Franz Xaver Bronner Ein Mönchsleben aus der empfindsamen Zeit Zweiter Band Elftes Kapitel: Reise und Empfang in Augsburg. Antritt meiner Reise nach Augsburg – Vorfälle in Konstanz – Ein Wiedersehen – Fernerer Verlauf der Reise – Ankunft in Augsburg – Empfang bei de Haiden – Lossprechung vom Bann und die geistlichen Exerzitien – Eine unvermutete Zusammenkunft – Betragen und erste Beschäftigung – Die ersten Autorfreuden und -leiden – Schlechte Aussichten – Jesuitismus und geheime Gesellschaften – Zurückgezogenheit – Aufmunterung durch Geßner. Am Freitag, den 14. Juli 1786 lieferte ich einen Koffer, den ich gekauft und mit meinen wenigen Kleidern und Büchern bepackt hatte, zum Konstanzer Boten, besuchte noch einmal den Herrn Ratsherrn Geßner, um bei ihm und seiner ganzen Familie, besonders bei Heinrich, meinen Abschied zu wiederholen, beurlaubte mich ebenso bei Herrn Amtmann Heidegger und meinen übrigen Freunden in der Orellischen Buchhandlung, dann bei meinen Kostleuten, die mir unter Tränen allen Segen auf die Reise wünschten, und ging zur Kronenpforte, um den Boten mit seiner Kutsche zu erwarten. Als ich dort auf der Bank saß, kam Herr Rittmeister von Orell, den ich oft im Geßnerschen Hause gesehen und als einen echten Biedermann kennen gelernt hatte, von einem Spaziergange zum Tor herein, schritt freundlich auf mich zu, wünschte mir voll Rührung und Wohlwollen Glück zu meinem mißlichen Vorhaben und gab mir mit nassen Augen den Abschiedskuß. Auch diesen edlen Mann sah ich zum letztenmal! Ein wohlgewachsenes Frauenzimmer mit einem Knaben saß neben mir auf der Bank und wartete ebenso wie ich, bis der Wagen ankommen würde. Ein Geistlicher, ihr Bruder, hatte sie bis unter die Pforte begleitet. Bald kam auch ein dicker, lustiger Kaufmann von Genf, der aus demselben Grunde unter der Pforte verweilte und, sobald er erfuhr, daß die hübsche Frau seine Reisegefährtin sein würde, sich spaßend und mit auffallender Zudringlichkeit an sie machte und, weil sie nicht Französisch verstand, mit umschlingendem Arme und andern Geberden sie von seiner Zuneigung zu überzeugen bemühte, so daß die gute Frau und der Geistliche mich einstimmig baten, ich möchte doch sogleich beim Einsteigen neben ihr Platz nehmen, um der allzu kühnen Freundlichkeit des Genfers Schranken zu setzen. Dies geschah. Die Ernsthaftigkeit, mit der ich mich dabei benahm, brachte ihn auf den Gedanken, ich müßte wohl der Mann der jungen Frau sein, und wir waren noch nicht lange gefahren, so tat er seine Vermutung durch eine Frage kund. Die Frau war schalkhaft genug, ihn auf seiner Meinung zu lassen, und ich drückte ihr zum Beweise unsrer langen Bekanntschaft vertraulich die Hand. Dies gab Anlaß zu einer lustigen Farce, die wir bis nach Frauenfeld spielten, und in die sich sogar der muntre Knabe bald fand, der mich einmal ums andre »Vater« nannte. Der Genfer machte den Liebhaber, ich den Eifersüchtigen und unsre Schöne die furchtsame, verlegene Gattin. Meine Rolle verschaffte mir die Freiheit, stets vertraulich mit ihr zu plaudern, ihre Hände zu drücken, sie zärtlich anzublicken und wohl gar die Rechte um sie zu schlingen, und wir hatten keine Langeweile beisammen. Sie bat mich, einige Umstände meines Lebens zu erzählen und nahm lebhaften Anteil an meinem Schicksal. Wir verfielen nur zu bald in einen etwas zärtlichen Ton. Eben tändelte sie mit einem Büchlein, das Lavaters Sammlung merkwürdiger Denksprüche war und sagte, sie wollte mir einen Denkspruch aufschlagen, der genau zu meinen Umständen paßte. Begierig erwartete ich, was sie wählen würde. Sie bot mir mit der einen Hand das Büchlein hin und deutete mit dem Zeigefinger der andern auf einen Spruch, indes eine Träne in ihrem Auge glänzte. Der Spruch hieß: dulden und missen. Ach, wie ward mir da so weich um's Herz! Unwillkürlich zog ich sie an mich. Wirklich hielt uns der Wirt in Frauenfeld für Eheleute und erst, als man uns beiden ebendasselbe Schlafzimmer anwies, gestanden wir, daß unsre Ehe nur ein lustiges Vorgeben war. Zur Strafe führte mich der Wirt in ein Zimmer, wo kein andres Bett stand als ein solches, das nur eine ziemlich abgeschabte wollene Decke hatte. Wider Vermuten fing es mich morgens unter dem leichten Flanelle zu frieren an, so daß ich vor Tagesanbruch erwachte und von einem schmerzhaften Bauchgrimmen geplagt ward, das sich erst nach dem Frühstücken verlor. Zu Pfyn, einem Dorfe an der Thur, wo wir in einer Fähre über den stark angeschwollenen Fluß nicht ohne Gefahr gesetzt wurden, mußte ich mich, leider! von meiner schönen Reisegefährtin trennen, weil sie sich seitwärts ins Land wandte, um einen Pfarrer, ihren Freund, zu besuchen. Ich hätte sie lieber bis nach Augsburg begleitet, denn unsre Seelen schienen, beim ersten Anblicke schon, miteinander bekannt zu sein. Still und wie verstimmt spazierten nun der Genfer und ich, meistens zu Fuße, neben der Kutsche her. Beim Goldenen Adler in Konstanz, wo zugleich die Reichspost war, stiegen wir ab. Ich ließ mir ein Zimmerchen geben, weil mir der Wirt sagte, der Postwagen nach Augsburg würde erst am Dienstag abgehen. Seine Neugierde ruhte auch nicht, bis er mir alle meine Geheimnisse abgelockt hatte. Sobald er wußte, daß ich ein flüchtiger Mönch sei und nun im Begriffe stehe, mich selbst in die Hände der Geistlichkeit zu überliefern, machte er große Augen und war redlich genug, mich wohlmeinend zu warnen, ich sollte ja vorsichtig zu Werke gehen. Selbst dann noch, als ich ihm meine Briefschaften vorzeigte, schüttelte er den Kopf und blieb bei seiner vorigen dringenden Ermahnung. Er setzte mich wirklich in einige Verlegenheit, und ich besann mich ernstlich, ob ich nicht nach Zürich umkehren sollte. Allein ich fühlte, daß ich mich schämen müßte, keinen bessern Grund meiner Rückkehr als diesen angeben zu können und entschloß mich von neuem, den Versuch, mich vor de Haiden zu stellen, kühnlich, jedoch mit der äußersten Vorsicht zu wagen. Am Sonntage, den 16. Juli besuchte ich den Dom, mehr um eine hübsche Musik zu hören, als dem Gottesdienste beizuwohnen. Allein anstatt des erwarteten Vergnügens hörte ich nichts als einen elenden Choral und das gewöhnliche Psalmengeschrei, so daß ich nach wenigen Minuten die Kirche mit Widerwillen verließ. Als ich aus der Kirchentür trat, kam mir ein junger blasser Mensch entgegen, der mich scharf ins Auge faßte, auf mich zulief und freudig: »Willkommen, Bronner!« rief. Es war ein junger Maler, der in Eichstädt mein Nachbar gewesen war, mich damals mit Beihilfe eines Fernrohrs, das er am Fenster befestigte, nach dem Leben abgemalt hatte, wie ich im offenen Gartenhause schrieb und dichtete, und der nun in einem Domherrenhofe in Konstanz wohnte und sein Brot mit Ausübung seiner Kunst verdiente. Er nahm mich sogleich mit, zeigte mir seine Gemälde und rühmte sich eines reichlichen Erwerbs. Mit Ekel sah ich die häßlichen Bilder an; es waren größtenteils Dosengemälde, welche die unsittlichsten Szenen Zwischen Kapuzinern und Nonnen und dergl. roh genug vorstellten. Mit sichtbarem Bedauern sagte ich ihm, »es tue mir leid, daß er sich nicht viel mehr geübt hätte, in der Kunst bessre Fortschritte zu machen, und daß er das schönre Feuer seiner Phantasie unter so niedrigen Bildern erlöschen ließe.« Erst war er ein wenig betroffen, faßte sich aber sogleich wieder und erwiderte mit Bitterkeit: »Sie hätten ein Mönch bleiben sollen, da Sie doch so mönchisch denken! Warum suchten Sie die Freiheit, wenn Sie ein Grauen vor Mädchen haben? Gar recht, daß Sie nach Augsburg gehen, Sie sind ein Skrupulant und ängstlich genug für einen Pfaffen. Adieu! wir taugen nicht zusammen!« »Sie haben recht!« antwortete ich, »wir taugen nicht zusammen, und unsre Begriffe von Freiheit und Lust sind so verschieden als wir selbst.« Er öffnete die Tür und ließ mich allein die Treppe und die Pforte suchen. »Ach!« seufzte ich auf dem Wege, »wie übel bin ich daran, wie wenig Achtung werd' ich genießen, wie wenig Nutzen stiften, wenn mich jedermann, meiner Flucht wegen, unter die Zahl so niederträchtiger, lockerer, verdorbener Menschen rechnet, wie dieser Maler tat! Unmöglich hätte er mir so häßliches Zeug vorweisen können, wenn er nicht eine schlechte Meinung von mir gefaßt hätte. Und aus welchem Grunde konnte er eine solche Meinung fassen?« Die leider nicht unbegründete Furcht, mich der Entweichung halber überall mißkannt zu sehen, malte mir meinen künftigen Zustand als Volkslehrer mit so schwarzen Farben vor, daß ich auch aus diesem Grunde mich von neuem besann, ob ich nicht in die Schweiz zurückreisen sollte. Allein ich hoffte, meine gute Aufführung würde mich bald über alle dergleichen üble Meinungen der Leute erheben und den Flecken, der meinem guten Namen ankleben möchte, auslöschen. Ich erinnerte mich, daß im nahen Kloster Kreuzlingen ein regulierter Chorherr lebe, der mit mir in Neuburg studiert und in Nebenstunden meinen Bruder instruiert hatte. »Den mußt du doch besuchen!« dachte ich, »die Art, wie er dich empfängt, kann dich vielleicht belehren, wie man dich in Augsburg empfangen wird und mit welchen Augen die Mönche überhaupt dich ansehen werden.« Nachmittags ging ich also nach Kreuzlingen; der Chorherr empfing mich freundlicher, als ich erwartet hatte, führte mich erst zur Musik in die Vesper und dann in ein Gastzimmer, um mir Wein vorzusetzen. »Wie es doch komme,« fragte er mich jetzt, »daß ich in einem weltlichen Aufzuge erscheine, da er doch vernommen habe, ich sei ein Benediktiner geworden?« Sowie ich ihm nun meine Geschichte erzählte, rückte er mit seinem Stuhle weiter von mir weg, betrachtete mich aus weiten Augen und ward ängstlicher in seiner Unterhaltung. Die Loszählung von Ordensgelübden schien ihm eine unmögliche Sache, und er prophezeite mir unverhohlen, »in Augsburg würde mir erklärt werden, man habe mich nur deswegen davon losgezählt, damit ich meinem gefährlichen Aufenthalte bei Unkatholischen und dem ewigen Verderben entrissen werden möchte; da dies nun geschehen sei, so könne man mir nicht bergen, daß ich wieder ins Kloster zurücktreten müsse. Von der Strafe des Kerkers meinte er, würde ich zwar befreit bleiben, aber der Strafe der allgemeinen Verachtung würde ich gewiß nicht entgehen! Jedoch sollte ich, um des Heils meiner Seele willen, die verdienten Folgen meines sündlichen Schrittes geduldig ertragen und Gottes Barmherzigkeit durch ein stetes Bußleben zu gewinnen suchen.« »Du hast für deinen Vorwitz teuer bezahlt!« dachte ich, nahm Abschied von dem guten aufrichtigen Manne und wälzte, indes ich nach Konstanz zurücktrabte, allerlei Gedanken im Kopfe herum. »Wie wäre es, wenn der Mönch recht hätte?« fragte ich mich selbst. Aber die Briefe von de Haiden, die Bulle Roms und das Vikariatsdekret von Augsburg beruhigten mich wieder. »Und sollte dich wirklich das angedrohte Schicksal treffen,« sagte ich, »so weißt du den Weg in die Schweiz hoffentlich zum zweitenmal zu finden, denn einsperren dürfen sie dich doch nicht!« In diesen Gedanken ging ich vor die Stadt hinaus, um den See und die schönen Gegenden um ihn her zu besehen. Überall gefiel es mir ausnehmend wohl. Aber als ich auf einer Ebene, gegen Gottlieben zu, mich umsah und einen Vorübergehenden fragte, was es zu bedeuten habe, daß eine so große Strecke Landes mit Ringmauern eingefaßt sei, und mir derselbe antwortete, daß dies ehemals die Stadtmauern waren, da konnte ich nicht umhin, den Verfall einer so ansehnlichen Stadt zu bedauern und den durch Untätigkeit zerstörenden Mönchsgeist zu verwünschen. Ebenderselbe Mann zeigte mir auch einen Platz, auf welchem der redliche Hus, nachdem ihn der wortbrüchige Sigismund in die Hände der aufgebrachten Geistlichkeit überliefert hatte, verbrannt worden sein sollte. Mit Ehrfurcht und unter Gefühlen eines heiligen Schauers betrachtete ich den Ort, wo ein standhafter Bekenner der Wahrheit seinen Geist als Held unter Martern dem Himmel wieder gegeben hatte, und stellte mir mit Abscheu die Schadenfreude und das Frohlocken des betrogenen Pöbels vor, der um den Scheiterhaufen des vermeintlichen Ketzers her seine religiöse Freude über den Untergang des würdigsten Mannes bezeigte. Die ganze Stelle war beinahe von allem Grase entblößt, und mein Cicerone säumte nicht, mir dies als ein offenbares Wunder anzupreisen. »Freund!« erwiderte ich ihm, «solch ein Wunder kann jeder Eurer Geistlichen wirken, wenn er jährlich etlichemal mit seinen Taschen voll Salz hierher spaziert und dasselbe auf das Erdreich streut.« Der Mann schaute mir starr ins Gesicht und sagte: »Ich merke schon, Er ist auch ein Lutheraner oder gar ein Kalvinist. Leb' Er wohl und sorg' Er noch beizeiten, daß Ihn der Schwarze nicht auch hinbringt, wo Hus immer und ewig brennen und braten muß!« Da ging er, schüttelte den Kopf und ließ mich stehen. Wäre meine Stimmung nicht eben zu traurig und mein Herz weniger gerührt gewesen, so hätte ich sicherlich laut auflachen müssen, aber so blieb es bei einem mitleidigen Lächeln. Der Wirt schien mich wirklich lieb gewonnen zu haben und unterließ nichts, mich aufzuheitern. Wenn er sah, daß ich abends nach Tische niemand hatte, mit dem ich sprechen konnte, weil fast alle Gäste Französisch sprachen, so setzte er sich neben mich und kürzte mir die Zeit durch freundliches Geplauder. Bei diesem Anlasse fühlte ich recht das Bedürfnis, Französisch reden zu können und nahm mir ernstlich vor, sobald ich Gelegenheit fände, einen Sprachmeister zu halten, um die französische Sprache von Grund aus zu lernen. Als ich am Dienstage abreisen sollte, forderte mir der Wirt für alle Verpflegung, die ich reichlich in seinem Hause genossen hatte, nur eine geringe Summe ab, gab mir Unterricht, wie ich mich auf der Reise im Postwagen zu benehmen habe, um am wohlfeilsten durchzukommen und versprach, meinen Koffer, obschon er etwas mehr als 50 Pfunde wog, unentgeltlich nach Augsburg zu liefern. Beim Frühstücke saß er, unter freundlichem Geschwätze, neben mir und wollte mich nicht gehen lassen, als ich aufzubrechen und an Bord des Postschiffes zu gehen im Begriffe stand. »Ich bin ja Posthalter und muß wissen, wenn das Schiff abgeht,« sagte er, »bleiben Sie ruhig hier, bis ich Sie mahne!« Ich blieb, bis er mich mahnte, aber als ich an die Lände kam, stieß das Postschiff bereits vom Land, und die Schiffer ließen mich, so sehr ich bat und lärmte, nicht mehr an Bord kommen. Lachend spotteten sie meiner und hießen mich ein eigenes Schiff mieten, in Meersburg würde ich sie wohl antreffen. Etwas aufgebracht ging ich zum Adler zurück; der ehrliche Wirt bedauerte mich, wußte mir aber nichts Bessres zu raten, als schleunigst über die Halbinsel, auf welcher das Kloster Petershausen steht, nach dem Dörfchen Stad zu gehen, dort ein Schiffchen zu mieten und nach Meersburg zu fahren. Ungesäumt folgte ich seinem Rate, ging durch ein sehr fruchtbares Gelände nach einem schöngelegenen Weiler Loretto mit einer Kapelle, die auf der angenehmsten Höhe liegt, und von da zum Dörfchen Stad hinab. Eben langte mit mir eine Karawane Wallfahrer, die von Einsiedeln kamen, am Ufer an; für einen Gulden durfte ich einsteigen, und das Schiffchen stieß vom Lande. Scharf blies der Wind von Überlingen her und neigte das Fahrzeug so stark auf die Seite, daß die Wellen hereinschlugen. Alle Bänke, auf denen die Reisenden saßen, mußten an die linke in die Höhe gehobene Seite des Schiffes gesetzt werden, um das Gleichgewicht einigermaßen herzustellen. Einige der Schiffenden schrien, so oft eine starke Welle über Bord schlug: »Jesus, Maria und Joseph!« Die andern brummten ihren Rosenkranz, erhoben ihre Stimmen stärker oder verstummten, wenn ein neuer Windstoß kam, die Schiffleute fluchten über die Furchtsamen, riefen einander zu Hilfe, schöpften das Wasser hinaus, wollten das Segel einreffen, konnten damit lange nicht zustande kommen und beruhigten sich endlich in etwas, als sie es in eine Lage gebracht hatten, in welcher der Windstrom weniger darauf wirken konnte. Sowie wir dem Gestade näher kamen, legte sich der Wind, und wir landeten glücklich und noch etwas früher als das Postschiff bei Meersburg. Als ich in das Wirtshaus zum Bären trat, staunte mich ein junger Mensch an, der eben mit einem Mädchen geschäkert hatte, und lief mit offenen Armen auf mich zu. Es war ebenderselbe, der zu Neuburg in der Oper, als Mädchen gekleidet, hinter den Kulissen dem größern Studenten auf dem Schoße gesessen hatte. Nach einigen Erörterungen zeigte es sich, daß er als Musikant in den schwäbischen Klöstern umherziehe und nun in Verlegenheit sei, wo er endlich ein bestimmtes Unterkommen finden möge. Ich wußte dem armen Menschen, der übrigens ganz lustig war, so wenig zu helfen als mir selbst, und wir schieden unter gegenseitigen Wünschen für unser Wohl voneinander. Über Markdorf fuhr dann der Postwagen nach Ravensburg. Es war ein lieblicher Anblick, rechtshin im angenehmsten Tale das schöne Kloster Weißenau, von der Abendsonne vergoldet, glänzen zu sehen. In der Dämmerung reisten wir durch den Markt Altorf nahe bei der Reichsprälatur Weingarten und kamen, indes der Schlaf mich übermannte, nach Wolfegg, wo wir mitten in der Nacht in einem Wirtshaus einsprachen und unter Fluchen und Murren der aufgestörten Wirtsleute Kaffee tranken. Als der Tag anbrach, rollte unser Wagen an einem Walde auf der Leutkircher Heide vorüber; es dünkte mich überaus lieblich, die aufgehende Sonne in dieser einsamen Gegend bei Lerchengesang zu betrachten, und ich labte mich recht an den kleinen Nebelgruppen, die zerstreut auf der Ebene lagen und an dem Funkeln der Bäche, die sich von Süden heranschlängelten. In Leutkirch nahmen wir ein Frühstück, indes der Postkondukteur von Lindau und der unsrige von Konstanz ihre Fracht auf einen Wagen packten. Dann fuhren wir, von der Morgensonne beglänzt, nicht fern vom Fuße des weit sichtbaren und schönen Schlosses Zeil zwischen Wiesen und fruchtbaren Feldern hin und langten mittags in Memmingen an. Abends um vier Uhr kamen wir nach Mindelheim, einem kleinen bayrischen Städtchen. Im Wirtshause, wo wir einsprachen, fand ich einen jungen, halbtrunkenen Offizier und vernahm, daß man ihn Herrn Baron R. nannte. Er war einer derjenigen beiden Freiherren, an denen ich im Seminar zu Neuburg vergebens alle meine Erziehungskunst verschwendet hatte, bis mich eine tüchtige Ohrfeige, die ich austeilte, von meiner Plage erlöste. Er faßte mich ins Auge und schien sich zu besinnen, daß er meine Gesichtszüge schon irgendwo erblickt haben müßte, aber ins klare, so glaubte ich, konnte er mit seinem Gedächtnisse nicht kommen. Er ging beiseite, um den Wirt zu ermuntern, daß er mich um meinen Stand und Namen fragen möchte, allein ich war mutwillig genug, allen seinen Fragen entweder auszuweichen oder sie mit einer lustigen Antwort abzufertigen. Ohne mich zu erkennen, begleitete mich der Offizier an den Postwagen und sagte, als ich einstieg und Abschied von ihm nahm: »Ihr Gesicht ist mir bekannt, es mag sein, woher es will!« »Leben Sie wohl, Herr Baron,« erwiderte ich, »vielleicht erinnern Sie sich noch mit Widerwillen Bronners, Ihres Instruktors in Neuburg!« – »O, schade, daß Sie mir das nicht früher sagten!« rief er, aber der Postwagen rollte davon. Die Nacht brach ein, und wir hatten einen Wald vor uns, von dem man uns schon im Wirtshause nichts Gutes gesagt hatte. Der Kondukteur teilte Pistolen unter uns aus und sprach: »Es ist noch nicht lange, daß ich in diesem Walde von Räubern angegriffen ward, wir haben uns durchgeschlagen. Auch jetzt hat man Spuren, daß es nicht ganz sicher zu reisen ist. Hören Sie im Walde pfeifen, so bitte ich die Frauenzimmer, sich niederzubücken, denn die Schüsse, welche etwa fallen könnten, gehen dann über ihren Köpfen hinweg; die Männer aber ersuche ich, die Hahnen zu spannen und jeden, der dem Wagen näher kommt, niederzuschießen. Der Postillon hat Befehl, so schnell zu fahren, als er vermag. Seien Sie also wachsam, stille und auf guter Hut!« Diese Anrede wischte alle Schläfrigkeit aus unsern Augen: jeder horchte still und aufmerksam zu. Bald hörten wir pfeifen, da und dort im Walde, wie anzeigend und antwortend. Die Hahnen wurden gespannt, die Frauenzimmer bückten sich zitternd und ächzend nieder, und der Postillon fuhr im Galopp davon. Glücklich kamen wir aus dem Walde, ohne daß uns ein Haar gekrümmt ward. In Schwabmünchingen ließen wir uns Erfrischungen geben, so spät es auch in der Nacht war, und schliefen ein paar Stunden. Als die erste Morgenröte am Himmel erschien, fuhren wir die Hochstraße hinab durch schöne Dörfer, an der Grenze einer unabsehbaren Ebene, zu deren Linken wir das Wertachtal mit den Gewinden des Flusses und weiterhin auf schönen Hügeln die Schlösser Straßberg und Wellenburg im Auge hatten. Es war mir sonderbar zumute, als wir durch die schöne Allee von Göggingen uns der Stadt Augsburg nahten, die sich vor unsern Augen weit umher verbreitete. »O Gott!« seufzte ich, »lenke hier alles zu meinem Besten! Rette mich aus allen Gefahren, gib mir Klugheit und Geduld und laß mich nicht zum schlechten, nicht zum unglücklichen Menschen werden!« Eine gewisse Beklemmung und eine unüberwindliche Ängstlichkeit bemächtigten sich meiner, als wir etwa morgens um 8 Uhr durch die Tore fuhren. Kaum war ich bei dem Posthause aus dem Wagen gestiegen, so bot sich ein Lastträger, der schon bereitstand, zu meinen Diensten an. Ich vertraute meinen kleinen Koffer seinen Schultern und bat ihn, mich in einen nahen guten Gasthof zu führen. Er führte mich zum Goldenen Lamme, wo mir auf meine Bitte sogleich ein Zimmerchen angewiesen ward. Hier überlegte ich noch einmal, wie ich mein Vorhaben am klügsten ausführen sollte. Weil ich dachte, im Gewebe meines ferneren Schicksals könnte manches vom ersten Eindruck abhängen, so ließ ich den Friseur rufen und ersuchte ihn, mein Haar, das zu lang war, erst zu schneiden, so daß ich einem Weltpriester ähnlich sehe, und mich dann zu frisieren. Ein Lohnlakai, den ich anfangs für einen ordentlichen Bedienten im Gasthofe hielt, stand dabei, als ich dem bestäubten Jüngling meinen Auftrag gab. Kaum war ich noch aus der Puderwolke herausgetreten, so stellte sich der Lohnlakai vertraulich neben mich, half mir meine Kleider in Ordnung bringen und knüpfte an das, was er gehört hatte, ein forschendes Gespräch an. Zuerst eröffnete er mir sein Befremden darüber, daß ich erst wie ein Reisender vom Bürgerstande erschienen sei und mich nun plötzlich in einen Geistlichen umformen ließe. Dies führte zu Erörterungen, die ihm bald begreiflich machten, daß ich ein entlaufener Mönch sei, der von den Geistlichen Räten hierhergelockt wurde, und nun im Begriffe stehe, sich gutherzig vor ihnen zu stellen. Er schüttelte den Kopf und meinte, ich hätte etwas sehr Gefährliches unternommen und könnte kaum genug auf meiner Hut sein. Seine Ängstlichkeit gewann ihm mein Zutrauen mehr, als wenn er leichtsinnig mein Vorhaben gebilligt hätte. Ich fragte ihm allerlei Umständchen, meinen Gönner de Haiden betreffend, ab und er gab mir, wie ich nachher bemerkte, auf jede Frage sehr aufrichtigen Bescheid. Dennoch hielt ich es damals, da ich ihn noch nicht hinlänglich kannte, für unbesonnen, mich ihm gänzlich anzuvertrauen. Nachdem ich zu Mittag gespeist und alles wohl überlegt hatte, ging ich in die Klettische Buchhandlung, an die mich meine Gönner in Zürich auf jeden Fall empfohlen hatten und traf mit dem Handlungsdiener, der sich meiner sogleich aufrichtig annahm, die Abrede, er sollte ungesäumt eine Postchaise vor dem Laden auffahren lassen und mir jetzt einen unbekannten Lastträger mitgeben, der, von mir angeführt, meinen Koffer aus dem Gasthofe abholen und in den Laden der Handlung bringen möchte. Ich ging mit dem Träger Zum Goldenen Lamme, sagte dem Wirte, »meine Geschäfte hätten glücklich begonnen und ich stehe im Begriffe, mich in einem Privathause einzuquartieren.« Als wir uns der Klettischen Buchhandlung wieder näherten, stand die Postchaise schon bereit, und ich befahl dem Lastträger, meinen Koffer darauf festzubinden. Nach diesen Vorbereitungen ließ ich mich in das Haus des Tabakfabrikanten Pruners führen, wo de Haiden wohnte, mit dem Vorsatze, beim geringsten Anschein von Falschheit oder Nachstellung alle diejenigen, die mich etwa aufhalten oder gefangen nehmen wollten, flink und kräftig zu Boden zu werfen, davonzueilen, in die Postchaise zu springen und zu demjenigen Tore hinauszufahren, durch welches der Weg nach Füssen und weiter nach Tirol führt, um durch die dortigen Gebirge unbemerkt wieder in die Schweiz zu wandern und meine Verfolger, die mich gewiß nicht auf diesem Wege suchen würden, irre zu machen. Ich merkte mir die Gasse, durch die ich gehen mußte, recht wohl, damit ich sie im Notfalle nicht verfehlen möchte. Ebenso prägte ich meinem Gedächtnisse die Treppen und Ausgänge des Hauses, in das ich trat, sehr genau ein und sah mich wohl um, ehe ich den Klöppel an der Tür des Gemaches zog, das de Haiden der Aufschrift zufolge bewohnte. Auf mein Klopfen kam ein Bedienter hervor, der eben nicht von starkem Gliederbau war, denn deshalb nahm ich ihn sogleich in Augenschein. Kaum hörte er meinen Namen, so lächelte er freundlich und lief in das Zimmer seines Herrn. De Haiden kam mir voll Freuden entgegen, hieß mich herzlich willkommen und führte mich mit dem Ausdrucke ungeheuchelten Wohlwollens in sein Zimmer. »Gut!« sagte er, »recht gut, daß Sie da sind! Fast verzweifelte ich, ob Sie auch kommen würden! Sie waren gar zu mißtrauisch. Aber bald sollen Sie überzeugt werden, daß Sie es mit einem ehrlichen Manne zu tun hatten, und daß Sie nun der heiligen Hermandad ganz und gar nicht in die Hände gefallen sind, wie Sie immer zu fürchten schienen! Bald sollen Sie sehen, daß ich Ihr aufrichtiger Freund bin!« In diesem Tone sprach und fragte er noch vieles und wiederholte mündlich jedes seiner schriftlichen Versprechen, so daß nach und nach alle meine Besorgnisse verschwanden. Am meisten tat er sich darauf zugute, daß er es war, der mich zur Wiederkehr bewogen hatte. »Schon lange,« fuhr er fort, »hab' ich Ihnen einen angenehmen Kost- und Wohnort bereitet; Ihr Freund C. Sch., mit dem Sie bereits in Korrespondenz standen, soll Ihr Hausherr sein! Er wohnt mit mir unter einem Dache, sein Gemach stößt an das meinige. Diese Nähe soll uns alle drei inniger zusammenketten, wie ich hoffe! Auch wohnt ein Weltpriester bei ihm, mit Namen Clemens Bader, ein junger geschickter Mann aus München, der hier beim Geistlichen Rate als Akzessist angestellt ist; vielleicht tut es Ihrem Herzen wohl, sich näher an ihn anschließen zu können! Kommen Sie nur!« Da führte er mich zu Herrn C. S., der mich gleichfalls mit sichtbarer Freude empfing und mir sogleich meinen Aufenthalt in seinem Bibliothekzimmer anwies. Es war mir freilich sehr unangenehm, gerade bei demjenigen Manne wohnen zu müssen, gegen den ich wegen seines Fanatismusses und seiner Verbindung mit Jesuiten und Rosenkreuzern eine unüberwindliche Abneigung hatte. Allein ich mußte mich in mein Schicksal fügen und zu einem unangenehmen Spiele willig oder unwillig eine freundliche Miene machen. Unter dem Vorwande, mich einiger Aufträge zu entledigen, ging ich dann in die Klettische Buchhandlung, schickte den Postillon, der sich mit Auszahlung des halben Preises und eines Trinkgeldes befriedigen ließ, nach Hause und ließ den Koffer in meine Wohnung bringen. Als ich in das Zimmer meines Hausherrn trat, fand ich eine wohlgewachsene Frau, die sich dahin als in einen Freiungsort (Asyl) geflüchtet hatte, weil man besorgte, ihr Mann würde sie als Giftmischerin einstecken lassen. Sie war eine lutherische Wirtin, die sich sehr über die Impotenz und üble Begegnung ihres Wirtes beklagte und alle Lust bezeigte, zum katholischen Glauben überzutreten, der ihr, meinem Bedanken nach, wenigstens insofern seligmachend schien, als er sie von ihrem verhaßten Ehegatten befreien und mit einem geliebten jungen Domherrnbedienten verbinden sollte. Die geistlichen Religionseiferer, denen an der Bekehrung einer so schönen Seele gelegen war, gingen unablässig ab und zu und sparten ihre salbungsvollen Zusprüche nicht. Ich fand mich auf einmal wie in eine andre Welt versetzt und wußte nicht, wie ich mich bei dieser ganzen Szene benehmen sollte, die so viel Widerliches für mich hatte. Herr Bader entriß mich endlich der Verlegenheit, indem er mich auf sein Zimmer führte und mir seinen artigen Büchervorrat wies. Abends besuchte ich noch den P. Bayrer, der mich mehr kalt als freundlich empfing und deutlich merken ließ, wie sehr es ihn verdroß, daß ich nicht mehr Vertrauen auf ihn gesetzt hatte. Sein Benehmen war so zurückstoßend, daß ich's nur noch ein einzigmal über mich gewinnen konnte, ihn zu besuchen. Die Ermüdung vom nächtlichen Fahren machte, daß ich ruhig und lange schlief. Als ich erwachte und mich ringsher mit Bücherschränken umgeben sah, erwachte zugleich ein angenehmes Gefühl in meiner Seele, das von der Hoffnung belebt ward, unter dieser Menge von Schriftstellern wenigstens einige, die für mich genießbar wären, zu finden und durch sie nützlichen Unterricht zu erhalten. Ich betrachtete das Zimmer und die Lage, in der ich mich befand, als eine Schule, die zu meiner fernern Bildung beitragen sollte, und betete zu Gott, »er möchte, wie bisher, mein gnädiger Führer sein, damit alles, was ich zu erdulden hätte, zu meiner Besserung und Belehrung gereiche!« Am liebsten kettete ich damals meine Bitten an das Vater unser und meinte durch dieses Hilfsmittel alle meine Bedürfnisse nach einer gewissen Ordnung leicht und ungezwungen darlegen zu können. Zwar glaubte ich nicht, daß eine besondere Kraft in dieser Formel liege, aber ich hatte doch Achtung davor, weil sie ein weiser Mann, der einst die größten Wahrheiten lehrte und allen Nachrichten zufolge selbst tugendhaft lebte, als ein Beispiel eines echten Gebets seinen Jüngern angepriesen hatte, und weil es mir so leicht ward, an diese Formel, die mir von Jugend auf geläufig war, jedes meiner Anliegen anzureihen. Kaum vernahm man meine Bewegungen im Nebenzimmer, so kam mein Hausherr und führte mich in die schön geschmückte Hauskapelle des Herrn Provikars, in der ein ziemlich prächtiger Altar mit einem überaus reizenden Marienbilde stand. Herr Provikar sagte mir: »es sei notwendig, daß ich zuerst pro foro externo (vor der Welt) von dem geistlichen Banne losgesprochen werde, in den ich wegen meiner Abtrünnigkeit vom Mönchsstande verfallen sei.« Dann kleidete er sich in das Meßgewand, setzte sich am Altare hin, hieß mich niederknien und den 30. Psalm mit ihm in abwechselnden Versen sprechen. Hätte er sich strenge an das Ritual des Bistums Augsburg gehalten, so wäre ich indessen von ihm mit einer Rute oder Geißel auf die entblößten Schultern und den Rücken gestrichen worden. Allein dies unterließ er. Am Ende des Psalms erhob er sich und sprach die Absolution. Dann schlug er ein Kreuz über mich, und ich war des Kirchenbannes entledigt, so daß mich niemand mehr als einen Exkommunizierten scheuen oder vermeiden durfte. Aber das galt nur pro foro exteriori; pro foro interiori (im Gewissen) blieb ich gebunden, bis ich gebeichtet haben würde. Hierauf las er die Messe, der meine Hausleute und ich beiwohnten. Es durchkreuzten mich sonderbare Empfindungen, die nichts weniger als angenehm waren, da ich mich dergleichen Zeremonien, auf die ich gar keinen Wert legte, so hingeben mußte. Doch war ich im Grunde noch einigermaßen froh, daß ich so leichten Kaufes davonkam. Ich hatte immer gefürchtet, es würde wohl gar ein Glaubensbekenntnis von mir gefordert werden, und es war mir ein schrecklicher Gedanke, mich feierlich und eidesmäßig zu Grundsätzen bekennen zu müssen, die ich größtenteils für falsch hielt. Meine ganze Seele bebte vor diesem Betruge zurück. Die erste Frage also, die ich vorbrachte, als de Haiden mir von der Lossprechung vom Banne Meldung tat, war diese: »Ich bin der katholischen Religion niemals ungetreu geworden, muß ich vielleicht doch das Glaubensbekenntnis ablegen?« »Ganz und gar nicht,« erwiderte er, »Sie sind ja kein Abtrünniger vom Glauben, sondern nur vom Orden.« Ein Stein fiel mir vom Herzen, hätte er ein Bekenntnis von mir gefordert, so wäre ich ohne weiteres aufgebrochen und hätte, ohne meinen Koffer in Sicherheit bringen zu können, Augsburg wieder verlassen. Nachmittags mußte ich mir eine Tonsur scheren lassen, man gab mir ein Brevier, der Schneider nahm mir das Maß zu einem Talar und Mantel, und Herr Provikar war so gütig, mir die Schande zu ersparen, vom bischöflichen Vikariatspedell wie ein geistlicher Verbrecher durch die Stadt geführt zu werden. Er selbst begleitete mich ins Karmelitenkloster, wo er bereits Anstalten zu meinem Empfange getroffen hatte, denn hier sollte ich die vom Papste auferlegte Buße verrichten, nämlich die zehntägigen geistlichen Exerzitien machen. Der Pater Prior führte uns ins Refektorium, wo uns zum Einstande vom besten Bier vorgesetzt ward, und Herr Provikar empfahl mich diesem Obern so gut, daß man mich wirklich als seinen Günstling und als einen werten Gast immer mit Achtung behandelte. Dem Gebrauch zufolge wurde mir ein Exerzitienmeister zugewiesen, unter dessen Aufsicht und Anleitung ich meine geistlichen Übungen vornehmen sollte. Auf de Haidens Verlangen übernahm diesen Auftrag der Pater Alexander, ein bejahrter Mann von feinen Sitten und vielen Kenntnissen, aus ungarischem Adel entsprossen, welcher bereits die ansehnlichsten Ämter in seinem Orden bekleidet hatte, ein Feind der Jesuiten war, jetzt die Kirchengeschichte von Fleury in lateinischer Sprache fortsetzte und erst vor kurzem ein paar Bände gegen die Jesuiten geschrieben hatte. Er führte mich in eine artige Zelle, wo ich einer lieblichen Aussicht in den sehr geräumigen Klostergarten genießen konnte. Eine Menge zahmer Finken flog auf ein Zeichen, das er ihnen gab, in Scharen herbei; die einen hüpften auf das Fenstergesimse, die andern auf den Boden der Zelle, einige auf die Tische und wieder einige haschten in die Luft gestreute Brosamen im Fluge weg. Sie wurden bald auch mit mir vertraut und aßen Brosamen aus meiner Hand. Ihr vertrauliches Spiel verschaffte mir, wenn ich mich in der Folge müde gelesen hatte, manches Vergnügen und war mir sogleich beim ersten Anblick eine Erquickung. Pater Alexander unterredete sich mit mir, wie ich es mit meinen geistlichen Übungen halten wollte, und zeigte sich als einen sehr diskreten Mann. »Morgen ist das Fest der heil. Magdalena,« sagte er, sobald wir die Zelle betraten, »sie war eine große Büßerin! Ahmen Sie ihr nach, und bestreben Sie sich, mit Gott ausgesöhnt und ein tugendhafter Mann zu werden!« Ich hatte mir schon während der Reise vorgenommen, die Dekade der Exerzitien zur Prüfung und strengen Revision meiner religiösen Grundsätze anzuwenden und auf diese Weise für mich eine leere Zeremoniensache moralisch nützlich zu machen. Zu diesem Ende forderte ich nichts von dem Pater Exerzitienmeister als eine Bibel. Er brachte sie mir und schien sich zu freuen, daß ich kein andres als dieses Buch verlangte. Seine Direktion schränkte sich gänzlich darauf ein, daß er mich täglich einigemal besuchte, mich durch Billigung meines stillen Betragens und des Eifers, mit dem ich die heilige Schrift las, ermunterte und mich jedesmal nach dem Mittagessen, zur Aufheiterung, in die zahlreiche und im Fache der Geschichte sehr wohl bestellte Klosterbibliothek führte, mir die bequeme Einrichtung und die meisten Merkwürdigkeiten derselben wies und überhaupt sich bemühte, seinem Büßenden manche angenehme Stunde zu machen. In Speis und Trank ließ mir der Pater Prior nichts abgehen, man überhäufte mich vielmehr mit guten Fastenspeisen, Fischen und Gebackenem, so daß ich die Fleischkost gar leicht vermißte, und reichte mir täglich dreimal einen Krug des besten Biers; ich wäre berauscht worden, wenn ich ihn auch nur einmal ganz ausgetrunken hätte. Am Jakobitage, den 25. Juli, forderte mich P. Alexander zum Beichten auf. »Es ist nicht recht,« sagte er treuherzig, »daß Sie so lange zögern, sich mit Gott durch ein aufrichtiges Bekenntnis Ihrer Sünden auszusöhnen.« Ich beichtete ihm also, obschon ich weder Neigung dazu hatte, noch mich zu diesem Bekenntnis für verbunden hielt und zeigte ihm meine Fehler, zwar nicht ängstlich, aber doch offenherzig an, so daß er den Zustand meines Herzens so ziemlich erkennen konnte; nur von meinen religiösen Zweifeln und Grundsätzen schwieg ich, teils hielt ich es für unrecht, ihn zu belügen, teils hatte ich keine so schweren Verbrechen auf meiner Seele, daß ich eine Verräterei hätte fürchten dürfen, teils hielt ich meine Zweifel nicht nur für keine Sünden, sondern glaubte verdienstlich gehandelt zu haben, als ich meine jugendlich nachgebeteten Glaubenslehren nach bestem Wissen und Gewissen musterte. Aber es lief doch nicht ohne Falschheit ab, denn ich sagte zu mir selbst: »Er wird nicht glauben, daß du aufrichtig gebeichtet hast, wenn du dich nicht auch wegen Unterlassung des Brevierbetens, wegen des Fleischessens an Fasttagen, wegen Vernachlässigung der Beichte und Messe und dergl. während deines Aufenthaltes in einem unkatholischen Lande anklagst.« Ich klagte mich also dieser Sünden an, ohne sie für Sünden zu halten, denn mir waren Brevier, Fasttage, Beichte und Messe usw. weiter nichts als unverbindliche, ja größtenteils unweise Priestersatzungen. Nun ward ich auch pro foro interiori von der Exkommunikation und meinen Sünden völlig losgesprochen. Freilich fragte der Beichtvater, als ich mit meinem Bekenntnisse zu Ende war, mit einiger Verwunderung, ob ich mich über alle Fehler angeklagt hätte? Und ich antwortete, ich hätte ihm alles gesagt, was ich für nötig fände zu sagen; allein er schien mit meinem ganzen Benehmen nicht sehr zufrieden. Es lag gewiß in meinen Äußerungen etwas, das meine Zurückhaltung verriet. Am 26. Juli, als am Geburtstage meines Minchens, mußte ich zum erstenmal wieder in der Karmeliterkirche Messe lesen. Kaum vermochte ich mich sogleich wieder in die unzähligen Zeremonien zu finden, und ich las eine sehr lange Messe. Zum Teil geschah dies auch darum, weil ich während des sogenannten Memento, da der Priester für die Lebendigen beten soll, mich in rührenden Gedanken an Minchen verlor und allmählich durch Rückerinnerung an unsre reine Liebe und die unselige Trennung derselben in eine so zärtliche Gemütsstimmung versetzt ward, daß mir helle Tränen über die Wangen liefen. P. Alexander bemerkte dies auf einem Nebenchörchen, von welchem er mir ins Angesicht sehen konnte, und hielt meine Zähren für eine Wirkung der Buße und herzlicher Reue, so daß er mir, bald nachdem ich wieder in die mir angewiesene Zelle kam, sein Wohlgefallen über mein andächtiges Betragen ausdrücklich bezeigte. Als Herr Provikar abends, den 31. Juli, um mich abzuholen, im Kloster erschien, entließ mich P. Alexander mit vielen Lobsprüchen und gab mir ein schriftliches Zeugnis meines Wohlverhaltens mit, das ich nach genommener Abschrift ans bischöfliche Generalvikariat ablieferte. Ganz unbefangen trat ich den 31. Juli 1786 mit Herrn Provikar in sein Zimmer und dachte an nichts weniger, als daß ich hier meinen Herrn Prälaten mit dem P. Beda finden würde. Beim Anblick seines entflohenen Ordenssohnes war er wenigstens so sehr als ich selbst bestürzt und schien sich anfangs noch weniger fassen zu können als ich. Beide standen wir eine geraume Weile in stummer Verschlossenheit. Endlich nahte ich mich ihm mit gerührtem Herzen, küßte wie ehemals seine Hand und sagte bittend: »Können Sie mir verzeihen, gnädiger Herr?« »Ach! Pater Bonifacius!« erwiderte er, »ich bin froh, daß Sie nur wieder in einem katholischen Lande sind. 0, warum setzten Sie sich so großen Gefahren aus? Warum hatten Sie so wenig Zutrauen zu mir? Wenn ich nur das geringste von Ihrem Mißvergnügen gewußt hätte, so würde ich ihm gänzlich abgeholfen haben.« Ich. Was ich immer gesagt hätte, gnädiger Herr, wäre damals vergebens gewesen, denn Sie hätten doch nie geglaubt, daß ich zu solch einem verzweifelten Unternehmen fähig wäre. Höchstens würden meine Äußerungen dazu gedient haben, mich enger eingeschlossen zu halten. Er. Wenn Sie es versucht hätten, Sie würden das Gegenteil erfahren haben. Ich. Es war mir gar nicht möglich, da ich keinen glücklichen Erfolg davon, aber wohl Verschlimmerung meines Zustandes vorhersehen konnte. Er. Sie sind auch gar zu einbilderisch! Noch jetzt, wenn Sie mit mir zurückkehren wollen, soll Ihnen nicht nur kein Leid widerfahren, sondern ich werde alles mögliche tun, um Sie zufrieden zu stellen. Ich. Ich erkenne Ihre Güte, gnädiger Herr, aber ich kann nicht zurückkehren. Es schmerzt mich sehr, Ihnen dies auch mündlich sagen zu müssen. Aber ich weiß, nach dem Schritte, den ich gewagt habe, könnt' ich's im Kloster noch weniger aushalten, als vorher. Er. Sie wollen also Ihre Entlassung? Bedenken Sie wohl, was Sie fordern! Sie vertauschen ein sichres Unterkommen gegen Ungewißheit. Ich. Ich hab' es bedacht und bitte Sie, mich zu entlassen. Er. Pater Beda! übergeben Sie ihm den Dimissionsbrief. Dieser zog ihn aus seiner Brieftasche, reichte mir ihn dar und sprach: »Ihre Mitbrüder haben das Herzeleid und die Schande, die Sie ihnen machten, nicht um Sie verdient! Aber ich sehe, Sie haben einen verstockten Sinn, sonst hätte Sie die Güte des gnädigen Herrn gerührt! Ich bin froh, einen solchen Menschen nicht mehr zum Mitbruder zu haben!« »Euer Hochwürden,« sagte ich, »sind mein Lehrer gewesen, dieser Umstand hält mich ab, Ihre harte Rede durch eine härtere zu erwidern.« Dann wandte ich mich an meinen Prälaten: »Ich danke Ihnen, gnädiger Herr, für diesen Entlassungsbrief und für alle Wohltaten, die Sie mir jemals erzeigt haben! Es schmerzt mich, Ihnen nicht durch Erfüllung Ihrer Wünsche danken zu können und Ihnen Verdruß gemacht zu haben. Dächten alle Klosterleute wie Sie, so wollte ich Ihnen diese Schrift augenblicklich zurückgeben! Aber – Sie hörten es selbst, sogar mein ehemaliger Freund begegnet mir mit Bitterkeit!« Der Prälat nahm jetzt das Wort: »Damit Sie sehen, Pater Bonifacius, daß ich keinen Groll gegen Sie im Herzen trage und auch noch jetzt für Ihr Wohlergehen besorgt bin, so habe ich, auf das Vorwort des Herrn Provikars, Ihnen bei meinem Konvent, das Sie so sehr beleidigt haben, den erforderlichen Titulus mensae ausgewirkt. Er mag Ihnen zum Unterpfand dienen, daß der heil. Ordensvater Benedikt seine Söhne nie gänzlich verstößt, und daß Sie, wenn Sie das Unglück verfolgen sollte, Ihre Zuflucht wieder unter seinen Schutz nehmen dürfen. Ich bin jede Stunde bereit, Sie wieder unter meine Ordensbrüder zu zählen!« »Gnädiger Herr!« erwiderte ich mit nassen Augen, «diese auffallende Güte beschämt mich! Es tut mir wehe, sie mit nichts erwidern zu können!« Er. Sie können es ja! Lieber Ungetreuer! Kommen Sie wieder mit mir! Ich. Ach! gnädiger Herr, das kann ich nicht! Ohne die beißende Rede des Paters Beda, die mich einigermaßen verstimmte, hätte mich gewiß diese Treuherzigkeit inniger gerührt, und wer weiß, zu was ich dann fähig gewesen wäre? Mit sichtbarem Schmerz übergab mir nun der Prälat das Dokument, indem er nicht ohne merkliche Empfindlichkeit sprach: »Ich sehe, Sie sind unbeweglich. Aber es wird Sie in kurzem tausendmal gereuen! Empfangen Sie diese Schrift und stellen Sie mir dagegen einen Revers aus, daß Sie von nun an keine Forderung an das Kloster mehr machen wollen. Wir haben auf diesen Fall einen Aufsatz entworfen; fertigen Sie ihn in gehöriger Form aus!« Ich las den Aufsatz, der von Bedas Hand geschrieben war, und zeigte ihn mit einem Winke, ob ich auch so ganz trauen dürfte, dem Herrn Provikar. Dieser verlangte, es sollte in den Revers die Klausel eingeschaltet werden: » Alles dieses unbeschadet des Rechtes, das mir der Titulus mensae an das Kloster gibt «, denn er besorgte vielleicht nicht ohne Grund, der Herr Prälat möchte durch den verlangten Revers sein Versprechen, daß mich das Kloster im Falle der Unfähigkeit, mein Brot zu erwerben, versorgen wollte (welches der eigentliche Inhalt jedes Tituli mensae ist) auf eine verdeckte Weise unwirksam machen. Ich schrieb also mit diesem Beisatze den Revers ab und überreichte ihn gesiegelt dem Herrn Prälaten, worauf mich de Haiden sogleich entließ, um sich mit den beiden Klosterherren allein zu unterhalten. Als ich den andern Tag auf Herrn Provikars Ermahnung zu den Buchhändlern Rieger kam, wo mein Herr Prälat sein Absteigequartier genommen hatte, um demselben meine Aufwartung zu machen, traf ich ihn am Spieltische, wurde frostig empfangen, mußte von P. Beda ein paar beißende Reden anhören und zog mich bald wieder zurück. Nach einigen Tagen brachte mir der Schneider einen neuen Talar und Mantel von seinem schwarzem Zeug, ohne mir eine Bezahlung abzufordern. Er sagte mir vielmehr, das bischöfliche Siegelamt würde alles bezahlen. Aber das weite, um mich herschwimmende Kleid wollte mir seiner Form wegen nicht gefallen, und ich hätte lieber ein geringeres getragen, das dem Leibe näher angepaßt und wie zur Tätigkeit gemacht gewesen wäre. Etwa am 2. August kam der Herr Statthalter des Erzbischofs von Trier, Freiherr von Ungelter, von Dillingen nach Augsburg, und Herr Provikar nahm sich in eigner Person die Mühe, mich demselben vorzustellen. Er empfing mich mit seiner gewöhnlichen, etwas zurückschreckenden Miene, die Ansehen und Würde ausdrücken sollte, im veilchenblauen Talar, mit goldenem Kreuze auf der Brust, den Insignien seiner bischöflichen Gewalt, fragte mich um allerlei Umstände meines Lebens, versicherte mich seiner Gewogenheit, hieß mich öfters abends um fünf Uhr wieder kommen, um ihn zu besuchen und entließ mich in Gnaden. Ich stand schüchtern vor ihm, benahm mich in meinem ganzen Wesen etwas links und schwächte sichtbar den Eindruck von Festigkeit und Wut, den ihm mein schriftliches Benehmen von meinem Charakter beigebracht hatte. Er ließ dies ganz deutlich merken, indem er halblaut zum Herrn Provikar sprach: »Wer sollte glauben, daß dieser furchtsame Mann eine so kühne Feder führte?« Von nun an war ich ganz mir selbst überlassen. Ich schrieb am 3. August meinem Freunde Heinrich Geßner nach Zürich: »Eine Art Heimweh quält mich hier. Man läßt mir zwar, was das Äußerliche betrifft, bisher noch nichts abgehen, aber an Freuden des Herzens, Freund, bin ich arm, sehr arm. Vielleicht ist's noch Angewohnheit, was mich so wunderlich anekelt, was mich so sehr befremdet, vielleicht lerne ich mich noch besser darein schicken. Während der Reise war ich gar nicht wohl, saß traurig und stumm in einem Winkel des Postwagens und sann und dichtete und ersann und erdichtete nichts, wenn Sie nicht das für etwas halten wollen, daß ich mir vornahm, eine Klugheitslehre in Fabeln zu schreiben, worin ich alle jetzt gewöhnlichen Klugheitsregeln, die ich mir aus Tatsachen abstrahieren kann, satirisch zu behandeln vorhabe.« Wirklich fing ich an, einige dergleichen satirische Fabeln auszuarbeiten. Aber ich fühlte bald, daß sie mir nicht ganz gelingen wollten und gab deshalb mein Vorhaben auf. Herr Ratsherr Geßner schrieb mir unterm 18. August: »Ihre Idee, gewisse Sätze und Bemerkungen, die Ihnen am Herzen liegen, in Fabeln einzukleiden, gefällt mir sehr. Dieses Fach ist für Sie, es fordert Simplizität in Erfindung und Ausdruck, und wenn man's beleben will, naiven Witz ... Lesen Sie zuerst von Fabeln das Beste, ohne sich eigentlich ein Muster zu wählen, nach den Alten den la Fontaine, Hagedorn, Lichtwer usw. »Ihre Fischergedichte sind längst schon der Presse übergeben; ich glaube, man wird Ihnen bald ein Exemplar übersenden können; mit der Ausgabe werden Sie vermutlich zufrieden sein, möchten Sie Ursache haben, es auch mit dem zu sein, was ich auf Ihre Erlaubnis dabei getan habe! »Sie dürfen also mit froher Ruhe Ihr zukünftiges Schicksal erwarten ....; überspannen Sie nicht Ihre Wünsche und Pläne! Was Ihnen noch düster scheint, wird heiter werden. Sehen Sie zu, daß Sie durch ein zu feines Gefühl nicht leiden, wir alle müssen Sachen und Menschen ertragen; sie sind nie ganz gut und sehr selten ganz böse. Die Zärtlichkeit, mit der Sie an Zürich und an Ihre hiesigen Freunde zurückdenken, ist uns allen sehr schätzbar. Wenn von uns etwas zu Ihrem Vorteile geschehen kann, so braucht es nur einen Wink von Ihnen ...« O, wie viele Freude machte mir dieser Brief! Ich konnte mich lange nicht satt daran lesen. Zugleich erhielt ich samt einem Schreiben des Herrn Amtmanns Heidegger die ersten gedruckten Bogen meiner Fischergedichte. Mit einer überaus angenehmen Empfindung sah ich mein erstes literarisches Kind in einem so schönen Gewande erscheinen. Ich hüpfte hoch auf vor Freude und labte mich lange nur an seiner äußerlichen Zierlichkeit. Als ich aber die Vorrede Geßners zu lesen begann, da wurde mir ordentlich enge ums Herz, und ich fühlte meine Wangen glühen; die vielen Lobsprüche beschämten mich, so sehr sie mich auch freuten, und ich dachte, kein Mensch würde ihm glauben, vielmehr müßte jedermann denken, die Freundschaft hätte ihn verleitet, die Ausdrücke zu überspannen. Bei der Stelle aber, wo er sagte, meine Gemälde schienen ihm zuweilen an kleinen Umständchen zu reich, er habe ausstreichen wollen, aber sie doch die meisten Male stehen lassen, konnte ich mich nicht enthalten, auszurufen: »Ach, hätte der Edle doch ausgestrichen, da er einmal soviel an mir tun wollte!« Im ganzen freute es mich unaussprechlich, daß er sich gewürdigt hatte, was ich niemals hoffen durfte, meine Versuche der Welt so gütig zu empfehlen. In meinem nächsten Briefe an ihn wußte ich meinen Dank nicht lebhaft genug auszudrücken. Sobald ich vollständige Exemplare erhielt, brachte ich dem Herrn Statthalter von Ungelter eines, doch mit der Vorsicht, daß ich ein Blättchen darein legte, auf welchem etwa folgendes stand: »Möchten die Züge von Tugend und Edelmut, von denen ich singe, die etwas freiern Gemälde dieses Büchleins in Schatten setzen!« Denn ich wußte wohl, daß er über das Wort Mädchen schon große Augen machen würde. Was mußte er erst denken, wenn er an die Küsse kam? Er wollte eben in den Reisewagen steigen, als ich ihm mein schöngebundenes Büchlein überreichte; er nahm es beim ersten Anblick sehr gnädig auf und schrieb mir von Dillingen einen Brief, der in allgemeinen Ausdrücken mich seiner Gewogenheit versicherte. Sobald er aber nach Augsburg zurückkam, machte er mir heftige Vorwürfe, daß ich ein so unzüchtiges Werk geschrieben hätte, riet mir, deswegen Gott täglich um Verzeihung zu bitten und niemals aufzuhören, für dieses Ärgernis strenge Buße zu tun und bald durch die Herausgabe einer heiligern Schrift meinen Fehler zu vergüten. Er konnte mir auch nicht bergen, daß er nötig finde, mich einer längern Prüfung aus eben diesem Grunde zu unterwerfen. Zwar blieb er noch immer, wie anfangs dabei, ich sollte mit Anfang November nach Dillingen kommen, dort im ehemaligen Jesuitenkollegium wohnen, ein eigenes Zimmerchen nahe bei der Bibliothek beziehen, als Unterbibliothekar anstehen, einige Zeit lang die Geschichte studieren und im folgenden Schuljahre als Lehrer derselben an der Universität auftreten. Allein es dünkte mich immer, es sei mit dem ganzen Projekt kein rechter Ernst, und wirklich erfuhr ich nur zu bald, daß mich diesmal mein Vorgefühl nicht getäuscht hatte. Andre Exemplare meiner Fischeridyllen schickte ich nach Donauwörth und Eichstädt, auch eins an Minchen, ein zweites an meinen Prälaten und ein drittes an P. Beda. Nach ein paar Monaten schrieb mir Beda selbst, dankte mir für das überschickte Exemplar und hechelte die Erstlinge meiner Schriftstellerei ziemlich unsanft und beißend durch. Dies verdroß mich so sehr, daß ich schwach genug war, ihm mit Bitterkeit und wenigstens ebenso beißend zu antworten; mein jugendlicher Autorstolz ergoß sich in beleidigenden Ausdrücken kleinlicher Empfindlichkeit, so daß ich mich bei kälterm Blute noch bis jetzt meines offenbar kindischen Benehmens herzlich schämen muß. – Ich war noch nicht lange in Augsburg, als Herr von Lütgendorf mit einem großen Aerostaten die Luft beschiffen wollte und sich mit außerordentlicher Feierlichkeit dem Volke dieses Schauspiel zu geben anschickte. Die Begierde, den Luftballon steigen zu sehen, hatte eine außerordentliche Menge Fremder nach Augsburg gelockt. Unter andern waren auch die Professoren Sailer und Weber dahin gekommen und pflegten bald mit Herrn Provikar, bald mit meinem Hausherrn Critolaus und andern Herren in Augsburg vertraulichen Umgang. Critolaus machte, seiner Geschäfte wegen als Rechtsfreund verschiedener Parteien, mehrmals kleine und größere Reisen, und ich bemerkte, daß ihm Sailer bei solchen Anlässen mündlich oder schriftlich öfters einige Aufträge oder Anweisungen gab. Daß Critolaus noch immer Freimaurer sei und zwar vom sogenannten alten System, und daß er in Augsburg das Amt eines Meisters vom Stuhl bekleide, verhehlte er mir gar nicht, sondern nahm sich vielmehr bei jeder Gelegenheit die Mühe, mich für den damals herausgekommenen Hirtenbrief an die Freimaurer des alten Systems , eine Art Rosenkreuzer, für das Buch: Des erreurs et de la vérité , wovon er mir des ehrlichen Claudius Übersetzung mitteilte, und sogar für ein Büchlein Jakob Böhmes , dessen Titel ich vergessen habe, überhaupt aber für alles Mystische einzunehmen und mir auf Spaziergängen und, wo es immer schicklich war, nach seiner Art vorzudemonstrieren, daß Gott Eines und Alles sei oder einem Zirkel gleiche, dessen Mittelpunkt überall, der Umkreis aber nirgends existiere, daß der Mensch aus drei Wesen bestehe, nämlich aus Geist, Seele und Leib, daß ein tausendjähriges Reich, in welchem die Seligen regieren und glücklich leben werden, statthaben müsse und dergl. Öfters behauptete er, wir beide sollten gewiß noch Brüder werden, so sehr ich mich auch dagegen sträubte, seine Behauptungen bestritt und beteuerte, daß ich niemals mehr in eine geheime Gesellschaft treten würde. Es konnte ihm nicht entgehen, daß ich eine unüberwindliche Abneigung gegen alle Mystik und ein sichtbares Mißtrauen gegen alle geheime Wissenschaft im Herzen nährte; dennoch ließ er mir so lange keine Ruhe, bis ich endlich aufgebracht und in derbem Tone erklärte: »Ich wolle mich durchaus nicht mehr am Gängelbande geheimer Obern, vielleicht gar versteckter Jesuiten, führen lassen.« Von dieser Zeit an unterließ er zwar, mich mit positiven Zumutungen anzugehen, teilte mir aber doch hin und wieder noch eine Freimaurernachricht oder eine Logenliste mit, in der Absicht, wie es mich dünkte, um das Interesse, das ich an dergleichen Dingen zu nehmen schien, wenigstens nicht völlig erkalten zu lassen. Einst als ich zum Essen ins gemeinschaftliche Zimmer kam, fand ich auf dem Fenstergesimse einen offenen Briefumschlag von Sailers Hand an Critolaus, in welchem nichts eingeschlossen war als ein gedruckter Bogen Papier mit zerstreuten kleinen Punkten unter den Buchstaben. Ich dachte, Sailer habe meinem Hausherrn diesen Bogen wahrscheinlich darum geschickt, damit dieser das mangelhafte Exemplar eines Buches ergänzen könnte. Die Tintenpünktchen hielt ich für Makeln, die ihren Ursprung vielleicht der Unachtsamkeit zu danken hätten, mit welcher der Bogen auf ein neubeschriebenes Blatt gelegt worden wäre. Eben las ich aus Langerweile einige gedruckte Seiten davon, da trat mein Hausherr ins Zimmer, riß mir entrüstet das Blatt aus den Händen und fragte zankend, »was ich mich in seine Geheimnisse zu mischen hätte?« Ich wußte nicht sogleich, was er damit sagen wollte, zeigte lächelnd auf den gedruckten Bogen und sprach: »Er werde mir doch keine gedruckten Geheimnisse vorenthalten wollen?« Mit forschenden Blicken sah er mir starr in die Augen, nahm den Druckbogen und ging davon. Dieser Vorfall erweckte mein Nachdenken, und ich konnte mich des Argwohns nicht erwehren, die Punkte unter den gedruckten Buchstaben möchten Chiffern gewesen sein, deren Wert und Bedeutung durch die Anzahl der dazwischenstehenden Buchstaben bestimmt werden müßte. Allein die Gelegenheit zu dechiffrieren war vorüber, und ich konnte das Blatt nicht wieder zu Gesichte bekommen. Mein Hausherr betrug sich übrigens als ein überaus frommer Katholik, besuchte die Kirche sehr ordentlich, ließ alle Sonn- und Festtage eine Stelle des Evangeliums über Tisch lesen, kommentierte darüber, kam manchmal in eine Art Extase und diente mir zuweilen sogar am Altare, wenn ich Messe las. Seine Hausfrau war noch viel andächtiger und eine fromme erklärte Verehrerin der Jesuiten, Dominikaner und Franziskaner. Beide behandelten mich übrigens so, daß ich die Sorgfalt, mit der sie mir die kleinen Bedürfnisse des täglichen Lebens herbeischafften, niemals vergessen werde, und daß ich ohne die Furcht, in eine geheime Gesellschaft zu geraten, wahrscheinlich in eine nähere freundschaftliche Verbindung mit ihnen getreten wäre. Aber da ich den Umgang des Mannes mit Goldmachern, Rosenkreuzern und Jesuiten sah, so konnte ich mich unmöglich in ganz enge Vertraulichkeit mit ihm einlassen, ohne meine Selbständigkeit in Gefahr zu setzen und allmählich in geheime Pläne verwickelt zu werden, vor denen ich gerechten Abscheu hatte. De Haiden, so wenig er sonst von abergläubischen Dingen zu halten schien, pries dennoch die physische Sympathie an, erzählte von Erfahrungen, die er darüber gemacht hätte, z. B. von Wolfssaiten, mit denen er, sobald sie auf eine Geige gespannt und gestrichen wurden, alle Schafssaiten ohne weiteres Zutun absprengte, und dergl. Er, Pater Beda, Ruosch in Öttingen, Sailer, Gabler in Wemdingen u. a. m. standen in einer sehr engen Verbindung. Sie bestellten sich bald nach Donauwörth, bald nach Dillingen, bald nach Augsburg, um ihre vertraulichen Zusammenkünfte zu halten. Als ich einst zu der Frau Frings kam, wohin Herr Provikar immer zu Tische ging, unterhielt mich die Tochter derselben, die Freundin des Herrn Provikars, von allerlei gesellschaftlichen Scherzen und kleinen Ereignissen, die ihr im Umgange mit Herrn Sailer, Weber, Beda und Mahr Vergnügen gemacht hatten und ließ sich unter anderm verlauten: »Vor Ihnen darf ich schon offenherziger reden, Sie gehören doch auch zur Harmonie.« Ich ward aufmerksamer, lächelte ein wenig, sagte aber kein Wort, um meine Unwissenheit nicht zu verraten. Dennoch mochte etwas in meinem Gesichte sein, was bei der unvorsichtigen Mademoiselle Zweifel erregte, sie stutzte ein wenig und fragte: »Sie kennen doch unsern vertrauten Zirkel, die Harmonie? Machen Sie nur nicht den Unwissenden! Ich gehöre auch dazu, wie noch manches andre Frauenzimmer.« Ich nahm die Miene an, als wollte ich mich nicht gern als Mitglied zu erkennen geben und tat noch ein paar Fragen an sie, welche von meiner absichtlichen Verleugnung zeugen sollten. Allein ich konnte nichts aus ihr herauslocken, das mir ein näheres Licht über diese geheime Gesellschaft gegeben hätte. Nur das gestand sie, »daß Herr Provikar viele Papiere bewahre, welche auf dieselbe Bezug hätten, und daß schon manche solche Schrift sich zwischen Akten und Musikalien versteckt und verloren haben würde, wenn sie sich nicht die Mühe genommen hätte, die Blätter sorgfältig auseinander zu lesen.« Herr Provikar trat ins Zimmer, strafte die Demoiselle, sobald er merkte, wovon die Rede war, sogleich mit ernsten Winken und fing von andern Dingen zu sprechen an. Diese und noch andre kleine Anzeigen, deren ich mich jetzt nicht mehr so deutlich erinnern kann, brachten in mir die Überzeugung hervor, daß meistens geheime Jesuiten und Rosenkreuzer oder wie sich die Herren sonst nennen mochten, mich umlagerten, und daß ich nie zu sehr auf meiner Hut sein könnte. Wie hätte bei diesen Umständen mein Umgang ganz unbefangen, meine Seele nicht verschlossen und meine Unterhaltung nicht etwas ängstlich sein sollen? Nur zu bald fühlte ich das Bedürfnis gesellschaftlicher Mitteilung mit doppelter Lebhaftigkeit. Unter den Katholiken kannte ich niemand, mit dem ich gerne Freundschaft gemacht hätte, nur mit einigen evangelischen Lehrern am Gymnasium zu St. Anna wäre ich gern in engerer Bekanntschaft gestanden. Aber sie zeigten mir zu große Anhänglichkeit an Sailer und Konsorten, mit denen sie viel Umgang pflegten, so daß ich immer einige Scheu empfand; zugleich hätte ich mich der Gefahr ausgesetzt, von intoleranten, erzkatholischen Schreiern als ein Ketzerfreund angefeindet und unterdrückt zu werden. Herr Statthalter von Ungelter bezeigte mir einst deswegen, weil ich den öftern Umgang mit Lutheranern vermied, viel Beifall und versprach mir deshalb von neuem seine Gewogenheit. Was würde erfolgt sein, wenn das Gegenteil stattgefunden hätte? – In Ermangelung offenherziger Unterhaltung suchte ich also durch abwechselndes Studium der Philosophie und Geschichte die Langeweile zu entfernen und lief an den Bächen und Flüssen bei Augsburg fleißig spazieren. Doch hatte mich die Laune zum Dichten fast ganz verlassen. Nur zu einem größern Gedichte, der erste Krieg , machte ich den Plan und sandte ihn an meinen Freund Heinrich Geßner nach Zürich mit der Bitte, er möchte ihn seinem Herrn Vater vorzeigen und dessen Urteil darüber erforschen. Da ich in einem andern Briefe an Herrn Ratsherrn Geßner die Furcht geäußert hatte, meine Idyllen möchten weder Abgang noch Gnade vor den Rezensenten finden, so tröstete er mich darüber in einem baldigen Antwortschreiben. Was darin seine freundschaftliche Güte zuviel sagt, mag jeder Unbefangene leicht davon abrechnen. Er schrieb: »Ihre Idyllen haben hier allgemeinen Beifall erhalten. Noch immer schweigen die deutschen Journale, sie werden doch einmal etwas sagen müssen. Sie können es ruhig und mit gutem Gewissen erwarten; wenn sie billig sind, so können sie Ihnen Lob und Beifall nicht versagen, oder ich muß meinen ganzen Kopf verloren haben.« Zugleich kündigte er mir an, daß eine Übersetzung meiner Idyllen ins Italienische in Vorbereitung sei. Ob mich ein solcher Brief nicht zehnfach für alle die schmerzlichen Vorwürfe des Herrn von Ungelter schadlos halten mußte? Meine freundschaftlich gesinnten Herren Verleger schickten mir auch auf meine Äußerung, daß ich Mangel an Büchern hätte, eine Menge ihrer Verlagsartikel unentgeltlich zu, von denen sie wußten, daß ich einmal Lust bezeigt hatte, sie zu besitzen. Durch ihre Freigebigkeit und den Ankauf einiger klassischen Schriften vermehrte sich mein kleiner Büchervorrat so sehr, daß ich bei meiner Abreise nach Dillingen einen ganzen Verschlag samt einem großen Koffer damit füllen konnte. Zwölftes Kapitel: Im Konvikt zu Dillingen. Eintritt in das Konvikt – Die Professoren – Orthodoxie – Art mich zu behandeln – J. M. Sailer – Alumnen und ihre Obern – Kirchenverrichtungen – Der Herr Statthalter – Aufgetragene Arbeiten – Besuche in der Vaterstadt, Wiedersehen mit dem Vater – Eine wohltuende Sammlung – Die 50 Gulden – Das geliebte Fräulein – Leeres Versprechen. Im November 1786 führte mich Herr von Ungelter nach Dillingen ins Konvikt. Im Wagen sprach er dem Anscheine nach ziemlich vertraut mit mir, so daß ich anfing, ihn lieb zu gewinnen. Ich mußte ihm aus einem geistlichen Buche einige Stellen vorlesen und erhielt, weil ich dies mit Ausdruck und Feuer tat, seinen Beifall. Dies war auch in Augsburg unsre gewöhnliche Unterhaltung gewesen, wenn ich ihm meine Aufwartung zu machen in die Dompropstei kam. Es war mir sonderbar zumute, so oft wir durch ein Dorf fuhren, wenn ich sah, wie alle Bauersleute auf die Knie fielen und seine Exzellenz, der Herr Weihbischof, neben mir, bald rechts bald links, mit einer gravitätischen Amtsmiene gnädig nickend und Kreuze schlagend, seinen Segen freigebigst ausspendete. Sogleich nach unsrer Ankunft in Dillingen führte er mich selbst ins Konvikt, ein Erziehungshaus junger Geistlichen, das an das ehemalige Jesuitenkollegium, nun das akademische Haus genannt, stößt. Der Regent wies mir ein dunkles Zimmerchen an, das keine Aussicht als in einen engen Winkel des Hofraums hatte und zunächst an die unsaubren Asyle des Bedürfnisses grenzte. Ein Tischchen, ein Bett, ein Stuhl und ein Waschgefäß von Zinn waren die Möbel, die zur Bequemlichkeit des neuen Bewohners bereitstanden. Zum erstenmal rief mich nun wieder, wie im Kloster, das Läuten einer Glocke zum Essen. Herr Statthalter hatte befohlen, mich an den ersten Tisch zu setzen, an welchem der Regent, der Hausmeister, die Repetitoren und einige reichere Alumnen mit bessern Speisen bedient wurden. Die Kost der übrigen Alumnen war sehr geringe und Herr Statthalter besorgte, ich würde dabei in die Länge nicht aushalten. Zudem hatte er mir immer gesagt, ich sollte nicht als ein Büßender betrachtet werden, und nur büßende Geistliche, das sind diejenigen, welche nach dem gewöhnlichen Ausdrucke irgend eines Vergehens halber Kontumaz machen mußten, wurden an den gemeinen Tisch der Alumnen verwiesen. Ich war mit ihm schon damals, als er mir den Vorschlag machte, nach Dillingen ins Konvikt zu gehen, und jetzt von neuem im Reisewagen übereingekommen, daß ich nur insofern an die Statuten dieses Hauses gebunden sein sollte, als nötig wäre, um nicht durch Unordnung jemandem lästig zu werden. Dies beschränkte sich fast allein darauf, daß ich zu rechter Zeit bei Tische erschien und abends nie über die bestimmte Stunde des Pfortenschlusses aus dem Hause blieb. Die Professoren Sailer und Weber, denen mich de Haiden empfohlen hatte, besuchte ich sogleich nach meiner Ankunft und ward von beiden freundlich empfangen. Sailer hüpfte mir entgegen, umarmte mich, hing sich an meinen Arm, plauderte so teilnehmend und tat so vertraulich, daß ich, hingerissen von seiner schmeichelnden Art, den Jesuiten vergaß und ihm offenherzig alle meine Hoffnungen und Besorgnisse enthüllte. Weber empfing mich mit stiller Freundlichkeit und gewann nur desto sicherer meine Zuneigung. Ich war noch nicht lange in Dillingen, so warnten mich mehrere Personen, denen ich sagte, wie viel Gutes ich an Herrn Statthalter bemerkt hätte, und wie sehr ich meiner Versorgung wegen auf seine Gunst baute, ich sollte auf meiner Hut sein und nicht zuviel auf ihn vertrauen; mein zu gelindes Urteil würde mich nur zu bald trügen. Ich dachte »sie mißkennen ihn,« erinnerte mich an einige schöne Äußerungen, die ich aus seinem Munde vernommen und an die Wohltätigkeit, die ich an ihm bemerkt hatte und konnte nicht umhin, mir zu sagen: »Ist er schon kein aufgeklärter, geschickter Kopf, so ist er doch, wenigstens da und dort, ein guter Mensch und ein tätiger Geschäftsmann!« Seine Denkensart und sein Betragen gegen die Alumnen, die ihm als Liebhaber sogenannter lockerer Bücher verklagt wurden, konnte mir freilich nicht gefallen, allein ich schrieb diesen Flecken seines Charakters einer bigotten Erziehung und den heuchlerischen Eingebungen einiger finstern Köpfe zu, die ihn umlagerten. Der Regent war zugleich Lehrer der christlichen Moral an der Akademie, lehrte aber nichts weiter als eine förmliche Kasuistik und zwar im elendesten Latein und im schläfrigsten Vortrage. Er verdankte sein Amt der Eingeschränktheit seiner Talente, seiner frommen Miene und der Anhänglichkeit an den Professor der hebräischen Sprache und Hermeneutik , seinem Landsmann, der einst Herrn Statthalters volles Vertrauen besaß. Als ein Pröbchen seiner trefflichen Lehrart verdient angemerkt zu werden, daß er auf seinem Katheder in vollem Ernste behauptete, es sei Sünde, einen Taubenschlag an die offene Straße zu bauen, weil das Schnäbeln der Tauben und ihre verliebten Spiele die Vorübergehenden zur Unzucht reizen könnten und mehr dergl. Im letztverflossenen Schuljahre und jetzt, da ich anwesend war, ließ er auf einen Tag während der Mittagsmahlzeit die Schreibpulte aller Alumnen aufbrechen, um die verderblichen Bücher zu finden, die man bei ihnen vermutete. Der Regent wußte nämlich, daß Sailer, Weber und Hermann manchmal den Studenten deutsche Bücher mitteilten, und hoffte, dieselben zu finden, um einen Anlaß zu haben, über diese Professoren zu klagen, die bei den Alumnen durchaus in weit größerm Ansehen standen, als er. Wirklich fand man allerlei Bücher, die verdächtig schienen. Unter anderm geriet ihm ein Teil von Shakespeare in die Hände, der sogleich für ein Eigentum des Professors Hermann erkannt und dem Herrn Statthalter als corpus delicti ausgeliefert ward. Man nannte das Buch ein gottloses Machwerk und begleitete die Anzeige mit der Bitte, die noch übrigen schädlichen Druckschriften, die man bei den Alumnen gefunden hätte oder finden würde, ohne weiteres konfiszieren zu dürfen. Dies ward auch ohne Anstand befohlen; der Professor Hermann bekam einen Verweis, und man nahm Lavaters Predigten, Pfenningers Magazin und was immer von Protestanten herrührte, als ketzerische, allzu frei geschriebene und verführerische Bücher hinweg. Bürgers Gedichte und alles was Gedicht hieß, sogar die Werke des guten Asmus (Matthias Claudius) wurden förmlich proskribiert. Herr Statthalter verbot mir strenge, irgend eines meiner Bücher einem Alumnen mitzuteilen; er kam selbst auf mein Zimmer, um sich darin umzusehen und das Verbot mir kundzutun. Ich machte ihm Vorstellungen wegen der Enge, Düsterkeit und des üblen Geruches des Zimmers, und er traf Anstalt, daß ich ein bessres Gemach beziehen durfte, welches wenigstens einige freie Aussicht in den großen Konvikthof gestattete, obschon es nie von der Sonne beschienen wurde. Es wunderte mich, warum man mir kein bessres Zimmer anwies, da doch mehrere leer standen oder von lockeren Studenten bewohnt wurden. Aber in der Folge, als ich mit dem Regenten vertrauter ward, gestand er mir, daß er von Herrn Statthalter geheimen Befehl erhalten hätte, mich überhaupt als einen Geistlichen zu behandeln, der nur, um Buße zu tun, ins Konvikt verwiesen wäre, und mir durchaus kein Zimmer zu geben, das einige Aussicht auf die Straße gewährte, damit ich als ein Mensch, der durch seine Gedichte bereits seine Liebhaberei für schöne Gesichtsformen verraten hätte, keinen Zerstreuungen durch die Begierlichkeit meiner Augen ausgesetzt würde. Aller feierlichen Versprechungen ungeachtet, belegte man mich also dennoch mit einer Buße, die man freilich so künstlich unter einem andern Vorwand verdeckte, daß ich's nicht sogleich merken konnte. Es verriet sich doch nur zu bald, daß man mich geäfft hatte, als man mir sagte, ich sollte in Dillingen Subbibliothekar werden, nebenbei Geschichte studieren und dann als Lehrer anstehen. Herr Statthalter selbst gestand mir nachher in einer vertrauten Stunde, daß er diese Hoffnung teils darum in mir erregte, um mich durch Eröffnung einer guten Aussicht ins Konvikt zu locken, wohin ich nie wollte und laut des mir ausgestellten Vikariatsdekrets auch nicht zu gehen gezwungen werden durfte, teils damit ich durch das Studium der Geschichte und andre Beschäftigungen von den schönen Wissenschaften und dem verwünschten Bücherschreiben abgezogen werden möchte. Kaum konnte ich's erhalten, daß mir erlaubt wurde, den Schlüssel bei dem ordentlichen Bibliothekar zuweilen abzuholen und die Bücherstellen zu durchschauen. Es dauerte beinahe ein Jahr, bis es mir einmal gelang, in die Kammer zu dringen, wo die verbotenen Bücher aufbewahrt wurden. Sie enthielt größtenteils polemische Schriften der Reformatoren zur Zeit der Religionskolloquien. Sobald ich sah, daß es mit der Bibliothekarstelle nur Blendwerk sei, entschloß ich mich, meine Zeit zu meinem eigenen Besten zu verwenden und faßte einmal den Gedanken, eine Legende der Heiligen zu schreiben. »An derselben,« schrieb ich nach Zürich, »soll sich hoffentlich kein Philosoph stoßen. Ich will lauter solche Taten der Heiligen wählen, welche wirklich tugendhafte Handlungen sind. Es werden sich doch aus dem großen Schwarm kanonisierter Legendenheiligen 365 gute Taten ausheben lassen, die als moralische Beispiele aufgestellt werden dürfen! Acta Sanctorum , Bollandisten usw. gibts genug in der hiesigen Bibliothek!« Aber kaum hatte ich einige Bände durchlaufen, so verging mir die Lust, aus ganzen Haufen historisch-andächtigen Unrats ein mageres Histörchen herauszuwühlen, das dann erst noch ganz umgekleidet werden mußte, um interessant zu sein. Ich ließ also mein Vorhaben unausgeführt. Manchmal besuchte ich die Vorlesungen der Professoren, um ihren Vortrag und ihre Denkensart kennen zu lernen. Zimmer, Sailer und Weber waren offenbar die geschicktesten ihrer Kollegen. Einmal hörte ich Sailers Vorlesung über die Moralphilosophie. Er verschrie die Vernunft als einen trügenden Irrwisch und machte es so arg, daß ich's beinahe nicht mehr aushalten konnte. Am Ende teilte er einen gedruckten Bogen als Denkblatt unter seine Zuhörer aus, in welchem ebendieselben Grundsätze, nur etwas milder, gepredigt wurden. Wenn Sailer Briefe oder Schriften erhielt, die der Meinung günstig waren, die er mir und andern von sich selbst beibringen wollte, so säumte er nicht, mir dieselben mitzuteilen. Aber so freundlich er mich immer empfing, so lächelnd er mir entgegenhüpfte, wenn ich in sein Zimmer trat, so einschmeichelnd er sich an meinen Arm hing, wenn wir miteinander im Zimmer auf und ab gingen, so warnte er doch die Alumnen im geheimen vor dem Umgange mit mir und schilderte mich ihnen als einen Menschen, der allzu freidenkerische Grundsätze hatte und ihres Zutrauens nicht wert wäre. Die bessern Köpfe unter den Alumnen kamen aber fast täglich zu mir, erzählten mir wieder, was ihnen Sailer gesagt hatte, und wunderten sich sehr, wie es doch komme, daß er nicht gut auf mich zu sprechen sei. Die Anhänglichkeit der jungen Geistlichen an mich war auch dem Regenten und Herrn Statthalter in hohem Grade zuwider, dem erstern, weil er besorgte, ich möchte die Geringschätzung vermehren helfen, mit der ihm viele Studenten begegneten; dem andern, weil er fürchtete, ich würde den Alumnen schädliche Grundsätze beibringen. Einst hatte der Regent einigen der ältern Alumnen in beleidigenden Ausdrücken öffentlich einen derben Verweis gegeben. Sie verfaßten eine Schrift an den Regenten, in welcher sie sich mit vieler Besonnenheit und in sehr bescheidenem Tone über diese Begegnung beschwerten und sich eine minder lieblose Behandlung ausbaten. Von der ganzen Sache wußte ich nichts. Dennoch fing der Regent bei Tische auf mich zu sticheln an, lächelte mir, sobald er in den Speisesaal trat, höhnisch zu und neigte sich vor mir, wie vor einem großen Herrn. Ich wußte nicht, was ich aus diesem bittern Scherze machen sollte. Erst nach dem Essen brachten mir die Alumnen ihre Schrift und sagten, der Regent glaube, ich habe ihnen beim Verfassen derselben geholfen. Die Erbitterung zwischen dem Regenten und den Alumnen stieg auf einen so hohen Grad, daß sie bei jedem Anlasse einerseits in Verweise, anderseits in laute Widersetzlichkeit ausbrach. Ich mußte besorgen, des auf mich geworfenen Verdachtes halber in diese unangenehmen Mißhelligkeiten verwickelt und bei Herrn Statthalter verklagt zu werden, und faßte den Entschluß, den ganzen Hergang aufrichtig, unparteiisch und wahr an diesen Herrn zu berichten. Dadurch hoffte ich auch von meinen Freunden, den Alumnen, ein allzu hartes Verfahren der Obern abzuwenden, das ihnen die übertriebenen Klagen des Regenten, wenn Herr Statthalter unvorbereitet damit überrascht worden wäre, wahrscheinlich zugezogen hätten. Mein Schreiben tat auch eine so gute Wirkung, daß der ganze Handel ohne Geräusch beigelegt ward und Herr von Ungelter in einem eigenhändigen Schreiben mir sein Wohlgefallen bezeigte. Selbst meine ehemaligen Mitbrüder im Kloster hörten von meinem Benehmen; P. Beda erzählte ihnen, mein Schreiben sei so abgefaßt gewesen, daß auch im Falle, wenn es öffentlich abgelesen worden wäre, weder der Regent noch die Alumnen darüber hätten aufgebracht werden können, und der Prälat ließ sich verlauten: »Bonifacius wird in Dillingen gefürchtet wegen des Herrn von Ungelter, an den er sich hält.« Diese Nachrichten sind aus dem Briefe eines Klosterfreundes. Herr von Ungelter zeigte wirklich einige Neigung zu mir, und auch ich hatte etlicher schöner Charakterzüge halber aufrichtige Hochschätzung für ihn. Seine Wohltätigkeit gegen Dürftige, seine unermüdete Geschäftigkeit und sein guter Wille, etwas Nützliches für das allgemeine Beste zu leisten, hatten ihm mein Herz gewonnen und alle seine übrigen Fehler bedeckt. Er hielt am Namenstage des Kurfürsten, dem Festtage des heil. Clemens, eine Anrede an die Schulkinder im großen Kloster zu Dillingen, die mir nach manchen damit vorgenommenen Änderungen wirklich nicht ganz unwert schien, in ein Journal eingerückt zu werden. Ich hatte die Hauptpunkte in der Kirche unter dem Chorrock mit Bleistift nachgeschrieben und zu Hause alles in Ordnung gebracht, so daß mir die kleine umgearbeitete Rede nicht ganz ungenießbar schien. Ehe ich sie aber an Herrn von Bibra, den Redakteur des Journals von und für Deutschland überschickte, zeigte ich sie dem Herrn Statthalter und gestand, was ich damit beginnen wollte. Obschon er Einwendungen dagegen machte, so dünkte es mich doch, es sei ihm nicht unangenehm, seine Gedanken gedruckt zu sehen. Denn er wünschte offenbar, wegen seines Predigens so berühmt als der verstorbene Fürst von Würzburg zu werden. Als ich aber den Brief an Herrn von Bibra schreiben sollte, fühlte ich einen so lebhaften Widerwillen, mich als ein elender Schmeichler auszuzeichnen, und empfand das Täuschende und Unedle, das mit einem solchen Betruge verbunden ist, so innig, daß ich's nicht über mich gewinnen konnte, an Herrn von Bibra eine Zeile zu schreiben, und von dieser Stunde an ein solches Vorhaben auszuführen niemals wieder Lust bekam. Herr Statthalter schien jedoch schon an meinem guten Willen Wohlgefallen zu haben und lud mich einigemale zu Tische ein. Einst hatte er es so eingerichtet, daß wir beim Abendessen ganz allein waren. Er sprach mir (wie ich nachher sah, wider seine Gewohnheit) fleißig zu, tapfer zu trinken und ließ mir am Ende noch eine Flasche Burgunder vorsetzen. Zugleich lenkte er das Gespräch auf meine Flucht aus dem Kloster und auf die Veranlassung derselben, wobei er sich äußerte, er hätte vernommen, daß zum Teil eine Liebschaft daran schuld gewesen wäre. Ich gestand ihm offenherzig meine Bekanntschaft mit Minchen, doch ohne sie zu nennen, und malte ihm meinen damaligen Zustand so treu und lebhaft ab, daß immer ein leises Lächeln um seinen Mund schwebte. Allein er schien doch gar nicht zu begreifen, daß man so rein und doch so herzlich lieben könne. »Sie dürfen mir's wohl gestehen,« wiederholte er öfters, »daß es bei diesen geistigen Gefühlen nicht immer sein Verbleiben hatte.« Obschon ich eifrig das Gegenteil beteuerte, kam er doch stets wieder darauf und erzählte mir, wahrscheinlich, um mich noch treuherziger zu machen, einige Züge seines Lebens, in denen er zwar als Held der Keuschheit erschien, die mir aber beweisen sollten, daß die Weiber größtenteils nicht eben solche Heldinnen der Enthaltsamkeit seien. Allein ich leerte die Burgunderflasche, soweit ich es für meine Umstände zuträglich fand, und beharrte fest auf meiner ersten und wahren Angabe. Er schüttelte den Kopf, erhob sich von seinem Stuhle und entließ mich unter Zusicherungen seiner Gewogenheit. Von nun an mußte ich ihm, wenn er in Dillingen war, täglich assistieren , das heißt mit einem weißen Chorhemde angetan, das Amt des Archidiakons versehen, wenn er Messe las. Nur ein Bischof, er mag ein wirkliches Bistum oder eines in partibus besitzen, läßt sich neben dem gewöhnlichen Ministranten zugleich auch von einem Priester während der Messe bedienen. So sauer es mir ward, täglich so viele fade Zeremonien mitzumachen und der langwierigen Andacht des Herrn Weihbischofs, die sich vor, in und nach der Messe meistens in Augenverdrehungen, langen und tiefen Verbeugungen und in allerlei besonderen Grimassen zeigte, geduldig abzuwarten, so mußte ich mich doch dazu bequemen und es sogar für eine Gnade schätzen, Sr. Exzellenz so fromme Dienste erweisen zu dürfen. Bald fanden sich auch Leute, die mich um diese Stelle beneideten. Denn sie dachten nicht an die Beschwerden, die damit verbunden waren, sondern nur an die bequeme Gelegenheit, die sie dadurch erhalten würden, täglich mit Herrn Statthalter, von dem alles abhing, zu sprechen und in allerlei Absichten Einfluß auf ihn zu erhalten. Allein ich hatte keine Absichten, fühlte nur das Beschwerliche dieses Dienstes und ging meiner Wege, sobald die Messe nebst dem sogenannten Rezesse (dem letzten Dankgebete) vorüber war. Wenn er, um die Firmung auszuteilen oder um eine Kirche oder eine Glocke zu weihen auf die umliegenden Dörfer fuhr, mußte ich ihn immer begleiten und seinen Zeremoniarius oder seinen Diakon vorstellen. Jederzeit predigte er bei solchen Anlässen des Tages drei- oder viermal aus dem Stegreife und vermehrte noch durch seine alltäglichen, völlig planlosen, unzusammenhängenden, sehr langen, mitunter sinnlosen Predigten den Ekel, die Langeweile und die Unzufriedenheit, die mich bei diesen Feierlichkeiten immer quälten. Der Inhalt seiner Reden war allezeit eine Abhandlung von der Liebe Gottes und des Nächsten, der zuletzt eine Auslegung der Glaubensformel, des Vater unser und des Ave Maria angehängt wurde: hier fand er ein weites Feld, um sich auf Gemeinplätzen herumzutummeln, nach Belieben die ganze Moral flüchtig und unordentlich zu durchlaufen und dem Volke im elendesten Ausdrucke tausendmal gesagte Dinge noch einmal zu sagen. Auf der Heimfahrt von einer solchen Expedition mußte ich gewöhnlich diese Predigten rezensieren. Anfangs war ich zu schüchtern, um gerade von der Brust weg zu reden und begnügte mich, da ich das Kunstwerk nicht loben konnte, wenigstens den guten Willen und den Seeleneifer des Meisters zu loben. Als mir aber eine nähere Bekanntschaft allmählich mehr Mut gab, wagte ich es, meinen Tadel manchmal ziemlich freimütig, obschon mit schonender Höflichkeit auszukramen. Allein ich legte damit wenig Ehre ein. Meine Äußerungen über die Kirchenzeremonien konnten ihm ebensowenig gefallen. Nach einer Kirchenweihe in Mörschlingen z. V. fragte er mich, was ich von dieser Feierlichkeit hielte, ob die verschiedenen Gebräuche und dabei üblichen Zeremonien nicht recht zweckmäßig erfunden wären? Ich antwortete: »Sie sind fein genug ersonnen, um das Volk glauben zu machen, jede Kirche werde durch eine Art heiligen Zaubers mit höhern Kräften, als jedes andre Gebäude, ausgerüstet.« »Was meinen Sie mit Ihrem Zauber?« fragte er weiter. Ich erklärte mich, daß die Zeremonie, nach welcher der Bischof mitten in der Kirche ein Kreuz von Asche auf den Fußboden streut und auf den einen Balken des Kreuzes das griechische, auf den andern das lateinische Alphabet mit dem Bischofsstabe schreibet, um die Vereinigung der griechischen und lateinischen Kirche zu versinnlichen, recht dazu gemacht sei, den Aberglauben an Zauberei, Zauberkreise und Zauberschrift bei dem Landvolke zu unterhalten. Denn der Umstand, daß man während dergleichen Zeremonien die Kirchentüre verschlossen hielte, niemand hereinließe und es kaum gestatten wollte, daß einige Vorwitzige auf Leitern durch die Kirchenfenster dem Blendwerk zusehen dürften, müßte das unerfahrene Volk notwendig auf den Gedanken bringen, die Geistlichen in der verschlossenen Kirche gäben sich jetzt mit der Ausübung ihrer geheimen Künste ab; der Anblick einer Handlung aber, die genau das Zeichnen eines Zauberers mit seinem Stabe im Sande nachahmte, könnte nicht wohl etwas andres, als neuen Aberglauben hervorbringen oder den alten bestätigen. Ein bedenkliches Kopfschütteln oder ein förmlicher Verweis meines Herrn und Meisters war die Frucht meiner Freimütigkeit. P. Beda äußerte sich einst in Donauwörth an öffentlicher Tafel: »Meine Lage könne unmöglich die beste sein, denn ich müsse meinen Grundsätzen vollkommen entgegenhandeln.