung Eures Landes und seiner Institutionen, und begnügt Euch mit dem Spruch, die letztern seien wenigstens sehr passend für das erstre. Wenn Ihr das so sagt, daß die Zuhörer die Meinung bekommen, Ihr haltet diese Institutionen zu sonst weiter nichts nütze, wird es als ganz besonders angenehm und völlig republikanisch, als sehr bescheiden und preiswürdig erscheinen. Ihr werdet die diplomatischen Agenten aller andern Staaten in Hinsicht ihrer besondern Gebräuche sehr reizbar und zu ihrer Vertheidigung geneigt finden; aber das ist eine Schwachheit, die nachzuahmen ihr ernst vermeiden werdet. Unsre Politik ist ausschließlich auf Vernunft gegründet, daher müßt Ihr ein würdevolles Vertrauen auf die Macht dieses Grundsatzes zeigen und in keiner Weise den hohen Charakter mindern, den die Vernunft schon hat, indem Ihr Andere argwöhnen laßt, die Vernunft sei nach Eurer Ansicht nicht völlig im Stande, sich selbst zu sichern. Mit diesen leitenden Ansichten und Eurer natürlichen Neigung, die ich mit Freuden für die großen Zwecke der Diplomatie außerordentlich geeignet sehe, da Ihr biegsam, folgend, nachahmend, berechnend und hauptsächlich ausländisch gesinnt seid, glaube ich, werdet Ihr immer gut fortkommen. Bildet vor Allem Eure ausländische Gesinnung aus; denn Ihr seid jetzt im Ausland im Dienst, und Euer Vaterland legt auf Eure Schultern und Talente die ganze Last seiner auswärtigen Angelegenheiten in diesem Theil der Welt.« Hier schloß der Richter seine Anrede, die ganz aus dem Stegreif war, augenscheinlich zufrieden mit sich selbst und seinem Neuling in der Diplomatie. Er sagte dann, er wolle jetzt an Hof gehen, seinen Stellvertreter vorzustellen und selbst Abschied zu nehmen, wonach er denn so schnell, wie möglich, zurückkehren und uns nicht länger aufhalten wolle, als nöthig, um seinen Schweif zum Schutz gegen die Motten einzupfeffern; denn der Himmel allein wisse, welchen Preis er bei'm nächsten Drehen des kleinen Rads erhalten könnte. Wir versprachen, ihn im Hafen zu treffen, wo ein Bote gerade uns benachrichtigte, Kapitän Poke sei gelandet und warte ängstlich auf uns. Nach dieser Verabredung schieden wir, und der Richter übernahm es, alle unsre im Wirthhaus bezahlte Promessen umzutauschen, indem er die seinigen dafür hinterlegte. Der Brigadier und ich fanden Noah und den Koch im Handel um einige Waaren mit einem Springhocher Händler oder zwei, die, als sie merkten, das Schiff segle nur mit Ballast, ihre Waaren der Aufmerksamkeit dieser beiden Würdigen empfahlen. »Es würde in der That eine Sünde sein, Sir John,« begann der Kapitän, »eine Gelegenheit, wie diese, einen Heller zu verdienen, ganz zu vernachlässigen. Das Schiff könnte zehn tausend Robben tragen, und man sagt, Millionen von ihnen gehen nach Springniedrig; es könnte die Hälfte der Waaren von Springhoch hinüberbringen. Wenigstens ich werde mein Kajüten-Recht benutzen, und ich würde Euch rathen, als Schiffsherr Euch etwas auszuersehen, um wenigstens die Hafen-Kosten Euch damit bezahlt zu machen.« »Die Idee ist nicht übel, Freund Poke; aber da wir den Zustand des Markts auf der anderen Seite nicht kennen, möchte es nicht übel sein, über die Auswahl der Artikel einen Eingebornen des Landes zu befragen. Da ist der Brigadier Geradaus, den ich als einen Monikin von Erfahrung und Urtheil erfunden, und mit Eurer Erlaubniß wollen wir erst hören, was er darüber zu sagen hat.« »Ich geb' mich sehr wenig mit Handel ab,« entgegnete der Brigadier, »aber als gemeiner Grundsatz, möchte kein Artikel von Springhocher Manufakturen in Springniedrig so guten Markt haben, als Ansichten.« »Habt Ihr solche Ansichten zum Verkauf?« fragte ich den Händler. »Eine große Auswahl in allen Qualitäten, – vom niedrigsten zum höchsten Preis; die, welche Ihr fast um nichts erhalten könnt, und die, auf welche wir selbst große Stücke halten. Wir haben sie immer bereit und eingepackt zur Ausfuhr, und schicken große Sendungen von ihnen jährlich ab, besonders nach Springniedrig. Ansichten sind Artikel, die sich einander selbst verkaufen, und ein Schiff von dem Tonnengehalt, wie Eures, könnte genug aufnehmen, um, wenn sie gehörig assortirt sind, sie noch alle zu rechter Zeit hinzubringen.« Auf mein Verlangen, die Päcke zu sehen, wurden wir alsbald in ein anstoßendes Lagerhaus geführt, wo in der That ein guter Vorrath von den fraglichen Manufakturen sich vorfand. Ich ging an den Gefächern hin und las die verschiednen Inschriften der Päcke; auf mehrere Bündel mit »Ansichten über freien Handel« hindeutend, fragte ich den Brigadier, was er von diesem Artikel hielte. »Ei, sie wären vor einem Jahr oder zwei angenehmer gewesen, als wir den neuen Tarif festsetzten; aber jetzt wird wohl weniger Nachfrage darnach sein.« »Sie haben ganz Recht, Sir,« fügte der Krämer hinzu, »wir schickten früher große Sendungen davon nach Springniedrig, und sie wurden alle eifrig aufgekauft, sobald sie ankamen. Viele wurden wieder aufgefärbt, und als inländische Manufakturen verkauft. Viel wird jetzt nach Springauf versandt, mit welchem Lande wir Verbindungen haben, die ihnen einen gewissen Werth geben.« »›Ansichten über Demokratie und die Regierungspolitik im Allgemeinen‹« »Ich sollte denken, diese würden in Springniedrig von keinem Nutzen sein.« »Ei, Sir! sie gehen so ziemlich über die ganze Welt. Wir verkaufen eine Menge von ihnen auf unserm eignen Kontinent, und viele gehen selbst nach Springniedrig, obwohl ich nie begreifen konnte, was sie damit machten, da auch in diesem Land Alles Monikin-Regiment ist.« Ein fragender Blick entlockte dem Brigadier eine klarere Antwort. »In Wahrheit, eine Klasse von uns kauft diese Artikel mit großem Eifer auf; ich kann mir's nur erklären, weil sie meinen, ein von der Masse verschiedner Geschmack mache sie erleuchtet zu etwas Besonderm.« »Ich nehme sie all'. Ein Artikel, so gesucht, wird sich sicher verkaufen. ›Ansichten von Begebenheiten.‹ Was kann man wohl damit anfangen?« »Das kommt etwas auf ihre Klassifikation an,« erwiederte der Brigadier. »Wenn sie sich auf Springniedriger Begebenheiten beziehen, wo sie dann einen gewissen Werth haben, kann man sie nicht gangbar nennen; begreifen sie aber die Begebenheiten auf der ganzen übrigen Erde, dann nehmt sie; denn das ist dafür gerade unser Markt.« Darauf nahm ich den ganzen Pack, fest vertrauend, die weniger gangbaren durch die beliebteren fortzubringen. »›Ansichten von heimischer Literatur.‹« »Ihr könnt Alles kaufen, was er hat; wir brauchen keine andre.« »›Ansichten von Kontinental-Literatur‹« »Nun, von den Waaren selbst wissen wir nicht viel, aber eine Auswahl wird dienen.« Ich ließ den Ballen entzwei schneiden und nahm blindlings die eine Hälfte. »›Ansichten von Springniedrig-Literatur von No. 1 bis No. 100.‹« »Ah, ich muß bemerken, daß wir zwei verschiedne Arten davon haben,« fiel der Händler ein; »die eine ist der wahre Artikel, wie sie, sagt man, nach den erprobtesten Mustern von unsern großen Genies und Philosophen erzeugt werden; aber das Andre ist nichts, als nachgemachtes Zeug, in Springniedrig verfertigt, und hieher geschickt, unsern Stempel zu erhalten. Das ist das Ganze; ich betrüge nie einen Kunden, doch verkaufen sich beide, hör' ich, auf der andern Seite.« Ich sah wieder auf den Brigadier, und da dieser ruhig seine Zustimmung zunickte, nahm ich die ganzen hundert Ballen. »›Ansichten von den Institutionen von Springhoch.‹« »Nun, wir sind damit von allen Gestalten, Formen und Farben versehen. Sie sind hauptsächlich zum Hausverbrauch; doch werden sie auch mit Erfolg nach Springniedrig geschickt.« »Die Konsumenten davon bei uns,« bemerkte der Brigadier, »sind sehr spitzfindig und nehmen nur die beste Qualität. Aber sie sind gewöhnlich so gut versehen, daß ich zweifle, ob bei einer neuen Einfuhr die Frachtkosten herauskämen. Wirklich hängen sie sehr allgemein an den alten Moden darin und lassen selbst nicht die durch die Zeit hervorgebrachten Veränderungen zu.« »Was kommt da?« »Ansichten über die Institutionen von Springniedrig.« »Nehmt sie!« sagte der Brigadier schnell. »Der Herr hat einen Begriff von seinem Markt daheim,« sagte der Händler kichernd. »Ansichten über den Zustand der Sitten und der Staatsgesellschaft in Springniedrig.« »Ich will selbst mich mit diesem Artikel befassen, Sir John, wenn Ihr mir Platz erlauben wollt. Nichts geht besser ab in unserm geliebten Vaterland.« »Ich finde diesen Euern Eifer ein wenig seltsam; wenn ich recht unsre früheren Unterredungen verstanden, so behauptet Ihr Springniedriger, nicht allein in den alten Grundsätzen der Politik, sondern auch überhaupt in der Staatsgesellschaft weit vorgerückt zu sein.« »Wir wollen darüber während der Ueberfahrt reden, Sir John Goldenkalb; aber erlaubt mir, diesen Artikel mitzunehmen, besonders wo von den Gebrechen der Regierungen gesprochen wird, während man uns als vollkommen darstellt.« »Ihr sollt Antheil daran haben, Brigadier. Aber Herr Händler, ich denke, diese Ansichten kommen aus einer sehr bekannten und erprobten Manufaktur.« »Alle Arten, Sir! einige gut, andre nichts werth; alle jedoch verkaufen sich. Ich war nie in Springniedrig; aber hier sagt man: die Springniedriger essen und trinken und schlafen auf unsern Ansichten.« »Ich vermuthe, Brigadier, Ihr braucht sie als eine Ergötzlichkeit, als ein Mittel, eine Stunde, einen Abend gut hinzubringen, als eine Art moralischer Cigarre?« »Nein,« fiel der Händler ein, »sie rauchen sie nicht, sonst würden sie sie nicht in so großen Quantitäten kaufen.« Ich glaubte nun genug für eigne Rechnung zu haben, und sah nach, was der Kapitän machte. Er feilschte um »Ansichten über den verlornen Stand der Monikins-Seele.« Etwas neugierig, die Ursachen dieser Wahl zu erfahren, fragte ich ihn bei Seite gerade darnach. »Ei, Sir John,« sagte er. »in Wahrheit, die Religion ist ein Artikel, der auf jedem Markt abgeht, in einer oder der andern Gestalt. Nun sind wir aber alle im Dunkel in Hinsicht des Springniedriger Geschmacks und der Gewohnheiten dort. Ich habe immer Mißtrauen bei einer solchen Gelegenheit in einen Eingebornen von dem Land, in welches ich handle. Sollten sie aber nicht dort weggehn, so doch gewiß in Stonington. Mad. Poke allein brauchte in einem Jahr diesen ganzen Ballen. Der Frau gerecht zu sein, verbraucht sie eine ungeheure Quantität Schnupftaback in Religion.« Wir hatten jetzt fast die Gefächer leer gemacht, und der Koch, der an's Land gekommen, um seinen Schweif unterzubringen, hatte noch gar nichts bekommen. »Hier ist ein kleiner Pack, der von Springniedrig gekommen, ein hübsches Ding ist's,« sagte der Händler lachend, »jedenfalls bringt Ihr die Fracht heraus. Es sind, ›Genaue Ansichten von der Republik Springniedrig.‹« Der Koch sah den Brigadier an, der die Spekulation für zweifelhaft zu halten schien; doch hatte Hobson Gefallen daran, und nach langem Murmeln nahm der Doktor, wie Noah immer seinen Koch nannte, den Artikel um den halben Preis. Richter Volksfreund kam jetzt ganz en republicain in den Hafen geeilt, worauf wir uns denn einschifften, und in einer halben Stunde war Bob nach Noah's Herzenslust gestoßen und getreten, und das Wallroß hübsch auf dem Weg nach Springniedrig. Achtes Kapitel. Politische Schranken, – politische Rechte, – politische Ausscheidungen, und politische Untersuchungen, nebst politischen Ergebnissen. Die Wasser-Meilensteine der Monikins-Meere sind schon erwähnt worden; aber ich glaube, ich habe vergessen zu sagen, daß durch eine ähnliche Erfindung eine Demarkationslinie im Wasser gezogen war, um die Grenzen der Gesetzgebung jedes Staats anzudeuten. Mit günstigem Wind konnte das Wallroß in dritthalb Tagen die Wassermarken von Springniedrig erreichen, und noch ein halber Tag war nöthig, um in den Hafen zu kommen. Als wir uns den legalen Schranken von Springhoch näherten, sah man viele kleine schnellsegelnde Schiffe schon außerhalb des königlichen Gebiets herumschweifen, die offenbar unsre Annäherung erwarteten. Das eine legte, gerade als der Vordermast aus der Springhoch-Herrschaft heraus war, bei uns an. Richter Volksfreund eilte auf diese Seite hin, und ehe noch die Schiffsmannschaft auf's Verdeck gekommen, hatte er erfahren, daß die gewöhnliche Zahl Preise in das kleine Lotterierad gethan worden. Ein Monikin mit einem sehr auffallenden Stumpf, der schon einer zweiten Amputation unterworfen schien, – es war, was man in Springniedrig Stumpf auf Stumpf nennt, – näherte sich jetzt und fragte, ob Emigranten an Bord sich befänden. Er erfuhr unsern Charakter und unsre Zwecke. Als er hörte, unser Aufenthalt würde nur von kurzer Dauer sein, war er offenbar ein wenig betroffen. »Doch, meine Herren, bleiben Sie vielleicht lang genug hier,« fuhr er fort, »um zu wünschen, naturalisirt zu werden.« »Es ist immer angenehm, in fremdem Lande zu Haus zu sein; aber sind keine gesetzliche Beanstandungen?« »Nicht, daß ich wüßte, Sir, – Sie haben keine Schweife, denk' ich?« »Nur die in unsern Felleisen. Ich vermuthete indeß, der Umstand, daß wir von einer ganz andern Gattung sind, könnte einige Hindernisse in den Weg legen.« »Gar nicht, Sir! Wir handeln nach viel zu liberalen Grundsätzen, um einen so engherzigen Einwand gelten zu lassen. Sie sind, sehe ich, Sir, nur sehr wenig mit den Institutionen und der Politik unseres geliebten und glücklichen Landes bekannt. Sie sind hier nicht in Springhoch, Springauf, Springab u.s.w., sondern in dem guten, alten, herzlichen, freien, liberalen, unabhängigen, geliebten, glücklichen, über alle Maßen gedeihenden Springniedrig. Gattungen sind nach unserm System von keinem Belang. Wir naturalisiren ein Thier so gut wie das andre, wenn es nur ein liberales ist. Ich sehe in keinem von Ihnen einen Mangel. Alles, was wir verlangen, sind nur gewisse Hauptgrundsätze.« »Sie gehen auf zwei Beinen – –« »Wie die Truthähne, Sir.« »Sehr wahr; aber Sie haben keine Federn.« »Auch der Esel hat keine.« »Ganz recht, meine Herren; sie schreien jedoch nicht, wie er.« »Dafür will ich nicht stehen,« fiel der Kapitän ein, und stieß sein Bein gerade vor sich hin, auf eine Weise, die Bob einen Schrei entriß, der fast des Springniedriger's Vorschlag umgestoßen hätte. »Auf alle Fälle, Sir,« bemerkte er, »gibt es ein Mittel, das mit einem Male der Sache ein Ende machen wird.« Er verlangte nun von uns, wir sollten das Wort unser aussprechen: unsere Freiheiten – unser Vaterland, – unsre Heerde, unsere Altäre. Wer immer naturalisirt sein wollte und dies Wort auf die rechte Weise und an der rechten Stelle gebrauchte, hatte Anspruch auf das Bürgerrecht. Wir alle konnten es ziemlich gut, nur nicht der zweite Untersteuermann, der, aus Herefordshire gebürtig, für sein Leben das letztere Schibboleth nicht besser als »unsre Haltäre« herauszubringen vermochte. Ja er sprach es fast wie »unsre Halfter«; diese sind aber nach einem sehr philanthropischen Grundsatz in Springniedrig ganz verbannt; so oft ein Schelm sich vergeht, hat man, als das beßte Mittel, dem Uebel zuvorzukommen, statt Halfter und Stricke, die Bestrafung der Staatsgesellschaft, gegen welche er gesündigt, angeordnet. Durch dies scharfsinnige Verfahren bekommt natürlich die Gemeinde einen scharfen Blick im Verhindern aller Verbrechen. Diese herrliche Idee ist ganz holländisch; wenn man dort mit einem Beile sich verwundet hat, legt man immer Salbe und Verband auf den grausamen Stahl und läßt dann die Wunde so schnell, wie möglich, heilen. Zu unserm Examen zurückzukehren; wir alle kamen durch, nur nicht der zweite Untersteuermann, der in seinem Halfter hängen blieb und als unverbesserlich erklärt ward. Naturalisationspatente wurden auf der Stelle ausgefertigt, die Kosten bezahlt, und der Schooner verließ uns. Diese Nacht erhob sich ein Wind, und wir erhielten keinen Besuch mehr bis zum folgenden Morgen. Bei'm Aufgang der Sonne aber trafen wir auf drei Schooner unter Springniedriger Flagge; alle schienen auf lebensgefährliche Unternehmungen auszugehen. Der erste, der uns erreichte, schickte ein Boot an Bord, und eine Kommitee von sechs »Stumpf-auf-Stumpf« kamen zu uns, und stellten sich uns vor. Ich gebe ihre eigne Erzählung von ihrem Geschäft und Charakter. Es schien, sie waren eine sogenannte »Ernennungskommitte« der Horizontalen für die Stadt Bivouac, wo auch wir hinsegelten und wo eine Wahl für Glieder des Nationalconseils vor sich gehen sollte. Bivouac hatte ein Recht auf sieben Glieder, und nachdem sie sich selbst ernannt, suchte die Kommittee jetzt ein siebentes Glied, um eine Vacanz auszufüllen. Die naturalisirten Interessen zu wahren, wollte man den neuest Angekommenen wählen. Auch sicherte man dadurch den Grundsatz der Liberalität in abstracto . Aus diesem Grund hatten sie den Springhoch-Gränzen so nah, als die Gesetze erlaubten, eine Woche lang gekreuzt, und sie wollten nun jeden Tauglichen wählen. Diesem Vorschlag setzte ich wieder die verschiedene Gattung entgegen; aber sie lachten mir alle mit dem Brigadier Geradaus gerade in's Gesicht, und gaben mir deutlich zu verstehen, ich müßte sehr engherzige Begriffe von den Dingen haben, um einen so geringen Umstand als Störung der Harmonie und Einheit eines horizontalen Votums anzusehen. Sie gingen nach einem Grundsatz aus, und der Teufel selbst könnte sie von einem so heiligen Zweck nicht abbringen. Ich gestand dann aufrichtig, die Natur hätte mich nicht so wunderbar wie meinen Freund, den Richter, zum Purzelbaum-Machen ausgerüstet, und ich fürchtete, wenn es hieße: rechts um! möchte ich nur als ein Rekrut erfunden werden. Dies brachte sie ein wenig aus der Fassung, und ich sah sie einander sich zweifelhaft anblicken. »Aber Ihr könnt Euch wenigstens plötzlich zur Noth herumdrehen,« fragte einer von ihnen nach einer Pause. »Freilich, Sir!« antwortete ich, und gab auf der Stelle den Beweis davon, daß ich kein eitler Prahler war. »Sehr gut!« riefen Alle in einem Athem. »Das große politische Haupterforderniß ist, die Evolutionen ihrem Wesen nach durchzumachen, die Leichtigkeit darin ist dann persönliches Verdienst.« »Aber, ihr Herren, ich kenne wenig mehr von Eurer Constitution und Euren Gesetzen, als ich aus abgerissenen Unterhaltungen mit meinem Reisegefährten gelernt.« »Das thut nichts, Sir; unsre Constitution ist niedergeschrieben, und jeder Bewerber kann sie lesen. Auch haben wir einen politischen Flügelmann im Versammlungshaus, der den Gliedern viele unnütze Studien und Nachdenken erspart; Ihr braucht nur auf alle seine Bewegungen Acht zu haben, und mein Leben zum Pfand, Ihr kommt so gut durch die Handgriffe durch, wie das älteste Mitglied.« »Wie, Sir, sehen sich alle Glieder ihre Bewegungen von diesem Flügelmann ab?« »Alle Horizontalen, Sir; die Perpendikularen haben ihren eignen Flügelmann.« »Nun, meine Herren, ich sehe, ich habe darin kein Urtheil, und ich überlasse mich gänzlich dem Willen meiner Freunde.« Diese Antwort fand viel Beifall, und verrieth, wie Alle versicherten, große politische Capacität; der Staatsmann, der Alles seinen Freunden überließe, verfehle nie den höchsten Gipfel der Ehrenstellen in Springniedrig zu erreichen. Die Kommittee schrieb meinen Namen auf und eilte in ihren Schooner zurück, um in den Hafen die Nachricht von der Wahl zu überbringen. Diese Gesellschaft war kaum vom Verdeck weg, als Andre von der entgegengesetzten Seite des Schiffs kamen. Sie stellten sich als die Ernennungskommittee der Perpendikularen mit derselben Absicht als ihre Gegner dar. Auch sie wünschten die ausländischen Interessen zu fördern und suchten einen geeigneten Bewerber. Kapitän Poke hatte allem, was meiner Ernennung vorausging, aufmerksam zugehört, und trat jetzt vor, seine Bereitwilligkeit zum Staatsdienst zu erklären. Da man auf der einen Seite eben so wenig Schwierigkeit machte als auf der andern, und die perpendikulare Kommittee nach ihrem eignen Geständniß durch die Zeit gedrängt wurde, indem die Horizontalen einen Vorsprung hatten, wurde die Sache in fünf Minuten abgemacht, und die Fremden gingen ab mit dem Namen Noah Poke's, des erprobten Patrioten, des tiefen Juristen, des ehrlichen Monikins, hoch auf ein großes Brett geschrieben; – Alles war, außer dem Namen, schon vorher sorgfältig vorbereitet worden. Sobald die Kommittee das Schiff verlassen, nahm mich Noah bei Seite und entschuldigte sich, daß er in dieser wichtigen Wahl mir entgegentrete. Seine Gründe waren zahlreich und scharfsinnig und, wie gewöhnlich, etwas weitläufig. Sie kamen auf Folgendes heraus: Er hätte nie im Parlament gesessen und wünsche das Gefühl davon zu haben; es würde die Achtung der Schiffsgesellschaft erhöhen, wenn sie ihrem Befehlshaber so hohe Wichtigkeit in einem fremden Hafen beigelegt sähen. Er hätte in Stonington einige Erfahrung durch Zeitungslesen erlangt, und zweifle nicht an seinen Fähigkeiten, – das mache ja immer den guten Gesetzgeber, – die Congreßleute bei ihm seien Leute wie er, und was der Gans stünde, stünde auch dem Gänserich; er wisse, Mad. Poke werde über seine Wahl erfreut sein; er mögte wissen, ob man ihn den ehrenwerthen Noah Poke nennen würde, und ob er acht Dollar täglich bekäme, und Reisegebühren von der Stelle an, wo das Schiff damals war. Die Perpendikularen könnten auf ihn zählen, sein Wort sei so gut als sein Pfand. Was die Constitution angehe, so sei er mit der zu Hause fortgekommen, und wer das könnte, käme wohl mit jeder fort; er beabsichtige nicht, viel im Parlament zu reden, aber was er sage, hoffe er, werde zu seiner Kinder Gebrauch aufgeschrieben werden; und so ging's mit Beweisführung und Entschuldigung fort. Nun kam der dritte Schooner; dies Fahrzeug hatte eine andre Kommittee an Bord, welche sich als die Repräsentanten der sogenannten Tangentenpartei auswies. Sie wären nicht zahlreich, aber doch immer stark genug, die Wagschale zu halten, wenn die Horizontalen und Perpendikularen in rechten Winkeln, wie jetzt, sich durchkreuzten; und sie wollten jetzt einen aus ihrer Mitte in die Höhe bringen. Sie auch wünschten sich durch ausländisches Interesse zu verstärken, wie dies ganz natürlich wäre, und suchten jetzt eine geeignete Person. Ich schlug den ersten Untersteuermann vor; aber Noah protestirte dagegen, und erklärte, es komme, wie es wolle, das Schiff dürfe nicht verlassen bleiben. Die Zeit drängte; und während der Kapitän und Subalterne sich eifrigst stritten, schlich Bob, der schon die Süßigkeiten politischer Wichtigkeit gekostet, in seinem angenommenen Charakter als königlicher Prinz, listig zur Kommittee und gab seinen Namen ein. Noah war zu beschäftigt, diese wohl ausgeführte Bewegung zu entdecken, und während er noch schwur, den Steuermann über Bord zu werfen, wenn er nicht sogleich alle ehrgeizigen Pläne dieser Art aufgebe, fand er, daß die Tangenten fort waren. In der Voraussetzung, sie seien zu einem andern Schiff gegangen, ließ sich der Kapitän besänftigen, und Alles ging wieder ruhig, fort. Von da, bis wir in der Bai von Bivouac ankerten, blieb die Ruhe und Zucht auf dem Wallroß ungestört. Ich benutzte die Gelegenheit, die Verfassung von Springniedrig, von der der Richter ein Exemplar hatte, zu studiren und alle Belehrung von meinen Gefährten zu erhalten, die mir auf meiner künftigen Laufbahn nützlich sein konnte. Ich dachte mir schon die Freude, wenn ich, ein Fremder, die Springniedriger ihre Gesetze lehrte und ihnen die Anwendung ihrer eignen Principien erklärte. Doch war wenig aus dem Richter heraus zu bekommen. Er war zu sehr mit einer Berechnung beschäftigt, die die Chancen des kleinen Rads betraf und welche er von dem Haupt der Ernennungskommitteen erhalten. Ich fragte nun den Brigadier, wie es komme, daß in seinem Lande die Springhoch-Ansichten über Springniedriger Institutionen, Gesellschaft und Sitten so grossen Werth auf dem Markte hätten. Darauf erhielt ich nur eine ziemlich nichtssagende Antwort: es sei, weil seine Landsleute, nachdem sie die mit diesen Gegenständen verbundenen Interessen vom Rost der Zeit freigemacht und Alles nach der philosophischen Basis der Vernunft und des gesunden Menschenverstands in's Werk gesetzt, nun auch sehr begierig wären, zu erfahren, was Andre vom Erfolg des Experiments dächten. »Ich erwarte, eine Nation von Weisen zu sehen, Brigadier, wo selbst die Kinder gehörig in den großen Wahrheiten Eures Systems eingeübt werden, und was die Frauen betrifft, fürcht' ich wirklich meine theoretische Unwissenheit in Collision mit ihrer großen praktischen Kenntniß von den Grundsätzen Eurer Regierung zu bringen.« »Sie werden frühzeitig mit politischem Brei genährt.« »Freilich, Sir! Wie verschieden müssen sie von den Frauen andrer Länder sein, tief in den großen unterscheidenden Principien Eures Systems unterrichtet, der Erziehung ihrer Kinder in denselben Wahrheiten hingegeben, und unermüdlich in ihrer Unterscheidung unter den geringsten Geschäften ihres Haushalts!« »Hm!« »Ei, Sir, selbst in England, was hoffentlich nicht das schlechteste Land ist, werdet Ihr schöne, verständige, vollkommene, patriotische Frauen treffen, die aber ihre Kenntnisse von diesen Fundamentalstücken zu einem Parteieifer werden lassen und ihre ganze Beredtsamkeit über Nationalfragen auf einige herzliche Wünsche zum Untergang ihrer Gegner beschränken.« »Es ist auch ziemlich so in Stonington, um der Wahrheit die Ehre zu geben,« bemerkte Noah, der zugehört hatte. »Sie, statt die jungen Säuglinge, die sich an sie hängen, in richtigen Begriffen von Haupt-Gesellschaftsunterschieden zu unterweisen, nähren ihre jungen Antipathieen mit kleinlichen Philippiken gegen ein unglückliches Haupt der Gegenpartei.« »Es ist so ziemlich so in Stonington, so wahr ich lebe!« »Selten studiren sie die großen Lehren der Geschichte, um den künftigen Staatsmännern und Heroen des Reichs die Monumente der Verbrechen, die Reizmittel zur Staatstugend, die Karte ihrer Freiheiten darzulegen; sie sind dagegen unermüdlich, das Geschrei des Tags nachzuschallen, so falsch und gemein es auch sei, und bringen ihrer Nachkommenschaft Humanität bei, indem sie leise Wünsche ausdrücken; Herr Canning oder sonst ein Vernichter der Pläne ihrer Freunde möchte schon schön gehängt sein.« »Ganz so in Stonington!« »Wesen mit Engelsgestalten, sanft, lieblich, gebildet, voll Thränen wie der thauichte Abend, wenn von Menschlichkeit und Leiden die Rede ist; aber seltsam umgestaltet in Tiegerinnen, wenn Andre, als die sie billigen, zur Macht gelangen. Statt ihre Arme um ihre Männer und Brüder zu schlingen, um sie abzuhalten von dem heißen Streit der Meinungen, reizen sie sie durch ihren Beifall noch auf und werfen Schmutz mit der Leichtigkeit und dem Reiz von Fischerweibern um sich.« »Das ist Madame Poke Zug für Zug!« »Kurz, Sir, ich erwarte zu Springniedrig einen ganz verschiedenen Zustand zu finden. Wenn dort ein politischer Gegner mit Schmutz beworfen wird, beruhigen Eure liebreichen Monikinerinnen ohne Zweifel den Zorn durch milden Hauch der Philosophie, sänftigen den Eifer durch Weisheit und regeln den Irrthum durch geeignete, unbestreitbare Sätze aus der Charte, die gegründet ist auf die ewigen und unwandelbaren Principien des Rechts!« »Nun, Sir John, wenn Ihr so beredt im Hause sprecht!« rief der entzückte Noah, »werde ich um Antwort verlegen sein! Ich zweifle, ob der Brigadier selbst Alles wiederholen könnte, was Ihr eben gesagt habt.« »Ich habe vergessen, Herr Geradaus, Euch nach der Wahlberechtigung in Springniedrig zu fragen; das Stimmrecht ist zweifelsohne auf die Glieder der Gesellschaft beschränkt, die einen socialen Haltpunkt haben.« »Freilich, Sir John! die leben und athmen.« »Sicher stimmen nur die, die das Geld, die Häuser und den Grundbesitz des Landes haben.« »Sir, Ihr irrt ganz und gar; Alle stimmen, die Ohren, Augen, Nasen, Stümpfe, Leben, Hoffnungen, Wünsche, Gefühle und Bedürfnisse haben. Bedürfnisse halten wir für viel wahrere Pfänder der politischen Treue, als Besitzthümer.« »Das ist eine neue Lehre in der That; aber es steht im offenbaren Widerspruch mit dem socialen Haltpunktssystem.« »Ihr hattet nie mehr Recht, Sir John, in Hinsicht Eurer Theorie und nie mehr Unrecht in Hinsicht der Wahrheit. In Springniedrig behaupten wir und mit Recht, daß es keinen größern Irrthum gibt, als eine Repräsentation bloser Effekten, mögen es nun Häuser, Ländereien, Waaren oder Geld sein, für ein Pfand einer guten Regierung zu halten. Das Eigenthum wird von den Regierungsmaßregeln betroffen, und je mehr ein Monikin hat, desto größer ist die Bestechung, die ihn zur Berücksichtigung seiner eignen Interessen verführt, wenn auch die aller Andern darunter leiden.« »Aber, Sir, die Interessen der Gemeinde bestehen aus dem Aggregat dieser Interessen.« »Bitte um Verzeihung, Sir John! nur das Aggregat der Interessen einer Klasse. Ist Eure Regierung nur zu ihrem Besten eingesetzt, dann ist Euer sociales Haltpunktssystem ziemlich richtig; aber ist der Zweck das allgemeine Beste, dann habt Ihr keine andre Wahl, als die Bewahrung desselben der allgemeinen Obhut anzuvertrauen. Wir wollen zwei Menschen annehmen, – da Ihr nun ein Mal ein Mensch und kein Monikin seid. – zwei Menschen ganz gleich in Moral, Verstand, öffentlicher Tugend und Patriotismus; der Eine soll reich sein, der Andre nichts haben. Eine Krisis im Staat zeigt sich, und Beide werden aufgerufen, sich frei über eine Frage auszusprechen, die unvermeidlich einigen Einfluß auf Eigenthum im Allgemeinen hat; – alle große Fragen sind der Art. Wer würde am unparteiischsten stimmen? – der, welcher nothwendig seines persönlichen Interesses sich entkleiden muß, oder der, welcher kein solches Reizmittel, irre zu gehen, hat?