Georg Ebers Ein Wort Herrn Dr. Karl von Burckhardt Mein lieber alter Freund! Sie wissen, eine wie schwere Sorge uns heuer verhindert hat, Wildbad zu besuchen. Lassen Sie sich's denn gefallen, daß die Arbeit dieses Sommers an meiner Stelle bei Ihnen anklopft. Sie soll Ihnen sagen, daß die dreiundzwanzigjährige Freundschaft, welche mich und die Meinen mit Ihnen und Ihrem Hause verbindet, so frisch und unveränderlich grünt wie die Edeltannen im herrlichen Schwarzwald, und daß ich den Dank nimmer vergesse, den ich der freundlichen Quelle schulde, deren Gaben Sie mit weiser Hand zu verteilen und für Ihre Schutzbefohlenen nutzbar zu machen verstehen. Wie gern denke ich an Ihr liebliches Waldtal, diese Heimat der schattigen Kühlung, diese Wiege des Wohlseins, dies Füllhorn, welches so vielen Erquickung und Stärkung spendet! Sie kennen das stille Plätzchen unter den Tannen an der rauschenden Enz, auf dem ein großer Teil meiner Dichtungen entstanden ist; Sie sind der Herr des Hauses, in dem wir so oft im Verkehr mit hervorragenden Männern und edlen Frauen Anregung, Genuß und heitere Erholung fanden. In Zukunft denk' ich unter eigenen Bäumen an einem blauen See die Sommerrast zu suchen; aber auch in Tutzing soll das traute Enztal nicht vergessen werden, und als Pfand der unwandelbaren Treue bringe ich Ihnen, Ihrem Hause und dem ganzen lieben Wildbad diese neue, bescheidene Schöpfung dar. Leipzig , den 10. November 1882 Georg Ebers Erstes Kapitel »Ein Wort, nur ein Wort!« rief eine frische Knabenstimme, und dann klatschten zwei Hände kräftig zusammen, und ein helles Lachen scholl durch den Wald. Es war bisher still gewesen in den Zweigen der Tannen und den Kronen der Buchen. Jetzt fiel eine Kohltaube in das Lachen des Knaben ein, und ein Häher, den das Händeklatschen erschreckt hatte, entfaltete die braunen Flügel mit dem zierlichen blauen Putz und schwang sich von einem Tannenwipfel auf den anderen. Der Lenz hatte erst vor wenigen Wochen Einzug in den Schwarzwald gehalten, der Mai erst vor kurzem sein Ende erreicht, und doch war es schwül wie mitten im Sommer, und Wolken zogen sich dicht und dichter zusammen. Die Sonne stand nicht mehr hoch, aber das Tal war so eng, daß sie schon verschwunden war, bevor sie den prächtigen Einzug in die Pforten der Nacht gehalten. Wenn sie bei klarem Himmel zur Rüste ging, vergoldete sie nur den Saum der Tannen auf dem Kamm der hohen, westlichen Bergwand. Heute war das Tagesgestirn gar nicht zu sehen, und der sparsame, schnell abgebrochene Gesang der Vögel paßte besser als das Lachen des Knaben zu dem drohenden Gewölk und der Schwüle des Tages. Alle Kreatur schien beängstigt zu atmen, Ulrich aber lachte noch einmal hell auf und rief dann, während er das nackte Knie auf ein Bündel Reisig stemmte: »Gib mir den Ast dort, Ruth, damit ich es schnüre. Wie dürr das Zeug ist, und wie es kracht! Ein Wort! Am ein dummes Wort tagelang hinter den Büchern zu sitzen; – das ist ja Unsinn!« »Aber jedes Wort ist nicht wie das andere,« entgegnete das Mädchen. »Piff ist paff und paff ist puff!« lachte Ulrich. »Das Reisig, hörst du's, das sagt auch immer, wenn ich's zerbreche, »knack«, und noch einmal »knack«; und »knack« ist doch auch ein Wort. Gaukelkaspars Elster kann ihrer zwanzig.« »Aber der Vater hat es gesagt,« erwiderte Ruth und legte dabei dürre Zweige zusammen. »Um die rechten Worte zu finden, arbeitet er sich müde, und nicht um Geld und Gut. Du willst ja immer wissen, was er in den dicken Büchern sucht. Da hab' ich mir ein Herz gefaßt und ihn gefragt, und nun weiß ich's! Er merkte wohl, daß mich's wundernahm, und da lächelte er denn in das Buch hinein, wie bei der Lektion, wenn du etwas Dummes gefragt hast, und dabei sprach er, ein Wort sei nichts Kleines, und man dürfe es ja nicht verachten, und Gott habe die Welt aus einem einzigen Wort gemacht.« Ulrich schüttelte den Kopf und fragte nach einigem Besinnen: »Das glaubst du?« Die Kleine entgegnete nichts als: »Der Vater hat's ja gesagt.« Aus ihren Worten klang die feste, unumstößliche Zuversicht kindlichen Vertrauens, und die gleiche Empfindung leuchtete ihr aus den Augen. Sie mochte neun Jahre zählen und war in jeder Hinsicht das Widerspiel ihres um einige Sommer älteren Genossen; denn er war kräftig gebaut, und aus seinem blonden, schönen Lockenkopf schauten ein Paar große blaue Augen trotzig in die Welt; sie dagegen war ein zartes Geschöpf mit schmächtigen Gliedern, bleichen Wangen und kohlschwarzem Haar. Sie trug ein ärmliches, aber städtisch geschnittenes Kleidchen und auch Strümpfe und Schuhe, er ging barfuß, und sein graues Wams sah nicht weniger verbraucht aus als die kurzen ledernen Hosen, die kaum seine Knie erreichten; aber doch mußte er etwas auf sein Äußeres halten, denn an seiner Schulter war eine rote Schleife von wirklicher Seide befestigt. Er konnte auch kaum das Kind eines Bauern oder Waldarbeiters sein; dazu war die Stirn zu hoch gewölbt, die Nase und der kirschrote Mund zu fein geschnitten, die Haltung zu stolz und frei. Die letzten Worte Ruths hatten ihm zu denken gegeben, aber er ließ sie unerwidert, bis das letzte Reisigbündel zusammengeschnürt war. Dann sagte er zögernd: »Mein Müetterl – du weißt ja ... vor dem Vater darf ich nicht von ihr reden, sonst faßt ihn der Ingrimm; mein Müetterl soll ja so schlecht sein; – aber zu mir war sie's nimmer, und ich habe Heimweh nach ihr alle Tage, sehr, sehr, wie nach nichts anderem. Als ich so groß war, da hat mir mein Müetterl viel Dinge erzählt, so seltsame Dinge! Auch von einem Manne, der Schätze begehrte, und vor dem sich Berge öffneten auf ein Wort, das er kannte. Gewiß. Solch ein Wort sucht dein Vater.« »Ich weiß nicht,« entgegnete die Kleine. »Aber es muß ein großes Wort gewesen sein, aus dem Gott die ganze Erde und den Himmel und alle Sterne gemacht hat.« Ulrich nickte. Dann schlug er die Augen keck auf und rief: »Ja, wenn er es fände und würd' es nicht bei sich behalten, und du wolltest mir's sagen! Ich wüßte schon, was ich begehrte.« Ruth schaute ihn fragend an; er aber rief lachend: »Ich sag's nicht. Aber du, was würdest du fordern?« »Ich? Ich möchte, daß meine Mutter wieder sprechen könnt' wie andere Menschen. Aber du, du wünschst dir ...« »Was ich mir wünsch', das kannst du nicht wissen.« »Doch, doch! Du schafftest dir dein Müetterl wieder ins Haus.« »Nein, das hab' ich mir nicht gedacht,« entgegnete Ulrich und schaute errötend zu Boden. »Was denn? Sag's nur; ich schwatz' es nicht aus.« »Ich möchte ein Knapp beim Grafen sein und immer mit ihm ausreiten dürfen, wenn er auf die Pirsch zieht.« »O du!« rief das Mädchen. »Wenn ich ein freier Bursch wäre wie du, das wär' mir das Rechte! Ein Knapp! Wenn das Wort alles vermag, macht es dich auch zum Herrn auf der Burg und zu einem mächtigen Grafen, und du bekommst Kleider von lauter Samt mit bunten Schlitzen und ein seidenes Bett.« »Und ich reite den schwarzen Hengst, und mir gehört der Wald mit den Hirschen und Rehen; und den Bürgern drunten im Ort, denen werd' ich es zeigen.« Der Knabe erhob bei diesen Worten drohend die Faust und die Augen und bemerkte nun erst, daß schwere Regentropfen zu fallen begannen und ein Gewitter heraufzog. Rasch und geschickt belud er sich mit mehreren Reisigbündeln, legte eins auf die Schulter der Kleinen und schritt mit ihr talabwärts. Er achtete nicht des heftiger strömenden Regens, des Blitzes und Donners; sie aber bebte an allen Gliedern. Am Saume des Hohlweges, der zur Stadt führte, blieb sie stehen. Das Naß des Himmels sickerte an seinen beiden schrägen Wänden nieder und sammelte sich auf seinem steinigen Boden zu einem rötlichen Gießbach. »Komm nur!« rief er und setzte den Fuß auf die Wandung der Schlucht, von der nun Steine und das von dem feuchten Element gebundene sandige Erdreich prasselnd niederwärts rutschten. »Ich fürchte mich,« entgegnete sie bebend. »Da blitzt es wieder! O Gott, Gott – wie das flammt! ... – oh, dieser Schlag!« Sie bückte sich, als habe der Strahl sie getroffen, schlug die Händchen vor das Gesicht und sank auf die Knie; dabei fiel das Reisigbündel zu Boden. Sie war ganz Furcht, und als wenn sie dem mächtigen Wort schon gebieten könne, dachte sie: »Ach Wort, ach du Wort, schaff mich nach Hause.« Er stampfte ungeduldig mit dem Fuß, warf ihr einen Blick zu, in dem sich Verdruß und Verachtung paarten, und murmelte scheltende Worte vor sich hin, während er ihr Bündel, dem er bald die seinen folgen ließ, in den Hohlweg schleuderte. Dann faßte er unsanft ihre Hand und zog sie an den Rand des Abhanges. Halb gehend, halb gleitend, mit manchem unfreundlichen Ruf, aber doch immer bedacht, sie zu stützen, klomm er die steile Wand mit ihr hinab, und als sie endlich zwischen den ausgefahrenen Geleisen im Wasser standen, nahm er die triefenden Reisigwellen auf und ging mit allen, auch mit den ihrigen, stillschweigend weiter. Nach einer kurzen Wanderung durch eilendes Naß und langsam zu Tale rutschendes Geröll schauten ihnen einige Schindeldächer entgegen. Nun atmete die Kleine wieder auf, denn zu der Reihe von einzeln stehenden armseligen Häusern, die sich zwischen dem Wald und dem hier schon ganz flachen Saume des Sohlweges erhob, gehörte auch ihr eigenes Heim und die väterliche Schmiede ihres Gefährten. Es regnete noch immer, aber das schnell heraufgekommene Gewitter hatte sich rasch verzogen, und Dämmerung breitete sich schon über die von feuchtem Dunst umwallten Dächer und spitzen Türme des Städtchens, von dem die Gasse am Hohlweg ausging. Nur noch einzelne abgerissene Glockentöne unterbrachen die Stille des Abends, schwache Nachzügler des kräftigen Geläutes, mit dem der Türmer vorhin das Unwetter zu zerstreuen versucht hatte. Es war wohl gesorgt für die Sicherheit des Ortes im engen Waldtale drunten, denn eine Mauer und ein Graben zogen sich rings um ihn her; nur die Häuser am Rande der Schlucht waren unbeschützt. Zwar wurde die Mündung des Hohlweges von den Feldstücken der Stadtmauer und dem starken Turm neben der Ausfallspforte beherrscht, aber es lag den Bürgern nicht ob, für die Sicherheit der Häuserreihe dort oben zu sorgen. Man nannte sie den Richtberg, und es wohnte darin nur Gesindel, der Scharfrichter und armes Volk, dem man das Bürgerrecht nicht gewährte. Der Schmied Adam hatte das seine auch verwirkt, und Ruths Vater, der Doktor Costa, war ein Jude, der froh sein mußte, daß man ihn hier in der alten Försterei duldete. In der Gasse war es still. Nur einige Kinder sprangen in den Pfützen umher, und eine alte Wäscherin stellte ein hölzernes Gefäß unter die Dachrinne, um Regenwasser zu sammeln. Zwischen den Hütten und unter Menschen atmete Ruth wieder auf, und bald hing sie an der Hand des Vaters, der ihr entgegengekommen war, und betrat dann mit ihm und Ulrich ihr elterliches Haus. Zweites Kapitel Während der Knabe die feuchten Reisigwellen neben den Herd in der Küche des Doktors zu Boden warf, zog ein Klosterknecht drei Rosse unter den roh zusammengezimmerten Schuppen vor der Werkstätte des Schmieds Adam. Der stattliche, längst ergraute Mönch, der den schweren Falben geritten hatte, stand schon neben dem erstorbenen Feuer und drückte die Hände auf die durchwärmte Esse. Die Schmiede hatte offen gestanden, aber trotz allen Pochens und Rufens war weder der Meister noch eine andere Menschenseele erschienen. Adam war ausgegangen, aber weit entfernt konnte er nicht sein, denn auch die aus der Wertstätte in die Wohnstube führende Tür war unverschlossen. Dem Pater Benedikt wurde die Zeit lang, und er versuchte zu seiner Zerstreuung den gewaltigen Hammer zu heben. Das fiel ihm, der doch auch kein Schwächling war, sauer, und dem Arme Adams war es nicht schwer, diese Last zu schwingen und sicher zu lenken. Hätte der Meister nur sein Leben ebensogut zu regieren verstanden wie sein wuchtiges Werkzeug! Er gehörte nicht auf den Richtberg. Was würde sein Vater gesagt haben, wenn er es erlebt hätte, seinen Sohn hier wohnen zu sehen! Der alte Schmied war dem Pater wohl bekannt gewesen, und er wußte auch mancherlei von dem Sohne und dessen Schicksalen, aber freilich nicht mehr, als das Hörensagen den einen mit dem Leben des anderen vertraut macht. Auch das schon genügte, um ihm zu erklären, warum Adam ein so in sich gekehrter, weltfremder, einsilbiger Mann geworden. Was man einen munteren Burschen nennt, das war er freilich auch in jüngeren Jahren nicht gewesen. Die Schmiede, in der er groß geworden, stand noch am Markte drunten im Städtchen; sie hatte schon seinem Groß- und Urgroßvater gehört. An Zuspruch war dort niemals Mangel gewesen, zum Verdruß der wohlweisen Ratsherren, deren Hinundhergerede von dem Gehämmer gestört ward, das über den schlecht gepflasterten Platz an die Fenster des Sitzungssaales drang; der Scharwache unter den Lauben im Erdgeschoß des Rathauses versüßte dagegen der Verkehr vor der Schmiede das Nichtstun. Wie Adam vom Marktplatz auf den Richtberg gekommen, ist schnell erzählt. Er war das einzige Kind seiner wackeren Eltern und erlernte früh bei dem Vater das Handwerk. Als die Mutter gestorben war, gab der Alte dem Sohn und Gesellen den Segen sowie einige Gulden Zehrgeld und sandte ihn in die Fremde. Er wanderte geradeswegs nach Nürnberg, das der Alte als hohe Schule der Schmiedekunst rühmte. Hier blieb Adam zwölf Jahre, und als ihn dann die Nachricht ereilte, sein Vater sei gestorben und er habe die Schmiede am Markte geerbt, da wunderte er sich, daß er dreißig Jahre alt und nicht weiter als bis nach Nürnberg gekommen. Freilich hatte es dort alles zu lernen gegeben, was die gesamte übrige Welt in der Schmiedekunst nur immer vermochte. Er war groß und schwer und hatte sich von Kind an langsam und ungern von der Stelle gerückt, an der er einmal stand. Wenn die Arbeit fleckte, so war er auch nach Feierabend nicht vom Amboß fortzubringen; war es schön hinter dem Bierkrug, hielt er länger aus als der letzte. Beim Schaffen war er stumm, wie abgestorben, für alles, was um ihn her vorging, in der Schenke sprach er nur selten wenige Worte, und doch sahen die jungen Maler, Bildschneider, Goldarbeiter und Studenten am Stammtisch den gewaltigen Zecher und guten Hörer gern, und seine Zunftgenossen wunderten sich nur, wie der verständige Schwab, der bei keinem lockeren Streich mithielt und es bitter ernst mit der Arbeit nahm, dazu kam, sich von ihnen abzusondern, zu dem leichten Völkchen zu halten und papistisch zu bleiben. Nach des Vaters Tode hätte er sogleich in die Schmiede am Markt einziehen können, doch es ging nicht so schnell mit dem Aufbruch, und es dauerte volle acht Monate, bis er sich von Nürnberg losgelöst hatte. Auf der Landstraße vor Schwabach holte den Wanderer ein Stellwagen ein, in dem fahrende Leute saßen. Sie gehörten zu der feineren Art, wie sie sich auch vor Fürsten und Grafen hören lassen durften, und es waren ihrer sieben. Der Vater und die vier Söhne spielten Geige, Viola und Rebebe, und die beiden Töchter sangen zur Laute und Harfe. Der Alte lud Adam ein, den achten Platz in dem Fuhrwerk einzunehmen, und so zahlte er denn seine Pfennige, und man machte ihm Platz gegenüber der Flora, die die Ihren Florette nannten. Die Spielleute wollten nach Nördlingen zur Messe, und dem Schmied behagte es unter ihnen so gut, daß er auch noch am Ziel der Reise tagelang mit ihnen zusammenblieb. Als er endlich fortging, weinte Florette, er aber wanderte bis gegen Mittag, ohne sich umzusehen, fürbaß. Dann legte er sich unter einem blühenden Apfelbaum nieder, um Rast zu halten und einen Imbiß zu nehmen, aber es wollte ihm nicht schmecken, und als er die Augen schloß, konnte er nicht schlafen, denn er mußte fort und fort an Florette denken. Gewiß! Er hatte sich viel zu früh von ihr getrennt, und ihn überfiel heftige Sehnsucht nach dem Mädchen, ihren roten Lippen und ihrem vollen Haar. Das war ganz goldblond; er kannte es gut, denn sie hatte es oft im Wirtshauszimmer neben der Streu, auf der sie alle geschlafen, gestrählt und geflochten. Auch nach ihrem Lachen war ihm bang, und er hätte sie gern noch einmal weinen sehen. Dann kam ihm auch die verödete Schmiede auf dem engen Markt und das traurige Nest in den Sinn, und daß er dreißig Jahre alt geworden sei und doch eine Meisterin brauche. Ein eigenes Weibchen! Eins wie Florette! Siebzehn Jahre, Milch und Blut, lauter Lust und fröhliches Leben! Er war gewiß kein leichtherziger Bursch, aber unter dem Apfelbaum im Monat Mai sah er sich in eitel Glück und Freude in der Schmiede am Markt mit dem Blondkopfe hausen, der ja schon Tränen um ihn vergossen. Endlich sprang er auf, und weil er sich einmal vorgenommen, an diesem Tage noch weiter zu wandern, so tat er es auch, und zwar aus keinem anderen Grunde, als um dem Entschluß von gestern gerecht zu werden. Am nächsten Morgen zog er vor Sonnenaufgang wieder auf der Landstraße hin, diesmal aber nicht vorwärts und auf den Schwarzwald los, sondern nach Nördlingen zurück. Noch am selbigen Abend war Florette seine Braut, und am folgenden Dienstag sein eheliches Weib. Mitten im Lärm der Messe ward die Hochzeit gefeiert. Fahrende Leute, Gaukler und Possenreißer waren die Zeugen; an Musik und Geleier und bunten Flittern fehlte es nicht. Dem Bürgerssohne und verständigen Gesellen wäre ein ernsteres Fest lieber gewesen, aber dies Fegefeuer mußte passiert werden, um ins Paradies zu gelangen. Am Mittwoch fuhr er auf einem Meßfuhrwerk mit seinem jungen Weibchen von dannen, und zu Stuttgart kaufte er, weit weniger um den Klatschbasen, nach denen er nichts fragte, die Mäuler zu stopfen, als um seine Frau vor den eigenen Augen zu ehren, für einen Teil seines Ersparten mancherlei Gerät. Das ließ er als Florettens Heiratsgut hochaufgepackt in einem eigenen Wagen in seinen Heimatsort führen, denn ihre ganze Morgengabe hatte aus einem rosenroten und einem grasgrünen Kleidchen, einer Laute und einem weißen Hündchen bestanden. In der Schmiede begann nun für Adam ein herrliches Leben. Die Gevatterinnen mieden seine Frau, aber in der Kirche sahen sie doch nach ihr hin, und sie kam ihm, und zwar nicht mit Anrecht, zwischen ihnen vor wie die Rose unter dem Gemüse. Den ehrsamen Bürgern war der Bund, den er geschlossen, ein Greuel, aber er brauchte sie nicht, und Flora schien sich auch so zufrieden bei ihm zu fühlen. Als sie ihm vor Ablauf des ersten Jahres seiner Ehe Ulrich geschenkt hatte, da erreichte das Glück seinen Gipfel und erhielt sich ein volles Jahr auf der gleichen Höhe. Wenn er damals in der Vesperzeit mit dem Buben auf der Schulter und sein Weibchen im Arm hinter den frischen Balsaminen, Aurikeln und Gelbveigelein im Erker stand und der brenzlige Geruch des geglühten Hufhorns ihm in die Nase drang und er sah, wie unten der Gesell und der Lehrbursch einem Roß das Eisen auflegten, da dachte er: in Nürnberg und bei der Kunst war es gut, möchte wohl wieder einmal eine Blume schmieden, aber das Handwerk darf man auch nicht verachten, und so mit Weib und Kind ist es gewißlich am besten. Am Abend trank er seinen Schoppen im »Lämmle«, und als dort der Wundarzt Siedler das Leben ein elendes Jammertal nannte, lachte er ihm ins Gesicht: »Wer's nur recht zu nehmen weiß, für den ist's auch wohl ein wonniges Gärtlein!« Florette war ihrem Manne gut, und solang ihr das Kind an der Brust lag, widmete sie sich ihm mit hingebender Liebe. Adam sprach oft von dem Töchterlein, das geradeso aussehen müsse wie die Mutter; aber das wollte nicht kommen. Als der kleine Ulrich endlich auf der Straße zu laufen anfing, regte sich auch in der Mutter das Wanderblut, und sie begann dem Manne in den Ohren zu liegen, daß er dies elende Nest verlassen und nach Augsburg oder Köln, wo es schön sei, hinziehen möge; er aber saß, wo er saß, und wenn ihre Macht über ihn auch groß war, so vermochte sie doch nichts über die seßhafte Art seines Wesens. Manchmal nahmen ihre Bitten und Vorstellungen kein Ende, und wenn sie sich gar beklagte, daß sie hier vor Einsamkeit und Langeweile vergehe, brach sein Zornmut hervor, und dann fürchtete sie sich und stob in ihre Kammer und weinte. Wenn sie einen mutigen Tag hatte, drohte sie ihm auch wohl, auf und davon zu gehen und die Ihren zu suchen. Das gefiel ihm schlecht, und er ließ es sie schwer und bitter fühlen, denn er hielt an allem fest, auch an dem Ärger, den er empfand, und wenn er grollte, so geschah es nicht auf Stunden, sondern auf Monde, und in solcher Zeit ließ er sich weder durch süße Schmeichelei noch durch Tränen versöhnen. Nach und nach lernte sie seiner Unzufriedenheit mit Achselzucken begegnen und sich das Leben in ihrer Weise zurechtzulegen. Ulrich war ihr Trost, ihr Stolz, ihr Spielzeug, aber das Getändel mit ihm genügte ihr nicht. Wenn Adam hinter dem Amboß stand, saß sie hinter den Blumen im Erker, und die Leute von der Scharwache schauten nun höher hinauf als nach der Schmiede, und die ehrsamen Ratsherren fanden für das Haus des Meisters auch andere als unfreundliche Blicke, denn Florette erblühte in der Ruhe, die sie genoß, immer schöner, und unter den Rittern in der Nachbarschaft ließ mancher die Rosse bei Adam beschlagen, nur um seinem schönen Weib ins Auge zu sehen. Am häufigsten kam der Graf von Frohlingen, und Florette lernte bald den Hufschlag seines Hengstes von dem der anderen Rosse unterscheiden, und machte sich, wenn er in die Werkstatt trat, dort gern dies oder das zu schaffen. Nachmittags ging sie oft mit dem Kind vors Tor, und dann wählte sie stets die nach der Burg des Grafen führende Straße. Es fehlte denn auch nicht an besorgten Freunden, die Adam warnten, aber der fuhr sie übel an, und so lernten sie schweigen. Gerade jetzt war sie wieder munter geworden und sang bisweilen wie ein lustiger Vogel. Sieben Jahre gingen so hin, und im Sommer des achten kam ein versprengtes Fähnlein Landsknechte vor die Stadt und erhielt Einlaß. Unter den Lauben im Rathaus war ihr Quartier, aber sie lagen auch viel in der Schmiede, denn es gab genug an ihren Sturmhauben und Halsbergen und sonstigem Rüstzeug zu bessern. Der Fähnrich, ein schmucker, stolzer Gesell mit zierlichem Schnauzbart, war der fleißigste Kunde des Adam und spielte recht liebevoll mit Ulrich, wenn Florette sich mit ihm zeigte. Endlich zog das Fähnlein ab, und am selben Tage wurde der Schmied in das Kloster gerufen, um etwas an dem Gitter vor dem Schatze zu bessern. Als er heimkehrte, war Florette verschwunden; »dem Fähnrich nachgelaufen,« sagten die Leute, und sie hatten das Rechte getroffen. Adam versuchte es nicht, sie dem Verführer abzujagen; aber eine große Liebe läßt sich nicht aus der Brust reißen wie ein Stab, den man in die Erde gesteckt hat; sie ist mit tausend Fasern und Zasern festgewachsen, und sie ganz vernichten heißt das Herz, in dem sie wurzelt, und mit ihm das Leben zerstören. Wenn er sie im stillen verwünschte und sie eine Natter nannte, so kam ihm wohl in den Sinn, wie holdselig, lieb und frohgemut sie doch gewesen sei, und dann schlugen die Wurzeln der zerstörten Neigung neue Triebe, und er sah vor seinem inneren Auge bestrickende Bilder, deren er sich schämte, sobald sie wieder entschwunden waren. In das »wonnige Gärtlein« des Lebens hatte auch bei dem Adam Blitz und Hagel geschlagen, und aus dem kleinen Kreis der Glücklichen war er in die große Heerschar der Elenden gestoßen worden. Unverschuldetem Leid wohnen läuternde Kräfte inne, aber durch unverschuldete Schande wird niemand besser, am wenigsten ein Mann wie Adam. Ohne nach rechts und links zu schauen, hatte er getan, was ihm recht schien, jetzt aber fühlte der makellose Mann sich entehrt und bezog alles, was er sah und hörte, mit krankhafter Empfindlichkeit auf sich und seine Schmach; und die Kleinstädter ließen es ihn fühlen, daß er übel beraten gewesen sei, als er es gewagt hatte, eine Spielmannstochter zur Bürgerin zu machen. Wenn er ausging, wollte es ihm – und gewöhnlich mit Anrecht – scheinen, als stieße einer den andern an, aus jedem Auge schienen ihm Hände zu wachsen, die mit ausgestrecktem Finger auf ihn wiesen. Daheim fand er nichts als Öde, Leere, Gram und ein Kind, das ohne Unterlaß an den Wunden riß, die in seinem Herzen brannten und nagten. Ulrich sollte »die Natter« vergessen, und er verbot ihm streng, von dem »Müetterl« zu reden, aber es verging kein Tag, an dem er dies nicht selbst getan hätte. Der Schmied hielt es in dem Hause am Markt nicht lange aus. Er wollte nach Freiburg oder Alm, nur an keinen Ort, an dem er mit ihr zusammen gewesen. Ein Käufer für das Haus mit dem nahrhaften Gewerbe war bald gefunden, die Sachen wurden gepackt, und am Mittwoch sollte der neue Besitzer einziehen, da kam am Montag der Roßkamm Bolz vom Richtberge zu Adam in die Werkstatt. Der Mann war jahrelang sein guter Kunde gewesen und hatte ihm Hunderte von Eisen abgekauft, die er an der eigenen Esse den Pferden auflegte, denn er verstand sich aufs Schmieden. Er kam, um Abschied zu nehmen, denn er hatte sein Schäflein im trocknen, und im Unterland ließ sich ein besseres Geschäft machen als hier oben im Walde. Zuletzt bot er Adam sein Anwesen um ein billiges zum Kauf. Der Meister hatte den Vorschlag des Roßkamms belächelt, aber am folgenden Tage ging er doch auf den Richtberg, um sich das Ding zu betrachten. Da lag die Scharfrichtern, nach der wohl die ganze Straße genannt ward. Eine elende Spelunke erhob sich hier neben der andern. Dort vor der Tür lachte der Trottel Wilhelm, mit dem die Stadtbuben ihre Kurzweil trieben, noch ebenso dumm vor sich hin wie vor zwanzig Jahren, hier hauste die Besenkathrin mit dem großen Kropf, die die Gossen fegte; in den drei grauen Kutten, an denen viel zerlumpte Wäsche hing, wohnten zwei Köhlerfamilien und der Gaukelkaspar, ein wunderlicher Mann, den er als Knabe am Pranger gesehen, mit seinen garstigen Töchtern, die im Winter Spitzen wuschen und im Sommer mit dem Alten auf die Jahrmärkte zogen. In den Hütten, vor denen die vielen Kinder spielten, wohnten ehrliche, aber blutarme Waldarbeiter. Not und Elend waren hier heimisch. Nur das Haus des Roßkammes und ein zweites hätte sich auch in der Stadt sehen lassen können. Das letztere war von dem Juden Costa bewohnt. Der war vor zehn Jahren mit seinem alten Vater und einem stummen Weibe aus einem fernen Lande in die Stadt gekommen und dort geblieben, denn die Frau war eines Mägdleins genesen und der Alte später tödlich erkrankt. Aber die Bürger wollten keinen Juden unter sich dulden, und so war der Fremde auf den Richtberg in das frühere Forsthaus gezogen. Das hatte leer gestanden, weil ein besseres tiefer im Walde gebaut worden war. Den Zins und Judenzoll, der dem Fremden abverlangt wurde, konnte der Stadtsäckel brauchen. Der Jude willigte in die Forderung des Rates, aber weil man bald wußte, daß er den ganzen Tag hinter großen Büchern sitze und keinen Handel treibe, und zudem alles mit gutem Gelde bezahle, hielt man ihn für einen Goldmacher und Zauberkünstler. Elend oder verachtet war alles, was hier hauste, und als Adam den Richtberg hinter sich hatte, sagte er sich, daß er nicht mehr unter die Stolzen und Makelfreien gehöre, und weil er sich nun einmal geschändet fühlte und er es mit allen Dingen und so auch mit der Schande bitter ernst nahm, fand er, daß die Richtberger die rechten Nachbarsleute für ihn seien. Von denen wußte jeder, was es heißt, elend sein, und unter ihnen hatte mancher größere Schmach als er zu tragen. Und dann! Wenn die Not sein unseliges Weib zu ihm zurücktrieb, hier war der rechte Platz für sie und ihresgleichen. So kaufte er denn das Haus des Roßkamms und seine gut ausgestattete Schmiede. Was er da in aller Stille schaffte, dafür fanden sich Abnehmer genug. Er hatte den Kauf nicht zu bereuen. Die alte Wärterin war bei ihm geblieben und sorgte für den Buben, der wohl gedieh. Ihm selbst wurde es beim Zeichnen, bei mancher künstlichen Arbeit leichter ums Herz. Zuweilen ging er in die Stadt, um Eisen oder Kohlen zu kaufen, sonst aber vermied er den Verkehr mit den Bürgern, welche die Achseln über ihn zuckten und sich auf die Stirn wiesen, wenn sie von ihm sprachen. Etwa ein Jahr nach der Übersiedlung hatte er mit dem Feilenhauer zu reden und suchte ihn im »Lämmle« auf. Dort saßen die Mannen des Frohlinger Grafen. Er beachtete sie nicht, sie aber begannen sich an ihm zu reiben und ihn zu hänseln. Eine Weile gelang es ihm, sich zu bezähmen, doch als es der rote Valentin zu bunt trieb, übermannte ihn der Jähzorn und er schlug ihn zu Boden. Die anderen fielen nun über ihn her und schleppten ihn auf die Burg ihres Herrn. Ein halbes Jahr lang wurde er gefangen gehalten, dann führte man ihn eines Tages vor den Grafen, und der gab ihm die Freiheit zurück wegen der »schönen Augen der Frau Florette«. Seitdem waren Jahre vergangen, und Adam hatte mit dem Sohne still und arbeitsam auf dem Richtberge hingelebt. Er verkehrte mit niemand, doch in dem Doktor Costa fand er den ersten und einzigen wahren Freund, den die Schickung ihm gönnte. Drittes Kapitel Pater Benedikt hatte den Schmied bald nach seiner Heimkehr aus der Haft zum letztenmal gesehen, und zwar vor dem Beichtstuhl im Kloster. Da der Mönch in der Jugend in einem kaiserlichen Reiterfähnlein gedient hatte, stand er nun trotz seiner geistlichen Würde der Stallung des reichen Klosters vor und war früher mit manchem Pferde vor die Schmiede am Markt gekommen, aber seitdem das Kloster mit der Stadt in Streit geraten, ließ Benedikt die Rosse anderwärts beschlagen. Ein schwieriger Fall hatte ihn an den halb verschollenen, geschickten Meister erinnert, und als dieser mit einem Sack Kohlen aus dem Speicher zurückkam, begrüßte ihn Benedikt mit aufrichtiger Wärme. Auch der Schmied zeigte sich erfreut über den unerwarteten Besuch und stellte dem Kloster seine Kunst zur Verfügung. »Es ist spät geworden, Adam,« sagte der Pater und lockerte den feuchten Gürtel, den er beim Reiten zu tragen pflegte. »Das Gewitter hat uns unterwegs überfallen. Bei dem Rollen und Flackern da oben hat der Goldfuchs dem Götz die Hand schier aus dem Gelenk gerissen. Drei Schritt beiseite und einen vorwärts – dabei ist's spät geworden, und im Dunkeln werdet auch Ihr mit dem Racker nicht fertig.« »Ihr meinet den Goldfuchs?« fragte der Schmied mit tiefer, volltönender Stimme und steckte einen brennenden Kienspan in den Eisenring an der Esse. »Ja, Meister. Er duldet nicht das Beschlagen und ist doch eine kostbare Kreatur; wir haben noch keine gleiche gezogen. Bei uns zwingt ihn niemand, aber Ihr, Ihr habt in früheren Tagen ... daß dich das Mäuschen ... Seid in den paar Jahren auch nicht jünger geworden, Adam! Setzt das Käpple nur auf, habt Haare gelassen! Die Stirn reicht Euch schon bis in den Nacken, aber der Arm, der Arm ist geblieben! Wißt Ihr noch, wie Ihr zu Rodebach den Amboß mitten entzwei hiebt?« »Laßt das!« entgegnete der Schmied – nicht unfreundlich, aber bestimmt. »Ich beschlage das Roß morgen in aller Frühe, für heute ist es zu spät.« »Hab' mir's gedacht!« rief der andere und schlug erregt in die Hände. »Ihr wisset, wie wir wegen des Brückenzolls mit den Städtern stehen. Lieber in die Nesseln als in das nichtsnutzige Nest! Der Stall da hinten ist groß genug! Habt Ihr keine Schütte Stroh für einen armen Bruder in Christo? Weiter brauch' ich nichts; den Imbiß führe ich bei mir.« Der Schmied sah verlegen zu Boden. Er war nicht gastlich. Unter seinem Dache hatte noch kein Fremder geruht, und alles, was seine Abgeschiedenheit störte, war ihm zuwider. Aber er konnte nicht nein sagen, und so entgegnete er kühl: »Ich hause hier allein mit meinem Buben; – aber wenn Ihr vorliebnehmen wollt, Platz wird sich finden.« Der Pater schlug so freudig ein, als sei er herzlich geladen worden, und nachdem die Pferde und der Knecht untergebracht waren, folgte er seinem Wirte in den neben der Werkstätte gelegenen Wohnraum und stellte die Satteltasche auf den Tisch. »Alles gut, Meister,« sagte er lachend und holte ein gebratenes Huhn und ein Weißbrot hervor. »Aber wie wird's mit dem Wein? Ich brauche nach dem nassen Ritt etwas Warmes hier drinnen. Habt Ihr ein Tröpflein im Keller?« »Nein, Herr!« entgegnete der Schmied. Aber gleich darauf besann er sich eines andern und sagte: »Doch; ich warte Euch auf.« Dabei öffnete er den Wandschrank, und als der Pater ein wenig später den ersten Becher leerte, folgte seine Hand mit einem langgezogenen »Ah!« dem feurigen Trunke und blieb befriedigt in der Gegend des Magens ruhen. Seine Lippen spielten noch ein wenig im Nachgenusse, dann sah er den Schmied mit den sonderbar runden Augen wohlwollend an und sagte listig: »Wenn solche Trauben an Eurem Nadelholz wachsen, dann wollte ich, der gütige Herrgott hätte dem Vater Noah statt einer Rebe ein Tannenbäumlein geschenkt. Bei meinen Heiligen; der Erzbischof führt keinen besseren Tropfen im Keller! Gönnt mir noch ein Schlücklein und sagt mir, durch wen Ihr die herrliche Gabe bezieht?« »Costa gab mir den Wein.« »Der Hexenmeister, der Jude?« fragte der Pater und schob den Becher von sich. »Ja freilich,« fuhr er dann halb ernst, halb schelmisch fort, »wenn man es recht bedenkt, hat der Wein beim ersten heiligen Nachtmahl und bei der Hochzeit von Kana und der Rebensaft, an dem König David sich letzte, auch einmal in jüdischen Kellern gelegen.« Benedikt hatte wohl erwartet, daß sein Wirt ein Lächeln oder ein Wort des Beifalls für ihn finden würde, aber des Schmiedes bärtiges Gesicht blieb regungslos und wie erstorben. Der Pater schaute weniger munter drein, als er von neuem anhob: »Ihr solltet Euch auch einen Becher gönnen, Meister; der Wein in Maßen genossen macht froh, und Ihr seht nicht aus wie ein zufriedener Mann, 's ist Euch nicht alles nach Wunsch im Leben gegangen; aber es hat jeder sein Kreuzlein zu tragen, und Ihr, Ihr heißt Adam, und so kommt das Eure auch von der Eva.« Der Schmied hatte bei dieser Rede die Hand von dem Barte entfernt und rückte das runde Lederkäppchen auf dem kahlen Scheitel hin und her. Eine rauhe Entgegnung lag ihm schon auf den Lippen, als er Ulrich bemerkte, der verblüfft auf der Schwelle stehengeblieben war. Der Knabe hatte außer dem Doktor noch keinen Gast am Tisch des Vaters gesehen, aber er sammelte sich schnell und küßte dem Pater die Hand. Der Mönch faßte das Kinn des schönen Buben, bog ihm das Haupt munter zurück, blickte auch Adam ins Antlitz und rief dann: »Mund, Nase und Auge hat er wohl von Eurem Weibe, aber Stirn und Schädel sind aus der gleichen Form wie die Euren gegossen.« In die Wangen des Schmiedes stieg eine leise Röte, und als hab' er genug gehört, wandte er sich rasch dem Buben zu und rief: »Kommst spät. Wo warst du so lange?« »Im Wald mit der Ruth; Reisig binden für Costas.« »Bis jetzt?« »Rahel hatte Nudeln gebacken. Da hieß der Doktor mich bleiben.« »Geh denn zur Ruh'. Aber erst reichst du dem Knecht im Stall einen Imbiß und legst frisches Linnen auf mein Lager. Morgen ganz früh bist du in der Werkstatt, es gibt ein Roß zu beschlagen.« Der Knabe schaute bedenklich auf und sagte: »Ja, aber der Doktor hat die Stunden verlegt; morgen beginnt die Lektion nach Sonnenaufgang, Herr Vater.« »Recht; wir werden auch ohne dich fertig. Gute Nacht denn.« Der Mönch war diesem Gespräch mit Spannung und wachsender Mißbilligung gefolgt, und sein Gesicht hatte ein ganz neues Aussehen gewonnen, denn die ohnehin eingefallenen Muskeln zwischen Nase und Mund hatten sich weiter zurückgezogen und bildeten mit der Unterlippe einen nach innen gekehrten Winkel. So schaute er eine Zeitlang stumm und strafend auf den Schmied. Dann schob er den Becher weit von sich und rief mit aufrichtigem Unwillen: »Was sind das für Dinge, Freund Adam? Den Judenwein lass' ich gelten, meinethalben auch die gebackenen Nudeln, obgleich es ein Christenkind nicht eben gottgefälliger macht, mit denen, über die das unschuldige Blut des Heilands gekommen, aus einer Schüssel zu essen; aber daß Ihr, daß ein gläubiger Christ es einem verfluchten Juden gestattet, einen unverständigen Buben ...« »Laßt das,« unterbrach der Schmied abweisend den erregten Mönch; doch dieser ließ sich nicht meistern, sondern fuhr nur lauter und entschiedener fort: »Mitnichten werd' ich es lassen. Ist das erhört? Ein getaufter Christ, der seinen leiblichen Sohn zu dem ungläubigen Seelenverderber in die Kinderlehre schickt!« »Höret mich, Pater!« »Nichts da. An Euch ist das Hören; an Euch! Was hab' ich gesagt? An Euch, der für sein armes Kind einen ungläubigen Seelenverderber zum Lehrer aussucht. Wißt Ihr, was das ist? Das ist die Sünde gegen den Geist – von allen Sünden die schlimmste. Solcher Greuel! Mit dieser Schuld werdet Ihr's im Beichtstuhl schwer haben, Meister!« »Nichts Schuld – nichts Greuel!« entgegnete der Schmied trotzig. Da schoß dem Pater das Blut in die Wangen, und drohend rief er: »Oho, mein Herr Meister! Das Kapitel wird Euch zu Eurem Schaden eines Besseren belehren! Haltet den Buben fern von dem Juden, denn sonst ...« »Sonst?« wiederholte der Schmied und schaute Benedikt fest ins Antlitz. Dieser zog die Lippen wiederum tiefer ein und entgegnete nach einer kurzen Pause: »Sonst kommt Bann und gerechte Strafe über Euch und den hergelaufenen Doktor. – Lektion gegen Lektion. Wir sind weichmütig geworden und haben lange nicht zum Exempel für viele einen Juden gebrannt.« Diese Worte verfehlten nicht ihre Wirkung, denn wohl war der Schmied ein mutiger Mann, aber der Pater drohte mit Dingen, gegen die er sich so machtlos fühlte wie gegen die Gewalt des Sturmes und den aus den Wolken zuckenden Blitz. Tiefe Seelenpein sprach nun aus seinen Zügen, und indem er die Hände abwehrend gegen seinen Gast ausstreckte, rief er angstvoll: »Nicht, nicht! An mir ist nichts mehr gelegen. Kein Bann, keine Strafe kann schwerer machen, was ich ohnehin trage, aber wenn Ihr dem Doktor wehe tut, so will ich die Stunde verwünschen, in der ich Euch einlud, über diese Schwelle zu treten.« Der Pater sah den anderen verwundert an und entgegnete in milderem Tone: »Ihr seid von jeher Eure eigenen Wege gewandelt, Adam; aber wohin geratet Ihr nun? Hat Euch der Jude verhext, oder was knüpft Euch sonst an ihn, daß Ihr um seinetwillen dreinschaut wie vom Donner gerührt? Niemand soll es verwünschen, den Benediktus zu Gaste geladen zu haben. Findet Euch wieder zurecht, und wenn Ihr Vernunft annehmt – gütiger Himmel – so hat auch unsereins zwei Augen, um eines zuzudrücken, wo es am Platze ist. – Habt Ihr dem Costa etwas Besonderes zu danken?« »Viel, Pater, viel!« rief der Schmied, und aus seiner Stimme klang noch immer die nur zu wohl begründete schwere Angst um den Freund. »Hört mich, und wenn Ihr wißt, was er für mich getan hat, und Ihr habt den guten Willen, milde zu richten, so traget Ihr das, was Euch hier zu Ohren kommt, nicht vor das Kapitel – nicht, Herr, ich beschwöre Euch – nicht! Denn sehet, wenn ich es sein sollte, durch den der Doktor ins Verderben geriete, ich, gerade ich ...« Die Stimme versagte dem Schmied, und sein Atem wogte so heftig, daß sein starker Lederschurz sich bald in die Höhe schob, bald hinabsank. »Ruhe, Meister, Ruhe,« sagte nun der Pater, indem er besänftigend an die unterbrochene Rede des anderen anknüpfte. »Es macht sich noch alles, es macht sich. Setzet Euch, Mann, und vertraut mir! Was habt Ihr dem Doktor so grausam Großes zu danken?« Der Schmied blieb trotz der Aufforderung des anderen stehen und begann mit niedergeschlagenen Augen: »Ich bin kein Erzähler. Kurz! Wie sie mich ins Verlies geschleppt haben, wegen des Valentin, das wißt Ihr ja alles, aber wie mir dabei zumute war, das kann kein anderer ermessen. Fort ging es zwischen zwei Gäulen, immer fort, und hier unter dem elenden Gesindel blieb der Ulrich allein – und niemand war da, um für ihn zu sorgen, denn unsere alte Magd war an siebzig, und meine Habe hatte ich an einer sicheren Stelle vergraben, und im Hause nichts als ein Brot und kleine Münze auf kaum drei Tage. Das Kind, nur das Kind hatt' ich stets vor Augen, und ich sah es hier betteln, verlumpen, kläglich verkommen. Aber am meisten hat die Angst mich gemartert, nachdem sie mich freigelassen und ich von der Burg wieder nach Hause zog. Zwei Stunden Weges mögen es sein, aber sie sind mir länger geworden als ebenso viele Johannistage. Fand ich den Ulrich, fand ich ihn nicht? Und was war aus ihm geworden? Es war schon dunkel, als ich endlich hier vor dem Hause stand. Ausgestorben alles, und die Tür verschlossen. Hinein mußt' ich doch, und so pocht' ich denn mit dem Finger, schlug mit der Faust an das Tor und die Läden, aber vergebens. Da trat aus dem roten Hause hierneben das Spittellorle. Und nun bekam ich's zu hören. Die Alte war närrisch geworden und saß im Stock. Ulrich lag auf den Tod. Doktor Costa hatte ihn zu sich genommen. Als ich das vernahm, Herr, da war mir nicht besser zumute als Euch vorhin, und mich packte der Ingrimm und ich schämte mich, als stund' ich am Pranger. Mein Kind bei dem Juden! Es gab da nicht viel zu besinnen, und mit langen Schritten stieg ich auf das Haus des Doktors los. Durch das Fenster schien Licht. Es liegt hoch über der Straße, aber weil es weit offen stand und ich groß bin, konnte ich gut hineinsehen und das erleuchtete Zimmer ganz überblicken. Rechts an der Wand stand ein Bett, und darin lag in weißen Kissen mein Bube. Der Doktor saß ihm zur Seite und hielt die Hand des Kindes in seiner. Die kleine Ruth schmiegte sich an ihn und fragte: »Nun, Vater?« Da lächelte der Mann. – Kennt Ihr ihn, Pater? – Er ist noch ein Dreißiger und hat ein stilles, bleiches Gesicht. Da lächelte er und sagte so dankbar, so ... so froh, als wär' der Ulrich sein eigen: »Gottlob, er bleibt uns erhalten!« Und die Kleine sprang zu der stummen Mutter, die am Ofen saß und Garn wickelte, und rief: »Mutter, er wird wieder gesund. Ich hab' auch alle Tage für ihn gebetet.« Da neigte sich der Jude über mein Kind und küßte ihm mit den feinen Lippen die Stirn – und ich, ich – ich habe die Faust nicht länger geballt, und es faßte mich so, daß ich weinen mußte, als wär' ich selbst noch ein Kind, und seitdem, Pater Benediktus, seitdem ...« Der Schmied sprach nicht weiter; der Mönch aber erhob sich, legte die Hand auf die Schulter Adams und sagte: »Es ist spät geworden, Meister. Weist mir mein Lager. Morgen früh ist auch noch ein Tag, und wichtige Dinge soll der Mensch überschlafen. Aber dabei bleibt es und muß es bleiben – auf alle Fälle: der Bube geht nicht mehr zu dem Juden in die Lektion! Er ist Euch morgen beim Beschlagen zur Hand. Ihr werdet verständig sein, Meister!« Der Schmied entgegnete nichts und leuchtete dem Pater in das Zimmer voran, wo er sonst mit seinem Sohn zu schlafen pflegte. Sein eigenes Lager war für den Gast mit frischem Linnen bedeckt; – Ulrich lag schon auf dem seinen und schien zu schlummern. »Wir haben keine Kammer für Euch allein,« sagte Adam und wies auf den Knaben; der Mönch aber war mit dem Schlafgenossen zufrieden, und nachdem sein Wirt ihn verlassen, schaute er Ulrich in das frische, schöne Antlitz. Die Erzählung des Meisters hatte ihn ergriffen, und er legte sich nicht allsogleich zur Ruhe, sondern ging nachdenklich und leise, um das Kind nicht im Schlummer zu stören, auf und nieder. Adam hatte Grund, dem Manne dankbar zu sein, und warum sollte es keinen guten Juden geben? Er dachte an die Erzväter und Moses und Salomo und die Propheten, und war denn nicht der Heiland selbst und Johannes und Paulus, den er vor allen Aposteln liebte, das Kind einer jüdischen Mutter gewesen und unter Juden erwachsen? Und Adam, dem armen Schelm, war es über Gebühr traurig ergangen, und wer sich von Gott verlassen meint, der wendet sich leicht an den Teufel. Er war nun gewarnt, und dem Unfug mit dem Sohne mußte ein für allemal ein Ende gemacht werden. Was konnte das Kind von dem Juden nicht alles hören, in dieser Zeit, wo die Ketzerei wie ein brüllender Löwe umherlief und an allen Wegen saß wie eine Sirene! Nur durch ein Wunder war dies abgelegene Tal von den Irrlehren verschont geblieben, aber die Bauern hatten schon gezeigt, daß sie den Rittern die Macht, den Städten den reichen Erwerb, und der Geistlichkeit die ihnen von Gott verliehene Gewalt und den irdischen Besitz nicht gönnten. Er war geneigt, Milde walten zu lassen und den Juden diesmal zu schonen – aber nur unter einer Bedingung. Als er die Kutte ablegte, suchte er nach einem Haken, um sie aufzuhängen, und dabei bemerkte er auf dem Simse eine Reihe von Brettern. Er nahm eines von ihnen herab und fand darauf den Entwurf zu einem kunstvollen Brunnengitter von der Hand des Schmiedes, und dann gerade seinem Bette gegenüber eine Tafel von Lindenholz, auf der mit Kohle ein Bildnis gezeichnet war. Dies reizte seine Neugier, und als er es mit dem Kienspan beleuchtete, fuhr er zurück, denn es stellte in unbeholfener Ausführung, aber erstaunlich ähnlich, den Kopf des Juden Costa dar. Er erinnerte sich seiner wohl, denn er war ihm mehr als einmal begegnet. Verdrießlich schüttelte er das Haupt, aber er hob das Bild dennoch vom Simse und betrachtete näher die fein geschnittene Nase und die edle Wölbung der Stirn des Doktors. Dabei murmelte er unverständliche Worte vor sich hin, und als er endlich das bescheidene Kunstwerk wenig behutsam an den alten Platz zurückstellte, erwachte sein junger Schlafgenosse und rief nicht ohne Stolz: »Herr Pater, das habe ich selbst gezeichnet.« »Sieh da,« entgegnete der Mönch, »ich wüßte bessere Vorbilder für einen frommen Schmiedeburschen. Jetzt sollst du schlafen, und morgen bist du zeitig auf und hilfst dem Vater. Verstanden?« Dabei drehte er mit einer unsanften Handbewegung das Haupt des Buben nach der Wand hin, und die Milde, die des Meisters Erzählung in ihm geweckt hatte, war in alle Winde verflogen. Adam ließ seinen Sohn Abgötterei mit dem Juden treiben und Bildnisse von ihm machen. Das war zuviel! Unwillig warf er sich auf das Lager und begann zu erwägen, was in diesem schwierigen Falle zu tun sei, aber der Schlaf machte bald seinem Sinnen ein Ende. In aller Frühe erhob sich Ulrich, und als Benedikt ihn im Licht des jungen Tages wiedersah und das Bild des Juden, das der schöne Bub gezeichnet, ihn nun abermals anschaute, kam ihm, als sei es eine Eingebung seines Heiligen selbst, der Gedanke, den Schmied zu bestimmen, seinen Sohn in das Kloster zu geben. Viertes Kapitel Pater Benediktus war heute morgen ein ganz anderer als gestern abend beim Weine und ging kühl und gemessen den Fragen des Schmiedes aus dem Wege, bis dieser den Sohn fortgeschickt hatte. Ulrich war, ohne auf Widerspruch zu stoßen, dem Vater beim Beschlagen des Goldfuchses behilflich gewesen und hatte den widerspenstigen Hengst mit einigen Strichen über Augen und Nase, kleinen Liebkosungen und freundlichen Worten in wenigen Minuten gefügig gemacht wie ein Lamm. Dem Buben, sagte der Schmied, habe von klein auf kein Roß widerstanden; woran das liege, wisse er selbst nicht. Dem Pater gefielen diese Worte, denn er kannte noch zwei wahre Teufel von widerborstigen Fohlen nur zu genau, und was der Blondkopf in der Schule empfing, dafür konnte er sich im Stalle dankbar erweisen. Ulrich mußte aufs Kloster, und das erklärte Benediktus, nachdem der Meister sein Werk beendet, kurz und mit aller Bestimmtheit. Um Johannis werde eine Stelle in der Schule frei, und die solle für den Buben offen gehalten werden. Eine große Wohltat! – Welche Aussicht – dort mit vornehmen Genossen auferzogen und auch in der Malerkunst unterwiesen zu werden! Ob er geistlich bleiben oder einen weltlichen Beruf ergreifen solle, darüber ließ sich später reden. In einigen Jahren hatte der Knabe zu wählen und sich ohne Zwang zu entscheiden. So war alles aufs beste geschlichtet. Man brauchte dem Juden nicht an den Hals, und der gefährdete Sohn des Meisters war wohl geborgen. Einwände ließ der Pater nicht gelten. Entweder kam die Klage gegen den Doktor vor das Kapitel oder Ulrich in die Schule. In vier Wochen am Johannistag, so bestimmte Benediktus, möge sich der Meister mit seinem Sohne beim Pförtner melden; er müsse doch manchen Gulden beiseite gelegt haben, und es bleibe ihm Zeit genug, dem Buben Schuhe und ein gutes Habit zu schaffen, damit er auch in der Kleidung neben den anderen mit Ehren bestehe. Dem Schmied war bei dieser Verhandlung zumute wie dem Wild, das sich im Garn des Jägers verfängt, und er fand kein entschiedenes »Ja« oder »Nein«. Der Mönch bestand auch nicht auf ein bindendes Wort, aber als er von dannen ritt, sagte er sich, daß er eine Seele den Klauen des Satans entrissen und für die Klosterschule und seinen Stall einen guten Fang getan habe. Dies machte ihn fröhlich. Adam blieb allein beim Feuer zurück. Sonst hatte er oft, wenn das Herz ihm schwer gewesen, den großen Hammer ergriffen und sein Weh durch harte Arbeit übertäubt, aber heut ließ er das Werkzeug liegen, denn das Gefühl der Ohnmacht und Willenlosigkeit lähmte ihm die rüstige Kraft. Gesenkten Hauptes, wie gebrochen, stand er da. Bestimmte in Worten ausdrückbare Gedanken waren es nicht, die ihn bewegten, wohl aber zeigte sich vor seinen inneren Augen das Bild der verödeten Schmiede, in der er allein, ganz allein am Feuer stand ohne Ulrich. Einmal flog ihm durch den Sinn, sein Haus zu schließen, den Knaben bei der Hand zu nehmen und in die Welt hinauszuwandern. Aber was kam dann über den Juden, und wie konnte er fort von hier? Wo sollte die Elende, die verfluchte holdselige Sünderin ihn dann wiederfinden, wenn sie ihn suchte? Ulrich war längst ins Freie gelaufen, oder hatte er sich doch noch zu dem Doktor in die Lektion begeben? Bei diesem Gedanken schrak er zusammen. Wie ein aus dem Schlaf erwachter Träumer fuhr er mit den Händen über die Augen und begab sich in das Schlafzimmer. Dort warf er den Schurz ab, säuberte Antlitz und Hände von dem Ruß der Schmiede, tat sein bürgerliches Gewand an, das er nur beim Kirchgang trug oder wenn er den Doktor besuchte, und trat auf die Straße. Das Gewitter hatte die Luft geklärt, und die Morgensonne schien freundlich auf die Schindeldächer der armseligen Häuser am Richtberg. Ihre Strahlen spiegelten sich in den kleinen runden Scheiben der Hüttenfenster und umspielten die Wipfel des Waldes am Saume der Schlucht. Die frisch belaubten Kronen der Buchen leuchteten so heiter und in so hellem Grün aus dem dunkeln Nadelholze hervor, als hätte der Lenz sie als Wahrzeichen seiner Herrschaft zu den ernsten Genossen des Winters gesellt; aber auch an den Tannen war er nicht vorübergegangen, und wo sein Finger die Spitzen der Zweige segnend berührt hatte, da sproßte ein zarter junger Trieb, frisch wie Gräser am Bach und grün wie Chrysopras und Smaragd. Im Inneren des Waldes war es so morgendlich still und doch so lebensvoll und reich an Gesang und Gezirp, an Flötenklang und Gezwitscher. Blaues Himmelslicht fiel durch die Gipfel, und in allen Zweigen, an den Stämmen, am Boden webte und wogte goldener Sonnenglanz, als habe er sich im Walde verfangen und vermöge nimmer den Ausgang zu finden. Der Schatten der hohen Stämme lag in luftigen Streifen über dem Buschwerk, dem saftigen Moos und den Farnwedeln am Boden, und an Gräsern und Kräutern hing frischer Tau. Zu Ostern hatte die Natur ihr Auferstehungsfest gefeiert, und übermorgen sollte die frohe Pfingstzeit beginnen. Aus dem Stumpf jedes gemordeten Baumes sproßt neues grünes Leben; auch der Felsblock gewährt hundert Wurzeln Halt, und eine moosige Decke und ein Netz von dornigen Ranken hat sich um ihn geschmiegt. Die Waldrebe schwingt sich keck an manchem Stamme empor, am Heidelbeerkraut bilden sich schon Früchte, aber sie schimmern jetzt noch in zartem Rosenrot mit Maigrün vermischt. Tausend Blumen, bunterlei in Weiß und Rot und Gelb und Blau, haben die Glocken an die schlanken Stengel gehängt, die Kelche den Bienen geöffnet, die Sterne zum Schmuck des Waldteppichs entfaltet oder sich stolz wie Kerzen in die Höhe gestreckt. Nach dem erquicklichen Regen sind graue Pilzzwerge schnell aufgeschossen und scharen sich um die rotkäppigen Riesen unter den Schwämmen. Und unter und über und um all den üppigen Wuchs hüpfen und kriechen, fliegen und flattern, summen und zirpen Millionen kleiner, kurzlebiger Geschöpfe. Aber wer achtet ihrer an einem sonnigen Lenzmorgen im Walde, wenn die Vögel so liebesselig singen, flöten, schlagen, hacken, girren und rufen ? Murmelnd und plätschernd jagt der Waldbach in jähem Falle über Felsen und zwischen moosigen Blöcken und glatten Steinen zu Tale. Das eilende Wasser lebt, und in ihm leben seine munteren Bewohner, an seinen Seiten wuchert frisches Pflanzenleben vom Quell bis zum Ende, und über ihm und um ihn sonnt und erfrischt sich ein drittes Geschlecht von lebenden Kreaturen und flattert und summt und zieht zarte seidige Fäden. Inmitten einer runden, rings von dichtem Gehölz umgebenen Lichtung raucht ein Meiler. Hier atmet es sich weniger leicht als drunten im Holz. Wo die Natur sich selbst überlassen waltet, weiß sie die Schönheit und Reinheit zu wahren, aber wo der Mensch sie berührt, wird jene verstümmelt und diese getrübt. Es ist, als wollte die Morgensonne dem Qualm des schwelenden Holzes wehren, zum blauen Himmel frei aufzusteigen. Kleine Rauchwölkchen schweben über den feuchten, grasigen Boden, die faulenden Baumstümpfe, die hoch aufgestapelten Scheiter und Reisighaufen hin, die den Meiler umgeben. Eine Mooshütte steht am Rande des Waldes, und vor der sitzt Ulrich und spricht mit dem Köhler. Die Leute nennen diesen den »Hangemarx«, und er sieht in seinen grauschwarzen Lumpen ganz aus wie einer, für den es schade ist, daß sich die Natur so frühlingsmäßig schmuck aufputzte. Er hat ein breites Bauerngesicht, der Mund steht ihm schief, und das struppige, blondrote Haar, welches an manchen Stellen aussieht wie verwaschen oder verblichen, hängt ihm so tief in die schmale Stirn, daß es sie ganz verbirgt und die buschigen, schneeweißen Brauen berührt. Unter diesen liegen zwei Augen auf dem Anstand, denn sie sind gut versteckt, aber wenn sie aus dem schmalen Spalt zwischen den Wimperreihen hervorlugen, entgeht ihnen kein Stäubchen. Ulrich schnitzt einen Pfeil und richtet an den Köhler manche Frage, und wenn der sich zum Antworten bereitet, lacht der Bube, denn bevor der Hangemarx reden kann, muß er den schiefen Mund mit drei ruckweisen Bewegungen, an denen auch die Nase und Wangen teilnehmen, in eine wagerechte Stellung bringen. Es wird heute zwischen den beiden ungleichen Genossen etwas Wichtiges verhandelt. Nach Feierabend, wenn es dunkelt, soll Ulrich sich wieder bei dem Köhler einfinden. Marx weiß, wo ein stattlicher Rehbock steht, und er wird ihn dem Knaben entgegentreiben, damit er ihn fälle. Der Lammwirt unten in der Stadt hat Wildbret nötig, denn am Dienstag wird die Hochzeit seines Gretels gefeiert. Marx könnte den Bock zwar selber erlegen, aber der Ulrich hat's auch schon gelernt, und wenn es ruchbar wird, woher der Braten gekommen, kann der Köhler ohne Gewissenspein schwören, daß er das Böcklein mitnichten geschossen, sondern es mit dem Pfeil im Blatte gefunden. Die Leute nennen den Köhler einen Wilderer, und er dankt seinen schlimmen Namen des Hangemarx dem Umstand, daß er, es ist freilich schon lange her, einmal einen Galgen geschmückt hat. Aber er ist doch kein unredlicher Mann und hat nur den kühnen Satz, den, als er noch ein Bub war, ein Bauer und Säuer und Köhler dem andern zuraunte, gar zu treu im Gedächtnis bewahrt: »Wald, Wasser und Weide sind frei.« Auf diesen Ruf war sein Vater selig dem Bundschuh gefolgt, und er hielt an ihm fest, und mit ihm an der Ansicht, daß alles, was im Walde lebe, ihm so gut gehöre wie der Stadt, dem Ritter oder dem Kloster. Um dieser Ansicht willen war ihm viel Leid widerfahren, und sie trug auch Schuld an dem schiefen Mund und dem üblen Namen, denn als der Bart ihm keimte, war der Herr Vater des regierenden Grafen ihm in den Weg gekommen, nachdem er eben im »freien« Walde ein Schmaltier erlegt hatte. Dem schweren Stück Wildbret wurden nun die Beine mit Seilen zusammengebunden, der Marx aber mußte die Schleife an ihrem Ende wie einen Zaum zwischen die Zähne nehmen und das Tier mit dem Maul auf die Burg ziehen. Dabei war ihm die Wange aufgerissen worden, und der böse Handel hatte ihm übel gefallen und seine Liebe zu dem Grafen nicht sonderlich gestärkt. Als es dann, um weniges später, in Stühlingen losging und er vernahm, daß allerorten die Bauern gegen Adel und Pfaffen aufständen, da folgte er der schwarzrotgelben Hauptfahne und lief erst dem Hans Müller von Bulgenbach und dann dem Jäcklein Rohrbach von Böckingen nach und warf mit dem »hellen Haufen« Stadt und Burg Neuenstein nieder. Zu Weinsberg sah er den Grafen Helfenstein in die Speere rennen und warf mit den anderen die Kappe in die Luft, als die edle Frau Gräfin auf dem Mistkarren an ihm vorbei nach Heilbronn geführt wurde. Nun sollte der Bauer Herr sein, jahrhundertelanger Zwang sollte gebrochen, unbillige Gülten, Zehnten, Steuern, Frondienste sollten abgetan werden auf immer, und von den zwölf Artikeln, die er mehr als einmal bei der Verlesung vernommen hatte, stand ihm der vierte noch fest im Gedächtnis: »Wild, Vögel und Fische zu fangen steht jedermann frei.« Dazu war ihm mancher Satz aus dem Evangelium zu Ohren gekommen, der dem Reichen nicht wohl will, dem Armen aber das Himmelreich verheißt, und dem Letzten verspricht der Erste zu werden. Unter den Führern glühte wohl mancher in hoher Begeisterung für die Befreiung des armen Volkes aus unerträglicher Knechtschaft und Drangsal, aber wenn Marx und seinesgleichen Weib und Kind verließen und das Leben aufs Spiel setzten, hatten sie nur die Vergangenheit im Sinn und die erlittene Unbill, und es beherrschte sie das grimme Verlangen, die feinen Quälgeister mit den groben Bauernfüßen zu Boden zu treten. So helle Feuer wie damals hatte der Köhler noch nie entzündet, so fettes Fleisch und so würzigen Wein wie in jener Zeit seiner Tage nicht zu schmecken bekommen, und die Rache, die hatte noch besser gemundet als alles andere! Wenn die Burg zusammengestürzt war und die Edelfrau um Gnade bettelte, dann hatte es den Vorgeschmack des verheißenen Paradieses zu kosten gegeben. Der Teufel hat eben auch sein Eden mit glutroten Rosen; aber sie blühen nicht lange, und wenn sie welken, treiben sie harte Stacheln. Die bekamen die Bauern auch zeitig genug zu spüren, denn bei Sindelfingen fanden sie in dem Hauptmann Georg Truchseß von Waldburg den Meister. Marx fiel seinen Reisigen in die Hände und wurde an den Galgen geknüpft, aber nur zum Spott und als Warnung für andere; denn bevor es mit ihm und seinen Kumpanen vorbei war, nahmen die Knechte sie wieder ab, schnitten ihnen die Schwurfinger von den Händen und jagten sie mit Rutenstreichen in die alte Knechtschaft zurück. Als er endlich heimkehrte, war sein Haus den Seinen abgepfändet worden, und er fand sie in tiefem Elend wieder. Da löste der Vater des Schmiedes Adam, dem er früher die Kohlen geliefert, das Haus für ihn ein, gab ihm Arbeit, und als später einmal eine reisige Schar in die Stadt kam, um nach aufsässigen Bauern zu suchen, verwehrte der alte Meister ihm nicht, sich drei Tage lang in seinem Schuppen verborgen zu halten. Seitdem war alles ruhig in Schwaben, doch mit der Freiheit war es weder im Wald, noch im Wasser, noch auf der Weide etwas geworden. Marx hatte für sich allein zu sorgen, denn sein Weib war tot und seine Söhne führten als Flößer Tannenstämme nach Mainz und Köln und bisweilen sogar bis nach Holland. Dem Schmied Adam und nur diesem war er zu Dank verpflichtet, und dafür zeigte er sich in seiner Weise erkenntlich, denn er lehrte den Sohn des Meisters allerlei Dinge, welche einem Knaben nichts taugen, wenn sie ihm auch zur Lust gereichen, und dabei vergaß er auch nicht den eigenen Vorteil. Jetzt war Ulrich schon fünfzehn und wußte die Armbrust zu führen und sein Ziel wie ein gelernter Weidmann zu treffen, und weil es dem Jungen an Jagdlust nicht fehlte, gönnte Marx ihm den Spaß. Was er auch immer über das gleiche Recht der Menschen vernommen hatte, impfte er in die Seele des Knaben, und als Ulrich heute zum hundertsten Male seinem Bedenken, ob es denn kein Raub sei, das Wild, das doch dem Grafen gehöre, zu fällen, Worte verliehen hatte, schob der Köhler den Mund zurecht und sagte: »Wald, Wasser und Weide sind frei. Du weißt's ja.« Der Bube schaute eine Weile überlegend zu Boden und fragte dann: »Auch das Feld?« »Das Feld?« wiederholte Marx überrascht. »Das Feld? Mit dem Feld hat es eine andere Bewandtnis.« Dabei blinzelte er zu dem Haberfeld hin, auf dem seine Saat schon fröhlich zu keimen begann. »Das Feld, das ist Menschenwerk und gehört dem, der es bestellt hat; aber den Wald und das Wasser und die Weide hat Gott gemacht. Verstehst du? Was Gott für Adam und Eva geschaffen, das ist jedermanns Eigen.« Als die Sonne höher stand und der Kuckuck die Stimme zu erheben begann, wurde Ulrichs Name im Wald laut und mehrmals schnell hintereinander gerufen. Nun flog der Pfeil, an dem er geschnitzt hatte, in die Ecke, und nach einem eiligen: »Wenn es dämmert, Marxle!« jagte Ulrich in den Forst und hatte bald seine Spielgefährtin Ruth erreicht. Langsam und froh des herrlichen Morgens schlenderten beide den Bach entlang durch den Wald. Sie pflückten Blumen, um der Mutter einen Strauß nach Hause zu bringen. Die Kleine tat es zierlich mit spitzen Fingern; er wollte ihr helfen und riß mit der ganzen Hand die zarten Stengel buschweise von den Wurzeln. Dabei stand beiden die Zunge nicht still. Er erzählte ihr ruhmredig, daß Pater Benediktus sein Bild ihres Vaters gesehen, es sogleich erkannt und dazu etwas gemurmelt habe. Das Blut der Mutter war mächtig in ihm, seine Vorstellungswelt eine ganz andere als die der engköpfigen Buben vom Richtberg. Der Vater hatte ihm viel und der Doktor noch viel mehr von der weiten, weiten Welt, von Königen, Künstlern und großen Helden erzählt. Von dem Hangemarx wußte er, daß er gleiches Recht und gleiche Hoheit wie alle anderen Menschen besitze, und die wunderbare Einbildungskraft Ruths bevölkerte auch die seine mit den seltsamsten Gebilden und Gestalten. Sie machte aus Kränzen Königskronen, aus der kleinen Reisighütte, die er hinter dem Hause des Doktors aufgebaut hatte, einen schimmernden Kaiserpalast, aus runden Kieseln Dukaten und goldene Zechinen, aus Brot und Äpfeln fürstliche Mahlzeiten, und wenn sie zwei Schemel vor die hölzerne Bank gestellt hatte, auf der sie mit Ulrich saß, wurde daraus eine silberne Krönungskutsche mit milchweißen Schimmeln davor. Wenn sie die Fee war, mußte er den Zauberer spielen, nannte sie sich die Königin, war er der König. Wenn Ulrich, um sich auszutoben, mit den Buben vom Richtberge spielte, führte er sie an, von der kleinen Ruth ließ er sich lenken. Er wußte, daß der Doktor ein verachteter Jude und sie ein Judenkind sei, aber sein Vater ehrte den Hebräer, und das Fremdartige, die vornehme, abgeschlossene Stille, die das Haus des einsamen Gelehrten umgab, wirkten seltsam auf ihn. Wenn er es betrat, so durchschauerte es ihn leise, und es war ihm, als ob er sich in ein verbotenes Heiligtum dränge. Er war der einzige unter all seinen Spielgefährten, welcher diese Schwelle übertreten durfte, und auch das empfand er wie einen Vorzug, denn trotz seiner Jugend fühlte er doch, daß der stille Doktor, der alles kannte, was im Himmel und auf Erden lebte, und dabei so mild und gütig war wie ein Kind, hoch, hoch über den armseligen Schächern stand, die auf dem Richtberg mit schwieligen Händen um das nackte Dasein rangen. Er traute ihm alles zu, selbst das Unerhörte; und auch Ruth war für ihn ganz etwas Besonderes, ein feines Kunstwerk, mit dem man ihm, und ihm allein, zu spielen erlaubte. Wohl mochte es vorkommen, daß er sie, wenn sie ihn gereizt hatte, ein garstiges Judending schalt, aber es hätte ihn doch kaum gewundert, wenn sie ihm plötzlich als Prinzeß oder Wundervogel vor Augen gestanden hätte. Als der Richtberg schon dicht unter ihnen lag, setzte sie sich auf einen Stein und legte ihre Blumen in den Schoß. Ulrich warf die seinen hinzu, und als das Sträußchen sich rundete, hielt sie es ihm entgegen, und er meinte, daß es recht hübsch sei, sie aber seufzte laut auf und sagte: »Ich wollte, es wüchsen Rosen im Walde, aber keine flattrigen Heckenrosen, nein, solche, wie sie in Portugal wachsen, voll, rot und mit dem richtigen Duft; es riecht gar nichts besser.« So ging es immer zwischen den beiden. Sie überflog ihn mit ihrem rastlosen Verlangen und Wünschen, und das lockte ihn dann, ihr zu folgen. »Eine Rose,« wiederholte Ulrich. »Was für Augen du machst!« Ihr Wunsch erinnerte ihn an das Zauberwort, von dem sie gestern geredet, und während des ganzen Heimgangs sprachen sie von ihm, und er erzählte, daß er um des Wortes willen dreimal in der Nacht aufgewacht sei. Da fiel sie ihm lebhaft in die Rede und rief: »Mir ist's auch wieder eingefallen, und wenn einer mir's sagte, jetzt wüßt' ich erst recht, was ich mir wünschte. Wir müßten ganz allein sein auf der Welt, es dürfte keine andere Menschenseele sonst geben als ich und du und mein Vater und meine Mutter.« »Und mein Müetterl,« fügte Ulrich dringend hinzu. »Und auch dein Vater.« »Ja freilich, der auch,« sagte der Knabe, als habe er schnell wieder gutzumachen, was er versäumt. Fünftes Kapitel Die Sonne schien hell auf die kleinen Fenster der Wohnstube des Israeliten. Sie waren halb geöffnet, um der Frühlingsluft Einlaß in das Zimmer zu gewähren, aber doch leicht mit grünen Tüchern verhängt, denn Costa liebte gedämpftes Licht und war immer bedacht, seinen Wohnraum vor den Blicken der Vorübergehenden zu schützen. Es gab hier nichts Besonderes zu sehen, denn die Wände waren weiß getüncht, und an ihnen hing nichts als ein Kranz von Lavendelblättern, deren Duft die Mutter Ruths zu atmen liebte. Die ganze Ausstattung des Raumes bildete eine Lade, mehrere Schemel, eine mit Kissen belegte Bank und ein Tisch mit zwei schlichten hölzernen Armsesseln. Von diesen war der zweite längst zum Schauplatz der besten Stunden des Meisters Adam geworden, denn er pflegte auf ihm zu sitzen, wenn es ihm vergönnt war, mit Costa Schach zu spielen. Diesem edlen Spiel hatte er in Nürnberg bisweilen zugeschaut; der Doktor aber verstand es aus dem Grunde, und er hatte ihn in alle Gesetze desselben eingeweiht. In den ersten zwei Jahren war Costa dem Schüler weit überlegen geblieben, dann mußte er sich ernstlich gegen den andern wehren, und jetzt kam es nicht selten vor, daß der Schmied den Gelehrten besiegte. Dieser war freilich sehr viel schneller als jener, der, wenn die Lage sich schwieriger gestaltete, in überlanges Sinnen verfiel. Über wenigen Brettern mögen sich wohl je verschiedenere Hände gerührt haben als über diesem, denn die eine glich dem starken dunklen Pflugstier, die andere einem leichten, feingliedrigen Zelter. Neben der Christophorusgestalt des Schmiedes wollte der mittelgroße Körper des Israeliten nur klein erscheinen. Wie grobkörnig, wie schwer von Gedanken war das große blonde Haupt des Deutschen, wie ausnehmend fein geschnitten und durchgeistigt erschien das des portugiesischen Juden. Heute hatten die beiden Männer wieder am Schachbrett gesessen, es war aber nicht gespielt, sondern ernst, sehr ernst geredet worden. Im Verlauf des Gespräches hatte der Doktor seinen Platz verlassen und war unruhig auf und nieder gegangen. Der Schmied behauptete den seinen noch immer. Die Gründe des Freundes hatten ihn überzeugt. Ulrich sollte in die Klosterschule gegeben werden. – Costa war auch durch den Meister von der Gefahr unterrichtet worden, die ihm selber drohte und tief erregt. Sie war groß, verhängnisvoll groß, und doch fiel es ihm schwer, grausam schwer, diesen Friedenswinkel zu verlassen. Der Schmied fühlte nach, was in ihm vorging, und sagte: »Der Aufbruch kommt Euch hart an. Was hält Euch nur hier; hier auf dem Richtberg?« »Die Ruhe, Meister, die Ruhe!« rief der andere. »Und dann,« fügte er ruhiger hinzu, »ich habe hier Grund und Boden erworben.« »Ihr?« »Das Grab und das Gräblein hinter der Scharfrichterei; das sind meine Güter.« »Schwer, schwer sie zu lassen,« sagte der Schmied und senkte das Haupt. »Das alles kommt über Euch um der Güte willen, die Ihr meinem Knaben erwiesen; Ihr habt schlechten Lohn an uns erworben!« »Lohn?« fragte der andere, und ein seines Lächeln umspielte ihm den Mund. »Ich erwarte keinen, nicht von Euch, nicht von der Schickung. Seht, Meister, ich gehöre zu einer armen Gemeinde, die bei ihrem Tun nicht ansieht, ob es hier, auch nicht, ob es dort vergolten werde. Wir lieben das Gute und stellen es hoch und üben es, soweit unsere Kraft reicht, weil es so schön ist. Was haben die Menschen denn gut genannt? Doch nur das, was die Seele ruhig erhält. Und was ist das Schlechte? Doch nur das andere, das sie mit Unruhe erfüllt. Ich sage Euch, Meister, in denen, die gut zu sein trachten, sieht es stiller aus, wenn sie auch von Haus und Hof gejagt und wie schädliche Tiere gehetzt und gequält werden, als in den mächtigen Verfolgern, die Unrecht üben. Wer andern Lohn für das Gute sucht, als den, der in dem Guten selbst liegt, der ist, der hat noch – dem wird es nicht an Täuschungen fehlen. Was mich von hinnen treibt, das seid weder Ihr noch der Ulrich, das ist der alte unheimliche Fluch, der mein Volk aufscheucht, wo es ruhen will; das ist, das ist ... Ein anderes Mal, morgen. Für heute ist es genug.« Als der Doktor allein war, preßte er die Hand an die Stirn und stöhnte laut auf. Sein vergangenes Leben zog ihm an dem inneren Auge vorüber, und er fand darin neben furchtbarem Leid große und herrliche Freuden, und keine Stunde, in der ihm der Wille zum Guten erlahmt war. Hier, im stillen Frieden seines schlichten Heims, hatte er glückliche Jahre verlebt, und nun galt es wieder, den Stab ergreifen und wandern, wandern, vor Augen nichts als ein ungewisses Ziel am Ende einer langen, unwegsamen Straße. Was bisher sein Glück gewesen, erschwerte in dieser Stunde das Unglück. Weib und Kind mitschleppen durch Angst und Elend, das war schwer, unsagbar schwer, und seine Gattin, Elisabeth, konnte sie es noch einmal ertragen? Er fand sie in dem winzigen Garten hinter dem Hause. Sie kniete vor einem Beet und jätete. Während er sie freundlich begrüßte, erhob sie sich und winkte ihm zu. »Setzen wir uns,« sagte er und ging ihr zu der Bank vor der Hecke, die den Garten vom Walde trennte, voran. Dort wollte er ihr mitteilen, daß es wiederum gelte, den Staub von den Füßen zu schütteln. In Portugal auf der Folterbank hatte sie die Sprache verloren. Nur wenn sie erregt war, vermochte sie einzelne Worte undeutlich zu stammeln, aber das Gehör war ihr verblieben, und ihr Gatte verstand in ihren Augen zu lesen. Ein großes Leid hatte ihr mitten in die reine, hohe Stirn eine Furche gezogen, und auch sie war gesprächig; denn wenn sie sich wohlfühlte und es still in ihr aussah, war sie kaum zu bemerken, aber wenn schmerzliche oder angstvolle Erregung sie beherrschte, zog sie sich zusammen und vertiefte sich merklich. Heute schien sie ganz verschwunden zu sein. Das blonde Haar schmiegte sich besonders schlicht und glatt an die Schläfen, und die leicht nach vorn gebeugte schlanke Gestalt glich einem jungen Baume, den der Sturm gebeugt hat und dem es an Kraft und Willen gebricht, sich aufzurichten. »Schön!« rief sie gedämpft und nicht ohne Mühe, aber ihr heller Blick erzählte deutlich von dem Entzücken, das ihre Seele empfand, und dabei wies sie auf das Grün um sie her und den blauen Himmel ihr zu Häupten. »Köstlich, köstlich,« entgegnete er warm. »Der Junitag spiegelt sich in deinem lieben Gesicht. Du hast gelernt, hier zufrieden zu sein?« Elisabeth nickte lebhaft und preßte beide Hände aufs Herz. Dabei sagte ihm ihr beredter Blick, wie wohl, wie dankbar und glücklich sie sich hier fühle, und als sie auf seine zaghafte Frage, ob es ihr schwerfallen würde, diese Stätte zu verlassen und ein anderes, sichereres Heim aufzusuchen, ihm erst erstaunt, dann besorgt ins Antlitz schaute und endlich mit lebhaft abwehrenden Handbewegungen »Nicht fort« und noch einmal »Nicht fort« hervorstieß, entgegnete er besänftigend: »Nein, nein; heute sind wir noch sicher.« Sie kannte den Gatten und sah scharf, und eine Ahnung der nahen Gefahr überkam sie. Ihre Züge gewannen den Ausdruck ängstlicher Spannung und schwerer Besorgnis. Die Furche in der Stirn vertiefte sich, und mit dem bebenden »Was? was?« auf ihren Lippen vereinten sich dringend fragende Blicke und Gesten. »Ängstige dich nicht,« bat er innig. »Man soll sich die Gegenwart nicht verderben, weil die Zukunft bringen könnte, was uns nicht lieb ist.