Jens Peter Jacobsen Niels Lyhne Roman Vorwort Jens Peter Jacobsen wurde am 7. April 1847 in Thisted, einem Städtchen unweit des Lim Fjords, als Sohn eines wohlhabenden kleinen Kaufmanns geboren. Kaum 40 Jahre alt starb er am 30. April 1885 in Kopenhagen. Das Leben, das zwischen diesen beiden Daten spielt, war ohne große Ereignisse. Mit 16 Jahren verläßt Jacobsen seine Heimatstadt, um in Kopenhagen ein Privatgymnasium zu besuchen. Weder Fleiß noch besondere Leistungen zeichnen ihn aus. Er gilt als Sonderling, der stundenlang draußen im Stadtgraben liegt und Algen fischt. So besteht er die Reifeprüfung nicht und kommt erst 1867 zur Universität, um Naturwissenschaften zu studieren. Vorher aber macht er schon seinen ersten literarischen Versuch, der – herzlich unbedeutend – als Kuriosum nicht unerwähnt bleiben soll. Er gibt im Jahre 1864 die Wochenschrift »Kvas« heraus, die über einen Abonnenten nie herauskam. In den Jahren 1871–1873 veröffentlicht Jacobsen in naturwissenschaftlichen Zeitschriften bemerkenswerte Arbeiten über die Lehren Darwins, für die er sich als einer der ersten in Dänemark einsetzte. Er übersetzt Darwins »Über die Entstehung der Arten« und »Die Abstammung des Menschen«. In diese Zeit fällt auch die von der Universität preisgekrönte Abhandlung: » Aperçu systematique et critique sur les desmidiacees du Danemark «, von der er selbst sagt, daß sie »außerordentlich gründlich ist; ob irgendein Mensch sie gelesen haben sollte, ist dagegen zweifelhaft«. Jacobsen hatte inzwischen Anschluß an die junge Dichtergeneration Dänemarks gefunden, die sich um Georg Brandes scharte. Er schreibt jetzt Gedichte, zwar ohne besondere Originalität – die durch Mahlers [Hier irrt der Herausgeber. Die Gurre-Lieder wurden von Arnold Schönberg vertont. Re.] Vertonung später so berühmten Gurrelieder befinden sich darunter –, aber sie zeigen doch schon, daß Jacobsen ein festes Ziel hat, um das er kämpft. Endlich erreicht er, was er will: den eigenen Stil, das Originelle seines Schaffens, die Realität seines Erlebens. Und so gelingt ihm 1872 der große Wurf: er veröffentlicht die Novelle »Mogens«. Mit dieser Novelle stellte sich Jacobsen mit einem Schlag an die Spitze der jungen dänischen Literatur, deren erwählter Führer er wurde. Der Erfolg nimmt ihm die letzten Zweifel an seinem dichterischen Beruf, und er ist glücklich und voller Pläne. Es beginnen die Vorarbeiten zu seinem ersten großen Roman, zu »Frau Marie Grubbe, Interieurs aus dem 17. Jahrhundert«. Tag um Tag sitzt er jetzt in der Bibliothek und sammelt aus alten Chroniken und Pergamenten Material und Stimmungen zu seinem Werk, das möglichst schnell fertig werden soll. Doch mitten in der Arbeit macht sich das furchtbare Leiden bemerkbar, das bestimmend wurde für das weitere Leben und Schaffen des Dichters und für seinen frühen Tod. Eine Erkältung zunächst, eine Folge des stundenlangen Umherwatens im Sumpf beim Fischen von Algen; dann auf einer Italienreise in Florenz 1873 der erste Blutsturz. Eiligst reist der Dichter zurück nach Thisted, »um zu arbeiten, und um gesund zu werden«. Er selbst will nicht an seine Krankheit glauben. »Ich werde schon eine Anstrengung machen,« schreibt er, »vorläufig ist nur etwas mit der Brust.« Aber bald darauf heißt es schon: »– Gesundheitszustand nicht gut, Schmerzen keine, aber Arbeitskraft ebensowenig.« Und wenn er auch später (1874) wieder schreibt: »Es ist indessen nicht die Brust, es ist nur die Verdauung, und das wird schon besser werden«, so versucht er damit sich und seine Umgebung über seinen Zustand zu täuschen. Elf Jahre Lebens- und Arbeitszeit läßt ihm die Krankheit noch, und in diesen elf Jahren entstehen die wenigen Werke, die das dichterische Schaffen Jacobsens darstellen. Langsam und mühevoll sind sie dem kranken, arbeitsunfähigen Körper von einem zähen Geist abgerungen. So wird »Frau Marie Grubbe« erst 1876 vollendet. Schon vor dem Abschluß dieses ersten Romans war der Plan zum zweiten, zu »Niels Lyhne«, entstanden, aber erst 1877 beginnt der Dichter mit der eigentlichen Arbeit, die er auf Reisen nach der Schweiz (1877/78) und Italien (1879) in Montreux und Rom fortsetzt. Zwischendurch war er eine Zeitlang wieder in der Heimat, und nach der endgültigen Rückkehr wird der Roman hier in Thisted im Dezember 1880 fertig und noch im gleichen Monat veröffentlicht. »Niels Lyhne, die Geschichte einer Jugend«, wurde kein lauter Erfolg. Das Publikum hatte wieder eine Kulturschilderung wie in »Marie Grubbe« erwartet; mit diesem neuen Werk konnte es nicht fertig werden. Alles daran war ihm fremd, und selbst die Freunde des Dichters mußten erst lernen, es zu verstehen, bevor sie es bewundern konnten. Jetzt sollte nach Jacobsens Plänen ein historischer Roman folgen, »etwas Helles, Leichtes – voll Lebensfreude und Laune«, eine Geschichte, die aus der pietistischen Zeit Christians VI. hinüberreichte in die lustigen Tage Friedrichs V. Aber daraus wurde nichts mehr. Mogens, die beiden Romane und die Novellen: »Der Schuß im Nebel«, »Zwei Welten«, »Die Pest im Bergamo«, »Dort müßten Rosen blühen« und »Frau Fönß«, stellen das ganze Ergebnis seines dichterischen Schaffens dar. Im Winter 1884 finden wir den Dichter in Kopenhagen, immer kränker, einsamer und von stolzer Verschlossenheit. »Er war stolz auf die Art, wie man sich ehedem Königssöhne stolz dachte, wenn das Unglück über ihnen war.« Im Sommer 1884 hatte er zum letzten Male die neunzehnstündige Reise nach Thisted gemacht, die ihm fast den Tod brachte. Aber er erholt sich noch einmal. Noch einmal kann er nach Kopenhagen zurückkehren, erlebt noch einmal den Frühling und die herrliche Zeit der ersten Kirschenblüte. Dann stirbt er am 30. April 1885 in den Armen seiner Mutter. Ihr galt sein letztes Gefühl, sein letztes Lebewohl. Als man Jacobsen einst um eine Schilderung seines Lebens bat, schrieb er: »... was Begebenheiten anlangt, so weiß ich mich wirklich an keine zu erinnern, die Interesse haben könnten und zu erwähnen wären; die hingegen, die nicht erwähnt werden können, sind natürlich interessant genug.« Wir haben den äußeren Lebenslauf des Dichters geschildert, und wir müssen ihm in seiner Behauptung recht geben: Große Begebenheiten, die sein Leben bestimmen, die es in schicksalhaftes Auf und Ab verflechten, die sein Schaffen bestimmend beeinflussen, ihm Richtung und Ziel geben, sind nicht vorhanden. Es bleibt, »was nicht erwähnt werden kann«: Das innere Leben, das dieser scheue, vornehme Mensch tief und leidenschaftlich lebt, die zarte, empfindliche Seele, deren Regungen der Umwelt in ständiger Abwehr verborgen gehalten werden hinter der Maske der Ironie. Wir wissen nichts vom Werden der Welt in ihm, wissen nicht, wie dieser Dichter wurde, wie das Werk entsteht und wächst. Keine Tagebuchblätter, kaum Briefe gestatten Einblick in sein Schaffen. Nur das Werk bleibt uns, um den Menschen daraus kennenzulernen. Dieses Werk zeigt uns einen Menschen, der zugleich Phantast ist und Realist; der fest auf der Erde steht und die Dinge so sieht, wie sie sind – und der alle Wahrnehmungen und alle Ergebnisse seines Forschens nur benutzt, um den Gestalten seiner Träume Inhalt zu geben. Er ist Forscher und Dichter zugleich. Er sieht deutlich jede Einzelheit einer Erscheinung und weiß ihren Charakter scharf zu umschreiben; aber niemals verliert er sich in Einzelheiten. Punkt für Punkt setzt er hin, und alles vereinigt er zu einem Gemälde, das lebendig ist, und das die Stimmung trägt, die der Dichter, der Künstler ihm aus eigenem gibt. In seinem Erstlingswerk läßt Jacobsen einmal Thora den Mogens fragen, ob er die Natur liebe, »die Natur am Werkeltage?« »Gradeso,« antwortet Mogens, »gradeso; jedes Blatt, jeder Zweig, jeder Lichtstrahl, jeder Schatten kann mich erfreuen. Kein Hügel ist so kahl, keine Torfgrube so viereckig, keine Landstraße so langweilig, daß ich mich nicht einen Augenblick darin verlieben könnte.« »Welche Freude können Sie dann aber an einem Baum, an einem Busch haben, wenn Sie sich nicht vorstellen, daß ein lebendes Wesen darin wohnt, das die Blumen öffnet und schließt und die Blätter glättet? Wenn Sie einen See sehen, einen tiefen, klaren See, lieben Sie ihn dann nicht deshalb, weil Sie sich vorstellen, daß tief, tief unten Wesen wohnen, die ihre Freuden und ihre Sorgen haben, ihr eigenes seltsames Leben mit seltsamem Sehnen; und was ist zum Beispiel am Bredbjerg Grünhügel Schönes, wenn Sie sich nicht denken, daß ganz, ganz kleine Gestalten darin wimmeln und summen; die seufzen, wenn die Sonne aufgeht, jedoch zu tanzen und zu spielen beginnen, wenn der Abend kommt.« »Wie wundersam schön das ist! Und dies sehen Sie?« »Und Sie?« »Ich kam es nicht erklären, aber es liegt in der Farbe, in der Bewegung und in der Form, und dann in dem Leben, das darin ist; der Saft, der in Bäume und Blumen steigt, der Regen und die Sonne, die ihnen Wachstum bringen, der Sand, der in Haufen zusammenweht, und die Regenschauer, die die Abhänge furchen und zerklüften! Ach! Das läßt sich gar nicht begreifen, wenn ich es erklären soll.« »Und ist das genug für Sie?« »Es ist oft zuviel! – allzuviel! Und wenn nun Form und Farbe und Bewegungen so reizend sind und so leicht, und hinter all dem eine seltsame Welt liegt, die lebt und jubelt und seufzt und verlangt und das alles sagen und singen kann, dann fühlt man sich so verlassen, wenn man jener Welt nicht nahekommen kann, und das Leben wird so matt und so schwer.« Das ist die Art, in der Jacobsen die Natur sieht, genau so, wie er es durch Mogens sagen läßt. Er ist kein Romantiker , der die Dinge lebendig werden läßt, indem er sie zu Geistern und Elfen macht. – Er sucht das Leben in der Natur selbst, und jede Blume, jeder Strauch, jeder Berg und jeder Stein hat seine eigene Seele, sein eigenes Leben, das man erkennen muß. Und wo die Sinne zum Erkennen nicht ausreichen, da muß die Traumkunst helfen; da erkennt der Dichter, der Künstler kraft seiner Intuition das Wesen der Dinge. So wie ein Maler die Natur und das Leben und die Menschen malt – so schreibt Jacobsen, und das war das Neue an seiner Kunst. Dieses Neue, dieses Malen mit Worten brachte ihm den großen Erfolg, als er »Frau Marie Grubbe« veröffentlichte. Hier sind wirkliche »Interieurs des 17. Jahrhunderts« entstanden, Bilder von einer Treue des Zeitkolorits, die sich bis in den Stil und die Aufstellung ganz neuer Worte ausprägt. Episodenhaft steht Gemälde neben Gemälde. Alle sind unendlich fein gemalt, jedes in sich einheitlich geschlossen; aber die Komposition des Ganzen, der einheitliche künstlerische Aufbau fehlt. Das ist der Fehler in allen Werken des Dichters, dem alle Technik unwichtig und nebensächlich erschien. »Niels Lyhne«, der Roman, dem diese Einleitung vorangeht, ist Jacobsens größtes Werk. Es sollte die Geschichte einer »Jugend« werden, »eine psychologische Schilderung jener Gruppe freidenkend angelegter Romantiker«, »jener Jugend, die jetzt alt ist«. Aber es wurde schließlich doch nur das, was der Dichter nicht wollte, »eine Jugendgeschichte«, die Geschichte des einzelnen Menschen »Niels Lyhne«. Niels Lyhne ist die Gestalt des großen Träumers, der, hin und her geworfen zwischen Traum und Leben, das Leben nicht zwingen kann, weil er, ewig ein Träumer, nie sich selbst ganz fand, und der den Traum, die Illusion nicht entbehren kann, weil nur im Traum Glück ist, weil er weiß, daß Sehnen mehr ist als Erfüllung. Und das ist schließlich das Wesen und der Kern aller Gestalten, die der Dichter schuf. Und das ist schließlich der Mensch Jacobsen selbst. Ein Realist, der aus des Lebens Wirklichkeit sich seine Träume schuf, der mit beiden Füßen fest auf der Erde stand und ewig den Traum von Schönheit und Glück träumte. In Sehnsucht, in Sehnsucht ich lebe. Dieser Ausklang eines seiner Gedichte waren die Musik und das Leitmotiv seines Lebens. 1. Kapitel Sie hatte der Blider schwarze, strahlende Augen mit den feinen, schnurgeraden Brauen, sie hatte ihre stark ausgebildete Nase, ihr kräftiges Kinn und ihre schwellenden Lippen. Auch den seltsamen, schmerzlich sinnenden Zug um die Mundwinkel und die unruhigen Kopfbewegungen hatte sie geerbt; ihre Wange aber war bleich und weich wie Seide war ihr Haar, das sich glatt und leicht um die Form des Kopfes legte. So waren die Bliders nicht; ihre Farben waren Rosen und Bronze. Ihr Haar war struppig und kraus, wie eine Mähne so dicht; und tiefe, volle, biegsame Stimmen hatten sie, seltsame Zeugnisse für die Überlieferungen ihrer Familie – von lärmenden Jagdfahrten, feierlichen Morgenandachten und den tausend Liebesabenteuern ihrer Vorfahren. Aber ihre Stimme war matt und klanglos. Ich erzähle von ihr, wie sie als Siebzehnjährige war; ein paar Jahre später, als sie verheiratet war, hatte ihre Stimme mehr Fülle, die Farbe der Wangen war frischer, und das Auge zwar matter, zugleich aber größer und dunkler geworden. Mit siebzehn Jahren aber war sie sehr verschieden von ihren Geschwistern, und es bestand auch eigentlich kein nahes Verhältnis zwischen ihr und ihren Eltern. Die Bliders nämlich waren ein praktisches Geschlecht und nahmen das Leben so, wie es war; sie taten ihre Arbeit, schliefen ihren Schlaf und verlangten nie nach anderen Vergnügungen als nach dem Erntefest und drei, vier Weihnachtsschmäusen. Religiös bewegt waren sie nicht; aber es hätte ihnen ebenso leicht einfallen können, ihre Steuern nicht zu zahlen, als Gott nicht zu geben, was Gott gebührte; und deshalb sprachen sie ihr Abendgebet, gingen an hohen Feiertagen in die Kirche, sangen am Weihnachtsabend ihren Choral und nahmen zweimal im Jahr das heilige Abendmahl. Sie waren auch nicht wißbegierig, aber ihr Sinn war durchaus nicht unempfänglich für kleine, sentimentale Lieder, und wenn der Sommer kam, und das Gras dicht und üppig auf den Wiesen wuchs, und die Ähren auf den weiten Äckern wogten, dann sagten sie wohl zueinander, daß die Zeit schön sei, um über Land zu fahren; aber sie waren keine besonders poetischen Naturen; Schönheit berauschte sie nicht, sie hatten keine unbestimmte Sehnsucht, kannten keine wachen Träume. Aber mit Bartholine war es anders; sie hatte durchaus kein Interesse für die Ereignisse im Stall und auf den Feldern, kein Interesse für Meierei und Haushalt – nicht das geringste. Sie liebte Gedichte. In Gedichten lebte sie, in Gedichten träumte sie, und an Gedichte glaubte sie beinahe mehr als an alles andere. Eltern und Geschwister, Nachbarn und Bekannte sprachen nie ein Wort, das anzuhören gelohnt hätte, denn ihre Gedanken erhoben sich nie über das Fleckchen Erde oder über die Arbeit, die sie unter den Händen hatten; ebensowenig wie ihre Blicke jemals über Verhältnisse und Begebenheiten hinaussahen, die sie vor Augen hatten. – Aber ihre Gedichte! Die waren für sie voll neuer Gedanken und tiefsinniger Weisheit vom Leben draußen in der Welt, wo der Kummer schwarz, und die Freude rot ist; sie funkelten von Bildern, schäumten und perlten in Rhythmen und Reimen; – sie handelten immer von jungen Mädchen, und die jungen Mädchen waren edel und schön, sie wußten selbst kaum wie sehr, ihre Herzen und ihre Liebe waren mehr wert als alle Reichtümer der Welt; und die Männer trugen sie auf Händen, hielten sie hoch empor in den wonnigen Glanz des Glücks, ehrten sie und beteten sie an, waren glücklich, ihre Gedanken und Pläne, Sieg und Ehre mit ihnen teilen zu dürfen, und sagten dann noch obendrein, daß diese glücklichen jungen Mädchen ihnen alle Pläne ersonnen und alle Siege errungen hätten. Und warum sollte man nicht selbst solch ein Mädchen sein können? Diese sind so – und jene so – sie selbst aber wissen es nicht; weiß ich denn, wie ich bin? und die Dichter sagen ausdrücklich, dies sei das Leben, und leben bedeute nicht nähen und stricken, den Haushalt führen und dumme Besuche machen. Eigentlich lag, genau genommen, in all dem nur der ein wenig krankhafte Trieb, sich selbst zu fühlen, das Streben, sich selbst zu finden, das so oft bei einem jungen, mehr als gewöhnlich begabten Mädchen erwacht; schlimm aber war, daß sich in ihrer Umgebung keine einzige überlegene Natur befand, an der sie ihre eigene Begabung hätte messen können; nicht einmal eine verwandte Natur gab es, und so kam sie dazu, sich selbst als etwas Merkwürdiges, Einzigartiges, als tropisches Gewächs zu betrachten, das unter rauhem Himmelsstrich emporgeschossen nur kümmerlich seine Blätter zu entfalten vermag, während es in wärmerer Luft, unter einer heißeren Sonne schlanke Stengel mit einem wunderbar reichen, strahlenden Blumenflor getrieben hätte. Das, meinte sie, sei ihr eigentliches Wesen, und das hätte rechte Umgebung aus ihr machen können, und sie träumte tausend Träume von diesen sonnigen Gegenden, verzehrte sich vor Sehnsucht nach ihrem wahren, reichen Ich und vergaß, was zu vergessen so nahe liegt, daß selbst die schönsten Träume, das tiefste Sehnen den menschlichen Geist nicht um einen Zoll fördern.   Dann kommt eines Tages einer und freit um sie. Es war der junge Lyhne auf Lönborghof. Letzter männlicher Sprosse seines Geschlechts, das während drei Generationen zu den intelligentesten in der Provinz gehört hatte. Als Bürgermeister, Amtsverwalter oder königliche Kommissarien, häufig mit dem Justizrattitel bedacht, dienten sie in reiferem Alter ihrem König und ihrem Vaterland. In ihren jungen Jahren hatten sie auf vernünftig geordneten und gründlich durchgeführten Studienreisen in Frankreich und Deutschland ihren leichtempfänglichen Geist mit den Kenntnissen, Kunstgenüssen und Lebenseindrücken bereichert, die ihnen die fremden Länder in so reichem Maße boten; und wenn sie dann heimkehrten, so wurden die Erinnerungen an jene Jahre im Ausland nicht beiseite gelegt, wie man die Erinnerung an ein Fest abtut, dessen letztes Licht und letzter Ton leise verschweben; nein, das Leben in der Heimat wurde auf diesen Jahren aufgebaut und die einmal geweckten Interessen ließ man nicht in Verfall geraten, sondern pflegte und förderte sie durch alle Mittel, die zu Gebote standen; so waren denn ausgesuchte Kupferstiche, kostbare Bronzen, deutsche Dichterwerke, französische Rechtsabhandlungen und französische Philosophie Alltagsdinge und Alltagsgespräche im Hause der Lyhne. Was ihr Wesen betraf, so bewegten sie sich mit einer altmodischen Leichtigkeit und stilvollen Liebenswürdigkeit, die oft eigentümlich genug abstach von der plumpen Majestät und unbeholfenen Stattlichkeit ihrer Standesgenossen. Ihre Rede war breit abgerundet, zierlich pointiert, aber ein wenig affektiert rhetorisch, das ließ sich nicht leugnen; aber sie paßte ausgezeichnet zu diesen großen, breiten Gestalten, mit den hohen, gewölbten Stirnen, dem dichten lockigen Haar, den hellen, ruhig lächelnden Augen und den feingeformten, ein wenig gebogenen Nasen; der untere Teil des Gesichts hingegen war zu grob, der Mund zu breit, und die Lippen waren auch zu voll. Doch wie diese äußeren Züge schwächer bei dem jungen Lyhne hervortraten, so war auch gleichsam die Intelligenz in ihm müde geworden; und sowohl die geistigen Aufgaben als auch die ernsten Kunstgenüsse, die er auf seinem Wege getroffen, hatten keinerlei Eifer oder Streben in ihm geweckt; seiner Pflicht getreu hatte er sich mit ihnen beschäftigt und Anstrengungen gemacht; die Anstrengungen jedoch wurden keineswegs durch die Freude erträglicher, die er etwa darüber empfand, seine Kräfte in Schwung kommen zu fühlen, und kein stolzes Selbstgefühl belohnte sie, als es sich zeigte, daß diese Kräfte ausreichten. Die Befriedigung darüber, daß er überhaupt gerungen hatte, war der einzige Lohn, den er erhielt. Sein Gut Lönborghof hatte er von einem kürzlich verstorbenen Onkel geerbt; deshalb war er von der traditionellen Auslandsreise zurückgekehrt, um der Bewirtschaftung der Besitzung selbst vorzustehen. Und da die Bliders seine nächsten Gutsnachbarn waren, und sein Onkel in vertrauten Beziehungen zu der Familie gestanden, machte er dort einen Besuch, sah Bartholine und verliebte sich in sie. Daß sie sich in ihn verliebte, war beinahe selbstverständlich. Das war endlich einmal einer aus der Welt da draußen, einer, der in den großen, fernen Städten gelebt hatte, wo Wälder von Türmen sich vom sonnenklaren Himmel abhoben, wo die Luft erzitterte vom Klang der Glocken, vom Brausen der Orgel, von den Tönen der Mandoline, während glänzende Aufzüge in Gold und Farben festlich durch die breiten Straßen wallten; wo Marmorpaläste schimmerten, und die bunten Wappenschilder stolzer Geschlechter paarweise über hohen Toren prangten, während oben auf gewölbten steinernen Balkonen Schleier wehten und Fächer blitzten. Der hatte doch jene Gegenden durchwandert, wo siegreiche Heere des Weges gezogen waren; wo gewaltige Schlachten die Namen von Dörfern und Feldern mit unsterblichem Glanz umgaben; wo der Rauch von den Lagerfeuern der Zigeuner weit über die Kronen der Wälder aufstieg, während rote Ruinen von weinumkränzten Höhen in ein lächelndes Tal hinabblickten, wo das Mühlrad brauste, und die Herden mit läutenden Glocken über hochgewölbte Brücken heimwärtszogen. Von all diesen Dingen erzählte er, aber nicht wie die Dichter, sondern ganz natürlich und so vertraut damit, ganz wie sie zu Hause von den Städten und Nachbargemeinden des Stifts redeten. Er sprach auch von den Malern und Dichtern, und er hob Namen bis in den Himmel, die sie niemals hatte nennen hören. Er zeigte ihre Bilder und im Garten drunten auf dem Hügel, von wo sie auf die blanken Wasser des Fjords und die braunen Wogen der Heide sehen konnten, las er ihre Gedichte vor; – die Liebe machte ihn poetisch, die Gegend wurde schön, die Wolken wurden zu den Wolken, die durch die Gedichte zogen, und die Bäume des Gartens hatten das Laub, das in den Balladen so wehmütig rauschte. Bartholine war glücklich, denn ihre Liebe löste Tag und Nacht in eine Reihe poetischer Situationen auf. So war es Poesie, wenn sie den Weg hinunter ihm entgegenschritt; die Begegnung war Poesie, der Abschied war es; es war Poesie, wenn sie oben auf dem Hügel stand, im Schein der Abendsonne, und ihm ein letztes Lebewohl zuwinkte und dann wehmütig froh auf ihre einsame Kammer ging, um ungestört an ihn zu denken; und wenn sie in ihrem Abendgebet für ihn betete, dann war auch das Poesie. Jetzt empfand sie nicht mehr jenes unbestimmte Sehnen; das neue Leben mit seinen wechselnden Stimmungen genügte ihr, und ihre Gedanken und Anschauungen waren klar geworden, denn da war jetzt einer, vor dem sie sich rückhaltlos geben konnte, ohne Furcht, mißverstanden zu werden. Auch in anderer Hinsicht hatte sie sich verändert; das Glück hatte sie Eltern und Geschwistern gegenüber liebenswürdiger gemacht, und sie fand, daß alle eigentlich verständiger waren und mehr Gefühl besaßen, als sie geglaubt hatte. Dann heirateten sie. Das erste Jahr glich sehr der Brautzeit; aber als sie länger zusammenlebten, konnte Lyhne es allmählich vor sich selbst nicht mehr verbergen, daß er müde wurde, seiner Liebe beständig neuen Ausdruck zu verleihen, ständig gehüllt in das Flügelkleid der Poesie, die Schwingen auszubreiten, zum Flug durch alle Himmel der Stimmungen und alle Tiefen der Gedanken; er sehnte sich danach, in behaglicher Ruhe still auf seinem Zweig zu sitzen und sein müdes Haupt zum Schlummer im weichen Flaum der Flügel zu bergen. Er stellte sich die Liebe nicht vor wie eine ewig lebendig lodernde Flamme, die mit ihrem mächtigen, flackernden Schein in alle ruhigen Falten des Daseins hineinleuchtete und phantastisch alles größer und fremder erscheinen ließ, als es war – für ihn war die Liebe eher still wie die ruhig glimmende Glut, die vom weichen Aschenlager ihre gleichmäßige Wärme ausstrahlt und in gedämpftem Dämmerlicht das Ferne sanft verhüllt und das Nahe doppelt nah und doppelt heimatlich erscheinen läßt. Er war müde, ermattet; er konnte diese ewige Poesie nicht ertragen, er sehnte sich nach dem festen Boden des Alltags wie ein Fisch, der in der heißen Luft erstickt, sich nach der klaren, frischen Kühle der Wogen sehnt. Es mußte aufhören, es mußte von selbst aufhören; Bartholine stand dem Leben und den Büchern nicht mehr unerfahren gegenüber, sie war ebenso vertraut damit wie er; er hatte ihr alles gegeben, was er erhalten hatte, und jetzt sollte er immer noch geben; weiter und weiter, das war unmöglich, er hatte nichts mehr; – sein einziger Trost war, daß Bartholine sich Mutter fühlte. Schon lange hatte Bartholine mit Kummer bemerkt, daß sich Lyhnes Bild in ihr mehr und mehr veränderte, daß er nicht mehr auf der schwindelnden Höhe stand, wohin sie ihn in der Verlobungszeit gestellt hatte. Sie zweifelte noch nicht daran, daß er das war, was sie eine poetische Natur nannte; aber sie war ängstlich geworden, denn die Prosa hatte begonnen, zuweilen den Pferdefuß hervorzustecken. Desto eifriger jagte sie der Poesie nach und versuchte, den alten Zustand wiederherzustellen, indem sie ihn mit noch mehr Stimmung umgab, mit noch größerer Begeisterung; aber sie fand so geringen Widerklang, daß sie sich selbst fast sentimental und affektiert vorkam. Eine Zeitlang versuchte sie noch, den widerstrebenden Lyhne mitzuziehen; sie wollte nicht an das glauben, was sie ahnte; aber als das Fruchtlose ihrer Anstrengung allmählich Zweifel in ihr erweckte, ob ihr Geist und ihr Herz wirklich solch großen Reichtum bargen, wie sie geglaubt hatte, da ließ sie ihn plötzlich fallen, wurde kalt, still und verschlossen und suchte die Einsamkeit, um in Ruhe über ihre zerstörten Illusionen zu trauern. Denn sie sah nun, daß sie bitter getäuscht war, und daß Lyhne sich innerlich eigentlich gar nicht von den Menschen ihrer alten Umgebung unterschied; und was sie betrogen hatte, schien ihr das ganz gewöhnliche zu sein: seine Liebe hatte ihn für eine kurze Stunde mit einer flüchtigen Glorie von Geist und Hoheit umgeben, was sooft bei niederen Naturen geschieht. Diese Veränderung in ihrem Verhältnis beängstigte und betrübte Lyhne, und er bemühte sich, es gutzumachen durch unglückliche Versuche, noch einmal den alten schwärmerischen Flug zu fliegen; aber das diente nur dazu, Bartholine noch klarer zu beweisen, wie groß ihr Irrtum gewesen war. So stand es zwischen den Eheleuten, als Bartholine ihr erstes Kind zur Welt brachte. Es war ein Knabe, und sie nannten ihn Niels. 2. Kapitel In gewisser Weise führte das Kind die Eltern wieder zusammen, denn an seiner Wiege fanden sie sich stets in gemeinsamer Hoffnung, in gemeinsamer Freude und in gemeinsamer Furcht; an das Kind dachten sie und von ihm sprachen sie gleich gern und gleich oft; und dann war einer dem andern so dankbar für das Kind und für seine Freude darüber und seine Liebe zu ihm. Aber es lag doch eine weite Kluft zwischen ihnen. Lyhne ging ganz auf in seiner Landwirtschaft und in Gemeindeangelegenheiten, ohne doch in irgendeiner Weise führend oder reformierend aufzutreten; aber er arbeitete sich gewissenhaft in das Bestehende hinein, sah als beteiligter Zuschauer zu und gab sein Einverständnis zu den vernünftigen Verbesserungen, die sein alter Großknecht oder der Gemeindeälteste nach genauer Überlegung, nach sehr genauer Überlegung vorschlugen. Die Kenntnisse zu verwerten, die er in früherer Zeit erworben hatte, das fiel ihm niemals ein; dazu hatte er viel zu wenig Vertrauen zu dem, was er Theorie nannte und allzu viel Achtung vor den durch alten Brauch geheiligten Erfahrungssätzen, die die andern das wirklich Praktische nannten. Überhaupt deutete nichts an ihm darauf hin, daß er nicht Zeit seines Lebens an diesem Ort und in dieser Weise gelebt hatte. Eine Kleinigkeit jedoch ausgenommen. Nämlich diese, daß er oft halbe Stunden lang an einer Hecke, oder auf einem Grenzstein sitzen und in seltsam vegetativer Ergriffenheit auf den üppig grünenden Roggen, oder den goldnen, ährenschweren Hafer starren konnte. Das hatte er anderswoher; das erinnerte an den früheren Lyhne, den jungen Lyhne. Bartholine, in ihrer Welt, fand sich nicht so schnell zurecht, nicht so auf einmal, ohne Aufhebens und Herumtasten. Nein, erst klagte sie in den Versen von hundert Dichtern, in der weitschweifigen Breite jener Zeit über die tausend Fesseln, Bande und Schranken des menschlichen Lebens; bald kleidete die Klage sich in laute Wut, die ihren Wortgeifer gegen die Throne der Kaiser und die Gefängnisse der Tyrannen schleudert, bald in den stillen, mitleidigen Kummer, der das reiche Licht der Schönheit zurückweichen sieht von einem blinden und sklavisch gesonnenen Geschlecht, geknechtet und niedergebeugt von der gedankenlosen Geschäftigkeit des Tages; – und dann wieder war das Gewand dieser Klage wie das stille Seufzen nach dem freien Flug des Vogels oder nach der Wolke, die so leicht in die Ferne segelt. Aber sie wurde zu klagen müde, und die aufreizende Ohnmacht der Klage stachelte sie an zu Zweifel und Bitterkeit; und wie gewisse Gläubige ihren Heiligen zertrümmern und ihn mit Füßen treten, wenn er seine Macht nicht zeigen will, so verspottete sie jetzt die vergötterte Poesie und höhnisch fragte sie sich wohl selber, ob nicht nächstens der Vogel Rock sich unten auf dem Gurkenbeet zeigen oder Aladins Höhle sich unter dem Fußboden des Milchkellers auftun würde; in kindischem Zynismus belustigte sie sich damit, die Welt übertrieben prosaisch zu machen, nannte den Mond einen grünen Käse und die Rosen Potpourri, alles in dem Gefühl, daß sie sich räche, aber zugleich auch mit dem halb ängstlichen, halb aufreizenden Bewußtsein, daß dies Blasphemie sei. Der Befreiungsversuch, der hierin lag, mißglückte. Sie versank wieder in ihre Träume, Träume aus der Mädchenzeit; aber es bestand der Unterschied, daß nun keine Hoffnung aus ihnen hervorleuchtete; und dazu kam dann noch: sie hatte gelernt, daß alles nur Träume waren, ferne, betörende Luftgebilde, die keine Sehnsucht der Welt zu ihrer Erde herabzuziehen vermochte; und wenn sie sich ihnen jetzt hingab, so geschah es nur mit Unruhe, und trotz einer strafenden Stimme in ihrem Innern, die ihr sagte, daß sie dem Trinker gleiche, der weiß, daß seine Leidenschaft verderblich ist, und daß jeder neue Rausch seiner Schwäche Kräfte nehme und sie der Macht seiner Leidenschaft hinzufüge. Aber die Stimme sprach vergebens, denn ein nüchtern gelebtes Leben ohne das süße Laster der Träume war kein mögliches Leben – das Leben hatte ja nur den Wert, den die Träume ihm verliehen. So verschieden waren des kleinen Niels Lyhne Vater und Mutter, die beiden freundlichen Mächte, die ohne es zu wissen, einen Kampf um seine junge Seele kämpften, von dem Augenblick an, wo sich nur ein Schimmer von Intelligenz zeigte, mit der etwas anzufangen war; und je älter das Kind wurde, desto heftiger wurde der Kampf, denn um so reicher wurde die Auswahl unter den Waffen. Die Eigenschaft des Sohnes, durch die die Mutter auf ihn einzuwirken suchte, war seine Phantasie, und Phantasie besaß er in vollem Maß; aber schon als ganz kleines Kind zeigte er, daß für ihn ein bedeutender Unterschied bestand zwischen der Fabelwelt, die der Mutter Worte schuf und der, die wirklich war; denn es geschah mehr als einmal, wenn die Mutter ihre Märchen erzählte, und die große Bedrängnis des Helden schilderte, daß Niels, der gar keinen Ausweg aus all diesem Jammer zu finden vermochte, und nicht mehr wußte, wie all diesem Elend abgeholfen werden könne, das sich in undurchdringlichem Ring enger und enger um ihn und seinen Helden auftürmte, – ja, da geschah es manches Mal, daß Niels plötzlich seine Wange an die der Mutter preßte und mit Tränen in den Augen und bebenden Lippen flüsterte: »Aber dies ist doch nicht wirklich wahr?« Und wenn er dann die tröstende Antwort erhalten, die er erhoffte, so seufzte er tief erleichtert auf und lauschte der Geschichte in ruhigem Wohlbehagen zu Ende. Aber die Mutter liebte eigentlich diese Fahnenflucht nicht. Als er zu groß geworden war für die Märchen, und sie müde wurde, immer neue zu erdichten, erzählte sie ihm mit kleinen Ausschmückungen von all den Heroen aus Krieg und Frieden, deren Leben geeignet war, darzutun, welche Macht einer Menschenseele innewohnt, wenn sie nur das Eine, das Große will und sich nicht mutlos abschrecken läßt von dem kurzsichtigen Zweifel des Tages, noch herabsinkt in weichen, tatenlosen Frieden. Das war der Ton ihrer Erzählungen, und da die Weltgeschichte nicht Helden genug hatte, die paßten, so erwählte sie sich einen Phantasiehelden, über dessen Taten und Schicksale sie frei verfügen konnte – so recht einen Helden nach ihrem eigenen Herzen, Geist von ihrem Geiste, Fleisch von ihrem Fleische, Blut von ihrem Blute genährt. Einige Jahre nach Niels Geburt hatte sie nämlich einen toten Knaben zur Welt gebracht, und eben diesen wählte sie; all das, was er hätte werden und vollbringen können, wurde nun dem Bruder in wildem Wechsel vorgeführt, Prometheussehnen, Messiasmut und Herkuleskräfte, naive Travestien voll unbändiger Verschrobenheit, eine Welt wohlfeiler Phantastereien, die von dem, was Wirklichkeit war, nicht mehr in sich trugen, als eben dieses arme, kleine Kinderskelett, das dort oben auf dem Lönborger Friedhof in Staub und Asche zerfiel. Niels irrte sich nicht in der Moral dieser Erzählungen; er begriff vollkommen, daß es verächtlich sei, so zu werden, wie die Menschen im allgemeinen waren; er war auch bereit, das harte Schicksal auf sich zu nehmen, das den Heroen zufiel; und in der Phantasie litt er willig unter den aufreibenden Kämpfen, dem harten Mißgeschick, dem Martyrium des Verkanntwerdens und der friedlosen Siege, – aber es war ihm doch eine unvergleichliche Erleichterung, daß es bis dahin noch gute Weile habe – daß all das erst kommen sollte, wenn er groß war. Wie die Traumbilder, Traumtöne einer Nacht eingehen in den wachen Tag und in Nebelformen, im verklingenden Ton den Gedanken anrufen können, so daß er eine flüchtige Sekunde gleichsam aufhorcht, verwundert fragt, ob ihn Wirklichkeit rief – so flüsterten die Vorstellungen jener traumgeborenen Zukunft leise durch Niels Lyhnes Kindertage und erinnerten ihn sanft doch unaufhörlich daran, daß dieser glücklichen Zeit eine Grenze gesetzt sei, und daß sie endlich eines Tages nicht mehr sein würde. Solches Bewußtsein erweckte den Drang, das Leben der Kindheit in seiner ganzen Fülle zu genießen, es durch alle Sinne einzusaugen, nicht einen Tropfen zu vergeuden, nicht einen einzigen, und darum lag in seinen Spielen eine Innerlichkeit, die sich zur Leidenschaft steigerte unter dem Druck des unruhigen Gefühls, daß die Zeit für ihn verrann, ohne daß er aus ihren vollen Wellen alles hätte bergen können, was sie Welle auf Welle brachte; und darum konnte er sich zu Boden werfen und vor Verzweiflung schluchzen, wenn er sich an einem freien Tage langweilte, weil ihm dies oder jenes fehlte, Spielkameraden, Erfindungsgabe oder trockenes Wetter; und darum ging er stets so ungern zu Bett, denn der Schlaf war das Ereignislose, das völlig Empfindungslose. Aber nicht immer war es so. Es geschah auch, daß er sich müde lief, und daß seine Phantasie keine Farben mehr hatte. Dann fühlte er sich ganz und gar unglücklich, fühlte sich zu klein und nichtig für seine ehrgeizigen Träume, ja, es erschien ihm, daß er ein unwürdiger Lügner sei, der sich frech den Anschein gegeben hatte, das Große zu lieben und zu verstehen, während er in Wirklichkeit nur Gefühl für das Gemeine hatte, während er das Alltägliche liebte, und alle, alle niedrigen Wünsche und Begierden lebendig in sich trug; ja, es geschah auch, daß er gegen das Erhabene den Klassenhaß des Gewürms empfand, und voll Freude diese Heroen gesteinigt hätte, die von besserem Blute waren als er, und die wußten, daß sie es waren. An solchen Tagen mied er seine Mutter, und mit dem Gefühl, daß er einem unedlen Instinkt folge, suchte er den Vater und hatte ein williges Ohr und einen empfänglichen Sinn für dessen erdgebundene Gedanken und traumlose Erklärungen. Er fühlte sich dann so wohl beim Vater, war so froh, daß sie einesgleichen waren und vergaß beinahe, daß dies derselbe Vater war, auf den er von den Zinnen seines Traumschlosses voll Mitleid herabgesehen hatte. Natürlich stand dies nicht mit der Klarheit und Bestimmtheit vor seinem kindlichen Bewußtsein, die das gesprochene Wort den Dingen verleiht – aber es war doch da, unfertig, ungeboren, als unbestimmter, ungreifbarer Keim; es glich der seltsamen Vegetation eines Meeresgrundes, durch fahles Eis gesehen; schlagt das Eis in Stücke oder zieht das dunkel Lebende an das Licht der Worte: das gleiche geschieht – das, was ihr dann sehen und greifen könnt, ist in seiner Klarheit nicht das Dunkle, das gewesen. 3. Kapitel Und die Jahre schwanden dahin, eine Weihnacht folgte der andern und füllte die Luft mit ihrem strahlenden Festesglanz bis weit über den Dreikönigstag; Pfingstferien folgten auf Pfingstferien im Lauf über blumensprießende Frühlingswiesen; Sommerferien auf Sommerferien kamen heran, feierten ihre Orgien in freier Luft, ihre Sommergelage und gossen ihren Sommerwein aus vollen Schalen; dann eines Tages, mit der sinkenden Sonne liefen sie fort, und zurück blieb nur die Erinnerung mit sonnverbrannten Wangen, verwunderten Augen und tanzendem Blut. Und die Jahre schwanden, und die Welt war nicht mehr die Wunderwelt, die sie früher gewesen; diese dunkeln Winkel hinter morschen Holunderbäumen, diese geheimnisvollen Bodenkammern und jener unheimliche Steinsarg unter dem Klastrupwege, – die Schrecken des Märchens wohnten nicht mehr darin; und jener lange Hügel, der sein Gras beim ersten Schlag der Lerche unter den purpurgeränderten Sternen des Tausendschöns und den gelben Glocken der Himmelsschlüssel verbarg, der Bach mit seinen phantastischen Schätzen an Tieren und Pflanzen und die wilden, bergigen Abhänge der Sandgrube mit ihren schwarzen Feuersteinen und silberglänzendem Granitboden – das alles waren nur noch armselige Blumen, Tiere und Steine; das strahlende Gold der Fee war wieder zu welkem Laub verblaßt. Spiel auf Spiel war alt und sinnlos, dumm und langweilig geworden wie die Bilder in einem Abc-Buch, und einmal waren sie doch so neu, so unverwüstlich neu gewesen. Dort hatten sie mit dem Reifen gespielt, Niels und Pastors Frithjof, und der Reifen war ein Fahrzeug, das strandete, wenn es umschlug; fing man es aber auf, ehe es fiel, so hatte man Anker geworfen. Der schmale Gang zwischen den Wirtschaftsgebäuden, der so schwer zu passieren war, hieß Bab el Mandeb oder die Pforte des Todes; auf der Stalltür stand mit Kreide geschrieben, daß hier England, und auf der Scheunentür stand: Frankreich; die Gartenpforte war Rio de Janeiro, das Haus des Schmiedes aber war Brasilien. – Dann spielte man auch Holger Danske, das konnte man zwischen den großen Kletten hinter der Scheune spielen; aber oben auf dem Felde des Müllers waren einige Erdlöcher, die nannten sie Schluchten, und hier hauste Fritz Burmand und seine wilden Sarazenen mit rotgrauen Turbanen und gelben Helmbüschen, Kletten und Königskerzen von riesigem Wuchs; dort war erst das richtige Mauretanien; denn diese grenzenlose Üppigkeit, diese wimmelnden Massen des quellendsten Lebens reizten den Zerstörungstrieb, berauschten die Sinne mit der Vernichtung Wollust, die hölzernen Schwerter blinkten mit dem Glanz des Stahls, der grüne Pflanzensaft färbte die Klingen blutig rot, und die abgehauenen Stengel wurden unter den Füßen zertreten wie Türkenleiber unter den Pferdehufen, es klang fast, als würden Knochen im Leibe zermalmt. Unten am Fjord hatten sie gespielt; Muschelschalen wurden als Schiffe ausgesandt, und wenn sie von einem Tangbüschel aufgehalten wurden oder an einer Sandbank landeten, so war das Kolumbus im Sargassomeer oder die Entdeckung Amerikas, Häfen wurden dort angelegt und mächtige Dämme, der Nil wurde in dem festen Strandsand ausgegraben, und einmal bauten sie Schloß Gurre aus Kieselsteinen, – ein kleiner toter Fisch in einer Austernschale war die tote Tove, und sie selbst waren König Waldemar, der trauernd danebensaß. Aber das war nun vorbei. Niels war jetzt ein großer Knabe, zwölf Jahre alt, ging ins dreizehnte und brauchte nicht mehr auf Disteln und Kletten loszuschlagen, um seinen Ritterphantasien zu genügen, ebensowenig wie er seine Entdeckerträume zum Segeln in Muschelschalen auszusetzen brauchte; ein Buch und eine Sofaecke reichten jetzt, und reichten sie nicht, wollte ihn das Buch nicht an eine Küste tragen, die ihm lieb, so suchte er Frithjof auf und erzählte ihm die Geschichte, die das Buch nicht erzählen wollte. Arm in Arm gingen sie des Wegs, der eine erzählend, beide lauschend, aber wenn sie so recht genießen, der Phantasie die rechte Färbung geben wollten, dann verbargen sie sich in dem duftenden Dunkel des Heubodens. Bald jedoch wurden diese Geschichten, die endeten, wenn man sich gerade so recht in sie eingelebt hatte, zu einer einzigen langen Geschichte, die gar kein Ende mehr nahm, sondern Generation auf Generation überlebte; denn wenn der Held zu alt wurde, oder wenn man ihn unvorsichtigerweise umkommen ließ, so gab man ihm einen Sohn, der alles vom Vater erbte, und obendrein noch mit solchen neuen Eigenschaften ausgestattet wurde, auf die man im Augenblick gerade besonderen Wert legte. Alles, was auf Niels Eindruck gemacht hatte, was er sah, was er verstand, und was er mißverstand, was er bewunderte, und das, wovon er wußte, daß man es bewundern müsse – das alles kam in die Geschichte hinein. Wie ein fließendes Wasser von dem Bilde gefärbt wird, das seinem Spiegel sich nähert, und dieses Bild, so wie es eben auftrifft, in ungetrübter Klarheit wiedergibt, oder es entstellt und verzerrt, oder es in wogenden, unsicher tanzenden Umrissen spiegelt, oder es ganz in dem eigenen Farben- und Linienspiel ertränkt – ebenso faßte des Knaben Erzählung Gefühle und Gedanken, eigene wie fremde, faßte sie Menschen und Begebenheiten, Leben und Bücher, so gut sie sich fassen ließen. Sie war wie ein Leben, das sich neben dem wirklichen Leben abspielte, wie ein trautes, heimliches Versteck, in dem man süß von den wildesten Fahrten träumen konnte; sie war wie ein Feengarten, der sich auf den leisesten Wink hin öffnete und einen in all seine Herrlichkeiten aufnahm, allen andern aber verschlossen verblieb; und oben war er durch flüsternde Palmen geschlossen; unten zwischen Blumen aus Sonne, unter Sternenblättern, zwischen rankenden Korallen öffneten sich tausend Wege nach allen Gegenden und nach allen Seiten; ging man den einen, so kam man hierhin, ging man den andern, so kam man dorthin, zu Aladin und Robinson Krusoe, zu Vaulunder und Henrik Magnard, zu Niels Klim und Mungo Park, zu Peter Simpel und zu Odysseus – und dann brauchte man nur zu wünschen und war wieder daheim.   Einen Monat nach Niels zwölftem Geburtstag zeigten sich zwei neue Gesichter auf Lönborghof. Das eine gehörte dem neuen Hauslehrer, das andere war Edele Lyhnes. Der Hauslehrer, Herr Bigum, war Kandidat der Theologie, auf der Schwelle der Vierziger. Er war ziemlich klein aber kräftig, beinahe lasttierkräftig gebaut; mit breiter Brust, hohen Schultern und wuchtigem Nacken. Die Arme waren lang, die Beine stark und kurz, die Füße breit. Sein Gang war langsam, schwer und nachdrücklich, die Armbewegungen waren unbestimmt, ausdruckslos und erforderten viel Raum. Rotbärtig war er wie ein Wilder, sommersprossig blond seine Hautfarbe. Seine große, hohe Stirn war flach wie eine Wand mit ein paar senkrechten Falten zwischen den Brauen, die Nase war kurz und plump, der Mund groß mit dicken, frischen Lippen. Das Schönste an ihm waren seine Augen, sie waren hell, sanft und klar. An den Bewegungen des Augapfel konnte man sehen, daß er ein wenig schwerhörig war. Dies hinderte ihn aber nicht daran, ein großer Musikliebhaber und ein leidenschaftlicher Violinspieler zu sein; denn die Töne, sagte er, höre man nicht nur mit den Ohren; der ganze Körper höre: Augen, Finger und Füße, und versage das Ohr vielleicht auch einmal, die Hand würde doch mit seltsamer, instinktmäßiger Genialität den rechten Ton ohne Hilfe des Ohrs zu finden wissen. Überdies seien alle hörbaren Töne doch letzten Grundes falsch; denn wem die Gnadengabe der Töne geworden, der besitze in seinem Innern ein unsichtbares Instrument, gegen das die herrlichste Cremoneser Geige nur sei wie eine Kalebasse-Violine der Wilden, und auf diesem Instrument spiele die Seele, aus seinen Saiten erklängen die idealen Töne, und auf ihm hätten die großen Tondichter ihre unsterblichen Werke geschaffen. Jene äußere Musik, von der die Luft der Wirklichkeit durchzittert, und von der die Ohren hören – sie sei nur elende Nachahmung, ein stammelnder Versuch, das Unsagbare zu sagen; sie sei der Musik der Seele zu vergleichen, wie die mit Händen geformte, mit dem Meißel gehauene, mit dem Maß gemessene Statue dem wundersamen Marmortraum des Bildhauers zu vergleichen sei, den zu schauen den Augen niemals vergönnt war, den die Lippen niemals preisen würden. Musik bedeutete jedoch keineswegs Herrn Bigums Hauptinteresse; zuerst und vor allem war er Philosoph; aber durchaus nicht einer von jenen produktiven Philosophen, die neue Gesetze erfinden und Systeme aufbauen; er lachte über ihre Systeme, diese Schneckenhäuser, die man mit sich über das unendliche Feld des Gedankens schleppt, einfältig im Glauben, das Feld sei drinnen im Schneckenhaus. Und diese Gesetze: Denkgesetze, Naturgesetze! – als ob ein Gesetz entdecken etwas anderes sei, als einen bestimmten Ausdruck für die eigene Beschränktheit finden; so weit kann ich sehen und nicht weiter, dort ist mein Horizont – das bedeutete die Entdeckung und weiter nichts; denn war nicht ein neuer Horizont hinter dem ersten und noch ein neuer und wieder ein neuer, Horizont hinter Horizont, Gesetz hinter Gesetz bis in die Unendlichkeit? Nicht in diesem Sinn war er Philosoph. Er glaubte nicht, eingebildet zu sein oder sich zu überschätzen, aber er konnte seine Augen der Tatsache nicht verschließen, daß seine Intelligenz weitere Gebiete umspannte als die anderer Sterblicher. Wenn er sich in die Werke der großen Denker vertiefte, so war es ihm, als schritte er zwischen einem Volk schlummernder Gedankenriesen, die gebadet im Lichte seines Geistes erwachten und ihre Stärke erkannten. Und so mit allem: jeder fremde Gedanke, jede Stimmung oder Empfindung, was immer beglückt wurde, in ihm zu erwachen, das erwachte mit seinem Zeichen an der Stirn, geadelt, geläutert, mit starken Schwingen, erfüllt von Größe und überstrahlt von Gewalt, von der ihr Schöpfer sich nicht hatte träumen lassen. Wie oft hatte er nicht fast demütig gestaunt über den wundersamen Reichtum seiner Seele, über die machtsichere gottähnliche Ruhe seines Geistes, denn es gab Tage, an denen er die Welt und die Dinge in dieser Welt von ganz entgegengesetzten Standpunkten beurteilte, wo er die Welt und ihre Dinge unter Voraussetzungen betrachtete, die so verschieden voneinander waren wie Tag und Nacht, jedoch ohne daß diese erwählten Standpunkte und diese angenommenen Voraussetzungen, die er zu den seinen gemacht, ihn jemals auch nur für Sekunden zu dem ihren gemacht hätten, ebensowenig wie der Gott, der die Gestalt des Stiers oder des Schwans angenommen, einen einzigen Augenblick zum Stier oder Schwan geworden und aufgehört hätte, ein Gott zu sein. Und niemand war da, der ahnte, was in ihm wohnte; alle gingen sie blind an ihm vorüber; er aber freute sich dieser Blindheit, denn er verachtete die Menschheit. Der Tag würde kommen, wo sein Auge brach und das herrliche Gebäude seines Geistes in seinen Grundfesten barst und zusammenstürzte, und alles war, als sei es nie gewesen; aber kein Werk seiner Hand, nicht ein Pünktchen, wollte er hinterlassen, das melden könnte, was mit ihm verlorengegangen. Das Genie in ihm sollte nicht mit Dornen gekrönt werden, da die Welt es verkannt, es sollte sich auch nicht in den besudelnden Purpurmantel ihrer Bewunderung werfen; und er jubelte bei dem Gedanken, daß Geschlecht auf Geschlecht geboren werden und sterben würde, und daß die Größten jedes Geschlechts Zeit um Zeit ihr Leben einsetzen würden, um das zu erringen, was er hätte geben können, wenn er seine Hand hätte öffnen wollen. Daß er in so bescheidenen Verhältnissen lebte, bereitete ihm einen eigentümlichen Genuß; denn welche großartige Verschwendung lag doch darin, daß sein Geist dazu gebraucht wurde, Kinder zu unterrichten – welch wahnsinniges Mißverhältnis, daß seine Zeit mit dem jämmerlichen täglichen Brot bezahlt wurde – welche gigantische Verkehrtheit schließlich, daß es ihm vergönnt war, dieses Brot auf Empfehlung armseliger, ganz gewöhnlicher Menschen zu verdienen, die dafür bürgten, daß er tüchtig genug sei, den elenden Dienst eines Hauslehrers leisten zu können. Und ihn hatte man beim Staatsexamen durchfallen lassen. Oh, es lag eine seltsame Wollust darin zu fühlen, wie man vom brutalen Unverstand des Daseins wie wertlose Spreu beiseite geworfen wurde, der doch das Leere und Kernlose für goldenes Korn schätzte; und dann von sich selbst zu wissen, daß der geringste Gedanke, den man dachte, eine ganze Welt aufwog. Aber es gab auch Zeiten, wo die Einsamkeit seiner Größe erdrückend auf ihm lastete. Ach wie oft, wenn er Stunde auf Stunde in heiligem Schweigen sich selbst gelauscht hatte, und dann für das Leben um sich her wieder hörend und sehend wurde, und es fremd fand in seiner Armseligkeit und Vergänglichkeit – wie oft war ihm da nicht wie jenem Mönch, der im Walde gelauscht hatte, während der Vogel des Paradieses einen einzigen Triller schlug, und der, als er zurückkehrte, hundert Jahre verronnen fand! Denn da der Mönch einsam war inmitten des unbekannten Geschlechts, das zwischen wohlbekannten Gräbern lebte, wieviel einsamer war dann nicht er, dessen rechte Zeitgenossen noch nicht einmal geboren waren. In solchen Augenblicken der Verlassenheit spürte er wohl die feige Sehnsucht in sich, hinabzusinken zu dem Haufen der gemeinen Sterblichen und ihr niedriges Glück zu teilen, Bürger auf ihrer großen Erde, Bürger in ihrem kleinen Himmel zu werden. Aber bald war er wieder er selbst. Der zweite Gast des Gutes, Fräulein Edele Lyhne, Lyhnes sechsundzwanzigjährige Schwester, hatte lange Jahre in Kopenhagen gelebt, erst bei der Mutter, die, als sie Witwe geworden, in die Hauptstadt zog, und nach der Mutter Tod bei ihrem reichen Onkel, dem Etatsrat Neergaard. Der Etatsrat machte ein großes Haus und nahm regen Anteil am Gesellschaftsleben, so daß Edele in einem Wirbel von Bällen und Festen lebte. Überall wurde sie bewundert, und der Neid, der treue Schatten der Bewunderung, verfolgte sie ebenfalls. Es wurde so viel von ihr gesprochen, wie man eben über jemand spricht, der nichts Böses getan hat, und wenn die Herren sich über die drei Schönheiten der Stadt stritten, so gab es immer viele Stimmen, die den einen Namen streichen und Edele Lyhne an seine Stelle setzen wollten; aber man konnte sich nie einigen, welche der beiden Schönheiten ausscheiden sollte, von der dritten konnte überhaupt nicht die Rede sein. Sehr junge Leute bewunderten sie jedoch nicht, sie fürchteten sich ein wenig vor ihr und fühlten sich in ihrer Gesellschaft doppelt so dumm, wie sie waren; denn sie hörte sie an, in ihrem Blick den vernichtenden Ausdruck einer sanften Geduld, einer boshaft übertriebenen Geduld, die deutlich genug sagte, daß sie auswendig wisse alles, was sie da sprachen; alle ihre Anstrengungen, sich in Edele und in ihren eigenen Augen zu heben, indem sie blasiert taten, wilden Paradoxen nachjagten, oder wenn ihre Verzweiflung den Höhepunkt erreicht hatte, freche Erklärungen gaben; – diese Versuche, die einander in jugendlich schlecht motivierten Übergängen drängten und erdrückten, sie wurden alle mit dem Hauch eines Lächelns begrüßt, dem fatalen Lächeln des Wiedererkennens, das den Unglücklichen erröten machte und ihn fühlen ließ, er sei die hunderundelfte Fliege in demselben unbarmherzigen Spinngewebe. Außerdem hatte ihre Schönheit weder das Weiche noch das Glühende, das so betörend für junge Herzen ist. Auf die Herzen der Älteren und auf kühlere Köpfe übte sie hingegen eine eigene Anziehungskraft aus. Sie war groß. Ihr schweres dichtes Haar war blond mit jenem matten, rötlichen Schein, der über reifendem Weizen liegt. Es wuchs ihr in zwei schmaler werdenden Streifen tief in den Nacken hinein, und war hier etwas heller als das übrige Haar und stark gelockt. Auf der hohen, scharfgeformten Stirn zeichneten die ziemlich hellen Brauen sich unbestimmt und ohne Linien ab. Die hellgrauen Augen, groß und klar, wurden durch die Brauen nicht gehoben, und die leichten, dünnen Augenlider vermochten keine Schatten auf ihnen spielen zu lassen. Sie hatten etwas Unbestimmtes und Unbestimmbares in ihrem Ausdruck, blickten jeden stets voll und offen an, kannten keine reich nuancierten Seitenblicke, keine halben, flüchtigen Blitze, schienen unnatürlich