« Wirklich war meine Lage unangenehm genug, und ich empfand stets einen quälenden Widerwillen, wenn ich alle die täuschenden Gaukeleien des Zeremonienwesens mitmachen mußte. Man denke sich auch meine Gefühle, wenn ich in der einen Hand den Bischofsstab, in der andern die Bischofsmütze halten und hinter dem Herrn Weihbischof, solange er predigte oder den Gottesdienst verrichtete, ruhig stehen und zusehen mußte. Manchmal ward mir so übel, daß ich halbohnmächtig wegschleichen mußte. Selbst in meiner Vaterstadt Höchstädt mußte ich auf die erwähnte Art hinter Herrn Statthalter auf der Kanzel und am Altare stehen und wagte es kaum, die Augen aufzuschlagen; es war Scham vor mir selbst, denn in den Augen der Leute machte es mir Ehre. Übrigens beschäftigte mich Herr Statthalter mit mancherlei Aufgaben. Bald mußte ich ihm eine Predigt aufsetzen, bald eine lateinische Rede machen, um sie bei Prälatenwahlen abzulesen, bald einige seiner eigenen Predigten und andre Aufsätze umarbeiten. Dafür tröstete er mich damit, daß er mich versorgen wolle, und verschaffte mir, auf Rechnung der bischöflichen Siegelamtskasse, nach jedesmaligen vorläufigen Bitten, etwa alle drei Monate zwei neue Louisd'or Taschengeld zur Bestreitung meiner kleinen Bedürfnisse. Im Juni 1787 schien meine Bestimmung sich näher zu entwickeln. Ich schrieb an meine Freunde in Zürich: »Man überhäuft mich einige Zeit her mit soviel Arbeiten, daß ich kaum weiß, wie ich mit meinen Geschäften schicklich umkommen soll. Noch sehe ich selbst nicht ein, zu was das alles taugen mag; dennoch bequeme ich mich zu allem. Von morgens halb acht Uhr bis zum Tische, dann von halb zwei Uhr bis abends fünf Uhr bin ich täglich in der Registratur der Regierung beschäftigt. So befahl es Herr Statthalter von Ungelter, der mich vor einiger Zeit zu sich kommen ließ und mir sagte, er wolle mich beim bischöflichen Vikariate in Augsburg anstellen, ich werde die Aufsätze verfertigen müssen, die man von mir verlangen werde; übrigens solle ich in der Registratur helfen, um mich in Archivarbeiten zu üben und zu Kanzleigeschäften vorzubereiten. Je fleißiger ich wäre, desto früher und besser sollte ich versorgt werden. Sailer sagte mir zuerst, man habe im Sinne, mich zu Augsburg als Geistlichen Ratsakzessisten anzustellen. Ich traute aber der Nachricht gar nicht, bis mir Herr Statthalter selbst das obige sagte, mit dem Beisatze, er wolle mir eine ordentliche Besoldung auswirken, bis ich irgendein Benefizium, das in der Nähe liege, erhalten könnte.« Die Nähe meiner Vaterstadt Höchstädt, die nur eine starke Stunde von Dillingen entfernt liegt, gewährte mir auch manches süße Vergnügen. Oft ging ich dahin spazieren, um meinen lieben Vater und meine übrigen Verwandten und Freunde zu besuchen; oft kamen sie auch zu mir ins Konvikt. Den l2. November 1786 ging ich zum erstenmal nach Höchstädt, um nach einer so langen Trennung meinen Vater wieder zu sehen. Mit laut klopfendem Herzen nahte ich mich den Toren und dann dem Gäßchen, wo unsre kleine Wohnung stand. Es war an einem Sonntag, morgens um sieben Uhr, als ich vor's Fenster des baufälligen Häuschens kam und anpochte. Er lief herbei. »Grüß Euch Gott, lieber Vater, macht mir auf!« »Was ist denn jetzt?« sprach er erstaunt und stand erschrocken vorm offenen Fenster. »Ich bin Euer Sohn Xaver, kennt Ihr mich nicht?« – »Ach! ich sehe nicht recht! – Weiß nicht, seid Ihr mein Xaver oder mein Franz Joseph?« – »So macht mir nur auf, lieber Vater!« Da trat er schnell an die Tür und öffnete sie, und ich flog ihm in die Arme und küßte ihn. Beide weinten wir laut und drückten einander an die Brust, als wenn wir uns zerdrücken wollten. Dann ging es ans Erzählen. So oft es mir schlimm erging oder so oft mir eine auffallende Wohltat von jemand erzeigt wurde, liefen ihm wieder Tränen über die Wangen, und er dankte Gott laut für Rettung oder Gnade. Wir konnten an kein Ende kommen mit Fragen und Antworten. Er erzählte mir von dem Elend, das er bisher ausgestanden hätte, zeigte mir, wie er halb blind sei und sich dennoch kochen, waschen, flicken usw. müsse. Ich sah seine Speisen: er hatte sich eben auf drei Tage gekocht. Es war eine Wassersuppe vom ekelhaftesten Aussehen und ein Hafen voll roter Rüben. Wer hätte es ohne Tränen angeblickt? Dennoch war die Farbe der Gesundheit auf seinem Angesicht. Am meisten klagte er über die völlige Einsamkeit, in der er seine Zeit hinträumen müßte. Die Stube kam mir sehr enge vor, so weit sie mir auch vor Jahren geschienen hatte. Alle Winkel standen voll Töpfen, Schüsseln und allerlei Hausrat. Niemand durfte ihm etwas verrücken, wenn es der alte, halbblinde Mann nicht lange umsonst suchen sollte. Ich nahm ihn mit zum Essen ins Wirtshaus, tröstete ihn, so gut ich konnte, und versprach ihm, seine Not nach Vermögen zu lindern. »O! wegen meines Vaters allein,« schrieb ich nach Zürich, »sollte ich ja eine Pfarre haben!« Fast alle vierzehn Tage besuchte ich ihn. Wenn wir am Kirchhofe vorübergingen, wo meine Mutter begraben liegt, besuchten wir immer ihren Grabhügel und brachen in ihr Lob aus. Heinrich Geßner las den Brief, in welchem ich diese erste Zusammenkunft mit meinem Vater beschrieb, einigen Freunden vor und beschloß, sein Rekreationsgeld demselben zu überschicken; einige Freunde legten noch ihre Beitrage dazu, und so erhielt ich höchst unverhofft ein hübsches Sümmchen, meinen armen Vater zu trösten. Ich ging sogleich den folgenden Tag nach Höchstädt und besuchte meinen Vater. Eben war er mit Aufräumen in der Küche beschäftigt, denn der Kaminfeger hatte ihm seine Ordnung verdorben, und nun fand er große Mühe, seine Sachen, fast ohne zu sehen, an die gehörige Stelle zu bringen. Immer war seine Hauptklage gewesen, Gott werde ihn wohl in seinem Alter verlassen. Diese stimmte er nun von neuem an, indem er sagte: er sehe nun wohl, daß ihn Gott wegen der Verdrießlichkeiten strafen wolle, die er manchmal meiner seligen Mutter gemacht habe; er möchte laut wie ein Kind weinen, wenn er so ganz allein im öden Hause herumtappen müsse, es gebe keine fröhliche Stunde mehr für ihn usw. Da sprach ich ihm Mut ein und versicherte ihn, Gott sorge gewiß auch für ihn unendlich väterlich und werde ihm von einer Seite Hilfe zusenden, von welcher er es gar nicht hoffen könnte: ob er wohl glaube, daß in der fernen Schweiz Leute wären, die seiner gedächten und sein Elend zu heben trachteten? »Ach, wie wäre das möglich!« sprach er kaltsinnig. »Und dennoch,« fuhr ich fort, »finden sich unter diesen Euch ganz unbekannten redlichen Schweizern Leute, welche Euch, ohne daß sie Euch kennen, Gutes tun. Ich schrieb einem jungen Herrn, der mein Freund ist, wie Ihr mich bei meiner Ankunft empfangen habt, wie sehr mich Euer elendes, trauriges Leben gerührt hat, und wie kümmerlich Ihr Euch forthelfen müsset; und sehet, der junge Herr nahm sich dies zu Herzen und sparte sein Rekreationsgeld zusammen, um es Euch zu senden. Es ist viel Geld, lieber Vater!« Da zog ich Heinrichs Päckchen aus der Tasche und zählte ihm das Geld vor. Er staunte und sagte lächelnd, ich wollte gewiß einen Spaß machen ... Ich beteuerte, daß alles, was ich gesagt hätte, Wahrheit wäre, daß der junge Herr, der es ihm schicke, Heinrich Geßner heiße und ihm mit diesem Gelde bessre Tage verschaffen wolle. Noch glaubte er's nicht ganz und besann sich eine ziemliche Weile. Endlich sprach er: »Wenn's auch wahr ist, was Sie sagen, so kann ich das Geld ja doch nicht annehmen.« – »Warum nicht?« – »Mein Gott, ich kann ihm ja mit gar nichts danken und darf nicht einmal für die Lutherischen beten!« Lange hatte ich zu beweisen und zu widerlegen, bis er begriff, daß man auch für Nichtkatholische beten dürfe. Der Grund, Gott könne Leute, die soviel Gutes tun, unmöglich hassen, indem er keine gute Tat unbelohnt lasse, wirkte am meisten auf ihn. Ich schob das Geld, das noch auf dem Tische lag, näher zu ihm und hieß es ihn aufbewahren. Da traten ihm endlich die Zähren in die Augen und er sagte: »Nun, mein Gott, so will ich denn recht beten, daß du diese guten Leute, welche so ein großes Werk der Barmherzigkeit an mir tun, recht belohnest und glücklich machest. Hab's doch immer gehört, daß die kalvinischen und lutherischen Leute mehr Werke der Barmherzigkeit verrichten, als die katholischen selber!« Dann fragte er mich, ob's genug sei, wenn er alle Tage einen Rosenkranz für seine Wohltäter bete? Ich antwortete, daß ihm der Herr gar nichts vorschriebe, er möchte tun, was er wollte. Denn ich bemerkte, daß er ängstlich zu werden anfing und glaubte, er würde eine Sünde begehen, wenn er einen Tag das Versprochene zu beten vergäße. Zuletzt mußte ich ihm Geßners Namen noch oft wiederholen. Damit er ihn aber nicht vergessen könnte, schrieb ich ihn mit großen Buchstaben an die Stubentür. Wer dann zu ihm hineintrat, mußte ihm den Namen lesen und das Geschichtchen der empfangenen Wohltaten hören. Beim Abschiede sagte er mir: »Danken Sie dem Herrn doch recht für seine Güte; ich wollt' es selbst wohl tun, wenn ich zum Schreiben noch sähe, wie vormals!« Ich ersuchte Herrn Hübner, in seiner Zeitung etwas von meines Freundes schöner Handlung zu sagen, und er tat es gern. Aber mein Heinrich schrieb mir sogleich einen derben Verweis, protestierte feierlich dagegen, daß er alles Geld allein hergeschossen habe und wollte durchaus, ich sollte das Geschichtchen überall, wo ich es bekannt gemacht hätte, nach seiner Angabe berichtigen, denn ein Lob, das er kaum halb verdiene, an sich kommen zu lassen, dünke ihm, würde seinen Charakter nicht im schönsten Lichte zeigen. Ich wußte aber, er hatte an der Wohltat wenigstens den größten Anteil, und widerrief nicht. Wenn ich meine Verwandten besuchte, ward ich manchmal bis zu Tränen gerührt, denn viele von ihnen, die während meiner Knabenjahre in einer Art Wohlstand gelebt hatten, waren nun beinahe ganz verarmt, weil das gewöhnliche Fabrikat, sogenanntes Eschwinggarn zu Packsäcken und Talglichtern, keine Abnehmer mehr fand, ein Unglück, das jeden, der sich mit Fabrikation beschäftigt, treffen kann. Besonders rührte mich der Empfang im Hause meines Vetters Waginger, der einst nicht ohne Mittel und mein Wohltäter war, nun aber mit vielen Kindern beladen und durch Unglücksfälle herabgebracht, seine Familie und sich nur kümmerlich als Chirurg ernährte. Kaum trat ich in die Stube, so liefen seine Kinder, die mich fast alle noch kannten, mit einem großen Freudengeschrei auf mich zu und hingen sich an meine Arme und Kleider, und ihre hochbejahrte Großmutter, die Schwester meiner seligen Ahnfrau, die sonst nie ohne Krücken das Bänkchen hinterm Ofen verließ, lief auch, von der Freude verjüngt, ohne Krücken auf mich zu und drückte mir mit Tränen im Auge die Hände. Wenn ich auch ärmer gewesen wäre, als ich war, hätte ich jetzt doch nicht ans Sparen gedacht. In Dillingen lebten zwei Schwestern, die Töchter des Zieglers von Höchstädt, der meines Vaters Bruder war. Beide Mädchen standen als Mägde in Diensten; die jüngere, ein hübsches Kind, fand immer ihr Unterkommen in bessern Häusern, indes die ältere, welche weniger artig aussah, sich mit schwerern Arbeiten im Ziegelstadel plagen mußte. Beide Basen hatten jedoch ihre Liebhaber. Die ältere traf ich manchmal auf meinen Spaziergängen mit ihrem Jüngling, einem ehrsamen Schuhknecht, im eifrigen Gespräche an. Sie erschrak, so oft ich sie sah, denn sie mochte glauben, ich könnte, nach der Weise aller Geistlichen, Lust haben, den Sittenrichter zu spielen. Einst fand ich sie allein bei der Arbeit und fragte sie scherzend, warum sie mich immer fliehe, wenn sie an der Seite ihres Lieblings gehe und mich von fern erblicke? Zugleich äußerte ich, daß ich gegen eine Bekanntschaft in Ehren nichts einzuwenden habe. Da ging ihr das Herz auf. »Ach, Herr Vetter!« sagte sie, »ich hätte schon lange gerne mit Ihnen geredet; vielleicht wüßten Sie Rat zu schaffen. Mein Schuster möchte gern ein Häuschen kaufen und mich heiraten. Seine Mutter wäre ganz zufrieden damit. Aber ich habe, wie Sie wissen, gar kein Heiratgut, und im österreichischen, wo wir uns ansiedeln sollen, muß man 300 fl. Eigentum aufweisen können, wenn man die Erlaubnis zu heiraten erhalten will. Nun gehen uns noch 50 fl. ab, die wir nicht aufzutreiben wissen.« Zugleich beschrieb sie mir die Glückseligkeit, die ihrer warten würde, so lebhaft, daß ich wirklich den Gedanken faßte, ihr zu helfen. »Ich will mich besinnen«, sagte ich und ging nach Haus. Noch besaß ich von dem in Zürich erworbenen Gelde etwa 80 fl., die ich als ein unantastbares Depositum betrachtete, welches auf jeden Fall bereit sein müßte, um mich aus der Sklaverei, wenn sie unleidlich werden sollte, zu retten. Ich überlegte hin und her, ob ich die 50 fl. dem Mädchen auch geben sollte. »Gib sie ihr,« sagte die Gutherzigkeit, »so hast du auch einmal in deinem Leben einen Menschen glücklich gemacht!« »Aber,« wandte der Eigennutz ein, »was willst du machen, wenn dir ein Unglück zustößt? Wo wirst du Hilfe finden?« »Sorge du nicht,« sagte der religiöse Sinn, »Gott wird dich in einem solchen Falle nicht verlassen.« »Aber,« erwiderte der Argwohn, der sich ins Gewand der Klugheit versteckte, »wie wär' es, wenn dich das Mädchen betrügen würde, um mit dem Gelde durchzugehen und sich mit ihrem Galan einige gute Tage zu machen?« »Diesem Bedenken läßt sich abhelfen,« sprach die Klugheit, »du darfst ihnen nur ein Zeugnis ihres Beamten abfordern, daß sie heiraten dürfen, wenn sie die noch abgängigen 50 fl. Eigentum vorzeigen werden.« »Steckt nicht eine gute Dosis Eitelkeit dahinter,« warf mir die falsche Demut vor, »daß du eine solche für dich beträchtliche Summe verschenken willst, um dir selbst schmeicheln zu können: ich habe eine schöne Tat getan?« »Mag sein,« erwiderte der Geradsinn, »aber ich denke, man muß sich durch dergleichen Einbildungen, als hätte man nicht ganz reine Absichten beim Handeln, nie abhalten lassen, seinem Nebenmenschen Gutes zu tun, sonst möchte nie etwas Gutes geschehen.« Dabei blieb's, der Schuhknecht sollte mir ein Zeugnis des Beamten bringen. Aber er bat mich, ihm ein paar geschriebene Zeilen an denselben mitzugeben. Ich schrieb also dem Beamten, daß ich meiner Base Lenore 50 fl. Heiratsgeschenk geben wollte, wenn es wahr wäre, daß die beiden Brautleute den Heiratskonsens erhalten würden. Als Antwort brachte mir der Bräutigam sogleich den Konsens, und ich übergab ihm die 50 fl. Doch wollte ich mich sicher stellen, daß mir die versprochene Summe nicht zum zweitenmal abgefordert werden könnte, und ließ mir deshalb von ihm einen Empfangsschein ausstellen. Mit einer gewissen Selbstzufriedenheit über eine gute Handlung legte ich den Schein in meinen Koffer, und in der Folge geriet ich einigemal in Versuchung, einem oder dem andern meiner Freunde zu sagen: ich habe 50 fl. verschenkt, gleichsam als hätte ich etwas Großes geleistet. Die jüngere und hübschere Schwester der Braut, die bei einem Hofrat diente, kam öfters in das Haus eines gewissen angesehenen Beamten, um dort eine Gespielin zu besuchen. Der Herr fragte sie nach ihrem geistlichen Vetter und sagte ihr, sie sollte mich auf einen Besuch zu ihm einladen. Ich kam und fand ihn nebst einem hübschen Fräulein, seiner Tochter, im Zimmer. Genau erinnerte er sich noch der Rollen, die ich als ein kleiner Student auf dem Jesuitentheater gespielt hatte, und unsre Unterhaltung ward lebhaft genug. Das Fräulein zeigte während des Gespräches viel Artigkeit und ungekünstelten Witz. Man hieß mich öfters wieder kommen. Ich kam wenigstens alle vierzehn Tage einmal. Das Fräulein ward mir immer interessanter, unsre Augen antworteten einander bald. Fast täglich erschien sie nun in meiner Messe und kniete in einem Stuhle nicht fern vom Altar, wo ich las. Wenn ich mich der Zeremonie halber umwandte, trafen ihre Blicke gewiß nicht das Gebetbuch; sanft erhoben lächelten sie mir. Als sie mich einst beim Abschiede zur Treppe hin begleitete, legte sie geschwind ein schönes Pfaffenkäppchen in meinen Hut und lief davon. Im Frühling fügte es sich, daß ihr Vater, als ich zum Besuche kam, ausgehen mußte; es war ein schöner Abend und das Fräulein schlug vor, ich sollte sie in den Garten vor die Stadt hinaus begleiten. Gern tat ich es und war nicht wenig vergnügt, an der Seite eines so hübschen Fräuleins zu wandeln. Ich machte ihr meine Freude durch Worte kund, so gut ich's vermochte. Sie drückte meine Hand und sah mich freundlich an. Ihre Mutter saß in der Gartenlaube. Wir gingen zwischen den Beeten hin, lustwandelnd und in süßes Geschwätze verloren und sagten in allerlei Wendungen, daß wir einander lieb hätten. Wenn ich nun nach einem Besuche Miene machte, Abschied zu nehmen, wußte sich das Fräulein immer etwas in ihrem Zimmerchen zu schaffen zu machen, das näher an der Treppe war, als der Besuchsaal, und immer hatte sie mir dort etwas zu zeigen, oder sie fing an, mich zu necken, so daß ich zu ihr ins Zimmerchen treten mußte. Als ich zum erstenmal hineintrat, wagte ich's kaum, meinen Arm um sie zu schlingen. Aber ich hatte es kaum gewagt, so lächelte sie mich zärtlich an, verstand meinen bittenden Blick und kam mit ihren Lippen den meinigen entgegen. Es war lange verhaltene Neigung, was uns so schnell und so feurig zusammenriß. Innig herzten und küßten wir uns einige Augenblicke, aber ich ward immer schnell wieder entlassen, damit Papa keinen Argwohn fassen möchte. Dennoch konnte es nicht fehlen, er mußte nur zu bald merken, daß wir einander aufsuchten. Einst kam er uns nachgeschlichen, riß plötzlich die Tür auf und fand uns, eines das andre mit den Armen umschlingend, mitten im Zimmer stehen. »Ich habe mir's doch eingebildet,« sagte er lächelnd, »daß ihr einander gern küssen mögt, eure Blicke verrieten euch längst! Macht es nur nicht zu bunt!« Ach, wie erschrocken standen wir da! Es währte lange, bis wir uns getrauten, einander wieder auf dem kleinen Zimmerchen zu sehen. Die Mutter des Fräuleins schien nichts von unsrer Liebe zu bemerken, machte mir aber oft das Vergnügen, von ihrer Tochter allerlei schöne Charakterzüge zu erzählen. Vor allem lobte sie ihre liebreiche Sorgfalt, mit der sie einst die beiden Eltern während einer Krankheit gepflegt hatte. Es war rührend zu hören, wie sich das liebe Kind viele Nächte lang den Schlaf versagt hatte, um die Kranken von Zeit zu Zeit in eine bequemere Lage zu bringen. Genau wußte ich nun, wann mein Fräulein in den Garten gehen würde. Sie ging zwar nicht allein. Aber es war doch ein Vergnügen für uns, einander sichtbare Zeichen unsrer Zuneigung geben zu können. Entweder stand sie auf dem Altan am Gartenhause und winkte mir, der ich auf der Wiese ging, mit dem weißen Schnupftuche zu, und ich schwang zum Zeichen, daß ich sie sähe, den Hut, oder ich schlich in der Abenddämmerung an die Gartenhecke und wartete, bis sie am Busche, in dem ich mich versteckt hielt, vorüberwandeln würde: dann küßten wir uns geschwind über die Hecke hin, oder ich schwang mich wohl gar in den Garten, um sie an meine Brust zu drücken. Alle unsere Herzensangelegenheiten teilten wir dann einander mit, aber manchmal unterbrach unser bestes Gespräch das Knirschen eines Fußtrittes im Sande, und ich mußte schnell über die Hecke springen. Ich hatte einst wirklich in einem Busch am Zaune eine heimliche Laube gebaut und hoffte, mein Fräulein hier unbemerkt erwarten und bequem durch den Zaun schlüpfen zu können, aber kaum erblickte das gute Kind die künstliche Öffnung zwischen den Sträuchern, die ich bei ihrer Ankunft auseinander bog, so stutzte sie, ward scheu und lief, statt mich zu küssen, davon. Ich eilte ihr hinter den hohen Bohnenstücken nach und fragte ängstlich: »Ach Geliebte! warum fliehen Sie mich?« Sie antwortete etwas schüchtern: »Ich fürchtete, du möchtest mich in den Busch ziehen.« War diese liebenswürdige Schüchternheit nicht der süßesten Küsse wert? – In meiner Lage mußte mir eine Bekanntschaft, wie diese, sehr tröstlich und ermunternd sein, und ich glaubte nicht, daß ich ohne sie ausgeharrt hätte. In einem gleichen Grade von Herzlichkeit dauerte sie fort, bis meine Abreise nach Augsburg uns trennte. Es war ein schmerzlicher Abschied, der uns beiden nicht wenige Tränen kostete. Aber sie verbot mir, allerlei wichtiger Bedenken halber, an sie zu schreiben. Deshalb schrieb ich an ihren Vater, und sie verstand mich doch. Herr Statthalter hatte mir befohlen, ihm eine Bittschrift an den Kurfürsten zu übergeben und versprach, dieselbe mit seinem Gutachten vorteilhaft zu begleiten und mir den Akzeß beim Geistlichen Rate in Augsburg auszuwirken. Auch Herr de Haiden versprach, das Gutachten des Herrn Statthalters mit dem seinigen zu begleiten. Nach ein paar Monaten sagte mir Herr von Ungelter: »Es wundert mich, daß Ihre Bestallung von Koblenz noch nicht da ist, vielleicht wird nichts daraus. Allein ich nehme Sie auf alle Fälle nach Augsburg mit, stelle Sie bei der Registratur auf meine Kosten an, und – nicht wahr? – viel Mehreres, als Speise, Trank und Kleidung werden Sie wohl nicht brauchen?« Ich zuckte die Achseln, machte eine Verbeugung und ging mißmutig davon. »Bald muß es sich zeigen,« schrieb ich an Heinrich Gehner, »ob ich betrogen bin oder nicht. Denn ich habe Winke und starke Vermutung, daß nach Koblenz keine Vorstellung und kein Gutachten kam, weil man sich scheuet, einen entwichenen Mönch beim geistlichen Dikasterio anzustellen.« Winke von einem solchen Betruge hatte mir mein liebes Fräulein gegeben. Und meine Vermutung bewahrheitete sich, Herr Statthalter hatte die Bittschrift gar nicht abgeschickt und nahm mich den 15. Dezember 1787 nach Augsburg mit, nachdem es ihm gelungen war, mich zu bereden, es sollte mir nichts abgehen, und ich dürfte mich um meine Versorgung gar nicht kümmern und würde gewiß sehr bald zu meiner völligen Zufriedenheit eine Stelle erhalten. Um seinen Vorstellungen mehr Eingang zu verschaffen, hatte er mir schon seit ein paar Monaten das wenige Taschengeld verweigert, das er mir sonst reichen ließ. Dreizehntes Kapitel: Kanzleigeschäfte und Liebschaften. Anfang des neuen Aufenthaltes in Augsburg – Fräulein Josepha – Eine Visitation – Züge meiner Lebensnot – Die Einsiedelei – Ein Traum, Einladungen Augsburg zu verlassen – Geßners Tod – Klagen über meine Obern – Aufgegebenes Vorhaben zu fliehen – Besuch bei Minchen – Akzeß zur bischöflichen Vikariats-Kanzlei – Das Benefizium – Die Habilitation – Lenchen – Lisette und die Versuchung – Lenore, eine Liebschaft – Das Fernrohr – Lenorens Bruder und ihr erster Liebhaber – Liebhaber um Liebhaber. Sobald wir abends in der Dompropstei zu Augsburg aus dem Wagen gestiegen waren, wurde ein Bedienter abgeschickt, der den Herrn Kanonikus Löhler herbeiholen mußte. Ein artiger, etwas untersetzter, aber wohlgebildeter Mann erschien, begrüßte mich freundlich und übernahm mich aus den Händen des Herrn Statthalters als seinen neuen Hausgenossen. Sein einnehmendes Betragen gewann ihm sogleich mein Herz und ich sah im Gewölke, das mein künftiges Schicksal umhüllte, wenigstens eine lichte Stelle, das Glück nämlich, einen freundlichen Hausherrn zu haben. Schon auf dem Wege hatte mir der Herr Statthalter gesagt, ich sollte von nun an täglich an seiner Tafel speisen, er möchte in Augsburg anwesend sein oder nicht. Herzlich erschrak ich über dies Anerbieten und fühlte sogleich, daß ich dadurch ganz und gar von ihm abhängig werden und in eine wahrscheinlich drückende Sklaverei geraten würde. In der Hoffnung, daß ich mich vielleicht noch loswickeln könnte, erwiderte ich: »Unmöglich kann ich's Euer Exzellenz verhehlen, daß es mich schmerzen würde, unverdientes Brot zu genießen; wenn es Ihnen Ernst ist, für mein Glück zu sorgen, so machen Sie mir Gelegenheit, mein Brot zu verdienen!« »Das sollen Sie auch,« antwortete er, »ich gebe Ihnen die Kost nicht umsonst, Sie sind von nun an der Schneider, der meinen Geistesgeburten ein artiges Kleid umhängen und mir täglich als Assistent zur Messe dienen soll. Wenn Sie mir diese Dienste erweisen und sich hin und wieder als Sekretär gebrauchen lassen, so verdienen Sie die Kost mehr als hinlänglich, denn ich müßte doch immer jemanden haben, der mir dies leistete und allerlei Aufsätze ins reine schriebe!« »Mit Dank erkenn' ich Ihr gnädiges Wohlwollen,« so wandte ich ein, »aber die Kost ist nicht das einzige Bedürfnis, das man hat; täglich brauche ich auch einiges Geld, teils um mir andre kleinere oder größere Erfordernisse zu schaffen. Wenn Sie nicht machen, daß ich ein Ämtchen mit hinlänglicher Besoldung erhalte, wie Sie mir bereits zu versprechen die Güte hatten, so darf ich nicht hoffen, zufrieden leben zu können.« »Sorgen Sie um nichts,« versetzte er lächelnd, »die wenigen Bedürfnisse, die Sie haben, sollen alle befriedigt werden, mein Hausmeister muß Ihnen machen lassen, was Sie immer nötig finden, Sie dürfen mir's nur sagen!« »Eben das Sagen ist schwer,« erwiderte ich etwas schüchtern, »und ich muß es gestehen, mein Leben lang hab' ich das Bitten gescheut.« »So will ich's Ihnen noch leichter machen,« sprach er, »Sie dürfen es nur meinem Hausmeister melden, wenn Sie etwas wollen, ich werde ihm Befehl geben, Ihnen alles auf meine Rechnung zu verschaffen. Er ist zwar ein etwas rauher Mann und (ich muß es Ihnen nur zum voraus sagen, damit Sie etwa nicht befremdet oder erschreckt werden) er knickert zuweilen gar zu sehr und hat mir erst vor ein paar Tagen einen Brief geschrieben, in dem er sich sehr darüber beschwert, daß ich ihm einen neuen Kostgänger mitbringen wolle. Es ist, wie wenn er eifersüchtig wäre, daß jetzt noch ein andrer Geistlicher neben ihm an meiner Tafel speisen soll. Aber lassen Sie ihn trotzige Gesichter machen, so lange er will, und halten Sie sich an mich! Kommt Zeit, kommt Rat! Wird eine Stelle ledig, so werd' ich Sie nicht vergessen.« Wirklich empfing mich der Hausmeister, Priester Michael Kratzer, ein Exjesuite und Sailers Freund, mit stürmischen Mienen und ließ es mich sogleich im ersten Augenblick empfinden, daß es schwer halten würde, alles, was ich nötig hätte, von ihm zu erbetteln. Als wir zu Tische gingen, zeigte sich auch die Schwester des Herrn Statthalters, ein altes Fräulein, welches gerade das Gegenteil von dem war, was man schön und artig heißt. Mit einem kupferigen Gesichte, einem Höcker auf dem Rücken, einem nur um eine Kleinigkeit zu kurzen Beine, einem großen Schnurrbarte von Tabak und einem Anzug, der sie beinahe so dick als lang machte, vereinigte sie bald die Reize eines gnädigen Lächelns, bald die hohen Mienen des Adels, als wollte sie jedermann sagen: »Respekt vor der Würde meiner Geburt!« Ihr Herr Bruder zeigte mir an, in seiner Abwesenheit würde ich künftig mit Fräulein Josepha und Herrn Kratzer speisen und empfahl mich in einem ziemlich scherzhaften Tone der Gewogenheit seiner Schwester. Weil sie mich mit herablassender Freundlichkeit bewillkommnete, so ließ ich mich durch ihre Gestalt nicht ganz abschrecken, ihr so höflich als ich konnte zu begegnen, und sie schien große Freude daran zu haben, daß sie jemand mit Achtung behandelte. Nachts führte mich mein neuer Hausherr, Kanonikus Löhle, mit sich in seine Wohnung, wies mir im dritten Stockwert ein artiges, mit den nötigsten Möbeln und einem Bette versehenes Zimmerchen samt einer Nebenkammer an, sprach mir Mut ein, mich in meine neue Lage zu schicken und äußerte sich, er hoffe, ich werde nicht lange ohne ein Amt bleiben, denn Herr Dompropst sei gewiß mein aufrichtiger und mächtiger Gönner. Als er mich verlassen hatte, warf ich mich auf die Knie und betete, Gott möchte auch auf dieser neuen Laufbahn mein Helfer und Führer sein, und schlief vergnügt bis an den Morgen. Als ich erwachte und ans Fenster trat, fand ich mich durch die freie Aussicht gegen Süden in geräumige Obst- und Gemüsegärten angenehm überrascht. Jetzt hüpften zwar nur Finken, Emmerlinge und Sperlinge durch die entblätterten Zweige, aber ich versprach mir in der wärmeren Jahreszeit kein geringes Vergnügen davon, über blühende oder fruchtreiche Bäume hin ins Grüne sehen zu können und vom Morgenliede der Vögel aus leichten Träumen geweckt zu werden. Meine Erwartung betrog mich auch nicht. Ich stieg manchmal heitrer aus dem Bette, weil mich die Grasmücken aus dem Schlummer gesungen hatten. Täglich kam nun frühmorgens ein Bedienter, welcher mir die Zeit anzeigte, zu welcher ich in der Kirche erscheinen sollte, um dem Herrn Statthalter zu assistieren. Wenn keine besondere Feierlichkeit vorfiel, so war dieser Dienst in einer starken Stunde vorüber. Aber sehr oft hielt den Herrn Statthalter ein dringendes Geschäft oder ein unvorhergesehenes Hindernis länger als gewöhnlich zu Hause auf, oder er hatte Kindern die Firmung zu erteilen oder Glocken, Kelche und Geistliche zu weihen. Dann dauerte es oft bis zur Mittagsstunde, ehe wir nach Hause kamen. Sein Predigen verlängerte dergleichen religiöse Verrichtungen manchmal um die Hälfte, und es fügte sich ein paarmal, daß mir teils der Dunst, teils die unbequeme einförmige Stellung des Leibes auf kalten Pflastersteinen, teils die Ungeduld, die mich beim Anhören so sinnloser Reden usw. heimlich quälte, eine Übelkeit zuzog, so daß man mich wegschleppen mußte, wenn ich nicht hinsinken sollte. Nach einem solchen Zufalle sagte mir einst Herr Statthalter: »Es scheint, meine Predigten gefallen Ihnen so gut, daß Sie davon ohnmächtig werden.« Ich war überrascht und blieb stumm. Eins der unangenehmsten Geschäfte war mir der Kirchendienst bei den Weihen junger Geistlichen. Da mußte ich den gutherzigen Jünglingen die Dalmatiken, Stolen, Manipeln usw. anziehen, sie bei jeder Zeremonie in die rechte Positur bringen, ihre Hände nach der geheimnisvollen Priestersalbung mit einem Tüchlein zusammenbinden, ihre Meßgewänder zurechthängen, ihnen die Meßgebete im Missale zeigen und dergl. mehr. Alles sollte mit einer gewissen andächtigen Amtsmiene und mit einem Anschein von Wichtigkeit verrichtet werden, indes ich die Zeremonien lieber ganz abgebracht und für das erklärt hätte, was sie sind, für Künsteleien der Hierarchie. Wenn der Herr Statthalter seine Messe gelesen hatte, so sollte auch ich die meinige lesen. Allein ich las nur, wenn ich mußte, das heißt an Sonn- und Feiertagen und an andern Tagen der Woche, an denen man mich dazu erbeten oder bestellt hatte. Zu St. Peter in Augsburg müssen wöchentlich einige Stiftungsmessen gelesen werden, die man aus eigens dazu bestimmten Einkünften bezahlt. Weil ich gewöhnlich den Mesner und die Ministranten mit einem guten Trinkgeld belohnte, so trug man mir die Messen zu lesen an. Erst bedachte ich mich, ob ich mich wohl dazu verstehen sollte. Doch die Betrachtungen, daß ich ebensogut, als jeder Priester, Messe lesen könnte und müßte, daß man das Geld für ebendieselbe Zeremonie einem andern geben würde, wenn ich es nicht verdienen wollte, und daß niemand ein Schaden zuginge, wenn ich es annähme, bewogen mich, die Messen nach Verlangen zu lesen und mir dadurch ein kleines jährliches Einkommen von etwa 50 Gulden zu verdienen. Sonst, wenn ich füglich ausweichen konnte, vermied ich es, Messen um Geld zu lesen. Die Zeit von der Messe an bis zum Mittag konnte ich entweder auf meine eigenen Studien verwenden, oder ich mußte (was sehr oft geschah) für Herrn Dompropst allerlei Aufsätze teils verfertigen, teils ausbessern. Bald gab er mir Visitationsprotokolle zum Kopieren, bald mußte ich sogenannte Visitationskarten (weitläufige geistliche Zusprüche und Rügen) jetzt lateinisch, jetzt deutsch konzipieren, je nachdem er in Manns- oder Frauenklöstern visitiert hatte, bald trug er mir auf, ein Fastenpatent zu verfassen oder eine geistliche Anrede bei Klosterwahlen zu schreiben und mehr dergl. Gar oft entwarf er eine Skizze, nach der ich arbeiten sollte. Anfangs hielt ich es für notwendig, in jeden Period, in dem ich keinen Sinn fand, Sinn zu bringen oder, wenn die ganze Anlage nichts taugte, sie so lange zu drehen, bis sie genießbarer würde. Allein da kam ich übel an: meine gutgemeinten Verbesserungen fanden fast niemals Beifall, und ich mußte den Aufsatz drei- bis viermal umändern und immer von neuem wieder ins reine schreiben, ehe er einigermaßen gefallen wollte. Nach und nach merkte ich, daß ich am besten wegkäme, wenn ich mir am wenigsten Mühe gäbe, meine Sache gut zu machen. Ich hielt mich so nahe als möglich an die Ausdrücke der mir vorgezeichneten Skizze, ließ mystischen Unsinn Unsinn sein und wischte größtenteils nur die auffallendsten Fehler wider die Sprachlehre, Wortfügung und den regelmäßigen Periodenbau weg, und so erntete ich sicher und leicht den Beifall meines Meisters ein, der dann nicht unterließ, die neue Arbeit dem Herrn Hausmeister zur Prüfung zu übergeben, sie ein paar alten Damen und seiner Fräulein Schwester zur Erbauung vorzulesen und mich als seinen literarischen Hof- und Leibschneider anzurühmen. Man kann denken, wie schwer es mir werden mußte, allerlei dergleichen Schriften nach Grundsätzen zu verfassen, die oft geradezu mit meiner Überzeugung im Widerspruch lagen, und wie sehr es mich anekelte, sinnlose oder ganz unwahre Behauptungen als Wahrheiten vorzutragen. Nur die Visitationskarten verfertigte ich zuweilen mit einigem Vergnügen, weil es mir wohl tat, diesem oder jenem stolzen Prälaten eine derbe Strafpredigt halten und die Lieblosigkeit und unordentliche Lebensart seiner Mönche, die ich aus Erfahrung so gut kannte, nach aller Strenge rügen zu dürfen. Bei solchen Anlässen unterließ ich gewiß nicht, meine Kenntnisse vom Klosterwesen zu benutzen und die Geheimnisse mönchischer Heuchelei und verborgener Ausgelassenheit zu enthüllen. Aber Herr Statthalter strich die treffendsten Stellen gar oft weg, weil er sich fürchtete, irgend jemandem wehe zu tun. Einigemal nahm er mich als Aktuar zur Visitation in ein Nonnenkloster mit. Es dünkte mich lustig, alle die kleinlichen, nichtsbedeutenden Klagen der Nonnen zu protokollieren, ihre bald kindischen, bald neidischen Äußerungen anzuhören und den brennenden Eifer zu beobachten, mit dem sie nach Kleinigkeiten strebten. Ich ward böse, wenn sich kreischende Alte herausnahmen, mit Bitterkeit und im Tone andächtiger Sittenrichterinnen über ihre jungen Mitschwestern loszuziehen, ihre natürliche Munterkeit als Frechheit zu verklagen und den unbefangenen Kindern den ohnehin so sehr beschränkten Lebensgenuß noch mehr zu vergällen. Dann fühlte ich recht, daß der Geist des Hochmuts, der Unvertragsamkeit und der Tadelsucht, der so gern in bejahrte Menschen fährt, die schmerzlichste Geißel jeder Gesellschaft und der Störer allen Vergnügens ist. Manchmal, wenn eine stille, leidende Seele aus matten Augen, die sich kaum zu erheben wagten, hervorschaute und doch nicht ein einziger leiser Klageton den blassen Lippen entschlüpfte, indes doch ihr ganzes Wehmut verratendes Wesen die Grausamen anzuklagen schien, die sie in diese unnatürliche Einsamkeit verbannt hatten, ergriff Mitleid und Rührung mein Herz, und ich wünschte, die Hinwelkende retten zu können. Nach der Visitation hatte der Herr Statthalter den Oberinnen gewöhnlich noch besondere Ermahnungen und Räte zu erteilen, und ich durfte die Zellen der Nonnen besuchen. Die jüngern, fröhlichen Kinder umringten mich, zogen mich in ihre reinlichen Kämmerchen, zeigten mir ihre geschmückten Kasten voll schneeweißer Leinwand, mit Blumen und Flittern besteckt und mit Zuckerwerk ausgestopft, die bunten Täfelchen an der Wand und den Bräutigam Jesus im schöngestickten Kinderröckchen, mit Haaren wie Flachs und mit Rosenwangen wie gemalte Pfirsiche. Öfters, wenn die guten Mädchen wegliefen, um bis zu meiner Ankunft auch ihre Zellen in Ordnung zubringen, und ich dann auf Augenblicke mich mit einer hübschen Nonne allein fand, faßte sie mich zärtlich ins Auge und drückte mir feurig die Hand, als wenn sie Küsse forderte, aber in eben dem Augenblick hüpfte schon wieder eine Mitschwester herein, gerade als wollte jede ihre Gespielin hüten und durchaus nicht zugeben, daß eine mehr als die andre begünstigt würde. Wenn ich ein Fastenpatent oder eine geistliche Rede geschneidert hatte, so verlangte Fräulein Josepha fast immer, ich sollte ihr den handschriftlichen Aufsatz ihres Herrn Bruders bringen, denn in diesem hoffte sie, würde noch der Geist der Andacht echt und unverfälscht wehen. Was meine Feder hinzugetan hatte, das hielt sie für lutherisches Machwerk. Anfangs stand ich zwar, meiner schüchternen Höflichkeit wegen, bei ihr in gutem Kredit, allein ein Zufall brachte mich bald um ihre vorteilhafte Meinung. Sie hatte mich gebeten, ich möchte ihr abends bei Tische etwas vorlesen. Ich gehorchte sogleich und blätterte in Gellerts Fabeln, die ich eben in der Tasche trug, um eine Fabel zu finden, die nichts Verliebtes enthielte, denn sie hatte mir schon gesagt, daß sie dies so sehr hasse als Tod und Sünde. Mir fiel die Widersprecherin auf. Geduldig horchte sie mir zu, bis zu den Worten: So wie dem welschen Hahn, dem man was Rotes zeigt, Der Zorn den Augenblick in Nas' und Lefzen steigt, usw. So schießt Ismenen auch, da dies ihr Liebster spricht, Das Blut den Augenblick in ihr sonst blaß Gesicht. Auf einmal platzte der Hausmeister, der bisher das Lachen mühsam verhalten hatte, unaufhaltsam los, das gnädige Fräulein erhob sich vom Stuhle, sagte mir aufgebracht, sie könne solche Kindereien nicht hören und schleppte sich in ihr Nebenzimmer. Treuherzig hielt ich der Güte meines Schriftstellers eine Schutzrede und konnte kaum fassen, wie es zuginge, daß er gar keinen Beifall fände. Denn ich wußte noch nicht, daß der Herr Kratzer schon oft mit dem Fräulein in Zwist und Zank geraten war und sie mit einem Truthahn verglichen hatte. Um das Maß der Beleidigung voll zu machen, nahm mir Kratzer das Buch aus der Hand und las mit lauter Stimme, langsam und pathetisch, Gellerts Fabel die Betschwester her. Im Sturm von Unmut trabte das Fräulein wieder aus der Kammer und gebot mir, »das Buch einzustecken und in Zukunft nie wieder eine so weltliche Scharteke mitzubringen; wenn ich ihr etwas vorlesen wollte, so möchte ich nur die Bibel zur Hand nehmen.« Ich steckte meinen Gellert in die Tasche und brachte am folgenden Abend Luthers Übersetzung des Alten Testamentes mit mir, ein Duodezbändchen, das ich in meinen kleinen Koffer gepackt hatte, der mit mir von Dillingen angelangt war. Da ich erst einen großen Verschlag mit meinen Büchern von daher erwartete, so konnte ich keine katholische Übersetzung mitbringen. Ich dachte ihr etwas Unterhaltendes vorzulesen und geriet an die Geschichte Daniels mit dem Drachen. Als ich am besten daran war, fing der Hausmeister wieder zu lachen an und setzte mich von neuem in Verlegenheit, denn mir war gar nicht eingefallen, daß er Daniels Drachen und ein böses Weib in einem Begriffe vereinigen könnte. Das Fräulein verstand ihn sogleich, riß mir meine Bibel aus der Hand, besah den Titel, fand Luthers Namen darauf, warf das Buch von sich, wie wenn sie eine Natter gefaßt hätte, und sprach mit aufbrausender Hitze: »Ich möchte mir's vergehen lassen, sie zu verführen, sie wollte durchaus keine lutherischen Schriften weder lesen noch vorlesen hören, und ich sollte mich nicht mehr unterfangen, ihr mit meinen gottlosen Büchern beschwerlich zu fallen.« Es war mir unmöglich, diesmal das Lachen zu unterdrücken; sie ward dadurch noch mehr aufgebracht und lief vom Tische weg. Sobald ihr Herr Bruder nach Hause kam, klagte sie mich an. Aber er lachte über ihre Empfindlichkeit, zog ihre Beschwerden in Scherz und gab mir einen leisen Wink, künftig ihrer Schwachheit zu schonen. Es hielt jedoch schwer, mit dem Fräulein in gutem Vernehmen zu stehen, obwohl ich mich selten in einen Wortwechsel mit ihr einließ. Wenn mir von ungefähr im Gespräche ein Wort, wie Kindbett oder Beschneidung , entfiel, so ärgerte sie sich höchlich über die grobe Unverschämtheit, daß ich durch solche Ausdrücke ihre keuschen Ohren zu beleidigen wagte, wollte mit einem so unflätigen Menschen nicht mehr an einem Tische speisen und eilte aus dem Zimmer, sobald sie bereits satt genug war, um dies Opfer ohne Unbequemlichkeit ihrer englischen Reinigkeit bringen zu können. Sogar bei ihrem Bruder verklagte sie mich, als hätte ich Zoten geredet, und er hätte ihr geglaubt, wäre der Hausmeister nicht Zeuge meiner Unschuld gewesen. Denn Herr Dompropst, obschon er ihre schwachen Seiten kannte, war doch in hohem Grade für sie eingenommen und ließ sich vom Schimmer ihrer Heiligkeit blenden. Sie hatte aber auch seinen Charakter überaus gut studiert, wußte ihn so geschickt bei seiner Schwäche zu fassen und ihre Absichten so schlau mit einem Anstrich von Gottseligkeit zu verkleistern, daß es mich wundern sollte, wenn ihre Schwätzereien ganz ohne Wirkung geblieben wären. Täglich führte sie dreizehn Gebetbücher, die wir sehr oft zählten, auf einmal in der Tasche, unter denen sogar eins in Quarto war, mit dem Titel: Bedrängnis Christi . Wenn sie dies letzte in der Kirche vor sich nahm, so winselte, murmelte und schluchzte sie so herzzerbrechend, daß niemand neben ihr knien mochte. Wenn Herr Dompropst in Augsburg war und wir mit ihm an einer Tafel speisten, fielen alle Ungezogenheiten weg; niemand durfte zanken, und aller Unwille verstummte. Nach dem Abendessen mußte Herr Hausmeister gewöhnlich Stellen aus einem geistlichen Buche vorlesen, das er selbst wählen durfte, oder man unterhielt sich in ungezwungener Art. Unsre Gespräche handelten dann meistens von Schriften, die wir gelesen, von Beobachtungen, die wir im Laufe des Tages gemacht hatten, oder von Vorschlägen, die wir nach unsern Einsichten zum Besten der Menschheit zu tun wußten. Oft debattierten wir lange und ausführlich über allerlei praktische Sätze. Oft scherzten wir in bescheidnem Tone über lächerliche Einrichtungen und die neuesten wunderlichen Vorfälle. Manchmal neckten wir auch unser gnädiges Fräulein, wenn ihre Weisheit über einen Gegenstand, den sie kaum zur Hälfte begriff, abzusprechen wagte. Zwischen ihr und mir hatte stets ein scherzhafter Kampf statt; sie beschuldigte mich der Ketzerei und Freidenkerei, und ich bezichtigte sie frommer Tücken und klosterfräulicher Schlauheit, was sie durchaus nicht an sich kommen lassen wollte. Die vielen Geschäfte des Herrn Statthalters und die steten Besuche machten, daß man selten zur bestimmten Stunde zur Tafel gehen konnte; es fügte sich oft, daß wir von 12 Uhr bis nachmittags 3 Uhr warten mußten, ehe wir eine Suppe erhielten. Im Sommer fiel mir dies weniger beschwerlich als im Winter, denn zur wärmern Jahreszeit konnte ich im Garten spazieren oder in einem sonnigen Winkel sitzend dichten; aber solange es kalt war, mußte ich entweder im Bedientenzimmer hinter dem Ofen meine Zuflucht suchen oder, um allein zu sein, mich in das temperierte aber finstre Gewölbe sperren, wo der Gärtner seine Lorbeerbäume aufbewahrte. Das erste hatte die Unbequemlichkeit, daß ich mit den Lakaien und ihren Manieren zu vertraut wurde, das andre machte mir des Dunstes halber Kopfweh und forderte, daß ich am Tage ein Licht anzündete. Dennoch wählte ich sehr oft das letztere, um ungehindert träumen oder schreiben zu können. Meine einzige Ergötzung fand ich im Spazierengehen und im Genusse der schönen Natur. In Mantel und Talar gekleidet, mit einem großen, runden Hut auf dem Kopfe und ein paar Hündchen hinter mir her, zog ich durch die Stadt und erregte bald, ohne daß ich's vermutete, die Aufmerksamkeit der Leute. »Wer ist doch der junge Geistliche mit den beiden Hunden,« fragten sie einander, »der im schwarzen Mantel, mit einem großen Hute bedeckt, wie ein Zauberer durch die Stadt schleicht?« »Das ist des Statthalters Handlanger«, antworteten die andern. Lange wußte ich nicht, was man von mir urteilte, bis es die Bedienten in der Dompropstei mir lachend hinterbrachten. Aber da ich bei meiner Obrigkeit täglich und zwar im langen schwarzen Kleide erscheinen mußte, so hätte ich mit dem Umkleiden zu viele Zeit verloren und entschloß mich, im geistlichen Staatsrocke spazieren zu gehen. Dabei genoß ich noch die Bequemlichkeit, an meinen liebsten Plätzchen, deren ich immer einige hatte, den weiten Mantel ins Gras breiten und mich recht angenehm darauf hinstrecken zu können. Den runden großen Hut hätte ich durchaus um keinen andern vertauscht, weil er mich beschattete, vor Regen beschützte und meine Blicke schärfte. Die beiden Hündchen gehörten in die Dompropstei; ich tat unserm Fräulein einen Gefallen, wenn ich ihr braunes Pudelchen mitnahm, und ich ließ die Hündchen selbst gern mit mir laufen, weil es mir Vergnügen machte, daß sie so sichtbar sich freuten und mich so munter umhüpften. Oft ging ich ins Gebüsche am Lech, um zu baden, warf meine Kleider von mir und trug die beiden Hündchen, unter jedem Arme eins, mitten in den Strom. Es war lustig, die Geschicklichkeit zu bemerken, mit der sie ruderten und die Ängstlichkeit, mit der sie mir gleichsam zuhilfe schwammen, wenn ich mich eine Weile untertauchte. Auf dergleichen Spaziergängen entstanden die meisten meiner spätern Gedichte, denen meistens eine Szene zugrunde liegt, die ich wenigstens zum Teile wirklich gespielt habe. Nie war mir in Augsburg so wohl, als wenn ich in der Gegend des sogenannten Pfannenstiels auf meinem ausgebreiteten Mantel saß und dichtete. Einst geriet mir Löwes Handbuch der Kräuterkunde in die Hände und erweckte in mir eine so große Lust, ein Kräuterkenner zu werden, daß ich anfing, manche Stunde mit Aufsuchen verschiedener Pflanzen und mit Erforschung ihrer Kennzeichen zu vertändeln. Öfters machte ich mir Vorwürfe darüber, daß ich damit manche schöne Zeit verlöre. Allein ich hatte unrecht und bin nun überzeugt, daß keine Übung des Geistes unnütz ist, und daß ich ohne diesen Forschungstrieb nie weitere Fortschritte in der Naturgeschichte gemacht und in der Folge ein Hilfsmittel meines Unterhaltes weniger gehabt hätte. Das Vergnügen im Grünen war aber auch meine einzige Glückseligkeit. Denn übrigens mangelte mir beinahe alles, was zur Bequemlichkeit des Lebens gehört, sogar die Aussicht, daß es bald besser mit mir werden sollte. Denn es zeigte sich von Tag zu Tag mehr, daß Herr Dompropst mich nicht so bald zu einem Amte befördern würde, welches mich von ihm unabhängig machen könnte. Oft hatte ich keinen Gulden mehr in der Tasche und mußte fürchten, auch sehr kleine tägliche Ausgaben nicht mehr bestreiten zu können. Dieser Mangel und der Druck, unter dem ich lebte, machten meinen Zustand sehr traurig. In diesem Zeitpunkt erschien ein alter Eremit, Frater Anton Hänle , in der Dompropstei. Er bewohnte auf dem ziemlich hohen Wankenberge bei Nesselwang im Algäu eine wohlgebaute Klause, bei der eine Wallfahrtskirche stand. Schon der Vater des Herrn Dompropsts, als er noch Pfleger zu Nesselwang war, und seine ganze Familie hatten den Bruder Anton liebgewonnen. Also ward er als ein guter Bekannter und Freund empfangen. Bei Tische malte er mir die schöne Lage seiner Einsiedelei so schön vor, und Herr Dompropst stimmte so herzlich in das Lob dieser angenehmen Gegenden mit ein, daß mir der Wunsch entfuhr, ich möchte dort wohnen. Nach Tische nahm mich der Klausner beiseite und sagte: »Er sehe mir an, daß ich hier nicht ganz vergnügt sei; wenn es mir Ernst wäre, so könnte er mich versichern, daß mich auf seinem Berge gewiß das glücklichste Leben erwarten würde; er hätte schon längst gewünscht, einen Geistlichen zu haben, die Leute würden uns dann mit Geschenken überhäufen: ich dürfte nur täglich Messe lesen, so würden uns die Bäuerinnen mehr zuschleppen, als wir beide bedürften; zudem stünde es uns frei, den Garten bei der Klause nach Wohlgefallen zu erweitern und im Walde so viel Holz, als wir immer nötig hätten, zu fällen.« Wirklich schien mir das Anerbieten nicht verwerflich zu sein. Wir gingen täglich in den Kreuzgang im Dom, um dort ungestört und unbehorcht die Sache näher überlegen zu können, und wurden eins, ich sollte in meiner weltpriesterlichen Kleidung den obern Teil der Einsiedelei bewohnen (denn zu der häßlichen Klausnerkutte wollte ich mich nicht verstehen), täglich Messe lesen, den Garten besorgen und das Holz herbeischaffen helfen. Dafür wollte er mir kochen, die Zelle rein halten und auf der Sammlung für einen Wintervorrat sorgen. Meine Phantasie malte mir die schönsten Aussichten vor, auf einmal war ich unabhängig, hatte einen guten, alten Vater zum Gespielen und fand alle mögliche Gelegenheit, meinem Hange zum Dichten und Philosophieren ungestört zu folgen. Schon machte ich Pläne meiner Tagesordnung und wählte schon die Gegenstände meiner literarischen Beschäftigungen. Als wir alles, sogar bis auf das Fortbringen meiner Bücher, ausgesonnen hatten, eröffneten wir unser Vorhaben dem Herrn Dompropst. Aber er lachte laut auf und sagte: »Wo denken Sie doch hin, daß Sie ein Eremit werden wollen?« Ich stutzte ein wenig, fing aber sogleich an, meinen jetzigen Zustand mit dem künftigen in Kontrast zu stellen, und wußte im Feuer der Empfindung meine Lage als Einsiedler so reizend und beneidenswert darzustellen, daß er wirklich in die Worte ausbrach: »Ich glaube wirklich, Sie könnten dort glücklich sein. Aber lassen Sie sich dergleichen schwärmerische Gedanken vergehen! Sie sind zu etwas Besserm fähig und müssen hierbleiben und der Welt nützen!« Ich wußte allerlei einzuwenden und mein Altvater unterstützte mich treulich, aber Herr Statthalter schlug am Ende unsre Versuche, ihn zu überreden, damit nieder, daß er sagte: »Machet nicht viel Worte! ich lasse den jungen Schwärmer durchaus nicht fort von hier, und wenn er ohne meinen Willen davonzieht, wie er mir drohet, so weiß ich Mittel, den neuen Anachoreten mit Gewalt wieder hierher zu bringen.« Zugleich versprach er mir zu wiederholten Malen eine baldige Versorgung. Gegen meine Neigung mußte ich also dem schönen Projekte entsagen. Meinen Züricher Freunden gab ich von Zeit zu Zeit Nachricht von dem Schicksale, mit welchem ich zu kämpfen hatte. Ihre Briefe munterten mich lange zur Geduld auf und sprachen mir Mut ein, noch eine Weile auszuharren. In der Nacht vom 14. bis zum 15. Hornung 1788 machte ein Traum sonderbaren Eindruck auf meine Seele, so daß ich ihn beim Erwachen aufschrieb. Jetzt hab' ich das Blättchen vor mir. Es deuchte mich, ich liege einsam in einem luftigen Gebäude, das auf hölzernen Pfeilern ruhte, bloß einen Lehmboden und gar keine Seitenwände hatte, angekettet in einem ärmlichen Bette. Ein Offizier, der die Bischöflich-Augsburgische Uniform, weiß mit roten Aufschlägen und weißmetallenen Knöpfen, trug, brachte mir, seinem Gefangenen, von Zeit zu Zeit nicht ganz unfreundlich Äpfel an mein Lager. Anfangs aß ich zwar ein wenig von diesen Früchten, aber eine bedenkliche Miene des Gebers machte, daß ich zu besorgen anfing, sie seien vergiftet. Doch der Gedanke: ›Das Gift ist vielleicht noch nicht stark genug, um dir zu schaden, weil du nicht viel davon genossen hast‹, richtete mich wieder ein wenig auf. Da die Luft sehr kalt durch die offene Hütte hinzog, so bat ich den Offizier, der öfters ab- und zuging und mir dem Anscheine nach ziemlich gelinde begegnete, er möchte mich doch nicht über Nacht in diesem kalten Aufenthalte angekettet lassen. Allein er gab mir gute Worte, ohne meine Bande zu lösen. In seiner Abwesenheit suchte ich die eine Kette abzudrehen. Die Gelenke bogen sich leicht und ich sah die Möglichkeit zu entfliehen. Aber ich mochte doch meine Fesseln nicht sogleich ganz zerbrechen, denn die Besorgnis, bei dieser Arbeit von meinem Gefangenenwärter überrascht, vor der Zeit entdeckt und dann noch strenger bewacht zu werden, schreckte mich ab, überdas sagte ich mir selbst zuweilen: ›Dein Zustand ist doch nicht völlig unerträglich, du hast hier wenigstens ein Bett, in das du dich wickeln kannst, um gegen die Kälte gesichert zu sein.‹ Allein in die Länge stieg meine Ungeduld auf einen so hohen Grad, daß ich mich nicht enthalten konnte, einigen Vorübergehenden meine Not zu klagen und sie um Hilfe anzuflehen. Der Offizier wurde herbeigerufen und sollte mir die Fesseln abnehmen. Aber indem er sich niederbückte, als wollte er mit einem Schlüsselchen das Schloß eröffnen, stach er mich dafür mit einem scharfen Meißel in den Fuß, so daß das Blut häufig herausfloß. Ich fürchtete, er möchte im Sinne haben, mich mit einem vergifteten Werkzeuge zu morden und rief die Umstehenden um Hilfe an. Nun ward ich zwar losgemacht zankte aber so unartig mit dem Offizier und sagte ihm soviel Bitteres, daß ich mir sogleich, nachdem es geschehen war, stille Vorwürfe darüber machte und mir selbst meiner unbegrenzten Heftigkeit wegen Verweise gab. Frei wanderte ich nun davon. Dieser Traum, dessen erste Hälfte so ganz bildliche Vorstellung meiner wahren Lage war, wollte mir lange nicht aus dem Sinne. Beinahe hätte ich ihn für eine Vorbedeutung und Ermahnung zur Flucht gehalten. Aber die Vernunft machte wichtige Einwendungen dagegen: ›Abergläubischer!‹ sagte ich mir, ›bist du schwach genug, in einer so wichtigen Angelegenheit deines Lebens von einem Traume, von einem eitlen Spiele der Phantasie dich bestimmen zu lassen? Ist es nicht Schande, das, was von der Neigung deines Herzens zum abermaligen Entweichen, von deinen Überlegungen, die du bereits hierüber anstelltest, offenbar herrührt, für eine Vorbedeutung zu halten? Schlage dir solche elende Grillen aus dem Sinne und handle vernünftig! ‹ Ich hatte mir selbst hierüber gut predigen. Aber die schwärmerische Wirkung des Traumes erneuerte sich doch in der Folge zum öftern wieder. Unterm 28. Hornung 1788 erhielt ich aus den Händen eines Handlungsbedienten in einer Augsburgischen Buchhandlung einen Brief von Zürich folgenden Inhalts: ›Sie haben Geßnern und mir so viel gesagt, daß ich Ihnen als Freund rate, dem Spaße ein Ende zu machen. Sie sollen uns noch finden, wie wir gewesen sind! Als Freunde wollen wir solange für Sie sorgen, bis sich eine bessre Aussicht zeigt. Folgen Sie meinem Rate! Wenn Sie wollen, so ist der Einhändiger dieses Briefes gebeten, Ihnen 5 Carolins Reisegeld zu geben. Gehen Sie dem Memminger Postwagen ein paar Stationen vor, dann treffen Sie ihn und kommen über Lindau und St. Gallen zu uns.‹ Dieses Schreiben wirkte in meiner Stimmung außerordentlich auf mein Herz. Wäre der Traum nicht gewesen, so hätte ich mich wahrscheinlich sogleich zur Flucht entschlossen. Aber nun dachte ich: ›In diesen Augenblicken, da dein Gemüt nicht ganz unbefangen ist, sollst du einen so wichtigen Entschluß gar nicht fassen, wenn du dir nicht dein Leben lang vorwerfen willst, du habest dich durch Aberglauben dahinreißen lassen.‹ Dieser Gedanke, die Rücksicht auf meinen alten Vater und die Hoffnung, schließlich doch eine angemessene Stelle zu erhalten, hielten mich ab, die vorgeschlagene Reise nach Zürich anzutreten und bewogen mich, meinen Freunden unter vielen Dankesbezeigungen abzuschreiben. Den 14. März fand ich zu Hause zwei Briefe aus Zürich. Mit froher Wißbegierde erbrach ich sie und las – ach – Nachrichten vom Tode meines vortrefflichsten Freundes Sal. Geßner . Anfangs wollte ich beinahe meinen Augen nicht trauen. Aber als ich weiter las, da fielen mir die Briefe aus der Hand, ich konnte nicht fortfahren, ein nie gefühlter Schmerz zerriß mein Herz, und ich mußte laut aufweinen. Bald legte ich den Kopf auf mein Pult und winselte, bald lief ich im Zimmer auf und ab, schlug mich vor die Stirne und rechnete mir klagend meinen ganzen unersetzlichen Verlust vor. Lange konnte ich mich nicht fassen und das Lesen der Briefe vollenden. So oft ich fortfahren wollte, geriet ich wieder an eine rührende Stelle; ein neuer Erguß des Schmerzes unterbrach mich wieder, und Tränen verdunkelten meine Blicke. »Fassen Sie Mut, Lieber!« so schrieb mir Heinrich, »ich bin's überzeugt, auch für Sie eine schreckliche Nachricht! Mein Vater, Ihr Freund, Ihr – mein Alles ist von uns getrennt, – ist tot! Schon ruht seine Hülle in der kühlen Erde. Standhaft, Bester! Zuerst lesen Sie, dann preisen Sie mit mir die Güte der Vorsehung!« Hierauf beschrieb er mir die Geschichte des tödlichen Schlagflusses und die letzten Stunden des Edlen. »Sonntags, abends um fünf Uhr,« so hieß es unter anderm, »entschlief er sanft und ruhig und fühlte keinen Schmerz; noch in der letzten Stunde, auch im Tode, lächelte Seelenruhe auf seinem Antlitz. Wir sahen in seinem Leben so wie im Tode den größten Teil seiner innigsten Wünsche in Erfüllung gehen. Können wir der Vorsehung genug danken?« Alles war so rührend, alles mit so schönen Trostgedanken durchweht, die mein Herz für Wehmut nur empfindlicher machten, daß meine Tränen nicht aufhören wollten zu fließen. Ich ließ mich entschuldigen und erschien an demselben Tage nicht bei Tische in der Dompropstei. Erst am andern Morgen, als ich etwas ruhiger war, wagte ich es, mich wieder öffentlich zu zeigen. Aber beim geringsten Anlasse erwachte mein Schmerz von neuem und meine Wangen wurden naß. Als ich meinen Verlust dem Herrn Statthalter klagte, nahm er so wenig Anteil daran, daß ich auf den Gedanken geriet, es könnte ihm wohl gar ein heimliches Vergnügen machen. Denn er wünschte immer, ich möchte in Zürich keine Freunde mehr haben. In der schönen Natur suchte ich Trost, wanderte einige Tage an Bächen und Hecken umher und verfertigte die gereimte Elegie, Klagen bei S. Geßners Tode . Im zweiten Schreiben, das ich erhielt, berief sich Herr Amtmann Heidegger auf Heinrichs Brief, sprach mir Trost ein, widerlegte meine letzten Einwendungen wegen der Entweichung von Augsburg und ermahnte mich, doch einen Ort zu verlassen, wo Bigotterie, Jesuitismus, Ränke und Kabalen aller Art herrschen, und dorthin zu eilen, wo wahre Freundschaft voll wahrer Sehnsucht mir die offenen Arme entgegenstrecke. Ich antwortete mit Gegengründen, vor allem mit Zweifeln an einem mir zusagenden Einkommen usw. usw. Meine Züricher Freunde wiederholten indes so oft ihre Vorstellungen und legten mir neue Gründe zur Flucht vor, welche von der Unzuverlässigkeit meiner gegenwärtigen Obern und der Möglichkeit, mich bei der Handlungssozietät in Zürich zu beschäftigen, hergenommen waren, daß ich endlich nachzugeben beschloß und das Reisegeld, welches mir die oben erwähnte Augsburgische Buchhandlung ausbezahlen sollte, wirklich in Empfang nahm. Ganz in der Stille ließ ich mir einen Reiserock machen und fing an, alles, was ich mitnehmen wollte, in den großen Koffer zu packen, den ich bereits während meines ersten Aufenthaltes in Augsburg gekauft und nun immer in meinem Zimmer stehen hatte. Da Herr Statthalter den 23. Mai nach Koblenz abreisen wollte, und mein Hausherr, sowie die Hauserin morgens zu einer bestimmten Stunde in die Kirche gingen, durfte ich hoffen, den Koffer unbemerkt fortliefern zu können, wenn ich ihn zu rechter Zeit von ein paar Lastträgern abholen ließe, denn das innere Pfaffengäßchen , in welchem wir wohnten, besteht nur aus einer Reihe Häuser, die noch dazu ziemlich weit voneinander abgesondert sind, so daß die Nachbarn nicht so leicht beobachten können, was bei andern Türen, als den ihrigen, vorgeht. Herrn de Haiden, den ich etwas von meiner Unzufriedenheit merken ließ, bat ich um Erlaubnis, in Abwesenheit des Herrn Dompropstes meine Freunde in Donauwörth auf einige Tage besuchen zu dürfen. Er sagte mir furchtsam Urlaub zu, und ich hätte hiermit den schönsten Anlaß gehabt, mich eine kurze Zeitlang, ohne Aufsehen zu erregen, von Augsburg zu entfernen und unbemerkt nach der Schweiz zu gehen. Allein am Pfingstmontage, vormittags um 11 Uhr, als ich eben meine Zimmer wohl verschlossen hatte, um beim Einpacken nicht überrascht zu werden, klopfte unversehens jemand an der Tür; ich glaubte, die Hauserin komme, um das Bett zu machen, denn ich vernahm ihre Stimme. Ich räumte also geschwind meine Sachen so gut zusammen, als ich in der Eile konnte. Wie staunte ich, als ich die Tür öffnete, und mir mein lieber Vater mit aller Freude des Wiedersehens entgegentrat! Kaum wußte ich mich zu fassen. So sehr es mich freute, ihn zu umarmen, so sehr fand sich mein Herz darüber betroffen, daß er eben in dem Augenblicke kam, da ich mich zum Entfliehen bereitete. Einer meiner ersten Gedanken nach dem Bewillkommnungskusse war: ›0, mein Vater! wenn du wüßtest, welcher Schmerz dir bevorsteht!‹ Zugleich empfand ich einen Vorgeschmack dieses Schmerzes. Als er mir gesagt hatte, daß er dem Verlangen nicht widerstehen konnte, in den schönen Pfingstfeiertagen eine Wallfahrt zum heiligen Kreuze in Augsburg und zu mir zu machen, und daß er von guten Bekannten wohlbehalten hierherbegleitet worden sei, war meine angelegenste Sorge, wie ich ihn mit guter Manier vorbereiten wollte, daß ihn meine neue Reise in die Schweiz nicht zu sehr kränken möchte. Nachdem wir unsre Herzen über allerlei häusliche Umstände und Familienangelegenheiten ausgeleert hatten, stellte ich ihm vor, daß ich hier nicht nur keine Mittel besäße, um ihm so gut, als ich wünschte, in seiner Armut helfen zu können, sondern daß ich selbst darben müßte und kaum einige Hoffnung hätte, daß sich mein Zustand bald verbessern würde. Mit Bedauern vernahm er meine Klagen und meinte, ich sollte versuchen, an einem andern Orte unterzukommen. Die Notwendigkeit, mich von Augsburg zu entfernen, schien er also einzusehen. Ich rückte allgemach mit dem Lobe jener wohltätigen Schweizer hervor, die ihm vor einem Jahre 24 fl. geschickt hatten, und sagte, daß ich mich oft in ihre Gesellschaft zurücksehnte. Alles das billigte er von Herzen. Endlich gestand ich, daß ich im Sinne hätte, diese meine Schweizerfreunde wieder zu sehen und in einigen Tagen nach Zürich zu reisen. So gut ich ihn vorbereitet zu haben glaubte, so fing er nun doch zu bitten an, ich möchte ihm dies Herzeleid nicht antun. Als ich aber auf meinem Vorsatze bestand und ihm die Notwendigkeit, Augsburg zu verlassen von neuem dringend vorstellte, machte er Miene, sich auf seine Knie niederzulassen. Ich fiel ihm mit nassen Augen um den Hals und setzte ihn wieder auf den Stuhl, aber er beteuerte, er würde nicht aufhören, mich zu bitten, bis ich verspräche, daß ich in einem katholischen Lande bleiben wolle. Ich sagte alles mögliche, um ihn zu beruhigen und ihm meine Flucht weniger anstößig darzustellen, aber er hörte nicht auf, in mich zu dringen und zuletzt gar mit Kundmachung meines Vorhabens zu drohen, bis ich ihm versprach, wenigstens so lange noch in Augsburg zu bleiben, bis alle, auch die geringste Aussicht, meine Zufriedenheit und mein Unterkommen zu finden, verschwunden wäre. Wenn ich ihn mit Hoffnungen von Hilfe und Beisteuern, die ich ihm von Zürich aus schicken würde, zu trösten oder zu bestechen versuchte, so sprach er: »0 Sohn! lieber Hunger leiden, als Sie in einem lutherischen Lande wissen!« Ich sah endlich deutlich ein, daß alle Einwendungen, Gründe und Vorstellungen gegen seine religiösen Begriffe nichts vermochten, und ergab mich insofern, daß ich noch eine Weile auszuharren versprach. Ich packte also meine Sachen wieder aus, gab den andern Tag das Reisegeld zurück und berichtete die ganze Geschichte an meine Freunde in Zürich. Ehe ich aber das Geld wieder hintrug, ging ich zu Herrn de Haiden, leitete das Gespräch so, daß er fühlen müßte, ich könne nicht anders als unzufrieden mit meinem Zustande sein und gestand ihm unverhohlen, daß ich wenig Lust hätte, mich länger unter diesem Drucke und in solcher Dürftigkeit hinzuschleppen. »Meine Freunde in Zürich,« sagte ich dann, »haben mich noch so wenig vergessen, daß sie mich gewiß mit offenen Armen empfangen werden, sobald ich meine Zuflucht wieder zu ihnen nehme. Und ich muß es Ihnen bekennen, kaum vermag ich die Versuchung zu besiegen und an einem Orte auszuharren, wo ich so künstlich behandelt werde, denn ich merke, man hält mich hier nur mit kahlen Worten hin und denkt gar nicht daran, die mir so heilig getanen Versprechen zu erfüllen. Wie sehr ich Ursache habe, unzufrieden zu sein, ist Ihnen am besten bekannt, und ich glaube nicht, daß Sie sich wundern werden, wenn ich Ihnen im Vertrauen sage, ich sei bereits auf alle Fälle mit Reisekleidern und Geld versehen.« Die Wirkung meiner Rede war, daß er mich bat, keinen allzu raschen Entschluß zu fassen, noch eine Zeitlang Geduld zu haben und wenigstens Herrn Statthalters Verwendung für mich zu Koblenz abzuwarten. Nach einiger Weigerung versprach ich dies, zog mein Reisegeld aus der Tasche, zeigte es ihm vor und sagte: »Hier sehen Sie, wie weit es gekommen ist, aber ich will sogleich hingehen und es noch einmal zurückgeben. Ich hoffe, da ich mich auf Ihr Wort verlasse, es nicht von neuem holen zu müssen.« Hiermit ging ich weg. De Haiden gab sogleich dem Herrn Statthalter von meinen Äußerungen Nachricht, man rief mich zu ihm, er befahl mir, in meinem Reisekleide zu erscheinen, denn er mochte noch zweifeln, ob ich mich wirklich damit versehen hätte. Ich kam, er stutzte und fragte, was mich bewegen könnte, auf eine zweite Flucht zu denken, hörte meine unverstellten Klagen mit Geduld an, versprach ihnen abzuhelfen, erkundigte sich, was mich das neue Reisekleid gekostet hätte, zahlte mir die Summe sogleich bar aus und gab mir noch dazu einen Überschuß, um bis zu seiner Rückkunft von Koblenz damit ausreichen zu können. Zugleich erhielt ich den Auftrag, eine Bittschrift an den Kurfürsten um eine Versorgung aufzusetzen. Herr de Haiden begleitete sie mit einem überaus vorteilhaften Gutachten, das ich selber zu lesen erhielt, und Herr Statthalter versprach mir noch einmal, als er seine Reise antrat, das kräftigste Vorwort und die eifrigste Verwendung beim Kurfürsten. »Betrügen mich die Herren auch diesmal,« so schrieb ich nach Zürich, »abgeredetermaßen, so wissen Sie, daß ich über kurz oder lang den Mut habe, es ihnen vorzurücken, sowie ich auch diesmal ihre vielen eiteln Versprechen und künstlichen Vorspiegelungen unbefangen rügte. Sorgen Sie nicht, daß ich diese Kühnheit teuer werde bezahlen müssen! Ich möchte gern, daß man mir auffallendes Unrecht täte; so könnte ich mit jedermanns Beifall einen Schritt wagen, zu dem ich schon lange geneigt, aber verschiedener Ursachen halber noch nicht völlig entschlossen bin. Loszukommen hoffe ich immer. Aber noch zurzeit will ich, hauptsächlich meines betagten Vaters wegen, noch eine Weile ausharren und indessen ein philosophisch-poetisches Sujet bearbeiten, damit ich einst beim Antritte meines neuen Standes etwas haben möge, was mir Geld verschaffen und mich vor Not, Sie aber vor Überlast sichern kann.« Anfangs gab ich freilich nur vor, ich wollte meine Freunde in Donauwörth besuchen, damit ich einen gültigen Vorwand hätte, ohne Aufsehen zu erregen einige Tage lang von Augsburg abwesend zu sein. Allein nun erhielt ich einen Brief von meinem Freunde, in welchem er mir schrieb: »Michael (so nannten wir nämlich Minchen, wenn wir nicht merken lassen wollten, von wem wir sprachen), Michael ist Ihnen immer gut, war dieser Tage bei mir und lebt von *** (dem Mönche, der mich eifersüchtig gemacht hatte) ganz getrennt. Dieser geistreiche Mann ökonomisiert nun glücklich und fruchtbar und hat mehrere Gehilfen. Michael zeichnete sich ungemein aus, er sollte mit ökonomisieren, man machte Vorstellungen, selbst N. (Minchens Mann) suchte ihn zu bereden, aber Michael erschien doch nicht und gab mir die Zusicherung, in Ewigkeit nicht zu erscheinen. Zugleich sagte er, neulich habe er dem N. solche Dinge entdeckt, daß man gewiß nicht ferner in ihn dringe, mitzukommen. Diese Berichtigungen mögen Ihnen indessen genug sein, um Sie zu befriedigen. – Ich hätte Ihnen noch vieles zu sagen, aber durch Briefe geht es nicht an, wir müssen auf eine mündliche Unterredung bedacht sein.« O wie sehr ward ich gerührt, als ich dies Zeugnis von Minchens Rechtschaffenheit las! Alle Empfindungen der Reue und Liebe erwachten in meinem Herzen, und hundertmal rief ich aus: »Ach, edles Weib! Wie war's möglich, dich zu verkennen?« Tränen liefen mir über die Wangen, und meine ganze Seele schwebte dankend und um jeden Segen für Minchen flehend zum Himmel. »Ich will hin,« sagte ich, »will sie um Verzeihung bitten und sehen, ob ich ihre Achtung nicht wieder gewinnen kann.« Aber allerlei Hindernisse kamen dazwischen, bald schien de Haiden zu besorgen, ich möchte nicht wieder kommen, wenn er mich gehen ließe, und wußte mich mit dringenden Arbeiten, die doch im Grunde gewiß nicht dringend waren, zu überhäufen; bald verzögerte eine anhaltende ungünstige Witterung meine Reise, so daß ich erst in der Ernte so glücklich war, dieselbe wirklich antreten zu können. Mit zehn bis zwölf Gulden, meiner ganzen Barschaft, in der Tasche ging ich zu Fuße eine Strecke Weges, aber bald hörte ich den Postwagen hinter mir herrollen, setzte mich hinein und fuhr bis nach Ochsesheim. Dort mußte der Wagen zurückbleiben, denn der lange Regen hatte die Donau so angeschwellt, daß sie gleich einem See die ganze Ebene überschwemmte. Man setzte mich auf eines der Kutschenpferde, ich hielt mich tapfer an der Mähne fest und trottete durch das seichte Wasser dem Postknecht nach. Es war mir sonderbar zumute, als nachmittags um drei Uhr das prächtige Klostergebäude so glänzend vor mir lag und allerlei mir wohlbekannte Gegenstände und die Stadt selbst immer näher rückten und Minchens Haus. Nicht ferne von der Brücke nahm uns ein Schiff auf. Vom Kopf bis zum Fuße betrachteten mich die Fischer, sahen einander wie fragend an und schwiegen doch. Als ich ans Land stieg, flüsterten sie einander zu: »War das nicht der Pater Bonifacius?« Ich lächelte vor mich hin und ging meines Weges. Stärker schlug mein Herz, als ich durch das Tor schritt, aber noch stärker schlug es, als ich in das väterliche Haus meines Minchens trat. Ihre Mutter staunte mich einen Augenblick an, tat einen lauten Schrei und lief mir mit unverkennbarer Herzensfreude entgegen. »Ist's möglich?« hieß es, »sind Sie es auch?« Dann ward ich in meinem neuen Aufzuge um und um betrachtet, bewillkommnet und ausgefragt. Eine Nachbarsmagd mußte sogleich den Vater herbeiholen und Minchen mit ihrem Manne. Minchen kam zuerst an. Ihr Auge strahlte, ihre Hand bebte, als sie die meinige drückte; wir wollten reden und konnten nicht. Ich zog sie mit umschlingenden Armen an mich und stammelte nach langem Bestreben: »O Minchen, können Sie mir verzeihen?« »Ach!« antwortete sie leise und zärtlich, »muß ich nicht selbst bitten? die Schuld war meine. Ich kam wirklich in Gefahr.« Wie beschämt barg sie ihr Antlitz an meiner Seite. Tränen benetzten unsre Wangen. Es waren überaus süße Augenblicke. Nun traten ihr Vater und ihr Mann herein und grüßten mich mit dem lebhaftesten Ausbruch der Freude. Dann mußte ich neben Minchen sitzend erzählen, welche Schicksale mich betroffen hatten, und jedes bestrebte sich, mir dagegen das Interessanteste von seinen Angelegenheiten mitzuteilen. Abends um halb acht Uhr schieden wir innig vergnügt voneinander, und Minchens Vater begleitete mich zu meinem Freunde, der in einem schönen, zwei Stunden entlegenen Dorfe Pfarrer war. Meine Geliebte mit ihrem Manne wollte den andern Tag nachkommen. Der Mond schien hell, es war angenehm, durch den Wald zu wandern. Aber das trügende Halblicht verstaltete die kleinen Wahrzeichen an den Holzwegen so sehr, daß mein Begleiter den Weg verlor und wir uns erst nach langem Umherirren aus dem Dickicht fanden. Es war schon spät in der Nacht, als wir in .... anlangten. Aber noch sahen wir, nicht ohne Verwunderung, alle Fenster im Pfarrhofe beleuchtet und hielten Rat, woher das rühren möchte. »Ist etwa eine Diebesbande eingebrochen?« sagte Minchens Vater. »Ach nein!« erwiderte ich, »ich höre zu fröhliche Töne und sehe auch keine Schildwache.« Als wir ins Haus traten, fanden wir einen Haufen Landleute, welche guter Dinge waren, rings um einen Tisch saßen und den Erntekranz feierten. Der Pfarrer war bereits zu Bette gegangen, nur Malchen, Minchens Schwester, welche sein Hauswesen in Ordnung hielt, lief uns entgegen, hieß uns mit der herzlichsten Freude willkommen und lärmte sogleich an dem Schlafzimmer des Pfarrers: »Stehen Sie auf, Herr Vetter!« rief sie immer, »geschwind stehen Sie auf! Es ist jemand da – ich soll's nicht sagen! – Ihr bester Freund ist da!« Halbangekleidet eilte er nun aus dem Zimmer und fiel mir um den Hals. O, wie küßten und zerdrückten wir uns! Um einen Tisch gelagert, den Malchen mit allerlei Erfrischungen besetzte, gossen wir dann unsre Herzen aus. Es strömte uns so reichlich vom Munde, wie wenn ein lang eingedämmter Bach endlich über die Schranken tritt. Erst als der Tag graute, suchten wir noch für ein paar Stündchen die Ruhe im Bette. Morgens um sechs Uhr gingen wir Minchen und ihrem Manne halben Weges entgegen. Unter einem schönen Baume, zu oberst am Abhang einer Waldwiese, saßen wir auf bemoosten Steinen und hüteten mit unsern Augen die Spitze der gegenüberstehenden Anhöhe, wo wir zum erstenmal die beiden Erwarteten zu Gesichte bekommen sollten. Endlich sah ich sie mit meinem Fernrohre anlangen und konnte mich nicht enthalten, ihnen entgegenzulaufen. Flink war ich im Tale und die Hälfte der Anhöhe hinauf. Minchen lohnte mich mit antwortender Freude, und ihr Mann überließ sie scherzend meinem Arme. Als wir zur Stelle gelangten, wo mein Freund und Minchens Vater uns erwarteten, gingen die Männer in eifrigen Gesprächen vor uns her und ich folgte ihnen mit meiner Teuren in der Entfernung einiger Schritte nach. Es war überaus angenehm, zwischen Blumen und Gesträuchen, im Schatten hoher Bäume nach langer Trennung an der Seite der Geliebten zu wandeln. O, wie viel hatten wir uns zu sagen! wie froh waren wir, ungehindert unsre ganze Seele entfalten zu können. Bald lenkte sich das Gespräch auf das Mißverständnis unsrer Trennung. »O, lieber Freund,« sagte sie unter anderm, »du hattest wohl Ursache, eifersüchtig zu sein; ich glaubte nicht, daß sich ein Geistlicher soweit vergessen könnte; du warst immer so gut! Aber der andre – ach, mit Abscheu ward ich gewahr, daß ich mich betrogen hatte. Mit Freuden denk ich immer an deine Liebe, aber an des Paters Betragen kann ich nie ohne Widerwillen denken. O, wie schmerzte es mich, daß du mich mißkennen mußtest! Es ist gut, daß du nicht weißt, wieviel es mir Kummer machte, deine Freundschaft samt deiner Achtung verloren zu haben. Aber sieh, seitdem bringt mich niemand mehr zu diesem Manne, und ich komme gewiß nicht wieder in diese Gefahr!« Wie wohl tat das meinem Herzen! Wie süß schmeichelte es allen meinen Gefühlen! Ich konnte nicht anders, ich mußte das liebe Weib an meine Brust drücken und ihr von neuem meine ganze Hochachtung und Liebe zusichern. Ein froher Tag schwand uns hin. Süßes Geschwätze, Scherz und Spaziergänge beflügelten die Stunden. Mein Freund und Malchen boten alles auf, um uns Freude zu machen. Nach dem Abendessen saßen wir bis nach Mitternacht beisammen. Endlich als man, einen kurzen Schlaf zu suchen, zu Bette ging, traf mich das Los, in einem Kämmerchen zu liegen, wovon eine Seitenmauer an das Zimmer stieß, in welchem Minchen schlafen sollte. Von ihrem Vater und Gatten begleitet, hatten wir unsre beiden Geliebten, nicht ohne zu seufzen, an ihre Betten geführt, die ihnen in den zwei Alkoven des nahen Zimmers bereitet waren, kamen wie sinnend zurück und verloren uns von neuem in traulichen Gesprächen. Sehr spät trennten wir uns, um ein wenig auszurasten. Aber als ich in mein Schlafzimmerchen kam und mein Minchen so nahe wußte, da wollte kein Schlummer meine Augenlider schließen. Tausend Gedanken wälzten sich in meinem Gehirne umher. Jeden Atemzug Minchens glaubte ich zu hören. »Ach, sie liegt dir so nahe,« dachte ich, »und doch – o, hüte dein Herz, daß ihm kein unedler Wunsch entfliegt! Gott, wie viel Seligkeit muß ich missen! Nie darf ich Gatte sein, nie Vater! versagt sind mir die süßesten Freuden des Lebens.« So verlor ich mich in schmerzlichen Vorstellungen. Mein Kopfkissen wurde benetzt, mein Gram ward zum kläglichen Laute; meine Sinnlichkeit sehnte sich nach einem Gute, nach welchem Vernunft und Religion mir das Sehnen verboten. Ich kämpfte und siegte und konnte doch lange des Kampfes nicht ledig werden. »Wie leicht wär' es jetzt,« sagte ich einmal zu mir selbst, »das schöne Weib in seinem Kämmerchen zu überraschen! Wie leicht ließen sich die beiden Türen unbemerkt öffnen! Malchen schläft gewiß tief! Aber – wohin verirr' ich mich! Welche Einfälle erlaub' ich mir! O, ich müßte mich verabscheuen, wenn ich die Edle zu einer schändlichen Handlung verleiten könnte! Die Vorwürfe meines eigenen Herzens müßten mich unsinnig machen! Minchen würde mich hassen, nach einer solchen Tat, wenn sie sich auch im Sturme der Leidenschaft einige Augenblicke vergäße! Und ach, wie könnte sie ihre Pflichten jemals vergessen, die Tugendhafte? Erinnere dich deines Nebenbuhlers und wiederhole dir die Worte, mit denen sie über seine Unart sich beschwerte! Sagte sie nicht: an des Paters Betragen kann ich nie ohne Widerwillen denken? Und sie sollte an dich jemals mit Widerwillen denken? 0 nein, edles Weib! Du sollst, wie von jeher, mit Freuden an mich denken! Ich will nicht wünschen, was ich nicht darf, will mir nie einen unedlen Gedanken erlauben, will – dulden und missen .« So kämpfte, weinte und siegte ich wechselweise und warf mich im Bette umher, bis der Tag anbrach. Sehr frühe sprang ich aus den Federn, lief ins Grüne hinaus und versuchte durch die Harmonie der Natur wieder Harmonie in meine müde, verstimmte Seele zu bringen. Es geriet mir einigermaßen, und der Mesner rief mich bald zum Messelesen in die Kirche, so daß ich genugsam zerstreut und allmählich durch Erhebung des Herzens wieder gestärkt ward. Denn ich unterließ nicht, während des sogenannten Memento Gott um Hilfe anzurufen. Beruhigt trat ich wieder in den Pfarrhof. Aber dennoch streifte Minchen, als sie mich beim Frühstücken traf, mit forschenden Blicken über mich hin und sagte: »Sie sehen etwas verstört aus, lieber Freund! Schliefen Sie vielleicht nicht gut? Ich glaubte einmal Ihre Stimme zu hören.« »Ich habe schlimme Träume gehabt,« sagte ich und drückte ihre Hand, »nun bin ich froh, daß ich wieder erwacht bin!« Sie blickte mir zärtlich in die Augen und schwieg. Es ward eine Chaise mit ein Paar Pferden bespannt, Minchen und ihr Mann fuhren nach einem freundlichen Abschied ihrer Heimat zu, und ihr Vater und ich, von dem Pfarrer eine Strecke begleitet, traten zu Fuße den Weg nach Donauwörth an. Mit innigster Rührung erneuerten wir, mein treuer Freund und ich, auf einer blumigen Waldwiese unsern Bund und schieden unter den aufrichtigsten Segenswünschen voneinander. Ach, seitdem sah ich den Redlichen nicht mehr! – Als ich gegen neun Uhr mit Minchens Vater in seinem Hause eintraf, erwartete uns Minchen bereits. Weil sie wußte, daß ich noch an ebendemselben Tage nach Augsburg wollte, so hatte man mir ein niedliches Essen zurecht gemacht, wir setzten uns traulich um den Tisch her und hielten ein wahres Liebesmahl miteinander. Wohl und weh war es mir, als ich Abschied von den Guten nahm. Mit nassen Augen küßte ich alle, – auch mein tugendhaftes Minchen, und riß mich behende los. Wunderlich stürmten Gedanken und Empfindungen durch mich hin. Kaum weiß ich, wie ich vors Tor kam. Mit Sehnsucht und tausend Wünschen für das Wohl meiner Lieben sah ich oft nach der Stadt zurück. Sehr müde langte ich abends vor zehn Uhr in Augsburg wieder an und stellte mich am andern Morgen bei Herrn Provikar de Haiden, der mich mit Sehnsucht erwartet und schon angefangen hatte, zu fürchten, ich möchte etwa gar nimmer kommen. Er hätte mich wahrscheinlich die kleine Reise gar nicht antreten lassen, wenn nicht bereits in der Mitte des Heumonats ein mir günstiges Dekret von Koblenz eingelaufen wäre. Obwohl dasselbe mir keine großen Vorteile gewährte, so glaubte er doch, es würde hinreichend sein, um mich für ein paar Jahre zu beruhigen. Das Dekret ward von einem Briefe des Herrn Statthalters begleitet und berichtete mir, Serenissimus habe mir den Kanzleiakzeß mit 150 fl. Gehalt gnädigst zugesagt. Ich bekenne offenherzig, daß ich bei Durchlesung des Dekrets mehr Mißvergnügen als Freude empfand, teils weil die Summe weit unter meiner Erwartung war, teils weil ich meine Hoffnung, dem Statthalter nicht mehr lästig sein zu dürfen, scheitern sah, teils weil ich nie die geringste Lust fühlte, ein ewiger Schreiber zu bleiben, wozu mich doch ohne fernere Aussicht das Dekret zu bestimmen schien. »Mein künftiges Schicksal,« so antwortete ich Herrn von Ungelter, »ließe sich nun, wie mich deucht, ohne prophetische Brille so ziemlich genau voraussehen. Ich werde einige Jahre lang mit geringem Gehalt ein erbärmlicher Kanzleiakzessist, der eigentlich wenig mehr als gesunde Finger nötig hat, bleiben müssen, und sollte ich auch eines Kopfes bedürfen, so muß dies bei Arbeiten sein, die man sonst von Kanzleiakzessisten zu fordern nicht gewohnt ist. Während dieser Zeit verliere ich die besten Jahre, lerne nichts weiter als Schreiberschlendrian, muß mich mit Geschäften abgeben, die mir gewiß nicht die angenehmsten sind; diese Geschäfte bringen mir weder Ehre noch Aussicht auf glücklichere Tage, ich sehe mich zu ewiger Sklavenarbeit bestimmt. Darüber komme ich zu Jahren, in denen man nicht mehr imstande ist, etwas zu unternehmen, wo jeder andre Herr, dem man nicht seine ersten Kräfte gewidmet hat, Bedenken trägt, einen müdegearbeiteten Kanzleioffizianten, der noch dazu seine Vorurteile mitbringt, in Dienste zu nehmen. Also muß ich dann harren, man mag mit mir anfangen, was man will. Ein schlimmer Zustand, besonders auf einer Stelle, die für mich gar keine Reize hat! Kurz,« so äußerte ich mich endlich weiter, »auf diesem Wege gelange ich nie zur Zufriedenheit. Kein Wunder also, wenn ich beizeiten der Kanzlei zu entwischen suche, sobald sich ein Nebenweg findet. Diese Betrachtung enthält zugleich die Gründe, welche mich bewogen, Eure Exzellenz in meinem letzten Briefe mit soviel Vorliebe um Beförderung auf ein ländliches Benefizium zu bitten, nichts von dem zu sagen, daß ich einen armen Vater habe, dem ich gern bessre Tage machte, wenn mich nicht das Schicksal verdammt hätte, gerade zu der Zeit selbst dürftig zu sein, da ich eine geistliche Pfründe am nötigsten hätte, um seiner Dürftigkeit abzuhelfen.« Wegen des Benefiziums oder der Frühmesserstelle in Zusam-Altheim, von der in Herrn von Ungelters Briefe Meldung geschieht, hatte ich ihm folgendes geschrieben: »Der Frühmesser zu Zusam-Altheim starb, Herr Hausmeister sagte mir, der Domkapitelsche Syndikus Schmid habe die Pfründe zu vergeben, ich sollte darum anhalten, vielleicht gelinge es mir, das Jawort zu erhalten. Ich tat es, allein Herr Syndikus hatte sie bereits einem Exjesuiten Hitzler, der von Pfalzbayern eine Pension von 300 fl. genießt, versprochen. Die Idee beherrschte mich, als Frühmesser mit wenigem vergnügt zu leben, nach Herzenslust zu studieren und mich endlich einmal einer Wissenschaft, die meinem Stande angemessen wäre (ich meinte die Philosophie), ganz widmen zu können, ohne befürchten zu müssen, von derselbigen ebenso, wie ehemals von der Mathematik und dann von den schönen Wissenschaften, hinweggerissen zu werden, kurz eine idealische Aussicht in Gefilde voll literarischer Muße und Zufriedenheit hatte in mir ein so lebhaftes Verlangen nach dieser geringen Stelle erregt, daß ich die Nachricht, sie sei schon vergeben, nicht ohne Schmerzen anhören konnte. Doch nur, was sein soll, schickt sich wohl. Ich tröste mich damit, die Vorsehung und ihr Werkzeug, Euer Exzellenz, haben mit mir etwas andres vor. Ich opfere also meinen Sinn, der ein ländliches Benefizium jeder andern Stelle vorziehen würde, gern Ihrem Gutdünken auf. Vielleicht bringen Sie mir von Koblenz eine gute Versorgung mit oder Sie kommen doch geneigter zurück, mir auf dem Lande eine kleine Pfründe, deren Besitz immer mein liebster Wunsch ist, zu erteilen.« Als er von Koblenz zurückkam, stellte er mich in Gegenwart des Herrn Domdechants, Freiherrn v. Reischach, wegen meiner Vorliebe für ein Benefizium zur Rede. Ich legte beiden meine Gründe so kurz und deutlich dar, als ich eben konnte, und Herr von Reischach sagte mit seiner raschen Art: »Haben Sie nur Geduld! Man kann die Leute nicht totschlagen, daß sie Ihnen Platz machen! Wenn einmal ein Benefizium ledig wird, das ich zu vergeben habe, sollen Sie es unfehlbar erhalten. Dort hinten, nicht weit vom Pfaffengäßchen, wo Sie wohnen, sitzt ein alter, schwächlicher Benefiziat, sobald dieser in den Himmel wandert, können Sie an seine Stelle treten. Die Pfründe trägt zwar jährlich nur 24 Schaf Getreide, hat aber ein eigenes Haus nebst einem artigen Gärtchen, und wenn Sie sich anheischig machen, nebenbei im Domkapitelschen Archiv zu arbeiten, so dürfen Sie das auch nicht umsonst tun. Verlassen Sie sich auf mein Wort! Ich will Sie nicht vergessen, Sie sollen ein Benefizium haben!