« Sie hatte sich bei diesen Worten eng an ihn gedrängt und beide Hände um seinen Arm geklammert, er aber fühlte an dem schnellen Schlag ihres Herzens und erkannte an der heftigen, angstvollen Erregung in ihren Zügen, welches tiefe, unbesiegbare Grauen der Gedanke ihr einflößte, noch einmal in die Welt hinaus zu müssen und von Land zu Land, von Ort zu Ort gejagt zu werden. Alles, was sie um seinetwillen erlitten, kam ihm in den Sinn, und mit leidenschaftlicher Innigkeit faßte er ihre zitternden Hände mit den seinen zusammen, und es war ihm, als würde es ihm sehr, sehr leicht werden, mit ihr zu sterben, und gar, gar nicht möglich sein, sie wieder in die Fremde und in ein ungewisses Los hinauszustoßen; und so küßte er sie denn auf die von schrecklicher Angst weit geöffneten Augen und rief, als habe ihn keine Gefahr, sondern nur ein törichter Wunsch ins Weite gezogen: »Ja, Kind, hier ist es am besten! Lassen wir uns genügen an dem, was wir haben. Wir bleiben; wahrlich, wir bleiben.« Da atmete sie, wie von einem lastenden Alp erlöst, tief auf, die Stirn glättete sich wieder, und es war, als singe der stumme Mund der großen, aufwärts gerichteten Augen ein aus dem tiefsten Herzensgründe kommendes »Amen«. Costas Seele war umdüstert und tief beunruhigt, als er wieder in das Haus und an den Schreibtisch zurücktrat. Die alte Magd, welche ihm aus Portugal gefolgt war, hatte zugleich mit ihm die Schwelle betreten und sah eine Zeitlang seinen Vorbereitungen kopfschüttelnd zu. Sie war ein kleines, verkrümmtes Judenweib, eine Greisin mit jugendlich glänzenden dunklen Augen und unruhigen Händen, die sie, wenn sie sprach, mit krampfhaft lebhaften Bewegungen vor dem eigenen Gesicht umherfliegen ließ. In Portugal war sie alt geworden und hatte in der ungewohnten Kühle des Nordens das Reißen bekommen. Darum vermummte sie auch noch im Frühling den Kopf mit so viel bunten Tüchern, wie sie besaß. Sie hielt das Haus mit peinlicher Sauberkeit rein, verstand mit geringen Mitteln gute Speisen zu bereiten und kaufte ein, was sie in der Küche bedurfte. Und dies war nichts Kleines für sie, denn obgleich sie bereits länger als neun Jahre im Schwarzwalde lebte, hatte sie doch nur wenige deutsche Worte erlernt. Die Nachbarn hielten diese für portugiesisch und fanden, daß diese Sprache doch eine entfernte Ähnlichkeit mit dem Deutschen besitze; ihre Gesten verstanden sie trefflich. Sie war dem Vater des Doktors freiwillig gefolgt, und doch konnte sie es dem Verstorbenen nicht verzeihen, daß er sie aus dem warmen Süden in dies garstige Land geführt hatte. Da sie ihren jetzigen Herrn auf den Armen getragen, nahm sie sich viel gegen ihn heraus. Was im Hause vorging, mußte sie wissen, denn sie fühlte sich als sein ältestes und darum verständigstes Mitglied, und es war wunderbar, wie fein sie trotz der vermummten Ohren zu hören verstand, wenn sie wollte. Heute hatte sie wieder gehorcht, und als ihr Herr sich anschickte, auf dem Arbeitsstuhle Platz zu nehmen und den Gänsekiel zu spitzen, sah sie sich erst um, ob sie auch ganz ohne Zeugen sei, dann aber trat sie ihm näher und sagte auf portugiesisch: »Fangt noch nicht an, Lopez. Erst müßt Ihr mich hören.« »Muß ich?« fragte er freundlich. »Wenn Ihr nicht wollt, so kann ich auch gehen,« entgegnete sie gereizt. »Stillesitzen ist freilich bequemer als Laufen.« »Was soll das?« »Meint Ihr, die Bücher da seien die Mauern von Zion? Lüstet es Euch noch einmal, mit den Mönchen Bekanntschaft zu machen?« »Ei, ei, Rahel, wieder gehorcht? Geh in die Küche!« »Gleich, gleich! Aber erst will ich reden. Ihr macht Euch weis, Ihr bliebet nur hier der Frau zu Gefallen. Aber nichts da! Die Schrift dort, die hält Euch. Ich kenne das Leben, aber Ihr und die Frau, eins wie das andere, ihr seid wie die Kinder. Das Böse vergessen im Nu, und das Gute soll kommen wie Manna und Wachteln geradeswegs vom Himmel. In den Büchern seid Ihr ein Mann, und was haben sie mit Euch für ein Wesen gemacht, wie Ihr mit dem Doktorhut aus Coimbra kamt! Da sagte jeder: Der Lopez, ja der Herr Lopez. Himmlischer Vater, was ist das für ein brennendes Licht! – And nun? Gott erbarme sich! Ihr schafft und schafft, und was bringt es Euch? Kein Ei, keinen Heller! Geht in die Niederlande zu dem Herrn Oheim. Er vergißt schon den Fluch, wenn Ihr Euch beuget. Von den Zechinen, die der Vater gerettet, wieviel werden noch bleiben?« Hier durchschnitt der Doktor den schnellen Redefluß der Alten mit einem strengen »Genug!«, sie aber ließ sich nicht unterbrechen und fuhr mit gesteigerter Lebhaftigkeit fort: »Genug, sagt Ihr? Ich fresse genug Verkehrtheit in mich hinein. Aber heut, die Zunge soll mir verdorren, wenn ich heut schweige! Gott, Gott, Kind, bist du denn ganz von Sinnen? Was hat man alles in den armen Kopf da gepfropft, aber freilich, das steht nicht in den Büchern, daß, wenn sie erfahren, was in Porto geschehen ist, und daß du ein getauftes Gojimkind, ein christliches Mädchen ...« Hier erhob sich der Doktor, legte die Hand auf die Schulter der alten Dienerin und sagte mit großem, ruhigem Ernst: »Wer davon spricht, der kann es verraten; verraten kann er's! Verstehst du mich, Rahel? Ich weiß, wie du's meinst, und sage dir darum: die Frau ist hier zufrieden, und die Gefahr liegt noch in weitem Felde. Wir bleiben. Und dann: seit Elisabeth mein ward, meiden mich die Juden als einen Verfluchten, die Christen als einen Verdammten. Jene verschließen mir die Tür, diese möchten sie mir öffnen; das Tor des Kerkers mein' ich; nur das! Hierher wird kein Portugiese kommen, aber in die Niederlande begibt sich mehr als ein Mönch und ein Jude aus Porto, und wenn mich einer von ihnen erkennt und Elisabeth bei mir findet, so wird es sich um nichts Geringeres handeln als um ihr und mein Leben. Ich bleibe hier, und du weißt nun warum und gehst in deine Küche.« Die Alte gehorchte zögernd, der Doktor aber setzte sich nicht wieder an den Schreibtisch, sondern ging lange und schneller als sonst zwischen seinen Büchern auf und nieder. Sechstes Kapitel Der Johannistag stand vor der Tür. Ulrich sollte morgen ins Kloster. Pater Benediktus hatte sich bis jetzt zufrieden gegeben und niemand den Doktor behelligt. Dennoch war das ruhesame Gefühl, das ihm so wohlgetan hatte, von ihm gewichen, und die Vorsichtsmaßregeln, die er zu treffen hatte, störten ihm, wie alles, was ihn mit der Welt in Zusammenhang brachte, den Fortgang der Arbeit. Der Schmied mußte für die Einkleidung Ulrichs sorgen. Zu diesem Zweck begab er sich mit dem Buben und einem wohlgefüllten Beutel nicht in seinen Heimatsort, sondern in die nächste größere Stadt. Dort hing bei dem Gewandschneider gar mancher stattliche Anzug, und der barfüßige Knabe errötete über und über vor Lust, als er vor der bunten Herrlichkeit stand. Da die Wahl ihm freigestellt wurde, erkor er sogleich ein Habit, welches ein Junker für seinen Sohn bestellt hatte, und das vom Fuß bis zum Kopf auf einer Seite blau und auf der anderen gelb war. Aber der Schmied schob es verdrossen beiseite, denn das Gelüst Ulrichs nach dem bunten Stoff erinnerte ihn an die Ausstattung seines Weibes, das rosenrote und grüne Fähnchen. So nahm er denn zwei dunkle Gewänder. Sie paßten dem geradgewachsenen Knaben wie angegossen, und als dieser in der Herberge sauber angetan, mit Schuhen an den Füßen und dem Schülerbarett auf dem Kopf vor ihm stand, mußte Adam ihn fast andächtig betrachten. Der Herbergsvater flüsterte dem Meister zu, einen so schmucken Burschen hab' er lang nicht gesehen, und die Wirtin strich, nachdem sie das Bier hingestellt hatte, dem Buben mit der nassen Hand über die Locken. Zu Hause erlaubte der Meister dem Sohne, den Doktor in dem neuen Habit zu besuchen, und Ruth schrie auf, als sie ihn sah, und ging wieder und wieder um ihn her und fühlte den wolligen Stoff des Wamses und die blauen Schlitze darin neugierig an und schlug dabei von Zeit zu Zeit in die Hände. Ihre Eltern hatten geglaubt, daß sie der Abschied schmerzlich erregen würde, aber sie lachte ihrem Gefährten froh ins Gesicht, als er ihr Lebewohl sagte, denn sie nahm die Dinge in ihrer Weise, nicht wie sie waren, sondern wozu sie sie machte. Statt des linkischen Ulrich von heute stand der Märchenprinz, der nun aus ihm werden mußte, vor ihr, und um Weihnachten sollte er ja wiederkommen, und dann mußte es erst recht schön sein, mit ihm zu spielen. In der letzten Zeit waren sie mehr als sonst beisammen gewesen, und da hatten sie immer nach dem Worte gesucht und miteinander tausend herrliche Dinge ausgedacht, die er für sich und sie für ihn und andere dabei herbeizaubern wollte. Es war gerade Sabbat, und an diesem Tage pflegte ihr die alte Rahel und am Sonntag die Mutter ein gelbseidenes Kleidchen anzuziehen. Das stach Ulrich immer besonders in die Augen, und wenn sie es anhatte, war er gefügiger als sonst und tat ihr jeden Gefallen. Darum freute sie sich, daß es gerade Sabbat war, und wie sie ihm über das Wams gefahren war, strich er jetzt mit der Hand über die Seide. Sie hatten einander nicht viel zu sagen, denn in Gegenwart anderer stockten ihnen immer die Zungen. Dafür gab ihm der Doktor manch mahnendes Wort zu hören, und Frau Elisabeth küßte ihn und hängte ihm zum Andenken ein goldenes Ringlein mit einem schillernden Stein an den Hals, und die alte Rahel gab ihm ein Tuch voll frisch gebackener Dauerkuchen mit auf den Weg. Am Johannistag um Mittag stand er mit seinem Vater vor der Pforte des Klosters. Dort warteten Knechte und mutige Rosse, und der Torwart wies auf sie hin und sagte: »Der Frohlinger Graf ist drinnen.« Da erbleichte der Schmied, preßte den Knaben so fest an die Brust, daß er stöhnte, und bat dann einen Laienbruder, Pater Benediktus zu rufen. Dem übergab er sein Kind und machte sich gesenkten Hauptes auf den Heimweg. Ulrich hatte bis dahin nicht gewußt, ob er sich auf die Klosterschule freuen oder vor ihr fürchten solle. Die Vorbereitungen waren vergnüglich gewesen, und die Aussicht, mit Junkern und feinen Bürgersöhnen auf der gleichen Bank zu sitzen, schmeichelte ihm; wie er aber den Vater abziehen sah, ward ihm weich ums Herz, und die Augen wurden ihm feucht. Als das der Pater bemerkte, zog er ihn an sich, klopfte ihm die Schulter und sagte: »Nur brav sein! Wirst sehen, 's ist schöner bei uns als drunten am Richtberg.« Das gab dem Knaben zu denken, und er sah sich nicht um, als der Pater ihn die steile Anfahrt hinauf und an dem Refektorium vorbei in den Hof führte. In den Kreuzgängen, die ihn umgaben, gingen Mönche still auf und nieder, und einer oder der andere hob das geschorene Haupt höher über die weiße Kapuze und warf einen Blick auf den neuen Schüler. Hinter dem Hofe stand das stattliche Giebelhaus mit den Gastzimmern, und zwischen ihm und der Kirche lag der Schulgarten, eine mit Obstbäumen bepflanzte Wiese, die durch eine Mauer von der Landstraße getrennt ward. Benediktus öffnete das Holztor und schob Ulrich auf den Spielplatz. Dort war es laut genug hergegangen, aber bei seinem Erscheinen stockte das Spiel, und die künftigen Genossen stießen einander an und maßen ihn mit prüfenden Blicken. Der Pater winkte einigen Schülern und machte sie mit dem Sohne des Schmiedes bekannt, dann strich er Ulrich noch einmal über die Locken und ließ ihn mit den anderen allein. Am Johannistag hatten die Buben frei und durften nach Herzenslust spielen. Sie kümmerten sich nicht sonderlich um Ulrich, und nachdem sie ihn weidlich begafft und einige Worte mit ihm gewechselt, setzten sie den unterbrochenen Versuch fort. Steine über das Kirchendach zu werfen. Ulrich sah sich indessen seine Kameraden an. Es waren kleinere und größere, blonde und braune darunter; aber keiner, mit dem er es nicht aufgenommen hätte. Darauf bezog sich seine Prüfung in erster Reihe. Endlich wandte sich seine Aufmerksamkeit dem Spiel zu. So viel Steine auch geworfen wurden, so viele schlugen auf den Schiefer des Daches; keiner kam über die Kirche. Je länger die erfolglosen Anstrengungen dauerten, desto entschiedener wurde das überlegene Lächeln an Ulrichs Munde, desto schneller pochte sein Herz. Seine Augen suchten auf dem Rasen umher, und als er einen flachen, scharfkantigen Stein entdeckt hatte, bückte er sich schnell, drängte sich schweigend in die Reihe der Werfenden, schwang den Oberkörper weit zurück, nahm alle Kraft zusammen und schleuderte den Stein in einem schönen Bogen hoch in die Luft. Vierzig funkelnde Augen folgten ihm, und als der Kiesel hinter dem Kirchendache verschwand, brach ein helles Jubelgeschrei los. Nur ein lang aufgeschossener, schwarzhaariger Bursch blieb stumm und suchte, während die anderen Ulrich aufforderten, noch einmal zu werfen, nach einem Stein und setzte alles daran, es dem »Grünspecht« nachzutun, und beinahe wäre es ihm auch gelungen. Nun ließ Ulrich dem ersten einen zweiten Stein folgen, und wieder gelang ihm der Wurf Der schwarze Xaver griff sogleich nach einem neuen Geschoß, und das, was nun kommen sollte, nahm die Aufmerksamkeit aller so sehr in Anspruch, daß sie nichts anderes sahen und hörten, bis eine tiefe Stimme ihnen bestimmt und doch nicht unfreundlich zurief: »Das Werfen hört auf, ihr Buben! Man treibt kein Spiel mit der Kirche!« Dabei fielen den jüngeren Knaben die Steine, die sie für die Wettkämpfer herbeigebracht hatten, gar schnell aus den Händen, denn der sie angerufen hatte, war kein Geringerer als der Herr Abt. Bald näherten sich diesem die Großen und Kleinen, um ihm die Hand oder den Ärmel zu küssen, und der stattliche Herr, welcher die ihm untergebene Schar mit den dunklen Augen sicher zu leiten verstand, ließ sich das schweigend und freundlich gefallen. »Ernst im Dienst und heiter beim Spiel« war seine Devise. Der Graf von Frohlingen, welcher mit ihm zugleich in den Schulgarten getreten, schaute dagegen drein wie einer, dessen Wahlspruch lautet: »Niemals ernst und immerdar heiter.« Der Graf war, seitdem Ulrichs Mutter ins Weite gegangen, nicht jünger geworden, aber seine Augen blickten noch immer froh in die Welt, und das Ziegelrot, welches sein hübsches Gesicht zwischen dem weichen blonden Vollbart und den Augen färbte, gab Kunde, daß er dem Wein nicht weniger freundlich gesinnt war als holdseligen Frauen. Und wie ihm das Atlasgewand ließ und die samtne Schaube, und wie schön sich die weißen Puffen von dem tiefen Blau der Kleider abhoben! Wie stolz wölbten sich die weiße und die gelbe Feder über das Barett, und wie fein waren die Spitzen an der Halskrause und den Manschetten! Sein Sohn, das leibhaftige Ebenbild des schmucken Vaters, stand neben ihm, und er hatte ihm den Arm zutraulich über die Schulter gelegt, als wäre er nicht sein Kind, sondern ein guter Kamerad. »Teufelskerle!« raunte der Graf dem Abt zu. »Habt Ihr den Blondkopf werfen sehen? Aus welchem Hause stammt wohl der Junker?« Der Prälat zuckte die Achseln und entgegnete lächelnd: »Aus der Schmiede am Richtberg.« »Dem Adam gehört er?« lachte der andere. »Alle Wetter! Um seiner Mutter willen hat man mir damals im Beichtstuhl eine saure Stunde bereitet. Das Haar und die Augen hat er von der schönen Florette; sonst gleicht er dem Vater. Mit Eurer Erlaubnis, Herr Abt, ich ruf' mir den Buben.« »Später, später,« entgegnete der Leiter des Klosters in freundlich ablehnendem Tone, der keinen Widerspruch zuließ. »Kündet den Knaben zuerst, was wir beschlossen.« Der Frohlinger verneigte sich ehrerbietig, zog dann seinen Sohn fester an sich und erwartete die Buben, die der Abt heranwinkte. Sobald sie dicht aneinander geschlossen vor ihm standen, rief der Graf: »Ihr habt vorhin von dem Tunichtgut Abschied genommen. Was würdet ihr sagen, wenn ich ihn noch bis Weihnachten unter euch ließe? Der Herr Abt will ihn solange behalten, und ihr, ihr ...« Aber er hatte nicht Zeit, zu Ende zu reden, denn die Schüler stürmten auf ihn ein und riefen und schrien: »Hierbleiben, Philipp! Graf Lips soll bleiben!« Ein kleiner Flachskopf schmiegte sich fest an den neugewonnenen Beschützer, ein anderer küßte dem Grafen die Hand, und zwei größere Knaben faßten Philipp am Arm und versuchten, ihn von dem Vater fort und in ihren Kreis zurückzuziehen. Der Abt sah diesem Treiben freundlich zu, und dem älteren Grafen rannen helle Tränen in den Bart, denn er hatte ein leicht zu rührendes Herz. Als er die Fassung wieder gewonnen, rief er: »Lips bleibt, ihr Schelme, er bleibt! Und der Herr Abt hat gestattet, daß ihr heute mit mir aufs Jagdhaus kommt und ein Johannisfeuer anzündet, und dabei soll es an Wein und Kuchen nicht fehlen!« »Hoch, hoch! Vivat der Graf!« schrien die Schüler, und wer das Barett aufhatte, warf es in die Höhe, und Ulrich ließ sich von den anderen fortreißen, und all die bösen Worte, mit denen sein Vater den schönen, fröhlichen Herrn dort so reichlich bedacht hatte, und des Hangemarx Schmähungen auf Ritter und Edelleute waren vergessen. Der Abt und sein Begleiter entfernten sich, Graf Lips aber rief, sobald sich die Knaben unbeobachtet wußten: »Du da, Grünspecht, du bist übers Dach gekommen. Ich hab's gesehen. Her mit dir, Bursche. Übers Dach? das wär' mir das Rechte! Wer das erste Fenster im Turme entzwei wirft, der ist der Sieger.« Der Sohn des Schmiedes fühlte sich befangen, weil er sich vor dem Unfug scheute und es ihm vor dem Herrn Abt und dem Vater bangte; als aber der junge Graf ihm die geschlossenen Hände entgegenhielt und dazu sagte: »Triffst du den roten Kiesel, so wirfst du zuerst,« wies er auf die Rechte seines Genossen, und da der rote Stein darin versteckt lag, begann er das Wettspiel. Er warf und traf das Fenster, und unter lautem Jubel der Knaben löste sich mehr als eine runde Glastafel aus dem Blei und fiel in Splittern klirrend auf das Kirchendach und von dort still auf den Rasen. Graf Lips lachte laut auf vor Vergnügen und schickte sich an, es Ulrich nachzutun, aber nun war das hölzerne Tor heftig aufgestoßen und Bruder Hieronymus, der strengste von allen Patres, erschien auf dem Spielplatz. Die Wangen des eifrigen Mönches glühten vor Zorn, schrecklich klangen die Drohungen, die er ausstieß, und mit der Beteuerung, daß die Johannisfeier abgestellt werden würde, wenn sich der Ruchlose, welcher das Turmfenster tempelschänderisch zertrümmert, nicht melde, maß er die Schüler mit rollenden Augen. Da trat der junge Graf keck hervor und sagte bittend: »Ich hab's getan, Herr Pater, unversehens ... verzeiht mir.« »Du?« fragte der Mönch, und seine Stimme klang milder und weniger laut, als er fortfuhr: »Unverstand, Übermut und kein Ende! Wann wirst du endlich Besonnenheit lernen, Graf Philipp? Weil du es ungern getan, so mag es denn heute so hingehen.« Dabei verließ der Pater den Hof, und sobald die Tür sich hinter ihm geschlossen, trat Ulrich nahe an den großmütigen Genossen heran und sagte so leise, daß nur er ihn verstand, und doch dankbar aus dem tiefsten Grunde des Herzens: »Das vergelt' ich dir einmal.« »Dummheit,« lachte der junge Graf und legte den Arm um die Schulter des Handwerkersohnes. »Wenn das Glas nicht klapperte, so würfe ich jetzt; aber morgen ist auch noch ein Tag.« Siebentes Kapitel Der Herbst war gekommen. Im Schulgarten flatterten gelbe Blätter umher, auf dem Kirchendach sammelten sich die Stare zum Aufbruch, und Ulrich wär' am liebsten mit ihnen fortgezogen, gleichviel wohin. Er konnte nicht heimisch werden im Kloster und unter seinen Genossen. Was er auf dem Richtberge immer gewesen, der Erste, war er hier selten, und am seltensten in der Schule, denn sein Vater hatte dem Doktor gewehrt, ihn Latein zu lehren, und darum war er der Letzte von allen. Oft saß der arme Schelm, wenn alles schlief, bei der ewigen Lampe im Vorhaus und lernte, aber es ging nicht, er kam den andern nicht nach; und die üble Empfindung, trotz der redlichsten Mühe zurückzubleiben, verdarb ihm das Dasein und machte ihn reizbar. Die Kameraden schonten ihn nicht, und wenn sie ihn »Pferdeknecht« nannten, weil er dem Pater Benediktus oft helfen mußte, störrige Gäule zur Vernunft zu bringen, geriet er in Wut und gebrauchte seine überlegene Kraft. Am schlechtesten stand er mit dem schwarzen Xaver, dem er den üblen Namen verdankte. Der Vater dieses Knaben war Oberamtmann oder Vogt im Städtchen, und es wurde ihm zu Michaelis gestattet, den Sohn mit nach Hause zu nehmen. Als der Schwarze zurückkam, wußte er über Ulrichs Eltern mancherlei zu erzählen, was er halbverstandenem Hörensagen entnahm. Nun fielen Worte, die Ulrich das Blut in die Wangen trieben und die er doch geflissentlich überhörte, weil er ihnen nicht zu widersprechen wagte, denn sie konnten wohl wahr sein. Er wußte recht gut, wer den anderen dies alles zugetragen, und darum erwiderte er die tückische Abneigung Xavers mit offener Feindschaft. Graf Lips kümmerte sich nicht um das alles. Er blieb Ulrichs bester Kumpan und ließ sich auch gern von ihm zu den Rossen mitnehmen. Sein lebhafter Geist kam dem Handwerkerssohne froh entgegen, wenn er ihm von den Phantasiegebilden Ruths erzählte, und oft sonderte er sich mit Ulrich von den Kameraden ab, wenn sie sich auf dem Spielplatz ergingen; aber gerade diesen Umstand mochten viele, welche sonst dem vornehmen Knaben näher gestanden, dem Neuling ungern verzeihen. Der Städter Xaver war dem Grafensohne nie hold gewesen, und es gelang ihm, manche gegen ihren früheren Liebling aufzubringen, weil er sich besser dünke als sie, und mehr noch gegen Ulrich, der ein halber Knecht sei und sich herausnehme, sie zu meistern und ihnen Gewalt anzutun. Die in der Schule beschäftigten Patres bemerkten bald, wie übel der neue Zögling mit den Genossen stand, und es fehlte nicht an Gründen, bedenklich die Köpfe über ihn zu schütteln. Benediktus hatte nicht verschweigen können, wer Ulrichs Lehrer auf dem Richtberg gewesen, und was der Jude in den Knaben gepflanzt, das schien ärgerliche Früchte zu tragen. Pater Hieronymus, welcher die Schüler in der Religion unterwies, geriet außer sich, wenn er auf die verderblichen Lehren zu reden kam, die in dem Kopfe des neuen Schülers spukten. Als er bald nach Ulrichs Aufnahme in die Schule von dem Erlösungswerk Christi gesprochen und den Knaben gefragt hatte: »Wovon soll denn die Welt durch die Leiden des Heilands befreit werden?« war die Antwort erfolgt: »Von dem Übermut der Großen und Reichen.« Hieronymus hatte von den heiligen Sakramenten gehandelt und die Frage gestellt: »Wodurch kann der Christ sicher Gnade erwerben, wenn anders er ihr nicht den Riegel vorschiebt, das heißt eine Todsünde begeht?« und die Antwort Ulrichs hatte gelautet: »Wenn wir niemand etwas antun, was uns selbst kränken würde.« Solche seltsame Worte gab es zu Dutzenden aus dem Munde des Knaben zu hören. Die einen sprach er dem Hangemarx, die anderen dem Doktor nach, und wenn er gefragt wurde, woher er sie habe, nannte er immer nur diesen, denn die Patres durften nichts von seinem Verkehr mit dem Wilddiebe wissen. Nun gab es für manches Wort, das er für schön und gottgefällig gehalten, scharfe Verweise und harte Bußen, und die arme, beängstigte junge Seele wußte sich oft keinen Rat in ihrer Not. An den lieben Gott und den Heiland, die er gelästert haben sollte, mochte er sich nicht wenden, denn ihm bangte vor ihnen; aber wenn er nicht aus noch ein wußte vor Herzenspein und Entmutigung und drängender Sehnsucht, dann bat er die Madonna um Hilfe. Das Bild der unglücklichen Frau, über die er nur böse Worte gehört hatte, die ihn verlassen und deren Untreue den anderen Knaben ein Recht gab, ihn zu verspotten, verschwand vor seinen Augen mit dem der reinen, heiligen Jungfrau in der Kirche, das Pater Lukas aus Welschland heimgebracht hatte. Trotz aller Klagen, die dem Abt über ihn zugetragen wurden, hielt er ihn für einen irregeleiteten, aber vielverheißenden, guten Knaben, und in dieser Ansicht wurde er von dem Musikmeister und dem Maler Lukas bestärkt, deren bester Schüler er war; aber auch sie zeigten sich empört über den Juden, der dies schön begabte Kind auf den Weg zum Verderben gelockt hatte, und trieben den Abt, der nichts weniger als ein Eiferer war, häufig an, ihn einem peinlichen Verhör unterziehen zu lassen. Im November wurde der Oberamtmann berufen und von den Irrlehren in Kenntnis gesetzt, mit denen der Hebräer die Seele eines Christenkindes gefährdet. Der weise Abt wünschte in dieser Zeit des Widerstandes gegen die Macht der Kirche alles zu vermeiden, was Aufsehen erregte, aber der Vogt nahm für sich das Recht in Anspruch, gegen den Doktor einzuschreiten. Freilich, sagte er, müßten erst gültige Beweise gegen den Angeklagten herbeigebracht werden. Pater Hieronymus möge die lästerlichen Sätze, die er aus des Knaben Munde vor Zeugen vernommen, aufzeichnen, und in der Adventzeit würden der Schmied und sein Bube verhört werden müssen. Der Abt, der am liebsten still bei seinen humanistischen Studien verweilte, war froh, diese Angelegenheit in der Hand der weltlichen Obrigkeit zu wissen, und schärfte Hieronymus Aufmerksamkeit ein. Am dritten Adventsonntage kam der Vogt wiederum ins Kloster. Seine Gäule hatten sich mit dem Schlitten mühsam durch den hohen Schnee in dem Schluchtweg durchgearbeitet, und halb erstarrt ließ er sich zunächst in das Refektorium führen und fragte dort nach seinem Sohne. Der lag mit einem verbundenen Auge in dem kalten Schlafsaal, und als der Vogt ihn aufsuchte, hörte er, daß Ulrich ihn mißhandelt habe. Es hätte der bitteren Anklagen Xavers nicht bedurft, um seinen Vater aufs heftigste gegen den gewalttätigen Buben aufzubringen, und der Vogt gab sich keineswegs zufrieden, als er erfuhr, daß der Übeltäter auf mehrere Wochen von den Spielen der anderen ausgeschlossen und auf schmale Kost gesetzt worden sei. Entrüstet begab er sich zu dem Abte. Gestern am Samstag war Ulrich um Mittag ohne den jungen Grafen, der wegen einer Untat im Verschluß saß, auf den verschneiten Spielplatz gekommen und dort von Xaver und einem Dutzend Kameraden überfallen, in einen Schneehaufen gestoßen und beinahe erstickt worden. Die Verschworenen hatten ihm Eisstücke und Schnee auf die warme Haut in die Kleider gestopft, ihm die Schuhe von den Füßen gezogen und sie mit Schnee gefüllt, und dabei war Xaver ihm auf den Rücken gesprungen und nicht müde geworden, sein Gesicht in den Schnee zu drücken, bis er den Atem verloren und geglaubt hatte, sein letztes Stündchen sei nahe. Mit dem Aufgebot der letzten Kraft war es ihm geglückt, seinen Peiniger abzuwerfen und ihn festzuhalten. Während die anderen sich aus dem Staube gemacht hatten, war es ihm vergönnt geblieben, seine Wut an dem Sohn des Vogtes erst mit den Fäusten und dann mit dem schweren Schuh, der neben ihm lag, nach Herzenslust auszulassen. Dabei waren ihm von allen Seiten Schneebälle auf den Leib und an den Kopf geflogen, und das hatte seinen Zorn gesteigert, und sobald Xaver sich nicht mehr unter ihm wehrte, war er aufgesprungen und hatte mit glühenden Wangen und hoch erhobenen Fäusten gerufen: »Wartet nur, wartet, ihr schlimmen Gesellen! Der Doktor drunten am Richtberg, der kennt ein Wort. Mit dem soll er euch allesamt in Kröten und Ratten verzaubern, ihr bösen Schelme!« Diese Rede hatte Xaver wohl behalten und sie dem Vater fein ausstaffiert mit manchem erlogenen Worte wiedererzählt. Der Abt nahm die Klage des Vogtes ruhig auf. Der empörte Vater war für ihn kein gültiger Zeuge, doch diese Sache schien ihm immerhin wichtig genug, um, obgleich das Konvikt schon begonnen, Ulrich holen zu lassen und ihn ins Verhör zu nehmen. Der Jude hatte wirklich von dem Zauberworte zu seiner Tochter geredet und der Klosterschüler die Kameraden mit demselben bedroht. So mochte denn die Untersuchung beginnen. Ulrich wurde in die Strafkammer zurückgeführt. Dort wartete seiner ein dünnes Süppchen und Brot; aber er rührte beides nicht an. Essen und Trinken war ihm verleidet, und auch mit der Arbeit und dem Stillesitzen wollt' es nicht gehen. Nun ließ sich zu ungewöhnlicher Stunde das Glöckchen vernehmen, das alle Klosterbewohner zusammenrief, und um die Vesperzeit zog ihn Schellengeläut ans Fenster. Der Abt und Pater Hieronymus sprachen leise mit dem Vogt, welcher sich anschickte, in den Schlitten zu steigen. Sie redeten über ihn und den Doktor, und vorhin waren die Schüler zusammengerufen worden, um gegen ihn zu zeugen. Das hatte ihm keiner gesagt, aber er wußte es, und es überfiel ihn solche Angst um den Doktor, daß ihm der helle Schweiß auf die Stirne trat. Es kam ihm klar ins Bewußtsein, daß er die Worte des Lehrers mit den Lästerreden des Wilddiebs zusammengeworfen und daß er auch sie dem Vater Ruths in den Mund gelegt hatte. Er war ein Verräter, ein Lügner, ein elender Schelm! Er wollte zum Abt und ihm alles bekennen, aber er wagte es doch nicht, und so schlichen die Stunden dahin bis zur Abendmesse. In der Kirche versuchte er zu beten, nicht nur für sich, sondern auch für den Doktor, aber er fand keine Andacht, denn er konnte nur an das Gericht denken, und während er mit den Händen vor den Augen auf den Knien lag, sah er den Juden vor sich in Ketten und Banden und sich selbst im Verhör auf dem Rathaus. Endlich nahm die Messe ein Ende. Er stand auf, und gerade vor ihm hing das große Kruzifix, und der Heiland am Kreuze, der sonst mit dem auf die Seite geneigten Haupt so sanft und leidend zu Boden schaute, schien ihn heute strafend und klagend zugleich anzublicken. Im Schlafsaal mieden ihn die Kameraden, als sei er verpestet, aber er bemerkte es kaum. Durch die kleinen Fenster drang in hellem Glanz das Mondlicht und der Schneeschein; er aber sehnte sich nach tiefem Dunkel und drückte den Kopf in die Kissen. Da schlug die Turmuhr zehn. Er richtete sich auf und lauschte auf die tiefen Atemzüge der Schläfer zu seiner Rechten und Linken und das Nagen der Mäuse unter den Betten. Das Herz pochte ihm immer schneller und banger, aber plötzlich war es ihm, als stehe es still, denn eine leise Stimme hatte seinen Namen gerufen. »Ulrich!« flüsterte es noch einmal, und der junge Graf, welcher neben ihm ruhte, richtete sich auf und neigte sich zu ihm. Ulrich hatte ihm von dem Worte erzählt und sich mit ihm, wie sonst mit Ruth, gar häufig in Wünschen ergangen. Nun flüsterte Philipp ihm zu: »Sie gehen dem Doktor zu Leibe. Der Abt und der Vogt haben uns ausgefragt, als ging es auf Leben und Tod. Was ich von dem Worte weiß, hab' ich fein für mich behalten, denn mich dauert der Jude, aber der Xaver, der tückische Schalk, hat das Ding so gewandt, als ob du den Zauber wirklich besäßest, und vorhin ist er zu mir gekommen und hat mir verraten, daß sein Vater morgen früh den Juden greifen lasse, und dann würd' er gefoltert. Ob sie ihn hängen oder brennen, das ist noch die Frage. Um sein Leben soll es sicher geschehen sein, das sagt sein Vater; und der Schwarze hat sich darüber gefreut.« »Silentium turbatores!« rief die verschlafene Stimme des wachhaltenden Paters, und beide Knaben zogen sich schnell in die Federn zurück und regten sich nicht. Der Junker war bald wieder entschlummert, Ulrich aber vergrub den Kopf noch tiefer in die Kissen, und es war ihm, als sähe er das milde, sinnige Antlitz des freundlichen Mannes, von dem er so viel Liebes erfahren, und als blicke es ihn vorwurfsvoll an, und dann erschien ihm die stumme Frau vor dem inneren Auge, und es war ihm, als striche ihre weiche Hand wie sonst liebkosend über seine Wange, und auch Ruth erschien ihm, aber sie hatte nicht das gelbseidene, sondern ein fadenscheiniges Bettlerkleid an, und sie weinte und verbarg den Kopf in dem Schoß der Mutter. Da stöhnte er laut auf. Die Uhr schlug elf. Er erhob sich und lauschte, und als sich nichts regte, schlüpfte er in die Kleider und nahm die Schuhe in die Hand und versuchte das Fenster am Kopfende seines Bettes zu öffnen. Es hatte bei Tage offen gestanden, aber der Frost hielt es doch fest am Rahmen. Ulrich stemmte den Fuß an die Wand und zog mit aller Kraft, aber es widerstand einem Ruck nach dem anderen; doch endlich, plötzlich gab es nach und flog auf. Ein leises Krachen, Knacken und Klirren hatte sich erhoben, aber der Wachthabende war nicht munter geworden, sondern murmelte nur leis aus dem Schlafe. Mit angehaltenem Atem blieb der Knabe eine Weile regungslos stehen, dann schwang er sich auf die Brüstung und schaute ins Freie. Der Schlafraum lag im zweiten Stockwerk des Klosters über dem Walle, doch ein breiter Schneehaufen erhob sich neben der Schutzmauer, und das stärkte ihm den Mut. Mit fliegenden Fingern schlug er ein Kreuz, ein leises »Maria, bitte für mich!« klang von seinen Lippen, dann schloß er die Augen und wagte den Sprung. Es sauste und brauste ihm vor den Ohren, das Bild seiner Mutter verschwamm in bunter Verzerrung mit dem des Juden, und dann verschlang ihn ein eisiges Meer, und es war ihm, als ob ihm Leib und Seele erstarrten. Aber nur wenige Augenblicke beherrschte ihn diese Empfindung, dann arbeitete er sich aus der Schneemasse heraus, zog die Schuhe an seine Füße und jagte, als ob ihn ein Rudel Wölfe verfolge, in die Nacht hinein, den Berg hinunter, durch den Kohlweg, über die Höhe und endlich den Fluß entlang nach der Stadt und zum Richtberg. Achtes Kapitel Die Gäule des Vogtes waren nicht schneller aus dem Kloster vor das Stadttor gelangt als Ulrich. Sobald der Schmied durch sein Klopfen aus der Ruhe gestört war und seine Stimme erkannt hatte, wußte er, worum es sich handle, und hörte seinen Bekenntnissen schweigend zu, während er selbst eilig und doch besonnen seine verborgene Habe ausgrub, einen Sack mit dem Nötigen füllte, seinen handlichsten Hammer in den Gürtel steckte und Wasser über das glimmende Feuer goß. Darauf schloß er die Tür und sandte Ulrich zum Hangemarx, mit dem er schon manches verabredet hatte, denn der Gaukelkaspar, der durch seine Töchter mehr erfuhr als ein anderer, war gestern zu ihm gekommen, um ihm zu erzählen, daß etwas gegen den Juden im Werk sei. Adam fand ihn noch wach bei der Arbeit. Er war vorbereitet auf das, was ihn bedrohte, und bereit, die Flucht zu ergreifen. Kein Wort der Klage, keine unruhige Bewegung verriet die tiefe Seelenpein des Verfolgten, und dem Meister wurde es weich ums Herz, als er vernahm, wie der Doktor sein Weib und das Kind aus dem Schlaf rief. Das angstvolle Stöhnen der tief entsetzten Stummen und das laute Weinen Ruths und neugieriges Fragen wurde bald überschrien von dem lauten Jammergeheul der alten Rahel, welche tiefer und mit noch mehr Tüchern vermummt als sonst in das Wohnzimmer stürzte und dort in einer fremden Sprache klagend und schmähend alles zusammenraffte, was ihr zur Hand war. Sie hatte eine große Kiste hinter sich hergeschleppt und warf nun Leuchter, Krüge und selbst das Schachspiel und die alte Puppe Ruths mit dem zerbrochenen Kopf in dieselbe. Als die dritte Stunde nach Mitternacht anbrach, war der Doktor zum Aufbruch bereit. Vor der Türe hielt der Kohlenschlitten des Hangemarx mit seinem Rößlein. Dies war ein seltsames Tier, nicht größer als ein Kalb, so mager wie eine Ziege und dabei hier wollig, dort kahl wie ein haarender Pudel. Der Schmied half der Stummen in den Schlitten, der Doktor setzte ihr Ruth auf den Schoß, Ulrich vertröstete das Kind, das ihn mancherlei fragte, auf später, die Alte aber wollte sich nicht von der Kiste trennen und war nur schwer in das Fuhrwerk zu bringen. »Du weißt, über die Berge in das Rheintal – gleichviel wohin,« flüsterte Costa dem Wilddieb zu. Der Hangemarx trieb sein Pferdchen an und entgegnete, indem er sich nicht an den Israeliten wandte, der ihn angeredet hatte, sondern an den Schmied, von dem er glaubte, daß er ihn besser verstehen werde als der Bücherwurm Costa: »Die Schlucht hinan ohne Umweg, das geht nicht. Des Grafen Rüden spüren uns aus, wenn man sie uns nachhetzt. Erst auf die Landstraß', und beim Lautenhof lenken wir ein. Morgen ist Markttag. Da kommen die Leut' schon früh aus den Dörfern und betreten den Schnee, und die Hunde verlieren die Spur. Wollt' es nur schneien!« Vor der Schmiede streckte der Doktor dem Meister die Hand hin und sagte: »Bis hierher, Freund.« »Wir gehen mit Euch, wenn es Euch recht ist.« »Bedenket,« hob der andere mahnend an, aber der Schmied unterbrach ihn und sagte: »Ich hab' alles bedacht; hin ist hin. Bub, nimm dem Doktor den Sack von der Schulter!« Von nun an wurde lange Zeit nichts gesprochen. Die Nacht war kalt und hell. In dem weichen Schnee schritten die Männer geräuschlos dahin, man hörte nichts als das Knirschen der Kufen und dann und wann das leise Wimmern der Stummen oder ein lauteres Wort aus den Selbstgesprächen der Alten. Ruth war auf dem Schoße der Mutter eingeschlafen und atmete tief. Beim Lautenhof führte ein schmaler Pfad in die Berge und tief in den Wald. Als es steiler anstieg, halfen die Männer dem kleinen Pferde, denn der Schnee lag knietief, und es hustete oft und warf den dicken Kopf auf und nieder, als wollt' es damit buttern. Einmal, als das arme Geschöpf einen recht heftigen Anfall bekam, wies Marx auf das grüne Wolltuch am Halse der Mähre und raunte dem Schmied zu: »Zwanzig Jahre, und dabei in den Drusen.« Das Tierchen nickte dazu langsam und schwermütig, als wollt' es sagen: »Das Leben ist hart; 's wird wohl meine letzte Schlittenfahrt sein.« Die schwerbelasteten breiten Äste der Tannen hingen müde in den Weg, zwischen den Stämmen hervor schimmerte überall die Decke des Schnees in eintönigem Weiß, die Kuppen der dunklen Felsblöcke am Wege trugen weiße, glatte Hütlein von lockerem Schnee, der Waldbach war an den Rändern erstarrt, und nur in seiner Mitte sickerte das Wasser frostig zwischen kristallenen Flächen und spitzen Zapfen zu Tale. Solange der Mond schien, gleißten und glitzerten schimmernde Lichter auf dem Schnee und Eise, dann aber leuchtete den Wanderern nur noch der eintönige Schein der alles bedeckenden Schneelast. »Wollt' es nur schneien!« wiederholte der Köhler. Je höher sie kamen, desto tiefer lag der Schnee, desto mühevoller wurde das Steigen und Waten. Manchmal rief der Schmied um des Doktors willen ein leises »Halt!« und dann trat Costa an den Schlitten und fragte: »Wie geht es?« oder sagte: »Wir kommen schon weiter.« Wenn ein Fuchs aus der Ferne bellte, wenn ein Wolf heulend die Stimme erhob oder eine Eule durch die Gipfel zog und mit den Schwingen den Schnee von den Ästen streifte, kreischte die Dienerin auf, aber auch die anderen schraken zusammen; nur der Marx ging ruhig und unbeirrt neben dem dicken Kopf seines Pferdchens her, denn er kannte alle Stimmen des Waldes. Gegen Morgen wurde es kälter. Ruth erwachte und weinte, und ihr Vater fragte atemlos: »Wann werden wir rasten?« »Hinter der Höhe; zehn Pfeilschüsse weit,« entgegnete der Köhler. »Mut,« flüsterte der Schmied. »Stellt Euch auf den Schlitten, Doktor; wir schieben.« Aber Costa zeigte auf das keuchende Pferdchen, schüttelte verneinend den Kopf und schleppte sich vorwärts. Der Wilderer mußte seine Pfeile aus einem seltsamen Bogen versenden, denn Viertelstunde auf Viertelstunde verging, und der Gipfel der Höhe war immer noch nicht erstiegen. Dabei wurde es heller und heller, und der Köhler wandte den Kopf immer unruhiger bald aufwärts, bald auf die Seite. Der Himmel war bewölkt, das Licht in der Höhe grau und trüb und mit weißlichen Dünsten durchweht. Der Schnee blendete noch, aber er schimmerte und glitzerte nicht mehr und lag mit dem stumpfen Weiß der Kreide überall nah und fern. Ulrich hielt sich neben dem Schlitten und schob. Wenn Ruth ihn stöhnen hörte, streichelte sie ihm die an den Kasten gestemmte Hand, und das tat ihm sehr wohl, und er lächelte ihr zu. Als man wiederum, und diesmal auf dem Kamm des Berges, anhielt, bemerkte Ulrich, daß der Köhler wie eine Rüde in die Luft hinausschnupperte, und fragte: »Was gibt es, Marxle?« Da grinste der Wilderer und entgegnete: »Schnee wird's geben, ich riech' es.« Nun ging es talabwärts, und nach einer kurzen Wanderung sagte der Köhler: »Da drunten finden wir Unterkunft bei dem Jörg und auch warmes Feuer, ihr Weible.« Das war ein trostreiches Wort. Es kam zu rechter Zeit, denn nun begannen große Flocken die Luft zu erfüllen, und ein leiser Wind trieb sie den Wanderern ins Antlitz. »Da!« rief Ulrich und zeigte auf das beschneite Dach einer hölzernen Hütte, die dicht vor ihnen auf einer Lichtung am Waldrande stand. Jedes Antlitz belebte sich neu, nur Marx schüttelte bedenklich den Kopf und brummte: »Kein Rauch, kein Gekläff; das Ding steht leer; der Jörg ist gegangen. Um Pfingsten – wie viel Jahr mag's her sein? – die Buben sind schon flößen gegangen, dazumal ist er noch hier drinnen gewest.« Die Zeitrechnung war nicht des Köhlers Sache, und die leere Hütte, die öden, offenen Fensterhöhlen in den morschen Holzwänden, die Löcher im Dach, durch die Schnee in Menge in den einzigen Raum des verlassenen Hauses gedrungen war, deuteten an, daß hier schon seit manchem Winter kein Mensch Obdach gesucht hatte. Die alte Rahel stieß ein neues Jammergeheul aus, wie sie in diese Herberge schaute; als aber die Männer den Schnee, so gut es gehen wollte, beseitigt und Tannenäste über die Öffnungen im Dache gelegt, als Adam ein Feuer entzündet hatte und die Säcke und Decken aus dem Schlitten an einem trockenen Orte zum Sitz für die Frauen niedergelegt worden waren, zog neuer Mut in die Herzen, und Rahel schleppte sich, ohne daß es ihr jemand geheißen, an den Herd und stellte den mit Schnee gefüllten Topf auf die Flamme. Zwei Stunden, hatte der Marx gesagt, müsse der Nickel verschnaufen, dann könnten sie weiter und vor Nacht bei dem Schluchtmüller sein. Dort würden sie gute Leute finden, denn der Jäcklein sei mit unter den »Bauern« gewesen. Das Schneewasser kochte, der Doktor und sein Weib ruhten, Ulrich und Ruth hielten Holz, das der Schmied gespalten, über das Feuer, um es zu trocknen; da wurde außerhalb der Hütte ein herzerschütterndes Jammergeheul laut. Costa erhob sich schnell, die Kinder folgten ihm, und die Alte zog die oberste Kopfhülle wimmernd über das Antlitz. Zur Seite des Schlittens lag Nickel, das Pferdchen, im Schnee und streckte die winkligen Beine weit von sich. Neben ihm kniete Marx und hielt den dicken Kopf des Rößleins im Schoß und hauchte ihm mit dem schiefen Mund in die Nüstern. Dann zeigte ihm das Pferdchen die gelben Zähne, streckte die matte, bläuliche Zunge aus, als wollt' es ihn lecken, und dann fiel das schwere Haupt auf die Seite, die Augen quollen dem sterbenden Tier aus den Höhlen, die Beine wurden ganz steif, und Nickel war diesmal wirklich tot, und der Schlitten streckte die Gabeldeichsel vergeblich in die Luft wie ein hungriges, verlassenes Vogeljunge den geöffneten Schnabel. Nun war kein Fortkommen möglich, und da saßen die Frauen zitternd in der rauchigen Hütte und glühten am Feuer und froren, wenn der Zug sie berührte, und Ruth weinte vor Kummer über das arme Rößlein, und der Marx saß wie gebrochen auf der erstarrenden Leiche des alten Freundes und dachte an nichts und am wenigsten an den Schnee, der ihn noch weißer machte als den Müller, bei dem er am Abend zu rasten gedacht hatte; der Doktor schaute in stummer Verzweiflung auf sein sprachloses Weib, das still in sich zusammengesunken war und mit gefalteten Händen inbrünstig betete; der Schmied drückte die Hand auf die Stirn und sann und sann, aber immer vergeblich, was nun zu tun sei, bis daß der Kopf ihn schmerzte, und aus der Ferne erscholl das Geheul eines hungrigen Wolfes, und ein schwarzes Rabenpaar ließ sich auf einem weißen Aste neben dem Pferdchen nieder und schaute gierig auf den in Schnee gebetteten Leichnam. – Indessen saß der Abt in seinem lieblich durchwärmten Arbeitszimmer, das von einem leisen, angenehmen Wohlgeruch erfüllt war, und schaute bald auf die brennenden Scheite im schönen Marmorkamin, bald auf den Vogt, der ihm seltsame Kunde brachte. Das weiße wollene Morgengewand schmiegte sich weich um die vornehme Gestalt des Prälaten. Neben ihm lagen zur Vergleichung nebeneinander zwei Handschriften seines Lieblingsbuches, die Idyllen des Theokrit, die er zu seiner Lust und, um die Übersetzung des Eoban Hesse zu übertreffen, in lateinische Verse übertrug, wenn es ihm die Geschäfte seines Amtes erlaubten. Am Kamine stand der Vogt. Er war ein mittelgroßer, untersetzter Mann mit einem großen Kopfe und groben, wie roh aus Holz geschnittenen klugen Zügen. Er gehörte zu den gewiegtesten Rechtskennern im Lande, und seine Rede floß so glatt und wohlgesetzt von den starken Lippen, als werde jeder Gedanke in seinem findigen Kopfe schön geputzt, gespornt und gestiefelt geboren. In der äußersten Ecke des Gemaches stand der Amtssubstitut, ein Männlein mit einem Kopf wie die Sonne und zwei Beinen, von denen jedes der Sichel des zu- oder abnehmenden Mondes glich, und wartete auf den Wink seines Herrn, denn er trug zwei übervolle Mappen mit wichtigen Papieren unter den kurzen Armen. »Aus Portugal stammt er demnach, und er hat einen falschen Namen getragen.« Also faßte der Abt das, was er soeben vernommen, zusammen. »Lopez heißt er, nicht Costa,« entgegnete der andere, »das beweisen diese Papiere. Die Mappe her, Gutbub! In der braunen steckt das Diplom.« Der Vogt überreichte dem Prälaten ein Pergament, und nachdem er dasselbe durchgelesen, sagte er bestimmt: »Der Jude ist mehr, als wir dachten. Mit solchem Lob sind sie sparsam in Coimbra. Ihr haltet die Bücher des Doktors in gutem Verwahrsam, Herr Conrad? Morgen will ich sie sehen.« »Sie stehen zu Eurer Verfügung. Diese Papiere ...« »Laßt, laßt.« »Auch ohne sie sind der Gravamina mehr als genug,« sagte der Vogt. »Unser Stadtschreiber, zwar kein Studierter, aber, wie Ihr wißt, ein vielerfahrener Mann, teilt meine Ansicht.« Dann fuhr er pathetisch fort: »Nur wer das Gesetz zu fürchten hat, fälscht seinen Namen, nur wer sich schuldig fühlt, entzieht sich dem Richter.« Ein feines Lächeln, das nicht von Bitterkeit frei war, umflog die Lippen des Abtes, denn er gedachte des peinlichen Verhörs und der Folterkammer im Rathaus und sah in dem Doktor nicht mehr nur den Juden, sondern auch den Humanisten und Studiengenossen. Sein Blick fiel wieder auf das Diplom, und während der andere in seinen Darlegungen fortfuhr, streckte er sich länger auf dem Lehnsessel aus und sah nachdenklich zu Boden. Dann berührte er, als sei ihm eine Eingebung gekommen, die hohe Stirn leise mit den Fingerspitzen und sagte, indem er dem eifrigen Redner jäh ins Wort fiel: »Pater Anselm ist vor fünf Jahren von Porto zu uns gekommen und hat dort alles gekannt, was Griechisch versteht. Geh er, Gutbub! Der Bibliothekarius soll kommen.« Bald darauf erschien der Gerufene. Die Kunde von dem Verschwinden Ulrichs und der Flucht des Juden hatte sich schnell durch das Kloster verbreitet; einer sprach davon zu dem anderen im Chor, in der Schule, im Stall und in der Küche; nur dem Pater Anselm war nichts von dem allem zu Ohren gekommen, obgleich er schon vor Tagesanbruch in der Bücherei tätig gewesen war und man auch dort eifrig genug über den ärgerlichen Vorfall geredet hatte. Man sah es dem alternden Manne an, daß er sich, außer um seine Handschriften und Drucke, um wenig kümmere, was in der Welt vorging. Sein langes, schmales Haupt schloß sich an einen dünnen Hals, der nicht aufrecht stand, sondern zwischen den Schultern wie ein Ast aus dem Stamme hervorwuchs. Sein Antlitz war grau und von Falten zerrissen wie Bimsstein, aber große, kluge Augen verliehen dem verwitterten Antlitz Reiz und Bedeutung. Anfänglich hörte er gleichgültig der Erzählung des Abtes zu, sobald aber der Name des Juden genannt worden war und er das Diplom so schnell überlesen hatte, als ob er die Gabe besitze, sich den gesamten Inhalt von zehn Zeilen mit einem einzigen zusammenfassenden Blicke anzueignen, sagte er lebhaft: »Der Lopez, Doktor Lopez war hier? Und das haben wir nicht gewußt und ihn nicht zu Rate gezogen! Wo ist er? Was hat man mit ihm im Sinne?« Nachdem er erfahren, daß der Jude geflohen sei, und der Abt ihn gebeten, alles zu berichten, was er von dem Doktor wisse, sammelte er sich und begann traurig: »Freilich, freilich; der Mann hat sich schwer vergangen. Vor dem Herrn ist er ein arger Sünder. Ihr wisset von seiner Schuld?« »Wir wissen alles,« rief der Vogt eifrig und suchte dabei mit einem vielsagenden Blick das Auge des Prälaten. Dann fuhr er, als ob er den Schuldigen aufrichtig beklage, mit gut erheucheltem Mitleid fort: »Wie ist nur der hochgelehrte Mann zu solcher Untat gekommen?« Dem Abt widerstand die List des weltlichen Richters, aber die Worte Anselms waren nicht mehr zurückzunehmen, und da es ihn selbst lüstete, mehr von den Lebensschicksalen des Doktors zu erfahren, forderte er den Pater auf, mitzuteilen, was er über ihn wisse. Da schilderte der Bibliothekar in seiner kurzen, trockenen Weise und dabei mit einer Wärme, welche dem Abt fremd an ihm war, die große Gelehrsamkeit des Doktors und die Feinheit seines Geistes. Er erzählte, daß sein Vater zwar ein Jude, aber doch in seiner Art ein vornehmer, mit manch edlem Hause verbundener Mann gewesen, denn bis König Emanuel, welcher die Juden verfolgte, hätten sie in Portugal in hohem Ansehen gestanden. Es habe damals dort schwer gehalten, Jud und Christ zu unterscheiden. Bei der Vertreibung sei einigen bevorzugten Israeliten gestattet worden, zu bleiben, und unter ihnen auch dem würdigen Rodrigo, dem Vater des Doktors, der Leibarzt des Königs gewesen und von ihm hochgeschätzt worden sei. Der Lopez habe in Coimbra die höchsten Ehren erworben, aber sich nicht der Arzneiwissenschaft wie sein Vater, sondern humanistischen Studien gewidmet. »Auf Broterwerb,« fuhr der Pater fort und sprach langsam und bedächtig und wiederholte den Schluß jeden Satzes, als stehe er im Begriff, zwei Handschriften zu kollationieren, »auf Broterwerb kam es da nicht an, denn Rodrigo gehörte zu den vermögendsten Männern in Porto. Sein Sohn Lopez war reich an Freunden, sehr reich, und zu ihnen zählten alle, denen die Wissenschaft wert war. Auch unter den Christen hatte er Freunde, sehr viele Freunde, Unter uns – das will sagen in unserer Bücherei – unter uns hat er auch große Achtung erworben. Ich danke ihm manchen Wink, manche Hilfe; ich meine Hilfe beim Nachweis von schwer zu erlangenden Büchern und entlegenen Stellen. Als er uns nicht mehr besuchte, vermißt' ich ihn schwer. Ich bin nicht neugierig; oder glaubt ihr, daß ich neugierig bin? Ich bin es nicht, aber ich mußte doch nach ihm fragen. Da bekam ich denn Arges zu hören, sehr Arges. Das Weib ist an allem schuld gewesen; natürlich wieder das Weib. Da war ein Kaufmann aus Flandern, der sich zu Porto niedergelassen – ein Christ. Des Doktors Vater ging bei ihm aus und ein; doch das wißt ihr wohl alles?« »Freilich, freilich!« rief der Vogt. »Aber erzählet nur weiter!« »Der alte Doktor Rodrigo also war Arzt im Hause des Niederländers gewesen und hatte dem Kaufmann auf dem Sterbebette die Augen geschlossen. Eine Waise war da zurückgeblieben, ein Kind, und das Kind war ein Mädchen. Es hatte keine Verwandten in Porto, nicht einen. Sie sagten – ich meine die jungen Doktoren und Magister, die sie gesehen hatten – sie sagten, daß sie den Augen wohlgefällig, sehr wohlgefällig gewesen. Aber nicht darum, sondern weil sie verwaist und verlassen war, nahm der Arzt sich des Kindes an, ich will sagen des Mädchens.« »Und zog sie als Jüdin auf,« unterbrach ihn der Vogt mit einem forschenden Blick. »Als Jüdin?« fragte der Pater erregt. »Wer sagt das? Er tat es mitnichten. Eine christliche Witwe erzog sie im Landhaus des Arztes, im Landhaus, nicht in der Stadt. Da hat der junge Doktor, als er aus Coimbra heimkam, sie mehr als einmal gesehen, mehr als einmal; öfter gewiß, als ihm gut war. Der Teufel mischte sich drein. Ich weiß auch, wie sie es bei der Heirat gehalten, ich weiß es. Vor einem jüdischen und zwei christlichen Zeugen gelobten sie sich einander an und wechselten Ringe, Ringe wie bei einer christlichen Hochzeit. Dabei blieb er Jude und sie eine Christin. Er dachte mit ihr in die Niederlande zu ziehen, aber einer der Zeugen verriet sie, angegeben hat er sie bei der heiligen Inquisition. Die mischte sich bald darein, natürlich, denn dort mischt sie sich in alles, und in diesem Falle war ja eine Einmischung notwendig; mehr noch – Christenpflicht war sie. Die junge Frau wurde mit ihrer Begleiterin auf der Straße ergriffen und kam in den Kerker, und auf der Folter hat sie die Sprache verloren, völlig verloren. Der alte Arzt und der Doktor wurden zeitig gewarnt, und sie hielten sich gut versteckt. Durch den Kämmerer de Sa, ihren Oheim – oder war's nur ihr Vetter? – durch den de Sa erlangte das Weib die Freiheit zurück, und dann, ich glaube dann sind sie nach Frankreich entflohen, alle drei, der Vater, der Sohn und das Weib. Aber nein, sie sollen ja hierher ...« »Da habt Ihr's!« fiel der Vogt dem Pater ins Wort und suchte triumphierend den Blick des Prälaten. »Ein alter Praktikus ahnt die Verbrechen wie der Laubfrosch den Regen. Jetzt erst kann ich mit Sicherheit sagen: wir haben ihn, und das höchste Strafmaß ist für ihn noch zu niedrig bemessen. Es gibt eine Exekution ohnegleichen, etwas Merkwürdiges, Erfreuliches, Großes. Ihr habt mir Wichtiges eröffnet, und ich danke Euch, Pater.« »So hättet Ihr nichts gewußt?« stammelte der Bibliothekar; und während er den Hals höher aufrichtete als sonst, schwoll ihm eine Ader mitten in der Stirn hoch auf. »Nein, Anselme!« sagte der Abt. »Aber es war Eure Pflicht, zu reden, wie es leider die meine war, Euch zu hören. Nach dem Konvikt begebet Euch wieder zu mir, ich habe mit Euch zu reden.« Der Bibliothekar verneigte sich stumm und mit kühlem Stolz und ging, ohne den Vogt eines Blickes zu würdigen, nicht zu den Büchern zurück, sondern in seine Zelle. Dort schritt er lange auf und nieder und murmelte schmerzlich den Namen Lopez, und schlug sich auf den Mund und preßte die Faust an die Stirn und warf sich auf die Knie, um vor dem Bilde des gekreuzigten Allerbarmers für den Juden zu beten. Sobald der Mönch das Zimmer verlassen hatte, rief der Vogt: »Welch eine unerwartete Hilfe! Welche Reihe von Delikten liegt vor uns! Erst die kleinen. Er hat das Judenzeichen niemals getragen und sich von Christen bedienen lassen, denn die Mädchen des Kaspar waren oft in seinem Hause beim Nähen behilflich. Es wurde ein Degen in seinem Hause gefunden, und der Jude, der Waffen trägt, begibt sich, da er Selbsthilfe gebraucht, der Hilfe der Obrigkeit. Wir wissen endlich, daß Lopez sich eines falschen Namens bediente. Nun kommt das Große. Es zerfällt in vier Teile. Er hat mit Zauberworten sein Wesen getrieben, er hat eines Christen Sohn durch Irrlehren zu verderben gesucht, er hat eine Christin zur Ehe verführt, und er hat – mit dem besten höre ich auf, er hat ein Mädchen, das eine christliche Frau, ich meine sein Weib, geboren, als Jüdin erzogen.« »Sein Kind als Jüdin erzogen? Das wißt Ihr genau?« fragte der Abt. »Es trägt den jüdischen Namen Ruth. Was ich mir hervorzuheben erlaubte, sind lauter wohlerwiesene, gut bezeugte, todeswürdige Delikte. Ihr seid ein großer Humanist, hochwürdiger Herr, aber ich kenne auch meine Alten. Schon Kaiser Konstantius setzte Todesstrafen auf Ehen zwischen Juden und Christen. Ich weis' Euch die Stelle!« Der Abt empfand das, was dem Juden vorgeworfen wurde, als schwere Frevel, für die es keine Vergebung gab, aber ihm war es nur um die Schuld zu tun, und es verdroß ihn, zu sehen, wie sich der Eifer des Vogts ausschließlich gegen den unglücklichen Schuldigen wandte. Darum erhob er sich und sagte mit vornehmer Kühle: »Tut denn das Eure.« »Verlaßt Euch darauf. Morgen oder übermorgen bringen wir ihn ein, ihn und die Seinen. Der Stadtschreiber ist auch voller Eifer. Dem Kinde werden wir nichts anhaben können, doch muß es dem Juden genommen und christlich erzogen werden. Dies zu veranlassen, würde unser Recht sein, auch wenn beide Eltern Hebräer wären. Ihr kennt den Freiburger Fall. Kein Geringerer als der große Ulrich Zasius entschied, daß Judenkinder auch hinter dem Rücken des Vaters getauft werden dürfen. Am Samstag bitt' ich Euch, den Pater Anselm als Zeugen aufs Rathaus zu schicken.« »Wohl, wohl,« antwortete der Prälat, aber er tat es mit so geringem Eifer, daß es den Beamten billig in Verwunderung setzte. »Wohl denn, fanget den Juden; aber ans Leben dürft Ihr ihm nicht. Und eins noch! Ich will den Doktor sehen und sprechen, bevor Ihr ihn foltert.« »Übermorgen führ' ich ihn zu Euch!« »Die Nürnberger, die Nürnberger!« entgegnete der Prälat und zuckte die Achseln. »Was meint Ihr?« »Sie hängen keinen, bevor sie ihn haben.« Der Vogt sah diese Worte als eine Herausforderung an, alles an die Verfolgung des Juden zu setzen, und so entgegnete er lebhaft: »Wir haben ihn, hochwürdiger Herr, wir haben ihn sicher. Sie stecken im Schnee wie in einer Falle. Die Waibel suchen die Straße ab; ich entbiete auch Eure und unsere Förster und stelle sie unter Führung des Frohlinger Grafen. Er hat die Pflicht, uns Hilfe zu leihen. Was die mit ihren Burschen und Knappen, Treibern und Rüden nicht finden, das ist halt nimmer im Walde. Euren Segen, hochwürdiger Vater, es gilt, keine Zeit zu verlieren.« Der Abt war allein. Sinnend schaute er auf die Kohlen im Kamin und wiederholte sich alles, was er soeben gesehen und vernommen. Seine lebhafte Einbildungskraft zeigte ihm den bescheidenen, hochgelehrten Mann, der in stiller Abgeschiedenheit unter fleißigen humanistischen Studien lange Jahre hingebracht hatte, und dabei beschlich ihn ein leiser Neid, denn wie selten war es ihm selbst gestattet, sich störungslos und ununterbrochen der wissenschaftlichen Tätigkeit hinzugeben, in der er allein Befriedigung fand. Er zürnte sich selbst, daß er dem des Todes schuldigen Verbrecher so wenig zu zürnen vermochte, und zieh sich der Lauheit. Dann kam ihm in den Sinn, daß der Jude aus Liebe gesündigt und daß dem, der viel geliebt habe, viel vergeben werden solle. Zuletzt wollte es ihm wie ein Geschenk erscheinen, daß es ihm bald vergönnt sein werde, den gelehrten Doktor aus Coimbra kennen zu lernen. So widerwärtig wie heute war ihm der eifrige Vogt noch niemals erschienen; und als er sich erinnerte, wie der verschlagene Mann den armen Pater Anselm in seiner Gegenwart überlistet hatte, war es ihm, als habe er selbst etwas Unwürdiges begangen. Und doch, und doch: der Jude war nicht zu retten und hatte verdient, was ihm drohte! Ein Mönch rief ihn ab, er aber folgte ihm nicht und befahl, ihn eine Stunde allein zu lassen. Nun nahm er ein Heft zur Hand, das er seinen Seelenspiegel nannte, und worin er »für die Beichte« mancherlei aufzuzeichnen pflegte, worüber er mit sich selbst ins reine zu kommen wünschte. Heute nun schrieb er: »Es wäre Pflicht, einen Juden und Verbrecher zu hassen, und eifrig das zu verfolgen, was die heilige Kirche verdammt. Ich vermag es noch nicht. Wer ist der Vogt, und was Pater Anselm und dieser gelehrte Doktor! Der eine niedrig gesinnt und nur vertraut mit der kleinen Welt, die er kennt und in der er lebt, die anderen gottbegnadet, des Wissens voll, Herrscher im weiten Reich der Gedanken. Und jener überlistet diese, und sie erweisen sich als Kinder ihm gegenüber. Wie Anselm vor ihm dastand! Das betrogene Kind war der Große und der Kluge der Kleine. Was die Menschen Klugheit nennen, ist nur das Geschick für das Kleine im Leben, dem wahrhaft großen Menschen ist Einfalt eigen, denn das Kleine ist ihm zu klein, und sein Auge zählt nicht die Körner des Staubes, sondern richtet sich aufwärts und hat Teil an der Unendlichkeit, die sich vor uns ausdehnt. Jesus Christus war sanft wie ein Kind und liebte die Kinder, er war Gottes Sohn und gab sich willig in die Hände der Menschen. Der Großen Größter gehörte nicht zu den Klugen. »Selig sind die Einfältigen,« hat er gesagt. Ich verstehe dies Wort. Einfältig ist der, dessen Seele nur einmal gefaltet, glatt und rein ist wie ein Spiegel, und einfältig waren die größten Weisen und die am höchsten Gesinnten, die mir im Leben und in der Geschichte begegnet sind. Klugheit erwirbt auch das Tier, Weisheit ist die Klugheit der Hochgesinnten. Wir sollen alle dem Heiland nachfolgen, und der von uns kommt ihm am nächsten, der Weisheit mit Einfalt in sich vereint.« Neuntes Kapitel Der Hangemarx war auf Kundschaft gegangen, froheren Mutes, denn der Doktor hatte ihm den Verlust ersetzt, den er durch den Tod seines alten Nickel erlitten, und war am Mittag mit guter Kunde wiedergekommen. Ein Holzführer, dem er auf der Landstraße begegnet, hatte ihm mitgeteilt, wo der Köhlerjörg hause. Vor Nacht konnten die Flüchtlinge seine Hütte erreichen, und sie kamen dabei dem Rheintale näher. Alles war zum Aufbruch bereit, nur die alte Rahel sträubte sich, weiterzuwandern. Sie saß auf einem Stein vor der Hütte, denn der Rauch in dem engen Raum hatte ihr den Atem benommen. Es schien, als habe die Angst sie um den Verstand gebracht, denn sie starrte mit wildem Blick und klappernden Zähnen vor sich hin und versuchte aus dem Schnee, den sie wohl für Mehl hielt, Kuchen zu formen und Nudeln zu drehen. Sie hörte weder auf den Ruf des Doktors noch auf die Winke seiner Gattin, und als jener sie anfaßte, um sie zum Aufstehen zu zwingen, erhob sie ein lautes Zetergeschrei. Endlich gelang es dem Schmied, sie zu bewegen, sich auf den Schlitten zu setzen, und nun ging es vorwärts. Adam hatte sich vor das Fahrzeug gespannt, Marx ging hin und wieder und schob wohl auch, wenn es not tat. Die Stumme watete neben ihrem Gatten durch den Schnee. »Armes Weib,« sagte er einmal. Da drückte sie seinen Arm fester an sich und schaute ihm in die Augen, als wolle sie sagen: »Mir fehlt gewiß nichts, wenn du mir nur bleibst.« Ja, sie genoß seine Nähe wie eine Gunst des Schicksals, aber nur auf Augenblicke, denn sie konnte der Furcht um ihn und vor den Häschern und dem Grauen vor der Ungewißheit und Ruhelosigkeit nicht wehren. Wenn Schnee polternd von einer Tanne fiel, wenn sie bemerkte, daß Lopez das Haupt wandte oder die alte Rahel einen Klagelaut ausstieß, schrak sie zusammen, und das blieb nicht unbemerkt von ihrem Gatten, der sich sagte, daß sie allen Grund hätten, mit schwerer Besorgnis in die nächsten Stunden zu schauen. Jeder Augenblick konnte ihm und ihnen allen Gefangenschaft bringen, und wenn sie entdeckten – wenn es enthüllt ward, wer er, wer Elisabeth sei ... Ulrich und Ruth beschlossen den Zug und sprachen nur wenig. Zuerst gab es wieder zu steigen, dann aber ging es talabwärts. Es hatte längst aufgehört zu schneien, und je tiefer sie kamen, desto dünner wurde der Schnee. Zwei Stunden waren sie so weitergekommen, da versagte der Kleinen die Kraft, und sie blieb mit feuchten, hilfesuchenden Augen stehen. Das sah der Köhler und brummte: »Komm auf meinen Arm, Meidle, ich trag' dich zum Schlitten.« »Nein, ich!« unterbrach Ulrich den Marx mit Eifer, und Ruth rief: »Ja du, du sollst mich tragen.« Da faßte der Marx sie um den Leib und hob sie hoch und setzte sie auf die Arme des Buben. Sie schlug ihm die Hände um den Hals, und während er mit ihr fortschritt, schmiegte sich ihre frische, kühle Wange dicht an die seine. Das tat ihm sehr wohl, und es kam ihm in den Sinn, daß er so lange von ihr getrennt gewesen, und daß es schön sei, sie wieder zu haben. Das Herz ging ihm auf, weit, weit; und er dachte, daß er sie doch lieber habe, als alles andere auf Erden, und da zog er sie so fest an sich, als strecke sich schon eine unsichtbare Hand aus, um sie ihm wieder zu nehmen. Ihr feines, liebes Gesichtchen war heute nicht blaß, sondern blühte rosig nach dem langen Gang durch die frische Winterluft, und es freute sie, daß sie der Ulrich so festhielt, und darum drückte sie ihre Wange näher an seine und löste die Finger von seinem Halse und strich ihm liebkosend mit der kalten Hand über das Antlitz und sagte: »Du bist doch gut, Ulrich, und ich bin dir auch gut.« Das klang so zärtlich und innig, daß ihm ganz weich ums Herz wurde, denn seit sein Mütterle fort war, hatte kein Mensch so zu ihm gesprochen. Er fühlte sich froh und stark, und sie war gar nicht schwer, und als sie ihm wieder die Hände um den Hals schlug, sagte er: »Ich möchte dich immer so tragen.« Sie nickte nur leise, als ob dieser Wunsch ihr gefalle, er aber fuhr fort: »Im Kloster hatte ich keinen Menschen, der mir recht gut war, denn auch der Lips, der war ja ein Graf ... Dir ist jeder gut. Du weißt nicht, wie es tut, wenn man ganz allein ist und sich wehren muß gegen alle. Im Kloster hab' ich manchmal gedacht, ich wollt', ich läg' unter der Erde – jetzt mag ich nicht sterben, und wir bleiben bei euch – der Vater hat mir's gesagt –, und es wird wieder wie früher, und ich will kein Latein weiter lernen, sondern ein Maler werden oder ein Kunstschmied oder meinetwegen auch alles andere, wenn ich nur nicht wieder fort von euch muß.« Da fühlte er, wie Ruth das Köpfchen erhob und wie ihre weichen Lippen seine Stirn gerade über dem Auge berührten, und nun ließ er die Arme, in denen sie ruhte, ein wenig mit ihr sinken und küßte ihren Mund und sagte: »Jetzt ist's mir, als hält' ich mein Müetterl wieder.« »Ist dir's so?« fragte sie mit leuchtenden Augen. »Laß mich nur hinunter, ich bin wieder ganz frisch und will laufen.« Dabei glitt sie zu Boden, und er hielt sie nicht. Von nun an wanderte sie rüstig weiter neben ihm her, und er mußte ihr von den bösen Buben im Kloster und dem Grafen Lips und den Bildern und den Patres und seiner Flucht erzählen, bis sie, als es dunkel wurde, an das Ziel der Wanderung gelangten. Der Köhler Jörg empfing sie und öffnete ihnen seine Hütte, aber nur, um sich zu entfernen, denn es war ihm wohl recht, den Fliehenden Obdach zu gewähren und der Obrigkeit zuwiderzuhandeln, aber wenn sie die Ausreißer griffen, wollte er doch nicht dabei sein. Mitgefangen, mitgehangen! Er kannte das Sprichwort und ging mit dem Gulden, den Adam ihm gab, hinunter ins Dorf. In der Hütte gab es einen Herd zum Kochen und zwei Räume, einen großen und einen kleinen, denn im Sommer pflegten Weib und Kind bei dem Köhler zu hausen. Die Wanderer bedurften der Ruhe und Stärkung, und sie hätten hier beides finden können, wenn die Furcht nicht die Speise verbittert und den Schlaf von den müden Augen gescheucht hätte. Jörg wollte am nächsten Morgen in aller Frühe mit einem Gespann wiederkehren. Darin lag ein großer Trost. Auch die alte Rahel war wieder zu sich gekommen und fest entschlummert. Die Kinder taten es ihr nach, und um Mitternacht schlief auch die Stumme. Marx lag am Herde, und aus seinem schiefen Munde drang ein wunderliches Schnarchen, welches klang wie der letzte Ton einer Orgelpfeife, die den Atem verliert. In der Kammer saßen, als alle andern schon stundenlang schliefen, der Doktor und der Schmied noch immer auf einem Strohsacke in ernstem Gespräch beieinander. Lopez hatte dem Freunde die Geschichte seines Glücks und Unglücks erzählt und schloß mit den Worten: »So wißt Ihr denn, wer wir sind und warum wir die Heimat verlassen. Ihr schenkt mir Eure Zukunft, Meister, nebst manchem andern; das läßt sich mit keiner Gabe vergelten; aber zunächst war ich Euch meine Vergangenheit schuldig.« Dann reichte er dem Schmied die Hand und fragte: »Ihr seid ein Christ; wollt Ihr noch zu mir halten, nach dem, was Ihr vernommen?« Adam drückte schweigend die Rechte des andern, und nachdem er eine Zeitlang nachdenklich geschwiegen, sagte er dumpf: »Wenn sie Euch fangen und – heilige Jungfrau! – wenn sie erfahren ... Die Ruth! ... Ein rechtes Judenkind ist sie doch nicht ... Habt Ihr sie als Jüdin erzogen?« »Nein, Meister; nur als ein gutes Menschenkind.« »Ist sie getauft?« Lopez verneinte auch dies. Da schüttelte der Schmied mißbilligend den Kopf, der Doktor aber sagte: »Sie weiß mehr von Jesus als manch Christenkind in ihren Jahren. Wenn sie herangereift ist, steht es ihr frei, der Mutter zu folgen oder dem Vater.« »Warum seid Ihr nicht selber ein Christ geworden? Verzeiht die Frage. Im Herzen seid Ihr's gewißlich.« »Das, Meister, das ... Seht, das sind Dinge ... Denkt, in Eurem Hause wär' ein jeder männliche Sproß von Geschlecht zu Geschlecht seit vielen hundert Jahren ein Schmied gewesen, und nun wüchse Euch ein Knabe heran, der sagte: »Ich verachte dein Handwerk.« »Wenn der Ulrich spräche: »Ich werde ein Maler; das sollte mir recht sein.« »Auch wenn man die Schmiede wie uns Juden verfolgte und er aus Furcht vor Eurer Zunft in die andere liefe?« »Das – nein, das wäre niedrig und ist doch kaum mit Eurer Sach' zu vergleichen; denn seht: Ihr kennt alles, so auch was Christentum heißt; ja, der Heiland ist Euch wert; das habt Ihr mir schon früher gesagt. Wohl denn! So nehmt einmal an, Ihr wäret ein Findling und man zeigte Euch unsern und Euren Glauben zugleich und Ihr würdet gefragt, für welchen Ihr Euch entscheiden möchtet, welchen würdet Ihr wählen?« »Wir beten um Leben und Frieden, und wo Frieden herrscht, kann es auch an Liebe nicht fehlen; und doch! Vielleicht entschiede ich mich für den Euren!« »Da habt Ihr's!« »Nein, Meister, nein! So schnell sind wir mit dieser Frage nicht fertig. Seht, ich gönne Euch Euren Glauben und will ihn nicht stören. Das Kind soll alles für gut halten, was die Eltern tun und von ihm verlangen, aber der Fremde sieht das mit anderen, schärferen Augen an als der Sohn und die Tochter. Ihr steht zu Eurer Kirche im Kindschaftsverhältnisse – ich nicht. Ich kenne die Lehre Jesu Christi, und hätte ich zu seiner Zeit in Palästina gelebt, ich wäre als einer der ersten dem Meister gefolgt, aber seitdem, von damals bis heute, ist gar viel Menschenwerk zu seiner erhabenen Lehre gekommen. Auch das darf Euch wert sein, denn es gehört ja eben zu Euren Eltern – mich aber schreckt es zurück. Für die Wahrheit hab' ich gelebt und geschafft und die Nächte durchwacht, und wollt' ich nun vor den Taufstein treten und »Ja« sagen zu allem, was die Priester mich fragen, so wär' ich ein Lügner.« »Sie haben Euch wehe, sehr wehe getan: das Weib gemartert. Euch und die Euren aus der Heimat vertrieben ...« »Das hab' ich alles geduldig ertragen,« rief der Doktor erregt. »Aber da ist viel anderes, das man heute an mir und den Meinen verbricht, und dafür gibt es keine Vergebung. Ich kenne die großen Heiden und ihre Werke. Ihr Liebesbedürfnis erstreckt sich nur auf das Volk, zu dem sie gehören, nicht auf die Menschheit. Uneigennützige Gerechtigkeit ist ihnen das letzte, das der Mensch dem Menschen schuldet. Christus hat die Liebe ausgedehnt auf alle Völker, und sein Herz war groß genug, die ganze Menschheit zu lieben. Die Menschenliebe, die reinste und schönste der Tugenden, sie ist das erhabene Geschenk, die edle Erbschaft, die er seinen zum Leiden geborenen Brüdern zurückließ. Das Herz, das arme Herz unter diesem schwarzen Wams, dies Herz war zur Menschenliebe geboren, diese Seele dürstete, dem Nächsten mit allen Kräften zu helfen und seine Leiden zu lindern. Menschenliebe üben, heißt gut sein, sie aber kennen sie nicht mehr, und was schlimmer ist, tausendmal schlimmer, sie stören in mir und den Meinen ohne Unterlaß das Verlangen, gut zu sein, gut im Sinne ihres eigenen Meisters. Vergänglicher Besitz ist Tand, reich sein das ärmlichste Glück. Danach zu ringen, bleibt dem Juden unversagt; sie nehmen ihm ja kaum die Hälfte von dem, was er erwirbt; – nach dem Glück des Geistes, dem reinen Erkennen zu streben, können sie ihm gleichfalls nicht wehren, denn unser Geist ist nicht schwächer und träger und fliegt nicht weniger hoch als der eure. – Aus dem Morgenlande sind die Propheten gekommen! Aber das Glück des Gemütes, Menschenliebe zu üben, das versagen sie uns, denn zur Menschenliebe gehört es, jeden sich selbst gleich zu sehen und gleichsam mit dem Herzen des anderen für ihn zu empfinden, wo es ihm fehlt, was ihn bedrückt, und sein Leid und seine Freude zur eigenen zu machen. Das wehrt der Christ dem Juden, denn eure Menschenliebe hört auf, wo ihr mir und den Meinen begegnet, und wenn ich dem Christen im reinen Verlangen, der schönsten Lehre seines Meisters zu genügen, mich gleichstellen wollte, was wäre mein Los? Der Jude darf nicht gut sein! Nicht gut sein! Wer das seinen Brüdern auferlegt, der trägt eine Schuld, für die ich keine Vergebung kenne, Und würde Jesus Christus wiederkehren auf Erden und die Meute sehen, die uns hetzt; wahrlich. Er , der die Menschenliebe selber war. Er würde uns die Arme öffnen, weit, weit, und fragen: Wer sind diese Apostel des Hasses? Ich kenne sie nicht!« Der Doktor schwieg, denn die Tür war gegangen, und er erhob sich mit gerötetem Antlitz, um in den Nebenraum zu schauen; der Schmied aber hielt ihn zurück und sagte: »Bleibt, bleibt nur. Der Marx ist ins Freie getreten. Ach, Herr, es mögen wohl wahre Worte sein, die Ihr gesprochen, aber sind es nicht die Juden gewesen, die den Heiland gekreuzigt?« »Und diese Schuld wird täglich gerochen,« entgegnete Lopez. »Wieviel Schlechte, wie viele gemeine Seelen, die wundervolle göttliche Gaben schnöde vergeuden, um nichtigen Besitz zu erringen, gibt es unter den Meinen! Mehr als die Hälfte von ihnen ist an eurem Rachealtar der Hoheit und Würde entkleidet und der widrigen Habsucht in die Arme gestoßen worden. Und dies, dies alles ... Aber genug von diesen Dingen! Sie wühlen mir das Innerste auf, und ich habe mit Euch anderes zu bereden.