wach, unergründlich, nicht zu bezwingen. Das ganze Mienenspiel lag im Untergesicht, wurde von den Nasenflügeln, von Mund und Kinn bestritten. Die Augen sahen nur zu. Namentlich der Mund war ausdrucksvoll mit seinen tiefen Mundwinkeln, seinen scharfgezeichneten Umrissen und den anmutig geschweiften Lippen. Nur in der Haltung der Unterlippe lag etwas Hartes, das beim Lächeln bald fast schmolz, bald aber auch zu einem Ausdruck von Brutalität erstarrte. Die fast gewaltsam geschwungene Linie des Rückens und die im Verhältnis zu den strengen Formen der Schultern und Arme große Üppigkeit des Busens gaben ihr etwas Herausforderndes, etwas berauschend Tropisches, noch mehr betont durch ihre blendend weiße Haut und das krankhaft durchblutete Rot ihrer Lippen, ein Eindruck, der aufreizend, doch zugleich beängstigend war. Im ganzen genommen hatte ihre hohe, hüftenschlanke Gestalt etwas raffiniert Stilvolles, das sie, vor allem in ihren Balltoiletten, mit einer resoluten und zielbewußten Kunst zu unterstreichen wußte; indem sie jedoch dieses Kunst-Verstehen – das hier sich selbst verstehen war – so laut werden ließ, verriet sie ein wenig schon schlechten Geschmack, so geschmackbeherrscht sie auch war. Darin aber fand man nur noch einen Reiz mehr. Nichts konnte unantastbarer korrekt sein als ihr Auftreten. In dem, was sie sagte und in dem, was sie sich sagen ließ, hielt sie sich innerhalb der Grenzen strengster Prüderie, und ihre Koketterie bestand darin, daß sie sich nicht im mindesten kokett zeigte, daß sie unheilbar blind für den Eindruck war, den sie hervorrief und nicht den geringsten Unterschied zwischen ihren Anbetern machte. Aber gerade deshalb träumten sie alle berauschende Träume von dem Gesicht, das hinter der Maske verborgen sein mußte, deshalb glaubten sie an eine Glut unter dem Schnee, spürten sie einen Duft von Verderbtheit in dieser Unschuld. Keiner von ihnen wäre überrascht gewesen zu erfahren, daß sie einen heimlichen Liebhaber habe, aber auch keiner von ihnen hätte gewagt, seinen Namen zu erraten. So sah man Edele Lyhne. Der Grund, weshalb sie die Hauptstadt mit Lönborghof vertauscht hatte, war der, daß ihre Gesundheit durch diese dauernde gesellige Hast, diese Tausendundeine Nacht von Bällen und Maskeraden gelitten hatte, und gegen Ende des Winters hatten sich Anzeichen eingestellt, daß ihre Brust stark angegriffen sei, weshalb der Arzt Landluft, Ruhe und Milch verordnet hatte, lauter Dinge, die sich an ihrem jetzigen Aufenthaltsorte in vollem Maße beisammen fanden. Aber sie fand dort auch eine unerträgliche Langeweile, und sie war noch nicht eine Woche dort, als sie schon sehnendes und verzehrendes Heimweh nach Kopenhagen bekam. Brief auf Brief füllte sie mit Bitten, daß man ihrer Verbannung doch ein Ende machen möge, und sie gab sogar zu verstehen, daß ihre Sehnsucht ihr mehr schade, als die Luft ihr nütze. Der Arzt aber hatte Etatsrats so ängstlich gemacht, daß sie es für ihre Pflicht hielten, sich taub zu stellen, wie bitterlich sie auch klagte. Es waren nicht gerade die Vergnügungen, die sie so sehr entbehrte; sondern es war das Gefühl des eignen Lebens, wenn es hörbar hineinklang in die lauterfüllte Luft der großen Stadt; hier auf dem Lande aber herrschte eine Stille in Gedanken, in Worten, in den Augen, in allen Dingen, daß man sich unaufhörlich selbst hörte, so unentrinnbar und sicher, wie man in einer schlaflosen Nacht das Ticken der Uhr vernimmt. Und dann zu wissen, daß die da drüben lebten, so lebten wie früher – es war als sei sie schon gestorben und höre in stiller Nacht Töne aus einem Ballsaal in der Luft über ihrem Grabe verklingen. Hier war niemand, mit dem sie sprechen konnte, denn sie faßten ihre Worte nie in der Nuance, die den Worten Leben einhauchen; gewiß, sie verstanden sie, denn es war ja dänisch, aber sie verstanden nur ganz ungefähr, so wie man eine fremde Sprache versteht, die man nicht zu hören gewohnt ist. Sie ahnen nicht, auf was oder wen jene forcierte Betonung eines Satzes anspielte; sie ließen sich nicht träumen, daß dieses kleine Wort ein Zitat oder jenes andere, gerade so gebraucht, eine neue Variation eines allgemein beliebten Witzes sei. Selbst sprachen sie mit einer rechtschaffenen Magerkeit, so daß man die Rippen der Grammatik durch ihre Phrasen fühlen konnte, und mit einer buchstäblichen Anwendung der Worte, als kämen sie frisch aus den Spalten eines Wörterbuchs. Schon die Art und Weise, wie sie »Kopenhagen« sagten. Bald mit einer mystischen Betonung, als sei es ein Ort, wo man kleine Kinder vertilge, bald mit einer Fernheit in der Stimme, als sei es eine Stadt im Innern Afrikas, oder gar in feierlichem Ton, in dem Geschichte erzitterte, so wie sie Ninive oder Karthago hätten sagen können. Der Pastor gar sagte stets Axelsstadt mit einem erinnerungsvollen Entzücken, als sei es der Name einer alten Geliebten. Niemand von ihnen konnte so Kopenhagen sagen, daß es die Stadt wurde, gestreckt zu beiden Seiten der Ostergade und Kongens Nytorv, von Westerport bis zum Zollhause. Und so war es mit allem, was sie sagten; und mit allem, was sie taten, war es ebenso. Es gab nichts auf Lönborghof, daß ihr nicht mißfiel; diese Essenszeiten, die sich nach der Sonne richteten, dieser Lavendelduft in Laden und Schränken, diese spartanischen Stühle, all diese Provinzmöbel, die sich an die Wände drückten, als hätten sie Furcht vor den Menschen; sogar die Luft war ihr zuwider. Man konnte nirgend spazieren gehen, ohne ein robustes Parfüm von Wiesenheu und Feldblumen in Haar und Kleidern nach Hause zu bringen, gerade als ob man in einer Sennhütte eingesperrt gewesen wäre. – Außerordentlich angenehm war es auch, Tante genannt zu werden, Tante Edele. Wie das klang! Daran gewöhnte sie sich schließlich; aber im Anfang war das Verhältnis zwischen ihr und Niels aus diesem Grunde ziemlich kühl. Niels kümmerte das wenig. Aber da geschah es an einem Sonntag zu Anfang August, daß Lyhne und seine Frau auf Besuch gefahren und Niels und Fräulein Edele allein zu Hause waren. Am Vormittag hatte Edele Niels gebeten, ihr einen Strauß Kornblumen zu pflücken, aber er hatte es vergessen, und es fiel ihm erst später am Nachmittag wieder ein, als er mit Frithjof umherschlenderte. Nun pflückte er die Blumen und lief damit ins Haus. Die Stille im Hause machte ihn glauben, die Tante schlafe, und er schlich vorsichtig durch die Zimmer. Auf der Schwelle zum Saal blieb er stehen und begann dann, sehr, sehr leise zu Edeles Tür hinüber zu gehen. Das Zimmer war voll Sonnenschein, ein großer, blühender Oleander beschwerte die Luft mit seinem süßen Mandelduft. Der einzig vernehmbare Laut war ein gedämpftes Plätschern, das dann und wann vom Blumentisch herüberklang, wenn die Goldfische sich in ihrem Glas bewegten. Niels trat leise auf, mit balancierenden Armen und mit der Zunge zwischen den Zähnen. Behutsam faßte er den Türgriff, der von der Sonne erhitzt in seiner Hand brannte, und drehte ihn nur langsam und vorsichtig, mit gerunzelter Stirn und zusammengekniffenen Augen. Er öffnete die Tür einen Spalt breit nur, beugte sich in den Raum hinein und legte den Strauß auf den Stuhl gleich neben der Tür. Drinnen war es dunkel, als ob die Vorhänge herabgelassen wären, und die Luft war gleichsam feucht von Duft, Rosenölduft. – In seiner gebückten Stellung sah er nichts als die helle Strohmatte auf dem Fußboden, die Holzverkleidung unter dem Fenster und den lackierten Fuß eines Gueridons; als er sich aber aufrichtete, um zurückzutreten, sah er die Tante. Sie lag auf dem seegrünen Atlas des langen Ruhebettes in der phantastischen Tracht eines Zigeunermädchens. Auf dem Rücken lag sie, das Kinn vorgestreckt, die Kehle straff gespannt, die Stirn tiefliegend, und ihr langes, aufgelöstes Haar floß über das Ende des Lagers und über den Teppich. Eine künstliche Granatblüte war an die Insel gespült, die ein bronzefarbener Lederschuh mitten in dem mattgoldenen Strom bildete. Die Farben ihrer Tracht waren bunt, aber alle waren gedämpft. Ein Mieder aus glanzlosem Stoff, in dunkelblauen, blaßroten, grauen und orangefarbenen Flammen bunt gemustert, umschloß ein weißes Seidenhemd mit sehr weiten Ärmeln, die bis über den Ellbogen herabfielen. Die Seide hatte einen rötlichen Schimmer und sparsam waren Fäden aus rotem Gold eingewebt. Der Rock aus aurikelfarbigem Samt ohne Kante war nicht zusammengerafft, sondern lag lose um sie in schiefem Faltenwurf von unten nach oben über das Lager gebreitet. Vom Knie ab waren die Beine nackt, und die über Kreuz gelegten Knöchel hatte sie mit einem großen Halsband aus matten Korallen zusammengebunden. Auf dem Fußboden lag ein geöffneter Fächer, dessen Zeichnung eine Reihe radförmig gelegter Spielkarten darstellte, und weiter fort lag ein Paar laubbrauner Seidenstrümpfe, von denen der eine ganz aufgerollt, der andere flach ausgebreitet seine ganze Form und den rot aufgenähten Zwickel erkennen ließ. In demselben Augenblick, da Niels sie erblickte, gewahrte auch sie ihn. Unwillkürlich machte sie eine leichte Bewegung, wie um sich zu erheben; aber sie bezwang sich und blieb liegen wie zuvor, wandte den Kopf nur ein wenig und sah mit fragendem Lächeln den Knaben an. »Da sind sie«, sagte er und trat mit den Blumen zu ihr. Sie streckte die Hand danach aus, verglich mit einem flüchtigen Blick die Farbe der Blumen mit den Farben ihres Gewandes und ließ sich dann mit einem müde gemurmelten: »Unmöglich« fallen. Mit einer abwehrenden Bewegung der Hand verhinderte sie Niels, sie aufzuheben. »Gib mir das da«, sagte sie und deutete auf ein rotes Flakon, das auf einen zerknitterten Taschentuch zu ihren Füßen lag. Niels trat hin, er war blutrot, und indem er sich über die mattweißen, langsam sich rundenden Beine und die langen, schmalen Füße beugte, die in ihren feinen, wiegenden Formen etwas von der Intelligenz einer Hand hatten, wurde ihm ganz schwindlig, und als sich auch noch in diesem Augenblick die eine Fußspitze mit einer plötzlichen Bewegung krümmte, war er nahe daran umzufallen. »Wo hast du die Kornblumen gepflückt?«, fragte Edele. Niels nahm sich zusammen und wandte sich zu ihr. »In Pastors Roggen habe ich sie gepflückt«, sagte er mit einer Stimme, die ihn selbst wunderte, so viel Klang war darin. Ohne aufzublicken, reichte er ihr das Flakon. Edele merkte seine Erregung und sah ihn erstaunt an. Plötzlich errötete sie, stützte sich auf dem einen Arm in die Höhe und zog die Beine unter den Rock. »Geh, geh, geh, geh«, sagte sie, halb ärgerlich, halb verlegen, und bei jedem Wort spritzte sie Rosenessenz auf Niels. Niels ging. Als er zur Tür hinaus war, ließ sie die Beine langsam vom Ruhebett gleiten und sah neugierig auf sie nieder. Mit hurtigen, unsicheren Schritten eilte Niels durch die Zimmer hinauf in seine Kammer. Er war ganz verwirrt, fühlte eine wunderliche Mattigkeit in den Knien und hatte ein erstickendes Gefühl im Halse. Er warf sich auf das Sofa und schloß die Augen, aber er konnte keine Ruhe finden. Unbegreifliche Unruhe hatte sich seiner bemächtigt, sein Atem ging schwer, gleichsam wie in Angst, und das Licht quälte ihn trotz der geschlossenen Augenlider. Nach und nach wurde es anders; es war als ziehe ein wärmender drückender Hauch über ihn hin und mache ihn so hilflos matt. Er hatte eine Empfindung, die man wohl im Traum hat; etwas ist da und ruft, und man möchte so gern kommen, aber es ist nicht möglich, den Fuß zu heben, und man fiebert in seiner Ohnmacht, siecht hin vor Sehnen fortzukommen, wird bis zum Wahnsinn getrieben durch dieses Rufen, das ja nicht weiß, daß man gebunden ist. Und er seufzte ungeduldig wie ein Kranker und sah verloren im Zimmer umher; niemals hatte er sich so unglücklich gefühlt, so einsam, so verstoßen und verlassen. Dann setzte er sich ans Fenster, mitten in den Sonnenschein, und weinte. Von diesem Tage an fühlte sich Niels in Edeles Nähe qualvoll glücklich. Sie war nicht mehr ein Mensch wie alle anderen, sondern ein wunderbar erhabenes Wesen, Göttin geworden durch die Mystik einer seltsamen Schönheit, und das Herz schlug stark vor Glück, sie zu betrachten, im Herzen vor ihr zu knien, vernichtet in Demut vor ihr zu kriechen; zuweilen wurde der Anbetungsdrang so groß, daß er sich in einem äußeren Zeichen der Unterwerfung Luft zu machen verlangte, und dann erspähte er einen günstigen Augenblick, schlich sich in Edeles Zimmer und drückte Küsse in einer voraus bestimmten unendlichen Anzahl auf den kleinen Teppich vor ihrem Bett, auf ihren Schuh ober irgendeine andere Reliquie, die sich seinem Fanatismus darbot. Als ein großes Glück betrachtete er den Umstand, daß gerade in dieser Zeit seine Sonntagsjacke zur Alltagsjacke degradiert wurde; denn in dem Duft, den jene versprengten Tropfen Rosenessenz hinterlassen hatten, besaß er einen mächtigen Talisman, der ihm wie in einem magischen Spiegel Edele so zeigte, wie er sie gesehen hatte, in jenem Maskenanzug auf dem grünen Lager ruhend. In den Geschichten zwischen Frithjof und ihm kehrte dieses Bild immer wieder, und der unglückliche Frithjof war von nun an nie mehr sicher vor barfüßigen Prinzessinnen; schleppte er sich durch des Urwalds Dickicht, so riefen sie ihn aus ihren Hängematten von Lianen an; suchte er in einer Berghöhle Schutz vor dem Orkan, so erhoben sie sich von ihrem sammetweichen Mooslager und hießen ihn willkommen, sprengte er pulvergeschwärzt und blutbespritzt mit gewaltigem Schwerthieb die Tür zur Kajüte des Piraten, so fand er sie auch dort auf dem grünen Sofa des Kapitäns ruhend. Sie langweilten ihn gar sehr, und er konnte gar nicht begreifen, weshalb sie plötzlich für die teuren Helden so notwendig geworden waren.   Wie himmelhoch auch ein Menschenkind seinen Thron gestellt haben mag, wie fest es auch die Tiara des Auserwählten, die Genie bedeutet, um seine Stirn gelegt hat – niemals wird es sich ganz sicher wissen, daß es nicht eines Tages wie König Nebukadnezar plötzlich von der seltsamen Lust ergriffen wird, auf allen Vieren zu kriechen, und mit den niederen Tieren des Feldes Gras zu fressen. So ging es Herrn Bigum, da er sich ganz einfach in Fräulein Edele verliebte. Und es half ihm nichts, daß er die Weltgeschichte veränderte, um diese seine Liebe zu entschuldigen, es half auch nichts, daß er Edele seine Beatrice, Laura, oder Viktoria Colonna nannte, denn der ganze künstliche Glorienschein, mit dem er seine Liebe krönte, wurde ebenso schnell wie er ihn entfachte durch die unerbittliche Wahrheit wieder gelöscht, daß er sich nur in Edeles Schönheit verliebt hatte; daß nicht ihre Herzens- oder Geisteseigenschaften ihn betört hatten, sondern nur ihre Eleganz, ihr leichter Weltton, ihr sicheres Auftreten, ja, sogar ihre graziöse Unverschämtheit. Es war in jeder Beziehung eine Liebe, die ganz dazu geeignet war, ihn mit schamvoller Verwunderung über die Unbeständigkeit der Menschenkinder zu erfüllen. Aber was tat das? Was hatten alle diese ewigen Wahrheiten und zeitweiligen Lügen zu sagen, die sich Ring an Ring zu der Panzerbürde fügten, die er seine Überzeugung nannte, – was hatten sie gegen seine Liebe zu sagen? Sie waren ja die Kraft, das Mark, der Kern des Lebens – mochten sie doch ihre Kräfte zeigen; waren sie schwächer, so mußten sie eben reißen; waren sie stärker ... Doch sie waren gerissen, auseinandergezerrt, ein Gewebe mürber Fäden... – Was kümmerten sie sich um die ewigen Wahrheiten! Und die gewaltigen Anschauungen, wem halfen sie? Konnte er sie mit Gedanken erringen, die in die Tiefe der Unendlichkeit gedrungen? Es war wertlos, alles, was er besaß. Und leuchtete auch seine Seele in einer Herrlichkeit, hundertmal glänzender als die Sonne – was nützte es, da sie sich unter dem armselig-häßlichen Filz eines Diogenesmantels verbarg? Form! Form! für dreißig Silberlinge Form nur, gebt für meinen ganzen Inhalt! Gebt mir den Körper des Alkibiades, den Mantel des Don Juan, den Rang eines Kammerjunkers! Aber das hatte er nun einmal nicht, und Edele fühlte sich durchaus nicht sympathisch berührt von dieser plumpen Philosophennatur, die alle Regungen des Lebens nur in der barbarischen Nacktheit der Abstraktion betrachten konnte und in ihren Äußerungen etwas lärmend Absolutes hatte, das sich mit unangenehmer Sicherheit vordrängte, ungefähr wie eine schlecht angebrachte Trommel in einem sanften Konzert. Das Forcierte an ihm, die Art, wie er sich jeder kleinen Frage gegenüber gleich in muskelstarke Position stellte, so wie ein Kraftmensch, der mit Eisenkugeln spielen soll, das machte ihn lächerlich in ihren Augen; und es beleidigte sie, wenn er von seiner urteilssüchtigen Moral getrieben, indiskret jeder leicht angedeuteten Empfindung ihr Unbestimmtes nahm, indem er alles grob beim rechten Namen nannte, wenn es im Laufe des Gesprächs an ihm vorbeieilen wollte. Bigum wußte sehr wohl, welch unvorteilhaften Eindruck er machte und wie völlig hoffnungslos seine Liebe war. Doch er wußte das, wie man weiß, wenn man mit der ganzen Kraft seiner Seele hofft, dies Wissen möge falsch sein. Es bleibt ja noch immer das Wunder; und wenn auch keine Wunder geschehen – so könnten sie doch geschehen! Wer weiß? Vielleicht irrt man sich! Vielleicht ist alles Trug, vielleicht führen Verstand, Instinkt, die Sinne mit ihrer taghellen Klarheit einen doch irre, vielleicht gilt es gerade, den unverständigen Mut zu haben, dem Irrlicht Hoffnung zu folgen, das über der begierdeschwangeren Gärung unserer Leidenschaften schwebt. Erst, wenn man die Tür der Entscheidung hat zufallen hören, graben sich die eisigkalten Klauen der Gewißheit in die Brust, um sich langsam, langsam um den nervenfeinen Hoffnungsfaden in unserm Herzen zu sammeln, an dem unsere Glückswelt hängt; dann wird der Faden zerschnitten, dann fällt das, was er trug; es wird zertreten, und durch die öde Leere dringt der scharfe Schrei der Verzweiflung. Im Zweifel verzweifelt niemand. – – – –   An einem sonnigen Septembernachmittag saß Edele unten auf der Plattform der breiten, altmodischen Holztreppe, die in fünf, sechs Stufen vom Gartenzimmer in den Garten hinunterführte. Hinter ihr waren die Glastüren weit offen, angelehnt an den rot und grün leuchtenden wilden Wein, der an der Mauer rankte. Sie lehnte den Kopf gegen den Sitz eines Stuhls, der mit großen, schwarzen Mappen bepackt war, und hielt mit beiden Händen einen Kupferstich weit von sich ab. Kolorierte Blätter, Darstellungen byzantinischer Mosaiken, in denen Blau und Gold vorherrschten, lagen auf der grünen Matte der Plattform, auf der Türschwelle und dem eichenbraunen Parkettboden des Gartenzimmers verstreut. Am Fuße der Treppe lag ein weißer Schutzhut, denn Edele war barhäuptig; im Haar trug sie als einzigen Schmuck eine Blume aus Goldfiligran, die in ihrer Zeichnung dem Armband entsprach, das sie hoch oben am Arm trug. Ihr weißes Kleid aus fast durchscheinendem Stoff, mit schmalen, seidigen Streifen hatte einen aus grauer und orangefarbener Chenille geflochten Besatz und war mit kleinen Rosetten in denselben Farben verziert. Helle Halbhandschuhe bedeckten ihre Arme bis über den Ellbogen. Sie waren aus perlgrauer Seide, ebenso wie ihre Schuhe. Durch die herabhängenden Zweige einer uralten Esche sickerte das gelbe Sonnenlicht strahlenweise über die Treppe und bildete in dem kühlen, halbklaren Schatten eine ganze Schicht leuchtender Linien, die die Luft umher mit goldenem Staub erfüllten und helle Flocken auf Stufen, Tür und Mauer zeichneten, Sonnenfleck neben Sonnenfleck, so daß es aussah, als leuchte das Ganze mit eigner Farbe durch ein Schattensieb dem Licht entgegen, weiß von Edeles weißem Kleide, purpurrot von ihren Purpurlippen, und gelb wie Bernstein von ihrem bernsteingelben Haar. Und rund umher noch in hundert anderen Farben, in Blau und Gold, in Braun, in blankem Spiegelglanz und in Rot und Grün. Edele ließ den Kupferstich fallen und sah hoffnungslos empor, in ihrem Blick stumm den Seufzer klagend, den zu seufzen sie zu müde war. Dann setzte sie sich zurecht mit einer Bewegung, als schlösse sie sich von der Außenwelt ab und zöge sich in sich selbst zurück. In diesem Augenblick kam Herr Bigum des Weges. Edele sah mit müde blinzelnden Augen nach ihm, wie ein Kind, das zu gut liegt und zu schläfrig ist, um sich zu rühren, und doch zu neugierig ist, um die Augen zu schließen. Herr Bigum hatte seinen neuen Filzhut auf; er war ganz in sich selbst versunken und gestikulierte so heftig mit seiner Tombakuhr, die er in der Hand hielt, daß die dünne Silberkette, an der sie hing, jeden Augenblick zu reißen drohte. Mit einer plötzlichen Bewegung schob er die Uhr dann unsanft in die Tasche, warf ungeduldig den Kopf zurück, packte ärgerlich den Aufschlag seines Rockes und ging dann mit einem zornigen Ruck seines ganzen Körpers weiter; mit einem Gesicht, auf dem sich die ganze düstere, hoffnungslose Wut eines Mannes zeichnet, der vor seinen eigenen qualvollen Gedanken flüchtet und doch weiß, daß er vergeblich flieht. Edeles Hut, der am Fuß der Treppe lag, leuchtend weiß gegen die dunkle Erde des Weges, hielt ihn auf in seiner Flucht. Er nahm ihn vorsichtig mit beiden Händen auf, in demselben Augenblick erblickte er Edele, und, indem er vergeblich nach Worten suchte, behielt er ihn immer noch, ohne ihn ihr zu geben. Nicht einen Gedanken fand er in seinem Hirn, nicht ein Wort wollte über seine Lippen kommen, und mit einem dumpfen Ausdruck lähmenden Tiefsinns starrte er vor sich hin. »Das ist ein Hut, Herr Bigum«, warf Edele hin, um in diesem verlegenen Schweigen nicht selbst verlegen zu werden. »Ja«, sagte der Hauslehrer eifrig, als sei er entzückt darüber, von ihr eine Ähnlichkeit bestätigt zu hören, die ihm ebenfalls aufgefallen war; aber im selben Augenblick errötete er über die Unbeholfenheit seiner Antwort. »Er lag hier,« beeilte er sich hinzuzufügen, »hier auf der Erde, so – ja, so lag er«, und er bückte sich und zeigte, wie der Hut gelegen, mit der ganzen gedankenlosen Umständlichkeit der Verlegenheit und beinahe glücklich über die Erleichterung, die darin lag, ein Lebenszeichen von sich zu geben, wie armselig das Zeichen auch war. Und dabei stand er immer noch mit dem Hute da. »Wollen sie ihn etwa behalten?« fragte Edele. Bigum wußte nicht, was er antworten solle. »Ich meine, ob sie ihn mir nicht geben wollen?« erklärte sie. Bigum stieg ein paar Stufen hinauf und reichte ihr den Hut. »Fräulein Lyhne«, sagte er, »Sie glauben ... Sie dürfen nicht glauben, Fräulein Lyhne .. ich bitte Sie, lassen Sie mich reden; das heißt .. ich sage ja nichts, aber haben Sie Geduld mit mir. – Ich liebe Sie, Fräulein Lyhne, unsagbar, unsagbar; unbeschreiblich liebe ich Sie! Oh, wenn es ein Wort gäbe, das die bewundernde Furcht eines Sklaven in sich trüge – das ekstatische Lächeln eines Märtyrers, das namenlose Heimweh eines Verbannten – so wollte ich Ihnen mit diesem Worte sagen, wie ich Sie liebe! Oh, lassen Sie mich reden, hören Sie mich an, hören Sie mich an, stoßen Sie mich noch nicht von sich! Glauben Sie nicht, daß ich Sie durch eine wahnsinnige Hoffnung beleidige; ich weiß, wie gering ich in Ihren Augen bin, wie plump ich bin und abstoßend! Ja, abstoßend! Ich vergesse nicht, daß ich arm bin – ja, Sie sollen es hören, so arm, daß ich meine Mutter in einem Armenstift leben lassen muß – muß, sage ich, so grenzenlos arm bin ich! Ja, Fräulein, ich bin nur ein demütiger Diener im Solde Ihres Herrn Bruders, und doch gibt es eine Welt, in der ich Herrscher bin, mächtig, stolz, reich, sage ich, mit dem Glorienschein des Siegers über mir, edel, geadelt durch jenen Trieb, der Prometheus das Feuer vom Himmel der Götter rauben ließ, und dort bin ich der Bruder aller jener Geistesgrößen, die die Erde getragen hat und noch trägt; ich verstehe sie, wie man nur seinesgleichen versteht; keinen Flug sind sie geflogen, zu hoch für die Kraft meiner Schwingen. Verstehen Sie mich, glauben Sie mir? Oh, glauben Sie mir nicht, es ist nicht wahr; ich bin nur die staubgeborene Koboldgestalt, die Sie sehen. Es ist alles vorbei; denn die furchtbare Verirrung dieser Liebe hat meine Flügel gelähmt; die Augen meines Geistes verlieren ihre Sehkraft, mein Herz verdorrt, meine Seele verblutet sich bis zur Blutlosigkeit der Feigheit! Oh, retten Sie mich vor mir selbst, Fräulein, wenden Sie sich nicht höhnisch ab. Weinen Sie über mich! Weinen Sie: Es ist Rom, das in Flammen steht!« Mitten auf der Treppe war er auf die Knie gesunken; er rang die Hände. Sein Gesicht war bleich und verzerrt; die Zähne im Schmerz zusammengebissen; seine Augen schwammen in Tränen, und seine ganze Gestalt bebte in verhaltenem Schluchzen, das sich nur in pfeifendem Atem Luft machte. Edele hatte sich nicht von der Plattform erhoben. »Fassen Sie sich, Mensch!« sagte sie mit leise durchklingendem Mitleid, »fassen Sie sich und lassen Sie sich nicht so gänzlich gehen, seien Sie doch ein Mann. Hören Sie, stehen Sie auf; gehen Sie hinunter in den Garten und versuchen Sie, wieder zu sich zu kommen.« »Können Sie mich denn gar nicht lieben?«, stöhnte Bigum fast unhörbar, »oh, es ist furchtbar; es gibt nichts in meiner Seele, das ich nicht morden, entwürdigen wollte, wenn ich Sie damit gewinnen könnte. Nein, wenn man mir den Wahnsinn böte, und wären Sie mein in den Visionen des Wahns, ganz mein, so würde ich sagen: seht, hier ist mein Hirn, schürft mit unbarmherziger Hand tief in seinem wundervollen Bau, zerreißt jeden einzelnen der feinen Fäden, womit mein Selbst an dem strahlenden Triumphwagen des Menschengeistes gebunden ist; laßt mich unter den Rädern des Wagens versinken im Schlamm der Materie, laßt die andern auf den Wegen ihrer Herrlichkeit emporziehen zum Licht! Verstehen Sie mich? Begreifen Sie, daß, wenn auch Ihre Liebe zu mir käme, – all ihres Glanzes, der Majestät ihrer Reinheit beraubt, ja, erniedrigt, besudelt, ein Zerrbild der Liebe, ein krankes Phantom – ich würde sie entgegennehmen, kniend, wie die heilige Hostie. Aber das Beste in mir ist vergebens, das Schlechte ist vergebens. Ich rufe zur Sonne, aber sie scheint nicht, rufe die Säule an, aber sie antwortet nicht. – Antworten! – Was ist drauf zu antworten, daß ich leide? Nein, diese unsäglichen Qualen, die mein innerstes Wesen bis in die tiefste Wurzel zersplittern; diese Pein, die Sie verletzt und nichts in Ihnen weckt, als ein kleines, kaltes Gefühl des Beleidigtseins! Und in Ihrem Herzen lachen Sie höhnisch über die unmögliche Leidenschaft des armen Hauslehrers!« »Sie tun mir unrecht, Herr Bigum«, sagte Edele und erhob sich; Bigum erhob sich gleichfalls; »ich lache nicht. Sie fragen mich, ob es keine Hoffnung für Sie gibt, und ich antwortete Ihnen: nein, keine Hoffnung, und dabei ist nichts zu lachen. Aber lassen Sie mich Ihnen eins sagen. Vom ersten Augenblick an, als Sie an mich zu denken begannen, hätten Sie meine Antwort wissen können, und Sie haben sie auch gewußt, nicht wahr? Während der ganzen Zeit haben Sie es gewußt, aber trotzdem haben Sie alle Ihre Gedanken, alle Ihre Wünsche dem Ziel zujagen lassen, von dem Sie wußten, das Sie es nie erreichen würden. Ihre Liebe beleidigt mich nicht, Herr Bigum, aber ich verurteile sie; Sie haben getan, was so mancher tut. Man schließt die Augen vor dem wirklichen Leben, man will das Nein nicht hören, das unseren Wünschen entgegenruft; man will den tiefen Abgrund vergessen, den es uns zeigt, den Abgrund, der zwischen unserer Sehnsucht und dem liegt, wonach wir uns sehnen; man will seinen Traum nun einmal verwirklichen. Aber das Leben rechnet nicht mit Träumen; nicht ein einziges Hindernis läßt sich aus der Wirklichkeit hinausträumen; und so liegt man schließlich jammernd am Abgrund, der sich nicht verändert hat, der ist, wie er immer war; aber man ist selbst verändert, denn mit jenen Träumen hat man all seine Gedanken erregt, seine Sehnsucht bis zur höchsten, höchsten Spannung hinaufgetrieben. Aber der Abgrund ist nicht schmäler geworden, und alles in uns sehnt sich so schmerzlich danach, hinüberzukommen. Aber nein, immer nein; nichts ändert sich. Und hätte man nur beizeiten auf sich selbst geachtet; jetzt aber ist es zu spät: man ist unglücklich!« Sie schwieg, gleichsam erwachend. Ihre Stimme war ruhig gewesen, suchend, als spräche Sie zu sich selbst; jetzt aber wurde sie abweisend, kalt, hart. »Ich kann Ihnen nicht helfen, Herr Bigum, Sie sind für mich nichts von all dem, was Sie zu sein wünschen; macht es Sie unglücklich, so müssen Sie unglücklich sein; leiden Sie, so mögen Sie leiden! Es muß ja Menschen geben, die leiden. Hat man ein Wesen zu seinem Gott, zum Herrn seines Schicksals gemacht, so muß man sich unter den Willen seiner Gottheit beugen; es ist aber niemals klug, sich Götter zu schaffen, und seine Seele in die Gewalt eines andern zu geben; denn es gibt Götter, die niemals von ihrem Piedestal absteigen wollen. Seien Sie vernünftig, Herr Bigum, Ihr Gott ist so klein, so wenig anbetungswert, wenden Sie sich ab von ihm und werden Sie mit einer von den Töchtern des Landes glücklich.« Mit mattem Lächeln trat sie durchs Gartenzimmer ins Haus; Bigum blickte ihr verzagt nach. Eine Viertelstunde lang ging er noch vor der Treppe auf und nieder; alle Worte, die gesprochen worden, klangen noch in der Luft nach; sie war eben erst gegangen; es war, als weile ihr Schatten noch dort, als könnten Bitten sie noch erreichen, als sei noch nicht alles so hoffnungslos vorbei. Aber dann kam das Stubenmädchen und sammelte die Kupferstiche auf, nahm den Stuhl, die Matte ins Haus, die Mappen – alles. Nun konnte er gehen. Oben am offenen Fenster der Dachkammer saß Niels und starrte ihm nach. Er hatte das ganze Gespräch von Anfang bis Ende mitangehört; seine Züge drückten Erschrecken aus, und ein nervöses Zittern ging durch seinen Körper. Zum erstenmal hatte er Furcht vor dem Leben empfunden, zum erstenmal wirklich begriffen, daß, wenn es einen verurteilt hat zu leiden, dieses Urteil weder erdichtet noch angedroht ist; nein, dann wird man zur Folterbank geschleppt, dann wird man gefoltert, und es kommt keine abenteuerliche Befreiung im letzten Augenblick, kein plötzliches Erwachen wie aus einem bösen Traum. Das war es, was er in ahnungsvoller Angst begriff.   Es war kein guter Herbst für Edele gewesen, und der Winter brach ihre Kräfte so vollständig, daß der Frühling bei seinem Kommen auch nicht einen armen, verkrüppelten Lebenskeim vorfand, gegen den er gut und mild und warm hätte sein können – er fand nur ein Welken, das keine Milde, keine Wärme ändern, nicht einmal aufhalten konnte. Aber er konnte seine Lichtfülle über das Verblassende gießen und mit seiner dufterfüllten Wärme der schwindenden Lebenskraft das Geleite geben, wie das Abendrot noch lange hinter dem sterbenden Tage herzieht. Im Mai ging es zu Ende, an einem Tag voll Sonnenschein, solch einem Tag, wo die Lerche gar nicht schweigt und der Roggen wächst, daß man es mit Augen sehen kann. Vor ihrem Fenster standen die großen Kirschbäume, blütenweiße Sträuße von Schnee, Kränze von Schnee, Kuppeln, Bogen, Guirlanden, eine Feenarchitektur von weißen Blüten mit dem blausten Himmel als Hintergrund. Sie fühlte sich so matt an diesem Tag und doch so leicht in ihrer Mattigkeit, so wundervoll leicht, und sie wußte, was kommen würde, denn am Vormittag hatte sie Bigum rufen lassen und ihm Lebewohl gesagt. Der Etatsrat war von Kopenhagen herübergekommen, und den ganzen Nachmittag saß der schöne, weißhaarige Mann an ihrem Bett und hielt ihre Hände zwischen den seinen. Er sprach nicht, nur dann und wann bewegte er die Hand, dann drückte Edele sie leise, blickte zu ihm auf, und er lächelte ihr zu. Auch ihr Bruder blieb während der ganzen Zeit bei ihr, gab ihr die Medizin und ging auch sonst drinnen zur Hand. Sie lag so still für sich, mit geschlossenen Augen, und heimische Bilder aus dem Leben da drüben zogen an ihr vorüber. Sorgenfreis hängende Buchen, Lyngbys rote Kirche auf ihrem Sockel aus Gräbern, und das weiße Landhaus am kleinen Hohlweg hinab zum See, wo der Bretterzaun immer grün war, als sei er mit Feuchtigkeit angestrichen, das alles zeichnete sich von ihr ab, nahm zu an Klarheit, verlor an Klarheit und verschwand. Andere Bilder folgten. Da lag die Bredgade, während die Sonne unterging und die Dämmerung an den Häusern emporkroch; und dann das wunderliche Kopenhagen, wie man es fand, wenn man am Vormittag vom Lande hereinkam. Es schien so phantastisch in seiner Geschäftigkeit und seinem Sonnenschein, mit den geweißten Fensterscheiben und seinem Früchteduft in den Straßen; die Häuser sahen so unwirklich aus in dem scharfen Licht, und es war, als läge eine Stille auf ihnen, die selbst Lärmen und Wagengerassel nicht stören konnte ... Und da war das warme, dunkle Wohnzimmer an Herbstabenden, wenn man sich zum Theater angekleidet hatte, und die andern noch nicht fertig waren: – der Duft der Räucherkerzen – das Kaminfeuer, das über den Teppich leuchtete – die Regentropfen, die gegen die Fensterscheiben schlugen – die Pferde, die im Torweg stampften – der melancholische Ruf der Muschelverkäufer unten auf der Straße ... und dann nach all diesem: das Licht, die Musik und die Pracht des Theaters. Mit solchen Bildern ging der Nachmittag hin. Drinnen im Saal waren Niels und seine Mutter. Niels lag auf den Knien vor dem Sofa, das Gesicht in den braunen Samt gepreßt, die Hände hatte er über dem Kopf gefaltet; er weinte laut und klagend, und machte keinen Versuch sich zu beherrschen, von seinem Schmerz ganz bewältigt. Frau Lyhne saß bei ihm. Vor ihr auf dem Tisch lag ein Gebetbuch, das bei den Begräbnispsalmen aufgeschlagen war. Bald las sie ein paar Verse, bald beugte sie sich nieder zu ihrem Sohn und sprach ihm mit tröstenden Worten zu und ermahnte ihn; aber Niels ließ sich nicht trösten, und sie konnte weder seinen Tränen noch dem wilden Flehen seiner Verzweiflung Einhalt tun. Da zeigte sich Lyhne in der Tür des Krankenzimmers. Er machte kein Zeichen, er blickte sie nur ernst an, und sie erhoben sich beide und gingen mit ihm hinein zu seiner Schwester. Er nahm sie bei der Hand und trat mit ihnen ans Bett; Edele sah auf, sah jeden von ihnen an und bewegte die Lippen wie zum Sprechen. Lyhne führte seine Frau ans Fenster und setzte sich zu ihr, während sich Niels am Fußende des Bettes auf die Knie warf. Er weinte leise und betete mit gefalteten Händen, innig und unablässig in gedämpftem, leidenschaftlichem Flüstern; er sagte Gott, daß er nicht aufhören wolle zu hoffen; »ich lasse Dich nicht, mein Gott, ich lasse Dich nicht, bevor Du ja gesagt hast; Du darfst sie nicht von uns nehmen, denn Du weißt, wie sehr wir sie lieben, Du darfst nicht, Du darfst nicht. Oh, ich kann nicht sagen: Dein Wille geschehe, denn Du willst sie sterben lassen, ach, aber laß sie leben, ich will Dir danken und Dir gehorsam sein, ich will alles tun, wovon ich weiß, daß Du es von mir verlangst, ich will gut sein und nie wieder gegen Deine Gebote handeln, wenn Du sie nur leben läßt. Hörst Du, Gott! ach, halt ein, halt ein und mach Sie gesund, bevor es zu spät ist. Ich will ... ich will ... ach, was kann ich Dir versprechen? – – ja, ich werde Dir danken, Dich nimmer, nimmer vergessen; ach, aber so hör' mich doch! Du siehst ja, daß sie stirbt, Du siehst ja, sie stirbt, hörst Du, nimm Deine Hand fort, nimm sie fort, ich kann sie nicht verlieren, o Gott, ich kann nicht, laß sie leben – willst Du es nicht, willst Du es nicht! Oh, das ist unrecht von Dir ...« Draußen vor dem Fenster erröteten die weißen Blumen im Schein der untergehenden Sonne wie Rosen. Bogen über Bogen baute der Blütenflor sich zu einer Rosenburg, sich zu einem Chor von Rosen auf, und durch die luftigen Wölbungen blaute dämmernd der abendblaue Himmel herein, während goldenes Licht und Lichter aus Gold, brennend in Purpur, in Glorienstrahlen aus allen schwebenden Girlanden des Blumentempels hervorbrachen. Weiß und still lag Edele da drinnen, die Hand des alten Mannes in der ihren. Langsam, Zug um Zug, hauchte sie das Leben aus, schwächer und schwächer hob sich die Brust, schwerer und schwerer wurden die müden Lider. »Grüß – Kopenhagen« war ihr letztes schwaches Flüstern. Aber ihren letzten Gruß, den hörte niemand. Der kam nicht einmal als Hauch über ihre Lippen, ihr Gruß an ihn, den großen Künstler, den sie heimlich mit der ganzen Kraft ihrer Seele geliebt hatte, dem sie aber nichts gewesen, nur ein Name, den sein Ohr kannte, nur eine fremde Gestalt mehr in der großen bewundernden Menge. Und das Licht schwand in der blauenden Dämmerung, und die Hände sanken matt auseinander. Die Schatten wuchsen – die Schatten des Abends und des Todes. Der Etatsrat beugte sich über das Lager und legte die Hand auf ihren Puls und wartete still; und als das letzte Leben entschwunden, die letzte schwache Blutwelle verebbt, da hob er ihre bleiche Hand an seine Lippen:   »Liebe Edele!« 4. Kapitel Es gibt Menschen, die ihren Kummer auf sich nehmen und ihn tragen, starke Naturen, die gerade an der Schwere der Bürde ihre Stärke erproben; während die, die schwächer sind, sich willenlos dem Schmerz hingeben, wie man sich einer Krankheit hingibt; und der Kummer durchdringt sie wie eine Krankheit, er saugt sich in ihr innerstes Wesen ein und wird eins mit ihnen, formt sich in langsamem Kampf in ihnen um und verliert sich in ihnen in völliger Genesung. Aber es gibt auch Menschen, für die der Schmerz eine Gewalttat ist, die gegen sie verübt wird, eine Grausamkeit, die sie nie als Prüfung oder Züchtigung und ebensowenig als das gewöhnliche Schicksal ansehen lernen. Für sie ist er Zeugnis einer Tyrannei, etwas persönlich Gehässiges, und immer bleibt ein Stachel in ihrem Herzen zurück. Nicht oft trauern Kinder in dieser Weise; Niels aber tat es. Hatte er doch in der Innigkeit seines Gebetes gleichsam Gott von Angesicht zu Angesicht gegenübergestanden; auf den Knien hatte er sich bis an die Stufen des Thrones herangeschleppt, und wenn auch die Hoffnung in ihm vor Angst gebebt hatte, so hatte er doch fest an die Allmacht des Gebetes geglaubt, hatte mutig gehofft, sich Erhörung zu erflehen; – und doch hatte er sich aus dem Staube erheben und mit beschämter Hoffnung von dannen gehen müssen. Er hatte mit seinem Glauben nicht das Wunder von seinem Himmel herabholen können; kein Gott hatte auf seinen Ruf geantwortet; der Tod war ohne Zögern auf seine Beute zugeschritten, als gäbe es keine schützende Mauer des Gebets, bis zum Himmel hochgerichtet. Es wurde still in ihm. Sein Glaube hatte sich in blindem Flug gegen die Tore des Himmels geworfen, und nun lag er mit gebrochenen Flügeln auf Edeles Grab. Denn er hatte geglaubt; er hatte den unbekümmert strahlenden Märchenglauben gehabt, der sooft dem Kinde eigen ist. Nicht der zusammengesetzte, fein abgestimmte Gott des Lehrbuches ist es, an den die Kinder glauben, – es ist der gewaltige, alttestamentarische Gott, er, der Adam und Eva so lieb hatte, vor dem das ganze Menschengeschlecht, Könige, Propheten, Pharaonen nur artige oder unartige Kinder sind, ein gewaltstarker, väterlicher Gott, der mit dem Zorn eines Riesen zürnt und freigebig ist mit der Freigebigkeit eines Riesen, der, da er kaum das Leben geschaffen hat, den Tod schon wieder darauf hetzt, der seine Erde in Gewässern des Himmels ertränkt, der Gesetze herabdonnert, zu schwer für das Geschlecht, das er erschaffen; und der dann in den Tagen des Kaisers Augustus Mitleid empfindet und seinen Sohn in den Tod schickt, damit das Gesetz gebrochen werde, das jene hält. Das ist der Gott, der stets das Wunder als Antwort hat, zu ihm sprechen die Kinder in ihren Gebeten. Dann kommt wohl der Tag, wo sie begreifen, daß sie in dem Erdbeben, das Golgatha erschüttert und die Gräber sprengt, seine Stimme zum letztenmal gehört haben, und daß jetzt, wo der Vorhang des Allerheiligsten zerrissen, Jesus der Gott ist, der regiert; und von diesem Tage an beten sie anders. Aber so weit war Niels noch nicht. Wohl war er Jesus mit gläubigem Sinn auf seiner Erdenwanderung gefolgt; aber daß dieser sich beständig Gott Vater unterordnete, so machtlos einherging und so menschlich litt, ließ seine Gottheit für Niels verborgen bleiben; er hatte in ihm nur den gesehen, der des Vaters Willen tat, Gottes Sohn nur, nicht Gott selbst, und deshalb hatte er zu Gott dem Vater gebetet, und Gott der Vater hatte ihn in seiner bitteren Not verlassen. Hatte aber Gott sich von ihm gewendet, so konnte auch er sich von Gott wenden. Hatte Gott kein Ohr, so hatte er keine Lippen; hatte Gott keine Gnade, so hatte er auch keine Anbetung – und er trotzte, und wies Gott aus seinem Herzen. An dem Tag, da Edele begraben wurde, stampfte er verächtlich mit dem Fuß die Erde des Grabes, sooft der Prediger den Namen des Herrn nannte, und wenn er später in Büchern und im Munde der Leute dem Namen Gottes begegnete, so runzelte er empört die Kinderstirn. Wenn er sich am Abend schlafen legte, so erwachte ein wunderliches Gefühl verlassener Größe in ihm, wenn er dachte, wie jetzt alle, Kinder und Erwachsene, zu Gott dem Herrn beteten und die Augen in seinem Namen schlössen, während er allein die Hände nicht faltete, er allein Gott die Ehre versagte. Er war von der Obhut des Himmels ausgeschlossen, kein Engel wachte an seiner Seite; einsam und unbeschützt trieb er auf den seltsam murmelnden Wässern der Dunkelheit umher, und die Einsamkeit breitete sich über ihn aus und zog immer weitere und weitere Kreise um sein Lager. Aber er betete doch nicht; sehnte er sich auch bis zu Tränen, er rief doch nicht. Und so blieb es sein Leben lang; denn voll Trotz löste er sich los von der Anschauungsweise, in die der Unterricht ihn gebannt hatte, und floh mit seiner Sympathie auf die Seite derer, die ihre Kräfte vergebens gebraucht hatten, gegen den Stachel zu löcken. In den Büchern, die man ihm zu lesen gegeben, und in dem, was man ihn gelehrt, zogen Gott und die Seinen – Völker und Ideen – in unaufhaltsamen Siegeszug dahin; und der Jubel hatte ihn mitjubeln lassen, hingerissen von dem glückseligen Gefühl, zur stolzen Legion der Sieger gezählt zu werden; denn ist der Sieg nicht stets gerecht, und ist der Sieger nicht stets der Befreier, Förderer, Lichtbringer? Jetzt aber war der Jubel in ihm verstummt, jetzt schwieg er, dachte mit den Gedanken der Überwundenen, fühlte mit den Herzen der Geschlagenen, er begriff, daß, weil das Siegende gut ist, das Unterliegende nicht gleich schlecht zu sein braucht; und jetzt nahm er Partei, sagte, dieses sei besser, fühlte, dieses sei größer, und nannte die Siegesstärke Gewalt und Übermacht. Er nahm Partei – so sehr er konnte – gegen Gott, aber wie ein Vasall, der gegen seinen rechtmäßigen Herrn zu den Waffen greift, denn er glaubte noch und konnte den Glauben nicht forttrotzen. Sein Lehrer, Herr Bigum, war nicht der Mann, der einer Seele wieder zurückhelfen konnte. Im Gegenteil. Seine Stimmungsphilosophie, die sich von allen Seiten zu einer Sache hinreißen und begeistern ließ, heute von dieser, morgen von der entgegengesetzten, brachte bei seinem Zögling sämtliche Dogmen zum Treiben. Er war eigentlich ein christlicher Mann, und würde wahrscheinlich wenn man ihn dazu hätte bringen können bestimmt zu erklären, was denn für ihn das Feste in all dem Fließenden sei, wohl gesagt haben, daß es der Glaube und die Lehrsätze der lutherisch-evangelischen Kirche seien, oder auf jeden Fall etwas Ähnliches; aber er war nun einmal so sehr wenig dazu angetan, seine Zöglinge auf dem scharf abgegrenzten Pfad des Kirchenglaubens vorwärts zu treiben und ihnen bei jedem Schritt zuzurufen, das geringste Überschreiten der Grenzpfähle sei ein Weg der Lüge und Dunkelheit zur Verderbnis der Seele und zur Hölle; denn der Rechtgläubigkeit leidenschaftliche Genauigkeit für Titelchen und Pünktchen fehlte ihm völlig. Er war nämlich religiös auf jene ein wenig spielerisch-überlegene Art, die solche Begabungen sich anzunehmen erlauben; sie scheuen sich nicht, alles ein wenig harmonisch zu gestalten und lassen sich leicht zu halb unwillkürlichen Umdichtungen und Zurichtungen verleiten, weil sie in allem und jedem zuerst ihre eigene Persönlichkeit hervorheben, und, in welchen Sphären sie auch fliegen, das Rauschen ihrer eigenen Geistesschwingen vor allem hören müssen. Solche Leute führen ihre Schüler nicht; aber in ihrem Unterricht liegt eine Fülle, eine Mannigfaltigkeit, eine etwas schwankende Vielseitigkeit, die, wenn sie den Schüler nicht verwirrt, einen hohen Grad von Selbständigkeit in ihm entwickelt und ihn fast zwingt, sich eine eigene Meinung zu bilden; denn Kinder beruhigen sich niemals bei etwas Unbestimmtem oder Schwebendem, sondern aus instinktmäßigem Selbsterhaltungstrieb fordern sie stets ein reines Ja oder ein reines Nein, ein Für oder Wider, damit sie wissen, welchen Weg sie mit ihrer Liebe, und welchen sie mit ihrem Haß einzuschlagen haben. So gibt es denn keine anerkannte und unerschütterliche Autorität, die Niels mit ewigem Feststellen und Wegweisen zurückführen kann. Er hat die Zügel zwischen die Zähne genommen und läuft jetzt jeden neuen Pfad, der sich ihm zeigt, wenn er nur wegführt von dem, was vordem das Heim seiner Gefühle und Gedanken gewesen. Es liegt ein neues Gefühl von Kraft darin, so mit eigenen Augen zu sehen und mit eigenem Herzen zu wählen, und an sich selber zu formen, so manches taucht in seinem Geiste auf, so viele unbeachtete zerstreute Seiten seines Wesens sammeln sich so wunderbar zu einem vernünftigen Ganzen. Es ist eine berauschende Entdeckungszeit, in der er nach und nach angstvoll in unsicherem Jubel, voll ungläubigem Glück sich selbst entdeckt. Zum erstenmal sieht er, daß er nicht wie die andern ist; eine geistige Schamhaftigkeit erwacht in ihm und macht ihn scheu und wortkarg und verlegen. Er ist allen Fragen gegenüber mißtrauisch und findet in allem, was gesagt wird, Anspielungen auf seine verborgensten Seiten. Weil er gelernt hat, in sich selbst zu lesen, glaubt er auch, daß alle anderen lesen können, was in ihm geschrieben steht, und er zieht sich zurück von den Erwachsenen und streift einsam umher. Die Menschen sind plötzlich so seltsam zudringlich geworden. Er hat ein feindliches Gefühl ihnen gegenüber, wie bei Wesen einer anderen Rasse, und in seiner Einsamkeit nimmt er sie vor und betrachtet sie spähend und aburteilend. Früher waren die Namen: Vater, Mutter, der Pastor, der Müller vollkommen genügende Erklärungen. Der Name hatte ihm die Person vollständig verborgen. Der Pastor war der Pastor; mehr war von der Sache nicht zu sagen gewesen. Aber jetzt sah er, daß der Pastor ein kleiner, lustiger Mann war, der zu Hause so still und zahm wie möglich war, um nur nicht von seiner Frau bemerkt zu werden, während er sich draußen in einen Rausch von Empörung und freiheitsdurstiger Gewalttätigkeit hinein redete, um das Joch daheim zu vergessen. Das war aus dem Pastor geworden. Und nun Herr Bigum? Er hatte ihn in jener Stunde der Leidenschaft unten im Garten bereit gesehen, für Edeles Liebe alles von sich zu werfen, er hatte gehört, wie er sich und den Geist, der in ihm war, verleugnete – und jetzt sprach er unaufhörlich von der olympischen Ruhe des philosophischen Menschen gegenüber den vagen Wirbelwinden und den dunstgeborenen Regenbogen des Lebens. Welch schmerzliche Verachtung erweckte das in dem Knaben, wie wachsam und rege machte es seinen Zweifel! Er wußte ja nicht, daß das, was Herr Bigum bei andern Leuten mit niedrigen Namen benannte, ganz anders getauft wurde, wenn es ihn selbst betraf, und daß seine olympische Ruhe dem gegenüber, was die Menschen in Bewegung brachte, nur das verächtliche Lächeln eines Titanen war, voller Erinnerungen an die Sehnsucht der Titanen, an die Leidenschaften der Titanen. 5. Kapitel Ein halbes Jahr nach Edeles Tod verlor eine Kusine Lyhnes ihren Mann, den Tonwarenfabrikanten Refstrup. Das Geschäft war niemals glänzend gewesen, durch die lange Krankheit des Mannes war es noch mehr in Verfall geraten, und es stand nicht mehr viel zwischen der Witwe und der Armut. Sieben Kinder waren mehr, als sie versorgen konnte; die beiden jüngsten und das älteste, das bereits in der Fabrik mithalf, blieben bei ihr, die übrigen nahm die Familie. Lyhnes bekamen den zweitältesten Knaben; er hieß Erik, war vierzehn Jahre alt und hatte eine Freistelle im Gymnasium der Stadt gehabt; jetzt sollte er von Herrn Bigum zusammen mit Niels und Frithjof Petersen, Pastors Frithjof, unterrichtet werden. Er unterwarf sich den Studien nicht aus eigenem Willen; denn er wollte Bildhauer werden. Der Vater hatte gesagt, das sei Unsinn; aber Lyhne hatte nichts dagegen, er glaubte, daß der Knabe Talent habe; aber er wollte, daß er seine Reifeprüfung mache, um stets einen festen Haltepunkt zu haben; außerdem war klassische Bildung für einen Bildhauer ja notwendig oder doch wenigstens sehr zu empfehlen. Dabei blieb es vorläufig, und Erik mußte sich mit der nicht unbedeutenden Sammlung guter Kupferstiche und Bronzen trösten, die sich auf Lönborghof befanden. Das waren allerdings schon große Dinge für einen, der bis jetzt nur den Schund gekannt hatte, den ein mehr wunderlicher als kunstverständiger Drechsler der Stiftsbibliothek vermacht hatte, und bald war Erik eifrig mit Bleistift und Modellierholz beschäftigt. Nichts sprach ihn so an wie Guido Reni, der in jenen Tagen ja auch einen größeren Namen hatte als Raffael und die Größten; und vielleicht ist nichts so sehr geeignet, junge Augen für die Schönheiten eines Kunstwerkes zu öffnen, als das Bewußtsein, daß ihre Bewunderung bis zu den höchsten Höhen hinauf anerkannt wird. Andrea del Sarto, Parmeggianino und Luini, die später, als er und sein Talent sich gefunden hatten, so viel für ihn werden sollten, ließen ihn jetzt gleichgültig, während das Kühne bei Tintoretto, das Bittere bei Salvator Rosa und Carravaggio ihn entzückte; denn für das Süße in der Kunst haben sehr junge Menschen keinen Sinn; der lieblichste Miniaturmaler hat seinen Weg in Buonarottis Spuren begonnen, der gemütvollste Lyriker hat seine erste Fahrt mit schwarzen Segeln im Blut der Tragödie gemacht. Vorläufig war diese Beschäftigung mit der Kunst nur ein Spiel für ihn, ein wenig besser zwar als andere Spiele, und er war nicht stolzer auf einen glücklich modellierten Kopf und ein flott geschnitztes Pferd als er es war, wenn er mit einem Stein die Wetterfahne auf dem Kirchturm getroffen hatte oder hinaus nach Sönderhagen und zurückgeschwommen war, ohne sich auszuruhen; denn er liebte solche Spiele, Spiele, bei denen es auf Gewandtheit, auf Kraft und Ausdauer, auf eine sichere Hand und ein geübtes Auge ankam, doch nicht die Spiele, die Niels und Frithjof spielten, bei denen Phantasie die Hauptrolle spielte und Handlung und das Gelingen der Handlung stets nur eingebildet waren. Bald gaben indessen auch sie ihren alten Zeitvertreib auf, um Erik zu folgen. Die Romanbücher wurden beiseitegelegt und die endlose Geschichte bekam bei einer letzten, heimlichen Zusammenkunft auf dem Heuboden ein etwas gewaltsames Ende; tiefe Stille lag über ihrem eilig aufgeworfenen Grabhügel, denn sie wollten Erik nicht gern davon erzählen; nach einer Bekanntschaft von wenigen Tagen ahnten sie bereits, daß er sowohl sie wie ihre Geschichte verspotten, sie in ihren eigenen Augen herabsetzen und dahin bringen würde, sich zu schämen. Diese Macht besaß er nämlich, denn er war frei von allem, was Träumerei, Exaltation oder Phantasterei hieß. Und da seine klare, praktische Knabenvernunft in ihrer untadeligen Gesundheit ebenso schonungslos wie bereit war, geistige Gebrechen zu verspotten, wie Kinder es gewöhnlich mit leiblichen tun, so hatten Niels und Frithjof Furcht vor ihm; sie bildeten sich nach ihm, verleugneten vieles und verheimlichten noch mehr. Niels besonders war schnell bereit, alles an sich zu unterdrücken, was nicht von Eriks Welt war, und mit dem ganzen Eifer eines Renegaten verspottete und belächelte er Frithjof, dessen langsamere und treuere Natur nicht so schnell das Alte um des Neuen willen vergessen konnte. Was Niels aber am meisten zu diesem lieblosen Treiben veranlaßte, war die Eifersucht; denn schon vom ersten Tage an hatte er sich in Erik verliebt, der scheu und kühl, nur widerstrebend und halbverächtlich duldete, daß man ihn liebte. Gibt es wohl in allen Gefühlsverhältnissen des Lebens ein zarteres, edleres und innigeres, als die leidenschaftliche und doch so schüchterne Liebe eines Knaben zu einem andern? Eine Liebe, die niemals spricht, sich niemals in einer Liebkosung, einem Blick, einem Worte Luft zu machen wagt, eine sehende Liebe, die tief trauert über einen Mangel oder einen Fehler an dem, den sie liebt, und die Sehnsucht ist und Bewunderung und Selbstvergessen, Stolz und Demut und ruhig atmendes Glück. Nur ein oder anderthalb Jahre blieb Erik auf Lönborghof; denn während eines Besuches in Kopenhagen hatte Lyhne mit einem der hervorragendsten Bildhauer gesprochen und ihm die Skizzen des Knaben gezeigt; und Mikkelsen, der Bildhauer, hatte Talent darin erkannt und gemeint, daß das Studieren Zeitverschwendung sei; man brauche keine besondere klassische Bildung, um einen griechischen Namen für einen nackten Menschen zu finden. Es wurde daher abgemacht, daß Erik sofort hinübergegeschickt werden solle, um die Akademie zu besuchen und in Mikkelsens Atelier zu arbeiten. Am letzten Nachmittag saßen Niels und Erik oben auf ihrem Zimmer. Niels besah Bilder in einem Pfennigmagazin. Erik war in Spenglers beschreibendem Katalog der Gemäldesammlung auf Schloß Christiansborg vertieft. Wie oft hatte er dieses Buch schon durchgeblättert und versucht, sich aus den naiven Beschreibungen eine Vorstellung von den Gemälden zu machen, beinahe krank vor Sehnsucht, diese Kunst und Schönheit wirklich zu sehen, wirklich mit Augen diese Herrlichkeit der Linien und Farben zu genießen und zu fassen, so daß sie sein wurden durch seine Bewunderung; und wie oft hatte er dieses Buch schon geschlossen, müde des Starrens in den jagenden phantastischen Nebel, der nicht haften, sich nicht formen, nichts gebären wollte, nur wogen und gleiten in vagem verwirrenden Wechsel, wogen und gleiten. Heute aber war es anders, heute wußte er bereits, wie bald sie nicht mehr Schatten aus dem Traumland sein würden; so fühlte er sich reich durch alle Versprechungen des Buches und die Bilder nahmen heute Formen an wie nie zuvor und brachen hervor in flüchtigem Blinken wie farbenstarke Sonnen aus einem Nebel, der golden war von tanzendem Gold. »Was besiehst du da?