« Von dieser Zeit an lud mich Herr von Reischach hin und wieder zu Tische, wiederholte jedesmal sein Versprechen und ermahnte mich, die Habilitation zu geistlichen Benefizien bald in Rom zu erholen, damit ich im Erledigungsfalle sogleich eintreten könnte. Wie getrost war ich seitdem! Mit welcher Empfindung sah ich nun das Benefiziathaus an! Es stand in einer Entfernung von etwa 100 Schritten dem Zimmer, das ich bewohnte, gerade gegenüber; Bäume nahmen es in kühlen Schatten, ein Gärtchen breitete sich an seinen Seiten aus. Ich fühlte bereits das Vergnügen zum voraus, das ich in diesem Aufenthalt der Ruhe genießen könnte, und machte schon Pläne, welches Zimmerchen mein Vater, den ich zu mir nehmen wollte, und welches ich bewohnen sollte, in welche Ecke ich eine Laube pflanzen, wo ich Rosenstauden anbringen, wie ich die Rasensitze verteilen würde usw. Von nun an ward an keine zweite Flucht gedacht. Meine nächste Sorge war jetzt von Rom ad beneficia habilitiert oder für fähig zum Genusse geistlicher Pfründen erklärt zu werden. Da keinem austretenden Mönche (der ungeachtet der erhaltenen Lossprechung von den Gelübden dennoch stets Priester bleiben muß) damit gedient ist, sich ohne Pfründe oder ohne ein geistliches Amt brotlos in der Welt herumtreiben zu dürfen, so ist jeder gezwungen, die Habilitation, manchmal mit großen Kosten in Rom zu erkaufen. De Haiden hatte mir zwar schriftlich versprochen, so wie ich in Augsburg ankommen würde, sollte dieselbe für mich zu Rom impetriert werden . Allein ich habe schon oben gesagt, daß man mich unter allerlei Vorwand hinzuhalten suchte. Um dergleichen Ränken und Einwendungen auf einmal ein Ende zu machen, entschloß ich mich, alle möglichen Versuche zu wagen, um die Habilitation gratis von Rom zu erhalten. Zuerst wandte ich mich an meinen ehemaligen Exerzitienmeister, Pater Alexander , den ich seither (um das Ansehen zu haben, als ginge ich zur Beichte) von Zeit zu Zeit auf seinem Zimmer besucht hatte. Bald kam von Rom die Antwort, man sollte sich vorläufig erkundigen, ob der arme Bittsteller auch imstande sei, 127 Scudi zu bezahlen, denn dies sei der geringste Preis, um den er die Habilitation, und zwar nur ex gratia , erhalten könnte. Da ich nun keine 127 Scudi im Vermögen hatte und überhaupt nicht gern Geld für römische Papiere ausgeben mochte, so ließ ich's dabei bewenden und beschloß, mein Heil bei dem neuen Nuntius Zoglio in München zu versuchen, erhielt aber unverweilt auf meine Bittschrift den Bescheid: Er sei mit den hierzu nötigen Fakultäten nicht versehen, ich sollte mich unmittelbar nach Rom wenden. Allein da ich wußte, daß in dieser heiligen Stadt kein Agent einen Schritt umsonst tut, so dachte ich, es würde das beste sein, mich erst nach der Reihe an alle Nuntien Deutschlands zu wenden und setzte eine dritte, sehr demütige Bittschrift an den Nuntius Pacca in Köln auf, in welcher ich sehr kläglich meine vergeblichen Versuche erzählte, und der ich überdies ein Begleitschreiben von de Haiden beifügte. Getrost ließ ich nun meine Schriften nach Köln abgehen und wartete drei Monate lang, bis endlich eine Antwort erfolgte. Sie hieß: der Herr Nuntius finde, nachdem er alles wohl erwogen habe, keine Ursache mehr, mir in meinem Gesuche behilflich zu sein, besonders darum, weil das Bistum Augsburg nicht zur Kölner Nuntiatur gehöre. In großem Ärger darüber erzählte ich dem Herrn Statthalter von meinem Mißgeschicke. Er schien meine Klagen mit einigem Bedauern anzuhören und sagte endlich: Ich sollte ihm selbst eine Bittschrift anvertrauen, er wolle sie dem bischöflichen Agenten in Rom übersenden und demselben meine Sache empfehlen. »Nun, dachte ich, wirst du endlich gewiß zu deinem Zwecke gelangen!« Sogleich lief ich nach Hause, setzte die Supplike auf, schrieb sie ins reine, brauchte die Vorsicht, derselben ein Zeugnis meiner Armut und eine Abschrift der Saekularisation beizufügen und überreichte alles dem Herrn Statthalter. Mehrere Monate lang harrte ich geduldig auf die Ankunft der verlangten Urkunde, Herr Statthalter belebte von Zeit zu Zeit meine Hoffnung, die allmählich zu wanken begann. Der alte Benefiziat, von dem ich oben sprach, ward indessen sehr krank. Deswegen bestürmte ich Herrn Statthalter noch mehr mit Bitten. Nach einigen Tagen endlich, als ich ihn von neuem wieder sehr dringend um sein Vorwort gebeten hatte, rief er mich nach Tische in sein Kabinett, hielt einen Brief in der Hand und sprach: »Ihre Sache in Rom hat keinen guten Gang genommen, es tut mir leid! Aber der Papst ist ein Feind aller ausgesprungenen Mönche und will nichts von Ihrem Gesuche hören. Sehen Sie, was der Agent schreibt! »Der heilige Vater ist eben bei übler Laune gewesen, als ich meinen Vortrag für den Priester Bronner wagte, und antwortete mir: All diese abtrünnigen Mönche sind entweder Narren oder Schurken.« Ein verbissenes Lächeln saß um Herrn Statthalters Mund, als er dieses, nachlässig in den Brief schauend, mir vorlas. Aufgebracht über diese grobe Beschimpfung, erwiderte ich: »Wenn der Papst so gesprochen hat, so sprach er gewiß nicht ex cathedra und bewies wenigstens an mir, daß er nicht infallibel ist. Aber ich Zweifle, ob ein solches Wort jemals aus seinem Munde kam, und – glaube den Erfinder zu kennen: er mag das selber sein, was er mich nennt!« Scharf faßte ich ihn ins Auge, aber er ließ mich Buonfigliolis, des Agenten, Schreiben doch nicht einsehen und suchte mich durch bessre Worte zu beruhigen. Am Ende sagte ich dreist und kühn, indem ich mit dem Fuß auf den Boden stampfte: »Nun ist es beschlossen, ich muß die Habilitation haben, und wenn sich ganz Augsburg und alle römischen Agenten gegen mich verschworen hätten!« Er lächelte meiner Ohnmacht und ließ mich gehen. Zu Hause sprach ich zu mir selbst: »Um Geld ist den Römern alles feil! Wage einmal dein vierteljähriges Einkommen von 50 fl. daran, so bist du des vergeblichen Bettelns los und dein verstellter Gönner ist beschämt!« Sogleich setzte ich eine Bittschrift an den Nuntius Zoglio auf, erzählte ihm die bisherigen Vorgänge und teilte ihm mit, daß ich bei meiner Armut nur 50 fl. für die Dienste seines Sekretärs aufwenden könnte. Richtig, schon nach ein paar Tagen hatte ich eine Antwort im Hause, welche nicht vom Nuntius, sondern von seinem Sekretär unterzeichnet war und mich benachrichtigte, daß man sich meiner annehme und die Sache für mich in Rom betreiben wolle. Sogleich ging ich mit dem Briefe zum Herrn Statthalter und verkündigte ihm meine Freude. Aber ich sah deutlich in seinen Mienen, daß ihn diese Nachricht mehr bestürzte als ergötzte. Am Ende erbot er sich, er wolle meine 50 fl. bei seiner nächsten Reise mit sich nach München nehmen und mir dafür die Habilitation zurückbringen. Allein ich fürchtete, er möchte mir entweder ein neues Hindernis in den Weg legen oder die Habilitation in seinen Händen behalten, damit er mich verhindern könnte, mich ihrer im Auslande zur Erhaltung einer Pfründe zu bedienen. Sogleich schrieb ich also an den Sekretär des Nuntius, schickte ihm 52 fl., um mit den überflüssigen 2 fl. ihm seine kleinen Auslagen zu vergüten, und bat ihn, die Habilitation unmittelbar an mich zu senden. Den 6. April hatte ich endlich die langersehnte Urkunde in Händen und durfte nach Herzenslust über das großgeschriebene »Gratis« lachen, das ganz unten am Blatte paradierte. Nun konnte ich jedes einfache Benefizium, es mochte mit der Seelsorge verbunden oder nicht verbunden sein, annehmen und hatte auf einmal die Fähigkeit erlangt, vom Erbgut der Kirche zu zehren, sobald sich ein Großer finden würde, der mir eine Stelle an St. Peters Tische anzuweisen die Güte hätte. Wäre der alte kranke Benefiziat, dessen Pfründe mir Herr Domdechant versprochen hatte, nicht zusehends wieder zu mehreren Kräften gekommen, sobald ich die Habilitation erhalten hatte, so wäre wahrscheinlich mein Wunsch, Benefiziat zu sein, ein eigenes Haus und ein Gärtchen zu haben, bald in Erfüllung gegangen. Allein der Greis lebte indes wieder auf und genoß des schönen Frühlings wenigstens so gern als ich. Noch lange mußte ich mich mit Hoffnungen trösten. Bald nach meiner Ankunft in Augsburg führte mich der Zufall in ein Haus, wohin mich in der Folge die Bekanntschaft mit dem Hausherrn und meine Geschäfte sehr oft riefen. Dieser Herr hatte ein armes Mädchen zur Verpflegung angenommen, das nach einiger Zeit an der Lungenschwindsucht sehr erkrankte. Weil das Mädchen sehr vollblühend aussah und niemand ihren wahren Zustand erriet, vermutete man anfangs, ihr Übelbefinden möchte zum Teil Verstellung sein. Selbst der Arzt bestärkte die Leute in diesem lieblosen Wahne. Wirklich erholte die Waise sich zusehends wieder, erkrankte aber bald von neuem und kam dann von neuem wieder zu Kräften. Dieser abwechselnde Zustand dauerte länger als ein Jahr, bis endlich die Ärzte entschieden, der Kranken sei nicht mehr zu helfen. Eben der Wechsel ihrer Gesundheitsumstände verursachte, daß sie vorzüglich von den Mägden im Hause als eine Betrügerin, die durch falsches Vorgeben nur ihre Bequemlichkeit suchte, angefeindet wurde. Auch verlor sich dies Vorurteil gegen sie erst auf ihrem Sterbebette. Der zweifelhafte Charakter des Mädchens, das Verlangen des Hausherrn, ich möchte ihre Sitten etwas näher beobachten, und meine eigene Begierde, über ihre Aufrichtigkeit und Verstellung ins klare zu kommen, bestimmten mich, sie öfters an ihrem Krankenbette zu besuchen. Freundlich setzte ich mich an ihr Lager, erzählte ihr allerlei Geschichten, las ihr angenehme Stellen aus Büchern vor und ließ ihr zum Zeitvertreib verschiedene unterhaltende Schriften zurück. Sichtbar gewann ich dadurch ihr Herz, eine schnelle Röte flog auf ihre Wangen, so oft ich in ihr Zimmer trat, sie erhob sich mit den heitersten Blicken in ihrem Bettchen und streckte mir schon von weitem die Hand zum Gruße entgegen. Ihr Charakter hatte etwas Frommes, Kindliches, Unschuldiges und Stilles, und ich merkte bald, daß sie keiner Verstellung fähig und im Ernste krank sei. Ich hatte aber zu wenig medizinische Kenntnisse, um entscheiden zu können, welche Krankheit eigentlich ihr Befinden so umschlägig mache. Dennoch teilte ich meine Bemerkungen dem Hausherrn mit, der sie dann gegen alle Bedrückungen der Dienerschaft eifrig in Schutz nahm. Wenn ich der Kranken eine besondere Freude machen wollte, so pflückte ich im Garten einen hübschen Blumenstrauß und legte ihn auf ihr Bett; man kann nicht glauben, mit welchem Entzücken sie ein solches Geschenk annahm und mit welcher Wollust sie den Duft der Blumen in sich sog. Ihr ganzes Wesen, das sich bei solchen Gelegenheiten doppelt zu beleben schien, dankte mir mit einem so unverstellten Ausdruck von Entzücken, daß ich gern alle Gartenbeete ihres Schmuckes beraubt hätte, um dem guten Kinde dieses Vergnügen recht oft zu machen. Einst als ich ihr eben einen Blumenkranz brachte, ergriff sie meine Hand mit einer Zärtlichkeit, die mir an ihr ganz fremd war, und drückte sie mit einer Innigkeit an Mund und Wangen, die mich überraschen mußte. Ihren Augen entfielen einige Tränen, und ich wußte mich nicht sogleich zu fassen. »Lenchen, was machst du?« fragte ich erstaunt, »was ist dir?« Sie ließ meine Hand nicht los, drückte sie noch immer an ihre Wange und sprach: »Ach, Sie sind doch der einzige, der mich nicht mißkennt, der es gut mit mir meint! O, wie dank' ich Ihnen!« »Gutes Kind,« erwiderte ich gerührt, »deine Freude ist mir der schönste Dank! Aber laß den trüben Gedanken nicht aufkommen, daß dich alle mißkennen! Glaube mir, der Hausherr schätzt dich und hat dich lieb, wie ein Vater.« Ihre Seele hing von dieser Stunde an mit unverstellter Zuneigung an mir. Sie erholte sich wieder ein wenig und versäumte keine Gelegenheit, mir kleine Gefälligkeiten zu erweisen. Von neuem begann der Wechsel von Übelbefinden und Wohlsein. Ihr Ende nahte. Sterbend drückte sie mir noch einmal die Hand und schien mit gedörrten Lippen etwas stammeln zu wollen. O, welche Wehmut ergriff mich da! Bald ertränkte die Krankheit ihr Herz, und ihr frommer Geist entflog. Gute Waise! Dein Leichnam sank wenigstens nicht in die Grube, ohne daß dir eine Träne floß. – Mein Betragen gegen Lenchen hatte mir, ohne daß ich es wußte, die Zuneigung eines andern jungen Mädchens gewonnen, welches als Wärterin gewöhnlich zugegen war, wenn ich ans Krankenbett trat. Einst hätte sich Lenchen beinahe mit derselben entzweit, weil ihr Lisette, als ich einen Augenblick weggegangen war, eine Rose genommen und vor ihren Busen gesteckt hatte. Ich kam eben dazu, und Lenchen klagte mir mit kindischem Ernst ihren Verlust. Lisette nannte sie eine Wunderliche und gab ihr die Blume nicht wieder. Ich mußte lachen, ging in den Garten, holte andre Rosen und brachte sie den Mädchen ins Zimmer: »Nehmt hin,« sagte ich, »teilt und lernt mir friedlich sein!« Und sie teilten lächelnd die Blumen auf Lenchens Bett! Als die Waise begraben war, traf ich einst Lisetten allein im Zimmer der Herrschaft. Wir plauderten eine Weile von gleichgültigen Dingen. Endlich fielen wir auch auf die Verblichene. Lisette seufzte und sprach mit niedergeschlagenen Augen: »Ach! wenn ich Ihnen nur halb so lieb wäre, als das gute Lenchen!« Ich stutzte, besann mich ein wenig und antwortete, sie wäre mir immer wert gewesen und würde es gewiß so lange bleiben, als ich Achtung für sie haben könnte. Ich wüßte sehr wohl, daß sie ein gutes Herz und viele gute Eigenschaften besäße, und es sei mir recht lieb, daß sie auf meine Freundschaft einigen Wert legte. So oft ich von nun an ins Haus kam, war sie ausnehmend freundlich und erwies mir alle mögliche Aufmerksamkeit. Um ihre Freundlichkeit einigermaßen zu belohnen, gab ich ihr ein hübsches Gebetbuch, das sie einst bei mir gesehen und mit Wärme gelobt hatte. Sie freute sich sehr meines Geschenkes und zeigte es mir immer mit einer frohen Geberde, wenn sie es in der Kirche an mir vorübertrug. Lange lebten wir so in einem nicht unangenehmen Austausche gegenseitigen Wohlwollens, das sich in freundlichen Blicken und Worten äußerte. Nur selten ergriff ich ihre Hand, um sie zu drücken. Einmal, als ich es eben beim Abschiede mit merklicher Wärme getan hatte, drückte sie meine Rechte feurig mit beiden Händen, drückte sie an ihre Wange, zog mich an den Stuhl, auf dem sie saß, und legte mit einem lebhaften Ausdrucke von Zärtlichkeit in Blicken und Geberden ihr Haupt an meine Brust. Ich konnte mich nicht enthalten, diese Zärtlichkeit zu erwidern, neigte mich hinab und küßte ihre Wange. »Ach, was machen Sie?« rief sie nun aus, »das müssen wir ja beichten! Küssen ist eine Sünde!« »Armes Kind!« sagte ich und konnte mich des Lächelns nicht enthalten, »nimmt denn Ihre Keuschheit Schaden durch einen solchen Kuß? Oder gegen welches Gebot verfehlte ich mich wohl? Aber sorgen Sie nicht! Wenn Sie so ängstlich sind, so will ich Sie nimmer in Verlegenheit setzen!« »Ach!« erwiderte sie ganz naiv, »wenn das Küssen keine Sünde wäre! wenn ich das gewiß wüßte, so möchte ich mich wohl einmal an Ihnen satt küssen! Aber ich kann Ihrer Versicherung nicht trauen! O, gehen Sie nun, gehen Sie! Verlassen Sie mich!« Ihr ganzes Angesicht brannte wie das Morgenrot, als ihr diese Worte entfuhren, ihre Hand schob mich leise von sich, ihre Augen waren schamhaft abgewandt. Ich fühlte Begierden in mir entstehen, die nichts minder als edel waren. Unschlüssig stand ich ein Weilchen. Nur die Gedanken: »Noch ist sie ein schuldloses Mädchen und Magd im Hause deines Freundes«, konnten mich zurückschrecken. Seufzend riß ich mich los und eilte tiefsinnig ins Grüne hinaus. »Wie oft soll ich mich noch geliebt sehen und doch nicht genießen?« Dieser Einfall drängte sich mir immer von neuem auf. Wenn ich mich durch die Betrachtung des Unrechts, ein noch unverdorbenes Mädchen zu mißbrauchen, oder durch einen Blick auf die möglichen Folgen eines Fehltrittes von dieser Art zum mutigen Vorsatze, meine Hitze zu mäßigen, gestärkt hatte, so riß manchmal die Sinnlichkeit im nächsten Augenblicke meinen ganzen schönen Gedankenbau wieder ein, und ich überraschte mich über Plänen, des willigen Mädchens recht ungestört und gefahrlos zu genießen. Bald merkte ich, daß Vermeidung des Alleinseins mit Lisetten mein einziges sicheres Rettungsmittel wäre, und entschloß mich, der Gelegenheit sorgfältig auszuweichen. Aber ich führte mein Vorhaben nicht immer mit Standhaftigkeit aus und ließ mich von der Leidenschaft mehr als einmal hinreißen, zu einer Stunde in ihr Zimmer zu treten, wo ich vermuten konnte, sie würde allein sein. Mein Verdienst war es also nicht, wenn unsre Bekanntschaft unschuldig blieb. Aber durch eine sonderbare Fügung der Umstände, für die ich nachmals der Vorsehung oft dankte, traf ich sie entweder wider Vermuten in Gesellschaft einer Gespielin oder so verstimmt und mit dringenden Geschäften überhäuft an, daß an die Befriedigung meines sträflichen Verlangens gar nicht zu denken war. Ich machte mir dann freilich Vorwürfe über meinen Wankelmut, aber wirklich mußte ich diese Vorwürfe mehr als einmal wiederholen. Manchmal fühlte ich auch, daß die heftigen Begierden, welche in der Entfernung von ihr die Phantasie entzündet hatte, in ihrer Gegenwart, beim Anblicke ihrer Unschuld und Unbefangenheit, völlig wieder schwiegen und bessern Gefühlen Platz machten. Eine Ebbe und Flut von wollüstigem Verlangen und bessern Vorsätzen wechselten in meinem Herzen ab. Nun erschien ein neuer Diener im Hause. Nach ein paar Wochen glaubte ich an dem Mädchen etwas Freieres in ihren Blicken zu bemerken. Sonst war sie sittsam und schüchtern gewesen, und aus ihren meisten Äußerungen hatten leise Züge jungfräulicher Zurückhaltung hervorgeleuchtet. Welcher Ursache ich diese Veränderung beizumessen hätte, fiel mir nicht sogleich ein. Aber ihr vertrautes Spaßen mit dem Diener brachte mich bald auf die rechte Spur. Doch dachte ich nicht, daß sie bereits etwas mehr als ein Küßfest gefeiert hätten. Zu eben der Zeit fügte es sich, daß Lisette von ihrer Herrschaft einer Botschaft wegen eilig auf mein Zimmer geschickt wurde. Indem ich sie traulich bei der Hand ergriff, sagte ich in scherzhaftem Tone: »Lieschen, ich merke wohl, daß mich ein andrer abgelöst hat!« »Ach,« erwiderte sie mit einem Feuer, das ich nie an ihr bemerkt hatte, »wenn Sie heiraten dürften, so wollte ich nie einen andern lieben als Sie.« Da umschlang sie mit beiden Armen meinen Hals, überhäufte mich mit brennenden Küssen, sah mich eine Weile zärtlich an und ließ sich wie ermattet auf einen Stuhl nieder, der zunächst an meinem Bette stand. Das Wollüstige, das sich in ihrem ganzen Benehmen verriet, überraschte mich und brachte mich schnell zum Nachdenken. »Ist das Mädchen etwa schon verführt?« dachte ich. Ihr Schäkern mit dem Bedienten fiel mir ein. Eifersucht stahl sich in meinen Busen. Etwas Kaltes und Zurückhaltendes schlich sich merklich in mein Betragen und kühlte auch des Mädchens Hitze schnell ab. Sie schützte vor, daß sie nach Hause eilen müßte, und verließ mich geschwind mit einem Blicke voll Mißvergnügens. Bestürzt, mit aufglimmender Glut des schmerzlichsten Argwohns im Herzen, folgte ich ihr in meines Freundes Wohnung und nahm mir unterwegs vor, es koste was es wolle, der Wahrheit oder Unwahrheit meiner Vermutung auf den Grund zu sehen. Vor allem suchte ich die Stunde ausfindig zu machen, in welcher der Diener unbemerkt zu Lieschen schleichen könnte. Mehrere Umstände zeigten an, daß es gewöhnlich dann geschehe, wenn die Herrschaft bei Tische sitze. An einem Herbstabend, als eben ein dicker Nebel alle Gegenstände mit tieferm Dunkel umhüllte, schleppte ich so stille als möglich, eine Leiter, die ich in der Nähe wußte, an Lieschens Kammerfenster, stellte mich in einen abgelegenen Winkel, aus welchem ich die Treppe beobachten konnte, welche der Diener zu steigen hatte, um zu dem Mädchen zu gelangen, und harrte geduldig, was erfolgen würde. Bald sah ich den Diener vorsichtig umherschauend hinaufschleichen. Mit klopfendem Herzen lief ich zur Leiter, stieg leise hinauf und blickte durch eine Lücke zwischen den Fenstervorhängen, die gezogen waren, neugierig hinein. Da saßen die beiden Vertrauten auf dem Bette, schwelgten in Küssen und noch etwas mehr. In meinem Herzen brannte es, mein ganzer Körper zitterte, eine Stange der Leiter war etwas verkrümmt und lag nicht ganz fest an der Wand an, sie zitterte mit und brachte ein Klopfen hervor, das selbst die Entzückten aufmerksam machte. Sie fuhren auf, der Diener lief ans Fenster, ich sprang, noch ehe er mich erblicken konnte, von der Leiter, warf sie um und lief mit ihr im Nebel davon. Es war eine überaus unangenehme Empfindung, die ich nun hatte, so oft ich das Mädchen erblickte. Unmöglich konnte ich mich entschließen, jemals wieder, ohne die höchste Not, auch nur das geringste Wörtchen mit ihr zu reden. Die Eifersucht ließ mich jedoch nicht ruhen, bis ich die Geheimnisse der Verliebten vollständig entdeckt hatte. Um inne zu werden, ob sie auch nächtliche Zusammenkünfte hielten, ersann ich folgendes Mittel: ich hatte bemerkt, daß der Diener abends immer in Filzschuhen umherging, wahrscheinlich, um leiser schleichen zu können. Aufmerksam lauschte ich also, bis ich einmal Gelegenheit fand, ohne von jemandem bemerkt zu werden, seine Filzschuhe unten mit Öl bestreichen zu können. Den andern Tag sah ich seine Tritte, mit öl bezeichnet, deutlich bis zum Bette des Mädchens. »Soll ich die Treulose bestrafen?« fragte ich mich selbst voll Unmut, Eifersucht und Nachgier, »soll ich meinem Freunde entdecken, was in seinem Hause vorgeht? Lisette hätte zwar keine Schonung verdient, aber nein! Ich will sie nur mit Verachtung bestrafen!« Gegen den Diener erlaubte ich mir keine andre Rache, als daß ich einst in seiner Gegenwart die List, die ich gebraucht hatte, um hinter seine Tücken zu kommen, dem Hausherrn, meinem Freunde, erzählte, gerade so, als wenn die Sache anderswo vorgefallen wäre. Der Schuldige stand wie auf Kohlen, wagte kein Auge zu erheben und erwartete alle Augenblicke, verraten zu werden. Allein ich ließ es dabei bewenden, daß ich den Herrn in allgemeinen Ausdrücken warnte, ein wachsames Auge auf die Bekanntschaft seiner männlichen Bedienten mit dem weiblichen Gesinde zu haben. Zu dieser Warnung hielt ich mich der Ehre seines Hauses wegen verpflichtet. Meinem Vorsatze, mich nie durch Angabe der Schuldigen zu rächen, aber auch nie mehr ein Wort mit Lieschen zu verlieren, blieb ich mehrere Jahre lang höchst getreu. Das letzte brachte Lieschen und ihren Liebhaber so sehr gegen mich auf, daß sie sich von Zeit zu Zeit sogar Lügen erlaubten, um mich bei ihrer Herrschaft anzuschwärzen und um die Gunst derselben zu bringen. Allein das Vertrauen meines Freundes, der mir immer alle neuen Beschuldigungen sogleich offenherzig entdeckte, setzte mich in den Stand, jede derselben ohne Mühe zu zerstäuben und ihren Untergrund handgreiflich darzulegen. Destomehr gewann mein Vorsatz, mich nicht zu rächen und zu schweigen, an Festigkeit, und ich verließ Augsburg, ohne ihn gebrochen zu haben. Es fiel zwar auf, daß ich mit dem Mädchen, dem ich ehemals im Scherz zuweilen eine Schmeichelei gesagt hatte, nun gar kein Wörtchen sprach, und man fragte mich öfters um die Veranlassung dazu. Aber ich wich einer genaueren Erläuterung immer mit der Antwort aus, die ich in scherzhaftem Tone vorbrachte: »ich hätte geheime Gründe, die nicht mitteilbar wären.« Im Spaße riet man dann wohl gar, ich müßte gewiß einen Korb von dem Mädchen bekommen haben. Die Gefahr, unedel an Lisetten zu handeln, entsprang größtenteils aus dem Umstande, daß ich zwar wegen ihres Äußern und ihrer Hingegebenheit Neigung für sie empfand, aber wegen ihrer übrigen Gaben nur wenig Achtung für sie hegen konnte. Es war eins von den gewöhnlichen Geschöpfen, die nur da zu sein scheinen, um die Sinnlichkeit eines Mannes zu reizen, ohne sein Herz zu interessieren. Je öfter und ernster ich nach einem gefährlichen Besuche in mein Inneres blickte, desto lebhafter fühlte ich die Notwendigkeit, eine so ganz sinnliche Neigung zu unterdrücken. Ich fiel auf den Gedanken, sie durch eine bessre Liebe zu verdrängen. Die Rückerinnerungen an Minchens unschuldige Zärtlichkeit, an das schöne Fräulein in Dillingen und sogar an das arme Lenchen regten in mir ohnehin eine stille, anhaltende Sehnsucht auf, von neuem in so reinen seligen Gefühlen zu schwärmen. Ich versuchte, die Bilder dieser liebenswürdigen Wesen mit den hellsten Farben meiner Phantasie recht lebendig auszumalen. So oft mir dies gelang, schwiegen die niedrigen Begierden. Hätte die Hoffnung, jemals wieder an ihrer Seite durch zärtlichen Umgang glücklich sein zu dürfen, meinen Bildern Haltung und Konsistenz verliehen, so glaube ich nicht, daß mir Lisette ferner gefährlich gewesen wäre. Aber nur zu bald merkte ich, daß auch die lebhaftesten Gemälde der Einbildungskraft kaum vermögend sind, die Eindrücke zu verdunkeln, welche eine sichtbare und fühlbare reizende Gestalt auf die Sinnlichkeit macht. Zugleich suchte ich überall das liebliche Mädchen, das durch Unschuld des Lebens und Vorzüge des Geistes meine Hochschätzung und Zärtlichkeit verdienen und mich durch eine edlere Liebe beseligen könnte. Allein wo sollte ich das Mädchen finden? Dergleichen edle Wesen sind große Seltenheiten. »Und wenn ich es fände, würde es mich auch lieben? Dies Glück wäre noch eine größere Seltenheit!« dachte ich und suchte umsonst hin und her. Ein geschickter junger Mann, den ich schon in Dillingen so genau kannte, daß er mir alle Liebesbriefchen seines Mädchens zu lesen gab, besuchte mich öfters auf meinem Zimmer und ging mit mir aufs Feld spazieren. Wenn ich an einem Busche saß und dichtete, so bemächtigte er sich gern meines Fernrohrs, bestieg eine nahe Anhöhe und genoß dort der Aussicht über einen Garten hin nach dem Landhause einer adeligen Herrschaft, bei der seine Geliebte als Kammerjungfer in Stellung stand. Stundenlang konnte er lauschen und dem antwortenden Mädchen zuwinken. Die Briefe, die ich gelesen hatte, zeugten von dem Witze und der Herzlichkeit Lenorens. Sie hatte sich nicht wenig durch Lektüre gebildet und wußte sehr artig zu schreiben. So fein und munter sie übrigens war, so zärtlich und aufrichtig hing sie doch an ihrem Jüngling. Zuweilen nahm ich selbst das Fernrohr zur Hand und beobachtete das Mädchen. Ihr Antlitz war ein schönes Oval, lilienweiß, mit einem schwachen Anhauch lieblicher Rosenröte, von lichtbraunen Haaren umwallt und von großen, dunkelbraunen Augen belebt, ihr Wuchs schlank, kaum mittelmäßig hoch mit einem schön gebildeten Busen und schmächtiger Taille. So hatte sie Reize genug, um meinen Augen nicht ganz gleichgültig zu bleiben. So oft ich sie erblickte, saß sie am Nährahmen oder am Fenster mit irgendeiner weiblichen Arbeit beschäftigt und plauderte mit ihrer Gespielin oder trillerte ein Lied, so daß der liebliche Ton über den Garten herüber bis zu meinen Ohren drang. Dies gab mir einen hohen Begriff von ihrer Arbeitsamkeit und vermittels derselben eine sehr vorteilhafte Meinung von ihrer guten Gemütsart. Überdas grüßte sie mich immer sehr freundlich, wenn mich ihr das Ungefähr auf dem Wege entgegenführte. Denn ihr Geliebter hatte ihr längst vertraut, daß ich sein guter Freund sei, vor dem er keine Geheimnisse habe. Lenore kam wöchentlich einmal in das Haus einer Bekannten, der sie von ihren Herzensangelegenheiten erzählte. Diese Bekannte hatte aber längst ein Auge auf Lenorens Geliebten, erwartete eine hübsche Morgengabe und die Anwartschaft auf ein einträgliches Ämtchen für ihren künftigen Mann, war nicht übel gebildet und wußte ihre Sache, selbst durch Lenorens unvorsichtige Beihilfe, so gut zu machen, daß der betörte Jüngling seine erste Geliebte vernachlässigte und sich gänzlich der neuen Eroberin hingab. Da sah ich Lenoren oft traurig im Garten ihrer Herrschaft umherirren, mit klagenden Geberden ihren Zustand ausdrücken und in Lauben oder an Rainen sitzend, wehmütige leise Lieder singen. Wie hätte ich dies ohne Mitleid ansehen können? Nur eins wollte mir in ihrem Betragen nicht gefallen: sie klagte lauter und geberdete sich trauriger, wenn sie merkte, daß ich in der Nähe sei. Überhaupt schloß ich aus allerlei kleinen Zügen, es müßte etwas Listiges und Kokettes in ihrem Charakter liegen. Wäre diese Bemerkung nicht gewesen, so hätte ich mich ohne Zurückhaltung, mit vollem Zutrauen, der Liebe des schönen Mädchens ergeben. Allein so blieb mir bei aller Neigung, die mich zu ihr hinzog, doch noch manche Besorgnis im Herzen zurück. Die Vorzüge ihres Geistes und Körpers und mein Bedürfnis zu lieben, das eben wegen meines bedenklichen Verhältnisses mit Lisetten sehr laut sprach, reizten mich zwar; das schöne Kind manchmal halbe Tage lang mit meinem Fernrohr unbemerkt zu belauschen, aber ich konnte es doch lange nicht über mich gewinnen, ihr von meiner Neigung etwas merken zu lassen. Nach langem Besinnen wagte ich's endlich, ein Liedchen, das ich gedichtet hatte, mit etwas verstellter Handschrift abzuschreiben, einen Kiesel darein zu wickeln und, als Lenore nahe an der Gartenmauer, hinter der ich stand, einsam vorüberwandelte, es ihr nahe vor die Füße zu werfen. Welche Verwirrung bemächtigte sich meiner, als es geschehen war! Scham, Furcht, Hoffnung und Freude durchbebten mich, als ich zwischen den Häuptern der Spalierbäume hin das Mädchen erblickte, wie sie wundernd das rollende Papierchen aufhob, es bedächtig entfaltete und in eine Laube schlich, um es ungestört zu lesen. Mich hatte sie nicht entdeckt. An einem schönen Morgen der nächsten Tage hatte ich von meiner Höhe herab Lorchen wieder belauscht und warf ihr abends folgende Verschen zu: Mir wollte heut ein gut Geschick Frühmorgens Freude machen; Ich sah, o süßer Augenblick! Schön Liebchen beim Erwachen. Kein böser Fischbeinharnisch barg den Wuchs, der mich entzückte. Nur schade, daß so kurz und karg Ihr Anschaun mich erquickte! Doch – hätt' ich Augen wie ein Luchs Und sah sie immer stehen, Ich würd' an ihrem schlanken Wuchs Gewiß nie satt mich sehen! Geschwind hob sie das Blättchen mit dem eingewickelten Steinchen auf, hüpfte zur Gartentür, öffnete sie schnell und überraschte mich auf der Höhe an der Mauer. »Ha! so sind Sie es wirklich?« sagte sie etwas ängstlich aber doch freundlich und trat mir ein wenig entgegen, »ich dachte gleich, die Verschen könnten nicht wohl von einem andern herrühren als von Ihnen, dem Freunde meines Freundes. O, nehmen Sie geschwind dies Briefchen und geben Sie mir bald Antwort!« Bestürzt und verwirrt war ich ihr entgegengegangen, nahm den Brief und sah sie flink und schüchtern in den Garten zurückhüpfen. Sie schrieb: Hochwürdiger Herr! Als mir mein Freund noch gut war, erzählte er mir öfters, daß Sie der Besitzer so schöner Bücher seien, und ich wünschte lange vergebens, von Ihnen einige zu erhalten. Denn meinem N. getraute ich nichts zu sagen, weil er mich immer schmähte, so oft er mich lesen sah. Aber nun freue ich mich recht sehr, Sie selbst darum bitten zu können. Lesen ist das einzige, was mich noch aufrecht erhält und mein Schicksal ein wenig vergessen macht. Schon eine geraume Zeit herrscht eine schreckliche Unruhe in meinem Innern. Keinen Freund, keinen einzigen Menschen hab ich, dem ich es anvertrauen darf, um nicht zum Gespötte der Leute zu werden. Sie besitzen ein edles Herz, das weiß ich, aber ach, wie schmerzlich würde es mir sein, wenn Sie etwa durch dieses Schreiben beleidigt werden sollten! O, ich bitte Sie, verübeln Sie mir's nicht, nehmen Sie Anteil und gönnen Sie mir, daß ich Ihnen alles schreibe, was mir auf dem Herzen liegt. Mein N. war mir gut – o Gott! noch mehr als gut, und nun verläßt er mich und raubt mir meine Ruhe, die ich ohne ihn zeitlebens nicht mehr finden werde. Was mich aber am meisten schmerzt, ist, daß ich nicht einmal die Ursache weiß, warum er mich verläßt. Fast zwei Jahre war ich glücklich und ich zweifelte oft, ob es jemanden gäbe, der glücklicher wäre als ich. Und jetzt – ach wie ist alles um mich her so öde! – Ich traute seinen Versicherungen, glaubte nicht, daß es möglich wäre, so hintergangen zu werden. Aber nun muß ich es wohl glauben, daß ich ein betrogenes Mädchen bin. Deswegen wünsche ich, vor jedem Menschen mich verbergen zu können, und mir ist nichts angenehmer, als allein im Garten zu spazieren und mich ungestört an die verflossenen glücklichen Augenblicke zu erinnern, zu seufzen und den stummen Bäumen meine Leiden zu klagen. Mitleiden finde ich bei ihnen ebensoviel als bei Menschen. Schwermut befiel mich heute, als mir der alte Hausbediente sagte, N. sei krank. Vergeben Sie mir! Mein Herz war zu voll, es fühlt sich nun erleichtert, da es sich ausgegossen hat. Ich weiß, daß N. Ihr sehr guter Freund ist und ich zweifle nicht, er wird Ihnen die Ursache seines jetzigen Betragens gegen mich entdeckt haben. Oder hat er niemals etwas von mir gesprochen? Ich bitte Sie, machen Sie mir's doch durch etliche Zeilen zu wissen! Lenore. N. S. Solange ich atme, verlange ich keine Liebeserklärungen mehr. Mein N. machte mir Beteuerungen ohne Zahl, und nun – wohin sind sie verschwunden? Ach, die zärtlich liebenden Jünglinge! Sie leiden viel den Mädchen zuliebe – ihrer Aussage nach – sie weinen sogar! Aber mir kommen diese Tränen vor, wie Krokodilstränen. Nur so lange weinen sie, bis sie ein Mädchen im Garne haben, bis dessen Ruhe dahin ist – dann verlassen sie dasselbe. Ich habe eine zu schmerzliche Erfahrung gemacht, als daß ich wieder trauen könnte! Dies war der Inhalt des Briefes. Wie sehr fand ich mich in meiner Erwartung betrogen! Ich hoffte, sie wenigstens einigermaßen zu interessieren, aber da waren es meine Bücher und vorzüglich die Hoffnung, ich könnte vielleicht ihren Ungetreuen, meinen Freund, noch einmal in ihre Arme zurückführen, was sie zum Schreiben bewog. Offenbar sollte die Nachschrift für mich ein verdecktes Körbchen sein, und der ganze Brief hatte etwas Gezwungenes und Verkünsteltes an sich, das mir ganz und gar nicht behagen konnte. Dennoch suchte ich ihr, so gut ich konnte, gefällig zu sein, und erzählte meinem Freunde, ich hätte Lenoren belauscht, wie sie ihr Leid ziemlich laut im Garten klagte. Wörtlich mischte ich die Ausdrücke ihres Briefes in meine Erzählung und bemühte mich, die Ursache ihrer Trennung auszuforschen. Allein ich konnte nichts herausbringen als die Äußerung: »Lenore ließ mir gar nichts mehr zu wünschen übrig, sie war allzu zärtlich und ganz ohne Rückhalt hingegeben. Ich hätte sie, wie ich wollte, mißbrauchen können.« Aufrichtig schrieb ich ihr dies, packte ein unterhaltendes Buch und meine Antwort zusammen und warf ihr das Buch über die Gartenmauer zu, als sie nach ein paar Tagen wieder einsam daran vorüberging. Sie winkte mir ihren Dank zu, steckte das Päckchen in die Tasche und eilte in ihr Zimmerchen. Bald sah ich sie mit meinem Briefe beschäftigt. Beinahe die Hälfte einiger folgenden Nächte brachte sie mit Lesen des übersandten Buches und mit Schreiben hin. Nach wenigen Tagen bemerkte sie mich wieder auf der Anhöhe am Garten, kam unter die Tür, winkte mir zu und übergab mir geschwinde ein Päckchen. Es enthielt das ihr geliehene Buch und einen Brief, in welchem sie mir dankte und ihr Erstaunen kundgab, daß ich von den Gesinnungen meines Freundes nicht Bescheid wissen sollte. Ich hatte sie in einem Briefe gebeten, mir meine Liedchen wieder zurückzusenden, weil ich befürchtete, sie möchte mich verraten. Aber sie weigerte sich sehr, es zu tun, beteuerte mir, sie wollte dieselben als einen teuren Schatz sorgfältig aufbewahren und werde mich, der ich nun ihr einziger Freund sei, gewiß nicht verraten, sondern mit der aufrichtigsten Herzlichkeit verehren. Ich sollte sie doch nicht verlassen, sie in ihrem Zustande mit meiner Gewogenheit und durch Übersendung schöner Bücher trösten und nicht zweifeln, daß sie mich immer hochschätzen und als ihren wahren Wohltäter betrachten würde. Als ich aber auf meiner Bitte bestand, schickte sie mir wirklich Lieder und Briefe vollständig zurück, wußte aber in einem sehr kunstlos aussehenden Schreiben so artig über ihren Verlust und mein Mißtrauen zu klagen und bewachte von nun an die Anhöhe, auf der ich sie belauschte, so sorgfältig mit ihren Blicken, daß ich ihr nur selten entging und meine Neigung, die anfangs sehr abgekühlt wurde, allmählich wiederum wärmer zu werden begann. Ich lieh ihr nach und nach alle Vorzüge des Geistes und Herzens, die ich ihr nur irgend ohne offenbaren Widerspruch mit meinen Bemerkungen leihen konnte. Nur Aufrichtigkeit und Natürlichkeit konnte ich ihr nicht beilegen. Dennoch hoffte ich, sie würde sich bei näherer Bekanntschaft offener und ungekünstelter betragen. Durch eine sonderbare Selbsttäuschung schien sie mir täglich liebenswürdiger. Oft erwartete sie mich an der Gartentür, drückte mir gütig die Hände und erwiderte fast jedes freundliche Wort, das ich ihr sagte, mit ebenso freundlichen Reden. Sobald sie mich auf der Höhe sah, winkte sie mir traulich zu oder kam wohl gar in den Garten und sang eine schmeichelhafte Strophe, so wie sie aus irgendeinem Liede auf meinen Zustand paßte. Ich fing von neuem an, ihr kleine Verse zuzuwerfen, mit denen sie immer sehr zufrieden war. Manchmal küßte sie dieselben vor meinen Augen und steckte sie in ihren Busen. Einst hatte sie einen starken Husten und kam doch abends spät, sobald sie mich auf meiner Warte entdeckte, in den Garten, obschon die Herbstluft bereits etwas rauh zu wehen begann. Ich warf ihr den andern Tag ein Verschen zu, in dem ich mich scherzhaft nach ihrem Husten erkundigte. Kaum hatte sie das Blättchen gelesen, so spähte sie im Garten umher, ob nirgends ein Lauscher wäre, öffnete die Tür und fing an, die Wegerichkölbchen für ihr Kanarienvögelchen außen an der Mauer zu pflücken. Ich pflückte geschwind, soviel ich deren finden konnte, und bot sie ihr dar. Sie dankte mir mit einer Sittsamkeit und Verschämtheit, die sie noch reizender machte. Niemand war in der Gegend. Es dämmerte. Ein freundlicher Blick von ihrer Seite, der mich schnell überlief, machte mir Mut ihr rundes Händchen zu ergreifen. Entzückt drückte ich es an meinen Mund. »O, könnt ich's sagen, wie wert du mir bist!« stammelte ich und schlang bald meinen Arm um sie. »Könnt' ich's erklären, wie lieb ich dich habe!« Dann drückte ich sie innigst an mein Herz. Sanft widerstrebend bog sie ihr schönes Gesicht hinweg, aber meine Lippen folgten ihr, und ich küßte sie auf die hocherrötenden Wangen. Mit sanfter Gewalt wand sie sich schließlich aus meinen Armen, sah mich unbeschreiblich freundlich an und floh in den Garten. Von dieser Zeit an war ich ein sehr fleißiger Beobachter auf dem Hügel hinter dem Gesträuche. Ich schlug mir einen Pfahl in die Erde, schraubte mein Fernrohr darauf und belauschte oft stundenlang das holde Kind. Bald versuchte ich etwas zu dichten, bald sah ich wieder durch das Fernrohr. Hätte nicht hin und wieder der Anstrich von kokettem Wesen, das sich durch manchen kleinen Zug verriet und dessen Bemerkung sich wider Willen mir aufdrang, meine Wärme abgekühlt, so hätte meine Neigung für Lenoren noch schnellere und größere Fortschritte gemacht. Allein ich bemerkte, daß sie, sobald ihr mein Fernrohr zwischen den Zweigen entgegenglänzte, auf einmal eine sanftere Miene annahm, fleißiger strickte oder nähte, mehr Munterkeit affektierte, manchmal die Augen zum Himmel erhob und seufzte, ans Fenster trat und zärtliche Liedchen sang, in den Garten ging und im Grase sitzend mit mancher Pantomime Romane las und sich dabei immer stellte, als wüßte sie nichts von meiner Gegenwart, indes doch ihr Auge gar oft unter den Haubenspitzen hervor ganz insgeheim nach meinem Fernrohr schielte. Ich steckte zuweilen ein schwarzes Rohr von Kartendeckel über das glänzende Messing und zog mich tiefer ins Gebüsch zurück, da war sie flugs natürlicher und ungekünstelter, affektierte weder Empfindung noch Wehmut noch besonderen Fleiß und hüpfte ganz unbefangen im Grünen umher. Dergleichen Züge ließen das Mißtrauen nie ganz aus meiner Seele verschwinden, und ich hielt mich immer in einiger Entfernung. Als ich nach einiger Zeit wieder auf den Hügel kam und mein Fernrohr auf den eingeschlagenen Pflock geschraubt hatte, bemerkte ich ein Päckchen, das an Lenorens Fenster gelehnt war, mit einer großen, sehr leserlichen Aufschrift an mich. Lenorens Auge schien mich von Zeit zu Zeit auf dem Hügel zu suchen. Kaum hatte sie mich erblickt, so eilte sie in den Garten, öffnete leise die Tür, winkte mir zu, überreichte mir mit einem traulichen Händedruck das Päckchen, sagte mit flehender Stimme: »O helfen Sie meinem armen Bruder!« und zog sich geschwinde wieder in den Garten zurück. Neugierig öffnete ich das Päckchen hinter dem Gesträuche, fand eine Bittschrift darin, mit Dokumenten belegt und dabei ein Briefchen von Lenoren, in welchem sie mich bat, ich möchte ihrem Bruder in seinem Gesuche durch ein Vorwort behilflich sein. Mein Vorwort war im Grunde sehr unbedeutend, aber ich sann nach, ob ich ihm nicht durch Nebenumstände einige Kraft beilegen könnte. Bald gelang es mir, durch Abwägung verschiedener Charakterzüge meiner Obern ein kleines, sehr einfaches Plänchen zu erfinden, dem Bruder meiner Freundin mit Erfolg zu dienen. Meine ganze List bestand darin, daß ich genau die rechte Stimmung jeder obrigkeitlichen Person, von welcher diese Gnadensache abhing, geduldig abzuwarten beschloß, daß ich dann mit dem unbefangensten Gleichmut einem nach dem andern meines Freundes Anliegen vortrug und die Einwendungen, die man machen könnte, schon zum voraus überdachte, um sie lösen zu können, sobald sie vorgetragen würden. Es geriet mir in der Ausführung nicht übel, und der Bittsteller erhielt, was er suchte. Ich hatte sogar das Vergnügen, die Expedition zu besorgen und das Dokument Lenoren übergeben zu dürfen. Es war mir, als wenn ich einen großen Sieg errungen hätte, als ich mit meinem Päckchen den Hügel am Garten bestieg. Sobald ich des Mädchens Blicke auf mich zielen sah, streckte ich das weiße Papier aus den Gesträuchen empor und winkte ihr, an die Gartentür zu kommen. Nicht lange, so erschien sie an der Tür. Geschwind drückte ich ihr das Päckchen in die Hand und sagte: »Sie werden finden, es ist alles gut gegangen!« Sie steckte es zu sich, drückte mir mit feurigem Danke die Hände und zog sich unter zärtlichen Blicken in den Garten zurück. Ihre Herrschaft hatte die Aussicht gerade auf die Tür, deswegen durften wir dort nie lange verweilen, ohne uns selbst zu verraten. Wenn sie mir ein Buch oder einen Brief abnahm, so zog sie immer die Gartentür ein wenig hinter sich zu, um ungesehen das Empfangene in die Tasche zu stecken. Von nun an stand ich bei Lenorens Eltern und Brüdern in nicht geringer Achtung. Sie zogen mich beinahe in allen ihren Angelegenheiten zu Rate. Ich mußte sie in ihrem Hause besuchen, und Lenore versäumte nicht, mich dort mit der einnehmendsten Freundlichkeit zu empfangen und zu unterhalten. Gewöhnlich setzte sich die ganze Familie um einen Tisch, und jedes trug mir alles Merkwürdige vor, was es zu sagen hatte. Lenore ließ sich nicht von meiner Seite, schmeichelte mir sehr oft, indem sie sich glücklich pries, an mir einen so guten, aufrichtigen Freund gefunden zu haben, und sah mir alle Minuten sehr zärtlich in die Augen. Aber es war etwas Gezwungenes in ihrem Betragen, das mir nie ganz gefallen konnte. Genau wußte sie die Zeit, wann ich zur Kirche gehen würde, und legte es immer darauf an, daß sie mir, hübsch geschmückt, auf dem Wege begegnen möchte. Nur selten mißlang es ihr. Und sie grüßte mich allezeit überaus freundlich. Ich will's nicht leugnen, diese Aufmerksamkeit tat meinem Herzen sehr wohl, und auch meine Eitelkeit fand ihre Rechnung dabei, daß ich von einem so schönen Kinde geachtet würde. Einst an einem Sonntage, da sie meine Anwesenheit kaum vermuten konnte, lauschte ich im Gebüsche auf der Höhe und sah einen Jüngling bei Lenoren im Zimmer, mit dem sie sehr vertraut scherzte. Geschwind steckte ich ein schwarzes Rohr über mein Perspektiv, damit mich der Glanz des Messings im Sonnenschein nicht verraten möchte. Es klopfte mir ängstlich in der Brust. Ich brannte, zu beobachten, was ich nicht zu sehen wünschte. »Sind denn alle Mädchen treulos?« sagte ich entrüstet. Sie saß auf einem Stuhle, er stand neben ihr, die Linke um ihren Hals geschlungen, ihr Haupt ruhte an seiner Brust. Sie blickte lächelnd zu ihm empor. Er neigte sich hinab, sie zu küssen. O, ich hätte erblinden mögen, und doch konnte ich nicht wegsehen! Jetzt stand sie vom Stuhle auf und wiegte sich im Arme des Geliebten tiefer ins Dunkel des Zimmers hin. Ich sah, wie sie sich herzten und küßten und dann verschwanden. Ach, wie viele schmerzliche Empfindungen durchkreuzten sich da in meinem Herzen! Ich riß das Fernrohr vom Pflocke und lief davon. Am Ufer des Lechstroms irrte ich umher. Lange dachte ich nichts Deutliches, düstere Phantasien jagten sich durch meinen Kopf. Bald fühlte ich die Qual, mich in meiner guten Meinung von Lenoren betrogen zu haben, bald sagte ich: »Der ist ein Tor, der mit ernster Neigung an einem Mädchen hängt, flüchtig ist dies Geschlecht, sein Sinn ist unstet wie Wellen! Sie sind nur zum Scherze und Genusse da! Man muß mit ihnen spielen und ihrer lachen! Achten kann sie nur, wer sie nicht kennt« usw. Hätte mir in dieser Stimmung die Gelegenheit ein Mädchen zugeführt, so hätte ich sein Zutrauen aus einer Art Rachsucht sicher mißbraucht, und wäre mir Lisettens Verbindung mit dem Bedienten nicht schon bekannt gewesen, so würde ihr Niedersinken am Bette gewiß seine Wirkung nicht verfehlt haben. Im Grunde war mein Zustand widernatürlich und schmerzlich, und ich fühlte, daß ein Vorrat süßer Empfindungen vergebens in meinem Herzen schlummerte, ohne Hoffnung, sie jemals durch Erwiderung geweckt und erhöhet zu sehen! Ich mied nun lange den gewohnten Kirchenweg, um Lenoren nicht etwa zu begegnen. Ein paarmal trafen wir einander doch von ungefähr auf dem Wege an, und sie grüßte mich, so kalt ich auch war, mit der artigsten Höflichkeit. Ihr Bruder, dem ich den obenerwähnten Dienst erwiesen hatte, langte endlich in Augsburg an, kam in meine Wohnung und lud mich ein, ihn in seinem Hause zu besuchen. Er war ein junger Mann von Kenntnissen, voll Lebhaftigkeit, Tätigkeit und geraden Sinnes und hatte bereits viel in der Welt geduldet. Wäre er nicht Lenorens Bruder gewesen, so hätte ich ihn beim ersten Anblick liebgewonnen, aber meine Unzufriedenheit mit seiner Schwester äußerte sich auch in meiner Zurückhaltung gegen ihn, so daß er sich unverhohlen über die Kälte beklagte, mit der ich seine wärmsten Freundschaftsbezeigungen erwiderte. »Wir müssen näher miteinander bekannt werden,« sagte er, »wollen Sie mir nicht erlauben, Sie öfters zu besuchen? Schützen Sie nicht Ihre vielen Geschäfte vor! Wenn Sie mir nicht erlauben, zu Ihnen zu kommen, so glaube ich, Sie verachten mich.« Er kam also und ich sah mich gezwungen, seinen Besuch zu erwidern. Ich glaubte, meine Stunde so gut gewählt zu haben, daß mich seine Schwester gewiß nicht treffen sollte. Aber kaum hatte ich die Glocke an seiner Wohnung gezogen, so hüpfte mir Lenore mit ganz unbefangenem Jubel entgegen und rief voll Freuden aus: »O schön, daß ich Sie endlich wieder in unserm Hause sehe! Schon lange wünschte ich, einmal recht lange mit Ihnen zu reden, nun will ich mich gewiß satt plaudern! Ich habe Ihnen gar viel zu sagen!« »Ich desto weniger«, dachte ich. Meine Verwirrung fiel ihr auf, sie maß dieselbe meiner Schüchternheit bei und nahm mein düsteres Schweigen und die strafenden Blicke für Ziererei und geistliche Amtsmienen. Herzlich, aber mit gemäßigter Freude hießen mich ihre Eltern und ihr Bruder willkommen. Man setzte sich wieder um den Tisch her und begann allerlei Gespräche. Lenore drängte sich, wie ehemals, an meine Seite. Ich blieb gleichgültig. Sie ergriff meine Hand und wollte sie drücken, aber ich zog sie nachlässig zurück. Sie sah mir forschend und lächelnd in die Augen, ich blickte sie ruhig und ernsthaft an. Bald merkte ich, daß sie ein wenig aus ihrer Fassung komme. Stiller und nachdenkender saß sie von nun an neben mir. Ich unterhielt mich mit ihrem Bruder und ließ sie sitzen. Ein andrer Besuchender trat herein; als er wieder Abschied nahm, begleitete ihn beinahe die ganze Gesellschaft an die Treppe, nur Lenore blieb bei mir. »Was haben Sie doch auf dem Herzen?« fragte sie geschwind mit anscheinender Ängstlichkeit, »ich sehe, Sie zürnen!« – »Gar nicht,« erwiderte ich mit angenommenem Gleichmut, »vielmehr bin ich sehr zufrieden, daß Sie auch mir so liebreich begegnen, da Sie doch mehr als einen zärtlichen Verehrer zählen.« Sie: »Ich verstehe Sie nicht.« Ich: »Wenn Sie wüßten, daß ich Ihnen neulich zusah, als Sie Ihren Liebling herzten und küßten, so wäre es leicht, mich zu verstehen.« Sie errötete und schien nicht sogleich Worte zu finden. Bald zeigte sich Trotz, bald Scham auf ihrem Angesicht. »Sie dürfen ja doch nicht heiraten,« sagte sie endlich, »und – ich will es Ihnen nur gestehen – derjenige, den Sie sahen, ist mein erster Jugendfreund, mein erster Geliebter. Er kam von Wien und hat mich hier auf seiner Durchreise besucht, aufrichtig gesprochen, er ist mir sehr lieb!« Die Gesellschaft war indessen zurückgekommen. Lenorens Offenherzigkeit hatte mich indessen wieder etwas ausgesöhnt, und ich begegnete ihr mit mehr Höflichkeit als vorher. Aber wenn ich ihr auch alles vergeben wollte, so konnte ich ihr nun dennoch die Listigkeit nicht vergeben, mit der sie, durch meinen Beistand, den Jüngling, ihren Zweiten Geliebten, in ihre Arme zurückzulocken gesucht hatte, nachdem sie ihn von ihrer Freundin erobert sah. Als wir während der Unterhaltung Gelegenheit fanden, allein miteinander zu sprechen, bezeigte ich ihr mein Mißfallen über ihr Betragen und beschuldigte sie, daß sie sich dadurch an dem ersten Liebhaber als untreu und am zweiten als eine schlaue Künstlerin (Betrügerin wollte ich nicht sagen) bewiesen habe. Zu ihrer Entschuldigung antwortete sie: »Der erste war lange Zeit in der Ferne und ließ nichts von sich hören, der andre warb um meine Zuneigung, und ich habe sie ihm aufrichtig geschenkt, bis er mich verließ. Hätte ich wohl den ersten abweisen können, da er nun voll Treue und Liebe zurückkam? Es wäre mir leid, wenn ich deswegen Ihre Freundschaft verloren hätte und gerade in dem Augenblicke, da ich ihrer am meisten bedarf. Denn mein alter Freier hat sich von neuem an meine Eltern gewandt und will sich nicht abweisen lassen. Sie finden die Partie der schönen Bedingungen und des Geldes wegen nicht geradezu so verwerflich und lächerlich als ich und quälen mich nun, ich solle mein Jawort geben oder ihm wenigstens Hoffnung machen, bis ich einen festen Entschluß gefaßt habe. Allein es ist unmöglich, ich kann ihm keine Hoffnung machen und bin in Gefahr, darüber die Gunst meiner Eltern zu verlieren, wenn Sie nicht, als Freund der Familie, ins Mittel treten und mich aus dieser Verlegenheit retten.« Sie bat dann so schmeichelhaft und dringend, daß ich ihr ausdrücklich zusagte, ich wollte versuchen, ihre Eltern auf andre Gedanken zu bringen. Ich tat es wirklich beim nächsten Anlasse, so gut ich's verstand, und fand die Sache weit leichter, als ich vermutet hatte, da Lenorens Mutter sogleich bei der ersten Vorstellung von der ehelichen Unzufriedenheit, die aus der Ungleichheit des Alters entspringt, auf meine Seite trat und die Hartnäckigkeit des kalkulierenden Vaters bekämpfen half. Das Mädchen dankte mir mit der herzlichsten Freude für meine Verwendung und bat mich, ohne Umschweif, ihr den Absagebrief an den alten Freier aufzusetzen, denn sie fürchtete, von ihr geschrieben, möchte er zu herbe werden. Allein ich überließ ihrem Witze das schöne Stück Arbeit und kam weder aufgebracht, noch verliebt, aber wohl abgekühlt, von diesem Besuche zurück. Lenore beobachtete nach wie vor die Stunde, da ich zur Kirche ging, und grüßte mich auf dem Wege so liebreich und unbefangen, als wenn gar nichts vorgefallen wäre. Allein ich kam nur selten mehr auf den Hügel, um sie bei ihren Geschäften zu belauschen. Entschuldigen konnte ich sie, aber hochschätzen nicht mehr. Das einzige, was noch einige Gemeinschaft zwischen uns erhielt, war, daß sie von Zeit zu Zeit ein unterhaltendes Buch zum Lesen bei mir abholen ließ. Nach einigen Monaten kam Collin, der Sohn eines Domkapitelschen Offizianten, in der Nachbarschaft Lenorens zu wohnen. Da er ein Liebhaber der schönen Wissenschaften war, einige Jahre studiert hatte und ganz artige geometrische Zeichnungen verfertigte, so suchte er bald meine Bekanntschaft und erwarb sich meinen Beifall um so leichter, da ihm sehr artige Sitten, nicht wenig Verstand und ein nicht gemeiner Forschungsgeist eigen waren, und ich seinen Vater als einen rechtschaffenen Mann schon lange in Affektion genommen hatte. Nicht lange, so wirkten Lenorens Reize, ohne daß ich es wußte, auch auf ihn mit voller Macht, und er ließ die Gelegenheit, sie täglich im nahen Garten zu sehen, nicht unbenutzt. Die Gärten seines Vaters und der Herrschaft, bei welcher Lenore diente, trennte nur ein niedriges Mäuerchen, und Collin konnte, auf einem Schemel stehend, zwischen den Häuptern der Spalierbäume hindurch, stundenlang unbemerkt und ungestört mit seiner Geliebten kosen und scherzen. Anfangs blieb es beim Necken und Scherzen, aber bald wurde der Ton ihrer Abendgespräche inniger und ihre Bekanntschaft zur Liebesangelegenheit. Warum Lenore, beinahe so oft ich den Hügel bestieg, in einer Laube am Mäuerchen oder hinter gewissen Bohnenstöcken verschwand, konnte ich eine geraume Zeit nicht begreifen, endlich kam ich bei einem einsamen Morgenspaziergang sehr frühe auf die Anhöhe und bemerkte, daß hinter Gesträuchen empor öfters kleine Steinchen und Staub zu Lenorens Kammerfenster hinaufflogen. Den Täter sah ich nicht, Laub und Zweige verbargen ihn. Die Sonne fing eben an, die Wände des Hauses zu vergolden und rötlich auf den Fenstern zu glänzen. Da trat Lenore, nur leicht in Leinwand gehüllt und nachlässig mit einem Röckchen umgürtet, ans hohe Fenster, öffnete es mit der einen Hand, indes sie mit der andern sich den Schlaf aus den Angen rieb, und neigte sich hinaus, Morgengrüße winkend und lispelnd. Dann holte sie einen Knäuel Zwirn herbei, ließ einen langen Faden an der Wand hinabsinken und zog lachend einen schönen Blumenstrauß daran empor. Lange flüsterten sie und der Überbringer einander freundliche Wörtchen entgegen. Endlich küßte sie ihre Hand, indem sie ihm etliche Küsse zuwarf, und verließ das Fenster. Als Collin zwischen den Gesträuchen über das Mäuerchen zurückstieg, konnte ich ihn deutlich erkennen. Nun war es mir klar, warum Lenore so oft in die Laube am Mäuerchen ging und so oft hinter den Bohnen verschwand. Collin besuchte mich noch ebenso fleißig wie vorher. Einst ging ihm der Mund von seinem Mädchen über, und ich nahm Anlaß, mit ihm über die Himmelfahrt seiner Sträuße zu scherzen. Da staunte er und rief: »Können Sie sich denn unsichtbar machen, daß Sie alles so genau wissen?« Lachend erzählte ich ihm, was ich beobachtet hatte, und gestand ihm, daß auch mir Lenore nicht gleichgültig gewesen sei. »Nun müssen Sie alles wissen!« rief er freudig aus, »ich wünschte schon lange einen Vertrauten zu haben, aber die Furcht, verraten zu werden, verschloß mir den Mund (er schnalzte mit den Fingern). Gottlob, jetzt hab' ich doch auch einen Freund, mit dem ich ohne Scheu von meinem Mädchen schwatzen darf!« Dann erzählte er mir ausführlich, wie er Lenoren oft im Garten belauscht, ihren Gesang vernommen und ihren Frohsinn bewundert hatte, wie er sie dann bei einer Nachbarin sah, von ihrem Witz entzückt ward und jede Gelegenheit aufsuchte, ihre Zuneigung zu gewinnen, wie es ihm gelang, ihr in der Laube am Mäuerchen sein Herz zu entdecken und nach und nach ihre Teilnahme auf sich zu ziehen, kurz – er ward nicht müde, mir die Entstehung seiner Liebe und ihre Fortschritte zu enthüllen, und ich mußte ihn anhören, es mochte mir behagen oder nicht. Doch ich bedurfte hierzu nicht vieler Geduld, denn die Angelegenheiten einer Person, die uns einmal teuer war, haben immer etwas Anziehendes für uns. Von nun an kam Collin unter allerlei Vorwänden viel öfter als ehemals zu mir und säumte nie, mir seine Geschichte der vorigen Tage mitzuteilen. Als er zum erstenmal wieder erschien, brachte er mir ein Briefchen von Lenore mit. Sie schrieb: »Um des Himmels willen! Sollten Sie mich denn wirklich neulich in der Frühe gesehen haben .... in diesem garstigen Aufzug? Ich würde mich zu Tode schämen und wünschte, daß das Sträußchen am Stocke geblieben wäre. Ich ward so in meiner Ruhe gestört und habe fast, zum Fenster hinaus, die Augen noch nicht recht öffnen können. Aber um Vergebung! Dies ist ja sonst Ihre Stunde zum Aufstehen gar nicht, warum denn eben damals? – Aber das böse Fernrohr! Daß es auch alles so gut malen muß! Collin erzählte mir gestern ein langes und breites davon. Kurz, weiß ich's einmal, daß ich so frühe belauscht werde, so will ich das Sträußchenheraufziehen wohl bleiben lassen oder doch nicht so garstig erscheinen. Bleiben Sie mein Freund, so wie ich bleibe Ihre Freundin!« Collin wußte das angenehme Plätzchen nicht weit vom Ufer des Lechs, wo zwei Bäche zusammenfließen und wohin ich nun gewöhnlich ging, wenn ich dichten wollte. Einsam saß ich dort zwischen Gesträuchen, von Weidenbäumen beschattet, auf dem Zirkel meines ausgebreiteten Mantels; eine frische Quelle sprudelte in einer nahen Vertiefung hervor, gar bequem meinen Durst zu löschen, eine kleine Höhlung unter dem Damme, vor welcher Bachminzen und junge Schilfrohre standen, diente mir zum Kellerchen, wo ich ein Fläschchen Wein und ein Trinkglas verborgen hielt, wenn ich mir einmal recht Wohl sein lassen wollte, öfters überraschte mich Collin mit Lenoren am Arme bei meiner Quelle, dann setzten wir das Mädchen mitten auf den Mantel und lagerten uns rechts und links an ihrer Seite. Zuweilen gab er mir zum voraus einen Wink, daß sie abends kommen würden, dann steckte ich ein paar Flaschen guten Wein in die Taschen, nahm Brot und Gläser in einem Tüchlein mit und trug den kleinen Vorrat unter dem Mantel an den Lech hinaus. Wenn sie dann kamen, holte ich die Flaschen aus dem kühlen Quellwasser im Kellerchen, und wir tranken auf dem Mantel sitzend und freuten uns inniger als bei dem prächtigsten Mahle. Einst kam Lenorens erster Geliebter wieder nach Augsburg und besuchte sie zu eben der Zeit, da sie mit Collin spazieren gehen sollte. Sie geriet in Verlegenheit, konnte die Freude, ihren ersten Liebling zu sehen, nicht verbergen, und wollte doch auch den jetzigen nicht beleidigen. Das Spazierengehen ward aber eingestellt, und Collin merkte bald, daß er der weniger Begünstigte sei. Traurig zog er sich zurück und schlich zu mir, um seine Klagen auszuschütten. Lenore schien wirklich, solange der Reisende da war, ihren Nachbar vergessen zu haben, und der Vernachlässigte wußte sich vor Schmerz über seinen Verlust kaum zu fassen. Kein Trost haftete in seinem Herzen. Endlich merkte Lenore, daß ihr Günstling noch ein andres Mädchen außer ihr ebenso fleißig, wo nicht fleißiger als sie, besuche, und die Eifersucht erwachte in ihrem Busen. Zwar bemühte sie sich mehr als einmal, den Ungetreuen wieder ganz allein an sich zu fesseln, aber er spottete ihrer und besuchte sie nicht einmal zum Abschied, als er zum zweitenmal auf Reisen ging. Treuer liebte Collin, noch immer seufzte er nach Lenorens Liebe und wandte alles an, sie wieder zu gewinnen. Folgender Brief Lenorens an mich zeigt die Wendung an, welche diese Geschichte nahm: »Zu sehr bin ich von Ihrer Güte überzeugt, als daß ich Zweifeln sollte, daß nicht auch ich meine Zuflucht, wie Collin, zu Ihnen nehmen darf, wenn Sie mich anders des Fehlers wegen, den ich an Collin beging, nicht hassen. Ich gestehe es aufrichtig, ich habe den Edelsten beleidigt, aber (ich beteure es Ihnen hoch) nicht aus bösem Herzen. Ich sah, daß seine Liebe zu mir immer heftiger, unzertrennlicher wurde, und bei mir – o! – Kurz ich konnte ihn nicht so lieben, wie er mich, und Sonntagsabends kam mir der fatale Gedanke, es ihm zu sagen. Aber, o Gott! wie erschrak ich, als ich ihn in solcher Bestürzung sah! Das hätte ich mir nie vorgestellt! Er weinte, schluchzte, sagte, daß er der unglücklichste Mensch auf der Welt wäre. ... Sie wissen, welch ein bedauernswürdiges Gefühl ich habe. So oft ich ihn ansehe, kann ich mich der Tränen nicht enthalten, bei jedem Blick blutet mein Herz. O, ich kannte seinen Wert nur halb! Ich bitte Sie, sagen Sie ihm, daß ich ihn liebe, wie noch nie und (wenn ihm dies seine Ruhe wiedergeben kann), daß ich nichts so sehnlich wünsche, als die Seinige zu werden. In seinen Armen will ich dann das Glück aller häuslichen Freuden doppelt schmecken. Ich bitte Sie, teuerster Freund, sagen Sie es ihm, o sagen Sie ihm noch mehr! Denn an meinem Briefe werden Sie erkennen, wie es in meinem Kopfe und Herzen aussieht!« Ehe ich dem guten Jüngling den Brief zu lesen gab, warnte ich ihn, auf seiner Hut zu sein, und forschte ihn aus, ob er denn die vorige Verschmähung verschmerzen und ganz vergessen könnte. Er meinte wirklich, das Andenken der Verachtung, mit welcher ihm Lenore bis an den Abend, da sie ihm ihre Liebe förmlich aufkündigte, begegnet war, würde nie ganz aus seiner Seele weichen. Als ich ihn gegen einen allzu raschen Entschluß genug vorbereitet zu haben glaubte, zeigte ich ihm Lenorens Schreiben. Tränen liefen dem guten Jüngling über die Wangen, er nahm geschwind Abschied und eilte voll Feuers zu Lenoren. In der Laube am Mäuerchen schlossen sie ein festeres Bündnis als vormals. Ihre Besuche bei mir setzten sie von Zeit zu Zeit fort und vertrauten mir ihre Geheimnisse. Vierzehntes Kapitel: Registratur und geistliche Kämpfe. Anstellung als Registrator – Unannehmlichkeiten – Andere Verdrießlichkeiten und Verdächtigungen – Krankheit – Eine wichtige Entdeckung – Genesung, Schwärmerei und moralische Unarten – Erstes Ausgehen – Fehlgeschlagene Hoffnungen und Entstehung dieser Schrift – Die elektrische Maschine – Besuche in Dillingen und Höchstädt – Geistliche Ehrenkämpfe – De Haiden, Sailer und Ungelter gestürzt. Mein gesellschaftliches Leben schränkte sich auf einen kleinen Zirkel von Menschen ein. Nur an der Tafel des Herrn Statthalters, bei Herrn Provikar de Haiden, bei meinem gütigen Hausherrn, bei Collin und seiner Geliebten und einigen Büchertrödlern bedurfte ich der menschlichen Sprache, übrigens betrug ich mich mitten in einer ziemlich großen Stadt nicht viel umgänglicher als ein Einsiedler. Meine Gesundheit litt in dieser Zeit, und ich kränkelte oft, ohne einen sichern Grund meiner Unpäßlichkeit angeben zu können. Vielleicht hätte ich dieselbe keiner andern Veranlassung beimessen sollen, als den Umständen, daß ich mittags und abends allzu reichliche Mahlzeiten und mitunter zu sehr gewürzte Speisen genoß, unmäßig viel Wasser dazu trank, nur selten durch eine Freude des Herzens erheitert ward und das Beschränkte, meinen Grundsätzen Widersprechende und Unbehagliche meiner Lage allzu lebhaft empfand. In dieser Lage machte ich vor meinen geistlichen Obern, den Herren von Ungelter und de Haiden, kein Geheimnis daraus, daß ich kein Mittel unversucht lassen würde, um den Fesseln, in denen ich schmachtete, je eher je lieber zu entrinnen. Ich erklärte überdas mein Vorhaben so unzweideutig und kühn, daß ihnen wegen des Ernstes meiner Äußerungen kein Zweifel mehr übrig bleiben konnte. Herr Statthalter nahm bei solchen Gelegenheiten immer einen sehr freundschaftlichen Ton an, machte mich in unbedeutenden Sachen mit der Miene der Wichtigkeit zu seinem Vertrauten, suchte mich durch besondere Gunstbezeigungen, die seiner bisherigen Erfahrung zufolge nie ganz an mir verloren gingen, näher an sich zu ziehen und von neuem meinen Glauben an seine tätige Verwendung zu beleben. Herr de Haiden handelte offener und unverstellter mit mir. Bei der Geistlichen Rats- und Vikariatskanzlei war niemals ein Expeditor angestellt, seine Geschäfte besorgte der Sekretär. Man fand aber nötig, teils der genauern Schriftenfertigung halber, teils damit die Taxen richtiger eingetrieben würden, einen Expeditor anzustellen. Herr de Haiden, dem die Kanzleidirektion anvertraut war, hatte über die neue Einrichtung zu referieren und fragte mich, ob ich die Stelle eines Registrators oder Expeditors wählen wollte. Ich wählte die erstere, einmal weil ich in Registraturarbeiten besser bewandert war und dann, weil der Registrator ein eigenes Zimmerchen zu bewohnen hat und also freier ist, als der Expeditor, der seine Geschäfte neben den übrigen Kanzleioffizianten im gemeinschaftlichen Zimmer besorgen muß, schließlich weil ich dabei in keine Geldgeschäfte verwickelt wurde, welche für den Expeditor eine reichliche Quelle von Sorgen und Verdrießlichkeiten sind. Auch Herr von Ungelter ließ sich bereden, mir bei dem Kurfürsten, der eben sein schwäbisches Bistum besuchte, ein wirksames Vorwort zu verleihen, und ich ward unterm 15. September 1789 mit 400 Gulden Gehalt als Registrator bei der Geistlichen Rats- und Vikariatskanzlei angestellt. Meinen Vorgänger ernannte man zum Expeditor. So hatte ich zwar einen Schritt vorwärts getan, aber freilich sträubte sich mein Herz ein wenig, wenn ich einen Blick in die Zukunft wagte. Da sollte ich nun im Aktenstaube vergrauen, den ganzen Tag über juristisch-kanonischem Unsinne brüten, in ein Chaos durcheinandergeworfener, in großen Haufen liegender Schriften Ordnung bringen, niemals meinen graden Sinn offenherzig äußern, niemals ein Buch, das frei und kühn geschrieben war, dem Drucke außer unter falschem Namen (und das ist teils gefährlich, teils beleidigt es meine kleine Ehrbegierde) übergeben dürfen und vielleicht, vom beschwerlichen Tagwerk ermüdet, nicht einmal Lust oder Zeit behalten, meinen Durst nach wissenschaftlichen Dingen zu stillen. Da könnte ich denn nach und nach ein Knecht, der um Lohn arbeitet, ein Mietling mit erstickter Kraft und getötetem Gefühle werden, der mechanisch seine Akten durchstöbert und weiter kein Verdienst hat, als daß er richtig nach der Uhr in seiner Schreibstube erscheint, übrigens aber in der Vervollkommnung seiner selbst um keinen Schritt weiterkommt. Das waren häßliche Aussichten, die mich lange sehr bedrückten. Aber ich tröstete mich dann wieder mit dem Gedanken, daß ich doch nirgends eine Stelle finden könnte, die mir Brot gäbe, ohne daß dafür eine Verbindlichkeit gefordert würde, und daß ich zu frühe, was edel, gut, wahr und schön ist, fühlen gelernt habe, als daß ich untätig, sklavisch, abergläubisch, oder an Leib und Seele verkrüppelt, jemals leben könnte. Was mir allerdings am meisten mangelte, war Umgang mit Edeln und Aufmunterung zur Tätigkeit, wenn manchmal Mißmut und Trägheit das Triebwerk meiner Geisteskräfte störten. Im Anfange des Jahres 1790 betrat ich zum erstenmal die Vikariats-Registratur. Der vorige Registrator hatte gehofft, diesen Posten einst einem seiner Söhne in die Hände spielen zu können, sah sich durch mich zur Expeditorstelle verdrängt und empfing mich – nicht mit Kälte – sondern mit allem Feuer des lebhaftesten Hasses. Nachdem er mir verschiedene Vorwürfe gemacht hatte, prophezeite er, ich würde bei meinem Amte, von dem ich ihn so ungerecht vertrieben hätte, stets mit Verdruß, Not und Schande zu kämpfen haben, hielt dafür, ich sei nicht imstande, eine Registratur zu besorgen, und endigte seine schöne Anrede mit derben Verwünschungen. Gelassen hörte ich den aufgebrachten Mann an, ließ mir von ihm die Einteilung der Kasten und Fächer zeigen und prägte mir alles wohl ins Gedächtnis. Das erste, was ich unternahm, war, daß ich die Zimmer und den Saal des Archives reinigen ließ, denn man hatte seit zwölf Jahren weder die Fenster darin geputzt, noch die Gänge ausgekehrt. In sichrer Heimat hausten tausend Spinnen zwischen den doppelten Fenstern und in allen Winkeln umher. Dann hob ich, ohne Beistand irgendeines Gehilfen, einige schwere Kasten vermittels starker Hebel auf Walzen und schleppte sie mit unsäglicher Mühe und einem nicht geringen Aufwande von Kraft an die Stellen, wo ich sie haben wollte. Denn ich fand mehrere leere Kästen an den Wänden umher verteilt, indes die vollen, nachlässig aneinander gelehnt, in der Mitte standen und wankten, so oft ich an sie die Leiter anlehnte, um die nötigen Akten zu suchen, so daß ich in jedem solchen Falle samt den Kästen umzuschlagen fürchten mußte. Um dies zu verhüten, befestigte ich die vollen an den Wänden umher und verteilte die leeren im mittleren Raume des Gewölbes. Diese Veränderung nahm ich deswegen ganz allein vor, weil ich fürchtete, ein Gehilfe möchte mir, seiner Bequemlichkeit halber und, um die Lasten leichter zu bewegen, die Akten aus den Fächern ziehen und sie dadurch in Unordnung bringen. Das Bistum Augsburg besteht aus einigen vierzig Landkapiteln, deren jedes im Durchschnitt 24 bis 30 Pfarreien in sich begreift, und zählt eine große Menge Klöster, Stipendien, Kollegiatstifte usw. Daraus läßt sich abnehmen, wie weitläufig die Registratur sein muß und wie nötig es ist, die Rubriken der Orte landkartenförmig einzuteilen. Ich fand die ältere Einteilung der Registratur nicht ungeschickt. Auch hatte mein Vorgänger sehr fleißig darin gearbeitet und die Akten etwas mehr als zur Hälfte unter gewisse Generalrubriken gebracht, so daß sie in sehr vielen Fällen mit leichter Mühe gefunden werden konnten. Aber wenn eine Schrift, die bayrischen Landkapitel oder einige Klöster usw. betreffend, welche noch gar nicht bearbeitet waren, hervorgesucht werden sollte, mußte ich die Akten, welche den Ort betrafen, erst ganz in Ordnung bringen, ehe ich die verlangte Auskunft geben konnte. Ein großer Fehler war es, daß die neuern Akten ganz abgesondert von den ältern in eigenen Fächern unter den allgemeinen Rubriken der Landkapitel und nicht in den Schubladen jedes Ortes lagen. Dies verursachte, daß man immer erst an mehreren Stellen und unter Stößen suchen mußte, ehe man an die verlangte Schrift geriet. – Zudem mangelte ein genaues Namenregister der Personen; dasjenige, welches ich vorfand, war sehr unvollständig und faßte ohne Rücksicht auf genauere alphabetische Ordnung eine außerordentliche Menge Namen durcheinander unter jedem auch noch so reichhaltigen Buchstaben zusammen. Es wies noch obendrein nicht unmittelbar auf die Stelle und Lade der Registratur zurück, wo das verlangte Aktenstück liegen sollte, sondern gab nur mit einzelnen Buchstaben und Zahlen das Verzeichnis des Landkapitels usw. an, in welchem eine kurze Rubrik der Akten zu finden wäre. Ich war also gezwungen, sogleich ein neues Personal-Namenregister nach bessern Grundsätzen anzufangen. Allein mein Amt hatte noch Unannehmlichkeiten, die bei meiner Denkungsart gar nicht davon zu sondern waren. Um die neueingehenden Akten ordnen zu können, mußte ich sie größtenteils lesen. Da fand ich denn oft, was ich noch nie erfahren, ja nicht einmal ganz geglaubt hatte: das liebloseste, ungerechteste Verfahren, in die Form strenger Justiz vermummt. Bald sah ich voll Wehmut einen geringen Fehler mit unerbittlicher Härte bestraft, bald zürnte ich, daß ein Bösewicht vom Parteigeist gerettet wurde und wegen unverdienter Gunst irgendeines geistlichen Patrons, zur Qual der Rechtschaffenen noch länger ungestraft seinen Unfug forttreiben durfte, bald glühte es in meinem Innern, und ich hätte rasen mögen, wenn ich Unschuld und Verdienst als Verbrechen und Laster verfolgt, eingekerkert und ins tiefste Elend gestürzt sah. Nur einige Beispiele! Ein armer Pfarrer, Eisele , den sein Landdechant anfeindete, ward wegen ebendesselben Fehlers fünfmal in Inquisition genommen und immer wieder losgesprochen, ohne doch in Ruhe gelassen zu werden, bis er seine Pfründe, nach welcher ein Freund des Dechants strebte, gegen ein ärmliches Benefizium vertauschte. Sein ganzes Verbrechen war, daß ihm ein schönes Landmädchen gebackene Frösche zugeschickt und denselben ein Zettelchen beigelegt hatte, welches seine eifersüchtige Köchin übel ausdeutete, dem Dechant in die Hände spielte und mit lügenhaften Angaben begleitete, die sie in der Folge feierlich als Lügen zurücknahm. Selbst aus den Akten erhellte, daß der Dechant die Bauern des Dorfes aufgehetzt hatte, gegen ihren Pfarrer, der etwas heftig war und ihnen einige Male derbe Strafpredigten hielt, eine Beschwerdeschrift einzureichen. – Ein andrer junger Geistlicher, H., wurde angeklagt, er habe einem artigen kranken Fräulein, das er mit einem andern Priester besuchte und zu Bette liegend antraf, zärtlich die Hand geküßt; sein Gefährte, der Kläger, war schlau genug gewesen, dies im Spiegel zu beobachten, und lebte eben als Informator bei einem jungen Baron, der das Fräulein gern selbst zu seinem freiherrlichen Gebrauch gewonnen hätte. Der Baron legte also der Anzeige seines Hauspfaffen ein donnerndes Schreiben bei, welches bei Herrn Generalvikars freiherrlicher Exzellenz so gute Wirkung tat, daß der arme Händeküsser sogleich nach Augsburg zitiert und in die sogenannte Kuh ( Custodia , geistlicher Kerker) gesperrt wurde. Herr Statthalter war über den Verbrecher so aufgebracht, daß er ihn bei seiner Abreise nach Koblenz im Kerker vergaß, wie er sagte, und so mußte der arme Jüngling seinen Handkuß mit mehr als vierteljähriger Einkerkerung büßen. Diese Behandlung, mit welcher immer die größte Schande verbunden ist, setzte den Unglücklichen in die schmerzliche Lage, fast überall mit Verachtung oder Abscheu angesehen zu werden, und wirkte auf seinen Charakter so übel, daß er wirklich nachher weniger Achtung vor sich selbst hatte und in der Folge zu unsittlichen Ausschweifungen verleitet wurde. – Ein Kaplan ging auf dem Heimwege von einer Kirchweihe auf einer Waldwiese hinter einem Beamtensohne her, der eben sein Mädchen nach Hause führte. Da er beide kannte, so verdoppelte er seine Schritte, bis er zu dem Paare kam. Aber der junge Herr mochte verdrießlich sein, daß er eben an der angenehmsten Stelle von einem beschwerlichen Gesellschafter ereilt würde, hieß denselben zürnend fortgehen und hetzte, als sich dieser scherzend weigerte, seines Vaters großen Doggenhund, der ihn begleitete, auf den Geistlichen, so daß dieser mit zerrissenen Kleidern, blutend und zerfleischt nach Hause kam. Der Beamte, welcher verklagt zu werden besorgen mußte, hatte noch die Unverschämtheit, den Beschädigten beim Geistlichen Rate zu belangen, und der arme Kaplan mußte zur Strafe (oder vielmehr weil sich der geistliche Referent fürchtete, einen bayrischen Beamten vor den Kopf zu stoßen) seine Stelle verlassen. – Ein sehr verdienter, rechtschaffener Geistlicher namens Fischer, Schuldirektor in Mündelheim, hatte eine Lesegesellschaft errichtet, die von Augsburg aus für schädlich und gefährlich erklärt und aus geistlicher Machtvollkommenheit abgeschafft wurde, weil man das Buch Pierre Charron de la Sagesse , das die Ehre hat, im römischen Index zu paradieren, im Katalog der Lesegesellschaft vorfand. Fischer hatte auch mehrere nützliche Schulschriften zum Drucke gegeben, in denen die Feinde des Lichtes Ketzereien finden wollten, ohne doch jemals ganz zu ihrem Zwecke gelangen zu können. Die Laurer ermüdeten aber nicht. In ebendem Augenblicke, da er zum Geistlichen Rate in München ernannt werden sollte, strengten die Jesuiten alle ihre Kräfte an, um den edlen Mann zu stürzen. Man wollte wissen, er habe vor sieben Jahren in einem Weinhause unter guten Freunden gesagt, es sei nicht recht, daß auf einem Altare drei Marienbilder zugleich prangten, indes kaum ein einziges Bildnis des Gekreuzigten darauf stünde, und späterhin habe er behauptet, man sei gegen die Illuminaten in Bayern allzu tumultuarisch verfahren. Ein Schreiben von München forderte die Geistliche Regierung in Augsburg auf, die Sache strenge zu untersuchen, man verbat sich aber sehr dringend einen parteiischen Kommissar, der dem Fischer aus der Schlinge helfen könnte. So strenge nun auch der abgesandte Geistliche Rat verfuhr, so konnte er doch gegen den Beklagten kaum einen Schein des Unrechts finden. Die jesuitische Partei fürchtete deshalb, das Opfer möchte ihrer Wut entgehen, und erwirkte zu München einen Kabinettsbefehl, laut dessen der unschuldige Mann nachts aus dem Bette gerissen und von Polizeireitern gleich dem schändlichsten Verbrecher nach München geführt wurde. In jedem andern Falle hätte man von Augsburg aus große Klagen wegen Verletzung der geistlichen Immunität geführt, aber jetzt schwieg man stille und sah ruhig zu, wie der verdienteste Schulmann vom Verfolgungsgeist um Glück und Ruhe gebracht wurde. Seine Ankläger wurden mit Pfründen und Titeln belohnt. Dergleichen Vorfälle, bei denen ich immer mit dem Verfolgten litt, waren nur zu häufig und konnten durch das seltene Vergnügen, einem Bedrängten etwa durch ein hervorgesuchtes Aktenstück zu helfen, bei weitem nicht vergütet werden. Die Art, wie man die Prozesse leitete, die zögernde Bequemlichkeit, mit welcher über die klarsten Dinge oft erst nach halben und ganzen Jahren referiert wurde, die Parteilichkeit und Grübelsucht, mit der die lautersten Angaben entstellt, und an der gerechtesten Sache eine schwache Seite ausfindig gemacht wurde, gründeten in mir die Überzeugung, daß alle juristischen Formalitäten nichts mehr und nichts weniger seien, als Fechterkünste und -regeln, die dem boshaften Renommisten und Klopffechter weit besser zustatten kommen, als dem herausgeforderten unbefangenen Manne. Diese Umstände und die Besorgnis, wieder eine kränkende Verfügung treffen zu sehen, machte, daß ich nur mit Widerwillen an meine Geschäfte ging und gar bald sehr lebhaft empfand, daß bei der Registratur für mich keine Zufriedenheit zu erwarten sei. Der Mangel an Zeit zu wissenschaftlichen Beschäftigungen, die Ermüdung am Abend, welche mich zum Dichten und Philosophieren beinahe unfähig machte, die Disharmonie meiner Grundsätze mit meinen täglichen Amtsverrichtungen und der völlige Mangel der dazu nötigen Stimmung brachten in mir die Überzeugung hervor, daß für mich in Augsburg kein bleibendes Glück blühe. Wenn ich mittags und abends in die Dompropstei kam, so trat ich beinahe allezeit vor die Küchentür und fragte, wenn man zu Tische ginge. Der Koch las gern die Zeitungen, ich auch. Deshalb ging ich zuweilen durch die Küche, um sie zu holen, wenn mir derselbe zuvorgekommen war. Einst brachte mir mein Vetter Mayrock (der Schuhmacher, welcher meine Base in Dillingen geheiratet hatte) ein junges Hündchen, und ich bat das Küchenmädchen mir täglich Knochen aufzubewahren, damit ich für meinen kleinen Rebell Futter hätte. Das tat sie gern, weil ich sie dafür mit einem Trinkgeld belohnte. Bei dergleichen Anlässen war es unmöglich, gar nie ein Wörtchen mit dem weiblichen Gesinde zu verlieren. Das Küchenmädchen war ein frohes bayrisches Mädchen, das immer sang und scherzte und lustige Einfälle in Bereitschaft hatte. Allen im Hause war sie ihres muntern Sinnes halber lieb und wert. Nie ging ich an ihr vorüber, ohne sie zu grüßen, und gar oft fragte ich im Scherze: »Ew. Schönheit, wie befinden Sie sich?« Stets antwortete sie mir mit schalkhafter unbefangener Offenheit. Die Beschließerin und der Koch, die fast immer zugegen waren, stimmten mit ein, und unser Gespräch ward oft lebhaft und lustig genug. Aber es fiel mir gar nicht ein, daß man dies anstößig finden könnte, da ich mich von jeher wohl gehütet hatte, im Hause eines so kritischen Keuschheitswächters, als Herr Statthalter war, ja doch keinen Anlaß zu einem mir nachteiligen Verdachte zu geben. Ich wußte zugleich, daß das Küchenmädchen einen gewissen Kornmesser Kaspar liebte, der vor kurzem noch in der Dompropstei gedient hatte. Am Katharinafeste fügte es sich, daß ich das Mädchen wider ihre Gewohnheit ganz düster am Herde fand. Sie legte Holz ins Feuer und sprach kein Wort. »Wie so traurig, Eure Schönheit,« fragte ich, »heute am heil. Namenstage?« Da fing sie zu weinen an und klagte mir im Beisein der Beschließerin: »Der Herr (ich will ihn Golo nennen) hat mir einen Brief aufgefangen und erbrochen; er ist zwar nur von meiner Schwester und enthält gar nichts Bedenkliches. Aber es ist doch nicht schön, daß man mich in so schlechtem Verdacht hat und mir Briefe erbricht. Golo schleicht mir, seitdem ich mit Kaspar Umgang habe, auf allen Schritten nach und behandelt mich, als wenn ich die ausgelassenste Dirne wäre. Wie soll ich nun nicht traurig sein!« Golo hatte in der Dompropstei sehr viel zu bedeuten, bewachte das Mädchen wie ein Eifersüchtiger und ließ den beiden Liebenden auf dem Kirchwege, auf der Gasse und allenthalben auflauern. Mir selbst erzählte er im Vertrauen, er habe dem Mädchen schon öfters wegen ihrer Bekanntschaft mit Kaspar eine derbe Strafpredigt gehalten und beiden vorgestellt, entweder sollten sie nicht mehr miteinander sprechen oder unverweilt einander heiraten. »Ihr kennt einander,« sagte er, »was braucht es da noch lange des Besinnens?« Das Mädchen mußte dem Eifersüchtigen von jeher täglich ein Frühstück bringen. Nun wollte sie es aber einige Zeit her nicht mehr tun und sandte an ihrer Statt den Hausdiener mit dem Kaffeezeug hin. Ich dachte, sie meide jede Zusammenkunft mit Golo nur allein, damit sie einer neuen Strafpredigt auswiche. Am Ende des Januars 1791 ward das Mädchen kränklich und klagte mir, als ich einst in die Küche kam, sie sei so unruhig und könnte nicht mehr schlafen, der Arzt habe ihr ein paar Lot Salpeter verschrieben. Da kam Golo hinter der Haustreppe hervorgerannt und rief mir mit brennendem Angesichte und sonderbaren Grimassen zu: »Küchenhahn! Küchenhahn!« Ich lachte seiner Torheit und ging scherzend mit ihm in ein Zimmer. Leise hielt ich's ihm vor, daß er dem Mädchen Briefe erbrochen habe. Er antwortete, er hätte es nur zum Spaße getan, es sei nichts Besonderes in den Briefen gestanden. Ich erwiderte, das Erbrechen dünkte mich doch nicht artig, denn er hätte vorläufig nicht wissen können, was die Briefe enthielten. Da brannte er auf, brach zu meinem nicht geringen Erstaunen in laute heftige Vorwürfe aus, beschuldigte mich im Beisein des Hausdieners, der eben hereintrat, ich pflege einen auffallend bedenklichen und vielleicht gar unerlaubten Umgang mit der Küchenmagd und lief zürnend in die Küche, um den Dienstboten zu sagen, sie sollten mit mir in Zukunft kein Wort mehr reden, sonst würde er sie unfehlbar bei Herrn Dompropst verklagen. Dies letzte mußte mich notwendig am meisten aufbringen. Augenblicklich forderte ich ihn auf, seine Klage zu führen, oder ich würde selbst den ganzen Hergang dem Herrn Dompropst erzählen, denn ich glaubte ganz gewiß, und der Gedanke stand wie ein Gespenst vor mir, eine Beschuldigung von der Art, wenn ich sie auf mir liegen ließe, würde den häßlichsten Schatten auf meinen Charakter werfen. Dergleichen Hirngespenster haben mich oft in meinem Leben auf Abwege geführt. Sie erhitzen das Blut, erregen Schwindel und verwirren die Sehkraft, ein Stein im Wege von geringer Größe erscheint uns dann ungeheuer wie ein Berg, weil er dem Auge zu nahe gerückt wird. Als ich abends nach Tische dem Herrn von Angelter die Zeitungen, wie gewöhnlich, vorgelesen hatte, trug ich ihm mein Anliegen klar und unverhohlen vor. Zugleich war ich entschlossen, dieses Anlasses mich zu bedienen, um mich seiner Tafel ganz zu entschlagen und auf diese Weise eine meiner schwersten Fesseln zu sprengen, denn Golo speiste seit einiger Zeit täglich mit uns, und ich ergriff diesen Umstand, um ihm zu zeigen, daß es meiner Gesundheit zuträglicher wäre, allein zu essen, als einem Verleumder gegenüber zu speisen, bei dessen Anblicke mir jederzeit die Galle von neuem steigen müßte. Es gelang mir, meine Vorstellungen so gut zu fassen, daß er erkannte, es könnte mir nicht Wohl bekommen, wenn ich täglich neben Speise und Trank zugleich mit Verdruß gesättigt würde. Am Ende willigte er förmlich ein, daß ich von nun an anderswo meine Kost suchen dürfte. Beruhigt ging ich nach Haus. Den andern Tag ließ er mich rufen, sagte, er hätte indessen mit Golo gesprochen, hielt mir eine donnernde Strafpredigt über mein Betragen gegen die Küchenmagd und machte es so bunt, daß ich, vom quälendsten Verdrusse, mich ganz verkannt zu sehen, überwältigt, in Ohnmacht sank. Mein Herz war nicht fähig, auf einmal so viel Beschämung und Unrecht zu ertragen, ohne unter dieser drückenden Last zu erliegen. Herr Dompropst schleppte mich selbst auf einen freien Söller hinaus und setzte mich auf einen Stuhl. Als ich wieder zu mir selbst kam, raffte ich mich auf, ging ohne ein Wort zu sagen davon und eilte ins Freie hinaus. Es tobte in meinem Innern. Ich hatte geglaubt, mich im Hause des Herrn Dompropsts in Absicht auf das weibliche Geschlecht ganz untadelhaft betragen zu haben, und dennoch wollte man nun so viel zu tadeln finden. Dies brachte mich im höchsten Grade auf. Tiefer Schnee bedeckte die Gegend, wild brauste der Sturmwind, feuchtes Gestöber umwehte mich. Ich achtete es kaum und trabte im Gewitter fort. Fest und unerschütterlich stand nun mein Entschluß, dem Herrn Dompropst nie wieder näher zu kommen, außer wenn ich müßte. Als ich nach Hause kam, schrieb ich an ihn, verteidigte mich mit kühner Freimütigkeit und kündigte ihm meinen Entschluß an. »Weil ich auch jetzt,« so schrieb ich unter anderm, »noch nicht in der Verfassung bin, ein solches Übermaß von widrigen Eindrücken auszuhalten, so stelle ich Ihnen meine Verteidigung schriftlich zu... Sie werden leicht einsehen, daß es mir nach Ihren letzten Äußerungen höchst schmerzlich fallen müßte, ferner an Ihrem Tische zu sitzen. Mein Gemüt ist nicht so beschaffen, daß es eine so niederträchtige Begegnung ertragen könnte. Auf mich kann dies Ereignis keinen Schatten werfen, außer bei Leuten, die mich sonst nicht leiden mögen. Ob deren mehrere sind, weiß ich nicht. Man kennt mich in Augsburg nicht viel, und wer mich kennt, hoffentlich von einer guten Seite.