« »Sicher der, welcher nichts hat, was einen Einfluß, zu irren, haben kann. Aber die Frage ist unbillig gestellt.« »Verzeiht, Sir John, sie ist recht gestellt, als eine abstrakte Frage, eine Frage, die ein Princip beweisen soll. Es freut mich, daß Ihr sagt, ein Mensch würde so entscheiden: es zeigt seine Identität mit einem Monikin. Wir denken, wir alle dächten am meisten an uns selbst bei solchen Gelegenheiten.« »Mein theurer Brigadier, haltet nicht Sophistik für Vernunft. Sicher gehörte die Macht nur den Armen, und der Arme oder vergleichungsweise Arme macht immer die Masse aus, – so würden sie diese zur Beraubung des Reichen ausüben!« »Wir glauben das nicht in Springniedrig. Fälle mag es geben, wo durch Reaktion ein solcher Zustand der Dinge entstünde; aber Reaktionen setzen Mißbräuche voraus und dürfen nicht zur Verteidigung eines Grundsatzes angeführt werden. Wer gestern betrunken gewesen, mag heute ein unnatürliches Reizmittel brauchen, während der Regelmäßige die gehörige Stimmung seines Leibes ohne Hülfe eines so gefährlichen Mittels wahrt. Solch ein Experiment kann unter wichtigen Umständen wohl gemacht werden; aber es ginge kaum zwei Mal bei irgend einem Volk, und selbst nicht ein Mal unter einem Volk, das sich zu rechter Zeit einer Theilung der Gewalten unterwirft, da es offenbar dem leitenden Princip der Civilisation gefährlich ist. Nach unsern Monikin'schen Geschichtschreibern sind alle Angriffe auf das Eigenthum daraus hervorgegangen, daß sich das Eigenthum mehr herausnahm, als seinen Freiheiten eigentlich zukommt. Macht Ihr politische Gewalt zur Begleiterin des Eigenthums, dann mögen beide freilich zusammengehn; aber sind sie getrennt, wird die Gefahr für das letztere nie größer als die sein, in welche es täglich durch die Künste der Geldspekulanten gesetzt wird, die in der That die größten Feinde des Eigenthums sind, in so weit es Andern gehört.« Ich dachte an Sir Joseph Job, und mußte zugeben, daß der Brigadier wenigstens etwas Wahres für sich hatte. »Aber gebt Ihr nicht zu, daß das Gefühl des Eigenthums den Geist erhebt, veredelt und reinigt?« »Sir, ich will nicht bestimmen, wie das bei Menschen sein mag; aber wir Monikins behaupten, die Liebe zum Geld sei die Wurzel alles Uebels.« »Wie, Sir, haltet Ihr die Erziehung, die Folge des Eigenthums, für nichts?« »Wenn Ihr von dem sprecht, mein lieber Sir John, was das Eigenthum gewöhnlich lehrt, so ist dieses der Eigennutz; aber wenn Ihr als Regel aufstellt, daß, wer Geld hat, auch Erziehung hat, ihn recht zu leiten, so muß ich erwiedern, daß die Erfahrung, die besser als tausend Theorien ist, uns anders lehrt. Wir finden, daß bei Fragen zwischen denen, die haben und die nicht haben, die Habenden gemeiniglich einig sind, und das wird so sein, wären sie auch so sehr ohne Schutz wie die Bären, aber bei allen andern Fragen machen sie der Erziehung gewiß keine Ehre, Ihr müßt denn zugeben, es gäbe zwei Wahrheiten in jedem Fall; denn bei uns stellen sich die höchst Gebildeten gewöhnlich an die beiden Extreme. Ich sage das von Monikins, gebildete Menschen freilich werden weit einiger sein.« »Aber, mein guter Brigadier, wenn Euer Satz von der größern Unparteilichkeit und Unabhängigkeit des Wählers, der durch Privatinteresse nicht beeinträchtigt wird, wahr ist, würde ein Land nicht übel thun, seine Wahlen einer Korporation ausländischer Schiedsrichter zu überlassen.« »Freilich, Sir John, wenn man gewiß wüßte, diese ausländischen Schiedsrichter würden die Gewalt nicht zu ihrem Privatvortheil mißbrauchen; wenn sie die Gefühle, die Gesinnungen hätten, die eine Nation weit mehr veredlen und reinigen, als Geld; wenn es möglich wäre, daß sie gänzlich den Charakter, die Gewohnheiten, die Bedürfnisse und Hülfsquellen eines andern Volks kännten. Wie also die Dinge jetzt stehen, halten wir's für das Klügste, unsre Wahlen uns selbst anzuvertrauen, – nicht einem Theil von uns, nein uns allen.« »Die Robben mit eingeschlossen,« fiel der Kapitän ein. »Ei, diesen Grundsatz befolgen wir allerdings bei Herren, wie Ihr,« entgegnete der Brigadier höflich; »aber Freisinnigkeit ist eine Tugend. Als Grundsatz hat Eure Idee, Sir John, die Wahl unsrer Repräsentanten Fremden zu überlassen, mehr Werth, als Ihr vielleicht glaubt, wiewohl sie aus den angeführten Gründen unausführbar ist. Wenn wir Gerechtigkeit suchen, sehen wir uns gemeinlich nach einem unparteiischen Richter um. Solch ein Richter ist jedoch in Staatssachen nicht zu finden, weil diese Art Gewalt, beständig ausgeübt, nach dem Grundsatz der Selbstsucht, die der Monikin-Natur eingepflanzt ist, notwendig beeinträchtigt und abgelenkt wird. Ich zweifle aber nicht, daß Ihr Menschen gänzlich über eine so unwürdige Leidenschaft erhaben seid.« Hier konnte ich dem Brigadier nur sein Hm! abborgen. »Nachdem wir uns überzeugt, daß es nicht angehen würde, die Leitung unsrer Angelegenheiten blos Fremden anzuvertrauen, oder solchen, deren Interesse nicht mit dem unsern identisch wäre, wollten wir sehen, was mit einer Wahl aus unsrer Mitte zu machen wäre. Hier begegnete uns wieder derselbe zudringliche Grundsatz der Selbstsucht, und zuletzt mußten wir zu dem Versuch unsere Zuflucht nehmen, die Interessen Aller der Leitung Aller zu überlassen.« »Aber sind das die Ansichten von Springhoch?« »Weit gefehlt! das ist gerade der Unterschied zwischen diesem und Springniedrig. Da die Springhocher ein altes Volk mit tausend eingewurzelten Interessen sind, so müssen sie, wie die Zeit fortschreitet, Ursachen für das Bestehende aufsuchen, während wir Springniedriger, von allen Fesseln frei, das Bestehende nach Gründen und vernunftmäßig einrichten konnten.« »Warum leget Ihr denn aber so viel Gewicht auf Springhocher Ansichten über Springniedriger Thatsachen?« »Warum hält jeder kleine Monikin seine Eltern für die weisesten, besten, tugendhaftesten und besonnensten alten Monikins in der ganzen Welt, bis Zeit, Gelegenheit und Erfahrung ihm seinen Irrthum zeigen?« »Macht Ihr denn gar keinen Unterschied in Euren Rechten und Freiheiten, und laßt jeden Bürger zum Stimmen zu, der, wie Ihr sagt, Nase, Ohren, Stumpf und Bedürfnisse hat?« »Vielleicht sind wir darin weniger genau, als wir sein sollten, da bei uns selbst nicht Unwissenheit und Charakterlosigkeit von dem Rechte ausschließt. Eigenschaften außer Geburt und Leben mögen nützlich sein; aber sie sind schlecht gewählt, wenn man sie nur auf den materiellen Besitz beschränkt. Man ist in der Welt darauf gekommen, weil die, welche Eigenthum hatten, Gewalt hatten, nicht aber, weil sie sie haben sollten.« »Mein lieber Brigadier, das heißt aller Erfahrung entgegen treten.« »Aus der eben angegebenen Ursache, und weil alle Erfahrung bis jetzt am falschen Ende angefangen hat. Die Staatsgesellschaft sollte wie ein Haus aufgebaut werden; nicht von dem Dach abwärts, sondern vom Fundament hinauf.« »Wenn wir aber auch zugeben, Euer Haus sei anfangs schlecht gebaut worden, würdet Ihr bei Ausbesserung die Wände geradezu ausreißen, auf die Gefahr hin, daß Euch Alles über dem Kopf zusammenstürze.« »Ich würde erst gehörige Stützen unterzustellen bedacht sein, und dann mit Macht, jedoch mit Vorsicht verfahren. Muth ist hiebei weniger zu fürchten, als Furchtsamkeit. Die Hälfte der Uebel des Lebens, sociale, persönliche und politische, sind eben so sehr Folgen moralischer Feigheit, als des Betrugs.« Ich sagte dann dem Brigadier, daß, da seine Landsleute alle Rücksicht auf Eigenthum bei der Wahl der politischen Staatsgrundlage verwürfen, ich wohl ein Hauptsurrogat dafür an Tugend erwarten müsse. »Ich habe immer gehört, Tugend sei das Wesentliche bei einem freien Volk und Zweifels ohne seid Ihr Springniedriger vollkommne Muster in diesem Punkt?« Der Brigadier lächelte, bevor er mir antwortete, und sah erst rechts und links um sich, als wolle er sich an dem Wohlgeruch der Vollkommenheit regaliren. »Viele Theorieen hat man darüber aufgestellt,« erwiederte er, »worin aber Ursache und Wirkung verwirrt wurden. Tugend ist eben so wenig Ursache der Freiheit, ausgenommen in Verbindung mit Einsicht, als Laster Ursache der Sklaverei. Beide mögen in Wechselwirkung stehen, aber man kann nicht gerade sagen, wie eins die Ursache des andern ist. Wir haben unter uns Monikins ein Sprichwort, das hier sehr gut paßt: Nimm einen Schelm, um einen andern zu fangen. Nun ist aber das Wesen einer freien Verfassung in der Verantwortlichkeit ihrer Agenten zu finden; wer ohne Verantwortlichkeit herrscht, ist ein Tyrann; der aber unter wirklicher Verantwortung ein Diener. Das ist das einzige wahre Pfand einer Regierung, mögen sie in andrer Hinsicht täuschen, wie sie wollen. Verantwortlichkeit gegen die Masse des Volkes ist das Kriterium der Freiheit. Verantwortlichkeit ist das Surrogat der Tugend bei einem Staatsmann, wie Kriegszucht das des Muths bei einem Soldaten. Ein Heer tapfrer Monikins ohne Kriegszucht könnte von einem andern mit weniger natürlichem Muth, aber mit Kriegszucht besiegt werden. So könnte ein Korps ursprünglich tugendhafter Staatsmänner ohne Verantwortlichkeit mehr selbstische, gesetzlose und verworfene Handlungen begehen, als eins ohne Tugend, das aber gehörig unter der Ruthe der Verantwortung gehalten würde. Unumschränkte Gewalt ist an und für sich eine große Verderberin der Tugend, während die Wichtigkeiten einer beschränkten sie gar sehr im Zaum halten. So ist's wenigstens bei uns Monikins, bei den Menschen geht's wahrscheinlich anders.« »Laßt mich Euch sagen, Herr Geradaus, daß Ihr jetzt den Ansichten der Welt schnurstracks entgegen sprecht; sie betrachtet Tugend als ein unentbehrliches Ingredienz zu einer Republik!« »Die Welt, – ich meine immer die Monikin'sche,– versteht wenig von wahrer politischer Freiheit, außer in der Theorie. Wir von Springgniedrig sind wirklich die einzigen, die viel davon erfahren haben, und ich will Euch jetzt das Ergebniß meiner Erfahrungen in meinem Lande sagen. Wären die Monikins rein tugendhaft, so brauchte man überhaupt keine Regierung; aber da sie sind, wie sie sind, halten wir's für das Weiseste, sie einander bewachen zu lassen.« »Aber die Eurige ist Selbstregierung, die Selbstbeherrschung einschließt, und Selbstbeherrschung ist nur ein anderes Wort für Tugend.« »Beruhten die Vorzüge unsres Systems auf Selbstregierung in Eurem Sinne oder auf Selbstbeherrschung in irgend einem Sinne, dann brauchten wir nicht so viel darüber zu sprechen; es wäre der Mühe nicht werth. Das ist eine der süßen Täuschungen, womit übelurtheilende Moralisten die Monikins zu guten Thaten anzutreiben streben. Unsere Regierung ruht auf einem ganz entgegengesetzten Princip, nämlich: Uns einander zu bewachen und zu beschränken, statt uns auf unsre Tüchtigkeit, uns selbst zu beschränken, zu verlassen. Es ist der Mangel einer Verantwortlichkeit und nicht ihre beständige und thätige Gegenwart, der Tugend und Selbstbeherrschung einschließt. Niemand würde gern in irgend etwas sich selbst gesetzliche Schranken setzen, während Alle im Beschränken ihres Nächsten sehr glücklich sind. Dies führt zu den positiven und nothwendigen Regeln des Verkehrs und zur Feststellung der Rechte; in Hinsicht bloser Moralität vermögen Gesetze sehr wenig. Moral kommt von Belehrung, und erst wenn Alle politische Macht haben, wünschen Alle Belehrung als eine Sicherheit.« »Aber, wenn Alle stimmen, können Alle ihr Votum zum besondern Vortheil mißbrauchen wollen, und ein politisches Chaos kann die Folge sein.« »Solch eine Folge ist unmöglich, es sei denn, daß besondrer Vortheil mit dem Allgemeinen identisch wäre. Eine Gemeinheit kann eben so wenig sich auf diese Weise selbst bestechen, als ein Monikin sich selbst essen kann, sei er auch noch so ausgehungert. Wenn man auch annimmt, Alle wären Schelme, so würde die Nothwendigkeit einen Vergleich hervorbringen.« »Ihr stellt eine annehmbare Theorie auf, und ich zweifle gar nicht, ich werde bei Euch die weiseste, logischste, besonnenste und konsequenteste Staatsgesellschaft finden, die ich noch je besucht. Aber noch ein Wort: Wie kommt es, daß unser Freund, der Richter, seinem Chargé d'affaires so zweideutige Verhaltungsregeln gab, und warum bestand er insbesondre so sehr auf Anwendung von Mitteln, die so geradezu Alles, was Ihr eben gesagt, Lügen strafen.« Brigadier Geradaus fuhr sich hier über's Kinn und bemerkte, wir könnten einen Windwechsel bekommen; auch wunderte er sich ganz hörbar, wann wir landen würden. Ich brachte ihn später dazu, einzugestehen, ein Monikin sei doch immer nur ein Monikin, er möge nun allgemeines Stimmrecht haben, oder unter einem Despoten leben. Neuntes Kapitel. Ankunft, – Wahl, – Architektur, – Welgerholz und Patriotismus vom reinsten Wasser. Zu rechter Zeit erschien die Küste von Springniedrig, gerade links vom Steuer. So plötzlich war unsre Ankunft in dieses neue und außerordentliche Land, daß wir fast auf es angerannt wären, bevor wir noch seine Küsten zu Gesicht bekommen. Die Seekunde Kapitän Poke's jedoch hielt uns noch bei Zeit, und vermittelst eines sehr geschickten Lootsen lagen wir bald sicher im Hafen von Bivouac vor Anker. In diesem glücklichen Land gab es kein Registriren, keine Pässe, »kein Garnichts,« wie H. Poke es sehr treffend ausdrückte. Die Förmlichkeiten waren bald vorüber; wiewohl ich bemerken konnte, wie viel leichter man mit Schlechtigkeit in dieser Welt durchkommt, als mit Tugend. Ein einem Zollbeamten angebotenes Trinkgeld ward zurückgewiesen, und so entstand die einzige Mühe, die ich dabei hatte, aus dem unzeitigen sich Aufdringen einer Gewissenhaftigkeit. Doch kamen wir durch, wie wohl nicht so bald und so leicht, als wenn Douceurs Mode gewesen, und durften mit all unsern nöthigen Effekten landen. Die Stadt Bivouac stellte einen seltsamen Anblick dar, als ich zuerst meinen Fuß in ihre heiligen Straßen setzte. Die Häuser waren all mit großen Zetteln bedeckt, die ich Anfangs für Waarenlisten des Verkaufs hielt, denn der Ort treibt bekanntlich Handel; aber bei näherer Betrachtung waren es nur Wahlaufrüfe. Der Leser wird sich mein Vergnügen und Staunen denken, als ich den ersten las, der so lautete: »Horizontale Ernennung.« »Horizontale, Systematische, Doktrinäre, Republikaner, merkt auf!« »Eure heiligen Rechte sind in Gefahr; Eure theuersten Freiheiten sind bedroht. Eure Weiber und Kinder sind am Rand des Verderbens; die schändliche, unkonstitutionelle Ansicht, daß die Sonne bei Tag, der Mond bei Nacht leuchtet, wird offen und ohne Scham verbreitet, und jetzt ist die einzige Gelegenheit, die sich vielleicht je darbietet, einen Irrthum aufzuhalten, der von Täuschung und häuslichen Uebeln so voll ist. Wir stellen Eurer Aufmerksamkeit einen gehörigen Vertheidiger dieser nahen und theuern Interessen in der Person des John Goldenkalb vor, einen bekannten Patrioten, erprobten Gesetzgeber, tiefen Philosophen, unbestechlichen Staatsmann. Unsern adoptirten Mitbürgern brauchen wir ihn nicht zu empfehlen, denn er ist in der That einer von ihnen; den Eingebornen sagen wir nur: »Erprobt ihn, und Ihr werdet mehr als zufrieden sein.« Ich fand diesen Anschlag sehr nützlich, denn er gab mir die erste Nachricht von den Pflichten, deren Erfüllung man von mir erwartete; ich sollte nur in der kommenden Sitzung beweisen, der Mond scheine bei Tag, und die Sonne bei Nacht. Folglich suchte ich sogleich in mir geeignete Beweisgründe auf. Der nächste Zettel war zu Gunsten – » Noah Poke's , des erfahrnen Seglers, der das Schiff des Staats in den Hafen des Glücks führen wird, des praktischen Astronomen, der durch häufige Beobachtungen weiß, daß Mondsüchtige nicht im Dunkeln zu finden sind. Perpendikuläre, seid stark, werft Eure Feinde nieder!« Nach diesem kam ich auf den: » hochachtbaren Bob Schmutz , im Vertrauen empfohlen allen ihren Mitbürgern durch die Ernennungskommittee der Politik-Tangenten als ein wahrer Ehrenmann, ein reifer Gelehrter (so nennt man in Springniedrig allgemein jeden Herrn, der eine Brille trägt), ein erleuchteter Staatsmann und gesunder Demokrat.« Aber ich würde nur hievon zu schreiben haben, wollte ich eine Fluth von Empfehlungen und Lügen erwähnen, die in Hinsicht unsrer von einer Gemeinde ergingen, der wir noch ganz fremd waren. Nur noch ein Beispiel vom Letztern: Protokoll. »Erschien persönlich vor mir, John Aequitas, Friedensrichter; Peter Verax, u.s.w., der nach gehöriger Beeidigung auf die heiligen Evangelisten hinterlegt und sagt: daß er mit einem gewissen John Goldenkalb in seinem Vaterland vertraut bekannt gewesen, und persönlich weiß, wie der besagte John Goldenkalb drei Weiber und sieben uneheliche Kinder hat; ferner bankbrüchig und ohne Charakter ist, und durch Schafsdiebstahl auszuwandern gezwungen worden.« »Geschworen u.s.w.« Unterzeichnet »Peter Verax.« Ich fühlte natürlich einigen Unwillen über diese unverschämte Behauptung und wollte mich eben bei'm nächsten Vorübergehenden nach der Adresse des Herrn Verax erkundigen, als mich einer von der horizontalen Ernennungskommittee am Saume meines Fells faßte und mit Glückwünschen über meine glückliche Wahl überhäufte. Erfolg ist ein herrliches Pflaster für alle Wunden, und ich vergaß wirklich, die Sache mit dem Schaf und den sieben unehelichen Kindern zu untersuchen, obwohl ich jetzt noch versichre, wäre mir das Glück weniger günstig gewesen, der Schelm, der diese Verläumdung verbreitete, hätte mir für seine Verwegenheit büßen sollen. In weniger als fünf Minuten kam Kapitän Poke an die Reihe; auch ihm wurde in gehöriger Form Glück gewünscht, denn wie Noah sich ausdrückt, »das Robbeninteresse hatte wirklich einen Bewerber durchgesetzt«. So weit ging Alles gut; denn nachdem ich so lange mit ihm zu Tisch gesessen, hatte ich nichts im geringsten dagegen, mit dem würdigen Robbenjäger im Springniedriger Parlament zu sitzen. Aber unser gegenseitiges Staunen und, ich darf wohl hinzufügen, unser Unwille wurde gehörig erregt, als wir kurz darauf eine Nachricht lasen über die bei'm »Empfang des hochachtbaren Bob Schmutz« zu beobachtenden Feierlichkeiten. Es schien, die Horizontalen und Perpendikularen hatten so viele falsche Stimmzettel verfertigt, um sich die Tangenten günstig zu machen und einander zu täuschen, daß dieser junge Schelm wirklich an die Spitze kam, ein politisches Phänomen, das, wie ich später erfuhr, ganz und gar nicht selten in der Geschichte der Springhocher Wahlen vorkommt. Es muß natürlich das Interesse steigern, wenn man bei'm Eintritt in ein fremdes Land sich an allen Straßenecken der Hauptstadt getadelt und gepriesen findet, und an demselben Tag in sein Parlament gewählt wird. Doch ließ ich mich weder so sehr dadurch erheben, noch erniedrigen, um mich nicht umzusehen und so genau und so schnell, als möglich, eine Einsicht in Charakter, Geschmack, Sitten, Wünsche und Bedürfnisse meiner Constituenten zu erhalten. Ich habe schon erklärt, daß ich mich hauptsächlich über die moralischen Vortrefflichkeiten und Besonderheiten des Volks der Monikinwelt verbreiten will; doch konnte ich durch die Straßen von Bivouac nicht gehen, ohne einige physische Gebräuche zu bemerken, die ich erwähnen will, weil sie mit dem Gesellschaftszustand offenbar zusammenhängen, so wie auch mit den historischen Rückerinnerungen dieses interessanten Theils der Polargegend. Erstlich bemerkte ich, daß alle Arten vierfüßiger Thiere ganz eben so zu Haus in den Spaziergängen der Stadt sind, als die Einwohner selbst; was offenbar mit dem Princip gleicher Rechte, worauf die Institutionen des Landes ruhen, sehr nahe zusammenhängt. Zweitens mußte ich sehen, daß ihre Wohnungen auf der kleinstmöglichen Basis errichtet sind und einander stützen, als Zeichen der durch das republikanische System erlangten Hülfe; sie suchen ihre Entwicklung, aus Mangel an Breite, hoch in der Luft, was ich auf die noch nicht ferne Epoche bezog, wo man auf Bäumen lebte. Drittens fand ich, daß, statt nahe am Boden, wie die Menschen, in ihre Wohnungen zu gehen, oder, wie fast alle ungeflügelte Thiere, sie vermittelst äußrer Stufen fast halbwegs zwischen Dach und Boden in eine Oeffnung steigen, wo, ein Mal eingelassen, sie auf und niedersteigen, je nach Gelegenheit. Dieser Gebrauch rührte ohne Zweifel von einer noch nicht fernen Periode her, wo die wilde Lage des Landes sie nöthigte, gegen die Verwüstungen wilder Thiere Schutz zu suchen, indem sie zu Leitern ihre Zuflucht nahmen, welche der Familie nach hoch auf die Bäume gezogen wurden, sobald die Sonne unter den Horizont sank. Diese Stufen oder Leitern sind gewöhnlich aus einem weißen Material gemacht, damit sie selbst jetzt noch in drängender Gefahr im Dunkeln gefunden werden möchten, obwohl jetzt Bivouac, so viel ich weiß, gerade keine unordentlichere oder unsichrere Stadt ist, als jede andere gegenwärtig. Alle Gewohnheiten bleiben in den Sitten eines Volks und zögern darin selbst dann noch als Moden, nachdem der Grund ihres Entstehens aufgehört hat und vergessen worden. Als Beweis hievon haben noch viele Häuser in Bivouac, nahe den steinernen Leitern, ungeheure eiserne spanische Reuter vor der Thüre, ein Gebrauch, offenbar aus den ursprünglichen unsophistischen häuslichen Vertheidigungen dieser kriegerischen und unternehmenden Raçe herrührend. Unter vielen spanischen Reutern bemerkte ich gewisse eiserne Bilder, die den Königen der Kassenleute glichen, und die ich anfangs für Symbole der berechnenden Eigenschaften der Eigenthümer, für eine Art republikanischer Heraldik hielt; aber der Brigadier sagte mir, es sei nur eine Mode, die von der Sitte übrig geblieben, in den frühsten Tagen der Niederlassung ausgestopfte Bilder vor den Thüren zu haben, um bei Nacht die wilden Thiere wegzuschrecken, ganz wie wir Popanze in die Kornfelder stellen. Zwei dieser wohlausstafftirten Schildwachen, auf einem Stock wie eine Flinte angelegt, versicherte er mir, hätten oft Wochen lang eine Belagerung gegen eine Wölfin und ihre zahlreiche Familie in alten Zeiten ausgehalten; und jetzt, da die Gefahr vorüber, glaube er, die Familien, die diese eisernen Monumente hätten errichten lassen, wollten nur das Andenken an die Gefahren dieser Art erhalten, denen ihre Vorväter durch ein so scharfsinniges Mittel entgangen. Alles trägt in Bivouac den Stempel des hohen Princips seiner Einrichtungen. Die Häuser der Privatleute z.B. überragen die Dächer der Staatsgebäude, zum Zeichen, daß der Staat nur Diener des Bürgers ist. Selbst die Kirchen haben das Besondre, zum Zeichen, daß der Weg zum Himmel vom Volkswillen nicht unabhängig ist. Die große Justizhalle, ein Gebäude, worauf die Bivouaker außerordentlich stolz sind, ist in demselben niedrigen Styl ausgeführt; der Baumeister, dem Verdacht zu entgehen, er glaube, das Firmament sei im Bereich seiner Hand, hatte, die Vorsicht gebraucht, einen hölzernen Wegweiser mitten auf das Gebäude zu stellen, der nach dem Platze zeigt, wo, nach der Ansicht aller andren Leute, der Gipfel des Gebäudes selbst sein sollte. So auffallend wäre diese Besonderheit, bemerkte Noah, daß es ihm schiene, als wäre die ganze Erde durch ein großes politisches Welgerholz gewalzt worden, um dem Lande seine endliche Gestalt zu geben. Während ich diese Bemerkungen machte, kam Jemand im schnellen Trott herbei, der, wie Geradaus behauptete, unsere Bekanntschaft zu machen wünschte. Ich war erstaunt, daß er ohne vorherige Mittheilung dieß wisse, und fragte ihn daher, warum er glaube, wir wären das Ziel von des Andern Eile. »Blos weil ihr Neuangekommene seid. Dieser ist einer von einer sehr zahlreichen Klasse unter uns, die, von kleinlichem Ehrgeiz verzehrt, bekannt zu werden wünschen; – was sie, beiläufig gesagt, oft in mehrerer Rücksicht erlangen, als sie wohl selbst wünschen; deßwegen drängen sie sich an jeden Fremden, der unsre Küsten berührt. Es ist nicht eine edle, freimüthige Gastfreundschaft, die gern Andern dienen möchte, sondern eine reizbare Eitelkeit, die sich berühmt machen möchte. Der freigebige und erleuchtete Monikin ist leicht von dieser Clique zu unterscheiden; er schämt sich weder, noch verliebt er sich in Gebräuche, blos weil sie die heimischen sind, bei ihm sind die Zeichen der Würdigkeit, Schicklichkeit, Geschmack, Thunlichkeit, Angemessenheit; er unterscheidet, während diese zusammenwerfen; er verwirft sie weder, noch lebt er gänzlich nach Nachahmung, sondern urtheilt für sich, und gebraucht seine Erfahrung als eine zu verehrende nützliche Führerin; während jene denken, alles, was sie über den Bereich ihrer Nachbarn erlangen können, sei eben dadurch der einzige Zweck ihres Lebens. Fremde suchen sie auf, weil sie schon seit Langem beschlossen, dieses Land mit seinen Gebräuchen, seinem Volke und allem, was es enthält, sei dadurch, daß es auf Volksrechte gegründet, so herabgewürdigt und gemein, als nur möglich, sie selbst und einige ihrer besondern Freunde ausgenommen; und sie sind nie so glücklich, als wenn sie an den sekundären Verfeinerungen dessen, was wir das alte Land nennen, hängen und sich daran erfreun. Da ihre eignen Vorzüge jedoch meist nur zufällig sind, so, wie wir sie alle in unserer täglichen Unterhaltung auffangen, so verstehen sie nichts von einem fremden Land, außer etwa von Springhoch, dessen Sprache wir zufällig sprechen; und da auch Springhoch gerade das schönste Ideal der Ausschließlichkeit in seinen Gebräuchen, Ansichten und Gesetzen ist, halten sie alle, die daher kommen, als noch viel mehr berechtigt zu ihrer tiefsten Huldigung, als andre Fremdlinge.« Hier verließ uns Richter Volksfreund, der die Ernennungskommission in Hinsicht der Chancen des kleinen Rads kräftig ausgeforscht hatte, plötzlich mit einer verlegnen, verschämten Miene, und mit der Nase auf dem Boden, gleich einem Hund, der eben erst eine frische Fährte aufgespürt hat. Als wir dem Exambassadeur wieder begegneten, war er in Trauer wegen eines politischen Sturzes, den ich nie begriff. Er hatte sich einer neuen Schweifabkürzung unterworfen, und so gänzlich den Sitz der Vernunft gedemüthigt, daß selbst der Neidischste und Bösartigste nie auf den Glauben hätte kommen können, es sei ihm noch ein Stückchen Gehirn übrig gelassen. Er hatte sich ferner jedes Haar vom Leibe scheeren lassen, der jetzt so nackt wie eine Hand war und durchaus ein erbauliches Gemälde der Reue und Selbstdemüthigung darstellte. Ich erfuhr später, diese Reinigung sei für vollkommen genügend betrachtet und er wieder als innerhalb des Kreises der patriotischsten Patrioten angesehen worden. Indeß war der Bivouaker zu mir gekommen und als Herr Gildet Wriggle eingeführt worden. »Graf Poke von Stonington, Sir,« sagte der Brigadier, der bei dieser Gelegenheit Ceremonienmeister war, »und der Mogul Goldenkalb, – beides Edelleute von alter Linie, merkwürdigen Privilegien und vom reinsten Wasser, – Edelleute, die zu Hause sechs Mittagessen täglich haben, immer auf Diamanten schlafen, und deren Schlösser keines weniger, als sechs Meilen in der Länge hat.« »Mein Freund, General Geradaus, hat sich zu viele Mühe gegeben,« fiel unser neuer Bekannter ein; »Ihr Rang und Herkommen ist von selbst einleuchtend. Willkommen in Springniedrig! Ich bitte, über mein Haus, meinen Hund, meine Katze, mein Pferd, über mich selbst nach Gefallen zu verfügen. Ich bitte besonders, Ihr erster, letzter und alle zwischenliegenden Besuche mögen mir gehören. Nun, Mogul, was denken Sie in Wahrheit von uns? Sie sind nun lang genug am Lande gewesen, um sich einen ziemlich genauen Begriff von unsern Institutionen und Gewohnheiten machen zu können. Ich bitte, Sie wollen nicht von uns allen nach dem, was Sie auf den Straßen sehen, urtheilen.« »Das ist nicht meine Absicht, Sir.« »Sie sind vorsichtig, merk' ich. Wir sind, ich gestehe es, in einer schrecklichen Lage, vom gemeinen Volk niedergetreten und weit, – sehr weit von dem Volk, was Sie zu finden erwarteten. Ich könnte nicht Schultheisen-Adjunkt werden, wenn ich's auch wollte; zu viel Jakobinismus. Die Leute sind Narren, Sir, wissen nichts, Sir, sind nicht im Stande, sich zu regieren, Sir, geschweige Bessere, als sie. Da haben einige von uns, einige Hunderte eben in dieser Stadt, ihnen gesagt, welche Narren sie sind, wie unfähig, ihre eigene Angelegenheit zu führen, und wie schnell sie schon seit diesen zwanzig Jahren zum Teufel fahren, und dennoch haben wir sie noch nicht überzeugt, einem von uns Macht anzuvertrauen. Die Wahrheit zu gestehen, wir sind in einer sehr elenden Lage, und wenn etwas dieses Land verderben könnte, schon seit 35 Jahren hätte die Volksherrschaft es ruinirt.