« fragte er Niels. Niels zeigte ihm Lassen in seinem Buch, den Helden des zweiten April. »Wie häßlich er ist«, sagte Erik. »Häßlich! Er war ja ein Held – nennst du diesen auch häßlich?« Niels hatte zu dem Bild eines großen Dichters zurückgeblättert. »Maßlos häßlich!«, versicherte Erik und verzog den Mund. »Ist das eine Nase? und der Mund und die Augen, und die zottigen Haare, die ihm um den Kopf hängen!« Niels sah, daß er häßlich war, und wurde ganz still; es war ihm niemals eingefallen, daß das, was groß war, nicht immer in eine Form gegossen, die schön war. »Richtig«, sagte Erik und schloß seinen Spengler, »daß ich nur nicht vergesse, dir den Schlüssel zum Roof zu geben.« Niels machte eine schwermütig abwehrende Bewegung, aber Erik hing ihm dennoch den kleinen Schlüssel eines Hängeschlosses an breitem, schwarzem Bande um den Hals. »Wollen wir hinuntergehen?« fragte er. Sie gingen. Am Gartenzaun trafen sie Frithjof; er lag da und aß unreife Stachelbeeren und hatte in Gedanken an den Abschied Tränen in den Augen. Und dann fühlte er sich auch gekränkt, weil sie ihn nicht schon früher aufgesucht hatten; zwar pflegte er sonst von selbst zu kommen; aber an einem Tage, wie den heutigen, meinte er, müsse sich alles in besonderen Formen abspielen. Schweigend streckte er ihnen eine Hand voll unreifer Früchte entgegen; aber sie hatten ihre Leibgerichte zu Mittag bekommen und waren wählerisch. »Sauer«, sagte Erik schaudernd. »Ungesundes Zeug«, fügte Niels überlegen hinzu und sah auf die dargereichten Beeren herab, »wie kannst du nur? wirf den Kram fort, wir gehen hinunter nach dem Roof«, und er deutete mit dem Kinn auf das Schlüsselband, denn die Hände hatte er in der Tasche. Dann gingen sie alle drei hinunter. Der Roof war eine alte, grün angestrichene Schiffskajüte, die einmal auf einer Strandauktion gekauft worden war. Sie stand unten am Fjord und hatte als Vorratsschuppen gedient, als der Damm aufgeworfen wurde; jetzt wurde sie jedoch nicht mehr benutzt, und die Knaben hatten sie in Besitz genommen und bewahrten dort ihre Fahrzeuge, Flitzbogen, Stöcke und andere Herrlichkeiten auf, besonders die verbotenen aber unentbehrlichen Dinge wie Pulver, Tabak und Streichhölzer. Mit einer gewissen düsteren Feierlichkeit öffnete Niels die Tür des Roofs, sie traten ein und suchten ihre Sachen aus den dunkeln Ecken der leeren Kojenräume zusammen. »Wißt ihr was?«, sagte Erik, mit dem Kopf in einem fernen Winkel, »ich sprenge meins in die Luft«. »Meins und Frithjofs auch«, antwortete Niels und begleitete seine Worte mit einer feierlich schwörenden Handbewegung. »Nein, meins in keinem Fall«, rief Frithjof, »womit sollen wir denn segeln, wenn Erik fort ist?« »Das ist wahr«, sagte Niels und wandte sich verächtlich von ihm ab. Frithjof war nicht ganz behaglich zu Mut; als aber die andern hinausgegangen waren, brachte er sein Fahrzeug in ein sicheres Versteck. Draußen schafften sie bald das Pulver in die Schuten und legten es in ein Nest von geteertem Werg; dann legten sie die Lunten zurecht, richteten die Segel, zündeten an und sprangen fort. Sie liefen am Strande entlang, gaben der Mannschaft an Bord Zeichen und erklärten einander laut die zufälligen Wendungen und Bewegungen der Schiffe als Wirkungen der nautischen Intelligenz ihrer tüchtigen Kapitäne. Die Schuten aber strandeten an der Landzunge, ohne daß die gewünschte Explosion stattgefunden hatte, und Frithjof bekam dadurch Gelegenheit, edelmütig die Wattierung seiner Mütze für die Anfertigung neuer und besserer Lunten zu opfern. Mit vollen Segeln steuerten jetzt die Schiffe auf die Klippen Seelands zu; ein undurchdringlicher Ring kamen die schweren Fregatten des Engländers schwerfällig angestampft, während der Schaum hell unter dem schwarzen Bug zischte, und die Kanonen mit scharfem Knall die Luft erfüllten. Näher und näher schon leuchtet es blau und rot und in schimmerndem Gold von »Albions« und »Conqueros« klafterhohen Gallionen; die grauen Segelmassen verbargen den Horizont, der Pulverdampf wälzte sich in weißen Wolken vorbei und trieb dann als Nebelschleier über die sonnenblinkenden Wogen hin; da wurde das Verdeck von Eriks Fahrzeug mit schwachem Knall in die Luft gesprengt; das Feuer ergriff das Werg, die rote Lohe schlug empor, und an den Wanten und Rahen entlang liefen hurtige Flammen, fraßen sich langsam schwelend durch das Liek der Segel und schlugen dann gleich langen Blitzen in das Segeltuch, das sich brennend zusammenrollte und schrumpfte und in großen, schwarzen Fetzen weit über das Meer hinausflog. Noch wehte der Danebrog von der schlanken Spitze des wolkenhohen Schonermastes; die Flaggenleine war verbrannt, und er flatterte wild, als ob er kampfbereit mit roten Flügeln um sich schlüge, – aber im Nu erfaßte ihn die lodernde Flamme, und ohne Steuer und Steuermann trieb nun das rauchgeschwärzte Schiff tot und willenlos dahin, ein Spiel des Windes und der Wellen. Niels Fahrzeug wollte nicht recht brennen; das Pulver hatte sich wohl entzündet, und der Rauch war aufgequalmt, aber das war alles, und es war zu wenig. »Ahoi, Leute«, rief Niels von der Landzunge aus, »bohrt sie in Grund! Richtet die Steuerbordkanonen durch die Achterluken, und gebt ihr die ganze Lage!« Im selben Augenblick bückte er sich nach einem Stein. »Gebt Feuer!« Und der Stein flog aus seiner Hand. Schnell kamen Erik und Frithjof und halfen, und so war der Rumpf bald zersplittert und Eriks Fahrzeug ebenfalls. Was blieb, wurde an Land gebracht, denn jetzt sollte ein Scheiterhaufen angezündet werden. Mit trockenem Tang und welkem Gras wurde aus allem bald ein brennender, rauchender Haufen, in dem die kleinen Kiesel, die im Tang gewesen, in der starken Hitze lustig krachten und knisterten. Eine Zeitlang saßen die Knaben schweigsam um den Scheiterhaufen; aber plötzlich sprang der immer noch finstere Niels auf, und holte alle seine Sachen aus dem Roof, brach sie in Stücke und warf sie ins Feuer. Dann holte Erik die seinen, und Frithjof holte auch etwas. Jetzt schlugen die Flammen des Opferfeuers hoch empor, so daß Erik Bedenken äußerte, man könne es vielleicht vom Felde her sehen, und anfing es mit nassem Tang zu löschen; Niels aber stand ruhig dabei und starrte dem am Strande entlang ziehenden Rauch traurig nach. Frithjof hielt sich weiter zurück und summte einen Heldengesang vor sich hin, den er heimlich mit wilden, bardenartigen Griffen auf den Saiten einer unsichtbaren Harfe begleitete. Endlich erlosch der Scheiterhaufen, und Erik und Frithjof begaben sich auf den Heimweg, Niels aber blieb zurück, um den Roof zu schließen. Als dies geschehen, sah er sich vorsichtig nach den andern um und warf dann Schlüssel und Band weit hinaus in den Fjord. Erik hatte sich in diesem Augenblick umgedreht und sah beides noch im Fallen, aber hastig wandte er sich ab und begann mit Frithjof um die Wette zu laufen. Tags darauf reiste er ab. In der ersten Zeit wurde er schmerzlich und bitter vermißt, denn für die beiden Zurückgebliebenen war alles gleichsam stehengeblieben. Das Leben hatte sich allmählich in der Voraussetzung gestaltet, daß drei dazu gehörten, um es zu leben. Drei waren Gesellschaft, Mannigfaltigkeit, Abwechselung; zwei waren Einsamkeit und überhaupt nichts. Was in aller Welt konnten zwei anfangen? Konnten zwei ein Scheibenschießen sein, konnten zwei Ball spielen? Sie konnten Freitag und Robinson Krusoe sein, aber wer sollten dann die Wilden sein? Welche Sonntage! Niels war des Lebens so überdrüssig, daß er anfing, seine geographischen Kenntnisse zu repetieren und dann mit Hilfe von Herrn Bigums großen Atlas sie weit über die vorgeschriebenen Grenzen zu erweitern. Schließlich begann er, die ganze Bibel durchzulesen und ein Tagebuch zu führen. Frithjof jedoch suchte in seiner völligen Verlassenheit einen erniedrigenden Trost darin, mit seinen Schwestern zu spielen. Allmählich wurde die Vergangenheit weniger deutlich und die Sehnsucht milder; sie kam wohl noch an stillen Abenden, wenn das Abendrot über die Wand der einsamen Kammer leuchtete und der ferne, einförmige Ruf des Kuckucks ganz verklang und die Stille gleichsam weiter und größer machte, – dann konnte die Sehnsucht kommen und alles krank machen und Ermattung in alle Sinne bringen; aber sie peinigte nicht mehr, sie kam so lau und lastete so weich, daß sie beinahe süß war wie ein schwindender Schmerz. Auch mit den Briefen ging es so. Anfangs waren sie voller Klagen, Fragen und Wünsche; ganz zusammenhanglos aneinandergereiht; aber dann wurden sie länger, erzählten von fernerliegenden Dingen und jetzt waren sie stilvoll und wohlgeformt geschrieben, mit einer gewissen Freude darüber, so geschickt schreiben zu können, daß man zwischen den Zeilen lesen konnte. Und im Lauf der Dinge tauchte nun auch so manches wieder auf, das nicht gewagt hatte, den Kopf zu erheben, so lange Erik da war. Die Phantasterei schüttete ihre flimmernden Blüten aus über die langweilige Stille des ereignislosen Lebens; Traumluft betäubte die Sinne mit ihrem zehrenden und anreizenden Lebensduft, in dem das feine Gift lebensdurstiger Ahnungen verborgen lag. Und so wächst Niels nun auf, alle Einflüsse der Kindheit formen an dem weichen Ton, alles formt daran, alles hat Bedeutung, das, was ist, und das, was erträumt wird, das, was er weiß, und das, was er ahnt – alles zieht seine leichten doch sicheren Linien, die nachgeformt und vertieft, dann abgeschwächt und ausgelöscht werden sollen. 6. Kapitel Student Lyhne – Frau Boye; Student Petersen – Frau Boye.« Es war Erik, der vorstellte, und zwar in Mikkelsens Atelier, einem großen, hellen, zwölf Ellen hohen Raum mit festgestampftem Lehmboden, an der einen Wand zwei große Tore, die ins Freie führen und in den anderen Türen zu den dahinterliegenden kleinen Ateliers. Der Staub von Ton und Gips und Marmor hatte alles da drinnen grau gefärbt; er hatte die Spinnweben an der Decke dick wie Bindfaden gemacht und Flußkarten auf die großen Scheiben gezeichnet; er lag in den Augen, Mund und Nasen, in den Muskelstreifen, Locken und Gewändern der unzähligen Abgüsse, die sich wie ein Fries von der Zerstörung Jerusalems auf langen Borden rings um den Raum zogen; und die Lorbeerbäume in der Ecke an der Eingangstür, die hohen Lorbeerbäume in ihren großen Kübeln hatte er grauer gepudert als graue Oliven. Erik, in Bluse und die Papiermütze auf dem dunkeln lockigen Haar, stand mitten im Atelier und modellierte; er trug jetzt einen Schnurrbart und sah sehr männlich aus im Vergleich zu seinen bleichen, durch das Examen abgespannten Freunden, die so provinzhaft brav aussahen in ihren allzu neuen Kleidern und dem zu kurz geschorenen Haar unter den fast zu großen Studentenmützen. Nicht weit von Eriks Gerüst saß Frau Boye auf einem niedrigen, hochlehnigen Holzstuhl, ein feines Buch in der einen Hand, einen kleinen Klumpen Ton in der andern. Klein war sie, ein wenig zu klein und leicht brünett, mit klarbraunen Augen und weißem Teint, der im Schatten der Rundungen mattgolden wurde und gut zu dem glanzvollen Haar paßte, dessen Dunkel im Licht den Ton braungebrannter Blondheit annahm. Sie lachte, als sie kamen, wie ein Kind lachen kann, so erleichternd lange und lustig laut, so vergnügt und befreiend, und der offene Blick eines Kindes lag in ihren Augen, das aufrichtige Lächeln eines Kindes spielte um ihren Mund, der dadurch noch kindlicher wurde, daß die zu kurze Oberlippe die milchweißen Zähne fast nie verdeckte und der Mund stets ein wenig geöffnet war. Aber sie war kein Kind. War sie wohl schon dreißig? Die volle Form des Kinnes sagte nicht nein, ebenso wenig wie die glühende Reife der Unterlippe; sie war voll von Wuchs mit reichen, festen Formen, die stark betont wurden durch ein dunkelblaues Kleid, das in der Taille, um Brust und Arme fest anschloß wie ein Reitkleid. Um Hals und Schultern lag faltenreich ein dunkles blutrotes Seidentuch, dessen Enden in dem spitzen Ausschnitt des Kleides verschwanden; im Haar trug sie Nelken in der Farbe des Tuchs. »Ich fürchte, wir unterbrechen Sie in einer angenehmen Lektüre«, sagte Frithjof mit einem Blick auf das feine Buch. »Nicht im geringsten, o nein; über das, was wir lasen, haben wir uns seit einer Stunde gestritten,« antwortete Frau Boye und sah Frithjof mit großen, unausweichlichen Augen an; »Herr Refstrup ist solch ein Idealist in allen Dingen der Kunst, und ich finde das alles so langweilig, das mit der rauhen Wirklichkeit, die geläutert und geklärt und wiedergeboren und was sonst noch alles werden soll, bis nichts mehr davon übrigbleibt; tun Sie mir den Gefallen und sehen Sie jene Bachantin von Mikkelsen an, die der taube Traffelini dahinten kopiert; wenn ich sie in einen beschreibenden Katalog aufführen sollte. ... Herr du meine Güte! »Nr. 77. Eine junge Dame im Negligé steht nachdenklich auf ihren Beinen und weiß nicht, was sie mit einer Weintraube anfangen soll.« – Sie sollte die Weintraube zerquetschen, wenn ich zu sagen hätte, so daß der rote Saft ihr über die Brust liefe, was? nicht wahr? Habe ich nicht recht?« und mit kindlichem Eifer faßte sie Frithjofs Arm und beinahe heftig rüttelte sie ihn. »Ja«, gab Frithjof zu, »ja, das möchte ich auch sagen, es fehlt das – Frische – Unmittelbare – – – –« »Ach, das Natürliche fehlt, Herr Gott, warum können wir denn nicht natürlich sein? Oh, ich weiß es sehr gut, nur der Mut fehlt uns dazu. Weder die Künstler noch die Dichter haben den Mut, vom Menschen auszusagen, wie er ist. – Shakespeare, der hatte ihn.« »Ja, Sie wissen doch schon«, sagte Erik hinter seiner Figur hervor, »Shakespeare, mit dem kann ich nicht auskommen, er tut darin zu viel; mir ist, als jage er mit einem herum, bis man zuletzt gar nicht mehr weiß, was eigentlich was ist.« »Das möchte ich nicht sagen«, wandte Frithjof tadelnd ein, »aber«, fügte er mit entschuldigendem Lächeln hinzu, »ich kann allerdings die Berserkerwut des großen englischen Dichters nicht wirklich bewußten und verständigen Künstlermut nennen.« »Nicht! – ach Gott, wie amüsant Sie sind!« und sie lachte, was sie lachen konnte, indem sie aufstand und durch das Atelier ging. Plötzlich wandte sie sich um, streckte die Arme gegen Frithjof aus und rief: »Gott segne Sie!« und dabei krümmte sie sich vor Lachen bis zur Erde. Frithjof war fast beleidigt, aber es war so umständlich, im Zorn fortzugehen; überdies hatte er ja vollständig recht in dem, was er gesagt, und dann war die Frau auch so hübsch. Er blieb also und ließ sich mit Erik in ein Gespräch ein, wobei er im Hinblick auf Frau Boye einen Ausdruck überlegener Nachsicht in seine Stimme zu legen suchte. Inzwischen streifte Frau Boye am andern Ende des Ateliers umher, mit einem leisen, nachdenklichen Summen, das sich bald zu schnellem, kichernden Trillern steigerte, bald in langsam-feierlichem Rezitativ einherschwebte. Auf einer großen Holzkiste stand ein junger Augustuskopf; von dem begann sie den Staub abzuwischen, dann nahm sie ein Stückchen Ton und machte ihm daraus Schnurrbart und Kinnbart und Ringe, die sie ihm in die Ohren schob. Während sie sich damit beschäftigte, war Niels unter dem Vorwand, die Abgüsse auf den Regalen zu betrachten, ganz nahe an sie herangekommen. Sie hatte nicht nach ihm hingesehen; trotzdem mußte sie ihn nahe wissen, denn ohne sich umzusehen, streckte sie ihm die Hand hin und bat ihn, Eriks Hut zu holen. Niels gab ihr den Hut in die immer noch ausgestreckte Hand und sie nahm ihn und setzte ihn dem Augustuskopf auf. »Alter Shakespeare«, sagte sie zärtlich und streichelte die Wange der travestierten Büste, »dummer, alter Bursche, der nicht wußte, was er tat. – Saß da und stocherte in der Tinte und rührt einen Hamletkopf zurecht, ohne sich etwas dabei zu denken, nicht wahr?« Sie lüftete den Hut der Büste und ließ ihr mütterlich die Hand über die Stirn gleiten, als wolle sie ihr das Haar zurückstreichen. »Alter, glücklicher Kerl trotzdem. Alter, gescheiter Dichterjunge! Denn nicht wahr, Herr Lyhne, das muß man doch zugeben, daß er ein gescheiter Literat war, dieser Herr Shakespeare!« »Ja, nun, ich habe meine eigene Ansicht über den Mann«, entgegnete Niels ein wenig beleidigt und errötete. »Herr Gott! Haben Sie auch eine eigene Ansicht über Shakespeare! – was meinen Sie denn? Sind Sie für uns oder gegen uns?« Und dabei stellte sie sich lächelnd neben die Büste und legte den Arm um ihren Nacken. »Ich kann nicht sagen, ob die Meinung, über deren Vorhandensein bei mir Sie sich wundern, das Glück hat, dadurch Bedeutung zu erlangen, daß sie mit der Ihren übereinstimmt; aber ich glaube doch, sagen zu können, daß sie für Sie und Ihren Protegé ist; jedenfalls meine ich bestimmt, daß er wußte, was er tat, erwog, was er tat und wagte, was er tat. Manches Mal hat er es im Zweifel gewagt, so daß man den Zweifel heute noch spürt, manchmal hat er es auch nur halb gewagt und mit neuen Zügen das verwischt, was er so, wie es war, nicht stehenzulassen wagte. ...« Und in dieser Art sprach er weiter. Während er sprach, wurde Frau Boye immer unruhiger; nervös blickte sie bald nach der einen, bald nach der andern Seite und spielte ungeduldig mit den Fingern, während ein bekümmerter und schließlich leidender Ausdruck ihr Gesicht mehr und mehr verfinsterte. Endlich konnte sie sich nicht länger beherrschen. »Vergessen Sie nicht, was Sie sagen wollten!« unterbrach sie, »aber ich bitte Sie, Herr Lyhne, lassen Sie endlich das mit der Hand, – diese Bewegung, als ob Sie Zähne ziehen wollten; ja, bitte, lassen Sie das?! Und nun lassen Sie sich nicht stören, ich bin wieder aufmerksam, und ich bin ganz einig mit Ihnen!« »Gut, dann brauch ich ja nichts mehr zu sagen!« »Weshalb?« »Nun, wenn wir einig sind!« »Ja – wenn wir einig sind!« Keiner von ihnen meinte etwa besonderes mit den letzten Worten; aber sie sprachen sie mit einer bedeutungsvollen Betonung aus, als läge eine Welt von Feinheit darin verborgen, und sie blickten einander mit einem geistreichen Lächeln auf den Lippen an – Widerschein des Geistes, der soeben geleuchtet hatte – während sie beide darüber nachgrübelten, was der andere mit seinen Worten gemeint haben könne, ein wenig ärgerlich darüber, so schwerfällig von Begriff zu sein. Langsam gingen sie zu den andern, und Frau Boye setzte sich wieder auf den niedrigen Stuhl. Erik und Frithjof hatten sich einander müde geredet und waren froh, wieder Gesellschaft zu bekommen. Frithjof näherte sich sofort der Dame und war sehr liebenswürdig, während Erik sich mit der Bescheidenheit des Wirtes zurückhielt. »Wenn ich neugierig wäre«, sagte Frithjof, »würde ich fragen, über welches Buch Sie und Refstrup stritten, als wir kamen.« »Fragen Sie?« sagte Frau Boye. »Ich frage«. »Ergo?« »Ergo«, entgegnete Frithjof mit einer demütig bescheidenen Verbeugung. Frau Boye hielt das Buch in die Höhe und sagte feierlich verkündend: »Helge, Oehlenschlägers Helge. – Welcher Gesang es war? – Also: »Die Meerfrau besucht König Helge.« – Und welche Verse? Die, wo Tankjär sich an Helges Seite gelagert hat, und er seine Neugierde nicht länger bezähmen kann, sondern sich umdreht.« ... ... ... blickt hin und sieht schwellende Arme sich breiten, die schönste Frau, die auf Erden erblüht, die ruht an seiner Seiten. Kein dunkles Gewand verhüllt das Weib und verbirgt die Schönheit der Glieder durchscheinende Schleier umwallen den Leib und rieseln silbrig hernieder. Und das ist alles, was wir von der Schönheit der Meerfrau zu sehen bekommen, und damit war ich nicht zufrieden. Da möchte ich eine üppig glühende Schilderung haben, ich möchte etwas so blendend Schönes sehen, daß es mir den Atem raubt. Ich will in die eigenartige Schönheit eines solchen Meerweibkörpers eingeweiht werden, und nun bitte ich Sie, was soll ich dann mit weißen Armen und herrlichen Gliedern und einem Stück Flor darüber anfangen? – Herrgott, nein! – Nackt sollte sie sein wie eine Welle, und die wilde Schönheit des Meeres müßte sie ausströmen. Auf ihrer Haut müßte der Phosphorglanz des Sommermeeres liegen, in ihrem Haar der schwarze, wilde Schrecken eines Tangwaldes. Nicht wahr? – Ja, die tausend Farben des Wassers müßten in blinkendem Wechsel in ihren Augen kommen und gehen; die bleiche Brust muß kalt sein von einer wollüstig kühlenden Kälte, der wogende Lauf der Wellen muß durch all ihre Formen rieseln, ihr Kuß hat die saugende Gewalt des Strudels, und weich wie der Schaum der Wellen ist ihre Umarmung.« Sie hatte sich ganz heiß geredet und stand noch ganz erregt von ihrem Thema da und sah ihre jungen Zuhörer mit großen, fragenden Kinderaugen an. Aber die sagten nichts. Niels war feuerrot geworden, und Erik höchst verlegen. Frithjof war ganz hingerissen und starrte sie mit unverhohlener Bewunderung an, und doch war er derjenige, der am wenigstens sah, wie berauschend schön sie war, wie sie da hinter ihren Worten vor ihnen stand. Nach Verlauf weniger Wochen waren Niels und Frithjof ebenso häufige Gäste in Frau Boyes Haus, wie es Erik Refstrup war. Außer der bleichen Nichte der Hausfrau trafen sie hier zahlreiche junge Menschen, Dichter, Maler, Schauspieler und Architekten, alle mehr Künstler durch ihre Jugend als durch ihr Talent, alle voller Hoffnungen, mutig, kampflüstern und sehr leicht zu begeistern. Unter ihnen gab es wohl auch einzelne stille Träumer, die wehmütig nach den verschwundenen Idealen entschwundener Zeiten jammerten, aber die meisten waren von dem erfüllt, was damals war, berauscht von der Theorie, geblendet von der Morgenklarheit, wild gemacht von der Kraft des Neuen. Neu waren sie, erbittert neu, neu bis zur Übertreibung, und das vielleicht um so mehr, weil sie tief innen eine seltsame, instinktstarke Sehnsucht trugen, die betäubt werden sollte; eine Sehnsucht, die das Neue nicht zu stillen vermochte, war es auch weltengroß, allumfassend, allmächtig und alles erleuchtend. Aber das war gleichgültig; es war der Jubel des Sturms in den jungen Seelen, und Glauben an das Licht großer Gedankensterne und Hoffnungen, unendlich wie Meere; Begeisterung trug sie wie auf Adlerflügeln, und tausendfacher Mut schwellte ihnen das Herz. Das Leben nahm ihm später wohl den Glanz und verpfuschte das meiste; Klugheit hatte davon abgebröckelt, und Feigheit trug dann wohl die Reste fort, aber was tut das! Die Zeit, die in Gutem vergangen ist, kehrt nicht mehr in Bösem zurück: und nichts im späteren Leben kann einen einzigen Tag welken machen oder eine einzige Stunde auslöschen von dem Leben, das gelebt ist. Für Niels bekam die Welt in diesen Tagen ein ganz anderes Gesicht. Seine geheimsten, vagen Gedanken von zehn verschiedenen Mündern ausgesprochen zu hören, seine eigentümlichen, wunderlichen Anschauungen, die wie eine dunstige Landschaft vor ihm gelegen, mit nebelverlorenen Linien, mit unbestimmten Tiefen und verschwommenen Tönen; diese Landschaft jetzt plötzlich entschleiert zu sehen, in hellen, scharfen, tagklaren Farben, jede Einzelheit offenbart, von Wegen durchfurcht, und Scharen von Menschen auf diesen Wegen – es lag etwas seltsam Phantastisches darin, daß dieses Phantastische so wirklich geworden. Er war also nicht mehr ein einsamer kindlicher König, der über Ländern herrschte, die er sich erträumte; nein, er war einer in der Menge, ein Mann in der Menge, ein Soldat im Solde der Idee und des Neuen. Er hatte ein Schwert in der Hand und eine Fahne flatterte ihm voran. Eine wunderliche, verheißungsvolle Zeit, da er, seltsam genug, mit eigenen Ohren das undeutlich geheimnisvolle Flüstern seiner Seele in der Luft der Wirklichkeit erklingen hörte wie wild herausfordernden Posaunenklang, wie Krachen von Keulenschlägen gegen Tempelmauern, wie pfeifendes Sausen von Davidsteinen gegen Goliathschädel, wie siegessichere Fanfaren. Es war, als hörte man sich selbst in fremden Zungen, mit fremder Kraft und fremder Klarheit über das reden, was einem im tiefsten Innern zu eigen war. Nicht nur von den Lippen der Altersgenossen erklang das neue Evangelium vom Auflösen und vom Vervollkommnen; es gab auch ältere Leute, Männer mit Namen von Gewicht, die einen Blick für das Neue und seine Herrlichkeit hatten; sie hatten breitere Worte dafür als die Jungen, waren festlicher in ihrer Auffassung; die Namen vergangener Jahrhunderte waren in ihrem Gefolge; sie hatten die Geschichte auf ihrer Seite, die Weltgeschichte, die Geschichte des Menschengeistes, die Odyssee des Gedankens. Es waren Männer, die in ihrer Jugend in gleicher Weise ergriffen gewesen, wie die, die jetzt jung waren und die Zeugnis abgelegt hatten für den Geist, von dem sie jetzt ergriffen waren; als sie aber ihre Stimme gehört hatten und hörten, daß es ein Ruf in der Wüste gewesen: – daß sie allein geblieben, da waren sie verstummt. Aber die Jungen dachten nur daran, daß diese Männer gesprochen hatten, und nicht daß sie verstummt waren, und daher warteten sie mit Lorbeerkränzen und Märtyrerkronen, bereit zu bewundern, glücklich, bewundern zu dürfen. Und die, denen die Bewunderung galt, wiesen diese spätgeborene Anerkennung nicht zurück, sondern drückten sich die Kronen in gutem Glauben auf, sahen sich als große und historische Persönlichkeiten, dichteten das weniger Heroische aus ihrer Vergangenheit fort – und deklamierten ihre alte Überzeugung, die die Ungunst der Zeitverhältnisse abgekühlt hatte, wieder in Glut. Niels Lyhnes Familie in Kopenhagen, besonders der alte Etatsrat, hatte keinen Gefallen an dem Umgang, den der junge Student sich erwählt. Es waren nicht so sehr die neuen Ideen, die ihnen Kummer machten, als die Ansicht einiger dieser jungen Menschen, daß eine leichte Unsauberkeit, langes Haar und hohe Jagdstiefel der Idee von Nutzen seien; und wenn auch Niels in dieser Beziehung nicht fanatisch war, so war es seinen Verwandten doch unangenehm, ihm zusammen mit diesen Jünglingen zu begegnen, und noch unangenehmer, daß ihre Bekannten ihn in dieser Gesellschaft trafen. Aber das war immerhin nebensächlich im Vergleich dazu, daß er so viel bei Frau Boye verkehrte, und mit ihr und ihrer bleichen Nichte ins Theater ging. Nicht, daß man Frau Boye Bestimmtes hätte nachsagen können. Aber man sprach über sie. In mancher Beziehung. Sie war aus guter Familie, eine geborene Konneroy, und die Konneroy waren eine der ältesten und feinsten Patrizierfamilien der ganzen Stadt. Trotzdem hatte sie mit ihnen gebrochen. Einige sagten, wegen eines ausschweifenden Bruders, den man nach den Kolonien geschickt hatte. Gewiß war nur, daß der Bruch ein vollständiger war, und man hatte sogar davon geflüstert, daß der alte Konneroy sie verflucht und darauf einen Anfall seines schlimmsten Frühlingsasthmas bekommen habe. Alles dies war geschehen, nachdem sie Witwe geworden. Boye, ihr Mann, war Apotheker gewesen, Assessor pharmaciae und Ritter. Als er starb, war er sechzig und Besitzer von anderthalb Tonnen Gold. Soviel man wußte, hatten sie sehr gut miteinander gelebt. Anfangs, während der ersten drei Jahre war der alternde Mann sehr verliebt gewesen; später lebte jeder für sich, er mit seinem Garten und der Aufrechterhaltung seines Rufs als großer Mann in Herrengesellschaft beschäftigt, sie mit Theater, Romanzenmusik und deutscher Poesie. Dann starb er. Als das Trauerjahr zu Ende, machte die Witwe eine Reise nach Italien und blieb ein paar Jahre da unten, meistens in Rom. Es war durchaus nichts Wahres daran, daß sie in einem französischen Klub Opium geraucht, ebensowenig wie an der Geschichte, daß sie sich genau wie Paulina Borghese habe modellieren lassen; und der kleine russische Fürst, der sich in Neapel erschoß, während sie dort war, hatte sich keineswegs um ihretwillen erschossen. Richtig jedoch war, daß die deutschen Künstler ihr unermüdlich Ständchen brachten, und richtig war es, daß sie sich eines Morgens, in der Tracht eines albanischen Bauernmädchens auf eine Kirchentreppe oben in die Via sistina gesetzt und sich von einem der ankommenden Künstler hatte engagieren lassen, ihm mit einem Krug auf dem Kopfe und einem kleinen, braunen Knaben an der Hand Modell zu stehen. Wenigstens hing ein solches Bild in ihrer Wohnung. Auf der Heimreise von Italien traf sie einen Landsmann, einem bekannten tüchtigen Kritiker, der lieber Dichter gewesen wäre. Man nannte ihn eine negativ skeptische Natur, einen scharfen Kopf, der seine Mitmenschen hart und unbarmherzig anfaßte, weil er mit sich selbst hart und unbarmherzig war und seine Brutalität deshalb für gerechtfertigt hielt. Aber er war eigentlich nicht ganz das, wozu ihn die Leute machten. Er war nicht so unangenehm aus einem Guß oder so rücksichtslos konsequent, wie es aussah; denn obgleich er mit der idealen Richtung der Zeit ständig auf dem Kriegsfuß stand und sie mit anderen verurteilenden Namen benannte, so hatte er doch für das Ideale, Träumerische, für das blaublau Mystische, das unbegreiflich Hohe und schwindend Reine eine Sympathie, die er der mehr erdgeborenen Richtung gegenüber nicht empfand, für die er kämpfte, und an die er in der Hauptsache glaubte. Widerstrebend verliebte er sich in Frau Boye, sagte es ihr aber nicht, denn es war keine junge und offene, keine hoffnungsfreudige Liebe. Er liebte sie wie ein Wesen einer anderen, feineren und glücklicheren Rasse als seine eigene, und daher lag ein Groll in seiner Liebe, eine instinktive Erbitterung gegen das, was Rasse in ihr war. Mit feindlichen, eifersüchtigen Augen sah er auf ihre Neigungen und Meinungen, ihre Geschmacksrichtung und ihre Lebensanschauung; und mit allen Waffen, mit feiner Beredsamkeit, mit herzloser Logik, mit barscher Autorität und mitleidigem Spott erkämpfte er sie, gewann er sie für sich und seine Anschauung. Aber als nun die Wahrheit gesiegt hatte, und sie geworden war wie er, da sah er, daß allzuviel gewonnen war, und daß er sie mit ihren Illusionen und Vorurteilen, ihren Träumen und ihren Irrtümern geliebt hatte, und nicht so, wie sie jetzt war. Unzufrieden mit sich selbst, mit ihr und mit allem, was die Heimat bot, reiste er fort und blieb fort. Aber da hatte sie gerade begonnen, ihn zu lieben. Aus diesem Verhältnis konnten die Leute natürlich viel machen, und das taten sie auch. Die Etatsrätin sprach darüber mit Niels, so wie alte Tugend von jungen Irrungen spricht, aber Niels nahm dies in einer Weise auf, die die Etatsrätin beleidigte und erschreckte; denn er widersprach und redete in hohen Tönen von der Tyrannei der Gesellschaft und der Freiheit des einzelnen, von der plebejischen Rechtschaffenheit der Menge und dem Adel der Leidenschaft. Von diesem Tage an kam er nur noch selten zu seinen besorgten Verwandten; Frau Boye aber sah ihn um so häufiger. 7. Kapitel Es war ein Frühlingsabend, die Sonne schien so rot ins Zimmer, sie war im Begriff unterzugehen. Die Flügel der Windmühle oben am Wall jagten ihre Schatten über die Fensterscheiben und die Wände des Zimmers, sie kamen und gingen im einförmigen Wechsel von Dämmerung und Licht – einen Augenblick Dämmerung, zwei Augenblicke Licht. Niels saß am Fenster und starrte durch die bronzedunklen Rüstern des Walles in den Wolkenbrand. Er war draußen vor der Stadt gewesen, unter knospenden Buchen, in grünen Roggenfeldern, auf buntblumigen Wiesen; alles war so klar und leicht gewesen, der Himmel so blau, der Sund so blau, und die promenierenden Damen so seltsam schön. Singend war er den Waldweg entlang gegangen; aber dann sang er nicht mehr die Worte seines Liedes, der Rhythmus legte sich, zuletzt erstarben die Töne, und die Stille kam über ihn wie ein Rausch. Er hatte die Augen geschlossen, aber doch spürte er, wie das Licht sich gleichsam in ihn hineintrank und durch alle Nerven flimmerte, während die kühle, berauschende Luft das seltsam erregte Blut bei jedem Atemzug mit immer wilderer Kraft durch die machtlos bebenden Adern jagte; es war ihm, als suche das Drängende und Berstende, das Keimende, Knospende in der Frühlingsnatur sich zu einem einzigen, lauten Schrei in ihm zu sammeln; und ihn dürstete nach diesem Schrei, er lauschte auf ihn, bis das Lauschen sich zu einer unklaren, schwellenden Sehnsucht formte. Und jetzt, wie er hier am Fenster saß, erwachte die Sehnsucht von neuem. Er sehnt sich tausend zitternden Träumen, Bildern von kühlender Zartheit entgegen: – leichten Farben, flüchtigem Duft und zarter Musik von straffgespannten, bis zum Zerspringen gespannten Strömen silberner Saiten; – und dann Schweigen, hinein in die tiefste Herzkammer des Schweigens, wohin die Wellen der Luft nie das Atom eines Lautes trugen, wo alles sich in der stillen Glut roter Farben und in der harrenden Wärme feurigen Wohlgeruchs zu Tode ruhte. – Er sehnte sich nicht danach; aber es glitt hervor aus dem anderen und ertränkte es, bis er sich davon abwandte und das eigene wieder hervorholte. Er war seiner selbst müde, müde der kalten Gedanken und der Hirngespinste. Das Leben ein Gedicht! Nicht, wenn man stets umherging und an seinem Leben dichtete, statt es zu leben. Wie inhaltlos das machte, leer, leer, leer. Diese Jagd auf sich selbst, schlau, auf der Spur der eigenen Spuren – immer rund im Kreise; zum Schein stürzte man sich in den Strom des Lebens, saß dann und angelte nach sich selbst, und fischte sich schnell wieder in dieser oder jener kuriosen Vermummung heraus! Wenn es ihn endlich doch übermannte – Leben, Liebe, Leidenschaft, aber so, daß er nichts daraus dichten konnte, sondern daß es aus ihm dichtete. Unwillkürlich machte er eine abwehrende Bewegung mit der Hand. Er war doch im Innersten bange vor diesem Mächtigen, das man Leidenschaft nannte. Dieser Sturmwind, der mit allem Festen, Begründeten, Erworbenen im Menschen davon wirbelte, als seien es welke Blätter! Das liebte er nicht! Diese lodernde Flamme, die sich in ihrem eigenen Rauch verzehrte, – nein – er wollte langsam brennen. Und doch – es war so erbärmlich dieses Dahinleben mit halber Kraft, in stillem Wasser mit der Küste in Sicht – so kommt doch Strom und Sturm! – und wenn er nur wüßte, wie? all seine Segel sollten gesetzt werden zu einer Fahrt nach des Lebens spanischem Meer. Lebt wohl, ihr langsam tropfenden Tage, lebt wohl, ihr kurzen, glücklichen Augenblicke; auch euch Lebewohl, ihr matten Stimmungen, die zur Poesie aufgeputzt werden mußten, um zu glänzen; ihr lauen Gefühle, die ihr in warme Träume gekleidet werden mußtet und doch zu Tode erstarrtet, geht, wohin ihr wollt! Ich steuere einem Strande zu, wo Stimmungen sich wie üppiges Ranken um alle Fibern des Herzens schlingen – ein wild wachsender Wald; da erblühen für jede welkende Ranke zwanzig Blüten, für jede blühende Ranke keimen hundert Keime. Wäre ich nur dort! Er wurde müde in seiner Sehnsucht, er war seiner selbst überdrüssig. Er brauchte Menschen. Aber Erik war natürlich nicht zu Hause, mit Frithjof war er am Vormittag zusammen gewesen, und für das Theater war es zu spät. Trotzdem ging er aus und trieb sich mißmutig in den Straßen herum. Vielleicht war Frau Boye zu Hause? Es war keiner ihrer Abende und auch schon ziemlich spät. Ob er es trotzdem versuchte! Frau Boye war zu Hause. Sie war allein zu Hause. Die Frühlingsluft hatte sie zu sehr ermüdet, um die Nichte in eine Mittaggesellschaft zu begleiten; so hatte sie es vorgezogen, auf dem Sofa zu liegen, starken Tee zu trinken und Heine zu lesen; aber jetzt hatte sie von den Versen genug und wollte Lotto spielen. Sie spielten also Lotto. Fünfzehn, zwanzig, siebenundsiebzig, und eine lange Reihe Zahlen, das Rasseln der Holzklötzchen im Beutel und ein irritierendes Rollen von Kugeln auf dem Fußboden in der Wohnung über ihnen. »Das ist nicht unterhaltend«, sagte Frau Boye, als sie während längerer Zeit keine Nummern besetzt hatten. »Nicht wahr? – Nein« antwortete sie sich selbst und schüttelte mißmutig den Kopf. »Aber was wollen wir sonst spielen?« Sie faltete die Hände vor sich über den Holzklötzchen und sah Niels hoffnungslos forschend an. Niels wußte wirklich nichts. »Sagen Sie nur nicht Musik!« Sie beugte das Gesicht über die Hände und berührte die Finger mit den Lippen, einen Knöchel nach dem andern, die ganze Reihe durch und wieder zurück. »Es ist das abscheulichste Dasein, das es gibt«, sagte sie und blickte auf. »Es ist nicht möglich, das Allergeringste zu erleben, und das wenige, was das Leben abwirft, bringt uns doch nicht genug Schwung; fühlen Sie nicht dasselbe?« »Ja, ich weiß wirklich nichts Besseres, als daß wir es machen wie der Kalif in Tausendundeinenacht. Wenn Sie zu ihrem seidenen Schlafrock nur noch ein weißes Tuch um den Kopf binden, und ich Ihren großen indischen Schal nehme, so könnten wir bestimmt für zwei Kaufleute aus Mossul gelten.« »Und was wollten wir beiden unglücklichen Kaufleute wohl beginnen?« »Hinunter zur Sturmbrücke gehen, ein Boot für zwanzig Goldstücke mieten und dann den dunklen Fluß hinaufsegeln.« »Vorüber an den Sandkästen?« »Ja, mit bunten Lampen am Mast.« »Wie der Liebessklave Ganem. – Wie ich diesen ganzen Gedankengang wieder erkenne; es ist so recht Männerart, sofort in aller Eile Szenerie und Situation aufzubauen, und über diesen ganzen Äußerlichkeiten die Hauptsache liegen zu lassen. Haben Sie nicht bemerkt, daß wir Frauen unendlich viel weniger Phantasten sind als die Männer? Wir vermögen nicht, dem Genuß in der Phantasie vorzugreifen oder uns mit phantastischem Trost den Kummer vom Leibe zu halten. Was ist, das ist. – Die Phantasie! – Das ist so jämmerlich wenig. Ja, wenn man wie ich, älter geworden ist, so begnügt man sich zuweilen mit der armseligen Komödie der Phantasterei. Aber man sollte es nie tun, nie!« Sie setzte sich matt im Sofa zurecht und stützte, halb liegend, halb sitzend das Kinn in die Hand und die Ellbogen auf die Kissen des Sofas. Ihr Blick schweifte träumend im Zimmer umher, und sie schien in traurige Gedanken verloren. Auch Niels schwieg, und es wurde sehr still. Man hörte das rastlose Hüpfen des Kanarienvogels; das Ticken der Stutzuhr klang lauter und lauter durch das Schweigen; eine Saite in dem geöffneten Klavier zog sich mit plötzlichem kurzem Sprung und tönte in langem, leise ersterbenden Ton mit dem weichen Singen der Stille zusammen. Sie sah so jung aus in dem milden, gelblichen Licht der Astrallampe, von Kopf bis zu Füßen hell beleuchtet, und bezaubernd war die Disharmonie zwischen dem schönen, stark ausgebildeten Hals, der matronenhaften Charlotte-Corday-Haube und den unschuldigen Kinderaugen und dem offenen kleinen Munde mit den milchweißen Zähnen. Niels blickte sie bewundernd an. »Wie wunderlich es ist, wenn man Sehnsucht nach sich selbst hat!« sagte sie, sich langsam aus ihren Träumen losringend und mit ihrem Blick in die Wirklichkeit zurückkehrend, »ich sehne mich so oft, so oft nach mir, wie ich als junges Mädchen war, und ich liebe dieses Mädchen wie ein Wesen, dem ich innerlich nahe gestanden, mit dem ich Leben und Glück und alles geteilt, und das ich dann verloren habe, ohne auch nur das Allergeringste dagegen tun zu können. Wie schön war jene Zeit! Sie ahnen nicht, wie zart und rein das Leben eines jungen Mädchens ist bis zur Zeit der ersten Liebe. Das kann man nur in Tönen sagen; aber denken Sie es sich wie ein Fest, ein Fest in einem Feenschlosse, wo die Luft glänzt wie errötendes Silber. Es ist voll von frischen Blumen, die ständig ihre Farbe wechseln, sie tauschen langsam die Farben miteinander aus. Alles dadrinnnen klingt, jubelnd, aber gedämpft, und die dämmernden Ahnungen glänzen und glühen wie mystischer Wein in feinen, feinen Traumschalen, und es klingt und duftet; tausend Düfte ziehen durch die Säle; ach, ich könnte weinen, wenn ich daran denke, und auch wenn ich daran denke, daß dieses Leben, wenn ich alles, alles noch einmal wieder haben könnte, wie durch ein Wunder, mich nicht mehr tragen könnte; ich würde hindurchfallen wie eine Kuh, die auf Spinnweben tanzen will.« »Nein, bestimmt nicht«, sagte Niels eifrig, und seine Stimme zitterte, als er fortfuhr, »nein, Sie würden viel feiner und vergeistigter lieben können als das junge Mädchen.« »Vergeistigt! Wie ich diese vergeistigte Liebe hasse! Stoffblumen nur wachsen aus dem Erdreich einer solchen Liebe. Sie wachsen nicht einmal, man nimmt sie aus dem Kopf und steckt sie ins Herz, weil das Herz selbst keine Blumen hat. Gerade darum beneide ich das junge Mädchen, daß bei ihm nichts unecht ist; es braucht das Surrogat der Phantasie nicht in dem Becher seiner Liebe. Glauben Sie nicht, daß es sich, weil seine Liebe von Phantasiebildern und von Bildern großer, üppiger Unbestimmtheit durchwebt und überschattet ist, daß es sich deshalb mehr um die Bilder kümmert, als um die Erde, auf der es wandelt; das kommt nur daher, weil alle Sinne und Instinkte und Fähigkeiten in ihr überall nach der Liebe greifen – überall, ohne zu ermüden. Aber deshalb schwelgt sie nicht in ihrer Phantasie, sie ruht nicht einmal darin; nein, sie ist so realistisch, daß sie oft und manches Mal in ihrer unwissenden Art unschuldig zynisch wird. Sie ahnen zum Beispiel nicht, welch ein berauschender Genuß für ein junges Mädchen darin liegen kann, heimlich den Duft des Zigarrenrauchs einzuatmen, der an der Kleidung ihres Geliebten haftet, – das bedeutet tausendmal mehr für sie als ein ganzer Feuerbrand von Phantasie. Ich verachte die Phantasie. Was nützt das, wenn unser ganzes Wesen nach dem Herzen eines Menschen verlangt, und wir finden nur Einlaß in das kalte Vorzimmer der Phantasie! Und wie oft ist es nicht so! Und wie oft müssen wir uns nicht darein finden, daß der, den wir lieben, uns mit seiner Phantasie schmückt, uns einen Glorienschein auf den Kopf setzt, uns Flügel an die Schultern bindet, uns in ein sternenübersätes Gewand hüllt und uns dann erst der Liebe wert hält, wenn wir in dem Maskeradenzeug einhergehen, in dem keiner von uns er selbst sein kann, weil wir allzusehr geputzt sind, und man uns dadurch verwirrt, daß man sich vor uns in den Staub wirft und uns anbetet, statt uns zu nehmen, wie wir sind und uns einfach zu lieben.« Niels war ganz verwirrt; er hatte ihr Taschentuch aufgehoben, das sie verloren, und saß nun da und berauschte sich an seinem Parfüm, und war durchaus nicht darauf vorbereitet, daß sie ihn so ungeduldig fragend ansehen würde, gerade jetzt, wo er in den Anblick ihrer Hand vertieft war; aber er brachte doch die Antwort zustande, seiner Ansicht nach sei es der größte Beweis für die Liebe eines Mannes, daß er, um die unsagbare Liebe zu einem Menschen vor sich selbst zu verantworten, dieses Wesen mit einem Schein von Göttlichkeit umgeben müsse. »Ja, das ist es gerade, das ist das Entwürdigende«, sagte Frau Boye, »so wie wir sind, sind wir doch göttlich genug.« Niels lächelte zuvorkommend. »Nein, Sie dürfen nicht lächeln, es soll durchaus kein Scherz sein. Im Gegenteil, es ist sehr ernst; denn diese Anbetung ist in ihrem Fanatismus durch und durch tyrannisch; man will uns in das Ideal des Mannes hineinzwingen. Haue eine Ferse ab und schneide eine Zehe weg! das in uns, was nicht mit seiner idealen Vorstellung übereinstimmt, das muß fort; und wenn es nicht unterdrückt werden kann, so muß es übersehen werden, muß systematisch vergessen werden, jede Entwicklung muß ihm versagt bleiben; was wir aber nicht haben, was uns durchaus nicht eigentümlich ist, das soll zur wildesten Blüte getrieben werden, indem es in die Wolken gehoben wird, und indem man stets voraussetzt, daß wir es in höchstem Grade besitzen, und indem es zu dem Eck- und Grundstein gemacht wird, auf dem die Liebe des Mannes sich aufbaut. Ich nenne das eine Vergewaltigung unserer Natur. Ich nenne es Dressur. Die Liebe des Mannes dressiert. Und wir beugen uns; selbst die, die niemand liebt, beugen sich mit, verächtliche Schwächlinge, die wir sind.« Sie erhob sich aus der liegenden Stellung und sah drohend zu Niels hinüber. »Wäre ich schön! o! aber berauschend schön, schöner als irgendein Weib, das je gelebt hat, so daß alle, die mich sähen, von einer unauslöschlichen, schmerzlichen Liebe erfaßt, von ihr wie von einem Zauber gepackt würden; wie ich sie dann durch die Macht meiner Schönheit zwingen wollte anzubeten, nicht ihr traditionelles, blutleeres Ideal, sondern mich, wie ich ginge und stünde, mich selbst, Zoll für Zoll, Falte für Falte meines Wesens, Strahl für Strahl meiner Natur.« Sie hatte sich nun ganz erhoben, und Niels dachte daran zu gehen; aber er stand noch und drechselte an verschiedenen dreisten Wendungen, die er doch nicht auszusprechen wagte. Endlich faßte er Mut, ergriff ihre Hand und küßte sie; sie aber reichte ihm auch die andere Hand zum Kusse, und so brachte er nichts weiter hervor als: »Gute Nacht.« Niels Lyhne hatte sich in Frau Boye verliebt, und er war glücklich darüber. Als er durch dieselben Straßen nach Hause ging, in denen er früher am Abend mißmutig umhergeschlendert war, schien es ihm, als sei es lange, lange her, feit er hier gegangen. Außerdem war eine gewisse Sicherheit, ein ruhiger Anstand über seinen Gang und seine Haltung gekommen, und als er seine Handschuhe sorgfältig zuknöpfte, geschah es unter dem Eindruck, daß eine große Veränderung mit ihm vorgegangen, und mit dem halbbewußten Gefühl, daß er es dieser Veränderung schulde, seine Handschuhe – sorgfältig – zuzuknöpfen. Allzusehr mit seinen Gedanken beschäftigt, um schlafen zu können, ging er hinauf auf den Wall. Er dachte so merkwürdig ruhig, wie es ihm schien, und er wunderte sich über die Ruhe, aber er glaubte nicht recht an sie; es war ihm, als siede und walle es auf dem tiefsten Grunde seines Wesens still und unaufhörlich; als quelle es hervor und gäre und dränge vorwärts, aber weit, weit fort. Ihm war zumute, als warte er auf etwas, das aus der Ferne kommen solle, eine ferne Musik, die tönend, sausend, schäumend und brausend nach und nach näher kommen müsse, schallend auf ihn herabwirbeln, ihn ergreifen würde, er wußte nicht wie, ihn tragen würde, er wußte nicht wohin, wie ein Fluß kommen, wie eine Brandung kämpfen müsse, und dann – – Aber jetzt war er still – nur dieses zitternde Singen in der Ferne, sonst war alles Frieden und Klarheit. Er liebte, er sagte es laut vor sich hin, daß er liebte. Viele Male. Es lag ein so wundervoller Klang von Würde in diesen Worten, und sie bedeuteten so viel. Sie bedeuteten, daß er nicht länger Gefangener in der Gewalt jener phantastischen Einflüsse der Kindheit sei, nicht länger ein Spielball zielloser Sehnsucht und nebelhafter Träume, daß er sich aus jenem Elfenland gerettet hatte, das mit ihm und um ihn aufgewachsen war, ihn mit hundert Armen umschlungen und ihm die Augen mit hundert Händen zugehalten hatte. Er hatte sich diesen Fesseln entrungen und sich selbst gewonnen; wenn es auch noch die Hände nach ihm ausstreckte, mit stummen Blicken lockte, mit weißen Gewändern winkte, – seine Macht war tot, ein Traum, den der Tag vernichtet, ein Nebel, den die Sonne zerrissen hatte. War seine junge Liebe denn nicht der Tag und die Sonne und die ganze Welt! War er früher nicht in einem Ehrenpurpur einherstolziert, der gar nicht gesponnen; war er nicht groß gewesen auf einem Thron, der gar nicht errichtet? Aber jetzt: er stand auf einem hohen Berge und sah über die weiten Ebenen der Erde fort, eine sangesdurstige Erde, auf der er nicht lebte, auf der man ihn nicht ahnte, nicht erwartete. Es war ein jubelnder Gedanke, daß noch kein Hauch seines Atems ein Blatt bewegt, eine Woge gekräuselt hatte in dieser ganzen weiten Unendlichkeit. Alles dies war sein, um es zu erringen. Und er fühlte, er könnte es, fühlte sich siegessicher und stark, wie nur der es kann, der noch alle seine Lieder in der Brust trägt. Die laue Frühlingsluft war voller Duft; nicht davon gesättigt wie eine Sommernacht es sein kann, sondern gleichsam vom Duft gestreift, vom würzigen Balsamduft junger Pappeln, dem kühlen Atem später Veilchen, dem süßen Mandelgeruch der Traubenkirsche – und das alles kam und vermischte sich, ging und trennte sich, flammte einen Augenblick auf, verging plötzlich oder löste sich langsam in der Nachtluft auf. Und gleich wie Schatten dieses launenvollen Tanzes aller Düfte jagten lustige Stimmungen durch sein Gemüt. Und wie die Sinne von den Düften umgaukelt wurden, die kamen und gingen, wie sie wollten, so verlangte auch die Seele vergebens danach, sanft ruhend in stillem Fluge von leise fächelnden Flügeln einer Stimmung dahingetragen zu werden; aber das waren keine Vögel mit Flügeln, die tragen konnten; nur Daunen und Federn, die der Wind vor sich hertrieb, schneiten herab und verschwanden. Er versuchte, sich ihr Bild vorzustellen, wie sie auf dem Sofa gelegen und mit ihm gesprochen hatte, aber es gelang ihm nicht; er sah sie weit unten in einer Allee, sah sie mit einem Hut sitzen und lesen, während sie eines der großen weißen Blätter des Buches zwischen den behandschuhten Fingern hielt, im Begriffe, umzublättern und sah sie blättern und immer weiter blättern; er sah sie abends nach dem Theater in ihren Wagen steigen, ihm durch die Scheiben zunicken, und dann fuhr der Wagen fort; er blickte ihm nach, und der Wagen fuhr und fuhr, und er verfolgte ihn unaufhörlich mit den Augen; gleichgültige Gesichter kamen und sprachen mit ihm; Gestalten, die er seit Jahren nicht gesehen, gingen die Straße hinab, wandten sich um, blickten ihn an – und immer fuhr der Wagen noch, und fuhr weiter – er konnte den Wagen nicht loswerden, konnte kein anderes Bild heraufbeschwören. Und gerade, als er vor Ungeduld ganz nervös geworden, da kam es: das gelbliche Licht, die Augen, der Mund, die Hand unter dem Kinn, so deutlich, als sähe er sie vor sich im Dunkel. Wie schön war sie doch, wie mild, wie rein! Er liebte sie und kniete voll Verlangen vor ihr, er bettelte zu ihren Füßen um all diese berauschende Schönheit. Wirf dich von deinem Thron herab zu mir; mach dich zu meiner Sklavin, leg selbst die Sklavenkette um deinen Hals, aber nicht im Spiel; ich will an der Kette zerren, es soll Gehorsam in allen deinen Gliedern, Unterwerfung in deinen Blicken liegen. Ach, daß ich dich durch einen Liebestrank zu mir beugen könnte; nein, keinen Liebestrank, denn er würde dich zwingen, und du müßtest willenlos dem Zwange gehorchen, und nur ich allein will dein Herr sein, und ich würde deinen Willen entgegennehmen, der gebrochen in deinen demütig ausgestreckten Händen liegt. Du solltest meine Königin und ich dein Sklave sein, aber mein Sklavenfuß müßte auf deinem stolzen Königinnennacken stehen; was ich begehre, ist nicht Wahnwitz, denn das ist doch Frauenliebe, stolz und stark zu sein und sich zu beugen; das weiß ich schon, daß lieben heißt, schwach zu sein und zu herrschen. Er fühlte, daß er das in ihrer Seele, was die Seele des Üppigen, Blühenden, Sinnlich-Weichen ihrer Schönheit war, niemals zu sich würde zwingen können; daß ihn niemals diese blendenden Junoarme umfangen würden, nie in aller Ewigkeit der wollustatmende Nacken der Gewalt seiner Küsse hingegeben würde. Er sah wohl ein, daß er das junge Mädchen in ihr erringen könnte, wohl schon errungen hatte, und sie, die Üppige hatte gefühlt – das glaubte er sicher – wie die junge Schönheit, die in ihr gestorben, sich geheimnisvoll in ihrem lebenden Grabe rührte, um ihn mit schlanken Jungfrauenarmen zu umfangen, ihn mit bunten Jungfrauenlippen zu küssen. Aber so war seine Liebe nicht. Er liebte nur das, was nicht zu erringen war, liebte gerade diesen Nacken mit seiner warmen Blütenweiße und dem goldenen Schein unter dem dunkeln Haar. Er schluchzte vor Liebessehnsucht und rang die Hände in schmerzlicher Ohnmacht; er schlang die Arme um einen Baum, legte die Wange an die Rinde und weinte. 