« Wie ein Sterbender begann nun der Gelehrte mit dem Schmied über die Zukunft der Seinen zu sprechen. Er gab ihm an, wo er seine geringe Habe geborgen, und verschwieg ihm nicht, daß er durch die Verbindung mit seinem Weibe sich nicht nur die Verfolgung der Christen, sondern auch den Fluch seiner Glaubensgenossen zugezogen habe. Er nahm es auf sich, für Ulrich, wenn dem Schmied ein Unfall zustoßen sollte, wie für sein eigenes Kind zu sorgen, Adam aber versprach ihm, wenn er frei und am Leben bliebe, für sein Weib und Ruth das gleiche zu tun. Indessen ward vor der Hütte ein Zwiegespräch von anderer Art gehalten. Der Wilderer hatte am Feuer gesessen, als die Tür leise geöffnet und sein Name gerufen worden war. Erschrocken hatte er sich umgewandt, aber sich bald beruhigt, denn Jörg war es gewesen, der ihm gewinkt und ihn dann in den Wald gezogen hatte. Marx erwartete nichts Gutes, aber er fuhr doch zusammen, als der andere sagte: »Ich weiß nun, wer der Mann ist, den du gebracht hast. Ein Jud' ist's. Mach keine Flausen. Der Hegereiter aus der Stadt ist ins Dorf gekommen. Fünfzehn Gulden kriegt der, der den Juden einbringt. Fünfzehn Gulden, vollwichtiges Geld. Der Vogt will es zahlen; alles auf einem Brett, und der Herr Vikarius sagt ...« »Ich frage viel nach euren Pfaffen,« entgegnete Marx. »Bin einer von Weinsberg, und den Juden hab' ich als gerechten Mann erfunden, und keiner rührt ihn mir an.« »Ein Jud' und ein braver Mann,« lachte der Jörg. »Wenn du nicht hilfst, um so schlimmer für dich. Dir geht's an den Hals, und die fünfzehn Gulden ... Willst du teilen, ja oder nein?« »Gottes Donner,« murmelte der Wilderer, und das Wasser lief ihm in dem schiefen Munde zusammen. »Wieviel ist die Hälfte von fünfzehn Gulden?« »Ich denk' so an die sieben.« »Ein Kalb und ein Säule –« »Ein Schwein für den Juden, das paßt! Du hältst ihn hier in der Falle.« »Es geht doch nicht, Jörg; bei meiner armen Seele, es geht nicht; laß mich in Ruhe.« »Ich, meinetwegen; aber die Herren vom Gericht. Der Galgen hat lang genug auf dich gewartet.« »So nicht, so nicht. Bin Zeit meines Leben ein aufrechter Mann gewesen, und der Schmied, der Adam, und sein Vater selig haben mir übrig viel Gutes erwiesen.« »Wer will denn was von dem Meister?« »Der Hehler, wie der Stehler. Wenn sie ihn fangen ...« »Er kommt acht Tag' in den Stock; das ist das höchste.« »Nein, nein; du läßt mich jetzt oder ich steck' dem Adam, was du im Schild führst ...« »Dann geb' ich dich zuerst an, du Galgenfrucht, du Schelm und du Wilddieb. Sie haben dich lang auf dem Strich! Wirst dich besinnen, du Strohkopf?« »Je, je, aber der Ulrich ist doch auch dabei, und der Bub' ist mir so lieb wie mein eigener.« »Ich komme nachher und sag', es gebe kein Fuhrwerk, und führ' ihn mit fort. Wenn alles vorbei ist, lass' ich ihn laufen.« »Ich nehm' ihn dann zu mir. Er hilft mir schon wie ein Großer. Je, je! Der Jud', der sanfte Mann und das saubere Weible, und das Mädele, die Ruth ...« »Große Juden, kleine Juden, nichts weiter. Hast mir selbst erzählt, wie zur Zeit deines Vaters selig der Jude gehetzt ward. Also halbpart. Da gibt's schon Licht in der Stube. Du hältst sie auf. Der Frohlinger haust seit gestern abend auf dem Jagdschloß. Wenn sie vorwärts wollen, führst du sie auf das Dorf zu.« »Und ich bin doch mein Lebtag ein aufrechter Mann gewesen,« wimmerte der Wilderer und fuhr dann drohend fort: »Wenn du dem Ulrich ein Haar krümmst ...« »Narr, der du bist! Den Fresser lass' ich dir übergern. Geh jetzt hinein, und dann komm' ich und hole den Buben, 's ist ein Stück Geld, fünfzehn Gulden!« Eine Viertelstunde später trat der Jörg in die Hütte. Der Schmied und der Doktor glaubten dem Köhler, als er ihnen erzählte, alles Fuhrwerk im Dorf sei auf der Fron, aber er werde schon welches finden. Der Herr da solle den Knaben mit ihm ziehen lassen, um in einem anderen Dorf auf den Höfen nachzufragen. Einer finde sich wohl, der die Gäule dran wage. Der junge Herr sehe aus wie ein Junker, und von ihm werde der Bauer ein Handgeld schon nehmen. Wenn er, der Jörg, Gulden zeige, so bringe ihn das mit in des Teufels Küche, denn er sei ein armes Betteltuch – das wüßten die Leute. Der Schmied fragte den Wilderer, was er meine, und dieser antwortete mit leisem Gebrumm: »So wird's wohl recht sein.« Weiter sagte er nichts, und als Adam dem Buben die Hand zum Abschied reichte und ihn dabei auf die Stirn küßte und der Doktor ihm so herzlich Lebewohl sagte, schalt sich der Marx einen Judas und hätte gern die lockenden Gulden in alle Winde geworfen; aber das war nun zu spät. Der Schmied und Lopez hörten, wie er dem Jörg ängstlich nachrief: »Du paßt auf den Buben!« Und als ihm Adam auf die Schulter klopfte und dabei sagte: »Marx, du bist doch ein treuer Gesell,« hätt' er aufheulen mögen wie ein Kettenhund und alles verraten, aber da war es ihm, als fühle er den Strick am Halse, den er schon einmal zu kosten bekommen, und das hatte so schlecht geschmeckt, daß er stillschwieg. Zehntes Kapitel Schon graute der Morgen, und weder das erwartete Fuhrwerk noch der Jörg wollten kommen. Die alte Magd, welche sonst eine Frühaufsteherin war, schlief so fest, als habe sie den verlorenen Schlummer von zehn Nächten nachzuholen, der Schmied aber hielt es vor Unruhe nicht mehr in dem dumpfen Raume aus. Ruth folgte ihm ins Freie, und als sie ihn schüchtern berührte – denn die Hünengestalt des wortkargen Mannes hatte für sie etwas Unnahbares behalten –, sah er sie mit einer seinem Blicke sonst fremden, forschenden Teilnahme von oben bis unten an und fragte dann unvermittelt und so dringlich, daß sie erschrak: »Hat dir dein Vater nie von Jesus Christus erzählt?« »Oft,« entgegnete Ruth. »Und bist du ihm gut?« »Sehr. Vater sagt, er habe alle Kinder lieb gehabt und sie zu sich gerufen.« »Freilich, freilich,« entgegnete der Schmied und errötete vor Scham über sein Mißtrauen. Der Doktor folgte den anderen nicht, und sobald seine Gattin sich mit ihm allein sah, winkte sie ihm. Er setzte sich neben sie auf das Lager und faßte ihre Hand. Die zarten Finger zitterten in den seinen, und als er sie liebreich und besorgt an sich zog, fühlte er ein Zucken und Beben in ihren zarten Gliedern, und aus ihren Augen sprach bittere Seelenpein und große Herzensangst. »Du fürchtest dich?« fragte er liebreich. Da schauerte sie zusammen, schlang den Arm leidenschaftlich um seinen Hals und nickte bejahend. »Der Wagen bringt uns, will's Gott, noch heute ins Rheintal, und dort sind wir sicher,« fuhr er beruhigend fort; sie aber schüttelte verneinend und ablehnend das Haupt, und ihre Züge gewannen den Ausdruck von Überlegenheit und Verachtung. Lopez verstand in ihnen zu lesen und fragte: »Die Häscher sind es also nicht, die du fürchtest; dich macht etwas anderes besorgt?« Da nickte sie wieder, und sie tat es diesmal mit dringender Lebendigkeit und nahm das Kruzifix, das sie unter der Decke verborgen gehalten, hervor und wies es ihm und zeigte dann aufwärts gen Himmel und endlich auf sich selbst und auf ihn und zuckte die Achseln mit dem Ausdruck tiefer, schmerzlicher Entsagung. »Du denkst an das Jenseits,« sagte er und fuhr dann, indem er zu Boden schaute, mit gesenkter Stimme fort: »Ich weiß, dich peinigt die Furcht, mich dort nicht wiederzufinden.« »Ja,« stieß sie mühsam hervor und lehnte ihm die Stirn an die Schulter. Eine warme Träne rann auf die Hand des Doktors, und es war ihm, als weine sein Herz mit dem geliebten, geängstigten Wesen. Er wußte, daß dieser selbe Gedanke ihr oft das Leben vergällt hatte, und voll von innigem Mitgefühl wandte er ihr schönes Haupt seinem Antlitz entgegen und ließ seine Lippen lang über ihrem geschlossenen Auge ruhen. Dann sagte er liebreich: »Du bist mein, ich bin dein, und gibt es ein Leben jenseits des Grabes und eine ewige Gerechtigkeit, so werden die Sprachlosen dort reden nach Begehr und mit den Engeln wundervoll singen, und die Gepeinigten werden glücklich werden da drüben. Hoffen wir, hoffen wir beide! Weißt du noch, wie ich dir auf der Bank neben dem Feigengebüsch den Dante vorlas und dir seine göttliche Dichtung zu erklären versuchte? Unter uns rauschte die See, und die Herzen gingen höher als ihre Wogen im Sturm. Wie mild war die Luft, wie licht die Sonne! Diese Welt kam dir und mir doppelt so schön vor, als sie ohnehin war, wie wir beide an der Hand des göttlichen Sehers und Sängers schaudernd in die Unterwelt stiegen. Da wandelten die hohen und guten Männer des Altertums auf einer blumigen Wiese, und unter ihnen sah der Dichter in einsamer Größe – weißt du noch, wie es hieß? »E solo in parte vidi 'l Saladino« Unter ihnen sah er auch Saladin, den Christenbesieger, den Moslem. Wenn einer den Schlüssel zu den Geheimnissen des Jenseits besaß, Elisabeth, so war es Dante. Er hat dem Heiden, der ein echter Mensch, ein Mensch mit reinem Willen, mit Eifer für das Gute und Rechte war, in der anderen Welt einen schönen Platz angewiesen, und mit ihm, denk' ich, auch mir. Mut, Elisabeth, Mut!« Ein schönes Lächeln hatte ihre Züge verklärt, während sie an die seligsten Stunden ihres Daseins erinnert wurde, aber als er nun schwieg und ihr in die Augen schaute und seine Rechte in die ihre faltete, ward sie von einer großen Sehnsucht ergriffen, einmal, nur einmal mit ihm zu dem Heiland zu beten, und so zog sie die Hand aus der seinen, drückte mit der Linken das Bild des Gekreuzigten an die Brust und bat mit stummen Bewegungen der Lippen, die nur ihm verständlich waren, und mit heißem Flehen in den großen, tränenfeuchten Augen: »Beten, beten, zusammen mit mir, beten zu dem Erlöser.« Da faßte ihn eine große Bewegung, das Herz schlug ihm schneller, und es drängte ihn, aufzuspringen und »Nein« zu rufen und sich nicht von zärtlicher Schwäche zwingen zu lassen, den männlichen Geist vor einem anderen zu beugen, der für ihn nicht mehr als ein Mann war. An einem Kreuze von schwarzem Ebenholz hing die von Künstlerhand in Elfenbein geschnittene edle Gestalt des Gekreuzigten, und indem er das Bildwerk von sich zu stoßen und sich stolz von ihm abzuwenden gedachte, schaute er ihm ins Antlitz, und er fand darin nichts als Leid und stilles Dulden und rührendes Weh. Wie diesem armen, verfolgten, gemarterten Guten die reine Stirn unter der Dornenkrone, so hatte ihm oft, ach nur zu oft, das eigene Herz geblutet. Diesem stillen Leidensgenossen zu trotzen war keine männliche Tat, ihm, der die Liebe in die Welt gebracht, aus Liebe zu huldigen, erschien ihm nun süß und von bestrickendem Reiz, und so faltete er die schlanken Hände fest um die des stummen Weibes, und er lehnte die dunklen Locken an das blonde Haar Elisabeths und beide sprachen zusammen zum ersten- und letztenmal ein brünstiges, stummes Gebet. Vor der Hütte lag eine ausgedehnte, rings von Wald umschlossene Lichtung, auf der sich zwei Wege kreuzten. Adam hatte mit Marx und Ruth erst in den einen und dann in den anderen gespäht, um nach dem Fuhrwerk auszuschauen, aber es ließ sich nichts sehen und hören. Als sie mit wachsender Besorgnis zu dem ersten Pfade zurückgekehrt waren, wurde der Wilderer unruhig. Sein schiefer Mund flog in seltsamen Zuckungen hin und her, keine Muskel in dem groben Antlitz stand still, und das sah so drollig und doch so abschreckend aus, daß Ruth lachen mußte, und der Schmied ihn fragte, was denn über ihn gekommen. Aber Marx gab keine Antwort, denn sein feines Ohr hörte ein fernes Hundegebell, und er wußte, was das bedeute. Am Amboß leidet das scharfe Gehör des Feuerarbeiters, und der Meister vernahm noch nichts von der nahenden Gefahr und wiederholte: »Was hat dich angefaßt. Mann?« »Mich friert,« entgegnete der Köhler und schauerte mit kläglicher Miene zusammen. Ruth hörte nicht mehr auf das Gespräch, denn sie war still gestanden und hatte die Hand ans Ohr gelegt, um mit vorgestrecktem Kopfe in die Ferne zu lauschen. Plötzlich stieß sie einen leisen Schrei aus und rief: »Es bellt, Meister; ich höre es bellen.« Der Schmied erbleichte und schüttelte den Kopf; sie aber rief dringend: »Glaubt mir; ich hör' es! Da bellt es wieder.« Nun vernahm auch Adam ein fremdes Geräusch im Walde. In fliegender Hast lockerte er den Hammer im Gürtel, nahm Ruth bei der Hand und eilte mit ihr auf die Lichtung. Lopez hatte indessen die Alte zum Aufstehen genötigt. Alles sollte bereit sein, wenn Ulrich zurückkehrte. Ungeduldig war er vor die Tür getreten, und als er den Schmied mit dem Mädchen in die Lichtung eilen sah, lief er ihnen besorgt entgegen, denn er glaubte, dem Ulrich sei ein Unfall widerfahren. »Zurück, zurück!« rief der Schmied, und Ruth machte sich von der Hand des Meisters los und winkte und schrie gleichfalls: »Zurück!« und wieder »Zurück!« Der Doktor folgte der Mahnung und blieb stehen; aber kaum hatte er sich gewandt, als an der Mündung des Schluchtweges, der sie gestern hierher geführt hatte, ein paar suchende Rüden und gleich darauf hoch zu Roß der Frohlinger aus dem Dickicht hervorbrach. Wie der Sonnenheld Siegfried thronte der Graf auf dem stattlichen Rappen. Die blonden Locken flogen ihm wirr um das Haupt, der Dampf des triefenden Hengstes umwallte ihn in der frischen Winterluft wie leichtes Gewölk. Er hatte die Arme geöffnet und hoch erhoben. In der linken Hand hielt er den Zügel, mit der rechten schwang er den Jagdspieß, und als er Lopez erblickte, tönte ihm aus dem bärtigen Munde ein frisches, fröhliches, jauchzendes »Hallo, Halali!« Der Frohlinger jagte heute keinen Hirsch, sondern ein ganz absonderlich Wild, einen Juden. Die Pirsch führte zu einem guten Ende, und wie brav hatten sich die Rüden gehalten, wie wacker war ihnen der Emir, sein flinkes Jagdpferd, gefolgt! Das war ein Morgen! »Hallo, Halali!« jauchzte er noch einmal, und bevor die Fliehenden aus der Lichtung entkommen waren, hielt er an der Seite des Doktors und rief: »Da hab' ich mein Wild; in die Knie, Jude!« Der Graf war seinem Gefolge weit voraus und ganz allein. Als Lopez mit gekreuzten Armen stehen blieb und seinem Befehle nicht gehorchte, drehte er den Spieß um, um ihn mit dem Stiele zu schlagen. Da erwachte in Adam zum ersten Male seit Jahren der alte Ingrimm, und wie ein Tiger stürzte er auf den Grafen los und schlang ihm, bevor er sich des Angriffs versah, die gewaltigen Arme um den Leib und zerrte ihn vom Rosse und setzte ihm das Knie auf die Brust und riß den Hammer aus dem Gürtel und streckte die Rüde, die ihn anfiel, mit einem gewaltigen Streiche zu Boden. Dann schwang er das Eisen, um dem verhaßten Mann das Haupt zu zerschmettern. Aber Lopez wollte um diesen Preis keine Rettung und schrie mit leidenschaftlicher Bitte: »Laßt ihn, Meister, verschont ihn!« Dabei klammerte er sich an den erhobenen Arm des andern, und als dieser sich aus seinen Händen zu befreien suchte, rief er dringend: »Wir wollen nicht richten wie sie!« Und wieder sauste der Hammer hoch in der Luft, und wieder klammerte sich der Jude an den Arm des Meisters, und diesmal rief er gebieterisch: »Schont ihn, wenn Ihr mein Freund seid!« Was war seine Kraft gegen die des Schmiedes! Und dennoch versuchte er es abermals, als der Hammer sich zum dritten Male erhob, die Schreckenstat zu verhindern, und diesmal klammerte er sich fest an das Handgelenk des wütenden Mannes und stöhnte, während er ringend neben dem Grafen in die Knie fiel: »Denkt an Ulrich. Dieses Mannes Sohn, der einzige war er, der einzige im Kloster, der zu Ulrich, der zu Eurem Sohne hielt – im Kloster – sein Freund – er war es – unter den vielen. Schont ihn, Meister – Ulrich! Am Ulrichs willen, verschont ihn!« Der Schmied hatte bei diesem Kampfe den Grafen mit der Linken niedergehalten und sich mit der Rechten gegen Lopez gewehrt. Ein Ruck, und die zum Morde erhobene Hand war wieder frei – aber er brauchte sie nicht. Die letzten Worte des Freundes hatten seine Wut gebrochen. »Nehmet,« sagte er dumpf und reichte dem Doktor den Hammer. Dieser ergriff ihn und erhob sich freudig und legte die Hand auf die Schulter des Schmiedes, welcher immer noch auf dem Grafen kniete, und bat: »Laßt es genug sein. Dieser hier ist nur ...« Er sprach nicht weiter nur noch einen wehen, gurgelnden, herzerschütternden Schrei vernahm man von seinen Lippen; er preßte die eine Hand auf die Brust und die andere auf die Stirn und sank neben dem kniehohen Stumpf einer gefällten Riesentanne in den Schnee. Aus dem Wald sprengt ein Knappe: der Schütz, dem dies edle Wild zum Opfer gefallen, erschien auf der Lichtung und hielt die Armbrust hoch, mit der er den Kernschuß getan. Sein Pfeil ragte mitten aus der Brust des Doktors hervor; ach, jener hatte ihn nur entsandt, um seinen überfallenen Herrn vor dem Hammer in der Hand des Juden zu retten. Der Graf erhob sich und rang nach Atem; seine Hand faßte nach dem Weidmesser, doch das war ihm beim Sturz aus der Scheide geglitten und lag im Schnee. Adam hielt den sterbenden Freund im Arme, Ruth eilte jammernd in die Hütte, und bevor der Frohlinger völlig zu sich gekommen, hielt der Knappe an seiner Seite und es jagte der junge Graf Lips auf einem behenden Braunen aus dem Walde hervor und dicht hinter ihm kamen drei berittene Jäger. Wie die Leute den Herrn stehen sahen, glitten auch sie aus den Sätteln und Lips tat das gleiche, und es begann unter ihnen ein lebhaftes Reden und Fragen. Der Ritter achtete kaum seines Sohnes, aber den Knappen, der den Juden gefällt hatte, begrüßte er mit zornigen Worten. Dann befahl er heiser und tief erregt, den Schmied zu binden, und er wehrte sich nicht und ließ alles über sich ergehen wie ein geduldiges Kind. Lopez bedurfte nicht mehr seiner Arme. Die stumme Frau saß auf dem Baumstumpf, und der sterbende Gatte lag ihr im Schoß. Sie hatte die Arme um seinen blutenden Leib geschlungen und die Füße hingen ihm schlaff herunter und berührten den Schnee. Ruth kauerte neben der Mutter am Boden und schluchzte, und die alte Rahel, welche die Besinnung voll wieder gewonnen, drückte ihm ein mit Wein befeuchtetes Tuch an die Stirn. Der junge Graf näherte sich dem Sterbenden. Sein Vater folgte ihm langsam, zog den Knaben an seine Seite und sagte leise und schmerzlich: »Es ist mir leid um den Mann; er hat mir das Leben gerettet.« Da schlug der Todwunde die Augen auf und sah den Frohlinger und den Knaben und den gebundenen Schmied und fühlte die Tränen seines Weibes auf seiner Stirn und hörte Ruths schmerzliches Weinen. Ein mildes Lächeln umzog den erblassenden Mund, und als er dann das Haupt zu erheben versuchte, half ihm die Stumme und drückte es sanft an sich. Nun regten sich die matten Lippen, und Lopez hob die Augen zu ihr auf, als wollte er ihr danken, und sagte leise: »Der Pfeil – rührt ihn nicht an ... Elisabeth – Ruth, wir haben treu zusammengehalten, aber nun – ich lass' euch allein, ich muß euch ja lassen.« Er schwieg und ein dunkler Schatten umflorte seine Augen und die Lider senkten sich langsam. Aber bald erhob er sie wieder, und nun richtete er den Blick fest auf den Grafen und sagte: »Hört mich, Herr; einen Sterbenden soll man hören und wär's auch ein Jude. Seht! Dies ist mein Weib, das mein Kind. Sie sind Christen. Bald werden sie allein sein, verlassen, verwaist. Der Schmied dort ist ihr einziger Freund ... Gebt ihn frei; sie – sie, sie brauchen einen Beschützer. Mein Weib ist stumm, stumm ... allein in der Welt. Bitten, fordern – sie kann's nicht. Gebt Adam frei, frei um Eures Heilands, um Eures Sohnes willen, frei – ja frei. – Viel Raum muß zwischen euch liegen, sehr viel; fort mit ihnen soll er – weit fort! Gebet ihn frei! Ich hielt ihm den Arm mit dem Hammer ... Ihr wißt – mit dem Hammer. Gebet ihn frei. Mein Tod – der Tod sühnt doch ...« Dem Sterbenden versagte von neuem die Stimme, und der Graf schaute bewegt und unschlüssig bald auf ihn, bald auf den Schmied. Seinem Sohne flossen die Augen über, und als er sah, wie sein Vater säumte, dem Sterbenden den letzten Wunsch zu erfüllen, und ein Blick des brechenden Auges das seine traf, schmiegte er sich fester an den mit widerstreitenden Empfindungen kämpfenden Mann und flüsterte ihm weinend zu: »Herr Vater, Herr Vater; morgen ist Weihnachten. Um Christi willen, mir zuliebe, erfüllt ihm die Bitte; laßt Ulrichs Vater, lasset ihn frei! Tut es, Herr Vater; ich will kein anderes Christkindle haben.« Da ging auch dem Frohlinger das Herz über, und als er den feuchten Blick erhob und Elisabeth sah und das tiefe Weh in ihren sanften Zügen und auf dem Schoß und an ihrer Brust den milden, schönen, sterbenden Mann, da war es ihm, als habe er die schmerzensreiche Mutter Gottes selbst vor den leiblichen Augen, und es war Weihnachten – Weihnachten war morgen, und der verletzte Stolz kam zum Schweigen, er vergaß die erlittene Schmach und rief so laut, als ob er wünsche, daß dem ertaubenden Ohr kein Wort entgehe: »Ich danke Euch für Eure Hilfe, Mann. Adam ist frei und mag mit den Euren ziehen, wohin er begehrt. Bei meinem Wort; Ihr dürft die Augen in Ruhe schließen!« Da lächelte Lopez noch einmal, erhob die Hand als ob er danken wolle, ließ sie dann auf das Haupt seines Kindes sinken, sah Ruth zum letzten Male liebevoll an und murmelte leise: »Elisabeth, etwas höher das Haupt.« Und als sie seinem Willen gefolgt war, schaute er ihr gerade ins Antlitz und flüsterte leise: »Traumloser Schlaf – frisch belebt zu neuen Gestalten im ewigen Kreislauf. – Nein! – Siehst du, hörst du ... »Solo in parte« ... mit euch – mit euch ... Oh, oh – der Pfeil – zieh den Pfeil aus der Wunde. Elisabeth, Elisabeth – das hat wehe getan. Nun – nun – wie elend wir waren, und doch, doch ... Du – du – ich – wir – wir – wissen, was Glück ist. Du – ich ... Vergib mir! Ich vergebe, vergebe ...« Die Hand des Sterbenden sank von dem Haupt des Kindes, seine Augen schlossen sich, aber das freundliche Lächeln, womit er geendet, umspielte ihm auch im Tode die Lippen. Elftes Kapitel Der Frohlinger hatte ein leises Amen an die letzten Worte des Sterbenden geknüpft. Dann trat er an die Witwe heran und leistete ihr Zuspruch – freundlich und in der herzlichen Weise, die ihm eigen. Endlich befahl er seinen Leuten, die Bande des Schmieds zu lösen und ihn mit den Frauen und dem Kinde ungesäumt an die Grenze zu führen. Er redete auch mit Adam, aber nur wenige Worte, und die waren diesmal nicht heiter wie sonst, sondern ernst und rauh. Sie befahlen dem Meister, ohne Aufenthalt das Land zu verlassen und niemals in die Heimat zurückzukehren. Die Leiche des Juden wurde auf eine Bahre von jungen Tannenstämmen gelegt und die Träger hoben sie auf. Ruth schmiegte sich, während ihr das Liebste entführt ward, fest an die Mutter und beide zitterten wie Laub im Winde, aber nur das Kind konnte weinen. Bis Mittag warteten die Geleitsmänner, welche der Frohlinger zurückgelassen, geduldig mit dem Schmied auf die Rückkehr seines Sohnes, dann aber drängten sie zum Aufbruch, und so ging es denn vorwärts. Kein Wort ward geredet, bis die Wanderer vor dem Hause des Köhlers hielten. Der war in der Stadt, aber sein Weib berichtete, der Bub sei hier gewesen und dann vor einer Stunde in den Wald zurückgelaufen. In der Herberge, fügte sie hinzu, geb' es Obdach für viele, und dort könnten sie ihn erwarten. Die Wanderer folgten diesem Rat, und nachdem Adam die Frauen untergebracht hatte, suchte er die Unglücksstätte noch einmal auf und wartete dort auf den Knaben, bis es Nacht ward. Bei dem Baumstumpf, über dem sein Freund den Geist aufgegeben, betete er lange und gelobte dem verstorbenen Erretter, nur noch für die Seinen zu leben. Lautlose Stille umfing ihn, und es war ihm, als wäre er in der Kirche und jeder Baum im Walde ein Zeuge des Eides, den er sich selber schwur. Am nächsten Morgen suchte der Schmied den Köhler wiederum auf. Diesmal fand er ihn, und Jörg tadelte den ungeduldigen Buben, aber er versprach, ihn mit dem Marx aufzusuchen und ihn dem Meister nachzuführen. Die Geleitsmänner drängten, und so zog denn der Schmied ohne Ulrich weiter gen Nordwesten, dem Rheintale zu. Der Köhler war um den Angeberlohn gekommen, und das Botengeld konnte er auch nicht verdienen. Er hatte Ulrich am Morgen in die Bodenkammer gelockt und ihn dort eingeschlossen. Während seiner Abwesenheit war dann der Knabe entwischt. Ein Blitzbub war's doch, denn er mußte den Satz aus dem Fenster gewagt und sich dann über den Zaun auf den Weg geschwungen haben. Die Vermutung Jörgs täuschte ihn nicht, denn sobald Ulrich bemerkt hatte, daß er in eine Falle geraten, war er ins Freie gesprungen. Er mußte die Seinen warnen und die Angst um sie beflügelte seine Schritte. Einmal ging er irre und dann wieder, aber endlich fand er den richtigen Weg. Freilich waren ihm viele Stunden, erst im Dorf, dann hinter der verschlossenen Tür, und dann beim Suchen des rechten Pfades verloren gegangen. Die Sonne hatte die Mittagshöhe schon überschritten, als er endlich auf die Lichtung gelangte. Die Hütte war verlassen; auf sein lautes, ängstliches Rufen gab niemand Antwort. Wohin hatten sie sich gewandt? Er suchte auf der weiten, beschneiten Fläche nach Spuren, und er sollte nur zu viele finden. Hier hatten sich Rosseshufe, dort kleine und große Sohlen in den Schnee gedrückt, da waren Rüden gelaufen und – großer Gott! – hier bei dem Baumstumpf färbte rotes Blut den weißschimmernden Boden. Ihm stockte der Atem, aber er hörte nicht auf zu spüren, zu suchen, zu forschen. Dort, wo der Schnee in Manneslänge verschwunden war und Gras und braune Erde hervortrat, hatten Männer miteinander gerungen, und da – heilige Jungfrau! was war das? – da lag der Hammer seines Vaters! Er kannte ihn nur zu gut; es war der kleinere, den er zum Unterschied von den beiden größeren Goliath und Simson – David benannt hatte, und den er hundertmal selbst geschwungen. Das Herz stand ihm still, und als er dann frisch abgeschlagene Tannenzweige und einen von den Knechten verworfenen Föhrenstamm fand, sagte er sich: »Hier wurde die Bahre gezimmert,« und seine lebendige Einbildungskraft zeigte ihm seinen Vater im Kampfe, wie er niedergestreckt wurde, und einen düsteren Leichenzug. Grinsende Häscher trugen einen gewaltigen, lang ausgestreckten Toten und eine schlanke, schwarz gekleidete Leiche, seinen Vater und seinen Lehrer. Dann kamen die stille, schöne Frau und Ruth in Ketten und Banden und hinter ihnen der Marx und die Rahel. Das alles sah er zum Greifen deutlich, und es war ihm sogar, als ob er das Schluchzen der Frauen vernehme. Da schlug er die Hände jammernd in die wallenden Locken und eilte bald hierhin, bald dorthin, und dabei fiel es ihm ein, daß die Reisigen wiederkehren würden, um auch ihn zu greifen. Fort, fort, nur fort, dröhnte und sauste es ihm vor den Ohren, und nun machte er sich auf und lief nach Süden weiter, weiter immer nach Süden. Seit dem Hafermus, das er am Morgen bei dem Köhler bekommen, hatte er noch keinen Bissen gegessen, aber er fühlte weder Hunger noch Durst und jagte vorwärts und immer vorwärts, ohne des Weges zu achten. Nachdem sein Vater schon längst zum zweiten Male die Lichtung verlassen, lief er noch immer; aber sein Atem flog und die Schritte wurden langsamer und kürzer. Der Mond ging auf, und ein Stern nach dem andern entzündete sein Licht, und immer noch strebte er vorwärts. Der Wald lag hinter ihm; er war auf eine breite Straße gelangt. Der folgte er nach Süden, immer nach Süden, bis die Kraft ihm völlig erlahmte. Kopf und Hände glühten ihm wie Feuer, und doch war es wohl kalt, sehr kalt; aber hier im Tale lag wenig Schnee, und an manchen Stellen zeigte ihm das Mondlicht den nackten, dunklen Rasen. Der Schmerz war vergessen. Müdigkeit, Angst und Hunger beherrschten den Knaben ganz. Er fühlte sich versucht, sich am Wege niederzuwerfen und zu schlafen, aber da fielen ihm die erfrorenen Menschen ein, von denen er gehört hatte, und er schleppte sich weiter bis an das nächste Dorf. Da waren die Lichter schon längst verlöscht, aber in den Höfen schlugen die Hunde an, wenn er nahte, und aus manchem Stalle tönte das wehmütige Geblök einer Kuh. Er war wieder unter Menschen, und das wirkte beruhigend auf ihn ein, und er besann sich und suchte nach einer Unterkunft für die Nacht. Am Ende des Dorfes stand eine einsame Scheune, und er bemerkte im Mondschein an der einen Wand eine offene Luke. Wenn es ihm gelang, sie zu erklettern! Das Fachwerk bot einigen Halt für Fingernägel und Fußspitzen, und so wollte er's wagen. Mehrmals rutschte er, nachdem er die halbe Höhe erreicht hatte, wieder zu Boden, aber endlich war er oben und fand ein Lager in weichem Heu unter einem schützenden Dache. Umfangen vom Duft der getrockneten Gräser, entschlief er schnell, und ein Traum zeigte ihm erst den Vater mit einer blutenden Wunde in der breiten Brust und dann den Doktor, der mit der alten Rahel tanzte, und lauter wirre und widrige Gestalten. Zuletzt erschien ihm Ruth. Sie führte ihn in den Wald, an einen Wacholderbusch und zeigte ihm ein Vogelnest voller Jungen. Aber ihn verdrossen die halbnackten Tierchen, und er zertrat sie, und darüber klagte die Kleine so laut und schmerzlich, daß er davon erwachte. Der Morgen begann schon zu dämmern, der Kopf tat ihm weh, und ihn fror und hungerte sehr, aber er hatte keinen Wunsch und keinen Gedanken, als weiterzukommen, und so suchte er denn wieder das Freie, säuberte Haar und Gewand von dem Heu, das in ihm hängen geblieben, und zog vorwärts nach Süden. Es war wärmer geworden und hatte heftig zu schneien begonnen. Das Wandern fiel ihm schwerer und schwerer, der Kopfschmerz ward unerträglich, und doch hoben sich die Füße noch immer, aber es war ihm, als trage er schwere bleierne Schuhe. Einige Frachtwagen mit bewaffneten Geleitsknechten und einzelne Bauern mit Rosenkränzen in der Hand, die zur Kirche wollten, kamen ihm entgegen, aber überholt hatte ihn noch niemand. Zwischen Morgen und Mittag hörte er hinter sich Pferdegetrappel und Waffengerassel. Mit verhängnisvoller Eile kam es näher und immer näher. Wenn das die Reisigen waren! Das Herz stand ihm stille, und als er sich umwandte, um rückwärts zu blicken, sah er mehrere Reiter, die an einem Ausläufer des Hügels, den die Straße umging, vorbei trabten. Durch die wehenden Flocken erkannte er blitzende Waffen, bunte Wämser und Schärpen und nun – nun, nun war alles – alles vorbei: sie trugen des Frohlingers Farben! Wenn die Erde sich nicht vor ihm öffnete, dann gab es hier kein Entrinnen. Der Weg gehörte den Reitern, zur Rechten lag eine beschneite ebene Fläche, zur Linken erhob sich eine Hügelwand, die nach dem Wege zu durch rohes Gemäuer vor dem Einsinken bewahrt wurde. Sie bedurfte dieser Stütze weniger um der Straße als um eines Friedhofs willen, zu dem die Bürger des nahen Fleckens die sanft abfallende Berglehne benutzten. Die Grabhügel, die nackten Holundersträuche und buschigen Zypressen auf dem Gottesacker waren beschneit, und je heller das Weiß war, das alles rings umher bedeckte, desto schärfer hob sich das Schwarz der Kreuze von ihm ab. Im Hintergrund des Friedhofes stand eine kleine Kapelle. Die faßte Ulrich ins Auge. Wenn es ihm möglich war, das Gemäuer zu erklimmen, so konnte er sich hinter ihr verbergen. Schon waren die Reiter ihm dicht auf den Fersen, da nahm er die letzte Kraft zusammen, eilte auf einen aus der Mauer hervorragenden Stein zu und begann zu klettern. Gestern wäre es ihm ein Kleines gewesen, den Gottesacker zu erreichen, aber heute haspelte sich der schwer ermüdete Knabe immer nur aufwärts, um von den glatten Steinen niederzugleiten und den Halt zu verlieren, den die dürren, beschneiten Pflanzen in den breiten Fugen seinen Händen trügerisch boten. Die Reiter hatten ihn bemerkt, und ein junger Kriegsknecht rief dem Nebenmann zu: »Ein verlaufener Strolch! Schau, wie das Landstreicherle sich gebärdet. Ich greif' ihn!« Dabei gab er dem Gaul die Sporen, und just als es dem Knaben gelungen, das Ziel zu erreichen, faßte er dessen Fuß. Aber Ulrich hielt sich schon an einem Grabstein fest, und so verblieb der Schuh in der Hand des Reiters, und die anderen Kriegsknechte erhoben ein lautes Gelächter. Das klang sehr lustig, aber es dröhnte dem armen geängstigten Schelm wie das Gewieher der Hölle ins Ohr und scheuchte ihn weiter. Über zwei, fünf, zehn Grabhügel war er glücklich gelangt, da stolperte er über einen Leichenstein, den der Schnee ihm verborgen. Mühsam raffte er sich noch einmal auf, aber bevor er die Kapelle erreicht hatte, kam er noch einmal zu Falle, und nun ward sein Wille erlahmt. In Todesangst umklammerte er ein Grabkreuz, und während die Sinne ihm schwanden, dachte er an »das Wort«, und es war ihm wieder, als rufe ihm jemand das rechte zu, und als könnte er es vor lauter Schwäche und Müdigkeit nicht behalten. Der junge Kriegsknecht war nicht gewillt, sich den Landstreicher entwischen und den Hohn seiner Kameraden über sich ergehen zu lassen. Mit einem kurzen: »Warte, du Schelm!« warf er den Schuh in den Friedhof, reichte dem Nebenmann die Zügel und kniete wenige Minuten später neben dem Knaben. Er rüttelte und schüttelte ihn; aber vergebens. Da ward ihm angst, und er schrie den anderen zu, daß der Bube wohl tot sei. »So schnell stirbt sich's nimmer!« rief der graubärtige Führer der Knechte; »zieh ihm eins über.« Der junge Reiter holte aus, aber es kam nicht zum Schlage. Er hatte Ulrich ins Antlitz geschaut und etwas darin gefunden, das ihm ans Herz griff. »Nein, nein,« rief er zurück, »komm herauf, Peter; ein feiner Bub'; aber 's ist aus mit ihm, sag' ich.« Während dieses Aufenthaltes hatte sich auch der Reisende, dem die Knechte das Geleit gaben, und sein alter Diener in raschem Trabe dem Friedhof genähert. Jener, ein Herr in mittleren Jahren, der mit seinem Pelzwerk gegen die Kälte geschützt war, übersah mit einem schnellen Blick, was der Aufenthalt bedeute. Ohne Säumen stieg er aus dem Sattel und folgte dem Führer der Geleitsmänner bis zum Ende der Böschungsmauer, wo sich eine Treppe von rohen Steinen befand. Das Haupt Ulrichs lag jetzt in den Armen des Kriegsknechtes, und der Reisende schaute ihm voll Teilnahme ins Antlitz. Wie gebannt hing der besonders feste und stetige Blick seiner hellen Augen an den Zügen des Knaben, dann hob er die Hand, winkte dem älteren Geleitsmann und rief: »Fasset an; wir nehmen ihn mit uns; es findet sich noch ein Plätzchen im Wagen.« Das Fuhrwerk, von dem der Reisende geredet, ließ eine Zeitlang auf sich warten. Es war ein langer, vierräderiger Wagen, über den sich zum Schutz gegen Wetter und Wind eine runde Plane von Segeltuch spannte. In einem Korb hinter den Gäulen kauerte der Fuhrknecht wie eine brütende Henne tief in struppigem Stroh. Unter dem schützenden Linnenzelt, auf und zwischen dem Gepäck und Gerät des Herrn im Pelzwerk, saßen und lagen vier Reisende, die der Besitzer des Wagens nach und nach aufgelesen hatte, und die eine gar bunte Gesellschaft bildeten. Die beiden Predigermönche, Magister Sutor und Stubenrauch, waren schon in Köln aufgestiegen, denn der Wagen kam geradeswegs aus Holland und gehörte dem Maler Moor aus Utrecht, der an den Hof des Königs Philipp wollte. Das feine Zobelfell an der schwarzen Mütze und Samtschaube verriet, daß er nicht zu sparen brauchte; er zog den Rücken eines braven Rosses eben nur dem Sitz in einem schwankenden Fuhrwerke vor. Die Kleriker hatten sich der besten Plätze im Hintergrund des Wagens bemächtigt. Sie waren unzertrennliche Brüder und bildeten gemeinsam eine Person, denn sie gebärdeten sich wie zwei Körper mit einer Seele. Der feiste Magister Sutor stellte den Willen, der hagere Stubenrauch das Erwägen und Vollbringen an diesem Doppelleibe dar. Wenn jener vorschlug, sich zu legen oder zu setzen, zu essen oder zu trinken, zu schlafen oder zu reden, führte dieser es sogleich aus und versäumte dabei selten, mit weislichen Worten zu begründen, aus welcher Ursache die betreffende Tätigkeit gerade jetzt geübt werden müsse. Weiter nach vorn lag, mit dem Rücken an eine Kiste gelehnt, ein stattlicher junger Landsknecht. Es war gewiß ein flinker, übermütiger Gesell, jetzt aber hielt er stumm und trübselig den wunden linken Arm wie ein zerbrechliches Gefäß mit der Rechten. Ihm gegenüber erhob sich eine Schütte lockeren Strohs, unter der sich von Zeit zu Zeit etwas regte und aus der sich in kurzen Zwischenräumen ein leichtes Husten vernehmen ließ. Sobald die Tür an der hinteren Seite des Wagens sich öffnete und die kalte Schneeluft in den dunstigen halbdunklen Raum unter der Plane drang, öffnete Magister Sutor den Mund zu einem tiefen, langgezogenen »Huh!« und daran knüpfte sein hagerer Gefährte sogleich eine Reihe von scheltenden Worten über den Aufenthalt, die Zugluft, die Gefahr, sich zu erkälten. Als das Haupt des Malers sich an der Öffnung zeigte, schwieg der Kleriker, denn Moor bezahlte die Fuhre; wie aber sein Kollege Sutor den Mantel mit allen Zeichen des Mißbehagens und Leidens zusammenzog, tat er es in noch auffälligerer Weise. Der Maler kümmerte sich nicht um diese Gebärden, sondern ersuchte seine Reisegäste in aller Ruhe, Platz für den Knaben zu schaffen. Da schoß aus dem Stroh ein tief vermummter Kopf hervor. »Ein Lazarett auf vier Rädern!« rief es, dann tauchte das wunderliche Haupt wieder unter wie der Kopf eines Fisches, der Luft schnappte. »Ganz recht!« entgegnete der Künstler. »So weit braucht Ihr die Beine nicht einzuziehen, mein frommer Landsknecht, aber ich muß die Herren Magister ersuchen, ein wenig auseinander oder zusammen zu rücken, damit wir auf dem Ledersacke Platz für den Kranken bekommen.« Gleich darauf hob einer der Geleitsmänner den Knaben, der immer noch der Besinnung beraubt war, unter die Plane. Magister Sutor bemerkte den Schnee, welcher Ulrich in den Locken und an den Kleidern hing, und rief, indem er sich zu erheben versuchte, ein abweisendes »Nein«, Stubenrauch aber fügte eilig und scheltend hinzu: »Wenn das schmilzt, gibt es hier eine Lache; Ihr habt uns diese Plätze gegönnt, Meister Moor, aber schwerlich, damit wir mit durchnäßten Leibern und schlimmem Reißen ...« Er hatte nicht ausgeredet, als der vermummte Kopf wiederum aus dem Stroh hervorfuhr und die schneidend hohe Stimme des unter den Halmen verborgenen Mannes fragte: »War das Blut des wunden Wanderers, den der Samariter am Wege auflas, trocken, oder war's naß?« Magister Sutor forderte den Stubenrauch mit einem ermunternden Blick zu einer treffenden Antwort heraus, und dieser entgegnete schnell und salbungsvoll: »Der Herr ist es gewesen, welcher den Samariter den Verwundeten am Wege finden ließ – dieses trifft dagegen in unserem Falle nicht zu, denn der nasse Bub' soll uns aufgedrängt werden, und wenn wir auch Samariter sind ...« »So seid ihr doch nicht barmherzig,« tönte es wiederum aus dem Stroh hervor. Der Maler lachte, der Landsknecht aber schlug sich mit der gesunden Hand auf den Schenkel und rief: »Her mit dem Buben, ihr da draußen, hierher, auf meinen rechten Arm legt ihn! – Auseinander, ihr Herren da hinten; das Wasser wird uns nichts schaden, wenn ihr uns nur den Wein in eurem Kober da freigebt.« Die Magister ließen es sich nun gern oder ungern gefallen, daß Ulrich zwischen sie auf den Ledersack gelegt wurde, und während erst Sutor, dann Stubenrauch sich zusammenkauerte, um einen Rosenkranz für die Errettung des Besinnungslosen abzubeten und nicht mit dem nassen Buben in Berührung zu kommen, erstieg der Maler den Wagen und nahm, ohne zu fragen, den Wein aus dem Kober des Magisters. Der Landsknecht stand ihm bei, und bald gelang es ihren vereinten Bemühungen und dem Feuer des Rebensaftes, den Ohnmächtigen neu zu beleben. Der Holländer ritt, der Wagen fuhr weiter, bis die Reise für diesen Tag in Emmendingen ein Ende nahm. Die Mannen des Grafen von Hochburg, die von hier aus das Geleit zu geben hatten, wollten am heiligen Weihnachtsfeste nicht reiten. Dies ließ der Maler gelten, als sie aber erklärten, auch morgen am zweiten Feiertag kein Roß aus dem Stalle zu ziehen, zuckte er die Achseln und entgegnete, ohne sich zu ereifern, sicher und vornehm, dann werde es wohl an ihm sein, sie – zur Not auch unter dem Beistand ihres Herrn – morgen nach Freiburg zu führen. Die Herberge in Emmendingen gehörte zu den größten und besten in der Freiburger Gegend, und wegen des Geleitwechsels, der hier stattfand, fehlte es darin nicht an Unterkunft für zahlreiche Pferde und Gäste. Ulrich verlor, sobald man ihn in die heiße Wirtsstube führte, zum anderenmal die Besinnung, und nun nahm sich der Künstler seiner an, als sei er sein leiblicher Vater. Magister Sutor hatte längst den Festbraten und Stubenrauch alles, was sonst noch zu einem guten Mahle erforderlich ist, bestellt und tüchtig einzuhauen begonnen, als Moor sich noch immer mit dem erkrankten Knaben zu schaffen machte. Dabei stand ihm das Männlein, das im Planenwagen unter dem Stroh verborgen gewesen, wacker zur Seite. Es war Schalksnarr gewesen, und seine Kleidung trug noch manches Merkmal des früheren Berufes. Das große Haupt wankte auf dem dünnen Halse; die drolligen, aber kranken Züge flogen lebhaft hin und her, und auch wenn er nicht hustete, verblieb sein Mund in lebhafter Bewegung. Sobald Ulrich ruhig atmete, untersuchte er seine Kleider, um einen Anhalt zu finden, wohin er gehöre. Alles, was er in den Taschen des Knaben fand, reizte ihn zu abenteuerlichen und komischen Vermutungen, und es pflegt ja auch kein Gefäß einen mannigfaltigeren Inhalt zu haben, als die Tasche eines Schulbuben, wenn anders man die eines Schulmädchens ausnimmt. Da gab es ein Stück Papier mit einem von Fehlern strotzenden lateinischen Exerzitium, einen glatten Stein, ein viel gebrauchtes schartiges Messer, ein Stück Kreide zum Zeichnen, eine eiserne Pfeilspitze, einen zerbrochenen Hufnagel und einen Falkonierhandschuh, den Graf Lips den Kameraden geschenkt hatte. Auch der Ring, den ihm die Gattin des Doktors beim Abschied gegeben, wurde an seinem Halse entdeckt. Dies alles führte Pellicanus – so hieß der Narr – auf manche Vermutung, und er ließ keine unbenutzt. Wie man ein Mosaikbild aus Steinen zusammensetzt, so gestaltete er aus hundert Anzeichen ein Bild der Eigenart dieses Knaben, seines elterlichen Hauses und der Schule, der er entlaufen. Er nannte ihn den Sohn eines Ritters von mäßigem Wohlstand. Darin irrte er freilich, sonst aber erkannte er mit erstaunlicher Schärfe, wie es um Ulrich bestellt war, ja er versicherte, daß er ein mutterloses Kind sei, denn das werde durch manches erwiesen, was bei ihm fehle. Der Bube sei – Pellicanus war ein guter Lateiner – zu spät für seine Jahre in die Schule gekommen und vielleicht zu früh auf das Roß, in den Wald, auf die Pirsch. Der Maler gewann aus dem bloßen Anschauen des Knaben ein noch treueres Bild von seinem wahren Wesen als der Narr durch seine Wahrnehmungen und Schlüsse. Ulrich gefiel ihm, und als er die Federzeichnung auf der Rückseite des Exerzitiums sah, welche Pellicanus ihm wies, schmunzelte er und fühlte sich in dem Entschlusse bestärkt, sich auch fürder des schönen Knaben anzunehmen, den das Schicksal ihm in den Weg geworfen. Es galt nur zu erkunden, wer seine Eltern waren und was ihn aus der Schule getrieben. Der Wundarzt des Städtchens hatte Ulrich zur Ader gelassen, und bald darauf war er in tiefen Schlaf verfallen und atmete ruhig. Nun nahm der Maler mit dem Narren das Mahl ein. Die Mönche hatten das ihre längst beendet und freuten sich in ihrer Kammer der Mittagsruhe; dem Landsknechte, der bescheiden in einer Ecke der großen Wirtsstube saß und still und schwermütig auf den wunden Arm schaute, wurde auf Moors Geheiß Braten und Wein aufgetragen. »Armer Schelm,« sagte der Narr und wies auf den stattlichen Burschen. »Wir sind Schicksalsbrüder; einer wie der andere; ein Wagen mit zerbrochenem Rad.« »Der Arm wird bald heilen,« entgegnete der Maler. »Euer Werkzeug aber,« und dabei zeigte er sich selbst auf die Lippen, »regt sich jetzt schon tapfer genug. Ich und die Magister haben sie kennen gelernt in den letzten Tagen.« »Wohl, wohl,« erwiderte Pellicanus mit bitterem Lächeln; »sie werfen mich aber dennoch zum alten Eisen.« »Das wäre ...« »Ihr wähnet, dann würden die Klugen an dem Narren zum Narren; aber mitnichten. Wißt Ihr, was die Herren von uns wollen?« »Ihr sollt ihnen mit Witz und Scherz die Zeit verkürzen.« »Aber wann dürfen wir rechte Narren sein, Herr? Habt Ihr's bedacht? In guten Stunden am letzten. Da heißt es den Weisen spielen, vor Übermaß warnen, die Schatten zeigen. Im Leid, in schwerer Zeit, da, Narr, sei ein Narr! Je toller du's treibst, desto besser. Stell die Vernunft auf den Kopf, und wenn du das Handwerk recht verstehst und deinen Herrn kennst, so mußt du ihn zwingen, vor Lachen zu weinen, wenn er vor Jammer heulen möchte wie ein klein Mädel. Auch Ihr kennt die Fürsten, Herr, aber ich kenne sie besser. Sie sind Götter auf Erden und wollen sich dem allgemeinen Los der Sterblichen, Schmerz zu erleiden und Seelenweh zu erdulden, nicht fügen. Wenn man krank ist, wird der Leibarzt gerufen, und im Kummer sollen wir bei der Hand sein. Die Dinge sind so, wie man sie nimmt, und im ernstesten Antlitz gibt es eine Warze, über die sich ein Spaß machen läßt. Habt Ihr einmal über ein Unheil gelacht, so verliert sein Stachel die Schärfe. Wir stumpfen ihn ab, aber zeigen Lichter im Dunkeln – es dürfen auch Irrlichter sein –, und wenn wir unsere Sache verstehen, so bringen wir es fertig, den klumpigen Teig des schweren Leids in kleine Stücke zu hacken, und die kann auch ein fürstlicher Magen verdauen.« »Das mag auch dem hustenden Narren gelingen, solang es ihm hier oben nicht fehlt.« »Ihr irrt, wahrlich Ihr irrt. Vom Leben der Menschen wollen die Herren nur die Samtseite sehen, und wie sie sterben – das gar nicht. So einer wie ich – habt Ihr's gehört? – so ein Huster, dem die Zehrung im Mark sitzt, das leibhaftige Elend auf zwei wankenden Beinen, ein Jammergestell, das man sich so wenig vorstellen kann ohne das Grab, wie den Weidmann ohne das Dächsle oder den Packan – so einer ruft dem Strauß, der die Augen zumacht, in die Ohren: »Die Jäger sehen dich; sie kommen!« Ich soll einen Vorhang ziehen zwischen das Leid und den Herrn, und statt dessen stellt ihm meine Person das leibhaftige Leiden vor Augen. Der Kurfürst war so weise, als wär' er sein eigener Narr, als er mich aus dem Haus warf.« »Er hat Euch mit gnädigem Urlaub entlassen.« »Und der Gugelkopf sitzt schon als mein Nachfolger oben im Schlosse! Mein gnädiger Herr weiß es: er hat den Gnadensold nicht lange zu zahlen. Hätte mich droben gern zu Tode gefüttert; aber daß ich nach Genua wollte, war ihm gerade recht. Je mehr Land zwischen seiner gesunden Herrlichkeit und dem Krepierling liegt, um so besser.« »Warum habt Ihr mit dem Aufbruch nicht bis zum Frühling gewartet?« »Weil Genua ein Warmhaus ist, das der arme Strunk im Sommer nicht braucht. Im Winter ist es gut sein da drunten. Hab's vor drei Jahren erfahren, als wir den Herzog besuchten. Auch im Januar wärmt Euch die Sonne in Ligurien den Rücken, und beim Atmen leidet unsereiner geringere Not. Ich gehe über Marseille. Gönnt Ihr mir bis Avignon das Plätzchen in Eurem Wagen?« »Mit Freuden! Euer Wohl, Pellicane! Ein guter Wunsch am Weihnachtstage geht gern in Erfüllung.« Die tiefe Stimme des Malers klang voll und herzlich bei diesen Worten. Der junge Landsknecht hatte sie vernommen, und als die Gläser des Künstlers und des Narren aneinander klangen, erhob auch er den Becher, leerte ihn bis auf den Grund und fragte bescheiden: »Wollt Ihr mein Sprüchlein vernehmen, gütiger Herr?« »Sagt's her, sagt's her!« rief der Künstler und schenkte noch einmal ein; der Landsknecht aber trat an den Tisch und sprach, indem er nicht ohne Verlegenheit in den Becher schaute: »Am Weihnachtstag, wo Jesus Christ Uns zu erlösen gekommen ist. Da hat sich ein armer, wunder Knecht Einen Wunsch an ihn zu richten erfrecht. O Herre, spricht er, hör mich an. Hier sitzt ein weidlich guter Mann; Der reicht dem siechen Knecht die Hand Und führt ihn sicher durch das Land. Dafür lad, lieber Jesu mein, Ihn nun in deinen Wagen ein Und führ ihn durch ein Leben süß In dein vielwonnig Paradies.« »Brav, brav!« rief der Maler, tat dem Landsknechte Bescheid und nötigte ihn, sich zwischen ihm und dem Narren niederzulassen. Pellicanus schaute nunmehr tief sinnend vor sich hin, denn was der wunde Gesell vermochte; das konnte er auch, und es war nicht nur Ehrgeiz und die Gewohnheit, jedes gute Wort, das er hörte, durch ein besseres zu übertrumpfen, sondern auch warme Empfindung, die ihn antrieb, den großmütigen Wohltäter mit einem Spruche zu ehren. Nach einigen Minuten, in denen sich Moor mit dem Landsknechte unterhalten, erhob Pellicanus das Glas, hustete sich noch einmal aus und sagte erst ruhig, dann aber mit bewegter Stimme, aus der der scharfe Klang mehr und mehr verschwand: ? »Narr soll der Schalk sein, das ist recht, Schalk sonder Narrheit dünkt mich schlecht; Wo Narrheit sich mit Schalkheit eint, Da gibt's nichts Übles, wie mir scheint. Der Papst, der König und der Knappe, Ein jeder trägt die Narrenkappe; Und wenn er sie nicht tragen mag, Wird er zum Narr'n vom ärgsten Schlag. Dich möge noch die Kappe schmücken, Wenn du als Greis mit gradem Rücken, Mit Lorbeerkronen auf dem Scheitel Und anderm Gut, das minder eitel, Die Enkel auf den Armen schwenkst Und dieses Weihnachtsmahls gedenkst. Im Alter, wenn das Haar dir bleicht, Wird dir der Weisheitstrank gereicht, Doch mundet er nur dann recht fein, Mischt sich ein Tropfen Narrheit drein. Wenn die dir will abhanden gahn, Gedenk des alten Pellican, Der halb ein Schalk und halb ein Narr, Doch treuen Herzens ganz und gar!« »Dank, Dank!« rief der Maler und schüttelte dem Narren die Hand. »Solch ein Weihnachten muß man loben. Weisheit, Kunst und Tapferkeit an einem Tische! Ist's mir nicht gegangen wie jenem Manne? Der las Steine am Wege auf, und siehe – sie wurden in seinem Quersack zu lauterem Golde!« »Der Stein war bröcklig,« entgegnete der Narr; »aber was das Gold angeht, das besteht bei mir seine Probe, wenn anders Ihr's im Herzen sucht und nicht in der Tasche. Heiliger Blasius! Wollt' mein Grab doch so lange der Fülle ermangeln wie mein Geldkätzelein hier; das ließ' ich gelten!« »Ich gleichfalls,« lachte der Landsknecht. »So wird das Wandern dir leicht,« sagte der Maler. »Es gab eine Zeit, in der mein Sack nicht voller war als der eure. Von damals her weiß ich, wie's einem armen Schelm zumute ist, und will's nicht vergessen. Ich schulde euch noch meinen Trinkspruch; aber ihr mögt ihn mir schenken, denn eure Sprache ist mir nur schlecht geläufig. Kurz und bündig, daß du genesen mögest, Pellicane, und auf ein fröhliches Leben in Lust und Ehren für dich, mein braver Geselle. Wie heißt du?« »Hans Eitelfritz von der Lücke aus Kölln an der Spree,« entgegnete der Landsknecht. »Und nichts für ungut, Herr Maler. Für die Magister sorgt schon der liebe Herrgott, aber da haben drei arme, kranke Teufel in Eurer Karre gelegen. Noch einen Becher für den hübschen, siechen Jungen da drinnen!« Zwölftes Kapitel Der Maler begab sich nach der Mahlzeit mit seinem alten Diener, der für die Rosse gesorgt und in der Gesindestube einen leckeren Weihnachtsbraten genossen hatte, auf die Hochburg, um sich Geleit für den folgenden Tag zu erwirken. Pellicanus hatte es übernommen, für den Knaben, der immer noch ruhig schlief, zu sorgen. Der Narr hätte sich gerne zu Bett gelegt, denn er fühlte sich matt und ihn fror, aber obgleich die Kammer nicht zu heizen war, blieb er doch stundenlang treu auf dem Posten. Mit erstarrenden Händen und Füßen folgte er beim Scheine des Nachtlichtes jedem Atemzuge des Knaben und schaute ihm wie ein besorgter Vater ängstlich ins Antlitz. Als Ulrich endlich erwachte, fragte er überrascht und bang, wo er sich befinde, und nachdem der Narr ihn beruhigt hatte, bat er um ein Stück Brot, denn er sei hungrig. Wie sehr er's war, das erfuhr der Inhalt der Schüsseln, welche ihm bald darauf vorgesetzt wurden. Pellicanus wollte ihn wie einen Säugling füttern, aber der Bub nahm ihm den Löffel keck aus der Hand, und nun sah jener dem kräftigen Esser schmunzelnd zu und störte ihn nicht, bis er satt war; dann aber begann er ihn zu verhören, und zwar in einer Weise, die den Knaben befremdete und ihm weder sehr verständlich, noch vertrauenerweckend erschien. »Nun, Vöglein!« begann der Narr in froher Erwartung auf die Bestätigung der feinen Schlüsse, die er gezogen. »He? Es war wohl ein weiter Flug bis zu dem Friedhof, wo wir dich fanden? Auf dem Grabe ist's immer besser als drinnen, und zu Emmendingen im Bett, mit Grütze und Kalbfleisch im Leibe, liegt sich's lieblicher als im Schnee an der Heerstraße mit knurrendem Magen. Heraus mit der Sprache, mein Alter! Wo hängt Euer Raubnest?« »Raubnest?« wiederholte Ulrich erstaunt. »Meinetwegen dann Burg oder dergleichen,« fuhr Pellicanus forschend fort. »Irgendwo ist jedermann zu Hause, außer dem Herrn Niemand; da du nun aber Jemand bist, kann Niemand dein Vater nicht sein. Erzähle mir von dem Alten!« »Mein Vater ist tot,« entgegnete der Knabe, und da ihm die Erlebnisse des vorigen Tages wiederum in den Sinn kamen, zog er die Decke über den Kopf und weinte. »Armer Schelm,« murmelte der Narr vor sich hin, fuhr mit dem Ärmel rasch über die Augen und gönnte dem Buben Ruhe, bis sein Antlitz sich wieder zeigte. Dann fragte er weiter: »Aber du hast doch wohl eine Mutter zu Hause?« Ulrich schüttelte traurig den Kopf, und Pellicanus schaute ihm nun, um seine Rührung zu verbergen, mit einer komischen Grimasse ins Antlitz und sagte dann sehr freundlich und nicht ohne Befriedigung über den eigenen Scharfsinn: »Ein Waisenkind also! Ja, ja! Solange die Mutterflügel es decken, flattert das Junge nicht so unbedacht aus dem warmen Nest ins Weite. Es ist dem Junker in der lateinischen Schule zu eng geworden?« Da erhob sich Ulrich und rief lebhaft und trotzig: »Ich gehe nicht in das Kloster zurück; ich tu's nicht!« »Also so läuft der Hase!« lachte der Narr. »Bist ein schlechter Lateiner gewesen und das Holz im Wald ist dir lieber als das an den Bänken im Schulsaal. Die treiben freilich kein Grün! Herrgott, wie das Antlitz ihm brennt!« Dabei legte Pellicanus die Hand auf die Stirn des Knaben, und als er fühlte, daß sie heiß war, hielt er für besser, es heute mit dem Verhör genug sein zu lassen, und fragte seinen Pflegling nur noch, wie er heiße. »Ulrich,« lautete die Antwort. »Und weiter?« »Laßt mich!« bat der Knabe und zog die Decke wiederum über den Kopf. Der Narr tat ihm den Willen und öffnete die Tür, die in das Gastzimmer führte, denn es hatte geklopft. Des Malers Diener trat ein, um den Mantelsack seines Herrn zu holen. Der alte Graf von Hochburg habe Meister Moor zu Gaste geladen, und er gedenke über Nacht auf dem Schlosse zu bleiben. Herr Pellicanus möge acht auf den Buben haben und im Notfall den Wundarzt noch einmal rufen. Eine Stunde später lag auch der kranke Narr fröstelnd im Bette und hustete erst wachend, dann aus dem Schlaf. Auch Ulrich fand keinen Schlummer. Anfänglich weinte er leis vor sich hin, denn nun war's ihm zum ersten Male voll gegenwärtig, daß er den Vater verloren habe und Ruth und den Doktor und die stumme Elisabeth nie wiedersehen werde. Dann erhob sich in ihm die Frage, wie er nach Emmendingen gekommen, was das für ein Ort und wer das drollige hustende Männchen mit dem dicken Kopf und feucht schimmernden Augen wohl sei, das ihn für einen Junker halte. Dieser Irrtum machte ihn lachen, und er erinnerte sich, daß Ruth ihm einmal geraten, dem »Wort« zu befehlen, ihn in einen Grafen zu verwandeln. Wenn er morgen nun sagte, sein Vater sei ein Ritter gewesen? – Aber dieser üble Gedanke huschte ihm nur durch den Sinn, und schon bevor er ihn recht ausgedacht, schämte er sich seiner, denn er war kein Lügner. Den Vater verleugnen! Das war sehr schlecht; und als er sich ausstreckte, um zu schlafen, trat ihm das Bild des wackeren Schmiedes mit greifbarer Deutlichkeit vor die Seele. Ernst und streng schwebte er über Wolken, und er glich ganz den Gemälden des Gott-Vaters, die er gesehen; aber er trug die Schmiedekappe auf dem ergrauten Haar. Von der hatte sich der Verklärte auch im Paradies nicht getrennt. Ulrich erhob die Hände wie zum Gebet, aber er ließ sie schnell wieder sinken, denn vor dem Wirtshause ward es lebendig. Pferdegetrappel und laute Männerstimmen, Trommel- und Pfeifenklang ließen sich hören, und dann rasselte und schritt und tobte es in den Hof. »Eine Kammer für den Musterschreiber und Pfennigmeister!« rief es. »Ruhig, ruhig, Kinder!« mahnte die tiefe Stimme des Profosen, der der Zuchtmeister, Ratsfreund und Vater der Landsknechte war. »Am heiligen Christ soll ein frommer Knecht nicht toben – aber eins trinken darf er, Gott sei gepriesen! Eurem Haus widerfährt große Ehre, Wirt! Hier soll die Werbung für unseren allergnädigsten Feldobristen, den Grafen von Oberstein, beginnen. Aufgehorcht, Mann! Alles wird bar bezahlt und kein Huhn kommt abhanden; aber der Wein soll gut sein! Verstanden?! Auf heute abend also ein Fäßlein vom besten. Verzeiht, Kinder; vom allerbesten wollte ich sagen!« Ulrich hörte nun, wie die Tür des Gastzimmers aufgerissen wurde, und meinte zu sehen, wie die Landsknechte in lustiger Tracht, jeder anders angetan als der andere, in die Wirtsstube drangen. Der Narr hustete laut auf und schalt und wimmerte vor sich hin; Ulrich aber lauschte mit blitzenden Augen nach der schlecht gefügten Tür, durch die er alles vernehmen konnte, was neben ihm vorging. Mit dem Musterschreiber, dem Pfennigmeister und Profosen waren der Trommler und Pfeifer erschienen, die übermorgen das Werbepatent umschlagen sollten, und außer diesen zwölf Landsknechte, denen man ansah, daß sie keine Neulinge waren. Gleich bei ihrem Eintritt ins Gastzimmer ward mancher Ruf der Freude und Überraschung laut, und aus dem Gewirr der Stimmen schlug Ulrich mehr als einmal der Name Hans Eitelfritz ans Ohr. Die Stimme des Profosen klang besonders herzlich, wie er den braven Burschen mit der wunden Hand begrüßte, und das legte ein Ehrenzeugnis von schwerem Gewicht für ihn ab. Er hatte fünf Jahre lang im gleichen Fähnlein mit »Vater Kanold« gedient, und der sah den Leuten mitten ins Herz und kannte sie alle, als ob sie seine leiblichen Söhne wären. Ulrich konnte nicht viel von dem Durcheinander der Stimmen im Nebenraume verstehen, als aber Hans Eitelfritz von der Lücke aus Kölln an der Spree sich bewarb, als Erster in die Musterrolle eingeschrieben zu werden, hörte er deutlich, wie der Profos den Bedenken des Musterschreibers entgegentrat und gelassen, aber mit Wärme sagte: »Schreibet nur, schreibet. Der ist mir mit der einen Hand lieber als zehn Murrköpfe mit beiden. Er hat Lust und Leben im Leibe. Gebt ihm auch einen Vorschuß, denn es fehlt ihm wohl manches Stück an der Armierung.« Inzwischen mußte das Weinfaß aufgelegt worden sein, denn Becherklang ließ sich hören und bald darauf auch lauter Gesang. Als das zweite Lied angestimmt wurde, entschlummerte der Knabe; aber nach zwei Stunden erwachte er wieder, und zwar von der Stille, die plötzlich den Lärm unterbrach. Hans Eitelfritz hatte sich bereit erklärt, ein neues Lied zum besten zu geben, und der Profos Ruhe geboten. Jetzt begann der Gesang, und Ulrich richtete sich während desselben höher und höher im Bette auf, und es entging ihm kein Wort, weder von dem Lied noch von dem Kehrum, den die ganze Schar mit übermütiger Lust und lautem Becherklang wiederholte. So kecke, fröhliche Stimmen hatte der Knabe noch nie gehört, und schon bei der zweiten Strophe hüpfte ihm das Herz, und es war ihm, als ob er die Weise, die er schnell aufgefaßt hatte, mitsingen müsse: das Lied aber lautete also: »Ihr Trommeln, ihr Pfeifen, du lustiges Spiel! Wer wagt es und hält mich zurücke? Fort Hammer, fort Feder, was frag' ich noch viel? Hinaus jetzt ins Glücke, ins Glücke! Herr Vater, Frau Mutter, lieb Schwesterlein fein, Blauäuglein im Haus an der Brücke: Laßt trocken die Schürze, geschieden muß sein, Wir ziehen ins Glücke, ins Glücke! Es kracht die Kartaune, es blitzet das Schwert; Wer hält mir noch stand, wenn ich's zücke? Im Krieg nur, im Kriege, zu Fuß und zu Pferd Im Kriege allein haust das Glücke! Die Stadt ist genommen, die Beute ist mein; Ich weiß, wen mit Rotgold ich schmücke; Rotwangige Dirnen, rot funkelnder Wein, O Glück, paradiesisches Glücke! Rotprangende Wunde in mutiger Brust, Kein Alter mit Jammer und Krücke, Ein Ende in Ehren, ein Ende in Lust, Auch das ist ein Glücke, ein Glücke! Es setzte dies Sanglied ein weidlicher Knecht, Hans Eitelfritz von der Lücke, Zu Kölln in den Marken da haust sein Geschlecht, Er selber im Glücke, im Glücke!« »Er selber im Glücke, im Glücke!« sang Ulrich mit, und während neben ihm unter lautem Jubel die Becher aneinanderschlugen, wiederholte er das frohe: »Im Glücke, im Glücke!« Und plötzlich ging es ihm auf wie eine Offenbarung: »Glück, Glück!« dies konnte das Wort sein! So verwegener Jubel, so lerchenfrisches Tirilieren, so herzbeflügelndes und verheißungsvolles Jauchzen war ihm noch aus keinem Wort entgegengeklungen wie aus dem »Glücke«, das der junge Landsknecht so übermütig und freudengewiß hervorgeschmettert hatte. »Glück, Glück!« rief er laut vor sich hin, und der Narr, der schlaflos im Bette lag und bei seinem Gesang lächeln mußte, richtete sich auf und sagte: »Das Wort gefällt dir? Wer das Glück festzuhalten versteht, wenn's vorbeifliegt, der schwimmt überall oben, wie das Fett auf der Brühe. Von den Birken und Weiden und Haselnußstöcken werden die Ruten geschnitten – huist! – du weißt ja; – aber für den, der das Glück hat, wachsen Speckkuchen, Wecken und Würste daran. Ein kühner Radschwung Fortunas bringt den, der vorher unten gestanden, blitzschnell nach oben. Bruder Querkopf sagt: »Immer hinunter, immer herauf, wie eine Lawine.« Aber nun wende dich um, und daß du mir schläfst. Morgen ist auch noch ein Weihnachtstag, der wird dir vielleicht dein »Glücke« als Christkindlein bringen.« Und es war, als habe Ulrich das Glück nicht vergebens gerufen, denn sobald er die Augen geschlossen, trug ihn ein lieblicher Traum auf sanften Händen in die Schmiede am Markte, und sein Müetterle stand neben dem brennenden Christbaum und wies ihm das neue himmelblaue Gewand, das sie für ihn genäht, und Äpfel und Nüsse und ein Steckenpferd und einen Gliedermann mit kugelrundem Kopfe, großen Ohren und ganz flachen winkeligen Beinen. Er fühlte sich ja viel zu groß für all das Kinderspielzeug, aber er hatte doch seine Freude daran. Dann änderte sich das Bild, und wiederum sah er seine Mutter; aber diesmal wandelte sie unter lauter Engeln mitten im Paradiese. Auf ihrem goldenen Haar prangte eine Königskrone, und sie sagte ihm, sie dürfe sie hier tragen, weil man sie auf Erden so viel geschmäht und weil sie da so große Schande erduldet. Als der Maler am nächsten Morgen von der Hochburg heimkehrte, war er nicht wenig erstaunt, Ulrich frisch und gesund vor dem Werbetisch stehen zu sehen. Die Wangen des Knaben glühten vor Scham und Verdruß, denn der Musterschreiber und Pfennigmeister hatten ihm wegen seines Wunsches, ein Landsknecht zu werden, geradeaus ins Gesicht gelacht. Der Maler erfuhr bald, was hier vorging, und gebot seinem Schützling, ihm ins Freie zu folgen. Freundlich und ohne Spott oder Tadel stellte er ihm vor, daß er noch viel zu jung für den Kriegsdienst sei, und nachdem Ulrich alles bestätigt, was dem Maler schon durch den Narren bekannt war, fragte ihn Moor, wer ihm Anleitung im Zeichnen gegeben. »Mein Vater und dann Pater Lukas im Kloster,« entgegnete der Knabe. »Aber forscht mich nicht aus, wie der kleine Herr gestern abend.« »Nein, nein,« entgegnete der Künstler, »aber eins und das andere begehr' ich dennoch zu wissen. War dein Vater ein Maler?« »Nein,« murmelte der Bube errötend und stockte. Als er aber dem klaren Auge des Fremden begegnete, faßte er sich schnell und sagte: »Er konnte nur zeichnen, weil er schöne, treffliche Kunstsachen zu schmieden verstand.« »Und in welcher Stadt seid ihr ansässig gewesen?« »In keiner. Draußen am Walde.« »So, so!« fiel der Künstler dem Knaben ins Wort und lächelte verständnisvoll, denn er wußte, daß viele Ritter ein Handwerk übten. »Beantworte nur noch zwei Fragen; dann sollst du Ruhe haben, bis du mir freiwillig das Herz eröffnest. Wie heißt du?« »Ulrich.« »Das weiß ich; aber dein Vater?« »Adam.« »Und weiter?« Der Bube blickte schweigend zu Boden, denn der Meister hatte keinen anderen Namen geführt. »Gut denn,« sagte Moor. »Heißen wir dich denn einstweilen Ulrich; das wird auch genügen. Bist du ganz ohne Verwandte? Wartet keiner zu Hause auf dich?« »Wir haben so einsam gelebt; auch nicht einer.« Moor hatte dem Knaben fest in die Augen geschaut. Nun nickte er zufrieden, legte die Hand auf Ulrichs Locken und sagte: »Sieh mich recht an. Ich bin ein Maler, und wenn du Lust hast zu meiner Kunst, so will ich dich in die Lehre nehmen.« »Oh!« rief der Knabe und schlug erfreut und überrascht in die Hände. »Gut denn,« fuhr der Künstler fort. »Auf der Reise kann es nicht viel mit dem Lernen werden, aber in Madrid geht es scharf an die Arbeit. Wir ziehen jetzt zu König Philipp nach Spanien!« »Spanien, Portugal!« murmelte Ulrich mit leuchtenden Augen, und alles, was er im Hause des Doktors von diesen Ländern gehört, kam ihm in den Sinn. »Glück, Glück!« jubelte es laut in ihm auf. Das war das »Wort«, das mußte es sein, und es übte schon jetzt seinen Zauber, und dieser Zauber sollte auch in der nächsten Zeit die ihm innewohnende Kraft bewähren. Noch am selbigen Tage ging es nach Rappoltsweiler zu dem Grafen von Rappoltstein, und diesmal galt es nicht mehr die Sohlen abzulaufen oder in einem dumpfen Frachtwagen zu liegen; nein, er durfte ein mutiges Rößlein reiten! Das Geleit sollten keine gedungenen Knechte, sondern auserlesene Mannen geben, und der Herr Graf wollte sich unter dem Schloßberg in eigener Person zu dem Zuge gesellen, denn Moor hatte die Zusage erteilt, das Bildnis seiner Tochter, die dem Rappoltsteiner angetraut war, zu malen. Es sollte ein kostbares Weihnachtsgeschenk werden, welches der alte Herr sich selbst und seiner treuen Hausfrau zu bieten gedachte. Auch der Planenwagen war zur Mitreise gerüstet; aber es saß niemand darin, denn der Narr hatte tief vermummt neben dem Kutscher Platz genommen, die Mönche aber mußten über Freiburg weiter und konnten das Fuhrwerk nicht länger benutzen. Darüber klagten und schalten sie, als sei ihnen schweres Unrecht geschehen, und als Magister Sutor dem Maler beim Abschiede die Hand weigerte, wandte Stubenrauch dem gütigen Manne böslich den Rücken. Das gekränkte Paar zog sich grollend zurück, aber die Weihnachtssonne schien darum nicht weniger hell vom blauen Himmel, und der Reisezug hatte ein schmuckes und feiertäglich blink und blankes Ansehen, und die Welt, in die es nun rüstig hineinging, war so weit und so schön, daß Ulrich seines Kummers nimmer gedachte und das neue Barett schwang, um dem Winke des Landsknechts zu danken. Das war ein fröhlicher Ritt, denn unterwegs begegneten ihnen viele fahrende Leute, die zu den »drei Schlössern auf einem Berge« über Rappoltsweiler wollten und den alten Edelherrn mit lustigen Weisen begrüßten. Die Grafen von Rappoltstein waren die »Pfeiferkönige«, die Schutzherren der Musikantenbrüderschaft und des Sängervolkes am oberen Rhein. Sonst pflegten die lustigen Vögel sich am achten September vor dem Schlosse ihres »Königs« zusammenzufinden, um ihre kleine Steuer zu zahlen und sich dafür weidlich bewirten zu lassen; heuer war das Fest auf den dritten Weihnachtstag verschoben worden, wegen der Seuche im Herbst; – aber Ulrich meinte, das »Glück« hab' es also für ihn gefügt. Da gab es Gesang genug zu hören, und die Geigen und Rebeben, die Flöten und Schalmeien wurden nicht stille. Eine Serenade folgte der anderen, und selbst bei Tisch ertönte bei jedem neuen Gange ein neues Lied. Gewiß! Der feurige Wein, das Wild und der süße Kuchen an der Tafel im Schlosse schmeckten dem Handwerkersohne, aber der Ohrenschmaus mundete ihm noch besser. Er fühlte sich wie im Himmel und dachte immer weniger an den überstandenen Kummer. Tag für Tag schüttelte das Glück sein Füllhorn und warf neue Gaben auf ihn herab. Er hatte dem Stallwart von seiner Macht über widerspenstige Rosse gesprochen, und nachdem er bewährt, was er konnte, durfte er vor dem alten und jungen Grafen und den schönen Fräulein im Schlosse wilde Hengste zur Ruhe bringen und auf dem Burghof in die Runde reiten. Das brachte ihm Lob ein und neue Kleider. Manche zarte Hand strich ihm über die Locken, und dabei war es ihm immer, als habe sein mächtiges Zauberwort ihm nichts Besseres mehr zu schenken. Eines Tages nahm ihn Moor beiseite und eröffnete ihm, daß er auch das Bildnis des jungen Rappoltsteiners begonnen habe. Der Knabe müsse still liegen, weil er bei einem Sturz mit dem Pferde den Fuß gebrochen, und da Ulrich so alt und so groß sei wie jener, wolle er ihn in den Kleidern des jungen Grafen als Modell benutzen. Nun erhielt der Sohn des Schmiedes das beste Habit seines vornehmen Altersgenossen. Das war ganz schwarz, aber jedes Stück von einem anderen Stoffe: das Strumpfwerk von Seide, die Hosen von Atlas, das Wams von weichem flandrischem Samt. Goldgelbe Puffen und Schlitze hoben sich schön von den dunkleren Stoffen ab. Auch die Schleifen an den Beinkleidern und auf den Schuhen waren gelb wie ein Amselschnabel. Feine Spitzen erhoben sich am Hals und fielen auf die Hände, und eine Agraffe von lauter Edelsteinen hielt die schwarz und gelben Federn an dem samtnen Hut. Dem Sohn des Schmiedes stand das alles gar köstlich, und er hätte blind sein müssen, um nicht zu bemerken, wie alt und jung sich einander bei seinem Anblick anstießen. Da lachte die Eitelkeit in seiner Seele laut auf, und er wußte bald den Weg zu dem großen Spiegel aus Venedig zu finden, der im Prunksal sorglich gehütet wurde. Dies Wunderglas zeigte Ulrich zum erstenmal seine ganze Gestalt, und das Bild, das ihm aus dem Kristall entgegenschaute, schmeichelte ihm und tat ihm wohl. Aber mehr als alles andere freute es ihn, der Hand und dem Auge des Malers bei den Sitzungen zu folgen. Vor diesem Meister mußte sich der arme Pater Lukas im Kloster verstecken. Er schien bei der Arbeit zu wachsen, die Schultern, die er sonst nachlässig vorzubeugen liebte, traten zurück, die breite Mannesbrust wölbte sich höher, und die gütigen Augen wurden streng, ja sie gewannen einen furchtbaren Ausdruck. Obgleich bei den Sitzungen selten gesprochen wurde, waren sie dem Knaben doch immer zu kurz. Er regte sich nicht, denn es war ihm, als könne jede Bewegung die heilige Handlung, bei der er Zeuge war, stören, und wenn er in den Pausen auf die Leinwand schaute und sah, wie schnell und sicher das Werk fortschritt, war es ihm, als werde er vor seinen leiblichen Augen neu und zu einem edleren Dasein geboren. In der Trinkstube hing das Bild eines jungen Prinzen von Navarra, dem ein Rappoltstein auf der Jagd das Leben gerettet. Dem glich Ulrich in seiner gräflichen Kleidung ganz und gar. Der Narr hatte diesen seltsamen Umstand zuerst wahrgenommen. Jedermann, auch Moor, pflichtete ihm bei, und so kam es, daß Pellicanus den jungen Freund von nun an Navarrete hieß. Dem Knaben gefiel dieser Name. Alles behagte ihm hier. Er war des Glückes ganz voll. Nur bei Nacht wußte er sich manchmal nicht vor Trauer zu lassen, weil er so übermäßig viel Gutes genoß, während sein Vater tot war, und weil er seine Mutter und Ruth und alle, die ihn liebgehabt hatten, verloren. Dreizehntes Kapitel Ulrich hatte mit dem Narren die Schlafkammer zu teilen, und weil Pellicanus sich scheute, wenn der Nachtschweiß ihn heimsuchte, aus dem Bette zu steigen, und er doch häufig dies oder jenes bedurfte, rief er Ulrich aus dem Schlaf, und der war immer gern bereit, ihm Hilfe zu leisten. Das nahm seinen Fortgang, als die Reise weiter ging und das Leiden des armen Kleinen sich schlimmer und schlimmer gestaltete. Der Graf hatte Ulrich mit einem jungen, mutwilligen Rosse versehen, das ihm mit seinen Unarten und Mucken den Weg verkürzte. Aber auch der Narr, welcher den Knaben lieber und immer lieber gewann, tat das Seine, um die Empfindung des Glückes in ihm lebendig zu erhalten. An warmen Tagen nistete er sich in der Raufe vor der Plane bei dem Fuhrknecht ein, und wenn dann Ulrich neben ihm ritt, öffnete er ihm die Augen für alles, was sich ihm darbot. Von Land und Leuten wußte er viel zu erzählen, aber auch an das Kleinste knüpfte er selbstersonnene oder von anderen erdachte Geschichten. Als sie an einem Birkenhain vorüberkamen, fragte er den Buben, ob er wisse, warum die Stämme dieser Bäume weiß seien, und dann erklärte er es also: Wie Orpheus auf seiner Laute so wunderschön gespielt habe, seien alle Bäume rasch herbeigeeilt, um zu tanzen. Die Birke habe auch kommen wollen, aber weil sie eitel gewesen, habe sie ein weißes Kleid angetan, um es den anderen zuvorzutun. Als sie endlich auf dem Tanzplatz erschienen, sei der Sänger schon verschwunden gewesen, und nun behalte sie Sommer und Winter, jahraus und jahrein, das weiße Kleid an, um bereit und gerüstet zu sein, wenn Orpheus zurückkehren und die Laute wiederum schlagen werde. In einem Tannenwald saß ein Kreuzschnabel auf dem Zweige, und nun berichtete der Narr, dies Vöglein sei von ganz besonderer Art und ursprünglich grau und geradschnäblig wie ein Spatz gewesen. Als der Heiland am Kreuze gehangen, habe es Mitleid empfunden und versucht, ihm mit dem Schnäblein den Nagel aus der wunden Hand zu ziehen. Zum Andenken an dies freundliche Beginnen habe ihm der Herrgott den Schnabel gekreuzt und ihm die Brust da, wo sie das Blut seines Sohnes benetzt hatte, mit dunkelroter Farbe bemalt. Auch anderer Lohn sei ihm zuteil geworden, denn kein Vogel könne wie er im Winter brüten, und es wohne ihm die Kraft bei, das Fieber der Kranken, die ihn hegten, zu lindern. Eine Schar von Wildgänsen flog über den Weg und die Hügel, und Pellicanus rief: »Sieh hin! Die fliegen immer in zwei langen Reihen und bilden dabei einen Buchstaben des Abc. Diesmal ist es ein A. Kannst du's erkennen? Als der Herrgott die Gesetze auf die Tafeln schrieb, ist ein Schwarm von Wildgänsen über den Berg Sinai geflogen, und dabei hat eine mit den Schwingen eine Letter ausgewischt, und seitdem fliegen sie stets in Gestalt eines Buchstaben, und ihr ganzes Geschlecht, das heißt alle Gänse, müssen es sich gefallen lassen, daß ihnen die Menschen, die schreiben wollen, die Federn aus den Flügeln rupfen.