« Er antwortete mir hierauf, er sei bei seinem ersten Vortrag zu mild und bei der zweiten Unterredung zu streng gewesen; Golo habe es nicht so übel gemeint, immerhin sei es unanständig, zu Dienstmädchen scherzweise »Eure Schönheit« zu sagen usw. usw. Ich setzte sogleich ein neues Schreiben auf und sandte es nach München, wohin Herr Dompropst gereist war. Unter anderm hieß es darin: »Ein Titel, wie Eure Schönheit, einem muntern Mädchen in Gegenwart bekannter Leute vom Hause gegeben, kann nur dem unerträglichsten Rigorismus ein unanständiger Scherz heißen. – Die Küche besuchte ich nie der Unterhaltung halber, wie Sie mir Schuld geben, und Golo hat mir nicht nur mit einer etwa härtern Art das Gemeinmachen untersagt, sondern mich selbst in Gegenwart des Hausdieners beschuldigt, ich habe einen auffallend bedenklichen und wohl gar einen unerlaubten Umgang mit der Hausmagd. Nicht Erinnerung wegen einer mir abgesprochenen Delikatesse im Umgang mit Geringern, sondern öffentliche Beschuldigung gegen meine Ehre und Moralität, die, wenn sie Grund haben könnte, mich als doppelt strafwürdig darstellen würde, weil ich dann selbst auf das Haus meines Wohltäters keine Rücksicht genommen haben müßte – dies ist, wogegen sich mein ganzes Gefühl empört, und wovon mir nur der Gedanke unerträglich ist. Golo hat mich verleumdet, nicht etwa nur etwas rauh ermahnt, wie Sie sagen. Dieser Mann, der nun so genau das Delikate und die feinen Nuancen des Anständigen und Unanständigen abzuwägen wissen soll, hat Ihrem eigenen schon oft wiederholten Geständnis zufolge gar kein Gefühl dafür und ist der roheste Mensch, wie Sie wissen, und hiermit ganz unfähig, mich in dergleichen Dingen zu meistern. – – Ich danke Gott, daß er mir ein leichtes Blut, unbefangenen Sinn und frohen Mut gegeben hat, der sich auch unter solchen Umständen nicht verlor, unter denen er vielleicht bei jedem andern schon lange verloren gegangen wäre. Man hat mir mehr als einmal ins Gesicht gesagt: An Ihrer Stelle könnte ich nicht leben!.... Es ist mir ganz unbegreiflich, wie Eure Exzellenz mir einerseits Ihren Tisch wie vorher anbieten, andrerseits aber alles anführen mögen, was mir immer die Luft, von diesem gütigen Anerbieten dankbar Gebrauch zu machen, notwendig gänzlich benehmen muß.« Wirklich konnte ich mich nicht entschließen, die Dompropstei wieder zu betreten. Ohne mich bei jemandem zu beklagen, kaufte ich täglich soviel Brot, als ich verzehren möchte, ließ mir einen Krug Wasser auf die Registratur bringen und begann mutig den Versuch zu machen, mit so wenig Bedürfnissen als nur möglich zu leben. Die Gedanken: »So wirst du ganz unabhängig! Wasser und Brot kannst du überall verdienen! Unabhängigkeit macht den König!« ermunterten mich immer. Nachdem ich etwa vierzehn Tage ohne irgendein Gefühl von Unbequemlichkeit gar nichts Warmes genossen hatte und bereits meine neue Lebensart lieb zu gewinnen anfing, besonders weil sie mir so viele schöne Stunden zum Arbeiten übrig ließ, bemerkte ich ein leises Frösteln, das wie Schauer den Rücken hinauflief und sich im Körper verteilte; ich hielt es für eine Wirkung der kalten Jahreszeit. Um jedoch nicht auf einmal aller tierischen Nahrung zu entbehren und allen Anlaß zum Übelbefinden beiseite zu räumen, ließ ich mir, etwa vom 15. Februar an, täglich ein Mäßchen Milch bringen, bröckelte mein Brot darein und verzehrte es so mit Herzenslust. Bald stellte sich eine hartnäckige Verstopfung ein, die laufenden Schauer vermehrten sich, und ich nahm oft zum warmen Ofen meine Zuflucht. Ich fühlte, daß mir keine Arbeit mehr wie sonst vonstatten gehen wollte und brütete manchmal stundenlang auf meinem Stuhle, ohne recht zu wissen, was ich dachte. »Das ist nur die Wirkung deiner neuen Lebensart,« sagte ich zu mir selbst, »laß dich nicht irremachen! Eine so wichtige Veränderung gewöhnt man nicht in einem Tage. Wenn du ausharrst, so wird sich dein Körper allmählich daran gewöhnen, und dann bist du so frei, wie nur wenige Menschen sind!« In Augsburg wollte ich nicht bleiben, das war ausgemacht, denn Herr von Ungelter würde mich verfolgen, das wußte ich wohl. Also machte ich Pläne zu einer neuen Flucht und sann auf ein leichtes Mittel, mir meinen Unterhalt zu erwerben. An meine Freunde in Zürich schrieb ich: »Erlöst muß ich werden, das fühle ich so lebhaft als niemals vorher. Denn entweder muß ich den Wissenschaften für immer oder der Registratur entsagen. Da entsteht dann die Frage: aber woher soll Nahrung kommen? Diese zu beantworten, überlege, wäge, studiere ich schon lange, und ich glaube nun wirklich, Freund, meine Gedanken sind reif, erwarten Sie also bald sonderbare Nachrichten von mir!« Alle Pläne waren auf die Voraussetzung gebaut, daß ich zum Leben nur Wasser und Brot nötig hätte. Auf die Pfründe, welche mir Herr Domdechant versprochen hatte, setzte ich keine Hoffnung mehr, denn ich fürchtete, Herr Dompropst würde ihn wohl abzuhalten wissen, daß er mir dieselbe nicht konferierte. Als das Ende des ersten Monats meiner neuen Lebensordnung anrückte, ward mir einst morgens in der Registratur so übel, daß ich mich kaum mehr zusammenraffen und den Weg zum Arzte einschlagen konnte. Auf der Gasse befiel mich eine solche Schwachheit, daß ich mein Haupt an die Häuser lehnen und warten mußte, bis ich mich wieder erholte. Im Zimmer des Arztes mußte man meine weichenden Lebensgeister mit Essig und Schlagwasser wieder zurückrufen. Die Zunge war höchst unrein, und der Arzt verordnete mir auf der Stelle ein Brechmittel; allein ich verstand ihn nicht recht. Anstatt es sogleich zu nehmen, glaubte ich bis den andern Tag morgens damit warten zu müssen. Sehr frühe besuchte mich der Arzt, war böse über den Mißverstand, daß ich die verschriebene Arznei nicht sogleich genommen hatte, und befahl mir, sie ungesäumt zu gebrauchen. Ich tat es, ward müde und matt und mußte mich zu Bette legen. Am andern Tag war ein galliges Faulfieber, wie der Doktor meine Krankheit nannte, völlig ausgebrochen. Man ließ mir zur Ader und beredete mich, eine Wärterin zu dingen. Während der ganzen Krankheit schwanden meine Kräfte nie völlig, ich konnte immer ohne fremde Beihilfe mich aufrichten, in eine alte Wildschur schliefen (die ich bei einer Versteigerung gekauft hatte und nun als Schlafrock gebrauchte) und vom Bedürfnisse getrieben, in ein Nebenzimmer taumeln. Meine Wärterin schickte ich jede Nacht nach Hause und half mir allein fort. Mein Nachbar, ein Geistlicher, den ich sehr wohl kannte, lag tödlich krank und wurde nach katholischem Gebrauche mit den Sterbesakramenten versehen. Ich hörte das laute Geschrei der Rosenkranzbeter, ward erschüttert und konnte mir alle Zeremonien vorstellen, die man nun mit dem Sterbenden vornehmen würde. Aus einigen Reden, die den Besuchenden entschlüpft waren, merkte ich, daß es auch um mich gefährlich stünde und empfand ganz die Qual, von einem Priester nach der gewöhnlichen Methode ins andre Leben hinübergemartert zu werden. »O Gott!« betete ich dann, »wenn ich nun auch hinwegwandern muß, so gib mir Kraft genug, meine Todesschwäche bis ans Ende zu verbergen, damit mir kein Priester die letzten Empfindungen verbittern möge. Ich habe zwar viel verschuldet, Allgütiger! aber strafe mich nicht so strenge, sondern gib, daß mein Geist ruhig seine Hülle verlasse und sich zu dir hinaufschwinge.« Dann prüfte ich meine Grundsätze und glaubte mit Zuversicht, redlich gehandelt zu haben, als ich mein Glaubenssystem untersuchte und neu umformte. »Hab' ich geirret,« so sagte ich, »o, so vergib mir, Vater! Redlich bin ich zu Werke gegangen! Nur Fehler des Verstandes, nicht des Willens, können mir hierbei zur Last fallen.« So wäre ich in Absicht auf meine Grundsätze ruhig ins Elysium hinübergeschritten. Wegen andrer moralischer Fehler und Vergehungen hatte ich mir freilich vieles vorzuwerfen. Aber ich hoffte auf Gottes Allgüte und wäre ohne Furcht vor schrecklichen Strafen in die andre Welt gewandert. Oft deuchte es mich, meine Seele müßte zu ihrer Besserung mit einem neuen Körper bekleidet werden. Dann meinte ich, nach mehreren Jahrhunderten würde sich mein Geist wieder in einen irdischen Körper gehüllt finden und unter einer Masse von Menschen, die sich indessen um vieles gebessert hätte, in Situationen versetzt werden, welche ihn immer mehr der Vollkommenheit und Glückseligkeit näherbringen müßten. Der Arzt verordnete mir täglich eine Fleischsuppe mit allerlei Mixturen. Ich konnte aber nur mit dem äußersten Ekel ein paar Löffel voll Suppe hineinzwingen, gehorchte hierin dem Arzte nicht, so sehr er auch in mich drang, und unterließ es bald ganz, sie zu kosten, so daß ich etwa vierzehn Tage nichts Warmes oder Nahrhaftes genoß. Desto fleißiger und pünktlicher nahm ich die Arzneien, trank täglich drei große Krüge voll Wasser aus und erquickte mich mit Zitronensaft, den ich Tag und Nacht in die vier Wassergläser drückte, welche stets in einer Orgelreihe vor meinem Bette standen. Mein Hausherr hatte dem Herrn Dompropst von meiner Krankheit erzählt und sagte, er habe Befehl erhalten, mir alles Nötige zu verschaffen. Unser gnädiges Fräulein Josepha wollte mich auch mit einem Briefe trösten, den Herr Dompropst von Dillingen aus, wohin er gereist war, an sie geschrieben hatte. Er sagte darin, er hätte vernommen, daß es übel um mich stünde, meinte, es möchte mein Ende herannahen, und erteilte seiner Dienerschaft die Weisung, mir die letzten Liebesdienste nicht zu versagen. Diese Nachricht, anstatt mich zu trösten, schmerzte mich sehr, denn ich glaubte, es leuchte daraus der Wunsch hervor, daß es mit mir ein Ende nehmen möchte. Laut weinte ich deshalb einige Zeit in meiner Schwachheit. Endlich ermunterte mich mein Hausherr wieder, malte mir die Güte und das tätige Wohlwollen des Herrn Dompropstes mit so lebhaften Farben aus und spornte mich so lange an, ihm meine Dankbarkeit zu beweisen, daß ich mich hinreißen ließ und versprach, so schwer mir auch das Konzipieren ward, einen Brief an denselben zu schreiben. Meine Freunde besuchten mich oft, aber ich war froh, wenn sie mich bald wieder verließen, denn meine Gehörorgane waren so empfindlich, daß mich jeder auch leise Ton schmerzte. Mein liebes Fräulein in Dillingen vernahm, daß ich krank sei und schickte eilig ein Mädchen nach Augsburg, um meiner zu warten. Innig ward ich gerührt und durch diesen Zug lebendiger Liebe erquickt. Aber ich dankte und sandte das Mädchen mit einem Geschenk nach Hause. Auch Lenore ließ sich täglich durch Collin um meine Gesundheitsumstände erkundigen. Meine Wärterin war sehr wohl mit mir zufrieden und lobte stets meine Geduld und ruhige Fassung. Einst kam das Küchenmädchen aus der Dompropstei, um mich zu besuchen, und erzählte mir im Vertrauen, sie habe den Dienst aufgesagt, denn sie könne nicht hoffen, daß Golo sie in Ruhe lassen werde. Seine Eifersucht verfolge sie bei jedem Schritte. Leider habe er allerlei Versuche gewagt, ihrer zu genießen und sie sei manchmal, wenn sie ihm sein Frühstück brachte, unbesonnen genug gewesen, sich von ihm küssen zu lassen. (Ich machte große Augen.) Weil sie ihm das übrige versagt habe und nun ihrem Liebling Kaspar getreu bleibe, sei Golo in Eifersucht entbrannt und unterlasse nichts, Rache an ihr auszuüben. Wenn sie aus dem Dienst getreten sei, möchte ich nur dem Herrn Dompropst die Ursache vertrauen, ihrer aber bis dahin schonen, damit sie nicht zu Bekenntnissen gezwungen würde, die sie schamrot machen müßten. Staunend über diese Entdeckung hörte ich ihr aufmerksam zu und sah mich nun auf einmal imstande, mich völlig zu rechtfertigen. Das Mädchen gestand zugleich, daß sie das Geheimnis auch dem Koche des Herrn Dompropsts vertraut hätte. Ich versprach dem Mädchen, wenn ich diese Nachricht dem Herrn Dompropst mitteilen würde, sie wenigstens so lange nicht zu nennen, bis sie sich von Augsburg entfernt hätte. Bald versuchte ich nun, von der Freude, mich siegreich rechtfertigen zu können, hingerissen, den versprochenen Brief an Se. Exzellenz zu schreiben. Aber ich hatte große Mühe, denn mein Kopf war so geschwächt, daß ich kaum die Begriffe zu Anfang des Redesatzes mit jenen an seinem Ende zusammenzudenken vermochte. Dennoch brachte ich den Brief zustande, bat darin Herrn Dompropst, der mir nun wider Verhoffen dennoch Speise zu reichen befohlen hatte, wegen des Vergangenen um Vergebung und ließ wörtlich folgendes einfließen: »Eine Person aus Ihrem Hause hat mir eine Entdeckung gemacht, die auf einmal volles Licht über Golos Vorwürfe verbreitet und mir nun zeigt, daß ich von Herzen darüber hätte lachen und es ganz und gar nicht ernsthaft aufnehmen sollen. Ich mußte versprechen, diese Entdeckung erst nach der Abreise dieser Person zu offenbaren. Denn sie fürchtet, sie möchte sonst durch Golos Lügen in Verdruß und Beschämung geraten.« Indessen hatte auch der Koch dem Herrn Dompropst seine Entdeckungen vertraut und ihm soviel gesagt, daß derselbe höchst begierig ward, der Sache auf den Grund zu sehen. Meine ehemalige Kostfrau hatte mir ein Gläschen voll in Zucker eingemachter Kirschen gesandt, ich mochte nichts davon genießen und stellte sie mit Ekel beiseite. Aber am 21. Tage meiner Krankheit empfand ich eine so lebhafte Eßlust, daß ich in Abwesenheit der Wärterin das Gläschen öffnete und es nach und nach nicht ohne Furcht, der Genuß der gezuckerten Früchte könnte mir schaden, rein ausleerte. Nach einer Stunde, als ich keine schlimmen Folgen bemerkte, schleppte ich mich zu meinem Schreibtische und naschte sogar in den gedörrten Pflaumen, die ich im Anfange meiner Krankheit als Vorrat zum Kochen hatte herbeiholen lassen. Die Wärterin überraschte mich über diesem Wagestücke, hielt mir sogleich eine derbe Strafpredigt und begrüßte den kommenden Arzt mit Klagen über meine Naschhaftigkeit. Er lachte, verordnete mir China und tröstete mich mit der Nachricht, daß ich nun der Gefahr glücklich entgangen sei. Mit leichten Milch- und Pflanzenspeisen ward ich allmählich wieder zu Kräften gefüttert. Aber noch lange konnte ich weder Eier noch Fleisch genießen, denn sie ekelten mich unausstehlich an. Während ich krank war, starb nicht nur mein schwindsüchtiger Nachbar, von dem ich oben sprach, sondern auch noch ein andrer Benefiziat (Bierherr) im Domstift, in dessen Stelle ein Geistlicher, der nicht ferne von uns wohnte, sogleich eintrat. Das Benefizium, welches durch diese Promotion erledigt ward, hatte Herr Domdechant zu vergeben, und ich dachte, es würde ihm wenig darauf ankommen, welche Pfründe er mir erteile, wenn es ihm Ernst wäre, mich zu versorgen. Freilich war ich kaum imstande, während des Fiebers eine ordentliche Bittschrift aufzusetzen, aber ich wagte es doch und wollte mir's durchaus nicht zuschulden kommen lassen, daß ich von ihm mein Glück zu erbitten versäumt hätte. Als ich nun wieder sicher war, mein Erdenleben noch länger fortzusetzen, und doch die Hoffnung, der Registratur vermittels der Beförderung auf eine Pfründe zu entgehen, scheitern sah, wandte ich mich mit einer Inbrunst an den Himmel, die bisher nur selten in mir aufgelodert war und woran die gespannte Empfindlichkeit meines Nervensystems gewiß keinen geringen Anteil hatte, und betete um schleunige Erlösung aus einer Lage, die meinen Grundsätzen und der Neigung meines Herzens so ganz zuwider war. Wirklich mischte sich viel Schwärmerei in meine religiösen Empfindungen, und ich glaubte in meiner Schwäche, mein eifriges dringendes Rufen zu Gott müßte sogleich sichtbare Wirkungen in Absicht auf meine künftige bessere Versorgung hervorbringen. Ein Freund in der Schweiz, Herr Landeshauptmann Bd. in W., mit dem ich durch einen Geistlichen aus Augsburg bekannt wurde, hatte mir Hoffnung gemacht, mir eine Frühmesserstelle in seiner Vaterstadt zuzuwenden. Aber der glückliche Erfolg seiner Bemühungen hing noch von manchem kleinen Umstande ab, der zum voraus berichtigt werden mußte; da sagte ich Gott gleichsam, wie er es zu fügen hätte, wenn ich Frühmesser werden sollte, setzte zwar immer bei: dein Wille geschehe, behielt aber doch soviel Eigensinn im Herzen, daß es mir beinahe unmöglich schien, bei einer so gerechten Bitte nicht erhört zu werden, und daß ich ganz und gar nicht gefaßt gewesen wäre, wenn mir eine Stimme gesagt hätte: »Gott will, du sollst noch länger in deiner jetzigen Lage ausharren!« Beinahe glich ich einem Kinde, das mit seinem Spielzeuge unzufrieden ist, eben ein besseres zu erschmeicheln hofft und heimlich denkt: »Papa wäre doch ein harter Mann, wenn er mir nun nicht gäbe, was ich will!« Herr Statthalter besuchte mich, sobald er von Dillingen ankam, und fand mich bereits außer dem Bette, wie ich mich eben am Anblicke der gelbblühenden Kornelkirschensträucher und an dem wiederauflebenden Grün in den nahen Gärten erquickte. Sogleich fragte er mir die ganze Geschichte des Mädchens mit Golo ab. Er hatte schon die meisten Umstände aus des Koches Munde vernommen und schien nun seine Nachrichten zu vergleichen. Die Person erriet er sogleich. So feierlich er mir versprochen hatte, die Magd nicht zur Rede zu stellen, sondern erst ihren Abschied abzuwarten, so nahm er sie doch schon am andern Tage in die strenge Frage und setzte das arme Kind in solche Verlegenheit, daß sie mir nachher beteuerte, sie wollte lieber sogleich entlaufen, als sich noch einmal einer solchen Beschämung ausgesetzt sehen. Herr Statthalter entschied: da sie sich doch so weit vergessen konnte, dem Golo hin und wieder einen Kuß zu gestatten, und da sie nun seinen Dienst aufgekündigt habe, so nehme er ihre Aufkündigung, sie möge nun ernstlich oder nichternstlich gemeint sein, mit Vergnügen an und werde gern sehen, wenn sie je eher je lieber sein Haus verlasse. Zum guten Glücke fand der Koch dem armen Kinde sogleich einen annehmlichen Dienst und empfahl sie einer Herrschaft auf dem Lande zur Köchin. Golo blieb ungestört wie vorher an seiner Stelle. Den 18. April, an einem schönen Frühlingstage, wagte ich's zum erstenmal, mit wankendem Tritte einen kleinen Spaziergang ins Grüne zu machen. Ich stand voll süßer Gefühle und blickte um mich. O, wie schön war alles rings umher! Die Bäume begannen teils zu grünen, teils schon zu blühen. Die Wiese kleidete sich mit Maßliebchen, Schlüsselblumen und jungem Grase, die Hecke schmückte sich mit hervorbrechendem Laube. Alles erwachte zu neuem Leben, und ich dankte Gott, daß er auch mich zu neuem Dasein erweckt hatte. Ich schlug den Fußweg nach einer Brücke ein, die mir schon immer lieb gewesen war; dort lehnte ich auf's Geländer, sah vergnügt den langen Teich auf und ab und fütterte, wie früher schon, die Fische mit Brosamen. – Bis ich etwas lesen und schreiben konnte, war die Langeweile meine größte, unausstehlichste Plage gewesen. Aber bald kam wieder hinlängliche Kraft in meine Sehnerven und mein Gehirn zurück, um lesen und sogar dichten zu können. Die allerdringendsten Registraturgeschäfte hatte indes mein Vorfahr, Herr Expeditor, zur Not besorgt. Als ich zum erstenmal wieder die Registratur besuchte, fand ich alle neueingegangenen und täglich gebrauchten Akten ordentlich aufeinandergeschichtet, so daß ich sie ohne viel Kopfzerbrechen mit Zeit und Weile an ihre gehörige Stelle bringen konnte. Herr Dompropst hatte mir schon von Dillingen aus geschrieben: »In einigen Tagen komme ich wieder zurück, und da Sie ausgehen können, werde ich eigens heraus (im Saale) speisen, um Sie einladen zu können. Ich hoffe, die Aussöhnung mit Golo zu bewirken und also Ihnen wiederum die Kost zu geben.« Bei seiner Anwesenheit in Augsburg wiederholte er sein Anerbieten, besuchte mich fast täglich und bewog mich, ihm aufs neue zu versprechen, daß ich an seiner Tafel wie vorher erscheinen wollte. »Solange Sie sich nicht ganz unbefangen wie ehemals an meinen Tisch setzen,« sagte er, »solange muß ich noch zweifeln, ob Sie mit mir wahrhaft ausgesöhnt sind. Opfern Sie Ihren gerechten Unwillen gegen Golo der Religion und der Freundschaft zu mir auf!« Eine solche Sprache konnte bei mir niemals ihren Zweck verfehlen, sie drang tief in mein Herz; zu lebhaft erinnerte ich mich auch der Gefälligkeit, mit welcher er mir seit meiner Wiederauflebung Speise aus seiner Küche reichen ließ; gerührt versprach ich also, alles zu tun, was er wünschte. Mit sichtbarer Freude empfing er mich, als ich den 19. April zum erstenmal wieder an seiner Tafel erschien. Da ich meinen Gegner Golo gedemütigt wußte, so konnte ich gleichmütiger als ich gedacht hatte, mein Essen verzehren und an allerlei unterhaltenden Gesprächen teilnehmen. Mein neuer Schweizer Freund, Herr Landeshauptmann B. in W. schrieb mir bald, daß es ihm gegenwärtig unmöglich sei, mir die bewußte Frühmesserstelle zuzuwenden, aber es gewinne das Ansehen, als wollte eine kleine Pfarre nahe bei seinem Wohnorte ledig werden, ich sollte ihm also unverweilt ein Zeugnis meiner guten Sitten und geistlichen Verdienste zusenden und im Falle der wirklichen Erledigung selbst zu ihm kommen, um ein paar Probepredigten zu halten und die Kollatoren zu meinem Vorteile einzunehmen. Herr Statthalter machte große Augen, als ich ihn sogleich bei meiner zweiten Erscheinung in der Dompropstei nebst offenherziger Anzeige meines Beweggrundes bat, er möchte mir ein Testimonium morum ausfertigen lassen. Nicht ohne sichtbares Mißvergnügen bezeigte er mir seine Verwunderung, daß ich so bald eine nicht unwichtige Stelle bei der Vikariatskanzlei verlassen wollte, schloß aber damit, er könnte mir's nicht verdenken, wenn ich mich um etwas Bessres umsehe. Das verlangte Zeugnis ward mir also ohne Weigerung ausgefertigt und darin versichert, daß ich schon acht Jahre lang im Priesterstande gelebt, sowohl durch Beichtsitzen als Predigen mich schon lange mit allem Lobe in der Seelsorge geübt und durch ganz untadelhafte priesterliche Sitten ausgezeichnet habe. Vom abgelegten Mönchsstande ward auf mein Verlangen keine Meldung darin getan. Mein Freund hatte mir die schöne Gegend beschrieben, in der die mir zugedachte Pfarre liegt, ich machte also bereits ganz hübsche Pläne, wie ich dort aller der anziehenden Naturschönheiten usw. auf die angenehmste Weise genießen wollte. Aber bald erhielt ich von Herrn B. die Anzeige, der Pfarrer, welcher zu resignieren gedachte, habe sich entschlossen, noch länger auf seiner Pfründe auszuharren, und der Geistliche von Augsburg, mein Bekannter, habe plötzlich seine Informatorstelle im B.'schen Hause verlassen, ich sollte also nur sogleich aufbrechen und die erledigte Informatorstelle antreten. Die Reisekosten würden mir die Eltern meiner Eleven willig vergüten, und ich sollte nicht lange als Hauslehrer ausharren dürfen, so müßte ich eine Pfründe haben usw. Meines Freundes, des vorigen Informators plötzlicher Aufbruch, der mich wenig Gutes ahnen ließ, die Nachrichten, welche ich bereits eingezogen hatte, daß ich die Aufsicht über viele, zum Teil nicht sehr gutartige Kinder führen sollte, die Empfindung, daß ich zu wenig Geduld zum häuslichen Unterricht hätte, die Ungewißheit, ob ich auch so bald, als man mir's versprach, von der Plage des Schulhaltens befreit werden würde, das gänzliche Stillschweigen von dem bestimmten Salär, der Mangel an genauerer Bekanntschaft mit dem Stipulanten usw. erzeugten in mir die Furcht, ich möchte einen bessern Zustand, der mir auf alle Fälle wenigstens sichern Unterhalt verschaffte, mit einem schlimmern und beschwerlichern vertauschen, der mir noch dazu keine bestimmte Aussicht auf eine baldige, gewisse Versorgung gewährte. Deswegen weigerte ich mich geradezu, die angebotene Infarmatorstelle anzunehmen und durfte hiermit von dieser Seite her ferner auf keine Erlösung hoffen. Eine Ursache mehr, nicht als Hauslehrer nach W. zu gehen, war das von neuem beginnende Kränkeln des alten Benefiziaten, dessen Pfründe mir Herr Domdechant versprochen hatte. Wirklich starb der Greis im August 1791 und ich säumte keinen Augenblick, da mein Gönner verreist war, mich in Briefen an ihn zu wenden. Es hielt schwer, den Ort ausfindig zu machen, wo er sich damals eigentlich aufhielt. Die Dienerschaft in seinem Domherrnhofe sagte mir, er befinde sich in Ellwangen, andre meinten er sei in Eichstädt, und einige gnädige Fräulein aus dem Damenstifte raunten mir ins Ohr, er belustige sich inkognito bei seiner Geliebten, einem Fräulein S. zu H., und habe einem gewissen Geistlichen Anweisung hinterlassen, ihm alle Briefe nachzuschicken. Folglich schrieb ich, um meiner Sache recht sicher zu sein, drei Briefe, wovon einer nach Ellwangen, der andre nach Eichstädt und der dritte durch die Hände des Geistlichen nach H. lief. Dem letzten legte ich ein Empfehlungsschreiben des Herrn Dompropsts bei, das mir derselbe auf mein Bitten schleunigst von Dillingen aus zugesandt hatte. Als ich es erhielt, fragte ich mich öfters: »Ist's nicht etwa ein Uriasbrief?« Die Wißbegierde reizte mich, seinen Inhalt zu erforschen, und es wäre mir sehr leicht gewesen, das Schreiben unvermerkt zu öffnen und wieder zu schließen, allein ich gab mir meines Mißtrauens halber selbst Verweise und ließ den Brief ungelesen samt dem meinigen abgehen. Kaum zweifelte ich mehr an dem glücklichen Erfolge meiner Bemühungen und erwartete mit Sehnsucht die Ankunft des Herrn Domdechants. Im September traf er endlich in Augsburg ein, und einer seiner Hausbedienten, den ich darum ersucht hatte, zeigte mir dieses augenblicklich an. Mit klopfendem Herzen eilte ich hin, um die Entscheidung meines Schicksals zu vernehmen. Aber Se. Exzellenz waren schon ausgegangen, um Besuche zu machen. Geduldig wartete ich lange. Endlich verließ ich mißmutig seinen Hof. Sieh! da kam er mir eben entgegen. Ich trat voll Ehrfurcht und Zuversicht zu ihm, wünschte ihm zu seiner Ankunft Glück und bat, er möchte nun seiner gütigen Äußerungen eingedenk sein und mir die erledigte Pfründe verleihen. Trotzig blieb er stehen, schoß zornige Blicke auf mich und sprach bitter und rasch: »Überlästiger Mensch! Wollen Sie mich auch hier mit Ihrem Ungestüm quälen? War's nicht unverschämt, mich allenthalben mit Briefen zu bestürmen? Wissen Sie denn, daß Sie wegen Ihrer beleidigenden Zudringlichkeit das Benefizium gewiß nicht haben sollen, es ist bereits an einen andern vergeben.« Da ging er, und ich zog bitter lachend davon. So sehr mich seine Wortbrüchigkeit schmerzte, so hatte doch seine rauhe Art und der Vorwand selbst etwas Lächerliches. Wirklich war das Benefizium schon einem jungen geistlichen Musiker verliehen, der ihm von einer Kaufmannsfrau, einer bekannten Domherrnfreundin, empfohlen worden war. Als ich dem Herrn Statthalter die schöne Geschichte nicht ohne beißenden Spott erzählte, lachte er zwar mit, ermahnte mich aber, Herrn Domdechant nicht ferner lächerlich zu machen und benahm sich überhaupt so, daß in mir der Verdacht erwachte, ob er wohl den Kollator nicht selbst angetrieben hätte, mich so schnöde abzuweisen. Beinahe reute es mich nun, sein Empfehlungsschreiben nicht geöffnet zu haben. Nie setzte ich von nun an Vertrauen auf das Versprechen irgendeines Großen und beschloß, Heil und Rettung nur in meinen eigenen Kräften zu suchen. Mein lieber Freund, Heinrich Geßner, hatte mich schon im vorigen Jahre ermuntert, ich sollte ihm eine kurze Geschichte meines Lebens aufsetzen, um sie einem bekannten großen deutschen Mäcenaten zu überreichen, dem es ein leichtes gewesen wäre, mir entweder unmittelbar durch sich selbst oder durch seine Vorsprache oder per primas preces eine annehmliche Stelle zu verschaffen. Ich gehorchte sogleich Heinrichs Winke und sandte schon im August 1790 den Grundriß meines Lebens an ihn ab. Getreulich stellte er ihn dem berühmten Herrn zu, der ihm versprochen hatte, sich meiner anzunehmen und erwartete von ihm schleunigere Hülfe als ich selbst; aber noch jetzt dürften wir warten. Die einzige bleibende Wirkung, welche meine Bemühung hatte, war die Lust, die in mir aufgeregt ward, mein Leben ausführlich zu schreiben. Ich bemerkte also von Zeit zu Zeit jeden Zug aus meiner Jugendgeschichte, der mir beifiel, mit einzelnen Worten, aber so vollständig als möglich, auf einem besonderen Blatte, reihte dann die Vorfälle genau nach der Zeitordnung und brachte die ausführliche Erzählung derselben im Jahre 1791 nach Muße zu Papier. So entstand gegenwärtige Schrift. Sobald die Sonne aufging, schien sie durchs Fenster gerad in mein Bett und weckte mich aus meinen Träumen. Ich sprang auf und ging eine Zeitlang täglich mit Kants Kritik der reinen Vernunft und mit Reinholds Versuch einer neuen Theorie des menschlichen Vorstellungsvermögens im Taue spazieren und ruhte nicht, bis ich beide zu verstehen glaubte. Der Versuch, Kants Kritik ganz durchzustudieren, war mir schon mehr als einmal mißlungen; meine Aufmerksamkeit ermüdete, die Phantasie fand zu wenig, woran sie sich halten konnte, und öfters ward ich des Grübelns schon satt, noch ehe ich das Buch zur Hälfte durchlesen hatte. Jetzt aber empfand ich zu sehr die Notwendigkeit, mir wenigstens eine historisch-pragmatische Kenntnis der neuen Philosophie zu erwerben, als daß ich es länger hätte verschieben können, ihre Sätze von Grund aus kennen zu lernen. Ich glaubte einen Sieg errungen zu haben, als ich mich durch die Kritik durchgearbeitet hatte. Die Gewißheit, daß ich nun alle Sätze meines Gedankensystems an unleugbare Axiome und fest bestehende Wahrheiten der Vernunft anreihen könnte, erfüllte mein Herz mit unaussprechlicher Freude. Nachdem ich auch die Kritik der praktischen Vernunft mit weit mehr Leichtigkeit als jene der reinen durchstudiert hatte, war ich armer Zweifler wie ein müder Schwimmender im Meere, der endlich das Glück hat, ans feste Land geworfen zu werden. Ich nahm Anteil an einer Lesegesellschaft und genoß des Vergnügens, die Jenaische allgemeine Literaturzeitung, die Göttinger Anzeigen, den deutschen Merkur, die Berliner Monatschrift, Schlözers Staatsanzeigen und nachher auch die deutsche Monatschrift usw. um einen sehr geringen Preis lesen zu dürfen. So oft ich nun einen philosophischen Aufsatz über Moral, Naturrecht, Theodizee, radikales Böse in der menschlichen Natur und dergl. fand, hatte mein Geist ein Fest. Ich las, prüfte, verglich und ließ mich sehr oft weder Schlaf noch Mühe gereuen, die interessantesten, da und dort zerstreuten Gedanken und Abhandlungen auszugsweise oder vollständig abzuschreiben. Ich bemerkte sehr oft, daß durch diese kleine Bemühung die Sätze der kopierten Schrift sich meiner Seele deutlicher darstellten und tiefer in mein Gedächtnis prägten. Fand ich Einwendungen zu machen, so unterließ ich's nur selten, sie auf kleinen Blättchen zu notieren und der Schrift beizulegen. Manchmal versuchte ich auch, abgezogene interessante Lehren durch populären Vortrag für weniger geübte Denkende genießbarer zu machen oder sie wohl gar im Idyllentone anzupreisen. So weihte ich alle Stunden, die ich dem Schlafe und meinen Registratur- und andern Berufsgeschäften entziehen konnte, der Philosophie und der Dichtkunst und versäumte nebenbei nicht, mich zur Erholung im Violinspielen zu üben und einige leichte Stückchen und Lieder auf dem Klaviere zu lernen. Auch eine elektrische Scheibenmaschine verfertigte ich mir, an der ich sowohl den Handgriff als die vier Reibezeuge isoliert hatte, so daß ich mich selbst, auf dem Isolierbrett stehend, bald positiv, bald negativ elektrisieren konnte. Die Maschine tat so gute Wirkung, daß ich bald, von meinen Bekannten verraten, keinen geringen Zugang neugieriger Leute gefunden hätte, wenn mir nicht dergleichen Besuche ganz zuwider gewesen wären. Kaum hatte ich die Scheibe eingesetzt, so sandte mir der Drechsler, welcher nach meiner Angabe das meiste Holzwerk verfertigt hatte, einen erst vor kurzem während des Schlafes gelähmten Bauersmann zu; ich setzte ihn sogleich auf die Insel und zog aus den gelähmten Gliedmaßen mit einer Drahtspitze oder mit Holz die Elektrizität ab, so lange bis der Mann seine Arme und Finger wieder bewegen und mit vollem Troste einer nahen gänzlichen Genesung nach Hause gehen konnte. Auch die Fräulein des adeligen Damenstifts, samt ihrer Äbtissin, erwiesen mir bürgerlichem Elektrisierer die Ehre, einst sämtlich auf mein kleines Zimmerchen zu kommen, freilich nicht weil sie gelähmt waren, sondern um allerlei Versuche mit anzuschauen und einzeln auf der Insel stehend mit Lachen zu sehen, wie ihre fliegenden Haare sich megärenartig emporsträubten, oder wie ihnen beim scherzhaften Annähern zu schwesterlichen Küssen Funken aus den Nasenspitzen fuhren. Bei dieser Gelegenheit versäumte ich nicht, den Preis der Schönheit und Artigkeit in Gedanken der Verdientesten geben zu wollen, allein ich konnte damit zu keinem förmlichen Entschlusse kommen. Als ich nach meiner Krankheit wieder zu Kräften gekommen war, äußerte ich vor Herrn Statthalter den Wunsch, ihn wieder einmal nach Dillingen begleiten zu dürfen. Ich sehnte mich herzlich, meinen lieben Vater in Höchstädt besuchen und meinem treuen Fräulein in Dillingen für die zärtliche Aufmerksamkeit danken zu können, mit der sie für meine Verpflegung im Krankenbette gesorgt hatte. Herr Statthalter erlaubte mir willig, ihn beim nächsten Anlasse in mein Vaterland zu begleiten. Bald nach unsrer Ankunft in Dillingen gelang es mir loszukommen. Sogleich eilte ich zu meinem geliebten Fräulein und überraschte sie am Nährahmen. Entzückt hüpfte sie mir entgegen und drückte mir die Hände, als wenn sie mir dieselben zerdrücken wollte. Ihre Mutter war im Zimmer. Unsre Blicke redeten eine feurige Sprache. Kaum ging die gute Frau einen Augenblick weg, so flogen wir einander in die Arme und küßten und herzten einander, wie wenn wir alle Zärtlichkeit in einem Kusse und in einer Umarmung vereinigen wollten. Es waren echte Idyllenstunden, die ich an der Seite meiner Trauten verlebte. Am Morgen nach unsrer Ankunft ging ich nach Höchstädt und weckte meinen lieben Vater aus seinen Träumen. Er empfing mich viel heiterer als ehemals, denn frohe Gesellschaftlichkeit hatte indes sein Gemüt erheitert. Eine gutgesinnte Nachbarsfamilie duldete ihn in ihrer Mitte wie einen Hausfreund und ließ ihn steten Anteil an ihren Unterhaltungen nehmen. Dies munterte den guten Greis so merklich auf, daß er mir vergnügt entgegenkam und selbst durch die gesunde Farbe seines Angesichts den innern Frieden seines Herzens bewährte. Wir verlebten einen sehr frohen Tag miteinander, und ich säumte nicht, ihn auf mein Vorhaben, von dem ich bald reden werde, allmählich vorzubereiten. Den andern Tag, nachdem ich die nötigen Besuche abgestattet hatte, eilte ich wieder nach Dillingen in das Haus meines geliebten Fräuleins, hütete mich aber wohl, meine Ankunft dem Herrn Statthalter oder der akademischen Geistlichkeit durch irgendein Merkmal zu verraten. Ungestört konnte ich also in Gesellschaft meiner Geliebten und ihrer Eltern einen glücklichen Abend hinplaudern. Sie hatte mir auch da und dort im Hause so mancherlei zu zeigen, daß es uns an Augenblicken, einsam zu sein und uns unbemerkt zu küssen, gar nicht fehlen konnte. Erst als die Dämmerung das Ende meines süßen Vergnügens herbeiführte, schieden wir sehr gerührt voneinander, und ich zeigte mich im Konvikte, wo ich mein Absteigequartier genommen hatte, als käme ich erst jetzt von Höchstädt zurück. Am folgenden Tag reiste ich mit Herrn Statthalter wieder nach Augsburg ab. Zum letztenmale hatte ich mein liebes Fräulein gesehen. Das Schicksal machte sie nach ein paar Jahren zur Braut. Auf dem Wege merkte ich wohl, daß Herr Statthalter mit Sailer und de Haiden gar nicht zufrieden sei, besonders fiel ihm Sailers Herrschsucht auf. Um allein zu glänzen, hatte derselbe alle älteren Professoren, die ihn nicht als das Haupt ihrer Partei verehrten, entweder durch Intrigen unterdrückt oder durch ausgesprengte Anekdoten verächtlich gemacht. Schon damals, als ich im Reisewagen etwas vertraulicher als sonst mit Herrn von Ungelter sprach, merkte ich die geheimen Feindseligkeiten der geistlichen Spitzen untereinander und verspürte die ersten Vorzeichen des großen Kampfes, der bald danach unter ihnen ausbrechen sollte. Sailer zog jährlich die besten Köpfe aus den Alumnen des Weltpriesterstandes an sich, verschloß sich mit etwa zwölf bis zwanzig derselben von vier bis sechs Uhr abends in sein Zimmer und hielt ihnen religiöse Vorlesungen, in welchen er sie ganz nach seinem Sinne bildete. Anfangs lernten die jungen Geistlichen noch genug Nützliches in diesen geheimen Unterweisungen, so daß ich gar nicht fürchtete, es könnte dadurch der guten Sache der Vernunft einiger Schaden zugehen. Aber Sailer affektierte von Jahr zu Jahr einen heiligeren Ton, bildete seine Auserwählten allmählich zu traurig-andächtigen Frömmlern, verdrehte ihnen mehr und mehr den Kopf mit pietistischer Mystik, lehrte sie nach dem Thomas a Kempis herzzerbrechend seufzen und weinen und erstickte in ihnen alle vordringende Denkkraft. Der Jesuitismus fährt freilich am besten, wenn er seine Herrschsucht hinter Andächtelei und Mystik versteckt. Solange er die Maske der Aufklärung vorhält, läuft er doch immer Gefahr, auf der einen Seite die Jugend klüger und nachdenkender zu machen, als er sie haben will, auf der andern, vom unerfahrenen Haufen mit den wahren Aufklärern vermengt und verfolgt zu werden. Offenbar handelt er also klüger und geht sicherer, wenn er sich im Heiligenscheine der Mystik Jünger wirbt, als wenn er mit der Leuchte der Aufklärung Anhänger sucht. Die meisten Jesuiten in Augsburg gehörten in die Klasse der Schulmänner und Mitarbeiter, ich möchte sagen, zur niedrigern Stufe der Werkzeuge. Nur wenige Auserwählte unter ihnen standen hinter dem Vorhange und gehörten zur höheren Klasse der Dirigenten oder Führer. Beförderung der Ehre Gottes (Omnia ad majorem Dei gloriam) war von jeher, wenn man sie sprechen hörte, ihr letzter Zweck. Einige der gutherzigsten, seeleneifrigen Werkleute der Obern, die im Hinterhalte stecken, nicht der öffentlich ernannten Rektoren und Administratoren (die eben nicht immer die Schlauesten, aber wohl die Pünktlichsten sein müssen und meistens selbst nur Handlanger sind) – mochten wohl im Ernste, ihrem geringen Fassungsvermögen und ihren beschränkten Einsichten gemäß in fanatischer Einfalt nach diesem Zwecke aufrichtig hinstreben, die Eingeweihten unter ihnen waren wenigstens ganz überzeugt, daß man, um zur Ehre Gottes mit glücklichem Erfolge zu wirken, sich Gewalt und Einfluß verschaffen, das heißt herrschen müsse. Was Wunder, wenn der schlauere, am Irdischen hangende, für die Zukunft weniger als für die Gegenwart interessierte Kopf unter ihnen, manchmal im eifrigen Streben nach dem Mittel, des Zweckes vergißt? Herrschen ist dann das große Ziel, nach dem er aus allen Kräften strebt. Leicht beredet er sich dann, je unumschränkter er herrsche, desto mehr werde die Ehre Gottes befördert. Seine Sache ist alsdann Sache Gottes, und er findet, wenn jemals der Grundsatz, ›der Zweck heiligt die Mittel,‹ anwendbar sei, so müsse er es in Ansehung seines Zweckes sein. Denn – kann es je einen höhern geben, als Gottes Ehre? Deutlich erhellt hieraus, wie es zugeht, daß der Jesuit ein so geschickter Heuchler ist; er betrügt sich ja selbst, indem er sich beredet, er arbeite für den Himmel; da er doch nur sein eigenes wertes Ich zu erheben strebt, wie sollte er andre nicht mit seiner frommen Miene täuschen, welche durch eine so gute Meinung von sich selbst einen Anstrich erhält, der den Zügen der Wahrheit so ähnlich läßt? Hieraus und in der Überzeugung, daß er zu einem Korps gehöre, welches schon wirklich eine große Macht an sich gerissen hat, dieselbe aber ohne die Gnade der Großen nicht beibehalten kann, läßt sich auch die stolze Zuversicht des Jesuiten bei all seiner Unwissenheit, sowie sein Kriechen vor den Großen und seine Geneigtheit, jeden, der es nicht mit ihm hält, zu verleumden, verächtlich zu machen und durch alle mögliche, redliche oder unredliche Mittel zu unterdrücken usw., ohne Umschweife herleiten. Strenge Orthodoxie nach der finstersten katholischen Dogmatik ist der sichere Rückhalt, den sich der Jesuit aus theologischen und politischen Gründen erkiest hat. Wer wagt es, hinter diesem Vollwerke ihn anzugreifen? Sobald er hinter demselben hervortritt, ist er verletzbar. Orthodoxie ist die magische Kraft, die ihn, wie einst den Achilles, mit Unverletzbarkeit umhüllet und gleich dem harten Überzuge des gehörnten «Ritters Siegfried jeden Kämpfer hindert, dem bezwingbaren Teile seines Gegners beizukommen. Hinter der Orthodoxie versteckt, trifft er jeden Schriftsteller, der nicht nach seinem Sinne schreibt, mit Bann und Interdikt und jede Schrift, die seinen Beifall nicht hat, mit den schimpflichen Prädikaten der Verdammung. Was kann der Beeinträchtigte tun? Sicher im Hinterhalte der Rechtgläubigkeit, lacht der Jesuit der ängstlichen zappelnden Bewegungen des Vögelchens, das er einmal zur Beute ausersehen und nun im Garne hat. Freilich war es bei den Großen für kurze Zeit Mode, Aufklärung, Toleranz und freiere Denkungsart zu affektieren, und der Jesuit, um seinen Einfluß beizubehalten und nicht unausstehlich zu werden, sah sich genötigt, einige seiner Brüder in den Modeton, so viel als eben nötig war (nicht mehr und nicht weniger), mit einstimmen zu lassen. Aufklärung war ihm nur die Maske und der Modelehrer auch nur Merkzeug zu einem höheren Zwecke, der Macht, nur ein falscher Würfel in der Hand des geheimen Obern. Das ganze Korps hütete sich wohl, in diesem Tone zu lehren, es kannte seinen Vorteil zu gut; der größte Haufe seiner Helfer (Prediger, Volkslehrer und Beichtväter) donnerte desto feuriger auf die verderblichen Aufklärer los, indes der kleinere aber geschmeidigere Teil der Brüder (Hofprediger, Professoren und Geistliche Räte) eine Weile die Toleranten, Glaubensreiniger, Helldenker, machte. Einige derselben drangen sogar in geheime Gesellschaften ein und zeigten sich als Kleriker, Adepten, Mystagogen, Magier, um – allen alles zu werden. Aber es ergab sich bald, besonders nach Ausbruch der französischen Revolution, daß die Aufklärer unter ihnen bei der Rolle, die sie spielten, ihre Rechnung nicht fanden. Der herrschende Ton hatte sie gezwungen, den Schild der Orthodoxie wenigstens um etwas zu wenden. Nun waren sie verletzbar. Ihre blinden Brüder von der finstern Klasse lehrten, predigten, schrieben und intrigierten durch einen Mißverstand und aus Unbekanntschaft mit dem Ganzen selbst gegen sie. Es war nun das Reich, das in sich selbst getrennt ist. Sie mußten einander selber verderben, um fortwährend Einfluß zu haben und herrschen zu können. Hätten sie sich auch einander zu schonen verstanden, so wären sie doch niemals vor dem Anfalle orthodoxer Eiferer, die nicht Jesuiten waren, sicher gewesen. Die Jesuiten nach der Mode befanden sich also diesmal in einer nicht sehr behaglichen Lage, und man darf sich nicht wundern, wenn in diesem Zeitpunkte Jesuiten von Jesuiten bekämpft und verfolgt wurden. Beide Teile liefen nach ebendemselben Ziele, der Herrschergewalt, aber notgedrungen auf verschiedenen Wegen. Orthodoxie mußte ihnen immer die bewaffnete Führerin, Minerva, Aufklärung nur die Magd ihrer Herrschsucht sein. Im Falle eines Konflikts ward die zweite ganz natürlich immer der ersten aufgeopfert. Die Unmöglichkeit, zugleich orthodox und aufgeklärt zu sein, und die Notwendigkeit, welche die Neudenker unter ihnen zwang, zugleich beides dennoch zu scheinen, brachte sie in diese Klemme, aus der sich Sailer selbst nicht unbeschädigt retten konnte, so sehr er auch eilte, vermittels mystischer Frömmelei aus dem Tone der Aufklärung in das Unisono der Orthodoxie allmählich wieder einzufallen. Ich muß, um die Entwicklung dieser Vorgänge zu verfolgen, in der Zeitrechnung vorspringen und den Faden meiner Geschichte einen Augenblick verlassen. Sailer hatte in Dillingen allmählich unumschränkte Autorität erlangt und es durchgesetzt, daß de Haiden, den er geschickt zu seinem Verbündeten machte, zum beständigen Visitator der Universität ernannt wurde. Ja, es schien sich die Vormacht dieser beiden noch gewaltig zu vermehren, indem sie einen Versuch machten, das Priesterhaus zu Pfaffenhausen in ihre Gewalt zu bekommen, als plötzlich ein Ereignis dem Ganzen ein Ende setzte und die Strengst-Orthodoxen unter den Jesuiten, die vortrefflich ihr Mäntelchen nach dem neuen Winde zu drehen wußten, ans Ruder brachte. Als nämlich die Franzosen gegen Trier vorrückten, flüchtete sich der Kurfürst von Koblenz nach Augsburg. Man kann denken, daß er weder zur Klasse der Demokraten noch der Moderierten gehörte. Wer nur immer eine freie Äußerung von der Kraft eines frischerwachten Volkes sich erlaubte, ward als ein Neuerer und Jakobiner mit scheelen Augen angesehen und von allen Hofleuten als ein Raubtier betrachtet, das sie, wie ihre Vorfahren Bären und Wölfe, ausrotten müßten. Bald wurden – dank der treuen Beihilfe der Jesuiten! – die Prädikate: ein heller Kopf, ein Aufklärer, Illuminate, Jakobiner und Aufrührer, bei Hofe gleichbedeutende Worte (Synonymen), und niemand durfte es wagen, klüger zu scheinen als der Läufer des Kurfürsten, dessen Hauptvorzug darin bestand, mit seinem Herrn immer einerlei Meinung zu sein. Wer es versah und sich's merken ließ, daß er mehr als Predigten und sein Gebetbuch lese, ward ohne weiteres unter die Verdächtigen gezählt. Eine solche Stimmung gab den Jesuiten zu St. Salvator die schönste Gelegenheit, ihre Pläne durchzusetzen und jeden zu verderben, der ihnen im Wege stand. Sie hatten auch nichts Angelegneres, als sich an den Minister Duminique zu halten, ihn beständig zu umlagern und seine ohnehin sehr exaltierte Phantasie, die vom Umsturze aller Throne träumte, noch mehr irrezuleiten: so ward er in ihren Händen ein brauchbares Instrument, ihr Vorhaben auszuführen. Der Geistl. Rat Nigg, als ihr treuester Anhänger, sollte das apostolische Rüstzeug werden, mit dem sie alle diejenigen niederkämpfen wollten, die es nicht ganz aufrichtig mit der heil. Religion, das heißt, mit ihrem Ordensreste, meinten. Alle älteren Geistlichen Räte und Professoren wurden ins Mittel gezogen, um die jüngern außer Wirkung zu setzen. Die Rollen waren zu gut ausgeteilt und die Stimmung des Hofes zu günstig für sie, als daß ihr Spiel mißlingen konnte. Mit de Haiden hofften sie zuerst fertig zu werden. Der sonst verschmitzte Mann konnte nicht immer den Hauptzug des bayrischen Charakters, gerade Offenheit, verleugnen und hatte in einem Anfalle unpolitischer Schreibsucht eine Schrift verfaßt und herausgegeben, welche in Rom einige Sensation und noch mehr Ärgernis erregte. Der Verfasser schlug darin einen Vergleich der deutschen Bischöfe mit dem Papste vor und stieß durch mehrere, wenn auch größtenteils gerechtfertigte Angriffe die römische Kurie gewaltig vor den Kopf. Dies hieß nun freilich die Unvorsichtigkeit weit treiben. Die römischen Nuntien, die sich im Vertrauen und in der Stille des Gemachs gegen einzelne Männer von jeher manches Geständnis entwischen ließen, um sie desto zuverlässiger zu ködern und auszulocken, können es unmöglich mit gleichgültigen Augen ansehen, wenn dergleichen Vertraulichkeiten ins Publikum gebracht und sie dadurch in Verlegenheit gesetzt werden. Von nun an zählte der römische Hof auch den allzu offenherzigen de Haiden unter die Embser Copronymen und ließ mit allem Nachdruck gegen ihn arbeiten und intrigieren. Der Nuntius und der Exjesuit Geistl. Rat Stattler zu München leiteten es so ein, daß der Kurfürst von Bayern in allen Jurisdiktionsstreitigkeiten mit dem Bistum Augsburg, die sonst de Haiden als bischöflicher Kommissar zu schlichten pflegte, sich es ausdrücklich verbat, denselben ferner zu dergleichen Geschäften gebraucht zu sehen. Denn Nigg trat nun zu rechter Zeit auf und beredete den Kurfürsten, de Haiden habe Se. Durchlaucht absichtlich verleitet, sein unkanonisches Machwerk zu approbieren, um eine Entzweiung mit dem römischen Hofe anzuzetteln und sich selbst bei den daraus erfolgenden Streitigkeiten notwendig zu machen. Ungelter half treulich dazu, seinen alten Antagonisten zu stürzen, ohne zu vermuten, daß die Reihe bald auch an ihn kommen würde. Er sammelte alle skandalösen Anekdötchen, die er von de Haiden aufbringen konnte, erzählte sie entweder dem Kurfürsten selbst oder doch denjenigen, die immer mit demselben umgingen, so daß er sicher sein konnte, sie würden im Kabinette wieder erzählt werden. Die Geistlichen Räte von seiner Partei ermangelten nicht, ihm in dergleichen gewissenhaften Operationen treulich beizustehen. De Haiden hatte die Unvorsichtigkeit begangen, seitdem er sein neues Haus bewohnte, das ihm nach dem Tode des Provikars Herz vom Hofe angewiesen ward, die Mademoiselle Frings als Haushälterin zu sich zu nehmen. Dies gab den schwachen Seelen seiner Herren Mitkollegen und den übrigen wohlbestellten Sittenwächtern des geistlichen Zions ein so großes Ärgernis, daß sie ihr Bedauern allerorten laut werden ließen und alle frömmelnden Seelen zum Seufzen bewogen. Man säumte nicht, diesen Umstand dem Kurfürsten als einen schreienden Skandal anzuzeigen, ihm vom Konkubinat zu sprechen und wegen der Unmöglichkeit, die jungen Geistlichen zur englischen Reinigkeit wirksam anzuhalten, solange sie bei einem Obern ein so verführendes Beispiel des Gegenteils sahen, dringende Vorstellungen zu machen. Er ließ sich endlich bewegen, den Provikar zur Rede zu stellen und ihm nach einem derben Verweise aufzutragen, seine Haushälterin zu entlassen. Damit er vor dem Publikum nicht zu sehr beschämt würde und die Sache doch unter einem scheinbaren Vorwande verdeckt bliebe, sollte Mademoiselle Frings zu ihrem Bruder, einem Pfarrer, für einige Zeit aufs Land reisen, um ihm sein Hauswesen in Ordnung zu bringen und dann nach Augsburg nicht mehr zu Herrn Provikar, sondern in die Wohnung ihrer Mutter zurückkehren. Aber das Siegesgeschrei der Gegner tönte zu laut, als daß dieser Vorfall den Ohren des Pöbels hätte entgehen können, und die Geistlichen Herren sparten aus christlicher Liebe keine Worte, die Nachricht davon bald in Umlauf zu bringen, es versteht sich, nur damit das gegebene Ärgernis durch Bekanntmachung der Strafe wieder einigermaßen gehoben würde. Nun feierte die siegreiche Bande nicht mehr, den Beschimpften vollends zugrunde zu richten. Man stellte dem Kurfürsten vor, de Halden habe längst wegen seiner Aufführung und nun auch wegen verhängter Ausschaffung seiner Haushälterin alle Achtung und Liebe des Klerus verloren und sei unfähig, nachdem er selbst keinen untadelhaften Wandel geführt habe, ferner mit gutem Erfolge den Geistlichen Obern und Sittenrichter zu machen. Man ließ es auf Kosten des Gestürzten nicht an Spott und lästerlichen Geschichten fehlen. Von den Augsburger Jesuiten gestimmt, trug der Minister Duminique das Seinige reichlich dazu bei. De Haiden mußte das Provikariat resignieren und dann auch vom Geistlichen Rat ausgeschlossen und auf das Konsistorium eingeschränkt, gleichsam im Inkognito, als Vize-Offizial leben, und erhielt selbst am Domherrn von Palmer, der bald darauf zum Offizial ernannt ward, einen Obern. Kaum war es den Obskuranten gelungen, den Meister zu stürzen, so schickten sie sich schon an, auch seine Werke zu zerstören. Nichts war ihnen so verhaßt gewesen, als seine fortwährende Aufsicht über die Universität in Dillingen. Von daher, fürchteten sie, könnte am leichtesten zu viel Licht kommen und ihren hierarchischen Pfuhl beleuchten. Sie machten also de Haidens Verfügungen verdächtig, und der Regent und Professor Lumper, ein Anhänger Niggs und Schnellers, sammelte in der Stille Anzeigen und Beweise gegen Sailer, der als erster Urheber und Verteidiger der neuen Einrichtung bekannt war, klagte, derselbe werbe jährlich mehrere junge Leute zu einem geheimen Konventikel an, das in seinem Zimmer, bei verschlossener Tür gehalten werde und stellte vor, wie gefährlich für Staat und Religion es sei, so viele angehende Volkslehrer durch Illuminaten-Grundsätze verderben zu lassen. Man wußte dem Kurfürsten ein so schreckhaftes Bild von den Unternehmungen dieser Aufklärer vorzuzaubern, daß er die Geistlichen Räte Nigg und Rößle, de Haidens geschworenste Feinde, als Kommissarien dahin absandte, um dem Unfuge auf den Grund zu sehen. Bei den Jesuiten trat nun der Fall ein, die Magd der Geliebten aufopfern zu müssen. Sie ließen den einzelnen aufgeklärten Ordensbruder Sailer sinken, um dem Ganzen und der Orthodoxie einen vollständigern Sieg zu sichern. Was lag ihnen daran, daß eines ihrer Werkzeuge beiseite geschoben wurde, das nun doch, seitdem die Aufklärung an den Höfen aus der Mode zu kommen begann, an dem jetzigen Platze für sie nicht mehr so recht brauchbar war? Sailer war ja anderswo auch zu gebrauchen und mochte ohne Schwierigkeit gut versorgt werden. Die ernannte Kommission stattete ihren Bericht ab, und der berühmteste Lehrer an der Universität Dillingen ward entlassen, dem Dekret nach in Gnaden, insgeheim als des Illuminatismus verdächtig. Bald darauf kam, was eigentlich niemand vermutet hatte, auch an Herrn v. Ungelter die Reihe. Das trug sich folgendermaßen zu: Im Juli d. J. war im Bistum Augsburg ein – Jubiläum. Ungelter setzte sich dagegen, und als es dennoch von Rom verschrieben ward, hielt er's nicht, obgleich der Kurfürst selbst fünfzehn Tage vier Kirchen besuchte (dies war die Vorschrift). Ungelter hatte sich wirklich erklärt, so etwas sei heidnisch, nicht christlich, indem hier, gerade wie bei den gewöhnlichen Wallfahrten, der Wert des Gebetes an das Äußere und nicht an das Innere (im Geist und in der Wahrheit) geknüpft werde und dergl. Der Kurfürst drang öfters darauf, Ungelter sollte sich der aufgeklärten Leute nicht mehr annehmen, denn sie seien gewiß böse gefährliche Menschen. »Aber wenn sie sich doch gut und ordentlich aufführen?« – »Ja, so machen's die Aufklärer, die feineren Illuminaten, sie können sich gar leicht verstellen und viele Jahre lang das rechtschaffenste Leben führen, bloß um sich und ihren verderbten Grundsätzen Eingang zu verschaffen.« Also das hatten sie, die Jesuiten und ihre Anhänger dem Kurfürsten eingebildet! Allein das wäre alles noch nicht so schlimm gewesen. Woraus ihm jedoch der Strick gedreht wurde, das war, daß er sich entschlossen hatte, ein deutsches Brevier herauszugeben. Neben all seiner Strenge unterstützte er nämlich, soweit er die Sache einsah, mit Wärme jede Unternehmung, die zum Besten wahrer Frömmigkeit abzuzwecken schien. Es war dies eine der Eigenschaften, die mich immer wieder an ihn kettete. So begriff er unter anderm, daß es widersinnig sei, dem Volke, das kein Wörtchen Latein versteht, eine Menge Gebete in lateinischer Sprache vorzumurmeln und die einfältigen Nonnen den ganzen Tag mit gedankenlosem Herplappern des römischen Breviers zu martern. Oft ließ er also bei Feierlichkeiten, wo er auf dem Lande den Gottesdienst hielt, aus einer Mainzer Übersetzung des Meßbuches die Meßgebete des Tages von der Kanzel deutsch vorlesen, indes er sie am Altare lateinisch las. Ich selbst mußte öfters dergleichen Vorlesungen halten. Treulich bestärkte ich ihn in seinem Eifer, zur Erbauung des Volkes alles mögliche beizutragen. Um nun auch den Nonnen etwas Besseres als ein lateinisches Gemische ihnen ganz unverständlicher Psalmen in die Hände zu geben, bewog er einen ihm bekannten Karmeliter, ihm ein geistliches Erbauungsbuch zusammenzustellen, das den Namen ›Deutsches Brevier‹ führen sollte, überarbeitete das Ganze noch einmal selbst und gab es zum Teil auf eigene Kosten in den Druck. Die Wirkung des Büchleins unter den Orthodoxen war, zusammen mit einigen andern Vorkommnissen, so stark, daß es dem Statthalter trotz aller sofort inszenierter Rückzugsbewegungen nicht gelang, mit seiner Politik zu siegen. Zwar solange er um den Kurfürsten sein konnte, setzte es die jesuitische Faktion mit dem Widerrufe der Approbation des deutschen Breviers niemals durch. Allein sie führte den Kurfürsten nach München, als Ungelter wegen der Weihen in Augsburg sein mußte. Und hier siegte sie. Das deutsche Brevier ward verboten, die Zensur förmlich widerrufen. Dadurch ward der Herr Statthalter gestürzt, er legte das Generalvikariat aus ›bewegenden Ursachen‹ nieder und mußte sich dieses Ehrenamtes wenigstens als ›ein halber Aufklärer‹ entsetzt sehen, damit Nigg es übernehmen könnte. Seine übrigen Stellen behielt Ungelter. Zwar drohte er anfangs mit der Niederlegung seiner sämtlichen Stellen, sofern man ihm das Generalvikariat nehmen würde, als er aber sah, daß die herrschende Faktion sich beim Kurfürsten schon so festgesetzt habe, daß ihm dieser eher alle Stellen abnehmen, als ihm jene lassen würde, so wollte er lieber die übrigen behalten, als mit der einen alle entbehren. So entwickelte sich eine Farce, deren Vorspiel ich bereits auf meiner Rückreise mit Herrn Dompropst, von Dillingen nach Augsburg, einleiten sah. Es ist traurig, daß ich von keinem der mitspielenden Herren sagen kann, er sei mit gerader Ehrlichkeit zu Werke gegangen. Alle ließen sich von ihren eigenen oder andrer Leidenschaften zu weit hinreißen. Am Ende hatte niemand Vorteil von dem ganzen Gefechte als die Jesuiten (welche die gefangene Vernunft wieder in den alten Kerker triumphierend zurückgeschleppt hatten) und ihre Anhänger, die sich für ihre Folgsamkeit mit Ämtern und Ehren belohnt sahen. Nun verfolge ich wieder den Gang meiner eigenen Geschichte. Fünfzehntes Kapitel: Ewiger Betrug und neue Fluchtpläne. Ein überraschender Besuch – Kirchen-Verrichtungen – Einladung zum Schatzgraben – Das Fronleichnamsfest – Hannchen – Rechnungs-Maschine – Geheimschreibersdienst – Pläne, arm und unabhängig zu leben – Verzeichnis der Erwerbsmittel eines Waldbewohners – Wachsende Unzufriedenheit – Nächste Veranlassung zur zweiten Flucht – Betrug über Betrug – Anstalten zur Abreise – Finanzoperationen und Winke – Prätexte und Konfidenzen – Letzte Geschäfte am Tag der Flucht. Im Herbste 1792 kam ich abends von der Arbeit ermüdet nach Hause und trat ganz unbefangen in das Wohnzimmer meines Hausherrn, um mich, wie gewöhnlich, durch freundliches Geplauder zu ergötzen. O, wie süß ward ich da überrascht! Mein Minchen lief mir mit aller Wonne des Wiedersehens entgegen. Kaum wagte ich's noch, meinen Augen zu trauen, so drückte sie schon mit der lieblichsten Innigkeit meine Hand und sah mich mit einem Blicke an, dessen erquickendes Feuer meine ganze Seele durchblitzte. Hätte uns nicht die Gegenwart der Leute zurückgehalten, so wären wir unfehlbar einander in die Arme geflogen. Aber so mäßigten wir unser Entzücken und ergossen unsre Gefühle in süßen lebhaften Gesprächen, traulich nebeneinander sitzend. Wir wußten so viel zu erzählen, daß wir gar nicht ans Ende kommen konnten. Der Hausherr hatte für ein gutes Nachtessen gesorgt, ich schaffte aus der Dompropstei Wein herbei, so gut er zu haben war. Unter Herzensergüssen und Scherz und Pfänderspielen entflog uns der Abend und der größte Teil der Nacht. Als endlich der Schlaf seine Rechte an uns geltend machen wollte, trat der Hausherr unserm schönen Gaste sein Bett neben seiner Gattin ab, und ich kam nicht wieder in Gefahr, wie ehemals eine unruhige Nacht in Kämpfen durchseufzen zu müssen. Minchen hatte ihren bereits großgewachsenen Stiefsohn als Begleiter mitgebracht. Dieser und der Hausherr schliefen in einer Kammer, die an mein Zimmer grenzte. Ruhig war mein Schlummer, aber ziemlich früh weckte mich die Freude wieder. Eben hatte ich meine kleinen Morgengeschäfte vollendet, da hörte ich die Stimme der Hausfrau, die ihren Mann in der nahen Kammer weckte. Sogleich pochte es auch an meinem Zimmer und ich öffnete; da trat Minchen, huldreich lächelnd, mit ihrer Wirtin herein und begrüßte mich mit süßen Wünschen. Ich zeigte ihr meine kleine Wirtschaft und ihren Schattenriß, der über meinem Pulte hängend, mich oft an sie erinnerte. Sie sagte zärtlich, mit untermengter Wehmut: »Wenn Sie mir in Ihrem Verdrusse schon alles entzogen haben, so hab' ich doch noch etwas gerettet!« Da zog sie einen zusammengefalteten, durch den Gebrauch ziemlich runzeligen Brief aus dem Busen, wies ihn mir mit einer Ängstlichkeit vor, als wenn sie in Gefahr stünde, von mir desselben beraubt zu werden, drückte ihn geschwind an ihre Lippen und verbarg ihn sorgfältig wieder im Busen. Ich schlang meinen Arm voll Zärtlichkeit und Rührung um ihre Hüften und drückte sie sanft und feurig an mich. Die Hausfrau hatte sich indes in meinem Schlafzimmerchen etwas zu tun gemacht. Aber nun kam der Hausherr mit seinem Schlafgesellen herbei und störte uns – ach zu plötzlich! – aus einer glücklichen Situation auf, die noch jetzt in der Erinnerung meinem Herzen angenehm schmeichelt. Wir frühstückten, Minchen besuchte den Markt, denn sie war eigentlich gekommen, um allerlei Winterwaren für ihre Familie einzukaufen. Auch ich kramte ihr indes ein hübsches Geschenk. Mittags ging sie aufs nächste Dorf Oberhausen, wo sie ihr Wagen erwartete, und ich begleitete sie dahin unter süßen Gesprächen. O, wie oft, wie sehnlich sahen wir zurück, als uns der rollende Wagen voneinander entfernte! Noch lange winkten wir von weitem einander zu. »Ach, wenn es zum letztenmale wäre, daß du sie sähest!« dachte ich wehmütig und blickte ihr sehnender nach, ohne zu vermuten, daß es sich wirklich so fügen würde. Aber ach! es fügte sich wirklich so, ich sah sie zum letztenmal, meine erste Geliebte! Als ich nach Hause kam, machte mich mein Hausherr erst noch mit einem schönen Zuge ihrer edlen Seele bekannt, und ich weinte ihr in der Einsamkeit zärtlicher nach. Sie hatte sogleich nach ihrer Ankunft den Markt besucht; Beutelschneider ersahen die Gelegenheit und stahlen ihr eine Tasche mit einer beträchtlichen Summe. Als sie nach Hause kam, merkte sie ihren Verlust, gestand ihn zwar in der Verwirrung dem Hausherrn, bat ihn aber sogleich, er möchte mir nichts davon sagen, damit meine Freude durch keine schmerzliche Empfindung gestört würde. O, wie achtungswert ist ein so edles, schönes, feinfühlendes Wesen! Nie, du Gute, trübe Unzufriedenheit oder ein Mißgeschick deine Tage! Immer sei deine Seele so heiter, wie meine, wenn ich deiner unschuldvollen Liebe gedenke! Weil ich mit dem Mesner an der Stiftskirche zu St. Peter in genauer Bekanntschaft stand, so wandte sich dieser, so oft er zu einer besondern Zeremonie eines Priesters bedurfte, gewöhnlich an mich. Ich mußte zu Ostern die Eier, Schinken, Kuchen usw., an der Lichtmesse die Kerzen, am Johannistage den Wein usw. weihen, am 3. Februar blaseln (den Segen des heil. Blasius erteilen) und am Aschermittwoch einäschern. O, wie erbarmte mich da des armen Volkes, wenn ich sah, wie es gutherzig dem Altare sich nahte und fest glaubte, einige lateinische Brocken in Form eines Kirchengebets gesprochen, nebst dem Beräuchern und Besprengen mit Weihwasser usw. hätten den Eßwaren und dem Wachse eine besondre, inwohnende Kraft mitgeteilt, die alle Fieber, Krankheiten und bösen Geister zu vertreiben vermöge, indes ich mich noch lebhaft erinnerte, wie oft meine Kameraden im Seminar sich zu Ostern, vom Geiste der Unmäßigkeit verführt, am lange entbehrten geräucherten Fleisch und an harten Eiern ein Fieber aßen! Oft dachte ich dann: »Herr! mögest du ihrer frommen Einfalt schenken, was meine Zeremonie gewiß nicht bewirken kann!« Zuweilen ward ich freilich aus meiner Verstimmung durch ein lächelndes Angesicht oder durch ein schalkhaftes Auge aufgestört. Wenn ich z. B. mit den kreuzweise verschränkten Kerzen in der linken Hand einem schönen Mädchen, das mich kannte, so traulich unter das Kinn fahren und mit meiner Rechten ein Kreuz über sie schlagend die Formel sprechen mußte, zitterte mir manchmal der Arm und das liebliche Kind ward rot. Ein gewisses Fräulein küßte mir einmal im Verborgenen ihres Kapuchons die Hand so geschwind, unbemerkt und sanft, daß ich in süßer Verwirrung die Kerzen kaum mehr halten konnte und ihren schönen Pelzmantel mit abrinnendem Wachs nicht wenig beträufelte. Wenn ich bekannten Frauenzimmern die Asche auf die Stirn streuen mußte, so brachten mich die schönen Kinder manchmal durch mutwilliges Aufblicken und Lächeln ins Stocken und ich verirrte in meinem Spruche. Einst weigerte sich der Chorherr, welcher sonst die gewöhnlichen Festpredigten hielt, dieselben ferner für einen so geringen Preis zu halten, da ersuchte mich der Mesner, ich möchte dieselben übernehmen. Mit Freuden verstand ich mich dazu und war froh, eine Gelegenheit zu finden, mich im Kanzelvortrage zu üben. Denn meine alte Neigung, dem Landvolke einst durch Unterricht von der Kanzel zu nützen, war noch nicht erstorben, und ich kann's nicht bergen, ich hätte mir gern auch den Ruhm eines geschickten Predigers verdient. Kaum hatte Herr Statthalter vernommen, daß ich predigen würde, so forderte er mir meinen Aufsatz ab und bestand darauf, ich müßte ihn seiner Zensur unterwerfen, sonst würde er mich die Kanzel nicht besteigen lassen, denn es wäre zu fürchten, ich möchte meinen philosophischen Grundsätzen gemäß dem Volke freidenkerische Lehren vortragen. Allein er wußte nichts daran auszusetzen. Nur äußerte er: er hätte nicht geglaubt, daß ich etwas so ganz Simples auf die Bahn bringen und in einer so ungeschmückten Sprache abhandeln würde. Fleißig erschien auch ein Mitarbeiter des stockorthodoxen Journals: Kritik über gewisse Kritiker, Rezensenten usw. in der Kirche und horchte begierig auf dem Musikchor, ob ich nichts vorbrächte, das nach Ketzerei riechen würde. Aber er spannte vergebens sein hartes Trommelfell an, die erwartete Ketzerei wollte nicht kommen, ich führte meinen moralischen Satz aus, beleuchtete ihn am Ende mit Geschichten aus der Bibel und zog selbst das Betragen Mariens, deren Festtag begangen ward, als ein Beispiel eines echten Vertrauens auf Gott an. Dennoch hielt man es nicht für ratsam, mich öfters auf die Kanzel zu lassen. Der vorige Prediger erbot sich von neuem, die Predigten zu halten und ich – verlor den Anlaß mich zu üben. Einst saß ich abends ganz allein in meinem Zimmer, da trat zu meinem nicht geringen Erstaunen ein Mann von mittelmäßigem Wuchse herein und bat, ich möchte an seinem sonderbaren Aussehen nicht erschrecken. Diese Einleitung war nicht unnötig, denn er hatte eine abscheulich schmutzige Jacke an und eine ebenso reinliche Schürze vorgebunden. Sein Haar hing zum Teil losgerissen über sein Angesicht in wilder Verwirrung herab, und auf Stirne und Wangen saßen ihm schwarzrote Narben, wie wenn er in einen Haufen Glut gefallen wäre und sich häßlich verbrannt hätte. Übrigens war seine Farbe mit schwarzen Rußflecken unkenntlich gemacht, so daß er ganz das Aussehen eines der niedrigsten Feuerarbeiter hatte. Unser Gespräch war dem Gange und Inhalte nach folgendes: Er . Verwundern Sie sich nicht, Ew. Hochwürden, daß ich so unverschämt vor Ihnen erscheine. Ich habe schon lange gelauert, bis ich das Haus einmal offen fand. (So! dachte ich, also hast du dich herein gestohlen!) Es betrifft eine sehr geheime und wichtige Sache, warum ich zu Ihnen komme. Eine Gesellschaft gescheiter und braver Leute hat einen Schatz entdeckt, und ich möchte ihn gern heben. Dazu brauchen sie eine Meibomische Bibel , eine reine Jungfrau und einen Geistlichen. (Ich schüttelte bedenklich den Kopf.) Die ersten zwei haben wir bereits aufgefunden, nur der dritte mangelt uns noch, denn es taugt nicht ein jeder Geistlicher dazu. Verzeihen Ew. Hochwürden, daß ich so frei rede! Auch er muß noch bei keinem Mädchen geschlafen haben. Nun haben wir schon lang' ein Auge auf Sie geworfen und Sie wohl betrachtet, wenn Sie bei St. Peter die Messe lasen. Es schien uns, Sie könnten der Rechte sein. Wenn Sie nun mit mir kommen wollen, so machen Sie uns alle glücklich, und Sie sollen reichlich belohnt werden und, wenn man teilt, zweimal soviel erhalten, als ein jeder von uns. Stoßen Sie nun Ihr Glück nicht selber von sich und kommen Sie mit mir! Die Gesellschaft erwartet Sie schon. Ich . Armer betörter Mann! Wenn euch bekannt ist, wo ein Schatz liegt, so grabt nur herzhaft darnach, und ihr werdet ihn auch ohne mein Zutun heben. Aber wißt, ihr seid Betrogene! Er . Behüte Gott! ich bin nicht so dumm. Da sind Leute dabei, die Grütze im Kopf haben und keine Pfennigfuchser sind. Ich . Sie haben wahrscheinlich Grütze genug, um einem blöden Kerle, der weniger Grütze hat, sein bißchen Armut aus der Tasche zu spielen, Hat man euch nicht gesagt, ihr müsset eine gewisse Summe Geldes auftreiben und sie am Orte, wo der Schatz liegen soll, eine Zeitlang vergraben? Er . Ja, Herr! Ich . Hat man nicht gesagt, dies sei nötig, um den Schatz näher heranzuziehen, denn – Geld locke Geld? Er . Ja Herr! Sie wissen, wie ich merke, guten Bescheid vom Schatzgraben und sind nicht der Unerfahrenste in dergleichen Dingen. Ich . Ich weiß nur soviel, lieber Mann, daß derjenige, der euch das Geld abforderte und es vergrub, ein Betrüger ist, der eure Begierde, mehr zu haben, dazu mißbraucht, um auch das wenige, was ihr besitzt, euch schelmisch abzulocken und sich damit flüchtig zu machen. Dergleichen Geschichten sind mir mehrere bekannt. Ich habe selbst einen nahen Verwandten, den das Unglück traf, auf eine solche Art um das Seinige zu kommen. Laßt euch nicht zu so abergläubischen Torheiten und Mummereien hinreißen und erinnert euch, daß ihr auch von der Obrigkeit hart gestraft würdet, wenn man euch bei dergleichen Tätlichkeiten ertappen sollte. Er . Mit der Obrigkeit hat's keine Not! Sie dürfen sich nicht fürchten. Es soll gewiß nichts aufkommen, gar nichts! Sie können sich darauf verlassen. Sehen Sie, – wir wollen Ihnen alle unverbrüchliches Stillschweigen schwören. Sie dürfen nur vorschreiben, wie Sie's haben wollen. Es ist alles höchst geheim angelegt. Ich . Armer Mann! Ihr seid ein Haufen abergläubischer, betrogener Toren! Laßt euch eines Bessern belehren und glaubt nicht, daß jemand durch so schändliche Mittel, als ihr anwenden wollt, jemals reich werden könne. Ihr verliert sogar euer noch übriges Eigentum. Er . Sie irren sich, Herr! Ich sah den Schatz mit diesen meinen Augen glänzen wie Feuer; es waren lauter glühende Goldstücke, und glauben Sie mir, wir haben nichts Schändliches vor. Ich . Wozu braucht ihr dann einen Geistlichen und eine Jungfrau, wenn ihr nichts Abergläubisches, nichts Unsittliches vorhabt? Er . Je nun, was er tun muß, das gehört zur Zeremonie, die längst als heilig und wirksam erprobt ist. Ich . Was müßte ich denn tun? Er . Dazu würde man Ihnen schon Anleitung geben. Kommen Sie nur mit! Sie dürfen sich nicht fürchten! Ich . Hat Er denn nichts gehört, wozu man mich brauchen möchte? Das sollte Er mir doch sagen können! Wie kann ich mich sonst entschließen zu gehen, wenn ich nicht weiß, was ich soll! Er muß aufrichtig reden! Er . Nun – ich will Ihnen sagen, was ich weiß! Aber Sie müssen mir nicht böse werden und sich auch nicht sogleich abschrecken lassen! – Doch Sie wissen wohl selbst, was beim Schatzgraben der Brauch ist. Ich . Er irrt sich sehr, guter Freund! Wenn Er mir nicht genau sagt, was ich zu tun habe, so muß Er sich's gar nicht einfallen lassen, daß ich mit Ihm gehe. (Ich dachte, ihn auszuforschen.) Er . Nun – wenn Sie denn mit mir gehen wollen, so will ich recht aufrichtig alles gestehen. – Sie müssen, wie Sie Gott erschaffen hat, die Zwingmesse lesen. Ich . Fahr' Er nur fort! Er . Sie dürfen nicht sorgen! Es ist niemand zugegen als wir. (Er stockte wieder.) Ich . Nur weiter in Seiner Erzählung! Er . Auf den Altar wird Erde gelegt, die Sie und die Jungfrau unter Ablesung einer gewissen Stelle aus der Meibomischen Bibel miteinander ausgraben müssen, um sie zu heiligen. Die Jungfrau steht während der Messe gleichfalls, wie die Eva im Paradies, auf der Erde, womit der Altar bedeckt wird. Dann wird diese Erde von Ihnen auf die Stelle gestreut, wo der Schatz liegt, die Jungfrau streckt sich darauf hin ... und ... und ... Ich . Warum stockt Er? Fahr Er nur aufrichtig fort! Ich muß alles wissen! Er . Und so wie von Ihnen das Band der J.....schaft gelöst wird, so lösen sich auch die Bande, mit denen der Schatz in der Erde angefesselt ist. (Der schmutzige Kerl sagte genau so.) Dann nehmen Sie die Schaufel und fangen an zu graben, es kann nicht fehlen, die Kiste mit dem Golde muß sich zeigen. Das ist nun alles! Ich . Elender! Hat Er's nun während Seiner Erzählung nicht selbst gefühlt, daß Er lauter Schändliches sagte? Mußte Er nicht öfters stocken, ehe Er eine neue Abscheulichkeit vorbrachte? Er . O Herr! Sie wären just der Beste dazu! Wir dachten wohl, Sie würden sich deshalb am meisten weigern. Aber bedenken Sie, daß es eine alte, wohlerprobte Kunst der weisen Magie ist, und wieviel Sie dabei gewinnen können! und – ich versichere Sie, das Mädchen ist auch ein schönes Kind! Sie dürften's nur sehen. Ich . Und kann Er denken, ich werde mich zu dergleichen Dingen mißbrauchen lassen? Ich hätte gute Lust, Ihn hier einzusperren und der Polizei Nachricht von eurem Vorhaben zu geben, ihr Bösewichte! Kaum hatte ich dies Wort gesprochen und einige Schritte zur Tür getan, so lief der häßliche Bursche schnell davon. Ich rief ihm nach: »Wenigstens laß Er sich warnen!« Er antwortete unten an der Treppe: »Sie trauen sich nur nicht; der Teufel würde Sie zerreißen, weil Sie kein Junggeselle mehr sind!« Ich mußte des Toren lachen. Doch ging es mir nachher oft im Kopfe herum, ob die ganze Einladung nicht ein Schwank meiner Feinde war, um mich in Versuchung zu führen, zu beschämen und zu verderben. Im Ernste reute es mich, daß ich nicht bessere Maßregeln ergriffen hatte, um ihren Abgesandten voll Brandmalen in Verwahr bringen zu lassen. Es kann aber leicht sein, daß wirklich blödsinnige, betrogene Toren sich im Ernste an mich wandten. Denn ich mußte als Registrator einen eigenen Artikel Schatzgräberei anlegen, um alle die tollen Unternehmungen, die sich dergleichen Betrüger und Betrogene zuschulden kommen ließen, immer zur bequemen Übersicht und Untersuchung bei der Hand zu haben. Die Leute, welche dergleichen Geschichten anspannen, waren meistens Dorfmesner, liederliche brotlose umhervagierende Pfaffen (sogenannte Messenfischer), abgesetzte, verdorbene Beamte, Jäger usw. Die Betrogenen gehörten immer zur niedrigsten Klasse des Pöbels. Auch hier zeigte es sich, daß sie immer eines Mädchens zu ihren Exerzitien bedurften. Aber keiner gestand bei der Inquisition, wozu man es eigentlich gebrauchte. Am Fronleichnamsfeste mußte ich einmal dem Herrn Statthalter die Insul nachtragen. Das ganze Fest schien mir seit langem ein Triumph des Betrugs und der Dummheit , von Pfaffen erfunden, um dem Pöbel jährlich ein Schauspiel zu geben, das ihm die Fesseln seiner Vernunft noch lieber und ehrwürdiger machen sollte. Die vielen flatternden Fahnen, welche von den Zünften und Brüderschaften in bunter Glorie durch die Gassen getragen wurden, das sichtbare Bestreben der Eitelkeit, einander an Kostbarkeit des Stoffes und der Kleidung zu übertreffen, die an den Häusern paradierenden Gemälde, welche die abgeschmacktesten Vorstellungen von jeder Gattung dem Auge darboten, die jungen, grünenden Birkenbäumchen, die in den Kirchen und an allen Häusern aufgestellt waren, die mit abgemähtem Grase, Buchs und Blumen bestreuten Wege, auf denen der Zug sich fortwälzte, mahnten mich an eine verhunzte Nachahmung der heidnischen Umzüge des Altertums. »O, ihr Priester!« dachte ich dann, »eure Feste sind unsinnig und geschmacklos, wie eure Dichtungen: nirgends findet sich etwas Großes, Artiges, Schönes, Erheiterndes, Seelenerhebendes wie bei den Alten, überall nur läppische Figuren, Zieraten, Zeremonien ohne faßliche Bedeutung, gräßliche Bilder, kindischer Prunk, Glanz ohne Gout, Schellengeklingel, sinnloses Baalsgeschrei. Deine Treiber, o Herde, frohlocken heute im Siegeston, daß sie nicht nur deinen Verstand, sondern auch deine Sinne zu fesseln verstanden. Und du triumphierest, daß du so stark bist, so heldenmäßig stark im Glauben, in der Bereitwilligkeit, durch Unsinn dich betören zu lassen! Armes Volk, wann wirst du aufhören, Kind zu sein, wann wirst du endlich der Amme Hierarchie entwachsen?« Wenn ich dann, während der Bischof im kreischenden Tone die Benediktion sang und mit der blendenden Monstranz die Luft kreuzweise durchschnitt, von der Seite her das rauhe Kommandowort des Offiziers unsrer geputzten Bürgermiliz: »An! Feuer!« darein tönen und die Musketen knallen und die Trommeln lärmen hörte, so war das Maß voll. Ich hätte über die Tollheit, daß die Leute das Unvereinbare, Barocke und Unsinnige einer solchen Zusammenfügung von Andacht und militärischem Tumult gar nicht fühlten, und daß sich die weltliche Macht zu solch einem geistlichen Maskenspiele mißbrauchen ließ, vor Unmut stampfen mögen. Allein, da es nicht anging, meinen Verdruß laut werden zu lassen, so kochte ich, stumm und in mich gekehrt, Ärger und Galle. Dies und das lange Währen der Prozession machte mir nach und nach so übel, daß ich totenbleich und einer Ohnmacht nahe den Zug verlassen und vor der Zeit mit meiner Insul in die Domsakristei zurückkehren mußte. Herr Dompropst vermied also in den folgenden Jahren, mich wieder zu einem Dienste bei der Prozession zu nötigen. So genoß ich einigemal des Glückes, wenigstens des schmerzlichen Anblicks eines solchen Hypokritentriumphes überhoben zu sein. Weil ich aber von jeher gewohnt war, so oft das Volk an sogenannten heiligen Tagen mit Andacht ein Kirchenfest feierte, mir zu sagen: »Sollst du, den die Vorsehung zu bessern Grundsätzen geführt hat, weniger eifrig im Guten sein, als der rohe Haufe in seiner frommen Einfalt?« so bestrebte ich mich mehr als sonst, solche Tage durch eine gute Tat zu heiligen. An einem Fronleichnamsfeste besuchte ich in dieser Absicht einen sehr armen, schon lange krankliegenden Handwerker, der nicht weit von meiner Wohnung in einem elenden Gemach nach Hilfe seufzte, und brachte ihm Trost, so gut ich's eben vermochte. Seine Wärterin, eine dürftige, alte Frau, welche sich die Mühe nahm, für den Leidenden allenthalben eine milde Beisteuer zu sammeln, war zuweilen in unser Haus gekommen, um beim Ausfegen usw. zu helfen, und hatte mir von der Not des armen Dulders erzählt. Öfters wollte ich von nun an seine feuchte Hütte besuchen. Eine Schauspielergesellschaft traf nach einiger Zeit in Augsburg ein. Wenn ein gutes Stück angekündigt ward, so sagte ich zuweilen in der Dompropstei, ich ginge spazieren und würde nicht zum Abendessen kommen. Dann verkleidete ich mich so, daß ich nicht mehr zu auffallend einem Geistlichen ähnlich sah, und setzte mich gewöhnlich auf einen vorteilhaften Platz vorne im Parterre. Ruhig saß ich während des Spieles da, hörte und sah nichts, als was auf dem Theater vorging, hatte die Augen voll Tränen bei den rührendsten Szenen und lachte von Herzen mit, wenn ein recht komischer Einfall zum Vorschein kam. Einst nahm ein artiges junges Frauenzimmer Platz an meiner Seite. Ihr Gesichtchen war ein niedliches Oval, ihre Augen glänzten voll Leben, ihre Manieren zeugten von guter Erziehung und ihr Anzug von Wohlstand. Ich hatte mir beim Eintritte gebratene Kastanien gekauft und knackte sie zwischen den Akten aus den Hülsen. Meine hübsche Nachbarin verzehrte Birnen. Ich beobachtete, daß sie mich einigemale mit Aufmerksamkeit betrachtete und sah sie deshalb wie fragend an. »Guten Appetit, Herr Nachbar!« sagte sie, »wollen Sie tauschen?« und bot mir ein paar Birnen an, wofür ich ihr sogleich den Rest meiner Kastanien reichte. Wir plauderten über einige Szenen des Schauspiels und wurden bald vertrauter. Man führte eben die Sonnenjungfrau von Kotzebue auf. »Ich hätte auch schon Klosterfrau werden sollen,« sagte sie unter anderm, »aber ich sträubte mich dagegen, so gut ich konnte. Mein Herr Vetter ist Chorherr und meinte, er müsse aus mir eine Braut Christi ziehen. Aber Sie sehen, es mißlang. Dank sei dem Kaiser Joseph! Er hob das Kloster auf, in das ich bestimmt war, und so ward ich der Zudringlichkeit meines Herrn Vetters los.« – »O schade,« sprach ich scherzend, »wenn man ein so artiges Kind lebendig begraben hätte! Die geistlichen Herren sagen doch immer, der himmlische Bräutigam sehe nicht auf äußerliche Schönheit, sondern auf die Schönheit der Seele. Wenn sie sich also nur mit runzeligen frommen Mütterchen begnügen möchten und uns Weltlichgesinnten die hübschen Gesichtchen ließen, dies wäre noch zu gedulden. Aber daß sie so gern schöne Kinder wegkapern und sie um die besten Freuden des Lebens betrügen, dies macht, daß ich die Schwarzröcke und ihr ganzes Institut hasse, mehr als Alonzo die Sonnenpriester und ihre Strenge.« So unterhielten wir uns noch lange. Am Ende des Spieles kam ein artiger Mann herbei, um sie nach Hause zu begleiten. »Ach, Sie haben ein gutes Herz,« sagte sie beim Abschiede wie gerührt und drückte mir dabei die Hand, »und sind zugleich so munter, ich wollte, ich könnte mich öfters mit Ihnen unterhalten. Kommen Sie nicht zuweilen an einem Feiertage abends nach Lechhausen zu Herrn .... in die schöne Laube?« Ich erwiderte: »Ich kann ja hingehen.« Und sie sprach: »Mit Vergnügen will ich Sie erwarten.« Noch kannte ich die junge Schöne so wenig als ihren Begleiter, denn ich hatte, wahrscheinlich aus Besorgnis, indiskret zu scheinen, versäumt, sie um ihren Stand und Wohnort zu fragen. Um hierüber ins klare zu kommen, nahm ich mir vor, dem artigen Paare in einiger Entfernung zu folgen und zu sehen, wohin es sich wenden würde. Aber ich verlor sie im Gedränge vor dem Saale aus den Augen und mußte, ohne meinen Zweck erreicht zu haben, nach Hause kehren. Die Unbefangenheit des schönen Mädchens und ihr Frohsinn hatten mir gefallen. Ich dachte oft an sie und ging sogleich am nächsten Feiertage nach Lechhausen, um sie in der angezeigten Laube zu suchen. Aber vergebens sehnte ich mich nach ihr, einsam im Schatten sitzend; vergebens bestrich ich mit meinem Fernrohre die Lechbrücke und die Straße, auf der sie herankommen sollte. Sie kam nicht. Auch am folgenden Sonntage mußte ich mißvergnügt wieder nach Hause ziehen. Das Wetter wollte sich an Feiertagen lange nicht mehr aufheitern. An einem Festmorgen beschloß ich indes, den alten kranken Handwerker wieder zu besuchen. Um in sein Stübchen zu kommen, mußte ich erst durch ein artiges Haus und dann über einen Hofraum gehen, in den mehrere Treppen aus den angrenzenden Häusern zusammenliefen. Wie ward mir auf einmal so enge um's Herz, als dort das schöne Frauenzimmer, das ich seit der Komödie so fleißig gesucht hatte, im niedlichsten Hauskleide an einem Nelkengeländer stand und in sanfter Ruhe die Blumen begoß! Kaum hörte sie meinen Fußtritt auf dem Steinpflaster, so wandte sie sich um, blickte mich freundlich an und rief freudig aus: »Ha! sind Sie es?« Geschwinde setzte sie ihren Gießkrug beiseite und trat mir in den Weg. »Willkommen, Ew. Hochwürden! Wie haben Sie gelebt, seitdem wir Nachbarn wurden? Ich kannte Sie damals wohl, aber ich wollte Sie der Umstehenden halber nicht in Verlegenheit setzen, mir schien es, Ihre Kleidung sollte verbergen, wer Sie wären! Es freut mich recht, daß ich Sie nun sehe! Gewiß geht Ihr Weg wieder zu dem armen Greise da drinnen. Wenn Sie ihn wieder verlassen, so machen Sie mir das Vergnügen, bei mir einzukehren.« Ich versprach zu kommen. Sie zeigte mir die Treppe, die ich steigen müßte. Es tat meinem Herzen recht wohl, einem so liebenswürdigen Geschöpfe von einer guten Seite bekannt zu sein. Als ich den Kranken verließ, harrte sie meiner bereits oben auf dem Altan und führte mich mit unschuldvoller Traulichkeit in ihr reinliches und niedlich möbliertes Gemach. »Ich muß das Haus hüten,« sagte sie mit einnehmender Unbefangenheit, »und bin ganz allein, wie Sie sehen; alles ist zur Kirche gegangen. Wir können nun recht offenherzig eins plaudern. Kommen Sie!« Da setzte sie sich auf das Sofa, ergriff traulich meine Hand und zog mich neben sich. Meine schüchternen Mienen mochten verraten, daß ich mich durch dies Betragen etwas befremdet fand. Behende sagte sie: »Warum sind Sie so scheu? Fürchten Sie sich denn vor Frauenzimmern?