8. Kapitel Niels Lyhne trug eine gewisse, lähmende Besonnenheit in sich, das Kind einer instinktmäßigen Unlust zu wagen, Kindeskind eines halbklaren Gefühls von Mangel an Persönlichkeit, und mit dieser Besonnenheit lag er in beständigem Kampf; bald hetzte er sich selbst gegen sie auf, indem er ihr Schimpfnamen gab, bald wieder versuchte er sie zu einer Tugend herauszuputzen, die im innigsten Zusammenhang mit dem Naturgrund in ihm stand, ja noch mehr: die eigentlich das bedingte, was er war und was er vermochte. Aber wozu er sie auch machte, wie er sie auch betrachtete, er haßte sie doch stets wie ein geheimes Gebrechen, das er vor sich selbst nicht verheimlichen konnte, so leicht es auch vor der Welt zu verbergen war; vielmehr war es stets da, um ihn zu demütigen, wenn er einmal so recht einig mit sich war; – und wie beneidete er dann nicht diese selbstbewußte Unbesonnenheit, die so leicht zu allem Worte findet, die Handlungen gleichen und Folgen haben, Folgen, denen sie keinen Gedanken schenkte, bevor sie ihr nicht auf die Hacken tritt. – Die Leute, die so waren, kamen ihm vor wie Zentauren, Mann und Pferd aus einem Guß, Gedanke und Sprung eins, ein Ganzes, während er in Reiter und Pferd geteilt war, der Gedanke eins, ein anderes der Sprung. Wenn er sich vorstellte, daß er Frau Boye seine Liebe gestehen sollte – und er mußte sich ja immer alles vorstellen – so sah er sich deutlich in jener Situation, seine ganze Haltung, jede Bewegung, seine ganze Person, von vorn, von der Seite und vom Rücken, sah sich unsicher gemacht durch das Fieber, das ihn stets lähmte, sollte er einmal handeln, und das ihm alle Geistesgegenwart raubte, so daß er die Antwort aufnahm, als sei sie ein Schlag, der ihn in die Knie zwang, und nicht ein Federball, den man wer weiß auf wieviel Arten zurückwerfen, und der wer weiß wie oft wiederkommen konnte. Er nahm sich vor zu sprechen und zu schreiben, aber es geradeheraus zu sagen, das vermochte er nicht. Es wurde nie anders gesagt als in verblümten Erklärungen, oder er tat in halberkünstelter, lyrischer Leidenschaftlichkeit, als ließe er sich zu liebeglühenden Worten und schwärmerischen Wünschen hinreißen. Aber trotzdem bildete sich nach und nach ein Verhältnis zwischen ihnen heraus, ein seltsames Verhältnis, geboren aus der demütigen Liebe eines Jünglings, dem traumheißen Begehren eines Phantasten und der Lust eines Weibes, in romantischer Unerreichbarkeit begehrt zu werden; und dieses Verhältnis fand seine Form in einer Mythe, die für sie entstand, sie wußten nicht wie, eine stille, stubenbleiche Mythe von einer schönen Frau, die in ihrer Jugend einen der Großen im Geiste geliebt hatte, der fortgegangen war, um in fremdem, fernem Land vergessen und verlassen zu sterben. Und während langer Jahre hatte das schöne Weib getrauert, aber niemand ahnte ihren Schmerz, nur die Einsamkeit war heilig genug, ihren Kummer zu sehen. Da kam ein Jüngling, der jenen großen Verstorbenen seinen Meister nannte, der erfüllt war von seinem Geiste, entflammt für sein Werk. Und er liebte das trauernde Weib. Für sie war es, als stünden tote, glückliche Tage aus dem Grabe auf und gingen um, so daß alles zur süßen Verwirrung wurde, Vergangenheit und Zukunft verschmolzen zu einem silberverschleierten, dämmernden Traumtag, wo sie den Jüngling liebte, halb wie ihn selbst, halb wie den Schatten eines andern, und ihm ihre halbe Seele gab. Aber leise mußte er auftreten, damit der Traum nicht verrann; streng mußte er die irdisch glühenden Begierden zurückhalten, damit sie die süße Dämmerung nicht verjagten und das Weib wieder zum Kummer erweckten. Nach und nach nahm ihr Verhältnis im Schutz dieser Mythe eine festere Form an. Sie duzten sich und nannten sich beim Vornamen, wenn sie allein waren, Niels und Tema, und die Anwesenheit der Nichte wurde soviel wie möglich beschränkt. Wohl suchte Niels hie und da die aufgerichtete Schranke zu durchbrechen, aber Frau Boye war ihm zu überlegen, um nicht leicht und behutsam diese Aufstandsversuche unterdrücken zu können, und bald gab Niels sich wieder zufrieden und fand sich in diese Liebesphantasie mit Bildern der Wirklichkeit. Ihr Verhältnis ging auch nicht in platonische Fadheit über; ebensowenig es unter der Einförmigkeit eines Gewohnheitsverhältnisses zur Ruhe ging. Ruhe war am wenigsten darin. Niels Lyhnes Hoffnung wurde niemals müde, und wurde sie auch sanft zurückgedrängt, sobald sie fordernd hervortrat, so loderte sie im Verborgenen nur um so heißer auf; und wie wurde sie immer wieder erweckt durch Frau Boyes tausend Koketterien, ihre aufreizende Naivität und ihren nackten Mut, über die heikelsten Dinge zu reden. Überdies hatte sie das Spiel doch nicht so ganz in ihrer Hand; denn es geschah doch zuweilen, daß das Blut in seinem Müßiggang davon träumte, diese halbgezähmte Liebe zu belohnen, sie mit dem reichsten Zauber der Liebe verschwenderisch zu überfluten, um sich an ihrem staunenden Glück zu ergötzen. Und solch ein Traum war nicht so leicht zu verjagen; und wenn dann Niels kam, so war sie nervös im Bewußtsein der Sünde und von einer Demut des Schuldbewußtseins, einer hinreißenden Schamhaftigkeit, die die Luft gar seltsam liebesbange machten. Es gab noch etwas dem Verhältnis eine eigene Spannkraft, und das war die Manneskraft in Niels Lyhnes Liebe, daß sie sich ritterlich enthielt, in ihrer Phantasie das zu nehmen, was die Wirklichkeit ihr versagte, und auch in dieser Seitenwelt, wo alles seinem Gebot gehorchte, Frau Boye so respektierte, als ob sie zur Stelle wäre. So war also das Verhältnis von beiden Seiten gut gestützt, und es war keine drohende Gefahr, daß es sich auflösen würde. Es war ja auch wie geschaffen für eine träumerische und doch lebensdurstige Natur wie Niels Lyhne, und war es auch nur ein Spiel, so war es doch ein Spiel mit Wirklichem und genug, um ihm die Grundlage einer Leidenschaft zu geben, auf der er sich entwickeln konnte. Und das brauchte er. Aus Niels Lyhne sollte ja ein Dichter werden, und in seinen äußeren Lebensbedingungen war ja auch genug gewesen, was seine Neigungen in dieser Richtung leiten konnte, genug, was seine Fähigkeiten auf eine solche Aufgabe aufmerksam machen konnte; aber bis jetzt hatte er ja nicht viel mehr als seine Träume gehabt, auf die hin er Dichter werden konnte, und nichts ist einförmiger, eintöniger als Phantasterei; denn in den scheinbar unendlichen, ewig wechselnden Traumlanden gibt es in Wirklichkeit doch nur gewisse kurze, festgelegte Landstraßen, auf denen alle gehen, und über die sie niemals hinauskommen. Die Menschen können sehr verschieden sein, aber ihre Träume sind es nicht; denn die drei, vier Dinge, die sie begehren, lassen sie sich von ihnen geben, mehr oder weniger schnell, mehr oder weniger vollständig; aber sie bekommen sie stets, allesamt; es gibt niemand, der sich im Traum mit leeren Händen sieht. Deshalb entdeckt sich im Traum niemand selbst, wird sich niemand seiner Eigentümlichkeit bewußt; denn der Traum weiß nichts davon, wie man sich begnügt, den Schatz zu gewinnen, wie man ihn fahren läßt, wenn er verlorengeht, wie man sich sättige, wenn man genießt, welchen Weg man gehe, wenn man entbehrt. Niels Lyhne hatte daher auch so ganz allgemein als ästhetische Persönlichkeit gedichtet, die den Lenz knospend und schwellend, das Meer groß, die Liebe erotisch und den Tod traurig findet. Weiter war er mit der Poesie nicht gekommen, er machte nur Verse. Aber jetzt fing es an, ganz anders zu werden. Jetzt, da er um die Liebe einer Frau warb und wollte, daß sie ihn liebe, ihn, Niels Lyhne von Lönborghof, der dreiundzwanzig Jahr alt war, ein wenig vorgebeugt ging, schöne Hände und kleine Ohren hatte, und der etwas zaghaft war, der wollte, daß sie ihn liebe, und nicht den idealisierten Nikolaus ihrer Träume, mit seinem stolzen Gang, seinen sicheren Manieren, und der etwas älter war; jetzt interessierte er sich lebhaft für diesen Niels, mit dem er eigentlich umgegangen war, wie mit einem minder präsentablen Freunde. Er war allzusehr damit beschäftigt gewesen, sich mit dem zu schmücken, was ihm fehlte, und so hatte er nie Zeit genug gehabt, das anzusehen, was er besaß; aber jetzt begann er mit der Leidenschaft eines Entdeckers, sich selbst aus Kindheitserinnerungen und Kindheitseindrücken, aus den lebendigen Augenblicken seines Lebens zusammenzusetzen, und mit frohem Erstaunen sah er, wie es Stück für Stück zusammenpaßte und sich zu einer ganz anderen Persönlichkeit zusammenfügte, als die war, der er im Traum nachgelaufen war. Und auch ganz anders echt und stark und tatkräftig. Das da war kein toter Klotz von einem Ideal mehr; die wunderbaren, unerfindlichen Nuancen des Lebens spielten darin in wechselnder Unendlichkeit hinter tausendgliedriger Einheit. Herrgott, ja, er hatte Kräfte, die gebraucht werden konnten, wie sie waren; er war ja Aladin; es gab nichts, was er aus den Wolken begehrt, und es wäre ihm nicht in den Turban gefallen. Und jetzt brach eine glückliche Zeit für Niels an. Die glückliche Zeit, wo die mächtige Schwungkraft der Entwickelung uns jubelnd über die toten Punkte der eigenen Natur hinwegträgt, wo alles in uns wächst, so daß man im Übermaß seiner Kraft die Schultern gegen die Berge stemmt, wenn es sein muß, und mutig los baut an dem Babelturm, der in den Himmel reichen sollte, aber nur der armselige Stumpf eines Kolosses wird, dem man während seines ganzen übrigen Lebens verzweifelte Türmchen und sonderbare Erker anbaut. Alles war wie verwandelt; Natur, Fähigkeit, Arbeit griffen ineinander wie das Getriebe einer Maschine; es war nicht die Rede davon, innezuhalten und sich an seiner Kunst zu erfreuen, denn was fertig, war auch schon wieder verworfen; während der Arbeit war er dem schon entwachsen; es wurde nur zu Stufen, die zu dem immer weiter reichenden Ziel emporführten; zurückgelegte Wege, die bereits vergessen waren, als sie noch von seinen Schritten widerhallten. Aber während er mm von neuer Kraft und neuen Gedanken zu größerer Reife und höherem Gesichtspunkt geführt wurde, vereinsamte er mehr und mehr; ein Gefährte nach dem andern blieb aus; er konnte ihnen nicht mehr das alte Interesse bewahren, weil es ihm Tag für Tag schwerer wurde, einen nennenswerten Unterschied zwischen diesen Männern der Opposition und der Majorität, der sie opponierten, zu sehen. Für ihn lief alles in eine große, feindliche Masse von Langeweile zusammen. Was schrieben sie denn, wenn sie zum Angriff riefen? Pessimistische Gedichte darüber, daß die Hunde treuer seien als Menschen, und die Zuchthäusler oft ehrlicher als die, die frei umhergingen; beredte Oden über die Vorzüge des grünen Waldes und der braunen Heide vor den staubigen Städten, Erzählungen von Bauerntugenden und Lastern der Reichen, vom Blut der Natur und der Bleichsucht der Zivilisation; Komödien über den Unverstand des Alters und das höhere Recht der Jugend. Wie genügsam sie waren, wenn sie schrieben! Da waren sie doch noch besser, wenn sie innerhalb der vier sicheren Wände sprachen. Nein, wenn er einmal fertig sein würde, sollte es Musik werden, – mit Posaunen. Mit den alten Freunden war es auch nicht mehr wie früher. Besonders nicht mit Frithjof. Dieser nämlich war eine positive Natur und hatte einen guten Kopf für Systeme und einen breiten Rücken für Dogmen; er hatte sehr viel Heiberg gelesen, und hatte das alles für ein Evangelium gehalten, ohne zu ahnen, daß die Systematiker sehr kluge Leute sind, die ihre Systeme nach ihren Werken machen und nicht ihre Werke nach ihren Systemen. Es ist ja nun einmal so, daß junge Leute, die in die Gewalt eines Systems geraten sind, leicht große Dogmatiker werden, auf Grund der lobenswerten Liebe, welche die Jugend meistens für fertige Zustände, für das Feststehende und Absolute hegt. Wenn man auf diese Weise Inhaber der ganzen Wahrheit, der einzigen echten Wahrheit geworden, so wäre es doch unverzeihlich, wenn man sie für sich allein behielte und seine weniger glücklich gestellten Mitmenschen ihren eigenen schiefen Gang gehen ließe, statt sie zu leiten und zu belehren, statt mit liebevoller Unbarmherzigkeit ihre wilden Triebe zu stutzen und sie mit freundlicher Gewalt an die Mauer zu drücken und ihnen zu zeigen, welche Linien ihre Entwicklung einschlagen muß, damit sie einmal, wenn auch spät, als kunstgerechte Spaliere uns für die Mühe danken können, die wir mit ihnen gehabt haben. Niels pflegte wohl zu sagen, daß er nichts so sehr zu schätzen wisse wie Kritik; aber er schätzte Bewunderung doch höher und konnte sich durchaus nicht darein finden, sich von Frithjof kritisieren zu lassen, den er stets als seinen Leibeigenen betrachtet hatte, und der auch stets entzückt gewesen, die Livree seiner Ansichten und Überzeugung tragen zu dürfen. Und nun kam er daher und wollte in der selbstgewählten Maskeradentracht eines Talars seinesgleichen vorstellen! Das mußte natürlich zurückgewiesen werden, und Niels versuchte zuerst in überlegener Gutmütigkeit Frithjof vor sich selbst lächerlich zu machen; als aber dies mißglückte, nahm er seine Zuflucht zu unverschämten Paradoxen, die zu diskutieren er höhnisch abwies; er stellte sie einfach in ihrer ganzen barocken Abscheulichkeit auf und zog sich dann in spöttischem Schweigen zurück. So kamen sie auseinander. Mit Erik ging es besser. In ihrer Knabenfreundschaft hatte immer etwas Zurückhaltendes gelegen, eine gewisse seelische Scham, und dadurch hatten sie die allzunahe Bekanntschaft miteinander, die so besonders gefährlich für die Freundschaft ist, vermieden. Sie waren in dem Festsaal ihrer Seelen miteinander begeistert gewesen, hatten gemütlich und vertraulich in der Wohnstube zusammen gesprochen, aber sie waren nicht in den Schlafzimmern, Badekammern und in den anderen abgelegenen Lokalitäten ihrer Seelenwohnungen aus- und eingegangen. Auch jetzt war es nicht anders; die Zurückhaltung war vielleicht noch größer, mindestens auf Niels' Seite, aber die Freundschaft war deshalb nicht geringer geworden, und ihr Eck- und Grundstein war wie damals Niels Lyhnes Bewunderung für Eriks Keckheit und Lebensmut, für seine Bereitschaft, überall zuzugreifen und mitzutun. Aber Niels konnte sich nicht verhehlen, daß diese Freundschaft sehr einseitig war, nicht, weil es Erik an wirklichem Freundessinn gefehlt oder weil er keinen Glauben an Niels gehabt hätte. Im Gegenteil, niemand konnte höher von Niels denken als Erik, er hielt ihn für so vollständig überlegen an Begabung, daß von Kritik niemals die Rede sein konnte; aber zugleich mit dieser blinden Anerkennung hielt er auch das, woran Niels arbeitete, und womit seine Gedanken sich beschäftigen, für weit entfernt von dem Horizont, den er mit seinen Augen erreichen konnte. Er war überzeugt, daß Niels den Weg würde bewältigen können, den er sich vorgenommen, aber ebenso überzeugt war er, daß seine Beine nichts auf jenem Wege zu tun hätten, und deshalb setzte er sie auch nicht dorthin. Das war nun hart für Niels, denn obgleich Eriks Ideale nicht die seinen waren, und obgleich das, wofür Erik in seiner Kunst einen Ausdruck finden wollte, – das Romantische oder vielmehr das Sentimental-Romantische – ihm nicht sympathisch war, so konnte er doch eine weitere, größere Sympathie in sich nähren und mit dieser die Entwickelung des Freundes treu verfolgen, sich mit ihm freuen, wenn er vorwärts kam, und ihm Hoffnung spenden, wenn er stillstand. In dieser Art war die Freundschaft einseitig; es war daher nicht zu verwundern, daß Niels jetzt in dieser Zeit, wo soviel Neues in ihm hervorbrach, und der Wunsch nach Mitteilung und fühlendem Verständnis daher sehr groß war, ein offenes Auge bekam für die Unzulänglichkeit dieser Freundschaft; in der Bitterkeit hierüber begann er, den bis jetzt so schonend beurteilten Freund ein wenig genauer anzusehen, und ein trauriges Gefühl von Vereinsamung beschlich ihn; es war, als ob alles, was er von daheim aus alten Tagen mitgenommen hatte, von ihm abfiel und ihn fahren ließ, vergessen und verlassen. Die Tür nach rückwärts zur Vergangenheit war verriegelt, und er stand draußen mit leeren Händen und allein; was er wollte und entbehrte, mußte er sich selbst erringen, neue Freunde und neues Behagen, neue Herzen und neue Erinnerungen.   Ein ganzes Jahr lang war Frau Boye Niels Lyhnes einzige, wirkliche Lebensgefährtin gewesen. Da kam ein Brief von seiner Mutter, die ihm mitteilte, daß sein Vater gefährlich erkrankt sei und er nach Lönborghof zurückkehren müsse. Als er ankam, war sein Vater tot. Es fiel Niels schwer, beinahe wie ein Verbrechen aufs Herz, daß er sich während der letzten Jahre so wenig nach Hause gesehnt hatte. Oft genug war er mit seinen Gedanken dort gewesen, aber nur als Gast, mit dem Staub einer anderen Gegend auf den Kleidern und der Erinnerung an andere Orte im Herzen; er hatte sich nicht in namenlosem Heimweh nach dort gesehnt, wie nach dem leuchtenden Heiligtum seines Lebens, es hatte ihn nicht verlangt, die Erde der Heimat zu küssen, unter ihrem Dache zu ruhen. Jetzt bereute er, ihr untreu gewesen zu sein, und vom Schmerz zermalmt, fühlte er in seiner Reue noch eine geheimnisvolle Schuld an dem, was geschehen, als hätte seine Treulosigkeit den Tod herangezogen; er fragte sich verwundert, wie er so sorglos fern von diesem Heim habe leben können; denn jetzt hielt es ihn mit seltsamer Macht gefesselt, mit jeder Falte seines Wesens klammerte er sich in unendlicher entbehrungsschwerer Sehnsucht fest daran, als fürchte er, nicht so innig eins damit werden zu können, wie er wollte; unglücklich darüber, daß die tausend Erinnerungen, die aus jedem Winkel, jedem Busch, aus Lauten und Stimmungen, aus tausend Düften, selbst aus der Stille ihn riefen, daß dies alles mit allzu fernen Stimmen rief, die sich nicht in der ganzen Fülle und Schärfe greifen ließen, welche er brauchte, sondern seiner Seele nur zuflüsterten mit dem Rascheln des Laubes, das zur Erde fällt, mit dem Murmeln der Wellen, die verrauschen und verrauschen. Glücklich ist; wer in seinem Schmerz beim Tod eines geliebten Menschen nur über die Leere, die Vereinsamung, den Verlust zu weinen hat; denn schwerer und bitterer sind die Tränen, welche sühnen sollen, was entschwundene Tage von Mangel an Liebe zu dem Toten gesehen haben, an dem man nichts von dem, was verbrochen wurde, wieder gutmachen kann. Denn nun geht alles wieder um: nicht nur die harten Worte, die sorgfältig vergifteten Antworten, schonungsloser Tadel und gedankenlose Wut, sondern auch die scharfen Gedanken, die nicht Worte fanden, voreilige Urteile, die einem durch den Sinn fuhren, stummes Achselzucken und verschwiegenes Lächeln voll Hohn und Ungeduld – alles kommt zurück wie vergiftete Pfeile, die ihre Spitzen tief in deine eigene Brust senken, ihre stumpfen Spitzen, denn der Stachel brach ja ab in jenem Herzen, das nicht mehr schlägt. Es schlägt nicht mehr; du kannst nichts mehr gutmachen, nichts. Jetzt hast du Liebe genug in deinem Herzen, aber jetzt ist es zu spät; geh an das kalte Grab mit deinem vollen Herzen! Kannst du dem Toten näher kommen? Pflanze Blumen und flicht Kränze – bist du ihm deshalb näher? Auf Lönborghof flochten sie auch Kränze, auch zu ihnen kam die bittere Erinnerung an Stunden, wo die Liebe vor barscheren Stimmen hatte schweigen müssen; auch sie konnten Reue genug schöpfen aus den strengen Linien um den geschlossenen Mund des Grabes. Es war eine düstere, schwere Zeit, aber sie brachte das Gute, daß sie Mutter und Sohn näher zusammenführte, als sie seit vielen, vielen Jahren gewesen. Denn, obgleich sie große Liebe füreinander hegten, hatten sie sich doch stets voreinander gehütet und in ihrem Nehmen und Geben hatte eine gewisse Zurückhaltung gelegen, die aus jener Zeit stammte, wo Niels zu groß geworden, um auf dem Schoß der Mutter zu sitzen; er hatte sich vor dem Heftigen und Überspannten in ihrer Natur gefürchtet, während sie sich vor dem Zaghaften, Zaudernden in ihm fremdartig berührt gefühlt hatte; aber jetzt hatte das Leben mit seinem Geben und Nehmen, seinem Hinaufsteigern und Abdämpfen ihre Herzen bereit gemacht, um sie einander bald ganz zu geben. Kaum zwei Monate nach dem Begräbnis erkrankte Frau Lyhne heftig, und eine Zeitlang schwebte ihr Leben in Gefahr. Die Angst dieser Wochen drängte den früheren Kummer zurück, und als Frau Lyhne sich zu erholen begann, war es ihr und Niels, als hätten sich Jahre zwischen sie und das frische Grab geschoben. Besonders für Frau Lyhne war es lange her, denn während der ganzen Krankheit war sie überzeugt gewesen, daß sie sterben müsse; sie hatte sich davor gefürchtet, und selbst jetzt, wo sie sich erholte, und der Arzt die Gefahr für überstanden erklärte, konnten sie diese düsteren Gedanken nicht verjagen. Es war allerdings eine traurige Rekonvaleszenz; die Kräfte kehrten nur tropfenweise und gleichsam widerstrebend zurück, keine milde, heilende Müdigkeit übermannte sie, es lag vielmehr auf ihr eine unruhige Mattigkeit mit einem drückenden Gefühl von Ohnmacht, ein ewiges, mißmutiges Verlangen nach Kräften. Nach und nach trat auch hier eine Veränderung ein; es ging schneller vorwärts, die Kräfte kamen, aber der Gedanke daran, daß sie bald vom Leben Abschied nehmen müsse, wich nicht, sondern lag wie ein Schatten über ihr und hielt sie in einer unruhigen, trauernden Wehmut gefangen. In einer Abendstunde während dieser Zeit saß sie allein im Gartenzimmer und sah hinaus durch die geöffneten Flügeltüren. 137 Die Bäume des Gartens verbargen das Gold und die Glut des Sonnenuntergangs; nur an einer einzigen Stelle öffnete sich ein brandroter Fleck zwischen den Stämmen und ließ eine Sonne von tiefgoldigen, sprühenden Strahlen, grüne Farben und bronzebraunen Widerschein auf der dunkeln Laubmasse erwecken. Oben über die unruhigen Baumwipfel jagten die Wolken düster über den rauchroten Himmel und verloren auf ihrer Flucht kleine Wolkenfetzen, kleine, schmale Streifen losgelöster Wolken, die der Sonnenglanz dann mit weinroter Glut sättigte. Frau Lyhne saß und lauschte auf das Rauschen des Windes und verfolgte mit leisen Kopfbewegungen das ungleiche Schwellen und Sinken der Windstöße, wie sie heranbrausten, noch lauter brausten und dann erstarben. Aber ihre Augen waren weit fort, fast weiter als die Wolken, zu denen sie emporblickten. Bleich, mit einem Ausdruck schmerzlicher Unruhe um die mattgefärbten Lippen saß sie in ihrer schwarzen Witwentracht da; auch ihre Hände waren voller Unruhe, wie sie das dicke, kleine Buch auf ihrem Schoße hin- und herdrehten. Es war Rousseaus Héloise. Rund um sie her lagen noch andere Bücher; Schiller, Staffeldt, Ewald und Novalis und größere Bände mit Kupferstichen von alten Kirchen, Ruinen und Bergseen. Jetzt ging drinnen die Tür, aus den hinteren Zimmern hörte man suchende Schritte, und Niels trat ein. Er hatte einen weiten Spaziergang am Fjord entlang gemacht. Die frische Luft hatte seine Wangen gefärbt, und der Wind schien noch in seinem Haar zu sitzen. Draußen am Himmel hatten jetzt blaugraue Farben die Übermacht gewonnen, und einzelne, schwere Regentropfen schlugen an die Scheiben. Niels erzählte, wie hoch die Wellen emporgeschlagen, wieviel Tang sie an den Strand geworfen, was er gesehen und wen er getroffen hatte, und während er sprach, sammelte er die Bücher zusammen, schloß die Gartentüren und hakte die Fenster fest. Dann setzte er sich auf den Schemel zu Füßen seiner Mutter, nahm ihre Hand in die seine und lehnte die Wange an ihr Knie. Draußen war jetzt alles schwarz, und der Regen hagelte stoßweise in Strömen gegen Scheiben und Gesimse. »Erinnerst du dich noch«, sagte Niels, als sie lange schweigend dagesessen, »kannst du dich noch erinnern, wie oft wir so in der Dämmerung saßen und auf Abenteuer auszogen, während Vater im Bureau mit dem Verwalter Jens sprach, und Jungfer Duysen drinnen im Speisezimmer mit dem Teegeschirr klapperte? Und wenn dann die Lampe kam, erwachten wir beide aus dem seltsamen Märchen zu der Gemütlichkeit um uns her; aber ich weiß sehr wohl, wie ich mir stets dachte, daß das Märchen deshalb noch nicht aufhöre, sondern sich da drüben unter den Hügeln nach Rinkjöbing zu weiter entwickelte.« Er sah nicht das wehmütige Lächeln der Mutter, er fühlte nur, wie ihre Hand leise über sein Haar strich. »Weißt Du noch,« sagte sie bald darauf, »wie oft du mir versprochen hast, auf einem großen Schiffe fortzusegeln und mir alle Herrlichkeiten der Welt nach Hause zu bringen, wenn du groß geworden?« »Ob ich es noch weiß! Hyazinthen wollte ich dir bringen, weil du Hyazinthen so gern mochtest, und ebensolche Palme wie die, die eingegangen, und Säulen von Gold und Marmor. In deinen Geschichten waren immer so viele Säulen. Weißt du noch?« »Ich habe auf das Schiff gewartet – nein, sei still, mein Junge, du verstehst mich nicht, – es war nicht für mich selbst, es war deines Glückes Schiff, ..... ich hatte gehofft, daß das Leben groß und reich für dich werden und du auf strahlenden Wogen dahinfahren würdest – Berühmtheit ... alles – nein, nicht das; nur, daß du mitkämpfen solltest um das Größte, ich weiß nicht wie, aber ich war des Alltagsglücks und der Alltagsziele so müde geworden. Verstehst du mich?« »Du wolltest, ich solle ein Sonntagskind sein, Mütterchen, so einer, der nicht mit den andern am Joch zieht; der seinen eigenen Himmel zum Seligwerden hat und seinen eigenen Ort der Verdammnis ebenfalls; – Nicht wahr, Blumen sollten an Bord sein, reiche Blumen, um sie über die armselige Welt auszustreuen, aber das Schiff ließ auf sich warten, und sie blieben, Niels und seine Mutter, nur arme Vögel, nicht wahr?« »Hab ich dir weh getan, mein Junge? Es waren ja nur Träume, laß gut sein.« Niels schwieg lange, er schämte sich dessen, was er sagen wollte. »Mutter,« sagte er, »wir sind nicht so arm, wie du glaubst. – Eines Tages wird das Schiff doch kommen..... Wenn du das nur glauben oder an mich glauben wolltest ... Mutter, ich bin ein Dichter – wirklich – mit meiner ganzen Seele. Glaub' nicht, daß es Kinderträume sind oder Träume der Eitelkeit. Wenn du fühlen könntest, wie ich es sage, mit wie dankbarem Stolz auf das Beste in mir, mit wie demütiger Freude darüber, daß es ist – so fern von allem Persönlichen, von jedem Hochmut, dann würdest du es so glauben, wie ich innig wünsche, daß du es glauben möchtest. O du Liebe, Liebe! ich werde mit um das Größte kämpfen, und ich verspreche dir, daß ich nie weichen, stets treu sein werde gegen mich, und das, was ich habe. Das Beste soll mir gerade gut genug und nicht mehr sein; keinen Akkord werde ich schließen, Mutter; kann ich fühlen, daß es nicht vollhaltig ist, was ich geformt habe, oder höre ich, daß es einen Riß oder Sprung hat, wieder hinein damit in den Schmelztiegel – immer nur das Beste, was ich zu leisten vermag. Begreifst du, daß ich dies versprechen muß? Die Dankbarkeit für all meinen Reichtum treibt mich zum Versprechen, und du mußt es annehmen, und es wird ein Verbrechen gegen dich und das Höchste sein, wenn ich jemals untreu werde; denn dir danke ich es, daß meine Seele so hoch strebt; find es nicht deine Träume, dein Sehnen, die meine Fähigkeiten zum Wachsen getrieben haben, und sind es nicht deine Sympathien, dein niemals gestilltes Schönheitsverlangen, die mich dem geweiht haben, was meine Lebensarbeit werden soll?« Frau Lyhne weinte still. Sie fühlte sich erblassen vor Glück. Sanft legte sie beide Hände auf den Kopf des Sohnes, und dieser zog sie leise an die Lippen und küßte sie. »Du hast mich so froh gemacht, Niels ... nun ist mein Leben doch nicht ein einziger, langer, unnützer Seufzer gewesen; es hat dich empor getragen, so wie ich es innig erhofft und erträumt habe, o Gott, so oft erträumt habe. – Und doch mischt sich so viel Wehmut in die Freude, denn, Niels, daß mein teuerster Wunsch, der Wunsch so vieler Jahre, gerade jetzt in Erfüllung gehen soll ... so kommt es nur, wenn man nicht lange mehr zu leben hat.« »So darfst du nicht sprechen, du darfst nicht; es geht alles so gut, du wirst doch Tag für Tag stärker, nicht wahr, Mütterchen?« »Ich sterbe so ungern,« seufzte sie vor sich hin. »Weißt du, woran ich dachte während all der schlaflosen Nächte, als der Tod so furchtbar nah erschien? ... Was mir von allem das Schwerste war? Daß es soviel Schönes und Großes da draußen in der Welt gibt, von dem ich wegsterben sollte, ohne es gesehen zu haben. Ich dachte an die tausend, tausend Seelen, denen es eine Freude gewesen, denen es Wachstum geschenkt hat; aber für mich hat es nicht existiert, und wenn meine Seele nun auf matten Flügeln armselig von dannen flatterte, so nahm sie von all der Herrlichkeit ihrer Heimat keinen güldenen Abglanz in strahlender Erinnerung mit; sie hatte ja nur in der Ofenecke gesessen und auf die Märchen von der wunderbaren Erde gelauscht. Niels, niemand kann fassen, welch unsagbares Elend es ist, so in der schwülen Dämmerung des Krankenzimmers dazuliegen und in seiner fiebererregten Phantasie zu kämpfen, um die Schönheit ungesehener Gegenden vor sich hinzuzaubern; ich erinnere mich an schneebedeckte Alpengipfel über blauschwarzen Seen, an hell schimmernde Flüsse zwischen Weinhügeln und langgestreckten Bergen, auf denen Ruinen über Wäldern emporragten, auch an hohe Hallen und Marmorgötter – und dies alles niemals erreichen zu können, es für immer verloren zu geben, um dann noch einmal von vom zu beginnen, weil es so unendlich schwer war, Lebewohl zu sagen, ohne den geringsten Teil daran zu haben ... O Gott, Niels, sich so mit ganzer Seele danach zu sehnen, während man fühlt, wie man der Schwelle zu einer anderen Welt immer näherkommt, auf der Schwelle zu stehen und so sehnsüchtig zurückzublicken, während man unaufhaltsam durch die Tür gedrängt wird, wohin einen keine Sehnsucht drängt ... Niels, nimm mich mit dir in einem Gedanken, mein Sohn, wenn du eines Tages teilhast an all der Herrlichkeit, die ich nie, niemals sehen werde.« Sie weinte. Niels versuchte, sie zu trösten; er machte kühne Pläne, wie sie in kurzer Zeit, wenn sie ganz gesund geworden, miteinander reisen würden; er wollte in die Stadt, um mit dem Arzt über diese Reise zu sprechen, und er war überzeugt, daß man nichts Besseres tun könne; so habe es dieser und jener gemacht und war allein schon durch die Veränderung wiederhergestellt worden; Veränderung tat ja soviel; er begann die Reiseroute, mit großer Ausführlichkeit zu verfolgen, sprach davon, wie gut er sie einpacken würde, welche kurzen Touren sie anfangs machen würden; welch köstliches Tagebuch sie führen wollten, wie sie sich auch das Allerunbedeutsamste merken würden, wie herrlich es sein würde, die sonderbarsten Sachen an den schönsten Orten zu speisen, und welche schwere Versündigung gegen die Grammatik sie im Anfang begehen würden. So fuhr er fort sowohl an diesem Abend wie während der nächsten Tage, und er wurde nicht müde, und sie ging auch darauf ein und lächelte darüber, wie über eine lustige Phantasie; aber es war deutlich zu merken, wie fest überzeugt sie war, daß diese Reise niemals vor sich gehen würde. Auf Rat des Arztes traf Niels jedoch alle notwendigen Vorbereitungen, und sie ließ ihn gewähren; er bestimmte den Tag der Abreise und alles andere, und sie war gewiß, daß etwas geschehen würde, um alles zunichte zu machen. Als aber nur noch ein paar Tage fehlten und ihr jüngster Bruder, der das Gut während ihrer Abwesenheit verwalten sollte, angekommen war, begann sie unsicher zu werden und war nun diejenige, die am meisten zur Abreise trieb, weil sie immer noch die Furcht hegte, daß im allerletzten Augenblick ein Hindernis auftauchen würde. Und dann reisten sie. Am ersten Tag machte jener letzte Rest von Furcht sie noch unruhig und nervös, und erst als dieser glücklich zu Ende gegangen, wurde es ihr möglich zu fühlen und zu verstehen, daß sie wirklich auf dem Wege zu all der Herrlichkeit sei, nach der sie sich so unendlich gesehnt hatte. Eine fast fieberhafte Freude bemächtigte sich ihrer jetzt, und eine überspannte Erwartung kennzeichnete all ihre Gedanken und Worte, die sich allein um das drehten, was ein Tag nach dem andern jetzt bringen würde. Es kam alles – alles kam; aber es ergriff und erfüllte sie nicht mit der Macht und der Innerlichkeit, die sie erwartet hatte. Sie hatte es sich ganz anders gedacht, auch sich selbst hatte sie anders gedacht. In ihren Träumen und Gedichten war es gleichsam auf der anderen Seite des Meeres gewesen; der Nebel der Ferne hatte ahnungsvoll die Unruhe der Einzelheiten verschleiert und die Formen in großen Zügen zu einem geschlossenen Ganzen gesammelt; darüber hatte das Schweigen der Ferne seine Feststimmung gebreitet, und es war so leicht gewesen, es in Schönheit zu erfassen – aber jetzt, wo sie mitten drin war und jeder kleine Zug für sich dastand und die vielen Stimmen der Wirklichkeit hatte, und die Schönheit sich brach wie das Licht des Prismas, – jetzt vermochte sie es nicht zu sammeln – sie konnte es nicht zu sich ans andere Meeresufer bringen, und mit tiefem Mißmut mußte sie eingestehen, daß sie sich arm fühlte mitten in all diesem Reichtum, mit dem sie nichts anzufangen wußte. Sie strebte vorwärts und immer vorwärts, um zu sehen, ob es denn keinen Ort gäbe, den sie als Fleck jener erträumten Welt wiedererkennen könne, die bei jedem Schritt, den sie getan, um ihr näherzukommen, den zauberhaften Glanz, in dem sie bis jetzt gestrahlt, zu verlieren schien, um sich ihrem enttäuschten Auge in der gewöhnlichen Beleuchtung der Allerweltssonne und des Allerweltsmondes zu zeigen. – Aber ihr Suchen wurde nicht belohnt, und da die Jahreszeit schon zu weit vorgeschritten war, eilten sie nach Clarens, wo der Arzt ihnen geraten hatte, den Winter zuzubringen, und wohin auch die letzte mattschimmernde Hoffnung die müde, traumbefangene Seele lockte; es war ja Rousseaus Clarens, Julies paradiesisches Clarens! Dort blieben sie also; aber vergebens zeigte der Winter sich mild, und verschonte sie mit seinem kalten Hauch – vor dem Siechtum ihres Blutes konnte er sie nicht schützen; und als der Frühling auf seinem Triumphzug durch das Tal daherkam mit keimenden, sprießenden Liebkosungen und dem Evangelium des Werdens, mußte er sie welkend inmitten all dieser Üppigkeit der Erneuerung stehen lassen, ohne daß seine Kraft, die ihr schwellend aus Licht und Luft und Erde und Wasser entgegenschlug, in ihr so viel Kraft erzeugen konnte, um ihr Blut gesundheitstrunken in den großen Jubel über die Allmacht des Lenzes mit einstimmen zu machen; nein, sie mußte dahinwelken, denn der letzte Traum, der sich ihr in dem verborgenen Winkel der Heimat wie eine neue Morgenröte gezeigt hatte, der Traum von der Herrlichkeit einer fernen Welt, er hatte nicht den Tag gebracht, seine Farben waren verblichen, je näher sie ihnen kam, und sie fühlte, daß sie nur für sie erbleichten, weil sie Farben verlangt hatte, die das Leben nicht besitzt, eine Schönheit begehrt hatte, welche die Erde nicht reift. Aber die Sehnsucht erlosch nicht, still und stark brannte sie in ihrem Herzen, immer heißer in ihrem Schmerz, heiß und verzehrend. Um sie her wurde das schönheitsschwangere Fest des Frühlings gefeiert, die weißen Schneeglöckchen läuteten es ein, die geäderten Becher der Krokusblume grüßten es jubelnd. Hundert kleine Bergströme stürzten kopfüber hinab ins Tal, um zu melden, daß der Frühling gekommen, und kamen alle zu spät; denn wo sie an grünen Ufern vorüberkamen, standen Primeln in Gelb und Veilchen in Blau und nickten, wir wissen schon, wir wissen schon, wir haben es früher gemerkt als du. Die Weiden hißten die gelben Wimpel, und krauses Farnkraut und samtweiches Moos hängten grüne Girlanden an die nackten Weinbergsmauern, während Tausende von Nesseln den Fuß der Mauer mit langen Verbrämungen in Braun und Grün und mattem Purpur verbargen. Das Gras breitete seinen grünen Mantel weit und breit aus und viele hübsche Kräuter setzten sich darauf, Hyazinthen mit Blüten wie Sterne und Blüten wie Perlen, Tausendschön tausendweise, Enzian, Anemonen und Löwenmaul und hundert andere Blumen. Und über den Blumen auf der Erde schwebten, von den hundertjährigen Stämmen der Kirschbäume getragen, wohl tausend strahlende Blüteninseln, an deren weiße Küsten das Licht schäumend schlug, und welche die Schmetterlinge, die Botschaft vom Blumenkontinent da unten brachten, blau und rot sprenkelten. Jeder Tag brachte neue Blumen, er trieb sie in den Gärten am See in bunten Mustern aus der Erde, er lud sie unten auf den Zweigen der Bäume ab, Riesenveilchen auf der Paulownia und große purpurstreifige Tulpen auf der Magnolia. An den Wegen entlang zogen die Blumen in blauen und weißen Reihen, sie füllten die Felder mit gelben Horden, aber nirgend standen sie so dicht, wie oben zwischen den Höhen in einsamen, warmen, kleinen Tälern, wo der Lärchenbaum mit licht funkelnden Rubinzapfen im hellen Laub stand; denn dort oben blühten Narzissen in blendenden Myriaden und erfüllten die Luft in der Runde mit dem. betäubenden Duft ihrer weißen Orgien. Mitten in all dieser Schönheit saß sie mit unbefriedigter Schönheitssehnsucht im Herzen und nur manchmal, in einer Abendstunde, wenn die Sonne hinter Savoyens lang abfallenden Höhen sank, und die Berge jenseits des Sees, wie von braunem, undurchsichtigem Glas erschienen, gleichsam als hätten die steilen Seiten das Licht eingesogen, dann vermochte die Natur ihre Sinne zu fesseln; wenn gelbbeleuchtete Abendnebel das ferne Juragebirge verhüllten, und der See, rot wie ein Kupferspiegel mit goldenen, vom Abendrot zackig umränderten Flammen mit dem Himmelsglanz in ein großes, strahlendes Meer der Unendlichkeit zusammenzufließen schien: dann war es zuweilen, als verstummte die Sehnsucht, und als hätte die Seele das Land gefunden, das sie suchte. Je weiter der Frühling vorschritt, desto schwächer wurde sie, und bald verließ sie das Bett nicht mehr; aber jetzt fürchtete sie den Tod nicht mehr, sie sehnte sich nach ihm, denn sie hoffte, jenseits des Grabes sich von Angesicht zu Angesicht mit jener Herrlichkeit, Seele in Seele mit jener Schönheitsfülle zu finden, die sie hier auf Erden mit einer ahnungsvollen Sehnsucht erfüllt hatten; jetzt durch das steigende Verlangen langer Lebensjahre geläutert und verklärt, würde sie deshalb endlich ihr Ziel erreichen; sie träumte manch freundlich wehmütigen Traum, wie sie in der Erinnerung zu dem zurückkehren würde, was die Erde ihr gegeben, zu ihm zurückzukehren im Lande der Unsterblichkeit, wo ja alle Schönheiten des Erdreichs alle Zeit jenseits des Sees sein würden. Dann starb sie, und Niels begrub sie auf dem freundlichen Friedhof von Clarens, in dessen brauner Weinbergserde so vieler Länder Kinder ruhen, wo die gebrochenen Säulen und umflorten Urnen die gleichen Worte der Trauer in so vielen Sprachen wiederholen. Weiß schimmern sie zwischen dunkeln Zypressen und dem im Winter blühenden Viburnum hervor; frühe Rosen schütten ihre Blätter über viele von ihnen aus, und an ihrem Fuß ist die Erde blau von Veilchen; aber um jeden Hügel und jeden Stein schlingen sich die Ranken der sanften Vinka mit ihren blanken Blättern, Rousseaus Lieblingsblume, die blauer ist als der blaue Himmel. 9. Kapitel Niels Lyhne eilte der Heimat zu, er konnte die Einsamkeit unter all den fremden Menschen nicht ertragen; aber je näher er Kopenhagen kam, desto häufiger fragte er sich, was er eigentlich dort wolle, und desto mehr bereute er, nicht draußen geblieben zu sein. Denn, wen hatte er in Kopenhagen? Frithjof nicht; Erik war auf einer Stipendienreise in Italien, also ihn ebenfalls nicht; und Frau Boye? – es war ein seltsames Verhältnis, das zu Frau Boye. Jetzt, wo er direkt vom Grabe seiner Mutter kam, schien es ihm nicht gerade profan oder dergleichen, aber es klang nicht zusammen mit dem Ton, in dem seine jetzige Stimmung vibrierte. Es war ein Mißton. Wäre es seine verlobte Braut gewesen, ein junges, errötendes Mädchen, dem er jetzt entgegenzog, nachdem seine Seele sich so lange der Erfüllung seiner Kindespflichten geweiht hatte, so würde es seinem Gefühl nicht widerstrebt haben. Und es half nichts, daß er versuchte, sich selbst überlegen zu werden, indem er seine veränderte Auffassung über die Beziehungen zu Frau Boye spießbürgerlich und beschränkt nannte: das Wort zigeunerhaft bildete sich doch fast unbewußt bei ihm heraus als Ausdruck für das Mißbehagen, das er nicht fortraisonnieren konnte, und es war auch eine Art Fortsetzung derselben Richtung, daß sein erster Weg, nachdem er sich seine alten Zimmer oben am Wall gesichert hatte, ihn zum Etatsrat und nicht zu Frau Boye führte. Am nächsten Tage ging er hin; aber er traf sie nicht. der Portier sagte, sie habe eine Sommerwohnung in der Nähe der Emilienquelle gemietet; dies setzte Niels in Erstaunen, denn er wußte, daß die Villa ihres Vaters in der Nähe lag. An einem der folgenden Tage wollte er hinaus. Aber schon am nächsten erhielt er ein Billet von Frau Boye, das ihn in ihre Stadtwohnung bestellte. Die blasse Nichte habe ihn auf der Straße gesehen. Dreiviertel auf eins solle er kommen, müsse er kommen. Sie wolle ihm sagen weshalb, wenn er es noch nicht wisse. Ob er es denn wisse? Er solle sie nicht falsch beurteilen, nicht unvernünftig sein. Er kenne sie ja. Weshalb er es denn auffassen wolle, wie plebejische Naturen es täten? Würde er das tun? Sie seien doch nicht wie andere. Wenn er sie nur verstehen wolle! Niels! – Niels! Dies Billet versetzte ihn in starke Spannung, und plötzlich fiel es ihm wieder ein und beunruhigte ihn, daß die Etatsrätin ihn neulich so spöttisch mitleidig angesehen, gelächelt und geschwiegen hatte, so sonderbar geschwiegen. Was konnte es sein – was in aller Welt konnte es nur sein? Die Stimmung, die ihn von Frau Boye ferngehalten, war verschwunden, er begriff sie gar nicht mehr, ihm war so bange. Wenn sie einander nur geschrieben hätten, wie andere vernünftige Menschen. Weshalb hatten sie es denn eigentlich nicht getan? So viel hatte er doch nicht zu tun gehabt. Er war doch auch zu merkwürdig; sich von dem Ort, wo er gerade war, immer so ganz und gar in Anspruch nehmen zu lassen. Und alles zu vergessen, was ferner lag. Nicht vergessen gerade, aber er schob es so weit zurück, und ließ es von der Gegenwart begraben. Wie unter Berge. Man sollte nicht glauben, daß er Phantasie besaß. Endlich. Frau Boye schloß ihm selbst die Entreetür auf, bevor er noch geläutet hatte. Sie sagte nichts, sondern reichte ihm die Hand zu einem langen, kondolierenden Druck; durch die Zeitungen hatte sie ja von seinem Verlust erfahren. Niels sagte ebenfalls nichts, und so gingen sie schweigend zwischen zwei Reihen von Stühlen mit rot und weiß gestreiften Überzügen durch das erste Zimmer. Der Kronleuchter war in Papier gehüllt, und die Fensterscheiben waren geweißt. Im Wohnzimmer war alles wie gewöhnlich, nur die Jalousien waren vor den geöffneten Fenstern niedergelassen und schlugen in dem leisen Luftzug einförmig klappernd gegen den Fensterrahmen. Der Reflex vom sonnenbeschienenen Kanal sickerte gedämpft durch die gelben Stäbe und zeichnete ein unruhiges, krauses Getäfel voll Wellenlinien an die Zimmerdecke, zitternd, wie die zitternden Wogen draußen; sonst war alles still und wartete geduldig mit leisem Atem. Frau Boye konnte nicht einig mit sich werden, wo sie sitzen wollte, endlich entschied sie sich für den Schaukelstuhl, wischte mit ihrem Taschentuch den Staub ab, stellte sich dann jedoch hinter den Stuhl, die Hände auf die Lehne gelegt. Die Handschuhe hatte sie noch an und nur einen Arm aus der schwarzen Mantille gezogen, die sie über ihrem schottischkarierten Seidenkleid trug; ebenso klein kariert wie das breite Band auf ihrem großen, runden Panamahut, dessen helles Stroh ihr Gesicht zur Hälfte verbarg; sie stand und sah zu Boden, während sie heftig mit dem Stuhl schaukelte. Niels saß auf dem Taburett am Klavier, weit fort von ihr, als erwarte er, etwas Unangenehmes zu hören. »Weißt du es also, Niels?« »Nein. Aber was ist es, das ich nicht weiß?« Der Stuhl stand still. »Ich bin verlobt.« »Sie haben sich verlobt, aber weshalb, wie?« »Ach nenne mich nicht Sie, sei nicht gleich unvernünftig.« Sie lehnte sich trotzig an den Schaukelstuhl. »Du kannst doch begreifen, daß es nicht ausgesucht angenehm für mich ist, hier stehen und dir alles erklären zu müssen. Ich will es ja tun, aber du könntest mir wohl helfen.« »Das ist lauter Unsinn. Bist du verlobt oder nicht?« »Ich habe es dir ja gesagt,« entgegnete sie mit leiser Ungeduld und blickte auf. »Dann darf ich mir also erlauben, Ihnen zu gratulieren, Frau Boye, und Ihnen recht herzlich für die Zeit zu danken, in der wir einander kannten.« Er war aufgestanden und verbeugte sich mehrmals sarkastisch. »Und so kannst du von mir scheiden, so ganz ruhig; ich bin verlobt, und nun sind wir fertig; alles, was zwischen uns beiden gewesen, ist eine alte, dumme Geschichte; an die wir nicht mehr denken wollen. Vorbei soll vorbei sein? Ohne weiteres? – Niels, soll die Erinnerung an all jene teuren Tage von jetzt an stumm sein, wirst du nie, nie wieder an mich denken, mich nie vermissen? Wirst du nicht zuweilen in einer stillen Abendstunde den Traum wieder lebendig träumen und ihm die Farben geben, in denen er hätte leuchten können? Kannst du es lassen, alles in Gedanken noch einmal zu lieben, und es zu der Fülle reifen zu lassen, die es hätte erreichen können? Kamst du? Kannst du deinen Fuß darauf setzen und es zertreten, jedes Krümchen, so daß es aus der Welt ist? Niels?« »Ich hoffe es; Sie haben mir ja gezeigt, daß es geht. – Ach, es ist ja alles Unsinn, grundloser Unsinn von Anfang bis zu Ende; weshalb haben Sie diese Komödie arrangiert? Ich habe ja keine Spur von Recht, Ihnen Vorwürfe zu machen. Sie haben mich ja nie geliebt, nie behauptet, daß Sie mich lieben; Sie haben mir nur gestattet, Sie zu lieben, das taten Sie, und jetzt nehmen Sie diese Erlaubnis zurück; oder darf ich fortfahren, jetzt, wo Sie einem anderen gehören. Ich verstehe Sie nicht; haben Sie das für möglich gehalten? Wir sind doch keine Kinder. Oder fürchten Sie, daß ich Sie zu schnell vergessen werbe? Beruhigen Sie sich. Sie streicht man nicht aus seinem Leben. Aber hüten Sie sich; eine Liebe wie der meinen begegnet ein Weib nicht zweimal im Leben; hüten Sie sich, daß es Ihnen nicht Unglück bringt, mich verstoßen zu haben. Ich wünsche Ihnen nichts Böses, nein, nein; mögen Sie von aller Not und Krankheit verschont bleiben, möge Ihnen all das Glück, das Reichtum, Bewunderung und gesellschaftlicher Erfolg Ihnen gewähren können, im vollsten Maße werden, im allervollsten, das ist mein Wunsch; möge die ganze Welt Ihnen offen stehen, bis auf eine kleine Tür, eine einzige kleine Tür, wie oft Sie auch klopfen und versuchen mögen; aber sonst alles, alles so weit und voll, wie Sie nur wünschen können.« Er sagte es langsam, beinahe traurig, durchaus nicht bitter, aber mit einem seltsam zitternden Klang in der Stimme, einem Klang, der ihr fremd war und Eindruck auf sie machte. Sie war bleich geworden und stützte sich fest auf den Stuhl. »Niels«, sagte sie, »prophezeie mir nichts Böses, denk' daran, du warst nicht hier, Niels, und meine Liebe, ich wußte nicht, wie wirklich sie war; es schien mehr, als ob sie mich nur interessiere, sie klang durch mein Leben wie eine zarte, geistreiche Dichtung, sie packte mich nie mit starken Armen; sie hatte Flügel, nur Flügel. Das glaubte ich, ich wußte es ja nicht besser bis jetzt oder damals, als ich es tat, als ich Ja sagte. Es war auch so schwierig, es war manches dabei, so viele, auf die ich Rücksicht zu nehmen hatte. Mit meinem Bruder Hardenskjöld, du weißt, der nach Westindien mußte, fing es an; er hatte hier ein wenig wild gelebt, aber da drüben war er gesetzt und vernünftig geworden, wurde Kompagnon von jemand, verdiente viel Geld, und verheiratete sich auch mit einer reichen Witwe, einem süßen, kleinen Ding, kann ich dir versichern; und dann kam er wieder nach Hause, und Vater und er versöhnten sich, denn Hatte ist ganz verändert, o, er ist respektabel ohne Ende, so empfindlich gegen das, was die Leute sagen: gräßlich borniert, ach! – Natürlich fand er, daß ich wieder auf guten Fuß mit der Familie kommen müsse, und predigte und bat und schwatzte jedesmal, wenn er kam; Vater ist ja nun auch ein alter Mann, und deshalb tat ich es, und jetzt ist wieder alles, wie es früher war.« Sie hielt einen Augenblick inne, begann die Mantille, den Hut und die Handschuhe abzulegen und wandte sich in ihrer Geschäftigkeit ein wenig von Niels ab, während sie weitersprach. »Und da war nun ein Freund von Hatte, der sehr angesehen, ungeheuer angesehen ist; und alle meinten, ich solle es tun, sie wollten es so gern, und siehst du, dann konnte ich meinen alten Platz in der Gesellschaft wieder einnehmen, besser eigentlich noch, denn er ist in jeder Beziehung angesehen, und danach hatte ich mich schon lange gesehnt. – Nicht wahr, das verstehst du nicht? Das hättest du nie von mir gedacht? Ganz das Gegenteil. Weil ich die Gesellschaft immer verspottete, mit all ihren konventionellen Dummheiten und ihrer Patentmoral und ihrem Tugendthermometer und ihrem Weiblichkeitskompaß; du erinnerst dich noch, wie witzig wir waren? Es ist zum Weinen, du, es war nicht wahr, nicht im mindesten; denn ich will dir etwas sagen, Niels, wir Frauen können uns wohl für eine Zeitlang losreißen, wenn etwas in unser Leben getreten ist, das unsere Augen dem Freiheitsdrange, der uns innewohnt, geöffnet hat; aber wir halten nicht aus, wir haben nun einmal eine Leidenschaft im Blut für das Korrekteste des Korrekten bis hinauf zur prüdesten Spitze des Prüden. Wir halten es nicht aus, im Kriege zu liegen mit dem, was von der Allgemeinheit einmal angenommen wurde; im innersten Innern finden wir doch, daß sie recht hat, weil sie es ist, die urteilt, und in unserem Herzen beugen wir uns vor ihrem Urteil und leiden darunter, wie keck wir uns auch stellen mögen. Es liegt uns Frauen nun einmal nicht, Ausnahmen zu sein, Niels, es macht uns so seltsam, vielleicht interessanter, aber sonst... Kannst du es begreifen? Es ist erbärmlich, nicht wahr? Aber du begreifst wohl, daß es einen wunderlichen Eindruck auf mich gemacht hat, wieder in die alten Umgebungen zurückzukommen .... So viele Erinnerungen drangen auf mich ein – das Andenken an meine Mutter, und wie sie dachte; mir war, als sei ich wieder in den Hafen gelangt, alles war so friedlich und ordentlich, und ich brauchte mich nur daran zu binden, um für all mein Lebtag recht glücklich zu werden. Und deshalb ließ ich mich binden, Niels.« Niels konnte sich eines Lächelns nicht erwehren; er fühlte sich ihr so überlegen, und sie tat ihm so leid, wie sie da vor ihm stand, so jugendlich unglücklich in ihrem Selbstbekenntnis. Ihm wurde so weich zumut, und er konnte gar keine harten Worte finden. So ging er zu Ihr. Inzwischen hatte sie den Stuhl umgedreht und war hineingesunken; da saß sie nun so matt und weltverlassen mit hängenden Armen, mit erhobenem Gesicht und halb gesenkten Augen und sah durch das verdunkelte Zimmer mit den zwei Reihen Stühlen in das finstere Entree hinaus. Niels legte den Arm auf die Rückenlehne und beugte sich, die Hand auf die Seitenlehne gestützt, über sie und flüsterte: »Und mich hattest du ganz vergessen?« Es war, als hätte sie es nicht gehört, sie hob nicht einmal die Augen; endlich schüttelte sie den Kopf, ganz wenig, und nach einer Weile noch einmal, ganz wenig. Zuerst war es so still um sie; dann hörte man auf dem Treppengang ein Dienstmädchen, das trällernd die Schlösser polierte; das Rütteln der Türgriffe brach brutal in die Stille ein und ließ sie noch tiefer erscheinen, als sie plötzlich wiederkehrte. Dann war alles wieder ruhig, und man hörte nur das leise, schläfrig taktfeste Schlagen der Jalousien. Diese Ruhe raubte ihnen die Sprache, beinahe auch die Gedanken, und sie saß wieder wie zuvor, den Blick in das dunkle Entree gerichtet; er blieb über sie gebeugt stehen und starrte auf das Gewürfel ihres Seidenkleides, und unbewußt, von der milden Ruhe verlockt, begann er, sie zu schaukeln, ga – nz leise, ga – nz leise. Langsam hob sie die Lider zu einem Blick auf sein mild beschattetes Profil und senkte sie dann wieder in stillem Wohlbehagen. Es war wie eine lange Umarmung, als legte sie sich in seine Arme, wenn der Stuhl zurückging: und wenn er wieder nach vorn ging, so daß ihre Füße den Boden berührten, so lag etwas von ihm in dem leisen Druck, den der Boden gegen den Fuß übte. Auch er fühlte es, das Schaukeln begann ihn zu interessieren, nach und nach schaukelte er stärker; es war, als wäre er näher daran, sie zu besitzen, je weiter er den Stuhl zurücklehnte, und wie Erwartung lag es in der Sekunde, die dem Vorwärtsschaukeln voranging; und wenn er dann niederstieß, so lag eine eigentümliche Befriedigung in dem leisen Schlag, mit dem ihre willenlosen Füße den Boden berührten; und ihr ganzer Besitz dünkte es ihn, wenn er den Stuhl noch weiter vorwärts zwang, und ihre Sohlen so sanft gegen den Boden preßte, daß die Knie sich ein wenig heben mußten. »Laß uns nicht träumen«, sagte Niels dann mit einem Seufzer und ließ resigniert den Stuhl los. »Doch«, sagte sie beinahe bittend, und sah ihn unschuldig mit großen, wehmutstrunkenen Augen an. Sie hatte sich langsam erhoben. »Nein, nicht träumen«, sagte Niels nervös und legte den Arm um ihre Taille. »Träume sind genug zwischen uns gewesen, hast du das nie bemerkt? Haben sie nie wie ein flüchtiger Atem deine Wange oder dein Haar berührt? Ist es möglich, daß die Nacht nicht zitternd Seufzer auf Seufzer ausgehaucht hat, die sterbend auf deine Lippen herabsanken?