« Hier wurden die Klagen des Herrn Wriggle durch den Grafen von Poke de Stonington unterbrochen. Dieser hatte, während er voll Bewunderung auf den Sprecher schaute, seine Zehe gegen eine der 43760 Ungleichheiten auf dem Pflaster angestoßen (Alles ist nämlich in Springniedrig vollkommen gleich, nur nicht das Pflaster und die Landstraßen) und war vorwärts auf die Nase gefallen. Ich habe schon auf des Robbenfängers Geneigtheit angespielt, beleidigende Beiwörter zu gebrauchen. Dieser Zwischenfall trug sich in der Hauptstraße von Bivouac oder dem sogenannten Weitpfad zu, einer Straße, mehr als eine Meile lang, aber trotz ihrer Länge begann Noah an dem einen Ende und schalt sie bis an das andre mit einer Genauigkeit, Treue, Schnelle und Treffendheit durch, die allgemeine Bewunderung erregten. Es wäre die schmutzigste, schlechtgepflastertste, gemeinste, elendeste Straße, die er je gesehen, und wenn sie sie zu Stonington hätten, würden sie sie, statt sie überhaupt als Straße zu gebrauchen, am einen Ende zumachen und in einen Schweinstall umwandeln. Hier zeigte Brigadier Geradaus unzweideutig einige Besorgniß. Er zog uns auf die Seite und fragte heftig den Kapitän, ob er toll wäre, auf diese unerhörte Weise den Probirstein des Bivouak'schen Gefühls, Geschmacks und Schönheitssinns anzutasten. Von dieser Straße spräche man nie, außer in Superlativen, welchen Gebrauch übrigens Noah gar nicht übertreten hatte; man halte sie für die längste und kürzeste, die breitste und engste, die am beßt- und schlechtest gebaute in der ganzen Welt. »Was Ihr immer sagt oder thut,« fuhr er fort, »was Ihr auch denkt und glaubt, nie verwerft die Superlative bei dem Weitpfad. Fragt man Euch, ob Ihr je eine so belebte Straße saht, obgleich für ein Regiment zum Schwenken Raum genug ist, so schwört, sie sei vollgepfropft; fordert man von Euch, einen andern von Unterbrechung so freien Spaziergang zu nennen, so versichert bei Eurer Seele, der Ort sei eine Wüste. Sagt, was Ihr wollt, von den Institutionen des Landes ––« »Wie?« rief ich, »von den heiligen Rechten der Monikins!« »Bewerft sie und die ganze Masse der Monikins dazu mit so viel Schmutz, als Euch gefällt; ja, wenn Ihr frei in guter Gesellschaft verkehren wollt, würde ich Euch selbst rathen, häufig die Wörter: Jakobiner, gemeiner Haufe, Hefe des Volks, Agrarier, Canaille, Demokraten zu gebrauchen, denn sie machen Viele bekannt, die sonst nichts für sich haben. In unserm glücklichen, unabhängigen Land ist es ein sichres Zeichen von hohen Gesinnungen, vollkommner Erziehung, geregeltem Verstand und feinem Benehmen, jenen ganzen Theil Eurer Mitgeschöpfe zu verspotten, die in einem einstöckigen Hause wohnen.« »Ich finde alles dieß seltsam, da Eure Regierung anerkannter Maßen eine Regierung der Massen ist.« »Sie haben ganz die Ursache getroffen! Ist es nicht überall Mode, über die Regierung zu schimpfen? Was Ihr immer im vornehmen Leben thut, muß auf liberale und hohe Grundsätze sich stützen, und so tadelt denn alles Belebte in Springniedrig, die gegenwärtige Gesellschaft mit ihren Verwandten und Vierfüßlern ausgenommen; aber erhebt Eure Lästerzunge nie gegen etwas Unbelebtes. Achtet, ich bitt' Euch, die Häuser, die Bäume, die Flüsse, die Berge, vor Allem in Bivouac achtet den Weitpfad. Wir sind Leute von großer Reizbarkeit und sind empfindlich für den Ruf selbst unsrer Stöcke und Steine; selbst die Springniedrig-Philosophen sind in dieser Hinsicht alle einmüthig,« »Könnt Ihr diese Eigenthümlichkeit erklären, Brigadier?« »Sicher müßt Ihr wissen, daß alles Eigenthum heilig ist. Wir haben große Achtung dafür, Sir, und lieben unsre Waaren nicht heruntergesetzt zu sehen; aber legt Euch um so härter mit Eurem Tadel auf die Masse, und man wird Euch darum nur für einen geistreichern und gebildeteren Kopf halten.« Hier wandten wir uns wieder zu Herrn Wriggle, der vor Verlangen starb, noch ein Mal bemerkt zu werden. »Ah; Ihr Herren, Ihr kommt eben von Springhoch,« er hatte einen unsrer Begleiter gefragt; »wie geht's mit diesem großen und consequenten Volke?« »Wie gewöhnlich, Sir, – groß und consequent.« »Ich glaube jedoch, wir stehen ihnen gleich, eh? Säulen aus denselben Blöcken? »Nein, Sir, Blöcke aus denselben Säulen.« Herr Wriggle lachte, und schien über das Kompliment erfreut; und ich wünschte, ich hätte es selbst noch ärger gemacht. »Nun, Mogul, was machen unsre Vorväter? Immer noch in Stücke zerschlagend das feine Gebäude einer Verfassung, das so lange das Wunder der Welt und meine besondere Bewunderung gewesen?« »Sie sprechen von Veränderungen, Sir; wiewohl sie vielleicht nicht viel durchgesetzt haben. Der Primat von ganz Springhoch hat immer noch, wie ich sah, sieben Anhängsel zu seinem Schweif.« »Ach, sie sind ein wundervolles Volk, Sir,« sagte Wriggle, und sah bedauernd nach seinem eignen Stumpf, welcher, wie ich später erfuhr, eine blose natürliche Mißgeburt war. »Ich verabscheue den Wechsel, Sir! Wär' ich ein Springhocher, ich wollte mit meinem Schweif sterben.« »Einem, für den die Natur so viel gethan, muß man einigen Enthusiasmus zu Gute halten.« »Ein sehr wunderbares Volk, Sir, das Wunder der Welt, und seine Institutionen sind das größte Staunen aller Zeiten.« »Das ist wohl bemerkt, Wriggle,« fiel der Brigadier ein; »denn sie haben sie umgeschmolzen und geändert schon seit 550 Jahren, und doch bleiben sie dieselben.« »Sehr wahr, Brigadier, das Wunder unsrer Zeiten. Aber, Ihr Herren, was denkt Ihr eigentlich von uns? Ich werde Euch nicht mit Allgemeinheiten durchlassen. Ihr seid jetzt lang genug an der Küste gewesen, um Euch gehörige Begriffe von uns zu machen; und ich gestehe, ich möchte sie hören. Redet die Wahrheit aufrichtig. Sind wir nicht bei allem dem die erbärmlichsten, verlassensten, verschmähtesten Teufel?« »Ich wies die Möglichkeit von mir, nach einer so kurzen Bekanntschaft über die Staatsverfassung eines Volks zu urtheilen; aber darauf wollte Herr Wriggle nicht hören. Er bestand darauf, ich müßte ganz besonders von der Rohheit und Bildungslosigkeit des gemeinen Haufens abgestoßen worden sein. Er meinte damit die Masse des Volks, die mir, beiläufig gesagt, schon als der vergleichungsweise bessere Theil der Bevölkerung aufgefallen war, in so weit, als ich etwas Sittsameres, Ruhigeres und Artigeres, als gewöhnlich, gesehen hatte. Herr Wriggle bat auch sehr ernstlich und inständig, ich möchte das Ganze nicht nach solchen Beispielen beurtheilen, wie ich sie auf den Landstraßen treffen würde. »Ich hoffe, Mogul, Sie werden christliche Liebe genug besitzen, um versichert zu sein, daß wir nicht alle ganz so schlecht sind, wie der Anschein uns macht. Diese rohen Wesen sind durch unsre jakobinische Gesetze verdorben; aber wir haben auch noch eine andre Klasse. Doch wenn Ihr nicht vom Volk reden wollt, wie findet Ihr die Stadt, Sir? Ein armseliger Ort, gewiß, gegen Eure eignen alten Hauptstädte?« »Die Zeit wird das schon machen, Herr Wriggle.« »Meint Ihr denn wirklich, wir brauchten Zeit? – Ei, das Haus an der Ecke dort, nach meinem Geschmack paßte es für einen Herrn in jedem Land; nicht?« »Freilich, Sir, für Einen.« »Dieser Weitpfad da ist, ich weiß es, nur eine ärmliche Straße in den Augen von Euch Reisenden; doch halten wir ihn für etwas Erhabnes.« »Ihr thut Euch selbst Unrecht, Herr Wriggle; wenn er auch Vielen nicht gleich – – –« »Wie, Sir, der Weitpfad nicht gleich Allem auf der Welt? Ich kenne Mehrere, die in der alten Welt gewesen, (so nennen die Springniedriger Springhoch, Springauf u.s.w.) und sie schwören, es gebe nirgends eine so schöne Straße. Ich bin nicht so glücklich gewesen, zu reisen, Sir; aber, Sir, erlauben Sie mir, Sir, zu sagen, Sir, daß einige von denen, Sir, die gereist sind, Sir, glauben, Sir, der Weitpfad, Sir, sei die prächtigste öffentliche Straße, Sir, die Ihre erfahrnen Augen je erblickten, Sir, – ja, Sir, die Ihre erfahrnen Augen je erblickten, Sir.« »Ich hab' bis jetzt noch so wenig davon gesehen, Herr Wriggle, daß Sie mir verzeihen werden, wenn ich zu hastig gesprochen.« »O, keine Beleidigung! Ich verachte den Monikin, der nicht über Lokaleitelkeiten und Provinzbewundrung hinaus ist. Sie mußten das sehen, Sir; denn ich gebe freimüthig zu, Sir, daß kein Pöbel schlechter sein kann, als unsrer, und daß wir alle so schnell, wie nur möglich, zum Teufel fahren. Nein, Sir, ein nichtswürdiger Pöbel, Sir, aber unser Weitpfad, unsre Häuser, unsre Katzen und Hunde, und gewisse Ausnahmen, Ihr versteht mich, Sir, – das ist etwas Andres. Bitte, Mogul, wer ist jetzt in Eurem Volk der größte Mann?« »Vielleicht sollte ich den Herzog von Wellington nennen, Sir.« »Nun, Sir, darf ich fragen, ob er in einem bessern Hause, als das vor uns, wohnt? Ich sehe, Ihr seid entzückt, nicht? Wir sind eine arme, neue Nation niedriger Krämer, Sir, halb wild, wie Jedermann weiß, aber wir schmeicheln uns, daß wir wissen, wie man ein Haus baut. Wollt Ihr nur eben hineintreten und ein neues Sopha betrachten, das sein Eigentümer erst gestern kaufte? Ich kenne ihn genau, und nichts macht ihm so viel Freude, als sein neues Sopha zu zeigen.« Ich schlug die Einladung wegen Ermüdung aus, und ward dadurch eine so lästige Bekanntschaft los. Doch bat er bei'm Abschied, ich möchte nicht verfehlen, sein Haus zu meiner Heimath zu machen, fluchte schrecklich gegen den Pöbel, und lud mich ein, eine sehr gewöhnliche Aussicht zu bewundern, die man hätte, wenn man in einer besondern Richtung den Weitpfad hinaufsehe, und dadurch seine eigne Wohnung zu Gesicht bekäme. Als mich Herr Wriggle nicht mehr hören konnte, fragte ich den Brigadier, ob Bivouac oder Springniedrig viele solcher Wunder enthielte. »Genug, um sich sehr lästig und eben so lächerlich zu machen,« entgegnete Gradaus. »Wir sind eine junge Nation, Sir John, die eine große Fläche mit einer vergleichungsweise kleinen Bevölkerung bedeckt, und, wie Ihr seht, von den ältern Theilen des Monikinlands durch das Meer getrennt. In gewisser Hinsicht sind wir wie Leute auf dem Land, und haben ihr Gutes und Schlimmes. Vielleicht hat keine Nation mehr nachdenkende und wesentlich ehrbare Einwohner, als Springniedrig; aber nicht zufrieden mit dem, wozu günstige Umstände sie machten, befindet sich eine Clique unter uns, die unter dem Einfluß des größern Ansehens älterer Nationen nach dem verlangen, was gerade jetzt weder Natur, noch Erziehung, noch Sitten und Fähigkeiten sie wollen werden lassen. Kurz, Sir, wir sind mit der bösen Sünde einer jungen Gemeine, – der Nachahmung behaftet. In unserm Fall ist auch die Nachahmung nicht ein Mal glücklich, da sie nothwendig auf Beschreibungen beruht. Wäre das Uebel auf blose sociale Thorheiten beschränkt, so könnte man darüber lachen; aber das angeborne Verlangen der Auszeichnung, welches, leider!, am heftigsten und reizbarsten bei denen ist, welche am wenigsten geschickt sind, etwas mehr, als gemeines Bekanntwerden zu erlangen, ist gerade hier so thätig, als wo anders, und Einige, die Reichthum erlangt, und nie mehr erlangen können, als was gerade vom Reichthum abhängt, stellen sich, als verachteten sie die, die in diesem besondern Stück nicht so glücklich sind, als sie. In ihrem Verlangen nach Vorrang wenden sie sich zu andern Staaten, – besonders nach Springhoch, das das Ideal aller Nationen und Völker ist, die eine Kaste dem Despotismus entgegen zu setzen wünschen, – und schreien gegen eben jene Masse, die doch der Grund ihres Glücks ist, indem sie hartnäckig eine wesentliche Neuerung in den gemeinen Rechten verweigern. Außerdem haben wir noch unsre politischen Doktrinärs.« »Doktrinärs! Wollt Ihr den Ausdruck erklären?« »Sir, die doktrinäre ist die politische Schule, die auf die Stärke gewisser Theorieen viel hält, welche nur aufgestellt worden, um eine Reihe zufälliger Thatsachen zu rechtfertigen; dies ist besonders in unserm Musterbild Springhoch der Fall. – Wir sind hier in einer besondern Lage; hier sind, der Regel nach, Thatsachen, politische und sociale, weit über alle Theorie, eben weil sie in ihrer Wirkung gänzlich frei gelassen sind, die letztere aber wird nothwendig durch Gewohnheit und Vorurtheil beschränkt. Im alten Land dagegen steht Theorie als Regel und als leitende und bessere Theorie weit über den Thatsachen, weil dort diese durch Gebrauch und persönliche Interessen beschränkt sind, die Theorie aber durch Studium und die Nothwendigkeit des Wechsels begünstigt wird.« »Ich muß Euch sagen, Brigadier, ich finde Eure jetzigen Institutionen ein seltsames Resultat für Befolgung eines solchen Systems.« »Sie sind Ursache mehr, als Folge. Ansichten sind im Ganzen überall voran, und auch hier mehr, als anderswo. Der Zufall hat die Gründung eines Gesellschaftsvertrags begünstigt, und als er ein Mal gegründet war, sind die Thatsachen schneller zu ihrer Vollendung geeilt, als daß der Monikin-Geist ihnen hätte folgen können. Dies ist der merkwürdige, aber wahre Zustand des ganzen Landes. In andern Monikin-Ländern seht Ihr die öffentliche Meinung nach eingewurzelten Gewohnheiten spüren und verzweifelte Anstrengungen machen, um sie aus ihrem Bett feststehender Interessen loszureißen; während Ihr hier die Thatsachen die öffentliche Meinung wie einen Schweif nach sich ziehen seht. Man sollte meinen, der Brigadier hätte kürzlich unser eignes glückliches und erleuchtetes Land besucht. Vor fünfzig Jahren war der Neger Sklave zu Neu-York und unfähig, sich mit einer Weißen zu verheirathen; doch sind die Thatsachen vorgeschritten, und von einem Recht zum andern hat er zuletzt das erlangt, seinen eignen Geschmack hierin berathen zu dürfen und, so weit es an ihm liegt, nach Eigenwillen zu verfahren. Dies ist Thatsache; aber wer sie aussprechen wollte, sieht sich für seine Mühe durch die öffentliche Meinung die Fenster eingeworfen. Anm. des Herausgebers. Unsre rein socialen Nachahmungen und Thorheiten aber, da sie absurd sind, sind nothwendig auf eine kleine und immaterielle Klasse beschränkt; der doktrinäre Geist ist aber etwas viel Ernsthafteres. Der erschüttert das Vertrauen, macht oft unschuldig und unbewußt Neuerungen in den Rechten, und bewirkt, daß das Schiff des Staats dahin segelt, als sei es gestaucht in seinem Lauf.« »Das ist in der That eine seltsame Lage für eine erleuchtete Monikin-Nation.« »Freilich, die Menschen machen's besser; aber von allem diesem werdet Ihr mehr im großen Rath erfahren. Ihr mögt es vielleicht für seltsam halten, daß bei uns die Thatsachen im Gegensatz gegen einen so mächtigen Feind, als die öffentliche Meinung, das Uebergewicht behaupten; aber Ihr müßt bedenken, daß eine große Mehrheit unsers Volks, wenn auch nicht gänzlich auf gleicher Höhe mit den Umständen, da sie rein praktisch ist, doch dieser Höhe näher kommt, als die sogenannten Doktrinärs. Die letzern sind mehr lästig und trügerisch, als obsiegend.« »Zu Herrn Wriggle zurückzukommen, – ist seine Sekte zahlreich?« »Seines Gleichen finden sich am meisten in den Städten; in Springniedrig fehlt es uns sehr an einer Hauptstadt, wo die Gebildeten und Wohlgesitteten sich versammeln können und, durch ihre Gewöhnung und ihren Geschmack über die gemeinen Gefühle und Beweggründe der weniger Aufgeklärten erhaben, eine gesundere, unabhängigere, angemessenere und männlichere öffentliche Meinung bilden mögten, als die ist, die jetzt das Land durchdringt. Wie's jetzt steht, ist die wahre Elite dieser Gemeinde so zerstreut, daß sie von der Gesellschaft eher einen Eindruck empfängt, als ihn ihr gibt. Die Springniedriger Wriggles, wie Ihr eben bemerkt, sind selbstisch und anmaßend in Hinsicht ihrer persönlichen Anforderungen, reizbar, vertrauend auf die Verdienste eines besondern Vorzugs, der ihre Erfahrung einengt, und wüthend verfolgerisch gegen solche, die sie für weniger glücklich als sich halten.« »Guter Gott, Brigadier! wie ist dies Alles auch so außerordentlich menschlich!« »Wie, wirklich? Nun, so ist's wenigstens mit uns Monikins; unsre Wriggles schämen sich gerade des Theils der Nation, worauf sie am meisten stolz sein sollten, nämlich der Masse, und sind stolz auf die, derer sie sich schämen sollten, nämlich ihrer selbst. Aber es wird sich genug Gelegenheit bieten, dies weiter zu untersuchen, und wir wollen jetzt zum Wirthshaus eilen.« Da der Brigadier der Sache müde schien, schwieg ich und folgte ihm, so schnell ich konnte, aber mit offnen Augen, wie der Leser sich denken kann. Eine Besonderheit mußte ich nothwendig in dieser seltsamen Stadt bemerken, nämlich, daß alle Häuser mit einer farbigen Erde bedeckt waren, und daß man dann nach dieser Mühe einen Künstler genommen, um weiße Linien um jedes besondre Theilchen des Baues zu machen (deren Millionen waren). Dies gab dann den Wohnungen einen sehr angenehmen Anstrich des Einzelnen und verschaffte der Architektur im Allgemeinen eine Erhabenheit, die auf das Multiplikations-Täfelchen basirt war. Fügt man dazu das Schwarze der spanischen Reiter, das Weiße der Eingangsleitern und eine Art stehender Colliers gleich unter der Dachbrüstung von einer sehr auffallenden Farbe, so war der Effekt nicht unähnlich dem von einem Peloton Trommler in ihren Scharlach-Wämsern, Baumwollen-Schnüren und weißen Aufschlägen und Krägen. Was die Aehnlichkeit noch auffallender macht, ist, daß nicht zwei von demselben Peloton genau von einer Größe erscheinen, wie sehr häufig auch bei unsern Künstlern in Militär-Musik der Fall ist. Zehntes Kapitel. Ein Grundprincip, ein Grundgesetz und ein Grundirrthum. Das Volk von Springniedrig zeichnet sich durch die Ueberlegtheit seiner Handlungen, die Mäßigung seiner Ansichten und die Masse seiner Weisheit aus. Ein solches Volk ist natürlich nie in einer unschicklichen Eile. Obwohl ich jetzt gesetzlich naturalisirt und seit schon vollen vier und zwanzig Stunden nach der Regel in großen Rath gewählt worden, ließ man mir doch drei ganze Tage zum Studium der Verfassung und zum Bekanntwerden mit dem Geist einer Nation, die nach ihrer eignen Ansicht von der Sache ihres Gleichen nicht hat im Himmel noch auf Erden, noch im Wasser und unter der Erde, und dann erst berief man mich zur Ausübung meiner neuen und wichtigen Funktionen. Ich benutzte die Zeit und werde einen günstigen Augenblick ergreifen, um den Leser mit einigen meiner Forschungen über diesen interessanten Gegenstand bekannt zu machen. Die Institutionen von Springniedrig zerfallen in zwei große moralische Kategorien: in die legalen und substituirten. Die erstern umfassen die Vorkehrungen des großen Elementar- und die letztern die des großen Alimentar-Prinzips. Die Einen sind folglich durch die Konstitution oder die große National-Allegorie bestimmt, während die Andern nur durch die Praxis beschränkt werden. Die Einen sind die Sätze, die Andern die Folgerungen daraus; die Einen Hypothesen, die Andern Korollarien. Die zwei großen politischen Landmarken, die zwei öffentlichen Meinungen, die Stümpf-auf-Stumpf, die rotirende Aktion und das große und kleine Lotterie-Rad sind nur Folgerungen, und so werd' ich in meiner jetzigen Abhandlung nichts darüber sagen, da diese sich nur einzig auf das Fundamental-Gesetz des Landes, die große und heilige National-Allegorie bezieht. Es ist schon erwähnt worden, daß Springniedrig ursprünglich ein Ableger von Springhoch war. Die politische Trennung hatte seit dem letzten Jahrhundert Statt, wo die Springniedriger öffentlich dem Springhoch und Alles, was es enthielt, absagten, ganz wie ein Katechumen dem Teufel und allen seinen Werken entsagen muß. Diese Renunciation, die auch manch Mal Denunciation genannt wird, war weit mehr nach dem Willen von Springniedrig, als von Springhoch, und ein langer, blutiger Krieg war die Folge. Die Springniedriger jedoch, nach einem heftigen Kampf, setzten ihren festen Entschluß durch, nichts mehr mit Springhoch zu thun zu haben. Das Folgende wird zeigen, in wie fern sie Recht hatten. Selbst noch vor dem Kampf war das Gefühl des Patriotismus und der Unabhängigkeit so stark, daß die Bürger von Springniedrig, obwohl von ihrer eignen Industrie schlecht mit Produkten versorgt, doch stolz zu der Selbstentsagung schritten und sogar keine Stecknadel vom Mutterland einführen wollten, wirklich Nacktheit der Unterwerfung vorziehend. Sie stimmten sogar feierlich ab: ihre ehrwürdige Mutter, statt eine liebende, schützende und nachsichtige zu sein, wie sie offenbar hätte sein sollen, sei in der That nur eine raubsüchtige, rachgierige, tyrannische Stiefmutter gewesen. Dies war die Ansicht, muß man sich erinnern, als die zwei Gemeinden noch gesetzlich vereint waren, nur ein Haupt hatten, Kleider trugen und nothwendig eine Menge Interessen gemeinschaftlich verfolgten. Durch die glückliche Beendigung des Kriegs änderte sich dies alles von Grund aus. Springniedrig machte Springhoch eine Faust und erklärte seine Absicht, künftig seine Angelegenheiten in seiner Weise zu führen. Dies um so wirksamer zu thun und zugleich seiner frühern Stiefmutter Schmutz in's Antlitz zu werfen, wollte es, daß seine Verfassung so parallel mit der von Springhoch laufen und doch so offenbar, wie möglich, eine Verbesserung davon sein sollte, um die Unvollkommenheiten derselben auch dem oberflächlichsten Beobachter zu zeigen. Daß dieser patriotische Entschluß getreu ausgeführt wurde, will ich jetzt darlegen. In Springhoch hatte der alte menschliche Grundsatz lange gegolten, alle politische Macht komme von Gott; wiewohl ich nicht einsehe, wie eine solche Theorie je irgendwo habe aufkommen können, da, wie Herr Geradaus sich ein Mal ausdrückte, der Teufel offenbar eine größre Macht in ihrer Ausübung hatte, als sonst ein andrer Einfluß oder Geist. Indeß das jus divinum war der Regulator des Springhocher Gesellschafts-Vertrags, bis der Adel sich das Bessere, das jus zuwandte, wo dann das divinum sich selbst überlassen ward. Zu dieser Zeit entstand die gegenwärtige Verfassung. Jeder hat bemerkt, daß ein auf das eine Ende gestellter Stock fällt, bis er in dem Boden Wurzel gefaßt. Mit zwei Stöcken geht's nicht besser, selbst wenn ihre Spitzen vereint sind; aber drei Stöcke bilden eine Standarte. Aus dieser einfachen und schönen Idee entstand die Staatsverfassung von Springniedrig. Drei moralische Stützen wurden mitten in der Gemeinde errichtet, am Fuß der einen stand der König, um sie zu verhindern, auszugleiten; denn alle Gefahr bei einem solchen System lag darin, daß die Basis nachgab. Am Fuß der zweiten stand der Adel; an dem der dritten das Volk. Auf dem Gipfel dieses Dreifußes erhob sich die Staatsmaschine. Dies ward als eine Haupterfindung in der Theorie angesehen, obwohl die Praxis, wie sie das sehr leicht thut, das Ganze einigen Modifikationen unterwarf. Der König, der für sich allein seinen Stock hatte, machte den beiden andern Stockhaltern viele Unruhe, und der Adel, um die Theorie nicht zu stören, denn die ward für unwiderruflich fest und heilig erklärt, dachte auf Mittel (er bezahlte schon seines eigenen Vortheils wegen die Hauptwerkleute an der Basis des Volksstocks, daß sie fest standen), um auch des Königs Stock in einer mehr gleichförmigen und dienlichen Stellung zu erhalten. Bei dieser Gelegenheit, und als sie bemerkten, daß der König nie das Ende seines Stocks in der Stelle halten konnte, wo er es zu halten geschworen, erklärten sie feierlichst, er müsse vergessen haben, welches der konstitutionelle Standpunkt sei, und hätte unwiederbringlich sein Gedächtniß verloren, – ein Umstand, der die entfernte Ursache von Kapitän Poke's kürzlicher Noth war. Der König war nicht so bald durch die Konstitution seines Gedächtnisses beraubt, als man ihn leicht auch aller seiner andern Geistesfähigkeiten entledigen konnte; worauf man denn sehr human beschloß, wie es denn in einer so verlassenen Lage auch nicht anders sein konnte, daß er nicht Unrecht thun könnte. Um diese Idee nach einem humanen und christlichen Grundsatz zu verfolgen und einen Theil des Gebrauchs dem andern gleich zu machen, beschloß man bald nachher, er solle gar nichts thun, und sein erster ältester Vetter ward gesetzlich zu seinem Stellvertreter ausgerufen. Endlich zog sich der Purpur-Vorhang vor den Thron; da indeß dieser Vetter seinerseits den Stock erschüttern und das Gleichgewicht des Dreifußes stören konnte, beschlossen die beiden andern Stockhalter zunächst, daß, wenn auch Se. Maj. ein unleugbares konstitutionelles Recht hätte, zu bestimmen, wer sein erster ältester Vetter sein sollte, sie doch auch ein unbezweifelbares konstitutionelles Recht besäßen, zu sagen, wer er nicht sein sollte. Die Folge von allem diesem war ein Vertrag; Se. Maj., die die Süßigkeiten der Macht schmackhafter fanden, als das Bittre, ganz so wie andre Leute, ließen es sich gefallen, an der Spitze des Dreifußes zu erscheinen, wo sie als auf der Staatsmaschine sitzend erschienen, die Begrüssungen entgegennahmen, in Frieden aßen und tranken und den Andern überließen, unter sich auszumachen, so gut sie konnten, wer am Boden die Arbeit thun sollte. Kurz, dies ist die Geschichte, dies war die Politik von Springhoch, als ich dies Land zu besuchen die Ehre hatte. Die Springniedriger waren entschlossen, zu beweisen, daß alles dies durch und durch unrecht sei. Sie beschlossen: erstlich, es solle nur ein socialer Balken sein; und damit er vollkommen feststehe, machten sie es jedem Bürger zur Pflicht, ihn zu stützeln. Ihnen gefiel die Idee von einem Dreifuß ziemlich; aber statt einen nach der Springhocher Art aufzustellen, drehten sie gerade seine Gestalt um, und steckten ihn, die Schenkel zu oberst, an ihren Balken, während sie besondre Agenten an jedes der Beine stellten, um ihre Staatsmaschine in Gang zu bringen, und auch sonst Sorge trugen, von Zeit zu Zeit einen neuen obenhin zu senden. Sie schlossen so: Wenn einer der Springhocher Balken weicht, – und sie werden bei nassem Wetter sehr leicht weichen, da König, Adel und Volk gegen einander schüttelt und rüttelt, – so wird die ganze Staatsmaschine herunterkommen, oder sie wird wenigstens so aus einander gehen, daß sie nie mehr recht arbeiten wird; deßwegen wollen wir nichts von allem dem haben. Wenn dagegen einer unsrer Agenten einen Fehler macht und fällt, ei, dann wird er nur seinen eignen Hals brechen; er wird ferner mitten unter uns fallen, und kommt er mit dem Leben davon, können wir ihn entweder auffangen und wieder zurückwerfen, oder einen bessern an seine Stelle setzen, um uns die übrige Zeit zu dienen. Sie behaupten auch, daß ein von allen Bürgern gehaltener Balken weit weniger im Fall zu schlüpfen ist, als drei Balken, von drei sehr ungewissen, nicht zu sagen, ungleichen Gewalten getragen. Dies sind also die gegenseitigen National-Allegorien von Springhoch und Springniedrig. Ich sage Allegorien, denn beide Regierungen gebrauchen diese sinnreichen Bilder, um ihre großen, unterscheidenden Nationalgesinnungen klar zu machen. Es wäre in der That eine Verbesserung, wenn man künftig alle Verfassungen auf diese Weise versinnlichte, da sie dadurch nothwendig deutlicher, verständlicher und heiliger würden, als sie es jetzt durch ihre buchstäbliche Auslegung sind. Nach Darlegung der leitenden Grundsätze dieser beiden wichtigen Staaten bitte ich nun für einen Augenblick um des Lesers Aufmerksamkeit, während ich ein wenig in's Einzelne über den modus operandi in beiden eingehe. Springhoch erkannte im Anfang einen Grundsatz an, den Springniedrig gänzlich verwarf, nämlich den der Erstgeburt. Da ich selbst ein einziges Kind bin, und also nie nöthig hatte, über diesen interessanten Punkt Untersuchungen anzustellen, erfuhr ich nie den Grund dieses seltsamen Rechts, bis ich den großen Springhocher Kommentator Weißenfels über die leitenden Regeln des Gesellschafts-Vertrags las. Ich fand da, daß der Erstgeborne, moralisch betrachtet, als besser berechtigt zu den Ehren des Stammbaums von väterlicher Seite angesehen wird, als die Sprößlinge aus einer spätern Zeit des ehelichen Lebens. Nach diesem in die Augen fallenden und sehr scharfsinnigen Grundsatz wird die Krone, werden die Rechte des Adels und überhaupt alle andern Rechte von Vater auf Sohn vererbt, und zwar in gerader männlicher Linie nach der Erstgeburt. Davon findet sich nichts in Springniedrig. Dort ist die Rechtmäßigkeit so gut für den jüngsten als den ältesten, und danach verfährt man auch. Da kein erbliches Haupt auf einem der Schenkel des Dreifußes abzuwägen ist, wählt das Volk am Fuße des Balkons zu gewissen Zeiten einen aus sich selbst, der der große Sachem genannt wird. Dasselbe Volk wählt noch eine andre Art, wenig an Zahl, die einen gemeinsamen Sitz am andern Schenkel einnehmen; diese nennen sie die Rathsherrn; und noch eine andre Art, noch zahlreicher und populärer dem Anschein nach, wenn auch nicht in der That, füllt einen weiten Sitz am dritten Schenkel. Diese letztern, weil man sie für außerordentlich populär und uninteressirt hält, sind gemeiniglich als die Legion bekannt. Sie werden auch scherzweise die Gestümpften zubenannt, weil die meisten sich einer zweiten Stümpfung unterworfen und wirklich fast alle Spur von einem Schweif ausgemerzt haben. Ich war zum Glück in das Haus der Gestümpften gewählt worden, wozu ich mich in dieser Hinsicht wenigstens wohl befähigt glaubte; denn alles von Noah und mir selbst während unsrer Reise und unserm Aufenthalt in Springhoch vorgenommene Salben und Zwingen hatte bei keinem auch nur ein Sprößlein hervorgebracht. Der große Sachem, die Rathsherrn und die Legion hatten in manchen Stücken vereinte, im andern besondre Pflichten zu erfüllen. Alle drei, wie sie dem Volke ihre Erhebung verdanken, so hingen sie auch vom Volk am Fuße des großen socialen Stocks in Hinsicht der Belobung und Belohnung ab, das heißt, in Hinsicht all der Belohnungen, die sich selbst zu verleihen nicht in ihrer Macht steht. Es gab noch eine Autorität, noch einen Agent des Gemeinwesens, der ebenfalls mit dem socialen Balken zusammenhängt, obwohl er nicht so abhängig von der Hauptstütze des Volks ist, als die drei eben genannten, da er durch eine mechanische Vorkehrung vom Dreifuß selbst gestützt wird. Diese heißen die obersten Schiedsrichter, und ihr Amt ist, die Handlungen der drei andern Agenten des Volks durchzusehn und zu entscheiden, ob sie mit den anerkannten Grundsätzen der heiligen Allegorie im Einklang stehen oder nicht. Ich freute mich sehr über meine Fortschritte im Studium der Springniedriger Institutionen. Erstens entdeckte ich bald, daß die Hauptsache war, die politische Erkenntniß, die ich in Springhoch erlangt, umzukehren, so wie jemand ein Faß umkehrt, wenn er seinen Inhalt an einem frischen Ende herausziehen will, und dann war ich ganz gewiß, wenigstens den Geist des Springniedriger Gesetzes erfaßt zu haben. Alles schien einfach; denn Alles hing von der gemeinsamen Stütze an der Basis des großen socialen Balkens ab. Nachdem ich selbst eine gründliche Einsicht in die leitenden Principien des Systems erlangt, unter dem ich gewählt worden, sah ich mich nach meinem Kollegen, dem Kapitän Poke um, um mich zu vergewissern, wie er das große Springniedriger Allegorie-System verstünde. Ich fand des Robbenfängers Geist, nach einer in dieser Erzählung öfters vorgekommenen Redensart, »ziemlich geübt« in Hinsicht der verschiedenen Gegenstände, die sich einem Manne seines Standes so natürlich darstellten. Erstlich war er in einer Alles überwältigenden Leidenschaft über Bob's Unverschämtheit, daß er sich als Bewerber für den Großen Rath aufgeworfen, und nachdem er das gethan, war des Kapitäns Wuth keineswegs besänftigt durch den Umstand, daß der junge Schurke wirklich an der Spitze des Volks stand. Er schwur ohne allen Rückhalt: kein ihm Untergebener solle je in derselben gesetzgebenden Versammlung mit ihm sitzen, er sei von Geburt ein Republikaner und kenne die Gebräuche der republikanischen Verfassungen so gut, als die patriotischsten unter ihnen; und wenn er auch zugab, daß aller Arten Kreaturen in seinem Lande in den Kongreß geschickt würden, so wisse doch Niemand von einem Fall, daß ein Schiffsjunge hingesandt worden. Sie möchten wählen, welchen sie wollten; aber an's Land gehen und den Staatsmann spielen sei doch ganz verschieden vom Stiefelputzen, Kaffeemachen und Grogmischen. Dem Kapitän hatte eben eine Kommittee der Perpendikulären aufgewartet (die Hälfte der Springniedriger Gemeinde gehört zu einer oder der andern Kommittee), durch die er auch gewählt worden, und sie hatten ihm mitgetheilt, alle ihre Repräsentanten würden ohne Weitres Instruktionen erhalten, so bald, wie möglich, nach Versammlung des Raths Gyration Nr. 3. auszuführen. Er sei aber kein Springer und hätte nach einem Lehrer des politischen Tanzes geschickt, der eben mit ihm seine Uebungen angestellt. Nach Noah's eigner Aeußerung waren seine Fortschritte nichts weniger, als schmeichelhaft. »Wenn sie noch Raum gestatteten, Sir John,« sagte er in kläglichem Tone, »dann ginge es noch; aber man erwartet, daß man steht Schulter an Schulter, Segelstange an Segelstange, und dann soll man einen Purzelbaum machen, wie etwa ein altes Weib einen Kuchen herumwirft, 's ist unvernünftig, zu verlangen, man solle ein Schiff ohne Platz gehörig wahren; aber laßt mir Raum, und ich will's herumbringen und wieder in die Linie kommen, trotz dem beßten Kreuzer, wenn auch nicht ganz so schnell. Sie gehen verächtlich mit uns um, das ist gewiß!