« In der Schlafkammer unterredete sich Pellicanus gern mit dem Knaben. Er nannte ihn fort und fort »Navarrete«, und der Künstler tat es ihm nach, wenn er einmal heiter gestimmt war. Ulrich empfand große Ehrfurcht vor Moor; der Narr war ihm dagegen nicht mehr als ein guter Kumpan, zu dem er schnell volles Zutrauen faßte. Aus mancher Anspielung und manchem Scherzworte ging hervor, daß Pellicanus ihn immer noch für den Sohn eines Ritters hielt, und dies ward dem Knaben auf die Dauer unerträglich. Eines Abends, als sie beide schon im Bette lagen, faßte er sich denn ein Herz und eröffnete ihm alles, was er von seiner Vergangenheit wußte. Der Narr hörte ihm aufmerksam zu und unterbrach ihn nicht, bis Ulrich seinen Bericht also zu Ende führte: »Und während ich fort war, haben die Häscher und Rüden sie aufgespürt, aber mein Vater hat sich gewehrt, und da haben sie ihn und den Doktor erschlagen.« »So, so,« murmelte der Narr. »Um den Costa ist's schade. Es könnte manchem Christen zur Ehre gereichen, wie mancher Jude zu sein, und so ist es denn nur ein Mißgeschick, als Hebräer geboren zu werden und keinen Schinken essen zu dürfen. Die Juden müssen ein garstiges Zeichen anlegen, aber manches Christenkind kommt mit dergleichen auf die Welt. In Sparta hätten sie mich zum Beispiel wegen des dicken Kopfes hier oben und des Verdrusses da an der Schulter in den Abgrund gestürzt. Heutzutage ist man weniger barmherzig und läßt unsereinen das Krüppelzeichen durchs Leben schleppen. Gott sieht die Herzen; aber die Menschen können ihren Urahnen, den Erdenkloß, nicht vergessen: das Außen geht ihnen überall vor dem Inneren. Wäre mein Kopf nur etwas kleiner und hätte mir ein Engel die Schulter geradegebügelt, so wär' ich jetzt vielleicht Kardinal und trüge eitel Purpur, und führe nicht unter einer grauen Plane, sondern in einer goldenen Kutsche mit wohlgemästeten schwarzen Hengsten einher. Dir ward der Leib mit einer geraden Elle gemessen, aber es hapert an anderen Orten. Dein Vater hieß also Adam und hat wirklich keinen anderen Namen getragen?« »Nein, gewiß nicht.« »Das ist um die Hälfte zu wenig. Von heute an heißen wir dich in allem Ernst Navarrete; Ulrich Navarrete. So wird's zu was Ganzem. Der Name ist ein Kleid, nichts weiter, aber nimmt man dir die eine Hälfte vom Leibe, so bleibst du halb nackt und läufst zum Spotte einher. Das Gewand soll auch gut stehen, und so putzt man es aus nach Belieben. Mein Alter hieß Kürschner, aber in der lateinischen Schule saßen neben mir die Olearius und Faber und Luscinus, und so hab' ich mich denn zum römischen Bürger erhoben und aus Kürschner Pellicanus gemacht ...« Der Narr hustete sich aus und fuhr dann fort: »Und nun noch eins. Dank erwarten ist Torheit, denn neunmal unter zehn erntet man keinen, und wer klug ist, denkt nur an sich und unterläßt es überhaupt, um Dank zu werben; aber dankbar sein soll ein jeder, denn Feinde haben ist lästig, und keinen lernen wir leichter hassen als den Wohltäter, dem wir mit Undank lohnen. Du sollst und mußt dem Meister deine Geschichte erzählen, denn er hat dein Vertrauen verdient.« Dem Knaben wollten die weltklugen Reden des Narren, in denen immer der Eigennutz als höchste Tugend gepriesen wurde, oft recht befremdlich erscheinen, aber manches davon prägte sich ihm dennoch in die junge Seele. Den Rat des Kranken befolgte er gleich am nächsten Morgen, und er hatte es nicht zu bereuen, denn Moor erwies sich von nun ab noch freundlicher gegen ihn als vorher. Zu Avignon wollte der Narr sich von den Reisenden trennen, um nach Marseille und von dort aus zu Schiff nach Savona zu fahren, aber schon bevor er die alte Stadt der Päpste erreicht hatte, fühlte er sich so matt, daß Moor kaum hoffte, ihn lebend ans Ziel zu bringen. Der Körper des kleinen Mannes schien immer winziger, sein Kopf immer größer zu werden, und die herunterhängenden grauen Wangen sahen aus, als sei jede in der Mitte mit einem Rosenblättchen geputzt. Manchmal erzählte er den Reisegefährten von seinem früheren Leben. Er war für den geistlichen Stand bestimmt gewesen, aber obgleich er es in der Schule allen zuvortat, hatte man ihm doch die Hoffnung genommen, es jemals zum Priester zu bringen, denn die Kirche will keine Krüppel. Er war armer Leute Kind und hatte sich als Student mit saurer Mühe durchschlagen müssen. »Wie schäbig,« sagte er, »ist der breite Teller oben auf meinem Barett manchmal gewesen! Darob schämte ich mich denn gar sehr. Ich bin ja so klein. Mein Jesus, jeder konnte mir auf den Kopf sehen und mußte alle abgeschabten Stellen im Samt wahrnehmen, wenn er die Augen senkte. Und wie oft hab' ich neben der Küche des Garkochs gesessen und trockenes Brot mit Bratengeruch geschmälzt! Manchmal ist auch mein Pudelhund ausgegangen und hat beim Metzger ein Würstlein für mich gestohlen.« Zu anderen Zeiten war es dem Kleinen besser geglückt; dann hatte er fleißig in den Schenken gesessen, seinen Witz spielen lassen und der scharfen Zunge keinen Zwang angetan. Einmal war er von einem früheren Zechgenossen eingeladen worden, ihn zur Erheiterung seines kranken Vaters auf sein gräfliches Schloß zu begleiten; und so hatte es sich begeben, daß er ein Schalksnarr geworden und dann von einem großen Herrn zum anderen gewandert und schließlich in den Dienst des Kurfürsten getreten war. Er gab sich gern das Ansehen, als ob er die Welt verachte und die Menschen hasse, aber das war so genau nicht zu nehmen und ging mehr auf das Allgemeine als auf das Besondere, denn alles, was schön war auf Erden, entflammte ihn zu lebhafter Begeisterung, und gegen den einzelnen Nächsten blieb er freundlich gesinnt bis ans Ende. Als Moor ihm dies einmal vorhielt, sagte er lächelnd: »Was wollt Ihr? Wer da tadelt, der fühlt sich demjenigen überlegen, gegen den er sich auf den Richterstuhl setzt, und wie viele Narren dünken sich mit mir groß, wenn sie sich auf die Zehen stellen und selbst Gottes Werke bemängeln! »Die Welt ist schlecht,« sagt der Philosoph, und wer ihm zuhört, der denkt wohl leichtlich: Hört, hört! Der da hätte sie sicher besser gemacht als der Vater im Himmel. Laßt mir die Freude. Ich bin nur klein, aber ich treib' es im großen. Ein einzelnes Menschlein zu bekritteln, scheint mir nicht die Mühe zu lohnen, aber wenn man der ganzen Menschheit und der unermeßlichen Welt das Urteil spricht – da kann man den Mund auftun – wunder wie weit!« Einmal war sein Herz lichterloh für eine schöne Jungfrau entbrannt gewesen, aber sie hatte ihn mit Spott heimgesandt und einen anderen gefreit. Als sie nun Witwe geworden war und er sie in bitterer Not wiedergefunden, hatte er ihr mit einem guten Teil seines Ersparten aufgeholfen, und dies auch zum anderen Male getan, nachdem der zweite Tunichtgut, den sie gefreit, ihr Letztes durchgebracht hatte. Sein Leben war reich an solchen Zügen. Bei dem, was er tat, folgte der wunderliche Kleine dem Herzen; was er sprach, das legte ihm der Kopf auf die Zunge, und dies allein galt ihm für verständig. Uneigennützige Großmut zu üben, hielt er für einen feinen, ausschweifenden Genuß. Solchen durfte er sich selbst gestatten, weil er für sich nichts mehr wünschte; andere aber, denen er ein gutes Fortkommen gönnte, mußte er vor dergleichen Unverstand warnen. In seinem großen, hageren Gesicht lag etwas Herbes, Scharfes, Gespanntes, und wer ihn zum erstenmal sah, konnte ihn leicht für einen bösen, hämischen Menschen halten. Das wußte er auch, und es ergötzte ihn, die Mägde und Knechte in den Herbergen durch wilde Grimassen – er rühmte sich, fünfundneunzig verschiedene Fratzen schneiden zu können – in Angst zu versetzen, und der alte, beschränkte Diener des Malers fürchtete ihn bis zuletzt wie das »böse Wesen«. Zu Avignon war er besonders munter. Er fühlte sich dort wohler als seit langer Zeit und ließ einen Platz in einem nach Marseille gehenden Fuhrwerk für sich belegen. Am Abend, der der Trennung vorausging, schilderte er die Reize der ligurischen Küste mit flammender Lebendigkeit und sprach von der Zukunft, als sei er völliger Genesung und eines langen Lebens gewiß. In der Nacht hörte Ulrich ihn lauter stöhnen als sonst. Er sprang auf und richtete ihn in die Höhe, wie er zu tun gewohnt war, wenn den armen Kleinen die Atemnot quälte, aber diesmal fluchte und schalt Pellicanus nicht, sondern war ganz still, und als dann der schwere Kopf des Kleinen wie ein Kürbis auf die Brust des Knaben fiel, erschrak er sehr und lief fort, um den Maler zu rufen. Bald stand Moor zu Häupten des Krankenbettes und leuchtete dem leise röchelnden Mann ins Antlitz. Da schlug dieser die Augen auf und schnitt drei Fratzen hintereinander. Das sah sehr komisch, aber doch noch weit trauriger aus. Er mußte wohl den bekümmerten Blick des Künstlers bemerkt haben, denn er versuchte es, ihm zuzunicken, doch der Kopf war zu schwer und die Kraft zu gering, und so brachte er es nur fertig, das Haupt etwas nach links und dann etwas nach rechts zu wenden, aber sein Blick sprach alles aus, was er zu sagen begehrte. So vergingen Minuten; dann lächelte Pellicanus und skandierte mit tiefer Schwermut in den Augen und doch immer noch mit dem Schelm am Munde: » Mox erit ruhig und stumm, qui modo Schalksnarr erat .« Dann sagte er so leis, als käme jeder Ton nicht aus der Brust, sondern nur von den Lippen: »Verstanden, Navarrete, Ulrich Navarrete? Hab' dir das Latein leicht gemacht; he? Deine Hand, Bube. – Auch Ihr, lieber, lieber Meister ... Moor, Äthiopier – Schwarzhaut –« Diese Worte verklangen in einem leisen Röcheln, und der Blick des Sterbenden umflorte sich, aber es vergingen noch Stunden, bevor er den letzten Atemzug tat. Ein Priester gab ihm die letzte Ölung, aber das Bewußtsein kehrte ihm dabei nicht zurück. Nachdem der Geistliche ihn verlassen, bewegten sich seine Lippen ohne Unterlaß, aber keiner konnte verstehen, was er sagte, nur als gegen Morgen die Sonne der Provence licht und hell in die Kammer und auf sein Bett schien, warf er plötzlich den Arm weit über das Haupt hin, und halb gesprochen, halb nach des Landsknechtes Hans Eitelfritz Weise leise gesungen, schwebten die Worte: »Im Glücke, im Glücke!« über seine Lippen – und wenige Minuten später war er tot. Moor drückte ihm die Augen zu, Ulrich kniete weinend neben dem Bette nieder und küßte dem armen Freunde die erkaltende Hand. Als er wieder aufstand, schaute der Maler noch immer mit stiller Andacht in die Züge des Narren und Ulrich tat dasselbe und glaubte, vor einem Wunder zu stehen, denn das herbe, böse, ruhelose Gesicht hatte ein neues Ansehen gewonnen und glich nun völlig dem Antlitz eines friedfertigen, gütigen Mannes, der mit freundlichen Erinnerungen im Herzen entschlief. Vierzehntes Kapitel Ulrich war zum erstenmal Zeuge beim Tod eines Menschen geworden. Wie oft hatte er über den Narren gelacht oder seine Reden gar für aberwitzig und frevlerisch gehalten; – aber der tote Mann flößte ihm Ehrfurcht ein, und der Gedanke an den Leichnam des Alten wirkte weit tiefer und nachhaltiger auf ihn als das vermeinte Ende seines Vaters. Bis dahin hatte er sich diesen nur wie bei Lebzeiten vorstellen können, jetzt aber trat er ihm oft in lang ausgestreckter Stellung und so bleich und starr wie der verstorbene Pellicanus vor das innere Auge. Der Maler war ein schweigsamer Mann und verstand es besser, mit Linien und Farben als mit Worten zu denken und zu reden. Nur wenn das Gespräch Gegenstände betraf, die mit seiner Kunst in Zusammenhang standen, wurde er beredt und feurig. Zu Toulouse erstand er drei neue Pferde und nahm ebensoviel französische Diener an. Er ging auch zu einem Juwelier und kaufte dort mancherlei ein. In der Herberge tat er die Kettlein und Ringe, die er erworben, in fünf artige Kästchen und schrieb darauf in sauberen Frakturlettern mit besonderer Sorgfalt: Helena, Anna, Minerva, Europa und Lucia; je einen dieser Namen auf jedes. Ulrich schaute ihm zu und sagte, seine Kinder hießen doch anders. Da schaute Moor auf und entgegnete lächelnd: »Das sind lauter junge Malerinnen, sechs Schwestern, und jede ist mir so lieb und wert, als wär's meine eigene Tochter. Wir finden sie hoffentlich in Madrid, die eine, Sofonisba, auf alle Fälle.« »Aber es sind nur fünf Schachteln,« bemerkte der Knabe, »und Sofonisba habt Ihr auf keine geschrieben.« »Die bekommt etwas Besseres,« schmunzelte der Künstler. »Mein Bild, an dem ich schon gestern malte, wird hier für sie fertig. Reich mir den Spiegel, den Stock und die Farben.« Das gab ein herrliches Bildnis, und es fehlte daran nichts und gar nichts. Die reine Stirn zog sich an den Schläfen zu hohen Wölbungen hinauf, die kleinen Augen gerieten so klug und klar wie im Spiegel, der energische Mund mit dem dünnen Schnurrbart sah aus, als wollt' er sich eben zu einem freundlichen Worte öffnen. Das spitz geschnittene Haar an Wange und Kinn schmiegte sich an die weiße Krause, welche die Wäscherin eben mit dem Tolleisen aus der Hand gelegt zu haben schien. Wie schnell und sicher der Meister den Pinsel führte! Und die Sofonisba, für die Moor ein solches Geschenk bestimmt hatte, wie sollt' er sich die nur denken? Und der anderen fünf Schwestern! Um ihretwillen freute er sich erst recht auf Madrid. In Bayonne ließ der Meister den Wagen zurück. Das Gepäck wurde auf Maultiere geladen, und als der Reisezug aufbrach, bildete er eine ansehnliche Karawane. Ulrich äußerte sein Befremden über solchen Aufwand, und Moor entgegnete ihm freundlich: »Pellicanus sagt: »Man muß unter Narren ein Narr sein!« Wir ziehen als Gäste des Königs in Spanien ein, und bei Hof hat man schwache Augen und beachtet nur, was sich breit macht.« Zu Fuenterrabia, der ersten spanischen Stadt, die sie berührten, wurde der Künstler mit vielen Ehren empfangen, und von hier an bis Madrid gab ihm eine stattliche Reiterschar das Geleit. Moor kam zum dritten Male als Gast des Königs Philipp in die Hauptstadt und wurde dort mit jeder Rücksicht, welche man sonst nur großen Herren erwies, aufgenommen. Sein altes Quartier, im Schatzhause des Alkazar, des Palastes der Könige von Kastilien, tat sich ihm wieder auf. Es bestand aus der Werkstätte und einer Reihe von Zimmern, welche auf besonderen Befehl des Monarchen mit fürstlichem Glanz für ihn ausgestattet worden waren. Ulrich konnte sich vor Staunen nicht lassen. Wie klein und dürftig wollte ihm hier alles erscheinen, was ihn noch vor kurzem auf dem Rappoltstein in Bewunderung und Erstaunen versetzt hatte. In den ersten Tagen glich das Empfangszimmer des Meisters einem Bienenstocke, denn vornehme Herren und Frauen, weltliche und geistliche Würdenträger gingen ab und zu, Pagen und Lakaien brachten Blumen, Fruchtkörbe und andere Geschenke. Was zum Hofe gehörte, wußte, in wie hoher Gunst der Maler bei Seiner Majestät stand, und beeilte sich darum, ihn durch Huldigungen und Gaben für sich zu gewinnen. In jeder Stunde gab es Neues, Bewunderungswürdiges zu sehen, aber am meisten setzte den Knaben der Meister selbst in Erstaunen. Der schlichte Mann, der auf der Reise mit den armen Kranken, die er am Wege auflas, mit den Wirten und Geleitsmännern so freundlich verkehrt hatte, als ob sie seinesgleichen wären, war hier ein ganz anderer. Zwar blieb er schwarz gekleidet, aber er trug nicht mehr Tuch und Seide, sondern Samt und Atlas und unter der Halskrause zwei goldene Ehrenketten. Gerade den Größten gegenüber gebärdete er sich, als erweise er ihnen eine Gunst, wenn er sie empfing, und als sei er ein unnahbar vornehmer Herr. Gleich am ersten Tage hatten ihn Philipp und seine Gemahlin Isabella von Valois vor sich kommen lassen und mit einer neuen kostbaren Kette geschmückt. Bei dieser Gelegenheit hatte Ulrich den König gesehen, denn er mußte Moor im Gewande eines Pagen das Gemälde nachtragen, das er seinem königlichen Gastfreund als Geschenk mitgebracht hatte. Bei ihrem Eintritt in den großen Empfangssaal saß der Monarch regungslos da und schaute in die Luft, als ob alle, die hier um ihn versammelt waren, gar nicht für ihn vorhanden seien. Sein Haupt war weit zurückgebogen und drängte die steife Krause, auf der es wie auf einer Schüssel zu ruhen schien, nach hinten zurück. Das wohlgebildete Gesicht des blonden Mannes hatte das starre, leblose Ansehen einer Maske. Mund und Nasenflügel waren ein wenig zusammengezogen, als ob sie sich scheuten, die gleiche Luft mit anderen Menschenkindern zu atmen. So verblieb das unbewegliche Antlitz des Monarchen, während er den Legaten des Papstes und die Gesandten der Republik Venedig empfing. Als Moor ihm entgegengeführt wurde, konnte man unter dem rundlich nach unten gewölbten weichen Schnurrbart und dem kurz gehaltenen Haar an Kinn und Wangen ein leises Lächeln bemerken; auch gewannen die matten Augen des Fürsten einiges Leben. Am Tage nach dem Empfang erscholl eine Glocke in der Werkstätte. Diese mußte nun eiligst von allen Anwesenden geräumt werden, denn sie verkündete das Nahen des Königs, welcher ganz allein erschien und zwei volle Stunden bei Moor verblieb. All diese Auszeichnungen hätten ein schwächeres Hirn wohl verwirren können, aber Moor ließ sie einfach über sich ergehen, und sobald er mit Ulrich oder Sofonisba allein war, zeigte er sich nicht weniger schlicht und gütig als zu Emmendingen und auf der Reise durch Frankreich. Acht Tage nach dem Einzuge in das Schatzhaus erhielten die Diener den Auftrag, Herren und Damen, ohne Rücksicht auf Rang oder Person, abzuweisen, und zwar mit dem Bescheid, daß der Meister für Seine Majestät zu arbeiten habe. Nur für Sofonisba Anguisciola war Moor immer zu sprechen. Wie ein Vater sein leibliches Kind, hatte er dies seltene Mädchen bei der Ankunft begrüßt. Ulrich war zugegen gewesen, wie ihr der Meister sein Bildnis überreicht und mit angesehen, wie Sofonisba, von Freude und Dankbarkeit überwältigt, die Hände vor das Antlitz geschlagen hatte und in lautes Schluchzen ausgebrochen war. Die Cremoneserin war bei dem ersten Aufenthalt des Meisters in Madrid als ganz junge Malerin mit dem Vater und fünf Schwestern an den Hof des Königs gekommen, und von vornherein hatte es ihr obgelegen, diese sechs zu ernähren. Der alte Cavaliere Anguisciola war ein Edelmann aus vornehmem Hause, welcher sein großes väterliches Erbe leichtsinnig vertan hatte und, wie er sich gern ausdrückte, »mit Gottvertrauen« in den Tag hinein lebte. Ein großer Teil des Verdienstes seiner ältesten Tochter wurde von ihm mit froher Zuversicht auf das Talent, welches auch bei seinen jüngeren Töchtern hervortrat, und wiederum mit dem, was er »Gottvertrauen« nannte, verspielt und mit leichtfertigen Edelleuten verjubelt. Der geistreiche, heitere Italiener war überall ein gern gesehener Gast, und während Sofonisba sich von früh bis spät quälte und oft nicht wußte, wie sie ihre Schwestern und sich selbst angemessen kleiden und nähren sollte, war sein Leben eine Reihe von Gelagen und Festtagen. Dabei bewahrte das edle Mädchen den vom Vater ererbten frohen Mut; und was mehr ist: auch in der Not hörte sie nicht auf, es ernst mit der Kunst zu nehmen und nichts aus der Hand zu geben, was sie nicht für vollendet hielt. Moor hatte sie zuerst stillschweigend beobachtet und sie dann eingeladen, in seiner Werkstätte zu arbeiten und sich seinen Rat und Beistand gefallen zu lassen. So war sie seine Schülerin, seine Freundin geworden. Bald hatte sie vor ihm kein Geheimnis, und die Einblicke, die ihm in ihr häusliches Leben zu tun gestattet waren, rührten ihn und brachten sie ihm näher und näher. Der alte Cavaliere pries den glücklichen Zufall und war gern bereit, sich gefällig zu erweisen, als Mohr ihm anbot, ein Haus, das er gekauft hatte, mit seinen Töchtern zu beziehen, um es in wohnlichem Zustand zu halten, und als der Künstler den König veranlaßt hatte, Sofonisba ein höheres Jahresgehalt auszusetzen, schaffte der Alte sich sogleich ein zweites Roß an. Für so viele Wohltaten war sie dem Meister dankbar ergeben, aber sie hätte ihn auch ohne sie geliebt. Der Verkehr mit ihm ging ihr über alles. Bei ihm sein und malen, sich mit ihm in Gespräche über die Kunst, ihre Aufgaben, Mittel und Ziele vertiefen zu dürfen, war ihr höchster, reinster Genuß. Wenn sie die Pflichten, welche der Dienst bei der Königin ihr auferlegte, ausgeübt hatte, zog sie das Herz zu dem geliebten, verehrten Manne, und jedesmal, wenn sie ihn verließ, war es ihr, als sei sie in der Kirche gewesen, als habe sie sich in einem Seelenbade geläutert. Moor hatte gehofft, auch ihre Schwestern in Madrid zu finden; aber der alte Cavaliere hatte sie mit sich fort nach Italien genommen. Sein »Gottvertrauen« war belohnt worden, denn er hatte eine stattliche Erbschaft gemacht. Was sollte er länger in Madrid! Die steifen, pathetischen Spanier zu unterhalten und zum Lachen zu bringen, sagte ihm weit weniger zu, als in der Heimat mit heiteren Genossen fröhlich zu sein und sich unterhalten zu lassen. Sofonisba war versorgt, und es fehlte der schönen, munteren, wohlberufenen Hofdame auch nicht an Freiern. Dem reichsten und vornehmsten unter ihnen, dem sizilianischen Baron Don Fabbrizio di Moncada hatte er gegen den Wunsch seiner Tochter Hoffnung auf ihre Hand gegeben. »Erobert die Festung! Wenn sie sich ergibt – Ihr dürft sie behalten,« waren seine letzten Worte gewesen, aber die Burg schien uneinnehmbar, obgleich der Belagerer als wackere Hilfstruppen ritterliches, vornehmes Wesen, unbefleckten Ruf, eine schöne männliche Gestalt, gewinnendes Wesen und großen Reichtum ins Feld zu führen hatte. Ulrich fühlte sich ein wenig enttäuscht, die fünf jungen Mädchen, von denen er geträumt hatte, nicht in Madrid zu finden; es würde vergnüglich gewesen sein, hübsche Gefährtinnen bei der Arbeit zu haben, die bald beginnen sollte. Neben der Werkstätte befand sich ein kleiner, durch einen verschließbaren Gang und einen schweren Teppich von dieser gesonderter Raum. Hier wurde für Ulrich in günstigem Licht ein Arbeitstisch eingerichtet, an dem die fünf Mädchen recht gut Platz gefunden hätten. – Er mußte nach plastischen Modellen zeichnen, und an diesen war kein Mangel im Alkazar, denn hier befand sich ein turmartiger, drei Stockwerke hoher Flügel, in den sich König Philipp gerne zurückzog, wenn er, müde des ränkevollen Spieles seiner Staatskunst und des höfischen Zwanges, der einzigen freundlichen Regung seiner düstern Seele nachgab und sich an den edlen Gebilden der Kunst erfreute. In dem runden Saale zu ebener Erde wurden in Nußbaumschränken von auserlesener Arbeit zahllose Pläne, Risse, Zeichnungen und Kunstblätter aufbewahrt. Über diesem edel ausgeschmückten Saale befand sich die Bücherei und im dritten Stockwerk der große Saal mit den Meisterwerken des Tizian. Der rastlose Politiker Philipp war nicht weniger eifrig bedacht, neue und schöne Schöpfungen des großen Venezianers zusammenzubringen und zu erwerben, als seine eigene Macht und die Gewalt der Kirche zu stützen und zu erhöhen. Aber diese Schätze wurden eifersüchtig verschlossen gehalten und waren keinem Sterblichen zugänglich, als ihm selbst und seinen Künstlern. Philipp war sich alles in allem; der Zweite und Dritte galt ihm nichts; darum brauchten sie auch nichts von dem mitzugenießen, was er genoß. Wenn sich für ihn außerhalb der Kirche überhaupt etwas aus dem Nichts hervorhob, so war es der Künstler, und darum gönnte er ihm, was er jedem anderen versagte. Nicht nur hier oben, sondern auch in den unteren Räumen waren an passenden Stellen antike und neuere Bildsäulen und Büsten aufgestellt, und unter ihnen stand Moor die Wahl frei, denn ihm gestattete der König, was keinem anderen vergönnt war. Oftmals ließ er ihn in den Tiziansaal berufen, und öfter noch zog er die Klingel und betrat dann den ihm allein zugänglichen hölzernen Verbindungsgang, der aus den der Kunst und Wissenschaft gewidmeten Räumen in das Schatzhaus und die Werkstätte führte, um stundenlang bei Moor zu verweilen. Ulrich ging mit Eifer an die Arbeit, und der Meister verfolgte sein Mühen als treuer, aufmerksamer und strenger Lehrer. Dabei hütete er sich, den Knaben zu überbürden, ließ sich von ihm auf manchem Spazierritt begleiten und riet ihm, sich in der Stadt umzuschauen. Anfänglich schlenderte Ulrich gern durch die Straßen und schaute den langen, glänzenden Prozessionen nach oder zog sich scheu zurück, wenn tief vermummte Männer, von deren Gestalten nichts sichtbar war als Augen und Füße, einen Toten vorbeitrugen oder mit geheimnisvollen Zielen durch die Straßen huschten. Die Stiergefechte hätten ihn wohl gefesselt, aber er liebte die Pferde, und es tat ihm weh, die edlen Tiere verstümmeln und töten zu sehen. An den geistlichen und weltlichen Zeremonien, die es beinahe täglich zu schauen gab, und die auf die Madrider stets die gleiche Anziehungskraft übten, hatte er sich bald satt gesehen. Von Geistlichen wimmelte es im Alkazar, und Soldaten von allen Truppengattungen zogen täglich in den Palast auf Wache oder an ihm vorbei. Auf der Reise waren ihm genug Maultiere mit bunten Puscheln und Quasten, eigentümlich gekleidete Bauern und Bürger begegnet. Herren in glänzender Hoftracht, Prinzen und Prinzessinnen sah er täglich in den Höfen, auf den Treppen, im Park des Schlosses. Zu Toulouse und in anderen Städten, die er passiert hatte, war das Leben weit geschäftiger, reger und munterer gewesen als in dem stillen Madrid, wo alles einherging, als befinde es sich auf dem Kirchgang, wo ein heiteres Gesicht zu den Seltenheiten gehörte und Männer und Frauen nichts Schöneres und Fesselnderes kannten, als arme Ketzer und Juden verbrennen zu sehen. Ulrich brauchte die Stadt nicht, und die Burg Alkazar war eine Welt für sich und bot ihm alles, was er begehrte. In den Ställen verweilte er gern, denn dort konnte er sich sicher hervortun; aber es war auch schön bei der Arbeit, denn Moor suchte ihm Modelle und Vorlagen aus, die ihm gefielen, und Sofonisba Anguisciola, die oft stundenlang in der Werkstätte neben dem Meister malte, kam in den Pausen zu ihm, sah, was er vollendet, half ihm, lobte oder schalt, und verließ ihn nie ohne einen Scherz auf den Lippen. Freilich blieb er auch manchmal sich selbst überlassen; denn der König rief den Meister zuweilen ab und verließ dann auf mehrere Tage mit ihm das Schloß, um entlegene Landhäuser mit ihm zu besuchen und dort – der alte Holländer hatte es ihm anvertraut – unter Leitung des Meisters zu malen. Im ganzen gab es hier Neues, Seltsames, Erfreuliches genug, um die Empfindung des Glücks in dem Knaben lebendig zu halten. Verdrießlich war nur, daß er sich mit den Leuten so schlecht verständigen konnte; aber auch das sollte bald besser werden, denn der Schüler bekam zwei Kameraden. Fünfzehntes Kapitel Alfonso Sanchez Coello, ein hochangesehener spanischer Maler, hatte seine Werkstätte im obersten Stockwerke des Schatzhauses. Der König war ihm sehr gewogen und nahm auch ihn bisweilen auf seine Ausflüge mit. Der frische, leichtlebige Künstler hing neidlos und mit feuriger Verehrung an Moor, dessen Mitschüler er in Florenz und Venedig gewesen war. Beim ersten Aufenthalt des Niederländers in Madrid hatte er es nicht verschmäht, von dem größeren Altersgenossen Rat und Lehre anzunehmen. Auch jetzt noch suchte er den Meister häufig auf, sah ihm beim Malen wißbegierig auf die Finger und führte ihm seine Kinder Sanchez und Isabella als Schüler zu. Anfänglich war Ulrich nicht sonderlich erfreut über die neuen Kameraden, denn bei dem seltsamen Innenleben, welches er führte, hatte er sich ganz auf sich selbst und das »Glück« gestellt, und die in seiner Einbildungskraft lebenden Gestalten waren ihm die liebste Gesellschaft. Früher hatte er am Morgen mit Eifer gezeichnet, den Besuch Sofinisbas freudig erwartet und dann über sein Blatt hinausgeschaut und geträumt. Wie schön war es gewesen, die Gedanken nach Herzenslust einherschweifen zu lassen! Das sollte nun nicht mehr so sein. Dazu kam, daß er anfänglich zu Sanchez, welcher drei Jahre älter war als er selbst, kein rechtes Zutrauen fassen konnte, denn der sah mit den hageren Gliedern und dem kurzgeschorenen dunklen Haar ganz aus wie der schwarze Xaver. Um so freundlicher sollte sich von vornherein das Verhältnis zu Isabella gestalten. Sie war kaum vierzehn Jahre alt und ein liebes, kleines Geschöpf mit ungelenken Gliedmaßen und einem so wunderbar lebhaften Gesichtchen, daß man es bald hübsch, bald abstoßend finden mußte. Schöne Augen besaß sie auf alle Fälle; alles andere war unfertig und konnte sich anmutig, aber auch ganz anders entwickeln. Wenn die Arbeit sie fesselte, biß sie sich in die vorgeschobene Zunge, und ihr rabenschwarzes Haar, das ohnehin selten glatt war, verwirrte sich oft in so wunderlicher Weise, daß sie einem Kobold gleichsah; wenn sie dagegen freundlich sprach oder scherzte, mußte sie jedermann gefallen. Es war ein hochbegabtes Kind, und in der Art, wie es arbeitete, das gerade Widerspiel des deutschen Knaben. Sie ging langsam vorwärts, aber brachte zuletzt Treffliches zustande; was Ulrich mit Eifer begann, hatte ein bedeutendes, vielverheißendes Ansehen, aber bei der Ausführung schrumpfte das Große zusammen und verlor, statt zu gewinnen. Sanchez Coello blieb hinter den beiden anderen weit zurück, aber dafür wußte er vieles, wovon die unverdorbene Seele Ulrichs nichts ahnte. Der kleinen Isabella war von ihrer Mutter eine wachsame, übel gelaunte Witwe, Frau Cattalina, als Duenna beigegeben worden, und diese durfte das Mädchen nicht verlassen, solange es mit den Schülern bei Moor verweilte. Der gemeinsame Unterricht spornte Ulrich zum Wetteifer an, und er förderte außerdem seine Kenntnis des Spanischen. Aber er sollte bald auch in anderer Weise mit dieser Sprache vertraut werden, denn als er eines Tages aus den Ställen kam, trat ihm ein hagerer Mann in schwarzen Magisterkleidern entgegen, schaute ihm prüfend ins Gesicht, begrüßte ihn sodann als Landsmann und versicherte, daß es ihn glücklich mache, einmal wieder in der lieben Muttersprache zu reden. Endlich forderte er den »Herrn Maler« auf, ihn zu besuchen. Er heiße Magister Kochel und habe Quartier beim Almosenier des Königs, für den er Schreiberdienste verrichte. Der bleiche Mann mit dem vertrockneten Gesicht, den tiefliegenden Augen und dem seltsamen Grinsen, bei dem sich stets außer den Zähnen das blaurote Zahnfleisch zeigte, gefiel dem Knaben nicht, aber der Gedanke, einmal ordentlich in der Sprache der Heimat plaudern zu können, behagte auch ihm, und so begab er sich denn zu dem Deutschen. Bald glaubte er damit etwas Gutes und Nützliches zu tun, denn jener bot ihm an, ihn Spanisch sprechen und schreiben zu lehren. Ulrich war froh, der Schule entronnen zu sein, und lehnte dies Anerbieten ab; als ihm aber der Magister vorschlug, es beim Spanischsprechen bewenden zu lassen, und dabei versicherte, daß sich dies spielend und ohne jede Mühe bewerkstelligen lasse, willigte der Knabe ein und besuchte den Magister in der Dämmerstunde einen Tag um den anderen. Der Unterricht begann sogleich und war kurzweilig genug, denn Kochel ließ ihn lustige Schwänke und Liebesgeschichten aus italienischen und französischen Büchern, die er ihm deutsch vorlas, übersetzen, tadelte ihn niemals und legte regelmäßig nach der ersten halben Stunde das Buch aus der Hand, um mit ihm zu plaudern. Moor fand es brav und richtig von Ulrich, daß er sich der Mühe und dem Zwang des Sprachstudiums unterzog, und verhieß ihm, den Magister, der kümmerlich zu leben schien, am Schluß des Unterrichts nach Gebühr zu belohnen. Der Meister durfte dem braven Kochel auch wohlgesinnt sein, denn er war ein feuriger Bewunderer seiner Werke. Er stellte den Niederländer über Tizian und die anderen großen Italiener, nannte ihn den würdigen Freund der Götter und Könige und munterte seinen Schüler auf, es ihm nachzutun. »Fleiß, Fleiß!« kreischte der Magister. »Nur durch Fleiß gelangt man auf den Gipfel des Ruhmes und Wohlstandes! Aber freilich, solches Gelingen fordert auch Opfer. Wie selten ist es dem würdigen Manne vergönnt, die Wohltat der Messe zu genießen! Wann ist er zuletzt in die Kirche gekommen?« Ulrich beantwortete diese und ähnliche Fragen unbefangen und der Wahrheit gemäß, und als der Magister die Freundschaft pries, die den Maler mit dem Könige verband und beide Orest und Pylades nannte, berichtete ihm Ulrich, stolz auf die Ehre, die seinem Meister widerfuhr, wie häufig Philipp diesen heimlich besuche. Bei jeder späteren Zusammenkunft fragte ihn Kochel wie von ungefähr mitten im Gespräch über andere Dinge: »Hat euch der König wieder beehrt?« oder: »Ihr Glücklichen, es heißt, Seine Majestät habe euch wieder sein Antlitz gezeigt.« Dies »Euch« und »Ihr« schmeichelte Ulrich, denn es ließ einen Strahl der königlichen Huld auch auf ihn fallen, und so unterrichtete er denn bald den Landsmann unaufgefordert von jedem Besuche des Monarchen im Schatzhaus. Wochen und Monde verrannen. Als das erste Jahr des Aufenthalts in Madrid sich dem Ende näherte, sprach Ulrich ziemlich geläufig Spanisch und konnte sich mit seinen Studiengenossen gut verständigen; ja er hatte auch Italienisch zu lernen begonnen. Sofonisba Anguisciola verbrachte nach wie vor die Freistunden in der Werkstätte, um zu malen oder sich mit Moor zu unterhalten. Auch Würdenträger und Granden gingen in der Werkstätte aus und ein, und unter ihnen erschien häufig, und zwar gewöhnlich, wenn die Cremoneserin sich bei dem Meister befand, ihr treuer Verehrer, Don Fabbrizio di Moncada. Einmal hatte Ulrich, ohne zu lauschen, durch die offene Tür des Schülerraumes gehört, wie Moor ihr vorstellte, daß es unklug von ihr sei, einen Freier wie den Baron zu verschmähen, er sei ein edler, hochgesinnter Herr und seine Liebe über jeden Zweifel erhaben. Die Antwort war lange ausgeblieben; endlich aber hatte Sofonisba sich erhoben und mit bewegter Stimme gesagt: »Wir kennen uns, Meister; ich weiß, wie Ihr's meint. Und doch, und doch! Laßt mich bleiben, was ich bin, so gering es auch sein mag. Der Baron ist mir wert, aber was kann die Ehe mir Besseres bringen, als ich schon habe? Der Kunst gehört meine Liebe, und Ihr – Ihr seid mein Freund ... Meine Schwestern sind meine Kinder. Nicht wahr, ich habe mir ein Recht erworben, sie so zu nennen? An Pflichten gegen sie wird mir's nicht fehlen, wenn der Vater die Erbschaft verbraucht hat. Für meine Zukunft will meine edle Königin sorgen, und ich bin ihr notwendig. Mein Herz ist ausgefüllt, ganz, ganz bis an den Rand; was ich vermag, das leiste ich, und ist es nicht schön, daß ich geliebten Menschen etwas bin und sein darf? Laßt mich Eure Sofonisba, laßt mich eine freie Künstlerin bleiben!« »Ja, ja, ja! Bleib was, bleib wie du bist, mein Mädchen!« hatte Moor gerufen, und dann war es lange Zeit still in der Werkstatt geblieben. Zwischen Isabella und dem deutschen Mitschüler war es schon, bevor sie sich in Worten verständigen konnten, zu einem freundschaftlichen Verkehr gekommen, denn in den Pausen hatten sie einander mehr als einmal gezeichnet. Dabei hatte es viel zu lachen gegeben, und manchmal war es auch zwischen Ulrich und Sanchez zu harmlosen Balgereien gekommen, denn der junge Spanier liebte es, Hand an diese Porträts zu legen und sie in gräßliche Zerrbilder zu verwandeln. Isabella erntete oft das ungeteilte Lob des Meisters, Ulrich bekam bald ermunternde, bald tadelnde und bisweilen auch harte Worte zu hören. Diese pflegte der Maler stets auf Deutsch an ihn zu richten, aber sie kränkten ihn doch sehr und gingen ihm tagelang nach. Das »Wort« war ihm immer noch gehorsam. Nur wo die Kunst anfing, schien die Macht des Glückes ein Ende zu nehmen und ihm den Dienst zu versagen. Hatte der Meister ihm schwere Aufgaben gestellt, welche ihm nicht gelingen wollten, so rief er das Wort an; aber mit je größerer Wärme und Inbrunst er es tat, desto sicherer kam er eher zurück als vorwärts. Wenn er dagegen dem Glücke grollte, wenn er es schalt und von sich wies, und, ganz auf die eigene Kraft gestellt, die Augen, den Stift und die Kreide brauchte, brachte er auch das Schwerste zustande und erwarb das Lob des Meisters. Manchmal dachte er, daß er das sorglose Wohlleben und alle anderen Gaben des Glückes gern preisgeben würde, wenn es ihm nur gelänge, in der Kunst das zu leisten, was Moor von ihm verlangte. Er wußte und fühlte, dies sei das Rechte; aber – gewiß: mit Stift und Kohle konnte er es nimmer erreichen. Was seine Seele erträumte, was sein inneres Auge schaute, war farbig. Das Zeichnen, das fortwährende Zeichnen wurde ihm lästig, widerwärtig, verhaßt; doch mit Palette und Pinsel in der Hand konnte er, mußte er ein Maler werden, vielleicht ein Maler wie Tizian. Im geheimen war er auch schon mit Farben tätig gewesen, und zu dem ersten Versuche hatte Sanchez Coello Anlaß gegeben. Dieser frühreife Jüngling warb um die Gunst einer Schönen. Er hatte Ulrich zu seinem Vertrauten gemacht und ihn eines Tages, während sich Moor und sein Vater mit dem Könige in Toledo befanden, zu einem Altan im obersten Stock des Schatzhauses geführt, welcher der Wohnung des Torhüters gegenüberlag und nur durch einen schmalen Hof von dem Fenster getrennt war, an dem die hübsche Carmen, die Tochter des stattlichen Pförtners, zu sitzen Pflegte. Das Mädchen war hier immer zu finden, denn das väterliche Quartier war sehr düster, und sie mußte von früh bis spät Meßgewänder sticken. Dies brachte einiges Geld ein, und solches wurde von dem Alten trefflich verwandt, indem er beim Garkoch seinem persönlichen Wohlsein ein Opfer brachte und beim Wein von Zamora in Öl gebratene Fische genoß. Je besser der Appetit des Vaters war, um so emsiger mußte die Tochter sticken. Nur an hohen Festtagen oder wenn ein Autodafé angesagt war, durfte Carmen den Palast mit ihrer alten Base verlassen; aber sie hatte doch schon Freier gefunden. Dem neunzehnjährigen Sanchez war es nicht um ihre Hand, sondern nur um ihre Liebe zu tun, und wenn es zu dämmern begann, stellte er sich auf den Altan, den er entdeckt hatte, machte ihr Zeichen und warf ihr Blumen oder Zuckerwerk auf den Arbeitstisch. »Noch ist sie spröde,« sagte der junge Spanier, während er Ulrich befahl, an der schmalen Tür, die auf den Altan führte, stehenzubleiben. »Da sitzt der Engel! Sieh nur! Die Granatenblüte in dem herrlichen Haar – hast du jemals schönere Haare gesehen? – die ist von mir. Gib acht! Bald wird sie schmelzen; ich kenne die Weiber!« Gleich darauf flog der Rosenstrauß der Stickerin in den Schoß. Carmen schrie leise auf, und als sie Sanchez bemerkte, machte sie mit Kopf und Hand abweisende Bewegungen und drehte ihm endlich den Rücken. »Heute ist sie übler Laune,« sagte Sanchez; »aber ich bitte dich zu bemerken, daß sie meine Rosen behält. Morgen trägt sie eine im Haar oder am Busen; was gilt die Wette?« »Das kann schon sein,« entgegnete Ulrich. »Es fehlt ihr wohl am Besten, sich selbst welche zu kaufen.« In der Dämmerung des folgenden Tages trug Carmen allerdings eine Rose im Haar. Sanchez triumphierte und zog Ulrich mit auf den Altan. Die Schöne blickte zu ihm herüber, errötete leicht und erwiderte den Gruß des jungen Blondkopfes mit einer leichten Neigung des Hauptes. Wahrhaftig, das Töchterlein des Torhüters war ein hübsches Kind, und was Sanchez wagte, davor hatte auch er keine Furcht. Am dritten Tage begleitete er den Kameraden wiederum auf den Altan, und diesmal wagte er es, nachdem er das »Wort« still angerufen, gerade als Carmen ihn ansah, die Hand aufs Herz zu pressen. Da errötete sie wieder, winkte leicht mit dem Fächer und neigte dann das Köpfchen so tief, daß es die Stickerei beinahe berührte. Am nächsten Abend warf sie Ulrich verstohlen einen Kußfinger zu. Von nun an zog der junge Liebhaber es vor, den Altan ohne Sanchez aufzusuchen. Er hätte gern zärtliche Worte hinübergerufen oder zur Laute gesungen, aber das ging nicht, denn im Hofe ward es nie leer von ab und zu gehenden Leuten. Da verfiel er auf den Gedanken, durch ein Bild zu der Schönen zu reden. Ein Brettchen war bald gefunden, unter Farben und Pinseln stand ihm die Wahl frei, und in wenigen Minuten war ein brennendes Herz mit einem Pfeil darin fix und fertig. Aber das Ding sah gar so rot und garstig aus, und so verwarf er es und malte, indem er einen Tizianschen Engel nachahmte, der ihm besonders gefiel, einen kleinen, nackten Amor, der ein Herz in der Hand hielt. Er hatte dem Meister manchen Handgriff abgesehen, und als das Figürchen sich rundete, machte es ihm so viel Vergnügen, daß er nicht von ihm loskam und es erst am dritten Tage als vollendet betrachtete. Es war ihm nicht in den Sinn gekommen, ein vollkommenes Kunstwerk zu schaffen, aber der volle Übermut der im Glücke schwelgenden Jugend hatte ihm den Pinsel geführt. Frohlockend verneigte sich der kleine Eros und schlug mit dem rechten Beinchen nach hinten aus, als mache er einen Kratzfuß. Zuletzt legte Ulrich ihm auch noch eine schwarzgelbe Schärpe an, wie er sie an den jungen österreichischen Erzherzogen gesehen, und neben dem durchbohrten Kerzen gab er ihm eine Rose in das arg verzeichnete Händchen. Er mußte selbst über sein Machwerk lachen und eilte mit dem nassen Gemälde auf den Altan und zeigte es Carmen. Die lachte mit ihm aus vollem Herzen und erwiderte seine Winke mit zärtlichen Grüßen. Dann legte sie die Stickerei aus der Hand und trat ins Zimmer zurück, aber nur um sogleich wieder am Fenster zu erscheinen, ein Gebetbuch in die Höhe zu halten und ihm acht Finger der kleinen, fleißigen Hände entgegenzustrecken. Er deutete ihr an, daß er sie verstehe, und am nächsten Morgen um acht Uhr lag er in der Messe dicht neben ihr auf den Knien und flüsterte ihr in einem günstigen Augenblick zu: »Schöne Carmen.« Sie errötete, aber er wartete vergebens auf eine Antwort. Jetzt erhob sie sich, und als auch er aufstand, um sie an sich vorbeischreiten zu lassen, ließ sie wie von ungefähr das Gebetbuch fallen. Er bückte sich mit ihr, um es aufzuheben, und als sich dabei ihre Köpfe beinahe berührten, flüsterte sie ihm eilfertig zu: »Heute abend um neun Uhr in der Muschelgrotte; der Garten bleibt offen.« Sie erwartete ihn an der bezeichneten Stelle. Erst fand er keine Worte, denn das Herz schlug ihm gar zu stark und stürmisch; sie aber half ihm, indem sie ihm sagte, daß er ein hübscher Bursche sei, den man schon liebhaben könne. Da erinnerte er sich der zärtlichen Schwüre, die er Kochel vorübersetzt hatte, und stammelte sie nach und ließ sich, wie es alle Helden in den Aventüren und Romanzen zu tun pflegen, auf ein Knie vor ihr nieder. Und siehe da! Sie machte es wie die Fräulein, welche er bei dem Magister kennen gelernt hatte, und bat ihn, sich zu erheben, und da er diesem Befehle gern Folge leistete, denn er trug dünnes seidenes Strumpfwerk und die Grotte war mit spitzen Kieseln gepflastert, zog sie ihn an das Herz und strich ihm mit den zarten Fingern die Locken aus dem Gesicht, und er duldete es gern, daß sie die jungen, weichen Lippen auf die seinen schmiegte. Das alles war wonnesam schön, und er brauchte dabei gar nicht zu sprechen; aber es ward ihm doch angst und bang, und es kam ihm vor wie eine Erlösung, als sich aus der Ferne der Schritt der Wache hören ließ und Carmen ihn mit sich fort durch das Tor in den Hof zog. Vor dem Pförtchen, das in das Quartier ihres Vaters führte, drückte sie ihm noch einmal die Rechte und verschwand dann rasch wie ein Schatten. Er blieb allein zurück und ging lange vor dem Schatzhause auf und nieder, denn er hatte gewiß etwas sehr Böses begangen und wagte nicht, sich vor dem Meister zu zeigen. Als er in den finstern Garten getreten, hat er das »Glück« wiederum zu Hilfe gerufen; jetzt aber wär' es ihm lieber gewesen, wenn es sich ihm weniger willig hilfreich erwiesen hätte. In der Werkstatt brannten die Kerzen, und Moor saß in dem Lehnsessel und hielt – Ulrich hätte sich am liebsten in die tiefsten Tiefen der Erde verborgen – und hielt seinen Amor in Händen. Der junge Verbrecher wollte sich mit einem leisen »Gute Nacht!« an dem Lehrer vorbeistehlen, dieser aber rief ihn an und fragte lächelnd, indem er auf das Bild wies: »Hast du das gemacht?« Ulrich nickte errötend. Da schaute der Maler ihn von oben bis unten an und sagte: »Sieh, sieh; das ist ja recht artig. Es wird nun wohl Zeit, daß wir mit dem Malen beginnen.« Der Knabe wußte nicht, wie ihm geschah, denn noch vor wenigen Wochen hatte ihn Moor hart angelassen, als er ihn um dasselbe gebeten, was er ihm nun freiwillig anbot. Kaum mächtig seiner selbst vor Überraschung und Glück, beugte er sich auf die Hand des Malers, um sie zu küssen, der entzog sie ihm aber, schaute ihm mit väterlicher Freundlichkeit in die Augen und sagte: »Wir wollen's versuchen, mein Junge, aber darum hören wir mit dem Zeichnen nicht auf, denn das ist der Vater unserer Kunst. Das Zeichnen hält uns in den Schranken, welche das, was wahr und schön ist, begrenzen. Vormittags bleibt es beim alten, nach Tisch geht es zum Lohn an die Farben.« So wurde es auch gehalten, und des Schülers erstes Liebesabenteuer trug ihm noch eine andere Frucht, denn es gab seinem Verhältnis zu Sanches eine neue Gestalt. Die Empfindung, ihm in den Weg getreten zu sein und sein Vertrauen mißbraucht zu haben, beunruhigte Ulrich schwer, und so tat er denn alles, was er vermochte, um ihm gefällig zu sein. Die schöne Carmen sah er fürs erste nicht wieder. In einigen Wochen war das Stelldichein vergessen, denn das Malen unter des Meisters Leitung fesselte ihn wie nichts vor- und nur wenig nachher im Leben. Sechzehntes Kapitel Ulrich war nun siebzehn Jahre alt, und seit vier Monaten durfte er malen. Sanchez Coello erschien nur noch selten in der Werkstatt, denn er war zu dem Architekten Herrerra in die Lehre gekommen; Isabella wetteiferte mit Ulrich und wurde von dem Deutschen schnell überflügelt. Es war, als hätte er die Fähigkeit, den Pinsel zu führen, mit auf die Welt gebracht, und das Mädchen folgte seinen Fortschritten mit ungeheuchelter Freude. Wenn Moor ihn beim Zeichnen hart anließ, wurden ihr die guten Augen feucht, wenn der Meister Ulrichs Farbenstudien schmunzelnd ansah und mit beifälligen Worten Sofonisba wies, wurde sie so froh, als hätte das Lob ihr selbst gegolten. Die Cremoneserin kam nach wie vor alle Tage ins Schatzhaus, um zu malen, mit Moor zu plaudern oder Schach mit ihm zu spielen; Ulrichs Fortschritte machten ihr Freude, und sie gab ihm manchen nützlichen Wink. Als der junge Künstler ihr einmal klagte, daß er kein gutes Modell habe, bot sie ihm heiter an, ihm zu sitzen. Das war ein neues, unerwartetes Glück! Tag und Nacht dachte er an nichts als an Sofonisba. Die Sitzungen begannen. Sie erschien in einem roten Kleide mit Goldstickerei. Die hohe weiße Spitzenkrause berührte beinahe die Wangen. Das braune wellige Haar schloß sich dicht um das schöne Oval des Hauptes, der volle Zopf bedeckte in Windungen das Hinterhaupt; kleine Löckchen umspielten das Ohr und paßten gut zu dem liebenswürdigen, schelmischen Zug am Munde, der ihr alle Herzen gewann. Die braunen, klugen Augen zu malen war nichts Leichtes, und sie forderte Ulrich auf, sich mit ihrem kleinen, etwas hervortretenden Kinn, das nichts weniger als schön sei, in acht zu nehmen und ihre ohnehin überhohe und breite Stirn nicht augenfällig zu machen; sie habe das Perlendiadem nur aufgesetzt, um ihm dies zu erleichtern. Mit feuriger Begeisterung stürzte sich der junge Künstler auf diese Arbeit, und der erste Entwurf gelang über alle Erwartung. Don Fabbrizio fand das Bild »zum Erschrecken« ähnlich; Moor war nicht unzufrieden, aber er fürchtete, daß die Arbeit des Schülers bei der Ausführung die kecke Frische, die ihr in seinen Augen einen gewissen Reiz verlieh, einbüßen würde, und war darum froh, als die Glocke erklang und bald darauf der König erschien, dem er das Werk Ulrichs zu zeigen gedachte. Philipp war lange nicht in der Werkstätte gewesen, aber der Meister hatte Ursache, ihn zu erwarten; denn gestern mußte der Monarch einen Brief von seiner Hand erhalten haben, in dem er gebeten wurde, ihn in Gnaden aus Madrid zu entlassen. Moor war lange genug in Spanien gewesen, und Weib und Kind drängten zur Heimkehr. Dennoch fiel ihm das Scheiden schwer, besonders um Sofonisbas willen; aber gerade weil er empfand, daß sie ihm mehr war als eine geliebte Schülerin und ein teures Kind, hatte er den Aufbruch zu beschleunigen beschlossen. Alle Anwesenden wurden schnell entfernt, die Riegel vorgeschoben, und Philipp erschien. Er war bleicher als sonst, angegriffen und müde. Moor begrüßte ihn ehrerbietig und sagte: »Das Schatzhaus hat Eure Majestät lange entbehrt.« »Nicht Majestät; für dich bin ich Philipp,« fiel ihm der König ins Wort. »Und du, Meister Antonio, du willst mich verlassen? Nimm den Brief zurück! Jetzt darfst du nicht gehen.« Und nun erging sich der Monarch, ohne eine Antwort abzuwarten, in Klagen über sein mühevolles, aufreibendes Amt, die Unfähigkeit der Beamten, den Eigennutz, die Bosheit und Gemeinheit der Menschen. Er beklagte, daß Moor ein Niederländer sei und kein Spanier, nannte ihn den einzigen Freund, den er unter dem rebellischen Gesindel in Holland und Flandern besitze, und schnitt ihm das Wort ab, als er für seine Landsleute einzutreten versuchte; aber er versicherte wiederholentlich, daß der Umgang mit ihm seine beste Freude sei, seine einzige, wahre Erholung; Moor müsse bleiben aus Freundschaft, aus Mitleid mit ihm, dem Sklaven im Purpur. Nachdem der Maler versprochen, in den nächsten Tagen nicht wieder von Aufbruch zu reden, begann Philipp an einem Heiligen, den der Künstler vorgezeichnet hatte, zu malen. Nach einer halben Stunde warf er den Pinsel wieder aus der Hand. Er hieß sich pflichtvergessen, weil er seiner Neigung nachgebe, statt im Dienst des Staates und der Kirche das Hirn zu brauchen und die Hände zu rühren. Die Pflicht sei sein Tyrann, sei sein Zwingherr. Wenn der Tagelöhner den Karst über die Schulter werfe, so sei der arme Schächer der Lasten und Sorgen quitt; ihn aber verfolgten sie überall, bei Tag und Nacht. Sein Sohn sei ein Scheusal, seine Untertanen Rebellen oder wedelnde Hunde. Wie Maulwürfe oder sinnlose Stiere untergrüben und bestürmten die Ketzerbanden das Fundament der Throne und den Hort der Gesellschaft: die Kirche. Zertreten, Niederschlagen sei sein Beruf, und Haß sein Lohn auf Erden. Dann schwieg er einen Augenblick, wies gen Himmel und rief wie verzückt: »Dort, dort, bei ihm, bei ihr, bei den Heiligen, für die ich kämpfe!« In solcher Stimmung war der König selten ins Schatzhaus gekommen. Er schien das auch zu fühlen und sagte, nachdem er sich wieder gesammelt: »Bis hierher verfolgt mich's, der Farbenduft schlägt heute nicht an. Hast du etwas Neues vollendet?« Moor wies nun dem Könige zuerst ein Bildnis von der eigenen Hand, und nachdem Philipp dies lange und mit Verständnis betrachtet und klug beurteilt hatte, führte ihn der Maler vor Ulrichs Porträt Sofonisbas und fragte nicht ohne Spannung: »Was sagt Eure Majestät zu diesem Versuche?« »Hm,« machte der Monarch. »Ein wenig Moor, etwas Tizian und doch auch manches Eigene. Der blaugraue Bleiton hier kommt wohl aus deiner Apotheke. Nichtswürdig ähnlich ist das Ding. Sofonisba, wie sie ein Gärtnerbursch sieht. Wer hat das gemacht?« »Mein Schüler Ulrich Navarrete.« »Wie lange malt er?« »Erst einige Monate, Sire.« »Und du glaubst, er wird etwas Rechtes?« »Vielleicht. In manchen Stücken übertrifft er meine Erwartungen, in anderen bleibt er hinter ihnen zurück. Es ist ein eigenartiger Gesell.« »Immerhin etwas.« »Für den künftigen Künstler nichts Kleines. Was er mit Eifer beginnt, hat ein großes, vielverheißendes Aussehen; aber bei der Ausführung schrumpft es zusammen. Sein Gemüt ergreift, erbeutet das, was er darzustellen begehrt, mit einem einzigen raschen Griffe ...« »Etwas zu derb, sollt' ich meinen.« »In seinen Jahren kein Fehler. Was er besitzt, macht mich weniger besorgt, als was ihm fehlt. Ich kann den sinnenden Künstlergeist noch nicht an ihm entdecken.« »Du meinst den Geist, der in sich abklärt, was er aufgenommen, und in stiller Erwägung die Linien ordnet und den Farben den rechten Platz anweist, kurz den eigenen Kunstgeist.« »Auch den Euren, Sire. Würdet Ihr früh zu malen begonnen haben. Ihr hättet das besessen, was Ulrich fehlt.« »Vielleicht. Sein Mangel ist übrigens einer von denen, der mit den Jahren schwindet. In deiner Schule, mit Eifer und Mühe ...« »Wird er erwerben, meint Ihr, was ihm gebricht. Das dachte ich gleichfalls! Aber ich sagte es schon: er ist aus wunderlichem Holze geschnitten. Was Ihr mir mehr als einmal zugegeben, wovon wir ausgingen bei hundert Gesprächen – er kann es nicht fassen: die Form ist ihm nicht das Wesen der Kunst.« Der König zuckte die Achseln und wies sich auf die Stirn; Moor aber fuhr fort: »Alles, was er schafft, soll von vornherein widerspiegeln, was er beim ersten Anschauen des Vorbildes empfand. Manchmal gelingt ihm der erste Wurf, aber wenn er mißglückt, sucht er ohne Rücksicht auf Wahrheit und Treue mit kleinlichen und wunderlichen Hilfsmitteln zustande zu kommen. Empfinden und immer empfinden! Linien und Farben sind alles, sind unsere Worte. Wer die bemeistert, kann auch das Größte mit ihnen sagen.« »Recht, recht! Laß ihn zeichnen und immerfort zeichnen. Gib ihm Mäuler, Augen und Hände zu malen.« »Das soll in Antwerpen geschehen.« »Nichts von Antwerpen! Du bleibst, Antonio, du bleibst. Weib und Kind – alle Ehre! Ich habe das Bildnis deiner Hausfrau gesehen. Gutes, nahrhaftes Brot! Hier hast du Ambrosia und Manna. Du weißt, wen ich meine; Sofonisba ist dir gewogen; die Königin sagt es.« »Und ich empfind' es mit Dank. Es ist hart, sich von einem gütigen Herrn und einer Sofonisba zu trennen; aber das Brot, Sire, das Brot – es gehört nun einmal zum Leben. Hier lasse ich Freunde, teure Freunde zurück – neue zu finden hält schwer, sehr schwer in meinen Jahren.« »Das sind auch die meinen, und eben darum bleibst du, wenn du mein Freund bist! Nichts weiter! Auf Wiedersehen, Antonio; vielleicht schon morgen, trotz einem Wust von Geschäften. Glücklicher, der du bist! Bis man Tausend zählt, schwelgst du schon wieder in Farben, und mich, mich drückt das Joch, das eherne Joch.« Moor glaubte, nachdem ihn der König verlassen, ungestört bei der Arbeit bleiben zu können, und öffnete die Riegel. Nach Tisch stand er vor der Staffelei und malte, da wurde plötzlich und ohne das gewöhnliche Zeichen die aus dem Gang in das Schatzhaus führende Tür aufgerissen und Philipp trat wiederum in die Werkstatt. Diesmal waren seine Wangen weniger bleich als am Morgen, und sein Gang zeigte nichts von der gravitätischen Feierlichkeit, die ihm zur zweiten Natur geworden. Wie heiter, wie fröhlich er aussah! Aber das stand ihm schlecht. Es war, als trüge er ein geborgtes, fremdartiges Kleid, in dem er sich nicht frei zu bewegen verstand. Mit der hocherhabenen Rechten schwenkte er ein Blatt, und während er mit der Linken darauf hinwies, rief er: »Sie kommen! Diesmal zwei Wunderwerke auf einmal. Unser gnädiger Heiland betend im Gethsemanegarten und dann Diana im Bade. Sieh her, sieh hierher! Schon das ist ein Schatz. Diese Zeilen, sie sind von seiner, von der eigenen Hand Tizians.« »Ein Greis ohnegleichen,« begann Moor; Philipp aber unterbrach ihn mit Eifer: »Greis, Greis? Ein Jüngling, ein Mann, ein rüstiger Mann. Wie bald zählt er neunzig, und dennoch – dennoch: wer tut es ihm nach?« Der Monarch war bei den letzten Worten vor das Porträt Sofonisbas getreten und fuhr nun, indem er mit dem ihm eigenen höhnischen Kichern darauf hinwies, heiter fort: »Da schreit mir gleich die Antwort entgegen. Dieses Rot! Deinem Obenhinaus scheinen die Lorbeeren des Venezianers den Kopf zu verdrehen. Ein gräßliches Bild!« »So schlecht will mir's nicht scheinen,« entgegnete Moor. »Es steckt sogar etwas drin, das mir zusagt.« »Dir, dir?« rief Philipp. »Arme Sofonisba! Diese Karfunkelaugen! Und ein Mund, als könnte sie nichts als Zuckerwerk naschen. Ich weiß nicht, was mich heute kitzelt. Her die Palette! Die Formen sind ja so leidlich beisammen, die Farben schreien laut genug. Aber welcher Knabe kann ein ganzes Weib, ein Weib wie deine Freundin, begreifen! Ich übermale das Unding, und wenn es nicht Sofonisba wird, so wird's vielleicht eine Seeschlacht.« Der König hatte dem Künstler die Palette aus der Hand genommen, tauchte den Pinsel in Farbe und wollte sich lachend ans Werk begeben; Moor aber stellte sich zwischen die Leinwand und ihn und rief heiter: »Bemale mich, Philipp; aber verschone das Bildnis.« »Nein, nein; es geht an die Seeschlacht,« kicherte der König, und während er den Künstler zurückdrängte, schlug ihn dieser, fortgerissen von der seltenen Ausgelassenheit des Monarchen, mit dem Malerstock leicht auf die Schulter. Da zuckte der Monarch zusammen, seine Wangen und Lippen erblichen, die kleine, aber vornehme Gestalt richtete sich auf, und im Nu hatte sich die menschlich ungezwungene Haltung in unnahbare, eiskalte Würde verwandelt. Moor fühlte, was in dem Herrscher vorging. Ein leiser Schauer überlief ihn, aber sein ruhiger Geist blieb unerschüttert, und bevor der beleidigte Herrscher Zeit fand, seinem Unwillen in Worten Ausdruck zu geben, sagte er schnell, und als habe sich etwas begeben, das der Erwähnung kaum wert sei: »Unter Kunstgenossen geht es wunderlich her. Der Malerkrieg ist zu Ende! Eröffnet die Seeschlacht, Sire, oder besser, legt in die Mundwinkel mehr Reiz und Feinheit. Der Schüler hat es besonders mit dem Kinn versehen; an dieser Klippe könnten auch Geübtere scheitern. Diese Augen! Vielleicht haben sie einmal so und nicht anders geglänzt, aber darin sind wir ja eins: das Bildnis soll das Original nicht in einem gegebenen Augenblick, von einer bestimmten Empfindung beherrscht, oder bei einer gewissen Handlung darstellen, sondern die Summe des gesamten Tuns und Denkens, der Gesinnung und Handlungsweise des Abgebildeten ziehen. König Philipp, wie er verwickelte politische Kombinationen durchdenkt, das würde ein fesselndes historisches Gemälde geben, aber kein Bildnis –« »Gewiß nicht,« sagte der König mit leiser Stimme, »das Porträt soll das Innere nach außen kehren; dem meinen muß man auch ansehen, wie innig Philipp die Kunst und seine Künstler liebt. Ich bitte, nimm die Palette! Es ist an dir, dem großen Meister, und nicht an mir, dem überbürdeten, stümpernden Liebhaber, das Werk talentvoller Schüler zu bessern.« Es hatte etwas schmeichlerisch Süßliches in dem Klang dieser Worte gelegen, und das war dem Maler nicht entgangen. Philipp war in der Schule der Verstellung längst Meister geworden, aber Moor kannte ihn durch und durch und verstand die Kunst, in den Herzen zu lesen. Diese Redeweise des Königs erschreckte ihn mehr als ein stürmischer Ausbruch der Wut. So sprach er nur, wenn er verdeckte, was in ihm gärte. Dazu kam etwas anderes. Der Niederländer hatte geflissentlich ein Kunstgespräch begonnen, und es war beinahe unerhört, daß Philipp nicht auf ein solches einging. Der Schlag war kaum fühlbar gewesen, aber die Majestät duldet keine Berührung. Philipp wollte es jetzt nicht mit dem Künstler verderben, doch er trug ihm das Geschehene nach, und wehe ihm, wenn der Herrscher sich in einer düsteren Stunde der Beleidigung erinnerte, die ihm hier widerfahren! Schon der leiseste Schlag von der Tatze dieses gemessen dahinschleichenden Tigers konnte tiefe Wunden reißen und töten. Blitzschnell waren diese Gedanken dem Künstler gekommen und spannen sich in ihm fort, als er die Palette ehrerbietig zurückwies und sagte: »Ich bitte Euch, Sire, behaltet Pinsel und Farben und berichtigt, was Euch mißfällt.« »Das hieße dies ganze Bild übermalen, und meine Zeit ist gemessen,« entgegnete Philipp. »Ihr habt einzustehen für das, was Eure Schüler verbrechen, wie für eigene Versehen. Jedem sei gewährt, gelassen, angetan, was ihm zukommt; nicht wahr, teurer Meister? Auf ein andermal denn. Ihr sollt von mir hören.« In der Tür warf der Monarch dem Künstler noch eine Kußhand zu, dann verschwand er. Siebzehntes Kapitel Moor blieb allein in der Werkstätte zurück. – Wie hatte es ihm begegnen können, solch einen Knabenstreich zu vollführen! Beunruhigt schaute er zu Boden. Er durfte mit gutem Grunde besorgt sein, aber die Erwägung, daß er ganz allein mit dem Könige gewesen und das Unerhörte sich ohne Zeugen ereignet hatte, beruhigte ihn einigermaßen. Er konnte nicht wissen, daß ein Dritter, daß Ulrich dem ausgelassenen, verhängnisvollen Kampfe zugeschaut hatte. Der Schüler war mit Zeichnen im Studienraume beschäftigt gewesen, als es in der Werkstätte laut geworden war. Er hegte für sein schönes, erstes Modell Sofonisba eine grenzenlose, an Vergötterung streifende Verehrung, und in der Meinung, daß sie es sei, die heute, wie schon so oft, mit Moor über Kunstsachen streite, hatte er die Tür geöffnet, den Vorhang zurückgeschoben und mit angesehen, wie Moor den kichernden König auf den Arm schlug. Das war ein heiteres Schauspiel gewesen, aber es hatte ihn doch dabei leise durchschauert und schneller, als er gekommen, war er zu seinem Gipsmodell zurückgekehrt. Beim Einbruch der Nacht suchte der Maler Sofonisba auf. Er war zu einem Ballfeste bei der Königin geladen und wußte, daß er die Hofdame in der Umgebung Isabellas von Valois finden werde. Die Prunksäle waren mit tausend Wachskerzen auf silbernen und bronzenen Kandelabern tageshell erleuchtet. An den Wänden hingen köstliche, bilderreiche Gobelins und purpurne flandrische Tapeten. Gemälde in frischen Farben spiegelten sich in dem von Licht übergossenen blanken Fußboden. Vor der Vermählung Philipps mit der an freiere Sitten gewöhnten Französin hatte an seinem Hofe niemals getanzt werden dürfen. Jetzt gab es im Alkazar bisweilen ein Ballfest. Die erste, die es gewagt hatte, vor den Augen des Monarchen und seiner entsetzten Umgebung die Gaillarde zu eröffnen, war Sofonisba an der Hand des Herzogs Gonzaga gewesen. Und seltsam, die lebensfroheste Dame am Hofe war zugleich diejenige, die den bösen Zungen am wenigsten Anlaß zur Lästerung bot. Als Moor die Prunkgemächer betrat, war eine Gavotte eben zu Ende gekommen. In der ersten Reihe des glänzenden Kreises von hohen Geistlichen, Gesandten und Granden, der die Königin umgab, standen die österreichischen Erzherzoge und die schönen Jünglingsgestalten Alexanders von Parma und Don Juans, des Halbbruders ihres Gatten. Der verwachsene Thronfolger Don Karlos beunruhigte mit plumpen Scherzen eine Reihe von Hofdamen, welche die Fächer vor das Gesicht hielten und nicht wagten, den Sohn des Herrschers ihr Mißfallen fühlen zu lassen. Samt, Seide und Edelsteine blitzten, und zarte Spitzen erhoben sich und flossen um Hals und Hände der Frauen und Herren. Wallende Locken, glänzende Augen, edle und anmutige Züge fesselten den Blick, aber Hals, Nacken und Arme der Damen waren unter hohen Kragen und Spitzengebänden, dem steifen Latz und gepufften Ärmeln tief verborgen. Ein bestrickender Wohlgeruch erfüllte die mehr als tageshelle Luft dieser Festsäle, leichte Wedel wehten, Fächer neigten, hoben und schlossen sich, es wurde gelacht, geplaudert, gelästert. Aus einem Nebengemach hörte man goldene Zechinen klingend und klirrend auf die Spieltische fallen. Weltliche Lust war eingezogen in den mürrischen, frömmelnden, von starren Formen geknebelten Hofhalt, und sie wurde nicht gestört von den hohen Prälaten in violetten und leuchtenden Scharlachgewändern, die würdevoll durch die Säle schritten und auserlesene Damen und Granden begrüßten. Da erscholl eine Fanfare. Philipp erschien, und plötzlich traten die Kavaliere von den Schönen zurück und verneigten sich tief, und die Damen senkten das Knie bis auf den Boden. Lautlose Stille trat ein. Es war, als sei ein eisiger Windstoß über die Beete gefahren und habe alle Blumen auf einmal niedergebeugt. Nach einigen Minuten richteten die Herren sich auf und die Damen erhoben sich wieder, aber selbst den ältesten Herzoginnen blieb es versagt, sich in Gegenwart des Monarchen niederzulassen. Die Heiterkeit war erstickt, das Gespräch zum Geflüster geworden. Vergeblich wartete die Jugend auf den Wink zum Tanze. So stolz verächtlich, so mürrisch wie heute hatte man Philipp lange nicht gesehen. Erfahrene Höflinge bemerkten, daß Seine Majestät den Kopf tiefer nach rückwärts biege als sonst, und gingen ihm aus dem Wege. Er schritt einher, als sei er mit einer Untersuchung der Deckenbilder beschäftigt, aber es entging ihm doch nichts, was er zu sehen wünschte, und als er Moor gewahrte, nickte er gnädig und lächelte ihm dabei auf einen Augenblick zärtlich zu, aber er winkte ihn nicht wie sonst zu sich heran. Dies entging weder dem Maler noch Sofonisba, die jener von dem Geschehenen in Kenntnis gesetzt hatte. Er baute auf sie wie auf sich selbst, und sie verdiente sein Zutrauen. Von vornherein hatte die kluge Italienerin seine Unruhe geteilt, und sobald der König in einen andern Saal getreten war, winkte sie Moor und unterredete sich in einer Fensternische lange mit ihm. Er sollte alles zur Abreise bereithalten, sie aber nahm es auf sich, zu wachen und ihn beizeiten zu warnen. Mitternacht war längst vorüber, als er in das Schatzhaus zurückkehrte. Dort schickte er den verschlafenen Diener zur Ruhe, ging sorgenvoll auf und nieder und schob dann Ulrichs Porträt Sofonisbas näher an den Kaminsims, auf dem an hohen Armleuchtern zahlreiche Kerzen brannten. Das war die Freundin, und sie war es doch nicht. Was da fehlte, das – ja, darin hatte der König recht – das war für einen Knaben unfaßbar. Man kann nicht darstellen, was man nicht nachzuempfinden vermag. Immerhin war Philipps Tadel zu hart gewesen. Mit wenigen Pinselstrichen getraute er sich dies Bild zu einem Seelenspiegel des lieben Wesens zu machen, von dem ihm die Trennung schwer, namenlos schwer fiel. »Über die Fünfzig hinaus,« dachte er, und dabei umspielte ihm ein wehmütiges Lächeln den Mund, »über die Fünfzig, ein alter Gatte und Vater, und dennoch – dennoch – das gute, nahrhafte Brot zu Hause – Gott segne es, der Himmel erhalt' es! Wäre dies Mädchen nur meine Tochter! Wie lange das Menschenherz doch die Triebkraft bewahrt! Vielleicht ist Liebe das Mark des Lebens – wenn es vertrocknet, welkt auch der Baum!« Sinnend und immer weiter sinnend hatte Moor die Palette ergriffen und in Zwischenräumen bald am Mund, bald an den Augen, bald an den zarten Nasenflügeln des Bildnisses, vor dem er saß, mit kurzen, kaum merklichen Pinselzügen gemalt; – aber diese wenigen Striche hatten dem Schülerwerk Reiz und geistigen Inhalt gegeben. Als er sich endlich erhob und übersah, was er getan hatte, mußte er lächeln und sich fragen, wie es denn möglich sei, das Höchste im Menschen, Geist und Seele, mit so geringen Mitteln nachzuschaffen. Beide sprachen jetzt aus diesen Zügen zu dem Beschauer. Dem Meister waren die rechten Worte geläufig, und durch sie hatte der ungelenke Satz Sinn und Inhalt gewonnen. Am nächsten Morgen fand Moor Ulrich vor dem Bilde Sofonisbas. Der Schlaf des Schülers war nicht weniger unruhig gewesen als des Meisters, denn jener hatte etwas verübt, das ihm schwer auf dem Herzen lag. Nachdem er gestern ein unfreiwilliger Zeuge des wunderlichen Vorfalls in der Werkstatt geworden, hatte er mit Sanchez einen Ritt ins Freie getan und sich dann zum Magister in die Stunde begeben. Er sprach zwar schon mit ziemlicher Gewandtheit Spanisch und auch etwas Italienisch, aber Kochel hatte ihn so gut zu unterhalten gewußt, daß er ihn noch immer einigemale in der Woche aufsuchte. Diesmal war es gar nicht zum Übersetzen gekommen, denn der Magister hatte ihn zuerst wegen seines langen Ausbleibens freundlich gescholten und ihn dann, nachdem die Rede auf sein Malen und Moor gekommen war, teilnehmend gefragt, was an dem Gerücht sei, daß der König den Meister lange nicht besucht und ihm die Gunst entzogen habe. »Die Gunst entzogen!« hatte Ulrich fröhlich gerufen, »sie sind wie zwei Brüder! Heute haben sie sich gebalgt und der Meister hat seiner Majestät in aller Freundschaft mit dem Malerstock eins versetzt ... Aber – um Gottes willen – Ihr schwört mir – Narr, der ich bin! – Ihr schwört mir, es nicht weiter zu sagen.« »Eins übergezogen!« hatte Kochel gerufen und laut gelacht. »Meine Hand, Navarrete. Ich bin verschwiegen; aber Ihr! Plaudert das ja nicht herum. Beileibe nicht! Der lustige Streich könnte dem Meister übel bekommen. Für heute entschuldigt mich; es gibt bei dem Almosenier viel zu schreiben.« Ulrich war von dem Magister geradeswegs in die Werkstatt gegangen. Die Überzeugung, daß er eine Unbesonnenheit, ja ein Unrecht begangen, hatte sich seiner, gleich nachdem ihm das letzte Wort entschlüpft war, bemächtigt und beängstigte ihn mehr und mehr. Wenn Kochel, der im Grunde doch ein gemeiner Mensch war, nicht reinen Mund hielt, was konnte Moor aus seinem Verrat erwachsen! Er, Ulrich, war sonst kein Schwätzer, und nun hatte er, nur um mit dem vertraulichen Verkehr seines Meisters mit dem Könige zu prahlen, aller Vorsicht vergessen. Nach einer unruhigen Nacht war sein erstes gewesen, sich vor sein Bildnis Sofonisbas zu stellen, und dies hatte ihn mit unwiderstehlichem Zauber gefesselt, angezogen, berückt. War das wirklich sein Werk? Er erkannte jeden Pinselstrich wieder. And dennoch! Diese sinnenden Augen, dies Licht auf der hohen Stirn, diese zarten Lippen, die sich öffnen wollten, man wußte nicht, ob zum Scherz oder zu einem klugen Worte – die hatte er nicht gemalt, die hätte er nie und nimmermehr so zustande gebracht. Ihm ward ganz bange. Hatte hier das »Glück«, das ihn doch sonst beim Schaffen im Stich ließ, geholfen? Gestern abend, bevor er zu Bett ging, war das Bild noch anders, ganz anders gewesen. Moor malte sonst nie bei Kerzenlicht, und er hatte ihn spät nach Hause kommen hören, und jetzt – jetzt ... Aus solchen Gedanken weckte ihn der Künstler. Er hatte das Auge lange an dem schönen, mehr und mehr zum Jüngling heranwachsenden Knaben geweidet, der wie von einem Wunder befangen vor der Leinwand stand. And er fühlte nach, was in der erwachenden Künstlerseele vorging, denn etwas Ähnliches, wie Ulrich in diesem Augenblicke, war ihm selbst bei seinem alten Meister Schorel begegnet. »Was hast du?« fragte Moor so ruhig wie immer und legte dem befangenen Schüler die Sand auf den Arm. »Dein Werk scheint dir besonders zu gefallen?« »Es ist – ich weiß nicht –« stammelte Alrich. »Es kommt mir vor, als ob über Nacht ...« »Das geht wohl manchmal so,« unterbrach ihn der Meister. »Wenn einer es ganz ernst nimmt und sich sagt: die Kunst ist alles für mich und neben ihr ist das andere nichts als störender Tand, dann helfen ihm unsichtbare Mächte, und wenn er am Morgen wiedersieht, was er am Tage geschaffen, meint er, es sei ein Wunder geschehen!« Ulrich wurde bei diesen Worten blaß und rot. Zuletzt schüttelte er den Kopf und sagte kleinlaut: »Ja, aber diese Schatten an den Mundwinkeln – seht Ihr? – und dies Licht auf der Stirn, und da – schaut nur her, die Nasenflügel – die hab' ich gewiß nicht gemacht.« »Die kann ich so übel nicht finden,« fiel ihm Moor in die Rede. »Was freundliche Geister jetzt bei Nacht für dich schaffen, das sollst du in Antwerpen malen lernen am hellen Tage, zu jeder beliebigen Stunde.« »Ihr sagt in Antwerpen?« »Wir rüsten uns schon heut zum Aufbruch. In aller Stille muß das geschehen. Wenn Isabella fort ist, packst du deine besten Sachen in das kleine Felleisen. Vielleicht entweichen wir heimlich; wir waren lange genug in Madrid. Halte dich stets bereit. Keiner, hörst du, kein Mensch, auch nicht die Diener, dürfen ahnen, was vorgeht. Ich kenne dich; du bist kein Schwätzer.