« Er küßte sie, und es war ihm, als werde sie minder jung unter seinem Kusse, minder jung, aber schöner, glühend schön, berauschend. »Du mußt es wissen,« sagte er, »du weißt nicht, wie ich dich liebe, wie ich gelitten habe und entbehrt. Tema, wenn jene Zimmer am Wall reden könnten!« Er küßte sie wieder und wieder, und sie schlang heftig die Arme um seinen Hals, so daß die weiten Ärmel hoch über die faltigen weißen Unterärmel, höher als über die grauen Gummibänder, die sie über dem Ellbogen hielten, hinaufglitten. »Was könnten die Zimmer sagen, Niels?« »Tema, könnten sie zehntausendmal und öfter sagen; sie könnten in diesem Namen beten, rasen, seufzen und schluchzen. Tema – sie könnten auch drohen.« »Sie könnten drohen?« Von der Straße herauf drang ganz und unverkürzt ein Gespräch durch die geöffneten Fenster; es war die gleichgültigste Weisheit der Welt in abgenützten Alltagsworten, die zwei stimmungslose Klatschstimmen durcheinander jagten und wälzten. Die ganze Prosa drang, zu ihnen herein und machte es noch herrlicher, so Brust an Brust dazustehen, eingehüllt von weichem, gedämpften Licht. »Wie ich dich liebe, du Süße, Süße – in meinen Armen, du bist so gut; bist du so gut, so gut? – und dein Haar ... ich kann beinahe nicht sprechen, und all die Erinnerung ... so gut ... all die Erinnerung daran, wie ich geweint habe und unglücklich war und dich so schmerzlich vermißte, sie dringt jetzt auf mich ein, drängt sich hervor, als wollte sie jetzt im Glück glücklich mit mir sein – begreifst du! – Weißt du noch, Tema, kannst du dich noch auf den Mondschein im vorigen Jahr besinnen? Liebst du ihn? – O, du weißt nicht, wie grausam er sein kann. Solch eine mondhelle Nacht, wenn die Luft in kühlem Lichte erstarrt ist, und die Wolken still daliegen, – Tema, Blumen und Laub halten ihren Duft so dicht an sich, als sei es ein Reif von Duft, der auf ihnen liegt, und alle Laute werden so fern und schwinden so plötzlich und weilen nicht; – sie ist so unbarmherzig, solche Nacht, denn der Schmerz wächst so wunderlich stark in ihr, sie schweigt ihn aus allen Winkeln der Seele hervor, saugt ihn mit harten Lippen heraus; und keine Hoffnung leuchtet, kein Versprechen winkt in all der kalten, starren Klarheit; ach, ich weinte, Tema, Tema, hast du niemals eine mondhelle Nacht durchweint? Nein, du Süße, es wäre ein Jammer, wenn du weinen müßtest; du darfst nicht weinen, um dich sollten stets Rosennächte und Sonne sein – eine Rosennacht –« Sie war ganz in seine Arme gesunken, und den Blick in den seinen verloren, murmelten ihre Lippen wie im Traum seltsam süße Liebesworte, von ihrem Atem halb erstickt, wiederholte sie Worte, Worte von ihm, als flüsterte sie sie ihrem Herzen zu. Draußen auf der Straße entfernten sich die Stimmen und machten sie unruhig. Dann kamen sie wieder, taktfest, von dem harten Stoßen eines Stocks auf die Fliesen begleitet; jetzt verzogen sie sich auf die andere Seite, weilten lange noch gedämpft in der Ferne, wurden schwächer und erstarben. Und die Stille schwoll wieder um sie empor, loderte auf um sie, herzzersprengend mit schwerem Atem. Die Worte zwischen ihnen waren versiegt, die Küsse fielen schwer von ihren Lippen, wie zögernde Fragen, aber sie brachten keine Erlösung mit sich, kein Genießen des Augenblicks. Sie wagten nicht, mit den Augen voneinander zu lassen, und wagten doch nicht, Worte in ihren Blick zu legen, sie verschleierten ihn gleichsam, verbargen sich hinter ihm, schweigend, über geheimnisvolles Träumen brütend. Da plötzlich kam ein Zittern in seine Umarmung und weckte sie, und sie stemmte die Hände gegen seine Brust und riß sich los. »Geh, Niels, geh, du darfst nicht hier sein; du darfst nicht, hörst du?« Er wollte sie an sich ziehen, aber sie zog sich bleich und wild zurück. Sie zitterte von Kopf bis zu Fuß und stand mit vorgestreckten Armen da, als wage sie nicht, sich selbst zu berühren. Niels wollte niederknien und ihre Hand fassen. »Du darfst mich nicht anrühren«, Verzweiflung lag in ihrem Blick. »Weshalb gehst du nicht, wenn ich dich bitte, Herrgott, kannst du denn nicht gehen? Nein, du darfst nicht sprechen, geh deiner Wege, du. Siehst du nicht, wie ich vor dir zittere? Sieh doch, sieh. Oh, es ist schlecht vor dir, so gegen mich zu sein! Wenn ich dich doch bitte!« Es war ihm unmöglich ein Wort zu sagen, sie wollte nicht hören. Sie war ganz außer sich. Tränen strömten aus ihren Augen; ihr Gesicht war fast verzerrt und leuchtete gleichsam vor Blässe. Was sollte er tun? »Willst du denn nicht gehen? Kannst du denn nicht sehen, wie du mich durch dein Bleiben demütigst, du mißhandelst mich, ja, das tust du; was habe ich dir getan, daß du so schlecht sein kannst? Oh, geh! Hast du denn kein Mitleid?« Mitleid. Er war eiskalt vor Wut. Dies war ja Wahnsinn. Es blieb ihm nichts übrig, als zu gehen. Er ging. Die beiden Stuhlreihen ließ er nicht seitwärts liegen, sondern ging langsam, den starren Blick darauf gerichtet, hindurch, wie um zu trotzen. »Erit Niels Lyhne«, sagte er, als er die Entreetür hinter sich ins Schloß fallen hörte. Nachdenklich, den Hut in der Hand, ging er die Treppe hinunter. Auf dem Absatz blieb er stehen und gestikulierte vor sich hin. Wenn er nur das Geringste davon verstehen könnte! Weshalb dies, und weshalb wieder jenes? Dann ging er weiter. Da waren die geöffneten Fenster. Es wandelte ihn die Lust an, mit einem gellenden Ruf die ekle Stille da oben zu zerreißen, oder jemanden zu haben, mit dem er hier reden konnte, stundenlang reden – unerbittlich – in jene Stille hineinzuschwatzen, sie in Gewäsch kalt zu baden. Er konnte sie nicht aus seinem Blut bringen; er konnte sie sehen, schmecken, er ging in ihr. Plötzlich blieb er stehen und errötete vor erbitterter Scham. Hatte Tema sich selbst in Versuchung führen wollen? – Oben stand Frau Boye noch und weinte; sie hatte sich vor den Spiegel gestellt und stand mit beiden Händen auf die Konsole gestützt und weinte, daß ihre Tränen in das rosenrote Innere einer großen Muschel tropften. Sie sah auf ihr verstörtes Gesicht, wie es über der angehauchten Stelle erschien, die ihr Atem auf dem Glase bildete, und sie verfolgte die Tränen, wie sie sich aus den Augen hervordrängten und hinabrollten. Wie konnten sie denn immer noch fließen? So hatte sie noch nie geweint: doch – in Frascati einmal, als die Pferde mit ihr durchgegangen waren. Nach und nach kamen die Tränen spärlicher, aber ein nervöses Zittern durchzuckte sie noch stoßweise vom Nacken bis zu den Füßen. Die Sonne schien mehr auf die Fenster; der zitternde Widerschein der Wellen zog sich schräg an die Decke hinauf; neben den Jalousien drangen ganze Reihen paralleler Strahlen herein, ganze Strahlenbündel gelblichen Lichts. Die Wärme nahm zu, und durch den satten Duft erhitzten Holzes und sonnenwarmen Staubes brachen sich noch andere Düfte Bahn; denn von den bunten Blumen der Sofapolster, von der Seide der Stuhllehnen, von Büchern und aufgerollten Teppichen stiegen, durch die Hitze befreit, hundert vergessene Düfte auf, die gespensterflüchtig durch die Luft zogen. Langsam ließ ihr Zittern nach und ließ einen eigentümlichen Schwindel zurück, in dem phantastische Gefühle, halbe Empfindungen über die Spuren ihrer staunenden Gedanken hinwirbelten. Sie schloß die Augen, blieb aber mit dem Gesicht nach dem Spiegel gewandt stehen. Sonderbar! Wie es über sie gekommen war! So ängstlich zum Schreien! Hatte sie geschrien? Sie glaubte noch einen Schrei zu vernehmen, und im Halse spürte sie eine Müdigkeit wie nach langem, angstvollen Rufen. Wenn er sie gepackt hätte! Sie ließ sich packen und rückte die Arme abwehrend gegen die Brust. Sie wehrte sich, aber trotzdem – jetzt: es war, als sinke sie nackt durch die Luft herab, errötend, brennend vor Scham, schamlos von allen Winden geliebkost. – Er wollte nicht gehen, und bald war es zu spät, all ihre Kräfte verließen sie, wie Blasen, die barsten; Blasen auf Blasen, die sich über ihre Lippen drängten, und unaufhörlich barsten; in einer Sekunde war es zu spät! Hatte sie ihn auf den Knien gebeten? Zu spät! Unwiderruflich zog es sie in seine Arme; wie eine Blase, die durch das Wasser aufsteigt, vibrierend, so stieg ihre Seele nackt zu ihm hinauf, jeder Wunsch lag entblößt vor seinen Blicken, jeder heimliche Traum, jede verborgene Hingabe lag ohne Schleier vor seinem nehmenden Blick. – Wieder in seinen Armen, verweilend, süß erbebend. Eine Statue von Alabaster inmitten von Flammen, die in des Feuers Hitze glühend durchsichtig wurde, nach und nach von ihrem dunkeln Kern verlor, bis alles endlich strahlend hell war. Sie öffnete langsam die Augen und blickte ihr Spiegelbild mit diskretem Lächeln an wie einen Mitwissenden, mit dem sie sich nicht allzu weit einlassen wollte. Dann ging sie im Zimmer umher und suchte Hut, Handschuhe und Mantille zusammen. Der Schwindel war wie fortgeweht. Die Schwäche, die sie noch in den Knien verspürte, war ihr angenehm; sie ging umher, um sie noch mehr zu fühlen. Heimlich, gleichsam zufällig, gab sie dem Schaukelstuhl einen kleinen, vertraulichen Puff mit dem Arm. Eigentlich liebte sie Szenen. Mit einem Blick nahm sie Abschied von etwas Unsichtbarem da drinnen. Dann zog sie die Jalousien auf, – und nun war es ein ganz anderes Zimmer.   Drei Wochen später war Frau Boye verheiratet, und nun war Niels Lyhne ganz allein mit sich. Er konnte nicht über seine Empörung hinwegkommen, daß sie sich so unwürdig der Gesellschaft in die Arme geworfen, über die sie sooft gespottet hatte. Natürlich hatte diese nur die Tür aufgemacht und gewinkt, und sie war sofort gekommen. Aber war es der Mühe wert, daß er mit Steinen warf, – hatte er nicht selbst die magnetische Anziehungskraft der braven Spießbürgerlichkeit empfunden? Nur dieser letzten Begegnung wegen verurteilte er sie, weil es ein leichtfertiges Fahrwohl an das alte Leben sein sollte, der letzte tolle Streich, bevor sie sich in das Korrekteste vom Korrekten zurückzog. War das möglich! Eine so grenzenlose Selbstverachtung, ein so zynischer Hohn über sich selbst, der ihn, und alles, was er an Erinnerungen und Hoffnungen, an Begeisterung und heiligen Ideen gemeinsam gehabt hatte, mit hineinzog. Das brachte ihn zum Erröten, zum Rasen! – Aber war er gerecht? Denn was hatte sie andrerseits getan, als ihm ehrlich gesagt: das und das zieht mich auf die andere Seite, zieht mich gewaltig hinüber, aber ich anerkenne dein Recht mehr als du selbst verlangst, und hier bin ich, kannst du mich nehmen, so nimm mich, wenn nicht, so gehe ich hin, wo die Macht am größten ist. Und war es so, war sie dann nicht in ihrem Recht? ... Er hatte sie nicht nehmen können. Bei der ganzen Entscheidung konnte alles von einer Kleinigkeit, dem Schatten eines Gedankens, dem Ton einer Stimmung abhängen. Wenn er nur wüßte, was sie für eine Sekunde wenigstens doch gewußt haben mußte, wenn sie es auch jetzt vielleicht nicht mehr wußte. Er wollte so ungern das glauben, dessen sie zu beschuldigen er doch nicht unterlassen konnte. Nicht um ihretwillen allein, das vielleicht am allerwenigsten; aber ihm war, als wäre seine Fahne befleckt. Logisch betrachtet natürlich nicht, aber trotzdem. Auf welche Weise sie ihn auch nun verlassen haben mochte, eins war gewiß, er war nun einsam; und er empfand es wie einen Verlust, aber etwas später auch wie eine Erleichterung. Es wartete seiner so vieles; wie sehr es ihn auch in Anspruch genommen, so war das Jahr in Lörnborghof und im Auslande doch eine unfreiwillige Ruhe gewesen. Und daß er sich während dieses Jahres auf so manche Weise seiner Vorzüge und Mängel mehr bewußt geworden, konnte sein Verlangen, in ungestörter Arbeitsruhe seine Kräfte gebrauchen zu können, nur noch steigern. Nicht schaffen, das hatte noch Zeit, aber sich sammeln; es gab so vieles, das er sich zu eigen machen mußte, so unübersehbar viel, daß er mit mißtrauischen Blicken die Kürze des Lebens zu messen begann. Früher hatte er seine Zeit nicht gerade vergeudet, aber man macht sich so leicht vom väterlichen Bücherschrank abhängig, und es liegt so nahe, auf denselben Wegen vorwärts zu streben, die andere zum Ziel geführt haben, und deshalb hatte er sich in der weiten Welt der Bücher kein eigenes Weinland gesucht, sondern war gegangen, wie seine Väter gegangen; hatte autoritätsgetreu seine Augen vor manchem, das lockte, geschlossen, um besser die große Nacht der Edda und der Sagen sehen zu können; hatte sein Ohr manchem verschlossen, das ihn rief, um den mystischen Naturlauten des Volksliedes zu lauschen. Jetzt hatte er endlich begriffen, daß es keine Naturnotwendigkeit sei, entweder altnordisch oder romantisch zu sein, daß es einfacher sei, sich selbst seine Zweifel zu sagen als sie Gorm Lokedyrker in den Mund zu legen; vernünftiger, Laute für die Mystik seines eigenen Lebens zu finden, als die Klostermauern des Mittelalters anzurufen, und als schwaches Echo zurückzuerhalten, was er selbst ausgesandt. Für das Neue der Zeit hatte er ja ein Auge gehabt; aber er hatte sich immer mehr damit beschäftigt, darauf zu lauschen, wie das Neue dunkel in dem Alten ausgesprochen worden, als auf das zu horchen, was das Neue in ihm selbst klar und deutlich sagte. Und darin lag ja auch nichts Merkwürdiges, denn es ist noch nie ein neues Evangelium auf dieser Erde gepredigt worden, ohne daß die ganze Welt sofort emsig mit den alten Prophezeiungen beschäftigt gewesen wäre. Aber es gehörte doch mehr dazu und Niels warf sich mit Begeisterung auf seine neue Arbeit; er war von jener Eroberungslust ergriffen, dem Durst nach der Macht des Wissens, die jeder Diener des Geistes, wie demütig er auch später seine Arbeit getan haben mag, doch einmal empfunden hat, und wäre es auch nur für eine einzige, armselige Stunde gewesen. Wer von uns, den ein gütiges Schicksal so gestellt hat, daß er für die Entwicklung seines Geistes sorgen kann, wer von uns allen hat nicht mit begeisterten Blicken auf das gewaltige Meer des Wissens gestarrt, und wer wäre nicht zu dem klaren, kühlen Wasser hinabgezogen worden, um es in dem leichtgläubigen Übermut der Jugend, gleich dem Kinde in der Legende, mit der hohlen Hand auszuschöpfen. Weißt du noch, die Sonne konnte über sommerschönem Lande lächeln; du sahst weder Blumen noch Wolken, noch Quellen; die Feste des Lebens konnten vorüberziehen; sie riefen nicht einmal einen Traum wach in deinem jungen Blut; sogar die Heimat war dir fern; weißt du noch? Und weißt du noch, wie es sich geschlossen und gesammelt aus den vergilbten Blättern des Buches vor dir aufbaute, wie ein Kunstwerk, auf sich selbst ruhend, und es war dein eigen in jeder Einzelheit, und dein Geist lebte in dem Ganzen. Wenn die Säulen schlank emporstiegen, mit selbstbewußter Kraft ihre starke Rundung tragen zu können, so war dies kecke Steigen dein, das stolze Tragen kam von dir; und wenn das Gewölbe zu schweben schien, weil es Stein auf Stein seine ganze Schwere gesammelt und in mächtigem Gewicht sich sicher auf den Nacken, der Säulen niedergelassen hatte, so war er dein, dieser Traum vom gewichtlosen Schweben, denn die Sicherheit, mit der das Gewölbe sich senkte, – das warst ja du, der den Fuß auf sein Eigentum setzte. Ja, so war es, so wächst unser Wesen mit unserem Wissen, wird darin geklärt und dadurch gesammelt. Es ist so schön zu lernen wie zu leben. Fürchte nicht, dich selbst zu verlieren in größeren Geistern, als du selbst bist. Sitz nicht und brüte ängstlich über die Eigentümlichkeiten deiner Seele; schließe dich nicht aus von dem, was Macht hat, aus Furcht, daß es dich mitreißen und deine liebe, innerste Eigenheit in seinem mächtigen Brausen ertränken könnte. Sei ruhig, die Eigentümlichkeit, die in der Sonderung einer üppigen Entwickelung und Umbildung verloren geht, ist nur ein Schaden gewesen, nur ein kraftloser Schößling, der gerade so lange eigentümlich war, als er krank vor lichtscheuer Blässe war. Und von dem Gesunden in dir selbst sollst du leben; das Gesunde wird das Große werden.   Der Weihnachtsabend war ganz unerwartet für Niels Lyhne herangekommen. Während des ganzen verflossenen halben Jahres war er nirgend gewesen; nur dann und wann beim Etatsrat, und von diesem hatte er eine Einladung, den Abend bei ihm zu verbringen; aber das letzte Weihnachtsfest war Weihnacht in Clarens gewesen, und deshalb wollte er allein sein. Ein paar Stunden nach Einbruch der Dunkelheit ging er aus. Es war windig. Eine dünne, noch nicht ganz festgetretene Schneedecke lag auf den Straßen und machte sie breiter, und der weiße Schnee auf den Dächern und längs der Fenstergesimse gab den Häusern zwar ein festliches, aber auch einsames Aussehen. Die im Winde flackernden Straßenlaternen jagten ihr Licht geistesabwesend an den Mauern entlang, so daß hie und da ein Schild aus seinen Träumen auffuhr, und mit der Gedankenleere seiner großen gedruckten Lettern vor sich hinstarrte. Auch die nur halberleuchteten Ladenfenster, deren Auslage in der Geschäftigkeit des Tages in Unordnung gekommen, sahen anders aus als sonst; etwas seltsam Insichgekehrtes war über sie gekommen. Er bog in die engen Gassen, und hier schien das Weihnachtsfest in vollem Gange; denn aus Kellerwohnungen und niedrigen Stuben klangen ihm beständig Töne entgegen, zuweilen von einer Violine, aber meistens von Handharmonikas, die sich unverdrossen durch populäre Tanzmelodien hindurchschnarrten, die in der treuherzigen Weise, mit der sie vorgetragen wurden, mehr die frohe Arbeit des Tanzens als das eigentlich Festliche zum Ausdruck brachten. Aber es lag eine gewisse Illusion von schleppenden Tritten und dampfender Luft darüber, wie es ihn dünkte, der draußen stand und durch seine Einsamkeit gegen all diese Geselligkeit streitsüchtig wurde. Er hatte viel mehr Sympathie mit jenem Arbeiter, der vor den matterleuchteten Fenstern eines kleinen Kramladens stand, und mit seinem Kind über eines der billigen Wunder da drinnen verhandelte, und unerschütterlich festgestellt haben wollte, was zu wählen sei, bevor sie sich in die Höhle der Versuchung wagten. Und dann diese alten, bescheidenen Damen, von denen ihm fast alle hundert Schritt eine entgegenkam; alle mit den sonderbarsten Mänteln und Umhängen aus längst entschwundenen Zeiten, und alle mit sanften menschenscheuen Bewegungen des alten Halses wie bei mißtrauischen, ängstlichen Vögeln – mit etwas Unsicherem und Weltentwöhntem im Gang, als ob sie tagaus tagein vergessen oben in den obersten Stockwerken abgelegener Hinterhäuser gesessen hätten, und man sich nur an diesem einzigen Abend des ganzen Jahres ihrer erinnere und sie mitnähme. Es machte ihn traurig, daran zu denken, und ein krankhaftes Gefühl rührte sich in seinem Herzen, wie er sich in das langsam verrinnende Dasein solch eines einsamen, alten Mädchens hineinträumte; vor seinen Ohren erklang das peinlich taktfeste, langsame Tick-tack, Tick-tack einer Uhr, wie es die Stundenschale des Tages mit inhaltlosen Sekunden volltröpfelte. Er mußte zusehen, daß er dieses Weihnachtsabendmahl überstand und ging denselben Weg zurück, den er gekommen. Er hegte die halbbewußte Scheu, daß in anderen Straßen neue Einsamkeit dämmern, andere Vereinsamung auftauchen würde, als die, die ihm hier entgegengetreten war und sich bitter auf seine Lippen gelegt hatte. Draußen in den großen Straßen atmete er freier, er schritt hurtig aus, mit einem gewissen Trotz im Gang; er hob jede Gemeinschaft auf mit dem, was er hinter sich gelassen, in Gedanken daran, daß seine Einsamkeit eine selbstgewählte sei. Dann ging er in ein größeres Restaurant. Während er saß und auf das Essen wartete, beobachtete er hinter einer alten Zeitungsbeilage die Leute, die eintraten. Es waren beinahe ausschließlich junge Leute, einige von ihnen kamen allein, einige ein wenig herausfordernd in ihrer Haltung, als wollten sie den Anwesenden verbieten, sie für Leidensgefährten zu halten; wieder andere konnten nicht verbergen, daß es sie verlegen machte, an einem Abend wie diesem nicht eingeladen zu sein; aber alle zeigten sie einen ausgesprochenen Geschmack für einsame Winkel und entlegene Tische. Manche kamen paarweise, und den meisten dieser Paare sah man es deutlich an, daß sie Brüder waren; Niels hatte nie so viele Brüder auf einmal gesehen, oft waren sie einander in Kleidung und Wesen sehr unähnlich, und ihre Hände legten noch deutlicher Zeugnis dafür ab, wie verschieden ihre Lebensstellung oft war; es war selten, daß man sowohl bei ihrem Kommen wie später, wenn sie zusammen sprachen, eine wirkliche Vertraulichkeit gewahrt hätte. Hier war der eine der Überlegene, der andere der Bewundernde; dort war der eine entgegenkommend, der andere zurückhaltend; und hier wieder herrschte eine wachsame Aufmerksamkeit auf beiden Seiten, oder noch schlimmer, eine unausgesprochene Verurteilung gegenseitiger Ziele, Hoffnungen und Mittel. Für die meisten mußte offenbar ein solcher Heiligabend und in Verbindung mit ihm ein gewisses Verlassensein kommen, damit sie sich ihres gemeinsamen Ursprungs erinnerten und zusammenkamen. Während Niels hierüber und über die Geduld nachdachte, mit der alle diese Leute warteten und weder läuteten, noch laut nach dem Kellner riefen, als ob sie schweigend übereingekommen wären, das Restaurationsgepräge so viel wie möglich von dem Ort auszuschließen, – während er also hierüber nachdachte, sah er einen Bekannten eintreten, und der plötzliche Anblick eines bekannten Gesichts nach so vielen fremden, kam ihm so unvorbereitet, daß er nicht umhinkonnte, aufzustehen und den Eintretenden mit einem frohen und verwunderten Gutenabend zu begrüßen. »Erwarten sie jemand«? fragte dieser und sah sich nach einem Riegel für seinen Überzieher um. »Nein solo.« »Das trifft sich ja prächtig.« Der Neuangekommene war ein Doktor Hjerrild, ein junger Mann, mit dem Niels ein paarmal bei Etatsrats gesprochen hatte, und von dem er, allerdings nicht aus den eigenen Worten, sondern aus einigen neckenden Andeutungen der Etatsrätin wußte, daß er in religiöser Beziehung äußerst freidenkend sei; aus seinen Äußerungen hingegen wußte er, daß Hjerrild in politischer Beziehung ganz das Gegenteil war. Diese Art Leute traf man sonst nicht beim Etatsrat, der sowohl kirchlich wie liberal war; und der Doktor gehörte sowohl durch seine Anschauungen wie durch seine verstorbene Mutter jenen damals recht zahlreichen Kreisen an, in denen man die neue Freiheit teils mit skeptischen, teils mit feindlichen Blicken betrachtete, und wo man in religiöser Beziehung mehr als rationalistisch, weniger als atheistisch, wenn man nicht gar indifferent oder mystisch war, was auch vorkommen konnte. Man fand in diesen Kreisen, die übrigens sehr verschieden nüanciert waren, daß Holstein dem Herzen wenigstens ebenso nahe stand wie Jütland, fühlte durchaus keine Verwandtschaft mit Schweden, und hielt nicht unbedingt zum Dänentum in seiner neudänischen Form. Schließlich kannte man seinen Molière besser als seinen Holberg, Baggesen besser als Öhlenschläger und war in seinem Kunstgeschmack ein wenig süßlich. Unter dem Einfluß dieser oder auf jeden Fall nahverwandter Anschauungen und Sympathien hatte Hjerrild sich entwickelt. Er sah Niels mit unsicheren Blicken an, während dieser ihm seine Beobachtungen betreffs der anderen Gäste mitteilte, und besonders dabei verweilte, wie sie sich beinahe schämten, daß es kein Heim und keine heimische Stätte gab, die sie an diesem Abend an sich zog. »Ja, ich kann es begreifen,« sagte er kalt und beinahe abweisend. »Am Weihnachtsabend kommt man nicht mit seinem allerbesten Willen her und hat naturgemäß ein demütigendes Gefühl, ausgeschlossen zu sein, ob nun durch sich selbst oder durch andere. Wollen Sie mir sagen, weshalb Sie hier sind? Wenn nicht, so sagen Sie nur nein.« Niels antwortete nur, daß er den letzten Weihnachtsabend mit seiner verstorbenen Mutter verlebt habe. »Verzeihen Sie mir,« sagte Hjerrild, »es war sehr freundlich von Ihnen, mir zu antworten; aber Sie müssen entschuldigen, ich bin so mißtrauisch. Ich will Ihnen sagen, man kann sich wohl Leute denken, die hierher gehen, um dem Weihnachtsabend einen jugendlichen Fußtritt zu versetzen, und ich, wissen Sie, bin hier aus Respekt vor anderer Leute Weihnachten. Es ist der erste Heiligabend, den ich nicht bei einer liebenswürdigen Familie zubringe, die ich von meiner Vaterstadt her kenne, aber ich habe nun einmal die Idee, daß ich im Wege bin, wenn sie ihre Weihnachtslieder singen. Nicht, daß sie sich genieren, dazu sind sie allzu tüchtig, aber es berührt sie unangenehm, glaube ich, einen da sitzen zu haben, für den die Gesänge nur in die Luft gesungen sind und sonst nichts.« Beinahe schweigend hielten sie ihre Mahlzeit, zündeten dann ihre Zigarren an und einigten sich dahin, ihren Toddy anderswo zu trinken. Keiner von ihnen hatte Lust, heute abend die vergoldeten Spiegelrahmen und die roten Sofas zu sehen, die sie jeden andern Abend im Jahr vor Augen hatten, und deshalb gingen sie in ein kleines Café, das sie sonst niemals aufsuchten. Sie sahen sofort, daß hier ihres Bleibens nicht sein würde. Der Wirt, die Kellner und paar Freunde saßen im Hintergrund und spielten Dreiblatt mit zwei Trümpfen. Frau und Töchter des Wirts sahen zu und besorgten die Aufwartung am Tische, aber nicht bei ihnen; ein Kellner brachte ihnen das Verlangte. Sie beeilten sich zu trinken, als sie merkten, daß sie störten, denn es wurde sofort weniger laut gesprochen, und der Wirt, der in Hemdärmeln gesessen, hatte sich nicht überwinden können, sitzen zu bleiben, sondern war in seinen Rock gefahren. »Heute abend sind wir ziemlich obdachlos,« sagte Niels, indem sie die Straße hinuntergingen. »Ja, das ist so in der Ordnung,« war Hjerrilds ein wenig pathetische Antwort. Sie kamen auf das Christentum zu sprechen. Der Gegenstand lag ja gewissermaßen in der Luft. Niels sprach heftig aber ziemlich allgemein gegen das Christentum. Hjerrild war es müde, wieder in die Spuren von Diskussionen zu treten, die für ihn alt waren, und sagte daher plötzlich ohne besonderen Anschluß an das Vorhergehende: »Hüten Sie sich, Herr Lyhne; das Christentum hat die Macht. Es ist dumm, sich mit der regierenden Wahrheit zu überwerfen, indem man für die Kronprinzenwahrheit agitiert.« »Dumm oder nicht dumm, diese Rücksicht gilt nicht.« »Sagen Sie das nicht so leichtsinnig; es war nicht meine Absicht, Ihnen die Trivialität zu sagen, daß es in materieller Beziehung dumm ist; ideell ist es dumm und mehr als das. Hüten Sie sich; wenn es nicht unumgänglich notwendig für Ihre Persönlichkeit ist, so binden Sie sich jetzt nicht zu fest daran. Als Dichter haben Sie ja so viel andere Interessen.« »Ich verstehe Sie wirklich nicht. Ich kann mich selbst doch nicht behandeln wie einen Leierkasten, ein weniger populäres Stück herausnehmen und ein anderes hineinsetzen, das jedermann pfeift.« »Nicht? Es gibt aber Leute, die es können. Doch Sie könnten sagen: das Stück spielen wir nicht. Im allgemeinen kann man in dieser Richtung viel mehr, als man glaubt. Der Mensch hängt so fest nicht zusammen. Wenn Sie Ihren rechten Arm stets angestrengt gebrauchen, so strömt ein Übermaß von Blut hinzu, und er nimmt auf Kosten der übrigen Glieder an Wachstum zu, während die Beine, die Sie nur brauchen, wenn es am allernotwendigsten ist, ganz von selbst ein wenig dünner werden. Sie wissen das Bild wohl anzuwenden? Sehen Sie nur, wie die meisten und auch wohl die besten ideellen Kräfte hierzulande sich ausschließlich der politischen Freiheit zugewandt haben. Achten Sie darauf und lassen Sie es sich eine Lehre sein. Glauben Sie mir, es liegt ein verführerisches Glück für den Menschen darin, für eine Idee zu kämpfen, die durchdringt, während es so demoralisierend ist, zur verlierenden Minorität zu gehören, der das Leben durch die Richtung, in der es sich entwickelt, Schritt für Schritt, Punkt für Punkt unrecht gibt. Es kann nicht anders sein, denn es ist so bitterlich betrübend, das, wovon man bis in die innerste Seele überzeugt ist, daß es Wahrheit und Recht sei, – diese Wahrheit von dem elendesten Troßknecht des siegenden Heeres verhöhnt und geschlagen zu sehen, sie mit Schimpfnamen belegt zu hören, und nichts tun zu können, als sie noch treuer zu lieben, mit noch tieferer Ehrfurcht im Herzen vor ihr zu knien und ihr schönes Antlitz ebenso strahlend schön, ebenso voll Hoheit und unsterblichem Licht zu sehen, – wieviel Staub auch gegen ihre weiße Stirn aufgewirbelt werden mag, wie dicht die giftigen Dünste sich auch um ihre Glorie sammeln mögen. Es ist bitterlich trübe, daß unsere Seele unvermeidlich Schaden dadurch nehmen muß, denn es liegt so nahe, sich das Herz müde zu hassen, die kalten Schatten der Verachtung um sich heraufzubeschwören, und schmerzensmüde die Welt ihren Gang gehen zu lassen. – Allerdings, wenn man das in sich hat, daß man, statt das Leichtere zu wählen und sich selbst aus jeder Verbindung mit dem Ganzen zu ziehen, aufrecht stehenbleiben und mit angespannten Kräften, mit wacher Sympathie alle vielschneidigen Schwerthiebe der Niederlage Schlag auf Schlag ertragen, und seine schwache Hoffnung doch vor dem Sinken bewahren kann, indem man auf die dumpfen Laute horcht, die einen Umschlag der Zeit verkünden; wenn man nach dem schwachen, fernen Schein zu spähen vermag, der – vielleicht – einmal den Tag bringt; ja, wenn man das in sich hat! Aber versuchen Sie es nicht, Lyhne! Denken Sie, was das Leben eines solchen Mannes werden muß, wenn er sich selbst getreu bleiben will; nicht sprechen zu können, ohne daß Hohn und Geschrei in seiner Reden Spur aufgeifern. All seine Worte verdreht, besudelt, verrenkt, zu listigen Schlingen gedreht, sich vor die Füße geworfen zu sehen, und dann, wenn er sie aus dem Kot zusammengelesen und wieder auseinander gewirrt hat, plötzlich alle Welt taub zu finden. Dann aufs neue mit demselben Resultat an einem anderen Punkte zu beginnen; und dann vielleicht das Schmerzlichste von allem, sich verkannt und verachtet zu sehen von edlen Männern und Frauen, zu denen man, trotz der verschiedenen Meinung mit Bewunderung und Ehrfurcht emporsieht. Und so muß es sein, es kann nicht anders sein. Die Opposition soll nicht meinen, daß man sie um dessentwillen angreift, was sie wirklich ist und will – man greift sie an um dessentwillen, was die Macht glauben will, das sie ist und bezweckt; und überdies können die Macht, die man dem Schwächeren gegenüber geltend macht, und Mißbrauch der Macht zwei verschiedene Dinge sein? Und es gibt doch wohl niemanden, der verlangt, daß die Macht sich selbst schwach mache, um die Opposition mit gleichen Waffen bekämpfen zu können. Aber deshalb bleibt der Kampf der Opposition gleich schmerzlich, gleich aufreibend. Und glauben Sie wirklich, Lyhne, daß ein Mann, mit all diesen Geierschnäbeln in seinem Fleische diesen Kampf ohne die zähe, blinde Begeisterung, die Fanatismus ist, kämpfen kann? Und wie in aller Welt soll man sich für etwas Negatives fanatisieren? Fanatisch für die Idee, daß es keinen Gott gibt! – Und ohne Fanatismus gibt es keinen Sieg. Still! Hören Siel« Sie blieben vor einem hohen Erdgeschoß stehen, wo man die Vorhänge von einem der Fenster zurückgezogen hatte, und durch das offene Schiebfenster klang ihnen von hellen Frauen- und Kinderstimmen gesungen entgegen: Ein Kind geboren in Bethlehem, Bethlehem, Des freuet sich Jerusalem. Halleluja, Halleluja! Schweigend gingen sie weiter. Die Melodie, namentlich die Töne des Flügels folgten ihnen die stille Straße hinab. »Hörten Sie,« sagte Hjerrild, »hörten Sie die Begeisterung in dem alten hebräischen Siegeshurra? – und diese beiden jüdischen Städtenamen! – Jerusalem, das war nicht nur symbolisch: die ganze Stadt, Kopenhagen, Dänemark; das waren wir, das christliche Volk im Volke.« »Es gibt keinen Gott, und der Mensch ist sein Prophet!« sagte Niels bitter, aber zugleich traurig. »Ja, nicht wahr?« spottete Hjerrild; gleich darauf sagte er: »Der Atheismus ist doch grenzenlos nüchtern, und sein Ziel ist ja schließlich auch nichts anderes als eine desillusionierte Menschheit. Der Glaube an einen lenkenden, richtenden Gott ist die letzte, große Illusion der Menschheit, und was dann, wenn auch diese verloren ist? Dann ist sie klüger geworden; – aber reicher – glücklicher? Das glaube ich nicht.« »Aber,« rief Niels Lyhne aus, »begreifen Sie denn nicht, daß an dem Tage, wo die Menschheit frei jubeln kann: »es gibt keinen Gott,« wie mit einem Zauberschlage eine neue Erde und ein neuer Himmel geschaffen würden? Erst dann wird der Himmel der freie, unendliche Raum eines drohenden Späherauges. Erst dann wird die Erde unser, und wir der Erde, wenn jene Welt der dunklen Seligkeit und der Verdammnis geplatzt ist wie eine Blase. Die Erde wird unser wahres Vaterland, unsere Herzensheimat, wo wir nicht wie fremde Gäste während einer kurzen Spanne sind, sondern all unsere Zeit. Und welche Intensität wird es dem Leben geben, wenn alles darin Raum finden muß, und nichts mehr jenseits liegt. Der ungeheure Strom von Liebe, der jetzt zu dem Gott emporsteigt, an den man glaubt, wird sich, wenn der Himmel leer ist, über die Erde ergießen, hin zu all den schönen menschlichen Eigenschaften und Gaben, die wir potenziert und dann die Gottheit damit geschmückt haben, um sie unserer Liebe wert zu machen. Güte, Gerechtigkeit, Weisheit, wer kann sie alle nennen? Begreifen Sie nicht, welchen Adel es der Menschheit verleihen wird, wenn sie frei ihr Leben leben und ihren Tod sterben kann, ohne Furcht vor Hölle oder Hoffnung auf den Himmel, nur sich selbst fürchtend, nur auf sich selber hoffend? Wie wird das Gewissen wachsen, und welche Festigkeit wird es geben, wenn tatenlose Reue und Demut nichts mehr sühnen können, und keine andere Vergebung möglich ist, als durch Gutes das Böse gutzumachen, das man mit Bösem verbrach. »Sie müssen einen wunderbaren Glauben an die Menschheit haben; der Atheismus wird ja größere Forderungen an Sie stellen als das Christentum.« »Natürlich.« »Natürlich; aber woher wollen Sie all die starken Individuen nehmen, die Sie brauchen, um Ihre atheistische Menschheit zusammenzusetzen?« »Nach und nach, der Atheismus selbst wird sie erziehen; weder diese Generation, noch die nächste, noch die zweitnächste wird den Atheismus tragen können, das sehe ich ein; aber in jeder Generation werden einzelne sein, die sich ehrlich ein Leben und einen Tod in ihrem Atheismus erkämpfen können, und im Laufe der Zeit werden sie eine Reihe geistiger Ahnen bilden, auf welche die Nachkommen mit Stolz zurückblicken können und durch deren Betrachtung sie an Stärke gewinnen. Im Anfang werden die Verhältnisse am schwierigsten sein; da werden die meisten im Kampf unterliegen, und die, die siegen, werden nur mit zerfetzten Fahnen siegen, weil sie die Traditionen noch in das innerste Mark eingesogen haben, und weil im Menschen noch so viel anderes ist als das Gehirn, das überzeugt werden muß: das Blut und die Nerven, Hoffnung und Sehnsucht; und womöglich noch die Träume. Aber das ist gleichgültig, einmal muß es kommen, und aus den Wenigen werden die Vielen werden.« »Glauben Sie? – Ich suche nach einem Namen; könnte man dies nicht den pietistischen Atheismus nennen.« »Jeder wahre Atheismus ...« begann Niels, aber Hjerrild unterbrach ihn schnell ... »Natürlich,« sagte er, »natürlich; laßt uns endlich nur noch ein einziges Tor offen, ein einziges Nadelöhr für alle Kamele des Erdreichs!« 10. Kapitel Zu Anfang des Sommers kam Erik Refstrup nach zweijährigem Aufenthalt aus Italien zurück. Als Bildhauer war er fortgegangen, aber als Maler kehrte er zurück, und er hatte schon Glück gehabt, Bilder verkauft und Bestellungen auf weitere erhalten. Daß es nun so, gleichsam auf den ersten Wink gekommen war, das dankte er der sicheren Begrenzung, mit der er sein Talent um sich sammelte. Er war keins von diesen großen, vielversprechenden Talenten, deren Händen jeder Lorbeer so nahe ist, deren Weg auf Erden wie ein Bacchuszug ist, der durch alle Gegenden jubelt und goldene Saaten nach allen Seiten ausstreut, auf deren Panthern nur Genien sitzen. Er war einer von jenen, in denen ein Traum begraben ist, der Heiligkeit und Frieden auf einen kleinen Fleck ihrer Seele ausstrahlt, wo sie am meisten sie selbst und am wenigsten sie selbst sind. Und durch das, was sie in ihrer eigensten Kunst schaffen, klingt stets derselbe sehnsüchtige Refrain, und jedes ihrer Werke trägt stets denselben ängstlich genauen Stempel der Verwandtschaft, als seien es Bilder aus demselben kleinen Heimatlande, demselben kleinen, versteckten Winkel zwischen den Bergen. Mit Erik war es so; – wo er auch untertauchte in den Ozean der Schönheit, stets brachte er dieselbe Perle empor ans Licht. Seine Bilder waren klein, im Vordergrunde eine einzelne Gestalt, tonig blau in ihrem eigenen Schatten, dahinter Land mit Heidekraut bewachsen, Campagna oder Heide, am Horizont der rotgelbe Schein der untergegangenen Sonne. Eins davon zeigt ein junges Mädchen, das sich wahrsagt nach italienischer Manier. Sie liegt auf den Knien, auf einer Stelle, wo die Erde bräunlich durch das kurze Gras schimmert; Herz, Kreuz und Anker von getriebenem Silber hat sie von ihrem Halsschmuck gelöst und auf die Erde verstreut. Jetzt kniet sie; die Augen hat sie getreulich geschlossen und mit der einen Hand bedeckt, die andere ist suchend ausgestreckt nach unsäglichem Liebesglück oder bitterem Schmerz, den das Kreuz mildert, und nach der Hoffnung hoffendem Alltagsschicksal. Sie hat noch nicht gewagt, die Erde zu berühren. Die Hand in dem kalten, geheimnisvollen Schatten ist ängstlich, die Wangen glühen, und um den Mund liegt etwas wie Gebet und Tränen zugleich. Es ist feierlich in der Luft, das Sonnenrot da draußen droht so heiß und wild, zieht so wehmutsweich über die Heide. Wüßtest du nur: – Liebesglück, unsägliches, – bitterer Schmerz, den das Kreuz mildert und der Hoffnung hoffendes Alltagsschicksal? Da war noch ein anderes, wo sie dasteht und sehnsüchtig über die braune Heide hinausblickt, die Wange an die gefalteten Hände geschmiegt, so süß in ihrer naiven Sehnsucht, ein wenig unglücklich über das böse Leben, das sie ihren Weg gehen läßt. Weshalb kommt Eros nicht mit den küssenden Rosen; glaubt er etwa, daß sie zu jung sei! Er sollte nur fühlen, wie ihr Herz klopft, es nur mit seiner Hand berühren, oh, da drinnen ist eine Welt, eine Welt von Welten, wenn sie nur erwachen wollte? Weshalb ruft er denn nicht? Da drinnen liegt es wie eine Knospe, zusammengeschlossen um allen Liebreiz und alle Schönheit, nur da für sich selbst, beklommen in sich selbst. Denn sie weiß ja, daß es das gibt, wovon sie nicht weiß, was es ist. Ist es nicht warm herabgekommen auf die deckenden Blätter, ist es nicht auf sie gekommen, so daß sie inwendig hell wurde bis hinein in das innerste, roteste Dunkel, wo der Duft sich selbst ahnend, in einer zitternden Träne zusammengepreßt liegt? Soll sie nie das ausströmen, was die Ahnende besitzt, reich sein in ihrem Reichtum; wird sie nie, nie sich entfalten, und errötend aufwachen, während Strahlen von Sonne blinkend zwischen all ihre Blätter sausen? Sie hat wirklich alle Geduld mit Eros verloren, schon zittern ihre Lippen von den nahenden Tränen, hoffnungslos herausfordernd durchschweift ihr Blick den Raum, immer verzagter sinkt der kleine Kopf und wendet das feine Profil in das Bild hinein, wo ein leiser Luftzug rötlichen Staub über dunkelgrüne Ginsterbüsche zum sherrygoldenen Himmel hinaufträgt. So malte Erik, und was er bringen wollte, fand stets seinen Ausdruck in Bildern wie diese. Er konnte sich wohl andere erträumen, konnte sich heraussehnen aus dem engen Kreis, in dem er sie heraufbeschwor; aber so wie er draußen war und sich auf anderem Felde versuchte, empfand er bald mißmutig und erkaltend, daß er von anderen borgte, und daß das, was er machte, nicht sein eigen war. Wenn er dann von einem solchen mißglückten Ausfluge zurückkam, auf dem er doch jedesmal mehr lernte, als er selbst ahnte, so wurde er noch mehr Erik Refstrup als zuvor, gab sich seiner Eigentümlichkeit noch mutiger, fast mit schmerzlicher Innigkeit hin, und hielt sich, wo er auch war, in einer pietätvollen Feststimmung, die sich in der kleinsten Handlung ausprägte, sich in der ganzen Art und Weise zeigte, wie er mit sich selbst umging. Es war, als ob die schönen Gestalten, die vor ihm aufdämmerten, – jüngere Schwestern von Parmeggianinos schlankgliedrigen Frauen mit den schlanken Hälsen und den langen, schmalen Prinzessinnenhänden, – mit ihm an der Tafel säßen und ihm den Becher mit Bewegungen voll Anmut und Adel kredenzten, als ob sie ihn mit dem mystischen, nach innen gewandten Lächeln Luinis, das so unergründlich fein ist in seiner geheimnisvollen Süßigkeit, in der Macht ihrer reinen Träume festhielten. Aber wenn er dann dem Gotte treu elf Tage lang gedient hatte, so geschah es oft, daß andere Mächte in ihm Oberhand bekamen; er wurde von einem rasenden Drang nach der groben Lust grober Genüsse ergriffen, und gab ihm nach, gepackt von der menschlichen Begierde nach Selbstvernichtung, die, während das Blut brennt, wie nur Blut brennen kann, nach Herabwürdigung, Verkehrtheit, Schmutz und Dreck verlangt mit ganz demselben Maß von Kraft, das jenem anderen, ebenso menschlichen Trieb eigen, dem Trieb, sich selbst zu erhalten, größer als man selbst ist und reiner. In solchen Augenblicken waren ihm nur wenig Dinge roh oder gewaltsam genug, und waren sie vorüber, so dauerte es lange, bevor er wieder mit sich ins Gleichgewicht kam; denn in gewisser Beziehung war ihm dergleichen nämlich nicht natürlich, er war zu gesund, zu wenig von Träumen vergiftet, uns es kam fast wie ein Ausschlagen nach der entgegengesetzten Richtung von seiner Hingebung an die höheren Mächte der Kunst, es glich fast einer Rache, als fühle seine Natur sich gekränkt durch die Wahl jenes ideellen Lebensziels, das zu verfolgen die Umstände ihn getrieben hatten. Dieser Kampf nach zwei Seiten hin war indessen nicht so lebendig in Erik Refstrup, daß er sich bei ihm nach außen gekehrt hätte, oder daß es ihm Bedürfnis gewesen, sich durch ihn mit seiner Umgebung ins Einverständnis zu setzen. Nein, er war derselbe einfache, lebenslustige, durch seine Scheu vor Gefühlen ein wenig eckige Bursche wie früher, der einigermaßen freibeuterhaft wirkte, durch seine Art zuzugreifen und zu nehmen. Aber in ihm war es doch, und in stillen Stunden ließ es sich vernehmen wie die Glocken in der versunkenen Stadt auf dem Meeresgrunde, und er und Niels hatten sich nie so gut verstanden wie jetzt; das fühlten sie und schlossen schweigend, jeder für sich, neue Freundschaft miteinander. Als daher die Ferien kamen und Niels Ernst machen mußte mit dem Besuch bei seiner Tante Rosalie, die mit Konsul Claudi in Fjordby verheiratet war, begleitete Erik ihn.   Die große Landstraße, die von Fjordbys reichem Hinterland kommt, erreicht die Stadt zwischen zwei mächtigen Dornenhecken, die Konsul Claudis Küchengarten und seinen großen Strandgarten einzäunen. Wo der Weg dann bleibt, ob er auf des Konsuls Hofplatz, der so groß wie ein Marktplatz ist, endigt, oder ob es der ist, der eine Biegung macht, und zwischen Scheune und Holzplatz des Konsuls durch als Straße in die Stadt führt, das ist Meinungssache; viele Reisende machen die Biegung und fahren weiter, aber viele halten an und haben ihr Ziel erreicht, wenn sie in des Konsuls geteerten Torweg gelangt sind, der stets weit offen steht und auf dessen zurückgeschlagenen Flügeln immer Häute zum Trocknen aufgehängt sind. Die Gebäude des Hofes waren alle alt mit Ausnahme des hohen Speichers, dessen langweiliges, totes Schieferdach das Neueste auf dem Gebiete der Baukunst in Fjordby war. Das lange, niedere Vorderhaus, das aussah, als ob es von drei großen Giebeln auf die Knie niedergedrückt sei, stieß mit dem Brauhaus und mit dem Stall in einem dunkeln Winkel zusammen, in einem helleren Winkel mit dem Speicher. In dem dunklen Winkel befand sich die Hintertür zu dem Laden, der zugleich mit der Bauernstube, dem Kontor und der Leutestube eine kleine, dunkle Welt für sich bildete, wo ein gemischter Geruch von billigem Tabak, stockfleckigen Fußböden, von Spezereien und herben getrockneten Fischen und feuchtem Fries die Luft so dick machte, daß man sie fast schmeckte. Aber wenn man dann durch das Kontor mit seinem durchdringenden Qualm von Siegellack gelangt und in den Gang gekommen war, der die Grenze zwischen Geschäft und Familie bildete, so wurde man durch den hier herrschenden Duft von neuem Damenputz auf die milde Blumenluft der Zimmer vorbereitet. Es war nicht der Duft eines Straußes, nicht der einer wirklichen Blume, es war die erinnerungweckende mystische Atmosphäre, die auf jedem Heim lagert, von der niemand bestimmt sagen kann, woher sie kommt. Jedes Heim hat seine eigene, sie erinnert an tausend Dinge, an den Geruch alter Handschuhe, an neue Spielkarten oder offenstehende Klaviere, aber stets ist sie anders. Sie kann mit Räucherwerk, Parfüm oder Zigarrenrauch übertäubt werden, aber sie kann nicht getötet werden, sie kommt immer wieder und ist wieder da, unverändert wie früher. Hier glich sie Blumen, nicht Levkojen oder Rosen, keiner Blüte, die existiert, aber so wie man sich den Duft dieser phantastischen, saphirmatten Lilienranken denkt, die sich auf altem Porzellan emporschlängeln. Und wie sie zu diesen großen, niederen Zimmern mit ihren ererbten Möbeln und altmodischer Zierlichkeit paßte! Die Fußböden waren so weiß, wie nur Großmutters Fußböden sind, die Wände waren einfarbig mit einer leichten, hellen Girlandenzeichnung unterhalb des Gesimses, in der Mitte der Decke war eine Stuckrose, die Türen waren kanelliert und hatten blanke Messinggriffe in Gestalt von Delphinen. Vor den Fenstern mit den kleinen Scheiben hingen luftige Gardinen aus Filetarbeit, weiß wie Schnee und faltig und kokett mit farbigen Bandschleifen aufgeheftet, wie der Vorhang eines Brautbettes für Karidon und Phyllis; auf den Fensterbrettern blühten in grüngesprenkelten Töpfen altmodische Blumen, blaue Schmucklilien, blaue Glockenblumen, kleinblättrige Myrten, feuerrote Verbenen und schmetterlingsbunte Geranien. Aber besonders waren es die Möbel, die dem Ganzen ihr Gepräge gaben. Diese unverrückbaren Tische mit großen Platten aus nachgedunkeltem Mahagoniholz; Stühle, deren Rückenlehnen sich wie Späne um einen zusammenkrümmten; Möbel mit Laden in allen möglichen Formen, Riesenkommoden mit mythologischen Szenen in hellgelbem Holz, Daphne, Arachne und Narzissus; oder auch kleine Sekretäre auf dünnen, geschnörkelten Beinen, wo jede kleine Lade ein Mosaik aus Dendriten trägt, das ein einsames, viereckiges Haus mit einem nahestehenden Baum vorstellt; das alles stammt noch aus einer Zeit lange vor Napoleon. Auch Spiegel, auf deren Glas Blumen in Weiß und Bronze gemalt sind: Schilf und Lotos, die auf einem schimmernden See schwimmen. Und nun das Sofa; nicht so eine Spielerei mit vier Beinen mit Platz für zwei; nein, festgebaut und massiv steigt es vom Fußboden auf, eine ganze, geräumige Terrasse, die auf jeder Seite mit einem brusthohen Konsolschränkchen zusammenhängt, über welchem sich wieder ein noch kleinerer Schrank architektonisch bis zur Manneshöhe erhebt, und einen kostbaren, alten Krug aus dem Bereich der Menschenkinder bringt. Kein Wunder, daß es soviel alte Sachen bei Konsuls gab, denn sein Vater und sein Großvater vor ihm hatten innerhalb dieser Mauern der Ruhe gepflegt, wenn auf dem Holzplatz und im Kontor die Arbeit ruhte. Der Großvater, Berendt Berendtsen Claudi, dessen Namen das Geschäft noch führte, hatte das Haus erbaut und sich am meisten für das Ladengeschäft und den Produktenhandel interessiert; der Vater hatte den Holzhandel gegründet, Felder dazu gekauft, die Scheune erbaut, und die beiden Gärten angelegt; der jetzt lebende Claudi hatte sich stark auf den Kornhandel eingelassen, den Speicher errichtet und die Tätigkeit als englischer und hannoverscher Vizekonsul und als Lloydagent mit seiner Arbeit als Kaufmann zu vereinigen gewußt. Das Korn und die Nordsee gaben ihm so viel zu schaffen, daß er über die anderen Zweige des Geschäftes nur eine dilettantische Oberaufsicht führen konnte; er hatte es daher zwischen einem bankerotten Vetter und einem alten, unliebenswürdigen Großknecht geteilt, der dem Konsul jeden Augenblick den Stuhl vor die Tür setzte, indem er behauptete, wie es auch mit dem Kaufmannsgeschäft gehen möge, die Äcker müßten bestellt werden; und wenn er pflügen wolle, so könnten sie die Pferde zum Holzfahren nehmen, soviel sie wollten; seine bekämen sie bei allen Teufeln nicht. Da der Mann sonst aber tüchtig war, ließ sich ja nichts dabei machen. Konsul Claudi war Anfang der Fünfzig, ein recht ansehnlicher Mann mit regelmäßigen, bis zur Plumpheit kräftigen Zügen, die sich ebenso leicht zu einem Ausdruck von Energie und kaltem Scharfsinn sammelten, wie sie zu einem verschlagenen Ausdruck gieriger, naschhafter Genußsucht erschlaffen konnten; er befand sich daher ebensogut in seinen wahren Elementen, wenn er einen Handel mit schlauen Bauern anbahnte, mit einer Schar hartnäckiger Borger akkordierte, oder bei einer letzten Flasche Rotwein zwischen ergrauten Sündern saß und auf mehr als schlüpfrige Geschichten lauschte, oder sie selbst in der rücksichtslosen, malenden Weise erzählte, für die er berühmt war. Dies war indessen nicht der ganze Mann. Die Bildung, die er empfangen, brachte es mit sich, daß er sich außerhalb von Fragen rein praktischer Natur auf fremdem Boden befand; aber deshalb verachtete er nicht, was er nicht verstand, machte auch kein Geheimnis daraus, daß er sich nicht darauf verstand, und noch viel weniger fiel es ihm ein, mitzureden oder Achtung für sein Geschwätz zu verlangen, nur weil er ein älterer, praktisch erfahrener und hochbesteuerter Bürger war. Im Gegenteil, er konnte mit einer fast rührenden Andacht dasitzen und auf das Gespräch junger Damen und Herren über solche Gegenstände lauschen, nur hie und da mit umständlichen Entschuldigungen eine bescheidene Frage stellen, die fast stets mit der größten Bereitwilligkeit beantwortet wurde. Dann dankte er für die Antwort mit der ganzen Verbindlichkeit, die der Ältere so schön in seinen Dank an Jüngere zu legen weiß. Im ganzen genommen hatte Konsul Claudi in einzelnen glücklichen Momenten etwas überraschend Zartes, einen sehnsuchtsvollen Blick in den klaren braunen Augen, ein wehmütiges Lächeln um den starken Mund, einen suchenden, erinnerungsvollen Tonfall in der Stimme, – als sehnte er sich nach einer in seinen Augen besseren Welt als jene war, der seine Freunde und Bekannten ihn mit Haut und Haar verfallen glaubten. Zwischen jener besseren Welt und ihm war seine Frau die Vermittlerin. Sie war eine jener bleichen, zarten, jungfräulichen Naturen, die nicht den Mut oder vielleicht auch nicht den Instinkt haben, ihre Liebe auszulieben, bis in der tiefsten Tiefe ihrer Seele nichts mehr von ihrem Selbst übrig ist. Auch nicht während eines flüchtigsten Moments werden sie so ergriffen, daß sie sich blind betört unter den Triumphwagen ihres Abgotts werfen. Das können sie nicht; aber sonst vermögen sie alles für den, den sie lieben. Sie können die schwersten Pflichten erfüllen, sie sind zu den schmerzlichsten Opfern bereit und sie scheuen vor keiner Demütigung zurück. So sind die besten von ihnen. So große Anforderungen wurden nun nicht an Frau Claudi gestellt, aber ganz ohne Kummer war ihre Ehe auch nicht hingegangen; es war nämlich ein offenes Geheimnis, daß Konsul Claudi, bis vor einigen Jahren wenigstens, nicht der allertreueste Ehemann gewesen, und daß er sowohl in der Stadt wie auf dem Lande mehrere illegitime Kinder habe. Natürlich war das ein großer Schmerz für sie gewesen, und es war ihr nicht leicht gefallen, ihr Herz zu bezwingen, daß es aushielt, und nicht nachgab in jenem Aufruhr von Eifersucht, Verachtung und Zorn, Scham und lähmenden Schreck, der den festen Grund unter ihren Füßen hatte schwanken lassen. Nicht nur, daß kein Wort des Vorwurfs über ihre Lippen kam, sie verhinderte auch jedes Bekenntnis von seiten des Mannes, jede deutliche Bitte um Verzeihung und alles, was wie ein reuevolles Versprechen aussehen konnte. Sie fühlte, wenn es zu Worten käme, würden diese sie mit fortreißen, von ihm fortreißen. Schweigend sollte es getragen werden, und in diesem Schweigend suchte sie sich zur Mitschuldigen des Mannes zu machen, indem sie sich wegen der Selbstverschanzung anklagte, die aufzugeben ihre Liebe nicht stark genug gewesen war. Es gelang ihr, ihre Sünde so groß zu machen, daß sie einen unbestimmten Drang nach Vergebung empfand, und im Laufe der Zeit kam sie so weit mit sich selbst, daß das Gerücht entstehen konnte, für die Mädchen, die Konsul Claudi verführt habe, und ihre Kinder würde noch anderweitig gesorgt als durch Geld; es müsse eine verborgene Frauenhand sein, die sie schütze, ihnen alles Böse fernhalte, sie aufrecht erhalte und führe. So kam es, daß die Sünde sich zum Guten wandte, und ein Sünder und eine Heilige einander besser machten. Claudis hatten zwei Kinder, einen Sohn, der auf einem Handelskontor in Hamburg war, und eine neunzehnjährige Tochter, die Fennimore hieß, nach der Heldin in »St. Roche«, einem Roman von Frau von Paalzow, der in Frau Claudis Mädchenzeit sehr beliebt gewesen. Fennimore und der Konsul waren am Strande, als der Dampfer Niels und Erik nach Fjordby brachte; Niels war angenehm überrascht, seine Cousine so hübsch zu finden, denn bis jetzt hatte er sie nur aus einem schrecklichen, alten Familiendaguerreotyp gekannt, auf dem sie in einer dunstigen Atmosphäre eine Gruppe mit ihrem Bruder und ihren Eltern bildete, alle mit hektischem Karmin auf den Backen und mit starker Vergoldung ihres Goldschmucks. Und nun sah sie so niedlich aus in ihrem hellen Morgenkleid, mit schwarzen Kreuzbänderschuhen an den Füßen, von denen einer auf den Balken des Bollwerks stand, während sie sich lächelnd vorbeugte und ihm den Griff ihres Sonnenschirmes zum Willkommensgruß reichte, bevor der Dampfer ordentlich angelegt hatte. Wie rot waren ihre Lippen, wie weiß ihre Zähne, wie fein zeichneten Stirn und Schläfen sich unter dem breiten Eugenienhut, durch den Schatten der lang herabhängenden mit Jettperlen besetzten Spitze ab. Endlich wurde die Landungsbrücke angelegt und der Konsul zog mit Erik ab, dem er sich bereits vorgestellt, als noch sechs Ellen Wasser zwischen ihnen lagen; gleich darauf hatte er ihn mit einer verblühten Hutmacherwitwe, die an Bord des Dampfers gewesen, in ein scherzhaftes Gespräch über die Qualen der Seekrankheit verwickelt, und nun war er beschäftigt, seine Bewunderung auf die großen Lindenbäume vor dem Hause des Amtsverwalters und auf den neuen Schoner zu lenken, der auf Thomas Rasmussens Werft lag. Niels kam mit Fennimore nach. Sie machte ihn darauf aufmerksam, daß im Strandgarten die Flagge ihm und seinem Freund zu Ehren aufgezogen sei, und dann begannen sie, von Etatsrats in Kopenhagen zu sprechen. Sie waren gleich einig darüber, daß die Etatsrätin ein wenig – ein ganz klein wenig – sie wollten das Wort nicht aussprechen, aber Fennimore setzte ein scharfes Lächeln auf, indem sie eine katzenartige Bewegung mit der Hand machte, und das war offenbar bezeichnend genug, denn beide lächelten und sahen dann sofort wieder ernst aus. Sie gingen schweigend weiter, beide sehr mit dem Gedanken beschäftigt, wie der eine sich wohl in den Augen des anderen ausnähme. Fennimore hatte sich Niels Lyhne bedeutender, ausgeprägter im Wesen, bestimmter charakterisiert, gleichsam wie ein Wort mit einem schwarzen Strich darunter, gedacht. Niels dagegen fand viel mehr als er erwartet; er fand sie reizend, beinahe bezaubernd, trotz ihres Anzugs, der soviel von der allzu großen Geputztheit der Provinzdame hatte; als sie in das Vorzimmer des Konsuls kamen und sie ihren Hut abnahm, damit beschäftigt, ihr Haar mit wunderbar graziösen, trägen, weichen Bewegungen der Hand und des Handgelenks zu ordnen, fühlte er sich dankbar für diese Bewegungen, als wären sie Liebkosungen, und weder an diesem noch am folgenden Tag konnte er sich von dieser ihm selbst ein wenig rätselhaften Dankbarkeit losmachen, die zuweilen so seltsam anwuchs, daß er meinte, es müßte das größte Glück sein, ihr mit Worten dafür danken zu dürfen, daß sie hübsch und süß sei. Bald waren Niels und Erik in dem gastfreien Hause des Konsuls heimisch geworden, und nach ein paar Tagen waren sie so vollständig beschäftigt mit dem angenehm geordneten Faulenzen, das wirkliches Ferienleben ist, und das man so schwer vor guter Menschen freundlicher Belästigung verteidigt; sie mußten alles aufbieten, was sie an diplomatischen Fähigkeiten besaßen, um all den schwülen Abendgesellschaften, großen Meerfahrten, Sommerbällen und Dilettanten-Vorstellungen zu entgehen, die ihren Frieden ständig bedrohten. Sie wünschten, daß Hof und Garten des Konsuls auf einer öden Insel liege; und Robinson war nicht mehr erschrecken, als er die Fußspuren im Sande entdeckte, als sie es waren, wenn sie fremde Paletots in der Diele oder unbekannte Arbeitstäschchen auf dem Tisch in der Wohnstube erblickten. Sie wären viel lieber allein geblieben, denn sie waren noch nicht über die Mitte der ersten Woche hinaus, als sie beide schon in Fennimore verliebt waren. Noch nicht mit jener gereiften Liebe, die ihr Schicksal kennen muß und will; die sich danach sehnt, zu besitzen, zu umarmen und sich geborgen zu fühlen; so war es noch nicht; nur erst die Dämmerung der ersten Liebe, die wie wundersamer Lenz in der Luft liegt, und mit einer Sehnsucht schwillt, die Wehmut ist, mit einer Unruhe, die dem leisen pochenden Glück gleicht. Das Gemüt ist so weich und leicht bewegt, so bereit, sich hinzugeben. Eine Strahlenbrechung auf dem See, ein Rauschen im Laub, ja nur eine Blume, die sich öffnet – das alles hat eine so seltsame Macht bekommen. Unbestimmte Hoffnungen ohne Namen brechen plötzlich hervor und breiten Sonnenglanz über alles in der Welt, und ebenso plötzlich ist keine Sonne mehr da; eine sanfte Verzagtheit segelt breit wie eine Wolke über den Glanz und übermalt die Hoffnungsfunken mit dem Grau ihres Kielwassers. – So mutlos, so schmelzend mutlos, so schmerzlich süß in sein Schicksal ergeben, das Herz voll Mitleid mit sich selbst, eine Entsagung, die sich selber liebt und sich in stillen Elegien spiegelt und in einem Seufzer vergeht, der zur Hälfte erheuchelt ist ..... und dann plötzlich rascheln wieder Rosen: das Traumland taucht aus dem Nebel auf mit Golddunst auf zarten Buchenkronen und duftreichem Sommerdunkel unter dem Laube, das sich über Wege wölbt, von denen niemand weiß, wo sie enden. –   Eines Abends nach dem Tee waren alle im Wohnzimmer versammelt. Vom Garten oder irgend etwas anderem draußen konnte nicht die Rede sein, denn es goß in Strömen. Sie waren eingesperrt, aber durchaus nicht mißvergnügt darüber. Es lag etwas von der Gemütlichkeit eines Winterabends darin, so innerhalb der vier Wände eingesperrt zu sein; und außerdem war es so gut mit dem Regen; alles brauchte ihn so notwendig, und wenn es so recht herabgoß und in schweren Tropfen auf den Kasten des Spions fiel, so zauberte dieser Laut flüchtig vage Bilder von üppig grünen Feldern und erfrischtem Laub hervor, und dieser und jener sagte vor sich hin: »Wie es regnet!