« Auch hatten die großen National-Allegorieen ihre Schwierigkeiten. Noah verstand die Bilder der beiden Dreifüße, obwohl er zum Glauben geneigt war, keiner sei gehörig gesichert. Ein Mast würde nur schlecht Wetter bringen, behauptete er, wäre er auch noch so gut mit Segel behängt und im Gleichgewicht, wenn er nicht gehörig eingefügt worden. Er sehe nicht recht, wie man die Enden der Balken Jemanden anvertrauen konnte. Gute Klammern brauchte man, und dann könnte das Volk sich um seine Privatangelegenheiten kümmern und brauchte nicht zu fürchten, sein Werk würde fallen. Daß der König von Springhoch kein Gedächtniß hätte, könne er aus bittrer Erfahrung bezeugen; auch glaube er nicht, daß er ein Gewissen besäße, und besonders wünsche er zu wissen, ob wir, wenn wir jetzt unsre Stelle an den Spitzen der drei sich zugekehrten Balken erhielten, nebst den andern Stümpfen den großen Sachem und die Rathsherrn bekriegen sollten, oder ob wir das Ganze gut aufzunehmen hätten, und am beßten wäre, überall das Wetter gut zu lassen. Auf alle diese Bemerkungen und Fragen antwortete ich, wie es nur meine beschränkte Erfahrung gestatten wollte, und gab meinem Freunde zu verstehen, daß er wohl die Sache etwas zu buchstäblich genommen, da alles, was er von dem großen politischen Balken, den Dreifüßen und den gesetzgebenden Büchsen gelesen, nur eine Allegorie gewesen wäre. »Und bitte, Sir John, was mag denn das sein, eine Allegorie?« »In diesem Fall, mein Guter, ist es eine Konstitution.« »Und was ist eine Konstitution?« »Es ist manch Mal, wie Ihr seht, eine Allegorie.« »Und sollen wir denn nicht oben an den Mast kommen, nach dem Buch?« »Nur figürlich.« »Und es gibt doch solche Dinger wie der große Sachem, die Rathsherrn und besonders – die Stümpfe! Wir sind bone fiddle di di (bona fide) erwählt?« » Bone fiddle di-di .« »Und darf ich fragen, was unsers Amtes ist?« »Wir müssen praktisch, nach dem Buchstaben der legalen, mitverstandnen, bildlichen, allegorischen Bedeutungen des großen Nationalvertrags mit gehöriger Auslegung handeln.« »Ich fürchte, wir haben doppelt zu arbeiten, Sir John, wenn wir so viel in so kurzer Zeit thun wollen. Meint Ihr wirklich im Ernst, daß es gar keinen Balken gibt?«. »Es gibt einen und auch nicht.« »Kein Vorder-, Haupt- und Besam-Mast, wie hier geschrieben steht?« »Es gibt deren und auch nicht.« »Sir John, um Gottes Willen, sprecht Euch aus! Ist das mit den acht Thalern des Tags nichts weiter, als ein Pfifferling?« »Das halte ich für ganz buchstäblich.« Da Noah jetzt ein wenig besänftigt schien, ergriff ich die Gelegenheit, ihm zu sagen, er müsse sich wohl hüten, Bob vom Eintritt in den Rath abzuhalten. Die Glieder seien auf ihrem Hin- und Herweg privilegirt, und wenn er nicht auf sein Benehmen Acht habe, könne er mit dem Ceremonienmeister unangenehme Händel bekommen. Außerdem schicke es sich nicht für die Würde eines Gesetzgebers, sich an Kleinigkeiten zu stoßen; er, dem die großen Angelegenheiten eines Staats anvertraut, müsse die höchste Wichtigkeit auf ein ernstes Aeußre legen, was bei seinen Konstituenten oft größres Gewicht, als jede andre Eigenschaft hätte. Jeder könne sagen, ob er ernst sei oder nicht; aber es sei nicht so leicht zu entscheiden, ob er oder seine Konstituenten am meisten Ursache hätten, so zu erscheinen. Noah versprach Besonnenheit, und wir trennten uns, um nicht mehr, als bis zur Eidesleistung, uns zu sehen. Ehe ich die Erzählung fortsetze, will ich nur erwähnen, daß wir an jenem Morgen unsre Waare absetzten. Alle Springhocher Ansichten gingen zu gutem Preis, und ich hatte Gelegenheit, zu bemerken, besonders an dem Eifer, womit die Ansichten über den Gesellschaftszustand in Springniedrig weggekauft wurden, wie sehr gut der Brigadier den Markt verstand. Aber durch einen jener unerwarteten Zufälle, die so viele von den Erwählten der Erde zu hohen Stellen erheben, war der Koch glücklicher, als wir alle. Man wird sich erinnern, daß er einen verachteten Ballen von Besondern Springniedrigern Ansichten eingehandelt, die in Springhoch gar keinen Abgang fanden; da sie jedoch von Außen kamen, bekamen diese Artikel, als eine Neuheit, in Bivouac Schwung, und er verkaufte sie alle vor Nacht zu ungeheuren Preisen, da allgemein das Gerücht ging, etwas Neues und Außerordentliches sei zu Markt gekommen. Eilftes Kapitel. Wie man Gesetze erläßt; – Beredtsamkeit, Logik und Rhetorik, Alles in seiner alltäglichen Gestalt betrachtet. Politische Eide sind so ziemlich dieselben überall, und ich sage nichts weiter von unsrer Einweisung in den Rath, als daß sie, wie gewöhnlich, vor sich ging. Die beiden Häuser waren gehörig constituirt und wir schritten ohne Weitres zur Behandlung der Geschäfte. Ich muß hier sagen, daß ich zu meiner größten Freude den Brigadier Geradaus unter den Stümpfen fand; der Kapitän flüsterte mir zu, er sei wahrscheinlich für ein Seekalb gehalten und demgemäß gewählt worden. Es dauerte nicht lange, da sandte uns der große Sachem eine Mittheilung, die einen compte rendu über den Zustand der Nation enthielt; gleich andern Rechnungen, die ich zu erhalten das Glück habe, schien dieser mir außerordentlich lang. Nach den Ansichten dieses Dokuments war das Volk von Springniedrig bei weitem das glücklichste von der Welt, sie waren auch beträchtlich mehr geachtet, geschätzt, geliebt, geehrt und gehörig gewürdigt, als jede andre Monikins-Gemeinde; kurz, sie waren die Bewunderung und der Ruhm des Weltalls. Es freute mich außerordentlich, das zu vernehmen; denn Vieles war mir ganz neu, woraus man sieht, daß man nie richtige Begriffe von einer Nation, als durch sie selbst, erlangen kann. Nachdem wir diese wichtige Punkte gehörig uns angeeignet, machten wir uns alle an unsre verschiedne Geschäfte, mit einem Eifer, der von unsrer Emsigkeit und Ehrlichkeit zeugte. Alles fing gut an, und bald sandten uns die Rathsherrn zur Eröffnung des Balls eine Streitsache. Sie war: »Wird beschlossen, daß die bisher für schwarz gehaltene Farbe eigentlich weiß ist.« Da dies die erste Sache war, über deren Grund wir abzustimmen hatten, stellte ich Noah vor, wie nützlich es sei, wenn wir zum Brigadier gingen und ihn befragten, wie es wohl mit einem so seltsamen Beschluß ergehen würde. Unser Kollege beantwortete die Frage sehr gutmüthig und gab uns zu verstehen, die Perpendikulären und Horizontalen seien lange in Streit über die blose Farbe verschiedener wichtigen Fragen gewesen, und so sei der wirkliche Grund des Beschlusses nicht sehr ersichtlich. Die Erstern hätten immer (unter immer meinte er die Zeit, seit sie das Gegentheil behaupteten) die Lehre dieses Beschlusses festgehalten, so wie die Andern das Gegentheil. Eine Mehrheit der Rathsherrn sind gerade jetzt Perpendikuläre, und wie's jetzt schien, hatten sie es dahin gebracht, über ihren Lieblingsgrundsatz abstimmen zu lassen. »Nach diesem Bericht von der Sache, Sir John,« bemerkte der Kapitän, »werde ich behaupten müssen, daß schwarz weiß ist, da ich ja zur Perpendikulär-Partei gehöre.« Ich dachte wie der Kapitän, und war froh, daß mein legislatives Debüt nicht durch ein meiner Denkart so widerstrebendes Votum bezeichnet werden sollte. Doch aus Neugier, seine Meinung zu erfahren, fragte ich den Kapitän, wie er selbst die Sache ansähe. »Ich bin von den Tangenten gewählt,« sagte er, »und so viel ich gehört, wollen meine Freunde einen Mittelweg einschlagen, und einer unsrer Häupter ist schon gewählt, der zu rechter Zeit ein Amendement vorschlagen soll.« »Hat etwas mit der großen National-Allegorie Verbundenes hierauf Bezug?« Der Brigadier legte seinen Finger auf die fragliche Klausel, und ich las: »Art. IV. Klausel b. der große National-Rath soll nie in keinem Fall ein Gesetz oder einen Beschluß erlassen, daß weiß schwarz sei.« Ich fand nach reiflicher Ueberlegung diesen Beschluß der horizontalen Lehre eher günstig als ungünstig, und hielt ihn für eine gute Gelegenheit für ein neues Mitglied, seine Antrittsrede damit zu wagen, und wartete also dazu die rechte Gelegenheit ab. Bald rapportirte der Präsident der Kommittee darüber; er war ein Tangente, der aber sehr Rathsherr zu werden wünschte, obgleich sich unser Haus entschieden zu den Horizontalen hinneigte. Er ergriff also hiebei die Partei der Rathsherrn. Der Rapport selbst nahm sieben Stunden durch sein Verlesen weg. Er nahm den Gegenstand von der Zeit her auf, wo seine Verhandlung durch das Bersten der Erdrinde sine die verschoben worden, noch vor der Theilung der großen Monikins-Familie in verschiedene Gemeinden, und schloß dann mit dem jetzigen Beschluß. Der Berichterstatter wandte seine Palette mit der größten Sorgfalt an, und bedeckte die Sache ganz mit neutralen Tinten, worauf er Alles mit Ultramarin überfuhr, so daß das Auge durch eine erdichtete Atmosphäre blickte. Zuletzt wiederholte er den Beschluß wörtlich, wie er vom andern Hause kam. Der Sprecher rief nun die Herren auf, ihre Meinungen darüber zu sagen. Zu meinem größten Erstaunen erhob sich Kapitän Poke, that seinen Taback wieder in seine Büchse und eröffnete die Debatte ohne weitere Einleitung. Der ehrbare Kapitän sagte, er sehe diese Frage als die Freiheiten eines Jeden betheiligend an. Er verstand die Sache wörtlich, wie sie in der Allegorie vorgeschlagen und zum Beschluß erhoben worden; als solche wolle er sie nun mit vorurtheilslosen Augen betrachten. Das Wesen der Frage betreffe gänzlich die Farbe; was sei aber eigentlich Farbe? Man nehme das Größte, und in der vortheilhaftesten Lage, was vielleicht die Wange einer lieblichen jungen Frau sei, und die Farbe sei immer nur hauttief. Er erinnere sich der Zeit, wo eine gewisse Frau in einem andern Theil der Welt, welche gemeiniglich Mad. Poke genannt werde, die beßte Rose überall in Stonington ausgestochen haben würde, und was wäre das all gewesen? Er wolle aus nahe liegenden Gründen nicht Mad. Poke selbst fragen, aber jeden der Nachbarn, wie sie jetzt aussähe. Von weiblicher Natur wolle er zur menschlichen überhaupt übergehen. Er hätte oft bemerkt, das das Seewasser blau gewesen, und häufig Kübel hinunterfahren lassen und das Wasser auf's Verdeck gebracht, um zu sehen, ob er zu dieser blau machenden Materie kommen könnte, – denn der Indigo sei in seinem Lande selten und theuer; aber das Experiment sei ihm nie gelungen, woraus er dann schloß, daß es im Ganzen vielleicht gar nichts so gäbe, wie Farbe. Der Beschluß vor dem Hause aber beruhe gänzlich auf dem Sinn der Worte. Was sei aber ein Wort? Ei, die Worte Mancher seien gut, die Andrer gar nichts werth. Er liebe die Instrumente des Robbenfangs, – vielleicht weil er ein Robbenfänger wäre, aber aus blosen Worten mache er sich nur wenig. Ein Mal habe er einem Manne wegen seines Sohnes sein Wort abgenommen, und die Folge davon sei gewesen, daß er sein Geld verloren. Er kenne tausend Fälle, wo Worte von keinem Werth gewesen, und er sehe nicht, warum einige Herren ihnen so große Wichtigkeit beilegen wollten. Er sei dafür, nichts, auch selbst nicht ein Wort oder eine Farbe, über Verdienst zu erheben. Das Volk scheine einen Wechsel in der Farbe der Dinge zu verlangen, und er erinnere die Herren, daß dies ein freies Land sei, worin die Gesetze regierten; und deßwegen vertraue er, sie würden sich geneigt zeigen, die Gesetze den Bedürfnissen des Volks anzupassen. Was hätte das Volk hierin vom Hause verlangt. So viel, als er sähe, hätten sie eigentlich gar nichts in Worten verlangt; aber er merke, es herrsche große Unzufriedenheit in Hinsicht der alten Farben, und ihr Stillschweigen lege er als Verachtung gegen Worte im Allgemeinen aus. Er sei ein Partikulare, und werde immer Partikular-Grundsätze vertheidigen. Die Herren möchten vielleicht ihm nicht beistimmen, aber ein Mal für alle Mal, er wolle nicht die Freiheiten seiner Constituenten in Gefahr bringen, und deßwegen gäbe er den Beschluß, ganz wie er von den Rathsherrn gekommen, ohne einen Buchstaben zu ändern; an der Orthographie des Beschlusses habe er Einiges auszusetzen, aber, er wolle gern seine Ansichten in diesem Punkt dem Beßten des Landes aufopfern, und deßhalb halte er es mit den Rathsherrn selbst bis auf ihre Schreibfehler. Er hoffe, der Beschluß werde mit gänzlicher Einmüthigkeit, wie sie ein so wichtiger Gegenstand erforderte, durchgehen. Diese Rede machte großen Eindruck. Bisher hatten die Hauptredner des Hauses so ziemlich die Gewohnheit gehabt, spitzfindig in der großen Allegorie Härchen zu spalten, aber Noah hatte mit der Einfachheit eines wahrhaft großen Geistes den Nagel auf den Kopf getroffen, um sich fahrend mit der Einfalt des berühmten von La Mancha, als er seine Lanze gegen die Windmühlen einlegte. Gab man diese Punkte zu, daß es keine Farben gäbe und Worte von keiner Bedeutung wären, so konnte dieser und in der That jeder andre Beschluß leicht durchgehen. Die Perpendikulären im Haus waren außerordentlich erfreut; denn, die Wahrheit zu sagen, ihre Beweisführung war bis jetzt etwas schwach gewesen. Ausserhalb war der Erfolg noch größer; denn eine gänzliche Abänderung wurde dadurch in der ganzen Streitführung der Perpendikulären bewirkt. Monikins, die den Tag vorher heftig behauptet hatten, ihre Stärke läge in der Phraseologie der großen Allegorie, öffneten nun plötzlich ihre Augen und sahen deutlich, daß die Worte keinen wahren Werth hätten. Die Beweisgründe hatten freilich einige Veränderung erlitten, aber zum Glück war die Folgerung daraus ungefährdet. Der Brigadier bemerkte diese anscheinende Anomalie, sagte jedoch, sie sei in Springniedrig ganz gewöhnlich, besonders in der Politik; die Menschen freilich würden consequenter sein. Die Horizontalen waren durch Kapitän Poke so sehr überrascht und geschlagen worden, daß keiner von allen ihren Rednern ein Wort für sich zu sagen wußte. Ja, sie erlaubten sogar einem ihrer Gegner, sich zu erheben und den Schlag noch zu unterstützen; ein ziemlich gewisses Zeichen, daß sie darnieder lagen. Der neue Sprecher war ein Hauptanführer der Perpendikulären; er war einer von den Politikern, die nur um so gewandter sind, weil sie allen Parteien gedient haben. Sie kennen die schwachen und starken Seiten einer jeden durch Erfahrung, und sind mit jeder Unterabtheilung politischer Gefühle vertraut, welche sich je im Lande vorgefunden haben. Dieser geistreiche Redner nahm den Gegenstand mit Feuer auf, und behandelte ihn ganz nach den Grundsätzen des Mitglieds, das zuletzt gesprochen. Nach seiner Ansicht von der Sache müsse man die eigentliche Verordnung, das Gesetz in den Sachen und nicht in den Worten suchen. Worte seien falsche Lichter zum Irreführen, und er brauche nicht erst zu sagen, was all seinen Zuhörern schon bekannt wäre, daß nämlich Worte täglich geformt würden und geformt wären, nur um der Bequemlichkeit aller Arten Leute zu dienen. Es sei ein Hauptfehler im politischen Leben, mit Worten verschwendrisch zu sein; denn die Zeit würde kommen, wo die Schwatzhaften und Schnellzüngigen es bereuen würden. Er fragte das Haus, ob das Vorgeschlagene nöthig, ob das Staatsinteresse fordre, ob die öffentliche Meinung darauf vorbereitet wäre. Wäre das, dann bitte er die Herren, ihre Pflicht zu thun, und zwar eben so wohl gegen sich selbst als gegen ihren Charakter, ihr Gewissen, ihre Religion, ihr Eigenthum und endlich ihre Konstituenten. Dieser Redner suchte Worte durch Worte zu vernichten, und das Haus schien mir seine Bemühung günstig aufzunehmen. Ich beschloß nun einen Versuch zu Gunsten des Fundamentalgesetzes zu machen, das offenbar bis jetzt in der Verhandlung nur wenig beachtet worden. Ich fesselte daher des Sprechers Auge, und stand alsbald da. Ich begann damit den Talenten und Beweggründen meiner Vorgänger durchdrehte Komplimente zu machen, und spielte auf den anerkannten Verstand und Patriotismus, die Tugend und Fähigkeiten des Hauses an. All dieß ward wohl aufgenommen, daß Muth fassend ich beschloß, mit einem Male, den Text des geschriebenen Gesetzes in der Hand, über meine Gegner herzufallen. Ich leitete diesen Schlag mit einer Lobrede auf die wunderbare Beschaffenheit jener Institutionen ein, die allgemein als das Wunder der Welt angesehen und gemeiniglich die zweite Vervollkommnung der Monikins-Vernunft genannt würden; die von Springhoch nämlich würden immer als die erste angesehen. Ich machte dann einige zweckmäßige Bemerkungen über die Nothwendigkeit, die vitalen Verordnungen des politischen Staatskörpers zu achten, und erbat mir der Zuhörer Aufmerksamkeit, während ich ihnen eine besondre Klausel vorläse, die ich, zu meinem Verwundern, auf die gegenwärtige Verhandlung sich beziehend erfunden. Nachdem ich mir so den Weg frei gemacht, beging ich nicht die Thorheit, dem Gegenstand so vielen Nachdenkens durch unbesonnene Eile zu schaden. Vielmehr wartete ich, bevor ich die Stelle aus der Konstitution las, bis die Aufmerksamkeit jedes Gegenwärtigen durch die Würde, Vorsicht und Wichtigkeit meiner Art und Weise noch mehr, als durch den Inhalt des schon Gesagten aufgeregt worden. Mitten in dieser tiefen Stille und Erwartung las ich mit einer Stimme, die Alles erfüllte, laut die Klausel vor: »Der große Rath soll in keinem Falle ein Gesetz, einen Beschluß erlassen, der weiß für schwarz erklärt.« Wenn ich ruhig bei Darlegung dieser Autorität gewesen, beherrschte ich mich eben so sehr bei Erwartung der Wirkung. Um mich blickend sah ich Staunen, Verlegenheit, Zweifel, Verwundrung und Ungewißheit in jedem Antlitz, wenn ich auch nicht Ueberzeugung fand. Eins brachte selbst mich in Verlegenheit; unsre Freunde die Horizontalen hatten ganz eben so Unrecht als unsre Opponenten die Perpendikulären, da sie gar nicht, wie ich doch Ursache zu hoffen hatte, außer sich geriethen, als sie ihre Sache durch eine so gewichtige Autorität unterstützt sahen. »Will das verehrliche Mitglied gefälligst erklären, welchen Schriftsteller es angeführt hat?« wagte endlich einer der Hauptperpendikulären zu fragen. »Die Sprache, die Ihr eben gehört,« begann ich wieder und glaubte, der Augenblick sei jetzt gekommen, die Sache zu betreiben, »ist eine Sprache, die einen Wiederhall finden muß in Aller Herzen, es ist eine Sprache, die nie vergeblich in dieser hohen Halle geführt werden kann, eine Sprache, die mit sich führt Ueberzeugung und Befehl!« Ich bemerkte, daß jetzt die Glieder verwundert einander anschauten. »Meine Herren, ich soll den Autor nennen, aus dem ich diese sententiöse Worte genommen? Meine Herren, was Sie eben gehört, ist zu finden im IV. Art. in der 6. Klausel der großen National-Allegorie.« »Zur Ordnung! Zur Ordnung!« riefen hundert Rabenkehlen. Ich stand staunend, selbst noch mehr staunend, als das Haus einen Augenblick vorher mir geschienen hatte. »Zur Ordnung! Zur Ordnung!« fuhr es fort zu schreien, als wenn Millionen Dämonen in der Halle hausten. »Das verehrliche Mitglied wird sich erinnern,« sagte der süße und ex officio unparteiische Sprecher, der, beiläufig gesagt, ein Perpendikular war, der hinterlistig gewählt worden; »es ist gegen die Ordnung, sich Persönlichkeiten zu erlauben.« »Persönlichkeiten? Ich verstehe nicht, Sir.« »Das Dokument, worauf das verehrliche Mitglied hingewiesen, ist nicht, wie ihm sein eigner Verstand sagen wird, von sich selbst geschrieben worden, vielmehr sind grade die, durch welche es aufgesetzt worden, jetzt Mitglieder des Hauses, und die Meisten unterstützen den Beschluß, der ihm jetzt vorliegt; und so würde es persönlich scheinen, wenn man ihnen auf diese unerhörte Art ihre früheren Amtsgeschäfte vorwerfen wollte. Es thut mir leid, sagen zu müssen, daß das verehrte Mitglied gänzlich alle Ordnung überschritten.« »Aber, Sir, die heilige National – –« »Heilig, Sir – freilich, aber in einem andern Sinn, als Sie meinen; viel zu heilig, um hier erwähnt zu werden. Da sind die Werke der Kommentatoren, die Bücher über die Auslegungen, und besonders die Schriften verschiedener ausländischen und vollkommen uninteressirten Staatsmänner; brauche ich besonders Ekrub zu nennen? – diese haben Autorität bei den Mitgliedern, aber so lange ich diesen Stuhl einnehme, werd' ich mich peremptorisch gegen alle Persönlichkeiten erheben.« Ich war wie angedonnert. Der Gedanke, daß die Autorität selbst verworfen werden könnte, war mir nie in den Sinn gekommen, obwohl ich einen hartnäckigen Kampf in Hinsicht der Auslegung erwartet hatte. Die Konstitution verlangte nur, daß kein Gesetz ergehen sollte, das schwarz für weiß erklärte, während der Beschluß verordnete, daß künftig weiß schwarz sein sollte. Hier lag Stoff zur Verhandlung, und ich hatte gar keine große Hoffnungen wegen des Erfolgs; aber so bei'm Anfang auf's Haupt mit einer Keule niedergeschlagen zu werden, war zuviel für die Bescheidenheit meiner jungfräulichen Rede. Ich setzte mich verwirrt nieder, und ich sah deutlich an ihren spöttischen Mienen, daß die Perpendikularen jetzt Alles triumphirend nach ihrem Willen durchzusetzen vermeinten. Dies wäre auch sehr wahrscheinlich der Fall gewesen, wenn nicht alsbald einer von den Tangenten mit einem Amendement sich erhoben hätte. Zum größten Mißfallen Kapitän Poke's und gewisser Maßen zu meiner eignen Aergerniß, ward dies dem verehrlichen Bob Schmutz anvertraut. Herr Schmutz begann mit der Bitte an die Mitglieder, sich nicht durch die Sophistik des ersten Redners irreführen zu lassen. Dieß verehrliche Mitglied fühlte sich ohne Zweifel berufen, die von seinen Freunden eingenommene Stellung zu vertheidigen; aber die, welche ihn wohl kännten, wie er ihn zu kennen das Schicksal gehabt, müßten überzeugt sein, daß seine Ansichten wenigstens eine plötzliche und wunderbare Aenderung erlitten hätten. Das verehrliche Mitglied läugne das Dasein der Farbe überhaupt; er wolle ihn fragen, ob er nicht selbst bisweilen beigetragen, was man »blau und schwarz« nenne, hervorzubringen. Er möchte wissen, ob das verehrliche Mitglied jetzt eben so wenig Werth auf Schläge, als er auf Worte zu setzen schiene; er bitte das Haus um Verzeihung, aber dies sei eine Sache von großem Interesse für ihn selbst: er wisse, es habe nie einen größern Fabrikanten von »Blau und Schwarz« [Lektorat: wäre hier nicht eine Anmerkung zum Wortspiel "black and blue"\<-\> "black and white" angezeigt, das so im Deutschen {"grün und blau" \<-\> "schwarz und weiß"}nicht wiederzugeben ist?] gegeben, als jenes verehrliche Mitglied selbst, und er wundre sich über sein jetziges Läugnen aller Farbe und seinen Wunsch, deren Werth herabzuwürdigen. Er seinerseits kenne die Wichtigkeit der Worte und den Werth der Farben, und während er nicht so gerade die Nothwendigkeit einsähe, schwarz für so unverletzlich zu halten, wie einige Herren, sei er doch gar nicht darauf vorbereitet, so weit wie die zu gehen, die den Beschluß eingebracht. Er glaube nicht, daß die öffentliche Meinung befriedigt wäre durch die Behauptung, daß schwarz schwarz sei; aber er halte sie doch auch noch für weit genug vorgerückt, zu behaupten, schwarz wäre weiß. Er sage nicht, solch eine Zeit werde nicht kommen, er behaupte nur, sie sei noch nicht gekommen, und in der Absicht, dem, was er für die öffentliche Meinung halte, entgegen zu kommen, schlage er als Amendement vor, das Ganze des Beschlusses nach dem Worte »wirklich« auszustreichen, und etwas einzufügen, daß dann der ganze Beschluß so lauten würde: »Wird beschlossen, daß die bis jetzt für schwarz gehaltene Farbe wirklich bleifarben ist.