« Ich . Nicht vor so guten, wie Sie mir scheinen; es gäbe freilich welche, die ich fürchten würde. Sie . Es gibt aber auch Geistliche, mit denen ich nicht so allein sein möchte. Das erfuhr ich, als man mich zur Nonne machen wollte. (Sie seufzte.) Ich habe Ihre Fischergedichte gelesen, Sie können der rohe Mann nicht sein, den ich fürchten müßte. (O, wie schmeichelte mir das so süß!) Sehen Sie dort das Klavier? Ich würde es lieben, wenn man mich nicht angehalten hätte, es für den Klostergebrauch zu lernen. Ich . Sie spielen aber doch noch bisweilen zu Ihrem Vergnügen? Sie . Nein, aber mein Bruder, den Sie neulich im Theater gesehen haben. Er holte mich ab. Dies führte mich ohne Zwang darauf, mich näher um ihre Familie zu erkundigen. Es zeigte sich, daß sie die Tochter eines bekannten Augsburgischen Künstlers sei. Ich erzählte, daß ich sie, auf ihr Wort hin, schon zweimal in Lechhausen gesucht hätte. Hannchen erwiderte schmeichelnd: »Ach, ich dachte wohl auch daran, Sie könnten vergebliche Gänge machen, aber wir wurden nach Friedberg eingeladen und es war unmöglich, zu kommen. Verzeihen Sie mir und bleiben Sie das nächste Mal nicht aus! Ich treffe Sie dort gewiß an. Ich . Es mag sich ereignen, was da will, ich bleibe nicht weg. Sie (indem sie meine Hand sanft emporhob, sich zärtlich darauf herabneigte und dieselbe an ihre Wange drückte): »Sie müssen mein Freund werden! Eine so wohltätige Hand darf ich schon küssen.« Nun wollte sie auch ihre Lippen darauf drücken, aber beschämt sträubte ich mich dagegen und zog die Hand zurück. Da öffnete sich die Tür und ihr Vater trat herein. Mir war bange, er möchte durch das Glasfenster in der Tür die letzte Szene gesehen haben und sie etwa übel deuten. Aber er betrug sich sehr höflich gegen mich, und das liebliche Mädchen sagte ihm sogleich: »Das ist der geistliche Herr, der zu unserm alten Manne kommt. Ich sah ihn eben hineingehen und bat ihn ein wenig einzukehren. Er hat mir versprochen, uns nächstens in der Laube zu besuchen.« Nun lud mich auch der freundliche Künstler zur Abendgesellschaft ein, und ich eilte am nächsten Feiertage vergnügt nach Lechhausen. Noch kannte ich die trauliche Schöne nicht genug, um mit Gewißheit entscheiden zu können, ob sie meiner Zuneigung auch wert wäre. Aber ihre Unbefangenheit ließ mich ahnen, sie könne unmöglich zur schlimmern Klasse gehören. Kaum erblickte sie mich auf der Straße, so verließ sie die Laube und schwebte mir in holder Eile entgegen, wie eine Grazie lächelnd. Mit einer Offenheit, die ihresgleichen nicht hatte, unterhielt sie mich den ganzen Abend, der mir unter Gesängen und süßem Geschwätze, gleich wenigen Minuten, dahinfloß. Ich mußte versprechen, daß ich ihr bis zur nächsten Zusammenkunft ein Gedichtchen machen wollte. Es fügte sich eben, daß ich unvermeidlicher Geschäfte halber schon um acht Uhr in der Dompropstei erscheinen sollte, allein ich konnte mich erst losreißen, als es bereits finster zu werden begann; der Vater hätte noch gern sein Glas Wein geleert, und ich sah mich gezwungen, Abschied zu nehmen, ohne sie, wie ich wünschte, nach Hause führen zu dürfen, Hannchen begleitete mich den langen Gang hinab durch den Garten. Sobald wir dem Vater und ihrer Schwester aus den Augen waren, schlang sie freundlich ihren linken Arm um meine Hüften und ich meinen rechten um ihren schlanken Leib. So gingen wir bis an die Umzäunung des Gartens. Der Dämmerung einladendes Dunkel, der sprechende Liebesblick, die Traulichkeit des herzlichen Mädchens und die Einsamkeit selbst luden mich ein, mein Haupt auf ihre Schulter zu lehnen und dann meine Lippen auf ihre blühende Wange zu drücken. Sanft, wie eine Purpurnelke, die der schmeichelnde Zephyr behaucht, neigte sie das schöne Haupt zurück, daß mein heißer Mund sich auf den weichen Hals verirrte. Zärtlich drückte sie meine Hand beim Scheiden, als wollte sie mir dadurch sagen, wie wenig ihr meine Kühnheit mißfallen hätte. Unvergeßlich schwebte nun, die folgenden Tage durch, die süße Szene vor meiner bezauberten Seele, und ich schmachtete immer voll Verlangen nach ihrem süßen Geschwätze. Jetzt fühlte ich recht, was Plato sagt: »Ein Liebeskuß entzündet das Blut, wie Gift in Honig genossen.« Unruhig harrte ich des kommenden Feiertags und blätterte mein ganzes Gedankenregister vergebens durch, um etwas Leidliches für das liebliche Kind zu dichten. Mit keinem Aufsatze war ich zufrieden. Immer schrieb ich, und immer zerriß ich wieder die Blätter. Der Sonntag kam heran, es glänzte der heiterste Himmel, und noch hatte ich kein Gedichtchen vollendet. Sogleich nach dem Mittagessen ging ich in das niedrige Buschwäldchen hinaus, das die Heide bei Lechhausen nicht unangenehm kleidet. Schon öfters hatte ich da mit Vergnügen allerlei Aufsätze geschrieben; ich hoffte, auch jetzt sollte mich der Geist der Idylle anwehen. Ich irrte mit Papier und meiner messingenen perpetuierlichen Feder, die im Oberteile zugleich die Tinte enthält, lange im Gesträuche hin und her, aber die Einfälle wollten sich nicht haschen lassen, sie entflohen mir, wie Schmetterlinge einem zu ungeduldigen Knaben. Endlich wußte ich meiner armen Seele keinen bessern Rat, als den letzten Abend in der Laube zu besingen. Es gelang mir besser, als ich gehofft hatte. Überaus lieblich errötete sie, als ich ihr in der Laube aus meinem unordentlich beschriebenen Blatte das Gedichtchen vorlas, aber sie konnte die Freude nicht bergen, der Gegenstand dieses Gesanges zu sein. Ganz unverhohlen wünschte sie, der Aufsatz möchte schon jetzt, ins reine geschrieben, vor ihr liegen, um ihn je eher je lieber mit sich nach Hause zu nehmen. Öfters fragte sie deshalb mit schlecht verborgener Ungeduld, ob ich ihn nicht bald abgeschrieben ihr überreichen würde. Ich versprach die möglichste Eile, und sie drückte mir dafür desto inniger die Hand. Es folgte ein sehr vergnügter Abend. So oft mir ein Gläschen eingeschenkt ward, kredenzte sie kosend den Wein und blickte mir zärtlich in die Augen. Wir sahen ein Donnerwetter heranziehen und beschlossen, nach Hause zu kehren, ehe uns der Platzregen überraschen könnte. Es dunkelte bereits, als wir aufbrachen, und ward immer dunkler, je näher die schweren Wolken heranzogen. Hannchen und ich liefen Arm in Arm ein wenig voraus, ihre blasse Schwester und der Vater folgten uns in geringer Entfernung. Der Gewitterwind sauste und wirbelte den Staub um uns auf. Die Blitze wurden blendender, und der Donner rollte immer näher und schmetternder. Hannchen schmiegte sich an mich und fuhr bei jedem heftigen Schlage erschrocken zusammen. Immer unbändiger toste der Sturm. Ich sprach ihr Mut ein und ermunterte sie durch mein Beispiel. Schon waren wir eilig durch die Stadt bis zum Klinkertore gelaufen, da krachte es plötzlich hinter uns, wie wenn durch eine entzündete Mine die nahen Türme geborsten wären, denn der Strahl war auf das Torgebäude herabgefahren. Mit einem lauten Schrei fiel mir Hannchen um den Leib, verbarg ihr Antlitz an meiner Brust und wußte sich vor Schrecken nicht zu fassen. Ich war zwar auch etwas betroffen, denn der Blitz hatte mich so sehr geblendet, daß ich einige Augenblicke keinen Gegenstand mehr unterscheiden konnte. Allein ich fand die Situation, in die mich der Zufall mit dem schönen Mädchen gesetzt hatte, zu interessant, als daß eine andre Empfindung als behagliches Wohlgefallen in meiner Seele hätte Raum finden können. »Schade,« hätte ich gern mit Wielands griechischem Autor im Agathon ausgerufen, »schade, daß ein solcher Zustand nicht immer währen kann!« Ich hielt das liebliche Wesen einige Augenblicke mit sanftem Drucke in den Armen und sagte mit schmeichelndem Tone: »Was fürchtet die Unschuld? Das Feuer des Himmels schadet ihr nicht! Erholen Sie sich, es hat keine Gefahr.« Ängstlich atmend hob sie sich von meiner Brust und schmiegte sich bei jedem Blitze wieder inniger an meine Seite. »O Sie sollten immer bei mir sein,« sagte sie nach einer Weile, »dann würde ich mich nicht mehr fürchten. O Gott! wenn Sie nur kein Geistlicher wären!« Ich seufzte tief: »Wollte der Himmel, ich wär' es nicht!« Wir waren beide nicht wenig bewegt. Es schien, das schrecklich Erhabene der Naturerscheinungen um uns her hatte der innigsten Rührung unsre Herzen geöffnet. Der Vater mit ihrer Schwester war jetzt an unsern Fersen. Unter Sturmgesaus langten wir endlich bei ihrer Wohnung an. Kaum waren wir alle unter das Dach getreten, so begann der Regen rauschend zu strömen. Ich durfte also noch einige Zeit in Gesellschaft des sanften Mädchens verleben, und sie zeigte mir mit freundlicher Geschäftigkeit ihre Kleider und schönen Sachen, samt dem niedlichen Kästchen, worin sie mein Gedichtchen, gleich dem köstlichsten Geschmeide, aufbewahren wollte. Zärtlich drückte sie meine Hand an ihr Herz, als sie mich endlich entließ. – Sobald ich am folgenden Morgen vermuten konnte, nun würde sie das Frühstück verzehrt haben, eilte ich zu ihrer Wohnung und brachte ihr meine Idylle. Mit freudefunkelnden Augen und errötenden Wangen drückte sie das Blatt an ihren Busen und an die frischen Lippen, setzte sich in eine Ecke des Zimmers und durchlas es lächelnd und verschämt wie einen Liebesbrief. Als sie damit zu Ende war, erhob sie sich von ihrem Sitze, drückte mir schmeichelnd die Hand und sagte etwas verlegen: »Ach, wenn's nur nicht darin stünde, daß Sie mich geküßt haben, so könnte ich's meinen Freundinnen zeigen! Aber nun geht's nicht an! Doch – ich weiß, was ich tue, ich will die Stelle ausstreichen, daß sie niemand mehr entziffern kann, so ist dem Fehler abgeholfen!« Wirklich langte sie zu meinem nicht geringen Befremden Tinte und Feder aus dem Schreibtische hervor und fing an, meine Schrift wacker zu durchackern. Ich stand betroffen da und nahm früher Abschied, als ich mir vorgenommen hatte. Von nun an war ich für den ganzen Tag verstimmt. Abends ging ich an der Wertach hinauf spazieren und schrieb die Idylle: Eitelkeit, ein Zeichen des Mangels an Zuneigung . »O, Hannchen!« dachte ich, »Vertrauen und Freundlichkeit weichen schüchtern aus der Gesellschaft zurück, wo nur Eitelkeit sie willkommen heißt.« Ich gab ihr bei der nächsten Zusammenkunft in Lechhausen das neue Gedichtchen. Aber sie fand es so herbe, daß sie mir von der Stunde an kein gutes Wort mehr verlieh. So unbefangen und traulich vorher ihr Betragen war, mit soviel Zwang und Zurückhaltung begegnete sie mir von nun an. Auch ich »fühlte mich« und eilte bald, ohne ihre Heimkehr nach Augsburg abzuwarten, verstimmt davon. Wir sahen uns nicht wieder. – In meinen selbstgewählten Nebenbeschäftigungen liebte ich, von meinen Knabenjahren an bis jetzt, immer einige Abwechslung. Schon in der dritten Schule zu Dillingen verfertigte ich bald kleine Vogelhäuschen mit Trillen, vermittels welcher der hüpfende Vogel ein paar tanzende Figürchen bewegen sollte, bald phantasierte ich Räubergeschichten und Harlekinaden oder übte mich im Versemachen und Übersetzen aus des Villons Fabeln usw. In Neuburg, im Kloster und zu Eichstädt hatte ich auch meine Tage, an denen ich durchaus nichts dichten, aber über allerlei wichtigen oder unwichtigen Maschinen, Pump- und Druckwerken, immer laufenden Springbrunnen usw. oder mathematischen Aufgaben brüten mochte, an andern Tagen, vorzüglich im anbrechenden Frühling, empfand ich Ekel an allen dergleichen trockenen Beschäftigungen, wie sie mir dann vorkamen, und konnte mich nicht mehr enthalten, meinem Hange, Idyllen oder Verse zu machen, nachzugeben. So brachte mich zu Augsburg im Herbste 1792 die Veränderlichkeit meiner Neigung auf den Einfall, eine Rechnungsmaschine zu erfinden, welche jedermann in den Stand setzen sollte, durch bloßes Umtreiben einer Kurbel die größten Multiplikationen und Divisionen fehlerlos und schnell zu beendigen. Eine Woche lang ging ich täglich auf einen angenehmen Platz am Lech hinaus, setzte mich auf einen abgesägten Weidenstrunk, zeichnete mit Bleistift die einzelnen Teile und die Zusammenfügung des Ganzen und ruhte nicht, bis nach und nach alle Schwierigkeiten gehoben waren. Ich mußte mehrere Einfälle nach der Reihe verwerfen, bis ich endlich an den möglichst einfachen geriet. Denn ohne diese Einfachheit wäre die Maschine zu kompliziert geworden. Mit der Multiplikation hatte ich's bald ins reine gebracht. Aber bei der Division, die, wie ich sogleich einsah, zum Teil nur durch Aufzählung der Zahlen auf die Räder in umgekehrter Ordnung mit ebenderselben Multiplikationsmaschine verrichtet werden konnte, brachte der Umstand, daß ein Vorgericht an den Rädern genau anzeigen muß, ob die ganze, nach jeder Subtraktion restierende Zahl größer oder kleiner als der Divisor, oder demselben gleich sei, große Schwierigkeiten hervor. Ich grübelte hierüber so lange und zerbrach mir den Kopf so sehr, um eine recht einfache Einrichtung zu erfinden, daß ich zu begreifen anfing, wie es kommen könne, daß sich manchmal ein Denker mit schwächern Nerven als ich zum Wahnsinnigen studiere. Das Ganze zerfiel am Ende in drei große Hauptteile. Der erste ist eine eigentliche Zählmaschine aus 12 oder mehr Rädern bestehend, deren jedes 10 Zähne mit zwei beigeschriebenen Ziffern von 1 bis 0 in natürlicher und in verkehrter Ordnung trägt. Wenn alle Räder auf 0 gestellt werden, und man treibt das erste Rad um, so zählt die Maschine von 1 bis zur Billion usw. Der zweite Teil ist der Läufer oder der Wagen, der einen Faktor oder den Divisor und eine große Walze mit Zähnen trägt, welche 10 bis 12 Tasten in Bewegung setzen. Der dritte Teil enthält das Vorgericht, durch welches der Wagen zu rechter Zeit ausgelöst, fortgeschoben und der Quotient hervorgebracht oder der andre Faktor in Wirksamkeit gesetzt wird. Es wäre zu weitläufig, hier das Ganze zu beschreiben. Meine Registraturgeschäfte ekelten mich indes nur desto mehr an. Ich hätte immer an meiner Lieblingsarbeit sitzen oder mich mit Dichten und Philosophieren abgeben mögen. Denn auch jetzt zog mich die Veränderlichkeit meiner Neigung bald zur Mechanik, bald zur Poesie hin. Dennoch mußte ich nun den Akten und dem Kanzleidienste weit mehr Zeit widmen, als gewöhnlich. Denn der Kurfürst von Trier war den siegreichen französischen Waffen entflohen und hatte sich nur mit einem geringen Gefolge in sein Bistum Augsburg zurückgezogen. Da nun das Personal der geheimen Kanzlei- und Kabinettsexpedition aus zu wenigen Sekretären bestand, fand Herr Statthalter für gut, mir die Ausfertigung aller geheimen Kabinettsresolutionen, Bescheide auf Protokollauszüge, Dekrete, Bestallungen usw. für das Fürstentum Augsburg zu übertragen. Von nun an mußte ich täglich, wenn ich die Registratur besorgt hatte, ins Zimmer des Herrn Statthalters kommen und einige Stunden lang, oft bis in die späte Nacht, Geheimschreibersdienste tun. »Dafür sollen Sie Ihren liebsten Wunsch bald erfüllt sehen,« sagte Herr von Ungelter, »und gewiß eine gute Pfründe erhalten.« Diese Hoffnung und die Freude, nun endlich einmal Gelegenheit gefunden zu haben, meinem freigebigen Kostherrn seine Tischgenossenschaft durch Fleiß und außerordentliche Anstrengung vergüten zu können, gaben mir Mut und Beharrlichkeit, allen Unmut und Ekel am Schreibtisch fortwährend zu besiegen. Hätte ich mich geweigert, so wär' er gezwungen gewesen, auf seine eigenen Kosten einen Sekretär zu dingen. Denn er wollte durchaus nicht das Ansehen haben, als wäre ihm irgendein Opfer zu teuer, wenn es darauf ankäme, den gnädigsten Herrn einer Last zu überheben. Bald ereignete es sich, daß Pfarreien und Frühmesserstellen auf dem Lande, die Herr Statthalter zu verleihen hatte, erledigt wurden; ich machte Miene, mich darum melden zu wollen, aber immer ward meine Hoffnung, sobald ich nur den Mund öffnete, mit der Äußerung niedergeschlagen, die Stelle sei in petto (durch eine vorläufige, geheime Entschließung) schon lange vergeben gewesen. Als nach der Wahl Kaiser Franz' II. eine Menge Supplikanten sich um das Vorwort des Kurfürsten bewarben, um per primas preces auf irgendein Kanonikat befördert zu werden, ermunterten mich einige Freunde, den Versuch zu wagen, ob ich nicht ein Empfehlungsschreiben vom Hofe erhalten könnte, denn seit langem waren diejenigen, welche ein solches Schreiben erhielten, per primas preces zu Präbenden gelangt. Da ich täglich mit Herrn Statthalter, von dessen Vorstellungen bei dem Kurfürsten der Erfolg einer Bittschrift von dieser Art größtenteils abhing, bei Anlaß der geheimen Expeditionen zu sprechen Gelegenheit hatte, so durfte ich um so mehr auf seine Geneigtheit mir zu helfen einige Hoffnung setzen, als er wirklich alle Tage meine Bemühung, ihm mit Aufopferung jeder Bequemlichkeit zu dienen, bemerken mußte. In der Tat gab er mir diesmal nicht eine völlig abschlägige, sondern eine solche Antwort, die man gewöhnlich einen Hofbescheid nennt, weil sie sich nach Gefallen günstig oder ungünstig drehen und verdrehen läßt. Ach! da standen mir, wie schon öfters, die Klienten eines adeligen Verwandten, eines Domherrn von der Partei des Herrn Dompropsts oder eines Beamten, der meinem Gönner schon einmal gefällig war – vielleicht noch irgendwo gefällig sein sollte – oder ein scheinheiliger Schmeichler und dergl. im Wege. Die Bemerkung war leicht zu machen, daß ich wenig zu hoffen hätte. Herr Statthalter handelte ohnehin nach dem Grundsatze, den er sehr oft äußerte, daß die mittelmäßigsten Köpfe unter den Studenten die besten Landpfarrer und Benefiziaten von aller Gattung abgäben. Darin mochte er recht haben, wenn es ein Verdienst ist, ängstlich beim dogmatischen Schlendrian zu bleiben, dem Volke Unsinn zu predigen, im Beichtstuhle Kreuze zu schlagen, die Messe zu murmeln, nebenbei sich gütlich zu tun, viel zu schnarchen und gelegentlich über Aufklärung zu schimpfen. Bald mußte ich armer Lechzer mit eigener Hand ein paar Briefe an den Kaiser, mit Nebenschreiben an den Fürsten Colloredo in forma majori ausfertigen, durch welche zwei Kandidaten des Priesterstandes zur Beförderung auf Präbenden empfohlen wurden. Auch sie hatte der Umstand, daß ihre Freunde bei Hofe in Gunst standen und also manche Vorsprache für sie einlegen konnten, ohne weiteres Verdienst zu dieser Gnade qualifiziert. Noch war die dritte Präbende übrig, zu der ich empfohlen werden konnte, die Ausfertigung der Rekommandation blieb lange aus. Beinahe wäre ich gutmütig genug gewesen, zu glauben, Herr Statthalter habe mir nur darum die Expedition derselben entzogen, um mich desto angenehmer mit einem Diplom der ersten Bitte ( primarum precum ) selbst zu überraschen. Aber nur zu frühe merkte ich, daß ich mich in allzu süße Träume verloren hatte. Denn auf einmal brachte mir Herr Statthalter ein Schreiben zur Expedition, welches einen Mann zur Beförderung auf ein Kanonikat empfahl, der schon zwei gute Benefizien im Domstift besaß und kein andres Verdienst hatte, als daß er die Kirchenzeremonien kritisch genau anzuordnen wußte, sehr grobe Späße machte und immer einen Vorrat handgreiflicher Schmeicheleien für seine hohen Gönner in Bereitschaft hatte. Desto fester stand nun in meinem Herzen der Entschluß, in Zukunft von niemandem als von meinen eigenen Kräften Glück und Fortkommen zu erwarten. Dergleichen Vorfälle brachten in mir eine solche Stimmung hervor, daß ich kein geographisches Buch und keine Reisebeschreibung lesen konnte, ohne an jedem einsamen Felsen oder in jeder Wildnis in Gedanken eine stille Hütte zu bauen und den Plan eines höchst bedürfnislosen Lebens auszuspinnen. Die Schweiz blieb lange mein liebstes Land. Das Leben des armen Mannes in Toggenburg erzeugte Phantasien von einem glücklichen Zustande in mir, den ich erringen könnte, wenn ich in den wildesten Alpengegenden eine Strecke sonnigen, an Felsen klebenden fruchtbaren Geländes urbar machen würde, deren ich ihres Zaubers halber lange nicht loswerden konnte. Die Reisen ins südliche Frankreich von Fisch ließen mich ein himmlisches Leben in der Nachbarschaft der Sevennen oder im Languedoc vermuten, wenn ich mich dorthin zurückziehen, mit meinen Büchern und Schriften als stiller Waldbewohner leben und dem Stande der Natur so sehr als möglich getreu bleiben würde. Manchmal hatte ich auch den Einfall, auf dem Zürcher See ein geräumiges Schiff zu kaufen, ein bequemes Bretterhäuschen darauf zu bauen, dasselbe zur täglichen Wohnung mit Küche, Bett, Vorratskammer, Ofen und Bibliothek usw. einzurichten, bald da- bald dorthin zu rudern, in den schönsten Gegenden zu landen, meine Freunde in der Stadt, so oft es mir gefallen würde, zu besuchen, nebenbei zu fischen, zu dichten, zu arbeiten und in stiller Unabhängigkeit auf meinem schwimmenden Eiland glücklich zu sein. Aber das schnelle Vermodern der Schiffe, die Unbequemlichkeit dieser Lebensart im Winter, wenn meine Wohnung einfrieren und vom Eise ganz umgeben sein würde, die Ungewißheit, ob man einem Fremden auch erlauben würde, so zu leben, erregten mir mancherlei Bedenken und zogen einen Nebelflor vor die Augen meiner Phantasie, so daß ich das lustige Plänchen wieder aus dem Gesichte verlor. Einst dachte ich wohl gar, es könnte vielleicht angehen, auf einer seichten Stelle im See eine kleine Insel zu bilden, Kiesel und Steine herbeizuführen und so den überschwemmten Grund bis über das Wasser zu erhöhen, dann eine Hütte darauf zu errichten, das Erdreich durch fortgesetzte Zufuhr auf Kähnen täglich zu vermehren, ein Gärtchen anzulegen, Bäume zu pflanzen und so ein eigenes neues Ländchen zu erschaffen. Allein die gegründete Furcht, die Schifferinnung möchte Einwendungen gegen mein Unternehmen machen, meine größte Anstrengung wahrscheinlich durch ihr Widerstreben vereiteln und nicht ruhen, bis vielleicht das schon halb vollendete Werk ins Stocken geriet, schreckte mich von diesem romantischen Vorhaben mehr ab, als die unsägliche Mühe, welche angewandt werden müßte, um auch nur einen sehr kleinen Fleck Landes aus dem See emporsteigen zu heißen. Ein andächtiger Kaufmann hatte sich im dichtesten Walde bei den Sieben Tischen eine artige Einsiedelei gebaut, die nicht leicht jemand fand, wenn er nicht von einem Bekannten zur Stelle geführt wurde, obwohl die Straße in einer nicht sehr beträchtlichen Entfernung daran vorüberstrich. Ein Gärtchen samt einer niedlichen kleinen Zelle war in die Tiefe vergraben, so daß man dem angenehmen Aufenthalte ganz nahe kommen konnte, ohne ihn zu entdecken. Selbst wenn man das Gärtchen erblickte, erkannte man die Hütte der Einsiedelei noch nicht. Sie war durch einen hohen Wall von dem Gartenlande gesondert und stand mit ihrem moosbedeckten Dache samt einem sehr kleinen Gärtchen in einer engern, mit Dorngebüschen dicht umpflanzten Vertiefung, in die man nur durch einen verborgenen Eingang dringen konnte. Diese Verborgenheit, mit einer ganz unabhängigen Lebensart zusammengedacht, hatte soviel Reize für mich, daß ich in vollem Ernste darauf sann, eine ähnliche verborgene Hütte in einem Lande, wo ich unbekannt wäre, z. B. im Elsaß oder in der Schweiz zu erbauen und mit allerlei Vorrat, den mir die Natur darbieten würde, im Notfalle einen kleinen Handel zu treiben. Meine Vorliebe für Unabhängigkeit von dieser Art ging so weit, daß ich wirklich einen schriftlichen Plan verfaßte, wie ich mich als Waldbewohner auf die einfachste Art nähren könnte. Der Gedanke: »So kannst du dich von dem Priestertum am besten losmachen,« ließ mein Feuer lange nicht erkalten. Nur mochte ich mich in keinem Lande niederlassen, in welchem eine mir unverständliche Sprache gesprochen würde. Denn so ganz von aller Gesellschaft abgesondert, daß ich keines menschlichen Umgangs bedürfte, konnte ich mich gar nicht denken. Ich meinte immer, wenn ich einmal in meiner einsamen Hütte warm säße, würde sich wohl eine freundschaftliche Seele finden, die ihr Herz mit mir teilen möchte. Weil ich bereits im Besitze einiger Louisd'or war, so nahm ich als gewiß an, ich würde sowohl die Reisekosten als den Ankauf der nötigen Werkzeuge mit meinem kleinen Geldvorrate bestreiten können. Dann wollte ich mir eine Hütte bauen, nicht in die Tiefe wie der andächtige Kaufmann, denn ich scheute die Nässe, sondern in die Höhe, in eine Höhle, oder an einen Abhang, wohin niemand dringen könnte. Wirklich wog ich meine Bedürfnisse und meine Erwerbungsmittel sorgfältig gegeneinander ab und brachte heraus, daß ich auch im Falle der äußersten Armut doch immer noch Auswege genug wüßte, um vergnügt leben zu können. Mein Überschlag lautete also: ein Waldbewohner kann, ohne viel Aufsehen zu machen, hegen eine Ziege, ein paar Schweine, vielleicht auch einen Esel, Kaninchen, Hühner, Tauben, vielleicht (wenn es die Lage gestattet) auch Enten, Bienen, Kanarienvögel, Schnecken in eigenen Umzäunungen, Mehlwürmer usw.; sammeln Futter für eine Ziege: Gras, Reiser und Heu an steilen Abhängen, Rainen, in Wildnissen usw., Futter für Schweine: Eicheln, Buchnüsse, Quecken, allerlei Abfall seiner Küche usw., Futter für einen Esel: Gras, Disteln, Heu usw., Futter für Kaninchen: im Sommer Gras, Quendel, Kohlblätter, Wacholderstauden und Beeren und für den Winter zartes Heu usw.; Streue für alle diese Tiere: abgefallenes Laub; Futter für Hühner und Tauben: allerlei wilde Gesäme, Zaunwicken, Maikäfer usw.; Futter für Schnecken: Klettenblätter, allerlei Gras und Kräuter; für seine eigene Küche allerhand eßbare Kräuter und Wurzeln (wovon ich ein besonderes Register aus Löwes Handbuch der Kräuterkunde auszog): Holzäpfel, Holzbirnen, Erdbeeren, Brombeeren, Schlehen, Wacholderbeeren usw., Feldsalat, Brunnenkresse, Steinkresse, Holunderbeeren, Haselnüsse, Pilze, Morcheln, Trüffeln usw. Auch zum Verkaufe Ameiseneier, Waldrauch aus Ameisenhaufen, schöne wilde Blumen oder ihre Zwiebeln, aromatische Kräuter für Potpourris usw., Harz, Tannenzapfen, Versteinerungen usw., Arzneikräuter für Apotheker usw., Schnecken. Ferner zum Ausstopfen seiner Kissen usw. Weiderichwolle im späten Herbste, Weidenwolle im Frühling usw., Brennholz; verfertigen Vogelhäuschen, Besen, Besenstiele, Stützen, Wäschestangen, kleine Leitern, Körbe, Strohhüte. Pfeifen, Skelette in Ameisenhaufen, Farben aus Kräutern und Beeren, Rähmchen, allerlei Schnitzwerk, Pfeile und Bogen, Armbrüste, Sammlungen wilder Holzarten in Kästchen, mathematische Kinderspiele, wie sie Catel in Berlin fabriziert, Potpourris, wohlriechende kleine Kissen zum Parfümieren neuer Wäsche, Geigenbogen usw. fangen Fische, Frösche, Krebse, wilde Enten mit Angeln usw., Hasen in Schlingen, Rebhühner mit Maschen, Igel, kleine Singvögel, sowohl Mückenfänger (Nachtigallen, Grasmücken usw.) als Kernbeißer (Finken, Stieglitze usw.), Raubvögel, Uhus, Eulen, Spechte usw., Eichhörnchen, Marder, Dachse usw.; anbauen wenigstens an ungangbaren Plätzchen, unter Zäunen, an Rainen und Abhängen, wo niemand hinkommt oder dergleichen vermutet: Kartoffeln, Mangold, Kappes, Salat, Welschkorn, Schnittlauch, Kohlrabi, gelbe und rote Rüben, Ackerrüben, Bodenkohlrabi, Sellerie, Zwiebeln, Meerrettich, Rettich, Kürbisse, Kukumern usw.; verkaufen alles, was er im Überflusse sammeln, verfertigen, fangen oder anbauen kann. Ferner Zicklein, junge Kaninchen, Kanarienvögel, Hühner, Eier, junge Tauben, Schnecken, Mehlwürmer, Hirschkäfer zum Spiele für Kinder usw. Notwendig müßte er dagegen kaufen Brot, Mehl, Kleider, Weißzeug, Öl oder Talglichter, einen Ofen und Küchengeräte usw., Werkzeuge, allerlei Sägen, Beile, Stemmeisen, Messer, Hobel, Schubkarren, Bohrer, Rechen, Schaufeln, Spaten usw., Kleie und den Abfall vom Getreide (Taubengesäme), zum Winterfutter für seine Hühner und Kaninchen usw., Waschgeschirre, Netze, Schnittstuhl usw., ein Bett. Das letztere, sowie meine Bücher und allerlei Gerät dachte ich mitzunehmen. Sogar einen Kalender verfertigte ich mir, welcher auf jeden Tag oder wenigstens auf jede Woche genau angab, welche Verrichtungen mit Nutzen vorzunehmen seien, was am besten gesammelt, gefangen, angebaut, verfertigt, verkauft und gekauft werden könnte, so daß ich nach Vollendung meines Aufsatzes voll Entzücken ausrief: »Gott sei Lob und Dank! Mir kann's nie ganz übel gehen auf Erden!« Meine süßen Träume von Unabhängigkeit und Befreiung aus den Fesseln der Hierarchie wurden nun von Tag zu Tag lebhafter, die Beschwerden des geistlichen Standes, dessen Verrichtungen mit meiner Überzeugung so sehr im Widerstreite lagen, schienen mir stündlich zuzunehmen, und mein Amt, das mich in allerlei Verdrießlichkeiten unablässig verwickelte, ekelte mich immer unausstehlicher an; der gänzliche Mangel an offenherzigen Freunden und der Druck, unter dem ich seufzte, sowie die Ränke und Tücken der Hofleute, die ich täglich bemerken konnte, erfüllten mich mit Widerwillen gegen die Verhältnisse, in denen ich stand, so daß mein Geist in ewiger Unruhe einen schicklichen Ausweg suchte, mich aus einer Lage zu retten, die mir so unbehaglich war. Ich fühlte indessen wohl, daß mein Plan, als ein Waldbewohner zu leben, nur als ein Rettungsmittel im äußersten Notfall anzusehen sei, denn seine Ausführung forderte nichts Geringeres, als den Wissenschaften und allen Bequemlichkeiten des Lebens auf einmal zu entsagen und der Unabhängigkeit alles übrige, was dem Menschen angenehm ist, für immer aufzuopfern. Unermüdet sann ich also auf neue und ergiebigere Mittel, meinen Unterhalt als ein freier Mann, ohne ein Geistlicher zu bleiben, ergiebig und doch mit einiger Bequemlichkeit zu erwerben. Wenn ich die Verfügungen der französischen Volksrepräsentanten mit unsern katholischen Einrichtungen und dem hierarchischen Unwesen verglich, das von Natur aus aller Verbesserung widerstrebt, so ward mir mein Zustand noch um einen merklichen Grad unerträglicher und ekelhafter. So oft ich die Zeitung las und eine große Idee, deren Ausführung ich kaum nach ein paar Jahrhunderten für möglich gehalten hatte, wirklich durch Gesetze zur Ausführung gebracht sah, schlug mir das Herz lauter und ich segnete das Land, das die Vorsicht erkoren hatte, durch Licht und Kraft die Völker eine Stufe höher auf der Leiter der großen Erziehung emporzuführen. Wenn mir jemand Klagen über das gegenwärtige Mißgeschick Frankreichs vorwinselte oder im Tone eines Unglückspropheten vorpolterte, schlug ich sie mit der Einwendung nieder: »Ein Mann, der ein Haus baut, muß nicht verlangen, noch ehe der Bau zur Hälfte vollendet ist, bequem darin zu wohnen.« Ich empfand so viel Hochachtung vor den neufränkischen Gesetzgebern, daß es mir gar nicht zu Sinne kam, an der Redlichkeit und am geraden Biedersinne irgendeines Deputierten zu zweifeln. Der Gedanke, in einem so freien glücklichen Lande mein Leben zu beschließen, ward bald zum Vorsatze und zum Lieblingsgedanken. Welche schöne Aussicht! Auf einmal lag das unbekannte Land neu entdeckt vor mir, wo jeder ehrliche Mann denken, schreiben und tun durfte, was einem ehrlichen Manne geziemt, ohne deswegen seiner Bürgerrechte beraubt oder verfolgt zu werden. Oft fiel mir ein, ich sollte nach Straßburg gehen und dort als geschworner Geistlicher Wahrheit und Tugend nach meiner Überzeugung lehren. Aber bei allem Vertrauen, das ich auf den Heldenmut und den patriotischen Enthusiasmus meiner geliebten neuen Republikaner setzte, vermochte ich doch die Besorgnis nicht völlig zu besiegen, es könnte den Deutschen gelingen, das Elsaß zu erobern und eine Zeitlang in Besitz zu nehmen, dann wären alle meine schönen Hoffnungen, wenigstens solange der Krieg dauern würde, zerstäubt. Einst, als Herr Statthalter mit dem Kurfürsten auf einige Tage verreist war, ging ich zur Erholung ins Dorf Göggingen spazieren, besah das neuerbaute geistliche Zuchthaus und schlenderte sinnend in der Gegend umher. »Du hast schon allerlei erdacht,« sagte ich zu mir selbst, »mache endlich auch etwas ausfindig, das dir Brot gibt!« Ich verfiel auf allerlei Unternehmungen und entschied nach mancher Überlegung, die vorteilhafte Fabrikation auch der geringsten Ware, die als Kleidungsstück durch den täglichen Gebrauch verzehrt wird, sei die unerschöpflichste Goldgrube. Nun führte mich der Weg zum äußersten Hause des Dorfes, und es tönte mir ein Geklirre entgegen, das mich augenblicklich an eine Bandmühle erinnerte, von deren Dasein in Göggingen ich vor kurzem flüstern gehört hatte. Neugierig trat ich ans Fenster, erkannte die Maschine beim ersten Anblicke und sah, wie eine arme Frau dieselbe einigen Zuschauern zu Gefallen in Gang brachte. Sogleich trat auch ich zu den übrigen in die enge Stube, faßte die Einrichtung des ganzen Werkes und seiner Teile genau ins Auge, ließ mir jede Bewegung erklären und vormachen und schied, als ich alles wohl begriffen hatte, nicht ohne Hinterlassung eines Geschenkes, von der ehrlichen Arbeiterin. Auf dem Heimwege zeichnete ich die Hauptstruktur der Maschine aus frischer Erinnerung auf und ruhte nicht, bis ich in Gedanken selbst eine dergleichen Bandmühle zusammensetzen konnte. Die Frau hatte mir's bitterlich geklagt, daß sie von den Kaufleuten, denen sie arbeiten sollte, so kümmerlich bezahlt würde, und daß sie auch bei der glücklichsten Erfindung die Vorteile der Geschwindigkeit und Vervielfältigung des Gewebes demjenigen überlassen müßte, der sie mit Seide versehe und als Lohnmagd behandle. Mich dauerte die arme Frau, aber aus ihrem Gespräche, besonders aus der Nachricht, daß es im Kanton Basel allenthalben dergleichen Bandmaschinen gebe, merkte ich, daß bei einer so großen Konkurrenz nur ein geringer Gewinn zu erhaschen sein möchte. Deswegen dachte ich, die Grundsätze, nach welchen die Bandmühle gebaut war, mit den nötigen Änderungen auf gemeine Webstühle anzuwenden und mit denselben eine solche Einrichtung zu treffen, daß sechs bis acht Stücke zugleich gewebt werden könnten. Von nun an besuchte ich die Augsburgischen Weber in ihren Kellern und ließ mir alle Merkwürdigkeiten ihrer Kunst erklären. Sie hatten auch vor mir, als einem Geistlichen, gar keine Geheimnisse, besonders, da ich sie nicht ohne Geschenke verließ. Ich machte sogleich ein Modell und fand, daß zwei Männer erfordert würden, einer um die Webmühle in Bewegung zu setzen, der andre, um die etwa reißenden Fäden wieder anzuknüpfen. Am vorteilhaftesten könnte sie zu Flanellgeweben und großen, sehr breiten Leinwandstücken angewandt werden, denn die Vorrichtung, welche das Schiffchen hin und her schießt, führt den Eintrag fast ebenso leicht über eine beträchtliche als über eine geringe Breite hin und her. Die Maschine würde jedoch im großen ziemlich kostbar ausfallen. Dieser Umstand und, daß das Zetteln eine beschwerliche Arbeit ist, welche nach Verhältnis der Menge der Gewebe eine nicht kleine Anzahl wohlunterrichteter Personen erfordert, erzeugte in mir den Wunsch, statt einer Webmaschine lieber noch eine andere, die wohlfeiler verfertigt und leichter gebraucht werden könnte, ausfindig zu machen. Baumwolle wird auf vielen Maschinen gesponnen; auch in Augsburg fand ich mehrere dergleichen, allein ihre Einrichtung forderte allzu viele Arbeiter, welche die Wolle erst auf besondern Maschinen krempeln, auf einer zweiten Maschine in grobe Fäden trillen, dann auf Spulen winden und endlich auf einer dritten Maschine spinnen mußten. Die Wolle zog sich auch zu ungleich aus, die Fäden drehten sich zu unordentlich, zerrissen alle Augenblicke und machten die ganze Spinnmaschine stocken, so daß mit einem solchen Vorgerichte unmöglich ein großer Nutzen erzweckt werden konnte. Ich sagte also zu mir: »Man hat noch keine Maschine, die Flachs spinnt, ersinne eine solche, welche wenig Personen erfordert, einen gleichen, gutgedrehten und nach Belieben sehr feinen oder starken Faden liefert, viele Spulen bewegt, wenn ein Faden reißt, nicht gänzlich stockt, und ohne große Kosten aufgestellt werden kann«. Eine geraume Zeit sann ich vergebens hin und her. Die langen Flachshaare wollten sich durchaus nicht nach meiner Willkür regelmäßig trennen lassen. Endlich fiel ich doch auf eine Einrichtung, die das vollständig zu leisten versprach, was ich gesucht hatte. Die wichtigen Vorteile davon waren in die Augen springend. Entzückt rief ich auch mein ευρηκα aus, hüpfte im Zimmer umher, warf mich entzückt auf die Knie und sagte mit einem dankenden Aufblicke zum Himmel: »Führe mich, Allvater, da du mich erleuchtet hast! Nun beginnt eine neue Periode meines Lebens!« Nachdem ich mich also wegen meines künftigen Unterhalts für jeden Fall vollkommen geborgen wußte, beschloß ich, bis zum erfolgenden Frieden mit Frankreich in Deutschland zu bleiben und abzuwarten, ob nicht etwa doch das Glück mich indessen auf eine meinen Neigungen angemessenere Stelle führen würde, – sollte ich aber leer ausgehen, so wollte ich nach dem Frieden mich in Frankreich ansiedeln und dort ein kaufmännisches Gewerbe beginnen. Ich fühlte allmählich, daß ich noch viele Versuche wagen, eine ganz neue Lebensart ergreifen und mich an noch nie geführte Geschäfte gewöhnen müßte, um als Fabrikant mein Glück zu machen. Ein Überbleibsel des mönchischen Lebens, die Indolenz, hätte es also gern gesehen, so vieler Schwierigkeiten durch Beförderung auf ein geistliches Amt mit einmal enthoben zu sein. Allein es fügte sich anders. Als Kaiser Franz nach der Krönung in Frankfurt auf seiner Rückreise nach Wien in Augsburg eintraf, kam ich mit einem Fremden, der mich besucht hatte, in Hofmanns Kaffeehaus, welches den Drei Mohren, wo der Kaiser abstieg, gerade gegenübersteht. Dort fand ich den Straßburger Kurier, für mich ein froher Fund! Denn nun wußte ich doch eine sichre Gelegenheit, regelmäßig eine Zeitung aus Frankreich zu lesen, welches ich lange vergebens gewünscht hatte. Zwar geriet mir bei Herrn Statthalter der Moniteur, welchen sich der Minister Duminique hielt, zuweilen in die Hände und gab mir ein demokratisches Fest, allein das war eine Seltenheit, und ich hätte immer gern das Neueste aus der Revolutionsgeschichte gewußt. So oft ich nun vermutete, es sei ein neues Blatt des Straßburger Kuriers angekommen, ging ich abends, etwas verkleidet, ins Kaffeehaus und verschlang mit einer Art Heißhunger die eingelaufenen Neuigkeiten. Da lernte ich einen artigen Mann aus Schlesien kennen, dessen natürlicher Witz, seine Lebensart und stilles Betragen mich anzogen. Immer setzten wir uns in eine Ecke zusammen und plauderten ruhig über das, was uns eben das Interessanteste war. Einst fügte es sich, daß der evangelische Kirchendiener von St. Ulrich nicht fern von uns saß. Wir lasen in der Zeitung die Nachricht, Herr Pfarrer Lavater habe zu Zürich gegen die Verfügungen der französischen Republik gepredigt. »Das ist eine derbe Lüge,« sagte der Kirchendiener, »Lavater ist zu vernünftig, als daß er sich Ausfälle gegen fremde Mächte erlauben sollte, das beteuerte mir Herr Steiner, mein Pfarrherr, erst heute, und der muß es wissen, denn er ist Lavaters innigster Freund.« Vor ein paar Tagen hatte ich aber einen Brief aus Zürich erhalten, in welchem mir ausdrücklich berichtet ward, Herr Lavater habe sich wirklich gegen die Königsmörder und Religionsstürmer Frankreichs in sehr derben Ausdrücken auf öffentlicher Kanzel erklärt. Ich teilte also meinem Nachbar im Vertrauen den Inhalt des Briefes mit. Der Kirchendiener vernahm es, leugnete mit Eifer die Möglichkeit der Sache und wollte mich des Gegenteils überweisen. Dies zog mich in einen Streit hinein, der immer lebhafter ward, so daß ich mich beim Umschauen auf einmal von einer Menge Kaffeegästen umringt sah, welche zum Teil des Mesners, zum Teil meine Partei nahmen. Auch katholische Kaufmannsdiener und Handelsherren waren darunter, die mich mit scheelen Augen betrachteten, denn ein katholischer Geistlicher sollte sich nie in einem lutherischen Kaffeehause blicken lassen. Zwar zog ich mich sogleich zurück, allein ich hatte schon einmal Aufsehen erregt. Der Vorfall schien keine Folgen zu haben. Lange blieb alles ruhig und still. Nun starb Herr von Rehling, der zwei Kanonikate besaß. Sobald ich abends zur Expedition kam, bat ich Herrn Statthalter, meiner eingedenk zu sein. Er sagte, es gebe zwar sehr wichtige Kompetenten um diese Pfründen, aber er wolle doch das Seinige tun, vielleicht gelinge es mir, mit meinem Gesuche durchzudringen. Den letzten Brachmonats kam ich zum Herrn Geistlichen Rat und Fiskal Kögl, um einige Gulden für Stiftungsmessen abzuholen, die ich bei St. Peter, wo er Kanonikus und Kassenverwalter war, gelesen hatte. Ich fand ihn in seiner Gartenlaube. Da nahm er eine sehr ernste Miene an und sagte mir, Seine Kurfürstliche Durchlaucht hätten es ihm sehr nahe ans Herz gelegt, mir vier Klagepunkte vorzuhalten. Zwar könnte er dies nun als Fiskal von Amts wegen tun, allein weil ich mich bisher so gut betragen habe, so wolle er mir alles im freundschaftlichen Tone vortragen und mich treulich warnen, keinen ferneren Anlaß zu Klagen zu geben. Dann eröffnete er mir wirklich viererlei Beschuldigungen, welche gegen mich bei dem Kurfürsten angebracht worden waren. Die erste war: ich habe das Hofmännische Kaffeehaus besucht, dort über Lavater ungünstig und laut geredet und vielleicht gar über die französische Revolution demokratische Gespräche geführt. Der zweite Klagepunkt war: ich laufe öfters zum Herrn Löhle ins Haus, um eine Weibsperson zu besuchen, die schon Herr Domdechant weggeschafft habe. Drittens: ich habe mich unterstanden, über Vikariatsprozeduren zu räsonieren usw. Viertens endlich: täglich komme ich zum Buchhändler Stage, so daß es auffalle und jedermann sage, ich lese die französischen Zeitungen. Ich rechtfertigte mich sofort ziemlich heftig und widerlegte die einzelnen Punkte, allein viel vermochte ich doch nicht auszurichten. So wenig ich mich indes weiter darum bekümmerte, so konnte ich daraus doch deutlich abnehmen, daß man fürchtete, ich möchte zu einer Präbende gelangen, und daß man also den Weg der Verleumdung einschlug, um mich von aller Beförderung desto gewisser zu entfernen. Ich klagte dem Herrn Statthalter meine Not, denn eine Warnung durch den Fiskal hat für einen Geistlichen immer etwas Beschimpfendes. Allein er nahm so wenig Anteil an meiner Unzufriedenheit und lächelte so sonderbar dazu, daß ich auf den Gedanken geriet, er möchte wohl schon lange um alle Beschuldigungen gewußt und sie mir nur verhehlt haben, um mich wegen der Expedition bei guter Laune zu erhalten. Bald brachte er mir zwei Empfehlungsschreiben nach Rom zum Mundieren, in welchen niemand weniger als ich, wohl aber zwei reiche Beamtensöhne zu den erledigten Präbenden empfohlen wurden. Da in Rom die Beförderungen in solchen Fällen, aus besonderer Vergünstigung des Papstes, von dem Willen des Bischofs von Augsburg abhingen, so war meine Hoffnung ganz gescheitert. Als mir Herr Statthalter die Aufsätze überreichte, saß ein spöttischer Zug um seinen Mund, er dachte wohl, es würde mich verdrießen. Geduldig schrieb ich aber die langen Briefe ins reine, dachte mutvoll an meine Maschinen und an Frankreich und übergab ihm die Blätter. Nicht lange, so ließ er mich noch einmal rufen, zeigte mir an, es sei im Aufsatze etwas sehr Notwendiges vergessen worden und befahl mir, die Schriften mit den nötigen Änderungen von neuem auszufertigen. Da meine Aufmerksamkeit einmal erregt war, fand ich bald, es müßte auch die hierarchische Stufe (Gradus Ordinis), auf welcher der Kandidat stünde, in der Schrift angezeigt werden, sonst wäre dieselbe ungültig. Allein er würdigte meine Einwendung keiner Achtung, sondern befahl mir, ein wenig herrisch und eigensinnig, die Schrift so zu expedieren, wie sie der Konzipient verbessert hatte. Noch einmal schrieb ich also die beiden langen Aufsätze geduldig ab und ging, nachdem ich damit fertig war, müde davon. Er mußte sehen, daß ich teils wegen meiner betrogenen Hoffnung auf eine Präbende, teils wegen des unnötigen Geschreibes etwas empfindlich war und nicht ohne finstre Miene Abschied nahm. Mit einem Lächeln, das meines Verdrusses zu spotten schien, entließ er mich. Noch war ich nicht zu Hause angelangt, da lief mir schon ein Bedienter nach und holte mich zurück. Sobald die mundierten Blätter dem Kurfürsten und seinen Räten vorgelegt wurden, fand man, daß wirklich die Anzeige fehlte, welche geistliche Weihe der Kandidat bereits empfangen habe, und daß deshalb das Präsentationsinstrument unbrauchbar und ungültig sei. Als ich kam, sah mir Herr Statthalter wie forschend in die Augen und sagte: »Ihre Erinnerung war richtig, entweder muß noch der Gradus Ordinis geschickt hineinkorrigiert oder das Ganze umgeschrieben werden. Wozu entschließen Sie sich?« »Meine Erinnerung hätte also doch einige Achtung verdient,« erwiderte ich etwas unmutig, »ich will versuchen, das Abgängige zwischen die Zeilen zu schreiben.« »Es scheint,« fuhr er lachend fort, »diese Kanonikate seien gar nicht bestimmt, Ihnen Freude zu machen!« Ich schwieg, heimlich zürnend, daß er in einer solchen Stimmung meiner noch spotten könnte, rückte die nötigen Verbesserungen, so zierlich es mir möglich war, an den gehörigen Stellen in den Text, ließ die Papiere auf dem Tische liegen und ging, ohne ein Wort zu sagen, davon. Er sah mir mit einer Miene nach, die versteckten Ärger mit Hohn über die Ohnmacht des Mißmutigen verriet. Kaum war ich halben Weges, so kam mir schon wieder ein Bedienter nachgelaufen und sprach, leise spottend, wie sein Herr: »Die beiden bewußten Schriften müssen heute noch einmal abgeschrieben werden, denn morgen in aller Frühe sollen sie abgehen, und Seine Exzellenz sagen, man nehme in Rom leider nichts Korrigiertes an.« Daraus schloß ich, Herr Dompropst habe sogar dem Bedienten erklärt, was vorgefallen sei. Nun setzte mich die Ungeduld plötzlich außer Fassung, und ich antwortete mit entschlossenem und etwas heftigem Tone: »Monsieur Niklas! Sagen Sie dem Herrn Dompropst, heute komme ich nimmer; daß die Schriften so wie ich sie expediert habe, brauchbar seien, wisse ich gewiß; ihm zu dienen sei ich allzeit bereit, aber niemals mich schikanieren zu lassen!« Und damit ging ich meines Weges. Der Bediente rief mir zu: »Soll ich das ausrichten?« »Ja!« erwiderte ich zornig und ließ mich nicht aufhalten. Wirklich gingen den andern Tag die beiden Präsentationen nach Rom ab, so wie ich sie gefertigt hatte, und wurden dort ohne Anstand akzeptiert. Wäre ich zurückgegangen, so hätte ich sie zum drittenmal unnötigerweise kopieren müssen, nur um die Erfahrung zu machen, daß man auch den leisesten Wunsch seines Herrn für einen Befehl anzusehen habe. Als ich nach Hause kam, fragte ich mich selbst: »Was willst du hier in Augsburg? Mit 400 fl. Gehalt ein ewiger Sklave bleiben oder ein Benefizium erwarten? Merkst du noch nicht, daß man immer etwas hervorsuchen wird, um dich zu verdrängen oder abzuweisen? Wie kannst du hoffen, Herr von Ungelter werde sich jetzt, nachdem du ihm rauher als sonst begegnet bist, willig finden lassen, mit Nachdruck deine Partei zu nehmen, da er nicht einmal den Mut hatte, in dem Zeitpunkt, da du ihm mit Aufopferung aller deiner Bequemlichkeit dientest, dich bei dem Kurfürsten zu verteidigen? Hat er dich nicht bei allen Gelegenheiten erniedrigt und an der Kette zu halten gesucht? Was erwartest du jetzt von ihm, nachdem er durch deine herbe Rede beleidigt wurde? Auf wen kannst du sonst deine Hoffnung bauen? – Weg denn von hier! In Augsburg grünt dir kein Glück!« Dieser Gedanke war meiner Seele nicht neu. Ich hatte mich schon lange mit ihm vertraut gemacht und fest beschlossen, denselben nach einiger Zeit auszuführen. Nun entstand aber die Frage: »Ist es vorteilhafter, bis zum Frieden bei deinem Amte auszuharren oder sogleich nach Frankreich zu gehen?« Ich fühlte, daß die Antwort und der hiernach zu fassende Entschluß einer reiflichen Überlegung wert seien und nahm mir vor, an diesem Abend, da mein Verstand wegen des noch lebhaften Verdrusses und der Unruhe in meinem Innern einer kältern Untersuchung nicht fähig wäre, über meine künftige Lebensart nichts zu entscheiden. Aber ich konnte es nicht hindern, daß mir die Nacht durch nicht manche Einfälle und sonderbare Projekte durch den Kopf liefen. Morgens, als ich erwachte, begann das Grübeln von neuem. Ich sah noch gar nicht klar in meiner Sache. Nachsinnend stand ich auf, rief um Erleuchtung zum Himmel und setzte mich hin, um die Gründe für und gegen eine neue Flucht schriftlich abzuwägen. Nachdem ich alles notiert und währenddem immer auf's sorgfältigste, was ich aufgeben und wessen ich für die Zukunft gewärtig sein müßte, überlegt hatte, überwog allmählich die Sehnsucht nach Freiheit so sehr in mir, daß ich mit einemmale aufsprang und laut ausrief: Ewig trage Sklavenketten, Wem es vor der Freiheit graut! Serviat aeternum, qui timet esse liber! (Lateinisches Sprichwort.) Damit war meine Flucht endgültig beschlossen. Nun tat ich mein Vorhaben einem Freunde kund, der mich eben besuchte, verschwieg aber aus Vorsicht die Zeit, da ich es ausführen wollte. Er billigte meinen Entschluß und versprach mir heilig, zu schweigen. Diese Kundmachung befestigte mich in meinem Sinne und war ein Antrieb mehr, zur Sklaverei mich nicht länger zu verstehen. Denn ich schämte mich von jeher keiner Schwachheit so sehr, als wankelmütig zu erscheinen. Nun war es mir darum zu tun, meinen Entschluß auf die geschickteste Art auszuführen. Ich nahm mir vor, die brauchbaren Bücher und Geräte, welche sich füglich packen ließen, vorläufig in die Schweiz zu schicken, das übrige teils zu verkaufen, teils zu verschenken, teils dem Geber zurückzustellen oder mitzunehmen. Es war nicht leicht, alle meine Geräte fortzuschicken oder zu verkaufen, ohne daß es Aufsehen machte. Aber alle Schwierigkeiten verschwinden, wenn man ernstlich will. Ich sann lange hin und her, wie ich meine Kisten und Verschlage unter gültigem Vorwande aus dem Hause bringen könnte. Das Unternehmen hatte seine großen Bedenklichkeiten. Alles kommt gewöhnlich bei dergleichen Anlässen auf die Wahl der vorteilhaftesten Zeit und auf den Gebrauch an, den man von den kleinsten Umständen des Ortes und der Lebensart seiner Einwohner zu machen weiß. Ich bemerkte, daß eben die St. Ulrichs-Dult einfiel, eine Messe, die auf dem Weinplatze im obern Teile der Stadt gehalten wird und etwa vierzehn Tage dauert. Meine Hausleute hatten dort eine Bude und mußten ihre Waren in großen Kisten dahinführen lassen. Ich sagte zu mir selber: »Wenn du es so anstellen kannst, daß deine Kisten während der Marktzeit fortgeliefert werden, ohne daß du dich auf öffentlicher Straße oder unter der Haustür als Ablieferer zeigest, so kannst du sie ohne Verdacht hinbringen lassen, wohin es dir beliebt. Die Nachbarn, so aufmerksam sie auch sein mögen, können nicht auf den Gedanken geraten, daß sie von dir herrühren. Jedermann wird glauben, der Hausherr lasse wieder Waren auf den Markt führen. Da er indessen selbst mit der Hausfrau auf dem Ulrichsplatze beschäftigt ist, so wird es dir ein leichtes sein, ohne sein Wissen deine Sachen zum Boten zu schicken.« Die Anstalten mußten aber ohne Zaudern gemacht werden, denn die Ulrichsmesse war vor der Tür. Aber wo sollte ich so viele Kisten hernehmen, als ich nötig hatte, um all mein Gepäck darein zu stecken? Nur ein großer Koffer und ein geräumiger Verschlag, den ich von Dillingen mitgebracht hatte, standen mir zu Gebote. Ich gab vor, ich hätte eine große Kiste für meine halb vollendete Rechnungsmaschine nötig, um sie vor Staub zu verwahren, und ließ dieselbe vom Tischler verfertigen. Um noch mehrere Kisten zu erhalten, durchsuchte ich die Plunderkammern unterm Dache und entdeckte einen ganzen Vorrat hölzerner Verschlage, in welchen man dem Hausherrn Waren zugesandt hatte. Sie waren bereits so bestäubt, daß ich hoffen konnte, man würde sie einige Wochen lang nicht missen. Sogleich beschloß ich, Gebrauch davon zu machen und dieselben durch Abtretung einiger Möbel, die ich ohnehin nicht wohl verkaufen konnte, dem Eigentümer bei meiner Abreise zu vergüten. An Behältnissen, meine Sachen einzupacken, hatte ich nun keinen Mangel mehr. Aber wie sollte ich sie füllen, ohne daß man es merkte? Ich fing es auf folgende Weise an: zuerst sonderte ich alle Bücher, die ich mitnehmen wollte, von denjenigen ab, die ich zu verkaufen im Sinne hatte. Die letzteren setzte ich in engen Reihen auf Tische und Kommoden in meinem Zimmer und überließ sie dem Büchertrödler oder Antiquar Junginger um den Preis, den er mir eben zu bezahlen Lust bezeigte. Dann versah ich mich mit schwachen Pappendeckeln (Kartons), schnitt sie der Länge nach entzwei und formte aus jedem durch Biegen mehrere Bücherrücken, spreizte dieselben mit Spänen auseinander und stellte sie statt derjenigen Reihe Bücher, die ich herausgenommen hatte, in die ausgeräumten Stellen. So fuhr ich fort, bis die Bibliothek geleert und meine Kisten gefüllt waren. Damit man in den niedrigen Fächern nicht sehen möchte, daß hinter den Pappendeckeln nur leerer Raum sei, bedeckte ich dieselben mit nachlässig daraufgelegten kleinen Broschüren von geringem Werte. Um dieser falschen Büchersammlung noch ein täuschenderes Ansehen zu geben, schrieb ich allerlei mutwillige Titel auf die Rücken der Deckel, z. B.: Vollständige Wissenschaft eines Domherrn, Anekdoten höfischer Redlichkeit, 1. bis 6. Band; Nützliche Wahrheiten, kundgemacht von echten Theologen; Sammlung edler Handlungen wahrer Hofschranzen; Philosophische Lektüre für Prälaten und Kellermeister; Vernünftige Philosophie, approbiert von den Herren Jesuiten; Äußerungen geraden Menschensinns aus den Schriften der Rosenkreuzer und Goldmacher usw. Dergleichen Aufschriften auf leeren Decken sollten, wie ich glaube, am besten sagen, wie wenig Realität sie nach meinem Sinne hätten. Es war durchaus nötig, eine solche Quasibibliothek aufzustellen, teils damit meiner Hausfrau, die täglich, wenn ich ausgegangen war, Bett und Geräte in Ordnung brachte, die Ausleerung der Bücherstellen verborgen bliebe, teils damit niemand von meinen Bekannten, wenn er mich etwa besuchen würde, bei einer unversehenen Eröffnung der Kammertür die sonst vollen Reihen ausgeräumt finden und daher Argwohn schöpfen möchte. Sorgfältig erkundigte ich mich dann, zu welcher Zeit und welche Boten abgingen. In der Nacht zwischen dem 1. und 2. Juli 1793 begann ich zu packen. Dies war mit nicht geringen Beschwerden verbunden. Ich wohnte im obersten Stockwerke des Hauses. Die Kisten, welche ich füllen wollte, waren sehr groß, die Treppen ziemlich eng und öfters sich wendend. Wie durfte ich hoffen, daß so große Lasten, ohne Aufsehen und Lärm zu erregen und ohne Anstand und Gefahr von einer solchen Höhe hinabzubringen seien? Unmittelbar im nächsten Stockwerke unter mir wohnte die Familie eines Uhrmachers, welche sich zwar wenig um mich bekümmerte, aber doch bei einem so großen Getöse unfehlbar hätte aufmerksam werden müssen. Die untere Etage bewohnte der Hausherr, zu ebener Erde war der Kaufladen mit einem daranstoßenden Stübchen und hinter demselben ein Holzgewölbe, dessen Mauern stets eine so dicke Finsternis umnachtete, daß man am hellen Tage ein Licht anzünden mußte, um sich darin zurechtzufinden. Nachts, sobald ich ausgespäht hatte, daß alles im Hause schlafe, stellte ich ein Licht in das Holzgewölbe und ein andres auf mein Schlafzimmer, packte eine Bürde Bücher um die andre in ein Bettuch, trug sie leise ins Gewölbe und setzte diese Operation solange fort, bis die Kisten ganz gefüllt waren. Dann rückte ich die Lasten nicht ohne Anstrengung in den tiefsten Winkel und warf Wannen, Holzkörbe, Stangen und allerlei Bretterwerk nachlässig darüber hin, damit die Kisten den Mägden beim Eintritte nicht in die Augen fallen möchten. Damit ich niemand mein Geheimnis vertrauen dürfte, oder die Kisten etwa gar in Anwesenheit des Hausherrn abliefern müßte, ging ich selbst zu dem Boten, versprach den Packknechten ein gutes Trinkgeld, wenn sie meine Sachen zur bestimmten Stunde abholen würden, und stellte ihnen die Notwendigkeit vor, genau zu rechter Zeit bei meiner Wohnung einzutreffen, weil ich sonst Geschäfte halber nicht zu Hause sein könnte. Das Versprechen ansehnlicher Trinkgelder wirkte, was ich verlangte. Die Knechte erschienen pünktlich zur anberaumten Stunde, da eben niemand von den Hausleuten zugegen war und schleppten die schwere Bürde zum Kontor des Boten. Sogleich eilte ich ihnen nach, um gewiß zu sein, ob sie meine Kisten auch richtig an Ort und Stelle brächten. Es stieg in mir die Besorgnis auf, man könnte mein Vorhaben etwa gemerkt haben, sich aber stellen, als hätte man nichts gemerkt, und mich zur Strafe um meine Sachen betrügen. Allein meine Sorge war eitel, in meiner Gegenwart hob man die schweren Lasten, ohne ein Arges zu haben, auf den Botenwagen und legte andre Ballots und Pakete darüber, so daß ich sicher war, es würde alles nach Ulm an den mir bekannten Spediteur gelangen. In der Nacht vom 3. auf den 4. Juli packte ich auf die eben beschriebene Weise zwei andre Kisten voll und sandte sie mit gleicher Vorsicht und Sorgfalt durch den Boten von Lindau an einen Spediteur daselbst, und den 5. Juli eine dritte Lieferung durch den Freitagsboten wieder nach Ulm. Die Genauigkeit, mit der ich selbst alle Geschäfte betrieb, stellte mich sicher, daß ich mein Eigentum wahrscheinlich nicht verlieren würde. Nun kündigte ich meinen Freunden in Zürich offenherzig mein Vorhaben an. Indes hatte ich mich um einen Käufer meiner elektrischen Scheibenmaschine mit dem dazu gehörigen Apparat umgesehen. Herr Geistl. Rat und Dompfarrvikar von Wagner kaufte bei Versteigerungen viele elektrische Spielwerke zusammen und steckte mit allerlei dergleichen Gerümpel sein ganzes Haus voll an, ohne eine einzige rechte Maschine zu besitzen. Er staunte, als er die große Wirkung meiner Scheibe sah, und nahm sie mir gern für den wohlfeilen Preis ab, den ich dafür forderte. Ich gab vor, es sei mir unbequem, immer einen großen Tisch mit diesen Instrumenten in meinem Zimmerchen stehen zu haben. So machte ich ohne Verdacht ein Spielzeug zu Gelde, das nicht wohl mitzuschleppen war. Auch ein halb Dutzend artige Stühle setzte ich in klingende Münze um. In unsrer Nachbarschaft wohnte ein Trödler, mit dem ich ziemlich wohlbekannt war. Zwar wollte mir der Kauz kaum die Hälfte von dem bezahlen, was sie mich gekostet hatten, allein es war mir darum zu tun, die Sessel nicht weit schleppen zu lassen, damit es weniger Aufsehen machte. Ich versprach sie ihm zu geben, aber nur unter der Bedingung, daß er dieselben erst am Samstagabend abholen und sogleich bare Bezahlung dafür leisten sollte. Meinen Hausleuten und ihm sagte ich: die Stühle hätten mir nicht ganz gefallen, ich wollte neue anschaffen; der Tapezier würde sie am Samstag abend bringen. Als die bestimmte Zeit heranrückte und der Trödler meine Sessel abholte und abgeredetermaßen bar bezahlte, und doch der Tapezierer nicht erscheinen wollte, jammerte ich sehr über die Saumseligkeit und Wortbrüchigkeit der Handwerker und äußerte, daß ich sogleich selbst hingehen und wegen Beschleunigung der Arbeit in ihn dringen würde. Allein ich ging nicht zu ihm, sondern zum Geistl. Rat Nigg , der mir alle Quartale meine Besoldung aus der Bischöflichen Siegelamtskasse bezahlen mußte und stellte ihm vor, ich hätte eben verschiedene Ausgaben zu bestreiten, er möchte also die Gefälligkeit haben, mir 50 fl. meines einzunehmenden Quartalsgehaltes vorauszubezahlen, damit ich nicht in Verlegenheit käme, Geld aufnehmen zu müssen. Da er wohl wußte, daß er keinen Verschwender vor sich habe, so machte er nicht die geringste Schwierigkeit, mir die verlangte Summe zu bewilligen, sondern sagte sogar, er wolle mir sogleich 100 fl. geben, denn ich sei ihm als ein ehrlicher Mann bekannt, es werde weiter nichts erfordert, als daß ich ihm die Quittung unter einem Dato der nächsten Quatemberwoche ausstelle. Ich weigerte mich standhaft, hundert Gulden anzunehmen, weil ich bis zum Tage, da ich gehen wollte, gerade nur die Hälfte des laufenden Quartals gedient und also auch nicht mehr als die Hälfte der Besoldung, d. i. 50 fl., mit Fug und Recht einzunehmen hätte. Um ihn aber mein Vorhaben nicht etwa erraten zu lassen, gab ich vor, ich wäre froh, wenn er mir diesmal nicht mehr aufdringen wollte, als ich bereits verdient hätte, denn es falle einem Unbemittelten gar zu schwer, wenn er ein volles halbes Jahr lang nichts mehr einzunehmen habe; ganz gewiß werde es mir besser bekommen, wenn ich zur nächsten Fronfasten noch fünfzig Gulden zu fordern hätte. Ich kann's nicht leugnen, es fiel mir ein: »Prelle den falschen Leviten, der dir schon so manchen Verdruß bereitet hat, einmal um 50 fl., er will es selbst!« Aber diesmal siegte die Ehrlichkeit, die mir sagte: »Sei kein Betrüger und schäme dich, an deinem Feinde durch eine Tat Rache zu nehmen, die ihn berechtigte, dich für einen schlechten Menschen zu halten!« So empfing ich die verlangten und bereits redlich verdienten 50 fl., die ich eine geraume Zeitlang fast für verloren schätzte, weil ich nicht sogleich eine List ersinnen konnte, wie sie dem schlauen Siegler abzulocken sein möchten. Was Nigg mir gab, war Silbergeld und also schwer mitzuschleppen. Ich hatte meine Barschaft seit langem durch allmählichen Umtausch in Gold verwandelt. Nun ging ich zum Expeditor Pulver und bat ihn, auch dies mein Silber gegen Gold auszuwechseln. Er war hierzu bereit, schien sich aber doch zu wundern, was ich mit den Louisd'ors und Dukaten beginnen wollte. Ich sprach ihm von wichtigen Posten, die ich an Buchhändler usw. zu bezahlen hätte und wozu ich, des leichtern Verschickens halber, Gold bedürfte. Am Ende gab er mir, was ich verlangte, und ich konnte meinen ganzen Reichtum unbemerkt in der Tasche mitführen, ein Vorteil, der mir in meinem Falle nicht gering erschien. Denn wie hätte ich sicher sein können, daß man mir zu rechter Zeit das Nötige nachschicken würde, wenn ich den Rest meiner kleinen Kasse jemandem anzuvertrauen genötigt worden wäre? Auch dem Mesner an der St. Peterskirche forderte ich Sonntags, den 14. Juli, als ich dort zum letzten Mal Messe las, die schon verdiente kleine Summe Meßgelder ab, indem ich vorgab, ich bedürfte derselben zum Einkauf einiger nötigen Hausgeräte. Ich hatte ihm bereits am Samstag morgens eine geschriebene Rechnung darüber eingehändigt und ihn gebeten, mir die Bezahlung unfehlbar bis morgen in der Frühe zu besorgen. Er tat es auch, schüttelte aber, als er mir das Geld vorzählte, bedenklich den Kopf und sagte in vertraulichem Tone: »Es kommt mir wunderlich vor, daß Sie diesmal mitten im laufenden Quartal bezahlt sein wollen, ich weiß doch, Sie brauchen das Geld nicht so notwendig, was haben Sie vor? Es gefällt mir nur halb.« Ich hätte mich durch meinen unsteten Blick beinahe verraten, denn der gutmütige Mann sah mir zugleich bange forschend ins Gesicht. Aber ich faßte mich sogleich wieder und beteuerte ihm, daß ich gewiß eben zur Marktzeit des Geldes bedürftig sei. Allein der ehrliche Mesner ließ sich nicht so leicht täuschen und erwiderte mit freundlichem Ernste: »Wagen Sie doch keinen Schritt, der Sie ins Unglück stürzen könnte.« Ich lächelte und sagte in einem mutwillig-kläglichen Tone, als wenn ich zum Scherze für ewig von ihm Abschied nehmen wollte: »Leben Sie denn wohl, Herr Eschenloher! Wir sehen einander nicht wieder. Ich reise morgen in ferne Lande – weit weg von hier – bis auf's Lechfeld !« Da diese Wallfahrt nur eine Poststation von Augsburg entfernt ist, so mußte er lachen, aber als ich ging, entließ er mich doch mit einem bedenklichen Kopfwenden und rief mir nach: »Ich fürchte, ich fürchte, Sie reisen nicht nur auf's Lechfeld, sondern wohl gar nach Mariä Einsiedeln in die Schweiz.« »Es wird sich zeigen,« antwortete ich scherzend und ging davon. Wirklich hatte ich unserm gnädigen Fräulein, abends den 13. Juli 1793, als ich zum letztenmal in der Dompropstei zu Tische kam, gesagt, ich hätte im Sinne, mit guten Freunden eine Wallfahrt auf's Lechfeld zu machen. Dies war bereits einmal geschehen und zwar aus dem Grunde, damit ich nach und nach eine ganze Reihe Wallfahrtsgemälde aufstellen und dieselben unter dem Titel Heilige Apothek der Gegend um Augsburg in den Druck geben könnte. Schon längst hatte ich dem Herrn Dompropst im Scherze damit gedroht und versprochen, alle Krankheiten darin aufzuführen und für jede den Wallfahrtsort, das Heiligenbild und die Art, wie es verehrt werden müßte, damit es zum Mirakeln bewogen würde, genau anzuzeigen, so daß die Kranken in Zukunft keines Arztes und keiner Apotheke, sondern nur meines Büchleins bedürften, um sich von allen Krankheiten auf die leichteste Art selbst zu heilen. Wirklich hatte ich von Unsers Herrgottsruh zu Friedberg, von Unsrer lieben Frau auf dem Kobel, vom Heil. Kreuz in Augsburg, von dem Kalvarienberg auf dem Lechfeld usw. usw. bereits eine Menge lächerlicher Anekdoten und Wallfahrtswunder gesammelt, die in der Galerie meiner Heiligenapotheke paradieren sollten. Allein ich sah es zu klar ein, daß mir eine solche Schrift für das bißchen Freude, die mir ihre Abfassung gewähren könnte, tausend Verdruß zuziehen müßte. Weislich unterließ ich es also, solange ich unter dem Drucke der Hierarchie lebte, den lustigen Schwank dem Publikum mitzuteilen. Als ich nun mein Vorhaben äußerte, morgen wieder auf's Lechfeld zu fahren, hatte unser gnädiges Fräulein nichts Angelegeneres, als mich zu warnen, ich möchte über die heilige Wallfahrt und die Gnadenbilder nur nicht gar zu sündhaft spotten. Eigentlich sollte mein Vorgeben dazu dienen, sie morgen, wenn ich nicht zu Tische käme, zu beruhigen, damit man mir nicht zu frühe nachfragen möchte, allein davon merkte sie ganz und gar nichts, und ich durfte es ihr zutrauen, daß es ihr gewiß nicht einfallen würde, was ich vollbringen wollte. Dem Hausmeister Kratzer, welcher zugleich am Tische saß, hatte ich schon lange gar deutliche Winke gegeben, daß ich bald meine Fesseln zu sprengen Lust hätte. Ich konnte versichert sein, daß er mich nicht verraten würde, denn es mußte ihn freuen, daß sich auf solche Weise ein Mann entfernte, den er längst gern verdrängt hätte, und daß hiermit dem Herrn Dompropst, den er seit einiger Zeit nicht mehr liebte, sondern haßte, ein herber Verdruß zuginge. Nach Tische wandelte ich mit ihm und andern Herren, die zu Gaste gebeten waren, in den Garten spazieren, wir scherzten, unter den Bäumen sitzend; mein Talar, den ich getragen hatte, bis er nicht viel besser aussah als ein Bettlerwams, ward bekrittelt. Scherzend schwur ich: »Dennoch würde ich binnen Jahr und Tag keinen neuen mehr machen lassen!« – »So haben Sie schon einen neuen zu Hause?« – »Nein, aber ich hoffe, keinen mehr nötig zu haben.« – »Wieso?« – Ich riß schweigend das Unterfutter aus meinem Talar, hängte es an einem Gartenstecken auf und sagte: »hier habt ihr Reliquien! Adieu! ich muß fort!« Der Hausmeister lächelte mir höhnisch nach. Geschwind lief ich noch einmal zurück und lispelte ihm ins Ohr: «Am Montag komme ich noch einmal, Abschied zu nehmen.« Dies tat ich, damit er im Vertrauen auf meinen letzten Besuch nicht zu früh Lärm machen und mich als einen Flüchtling angeben möchte. Herr Dompropst war mit dem Kurfürsten nach München verreist; auf diesen Umstand hatte ich längst als auf ein notwendiges Erfordernis, mein Vorhaben glücklich auszuführen, gerechnet. Denn wäre er in Augsburg geblieben, so hätte ich alle Augenblicke gewärtig sein müssen, daß er mich rufen lassen würde. Unmöglich hätte ich den Vorwand, auf's Lechfeld zu wallfahrten, brauchen dürfen, weil es in seiner Anwesenheit gar nicht angegangen wäre, ihn zu verlassen, war er aber verreist, so fielen alle diese Anstände weg, und ich genoß noch obendrein des Vorteils, daß er nicht sogleich Anstalten mich zu verfolgen, treffen konnte. Nur seinem Feuereifer traute ich's zu, daß er mir nacheilen lassen würde. Es war mir also die angenehmste Nachricht, als es hieß: »Herr Dompropst geht mit dem Kurfürsten nach München.« Schon vor einigen Tagen hatte ich mich sorgfältig erkundigt, ob meine Hausleute am Sonntage abends spazieren gehen würden. Sie äußerten beide ihren Wunsch, daß das Wetter schön bleiben möchte, um auf den sogenannten Ablaß (einem Lustorte im nahen Walde, wo ein Arm des Lechs in die Stadt geleitet und Bier und Wein geschenkt wird) mit ihrem Kind einen frohen Abend zu genießen. Die Familie des Uhrmachers, die aus lauter jungen lustigen Leuten bestand, blieb an einem schönen Feiertage gewiß nicht zu Hause; darauf konnte ich mich aus langer Erfahrung verlassen. Also versäumte ich nichts, um zu erraten, ob das Wetter auch günstig bleiben würde. Alle Barometer, Hygrometer und Thermometer, deren ich ansichtig werden konnte, betrachtete ich fleißig; meinen Geigenbogen, dessen Haare, meiner Beobachtung zufolge, bei einfallendem Regenwetter schlaff und locker wurden, prüfte ich täglich einigemal; die Wände im Hause, welche durch ihr Feuchtwerden, sowie die Gemächer der Göttin Kloakina, welche durch ihren Duft die Veränderung der Witterung anzeigten, ließ ich nicht außer acht und benutzte zugleich die Entdeckung Disjonvals, daß die Kreuzspinnen die besten Wetterprophetinnen sind. Da war kein Winkel in der Registratur und in Herrn Gantherrs Hause, in dem meine Blicke nicht Anzeichen des schönen Wetters suchten. Wirklich vereinigte sich alles, um mich mit Zuverlässigkeit vermuten zu lassen, meine Reise würde der heiterste Himmel begünstigen. Ich suchte einen lutherischen Kutscher, weil ich mit Grund vermuten konnte, er würde mich auch im Falle, wenn er etwas von meinem wahren Vorhaben merken sollte, nicht verraten, wie es doch wahrscheinlich ein katholischer Fuhrmann aus Gewissensskrupel getan hätte, sobald nur durch den geringsten Anschein die Vermutung in ihm wach geworden wäre, ich wollte in ein unkatholisches Land entfliehen. Es gelang mir, in einer ziemlich abgelegenen Gegend der Stadt einen Mann, wie ich ihn bedurfte, zu finden, und der Vertrag, daß wir morgen abend unfehlbar die Reise nach Memmingen beginnen würden, ward sogleich auf sehr billige Bedingungen geschlossen. Zu seiner Beruhigung gab ich vor, ich hätte in Schwaben eine Stelle erhalten. Nun legte ich mich zum letztenmale in Augsburg zu Bette. Geschäfte und Nachdenken hatten mich müde gemacht, ich schlief wie ein Murmeltier. Aber der 14. Juli brach an, und schon frühe weckte mich die Unruhe. Ich stand auf mit erheiterndem Aufblicke zu Gott und setzte zwei lange Briefe auf, den einen an den Kurfürsten, in dem ich mich wegen der vier Anklagepunkte rechtfertigte, den andern an Herrn von Ungelter , in dem ich noch einmal alles ausschüttete, was mir auf dem Herzen lag, sowohl meine Vorwürfe und Enttäuschungen, als meinen herzlichsten Dank für alles, was er mir bei aller Falschheit, mit der er mich behandelte, hatte Gutes zukommen lassen. Rein abgeschrieben wurden dann die Briefe, versiegelt und mit den nötigen Aufschriften versehen. Die Zeit des Messelesens rückte heran. Meine Hausfrau war gewöhnt, täglich abends mein Bett in Ordnung zu bringen, nur an Feiertagen, wenn sie nach der Vesper spazieren ging, wählte sie eine Stunde des Vormittags, in der ich eben nicht zu Hause war, um dies kleine Geschäft zu besorgen. Mir lag viel daran, daß sie heute mein Bett so früh als möglich machte, denn ohne dies mußte ich alle Augenblicke fürchten, sie würde mich bei irgendeiner verdächtigen Operation überraschen, und ans Einpacken des Bettes, der Vorhänge und einiger hübschen Tafeln usw. war früher gar nicht zu denken. Deshalb trat ich, als mich der Weg an ihrem Gemache vorüber zur Kirche führte, zu ihr hinein und sagte: »Sie gehen heute abend spazieren, möchten Sie nicht so gütig sein, indessen ich Messe lese, mir das Bett zu machen, ich habe dann sehr dringende Arbeit und möchte nicht gern gestört werden.« Sie versprach sogleich, mein Verlangen zu erfüllen, und ich konnte, sobald ich um 10 Uhr aus der Kirche kam, mit dem Packen anfangen. Vor allem schnürte ich mein Bett in so schmächtige Rollen zusammen, daß es leicht, nebst noch andern Sachen, in meinem Koffer zu bergen war. Aber der Bindfaden schnitt mir die Hände wund. Artige Tafeln, Instrumente, Modelle, Schriften, Musikalien, Geige usw. usw. packte ich sorgfältig zwischen Wäsche und Kleider. Zwei kleine Kisten, der Koffer und ein Paket, das ich zunähte und mit Wachstuch umwand, wurden vollgestopft. Indessen rückte, ohne daß ich ans Essen dachte, die Zeit heran, zu der meine Hausleute spazieren gehen sollten; aber sie säumten. Hundertmal sah ich in den Spiegel vor dem Fenster, welcher zeigte, was bei der Haustür vorging, und fragte ungeduldig: gehen sie denn noch nicht? Ich getraute mir nicht, hinunterzusteigen und nachzusehen, wo es hafte, denn ich mußte befürchten, es möchte jemand von ihnen Lust bekommen, mich auf mein Zimmer zu begleiten oder mich selbst durch Plaudern allzu lange aufzuhalten. Mit Bangigkeit erwartete ich also, was da folgen würde, und lauschte und horchte bestürzt und hielt mich stille. Endlich öffnete sich unten die Tür des Gemachs und die guten Leute führten ihr kleines Babettchen die Treppe spielend hinab. »Du siehst sie zum letzten Male,« dachte ich, »die dich so gütig aufnahmen und pflegten. Gehe hin und grüße sie noch einmal!« Ich sprang geschwind die Stiegen hinab, drückte ihnen gerührt die Hand, küßte das Kind und sagte mit Augen, die sich netzen wollten: »Adieu! Seien Sie recht vergnügt heute und immer – immer! Leben Sie wohl!« Behende riß ich mich los, um mich durch Weichherzigkeit nicht völlig zu verraten, und lief auf mein Zimmer zurück. Schon hatte die Stunde geschlagen, in welcher der Fuhrmann mein Gepäck abholen sollte. Dadurch ward meine Bangigkeit vermehrt, denn ich mußte alle Augenblicke befürchten: »Jetzt, jetzt wird der Knecht, der Abrede gemäß, mit zwei Lastträgern erscheinen und die Hausleute auf dein Beginnen aufmerksam machen.« Es fiel mir ein Stein vom Herzen, als ich nun beide an der Gassenecke verschwinden sah. Kaum hatte ich Zeit zu spähen, ob auch die Familie des Uhrmachers ausgewandert sei, so kam der Fuhrmann mit zwei Knechten und einem Pferde, das eine Schleife zog, vor die Tür. Sie schleppten die Lasten hinab und banden sie auf die Schleife. Ein junger Mensch wollte allein die kleinste Kiste tragen, sie ward ihm zu schwer, er ließ sie fallen, und sie hüpfte, gräßlich polternd, die ganze hohe Stiege hinab und sprang unten mitten entzwei. Sie enthielt Schriften, Glastafeln und Weißzeug, war aber so gut gepackt, daß wir die Spalten nur wieder zusammendrücken, mit Nägeln kreuzweise zuschlagen und mit hölzernen Reifen verbinden durften. So konnte sie ohne Anstand mitgenommen werden. Nun setzte ich mich hin und schrieb einen rührenden Abschiedsbrief an meinen Hausherrn, vermachte ihm darin zur Vergütung der Kisten, die ich mitgenommen hatte, förmlich meine zurückgelassenen Geräte, dankte für seine Güte und Gefälligkeit, bat ihn, die beiliegenden Briefe an ihre Behörde zu befördern und die Schlüssel, welche er daneben finden würde, dem Herrn Provikar zu bringen; dazu legte ich eine Rolle Geld, welche genau zwei Quartale Hauszins betrug; denn in Augsburg ist's gebräuchlich, ein Vierteljahr vorher die Hausmiete aufzusagen. Wer dies versäumt, wird gerichtlich angehalten, auch für das folgende Vierteljahr die Wohnung zu behalten oder doch den Hauszins zu bezahlen. Es war aber nicht möglich, ohne mich zu verraten, die Miete zur gehörigen Zeit aufzukünden, also bezahlte ich lieber sowohl für das laufende als für das folgende Quartal und dies um so mehr, da ich durchaus nicht das Ansehen haben wollte, als könnte ich an gefälligen und liebreichen Menschen undankbar handeln. Ich durfte nicht besorgen, daß meine Entweichung zu frühe ruchbar werden würde. Denn weil ich gar oft erst nachts um 10 Uhr und später, da bereits alles im Hause schlief, aus der Dompropstei zurückkam, morgens frühe wieder ausging und gewöhnlich erst abends um 5 Uhr wieder heimkam, so hatte meine Abwesenheit nichts, das Aufmerksamkeit erregen konnte. Mit der größten Wahrscheinlichkeit war vorauszusehen, daß die Hausfrau erst am Montag abend, ihrer Gewohnheit nach, das Bett zu machen, mein Zimmer betreten und das leere Nest finden würde; ich rechnete so sicher auf diesen Umstand, daß ich davon sogar in dem oben eingerückten Briefe an Herrn Statthalter und in jenem an meinen Hausherrn Meldung tat. Sechzehntes Kapitel Zweite Flucht nach der Schweiz. Abschied – Eine Wirtshausszene – Von Bobingen nach Türkheim – Von Mindelheim nach Memmingen – Zu Fuß weiter bis Leutkirch – Postfahrt nach Lindau – Ein widerlicher Spaß – Schiffahrt nach Rorschach – Vorfälle in Augsburg – Aufstieg ins Gebirg – Die Krämersleute – Lebensgefahr- Bergtour auf den Kamor und den hohen Kasten – Fahrt durchs Rohr hinab in den Sennwald – Gang nach Wallenstadt – Endlich in Zürich. Als ich nun alle meine Angelegenheiten in Ordnung gebracht sah, stand ich auf, sah mich noch einmal in meinem Zimmer um, sann nach, ob ich nichts vergessen hätte, und noch einmal wollten mich Zweifel und Bangigkeit des unternommenen Schrittes wegen anwandeln; endlich wagte ich mit etwas beklemmtem Herzen, obschon ruhig und mutvoll, den letzten Gang über die Treppen hinab. Es mochte abends 7 Uhr sein, als ich ging. Ich legte ein graues Reisekleid an, in dem ich am wenigsten einem katholischen Geistlichen ähnlich sah, steckte ein paar Mohsestäfelchen (zwei weißverbrämte viereckige Lappen, eine Art Priesterkrause) in mein Halstuch, so daß ich diesen Zierat wegnehmen konnte, sobald ich wollte, trug einen Regenschirm in meiner Hand, mit Wachstuch umhüllt, der mich, auf meinen Reisen zu Fuß, vor Hitze und Regen beschützen sollte, führte einen kleinen Kompaß, ein dollondisches Sackperspektiv und einen Elzevirschen Lukrez usw. in der Tasche und hielt in der Hand einen dreieckigen Hut, den man an mir gar nicht gewöhnt war, denn ich erschien sonst nie anders als in einem großen, kaum merklich zu beiden Seiten aufgekrempten Schiffhute, Auf verschiedenen Umwegen suchte ich nun das Haus des lutherischen Fuhrmanns, fand seine Leute mit Aufbinden des Gepäckes beschäftigt und zahlte ihnen einen tüchtigen Trunk, denn ein Genuß von dieser Art macht dergleichen Leute am willigsten. Mein Magen zeigte sich nun als unwiderstehlicher Gebieter, ich hatte ihn heute noch mit keinem Körnchen Speise begrüßt, weil ich mich allzu eifrig mit Packen usw. beschäftigte. Jetzt war es hohe Zeit, auch ihn zu befriedigen, denn ich durfte nicht hoffen, auf dem Wege so spät noch ein gutes Mahl anzutreffen. Notwendig mußte ich die Kutsche leer vor die Stadt hinausfahren lassen, damit mich niemand in den Gassen abreisen sehen, mein Unternehmen mutmaßen und wohl gar den Weg, den ich nahm, erraten möchte. Ich sagte also zu dem Knechte des Lohnkutschers, der mich führen sollte, er möchte, wenn er fertig wäre, nur vor das Gögginger Tor hinausfahren und außerhalb dem Kirchhofe an der Straße meiner warten. Ich hätte noch irgendwo in der Gegend des von Stettenschen Gartens bei einem guten Freunde Abschied zu nehmen und würde nicht lange säumen; dies schien der Knecht gar Wohl zu begreifen. Der gute Freund war der Wirt im Schießgraben, bei dem ich geschwind ein Jägermahl einnehmen wollte. Allein ging ich zum Schweibbogentore hinaus, begegnete zu gutem Abschiede noch – wer hätte es gedacht? – dem schönen Hannchen und ihrem Vater, die von einem Spaziergange nach den Sieben Tischen zurückkamen, ward freundlich gegrüßt und ein wenig examiniert, wohin ich ginge, und mußte – o, wie erschrak ich! – zu meiner nicht geringen Verlegenheit wahrnehmen, daß sich der Alte, aller meiner Protestationen ungeachtet, durchaus nicht abweisen lassen wollte, mit mir noch einen Gang in den Schießgraben zu machen. Im stillen verwünschte ich seine zudringliche Höflichkeit; aber ich durfte meinen Widerwillen nicht laut werden lassen. Hannchen ging neben mir her, war schüchtern und stille, sah mir von Zeit zu Zeit freundlich und wie forschend ins Angesicht und machte keine Bedenklichkeiten, als ich ihr meinen Arm bot, sich von mir führen zu lassen. Es war aber, als wenn mir die Zunge gelähmt wäre, so wenig wußte ich zu reden; auch Hannchen verlor nur einsilbige Worte. Unser gespanntes Benehmen gegeneinander hemmte jeden herzlichen Ausbruch der Gedanken; nur der alte Vater schien keinen Mangel an Unterhaltungsvorrat zu fühlen. So zogen wir unter den dunklen Alleen hin zum Schießgraben. Geschwind ließ ich Wein, Würste und Konfekt bringen und verzehrte mit ihnen, soviel auf einer Seite der Hunger gebot und auf der andern der Anstand litt. Unsre Gespräche waren nichts minder als lebhaft; mir wurmten ganz andre Dinge im Kopfe. »Sie sind so stille,« sagte Haunchen, als ihr Vater auf einen Augenblick wegging, »ich hätte nicht geglaubt, daß Sie eine kleine Dosis Frauenzimmereitelkeit für so lange verstimmen könnte. Wäre mir's eingefallen, daß Sie das Ausstreichen in Ihrem Gedichte mir so hoch anrechnen würden, so hätte ich's wohl bleiben lassen.« Ich erwiderte wie neu versöhnt: »O Hannchen, wenn Sie mir auf mein zweites Gedichtchen diese Antwort gegeben hätten, so wäre es unmöglich gewesen, uns so lange zu mißkennen; aber Ihr Trotz verscheuchte mich. Nun sehen wir uns nur mehr für kurze Zeit; ich werde anderswo meinen Lebensunterhalt gewinnen. Möchten Sie doch bald so glücklich werden, als es Ihr gutes Herz verdient!« Sie schien betroffen, wollte mich ausforschen und rief auch den zurückkommenden Vater zu Hilfe, um mir's abzufragen, wo ich künftig mein Unterkommen zu finden gedächte. Ich antwortete, dies müßte noch ein Geheimnis bleiben, es dürfe jetzt nicht geoffenbart werden, und wich auf diese Art scherzend ihrer Wißbegierde aus. Allmählich rückte die Stunde heran, bei deren Eintritt die Tore geschlossen werden sollten. Wir saßen unter den Bäumen so, daß ich von meinem Platze aus diejenige Stelle der Gögginger Straße überschauen konnte, wo ich dem Knechte meiner zu warten befohlen hatte. Schon klang die Sperrglocke und noch stand die Kutsche nicht dort. »Ist vielleicht ein Unglück vorgefallen?« so dachte ich, »oder hat man etwa gar meine Anstalten bemerkt und die Abfahrt des Wagens gehindert?« Mir ward immer banger, Hannchens Vater schickte sich an, aufzubrechen, um noch vor dem Torschlusse die Stadt zu erreichen. Ich begleitete ihn, Hannchen am Arme führend, bis nahe zum äußern Schlagbaum. Absichtlich hatte ich meinen Regenschirm im Schießgraben liegen lassen; jetzt stellte ich mich, als käme mir dies eben zu Sinne. »Adieu!« sagte ich eilig, »kommen Sie gut nach Hause und schlafen Sie wohl! Ich muß noch erst meinen Schirm holen; und nun kein Säumen, damit wir nicht alle miteinander herausgesperrt werden!« »Ach, der häßliche Schirm!« rief mir Hannchen nach, »warum mußten Sie ihn auch an einem so schönen Abend mitschleppen? Sie sind doch versöhnt?« – »Von ganzem Herzen!« antwortete ich und lief flink davon. Es schmerzte mich doch, das gute Mädchen unter solchen Umständen auf gewisse Art betrügen und verlassen zu müssen. Ich holte den Schirm und eilte zur Stelle, wo der Fuhrmann meiner harren sollte; aber niemand war zugegen. Schon fürchtete ich getäuscht zu sein, denn die Sperrglocke schwieg; verdrießlich blickte ich umher. Sieh! da hielt die Lohnkutsche weiter draußen bei einer Feldkapelle, und der Knecht war ungeduldig, daß ich so lange nicht erschien, denn er hatte mich bereits mehr als eine halbe Stunde erwartet. Es war eben der junge Mensch, der meine Kiste die Stiege hinuntergeworfen hatte. »Der ist nicht der Geschickteste,« dachte ich, »nimm dich in acht, es wird wahrscheinlich allerlei Anstände geben.« Nun besah ich das Gepäck, ob auch alles fest aufgebunden sei, stieg ein und begann mit leichtem Herzen meine Reise. Es war mir lieb, daß die Nacht eben einbrach; dadurch gewann ich den Vorteil, durch das Dorf Göggingen, wo man mich kannte, unbemerkt hinfahren zu können und auch nicht fürchten zu müssen, daß mich ein Bekannter zur Unzeit auf der Straße erblicken, anhalten oder verraten würde. Sogleich riß ich mein Priesterkrägelchen ab, steckte es in die Tasche und drückte mich in eine Ecke des Wagens. Bis zum nächsten Mittag durfte ich hoffen, in Memmingen einzutreffen. Ich hatte einen Vorrat an Geld in der Tasche und dünkte mich ziemlich reich, denn ich besaß jetzt mehr als jemals und berechnete, daß ich wenigstens ein ganzes Jahr lang bequem vom Ersparten allein zehren könnte. »Kommt Zeit, kommt Rat!« sagte ich dann voll Zuversicht und phantasierte bald von meiner künftigen Lebensart, bald von den Wirkungen meiner Entweichung sowohl auf meine Obern und Bekannten in Augsburg, als auf mich selbst. Wir fuhren an einem Erbsenacker vorüber, den ein armer Mann hütete. Er saß mit seinem Weibe vor der niedrigen Strohhütte, die er sich auf einer höhern Stelle des Ackers zunächst an der Straße erbaut hatte. Wenn ich auf meinen Spaziergängen nach Göggingen zu seiner Hütte kam, ließ ich mich gewöhnlich mit ihm in ein trauliches Gespräch ein und hatte meine Freude daran, dem Natursohne naive Antworten abzulocken, an denen es ihm nie gebrach. Ich traf ihn einst an, als er eben ein recht abgeschmacktes Liedchen sang, und erkundigte mich, ob er kein besseres wüßte. »Nein,« sagte er, »Sie könnten mir wohl ein artigeres lehren!