« Der Maler verstummte plötzlich und entfärbte sich, denn scheltende Männerstimmen waren vor der Tür der Werkstatt laut geworden. Auch Ulrich erschrak. Die Absicht des Meisters, Madrid zu verlassen, hatte ihn innig erfreut, denn sie entzog jenen der Gefahr, die ihm leicht aus seiner Unbesonnenheit erwachsen konnte. Aber als der Streit im Vorgemach lauter wurde, sah er schon die Alguacile in die Werkstatt dringen. Der Meister schritt der Tür entgegen, aber bevor er sie erreicht hatte, wurde sie aufgerissen und ein bärtiger Landsknecht trat über die Schwelle. Lachend und höhnend warf er den französischen Dienern, die ihn zurückzuhalten versucht hatten, einige Schimpfworte ins Gesicht, wandte sich dann dem Künstler zu und rief, indem er sich weit zurückneigte und die Arme mit stürmischer Innigkeit Moor entgegen warf: »Die welschen Wedler, die Tellerlecker, wollen mir wehren, meinem Wohltäter, meinem Freunde, dem großen Moor aufzuwarten und ihm meine Ehrfurcht zu bezeigen. Wie Ihr mich anschaut, Meister! Habt Ihr denn den Weihnachtstag zu Emmendingen vergessen, und den Hans Eitelfritz aus Kölln an der Spree?« Jede Spur von Besorgnis wich sogleich aus den Zügen des Malers. Freilich hatte er den bescheidenen Gesellen von damals in diesem Bramarbas nicht wieder erkannt. Der Märker war wunderlich ausstaffiert, so bunt und abenteuerlich gekleidet, daß er selbst unter seinesgleichen auffallen mußte. Das eine rot und blau geschlitzte Hosenbein reichte ihm weit bis über das Knie, während das andere, gelb und grün gestreifte, so kurz war, daß es sich nur wie ein wulstiger Muff um den Oberschenkel schloß. Und wie viele Puffen und Schlitze und Bänder verzierten sein Wams, wie bunte Federn den gezackten Rand des Baretts! Moor bot dem treuen Gesellen einen freundlichen Willkommen und gab ihm seine Freude zu erkennen, daß er ihn in so stattlichem Aufzuge wiederfinde. Er trage den Kopf jetzt höher als damals im Planenwagen und in den Quartieren, und das werde sein Recht sein. »Freilich,« entgegnete Hans Eitelfritz. »Bin seit neun Monaten Doppelsöldner, und unsereinem schaut das Leben anders ins Antlitz als einem armen Schächer von Gardenknecht, der sich durchs Land schlägt. Ihr kennt das Liedlein: Ein Elend gibt's auf Erden, Wohl ihm, der's nicht erkannt! Ein Gardenbruder werden And bettelnd zieh» durchs Land. Ach, und der Schlußsatz: Kommt nie, was uns gebührte, Will enden nie die Not? Du, der zum Sieg uns führte. Komm bald, du lieber Tod. Das habe ich damals oft nachgesungen, werter Herr; aber heute: Welt, was kostest du? Für tausend Zechinen ist sie mir noch lange nicht zu teuer!« »Beute gemacht, Hans?« »Muß noch besser kommen, Herr; aber es geht mir doch weidlich gut. Eitles Schlampampen! Sind unser drei aus Venezia hierhergekommen durch die Lombardei, von Genua zu Schiff nach Barcelona und dann durch dies dürre, steinige Land hierher nach Madrid.« »Um Dienst zu nehmen?« »Beileibe, nein. Bin bei meinem Fähnlein und Regiment zufrieden. Wir haben Farbenbilder hierher geleitet. Der große Meister Tizian hat sie gepinselt. Ihr kennt ihn sicher dem Namen nach. Da, seht das Beutelchen. Rappelvoll! Lauter Gold. Wer noch einmal König Philipp einen Knauserer schilt, dem schlag' ich die Zähne zusammen.« »Gute Botschaft, guter Lohn,« lachte Moor. »Habt Ihr auch Unterkunft und Verpflegung gefunden?« »Ein Bett wie der römische Kaiser, und auch sonst! Ich sagt' es schon, das reine Schlampampen. Heut abend ist's leider aus mit der Freude; aber ohne Euch meinen respektvollen Gruß entboten zu haben ... Sapperment, ist das da das Bürschchen, der Dreikäsehoch, der sich zu Emmendingen an den Mustertisch drängte?« »Freilich, freilich.« »Donnerwetter, der ist gewachsen. Heute mustern wir Euch gern, junger Herr. Könnt Ihr Euch auf mich besinnen?« »Gewiß,« entgegnete Ulrich. Ihr habt das Lied vom »Glücke« gesungen. »Das ist Euch im Gedächtnis geblieben?« fragte der Landsknecht. »Närrisches Zeug! Glaubt's oder glaubt's nicht, in Elend und lauter Jammer hatt' ich das lustige Stückchen erdacht, um das Herz zu wärmen. Jetzt geht mir's gut; und da glückt mir nur noch selten ein Verschen. Im Sommer braucht man halt keinen Ofen.« »Wo hat man Euch untergebracht?« »Hier in der »Alten Katze«. So heißt ja wohl dies Goliathschlößchen.« Nachdem der Landsknecht sich nach dem Narren erkundigt und einen Becher Wein mit Moor und Ulrich getrunken hatte, nahm er Abschied von beiden, und bald darauf begab sich der Meister allein in die Stadt. Zur gewöhnlichen Stunde erschien Isabella Coello mit der Duenna in der Werkstatt und bemerkte dort sogleich die Wandlung, die mit dem Bildnis Sofonisbas vorgegangen war. Ulrich stand neben ihr auf der Staffelei, während sie sein Werk betrachtete. Sie brauchte dazu lange, lange Zeit und sprach kein Wort. Nur einmal unterbrach sie das Schauen und fragte: »Und du, du hast das gemacht, das hier – ohne den Meister?« Da schüttelte Ulrich verneinend das Haupt und sagte kleinlaut: »Er meint wohl, es sei mein eigenes Werk; und doch – ich kann's nicht begreifen.« »Ich aber, ich,« rief sie lebhaft und fuhr fort zu sehen und zu prüfen. Endlich wandte sie ihm das freundliche, runde Gesichtchen zu, schaute ihn mit feuchten Augen an und sagte so tief inniglich, daß es Ulrich das Herz bewegte: »Wie mich das freut! So etwas brächt' ich niemals zustande. Du wirst noch einmal ein großer Künstler werden, ein ganz, ganz großer wie Moor. Gib acht, du wirst es! So schön, wie das ist ... ich kann's gar nicht sagen!« Das Blut drängte sich bei diesen Worten Ulrich zu Kopfe, und kam es von dem feurigen Wein, den er vorher genossen, oder von dem prophetischen Worte des entzückten Mädchens, oder von beidem zugleich – kurz, er fühlte sich wie berauscht und wußte kaum, was er tat und sagte, als er die kleine Hand Isabellas faßte, das Lockenhaupt stürmisch zurückwarf und begeistert ausrief: »Gib acht, du wirst recht behalten, Belica; ich werde ein Künstler. Die Kunst, nur die Kunst! Der Meister hat es gesagt: alles andere ist nur störender Tand, Ja, ich fühl' es, hier fühl' ich's, der Meister hat recht!« »Ja, ja,« rief Isabella, »groß, ganz groß sollst du werden.« »Und glückt es mir nicht, und bring' ich nichts wieder zustande, wie das da ...« Hier stockte er plötzlich, denn es kam ihm in den Sinn, daß er fortzog, vielleicht schon morgen, und so fuhr er ruhiger und wehmütig fort: »Gewiß, verlaß dich darauf; ich will tun, was ich vermag, und wie es auch kommt, nicht wahr, du freust dich immer, wenn es mir glückt – und käm' es anders ...« »Nein, nein!« rief sie eifrig. »Du kannst alles erreichen, und ich, ich; du weißt ja gar nicht, wie glücklich mich's macht, daß du mehr kannst als ich!« Da hielt er ihr wieder die Hand hin, und als sie sie innig erfaßte, rief die herbe Stimme der wachsamen Duenna: »Was soll das, Sennorita? An die Arbeit, bitt' ich. Die Zeit ist kostbar, sagt der Herr Vater.« Achtzehntes Kapitel Die Zeit ist kostbar! Das hatte sich auch Magister Kochel gesagt sein lassen, sobald ihn Ulrich gestern verlassen. Den niederländischen Maler zu bewachen und Gravamina an ihm zu finden, dafür war er gedungen im Namen einer ungenannten Macht, die er wohl kannte. Das Spionieren und Angeben, dem er schon seit Jahren im Dienste der heiligen Inquisition mit Eifer oblag, nannte er »der Kirche dienen«. Er hoffte früher oder später durch eine Pfründe belohnt zu werden, aber wenn diese ihm auch entging, brachte ihm doch die Angeberei so viel ein, als er bedurfte, und sie war für ihn Herzenslust und Lebensbedürfnis geworden. Er hatte in Köln als Predigermönch seine Laufbahn begonnen und war mit einigen der alten Ordensbrüder in Verbindung geblieben. Auch die Magister Sutor und Stubenrauch, welche Moor in der vorletzten Adventszeit in seinen Wagen gastlich aufgenommen hatte, beantworteten zuweilen seine brieflichen Anfragen. Er wußte längst, daß die ungewöhnliche Gunst, die der König dem Maler erwies, nicht nur den Häuptern der heiligen Inquisition, sondern auch den Würdenträgern am Hofe und den Gesandten ein Greuel war, doch das stille, makellose Leben des Künstlers bot keinerlei Handhabe, ihm zu Leibe zu gehen. Bald sollte ihm indessen aus der Ferne unerwartete Hilfe kommen. Ein Brief traf ein, den Sutor diktiert und Stubenrauch in dem ihm und seinesgleichen geläufigen bösen Latein geschrieben hatte. – Er enthielt unter anderem einen Reisebericht, und in diesem war viel von Moor die Rede. Das edle Paar bezichtigte ihn einer ketzerischen und üblen Gesinnung. Er habe sie, hieß es, statt sie an das Ziel der Reise zu geleiten, wie er verheißen, in einer elenden Schenke am Wege unter wilden, gottlosen Landsknechten ausgesetzt, wie die Mutter Moses ihr Knäblein. Und solcher Mann, das habe man zu Köln mit Befremdung vernommen, dürfe sich der Gunst des allerkatholischsten Königs Philipp rühmen. Kochel möge zusehen, daß dieser Aussätzige an der Seele nicht als räudiges Schaf in die Herde dringe oder gar den Hirten abwendig mache von der rechten Weide. Auf diesen Brief hin hatte der Magister Ulrich an sich gelockt. Das Ungeheure, das er heute von dem jungen Maler erfahren, setzte allem Gehörten die Krone auf und konnte als Grundlage für die Anklage dienen, daß der ketzerische Niederländer – und man war geneigt, alle Niederländer von vornherein für Ketzer zu halten – den Sinn des Königs mit Zauberkünsten verwirrt und mit Stricken des Bösen an sich gefesselt habe. Seine Feder war schnell, und so konnte er sich noch am selben Abend mit den Akten und der Anklageschrift in den Inquisitionspalast begeben. Am nächsten Tage war er daselbst lange zurückgehalten worden, um mündliche Aussagen zu Protokoll zu geben. Als er das finstere Gebäude verließ, beseelte ihn die frohe Überzeugung, daß er sich nicht vergebens bemüht habe und der Niederländer ein verlorener Mann sei. Im Schatzhause wurde am Nachmittag in aller Stille zum Aufbruch gerüstet. Der Meister war von tiefer Unruhe erfüllt, denn einer der königlichen Lakaien, der ihm besonders ergeben war, hatte ihm mitgeteilt, daß ein verkleideter Munnidor der Dominikaner – er kenne ihn gut – bis vor die Tür der Werkstatt gedrungen sei und sich dort mit einem der französischen Diener unterredet habe. Das bedeutete soviel als Feuer unter dem Dache, als Wasser im Schiff, als Pest im Haus. Sofonisba hatte ihm sagen lassen, er werde noch heute von ihr hören. Aber die Sonne stand schon tief, und weder sie selbst noch die Botschaft erschien. Er versuchte zu malen, aber es wollte nicht gehen, er schaute in den Garten und zu der fernen Guadarramakette hinüber, und diesmal blieb er unberührt von dem Zauber des zarten veilchenblauen Duftes, der die starren, nackten Felsenmassen des Gebirges umwallte. Was ihm die Seele in Aufruhr versetzte, war nicht die blasse Furcht vor Folterqualen und Tod, sondern Ingrimm und Ungeduld, untermischt mit bitterer Enttäuschung. Es waren Stunden gekommen, in denen sein Herz Philipp entgegengeschlagen und an seine Freundschaft geglaubt hatte. Und nun? Es war dem Könige nichts wert an ihm als sein Pinsel! In trübe Gedanken versunken, stand er noch immer am Fenster, als endlich Sofonisba gemeldet wurde. Sie kam nicht allein, sondern am Arm Don Fabbrizio di Moncadas. Gestern in der letzten Stunde des Balles hatte sie dem Sizilianer freiwillig die Hand gereicht und seine treue Werbung mit dem Jaworte belohnt. Moor war erfreut – gewiß, er war es von Herzen, und er sprach es auch aus, aber er empfand doch einen schneidenden Schmerz, und als der Baron ihm in seiner schlichten, vornehmen Weise für die treue Freundschaft dankte, die er Sofonisba und ihren Schwestern stets erwiesen, und dann berichtete, wie gnädig die Königin ihre Hände ineinander gelegt habe, hörte er ihm nur mit halbem Ohre zu, denn mancherlei Zweifel und Ahnungen beängstigten ihn. Hatte das Herz Sofonisbas das »Ja« gerufen, oder hatte sie ihm und seiner Sicherheit ein schweres Opfer gebracht? Vielleicht fand sie wahres Heil an der Seite dieses würdigen Mannes, aber warum hatte sie sich ihm jetzt, gerade jetzt zu eigen gegeben? – Und nun fuhr es ihm durch den Sinn, daß die verwitwete Marquesa Romero, die allmächtige Freundin des Großinquisitors, die Schwester Don Fabbrizios war. Sofonisba hatte ihrem Bräutigam das Wort gelassen; als aber die Türen des hell erleuchteten Empfangszimmers geöffnet und die Kerzen in der Werkstätte entzündet wurden, konnte das Mädchen den Zwang, welchen es sich bis dahin auferlegt hatte, nicht länger ertragen und raunte dem Maler hastig und in gebrochenen Lauten zu: »Entlaßt die Diener, schließt die Werkstätte und folgt uns.« Moor tat, wie ihm geheißen, und er und der Baron gehorchten ihr auch willig, als sie vorschrieb, zu untersuchen, ob kein Unberufener in den Nebenzimmern verweile. Sie selbst lüftete die Vorhänge und spähte in den Kamin. So bleich hatte sie der Künstler selten gesehen. Unfähig, die Muskeln des Antlitzes, die Schultern und Hände ruhig zu halten, trat sie in die Mitte des Zimmers, winkte die Männer in ihre Nähe, führte den Fächer zum Munde und sagte mit gedämpfter Stimme: »Don Fabbrizio und ich sind nun eins. Gott hört mich! Ihr Meister, Ihr seid in großer Gefahr und von Horchern umgeben. Sie haben den Vorfall von gestern belauscht. Er ist in aller Munde. Mein Bräutigam hat Erkundigungen eingezogen. Es liegt eine Anklage gegen Euch vor. Die Inquisition schreitet gegen Euch ein. Die Denunzianten nennen Euch einen Ketzer, einen Zauberkünstler, der den König behext hat. Morgen oder übermorgen heben sie Euch auf. Der König ist in furchtbarer Stimmung. Der Nunzius hat ihn offen gefragt, ob es wahr sei, daß er gestern in Eurer Werkstatt eine verruchte Beleidigung erfahren. Ist alles bereit? Könnt Ihr fliehen? Moor senkte bejahend das Haupt. »Wohl denn,« unterbrach der Baron seine Braut; »so bitte ich Euch, mich zu hören. Ich habe Urlaub nach Sizilien genommen, um den Segen meines Vaters zu erbitten. Es wird mir nicht leicht, mich jetzt im Angesicht der Erfüllung meiner heißesten Wünsche von meinem Glück zu trennen; – aber Sofonisba hat zu befehlen, und ich gehorche. Ich gehorche auch gern, denn gelingt es mir. Euch zu retten, wird ein neuer schöner Stern den Himmel meiner Erinnerung schmücken.« »Kurz, schnell!« bat Sofonisba und klammerte die Hand fest um die Lehne eines Sessels. »Ihr fügt Euch, Meister; ich verlang', ich befehl' es!« Moor verneigte sich, und Don Fabbrizio fuhr fort: »Um vier Uhr morgens brechen wir auf. Statt Liebesschwüre zu tauschen, haben wir Kriegsrat gehalten. Es ist alles bedacht. In einer Stunde kommen meine Diener und verlangen das Bild meiner Braut; statt des Gemäldes wird Euer Gepäck in die Kiste gelegt. Vor Mitternacht stellt Ihr Euch bei mir ein. Ich habe Pässe für mich, sechs Diener, den Reisemarschall und den Kaplan. Pater Clemente bleibt bei meiner Schwester sicher verborgen. Ihr begleitet mich in geistlicher Tracht. Dürfen wir auf Eure Zustimmung rechnen?« »Mit aller Erkenntlichkeit eines dankbaren Herzens, aber ...« »Aber?« »Da ist noch mein alter Diener und mein Schüler Ulrich Navarrete.« »Der Alte ist schweigsam, Don Fabbrizio!« fiel Sofonisba ein. »Wenn man ihm das Reden völlig verbietet ... Er ist dem Meister notwendig.« »So mag er Euch begleiten,« sagte der Baron. »Was den Navarrete anbetrifft, so wird er uns helfen müssen, die Flucht zu sichern und die Verfolger auf falsche Fährten zu führen. Der König hat Euch eine Reisekalesche verehrt ... Um halb Zwölf laßt sie anspannen und verlaßt in ihr den Alkazar. Vor unserem Schlosse steigt Ihr aus und bleibt bei mir. Navarrete, den jeder kennt – wer hätte den prächtigen Blondkopf im schmucken Habit nicht bemerkt –, bleibt bei dem Wagen und begleitet ihn auf der Straße nach Burgos, so weit er kommt. Ein besserer Lockvogel wie er läßt sich nicht denken, und zudem ist er flink und ein trefflicher Reiter. Gebt ihm Euer eigenes Pferd, den andalusischen Schimmel. Wenn ihn die Häscher einholen sollten ...« Hier unterbrach Moor den Baron und sagte ernst und entschieden: »Mein alterndes Dasein ist mit diesem jungen Leben zu teuer bezahlt. Ich bitte, steht ab von diesem Teil Eures Plans.« »Unmöglich!« rief der Sizilianer. »Wir gebieten nur über Stunden, und wenn sie ihm nicht nachsetzen, so verfolgen sie uns, und Ihr seid verloren.« »Und dennoch – « begann Moor; Sofonisba aber fiel ihm, der Sprache kaum mächtig, ins Wort: »Er dankt Euch alles! Ich kenn' ihn! Wo ist er?« »Laßt uns die Ruhe bewahren!« rief der Niederländer. »Ich rechne nicht auf die Gnade des Königs, aber vielleicht erinnert er sich in der entscheidenden Stunde, was wir einander gewesen; wenn Ulrich dagegen den gereizten Löwen um die Beute gebracht hat und man ihn ergreift ...« »Meine Schwester soll über ihn wachen,« beteuerte der Baron; Sofonisba aber riß die Tür auf, eilte in die Werkstätte und rief dort, so laut sie konnte: »Ulrich, Ulrich!« und noch einmal »Ulrich!« Die Männer waren ihr gefolgt, und kaum hatten sie die Schwelle überschritten, als sie heftig an die verschlossene Tür des Schülerzimmers klopfen und Ulrich fragen hörten: »Was gibt es? Öffnet die Tür!« Bald darauf stand er den anderen gegenüber und fragte bleich und mit bang pochendem Herzen: »Was soll ich?« »Deinen Meister retten!« rief Sofonisba. »Bist du ein Wicht oder schlägt dir ein treues Künstlerherz in der Brust? Fürchtest du dich, für diesen Mann in Gefahr, vielleicht in den Tod zu gehen?« Da rief der Jüngling so froh, als sei ihm eine Zentnerlast vom Herzen genommen: »Nein, nein! Und wenn es mein Leben gilt, um so besser! Da bin ich! Stellt mich hin, macht mit mir, was Ihr wollt! Er hat mir alles gegeben, und ich, ich habe ihn verraten. Es muß heraus, und wenn Ihr mich tötet! Ausgeplaudert, herausgeschwatzt hab' ich – wie ein Narr, wie ein Kind – was ich hier gestern zufällig gesehen. Meine, meine Schuld ist es, wenn sie ihn verfolgen. Verzeiht mir, o Meister, verzeiht mir! Macht mit mir, was Ihr wollt. Schlagt mich, mordet mich, und ich segne Euch dennoch!« Der junge Künstler war bei den letzten Worten vor dem geliebten Lehrer auf die Knie gesunken und hatte stehend die Hände zu ihm erhoben. Da beugte sich Moor zu ihm nieder und sagte mit freundlichem Ernst: »Steh auf, armer Schelm. Ich zürne dir nicht.« Und als Ulrich dann wieder vor ihm stand, küßte er ihm die Stirn und fuhr fort: »In dir und in dieser hab' ich mich nicht getäuscht. Ihr, Don Fabbrizio, empfehlet den Navarrete dem Schutze der Frau Marquesa und eröffnet ihm, was wir von ihm begehren. Es würde ihm kaum zum Glücke gedeihen, wenn sich vollzöge, was meine Unbedachtsamkeit und sein Leichtsinn verschuldet. Ein Unrecht zu sühnen tut wohl. Ob du mich rettest, Ulrich, ob ich erliege – gleichviel; – du bist und bleibst mein treuer, lieber Gesell!« Da warf sich der Schüler weinend an die Brust des Meisters, und als er erfuhr, was man von ihm verlangte, strahlte er vor Freude und Tatenlust, und er meinte, es könne ihm nichts Süßeres begegnen, als für den Meister zu sterben. Wie die Glocke der Schloßkapelle zur Vesper rief, mußte sich Sofonisba von dem Freunde trennen; denn es war ihre Pflicht, mit der Königin dem Nokturnus in der Schloßkapelle beizuwohnen. Don Fabbrizio wandte sich ab, als sie Moor den Abschied bot. »Wenn du mein Glück willst, so mache ihn glücklich,« flüsterte der Meister ihr zu; sie aber fand keine Worte und nickte nur schweigend. Da zog er sie leise an sich, küßte ihr die Stirn und sprach: »Es gibt ein hartes und doch tröstliches Wort: Lieben ist göttlich; göttlicher noch ist Entsagen. Zu dem Freunde hast du heute den Vater gewonnen. Grüße deine Schwestern! Gott segne dich, Kind.« »Und dich, dich!« schluchzte das Mädchen. So inbrünstig wie Sofonisba Anguisciola an diesem Abend hatte in der prunkenden Kapelle des Alkazar noch kein Menschenkind für das Heil eines anderen gebetet. Und die Braut Don Fabbrizios flehte auch um Frieden und Ruhe im eigenen Herzen und Kraft, zu vergessen und das zu gewähren, was ihre Pflicht war. Neunzehntes Kapitel Eine halbe Stunde vor Mitternacht bestieg der Meister die Kalesche und Ulrich Navarrete den andalusischen Schimmel. Moor hatte schon in der Werkstätte tief bewegt von seinem Pflegling Abschied genommen, ihm als Reisegeld und für alle Fälle einen Beutel mit Gold übergeben und ihm gesagt, daß er bei ihm in Flandern stets ein Heim, einen Vater, Liebe und Lehre finden werde. Vor dem Palaste Don Fabbrizios stieg der Maler aus; um weniges später zog Ulrich das Leder vor dem Verschlag der Kalesche geräuschvoll zu und rief dann dem Kutscher, der Moor schon manchmal, wenn er unerwartet auf ein Lustschloß des Königs entboten worden war, bei Nacht gefahren hatte, ein »Vorwärts!« zu. Am Tore wurden sie angehalten, aber die Wächter kannten die Kalesche des Günstlings und seinen blonden Schüler, bewilligten diesem das Geleit, das er für seinen Meister verlangte, und so ging es vorwärts; erst eilig, dann mit guter Rast für die Pferde. Dem Kutscher sagte er, Moor sei auf der zweiten Station ausgestiegen und werde mit Seiner Majestät bis Avila reiten. Dort wünsche er den Wagen zu finden. Auf dem ganzen Wege dachte er wenig an sich selbst und desto mehr an den Meister. Wenn die Häscher am Morgen nach der Abfahrt aufgebrochen und ihm statt dem Reisezuge Don Fabbrizios gefolgt waren, konnte Moor jetzt schon gerettet sein. Er kannte die Namen der auf dem Wege nach Valencia liegenden Städte und dachte: jetzt kann er hier, jetzt kann er dort sein, nun muß er sich Tarancon nähern. Am Abend ward die berühmte Festung Avila erreicht, wo er der Verabredung gemäß das Fuhrwerk verlassen und versuchen sollte, auf eigene Hand zu entkommen. Der Weg führte durch den von hohen Mauern und tiefen Gräben rings umgürteten Ort. Es gab keine Möglichkeit, ihn zu umgehen; und doch war die Zugbrücke schon aufgezogen und das Tor verschlossen; so rief er denn den Wächter kecklich an und zeigte den Paß. Ein Offizier verlangte den Maler zu sehen. Ulrich versicherte, daß er ihm nachfolgen werde; doch der Soldat gab sich nicht zufrieden und befahl ihm abzusteigen und ihm zu dem Kommandanten zu folgen. Da schlug Ulrich dem Andalusier die Sporen in die Flanken und suchte auf dem Weg, den er gekommen, das Weite. Aber das Roß hatte den Lauf kaum begonnen, als ein Schuß fiel, der es zu Boden streckte. Der Reiter wurde als Gefangener in die Wache geschleppt und einem peinlichen Verhör unterzogen. Der Verdacht lag nahe, daß er Moor erschlagen und sich seiner Barschaft bemächtigt habe, denn man hatte den mit Dukaten gefüllten Beutel bei ihm gefunden. Während man ihm Ketten anlegte, zogen die Häscher in Avila ein. Ein neues Verhör begann und nun folgte Prüfung auf Prüfung, Marter auf Marter. Schon zu Avila wurde ihm ein Sack über den Kopf geworfen. Man öffnete ihn nur, wenn man ihn, um ihn am Leben zu erhalten, mit Wasser und Brot speiste. Fest an einen mit Maultieren bespannten zweirädrigen Karren geschnürt, schleppte man ihn über Stock und Stein nach Madrid. Oft meinte er im Dunkeln, mit gehemmtem Atem, gestoßen, geschleudert, keines Gedankens, selbst der Stimme nicht mächtig, vergehen, ersticken, enden zu müssen, und doch erbarmte sich keine Ohnmacht, kein Augenblick völliger Besinnungslosigkeit und noch weniger ein mitleidiges Menschenherz seiner Qualen. Endlich, endlich band man ihn los und führte ihn, immer noch mit verhülltem Haupte, in einen kleinen dunklen Raum. Hier wurde er zwar von dem Sacke befreit, doch mit neuen Ketten belastet. Als er allein war und die Fähigkeit zu denken und zu überlegen zurückerlangt hatte, gewann er die Überzeugung, daß er sich in einem Kerker der Inquisition befinde. Das waren die feuchten Mauern, das die hölzernen Schlafbänke, dies war die Fensteröffnung in der Decke, von der er gehört hatte. Er sollte bald erfahren, daß er richtig vermutet. Acht Tage gönnte man seinem Körper Ruhe, aber während dieser gräßlichen Woche hörte er nicht auf, sich einen Verräter zu schelten und das Geschick zu verwünschen, das ihn nun schon zum zweiten Male mißbrauchte, um einen Freund und Wohltäter ins Verderben zu stürzen. Er verfluchte sich selbst, und wenn er an das »Wort« dachte, »das Glück, das Glück!« knirschte er höhnisch mit den Zähnen und ballte die Faust. Seine junge Seele war ganz umdüstert, verbittert, aus den Fugen gestoßen. Er sah keine Rettung, keine Hoffnung, keinen Trost. Er versuchte zu beten, zu Gott, zu Jesus Christus, zu der Jungfrau, den Heiligen, aber sie standen ihm alle mit erstorbenen Zügen und lahmen Armen vor Augen. Für ihn, der seine Sache auf das Glück gestellt und wie ein Sinnloser gehandelt hatte, besaßen sie kein Erbarmen, kein Mitleid, wollten sie die Hände nicht rühren. Aber bald kehrte ihm die alte Lebenskraft und mit ihr der Mut zurück, die Seele im Gebet zu erheben. Im Verhör, bei der Folter gewann er sie wieder. – Wochen und Monate vergingen. Er saß immer noch in der dumpfen Zelle, mit Ketten beladen, mit Wasser und Brot dürftig gespeist, den Tod vor Augen; aber ein frischer, gesunder Trotz und rüstiger Wille zu leben beseelten nun den mit sich selbst versöhnten Jüngling. Auf der Folterbank hatte er das Recht zurückgewonnen, sich selbst zu achten, und sich das Lob des Meisters, die Billigung der Lebenden und seiner Verstorbenen erstritten. Noch brannten die Wunden an den armen, gequetschten, zerfleischten Händen und Füßen. Der Arzt hatte sie gesehen, und als sie zuheilten, das Haupt verwundert geschüttelt. Ulrich freute sich seiner Narben, denn im Bock und in den spanischen Stiefeln, auf Nägeln und der kantigen Bank, im eisernen Halsband und mit dem erstickenden Helm auf dem Haupte, hatte er standhaft verschwiegen, durch wen und wohin der Meister entwichen. Sie mochten nur wiederkommen und ihn sengen und spießen; durch ihn sollten sie sicher nichts erfahren, nicht so viel! Es war ihm kaum bewußt, daß er ein Recht auf Vergebung habe; doch er fühlte es: er war gesühnt! Und nun konnte er auch wieder an die Vergangenheit denken. Die heilige Jungfrau trug wieder die Züge seiner verlorenen Mutter, sein Vater, Ruth, Pellicanus, Moor schauten ihm freundlich ins Antlitz. Aber das hellste Licht schien in der dunklen Kerkernacht in seine Seele, wenn er der Kunst und seines letzten Werkes gedachte. Das stand greifbar deutlich, farbig, wie auf der Leinwand, Zug für Zug vor ihm und er pries sich glücklich, daß er's zustande gebracht, und er würde noch einmal und zweimal und dreimal in die Folterkammer gegangen sein, wenn er dadurch die Sicherheit erlangt hätte, noch andere Werke wie dies und vielleicht noch edlere, schönere zu schaffen. »Die Kunst! die Kunst!« Vielleicht war das das »Wort«, und wenn nicht, so war sie doch das Höchste, das Köstlichste, das Reizvollste im Leben, neben dem alles andere klein, erbärmlich und fade erschien. Mit welch einem andern Worte konnte Gott die Welt, die Menschen, die Tiere und Pflanzen erschaffen haben, als mit ihm? Der Doktor hatte oft jede Blume, jeden Käfer ein Kunstwerk genannt, und Ulrich verstand jetzt durchaus seine Meinung und konnte sich vorstellen, wie der Allmächtige mit dem Schaffensdurst und dem Gestaltungsvermögen des größten aller Künstler die Riesenkörper der Gestirne gebildet, den Himmel mit leuchtendem Blau grundiert, die Berge gezackt und gerundet, allem, was läuft und kriecht und fliegt und grünt und blüht, Form und Farbe gegeben und dem Menschen nach seinem eigenen Bilde die Gestalt der Gestalten verliehen habe. Wie wundervoll wollten ihm in der Einsamkeit des dunklen Kerkers die Werke Gottes erscheinen, und wenn die Welt schön war, so war sie sein Kunstwerk! Himmel und Erde kannten kein größeres, mächtigeres. Schöneres wirkendes Wort als: die Kunst . Was waren gegen seine Gaben die elenden, trügerischen Geschenke des Glücks: bunte Kleider, gepfefferte Speisen, prunkende Zimmer und winkende Blicke aus schönen Augen, die jedem entgegenlachen, der ihnen gefällt! In die Luft blasen wollt' er sie alle für den Beistand der Kunst bei freudigem Schaffen. Lieber, tausendmal lieber Bettelbrot essen und in der Kunst Großes erreichen, als im Glücke prassen und schwelgen! Farben, Farben, Leinwand, ein Vorbild wie Sofonisba und Gelingen im Reiche der Kunst! Das war es, wonach er sich sehnte, was ihn mit so heißem, leidenschaftlichem Verlangen nach Erlösung, nach Freiheit lechzen ließ. Die Monde verflossen, und sie reiften Ulrich so schnell, als wären es Jahre; aber es ward in ihnen die Neigung, sich in sich selbst zurückzuziehen, in starre Abgeschlossenheit verhärtet. Endlich kam der Tag, an dem sich ihm durch den Einfluß der Marquesa Romero die Tore des Kerkers öffneten. Kurz, nach einer scharfen Mahnung, beim nächsten Verhör von seiner Verstocktheit zu lassen, wurde ihm plötzlich mitgeteilt, daß er frei sei. Der Schließer nahm ihm die Ketten ab und half ihm das Gefangenenkleid mit dem Anzug vertauschen, in dem er ergriffen worden war, dann warfen ihm Vermummte einen Sack über den Kopf und führten ihn über Treppen und Pflaster, durch Staub und Rasen in den kleinen Hof eines verlassenen Vorstadthauses. Dort verließen sie ihn, und bald hatte er das Haupt von der Umhüllung befreit. Wie mundete ihm die freie Gottesluft, wie hob sich ihm die Brust so froh und dankbar! Er streckte die Arme weit aus, wie ein Vogel, der sich zum Fluge bereitet, schlug dann die Hände vor die Stirn und stürzte endlich, als werde er zum zweiten Male verfolgt, aus dem Hof in die Straße. Die Vorübergehenden schauten ihm kopfschüttelnd nach, und er bot auch einen befremdlichen Anblick, denn der Anzug, in dem er vor langen Monden geflohen war, hatte bei der Fahrt von Avila großen Schaden gelitten; der Hut war unterwegs abhanden gekommen und durch keinen neuen ersetzt worden. Manschetten und Kragen, die zu seinem Habit gehörten, fehlten durchaus, das volle blonde Haar hing ihm verwildert über Nacken und Schläfen, sein rosiges, volles Antlitz war schmäler geworden, seine Augen schienen sich vergrößert zu halben, und an Lippe und Kinn war im Gefängnis ein weiches Bärtchen erwachsen. Er zählte nun achtzehn Jahre, aber er sah älter aus, und der Ernst, der ihm auf der Stirn lag und aus den Augen schaute, gab ihm das Ansehen eines Mannes. Ohne zu fragen, wohin, war er vorwärts gelaufen. Nun erreichte er eine belebte Straße und hemmte den Schritt. War er in Madrid? Ja, denn dort blaute die Guadarramakette, er kannte sie Wohl. Das waren die kleinen Bäume, über die der Schwarzwälder oft gelächelt hatte und die ihm heute groß und prächtig erschienen. Nun stolzierte auch ein Toreador, den er mehr als einmal in der Arena bewundert, an ihm vorüber. Dies war das Tor, wodurch er neben der Kalesche des Meisters Madrid verlassen. Er mußte in die Stadt, aber was sollte er dort beginnen? Ob man ihm mit den Kleidern das Gold des Meisters zurückgegeben? Er durchsuchte die Taschen, aber statt des vollen Beutels fand er nur einige große Silberstücke, von denen er gewiß wußte, daß er sie bei der Gefangennahme nicht besessen. In einer Garküche hinter dem Tore genoß er nach langer Entbehrung Fleisch und Wein, und dabei besann er sich und beschloß, Don Fabbrizio aufzusuchen. Der Torhüter wies ihn ab, nachdem er aber seinen Namen genannt hatte, lud er ihn freundlich ein in den Vorhof und teilte ihm mit, daß der Herr sich mit der Frau Gemahlin auf dem Lande bei der Marquesa Romero befinde. Dienstag würden die Herrschaften zurückerwartet und ihn wohl auch empfangen, denn sie hätten schon mehrmals nach ihm gefragt. Der junge Herr komme doch wohl aus der Fremde; in Madrid sei es Sitte, Hüte zu tragen. Da bemerkte Ulrich, was ihm fehle, aber bevor er weiterging, um es zu ergänzen, fragte er den andern, ob er wisse, was aus dem Meister Moor geworden. Gerettet! Er war gerettet! Vor mehreren Wochen hatte Donna Sofonisba einen Brief von ihm aus Flandern erhalten, und der Gewährsmann Ulrichs war wohl unterrichtet, denn sein Weib bediente als Doncella die Person der Baronin. Glückselig, außer sich vor heller, herzerwärmender Freude eilte der Befreite von dannen, kaufte sich schnell ein neues Barett und suchte dann den Alkazar auf. Vor dem Schatzhause stand an Stelle des alten Santo, des Vaters der schönen Carmen, ein großer, breiter Portero, noch jung von Jahren, und wies ihn schroff ab. Meister Moor, schalt der Torhüter, sei längst nicht mehr da; den Herren Malern pflege das Hemd nicht aus dem Ärmel zu schauen, und wenn er nicht ginge, so würde er ihn fassen und in die Wache stecken, wohin er wahrscheinlich gehöre. Unwillig und stolz wies Ulrich die beleidigenden Worte des Torhüters zurück, denn er war nicht mehr der gefügige Knabe von früher, und bald gewann der Streit ein ernsteres Ansehen. Da trat aus dem Tor des Schatzhauses ein zierliches Weibchen, sauber für den Abendspaziergang geputzt, die Mantilla auf den Locken, eine Granatblüte im Haar und eine andere im Busen. Fächerwedelnd und wie eine Bachstelze auf den Stöckeln unter den kleinen Schuhen herantrippelnd und schwänzelnd kam sie gerade auf die Streitenden zu. Ulrich erkannte sie sogleich: es war Carmen, die schöne Stickerin aus der Muschelgrotte im Park, nunmehr die Gattin des neuen Portero, welcher mit der Tochter zugleich auch das Amt seines verstorbenen Vorgängers erfreit hatte. »Carmen!« rief Ulrich, sobald er das hübsche Frauchen bemerkte, und fügte dann zuversichtlich hinzu: »Dies Fräulein kennt mich.« »Ich?« fragte die junge Frau und rümpfte das Näschen, während sie die ärmliche Tracht des lang aufgeschossenen Gesellen betrachtete. »Wer seid Ihr?« »Meister Moors Schüler, Ulrich Navarrete; wißt Ihr nicht mehr?« »Ich, ich? Ihr müßt Euch wohl irren!« Damit schlug sie den Fächer zusammen, daß es laut klappte, und trippelte weiter. Ulrich zuckte die Achseln und wandte sich dann höflicher als vorher an den Portero, und diesmal sollte er zum Ziele gelangen; denn der Leibdiener des Malers Coello trat aus dem Schatzhause und zeigte sich gern bereit, ihn bei seinem Herrn zu melden, der nunmehr als Hofmaler Moors Quartier inne hatte. Ulrich folgte dem freundlichen Pablo in den Palast, und bei jeder Stufe, die er erstieg, mußte er des Meisters und früherer Tage gedenken. Wie er endlich im Vorzimmer stand und der Geruch der frischen Ölfarbe, die in einem Seitengemache gerieben wurde, ihm in die Nase stieg, sog er ihn nicht weniger wollüstig ein als vor einer Stunde die lang entbehrte freie Gottesluft. Auf welchen Empfang durfte er rechnen? Wie leicht konnte der Hofmaler sich scheuen, mit dem Pflegling und Schüler des in Ungnade gefallenen Moor in Berührung zu treten. Coello war ein anderer Mann wie der Meister, ein Kind des Augenblicks, jeden Tag anders. Einmal stolz und abweisend, ein anderes Mal ein ausgelassener, lustiger Kumpan, der mit den eigenen Kindern und auch mit ihm wie mit seinesgleichen gescherzt und getobt hatte. Wenn er gerade heute ... Aber Ulrich behielt nicht lange Zeit zu solchen Erwägungen, denn wenige Minuten, nachdem ihn Pablo verlassen, wurde die Tür aufgerissen und die ganze Familie Coello eilte ihm jubelnd entgegen; allen voran Isabella. Sanchez folgte ihr auf dem Fuß, und dann kam der Meister und hinter ihm seine schwerfällige, breit auseinander geflossene Gemahlin, die Ulrich früher nur selten gesehen hatte, weil sie gewöhnt war, den ganzen Tag mit ihrem Hündchen auf dem Ruhebett zu liegen. Ganz zuletzt erschien auch die Duenna Catalina mit einem bittersüßen Lächeln um den Mund. Dafür war der Empfang, den die anderen ihm boten, um so schrankenloser freudig und herzlich. Isabella legte ihm die Hände auf den Arm, als ob sie mit ihnen fühlen wolle, daß er wirklich da sei, und schüttelte doch, als sie ihn näher anblickte, den Kopf wie vor etwas Fremdem. Sanchez umarmte ihn und drehte sich mit ihm im Kreise herum, der Vater schüttelte ihm mit vielen guten Worten die Hände, die Mutter wandte sich an die Duenna und rief: »Heilige Jungfrau, was ist aus dem hübschen Jungen geworden! Wie verhungert er aussieht! Gleich, gleich geht Ihr zu Maestro Diego in die Küche, Catalina, und laßt ihm Essen bringen, Essen und Trinken.« Endlich zogen und schoben ihn alle in den Wohnraum. Dort warf sich die Mutter gleich wieder auf den Diwan, die anderen aber fragten ihn aus und ließen sich erzählen, wie es ihm ergangen, woher er komme und vieles andere. Er war nicht mehr hungrig, aber Frau Petra zwang ihn, während des Erzählens einen Kapaun, den er auf dem Schoß halten mußte, neben ihrem Lager aufzuessen. Aus jedem Gesicht sprach Teilnahme, Billigung, Mitleid, und zuletzt sagte der Vater: »Jetzt bleiben wir hier, Navarrete. Der König lechzt nach dem Moor, und du bist sicher bei uns wie in Abrahams Schoß. Wir haben für dich zu tun, tüchtig zu tun. Du kommst mir wie vom Himmel gefallen. Ich wollte eben einen Gehilfen aus Venedig verschreiben. Heiliger Jakobo, so kannst du freilich nicht bleiben, aber dank der Madonna und unserem Moor, du brauchst nicht zu sparen. Wir haben es über und über, mein junger Herr. Donna Sofonisba hat mir hundert Zechinen für dich gegeben, da drinnen im Schranke liegen sie und sind gottlob beim Warten nicht ungeduldig geworden. Sie stehen dir zur Verfügung. Dein Meister, mein Meister, aller Bildnismaler herrlicher Meister, unser Moor hat es also verordnet. So gehst du mir nicht mehr über die Straße. Sieh her, Isabella; der Ärmel hier hängt gerade noch an zwei Fäden und der Ellbogen sieht zum Fenster hinaus. Luftig genug ist solch ein Gewand. Du, Sanchez, gleich führst du ihn zu dem Schneider, dem Oliverio, oder ... aber nein, nein; wir bleiben heute alle beisammen. Herrera kommt auch noch vom Eskorial. Nicht wahr, ihr Damen, um des Trägers willen duldet ihr das Gewand? Und dann! Wer soll den Samt und Schnitt für den jungen Stutzer wählen. Er hat immerdar 'was Besonderes getragen. Ich sehe den Meister noch schmunzeln, wenn der da sich recht verschmitzte Puffen und Schlitzen ausgedacht hatte. Gut, daß du da bist, mein Junge! Ein Kalb sollt' ich schlachten, wie der Vater für den verlorenen Sohn; doch wir, wir leben im kleinen. Statt des Rindviehs nur ein Kapaun! ... Aber du trinkst nicht, du trinkst nicht! Isabella schenk ihm ein. Seht nur, seht, die Narben hier auf den Händen und am Halse. Es wird viele Spitzen kosten, die zu verdecken. Nein, nein! Das sind Ehrenmale, und du darfst sie zeigen. Komm her, ich drücke einen Kuß auf die große Narbe am Halse, du tapferer, braver Gesell, und es kommt schon einmal eine Schöne, die es mir nachmacht. Wenn der Antonio nur hier wäre! Da hast du noch einen Kuß für ihn, und noch einen, da, da. Die Kunst gibt ihn dir, die Kunst, der du den Moor erhalten!« Der Kuß eines Meisters im Namen der Kunst! Der mundete besser als die Lippen der schönen Carmen! Coello war selbst ein Künstler, ein großer Maler, und er und Moor und der Baumeister Herrera, der bald darauf kam, wo gab es sonst noch Menschen wie sie! So edel, so heiter, so gut konnten die nur sein, die der Kunst, dem Wort der Worte, das Leben weihten. Wie glückselig ging er zu Bett, wie dankbar berichtete er im Geiste seinen verlorenen Lieben, was ihm heute zuteil geworden, und wie herzensfroh konnte er beten! Am nächsten Morgen begab er sich mit vollem Beutel in die Stadt und kehrte schön gekleidet und mit fein gestutzten und geordneten Locken zurück. Das keimende Schnurrbärtchen hatte ihm der Peinador keck nach oben gedreht. Etwas ungelenk und mager erschien er noch immer, aber ein wie stattlicher Mann versprach der hoch aufgeschossene Jüngling zu werden! Zwanzigstes Kapitel Gegen Mittag wurde Ulrich zu Coello in die frühere Werkstätte Moors gerufen. Es sah darin ganz anders aus als früher. Lange Kartons mit figurenreichen Entwürfen, große, kaum angefangene und halbvollendete Gemälde lehnten sich an die Staffeleien; Gliederpuppen, bewegliche Pferdekörper von Holz und Gipsmodelle standen auf dem Estrich, der Tafel, im Fenster. Stoffe, Gewänder, Teppiche, Waffen hingen über den Lehnen der Stühle oder lagen auf Truhen, Tischen und wohl auch am Boden. Verwelkte Lorbeerkränze mit langen Bändern flatterten über dem Kamin; der eine war herunter und der Büste des Julius Cäsar über den kahlen Kopf auf die Brust gefallen. Die sechs Katzen des Malers schlichen zwischen den Staffeleien umher oder streckten die Glieder auf kostbarem Samt und arabischen Geweben. In einer Ecke stand ein kleines Bett mit seidenen Gardinen. Es war die Wochenstube der Lieblinge des Meisters. Ein weißes Prachtexemplar säugte eben seine Jungen darin. Zwei gelb und blaue Kakadus und mehrere Papageien schaukelten sich kreischend in Reifen von Messing vor dem offenen Fenster, und der pechschwarze Neger Coellos kroch umher und säuberte jetzt am Mittag den Boden des weiten Raumes. Dabei schüttelte er unaufhörlich den Wollkopf und fletschte die Zähne, denn sein Herr sang laut bei der Arbeit, und der buntgekleidete Afrikaner mit den Ringen im Ohr war ein Musikfreund. Welche Veränderung hatte die stille, wohlgeordnete, peinlich saubere Werkstätte des Niederländers erfahren! Aber auch in diesem Wirrwarr entstanden tüchtige Werke; ja, der Spanier verfügte über eine weit reichere Einbildungskraft und schuf viel gestaltenreichere und bewegtere Bilder als Moor. Aber so ernst und tief durchempfunden, so wundervoll wahr wie die des geliebten Meisters waren die Gemälde des Spaniers gewiß nicht. Coello rief den Jüngling an die Staffelei und sagte, indem er auf die figurenreiche Farbenskizze wies, an der er malte: »Sieh her, mein Sohn. Das wird ein Zentaurenkampf, dies sind parthische Reiter; der heilige Georg mit dem Drachen und die Kreuzfahrer sind noch nicht fertig. Der König will auch die apokalyptischen Reiter haben. Pfui Teufel! Aber was soll man tun, ich beginne sie morgen. Das Ganze gehört an die Wand und die Decke der neuen Winterreitbahn da hinten. Mit all dem Zeug kommt ein einzelner langsam zustande, und ich – ich ... Die Bestellungen erdrücken mich noch. Verdoppeln, vervierfachen möchte man sich! Die Diana von Ephesus hat viele Brüste und der Zerberus drei Köpfe gehabt, aber mir sind eben nur zwei Hände aus den Manschetten gewachsen. Ich brauche Beistand, und du bist mir gerade der rechte. Mit Pferden habt Ihr noch nichts zu tun gehabt, sagt Isabella; aber du bist ja so ein halber Zentaur. Mache dich jetzt an die Gäule, und wenn du weit genug bist, so überträgst du zunächst diese Skizze auf die Decke und Wand der Reitbahn. Ich helfe dann nach und vollende das Ding und gebe ihm Schick.« Diese Aufforderung erweckte in Ulrich mehr Besorgnis als Freude, denn sie war nicht im Sinne des Meisters. Menschenfurcht hemmte ihn nicht mehr, und so sprach er offen aus, daß er lieber noch emsig nach der Natur zeichnen wolle und vielleicht gut tun werde, Moor in Flandern aufzusuchen. Er fürchte auch, daß Coello sein Können überschätze. Aber der Spanier schnitt ihm lebhaft das Wort ab und rief: »Ich habe dein Bildnis der Sofonisba gesehen. Du bist kein Schüler mehr, sondern ein werdender Meister. Moor ist ein Bildnismaler ohnegleichen, und als solcher stehst du nicht mehr gar zu weit hinter ihm zurück. Aber die Kunst hat noch höhere Ziele. Ihr gehört alles, was lebt. Die Venus, das Roß ... welches von beiden Bildern hat dem Apelles höheren Ruhm eingetragen? Nicht nur das Nachbilden, Selbsterdachtes schaffen führt auf den Gipfel der Kunst. Moor hat mir deine lebhafte Einbildungskraft gerühmt. Was man besitzt, das soll man benutzen! Denke an Buonarottis, an Raffaels Kompositionen und Fresken. Diese haben ihre Namen über alle anderen erhoben. Mit Zeichnen nach toten Dingen hat der brave Antonio dich sattsam gequält. Wenn du diese Skizze vielfach vergrößert auf weite Flächen überträgst, so lernst du mehr als in zwei Jahren hinter den Gipsen. Talent muß man haben, Mut und Fleiß; das andere kommt alles von selbst, und, gottlob, dir ist das Kleeblatt zu eigen! Meine Pferde – schau her, die sind gar nicht übel, und ich hatte mein Lebtag keinen lebendigen Gaul gezeichnet, bevor ich das Reiterbild Seiner Majestät zu malen bekam. Du sollst es besser haben. Geh meinetwegen schon morgen in den Stall und die alte Reitbahn. Versuche dich erst an edlen Tieren, und dann mach dich auf den Markt und zum Abdecker und sieh zu, wie die Schindmähren aussehen. Für die apokalyptischen Reiter kann man sie brauchen. Wacker ans Werk! Wenn es fördert, bekommst du auch die ersten selbstverdienten Dukaten zu sehen.« Der goldene Lohn lockte Ulrich nur wenig, doch er ließ sich von dem älteren Künstler überzeugen und zeichnete und malte mit Lust und Erfolg Rosse und Mähren, arbeitete mit, wenn Isabella und der Schüler Coellos Felice de Liano nach lebenden Modellen zeichneten und malten, und als die Gerüste in der Winterreitbahn aufgerichtet waren, begab er sich dort unter des Hofmalers Leitung ans Vermessen, an das Anordnen und endlich an das Übertragen der Skizzen des Malers auf große Flächen. Das tat er mit wachsendem Vergnügen, denn wenn den Entwürfen Coellos auch eine gewisse Härte beiwohnte, so waren sie doch kühn erdacht und sagten ihm zu. Je weiter er kam, desto leidenschaftlicher war er bei der Arbeit. Ins Große hinein zu schaffen wie hier, gereichte ihm zur Lust, und das voll ausgefüllte Leben sowie die leichte Ermüdung nach getaner Arbeit, welche von der Freude am Geleisteten versüßt ward, dies alles war gewiß schön und erfreulich, und dennoch fühlte Ulrich, daß es nicht so ganz recht sei, daß auf den Gipfel, den es ihn zu erreichen dürstete, ein steilerer, mühevollerer Weg führen müsse. Ihm fehlte der quälende Antrieb, es besser und besser zu machen, er entbehrte den Tadel eines ihm weit überlegenen Meisters. Das Lob für Leistungen, welche ihm selbst nicht genügten, machte ihn stutzig und erweckte sein Mißtrauen. Isabella, und nach der Heimkehr Sofonisbas auch diese, wurden seine Vertrauten. Das Mädchen hatte längst empfunden, was er nun aussprach. Ihr junges Herz hing an ihm, aber sie liebte in ihm ebensosehr den künftigen großen Künstler als den Menschen. Es war gewiß nichts Leichtes für sie, den Umgang Ulrichs zu entbehren, und doch gab sie selbstlos zu, daß ihr Vater bei den großen Arbeiten, die er auf sich genommen, kein Lehrer sein könne wie Moor, und daß es doch wohl das rechte für ihn sein werde, den alten Meister in Flandern aufzusuchen, wenn er sein Werk in der Reitbahn abgetan habe. Das sagte sie, weil sie es für ihre Pflicht hielt, beklommen und traurig; er aber stimmte ihr freudig bei, denn Sofonisba hatte ihm einen Brief des Meisters übergeben, worin er ihn herzlich einlud, nach Antwerpen zu kommen. Don Fabbrizios Gattin berief ihn in ihren Palast, und er fand sie als Frau ebenso gütig und teilnehmend, wie sie es als Mädchen gewesen. Nur der scherzhaft neckische Ton war einer ruhigeren Würde gewichen. Bis ins einzelne ließ sie sich erzählen, was er für Moor erlitten, womit er sich beschäftigt, was er im Sinne habe und in Zukunft zu beginnen gedenke. Sie suchte ihn auch mehr als einmal in der Reitbahn auf, folgte seinem Schaffen und ließ sich seine Zeichnungen und Skizzen vorlegen. Einmal veranlaßte sie ihn, ihr auch von seiner Jugend zu erzählen. Das war ihm wie ein Geschenk, denn sein Bestes hält der Mensch am tiefsten verborgen; aber das sind seine schönsten Stunden, in denen er es mit dem sicheren Gefühl, verstanden zu werden, bloßlegen darf. Was er keinem Manne anvertraut hätte, dieser edlen Frau, diesem Liebling des Meisters, dieser Künstlerin durfte er es zeigen, und so ließ er sie in seine Kindheit schauen und tief in seine Seele blicken. Er verschwieg ihr auch nicht, wie er zu dem »Worte« gekommen – daß er das rechte im Kerker gefunden zu haben meine und daß die Kunst sein Leitstern bleiben solle, so lang er lebe. Da färbten sich ihre Wangen röter und röter, und so leidenschaftlich erregt, so ernst und begeistert, wie er sie noch niemals gesehen, rief sie: »Ja, Ulrich, ja! Das rechte Wort, du hast es gefunden! Es ist die Kunst und kein anderes. Wer es kennt, wer ihm dient, wer es sich tief in die Seele prägt und nur in ihm atmet und wirkt, für den gibt es nichts Gemeines, er schwebt hoch über dem Staube und weiß nichts von Elend und Tod. Die Kunst ist die Brücke, auf der die Gottheit zu dem Menschen hinabsteigt, um ihn zu sich heraufzuziehen in lichtere Welten. Dies Wort, alles verklärt es, und es weckt frisches Grün selbst an dem dürren Holz der um Liebe und Hoffnung betrogenen Seele. Das Leben ist ein dorniger Rosenstock, und die Kunst seine Blüte. Hier, hier gedeiht keine Lust, hier erstirbt Freiheit und Freude, hier kommt die Kunst nur fort wie eine indische Pflanze im Treibhaus; aber es gibt ein Land, ich kenne dies Land, es ist meine Heimat – da sproßt und erwächst sie und verbreitet Schatten an allen Wegen. Du Liebling Antonios, du Jünger des Wortes – du mußt nach Italien!« »Nach Italien!« Sofonisba hatte es ausgesprochen! In die Heimat Tizians, Raffaels und Buonarottis, wo auch der Meister in die Schule gegangen, sollte er ziehen! »O Wort, Wort!« jubelte es in ihm. Welches andere kann schon auf Erden solchen Blick in die Seligkeit des Himmels eröffnen! Wie berauscht verließ er Sofonisba. Was hielt ihn noch in Madrid? Die Zechinen des Meisters waren noch lange nicht erschöpft, und auf dem heiligen Boden Italiens war er der Hilfe des Wortes gewiß. Ungesäumt eröffnete er Coello sein Vorhaben. Erst bescheiden, dann fest und trotzig. Aber der Hofmaler ließ ihn nicht ziehen. Er wußte die Ruhe zu wahren, gab auch zu, daß Ulrich einmal reisen müsse, aber noch sei es zu früh. Erst möge er die Arbeit in der Reitbahn vollenden, welche er nun doch einmal übernommen, dann werde er ihm selbst die Wege nach Italien ebnen. Ihn, den überbürdeten Mann, jetzt im Stiche zu lassen, heiße undankbar und schlecht gegen ihn handeln. So mußte sich Ulrich bescheiden und weiter auf dem Gerüste malen. Aber die Freude am Schaffen war ihm vergällt. Er dachte an Italien und nur an Italien. Jede Stunde in Madrid schien ihm verloren. Die großen Vorsätze erlahmten, und er begann Zerstreuungen zu suchen, besonders auf dem Fechtboden mit Sanchez Coello. Sein Auge war scharf, sein Handgelenk biegsam, auf seinen Arm übertrug sich mehr und mehr die Kraft des Vaters, und so leistete er bald Außerordentliches. Seine furchtbare Geschicklichkeit, sein zurückhaltendes Wesen und die natürliche Anmut seiner Manieren erweckte in den jungen Spaniern, mit denen er verkehrte, Achtung und Wohlgefallen. Sie luden ihn zu den Gastereien, welche die reicheren unter ihnen gaben, und den tollen Streichen, zu denen sie sich bisweilen verbanden; aber trotz aller Zureden und Bitten immer vergebens. Ulrich brauchte keine Kameraden, und seine Zechinen waren ihm heilig; er wollte sie für Italien verwahren. Die anderen hielten ihn bald für einen hochfahrenden Sonderling, mit dem man doch nicht anbinden mochte. Sie ließen ihn die eigenen Wege gehen, und er wußte diese zu finden. Ganz allein durchzog er in der Nacht die Straßen, brachte Serenaden und zwang manchen Herrn, der ihm in den Weg trat, zum Zweikampf. Niemand, selbst nicht Sanchez Coello, durfte von diesen nächtlichen Abenteuern wissen; sie waren sein eigenstes Vergnügen, sie erregten ihm das Blut und beschenkten ihn mit der wonnigen Empfindung der überlegenen Kraft. Bei diesem Treiben wuchs sein Selbstgefühl, und dies prägte sich auch in seiner Haltung aus, die einen spanischen Anstrich gewann. Er war nun voll ausgewachsen, und als er in das zwanzigste Jahr trat, größer als die meisten Kastilianer und trug den Kopf so hoch wie ein Grande. Dennoch war er unzufrieden mit sich selbst, denn er kam nur langsam vorwärts, und das stand bei ihm fest: in Madrid gab es nichts für ihn zu lernen; Coellos Aufträge stahlen ihm hier die kostbarste Zeit. Die Arbeiten in der Reitbahn gingen endlich dem Abschluß entgegen. Sie hatten weit länger als das Jahr, in dem sie fertig werden sollten, in Anspruch genommen, und Seiner Majestät Ungeduld war so dringend geworden, daß Coello sich gezwungen sah, alles andere liegen zu lassen, nur noch in der Reitbahn zu malen und die bessernde Hand an die Arbeiten Ulrichs zu legen. Die Zeit des Aufbruchs rückte näher. Das Hängegerüst, auf dem er monatelang in liegender Stellung dem Meister an dem Deckenbilde vorgearbeitet hatte, war abgeräumt worden, aber an den Wänden blieb noch einiges zu tun. Da wurde dem Hofmaler unvorhergesehen befohlen, die Arbeiten einzustellen und die Balken, Leitern und Bretter, die den Picadero Reitbahn. beengten, fortschaffen zu lassen. Man wollte den weiten Raum in den nächsten Tagen zu einem besonderen Zwecke benützen, und es gab Neues für Coello zu tun. Don Juan d'Austria, der ritterliche Halbbruder des Königs, hatte seine Heldenlaufbahn begonnen und die rebellischen Mauren in Granada niedergeworfen. Ein glorreicher Empfang sollte dem jungen Sieger bereitet werden, und Coello erhielt den Auftrag, einen Triumphbogen in wenigen Tagen mit flüchtig hingeworfenen, wirkungsvollen Bildern zu schmücken. Die Entwürfe waren schnell beendet und das Ruhmestor in einem Hofe des Alkazar aufgerichtet worden, denn hier, im engen Kreise des Hofstaates, nicht öffentlich und vor dem Volke, hatte der mißtrauische Monarch den Triumphator zu empfangen und zu ehren beschlossen. Ulrich war Coello wiederum bei der Ausführung seiner Skizzen behilflich. Alles wurde zur rechten Zeit fertig, der Empfang Don Juans glänzend in Szene gesetzt und mit Pomp und Würde, einem Tedeum, drei Kirchgängen, Prozessionen, Stiergefechten, einem großen Autodafé und einem Lanzenstechen in dem Picadero zu Ende geführt. Nach diesem Fest gab der König den Malern die Reitbahn wieder frei, und sie gingen sogleich ans Werk. Außer den kleinen, predellenartigen Bildern am Fuß der größeren Gemälde war alles fertig, und sie konnten auch ohne Gerüst hergestellt werden. Ulrich stand zum erstenmal nach dieser Unterbrechung wieder auf der Leiter, und der Hofmaler war ihm eben in den Picadero gefolgt, als es davor lebendig wurde. Die breiten Türen flogen auf, und bald füllte sich die Bahn mit Kavalieren und Damen zu Fuß und zu Roß. Don Juan selbst und mit ihm sein jugendlicher Neffe, Alexander Farnese, Prinz von Parma, waren die glänzendsten Erscheinungen in dieser stattlichen Schar. Ulrich weidete das Auge an der Pracht dieses Zuges und dem vornehmen, stolzen und doch lebendigen Wesen des Siegers. Eine herrlichere Jünglingsgestalt meinte er zeitlebens nicht gesehen zu haben. Don Juan hielt ihm gerade gegenüber und hatte das Haupt entblößt. Das volle, hinter die Ohren gestrichene blonde Haar hing ihm wundervoll weich und lockig bis an den Nacken, und in seinen Zügen mischten sich weibliche Anmut und männliche Kraft. Wie er sich ohne Hilfe, mit dem Hut in der Hand, aus dem Sattel schwang, um die schöne Herzogin Medina Celi zu begrüßen, lag in seinen Bewegungen solch ein Zauber, daß der junge Maler geneigt war, an all die Märchen zu glauben, die man sich von dem Liebesglück dieses Günstlings der Schickung erzählte, dessen Vater zwar Kaiser Karl, dessen Mutter aber nur eine deutsche Wäscherin gewesen war. Mit freundlichen Worten bat Don Juan seine Begleiter, sich in den Hintergrund der Bahn zurückzuziehen, half den Damen aus dem Sattel, ging ihnen mit der Herzogin an der Hand auf die Tribüne voran, trat dann wieder in die Arena, erteilte dort Befehle an die berittenen Offiziere in seinem Gefolge und plauderte dann mit den Damen, Alexander Farnese und den Granden in seiner Nähe. Nun ließ sich außerhalb des Picadero lautes Rufen und Hufschlag hören, und gleich darauf wurden neun ledige Pferde in die Bahn geführt, allesamt auserlesene Geschöpfe, die Blüte der andalusischen Zucht, die Perlen unter sämtlichen Rossen, die Don Juan erbeutet. Beifälliges, entzücktes Reden und Rufen klang durch die Arena, und es wurde noch lauter und wärmer, als das zehnte und letzte Beutestück, ein junger, rabenschwarzer Hengst, die sehnigen Moresken, die ihn führten, in die Bahn riß und sie dort, aufbäumend, mit sich in die Höhe zog. Die jungen braunen Gesellen hielten wacker stand; Don Juan aber wendete sich an Alexander Farnese und sagte: »Welch ein köstliches Tier; aber leider, leider, es hat den Teufel im Leibe, und so haben wir ihn auch »Satan« genannt. Er duldet weder Sattel noch Reiter. Wie darf ich's wagen ... Da steigt er wieder ... Es ist ganz unmöglich, ihn Seiner Majestät anzubieten. Sieh nur diese Augen, diese glühenden Nüstern. Ein wahrer Unhold!« »Aber einen schöneren kann es nicht geben,« rief der Prinz voll Wärme. »Dies spiegelblanke Schwarz, dies Köpfchen, dieser Hals, diese Kruppe, dieser Ansatz des Schweifes, diese Fesseln und Hufe. Oh, oh, das war Ernst!« Der böse Hengst hatte sich zum dritten Male auf die Hinterbeine gestellt, mit den Vorderhufen wild um sich gehauen und dabei den einen Moresken getroffen. Heulend und winselnd fiel er zu Boden, und gleich darauf befreite sich das Tier von dem zweiten Bändiger und jagte nun frank und frei in gewaltigen Sätzen durch die Bahn. Wie besessen stürzte es hierhin und dorthin, schlug mit den Hinterbeinen wütend aus und schleuderte Sand und Staub den Damen auf der Tribüne ins Antlitz. Diese schrien laut auf, und ihr Gekreisch steigerte die wilde Erregung des Tieres. Einige Kavaliere traten zurück, und der Stallmeister befahl laut, die anderen ledigen Pferde fortzuführen. Don Juan und Alexander Farnese blieben stehen; jener aber zog den Degen und rief heftig erregt: »Santiago! Ich mache der Kröte den Garaus!« Er ließ es nicht bei den Worten, sondern eilte sogleich auf den Hengst los; der aber wich in großen Sätzen bald zurück, bald auf die Seite und schleuderte bei jedem neuen Sprunge Sand in die Tribünen. Da hielt es Ulrich nicht länger auf der Leiter. Keck und in vollem Bewußtsein seiner Macht über widerspenstige Rosse trat er in die Bahn, ging dem schnaubenden und schäumenden Rappen ruhig entgegen, scheuchte ihn zurück, folgte ihm, wartete ab, bis er sich wieder gewandt hatte, und sobald sein Bestreben, ihm an die Seite zu kommen, geglückt war, schlug er ihm fest und kühn die Hand in die Nase. Satan gebärdete sich toll und toller und versuchte sich zu befreien, doch der Sohn des Schmiedes hielt ihn fest wie mit Zangen, hauchte ihm in die Nüstern, strich ihm mit der Hand über den Kopf und die Schnauze, und raunte ihm freundliche Laute zu. Nun kam nach und nach größere Ruhe über das Tier. Noch einmal versuchte es, sich von der eisernen Hand seines Bändigers zu befreien, und als ihm dies abermals mißlungen war, begann es leise zu zittern und blieb mit weit ausgestreckten Vorderbeinen gedemütigt stehen. »Bravo, bravamente!« rief die Herzogin, und der Beifall aus solchem Munde berauschte Ulrich. Der von der Mutter ererbte Trieb, sich zu zeigen, stachelte ihn an, noch Größeres zu wagen. Behutsam wickelte er die freie Linke um die Mähne des Hengstes, ließ seine Nase los und schwang sich auf. Wohl versuchte das überlistete Tier sich von seiner Last zu befreien, aber der Reiter saß fest, beugte sich weit über den Hals des Rappen, strich ihm wiederum über das Haupt, preßte ihm die Flanken zusammen, und nach wenigen Minuten leitete er ihn mit der bloßen Kraft der Schenkel erst im Schritt, dann im Trab durch die Bahn. Endlich sprang er ab, liebkoste den friedfertig neben ihm hintänzelnden Satan und führte ihn am Zaume Don Juan zu. Dieser maß den hoch aufgewachsenen, kecken Gesellen mit einem raschen Blick, wandte sich halb an ihn, halb an Alexander Farnese und sagte: »Ein beneidenswerter Streich, ein Kapitalstück, bei meiner Liebe!« Dann trat er dem Hengste näher, streichelte und klopfte ihm den glänzenden Hals und fuhr fort: »Ich danke Euch, junger Mann. Ihr habt mir mein bestes Pferd gerettet. Ohne Euch hätt' ich den Satan niedergestoßen. Ihr seid ein Maler? »Euch zu dienen, Hoheit.« »Es ist was Schönes um Eure Kunst, und Ihr, Ihr müßt selber wissen, wie Ihr mit ihr steht. Aber auch bei meinen Reitern erwirbt sich viel Ehre, vielleicht auch Reichtum und Ruhm. Laß Ihr Euch werben?« »Nein, Hoheit,« entgegnete Ulrich, indem er sich tief verneigte. »Wär' ich nicht Maler, wär' ich freilich am liebsten Soldat; aber von meiner Kunst kann ich nicht lassen.« »Recht, recht! Indessen ... Meint Ihr, daß Eure Kur mit dem Satan nachhält; oder wird der Tanz morgen von frischem beginnen?« »Vielleicht; aber gönnt mir acht Tage, Hoheit, und die braunen Burschen werden leicht mit ihm fertig. Alle Morgen ein Stündchen wie heute, und das Werk ist getan. Ein Engel wird aus dem Satan kaum werden, aber doch wohl ein ganz verständiges Roß.« »Wenn Euch das gelingt,« entgegnete Don Juan freudig, »so verpflichtet Ihr mich. In der nächsten Woche laßt Euch bei mir melden. Wenn die Botschaft gut ist ... Überlegt bei Zeiten, womit ich Euch gefällig sein kann!« Ulrich bedurfte keines langen Besinnens. Acht Tage vergingen im Fluge, und dann – dann sollte der Bruder des Königs ihn nach Italien senden. Er war freigebig und großherzig, das bekannten selbst seine Feinde. Die Woche verging, das Roß war gezähmt und ertrug ruhig den Sattel. Don Juan nahm Ulrichs Bitte wohlwollend auf und lud ihn ein, die Reise auf dem Admiralschiffe mit dem Gesandten des Königs und seinem Sekretär de Soto zu unternehmen. Noch am selben Tage wurde dem beglückten Künstler ein Wechselbrief auf ein Haus am Rialto zugestellt, und nun war es entschieden, es ging nach Italien! Coello mußte sich fügen, und sein gutes Herz offenbarte sich wieder; denn er schrieb für Ulrich Briefe an seine alten Kunstfreunde in Venedig und veranlaßte den König, dem großen Tizian ein Geschenk zu übersenden. Der Gesandte sollte dies übergeben, und der Hofmaler nahm ihm das Versprechen ab, seinen Schüler Navarrete bei dem greisen Künstlerfürsten einzuführen. Alles war zur Abfahrt bereit; Ulrich räumte wiederum seine Sachen in der Werkstätte zusammen, und er tat es mit ganz anderen Gefühlen als zum erstenmal. Er war ein Mann, er wußte nun, welches das rechte Wort war, das Leben lag offen vor ihm, und das Paradies der Kunst wollte ihm seine Tore erschließen. Die Studien, die er in Madrid vollendet, erweckten sein eigenes Mitleid; in Italien wollte er erst recht beginnen, ein Maler zu werden, da sollte die Arbeit ihm einbringen, was sie ihm hier versagt hatte: Befriedigung, Gelingen. Übermütig wie ein Knabe, halb außer sich vor Freude, Glück und Erwartung, stampfte er mit dem Malerstock die Blätter, die ihm gar zu elend erschienen, im Papierkorbe zusammen. Mitten während dieser Vernichtungsarbeit trat Isabella in den Studienraum. Sie zählte nun sechzehn Jahre. Ihre Gestalt hatte sich früh entwickelt, war aber klein geblieben. Aus dem runden Gesichtchen schauten zwei große, ernst und tief blickende Augen, und der kleine, frische Mund mußte jedem gefallen. Ihr Scheitel reichte Ulrich nur bis an die Brust, und wenn er ihr immer nur wie einem lieben, sehr verständigen und geschickten Kinde begegnet war, so hatte dazu sicherlich ihr kleiner Wuchs das Seine getan. Heute war sie bleicher als sonst, und es lag ein so bedeutungsvoller Ernst in ihren Zügen, daß der junge Mann sie befremdet und doch teilnahmsvoll fragte: »Was hast du, Kleine? Ist dir nicht wohl?« »Doch, doch,« entgegnete sie schnell. »Ich muß nur noch einmal allein mit dir reden.« »Du willst mir die Beichte abhören, Belita?« »Laß jetzt den Spaß. Ich bin kein Kind mehr. Das Herz tut mir weh, und ich darf dir den Grund nicht verschweigen.« »Rede nur, rede! Wie du aussiehst! Wahrhaftig, man könnte sich fürchten.« »Tu es nur! Keiner sagt dir die Wahrheit; aber ich, ich habe dich lieb; darum will ich es tun, bevor es zu spät ist. Unterbrich mich jetzt nicht, sonst verlier' ich den Mut, und ich will, ich muß reden.« »Meine Studien haben dir in der letzten Zeit nicht gefallen; mir auch nicht. Dein Vater ...« »Er hat dich auf falsche Wege geführt, und nun gehst du nach Italien, und wenn du dort siehst, was die Größten geschaffen, wirst du es ihnen gleich nachtun wollen und Meister Moors Lehren vergessen. Ich kenne dich, Ulrich, ich weiß es! Aber ich weiß auch etwas anderes, und das muß nun heraus. Wenn du dich hinreißen läßt, von vornherein Bilder zu malen, wenn du dich nicht bequemst, noch einmal ein bescheidener Schüler zu werden und dich beim Lernen zu quälen und redlich zu plagen, so kommst du nicht vorwärts, so bringst du nie wieder ein Bild wie das von damals, wie deine Sofonisba, zustande. Gewiß, ja gewiß, dann wirst du kein großer Künstler, und du kannst es, du mußt es doch werden!« »Ich werd' es, Belita, ich werd' es.« »Wohl, wohl; aber erst ein Schüler, ein Schüler! Ich an deiner Stelle, ich würde meinetwegen nach Venedig gehen und es mir anschauen, aber von dort aus ritt' ich nach Flandern zu Moor, zu dem Meister.« »Italien aufgeben? Kann das dein Ernst sein? Dein Vater sagte mir selbst, daß ich ... nun ja ... im Bildnismalen, meint auch er, sei ich kein Stümper. Wohin gehen die Niederländer, um etwas Rechtes zu lernen? Nach Italien, immer nur nach Italien. Was schaffen sie in Flandern? Bildnisse und Bildnisse, weiter nichts. Moor ist groß, sehr groß auf diesem Gebiete, aber ich fasse die Kunst anders als er; sie hat höhere Ziele. Mein Kopf ist voll von Entwürfen. Warte nur, warte! In Italien lerne ich fliegen, und wenn ich meine heilige Familie und meinen Tempel der Kunst mit allen Fertigkeiten, die ich mir zu erwerben gedenke, vollendet habe ...« »Dann, dann, was wird dann?« »Dann änderst du vielleicht deine Ansicht und du wirst dein Schulmeistern lassen, ein für allemal lassen. Dies Mäkeln, dies Warnen verdrießt mich. Es verdirbt mir die Freude, es lähmt mir die Lust. Du vergällst mir mein Glück – du – du ... Die Unkenstimme ist mir zuwider!« Isabella schwieg und senkte traurig das Haupt. Da trat er ihr näher und sagte: »Ich will dich nicht kränken, Belita; wahrlich, ich will's nicht. Du meinst es ja gut, und du hast mich armen, verlassenen Schelm auch lieb; nicht wahr, kleines Mädchen, das hast du?« »Ja, Ulrich, und eben darum hab' ich dir gesagt, was ich meine. Du freust dich jetzt auf Italien ...« »Sehr, sehr, unaussprechlich! Ich will dort auch an dich denken, und was du für ein liebes, treues, weises, kleines Geschöpf bist. Laß uns in Freundschaft auseinandergehen, Isabella. Komm mit mir; das wäre das beste!« Sie errötete über und über und entgegnete nichts als: »Wie gern!« Dies Wort klang so innig und kam so voll aus dem tiefsten Grunde des Herzens, daß es ihm in die Seele drang. Und während sie es aussprach, blickten ihre Augen so treu und liebevoll und verlangend in die seinen, daß er nichts wahrnahm als sie. Er las aus ihnen Liebe, wahre, hingebende Liebe, keine solche, wie die der hübschen Carmen oder der Damen, die ihm Blumen von den Altanen zugeworfen hatten. Das Herz ging ihm auf, und als er dann sah, wie das liebe Gesicht Isabellas bei dem Blick, mit dem er den ihren erwiderte, höher erglühte, da erfaßte ihn eine grenzenlose Dankbarkeit und Freude, und nun umschlang er sie und zog sie an sich, er konnte nicht anders. Sie ließ es geschehen, und als sie zu ihm aufschaute und die weichen, kirschroten Lippen, aus denen zwei blendendweiße Zähne hervorlugten, ihm lockend entgegenblühten, senkte er die seinen, er wußte selbst nicht, wie es geschah, auf sie nieder. Und nun küßten sie sich und küßten sich wieder, und sie schlang die kleinen Hände ihm um den Hals, denn mit den Armen konnte sie ihn nicht erreichen, und sagte, sie habe ihn immer geliebt; er aber versicherte mit bewegter Stimme, daß er es glaube und daß es kein besseres, süßeres, klügeres Geschöpf auf Erden gäbe als sie; nur daß er sie liebe, vergaß er zu melden. Sie gab, er empfing, und das schien ihm natürlich. Sie sah und empfand nichts als ihn und ihr Glück, er war ganz hingenommen von der Wonne, geliebt zu werden, und von der Süßigkeit ihres Kusses, und so nahmen sie beide nicht wahr, daß Coello die Tür des Studienraumes geöffnet und sie halb empört, halb ergötzt für eine Minute lang kopfschüttelnd und unschlüssig beobachtet hatte. Als endlich die tiefe Stimme des Hofmalers ihnen ein lautes: »Ei, ei, das sind mir seltsame Sachen!« zurief, fuhren sie schnell auseinander. Erschreckt, entnüchtert, verwirrt suchte Ulrich nach Worten und stammelte endlich: »Wir haben, wir wollten ... der Abschied ...« Coello fand keine Zeit, ihn zu unterbrechen, denn die Tochter war ihm an die Brust gestürzt und rief nun unter Tränen: »Vergib, Vater – vergib; er liebt mich, und ich, ich lieb' ihn so sehr, und nun wir zusammengehören, ist mir nicht mehr bange um ihn, nun wird er nicht rasten und ruhen, und wenn er zu uns zurückkehrt ...« »Genug, genug,« unterbrach sie Coello und preßte ihr die Hand auf den Mund. »Dafür hält man dem Kind eine Duenna; und das ist meine verständige Belita! Der da ... daß er nichts hat, will nichts sagen; ich habe selbst mit drei Realen in der Tasche um deine Mutter gefreit, aber er kann noch nichts Rechtes, und das ändert die Sache. Es ist meine Art nicht, Schuldner zu mahnen, dafür hab' ich selbst zu oft in Schulden gesteckt; aber du, Navarrete, hast immerhin mancherlei von mir empfangen, als es dir schlecht ging, und wenn du kein Lump bist, so läßt du jetzt das Mädchen in Ruhe und siehst es vor Aufbruch nicht wieder. Hast du in Italien das Deine gelernt und bist ein rechter Maler geworden, so wird das andere sich finden. Ein hübscher, schneidiger Kerl bist du ja jetzt schon und wirst mir das Geschlecht nicht verderben. In Italien gibt es noch andere Weiber als das brave kleine Geschöpf da. Mach die Augen zu und hüte dich, ihr das Herzchen zu brechen. Dein Wort! Deine Hand! Von heute ab in anderthalb Jahren stellst du dich hier wieder ein und zeigst, was du kannst, und machst deine Probe. Bist du das, was ich hoffe, geworden, geb' ich sie dir, wo nicht, ziehst du still deiner Wege. Dagegen wirst du nichts einwenden wollen, du kleines, verliebtes, unbesonnenes Ding. Jetzt gehst du in deine Kammer, Belita, und du, Navarrete, kommst mit mir.« Ulrich folgte dem Maler in sein Schlafzimmer. Dort öffnete dieser eine Kiste, in der das Gold lag, das er erworben hatte. Er wußte selbst nicht, wieviel es war, denn es wurde weder gezählt noch gebucht. Jetzt griff er tapfer in die Dukaten, gab Ulrich zwei Hände voll und rief: »Das da für deine Arbeiten hier, das da für ein sorgloses Studium in Venedig und Florenz. Mach mir das Kind nicht elend, Bursche, und wenn du es dennoch tust, so bist du ein erbärmlicher, ehrloser Wicht, ein Lump, ein – aber du siehst nicht aus wie ein Schurke!