« Hierauf nahm der verehrliche Herr Schmutz seinen Sitz wieder ein, und überließ das Haus seinem eignen Nachdenken. Die Häupter der Perpendikularen, in der Voraussetzung, daß, wenn sie in dieser Session halbwegs kämen, sie das Uebrige in der nächsten durchsetzen könnten, beschlossen, den Vergleich anzunehmen, und der Beschluß, so verbessert, ging mit großer Mehrheit durch. So war dieser wichtige Punkt für den Augenblick entschieden, und ließ den Perpendikularen große Hoffnung, die Horizontalen noch flacher auf den Boden zu legen, als sie es jetzt schon wären. Die nächste Frage war von weit geringerem Interesse und erregte nicht so große Aufmerksamkeit; um sie jedoch zu verstehen, müssen wir ein wenig auf die Geschichte zurückgehen. Die Regierung von Springdurch hatte vor 63 Jahren 126 Springniedriger Schiffe auf der hohen See verbrennen und sonst zerstören lassen. Der Vorwand war, sie belästigten Springdurch. Springniedrig war eine viel zu große Nation, um sich eine solche Bedingung gefallen zu lassen, während sie zugleich viel zu großmüthig und weise war, sie auf eine alltägliche und gemeine Weise zu rügen. Statt in Leidenschaft zu gerathen und ihre Kanonen zu laden, bot sie alle ihre Logik auf und begann zu philosophiren. Nachdem sie die Sache mit Springdurch 52 Jahre besprochen, bis alle beleidigte Theile todt waren und nicht länger von ihrer Logik Nutzen ziehen konnten, beschloß sie, zwei Drittel ihrer Ansprüche an Geld und ihre ganzen Ansprüche in Hinsicht des Ehrenpunktes nachzulassen und, um die Sache zu beenden, eine gewisse unbedeutende Summe als ein Pflaster für den ganzen Schaden anzunehmen. Springdurch versprach auf die feierlichste und genügendste Art, diese Summe zu bezahlen, und Jeder war erfreut über die friedliche Beendigung einer sehr schwierigen und dem Anschein nach nie zu Ende gehenden Verhandlung. Springdurch war eben so froh, mit der Sache fertig zu werden, als Springniedrig und dachte natürlich, Alles sei schon geschehen, wenn es nur verspräche, das Geld zu bezahlen; der große Sachem von Springniedrig hatte aber zum Unglück einen »eisernen Willen« oder, mit andern Worten, er meinte, das Geld müsse eben so bezahlt werden, wie versprochen worden, es zu bezahlen. Diese despotische Auslegung des Handels hatte unerhörten Unwillen in Springniedrig erregt, wie zu erwarten stand; aber, seltsam genug, ward sie sogar in Springniedrig mit einiger Hitze verworfen, wo einige feste Logiker streng behaupteten, der einzige Weg, einen Vertrag zur Geldzahlung in's Reine zu bringen, wäre, einen neuen für eine niedrigere Summe einzugehen, so oft die Zahlung fällig wäre; ein Plan, der mit einiger Mäßigung und Geduld gewiß mit der Zeit die Abtragung der ganzen Schuld herbeiführen müsse. Verschiedene sehr scharfsichtige Patrioten hatten die Sache angegriffen, und sie sollte nun dem Haus unter vier verschiednen Kategorien vorgetragen werden. Kategorie Nro. 1. hatte den Vorzug der Einfachheit und Genauheit. Sie schlug blos vor, Springniedrig solle das Geld selbst bezahlen und mit eignen Fonds die Verschreibung einlösen. Nro. 2. enthielt eine Empfehlung an den Großsachem, daß Springniedrig selbst bezahle, jedoch gewisse Fonds von Springdurch dabei gebrauch. Nro. 3. war ein Vorschlag, Springdurch zehn Millionen anzubieten, um dann nichts mehr von der ganzen Verhandlung zu sprechen. Nro. 4. wollte das unterhandelnde und nachlassende System, das schon erwähnt worden, ohne Verzug anwenden, um so bald wie möglich, die Ansprüche zu vernichten. Man berieth die Frage unter diesen vier Gesichtspunkten. Meine Erzählung erlaubt mir keine in's Einzelne gehende Geschichte davon, ich kann nur eine Skizze von der Logik geben, welche bei diesen verschiedenen Vorschlägen sich hören ließ, von dem legislativen Scharfsinn, den sie veranlaßten, und der Menge tüchtiger Schlüsse, die so natürlich daraus folgten. Zu Gunsten von Kategorie Nro. 1. führte man an, daß durch Annahme ihrer leitenden Idee man die Sache gänzlich in die Hand bekomme und sie folglich mit größrer Berücksichtigung reiner Springniedrig-Interessen abmachen könnte; weitrer Aufschub könne nur aus unsrer eignen Nachlässigkeit hervorgeh'n; auf keine andre Weise könne man so leicht mit dieser langwierigen Verhandlung in kurzer Zeit fertig werden; die Schuld mit Springniedriger Fonds zu bezahlen, würde uns Sicherheit geben, den Betrag in guter Kurrent-Münze der Republik zu erhalten, es würde außerordentlich ökonomisch sein, da der Agent, welcher auszahlte, auch beauftragt werden könnte, in Empfang zu nehmen, wodurch man Salair ersparte, endlich könne dadurch Alles, so sehr vereinfacht, in einer Nuß dargestellt und jedem Verstand klar gemacht werden. Zu Gunsten von Kategorie Nro. 2. konnten nur sehr unbestimmte Sophismen beigebracht werden, die noch dazu sehr nach Gemein-Plätz-Ansichten schmeckten. Es ward z. B. vorgegeben, der, welcher einen Wechsel unterschreibe, sei auch verpflichtet, ihn zu bezahlen; wenn er sich weigre, habe der andre Theil das natürliche und gesetzliche Mittel des Zwangs; es möge nicht immer für einen Gläubiger bequem sein, alle Obligationen andrer Leute zu bezahlen, die er vielleicht in Händen hatte; wenn seine Geschäfte ausgedehnt wären, möchte es ihm an Geld fehlen, ein solch Princip immer auszuführen, und als ein Beispiel für's Künftige vertrüge es sich weit besser mit Springniedriger Klugheit und Besonnenheit, die alten und erprobten Begriffe von Ehrlichkeit und Gerechtigkeit aufrecht zu erhalten, als sich auf den unbekannten Ocean der Ungewißheit einzulassen, der mit den neuen Ansichten zusammenhinge; denn ließen wir es zu, könnten wir nie wissen, wenn wir wahrhaft schuldenfrei wären. Kategorie 3. wurde nach einem ganz neuen logischen System besprochen, das bei den Mitgliedern sehr in Gunst zu stehen schien, die aus der verfeinerten ethischen Schule waren. Diese Redner führten das Ganze auf das Ehrgefühl zurück. Sie begannen mit der Entwerfung eines lebendigen Gemäldes von den Beleidigungen, als das ursprüngliche Unrecht geschehen. Sie sprachen von zu Grunde gerichteten Familien, geplünderten Seeleuten und vernichteten Hoffnungen. Sie stellten genaue Berechnungen an, um zu zeigen, daß gerade vierzig Mal so großes Unrecht gethan worden, als dieser Wechsel annähme, und wie die Sache jetzt stünde, müßte Springniedrig nach strengem Recht gerade vierzig Mal so viel Geld empfangen, als das Dokument besage. Von diesen interessanten Einzelheiten wandten sie sich dann zum Ehrenpunkt. Springdurch translation error fixed, changed from "Springhoch" [Leaphigh] to "Springdurch" [Leapthrough] - Original: "Leapthrough, by attacking the Leaplow flag" hätte es durch seinen Angriff auf die Springniedriger Flagge und durch die Eingriffe in dessen Rechte ganz besonders zu einer Ehrenfrage gemacht, und bei Betrachtung der Sache dürfe man daher nie den Gesichtspunkt der Ehre aus dem Auge verlieren. Es sei ehrenvoll, seine Schulden zu bezahlen, das könne Niemand leugnen; aber es sei noch gar nicht so klar, daß es auch ehrenvoll sei, das, was einem gebühre, in Empfang zu nehmen. Die National-Ehre sei dabei betheiligt, und sie riefen die Mitglieder auf, sofern sie diese heilige Gefühle werth hielten, es durch ihre Stimmen aufrecht zu erhalten. Wie die Sache stehe, habe Springniedrig den bessern Theil; im Vertrag mit seinem Gläubiger, wie er vorliege, verliere Springdurch einige Ehre, durch Zahlungverweigrung verliere es noch mehr, und nun, wenn wir ihm die zehn vorgeschlagenen Millionen schickten, und es die Schwachheit hätte, sie anzunehmen, setzten wir ihm recht den Fuß auf den Nacken, und es könnte uns nie wieder in's Gesicht sehen. Kategorie Nro. 4 vertheidigte ein Mitglied, das Staatsökonomie zu seinem Hauptstudium gemacht. Dieser stellte folgenden Satz auf: Nach seinen Berechnungen sei die Beleidigung gerade vor 63 Jahren und 26 2 / 3 Tagen geschehen. Während dieser ganzen Zeit sei Springniedrig durch diese schwierige Frage beunruhigt worden, die wie ein Gewölk über der sonst ungestörten Helle seines politischen Horizonts gehangen. Es sei Zeit, sie los zu werden. Die festgesetzte Summe sei gerade 25 Millionen, zahlbar in 25 jährlichen Parcellen von einer Million. Nun schlage er vor, die Parcellen auf die Hälfte herabzusetzen, aber keineswegs etwas an der Summe zu ändern. Der Punkt müsse als unwiderruflich feststehend angesehen werden. Dies werde die Schuld um die Hälfte verringern. Ehe das erste Quantum fällig werde, werde er einen Aufschub zu Stande bringen, dadurch, daß er die Quota wieder auf sechs verringere und die Zahlung auf die letzte Periode, die in dem letzten Vertrag bestimmt worden, zurückführe, aber immer gewissenhaft die Summen ganz dieselben lasse. Vor Ablauf der ersten sieben Jahre könne eine neue Vorkehrung die Quota auf zwei oder selbst eins zurückführen, immer mit Beibehaltung der Summen; und endlich, im rechten Augenblick, könne ein Vertrag geschlossen werden, daß gar kein Quotum sein solle, oder wenn eins gewesen, habe Springniedrig es nie unter eine Million herabsetzen können. Der Erfolg werde sein, daß in ungefähr 25 Jahren das Land gänzlich frei von der Sache seie, und der Nationalcharakter, der, wie Jedermann zugestehe, jetzt schon so hoch, als er nur sein könne, wahrscheinlich noch um viele Grade höher steige. Die Verhandlung habe mit Verträgen begonnen, und unsere Consequenz verlange, daß sie auch ferner unser Betragen leiteten, bis kein Heller mehr unbezahlt sei. Dieser Gedanke ergriff wunderbar, und ich glaube, er wäre mit großer Mehrheit durchgegangen, wäre nicht ein neuer Vorschlag von einem Redner mit seltsam pathetischer Kraft gemacht worden. Der neue Redner widersetzte sich allen vier Kategorieen. Er sagte, alle würden zum Krieg führen: Springdurch sei ein ritterliches und hochherziges Volk, wie man aus der jetzigen Lage der Dinge ersähe. Wollten wir den Wechsel mit unsern Fonds auslösen, werde es tödtlich seinen Stolz verletzen, und es mit uns kriegen; lösten wir den Wechsel mit seinen Fonds aus, so würde das sein Finanzsystem beleidigen, und es mit uns kriegen; wollten wir ihm zehn Millionen bieten, daß es der Sache nicht weiter erwähne, so würde das durch die Voraussetzung, man könne ihm seine Rechte abkaufen, seine Würde beleidigen und es mit uns kriegen; wollten wir das System neuer Unterhandlungen befolgen, so würde das tödtlich seine Ehre angreifen, weil wir zu verstehen gäben, es achte seine alten Unterhandlungen nicht, und es daher mit uns kriegen. Er sehe Krieg in allen vier Kategorieen; er sei für eine Friedens-Kategorie, und er habe, denke er, einen Vorschlag, wodurch bei gehöriger Einfädlung und den zartesten Rücksichten, und wenn man sonst die hohen Gefühle der verehrten fraglichen Nation achte, wir möglicher Weise aus dieser schwierigen Alternative kommen könnten, ohne daß wir handgemein würden, – er wünsche nämlich immer die verehrlichen Mitglieder an die Schrecken des Kriegs zu erinnern; sie möchten bedenken, welch eine ernsthafte Sache der Zusammenstoß zweier großer Nationen wäre. Wenn Springdurch ein kleines Volk wäre, dann wär' es was anders, und der Streit könnte in einem Winkel vor sich gehen; unsere Ehre sei aber eng mit allem verbunden, was wir mit großen Nationen zu schaffen hätten. Was sei der Krieg? Wüßten es die Herren? Er wolle es ihnen sagen! Hier entwarf der Redner ein Bild vom Krieg, das die leidende Monikinschaft zum Schaudern brachte. Er sah in ihm vier Hauptpunkte, seine religiösen, pekuniären, politischen und häuslichen Schrecken; er beschrieb ihn als den Dämon-Zustand des Monikin'schen Geistes, als entgegengesetzt der Gottesverehrung, der Bruderliebe, der Barmherzigkeit und allen Tugenden. Bei den pekuniären Schrecken zeigte er einen Preiscourant. Knöpfe, die sechs Groschen das Schock kosteten, versicherte er, würden bald sieben kosten. Hier erinnerte man ihn, daß die Monikins keine Knöpfe mehr trügen. »Thut nichts; sie kaufen und verkaufen Knöpfe, und die Wirkungen auf den Handel sind dieselben.« Das politische Ungemach zeigte er als ganz erschrecklich; aber als er von den häuslichen Unannehmlichkeiten sprach, blieb kein Auge im Rath trocken. Kapitän Poke stöhnte so laut, daß ich in der entsetzlichsten Angst war, er werde zur Ordnung gerufen werden. »Sehet jenen reinen Geist,« rief er, »zermalmt im Wirbel des Kriegs. Betrachtet sie, wie sie sich über den Hügel hinneigt, der den Helden seines Landes, den Gemahl ihrer jugendlichen Neigung, deckt. Vergebens wirft die Waise ihr zur Seite die Augen aufwärts und fragt nach dem Helmbusch, der eben noch ihre kindliche Phantasie vergnügte; vergebens fragt ihre liebliche Stimme, wann er zurückkommen werde, wann er ihre Herzen erfreuen wolle durch seine Gegenwart!« Aber ich kann nicht mehr schreiben; Seufzer unterbrachen den Redner, und er nahm seinen Sitz wieder ein in einer Entzückung von göttlichem Frieden und Wohlwollen. Ich eilte durch's Haus, den Brigadier zu bitten, mich ohne Aufschub bei diesem gerechten Monikin einzuführen. Ich fühlte, als könnt' ich ihn ohne weitres umarmen und ewige Freundschaft einem so gütigen Geiste schwören. Der Brigadier war zuerst zu bewegt, um auf mich zu achten; aber nachdem er seine Augen wenigstens hundert Mal abgewischt, gelang es ihm, den Thränenstrom zu hemmen und zu mir aufzublicken mit einem lieblichen Lächeln. »Ist es nicht ein wunderbarer Monikin?« »Wunderbar, in der That. Wie sehr beschämt er uns alle! Solch ein Monikin wird blos von der reinsten Liebe zu seinem Geschlecht getrieben.« »Ja, er ist von einer Klasse, die wir die dritte Monikinschaft nennen. Nichts rührt uns so, wie die Grundsätze dieser Klasse.« »Wie, habt Ihr mehr, als eine Klasse von Gefühlvollen?« »Freilich, die Originalen, die Repräsentativen und die Spekulativen.« »Ich brenne vor Verlangen, diese Unterscheidungen zu verstehen.« »Die Originalen sind eine alltägliche Klasse; sie fühlen natürlich. Die Repräsentativen sind schon intellektueller, sie fühlen hauptsächlich durch Stellvertretung; die Spekulativen sind die, deren Sympathieen durch positive Interessen erregt werden, wie bei dem letzten Redner. Dieser hat kürzlich einen Meyerhof nach Morgen gekauft, den er wieder nach Dorfloosen fußweis verkaufen will; ein Krieg würde aber das Ganze zu Nichte machen. Dies treibt sein Wohlwollen so lebhaft an.« »Ei, das ist nichts weiter, als eine Entwicklung des gesellschaftlichen Anhaltspunkts-Systems – –« Ich wurde von dem Sprecher unterbrochen, der das Haus zur Ordnung rief. Die Abstimmung über den Vorschlag des letzten Redners sollte geschehen. Er lautete so: »Beschlossen, daß es ganz und gar der Würde und dem Charakter von Springdurch unangemessen ist, daß Springniedrig wegen einer so geringen Sache, als ein kleinlicher Vertrag zwischen den beiden Ländern ist, ein Gesetz erlassen sollte.« »Einmüthig angenommen!« riefen fünfzig Stimmen, und Einmüthigkeit war auch da, worauf sich das ganze Haus in höchster Freude über den Erfolg die Hände drückte und schüttelte; denn es hatte ja auf eine sehr ehrenvolle und scharfsinnige Art diese verwirrende und unangenehme Sache erledigt. Zwölftes Kapitel. Wirkung der Berechnungen auf die Moral; – eine Obscuration, eine Dissertation und eine Calculation. Das Haus hatte sich noch nicht vertagt, als Kapitän Poke und ich mit einem Besuch von unserm Kollegen Herrn Geradaus beehrt wurden, der wegen einer Sache von der größten Wichtigkeit kam. Er hatte eine kleine Flugschrift in der Hand, und kaum waren die gewöhnlichen Begrüssungen vorüber, so lenkte er unsre Aufmerksamkeit auf einen Theil ihres Inhalts. Es schien, Springniedrig stand am Vorabend einer großen moralischen Verfinsterung; die Perioden und Daten des Phänomens (wenn man so das nennen kann, was zu häufig geschieht) waren von der Springhocher Akademie mit erstaunlicher Genauigkeit berechnet und als eine besondre Begünstigung durch seinen Gesandten unserm geliebten Lande zugesandt worden, damit wir nicht überrascht würden. Die Nachricht von der Sache lautete, wie folgt: »Am dritten des Rußmonds wird der Anfang einer großen moralischen Verfinstrung in jenem Theil des Monikinlands eintreten, der unmittelbar unter dem Pol liegt. Der verfinsterte Körper ist das große Moral-Postulat, gewöhnlich Grundsatz genannt; und verdunkelt wird er durch das große unmoralische Postulat, das gewöhnlich Interesse heißt. Das häufige Zusammentreffen dieser zwei wichtigen Postulate hat bewirkt, daß in letztern Jahren unsre moralischen Mathematiker etwas nachlässig in ihren Berechnungen darüber waren; aber um diese unentschuldbare Gleichgültigkeit gegen einen der wichtigsten Umstände im Leben wieder gut zu machen, hat die calculirende Committee Auftrag erhalten, ungewöhnliche Aufmerksamkeit auf alle Verdunkelungen dieses Jahrs zu richten, und so ist denn dieses Phänomen, eins der entscheidendsten unsrer Zeit, mit der äußersten Genauigkeit und Sorgfalt berechnet worden. Wir geben die Resultate: »Die Finsterniß wird beginnen mit Monikin-Eitelkeit, die in Contakt kommt mit Wohlthätigkeit um 1 Uhr frühe. Die Wohlthätigkeit wird ganz bedeckt werden 6 Stunden 17 Minuten lang vom Anfang des Zusammentreffens an. Der Durchgang einer politischen Intrigue wird alsbald folgen, wo dann Wahrheit, Ehrlichkeit, Uneigennützigkeit und Patriotismus alle der Reihe nach werden verfinstert werden, 3 St. 4 M. nachher. Der Schatten der Eitelkeit und politischen Intrigue wird erst noch dunkler werden durch die Annäherung des Glücks, und dem wird bald ein großes pekuniäres Interesse folgen, um 10 Uhr 2 M. 1 S. und in genau 2 St. und 3–7 S. wird das ganze Princip vollständig dem Auge entzogen sein. In Folge dieses frühen Durchgangs des dunkelsten Schattens, der je vom Interesse geworfen worden, werden die übrigen Schatten des Ehrgeizes, Hasses, der Eifersucht und aller andern kleinern Trabanten des Interesses unsichtbar sein. »Das von dieser Finsterniß besonders betroffene Land ist die Republik Springniedrig, deren bekannte Verständigkeit und sonstige Tugenden vielleicht besser ihrem Einfluß widerstehen können, als sonst ein Land. Die Zeit der Verfinstrung wird sein 9 Jahre, 7 Monate, 26 Tage, 4 Stunden, 16 Minuten, 2 Secunden. Der Grundsatz wird dann dem moralischen Auge wieder erscheinen, erst durch die Annäherung des Unglücks , dessen Atmosphäre, weniger dicht, als die des Interesses, ein unvollkommenes Anschauen des verdunkelten Körpers gestatten wird; aber er wird nicht zu seinem vollkommnen Glanze hergestellt werden, bevor nicht das Elend eingetreten, dessen reinigende Farben alle Wahrheiten sichtbar machen, wiewohl durch ein düsteres Medium.« Ich starrte den Brigadier voll Verwundrung und Staunen an. Es war nichts Merkwürdiges in der Verfinstrung, selbst, es war eine alltägliche Sache; aber die Genauigkeit, womit sie berechnet worden, fügte zu den andern Phänomenen noch den schrecklichen Umstand hinzu, daß man einen Blick in die Zukunft thun konnte. Ich begann nun den ungeheuren Unterschied einzusehen, mit Wissen unter einer moralischen Verfinsterung zu leben, und ohne Wissen; das Letztere war gewiß eine Kleinigkeit gegen das Erstere. Die Vorsehung hat sehr gut für unser Glück gesorgt, indem sie uns nicht über den gegenwärtigen Augenblick hinauszusehen vergönnte. Noah nahm sich die Sache selbst noch mehr zu Herzen, als ich. Er sagte mir mit einem reuevollen und ahnenden Blick, daß wir sehr nahe der Herbst-Tag- und Nacht-Gleiche wären, wo wir dann eine natürliche Nacht von sechs Monaten haben würden, und wenn auch das wohlthätige Surrogat des Dampfes einiger Maßen das Uebel verringern würde, sei es doch immer ein böses Uebel, so lange Zeit die Sonne entbehren zu müssen. Er fände die ewige Taghelle schlecht genug; aber er glaube nicht, ihre gänzliche Abwesenheit ertragen zu können. Die Natur hätte ihn zu einem Wechselwesen, zu einem Wachablösungs-Geschöpf gemacht. Zwielicht, von dem so viel gesagt werde, sei noch schlimmer, als nichts, da es weder das eine, noch das andere wäre; er liebe die Dinge aus einem ganzen Stück. Ferner habe er das Schiff auf eine ferne Werfte geschickt, daß das gemeine Volk nicht mehr zu Kapitäne und Unteradmirale würde, und hier habe er vier Tage lang von nichts als Nüssen gelebt. Nüsse wären für Monikinphilosophie gut genug, aber er habe aus Erfahrung, daß sie für Menschenphilosophie den Teufel nichts nütze wären. So stünden die Sachen jetzt schon schlimm genug; ihn verlange nach ein wenig Pökelfleisch, das möge Jedermann wissen; es möge nicht sehr sentimental sein, aber es sei ein Kapitalessen auf der See; seine Natur sei so ziemlich nach Schwein, er glaube, die meisten Menschen hätten auf eine oder die andre Art mehr oder weniger schweinen in ihrer menschlichen Natur; Nüsse wären gut für Monikin-Naturen, aber Menschen-Natur liebe Fleisch; wenn Monikins es nicht liebten, brauchten sie es ja nicht zu essen; dann bliebe um so mehr für die, die es liebten; er verlange nach der natürlichen Nahrung, und nun gar neun Jahre in einer Finsterniß zu leben, davon könne gar keine Rede sein. Die längsten Stoningtoner Finsternisse dauerten selten über drei Stunden; er wisse von einer, die der Dechant Hochtrab ganz durchgebetet, von ihrer Erdnähe an bis zu ihrer Erdferne. Er schlage daher vor, daß ich und er ohne Weitres unsre Parlamentssitze aufgeben und das Wallroß so schnell, wie möglich, nördlich bringen sollten, damit wir nicht von der Polarnacht überfallen würden. Dem ehrenhaften Bob Schmutz aber, dem wünsche er kein größres Glück, als sein ganzes Leben zu bleiben, wo er sei, und seine acht Dollars in Nüssen täglich einzunehmen. Obwohl es unmöglich war, Noah's Gesinnungen nicht zu hören, und wenn man sie gehört, sie nicht zu würdigen, so wurde doch meine Aufmerksamkeit noch mehr durch des Brigadiers Benehmen, als durch die Jeremiade des Robbenfängers angezogen. Auf meine ängstliche Frage: ob er nicht wohl, antwortete unser würdiger- College kläglich: er trauere über das Unglück seines Landes. »Ich hab' oft den Gang der Leidenschaften beobachtet, so wie den der kleinern Beweggründe, wie sie an der Scheibe des großen Moral-Grundsatzes vorüber gehen, aber eine Verfinstrung seines Lichts durch ein pekuniäres Interesse und auf so lange Zeit ist schrecklich. Der Himmel allein weiß, was aus uns werden wird.« »Sind nicht bei allem dem diese Verfinsterungen blose Erklärungen des socialen Anhaltpunkt-Systems. Ich gestehe, diese Verdunklung, vor der Ihr so große Furcht zu haben scheint, ist bei näherem Nachdenken nicht so schrecklich, wie es anfangs erschien.« »Ihr habt ganz Recht, Sir John, was den Charakter der Verfinstrung selbst betrifft, der natürlich von dem Charakter des dazwischentretenden Körpers abhängen muß. Aber die weisesten und beßten unsrer Philosophen behaupten, daß das ganze System, von dem wir nur ein unbedeutender Theil sind, auf gewisse unwandelbare Wahrheiten von einem göttlichen Ursprung gegründet ist. Die Vordersätze, die Postulate all dieser Wahrheiten, sind eben so viele moralische Führer in Behandlung der Monikin'schen Angelegenheiten, und sobald man sie aus dem Gesicht verliert, wie dies der Fall sein wird während jener kommenden neun schrecklichen Jahre, werden wir gänzlich der Selbstsucht anheim fallen. Nun ist aber Selbstsucht nur zu furchtbar, wenn sie auch von Grundsätzen in Schranken gehalten wird; wird sie aber ihren eignen um sich greifenden Gelüsten und kühnen Sophismen überlassen, dann ist mir die moralische Perspektive schrecklich. Wir sind nur zu geneigt, unsre Augen von dem Grundsatz abzuwenden, wenn er in himmlischem Glanz und in voller Glorie vor uns scheint; so ist es denn nicht schwer, die Folgen voraus zu sehen, die aus seiner gänzlichen und andauernden Verdunklung hervorgehen müssen,« »Ihr glaubt also, daß es eine über das Interesse erhabene Regel gibt, die in Leitung der Monikin-Angelegenheiten beachtet werden sollte.« »Ohne Zweifel; in was würden wir uns denn sonst von den Raubthieren unterscheiden?« »Ich sehe nicht recht, ob dies mit den Begriffen der Staatsökonomen nach dem socialen Anhaltspunktssystem übereinstimmt oder nicht.« »Wie Ihr sagt, Sir John, es stimmt damit überein, und auch nicht. Euer sociales Anhaltspunktsystem setzt voraus, daß, wer ein sogenanntes besondres, in die Augen fallendes Interesse an der Staatsgesellschaft hat, am wahrscheinlichsten ihre Angelegenheiten weise, gerecht und uneigennützig führen wird. Dies wäre wahr, wenn die großen Principien, die an der Wurzel alles Glücks liegen, geachtet würden; aber leider! ist der fragliche Anhaltspunkt, statt ein Anhalt in Gerechtigkeit und Tugend zu sein, gewöhnlich zu einem blosen Anhalt im Eigenthum herabgewürdigt. Nun zeigt alle Erfahrung, daß die großen Eigenthums-Antriebe nur die sind, das Eigenthum zu schützen, und mit Eigenthum die Vortheile zu erkaufen, die vom Eigenthum ganz unabhängig sein sollten, nämlich: Ehren, Würden, Macht und Freiheiten. Ich kann nicht sagen, wie's bei den Menschen ist, aber unsre Geschichte ist in diesem Punkt beredt. Wir hatten das Eigenthumsprincip überall angewandt, und der Erfolg hat bewiesen, daß seine Hauptwirkung ist, das Eigenthum so unantastbar, wie möglich, zu machen, und dagegen die Knochen, Sehnen und das Mark aller derer, die nichts besitzen, zu seinen Sklaven. In der That, es hat eine Zeit gegeben, wo die Reichen frei waren von den Beiträgen zu den gewöhnlichen Bedürfnissen des Staats. Aber es ist ganz unnöthig, über diesen Gegenstand Theorieen aufzustellen; denn an jenem Geschrei in den Straßen hört man schon, die Verfinsterung beginnt, und wir werden bald nur zu viel praktische Belehrung haben.« Der Brigadier hatte Recht; ein Blick auf die Uhr, und es fand sich in der That, daß die Verdunklung schon seit einiger Zeit begonnen, und daß wir am Abhang einer vollständigen Verfinsterung des Grundsatzes standen, und zwar durch die gemeinste und schmutzigste aller Triebfedern, – das Geldinteresse. Das erste Zeichen von dem wahren Zustand der Dinge war die Sprache des Volks. Das Wort Interesse war in jedes Monikins Munde, während das Wort Grundsatz, wie billig, gänzlich aus dem Springniedriger Wörterbuch ausgelöscht schien. Die lokalen Ausdrücke in unsre Sprache überzutragen, schien die Hälfte der Landessprache in das einzige Wort Thaler zusammengedrängt: Thaler – Thaler – Thaler, nichts als Thaler. Fünfzig Tausend Thaler, – zwanzig Tausend Thaler, – hundert Tausend Thaler, drang sich auf an jeder Straßenecke. Diese Worte ertönten in allen Winkeln, auf den Landstraßen, an der Börse, in den Boudoirs, ja selbst in der Kirche. War ein Tempel zur Gottesverehrung aufgeführt worden, so war die erste Frage, wie viel er kostete. Stellte ein Künstler die Früchte seiner Mühen dem Geschmack seiner Mitbürger dar, so lispelte es unter den Schauenden, wie viel Curant-Münze der Republik wohl dafür zu bezahlen sei. Legte ein Schriftsteller die Ergüsse seines Genies denselben Richtern vor, so wurde ihr Werth auf dieselbe Art bemessen; und ein Geistlicher, der einen ernsten, aber unzeitigen Aufruf an die Mildthätigkeit seiner Landsleute erlassen, indem er zugleich die Schönheiten und Belohnungen des gottgefälligen Reichthums darlegte, ward gänzlich niedergebracht durch den Beweis, daß sein Vorschlag beträchtliche Auslagen mache, ohne klar zu zeigen, wie viel man durch das Gelangen zum Himmel gewinne. Brigadier Geradaus hatte gute Gründe für seine düstre Ahnungen. Denn alle Vorzüge, Kenntnisse und Erfahrungen, durch Jahre langes Reisen erlangt, erwiesen sich jetzt als gänzlich nutzlos. Wenn mein ehrenwerther Kollege und Reisegefährte eine Bemerkung über auswärtige Politik wagte, worauf er großes Nachdenken verwandte, antwortete man ihm mit einem Spruch aus der Börse; eine Bemerkung über eine Sache des Geschmacks gab sicher zu einer genauen Unterscheidung zwischen dem Geschmack gewisser Liqueure nebst einer spitzfindigen Untersuchung ihrer verschiedenen Preise Veranlassung; und ein Mal, als der würdige Monikin zeigen wollte, und zwar, wie mir schien, aus sehr guten Daten, daß die auswärtigen Verhältnisse große Festigkeit, eine gehörige Klugheit und viel Vorsicht verlangten, ward er vollständig von einem Gegner zum Schweigen gebracht, der nach den letzten Verkäufen den hohen Werth der Ausfuhr bewies. Kurz, man konnte keinen Gegenstand in Anregung bringen, der sich nicht auf die gewöhnliche Art in Thalern umwandeln ließ. Die Bethörung verbreitete sich von Vater auf Sohn, von Mann auf Weib, von Bruder auf Schwester, und von einem Verwandten zum andern, bis sie so ziemlich alles das umfaßte, was man gewöhnlich Staatsgesellschaft nennt. Noah fluchte bitterlich über diesen widerwärtigen Zustand der Dinge; er versicherte, er könne keine Wallnuß in einer Ecke aufkrachen, ohne daß ihm jeder Monikin die Lust, so gering sie auch wäre, mißgönnte, und Stonington, obwohl ein kleinstädtischer Ort, sei doch ein Paradies gegen Springniedrig in seinem gegenwärtigen Zustand. Es war traurig, zu bemerken, wie der Glanz der gewohnten Tugenden dunkel ward, je mehr die Verfinsterung fortdauerte, und das Auge gewöhnte sich nach und nach an das Düstre, das der Schatten vom Geldinteressen von sich warf. Ich schauderte unwillkürlich vor der offnen und unverhüllten Weise zurück, wie die Einzelnen, die sonst für ehrenwerthe Monikins gelten konnten, von den Mitteln sprachen, die sie gewöhnlich zur Erreichung ihrer Zwecke anwandten, und ihr gänzliches Vergessen des großen Princips an den Tag legten, das verhüllt war. Einer prahlte kühn, wie viel listiger er sei, als das Gesetz; ein Andrer bewies überzeugend, daß er seinen Nächsten übervortheilt, während ein Dritter, kühner oder erfahrner, die ganze Nachbarschaft betrogen. Der hatte den Vorzug der List, der der Verstellung, ein Andrer des Betrugs, und Alle den Vorzug des Erfolgs. Der Schatten warf seinen bösartigen Einfluß auf jedes Interesse des Monikinschen Lebens. Tempel wurden Gott aus Spekulation errichtet, die Regierung ward in ein Geldgeschäft verkehrt, wo Vortheil, und nicht Gerechtigkeit und Sicherheit der Zweck war; der heilige Ehestand erhielt den Anschein von Kaufen und Verkaufen, und Wenige beteten, die nicht geistige Wohlthaten mit Gold und Silber identificirten. Der Alles beherrschende Hang meines Vorfahren begann bald sich in Springniedrig zu zeigen. Viele dieser reinen und unphilosophischen Republikaner schrieen: »Das Eigenthum ist in Gefahr!« ganz so laut, als es jemals Sir Joseph Job geheult, und dunkle Anspielungen auf Revolutionen und Bayonette wurden gemacht. Aber ganz gewisse Zeichen von der Obermacht der Finsterniß und von dem schweren Druck des Geldinteresses auf dem Lande fand man in der Sprache der sogenannten »Wenigen.