« »Sehr gern,« erwiderte ich und lehrte ihn das schöne Lied: Was frag' ich viel nach Geld und Gut, Wenn ich zufrieden bin? Gibt Gott mir nur gesundes Blut, So hab' ich frohen Sinn; Und sing mit dankbarem Gemüt Mein Morgen- und mein Abendlied usw. Öfters hatte ich's versucht, diesen Gesang den Landleuten zu lehren, aber vergebens; die meisten sagten mir geradezu, ohne einen Sack voll Geld könne man nicht recht zufrieden, noch weniger glücklich sein. Nur dieser arme Ackerhirt fand in seiner Einfalt Geschmack an den Grundsätzen der Genügsamkeit, die in diesem Gedichte herrschen. So oft ich nun an seinem Felde vorüberging, fragte ich ihn, ob er sein neugelerntes Lied noch auswendig wisse? Und er sang es mir in seiner kunstlosen Manier treuherzig vor. – Eben jetzt sang er es wieder, und sein Weib sekundierte ihm mit einem Kind im Arme. Kaum vermochte ich die Gegenstände mehr zu unterscheiden, aber ich vernahm deutlich die Worte: Dann preis' ich Gott und lobe Gott, Und schweb' in hohem Mut, Und denk', es ist ein lieber Gott Und meint's mit Menschen gut. Geflissentlich schien er diese Verse öfters zu wiederholen, und ich dachte gerührt: »O Vater der Welt, wer lobt dich wohl mit so reinem Sinne, wie dieser Arme! Und wer ist glücklicher als er in seinen Andachtsgefühlen! Möchte ich nun auch eine Hütte finden, wo ich so einfältig froh dein Lob singen und mich glücklich fühlen könnte!« Es freute mich recht, daß ich ihm das Lied gelehrt hatte. Unter abwechselnden Phantasien fuhren wir unbemerkt durch Göggingen und Iningen und nahten uns dem Dorfe Bobingen. Je näher wir dem Flecken Bobingen kamen, desto mehr betrunkene Bauern begegneten uns. Sie hatten ein Juchhein und Geschwätze, daß ich Lust bekam, ehe wir aus dem Dorfe fuhren, ein wenig einzukehren und mich zu erkundigen, welch ein Fest gefeiert worden sei. Mein Magen war ohnehin unzufrieden, daß er heute noch gar nicht mit Warmem bedient worden war, und mein Gaumen forderte Labung, denn im Schießgraben zu Augsburg hatte ich nur etwas Brot und eine kalte Wurst gegessen und etwas Wein getrunken. Es war halb elf Uhr, und die hellerleuchteten Fensterscheiben im untern Zimmer des Wirtshauses zum Obern Wirt glänzten mir einladend entgegen, und ein freudiger Lärm zahlreicher Zecher tönte aus der dampfenden Stube herüber an die Straße. Die Pferde wurden an den Zaun gebunden und wir traten hinein, fanden aber nichts mehr zu essen, denn es war schon zu spät. Ruhig saß ich neben meinem Fuhrmann und bot ihm zu trinken an. Der Wirt erkundigte sich, wer ich wäre und wohin ich noch so spät gedächte. Unbefangen antwortete ich: »Ich heiße Felix Liber und reise nach Memmingen. Diesen Namen behielt ich bis nach Wallenstatt bei. Da nahte sich uns ein halbbetrunkener Mensch, der wie ein Handwerksbursch aussah und sagte: »Sie könnten mich wohl mitnehmen, ich muß auch nach Memmingen.« Ich betrachtete ihn genauer; seine Kleider schienen zum Teil aus dem schmutzigen Tischteppich einer Garküche gemacht, sein Anstand war plump, seine Redensart barsch und seine Betrunkenheit unleugbar. Mein Knecht neigte sich und raunte mir ins Ohr: »Wir haben ohnehin schwer geladen, nehmen Sie den Lumpen nicht mit!« Ich erwiderte also nach einigem Besinnen: »Guter Freund, ich kann Sein Verlangen nicht wohl erfüllen. Wir haben schwer geladen, unsre Pferde sind müde und müssen noch eine große Strecke Weges laufen. Verzeih' Er, daß ich diesmal nicht so gefällig sein darf, als ich gern wollte.« Wer sollte denken, daß diese Antwort den Stoff zu einem heftigen Gezanke enthielte? Aber es war nicht anders. Der aufbrausende Mensch setzte beide Fäuste in die Hüften, stellte sich patzig vor mich hin und rief zornig aus: »Du hoffährtiger Sprecher! Meinst du, ich lasse mich Er von dir schelten? Wer bist du denn, daß du mit Er mich anreden darfst? Ich gebe keinem Menschen einen Er ab. Ich bin ein ehrlicher Kerl, und wenn ich schon einen schlechten Rock anhabe, so bin ich doch keines Menschen Er . Zu Hause habe ich wohl schönere Röcke als du.« So kramte er noch lange in einem Atem fort einen Reichtum hübscher Floskeln aus. Ich mußte anfangs lachen, denn sein Stolz, bei einem solchen Betragen und Aufzug, dünkte mich lustig. Geduldig ließ ich ihn reden, trank mein Gläschen, verzehrte mein Brot und kümmerte mich wenig um sein Gekrächze. Er ging von Zeit zu Zeit an seinen Tisch, schüttete von neuem ein Glas hinein, klagte seine Not einem handfesten Mühlknecht, mit dem er angekommen war und dessen Wagen noch vor dem Hause stand, und suchte auf alle Art Partei gegen mich zu machen. Dann lief er wieder zum Tische, an dem ich saß, schlug mit geballter Faust darauf, daß die Gläser hüpften und sagte: »Sieh, du mußt mich mitfahren lassen, du magst wollen oder nicht! Ich will dich wohl zwingen, komm nur hinaus! Sollst du mich soweit mitnehmen können, du liebloser Kerl, und es doch nicht tun?« – »Es ist wahr,« polterte jetzt der Mühlknecht, der das Ansehen hatte, sich seines lästigen Gefährten entledigen zu wollen, hinter dem Tische hervor: »Der Herr könnte den Reisenden wohl mitfahren lassen, er hat ja einen ledigen Platz in seiner Kutsche. Es gehört ein hartes Herz dazu, einem Bittenden so etwas abzuschlagen!« »Willst du mich mitfahren lassen?« rief jetzt der Betrunkene wieder, durch den Beifall des Mühlknechts herzhafter gemacht, »du steinerner Götz! warum redest du nicht? Sorgst du, ich würde dir das Maul zerschlagen, wenn dir ein Wort entkäme? Ich hätte gute Lust dazu!« Der Mühlknecht ging hinaus. Ich besorgte, er möchte an unsrer Kutsche etwas beschädigen und folgte ihm nach. Aber er spannte die Pferde an seinen schwer geladenen Wagen und nahm nichts als das Gepäck der Kutsche in Augenschein; brummend ging er dann wieder in die Stube, um seinen Krug vollends zu leeren. Ich beschloß, meinem Kutscher zu winken und vor dem Mühlknechte wegzufahren. Aber sobald ich in die Haustenne trat, sagte mir der Wirt leise: »Lassen Sie den Mühlknecht erst fortfahren, so werden Sie des Burschen los, er fährt mit ihm. Sonst bekommen Sie gewiß beim Einsteigen Verdruß, denn er drohte bereits, er wolle mit Gewalt hineinspringen oder hinten aufsitzen.« Ich ging in die Stube, unschlüssig, was ich tun sollte, da lief der Betrunkene auf mich zu, warf mir den Hut vom Kopf und rief: »Muß doch sehen, ob du wirklich ein Pfaff bist, wie ich vermute.« Jetzt stieg mir die Galle. Beinahe konnte ich mich nicht mehr halten; ich meinte, ich müßte den Kerl bei der Gurgel ergreifen und ihn zur Tür hinauswerfen. Es war eine elende ohnmächtige Kröte. Trotzig stand ich neben dem Ungezogenen, knirschte mit den Zähnen und sah bald ihn mit flammenden Blicken an, bald den liegenden Hut auf dem Boden. Aber der Gedanke hielt mich zurück: »Zerstöre nicht das Glück deiner Reise durch unzeitige Hitze! Strafst du den Boshaften, so gibt es Schlägereien, und wer weiß, welch ein Ende sie nehmen und ob du nicht am Ende selbst mit der Obrigkeit ins Gemenge kämest. Wie fatal, wenn dich die Polizei arretieren ließe!« Noch stand ich und blickte schweigend um mich, als wenn ich sehen wollte, ob denn niemand das Unrecht fühlte, das mir geschähe. Endlich bückte ich mich nieder und hob meinen Hut auf. Der Grobian rief: »Da seht nur, seht! er hat ja ein Spundloch! Er meinte die Tonsur. Ich hatte mir in Augsburg schon lange keine förmliche scheren lassen: aber mein Hinterhaupt begann kahl zu werden und bildete so ziemlich eine runde Tonsur. ein Pfaff ist's, drum ist er so hartherzig und hoffärtig!« Jetzt schlug er ein schallendes Gelächter auf. Der Mühlknecht lachte mit, trat zu mir und fragte mit frechem Tone: »Darf der Fremde nicht mit Ihnen fahren?« Entschlossen sagte ich »Nein!« Der Mühlknecht erwiderte drohend: »Pfaff, du mußt auf dem Wege an uns vorüberfahren, es soll dich gereuen!« und trabte zur Tür hinaus. »Bleibt es also dabei?« fragte der Handwerksbursche und stellte sich höhnend an meine Seite, »bist du zu hoffärtig, mich mitreisen zu lassen, Schwarzkittel?« Kalt antwortete ich: »Er fährt nicht mit mir!« Fluchend rief der Polterer: »So brich den Hals allein! Aber lerne, vorher, daß man niemand grob begegnen soll! Von dir, du Stock, laß ich mich nicht Er schelten! Merke dir's!« Da warf er mir den Hut zum zweiten Male vom Kopf. Plötzlich sprangen ein paar handfeste Bauernkerle, die dem Spektakel bis jetzt zugesehen hatten, von ihren Sitzen auf, einer fiel über den Unverschämten her, faßte ihn bei der Drossel, zog ihm rechts und links einige derbe Ohrfeigen und fuhr mit ihm zum offenen Fenster hin. Der Bezechte schlug um sich und stampfte. Allein die beiden Kerls schoben ihn unterm Gelächter aller Anwesenden zum Kreuzstock hinaus. Er drohte draußen, die Scheiben einzuschlagen. Aber der Wirt kam herbeigelaufen und bat den Mühlknecht, mit seinem Gefährten schleunig abzuziehen. Der Mühlknecht faßte nun denselben in der Mitte und warf ihn, wie einen seiner Säcke auf den Wagen hinauf. Dort schrie der Tolle häßliche Flüche, bis wir ihn, der Entfernung halber, nicht mehr hören konnten. Ich dankte den beiden jungen Bauersmännern, daß sie mich an dem ungezogenen Gaste gerächt hätten, zahlte ihnen zur Belohnung ein paar Gläser Schnaps, wonach sie verlangten, und schickte mich an, meine Reise fortzusetzen. Alle sprachen uns zu, wenn wir angegriffen würden, sollten wir uns tapfer wehren. Der Wirt gab mir zu diesem Ende einen tüchtigen Dornknüttel in den Wagen und legte ein paar große Kiesel zu meinen Füßen. Es war eine schöne sternenhelle Nacht. Wir fuhren nicht lange, so bemerkte mein Kutscher, daß der Mühlwagen nicht weit vor uns her langsam fortrollte. Ich ließ die Pferde anhalten, füllte meine linke Hand mit Sand, um ihn im Falle eines Angriffs meinem Feinde in die Augen zu streuen, und ermahnte den Fuhrmann, ohne ein Wort zu verlieren an dem Wagen vorüberzufahren, sollte er aber angehalten werden, sich tapfer zu wehren. Schnell kamen wir näher; ich legte meinen Knüttel zurecht. Mein Regenschirm lehnte neben mir in der Kutsche; das Wachstuch, mit dem er straff umhüllt war, glänzte wie ein Flintenlauf; es fiel mir ein, ich wollte den Schirm in den Arm nehmen, als wenn ich ein Gewehr zum Abdrücken bereit hielte. So nahten wir uns dem Mühlwagen, aufmerksam auf jede Bewegung der Fahrenden. Aber der Knecht blieb ruhig auf seinem Pferde sitzen, und der Handwerksbursche regte sich nicht auf seinen Säcken. Nur als ich in der Kutsche an ihm vorüberschwebte, rief er mir zu: »Haha, Pfaff! ich dacht' es wohl, du habest ein Geschoß bei dir!« Ich mußte lachen, und wir fuhren stillschweigend an ihnen vorüber. Keiner ließ sich's einfallen, uns zu verfolgen. Ein wenig nach zwölf Uhr langten wir in Schwabmünchingen an und mußten den Pferden Brot geben. Lange klopfte der Knecht an der Haustür des Gasthofes zur Post, ehe uns jemand hören wollte. Polternd, daß wir so spät anlangten, öffnete uns der Hausknecht, halb angekleidet, die Tür. Bald ließ sich auch ein Mädchen sehen, das mir die Haushälterin schien, und erkundigte sich um unsern Appetit. Ich weigerte mich gar nicht, als sie uns von einem Paar gebratenen Hühnern sagte, ihr Anerbieten gefällig anzunehmen. Mein Magen, den ich seit vorgestern abend nicht mehr mit warmer Speise bedacht hatte, machte gar keine Einwendungen dagegen, so wenig als mein Fuhrmann, der sichtbar auf den guten Bissen sich freute. Hier drang sich mir recht einleuchtend die Bemerkung auf, daß es einem Fliehenden nur schwer gelingen könne, die Spuren seiner Flucht zu verbergen, wenn er in einem Wagen sich retten will. Sogleich kannte das Mädchen meinen Fuhrmann, und der Hausknecht die Kutsche und die Pferde. Hätte ich's nun nicht so angelegt, daß man meine Abwesenheit erst spät bemerken mußte, so wäre es ja einem Nacheilenden leicht geworden, die Straße, die ich einschlug, und die Zeit, die ich voraus hatte, genau zu erfragen und so die sichersten Maßregeln, mich einzuholen, zu ergreifen. Wieviel sicherer reist dagegen derjenige, der zu Fuße, allein und unbemerkt, durchs Land schleichen kann und bei niemand sich weder von seinem Kutscher noch von der Spur seines Wagens verraten sieht! Unbekümmert geht er aus seinem Ägypten, wie aus einem Mittelpunkte, setzt seinen Weg auf einem der unzähligen Strahlen des Kreises fort und läßt seinen Verfolgern das schwere Rätsel zu lösen übrig, auf welcher Linie des ganzen Umkreises er seine Sicherheit gesucht habe. So wandelte mich einige Bangigkeit an, als mich die dienstfertige Haushälterin mit ihren scharfen Augen so genau beschaute und sich um den Zweck meiner Reise neugierig erkundigte. »Ihre Geschäfte müssen recht dringend sein,« sagte sie schlau genug, »daß Sie von Augsburg erst so spät abgereist sind.« »Und Sie haben schwer aufgepackt,« fiel der Hausknecht darein, »Sie sind gewiß ein Geistlicher, der bei einer Herrschaft Hofmeister wird und schnell daselbst eintreffen muß.« Um mich von dergleichen zudringlichen Fragen auf einmal zu befreien, entschloß ich mich, die Forschenden durch ihre eigene Fabel in ihren Vermutungen zu bestärken. »Man sieht wohl,« sprach ich, »daß Sie schon viele Fremde gesehen und viel erfahren haben, sonst könnten Sie nicht so gut raten. Wirklich gehe ich als Erzieher zu einer Herrschaft, soll zur bestimmten Zeit bei ihr eintreffen und ward erst letzten Abend mit Packen fertig. Die Sommernacht ist schön und helle. Es dünkt mich nicht unangenehm, im kühlen Dunkel zu reisen. Dies ist das ganze Geheimnis, warum Sie jetzt so zur Unzeit im Schlafe gestört werden.« Sie gaben sich hierauf zufrieden, und das Mädchen holte Wein herbei, um uns, bis die Hühner kämen, mit gutem Getränke zu laben. Als sie hastig zur Tür hereintrat, blieb sie mit dem Kleide an der Schnalle hängen, die Hafte brach entzwei, das Röckchen fiel und sie stand einen Augenblick im kurzen Hemdchen da. Mit einem lauten Schrei lief sie geschwind zur Tür hinaus, stellte dort Gläser und Leuchter auf den Boden, raffte ihr Röckchen nach und ließ sich nicht wieder sehen. Der Hausknecht, der des Lachens und Spottens über den lustigen Zufall kein Ende fand, mußte uns von nun an allein bedienen. Wir ließen uns die Hühner wacker schmecken und reisten lustig und wohlgenährt nach Türkheim ab. In der Gegend von Hiltefingen begann der Tag bereits ein wenig zu dämmern. Die Lerchen riefen auf dem Felde und einzelne Vögel und Eulen im Walde, an dem wir hinfuhren. Die Hasen sprangen aus den Kornäckern und stutzten, wenn sie das Rollen des Wagens vernahmen. Ein weißer Nebel, kaum so hoch, als die Füllen auf der Weide den Kopf trugen, lag ausgebreitet über dem flachen Wiesengrunde, die Mutterpferde wateten in den liegenden Wolken gleichsam wie in einem See voll lockerer Wolle und hoben die schwarzbraunen Mähnen und Rücken wie aus der Schwemme empor. Die Frische des Morgens durchschauerte mich. Ich hielt mich lange stehend im Wagen, um alles recht beschauen zu können. Noch war die Sonne nicht herauf, als wir in Türkheim eintrafen. Hier mußten wir die Pferde in den Stall ziehen und füttern lassen. Ich verlangte ein Zimmerchen und legte mich indes ein paar Stunden lang zu Bette, denn das Bedürfnis zu schlafen meldete sich mit aller Kraft. Ich schlief von halb vier bis sechs Uhr; da weckte mich das Geläute, womit das Volk zur Frühmesse gerufen ward. Nun mußten wir, so sehr wir auch Eile hatten, geduldig warten, bis das Hausgesinde aus der Kirche zurückkäme (das beschwerliche Geschick mancher Reisenden, die morgens in einem katholischen Gasthofe einzusprechen genötigt sind), dann reichte man uns mit Zeit und Weile unsre Schale Kaffee und ließ uns erst um halb acht Uhr, nicht ohne neues Examen, woher ich käme und wohin ich wollte, weiter ziehen. Wir fuhren durch einen Wald; ich erquickte mich an den Schönheiten der einsamen Gegend. Wo sich die Straße durch ein tiefes Tal emporwandte, stand ein artiges Häuschen vor mir mit einem Strohdache. Ein armes, aber reinliches Weib saß mit ein paar Kindern, die im Sande tändelten, auf einem Baumstrunke vor der Tür und nähte, und in einiger Entfernung hackte ihr Mann kleine Hügel um die Erdäpfelstöcke in seinem Gärtchen. Die kleine Wirtschaft in dieser Einöde gefiel mir so wohl, daß ich mich nicht erwehren konnte, zu seufzen und zu wünschen: »O Gott! hätte ich auch ein solches Fleckchen auf deiner schönen Erde und säße mit einem liebenden Wesen darin!« Dann sagte ich mir mit einiger Zuversicht: »Was wünschest du und hoffest nicht? es wird ja wohl noch möglich zu machen sein, daß dir ein kleines Gütchen zuteil wird und eine sanfte Seele, die dein Glück, wie du, zu fühlen versteht! Guten Muts! Wer weiß, was dir der Himmel noch beschert hat! Es wird an Frankreichs Grenze wohl noch ein wildes Fleckchen geben, das urbar zu machen ist.« Da verirrte ich mich in geographische, ökonomische, schwärmerische Phantasien und malte mir ein ganzes Elysium voll Freude. Ohne Anstand gelangten wir nun gegen halb elf Uhr über ein weites Ried, auf dem kleine, magere Kühe grasten, nach Mindelheim, einem schwäbisch-bayrischen Städtchen, wo wir den Pferden Brot geben lassen mußten. Mittags begannen wir durch schöne Gegenden unsere Fahrt nach Memmingen. Fort und fort fand ich Gegenstände die Fülle, an denen ich meine Augen, in der offenen Kutsche sitzend, weidete. Bald zogen mich ein dunkler Wald, auf Bergrücken sich fern verbreitend, oder einzelne kleine Haine mit ihrem einladenden Schatten auf der Ebene an, bald fixierte ein altes zerfallenes oder ein neues Gebäude, bald ein romantisch gelegenes Dorf oder ein einsames Landhaus meine Blicke; bald sah ich einen kleinen Hügel mit Bäumen oder ein heimliches Tälchen mit funkelnden Bachgeschlingen, wo ich mir gern eine Wohnhütte gebaut und in arkadischer Ruhe meine Tage hingebracht hätte. Bei soviel Genuß, den sich meine Seele aus dem Anblick jeder Gegend schöpft, durch die ich hinwanderte, nahm es mich schon oft wunder, wie es möglich sei, daß sich jemand, wenn er nicht bereits durch eine langwierige Reise ermüdet ward, in seinem Wagen sogleich beim Einsteigen zum Einschlafen zurechtsetzen und alle Freuden, die ihm der Wechsel immer neuer Aussichten so reichlich darbeut, ganz und gar verschnarchen mag. Um halb vier Uhr abends traf ich wohlbehalten in Memmingen ein und nahm bei Herrn Rheineck, dem Gastwirt zum Weißen Ochsen, mein Absteigquartier. Ich wußte aus den Erzählungen meiner Freunde, daß Herr Rheineck ein sehr gefälliger Mann, ein angenehmer Sänger und guter Komponist sei und kannte sechs Sammlungen seiner schönen Lieder zum Klavier aus dem Gebrauche, den ich schon lange selbst davon gemacht hatte. Er bequemte sich auch ohne Ziererei gar gern dazu, mir einige seiner neuesten Kompositionen vorzusingen. Es war für mich eine rechte Herzenserquickung, nach dem lange anhaltenden Rollen und Klirren des Wagens, meine Ohren durch so angenehme Lieder wieder geschmeichelt zu fühlen und die schönsten Melodien mit dem richtigsten Ausdruck vortragen zu hören. Der liebe Mann gewann mein Zutrauen durch die Offenheit seines Betragens so sehr, daß ich kein Bedenken trug, ihm den Endzweck meiner Reise, um den er sich erkundigte, unverhohlen anzugeben und seinen Rat zu erbitten. Aufrichtig riet er mir auch und belohnte durch Äußerungen geraden Biedersinns das Zutrauen, welches ich zu ihm gefaßt hatte. Vor allem erkundigte ich mich um einen sichern Spediteur, dem ich meine Sachen ohne Gefahr anvertrauen dürfte. Sogleich ging ich zu demselben, brachte alles in Richtigkeit und ließ mein Gepäck in sein Haus bringen. Dann kaufte ich mir ein Siegel, um eine ungewöhnliche Figur auf diejenigen Briefe drücken zu können, die über Augsburg liefen. Es war die gestochene Devise: Je me porte bien . Dadurch glaubte ich meine Briefe einigermaßen vor dem Eröffnen auf dem Postamte zu sichern. Dann schrieb ich an meinen Vater und meinen Bruder Franz Joseph und legte jedem Brief ein Geschenk an Gelde bei, um meinem Trost einige Realität zu geben. Lange war der Schmerz, den ich meinem Vater machen würde, das Hauptbedenken, welches mich abhielt, meine Fesseln zu sprengen. Da er aber erst vor einigen Wochen unser halbes Häuschen verkauft hatte (ohne es meinem Bruder, der eben von seiner Wanderschaft zurückkommen und sich in Höchstädt ansässig machen wollte, meiner Bitte und Vorstellung zuliebe, aufzusparen), so durfte ich hoffen, er würde durch die für ihn beträchtliche Summe des Kaufschillings in den Stand gesetzt sein, sich indessen vor andringender Not zu sichern und sogar einige Bequemlichkeiten des Lebens zu verschaffen, denn er nahm von nun an unentgeltlich im Spitale seinen Aufenthalt, der ihm wegen der halben Pfründe, die er genoß, nicht wohl versagt werden konnte. Ich wandte allen möglichen Fleiß an, um keinen Trostgrund, der in seinem Herzen haften konnte, zu vergessen und befand mich, als ich den Brief schloß, so gerührt, daß mir häufige Tränen über die Wangen rannen. Auch meinen Bruder tröstete ich so gut ich konnte und vergaß nichts, was dazu beitragen konnte, seine Liebe unverändert zu erhalten. Zuletzt schrieb ich auch an meinen vertrauten Freund in Augsburg, dem ich zuerst mein Vorhaben geoffenbart hatte, und bat ihn, alle Anstalten, die man wegen meiner Flucht treffen könnte, Wohl auszukundschaften und mir so schleunig als möglich Nachricht davon in die Schweiz zu senden. Zur Vorsicht hatten wir die Abrede getroffen, er sollte sich immer als Notus Mayer , ich aber mich als Vetter Müller in unsern Briefen unterzeichnen, denn so hatten wir uns längst genannt, wenn wir badend im Lechstrome saßen und Leute ans Ufer kamen, vor denen wir unkenntlich bleiben wollten, und wir durften versichert sein, daß uns jetzt unter diesen Pseudonymen ebensowenig als damals ein Briefeklitterer erraten würde. Nachdem ich nun ehrenhalber etwas Speise und Trank genossen und mit meinem jungen Fuhrmanne zu seiner völligen Zufriedenheit Rechnung gepflogen hatte, begann ich meinen Wanderstab aus den oben angeführten Gründen zu Fuß weiter zu setzen. In behaglicher Sorglosigkeit spazierte ich zwischen den Hopfengärten außer dem Tore, die für mich ihre eigenen Annehmlichkeiten hatten, auf der Straße nach Leutkirch hin. Unter dem Arme trug ich meinen Regenschirm, in der Hand eine zusammengefaltete, sehr genaue Spezialkarte von Schwaben, auf der ich von Zeit zu Zeit die Orte nachsuchte, durch die der Weg mich führen würde. Überhaupt ist Reisen für mich nur ein halbes Vergnügen, wenn ich nicht gleichsam jeden Schritt, den ich tue, auf der Karte bestimmen kann. Mit diesem Hilfsmittel versehen, hab' ich des ewigen Fragens nicht nötig, wie der Ort heiße, durch den ich wandre? wohin ich gelangen werde? wie weit es bis dahin noch sei? welches Wasser hier ströme? welch ein Schloß, Kloster oder Gebirge dort sichtbar werde? Alles dies und noch mehr zeigt mir eine gute Karte. Mit einem Worte: wenn ich ohne Karte reise, so ist's mir immer, als irre ich in einem düstern Walde, mit einer Karte aber bin ich überall orientiert . – Meine Gedanken schwebten zuweilen nach Augsburg, denn nun hatte die Stunde geschlagen, da die Hausfrau mein Zimmer betreten und das leere Nest finden mußte. Ruhig schlenderte ich meines Weges und kam bis an die Anhöhe, wo das Feld sich gegen die Iller hinabneigt. Am grünen Straßenbord sitzend, labte ich mich durch ein Weilchen Ruhe und beobachtete mit Wohlgefallen die untergehende Sonne und das liebliche Licht, das sie über die Gegenden ausgoß. Es war schon sehr dunkel, als ich an die Brücke über die Iller unweit Aitrach gelangte und nun über die Grenze des Bischöflich-Augsburgischen Kirchensprengels schritt. Weil es in der Abendkühle sehr angenehm zu gehen war und meine Karte das Dorf Ahstetten nicht sehr fern vorgestellt hatte, so entschloß ich mich, Aitrach zur Seite liegen zu lassen und noch eine Strecke Weges im Dunkeln zu marschieren. Lange lief ich zwischen Feldern hin. Rechts und links tönte das Brüllen der Kühe und das Bellen der Hunde aus der Ferne herüber; tiefes Dunkel verhüllte jede Aussicht vor meinen Blicken. Jetzt kam ich an eine Stelle, wo sich der Weg teilte; ich wählte denjenigen, der dem Anschein nach der betretenste war. Schon wandelte ich eine ziemliche Strecke darauf hin, da hörte ich das Klirren eines herankommenden Wagens und freute mich, nun Gewißheit zu erhalten, wohin ich gelangen würde. Sowie der Wagen näherkam, tönten mir lustige Stimmen entgegen; es deuchte mir, ein paar Betrunkene sängen ein Lied. Endlich entdeckte ich den Zug. Was war's? Eine Bettlerfamilie hatte eine Mähre vor ihr Wägelchen gespannt. Ein Weib und ein paar Kinder saßen darauf, tief in Bettlumpen verhüllt, und ein paar Männer, wovon einer den Fuhrmann machte, gingen nebenher und sangen; das Weib sekundierte. Ich wußte nicht recht, sollte ich fragen oder nicht. Eben schritt ich auf einem kleinen Fußwege, der etwas höher als die Straße lag, hinter einem Gesträuche hin, das am abhängigen Rande wucherte, und stand still, um den Zug zu betrachten. »Mutter, sieh!« sagte ein Knabe auf dem Magen, »dort steht jemand hinter den Stauden und lauschet.« Geschwinde rief ich mit keckem Tone: »Wie heißt der Ort, wohin ich komme? Ist er noch fern?« Einer der Bettler antwortete stutzend: »Der Herr ist spät auf der Straße, wo will Er hin?« Ich: »Weit und nicht weit, wie man's nimmt. Heißt der nächste Ort nicht Aystetten?« Er: »Ja. Der Herr geht gewiß wallfahrten? Wir kommen eben auch von Maria-Einsiedeln.« Er wollte noch mehr fragen, aber ich ging meines Weges. Endlich kam ich in ein Dorf und suchte allenthalben ein Wirtshaus. Aber nirgends konnte ich in der tiefen Finsternis ein hängendes Schild gewahr werden, und in den übrigen Häusern schien bereits alles tief zu schnarchen. Die Hofhunde kläfften mich an, immer mußte ich mich mit meinem Zusammengerollten Regenschirm gegen sie verteidigen. Nirgends war ein Licht zu erblicken; ein Bach lief mitten durch das Dorf. In der Dunkelheit glaubte ich einen Steg wahrzunehmen, schritt kühn darauf los und stürzte in den Bach; eine Stange, die quer hinübergelegt war und mir nachher ein paar Weiße Felle ins Wasser zu halten schien, hatte mich betrogen. Ich tat im Fallen einen lauten Schrei, und als ich mich triefend herauswand, ein paar kräftige Flüche; das zog endlich einen alten Mann aus dem nächsten Hause herbei, der mich an die Straße hinaus zu einem Wirtshaus wies. Er warnte mich aber, ich sollte mich im engen Fahrweg durch's Dorf immer hart an die Zäune halten, sonst würde ich noch einmal und zwar in stinkender Jauche, die im Wege eine Pfütze bildete, gebadet werden. Es war für einen Fremden unmöglich, im Finstern an der stechenden Dornhecke vorüber zu kommen, ohne einen Fehltritt in die Pfütze zu tun. Ich mußte mich entschließen, eine gute Strecke weit durch dick und dünn zu waten und wohl acht haben, daß ich meine Schuhe nicht zurückließ, ehe ich wieder auf ein trockenes Plätzchen geriet. Tropfnaß und häßlich besudelt gelangte ich endlich zur Tür des Wirtshauses an der Straße, aber ein großer Hund lag davor, der mich anknurrte, sobald ich pochen oder läuten wollte. Endlich wagte ich's doch mit meinem Schirme an einem Fensterladen zu klopfen, durch dessen Ritzen ich Licht entdeckte. Man öffnete sogleich und hörte meine Bitte um eine Nachtherberge nicht ohne Zeichen des Mißfallens an. »So spät?« hieß es, »es ist schon alles zu Bette, wir haben nichts mehr zu essen.« Der Wirt kam heraus, beleuchtete mich mit seiner Laterne und schloß die Tür wieder zu, indem er sagte: »Übernacht' Er, wo Er will! Ich habe kein Lager für ein solches Schwein!« Zu meinem Glücke war der große Hund mit ihm ins Haus geschlüpft. Ich machte mich also wieder an das Fenster, dessen Laden noch offen stand, und wandte mich mit meiner Bitte an die Wirtin, die noch herausschaute und zu horchen schien. Eindringlich erzählte ich mein Schicksal und versprach, mit Milch und Brot recht wohl zufrieden zu sein, wenn sie mir nur ein Obdach gestatten wollte. Sie fragte: »Wer ich denn sei?« Schon hatte ich's auf der Zunge zu sagen: »Ein Geistlicher.« Das hätte mir freilich ganz gewiß eine gute Aufnahme versichert. Aber in eben dem Augenblicke fiel mir's ein, man könnte dadurch beim Nacheilen auf die Spur geführt werden, und ich antwortete flink: »Ein Student.« »0 wehe!« rief der Wirt, »das ist gewiß ein rechter Gaudieb; die Studenten reisen erst im Herbst, er ist gewiß davongejagt worden.« – »Nicht ungerecht, mein Herr! Ich habe ein Attestat bei mir,« so erwiderte ich mit kühnem Tone und holte mein Portefeuille aus der Tasche, in welchem ich meine Formaten nebst andern Dokumenten verwahrte. Sie waren ganz in lateinischer Sprache abgefaßt und ich verließ mich darauf, der Wirt würde kein Latein verstehen. Um jedoch nicht irre zu gehen, fragte ich: »Herr Wirt! ich habe ein Testimonium bei mir; Sie verstehen doch Latein?« »Nicht recht,« sagte er stockend, »doch lass' Er mal sehen.« Ich reichte ihm nun getrost den lateinischen Zettel hinein. Er sah ihn durch, buchstabierte mit Mühe meinen Namen und gab sich zufrieden, als er das große Siegel erblickte. Mir war bange, er möchte sein Augenmerk auch auf die Jahreszahl richten, die 1783 lautete, aber ich sorgte vergebens. Die Wirtin fand, ihr Mann sei überwiesen, und kam an die Haustür, um sie mir nicht ohne Mitleid zu öffnen. Eine Magd mußte ein Schaff voll Wasser hereinbringen, ich stellte mich mitten drein, tauchte mich nieder, so weit es gehen wollte, badete tapfer darin umher und wusch mich so rein als möglich. Die Wirtsleute und ich scherzten dann sehr munter. Mein Baden kam ihnen allen und mir selbst sehr lustig vor. Aber so warm auch die Jahreszeit war, so fing es mich doch an, in meinen nassen Kleidern ein wenig zu frieren. Bald verlangte ich mich schlafen zu legen, man führte mich in eine Kammer, die nicht unartig aussah. Ich hing meine Kleider zum Trocknen auf und mußte mich, zum ersten Mal in meinem Leben, ganz ohne alle Bekleidung zu Bette legen. Die Müdigkeit machte mich einige Stunden wie ein Murmeltier schlafen, die ungewohnte Nacktheit aber weckte mich schon frühe bei anbrechendem Tage. Ich fand meine Kleider größtenteils trocken und schrieb das Nötige in mein Reisejournal. Heiter und vergnügt trat ich den 16. Juli meine Reise nach Leutkirch an. Lieblich beglänzte die Sonne den Weg, den ich zu nehmen hatte. Das altfränkische Schloß zu Altmannshofen zeigte sich recht romantisch im Morgenglanze. Am mannigfaltig verschlungenen Ufer der Aitrach hin kam ich, über ein angenehmes Ried spazierend, nach Niederhofen und weidete meine Blicke an dem schönen Bergschloß Zeil, das mich den ganzen Weg über so prächtig von seiner Höhe herab anschaute. Wer kann sich beim Anblicke eines so großen weitläufigen Palastes, im Gegensatze mit den ärmlichen Wohnungen des Landmanns, des Gedankens an Gewalt und Herrscherwillkür erwehren? Mich wunderte es nicht, daß beim Ausbruche der Revolution in Frankreich der Bauer mit soviel Schadenfreude die Schlösser verbrannte. Jeden Augenblick ist ein zu prächtiges Gebäude eine Beleidigung für die Blicke des Armen, und er sagt sich, so oft er daran vorübergeht: »Auf des Landes und meine Kosten, durch meiner Vorfahren oder zum Teil meinen eigenen Schweiß ward diese Zwingfeste aufgeführt. Wenn es keinen jüngsten Tag und keine bessre Zukunft gibt, so sind wir Bauern in der Hölle und unsre Herren im Himmel, und doch führen sie sich ganz und gar nicht als Heilige auf.« Dies sind die Worte, die mir einst ein Bauer beim Anblicke des schönen Schlosses Wellenburg sagte, als ich mit ihm, vertraulich plaudernd, vom Kobel nach Augsburg ging. Er war eben keiner der Gutgesinnten, aber auch keiner der Dummen. Lange dachte ich auf meiner einsamen Wanderung der Frage nach: »Warum sind alle unsre großen Gebäude mehr prächtig als schön? warum sind sie nicht, so wie bei den Griechen, mehr schön als prächtig?« Nach mancherlei versuchten Auflösungen schien mir diese die richtigste: »Weil in unserm kaufmännischen Jahrhundert, wo jeder nur erwerben will, Gewinnsucht den moralischen Sinn, der so enge mit dem ästhetischen verschwistert ist, daß keiner ohne den andern existieren kann, abgestumpft hat und sich ihrer Natur nach lieber in schimmernden als in schönen Formen zeigen mag; oder, weil man lieber prangen als vergnügen will, weil nicht Harmonie des Wohlwollens, sondern Schellenklang der Eitelkeit die Bauenden begeistert, weil sich Reichtum ohne Menschengefühl lieber in Trotz verratenden, als in Gefälligkeit atmenden Zügen äußert, weil mit Lieblosigkeit wohl Pracht, aber nicht Schönheit bestehen kann.« Unter dergleichen Betrachtungen gelangte ich nach Leutkirch, einem Reichsstädtchen, das die Tiefe eines angenehmen Tales einnimmt. Hier suchte ich das Posthaus auf und fuhr mit Extrapost nach Wangen. Dadurch gewann ich den Vorteil, ohne müde Füße schnell vom Lande zu kommen, noch heute abend in Lindau einzutreffen und morgen sogleich in die Schweiz abreisen zu können. Hiermit war alle Möglichkeit, eingeholt zu werden, gänzlich aufgehoben. Je näher ich Wangen kam, desto hügeliger und rauher ward das Land. Als sich das Tal der Argen öffnete und wir das Reichsstädtchen vor unsern Augen hatten, wehte uns ein unangenehmer Geruch, wie von einem großen Brande entgegen. Wir fuhren durch die Tore und erblickten sogleich jammernde Menschen in Gruppen beisammenstehen und andre, die Betten und allerlei Hausgeräte hin und her schleppten. Im Gasthofe zum Adler stieg ich ab. Eingerissene, schwarzgeräucherte Häuser ohne Fenster und Dächer und dampfende Schutthaufen fielen mir am Ende der Gasse, unweit der Kirche in die Augen. Im Gasthofe selbst war nichts an seinem rechten Orte; alles hatte man in ein Gartenhaus vor der Stadt geflüchtet, und nun standen noch die Geräte, welche man zurückgeholt hatte, in trauriger Verwirrung umher. Nur ein einziges Zimmer war zum Empfange der Gäste einigermaßen zubereitet. Der Wirt hatte selbst durch den Brand ein Haus verloren und erzählte uns von diesem traurigen Ereignisse, und die Wirtin, welche ihm bei einigen Umständen nachhelfen wollte, brach öfters in Tränen aus. Alle Einwohner des Hauses liefen wie verstört und noch halb betäubt umher. Alle hatte das Unglück fromm gemacht, und sie sprachen entweder von Strafen oder von Schonung des Himmels. Der Wirt führte mich hin zur großen Brandstätte, indem man uns ein Mittagessen zurechtmachte, und zeigte mir von der Höhe an der Kirchhofmauer die weitverbreiteten Ruinen im Tale! Fast lauter kleine Häuschen der Armut waren niedergebrannt; gegen 70 Firsten lagen im Schutte. Weinend und wehklagend, oder in stummen Schmerz versenkt, wühlten Kinder, Väter und Mütter, mit Lumpen behangen, in den heißen Brandhaufen, aus denen oft lechzende Flammen emporprasselten, und suchten die Überbleibsel ihrer elenden Habe hervor. Es war ein sehr schmerzlicher Anblick! Man sagte mir, die Hauptbemühung der Löschenden sei dahin gegangen, die auf der Höhe stehende Kirche zu retten. Beinahe hätte ich mich aus Unverstand vermessen, zu klagen, daß man nicht lieber die Häuser der Armut, als eine Kirche, zu retten strebte, aber der Gedanke fiel mir noch zur rechten Zeit ein: »Vielleicht wäre durch den Brand der Kirche auch der übrige Teil der Stadt in Flammen geraten.« Unverhohlen gestand ich jedoch dem Wirt meinen törichten Einfall und sagte ihm, daß ich mir deshalb selbst einen Verweis gegeben hätte; er bestätigte meine bessre Vermutung und setzte bei: »Es wäre doch unmöglich gewesen, die hölzernen Hütten zu löschen; ohne Rettung der Kirche aber würde auch der übrige Teil der Stadt mit verbrannt sein.« Der Postillon, der mich von Wangen nach Lindau führte, hatte alle seine Kleider in den Flammen verloren. Traurig saß er auf dem Bocke, von Zeit zu Zeit erzählte er mir einen Zug der Löschenden oder Beschädigten, und wenn er eine Weile stille saß und dann sich umsah, bebte ihm manchmal eine große Träne im Auge. Er dauerte mich recht sehr; ich suchte ihn, so gut ich konnte, zu trösten, aber er blieb in düstre Trauer versenkt und wollte zu Neu-Ravensburg nicht einmal ein Glas Wein genießen, das ich ihm anbot; nur mit Mühe konnte ich ihn dazu bereden. Meinem Grundsatze getreu, auf Reisen immer den besten Gasthof zum Übernachten zu wählen, weil man da gewiß am wohlfeilsten und zugleich am bequemsten zehrt, stieg ich in Lindau zur Goldenen Krone ab und erkundigte mich sogleich, ob nicht etwa noch heute ein Schiff nach Rorschach abginge, denn ich hätte gar zu gern, je eher je lieber, in völliger Sicherheit geschlafen. Allein es war bereits abends fünf Uhr, und niemand wollte mit mir so spät die Fahrt unternehmen. Ich lief an die Schifflände und zog selbst Nachrichten ein, so zuverlässig als möglich. Es hieß, morgen in aller Frühe würde ohnehin ein Schiff dahin absegeln, ich sollte mich also die Nacht über gedulden. Um nicht durch allzu dringendes und ungestümes Fordern, heute noch in die Schweiz gebracht zu werden, mich selbst als einen Flüchtling zu verraten und etwa zu unangenehmen Auftritten Anlaß zu geben, beschloß ich, in Lindau zu übernachten, mein Journal fortzusetzen und die noch übrige Zeit anzuwenden, mich in eigner Person bei Herrn Spediteur S. zu erkundigen, was aus meinen Kisten geworden sei, und zugleich die Stadt zu schauen. Aber auf dem Wege fiel mir ein, meine Gegenwart und überflüssige Sorgfalt könnte bei dem Spediteur allerlei Bedenklichkeiten erregen und wohl gar die Versendung des Gepäckes verzögern, ich begnügte mich also, die merkwürdigsten Gegenden der Stadt zu sehen, nach Art der Handwerksburschen zur großen Linde zu Wallfahrten, an die Schifflände zu schlendern und besonders den Galgen um sein allerliebstes Plätzchen auf einer kleinen Halbinsel zu beneiden, denn ich dachte, ein niedliches Häuschen, in dem ich wohnen könnte, stünde dort viel besser. Dem fürstlichen Damenstift mochte ich durchaus nicht zu nahe kommen, denn hier wohnte eine Schwester des Herrn von Ungelter als Stiftsdame; sie kannte mich von einem Besuche her, den sie im vorigen Sommer bei ihrem Herrn Bruder in Augsburg abgelegt hatte, und würde nicht unterlassen haben, mich auf meiner Flucht durch lauter Höflichkeit und Gefälligkeit aufzuhalten, denn sie hatte mich längst eingeladen und mit zuvorkommender Artigkeit versprochen, mir alle Kostbarkeiten des Stifts und alle schönen Damen darin zu zeigen. Zuweilen fiel mir doch der Gedanke ein, ich sollte mir den Spaß machen, sie zu besuchen und eine Wallfahrt nach Einsiedeln vorschützen; es dünkte mich lustig, ihr bei einer so bedenklichen Gelegenheit in der Eile eine kurze Visite zu machen. Aber der Umstand, die Visite könnte wider meinen Willen zu lange dauern und also meine Sicherheit, einer Schalkheit zuliebe, auf's Spiel gesetzt werden, hielt mich wieder ab und bestärkte mich in dem Vorhaben, bei einer Unternehmung von solcher Wichtigkeit so wenig als möglich dem Zufalle anzuvertrauen. Den 17. Juli, morgens, frühe um 4 Uhr, weckte mich ein Bedienter und brachte zugleich den Bericht, daß ein Schiff mit dem Schlage 5 Uhr ganz gewiß nach Rorschach absegeln würde. Er bereitete mir ein Frühstück und vergaß nicht, seinen scheidenden Gast für die Wasserfahrt recht wohl zu verproviantieren. Seine Munterkeit nahm mich sehr für ihn ein; ich gab ihm ein reichliches Trinkgeld. Ehe er die Türe des Gasthofes öffnete, sprach er mir sehr ernsthaft zu, ich möchte mich doch vor der Reise noch leichter machen, denn im Schiffe finde man dergleichen Bequemlichkeit nicht usw. Ich gehorchte willig und schlug einen Seitengang im Haus« ein, wohin er mich wies. Am Ende des Ganges fand ich eine nachlässig angelehnte Tür, trat hinein und sah – ein abscheulich schmutziges Bett und – eine Eva darauf, sogar ohne Feigenblatt, welche tüchtig schnarchte. Das erstemal in meinem Leben erblickte ich hier ganz ohne Hülle eine weibliche Gestalt in der Nähe, die aber nichts minder als eine Phryne war; die Neuheit der Erscheinung fesselte zwar einen Moment mein Auge, aber die Magd, gewiß der niedrigsten eine, oder was das arme Geschöpf sonst sein mochte, war so schwarz an Händen, Füßen, Hals und Haupt, und hatte übrigens einen so groben, wanstigen und dicken Bau, daß ich statt des Wohlgefallens nur Ekel empfand und schleunig aus Maritornens Kammer zurücktrat, um in ein lautes Lachen auszubrechen. Der schalkhafte Bediente, der vorne am Gange meiner wartete und zum voraus wohl wußte, was ich finden würde (denn es war im ganzen Gange nicht, was ich suchte), platzte auch los und konnte der lustigen Einfälle über mein furchtsames Betragen, wie er's nannte, kein Ende finden. Im Grunde hätte ich die Armselige, die nicht einmal ein Hemde zu haben schien, um nachts darin ihre Blöße zu verhüllen, lieber gar nicht gesehen, denn meine Phantasie konnte nachher des sonderbaren häßlichen Bildes lange nicht mehr loswerden. Es erschien mir sogar zur Unzeit im Traume. Die Schiffer zögerten lange, bis sie abfuhren. Endlich, nachdem sich eine große Anzahl Reisender von allen Sorten eingefunden hatten, stießen sie vom Lande. Es war bereits 5 Uhr vorüber, und ich hatte mir bis dahin die Langeweile teils durch Betrachtung der schönen Aussicht ins Rheintal und ins St. Gallische Gebiet, teils mit Beobachtung der ankommenden Reisenden vertrieben. Wallfahrer nach Einsiedeln, Viehhändler, Kaufmannsdiener, Fabrikantenmädchen von St. Gallen und allerlei andre Personen kamen allmählich an die Schifflände. Es fand sich auch ein verliebtes Pärchen ein, das alle Augenblicke hinter hohen Tonnen und Lasten am Ufer verschwand, um geschwind einander zu küssen und sich wieder zu zeigen. Beide schienen stets überzeugt zu sein, daß sie niemand bemerkt hätte, und lockten doch jedem ein Lächeln ab. Aber so sind die Liebenden; sie denken, niemand habe Augen für ihre Zärtlichkeiten, solange sie kein Lauschender im Taumel ihres süßen Genusses ins Angesicht verhöhnt, hierin gleichen sie gewissen kleinen Kindern, die, wenn sie dorthin schleichen wollen, wohin sie nicht sollen, so lange die Augen zudrücken, bis sie an ihren Aufsehern vorübergeschlüpft sind, in der tröstlichen Voraussetzung, weil sie niemanden angeblickt hätten, seien auch sie den Blicken der Aufseher entgangen. Der hohe Felsenberg, der hinter Bregenz so steil und majestätisch emporsteigt, zog unter den Schönheiten der Natur meine Blicke am längsten auf sich. Der Wind legte sich, sowie sich unser Schiff vom Lande entfernte, die Schiffer prophezeiten uns eine langwierige Fahrt, denn nur die Ruder stießen uns weiter. Allmählich zeigte sich das schöne Ufer gegen Buchhorn hin mit seinen Schlössern und schönen Gebäuden, die in den See herauszutreten schienen. Wasserburg und Längenargen glänzten im Morgenglanze. Die Pilger fingen an ihren Rosenkranz monotonisch zu plappern. Die Mitfahrenden, welche nicht von der andächtigen Partei waren, machten darüber ihre Anmerkungen oder fluchten, und ich saß vorne am Schnabel auf einem vollen Kornsack, schrieb in meine Reisetabletten oder begaffte die Ufer umher. Die jungen Burschen machten sich an die lustigen St. Galler Mädchen, schäkerten mit ihnen und bedeckten sich manchmal mit dem nachlässig hängenden Segel, um darunter Küsse zu tauschen. Ein lustiger Metzgerknecht trieb den Spatz zu wiederholten Walen und störte in seiner rohern Frohmütigkeit die Andacht der Betenden einigemal mit einem herzhaften Fluche; das eintönige Geleier schien in die Länge seine Geduld völlig zu ermüden. Der Oberschiffer, ein gar christlicher und dabei handfester Mann, verbat sich feierlich das Fluchen mit der Äußerung, er könne es nicht zugeben, daß allen Schiffenden, eines einzigen Auswürflings wegen, etwa ein Unglück begegnete. Als sich der luftige Metzger wenig um seine Erinnerungen bekümmerte und kindisch genug, in gewichtigen, nichts bedeutenden Ausrufungen, die man für Flüche nahm, seine Stärke zu zeigen fortfuhr, drohte der aufgebrachte Schiffmann: »Hörst du nicht auf, so werd' ich dich tunken (ins Wasser tauchen)!« Der Metzger achtete die Drohung nicht und feierte nicht, seine Scherze mit Fuhrmannsphrasen zu würzen; auf einmal ergriff ihn der Schiffmann, der Bursche war aber auf diesen Fall gefaßt und wehrte sich wie ein gehetzter Dachs. Sie rangen miteinander. Im Zorne entfuhren auch dem Schiffmann ein paar kräftige Flüche, und ein Rudernder rief: »Bruder! laß ihn los, du fluchst ja selber!« warf sich zwischen beide und brachte sie auseinander. Ein allgemeines Gelächter schloß die alberne Szene. Als wir uns dem Schweizer Gebiete näherten, hielt ich in meiner Seele ein Dankfest, daß ich nun das Land der Freiheit so glücklich und wohlbehalten wieder betreten dürfte. Der Anblick des schönen Berges, der sich zwischen Rheineck und Rorschach erhebt, erquickte mich doppelt durch die Mannigfaltigkeit seiner angenehmen Dörfer, Landhäuser, Schlösser, Wäldchen und Bäche, wenn ich diese Gegend mit den einförmigen, weitgestreckten Ebenen verglich, in denen ich letzthin gewohnt hatte. Die niedrige Erdzunge, mit Weidenbäumen und Erlen bewachsen, welche der Rhein bei seinem Eintritt in den See nach und nach angeschwemmt hat, im Rohr genannt, zog lange meine Blicke auf sich. Unser Schiffmann steuerte so nahe an die Rheinmündung hin, um den Bedienten einiger Emigranten, der allerlei Waren von Lindau herüberbrachte und nun mit dem verliebten Pärchen nach dem Schloß Wartensee wandern wollte, das seine Herrschaft gemietet hatte, weiter oben ans Land zu setzen. Wir schifften dann an dem schönen, mit Mauerwerk bekleideten Ufer des Sees fort in den Hafen von Rorschach. Angenehm wechselten kleine beschränkte Prospekte in ländliche Gärten, unter Fruchtbäumen hin, und auf artig gruppierte Bauernhäuser, mit größern Aussichten den Berg hinauf ab. Die Seeluft hatte mich hungrig gemacht. Ich speiste im Adler zu Rorschach schon um 10 Uhr zu Mittag, saß mit der besten Überzeugung hinterm Tische, daß ich mich bereits in einem reformierten Orte der Schweiz befinde, und lieh mir Essen und Trinken zur Ehre der Freiheit doppelt wohlschmecken. Plötzlich erklang nahe am Wirtshause ein Geläute, ich streckte, davon überrascht, den Kopf zum Fenster hinaus und erblickte eine Kapelle und einen Mönch darin, der sich zur Messe ankleidete. »O wehe!« dachte ich, »so stehe ich auch hier noch unter Pfaffengewalt?« Mit erkünstelter Miene der Nutze fragte ich die Wirtin: »Unter wessen Botmäßigkeit steht der hiesige Ort?« Sie antwortete: »Unter dem Fürsten von St. Gallen.« Eiliger leerte ich nun mein Glas und spazierte, meinen Regenschirm unter dem Arm, den Berg hinauf, um in die äußeren Rhoden zu kommen. O, wie sehr mangelte mir da eine gute Karte der Schweiz! Was hätte ich darum gegeben, diejenige wieder zu haben, die ich wahrscheinlich in der Postchaise von Wangen bis Lindau mit dem Schnupftuch aus der Tasche gezogen und im Fahren verloren hatte. – Meine Hausleute in Augsburg hatten indes (wie ich nachher aus Briefen und mündlichen Erzählungen erfuhr) zur vermuteten Stunde mein Zimmer leer gefunden, Herr Gantherr brachte die zurückgelassenen beiden Schreiben samt den Registraturschlüsseln mit großem Leidwesen zu Herrn Provikar de Haiden und bat um Verhaltungsregeln. Provikar hörte die Erzählung staunend an und rief mehr als einmal aus: »Das ist ein verwünschter Streich! ein schlauer Kerl! er hält die ganze Welt zum Narren!« Seinen Freunden sagte er: »Lauf ihm nun nach, wer will! Den holt niemand mehr ein! Ich will wetten, Bronner schreibt mir alles (er hätte die Wette verloren) und klagt über Kögls letzte Begegnung! Es ist aber auch wahr! Kögl hat ihn ohne hinreichenden Grund zu bübisch behandelt; mit solchen Leuten darf man nicht so eigenmächtig verfahren. Da ist nun die schöne Frucht!« Er kleidete sich sogleich an, ging mit dem Hausherrn in meine Wohnung, nahm Schriften, Bibliothek und Möbel in Augenschein und befahl seinem Sekretär, Herrn Görtner, die Titel der Bücherrücken zum Protokoll zu nehmen. Beim Durchgehen derselben konnte er sich des Lachens nicht enthalten und äußerte, als er sie einigen Bekannten vorzeigte, die Besorgnis, ich würde nun über dergleichen Materien Bücher schreiben. Mein Hausherr ward ersucht, um alles unnötige Aufsehen zu vermeiden, sogleich selbst als Kurier mit meinen beiden Schreiben an Herrn Statthalter nach München abzureisen. Um den leidigen Vorfall noch eine Weile geheim zu halten, sagte man den Leuten, die auf der «Registratur nach mir verlangten, ich sei auf kurze Zeit verreist und verwies sie zur Geduld. Der Hausmeister in der Dompropstei lachte laut auf, als er die Nachricht meiner Entweichung erhielt. Das gnädige Fräulein Joseph« jammerte erbärmlich, daß ich eben in der Abwesenheit ihres Herrn Bruders fort wäre. »Ach, er wird doch nicht meinetwegen fort sein,« klagte sie, »ich habe ihm ja nichts zu Leide getan! Ach! wenn jetzt nur mein Herr Bruder nicht glaubt, ich habe Bronnern erzürnt und er sei aus Verdruß darüber davon gelaufen! Ich will fleißig beten, daß der Verlorne wieder in sich selber geht und wieder ins Kloster zurückkehrt!« Meine Bekannten waren überrascht, als sie nach einigen Tagen vernahmen, ich habe Augsburg verlassen, um nicht wieder zu kommen. Einer derselben schrieb mir: »Den 27. Juli, morgens, kam mein Freund dahergerannt und sagte mir ganz außer Atem: Bronner ist fort nach Zürich, die ganze Stadt ist in Alarm, eben begegnete mir Herr Statthalter, der von München kommt! Man sagt, Bronner wolle kalvinisch werden und habe aus der Registratur, weiß nicht was, mitgenommen usw. Aber den Statthalter fahren die Domherren mit Vorwürfen her, daß er sich mit einem solchen Illuminaten abgeben mochte usw. O, wie schmerzt es mich, daß Sie fort sind, lieber Freund, so unvermutet – und ohne Abschied zu nehmen! Ans Nacheilen ward nicht gedacht. Man verzweifelte, Sie einzuholen, und alle sagten: »Weiß der Himmel, wo er hin ist, aus dem wird niemand klug genug!« Ihr schönes Tischlein und das Klavier erhielt der Geistliche Herr Witschka in Ihrer Nachbarschaft zum Geschenk, er hat Herrn Statthalter sogleich nach Ankunft desselben aus München darum gebeten. – Man erzählte mir auch, Herr Dompropst, als er Ihr Schreiben erhielt, sei bei Durchlesung desselben sehr betroffen gewesen und blaß geworden, habe aber ausgerufen: »Er ist doch nicht undankbar!« Weil ich vermutete, die Augsburgische Geistlichkeit würde mich, wenn sie mir nachstellte, in Zürich suchen, so hatte ich mir vorgenommen, das Gewitter erst verrauschen zu lassen, alle Versuche, etwas gegen mich zu unternehmen, am kürzesten durch Abwesenheit zu vereiteln und meinen Freunden Zeit zu lassen, sich von mancherlei Zumutungen, die ihnen gemacht werden könnten, durch unbefangene Anführung ihrer Unwissenheit, wo ich mich aufhielte, zu entledigen. Zu diesem Ende beschloß ich, meinen Freund in Wallenstadt, den ich bisher nur aus Briefen kannte, auch persönlich kennen zu lernen. Zugleich wollte ich mich in dem reizenden Appenzeller Gelände umsehen, eine kleine Bergreise machen und die Schönheiten der Natur in der Schweiz wieder einmal nach Herzenslust genießen. Sehr genau hatte ich mir den Weg vorgezeichnet, den ich zu nehmen willens war, aber jetzt, da ich meine Karte verloren sah, schwebte nur mehr ein undeutliches Bild vom Hauptumrisse der Gegenden vor den Augen meiner Phantasie, und ich mußte auf Geratewohl die Reise antreten. Nicht lange stieg ich am Abhänge empor, so kam ich zum Rorschacher Kloster, das in der schönsten Lage die herrlichste Aussicht über den Bodensee und seine fruchtbaren Ufer hat. Seitdem ich mich aus Donauwörth geflüchtet hatte, war mir niemals recht heimlich zumute, wenn ich ein dergleichen Gebäude sah. Auch hier streiften meine Blicke nur mit einer Art Scheu über den hübschen Aufenthalt, und ich ging ungesäumt daran vorüber, etwa wie ein entwischter Galeerensklave an dem Hause eines Amsterdamer Seelenverkäufers vorüberschleichen mag. – Kaum hatte ich das Kloster hinter mir, so wandte ich mich rechts auf kleine Fußpfade zwischen Hecken und Wiesen den Berg hinauf. Hier fühlte ich nun recht, daß ich wieder auf Schweizergrund wandelte. Vollerer Graswuchs bekleidete die Anger, Quellen rieselten am Wege, mitten in den Gütern auf der angemessensten Stelle standen einsame Häuser mit ihren Scheunen und Hütten, Fruchtbäume streuten angenehme Schatten über die Häuser und Matten, aus den grünenden Zäunen hoben sich hohe Kirschen- und Walnußbäume, die ganze Natur schien hier mit kräftigerm Triebe zu walten. Oft setzte ich mich, um auszuruhen und mich an der reichen und weitgedehnten Aussicht über den See und nach Schwaben hinaus zu laben, auf Brunnentröge oder schöne Hügelchen am Wege und sah mich bald von Kindern umringt, bald von Schnittern und Mädchen gegrüßt und freundlich befragt. Hier konnte ich wieder sagen: »Wir ist recht wohl!« In der größten Mittagshitze erstieg ich den Rücken des Berges und lechzte nach einem Trunke Wasser. Verschiedene kleine Häuser, die ich antraf, standen offen und leer, nirgends ein Bewohner, alle schienen zur Arbeit auf's Feld gegangen zu sein. Ich schlenderte meines Weges und war eben im Begriffe, aus einer kleinen Quelle zu trinken, die ich an der Ecke einer Wiese fand, da rief mir ein junger Mann, so ängstlich und laut als er vermochte, aus der Ferne zu: »Halt! Halt! Trinke nicht!« Ich hielt ein und erwartete seine Ankunft. Er beteuerte, wer aus der Quelle tränke, bekäme Würmer im Gedärme und müßte lange leiden, bis er wieder davon befreit würde. Dienstfertig wies er mir eine bessre Quelle in der Nähe und holte eine hölzerne Schale herbei, um mir das Schöpfen bequemer zu machen. Soviel Gefälligkeit verdiente eine Belohnung; ich reichte ihm ein Stück Geld dar. Aber er wandte sich weg, ging wie mürrisch davon und sagte: »Ich habe dem Herrn nichts verkauft, Wasser ist uns umsonst feil!« Ich lief ihm nach und bat: »Nehm' Er mir die Kleinigkeit ab, lieber Mann, als einen Dank für Seine Gefälligkeit, ich hab' Ihm Mühe gemacht.« Trocken erwiderte er: »Es ist gern geschehen! Unser Herr hat gesagt: Wer einem Dürstenden einen Trunk Wasser reicht, wahrlich, dem wird's nicht unbelohnt bleiben. Darauf verlaß ich mich.« Und damit ging er fort. Gerührt rief ich ihm zu: »Nun, so mag dich der Himmel besser belohnen, als ich es kann! Lebe Wohl! gütiger Mann!« Lange sah ich ihm nach. Er wandte sich um und winkte mir seinen freundlichen Abschied. Dies Ereignis erquickte recht innig mein Herz. »Welch ein Volk,« dacht' ich, »wenn alle so sind! Wie glücklich, wer unter ihnen wohnen kann! hätte ich eine Hütte hier und wäre dein Nachbar, edler Mann, wie wohl müßte mir sein!« Vergnügt schritt ich weiter, in der frohesten Stimmung, mit süßen Gefühlen in der Brust. »Sagt mir nicht,« rief ich öfters aus, »die Idyllenwelt sei nur im Kopfe des Dichters, sie ist wirklich außer ihm! Ach, es fehlt nur an reinem Sinne, jede schöne Äußerung mit offener unverstimmter Seele aufzufassen.« So kam ich glücklich in das Dorf Grub hinab und labte mich recht bei einem frischen Brunnen, wo ein angenehmes Weib einen Kupferkessel füllte. Ich fragte sie, ob sie Milch hätte. Sogleich lud sie mich in ihr Haus ein, rief zu meiner Unterhaltung ihren Mann herbei und setzte mir Brot und ein reinliches volles Milchgefäß hin. Ich ließ es mir trefflich schmecken und fragte um allerlei Umstände des Orts. Sie zeigten mir einen kleinen, fast ausgetrockneten Bach, der das Tal in zwei Teile scheidet: »Hier,« sagte er, »sehen Sie die Grenze, der Teil des Dorfes, welcher diesseits des Baches liegt, ist katholisch und dem Fürsten von St. Gallen untertan; was jenseits liegt, ist reformiert und gehört schon zu den äußern Rhoden.« »Also,« dachte ich, »könnte mich auch hier noch die Gewalt der Pfaffen erreichen!« »Sie scheinen mir ein Geistlicher,« fuhr mein Wirt fort, »sind Sie etwa so ein Schottentrinker, der nach Gais geht?« Unverhohlen antwortete ich: »Ja«. Denn ich hatte wirklich im Sinne, über Trogen , wo ich die Schwester meines Freundes Heinrich Geßner an einen Herrn Zellweger verheiratet wußte, dann über Gais, Appenzell und den hohen Meßmer nach St. Johann im Toggenburg und von da nach Wallenstadt zu wandern. Mein Wirt fragte weiter, ob ich nicht mit seinem Herrn Pfarrer bekannt werden möchte, er sei eben zu einem Besuche in seines Nachbars Haus getreten; wenn ich ein wenig warten wollte, würde er wahrscheinlich auch bei ihm einsprechen, da hätte ich denn die schönste Gelegenheit, mit demselben zu sprechen. Ich dankte für sein gefälliges Anerbieten, hatte Eile und nahm Abschied. Als ich über den Grenzbach geschritten war, sagte ich: »Gott Lob, daß ich nun endlich das Land der Freiheit wirklich erreicht habe. Beinahe hätte mich noch zuguterletzt ein Geistlicher in Untersuchung genommen. « Es war mir wie einem Deserteur, der bereits in Sicherheit zu sein wähnt, guten Mutes in ein Wirtshaus an der Grenze tritt und nun aus den Reden der Gäste auf einmal vernimmt, er befinde sich noch im Gebiete des Herrn, dem er entlaufen wollte; flink bricht er auf, eilt aus der fatalen Gegend hinweg und jubelt vor Freude, wenn ihm die Grenzsteine sagen, er habe nun glücklich ein fremdes Land betreten. Der Weg führte mich über eine Art hochliegende Ebene hin, die von sehr tiefen Tobeln und Bachbetten durchschnitten und von höhern Bergen ringsumher überblickt ward. Überall fanden sich Zeugnisse von Tätigkeit, Fleiß und Betriebsamkeit der Einwohner. Noch war es keine Seltenheit, hier Ackerfelder zu sehen. Die Wohnungen der Menschen standen in kleinen Gruppen oder in größern Dörfern beisammen. So lagen Trogen, Rehtobel und der Speicher vor mir. Als ich Trogen näherkam, stiegen mit mir eine Menge Arbeiter männlichen und weiblichen Geschlechts in die tiefe Schlucht hinab, die seit Jahrtausenden ein wildes Bergwasser ausgegraben hat. Sie trugen Gewebe zu den Herren Zellweger oder nach dem Speicher. Im Hinaufsteigen am Hügel erzählten sie mir von dem Reichtum und dem weit ausgebreiteten Handel der Zellwegerschen Familie und machten mir ein so glänzendes Gemälde von derselben, daß ich glaubte, sie sei zu reich, um mich gut aufzunehmen, und deshalb im Wirtshaus zu übernachten beschloß. Zugleich erfuhr ich, daß die Schwester meines Freundes wirklich nicht in Trogen, sondern in Genua sich befände, wo die Herren Zellweger ein Haus etabliert haben. Nicht lange saß ich in der Wirtsstube, so beschloß ich, wenigstens die Wohnung zu sehen, welche diese berühmten Kaufleute innehätten. Auf dem Hauptplatze des Orts stehen zwei schöne Häuser einander gegenüber, sie fallen eben nicht unangenehm in die Augen, sind ganz von Stein aufgeführt, zeugen, obschon sie nicht eben prächtig aussehen, von dem Wohlstande ihrer Besitzer und stechen gegen die übrigen ganz aus Holz zusammengefügten Hütten des Dorfes sehr ab. Beim ersten Anblicke fühlt man, daß hier Herren unter den Hirten wohnen. Wie staunte ich, als abends ein Landmann mit mir zu Tische saß, der mit einem Reisenden aus Glarus über kaufmännische Angelegenheiten sprach! Es zeigte sich, daß der einfache, anspruchslose Mann in Messina, Livorno, Genua und Bordeaux seine eigenen Warenlager hatte und hiermit einen sehr weit ausgedehnten Handel trieb. Wie groß war meine Achtung für das Land, das so betriebsame Männer hervorbringt, und für das Glück der Freiheit, unter deren Schutz allein soviel Arbeitsamkeit und Kunstfleiß gedeiht! Mit einem Landkrämer und seiner Frau, die beide sehr schwer mit Tragbuden beladen waren, legte ich morgens, den 18. Juli, eine große Strecke Weges nach Gais zurück. Ich scheute mich anfangs mit ihnen zu gehen, weil ich dergleichen Leuten wenig Zutrauen schenken konnte, seitdem ich aus Akten und gedruckten Schriften gelernt hatte, daß sich sehr viele Diebe unter dieser Maske verkappen. Was mir noch mehr Abscheu vor diesem Paare beibrachte, war folgender Umstand: der Wirt hatte versprochen, er wollte mir ein Schlafzimmer allein anweisen, aber er hielt sein Wort nicht, sondern legte die Krämersleute zu mir in die Kammer, wo neben dem meinigen noch ein großes Bett stand. Morgens, als ich erwachte, erblickte ich die Krämerin vor mir, die etwas bei meinem Kopfkissen suchte. Ich bin gewöhnt, meine Beinkleider unter die Kissen zu verstecken. Nun schien es mir, die freche Frau habe sich nur darum etwas an meinem Bette zu schaffen gemacht, um sich meines Geldes zu bemächtigen, und ich fragte zornig auffahrend: »Was macht Sie da?« Ruhig antwortete sie: »Ich habe heute nacht ein Halstuch zum Bette herausgeworfen und finde es nicht, ist's nicht etwa da herüber gekommen?« Mit bloßem Busen suchte sie umher und schien es recht darauf anzulegen, mich wollüstig zu machen. Aber Unverschämtheit verfehlt gewiß allzeit das Ziel bei mir und schreckt mich zurück, statt daß Sittsamkeit mein Herz gewönne. Ich wandte der Unwürdigen das Stiefgesicht zu. Um mich ihrer Begleitung zu entziehen, machte ich mir, als sie abreisten, noch allerlei zu tun und ging erst später aus dem Flecken. Aber es war, als hätten sie und ihr Mann mich erwartet; ich fand sie nicht weit von Trogen auf einer Anhöhe, wo der Weg sich schied, am grünen Bord sitzen und ausruhen. »Es wäre doch lustiger,« sagte der Mann, »wenn wir miteinander gingen, so hätten wir eine Ansprache und der Herr weiß doch den Weg nicht recht!« Ich wollte eben nicht furchtsam scheinen und entschloß mich, eine Strecke mit ihnen zu gehen. Überall fanden wir Mädchen unter den Bäumen vor den hölzernen Häusern sitzen, die Musseline über die Trommel gespannt hatten und unter Morgengesängen entweder weiße oder goldene Blumen darein stickten. Wenn wir fragten, für wen sie arbeiteten, so war die Antwort: für einen Kaufherrn von St. Gallen oder von Herisau oder im Speicher usw. Die Männer gaben sich größtenteils mit der Wartung ihres Viehes oder mit dem Feldbau ab, aber die Äcker wurden hier immer seltener. Künstlicher Wiesenbau, Obst- und Kohlgärtnerei schienen dem Klima zufolge besser betrieben zu werden. Je näher wir dem Berge Gäbris kamen, desto rauher und höher ward das Gelände, desto seltener die Häuser, und endlich verschwanden sie ganz. Der Krämer redete mit seiner Frau eine mir unverständliche kauderwelsche Sprache. Ich schlenderte vorsichtig neben oder hinter meinem Geleite her, lief manchmal auf eine kleine Höhe, um mich in der Gegend umzusehen, und labte mich am Anblicke der mannigfaltigen Schönheit der vielen Hügel und der herrlichen Aussichten. Mein kleines englisches Sackperspektiv schien den beiden Mitreisenden in die Augen zu stechen. Sie betrachteten es einmal, auf einem Ruheplatz sitzend, mit habsüchtigen Blicken, nahmen es mir aus der Hand und wollten hindurchschauen. Aber keines von ihnen konnte den rechten Sehpunkt finden. »So ein Ding ist teuer,« sagte der Mann, »aber ich kann's nicht brauchen, es dünkt mich, der Herr hat mehr Geld im Sack, als er sich ansehen läßt!« »Ei,« fiel die Frau darein, »wie möchte er sonst auch so müßig im Lande herumziehen?« Diese Meinung war auf der wilden, einsamen Stelle, wo wir uns befanden, für mich eben nicht die vorteilhafteste. Geschwinde sagte ich also: »Das kleine Fernrohr ist ein Überbleibsel aus meinen bessern Tagen, da ich als Registrator gute Einkünfte genoß. Nun bin ich ein Abgedankter und muß erst anderswo mein Unterkommen suchen; dies ist eben der Endzweck meiner Reise.« Geschwind nahm ich aus den Händen der Frau das Perspektiv zurück und stieg eine kleine Anhöhe hinauf, angeblich um in die Runde zu schauen, eigentlich aber, um mich in einiger Entfernung von ihnen zu halten. Indem ich wegging und wiederkam, sprachen sie ihr Rotwelsch. Ich verlangte, sie sollten mich diese Sprache lehren, aber der Krämer beteuerte, dazu bedürfte es einer längern Zeit und Übung, in so wenigen Stunden, als wir beisammen wären, könnte das nicht angehen. Ehe wir aufbrachen, beklagte sich die Frau, daß ihr die Bürde zu schwer würde, der Mann band also ein Päckchen, mit Wachstuch überzogen, das über ihrer Tragbude befestigt war, auf das seinige und steckte ein Stilett, mit einem Hefte von Hirschhorn, das darunter verborgen war, in seine Hosentasche, indem er sprach: »Auf Reisen sind manchmal dergleichen Waffen sehr nützliche Werkzeuge.« Ich mochte den Nutzen derselben eben nicht an mir bewähren lassen und hielt mich immer unter mancherlei Vorwänden eine Strecke hinter ihnen. Gern wäre ich allein gegangen, aber ich wußte in der Wildnis keinen rechten Weg. Jetzt hatten wir rechter Hand eine steile Höhe, mit Holz bewachsen, zur Linken eine öde Heide, die sich weit den Berg hinabzog. Nirgends ließ sich außer uns ein Mensch erblicken. Es ward ein wenig weiterhin ein kleines Vorholz sichtbar, durch das der Weg zu führen schien. Eine Verzäunung von Stangen umschloß es. »Dort kommt ein Gatter,« sagte der Krämer, »Sie könnten wohl ein wenig vorausgehen und uns aufmachen.« Geschwind lief ich an ihm vorüber, öffnete das Gatter und harrte ihrer. Der Krämer blieb zu eben der Zeit eine gute Strecke zurück, um etwas an seiner Bude zu binden; es schien mir, der nachlässig aufgebundene Pack, den er der Frau abgenommen hatte, wollte sich losmachen. Die Frau trat ins Vorholz. Ein kleines Bächlein kam von der Höhe herab, sie schritt darüber weg und sank mit ihrer Bürde zur Erde, als wenn sie einen Fehltritt getan hätte, und ich eilte, ihr empor zu helfen. Sie schlüpfte aus den Tragbändern ihrer Last, hob sich an mir auf und setzte sich an den nahen Rain. Dann klagte sie, ihr schmerzte vom Fallen das Knie und schaute ohne Umstände zu dem Schaden. Ich wandte mich weg, um sie nicht in Verlegenheit zu setzen. Aber sie sagte: »Wie einfältig! haben Sie denn noch nie ein Knie gesehen?« und bedeckte sich. Der Mann knüpfte noch immer an seinem Gepäcke. Ich setzte mich der Frau gegenüber an den Abhang, sie erhob sich nach einer Weile, sah nach ihrem Manne und nahm Platz zu meiner Rechten. Die Zeit ward mir lange. Ich äußerte eine Klage, daß wir alle Augenblicke aufgehalten würden und sagte: »Es ist besser, ich gehe allein, den Weg werd' ich wohl finden.« Aber als ich aufstehen wollte, hielt sie mich beim Rocke fest und bat mich zu bleiben und zog solange, bis ich neben sie auf den Rasen fiel. Da umklammerte sie mich, wie ein Bär, mit ihren rauhen Tatzen und fing mich Sträubenden derb zu küssen an, indem sie flüsterte: »Bleib, bleib, du leichter Springinsfeld! Ich will dich herzen, bis du bei mir zu bleiben versprichst. Mein Mann sieht's nicht.« Ich wußte nicht, wie mir geschah und wehrte mich aus allen Kräften gegen dergleichen unzärtliche Karessen, aber ich kam nicht sogleich los. Sie schrie und drückte mich doch immer heftiger. Da rannte der Mann herbei (er mußte diesen Augenblick erwartet haben), fluchte, sprang auf mich zu und rief: »Geiler Hund! Was? du willst mein Weib schänden?« Nur mit der höchsten Anstrengung gelang es mir, aus den Armen der Boshaften mich loszuwinden. Kaum hatte ich mich aufgerafft, um zu fliehen, so warf der Krämer seinen dicken Knotenstock, mit dem er die Tragbude zu unterstützen pflegte, mit Wut mir nach, um mich zu fällen. Allein die eiserne Spitze fuhr nahe bei mir unschädlich in die Erde. Zu spät fiel mir ein, den Stock zu ergreifen. Als ich mich umsah, liefen mir beide wie Rasende nach, er mit dem bloßen Stilett in der Faust, sie laut rufend, als wollte sie ihm Einhalt tun. Da ich Unbewaffneter der Farce nicht trauen konnte, spannte ich alle Kräfte an, um mein Heil in der Flucht zu suchen. Meinem Heldenmut mag das freilich wenig Ehre machen, aber es war nicht anders, ich wußte meiner Seele keinen bessern Rat, als zu fliehen. Es gelang mir bald, mit der Schnelligkeit eines Rehes mich ihrer Wut zu entreißen. In einiger Entfernung sah ich um und blieb stehen, da warf mir der Verfolgende Steine und was ihm in den Weg kam nach. Ich erwiderte seine Würfe mit Wut, traf ihn aber ebensowenig, als er mich. Manchmal rückte er näher gegen mich an. Ich befleißigte mich dann doppelt, ihn zu treffen, aber immer wußte er auszuweichen. Dann zog ich mich wieder eine Strecke zurück, um seinem Stilett nicht zu nahe zu kommen, und er verfolgte mich wieder. So bekriegten wir einander, bis er endlich der vergeblichen Kanonade müde ward. Er drohte mir mit dem Tode, wenn er mich irgendwo fände. Ich rief ihm zu, daß ich ihn im nächsten Orte bei der Obrigkeit anzeigen würde. Auf diese Weise trennten wir uns; er retirierte sich den Berg hinauf, ich wanderte – eben nicht langsam – den Abhang hinab. Ehe ich's dachte, hatte ich ihn aus dem Gesichte verloren und kam nach kurzem an den Fuß des Berges, wo mir Wohnungen und Gärten gar tröstlich entgegenschauten und mir vor dergleichen Angriffen Sicherheit versprachen. Sobald ich Menschen fand, erzählte ich ihnen von meiner überstandenen Gefahr und ermahnte sie, auf das Krämerpaar ein wachsames Auge zu haben. Im Wirtshaufe zu Gais wollte ich mich erholen und laben, die Schottentrinker versammelten sich um mich her und horchten mir Erzählendem zu; ich meinte, man sollte gegen die boshaften Krämersleute Häscher ausschicken und auf den Wegen Wachen aufstellen, um sie aufzufangen. Der Wirt ließ auch sogleich Anstalten machen, daß sie beim Durchziehen durchs Dorf angehalten würden, aber sie kamen nicht zum Vorschein und hatten ganz gewiß nach dem mißlungenen Anfall auf mich einen andern Weg eingeschlagen. Ein Domherr brachte mich sehr auf, er behauptete geradezu, ich hätte die Frau wohl selbst angegriffen, um ihrer im Busche geschwind zu genießen, der Mann sei nur zu frühe dazu gekommen. Entrüstet hörte ich ihn an und erwiderte zornig: »Sie mögen recht haben, wenn ich ein Domherr wäre.« Das brachte die Lacher auf meine Seite, und eine blasse Dame, die dabei stand, flüsterte mir, auch für die übrigen vernehmlich, die Genugtuung zu: »Man mißt gewöhnlich andre nach seinem eigenen Maßstab, und mein Bruder fühlte wohl nur, was er in Ihrem Falle getan hätte; vergeben Sie ihm!« Dies verdroß den Domherrn, er brach gegen seine Schwester und mich in beleidigende Worte aus, und ich beschloß, den Ort früher, als ich mir vorgenommen hatte, zu verlassen. Nachdem ich mit einigen Kurgästen auf dem geräumigen Platz bei der Kirche spazieren gegangen war, rief mich ein Kellner zum Essen. Ich hatte zwar nur ein Frühstück verlangt, es ward aber eine ordentliche Mahlzeit daraus. Da ich auf meiner Wanderung, den ganzen Tag durch, kein Wirtshaus mehr fand, so bekam mir diese Liberalität des Wirtes sehr wohl. Ungeachtet des ausgestandenen Schreckens, schmeckten mir Kost und Wein gar trefflich. Die Freude, glücklich entkommen zu sein, obschon nur ein Hasentriumph, schien wieder gut zu machen, was die kurze Angst etwa verdorben hatte. Es mochte zehn Uhr sein, als ich mit dem Nachfolger des sogenannten Schotten-Sepps die Reise wieder antrat. Er hatte sich erboten, mich eine Strecke weit mitzunehmen, weil ihn sein Weg in dieselbe Gegend führte, wohin ich verlangte. Täglich brachte er die Schotten (Molken) aus einer Entfernung von ein paar deutschen Meilen nach Gais. Auf einer Karte des Kantons Appenzell, die in dem Speisesaal hing, sah ich, daß man, um durch die Grafschaft Toggenburg nach Wallenstadt zu gelangen, sehr lange durch katholische Orte wandern müßte. Dies gefiel mir nicht, weil ich aufgehalten zu werden fürchtete. Deshalb änderte ich meine Reiseroute dahin ab, daß ich über einige Berge hin, in die Züricher Grafschaft Sax, dann das Rheintal hinauf, nach Sargans gehen wollte. Ich versprach mir viel Freude von einer kurzen Bergreise. Eine kleine Gesellschaft von Kurgästen, die eben am Dorfe spazieren gingen, entschlossen sich, auf unsrer Wanderung uns eine Weile zu begleiten. Es waren zwei Herren mit ihren Frauen und ein blasses, hustendes, aber schönes und zartes Fräulein: es dauerte mich oft, wenn ich es ansah und alle Zeichen der Schwindsucht an seinem wohlgebildeten Antlitz bemerkte. Wir botanisierten, suchten die schönsten Standpunkte, aus denen sich die Reize der Gegend am vorteilhaftesten zeigten, und sangen fröhliche Lieder. Der Weg führte uns erst über eine etwas feuchte Wiese, dann über verschiedene kleine Hügel und Bette ausgetrockneter Waldbäche, einen höhern Berg hinan. Auf einem erhabenen Waldanger, in dessen Mitte eine große Eiche stolzierte, unter der wir uns lagern und der schönen Aussicht genießen konnten, saßen wir singend und scherzend beisammen im Schatten und letzten uns noch in frohen Gesprächen, ehe wir voneinander scheiden wollten. Es war uns recht wohl, ich saß zu den Füßen des kränkelnden Fräuleins und sang ein Liedchen von Juliane Benda : Liebes Mädchen, sage mir, Denk' ich nun: bald scheiden wir, Warum fühl' ich diesen Schmerz? Warum zittert so mein Herz? Liebes Mädchen, sage mir: Fühlst du dieses auch in dir? Fragend blickte ich sie an, es war gewiß etwas Wehmütiges in meinem Blicke. Eine Weile schwieg sie, ihre Augen ruhten voll Freundlichkeit auf mir, als sie die übrigen zerstreut glaubte, reichte sie mir ihre Hand und drückte die meinige, ihre Blicke netzten sich, und sie sang mit schwacher aber geübter Stimme ein Lied aus Rheinecks Sammlung: Weh mir, es sitzt mir in der Brust, Und drückt und nagt mich sehr, Mein Leben ist mir keine Lust Und keine Freude mehr usw. Ach, mit welchem Mitleid sah ich die Unglückliche an. »Schönes, junges Blut! und du sollst fort?« Unaufhaltsam drängten sich auch in meine Augen Tränen. Als sie zu der Strophe kam: Der Ärzte Kunst erquickt mich nicht, Macht mir nicht frischen Sinn: Die Blume, die der Wurm zersticht, Welkt ohne Hilfe hin – da rannen mir die Tropfen herab; sie bemerkte es und wollte doch fortfahren: Mein Trost allein bleibt Sarg und Grab, O sängen an der Tür Sie schon und senkten mich hinab; Wie leicht und wohl wär's mir! aber ein unwillkürliches Schluchzen erstickte mitten darin ihre Stimme. Sie bedeckte mit der einen Hand ihr Antlitz und holte mit der andern geschwind ein weißes Taschentuch hervor, um ihren Schmerz hinter demselben zu bergen und die nassen Wangen zu trocknen. Die Frauenzimmer gaben sich Mühe, der Kummervollen Mut und Hoffnung einzusprechen, die Herren setzten ihr mit Gründen zu, und sie schien sich bald wieder zu fassen. Aber eine Wolke düsterer Trauer lag immer unverkennbar auf ihrer Stirne. Sie behielt mich bei der Hand und schwieg. So saßen wir beisammen, da kamen unten am Abhange der Landkrämer und seine Frau auf einem einsamen Holzwege aus dem Gebüsche. Ich fuhr zusammen, zeigte mit der Hand hin und sagte: »Seht, da sind sie!« Alle Blicke hefteten sich auf die Kommenden. Wir hielten leise Rat, was hier zu tun wäre. Es kam in Frage, ob wir sie nicht sogleich überfallen und binden wollten? Die Frauenzimmer sträubten sich dagegen und ahnten Gefahr. Da rief unser Begleiter, der Schottenträger, welcher sie indes besser ins Auge gefaßt hatte: »Nur ruhig! die kenn' ich, sie gehen nach Appenzell, ich will ihnen nachschleichen und bei der Obrigkeit die Anzeige machen.« Wirklich schien uns sein Rat der beste. Wir warteten also unter dem Baume bis sie vorüber waren, aber niemand mochte mehr sitzen. Das hübsche Paar keuchte indes unter seinen Bürden den Berg herauf, die Krämerin voran. In einer Entfernung von etwa zehn Schritten erhob sie die Augen und erblickte mich neben den übrigen am Wege stehend. Es war mir unmöglich, ganz zu schweigen, »Ha, seid ihr da?« rief ich ihr zu. Sie stutzte, wandte sich plötzlich um, lief, ohne ihrer Bürde zu achten, den Berg wieder hinab und eilte dem Hohlwege zu, woher sie gekommen war. Ihr Mann stand einen Augenblick stille, als sie an ihm vorüberlief, blickte unschlüssig um sich und folgte endlich seiner werten Hälfte laufend nach. Unser Schottenträger rief ihnen zu: »Lauft nur! ihr entlauft doch dem Scharfrichter nicht!« Nachdem wir uns über diesen Vorfall noch eine Weile unterhalten hatten, schickten sich unsre Kurgäste an, wieder nach Gais zurückzukehren. Die Frauenzimmer schienen einige Scheu zu haben, mit ihren beiden Herren allein durchs Gehölze zu gehen. Der Schottenträger und ich begleiteten sie also bis auf die Wiese am Fuße des Berges. Das blasse Fräulein, eine Stiftsdame von S., hing sich unterwegs an meinen Arm und erzählte mir, ihr Zustand schreibe sich von einem Balle her, auf dem sie sich allzu sehr erhitzt hatte. Als ich von der Kranken Abschied nahm, drückte sie mir mehr als freundlich die Hand und sagte mit bedeutendem Nachdruck, wie gerührt: »Ich danke Ihnen, Herr Felix Liber, für Ihr herzliches Mitleid! die kurze Zeit, die ich noch zu leben habe, wird mir Ihr Name nicht mehr aus dem Sinne kommen.« Innig bewegt drückte ich ihre Hand an Herz und Lippen und riß mich los, oft zurückschauend. Als ich tiefsinnig und still mit dem Schottenträger die Anhöhe wieder erstiegen hatte, wandte ich mich um und spähte, ob ich die liebe Gesellschaft nicht noch einmal erblicken könnte. Bald sahen wir sie hinter einer Hecke hervorkommen. Ich beobachtete mit dem Fernrohr, daß auch sie umschauten, und winkte mit geschwungenem Schnupftuche. Sie bemerkten es und winkten mir wieder; beinahe hätte ich darüber das Krämerpaar vergessen. Aber mein Begleiter mahnte mich oft genug daran. »Wo sind sie wohl hin? Wenn sie nun kommen, was tun wir? Wüßte ich nur, welchen Weg sie genommen haben!« Das waren öfters seine Ausrufungen, über die wir uns dann weitläufig ergossen. Ich konnte annehmen, mein Begleiter würde, wenn der Krämer gekommen wäre, nichts Angelegneres gehabt haben, als flüchtig zu werden und vor allem seine Haut in Sicherheit zu bringen. Zum Glücke ist das Laster noch zaghafter als die Schwachheit, und die bösen Gäste ließen sich nicht wieder sehen. So gelangten wir über waldige Höhen und Heiden an einen freien Abhang, wo sich die schönste Aussicht über einen Teil der innern Rhoden öffnete. Hier waren keine Dörfer zu sehen, sondern einzelne, an sanften Hügeln höchst angenehm verteilte Wohnungen. Rings um jedes Haus her breiteten sich schöne Anger aus, mit Bäumen besetzt. Jeder Eigentümer saß recht mitten in seinen Gütern, gerade am schicklichsten Flecke, den sich ein Kenner der schönen Natur gewählt haben würde. Es war mir ein neuer, erquickender Anblick, solch ein Arkadien zu sehen, und ich freute mich recht, dadurch hinzuwandeln. Mein Begleiter erhielt seine Belohnung und nahm Abschied. Zuerst schlenderte ich ins Tal hinab, wo einige Leute Torf gruben, und beobachtete die Art, wie sie damit zu Werke gingen. Dann stieg ich am gegenüberstehenden Berge, einem Vorgebirge des Fähnern , dem tiefen Einschnitte eines kleinen Baches nach, ohne Weg und Steg, gerade empor und erquickte mich im Schatten eines angenehmen Wäldchens, wo viele Vögel sangen, durch Kühlung und Ruhe. Auf einem weichen Moosplätzchen, von Müdigkeit und Hitze betäubt, schlief ich unbekümmert ein und erwachte erst, als mich die Glocken grasender Kühe umläuteten. Ein Hirtenknabe saß neben mir und tändelte mit meinem Regenschirm. Es war ihm genau so zumute, wie mir, als ich zum erstenmal einen seidenen Schirm erhielt; er wünschte, es möchte augenblicklich tüchtig regnen, damit er die Bequemlichkeit fühlen könnte, unbenetzt darunter zu gehen und die fallenden Tropfen klopfen zu hören. Er zeigte mir den Weg den Berg hinan, trug stets mit besondrem Wohlgefallen den offenen Schirm über sich ausgebreitet und meinte, er wollte in seinem Leben nichts weiter verlangen, wenn er nur einmal ein so köstliches Dach besäße. »Armer Junge!« dachte ich, »würde dir auch dein Wunsch gewährt, so würdest du bald das Gelächter deiner Gespielen, und dein rastloses Herz sehnte sich schnell wieder nach einem neuen Besitz. Ach, selten wissen wir, was wir verlangen! Unser wahres Glück besteht nicht im Vielbesitzen, sondern in der Genügsamkeit, im weisen Gebrauche des Erworbenen und im frohen Streben nach erreichbaren Gütern.« Nachdem ich eine Weile am unwegsamen Abhange emporgestiegen war, fand ich mich auf einer geräumigen Alpenwiese des Berges Fähnern und lechzte vor Durst, ohne irgendwo ein Wasser finden zu können. In einer nicht sehr großen Entfernung erblickte ich die Wohnung eines Sennhirten, vor welcher zwei Kinder sich jagten. Ich eilte dahin und fand nicht eine gewöhnliche Sennhütte, sondern ein ärmliches Häuschen, dessen erstes Gemach ein freier Raum zum Käsemachen mit dem Herde, großen Kessel und den übrigen Werkzeugen eines Sennen war; nordwärts daran stieß eine Art kleinen Kellers voll Milchgefäße, aus der Käseküche führte eine Tür westlich in das Wohnzimmer des Sennen, das einen Ofen hatte; eine kleine Schlafkammer nahm den südlichen Teil des einfachen hölzernen Gebäudes ein. Ein freundlicher Mann von etwa 45 Jahren und eine Frau von 35 traten mir unter der Tür entgegen, als ich mich dem einsamen Häuschen näherte. Die beiden Knaben, die meine Ankunft bei ihren Spielen zerstreuen mochte, hatten drinnen bereits einen Fremdling angekündigt. Mit patriarchalischer Traulichkeit lud mich das gute Paar in seine Wohnung ein. Hinter den Eltern lächelte ein hübsches Töchterchen von etwa 15 Jahren hervor und bot mir traulich die Hand zum Gruße. Neugierig hüpften die Knaben um mich her und beschauten mich vom Kopf bis zu Fuße. Bald äußerte ich mein Hauptanliegen und bat um frisches Getränk. Sogleich brachte das gefällige Mädchen süße Milch in einem reinlichen hölzernen Gefäße herbei, reichte mir einen hölzernen Löffel dar und setzte sich mit unschuldiger Bereitwilligkeit an meine Seite, sobald ich den Wunsch äußerte, sie möchte mir im Essen Gesellschaft leisten. Es vergnügte mich recht sehr, die Unschuld hier ganz ohne Ziererei, freundlich, offen und gefällig anzutreffen. Alle setzten sich um den Tisch her und horchten auf jedes meiner Worte. Es schien ihnen nicht wenig Freude zu machen, einen Fremden von fremden Dingen erzählen zu hören und neue Begriffe aufzuhaschen. Als die fette Milch verzehrt war, brachte der Hausvater warmen Vorbruch , wie er die sonderbare Käsebrühe nannte, herein, ein schaumiges, flockenartiges, in den Schotten obenauf schwimmendes Ziegergemische, das ich nur mit Ekel kosten und kaum in sehr geringer Quantität genießen konnte. Ebensowenig hatte ich Lust, mich mit Suffi tränken zu lassen. Ich genoß davon, soviel ich vermochte, damit ich die Gaben der Gutherzigkeit nicht zu verschmähen schiene, aber die Wärme des Käsewassers bei dieser heißen Jahreszeit hatte für mich etwas Widerliches, so daß meine freigebigen Wirte mit meiner Eßlust nicht so recht zufrieden sein wollten. Ich zog ein paar Semmeln aus der Tasche, die ich in Gais zu mir gesteckt hatte, um der Überschwemmung meines Magens durch ein festeres Nahrungsmittel abzuhelfen. Kaum erblickte sie das Mädchen, so rief es freudig aus: »Ei, hast du Brot bei dir? Komm! gib her! nun sollst du mir wohl noch etwas Gutes zu essen haben! Nicht wahr, Vater! ich darf?« Der Vater nickte ein gütiges Ja. Hiermit nahm sie die Semmeln, machte Schnitten daraus, ließ in der Käseküche Niedel (Rahm) heiß werden und warf die Schnitten darein. Die Mutter half ihr treulich dazu, und der Vater zeigte mir seine Geräte, deren Namen ich aber sehr bald größtenteils wieder vergessen habe. Wirklich war das neue Gericht viel schmackhafter als die vorigen, und das artige Kind äußerte eine herzliche Freude, daß ich mir's so wohl schmecken ließ. Ohne Wasser konnte ich am Ende meines Durstes doch nicht loswerden. Das Mädchen meinte, Milch schmecke doch besser als Wasser, und brachte wieder kalte Milch herbei. Aber als ich ihr begreiflich machte, ein so fettes Getränk leiste einem noch nicht daran gewöhnten Magen lange nicht soviel als Wasser, da ergriff sie mich schmeichelnd beim Arme, nahm den Schweidnapf (eine Art hölzerne Schaumkelle) mit sich und zog mich in die Alp hinaus an einen Felsenabhang, wo eine schwache Quelle tropfenweise aus dem Gesteine sickerte. Auf Moos sitzend und fröhlich plaudernd harrten wir, bis der Napf gefüllt war. Dann labte ich mich, kehrte vergnügt in die Sennerei zurück, belohnte meine gütigen Wirte und nahm Abschied, nicht ohne Bedauern, eine so arkadische Familie verlassen zu müssen. Der Vater und alle Kinder begleiteten mich eine große Strecke weit, zeigten mir ihr Vieh, erzählten mir von ihrer Lebensart und wiesen mir merkwürdige Stellen, wo ihnen etwa ein Kalb vom Felsen gefallen oder ein verdächtiger Mensch begegnet war und dergl. Als die Kinder schieden, sagte ich dem unbefangenen Mädchen besonders: »Dir, gutes Kind, möchte ich nicht nur ein Stückchen Geld, das du doch bald wieder ausgibst, sondern ein dauerhafteres Geschenk zum Andenken geben, hätte ich nur etwas, das dir Freude machen könnte!« Ich durchsuchte meine Säcke und zog ein Zahnstocherbüchschen und ein Taschenmesser hervor. »Welches willst du?« »Gib mir das Nadelhäuslein!