« und blickte mit einem Empfinden von Wohlbehagen und einem Schimmer halbbewußten Einverständnisses mit dem, was draußen vorging, nach den Scheiben. Erik hatte eine Mandoline geholt, die er aus Italien mitgebracht und dazu von Napoli und glänzenden Sternen gesungen, und jetzt saß eine junge Dame, die zum Tee gekommen, am Klavier und begleitete sich selbst zum Liede: »Weit hinten zwischen den Bergen« und ließ alle Endungen auf a ausklingen, damit es recht schwedisch klänge. Niels, der nicht besonders musikalisch war, ließ sich von der Musik ein wenig melancholisch stimmen und versank in Nachdenken, bis Fennimore zu singen begann. Das weckte ihn. Aber nicht angenehm; ihr Gesang erfüllte ihn mit Unruhe; sie war nicht mehr das kleine Provinzmädchen, wenn sie sich dem Klang ihrer Stimme hingab; – wie sie sich von diesen Tönen hinreißen ließ und wie sie in ihnen aufatmete, so rückhaltlos und frei, ja, er empfand es fast als unkeusch, es war, als sänge sie nackt vor ihm. Ihm wurde so heiß ums Herz, seine Schläfen klopften, und er schlug die Augen nieder. Sah es einer von den andern? Nein, sie sahen es nicht. Sie war ja außer sich, weit fort von Fjordby, von Fjordbypoesie und Fjordbygefühlen. Sie war in eine andere, eine verwegenere Welt gezogen, wo die Leidenschaften wild auf hohen Bergen wuchsen und ihre roten Blüten dem Sturm preisgaben. Lag in ihrem Gesang vielleicht nur deshalb so viel für ihn, weil er so wenig Verständnis für Musik hatte? Er konnte es nicht so ganz glauben, aber er hoffte es, denn wie sie sonst war, hatte er sie viel lieber. Wenn sie mit ihrer Näharbeit dasaß und mit jener weichen, ruhigen Stimme sprach und mit ihren klaren, treuen Augen aufblickte, so drängte sein ganzes Wesen ihr entgegen mit der unwiderstehlichen Macht eines starken und stillen Heimwehs. Es trieb ihn, sich vor ihr zu demütigen, das Knie zu beugen und sie heilig zu nennen. Eine seltsame Sehnsucht zog ihn stets zu ihr, nicht nur wie sie war, sondern wie sie in ihrer Kindheit gewesen und in jenen Tagen, wo er sie noch nicht gekannt, und wenn sie allein waren, pflegte er stets die Vergangenheit in das Gespräch zu ziehen und brachte sie dazu, von ihren kleinen Leiden zu erzählen, ihren kleinen Verirrungen und kleinen Absonderlichkeiten, an denen jede Kindheit reich ist. Und er lebte in diesen Erinnerungen, neigte sich zu ihnen mit unruhigem, eifersüchtigem Schmachten, einem vagen Verlangen, zu greifen, zu teilen, eins zu werden mit diesen feinen, zartgefärbten Schatten eines Lebens, das zu reicherem und reiferem Farbenton erglüht war. Aber nun plötzlich dieser Gesang, der so mächtig war, so überraschend über ihn kam, wie ein weiter Horizont, der plötzlich bei einer Biegung des Weges vor uns auftaucht, und die liebliche Waldecke, die unsere ganze Welt war, zu einem Winkel der Landschaft macht und ihre feinen, krausen Linien klein und unbedeutend erscheinen läßt im Vergleich zu den großartigen Zügen der Hügel und des fernen Moorlandes! – Ah, aber die Landschaft war ja nur eine Fata Morgana, Phantasie nur, was er dem Gesang entnommen, denn jetzt sprach sie wieder, wie sie immer sprach, und war wieder so herrlich sie selbst. Er wußte auch aus tausend Beispielen, welch stilles Wasser sie war, ohne Sturm und ohne Wogen, klarer, blauer Himmel mit blitzenden Sternen. So liebte er Fennimore, so sah er sie, und so wurde sie auch nach und nach ihm gegenüber. Nicht durch eine bewußte Verstellung, denn es lag gewissermaßen viel Wahrheit darin, es kam so natürlich, da jedes seiner Worte, seiner Ausdrücke, seine Träume und Gedanken mit Wünschen, Bitten und Huldigung gerade diese Seite bei ihr betrafen; es war so natürlich, daß sie vollständig sie selbst wurde in der Haut, die er ihr gleichsam aufnötigte. Wie konnte sie denn auch darauf achten, daß alle und jeder genau den richtigen Eindruck von ihr bekamen, jetzt, wo ihre Gedanken nur von dem einzigen erfüllt waren, von Erik, dem einzigen, ihrem erkorenen Herrn, ihn, den sie mit einer Wildheit liebte, die ihr fremd, mit einer abgöttischen Verehrung, die sie erschreckte. Sie hatte geglaubt, die Liebe sei ein süßer Ernst, nicht eine verzehrende Unruhe voll Furcht und Demütigung und Zweifel. Zuweilen, wenn sie glaubte, das Geständnis dränge sich auf Eriks Lippen, konnte ihr der Gedanke kommen, daß es ihre Pflicht sei, ihre Hand auf Eriks Mund zu legen und ihn vor dem Sprechen zu warnen, sich selbst vor ihm anzuklagen und ihm zu sagen, daß sie ihn betröge, ihm zu sagen, wie wenig sie seiner Liebe wert sei, wie irdisch klein, wie kindisch sie sei, wie wenig erhaben, wie elend niedrig und garstig alltäglich. Sie fühlte sich so falsch vor seinen bewundernden Blicken, so berechnend, wenn sie tat, als ginge sie ihm aus dem Weg; so verbrecherisch, wenn sie es nicht über das Herz bringen konnte, in ihrem Abendgebet Gott zu bitten, daß er ihr Herz von ihm abwende, so daß sein Schicksal eitel Licht und Hoheit und Herrlichkeit werden könne. Denn sie würde ihn ja mit ihrer niedrigen Liebe herabziehen. Fast widerstrebend liebte Erik sie. Sein Ideal war stets vornehm, groß und stolz gewesen, mit stiller Schwermut in den bleichen Zügen und tempelkühler Luft in den strengen Falten des Gewandes; aber Fennimores Liebreiz hatte ihn bezwungen. Er konnte ihrer Schönheit nicht widerstehen. Auf ihrer ganzen Erscheinung lag so eine frische, unbewußte Sinnlichkeit; wenn sie ging, so flüsterte ihr Schritt von ihrem Körper, es lag eine Nacktheit in ihren Bewegungen, eine träumerische Beredtheit in ihrer Ruhe, gegen die sie nichts vermochte, die zum Verbergen oder zum Schweigen zu bringen nicht in ihrer Macht gelegen, selbst wenn sie eine Ahnung davon gehabt hätte. Niemand sah dies besser als Erik, und er wußte vollkommen, wie groß der Anteil ihrer rein körperlichen Schönheit an seiner Neigung war; deshalb kämpfte er dagegen, denn in seiner Seele lebten große, schwärmerische Ideen von Liebe, Ideen, die er vielleicht nicht nur aus Poesie und Tradition geschöpft, sondern aus tieferen Schichten in seiner Natur, als die waren, die im allgemeinen in seinem Wesen ihren Ausdruck fanden. Woher sie aber auch stammten – sie mußten weichen. Noch hatte er Fennimore seine Liebe nicht gestanden; aber da geschah es, daß der »Berendt Claudi« heimkam und draußen auf der Reede lag. Er sollte weiter oben am Fjord löschen, deshalb kam er nicht in den Hafen, und da der Konsul sehr stolz auf seinen Schoner war und ihn seinen Gästen zeigen wollte, ruderte man eines Abends hinaus, um an Bord Tee zu trinken. Das Wetter war herrlich, vollkommen windstill, und alle waren aufgelegt, sich zu amüsieren. Die Zeit verging aufs angenehmste, man trank englischen Porter, aß englische Keks, so groß wie Monde, und speiste gesalzene Makrelen, die auf der Fahrt durch die Nordsee gefangen worden waren. Man pumpte mit der Schiffspumpe, bis sie schäumte, schaukelte den Kompaß, zog mit dem großen Blechschöpfer Wasser aus den Wasserbehältern und hörte den Steuermann auf einer achteckigen Harmonika spielen. Es war dunkel, als alle zur Heimfahrt bereit waren. Sie ruderten in zwei Abteilungen, Erik, Fennimore und ein paar ältere Leute in der Schiffsjolle, die übrigen in des Konsuls Boot. Das erste Boot sollte vorausrudern, kreuzen und erst dann langsam hineinrudern, während das andere direkt an Land gehen sollte. Der Grund für diese Bestimmung war, daß man hören wollte, wie der Gesang an einem so stillen Abend über das Wasser hinklingen würde. Deshalb saßen Erik und Fennimore zusammen auf der hinteren Ruderbank des ersten Bootes, sie hatten die Mandoline mit. Aber der Gesang wurde ganz vergessen, denn als die Ruder ausgelegt wurden, zeigte es sich, daß ungewöhnlich starkes Meerleuchten war, und das beschäftigte alle vollständig. Das Boot glitt leise dahin, und die glanzlos glatte Fläche wurde von weggleitenden Linien und Kreisen milden weißen Lichts durchfurcht, das gerade die Linie, die es machte, erhellte, und nur an den Stellen, wo es am stärksten war, einen seinen, matten Glanz, wie den Rauch einer brennenden Kerze über das Nächstliegende warf. Weiß glänzte es um die Ruder und glitt in zitternden Ringen, die schwächer und schwächer wurden, herab; in leuchtenden Tropfen spritzte es von den Rudern in einem Phosphorregen, der in der Luft erlosch, Tropfen für Tropfen aber das Wasser entzündete. Es war so still über dem Fjord und der Takt der Ruderschläge teilte die Ruhe in gleichgroße Pausen. Still und weich lag die graue Dämmerung auf der schweigenden Tiefe, Boot und Leute waren zu einem dunkeln Ganzen geworden, aus dem der schwache Glanz des Meerleuchtens um die eilenden Ruder dann und wann ein nachschleppendes Tau und die ruhigen, braunen Gesichter der Matrosen befreite. Niemand sprach, Fennimore kühlte ihre Hand im Wasser, und sie und Erik hatten sich umgewandt und sahen dem Phosphorstreifen zu, der lautlos hinter dem Boote Herzog und ihre Gedanken in seinem hellen Netz auffing. Vom Lande her rief man nach Gesang; das weckte sie, und nun sangen sie mit Mandolinenbegleitung ein paar italienische Romanzen. Dann wurde es wieder still. Endlich legten sie an bei der kleinen Landungsbrücke, die vom Strandgarten aus in den Fjord ging. Das Boot des Konsuls lag leer an der Brücke, und die Gesellschaft war ins Haus gegangen. Die Tante und die übrigen gingen nach, nur Erik und Fennimore blieben stehen und sahen dem Boote nach, das zum Schiff zurückruderte. Oben fiel die Klinke der Gartenpforte ins Schloß, die Ruderschläge klangen schwächer und schwächer, die Bewegung des Wassers an der Brücke legte sich. Ein Windhauch zog durch das dunkle Laub, wie ein Seufzer, der sich versteckt und nun ganz leise die Blätter hob, und fortflog und beide allein ließ. Fast gleichzeitig wandten sie sich einander zu und vom Wasser fort. Er faßte ihre Hand, zog sie langsam wie fragend an sich und küßte sie. »Fennimore«, flüsterte er, und sie gingen durch den dunklen Garten. »Du hast es so lange gewußt«, sagte er. Sie sagte ja. Dann gingen sie weiter, und dann fiel die Klinke abermals ins Schloß. Erik konnte nicht schlafen, als er endlich, nachdem er mit der Gesellschaft Kaffee getrunken und sich von ihr an der Haustür verabschiedet hatte, auf sein Zimmer kam. Er hatte nicht Luft genug, darum riß er die Fenster auf, dann legte er sich aufs Sofa und lauschte. Er wollte wieder hinaus. Wie laut es doch in diesem Hause war. Er hörte die Morgenschuhe des Konsuls, und jetzt öffnete Frau Claudi die Küchentür, um zu sehen, ob das Feuer aus sei. – Was hatte Niels denn zu nachtschlafender Zeit bei seinem Koffer zu tun? Da. – Eine Maus hinter der Holzverkleidung. Jetzt ging einer auf Socken über den Boden. – Nun sogar zwei. – Endlich! Er öffnete die Tür zu dem nach hinten liegenden Fremdenzimmer und horchte. Dann machte er dort leise das Fenster auf und setzte rücklings über das Gesimse fort auf den Hof. Durch die Rollkammer konnte er nämlich in den Strandgarten gelangen; wenn ihn jemand sehen sollte, würde er sagen, er habe die Mandoline unten an der Brücke vergessen und wolle sie vor dem Tau retten. Deshalb trug er sie auf dem Rücken. Der Garten war jetzt Heller; ein leiser Luftzug hatte sich erhoben, am Himmel stand ein wenig Mond und legte einen zitternden Silberstreifen von der Landungsbrücke hinaus bis zum »Berendt Claudi«. Er trat hinaus auf den Damm, der den Garten schützte, und sich von da aus in scharfen Winkeln um einen großen aufgedämmten Platz bis an die Hafenmole zog. Den ganzen Weg balancierte er auf den großen, unbequemen, schrägen Steinen. Ein wenig atemlos erreichte er den Molenkopf und setzte sich dort auf die Bank. Hoch über seinem Kopfe bewegte die rote Laterne des Leuchtfeuers sich leise mit einem seufzenden Laut von Eisen hin und her, und die Flaggenleine schlug schwach gegen die Stange. Der Mond war klarer geworden, aber nur wenig, und warf ein vorsichtiges, grauweißes Licht auf die stillen Fahrzeuge im Hafen und auf den Wirrwarr von Dachecken und dunkeläugigen, weißen Giebeln der Stadt. Und dahinter, über dem Ganzen, stieg hell und ruhig der Kirchturm auf. Träumend lehnte sich Erik zurück; in seinem Herzen schwoll eine Woge von Freude und Jubel an und machte, daß er sich so reich an Mut und Lebenswärme fühlte. Es war ihm, als könne Fennimore jeden Liebesgedanken hören, der Ranke in Ranke, Blüte an Blüte aus seinem Glück emporwuchs, und er erhob sich, fuhr schnell über die Saiten der Mandoline und sang im Triumph der schlummernden Stadt da drüben zu: »Wach liegt auf dem Lager mein Mädchen und lauscht zu mir empor! Wach liegt mein Mädchen und lauscht zu mir empor!« Und immer wieder, wenn ihm das Herz zu voll wurde, wiederholte er die Worte des alten Volksliedes. Nach und nach wurde er ruhiger; die Erinnerung an Stunden vergangener Tage, wo er sich am schwächsten, am geringsten und am verlassensten gefühlt, drängte sich mit einem stillen, spannenden Schmerz empor, dem gleich, der uns die ersten Tränen ins Auge treibt; und er setzte sich auf die Bank, und während seine Hand still auf den Saiten der Mandoline lag, starrte er auf die weitgestreckte Fläche des blaugrauen Fjords, auf dem die blinkende Mondbrücke das dunkle Schiff durch weiße Nebel nach einem wolkenblauen Lande, nach der zarten, melancholischen Reihe von Morsös Hügeln hinübertrug. Und die Erinnerungen kamen milder und milder, stiegen in hellere Länder empor, strahlten gleichsam in einer Morgenröte von Rosen. – mein Mädchen! sang er in Gedanken. »Wach liegt auf dem Lager mein Mädchen und lauscht zu mir empor!« 11. Kapitel Drei Jahre sind vergangen. Erik und Fennimore sind zwei Jahre verheiratet und wohnen in einer kleinen Villa am Mariagerfjord. Niels hat Fennimore seit jenem Sommer in Fjordby nicht gesehen; er lebt in Kopenhagen und kommt viel unter Leute, hat aber mit niemand intimen Verkehr, außer mit Doktor Hjerrild, der sich alt nennt, weil sich in seinem dunkeln Haar weiße Fäden zu zeigen beginnen. Jene unerwartete Verlobung war ein harter Schlag für Niels, und sie hat ihn etwas stumpfer gemacht; auch bitterer und weniger vertrauensvoll; er hat Hjerrilds Mißmut auch nicht mehr so viel Begeisterung entgegenzusetzen. Er ist stetig in seinen Studien, doch sie sind planloser, und der Gedanke, fertig zu werden, vorzutreten und zuzugreifen, hat nur noch ein unsicher flackerndes Leben. Er lebt viel unter Menschen, aber er lebt nicht mit ihnen; sie interessieren ihn wohl, aber es kümmert ihn nicht im geringsten, ob sie auch Interesse für ihn fassen, und schwächer und schwächer wird die Macht in ihm – er merkt es – die ihn dazu treiben sollte, das Seine zu tun, mit den andern oder gegen sie. Er kann warten, sagt er, selbst wenn er warten muß, bis es zu spät ist. Wer glaubt, hat keine Eile; das ist seine Entschuldigung. Denn er fühlt, daß er Glauben genug hat, Glauben genug, um Berge zu versetzen; aber er kann sich nicht entschließen, den Rücken dagegen zu stemmen. Dann und wann steigt es wie Schaffensdrang in ihm auf, Sehnsucht, einen Teil von sich selbst in einer Arbeit zu befreien, und dann kann sein Wesen tagelang angespannt sein durch frohe, titanenhafte Anstrengungen, den Lehm zu seinem Adam zusammenzufahren; doch er vermag ihn nie seinem Vorbilde ähnlich zu formen; er hat nicht Ausdauer genug, die Selbstkonzentrierung, die dazu erforderlich ist, festzuhalten. Es dauert Wochen, bevor er die Arbeit aufgibt, aber er gibt sie doch auf und fragt sich ärgerlich selbst, weshalb er dabei bleiben solle, was er noch zu gewinnen habe? er hat das Glück der Empfängnis genossen, es bleibt nur noch die Mühe des Erziehens, des Pflegens, des Nährens und des Tragens – weshalb? für wen? er sei kein Pelikan, sagt er. Abel er mag sagen, was er will. Er ist doch unzufrieden und fühlt, daß er den Forderungen nicht entsprochen, die er an sich selbst gestellt, und es hilft ihm nichts, daß er mit diesen Forderungen ins Gericht geht und ihre Begründung anzuzweifeln sucht. Er steht einer Wahl gegenüber, und er muß wählen; denn es ist ja nun einmal so, daß, wenn die erste Jugend vorüber ist, früher oder später, je nachdem der Naturgrund in einem Menschen ist, früher oder später der Tag anbricht, wo die Resignation an uns herantritt wie der Versucher, und uns lockt, dem Unmöglichen Lebewohl zu sagen und uns zufrieden zu geben. Und die Resignation hat soviel für sich, denn wie oft sind die idealen Forderungen der Jugend nicht zurückgewiesen worden, ihre Begeisterung beschämt, ihre Hoffnung zerstört worden! – Die Ideale, die leuchtenden, die schönen, sie haben wohl noch nichts von ihrem Glanz verloren, aber sie wandern nicht mehr auf Erden unter uns wie in den ersten Tagen unserer Jugend; über die breitbasierte Treppe der Weltklugheit sind sie Stufe für Stufe in den Himmel zurückgeführt worden, aus dem unser einfältiger Glaube sie herausgeholt hatte, und dort sitzen sie nun strahlend – aber fern, lächelnd, aber müde, in göttlicher Untätigkeit, während der Weihrauch einer tatenlosen Anbetung ruckweise in feierlichen Wolken zu ihrem Thron emporsteigt. Niels Lyhne war müde; dies unaufhörliche Anlaufnehmen zu einem Sprung, der nie gemacht wurde, hatte ihn ermattet; alles wurde hohl und wertlos für ihn, verzerrt und verwirrt und so kleinlich außerdem; es schien ihm so natürlich, sich Mund und Ohren zu verstopfen und sich dann in Studien zu versenken, die nichts mit der Schwüle der Welt zu tun hatten, sondern wie ein stiller Meeresgrund für sich mit friedlichen Tangwäldern und seltsamen Tieren waren. Er war müde, und in seinen fehlgeschlagenen Liebeshoffnungen lagen die Wurzeln seiner Müdigkeit, aus ihnen hatten sie sich schnell und sicher durch sein ganzes Wesen, all seine Fähigkeiten und seine Gedanken verbreitet. Jetzt war er kalt und leidenschaftslos genug, aber in jener ersten Zelt, da der Schlag ihn getroffen, war seine Liebe von Tag zu Tag mit unaufhaltsamer Macht gewachsen, und es hatte Zeiten gegeben, in denen seine Seele von wahnsinniger Leidenschaft gedrängt wie eine Woge in unendlicher Sehnsucht und schäumendem Verlangen angeschwollen war, sich erhoben hatte und gestiegen und gestiegen war, bis jede Fiber seines Hirns, jeder Nerv seines Herzens bis zur äußersten Grenze angespannt gewesen. Dann war die Müdigkeit gekommen, abstumpfend und heilend, und hatte seine Nerven taub gemacht gegen den Schmerz, sein Blut kalt für die Begeisterung und seine Pulse zu schwach zum Handeln. Und mehr als das; sie hatte ihn gegen einen Rückfall geschützt, indem sie ihm die ganze Vorsicht und den Egoismus eines Rekonvaleszenten gegeben, und wenn er jetzt an die Tage von Fjordby zurückdenkt, so geschieht es mit demselben Gefühl der Sicherheit, wie einer, der soeben eine schwere Krankheit durchgemacht, sie in dem Gedanken findet, daß er jetzt, wo sein Leiden und sein Fieber sich in seinem Körper zu Asche verbrannt haben, für lange, lange Zeit verschont bleiben wird. Da geschah es, daß er an einem Sommertage, als Erik und Fennimore wie gesagt zwei Jahre verheiratet gewesen, einen halb prahlerischen, halb jämmerlichen Brief von Erik erhielt, in dem dieser sich anklagte, jetzt zuletzt seine Zeit vergeudet zu haben, er wisse aber nicht, wie es komme, er habe keine Ideen mehr. Es seien frische, muntere Leute, mit denen sie dort in der Gegend verkehrten, durchaus nicht prüde oder albern, aber der Kunst gegenüber die gräßlichsten Dromedare. Es sei nicht ein Mensch da, mit dem er ordentlich reden könne, und er sei jetzt in einen Dusel von Trägheit und Mattigkeit geraten, den er nicht überwinden könne; denn er gewahre nie mehr eine Idee oder Stimmung wie früher, er sei nie mehr inspiriert, so daß ihm oft angst und bange davor werde, es sei mit ihm zu Ende, und er werde nie mehr etwas Neues schaffen können. Aber es könne doch unmöglich für immer so bleiben, es müsse wiederkommen, er sei allzu reich gewesen, als daß es so enden könne, und dann wollte er ihnen zeigen, was Kunst sei, jenen andern, die darauf losmalten, als sei das etwas, was sie auswendig gelernt. Vorläufig sei er indessen wie verhext, und es wäre ein Freundschaftsdienst, wenn Niels nach dem Mariagerfjord käme; er solle es so gut haben, wie die Umstände es erlaubten, und er könne seinen Sommer doch ebenso gut dort zubringen wie anderswo. Fennimore ließe ihn grüßen und würde sich sehr freuen. Dieser Brief war Erik so wenig ähnlich, und es mußte wirklich etwas nicht Ordnung sein, wenn er so klagen konnte. Das sah Niels sofort, und er wußte auch sehr wohl, wie wenig stark die Quelle von Eriks Produktionskraft sei – nur ein unscheinbarer Bach, der unter ungünstigen Verhältnissen vollständig austrocknen konnte. Er wollte sofort abreisen, Erik sollte einen erprobten Freund in ihm finden, und was die Jahre auch an Banden gelöst und an Illusionen zerstört – jene Freundschaft ihrer Kindheit würde er wenigstens zu erhalten wissen. Er hatte Erik früher schon gestützt, er würde ihn auch jetzt stützen. Ein fanatisches Freundschaftsgefühl packte ihn. Er wollte Zukunft, Berühmtheit, ehrgeizigen Träumen, allem entsagen, um Eriks willen. Alles, was er an glimmender Begeisterung, an gärender Schaffenskraft besaß, wollte er für Erik einsetzen, er wollte in Erik aufgehen, alles war bereit, sein Selbst und seine Ideen, er wollte nichts behalten, und er träumte sich den groß, der so unsanft in sein Leben eingegriffen. Sich selbst aber ausgelöscht, übersehen, arm, ohne geistiges Eigentum; und er träumte weiter, wie das, was er Erik gegeben, nach und nach kein Darlehn mehr, sondern wirklich sein Eigentum geworden durch den Stempel, den er allem gäbe, indem er es in Werk und Tat prägte. Erik in Hoheit und Ehren, er aber nur einer der vielen, vielen gewöhnlichen Menschen, wirklich nichts mehr; zuletzt nicht mehr freiwillig, sondern notgezwungen arm; ein wirklicher Bettler und nicht ein Prinz in Lumpen ... und es war süß, sich so bitterarm zu träumen. Aber Traum ist Traum, und er lachte über sich selbst und dachte daran, wie die Leute, die ihre eigenen Angelegenheiten versäumen, immer so viel Interesse für die Arbeit anderer zu opfern vermögen; und er dachte auch daran, daß Erik natürlich, wenn sie sich von Angesicht zu Angesicht gegenüberstünden, seinen Brief verleugnen, ihn ins Scherzhafte ziehen und es ungeheuer komisch finden würde, wenn er wirklich käme und sich bereit meldete, ihm wieder zu seinem Talent zu verhelfen. Trotzdem reiste er; im Grunde glaubte er doch, daß er nützlich sein könne; wie er auch versuchen mochte, es weg zu erklären und anzuzweifeln, er konnte doch nicht anders, er fühlte, daß es wirklich die alte Knabenfreundschaft war, die wieder in ihrer ganzen Naivität und all ihrer Wärme den Jahren und dem, was sie gebracht hatten, zum Trotz, erwacht war.   Das Landhaus am Mariagerfjord gehörte einem älteren Ehepaar, das aus Gesundheitsrücksichten genötigt war, sich auf unbestimmte Zeit im Süden niederzulassen. Sie hatten nicht erwartet, die Villa zu vermieten, da sie bei ihrer Abreise geglaubt, nur ein halbes Jahr fortbleiben zu müssen; und daher hatten sie alles unverändert stehen lassen; als Erik das Haus nun vollständig möbliert mietete, war dies in so buchstäblichem Sinne der Fall, daß er es mit Nippes, Familienporträts und allem bekam, ja sogar mit einer Polterkammer voll Gerümpel und alten Briefen in den Schreibtischschubläden. Er hatte das Landhaus entdeckt, als er nach seiner Verlobung von Fjordby abreiste; da hier nun alles vorhanden, was sie brauchten, und noch mehr als das, und er nach Verlauf von ein paar Jahren sich für einige Zeit in Rom niederzulassen gedachte, so hatte er den Konsul vermocht, mit der Anschaffung der Aussteuer zu warten, und sie waren nach Marianelund gezogen wie in ein Hotel, nur daß sie ein paar Koffer mehr hatten als Reisende im allgemeinen. Das Haus lag mit der Fassade nach dem Fjord keine zehn Meter vom Wasser; das Äußere war sehr gewöhnlich, ein Altan oben, eine Veranda unten, nach rückwärts ein kürzlich angelegter Garten, dessen Bäume nicht dicker waren als Spazierstöcke; dafür wurde man aber dadurch entschädigt, daß man vom Garten direkt in einen prächtigen Buchenwald mit Streifen offenen Heidelands und weiten Hohlwegen zwischen Lehmhügeln gelangte. So war Fennimores neues Heim, und eine Zeitlang war es so hell, wie das Glück es machen konnte, denn beide waren ja jung und verliebt, gesund und frisch, ohne Sorgen um ihr Auskommen, das geistige sowohl wie das leibliche. Aber jedes Glücksschloß, das gebaut wird, hat Sand in dem Grund, auf dem es ruht, und der Sand sammelt sich und rinnt fort unter den Mauern, langsam vielleicht, unmerklich vielleicht, aber er rinnt und rinnt, Korn für Korn.... Und die Liebe? – auch die Liebe ist kein Fels, wie gern wir es auch glauben möchten. Sie liebte ihn von ganzer Seele, mit zitternder Glut und der Heftigkeit der Angst; er war ihr mehr als ein Gott, viel mehr, – ein Abgott, den sie anbetete, ohne Rückhalt und über die Maßen. Seine Liebe war stark wie die ihre, aber ihr fehlte die seine, männliche Zärtlichkeit, die das liebende Weib vor sich selbst schützt und ihre Würde behütet. Es mahnte ihn wohl wie eine dunkle Pflicht, rief wohl mit leiser Stimme, aber er wollte nicht hören, denn sie war so berückend in ihrer blinden Liebe, und ihre Schönheit mit der unbewachten Üppigkeit und der demütigen Anmut einer Sklavin reizte und trieb ihn zu einer Leidenschaft ohne Grenzen und ohne Gnade. Steht nicht irgendwo in der alten Mythe von Amor, daß er die Hand auf Psyches Augen legt, bevor sie süß berauscht in die glühende Nacht hinauslaufen? Arme Fennimore! Wenn sie von der Glut ihres eigenen Herzens hätte verzehrt werden können, der, der sie hätte beschirmen sollen, würde sie zu Flammen angefacht haben! Denn er war wie jener trunkene Herrscher, der mit der Mordbrandfackel in der Hand beim Anblick seiner brennenden Königsstadt jubelte, weil die züngelnde Lohe seinen Rausch steigerte, bis die Asche ihn nüchtern machte. Arme Fennimore! Sie wußte nicht, daß die brausende Hymne des Glückes so oft gesungen werden kann, daß ihr weder Melodie noch Worte bleiben, sondern nur ein wirres Durcheinander von Trivialität; sie wußte nicht, daß der Rausch, der heute emporträgt, seine Kraft von den Flügeln des morgenden Tages nimmt; als nach und nach die Nüchternheit schwermütig heraufdämmerte, fing sie bebend an zu begreifen, daß sie sich zu einer süßen Verachtung gegen sich selbst und gegeneinander herabgeliebt hatten, einer Verachtung, deren Süßigkeit Tag für Tag abnahm, bis sie zuletzt herb und bitter wurde. Sie wandten sich so weit voneinander ab, wie es sich tun ließ; er, um von einem trugvollen Ideal höhnischer Hoheit und kalter Anmut zu träumen, sie, um nach der bleichen, stillen, jetzt unendlich fernen Küste ihrer Mädchentage hinüberzublicken. Täglich wurde es ihr schwerer, die Scham brannte wild in ihren Adern, und ein qualvoller Ekel vor sich selbst machte alles unglücklich und hoffnungslos für sie. In einer kleinen, leeren Kammer, wo nichts anderes stand als die Koffer, die sie mit aus dem Elternhaus gebracht, saß sie oft stundenlang, bis die Sonne draußen versank, und den Raum mit rötlichem Licht erfüllte; dort marterte sie sich mit Gedanken, die spitzer waren als Dornen, schlug sich mit Worten, die weit schärfer als Geißeln, bis Pein und Qual sie verwirrten und sie einen betäubenden Trost darin suchte, sich zu Boden zu werfen wie ein Ding voll ekler Fäulnis und Hefe, ihr eigenes Aas, zu erbärmlich für den Sitz einer Seele. – Die Metze ihres Mannes, der Gedanke war immer in ihrem Herzen, mit ihm warf sie ihr Selbst verächtlich in den Staub zu ihren Füßen, mit ihm schloß sie jede Hoffnung auf Wiedererhebung aus, mit ihm versteinerte sie jegliche Erinnerung an das Glück. Nach und nach kam eine harte, brutale Gleichgültigkeit über sie; sie hörte auf zu verzweifeln, wie sie zu hoffen aufhörte, ihr Himmel war eingestürzt, und sie trug kein Verlangen, ihn wieder zum Gewölbe zu träumen; sie forderte keine Seligkeit, sie war nicht zu gut für die Welt und die Welt nicht für sie, sie waren einander würdig. Sie hegte keinen Haß gegen Erik, sie zog sich auch nicht voll Angst vor ihm zurück; im Gegenteil, sie nahm seine Küsse hin, denn sie hegte zuviel Verachtung vor sich selbst, um sich ihnen zu entziehen, sie war ja sein Weib, das Weib eines Mannes! Auch für Erik war es bitter zu erwachen, obgleich er sich mit der prosaischen Weitsichtigkeit eines Mannes gesagt hatte, daß es notwendigerweise einmal so kommen müsse. Als es aber kam, als die Liebe nicht mehr Ersatz für andere Entbehrungen war, und der funkelnde Schleier, in dem sie zu ihm herabgestiegen, fortgeweht war, da empfand er es wie die Erschlaffung aller Lebensgeister, ein Schwinden all seiner Fähigkeiten, und das machte ihn ärgerlich und ängstlich, so daß er sich mit fieberhaftem Eifer seiner Kunst zuwandte, um Gewißheit darüber zu erlangen, ob er nicht auch noch etwas anderes eingebüßt hatte, als das Glück. Aber er erhielt nicht die Antwort, die er erhofft; er verfiel auf ein paar unglückselige Ideen, mit denen er nicht von der Stelle kommen konnte, und die aufzugeben er sich doch nicht bequemen wollte. Er konnte nichts Rechtes mit ihnen machen, und doch fuhren sie fort, ihn zu beschäftigen und hinderten andere Ideen sich vorzudrängen und ihn anzuziehen; er wurde mutlos und unzufrieden und verfiel in grübelnden Müßiggang, weil die Arbeit so tötend querköpfig war, und weil er glaubte, daß er nur zu warten brauche, damit der Geist wieder über ihn käme. Aber es zog sich hin und immer hin, sein Talent blieb unfruchtbar, und hier an dem stillen Fjord war nichts in seinem Umgang, das befruchtend auf ihn hätte einwirken können; auch gab es hier keine Kunstgenossen, deren Siege ihn entweder zum Wetteifer oder zur schaffenden Opposition hätten reizen können. Diese Untätigkeit wurde unerträglich, und es packte ihn ein heißes Verlangen, sich selbst zu fühlen, gleichgültig wie oder durch was; und da sich nichts anderes bot, begann er einen Kreis älterer und jüngerer Landbewohner aufzusuchen, die unter der Anführung eines sechzigjährigen Jagdjunkers die Einförmigkeit des Landlebens durch solche Ausschweifungen zu beleben suchten, wie ihre nicht allzu reiche Phantasie, die stark begrenzt durch ihren ziemlich einseitigen Geschmack war, sie zu ersinnen vermochte. Der eigentliche Kern der Zerstreuungen waren Kartenspiel und Trunk und er blieb ziemlich derselbe, ob nun die Schale, die ihn umgab, Jagdfahrt oder Marktreise genannt wurde. Ebenso machte es keinen sonderlichen Unterschied, daß man dann und wann den Schauplatz nach einem; der Nächstliegenden Marktflecken verlegte, und dort im Laufe des Nachmittags wirkliche oder eingebildete Geschäfte mit Kaufleuten einleitete, denn die endgültige Abmachung fand doch stets am Abend im Wirtshause statt, dessen Wirt mit großer Unterscheidungsgabe alle von der richtigen Farbe zu ihnen nach Nummer sicher wies. Waren herumreisende Schauspieler am Ort, so ließ man die Kaufleute beiseite, denn die Schauspieler waren viel umgänglicher, der Flasche gegenüber nicht so zurückhaltend und im allgemeinen sehr willig, sich der leider selten mit vollständigem Erfolg durchgeführten Wunderkur zu unterwerfen, sich nüchtern trinken zu lassen; nämlich in Genever, wenn sie sich in Champagner betrunken hatten. Der Hauptstamm dieses Kreises bestand aus kleinen Gutsbesitzern und Landleuten aus allen Jahrgängen, aber es befand sich auch ein massiver junger Laffe von einem Branntweinbrenner darunter, und ein weißhalsiger Hauslehrer, der mindestens schon seit zwanzig Jahren kein Hauslehrer mehr gewesen, sondern mit einem Seehundsfellkoffer und einer grauen Schindmähre, von der scherzweise behauptet wurde, daß er sie bei einem Pferdeschlächter gestohlen, der Reihe nach zu Gast gewesen. Er war ein stiller Säufer, großer Virtuose auf der Flöte, und man nahm von ihm an, daß er arabisch könne. Zu dem, was der Jagdjunker seinen Stab nannte, gehörten auch ein Prokurator, der immer neue Geschichten erzählte, und ein Doktor, der nur eine einzige kannte, nämlich die Belagerung von Lübeck Anno sechs. Dieser Kreis erstreckte sich sehr weit, und es traf sich wohl nie, daß alle versammelt waren; wenn aber jemand der Gesellschaft allzu lange fern blieb, und sich daheim hielt, so erließ der Junker einen Aufruf an alle Getreuen und man begab sich hin, um sich die Ochsen des Abtrünnigen anzusehen, was so viel hieß, als daß man sich zwei oder drei Tage auf dem Gut des Unglücklichen einquartierte und es durch Zechgelage und Spiel und andere ländliche Vergnügungen, zu denen die Jahreszeit gerade einlud, auf den Kopf stellte. Während eines solchen Strafbesuchs geschah es einmal, daß die ganze Gesellschaft so lange einschneite, bis dem Wirt Kaffee, Rum und Zucker der Reihe nach ausgingen, und man sich zuletzt mit einem Kaffeepunsch begnügen mußte, der aus Zichorie gekocht, mit Sirup gesüßt und mit Branntwein angebrannt war. Im Ganzen war es eine schlimme, grobkörnige Bande, mit der Erik zusammenkam, aber Menschen von einer so riesenstarken Lebenskraft konnten sich wohl nicht in zivilisierteren Vergnügungen Luft machen, und ihre unerschöpfliche Laune, ihre breite, bärenhafte Gemütlichkeit nahm ihnen wirklich viel von ihrer Roheit. Wäre Eriks Talent mit dem von Brouwer oder Ostade verwandt gewesen, so würde diese auserlesene Sammlung von Zechbrüdern eine Goldmine für ihn geworden sein, aber wie die Dinge nun einmal lagen, war die ganze Ausbeute für die andern und für ihn nur die, daß er sich trefflich amüsierte. Nur allzusehr; denn bald wurde diese ausgelassene Zecherei ihm unentbehrlich und nahm nach und nach seine ganze Zeit in Anspruch; wenn er sich dann und wann auch seine Untätigkeit vorwarf, und sich dann gelobte, daß sie ein Ende haben sollte, so trieben ihn doch die Leere und die geistige Ohnmacht, die er jedesmal empfand, wenn er zu arbeiten versuchte, stets in das alte Leben zurück. Den Brief an Niels, den er eines Tages geschrieben, da seine anhaltende Unfruchtbarkeit gar kein Ende nehmen wollte und den Eindruck einer Abzehrung auf ihn gemacht, die sein Talent angegriffen, diesen Brief bereute er sofort, nachdem er abgesandt war, und er hoffte, daß Niels seine Klagen zum einen Ohr hinein und zum andern hinausgehen lassen werde. Aber Niels kam, der fahrende Ritter der Freundschaft in eigener Person; und ihm wurde denn auch der halb abweisende, halb mitleidige Willkomm, den fahrende Ritter stets von denen bekommen, um deretwillen sie Rosinante aus dem warmen Stall gezogen haben. Da Niels vorsichtig war und abwartete, so taute Erik bald auf, und die alte Vertraulichkeit zwischen ihnen wurde zu neuem Leben geweckt. Und es trieb Erik, sich auszusprechen, zu klagen und zu bekennen; es trieb ihn mit beinahe physischem Zwange dazu. Eines Abends nach Schlafenszeit, – Fennimore war schon zur Ruhe gegangen, – saßen sie in dem dunklen Wohnzimmer bei ihrem Grog. Nur die Glut ihrer Zigarren zeigte, wo sie waren, und nur dann und wann, wenn Niels sich ganz in seinen Stuhl zurücklehnte, hob sich sein aufwärts gewandtes Profil ganz schwarz von den dunklen Scheiben ab. Während sie von den alten Zeiten auf Lönborghof und von ihrer Knabenzeit sprachen, hatten sie ziemlich viel getrunken, besonders Erik. Durch Fennimores Fortgehen war eine Pause entstanden, die keiner von ihnen Lust hatte, zu unterbrechen, denn die Gedanken kamen so angenehm sanft herangerollt, während sie schläfrig darauf lauschten, wie das Blut durch den zunehmenden Rausch erhitzt, in ihren Ohren sang. »Wie töricht man doch mit zwanzig Jahren war«, klang es endlich in Eriks Stimme. »Gott mag wissen, was man eigentlich erwartete, und wie man es sich in den Kopf gesetzt hatte, daß so etwas existiere? Wir hatten wohl dieselben Namen dafür, wie die wirklichen Dinge sie tragen, aber das, was wir meinten, war doch etwas so ganz anderes im Vergleich! zu dem zahmen Gottessegen, der uns geworden. Eigentlich ist doch nicht viel am Leben, nicht wahr?« »Ach, ich weiß nicht, ich nehme es wie es ist. Im allgemeinen lebt man ja weiter nicht. Meistens existiert man nur. Wenn man sich das Leben als einen großen, appetitlichen Kuchen ausliefern lassen könnte, auf den man einhauen könnte.... aber so bissenweise – das ist nicht schön.« – »Sag' mir, Niels – nur mit dir kommt man dazu, von solchen lächerlichen Dingen zu reden, aber ich weiß nicht, du bist darin so wunderlich. Sag mir – hast du was in deinem Glase? – Gut. – Hast du jemals an den Tod gedacht?« »Ich? O ja, und du?« »Ich meine nicht so bei Begräbnissen, oder wenn ich krank bin, sondern wenn ich am allergemütlichsten dasitze, kann es über mich kommen wie – ja, geradezu wie Verzweiflung. Ich sitze dann und grüble und richte nichts aus, und kann nichts ausrichten und dann ist es, als merkte ich, wie die Zeit mir entrinnt, Stunden, Wochen, Monate! Ohne Inhalt laufen sie an mir vorüber, und ich vermag sie nicht mit einer Arbeit an den Fleck zu bannen. Ich weiß nicht, ob du verstehst, was ich meine, es ist ja nur so eine Empfindung von mir; aber ich möchte eingreifen in die Zeit mit irgend etwas, das ich vollbracht hätte. Siehst du: die Zeit, die dazu gehört, um ein Bild zu malen, gehört immer mir, ich habe etwas von ihr, sie ist nicht dahin, nur weil sie, vorüber. Ich werde krank, wenn ich bedenke, wie die Tage unaufhaltsam hingehen. – Und ich habe nichts, oder ich kann zu nichts gelangen. Es ist eine Qual; ich kann so zornig werden, daß ich im Zimmer hin- und hergehen und irgend etwas Sinnloses singen muß, um nur nicht vor lauter Gereiztheit zu weinen. Und ich bin nahe daran, verrückt zu werden, wenn ich wieder aufhöre und bedenke, daß die Zeit inzwischen wieder vergangen, und daß sie hingeht, während ich denke, und daß sie immer nur hingeht und hingeht. Es gibt nichts Erbärmlicheres, als Künstler zu sein; hier stehe ich und bin gesund und stark; ich kann sehen, mein Blut ist heiß und reich, mein Herz pocht, meinem Verstande fehlt nichts, und ich will arbeiten; aber ich kann nicht, ich kämpfe und greife nach etwas Unsichtbarem, das sich nicht greifen lassen will, zu dem keine Anstrengung mir verhelfen kann, und wenn ich mich abmühte, bis das Blut mir unter den Nägeln hervorspritzte. Was muß man tun, um eine Inspiration, eine Idee zu bekommen? Ich kann mich zusammennehmen, soviel ich will, ich kann versuchen auszugehen und mich umzusehen und zu tun, als suche ich nichts, aber nein! Immer und immer nichts! Nur das Bewußtsein, daß die Zeit da draußen in Ewigkeit mitten im Leben steht und die Stunden an sich zieht, so daß sie vorüberrutschen, zwölf helle und zwölf dunkle, ohne Aufhören, ohne Aufhören. Was soll ich tun; es muß doch irgend etwas geben, das man tut, wenn es so mit einem bestellt ist; ich kann doch nicht der erste sein, den es trifft. Wie? Weißt du nichts?« »Reise.« »Nein, das nicht, wie kommst du darauf? Du glaubst doch wohl nicht, daß es aus ist mit mir?« »Aus! Nein. Aber ich meinte, daß die neuen Eindrücke ...« »Die neuen Eindrücke! Das ist es ja gerade. Hast du nie von Leuten erzählen hören, die Talent vollauf hatten, solange sie in ihrer ersten Jugend und frisch und voll Hoffnung und Plänen waren; dann aber, als sich dies verlor, war auch ihr Talent fort – und kam niemals wieder.« Er schwieg lange. »Die reisten, Niels, neuen Eindrücken nach. Das war ihre fixe Idee. Der Süden, der Orient – es war alles vergebens, es glitt an ihnen ab wie an einem Spiegel. Ich habe ihre Gräber in Rom gesehen. Zwei davon, aber es gibt deren viele, viele; – der eine wurde wahnsinnig.« »Von Malern habe ich das bis jetzt noch nie gehört.« »Doch. – Was glaubst du, daß es sein kann? Ein verborgener Nerv, der zerrissen? Oder ob man selbst schuld daran ist? Etwas, was man vielleicht verbrochen, oder wo man gefehlt hat, wer weiß! Eine Seele ist solch ein schwaches Ding, und niemand weiß, wie weit die Seele den Menschen ausmacht. – Man sollte gut in sich selbst sein ... Du.« Seine Stimme war leise und weich geworden. »Zuweilen habe ich auch diese Sehnsucht zu reisen, weil ich mich so leer fühle; ich habe sie in einem Grade, von dem du dir keine Vorstellung machen kannst, aber mir ist, als hätte ich nicht den Mut, denn nimm an, daß es nichts hülfe, und daß ich einer von denen wäre, von denen ich soeben sprach. Was dann! Denk', wenn ich der Gewißheit von Angesicht zu Angesicht gegenüberstände, daß es mit mir zu Ende, daß ich nicht mehr das geringste hätte, nichts, daß ich nichts könnte, denk dir: nichts könnte. Ein erbärmlicher Wicht von einem Menschen, der verdammteste Hund von einem Krüppel, ein jämmerlicher Kastrat! – Wohin würde ich sinken, glaubst du? Und siehst du, es wäre ja nicht unmöglich; die erste Jugend habe ich hinter mir, und von Illusionen und dergleichen habe ich auch wahrhaftig nicht viel. Es ist furchtbar, wie viel man davon zusetzt, und ich habe doch nie zu den Leuten gehört, die froh sind, sie loszuwerden; es war nicht mit mir wie mit euch andern, die ihr zu Frau Boye kamt; ihr hattet es so eilig damit, euch gegenseitig die Schmuckfedern auszureißen, und je kahler ihr wurdet, desto übermütiger wäret ihr. Aber das ist ja übrigens auch gleichgültig, einmal wechselt man die Federn doch.« Dann schwiegen sie; die Luft war bitter von Zigarrenrauch, und widerlich vom Kognak; mit ihren unendlich schweren Herzen atmeten sie schwer in dem Dunst da drinnen. Da saß er nun, Niels, der sechzig Meilen weit gereist war, um zu helfen, da saß er nun, und mußte sich des kälteren Teils seiner Natur schämen. Denn was konnte er tun, wenn es zur Sache kam? Sollte er etwa malerisch zu Erik sprechen, viele Worte in Purpur und Ultramarin, die von Licht überflossen und im Schatten wateten! Als er abgereist, hatte er von etwas Ähnlichem geträumt. Wie lächerlich das war! Helfen! Vielleicht kann man die Göttin mit den leeren Händen von eines Künstlers Tür jagen, aber das ist wirklich auch alles; man kann ihm nicht mehr helfen zu schaffen, als man ihm, wenn er lahm wäre, helfen könnte, den kleinen Finger zu heben. Und wenn man noch so voll von Herz und Mitgefühl und Opferwilligkeit und allem wäre, was großmütig ist. – Für sich selbst sorgen sollte man, das ist gesund und das ist nützlich, aber leichter wäre es gewiß, Gemütsmensch ins Blaue hinein bis hinauf in den höchsten Himmel zu sein. Nur daß es so grenzenlos unpraktisch und so betrübend resultatlos ist. – Für sich selbst sorgen, und noch dazu gut; kann man davon auch nicht selig werden, braucht man doch vor niemand die Augen niederzuschlagen, weder vor Gott noch vor Menschen. Niels bekam reichlich Gelegenheit, mißmutige Betrachtungen über die Ohnmacht des guten Herzens anzustellen, denn alles, was er nutzte, war, daß er Erik während eines ganzen Monats mehr als gewöhnlich zu Hause hielt. Indessen hatte er nicht Lust, so mitten in der heißen Jahreszeit nach Kopenhagen zurückzukehren, aber er mochte auch nicht Gast bis in die Unendlichkeit sein; deshalb mietete er sich bei einer nicht zum Bauernstand gehörenden Familie an der andern Seite des Fjords ein, nicht weiter vom Marianelund, als daß er in einer Viertelstunde hinüberrudern konnte. Es war ja ganz gleichgültig, ob er hier war oder anderswo, außerdem kannte er die Gegend nun schon, und er gehörte zu jenen Leuten, die sich schon durch die örtliche Umgebung fesseln lassen. Und dann hatte er ja seinen Freund und seine Cousine Fennimore hier. Gründe genug, besonders da auf der ganzen Welt niemand auf ihn wartete. Als er damals hinüberreiste, hatte er ganz genau überdacht, wie er sich zu Fennimore stellen wolle; besonders wie er zeigen würde, daß er so vollständig vergessen, daß er sich nicht einmal mehr erinnere, es sei überhaupt etwas zu vergessen; vor allen Dingen keine Kälte, sondern eine herzliche Gleichgültigkeit, ein oberflächliches Entgegenkommen, eine höfliche Sympathie – so sollte es sein. Das alles wurde indessen überflüssig. Die Fennimore, die er vorfand, war ganz anders als die, die er verlassen. Sie war noch hübsch, ihre Gestalt war üppig und schön wie früher, und sie hatte noch dieselben trägen, nachlässigen Bewegungen, die er früher bewunderte, aber um ihren Mund lag, ein Ausdruck trauriger Gedankenlosigkeit, wie bei jemand, der allzuviel gedacht, und in ihren sanften Augen lag eine bedauernswürdige, kümmerliche, marternde Grausamkeit. Er begriff es gar nicht, aber eins war ihm jedenfalls klar, daß sie anderes zu tun gehabt, als seiner zu gedenken, und daß sie den Erinnerungen gegenüber, die er weckte, vollständig gefühllos sei. Sie sah aus wie jemand, der seinen Entschluß gefaßt und sich alles so schlimm gestaltet hat wie möglich. Nach und nach begann er zu buchstabieren und zusammenzusetzen, und eines Tages, als sie zusammen am Strande spazierengingen, begann er zu verstehen. Erik war dabei, Ordnung in seinem Atelier zu machen, und während Niels und Fennimore am Wasser entlang gingen, kam das Mädchen mit einer ganzen Schürze voll Gerümpel, das sie am Strande hinwarf. Es waren alte Pinsel, Bruchteile von Gipsabgüssen, zerbrochene Spateln, gesprungene Ölflaschen und leere Farbenbehälter, ein großer Haufen. Niels stöberte mit dem Fuß darin herum, und Fennimore sah mit jener Entdeckerlust zu, die man stets altem Kram gegenüber hat. Plötzlich zog Niels den Fuß zurück, als habe er sich verbrannt; er faßte sich aber sofort wieder und fuhr schnell in dem Haufen umher. »Ah, laß es mich sehen,« sagte Fennimore, und legte die Hand auf seinen Arm, wie um ihn zurückzuhalten. Er bückte sich und zog einen Gipsabguß heraus, eine Hand, die ein Ei hielt. »Es muß ein Irrtum sein,« sagte er. »Nein, sie ist ja zerbrochen,« sagte sie ruhig und nahm sie ihm aus der Hand. »Sieh', der Zeigefinger ist fort,« zeigte sie, als sie aber im selben Augenblick gewahrte, daß das Gipsei durchschnitten und der Dotter mit gelber Farbe hineingemalt war, errötete sie ein wenig, und beugte sich und schlug die Hand langsam an einem Stein in Stücke. »Erinnerst du dich, wie sie gemacht wurde?