« In dem Hause des Malers ging es an diesem Abend lebendig her. Die träge Gattin des Künstlers war heute mehr als lebendig. Sie konnte sich nicht fassen vor Zorn und Empörung. Isabella war von Kind an der Liebling des Baumeisters Herrera, des ersten Architekten in ganz Spanien, gewesen. Er hatte schon von seiner Neigung für das Mädchen gesprochen, und nun kam dieser hergelaufene Habenichts, dieser unreife Bube, und verdarb das Lebensglück ihres Kindes! Sie schalt Coello einen pflichtvergessenen Vater, einen leichtfertigen Einfaltspinsel. Statt den undankbaren Schelm aus dem Hause zu werfen, hatte ihm der Gimpel von einem Manne Hoffnung auf die arme, verblendete Unschuld gemacht! Auch in den folgenden Wochen bereitete Frau Petra Coello üble Tage und noch schlimmere Nächte, doch der Maler bestand auf seinem Entschluß, Isabella Ulrich zu geben, wenn er in anderthalb Jahren als tüchtiger Künstler aus Italien heimkehre. Einundzwanzigstes Kapitel Das Admiralschiff, das die Gesandten des Königs Philipp nach Venedig führte, erreichte glücklich sein Ziel; aber Sturm und Wetter hatten es aufgehalten, und unter den Fahrgästen war Ulrich der einzige gewesen, der sich bei dem Schwanken und Rollen des taumelnden Fahrzeuges gesund wie ein alter Matrose gehalten. Dafür war es mit seinem inneren Wohlsein um so übler bestellt, und wer ihn beobachtet hätte, wie er, über die Brüstung des Decks gelehnt, in die See starrte, oder mit unruhiger Haltung und düster blickenden Augen auf und nieder schritt, der hätte schwerlich geahnt, daß dieser verschlossene, reizbare, nur zu oft von trüben Stimmungen beherrschte Jüngling vor kurzem ein edles, begehrenswertes Menschenherz gewonnen habe und der Verwirklichung seiner kühnsten Träume, der Erfüllung seiner heißesten Wünsche entgegenfahre. Wie anders hatte er »das Paradies der Kunst« zu betreten gehofft! So frei, so frisch, so reich wie in der Frühe des Tages, bei dessen Niedergang er das Lebensglück Isabellas mit dem eigenen verbunden, war er noch nie gewesen ... und nun – und nun! Ungebunden, froh und ledig wie der Vogel in der Luft hatte er Italien von einem Orte zum andern zu durchstreifen gedacht; er war willens gewesen, zu schauen, zu bewundern, zu genießen, und erst, wenn er alle großen Maler kennen gelernt, unter ihnen einen neuen Meister zu wählen. Sofonisbas Heimat hatte die seine werden sollen, und es war ihm nicht in den Sinn gekommen, die Zeit seines Genießens und Lernens auf dem geheiligten Boden fest zu begrenzen. Wie anders sollte sich nun sein Leben gestalten! Bis er in Valencia das Schiff bestiegen, hatte ihn der Gedanke, ein so gutes, verständiges, liebreiches Wesen wie Isabella sein eigen zu nennen, beglückt und erhoben, aber in den einsamen Stunden, welche die Seefahrt verschwenderisch brachte, vollzog sich eine verhängnisvolle Wandlung in seinem Inneren. Je breiter die Meeresfläche wurde, die sich zwischen ihn und Spanien legte, desto ferner rückte ihm Isabella, desto weniger lockend und reizvoll wollte ihr Besitz ihm erscheinen. Er sagte sich jetzt, daß er sich vor der verhängnisvollen Stunde gefreut hatte, von ihren schulmeisterlichen Mäkeleien loszukommen, und wenn er in die Zukunft schaute und er sich, den schmucken Navarrete, dessen hoher Wuchs die kleineren Spanier mit Neid erfüllte, mit der winzigen Gefährtin durch die Straßen wandeln und von den Leuten belächeln sah, erfaßte ihn bitterer Ingrimm gegen sich selbst und sein hartes Los. Er fühlte sich gefesselt wie die Galeerensträflinge, deren Ketten laut rasselten und klirrten, wenn sie unten im Schiffsraume die Ruder zogen. Zu anderen Zeiten mußte er hingegen ihrer schönen, großen, von Liebe überströmenden Augen und ihrer roten, weichen Lippen gedenken und sehnsüchtig bekennen, daß es doch süß gewesen sei, sie zu küssen und in den Armen zu halten, und daß er, da er seine Ruth doch auf immer verloren, kein treueres, verständigeres, zärtlicheres Weib finden könne als sie. Aber was sollte er, der Schüler, der wandernde Jünger der Kunst, mit einer Braut, einer Gattin? Die beste und schönste ihres Geschlechts wäre ihm jetzt wie ein Hemmnis, wie ein lastendes Zentnergewicht erschienen. Der Gedanke, in einer gegebenen Frist etwas Bestimmtes erreichen und sich dann einer Prüfung unterziehen zu sollen, lähmte seine Freudigkeit, beugte und beleidigte ihn. Graue Nebel verfinsterten ihm mehr und mehr das leuchtende Sonnenland, nach dem er sich mit so leidenschaftlichem Verlangen gesehnt hatte, und es war ihm, als sei er in jener unseligen Stunde dem »Worte« untreu geworden, als habe es ihm damals seinen Beistand auf immer entzogen. Manchmal trieb es ihn, Coello seine Dukaten zurückzuschicken und ihm zu schreiben, er habe sich übereilt und trage kein Verlangen nach dem Besitz seiner Tochter, aber das brach vielleicht dem armen, guten Geschöpf, das ihn so zärtlich liebte, das Herz! Er wollte kein undankbarer, wollte kein Ehrloser sein, und ertragen und auf sich nehmen, was sein Leichtsinn verschuldet. In Italien, im eigensten Reiche der Kunst, konnte vielleicht ein Wunder geschehen. Dort nahm sie, die erhabene Göttin, ihn vielleicht wieder ans Herz und übte auch auf ihn jene Macht aus, welche Sofonisba mit so glühenden Worten gepriesen. Der Gesandte und der Sekretär de Soto hielten Ulrich für einen ungeselligen Träumer; aber nachdem sie in Venedig angelangt waren, forderte dieser ihn dennoch auf, sein Quartier zu teilen; denn Don Juan hatte ihn ersucht, sich des jungen Malers anzunehmen. Was mochte dem prächtigen Burschen fehlen? Der Sekretär suchte ihn auszuforschen, aber Ulrich verriet nicht, was ihn bedrückte, und deutete nur im allgemeinen an, daß ihn eine schwere Sorge belaste. »Aber nun kommt die Zeit, in der auch der Ärmste der Armen, der Elendeste unter den gottverlassenen Leidtragenden seine Bürde abwirft!« rief de Soto. »Übermorgen beginnt die frohe Karnevalszeit! Kopf in die Höhe, junger Mann! Mich drücken gewichtigere Bürden als Euch! Werfet die Euren in den Großen Kanal und bildet Euch bis Aschermittwoch ein, das Himmelreich sei auf die Erde gefallen!« O blaues Meer, das die Lagunen bespült, o mastenreicher Lido, o Dogenpalast, der du das Auge fesselst wie den rückwärts schauenden Sinn, o du Markusdom in deinem unvergleichlichen Gewande von Gold und Gemälden, o ihr Rosse und ihr anderen göttlichen Werke von Erz, ihr edlen Paläste, denen die stille Fläche des ruhenden Wassers zum Spiegel dient, du Markusplatz, auf dem sich in Samt und Seide und Gold das reichste und freieste aller Geschlechter in gerechtem Selbstbewußtsein groß macht! Du Hafen, du Mastenwald, du unzählbares Heer von stolzen Galeeren, die einen Erdteil mit dem anderen verbinden, Schrecken künden, Gehorsam ertrotzen und unermeßliche Schätze auf friedlichen Fahrten und mit blanken Waffen erbeuten. O du Rialto, auf dem Gold eingeheimst wird wie anderwärts Weizen und Roggen; – ihr stolzen Edlen, ihr schönen Frauen mit dem vollen Haar, das ihr nicht schwarz mögt, sondern so goldglänzend färbt wie die blanken Zechinen, die ihr mit so kleinen und doch so weit geöffneten Händen verschwendet! O Venedig, du Königin der Meere, du Mutter des Reichtums, du Thron der Macht, du Ruhmeshalle, du Tempel der Kunst, wer entzöge sich wohl deinem Zauber? Was der übermütige Lenz für die Erde, das ist für dich deine Karnevalszeit! Die wandelt die Farbenpracht der Lagunenstadt in augenblendendes Leuchten, das Lächeln in olympisches Lachen, das Liebesgeflüster in jauchzende Hymnen der Liebe, die Heiterkeit und den Scherz in bacchantische Lust, das laute, rege Leben der mächtigen Handelsstadt in einen tosenden Wirbel, der alles in seine Kreise zieht und keinen losläßt, den er erfaßt hat. De Soto drängte und stieß den ohnehin aus dem Gleichgewicht gerissenen Jüngling, bevor er die rechte Strömung fand, mitten in den Strudel hinein. Auf der Barke, im Getümmel der Straße, beim Festmahl, im Tanzsaal, am Spieltisch, überall zog der junge, glänzend gekleidete goldlockige Maler, der mit dem Gesandten des Königs von Spanien vertraut war, und von dem man doch nicht wußte, woher und von wannen, die Aufmerksamkeit der Männer und das Auge, die Neugier, das Verlangen der Frauen auf sich. Wo er rief, da folgten ihm auch die Schönsten, und unter den schlanken Frauen Venedigs wählte er die größten und stattlichsten aus, um sie zum Tanz oder durch das Gedränge der Masken und die von Festlust berauschte Menge zu führen. Er wollte die Henkersmahlzeit genießen, vergessen, vergessen, sich schadlos halten für kommende Zeiten der Entbehrung, der Nüchternheit, der Selbstüberwindung, der Qual. Arme kleine Isabella! Dein Liebster will kosten, wie es mundet, sich mit dem majestätischen Weib am Arm der Menge zu zeigen! Und du, Ulrich, wie wird dir, wenn sie hinter dir rufen: »Ein herrliches Paar! Seht diese beiden!« In diesem Taumel braucht er kein hilfreiches Wort, nicht »Glück«, nicht »Kunst«; auch ohne Zauber fliegt er von Rausch zu Rausch, durch alle Himmel, und kennt nur den heutigen Tag und fragt nicht nach morgen. Wie ein Besessener wirft er sich der Begierde an den Busen und entwindet sich üppigen Armen, um an den Spieltisch zu stürzen, und dort wird aus dem Dukaten, den er hinwirft, ein Haufen Goldes, aus der Zechine ein voller Beutel. Die rasch erworbenen Schätze schmelzen hin wie Schnee an der Sonne und kehren wieder wie ausgeflogene Tauben in den offenen Schlag. An den Werken der Kunst wird nur mit trunkenen Blicken genascht; – und dennoch übt das gnädige Wort noch einmal seine Wunderkraft an dem Verirrten. Am Faschingsdienstag führt der Gesandte Ulrich zu dem großen Tizian. Er steht dem Beherrscher der Farben gegenüber, er hört aus seinem Munde freundliche Worte, er sieht den kaum gebeugten Neunziger im lang hinwallenden Purpurtalar die Gaben des Königs empfangen. Nie und nimmer bis zum Ende seines Daseins kann er dies Antlitz vergessen. Wie mit dem Ziselierstahl aus hartem Metall gestochen, so fein, so scharf umrissen erscheinen diese Züge, aber sie sind bleich ganz ohne Blut, sie werden auch nicht von dem leisesten Farbenhauche gestreift. Der lange, silberweiße Bart des hohen Greises fließt in vollen Wogen bis tief auf die Brust, und die Augen, mit denen er Ulrich mißt, sind die eines markigen, scharf prüfenden Mannes. Seine Stimme klingt nicht streng, sondern wehmutsvoll und betrübt, und ein tiefes Seelenleid beschattet das Auge und hat sich fest an dem Munde des Mannes eingenistet, dessen hagere Greisenhand immer noch leicht und sicher mit heiteren Farbensymphonien die Sinne bestrickt. Der Schüler beantwortet mit bebenden Lippen die Fragen des hohen Meisters, und als Tizian ihn einladet, sein Mahl zu teilen, und Ulrich um Mittag im glänzenden Festsaal am unteren Ende der Tafel von seinem Nachbarn belehrt wird, mit welchen Größen es ihm zu schmausen vergönnt ist, fühlt er sich so bang, so klein und unwürdig, daß er kaum wagt, den Becher und die köstlichen Speisen zu berühren, die die Diener ihm reichen. Er schaut, er horcht, er vernimmt den Namen seines alten Meisters, er hört ihn als Bildnismaler neidlos preisen. Man fragt ihn nach seinem Ergehen, und er steht befangen Rede und Antwort. Nun erheben sich die Gäste. Die Februarsonne scheint in das hohe Fenster, bei dem Tizian sich niederläßt, um heiterer als zuvor mit Paolo Cagliari, dem Veronesen, und anderen großen Malern und Herren zu plaudern. Wiederum hört Ulrich Moor erwähnen. Dann winkt ihm der Greis, von dem er kein Auge verwandt hat, und Cagliari ruft ihm zu, er, der Schüler des wackeren Antonio Moro, solle jetzt zeigen, was er vermöge; Meister Tizian wolle ihm eine Aufgabe stellen. Ein Schauer überläuft ihn, die Stirn wird ihm feucht vor herzbedrückender Angst. Jetzt fordert der Greis ihn auf, seinem Neffen in die Werkstätte zu folgen. Eine Stunde bleib' es noch hell. Er möge einen Juden malen, aber keinen Schacherer und Trödler, sondern einen von der edlen Art der Propheten, Jünger, Apostel. Ulrich steht vor der Staffelei. Zum erstenmal nach langer Zeit ruft er wieder das Wort an, und er tut es mit Inbrunst, aus ganzem Herzen. Seine verlorenen Lieben, die ihm im Taumel der Festlust aus dem Gedächtnis geschwunden, stellen sich ihm wieder vor das innere Auge und unter ihnen der Doktor, welcher ihn mahnend mit den klaren, sinnenden Augen anschaut. Wie eine Eingebung kommt es über den Jüngling. Ihn, den Freund, den Lehrer, den Vater Ruths kann er, will er nun malen. Das Bildnis, welches er als Knabe gezeichnet, tritt ihm Zug für Zug vor die Seele. Da liegt ein Rotstift! Mit wenigen Strichen wirft er die Umrisse hin. Dann greift er zum Pinsel, und während er mit fliegender Hand die Farben mischt und den Pinsel führt, ist es ihm, als stehe Costa leibhaftig vor ihm und fordere ihn auf, ihn zu malen. Den milden Blick dieses Auges, das Lächeln dieses feinen Mundes, er hat sie nimmer vergessen, und er gibt sie wieder so gut er vermag. Die Augenblicke verfliegen, die Minuten eilen dahin, das Bildnis rundet sich, es gewinnt Leben. Er tritt von der Staffelei zurück, um zu sehen, woran es noch fehlt, und das Wort noch einmal aus vollem Herzen anzurufen; da öffnet sich die Tür, und auf einen jüngeren Maler gestützt, tritt Tizian mit anderen Künstlern in die Werkstätte. Er blickt auf das Bild, schaut auf den Maler und sagt dann mit einem beifälligen Lächeln: »Seht nur, seht! Nicht zu viel vom Juden, und ein ganzer Apostel! Ein Paulus, oder mit längerem Haar und ein wenig jünger wohl auch ein Johannes. Gut, gut, mein Sohn!« Gut, gut! Mit diesen Worten hatte Tizian seine Arbeit geadelt, und sie klangen laut in ihm fort, und das Maß der Wonne, die ihn erfüllte, drohte überzufließen, als kein geringerer als der große Paolo Veronese ihn aufforderte, sich am Samstag in seiner Werkstätte als Schüler zu melden. Entzückt, von neuer Hoffnung beseelt, wirft er sich in die Gondel. In dem Palast, den er mit de Soto bewohnt, ist alles ausgeflogen. Wer mag am Fastnachtabend zu Hause bleiben? Es wird ihm zu eng in den einsamen Räumen. Morgen in der Frühe begannen die stillen Tage, Samstag sollte für ihn ein neues, fruchtbringendes Leben im Dienste des einzigen wahren Wortes, der Kunst, der göttlichen Kunst beginnen. Diesen Abend der Freude, diese Nacht des Jubels wollte er noch genießen, auskosten bis auf die Neige. Er meinte sich heute ein Recht auf alle Wonnen der Erde erworben zu haben. Der Markusplatz war von Fackeln, Pechpfannen und Lampen tageshell erleuchtet, und auf seinem glatten Pflaster drängten sich die Masken wie auf dem Boden eines ungeheuren Tanzsaales. Rauschende Musik, lautes Gelächter, leises, zärtliches Geflüster, süßer Duft aus dem wallenden Haar lieblicher Frauen berauschten seine ohnehin von Erfolg und Wonne benebelten Sinne. Mit jedem, mit jeder band er übermütig und herausfordernd an, und wo er ein schönes Antlitz unter der Maske vermutete, trat er näher, um in die Saiten der Laute zu greifen, die ihm an einem breiten Purpurbande am Halse hing, und mit zärtlichem Sang Liebe zu heischen. Mancher Wink mit dem Fächer lohnte, mancher zornige Blick aus dunklen Männeraugen strafte den kecken Werber. Jetzt zog ein herrliches, königlich hochgewachsenes Weib am Arm eines reich gekleideten Kavaliers vorüber. War das nicht die schöne Claudia, die neulich beim Spiel unsinnige Summen im Namen des reichen Grimani verloren und ihn aufgefordert hatte, sie später in der Fastenzeit zu besuchen? Sie war es, er konnte nicht irren, und nun folgte er dem Paare wie sein Schatten und ward um so kecker, je zorniger der Kavalier ihn mit Blicken und barschen Worten zurückwies; denn die Dame hörte nicht auf, ihm anzudeuten, daß sie ihn erkenne und daß sein Spiel sie ergötze. Aber der Edelmann war nicht gewillt, dies beleidigende Spiel zu ertragen. Mitten auf dem Platze blieb er stehen, gab mit einer mißachtenden Bewegung seiner Dame den Arm frei und sagte: »Der Lautenschläger oder ich, meine Schönste; Ihr habt zu entscheiden.« Da lachte die Venezianerin laut auf, legte die Hand in den Arm Ulrichs und sagte: »Der Rest der Fastnacht für Euch, mein fröhlicher Sänger.« Ulrich stimmte in ihre Heiterkeit ein, nahm die Laute vom Halse, hielt sie mit einer herausfordernden Gebärde dem Kavalier hin und rief: »Sie steht Euch zur Verfügung, Maske; wir haben die Rollen getauscht. Aber, bitte, haltet sie besser fest als Eure Dame.« Im Spielsaal ging es hoch her, und Claudia hatte Glück mit dem Golde des Malers. Nach Mitternacht legte der Bankhalter die Karten aus der Hand. Aschermittwoch war da, der Saal mußte geräumt werden; die stille Fastenzeit hatte begonnen. Die Spieler zogen sich in die Nebenräume zurück und mit ihnen das viel beneidete Paar. Claudia warf sich auf den Diwan; Ulrich verließ sie, um für eine Gondel zu sorgen. Sobald er fort war, wurde sie von einer bunten Schar von Werbern umdrängt. Wie blitzten die dunklen Augen des schönen Weibes, wie funkelten die Edelsteine an dem vollen Hals und den blendenden Armen, wie schlagfertig gab sie auf jedes witzige Wort ein anderes zurück! »Claudia ohne Begleiter!« rief ein junger Edelmann, »auf diesem ungewöhnlichen Karneval das seltenste Schauspiel!« »Ich faste,« entgegnete sie munter, »und nun ich mich nach magerer Speise sehne, kommt Ihr! Welch ein glücklicher Zufall!« »Der schwere Grimani ist mit Eurer Hilfe auch schon ein recht leichter Mann geworden.« »Darum flog er auch fort. Wie wär' es, wenn Ihr ihm folgtet?« »Gern, gern; wenn Ihr mich begleitet.« »Für heute dank' ich; da kommt schon mein Ritter.« Ulrich war lange ausgeblieben, aber sie hatte es nicht bemerkt. Nun verneigte er sich vor den Kavalieren, bot ihr den Arm, und als sie die Treppe hinabstiegen, flüsterte er ihr zu: »Deine Maske von vorhin hat mich aufgehalten; – und dort ... Sieh nur, dort hinten im Hofe heben sie ihn auf. – Er drang auf mich ein.« »Ihr habt – Ihr hättet –« »Sie sind ihm gleich zu Hilfe gekommen. Mit der blanken Klinge sprang er mir in den Weg.« Claudia zog hastig die Hand aus dem Arm des Malers und rief leis und angstvoll: »Fort, fort, Unglückseliger! Wer du auch sein magst. Es war Luigi Grimani, ein Grimani war es. Du bist verloren, wenn sie dich finden. Fort, so lieb dir dein Leben, fort auf der Stelle!« So endete der Faschingsdienstag, welcher so herrlich für den jungen Maler begonnen. Das »Gut, gut!« des Tizian klang nicht mehr glückverheißend in ihm wieder, aber um so lauter das schmähliche »Fort, fort!« des feilen Weibes. De Soto erwartete ihn, um ihm mitzuteilen, wie großes Lob er über seine Kunstprobe bei Tizian vernommen – aber Ulrich bekam nichts von dem allem zu hören, denn er ließ dem Sekretär keine Zeit zum Reden, und dieser konnte nur das »Fort, fort!« der schönen Claudia wiederholen und ihm dann den Weg zum Entkommen ebnen. Als der Aschermittwochmorgen kühl und nebelig graute, lag Venedig hinter dem jungen Maler. Unverfolgt, aber ohne Ruhe, ohne Befriedigung zu finden, zog er nach Parma, Bologna, Pisa, Florenz. Der Tod Grimanis belastete sein Gewissen nur leicht. Der Zweikampf war ein Krieg im kleinen, den Gegner zu töten keine Missetat, sondern ein Sieg. Ihn quälten ganz andere Sorgen. Venedig, wohin ihn »das Wort« geführt, von dem er alles gehofft und erwartet hatte, war für ihn verloren, und mit ihm Tizians Gunst und die Lehre Cagliaris. Er begann an sich selbst, seiner Zukunft, an dem hehren Wort und seinem Zauber zu zweifeln. Je größer die Werke waren, welche des Wanderers Auge erschauten, desto kleiner fühlte er sich selbst, desto elender wollte ihm die eigene Kraft und das eigene Können erscheinen. »Zeichnen, Zeichnen!« riet ihm jeder Meister, an den er sich wandte, sobald er sein Schaffen beobachtet hatte. Jahrelanges Ausharren verlangten die Großen, denen er sich als Schüler anbot. Aber die Zeit war gemessen, denn das stand in dem treuen deutschen Gemüt des Verirrten fest: er mußte sich am Ende der bewilligten Frist Coello stellen. Sein Lebensglück war verscherzt, aber niemand sollte das Recht gewinnen, ihn einen Wortbrüchigen, einen Schelm zu nennen. In Florenz hörte er Sebastiano Filippi als guten Zeichner rühmen. Er war ein Schüler Michel Angelos gewesen, und so suchte er ihn in Ferrara auf und fand ihn bereit, ihn das zu lehren, was ihm noch fehlte. Aber die Schöpfungen des neuen Meisters sagten ihm nicht zu. Der an die wundervolle Klarheit Moors, an Tizians leuchtende Farben gewöhnte Jüngling fand Filippis Gemälde verschwommen und wie von grauen Nebeln umschleiert. Dennoch zwang er sich, monatelang bei ihm auszuhalten, denn er war in der Tat ein hervorragender Zeichner, und es fehlte in seiner Werkstätte nie an nackten Modellen; er bedurfte ihrer für die Vorstudien zu seinem Jüngsten Gericht. Ohne Befriedigung, ohne Lust an dem lästigen Schülerwerk, ohne Liebe zu dem kränklichen Meister, welcher sich von jedem Verkehr mit ihm fernhielt, sobald die Arbeitsstunden abgelaufen waren; fühlte er sich unbefriedigt, gelangweilt, entnüchtert. Des Abends suchte er Zerstreuung am Spieltisch, und wie in Venedig, war auch hier das Glück ihm gewogen. Sein Beutel strotzte von Zechinen, aber mit dem roten Golde entzog ihm die Kunst ihre mächtige Bundesgenossin, die Not, das drängende Muß, mit dem Aufgebote der eigenen Kraft das Leben zu fristen. Wie ein sorgloser Liebhaber hielt er die für die Studien festgesetzten Stunden inne und arbeitete ohne zwingenden Trieb, ohne Leidenschaft, ohne Freude, und auch ohne sichtlichen Gewinn für sein Können. Beim Spiel vergaß er, was ihn quälte, es erregte sein Blut, es scheuchte die Langeweile ins Weite; das Gold war ihm nichts. Den Löwenpart des Gewinns verlieh er auf Nimmerwiedersehen an gerupfte Spieler, er verschenkte ihn an darbende Maler und warf ihn bettelnden Armen verschwenderisch zu. So schlichen die Monde in Ferrara hin, und als die festgesetzte Zeit vorbei war, nahm er ohne Bedauern von Sebastiano Filippi Abschied, kehrte zur See nach Spanien zurück und gelangte reicher als er gegangen, aber verarmt an Zutrauen auf die eigene Kraft und verzweifelnd an der Allmacht der Kunst, nach Madrid. Zweiundzwanzigstes Kapitel Ulrich stand wiederum vor dem Schatzhaus und erinnerte sich der Stunde, in der er als bettelarmer Bursche dem Gefängnis entronnen und von demselben Torhüter schnöde zurückgewiesen worden war, welcher jetzt den jungen Herrn in kostbarem Samt unterwürfig begrüßte. Und doch! Wie gern hätte er wie damals arm, aber frei und mit einer Seele voll Begeisterung und Hoffnung diese Schwelle überschritten, wie freudig würde er die Jahre aus seinem Leben gestrichen haben, die zwischen damals und heute lagen! Ihm graute vor den Coellos; nichts als die Ehre gebot ihm, sich ihnen zu stellen. Ja – und wenn der Alte ihn abwies? – Um so besser! In der Werkstätte herrschte immer noch das alte, lustige Durcheinander. Er hatte dort lange zu warten und hörte dann durch mehrere Türen Frau Petra schelten und die heftige Gegenrede ihres Gatten. Endlich kam ihm Coello entgegen, und nachdem er ihn erst gemessen, dann aus gutem Herzen begrüßt und nach seinem Ergehen und seinem Schicksale gefragt hatte, zuckte er die Achseln und sagte: »Mein Weib will nicht, daß du Isabella wiedersiehst vor der Probe. Was du kannst, mußt du zeigen, dabei bleibt es natürlich; aber ich ... Du siehst gut aus und hast, wie es scheint, die Realen zusammengehalten. Oder ist es wahr?« Und nun bewegte er die Hand, wie wenn jemand den Würfelbecher schüttelt. »Wer gewinnt, ist ein braver Mann; aber mit dergleichen geben wir uns hier nicht mehr ab! In mir findest du den Alten, und du, du bist zur rechten Zeit wieder gekommen, und das ist schon etwas. Von deinem Handel in Venedig hat mir de Goto erzählt. Die großen Meister waren zufrieden mit dir, und das verscherzt sich der Hitzkopf! Ferrara für Venedig! Ein elender Tausch. Der Filippi – das Zeichnen versteht er; aber sonst ... Michel Angelos Schüler! Schreibt er sich's immer noch auf den Rücken? Jedes Mönchlein ist Gottes Diener, und in wie wenigen steckt doch der Herrgott! Was hast du bei dem Sebastiano gezeichnet?" Ulrich beantwortete diese Fragen kleinlaut, und Coello hörte ihm nur mit halbem Ohre zu, denn er lauschte auf seine Gattin, die im Nebenzimmer der Duenna Catalina zurief, was sie von dem Betragen ihres Mannes halte. Sie tat es überlaut, denn sie wünschte von ihm und Ulrich gehört zu werden. Aber sie sollte ihren Zweck nicht erreichen, denn plötzlich unterbrach Coello den Bericht des Heimgekehrten und rief: »Das wird mir zu bunt. Und wenn sie sich auf den Kopf stellt, du sollst Isabella begrüßen. Ein Willkommen, ein Händedruck, nichts weiter. Armes junges Volk! Wäre zum Leben nur nicht so verwünscht viel notwendig ... Nun, wir werden ja sehen!« Sobald der Künstler das Nebenzimmer betreten hatte, entbrannte dort ein neuer, heftiger Streit, aber obgleich Frau Petra zuletzt auch eine Ohnmacht ins Feld führte, blieb ihr Gatte doch fest und kehrte endlich mit Isabella in die Werkstätte zurück. Ulrich hatte sie erwartet wie ein Angeklagter das Urteil. Nun stand sie ihm an der Hand des Vaters gegenüber – und er, er schlug sich mit der Hand an die Stirn und schloß die Augen und öffnete sie wieder, um sie anzublicken – anzustarren wie eine Wundererscheinung. Und dann war es ihm zumute, als solle er vor Scham und Schmerz und freudiger Überraschung vergehen, und festgebannt stand er da und wußte nichts zu tun, als ihr die Hände entgegenzustrecken, und nichts zu sagen als: »Ich – ich, ich,« und dann wie ein Sinnverwirrter mit jählings wechselndem Ausdruck der Stimme zu rufen: »Du weißt nicht! Ich bin nicht ... Gebt mir Zeit, Meister. Hierher, hierher, Mädchen, du sollst, du mußt, es darf nicht alles vorbei sein!« Er hatte die Arme weit geöffnet, und nun trat er rasch gegen sie hin mit dem begehrlichen Blick des Spielers, der sein Letztes auf eine Karte setzte. Coellos Tochter folgte ihm nicht. Sie war nicht mehr die kleine, bescheidene Belita: hier stand kein Kind, sondern eine schön erblühte Jungfrau. In achtzehn Monden hatte sich ihre Gestalt gestreckt, in banger Sehnsucht, im Kampf mit der Mutter war das Übermaß der Fülle geschwunden, das Gesicht länglich, die Haltung selbstbewußter geworden. Die großen, klaren Augen kamen nun erst zur vollen Geltung, die halb entwickelten Züge hatten schönes Ebenmaß gewonnen, und die rabenschwarzen Locken umwallten als glänzender Schmuck das bleiche und anmutige Haupt. »Selig, dem es vergönnt war, dies Weib zu besitzen!« So rief es laut in der Brust des Jünglings, aber eine andere Stimme raunte ihm zu: »Verloren, verloren, verscherzt und verspielt!« Warum folgte sie nicht seinem Rufe? Warum flog sie ihm nicht in die geöffneten Arme? Warum, warum? Er ballte die Fäuste, er biß die Zähne zusammen, denn sie regte sich nicht und schmiegte sich fest an den Vater. Dieser schöne, prunkend gekleidete Herr mit dem spitz geschnittenen Vollbart, mit den tiefliegenden Augen und dem harten, grollenden Blick, das war ein ganz anderer als der heitere, begeisterte Jünger der Kunst, für den ihr erwachendes Herz zum erstenmal schneller geschlagen, das war der künftige Meister nicht, der als ein herrlicher, von freudigem Schaffen und hohem Gelingen verklärter Liebling des Glücks und der Muse vor ihrem inneren Auge gestanden. Dieser trotzige Riese sah nicht aus wie ein Künstler. Nein, nein; der dort glich nicht mehr jenem Ulrich, dem sie in der seligsten Stunde des Lebens so gern, so übergern die reinen Lippen geboten. Das junge Herz Isabellas zog sich fröstelnd zusammen, und doch sah sie, daß ihn nach ihr verlangte, und doch wußte sie und konnte es nicht leugnen, daß sie sich ihm mit Leib und Seele verschrieben, und doch – doch hätte sie ihn so gern geliebt. Es drängte sie, zu reden, aber sie fand kein anderes Wort als »Ulrich« und noch einmal »Ulrich«, und das klang nicht froh und entzückt, sondern beklommen und fragend. Coello fühlte, wie ihre Finger sich fest und fester in seine Schulter drückten. Gewiß, sie suchte Schutz und Hilfe bei ihm, um ihr Versprechen zu halten und dem leidenschaftlichen Rufe des Geliebten zu widerstehen. Nun schwammen die Augen seines Lieblings in Tränen, und er fühlte das Beben ihrer Glieder. Da konnte er dem warmen Drange des väterlichen Herzens, seine kleine Belita glücklich zu sehen, nicht länger trotzen, und ganz erweicht von zärtlicher Schwäche, flüsterte er ihr zu: »Armes Ding! Verliebtes Völkchen! Tut, was ihr wollt, ich werde nicht hinsehen!« Aber Isabella ließ nicht von ihm los; sie richtete sich nur höher auf und faßte Mut, und blickte dem Wiedergekehrten fester ins Antlitz und sagte: »Du hast dich verändert, so ganz verändert, Ulrich, und ich kann nicht sagen, was jetzt über mich kommt. Tag und Nacht hab' ich mich auf diese Stunde gefreut, und nun sie da ist – wie ist es nun? Was hat sich zwischen uns beide gestellt?« »Was, was!« rief er empört und trat ihr in drohender Haltung näher. »Was? Du mußt es wissen! Deine Mutter hat dir die Lust an dem armen Stümper verdorben. Da steh' ich! Hab' ich Wort gehalten, ja oder nein? Bin ich ein Scheusal, eine giftige Schlange geworden? Schau mich nicht wieder so an, so nicht! – Es tut nicht gut; mir nicht und dir nicht. Ich lasse nicht mit mir spielen!« Ulrich hatte diese Worte gerufen, als sei ihm schwere Unbill widerfahren, und er glaubte auch an sein Recht. Coello machte sich von der Tochter los, um dem wild erregten Mann entgegenzutreten, sie aber hielt ihn zurück und entgegnete bleich, mit zitternder Stimme, aber dennoch stolz und entschieden: »Es hat keiner mit dir gespielt, und ich am letzten: Ernst, heiliger Ernst ist es mir mit meiner Liebe gewesen!« »Ernst!« unterbrach sie Ulrich mit schneidendem Spott. »Ja, ja, heiliger Ernst; – und als die Mutter mir sagte, du habest um einer Dirne willen einen Menschen getötet und Venedig verlassen, als es hieß, in Ferrara seist du ein Spieler geworden, da hab' ich gedacht: den kenne ich besser, sie schwärzen ihn an, um dir, was du hier drinnen trägst, zu verderben. Ich glaubte es nicht; – aber nun glaub' ich's. Ich glaube es und werde es glauben, bis du deine Probe bestanden. Für den Spieler bin ich zugut, dem Künstler Navarrete halt' ich mit Freuden, was ich versprach. Kein Wort, ich will nichts mehr hören. Komm, Vater! Wenn er mich liebt, so wird er verstehen, mich zu erwerben. Vor diesem da hab' ich Furcht.« Ulrich wußte nun, auf wessen Seite die Schuld, auf wessen das Recht war. Es trieb ihn fort aus der Werkstätte, fort von der Kunst und der Braut; denn alles Beste im Leben, er hatt' es verscherzt. Aber Coello vertrat ihm den Weg. Er war nicht der Mann, dem treuen Gesellen, welcher deutlich genug gezeigt hatte, wie fest er an seinem Liebling hing, um eines Raufhandels und eines glücklichen Spieles willen die Freundschaft zu kündigen. Hinter diesen Büschen hatte er in jungen Jahren selbst gesteckt, und war doch ein tüchtiger Maler und ein guter Ehemann geworden. In kleinen Dingen gab er seinem Weibe willig nach, in großen wollte er Herr des Hauses bleiben. Herrera war ein gewaltiger Gelehrter und Künstler, aber ein unscheinbarer Mann; und er ließ sich wie ein Stümper bezahlen. Die männliche Schönheit Ulrichs hatte es ihm angetan, und unter seiner, Coellos, Leitung sollte er's schon zu etwas bringen. Er, der Vater, wußte besser, wie es um Isabella stand, als sie selbst. Man schluchzt nicht so heftig auf, wie sie es getan hatte, sobald sich die Tür des Studienraumes hinter ihr geschlossen, wenn man nicht verliebt ist. Woher hatte sie nur den kühlen Verstand? Von ihm gewiß nicht, und noch weniger von der Mutter. Vielleicht wollte sie den Navarrete nur reizen, sich bei der Probe zusammenzunehmen. Coello lächelte: es lag ja in seiner Hand, milde zu richten! So hielt er denn Ulrich mit ermutigenden Worten zurück und stellte ihm eine Aufgabe, mit der er wohl zurechtkommen konnte. Er sollte eine Madonna mit dem Christkinde malen, und zwei volle Monde wurden ihm für diese Arbeit bewilligt. In der Casa del Campo gab es eine Werkstätte, und da sollte er malen und nur versprechen, das Schatzhaus vor der Vollendung der Arbeit nie zu besuchen. Ulrich willigte ein. Isabella mußte die Seine werden. Trotz gegen Trotz! Sie sollte erfahren, wer von ihnen der Stärkere sei. Er wußte nicht, ob er sie liebe, ob er sie hasse, aber ihr Widerstand hatte das Verlangen nach ihrem Besitz leidenschaftlich entflammt. Er war entschlossen, mit dem Aufgebot aller Kraft ein Meisterwerk zu schaffen. Was Tizian gebilligt hatte, mußte einem Coello genügen, und so begann er die Arbeit. Es drängte und trieb ihn, das Bild der Mutter Gottes, so wie es einst in seiner Seele gelebt hatte, keck und ohne langes Besinnen hinzuwerfen, aber er tat sich Zwang an und wiederholte sich das warnende Wort, das man ihm so oft ins Ohr gerufen: Zeichnen, und wiederum Zeichnen. Ein weibliches Modell war bald gefunden; aber statt seinem Auge zu trauen und keck und groß wiederzugeben, was er geschaut, maß er und maß er, und löschte aus, was der Rotstift vollendet. Beim Malen belebte sich sein Mut, denn Haar, Fleisch und Gewand schienen ihm wahr und wirksam zu werden. Aber er, der in besseren Zeiten Herz und Gemüt der Kunst verschrieben und ihr mit der Seele gedient hatte, zwang sich bei diesem Bilde zu einer Arbeitsweise, die seinem innersten Wesen widersprach. Sein Modell war schön, aber aus dem wohlgestalteten Antlitz konnte er nichts lesen, als daß es schön sei, und die leblosen Züge wurden ihm zuwider. Auch das Knäblein bereitete ihm große Not, denn ihm gebrach der Sinn für den Zauber der kindlichen Unschuld und den Liebreiz des kindlichen Wesens. Dabei geriet er in große innere Not. Was ihm den Pinsel führte, war nicht mehr die göttliche Schaffensfreude von früher, sondern Angst vor dem Mißlingen, und heftiges, von Tag zu Tag wachsendes Verlangen nach Isabella. Die Wochen vergingen. Ulrich lebte in dem einsamen Schlößchen, in sich selbst zurückgezogen, feind jeder Gesellschaft, von früh bis spät ruhe- und freudlos tätig an einer Arbeit, die ihm mit jedem neuen Tag weniger genügte. Don Juan d'Austria begegnete ihm zuweilen im Park. Einmal rief der Kaisersohn ihm zu: »Nun, Navarrete, wie steht's mit der Anwerbung?« Aber Ulrich wollte die Kunst nicht lassen, und doch zweifelte er schon lange an ihrer Allmacht. Je näher der Abschluß des zweiten Monats rückte, desto häufiger, desto inbrünstiger rief er das Wort an, aber es hörte ihn nicht. Wenn es dunkelte, trieb es ihn in die Stadt, um Händel zu suchen und am Spieltisch sich selbst zu vergessen, doch er gab diesem Drange nicht nach, und um sich vor der Versuchung zu schützen, floh er in die Kirche und verbrachte dort ganze Stunden, bis der Sakristan die Lichter auslöschte. Er rang hier nicht sehnsuchtsvoll nach Gemeinschaft mit dem Höchsten, kein demütiges Verlangen nach innerer Läuterung, etwas anderes hielt ihn hier fest. Beim Orgelton und Weihrauchduft konnte er mit den verlorenen Lieben wie mit Gegenwärtigen verkehren, da wurde der trotzige Mann zum Kinde, da fühlte er in seinem Herzen alles wieder aufblühen, was gut und weich in ihm war. In der letzten Woche vor Ablauf der Frist kam ihm in der Nacht wie eine Offenbarung ein Gedanke, der ihn zum Ziel führen mußte. Auf der Leinwand prangte ein schönes Weib, dem ein Kind auf dem Schoß stand. Was hatte er alles versucht, um in diese Züge den rechten Ausdruck zu legen! Die Erinnerung, ja, sie sollte ihm helfen, das Rechte zu treffen. Welches Weib war schöner, welches zärtlicher und liebreicher gewesen als seine Mutter? Ihre Augen, ihr Mund standen ihm greifbar deutlich vor der Seele, und in den letzten Tagen, die ihm übrig blieben, gewann seine Maria Florettens fröhlichen Blick, und bald spielte auch um die Lippen der Jungfrau der sinnliche, herzbestrickende Reiz, der dem Munde der Spielmannstochter eigen gewesen. Ja, das war eine Mutter, ja, es mußte eine echte, rechte Mutter sein, denn es war ja die seine! Je finsterer es in seiner Seele aussah, desto sonniger und entzückend heiterer erschien ihm sein Bild. Er konnte sich nicht satt daran sehen, denn er fühlte sich vor ihm in die seligsten Stunden der Kindheit versetzt, und wenn diese Maria ihn anschaute, war es ihm, als stünden ihm die Balsaminen hinter dem Fenster der Schmiede am Markt und die schönen Herren wieder vor Augen, die ihn von dem Schoß der lachenden Frau genommen, um ihn auf die Schulter zu heben. Ja! Bei diesem Gemälde hatte jene »heitere Kunst« geholfen, der zu Ehren Paola Veronese bei Tizian aufgesprungen war, um das Glas zu leeren und es aus dem Fenster in den Kanal zu schleudern. Er glaubte des Erfolges gewiß zu sein, und nun konnte Isabella nicht mehr grollen. Sie hatte ihn auf den rechten Weg zurückgeführt, und es wollte ihm süß, beseligend süß erscheinen, das geliebte Mädchen zärtlich und sacht auf starken Armen durchs Leben zu tragen. Eines Morgens ließ er der Verabredung gemäß Coello mitteilen, die Madonna sei fertig. Am Mittag erschien er, doch er kam nicht allein, und derjenige, welcher ihm voranging, war kein Geringerer als der König. Klopfenden Herzens, keines Wortes mächtig, öffnete Ulrich die Tür der Werkstätte und verneigte sich tief vor dem Monarchen; aber dieser würdigte ihn keines Blickes und trat gravitätisch vor das Gemälde. Coella zog das Tuch herunter, mit dem es bedeckt war, und alsbald tönte von den Lippen des Königs jenes schneidende Kichern, das Ulrich schon öfter aus seinem Munde vernommen. Dann wandte sich der Monarch an Coello und sagte unwillig und laut genug, um von dem jungen Künstler verstanden zu werden: »Ärgerlich! Ein verletzendes, beleidigendes Machwerk. Eine Bacchantin im Kleide der gnadenreichen Mutter. Und das Kind! Sieh diese Beine! Wenn es heranwächst, kann es ein Tanzmeister werden. Wer solche Madonna malt, der lasse die Hand von den Farben! Zu den Rossen mit ihm, zu den Rossen!« Coello fand kein Wort der Entgegnung, der König aber blickte noch einmal auf das Bild und rief dann entrüstet: »Eines Christen Werk, eines Christen! Was weiß der Wurm, der dies gemacht hat, von der Mutter, der Jungfrau, der Lilie ohne Makel, der Rose ohne Dorn, dem Pfade, auf dem Gott zu dem Menschen gekommen, der Schmerzensreichen, die, wie Christus mit seinem heiligen Blute, mit ihren Tränen die Welt erlöste! – Ich habe genug gesehen, übergenug! Escovedo erwartet mich draußen! Wegen der Ehrenpforte reden wir morgen!« Philipp entfernte sich, und der Hofmaler gab ihm das Geleit bis zur Tür. Als er in die Werkstätte zurückkehrte, stand der unglückliche Jüngling immer noch an derselben Stelle und starrte, tief atmend, auf sein verurteiltes Werk. »Armer Schelm!« sagte Coello und trat ihm mitleidig näher; Ulrich aber unterbrach ihn und fragte mit mühsam hervorgestoßenen Lauten: »Und Ihr, und Ihr? Euer Urteil!« Da zuckte der andere die Achseln und entgegnete mit aufrichtigem Bedauern: »Ihre Majestät ist nicht milde; aber komm her und sieh selbst! Von dem Kinde will ich nicht reden, obgleich es ... Lassen wir es in Gottesnamen stehen, wie es steht. Auf die Madonna kommt es mir an wie dem König, und die – es tut mir leid, es zu sagen, die gehört überall eher hin, als in den Himmel. Mein Gott, wie oft ist das Ding übermalt! Wenn Meister Antonio, wenn Moor das sähe ...« »Dann, dann?« fragte Ulrich mit düster glühenden Augen. »Er würde dich zwingen, noch einmal von vorne anzufangen. Du tust mir aufrichtig leid, und die arme Belita nicht minder. Meine Frau wird triumphieren. Du weißt, ich habe dir immer die Stange gehalten; aber eine so unglückselige Leistung! ...« »Genug!« schnitt ihm der Jüngling ins Wort. Dann stürzte er sich auf das Bild, durchstieß es mit dem Malerstock und warf es samt der Staffelei mit einem kräftigen Fußtritt zu Boden. Coella sah ihm kopfschüttelnd zu und suchte ihn mit gütigen Worten zu besänftigen, Ulrich aber hörte ihn nicht und rief nur: »Es ist aus mit der Kunst, aus und vorbei. A Dios , Meister! Eurer Tochter schmeckt die Liebe nicht ohne Kunst, und die Kunst und ich haben nichts mehr zu teilen.« An der Tür blieb er stehen, suchte sich zu sammeln und streckte endlich Coello, der ihm traurig nachgeschaut hatte, die Hand entgegen. Der Maler reichte ihm willig die seine, und während Ulrich sie kräftig drückte, sagte er bewegt und mit bebender Stimme: »Verzeiht dies Toben ... Mir ist nur ... mir ist, als trüg' ich alles, was mir teuer war, zu Grabe. Habt Dank, Meister, Dank für vieles. Ich bin, ich habe ... hier drinnen – hier oben, da wirbelt alles bunt durcheinander. Ich weiß nur, gewiß, ich weiß, daß Ihr, daß Isabella gut zu mir waret, und ich, ich habe – es bringt mich noch um! Glück hin! Kunst hin! A Dios, trügerisches Wort! A Dios , göttliche Kunst!« Bei diesem letzten Gruß zog er die Hand aus der des Meisters, stürzte in die Werkstätte zurück, drückte mit überströmenden Augen die Lippen auf die Palette, auf die Stiele der Pinsel, auf sein vernichtetes Bild und eilte dann an Coello vorüber ins Freie. Den Maler zog es zu seinem Kinde; aber der König hielt ihn im Parke auf. Endlich konnte er ins Schatzhaus zurück. Auf der Treppe vor der Tür seiner Wohnung wartete Isabella. Sie hatte hier schon lange, lange gestanden. »Vater!« rief sie hinunter. Coello blickte mit einem traurigen Blick zu ihr auf und schwenkte bedauerlich und verneinend die Hand. Da schauerte sie zusammen, als habe ein scharfer Zug sie getroffen, und wie der Maler neben ihr stand, blickte sie ihn mit den dunklen Augen, die größer als je aus dem bleichen, verhärmten Antlitz schauten, forschend an und sagte leise, aber bestimmt: »Ich will ihn sprechen. Du führst mich zu dem Gemälde. Ich muß es sehen.« »Er hat es durchstoßen,« entgegnete der Maler. »Glaube mir, Kind, du hättest es selber verurteilt.« »Und doch, doch! Ich muß es sehen,« wiederholte sie ernst und fest, »sehen, sehen mit diesen Augen. Ich fühl' es, ich weiß es: er ist dennoch ein Künstler. Warte, ich hol' die Mantilla!« Mit fliegenden Schritten eilte sie in die Wohnung zurück, und als sie um weniges später mit dem schwarzen Spitzentuch auf dem Haupt die Treppe neben dem Vater hinabstieg, kam ihnen der Geheimsekretär de Soto entgegen und rief dem Maler zu: »Wollt Ihr das Neueste hören Coello?« Euer Schüler Navarrete ist Euch und der edlen Malerkunst treulos geworden. Vor einer Viertelstunde hat ihm Don Juan das Handgeld gegeben. Immer besser, ein guter Reiter, als ein mittelmäßiger Maler. Was habt Ihr, Fräulein?« »Nichts, nichts,« murmelte sie leise und sank an die Brust des Vaters. Dreiundzwanzigstes Kapitel Zwei Jahre waren vergangen. Ein schöner Oktobertag graute. Kein Wölkchen trübte den azurblauen Himmel, und der Sonnenball stieg glühend hinter dem engen Wassertor in die Höhe, das Einlaß in den Golf von Korinth gewährt. Wie frisch erblühte Zyanen leuchtete die leicht gekräuselte See in dem stillen Meereswinkel, der hier die sonnigen Ufer von Hellas und dort die schattigen Küsten der Peloponnesos rauschend bespült. Starre, ausgebrannte Felsen erheben sich in nackter Schönheit im Norden der Bai, und die Strahlen des jungen Tagesgestirns wirken goldene Fäden in den zarten, weißlichen Nebel, der sie leicht und spielend umschwebt. Das Ufer Moreas ist gen Mitternacht gewandt; so lagern noch immer dichte Schatten über den steinigen Olivenhainen und dem dunklen Laub der Lorbeerrosen und Oleandersträucher, welches in massigem Wuchs dem Lauf der Bäche folgt und die Schluchten erfüllt. Wie still, wie lauschig pflegt es hier in der Frühe des Morgens zu sein! Weiße Möwen spielen friedlich über den Wassern, ein Fischerboot, eine Galeere gleitet leise dahin und zieht in den blauen Meeresspiegel leuchtende Furchen; aber heute, heute krümmen sich die Wogen unter der Last zahlloser Schiffe, heute schlagen Tausende von langen Rudern die See, daß sie ächzend und mit klagendem, klatschendem Lärm hoch aufspritzt. Heute klirrt und rasselt und braust es überlaut diesseits und jenseits des Wassertores, welches Einlaß in die Bai von Lepanto gewährt. Das Dröhnen und Lärmen tönt mächtig von dem kahlen nördlichen, gedämpfter von dem dicht belaubten südlichen Ufer wieder. Zwei unübersehbare Scharen von wütenden Gegnern stehen einander gegenüber wie Ringer, welche die schwellenden Arme ausstrecken, um einander zu fassen und zu Boden zu schmettern. Papst Pius der Fünfte hat die Christenheit aufgerufen gegen die länderverschlingende Macht der Osmanen. Zypern, das christliche Zypern, die letzte Provinz, die Venedig in der Levante besaß, ist dem Muslim in die Hände gefallen. Spanien und Venedig haben einen Bund mit dem Statthalter Christi geschlossen, Genuesen, andere Italiener und auch die Johanniter von Malta versammeln sich in Messina, um der Liga Beistand zu leisten. Die schönste und größte Armada, die seit langer Zeit einen christlichen Hafen verlassen, sticht von hier aus in die See. Den Oberbefehl hat König Philipp allen Ränken zum Trotz auf seinen jungen Halbbruder Don Juan d'Austria zu übertragen gewußt. Auch der Osmane ist nicht müßig gewesen. Im Golf von Lepanto erwartet er mit zwölf Myriaden Streitern auf dreihundert Schiffen den Gegner. Don Juan läßt nicht auf sich warten. Der Muslim hat jüngst auf Zypern Tausende von Christen meuchlings geschlachtet, und diese Schmach kann der feurige Held nicht tragen. Die Warnungen und mahnenden Schreiben aus Madrid, die ihm die freudige Tatkraft lähmen, er gibt sie den Winden preis, seine Truppen und die Venezianer allen voran lechzen nach Rache. Aber auch der Muslim kann den Kampf nicht erwarten, und der Kapudan-Pascha segelt gegen den Beschluß seines Kriegsrats den Feinden entgegen. Am Morgen des siebenten Oktobers ist jedes Schiff, jeder Mann zur Schlacht bereit. Der Sonnenball zeigt sich, und nun schwebt von den spanischen Schiffen melodisches Glockengetön himmelan und vereint sich mit dem volltönenden Gesang: »Allahu akbar, allahu akbar, allahu akbar« und den frommen Worten: »Ich bezeuge, daß außer Allah kein Gott, und daß Mohammed der Prophet Allahs ist; heran zum Gebet!« »Heran zum Gebet!« Das ruft die eherne Zunge der Glocke wie das Metall in der Mannesbrust des Mueddin, welcher heute nicht von der Spitze des Minaretts, sondern aus dem Mastkorb des Schiffes die Seinen zur Andacht ladet. Jenseits und diesseits der schmalen Meerespforte denken, hoffen, glauben die Tausende, hier der Christ, dort der Muslim, daß der Allmächtige sie höre. Nun verstummt Glockengeläut und Gesang, eine schnelle Galeere mit Don Juan an Bord fährt von Schiff zu Schiff. Der junge Held trägt das Kruzifix in der Hand und ruft den christlichen Streitern ermutigende Worte zu. Dann tönt Trompetengeschmetter, Trommelwirbel und Kommandoruf von den felsigen Ufern wieder. Vorwärts bewegt sich die Armada, das Admiralschiff mit Don Juan voran. Die Türkenflotte zieht ihm entgegen. Der junge Löwe fragt nicht mehr nach dem weisen Rat der erfahrenen Admirale. Er begehrt nichts, er denkt nichts, er befiehlt nichts, als »vorwärts«, »anstürmen«, »entern«, »töten«, »in den Grund bohren«, »vernichten«! Wie wütende Stiere mit gesenktem Haupt und blutrünstigen Augen dumpf brüllend aufeinander losstürzen, wirft sich die eine Armada auf die andere. Der Schlachtplan Marco Antonio Colonnas, die klugen Ratschläge Dorias, Venieris, Giustinianis, wer fragt nach ihnen an diesem Tage der Rache? Nicht der denkende Kopf und das scharfe Auge – der Mannesmut und die Kraft des Armes geben heute den Ausschlag. Alexander Farnese, der Prinz von Parma, ist vor kurzem zu dem jungen Oheim gestoßen. Im vordersten Treffen befehligt er ein Geschwader von genuesischen Schiffen. Er soll sich zurückhalten, bis ihm Doria befiehlt, in den Kampf einzugreifen. Aber Don Juan hat bereits das Admiralschiff der Osmanen geentert, das Deck erklommen und sich mit starken Schwertstreichen zu dem Kapudan-Pascha durchgehauen. Alexander sieht es; der stürmische Heldenmut reißt ihn fort, und auch er befiehlt: »Vorwärts!« Was ist das für ein Riesenfahrzeug dem er sich nähert? Auf dem roten Wimpel prangt der silberne Halbmond, Feuerschlund an Feuerschlund speit Verderben aus seinen Flanken. Sein hoher Bord ist doppelt bewehrt mit bärtigen Turbanträgern. Das ist die Schatzgaleere der osmanischen Flotte! Dies Bollwerk, diesen Hort des Feindes, es lohnt sich, ihn zu erbeuten! Das Schatzschiff ist der Galeere Farneses an Größe und Kraft und Zahl der Bemannung um das Dreifache überlegen. Was kümmert es ihn, was fragt er nach dem Kugelregen und den Pechkränzen, die ihn erwarten? Drauf und dran! Doria gibt warnende Signale. Er beachtet sie nicht, er will sie nicht sehen und hören. Blutend, verröchelnd sinken wackere Krieger um ihn her auf das Deck, sein Mast ist geborsten und neigt sich krachend zum Falle. »Wer folgt mir?« ruft er und stützt die Hand auf die Brüstung. Die bewährten spanischen Krieger, mit denen Don Juan sein Fahrzeug bemannt hat, zaudern. Nur einer tritt stumm und entschlossen an seine Seite und wirft das zweihändige Schwert, dessen Knauf dem hochgewachsenen Jüngling bis an die Augen reicht, über die Schulter. Jedermann an Bord kennt den blondlockigen Riesen. Es ist Navarrete, des Feldherrn Günstling. Im Krieg gegen die Moresken von Kadiz und Vaza hat er manche viel beneidete Waffentat verrichtet. Sein Arm ist von Stahl, das Leben gilt ihm nicht mehr als eine der Federn auf seinem Helme, und ebenso tollkühn wie mit den Zechinen beim Würfeln, spielt er in der Schlacht mit dem Dasein. Hier wie dort bleibt er der Gewinner. Niemand weiß recht, woher und aus welchem Hause er stammt, denn er ist ein ungeselliger, in sich zurückgezogener Mann. Nur auf der Fahrt nach Lepanto hat er mit einem kranken Soldaten, Don Miguel Cervantes, Freundschaft geschlossen. Er, der das Haupt mit so kühlem Sosiego trägt wie der stolzeste Grande, widmet jede freie Stunde dem leidenden Altersgenossen und sorgt für ihn wie ein Bruder, ja wie ein Diener. Der andere weiß freilich gar wunderbar zu fabulieren, und er hat seine besonderen Ansichten über alles, was sich zwischen Himmel und Erde bewegt. Man weiß von dem Navarrete, daß er einmal ein Maler gewesen, und er scheint unter den frommen Kastilianern der Frömmste zu sein, denn er tritt in jede Kirche und jede Kapelle, an der die Heerschar vorbeizieht, und vor manchem Madonnenbilde und Altargemälde bleibt er wie verzückt und gebannt lange, unermüdlich lange stehen. Auch der Kühnste wagte es nicht, sich an ihm zu reiben, denn an seinem Schwerte haftet der Tod, und doch ist sein Herz nicht verhärtet. Mit offener Hand verschenkt er Gewinnst und Beute. Jeder Bittende ist seines Beistandes gewiß. Er meidet die Weiber, aber mit Wunden und Siechen verkehrt er gern, und nächtelang wacht er am Lager schwer getroffener Kameraden. Es geht die Rede, daß es ihm Lust bereite, sterben zu sehen. Ach nein! Das Herz des Vereinsamten, Stolzen sucht nur eine Stelle, wo es weich sein darf, der an Liebe Verarmte braucht ein Plätzchen, wo er erweisen darf, was niemand ihm reicht: sorgende Liebe. Alexander Farnese erkennt in Navarrete den Rossebändiger aus dem Picadero zu Madrid, nickt ihm befriedigt zu und erklimmt die Brüstung. Aber der andere folgt ihm nicht sogleich, denn sein Freund Don Miguel hat sich zu ihm gesellt und verlangt das Abenteuer zu teilen. Navarrete und der Kapitän wollen den Fieberkranken zurückhalten, aber dieser fühlt sich plötzlich genesen und besteht mit glühenden Augen auf seinem Willen. Ulrich wartet das Ende des Wortkampfes nicht ab, denn Farnese springt jetzt in das feindliche Schiff. Er folgt ihm mit einem kühnen Satze. Alexander führt wie er selbst ein zweihändiges Schwert, und beide schwingen es wie der Mäher die Sense. Sie stürmen an, sie schlagen drein, sie strecken nieder. Entsetzt weichen die ersten Feinde vor den grimmen Würgern zurück. Mustapha-Pascha, der Schatzmeister und Führer der Galeere, dringt in eigener Person auf die furchtbaren Christen ein, und ein Schwerthieb Alexanders zerschmettert die Hand mit dem gebogenen Säbel, ein zweiter streckt den Muslim zu Boden. Aber die Übermacht der Osmanen ist überwältigend groß und droht die Helden zu erdrücken. Da zeigt sich Don Miguel Cervantes, der Freund Ulrichs, mit zwölf neuen Streitern auf dem Kampfplatz. Sie brechen sich Bahn zu den Bedrängten; andere spanische und genuesische Krieger folgen ihnen, und immer wütender wird das Gemetzel. Ulrich ist weit von dem fürstlichen Kampfgenossen abgedrängt worden; er schwingt jetzt neben dem kranken Freunde das Schwert. Don Miguels Brust blutet schon aus zwei Wunden, und nun sinkt er an Ulrichs Seite zusammen; eine Kugel hat ihm den linken Arm zerschmettert. Ulrich beugt sich zu ihm nieder und richtet ihn auf; die Seinen umgeben ihn rings, die Türken sind gelichtet wie Wolken am Berg, in die der Sturmwind gefahren. Don Miguel will das Schwert aufheben, das ihm entsunken, aber er greift in die leere Luft, und während er die großen Augen wie ein Verzückter aufwärts richtet und die Hand auf die blutende Brust preßt, ruft er begeistert: »Wunden sind Sterne; sie weisen den Weg in den Himmel des Ruhmes – des Ruhmes – –« Die Sinne schwinden ihm, und Ulrich trägt ihn auf starken Armen an eine von genuesischen Kriegern behauptete Stelle des Schatzschiffes. Dann stürzt er von neuem in den Kampf, und dabei tönen ihm die feurigen Worte des Freundes fort und fort vor den Ohren: »Der Himmel des Ruhmes!« Das ist das letzte, höchste Ziel des Mannes! Ruhm, ja Ruhm ist das »Wort«; für ihn soll es von nun an das Wort sein! Es ist, als habe sich eine finstere Schar von schweren Gewittern über dem stillen blauen Meeresarm zusammengeballt. Wie schwarzes Gewölk umnachtet erstickender Pulverdampf den klaren Himmel, und Blitze und Donnerschläge ohne Zahl durchflammen und erschüttern die verfinsterte Luft. Dort, hier, drüben fliegt eine Pulverkammer in die Luft, steigt ein Feuergeiser mit wütendem Krachen gen Himmel. Jammergeheul und Siegesgeschrei, schmetternde Fanfaren, das wilde Gekrach zerberstender Schiffe und stürzender Masten vermischt sich zu einem Höllenlärm ohnegleichen. Das Licht der Sonne hat sich verhüllt, aber den Streitenden leuchten als Fackeln ohnegleichen die brennenden Gigantenkörper gewaltiger Galeeren. Als die Abenddämmerung hereinbrach, war der Sieg für die Christen entschieden. Wie Farnese den Schatzmeister, so hatte Don Juan den Oberbefehlshaber der osmanischen Macht, Ali-Pascha, gefällt. Neffe und Onkel gingen als preiswerte Helden aus dem Kampfe hervor, aber der Ruhm dieses Tages heftete sich an Don Juans Namen. Des Farnese tollkühnes Eingreifen wurde vom Oberbefehlshaber freundlich getadelt, und als jener vor Don Juan der heldenmütigen Hilfe Navarretes gedachte, übertrug der Feldherr ihm, dem kühnen Kämpfer und wackeren Reiter, den ehrenvollen Auftrag, dem Könige die Siegesbotschaft zu überbringen. Zwei Galeeren stachen zu gleicher Zeit nach Westen in See, eine spanische, auf der sich der Bote Don Juans befand, eine venezianische mit dem Kurier der Republik. Die Ruderer auf beiden Fahrzeugen hatten Mühe, sich durch die Schiffstrümmer, die gebrochenen Mäste und Planken, die Menge der Leichen und die Netze des Tauwerks, welche den Spiegel des Wassers bedeckten, Bahn zu brechen, aber schon unter diesen Hindernissen begann die Wettfahrt. Der Wind und die See waren beiden Galeeren gleich günstig; aber die Venezianer überholten dennoch die Spanier und gingen vierundzwanzig Stunden vor ihnen zu Alicante vor Anker. Es war an dem Reiter, die Zeit einzubringen, welche die Seefahrer verloren. Der Bote der Republik war dem des Feldherrn weit voraus. Überall, wo Ulrich das Pferd wechselte und auf kurze Augenblicke die Fahne des Propheten zeigte, die er als schönste Siegestrophäe dem Könige zu überbringen hatte – sie war achtundzwanzigtausendneunhundertmal mit dem Namen Allahs beschrieben –, begegnete er jubelnden Volksmassen, Prozessionen und festlichem Schmuck. Der Name Don Juans klang von den Lippen der Frauen und Männer, der Mädchen und Kinder. Das war Ruhm, das war die Allgegenwart eines Gottes; wer solches erreicht hatte, für den konnte es nichts Höheres geben. »Ruhm, Ruhm!« klang es in Ulrich wieder; wenn es ein Wort gibt, das den Menschen über sich selbst hinaushebt und sein eigenes Wesen in das von Millionen Mitwesen pflanzt, so ist es dieses! Und nun jagte er ein Roß nach dem anderen zu Schanden und gönnte sich auch in der Nacht keine Ruhe: eine halbe Stunde vor Madrid hatte er den Venezianer überholt und ritt mit einem höflichen Gruß an ihm vorüber. Der König war nicht in der Hauptstadt, und ohne Rast ging es weiter nach Eskorial. Von Staub überzogen, von Kopf bis zu Fuß von dem Schmutze des Weges bespritzt, zerschlagen, zermartert wie nach der Folter hing er im Sattel, und dennoch ließ er Sporen und Peitsche nicht ruhen und vertraute seine Botschaft keinem anderen Reiter. Jetzt lagen die kahlen Berge der Guadarrama dicht vor ihm: nun war die erste Werkstätte erreicht, in der man für den entstehenden Riesenpalast Eisen schmiedete. Wie viele Essen rauchten, wie viele Hände waren tätig für diesen Bau, der eine Königswohnung, einen Tempel, eine Bücherei ohnegleichen, ein Museum und ein Grabmal umfassen sollte. Viele Karren und Schlitten, auf denen Blöcke von hellgrauem Granit herbeigeschleppt wurden, versperrten ihm den Weg. Er umritt sie auf die Gefahr hin, samt dem Pferd in den Abgrund zu stürzen, und nun hielt er vor einem Labyrinth von Gerüsten und Werkstücken inmitten eines wilden, grauen, baumlosen Gebirgstales. Was war das für ein Mann, der sich diese Einöde ausgesucht hatte, um in ihr als Lebender und Toter zu wohnen! Eskorial paßte zu König Philipp, wie Philipp zu ihm. Hier fühlte er sich am wohlsten, von hier aus umstrickte die königliche Spinne den Erdball mit künstlichen Netzen ohne Halt und Dauer. In dem kaum vollendeten Gotteshause wohnte Seine Majestät der Vesper bei. Der Schloßhauptmann Fray Antonio de Villacastin sah Ulrich vom Pferde gleiten, gab dem Wankenden Auskunft und führte ihn in die Kirche. Das Confiteor hatte eben begonnen, aber Fray Antonio winkte den Priestern, sie unterbrachen die Messe, und Ulrich hielt die Fahne des Propheten hoch in die Höhe und rief: »Ein Sieg ohnegleichen. – Don Juan ... Am siebenten Oktober ... Bei Lepanto – die Osmanenflotte gänzlich vernichtet ...« Philipp vernahm diese große Kunde und erblickte die Fahne, aber er schien weder zu hören noch zu sehen, denn keine Muskel in seinem Antlitz regte sich und keine Bewegung verriet, daß etwas in ihm vorgehe. Mehr spöttisch als freudig murmelte er: »Don Juan hat viel gewagt.« Dann gab er, ohne den Brief zu öffnen, das Zeichen, mit der Messe fortzufahren, und da lag er auf den Knien, als habe nichts die heilige Handlung gestört. Der ermüdete Bote sank in einen Betstuhl und erwachte erst aus der Betäubung, als die Kommunion beendet war und der König ein Tedeum für den Sieg bei Lepanto befahl. Da erhob sich Ulrich, und indem er aus dem Gestühl heraustrat, schritt ein neuvermähltes Paar an ihm vorüber: der Baumeister Herrera und in blühender Schönheit Isabella Coello. Er ballte die Faust, und es fuhr ihm durch den Sinn, daß er Glück und Kunst und Ruhm gern fortschnellen würde wie Seifenblasen, um an Herreras Stelle zu sein. Vierundzwanzigstes Kapitel Was Ruhm ist – der Navarrete sollt' es erfahren! Er sah in Messina den Helden von Lepanto wie eine Gottheit verehren. Wo der Sieger sich zeigte, streuten ihm schöne Hände Blumen auf den Weg, Balkon und Fenster schmückten sich mit Teppichen, und jauchzende und winkende Frauen und Mädchen, fröhliche Kinder und ernste Männer riefen begeistert seinen Namen und warfen ihm Lorbeerkronen und Zweige zu. Von allen Monarchen und Großen der Erde liefen Botschaften, Glückwünsche und Ehrengeschenke für ihn ein. Wenn er so den wunderbaren Jüngling dahinsprengen sah, wunderte sich Ulrich, daß seinem Rosse keine Flügel wuchsen und daß es sich nicht mit ihm in die Wolken erhob. Aber auch er, Navarrete, hatte das Seine getan und sollte die Süßigkeit des eigenen Ruhmes kosten. Wenn er sich als einer der letzten auf Don Juans widerspenstigstem Roß im Gefolge des Feldherrn zeigte, fühlte er, daß man auch an ihm nicht vorbeisah, und wie oft hörte er die Leute einander von seinen Taten erzählen! Das hob ihm das Haupt, dabei schwoll ihm das Herz, das trieb ihn auf neue Bahnen des Ruhmes. Auch den Feldherrn drängte es vorwärts, aber er sah sich zu tatenlosem Warten verdammt, sah die Liga sich lösen, die Frucht seines Sieges verkümmern. Die eifersüchtige Kleinheit König Philipps zerfraß seine Wünsche, vergiftete seine Hoffnungen und zog eine Schranke vor die Verwirklichung seiner Träume. Don Juan war übersättigt von Ruhm. »Macht« war die Kost, nach der er verlangte. Die emsige Spinne im Eskorial konnte ihm den Lorbeer nicht nehmen – aber ihr Wort, ihr höchstes Lebensziel war die Macht, und die war sie mit keinem Sterblichen, auch nicht mit dem Bruder, zu teilen gewillt. »Lorbeeren sind welkende Blätter, Macht ist ein Ackerfeld,« hatte Don Juan zu Escovedo gesagt. Einem Kaiserkinde, dachte Ulrich, steht es an, so hohe Wünsche zu hegen, dem Kleineren mag der Ruhm Leitstern auf der Lebensbahn bleiben. In den Niederlanden stand die Elite des Heeres; da konnte er finden, was er begehrte. Don Juan ließ ihn ziehen, und wenn »Ruhm« das Wort war, hatte Ulrich sich nicht über seine Mißgunst zu beklagen. Dem stolzen Regiment »Kastilien« trug er die Fahne voran, und begegneten ihm fremde Kriegsvölker, wenn er in eine Stadt einzog, so raunte einer dem anderen zu: »Das ist der Navarrete, der bei jedem Sturm auf Haarlem voran war, der vor Alkmaar, als alles zurückwich, die Mauer noch einmal überannte; an ihm liegt es nicht, daß sie abziehen mußten ... Der da hat mit den Seinen auf der Mooker Heide den Ausschlag gegeben ... Habt ihr's gehört? Wie ihn dort zwei Kugeln getroffen, wickelte er die Fahne um sich und sank mit ihr und auf ihr ins Gras. Und nun, da er mit dem meuternden Heere die Insel Schouwen hinter sich gelassen hatte und durch Brabant zog, hieß es von ihm: »Der Navarrete! Er ist's, der den Spaniern mit der Fahne auf dem Haupte voranzog, als sie in jener Gewitternacht das Meer durchwateten, um Zierikzee zu überrumpeln.« Was Waffen in den Niederlanden trug, das kannte seinen Namen; aber auch die niederländischen Bürger wußten, wer er war, und sie ballten die Faust, wenn sie von ihm sprachen. Auf dem Schlachtfeld, im Wasser, auf dem Eise, in den Breschen ihrer festen Mauern, in brennenden Städten, in Straßen und Gassen, in Ratsstuben und ausgeplünderten Wohnräumen hatte er ihnen als Würger und Vernichter gegenüber gestanden. Und doch, wenn das Wort, der Ruhm, ihm schon lange vergällt war, so hatte das Unmenschliche, das seinem Treiben anhaftete, damit am letzten zu schaffen. Er war der Diener seines Monarchen, nichts weiter. Was Niederländisch hieß, war für ihn ein von Gott verdammter, von seinem König verurteilter Rebell und Ketzer, kein braver Bauer, kein tüchtiger, gewerbfleißiger Bürger, kein edler Mensch, der Hab' und Leben für Glauben und Freiheit aufs Spiel setzt. Diese Teufelsbrut verschmähte es, zu der gnadenreichen Mutter Gottes und den Heiligen zu beten, diese Tempelschänder hatten die Kirchen ihres Bilderschmuckes beraubt, die frommen Brüder und Schwestern aus den Klöstern vertrieben! Sie nannten den Papst den Antichrist, und in jeder eroberten Stadt fand er Spottlieder und höhnende Verse auf seinen Herrn, den König, seine Feldherren und alle Spanier. Er hatte den Glauben der Kindheit bewahrt, und den teilte ein jeder, der mit ihm im Feld stand. Für die furchtbarsten Bluttaten hatte er willig Absolution, ja Aufmunterung und Lob erhalten. In der Schlacht, beim Gemetzel, wenn die Wunden ihn brannten, beim Plündern, am Spieltisch, überall wandte er sich an die heilige Jungfrau, und daneben auch, aber das geschah nur noch selten, an das »Wort«, an den Ruhm. Er glaubte nicht mehr daran, denn es hielt ihm nicht, was er von ihm erwartet. Der Lorbeer raschelte ihm jetzt auf den Locken als welkes Laub. Der Ruhm, er wollte die Leere seines Herzens nicht füllen, ihm fehlte, seine unbefriedigte Brust zufriedenzustellen, die Macht, er bot dem Vereinsamten keinen Seelengenossen, er brachte nicht einmal die Stimme zum Schweigen, die ihn, den unnahbaren Fechter, ihn, den kein Sterblicher mit einem scheelen Blick anzusehen wagte, aus seinem eigenen Innern heraus einen unglücklichen, um das wahre Heil und rechte Ziel betrogenen Narren schalt. Diese Stimme, sie quälte ihn im weichen Daunenbette des Bürgers, auf dem Stroh im Lager, auf dem Marsch und beim Becher. Und dennoch. Von wie vielen ward er beneidet! Ja, er schritt auch dahin wie ein triumphierender Halbgott, wenn er mit der Fahne dem Regiment voranzog. Kein anderer vermochte wie er den mit Goldblech beschlagenen schweren Stab und das übergroße, gestickte, seidene Tuch seiner Fahne zu tragen. Dies hätte einem stattlichen Schifferboot als Segel genügt; er aber hielt die Stange mit der bloßen Rechten, als sei die ihm anvertraute Last ein leicht zu regierendes Spielzeug. Mit unnachahmlicher Gravität warf er dabei den Oberkörper und das lockige Haupt zurück und stemmte die Linke auf die Hüfte. Die Wölbung der breiten Brust trat dann schön hervor und mit ihr der Kiel und die Spitze des Harnisches. Wie ein stolzes Schiff unter schwellendem Segel erschien er vor den Seinen, und selbst in feindlichen Städten las er Bewunderung in den Blicken der gaffenden Menge. Und dennoch, dennoch war er ein elender, unzufriedener Mann, und öfter und öfter mußte er an die Worte Don Juans denken. Er traute der Zauberkraft eines Wortes nicht mehr wie in früheren Zeiten. Dennoch sagte er sich, »das Ackerfeld« des Kaiserkindes, »die Macht«, sei etwas Hohes und Großes – ja das Höchste, was ein Mensch zu erreichen vermag. Galt denn die Allmacht nicht als vornehmste Eigenschaft Gottes? Und jetzt, gerade jetzt auf dem Marsche von Schouwen durch Brabant, jetzt winkte ihm die Macht. Er hatte sie schon gekostet, als das meuternde Heer, zu dem er gehörte, eine Schmiede überfallen. Da war er den Plünderern in den Weg getreten und hatte dem Meister Gut und Leben gerettet. Wer den Hammer vor dem Blasebalg schwang, war ihm heilig, und mit manchem ausgeraubten Handwerksgenossen seines Vaters hatte er schon früher Gewinn und Beute geteilt. Er trug jetzt den Stab eines Kapitäns, aber das war Mummenschanz, Kinderspiel und nichts weiter. Ein lustiger Soldatenkoch hatte sich auch den Federschmuck eines Hauptmanns an die Seite des hohen Hutes befestigt. Der Feldoberst, die meisten Kapitäne und Leutnants waren, nachdem sich die große Meuterei auf der Insel Schouwen vollzogen hatte, zurückgetreten, und an ihrer Stelle standen nun Fähnriche, Sergeanten und Quartiermeister. Die höheren Offiziere hatten sich nach Brüssel begeben, und das meuternde Heer zog ohne Feldherrn die Kreuz und Quer durch Brabant. Zweiundzwanzig Monate war der wohlverdiente Sold unbezahlt geblieben, und nun suchten die darbenden Regimenter den Lebensunterhalt, wo sie ihn fanden. Auch vor zwei Jahren, nach der Schlacht auf der Mooker Heide, hatte die Armee sich selbst geholfen, und damals war, wie schon häufig bei ähnlichen Anlässen, ein Eletto Der Auserwählte. Die italienische Form, statt des der deutschen Zunge weniger bequemen spanischen Electo. aus der Mitte der meuternden unteren Offiziere gewählt worden. Ulrich hatte zu jener Zeit an schweren Wunden daniedergelegen, aber nach dem Ende der Meuterei war ihm von vielen gesagt worden, daß man keinen anderen als ihn zum Eletto gemacht hätte, wenn er nur gesund und dabei gewesen wäre. Jetzt stand wiederum die Wahl eines Eletto bevor, und derjenige, auf welchen sie fiel, hatte an dreitausend Mann zu führen, ja es stand zu erwarten, daß sich bald auch andere Regimenter dem Aufstande anschließen würden. Aber ein Heer zu gebieten! Das war Macht, das war das Höchste; es war ein Leben wert, dies zu erreichen. Bei Herenthals schlugen die Regimenter das Lager auf, und hier sollte die Wahl vollzogen werden. Ulrich hatte bei der Anordnung der Zeltstraßen, bei der Verteilung der Wagen, die das Lager wie ein Wall umgaben, bei der Aufstellung der Feldstücke an den am wenigsten geschützten Stellen das große Wort geführt und sich dabei zum erstenmal im Leben Zwang angetan, nachgiebig und mild zu erscheinen, wo er weit lieber aufbegehrt hätte. Er lebte im Fieber, der Schlaf floh sein Lager, jedes Wort, das er vernahm, bezog er auf sich und seine Wahl. In diesen Tagen lernte er im Zorne lächeln und gute Worte geben, wenn ihm ein Fluch auf den Lippen brannte. Und dabei galt es, nichts merken zu lassen, mit keiner Miene zu verraten, was er erstrebte, was in ihm vorging, damit er, wenn er unterlag, nicht dem Spott anheimfalle. Noch ein Tag, noch eine Nacht, und vielleicht war er Feldherr und konnte ein Königreich erobern und die Welt in Schrecken setzen. Vielleicht, nur vielleicht; denn neben ihm warb ein anderer mit gefährlichen Mitteln um die Führung des Heeres. Es war der Sergeantmajor und Quartiermeister Zorrillo, ein tüchtiger und wohlangesehener Soldat, der nach der Schlacht auf der Mooker Heide zum Eletto gewählt worden war, aber bei dem ersten ernsten Widerspruch, den er gefunden, sein Ehrenamt freiwillig niedergelegt hatte. Es hieß, dies sei auf Rat seines Weibes geschehen, und diese Frau war sein gefährlichster Gegner. Zorrillo stand bei einem anderen Regiment als er, aber er kannte ihn und seine Gefährtin, »die Lagersibylle«, schon lange. In des Quartiermeisters Zelt wurde Wein verschenkt, und es war vor dem Ausbruch der Meuterei der Sammelplatz der Offiziere und Kaplane gewesen. Die Sibylle hatte den Herren mit fröhlichem Geplauder die Zeit vertrieben, wenn sie tranken oder an den Spieltischen saßen; ihren Namen verdankte sie wohl dem Geschick, mit dem sie Karten zu legen verstand. Auch die gemeinen Leute waren ihr gut, denn sie kümmerte sich um ihre kranken Weiber und Kinder. Navarrete hielt sich gern zu dem eigenen Regiment, und so war er nicht früher als auf Schouwen und dem Marsch durch Brabant öfter mit den Zorrillos zusammengekommen. Er hatte sie niemals gesucht, und jetzt ging er ihnen aus dem Wege; denn er wußte, daß die Sibylle nichts unterlasse, um die Wahl auf ihren Genossen zu lenken. Schon darum war er ihr übel gesinnt; aber er konnte es doch nicht vermeiden, dann und wann ihr Zelt zu betreten, denn die Führer der Meuterei pflegten dort Rat zu halten. Zorrillo kam ihm stets höflich entgegen; aber seine Genossin schaute ihn jedesmal so prüfend und forschend an, daß ihn dabei ein bängliches Gefühl beschlich, das dem kühnen Gesellen sonst fremd war. Er mußte sich fragen, ob er sie nicht schon früher gesehen, und als ihm einmal in den Sinn kam, daß sie vielleicht seiner Mutter gleiche, wies er diesen Gedanken weit von sich. Gestern hatte sie ihm angeboten, ihm die Karten zu legen; aber er war dem aus dem Wege gegangen, denn aus diesem Munde kam ihm sicher nichts Gutes. Heute hatte sie ihn nach seinem Vornamen gefragt, und nun war es ihm seit Jahren zum ersten Male wieder eingefallen, daß er auch »Ulrich« heiße. Er war »Navarrete«, nichts als das, für sich selbst und andere Leute. Er lebte sein Leben für sich allein, und je abgeschlossener ein Mensch durch die Welt zieht, desto leichter geht ihm der Vorname verloren. Wie er vor Jahren dem Meister versichert hatte, er heiße nur Ulrich, so war jetzt die barsche Antwort erfolgt: »Ich bin der Navarrete, das ist genug!« Fünfundzwanzigstes Kapitel Heute hatten sich gegen Abend die Führer der Meuterei, um Rat zu halten, bei den Zorrillos eingefunden. Draußen war es sehr heiß und gewitterschwül, und je mehr Leute zusammenströmten, desto schwerer und drückender wurde die Luft in dem weiten Innenraum des Zeltes. Hier sah es einfach genug aus, denn die ganze Ausstattung bestand aus roh gearbeiteten Tischen, Bänken und Sesseln, einer großen Tafel und einer geraubten schönen Truhe von Ebenholz mit Elfenbeinzierat. Auf diesem Kunstwerke lagen die Kissen für das Nachtlager, Beutestücke aus Haarlem, überzogen mit bunter, schon längst durchlöcherter Seide, an die keine bessernde Frauenhand jemals gerührt hatte. Die Wände waren mit Heiligenbildern beklebt, und ein Kruzifix hing über dem Zelttor. Hinter der großen Tafel stand ein hoher Sessel zwischen einem Korbe und dem Weinfaß, woraus die Sibylle, wenn es nottat, die Krüge füllte. Eine grobe, im Lager erwachsene Schenkmagd bediente die versammelten Männer; aber sie brauchte sich nicht zu eilen, denn die Spanier waren langsame Trinker. Die Gäste saßen dicht gedrängt im Kreise beisammen und zeigten sich ernst und wenig gesprächig; aber was sie sagten, klang leidenschaftlich, aufbegehrend, trotzig, und oft hörte man den Redenden mit der Faust auf den Panzer schlagen oder das Schwert auf den Boden stoßen. Wenn es eine Meinungsverschiedenheit gab, brausten die Streitenden bisweilen wütend auf, und dann erhob sich wie ein zehnfältiges Echo hier und dort ein Chor von wild durcheinander polternden Stimmen. Oft hatte es den Anschein, als müsse im nächsten Augenblicke das Schwert aus der Scheide fliegen und ein blutiges Handgemenge beginnen; aber Zorrillo, der zum Leiter der Versammlung erwählt worden war, brauchte nur den Stab zu erheben und Ruhe zu gebieten, und das Gebrüll verwandelte sich in dumpfes Murren, und die wettergebräunten, narbigen, mitleidlosen Krieger fügten sich auch noch als Meuterer zahm und scheu dem Kommando und dem eisernen Zwange der Mannszucht. In der See und auf Schouwen hatte ihre prunkende Tracht ein bettelhaftes Ansehen gewonnen. Der Samt und Brokat, den sie den reichen Antwerpenern abgetrotzt hatten, hing nun zerfetzt und verschlissen um ihre nervichten Glieder. Sie hatten das Ansehen von Strauchdieben, Wegelagerern, gewalttätigen Räubern, und dennoch saßen sie hier, wie die Form des soldatischen Brauches es heischte, streng nach dem Range geordnet; und doch fügte sich jeder Meuterer auf dem Marsch und im Lager willig dem Befehle des neuen Führers, der beim Würfelspiel auf der Trommel des Kriegsglücks die höheren Pasche geworfen. Eines stand unter allen fest: es mußte etwas Entscheidendes geschehen. Wämser und Schuhe, Geld und gutes Quartier tat jedermann not. Aber auf welchem Wege kam man am leichtesten zum Ziel? Parlamentieren, auf annehmbare Bedingungen sich fügen, verlangten diese; frei bleiben und eine Stadt nehmen, tobten die anderen; zuerst das begüterte Mecheln, das schnell erreicht werden konnte. Dort fand sich auch ohne Geld, was man brauchte. Zorrillo hielt es mit besonnenem Vorgehen, Navarrete trat stürmisch für kühnes Zugreifen ein. Sie, die Meuterer, rief er, seien stärker als jede andere Heeresmacht in den Niederlanden und brauchten niemand zu fürchten. Den Bettler finde man mit Kupfer ab, aber wenn sie im Wohlstand säßen, so sei das Fordern an ihnen. Mit flammenden Augen pries er, was die Truppen, was er selbst geleistet, erduldet, für den König erworben. Was er verlangte, war nichts als guter Lohn für Blut und Arbeit, guter Lohn, keine Silberlinge und nichtige Verheißungen. Lautes Beifallgeschrei folgte seiner Rede, und ein Geschützmeister, der jetzt den Hauptmannsstab führte, rief begeistert: »Navarrete, der Mann von Lepanto und Haarlem, hat recht. Ich weiß, wen ich wähle!« »Victor, victor Navarrete!