« Sie warfen, wie Fischweiber, Koth auf alles ihnen Entgegengesetzte, ein sichres Zeichen, daß der Geist der Selbstsucht vollständig erwacht war. Aus vieler Erfahrung halte ich dies Kennzeichen für untrüglich, daß dann das aristokratische Gefühl thätig und wach ist. Ich habe noch nie ein Land gesehen, wo eine Minderheit sich es in den Kopf setzte, sie sei allein fähig, ihren Mitbürgern Gesetze zu geben, ohne daß sie alsbald ihre Stellung dadurch zeigte, daß sie herabwürdigende Namen erfand. Darin sind die »Wenigen« wie Weiber, die, ihrer Schwäche sich bewußt, selten den Mangel an Kraft in ihren Gliedern dadurch zu ersetzen verfehlen, daß sie zur Kraft ihrer Zunge ihre Zuflucht nehmen. Der »Eine« hängt auf, die »Vielen« herrschen durch die Würde der Kraft, die »Wenigen« tadeln und schelten. Dies ist, glaub' ich, in der ganzen Welt so, nur etwa die Fälle ausgenommen, wo auch die »Wenigen« zufällig das Vorrecht des Hängens genießen. Es ist bemerkenswerth, daß die Ausdrücke »Pöbel,« »Desorganisateurs,« »Jakobiner« und »Agrarier« Es ist kaum nöthig, den Leser erst noch aufmerksam darauf zu machen, daß es nicht bewiesen ist, daß je ein Staat so sehr zur Selbstvernichtung hinneigte, um agrarische Gesetze in dem gewöhnlichen Sinn zu erlassen, in welchem engherzige Politiker sie seit dem Wiederaufleben der Wissenschaften haben darstellen wollen. Die berühmten agrarischen Gesetze zu Rom unterschieden sich nicht wesentlich von der Vertheilung unsrer militärischen Ländereien, oder vielleicht ist die Aehnlichkeit größer mit den neuern russischen Militär-Kolonie'n. Die, welche sich für die Sache interessiren, sollten Niebuhr nachschlagen. A. d. Herausgebers. unter diesem bösartigen Einfluß in Springniedrig ganz mit demselben Recht, Geschmack und Unterscheidung gegenseitig dem Einen vom Andern beigelegt wurden, wie mein Vorfahr in London sie einige Jahre früher gebraucht hatte. Gleiche Ursachen bringen bekanntlich gleiche Wirkungen hervor, und nichts gleicht so sehr einem am Eigenthums-Fieber leidenden Engländer, als ein Springniedriger Affe, der an derselben Krankheit darnieder liegt. Der durch den Schatten des Geld-Interesses auf den Stand der Parteien hervorgebrachte Einfluß war so seltsam, daß er eine besondre Erwähnung verdient. Patrioten, längst durch ihren Eifer in Unterstützung ihrer Freunde bekannt, verließen ganz offen ihre Ansprüche auf die Belohnungen des kleinen Lotterie-Rads, und gingen zum Feind über, und zwar ohne daß sie geheimnißvolle Sprünge zu Hülfe genommen. Richter Volksfreund war für den Augenblick ganz vernichtet, so daß er selbst ernsthaft an die Annahme einer zweiten Mission dachte; denn während dieser Verfinsterungen galten lange Dienste, politische Tugend, berechnete Höflichkeit und alle andre angenehme Eigenschaften eines Patrioten für Nichts, wenn sie gegen Vortheil und Verlust abgewogen werden. Es war noch sehr glücklich, daß die Springdurch-Angelegenheit ihrem Wesen nach so gut beendigt worden, wiewohl die Unruhe derer, die das Land zollweise kauften und verkauften, auch dies ihr Interesse wieder vor's Publikum brachten, indem sie verlangten, man solle einige Millionen auf Zerstörung der Kriegsmunition verwenden, damit nicht die Nation sich unvorsichtiger Weise reizen lasse, sie zu ihrem natürlichen Zweck zu gebrauchen. Die Kreuzer wurden daher in den Fluß heraufgeholt und zu Mühlen verwandt, die Flintenläufe sahen sich in Gasröhren verwandelt, und die Festungswerke wurden so schnell, wie möglich, zu Waarenhäuser und Theepflanzungen eingerichtet. Nun wurde es ziemlich Mode, zu versichern, der vorgerückte Stand der Bildung habe alle künftige Kriege ganz unmöglich gemacht. In der That, der Einfluß der Finsterniß auf die Humanität en gros war ganz eben so merkwürdig, als seine entgegengesetzte Wirkungen auf die Humanität en détail. Die öffentliche Meinung zeigte ebenfalls bald, wie gänzlich sie unter dem Einfluß des Schattens stünde. Tugend ward nach Koupons abgemessen. Die Reichen eigneten sich ohne Zaudern und auch ohne Widerstand den alleinigen Gebrauch des Wortes »ehrbar« zu, während Geschmack, Urtheil, Ehrlichkeit und Weisheit gleich Erblehen ruhig in den Besitz derer übergingen, die Geld hatten. Die Springniedriger waren ein Volk von grossem Scharfsinn und seltner Kenntniß der Einzelheiten. Jeder angesehene Mann ließ sich bald seine sociale Stellung anweisen, und die ganze Gemeinde wurde in Klassen von Hundert-Tausend-Thaler-Monikins, von Fünfzig-Tausend-Thaler u.s.w. eingetheilt. Große Kürze im Ausdruck war eine Folge dieses Zustands. Die alten Fragen: Ist er ehrlich? ist er fähig? erleuchtet? weise? ist er gut? wurden alle in den wenigen Worten begriffen: Ist er reich? – Dieser ungewöhnliche Zustand der Dinge hatte eine Wirkung, die ich nicht vorausgesehn. Alle gelderwerbende Klassen ohne Ausnahme zeigten eine große Vorliebe für, was man nennt, eine strenge Regierung, und da Springniedrig nicht nur ein Freistaat, sondern recht eigentlich eine Volksherrschaft war, fand ich, daß bei weitem der größre Theil dieser hochehrbaren Klasse mit seinem Wunsch nach einer Aendrung gar nicht zurückhielt. »Wie ist das?« fragte ich den Brigadier, den ich selten verließ; denn sein Rath und seine Ansichten waren mir besonders in dieser seltsamen Krisis von großer Wichtigkeit; »wie ist das, mein Lieber? Ich bin immer der Ansicht geneigt gewesen, daß der Handel besonders nach Freiheit verlangt; und hier sind doch alle Eure kommerciellen Interessen am lautesten in ihrem Geschrei gegen die Institutionen.« Der Brigadier lächelte, es war aber ein wehmüthiges Lächeln; denn sein Bewußtsein schien ihn ganz verlassen zu haben. »Es gibt drei große Abtheilungen unter den Politikern,« sagte er: »die, welche die Freiheit ganz und gar nicht lieben; die, welche sie nur so weit, als ihre besondre Klasse geht, lieben, und die, welche sie um ihrer Nebenmenschen willen lieben. Die Erstern sind nicht zahlreich, aber mächtig durch Kombinationen; die Zweiten bilden ein sehr unregelmäßiges Korps, da sie eigentlich Jedermann in sich einschließen, es fehlt ihnen aber nothwendig Eintracht und Zucht, da keiner über sich hinaus geht; der Dritten sind nur wenige, – ach, wie wenige! und sie bestehen aus denen, die über ihren Eigennutz hinaussehen. Nun sind die Kaufleute, die in Städten wohnen und Eintracht, Mittel und Gleichheit der Interessen haben, im Stande gewesen, sich durch ihr Ringen mit despotischer Gewalt auszuzeichnen, – eine Thatsache, die ihnen leichten Kaufs den Ruf freisinniger Ansichten verschafft hat; aber, so weit Monikin'sche Erfahrung geht, (die Menschen mögen sich vielleicht besser gezeigt haben) ist keine Regierung, die wesentlich unter dem Einfluß des Handels steht, je anders als exklusiv und aristokratisch gewesen.« Ich dachte an Venedig, Genua, Pisa, die Hanse-Städte und all die andern Plätze dieser Art in Europa, und fühlte die Wahrheit von meines Freundes Unterscheidung; zugleich mußte ich bemerken, wie vielmehr die Menschen unter dem Einfluß von Namen und Abstraktionen, als unter dem der wirklichen Dinge stehen. Dieser Ansicht stimmte der Brigadier gerne bei und bemerkte zugleich, daß eine gut ausgedachte Theorie gemeiniglich mehr auf die öffentliche Meinung wirke, als tausend Thatsachen; eine Wirkung, die er dem Umstand zuschrieb, daß die Monikins eine vorherrschende Neigung hätten, sich die Mühe des Denkens zu ersparen. Besonders überraschten mich die Wirkungen der Verdunklung des Princips auf die Beweggründe. Ich hatte oft bemerkt, wie es gar nicht sicher sei, sich auf seine eignen Beweggründe zu verlassen, und das aus zwei triftigen Gründen; erstlich, wüßten wir nicht recht, welches unsre Beweggründe, und zweitens, dies auch zugegeben, wäre es ganz unvernünftig, vorauszusetzen, unsre Freunde würden die dafür halten, die wir selbst dafür hielten. Gegenwärtig sehe jeder Monikin die Schwierigkeit ein, aber statt zu warten, bis seine Bekannten ihm als leitenden Grundsatz eine moralische Wundernatur zuschrieben, nähme er klüglich einen mäßig selbstischen Beweggrund zu seinen Handlungen, den er mit einer Einfachheit und Freimüthigkeit zugestände, welche gemeiniglich Glauben fänden. In der That, die Thatsache ein Mal zugestanden, daß der Beweggrund nicht auf eine beleidigende Art uneigennützig und gerecht sei, sei Niemand abgeneigt, auf die Pläne seines Freundes zu hören, der gemeiniglich in der Achtung steige, je mehr er scharfsinnig berechnend und listig erfunden werde. Der Erfolg von allem diesem sei, daß die Gesellschaft dadurch außerordentlich einfach und aufrichtig würde; und wer nicht an so viel Aufrichtigkeit gewöhnt und mit der Ursache unbekannt wäre, mögte leicht genug manch Mal meinen, der Zufall habe ihn in eine ungewöhnliche Verbrüderung von Künstlern versetzt, die, wie man es gewöhnlich ausdrückt, nur von ihrem Witze leben. Ich gestehe, wäre es in Springniedrig Sitte gewesen, Taschen zu tragen, ich wäre oft wegen ihres Inhalts in Besorgniß gerathen; denn so ganz und gar unsophistische Ansichten wurden unter dem Einfluß der Finsterniß so offen dargelegt, daß man unvermeidlich öfter, als angenehm war, vermogt wurde, an die Beziehungen zwischen Mein und Dein zu denken, so wie an die unerwarteten Ursachen, durch welche sie manch Mal gestört wurden. Den zweiten Tag der Verfinsterung trat eine Erledigung unter den Deputirten von Bivouac ein, und der Bewerber der Horizontalen wäre gewiß erwählt worden, wäre nicht ein mit diesen Beweggründen verbundnes Ereigniß dazwischen getreten. Das Individuum hatte vor Kurzem gethan, was in den meisten andern Ländern und unter andern Umständen für einen sehr deutlichen Beweis patriotischen Gefühls gegolten haben würde, welches aber jetzt von seinen Gegnern als ein ganz offenbares Zeichen seiner gänzlichen Unfähigkeit, ihre Interessen zu vertreten, dargestellt ward. Die Freunde des Bewerbers ließen sich erschrecken, und leugneten voll Unwillen die Beschuldigung der Perpendikularen, indem sie versicherten, ihr Monikin sei gehörig für das, was er gethan, bezahlt worden. In einer unglücklichen Stunde ließ es sich der Bewerber beikommen, vermittelst eines Handschreibens zu versichern, daß kein andrer Beweggrund, als das Verlangen auf ihn Einfluß gehabt, zu thun, was er für recht gehalten. Solch ein Mann ward für vernachlässigt in natürlichen Anlagen gehalten, und so unterlag er natürlich; denn die Springniedriger Wähler sind nicht solche Esel, daß sie die Sorge für ihre Interessen einem Manne anvertrauten, der so wenig sein eignes zu wahren verstand. Um diese Zeit brachte auch ein berühmter dramatischer Schriftsteller ein Stück zum Vorschein, wo der Held aus Patriotismus Wunder verrichtete, und zum Lohn wurde seine Arbeit alsbald verworfen. Parterre und Logen – doch stimmten die Gallerien nicht bei – entschieden, daß es ganz gegen alle Natur wäre, einen Monikin darzustellen, der auf diese unerhörte Art ohne Beweggrund sich Gefahren aussetzte. Der unglückliche Wicht änderte die letzte Scene, indem er seinen Helden durch eine gute runde Summe Geld belohnen ließ, und nun hatte das Stück einen ziemlichen Erfolg für den übrigen Theil der Saison, wiewohl ich zweifle, daß es je so populär wurde, als es der Fall gewesen, wenn man diese Vorsicht vor seiner ersten Aufführung genommen. Dreizehntes Kapitel. Wichtigkeit der Beweggründe für einen Gesetzgeber, moralische Folgerungen, Kometen, Katzen und ein Obhutsmann, nebst etwas alltäglicher Gesetzgebung, zusammen mit Ursache und Wirkung. Gesetzgebung während der Verdunklung des großen Moral-Grundsatzes durch den Vorübergang des Geldinteresses ist immer nur ein trauriges Geschäft. Es zeigte sich so bei uns ganz besonders in dieser Zeit; denn der Glanz des göttlichen Eigenthums war in beiden Häusern lange vorher durch die Dazwischenkunft verschiedner kleineren Trabanten um ein Bedeutendes gestört worden. In nichts that sich daher der klägliche Zustand der Dinge mehr kund, als in unsern legislativen Verhandlungen. Da indeß Kapitän Poke und ich, trotz unsrer verschiednen Stellungen in der Politik, immer noch mit einander umgingen, hatte ich bessere Gelegenheit, die Einwirkungen der Verdunkelung auf den scharfsinnigen Geist meines Kollegen zu beobachten, als auf die meisten andern. Er begann bald, ein geregeltes Tagebuch über seine Ausgaben zu führen, und zog immer des Abends den Betrag derselben von den acht Thalern ab, indem er hernach die Bilanz als reinen Gewinn betrachtete. Seine Unterhaltung auch verrieth bald ein Hinneigen zu seinen persönlichen Interessen, statt den erhabenen Flug zu haben, der die Sprache eines Staatsmannes charakterisiren sollte. Er stellte ziemlich dogmatisch den Satz auf, daß die Gesetzgebung doch immer Arbeit sei, daß jeder Arbeiter seines Lohnes werth, und er nicht sehr geneigt sei, die Mühen und Beschwerden, Gesetze machen zu helfen, zu ertragen, wenn er nicht mit einiger Gewißheit sähe, daß etwas dadurch gewonnen werde. Er dachte, Springniedrig habe jetzt schon Gesetze genug, mehr, als es achte und ausführe; und wenn es deren noch mehr brauche, müsse es dafür bezahlen. Er würde die erste Gelegenheit ergreifen, vorzuschlagen, daß unser aller Sold, – oder auf jeden Fall der seinige; Andre mögten thun, was sie wollten, – wenigstens um zwei Thaler täglich erhöht würde, und zwar, wenn er im Hause säße; denn ich sollte dann als Amendement vorschlagen: noch ein Mal so viel sollte den Kommitteen verabreicht werden. Er halte es nicht für billig, von Jemand zu verlangen, er solle für Nichts Kommittee-Mitglied sein, wiewohl die Meisten es für Nichts wären, und wenn wir so zwei Wachen übernehmen sollten, sei das Geringste, was für uns geschehen könnte, doppelter Sold. Er sagte, aus dem günstigsten Gesichtspunkt betrachtet, sei doch immer viel Sinnen und Brüten bei der Gesetzgebung, und viel Kopfzerbrechen, und er werde nie wieder derselbe Mann sein, der er vor seinem Eingehen in dieses Geschäft gewesen; er versicherte mich, seine Gedanken seien manch Mal so verwirrt, daß er nicht wisse, wo gerade der zu finden, den er brauche, und er habe sich tausend Mal einen Schweif gewünscht, seit er im Hause wäre; denn wenn er dessen Ende in der Hand gehalten, gleich einem Stück Tau, habe er immer etwas Handgreifliches, sich daran zu halten, gehabt. Er sagte mir als ein großes Geheimniß, er sei wirklich müde, so in seinen Gedanken nach der nöthigen Kenntniß herumzusuchen, um zu verstehen, was vorginge, und er habe sich wirklich für die übrige Zeit der Session unter die Obhut eines Führers begeben. Er habe nach einem passenden Flügelmann dieser Art sich umgesehen, und er sei so ziemlich entschlossen, den Zeichen des Anführers der Perpendikularen, gleich den Uebrigen, zu folgen; denn es würde in den Reihen weniger Verwirrung hervorbringen und ihm viele Mühe, selbst zu einer Ansicht zu kommen, ersparen. Er wisse übrigens nicht anders, als acht Thaler mögten schon eine artige Pfründe abwerfen, besonders wenn er alles Denken seinem Führer anheim geben und seine Aufmerksamkeit auf etwas Anders richten könnte. Er gedächte, seine Reisen zu beschreiben; denn er sehe, Alles aus der Fremde laufe gleich einem Leuchtfeuer umher, und wenn es auch nicht gelinge, könne er immer zu seinem Lebens-Unterhalt Charten entwerfen. Ich muß wohl erklären, was Noah unter einem solchen Führer, den er sich anwerben wollte, verstand. Ein solcher Führer oder Gottgleicher, wie ihn die Springniedriger Politik nennt, hat einige Aehnlichkeit mit einem Heiligen im katholischen Kalender; das heißt, er wird kanonisirt, nachdem er durch ein gewisses Maaß von Versuchung und Laster mit heiler Haut durchgekommen, nachdem seine Sache einige Jahre vor den obersten Autoritäten seiner Partei plaidirt worden, und gewöhnlich, nachdem er einen ziemlichen Vorgeschmack vom Fegfeuer hat. Ist indeß die Kanonisation erreicht, dann ist Alles bei ihm leichtes, ruhiges Hinsegeln; es wird ihm selbst, so sonderbar es auch erscheinen mag, ein großer Theil seines früheren Kopfbrechens, wie Noah es ausdrückte, erspart; denn nichts macht es Einem so leicht in dieser Hinsicht, als wenn man für Alle denken muß. Das Denken in Gesellschaft, wie das Reisen in Gesellschaft, verlangt, daß wir einige Rücksicht nehmen auf die Wünsche, auf die Ansichten der Andern; aber wer carte blanche für seine Gedanken erhält, gleicht dem befreiten Vogel und darf hinfliegen, in welcher Richtung es ihm gefällt, und darf vertrauen, daß, wie er auch verfährt, seine Ohren von des gewöhnlichen Reisenden Ruf begrüßt werden: »Es ist Alles wohl.« Ich kann am besten die Operation eines solchen Gottgleichen und seiner Anhänger mit der Wirkung der lokomotiven Kraft und ihres Anhangs auf einer Eisenbahn vergleichen. Wie jene geht, folgt dieser; schneller oder langsamer, – dem Impuls wird gefolgt; wenn der Dampf hoch ist, fliegen sie; wenn das Feuer aus ist, kriechen sie dahin, und zwar mit ziemlich ungleicher Bewegung. Bricht eine Klammer, dann müssen die, welche eben noch, ohne die geringste Bemühung ihrerseits, dahin gefahren sind, aussteigen und die Ladung vorwärts drücken, so gut sie können, häufig mit sehr reuevollen Gesichtern und auf sehr schmutzigen Wegen. Die Karren gehen dahin, ganz wie die lokomotive Kraft geht, alle Ausbiegungen werden nothwendig nachgemacht; es ist ganz, wie man nothwendig voraussehen kann, wenn zwei Körper an einander gekettet werden, und die ganze bewegende Kraft nur einem von ihnen gegeben wird. Ein Gottgleicher in Springniedrig ist ferner gewöhnlich ein Rathsherr. Einen solchen moralischen Fortschlepper wollte Noah aufsuchen, damit auch er, ohne Anstrengung für sich selbst, durch seine Amtsgeschäfte geschleppt würde; ein Mittel, wie der alte Robbenfänger es ausdrückte, das gewisser Maßen seinen natürlichen Mangel an einem Schweif gut machen würde, indem es ihn selbst nur zu einem Schweif machte. »Ich denke, Sir John,« sagte er, »dies ist die Ursache, warum die Springniedriger sich abstümpfen; sie finden es passender, die Führung ihrer eignen Angelegenheiten einem dieser Gottgleichen zu überlassen und wie ein Kometenschweif seinem Impuls zu folgen, was es ganz unnöthig macht, einen andern Schweif noch zu haben.« »Ich verstehe Euch; sie schneiden ab, die Tautologie zu vermeiden.« Noah sprach selten von einem Plan, bis er sich gehörig entschieden hatte, und die Ausführung folgte gewöhnlich bald dem Vorsatz. Das nächste Mal, als ich daher wieder etwas von ihm hörte, war er schon unter der Obhut, wie er's nannte, eines der ausgezeichnetsten Rathsherrn. Begierig zu erfahren, wie ihm der Versuch gefalle, lenkte ich nach Verlauf einer Woche seine Aufmerksamkeit durch Fragen geradezu wieder auf den Gegenstand. Er sagte mir, es sei die angenehmste Art der Gesetzgebung, die je erdacht worden. Er sei jetzt vollkommen Herr seiner Zeit, und in der That mache er jetzt eine Charte für die Springniedriger Marine, eine Arbeit, die ihm wohl eine gute runde Summe einbringen würde, da Kürbisse wohlfeil seien, und er in den Polar-Seen nur die Monikin'schen Gewährsmänner kopire, über diese hinaus aber ziemlich seinen eignen Weg gehe. Was die Große Allegorie betreffe, wenn er darüber oder sonst über einen zu entscheidenden Punkt einen Wink brauche, so frage er, nur, was sein Gottgleicher davon halte, und stimme dem gemäß. Auch spare er dadurch viel Athem in seinen Streitigkeiten außerhalb des Hauses; denn da er und die übrige Klientel dieses Rathsherrn officiell ihren Patron mit allen ihren eignen Patenten versehen, habe dieser eine solche Anhäufung von Einsicht erlangt, daß sie gewöhnlich jeden Gegner durch das bloße Anführen seiner Autorität zu Boden schlügen. Dies ist die Meinung von dem und dem Haupt, sei gewöhnlich hinreichend; sein Gottgleicher könne nullificiren, mollificiren und qualificiren, und diese drei iren halte er für die Haupterfordernisse eines Springniedriger Gesetzgebers. Doch gab er zu, einiger Schein von Unabhängigkeit sei nöthig, um selbst der Meinung eines Gottgleichen Werth zu geben; denn die Monikins-Natur empöre sich gegen Alles, was einer totalen geistigen Abhängigkeit ähnele, und er sei auch fest entschlossen, für sich über eine Frage zu denken, die gerade an diesem Tag entschieden werden sollte. Der Fall, wovon der Kapitän sprach, war dieser. Die Stadt Bivouac war in drei ziemlich gleiche Theile eingetheilt, die von einander durch zwei Strecken Marschländer getrennt wurden. Der eine Stadttheil war eine Art Insel, die beiden andern befanden sich an den respektiven Gränzen des niedern Landes. Es war sehr wünschenswerth, daß diese verschiedenen Theile der Hauptstadt durch Landstraßen verbunden würden, und ein Gesetzesvorschlag war auch zu diesem Zweck vor das Haus gebracht worden. Jedermann in und außer dem Hause war dafür; denn die Landstraßen waren gewisser Maßen unentbehrlich geworden. Der einzige bestrittene Punkt war die Länge der fraglichen Arbeiten. Wer nur wenig mit gesetzgebenden Versammlungen bekannt ist, und wer nie die Wirkungen von einer Verdunklung des großen Moralprincips durch die Scheibe des pekuniären Interesses erfahren, würde wahrscheinlich voraussetzen, daß das Ganze deutlich vorlag, und daß wir nur ein Gesetz zu geben brauchten, das die Ausdehnung der Landstraßen so weit gebot, als das Staatswohl es nöthig machte. Aber das sind nur Abc-Schützen in den Monikin'schen Angelegenheiten. Die Sache war, es wirkten hier ganz eben so viele verschiedene Ansichten und Interessen, als Landeigenthümer in der Straßenlinie waren. Der große Plan war, in das so genannte Geschäftsquartier der Stadt vorzudringen, und dann mit den Arbeiten so weit vorzurücken, als die Umstände erlaubten. Wir hatten Vorschläge vor uns zu Gunsten von tausend Fuß bis zu zehn tausend. Jeder Zoll wurde mit eben so vieler Heftigkeit verfochten, als sei es eine wichtige zu vertheidigende Bresche, und Kombinationen und Konspirationen waren so reif, als wären wir mitten in einer Revolution. Lange blieb der Sieg zweifelhaft, doch siegte endlich die Ansicht der Horizontalen, das ganze Werk bis an die beiden Extreme fortzubauen, und hier schlug sich auch Noah zu uns. Den Ausschlag gab aber eigentlich, daß all die geschlagnen Interessen und Parteien zuletzt sich mit uns, die die schwächste Seite bildeten, vereinten, mit andern Worten, daß sie zur guten Sache übergingen, die hier, wie überall, die schwächste war, und so gab Springniedrig das seltene Beispiel, daß ein tüchtiges Gesetz während der Verfinsterung des so oft genannten Moralprincips erlassen ward. Dieses Princip, wie ich schon früher hätte sagen sollen, wurde auch Postulat genannt, wie denn dies gewöhnlich bei noch bestrittenen Sätzen ist. Nicht sobald war der Erfolg bekannt, als mein würdiger Kollege zu der Horizontal-Seite des Hauses kam, um seine Zufriedenheit mit sich selbst über den eben eingeschlagenen Gang zu bezeugen. Er sagte, es sei freilich sehr bequem und Arbeit ersparend, einem Gottgleichen zu folgen, und er rücke mit seinen Charten nur um so besser voran, da er alle seine Aufmerksamkeit jetzt darauf verwenden könne; aber es sei doch etwas, er wisse nicht was, so ein Stoningtoner Gefühl, wenn man thäte, was man für recht halte, und das mache denn auch, daß er sich freue, für die ganze Straße gestimmt zu haben. Er kenne das Land von Springniedrig gar nicht, und daher schließe er, was er gethan, sei das Beste; auf jeden Fall, wenn er nichts dabei gewonnen, habe er auch nichts dabei verloren, und er hoffe, Alles werde gut enden. Die Leute auf der Insel freilich hätten schön gesprochen, was sie für die thun wollten, die ihre Interessen unterstützten; aber er sei einer Curant-Münze in Promessen überdrüssig, und schöne Worte, in seinem Alter, seien nicht viel werth, und so habe er wohl ganz recht gethan, wie er gethan. Er denke, Niemand könne seine Abstimmung in Frage stellen; denn er sei jetzt noch eben so arm und so übel daran, nun, da er gestimmt, als während seines Ueberlegens. Er werde sich jetzt nicht mehr scheuen, dem Dechanten Snort und auch dem Pfarrer offen in's Gesicht zu sehen, wenn er nach Hause käme, ja selbst der Mad. Poke. Er wisse, was das heiße, ein rein Gewissen haben; denn Niemand wisse so gut, was das sei, ohne Etwas sein, als die den Mangel durch Erfahrung empfunden hätten. Sein Führer sei ein sehr arbeitersparender Führer; aber er habe bei'm Nachforschen gefunden, er sei von einem andern Theile der Insel gekommen, und kümmere sich nicht im geringsten darum, auf welche Weise sein Katzenschweif (so nannte Noah die Klientel) stimme. Kurz, es solle jetzt ein Mal Jemand etwas gegen ihn sagen, und deßwegen sei er froh, eine Gelegenheit gehabt zu haben, seine Unabhängigkeit zu zeigen; denn seine Feinde hätten schnell bemerkt, daß seit einiger Zeit er wenig besser, als ein Sprachrohr gewesen, um alles, was sein Führer wünschte, auszuposaunen. Er schloß damit, er könne es nicht länger ohne Fleisch irgend einer Art aushalten, und bat, ich möchte einen Vorschlag unterstützen, den er zu machen gedenke, nach welchem geregelte substantielle Nahrung dem ganzen menschlichen Theile des Hauses ausgetheilt werden sollte. Seine Natur sei so ziemlich schweinen; die nicht menschlichen möchten noch immer von Nüssen leben, wenn es ihnen beliebte. Ich sprach gegen das Projekt der Rationen; ich rief seinen Stolz auf, indem ich zeigte, daß wir für wenig besser als Thiere gehalten werden würden, wenn wir Fleisch äßen, und rieth ihm, der Abwechslung wegen einige seiner Nüsse rösten zu lassen. Nach langen Ueberredungen versprach er ferneres Fasten, wiewohl er mit einem seltsam fleischgierigen Blick um seinen Mund wegging, mit einem Auge, das in jedem seiner Blicke schweinen sprach. Ich befand mich den folgenden Tag zu Hause, beschäftigt mit meinem Freunde, dem Brigadier, die große National-Allegorie durchzusehn, in der Absicht, jedes künftige unwillkürliche Versehen zu vermeiden, indem ich wieder etwas daraus anführte, – als Noah wüthig, wie ein Wolf, der von einer ganzen Meute Hunde gebissen worden, in's Zimmer stürzte. Dies war auch gewisser Maßen seine Lage; denn seiner Erzählung nach war er jenen Morgen selbst in den öffentlichen Straßen von jedem Monikin, jeder Monikina und jedem Monikino, von Hund und Bettler, herumgehetzt worden. Erstaunt, daß mein Kollege in diese Ungnade bei seinen Konstituenten gefallen sein sollte, war ich nicht langsam, ihn um nähere Erklärung zu bitten. Der Kapitän versicherte, es sei über alle Erklärung hinaus, die er nur geben könnte. Er hätte in der Sache mit den Landstraßen ganz nach dem Eingeben seines Gewissens gestimmt, und doch klage ihn hier die ganze Bevölkerung der Bestechung an; ja selbst die Zeitungen hätten ihn wegen, wie sie es nannten, seiner frechstirnigen, augenscheinlichen Bestechlichkeit geschmäht. Hier legte uns der Kapitän sechs oder sieben der Hauptzeitungen von Bivouac vor, in denen allen seine letzte Abstimmung ganz mit eben so wenig Ceremonie behandelt ward, als wenn sie ein offenbarer Schafdiebstahl gewesen. Ich blickte meinen Freund, den Brigadier, wegen einer Erklärung an. Nachdem dieser über die Zeitungsartikel hingeblickt, lächelte er und sah unsern Kollegen mitleidig an. »Ihr habt da in der That einen großen Fehler begangen, mein Freund,« sagte er, »einen Fehler, der selten in Springniedrig vergeben wird, ja vielleicht niemals während der Verfinsterung des großen moralischen Postulats, wie dies jetzt der Fall ist.« »Sagt mir mit einem Male meine Sünden heraus, Brigadier,« schrie Noah mit dem Blick eines Märtyrers, »und macht meiner Pein ein Ende!« »Ihr habt vergessen, einen Beweggrund für Eure Stellung während der letzten heißen Verhandlung anzuführen, und so schreibt denn die Gemeinde Euch das Schlimmste zu, was nur Monikin'scher Scharfsinn erdenken kann. Solch ein Versehen würde selbst einen Gottgleichen verderben.« »Aber, mein theurer Geradaus,« wandte ich begütigend ein, »von unserm Kollegen muß in diesem Fall angenommen werden, er habe nach Grundsätzen gehandelt.« Der Brigadier sah auf, und fuhr mit der Nase in der Luft herum, wie ein junger Hund, der noch nicht die Augen geöffnet, und dann gab er zu verstehen, er könne die genannte Eigenschaft nicht sehen, da sie durch das Vorübergehen der Scheibe des pekuniären Interesses gänzlich verdunkelt werde. Ich begann nun den Fall zu begreifen, der in der That weit wichtiger war, als ich im Anfang möglicher Weise hätte glauben können. Noah selbst schien bestürzt; denn er war wohl, denk' ich, auf das einfache und natürliche Mittel verfallen, sich zu fragen, was er selbst von dem Benehmen eines Kollegen gedacht hätte, der seine Stimme über einen so gewichtigen Punkt gegeben haben würde, ohne einen Beweggrund hinzuzufügen. »Hätte der Kapitän wenigstens noch einen Fuß breit Land am Ende der Heerstraße besessen,« bemerkte der Brigadier traurig, »dann hätte man noch die Sache in's Reine bringen können; aber wie die Dinge jetzt sind, ist es ohne Zweifel ein sehr unglücklicher Fall.« »Aber Sir John stimmte mit mir, und er ist eben so wenig ein Gutsbesitzer in Springniedrig, wie ich selbst.« »Wahr, aber Sir John stimmte mit der Masse seiner politischen Freunde.« »Nicht alle Horizontale waren in der Majorität; denn wenigstens zwanzig stimmten bei dieser Gelegenheit mit der Minorität.