« sagte sie, »ein Messer habe ich schon, wenn ich's ansehe, will ich mir's sein lassen, du sitzest neben mir und erzählst etwas Schönes.« – »Und ich wünschte,« erwiderte ich, wie bittend, »du fragtest dich zuweilen, wenn du es in die Hand nimmst: ›dürfte ich heute wohl auch so heiter dem Fremden in die Augen schauen, als damals, da er mir dies Andenken gab?‹ Lange, hoff' ich, wirst du noch ja antworten können. Lebe wohl, liebes Kind!« Da ging sie mit Anstand hinter ihren hüpfenden Brüderchen her, zu ihrer Alp zurück, ihr Vater aber ließ sich nicht abhalten, er begleitete mich noch eine weite Strecke an dem Gebirge hin. Erst als er mich ganz sicher auf guten Wegen wußte, kehrte er zu seiner Familie nach Hause. Ein großes fruchtbares Tal breitete sich am Fuße des Gebirges aus, an dessen Seiten ich hinging. Gegen Südwest hin lag am Flüßchen Sitter der Flecken Appenzell mit seinen Kirchen und Bleichen; meinem Standpunkte gerade gegenüber im Süden das Wildkirchlein, welches ich mit dem Fernrohr sehr deutlich, hoch oben im hohlen Felsen, erblicken konnte, etwas weiter zur Linken das Dorf Brüllisau, hinter dem sich reizende Täler eröffneten und wilde Berge erhoben. Ich weidete mich recht am Anblicke so mannigfaltiger Schönheiten der Landschaft. Ein kühlendes Windchen erhob sich, ward aber zusehends zum scharfen, schneidenden Luftstrom, der mir nicht wenig beschwerlich fiel. Ich traf noch manche Sennhütte an und ließ mich mit ihren Bewohnern in Gespräche ein, aber die Herzlichkeit, Unbefangenheit und einnehmende Freundlichkeit der ersten fand ich nirgends mehr. Als ich zur letzten Sennhütte an der Fähnern kam, die ganz neu aus Balken zusammengefügt war, fuhr ein großer Hund auf mich los, packte meinen Rockschoß und hielt mich murrend fest. Ich wollte ihn wegjagen und stieß mit dem Stiele meines Regenschirms auf ihn zu, aber er biß nur desto grimmiger in den Rock, so daß ich besorgen mußte, er würde mir am Ende noch gar in die Beine fahren. Ich rief dem Sennen, er möchte seinen Hund wegnehmen, sonst würde ich ihn erstechen. Da vernahm ich mehrere Stimmen aus der Hütte, wie von Männern, die sich stritten. Ein roher Kerl sprang heraus und schnauzte mich an, nicht viel freundlicher als sein Hund, was ich hier oben zu tun hätte? Ich sagte, ein jeder Reisender habe seine Absichten. Er fragte trotzig: »Wo willst du hin, so allein?« Ich erwiderte: »Wir machen eine Bergreise, meine Gefährten werden sogleich nachkommen, ich bin nur vorausgelaufen, um ihnen ein Milchgericht zu bestellen. Will Er uns Niedelschnitten zubereiten?« Er blickte umher, ob er meine Reisegefährten nicht ankommen sehe, und sagte trotzig: »Ich hab' hier oben kein Brot.« Die Gegend war zu uneben und waldig, er konnte nicht weit schauen und glaubte mir. Unfreundlich trabte er mit seinem Hunde zur Hütte. Ich blickte durch die offene Tür im Vorübergehen hinein und meinte, die Krämerin leibhaftig darin sitzen zu sehen. Herzlich erschrak ich und eilte, ohne einen Augenblick länger zu warten, davon. Hat mir etwa bei diesem Vorfall die Phantasie einen Streich gespielt? und hielt ich ein andres Weib für die Krämerin? Denn, warum hätten sie mich hier oben unbeschädigt von sich lassen sollen, da sie mich in dieser Einöde so unbemerkt aus der Welt schaffen konnten? Oder führte sie etwa mein Vorgeben irre, daß meine Kameraden bald nachkommen würden, und dachten sie dabei an die Kurgäste, in deren Gesellschaft sie mich gesehen hatten? Vielleicht! – O, von welchen kleinen Fäden hängt oft des Menschen Schicksal ab! Als ich über den tiefen Einschnitt zwischen der Fähnern und dem höhern Kamor gegangen war und nun auf dem kürzesten Pfad am steilen Abhange emporstieg, wandte ich mich oft um, verfolgte mit meinem Fernrohr die Bettelleute und sah sie endlich in die verdächtige Hütte treten. Wie froh war ich, in einer freien Gegend zu wandeln, wo mich dergleichen Gesindel nicht unvorbereitet überraschen konnte. Der Tag war sehr heiß. Der Wind legte sich, und ich kletterte im Schatten meines Regenschirms am Abhang empor. Dennoch erhitzte ich mich so sehr, daß die folgenden Tage die Haut meines ganzen Gesichtes sich schälte. Angenehm war der Weg aus der waldigen Drossel die Höhe hinan, unter Bäumen, die zusehends immer kleiner und endlich zu wahren Zwergen ihres Geschlechts wurden. Als ich zuhöchst auf dem Berge Oberkamor stand, der gegen Appenzell hin steil und nackt, wie ein alter, ungeheurer Felsturm emporsteigt, gegen Osten aber in ein allmählich sinkendes Alpengelände sich abstuft, da lagen Brüllisau und die zerstreuten Wohnungen der Sennen an Bächen unter mir, wie Insektenzellen an glänzenden Halmen im Moose. Das Vieh auf der Ebenalp, an deren steilster Wand das Wildkirchlein klebt, und auf der Siegletenalp sah man deutlich über grüne Matten gehen, anfangs glaubte ich auch das Geläute ihrer Glocken und ihr Muhen zu hören, so groß übrigens die Entfernung sein mochte. Aber all diese Laute kamen wahrscheinlich nur aus dem nahen Tale herauf, das sich zwischen der Siegleten und dem Hohen Kasten hinzieht und einen kleinen angenehmen See, den Säntissee, einschließt. Nie schien mir ein Gelände romantischer, als dieses Tal am Säntissee, und wenn ich meine Träume von einsiedlerischem Leben ausführen wollte, so wüßte ich mir keinen schöneren Aufenthalt als diese Gegend zu wählen. Meine Schuhsohlen waren vom Gehen über magere Gräser so glatt geschliffen, daß ich mich auf etwas unebenem Grunde kaum aufrecht halten konnte. Auf dem höchsten Rücken des Berges stand ich immer in Gefahr, auszugleiten und von der Felsenwand zu stürzen. Ich mußte mich also entschließen, eine Weile, wie Rousseaus glücklicher Waldmensch, auf allen Vieren zu gehen, bis ich den Gipfel erreichte, wo ich mich zwischen hohes Farnkraut hinsetzte und meinen Betrachtungen nachhängen konnte. Als ich so saß, vernahm ich, nicht ohne Wohlgefallen, ein echtes Hirtenhorn, eine Art Trompete aus Birkenrinde künstlich verfertigt; es war eine ganz regellose, bizarre und doch nicht unangenehme Verbindung von Tönen ohne Takt und Kadenz, wie sie ein kunstgelehrter Tonsetzer oder Spieler unmöglich zusammenfügen könnte. Nicht weit unter mir hörte ich die Stimme eines Knaben, der mit Fertigkeit die seltsamen Weisen des Hirten nachahmte. Ich kroch an eine Stelle, wo ich die Aussicht auf den abschüssigen Teil des runden mächtigen Felsenturms hatte, den lustigen Jungen zu sehen. Da erblickte ich einen Knaben von etwa 11 Jahren, der mit unglaublicher Behendigkeit an der schauerlichen Wand hin und her kletterte. Seine Ziegen weideten auf Stellen, wo man bequemer fußen konnte, nur eine einzige hatte sich's in ihr Bocksköpfchen gesetzt, ihrem Spielgesellen an die gefährlichsten Stellen nachzuklettern. Ein Heer von Dohlen, deren Nester der Knabe aufzusuchen schien, umkrächzte den Felsen. In einer kleinen Höhle, hart am grünen Rasenabhang, in den sich die nackte Steinmasse Zurückzieht, entdeckte ich ein weißes Schaf, das an den Felsen gebunden, in Kräutern naschte. Der Weg in die Höhle war so schmal, daß ich kaum begriff, wie ein Hirt das Schaf hinüberbringen konnte. Kaum fielen die Blicke des jungen Ziegenhirten auf mich, so stieg er an den nackten Klippen herauf zu mir, seine Tiere sammelten sich neugierig um mich und schnupperten um meine Taschen. Einige Krümchen Brot, die ich noch darin fand, schmeckten ihnen nicht übel. Ich ließ mich mit dem braunen, von der Sonne ganz versengten Knaben in ein Gespräch ein und fragte ihn um manches, was mir aufgefallen war. Das Schaf, sagte er, gehöre einem Sennen, seinem Meister; an den Felsen zu klettern sei ihm ein Spiel, er sei nur selten noch gefallen und niemals gefährlich; sein Leben dünke ihn lustig, nur seine Ziegen wären manchmal starrsinnig genug und möchten ihm durchaus nicht gehorchen, dann müsse er sich schier aus dem Atem laufen, um sie zusammenzutreiben und dergl. Als ich ihm etwas schenkte, hatte er nicht einmal eine Tasche, um das Geld darin zu verwahren, er sagte aber, er wolle es in der Höhle unten in eine Ritze legen und es seinem Meister geben, daß er ihm etwas Gutes mitbringe, wenn er einmal nach Altstätten hinabgehe. Nicht weit unter seinem höchsten Grat verbreitet sich der Kamor in eine etwas eingesenkte Fläche, die damals größtenteils mit Farnkraut bewachsen war. Mitten in dieser nicht unbeträchtlichen Ebene liegen hart aneinander zwei lange Reihen Sennhütten und Schweineställe. Ein Senn labte mich mit Milch und Brot, das ihm eben sein Mädchen von Rüthi heraufgebracht hatte. Als ich mich um einen Paß in den Sennwald hinab erkundigte, unterrichtete er mich, daß ich von der Höhe des Hohen Kastens erst wieder zum Kamor herabsteigen, dann am westlichen Fuße des ersten auf einem ziemlich gefährlichen Wege hinklettern und über den Grat des Roßbergs in eine weite Schlucht voll Bergruinen hinübersteigen, und so nicht ohne Gefahr zu stürzen oder zu verirren weit abwärts wandeln müßte, bis ich endlich zu einer Sennhütte kommen würde und dort in den ordentlichen Weg einlenken könnte. Ein andrer gebahnter Weg führe aber von hier gerade nach Rüthi hinab, sein Mädchen würde mich begleiten, wenn ich sogleich mit ihm gehen wollte. Das Mädchen hatte aber nicht Lust, zu warten, bis ich vom Hohen Kasten zurückkäme, und ich hatte nicht Lust, ohne den höchsten Gipfel dieser Gegend erstiegen zu haben, ins Tal zurückzukehren. Also entschloß ich mich, den gefährlichen Weg durchs Rohr hinab (so nannte man die Schlucht) einzuschlagen, zum Teil auch aus diesem Grunde, weil ich in den wildesten Gegenden den angenehmsten Genuß für meine Phantasie erwartete. Das erste, was mir in die Augen fiel, als ich mich dem Hohen Kasten näherte, waren ein paar große Schneehaufen, die ich hier im heißesten Sommer gar nicht vermutet hätte. Sogleich lief ich darauf zu und trabte darauf umher. Der Schnee schien in etwas tiefen Felsengruben zu liegen. Eine Grube hatte zur Seite ein tiefes Loch, aus dem beständig ein eiskalter Schneewind hervorwehte. Sorglos nahte ich mich, auf dem Schnee wandelnd, dem Loche, um nachzuforschen, woher die scharfe Eisluft komme, da rief der Ziegenknabe, der auf dem nahen Grate stand, mir ängstlich zu: »Geh' nicht so nahe hin! Geh' weg, geh' weg! Wenn der Schnee bricht, so bist du tot!« Ich erschrak und sprang auf die Felsen hinaus. Der Knabe lief herbei und sagte mir: »Beileibe geh' nicht mehr über den Schnee! Das sind Wetterlöcher, unermeßlich tief, der Blitz hat hineingeschlagen; es ist einmal eine Kuh darein gefallen, kein Mensch sah mehr etwas von ihr.« Mir schauderte, wenn ich an meine Unvorsichtigkeit dachte. Nun bestieg ich den Hohen Kasten, setzte mich an der höchsten Stelle nieder und blickte weit in die Runde umher. Die Aussicht gegen Westen blieb beinahe ebendieselbe wie auf dem Kamor, aber gegen Osten eröffnete sich die reichste Perspektive. Das ganze Rheintal mit allen seinen Städtchen und Flecken und Dörfern lag zu meinen Füßen, und der Rhein schlängelte sich dadurch hin, bis zum Bodensee, wie ein gesticktes Silberband durch einen grünen Teppich. Ein großer Teil von Schwaben schien dem Auge nähergerückt. Die ganze, weit ausgedehnte Landschaft breitete sich, gleich einer Karte, vor mir aus. Die hohen Tirolergebirge im Osten, die Bündneralpen im Süden, machten den Hintergrund des prächtigen Gemäldes. Als ich mich im Anblicke so mannigfaltiger Schönheiten genug erquickt hatte, trat ich meine bedenkliche Wanderung durchs Rohr hinab an. Solange ich an der westlichen Seite des Hohen Kastens, wie an einer ungeheuren Festungsmauer, zwischen Gesträuchen auf einem kleinen Pfade hingehen konnte, dachte ich mir, es wäre doch größtenteils leere Einbildung, was die Leute von gefährlichen Wegen schwatzten, denn der Weg war wirklich nicht gefährlich. Es ging mir beinahe wie damals, als ich den Mönchsstand angetreten hatte: ich glaubte auch nicht, daß er so viele Beschwerden haben könne, warum? – weil ich sie nicht kannte. Als ich aber am Hohen Kasten vorüber war, da öffnete sich eine ganz andre Szene. Der Berg, an dem ich kletterte, ward immer abschüssiger, der Pfad verlor sich, kaum fand ich ein Plätzchen, um die Spitzen der Schuhe fest einzusetzen, und mit den Händen mußte ich mich an dem zackigen Grate halten. Streckte ich die Nase über den Grat hin, so erblickte ich eine wilde Mischung grauser Bergruinen, die weit in den Wald hinab große Verwüstung angerichtet hatten. Südlich zu meiner Rechten erhob sich ein felsiger Teil des Säntis, der stark unterhöhlt war und alle Augenblicke mit Einsturz drohte. Zwischen den beiden Bergen rechts und links, sehr steil vom scharfen Grate abwärts, lag verwittertes Gestein als Sand und Gries, so schön abgeebnet wie eine wohlbetretene Straße, und lud mich ein, auf diesem Pfade mein Glück zu versuchen. Ich setzte mich also zuvor auf den Grat, wie auf ein Pferd, labte mich noch einmal am Anblicke des Säntis-Sees und der Täler umher, ruhte ein wenig aus und dachte mir dann: »Steig ab von deiner großen Mähre, bei diesem Ritt kommst du nicht weiter!« Ich hoffte, die Absätze fest in den Sand einstoßen und so ohne bedeutende Unbequemlichkeit, höchstens mit etlichen Kieseln in den Schuhen, die lange steile Strecke hinabsteigen zu können. Aber kaum hatte ich einige Schritte getan, so fing der lockere Sand mit mir zu rutschen an, ich sank rückwärts nieder und fuhr mit wachsender Eile unaufhaltbar am steilen Abhang hinunter, daß mir Sehen und Hören verging. Mein armer Rücken, wo er den ehrlichen Namen verliert, wie mein Schullehrer zu sagen pflegte, und die daranstoßenden Teile, die derselbe so oft mit der Ochsensehne durchgerbte, merkten nur gar zu deutlich, daß sie über kein Federbett rollten. »Wenn du nur nicht etwa Arm und Bein zerschlägst!« dachte ich auf der schmerzlichen Fahrt. Aber bald ruhte ich unbeschädigt unten im gröbern Schutt. Mit einem ziemlich empfindlichen Schmerz im Ellbogen, den ich derb angeschlagen hatte, und mit ein paar Löchern in den Beinkleidern, war alles abgetan. O, wie froh sah ich nun in den schrecklichen Ruinen mich um! Unzählige Felsenblöcke lagen in wilder Unordnung umher, viele, die noch oben im Gebirge hingen, drohten den Einsturz. Um mich von meinem Schrecken zu erholen, setzte ich mich auf eine morsche Tanne, die unter dem Felsentrumm hervorstand, von dem sie niedergestürzt ward. Hier zog ich Nadel und Faden aus der Tasche und versuchte, als ein echter Pfuscher, die Wunden meiner Beinkleider zu heilen, so gut es eben anging. Noch war ich mit meiner Arbeit nicht zu Ende, da kletterte zwischen den Trümmern eine kleine Herde von etwa 17 Schafen zu mir empor, sie sahen mich traulich an und blökten mit leiser Stimme. Es war wirklich eine sehr angenehme Empfindung, in dieser Wildnis, wo ich, wenn's hoch kam, Geier oder Dohlen schreien hörte, von so freundlichen Geschöpfen als Schafe sind, mich umringt zu sehen. Aber vergebens durchsuchte ich meine Taschen, es war darin kein Krümchen Brot mehr zu finden. Lebhaft fühlte ich hier die Qual, nichts geben zu können. Lange mußte ich suchen, um einen Weg aus diesem Bergfalle weiter abwärts zu finden. Ich folgte lange einem anscheinlich gebahnten Fußpfade, der sich immer zickzack von den kahlen Wänden des Hohen Kastens zu jenen des Säntis und wieder zurück durch die breite Schlucht wand, und konnte dennoch keinen Ausgang finden. Die Schafe folgten mir als ein treues Geleit fleißig nach, wohin ich ging. Am Ende zeigte es sich, daß ich in einer großen Verzäunung, wie in einem Irrgarten, umherlief, und, daß der Pfad nichts andres war als der gewöhnliche Gang, den die Schafe täglich wandelten, wenn sie zwischen den Felsentrümmern ihr sparsames Futter suchten. Entschlossen kletterte ich über einen aus niedergeworfenen Fichten hochaufgehäuften Verhau und gelangte endlich auf einen freien Platz, wo ich Pferde grasen und eine kleine Sennhütte am herabrinnenden Bächlein errichtet sah. Müde setzte ich mich auf einen schönen Stein am Wasser und labte mich nach einiger Ruhe mit einem frischen Trunke. Der Senn, ein kleiner Mann mit einem Zigeunergesicht, erblickte mich, kam herbei und fragte staunend, auf welchem Wege ich hierher gekommen sei. Als ich ihm meine Fahrt erzählte und von der kleinen Schafherde Meldung tat, wandelte ihn sichtbar eine Verlegenheit an. Sein Betragen ließ mich vermuten, er fürchte, ich würde ihn unten im Tale verraten, daß er hier oben im verborgenen Schafe halte, denn er sagte mit bittendem, traulichem Tone: »Nicht wahr, fremder Herr, du hast keine Schafe gesehen, wenn du in den Sennwald hinabkommst?« Ich verstand ihn und sagte, er hätte nichts zu besorgen, ich würde ihn nicht hindern, durch Fleiß und durch das unschädliche Weiden seiner Schafe in diesen Ruinen sich im stillen einen Gewinn zu verschaffen. »Es wäre schade!« sagte er, »wenn ich um diesen kleinen Nebenerwerb käme, ich hüte im Sommer für andre und muß im Winter vom Erworbenen leben und dreschen und Not leiden, um Weib und Kinder zu nähren. Übels genug, daß ich neulich um eins der schönsten Schafe kam!« Mir fuhr der Gedanke durch die Seele: »War etwa das Schaf in der Felsenhöhle des Oberkamors das seinige?« Behutsam teilte ich ihm meine Vermutung mit. Sogleich leuchtete ihm meine Bemerkung ein, und er beschloß, die Höhle am folgenden Tage in Augenschein zu nehmen. Ich setzte mich neben ihn auf den Rasen vor seiner Hütte und bezeigte ihm meine Verwunderung, daß ich hier oben Pferde fände. Er schien etwas betroffen, antwortete aber, es seien junge Tiere, die man noch nicht vorspannen möge. Augenscheinlich waren aber ein paar ältere darunter. Dieser Umstand, die Zigeunerfarbe, seine Verlegenheit und etwas Tückisches in seinem Blicke machten mich etwas mißtrauisch. Es fiel mir ein: »Sollte der Mensch etwa einer von denjenigen Wildsennen sein, von denen ich einst gelesen habe, daß sie auf Grenzgebirgen gestohlene Pferde, Schafe und andres Vieh so lange hüten, bis es sich verwächst und unkenntlich wird, um es dann desto sicherer zu verkaufen?« Ich sah dem Burschen fest in die Augen. Er konnte meinen Blick nicht aushalten, erzählte mir mit kurzen Worten von den Alpenweiden umher, von den Besitzern derselben und ihren Gerechtsamen und lud mich ein, bei ihm zu übernachten. »Denn sieh nur,« sagte er und deutete auf die schwarzen Wolken, die über den Hohen Kasten herüberschwebten, »sieh, du kommst nimmer ins Tal hinab, ehe dich das Gewitter erwischt; es ist ein weiter und schlimmer Weg, denke nur, wenn du dich verirrst und es wird Nacht, so fällst du maustot oder mußt unter freiem Himmel im Regen übernachten!« Ich fragte nicht ohne Ängstlichkeit, die ich aber so gut verbarg als ich konnte: »Wieviel Zeit brauchst du denn, bis du hinabkommst?« Er erwiderte: »Ich weiß den Weg recht gut, und dennoch brauche ich wenigstens anderthalb Stunden!« Ich zog meine Uhr hervor: es war bereits halb acht Uhr vorüber. »Bis neun Uhr,« dachte ich, »dauert die Dämmerung, wage es kühn und eile den Berg hinab! Was willst du hier oben in Gesellschaft dieses Verdächtigen? Morgen, wenn der Regen die Wege verdorben hat, ist's nur noch beschwerlicher hinabzusteigen, und wer weiß, ob es nicht fortregnet?« Der bloße Gedanke, neben diesem Zigeunergesichte mehrere Tage hinbringen zu müssen, bestimmte mich vollends, sogleich aufzubrechen und im Dorfe unten einen sichern Aufenthalt zu suchen. Der Senn verstand sich, nicht ohne einige Weigerung, mir für ein gutes Trinkgeld eine Strecke weit den Weg zu weisen. Als ich ihn verließ, rief er mir noch die Warnung nach: »Wenn du zu dem tosenden Bach kommst, der aus dem Säntissee herüber durch den Berg dringt, so laß dich von seinem Brausen nicht erschrecken, fall mir nicht in den Abgrund und denke dann, du seiest halb Wegs!« Ich lief, so schnell ich konnte, den steilen Pfad hinab. Die Finsternis überraschte mich früher, als ich dachte. Der Wetterwind rauschte in den Föhren, nicht mehr fern schallte der Donner. Bei sehr schwachem Dämmerlichte mußte ich mich über gefährliche Klippen hinabfinden. Es währte lange, bis der Säntisbach zu meiner Rechten toste und weit den Donner übertäubte. Der Senn hatte mich nicht umsonst gewarnt, der Weg ging einige Mal hart am schmalen Bord des tiefen Abgrunds hin. Es war schade, daß Dunkelheit den Ursprung des starken, merkwürdigen Baches und diesen wilden Absturz bedeckte. Bald ward der Weg nun weniger rauh, und endlich zog er sich über ein sanftgeneigtes Gelände hin, das mit Holz, dann allmählich mit Wiesen und Gärten bekleidet war. Das Gewitter rauschte immer drohender heran, schon fielen einzelne Tropfen, da sah ich Licht durchs Gebüsche. Froh eilte ich darauf zu, fand einen alten Mann, der mit seiner Laterne zu einer entfernten Stallung ging, und ließ mich von ihm zurechtweisen. Ohne Anstand gelangte ich ins Dorf, ein Mütterchen führte mich Unkundigen in ein Wirtshaus, das gewiß nicht das beste im Orte war. Aber es war da nicht viel Federlesens zu machen, meine müden Füße forderten Ruhe und mein Magen Labung. Ich pries mich glücklich, noch zu rechter Zeit ein Obdach gefunden zu haben, denn nicht lange saß ich hinterm Tisch, so fing es draußen zu regnen an, daß ein kurzer Gang über den Hofraum für ein Bad gegolten hätte. Das Beste, was mir der Wirt auftischte, waren sehr schmackhafte Forellen, wovon ich mir auch auf morgen ein Gericht zum Frühstück bestellte. Einige Fuhrleute, die von Altstätten kamen, waren meine Tischgesellschaft. Bald ging ich zu Bette. Den 19. Juli, als ich eine hübsche Portion Forellen zum Frühstück verzehrt hatte, wanderte ich beim schönsten Wetter durch das Dorf Sennwald, das mir wirklich in einem Walde zu liegen schien, über mehrere klare Bäche, durch angenehme Gehölze, am Schlosse Forsteck vorüber, nach Salez hin. Ohne mich im geringsten anzustrengen, schlenderte ich am Ufer des Rheins hinauf, badete mich an einem schönen Plätzchen im Flusse und setzte, im Schatten liegend, mein Tagebuch fort. Das Gelände umher war eines der anziehendsten. Im Westen zeigte sich das alte Schloß Hohensax auf einer Felsenspitze, im Osten erhob sich Feldkirch, von Süden her glänzte mir das weit sichtbare Werdenberg entgegen. Schön zog sich das Amphitheater steiler kahler Felsenberge um eine Ebene her, auf der ich ging, vom Sennwald bis Werdenberg hin. Nahe an den hohen Bergen des Appenzeller Landes im Hintergrunde dieses Amphitheaters, prangen auf einzelnen in die Ebene hervorspringenden Hügeln die alten Burgfesten Sax, Gambs und Graps mit den Dörfchen zu ihren Füßen. Nachdem ich in Werdenberg zu Mittag gespeist hatte, wanderte ich nach Buchs und Säveln, zwei schönen Dörfern am Rheine, zwischen denen das Schloß Vaduz vom Abhange des schönen Berges jenseits des Rheins einladend über den Strom hinüberblinkt; seine Lage ist eine der vorzüglichsten, und der Wanderer behält es weithin, von Werdenberg bis nach Trübenbach, im Auge. Zwischen Säveln und Warthau zieht sich ein Felsenberg bis an das Rheinufer hinab, man hat den Weg mühsam durch ihn gehauen. Auf den Felsen rechts an der Straße thront ein alter fester Turm, der mir in den Zeiten des Faustrechts hierher gebaut schien, um die Vorüberreisenden nach gewohnter Ritterweise zu plündern oder zu brandschatzen. Nun gewährt er den Eulen eine sichre Heimat. Das große Tal des Rheins verengerte sich von nun an immer mehr. Seine Bewohner schienen mir keine der freundlichsten Menschen. Kaum mochten sie sich die Mühe nehmen, mir die Namen der Orte zu nennen, wenn ich fragte, und ein paarmal hätten sich junge Burschen gern den Spaß gemacht, mich irre zu weisen, wenn es möglich gewesen wäre, in einem Tale, durch das nur ein Hauptweg hinläuft, weit irre zu gehen. Selbst in den Wirtshäusern, wo ich etwa eine Erfrischung nahm, fand ich einen trockenen, unfreundlichen Ton, der mich befremdete. Die Mädchen waren nicht schön. So wie sie sich in den äußern Rhoden des Kantons Appenzell größtenteils mit Sticken beschäftigten, gaben sie sich in dieser Gegend mit Baumwollespinnen ab. Als ich gegen Halbmeil fortwanderte, zog ein kleiner Bach, der von den hohen Felsenwänden am Fuße des Gonzen herabstürzte, meine Aufmerksamkeit auf sich. Der Wasserfall schwebte unstet wie ein hängendes Silberband, das der Wind leise bewegt, an den steilen Wänden herab. Lange stand ich und bewunderte das schöne Spiel. Ein Donnerwetter, das schon lange aus der Ferne mit Blitzen drohte, ritz mich aus meinem Entzücken. Plötzlich umstürmte mich der Gewitterwind, und ein Platzregen rauschte herab. Das Schloß Greplang, unter düstern Wolken, glänzte auf seinem einzelnen Hügel, allein von der Abendsonne beschienen, durch den Regen herüber. Die Glarnerberge dahinter verbargen ihre Scheitel in Gewittern. Es war schon finster, als ich in den Gasthof meines nie gesehenen Freundes, des Barden von Niva, trat. Ich hatte mir vorgenommen, meinen wahren Namen so lange als möglich verborgen zu halten, mit dem gelehrten Gastwirte als ein simpler Reisender unter dem Namen Felix Liber Bekanntschaft zu machen und seines Umganges so lange zu genießen, bis er mich zu seiner geliebten Quelle Tellina führen würde. Dort wollte ich mich ihm zu erkennen geben und ihn, erst wenn wir uns liebgewonnen hätten, mit meinem wahren Namen überraschen. Ich versprach mir eine sehr angenehme Entwicklung der kleinen Komödie, die ich zu spielen vorhatte. Aber was sind unsre tröstlichsten Pläne? Zeichnungen im Sande, die ein Zephyr verwischt. Ich erwartete ein kleines Freudenfest wegen meiner Ankunft und fand – Weiberkälte und Abneigung. Ohne weitläufige Erörterungen, zu denen es der Schwager des Wirtes gern getrieben hätte, setzte ich mich zu einigen Reisenden aus Glarus an den Tisch und ließ mir's unter frohem Geplauder trefflich schmecken. Niemand schien zu vermuten, daß der spät angekommene Fremde jener so lange erwartete Korrespondent des Hausherrn sei. Den andern Tag, morgens, verzehrte ich im gemeinschaftlichen Speisezimmer mein Frühstück und las in einem lateinischen Dichter, den ich bei mir führte; da ging ein junger Mann bedächtig im Zimmer auf und ab, betrachtete mich von Zeit zu Zeit mit forschenden Blicken und wagte es lange nicht, mich anzureden. Er schien mir der Hausherr zu sein. Dem Anscheine nach las ich ruhig fort, lauschte aber heimlich auf jede Bewegung des Wirtes, der unruhig im Zimmer auf und ab schritt. Lange stellte ich mich, als wenn ich seine Blicke nicht bemerkte. Endlich sagte er mir geradezu: »Ich erwarte einen Bekannten aus der Gegend von Augsburg, kommen Sie etwa daher?« Lügen wollte ich nicht, also erwiderte ich »Ja«; – und die Komödie hatte ein Ende. Sogleich vermutete er, daß ich sein Freund sei, umarmte und führte mich in ein besondres Zimmer, wo er mir einen Brief von Herrn Geßner aus Zürich vorwies, der ihm ankündigte, ich würde Wallenstatt besuchen, er möchte mich einige Tage bei sich behalten, damit der Sturm, den meine Freunde befürchteten, indessen unschädlich verrauschen könnte und ich im Schoße der Freundschaft, ungekränkt und unverraten, geborgen wäre. Dieser Brief hatte auch Herrn B. auf den Gedanken gebracht, ich sei etwa um eines Vergehens willen von Augsburg entwichen, ich mußte ihm ein langes und breites von den Gründen meiner Reise erklären und meine Angaben mit lebhaften Beteurungen bekräftigen, bis er die Wahrheit begriff und mir Glauben beimaß. Aufrichtig leerten wir dann die Herzen über unsre Grundsätze, Meinungen, Beschäftigungen usw. aus und schlenderten in herzlicher Vertraulichkeit in seinen Garten und vor's Tor zur Quelle Tellina. Es versteht sich, daß er mir einige von seinen neuesten Gedichten vorlas. Wie könnte es ein Mitbruder im Pegasus über das Herz bringen, seinem Gaste und Konsorten gar nichts von den Eingebungen seiner Muse im Vertrauen mitzuteilen? Reichlich ward ich damit bedacht und befand mich nicht übel dabei, denn die Gedichte waren nicht schlecht, und ich merkte wohl, daß mein williges Zuhorchen dem Vorleser Freude machte. Bei dieser Gelegenheit muß ich mich selbst ein wenig rühmen, daß ich von meinen Arbeiten niemals etwas vorlas, außer in sehr seltenen Fällen, wenn man mich mit einer Art Gewalt dazu anhielt. Zum Glücke war mein Freund in Wallenstatt über dergleichen eitle Bedenklichkeiten weg und kürzte mir die Zeit nicht unangenehm mit einigen versifizierten Erzählungen aus der Schweizer Geschichte, die er vor kurzem vollendet hatte. Weniger vergnügten mich ein paar gedruckte Gelegenheitsgedichte. Im häuslichen Kreise meines Freundes hatte ich die seligsten Stunden zu verleben gehofft. Allein kaum war der Augenblick des Erkennens vorüber, so verwelkte eine süße Erwartung nach der andern, wie Laub. Er hatte mir seine Frau als ein sanftes, stillfrohes, gutmütiges, zärtliches Weib geschildert: der Geistliche, welcher in ihrem Hause Informator gewesen war und mich in Augsburg oft besuchte, stimmte in ihr Lob mit ein. Ich wußte also nichts Angelegneres, als die treffliche Frau bald kennen zu lernen, und bat den Barden von Riva, mich ihr vorzuführen. Er wich mir über diesen Punkt mehr als einmal aus, so daß ich endlich ernstlich in ihn dringen mußte. Nun konnte er sich nicht wohl länger weigern und sagte betroffen: »Erlauben Sie, daß ich meine Schwiegermutter, die hier ist, und meine Frau auf Ihren Besuch vorbereite, beide sind über Ihren Freund, den Herrn Informator, weil er auf eine ganz sonderbare Weise von hier entfloh, so aufgebracht, daß sie weder von ihm, noch von irgendeinem seiner Freunde weiter etwas wissen wollen. Kaum sagte ich ihnen von Ihrer Ankunft, so fingen sie zu klagen und zu weinen an.« Nach dieser Vorrede ging er mit grämlichem Gesichte zu seinen Frauenzimmern, um mich denselben zu melden. Bald hörte ich die lauten Herzensergießungen der Frau Schwiegermutter über meinen Bekannten aus Augsburg, und mir ward nicht so recht heimlich zumute. Nach langer Zögerung ward ich den Frauenzimmern vorgestellt, die sich mit sichtbarem Zwang bei unsrer kalten, steifen, abgebrochenen Unterhaltung benahmen. Mir ward das Herz eingeengt, gern wäre ich augenblicklich aufgebrochen, aber mein Freund und die verstimmten Frauen selbst hätten es übel genommen. Also entschloß ich mich, ein paar Tage auszuharren, und kürzte mir die Zeit, in der ich mich allein befand, mit Briefeschreiben und Notieren in mein Tagebuch. Am Sonntage, den 21. Juli, kam der Barde auf mein Zimmer und stellte mir vor, seine Weiber würden großes Ärgernis an meiner Irreligiosität nehmen, wenn ich, der ihnen nun als ein katholischer Geistlicher bekannt wäre, heute keine Messe lese; ihm würden zur Buße dafür tausend Vorwürfe gemacht werden, daß er mit so unmoralischen Menschen Gemeinschaft pflege, ich sollte mich also entschließen, zur Kirche zu gehen und mich im Meßgewande als katholischer Priester zu zeigen. Was wollte ich so dringenden Vorstellungen entgegensetzen? Sollte ich meinem Vorsatze, dem Priestertum völlig zu entsagen, jetzt halsstarrig getreu bleiben und wirklich die schwachen Weiber ärgern? – So ungern ich mich zum Messelesen bequemte, so entschloß ich mich doch für dieses Mal dazu. Der 22. Juli war ein Feiertag, das Fest der heil. Magdalena, auch an diesem Tage mußte ich mich, aus eben diesen Gründen, zum Messelesen verstehen. Aber, Gott Lob! es war zum letzten Male und soll es auch bleiben, so lange es in meiner Gewalt steht, frei zu handeln. In Religionssachen will ich forthin nur nach meiner besten, innigsten Überzeugung handeln, wer dies mißbilligen kann, werfe den ersten Stein auf mich! Bei diesen Umständen trachtete ich das Haus meines Freundes so schleunig als möglich zu verlassen und die mißvergnügten Weiber von der Plage meiner Gegenwart zu befreien. Abends, den 22. Juli, verließ ich in Begleitung meines lieben Wirtes, der seinerseits alles getan hatte, um mir den Aufenthalt angenehmer zu machen, das halb zur Pfütze verwandelte Wallenstatt und ging auf die malerische Halbinsel Bommerstein zu, wo auf einem runden Hügel das alte Gemäuer einer zerstörten Burg unter üppigen Reben sich birgt und als ein sehr malerischer Gegenstand die Blicke angenehm fesselt. Dann setzte ich meine Reise am sanftern Abhange des südlichen Ufers, auf schmalem, oft kaum gangbarem Pfade fort und labte mich an den mannigfaltigen Reizen der immer wechselnden Landschaften und an den hohen, senkrecht emporsteigenden Felsenufern gegenüber. Lange stand ich mit Wohlgefallen auf der Brücke über die reißende Murg, die aus den Glarnerbergen brausend herabstürzt. Unterwegs setzte ich mich an einer schönen Stelle auf den Rasen und schrieb einige Bemerkungen über die Gegend in mein Tagebuch. Von Zeit zu Zeit schaute ich umher. Nicht lange saß ich da, so erblickte ich mit meinem Fernrohr ein paar Reisende, die von Wesen heranschritten. Wer war's? das Krämerpaar, welches mich im Kanton Appenzell so sehr erschreckt hatte. Geschwinde brach ich auf, damit sie mir nicht zu nahe kämen und lief, viel eilfertiger, als ich sonst getan hätte, meines Weges. Über Schännis kam ich nach Kaltenbrunn, wo ich die Wirtin eben beim Mittagessen antraf und ihr sogleich Gesellschaft leistete. Eben ließ ich mir ein Gläschen Wein recht wohlschmecken, da trat ganz unverhofft der Krämer mit seiner Frau in die Stube und verdarb mir alle Lust. Sichtbar war ich ihnen eine so verhaßte Erscheinung, als sie mir. Ihre Blicke glitten an mir ab und streiften doch wieder scheu über mich hin. Sie kamen ohne ihre Krämerbuden herein und wollten wahrscheinlich eine Erfrischung nehmen. Aber jetzt sahen sie einander an, und der Krämer fragte nur, ob die Wirtin keine Bänder brauche. Kaum hatte sie »Nein« gesagt, so schlüpften beide wieder zur Tür hinaus und eilten aus dem Dorfe. Sorgfältig lauschte ich, wohin sie sich wenden würden, und war nicht wenig unzufrieden, als ich sah, daß sie ebendenselben Weg einschlugen, den ich gehen mußte. Im Eifer erzählte ich der Wirtin, was mir mit den Leuten widerfahren war, sie schickte einen Knecht auf die Straße hinaus und ließ nachspähen, wohin sich das schlimme Paar wenden würde. Bald kam der Knecht zurück und berichtete, beide seien rechts gegangen, bergan in den Wald. Also trieb sie die Furcht, durch mich etwa mit der Obrigkeit in unangenehme Bekanntschaft zu geraten, wieder von der gewöhnlichen Straße ab. Die Wirtin bot mir eine artige Sackpistole nebst einem kleinen Pulverhorn und Kugelsacke zum Kaufe an und wußte mir das nette Geschoß so sehr anzupreisen, daß ich mich zum ersten Male in meinem Leben mit einem solchen Gewehre zu waffnen beschloß und dann mit verdoppeltem Mute den Weg nach Rappersweil antrat. Öfters zog ich während des Gehens die Sackpistole hervor, spannte den Hahnen und zielte, wie wenn ein Feind vor mir stünde. Etlichemal hatte ich dies Spiel getrieben: nicht fern von Utznach sagte ich mir endlich: »Wie nun, wenn's Ernst gälte, und der Schuß schlüge nicht los? Ich will's doch einmal versuchen, kann ja wieder laden.« Herzhaft drückte ich, das Zündkraut loderte auf, aber der Schuß versagte. »O weh!« rief ich, »wie übel wär' ich nun beraten, wenn ich mich in der Not auf dich verlassen hätte! Fort mit dir!« Sobald ich in Rappersweil ankam, verkaufte ich die unzuverlässige Waffe sehr wohlfeil einem französischen Emigranten, der sich im Gasthofe zum Pfauen, wo ich einsprach, aufhielt und sogleich beim ersten Anblick Lust zu dem kleinen Puffer bezeigte. »Mögest du,« so dachte ich, als ich ihn dem Emigranten überreichte, »diesen Puffer einst mit eben dem Erfolge, wie ich, auf einen redlichen Patrioten abdrücken!« Mit Vergnügen spazierte ich abends auf der langen Brücke und betrachtete die schönen Inseln Ufnau und Lützelau, die so romantisch aus dem Spiegel des Sees sich heben. Den 24. Juli, morgens frühe, setzte ich meine Reise nach Zürich fort. Sowie die Albiskette und der Ütliberg kenntlicher wurden, so regten sich süßere Gefühle der wachsenden Sehnsucht und froher Erwartung in meiner Brust, und ich sagte mir selbst: »Dort ist die schöne Gegend, dort wohnen meine Lieben, bald – o, welche Freude! – bald drücken wir einander ans Herz.« Oft trat ich an Stellen, wo das Ufer ein wenig weiter in den See hinauslief, zu äußerst an den Strand und spähte, ob noch kein Turm der Stadt sichtbar würde. Als ich bei Meilen mit einem Hut voll Kirschen, die ich verzehrte, hinter einem schönen Baume hervortrat, der mit Efeu umschlungen war, sah ich einen Nachen in einer kleinen Bucht, in den eben ein Mädchen mit ihrem Bruder stieg, und der Schiffer rief mir zu: »Der Herr geht gewiß nach Zürich, will er nicht mit uns fahren?« Ich besann mich nicht lange, stieg ein und setzte mich vorne an die Spitze des Schiffs auf eine Kiste, immer mit den Augen Zürichs Erscheinung suchend. Der Wind war uns entgegen, die Fahrt ging langsam. Zum Zeitvertreib zog ich Bleistift und Papier aus der Tasche und fing an, meine Empfindungen aufzuschreiben. Das Mädchen in der bedeckten Laube des Kahns hatte desto mehr Langeweile, denn ihr Bruder ruderte und schien gar kein Freund von vielen Worten. Sie begann mich zu necken, weil ich so unverwandt nach Zürich hinspähte. Ich müßte dort gewiß etwas Liebes haben, meinte sie. Gern bestätigte ich sie in ihrer Vermutung und erzählte ihr in allegorischen Ausdrücken, was mein Verlangen nach lieben Freunden in Zürich so sehr erhöhte. Sie wollte, was ich geschrieben hatte, sehen. Ich zeigte es ihr. »Sei mir gegrüßt,« so hieß der Aufsatz, »du Heimat meiner Lieblinge! seid mir gegrüßt ihr fruchtbaren Hügel usw. Gleite schneller, mein Fahrzeug, über kräuselnde Wellen hin, daß ich früher meinen Treuen in die Arme fliege. O, wie lieblich säuseln eure Binsen mich an, ihr grünenden Ufer! usw. Nun gehabe dich Wohl, du Trübsinn der Verlassenheit! Heiterkeit lacht nun meinen Tagen wieder und Frohsinn breitet sich über mein Leben aus. Freunde find' ich hier und Geliebte! Jeder sanften Empfindung öffnet sich wieder, freier atmend, meine Brust.« Es war wie prophetisches Vorgefühl, was ich da schrieb, alles hat sich erwahrt. Das Mädchen im Nachen rückte näher zu mir und schien zutraulicher zu werden, als sie mein Blättchen durchlesen hatte. Als Zürichs Türme hinter dem Vorlande bei Erlenbach hervorkamen, teilte sie meine Freude und hüpfte mit mir an die Spitze des Kahns. Von diesem Augenblicke an waren meine Gefühle zu lebhaft, ich konnte nicht mehr ans Schreiben denken und steckte mein Papier in die Tasche. Erst nach einigen Tagen vollendete ich mein kleines Gedicht und formte den Aufsatz durch Beifügung der angenehmern Umstände meiner Fahrt und des Empfangs in eine Idylle um. Abends etwa um vier Uhr schifften wir zum Wassertor hinein. Siebzehntes Kapitel: Wieder in Zürich. Geßnersches Haus – Landvogt Landolt – Besuche – Geßners Monument – Neue Wohnung, der Oberhof – Moralische Gefahren – Ausgabe der Fischergedichte – Frankreich das gelobte Land – Nächste Vorbereitungen zur Abreise dorthin – Korrespondenz mit dem Bischof von Colmar. Mein erster Gang war zum Hause meines Wohltäters Salomon Geßner. Als ich mich demselben näherte, ging dessen Sohn, mein Freund Heinrich, eben über die Straße, grüßte mich sogleich mit inniger Freude und führte mich zu seiner lieben Mutter. Die geistvolle Frau empfing mich mit einnehmender Güte und Herzlichkeit, aber unsre erste Unterhaltung blieb nicht ohne Tränen, denn wir empfanden alle zu tief, daß der Unvergeßliche fehlte, der sonst die Seele unsres Kreises gewesen war. Gerührt sprachen wir von dem Abscheiden des Edeln, und ich horchte begierig auf bei der Erzählung seiner letzten Stunden. Einfach wie sein Leben und sanft war sein Ende. Möchte uns dein seliger Geist in diesen Augenblicken umschwebt haben, Dichter der Unschuld und der Natur! Nach mancherlei Erörterungen über mein Vorhaben, nach Frankreich zu gehen, Maschinen zu bauen usw., sondierten meine Lieben auch, nicht ohne Schonung und Vorsicht, was mich doch eigentlich zur neuen Flucht bewogen habe, und konnten ihre Besorgnis nicht ganz bergen, es möchte im Falle irgendeines Vergehens, das auch nur in den Augen der Geistlichkeit ein solches wäre, etwa noch ein Steckbrief nachkommen. Es schien ihnen ein Stein vom Herzen zu fallen, als ich so ganz unbefangen und furchtlos beteuerte, mich habe keine Art irgendeines Vergehens, sondern die wohlüberlegte Betrachtung, daß ich besser tue, wenn ich künftig nach meiner Überzeugung handeln und dem geistlichen Stande entsagen würde, zur Entweichung bewogen. Beinahe schien es mir, sie nähmen einigen Anstand, meinem Vorgeben sogleich völligen Glauben beizumessen. Sie sagten, in der Voraussetzung, man könnte mir vonseiten der Geistlichkeit nachjagen, hätten sie mir einen Zufluchtsort aufgefunden: mein alter Gönner, Herr Landvogt Landolt, der nicht weit von der Stadt ein Landgut bewohne, sei bereit, mich als Gast aufzunehmen, bis der Sturm versauset hätte. Sie hielten es für's beste, wenn ich einige Tage still und ruhig auf dem Lande zubrächte, indessen müßte es sich zeigen, ob ich einige Verfolgung zu besorgen hätte oder nicht. Ich machte es ihnen begreiflich, daß mir nun wahrscheinlich kein Steckbrief mehr nachkommen würde, weil schon zu viele Zeit verflossen, meine Aufführung untadelhaft gewesen sei und die Hoffnung der Geistlichkeit, mir in Zürich beizukommen, höchst gering sein dürfte. Als ich aber merkte, daß sie es doch gern sähen, wenn ich ein paar Tage auf dem Lande zubrächte, bis wegen meines Aufenthaltes alles in Ordnung wäre, so ging ich mit Herrn Heinrich sogleich um sechs Uhr zu Herrn Landolt und ward von ihm sehr höflich empfangen, er kam mir vor das Haus entgegen und sang mir schon von ferne ein Liedchen zu, das ich bei meinem ersten Aufenthalt in Zürich öfters gesungen hatte. Es lag viel Güte in dieser Art des Empfangs, sie heiterte mich auf und stimmte meine Schüchternheit unwiderstehlich in einen traulichen Ton unbefangener Offenheit um. Mit derbem, geradem Biedersinne und zuvorkommender Gastfreundschaft wies er mir ein Zimmer an, zeigte mir seine Gemälde, unter andern einen vortrefflichen Mondschein, wo Soldaten an einer alten Mauer um ein Wachtfeuer stehen, und führte mich auf seinen Rebhügel und rings in seinem Gute umher, das ans romantische Sihltal grenzt, welches ich immer so sehr liebte. Dann mußte ich ihm von meinen Schicksalen und Aussichten erzählen, und er machte mich dagegen mit der Lebensart bekannt, die er hier als Landmann führte. Seine Haushälterin, eine rasche, treue und sehr tätige Frau, ward mir durch ihre Einfälle und die richtigen Urteile merkwürdig, welche sie über die schwierigsten Gegenstände der Volksreligion und alltägliche Lebensregeln äußerte. Herr Landvogt sorgte für die Erziehung ihrer siebzehnjährigen Tochter mit aller möglichen Sorgfalt und hatte es über sich genommen, das Herz des Mädchens als ein treuer Vater und Lehrer zur Tugend zu bilden. Sie mußte eben rechnen lernen und mit ihm Gellerts Fabeln durchlesen, an deren Sittenlehre er die ganze Moral nach und nach ankettete. Für mich war es etwas sehr Rührendes, den ernsten Mann mit dem raschen Offizierstone und der reinsten Gutherzigkeit neben dem Mädchen sitzen und Unterricht erteilen zu sehen. Sein Charakter schien mir ganz Original zu sein. Mit diesem Manne voll natürlichen Scharfsinns lebte ich nun unter einem Dache und befand mich in seiner Gesellschaft sehr wohl. Sogleich sandte er seine Haushälterin herum, um mir eine Wohnung aufzusuchen. Sie kam erst spät zurück, ohne eine gefunden zu haben, denn überall verlangte man, ich sollte sie wenigstens auf ein Jahr mieten, und ich wollte nur ein paar Monate in Zürich bleiben. Die Sonne war schon lange hinabgesunken; wir saßen da, ruhig plaudernd und das Abendessen erwartend. Auf einmal öffnete sich die Tür und meine lieben Freunde Erni und Wolf traten herein, fielen mir nacheinander um den Hals, küßten und drückten mich mit so unverstellter Freude und Herzlichkeit, daß ich mich der Tränen nicht enthalten konnte und nun erst recht lebhaft mein Glück fühlte, wieder unter guten Menschen zu sein. Von Geßner ward ihnen meine Ankunft erst spät am Abend gemeldet, und sie hatten nichts Angelegneres, als mich geschwind noch zu sehen. O, wie erquickte ein so freundschaftliches Betragen mein Herz! Als ich auf mein Zimmer kam, dankte ich Gott vor dem Schlafengehen recht innig, daß er mich in so liebevolle Gesellschaft geführt hatte. Der 25. Juli war Besuchen gewidmet. Nachdem ich beinahe alle meine Bekannten gegrüßt hatte, aß ich, um freier zu sein, im Wirtshause zu Mittag. Nach Tische ging ich zu Geßners Monument auf den Schützenplatz, ganz allein, um mich meinen Empfindungen ungestört überlassen zu können. Ich traf den hübschen Spaziergang um vieles verschönert an, die Ehrensäule gefiel mir und die wohl gewählte Aufschrift rührte mein Herz. Ich dachte mit neuer Lebhaftigkeit an die Einfachheit und Güte des großen Mannes und konnte mich über seinen Verlust der Tränen nicht enthalten. Wer mich gesehen hätte, würde geglaubt haben, ich schluchze an seinem Grabe. Ja, lieber Freund, so rief ich mehr als einmal aus, »Billig verehrt die Nachwelt des Dichters Aschenkrug, von altem Efeu umschlungen, den die Musen sich geweihet haben, die Welt Unschuld und Tugend zu lehren!« So hieß die Aufschrift. Ich führte den Tod Abels, aus dem sie genommen ist, eben in der kleinen Sackausgabe bei mir, zog ihn hervor, suchte die Stelle und las weiter: »Sein Ruhm lebt noch, gleich jugendlich, wenn die Trophäe des Eroberers im Staube modert und das prächtige Grabmal des unrühmlichen Fürsten jetzt in einer Wüste vielleicht, im wilden Dorngebüsche zerstreut liegt, mit grauem Moos bedeckt, auf dem nur selten der verirrte Wanderer ruht. Zwar diese Größe zu erreichen, hat die Natur nur wenigen vergönnt; ihr nachzueifern ist rühmliches Bestreben.« O, welche Wirkung machten nun diese Worte auf mich! Ich sah das Monument mit nassen Blicken an und sagte zu mir mit erhöhten Gefühlen: »O, wie schön ist's, ein solches Denkmal verdient zu haben! Aber wie wahr sangst du, lieber Verklärter: diese Größe zu erreichen, hat die Natur nur wenigen vergönnt! Sei es! du sangst auch – ihr nachzueifern ist rühmliches Bestreben.« Dies war schon lange das meinige. O, möchte es mir gelingen, sie schön und richtig zu schildern! Dein Geist Umwege mich, seliger Freund, wenn ich, mit süßen Gefühlen erfüllt, durch die Fluren wandle und für empfängliche Herzen meine schönern Phantasien auf's Papier gieße. Hier an deinem Denkmal gelob' ich's der Gottheit von neuem an: ich will mich immer enger an die Tugend anschließen und das Gute, das ich besinge, treulich in Ausübung bringen! So ging ich innig gerührt, ermuntert und bessergesinnt von dannen. Abends besuchte ich das Handlungskontor der Orellischen Buchhandlung, grüßte meine lieben alten Bekannten und ward mit lautem Jubel empfangen. Man zeigte mir sogleich mein Gepäck, das bereits vollständig angekommen war und wohlverwahrt in den Gewölben stand. Herr Erni, mein dienstfertiger Freund, versäumte nichts, um mir bei jeder Gelegenheit durch seine freundschaftliche Tätigkeit zu nützen; er hatte indes auch eine Wohnung aufgefunden und führte mich hin, um die kleine Interimsresidenz in Augenschein zu nehmen. Ich erblickte ein gewöhnliches Landhaus, der Oberhof genannt, mit einem hübschen Garten und schönen Gütern dabei, in einer sehr reizenden Gegend, auf der so geheißenen Platte zwischen der Stadt und dem Dorf Fluntern; man sagte mir, das Gut gehöre einem Junker Escher, Offizier in holländischen Diensten, und werde nun von einem ehrlichen Pächter bewohnt, der die Güter baue und Wein schenke. Der letzte Punkt wollte mir nicht gefallen, denn mir sauste schon der Lärm um die Ohren, den der Wein gewöhnlich in Schenken anrichtet. Allein in der Eile war kein bessres Unterkommen zu finden. Der Pächter, ein etwas bejahrter, aber noch ganz kraftvoller Mann, derb und schlicht in seinen Äußerungen, mit einer ziemlich jungen Frau und fünf Kindern, drängten sich um meinen Führer und mich her, nahmen den neuen Kostgänger in Augenschein, zeigten uns meine künftige Wohnung und kapitulierten wegen des Tischgeldes und der Miete. Mein Vorschlag lautete, ich wollte mit Ablauf jeder Woche bezahlen, damit die Zahlung mir leichter würde und die Hausleute wegen meiner Redlichkeit nie in Sorgen stehen müßten. Sie waren es zufrieden und stellten mir frei, ob ich ein hübsches Zimmer oder eine sehr schmucklose Kammer, beide mit einer sehr schönen Aussicht, zum Aufenthalte wählen wollte, erinnerten aber, ich müßte mich bequemen, jeden Sonntag, wenn Trinkgäste kämen, meine Sachen aus dem angebotenen Zimmer wegzubringen und dasselbe auf einen Abend den Gästen abzutreten. Dies konnte mir unmöglich gefallen. Ich wählte also die Kammer. Mit zuvorkommender Güte bewarb sich Herr Ratsherr Füßli sogleich bei den Herren Obervögten für mich um die Erlaubnis, hier sitzen zu dürfen, und erhielt sie. Schon den 26. liess ich ein paar Verschläge, in denen ich einiges weißes Zeug und die nötigen Bücher wußte, in den Oberhof bringen, packte mein Bett aus und richtete mich so bequem ein, als ich es für meinen kurzen Aufenthalt nötig glaubte. Den 27. Juli, morgens, nahm ich unter Gefühlen der Dankbarkeit und Hochachtung von Herrn Landvogt Landolt Abschied und bezog meine neue Wohnung. Nach meiner Gewohnheit warf ich mich, sobald ich allein war, auf die Knie und betete um Schutz und Beistand. Als ich in der Frühe erwachte, erleuchtete das schöne Morgenrot meine Kammer, ich stand auf, im Herzen jubelnd und lief in den Garten. O, wie entzückte mich die Pracht der Gegend! Wie oft setzte ich mich auf den leeren Brunnentrog im Baumgarten und bestrich mit meinen Blicken die schönen Hügel umher! Bald stieg ich auf den nahen Zürich- oder Geiszberg, drängte mich singend durch den Wald und weidete mich an hübschen Aussichten auf den See und das Limmattal hinab, bald streckte ich mich, wenn der Tau verdunstet war, ins Gras an irgendeinem kleinen Abhange unter Obstbäumen oder in den Reben und phantasierte, bald saß ich mit Schreibmaterialien in der Hasellaube und setzte Idyllen und Erzählungen auf. Mein Wunsch, mit wenigem glücklich zu sein, ging da in Erfüllung, und ich brachte meinen Grundsatz, mir so wenig Bedürfnisse als möglich zu machen, treulich in Ausübung. Nur selten trank ich ein Glas Wein; mit dem Pächter und seinen Leuten ging ich zu Tische und ließ mir besonders das Gemüse trefflich schmecken. Das dünkte mich ökonomisch und philosophisch zugleich. Meine Munterkeit erwachte völlig wieder, die ganze Tischzeit über gab es immer etwas zu scherzen, die fünf Kinder des Pächters mit ihren Launen, kleinen Streichen und barocken Einfällen usw. lieferten immer Stoff genug zum Lachen. Ich hätte mit Herrn Statthalters niedlicher Tafel mein ländliches Mahl gewiß nimmer vertauscht. Wie erheiterte mich's, nun den ganzen Tag nach Belieben im Grünen umherziehen zu dürfen und statt der abgeschmackten Aktenstöße ein schönes Buch neben mir liegen zu sehen! Ich betrachtete diese glücklichen Tage der Unabhängigkeit als eine Kurzeit für Leib und Seele und fühlte es recht deutlich, daß sich meine Gesundheit immer mehr befestigte. An Regentagen war das Violinspielen mein Zeitvertreib; ich suchte die herrschenden Gefühle meines Herzens in Tönen auszudrücken und geigte mich bald in heitre, bald in wehmütige Stimmung. An angenehmer Gesellschaft fehlte es mir nie. Hatte ich mich satt gelesen oder müde gegangen oder genug phantasiert, so brauchte es nur einen Wink, und eine ganze Schar Kinder sammelte sich um mich, dann mußte ich ihnen von dem und dem Vogel, von Insekten, die sie eben sahen, von den Blumen usw. erzählen oder ihnen ein kleines Unternehmen ausführen helfen, zu dem sie meiner Kräfte oder meines Schutzes bedurften, oder einen Streit schlichten, den sie angefangen hatten; kurz, ich war ihr Lehrer, Nothelfer und Richter. Hänschen, das jüngste Söhnchen des Pächters, ein schöner Knabe zwischen zwei und drei Jahren, hing ganz besonders an mir. Fast immer saß oder trippelte er an meiner Seite, tändelte mit Blumen oder klopfte mit meinem Hammer; wir hatten stündlich allerlei Geschäfte miteinander abzutun. Wenn ich nicht zugegen war, so suchte er mich allenthalben und rief an jeder Rasenstelle, wo wir sonst zu sitzen pflegten, mit lauter Stimme sein Bonni ! Ich war recht vergnügt bei dem Spiele. Wollte ich mir eine bessre Unterhaltung verschaffen, so besuchte ich meine Freunde in der Stadt, die Witwe Geßner mit ihren Söhnen, Herrn Ratsherrn (nun Obmann) Füßli, die Herren Zunftmeister Bürkli, Professoren Steinbrüchel und Hottinger, Landvogt Landolt und Junker Stadtschultheiß Reinhard usw. Von allen ward ich immer sehr gütig aufgenommen. Junker Reinhard zeichnete sich, so wie bei meiner ersten Anwesenheit, durch besondere Güte aus. Mit einer Schonung, die meinem Herzen sehr wohl tat und der sicherste Beweis eines seinen Gefühls ist, kam er selbst in den Oberhof, erkundigte sich leise, ob ich keiner Hilfe bedürfe, und erbot sich, mir im Erforderungsfalle einstweilen Unterhalt zu verschaffen. Wo ich immer hinkam, traf ich freundliche Gesichter an; wer mich ehemals gekannt hatte, schien sich zu freuen, daß ich den Priesterfesseln zum zweiten Male glücklich entschlüpft war. Welch ein Abstand gegen die finstern oder herrischen Mienen meiner geistlichen Obern in Augsburg! Wie wohl tat es mir, nach einem so langen Aufenthalte bei Männern, die mir nicht trauten und denen ich nicht traute, nun wieder unter wohlwollenden Herzen zu wandeln! Dort wäre ich gern ein Einsiedler geworden, hier hielt ich mich am liebsten an Menschen. Konrad Gehner, der ältere Bruder meines Freundes Heinrich, ein hoffnungsvoller junger Künstler, der seines Vaters reinen Sinn für schöne Natur mit der Geschicklichkeit, Pferde in jeder, auch der schwierigsten Stellung malerisch darzustellen, vereinigt, dabei eine so aufrichtige, grade und arglose Seele, daß ich noch nie eine redlichere kannte, mehrte mein Vergnügen im Geßnerschen Hause nicht wenig. Da er während meines ersten Aufenthalts in Zürich auf Reisen war, so lernte ich ihn erst jetzt persönlich kennen und gewann ihn herzlich lieb. Bald nach meiner Ankunft reiste er nach Bündten, um dort eine romantische Gegend aufzunehmen und nach der Natur zu malen. Ich mußte nun, bis Konrad wiederkam, dessen Stelle einnehmen, in Heinrichs Zimmer schlafen, mit der Frau Ratsherrin essen und ganz so leben, als wenn ich zu ihrer Familie gehörte. Sie hatte eben ein Sommerlogis in einer angenehmen Gegend am Wühlenbache gemietet, und ich nahm teil an ihrer Landlust, ihren Spaziergängen und Unterhaltungen. Durch die Besuche, welche sie erhielt, ward ich mit mehreren sehr interessanten Menschen bekannt, namentlich mit Herrn Matthisson und seiner liebenswürdigen Frau, mit der Frau v. Berlepsch, Herrn Prof. Vogt aus Mainz u. a. m. Durch öftern Umgang mit Frauenzimmern von Bildung, Geschmack und wahrer Herzensgüte lebte allmählich in meiner Seele ein Ideal weiblicher Vollkommenheit auf, das mir bei meinen Träumereien und Ausflügen in die Idyllenwelt immer mit frischen Reizen entgegentrat und in der Folge meinem Herzen keinen geringen moralischen Vorteil gewährte, indem es mich vor jeder unwürdigen Neigung zu minder edlen weiblichen Wesen behütete. Ich hatte in meiner Lage dieses moralische Hilfsmittel eben sehr nötig, denn niemals, deucht mich jetzt, war ich in so großer Gefahr, zur Liederlichkeit mich hinzuneigen, als in diesem Zeitpunkte. Mehr als einmal drohte mein Charakter völlig umzuschlagen. Der Aufenthalt in einem öffentlichen Schenkhause brachte mich sehr oft mit Gästen zusammen, denen Enthaltsamkeit nichts minder als eine Tugend und jeder Genuß ein herrlicher Sieg schien. Die äußere Artigkeit der Personen zog mich Unbefangenen nicht selten in ihre Kreise, größtenteils merkte ich zu spät, daß hier nichts Edles, Liebenswürdiges zu finden sei, und saß dann neben den Weibern oder Mädchen, als wenn mein Geist nicht zu Hause wäre, bis ich einen Vorwand fand, wegzuschleichen. Meine Schüchternheit schien den meisten Blödigkeit zu sein, offenbar stand man in dem Wahne, daß ich Aufmunterung bedürfe, um kühner und freier zu werden. Man ließ mir's mehr als einmal merken und nahm sich wohl gar die Mühe, mir diese Wohltat zu erzeigen. Aber ich fühlte das Unwürdige eines solchen Betragens zu lebhaft, um dann nicht noch scheuer zu werden. Zuweilen fügte es sich auch, daß angesehene Personen in kleinen oder größern Gesellschaften im Oberhof einsprachen, um Obst oder Milch zu genießen. Sie spazierten dann gern im Garten und vernahmen jeden Ton, wenn ich in meiner Kammer sang oder auf der Violine phantasierte. Man erkundigte sich um den Musiker, der hier wohnte, und die Hausfrau säumte nicht, mir's zu hinterbringen, was man gefragt und gesprochen hatte. So ward ich fast jedesmal aufmerksam auf die vornehmen Gäste, schlich mich wie von ungefähr in den Garten, ward gemeiniglich angehalten und über mein Spiel oder meinen Gesang zur Rede gestellt. Das verwickelte mich in Gespräche, und ich plauderte mit den Damen so heiter und fröhlich, als es eben meine Unerfahrenheit und Blödigkeit zuließ. An einem schwülen Abend scherzte ich einst mit dem kleinen Hänschen im Grünen umher, da traten wieder zwei angesehene schöne Frauen in den Garten und fragten nach der Wirtin, die eben in den Reben bei der Arbeit war. Sie hatten schon einmal den Oberhof mit größerer Gesellschaft besucht, ich war aber unter den übrigen auf sie nicht besonders aufmerksam gewesen. Jetzt lief ich geschwinde hin, holte die Hausfrau herbei und half ihr mit Freuden bei der Bedienung so schöner Gäste. Sie setzten sich in die Taxuslaube, verzehrten ihre Milch und hatten soviel zu fragen, daß ich nicht daran denken konnte, wegzugehen, wenn ich auch gewollt hätte. Ich fühlte aber keine Lust, aus einer so angenehmen Gesellschaft fortzueilen. In der heitersten Laune erzählte ich ihnen meine Flucht, um deren Umstände sie mich gefragt hatten. Meine Idyllen waren ihnen nicht unbekannt. Sie wollten wissen, welche Lebensart ich im Oberhof führe und fingen an, mich über die Gefahren eines solchen Aufenthaltes zu necken. Im Eifer des Gespräches war ich lange vor ihnen gestanden, die schönere der beiden Frauen legte jetzt den Löffel weg, klopfte mit flacher Hand auf die Bank und verlangte hiermit, ich sollte mich an ihre Seite setzen. Schüchtern tat ich's, hielt mich aber immer mit einer gewissen Ehrfurcht in einiger Entfernung. Sie lächelten, und die Schöne flüsterte der andern ins Ohr: »Der blöde Schäfer!« so vernehmlich, ich hätte taub sein müssen, um es nicht zu verstehen. Und die andre erwiderte: »Der bedarf noch vieler Aufmunterung!« Ich schämte mich meiner Furchtsamkeit und verlor darüber vollends den kleinen Rest meiner Dreistigkeit. Die Dame rückte näher zu mir, indem sie sagte: »Sie sind ja noch wirklich wie ein Klosternovize, ich muß schon zu Ihnen kommen.« Ich nahm mich zusammen und sagte: »Denken Sie nur, daß ein solches Glück für mich eine Seltenheit ist!« Sie: »Ei, wer weiß, ob Sie in andrer Gesellschaft nicht kühner sind? Idyllendichter haben heißes Blut, für Sie ist der Oberhof ein gefährlicher Platz!« Ich war nun im Zuge galant zu sein und erwiderte: »Ganz gewiß, wenn alle Tage solche Gesellschaft käme.« Die andre Dame sprach scherzend: »Wie mutwillig! Merkst du nun? er erwacht.« Man plauderte fort, und ich merkte wohl, daß den Damen mitunter auch eine feine Zweideutigkeit entschlüpfte. Kaum konnte ich's begreifen, wie ein so schöner Mund dergleichen Ausdrücke vorbringen mochte. Meine hübsche Nachbarin legte ihre Rechte auf meine Hand, die mir im Schoße lag, und fragte mit freundlicher Miene: »Sagen Sie mir einmal, wie müßte denn das Mädchen aussehen, das Ihnen gefährlich wäre?« Ich hatte die Schalkheit, sie genau ins Auge zu fassen und jeden ihrer Züge herzurechnen. Sie lächelte und drückte meine Hand, ich die ihrige. Die andre Frau stand auf und ging aus der Laube, indem sie scherzend sagte: »Es dünkt mich, Sie werden ziemlich vertraut, hier bin ich also eine überflüssige Person.« Dies setzte mich in neue Verlegenheit. Aber die Zurückgebliebene behielt meine Hand und sagte scherzend: »Lassen Sie die Neidische nur gehen. Wir wollen wohl allein miteinander zurecht kommen.« Es wurde mir doch ein wenig heiß, und die Unterhaltung stockte. Sie sah mich überaus freundlich an, und meine Verwirrung nahm zu. Ich hätte nicht gern dumm ausgesehen, und das Frauenzimmer war schön und meine Sinnlichkeit schwieg auch nicht. »Was ist Ihnen?« fragte sie mit zärtlicher Stimme, »fürchten Sie mich denn?« – »Ach nein!« stammelte ich und wagte es zum Beweise mehr als einmal, und zwar etwas ungestüm, ihre Hand zu küssen. Mein Herz aber sagte laut: »Ja, ich fürchte sie.« Die Dame sprach: »Sehen Sie, ungestümer Küsser, wenn ich Ihnen böse werden wollte, so mühte ich's jetzt werden. Aber bin ich's denn?« hiermit drückte sie mir wieder recht vertraulich die Hand. Ich fragte mich: »Soll ich sie küssen?« Und zweifelte und tat es nicht. Es lag für mich in ihrem Wesen etwas Zurückstoßendes, ihre zu große Vertraulichkeit erfüllte mich von neuem mit einer Art Scheu, und es war, als rufe mir jemand in die Ohren: »Laß das, sie ist eine Kokette!« Indessen wanderte die andre Frau den Gang wieder herauf und rief schon von ferne: »Darf ich näher kommen?« Meine Vertrauliche zog sich etwas zurück, ließ meine Hand fahren und rief schon der Kommenden zu: »Du hättest immer zugegen sein dürfen, wir führten uns auf wie die Unschuld selbst, das kannst du glauben!« Scherzend setzte sich die andre zu der schönen Dame, und sie flüsterten einander nicht ohne Lachen in die Ohren, was ich nicht verstehen konnte. Mit dem Tone der Freundlichkeit wechselte nun leiser Spott, und es fing mir allmählich an, in dieser Gesellschaft nicht länger zu gefallen. Auch Zweideutigkeiten kamen wieder zum Vorschein, und meine Vermutung, daß die beiden Frauen keine von den tugendhaftesten sein möchten, erhielt dadurch neues Gewicht. Die Kinder des Pächters waren indes in Uneinigkeiten geraten, und mein Hänschen weinte. Unter dem Vorwande, Frieden zu stiften, ging ich aus der Laube, verweilte bei den Kindern, stand nachdenkend unter den Bäumen und konnte das Betragen der Damen gar nicht mit der Sittsamkeit reimen, die ein Hauptzug meines Ideals war. »Es sind ein paar Koketten!« sagte ich endlich herzhaft, »laß sie sitzen! Mögen sie doch von dir denken, was sie wollen!« Dann führte ich die Kinder weit hinauf an den Reben und kam nicht mehr in die Laube. Mehr als einmal stand ich zwar im Begriffe, zu den schönen Frauen wieder hinzugehen, aber der Gedanke: »Sie haben dich nur zum Narren!« hielt mich jedesmal wieder zurück. Am folgenden Morgen ging ich durch die Gassen der Stadt. Unvermutet rief mir jemand zu, ich blickte empor, und – sieh da! die schöne Frau von gestern lag im offenen Fenster ihres Hauses, wünschte mir einen guten Tag, fragte, ob ich dringende Geschäfte hätte, und verlangte, sobald sie mein Nein vernahm, ich sollte ein wenig hinaufkommen. Der Kaffee stand auf dem Tische, sie hieß mich gütig neben sich auf das Sofa sitzen, nahm freundlich Platz an meiner Seite und machte mir leise, ich möchte fast sagen zärtliche Vorwürfe über mein gestriges Wegbleiben aus der Laube. »Was taten wir Ihnen denn zu Leide, daß Sie sich wegstahlen, ohne Abschied zu nehmen?« fragte sie mit einer Stimme, der man's anmerken konnte, daß sie erwartete, ich würde nun durch doppelte Freundlichkeit den Mangel an Aufmerksamkeit vergüten, durch den ich sie gestern beleidigt hatte. Ich war auch zu sehr von ihrer Artigkeit überrascht, als daß ich etwas andres, als eine Entschuldigung meines Betragens hätte vorbringen können. »Sie sind auch gar zu schüchtern,« sagte sie, »wir hätten Sie gestern gern noch länger um uns gehabt, und doch flohen Sie; es schien, Sie fürchteten uns.« Ich: »Ich bin kein unterhaltender Gesellschafter und wollte Ihnen nicht gern noch mehr Langeweile machen.« Sie: »Das taten Sie nicht. Sie waren ja recht munter; wir sahen Sie nachher lustig und frei, wie ein Reh, mit den Kindern in der Wiese hüpfen.« Ich: »Mit Kindern scherze ich wohl gern.« Sie: »Warum nicht auch mit Erwachsenen?« Ich schwieg. Sie fuhr fort: »Ihr ganzes Wesen zeugt von Mißtrauen gegen sich selbst, ein junger Mann von Ihrer Gattung sollte doch mehr Zuversicht hegen. – Ach, wie sitzen Sie da? so gezwungen, so bange? Kommen Sie näher, ich vergifte Sie nicht!« Sie streckte die Linke aus, ergriff mich traulich beim Arme, zog mich zu sich und rückte selbst ganz nahe an meine Seite. Ihr Gewand wärmte meine Füße. In leichter Morgenkleidung saß sie neben mir und schenkte mir die Tasse voll, das nachlässig umgeworfene Halstuch machte sich bei ihren Bewegungen verräterisch los und beschäftigte sie mehr als einmal, um es mit anscheinender Eile wieder in Ordnung zu legen. Aber mich kühlte die Erinnerung an ihr gestriges Flüstern von Mutmachen und Aufmunterung und an die Zweideutigkeiten von Zeit zu Zeit wieder ab. Unstet glitt mein Blick an ihr hinunter und vor mir nieder und wagte es kaum auf ihr zu ruhen. Sie sprach, indem ihre Rechte wieder die meinige ergriff: »Ach, Sie sind ja so blöde, als hätten Sie noch nie ein Mädchen geküßt! Aber das ist unmöglich! Wie könnte ein Dichter ohne Kuß bleiben? Gestehen Sie, hatten Sie noch nie eine Geliebte?« Ich: »Freilich, ein recht unschuldiges Mädchen.« Sie: »So erzählen Sie mir etwas davon!« Ich erzählte von Minchen, froh, ein ergiebiges Thema gefunden zu haben, und seufzte am Ende: »Und doch – auch sie konnte mich eine Zeitlang vergessen!« Sie erkundigte sich mit besonderer Wißbegierde, ob ich oft allein zu Minchen gekommen sei, und als ich das Gegenteil beteuerte, schlang sie gleichsam in traulicher Vergeßlichkeit ihre Linke um meine Hüften und sagte: »Guter Bronner! Ihre ganze Glückseligkeit bestand ja mehr in der Phantasie, als in der Wirklichkeit. Sie hätten öfters zu Minchen kommen und vertrauter sein sollen. Der Eindruck einiger Küsse, o – der verfliegt wie ein Traum!« Ich (im Eifer ihre Hand drückend): »Bei mir nicht, ach wie süß war's!« Sie: »Lieber Schwärmer! Süßer als dieser Kuß?« Hiermit umwand ihre Linke meinen Hals, und ihre Lippen brannten mir auf der Wange. Dann sprach sie: »Laß sehen! Können Sie es besser?« Betroffen bog ich mich weg, stammelte in meiner Einfalt: »Ich kenne Sie ja noch kaum!« und entzog mich der Schlinge ihres Armes. Lachend sprang sie auf und sagte: »Sie sind ein Kind! Wer wird auch so wunderlich sein?« Sie schien verdrießlich zu werden. Bange stand ich nun auch auf und stotterte: »Vergeben Sie! Das Übermaß Ihrer Güte hat mich ganz bestürzt!« Sie starrte mich einige Augenblicke an, horchte auf ein Rauschen, das im Nebenzimmer sich hören ließ, besann sich und sagte: »Sie haben recht, wir müssen erst näher bekannt werden! – Wissen Sie Rat? Im Oberhofe gibt es allerlei vortreffliches Obst, erkundigen Sie sich um die Preise des besten und bringen Sie mir Nachricht!« Ich versprach's und ging mit dem festen Entschlusse, nicht wieder zu kommen, davon. Ich mied von nun an das Haus der Schnellvertrauten wie einen Sirenenaufenthalt. Auch sie rief mich nie mehr zu sich und schien mich sorgfältig zu vermeiden. So gelang es mir diesmal und noch öfters, z. B. als ein Mädchen nachts einigemal an meiner Kammertür pochte und eingelassen zu werden verlangte, dergleichen kleine Abenteuer siegreich zu bestehen. Allein bei allem dem ließ doch die Strenge meiner Grundsätze allmählich etwas nach, und der Abscheu vor Verirrungen mit lockern Mädchen nahm um so mehr ab, je mehr ich von dergleichen Handlungen nur im Scherze, gleichsam als von leichtfertigen Spielen jugendlicher Lebhaftigkeit sprechen hörte, und je länger das verführerische Beispiel mancher Trinkgäste beiderlei Geschlechts auf meine Sinnlichkeit wirkte. In diesen gefährlichen Tagen kam mir glücklicherweise Nacheiferung zuhilfe. Es fügte sich, daß mehrere weibliche Gäste, Bauernmädchen und Weiber, die zur Aushilfe gedungen waren, einige Tage lang im Oberhofe übernachteten. Weil in meiner Kammer eine ledige Bettstatt stand und ich neben derselben in meinem eigenen Bette schlief, so ersuchte mich die Hauswirtin, ich möchte, solange die fremden Arbeiterinnen im Hause wären, dem Knechte erlauben, nachts die ledige Schlafstelle einzunehmen. Gern verstand ich mich dazu, denn der Jüngling war ein hübsch gebildeter, wohlgesitteter Mensch, den ich liebte. Schlafgesellen werden leicht vertraut, sie erblicken einander hinter den Gardinen, und der Nimbus des Respekts verschwindet leicht beim Anschauen des Mannes im Nachtkleid. Ich machte den Jüngling noch überdas durch allerlei Erzählungen aus meinem Leben treuherzig, und er vertraute mir das Geheimnis seiner Liebe zu einem artigen Landmädchen, das ihn oft zu besuchen kam, mit einer Umständlichkeit an, die mir lehrreich ward. Die Gesinnungen, die er bei dieser Gelegenheit ganz unbefangen äußerte, waren so untadelhaft, seine Liebe erschien so rein, sein Betragen gegen seine Geliebte so keusch und sein Umgang so unschuldig, daß ich gerührt ausrufen und mir sagen mußte: »Welch ein edles Herz! Sieh diesen Jüngling an, ohne feinere Erziehung, ohne Bildung durch Lektüre und Unterricht! wie schön handelt er gegen sein Mädchen! wie schont er ihrer Unschuld und Sittsamkeit! O, wie ist es entzückend, auch nur von einer so unentweihten Verbindung zu hören! Welch ein Abstand zwischen seiner und der sittenlosen Aufführung niedrig denkender Burschen im Umgange mit ihren Nymphen! Und du möchtest jemals von der Strenge deiner Grundsätze nachlassen? du könntest dich hinneigen, ein so unedles Betragen dir leicht verzeihlich zu finden? Unmöglich! Dein Beispiel, guter Jüngling, soll mich stärken; ich will mich nie zur Wollust hinreißen lassen!« Mit einer Art Ehrfurcht betrachtete ich den braven jungen Mann und begegnete ihm stets wie einem Freunde. Fort und fort durfte er nun in meiner Kammer schlafen. Was mich vorzüglich in Zürich zurückhielt, war die Ausgabe meiner Gedichte, welche meine Gönner und Freunde in der Orellischen Buchhandlung unter dem doppelten Titel: F. X. Bronners Schriften oder Neue Fischergedichte, in zwei Bändchen, zu besorgen sich anheischig machten. Mit allem Fleiße führte ich die Feile und versuchte ihnen, so gut es mir möglich war, einen gewissen Grad von Vollendung zu geben. Allein der Erfolg hat gezeigt, daß ich besser getan hätte, sie zu lassen, wie sie waren, da ich sie aus voller Empfindung aufs Papier goß, denn die Rezensenten führten ausdrücklich diejenigen als die bessern an, in denen ich nichts geändert hatte. Das beste an der ganzen Sache war – das hübsche Honorar, welches mir die Orellische Buchhandlung in lauter schönen Louisd'or dafür auszahlen ließ. Schon den 2. August 1793 tat ich den ersten Schritt, um mir Eingang in Frankreich zu verschaffen. Ich schrieb an Herrn Thaddäus Dereser nach Straßburg und bat ihn, mir Anleitung zu geben, wie ich am besten zu meinem Zwecke gelangen könnte. Er mißbilligte mein Vorhaben unverhohlen, riet mir aber doch, wenn ich durchaus darauf bestehen wollte, als Geistlicher in Frankreich aufzutreten und mich deshalb an den Bischof des Oberrheins zu wenden. Ich sah wohl ein, daß ich anfangs, bis ich mir ein anderes Auskommen verschafft hätte, große Vorteile aus dem Amte eines Volksschullehrers ziehen könnte, das mit einer nicht unansehnlichen Besoldung begleitet war. Mein Begriff von den Pflichten eines geschworenen Geistlichen hatte sich zugleich so geformt, daß ich glaubte, ich würde mit meinen Pfarrkindern in einem so freien Lande, wo die Geistesfesseln mit frischem Eifer eben erst zerbrochen wurden, recht wohl auskommen, wenn ich eingezogen und moralisch gut lebte und ihnen Wahrheit und Tugend nach meiner besten Überzeugung lehrte. Gegen Vorurteile wollte ich nicht geradezu Sturm laufen, sondern eines um das andre allmählich einschlafen lassen, andre durch richtigere Grundsätze verdrängen und so, ohne irgendeines zu nennen, sie sämtlich untergraben. Heilig schwur ich mir's zu, die Gemeinde, deren Seelsorge ich übernehmen müßte, selbstdenken zu lehren, so daß sie nie mehr eines Pfaffen, wohl aber eines treuen Lehrers bedürfte. Dabei hoffte ich Muße genug zu finden, meinen Studien nachzuhängen und nach und nach meine Fabrikationsmaschinen in Gang zu bringen. So nahe an der Schweiz wäre ich besonders deshalb gern angestellt worden, damit ich bei den drohenden Fortschritten der Östreicher im Elsaß oder bei andern Gefahren mich im Notfalle sogleich über die Grenze retten und in Zürich wieder Sicherheit und Unterkommen finden könnte. Ich hatte mich bereits um den Namen des Bischofs von Kolmar erkundigt; er hieß Arbogast Martin . Aber ich wollte nichts übereilen, sondern vorher die Ausgabe meiner Schriften besorgen. Erst nach einigen Wochen schrieb ich an den Bischof, sagte im Eingange des Briefes, daß ich die französische Revolution als einen glücklichen Schritt betrachte, welchen das Menschengeschlecht auf eine höhere Stufe der Erziehung tue, und äußerte meinen Wunsch, entweder als beeidigter Seelsorger oder als Erzieher das Glück zu verdienen, Bürger von Frankreich zu werden. Damit er aber wüßte, was er an mir hätte, erzählte ich ihm in einem sehr gedrängten Abriß meine Lebensgeschichte, machte ihn mit meinen Fähigkeiten und Kenntnissen, zwar nicht ruhmredig, aber auch nicht allzu bescheiden, bekannt und fragte an, ob er mich wohl brauchen könnte. »Anfragen,« so fuhr ich fort, »muß ich deswegen, ehe ich komme, weil ich nun, nachdem die Nationalversammlung ein Dekret gegen die Auswärtigen erlassen hat, in der Ungewißheit schwebe, ob es sich nicht auch auf alle fremden Geistlichen erstreckt. Man erinnere sich, daß eben damals der Eintritt in Frankreich allen Auswärtigen bei Todesstrafe verboten ward. Freilich denke ich, das letzte Dekret werde jenes edle und schöne Dekret nicht aufheben, welches allen Verehrern der Freiheit Zuflucht und Sicherheit in Frankreich verspricht. – Finden Sie mich zu guten Zwecken brauchbar, so bin ich bereit, Ihren Winken zu folgen. Nur bitte ich, mich vorläufig zu unterrichten, ob ich mich durch den Gesandten in der Schweiz oder anderswo mit den nötigen Pässen versehen lassen müsse.« Den 9. November traf die Antwort ein. Der Bischof versprach, mich sogleich anzustellen, wenn ich vor ihm erscheinen würde, trieb mich an, bald zu kommen, beruhigte mich über meine Besorgnisse und beteuerte ausdrücklich, daß mich das gegen die Fremden erlassene Dekret gar nicht angehe. Er riet mir übrigens, ich sollte in Zürich einen gemeinen Paß nehmen, mit demselben könnte ich ganz sicher nach Mülhausen gehen, von dort aus stünde mir dann der Weg ungehindert nach Kolmar offen. Nun hatte ich ja, was ich wollte. Voll Freude lief ich zu meinen Freunden, wies ihnen den Brief und machte Anstalten, schleunig meine Geschäfte zu beendigen und an den Ort meiner Bestimmung abzureisen. Nach und nach war die Hitze meines Eifers durch Einwendungen und Bedenklichkeiten mehrerer kluger Leute, unter denen sich besonders Herr Zunftmeister Bürkli und seine Frau auszeichneten, in etwas abgekühlt, in meinem Herzen stiegen allerlei Zweifel auf, die ich nicht zu heben wußte, und ich entschloß mich, vom Bischofe vorerst ihre Lösung zu verlangen. Meine Anfragen waren folgende: »Ist wirklich aller öffentlicher Gottesdienst in Frankreich untersagt? Werden die Geistlichen nicht mehr vom Staate besoldet? Muß vielleicht jede Gemeinde ihren Pfarrer aus ihren eigenen Mitteln bezahlen?« Unterm 15. Christmonat erhielt ich ein zweites Antwortschreiben des Bischofs, in welchem er mir einen Verweis gab, daß ich so ungläubig sei und allerlei Bedenklichkeiten Raum gebe. Ernstlich drang er in mich, ich sollte bald erscheinen. Dann fuhr er wörtlich fort: »Wer immer vorgibt, als wäre weder Bischof noch Pfarrer mehr in Frankreich, der hat ganz unrichtige Vorstellungen von allem dem, was seither bei uns vorgefallen. Machen Sie dieses in meinem Namen kundbar. Noch alle würdigen Pfarrer und andre öffentliche geistliche Beamte stehen an ihren Plätzen und werden auch immerfort daran stehen bleiben. Der Bischof ist freilich nicht für sich allein, sondern ihm liegt noch die Aufsicht über alle Pfarrer und untergeordnete Geistlichkeit ob, welche man also in ihrem sittlichen und politischen Dasein unaufhörlich zu erhalten gesinnt ist. Kurz, jeder Priester, welcher Willens ist, sich seinem Stande gemäß und würdig aufzuführen, wird allhier auf dem französischen Boden, des göttlichen Verheißes zufolge, ein mehr als ehrliches Stück Brot und hinlänglichen Unterhalt finden.« Die Worte: des göttlichen Verheißes zufolge, wollten mir nicht recht gefallen, noch weniger die Unterschrift: Arbogast Martin, Bischof des Oberrheinischen Departements. Das Kreuzchen voraus hatte ich im ersten Briefe für ein unbedeutendes Zeichen gehalten. Nun sah ich es hier wiederholt angebracht. Ich mußte also auf den Gedanken geraten, Martin wollte mir hiermit seinen bischöflichen Segen erteilen. Meine hohe Meinung von der hellen Denkungsart der französischen Bischöfe sank hiermit tief herab, und ich konnte es kaum über mich gewinnen, das Kreuzchen als eine bloße Zeremoniensache anzusehen. Aber die Gutherzigkeit, die im übrigen aus dem Briefe hervorblickte, beruhigte mich wieder. Indessen drangen die Österreicher immer tiefer ins Elsaß ein. Mir war dabei nicht ganz wohl zumute, denn ich fürchtete, wenn auch ich in ihre Hände fiele, das Schicksal der Mainzer Patrioten. Allein das Vertrauen auf die Tapferkeit der Franken, die Betrachtung der Lage des Elsaßes, welche keinem eindringenden Feinde günstig ist, und die in meiner Brust aufkeimende Entschlossenheit, beim Anrücken der Deutschen mit meiner Gemeinde – landeinwärts zu fliehen usw., machten, daß ich fest auf dem einmal gefaßten Vorsatz beharrte. Getrost ging ich nach Baden und bat den französischen Gesandten um einen Paß nach Kolmar. Vergebens! Was ich immer anführte, half nichts. Ein Sekretär hatte mich lange geduldig angehört und Punkt vor Punkt widerlegt. Am Ende kam ein rascherer Sekretär und jagte mich mit der Äußerung fort: »Wozu fremde Priester in Frankreich? Es sind der einheimischen zuviele! das geistliche Wesen ist aufgehoben; Ihr Bischof kann also keine Gewalt mehr ausüben. Sie sind ein Deutscher; das Dekret des Konvents gegen die Fremden ist bekannt. Wir können Ihnen keinen Paß geben, ohne uns selbst großem Verdruß auszusetzen.« Was konnte ich dagegen einwenden? Ich mußte traurig ohne Paß abziehen. Mein Gang nach Hause war keiner der frohesten. Allein ich tröstete mich doch allmählich mit folgenden Gedanken: »Alle diese Bedenklichkeiten hab' ich dem Bischofe schon vorgetragen, er widersprach aber ausdrücklich der Behauptung, als wäre weder Pfarrer noch Bischof mehr in Frankreich. Wahrscheinlich muß jede Gemeinde ihren Geistlichen selbst besolden, das wird alles sein. Die Sekretäre sind lustige junge Männer, die den Geistlichen gram sind, wie du selbst. Nur der Umstand, daß du ein Deutscher bist, hindert sie mit Grunde, dir einen Paß zu erteilen; das übrige war Spott.« Ich hielt mich an die Briefe des Bischofs und packte herzhaft zusammen. Ein paar Tage, ehe ich abreisen wollte, lud mich Herr Zunftmeister Bürkli noch einmal zu Tische, und seine Frau machte mir mit aller Lebhaftigkeit wohlwollender Sorgfalt dringende Vorstellungen, erzählte eine Menge herzempörender Revolutionsszenen von Wortbrüchigkeit und kaltblütiger Grausamkeit gegen Unschuldige und prophezeite mir, als eine wahre Pythia, soviele Gefahren und Widerwärtigkeiten, wenn ich ginge, daß ich meinem Entschlusse beinahe ungetreu geworden wäre. Ich wankte schon. Allein als ich nach Hause kam, glaubte ich, übertriebene Besorgnisse und falsche, von Ausgewanderten ihr aufgeheftete Nachrichten in ihrem Vortrage wahrzunehmen. Den Bischof konnte ich wohl für einen Andächtler und Schwachsinnigen, aber nicht für einen boshaften oder hinterlistigen Mann halten, seine Briefe waren zu einfach, zu gerade und ungekünstelt. Die schrecklichsten Verfolgungen hatten, wie ich bemerkt haben wollte, nur solche Personen getroffen, die eine Rolle zu spielen versuchten. Ich nahm mir also vor, keine zu spielen und mich immer so stille als möglich zu halten, damit ich unbemerkt und ungekränkt zwischen der ehrgeizigen, habsüchtigen und wollüstigen Menge mich durchwinden möchte. Herr Heinrich Füßli, der Sohn, der sich mir in der Orellischen Buchhandlung durch manche Gefälligkeit bekannt machte, hatte mich noch kurz vor meiner Abreise zu Herrn Zunftpfleger Schultheß in die Limmatburg geführt, um mir dort das berühmte Naturalienkabinett des Chorherrn Johann Geßner zu zeigen. Beide Herren hatten mit einem Bruder des Herrn Schultheß dies Kabinett nebst der trefflichen Bibliothek des Verstorbenen an sich gekauft und äußerten den Wunsch, ein vollständiges Verzeichnis aller darin befindlichen Sachen zu haben. Herr Füßli glaubte, ich besäße hierzu die nötigen Fähigkeiten und machte mir den Antrag, den Katalog zu verfassen. Herr Schultheß bot mir gütig seinen Tisch nebst einer annehmlichen Löhnung an und schilderte mir die herrschende Verfahrungsart in Frankreich mit so zurückstoßenden Zügen, daß ich Mühe genug hatte, meine zuversichtliche Behauptung, ich würde durch Nachgiebigkeit und Zurückgezogenheit jedem Anstoße ausweichen und mich mit allen, selbst den lieblosesten Menschen friedlich vertragen, auch nur einigermaßen mit etwas haltbaren Gründen zu unterstützen. Ich war aber von der Richtigkeit meiner Meinung, daß niemand einem andern Leids zufüge, außer, wenn ihm der andre im Wege stehe, so fest überzeugt, daß ich mich, ungeachtet der zahlreichen und wichtigen Einwendungen dagegen, aus dieser Verschanzung gar nicht herausschlagen lassen wollte. Unsre Debatten hierüber, die wir bei Tische nicht ohne Hitze führten, endigten damit, daß ich aller Vorstellungen ungeachtet fest auf meinem Entschlüsse beharrte und Herr Pfleger Schultheß mir das menschenfreundliche Anerbieten machte: »Wenn ich das Unglück haben sollte, in Frankreich, statt des gehofften Unterkommens, nur Gefahr und Verfolgung zu finden, so möchte ich guten Mutes nach Zürich zurückkommen und den Katalog über das Geßnersche Kabinett verfassen: auf seinen Tisch und einen angemessenen Lohn dürfte ich auf diesen Fall zählen.« Die Geradheit und biedere Denkungsart dieses Herrn bürgten mir dafür, daß es mit seinem Anerbieten ernstlich gemeint sei. Nicht ohne dankbare Empfindung schied ich von ihm. Mutiger schickte ich mich nun zur Reise an, denn ich wußte, wenn es mir nicht wohlginge, eine Zuflucht in der Not. Die Alliierten hielten damals noch das Projekt, Frankreich auszuhungern, für ausführbar. Man sprach soviel von Not und einreißendem Mangel im Elsaß, daß ich glaubte, ich müßte mich wegen sicherer Gewinnung der nötigen Lebensmittel ganz besonders vorsehen. Was tat ich, um über diesen Punkt nie in Verlegenheit zu kommen? Man lache oder lache nicht! Ich kaufte mir mehrere Kräuter- und Kochbücher zum Studieren und dachte, bei einigen bereits erworbenen botanischen Kenntnissen könne es mir mit solchen Hilfsmitteln nicht schwer werden, alle Pflanzen richtig zu erkennen und im Falle einer Hungersnot zu meinem Gebrauche aufzusuchen. Es lag noch kein Schnee. O, wie freute ich mich, wenn ich im Gehen an der Straße von ungefähr die eßbare Pflanze erblickte, von der ich eben Bryants Beschreibung las! Den Winter hoffte ich noch wohl mit städtischer, obschon kärglicher Kost im Oberelsaß hinzubringen, »und kommt der Frühling,« dachte ich, »und die Lebensmittel werden gar zu teuer und rar, so nimmst du deinen Bryant und Geßner, läufst aufs Feld und in den Wald und holst dir Kräuter die Hülle und Fülle, vielleicht kannst du damit noch manchem armen Hungrigen aus der Not helfen.« Ich glaubte, alles wohl vorbereitet zu haben, und holte um 5 Schilling einen gemeinen gedruckten Paß aus der Kanzlei. Meine schönen Louisd'ors verbarg ich, sorgfältig eingewickelt, im Uhrtäschchen, packte meine Sachen im Oberhofe zusammen und steckte am Ende sogar den Rest des Bindfadenknäuels durch ein Loch in das Unterfutter meines Rockes und die Packnadel in mein Zahnstocher-Büchschen. »Man weiß oft nicht,« so sagte ich, »wie man auf der Reise so etwas brauchen kann!