« klang es nach von manchem bärtigen Munde. Aber Zorrillo unterbrach diese Kundgebung und rief nicht ohne Würde und indem er den Kommandostab höher hob: »Die Wahl auf morgen, ihr Herren; heute der Rat. Es ist heiß hier drinnen, ich empfind' es wie ihr. Aber bevor wir auseinander gehen, leiht einem Manne, der es gut meint, noch auf wenige Augenblicke das Ohr.« Nun entwickelte Zorrillo noch einmal alle Gründe, die sich für Verhandlungen und ein freundliches Übereinkommen mit dem Oberfeldherrn anführen ließen. Es lag etwas Gehaltenes, Staatsmännisches in seinem Wesen, und doch war seine Sprache nicht ohne Wärme und Reiz. Man sah und hörte es ihm an, daß es ihm ernst war, und während er redete, trat die Sibylle hinter ihn, legte ihm die Hand auf die Schulter und trocknete ihm mit dem Tuche die triefende Stirn. Er ließ es geschehen, und ohne sich zu unterbrechen, warf er ihr einen innigen, dankbaren Blick zu. Die gebräunten Krieger sahen sie gern und gestatteten ihr auch, ein Wort, einen Rat, eine Mahnung in die Verhandlung zu mischen, denn sie war klug und keine Frau von gewöhnlichem Schlage. Aus ihrem blauen Auge strahlte Verstand und frische Lebenslust, ihre vollen Lippen schienen zu schnellen, munteren Antworten geschaffen, im Verkehr, auch mit dem Geringsten, war sie immer und überall heiter und freundlich. Aber woher kamen die tiefen Linien an ihrem roten Munde und den äußeren Winkeln der Augen? Sie bemalte sie täglich mit Schminke, denn wer brauchte diese Zeugen der traurigen Stunden zu sehen, die sie in einsamen Zeiten durchlebte? Verdecken ließen sie sich wohl, aber sie mehrten sich, und mit jedem Jahre wurden sie tiefer. An die schmale Stirn hatte sich noch keine Runzel gewagt, und die feinen Züge, die glänzend weißen Zähne, der mädchenhafte Wuchs, das herzgewinnende Lächeln dieser Frau gaben ihr ein jugendliches Ansehen. Sie konnte einige dreißig Jahre zählen, aber auch vierzig und mehr. Eine Freude verjüngte sie um zehn Sommer, ein Verdruß verwandelte sie zur Matrone. Für ein höheres Alter schien das am Vorderhaupt künstlich gelockte schneeweiße Haar zu sprechen; aber man wußte, daß sie in wenigen Tagen und Nächten ergraut war, und zwar vor acht Jahren, als ein unzufriedener Troßknecht Zorrillo das Messer in den Leib gestoßen und der Quartiermeister wochenlang mit dem Tode gerungen hatte. Dieses weiße Haar stand vortrefflich zu den roten Wangen der Lagersibylle, und das wußte sie und hütete sich darum wohl, es zu färben. Während der Rede ihres Genossen ließ sie die Augen mehrmals mit einem eigentümlich gespannten Ausdruck auf Ulrich ruhen. Sobald er geendet, trat sie dann wieder hinter die Tafel zu dem schreienden Kinde zurück, um es auf den Armen zu wiegen. Unter den Männern wollte ein neuer, heftiger Wortkampf entbrennen, aber Zorrillo hob die Versammlung auf. Zuletzt wurde einmütig beschlossen, am nächsten Morgen zur Wahl zu schreiten. Während sich die Soldaten geräuschvoll erhoben und einige Zorrillo, andere dem Navarrete die Hand schüttelten, trat durch die weit geöffnete Zelttür der stattliche Wachtmeister eines deutschen Landsknechtsfähnleins, das in Antwerpen stand und nicht zu den Meuterern gehörte. Seine Tracht war bunt und gut gehalten, und ein munterer Tigerhund sprang hinter ihm drein. Es hatte zu wettern begonnen und regnete heftig. Einige Spanier drehten die Rosenkränze und sprachen Gebete, aber dem Deutschen schien Donner, Blitz und Nässe die gute Laune nicht verdorben zu haben; denn er schwenkte mit einem fröhlichen »Puh« das Wasser von dem Federhute und stellte sich frisch und heiter den Kameraden als Abgesandten des Regimentes Pollviller vor. Die Seinen, sagte er, hätten nicht übel Lust, sich dem »freien Heere« anzuschließen; er sei hier, um sich zu informieren, wie es mit den Herren von Schouwen bestellt sei. Zorrillo bot dem Wachtmeister einen Sessel, und nachdem dieser schnell hintereinander zwei volle Becher von dem zinnernen Brett der Schenkin gehoben und geleert hatte, sah er sich im Kreise der meuternden Kameraden um. Einige waren ihm in verschiedener Herren Länder schon früher begegnet, und er schüttelte ihnen die Hände. Dann faßte er Ulrich ins Auge und besann sich, wo und unter welcher Fahne er diesem prächtigen blondhaarigen spanischen Krieger begegnet sein könne. Da erkannte Navarrete den lustigen Landsknecht Hans Eitelfritz aus Kölln an der Spree, hielt ihm die Hand hin und rief in spanischer Sprache, deren sich auch der Landsknecht bedient hatte: »Ihr seid der von der Lücke! Gedenkt Ihr noch des Weihnachtsabends am Schwarzwald und des Meisters Moor und des Alkazar in Madrid?« »Ulrich, der junge Herr Ulrich! Himmel und Erde!« schrie Hans Eitelfritz; – aber plötzlich unterbrach er sich selbst; denn die Sibylle, welche sich von der Tafel erhoben hatte, um dem Abgesandten eigenhändig einen größeren Becher zu überbringen, hatte den Pokal dicht neben ihm aus der Hand fallen lassen. Zorrillo und er waren ihr schnell beigesprungen, um sie zu stützen, denn sie taumelte und war einer Ohnmacht nahe. Aber sie hielt sich aufrecht und wies die Männer mit einer stummen Bewegung zurück. Alle Augen waren auf sie gerichtet, und jeder erschrak; denn sie stand da wie erstarrt, und aus ihrem jugendlichen, heiteren Gesicht war plötzlich ein alterndes, abgelebtes Antlitz geworden. »Was ist dir?« fragte Zorrillo besorgt. Da sammelte sie sich und entgegnete schnell: »Der Donnerschlag, das Gewitter ...« Dann trat sie mit kleinen, zierlichen Schritten zu der Tafel zurück, und als sie sich dort auf ihrem Sitz niedergelassen hatte, erscholl draußen das Ave-Maria, das zum Gebet am Tagesschlusse rief. Die meisten Anwesenden erhoben sich, um der Mahnung der Glocke zu folgen. »Auf morgen, Wachtmeister! Morgen früh bei der Wahl.« »A dios, á dios, hasta mas ver,Sibylla,á Dios« klang es laut durcheinander, und bald waren die meisten Gäste aus dem Zelte verschwunden. Die Zurückgebliebenen saßen dünn gesät an den Tischen, und Ulrich blieb mit Hans Eitelfritz an dem seinen allein. Der Landsknecht hatte die Aufforderung Zorrillos, sich zu ihm zu setzen, abgelehnt; denn da sei ein alter Freund aus Madrid, mit dem er von schöneren Zeiten zu plaudern habe. Der andere ließ dies willig gelten; denn was er seinen Tischgenossen zu sagen hatte, sollte sich gegen Navarrete und seine Meinungen richten. Je länger der Wachtmeister ihn festhielt, desto besser! Ulrich war alles lieb, was ihn an Meister Moor erinnerte, und sobald er mit Hans Eitelfritz allein war, begrüßte er ihn nochmals in einem seltsamen Gemisch von Spanisch und Deutsch. Er hatte die Heimat vergessen, aber die Muttersprache doch nur zur Hälfte. Jedermann hielt ihn für einen Spanier, und er fühlte sich selbst als solchen. Hans Eitelfritz hatte Ulrich viel zu erzählen; denn er war Moor öfter in Antwerpen begegnet, und auch in seiner Werkstätte freundlich empfangen worden. Wie hörte Navarrete so gern von dem edlen Manne erzählen, wie tat es ihm so wohl, nach langen Jahren wieder einmal Deutsch zu sprechen, so schlecht es auch ging! Es war, als löse sich ihm eine Rinde vom Herzen, und so heiter, so jugendlich froh hatte ihn keiner der Anwesenden jemals gesehen. Nur eine wußte, daß er zu lachen und ausgelassen zu spielen verstand, und diese eine war die schöne Frau an der langen Tafel, die nicht wußte, ob sie vor Lust vergehen oder vor Scham in den Erdboden versinken sollte. Sie hatte das einjährige Kind aus dem Korbe genommen, ein elendes, bleiches Geschöpfchen, dessen Vater gefallen war und dessen Mutter es dann im Stich gelassen hatte. Der stattliche Fähnrich dort hieß Ulrich, er war ihr Sohn, er mußte es sein! Und sie, ach, sie durfte ihn nur verstohlen ansehen, nur heimlich auf die deutschen Worte lauschen, welche die geliebten Lippen sprachen. Es entging ihr keines, und doch verweilten, während sie schaute und hörte, ihre Gedanken in einem weit entlegenen Lande und fernen Zeiten, und neben dem bärtigen Riesen sah sie ein schönes, liebliches, lockiges Kind, neben der tiefen Mannesstimme vernahm sie ein glockenreines, süßes Kinderstimmchen, das sie »Müetterl« rief und so silberhell und herzlich zu lachen verstand. Das blasse, fremde Kind in ihren Armen führte die schlaffen Händchen oft nach der Wange, denn sie war naß von den Tränen der Frau, die es wiegte. Und das arme Weib mit dem jungen Gesicht und den weißen Haaren, wie fiel es ihm so schwer, so unsagbar, grenzenlos schwer, ruhig zu bleiben. Wie trieb und drängte es sie, aufzuspringen und dem Kinde, dem Manne, dem Gegner ihres Geliebten, ihrem, ja ihrem Ulrich zuzujubeln: »Schau her, schau mich an! Ich, ich bin deine Mutter. Du bist mein! Komm, komm an mein Herz; ich will dich nie mehr verlassen!« Und nun lachte Ulrich und lachte wieder und ahnte nicht, was in einem Mutterherzen dicht neben ihm vorging, und er hatte kein Auge für sie und hörte nur auf die Spässe des deutschen Landsknechts, mit dem er Becher auf Becher leerte. Das fremde Kind in ihren Armen diente ihr als Schild vor den Blicken des Sohnes und mußte ihm verbergen, daß sie spähe und horche und weine. Der Wachtmeister führte das große Wort und machte einen Spaß nach dem anderen; aber sie lachte nicht und wünschte nichts, als daß er aufhören und Ulrich reden lassen möge, damit es ihr gestattet sei, seine Stimme wieder zu hören. »Gönnet dem Hunde Lelaps ein Plätzchen hier auf dem Sessel,« rief Hans Eitelfritz. »Er bekommt auf dem feuchten Erdboden – denn es sickert hier durch – nasse Füße und wird sich erkälten. Dieses auserlesene Geschöpf ist nicht wie andere Hunde.« »Lelaps nennt Ihr den Tiger?« fragte Ulrich. »Ein seltsamer Name!« »Von einem Tübinger Studenten, dem feinen Junker Fritz von dem Hallberg, tauscht' ich ihn ein gegen einen Elefantenzahn, den ich in der Levante erbeutet, und diesem fröhlichen Schalk dankt er seinen Namen. Ich sage Euch, er ist klüger als viele Studierte; Doktor Lelaps sollte er heißen.« »'s ist ein artiges Tierchen.« »Artig! Mehr, Herr, weit mehr. Da hatten wir in Napoli zum Exempel die berühmte Mortadellawurst zum Imbiß, und wie wir in eifrigen Gesprächen verkehrten, unterließ ich, ihn zu bedenken. Was tut nun mein Lelaps? Er geht stillschweigend davon in den Garten und kehrt mit dem Blümchen Vergißmeinnicht in der Schnauze zurück und reicht es mir, wie der Galan der Herzallerliebsten ein Sträußchen bietet. Das sollte sagen: auch ein Hund ist den Würsten gewogen, und es ziemt sich nicht, ihn zu vergessen. Was sagt Ihr zu dieser Klugheit?« »Was die Eure angeht: Ihr seid ein guter Erfinder.« »An mein Glück habt Ihr damals geglaubt, und nun zweifelt Ihr an dieser wahrhaftigen Geschichte?« »Das ist freilich verkehrt, denn das Glück – Euer Glück ... wer es für treu und wahrhaftig nimmt, der ist übel beraten. Habt Ihr neue Lieder ersonnen?« »Vorbei, völlig vorbei!« seufzte der Wachtmeister. »Seht hier diese Narbe! Seit mir ein ungläubiger Hund vor Tunis den Schädel entzwei hieb, will mir kein Vers mehr geraten; aber ruhig ist's hier oben darum doch nicht geworden. Ich lüge jetzt, statt zu dichten. Sie freuen sich über das krause Zeug, wenn ich einmal loslege am Schenktisch.« »Und der gespaltene Schädel; ist das auch so eine Vergißmeinnichtsschnurre, oder war' es ...« »Seht her. Es ist die lautere Wahrheit. Ein schlimmer Streich ist's gewesen, aber an allem Bösen hängt auch ein Zipfelchen Gutes. Da waren wir zum Exempel in Afrika in der Wüste und gerad' am Verschmachten, denn das gehört zur Wüste wie der Punkt auf das i. Der Lelaps dort war bei mir und hat sogleich eine Quelle gewittert. Nun galt es zu graben, aber ich hatte weder Spaten noch Hacke. Da nahm ich die lockere Hälfte des Schädels heraus, 's ist ein hartes Stück Knochen, und grub, und als die Quelle herauskam, hab' ich aus der Hirnschale wie aus dem Becher getrunken.« »Mann, Mann!« rief Ulrich und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Ihr glaubt, ein Hund vermöge keine Quelle zu wittern?« fragte Eitelfritz mit komischer Entrüstung. »Der Lelaps hier ist in Afrika gebürtig, wo die Tiger zu Hause sind, und seine Mutter ...« »Ich denke, daß Ihr ihn aus Tübingen habt?« »Ich sagte Euch doch schon, daß ich lüge. Da hab' ich Euch weisgemacht, der Lelaps stamme aus Schwaben; aber in Wirklichkeit ward er in der Wüste geboren, wo die Tiger zu Hause sind. Nichts für ungut, Herr Ulrich. Wir wollen die Spässe auf einen anderen Abend versparen. Sobald mich einer auf den Sand setzt, hör' ich auf mit den Flausen. Sagt mir jetzt, wo find' ich den Navarrete, den Fähnrich, den von Lepanto und Schouwen? Das muß ein schneidiger Kerl sein; es heißt, der Zorrillo und er ...« Der Landsknecht hatte mit lauter Stimme gesprochen, und der Quartiermeister, der den Namen »Navarrete« verstanden, wandte sich um, und seine Augen begegneten denen des Fähnrichs. Vor diesem Manne mußte er auf der Hut sein! Sobald Zorillo in ihm den Deutschen erkannte, hatte er eine mächtige Waffe gegen ihn in der Hand. Der Spanier übertrug nur dem Spanier die Führung. Dieser Gedanke kam ihm jetzt zum erstenmal. Hans Eitelfritz hatte ihm begegnen müssen, um ihn zu erinnern, daß er einem anderen Volke angehöre als die Kameraden. Hier galt es einer Gefahr zu begegnen, und so legte er mit der schnellen Besonnenheit, die er in der Schule des Krieges erworben, die Hand schwer auf die des Landsmannes und sagte leise und ernst: »Ihr seid mein Freund, Hans Eitelfritz, und wollt mir nicht schaden.« »Beileibe, nein! Was sind das für Sachen?« »Wohl denn, so behaltet für Euch, wo und wie wir einander zuerst getroffen. Unterbrecht mich nicht. Wie ich zu dem Namen gekommen und was ich im Leben erfahren, das erzähl' ich Euch später in meinem Zelte, wo Ihr Quartier nehmen müßt. Macht Eurem Erstaunen nicht Luft und bleibt ruhig. Ich, Ulrich, der Schwarzwälder Bube, bin der, den Ihr sucht: ich bin Navarrete!« »Ihr?« fragte der Landsknecht und riß die Augen weit auf. »Larifari! Die Flausen von vorhin; Ihr zahlt sie mir heim!« »Nein, Hans Eitelfritz, nein. Ich spasse nicht, es ist ernst! Ich bin Navarrete. Und weiter! Wenn Ihr reinen Mund zu halten versteht und der Teufel kein Ei in das Nest legt, so denke ich, trotz aller Zorrillos, morgen Eletto zu sein. Ihr kennt den spanischen Tick. Der deutsche Ulrich ist ein anderer für sie wie Navarrete, der Kastilianer. In Eurer Hand liegt es, mir das Spiel zu verderben.« Da unterbrach ihn der andere mit einem überlauten, frohen Gelächter und befahl dem Hunde: »Aufgewartet, Lelaps! Meinen Respekt dem Caballero Navarrete!« Die Spanier zogen die Stirnen kraus, denn sie meinten, der Deutsche habe sich einen Rausch angetrunken, aber Hans Eitelfritz brauchte mehr, um den nüchternen Mut zu verlieren. Jetzt blinzelte er Ulrich mit den klugen Augen schalkhaft an und flüsterte ihm zu: »Wo es sein muß, kann ich auch schweigen. Ihr Allerweltsmensch, Ihr Obenhinaus! Ein Schwab der Führer dieser steifnackigen Protzen! Und nun gebt einmal acht, wie ich Euch helfe.« »Was habt Ihr im Sinn?« fragte Ulrich; Hans Eitelfritz hatte aber schon den großen Becher gehoben und ihn so gewaltig auf den Tisch gestoßen, daß dieser erbebte. Dann schlug er noch mit der Faust auf die Tafel, und als die Spanier ihm die Augen zuwandten, schrie er in ihrer Sprache: »Ja, damals, damals war's schön, Caballero Navarrete. Euer Ohm, der edle Conde in Dingsda, dort in Kastilien, Ihr wißt schon, und die Condesa und die Condesilla. Lauter herrliche Leute! Wißt Ihr noch im Stall Eures Herrn Vaters, den kohlschwarzen Rappen mit dem schneeweißen Schweife und den alten Diener Enrique? In ganz Kastilien gab's keine längere Nase als seine. Einmal sah ich in Burgos einen einsamen länglichen Schatten um eine Straßenecke biegen, und zwei Minuten später kam erst die Nase und dann der alte Enrique.« »Ja, ja,« entgegnete Ulrich, der die Absicht des Landsknechts erriet, »aber es ist spät geworden bei dem Geplauder; brechen wir auf!« Die Frau an der Tafel hatte nichts von dem Geflüster der beiden verstanden; aber sie erriet, was der Wachtmeister mit seiner lauten Rede bezweckte. Als dieser sich gemächlich erhob, legte sie das Kind in den Korb, atmete tief auf, drückte die Finger eine kurze Weile fest auf die Augen und ging dann gerade auf den Sohn zu. War es wirklich nur die Kunst, Karten zu schlagen, war es ihr kluger Rat, dem Florette den Namen der Sibylle verdankte, sie wußte es selbst nicht. Schon vor zwölf Jahren, während sie noch des wallonischen Kapitäns Grandgagnage Zeltgenossin gewesen, war er ihr angeflogen, sie konnte nicht sagen wie und durch wen. Das Kartendeuten hatte sie von einer Schiffskapitänswitwe erlernt, bei der sie lange im Quartier gelegen. Als ihre Stimme scharf und schwächer geworden war, hatte sie sich dann auf das Weissagen gelegt, um beachtet zu bleiben und sich geltend zu machen; und ihr beweglicher Geist, ihr Ehrgeiz und die Menschenkenntnis, die ihr im Lager und auf der Wanderung von Land zu Land zugeflossen war, halfen ihr, in dieser wunderlichen Fertigkeit Außerordentliches zu leisten. Die höchsten Kommandierenden hatten ihren Karten erwartungsvoll gegenüber gesessen und ihren Orakelsprüchen gelauscht, und wenn Zorrillo, der Mann, dessen Geliebte sie nun seit zehn Jahren war, die Quartiermeisterstelle nach der letzten Meuterei nicht eingebüßt hatte, so dankte er das ihrem Einfluß. Hans Eitelfritz hatte von ihrer Kunst vernommen, und wie sie beim Aufbruch an ihn herantrat, um ihm anzubieten, die Karten für ihn zu befragen, ließ er sich von Ulrich nicht abhalten, einen Blick in die Zukunft zu werfen. Was ihm verkündet wurde, lautete im ganzen erfreulich, aber die Prophetin blieb nicht voll bei der Sache, denn sie machte sich beim Wenden der Blätter viel mit Ulrich zu schaffen, und einmal sagte sie, indem sie auf den roten und grünen Ritter wies, mit nachdenklicher Miene: »Das seid Ihr, Navarrete; das ist dieser Herr. Ihr müßt einander an einem Weihnachtstage begegnet sein, und nicht hier, sondern in Deutschland; wenn ich recht sehe, in Schwaben.« Sie hatte dies alles eben erlauscht, aber Ulrich überlief es kalt, als er es hörte, und diese Frau, deren forschender Blick ihn stets beunruhigt hatte, flößte ihm nun ein geheimnisvolles Grauen ein, dem er nicht zu gebieten vermochte. Er erhob sich, um sich zu entfernen; sie aber hielt ihn zurück und sagte: »Nun kommt die Reihe an Euch, Kapitän.« »Auf ein andermal,« entgegnete Ulrich abweisend. »Das Glück kommt immer zeitig genug, und das Unglück vorher zu kennen, ist ein Mißgeschick, sollt' ich meinen.« »Ich kann auch in die Vergangenheit sehen.« Ulrich stutzte. Er sollte erfahren, was dem Weib des Rivalen von seinem früheren Leben bekannt war, und so entgegnete er schnell: »Meinetwegen, beginnt!« »Gern, gern; aber wenn ich in ein verflossenes Dasein schaue, muß ich mit dem Frager allein sein. Habt die Güte, Herr Wachtmeister, und schenkt Zorrillo auf ein Viertelstündchen Eure Gesellschaft.« »Glaubt ihr nicht alles und schaut ihr nicht zu tief in die Augen. Komm, Lelaps, mein Söhnchen!« lachte der Landsknecht und tat, wie ihm geheißen. Sie legte schweigend und mit unruhigen Händen die Karten aus; er aber dachte: »Jetzt wird sie mich auszuforschen versuchen, und tausend gegen eins, sie setzt alles daran, mir das Verlangen nach dem Elettostab zu verleiden. So fängt man Gimpel. Wir wollen uns an die Vergangenheit halten.« Sie kam diesem Vorsatz entgegen; denn bevor sie die beiden letzten Reihen aufgedeckt hatte, stützte sie das Kinn auf das Kartenspiel in den erhobenen Händen und fragte, indem sie seinem Blick zu begegnen suchte: »Wie fangen wir an? Erinnert Ihr Euch noch an Eure Kindheit?« »Gewiß.« »An Euren Herrn Vater?« »Ich hab' ihn lange nicht gesehen. Sagen Euch die Karten nicht, daß er tot ist?« »Tot, tot; natürlich ist er gestorben. Ihr hattet doch auch eine Mutter?« »Ja, ja,« entgegnete er ungeduldig; denn es verdroß ihn, mit diesem Weib von der Mutter zu reden. Sie fuhr leise zusammen und sagte kleinlaut: »Das klingt recht hart. Denkt Ihr nicht mehr gern an die Mutter?« »Was kümmert das Euch?« »Ich muß es doch wissen.« »Nein. Was die Mutter angeht, das ist – das will ich – das ist zu gut für den Hokuspokus.« »Oh,« sagte sie und schaute ihn mit einem Blicke an, vor dem er erschrak. Dann legte sie schweigend die letzten Karten aus und fragte: »Wünscht Ihr auch etwas über ein Liebchen zu hören?« »Ich habe keines. Aber wie Ihr mich anseht! Ist der Zorrillo Euch lästig geworden? Was mich betrifft, so tauge ich nicht zum Galan.« Sie schauerte leise zusammen, und das frohe Gesicht war wiederum alt, so alt und müde geworden, daß sie ihm leid tat. Aber sie sammelte sich bald und fuhr fort: »Was Ihr nur redet. Bitte, stellt nun selbst Eure Fragen.« »Wo bin ich zu Hause?« Auf einem waldigen Gebirge in Deutschland.« »Aha! Und was wißt Ihr von meinem Vater?« »Ihr seht ihm gleich, erstaunlich gleich an der Stirn und den Augen; auch seine Stimme war ganz wie die Eure.« »Der Stamm und der Apfel.« »Wohl, wohl. Ich sehe ihn vor mir, den Adam ...« »Den Adam?« fragte Ulrich, und das Blut wich ihm aus den Wangen. »Ja, er hieß Adam,« fuhr sie mutiger und mit wachsender Lebhaftigkeit fort. »Da steht er. Er trägt den Schurz eines Schmiedes, ein Lederkäppchen schwebt ihm auf dem blonden Haar. Am Erkerfenster stehen Aurikeln und Balsaminen. Unten auf dem Markt wird eine Schecke beschlagen.« Da schwindelte dem Soldaten, und die seligste Zeit seiner Kindheit, an die er schon so lange nicht mehr gedacht hatte, trat ihm wiederum vor die Seele, und er sah seinen Vater leibhaftig vor sich stehen, und die Frau, die Sibylle, das Weib dort, die hatte die Augen und den Mund nicht seiner Mutter, aber der Madonna, die er mit dem Malerstocke zerstoßen, und seiner selbst kaum mächtig, faßte er ihre Hand und preßte sie heftig und fragte auf deutsch: »Wie heiß' ich, und wie hat mich mein Müetterl genannt?« Da schlug sie die Augen nieder, als ob sie sich schäme, und flüsterte ganz leise auf deutsch: »Ulrich, Ulrich, mein Herzblatt, mein Büble, mein Schäfle, Ulrich – mein, mein Kind! Verdamm mich, verlaß mich, verfluch mich, aber nenne mich noch einmal mein Müetterl.« »Mein Müetterl,« sagte er leise und schlug beide Hände vor das Antlitz; sie aber sprang auf und eilte wieder zu dem blassen Soldatenkind in der Wiege und drückte die Augen auf die Brust des Kleinen und stöhnte und weinte bitterlich. Zorrillo hatte unterdessen kein Auge von Navarrete und seiner Genossin verwandt. Was mochte zwischen den beiden vorgegangen sein, was hatte der Mann? Langsam erhob er sich, trat an den Korb, vor dem die Sibylle kniete, und fragte besorgt: »Was war das, Flora?« Da preßte sie das Antlitz fester auf das weinende Kind, damit er ihre Tränen nicht sehe, und entgegnete schnell: »Ich hab' ihm Dinge vorausgesagt, Dinge ... Geh, ich erzähl' es dir später.« Er gab sich mit dieser Antwort zufrieden, sie aber mußte sich nun zu den Spaniern sehen, und Ulrich nahm mit einem stummen Gruß von ihr Abschied. Sechsundzwanzigstes Kapitel Das spanische Wesen steckt an, dachte Hans Eitelfritz, während er sich in dem Zelt Ulrichs auf dem Lager umwandte. Was ist aus dem frischen Burschen für ein Kauz geworden! Seufzer sind bei ihm billig, und jedes Wort kostet einen Dukaten. Als Soldat alle Ehre! Machen sie ihn zum Eletto, so läßt sich der Anschluß an das freie Heer doch wohl empfehlen. Ulrich hatte dem Wachtmeister kurz mitgeteilt, wie er zu dem Namen Navarrete gekommen und wie er von Madrid und Lepanto in die Niederlande gezogen. Dann war er auch zur Ruhe gegangen, aber er konnte nicht schlafen. Er hatte die Mutter wiedergefunden. Das beste, was Ruth ihm von dem Wort zu erflehen geheißen, er besaß es nun. Die Soldatenliebste, das treulose Weib, die Gefährtin seines Rivalen, der er noch gestern aus dem Wege gegangen, die Kartenschlägerin, die Lagersibylle war die Frau, die ihn geboren. Er, der seine Mannesehre fleckenlos rein erhalten zu haben meinte, dessen Hand bei dem scheelen Blick eines anderen ans Schwert fuhr, war das Kind einer Frau, auf die jedes ehrbare Weib das Recht hatte, mit dem Finger zu weisen. Das alles flog ihm durch den Sinn; aber seltsam, es verrann wie Morgennebel, wenn die Sonne sich hebt, vor dem Wonnegefühl, die Mutter wieder zu haben. Nicht im Zelte des Zorrillo, sondern von Balsaminen und Gelbveigelein umrahmt, trat ihm ihr Bild vor die Seele. Seine Einbildungskraft verjüngte sie um zwanzig Jahre, und wie schön sie noch immer war, wie liebreizend sie blicken und lächeln konnte! Jedes anerkennende Wort, jedes Lob der Schönheit und Klugheit und Güte der Sibylle, welches er im Lager vernommen, kam ihm frisch in den Sinn, und am liebsten wäre er aufgesprungen, um sich ihr an die Brust zu stürzen und sie sein »Müetterl« zu heißen, sich von ihr mit all den süßen Schmeichelnamen, welche so herzbestrickend zärtlich von ihren Lippen klangen, rufen und sich von ihren weichen Händen liebkosen zu lassen. Wie reich der vereinsamte Mann sich fühlte, wie überreich! Mutterseelenallein war er gewesen! Das bedeutet: selbst von der Mutter verlassen! Nun war er's nicht mehr, und wie goldene Fäden ein dunkles Gewebe, so durchzogen liebliche Träume seine ehrgeizigen Pläne. Wenn die Macht erst sein war, wollt' er ihr aus seinem Beuteanteil ein schönes, heimliches Nestlein bauen. Den Zorrillo mußte sie lassen, morgen verlassen. Das Nestlein sollte ihr und ihm allein, ganz allein gehören, und wenn seine Seele nach Frieden dürstete, nach Liebe und Stille, so wollte er dort bei ihr ausruhen und sich mit ihr seiner Kindertage erinnern und sie hegen und pflegen, sie alles, was sie verschuldet und erduldet, vergessen lassen und das Glück voll ausgenießen, sie wieder zu haben und ein zärtliches Mutterherz sein eigen zu nennen. Mit jedem Atemzuge fühlte er sich freier und heiterer. Da raschelte es an der Zelttür. Er griff nach dem Zweihänder, aber er hob ihn nicht, denn eine liebe Stimme, die er kannte, rief leise: »Ulrich, Ulrich, ich bin es!« Da sprang er auf, warf mit fliegenden Händen das Wams um, eilte ihr entgegen und schloß sie in die Arme und ließ sich die Locken von ihr streicheln und die Wangen und Augen küssen, wie in früheren glücklichen Tagen. Und dann zog er sie in das Zelt und raunte ihr zu: »Leise, leise, der Schnarcher dort ist der Deutsche!« Sie folgte ihm und lehnte sich an ihn und zog seine Hände an die Lippen, und er fühlte, wie sie feucht wurden von Tränen. Noch hatten sie sich nichts gesagt, als wie glückselig, wie froh, wie dankbar sie seien, sich wieder zu haben. Da zog die Lagerwache vorbei, und sie sprang auf und rief ängstlich: »So spät, so spät schon! Zorrillo wartet.« »Zorrillo!« rief er verächtlich. »Du bist am längsten bei ihm gewesen. Wenn sie die Macht auf mich übertragen ...« »Sie wählen dich, Kind, sie sollen dich wählen!« fiel sie ihm eilfertig ins Wort. »O Gott, o Gott, vielleicht bringt es dir Unglück statt Segen; aber du willst's ja so gern! Graf Mannsfeld kommt morgen; Zorrillo weiß es. Er bringt Pardon für alle; auch Beförderungen, aber noch immer kein Geld.« »Oho!« rief Ulrich. »Das kann entscheiden.« »Wohl, wohl. Du verdienst es auch, sie zu führen. Du bist zu etwas Besonderem geboren, und deine Karte fällt immer so seltsam. Eletto! Es klingt ja schön und stolz, aber es sind viele daran zugrunde gegangen ...« »Weil die Macht zu schwer für sie war.« »Dir soll sie dienen! Du bist stark, bist ein Glückskind. Torheit! ich will mich nicht fürchten. Es ist dir wohl gegangen im Leben; ach, Schäfle, ich habe ja nur wenig für dich getan, aber eins, eins unablässig: gebetet hab' ich für dich, du armer Bub', morgens und abends; hast du's gemerkt, hast du's gefühlt?« Da zog er sie nochmals ans Herz, sie aber machte sich von ihm los und sagte: »Auf morgen, Ulrich; – Zorrillo –« »Zorrillo, immer Zorrillo,« sprach er ihr nach, und das Blut wallte in ihm auf. »Du bist mein, und weil du mich lieb hast, wirst du ihn lassen.« »Ich kann nicht, Ulrich, es geht nicht. Er ist gut; ihr werdet noch Freunde.« »Wir, wir? Am jüngsten Tag, und auch dann nicht! Bist du fester an den glatten Gesellen gefesselt als an meinen ehrlichen Vater? Da steht einer im Dunkeln, der ist von gutem Stahl und haut zur Not das Band auseinander.« »Ulrich, Ulrich!« klagte Flora und hob bittend die Hände. »Das nicht, das nicht; das darf ja nicht sein. Er ist gut und klug und trägt mich auf Händen. Ach, Himmel! ach, Ulrich! Die Mutter ist zu dem Sohne geschlichen in der Nacht, wie auf verbotenen Wegen. Oh, das ist ja schon eine Strafe. Ja, ich weiß ja, wie schwer ich gesündigt, und was auch über mich kommt, ich verdien' es; aber du, gerade du sollst mich nicht elender machen, als ich's schon bin. Dein Vater, er ... wenn er noch leben würde, um deinetwillen kröch' ich zu ihm auf den Knien und sagte: »Vergib mir, da bin ich;« aber er ist ja nicht mehr, er ist tot. Der Pasquale, der Zorrillo er lebt, und nun denke nicht, daß ich ein eitles, verblendetes Weib bin; der Zorrillo, er erträgt es nicht, wenn ich ihn verlasse –« »Und mein Vater? Er hat es ertragen. Aber weißt du auch wie? Soll ich dir's schildern?« »Laß das! Ach, Kind, wie du mich marterst! Dein Vater, ich weiß ja, was ich an ihm verbrochen, und es hört nicht auf, mich zu quälen, denn er hat mich redlich lieb gehabt, und ich bin ihm auch gut gewesen, inniglich gut. Aber stille sitzen kann ich nicht lange, ich kann's nicht, und die Augen niederschlagen wie die Weiber da drunten, das liegt mir auch nicht im Blute, und Adam, der hat mich in den Käfig gesperrt und mich so viele Jahre nichts sehen lassen, als sich selbst und die kalte, dumpfe Stadt in der Sackgasse am Walde. Da ist es eines Tages über mich gekommen, und ich mußte fort, fort in die Weite, gleichviel mit wem und wohin. Der Simonis brauchte nur anzustoßen, da kam ich ins Fallen. – Lange bin ich nicht bei ihm geblieben, denn er war ein windiger Prahlhans; aber bei dem Kapitän, dem Grandgagnage, habe ich treu ausgehalten und bin dem wilden Teufel mit den Wallonen durch aller Herren Länder gefolgt, bis die Kugel ihn traf. Dann, zehn Jahre sind's her, kam ich zu Zorrillo, und der, der Pasquale, das ist mein Freund, der fühlt nach, was ich fühle, dem bin ich nötig zum Leben. Lache nicht, Ulrich; ich weiß ja, daß die Jugend hinter mir liegt, daß ich alt bin, und dennoch liebt mich Pasquale, und seit ich ihn habe, bin ich zufriedener geworden, und, heilige Jungfrau, es ist nun einmal so – ich liebe ihn wieder. O Himmel, o Himmel! Warum ist es nicht anders! Aber dies Herz, dies unselige Herz, es schlägt heute noch so schnell wie vor zwanzig Jahren.« »Du willst ihn nicht lassen?« »Nein, nein, denn ich lieb' ihn, ich lieb' ihn, und weiß auch warum! Einen wackeren Mann nennt ihn ein jeder, und doch kennen sie ihn nur halb; ganz kennt ihn niemand als ich. Großmütig ist er, gut wie kein anderer. Du sollst mich ausreden lassen! Denkst du, ich hätte dich jemals vergessen? Nie, nie; – aber du bist mir stets das kleine liebe Büble gewesen; als Mann habe ich dich mir nimmer gedacht, und weil ich dich doch nicht haben konnte, und es mich so sehr nach dir, nach einem Kinde verlangte, hab' ich den Soldatenwaisen mein Herz zugewandt, und das Würmchen, das du im Zelte gesehen, ist auch so ein armseliges Ding, und manchmal hab' ich zwei und drei solche Schreihälse auf einmal im Felde gehabt. Dem Grandgagnage ist das ein Greuel gewesen, aber Zorrillo freut sich über meine Lust an den Kindern, und was der Wallone mir hinterlassen und seine eigene Beute, hab' ich an die Soldatenwitwen und die kleinen nackten Puppen im Lager vertan. Ihm war es recht, denn was ich auch tu', ihm gefällt es. Ich lasse ihn nicht, ich kann ihn nicht lassen!« Sie schwieg und verbarg das Gesicht in die Hände, er aber ging tief erregt auf und nieder. Dann sagte er fest: »Und du mußt doch von ihm fort. Er oder ich. Mit dem Liebsten der Frau meines Vaters hab' ich keine Gemeinschaft. Ich bin der Sohn Adams und halte zu ihm und muß zu ihm halten. Ach, Mutter, ich hab' dich so lange entbehrt. Die fremden Elternlosen, die kannst du pflegen, und nun machst du das eigene Kind wieder zur Waise. Willst du das? Nein, tausendmal nein, das kannst du nicht wollen! Weine nicht so, du sollst nicht weinen! Höre nur, höre! Mir zuliebe trenne dich von dem Spanier! Du wirst's nicht bereuen! Ich habe vorhin von einem Neste geträumt, das ich für dich baue. Da hege und pflege ich dich, und da sollst du Waisenkindle warten, so viel du nur magst. Laß ihn, Mutter; deinem Kind, deinem Ulrich zuliebe mußt du ihn lassen!« »Gott, Gott!« schluchzte sie laut. »Ich will ja, ich will's ja versuchen ... Kind, liebes Kind!« Da schloß er sie fest in die Arme und küßte ihr den Scheitel und sagte leise: »Ich weiß, ich weiß, du brauchst Liebe, und bei mir sollst du sie finden.« »Bei dir!« wiederholte sie schluchzend. Dann riß sie sich los und eilte zuerst zu der fiebernden Wöchnerin, auf deren Ruf sie das Zelt verlassen. Als der Morgen graute, kehrte sie heim und fand Zorrillo noch immer wach. Er fragte sie nach dem Ergehen der Kranken und teilte ihr mit, daß er dem fremden Kind, während sie fort war, zu trinken gegeben. Da mußte sie wiederum schmerzlich weinen, und als er das sah, rief er warnend: »Jeder hat das seine zu tragen, es tut nicht gut, sich fremdes Leid so tief zu Herzen zu nehmen.« »Fremdes Leid,« wiederholte sie dumpf und begab sich zur Ruhe. Weib mit den weißen Haaren, warum bist du so jung geblieben? Alle Sorgen und Qualen des Alters und der Jugend martern dich heute auf einmal! Eine Liebe ringt in deiner Brust auf Leben und Tod mit der andern; welche wird siegen? Sie weiß es, sie hat es schon gewußt, bevor sie ins Zelt trat. Die Mutter ist von dem Kinde geflohen, aber den wiedergefundenen Sohn kann sie nicht lassen. O Mutterliebe, du schwebst in lichter Wonne unter singenden Engeln hoch über den Wolken! O Mutterherz, du blutest von Schwertern durchbohrt, so schmerzensreich wie kein anderes! Arme, arme Florette! An diesem Julimorgen leidet sie übermenschliche Qualen, und alles, was sie gesündigt, zieht gegen sie ins Feld und schreit ihr ins Ohr, daß sie eine Verlorene sei, und daß es keine Gnade für sie gebe, weder hier noch dort. Und doch! Die Wolken ziehen, die Zugvögel wandern, der Spielmann fährt singend von Land zu Land und findet Liebe und streift leichte Fesseln reuelos ab, um andere zu suchen. Und sein Kind tut es dem Vater nach, und der ist schon wie der seine gewesen und wie der Ahnherr in grauen Zeiten! Aber die ewige Gerechtigkeit? Wird sie das fliegende Blatt mit dem gleichen Maße messen wie die festgewurzelte Pflanze? Als Zorillo seiner Gefährtin beim Licht des Tages ins Antlitz schaute, sagte er freundlich: »Du hast geweint?« »Ja,« entgegnete sie und schaute zu Boden. Da glaubte er, sie hege wie damals Besorgnis, daß ihm die Wahl zum Eletto verderblich werden könne, und so zog er sie an sich und rief: »Sei unbesorgt, Bonita. Wählen sie mich und der Mannsfeld kommt, wie er verheißen, so wird heute dem Spiel ein Ende gemacht. Hoffentlich nehmen sie in der zwölften Stunde Vernunft an und lassen sich bedeuten. Machen sie den jungen Tollkopf doch zum Eletto – so geht es um seinen Kopf, nicht mehr um meinen. Fühlst du dich krank? Wie du aussiehst, Kind! Sicher, sicher, du leidest; du sollst bei Nacht nicht wieder hinaus zu den Leuten!« Diese Worte kamen aus einem besorgten Herzen und klangen innig und weich. Sie gingen Florette tief in die Seele, und in leidenschaftlicher Erregung faßte sie seine Hände und küßte sie und rief leise: »Dank, Dank, Pasquale, für deine Liebe und alles. Ich will es nie und nimmer vergessen, was auch geschehen mag! Geh, geh; da trommelt es wieder.« Er glaubte, sie rede im Fieber, und bat sie, sich ruhig zu halten; dann verließ er das Zelt und begab sich auf den Wahlplatz. Sobald Flora allein war, warf sie sich vor dem Madonnenbilde nieder, aber sie wußte nicht, ob es recht sei, für den Sohn um ein Amt zu bitten, das so vielen verderblich geworden; und als sie die Jungfrau anflehte, ihr Kraft zu gewähren, den lieben Gefährten zu verlassen, kam ihr das vor wie ein Verrat an Pasquale. Ihre Gedanken verwirrten sich, und sie konnte nicht beten. Von dem Höchsten verfiel ihr beweglicher Sinn schnell auf das Kleine, und so griff sie nach den Karten, um zu sehen, ob das Geschick sie mit Zorrillo oder Ulrich verbinde, und die rote Zehn, das war sie selbst, kam dicht neben den grünen Fant, das war Pasquale, zu liegen. Empört warf sie das Spiel zusammen, und trotz des Orakels blieb sie entschlossen, dem Sohne zu folgen. Im Lager rasselte indessen die Trommel, kreischte die Pfeife, schmetterte die Trompete, und wie das ferne Brausen der Brandung tönte das Reden und Rufen des versammelten Heeres. Jetzt erscholl von neuem eine Fanfare, und nun raffte sie sich auf und lauschte hinaus. Es war ihr, als höre sie die Stimme Ulrichs. Der Schlag des Herzens benahm ihr den Atem. Sie mußte ins Freie, sie mußte sehen und hören, was vorging. Mit fliegenden Händen strich sie das weiße Haar aus der Stirn, warf den Schleier über und eilte durch das Lager auf die Stätte des Wahlkampfes. Die Soldaten kannten sie alle und machten ihr Platz. Auf dem Erdwall zwischen den Feldstücken standen die Führer der Meuterer, und in der Mitte der vordersten Reihe, den anderen voran, ihr Sohn und redete zu der Menge. Zwischen ihm und Zorrillo schwankte die Wahl. Ulrich hatte schon länger geredet. Seine Wangen glühten, und in dem goldenen Helm und mit den wallenden Locken war er so männlich, so kriegerisch schön, daß das Herz ihr aufging, und wie die Nacht sich lichtet, wenn die schwarze Wolke zerreißt und der Mond siegreich hervortritt, wurden Schmerz und Qual mit einem Male von Mutterliebe und mütterlichem Stolz hell überstrahlt. Und nun richtete er sich höher auf und rief: »Mit der Zunge sind andere schneller und schneidiger als ich, aber mit dem Schwert versteh' ich zu reden wie einer.« Und nun hob er den Zweihänder auf, die schwere Waffe, die andere mühsam mit beiden Händen regierten, und schwang ihn mit der bloßen Rechten in raschen Kreisen über sich hin, daß er die Luft pfeifend durchschnitt. Die Soldaten jubelten ihm zu, wie sie dies sahen, und als er die Waffe gesenkt hatte und es wieder ruhiger wurde, fuhr er mit fliegendem Atem herausfordernd fort: »Und wohin wollen die Redner und Parlamentierer uns bringen? Dahin, daß wir, wie die Kunde, den Herren die Füße lecken, den Herren, die uns prellen. Graf Mannsfeld kommt heute; ich weiß es sicher, und ebenso sicher hab' ich erfahren, daß er alles bringt, nur nicht das, was uns zusteht, was wir brauchen, was wir zu fordern haben, was uns nötig ist für den nackten Fuß, den zerlumpten Leib: Geld, Geld hat er uns nicht zu bieten! So ist es, ich schwör' es, und wenn es sich anders verhält, so tretet doch vor, ihr Herren Parlamentierer, und straft mich Lügen! Habt ihr Lust, habt ihr die Stirn, den Navarrete Lügen zu strafen?– Sie schweigen! – Wir aber reden! Wir wollen uns nicht foppen und hinhalten lassen! Was wir verlangen, ist billiger Lohn für gute Arbeit. Wer Geduld hat, der warte. Mir ist sie gerissen. Wir sind Seiner Majestät gehorsame Diener und wollen es bleiben. Sobald er seinen Vertrag hält, darf er auf uns zählen, aber wenn er ihn bricht, so sind wir an niemand gebunden als an uns selbst, und, Santiago, wir sind die Schwächsten nicht. Wir brauchen Geld, und fehlt es Seiner Majestät an Dukaten, eine Stadt, in der wir finden, was uns gebricht. Geld oder eine Stadt, eine Stadt oder Geld! Die Forderung ist gerecht, und wenn ihr mich wählt, da steh' ich und weiche nicht zurück, wenn es hinter mir murrt oder gegen mich heranzieht. Wem unter dem Harnisch ein mutiges Herz schlägt, der folge mir; wer Zorrillo nachkriechen will, mag es tun. Wählt mich, ihr Freunde, ich schaffe euch mehr als wir brauchen und dazu Ehre und Ruhm. Sankt Jakob und die Madonna stehen uns bei. Der König soll leben!« »Der König soll leben! Navarrete soll leben! Navarrete! Hoch, Navarrete!« riefen laut und ungestüm tausend bärtige Lippen. Zorrillo kam nicht mehr zu Worte. Die Wahl wurde vollzogen. Ulrich war der Eletto. Wie von Flügeln getragen, ging er von Mann zu Mann und schüttelte den Kameraden die Hände. Die Macht, die Macht, das Höchste auf Erden, er hatt' es erreicht, es war sein! Und das ganze Troßvolk, die Knechte, die Sudler, die Weiber, die Dirnen und Kinder scharten sich um ihn und schrien seinen Namen, und wer von ihnen einen Hut und eine Kappe trug, der warf sie in die Luft, wer ein Tüchlein führte, der schwang es. Wirbel auf Wirbel rollte, Fanfare auf Fanfare schmetterte drein, und der Geschützmeister ließ alle Feldstücke lösen, denn ihm behagte die Wahl. Wie berauscht stand der Erkorene mitten unter dem Geschrei, dem Gejohle, der kriegerischen Musik, dem Donner der Schüsse und lüftete den Helm und winkte mit großen freien Bewegungen der Menge. Er wollte auch reden, aber der Lärm verschlang seine Worte. Florette hatte sich nach der Wahl still von dannen geschlichen, erst in das leere Zelt, dann zur Wöchnerin, die ihrer bedurfte. Dem Eletto blieb keine Zeit, an die Mutter zu denken; denn kaum hatte er den Kameraden einen schweren, feierlichen Eid geleistet und den ihren entgegengenommen, als Graf Mannsfeld erschien. Der Feldherr wurde mit allen Ehren empfangen. Er kannte Navarrete, und dieser ging mit dem ihm eigenen männlichen Anstand auf die Verhandlungen ein; aber der Graf hatte in der Tat nichts als Versprechungen zu bringen, und die Meuterer ließen von ihrer Forderung nicht ab: »Geld oder eine Stadt!« Der hohe Herr erinnerte sie an ihren Eid und ließ es an guten Worten, an Warnungen und Drohungen nicht fehlen, aber der Eletto blieb unbeugsam. Mannsfeld erkannte, daß er vergebens gekommen; das einzige, was er von Navarrete zu erwirken vermochte, war, daß ihm ein besonnener Mann aus der Schar der Führer nach Brüssel mitgegeben ward, um dort dem Staatsrat darzulegen, wie es mit den Regimentern stehe, und neue Vorschläge entgegenzunehmen; und als der Graf ihm dann vorschlug, Zorrillo mit der Sendung zu betrauen, befahl der Eletto dem Quartiermeister, sich sogleich zum Aufbruch fertig zu machen. Eine Stunde später verließ der Oberfeldherr das Lager. Der Gefährte Floras befand sich in seinem Gefolge. Siebenundzwanzigstes Kapitel Die fünfte Nacht nach der Elettowahl brach herein, es regnete leise, in den öden Zeltgassen ließ sich nur dann und wann der Schritt der Wache oder die Stimme eines schreienden Kindes hören. In Zorrillos Zelt, das sonst auch noch in späterer Stunde hell erleuchtet zu sein pflegte, brannte heute nur ein elender Kienspan, bei dem die Schenkmagd schläfrig saß und ein Loch in der Friesjacke stopfte. Die Dirne erwartete niemand mehr und schrak zusammen, wie die Zelttür heftig aufgerissen wurde und ihr Herr, dem zwei neu ernannte Kapitäne folgten, gerade auf sie zutrat. Zorrillo hielt den Hut in der Hand, das leicht ergrauende schwarze Haar hing ihm wirr in die Stirn, doch er trug sich so aufrecht wie immer. Sein Körper regte sich nicht, aber seine Augen wanderten von einer Ecke des Zeltes in die andere, und die Dirne bekreuzte sich und hielt ihm zwei Finger entgegen, denn der böse Blick traf sie, als er ihr endlich mit hohler Stimme zurief: »Wo ist die Frau?« »Fort, ich kann nichts dafür,« antwortete das Mädchen. »Wohin?« »Zu dem Eletto, dem Navarrete.« »Wann?« »Er kam und holte sie und das Kind, als Ihr kaum fort wart.« »Und sie ist nicht wieder gekommen?« »Vorhin hat sie ein gebratenes Huhn geschickt; ich sollt' es bewahren für Eure Heimkehr. Da steht es.« Zorrillo lachte. Dann wandte er sich an die Begleiter und sagte: »Ich danke euch. Ihr habt nun ... Ist sie noch bei dem Eletto?« »Ja freilich.« »Und wer – wer hat sie in der Nacht vor der Wahl – erlaubt, daß ich mich setze – wer hat sie damals bei ihm gesehen?« »Mein Bruder,« erwiderte der eine Kapitän. »Als er mit der Lagerwache vorbeizog, kam sie grad aus dem Zelte.« »Nehmt Euch das Ding nicht zu Herzen,« sagte der andere. »Ihr findet Weiber genug. Wir werden grau, und mit einem schönen Kerl wie dem Navarrete nimmt's unsereiner nicht mehr auf.« »Ich hätte die Sibylle für verständiger gehalten,« fügte der jüngere Kapitän hinzu. »Hab' sie schon vor sechzehn Jahren in Neapel gesehen. Damals, alle Wetter, das war ein Weib! Ist heut auch noch ein sauberes Geschöpf; aber der Navarrete, der könnte beinah ihr Sohn sein. Und Ihr habt sie immer gut gehalten, Pasquale. Ja, wer Dank von den Weibern erwartet. ..« Da kam dem Quartiermeister die Stunde vor der Wahl in den Sinn, und wie sie ihm um den Hals gefallen war und ihm für seine Güte Dank gesagt hatte, und er biß die Zähne zusammen und stöhnte laut auf. Die anderen schickten sich an, ihn zu verlassen, er aber faßte sich und sagte: »Bring ihm den Brief vom Grafen, Renato. Was ich mit ihm zu reden habe, das findet sich später.« Zorrillo brauchte lange Zeit, um den Koller aufzunesteln und das Schreiben herauszuziehen. Die beiden bemerkten wohl, wie die Finger ihm bebten, und schauten einander mitleidig an; der Ältere aber sagte, während er den Brief in Empfang nahm: »Mann, Mann, so geht es nicht gut. Die Weiber sind wie das Glück. Heute dem, morgen jenem. Nimm das Ding, wie es tausend andere genommen, und mach keine Streiche. Du führst eine gute Klinge; aber mit dem Navarrete anbinden, ist Selbstmord. Ich bring' ihm den Brief. Sei klug, Zorrillo, und suche dir bald eine andere.« »Gleich, gleich, das versteht sich,« entgegnete der Quartiermeister; aber sobald er auch die Magd fortgeschickt hatte und ganz allein war, drückte er die Stirn an den Tisch, und die Schultern flogen ihm auf und nieder. So verweilte er lange; dann schritt er mit erzwungener Gravität hin und her. Es dämmerte längst, als er das Lager aufsuchte. Am nächsten Morgen erstattete er vor dem versammelten Kriegsrat dem Eletto Bericht, und als dieser aufbrach, trat er gegen Navarrete hin und sagte so laut, daß es jedermann hören mußte: »Ich wünsche Euch Glück zu der neuen Geliebten.« »Mit gutem Grund,« entgegnete der Eletto. »Wartet ein wenig, und was gilt die Wette, Ihr gratuliert mir mit besserem Herzen als heute?« Die Vorschläge aus Brüssel hatten sich wiederum als unannehmbar erwiesen. Nun galt es zu handeln, und der Meutererführer benützte die Zeit. Es war ihm, als verdopple »die Macht« seine Spannkraft und Frische. Es war so köstlich, nach dem Marsch, dem Kriegsrat und der Tagesarbeit bei der Mutter auszuruhen, ihr zuzuhören und ihr das Herz zu eröffnen. Wie hatte sie sich in der Unruhe, den Gefahren, im Schlamm des Lagerlebens trotz allem und allem – ja, er durfte es sagen – so vornehm erhalten! Wie klug und fesselnd wußte sie über Menschen und Dinge zu reden, wie drollig waren die Einfälle, mit denen sie das Gespräch zu würzen verstand, und wie tief bewandert fand er sie in allem, was die Lage der Regimenter und seine eigene Stellung anging. Wahrlich, sie war nicht vergebens die Vertraute der Leiter des Heeres gewesen! Auf ihren Rat gab er es auf, Mecheln zu nehmen, nachdem er durch Kundschafter erfahren, daß es wohl gerüstet sei und den Anmarsch der Meuterer erwarte. Auf eine lange Belagerung konnte er sich mit den ihm zu Gebote stehenden Mitteln nicht einlassen; sein erster Schlag durfte kein Fehlschlag sein. So zeigte er sich denn nur in der Nähe von Brüssel, sandte den Kapitän Montesdocca, der noch einmal zu parlamentieren versuchte, unverrichteter Sache zurück, schlug, um die Gegner irrezuleiten, eine neue Richtung ein und stürzte sich unversehens auf das reiche Aalst in Flandern. Die überraschten Einwohner versuchten es wohl, ihre wohlbefestigte Stadt zu verteidigen, aber die Kraft der Bürger hielt dem wütenden Ansturm des kriegsgewohnten, beutegierigen Heeres nicht stand. Die eroberte Stadt gehörte dem Könige. Sie war das Pfand, dessen die Meuterer bedurften, und sie hielten sich in ihr schadlos für den vorenthaltenen Sold. Was Widerstand zu leisten versuchte, verfiel dem Schwert, was der Bürger besaß, riß der Soldat an sich als Lohn, der ihm zukam. In den Hallen unter dem Belfrid, dem großen Turm, von wo aus die Glocke die Einwohner zusammenrief, wenn Gefahren drohten, lagen in den Tuchhallen Stoffe genug für neue Wämser. An Gold und Silber fehlte es nicht im Schatz auf dem Rathaus, in den Kassen der Kaufherren, in den Truhen der Bürger. Das silberne Tafelgerät, der Goldschmuck der Frauen, die Patentaler der Kinder fielen in die Hand der Eroberer, und hundertundsiebzig reiche Pfarrdörfer in der Umgebung von Aalst hatten für die Ernährung der Meuterer zu sorgen. Navarrete wehrte den Plünderern nicht. Was der Soldat mit stürmender Hand genommen, war nach seiner Überzeugung wohl erworbene Beute. Ihm galt die Einnahme von Aalst für eine Tat der gerechtesten Notwehr, und die Regimenter dachten wie er und waren mit dem Eletto zufrieden. Die Meuterer suchten und fanden Quartier im Hause des Bürgers, schliefen in seinen Betten, aßen von seinem Geschirr und tranken ihm den Weinkeller leer. Drei Tage lang blieb das Rauben gestattet. Am fünften war der Dienst und das Quartierwesen geordnet, und die Bürgerschaft durfte sich wieder auf dem Rathaus versammeln, dem Handel und Gewerbe nachgehen, und tun und treiben, was sie gewohnt war. Das gerettete Eigentum wurde nun für unantastbar erklärt; das Rauben hatte ohnehin aufgehört lohnend zu sein. Dem Eletto stand es frei, sich ein Quartier zu wählen, und es fehlte in Aalst nicht an schönen Gebäuden. Wohl hätte es Ulrich gereizt, den Palast des Freiherrn von Hièrges zu beziehen, aber er unterließ es und wählte als Wohnung für sich und seine Mutter ein kleines, schmuckes Haus am Markte, das ihn an die väterliche Schmiede erinnerte. Die Erkerstube mit dem Blick auf den Belfried und das stattliche Rathaus ließ Ulrich für die Mutter gar freundlich herrichten, und die Gärtner der Stadt erhielten Befehl, die schönsten Zimmergewächse bei ihm abzuliefern. Bald sah der mit Blumen geschmückte und von singenden Vögeln belebte Wohnraum weit freundlicher und stattlicher aus als das Nest, von dem er geträumt hatte. Auch ein weißes Hündchen, gerade wie das, welches Florette in der Schmiede besessen, wurde angeschafft, und wenn am Abend die warme Sommerluft in die offenen Fenster zog und er sich allein mit ihr in Erinnerungen erging oder Zukunftspläne entwarf, so war es, als habe ein neuer Lenz in seine Seele Einkehr gehalten. Der Jammer der Bürger kümmerte ihn nicht. Sie waren der verlierende Teil im ernsten Spiel des Krieges, Feinde – Rebellen. Unter den Seinen sah er nichts als frohe Gesichter; er übte die Macht, sie gehorchten. Zorrillo grollte ihm, das las er aus seinen Augen, aber er hatte ihn zum Kapitän ernannt, und der Mann stand seiner Pflicht als Quartiermeister in mustergültiger Weise vor. Florette wünschte, ihm mitzuteilen, daß der Eletto ihr Sohn sei, aber er bat sie, damit zu warten, bis seine Macht festere Wurzeln geschlagen, und wie hätte sie dem Liebling etwas abzuschlagen vermocht? Sie war bekümmert, tief bekümmert gewesen, aber das hatte sich bald gegeben, und nun konnte sie in Gesellschaft Ulrichs wieder froh sein und Schmerz und Herzweh vergessen. Welches Glück, ihn zurückzuhaben, sich von ihm lieben zu lassen! Wo gab es einen zärtlicheren Sohn, wo ein lieblicheres Heim als das ihre? Die erbeuteten Samt- und Brokatgewänder der Frau von Hièrges waren dem Eletto zugefallen. Wie jung sah sie in ihnen aus! Wenn sie sich in dem Spiegel sah, staunte sie über sich selbst. Im Stall des Freiherrn waren zwei schöne Damenpferde und reiches Geschirr gefunden worden. Das hatte Ulrich ihr mitgeteilt, und sogleich war der Wunsch in ihr rege geworden, mit ihm ins Freie zu reiten. Mit Grandgagnage war sie immer geritten, und wenn sie nun im tief herabwallenden Samtkleide mit wallenden Federn am zierlichen Hütchen neben dem Sohne herritt, bemerkte sie bald, wie ihnen selbst die feindlichen Bürger und Bürgerfrauen beifällig nachschauten. Und es war auch ein schönes Schauspiel, den prächtigen, von Kraft und Selbstbewußtsein strotzenden Krieger auf dem mutigen Hengste neben der schönen Frau im weißen Haar, aus deren Augen frische Lebenslust glänzte, dahingaloppieren zu sehen. Zorrillo begegnete ihnen oft, wenn sie am Rathaus vorbeisprengten, und dann grüßte sie ihn immer freundlich mit der Gerte, er aber schaute geflissentlich beiseite, oder dankte, wenn es nicht anders ging, mit kühlem Gruße. Das kränkte sie bitter, und wenn sie allein war, geschah es wohl, daß sie in sich zusammensank und alt und müde zu Boden starrte. Aber das Nahen Ulrichs ermunterte, verjüngte sie schnell. Was er im Leben erfahren, was sein Herz, seine Seele bewegt hatte, sie kannte es nun, und sie wußte ihm nicht zu widersprechen, wenn er ihr sagte, die Macht sei das Höchste im Leben. Mit dem kleinen Aalst konnte sich der hochfliegende Sinn des Eletto nicht begnügen. Die Meuterer waren von Brüssel aus in Acht und Bann getan worden, aber mit dieser Maßregel hatte der König nichts zu schaffen; das schmähliche Edikt hatte keinen anderen Zweck, als den niederländischen Schreihälsen die Mäuler zu stopfen, und das sollten sie teuer bezahlen! Es war etwas Großes im Werke! Man hatte das Antwerpen von damals ganz Indien in einer Stadt genannt, und es galt nichts Geringeres, als diese Herberge des Reichtums den Meuterern in die Hände zu spielen, und die gesamte spanische Armee in den Niederlanden stand im Begriff, dem Beispiel der Regimenter in Aalst zu folgen. Die Mutter war der Freund und Rat des Sohnes. Aber jeden Schritt, den er unternahm, hörte er ihre Ansicht und gab oft die eigene zugunsten der ihren auf. Diese Teilnahme an der Leitung großer Geschicke beschäftigte den gewandten Geist der Sibylle. Wenn sich bei mancher Angelegenheit die Gründe und Gegengründe die Wage hielten, legte sie Karten aus, und dies Orakel gab dann gewöhnlich den Ausschlag. Kein höheres Ziel, kein Wille, in weiteren Kreisen Gutes und Großes zu wirken, beeinflußte das Denken und Tun dieser beiden. Was kümmerte es sie, daß von ihrer Entscheidung das Wohl und Wehe der Tausende abhing? Die tödliche Waffe in ihrer Hand war für sie nur ein kostbares Gerät, woran man sich ergötzt und mit dem man Früchte von den Bäumen herabholt. Don Juans Wort, daß die Macht ein Ackerfeld sei, sah er jetzt schon erfüllt; denn es gab ja in Aalst manche volle Ähre für sie beide zu ernten. Die Soldatenwaise, die Flora mit zu ihrem Sohne genommen, pflegte sie nach wie vor mit mütterlicher Sorgfalt, aber das auf Stroh geborene Kind trug jetzt feine Leinwand und Spitzen und anderen wunderlich ausgeklügelten Putz. Es war ihr nötig; denn wenn sie in den langen Vormittagsstunden, in denen Ulrich abwesend war, von trüben Gedanken gar zu schmerzlich heimgesucht wurde, machte sie sich mit dem hilflosen Wesen zu schaffen. Ulrich blieb oft recht lange aus, weit länger als der Dienst es erheischte. Was mochte er treiben? Besuchte er eine Geliebte? Warum auch nicht? Es wunderte sie nur, daß die schönen Frauen nicht zu dem herrlichen Mann von nah und fern gewallfahrtet kamen. Ja, der Eletto hatte eine alte Geliebte wiedergefunden! Die Kunst, die er grollend verlassen. Es war ihm zu Ohren gekommen, daß bei der Verteidigung der Stadt auch ein Maler gefallen sei. Um seine Werke zu sehen, hatte er sich in das Haus des Verstorbenen begeben, und wie fand er die Wohnung des Künstlers! Die Fenster, das Gerät waren zerschlagen, die aufgesprengten Schranktüren neigten sich an den verbogenen Angeln in das Zimmer hinein. Die Witwe lag mit den Kindern auf Stroh in der Werkstatt. Das ging ihm zu Herzen, und er gab der klagenden Frau mit offener Hand. An den Wänden hingen einige Heiligenbilder, welche die Spanier verschont hatten; auch die Staffelei, die Farben und Pinsel waren unangetastet geblieben. Da kam ihm ein Gedanke, an dessen Ausführung er sich ungesäumt begab. Er wollte eine neue Standarte malen! Und wie hoch schlug ihm das Herz, als er wieder vor der Staffelei stand! In den Ketzern sah er Heiden. Die Spanier kämpften zunächst gegen sie und für den Glauben. So malte er denn das Bild des Gekreuzigten auf eine, das der Jungfrau auf die andere Seite der Standarte. Die Künstlerwitwe saß ihm zur Madonna, ein junger Soldat für den Christus. Jetzt hemmte kein Bedenken, keine Rücksicht auf krittelnde Meister die schaffende Hand; denn ihm gehörte die Macht, und was er auch immer zustande brachte, das mußte gut sein. Das Haupt Costas, wie er es bei Tizian gemalt hatte, setzte er auf den sanft geneigten Leib des Erlösers, und die Madonna empfing das Antlitz der Sibylle, den strengen Richtern in Madrid zum Trotz, sich selbst zur Lust, seiner Mutter zu Ehren. Er verjüngte sie, verwandelte das Weiß ihrer Haare in schimmerndes Goldblond, und eines Tages bat er Flora, stillzuhalten und an etwas recht Ernstes zu denken; er wolle sie zeichnen. Da setzte sie sich munter in Positur und sagte: »Mach schnell; denn was ernst ist, hält nicht lang bei mir aus.« Wenige Tage später waren beide Gemälde fertig, und sie sahen nach etwas aus, und es freute ihn, daß er trotz der langen Pause immer noch etwas zustande brachte. Seine Mutter war entzückt über die Meisterwerke des Sohnes, und besonders über die Maria, denn sie erkannte sich gleich und war gerührt über sein treues Gedächtnis. Als junge Frau, sagte sie, habe sie genau so ausgesehen, und es sei wunderbar, wie er die Farbe ihres Haares von damals getroffen; aber sie fürchte doch, daß es Lästerung sei, eine Maria mit ihrem Antlitz zu malen: sie sei eine arge Sünderin und nichts weiter. Sie war froh, daß dieses Werk zum Abschluß gekommen; denn die Unruhe begann sie wieder zu quälen, und die Vormittage waren so einsam gewesen. Pasquale – das tat ihr brennend weh – hatte nicht ein einzigesmal zu ihr aufgeschaut, und der Verkehr mit Männern, an den sie gewohnt war, begann ihr zu fehlen. Aber sie klagte niemals und zeigte Ulrich stets das gleiche fröhliche Gesicht, bis er eines Tages erklärte, sie auf einige Zeit verlassen zu müssen. Schon mehrmals hatte er in kleinen Scharmützeln zusammengelaufene Scharen von Bauern und Bürgern, welche gegen die Meuterer ins Feld gezogen waren, zu Paaren getrieben; jetzt rief ihn der Oberst Romero gegen ein großes Heer von Patrioten auf, welches sich unter dem edlen Herrn von Floyon zwischen Löwen und Tirlemont gesammelt hatte. Es sollte aus Studenten und anderen rebellischen Schreiern bestehen, und so verhielt es sich in der Tat; aber die »Rebellen« waren die Blüte der Jugend des schmählich bedrückten Volkes, edle Seelen, denen es unerträglich erschien, das Vaterland von meuternden Horden geknechtet zu sehen. Ulrich trennte sich leicht von der Mutter. Er war des Sieges und der Heimkehr gewiß, aber die leicht erregbare Frau zerfloß beim Abschied in Tränen. Der Eletto zog mit einer stattlichen Schar ins Feld. Die Hauptmacht der Meuterer, und mit ihr der Kapitän und Quartiermeister Zorrillo, blieb zurück, um die Bürger im Zaum zu halten. Achtundzwanzigstes Kapitel Ein ansehnliches, aber schnell zusammengerafftes Patriotenheer war bei Tisnacq von einer kleinen Schar von kriegskundigen Spaniern völlig zugrunde gerichtet. Ulrich hatte das Seine beigetragen, den schnellen Sieg zu erfechten, und war von seinem alten Feldobersten, dem tapferen Romero, dem braven Reiterführer Mendoza und anderen angesehenen Offizieren wie einer der ihren begrüßt worden. Nachdem diese vornehmen Herren selbst Meuterer geworden, war der Eletto ihr Bruder, und sie verschmähten es nicht, sich seiner Mitwirkung bei dem Streich zu versichern, den auch sie gegen Antwerpen planten. Er war mit großer Kühnheit ins Feuer gegangen, und wo er sich zeigte, streckten ihm die Seinen die Hand entgegen und gelobten ihm Gehorsam und Treue bis in den Tod. Ulrich ging dahin wie von leichten Lüften getragen, das bloße Atmen war ihm ein Genuß. Kein Fürst konnte das Wonnegefühl der wachsenden Macht seliger empfinden als er. Am Abend nach der Entscheidung hatte ihn ein reiches Festmahl mit den Romero, Vargas, Mendoza, Tassis vereint, und am nächsten Morgen wurden ihm die Gefangenen vorgeführt, die den Seinen in die Hände gefallen. Die Vernehmung der Studenten, Bürgersöhne und Bauern hatte er seinem Leutnant überlassen; aber da waren auch drei edle Herren, denen reiches Lösegeld auferlegt werden konnte. Die beiden Älteren hatten bewilligt, was er verlangte, und waren abgeführt worden, der dritte, ein hoher Mann in ritterlicher Rüstung, blieb als letzter bei ihm zurück. Mit ihm war er persönlich zusammengetroffen, denn der Gefangene hatte sich hoch zu Roß an ihn gedrängt und ihm ernstlich zu schaffen gemacht; ja, der Sieg war für den Eletto noch nicht entschieden gewesen, als ein Musketenschuß das Pferd des anderen zu Boden gestreckt hatte. Jetzt trug der Ritter den Arm in der Binde. Inmitten seines Panzers und auf den Schulterstücken der Rüstung prangte in getriebener Arbeit ein adeliges Wappen. »Man hat Euch unter dem Pferde hervorgezogen,« redete der Eletto den Ritter an. »Ihr führt eine treffliche Klinge.« Er hatte Spanisch gesprochen, der andere aber zuckte die Achseln und entgegnete auf Deutsch: »Ich verstehe kein Spanisch.« »Ein Deutscher?« fragte Ulrich nun in der Muttersprache, »Wie kommt Ihr unter die niederländischen Rebellen?« Der Edelmann schaute den Eletto verwundert an; der aber ließ ihm nicht Zeit zum Besinnen und fuhr fort: »Ich verstehe Deutsch; Eure Antwort?« »Ich hatte in Antwerpen Geschäfte.« »Geschäfte, und welche?« »Das ist meine Sache.« »Ganz wohl. Gehen wir also aus dem höflichen Ton in einen anderen über.« »Nein, Herr! Ich bin der Besiegte und stehe Euch Rede.« »Also?« »Ich hatte Stoffe zu kaufen.« »Seid Ihr ein Kaufmann?« Der Ritter schüttelte den Kopf und entgegnete lächelnd: »Wir haben unsere Burg neu aufgebaut nach dem Brande.« »Und nun braucht Ihr Tapeten und Kunstwebereien. Meintet Ihr die von uns zu erbeuten?« »Kaum, Herr!« »Was führte Euch also zu unseren Feinden?« »Baron Floyon gehört zu der Sippe meiner Mutter. Er zog gegen Euch aus, und da seine Sache mir anstand ...« »Und das Raufen Euch zusagt, lüstete es Euch, eine Lanze zu brechen.« »Ganz richtig.« »Und Ihr habt Eure Sache nicht übel gemacht. Wo seid Ihr zu Hause?« »Ihr wißt's ja: in Deutschland.« »Das ist sehr groß.« »Am Schwarzwald, in Schwaben.« »Und Euer Name?« Der Gefangene schwieg; Ulrich aber heftete den Blick auf das Wappen an der Rüstung des Ritters, faßte ihn fester ins Auge, und ein seltsames Lächeln umspielte ihm den Mund, wie er nun auf ihn zutrat und in verändertem Tone sagte: »Ihr denkt, von dem Grafen von Frohlingen fordert der Navarrete ein Lösegeld so groß wie seine Wälder und Gründe?« »Ihr kennt mich?« »Vielleicht, Graf Lips.« »Donnerwetter!« »Aha, Ihr habt nach dem Kloster im Felde gelegen.« »Nach dem Kloster? Herr, woher wißt Ihr?« »Wir sind alte Bekannte, Graf Lips, seht mir nur einmal in die Augen!« Der andere schaute den Eletto prüfend an, schüttelte den Kopf und sagte: »Ihr kamt mir von Anfang an nicht ganz fremd vor; doch ich war niemals in Spanien.« »Aber ich bin in Schwaben gewesen, und von dazumal habt Ihr noch etwas zugute bei mir. Wäre Euer Lösegeld groß genug, um den Preis für ein eingeworfenes Kirchenfenster zu decken?« Da riß der Graf die Augen weit auf, und ein helles Lächeln flog über sein Antlitz, als er in die Hände schlug und mit treuherziger Freude ausrief: »Du, du – du bist der Ulrich! Verdammt will ich sein, wenn ich mich irre! Aber, wer zum Teufel wittert in dem spanischen Eletto ein Schwarzwälder Kind?« »Daß ich's dennoch bin, bleibt fürs erste geheim zwischen uns beiden!« rief Ulrich und streckte dem Grafen die Hand entgegen. »Du schweigst, und nachher bist du frei. – Das Lösegeld wird mit dem Fenster gedeckt!« »Heilige Jungfrau! Wenn alle Fenster im Kloster so teuer wären, die Mönche könnten sich mästen!« rief der Graf. »Ein Schwabenherz bleibt halt schwäbisch, auch unter dem spanischen Wams. Ein Glück, ein Türkenglück ist's, daß ich dem Floyon gefolgt bin; – und dein Alter, der Adam, und die Ruth – dies Vergnügen!« »Du solltest es wissen ... Mein Vater ist tot, lange, lange!« sagte Ulrich und schaute zu Boden. »Tot?« rief der andere. »Und lange? Vor drei Wochen hab' ich ihn noch am Amboß gesehen.« »Meinen Vater? Am Amboß? Und Ruth? ...« stammelte Ulrich und schaute dem anderen bleich und fragend ins Antlitz. »Sie leben, freilich, sie leben! In Antwerpen hab' ich ihn wiedergefunden. Er schmiedet dir Rüstzeug wie keiner. Es geht mit dem Teufel zu, oder du hast von dem Meister Schwab, dem Waffenschmied, gehört.« »Der Schwab, der Schwab – der ist mein Vater?« »Dein leibhaftiger Alter. Wie lange ist's her? Dreizehn Jahre, denn damals zählte ich sechzehn. Da hatte ich ihn zum letztenmal gesehen, und doch, doch, auf den ersten Blick hab' ich ihn wiedererkannt. Freilich, freilich, die Stund', in der das stumme Weib dem Juden den Pfeil aus der Brust zog, die will ich nie und nimmer vergessen. Was ich damals im Walde gesehen, steht mir heute noch vor Augen, als könnt' ich es greifen.« »Er lebt, sie haben ihn nicht erschlagen!« rief der Eletto, und nun erst begann er sich der erschütternden Kunde zu freuen. »Lips, Mann, Philipp! Ich habe die Mutter wiedergefunden und nun auch den Vater. Warte, wart! Ich rede mit dem Leutnant. Er soll mich vertreten, und du und ich, wir beide, reiten nach Lier, und da wirst du mir erzählen, erzählen! Heilige Jungfrau, hab Dank, tausend Dank! Ich soll den Vater wiedersehen, den Vater!« Mitternacht war vorüber, und die Schulgenossen saßen immer noch in einem besonderen Zimmer im »Löwen« zu Lier beim Weine. Der Eletto ward nicht müde zu fragen, und Graf Philipp stand ihm gern Rede. Ulrich wußte nun, welches Ende der Doktor genommen, und daß sein Vater nach Antwerpen gegangen und dort als Waffenschmied seit zwölf Jahren hause. Das stumme Weib des Juden war schon auf der Reise vor Kummer gestorben; aber Ruth lebte bei dem Alten und hielt für ihn Haus! Navarrete hatte den Meister Schwab und seine Arbeit oft rühmen hören und selbst eine Halsberge aus seiner Werkstätte getragen. Von Ruth wußte der Graf mancherlei zu berichten. Er gestand, daß er nicht um der Waffen, sondern um der schönen Meisterstochter willen den Adam Schwab aufgesucht habe. Das Mädel sei schlank wie eine Tanne geworden. Und ihr Gesicht! Wer es einmal gesehen, vergess' es wohl nimmer. So könne die schöne Judith, die den Holofernes erschlug, oder die Königin Zenobia, oder die keusche Lukretia von Rom ausgesehen haben. Sie stehe nun in den Zwanzigen und in der Blüte der Schönheit, aber sie sei spröde wie Glas, und ob sie ihn auch gern habe von wegen seiner alten Freundschaft mit Ulrich und der Geschichte im Walde, heiße es doch bei ihr nur Ansehen, aber nicht Rühran. Die würde sich freuen, wenn sie höre, daß er noch lebe und was er geworden. Und der Meister, der Meister! Nein, nun gehe er nicht nach Hause, sondern wieder zurück nach Antwerpen, um der Bote Urichs zu sein! Aber jetzt möge auch er zum besten geben, wie es ihm ergangen. Das geschah denn auch, aber rasch und flüchtig; denn der Eletto kam immer wieder auf die alte Zeit und den Vater zurück. Nach jedem, den sie gemeinsam gekannt, wurde gefragt. Der alte Frohlinger Graf war noch am Leben, aber hatte viel von Podagra und der launischen jungen Frau zu leiden, die er als Witwer in älteren Jahren genommen. Der Hangemarx war schwermütig geworden und hatte doch noch am Stricke geendet, aber durch die eigene Hand. Der schwarze Xaver war in den geistlichen Stand getreten und lebte in Rom in hoher Geltung unter einem spanischen Orden. Der Abt stand dem Kloster immer noch vor und hatte viel Zeit für seine Studien; denn die Schule war aufgehoben worden, und da man einen Teil des Klostergutes eingezogen, hatte sich die Zahl der Mönche verringert. Der Vogt war fälschlich angeklagt gewesen, Mündelgelder unterschlagen zu haben. Ein Jahr lang hatte er im Gefängnis gesessen, und nach seiner Freisprechung war er an einem Leberleiden gestorben. Der Morgen graute, als sich die Freunde trennten. Graf Philipp übernahm es, Ruth mitzuteilen, daß Ulrich die Mutter wiedergefunden. Sie sollte den Meister bestimmen, seiner Frau, von deren Lob des Sohnes Mund überfloß, zu vergeben. Beim Abschied versuchte Philipp, dem Eletto zu Gemüte zu führen, beizeiten einzulenken, denn sein Weg sei gefährlich; aber Ulrich lachte ihm ins Gesicht und rief: »Du weißt, ich habe das rechte Wort gefunden und nutze es aus bis auf die Neige. Du bist zur Macht im Kleinen geboren , ich habe die meine selbst erworben und ruhe nicht eher, bis ich sie üben darf im Großen und Größten. Wenn etwas auf Erden wie Himmelskost schmeckt, so ist es die Macht!« Im Lager fand der Eletto die Fähnlein von Aalst zum Aufbruch gerüstet, und als er dann des Weges hinritt, sah er im Geiste bald die Eltern, seine Eltern in neuem, glücklichem Verein, bald Ruth in vollem Glanz ihrer majestätischen Schönheit. Er erinnerte sich, wie er dem Vater und der Mutter stolz nachgeschaut hatte, wenn sie am Sonntag miteinander in die Kirche gegangen waren, und wie er Ruth auf der Flucht in den Armen getragen; und er sollte sie alle wiedersehen und Lust und Leid mit ihnen teilen. Er gönnte den Seinen nur kurze Rast, denn es trieb und drängte ihn zu der Mutter. Mit solcher Kunde nach Hause kommen, das hieß eine Heimkehr! Wie fand er das Leben so herrlich und reizvoll, wie dankbar pries er sein Schicksal! Die Sonne ging hinter dem freundlichen Aalst zur Rüste, als er ihm nahte, und der Himmel war wie mit Rosen bestreut. »Schön, schön,« murmelte er und wies seinem Leutnant die glänzenden Farben am westlichen Horizonte. Ein Bote war ihm vorangeeilt, Böllerschüsse und Fanfaren empfingen die Sieger, als sie durchs Tor zogen. Vor dem Rathaus sprang er vom Rosse und ward dort von dem Kapitän, der während seiner Abwesenheit das Kommando geführt hatte, empfangen. Der Eletto schilderte schnell den Verlauf des glänzenden Siegeszuges und fragte dann, was sich neues ereignet. Da blickte der Kapitän befangen zu Boden und sagte kleinlaut: »Nichts Großes, aber vorgestern hat sich doch etwas Arges begeben, und es wird Euch kränken. Eure Liebste, die Lagersibylle ...« »Wer? Was? Was willst du sagen?« »Sie ist zu Zorrillo gegangen und der hat sie – Ihr dürft nicht erschrecken, der hat sie erstochen.« Da taumelte Ulrich und wiederholte dumpf: »Erstochen?« Dann faßte er den anderen bei der Schulter und kreischte: »Erstochen? Das heißt gemordet – getötet?« »Er hat ihr den Dolch ins Herz gestoßen, mitten hinein, sie muß gestorben sein wie vom Blitz getroffen. Zorrillo ist dann davongegangen, Gott weiß wohin. Wer konnte auch ahnen, daß der ruhige Mensch ...« »Ihr habt ihn entwischen lassen, dem Mörder fortgeholfen, ihr Hunde!« tobte der unglückliche Mann. »Wir sprechen uns wieder. Wo ist sie, wo ihre Leiche?« Der Kapitän zuckte die Achseln und sagte in besänftigendem Tone: »Mäßigt Euch, Navarrete! Es ist auch uns leid um die Sibylle, sie wird manchem im Lager fehlen. Was den Zorrilla angeht, der hat die Losung und konnte zu jeder Stunde durchs Tor. Die Leiche liegt immer noch in seinem Quartier.« »So, so!« stammelte der Eletto. Dann raffte er sich auf und sagte dumpf: »Ich will sie sehen!« Der Kapitän schritt schweigend neben ihm her und öffnete ihm die Wohnung des Mörders. Da lag die Frau, die ihn geboren, die ihn verlassen und dennoch so innig geliebt hatte, in einem ärmlichen Sarge von rohen Planken auf Hobelspänen gebettet. Ein armes Soldatenweib, dem sie Gutes erwiesen, hielt die Leichenwache, und ihr zu Häupten brannte mit gelblichem Licht qualmend ein einzelner Kienspan. Das weiße Hündchen hatte den Weg zu ihr gefunden und beschnupperte die Diele, die noch rot war vom Blute seiner Herrin. Ulrich riß den Span aus der Klammer und leuchtete der Verstorbenen ins Antlitz. Sein feuchter Blick suchte die Züge der Mutter; aber er blieb nur einen Augenblick auf ihnen haften – dann schauerte er zusammen, wandte sich ab, und während er den Begleitern die Fackel reichte, sagte er leise: »Bedecket das Haupt.« Die Soldatenfrau breitete die grobe Schürze über das Antlitz, das so freundlich zu lächeln verstanden hatte; Ulrich aber warf sich neben dem Sarg auf die Knie, schmiegte den Kopf in den Schoß der Toten, und so vergingen lange Minuten. Endlich stand er langsam auf, rieb sich die Augen, als ob er aus einem wüsten Traum erwache, warf sich gewaltsam in die Brust und überschaute mit prüfendem Blick seine Umgebung. Er war der Eletto, und so ehrte man das, was ihm lieb war! In einem elenden Armsündersarg war seine Mutter gebettet, eine zerlumpte Vettel hielt bei ihr Wacht – keine Kerze stand ihr zu Häupten, kein Priester betete für das Heil ihrer Seele! In seiner Brust raste der Schmerz, und nun sich der Ingrimm zu dem düsteren Gaste gesellte, brach er sich Bahn, und außer sich rief er: »Hierher, Kapitän! Diese Tote, dies Weib – verkündet es allen – die Sibylle war meine Mutter – ja, ja, meine leibliche Mutter! Achtung, Achtung verlang ich für sie, wie für mich selbst! – Soll ich erzwingen, was ihr gebührt? Leute her, Leute mit Fackeln! Der Katafalk in der Martinskirche wird gerüstet und vor den Altar gestellt! Kerzen daneben, soviel sich finden! Es ist noch früh! Leutnant! Gut, daß Ihr da seid! Klopft die Domherren heraus und begebt Euch zum Bischof! Ich befehle ein feierliches Requiem für meine Mutter! Hergehen soll's wie beim Tod der Herzogin von Aerschot! Es wird zum Sammeln geblasen! Die Glocken werden geläutet! In einer Stunde ist alles im Martinsdome! Fackeln her, sag' ich! Hab' ich zu befehlen? Ja oder nein? Hierneben beim Schreiner stand ein großer eichener Sarg! Her mit ihm, her; ich brauche ein besseres Totenlager für meine Mutter. Du armes, armes, liebes Weib, wie gern hast du die Blumen gehabt, und keiner ist gekommen und hat dir auch nur eine gebracht! Kapitän Ortis! Ich habe befohlen! Wenn ich wiederkomme, ist alles bereit; – Leutnant, Ihr habt Eure Order!