« fragte Niels, um doch etwas zu sagen. »Ich erinnere mich, daß ich mit grüner Seife eingerieben wurde, damit der Gips nicht an meiner Hand kleben blieb. Meinst du das?« »Nein, ich meine, als Erik den Abguß deiner Hand am Teetisch die Runde machen ließ, und deiner alten Tante, als er an sie kam, die Tränen in die Augen traten und sie dich in tiefstem Mitgefühl an sich drückte und dich auf die Stirn küßte, als hätte dir jemand bitter Unrecht getan.« »Ja, die Menschen sind so gefühlvoll.« »Ach nein, wir lachten sie aus und trotzdem lag etwas Feines darin, obgleich es so sinnlos war.« »Ja, es gibt viel solcher sinnlosen Feinheit!« »Ich glaube, du willst Händel mit mir anfangen.« »Nein, das will ich nicht, aber ich möchte dir gern etwas sagen; du wirst wohl nicht böse sein über ein wenig Offenheit! – Sag' mir also, glaubst du nicht, daß, wenn ein Mann zum Beispiel etwas in Gegenwart seiner Frau erzählen will, das ein wenig roh ist, oder wenn er sonst auch, wie es dich bedünken mag, wenig rücksichtsvoll gegen sie ist, glaubst du da nicht, daß es ganz überflüssig ist, wenn du dagegen protestiert, indem du dich übertrieben zartfühlend und ganz schrecklich ritterlich zeigst? Man muß doch annehmen, daß der Mann eine Frau am besten kennt und weiß, daß es sie weder ärgern noch verletzen kann; sonst würde er es ja nicht tun, nicht wahr?« »Nein, das ist nun nicht wahr, so im allgemeinen, aber hier und in bezug auf dich kann ich wohl ja sagen.« »Ja, tu das nur, du kannst überzeugt sein, daß die Frauen keine so ätherischen Wesen sind, wie mancher Junggeselle träumt; sie sind wirklich nicht zarter als die Männer und durchaus nicht anders als die Männer; glaub' mir, der Ton, aus dem beide gebildet, war ein wenig schmutzig.« »Liebste Fennimore, du weißt Gott sei Dank nicht, was du sagst, aber du bist ungerecht gegen die Frauen, gegen dich selbst; ich glaube an die Reinheit des Weibes.« »Die Reinheit des Weibes, was meinst du mit der Reinheit des Weibes?« »Ich meine – – – – – ja...« »Du meinst, ich will es dir sagen, du meinst nichts, denn das ist auch so eine von diesen inhaltlosen Feinheiten. Eine Frau kann nicht rein sein, sie soll es nicht sein, wie sollte sie es können! Welche Unnatur ist das! Hat die Hand unseres Herrgotts sie dazu bestimmt, es zu sein? Antworte mir! – Nein, und zehntausendmal nein. Was ist das für ein Wahnsinn? Weshalb wollt ihr uns mit der einen Hand zu den Sternen emporheben, wenn ihr uns mit der andern doch hinabziehen müßt? Könnt ihr uns nicht auf Erden an eurer Seite gehen lassen, Mensch neben Mensch, und nichts weiter? Es ist doch unmöglich für uns, auf der Prosa sicher aufzutreten, wenn ihr uns mit eurem Irrwisch von Poesie blind macht. Laßt uns doch in Ruhe, laßt uns doch um Gotteswillen in Ruhe.« Sie setzte sich hin und weinte. Niels begriff vieles; Fennimore wäre unglücklich gewesen, wenn sie gewußt hätte wieviel; es war ja zum Teil die alte Geschichte vom Festgericht der Liebe, das nicht tägliches Brot werden will, sondern fortfährt, Festgericht zu sein, nur fader, Tag für Tag widerlicher, immer weniger nahrhaft. Und der eine kann das Wunder nicht vollbringen, und der andere kann es auch nicht, und da sitzen sie nun noch in ihren Hochzeitskleidern und fahren fort, einander zuzulächeln und feierliche Worte zu gebrauchen, aber im Innern leiden sie Qualen von Hunger und Durst, und ihre Blicke fangen an, einander zu fürchten, denn der Groll beginnt in ihren Herzen zu sprießen. War es nicht zuerst dies; und dann die andere ebenso traurige Geschichte von der Verzweiflung eines Weibes darüber, daß sie sich selbst nicht zurücknehmen kann, als sie entdeckt, daß der Halbgott, dessen Braut sie so fröhlich gewesen, nur ein ganz gewöhnlicher Sterblicher ist? Zuerst die Verzweiflung, die unnütze Verzweiflung, und dann die nützliche Stumpfheit, war es das nicht? Er glaubte, daß es so sei, und er begriff alles, die Härte bei ihr, die herbe Demut und Roheit, die für sie der bitterste Tropfen in dem ganzen Becher war. Nach und nach begriff er auch, wie seine Rücksichten, seine ehrerbietige Huldigung ihr lästig sein und sie irritieren mußten; denn für eine Frau, die von dem Purpurbett ihrer Träume auf das Steinpflaster gestürzt wurde, liegt es nahe, den beinahe zu hassen, der einen Teppich über die Steine breiten möchte; denn in ihrer ersten Bitterkeit will sie gerade die Härte in ihrer ganzen Stärke fühlen, sie will sich nicht damit begnügen, den Weg auf ihren Füßen zu gehen, sie will ihn auf den Knien lutschen, und da gerade dort, wo er am steilsten ist und wo die Steine am spitzesten. Sie will keine Hand und keine Hilfe, sie will das Haupt nicht erheben. Es mag so schwer sein, wie es will; sie will das Angesicht tief in den Staub beugen und diesen mit der Zunge kosten. Sie tat Niels so leid, aber er ließ sie in Ruhe, wie, sie es wollte. Es war so hart, sie leiden zu sehen, nicht helfen zu dürfen, weit fort zu sitzen, und sie in dummen Träumen glücklich zu träumen, oder mit kaltem, ärztlichem Scharfsinn abzuwarten und zu berechnen, und sich so traurig, und ruhig sagen zu müssen, daß früher keine Linderung eintreten werde, als bis ihre alte Hoffnung auf den feinen, funkelnden Reichtum des Lebens sich gänzlich verblutet, und ein träger Lebensstrom seinen Weg durch alle Adern ihres Lebens gefunden, und sie stumpf genug gemacht haben würde, um zu vergessen; schwerfällig genug, um zufrieden zu sein, und endlich, endlich roh genug, um sich an einer nebeldichten Seligkeit zu erfreuen, die um viele, viele Himmel niedriger ist als die, die sie erwartet, und um die zu erreichen sie so flehentlich und so angstvoll um Flügel gebeten hatte. – Ekel gegen die ganze Welt erfüllte ihn, wenn er bedachte, daß sie, vor der er einst in seinem Herzen so demütig und anbetend gekniet, daß sie so tief herabgewürdigt, in Sklavenketten gelegt werden mußte, daß sie an der Hecke stehen und frieren mußten während er hoch zu Roß an ihr vorüberritt und das große Geld des Lebens in seiner Tasche klimperte. An einem Sonntagnachmittag gegen Ende August ruderte Niels über den Fjord. Er fand Fennimore allein zu Hause; als er kam, lag sie im Eckzimmer auf dem Sofa und stieß bei jedem Atemzug jenes kurze, regelmäßige Stöhnen aus, das unsere Schmerzen zu erleichtern scheint, wenn wir krank sind. Sie habe fürchterliche Kopfschmerzen, sagte sie, und es sei niemand zu Hause, um ihr zu helfen. Das Mädchen hätte Erlaubnis bekommen, nach Hadssund zu den Ihren zu gehen, und bald, nachdem sie fort, sei jemand gekommen, um Erik zu holen; sie könne gar nicht begreifen, wohin sie in dem Regenwetter gefahren; seit ein paar Stunden läge sie nun schon hier und habe versucht zu schlafen, aber es sei vor Schmerz gar nicht daran zu denken. Sie habe es noch nie gehabt, und es sei so plötzlich gekommen. – Mittags fehlte ihr noch nichts – zuerst in der Schläfe und dann tiefer und tiefer hinein, gleichsam als wäre es hinter dem Auge; – wenn es nur nicht gefährlich sei! Sie war gar nicht daran gewöhnt, krank zu sein, und war nun ängstlich und unglücklich. Niels tröstete sie, so gut er konnte; er sagte, sie solle stilliegen, die Augen zumachen und nicht sprechen; er brachte ein dickes Tuch, in das er ihre Füße wickelte, holte Essig aus dem Büfett und richtete einen kalten Umschlag her, den er auf ihre Stirn legte. Dann setzte er sich still ans Fenster und sah dem Regen zu. Von Zeit zu Zeit schlich er auf den Fußspitzen zu ihr und wechselte den Umschlags ohne zu sprechen. Er nickte ihr nur zu, wenn sie zwischen seinen Händen hindurch dankbar zu ihm aufsah. Zuweilen wollte sie sprechen, aber er schüttelte den Kopf und wehrte allen Worten mit beschwichtigender Miene. Und dann ging er wieder an seinen Platz. Endlich schlief sie ein. Eine Stunde verging und noch eine, und sie schlief noch immer. Ein Viertel ging langsam in das andere über, während das schwermütige Tageslicht langsam abnahm, und die Schatten des Zimmers allmählich wuchsen und aus Möbeln und Bänken emporstiegen. Und draußen regnete es beständig und anhaltend weiter und dämpfte mit seinem rieselnden Sausen jeden andern Laut. Sie schlief noch. Der Dunst des Essigs und der Vanilleduft des Heliotrops auf dem Fensterbrett flossen zu einem säuerlichen Weingeruch zusammen und erfüllten die Luft, die durch diese Ausdünstungen erwärmt, einen immer dichteren Tau über die grauen Scheiben legte, je mehr die Kühle des Abends zunahm. Niels war weit fort in Träumen und Erinnerungen, wenn auch während der ganzen Zeit ein Teil seines Bewußtseins Wache bei der Schlafenden hielt und ihren Schlummer behütete. Nach und nach, während die Dunkelheit zunahm, wurde die Phantasie müde, die unaufhörlich aufflackernden und immer wieder erlöschenden Träume zu nähren, geradeso wie das Erdreich müde wird, ewig dieselbe Saat aufzunehmen; die Träume wurden matter, unfruchtbarer, ohne üppige Einzelheiten und verloren ihre langschießenden, seltsam gewundenen Ranken. Und der Sinn ließ alles Ferne fahren und wandte sich heimwärts. – Wie still es war! Als ob sie beide sich auf einer Insel des Schweigens befänden, die aus dem einförmigen Tonmeer des Regens aufstieg; und ihre Seelen waren still, so still und ruhig, während die Zukunft in einer Wiege des Friedens zu schlummern schien. Wenn sie doch nie erwachen,, und alles so bleiben möchte, wie es jetzt war, kein weiteres Glück als das, welches im Frieden liegt; aber dann auch keinen Kummer, keine tobende Unruhe. Könnte es sich doch schließen, dieses Leben, wie eine Knospe sich in sich selbst schließt – und käme dann kein Frühling mehr! – Fennimore rief; sie hatte schon eine Weile wach gelegen, so glücklich, die Schmerzen loszusein, daß sie gar nicht daran gedacht hatte zu sprechen. Jetzt wollte sie aufstehen und Licht anzünden, aber Niels fuhr fort, Doktor zu sein, und zwang sie, liegen zu bleiben. Es würde ihr nicht gut tun, sich jetzt schon zu erheben; er habe Streichhölzer und würde die Lampe schon finden. Als er sie angezündet, stellte er sie auf den Blumentritt in der Ecke, so daß die runde, weißglänzende Glocke von dem seinen, schlummernden Laub einer Akazie zur Hälfte bedeckt war; und jetzt war es gerade nur so hell im Zimmer, daß sie gegenseitig ihre Züge erkennen konnten. Er setzte sich vor sie, und sie sprachen über den Regen, und wie gut es sei, daß Erik seinen Regenmantel mitgenommen habe, und wie naß die arme Trine werden würde. Dann stockte das Gespräch. Fennimores Gedanken waren noch ein wenig schläfrig, und die Mattigkeit, die ihr noch in den Gliedern lag, machte es so behaglich, ruhig dazuliegen, und nur halb zu denken ohne zu sprechen. Auch Niels war nicht in gesprächiger Stimmung, er stand noch unter dem Einfluß des langen Schweigens am Nachmittag. »Gefällt dir dies Haus?« fragte Fennimore endlich. O ja, es gefiel ihm. »Wirklich? Erinnerst du dich der Möbel zu Hause?« »In Fjordby? Ja, sogar sehr deutlich.« »Wie lieb sie mir sind, und wie oft ich mich nach ihnen sehne. Die wir hier haben, gehören ja nicht uns, sie sind nur gemietet und kümmern uns nicht, sie erinnern uns an gar nichts, wir werden nicht länger mit ihnen leben, als wir hier sind. Dich dünkt vielleicht, daß dies wunderlich ist, aber ich versichere dir, ich fühle mich zuweilen so einsam zwischen all den fremden Möbeln, die so dumm und so gleichgültig dastehen und mich nehmen, wie ich bin, und sich nicht im mindesten um mich kümmern. Und da sie nicht mit mir gehen, sondern bleiben, bis andere kommen und sie mieten, so kann ich mich auch nicht an sie schließen oder mich für sie interessieren, wie ich es könnte, wenn ich wüßte, daß mein Heim immer das Ihre sei, und daß alles, was an Gutem und Bösem kommen würde, mich zwischen ihnen treffen würde. Findest du das kindisch? Vielleicht ist es das, aber ich kann nicht dafür.« »Ich weiß nicht, was es ist, aber ich habe es an mir selbst erfahren, als ich damals im Ausland allein blieb. Meine Uhr wollte nicht gehen, und als ich sie dann vom Uhrmacher wieder bekam, und sie ging, da war es .. . so, wie du meinst. Es war wohltuend, es lag etwas eigenes in dem Gefühl – etwas wirklich Liebes.« »Ja, nicht wahr! O, ich hätte sie geküßt, wenn ich an deiner Stelle gewesen wäre.« »Wirklich?« »Sag doch,« begann sie plötzlich, »du hast mir nie von Erik als Knaben erzählt. Wie war er eigentlich?« »Alles, was gut und schön war, Fennimore. Prächtig, brav, in jeder Beziehung eines Knaben Ideal von einem Knaben, nicht gerade das Ideal einer Mutter oder eines Lehrers, aber jenes andere, das soviel besser ist.« »Wie kamt ihr zusammen aus? Hieltet ihr viel voneinander?« »Ja, weißt du, ich war ganz verliebt in ihn, und er hatte nichts dagegen, – so ungefähr war es; wir waren so verschieden, mußt du wissen; ich wollte immer Dichter und berühmt werden; aber weißt du, was er eines Tages antwortete, als ich ihn fragte, was er am liebsten werden möchte? – Ein Indianer, ein echter, roter Indianer mit Kriegszeichen und allem, was dazu gehört! Ich erinnere mich noch, daß ich es durchaus nicht verstehen konnte; ich begriff nicht, daß man wünschen konnte, ein Wilder zu sein; so zivilisiert war ich!« »Aber ist es nicht sonderbar, daß er dann Künstler werden konnte?« sagte Fennimore, und es lag etwas Kaltes, Feindliches in dem Ton, mit dem sie fragte. Niels merkte es und stutzte. »Ach nein,« sagte er dann, »es ist selten, daß Leute in ihrer ganzen Natur Künstler werden. Und gerade solche frischen, lebensfrohen Menschen wie Erik haben oft eine unendliche Sehnsucht nach dem, was zart und sein ist: das Feine, jungfräulich Kalte, das süß Erhabene, ich weiß nicht, wie ich es nennen soll. Nach außen hin können sie robust und vollblütig genug sein, ja, sogar grob können sie sein, und niemand ahnt, was für wunderliche, romantische und gefühlvolle Geheimnisse sie mit sich herumtragen, weil sie so verschämt sind, seelisch verschämt; ich meine diese großen, schwertrabenden Mannsleute, so daß kein bleiches, junges Mädchen schamhafter in seiner Seele sein kann als sie. Begreifst du, Fennimore, daß solch ein Geheimnis, das nicht in einfachen Worten in die gewöhnliche, alltägliche Luft hinausgesprochen werden kann, einen Menschen zum Künstler zu stimmen vermag? Und sie können es nicht aussprechen, hörst du, sie können nicht; man muß daran glauben, daß es da ist und still innen lebt, wie eine Blumenzwiebel in der Erde, die doch einmal ihren duftenden, farbenzarten Blumenschatz zum Licht emporsendet. Begreifst du, verlange nichts von dieser Blütenkraft für dich selbst, glaube nur an sie, sei glücklich, sie nähren zu dürfen und zu wissen, daß sie ist. – Sei nicht böse, Fennimore, aber ich fürchte, daß du und Erik nicht so recht gut gegeneinander seid. Kann es nicht anders werden? Denk nicht daran, wer recht hat, oder an die Größe des Unrechts, du sollst nicht gerecht gegen ihn sein, denn wohin kämen die besten unter uns mit der Gerechtigkeit, nein, sondern denk an ihn, wie er war in der Stunde, wo du ihn am meisten geliebt; glaube mir, er ist es wert. Du darfst nicht messen, nicht wägen. Ich weiß, es gibt in der Liebe Augenblicke voll strahlender, feierlicher Ekstase, in denen man sein Leben für den Geliebten hingeben würde, wenn es sein müßte. Nicht wahr? Denk daran, Fennimore, vergiß es nicht, sowohl um seinet- wie um deiner selbst willen.« Er schwieg. – Auch sie sprach nicht, sie lag still da mit schwermütigem Lächeln auf den Lippen, bleich wie eine Blüte. Dann erhob sie sich und streckte Niels die Hand entgegen. »Willst du mein Freund sein?« sagte sie. »Das bin ich, Fennimore,« und er nahm ihre Hand. »Willst du, Niels?« »Immer,« entgegnete er und führte ehrerbietig ihre Hand an die Lippen. Dann erhob er sich, aufrechter dünkte es Fennimore, als sie ihn je gesehen. Bald darauf kam Trine und meldete, daß sie zurück sei, und dann gab es Tee und schließlich eine Ruderfahrt in dem trübseligen Regen. Am hellen Morgen kam Erik nach Hause, und als Fennimore ihn in dem kalten, wahrheitsliebenden Tageslicht sah, wie er sich auf das Schlafengehen vorbereitete, schwer und unsicher vom Trunk, glasäugig vom Spiel und schmutzigbleich von der durchwachten Nacht, da erschienen die schönen Worte, die Niels zu ihr gesprochen, ihr ganz phantastisch, und die freundlichen Gelübde, die sie in ihrem stillen Sinn getan, schwanden erbleichend vor dem zunehmenden Tag, nichts als Traumgaukelei und Gedankentand: eine edle Schar von Lügen. Was konnte es helfen, dagegen zu kämpfen, bei der hoffnungslosen Last, die auf ihnen beiden lag? Es war so nutzlos, sich leicht zu lügen, ihr Leben würde ja doch niemals wieder auf Federn gehen. – Der Frost war gekommen; die wallenden Ranken mit Büscheln von Rosen, die sich um sie geschlungen und sie zusammengehalten, sie hatten jedes kleine Blatt, jede Blüte verloren, und nur noch die kahlen, zähen Weidenbänder waren übrig, die sie zu einem unauflöslichen Gewirr zusammenhielten. Was konnte es helfen, daß sie Gefühle vergangener Tage durch die Wärme der Erinnerungen zu künstlichem Leben erweckte, und ihren Götzen wieder auf seinen Sockel stellte, und den Glanz der Bewunderung in ihre Augen, Worte der Anbetung auf ihre Lippen, die Röte des Glücks auf ihre Wangen brachte, – was konnte es helfen, wenn er es nicht übernehmen wollte, der Priester dieses Götzen zu sein und ihr bei einem frommen Betrug zu helfen! Er! Er kannte ihre Liebe nicht einmal wieder, nicht ein einziges ihrer Worte war in seinem Ohr zurückgeblieben, kein Tag ihrer gemeinsamen Tage in seiner Seele aufbewahrt! Nein, still und tot war ihrer Herzen schwellende Liebe; ihr Duft, ihr Licht, ihre Töne, alles war verweht; und doch konnten sie noch aus alter Gewohnheit dasitzen, er mit dem Arm um ihren Nacken, sie das Haupt an seine Schulter gelehnt, müde in Schweigen versunken, einander vergessend; sie, um sich an jenen Herrlichen zu erinnern, der er doch niemals gewesen, er, um sie sich wieder als jenes Ideal zu träumen, das er jetzt nur noch in den Wolken hoch über ihrem Haupte strahlen sah. – So war ihr Zusammenleben, und die Tage kamen und gingen und brachten keine Veränderung. Und Tag für Tag starrten sie auf die Wüste des Lebens hinaus und sagten sich, daß es eine Wüste sei, daß keine Blumen dort seien und auch keine Aussicht auf Blumen, auf Quellen oder grüne Palmen. Je weiter der Herbst vorrückte, desto häufiger wurden Eriks Fahrten zu den Saufgelagen. Was nützte es denn, äußerte er gegen Niels, daß er zu Hause saß und auf Ideen wartete, die nie kamen, bis ihm die Gedanken im Kopf zu Stein wurden, übrigens gewährte ihm Niels Gesellschaft nicht viel Trost, er brauchte Leute, die Leben hatten, Leute, die lärmendes Fleisch und Blut waren, und nicht ein Spielwerk von schwachen Nerven. Niels und Fennimore waren daher oft alleine miteinander, denn Niels begab sich jeden Tag hinüber nach Marianelund. Der Freundschaftsvertrag, den sie geschlossen, und die Worte, die an jenem Sonntagabend zwischen ihnen gefallen, hatten sie ungezwungener und ganz sicher in ihren Beziehungen zueinander gemacht, und, einsam, wie sie beide waren, schlossen sie eine innige, warme Freundschaft, die bald eine große Macht über sie gewann, und ihren Sinn derartig beschäftige, daß ihre Gedanken, ob sie nun getrennt oder beisammen waren, sich immer diesem Freundschaftsverhältnis zuwandten, wie Vögel, die an demselben Nest bauen, alles, was sie sammeln, und was sie verwerfen mit dem einen heimlichen Zweck vor Augen ansehen, das Nest so recht warm und weich für den andern und für sich selbst zu machen. Wenn Niels hinüberkam und Erik fort war, so machten sie fast immer, ob es nun regnete oder stürmte, weite Spaziergänge durch den Wald, der an den Garten stieß. Sie hatten sich in diesen Wald verliebt, und je mehr sein Sommerleben zu Ende ging, desto lieber wurde er ihnen. Es waren ja dort auch tausende von Dingen zu sehen. Zuerst wie das Laub rot und gelb und braun wurde, dann wie es abfiel, an einem windigen Tage in gelben Wirbeln stiebend, wenn es still war, Blatt für Blatt auf Blatt leise zwischen den steifen Asten und den schwankenden, braunen Asten herabraschelnd. Und wie nun das Laub von Bäumen und Büschen fiel, wie kamen da nicht die verstecktesten Geheimnisse des Sommers ans Licht, was lag und saß da nicht umher an zierlichen Sämereien, und farbenreichen Beeren, braunen Nüssen, blanken Eicheln und niedlichen Eichelnäpfchen, Korallenbüscheln an den Berberitzen, schwarzglänzenden Schlehen und scharlachroten Urnen an den Hagebuttensträuchern. An den blätterlosen Buchen saßen dicht bei dicht stachlichte Bucheckern, und die Ebereschen beugten sich unter den schweren, roten Trauben, deren Duft säuerlich war wie Apfelmost. Späte Brombeeren lagen schwarz und braun im feuchten Laub am Wege, im Heidekraut wuchsen Preißelbeeren, und die wilden Himbeeren trugen zum zweitenmal ihre mattroten Früchte. Das Farnkraut hatte wohl hundert Farben, jetzt da es verwelkte; und nun erst das Moos, das war eine förmliche Entdeckung; nicht nur das kräftige Erdmoos an Abhängen und in den Gründen, das Ähnlichkeit hatte mit Tannen und Palmen und Straußfedern, sondern auch das seine Moos an Baumstämmen, das so aussah, wie man sich die Kornfelder der Elfen vorstellen mag, das in seinen, seinen Halmen, mit dunkelbraunen Knospen an den Spitzen wie Ähren aufschoß. Eifrig wie Kinder durchschweiften sie den Wald kreuz und quer, um seine Schätze und Merkwürdigkeiten zu entdecken. Wie Kinder auch wohl zu tun pflegen, hatten sie sich in ihn geteilt, so daß das, was an der einen Seite des Fahrwegs lag, Fennimore gehörte, und das an der andern Seite Niels; oft verglichen sie ihre Reiche miteinander und stritten darüber, wessen Herrlichkeit die größte sei. Auch hatte alles seinen Namen, Klüfte und Hügel, Pfade und Zauntritte, Graben und Dämme. Und wenn sie hier und da einen besonders prächtigen Baum fanden, so bekam der auch seinen Namen. So hatten sie den Wald in jeder nur erdenklichen Weise in Besitz genommen, und so hatten sie sich eine kleine Welt für sich selbst geschaffen, die kein anderer kannte, und in der niemand sich bewegen konnte als sie – und doch hatten sie nicht ein Geheimnis miteinander, das nicht die ganze Welt hätte hören können. Noch hatten sie keins. Aber die Liebe war in ihren Herzen und zwar auch, wieder nicht da, gleichwie die Kristalle in einer übersättigten Lösung sind und doch nicht da sind; nicht da sind, bevor ein Splitter oder eine Faser vom Rechten sich in die Flüssigkeit senkt, und gleichsam mit einem Zauberschlag die schlummernden Atome ausscheidet, so daß sie sich entgegenfliegen, sich nach unerforschlichen Gesetzen ineinander keilen, Niete in Niete, und in einem Nu Kristall sind ... Kristall. So war es auch eine Kleinigkeit, die sie empfinden ließ, daß sie liebten. Es ist nichts dabei zu erzählen; es war ein Tag wie alle andern, sie waren allein im Wohnzimmer wie hundertmal zuvor, und sie hatten von gleichgültigen Dingen gesprochen, und was nach außen hin geschah; war so gewöhnlich und alltäglich wie möglich; es war nichts weiter, als daß Niels am Fenster stand und hinausblickte, und Fennimore ebenfalls hinkam und hinaussah; das war alles, aber es war genug; denn gleichsam wie durch einen Blitzstrahl verwandelten sich Vergangenheit und Gegenwart und Zukunft für Niels Lyhne durch die Erkenntnis, daß er das Weib, das an seiner Seite stand, liebte; nicht wie etwas Leichtes und Süßes und Glückliches und Schönes, das ihn zu Glückseligkeit und Entzücken emporzuheben vermochte, – so war seine Liebe nicht; aber er liebte sie wie etwas, ohne daß er ebensowenig sein konnte, wie ohne Lebensodem; und wie einer, der dem Ertrinken nahe ist, um sich greift, so ergriff er ihre Hand und drückte sie ans Herz. Und sie verstand ihn. Beinahe mit einem Schrei und in einem Ton voll Furcht und Jammer rief sie ihm wie eine Antwort und ein Bekenntnis zu: »O ja, Niels!« und entriß ihm die Hand. Bleich und zögernd stand sie einen Augenblick da; dann sank sie mit einem Knie auf einen gepolsterten Stuhl, verbarg das Gesicht in der Sammetlehne und schluchzte laut. Niels war während einiger Sekunden wie blind, und seine Hände suchten zwischen den Blumenzwiebelgläsern nach einer Stütze. Das dauerte nur wenige Sekunden; dann trat er an den Stuhl, auf dem sie lag, und beugte sich mit der einen Hand auf die Lehne gestützt, über sie, ohne sie zu berühren. »Sei nicht so verzweifelt, Fennimore, blick auf und laß uns miteinander reden. Willst du nicht? Fürchte nichts, laß es uns zusammen tragen, meine einzig Geliebte, laß uns! Versuche, ob du es kannst.« Sie erhob den Kopf ein wenig und sah zu ihm auf. »O Gott, was sollen wir anfangen? – Ist es nicht fürchterlich, Niels? Warum mußte es mir so auf dieser Welt gehen? Und wie herrlich hätte es sein können – so glücklich!« und sie schluchzte wieder. – »Hätte ich schweigen sollen,« klagte er, »arme Fennimore, hättest du es lieber niemals erfahren wollen?« Wieder erhob sie den Kopf und griff nach seiner Hand. »Ich hätte es erfahren wollen und dann sterben; oh, läge ich im Grabe und wüßte es; das wäre so schön, oh, so wohlig und gut ...!« »Es ist bitter für uns, Fennimore, daß das erste, was unsere Liebe uns bringt, nur Angst und Tränen sind, meinst du nicht auch?« »Du darfst nicht hart gegen mich sein, Niels, ich kann ja nicht anders, du kannst es nicht so ansehn wie ich; ich bin's, die stark sein sollte, weil ich es bin, die gebunden ist; könnte ich meine Liebe mit Gewalt nehmen, und sie in die heimlichste Tiefe meiner Seele verschließen, und taub sein gegen all ihr Jammern und Flehen, und dann zu dir treten und sagen, daß du weit, weit fortreisen solltest; aber ich kann nicht, ich habe soviel gelitten; dies kann ich nicht auch noch ertragen, ich kann nicht, Niels, ich kann nicht ohne dich leben, sieh, kann ich es denn? Glaubst du, daß ich es könnte?« Sie erhob sich und preßte sich an seine Brust. »Hier bin ich und lasse dich nicht los; ich will dich nicht fortlassen und selbst in der alten Finsternis zurückbleiben. Es ist wie eine grundlose Tiefe von Ekel und Pein, ich will mich nicht hinstürzen, eher springe ich ins Wasser, Niels; und wenn das neue Leben auch Schmerzen bringt, so sind es doch neue Schmerzen, die nicht den stumpfen Stachel der alten haben, und die nicht so sicher treffen können, wie die alten, die mein Herz so grausam genau kennen. Rede ich irre? – Ja gewiß, aber es tut so wohl, ohne Rückhalt mit dir sprechen zu können, ohne mich mehr davor hüten zu müssen, dir all das viele zu sagen, was nicht recht war. Aber jetzt hast du ein Recht vor allen! Wenn du mich nur ganz hinnehmen möchtest, so daß ich ganz dein wäre, ohne daß auch nur das Geringste einem andern gehörte; könntest du mich herausheben aus allen Verhältnissen, die mich umgeben?« »Wir müssen sie durchbrechen, Fennimore. Ich werde es so gut einrichten; hab' nur keine Angst; eines Tages, bevor noch jemand das Geringste ahnt, sind wir weit fort.« »Nein, nein, wir dürfen nicht fortlaufen, nur das nicht; lieber alles andere, als daß meine Eltern erfahren sollten, ihre Tochter sei fortgelaufen; das ist unmöglich; und ich tue es nimmermehr, bei Gott im Himmel, Niels, ich tue es nimmermehr.« »Oh, aber du mußt, mein Kind, du mußt; siehst du denn nicht die Schlechtigkeit und Niedrigkeit, die von allen Seiten um uns emporwächst, wenn wir bleiben, all die widerliche List und Falschheit und Verstellung, die uns umgarnen und zu Boden drücken und uns elend machen würden. Ich will dich nicht von all dem beflecken lassen; es soll sich nicht wie giftiger Rost in unsere Liebe fressen.« Aber sie war unbeweglich. »Du weißt nicht, wozu du uns verurteilst,« sagte er betrübt, »es wäre weit besser, wenn wir jetzt mit eisernem Absatz zuträten, statt zu schonen. Glaube mir, Fennimore, wenn wir uns unsere Liebe nicht alles sein lassen, das einzige und erste auf der Welt, das, was vor allem andern gerettet werden muß, so daß wir zuschlagen, wo wir lieber heilen möchten, und Kummer bringen, wo wir viel lieber jeden Schatten eines Kummers fern halten möchten, – wenn wir das nicht tun, so wirst du sehen, wie alles das, wovor wir uns beugen, sich schwer auf unsere Schultern legen und uns auf die Knie niederzwingen wird, unbarmherzig und unerbittlich. – Ein Kampf auf den Knien, du weißt nicht wie schwer der zu kämpfen ist. – Du darfst nicht weinen. Wir werden ihn trotzdem kämpfen, mein Mädchen, Seite an Seite, gegen alles.« Während der darauffolgenden Tage fuhr Niels noch mit seinen Versuchen fort, sie zur Flucht zu überreden; dann aber begann er sich auszumalen, wie gewaltsam es Erik treffen würde, wenn er eines Tages heimkäme, und Freund und Gattin fort wären; nach und nach bekam das Ganze in seinen Äugen den Stempel der Unmöglichkeit; und er entwöhnte sich, daran zu denken, wie an so vieles noch, daß er anders gewünscht hätte; mit ganzer Seele gab er sich den Verhältnissen hin, wie sie waren, ohne einen bewußten Versuch, sie umzudichten oder durch phantastische Girlanden und Festons die Mängel fortzulügen. Aber wie süß war es auch zu lieben, einmal die Liebe des wirklichen Lebens zu lieben; denn das, was er früher für Liebe gehalten, war ja keine Liebe, weder die schwermütige Sehnsucht des Vereinsamten, noch das glühende Verlangen des Phantasten oder die ahnungsvolle Nervosität des Kindes; es waren Ströme in dem großen Ozean der Liebe, einzelne Reflexe ihres vollen Lichtes, Splitter der Liebe, gleichsam wie die Meteore, die die Luft durchrasen, die Splitter eines Weltkörpers sind; denn die Liebe, sie ist eine Welt, ein Ganzes, etwas Volles, Großes, Geordnetes. Keine wirre, inhaltlose Fahrt von Gefühlen und Stimmungen – die Liebe ist wie die Natur, ewig wechselnd und ewig gebärend, in ihr erstirbt keine Stimmung, welkt kein Gefühl, ohne dem Keim zu etwas noch Vollkommenerem, den sie in sich trägt, Leben zu geben. Ruhig, gesund, mit tiefen Atemzügen, so war es schön zu lieben, von ganzer Seele zu lieben. Und jetzt fielen die Tage neu und blank vom Himmel herunter, sie kamen nicht selbstverständlich aufeinander folgend, wie die abgenutzten Bilder eines Guckkastens; jeder von ihnen war eine Offenbarung, denn an jedem einzigen fand er sich selbst größer und stärker und gewachsener vor. Er hatte eine solche Innigkeit und Macht des Gefühls nie gekannt, und es gab Augenblicke, in denen er sich weit mehr Titan als Mensch dünkte, eine solche Unerschöpflichkeit spürte er in seinem Innern, eine so flügelstarke Zärtlichkeit schwoll in seinem Herzen empor, – so weit war sein Blick – so heroisch und mild war sein Urteil. Dies war der Anfang und das Glück, und sie waren lange glücklich. Die tägliche Falschheit und Verstellung, die Atmosphäre von Unehre, in der sie lebten, alles das hatte noch keine Macht, es konnte sie in der verzückten Höhe, zu der Niels das Verhältnis und dadurch sie beide emporgehoben hatte, noch nicht erreichen; denn er war nicht einfach ein Mann, der das Weib seines Freundes verführte, oder besser gesagt, er war es, er sagte voll Trotz, daß er es sei; aber er war auch derjenige, der eine schuldlose Frau erlöste, die vom Leben verwundet, versteinert und besudelt war; eine Frau, die sich bereits niedergelegt, um ihre Seele sterben zu lassen; und ihr hatte er das Vertrauen zum Leben wiedergegeben, den Glauben an seine besten Kräfte; er hatte ihren Geist zu Hoheit und Adel erhoben; er hatte ihr Glück gegeben; was war denn besser, jenes unverschuldete Elend, oder daß er sie errungen hatte? Er fragte nicht mehr, er hatte seine Wahl getroffen. Ganz so hatte er es nicht gemeint. Der Mensch baut sich oft Theorien auf, in denen er doch nicht wohnen möchte; die Gedanken gehen oft so viel weiter als das Gefühl für Recht und Unrecht Lust hat, ihnen zu folgen. Aber jene Vorstellung bestand für ihn und nahm der fortwährend notwendigen List, Falschheit, Niedrigkeit und Erbärmlichkeit viel von ihrem ewig fressenden Eitergift. Aber nach und nach mußten sie es doch spüren; es fraß an allzufeinen Nerven, um nicht bald Schaden zu tun und Schmerz zu verursachen; und dieser Zeitpunkt wurde dadurch beschleunigt, daß Erik kurz nach Neujahr meinte, er habe eine Idee, etwas mit einem grünen Überwurf, erzählte er Niels, und eine drohende Stellung. Ob er sich des Grüns in Salvator Rosas Jonas erinnern könne? So etwas Ähnliches. Obgleich Eriks Arbeit nun zum größten Teil darin bestand, daß er im Atelier auf dem Sofa lag, Shag rauchte und Marryat las, so hielt ihn das doch eine Zeitlang viel zu Hause und zwang die beiden dadurch zu erneuter Vorsicht und machte neue Erfindungen und neue Lügen notwendig. Daß Fennimore in dieser Richtung so erfinderisch war, brachte die erste Wolke am Himmel hervor. Anfangs war es nichts, nichts weiter als ein flockenflüchtiger vorüberjagender Zweifel bei Niels, ob seine Liebe vielleicht nicht edler sei als die, die er liebte. Aber dieser Gedanke war nicht bestimmt und klar, nur eine unklare Ahnung, die den Weg andeutete, ein undeutliches Schwanken seines Sinnes, das nach dieser Seite neigte. Aber es kam wieder und hatte mehr im Gefolge, zuerst auch vage und unbestimmt; dann aber jedesmal schärfer und schärfer. Und es war erstaunlich, mit welcher rasenden Eile es untergraben, erniedrigen, den Glanz rauben konnte. Ihre Liebe wurde nicht geringer; im Gegenteil, je tiefer sie sank, desto glühender und leidenschaftlicher wurde sie, aber diese Händedrücke, auf Treppen gestohlen, diese Küsse in Vorzimmern und hinter Türen, diese langen Blicke unter den Augen des Betrogenen – das alles raubte ihr den großartigen Stil. Das Glück stand nicht mehr still über ihren Häuptern, sie mußten sein Lächeln und sein Licht erhaschen, wo und wie sie konnten; List und Verschlagenheit waren keine traurige Notwendigkeit mehr, sondern erfreuliche Triumphe; die Falschheit wurde ihr wahres Element und machte sie so klein und gemein. Es gab auch entwürdigende Geheimnisse, über die sie früher getrauert hatten, jeder für sich, weil sie sich gegenseitig unwissend stellten; jetzt mußten sie teilen, denn Erik war nicht schüchtern, und es fiel ihm oft ein, seine Frau in Niels Gegenwart zu liebkosen, sie zu küssen, sie auf den Schoß zu nehmen und sie zu umarmen; und Fennimore wagte nicht, diese Liebkosungen zurückzuweisen, oder sie hatte nicht mehr wie früher die Macht dazu; das Bewußtsein ihrer Schuld machte sie unsicher und ängstlich. So sank und sank ihrer Liebe hohes Schloß, von dessen Zinnen sie so stolz in die Welt hinabgeblickt, in dem sie sich so stolz und stark gefühlt. Aber sie waren auch froh zwischen den Ruinen. Wenn sie jetzt im Walde spazieren gingen, so geschah es meist an trüben Tagen, wo der Nebel in den braunen Zweigen hing und es zwischen den feuchten Stämmen noch dunkler machte, so daß niemand sehen konnte, wenn sie sich hier küßten, dort umarmten, niemand hören konnte, wenn ihre leichtsinnigen Worte in ausgelassenen Lachfanfaren ausklangen. Jener Stempel von Melancholie der Ewigkeit, den ihre Liebe getragen, war ausgelöscht; eitel Lachen und Scherz herrschte jetzt zwischen ihnen; eine fieberhafte Eile war über sie gekommen, eine Gier nach den hinschwindenden Sekunden der Ewigkeit, als müßten sie sich beeilen zu lieben und hätten nicht das ganze Leben vor sich. Es führte keine Veränderung mit sich, daß Erik seiner Idee nach Ablauf eines Monats müde wurde, und seine Fahrten von neuem so eifrig begann, daß er selten zwei Tage hintereinander zu Hause war. Wohin sie gefallen, dort blieben sie. Vielleicht daß sie einmal in einsamen Stunden klagend zu jener Höhe hinaufblickten, von der sie herabgefallen; vielleicht auch, daß sie nur verwundert dachten, wie anstrengend es gewesen, sich dort oben zu halten, und daß sie sich dort weicher gebettet dünkten, wo sie jetzt lagen. Keine Veränderung trat ein. Wenigstens keine, die zu den alten Tagen zurückgeführt hätte; jedoch die schlaffe Gemeinheit, die darin lag, daß sie lebten, wie sie lebten und doch nicht miteinander entflohen, kam ihnen mehr und mehr zum Bewußtsein und koppelte sie fester und niedriger in ihrem gemeinsamen Schuldgefühl aneinander; denn keiner von ihnen wünschte die Dinge anders, als sie waren. Ebensowenig verbargen sie dies voreinander, denn es war zu jener zynischen Vertraulichkeit zwischen ihnen gekommen, die leicht unter Mitschuldigen entsteht, und es gab garnichts in ihrem Verhältnis, das mit Worten zu berühren sie etwa gescheut hätten. Mit traurigem Mut nannten sie die Dinge bei dem rechten Namen, blickten ihnen ins Auge, sagten sie, wie sie waren. Im Februar hatte es ausgesehen, als sei es mit dem Winter zu Ende, aber dann kam Mutter März in ihrem weißen Mantel mit dem losen Futter, und Schneegestöber auf Schneegestöber bedeckte die Erde mit einer dicken Schicht. Später wurde es still mit klingendem Frost, der Fjord trug viertelzolldickes Eis, das lange liegen blieb. Gegen Ende des Monats saß Fennimore eines Abends nach der Teezeit allein im Wohnzimmer und wartete. Es war sehr hell da drinnen, das Klavier, dessen Kerzen brannten, war geöffnet, der Schirm war von der Lampe genommen, so daß Goldleisten und alles, was an den Wänden hing, deutlich und wach hervortrat. Die Hyazinthen waren von den Fenstern fortgerückt und auf den Schreibtisch gestellt; sie bildeten jetzt einen Büschel glänzender Farben und erfüllten die Luft mit ihrem reinen, gleichsam kühlend starken Duft. Im Ofen brannte das Feuer mit gedämpftem, behaglichen Schnurren. Fennimore ging auf und ab im Zimmer und balancierte beinahe auf einem der dunkelroten Streifen des Teppichs. Sie hatte ein etwas altmodisches schwarzes Seidenkleid an, das mit schweren Garnierungen auf dem Boden schleppte und sich, während sie ging, von einer Seite auf die andere legte. Sie sang leise vor sich hin und hatte mit beiden Händen die Kette mattgelber Bernsteinperlen gefaßt, die sie um den Hals trug, und wenn sie auf ihrem roten Streifen schwankte, hörte sie auf zu singen, fuhr aber fort, die Kette zu halten. Vielleicht sollte ihr Gang ihr prophetisch sein, so, daß Niels kommen würde, wenn sie so und so viele Male durchs Zimmer gehen könnte, ohne von dem Streifen abzuweichen oder die Kette loszulassen. Er war am Vormittag dort gewesen, als Erik fortgefahren, und war bis gegen Abend geblieben, aber er hatte versprochen, noch einmal herüberzusehen, sobald der Mond hervorkommen und es hell genug werden würde, um die Wuhnen draußen auf dem Fjord vermeiden zu können. Fennimore war mit ihrer Prophezeiung zu Ende, welches Resultat diese auch gehabt haben mochte, und trat ans Fenster. Es sah gar nicht aus, als ob der Mond heute abend vorkommen würde, so schwarz war der Himmel, und draußen auf dem graublauen Eise war es noch viel dunkler als am Lande, wo der Schnee lag. Es wäre das beste, wenn er fortbliebe. Mit einem resignierten Seufzer setzte sie sich an das Klavier; sofort stand sie wieder auf, um nach der Stutzuhr zu sehen. Dann kam sie zurück und stellte ganz resolut ein großes, dickes Notenbuch vor sich hin; trotzdem spielte sie nicht, sie blätterte geistesabwesend in dem Buche und versank dann in Gedanken. Wenn er aber nun doch drüben am andern Ufer stände und seine Schlittschuhe anschnallte und im nächsten Augenblick hier wäre! Sie sah ihn so deutlich vor sich; er atmete ein wenig schwer nach dem Lauf und blinzelte hier im Zimmer ins Licht nach all der Dunkelheit da draußen. Er brachte eine solche Kälte mit sich herein, und sein Bart war voll winzig kleiner, blitzender Tropfen. Und dann würde er sagen – ja, was würde er sagen? Sie lächelte und blickte zu Boden. Und noch immer kein Mond. Sie trat wieder ans Fenster und blieb stehen und sah in die Dunkelheit hinaus, bis diese sich vor ihren Augen mit kleinen weißen Funken und regenbogenfarbigen Ringen füllte. Aber sie waren ganz unbestimmt. Sie wünschte, daß draußen ein Feuerwerk wäre, Raketen, die in langen, langen Streifen aufstiegen und dann zu kleinen Schlangen wurden, die sich in den Himmel bohrten und dann mit einem Knall vergingen –; oder auch eine große, große, matte Kugel, die oben in der Luft erzitterte und dann in einem Regen tausendfarbiger Sterne langsam herabsank; seht doch! Seht! So weich und rund, gleichsam wie ein Neigen, wie ein Goldregen, der sich neigt. – Fahr' wohl, fahr' wohl! Das waren die letzten. – Herrgott, daß er noch immer nicht kam! – und spielen wollte sie nicht. Im selben Augenblick wandte sie sich zum Klavier, schlug hart eine Oktave an und hielt die Tasten nieder, bis der Ton ganz verklungen war, und dann wieder und wieder und wieder. Sie wollte nicht spielen. Nicht spielen, nicht spielen. – Aber dafür tanzen! Einen Augenblick schloß sie die Augen und rauschte in Gedanken durch einen Saal in Weiß und Rot und Gold. – Wie herrlich wäre es, getanzt zu haben, erhitzt und durstig zu sein und Champagner zu trinken. Da fiel ihr ein, wie sie und eine Freundin, da sie noch in die Schule gegangen, Champagner aus Sodawasser und Eau de Cologne bereitet, und dann so krank geworden waren, nachdem sie es getrunken. Sie richtete sich empor, ging durchs Zimmer und ordnete instinktmäßig ihren Anzug wie nach dem Tanze. »Wie, wenn ich jetzt vernünftig würde«, sagte sie halblaut, nahm ihre Arbeit und setzte sich in einem großen Lehnstuhl neben der Lampe zurecht. Aber sie war nicht fleißig, ihre Hände sanken bald in den Schoß, und nach und nach kroch sie in dem ganzen Stuhl zusammen, rollte sich förmlich auf, zog das Kleid um die Füße und stützte die Hand ins Kinn. Voll Neugierde fragte sie sich, ob andere Frauen auch wohl seien wie sie, ob sie einen Irrtum begangen hätten und unglücklich geworden wären und dann einen anderen geliebt hatten. Der Reihe nach nahm sie die Damen daheim in Fjordby vor. Dann dachte sie an Frau Boye. Niels hatte ihr von Frau Boye erzählt, und es war immer ein irritierendes Rätsel für sie gewesen, dies Frauenzimmer, das sie haßte, und durch das sie sich gedemütigt fühlte. Erik hatte auch einmal erzählt, daß er rasend verliebt gewesen in Frau Boye. Wer doch alles über sie wüßte! Sie lachte beim Gedanken an Frau Boyes neuen Mann. Und während der ganzen Zeit, wo dies sie beschäftigte, sehnte sie sich nach Niels und horchte auf ihn und dachte sich ihn kommend, über das Eis immer näher kommend. Sie ahnte nicht, daß bereits seit zwei Stunden ein kleiner, schwarzer Punkt sich von einer ganz anderen Seite über schneebedeckte Felder zu ihr hingearbeitet, mit ganz anderer Botschaft als die, welche sie über den Fjord her erwartete. Es war nur ein Mann in Fries und Schmierleder, und jetzt klopfte er an das Küchenfenster und erschreckte das Mädchen. Es sei ein Brief da, sagte Trine, als sie zur gnädigen Frau ins Zimmer trat. Fennimore nahm ihn, es war eine Depesche. Ruhig gab sie dem Mädchen die Quittung und ließ es gehen; sie war durchaus nicht erschrocken, Erik hatte in der letzten Zeit oft an sie telegraphiert, daß er am nächsten Tage mit ein paar Fremden kommen würde. Dann las sie. Plötzlich erblaßte sie, fuhr entsetzt von ihrem Stuhl empor und starrte mit erwartungsvoller Furcht nach der Tür. Sie wollte es nicht herein haben, sie konnte nicht; mit einem Satz hatte sie sich gegen die Tür geworfen und stemmte ihre Schulter dagegen, sie drehte an dem Schlüssel, bis er ihr tief in die Hand schnitt. Aber wie fest sie ihn auch faßte, er wollte sich nicht drehen lassen. Dann ließ sie ihn los. Es war ja auch wahr –, es war ja nicht hier, weit fort von hier in einem fremden Hause. Sie begann zu zittern, die Füße trugen sie nicht länger, und sie sank an der Tür zu Boden. Erik war tot. Die Pferde waren mit ihm durchgegangen, hatten den Wagen an einer Straßenecke umgeworfen, und er war mit dem Kopf an eine Mauer geschleudert. Der Schädel war zermalmt, und jetzt lag er tot in Aalborg. So hatte es sich zugetragen, und das meiste davon stand im Telegramm. Außer dem weißhalsigen Hauslehrer, dem Araber, war niemand mit auf dem Wagen gewesen, und der hatte telegraphiert. Sie lag auf der Erde und jammerte leise vor sich hin, die beiden Hände hatte sie flach auf den Teppich gestemmt; den ausdruckslosen, starren Blick zu Boden gesenkt, wiegte sie sich hilflos mit dem Oberkörper hin und her. Vor einem Augenblick noch war es so hell und duftend um sie her gewesen, und wie gern sie auch wollte, so mit einmal konnte sie das alles doch nicht aufgeben um der pechschwarzen Nacht des Schmerzes und der Reue willen. Es war nicht ihre Schuld, aber in ihrem Bewußtsein spukte es noch immer mit strahlenden Funken von Liebesglück und Liebeslust; und mächtige und törichte Wünsche brachen sich Bahn und verlangten nach der Seligkeit des Vergessens oder danach, mit krampfhaft wildem Ruck das Rad der Begebenheiten zurückrollen zu können. Aber das ging schnell vorüber. In schwarzen Schwärmen von allen Seiten kamen die düsteren Gedanken wie Raben herangeflogen, angelockt von der Leiche ihres Glückes; Schnabel an Schnabel hieben sie auf sie ein, während des Lebens Wärme noch in ihr weilte. Und sie zerfetzten und zerrissen sie und machten sie widerlich und unkenntlich; jeder Zug wurde entstellt und verzerrt, bis sie ein Aashaufen von Scheußlichkeit und Widerlichkeit geworden. Sie erhob sich und ging umher, indem sie sich wie eine Kranke auf Tische und Stühle stützte; verzweifelt blickte sie empor wie nach einem Spinngewebe von Hilfe, nach nur einem Trostesblick, einer kleinen, mitleidigen Liebkosung, aber ihr Auge begegnete nur den hellbeleuchteten Familienporträts, all diesen Fremden, die Zeugen ihres Falles und ihres Verbrechens gewesen, schläfrige, alte Herren, Matronen mit verzerrtem Munde, und dann das ewige Gnomenkind, das sie überall hatten, das kleine Mädchen mit den großen, runden Augen und der höckerigen Stirn. An all dies fremde Eigentum knüpften sich nun doch genug Erinnerungen; der Tisch dort, jener Stuhl, der Schemel mit dem schwarzen Pudelhund, die schlafrockähnliche Portiere, all diese Dinge hatte sie mit Erinnerungen gesättigt, buhlerischen Erinnerungen, die sie ihr jetzt entgegenspien und ihr nachwarfen. – Oh, es war fürchterlich, mit all diesen Gespenstern der Sünde und mit sich selbst eingesperrt zu sein; sie schauderte vor sich zurück, sie drohte ihr, der schamlosen Fennimore, die sich zu ihren Füßen krümmte, sie riß ihr das Kleid aus den flehenden Händen fort. Gnade! Nein, keine Gnade, wie konnte es Gnade geben vor jenen toten Augen in der fremden Stadt, die jetzt, wo sie gebrochen, sahen, wie sie seine Ehre in den Staub getreten, wie sie an seinen Lippen gelogen, wie sie treulos gewesen an seinem Herzen. Sie fühlte, wie sie auf sie geheftet waren, diese toten Augen, sie wußte nicht, woher, sie wand sich unter ihrem Blick, um ihnen zu entgehen, aber sie folgten ihr immer und glitten wie zwei erstarrende Strahlen über sie hin; und während sie so niederstarrte, und jeder Faden des Teppichs und jeder Stich auf den Schemeln in dem starken, scharfen Licht vor ihren Augen unnatürlich deutlich wurden, merkte sie, wie Totenschritte um sie hergingen, wie sie deutlich ihr Kleid streiften, so daß sie voll Entsetzen aufschrie und zur Seite wich; und dann war es vor ihr wie Hände und doch wieder keine Hände, etwas, das langsam nach ihr griff, höhnisch und triumphierend nach ihrem Herzen griff, diesem Wunder von Falschheit dieser Perle an Treulosigkeit! Und sie wich zurück, bis sie gegen den Tisch stieß, aber es war noch immer da, und ihre Brust bot keinen Schutz dagegen; es griff durch Haut und Fleisch wie ... Sie starb beinahe vor Angst, wie sie so dastand und sich wehrlos über den Tisch zurückkrümmte, während sich jeder Nerv in Erwartung verkürzte, und ihre Augen starrten, als sollten sie in ihren Höhlen gemordet werden. Dann ging es vorüber. Sie sah mit unsicherem Blick umher, sank auf die Knie und betete lange. Sie bereute und bekannte, wild und rücksichtslos, in stets wachsender Leidenschaftlichkeit, mit demselben fanatischen Haß gegen sich selbst, der die Nonne dazu bringt, ihren nackten Körper zu geißeln. Begeistert suchte sie nach gemeinen Worten und berauschte sich an Selbsterniedrigung und Demütigung, die nach Gemeinheit verlangte. Endlich stand sie auf. Ihre Brust hob sich heftig und unruhig, auf ihren bleichen Wangen, die während des Gebets voller geworden zu sein schienen, lag ein matter Glanz. Mit einem Blick, als ob sie sich im stillen etwas gelobte, sah sie im Zimmer umher, dann ging sie in das dunkle Nebenzimmer, schloß die Tür hinter sich, stand einen Augenblick still, um sich an das Dunkel zu gewöhnen, tastete sich hin zu der Tür, die auf die geschlossene Glasveranda führte, und trat hinaus. Hier war es heller; der Mond, der inzwischen hervorgekommen, schien durch die Kristalle der geschlossenen Glaswand gelblich durch die Scheiben selbst, rot und blau durch das bunte Glas, das den Rahmen um die Scheiben bildete. Mit der Hand taute sie an einer Stelle das Eis auf und trocknete das Wasser sorgfältig mit ihrem Taschentuch fort. Noch war niemand draußen auf dem Fjord zu sehen. Sie begann in ihrem Glaskäfig auf und ab zu gehen. Hier standen keine anderen Möbel als ein Sofa aus gebogenem Holz, und dieses lag voll welker Efeublätter, von den Ranken da oben unter der Decke. Jedesmal, wenn sie vorüberging, raschelten die Blätter leise im Luftzug, und dann und wann fand ihr Kleid auch Laub auf dem Fußboden und zog es mit kratzendem Laut mit sich über die Dielen. Der Kälte trotzend und die Arme über der Brust gekreuzt, ging sie auf ihrer traurigen Wacht hin und her. Er kam. Mit einem Ruck hatte sie die Tür geöffnet und trat mit ihren dünnen Schuhen auf den eisigen Schnee. Sie gönnte sich dies; barfüßig hätte sie zu dieser Begegnung gehen mögen. Beim Anblick der schwarzen Gestalt auf dem weißen Schnee hatte Niels seine Fahrt gemäßigt und kam nun mit zögernden, prüfenden Schwenkungen langsam an Land. Es war, als brenne diese schleichende Gestalt ihr in die Augen. Jede Bewegung, jeder Zug, den sie wiedererkannte, traf sie wie ein schamloser Hohn, gleichsam prahlend mit seinen entwürdigenden Geheimnissen. Sie zitterte vor Haß, ihr Herz quoll über von Flüchen, und sie war ihrer selbst kaum mächtig. »Ich bin's,« rief sie ihm höhnend entgegen, »die Dirne Fennimore.« »Aber um Gottes willen, du Liebe?« fragte er verwundert, jetzt nur noch ein paar Schritte von ihr entfernt. »Erik ist tot.« »Tot?! Wie?« Er mußte mit seinen Schlittschuhen in den Schnee treten, um nicht umzufallen. »Aber so sag' doch!«, und eifrig trat er noch einen Schritt näher. Jetzt standen sie sich Angesicht zu Angesicht gegenüber, und sie mußte sich Gewalt antun, um nicht mit der geballten Faust in diese bleichen, verstörten Züge zu schlagen. »Ich werde es dir schon sagen,« sprach sie, »er ist tot, wie ich gesagt, die Pferde sind in Aalborg mit ihm durchgegangen, sein Kopf ist zerschmettert, und wir gingen hier umher und betrogen ihn.« »Das ist schrecklich,« stöhnte Niels und faßte sich an die Schläfen, »wer hätte auch ahnen können ... ah! Wären wir ihm doch treu gewesen, Fennimore. Erik, armer Erik! – Wäre ich es doch gewesen!« Und er schluchzte laut und krümmte sich vor Schmerz. »Ich hasse dich, Niels Lyhne.« »Bah! Wir!« stöhnte Niels ungeduldig, »wenn wir ihn nur wiederhätten. Arme Fennimore,« verbesserte er sich dann, »kümmere dich nicht um mich. Du sagst, du hassest mich? Das magst du tun, ja, das magst du.« Plötzlich richtete er sich auf. »Laß uns hineingehen,« sagte er, »ich weiß nicht mehr, was ich sage. Wer, sagtest du, hat telegraphiert?« »Hinein!« schrie Fennimore, die heftig wurde, weil er ihre Feindseligkeit nicht beachtete. »Dort hinein! Nimmermehr wirst du deinen feigen, ehrlosen Fuß in dieses Haus setzen. Wie wagst du nur daran zu denken, du Elender, du falscher Hund, der du hierhergeschlichen kamst und deines Freundes Ehre stahlst, weil sie schlecht verwahrt war. Wie, hast du sie nicht vor seinen Augen gestohlen, weil er glaubte, du seist ehrlich, du Hausdieb!« »Still, still, du bist wahnsinnig! Was ficht dich an? Was für Worte gebrauchst du!« Er hatte sie fest beim Arm gepackt und nähergezogen und sah ihr erstaunt ins Gesicht. »Du mußt dich fassen,« fuhr er in milderem Tone fort, »was kann es nützen, Kind, mit so häßlichen Worten um sich zu schlagen.« Sie riß ihren Arm von ihm los, so daß er auf seiner unsicheren Grundlage zu schwanken begann. »Hörst du denn nicht, daß ich dich hasse!