« »Freilich, doch hatte jeder von ihnen einen in die Augen fallenden Beweggrund. Der hatte ein Stück an der Seite der Straße, der hatte Häuser auf der Insel, und ein Andrer war der Erbe eines großen Landeigenthümers an demselben Punkt der Straße. Jeder und Alle hatten ihre besondre und bestimmte Interessen dabei, und keiner machte sich so großer Schwäche schuldig, daß er seine Sache durch die extravagante Anmaßung bloser Grundsätze hätte vertheidigen wollen.« »Mein Führer, der größte aller Ratsherren, verabschiedete sich, und stimmte gar nicht.« »Blos, weil er keinen rechten Grund hatte, um irgend einen einzuschlagenden Weg zu rechtfertigen. Kein Monikin kann im Staatsdienst erwarten, dem Tadel zu entgehen, wenn er es nicht seinen Freunden möglich macht, einen annehmlichen und verständlichen Beweggrund für sein Betragen anzuführen.« »Wie, Sir, kann man nicht ein Mal in seinem Leben eine Handlung thun, ohne wie ein Pferd oder Hund gekauft zu sein, und doch mit einem Zoll Charakter davonkommen?« »Ich kann nicht sagen, was Menschen thun können,« entgegnete der Brigadier, »ohne Zweifel machen sie es darin besser, als es hier geschieht; aber so weit Monikins davon betroffen werden, gibt es keinen Weg, der sichrer den gänzlichen Verlust des Charakters nach sich zieht, – ja selbst für den Ruf des Verstandes so vernichtend ist, als ohne einen guten, in die Augen fallenden, substantiellen Beweggrund zu verfahren. »Um's Himmels willen, was muß geschehen, Brigadier?« »Ich sehe kein andres Mittel, als abzudanken. Eure Konstituenten müssen nothwendiger Weise alles Vertrauen auf Euch verloren haben; denn einer, der so offenbar seine eigne Interessen vernachlässigt, kann nicht wohl als sehr fest in Schützung der Interessen Andrer angesehen werden. Wenn Ihr noch mit dem wenigen Charakter, der Euch geblieben, davonkommen wollt, müßt Ihr ohne Weitres abdanken.« Noah machte aus der Noth eine Tugend, und nach einigem weitern Besprechen zwischen uns, schrieb er seinen Namen unter folgenden Brief an den Präsidenten, wie er ihm auf der Stelle vom Brigadier aufgesetzt worden. »Herr Präsident!« »Der Zustand meiner Gesundheit nöthigt mich, das hohe politische Amt, das mir von den Bürgern von Bivouac anvertraut worden, in die Hände zurückzulegen, aus denen ich es empfangen. Indem ich meine Abdankung eingebe, wünsche ich, meine große Betrübniß zu bezeugen, mit der ich von Kollegen scheide, die in jeder Hinsicht der tiefsten Verehrung und Achtung würdig sind. Ich bitte, Sie versichern zu dürfen, daß, welches auch künftig mein Geschick sein wird, ich immer die tiefste Hochachtung vor jedem verehrlichen Mitglied haben werde, mit dem zu dienen ich das Glück gehabt. Die Emigranten-Sache besonders wird mir immer am nächsten am Herzen liegen.« Unterzeichnet Noah Poke. Der Kapitän unterzeichnete diesen Brief nicht ohne manchen Seufzer und verschiedene Ausbrüche des Ehrgeizes; denn selbst ein irrender Politiker weicht der Nothwendigkeit nur mit Kummer. Nachdem er jedoch das Wort Emigranten-Sache in Immigrunten – (Robben-)Sache umgewandelt, machte er zu der Geschichte so gute Miene, wie möglich, und schrieb die verhängnißvolle Unterschrift. Er verließ dann das Haus und erklärte, er beneide nicht so gar sehr seinem Nachfolger den Sold, da man ja nur Nüsse für das Geld haben könnte, und er selbst fühle sich so darnieder, wie er glaube, es etwa mit Nebukadnezar der Fall gewesen sein müsse, als er genöthigt worden, auf allen Vieren zu gehen und Gras zu essen. Vierzehntes Kapitel. Einige Erklärungen, – ein menschlicher Appetit,– ein Mittagessen und ein Trinkgeld. Der Brigadier und ich blieben zurück, die Hauptpunkte des unerwarteten Auftritts zu besprechen. »Ihr strenges Verlangen nach Beweggründen, mein Lieber,« bemerkte ich, »beschränkt doch gar sehr die Springniedriger politische Moralität, und setzt sie dem gesellschaftlichen Anhaltspunkt-System bei uns gleich.« »Sie Beide, das ist richtig, haben zur Krücke die persönlichen Interessen; jedoch ist zwischen ihnen der Unterschied der Interessen eines Theils und der des Ganzen.« »Und könnte ein Theil weniger richtig handeln, als das Ganze in diesem Fall gehandelt hat?« »Sie vergessen, daß sich Springniedrig gerade in diesem Augenblick unter einer moralischen Verfinsterung befindet; ich will nicht damit sagen, daß diese Verfinsterungen nicht so oft vorfallen, aber sie fallen in andern Theilen des Landes so oft vor, wie hier. Wir haben drei große Arten, die Monikin'schen Angelegenheiten zu leiten: durch Einen, durch Wenige, durch Viele – –« »Ganz dieselbe Eintheilung besteht bei den Menschen,« fiel ich ein. »Einige unsrer Verbesserungen wirken auch rückwärts, das Zwielicht geht ja dem Lauf der Sonne nicht nur voraus, sondern folgt ihm auch;« entgegnete ganz ruhig der Brigadier. »Wir denken, die Vielen brächten's am nächsten in Verhindrung des Uebels, wiewohl wir auch diese für gar nicht unbefleckt halten. Gibt man zu, daß die Neigung zum Bösen in diesen drei Systemen gleich ist, (was wir indessen nicht zugeben, da wir der Meinung sind, unseres habe deren am wenigsten), so behauptet man doch, daß die Vielen einer großen Quelle des Drucks und der Ungerechtigkeit entgehen; sie brauchen nämlich nicht die schwierigen Vorkehrungen zu treffen, die die physische Schwäche zu machen gezwungen ist, um sich gegen physische Stärke zu wahren.« »Das stößt eine sehr vorherrschende Ansicht unter den Menschen um, Sir, die gewöhnlich behaupten, die Tyrannei der Vielen sei die schlimmste von allen.« »Diese Idee hat sich nur verbreitet, weil der Löwe nicht sich hat abkonterfeien lassen wollen. Da Grausamkeit gewöhnlich im Geleite der Feigheit geht, so ist Unterdrückung, neun Mal unter zehn; das Ergebniß der Schwäche. Es ist natürlich, daß die Wenigen die Vielen fürchten, nicht aber umgekehrt. Sodann werden unter Institutionen, worin die Vielen regieren, gewisse auf natürliche Gerechtigkeit gegründete Grundsätze offen anerkannt, und es ist wirklich selten, daß sie nicht auf die Staatsverhandlungen Einfluß haben. Andrerseits verlangt die Regierung der Wenigen, daß diese selben Wahrheiten entweder entstellt oder ganz unterdrückt werden, und die Folge davon ist Ungerechtigkeit.« »Aber alle Eure Ansichten über die Vielen und Wenigen angenommen, Brigadier, müßt Ihr doch zugeben, daß hier in Eurem geliebten Springniedrig selbst die Monikins ihre eignen Interessen um Rath fragen, und das heißt doch nach dem Grundprincip des großen europäischen socialen Anhaltpunkt-Systems verfahren.« Das heißt, die Güter der Welt sollten das Mittel zur politischen Macht sein. An der traurigen Verwirrung, die in diesem Augenblick unter uns herrscht, Sir John, müßt Ihr bemerken, daß wir eben nicht unter den heilsamsten aller politischen Einflüsse stehen. Ich gebe es zu, daß das große Erforderniß der Staatsgesellschaft ist, durch gewisse große moralische Wahrheiten beherrscht zu werden. Die Folgerungen und Korollarien aus diesen Wahrheiten sind Grundsätze, die vom Himmel kommen; nun ist aber nach Monikin'schen Dogmen die Liebe zum Geld von der Erde, irdisch, und bei'm ersten Anblick möchte es nicht ganz sicher sein, solch einen Antrieb als leitendes Princip für einen Monikin anzunehmen, und durch leichte Schlußfolge auch nicht für Viele. Ihr müßt auch bedenken, daß, wenn nur die Reichen Macht haben, beherrschen sie nicht allein ihr Eigenthum, sondern auch das derer, die weniger haben. Euer Grundsatz setzt voraus, daß bei Besorgung seiner eignen Besitzthümer der begüterte Wähler auch Sorge für das haben muß, was der übrigen Gemeinde gehört; aber unsre Erfahrung zeigt, daß ein Monikin ganz außerordentlich für sich Sorge haben und doch sich sehr wenig um seinen Nächsten bekümmern kann.« »Ihr werft Alles um, Brigadier, ohne etwas besser zu finden.« »Nur, weil es leicht ist, Alles umzustoßen, und sehr schwer, etwas Besseres zu finden. Aber in Hinsicht des Fundaments der Staatsgesellschaft, bezweifle ich nur, ob es weise, eine Befähigung aufzustellen, die, wie wir Alle wissen, auf schlechtem Grunde beruht. Ich fürchte sehr, Sir John, daß, so lange Monikins Monikins sind, wir nie ganz vollkommen sein werden, und in Hinsicht Eures socialen Anhaltpunkt-Systems mein' ich, daß, da die Gesellschaft aus Allen besteht, es nicht übel sein mag, wenn wir hören, was Alle über ihre Leitung zu sagen haben.« »Vielen Menschen und wohl auch vielen Monikins darf man die Leitung ihrer eignen Angelegenheiten nicht anvertrauen.« »Sehr wahr; aber daraus folgt nicht, daß andre Menschen und andre Monikins deßwegen ihre eignen Interessen aus dem Gesichte verlieren werden, wenn man sie als ihre Stellvertreter hinstellt. Ihr seid lang genug Gesetzgeber gewesen, um einen Begriff zu bekommen, wie schwer es ist, einen eigentlichen und verantwortlichen Stellvertreter zur gehörigen Achtung der Interessen und Wünsche seiner Konstituenten zu bringen, und Thatsachen werden Euch beweisen, wie wenig der wohl an Andre denken wird, der als ihr Herr zu handeln vermeint und nicht als ihr Diener.« »Das Ergebniß aus allem dem, Brigadier, ist, daß Ihr wenig an Monikin'sche Uneigennützigkeit in irgend einer Gestalt glaubt, daß Ihr meint, Jeder, der Gewalt hat, werde sie mißbrauchen, und so wollt Ihr denn das Anvertraute vertheilen, um auch die Mißbräuche zu theilen; daß ferner die Liebe zum Geld eine irdische Eigenschaft ist, der man für Leitung eines Staats nicht trauen darf, und endlich, daß das sociale Anhaltpunkt-System durch und durch schlecht ist, dieweil es nur ein Princip durchführt, das für sich selbst mangelhaft ist.« Mein Freund gähnte, als mögte er gerne hiemit die Sache beruhen lassen; ich wünschte ihm guten Morgen und ging die Treppe hinauf, Noah zu suchen, dessen fleischverzehrende Blicke mir beträchtliche Unruhe gemacht hatten. Der Kapitän war aus, und nachdem ich eine oder zwei Stunden nach ihm gesucht hatte, kehrte ich in unsre Wohnung müde und hungrig zurück. Nicht weit von der Thüre stieß ich auf Richter Volksfreund, der geschoren und niedergeschlagen war, und ich stand stille, ihm ein tröstendes Wort zu sagen, ehe ich die Leiter hinaufstiege. Man konnte nicht anders, wenn man einen Herrn sah, den man in guter Gesellschaft und unter bessern Umständen getroffen, der jetzt jedes Haar von seinem Leibe geschoren, und dessen Fleisch noch blutete von der frischen Amputation, in dessen Miene ferner republikanische Demuth lag, man konnte nicht anders, man mußte ihn trösten wollen. Ich drückte ihm deßwegen mein Beileid so kurz, wie möglich, aus und ermuthigte ihn mit der Hoffnung, er werde bald einen neuen Flaum kommen sehen, enthielt mich jedoch jeder Hinweisung auf seinen Schweif, dessen Verlust, wie ich wußte, unersetzlich war. Zu meinem größten Erstaunen antwortete jedoch der Richter freudig und legte für den Augenblick jeden Anschein von Selbsterniedrigung und Demuth ab. »Wie ist das?« rief ich, »Ihr seid also nicht unglücklich?« »Weit gefehlt, Sir John! ich hatte nie mehr Muth und bessere Aussichten in meinem Leben.« Ich erinnerte mich der außerordentlichen Weise, wie der Brigadier Noah's Haupt gerettet, und war vollständig entschlossen, nicht über irgend eine Darlegung Monikin'schen Scharfsinns erstaunt zu sein. Doch bat ich um einige Erklärung. »Es mag Euch seltsam verkommen, Sir John, einen Politiker zu finden, der dem Anschein nach in der Tiefe der Verzweiflung liegt, und doch am Vorabend glorreicher Erhebung steht. So ist's aber doch mit mir. In Springniedrig gilt Demuth Alles. Der Monikin, der Acht hat, und oft genug wiederholt, daß er der ärmste Teufel ist, gänzlich unfähig zum geringsten Amt im Lande, und sonst auch aus der Staatsgesellschaft gänzlich erstoßen zu werden verdiente, der kann sich mit Recht auf gutem Weg zu den Würden glauben, zu deren Erlangung er sich als den Unwürdigsten erklärt.« »Dann braucht er also nur zu wählen, und am lautsten gerade für ein solches Amt seine Unfähigkeit auszuschreien.« »Ihr habt Talente, Sir John, und würdet es weit bringen, wenn Ihr nur bei uns bleiben wolltet,« sagte der Richter zunickend. »Ich begreife jetzt Euer Verfahren; Ihr seid also weder unglücklich, noch demüthig.« »Ganz und gar nicht. Für Monikins meiner Art ist es am wichtigsten, eher Alles zu scheinen, als es zu sein. Meine Mitbürger begnügen sich gewöhnlich mit diesem Opfer, und da jetzt das Moralprincip verdunkelt ist, ist nichts leichter.« »Aber wie kommt's, Richter, daß Ihr mit Eurer Behendigkeit und Schnelle in allen Sprüngen und Gyrationen dazu gezwungen seid; sollte vielleicht der kleine Umstand mit Eurem Schweif?« Der Richter lachte mir gerade in's Gesicht. »Ich sehe, Ihr begreift uns doch immer noch nicht recht. Hier haben wir die Schweife als antirepublikanisch verbannt, da beide Meinungen sich dagegen erhoben, und doch kann auswärts ein Monikin einen tragen eine Meile lang, ohne Gefahr, nur muß er sich, kommt er nach Hause, einer neuen Verstümmlung unterwerfen und schwören, er sei der elendeste Wicht von der Welt. Lobt er dann noch die Hunde und Katzen in Springniedrig, dann, guter Gott! würden sie ihm selbst Hochverrath verzeihen.« »Ich begreife jetzt Eure Politik, Richter, wenn auch nicht Eure Staatspolitik. Da Springniedrig eine Volksherrschaft ist, müssen nothwendig seine politischen Agenten volksthümlich sein. Da nun die Monikins natürlich an ihren eignen Vortrefflichkeiten sich ergötzen, macht nichts sie so geneigt, Andern zu glauben, als deren Versicherung, sie seien schlechter, als sie.« Der Richter nickte und lachte. »Aber noch ein Wort, mein Lieber! Da Ihr die Hunde und Katzen von Springniedrig zu preisen gezwungen seid, so gehört Ihr wohl zu der Schule von Katzenbegünstigern, die sich wegen ihrer Liebe zu diesen Vierfüßlern dadurch rächen, daß sie ihre Mitgeschöpfe wie Ratten benagen.« Der Richter fuhr auf und schaute um sich, als fürchte er einen Taschendieb. Dann bat er mich ernstlich, seine Stellung zu berücksichtigen, und lispelte mir zu, daß des Volks Sache bei ihm heilig wäre, und er selten von ihm spräche ohne Verbeugung. Seine besondre Vorliebe für die Hunde und Katzen rühre auch von nichts Anderm her, nicht von einem eigenthümlichen Verdienst dieser Thiere, sondern blos daher, weil sie des Volkes Hunde und Katzen wären. In der Furcht, ich könnte noch etwas Unangenehmeres sagen, nahm der Richter eilig Abschied, und ich sah ihn nie wieder. Ich zweifle jedoch nicht, daß zu rechter Zeit sein Haar wieder wuchs, wie er in Gunst, und er bei allen passenden Gelegenheiten Mittel fand, die gehörige Schweiflänge wieder zu erhalten. Jetzt zog ein Auflauf in den Straßen meine Aufmerksamkeit auf sich; ich näherte mich, und ein Kollege, der sich dort befand, erklärte mir gütigst die Ursache. Einige Springhocher hatten, wie es schien, nach Springniedrig Reisen gemacht, und, nicht zufrieden mit dieser Freiheit, hatten sie auch wirklich Bücher über das, was sie gesehen und auch nicht gesehen, geschrieben. Ueber das Letztre zeigte sich keine der beiden öffentlichen Meinungen sehr gerührt, obgleich viele der Schriftsteller streng über die große Nationalallegorie und die heiligen Rechte der Monikins geurtheilt; aber in Hinsicht des Erstern, des Gesehenen, war große Aufregung. Diese Schriftsteller hatten die Kühnheit, zu sagen, die Springniedriger hätten alle ihre Schweife abgehauen, und die ganze Gemeinde lag wegen so unerhörter Beleidigung in Krämpfen. Es wäre etwas ganz Andres, so etwas zu thun, und etwas Andres, es der Welt in Büchern sagen zu hören. Wenn die Springniedriger keine Schweife hätten, so sei das nur ihre Schuld, die Natur hätte sie ganz wie andre Monikins gebildet. Sie hätten sich nach einem republikanischen Princip abgestumpft, und Niemanden dürften seine Grundsätze auf diese rohe Weise vorgeworfen werden, besonders während einer moralischen Verfinsterung. Die Vertheiler der Essenz aus den abgehauenen Schweifen drohten Rache, Karrikaturmaler wurden in Bewegung gesetzt, einige grinsten, einige drohten, einige fluchten, aber alle lasen. Ich verließ den Haufen und ging wieder auf meine Thüre zu, immer über diesen seltsamen Zustand der Gesellschaft nachdenkend, in welchem eine vorbedachte und öffentlich angenommene Eigenthümlichkeit zu einer so ungewöhnlichen Reizbarkeit des Charakters Anlaß geben konnte. Ich wußte wohl, daß sich die Menschen gemeiniglich mehr der natürlichen Unvollkommenheiten schämen, als derer, welche größten Theils von ihnen selbst abhängen; aber dann stehen auch die Menschen, wenigstens nach ihrem eignen Ausspruch, an der Spitze der Schöpfung, und so ist es vernünftig anzunehmen, daß sie auf ihre natürlichen Vorrechte eifersüchtig sind. Der gegenwärtige Fall war aber nicht allgemein und ging nicht mehr blos Springniedrig an, und so konnte ich es mir nur durch die Voraussetzung erklären, daß die Natur in dem Springniedriger Körperbau einige Nerven an den unrechten Ort gesetzt. Als ich in das Haus trat, begrüßte ein starker Geruch von gebratenem Fleisch meine Nase und erregte eine sehr unphilosophische Lust in meinen Riechnerven, – eine Lust, die auch sehr direkt auf die gastrischen Säfte des Magens zurückwirkte. Auf gut deutsch, ich hatte einen sehr sichtbaren Beweis, daß es nicht genug sei, einen Mann in das Monikinland zu bringen, ihn in's Parlament zu schicken und eine Woche lang mit Nüssen zu ernähren, um ihn ganz ätherisch zu machen. Ich fand, es sei vergebens, gegen den Stachel zu lecken; der Geruch von dem Braten war stärker, als alles Vorbenannte, und ich gab gerne die Philosophie auf, um mich gänzlich dem Magen zu überlassen. Ich ging alsbald, von einem nicht geistreicheren Sinn geleitet, als der des Jagdhundes ist, in die Küche herab. Bei'm Oeffnen der Thür unseres Speisesaals begrüßte ein so köstlicher Wohlgeruch die Nase, daß ich gleich einem romantischen Mädchen bei einem Wasserfall dahinschmolz, und, alle höheren, eben erst erlangten Wahrheiten aus dem Gesicht verlierend, fand ich mich der besondern menschlichen Schwäche hingegeben, daß ich, wie man's gewöhnlich beschreibt, den Mund voll Wasser hatte. Der Robbenfänger hatte die Monikin'sche Enthaltsamkeit ganz aufgegeben und ergötzte sich auf ganz menschliche Weise. Ein Gericht gebratenen Fleisches stand vor ihm, und seine Augen erglänzten gar sehr, als er sie von mir weg auf sein Essen wandte, so daß es etwas zweifelhaft wurde, ob ich ein willkommener Besuch sein werde. Aber jener ehrliche alte Grundsatz der Seeleute, der sich nie weigert, mit einem alten Tischgenossen zu gleichen Theilen zu theilen, siegte selbst über seine Gefräßigkeit. »Setzt Euch her, Sir John!« rief der Kapitän, ohne mit Kauen aufzuhören, »und denkt nicht, es seien Knochen. Die Wahrheit zu gestehen, die letztern sind fast so gut, als das Fleisch; ich aß nie einen süßern Bissen.« Ich wartete eine zweite Einladung nicht ab, das kann mir der Leser glauben, und in weniger, als zehn Minuten war der Tisch so rein, wie von Harpyen angefallen. Da auch dies Werk für eine Erzählung gelten soll, wo der Wahrheit streng nachgekommen wird, muß ich gestehen, daß ich mich keiner Befriedigung irgend eines Gefühls erinnre, das mir halb so viel Lust erzeugte, als dies kurze und eilige Mahl. Ich sehe es jetzt noch als das wirkliche Ideal eines Mittagessens an. Sein Fehler lag in der Quantität, nicht in der Qualität. Ich schaute mich gierig nach mehr um, da erblickte ich ein Antlitz, das mich mit trauernden Vorwürfen anzuschauen schien. Die Wahrheit blitzte in mir auf in einer Fluth schrecklicher Gewissensbisse. Ich stürzte auf Noah wie ein Tiger, ich faßte ihn an der Kehle, ich schrie mit einer Stimme der Verzweiflung: »Kannibale! was hast du gethan?« »Laßt mich los, Sir John! Wir lieben nicht diese Spässe in Stonington.« »Elender! du hast mich zum Theilnehmer deines Verbrechens gemacht. Wir haben den Brigadier Geradaus aufgegessen!« »Laßt nur los, Sir John! oder Menschen-Natur rebellirt.« »Ungeheuer! gib dein unheiliges Mahl wieder von dir! Siehst du nicht tausend Vorwürfe in den Augen des unschuldigen Opfers deines unersättlichen Hungers?« »Laßt los, Sir John, laßt los! so lange wir Freunde sind. Mich kümmert's nicht, und wenn ich alle Brigadiers in Springniedrig verschlungen. Nur weg!« »Nicht, bevor du nicht dein gottloses Mahl ausspei'st!« Noah konnte es nicht länger aushalten, er ergriff nun mich nach dem Wiedervergeltungsrecht bei der Kehle, und ich hatte bald die Gefühle, wie sie Einer haben müßte, dessen Gurgel unter einer Schnüre sich befände. Ich will das Wunder, das jetzt folgte, nicht in's Einzelne zu beschreiben versuchen. Das Hängen müßte ein wirksames Mittel für mancherlei Täuschungen sein; denn bei mir that der Zwang, unter dem ich lag, wirklich Wunder in sehr kurzer Zeit. Allmählig änderte sich die ganze Scene; erst kam ein Nebel, dann ein Taumel, und endlich, als der Kapitän mich losließ, erschienen die Gegenstände unter ganz neuen Gestalten, und statt in unserer Wohnung in Bivouac befand ich mich in meinem alten Zimmer in der Straße Rivoli zu Paris. »König!« rief Noah, der mit vor Anstrengung rothem Gesicht vor mir stand, »das ist kein Kinderspiel, und wenn's noch ein Mal so kommt, werde ich Seile gebrauchen. Was wär's denn, Sir John, wenn Jemand einen Affen verzehrte?« Staunen hielt mich stumm. Alles war noch so, wie ich es an dem Morgen verlassen, wo wir nach London auf unsrer Reise nach Springhoch uns aufmachten. Ein Tisch mitten im Zimmer war mit engbeschriebenen Papierbogen bedeckt, welche, bei näherer Untersuchung, dies Manuskript bis an's letzte Kapitel enthielten. Der Kapitän und ich waren wie gewöhnlich gekleidet, ich à la Parisienne , er à la Stonington . Ein kleines, sehr sinnreich gefertigtes Schiff mit allem Tauwerk lag mit dem Namen Wallroß beschrieben auf dem Boden. Als mein zerstörtes Auge auf dies Fahrzeug fiel, sagte mir Noah, da er nichts weiter zu thun gehabt, als über meine Gesundheit zu wachen, (eine sehr höfliche Bezeichnung für seine Beaufsichtigung meiner Person, wie ich später fand,) so habe er seine Muse zur Erbauung dieses Spielwerks benutzt. Alles war unerklärlich. Es war wirklich der Geruch von Fleisch noch da; ich hatte noch das besondre Gefühl der Fülle, das wohl auf ein Mittagessen folgt, und eine Schüssel voller Knochen stand mir vor den Augen. Ich nahm einen der letztern, um das genau zu bestimmen. Der Kapitän sagte mir gütigst, daß es das Ueberbleibsel eines Spanferkels sei, das zu erhalten ihn große Mühe gekostet, da die Franzosen, ein solches Schweinchen zu essen, für kaum weniger gefährlich hielten, als das Aufzehren eines Kindes. Ahnungen tauchten in mir auf, und ich sah mich nun nach dem Haupt und vorwurfsvollen Auge des Brigadiers um. Das Haupt war, wo ich es vorher gesehen; über einen Koffer ragte es hinaus, aber es stand hoch genug, um zu sehen, daß es noch auf seinen Schultern war. Ein zweiter Blick ließ mich das nachdenkende, philosophische Haupt des Dr. Raisono erkennen; er war noch in seiner Husarenjacke und seinem Leibrock, obwohl er, da er zu Hause, mit vollem Recht den dreieckigen Hut mit den schmutzigen Federn bei Seite gelegt. Ein Geräusch ließ sich im Vorzimmer vernehmen, und ein schnelles Reden in leisem, ernstem Ton folgte. Der Kapitän verschwand und ging zu den Sprechenden. Ich lauschte eifrig, konnte aber nichts von einem Dialekt nach dem Decimalsystem vernehmen. Alsbald öffnete sich die Thür und Dr. Etherington stand vor mir. Der gute Geistliche betrachtete mich lang und ernst. Thränen erfüllten seine Augen, und beide Hände nach mir ausstreckend, sagte er: »Kennt Ihr mich, Jack?« »Euch kennen, Sir, wie sollte ich nicht?« »Und verzeiht Ihr mir, Lieber?« »Was, Sir? Sicher muß ich Eure Verzeihung für tausend Thorheiten erbitten.« »Ach, der Brief, – der unfreundliche, unbedachte Brief!« »Ich hab' seit einem Jahre keinen Brief von Euch erhalten, Sir; der letztere war nichts weniger, als ungütig.« »Wenn auch Anna schrieb, diktirte ich doch.« Ich fuhr mit der Hand über die Stirne, und die Wahrheit tagte in mir auf. »Anna?« »Sie ist hier, in Paris, unglücklich, sehr unglücklich um Euretwillen!« Jedes Theilchen von Monikinschaft, das noch in mir geblieben, wich augenblicklich einer Fluth menschlicher Gefühle. »Laßt mich zu ihr eilen, lieber Sir, jeder Augenblick ist ein Jahrhundert!« »Nicht jetzt gerade, mein Junge; wir haben viel einander zu sagen, auch ist sie nicht in diesem Hotel. Morgen, wenn ihr beide besser vorbereitet, sollt ihr euch sehen.« »Fügt bei, euch nie wieder zu trennen, Sir, und ich will geduldig sein, wie ein Lamm.« »Euch nie wieder zu trennen, hoffe ich sagen zu können.« Ich fiel meinem ehrwürdigen Führer um den Hals, und fand köstliche Erleichterung von einer schweren Last von Gefühlen in einer Fluth Thränen. Dr. Etherington brachte mich bald in eine ruhigere Gemüthsstimmung. Im Lauf des Tags wurde vieles besprochen und geordnet. Man sagte mir, Kapitän Poke sei eine gute Wärterin gewesen, jedoch auf Robbenfänger-Art, und das Geringste, was ich für ihn thun könnte, sei, ihn kostenfrei nach Stonington zu schicken. Das ward besorgt und der würdige aber absprechende Seemann mit den Mitteln versehen, eine neue »Debby und Dolly« auszurüsten. »Diese Philosophen sollten wir wohl in eine Akademie bringen,« bemerkte lächelnd der Doktor und deutete auf die Familie der liebenswürdigen Fremdlinge; »da Herr Raisono besonders schon so hohe akademische Titel hat, ist er für gewöhnliche Gesellschaft nicht geschickt.« »Thut mit ihnen, wie's Euch gefällt. Ihr, mir mehr als Vater. Laßt jedoch die armen Thiere keinen physischen Mangel leiden.« »Auf alle ihre Bedürfnisse, physische und moralische, soll Rücksicht genommen werden.« »Und in ein oder zwei Tagen reisen wir alle in's Pfarrhaus?« »Uebermorgen, wenn Ihr stark genug.« »Und morgen?« »Wird Euch Anna sehen.« »Und den Tag darauf?« »Nein, nicht so schnell, Jack; aber sobald wir Euch hinlänglich uns wiedergegeben glauben, soll sie Euer Geschick für die übrige Zeit Eures Prüfungsstandes mit Euch theilen.« Fünfzehntes Kapitel. Ein wenig Freundschaft, – etwas Gefühl, viel Liebe, und – eine Abrechnung. Eine Nacht süßer Ruhe ließ mich erfrischt und mit einem Puls, der weniger Bewegung verrieth, als am vorhergehenden Tag. Ich erwachte früh, nahm ein Bad und ließ Kapitän Poke rufen, den Kaffee mit mir einzunehmen, ehe wir schieden. Es war nämlich am vorhergehenden Abend festgesetzt worden, er solle ohne Weitres nach Stonington. Mein alter Tischgenosse, Kollege, Mitabenteurer und Reisegefährte gehorchte schnell meinem Ruf, und ich gestehe, seine Gegenwart war mir ein Trost; ich sah nicht gerne alle die Gegenstände, die so unerklärlich wieder vor meinen Augen erschienen, unbelebt durch die Gegenwart eines Mannes, der so viele ernste Auftritte mit mir durchgemacht. »Das war eine sehr seltsame Reise, Kapitän Poke,« bemerkte ich, nachdem der würdige Robbenfänger sechzehn Eier, eine Omelette, sieben Kotelettes und verschiedene Nebensachen verschlungen. »Denkt Ihr Euer Tagebuch heraus zu geben?« »Ei, nach meiner Meinung, Sir John, je weniger wir von der Reise sprechen, desto besser.« »Und warum? Wir haben die Entdeckungen von Kolumbus, Cook, Vancouver und Hudson gehabt, warum auch nicht die von Kapitän Poke?« »Die Wahrheit zu sagen, wir Robbenfänger sprechen nicht gern von unsern Jagdgründen, und diese Monikins, was sind sie nütze? Ihr Fell wenigstens ist fast nichts werth.« »Rechnet Ihr ihre Philosophie und ihre Jurisprudenz für nichts? Ihr waret ja so nahe daran, durch die Axt des Henkers Euer Haupt zu verlieren, und verlort wirklich Euern Schweif.« Noah legte seine Hand hinter ihn und suchte mit offenbarer Unruhe nach dem Sitz der Vernunft. Zufrieden, daß ihm kein Leid geschehen, steckte er sehr ruhig ein halbes Tabacksröllchen in seine sogenannte Vorrathstasche. »Ihr gebt mir wohl dies schöne Model von unserm guten alten Wallroß, Kapitän?« »Nehmt es um's Himmels willen, Sir John, und Glück dazu! Ihr gebt mir einen ausgewachsenen, großen Schooner und macht Euch nur schlecht durch dieß Spielwerk bezahlt.« »Es ist dem theuern alten Schiff so ähnlich wie eine Krähe der andern.« »Es mag sein; ich habe nie ein Model gesehen, das nicht in etwas dem Original gleich war.« »Nun, mein guter Schiffsgefährte, wir müssen uns trennen. Ihr wißt, ich muß gehen, die Dame zu besuchen, die bald mein Weib sein wird, und die Diligence wird Euch nach Havre mitnehmen, ehe ich zurückkehre.« »Gott segne Euch, Sir John, Gott segne Euch!« Noah schneuzte seine Nase, bis sie wie ein Posthorn erschallte, und mir däuchte, seine kleinen Kohlen von Augen glänzten selbst mehr als gewöhnlich, von Thränen wahrscheinlich. »Ihr seid ein drolliger Seemann und kümmert Euch nicht mehr um's Eis, als ein Füllen um den Reif. Ist aber auch der Mann am Steuer nicht immer wach, schläft doch das Herz selten.« »Wenn ›Debby und Delly‹ gehörig zu Wasser, werdet Ihr mir das Vergnügen machen, es mich wissen zu lassen.« »Rechnet darauf, Sir John. Ehe wir jedoch scheiden, hab' ich eine kleine Gunstbezeugung zu erbitten.« »Nennt sie!