« Nun eilte er aus dem Sterbezimmer in sein Quartier, in den Wohnraum. Mit fliegender Hand riß er Blumen und Stengel von den Stöcken. Die Zofen schauten ihm ängstlich zu, und er befahl ihnen barsch, was er pflücke, zusammenzuraffen und in das Sterbehaus zu tragen. Seine Befehle hatten Gehorsam gefunden, und wie er sich vor dem Quartier Zorrillos zeigte, traten die zusammengeströmten Soldaten auseinander und machten ihm Platz. Er winkte ihnen zu, und während er von dem einen zum anderen trat und immer nur sagte: »Die Sibylle war meine Mutter – Zorrillo hat meine Mutter ermordet,« wurde der Sarg in das Haus getragen. Im Vorsaal lehnte er das Haupt an die Wand und stöhnte und ächzte, bis man sie eingebettet hatte und ein Soldat ihm die Hand auf die Schulter legte. Nun streute er Blumen auf die Leiche, und dann kam der Schreiner, um den Sarg zuzunageln. Die Hammerschläge taten ihm weh; es war ihm, als treffe ihn jeder mitten aufs Herz. Der Zug brach sich Bahn durch die Soldaten, welche Kopf an Kopf die Straße erfüllten. Einige Offiziere kamen ihm entgegen, und Kapitän Ortis trat dicht an ihn heran und sagte: »Der Bischof verweigert den Katafalk und das große Requiem, das du forderst. Deine Mutter sei in Sünden, ohne Sakrament gestorben. Seelenmessen will er ihr gönnen, so viel du begehrst; aber so hohe Ehren ...« »Die weigert er uns?« »Nicht uns, der Sibylle!« »Sie war meine Mutter, die Mutter eures Eletto. Zum Dome, vorwärts!« »Er ist geschlossen und bleibt es für heute, denn der Herr Bischof ...« »Dann sprengt man die Tore! Wir werden ihnen zeigen, wer hier die Macht hat.« »Bist du von Sinnen? Die heilige Kirche!« »Vorwärts, sag' ich! Wer kein Wicht ist, mir nach!« Ulrich zog den Kommandostab aus dem Gürtel und schritt vorwärts, als ging' es zum Sturm; aber Ortis rief: »Wir kämpfen nicht gegen den heiligen Martin!« und ein beifälliges Gemurmel antwortete ihm. Da hemmte Ulrich den Fuß und knirschte: »Nicht, nicht?« Dabei schaute er sich im Kreise der Kameraden um, die ihn auf allen Seiten umringten, und fragte: »Hat keiner Mut, mir zu meinem Recht zu verhelfen? Ortis, de Vega, Diego, folgt ihr mir, ja oder nein!« »Nein, nicht gegen die Kirche!« »So befehl' ich nun,« grollte der Eletto. »Alle Mann Achtung! Leutnant de Vega, voran mit Eurem Fähnlein und das Domtor gesprengt!« Aber keiner gehorchte, und Ortis kommandierte: »Alle Mann kehrt! Sankt Martin ist mein Heiliger; wem seine arme Seele lieb ist, rührt die Kirche nicht an und verteidigt sie mit mir.« Da schoß Ulrich das Blut zu Kopfe, und seiner selbst nicht mehr mächtig, schleuderte er den Kommandostab mitten in die Reihen der Meuterer und schrie: »Vor die Füße werf' ich ihn euch; wer ihn aufliest, mag ihn behalten.« Die Soldaten stutzten; aber Ortis wiederholte sein »Kehrt«. Andere Offiziere gaben den gleichen Befehl und ihre Fähnlein gehorchten. Die Straße leerte sich, und der Mutter des Eletto folgten nur wenige Freunde des Sohnes; kein Priester schritt dem Zuge voran. Auf dem Friedhofe warf Ulrich drei Hände voll Erde in die offene Grube und ging dann gesenkten Hauptes nach Hause. Wie öde, wie einsam war es jetzt in dem luftigen Blumenzimmer, und nun erst fühlte der Eletto sich recht verlassen. Er fand keine Tränen in seinem Jammer; denn die Schmach, die ihm heute widerfahren, weckte seinen Zorn, und er nährte ihn, als wär' es ein Trost. Mit dem Stabe hatte er die Macht von sich geworfen. Die Macht! Auch sie war Töpferkram, den ein Steinwurf zerschmettert, eine überreife Blume, welche auseinanderfällt, wenn sie der Finger berührt! Kein edles Metall, Katzengold war sie! Der Klopfer an der Tür stand nicht still. Ein Offizier nach dem anderen kam, um ihn zu besänftigen; aber selbst seinen Leutnant ließ er nicht vor. Er freute sich seiner raschen Tat. Dem Glücke, dachte er, kann man nicht aus dem Wege gehen, von der Kunst kommt man nicht los, den Ruhm tritt man mit Füßen und er läuft uns doch nach. Das hat die Macht von den dreien voraus, daß man sie fortwerfen kann wie ein abgetragenes Wams. Mag sie denn fliegen! Hatte er ihr etwa die Herzensfreude der letzten Wochen zu danken? Nein, nein! Mit der Mutter wäre er auch ohne das Elettoamt, ohne Blumen, Rosse und Zofen in einem armen Bürgerhause glücklich gewesen. Ihr, nicht der Macht schuldete er jede gute Stunde; und nun die Mutter dahin war, wie öde sah es in seinem Kerzen aus! In dies innere Elend fiel wie Sonnenlicht der Gedanke an seinen Vater und Ruth. Das Elettospiel war nun vorbei, morgen ging's nach Antwerpen! Warum hatte das Schicksal ihm gerade jetzt die Mutter entrissen, warum versagte es ihm das Glück, die Eltern vereinigt zu sehen? Der Vater – sie hatte ihn schwer gekränkt, aber was sühnt nicht der Tod? Er mußte ihm ein Erinnerungszeichen von ihr bringen und ging in die Kammer, um ihre Truhe danach zu durchsuchen. Sie stand nicht mehr an der alten Stelle. Die Besitzerin des Hauses, eine reiche Matrone, welche die Einquartierung in ein Giebelstübchen vertrieben, hatte die blasse Soldatenwaise und mit ihr den Kasten nach dem Tode Florettens in Pflege und Verwahrsam genommen. Die brave niederländische Frau sorgte auch für das angenommene Kind und das Gut ihres Feindes, des Mannes, der mit den Seinen ihre Brüder und Vettern ausgeraubt hatte. Der Tod des Weibes da unten war ihr nahe gegangen, denn der wunderbare Zauber in Florettens Wesen hatten es auch ihr angetan. Gegen Mitternacht nahm Ulrich die Leuchte und stieg die Treppe hinan. Er hatte es längst verlernt, um andere zu schonen, sich einen Wunsch zu versagen. Das Klopfen am Tor und das Hinundher im Hausflur hatten Frau Geel wach erhalten. Als sie den schweren Schritt des Eletto auf der Treppe vernahm, fuhr sie erschreckt vom Spinnrocken auf, und die aus dem Halbschlaf gerissene Magd warf sich auf die Knie. »Frau Geel!« rief es draußen. Da erkannte sie die Stimme des Navarrete, öffnete und fragte nach seinem Begehr. »Es war seine Mutter,« dachte die Alte, während er Kleider und Wäsche und mancherlei Tand aus der Truhe auf den Boden warf; »es war seine Mutter. Vielleicht verlangt ihn nach ihrem Rosenkranz oder Gebetbuch. Daß er ihr Sohn ist! Sie nahmen sich nebeneinander aus wie ein glückliches Pärchen. Ein wilder Soldat, aber bös ist er doch nicht.« Sie leuchtete ihm, während er suchte, und schüttelte den Kopf über die krause Ordnung in den Sachen, die er durchwühlte. Jetzt war Ulrich auf den Boden der Truhe gelangt. Da fand er zuerst ein kostbares Halsband, das Zorrillo erbeutet und seiner Gefährtin als Notpfennig geschenkt hatte. Das war für Ruth. Daneben ruhte ein Paketchen, zugeschnürt mit einem rosenroten Seidenbande, und darin lag ein winziges Kinderhemdchen, eine bunte Puppe und ein schmaler goldener Reifen: ihr Trauring! Den hatte ihr sein Vater gegeben, die Jahreszahl bewies es, und das Hemdchen und die Puppe, das waren Andenken an ihn, ihren Liebling. Er sah sie an, er legte sie aus einer Hand in die andere, und plötzlich ging das Herz ihm über, und ohne der alten Frau, die ihm zusah, zu achten, weinte er leis vor sich hin und rief: »Müetterl, lieb Müetterl!« Da fühlte er eine leichte Hand auf der Schulter, und eine freundliche Frauenstimme sagte: »Armer Mann, armer Mann! Ja, sie ist ein liebes Weibchen gewesen, und eine Mutter, eine Mutter – das ist schon genug!« Der Eletto nickte der Alten mit feuchten Augen zu, und als sie noch einmal weich und voll herzlichen Anteils ihr »Armer Mann!« wiederholte, da klang ihm das lieblicher als die lauteste Huldigung, die je seinem Ruhme und seiner Macht dargebracht worden war. Neunundzwanzigstes Kapitel Am folgenden Morgen packte Ulrich mit dem Diener seine Sachen zusammen. Da ließen sich Trommeln und Pfeifen, Fanfaren und Viktorrufe auf der Straße vernehmen, und als er ans Fenster trat, sah er das gesamte Meutererheer im besten Schmuck heranziehen. Vor seinem Hause ordneten sich die Fähnlein in Reihen, mit wilder Heftigkeit dröhnte Geschrei und Musik an die Scheiben, und nun drangen die Offiziere in sein Gemach und hielten ihm den Degen hin und schwuren ihm Treue bis in den Tod und bestürmten ihn, ihr Führer zu bleiben. Da ward er inne, daß die Macht sich doch nicht fortwerfen lasse wie ein wertloses Nichts. Sein gequältes Herz ward von Rührung ergriffen, und die erschlafften Schwingen des Ehrgeizes entfalteten sich mit neuer Kraft. Er grollte, er tobte, aber er gab nach, und als Ortis ihm den Kommandostab auf den Knien überreichte, nahm er ihn an. Ulrich war wieder Eletto, und das durfte ihn nicht hindern, den Vater und Ruth wiederzusehen, und so erklärte er denn, daß er zwar bleiben wolle, was er gewesen, aber verpflichtet sei, heute noch nach Antwerpen zu reiten. Im geheimen unterrichtete er die Offiziere von dem Anschlag auf diese Stadt, und daß es nun gelte, mit dem Kommandanten ernst zu verhandeln, damit ihm ihr Anteil an dem kostbaren Fang nicht entgehe. Was viele geahnt und gehofft hatten, das sollte nun Wirklichkeit werden. Ihr Eletto war kein müßiger Mann! Und als Navarrete um Mittag mit seinem eigenen Werke, der Standarte, vor die Front trat, ward er mit Jubel empfangen, und keiner murrte, obgleich mancher in dem Antlitz der Madonna die Züge der ermordeten Sibylle wiedererkannte. Zwei Tage später ritt Ulrich erwartungsvoll in Antwerpen ein. In seinem Mantelsack lagen die Andenken, die er aus der Truhe der Mutter genommen, vor seinem inneren Auge stand das Bild des Vaters, die Schmiede am Richtberg, der grüne Wald, die Berge der Heimat, das Haus der Costas und seine kleine Gespielen. War es ihm wirklich vergönnt, sich noch einmal an die breite Brust des Vaters zu schmiegen? Und Ruth, Ruth! Ob sie ihm noch gut war, ob Philipp sie ihm richtig geschildert? Ohne Aufenthalt begab er sich zu dem Grafen und traf ihn zu Hause. Philipp empfing ihn zwar freundlich, aber scheu und befangen. Auch Ulrich war ernst gestimmt, denn er hatte den Jugendfreund zuerst vom Tode der Mutter zu unterrichten. »Das wäre also geschlichtet,« sagte der Graf. »Dein Vater ist ein alter, knorriger Baum, ein echter schwäbischer Starrkopf. Vergessen, vergeben ist nicht seine Sache.« »Und wußte er, daß ihm die Mutter so nahe, daß sie in Aalst war?« »Alles, alles.« »Der Verstorbenen verzeiht er. Gewiß, gewiß, er tut es, wenn ich ihn bitte, wenn wir uns wiederhaben, wenn ich ihm sage ...« »Armer Schelm! Du denkst dir das alles so leicht. – Saurer ist mir lange nichts geworden, aber heraus muß es nun einmal doch. Auch von dir will er nichts wissen.« »Nichts wissen von mir?« rief Ulrich. »Ist er von Sinnen? Was hab' ich verbrochen, was will er ...« »Er weiß, daß du der Navarrete, der Eletto von Herenthals, der Mann von Aalst bist, und darum ...« »Darum?« »Ja freilich. Siehst du, Ulrich, wenn man wie du ein berühmter Mann ist, so wird man weithin gesehen, und alles, was man tut, darüber erbebt sich ein großes Geschrei, und das Echo wiederholt es in allen Gassen.« »Zu meiner Ehre vor Gott und den Menschen.« »Vor Gott? 's ist ja möglich; vor den Spaniern gewiß. Was mich betrifft – ich war selbst bei der Fahne, ich nenne dich einen braven Soldaten; aber – nichts für ungut – ihr habt in diesem Lande übel gehaust. Auch die Niederländer sind Menschen.« »Rebellen sind sie, abtrünnige Ketzer!« »Sieh dich vor, sonst schiltst du den leiblichen Vater. Mit seinem Glauben ist's übel bestellt. Ein Prädikant, den er damals auf der Flucht hierher in irgendeiner Herberge gefunden, hat ihn zum Bibellesen verführt. Gar manches, was die Kirche verdammt, ist ihm heilig. Die Niederländer sind für ihn ein edles, freies Volk. Euren König Philipp hält er für einen Tyrannen, einen Bedrücker und ruchlosen Würger. Ihr, die ihr ihm und Alba gedient habt – ihr seid in seinen Augen – aber ich will dich nicht kränken ...« »Was sollen wir sein, ich will's hören!« »Nein, nein, es täte nicht gut. – Kurz, für den Meister ist das spanische Heer eine gräßliche, blutige Plage, nichts weiter.« »Bravere Soldaten hat es nirgends gegeben.« »Ganz recht; aber jede Niederlage und alles Blut, das ihr vergossen, hat ihn und das Volk hier erzürnt, und Zorn, der täglich neue Nahrung empfängt und an den der Mensch sich gewöhnt, was wird daraus anders als Haß? An den Namen Albas heftet sich alles Größere, an deinen manches Kleinere, was in diesem Kriege Schlimmes verübt ward, und so wird man deinen Vater ...« »So belehren wir ihn eines Besseren! Ich kehre als ehrlicher Soldat, als Führer von Tausenden zu ihm zurück! Wiedersehen, nur wiedersehen! Sohn bleibt Sohn! Ich hab' es bei der Mutter erfahren! Wir sind Rivalen und Feinde gewesen, als ich sie traf! Und dann, dann – oh, daß es vorbei ist! Nun will ich bei dem Vater wiederfinden, was ich verloren; du begleitest mich doch in die Schmiede?« »Nein, Ulrich, nein. Was sich zu deiner Verteidigung vorbringen läßt, hab' ich dem Alten alles gesagt, aber er hat sich so tief in den Ingrimm verbissen ...« Da brauste der Eletto auf, und jähzornig rief er: »Santiago! Ich brauche keinen Advokaten! Wenn der Alte weiß, was in diesem Kriege auf mein Teil kommt, um so besser. Die Lücken in dieser Wissenschaft ergänze ich selbst. Wo es hitzig herging, bin ich dabei gewesen! Gottes Tod, das ist mein Stolz! Ich bin kein Bube mehr, und habe mich ohne Vater und Mutter durchs Leben gefochten. Was ich bin, das bin ich durch mich allein und kann es in Ehren vertreten, auch vor dem Alten. Er führt grobes Geschütz, ich kenne ihn – aber ich bin auch nicht gewohnt, mit Federbällen zu schießen!« »Ulrich, Ulrich! Er ist ein Greis und dein Vater.« »Das will ich bedenken, sobald er mich Sohn nennt.« Ein Diener des Grafen führte Ulrich nach dem Hause des Schmiedes. Der Meister hatte den Pferdebeschlag völlig aufgegeben, denn in dem Erdgeschosse des schmalen, hohen Giebelhauses sah man nichts als die große Eingangstür und je ein Fenster zu deren beiden Seiten. Hinter dem verschlossenen rechten standen einige Rüstungsstücke in schöner, getriebener Arbeit und eiserne Kunstgeräte. Das linke war halb geöffnet und gewährte der Herbstsonne Einlaß. Ulrich verabschiedete den Diener, nahm die Andenken, welche er von der Mutter mitgebracht hatte, in die Hand und lauschte auf den Kammerschlag, der aus dem Innern des Hauses auf die Straße drang. Der wohlbekannte Ton rief freundliche Kindheitserinnerungen in ihm wach und kühlte sein siedendes Blut. Graf Philipp hatte recht. Adam war ein Greis und durfte von dem Sohne Ehrfurcht verlangen. Was er keinem andern gestatten konnte, von ihm mußte er es ertragen. Ja, er empfand es nun wieder als hohes Glück, dem langentbehrten geliebten Manne nahe zu sein, und was ihn von dem Alten trennte, das mußte ja schnell in nichts vergehen, sobald sie einander in die Augen schauten. Was war sein Vater noch für ein Meister! Den stählernen Panzer mit dem Medusenhaupt in der Mitte schmiedete ihm so leicht kein anderer nach. Er arbeitete hier auch nicht allein wie am Richtberg; denn Ulrich hörte aus der Werkstatt mehr als einen Hammer auf Eisen schlagen. Bevor er den Klopfer rührte, schaute er in das geöffnete Fenster. Da stand an einem Pulte eine hohe Frauengestalt. Sie wandte ihm den Rücken zu, und er sah nur das runde Hinterhaupt, die langen schwarzen Zöpfe, das schlichte braune Gewand, das bescheiden mit Samt verbrämt war, und den Spitzeneinsatz im Ausschnitt. Ein älterer Mann in Kaufmannstracht reichte ihr eben die Hand zum Abschiede, und er hörte ihn sagen: »Da habt Ihr wieder einmal zu billig eingekauft, Jungfer Ruth, viel zu billig.« »Grad wie es recht ist,« entgegnete sie gelassen. »Euch bleibt guter Gewinn, und wir können bestehen. Übermorgen erwart' ich das Eisen.« »Vor Mittag wird es geliefert. Der Meister hat an Euch einen Schatz, werte Jungfer. Wäre mein Sohn noch am Leben, ich weiß, bei wem er anklopfen müßte. Der Wilhelm Ykens hat mir sein Leid geklagt; er ist ein tüchtiger Goldschmied. Warum gebt Ihr dem armen Schelm keine Hoffnung? Bedenket! Ihr steht in den Zwanzigen, und mit jedem Jahre fällt das Jasagen schwerer.« »Es sagt mir eben nichts besser zu, als bei dem Vater zu bleiben,« entgegnete sie heiter. »Ihr wißt, er kann mich nicht missen, und ich ihn auch nicht. Gegen den Wilhelm habe ich nichts, aber ohne ihn zu leben kommt mir sehr leicht vor. Auf Wiedersehen, Vater Keulitz.« Ulrich zog sich vom Fenster zurück, bis der Kaufmann in einer Seitengasse verschwunden war; dann blickte er wieder in das schmale Gemach. Ruth saß jetzt vor dem Pult, aber sie schaute nicht in das offene Kontobuch, sondern blickte träumend ins Leere, und der Eletto sah nun ihr schönes, vornehm ruhiges Antlitz und störte sie nicht; denn er ward nicht müde, sie anzuschauen und mit dem Erinnerungsbilde zu vergleichen, das ihn unerloschen durch alle Wechselfälle des Lebens begleitet hatte. Nie und nirgends, wenn nicht in Italien, war er einem edleren Frauenantlitz begegnet. Philipp hatte recht. Es lag etwas Fürstliches in ihrer Erscheinung. Das war das Weib seiner Träume, das die stolze Frau, die der Eletto begehrte, um Macht und Größe mit ihr zu teilen, und er hatte sie ja schon einmal in den Armen gehalten! Es war ihm, als sei es gestern gewesen. Das Herz schlug ihm höher und höher. – Als sie nun aufstand und sich sinnend dem Fenster nahte, da hielt er sich nicht länger und rief leise: »Ruth, Ruth! Erkennst du mich, Mädchen? Ich bin es – der Ulrich!« Sie schrak zusammen und streckte die Hände abwehrend aus; aber nur einen Augenblick. Dann jubelte sie ihm seinen Namen entgegen und rang nach Fassung, und als er jetzt in das Zimmer gestürzt kam, rief sie wiederum »Ulrich!« und noch einmal »Ulrich!« und ihrer selbst nicht mächtig, duldete sie es, daß er sie an sein Herz zog. Sie hatte ihn täglich mit brennender Sehnsucht und doch mit stillem Grauen erwartet, denn er war ja der wilde Eletto, der Meutererführer, der blutige Feind des braven Volkes, das sie liebte. – Aber das war alles, alles vergessen bei seinem Anblick, und sie empfand nichts als die Seligkeit, ihn wiederzuhaben, ihn, den sie nie und nimmer vergessen, und die Lust, zu sehen, zu fühlen, daß er sie liebe. Auch sein Herz war übervoll von leidenschaftlichem Entzücken. Er stammelte zärtliche Worte und preßte ihr Haupt an die Brust, und nun hob er es, um den Mund auf ihre reinen Lippen zu schmiegen. Da verflog der Rausch – und bevor er es hindern konnte, hatte sie sich seinen Armen entzogen und sagte streng: »So nicht, so nicht ... Zwischen dir und uns liegt viel Übles!« »Nichts, nichts!« rief er feurig. »Bist du mir nicht nahe? Dein Herz und das meine gehören zusammen seit damals im Schnee. Und wenn der Vater mir grollt, weil ich anderen Herren diene als er, so sollst du, ja du uns wieder versöhnen. Es hielt mich nicht länger in Aalst.« »Bei den Meuterern?« fragte sie traurig. »Ulrich, Ulrich, daß du so zu uns heimkehrst!« Da ergriff er wiederum ihre Hand, und als sie dieselbe zurückzog, lächelte er nur überlegen und sagte mit der vollen Zuversicht eines Mannes, der seiner Sache gewiß ist: »Laß doch die törichte Scheu. Morgen reichst du mir freiwillig nicht nur die eine Hand, sondern beide. Ich bin nicht so schlimm wie ihr denkt. Das Kriegsglück hat mich eben unter die spanischen Fahnen geworfen, und »weß Brot ich esse, deß Lied ich singe,« sagt der Soldat. Was wollt ihr? Ich habe mit Ehren gedient und es zu etwas Rechtem gebracht; das mag euch genügen!« Da fuhr Ruth auf und rief entschieden: »Nein, tausendmal nein. Du bist der Eletto von Aalst, der Städteplünderer, und das fegt sich nicht fort wie der Staub von der Diele. Ja, ich bin nur ein schwaches Mädchen – aber der Vater, der reicht dem blutigen Manne im spanischen Kleide nimmer die Hand! Ich kenn' ihn, ich weiß es!« Da begann Ulrich wieder schneller zu atmen; doch er unterdrückte die zornige Wallung und entgegnete erst vorwurfsvoll und dann bittend: »Du bist das Echo des Alten. Was weiß er von Soldatenehre und Kriegsruhm; aber du, Ruth, mußt mich begreifen. Denkst du noch an unser Spiel mit dem Worte, dem großen Worte, das alles vermag? Ich hab' es gefunden; und was es gewährt, du sollst es mit mir genießen. Jetzt hilf mir zuerst den Vater freundlich stimmen; es wird schon gelingen, wenn du mir beistehst. Schwer wird es wohl halten. – Er hat es nicht über sich gebracht, seinem armen Weibe zu verzeihen – Graf Philipp sagt es – aber jetzt! Sieh, Ruth, meine Mutter ist tot, seit wenigen Tagen, und sie war gut und lieb und hätte ein besseres Los verdient. Ich bin nun wieder allein, und mich verlangt nach Liebe, so heiß, so innig – mehr als ich zu sagen vermag. Bei wem soll ich sie suchen, wenn nicht bei dir und dem leiblichen Vater? Du bist mir immer noch gut; du hast es verraten, und, nicht wahr, im Grunde weißt du doch, daß ich nicht schlecht bin? Laß dir die große Liebe da drinnen gefallen und führe mich selbst dem Vater zu. Hilf mir, daß er mich anhört. Ich habe hier etwas, das magst du ihm von mir bringen; du wirst sehen, es erweicht ihm das Herz!« »So gib es,« entgegnete Ruth, »aber was es auch sein mag – glaube mir, Ulrich: solang du den spanischen Meuterern voranziehst, bleibt er hart, hart wie sein Eisen!« »Was Spanier, was Meuterer! Wer lieben will, kann auch lieben; das andere schlichtet sich später. Du weißt nicht, wie hoch mir das Herz schlägt, nun ich dir nahe bin, nun ich dich sehe und höre. Du bist mein guter Engel und sollst es bleiben, und jetzt schau her. Das ist der Nachlaß der Mutter. Dies Hemdchen hab' ich einmal getragen, als ich so groß war, und die bunte Puppe da, die war mein Spielzeug, und dieser goldene Reifen, das ist der Trauring, den der Vater seiner Braut am Altare gab – dies alles hat sie bewahrt bis ans Ende und wie Heiligtümer mit sich geführt von Land zu Land, von Lager zu Lager. Willst du ihm die Andenken bringen?« Sie nickte schweigend. »Und nun kommt das Beste. Hast du je eine schönere Arbeit gesehen? Dies Halsband, du sollst es tragen, du, Ruth, als mein erstes Geschenk.« Er hielt den kostbaren Schmuck in die Höhe, sie aber wich zurück und fragte bitter: »Erbeutet?« »Im ehrlichen Krieg,« entgegnete er stolz und trat ihr näher, um ihr das Geschmeide mit eigener Sand um den Hals zu legen; sie aber stieß ihn von sich, riß ihm den Schmuck aus der Hand, schleuderte ihn zu Boden und rief empört und beleidigt: »Mich ekelt vor dem gestohlenen Ding. Lies es auf. Für die Dirnen im Lager mag's gut sein!« Da war es um seine Fassung geschehen, und mit eisernem Griffe faßte er ihre beiden Arme und knirschte: »Das hat meiner Mutter gegolten, das nimmst du zurück!« Sie aber hörte und sah nichts, und ganz Empörung, fühlte sie nur, daß ihr Gewalt angetan wurde, und rang vergeblich gegen die unwiderstehliche Kraft, die sie festhielt. Inzwischen hatte sich die Tür weit geöffnet, aber weder er noch sie waren es gewahr geworden, bis eine tiefe Mannesstimme laut grollend ausrief: »Zurück, du Schandbub! Hierher, Ruth! So meldet sich der Mordgesell bei den Seinen? Hinaus, hinaus! Du Schmach meines Hauses!« Adam hatte diese Worte gerufen, und nun zog er den Hammer aus dem Latze im Schurzfell. Ulrich starrte ihm sprachlos ins Antlitz. Da stand sein Vater, baumstark, riesengroß, wie vor dreizehn Jahren. Das Haupt war ein wenig nach vorn gebeugt, der Bart länger und weißer, das Haar an den Augenbrauen buschiger und der Blick finsterer geworden, sonst aber war er sich gleich geblieben Zug für Zug. Die Augen des Sohnes hingen wie gebannt an dem Schmied. Es war ihm, als habe ein tückisches Schicksal ihn in eine Falle gestoßen. Er konnte nichts sagen als »Vater« und noch einmal »Vater«, und der Schmied fand keine andere Antwort als das barsche »Hinaus!« Da trat Ruth zu dem Meister, schmiegte sich an ihn und bat: »Höre ihn, weise ihn so nicht fort; er ist doch dein Kind, und wenn der Zorn ihn vorhin übermannt hat ...« »Spanische Art – Weiber mißhandeln!« rief Adam. »Ich habe keinen Sohn Navarrete, oder wie das mörderische Ungetüm sich sonst nennt. Ich bin ein Bürger und habe keinen Sohn, der in gestohlenen Edelmannskleidern umherprunkt; diesen da und seine Mordgesellen, ich hasse sie, hasse sie alle. Ihr Fuß besudelt mein Haus. Hinaus mit dir, Bube, oder ich brauche den Hammer.« Da rief Ulrich noch einmal: »Vater, Vater!« und dann nahm er sich gewaltsam zusammen und stieß mühsam hervor: »Vater, ich bin mit gutem Herzen, bin mit Liebe zu dir gekommen. Ich bin ein ehrlicher Soldat, und wenn ein anderer wie du – Gottes Tod – wenn ein anderer gewagt hätte, mir das zu bieten ...« »Mordet den Hund, hätt' es geheißen!« unterbrach ihn der Schmied. »Wir kennen den spanischen Segen: á sangre, á carne! Blut, Mord. Dank für die Schonung. Dort ist die Tür. Noch ein Wort, und ich halt' mich nicht länger!« Ruth hatte sich fest an den Meister geklammert und winkte Ulrich, zu gehen. Da stöhnte der Eletto laut auf, schlug die Hand vor die Augen und stürzte ins Freie. Sobald der Meister mit Ruth allein war, faßte sie seine Hand und rief flehend: »Vater, Vater, er ist dein leiblicher Sohn! Liebet die Feinde, hat der Heiland geboten; und du ...« »Und ich hasse ihn,« sagte der Schmied kurz und entschieden, »Hat er dir wehe getan?« »Dein Haß tut mir zehnmal so weh! Du urteilst, ohne zu prüfen; ja, Vater, das tust du! Wie er mich angriff, war er im Rechte. Er glaubte, ich hätte seine Mutter geschmäht.« Der Schmied zuckte die Achseln, und sie fuhr fort: »Das arme Weib ist gestorben. Den Ring dort brachte dir Ulrich; sie hat ihn niemals von sich gelassen.« Da fuhr der Meister zusammen, griff nach dem goldenen Reifen, suchte nach der Jahreszahl in seinem Innern, und als er sie gefunden, faltete er die Hände um den Ring und drückte sie stumm an die Schläfe. So blieb er kurze Zeit stehen, dann ließ er die Arme sinken und sagte leise: »Den Toten soll man vergeben –« »Und den Lebenden, Vater? Du hast ihn furchtbar gestraft, und schlecht ist er nicht, nein, gewiß nicht! Wenn er nun wiederkommt, Vater?« »So weisen die Gesellen dem spanischen Meuterer die Tür,« rief der Alte hart und streng; »dem reuigen Bürgersohne steht mein Haus allzeit offen.« Indessen irrte der Eletto von einer Straße in die andere. Er fühlte sich wie betäubt, wie geschändet. Was ihn erfüllte, war kein reiner Schmerz, kein stilles Herzweh, sondern ein wüstes Gemisch von Jammer und Wut. Er mochte dem Jugendfreunde nicht unter die Augen treten, und selbst dem Wachtmeister Hans Eitelfritz, der ihm entgegenkam, ging er aus dem Weg. Sein Auge war blind für das bunte, fröhliche Treiben der Weltstadt; grau und schal erschien ihm das Leben. Sein Vorhaben, mit dem Kommandanten der Zitadelle zu verhandeln, blieb unausgeführt; denn er dachte an nichts als an den Zorn des Vaters, an Ruth, an seine Schmach und sein Unglück. So konnte er nicht scheiden. Der Vater mußte, ja, er mußte ihn hören, und als es dämmerte, suchte er noch einmal das Haus auf, in das er gehörte und aus dem man ihn so grausam verstoßen. Die Tür war verschlossen. Auf sein Klopfen fragte eine fremde Männerstimme, wer er sei, was er wolle. Er verlangte den Meister zu sprechen und nannte sich Ulrich. Nachdem er lange gewartet, hörte er, wie eine Tür aufgerissen wurde und der Meister unwillig rief: »An dein Spinnrad! Wer zu ihm hält, solang er das spanische Kleid trägt, meint es übel mit ihm wie mit mir!« »Aber hören, hören mußt du ihn, Vater!« rief Ruth. Da fiel die Tür zu, schwere Schritte näherten sich dem Haustor, es wurde geöffnet, und Adam stand wiederum dem Sohne gegenüber. »Was willst du?« fragte er rauh. »Dich sprechen, dir sagen, daß du unrecht tust, mich ungehört zu beschimpfen.« »Bist du immer noch der Eletto? Gib Antwort!« »Das bin ich!« »Und willst es auch bleiben?« » Qué como – puede ser –« stammelte Ulrich, der, verwirrt durch diese Frage, sich in die Sprache verirrt hatte, in der er längst zu denken gewohnt war. Aber kaum hatte der Schmied die welschen Worte vernommen, als ihn der Ingrimm von neuem erfaßte. »So verdirb denn mit deinen Spaniern!« klang es dem Eletto entgegen. Dann schlug das Tor zu, daß das Haus erdröhnte, und nach und nach verklang der schwere Schritt des Meisters im Vorsaal. »Vorbei, vorbei!« murmelte der verstoßene Sohn. Dann raffte er sich auf, ballte die Faust und knirschte: »An Verderben soll's nun nicht fehlen. Wen es trifft, der mag's tragen!« Während er dann durch die Straßen und über die Plätze schritt, schmiedete er Plan auf Plan und malte sich aus, was da kommen mußte. Mit dem Schwert in der Hand wollte er das Tor des Alten erbrechen, und das einzige Beutestück, das er für sich verlangte, sollte Ruth sein, nach der ihn verlangte, die ihn trotz alle- und alledem liebte, die zu ihm gehörte seit seiner Kindheit. Am folgenden Morgen verhandelte er sicher und schneidig mit dem Kommandanten der spanischen Macht auf der Zitadelle. Das Schicksal der Stadt war besiegelt, und als er nun wieder über den großen Platz schritt und das Stadthaus mit dem stolzen, giebelgekrönten Mittelbau und den Lauben im Erdgeschoß, die von Waren strotzten, ins Auge faßte, da lachte er wild vor sich hin. Hans Eitelfritz hatte ihn aus der Ferne erblickt und rief ihm zu: »Ein artiges Hüttchen! Drei Stockwerke hoch. Und wie die breiten Fenster zwischen den Säulen in den Seitenflügeln blitzen!« Dann senkte er die Stimme und fuhr leiser fort, denn es wimmelte auf dem Platze von Menschen, Lastwagen und Reitern: »Schau dir's näher an und suche dir drin das Quartier aus. Komm mit! Ich zeige dir, wo sonst noch das Beste steckt, was wir brauchen. Haben wir nicht oft genug für die Pfeffersäcke geblutet? Jetzt kommt die Reihe an uns, sie zu schröpfen. Die Schlösser hier mit dem Puppenzeug auf den Giebeln sind die Gildenpaläste. In jedem liegt Gold genug, um ein Fähnlein zu mästen. Hier durch jetzt! Gleich hinter dem Stadthaus liegt der Zuckerkanal. Da wohnen lauter Protzen, die auch am Alltag vom Silber schmausen. Merk dir die Straße!« Dann führte er ihn auf den Platz zurück und fuhr fort: »Die Gassen hier führen alle zum Kai. Du kennst ihn? Hast du die Warenhäuser gesehen? Voll bis unter das Dach! Mit all dem Malvasier, dem Kanariensekt und indischem Pfefferkram kann man die Schelde und Nordsee zusammen in einen großen Würzwein verwandeln.« Ulrich folgte dem Erklärer von Straße zu Straße. Wohin er schaute, sah er üppigen Reichtum in Speichern und Magazinen, in Häusern, Schlössern und Kirchen. Vor einem Juwelierladen blieb Hans Eitelfritz stehen und sagte: »Schau mal hierher. Darauf freu' ich mich ganz besonders. Dies Kinderspielzeug: das Hündchen, der Schlitten, die Frau mit dem Reifrock, all das Zeug ist von eitlem Silber. Wenn es losgeht, greif' ich's und bring' es dem kleinen Völkchen bei meiner Schwester in Kölln: die werden sich freuen, und wenn's einmal nottut, verkauft es die Mutter.« Welche Menschenmenge drängte sich in den vornehmsten Straßen! Die englischen, spanischen, italienischen und hanseatischen Kaufherren suchten es den niederländischen an Kleiderpracht und Goldschmuck zuvorzutun. In dem gotischen Börsenpalast auf der Mere, dem schönsten Platze der Stadt, sah er sie alle vereint. Da standen sie in der weiten, offenen Halle auf dem gewürfelten Marmorfußboden, nicht zu Hunderten, sondern zu Tausenden, und handelten um Güter, die aus allen Erdteilen stammten und den entlegensten Ländern zugute kommen sollten. Ihr Fordern und Bieten vermischte sich zu einem schon von weitem vernehmbaren Geräusch, das wie Wogenschwall über den Mereplatz brauste. Da wurde von Summen geredet, die selbst die geflügelte Phantasie des Landsknechts kaum zu fassen vermochte. Diese Stadt war ein Hort sondergleichen, und in ihr war tausendfach reichere Beute zu finden als in dem osmanischen Schatzschiff auf der See bei Lepanto. Hier lag das Vermögen, das der Eletto brauchte, um den Palast zu erbauen, in den er Ruth zu führen gedachte. Wem anders als ihm kam der Löwenpart an der ungeheuren Beute zu! Aus dem Verderben dieser übermütigen, in Gold erstickenden Stadt sollte ihm das Glück der Zukunft erwachsen. Das waren hochfliegende, glänzende Pläne, aber er schmiedete sie mit finster blickendem Auge und in einer verdüsterten Seele. Was ihm versagt war, das gedachte er zu ertrotzen, solange die Macht ihm gehörte. An Blut und Brand konnte es dabei nicht fehlen, aber das gehörte zu seinem Handwerk, wie Späne zum Hobeln, wie Hammerschläge zum Schmieden. Graf Philipp ahnte nichts von dem Anschlag, durfte nichts ahnen. Er schrieb Ulrichs verstörtes Wesen auf Rechnung der Abweisung, die er im väterlichen Hause erfahren, und als er beim Aufbruch nach Schwaben Abschied von ihm nahm, redete er dem Schulgenossen freundlich zu und riet ihm, die spanischen Fahnen bald zu verlassen und es dann noch einmal bei dem Alten zu versuchen. Bevor der Eletto die Stadt verließ, gab er Hans Eitelfritz, dessen Regiment sich heimlich der Meuterei angeschlossen, einen Schutzbrief für die Seinen und den Maler Moor. Er hatte ihn nicht vergessen, aber eine wohlbegründete Scheu hielt ihn ab, dem verehrten Mann mit den finsteren Gedanken, welche ihm die Seele bewegten, vor Augen zu treten. In Aalst empfingen ihn die Meuterer mit hellem Jubel, und so hart und abweisend er sich auch zeigte, fügten sie sich ihm doch willig; denn er konnte ihnen eine Aussicht eröffnen, die auch dem grimmsten Krieger ein wonniges Lächeln um die bärtigen Lippen zauberte. Wenn die Macht das Wort war, so verstand er kaum, es recht zu gebrauchen, denn ganz in sich zurückgezogen führte er ein freudloses Leben in unbefriedigter Sehnsucht und düsterem Brüten. Es war ihm, als habe er die Hälfte seiner selbst verloren, als brauche er Ruth, um wieder ein ganzer Mensch zu werden. Die Stunden wurden ihm zu Tagen, die Tage zu Wochen, und erst als von der Zitadelle zu Antwerpen der Bote de Rodas erschien, der ihn zum Handeln aufrief, raffte er sich zusammen und gewann die alte Spannkraft zurück. Dreißigstes Kapitel Am zwanzigsten Oktober fiel Mastricht in die Hände der Spanier und wurde grausam verwüstet. Die Garnison von Antwerpen regte sich und fing an mit den Freunden der Meuterer auf der Zitadelle gemeinsame Sache zu machen. Die fremden Kaufleute flohen aus der gefährdeten Stadt. Der Gouverneur Champagny sah die eigene Person und die Sache der Ordnung von den Machthabern in der Festung, die den Handelsplatz beherrschte, furchtbar bedroht. Ein niederländisches Heer, das zum größten Teil aus Wallonen bestand, erschien unter Führung des unfähigen Marquis Havré, des vorwitzigen de Hèze und anderer Edelleute vor der Stadt, um das Schlimmste zu verhindern. Champagny fürchtete, die deutschen Regimenter würden sich beleidigt fühlen und Verrat wittern, wenn er die Truppen der Staaten einlasse – aber der größte Teil der Landsknechte stand schon mit den Meuterern in Verbindung, die Gefahr wuchs mit jeder Stunde, überall wankte die Treue, die Bürgerschaft drängte, und so wurden den Niederländern die Tore geöffnet. Der deutsche Landsknechtführer Graf Oberstein, der sich in der Trunkenheit verbunden hatte, mit den Meuterern auf der Zitadelle gemeinsame Sache zu machen, erinnerte sich seiner Pflicht und blieb ihr treu bis ans Ende. Das Regiment, in dem Hans Eitelfritz diente, und die anderen Landsknechtsfähnlein waren der Versuchung erlegen und warteten nur auf das Zeichen zum Losbruch. Der Einwohnerschaft war ums Herz wie einem Mann, der Pulver und Zündstoff im Keller birgt, wie einem Reisenden, der in dem eigenen Geleit Räuber und Mörder erkennt. Champagny rief die Bürger zur Selbsthilfe auf und benützte ihre Kräfte, um an der offenen Stelle der Stadt, die von der Zitadelle am schwersten bedroht ward, einen Schutzwall aufzuwerfen. Unter den Männern und Frauen, die zu Tausenden freiwillig herbeiströmten, befand sich auch der Schmied Adam mit seinen Gesellen und Ruth. Der Meister und die Seinen führten unter Leitung eines geschickten Ingenieurs den Spaten, das Mädchen flocht mit anderen Frauen Schanzkörbe aus Weidenruten. Hinter ihr lagen schwere Tage. Der Vorwurf, daß ihre schnell entflammte Empörung den Zorn des Vaters gegen den Sohn zum Ausbruch gebracht hatte, peinigte sie hart. Sie hatte die Spanier ebenso bitter zu hassen gelernt wie der Meister; sie wußte, daß Ulrich auf verbrecherischen, ruchlosen Wegen wandle, und doch liebte sie ihn, und doch stand sein Bild seit ihrer Kindheit bis heute unangetastet und unbeeinträchtigt im Allerheiligsten ihres Herzens. Er war ihr alles in allem, war der für sie bestimmte, ihr eigene Mann, zu dem sie gehörte, wie das Auge ins Antlitz, das Herz in die Brust. Sie glaubte an seine Liebe, und wenn sie ihn zu verdammen und zu vergessen trachtete, so war es ihr dabei, als verurteilte, als verstoße sie den besten Teil des eigenen Wesens. Tausend Stimmen sagten ihr, daß sie ebenso in ihm lebe wie er in ihr, und daß sein Dasein ohne sie nur nichtig sein könne und halb. Sie fragte nicht, wann und wie, aber daß es ihr beschieden sei, die Seine zu werden, das erwartete sie so sicher wie das Licht am Morgen, wie den Lenz nach dem Winter. Nichts schien ihr so unumstößlich wie dieser Glaube; er war das Wissen ihrer liebenden Seele. Und hatte sich das erfüllt, was doch kommen mußte, dann wurde mit ihr selbst auch ihr Wille zum Guten der seine, und der Sohn konnte nicht länger dem Vater, der Vater nicht länger dem Sohne das Herz verschließen. Die rastlose Phantasie des Kindes war in der Jungfrau lebendig geblieben. In jeder müßigen Stunde hatte sie des verlorenen Spielgefährten gedacht, jeden Tag den Vater von ihm unterhalten und ihn gefragt, ob er ihn lieber als ruhmreichen Maler, als gewaltigen Schmied oder auf einem tüchtigen Fahrzeuge als Schiffsführer wiedersehen möchte. Schön, kraftvoll, außerordentlich war er ihr immer erschienen. Nun hatte sie ihn ruchlos und auf dem Pfad ins Verderben wiedergefunden; aber auch so war er ein Mann ohnegleichen, und welcher Makel auch an ihm haftete, schlecht und niedrig gesinnt war er gewiß nicht! Wenn sie ihn als Kind in eine prächtige Märchengestalt verwandelt hatte, so entkleidete sie ihn jetzt des Glanzes und sah ihn demütig im schlichten Bürgergewand vor dem Vater erscheinen und ihn dann neben ihm an der Esse stehen. Sie träumte sich an seiner Seite, und vor ihr stand der Tisch, den sie für ihn deckte, und das Wasser, welches sie ihm nach der Arbeit reichte. Sie hörte, wie unter dem mächtigen Schlag seines Hammers das Haus erdröhnte, und träumte, daß er das Lockenhaupt in ihrem Schoß schmiege und ihr sage, daß er Liebe und Frieden bei ihr gefunden. Das Geschützfeuer von der Zitadelle machte den Arbeiten der Bürger ein Ende. Die offenen Feindseligkeiten hatten begonnen. Am Morgen des vierten November zogen unter dem Schutze dichter Nebel verräterische Spanier unter Romero, Vargas und Valdez in die Festung ein. Die Bürger, und mit ihnen Adam, hörten es mit Wut und Entsetzen, aber noch waren die Meuterer von Aalst nicht gekommen. »Er hält sie zurück,« hatte Ruth schon gestern gesagt. »Antwerpen, unser Heim, ist ihm heilig.« Die Kanonen donnerten, Feldschlangen krachten, Musketen und Hakenbüchsen knatterten laut, und in den betäubenden Lärm der Geschütze mischte sich das schreckenkündende Geheul der stürmenden Glocken und das wilde Geschrei der zum Kampf eilenden Soldaten und Bürger. Jede Hand griff nach der Waffe, die Läden schlossen sich, die Herzen stockten vor Angst oder schlugen wilder in Wut und Empörung. Ruth blieb ruhig. Sie hielt den Meister zurück und wiederholte ihr Wort: »Die von Aalst kommen nicht; er hält sie zurück.« Da stürzte der jüngste Lehrling, dessen Eltern an der Schelde wohnten, mit wirrem Haar keuchend in die Werkstätte und rief: »Die von Aalst sind da. Auf Torfschiffen und einer Galeere sind sie übergefahren. Sie tragen grüne Reiser auf den Helmen, und der Eletto zieht ihnen mit der Standarte voran. Ich hab' sie gesehen; furchtbar – schrecklich – in Eisen vom Kopf bis zur Zehe.« Er sprach nicht weiter; denn der Meister unterbrach ihn mit einem wilden Fluche, griff nach dem großen Hammer und stürzte hinaus. Ruth taumelte in die Werkstätte zurück. Adam war geradeswegs an die Brustwehr geeilt. Hier standen sechstausend Wallonen, um den halbfertigen Wall zu verteidigen, und hinter ihnen große Scharen bewaffneter Bürger. »Die von Aalst sind gekommen!« rief es von Mund zu Mund. Verwünschungen, Jammergeheul, wildes Gezeter mischte sich in den Donner der Geschütze und das Glockengeläute. Ein fliehender Mann jagte nun von der Kontereskarpe den Wallonen entgegen und schrie: »Sie sind da, sie sind da! Der Navarrete, der Bluthund, zieht ihnen voran. Sie wollen nicht essen, nicht trinken. Sie sagen, im Paradies oder in Antwerpen würden sie speisen. Hört ihr's, hört ihr's, da sind sie!« Und sie, sie waren da, näher und näher kamen sie, und allen voran der Eletto mit der Standarte in der hocherhobenen Hand. Hinter ihm scholl es von tausend bärtigen Lippen, wütend, gierig, entsetzlich: » Santiago, España, á sangre, á carne, á fuego, á saco! « Er aber schwieg und schritt hochfahrend und aufrecht dahin, als sei er gegen die Kugeln gefeit, die ihn von allen Seiten umsausten. Das Vollgefühl der Macht und wilder Kriegsmut leuchteten ihm aus den Augen. Wehe dem, den der Zweihänder traf, welchen er jetzt noch mit der Linken an die Schulter gelehnt hielt. Adam stand neben der vordersten Reihe der Wallonen mit erhobenem Hammer. Sein Auge hing wie gebannt an dem anstürmenden Sohne und an der Fahne in seiner Hand. Das Antlitz des unseligen Weibes, das ihn um das Glück seines Lebens betrogen, starrte ihm von der Standarte entgegen. Er wußte nicht, ob er wache oder ob ein wüster Traum ihn umfange. Jetzt, jetzt begegnete sein Blick dem des Eletto, und nun konnte er sich nicht mehr halten und hob den Hammer und versuchte vorwärts zu stürmen, aber die Wallonen drängten ihn zurück. Ja, ja, er haßte das eigene Kind, und bebend vor Wut, glühend vor Verlangen, sich auf ihn zu stürzen, sah er, wie der Eletto auf die unterste Stufe des Walles sprang, um nach oben zu klimmen. Kurze Zeit war er seinen Blicken entzogen, nun aber zeigte sich die Spitze der Fahne, nun die Standarte, und jetzt, jetzt stand sein Sohn auf der höchsten Stelle der Brustwehr und rief: » España, España! « In diesem Augenblicke entluden sich mit ohrenzerreißendem Lärm hundert Hakenbüchsen neben dem Meister, dichter Pulverdampf verfinsterte die Luft, und als der Wind ihn zerteilte, sah Adam die Standarte nicht mehr. Sie lag am Boden und neben ihr der Eletto, lang hingestreckt, mit dem Antlitz nach oben, regungs-, lautlos. Stöhnend schloß der Vater die Augen, und als er sie wieder aufschlug, hatten hundert eisenbewehrte Meuterer die Brustwehr erklommen. Unter ihren Füßen lag sein verblutendes Kind. Leiche auf Leiche sank neben den Gefallenen auf das Gestein, aber der eiserne Keil der Spanier schob sich weiter und weiter vorwärts. España, á sangre, á carne ! Und nun hatten sie die Wallonen erreicht, Stahl prallte an Stahl, einen Augenblick nur, dann schwankten die Verteidiger der Stadt, der wütende Keil schob sich in ihre Reihen, sie teilten sich, wichen, und mit lautem Geheul wandten sich die erschütterten Glieder zur Flucht. Das spanische Schwert wütete in ihrer Mitte, und mit erfaßt von dem allgemeinen Entsetzen, jagten die Führer den Soldaten nach, und wie ein wilder Strom riß die fliehende Heerschar alles mit sich fort, auch den Meister. Ein Blutbad sondergleichen begann. Adam sah eine wütende Schar in die Häuser stürzen, und nun dachte er wieder an Ruth und eilte, halb von Sinnen, zu der Schmiede zurück. Hier verkündete er den Zurückgebliebenen, was er gesehen. Dann rüstete er sich und die Gesellen mit selbstgeschmiedeten Waffen und eilte mit ihnen hinaus, um zu kämpfen. Die Stunden vergingen, und der Lärm, das Schießen, das Geläut dauerten fort; Rauch und Brandgeruch drangen durch Fenster und Türen. Der Abend kam, und die reichste, blühendste Handelsstadt der Welt war hier ein Aschenhaufen, dort eine Ruine, überall ein ausgeplündertes Schatzhaus. In der Werkstätte hörte man einmal eine mordende Rotte vor der Schmiede heulen und toben; aber sie zog vorüber, und keine zweite kam, solang es Tag war, in die stille, nur von Metallarbeitern bewohnte Straße. Ruth und die alte Rahel waren unter dem Schutze des wackeren Altgesellen zurückgeblieben. Der Meister hatte ihnen geboten, wenn es vor der Tür laut werden sollte, in den Kellerraum zu flüchten. Ruth trug einen Dolch, entschlossen, ihn im äußersten Fall gegen die eigene jungfräuliche Brust zu richten. Was galt ihr das Leben, seitdem Ulrich dahin war! Die alte Rahel, eine Greisin von achtzig Jahren, schritt tief gebückt und ruhelos durch den weiten Raum. Wenn ihr Blick dem Mädchen begegnete, seufzte sie auf und rief mitleidig: »Olrik, unser Olrik!« Dabei zog sie die Schultern in die Höhe und schaute aufwärts. Sie wußte nicht mehr, was vor wenigen Stunden geschehen, ihr Gedächtnis hatte sich aber völlig treu für längst Vergangenes erhalten. Die Magd des Hauses, ein Antwerpener Kind, war, als die Furie losbrach, zu ihren Eltern entlaufen. Mit dem Sinken des Tages wurden die Scheiben immer seltener von dem Donner der Geschütze erschüttert, die Heftigkeit des Lärms in den Straßen nahm ab, doch das Haus füllte sich mehr und mehr mit atembeklemmendem Rauch. Die Nacht brach herein, das Licht war entzündet. Bei jedem neuen Geräusch schraken die Frauen zusammen, und die Angst um Adam beherrschte nun in Ruth jede andere Empfindung. Da ging das Tor, und die tiefe Stimme des Meisters rief schon im Vorsaal: »Ich bin's! Erschreckt nicht; ich bin's!« Mit fünf Gesellen war er ausgezogen, mit zweien kehrte er wieder. Die anderen lagen erschlagen in den Straßen, und mit ihnen des Grafen Oberstein deutsche Knechte, die einzigen Soldaten, welche den spanischen Meuterern und ihren Verbündeten wacker bis auf den letzten Mann Widerstand geleistet hatten. Erst auf der Mere und dann am Zuckerkanal hatte Adam unter den Bürgern, die verzweifelt für Hab' und Gut und das Leben der Ihren kämpften, den Hammer geschwungen; – aber alles war vergeblich gewesen. Die Vargasschen Reiter hatten auch die letzten Atemzüge des Widerstandes erstickt. Die Straßen schwammen in Blut, in hohen Haufen lagen die Leichen vor den Türen und auf dem Pflaster – unter ihnen die des Markgrafen von Antwerpen; Verryck, des Bürgermeisters van der Mere und vieler Senatoren und Herren. Feuersbrunst neben Feuersbrunst färbte den Himmel, das herrliche Stadthaus stand in lichten Flammen, und aus tausend Fenstern scholl das Jammergeheul der überfallenen, ausgeplünderten, verblutenden Bürger, Weiber und Kinder. Der Meister stärkte sich schnell mit wenigen Bissen, dann hob er das Haupt und sagte: »An unser Haus hat keiner gerührt. Beim Nachbar Ykens sind Tor und Laden zerschlagen!« »Ein Wunder!« rief die alte Rahel und hob den Stab. »Beim Silberschmied wittert die Teufelsbrut Besseres als Eisen.« Da ging der Klopfer. Adam sprang auf, legte den Panzer wiederum an, winkte den Gesellen und schritt auf das Tor zu. Rahel kreischte laut: »In den Keller, Ruth! Gott, Gott, erbarme dich unser! Schnell – wo ist mein Tuch? – Sie fallen auf uns! – Fort, fort! Gott, Gott, ich bin verklammet, ich kann nicht weiter!« Ein furchtbares Grauen hatte die Alte erfaßt; sie wollte nicht sterben. Der Jungfrau war der Tod willkommen, und sie regte sich nicht. Jetzt wurden Stimmen in der Hausflur laut, aber sie klangen weder lärmend noch drohend; Rahel schrie indessen noch einmal wie eine Verzweifelte, als ein Landsknecht in voller Rüstung mit dem Meister die Werkstätte betrat. Hans Eitelfritz war gekommen, um nach dem Vater Ulrichs zu sehen. In seinen Armen ruhte der Hund Lelaps, welcher aus einem Streifschuß am Halse blutete und sich zitternd an seinen Herrn schmiegte. Als der Wachtmeister Ruth erblickte, verneigte er sich artig und sagte: »Erbarmet Euch der armen Kreatur, schöne Jungfrau, und wascht die Wunde ein wenig mit Wein. Er verdient es, und ich könnte auch von ihm Geschichten erzählen! Er stammt aus dem fernen Indien, von wo ihn ein wilder Pirat ... Aber das sollt Ihr ein andermal hören. Dank, Jungfer, Dank. Was Euren Sohn angeht, Meister, so ist es ein Jammer und ewiger Schade um ihn. Ein Prachtmensch war er, und wir sind wie zwei Brüder gewesen. Die Schutzbriefe für Euch und den Meister Moor hat er mir selbst übergeben, und als es losging, wurden sie von diesen Händen an die Türen geheftet. Mein Schwertträger hat den Kleister erbeutet, und nun mag die Schrift als ein ehrendes Denkmal da kleben bis ans Ende der Welt! Der Navarrete ist ein treuer Gesell gewesen, der immer an die Seinen gedacht hat! Wie das dem Lelaps wohltut! Schau, schau! Da leckt er Euch die Hände, und das will sagen: Ich danke!« Während Ruth dem leidenden Hunde die Wunde gewaschen und der Landsknecht von Ulrich gesprochen hatte, war ihr feuchter Blick dem Auge des Vaters begegnet. Jetzt fuhr der Wachtmeister fort: »Sie sagen, er habe einundzwanzig Wallonen niedergehauen, eh' er ins Gras biß.« »Nein, Herr,« unterbrach ihn Adam. »Ich sah ihn fallen. Bevor er das sündige Schwert hob, ward er getroffen.« »So, so; – aber auf der Brustwehr ist's doch gewesen.« »Sie stürmten über ihn fort.« »Und dort liegt er; es hat sich noch keine Seele um die Toten und Wunden gekümmert.« Da zuckte das Mädchen zusammen, legte den Hund in den Schoß der Alten und rief: »Wenn Ulrich noch lebte! Vielleicht ward er nicht tödlich getroffen, vielleicht ...« »Ja, Jungfer, möglich ist alles,« unterbrach sie der Landsknecht. »Ich könnte Euch Dinge erzählen ... Da war zum Exempel ein Landsmann von mir, und als wir in Afrika lagen, schlug dem so ein maurischer Pascha ... Verdammte Flausen! Vielleicht! In allem Ernste; es könnte sein, daß der Ulrich ... Wartet ... Am Mitternacht halte ich mit meiner Rotte Wacht an der Brustwehr, da will ich zusehen ...« »Wir, wir suchen ihn auf!« rief Ruth und faßte den Arm des Meisters. »Ich,« entgegnete der Schmied; »du bleibst hier.« »Nein, Vater, ich gehe mit dir.« Da schüttelte auch der Landsknecht den Kopf und sagte: »Jungfer, Jungfer, Ihr wißt nicht, was dies für ein Tag ist. Dankt dem himmlischen Vater, daß es Euch bis hierher so glimpflich erging. Der grimmige Leu hat Blut geleckt. Ihr seid ein sauberes Kind, und wenn sie Euch heute ...« »Gleichviel!« unterbrach ihn das Mädchen. »Ich weiß, was ich fordere. Du nimmst mich mit dir, Vater! Du tust es, wenn du mich lieb hast! Wenn einer ihn findet, ich find' ihn! O Herr, Herr! Ihr seht freundlich und gutherzig aus! Ihr habt die Wache. Gebt uns das Geleit; laßt mich Ulrich suchen. Ich find' ihn, ich weiß es; ich muß ihn suchen – ich muß!« Die Wangen des Mädchens glühten, denn sie sah den Spielgefährten, den Geliebten, greifbar deutlich vor sich, atmend, mit offenen Augen, mit ihrem Namen auf den erkaltenden Lippen. Adam schüttelte traurig und ablehnend das Haupt, Hans Eitelfritz aber fühlte sich ergriffen von der dringlichen Sehnsucht der Jungfrau, dem Manne, der ihm selber lieb war, zu helfen, und so strengte er rasch den findigen Kopf an und sagte: »Vielleicht ... es käme drauf an ... Hört mich, Meister! Ihr seid auf der Straße auch nicht sonderlich sicher gebettet, und ohne mich möchtet Ihr schwerlich bis an die Brustwehr gelangen. Ich versäume da schöne Zeit; – aber Ihr seid der Vater, und dieses Mädchen – ist's seine Schwester? – Nein? – Um so besser für ihn, wenn er auflebt! Das Ding ist nicht leicht, aber zu machen ist's doch. Das Mütterchen dort besorgt mir den Lelaps. Armes Hundel! Gelt, das tut wohl? Ja, also ... Um Mitternacht könnte ich wieder hier sein. Habt Ihr einen handlichen Wagen im Haus?« »Für Kohlen und Eisen.« »Gut, gut. Laßt die Frauen einen Kessel Suppe kochen, und wenn Ihr ein paar Schinken besäßet ...« »Vier sind in der Kammer!« rief Ruth. »Tut Brot und ein paar Krüge Wein und ein Fäßchen Bier dazu, und dann folget mir still. Ich habe die Losung, mein Bursche wird mich begleiten, und ich mache die Spanier glauben, Ihr gehöret zu uns und hättet meinen Leuten die Abendmahlzeit zu bringen. Schwärzt Euch ein wenig das hübsche Gesicht, werte Jungfer, vermummelt Euch gut, und wenn wir den Ulrich gefunden, so legen wir ihn auf den leeren Karren, und ich begleite Euch wieder nach Hause. Da nehmt den Gewürzsack, und finden wir den armen Schelm, tot oder lebendig, so verdeckt ihn damit. Der Sack war für andere Dinge bestimmt, aber ich bin auch mit dieser Beute zufrieden. Das silberne Kinderspielzeug hier nehmt in Verwahrung. Gelt, das sind artige Sachen! Wie das Rößchen sich bäumt, und der Vogel im Bauer! Schaut nicht so grimmig drein, Meister! Beim Fischfang muß man sich auch mit dem Stinte begnügen, und wenn ich nicht zugegriffen haben würde, hätten's andere getan; 's ist für meine Schwesterkinder bestimmt, und hier im Wams steckt noch etwas anderes; das soll mir zu ruhigen Tagen verhelfen. Den einen verdrießt es, der andere genießt es.« Als Hans Eitelfritz um Mitternacht wiederkam, stand der Wagen mit Getränken und Speisen bereit. Die Mahnungen Adams waren fruchtlos geblieben. Ruth hatte fest darauf bestanden, ihn zu begleiten, und er wußte, was sie antrieb, so willig wie er selbst Heil und Leben aufs Spiel zu setzen. Die alte Rahel hatte das Ihre getan, um die Schönheit Ruths zu entstellen. Die gefahrvolle nächtliche Wanderung begann. Der Schmied zog den Wagen, Ruth schob, der Wachtmeister ging mit dem Schwertträger neben ihm her. Von Zeit zu Zeit begegneten ihnen spanische Soldaten und riefen sie an; aber Hans wußte ihre Neugier und ihren Argwohn geschickt zu befriedigen und zu zerstreuen. Das Plündern und Morden war auch jetzt noch nicht zu Ende, und Ruth bekam Greuelszenen zu sehen, zu hören, zu ahnen, die ihr das Herzblut gerinnen ließen. Aber sie hielt aus, bis sie zur Brustwehr gelangten. Hier war der Wachtmeister unter den Seinen. Er überantwortete ihnen den Trank und die Speisen, ließ sie die Nahrungsmittel von dem Wagen heben und lud sie ein, tapfer zuzugreifen. Dann nahm er eine Laterne und führte Ruth und den Meister, der das leichte Fahrzeug hinter sich herzog, durch das tiefe Dunkel der Novembernacht auf die Brustwehr. Hans Eitelfritz leuchtete, alle drei suchten. Leiche lag neben Leiche. Wohin der Fuß Ruths trat, überall stieß er an gefallene Krieger. Grauen, Entsetzen, Abscheu drohten sie um die Besinnung zu bringen; aber der heiße Wunsch, die letzte, einzige Hoffnung ihrer Seele hielten sie aufrecht, stählten ihre Tatkraft, schärften ihr den Blick. Bis zur Mitte des Walles waren sie vorgedrungen, da sah sie von fern einen großen Körper lang ausgestreckt liegen. Das, ja, das war er! Und nun riß sie dem Landsknecht die Laterne aus der Hand, eilte auf den Gefallenen zu, warf sich neben ihm nieder und leuchtete ihm ins Gesicht. Was hatte sie gesehen? Warum klang der Schrei, den sie ausstieß, so weh und schmerzlich? Die Männer näherten sich ihr, sie aber wußte, daß es jetzt anderes zu tun gab, als zu jammern, zu klagen. Lauschend schmiegte sie das Ohr an den Harnisch, und als es keinen Atemzug zu erlauschen vermochte, löste sie mit fliegenden Fingern die Schnallen und Haken an der Rüstung. Nun sank der Küraß klirrend zu Boden, und jetzt – nein, es war keine Täuschung, jetzt hob sich die Brust des Gefallenen unter ihrem Ohre, und sie hörte den schwachen Schlag seines Herzens und das ersterbende Wehen eines leisen Atems. Da brach sie in ein lautes, krampfhaftes Weinen aus und hob sein Haupt und drückte es an sich. »Er wird tot sein; ich dachte es gleich!« sagte der Landsknecht, und Adam sank vor dem Gefallenen in die Knie. Aber nun verwandelte sich Ruths Weinen in ein leises, glückseliges, wohllautendes Lachen, und das klang in ihrer Stimme fort, als sie dem Meister zurief: »Ulrich atmet, er lebt! Gott, Gott, wie danken wir dir!« Und da – täuschte sie sich, könnt' es denn sein? Da hörte sie den unerbittlichen Mann neben sich schluchzen und sah, wie er sich über Ulrich neigte und seinen Herzschlag belauschte und die bärtigen Lippen erst auf seine Schläfen und dann auf die Hand drückte, die er so hart von sich gestoßen. Hans Eitelfritz mahnte zur Eile, trug den Besinnungslosen mit Adam auf den Wagen, und eine halbe Stunde später lag der todeswunde, verstoßene Sohn wohl gebettet im besten Zimmer des väterlichen Hauses. Sein Lager stand im oberen Stockwerk; unten in der Küche regte sich die alte Rahel am Herde und kochte selbst ihre »gute Salbe«. Sie kicherte dabei manchmal laut vor sich hin und murmelte »Olrik«, und während sie die Mixtur mischte und rührte, konnte sie die alten Füße nicht ruhig halten, es sah beinahe aus, als wolle sie tanzen. Hans Eitelfritz gelobte dem Meister, gegen jedermann zu schweigen, wohin sein Sohn gekommen sei, und kehrte dann zu seiner Mannschaft zurück. Am folgenden Morgen suchten die Meuterer von Aalst den gefallenen Führer; aber er war verschwunden, und nun verbreitete und befestigte sich unter ihnen die Sage, der Gottseibeiuns habe die Leiche des Navarrete in die Hölle entführt. Der Hund Lelaps erlag seinen Wunden, und kaum eine Woche nach der Verwüstung des blühenden Antwerpen durch »die spanische Furie« wurde das Regiment des Wachtmeisters nach Gent versetzt. Gesenkten Hauptes kam er in die Schmiede, um Abschied zu nehmen. Er hatte sein kostbares Beutestück verkauft und wie so viele andere Plünderer das von ihnen geraubte Gut an der Börse verspielt. Von dem großen Tag in Antwerpen blieb ihm nichts als das silberne Spielzeug für seine Schwesterkinder zu Kölln an der Spree. Einunddreißigstes Kapitel In der Schmiede war das Feuer erloschen, kein Hammer fiel auf den Amboß; denn der Verwundete lag in heißem Fieber; und jedes laute Geräusch tat ihm weh. Das hatte Adam selbst bemerkt, und er gönnte sich keine Zeit zum Schaffen, denn er hatte bei der Pflege des Sohnes zu helfen, wenn es not tat, den schweren Körper aufzurichten und Ruth abzulösen, wenn ihr nach langen Nachtwachen die rüstige Kraft erlahmte. Der Alte sah ein, daß des Mädchens Hände pflegsamer seien als seine gehärtete Faust, und er ließ sie walten – aber die Stunden, in denen sie in ihrer Kammer ausruhte, waren ihm doch die liebsten, denn dann war er mit seinem Ulrich allein, dann durfte er ungestört in dem Antlitz des Mannes lesen und sich an jedem Zuge erfreuen, der ihn an die Knabenzeit seines Kindes und an Flora erinnerte. Oftmals drückte er die bärtigen Lippen auf die heiße Stirn oder die schlaffe Hand des Kranken, und wenn der Arzt mit bedenklicher Miene fortgegangen war, kniete er vor dem Lager Ulrichs nieder und drückte die Stirn in die Kissen und bat den Vater im Himmel inbrünstig, sein Kind zu erhalten und sein eigenes altes Leben und alles, was sein war, dafür zu nehmen. Oft glaubte er, nun sei das Ende gekommen, und überließ sich widerstandslos seinem Schmerz; Ruth dagegen verlor nie die Hoffnung, auch nicht in den bedrohlichsten Stunden. Gott hatte sie Ulrich nicht finden lassen, nur um ihn ihr wieder zu nehmen. Das Ende der Gefahr war für sie schon der Anfang der Rettung. Als er sie zum erstenmal erkannte, sah sie ihn bereits, auf ihre Schulter gestützt, durch die Zimmer wandeln, wie er sich aufrichten konnte, hielt sie ihn für genesen. Ihr Herz war so übervoll, und doch blieb auch ihr Geist bei der langen und schweren Pflege wach und besonnen. Sie vergaß nicht das Kleinste; denn was sie zu verrichten hatte, sah sie; bevor sie es angriff, mit jeder Einzelheit vor sich, als habe sie es schon vollendet. Keine Speise, die sie nicht mit eigener Hand bereitet, kein Trunk, den sie nicht selbst aus dem Keller oder vom Brunnen geholt, wurde von ihm genossen. Sie empfand ihm vor, was ihn störte, was ihm behagte und fehlte. Wenn sie den Vorhang öffnete oder schloß, gewährte oder entzog sie ihm nicht mehr Licht, als ihm genehm war, wenn sie die Kissen hinter ihm ordnete, legte sie ein jedes weder zu hoch noch zu niedrig, und wie ein erfahrener Arzt verband sie mit sanfter und dennoch fester Hand seine Wunden. Was er empfand: Schmerz oder Wohlsein, sie fühlte es mit ihm. Nach und nach schwand das Fieber, kehrte ihm die Besinnung zurück, verminderten sich die Schmerzen, vermochte er sich wieder zu regen, begann er sich kräftiger zu fühlen. Anfänglich wußte er nicht, wo er sich befand; dann erkannte er Ruth, und dann auch den Vater. Wie still, wie dämmerig, wie rein war alles, was ihn umgab! Wunderbare Ruhe umfing ihn, süße Mattigkeit beschwichtigte jede stürmische Regung seines Herzens. So oft er die Augen aufschlug, begegneten ihm zärtliche, sorgende Blicke. Selbst wenn der Schmerz sich erneute, genoß er stilles, tröstliches Seelenglück. Auch das fühlte sie und empfand es als einen Lohn sondergleichen. Wenn sie mit neuem Linnen in das Krankenzimmer trat und der Lavendelgeruch, der ihrer verstorbenen Mutter angenehm gewesen war, wallte ihm leis von der frischen Wäsche entgegen, meinte er, seine Knabenzeit habe sich erneuert, und das Haus des Doktors, der freundliche, weise Mann, Frau Elisabeth, der schattige Tannenwald der Heimat, die murmelnden Bäche und saftigen Wiesen traten wieder vor seine Seele, und er sah sich mit Ruth den Vögeln lauschen. Beeren lesen, Blumen pflücken und von dem »Worte« schöne Gaben erbitten. Der Vater war nicht nur wie damals, nein, noch freundlicher, liebevoller, besorgter. Aus dem Manne ward wieder der Knabe, und alles, was gut in ihm gewesen, wuchs nun frisch auf unter dem hellen Licht und belebenden Tau der Liebe. Er empfand das unermüdliche Walten Ruths mit heißem Dank, und wenn er ihr in die treuen Augen schaute, wenn ihre Hand ihn berührte, wenn ihre weiche, tiefe Stimme ihm in die Seele drang, dann erfüllte ihn ein Wohlgefühl ohnegleichen. Alles, das Kleinste wie das Größte, umfaßte seine Seele mit den Armen der Liebe. Es war ihm, als reiche das warme Verlangen seines Herzens weit über die Erde hinaus, und bald erhob es sich auch zu Gott, der das All mit seiner ewigen Vaterliebe erfüllt. Jeder seiner Atemzüge, meinte Ulrich, müsse von nun an ein Gebet sein, ein Gebet des Dankes zu dem, der die Liebe selbst ist, die Liebe, durch die und in der er lebte. Er hatte Liebe gesucht, um sich ihrer Gaben zu freuen, jetzt tat es ihm wohl, aus Liebe Opfer zu bringen. Er sah, wie das schöne Antlitz Ruths sich kummervoll trübte, wenn Schmerzen ihn quälten, und nun verbarg er mit männlicher Willenskraft unsägliche Pein unter einem dankbaren Lächeln. Er gab sich das Ansehen, zu schlafen, um ihr und dem Vater Ruhe zu gönnen, und wenn er von fieberiger Ungeduld erfaßt war, lag er still und regte sich nicht, um die geliebten Pfleger zufrieden zu stellen und ihre Sorgfalt zu lohnen. Die Liebe trieb ihn an, gut zu sein, und gab ihm Kraft zu allem, was gut ist. Die Genesung schritt vorwärts, und als er das Lager verlassen durfte, führte ihn der Vater erst durch das Zimmer und dann die Treppe hinunter in den Hof. Manchmal fühlte er mit stiller Rührung, wie der Alte ihm die Hand, die auf seinem Arm ruhte, streichelte, und wenn er erschöpft in das Krankenzimmer zurücktrat, ließ er sich dankerfüllt in den bequemen Sitz nieder und warf einen freundlichen Blick auf die Blumen, die Ruth von ihrem Kammerfenster genommen und neben ihm auf den Tisch gestellt hatte. Die Seinen wußten nun, was er erlebt und erfahren, und für alles, was dem Schmied noch vor wenigen Monaten sündhaft und unverzeihlich erschienen war, hatte er jetzt ein begütigendes, beruhigendes Wort. Während eines solchen Gespräches rief Ulrich einmal: »Der Krieg! Du weißt nicht, wie das mit sich fortreißt; es ist ein Spiel mit dem Leben. Das der anderen wird einem so wenig wert, wie das eigene; jedem das Schlimmste antun, ist da die Parole; aber jetzt – jetzt ist es hier drinnen so still geworden, und mir graut vor dem Treiben im Felde. Gestern sprach ich mit Ruth von ihrem Vater, und sie hat mich an seinen Lieblingsspruch erinnert, den ich lange vergaß. Weißt du, wie er lautet? »Niemand etwas antun, das uns selber kränken würde.« Ich bin nicht grausam gewesen, und aus Gefallen am Töten hab' ich das Schwert niemals gezogen; aber es schmerzt mich jetzt, daß ich so vielen wehe getan! Wie ist es in Haarlem hergegangen! Wenn ihr nun statt nach Antwerpen dorthin gezogen wäret, und du und Ruth ... Ich darf an das alles nicht denken! In mancher schlaflosen Stunde quälen mich die Erinnerungen von damals, und vieles erfüllt mich mit bitterer Reue. Aber ich darf ja noch leben, und es ist mir, als sei ich neu geboren und als müsse von nun an Leben und Gutestun eins für mich sein. Gewiß, du hattest recht, mir zu zürnen ...« »Vergeben, vergessen,« unterbrach ihn der Schmied mit volltönender Stimme und drückte ihm die Hand mit der harten Rechten. Diese Worte wirkten wie kräftige Arznei auf den Genesenden, und als sich in der Schmiede die Hämmer wieder regten, da wollte Ulrich das müßige Leben nicht mehr behagen, und er begann mit Ruth in die Zukunft zu schauen und über künftige Zeiten zu reden. »Die Worte: Glück, Ruhm, Macht,« sagte er einmal, »haben mich alle betrogen; aber die Kunst! Du weißt nicht, Ruth, was die Kunst ist! Alles gewährt auch sie nicht, aber doch viel, sehr viel. Meister Moor, das war ein Lehrer! Ich bin zu alt, um noch einmal von vorn zu beginnen. Wenn das nicht wäre ...« »Nun, Ulrich?« »Dann möcht ich's wieder mit dem Malen versuchen.« Das Mädchen sprach ihm Mut ein und erzählte dem Vater von ihrem Gespräch. Da zog der Schmied das Sonntagshabit an und ging in das Haus des Malers. Der war in Brüssel, aber man erwartete ihn bald zurück. Von nun an begab sich Adam an jedem dritten Tage in den guten Kleidern, die er sonst nur ungern antat, zu dem Künstler; aber immer vergebens. Im Februar saß der Genesende mit Ruth beim Schachspiel, das sie von dem Schmiede und Ulrich von ihr erlernt hatte. Da trat Adam ins Zimmer und sagte: »Wenn das Spiel beendet ist, hab' ich mit dir zu reden, mein Sohn.« Das Mädchen war im Vorteil, aber sie warf sogleich die Figuren zusammen und ließ die beiden allein. Sie wußte wohl, was der Vater im Sinn trug, denn gestern hatte er allerlei Malergerät nach Hause gebracht und ihr befohlen, das Giebelstübchen mit dem großen Fenster, das nach Norden schaute, herzurichten und die Staffelei und die Farben hinauszuschaffen. Dabei hatten sie einander nur angelächelt; aber sie verstanden sich längst auch ohne Worte. »Was gibt es?« fragte Ulrich erstaunt. Da eröffnete ihm der Meister, was er besorgt und angeordnet hatte, und fuhr dann fort: »Das Bild auf der Standarte – du sagst, du hättest es selber gemalt.« »Ja, Vater.« »Es war deine Mutter, ganz so wie damals ... Sie hat nicht recht an uns beiden gehandelt. – Aber sie! – Der Christ soll vergeben; – und weil sie doch deine Mutter war – so – möchte ich wohl ... Vielleicht ist es nicht möglich; aber wenn du ihr Bild malen könntest, nicht als Madonna, nur so wie sie als junge Meisterin aussah ...« »Ich kann's, ich werde es können!« rief Ulrich freudig erregt. »Führ mich hinauf. Ist die Leinwand fertig?« »Am Rahmen, fest auf dem Rahmen! Ich bin ein alter Mann und ... Siehst du, Kind, ich weiß wohl noch, wie wunderhold deine Mutter war; aber es glückt mir nimmer, mir so recht vorzustellen, wie sie damals ausgesehen hat. Versucht hab' ich es freilich, tausend- und abertausendmal hab' ich's versucht: am Richtberg und hier und überall – so groß auch mein Groll war!« »Du sollst sie wiedersehn, gewiß – gewiß!« unterbrach ihn Ulrich. »Ich sehe sie vor mir, und was ich hier drinnen schaue, das kann ich auch malen!« Das Werk wurde noch am nämlichen Tage begonnen. Es ging Ulrich wunderbar von der Hand, und er legte all die reiche Liebe hinein, von der sein Herz nun erfüllt war. So freudig hatte er noch nie den Pinsel geführt. Mit diesem Bilde wollte er geben, nur geben – dem teuren Manne das Beste geben, was er vermochte, und so gelang es. In bürgerlicher Tracht stand die junge Meisterin da, mit herzgewinnenden Augen und einem wehmutvollen, halb wonnigen, halb betrübten Lächeln am Munde. Adam durfte die Werkstätte erst wieder betreten, als das Bildnis vollendet war, und wie Ulrich endlich das Tuch von der Leinwand zog, wußte sich der alte Mann nicht zu halten und brach in lautes Schluchzen aus und fiel dem Sohne um den Hals, und es war ihm, als habe er dem lieblichen Wesen dort in dem goldenen Rahmen nicht zu grollen und zu verzeihen, sondern für viele selige Stunden zu danken. Bald darauf traf Adam Moor zu Hause, und wenige Stunden später führte er Ulrich ihm zu. Das gab ein frohes und doch ernstes Wiedersehen, dem bald ein zweites im Hause des Schmiedes folgte. Moor betrachtete dort Ulrichs Werk lange und mit prüfenden Blicken. Als er genug gesehen hatte, reichte er dem Schüler die Hand und sagte warm: »Ich hab' es immer gesagt: du bist ein Maler! Von morgen ab arbeiten wir wieder täglich zusammen, und mit dem Pinsel wirst du schönere Siege erkämpfen als mit dem Schwerte.« Die Wangen Ulrichs glühten vor Glück und Stolz. So hatte ihn Ruth noch niemals gesehen, und wie sie ihm freudig in die Augen blickte, streckte er ihr beide Hände entgegen und rief: »Ein Maler, wieder ein Maler! Oh, wär' ich's immer geblieben! Nun fehlt mir nur eins noch; – und das bist du!« Da flog sie ihm an die Brust und rief jubelnd: »Dein, dein! Ich bin es ja immer gewesen und will es auch bleiben, heute, morgen, bis in den Tod, immer und ewig!« »Ja, ja!« entgegnete er mit ernstem Gefühl. »Unsere Herzen sind eins und bleiben es ewig, und nichts kann sie scheiden; aber dein Schicksal wird nicht eher an das meine gekettet, bis Moor mich selbst einen Meister nennt. Die Liebe stellt keine Bedingung, ich halte dich, und du bist mein; – aber ich lege die Probe mir selbst auf, und diesmal, das weiß ich, wird sie bestanden!« Ein neuer Geist beseelte den Schüler. Mit unermüdlichem Fleiß stürzte er sich auf die Arbeit, und auch das Schwerste wurde ihm leicht, wenn er des Preises gedachte, um den er warb. Nach einem Jahre entließ ihn Moor aus der Lehre, und Ruth ward das Weib des Meisters Ulrich Schwab. Die berühmte Malerzunft von Antwerpen zählte ihn bald mit Stolz zu den Ihren, und seine Gemälde werden heute noch von den Kennern hoch geschätzt, aber man schreibt sie anderen Meistern zu, denn er hat kein Werk mit seinem Namen bezeichnet. Von den vier Worten, die ihm auf der Bahn des Lebens als Leitstern vorangeleuchtet, hatte er Ruhm und Macht gering schätzen gelernt; Glück und Kunst blieben ihm treu, aber wie die Erde nicht aus eigener Kraft leuchtet, sondern ihr Licht von der Sonne erhält, empfingen sie Glanz, Reiz und beständige Kraft durch die Liebe. Der wilde Eletto, dessen Schwert im Kriege gewütet, wurde ein gütiger Menschenfreund im Sinne der reinen Lehre Christi und seines edlen Lehrers. Mit stillem Entzücken hat mancher das herrliche Gemälde gesehen, das eine schöne, sinnig heitere Mutter darstellt, die ihre blühenden Kinder einem freundlichen Greise zuführt, der ihnen die Arme entgegenstreckt. Der Alte ist Adam, die Mutter Ruth, die Kinder sind die Enkel des Waffenschmieds; Ulrich Schwab hat es gemalt. Meister Moor entschlummerte bald nach der Vermählung Ulrichs, und einige Jahre später kam Sofonisba di Moncada nach Antwerpen, um das Grab des geliebten Mannes aufzusuchen. Sie wußte von dem Verstorbenen, daß er seinen lieben Madrider Schüler wiedergefunden, und diesem galt ihr erster Besuch. Nachdem sie seine Werke betrachtet hatte, rief sie freudig: »Das Wort! Wißt Ihr noch, Meister? Ich sagte Euch damals schon, daß Ihr das rechte gefunden. Ihr habt Euch sehr verändert, sehr, und es ist schade um Eure wallenden Locken; aber Ihr seht dennoch aus wie ein glücklicher Mann, und wem verdankt Ihr's? Dem Worte, dem einzig rechten Worte: der Kunst!« Er ließ sie zu Ende reden, dann aber entgegnete er ernst: »Es gibt noch höheres Wort, edle Dame! Wer das voll und ganz sein nennt, der ist wohl aufgehoben und braucht nicht länger zu irren, zu suchen, zu zweifeln.« »Und das hieße?« fragte sie abweisend und mit einem überlegenen Lächeln. Er aber entgegnete fest: »Ich hab' es gefunden; es heißt: die Liebe .« Da neigte sie das Haupt und sagte wehmütig und leise: »Ja, ja – die Liebe