« jammerte sie, »ist denn nicht soviel vom Gehirn eines ehrlichen Mannes in dir, daß du das begreifst? Wie blind muß ich gewesen sein, als ich dich liebte, du zusammengelogener Mensch, während ich ihn zur Seite hatte, der zehntausendmal besser war als du. Ich werde dich hassen und verachten bis an mein Lebensende. Als du damals kamst, war ich rechtschaffen; ich hatte nie etwas Böses getan, aber da kamst du mit deiner Poesie und deinem Dreck und logst mich hinunter zu dir in den Schmutz. Was hatte ich dir denn getan, daß du mich nicht in Ruhe lassen konntest, mich, die ich dir vor allen andern hätte heilig sein sollen. Tagaus, tagein muß ich nun mit diesem Schandfleck auf meiner Seele leben, und nie kann ich mit der Geringsten einer zusammentreffen, ohne mir sagen zu müssen, daß ich noch geringer bin. All meine Jugenderinnerungen hast du vergiftet. An was kann ich jetzt noch zurückdenken, das gut und rein wäre. Das hast du ausgelöscht, alles! Nicht nur er ist tot, alles, was zwischen ihm und mir Lichtes und Gutes gewesen, ist auch tot und verfault. Oh, Gott helfe mir, ist es gerecht, daß ich keine Rache an dir nehmen kann nach allem, was du mir getan? Mach mich wieder rechtschaffen, Niels Lyhne, mach mich wieder fleckenlos und gut. Nein, nein. – Aber es müßte so sein, daß man dich foltern könnte, bis du dein Unrecht wieder gutgemacht. Kannst du, kannst du es fortlügen? Steh nicht dort und kriech in dich zusammen in deiner Hilflosigkeit; leide hier vor meinen Augen, winde dich in Pein und Verzweiflung, und sei elend; laß ihn elend sein, Herrgott, laß ihn mir nicht auch noch die Rache stehlen. Geh, du Elender, geh, ich werfe dich von mir, aber ich schleppe dich mit mir, glaub es, durch all die Qualen, die ich auf dich herabhassen kann.« Sie hatte die Arme drohend nach ihm ausgestreckt, jetzt wandte sie sich ab und ging; leise klirrte die Tür der Veranda hinter ihr. Erstaunt, fast ungläubig, stand Niels da und blickte den Weg entlang, den sie gegangen; ihm war, als stände es noch vor ihm, das bleiche, rachedurstige Antlitz, das so seltsam gemein und roh in seiner Leidenschaftlichkeit und seiner gewohnten formenzarten Schönheit so ganz beraubt war, daß es aussah, als sei es in all seinen Linien von einer schonungslosen, unbarmherzigen Hand umgepflügt. Er stolperte vorsichtig auf das Eis zurück und begann, mit dem Mondlicht vor sich und dem Wind im Rücken, langsam der Fjordmündung zuzulaufen. Nach und nach, als seine Gedanken die Aufmerksamkeit von der Umgebung ablenkten, lief er schneller, und die Eissplitter vom Eisen seiner Schlittschuhe rasselten, von dem stets zunehmenden Frostwinde getrieben, klirrend mit ihm über die blanke Fläche. Also das war das Ende! So also hatte er die Frauenseele erlöst und sie emporgehoben und ihr Glück gegeben! Wie schön war es, das Verhältnis zu dem toten Freunde, seinem Jugendfreunde, für den er Zukunft, Leben und alles hatte opfern wollen! Er mit seinem Opfern und Erlösen! Himmel und Erde sollten ihn ansehen, wenn sie einen Mann sehen wollten, der sein Leben auf der Höhe der Ehre erhielt, ohne Flecken und ohne Fehler, damit er nicht auch einen Schatten auf die Idee werfe, der er diente, und die zu verkünden er berufen war! Er lief weiter. Das war nun auch so einer von seinen großprahlerischen Gedanken, daß sein erbärmliches Leben Flecken auf die Sonne der Idee werfen könnte. Herrgott! Stets mußte er alles so hoch nehmen! Das war ihm nun einmal angeboren; konnte er nichts Besseres werden, so wollte er wenigstens ein Judas sein und sich in großartiger Unheimlichkeit Ischariot nennen. Das klang doch nach etwas. – Mußte er sich denn stets gebärden, als sei er verantwortlicher Minister bei der Idee und Mitglied ihres geheimen Staatsrates, der alles, was die Menschheit betraf, aus erster Hand hatte! – Ob er niemals lernen würde, in aller Bescheidenheit danach zu streben, seine Pflicht im Garnisondienst der Idee zu tun als Gemeiner niederen Ranges? Auf dem Eise waren rote Feuer, und er kam so nahe an ihnen vorüber, daß ein riesenhafter Schatten für einen Augenblick aus seinen Füßen herausschoß, sich nach vorwärts drehte und verschwand. Er dachte an Erik und an den Freund, der er für Erik gewesen. Oh, er! Die Kindheitserinnerungen rangen die Hände über ihn; die Jugendträume verhüllten ihr Antlitz und weinten über ihn; seine ganze Vergangenheit sah ihm mit einem langen, vorwurfsvollen Blicke nach. Diesem allen war er so treulos gewesen um einer Liebe willen, die so klein und niedrig wie er selbst. – Trotzdem war etwas Erhabenes in ihrer Liebe gewesen; auch dem war er treulos geworden. Wohin fliehen vor all diesen Anläufen, die immer im Grabe endeten? Sein ganzes Leben war nichts anderes gewesen, und auch in Zukunft würde es nicht anders werden, er wußte es, er fühlte es so sicher, daß er krank wurde bei all dieser Aussicht auf all diese unnütze Mühe, und von ganzer Seele wünschte, daß er diesem sinnlosen Schicksal entfliehen könnte. Wenn nur das Eis unter ihm brechen wollte, wie er so darüber hinfuhr, und alles mit einem Aufschnappen und Hinabsinken in das kalte Wasser vorüber wäre. Ermattet vom Lauf blieb er stehen und blickte zurück. Der Mond war fort, und der Fjord lag dunkel und lang zwischen den weißen Hügeln des festen Landes. Nun kehrte er um und arbeitete gegen den Wind an. Dieser war stark, und er war müde. Er suchte windsicher ans hohe Ufer zu gelangen, aber als er so vorwärtsrang, kam er auf eine Windwuhne, und das dünne Eis gab mit knisterndem, zähen Knacken unter ihm nach. Wie leicht ward ihm aber doch ums Herz, als er wieder auf festes Eis kam! Die Angst hatte die Müdigkeit beinahe verjagt, und kräftig steuerte er vorwärts. Während er sich draußen mühte, saß Fennimore im hellerleuchteten Zimmer, enttäuscht und zermartert. Sie kam sich wie um ihre Rache betrogen vor, sie wußte nicht, was sie erwartet hatte, aber es war etwas ganz anderes gewesen; ihr hatte etwas Erhabenes und Mächtiges, etwas wie Schwerter und rote Flammen vorgeschwebt, oder auch das nicht, etwas, das sie trug und sie auf einen Thron setzte; und nun war es so kleinlich und alltäglich ausgefallen, und sie war sich mehr wie eine Zänkerin vorgekommen, als eine, die verflucht... Sie hatte doch etwas von Niels gelernt.   Früh am nächsten Morgen, als Niels von Ermüdung überwältigt noch schlief, reiste sie ab. 12. Kapitel Den größten Teil der nächsten zwei Jahre schweifte Niels Lyhne im Auslande umher. Er war so einsam. Keine Verwandten hatte er, keinen Freund, der seinem Herzen nahe. Aber eine größere Vereinsamung als diese war über ihn gekommen; denn wohl mag der jammern und sich verlassen fühlen, der auf der ganzen ungeheuren Erde nicht einen einzigen kleinen Fleck hat, den er segnen, und auf den er Gutes herabwünschen, dem er sein Herz zuwenden kann, wenn das Herz überquellen muß, nach dem er sich sehnen kann, wenn die Sehnsucht ihre Flügel ausbreiten will; aber wenn der klare, feste Stern eines Lebenszwecks blinkend über ihm steht, so ist keine Nacht so einsam, daß er ganz allein wäre. Aber Niels Lyhne hatte keinen Stern. Er wußte nicht, was er mit sich und seinen Fähigkeiten anfangen sollte. Es war ja recht gut, daß er Talent hatte; er konnte es nur nicht gebrauchen und fühlte sich wie ein Maler ohne Hände. Wie er die andern beneidete, Große und Kleine, die, wohin sie im Dasein auch griffen, stets einen Henkel zu fassen bekommen! – Denn er konnte gar keinen Henkel finden. Er konnte nur, wie es ihn dünkte, die alten, romantischen Gesänge wieder singen, und alles, was er ausgerichtet hatte, war auch nichts anderes gewesen. Es war, als sei sein Talent etwas Abgelegenes in ihm, ein stilles Pompeji oder gleichsam eine Harfe, die er vom Nagel nehmen konnte. Es war nicht allgegenwärtig, lief nicht die Straße mit ihm hinunter, saß ihm nicht in den Augen, kribbelte ihm nicht in den Fingerspitzen, durchaus nicht; sein Talent hatte ihn nicht gepackt. Zuweilen dünkte es ihn, als sei er ein halbes Jahrhundert zu spät geboren, zuweilen wieder, daß er allzu früh gekommen. Das Talent in ihm stand mit seiner Wurzel in etwas Vergangenem und schöpfte sein Leben nur daraus, konnte keine Nahrung aus seinen Ansichten, seiner Überzeugung, seinen Sympathien ziehen, konnte sie nicht in sich aufnehmen und ihnen Form verleihen; diese beiden Dinge flossen auseinander wie Wasser und Öl, sie konnten zusammengeschüttelt werden, aber sie konnten sich nicht vermischen, niemals eins werden. Nach und nach begann er dies einzusehen, und es machte ihn grenzenlos mißmutig und gab ihm einen spöttischen, mißmutigen Blick für sich selbst und seine Vergangenheit. Es mußte ein Fehler in ihm stecken, sagte er sich, ein unheilbarer Fehler mußte in dem innersten Mark seines Lebens stecken, denn er glaubte, ein Mensch müsse sich zusammenleben können. In dieser Gemütsverfassung war er, als er sich Anfang September im letzten Jahr seines ausländischen Aufenthalts in dem kleinen Riva am Ufer des Gardasees niederließ. Gleich nach seiner Ankunft verschloß das Land sich rings umher mit einem Wall von Fährlichkeiten und Reisehindernissen, die alle Fremden fern hielten. Die Cholera war nämlich im Venezianischen südlich im Desenzano und nördlich um Trient herum ausgebrochen. Unter diesen Umständen ging es in Riva nicht sehr lebhaft zu. Bei den ersten Gerüchten hatten die Hotels sich geleert, und die Italienreisenden machten einen Umweg. Um so enger schlossen die wenigen Zurückgebliebenen sich aneinander. Die merkwürdigste unter diesen war eine berühmte Opernsängerin, deren wirklicher Name Madame Odero war. Ihr Theatername hatte einen weit berühmteren Klang. Sie und ihre Gesellschafterin, Niels und ein tauber Wiener Doktor waren die einzigen Gäste im Hotel »Zur goldenen Sonne«, dem ersten der Stadt. Niels schloß sich sehr nahe an sie an, und sie gab jener Innigkeit in seinem Wesen nach, wie man sie oft bei Leuten findet, die mit sich selbst im Unfrieden leben und deshalb darauf angewiesen sind, mit andern in Ruhe zu leben. Madame Odero lebte hier schon im siebenten Monat, um sich in vollständiger Ruhe von den Nachwirkungen eines Halsleidens zu erholen, das ihre Stimme bedroht hatte. Der Arzt hatte ihr für ein ganzes Jahr alles Singen verboten; und damit sie nicht in Versuchung komme, überhaupt jede Musik. Erst nach Ablauf des Jahres wollte er sie versuchen lassen zu singen, und wenn es sich zeigte, daß dies nicht die geringste Ermüdung im Gefolge hatte, würde sie vollkommen geheilt sein. Niels erlangte eine Art zivilisierenden Einfluß auf Madame Odero, die eine heftige, feurige Natur mit sehr wenigen Nuancen war. – Es war ein fürchterliches Urteil für sie gewesen zu hören, daß sie ein ganzes Jahr in Ruhe, fern aller Bewunderung und Vergötterung leben solle, und anfangs war sie ganz verzweifelt und starrte von Schreck gelähmt dieser zwölfmonatigen Zukunft entgegen als sei sie ein tiefes, schwarzes Grab, in das man sie lebendig legen wollte. Aber alle Menschen schienen zu meinen, daß es etwas Unvermeidliches sei, und dann war sie eines Morgens nach Riva geflüchtet. Wohl hätte sie an einem lebhafteren und besuchteren Orte leben können, aber das wollte sie gerade nicht. Sie schämte sich, und ihr war zumute, als sei sie mit einem äußerlichen, sichtbaren, körperlichen Leiden behaftet und glaubte, den Leuten ansehen zu können, wie sie sie um ihrer Gebrechlichkeit willen bedauerten und darüber miteinander sprachen. Sie hatte daher an ihrem neuen Aufenthaltsort jeden Umgang gemieden und zum großen Teil in ihren Zimmern gelebt, deren Türen viel Böses hatten ertragen müssen, wenn diese freiwillige Absperrung allzu unerträglich wurde. Jetzt, wo alle Menschen fort waren, tauchte sie wieder auf und kam dadurch mit Niels Lyhne in Berührung, denn vor dem einzelnen Menschen hatte sie durchaus keine Angst. Man brauchte nicht oft mit ihr zusammen zu sein, um Klarheit darüber zu bekommen, wie weit sie einen leiden konnte oder nicht, denn sie zeigte es deutlich genug. Was Niels Lyhne zu sehen bekam, war sehr aufmunternd, und sie hatten noch nicht viele Tage allein miteinander in diesem prächtigen Hotelgarten mit seinen Granaten und Myrten, seinen blühenden Oleanderbäumen und seiner herrlichen Aussicht gelebt, als sie schon sehr vertraut miteinander wurden. Es war durchaus nicht von Verliebtsein die Rede, oder jedenfalls waren sie es nicht sehr; es war eines jener vagen, angenehmen Verhältnisse, die zwischen Männern und Frauen entstehen können, die über die erste Jugend mit ihrem Auflodern und ihrem Sehnen nach dem unbekannten Glück fort sind. Es ist eine Art Altweibersommer, wo man zierlich Seite an Seite promeniert und sich selbst zum Bukett bindet, sich mit der Hand eines andern streichelt, sich mit den Augen eines andern bewundert. All die hübschen Geheimnisse, die man hat, all die niedlichen, gleichgültigen Dinge, die man aufbewahrt, alle Nippes der Seele werden hervorgeholt und gehen von Hand zu Hand, prüfend mit künstlerischem Suchen nach dem rechten Licht werden sie emporgehalten, während man vergleicht und erklärt. Natürlich hat man zu solch einer Art von Sonntagsverhältnis nur Ruhe, wenn das Leben gute Stunden hat, aber an dem schönen See hatten sie ja Zeit genug, diese beiden. Niels war es, der das Verhältnis eingeleitet, indem er Madame Odero durch Worte, und Manieren mit einer kleidsamen Melancholie drapiert hatte. Gleich im Anfang war sie mehr als einmal nahe daran, sich den ganzen Staat herunterreißen und als die Barbarin hervorzutreten, die sie wirklich war; als sie aber fand, daß sie es vornehm kleide, übernahm sie die Melancholie wie eine Rolle, und beschränkte sich nicht allein darauf, die Türen nicht mehr zuzuwerfen, sondern suchte auch in sich selbst nach solchen Stimmungen und Empfindungen, die zu der neuen Tracht passen konnten; und wie sie später fand, war es ganz erstaunlich, wie wenig sie sich bis jetzt selbst gekannt hatte. Ihr Leben war ja allzu bewegt und wechselnd gewesen, als daß sie bis dahin Zeit gehabt hätte, in sich aufzuräumen, und eigentlich war es doch auch erst jetzt, daß sie sich dem Alter näherte, in dem Frauen, die viel gelebt, und viel von der Welt gesehen haben, anfangen, ihre Erinnerungen aufzubewahren, auf sich selbst zurückzublicken und sich eine Vergangenheit zu sammeln. Aus dieser Einleitung entwickelte sich das Verhältnis schnell und bestimmt, und sie wurden einander ganz unentbehrlich. Sie waren nur halb, wenn sie allein waren. Da, eines Morgens, als Niels draußen segelte, hörte er Madame Odero im Garten singen. Erst gedachte er umzukehren und sie zu schelten, aber ehe er sich noch recht bedacht, war er außer Hörweite. Außerdem reizte der Wind zu einer Tour nach Limone, und zu Mittag konnte er wieder zurück sein. Er segelte also. Madame Odero war ungewöhnlich früh in den Garten hinuntergekommen. Der frische Duft, der da draußen herrschte, die runden Wogen, die sich glasklar und blank unter der Gartenmauer hoben und senkten, die ganze Farbenpracht auf allen Seiten, blauer See, von der Sonne versengte Berge, wie weiße Segel, die über den See flogen, die roten Blüten, die sich über ihrem Haupte zu Bogen wölbten, alles dies, und dann noch ein Traum, den sie nicht vergessen konnte, der fortfuhr, sich nach ihrem Herzen zu drängen .... sie konnte nicht still sein, sie mußte teilhaben an all diesem Leben. Da sang sie denn. Voller und voller klang ihrer Stimme Jubel, sie berauschte sich an ihrem Wohlklang, sie erzitterte in dem wollüstigen Empfinden ihrer Macht; und sie fuhr fort, sie konnte nicht aufhören; dazu ging es zu herrlich vorwärts durch wundersame Träume von künftigen Triumphen. Und sie spürte keine Müdigkeit; sie konnte reisen, sofort reisen, zugleich das Nichts all dieser Monate von sich abschütteln, wieder hervortreten und leben. Um die Mittagszeit war alles zur Abreise bereit. Gerade als der Wagen vorfuhr, fiel ihr Niels Lyhne ein. Sie riß ein elendes, kleines Notizbuch, das sie bei sich trug, aus der Tasche und schrieb es voll mit Abschiedsworten an Niels, denn die Blätter waren so klein, daß nur drei, vier Worte auf jedem stehen konnten; dann schob sie es in einen Briefumschlag und fuhr ab. Als Niels im Laufe des Nachmittags heimkehrte, – die Gesundheitspolizei in Limone hatte ihn aufgehalten – war sie längst in Mori und auf der Bahn. Er war nicht erstaunt, nur betrübt; durchaus nicht böse, und hatte sogar noch ein leises, resigniertes Lächeln für diese neue Feindseligkeit des Schicksals. Als er aber am Abend in dem leeren, mondbeschienenen Garten saß, und dem kleinen Knaben des Wirts die Geschichte erzählte von der Prinzessin, die ihr Gefieder wiederfand, und fort von ihrem Geliebten flog, zurück in das Land der Feen, da faßte ihn eine unendliche Sehnsucht nach Lönborghof, er wollte fühlen, daß etwas wie ein Heim ihn umschlösse, ihn an sich zöge und ihn festhielt, ganz gleich wie. Er konnte die Gleichgültigkeit des Daseins nicht länger ertragen, von allen Seiten losgelassen und auf sich selbst zurückgeworfen zu werden. Kein Heim auf Erden, kein Gott im Himmel, kein Ziel in der Zukunft! Er wollte wenigstens ein Heim haben; er wollte es sich anlieben, diesen Fleck im Großen wie im Kleinen, jeden Stein, jeden Baum, Lebloses und Lebendes, sein Herz daran verteilen, so daß es ihn nie mehr loslassen konnte. 13. Kapitel Ungefähr ein Jahr hatte Niels auf Lönborghof gewohnt und die Bewirtschaftung geleitet, so gut er konnte, oder soviel sein Verwalter es zuließ. Er hatte seinen Schild vom Nagel genommen, die Devise ausgelöscht und entsagt. Die Menschheit mußte sich ohne ihn behelfen, er hatte das Glück kennengelernt, das die rein körperliche Arbeit gewährt, wenn wir den Haufen unter unseren Händen wachsen sehen, wenn wir wirklich fertig werden können, so, daß wir fertig sind; zu wissen, wenn wir müde fortgegangen, daß die Kräfte, die wir zugesetzt, hinter uns in unserer Arbeit zurückbleiben, und daß die Arbeit bleiben wird, daß sie nicht während der Nacht vom Zweifel verzehrt, nicht von der Kritik einer mißmutigen Morgenstunde auseinandergeblasen werden kann. In der Landwirtschaft lagen keine Sisyphussteine. Und dann seinen Körper müde gearbeitet zu haben; der Genuß, zur Ruhe zu gehen und sich wieder Kräfte anzuschlafen, um sie von neuem zuzusetzen, regelmäßig, wie Tag und Nacht aufeinanderfolgen, ohne von den Launen seines Gehirns behindert zu werden, ohne daß man sich vorsichtig zu berühren braucht wie eine gestimmte Gitarre mit abgenutzten Schrauben! Er war so recht gleichmäßig glücklich, und oft konnte man ihn sitzen sehen, wie sein Vater gesessen, an einer Heckentür oder an einem Grenzstein, in seltsam vegetativer Ergriffenheit auf den goldenen Weizen oder den ährenschweren Hafer starrend. Noch hatte er nicht begonnen, mit den Familien der Umgegend weiteren Umgang zu suchen; der einzige Ort, wohin er einigermaßen häufig kam, war Kanzleirat Skinnerups Haus in Varde. Die Leute waren in die Stadt gekommen, als sein Vater noch lebte, und da der Kanzleirat einer von Lyhnes alten Universitätsfreunden war, kamen die Familien viel zusammen. Skinnerup, ein milder, kahlköpfiger Herr mit scharfen Zügen und sanften Augen war jetzt Witwer und hatte das Haus mehr als voll mit vier Töchtern, von denen die älteste siebzehn, die jüngste zwölf Jahr alt war. Niels liebte es, sich mit dem sehr belesenen Kanzleirat über allerlei ästhetische Gegenstände zu unterhalten, denn weil er angefangen hatte, seine Hände zu gebrauchen, war er doch noch nicht plötzlich Bauer geworden. Ihm war auch die ein wenig komische Vorsicht angenehm, mit der er sich ausdrücken mußte, sobald von einem Vergleich zwischen dänischer und ausländischer Literatur die Rede war, oder überhaupt auch sonst, wenn Dänemark mit etwas verglichen wurde, das nicht dänisch war; denn es war sehr notwendig, vorsichtig zu sein. Der milde Kanzleirat war nämlich einer von diesen guten, wütenden Patrioten, die damals existierten, Leute, die man dahin bringen konnte, mißmutig einzugestehen, daß Dänemark nicht die bedeutendste der Großmächte sei, die aber sonst kein einziges weiteres Zugeständnis machten, welches das Land, oder irgend etwas, das mit dem Lande zu tun hatte, anderswohin stellen konnte als an die Spitze. – Was ihm an diesem Gesprächen sonst noch lieb war, aber ganz unbestimmt und ohne das geringste Gewicht darauf zu legen, war die frohe Bewunderung zu sehen, mit der die siebzehnjährige Gerda ihm folgte, wenn er sprach; sie suchte stets zugegen zu sein, wenn er da war, und war so innig bei der Sache, daß er sie häufig vor Entzücken erröten sehen konnte, wenn er etwas gesagt hatte, was ihr besonders schön erschien. Er war nämlich ganz unverschuldet das Ideal dieser jungen Dame geworden; ursprünglich am meisten deshalb, weil er, wenn er in die Stadt geritten kam, einen ausländischen grauen, spanischen Mantel von sehr romantischem Schnitt trug. Und dann auch noch dies, daß er zum Beispiel stets Milano und nicht Mailand sagte, und dann, daß er allein in der Welt stand, und sein ein wenig schwermütiger Gesichtsausdruck. Es war so vieles, worin er vor allen andern Menschen sowohl in Varde als auch in Ringkjöbing verschieden war. An einem heißen Sommertage kam Niels durch die kleine Straße hinter dem Garten des Kanzleirats. Die Sonne brannte auf die kleinen, ziegelbraunen Häuser herab; im Fluß lagen die Fahrzeuge mit Matten über die Seiten gehängt, damit das Pech nicht aus den Fugen schmelze, rund umher war alles geöffnet, um eine Kühle einzulassen, die draußen nicht vorhanden war. In den offenstehenden Haustüren saßen die Kinder und lernten laut an ihren Aufgaben und summten um die Wette mit den Bienen drüben im Garten, ein Schwarm Spatzen schwirrte lautlos von Baum zu Baum, alle mit einmal in die Höhe, und alle zusammen mit einemmal wieder nieder. Niels trat in ein kleines Haus, das an den Garten stieß, und wurde von der Frau, die lief, um ihren Mann vom Nachbar zu holen, allein in einer reinen, kleinen Stube gelassen, in der es nach Stärkwäsche und Goldlack roch. Als er mit den Bildern, den beiden Hunden auf der Kommode und den Muscheln auf dem Nähkasten fertig war und an das offene Fenster trat, hörte er Gerdas Stimme dicht neben sich, und da standen auch ganz nahe am Hause die vier Fräulein Skinnerup auf dem Bleichplatz des Kanzleirats. Die Balsaminen und die andern Blumen im Fenster versteckten ihn, und er schickte sich an, sowohl zu lauschen wie zu sehen. Offenbar war ein Zank im Gang, und die drei jüngerem Geschwister machten gemeinsame Sache gegen Gerda. Alle hatten sie zitronengelbe Reifenstöcke in den Händen, und die jüngste hatte sich drei, vier von den rot umwundenen Ringen wie eine Art Turban auf den Kopf gesetzt. Sie war es, die jetzt sprach. »Sie sagt, daß er aussieht wie der Themistokles drinnen auf dem Bureauofen,« sagte sie zu ihren Mitverschworenen und setzte eine schwärmerische Miene mit zum Himmel gewandten Blicken auf. »Bah,« sagte die, mittlere, eine bissige, kleine Dame, die im Frühjahr konfirmiert worden, »ob Themistokles auch wohl einen runden Rücken hatte?« Und sie ahmte Niels Lyhnes ein wenig vorgebeugte Haltung nach. »Themistokles, ein schöner Stiefel!« »Es liegt etwas so Männliches in seinem Blick, er ist wirklich ein Mann,« zitierte die Zwölfjährige. »Der!« das war wieder die mittlere. »Er gießt sich Parfüm auf, ist das männlich? Vor ein paar Tagen lagen seine Handschuhe da und rochen schon von weitem nach Mille Fleurs!« »Alle Vollkommenheiten!« rief die Zwölfjährige in mattem Entzücken und schwankte ergriffen zurück. Sie taten, als richteten sie all diese Repliken an sich untereinander und nicht an Gerda, die glühend rot ein wenig weiter fort stand und mit ihrem gelben Stock in der Erde herumbohrte. Plötzlich erhob sie den Kopf. »Ihr seid recht unartige Mädchen,« sagte sie, »so von einem zu sprechen, von dem ihr nicht wert seid, angesehen zu werden.« »Er ist doch auch wohl nur ein Mensch wie wir andern,« wandte jetzt milde die älteste von den dreien ein, als ob sie vermitteln wollte. »Nein, das ist er durchaus nicht,« sagte Gerda. »Er hat aber doch auch seine Fehler,« fuhr die Schwester fort und tat, als ob sie nicht höre, was Gerda sagte. »Nein!« »Liebe Gerda, du weißt doch, daß er nie in die Kirche geht.« »Was sollte er auch da! Er ist viel klüger als der Pastor.« »Ja, aber leider glaubt er durchaus nicht an Gott!« »Oh, du kannst überzeugt sein, meine Beste, daß er seine guten Gründe dafür hat, wenn er es nicht tut.« »Pfui Gerda, wie kannst du das sagen!« »Man sollte beinahe glauben ...« unterbrach die Konfirmierte sie. »Was sollte man beinahe glauben?« fragte Gerda heftig. »Gar nichts, gar nichts, beiß mich nur nicht,« entgegnete die Schwester und tat plötzlich ungeheuer friedlich. »Wirst du jetzt augenblicklich sagen, was es war!« »Nein, nein, nein, nein, nein, ich sollte doch meinen, daß ich den Mund halten kann, wenn ich will.« Sie ging, von der Zwölfjährigen begleitet, in schwesterlicher Eintracht hielten sie sich umschlungen. Hinterher ging die Ältere vor Entrüstung strotzend. Gerda blieb allein zurück und blickte trotzig vor sich hin, während sie mit dem gelben Reifspielstock in der Luft herumfuchtelte. Kurz darauf klang vom anderen Ende des Gartens her die heisere Singstimme der Zwölfjährigen: »Du fragst, mein lieber Knabe, Was das welke Veilchen mir soll ...« Niels verstand die Neckerei sehr wohl; er hatte Gerda nämlich kürzlich ein Buch geschenkt, in dem ein trockenes Weinblatt aus dem Garten in Verona lag, in dem sich Julias Grab befindet. Er konnte sich kaum des Lachens enthalten. Dann kam inzwischen die Frau mit ihrem Mann, den sie endlich gefunden, und Niels machte seine Bestellung auf die Tischlerarbeit, um deretwillen er gekommen war. Von diesem Tage an beobachtete Niels Gerda genauer, und mehr und mehr gingen ihm die Augen darüber auf, wie lieb und prächtig sie war; allmählich suchten seine Gedanken dies vertrauensvolle kleine Mädchen immer häufiger auf. Aber sie war auch reizend und hatte soviel von jener milden, rührenden Schönheit, die einem beinahe Tränen in die Augen treibt. In ihrer ganzen früh entwickelten Gestalt war das weiblich Üppige durch eine kindliche Fülle gleichsam unschuldig gemacht. Ihre kleinen, weichgeformten Hände, die gerade die rosenrote Farbe der Übergangszeit verloren, waren ebenfalls so unschuldig und hatten nichts von der nervösen, zitternden Neugier dieses Zeitpunktes. Sie hatte einen so starken, hübschen Hals, so voll sich rundende Wangen, so eine niedrige und träumerische kleine Frauenstirn, wo Gedanken, die groß sind, so ungewohnt sind und beinahe weh tun, so daß sich die vollen Brauen dabei runzeln. Und das Auge! so dunkelblau und tief, aber nur tief wie ein Wasser, dessen Grund man sieht, zwischen weichen Augenwinkeln, wo das Lächeln Ruhe fand und so geborgen unter Lidern saß, die sich in langer Verwunderung hoben. So sah sie aus, die kleine Gerda, weiß und rot und blond mit all ihrem kurzen, goldglänzenden Haar, ehrbar zu einem zierlichen Knoten geschlungen. Sie sprachen oft miteinander, Niels und Gerda, und er war mehr und mehr von ihr entzückt; ruhig, zart und offen im Anfang, bis eines Tages jene Veränderung in der Luft um sie her eintrat, der kleine Funke von dem, was man mit Sinnlichkeit zu stark bezeichnen würde, und was trotzdem das ist, das Hände, Mund und Augen treibt, nach dem zu greifen, was das Herz seinem Herzen nicht nahe genug haben kann. Und dann wieder eines Tages kurze Zeit darauf, ging Niels zu Gerdas Vater, weil Gerda so jung und er ihrer Liebe so sicher war. Und der Vater gab sein Jawort, und Gerda das ihre. Und als es Frühling wurde, heirateten sie. Es schien Niels, als sei das Dasein so unendlich klar und schlicht geworden, das Leben so einfach zu leben, und das Glück so nah und ebenso leicht zu erlangen wie die Luft, die er mit jedem Atemzug einsog. Er liebte es, das junge Weib, das er gewonnen, mit all der Zartheit der Gedanken und des Herzens, mit der ganzen großen, zärtlich tiefen Fürsorge, die in einem Mann lebt, der den Hang der Liebe zu sinken, kennt, und der an die Fähigkeit der Liebe zu steigen, glaubt. Er war so vorsichtig mit dieser jungen Seele, die sich ihm in namenlosem Vertrauen zuneigte, sich mit derselben liebkosenden Zuversicht, derselben festen Überzeugung an ihn schmiegte, daß er nichts anderes, als ihr Wohl, wollte, wie jenes Lamm in der Parabel zu seinem Hirten hatte, aus dessen Hand es aß, und aus dessen Becher es trank. Er brachte es nicht übers Herz, ihr ihren Gott zu rauben, all jene weißen Engelscharen des Landes zu verweisen, die den ganzen Tag singend durch den Himmel schweben, und um die Abendzeit auf die Erde herabkommen und in treuer Wacht von Lager zu Lager gehen und ein schützendes, unsichtbares Licht durch das Dunkel der Nacht breiten. Er wollte so ungern, daß eine schwere, bilderlose Lebensanschauung sich zwischen sie und das milde Blau des Himmels breiten solle und sie dahin bringe, sich verlassen und unsicher zu fühlen. Aber sie wollte es anders, sie wollte alles mit ihm teilen, es sollte keine Stelle im Himmel und auf Erden geben, wo ihre Wege sich trennten, und was er auch sagte, um sie zurückzuhalten, sie widerlegte alles, wenn auch nicht mit den Worten jenes Moabitischen Weibes, so doch mit demselben hartnäckigen Gedanken, der in den Worten lag – dein Volk soll mein Volk sein, und dein Gott sei mein Gott. Und nun begann er im Ernst, sie zu belehren und er entwickelte vor ihr, wie alle Götter nur Menschenwerk seien und, wie alles von Menschenhänden, nicht für ewige Zeiten bestehen könnten, sondern zerfallen müßten, Gottesgeschlecht auf Gottesgeschlecht, weil die Menschheit sich ewig fortentwickelt und verändert und unaufhörlich an ihren Idealen emporwächst. Und ein Gott, in den nicht die größten und edelsten der Geschlechter ihren reichsten geistigen Inhalt niedergelegt – ein Gott, der sein Licht nicht von der Menschheit erhält, sondern durch sich selbst leuchten sollte, ein Gott, der nicht in der Entwicklung war, sondern in dem historischen Kalk der Dogmen erstarrt war – der war kein Gott mehr, sondern ein Abgott, und deshalb hatte das Judentum recht Baal und Astarte gegenüber, das Christentum recht wegen Jupiter und Odin, denn ein Abgott ist nichts auf der Welt. Von Gott zu Gott war die Menschheit vorgeschritten, und deshalb konnte Christus einerseits zu dem alten Gotte sagen, daß er nicht gekommen sei, das Gesetz aufzulösen, sondern das Gesetz zu erfüllen, und andrerseits konnte er über sich fort hinauf zu einem noch höheren Gottesideal weisen durch jene mystischen Worte über die Sünde, die nicht vergeben werden kann, die Sünde gegen den Heiligen Geist. Weiter lehrte er sie, wie der Glaube an einen persönlichen Gott, der alles zum besten lenkt und im künftigen Leben straft und belohnt, nur eine Flucht aus der rauhen Wirklichkeit sei, ein ohnmächtiger Versuch, der trostlosen Willkür des Daseins den Stachel zu nehmen. Er zeigte ihr, wie es der Menschen Mitleid mit den Unglücklichen erschlaffen und sie minder bereit machen müsse, alle ihre Fähigkeiten einzusetzen, um zu helfen, wenn sie sich mit dem Gedanken daran beruhigen konnten, daß alles, was hier auf Erden erduldet wird, dem Dulder den Weg zu einer Ewigkeit in Herrlichkeit und Freude bahnt. Er hob vor ihr hervor, welche Kraft und Selbständigkeit es dem Menschengeschlecht geben würde, wenn es im Glauben an sich selbst sein Leben im Einklang mit dem zu leben versuchte, was der einzelne Mensch in seinen besten Augenblicken von dem, was in ihm ist, am höchsten stellt, anstatt es außerhalb in eine kontrollierende Gottheit zu legen. Er machte seinen Glauben so schön und segensreich, wie er nur konnte, aber er verhehlte ihr auch nicht, wie erdrückend schwer und trostlos die Wahrheit des Atheismus in den Stunden des Kummers zu tragen sein werde, im Vergleich zu jenem lichten, glücklichen Traum von einem himmlischen Vater, der lenkt und regiert. Aber, sie war mutig; allerdings erschütterten manche seiner Lehren sie bis ins Innerste, und am häufigsten gerade die, von denen man es am wenigsten erwartet hätte; aber ihr Vertrauen zu ihm kannte keine Grenzen, ihre Liebe stieg mit ihm aus allen Himmeln herab, und sie erliebte sich ihre Überzeugung. Und da das Neue mit der Zeit heimisch und gewohnt ward, wurde sie im höchsten Grade intolerant und fanatisch, so wie es stets den Jüngern gegangen war, die ihren Meister über alles liebten. Niels tadelte sie oft; aber das konnte sie nie begreifen, daß, wenn das Ihre das Wahre war, das der andern nicht verabscheuungswürdig und tadelnswert sein sollte. Drei Jahre lang lebten sie ein glückliches Leben zusammen, und viel von diesem Glück strahlte ein kleines Kindergesicht aus, ein kleiner Knabe, den sie im zweiten Jahre ihrer Ehe bekommen hatten. Im allgemeinen macht das Glück die Menschen gut, und Niels strebte ehrlich auf jede Weise, ihr Leben so edel, schön und nützlich zu machen, daß das Wachstum ihrer Seele hinan zu dem Menschenideal, an das sie beide glaubten, nie ins Stocken geriete. Aber es war niemals mehr die Rede bei ihm von dem Gedanken, die Fahne der Idee hinauszutragen unter die Menschen, es genügte ihm, ihr zu folgen. Es kam wohl dann und wann vor, daß er die alten Versuche wieder aufnahm, aber er wunderte sich stets darüber, daß wirklich er es gewesen, der all diese schönen, kunstfertigen Dinge geschrieben, und regelmäßig traten ihm bei seinen eigenen Versen die Tränen in die Augen. Indessen würde er um keinen Preis der Welt mit dem Armen getauscht haben, der sie geschrieben hatte. Plötzlich gegen Frühjahr wurde Gerda krank und konnte nicht mehr leben. Früh an einem Morgen, es war der letzte, wachte Niels bei ihr. Die Sonne ging gerade auf und warf einen rötlichen Schein auf die weißen Vorhänge, während das Morgenlicht, das an der Seite der Gardine hereinfiel, noch blau war und den Schatten zwischen den weißen Falten des Bettes und unter Gerdas mageren, bleichen Händen, die gefaltet auf der Bettdecke lagen, ebenfalls blau machte. Das Häubchen war herabgeglitten, und sie lag mit dem Kopf weit zurück, ganz verändert, so seltsam vornehm, mit den scharfen, spitzen Zügen der Krankheit. Sie bewegte die Lippen, wie um sie anzufeuchten, und Niels griff nach dem Glase mit dem dunkelroten Trank, aber sie schüttelte abwehrend den Kopf. Da wandte sie ihm plötzlich das Gesicht zu und starrte mit Anstrengung in seine kummervollen Züge. – Je länger sie auf all den tiefen Schmerz blickte, den sie zeigten, und auf all die Hoffnungslosigkeit, die sie zur Schau trugen, desto mehr ging ihre angstvolle Ahnung in fürchterliche Gewißheit über. Sie versuchte, sich zu erheben, aber sie konnte nicht mehr. Schnell beugte Niels sich über sie, und sie erfaßte seine Hand. »Ist dies der Tod?« fragte sie und dämpfte ihre matte Stimme, wie um es nicht ganz auszusprechen. Er sah sie nur an, indem er schwer und stoßweise mit jammerndem Seufzer atmete. Gerda packte seine Hand und warf sich in ihrer Angst zu ihm herüber: »Ich kann nicht!« Er glitt neben dem Bette auf die Knie und schob seinen Arm unter das Kopfkissen, so daß er sie beinahe an seiner Brust hielt. Die Tränen blendeten ihn, so daß er sie nicht sehen konnte, und eine nach der andern rollte ihm über die Wangen. Mit einem Zipfel des Bettuchs führte er ihre Hand an seine Augen; dann wurde er wieder Herr seiner Stimme. »Sag mir alles, liebe Gerda,« sagte er, »kehre dich an nichts; willst du den Prediger?« Er konnte nicht glauben, daß es das sei, und sein Ton drückte Zweifel aus. Sie antwortete nicht, sie schloß die Augen und zog den Kopf ein wenig zurück, als wolle sie mit ihren Gedanken allein sein. Das dauerte einen Augenblick. Das lange, weiche Pfeifen einer Schwarzamsel erklang unter den Fenstern, dann pfiff eine zweite und nun eine dritte; eine lange Reihe von Flötentönen schob sich hinein in die Stille des Zimmers. Nun blickte sie auf. »Wenn du doch mitkämst,« sagte sie und lehnte sich schwerer gegen das Kissen, das er stützte. Hierin lag eine Liebkosung, und er fühlte sie... »Wenn du mitkämst! Aber allein!« Und sie zog leise an seiner Hand und ließ sie dann los, »ich kann nicht!« Ihre Augen wurden ängstlich. »Du mußt ihn holen, Niels, ich kann so dort oben nicht allein ankommen. Wir haben ja nie daran gedacht, daß ich zuerst sterben würde, du warst es immer, der vorausging. Ich weiß wohl... Aber wenn wir uns dennoch geirrt hätten, es könnte doch sein, Niels, könnte es nicht? Du glaubst nein; aber es ist doch seltsam; wenn alle Menschen sich irrten, und absolut nichts wäre, all die großen Kirchen ... Und wenn man begraben wird, die Glocken ... Ich habe immer gemeint, die Glocken ...!« Sie lag still da, als hoffe sie auf das Geläute und höre es. »Es ist unmöglich, Niels, daß es mit dem Tode vorbei sein kann, du kannst es nicht fühlen, der du gesund bist, du meinst, daß es uns gänzlich zerschmettern muß, weil man so matt ist, und alles hinschwindet, aber das ist nur für die Welt um uns, innen ist ebensoviel Seele wie vorher, ja, Niels, das ist es, ich habe es alles hier drinnen, alles, was ich bekommen, dieselbe unendliche Welt, nur stiller, mehr allein mit sich, so wie wenn man die Augen schließt. Es ist nur wie ein Licht, du, es geht fort von dir, hinein ins Dunkle, hinein ins Dunkle, und es wird schwächer und schwächer und schwächer für dich, und du kannst es nicht sehen, aber da hinten, wo es ist, leuchtet es ebenso hell. – Weit fort. – – Ich habe immer geglaubt, ich würde so eine alte, alte Frau werden und hier bei euch allen bleiben, und nun darf ich nicht länger, ich werde von Haus und Heim genommen, und ihr laßt mich ganz allein gehen. Ich fürchte, Niels, daß dort, wohin ich muß, unser Herrgott ist, der regiert, und er kümmert sich nicht um unsere Klugheit hier auf Erden, er will das Seine und nichts anders, und das ist so weit fort von hier, all das Seine. Ich habe nicht viel Böses getan, nicht wahr? Aber das ist es nicht ... Hol mir den Prediger, ich möchte ihn so gern haben.« Niels erhob sich sofort, um den Prediger zu holen; er war dankbar dafür, daß dies nicht im allerletzten Augenblick gekommen. Der Prediger kam und blieb mit Gerda allein. Es war ein schöner Mann in mittleren Jahren, mit feinen, regelmäßigen Zügen und großen, braunen Augen. Natürlich kannte er sowohl Niels Lyhnes wie Gerdas Verhältnis zur Kirche, und man hatte ihm ja auch verschiedene kirchenfeindliche Äußerungen vom Fanatismus der jungen Frau hinterbracht, aber es fiel ihm durchaus nicht ein, zu ihr zu sprechen wie zu einer Abtrünnigen oder einer Heidin; er begriff sowohl, daß es nur ihre große Liebe gewesen, die sie auf Irrwege geführt, und er begriff auch das Gefühl, das sie jetzt, da die Liebe nicht weiter mit ihr gehen konnte, voll Angst nach Versöhnung mit dem Gotte verlangen ließ, den sie früher gekannt; und deshalb versuchte er, mit seinen Worten mehr ihre Erinnerung zu wecken, und las solche Stellen aus dem Evangelium und solche Psalmen, von denen er glaubte, daß sie sie am besten kenne. Und er irrte nicht. Wie klangen sie nicht, diese Worte, so festlich bekannt wie das Läuten der Glocken an einem Weihnachtsmorgen; wie lag es gleich wieder vor ihrem Blick, das Land, in dem unsere Phantasie zu allererst zu Hause war, wo Josef träumte, und wo David sang, wo die Leiter steht, die von der Erde bis in den Himmel geht! Mit Feigen- und mit Maulbeerbäumen liegt es da, und der Jordan blitzte silberklar durch den Morgennebel; Jerusalem lag rot und traurig in der Abendsonne, aber über Bethlehem war eine herrliche Nacht mit großen Sternen oben im dunklen Blau. Wie brach der Kinderglaube wieder hervor! Sie wurde wieder das kleine Mädchen, das an der Hand seiner Mutter in die Kirche ging und saß und fror und sich verwunderte, weshalb die Menschen soviel sündigten, dann wuchs sie wieder unter den hohen Worten der Bergpredigt, und wie die kranke Sünderin lag sie da, als der Prediger von den heiligen Mysterien, vom Sakrament der Taufe und des Altars sprach. Da rang sich der rechte Drang in ihrem Herzen durch, jenes tiefe Knien vor dem allmächtigen, richtenden Gotte, jene bitteren Reuetränen vor dem verratenen, verspotteten und gequälten Gotte und jenes demütig verwegene Sehnen nach dem erneuten Bündnis des Weines und des Brotes mit dem geheimnisvollen Gotte. Um Mitternacht starb sie. Es waren schwere Zeiten, die dann folgten. Die Zeit schwoll zu etwas Ungeheurem und Feindlichem an, jeder Tag war eine unendliche Wüste der Leere, jede Nacht eine Hölle von Erinnerungen. Erst nach Monaten, als der Sommer zu Ende ging, hatte der reißende, schäumende Strom des Schmerzes sich ein Flußbett in seine Seele gegraben, so daß er wie ein murmelnder, schwerwogender Bach von Sehnsucht und Schwermut dahinfließen konnte. Da fand er eines Tages, als er vom Felde heimkehrte, seinen kleinen Knaben sehr krank. Er hatte während der letzten Tage ein wenig gekränkelt und war in der Nacht vorher unruhig gewesen, aber niemand hatte geahnt, daß es etwas zu bedeuten habe; jetzt lag er fieberglühend und fieberkalt in seinem kleinen Bett und stöhnte vor Schmerz. Augenblicklich wurde der Wagen nach Varde geschickt, um einen Arzt zu holen; aber keiner war zu Hause, und man mußte stundenlang warten. Um die Schlafenszeit war er noch nicht gekommen. Niels saß am Bett des Knaben, mindestens jede halbe Stunde schickte er jemand hinaus, um zu spähen und zu horchen, ob der Wagen nicht käme. Ein reitender Bote wurde dem Wagen entgegengeschickt, aber er traf ihn nicht und ritt geradewegs nach Varde. Dieses Warten auf eine Hilfe, die nicht kam, machte es noch qualvoller, Zeuge der Leiden des Kindes zu sein. Und die Krankheit machte schnelle Fortschritte. Gegen elf Uhr trat ein erster Krampfanfall ein, und dann wiederholte er sich in immer kürzeren Zwischenräumen. Kurz nach ein Uhr kam der reitende Bote mit dem Bescheid zurück, daß der Wagen während der nächsten Stunden noch nicht zu erwarten sei, da noch keiner der Ärzte zurückgekehrt war, als er von der Stadt fortgeritten. Da brach Niels zusammen, er hatte sich gegen die Verzweiflung gewehrt, solange es möglich gewesen zu hoffen; jetzt konnte er nicht mehr. Er ging in das dunkle Zimmer neben dem Krankenzimmer und starrte durch die Scheiben, während seine Nägel sich in das Holz des Fensterpfostens gruben; seine Augen fraßen sich gleichsam durch die Dunkelheit nach Hoffnung; sein Gehirn krümmte sich zum Sprunge nach einem Wunder; dann wurde es einen Augenblick klar und still, und in dieser Klarheit wandte er sich ab vom Fenster und warf sich über einen nahestehenden Tisch und schluchzte ohne Tränen. Als er wieder in das Krankenzimmer kam, hatte das Kind Krämpfe; er sah es mit an, als wolle er sich damit töten; diese kleinen Hände, die sich zusammenballten, weiß mit blaßblauen Nägeln; diese starren Augen, die aus ihren Höhlen traten, dieser verzerrte Mund, in dem die Zähne knirschten, wie Eisen gegen einen Stein, es war furchtbar anzusehen, und doch nicht das Schlimmste. Nein, aber wenn dann der Krampf aufhörte, und der Körper wieder weich und biegsam wurde und sich dem Glück über den gelinderten Schmerz hingab, und dann die Angst, die sich im Blick des Kindes zeigte, wenn es merkte, daß der Krampf wiederkehrte, das wachsende Flehen um Hilfe, wenn der Schmerz näher und näher kam, ja das, nicht helfen zu können, nicht mit seinem Herzblut, nicht mit allem, was er hatte und besaß; – er hob die geballten Fäuste drohend zum Himmel, er packte das Kind in einem wahnsinnigen Gedanken an Flucht, und dann warf er sich auf die Knie und betete zu dem Herrgott im Himmel, der das Erdenreich durch Zucht und Prüfungen in Angst hält, der Not und Krankheit, Leiden und Tod schickt, der will, daß jedes Knie sich in Beben beugen soll, vor dem keine Flucht möglich ist, weder bis zum äußersten Meer noch in den Abgrund, zu ihm, dem Gott, der, wenn es ihm gefällt, auf den tritt, den du am meisten auf der Welt liebst, und ihn unter seinem Fuß wieder zurück zu dem Staub quält, aus dem er ihn geschaffen. In solchen Gedanken flehte Niels empor zu jenem Gott, warf sich in Ohnmacht nieder vor dem Himmelsthron, und bekannte, daß sein die Macht sei, sein allein. Aber das Kind fuhr fort zu leiden. Und als der alte Kriegsrat, der Gutsarzt, gegen Morgen in das Tor einfuhr, war Niels allein. 14. Kapitel Jetzt ist es Herbst. Auf den Gräbern oben auf dem Friedhof sind keine Blumen mehr und braun und faulend liegt das Laub in der Feuchtigkeit unter den Bäumen des Gartens von Lönborghof. In bitterer Schwermut geht Niels Lyhne in den leeren Zimmern umher. Etwas in ihm ist gebrochen, in der Nacht, als das Kind starb. Er hat das Selbstvertrauen verloren, seinen Glauben an die Kraft des Menschen, das Leben zu ertragen, das er zu leben bekommen. Das Dasein war widerlich geworden, und sein Inhalt sickerte bedeutungslos nach allen Seiten fort. Es nützte nichts, daß er jenes Gebet, das er gebetet, den wahnsinnigen Schrei eines Vaters nach Hilfe für sein Kind nannte, obgleich er wußte, daß niemand den Schrei hören könne. Er hatte gewußt, was es war, das er inmitten seiner Verzweiflung getan. Er war versucht worden und er war gefallen; es war ein Sündenfall, ein Abfall von sich selbst und von der Idee. Es war wohl, daß die Tradition in seinem Blute zu stark gewesen; das Menschengeschlecht hatte während so vieler Jahrtausende stets in seiner Not zum Himmel geschrien, und nun hatte er dem ererbten Drange nachgegeben; aber er hätte widerstehen sollen wie einem bösen Instinkt; er wußte ja doch bis in die innersten Fibern seines Gehirns, daß Götter Träume seien, und daß es ein Traum, zu dem er geflohen, als er betete, ebenso wie er in alter Zeit, wenn er sich der Phantasterei in die Arme geworfen, gewußt hatte, daß es Phantasterei sei. Er hatte das Leben nicht ertragen können wie es war, er war in der Härte des Kampfes der Fahne untreu geworden, zu der er geschworen; denn das Neue, der Atheismus, die heilige Sache der Wahrheit, welches Ziel hatte das alles, was war es anders als Flittergoldnamen für das eine Einfache: das Leben ertragen, wie es war! das Leben ertragen, wie es war und das Leben sich nach den eigenen Gesetzen des Lebens bilden lassen. Es kam ihm vor, als habe jene qualvolle Nacht sein Leben abgeschlossen; was nachher kam, konnte nur interesselose Szene sein, die an den fünften Akt angeheftet war. Er konnte gern seine alte Lebensanschauung wiederaufnehmen, wenn er Lust dazu hatte, aber einmal war er gefallen, und ob er es später noch einmal tun oder es nicht tun würde, das war ganz gleichgültig, das eine wie das andere. Das war die Stimmung, in der er sich am häufigsten befand. Dann kam jener Novembertag, an dem der König starb, und der Krieg mehr und mehr zu drohen begann. Bald hatte er seine Angelegenheiten auf Lönborghof geordnet und meldete sich als Freiwilliger. Die Langweiligkeit der Ausbildung ertrug er sehr leicht; es war ja schon außerordentlich viel, kein überflüssiger Mensch zu sein; und als er dann zur Armee kam, der ewige Kampf mit der Kälte, dem Ungeziefer, Unbequemlichkeiten jeder Art, alles dies, das die Gedanken vertrieb, so daß sie sich mit dem beschäftigen konnten, was dicht vor der Tür lag, es machte ihn beinahe munter, und seine Gesundheit, die teilweise unter dem Kummer des letzten Jahres gelitten hatte, wurde wieder ganz vortrefflich. An einem trüben Märztage bekam er dann einen Schuß in die Brust. Hjerrild, der Arzt am Lazarett war, sorgte dafür, daß er in einen kleinen Saal gelegt wurde, in dem nur vier Betten waren. Der eine von denen, die da drinnen lagen, war durchs Rückgrat geschossen und lag ganz still; der zweite hatte eine Wunde in der Brust, er lag dort seit ein paar Tagen und phantasierte ohne Unterbrechung ganze Stunden lang in hastig gesprochenen, abgerissenen Worten; der letzte endlich, der Niels am nächsten lag, war ein großer, starker Bauernbursche mit dicken, runden Backen; ein Granatsplitter war ihm ins Gehirn gedrungen, und ununterbrochen, stundaus, stundein hob er jede halbe Minute den rechten Arm und das rechte Bein zu gleicher Zeit und ließ sie dann sofort wieder zurückfallen, indem er die Bewegung mit einem hörbaren, aber dumpfen, tonlosen »Ho–ho« begleitete, immer im selben Takt, immer genau dasselbe, Ho, wenn er die Glieder hob, Ho, wenn sie zurückfielen. Dort lag Niels Lyhne. Die Kugel war ihm in die rechte Lunge gegangen und nicht zum Vorschein gekommen. Im Kriege können nicht viel Umstände gemacht werden, und er erfuhr, daß er nicht viel Aussicht habe zu leben. Das wunderte ihn, denn er fühlte sich nicht sterbend und hatte keine Schmerzen an seiner Wunde. Aber bald überkam ihn eine Mattigkeit, die ihm sagte, daß der Arzt recht habe. Nun war also das Ende da. Er dachte an Gerda, er dachte viel an sie am ersten Tag, aber fortwährend störte ihn der seltsam kalte Blick, den sie gehabt, als er sie zum letztenmal in seine Arme genommen. Wie schön wäre es gewesen, schmerzlich schön, wenn sie sich bis zum letzten Augenblick an ihn geklammert und ihn nicht aus dem Auge gelassen hätte, bis der Tod es matt gemacht, zufrieden damit, ihr Leben bis zum letzten Atemzuge an dem Herzen gelebt zu haben, das ihr so teuer gewesen, anstatt sich in der letzten Stunde von ihm zu wenden, um sich zu weiterem Leben über das Leben hinaus zu erretten. Den zweiten Tag im Lazarett wurde Niels mehr und mehr schwermütig durch den schwülen Dunst da drinnen, und die Sehnsucht nach frischer Luft und der Wunsch zu leben, hatten sich in seinen Gedanken seltsam verflochten. Es war doch soviel Schönes im Leben gewesen, dachte er, als er sich an das frische Lüftchen daheim am Strande erinnerte, an das kühle Rauschen in Seelands Buchenwäldern, an die reine Bergluft in Clarens, an die zarte Abendbrise am Gardasee. Wenn er aber an die Menschen dachte, so wurde ihm wieder weh in der Seele. Er rief sie einen nach dem andern vor sich hin und alle gingen sie an ihm vorüber und ließen ihn allein, und nicht einer blieb zurück. Aber hatte er denn auch an ihnen festgehalten, war er treu gewesen? Es war nur, daß er langsamer aufgegeben hatte. Nein, das war es nicht. Es war das große Traurige, daß eine Seele stets allein ist. Es war eine Lüge, jeder Glaube an die Verschmelzung von Seele und Seele. Nicht die Mutter, die uns auf den Schoß nimmt, nicht der Freund, nicht das Weib, das an unserm Herzen ruhte ... Gegen Abend begann die Wunde sich zu entzünden, und die Schmerzen nahmen beständig zu. Hjerrild kam abends und saß einen Augenblick neben ihm; um Mitternacht kam er wieder und saß lange dort. Niels litt viel und stöhnte vor Schmerz. »Ein Wort im Ernst, Lyhne,« sagte Hjerrild, »wollen Sie einen Geistlichen?« »Ich habe nicht mehr mit Geistlichen zu tun als Sie«, flüsterte Niels erbittert. »Von mir ist nicht die Rede, ich lebe und bin gesund, quälen Sie sich doch nicht mit Ihren Anschauungen; Leute, die sterben müssen, haben keine Anschauungen, und die sie haben, bedeuten nichts, Anschauungen sind nur zum Leben da; im Leben tun sie ihren Dienst. Kann es einem einzigen Menschen nützen, ob er in dieser oder jener Anschauung stirbt? Glauben Sie mir, jeder von uns hat lichte, süße Erinnerungen aus seiner Kindheit; ich habe so viele Dutzend sterben sehen, es tröstet immer, die Erinnerungen hervorzuholen. Lassen Sie uns ehrlich sein, wir mögen sein, wie wir es nennen wollen, aber wir bringen Gott doch nie ganz aus dem Himmel; unser Hirn hat ihn sich zu oft dort oben gedacht, er ist hineingeläutet und hineingesungen, seitdem wir kleine Kinder waren.« Niels nickte; Hjerrild beugte sich zu ihm nieder, um zu hören, ob er etwas sagen wolle. »Sie meinen es gut,« flüsterte Niels, »aber«, und er schüttelte entschlossen den Kopf. Lange blieb es still da drinnen, nur das ewige Ho–ho, Ho–ho des Bauernburschen hämmerte langsam die Zeit in Stücke. Hjerrild erhob sich. »Fahrwohl, Lyhne,« sagte er, »es ist ein schöner Tod, für unser armes Land zu sterben.« »Ja,« sagte Niels, »aber es war doch nicht auf diese Weise, daß wir träumten, das unsere zu tun, damals vor langer, langer Zeit.« Hjerrild ging; als er in seinem Zimmer war, stand er lange am Fenster und sah hinauf zu den Sternen. »Wenn ich Gott wäre,« murmelte er, und in Gedanken fuhr er fort, »würde ich viel lieber den selig machen, der nicht im letzten Augenblick noch umkehrt.« Niels Schmerzen wurden heftiger und heftiger. Sie hämmerten und hämmerten unbarmherzig in der Brust und wurden unerträglich; es wäre vielleicht gut gewesen, einen Gott zu haben, zu dem man hätte beten und klagen können. Gegen Morgen begann er zu phantasieren. Die Entzündung war in vollem Gange. Und so dauerte es noch zwei Tage und Nächte. Als Hjerrild Niels Lyhne zum letztenmal sah, lag er und fabelte von seiner Rüstung und davon, daß er stehend sterben wolle. Und endlich starb er dann den Tod, den schweren Tod.