« Hier zog Noah eine Art Basrelief, in Holz geschnitten, aus der Tasche. Es stellte Neptun mit einer Harpune statt dem Dreizack bewaffnet dar. Der Kapitän behauptete nämlich immer, der Gott der Meere sollte nie den letztern führen, statt dessen sollte er entweder mit der ihm gegebenen Waffe oder mit einem Bootshaken bewaffnet sein. Rechts von Neptun stand ein Engländer, der einen Beutel mit Guineen hielt, und an der andern Seite war ein Frauenzimmer, die, wie ich hörte, die Göttin der Freiheit vorstellen sollte, eigentlich aber ein etwas geschmeicheltes Portrait von Mad. Poke war. Das Antlitz des Neptun sollte einige Aehnlichkeit mit ihrem Gemahl haben. Der Kapitän bat nun mit der Bescheidenheit, die die unzertrennliche Begleiterin des Verdienstes in den Künsten ist, um die Erlaubniß, eine Kopie dieser Figur auf den Schooner stellen zu dürfen. Es wäre kindisch gewesen, solch ein Kompliment zu verweigern, und mit Widerstreben reichte ich Noah die Hand, als die Stunde der Trennung gekommen. Der Robbenfänger umarmte mich fester und schien mehr sagen zu wollen, als Adieu. »Ihr werdet bald einen Engel sehen, Sir John.« »Wie, wißt Ihr etwas von Miß Etherington.« »Ich müßte ja blind wie ein Maulwurf sein. Während unsrer Reise sah ich sie oft.« »Das ist seltsam. Aber Ihr habt offenbar etwas auf dem Herzen, mein Freund, sprecht frei.« »Nun denn, Sir John, sprecht von Allem zu dem theuern Wesen, nur nicht von unsrer Reise. Ich denke, sie ist noch nicht ganz vorbereitet, von all den Wundern zu hören, die wir sahen.« Ich versprach, klug zu sein, und der Kapitän, mir herzlich die Hand schüttelnd, wünschte mir endlich Lebewohl. In seiner Art lagen einige rohe Züge von Gefühl, die gewisse Saiten meines Systems berührten, und so war er schon einige Minuten fort, ehe ich mich erinnerte, es sei Zeit in das Hotel zu gehen. Zu ungeduldig, auf den Wagen zu warten, durchflog ich die Straßen zu Fuß, in der Ueberzeugung, meine eigne wilde Eile werde die Zigzag-Bewegung eines Fiakers oder Kabriolets übertreffen. Dr. Etherington kam mir an der Thür seines Zimmers entgegen und führte mich, ohne zu sprechen, in ein inneres Zimmer. Hier blieb er, mir einige Zeit mit väterlicher Besorgniß in's Gesicht blickend. »Sie erwartet Euch, Jack, und weiß, daß die Schelle Euch ankündete.« »Um so besser, Sir; laßt uns keinen Augenblick verlieren, laßt mich eilen, mich Ihr zu Füßen werfen, Ihre Verzeihung zu erlangen.« »Wofür, mein guter Junge?« »Daß ich glaubte, irgend ein socialer Anhaltpunkt könnte dem gleichkommen, den der Mann in den nächsten, theuersten Banden der Erde hat.« Der herrliche Mann lächelte, aber offenbar wünschte er meine Ungeduld zu mäßigen. »Ihr habt jetzt schon jeden möglichen Anhalt in der Staatsgesellschaft, Sir John Goldenkalb,« antwortete er, und nahm die Miene an, welche menschliche Wesen übereingekommen sind, für würdevoll zu halten, »den nur ein vernünftiger Mann wünschen kann. Das Euch von Eurem verstorbenen Vater hinterlassene Vermögen erhebt Euch in dieser Hinsicht zu den Reichsten im Lande, und nun, da Ihr Baronet seid, wird Niemand Eure Ansprüche in Zweifel ziehen, in den Rath der Nation einzutreten. Es wäre vielleicht besser, wenn Eure Standeserhöhung ein oder zwei Jahrhunderte dem Anfang der Monarchie näher wäre, aber in diesem Zeitalter der Neuerungen müssen wir die Dinge nehmen, wie sie sind und nicht wie wir sie wünschten; wie die Franzosen sagen: on fait ce qu'on peut, on ne fait pas, ce qu'on veut. Ich rieb mir die Stirne, denn der Doktor hatte zufällig einen in Verlegenheit bringenden Gedanken ausgesprochen. »Nach Euern Princip, Sir, müßte die Gesellschaft mit ihrem Urgroßvater beginnen, um fähig zu sein, sich selbst zu regieren.« »Verzeiht mir, Jack, wenn ich etwas Unangenehmes sagte, ohne Zweifel wird Alles im Himmel recht werden. Anna wird sich über unser Zögern beunruhigen.« Diese Erinnerung trieb jeden Gedanken an des Geistlichen sociales Anhaltpunkt-System ganz aus meinem Kopfe; es war übrigens, wie man sich erinnern wird, dem Anhaltpunkt-System meines verstorbenen Vorfahren ganz entgegengesetzt. Ich eilte voran und gab dadurch dem guten Geistlichen hinlänglich zu verstehen, daß er sich weiter nicht zu bemühen brauche, unser Gespräch auf etwas Anderes zu bringen. Als wir durch ein Vorzimmer gekommen, zeigte er nach einer Thür und zog sich zurück, nachdem er mich ermahnt, vorsichtig zu sein. Meine Hand zitterte, als sie die Thürklinke berührte, aber diese gab nach. Anna stand mitten im Zimmer, (sie hatte meinen Schritt gehört), ein Bild weiblicher Liebenswürdigkeit, weiblicher Treue, weiblichen Gefühls, doch durch große Anstrengung Herrin ihrer Bewegung. auf Seite 384 folgt Seite 285. Ist hier die Seitenreihenfolge durcheinander - oder nur die Numerierung? Ob auch ihre reine Seele mir entgegen fliegen zu wollen schien, sie hielt offenbar diese Regung zurück, um nicht mit meinen Nerven zu scherzen. »Theurer Jack!« und ihre sanfte, weiße, schöne, kleine Hand kam mir entgegen, als ich mich näherte. »Anna, theuerste Anna!« Ich bedeckte die rosigen Finger mit tausend Küssen. »Laßt uns ruhig und auch vernünftig zu sein versuchen, Jack!« »Könnte ich denken, daß dieß Euch, die Ihr stets so besonnen, Mühe kosten würde?« »Auch der sonst Besonnene mag so gut, als ein Anderer, von seinen Gefühlen überwältigt werden, wenn er auf einen alten Freund trifft.« »Wie glücklich würde es mich machen, Euch weinen zu sehen.« Als hätte sie nur auf diesen Wink gewartet, brach Anna in eine Fluth von Thränen aus. Ich erschrack; denn diese Ausbrüche wurden hysterisch und krampfhaft. Jene köstlichen Gefühle, die so lange in ihrem jungfräulichem Busen gefangen gehalten worden, hatten die Herrschaft über sie bekommen, und ich wurde für meine Selbstsucht gehörig durch einen kaum weniger heftigen Schrecken bestraft, als es die Ausbrüche ihres eignen Gefühls gewesen. In Hinsicht der Vorfälle, Bewegungen, der Unterredung der nächsten halben Stunde bin ich nicht willens, sehr mittheilend zu sein. Anna war aufrichtig, ohne Rückhalt, und wenn ich nach den rosigen Tinten urtheilen durfte, die ihr süßes Gesicht bedeckten, nach der Weise, wie sie sich meinen schützenden Armen entwand, glaube ich hinzufügen zu müssen, daß sie sich für unbesonnen hielt, so ohne Rückhalt so aufrichtig gewesen zu sein. »Wir können jetzt ruhiger mit einander reden, Jack,« begann das theuerste Wesen wieder, nachdem sie die Zeichen ihrer Bewegung von ihren Wangen getrocknet, »ruhiger, wenn auch mit mehr Gefühl.« »Salomo's Weisheit ist nicht halb so köstlich, als die Worte, die ich gehört, und was die Sphären-Musik anlangt –« »So ist das eine Melodie, der sich die Engel nur erfreuen können.« »Und seid Ihr nicht ein Engel?« »Nein, Jack, nur ein armes, vertrauendes Mädchen, versehen mit den Neigungen und Schwächen ihres Geschlechts, die Ihr jetzt halten und leiten müßt. Wenn wir damit anfangen, uns diese übermenschliche Namen zu geben, möchten wir früher aus der Täuschung erwachen, als wenn wir erst uns nur für das halten, was wir wirklich sind. Ich lieb' Euch Eures gütigen, herrlichen, edlen Herzens wegen, Jack; diese poetischen Wesen aber sind mehr nur sprichwörtlich, weil sie gar kein Herz haben.« Während Anna mild der Uebertreibung meiner Sprache Einhalt that, (nach einer zehnjährigen Ehe selbst darf ich nicht zugeben, daß der Gedanke übertrieben war), legte sie ihre kleine Sammthand wieder in meine und lächelte alle Strenge des Verweises hinweg. »Eines Dings, denk' ich, mögt Ihr fest überzeugt sein, Theuerste,« begann ich wieder nach einem Augenblick Nachdenkens: »alle meine alten Ansichten über Expansion und Kontraktion haben sich gänzlich geändert. Ich hab' den Grundsatz des sozialen Anhaltspunkt-Systems bis auf's Aeußerste getrieben, und kann gar nicht sagen, daß ich mit dem Erfolg zufrieden gewesen. In diesem Augenblick bin ich Besitzer von Aktien, über die halbe Welt zerstreut; weit entfernt, meine Mitmenschen all dieser Anhaltspunkte wegen mehr zu lieben, muß ich sehen, wie der Wunsch, den einen zu schützen, mich beständig zu Handlungen der Ungerechtigkeit gegen alle andre treibt. Es liegt etwas Falsches, glaube mir, Anna, in dem alten Dogma der Staats-Oekonomen.« »Ich weiß wenig von diesen Dingen, lieber John; aber einer so Unwissenden, wie mir, schiene die beste Sicherheit für den rechten Gebrauch der Gewalt die, daß sie auf gerechten Grundsätzen beruhe.« »Wenn sie sich geltend machen können, freilich. Die, welche behaupten, die Niedrigen und Unwissenden seien untauglich, ihre Ansichten über das Gemeinwohl auszusprechen, müssen zugeben, daß sie nur durch Gewalt unten gehalten werden können. Da nun Erkenntniß Macht ist, ist ihre erste Vorkehrung, sie unwissend zu erhalten, und dann führen sie gerade diese Unwissenheit mit allen ihren erniedrigenden Folgen als einen Beweis gegen deren Theilnahme an der Macht mit ihnen an. Ich denke, es kann kein sichrer Mittelweg zwischen einer freimüthigen Annahme der Principien – –« »Ihr solltet Euch erinnern, lieber Goldenkalb, daß dies ein Gegenstand ist, von dem ich nur wenig verstehe; es sollte uns hinreichen, die Dinge zu nehmen, wie sie sind, und wenn eine Aenderung nöthig, sollten wir sie mit Klugheit und gehöriger Rücksicht auf Gerechtigkeit zu bewerkstelligen suchen.« Während Anna mich gütig von meinen Spekulationen zurückführte, hatte das süße Wesen ein ängstliches, peinliches Aussehen. »Wahr, wahr!« erwiederte ich schnell; denn eine Welt hätte mich nicht reizen können, ihre Leiden einen Augenblick zu verlängern. »Ich bin thöricht und vergessen, so in einem solchen Augenblick zu sprechen; aber ich hab' zu viel gelitten, um mir gänzlich alte Theorien aus dem Sinn zu schlagen. Ich dachte wenigstens, es würde Euch angenehm sein, Anna, zu erfahren, daß ich in meinen Neigungen nicht mehr bei dem Ganzen mein Glück suche, und so um so geneigter bin, mich deßwegen an Eine zu wenden.« »Unsere Nächsten wie uns selbst zu lieben, ist das letzte und höchste der göttlichen Gebote,« antwortete das theure Kind, tausend Mal lieblicher als jemals blickend; denn mein Schluß war weit entfernt, ihr zu mißfallen. »Ich weiß nicht, ob dieser Zweck dadurch zu erreichen ist, daß wir in unsrer Person so viele der Güter des Lebens vereinigen, wie möglich ist; aber ich denke, Jack, das Herz, das Einen treu liebt, wird auch um so eher gütige Gefühle gegen alle Andre hegen.« Ich küßte die Hand, die sie mir gegeben, und wir sprachen dann etwas mehr wie Leute dieser Welt über unsre künftigen Schritte. Die Unterredung dauerte noch eine Stunde; da trat der gute Geistliche in's Mittel, und schickte mich nach Hause, Vorbereitungen zu unsrer Rückkehr nach England zu treffen. Eine Woche nachher waren wir wieder auf der alten Insel, Anna und ihr Vater gingen in's Pfarrhaus, und mich ließ man in der Stadt, beschäftigt mit Advokaten, und Forschungen nach dem Gewinn oder Verlust meiner zahlreichen Aktien. Ganz gegen die Erwartung Mancher, war ich bei den Meisten glücklich gewesen; im Ganzen sah ich mich durch die abenteuerlichen Schritte bereichert, und da solche Aussichten das Gewagte minderten, fand ich wenig Schwierigkeit, sie mit Vortheil wegzugeben. Die Summen daraus und die bedeutende Bilanz der Dividenden, die während meiner Abwesenheit gewachsen, blieben bei meinem Bankier, und ich suchte weitres Landeigenthum. Ich kannte Annens Geschmack; so kaufte ich eine jener Stadtresidenzen, die auf St. James-Park gehen, wo der Anblick des grünen Buschwerks, der reizenden Felder beständig während der ihr so neuen Jahreszeit, eines Lond'ner Winters, oder von Ostern bis Sommer vor ihrem heitern Auge sein würde. Ich hatte eine lange, freundliche Zusammenkunft mit Mylord Pledge, der noch im Ministerium war, so thätig, ganz so ehrbar, so logisch, so nützlich, wie immer. In der That, er war so ausgezeichnet in jener dritten Eigenschaft, daß ich mich wirklich einige Mal auf dem Spioniren ertappte, ob er wirklich ohne Schweif sei. Er gab mir die tröstliche Versicherung, er sei während meiner Abwesenheit im Parlament gut durchgekommen, und, wie er höflich hinzufügte, glaube nicht, daß ich vermißt worden. Wir brachten einige Präliminarien in's Reine, wovon im nächsten Kapitel gesprochen werden soll, worauf ich denn auf den Flügeln der Liebe, – eigentlich in einer Postchaise mit Vieren, – nach dem Pfarrhaus eilte, zu dem süßesten, freundlichsten, lieblichsten, wahrsten Mädchen auf unsrer Insel, die so viele der süßen, freundlichen, lieblichen und wahren in sich einschließt. Sechzehntes Kapitel. Glück; – der beste Anhalt in der Staatsgesellschaft; – das Ergebniß vieler Erfahrung und – das Ende. Ein Tag, zwei Monate nachher, traf mich im Pfarrhaus zu Tenthpig als den glücklichsten Mann in England; das Jahr war bis zur Mitte Juli's vorgerückt, und die Gebüsche am Bogenfenster von meines Schwiegervaters Bibliothek waren in voller Grüne. Die Pflanze besonders, deren Blüthen das Erröthen von Annens Wange so gut nachgeahmt, prangte in der üppigen Fülle der erneuten Fruchtbarkeit, und ihre Gerüche stahlen sich leise über die Sinne meiner jungen Frau und die meinigen hin, als wir allein dasaßen, im Genuß der heiligen Stille eines schönen Sommermorgens, im Genuß jenes köstlichen Glücks, wie es sich über die ersten Monate eines Paars verbreitet, wo die Herzen sich gefunden. Anna saß so nahe dem Fenster, daß die Tinten des Rosenbusches an ihrem fleckenlosen Gewande widerstrahlten und ihrer ganzen Gestalt den reizenden Anstrich dessen gaben, was die Dichter eine erröthende Braut nennen. Das ruhige Licht hatte ein ganzes Labyrinth von Anmuth zu durchdringen, ehe es auf ihre heitern Züge fiel, in denen jeder zarte Ausdruck von Glück sprach, doch, wenn es nicht ein Widerspruch wäre, nicht ganz ohne die Schatten der Befürchtung. Nie war sie lieblicher, ich hatte sie nie so hingebend und zärtlich gefunden, als in dieser halben Stunde; wir hatten ohne Rückhalt von der Vergangenheit gesprochen, und Anna eben so getreu die ausserordentliche Pein beschrieben, womit sie dem guten Geistlichen nachgegeben und den Brief geschrieben, der mich so gänzlich niedergeworfen hatte. »Ich hätte dich besser kennen sollen, Liebe, dich einer solchen Handlung fähig zu halten,« erwiederte ich auf eine ihrer ernsten Versicherungen von Betrübniß und blickte ihr gütig in jene Augen, die eben so sehr die Heitre als die Farbe des Himmels haben. »Du warst noch nie so ungütig gegen Jemand, der dich beleidigte, viel weniger konntest du diese Grausamkeit gegen Einen, den du achtetest, mit Willen ersinnen.« Anna konnte sich nicht länger halten, ihre Wangen benetzten sich wieder von den gewöhnlichen Zeichen des Gefühls bei ihrem Geschlecht. Dann, lächelnd mitten in diesem kleinen Ausbrechen ihrer weiblichen Empfindlichkeit, ward ihr Antlitz plötzlich freudig und strahlend. »Dieser Brief auch sollte nicht ganz verworfen werden, Jack; wäre er nicht geschrieben worden, so hättest du nie Springhoch und Springniedrig besucht, noch einen von den wunderbaren Auftritten gesehen, die hier erzählt werden.« Das theure Wesen legte seine Hand auf eine Manuskript-Rolle, die sie mir eben, nachdem sie sie durchlesen, zurückgegeben; zugleich erröthete ihr Antlitz in der Weise, wie lebhafte und vorübergehende Gefühle aus den Mienen der Unschuldigen und Unverstellten wiederstrahlen, und ihr Lächeln war erzwungen und traurig. Ich fuhr mir mit der Hand über die Stirn; denn so oft von dieser Sache zwischen uns die Rede ist, fühle ich immer, daß etwas Dunkles und Nebelhaftes in und um den Sitz des Denkens liegt. Doch war ich nicht unwillig; ich wußte, ein Herz, das so wahr liebte, würde nicht gern Schmerzen verursachen, eine gewöhnlich so Gütige und Bedachte würde keine Sylbe aussprechen, von der sie vernünftiger Weise denken könnte, sie würde ernstlich mißfallen. »Wärst du bei mir gewesen, Liebe, ich würde mich immer dieser Reise als des angenehmsten Ereignisses meines Lebens erinnern; denn während sie ihre Augenblicke der Gefahr und Unannehmlichkeit hatte, hatte sie auch deren voll der höchsten Lust.« »Du wirst es nie weit in politischen Sprüngen treiben, Jack.« »Vielleicht nicht, aber hier ist ein Dokument, das es weniger nöthig macht, als früher.« Ich warf ihr ein Packet zu, das ich an jenem Morgen durch einen besondern Boten aus der Stadt erhalten, von dessen Inhalt ich aber noch nicht gesprochen. Anna war eine noch zu junge Frau, um es ohne einen freudigen Blick zu eröffnen; als sie über seinen Inhalt hinfuhr, ersah sie, daß ich zum Pair unter dem Namen Vicomte von Householder erhoben worden. Der Kauf von drei neuen Flecken und der Einfluß meines alten Freundes Lord Pledge hatte Alles zu Wege gebracht. Das süße Mädchen schien erfreut; denn es liegt wohl in der weiblichen Natur, gern eine Vicomtesse sein zu wollen; doch, sich mir in die Arme werfend, versicherte sie, sie freue sich über meine Erhebung und nicht über die ihrige. »Ich war dir diese Bemühung schuldig, Anna, als ein Anerkenntniß deiner Treue und Uneigennützigkeit in der Sache mit Lord Mac Dee.« »Und doch, Jack, hatte er weder hervorstehende Backenknochen, noch rothes Haar, und sein Accent war so, daß er einem weniger launenhaften Mädchen, als ich war, hätte gefallen mögen.« Dies wurde lachend und scherzend gesagt, aber doch so, um mir fühlbar zu machen, wie leicht Narrheit mich meines Glücks beraubt hätte, wenn das Herz, das ich so sehr schätzte, weniger einfach und rein gewesen. Ich zog das theure Wesen an meinen Busen, als fürchte ich, mein Nebenbuhler möge mir jetzt noch ihren Besitz rauben. Anna sah auf, durch Thränen lächelnd, und bemühte sich, ruhig zu sein; sie sagte mit so gedämpfter Stimme, daß man sah, für wie zart sie den Gegenstand hielt: »Wir wollen selten von dieser Reise sprechen, lieber John, und nur an die lange und dunkle Reise zu denken suchen, die noch vor uns ist. Wir wollen jedoch davon sprechen; denn zwischen uns sollte nichts gänzlich verheimlicht werden.« Ich küßte ihre heitern feuchten Augen, und wiederholte, was sie eben gesagt, Sylbe für Sylbe. Anna hat ihre Worte nicht vergessen; denn selten wirklich hat sie das Vergangne berührt, und dann öfter um von ihrem Gram zu sprechen, als über meine eignen Gefühle. Aber während der Gegenstand meiner Reise in das Monikins-Land gewisser Maßen ein verbotner zwischen mir und meinem Weibe ist, besteht keine solche Beschränkung zwischen mir und andern Leuten. Der Leser könnte daher gern wissen wollen, welche Wirkung dieses außerordentliche Abenteuer nach einem Zeitraum von zehn Jahren auf meinen Geist zurückgelassen. Es sind Augenblicke gewesen, wo mir das Ganze als ein Traum erschienen; aber wenn ich zurückblicke und ihn mit andern Auftritten vergleiche, wo ich handelnde Person gewesen, kann ich nicht einsehen, daß diese nicht ganz ebenso unauslöschlich meinem Gedächtniß eingeprägt wären, als jene. Die Thatsachen selbst sind ferner so sehr dem ähnlich, was ich täglich um mich erblicke, daß ich zum Schluß gekommen, ich sei wirklich auf die erzählte Reise nach Springhoch gegangen, und während des vorübergehenden Wahnsinns eines Fiebers zurückgebracht worden. Ich glaube daher, es gibt so Länder wie Springhoch und Springniedrig, und nach langem Denken bin ich der Meinung, daß im Allgemeinen dem Monikins-Charakter Gerechtigkeit widerfahren ist. Das Ergebniß vielen Nachdenkens über das, wovon ich Zeuge gewesen, sind tausend wesentliche Aenderungen in meinen Ansichten, selbst manches gänzliche Aufgeben von Begriffen, in denen ich, so zu sagen, erzogen und geboren worden. Um dem Leser so wenig Zeit, wie möglich, wegzunehmen, will ich eine Summa meiner Schlüsse hier hersetzen und dann mit vielem Dank, daß er gelesen, was ich geschrieben, von ihm Abschied nehmen. Ehe ich jedoch meine Aufgabe auf diese Weise beschließe, muß ich wohl noch etwas über einen und den andern meiner Reisegefährten hinzufügen. Ich konnte nie recht mit mir einig werden, ob wir wirklich den Brigadier Geradaus aufaßen oder nicht; das Fleisch war so schmackhaft, und es schmeckte so gut nach einer Woche philosophischer Betrachtungen über Nüssen, die Rückerinnerung an die Lust daran ist noch so lebhaft, daß ich zu glauben geneigt bin, nichts als ein gutes solides Essen könnte so lebhafte Eindrücke zurückgelassen haben. Ich habe mir manche traurige Gedanken darüber gemacht, besonders im November; da ich aber sah, daß die Menschen beständig einander auf eine oder die andre Weise aufzehren, suche ich mich zu trösten und mich zu überreden, der kleine Unterschied in der Gattung könnte mich wohl von der Beschuldigung des Kannibalismus freisprechen. Ich bekomme oft Briefe von Kapitän Poke; er spricht zwar nicht viel von unsrer Reise, aber doch hab' ich beschlossen, das kleine Schiff müsse nach unserm Wallroß gebaut und nach ihm benannt worden sein; statt daß umgekehrt unser eignes nach dem Modell von diesem ausgeführt worden sein soll. Ich behalte daher dieses, um es meinen Freunden als einen Beweis von der Wahrheit dessen, was ich ihnen sage, zu zeigen, da ich die Wichtigkeit sichtbarer Zeichen für gewöhnliche Gemüther kenne. Von Bob und den andern Schiffsleuten hörte ich nie mehr etwas. Der Erstre blieb wahrscheinlich Püffen und Stößen ausgesetzt, bis Jahre und Erfahrung ihn in den Stand setzten, das Ding herumzudrehen, wo dann, wie dies gewöhnlich bei Christenleuten der Fall ist, er mit um so größerm Eifer das Amt eines Puffers und Stößers übernahm, wie er selbst früher tüchtig davon gelitten hatte. Um zu schließen, so führen meine Abenteuer und Beobachtungen zu folgenden Folgerungen, nämlich: Jedermann liebt die Freiheit um seinetwillen, sehr Wenige um Andrer willen. Moralische Sprünge sind sehr nöthig zum Erfolg in der Politik zu Springniedrig und sehr wahrscheinlich auch an vielen andern Orten. Civilisation ist ein sehr vager Begriff; bedeutet etwas Andres in Frankreich, etwas Andres in Springhoch, etwas Andres in Dorsetshire. Es besteht kein großer Unterschied zwischen Beweggründen in Polargegenden und Beweggründen überall wo anders. Wahrheit ist ein relativer und lokaler Begriff, von Umständen sehr abhängig, besonders auch vom Klima und den verschiedenen Staatsansichten. Keine menschliche Weisheit ist so auserlesen und fehlerlos, daß sie nicht den Keim ihrer eignen Widerlegung in sich trägt. Unter allen »atie's und isie's« (Aristokratie und Demokratie mit inbegriffen) ist die Hypokrisie die verbreitetste. Wer in den Klauen des Gesetzes ist, kann sich glücklich preisen, mit dem Verlust seines Schweifs davon zu kommen. Freiheit ist ein verdrehbarer Begriff, bedeutet ausschließliche Privilegien in einem Land, keine Privilegien in einem andern, und einschließliche Privilegien in allen. Religion ist ein Paradoxon; Selbstverleugnung und Demuth stellt sie in direktem Widerspruch mit eines jeden Sinnlichkeit als Grundsätze hin. Kraniologie und Kaudologie sind verschwisterte Wissenschaften, die eine so erweislich wie die andre. Philosophie, gesunde Grundsätze und Tugend sind etwas Herrliches; aber sie sind nur Sklaven des Magens, da man gewöhnlich lieber den beßten Freund verzehrt, als stirbt. Große und kleine Räder sind einer Republik so nöthig wie einer Postchaise; was die einen an Peripherie gewinnen, ersetzen die andern durch schnelle Bewegung. Etwas Andres ist's, einen König zu haben, etwas Andres einen Thron, und noch etwas Andres keins von beiden. Schlüsse aus besondern Mißbräuchen sind keine Schlüsse gegen allgemeine Nützlichkeit. In England müssen wir Scheuleder für die Pferde haben, um nicht den Hals zu brechen; in Deutschland lassen wir dem Thier den Gebrauch seiner Augen; in Neapel geht es selbst ohne Zaum. Das eben Gesagte gilt auch von den Menschen in den drei genannten Ländern. Verdunklungen der Wahrheit sind ganz so sicher wie die Nordscheine und eben so leicht zu erklären. Leute, die nicht vor der Gefahr und Mühe zurückbeben, in das Polarbecken vorzudringen, entsetzen sich vor der Gefahr, nach ihrer Einsicht zu handeln, und begeben sich, wie Kapitän Poke, unter die Leitung eines politischen Flügelmanns. Alle unsre Weisheit kann uns vor Täuschung nicht schützen, der Eine überlistet uns durch Wendungen und Purzelbäume, der Andre durch Zuthaten zu seinem Schweif. Die Menschen sind nicht sehr genau in Hinsicht der Gott schuldigen Demuth, hängen aber so sehr an ihren eignen Vorrechten in dieser Hinsicht, daß sie auf höfliche Schelme mehr vertrauen, als offene Redlichkeit. Wer gehörig das Vorhergehende würdigt, wird ein Volksfreund und das Salz der Erde, ja der patriotischste Patriot. Das ist gut, daß Alles im Himmel recht wird; denn zu viel geht auf der Erde unrecht. Das sociale Anhaltpunktsystem hat etwas unterscheidend Gutes: während die Eigentümer ihre Interessen in Bewegung setzen, müssen die ihrer Mitbürger folgen, wie wohl vielleicht etwas verdunkelt durch den durch die Anführer aufgeregten Staub. Wer eine Anna hat, hat den beßten Anhalt in der menschlichen Gesellschaft, und noch besser ist, wenn er auch andre Schätze hat. Geld reinigt gewöhnlich den Geist, wie Wein den Durst löscht, und deßwegen müssen wir alle unsre Angelegenheiten denen überlassen, die am meisten besitzen. Andre betrachten uns selten so, wie wir uns selbst; Beweis die Art, wie Dr. Raisono mich aus seinem Wohlthäter zu Bob's Reisebegleiter machte. Ehrenstellen gefallen dem Niedrigsten; Beweis Noah's Freude, als er Lord Oberadmiral wurde. Keinen besseren Trieb zur Menschlichkeit gibt's, als viel Geld zu ihrer Beförderung zugeschossen zu haben. Mag auch der Geist auf etwas sehr Ungehöriges und Schlechtes verfallen sein, er wird immer einen Beweggrund zu seiner Rechtfertigung aufsuchen; Wenige überlassen sich so sehr einer herrschenden Leidenschaft, ohne sich und Andre zu täuschen zu suchen. Akademien befördern gute Kameradschaft in der Wissenschaft, und diese promovirt Narren und Pinsel. Ein politisches Welgerholz obwohl gut, um Rechte und Vorrechte gleichzumachen, taugt doch nichts, um Häuser, Tempel und Andres gleich zu halten. Das System, durch Stellvertretung zu herrschen, ist verbreiteter, als man gewöhnlich meint; in einem Land wendet's der König, im andern das Volk an. Nichts kann einen Menschen so sehr in einen Schweif vernarrt machen, als wenn man Allen einen gibt und ihn davon besonders ausschließt. Die vollkommne Stärke einer Nation besteht darin, sich zu Haus abzustümpfen, während die auswärtigen Agenten auswärts sich große Schweife ziehen. Namen sind nützlicher, als Sachen, werden allgemeiner verstanden, weniger bestritten, sind mehr gang und gäbe und nehmen weniger Raum ein. Gesandte drehen das Innere des Throns nach aussen, Aristokraten ziehen den Purpurvorhang davor, und ein König sitzt darauf. Die Natur hat Ungleichheit in Menschen und Dingen geschaffen, und da die menschlichen Institutionen den Starken abhalten sollen, den Schwachen zu unterdrücken, so sollten eben die Gesetze auch unnatürliche Ungleichheiten begünstigen. Da ferner die Gesetze der Natur den Einen weise, den Andern thöricht, den stark, jenen schwach gemacht haben, so sollten die menschlichen Gesetze Alles umkehren, einen Andern weise und einen Andern dumm machen u.s.w. Auf diesen Schluß hin erlangte ich die Pairswürde. Gottgleiche sind gemeiniglich Rathsherrn, Rathsherrn also bei vielen Leuten Gottgleiche. Ob es gut sei, den Grund der Staatsgesellschaft auf das schmutzigste Ding, das in Gottes Offenbarung verworfen und von der Erfahrung unzureichend befunden, auf das Geld nämlich, aufzubauen, sollte doch wenigstens gefragt werden dürfen, ohne daß man gerade nothwendig wie ein Dieb behandelt würde. Wir lernen selten Mäßigung unter politischer Aufregung, bevor nicht vierzigtausend Quadratmeilen Land unter unsern Füßen weggeblasen worden. Es ist nicht gerade ein untrügliches Zeichen großer geistiger Bildung, seine Mitgeschöpfe mit Koth zu bewerfen, da sich doch jede Nase über Schweine, Katzen u.s.w. rümpft. Auserlesene politische Weisheit wie auserlesene Schulen verbreiten sehr unsichre Kenntniß. Das ganze Volk ist nicht infallibel, auch nicht ein Theil desselben. Liebe zu dem Nebenmenschen ist ein reines, göttliches Gefühl; aber Philanthropie, die daher kommt, daß man Land nach der Meile kauft und zollweise verkauft, ist ein übler Geruch in der Nase des Gerechten. Wer von republikanischer Einfachheit ganz durchdrungen ist, zwängt sich immer in ein kleines Rad, um zu zeigen, wie klein er zur Noth werden kann. Die Gewohnheit ist unüberwindlich; ein Eskimo zieht Wallfisch-Speck dem Beefsteak vor, einer von der Goldküste liebt seine Trommel mehr, als eine Musikbande, und viele meiner reisenden Landsleute sagten mir: »Grüß' mir den englischen Himmel.« Eine Sache vernünftig abzumachen, ist mühsam, und zieht Spott zu; aber für eine Thatsache erst noch einen Grund auffinden, ist sehr natürlich, leicht, alltäglich und manch Mal nöthig. Was die Leute für ihren eignen Vortheil betheuern, werden sie auch beschwören, wenn auch die Sache so wenig eines Eid's bedürfte, als die, daß schwarz weiß ist. National-Allegorie'n bestehen überall, der einzige Unterschied zwischen ihnen rührt von der mehr oder weniger reichen Einbildungskraft her. Und endlich: Die Menschen haben mehr von den Gewohnheiten, Neigungen, Anlagen, Sprüngen, Stellungen, Purzelbäumen, von der Dankbarkeit und Ehrlichkeit der Monikins, als man gemeiniglich annimmt.