« Wirklich wird man in der Folge sehen, daß von diesem kleinen, an sich unbedeutenden Umstande meine Rettung größtenteils abhing. Achtzehntes Kapitel Als Patriot in Frankreich. Abreise nach Frankreich – Reise nach Basel – Ich werde den Pfaffen nicht los – Eintritt in Frankreich – Der Paß – Kriegszustände – Allgemeine Verwilderung – Gang nach Colmar – Besuch beim Bischof – Die Guillotine – Das Comité des Distrikts – Meine Rechtfertigung – Der National-Agent – Das Comité de Surveillance – Gefahr unter die Guillotine zu kommen – Gründliche Enttäuschung – Der »Tempel der Vernunft« – Jakobiner – Rückreise ins Hauptquartier – Schuhflicker – Gang nach Basel – Visitation – Rückreise nach Zürich – Neue und jetzige Lebensart. An meinem 35. Geburtstage, den 23. Dezember 1793, nachmittags hatte ich alle meine Geschäfte in Ordnung gebracht, bei meinen Freunden und Bekannten Abschied genommen und ihre Segenswünsche (bei mehreren nicht ohne wechselseitige Tränen) abgeholt. Meine Sachen ließ ich in die Buchhandlung bringen, damit sie mir, sobald ich's verlangen würde, nachgeschickt werden könnten. Ich hatte die Kaprice im Kopfe, mit meinem Geburtstage auch ein neues Leben anzufangen, das war im Grunde lächerlich, aber dennoch ließ ich mich dadurch bestimmen, noch abends um 4 Uhr meine Wanderung anzutreten und noch an diesem Tage eine Strecke Weges zurückzulegen. Nachdem ich mich in meiner Kammer dem Schutze Gottes empfohlen hatte, dankte ich den ehrlichen Hausleuten, die indes ein kleines Abschiedsmahl bereitet hatten, und schenkte jedem ihrer Kinder etwas zum Andenken. Weinend begleiteten sie mich unter die Tür und sagten: »Einen ehrlicheren Kostgänger hatten wir noch nie! Gott wird Ihnen Glück und Segen verleihen!« O, wie wohl tat mir diese Rede! Mein Herz gab mir jetzt das Zeugnis, daß ich mich in diesem Hause nicht unedel betragen habe. Ich küßte mit nassen Augen meinen täglichen Spielkameraden, den kleinen Hans, noch besonders und riß mich los. Mit einem Regenschirm in der Hand, einem neuen französischen Kalender und einer Elzevirischen Sackausgabe von Catull, Tibull, Properz, Kornelius Gallus und Martialis (die ein artiges Bändchen in Brevierform mit einem Futterale ausmachten) in der Tasche und mit Bryant auf dem Arme marschierte ich gemächlich über Altstetten und Schlieren nach Dietikon. Ich hatte eine Landkarte von der Schweiz und eine vom Elsaß zerschnitten und die nötigen Teile in mein Buch eingelegt, um mich unterwegs genauer in die Gegenden finden zu können. In Dietikon ward ich wohl bewirtet und morgens sehr frühe geweckt, so wie ich es verlangt hatte; man beschrieb mir den Weg, den ich einschlagen müßte, um mich im Dunkeln über den Heitersberg zu finden. Als ich auf die Höhe kam, ging eben die Sonne auf. Das ganze schöne Limmattal lag im Sonnenglanze zu meinen Füßen, hellweiße Nebel umlagerten die Dörfer, vom Reife mattes Grün der Wiesen durchblickte an vielen Orten die Dünste; Zürich lag in der Ferne, einige Dächer glänzten: »Geliebte Stadt!« rief ich nicht ohne Rührung, »vielleicht seh' ich jetzt deine Türme zum letzten Male. Lebt wohl, ihr Lieben, die ihr dort wohnet! Nie vergesse ich euer; auch der Himmel vergißt nie, was ihr mir Gutes getan habt!« Als ich dem Dorfe Rordorf näherkam, spazierte mir ein Priester entgegen, der das Venerabile zu einem Kranken trug. Der Mesner, der vor ihm herging, klingelte, sobald er mich sah. »Hier will ich nicht heucheln,« dachte ich, »ich bete dich an, Allmächtiger! Aber was der Priester dort trägt, das ist nur Brot.« Sowie ich dem Geistlichen ins Gesicht sehen konnte, merkte ich, daß er mir freundlich zulächelte, und ich zog aus Höflichkeit den Hut. Er mochte glauben, ich würde niederknien und ans Herz klopfen, aber ich tat es nicht, und seine Miene trübte sich bis zum Trotze. Ruhig ging ich vorüber. Als ich umschaute, da stand er und sah mir nach. »Was ist's,« fragte ich mich selbst, »das ihm auffiel? Hab' ich etwas an mir, das den ehemaligen Geistlichen verrät? Wo mag das liegen? Mein Rock ist von heller Farbe, falbrötlich. Da liegt es nicht! Freilich trag' ich eine schwarze Weste und schwarze Beinkleider, aber so tragen sich ja viele junge Leute, die nichts weniger als Geistliche sind. Die schwarzen Strümpfe vielleicht, das schwarze Halstuch und das kurze Kraushaar – kann sein, daß mich diese verraten. Sobald ich nach Basel komme, will ich farbige Strümpfe und ein buntes Halstuch kaufen.« Es war noch früh am Tage, als ich in Aarau ankam. Heute wollte ich nicht mehr den weiten Gang über die Schafmatt wagen, sondern entschloß mich, im Gasthof, wo ich eingesprochen hatte, mir die Zeit mit Sittenbeobachtungen der Gäste zu kürzen. Aber da war nichts Interessantes zu bemerken. Ich mußte meine Zuflucht wieder zu Bryants eßbaren Pflanzen nehmen und ging bald zu Bett. Den andern Tag erwachte ich frühe und war bald reisefertig. Man ließ mich laufen und verhehlte mir's, daß ich das Brückentor noch verschlossen finden würde. Ich fand es so, schämte mich, ins Wirtshaus zurückzukehren und mußte lange im feuchten Nebel auf- und abmarschieren, ehe die erwünschte Laterne erschien und die Brückentore geöffnet wurden. Nun trabte ich im Finstern nach Arlisbach, wandte mich rechts ins Tal hinein und kam, eben da man zur Frühpredigt läutete, in Ober-Arlisbach an. Jedermann beguckte mit wundernden Blicken den Reisenden am Christtage. Als ich auf die Höhe des Berges zum hölzernen Wegweiser kam, in dessen Nachbarschaft ich auf meiner ersten Reise über diesen Berg die Freileute gelagert fand, zeigte sich kein Fußpfad mehr. Nur ein schwaches Wagengeleise, mit Eisgläsern ausgefüllt, zog sich rechts am Berge hin, übrigens keine Spur eines Weges. Ich schaute die Säule mit ihrem Arme und der Aufschrift: Weg nach Basel, gar wohl an, aber bei aller Bereitwilligkeit, ihrer Anweisung zu folgen, blieb ich doch im Ungewissen, wohin ich mich wenden sollte, denn der ausgestreckte Arm wies genau zwischen dem Fahrgeleise und einer Hecke hin, an der ein Weg links den Berg hinab führen konnte. Ich folgte dem Geleise und dachte, so würde ich am sichersten einen bewohnten Ort erreichen. Eine halbe Stunde mochte ich gegangen sein, da verlor sich der Pfad völlig; unten im Tobel erblickte ich aber ein Haus, watete durch den Schnee darauf los, fand aber bald, daß keine Seele zu Hause sei, als Tierseelen. Ein Stall voll Schafe blökte mir zu, sobald sie mich hörten, und ein treuer Hund bewährte seine Wachsamkeit durch Bellen. Guten Mutes stieg ich an einem leeren Bachbette den Berg hinab, ungewiß, wohin ich kommen würde, denn ich erinnerte mich gar wohl, auf meinem ersten Gange von Oltingen auf die Höhe der Schafmatt gar keine Sennerei angetroffen zu haben. Jetzt erblickte ich ein Dorf unter mir, eben läutete man darin zur Kirche. Als ich zum ersten Häuschen am Abhange kam, streckte ein altes Mütterchen den Kopf, mit dem gutherzigsten Gesichte von der Welt, aus dem kleinen Fenster und rief mir freundlich zu: »Ihr kommt gerade recht zur Messe.« – »Wo bin ich denn?« – »Wißt Ihr's denn nicht, Herr? Zu Kirnberg im Solothurner Gebiete.« – Ich schaute in meine Karte und suchte den Ort. O, wie falsch war da alles gezeichnet! Kaum daß ich einen schwachen Begriff erhielt, wohin ich mich verirrt haben mochte. Es konnte nicht weit sein, das sah ich wohl. »Mutter,« sagte ich, »oben auf dem Berge habe ich mich verirrt, ich wollte nach Oltingen.« – »Herr, dort könnt Ihr nicht Messe lesen, es ist reformiert.« – »Verwünscht,« dachte ich, »muß man mich denn überall für einen Geistlichen ansehen?« Laut erwiderte ich: »Mutter, das will ich auch nicht.« – »So ist Er kein Geistlicher? Ich habe Sein Buch für ein Brevier angesehen. Wo will Er denn hin?« – »Nach Basel.« – »O, so ist Er nicht weit irre gelaufen. Er kann über Anweil und Rotenflue nach Gelterkinden gehen, da findet Er immer eine ordentliche Karrenstraße.« Unten im Dorf ließ ich mir den Weg nach Anweil zeigen. Ich mußte eine große Strecke im Nebel über ein Ackerfeld bergan steigen und gelangte endlich nach manchem Zweifel, ob ich nicht wieder in der Irre ginge, zu dem Dorfe. Durch eine enge Schlucht führte der Fahrweg in ein tiefes, ruhiges, ziemlich warmes Tal; wo ich noch kaum den Rand der kleinen Bäche mit dünnen Eisscheiben eingefaßt sah. Über Ormelingen ging ich nach Gelterkinden und ließ mir dort das Mittagmahl trefflich schmecken. Es war schon ziemlich spät am Tage, als ich nach Liestal kam; ich hatte im Sinne, dort zu übernachten. Aber die vielen Berner Truppen, die ich auf dem Marktplatze versammelt fand, ließen mich wenig Ruhe erwarten, und ich beschloß, vollends nach Basel zu wandern. Kaum war ich bei der Hulftenschanz, so überfiel mich die Nacht. Eilig trabte ich im Finstern bis zum Roten Hause fort. Sehr müde kam ich dort an und dachte, in dieser Schenke zu übernachten. Allein, sobald ich in die Stube trat, sagte mir der Wirt, er dürfe nur bei Tage Wein schenken, nachts aber niemanden beherbergen. Man gab mir um einen bestimmten Preis einen Wegweiser mit, der mir unter ermunterndem Geplauder über die Heide und durch den Wald nach Muttenz leuchtete. Dort fand ich das Wirtshaus voll Soldaten, hielt mich stille, erquickte mich, so gut es anging, und verlangte bald zu Bette. Sobald ich in Basel einen Laden mit Strümpfen erblickte, dachte ich an mein Vorhaben, mein Aussehen besser zu säkularisieren, und kaufte graue Strümpfe und ein buntes Halstuch. Dann ging ich zu den Drei Königen, um Herrn und Frau Iselin zu grüßen, ihnen für ihre ehemalige Bewirtung zu danken und ihren Rat einzuholen. Die Aufwärter schnurrten mich aber trotzig an, beguckten mich von Kopf bis zu Fuße, rümpften die Nasen ob meinem schmutzigen Fußwerk und gaben mir den Bescheid, weder Herr noch Frau seien zu Hause. Verdrießlich ging ich fort, denn nun war für mich der Rat dieses rechtschaffenen Mannes verloren. Um nicht ganz unberaten zu bleiben, suchte ich Herrn Haas auf, an den ich von meinem Freunde Geßner ein offenes Empfehlungsschreiben hatte. Er empfing mich sehr höflich, zeigte mir seine treffliche Schriftgießerei usw. und riet mir, so gut er konnte. Aber er fürchtete, ich würde keinen Paß erhalten, weil Herr Kanzler Ochs nur geborenen Schweizern Pässe zu erteilen befugt wäre. Das ließ ich mir gesagt sein, ging in die Kanzlei und bat um einen Paß nach Mülhausen. Ein Sekretär fragte mich: »Wer sind Sie, wo kommen Sie her?« Aufrichtig gestand ich das. Er fragte weiter: »Was sind Ihre Geschäfte in Mülhausen?« – »Ich bin bestellt, gewisse Fabrikationsmaschinen zu machen.« – »Wo sind Sie geboren?« – »Zu Brenggerüti im Thurgau.« Ich glaubte, wenn ich ein so kleines Örtchen angäbe, wäre er in dem Falle, weniger Umstände davon zu wissen, als ich selbst. Wenigstens hatte ich dies Nestchen auf seinem Berge während meiner Reise in Toggenburg besucht. »Ihre Aussprache ist deutsch, mein Herr! Sie sind kein Schweizer.« – »Lassen Sie sich dadurch nicht irremachen, Herr Sekretär, ich habe sehr lange in Deutschland, besonders zu Augsburg gelebt.« – »Haben Sie einen Taufschein bei sich?« – »Nein.« – »So können wir Ihnen nicht glauben.« – Ich jammerte, daß ich nun vergebens einen so weiten Weg gemacht hätte und unverrichteter Sache wieder nach Hause kehren müßte. Ein andrer Sekretär fing nun zu reden an: »Sie kommen von Zürich, sind Sie über Baden gegangen?« – »Nein.« – «Das hätten Sie tun sollen, wir dürfen nur denen Pässe ausfertigen, welchen es wegen der Lage ihrer Heimat zu beschwerlich wäre, bis nach Baden zu gehen. Sie berauben sich selbst Ihres Vorteils. Hätten Sie sich nur bei Herrn Barthelemy gestellt.« – »Aber was will ich nun machen? Der Fehler ist geschehen. Lassen Sie sich doch erbitten und helfen Sie mir diesmal aus der Not. Es war Unkunde, daß ich nicht zu Herrn Barthelemy ging.« – »Kennen Sie niemanden hier, der Ihnen das Zeugnis dessen geben könnte, was Ihre Herkunft betrifft?« – »Ach! Niemanden!« – »So müssen wir Sie abweisen.« – Lange blieb ich noch stehen und wiederholte meine Bitten von Zeit zu Zeit. Endlich wurden die Sekretäre ungeduldig: »Pack' Er sich hinaus, ungestümer Mensch!« rief der eine, »wir haben Ihm's deutlich erklärt, warum wir nicht können. Zeig' Er uns Dokumente vor!« Ich hatte die Schalkheit, ein paar französische Laubtaler zwischen die Finger zu nehmen und sie ihnen statt der Dokumente hinzuweisen. »Verfluchter Kerl!« donnerte jetzt der zweite Sekretär und ergriff seinen Stock, »du siehst förmlich einem Pfaffen gleich und gibst dich für einen Maschinisten aus, erst willst du uns betrügen und nun auch bestechen. Wenn du nicht augenblicklich gehst, so prügle ich dich die Stiege hinab!« – Was war da zu machen? Ich steckte meine Taler in die Tasche und verließ die Kanzlei. Meine Lügen usw. hätten diesen Schimpf wirklich verdient. »Ist's mir denn an die Stirne geschrieben, daß ich ein Pfaff war?« fragte ich mich selbst voll Ärgers, »wie mach' ich's doch, daß man dies nimmer errät?« Lange sann ich hin und her und wußte mir doch keinen Rat, ich trug ja schon gefärbte Strümpfe und ein buntes Halstuch, es mußte also nicht im Kleide, sondern im Betragen, im Haare, in den Manieren stecken. Da war nicht leicht zu helfen. Ich verwünschte von neuem meinen ehemaligen Stand. Auf der Gasse traf mich ein Mann an, der mich in Zürich ein paarmal gesehen hatte, er wollte mit mir sprechen, aber ich hörte nicht; mein Kopf war zu voll, ich dachte nur an die Vergeblichkeit der Reise und an die Mittel, den Zweck derselben auch ohne Paß zu erreichen. »Was ist Ihnen doch?« fragte mein Begleiter, »Sie hören nicht und sehen nicht! Es ist Zeit zu Tische, lassen Sie uns gehen! Stehen Sie nicht jeden Augenblick stille!« So führte er mich zur Krone. Ich war bei Tische mehr mit Grübeln als mit Essen beschäftigt. Endlich hatte ich's gefunden. Eilig zahlte ich und ging zum Tor hinaus, gerade auf Bourglibre (St. Louis) zu, nachdenkend und entschlossen, das Äußerste zu wagen. Da mir das Lügen so übel bekommen war, so nahm ich mir vor, jetzt ganz offen zu handeln. Als ich hart an der Straße die hölzerne Baracke sah, in welcher die Grenzwache lag, so nahm ich mich zusammen, suchte meinen Züricher Paß aus dem Portefeuille her und wies ihn dem Kontrolleur, der mit einigen Nationalgarden aus der Baracke mir entgegenlief. »Citoyen!« sagte er, »der Paß taugt nichts. Er muß vom Gesandten unterschrieben sein.« Ich hatte meinen Hut abgezogen und antwortete: »Mein Herr! es hat mit mir eine ganz besondere Bewandtnis.« Er fiel mir in die Rede, setzte mir den Hut auf und sagte: »Man sieht wohl, daß Sie ein Fremder sind, der Titel Herr ist bei uns abgeschafft, machen Sie sich nur mit dem republikanischen Citoyen bekannt und denken Sie an Freiheit und Gleichheit!« – Kühner fuhr ich fort: »Ich bewarb mich sowohl bei dem Gesandten der Republik in Baden, als in der Kanzlei zu Basel um einen Paß nach Kolmar, aber beidemal vergebens, denn ich bin ein deutscher Geistlicher und mußte mich unter dem Vorwande abweisen lassen, daß allen Deutschen der Eintritt in Frankreich bei Lebensstrafe untersagt sei. Nun hat mich aber der geschworne Bischof von Kolmar, der meine Gesinnungen kennt, durch eigenhändige Schreiben berufen, und ich bin gezwungen, auch ohne Paß hierher zu kommen und es auf die französische Großmut ankommen zu lassen, ob ein Patriot, der von ganzem Herzen der Republik zugetan ist, sogleich an der Grenze abgewiesen werden soll oder nicht.« Der Kontrolleur ging mit meinem Portefeuille in die Baracke. Es schien mir, man hielt miteinander Rat, was hier zu tun sei. Er kam wieder und sagte: »Citoyen, wenn Sie den Nationalgarden, von denen Sie begleitet werden müssen, ein Trinkgeld geben, so will ich Sie zum Bürger Sousgeneral nach Bourglibre bringen lassen.« Des war ich herzlich zufrieden. Die Garden nahmen mich in die Mitte, und wir gingen zum Zollhause in Bourglibre; sie verstanden kein deutsches Wort, ich radebrechte also mein Französisch, so gut ich konnte, und erhielt ihren Beifall. Der eine schien mir ein sehr artiger Jüngling, er fror sehr, und seine rotblauen Finger, mit denen er das kalte Gewehr hielt, erregten mein Mitleiden. Ich schenkte ihm meine Handschuhe. Im Zollhause mußte ich einige Zeit warten, denn der Bürger Sousgeneral saß noch bei Tische. Das Stübchen, wo ich harrte, war zur Visitation derjenigen Personen bestimmt, welche über die Grenze gehen wollten. Männer und Weiber saßen auf den Bänken herum und warteten, bis der Visitator käme oder bis der Sousgeneral abgespeist haben würde. Der Visitator (man sagte mir nachher in Basel, er sei ein Jude gewesen) kam und rief jede Person einzeln in ein Kämmerchen beiseite, wenn sie ihm besonders verdächtig war; andre aber durchsuchte er in Gegenwart der übrigen. Alle mußten die Schuhe ausziehen, er befühlte ihnen die Rockknöpfe, die Hüftenbänder und die Knieriemen an den Beinkleidern, griff in alle ihre Säcke, durchknitterte ihre Halsbinden, Hüte, Rockschöße usw. so bedächtiglich, daß ich vor der französischen Genauigkeit großen Respekt bekam. (Man erzählte mir, des Visitators Frau halte es mit dem weiblichen Geschlechte noch strenger, aber ich sah das nicht.) Auch die Weiber befühlte der hagere Mann in jedermanns Gegenwart mit gleicher Sorgfalt und schien sich aus weiblicher Schamhaftigkeit und einer gewissen Dezenz gar wenig zu machen. Jetzt holte man mich zum Sousgeneral. An einer langen Tafel im Wirtshause saßen Offiziere und allerlei Gäste männlichen und weiblichen Geschlechtes bunt durcheinander. Man forderte mir mein Portefeuille ab, ich gab es hin. »Sprechen Sie Französisch?« fragte ein kleiner verwachsener Mann mit einem feurigen Blicke und faßte mich scharf ins Auge. Ein Diener, der mir zur Seite stand, deutete auf einen der Tischgenossen und sagte: »Dies ist der Bürger Sousgeneral.« Ich wußte nicht, meinte er den kleinen Mann oder einen andern, und weiß es heutigen Tages noch nicht. Unbefangen erklärte ich, daß ich das Französische nur sehr schlecht sprechen könne, meine Muttersprache sei die deutsche. »So sagen Sie nur deutsch, was Ihr Begehren ist!« sprach der kleine Mann, »reden Sie kühn von der Brust weg! Republikaner hassen Heuchelei und Furchtsamkeit.« Seine Zusprüche hoben meinen Mut. Ich geriet ein wenig in Feuer und hielt eine Art Standrede, in der ich mit der größten Offenheit die Gründe darlegte, welche mich bewogen, nach Frankreich zu kommen. So oft ich etwas vortrug, was eines Beweises zu bedürfen schien, griff ich unverhohlen nach meinem Portefeuille, nahm es dem Blätternden aus der Hand, suchte, während ich sprach, das beweisende Aktenstück hervor, faltete es auseinander und legte es den Herren vor. Die Schriften gingen von Hand zu Hand. Als ich glaubte, die Echtheit meines republikanischen Bürgersinns genug erprobt und die Ursachen, warum ich ohne Paß käme, deutlich angegeben zu haben, bat ich den Bürger Sousgeneral, einen Patrioten, der es ganz aus Überzeugung sei, nicht abzuweisen, sondern mir vielmehr selbst einen Paß zu erteilen. Nun fingen die Debatten über mein Gesuch an. Sie waren französisch, wurden schnell vorgetragen, und ich verstand das wenigste davon. Der kleine Herr hielt meinem patriotischen Sinne und zugleich dem seinigen eine Lobrede, gab mir mein Portefeuille mit allen Schriften zurück und fragte, ob ich's zufrieden sei, wenn ich zum General nach Blotzheim geschickt würde? Zwar müßte ich's wagen, einen Gang umsonst zu tun und abgewiesen zu werden, allein ich erhielte dann doch die Gewißheit, ob ich nach Kolmar reisen dürfte oder nicht. – »Ei, was liegt mir an dem kurzen Gange?« rief ich aus, »um das Glück, ein französischer Bürger zu werden, liefe ich Ihnen nach Rußland und wieder zurück.« Man lachte laut auf, klatschte in die Hände, und ein dicker Herr oben an der Tafel schrie mit kreischender Stimme: »Ecoutez, Citoyens! n'est – il pas un enragé?« Da wagte ich's im Ärger, dem schlimmen Tadler auch einen französischen Brocken aus meiner Fabrik zuzuwerfen, »Heureuse la France!« rief ich aus, »si ma rage aurait pris tous les Français!« Man lachte, klatschte noch einmal und entließ mich. Zwei Nationalgarden führten mich nun, über ein Ackerfeld hin, einem Gehölze zu, das beinahe bis an die Schweizer Grenze sich erstreckt und abwärts weit ins Elsaß sich verläuft. Ich nahm dessen Lage genau in Augenschein und dachte: »Gibt dir der General eine abschlägige Antwort, so schleichst du nachts über die Grenze in dies Gehölze und wanderst auch ohne Paß nach Kolmar.« So eigensinnig beharrte ich auf meinem Vorsatze, mein Glück in Frankreich zu suchen. Zu Blotzheim fand ich den General in einer glänzenden Gesellschaft von Herren und Damen noch an der Tafel und trug, als ich öffentlich um die Ursache meines Hierseins befragt ward, mit eben dem Feuer und eben der Dreistigkeit, wie in Bourglibre, mein Anliegen vor, legte offenherzig meine Gründe dar und begleitete sie mit schriftlichen Beweisen. Auf den General wirkte meine Offenherzigkeit am meisten. »Wie ich merke, Citoyen,« sagte der General, »so ist Sein Sinn echt patriotisch. Laß Er mir die Briefe des Bischofs hier und geh Er indessen in ein andres Zimmer!« Man führte mich in die Kanzlei. Nach einiger Zeit kam ein Sekretär, fragte mich noch einmal sorgfältig aus, durchstöberte mein ganzes Portefeuille, forschte nach, ob ich nicht noch andre Schriften, Schreibtafeln usw. bei mir führte, ließ mich von einem Diener aussuchen und machte mir wegen der neuen Einrichtung, vermöge welcher das geistliche Wesen in Frankreich ganz abgetan wäre, allerlei Einwendungen, um mir die Lust, nach Kolmar zu wandern, allmählich zu benehmen. Er sprach von der Not, in die ich geraten würde, wenn ich keine Besoldung erhielte, beteuerte, daß er nicht begreife, wie mir der Bischof solche Zusagen machen könne, und versicherte, die Hoffnung, als Geistlicher mein Brot zu gewinnen, müßte bei der jetzigen Verfassung des öffentlichen Religionsunterrichts ganz gewiß scheitern. Allein ich berief mich standhaft auf die Berichte des Bischofs, der die Sache doch am besten wissen müßte, und brach im Feuer des Gespräches in die Worte aus: »Und kann ich mein Brot als Geistlicher nicht gewinnen, so will ich wilde Pflanzen essen und gern alles dulden, um ein französischer Bürger zu werden. Daß es mir mit diesem Entschlusse Ernst ist, können Sie aus dem Buche ersehen, das ich hier bei mir trage.« Ich zeigte Bryants Kräuterbuch. Der Sekretär lachte laut auf, rief aus: »Nun in aller Welt! ein solcher Enthusiast ist mir noch nicht vorgekommen!« riß mir das Buch aus der Hand und lief damit zum General. Derselbe kam jetzt selbst herüber, befragte mich über die Landkartenteile, die im Bryant lagen, und war sehr zufrieden, als ich ihm ganz unverhohlen den Gebrauch davon angab und die übrigen Blätter der Karte vorwies. »Wohlan!« sagte er, »weil Er denn ein so gar eifriger Patriot ist, so will ich versuchen, ob ich Ihm zur Erfüllung Seiner Wünsche behilflich sein kann; ein so reiner Bürgersinn und soviel Freiheitsliebe verdienen diese Belohnung. Es soll Ihm ein Paß ausgefertigt werden; aber laß Er sich warnen! bleibe Er genau auf der Straße nach Kolmar! wenn Er irgendwo nach der Seite auslenkt, so ist Er verloren und wird gewiß als ein Fremder unter die Guillotine geraten. Zu Kolmar stellt Er sich sogleich beim Ausschuß der öffentlichen Wachsamkeit. Merk' Er sich das!« Ich hüpfte fast vor Freude; sie schaute mir leuchtend aus den Augen, als ich diese Reden vernahm; die Sekretäre lachten darüber und flüsterten von meiner frohen Miene usw. nicht ohne Teilnahme. Ich versprach dem General heilig, seinen Befehlen pünktlich nachzukommen, und dankte ihm entzückt für seine Güte. Er ging zufrieden lächelnd weg und sagte: »Citoyen, freue Er sich nicht zu sehr! ich fürchte, meines Passes ungeachtet wird Er in Kolmar als Fremder und Geistlicher nicht geduldet werden. Noch begreife ich nicht, wie der Bischof Ihm in diesen Ausdrücken schreiben konnte.« Man fertigte mir nun folgenden Paß aus: Liberté           Egalité           Fraternité Laissez passer et repasser librement le Citoyen François Bronner, qui nous a déclaré vouloir aller à Colmar pour se rendre au Comité de Surveillance, qui jugera, si son zêle pour la liberté lui méritera le titre de citoyen français, au Quartier Général de Blotzheim le 6. Nivôse . 1793 l'an 2 de la République Française une et indivisible L'Adjutant-Général, Leger . Vu par le Général-Commandant en chef de l'Armée du Haut-Rhin. Scherer. m.p. Mit eigener Hand schrieb der General noch folgendes darunter: Dans le cas contraire le Comité de Surveillance le renverra au quartier général pour le faire repasser à l'étranger. – Der Paß von Zürich ward mir abgefordert und zurückbehalten, als man mir diesen übergab. Ich fragte, ob ich für die Ausfertigung etwas zu bezahlen hätte. »Nein!« sagte der Sekretär mit nicht unedlem republikanischem Selbstgefühl, »hier im Lande der Freiheit läßt sich der öffentliche Beamte nicht zweimal (vom Staate nämlich und vom Bürger) bezahlen.« Vergnügt, wie nach einem errungenen Siege, und stolz, jetzt nur von so uneigennützigen Obrigkeiten abzuhängen, ging ich aus dem Dorfe nach Sierenz. Es war ein Triumph in meiner Seele, daß ich nun doch, allen Hindernissen zum Trotze, meinem Ziele mich näherte. Nationalgarden, die auf der Straße hin und her marschierten, einzelne reitende Jakobiner mit roten Kappen oder mit Mützen, an denen Fuchsschwänze herabhingen, Bauern, die bald halbleise und furchtsam, bald schreiend und fluchend miteinander von den Gottlosigkeiten und Greueln sprachen, die sich die Nation (so nannten sie die Nationalversammlung) in Religionssachen zuschulden kommen lasse, war alles, was ich auf diesem Wege sah und hörte. Ruhig wanderte ich fort, hing mich an niemanden und beschloß, um morgen recht frühe in Kolmar zu sein, ungeachtet der anbrechenden Nacht, heute noch nach Habsheim zu laufen. Die Entfernung war größer, als ich geglaubt hatte. Dichte Finsternis umgab mich, und es gelang mir nur mit Mühe, auf der Straße fortzutappen und endlich, nach manchem Sturz in den Graben, das ersehnte Dorf zu erreichen. Wie mir Leute sagten, die über die Gasse gingen, so befanden sich etwa fünf Wirtshäuser im Dorfe, aber fast alle hatten ihre Schilder eingezogen, weil ihnen weder Bedienung noch Lebensmittel um Assignate feil waren. Als ich zum besten Wirtshause kam, das man mir gewiesen hatte, ging ich hinein und bat um Nahrung und Herberge. Die Wirtin entschuldigte sich mit der Menge ihrer Gäste, wankte aber doch, ob sie mich nicht aufnehmen wollte; da erblickte mich der Kondukteur des Basler Postwagens, und raunte ihr ganz vernehmlich zu: »Schicken Sie den Kerl fort, er ist ein abtrünniger Pfaff und ein rasender Jakobiner.« Dieser Kondukteur war eben bei dem Sousgeneral zu Bourglibre im Zimmer gewesen, als ich meinen Patriotismus in vollem Glänze produzierte. Sein Angeben wirkte. Geschwinde sagte die Wirtin: »Citoyen, ich habe weder Essen noch Bett für Sie, suchen Sie eine andre Herberge!« Ich suchte, aber überall ward ich abgewiesen, überall hatte man der Gäste zuviele. Wenn ich nicht unter freiem Himmel übernachten wollte, so mußte ich mich bequemen, an einem elenden Häuschen, vor dem ein Schild hing, und das ich um seiner Armseligkeit willen gleich anfangs vermieden hatte, anzupochen und um Quartier zu bitten. Ich konnte nichts Gutes erwarten, aber Not bricht Eisen. Der Wirt, ein ungeschliffener, handfester Kerl, kam unter die Tür: »Was will Er, guter Freund?« – »Eine Nachtherberge.« – »Hat Er Brot? wir haben keins.« – »Ei Herr Wirt, Er hat wohl noch soviel, als ich brauche.« – »Keinen Bissen weiter, als wir selber bedürfen.« – »Nun denn, so kann ich etwas andres essen! Geb' Er mir, was Er mag!« – »Wir können nichts entbehren, müssen selbst Not leiden.« – »Seine aristokratische Menschenfreundlichkeit verdiente fast, daß es wahr würde.« – hiermit ging ich aufgebracht fort. Er lief mir nach, ergriff mich beim Arme und sagte: »Nur nicht gleich so hitzig, Citoyen! Ich glaube, Er wäre wohl gar imstande, mir Verdruß zu machen. Wir haben Mangel, aber wenn Er mit dem wenigen vorlieb nehmen will, was wir Ihm vorsetzen, so kann Er hereinkommen.« Ich ging mit ihm in die rauchige Stube, in der an allen Tischen Soldaten saßen, tranken, aßen und schmauchten. Jetzt besah mich der Wirt von Kopf bis zu Fuße und sagte sanfter: »Um Vergebung, Citoyen! Man kann bei dieser Zeit nicht wissen, wen man vor sich hat! Wer sind Sie denn?« – »Ein Reisender, der von Basel nach Kolmar geht.« – «Darf ich fragen, was ist dort Ihre Verrichtung?« – »Ich reise in meinen eigenen Geschäften.« – »Sakrebleu!« rief jetzt ein Soldat, dem Ansehen nach ein Sergeant, hinterm Tisch hervor, »Er ist der Aussprache nach ein Deutscher, holla Spion!« – Ich kümmerte mich wenig um sein Geschrei, suchte einen ledigen Platz an den Tischen umher und setzte mich ohne Zeremonien nieder. Es war mir vom Gehen warm geworden, und die dumpfe Stube war heiß wie ein Schweißbad, ich legte also den Hut neben meinem Regenschirm und dem Bryant auf die Bank. »Bei meiner Seele!« schrie nun der Sergeant wieder, »das ist gar ein deutscher Pfaff! Seht mir nur seine Glatze an!« Hastig stand er auf und trat zu mir: »Den Paß her, wenn Er einen hat!« fuhr er trotzig mich an, »und was ist das dort für ein Buch? her damit!« Ich legte die Hand auf meinen Bryant und antwortete fest und kalt: »Citoyen, das Buch ist mein, nehmen Sie sich in Acht! Noch weiß niemand hier, wen Sie vor sich haben!« Er machte große Augen, der Wirt flüsterte ihm zu: »Ereifern Sie sich nicht, Citoyen! Man kann nicht wissen! Neulich war auch so ein Reisender da! Sie erinnern sich noch.« Der Sergeant blickte indes verächtlich auf mich nieder, warf die Unterlippe auf und sagte endlich mit rauhem Tone: »Seht nur die geschorne Platte an! was kann wohl dahinter stecken? Und hab' ich nicht das Recht, ihm seinen Paß abzufordern; er muß ihn vorweisen, und wenn er der Teufel selber wäre.« – »Citoyen, das müssen Sie!« sagte mir der Wirt kleinlaut und zuckte die Achseln. Ich zog mein Portefeuille hervor, suchte den Paß und legte ihn schweigend auf den Tisch. Der Sergeant nahm ihn auf und las. »Respekt!« sagte er ernsthaft, machte ein langes Gesicht, legte das Blatt weg und setzte sich ruhig an seinen Ort. Der Wirt nahm Platz an meiner Seite und fing an zu klagen, daß man jedem Hausvater die Quantität Getreide, welche er verbrauchen dürfe, bestimmt und alles übrige aufgezeichnet habe, daß man gezwungen sei, um einen gewissen Preis (Maximum) und noch dazu für Assignate sein Eigentum hinzugeben, daß man nicht einmal Bezahlung in Gelde ausbedingen dürfe und dergl. Ich erwiderte: »Zum Besten des Ganzen wäre es höchst nötig, daß mit dem vollen Vorrate des Landes haushälterisch gewirtschaftet würde, und daß zur Verhütung des Mangels die kornreichen Provinzen, wie das Elsaß, ihren Überfluß an Früchten gegen billige Preise an die minder fruchtbaren Länder abträten; was die Assignate beträfe, hätte er bei mir nicht zu befahren, seine Bezahlung in Papiergeld zu erhalten, denn ich besäße dermals noch keine.« Sein Blick ward heiterer, sobald er dies vernahm, er ging in die Küche und befahl geschwinde Brot, Suppe, Braten, Salat und Obst hereinzubringen, so daß ich statt des angedrohten Fasttags plötzlich Überfluß vor mir erblickte. Nach und nach verloren sich die Gäste. Die einen gingen in ihr Quartier bei den Bauern, die andern verlangten zu Bette; nur wenige blieben. Der Sergeant saß neben einem Mädchen, das ab und zu gegangen war, die Speisen aufgetragen, die Leute bedient und den Wirt »Vater« genannt hatte. Um das Licht zu sparen, setzte man sich an den Tisch zusammen, wo ich saß. Der Sergeant tat sich gar keinen Zwang an, umarmte, küßte und drückte das Mädchen nach Herzenslust, sagte Zoten, die er am meisten belachte und wußte sich viel damit, nun endlich nach der neuen republikanischen Religion die Pfaffen nimmer scheuen und ihnen nicht mehr jeden Spaß mit willigen Mädchen beichten zu müssen. Das Mädchen fing mich zu necken an, nannte mich einen Weiberhasser, drückte mit der Hand meine Knie unterm Tische, so daß ich wegrücken mußte, und sagte mir leise, als der Soldat einmal hinausging: »Ärgern Sie sich nicht, Citoyen! Wir dürfen die Militärs nicht beleidigen, wenn wir ohne Verdruß durchkommen wollen! Man muß Geduld mit ihren Unarten haben. Stünde mir die Wahl offen, so möchte ich lieber bei Ihnen als bei ihm über Nacht bleiben.« – »Viel Ehre,« sprach ich, »sobald er hereinkommt, will ich's ihm zu wissen machen, daß er der Mamsell einen Gefallen täte, wenn er sie mir überließe.« – »Ach nein!« bat sie dringend, »sagen Sie das nicht! Es gäbe die größten Händel! Fast glaub' ich, Sie wären fähig, uns einen solchen Streich zu spielen.« – »Warum nicht?« erwiderte ich, »man muß die Wahrheit rumoren lassen!« – Der Sergeant kam wieder, trat zu dem Wirte und fragte ihn so vernehmlich, daß ich alle Worte verstand: »Kann man nicht in den Alkoven oder in eine leere Kammer?« – »Was wollen Sie darin?« – »Dumme Frage! Mamsell dort und ich –!« Der Wirt taumelte gähnend zu einem hölzernen Verschlage, öffnete ein Türchen und brummte: »Hier, ihr Brunftigen! es ist warm darin!« Der Soldat winkte dem Mädchen, es ging ohne Scheu und verschwand mit ihm. O, wie häßlich dünkte mich das! Ich hätte den abscheulichen Kerl von Hausvater anspeien mögen. »Guter Gott, an welchen Ort bin ich geraten!« dachte ich, hob die Augen empor und rieb die Stirne. Der Wirt beobachtete meine Mienen und bemühte sich, eine Art Entschuldigung vorzubringen. »Citoyen,« sagte er, »was wundern Sie sich? das ist jetzt allgemeine Sitte, seitdem wir keine Kirchen mehr haben.« – »Freilich!« dachte ich, »wo die Sittenlehre nicht durch gründlichen Unterricht zur Herzenssache ward, wo man sie von jeher nur als einen Nebenzweig der dogmatischen Religion behandelte, wo der Gottesdienst selbst größtenteils nur Zeremomentand war, da konnte es nicht anders werden; mit den Zeremonien, die so leicht abzuschaffen sind, mußte auch die Religion und Moral fallen.« Daß der Vater seiner Tochter Gelegenheit machte, dünkte mir doch zu abscheulich, als daß ich meinen Unmut ganz verbergen sollte. »Aber das Mädchen nannte Sie Vater!« wandte ich ein und blickte ihn zornig und verächtlich an. »Im Vertrauen,« so erwiderte er leise, »sie ist nicht meine Tochter, diese habe ich oben eingesperrt, damit sie mir nicht verdorben wird. Aber weil die Soldaten wissen, daß ich eine Tochter habe, so halt' ich ihnen diese Magd, welche sich für meine Tochter ausgibt. Die Kerle müssen ein solches Geflügel haben, wenn sie zufrieden sein sollen.« Dies beruhigte mich ein wenig, seine Tat war denn doch nicht die ganz häßliche Tat, für die ich sie gehalten hatte, obschon es mir noch immer abscheulich dünkte, daß ein Hausvater seine Dienstmagd den Wollüstlingen auf diese Art hingab. Ich verlangte zu Bette, er führte mich in eine offene Kammer, wo einige Bettstellen voll Soldaten lagen. Sorgfältig visitierte ich mein Bett, fand zwar alles reinlich und frisch überzogen, aber es ekelte mich doch ein wenig, deswegen kleidete ich mich nur zur Hälfte aus, verwahrte meine Sachen, so gut ich konnte, zwischen dem Strohsack und Unterbette und streckte mich in Gottes Namen unter die Decke. Die Müdigkeit machte, daß ich besser schlief, als ich gehofft hatte. Gegen Morgen weckte mich ein scharfes Licht aus einer Blendlaterne, mit der jemand vor meinem Bette stand und mir in die Augen zündete. »Wer da?« rief ich betroffen aus und fuhr empor. »Stille, stille!« lispelte eine leise Stimme, die ich sogleich für die Stimme der Buhlerin erkannte. »Was will Sie hier?« »Sehen, ob Sie auch gut schlafen, habe ich Ihnen nicht ein weiches, reinliches Lager bereitet?« – »Wohl! Sie soll dafür ein Trinkgeld haben; – aber gehe Sie nun!« – »Wie unfreundlich! Sind Sie denn ein gar so kalter Kannichts?« Hiermit zog die Freche mir die Decke weg, sah, daß ich mit Beinkleidern und Strümpfen im Bette lag und sagte: »Hätte ich's nur gewußt, daß Sie in Kleidern schlafen wollten, Sie sollten mir den neuen Überzug gewiß nicht bekommen haben. Wären Sie nur gar noch mit den Schuhen hineingelegen!« Sie ging von einer Bettstatt zur andern, leuchtete jedem Schlafenden in die Augen, schäkerte mit jedem und verschwand jetzt in eine Nebenkammer, aus der ich sie nicht mehr hervorkommen hörte. Sowie ich am Tage aus dem Hause trat, sah ich einen Haufen Nationalgarden bei der Kirche versammelt, um ihre Brotpartionen abzuholen. Das war ein Gewimmel, ein Scherzen, Jagen und Hüpfen durcheinander, daß ich froh war, glücklich an dem Haufen vorübergekommen zu sein. An allen Hüten prangten Nationalkokarden, und fast an jedem Fensterladen hingen bunte Schilder mit dem bekannten Wappen der Republik, einem eiförmigen Eichenkränze, der zusammengebundene Stäbe samt einem darin steckenden Beile, umschließt. Mit großen Buchstaben stand rund umher geschrieben: Liberté, egalité, unité, fraternité ou la mort. Als ich an dem äußersten Wirtshause des Dorfes vorüberging, rief ein hitziger Bauer aus dem Fenster: »Seht ihr den Volksfeind dort? Er trägt nicht einmal eine Kokarde. Willst du die Nationalfarben aufstecken, aristokratische Bestie?« Ich nahm keine Notiz von dem, was er mir zuschrie, schaute nicht um und ging meiner Straße. Bald war ich im Freien. Aber ich nahm mir vor, sobald ich Gelegenheit fände, eine dreifarbige Kokarde zu kaufen. Ich kam zu dem Städtchen Ensisheim. Nahe dabei, wo sich die Straße schwenkt, war eine Feldkapelle gestanden mit einem Kruzifix. Jetzt war sie eingerissen, der Schutt lag umher, die Statuen der Heiligen schauten darunter hervor, der Gekreuzigte lag darauf. Ich konnte nicht begreifen, wie ein religiöses katholisches Volk diesen Greuel der Verwüstung, ohne in Wut zu geraten, ansehen könnte, und fürchtete wahrlich, am Ende möchte die gute Sache der Vernunft und Freiheit durch übertriebenes, allzu hitziges Losstürmen auf diejenigen Vorurteile des Volks, die ihm am teuersten sind, alles verlieren, statt durch Mäßigung alles zu gewinnen. Um einigermaßen urteilen zu können, wie der gemeine Mann diese Bilderstürmerei aufnehme, setzte ich mich auf eine Bank unweit des Tores, wo ich die Rudera der Kapelle samt den Vorübergehenden im Auge hatte, und beobachtete deren Mienen und Geberden. Niemand kam die Straße, ohne zu seufzen, die Augen zum Himmel zu erheben und mit Bedauern wegzublicken. Sie schienen zu denken: »0, Gott, kannst du's ansehen? ich nicht!« Aber niemand gab einen mißbilligenden Laut von sich, jeder schien sich zu fürchten, unter der Guillotine zu fallen. Ich ging in die Stadt. Eine Witwe gab mir zu essen und nähte mir eine Kokarde auf den Hut. Über Rexheim langte ich, langsam dahinschleichend, nach anderthalb Stunden zu Mayenheim an, trat in ein schönes Wirtshaus an der Strahe und fand in der Stube ein paar Kutschen voll Reisender, die mit düstern Mienen einander ihr Bedürfnis zu essen klagten, welches der Wirt durchaus nicht befriedigen wollte. Auch ich trug mein Anliegen vor, denn ich hatte zwei starke Stunden, ohne ein Dorf anzutreffen, bis zum Städtchen Heilig-Kreuz zu marschieren und zwölf Uhr war eben vorüber. Allein ich ward trotzig angeschnurrt: »Hat Er Brot, Citoyen, so kann Er's überall essen, bei uns ist keines zu finden.« – »Ei, was essen Sie denn?« – »Erdäpfel und Salat.« – »So will ich mithalten.« – »Wir haben selbst nicht genug.« Diese Antwort, bitter und spottend vorgetragen, machte mich böse, ich sagte auffahrend: »Nun, so wünsche ich, daß wahr werde, was Er lügt.« Damit ging ich zur Tür. Ergrimmend langte der Wirt nach seiner Peitsche und rief mir einige Flüche und Drohungen nach. Es war ein sehr heiterer Wintertag, die Sonne schien warm, die Luft wehte gelinde. In einer ziemlichen Entfernung vom Hause setzte ich mich auf Bauholz, das in der Gasse lag, und schrieb, ausruhend, obiges in meine Schreibtafel, da nahte sich mir eine Frau und fragte mit ängstlichem Tone: »Ach, was schreiben Sie da? Wer Sie auch immer sind, tun Sie uns doch kein Leides! Mein Mann, der Wirt dort, war zu hitzig. Kommen Sie mit mir, wir wollen das Geschehene vergüten.« – »Sorgen Sie nicht,« erwiderte ich, »daß ich Ihnen schlimme Streiche spiele. Ich bin froh, wenn mir nicht schlimm mitgespielt wird.« – »Wer weiß,« fuhr sie fort, »wer weiß, was Ihr Vorhaben ist? Sie schreiben da unter freiem Himmel, im Winter, sind von uns beleidigt und schauen unser Haus von Zeit zu Zeit so bedenklich an. Wir wissen wohl, daß Beobachter im Lande herumreisen. Ach, schonen Sie unser!« – »Frau, Sie können ruhig sein, ich bin gewiß kein Beobachter, aber begegnen Sie künftig jedem Reisenden besser als mir, etwa so, wie wenn er ein Beobachter wäre. Adieu!« Sie wünschte mir sehr höflich eine glückliche Reise und ich ging durch das Dorf hinab. Als ich ein zweites Wirtshaus fand, trat ich hinein und bat um etwas zu essen. Landvolk und Soldaten saßen im Zimmer. Die Wirtin entschuldigte sich, daß sie nur wenig Lebensmittel besäße, legte mir aber Brot vor und sagte leise: »Lieber Herr! Sie sind ein Geistlicher, ich seh' es wohl; gedulden Sie sich nur ein wenig, bis einige von jenen unbändigen Gästen weggehen, die mir eben mit Gewalt andre Speisen abgefordert haben. Mein Vorrat ist zwar klein, aber Sie sollen doch genug zu essen bekommen.« So wurden die Unannehmlichkeiten, die mir mein pfäffisches Aussehen zuzog, doch hin und wieder durch einige Vorteile vergütet. Sowie ich aus dem Walde trat und die Türme Kolmars vor Augen hatte, ward mir wärmer ums Herz, und ich glaubte, der Entscheidung meines Schicksals entgegen zu gehen. Die Bürgerwache am Tore rief mich nicht an; ungehindert trat ich in die Stadt. Ein Knabe führte mich zur Wohnung des Bischofs. Ich fand in einer ziemlich engen Gasse ein artiges aber nicht prächtiges Haus, die Gänge und Treppenwände mit Heiligenbildern behangen und alles sehr reinlich gehalten. Eine Haushälterin trat mir entgegen, der man es ansah, daß sie weder Hunger noch Mangel litt. Sie war, wie ich nachher erfuhr, die Verwandte des Bischofs. »Wen soll ich melden?« – »Bronner, den deutschen Geistlichen.« – Sie ging. Ich mußte lange auf dem Söller warten, sehr viele kleine Umständchen, der Rauchdunst, die Gemälde umher, die Stille des Hauses usw. erinnerten mich an mein oftmaliges Harren im Vorsaale des Herrn v. Ungelter. »0 Gott!« dachte ich, »soll ich etwa wieder unter solche Hände geraten?« Endlich rief man mich hinein. Ein ältlicher Mann mit etwas grauen Haaren, von frischem, aber eben nicht Ehrfurcht gebietendem Ansehen erhob sich von seinem Sofa und kam mir freundlich entgegen. »Sind Sie endlich da, mein lieber Bronner? Willkommen in Kolmar! Fast fing ich zu fürchten an, Ihr Entschluß habe Sie gereut, so lange zögerten Sie.« Er zog mich auf das Sofa, ich entschuldigte mein langes Ausbleiben und erzählte ihm, wie viele Schwierigkeiten besiegt werden mußten, bis das Vergnügen, neben ihm zu sitzen, von mir errungen ward. Einmal ums andere rief er aus: »Was? Man wollte Sie an der Grenze nicht einlassen? Der Gesandte wollte Ihnen keinen Paß erteilen? Das ist eine Wirtschaft! Soll ich nicht die Freiheit haben, mir einen Mitgehilfen zu wählen, welchen ich will?« Ich zeigte ihm meinen Paß. Er schien darüber in Verlegenheit zu geraten. »Lassen Sie das!« sprach er mit hoher Miene und gab sich ein Ansehen, »was sollen Sie erst zum Komitee de Surveillance laufen? Sie sind einmal hier unter meinem Schutze, das ist genug. Ich bin konstitutioneller Bischof des Oberrheins und will den sehen, der mir's verwehren wird, meine Mitarbeiter im Weinberg des Herrn zu wählen, wie ich kann.« – Unmöglich war's, mich des Urteils zu erwehren: »Schwacher eitler Mann!« Aber ich ließ nichts merken, machte nur meine Einwendungen und Gegenvorstellungen und bewog ihn endlich, daß er versprach, morgen wollte er selbst mich zum Präsidenten des Komitees begleiten. Nun erkundigte ich mich um den neuesten Zustand des Religionswesens in Frankreich. Er behauptete geradezu, die Verfassung der beeidigten Geistlichkeit sei noch ebendieselbe, wie beim Anfange der Revolution; ihm werde seine Besoldung vom Staate, jedem Landpfarrer aber von seiner Gemeinde ausbezahlt; die Kirchen seien zwar größtenteils in Tempel der Vernunft umgeändert, aber dennoch habe man noch einige derselben dem Gottesdienste gewidmet, er müsse eine große Gemeinde besorgen, übernehme selber alle bischöflichen Verrichtungen, weihe Geistliche, predige, sitze zur Beichte, halte das Hochamt, besuche die Kranken und unterrichte die Kinder usw. Es sei ihm sehr lieb, nun an mir einen Gehilfen zu haben; ich dürfe ihm nur in die Hand arbeiten und sein Vikar sein. Auch ich solle predigen, zur Beichte sitzen, katechisieren, Messe lesen und Kranke besuchen. Er wolle mir dafür zu einem hinlänglichen Einkommen verhelfen und, würde meine Besoldung nicht ergiebig genug ausfallen, so wisse er einen Freund beim Departementsarchive, der mir gern etwas zu verdienen gebe, wenn ich die alten Schriften, welche man aus allen aufgehobenen Klöstern nach Kolmar geschafft habe, entziffern möge, wozu mir als ehemaligem Registrator gewiß weder Geschick noch Lust mangeln werde. Bereits habe er dem Archivar von mir gesagt. Ich war ganz willig, mir alles gefallen zu lassen, und erhielt das Versprechen, er wolle mich morgen sogleich nach dem Frühstück zu dem Archivar führen, teils um mir vorläufig einigen Verdienst auszumitteln, teils um nähere Erkundigung einzuziehen, wie ich mich vor dem Komitee de Surveillance zu verhalten habe. Indes war die Nacht angebrochen und er ließ mich, nicht ohne einiges Bedenken, in das lutherische Wirtshaus zum Bocke führen. Allein es war sonst nirgends ein Gasthof für Reisende geöffnet. Also ergriff er die klügste Partie, spielte den Toleranten und sandte mich zum Bocke. Nach langem Pochen und Bitten ward ich endlich eingelassen. Unter vielen Protestationen, daß nichts Bessres zu haben sei, setzte man mir ein kleines Abendessen von Erbsensuppe, Ragout und Salat, mit einem Nachtische von Walnüssen und Käse vor. Ich führe den Küchenzettel deswegen hier an, damit es jedem klar werde, was ich eigentlich mittags und abends für den Preis eines französischen Laubtalers zu essen erhielt. Ich begriff wohl, daß dieser Preis im Grunde nur wegen des Papiergeldes so hoch stand und versuchte die Wirtsleute zu überzeugen, daß ich keine Assignate besäße, um sie zu bewegen, mir eine billigere Zeche zu machen. Aber da half nichts, der Wirt brummte: »Es ist bei Lebensstrafe verboten, zweierlei Preise zu machen, und der Teufel möchte wirtschaften, wenn man nicht an andern Gästen gewänne, was man an Soldaten verliert.« So oft ich zu Bette ging, forderte man mir die Bezahlung für den vorigen Tag ab, aus Besorgnis, ich möchte während der Nacht verschwinden. Als ich hier zum erstenmal übernachtete, fühlte ich in der Einsamkeit der Nacht recht lebhaft, daß hier, allem Anscheine nach, meine Hoffnung, unabhängig leben zu dürfen, scheitern würde, und daß ich wieder das elende Handwerk eines Amanuensis und Bischofsknechtes treiben müßte. Schon der Gedanke an eine solche Sklaverei erregte Schauer und Ekel in mir. Dennoch war ich entschlossen, eine Weile auszuharren und die Zeit abzuwarten, bis man mich kennen würde, dann hoffte ich, sollte es mir an Freiheit und besserm Fortkommen nicht fehlen. Den 28. Dezember schlenderte ich, ehe ich den Bischof besuchte, durch einige Gassen der Stadt, lüstern, etwas Interessantes zu beobachten. Am hohen, buntgeschmückten Freiheitsbaum vorüber kam ich zur Münsterkirche, über deren Hauptportal mir eine sehr große schwarze Tafel in die Angen fiel, auf der mit goldenen, kolossalen Buchstaben die Inschrift glänzte: Temple de la raison, Tempel der Vernunft. »O, möchtest du ihr im Ernste geweiht sein,« dachte ich, »möchte die Vernunft wirklich irgendwo einen Tempel haben und Menschen, die ihr gehorchen! Aber hier ist nicht alles so richtig. Ich fürchte, nur Zwang oder Neugierde führt zu diesem Gebäude.« So gern ich's gesehen hätte, wenn das Volk die Religion der Vernunft, das Naturgesetz allein, so wie es mehrere der besten Schriftsteller darstellen und die meisten denkenden Menschen erkennen, allgemein angenommen hätte, so wenig konnte ich glauben, daß es sich durch einen Machtstreich seine liebsten Vorurteile entreißen lassen würde, und daß mit diesen Vorurteilen, wenn sie auch sänken (wegen des Mangels an besserm Unterricht), nicht auch die Stützen der Moralität mit einsinken würden. Immer betrachtete ich also den Tempel der Vernunft mit einer Art Scheu. Ich ging auf die andre Seite des Münsters, da sah ich eine Herde Sanskulotten, die sich lustig um eine rotbemalte Bühne jagten; sie war mit einem ebenso gefärbten Geländer eingefaßt, und eine breite Treppe führte hinauf. Eine gute Weile zerbrach ich mir den Kopf, was das vorstellen möchte, endlich fragte ich einen ehrlichen Taglöhner, der mir zur Seite stand: »Das ist gewiß ein Rednerstuhl, um darauf Haranguen ans Volk zu halten?« Der Arbeiter beguckte mich von Kopf bis zu Fuß, schlug ein lautes Gelächter auf und sagte: »Citoyen, Er ist gewiß ein Fremder! Sieht Er denn nicht? Das ist die Guillotine; die beiden aufrechtstehenden Säulen mit dem Beile dazwischen hat man vor ein paar Tagen nach Ruffach geführt, um dort ein paar Aufrührern die Köpfe abzureißen.« – Ich schauerte zusammen, als er so trocken und kalt von der grausamen Maschine sprach, faßte aber doch den Mut, ihn zu fragen: »Hat man auch hier schon jemanden guillotiniert?« Er antwortete barsch: »Nicht viele, etwa drei, ein paar Spitzbuben und ein Weib.« – Nie ging ich ohne widrige Empfindung an der häßlichen Maschine vorüber. Ich trabte durch mehrere Gassen, ohne etwas Auffallendes anzutreffen; endlich öffnete sich ein geräumiger Platz vor einer Kirche, auf welchem ich, bunt durcheinander in großen Haufen, Altäre, Säulen, Kirchenbänke, Statuen, große Bilderrahmen, Beichtstühle, Gitter usw. usw., alles zerschlagen und verdorben, umherliegen sah; ein paar Sanskulotten hielten Wache dabei, der eine hatte sich gar bequem einen Beichtstuhl zum Schilderhause gewählt und rief den Mädchen lächerliche Einladungen zur Beicht und Buße zu, arme Juden klaubten im vergoldeten Holzwerke, einige Karren wurden von Lutheranern scherzend mit Heiligenbildern beladen, ein Kommissar handelte mit einigen Kauflustigen um allerlei Geräte, Katholiken gingen vorüber, knirschten mit den Zähnen und bissen in die Lippen mit grimmigen abgewandten Blicken. Ich fragte einen Vorübergehenden, der eine ziemlich ruhige Miene machte: »Citoyen, was hat denn dieser Trödelmarkt zu bedeuten?« – »Merken Sie's denn nicht?« antwortete er verdrießlich, aber nur halblaut, »hier wirft man das Heiligtum unter die Schweine. Es ist die wahre Zerstörung Jerusalems.« Immer höher stieg meine Verwunderung, wie sich ein Volk, ohne aufrührerisch zu werden und so stillschweigend, seine Heiligtümer nehmen lassen könnte, und ich hielt es für übertriebene Kühnheit, für eine Art Grausamkeit, Katholiken durch den öffentlichen Anblick einer solchen Verwüstung täglich zu neuem Mißvergnügen aufzureizen und hiermit gleichsam ihrer allerheiligsten Begriffe zu spotten. Nun ging ich zum Bischofe und frühstückte mit ihm. Um mehr ins klare zu kommen, fragte ich ihn, wie es denn am Christtage mit dem Gottesdienste gehalten wurde? Da erzählte er mir, die Obrigkeit habe nach langem Bitten der Geistlichen die ehemalige Jesuitentkirche an diesem Tage zum Gebrauche sowohl für Katholiken als Protestanten zu eröffnen erlaubt und es beiden Teilen überlassen, einander auszuweichen und wegen Einteilung der Zeit überein zu kommen. Er habe die Morgenstunden von 4 bis 10 Uhr gewählt und vorgestellt, die Katholiken bedürften, um ihrer Beicht und Kommunion ordentlich abzuwarten, wenigstens dieser Stunden. Es sei ihm an sich selbst zuwider gewesen, Lutheranern den Zutritt in eine Kirche zu lassen, die immer ausschließlich nur von Katholiken besucht worden wäre, und er habe gehofft, man würde ihnen am Ende wohl eine andre leere Kirche einräumen. Allein dies sei nicht geschehen, die Protestanten hätten, weil er sich mit ihnen nicht freiwillig vertragen wollte, die Hälfte des Vormittags, nämlich die Stunden von 8 bis 12 Uhr in Anspruch genommen und ihn, der sich an ihre Prätensionen nicht kehrte, während des Gottesdienstes in der Kirche überfallen, es sei daher ein Auflauf und ein lärmender Streit entstanden, so daß es beinahe zu Schlägereien gekommen wäre, er habe aber die Vorsicht gebraucht, die Katholiken noch zur Not von Tätlichkeiten abzuhalten; zwar hätte es ihm nur einen Wink gekostet, so wäre das Volk über die Lutheraner hergefallen und hätte sie, als die schwächere Partei, tapfer durchgeklopft. Zu einer andern Zeit wäre das wohl angegangen, aber in so kritischen Umständen, als die gegenwärtigen seien, müßte man Klugheit für Recht gehen lassen. Er vertraute mir ferner, sein Benehmen habe dennoch auf die Obrigkeit üblen Eindruck gemacht, er fürchte, in Paris angeklagt und zur Verantwortung gezogen zu werden, und habe eben eine Verteidigungsschrift abgefaßt, die er mir vorlas. Sie war sehr lang und zeugte von einem sehr beschränkten Kopfe, von viel Intoleranz und von noch mehr Eigendünkel und bischöflicher Selbstgenügsamkeit. Ich schüttelte den Kopf und äußerte bescheiden, wenn ich am Christtage zugegen gewesen wäre, so hätte ich ihm zur friedfertigsten Vertragsamkeit gegen die Protestanten geraten, es müßte doch möglich gewesen sein, die Beichtenden am Vorabend und am Feste morgens von 4 bis 6 Uhr abzuhören und dann mit dem Hochamt, der Predigt und Kommunion bis 8 Uhr fertig zu werden. Er wollte mir dagegen begreiflich machen, dies wäre gerade der Weg gewesen, es mit den Katholiken selbst vollends zu verderben, denn sie hielten die beeidigten Priester und Bischöfe ohnehin für halbe Lutheraner. Ich meinte, man müßte dergleichen Beschuldigungen nicht achten, sondern recht tun und die Leute belehren. Allein der Bischof war andern Sinnes, bezeigte mir aber wegen meiner Äußerungen so wenig Mißfallen, daß er mir vielmehr mit vielem Zutrauen von meinen künftigen geistlichen Verrichtungen sprach und mich auf den kommenden Mittag zu Tische lud. Meine Lust, sein Vikar zu werden, hatte sich dagegen völlig verloren. Was wollte ich in Gesellschaft eines so eiteln, intoleranten Mannes beginnen? Wie konnte ich hoffen, nach meiner Überzeugung lehren zu dürfen? Meine Lage war bereits sehr unangenehm. »Die beste Partie, die du ergreifen kannst,« sagte ich mir selbst, »ist die, dich sobald als möglich von ihm los zu machen.« Indessen wollte ich mich von ihm gängeln lassen, bis sich ein Seitenweg fände, seiner bischöflichen Gewalt zu entwischen. Nun führte er mich zu seinem Freunde dem Archivar. Er war nicht mehr zu Hause. Im ehemaligen Jesuitenkollegium, wo wir ihn finden sollten, hieß es, er habe sich eben ins Comité du District verfügt, und Martin entschloß sich, ihn auch dort aufzusuchen. Als wir durch ein Bogengewölbe gegangen waren, streckten uns ein paar Kanonen die drohenden Öffnungen entgegen. Neben den Kanonen waren rechts und links zwei Türen. Auf jener Zur «Rechten stand die Aufschrift: Comité du District, auf der andern: District de Colmar. Mein Führer trat zweifelhaft, ob er sollte, zur ersten hinein. Es wunderte mich, daß er nicht bessern Bescheid wußte, und ich folgte ihm mit erschrockenem Herzen. Der gesuchte Archivar war da, kam dem Bischöfe entgegen und trug alle Anzeichen von Verlegenheit auf dem Gesichte. Der Bischof sagte einiges von dem, was er mit mir vorhabe, bat ihn leise um Rat, wie es einzuleiten sei, um bei dem Komitee de Surveillance keine Hindernisse zu finden, und geriet bald ins Stocken, denn zwei Mitglieder der Distriktsverwaltung, die im Komitee arbeiteten, verwandten kein Auge von ihm und horchten genau auf seine Worte. Der eine war ein wohlgebildeter, schlanker, ernster, anstelliger Arbeiter, der seine Geschäfte mit Leichtigkeit zu machen schien, der andre ein starker, etwas beleibter, ungeschlachter polternder Mann. Dieser näherte sich mit einer höhnischen Miene und sagte spottend: »Eh voilà, Citoyen Martin! wie geraten Sie hierher?« Der Bischof erklärte ihm, furchtsam und betroffen, die Ursache seines Hierseins. Das Distriktsmitglied lachte laut auf und erwiderte: »Haha! Sie rekrutieren in Deutschland, wenn es im Elsaß an Gehilfen fehlt!« Er wandte sich an mich: »Citoyen, Sie kommen zur Unzeit, bei uns hat die Pfafferei ihr Ende erreicht, hier werden Sie Ihr Heil nicht finden.« – Der Bischof sagte, er könnte mich sehr wohl brauchen. – »Könnten Sie das?« antwortete der spottende Mann mit schalkhaftem Tone, »sehr gut also, Citoyen Martin, daß Sie sich hierher verirrten! Es scheint, Sie haben im Komitee de Surveillance Ihre Freunde (mit einem stechenden Seitenblicke auf den Archivar sprach er das) und möchten das Heer unsrer geistlichen Schmarotzer gern auch noch mit einem Ausländer vermehren. Aber dafür soll gesorgt werden, verlassen Sie sich darauf, Citoyen,« sprach er zu mir, »Er setzt sein Gesuch schriftlich auf und bringt es nachmittags in eigener Person hierher!« – Martin nahm Abschied; der Archivar begleitete uns und sagte mir leise: »Kommen Sie frühe nach Tische, so treffen Sie mich allein!« und ging schüchtern wieder zurück. Der Bischof erzählte mir sogleich, als wir allein waren, der Spötter sei ein Geistlicher gewesen, welcher vor einiger Zeit wegen schlechter Aufführung von ihm bestraft ward, habe das Priestertum abgeschworen und öffentlich seine Formaten (Zeugnis der Weihe) verbrannt. Nun spiele er den patriotischen Eiferer und suche sich für die erlittene Strafe zu rächen. Ich sollte mich nur an den Archivar halten und übrigens keiner Furcht Raum geben. Er wollte es so gewiß lenken, daß ich bleiben dürfte. Kleinmütig begleitete ich ihn nach Hause, ging in meine Herberge und verfaßte die verlangte Bittschrift. Alle meine Angaben belegte ich mit schriftlichen Beweisen, deren etwa acht Stück sein mochten. Auch die Briefe des Bischofs und meine Formaten befanden sich darunter. Die ganze Bittschrift füllte einen halben Bogen in Folio und war an das Komitee de Surveillance des ersten Kantons der Gemeinde Kolmar adressiert. Sogleich nach Tische eilte ich, das Comité du District wieder zu finden. Lange lief ich vergebens durch die Gassen. Endlich gelang es mir doch. Der Archivar, des Bischofs Vertrauter, wartete meiner schon lange. Sogleich übergab ich ihm meine Bittschrift. »Ach schade,« rief er aus, »daß Sie der Bischof im Ungestüm seines Eifers irregeführt hat! Ihr Paß und Ihre Bittschrift lauten ja an das Komitee de Surveillance, und nun verschlägt Sie das Schicksal hierher, wo lauter Feinde des Bischofs sitzen! Alles wäre gut gegangen, wenn sich Martin die Unvorsichtigkeit nicht hätte zuschulden kommen lassen, Sie zu mir zu bringen und sogleich von Ihrer Bestimmung zu schwatzen. Nun ist schwerlich zu helfen. Man ist einmal aufmerksam auf Sie und wird dem Komitee de Surveillance kaum gestatten, unbefangen über die Entscheidung Ihres Schicksals zu deliberieren. Machen Sie sich nur gefaßt, wieder nach Deutschland zurückgeschickt zu werden, dies ist noch das beste, was Ihnen widerfahren kann.« Indem der Archivar dergleichen Klagelieder anstimmte, trat der abgeschworene Geistliche, ein Mitarbeiter im Komitee, herein und begrüßte mich sogleich mit den Worten: »Ha! schon da, Citoyen Bischofsknecht?« Und zum Archivar sprach er: »Was haben Sie doch mit dem Bischof zu schaffen, Citoyen? Sind Sie sein Nikodemus, der nachts zu ihm ins Haus schleicht?« Der Archivar stammelte eine Art Entschuldigung, nahm nach einer Weile seinen Stock und Hut und schlich davon. Der Exgeistliche blätterte erst in einigen Schriften und wandte sich dann wieder an mich: »Hör' Er, Citoyen, kannte Er das Gesetz, dass jeder Deutsche, der sich nach Frankreich wagt, guillotiniert werden soll?« Unverhohlen antwortete ich: »Von dem Gesetze wußte ich und fragte ausdrücklich an, ob es auf mich anwendbar sei. Man gab mir die deutlichste Versicherung, dass ich nichts zu befürchten hätte, so kam ich.« Indes trat der jüngere und stillere Arbeiter des Komitees herein. Der Exgeistliche trug ihm meinen Kasus von der ungünstigsten Seite vor und wollte mich durchaus guillotiniert wissen. Der andre forderte mir ein gültiges Zeugnis ab, dass man mir die Verheißung getan habe, ich sei von dem Gesetze ausgenommen. Ich zog meine Bittschrift aus der Tasche und wies die beiden Briefe des Bischofs vor, die ich als Belege der Bittschrift beigefügt hatte. Sie lasen und brachen beide in ein lautes Gelächter aus, als sie auf die Äußerungen desselben über die Fortdauer seiner Besoldung und die wundertätige Versorgung der Arbeiter im Weinberge des Herrn stießen. »Es zeigt sich,« rief der Exgeistliche aus, »daß der gute Citoyen da ein Betrogener ist, der Bischof hat Ihn hinter's Licht geführt, dieser muß bestraft werden. Citoyen, wieviel kostete Ihn die Reise? Gebe Er die Summe nur vollständig an, der Bischof soll Ihm alles, bis auf den letzten Heller vergüten.« – »Um Vergebung, Citoyen!« sagte ich, »der Bischof hat mir zwar die Wahrheit, wie ich merke, nicht berichtet, aber ich will den Schaden, der mir dadurch zuging, gern selbst tragen, denn es ist mir widerlich, einen andern meinetwegen in Verlegenheit gesetzt zu sehen!« Zornig antwortete er: »Ei nun, so gehe Er ohne Vergütung zum T...! – Doch laß Er sehen, was hat Er da für eine Bittschrift? – O pfui! das ist ja eine ganze Predigt! Wer wird das Zeug alles lesen? Und die Belege hier – haha! Formaten! Will Er die öffentlich verbrennen lassen?« – »Ich liebe den Lärm nicht,« erwiderte ich, »den eine solche auffallende Handlung macht, und glaube, sie fruchte nichts, schade aber dem Geistlichen bei allen Schwachen. Meine Sache wäre, stilltätig durch Belehrung an Verbreitung der Aufklärung und des wahren Patriotismus zu arbeiten.« – Der Exgeistliche lachte laut auf und rief: »Da seht mir einmal den ganzen Kerl an! Er spricht von Aufklärung und ist in seiner Kleidung, in seinem Benehmen und allen seinen Manieren ein Pfaff. Er hängt sich an den närrischen Bischof und will von Belehrung des Volkes sprechen, das möchte mir eine hübsche Belehrung sein!« – Beschämt stand ich da und sagte nichts als: »Citoyen, Sie kennen mich nicht und wollen mich nicht einmal kennen lernen, sonst hätten Sie wenigstens meine Bittschrift gelesen.« – »Die mag lesen, wer mehr Muße hat als ich,« erwiderte er spottend, »man kennt den Vogel bald am Gesänge! Wer möchte wohl leeren Worten trauen? Komm' Er nur mit mir zum Präsidenten des Distrikts, wir wollen sehen, ob der mehr Geduld hat, als ich!« Er führte mich zur Tür, auf welcher die Aufschrift paradierte: District de Colmar . Wir stiegen eine Treppe in ein großes Zimmer hinauf, wo an einer langen Tafel die Mitglieder der Distriktsverwaltung saßen, von einer Menge Bürger und Bauern umringt. Wir drängten uns durch zum Präsidenten. Mein Begleiter legte ihm spottend meine Bittschrift vor und belehrte ihn kurz über meine Erscheinung. Der Präsident durchblätterte die Belege und sprach: »Der närrische Pfaff tut sich, wie es scheint, auf seine pfäffischen Zeugnisse etwas zugute.« – »Nichts mindres,« sagte ich, »aber ich wollte Ihnen beweisen, daß meine Angaben richtig sind, und daß ich ein ehrlicher Mann bin.« – »Ein Narr mag Er sein,« erwiderte der Jakobiner mit seiner roten Mütze, »daß Er sich von dem aberwitzigen Bischof so äffen läßt. Der hat uns am Christtag schöne Streiche gemacht. Nun beruft er gar noch Helfershelfer aus einem feindlichen Lande. Er soll seinen Lohn dafür erhalten. Hört Er, Citoyen! Mit diesen beiden Bischofsbriefen kommt Er uns ganz zur gelegenen Zeit, die erhält Er auf allen Fall nicht wieder zurück. Sein frommer seeleneifriger Bischof soll erfahren, welchen Gebrauch wir davon zu machen wissen.« Er reichte jetzt die Bittschrift samt den Belegen einem Mitgliede des Distrikts hin und trug ihm auf, sie durchzulesen. Das Mitglied rief mich zu sich und fing an, eine kleine Stelle zu lesen, aber plötzlich warf er alles auf den Tisch und rief aus: »Wer hätte Geduld genug, das lange Gewäsch zu durchlaufen? Wir können die Zeit nicht so verderben. Scher' Er sich mit seinem Quark zum Komitee de Surveillance, an das er adressiert ist!« Hiermit gab er mir meine Schriften in die Hand, mein Begleiter nahm mich wieder in Empfang und führte mich ins Komiteezimmer zurück. »Hier sitz Er auf den Stuhl,« sprach er trotzig, »bis eine Wache kommt und Ihn zum Nationalagenten führt, der Ihn wohl verwahren wird.« Das Verwahren gefiel mir gar schlecht, aber was wollte ich machen? Ich stand einmal in Feindes Gewalt und mußte mit mir anfangen lassen, was man eben wollte. Lange saß ich da und beobachtete, wie die Herren ihre Geschäfte behandelten. Endlich, als die Sonne hinabsank, erschien ein Nationalgardist, dem man befahl, mich zum Nationalagenten zu führen. Meine Bittschrift mit allen ihren Belegen wurde mir in einem versiegelten Päckchen zugestellt, um sie dem Nationalagenten zu übergeben. Auf dem Wege plauderten wir ziemlich vertraut über die neue Ordnung der Dinge, mit welcher der Gardist gar nicht zufrieden schien. Ein gutes Trinkgeld beim Eintritt ins Haus des Nationalagenten machte den Mann so treuherzig, daß er mir sagte: »Citoyen, wenn Sie in Gefahr sind, hier unglücklich zu werden, so sagen Sie mir's, ich begleite Sie vor's Tor, und Sie sollen frei hingehen, wohin es Ihnen beliebt. Wegen einer Ausrede lassen Sie mich sorgen!« – »Ich danke Ihm, lieber Mann,« erwiderte ich, »für Seine Bereitwilligkeit, mir los zu helfen, aber ich kann keinen Gebrauch davon machen und sehe die Gefahr, in der ich schwebe, eben nicht für wichtig an.« Unter freundlichem Händedruck schieden wir voneinander. Es war ein sehr unansehnliches Bürgerhaus in der Vorstadt, wo der Nationalagent wohnte. Als ich ins Wohnzimmer trat, hieß mich eine nicht unartige Frau mit ein paar Kindern willkommen. Dieser Umstand gab mir gute Hoffnung, denn ich dachte: »Ein Mann, der Gatte und Vater ist, kann unmöglich so grausam und gefühllos sein, als ein hagestolzer Pfaff.« – »Haben Sie Geduld, Citoyen,« sagte die wackere Frau, »bis mein Mann aus dem Spital zurückkommt! Es ist eine Menge Verwundeter dort angelangt, die alle von neuem verbunden werden müssen.« Also ist der Mann ein Wundarzt, schloß ich und machte mich von seiner Seite auf wenig Schonung gefaßt. Bis er kam, las ich im Martial, den ich bei mir führte und beantwortete die seltenen Fragen der Hauswirtin, die fleißig nähend mir gegenüber saß. Endlich langte Herr Deps , der Nationalagent an. Seine Frau ging ihm vor die Tür entgegen, sobald sie seine Tritte auf der Treppe vernahm. Ich hörte sie halblaut sagen: »Es erwartet dich drinnen ein Fremder, er scheint mir ein stiller ordentlicher Mensch. Schon lange sitzt er am Tische und liest.« Ein junger, frischer Mann in Jakobinerkleidung trat herein und grüßte mich sehr freundlich. Sogleich übergab ich ihm mein Päckchen, erzählte mit Eifer, wie sonderbar ich bei der Distriktsverwaltung behandelt worden sei, setzte meinen Patriotismus ins gehörige Licht und bat ihn um Schutz und Hilfe. »Die Herren haben sich übereilt,« sagte er, »sobald sie den närrischen Bischof sahen, so glaubten sie, in Ihnen nichts weiter als einen Pfaffenknecht vor sich zu haben, und beurteilten Sie sofort nach diesem Vorurteile.« Er las meine Bittschrift mit ihren Belegen ganz durch, klopfte mir freundlich auf die Schulter und sagte: »Guten Mutes, Citoyen, ich sehe, Sie wollten sich nur vermittels des Bischofs hereinschwärzen. Sie haben wahre Liebe für Freiheit und Aufklärung. Solche Leute brauchen wir! Geben Sie keinem trüben Gedanken Raum! Das Komitee des Distrikts schreibt mir zwar, ich soll Sie in Verwahrung nehmen, aber ich finde das nicht nötig. Geben Sie mir Handschlag und Wort, daß Sie von hier nicht weggehen wollen, ohne Abschied bei mir genommen zu haben, so bin ich's zufrieden (ich versprach mit Handschlag was er verlangte). Ihr Schicksal,« fuhr er fort, »soll bald eine ganz andre Wendung erhalten, verlassen Sie sich darauf! Ich nehme Sie in meinen Schutz, fürchten Sie nichts! Ohne meine Beistimmung kann Ihnen kein Haar gekrümmt werden. Ich sehe, Sie sind ein erfahrener Schriftsteller, wir bedürfen bei unsrer Munizipalität eines geschickten Übersetzers französischer Verordnungen, wer weiß, ob ich Ihnen diese Stelle nicht zuwenden kann? Morgen kommen Sie, frühe um acht Uhr, in die Munizipalität, wir wollen sehen, ob Sie dort nicht zu gebrauchen sind! Abends um 4 Uhr aber erscheinen Sie vor dem Komitee de Surveillance, das im ehemaligen Jesuitenkollegium seine Sitzungen hält. Mein Vater präsidiert, ich will ihn im voraus zu Ihren Gunsten stimmen. Sprechen Sie herzhaft und kühn, dann wird alles gut gehen!« Den 29. Dezember erschien ich zur bestimmten Stunde in der Munizipalität. Citoyen Deps stand unter dem Tore, als ich kam. Ich zog meinen Hut. »Pfui!« rief er, »lassen Sie das pfäffische Zeremonienwesen! Im Lande der Freiheit sind wir alle gleich.« Hiermit riß er mir den Hut aus der Hand und drückte ihn fest und derb auf meinen Kopf. Die Beamten bei der Munizipalität fanden freilich, dass sie eines Konzipisten und Abersetzers bedurften. »Aber,« sagten sie, »der Citoyen erhält doch nicht soviel Besoldung, als er zu seinem Lebensunterhalt nötig hat, wie will er sich denn fortbringen? Es kann lange anstehen, bis er verdient, was er braucht!« Auf diese Weise lehnten sie es ganz gelinde ab, mich anzustellen. Aber Deps verlor den Mut nicht. »Bleiben Sie nur noch eine Weile hier,« sprach er, »es wird sich alles geben!« Abends stellte ich mich vor dem Komitee de Surveillance. Man setzte mich neben dem Präsidenten an einen runden Tisch, um welchen die Mitglieder, etwa zwölf an der Zahl, ihre Plätze einnahmen. Ich mußte die Begegnung, die ich bei der Distriktsverwaltung des bischöflichen Geleites wegen erfahren hatte, ausführlich erzählen, meine Bittschrift Punkt um Punkt vorlesen und mit denjenigen Erläuterungen begleiten, welche die Mitglieder bei jeder Stelle mir abfragten. Allmählich geriet ich in Feuer und ließ meinen Freiheitssinn in vollem Glanze strahlen. Einige Mitglieder riefen aus: »Schade, wenn wir solch einen Mann wieder ins Ausland schickten! Er ist ein wahrer Patriot!« – »Citoyen,« rief ein andrer, »wir könnten einen Redner im Tempel der Vernunft brauchen, Sie scheinen mir die echten Grundsätze der Vernunftreligion zu haben; möchten Sie sich wohl dazu verstehen, dem Volke die Grundsätze der Moral zu erklären?« – »Gar gern,« antwortete ich, »nur besorg' ich, meine Vorlesungen möchten nicht immer ganz mit dem Sinne derjenigen harmonieren, welchen gegenwärtig die Belehrung des Volkes anvertraut ist.« – »Lassen Sie diese Sorge!« erwiderte der Mann, »wir wollen Ihnen schon sagen, was Sie vortragen sollen oder nicht!« Ich zuckte die Achseln und dachte: »Hier wärst du also wieder auf dem Punkte predigen zu müssen, was andern gefiele! Das ist vielleicht noch schlimmer, als die Zensur des Herrn Dompropsts!« Ein dritter im Jakobinerkostüm rief: »Der ganze Vorschlag ist ein toller Einfall! Wie könnt ihr glauben, daß ein Pfaff in einem andern als im pfäffischen Tone öffentliche Reden halten werde? Seine Vorlesungen würden Predigten werden, Futter für Einfältige, wie man es vor kurzem noch von allen Kanzeln den christlichen Schafen vorschüttete! Ich behaupte, die Distriktsmitglieder hatten recht, als sie den eingedrungenen Bischofsknecht wieder über die Grenze zu befördern befahlen.« Der Präsident erwiderte: »Der Distrikt hat uns nichts zu befehlen; wir selbst haben die Köpfe noch nicht verloren.« – »Wer sich von einem Bischof aufführen läßt,« fuhr der Jakobiner fort, »und in all seinem Wesen so ganz Pfaff ist, wie der Citoyen da, braucht nicht lange geprüft zu werden; der erste Anblick verrät, was man an ihm hat. Er soll wieder über die Grenze! Das ist noch Gnade! Denn er wußte das Gesetz gegen die feindlichen Ausländer und drängte sich doch ins Land! Schonung genug, wenn er noch mit dem Leben davonkommt!« – »Ich behaupte,« begann jetzt ein andrer Mann mit seiner roten Fuchsrutenmütze, »die Ursachen, welche den Fremden hier bewogen haben, ins Land zu schleichen, müssen erst näher geprüft werden. Man nehme ihn vorerst in engere Verwahrung und untersuche genau, ob sein Patriotensinn nicht eine künstliche Maske und seine Korrespondenz mit dem verdächtigen Bischofe nicht eine List war, um ungescheuter den Spionen machen zu können.« Noch ein andrer rief: »Der Citoyen dort gesteht, er habe das strenge Gesetz gegen die Auswärtigen gekannt. Wie konnte er glauben, daß ein einfältiger Bischof in Verordnungen, die der Nationalkonvent feierlich erlassen hat, zu dispensieren vermöge? Unmöglich konnte er einen so einfältigen Gedanken hegen. Er hat sich also geradezu gegen das Gesetz vergangen und verdient, den Kopf unter der Guillotine zu verlieren.« – »Gegen dieses Räsonnement ist nichts einzuwenden!« sprachen ein paar Beisitzer. »Ich hätte viel dagegen einzuwenden,« erwiderte ich, »freilich glaubte ich nie, daß mich der Bischof vom Gesetze dispensieren könne, aber ich fragte ihn schriftlich, ob es auf mich, als aufrichtigen Patrioten, anwendbar sei, und er beteuerte mir feierlich, es sei nicht anwendbar. Ehe man jemanden verdammt, muß man doch vorläufig einen Blick auf sein Betragen werfen und sehen, ob aus demselben eine böse Absicht hervorleuchtet. Niemals kam in mein Herz nur der geringste schlimme, der Republik nachteilige Gedanke; wäre ich ein Spion, so hätte ich mich nicht so treuherzig und genau nach der Vorschrift des Generals vor diesem Komitee gestellt; es wäre mir ja freigestanden, erst nach Belieben zu spionieren, meine Absichten auszuführen und dann an die Grenze zu laufen, um dem General zu sagen, man habe mich in Kolmar nicht aufgenommen, so wäre ich glücklich entkommen. Alles dies tat ich nicht, und ich muß mich sehr wundern, daß einige Citoyens hier den Ton der Wahrheit vom Tone des Betrugs nicht besser zu unterscheiden wissen.« – »Bittsteller,« polterte ein hagerer langer Mann, »vergesse Er nicht, daß Er mit einer Obrigkeit spricht!« – »Citoyen,« sagte ich sanft, »ich weiß nicht, was Sie beleidigen konnte, aber ich habe ein gutes Gewissen!« – »Bei meiner Seele!« rief Johann Kübler der ältere, ein ehrlicher Handwerker, aus, »der Citoyen scheint mir ein rechtschaffener Patriot und ein braver Mann zu sein. Ich habe drei Kinder; wenn er anfangs wegen seines Unterhalts verlegen wäre und wollte sich entschließen, meine Kinder zu unterrichten, so gebe ich ihm gern Wohnung und Kost.« – »Das war eine recht einfältige Beteurung,« sagte jetzt Citoyen Burghard, ein junger Arzt, »bei meiner Seele! was soll denn das heißen? Das klingt ja nichts minder als republikanisch! Seele! Seele! Der Mensch ist Materie!« – »So hast du keine Seele?« rief wörtlich ein dritter, »bist du also ein Hund?« Hierüber fing ein hitziger Streit unter den Beisitzern an; der Präsident sagte mir, wahrscheinlich um die Pudenda der ungezogenen Citoyens sobald möglich meinem Anblicke zu entziehen: »Treten Sie nun ab ins Nebenzimmer, bis wir Ihretwegen einen Entschluß gefaßt haben!« Ich ging während der Debatten davon, setzte mich im Nebenzimmer ans Licht, zog meinen Martial, der nebst andern Dichtern wie ein Diurnal (kleines Brevier) gebunden war, aus der Tasche und las darin, um keinen Grillen Raum zu geben. Dennoch mußte ich mir sagen: »Offenbar hat sich das Komitee des Distrikts mit den Jakobinern im Komitee de Surveillance verstanden, um dich zu entfernen. Sie sind noch dazu die mehrern, wahrscheinlich wirst du wieder an die Grenze geschickt. Doch das ist immer besser, als hier gefangen zu sitzen und dein Geld unnütz zu verzehren.« Ein Mitglied des Komitees trat nach einer Weile herein, schlich hinter mich und lauschte über die Schultern in mein Büchlein. »O wehe!« rief er aus, »Sie beten das Brevier! Ist das Ihre Aufklärung?« – Ehe ich zum Wort kommen konnte, war er wieder fort. Bald rief man mich wieder hinüber ins Komitee, und die erste Frage des Präsidenten lautete: »Ist es wahr, Citoyen, haben Sie das Brevier gebetet?« – Ich lächelte: »Sogleich, Citoyens, sollen Sie mein Brevier sehen!« Ich zog meine Dichter aus der Tasche und legte sie auf den Tisch. Der Präsident öffnete das Futteral, man sah hinein und brach in ein lautes Gelächter aus. »Beim Teufel, Bruder, was hast du gesehen?« rief Citoyen Burghard. – »Horcht, horcht!« rief ein andrer, »Burghard glaubt nicht, daß wir Seelen haben, aber er glaubt an den Teufel.« – Der Präsident sprach ernsthaft: »Citoyens, fangen Sie nicht wieder davon an!« – »Verwünscht!« sagte derjenige, der mich als einen Brevierbeter angegeben hatte, »ich sah die Verse für Psalmenverse an. Da hab' ich mich garstig betrogen.« – »Ach!« rief Johann Kübler aus, »Bronner wär' es wert, daß wir ihn behielten!« – »Wäre der Distrikt nicht dagegen, so wünschte ich es auch,« sagte Burghard, »ich habe ein Kind und wäre froh, wenn der Citoyen sein Lehrer würde. Kost, Wohnung und ein Stück Geld für Kleidung wollte ich ihm gern geben. Er versteht auch Botanik, das wäre für mich eine angenehme Gelegenheit, diese Wissenschaft zu studieren.« – »Ich sehe, es wird mir nicht an Unterhalt fehlen,« sagte ich, »verschaffen Sie mir also nur die Erlaubnis hier zu bleiben, so werd' ich ein glücklicher Mensch sein!« – »Die Mehrheit der Stimmen fiel gegen Sie aus,« sprach jetzt der Präsident, »aber noch ist nicht alle Hoffnung verloren, vielleicht lassen sich die Mitglieder des Distrikts noch umstimmen. Ohne das Widerstreben derselben fänden wir kein Bedenken, Sie hier zu behalten. Haben Sie also noch ein paar Tage Geduld! Vielleicht ändert sich alles zu Ihrem Vorteile! Morgen abend erscheinen Sie wieder hier in diesem Zimmer!« Man ging auseinander. Johann Kübler begleitete mich eine große Strecke weit und lud mich auf den folgenden Tag zum Mittagessen ein. Da ich seine Wohnung nicht wußte, so versprach er, mich abzuholen. Am nächsten Tage führte er mich in ein Kaffeehaus, wo eine Menge Bürger und Soldaten bei ihren Tassen, französisch oder deutsch, kannegießerten. Wir tranken eben unsre Schale Schokolade, da stürzte plötzlich Citoyen Burghard zur Tür herein: »Wo ist der Fremde? der deutsche Geistliche?« Er erblickte mich und winkte mir in eine Ecke. Johann Kübler ging nicht von meiner Seite. »Citoyen!« sagte Burghard, »der Distrikt ist sehr aufgebracht, daß Sie noch hier sind. Wenn ich Ihnen zu Ihrem Besten raten darf, so nehmen Sie Ihren Paß und Ihre Schriften zurück und gehen sogleich an die Grenze. Wir haben zwar gestern die Expedition des Passes zurückbehalten, weil der Nationalagent äußerte, er könnte Sie brauchen, aber der Distrikt ist ganz wider Sie und hat nun einmal fest beschlossen, Sie hier nicht zu dulden. Der Bischof ist Ihr Unglück, Sie sehen, alle Ihre Schriften erhalten Sie zurück, nur seine Briefe nicht. Folgen Sie mir, um Verdruß zu verhüten, und gehen Sie, je eher je lieber, über die Grenze!« Unter dem Paß des Generals stand geschrieben: Renvoyé au Quartier Général de Blotzeim par la Comité de Surveillance de Colmar ce nonidi de la I. décade de Nivôse de l'an 2 de la République Française. Vu Burghard. Neukirch Secret. »Wer wird auch so ängstlich tun?« sagte Kübler, »Citoyen Burghard, Bronner bleibt hier, bis es beim Komitee de Surveillance völlig entschieden ist. Gestern blieb der Abschluß eigentlich in suspenso , und was will man dagegen machen, wenn ich ihn zu meinem Hauslehrer anstelle?« – »Citoyen Bronner,« erwiderte Burghard frostig, »ich habe Ihnen treulich gesagt, was zu sagen war. Nun tun Sie auf eigene Gefahr alles, was Ihnen beliebt!« Hiermit führte er sich eiligst ab. Ich ward nachdenkend. Kübler ermunterte mich und sagte: »Kümmern Sie sich nicht! Solange Ihnen der Nationalagent gut ist, haben Sie nichts zu fürchten, mag die Partei des Distrikts lärmen, solange sie will. Wer kann Ihnen was anhaben? Er allein darf Sie festsetzen. Nachmittags wollen wir ihn besuchen. Kommen Sie nun getrost mit mir in den Tempel der Vernunft!« Ich folgte ihm. Als ich in den Tempel trat, aus dem alle Kirchenstühle und Altäre weggeräumt waren, fiel mir sogleich an dem Platze, wo sonst der Hochaltar prangte, ein Theater in die Augen, auf dem sich ein hoher, feuerspeiender Berg erhob. Am Abhang des Berges standen, wenn mein Führer mich recht berichtete, Freiheit und Wahrheit, weiter unten aber Tapferkeit und Industrie einander gegenüber. Es waren Figuren auf Bretter gemalt und ausgeschnitten. »Als man den Tempel zum erstenmal öffnete,« sagte Kübler, «hatte man oben ein natürliches Feuer angebracht. O, das war schön! Aber beinahe hätte sich ein Unglück ereignet. Die Flamme ergriff das Gestelle, auf dem die grünen Tücher ruhen, welche die Seiten des Berges bilden, und man hatte nicht wenig Mühe, das Feuer zu löschen.« Zu ebener Erde rechts und links standen gemalte Pyramiden mit Aufschriften, die ich verloren habe, ebenfalls aus Brettern geschnitten. Die Munizipalität setzte sich des ephemerischen Spielwerks wegen in keine großen Kosten. Das Ganze konnte mir unmöglich gefallen. »Was will man mit dieser armseligen Vorstellung?« dachte ich, »wie einfältig, daß sich die Jakobinerpartei, der Berg, selbst vergöttert! Meint man etwa, dies elende Spielwerk könne dem Volke seine Altäre ersetzen? Hier ist ja gar nichts, was auf den Verstand wirken, nichts, was das Herz befriedigen, erheben oder rühren kann, nicht einmal eine Vorstellung, die gefällig den Sinnen schmeichelt. Einfältige Erfindung! Du bist unmöglich für die Dauer!« Ein lautes Gerassel vieler Trommeln kündigte nun die Ankunft der Obrigkeiten an. Eine Menge Tambours, denen eine zahlreiche Wache folgte, rückten in die Kirche ein, die Gewölbe dröhnten vom erschütternden Trommelgelärme. Die Departementsverwalter und die übrigen Beamten, größtenteils in jakobinischer Kleidung, mit ihren dreifarbigen Schärpen und breiten Bändern geschmückt, die sie wie Ordensbänder quer über die Brust trugen, bestiegen eine Bühne zwischen zwei Kirchenpfeilern und winkten den Tambours Stillschweigen. Sogleich begann auf dem hohen Musikchore feierlicher Trompeten- und Paukenschall, die Orgel fiel darein, und das ganze Volk sang unter Begleitung vieler Blasinstrumente die Marseiller Hymne in einem ziemlich lebhaften Zeitmaße. Jede Strophe ward mit einem fröhlichen ça ira beschlossen. Dann begann ein Beamter seinen Vortrag, kündigte mit Jubel die Eroberung von Toulon an, ließ weitläufige Berichte in französischer und deutscher Sprache vorlesen und streute gedruckte Lieder von der Bühne unter das Volk. Einige Diener gingen herum und teilten ebendieselben Blätter unter die Anwesenden aus. Alle Augenblicke rief man: Vive la République! oder Ça va! und klatschte in die Hände. Dann sang man die ausgeteilten Lieder in ihrer eigenen Melodie. Ich war nicht zudringlich genug und erhielt also keines. Kübler schien jede meiner Mienen zu beobachten und fragte mich von Zeit zu Zeit: »Wie gefällt es Ihnen?« Das Singen und die Nachrichten von der Einnahme Toulons gefielen mir, ich konnte also mit gutem Gewissen so antworten, wie er es wünschen mochte. Ein Beamter, dessen Rednergaben eben nicht vorzüglich waren, hielt dann eine lange Rede von den Pflichten eines Bürgers, worauf man die Feierlichkeiten mit Gesängen und Instrumentalmusik beschloß. Die Tambours, die Wache und die Beamten in ihrer Mitte zogen ab, wie sie gekommen waren. Während der langen Rede hatte ich bemerkt, daß die Frauenzimmer gerade so unruhig, wie bei katholischen Predigten, durch den Tempel klappten, die meisten trugen nur hölzerne Schuhe, die sie aber gar zierlich mit Bändern und allerlei glänzendem Überzug vermummt hatten. Vor und nach Tische mußten Küblers Kinder nach guter alter Sitte beten. Alles zeigte mir, daß ich bei einem redlichen Christen und Handwerker eingesprochen hatte. Nach dem Mittagessen führte er mich zum Nationalagenten Deps, der von neuem meine Partei ergriff. »Bleiben Sie hier, Citoyen!« sagte er, »und lassen Sie sich nichts anfechten! Ich verpfände mein Wort (zugleich reichte er mir die Hand), es soll Ihnen kein Leid widerfahren, wenn ich nicht positiven Befehl erhalte, Sie festzusetzen. Erhalte ich den, so verlassen Sie sich darauf, ich gebe Ihnen vorläufig einen Wink; dann ist es aber hohe Zeit, daß Sie gehen! dann säumen Sie keinen Augenblick!« Man plauderte von allerlei Neuigkeiten des Tages und unterhielt sich, als mehrere Gäste kamen, auch mit lustigen Einfällen und – Spott über Volksreligion. Ich will nur einen Zug anführen, damit man sich einen Begriff von dem damals herrschenden Tone machen kann. Ein Gast deutete auf ein Gemälde über der Zimmertür, welches den heil. Joseph vorstellte, wie er den Esel führt, auf dem Maria mit dem Kinde sitzt, eine sogenannte Flucht nach Ägypten. »Bruder, wie magst du das einfältige Bild da hängen lassen? Das ist nicht für einen denkenden Republikaner.« – »Ärgere dich nicht!« antwortete der Wirt, »meine Frau läßt mich's nicht wegwerfen, da machte ich mir aber neulich einen rechten Spaß, ich ließ den Maler kommen, du kennst den alten, bigotten Kerl, und fragte ihn, ob er dem Joseph da oben nicht ein Paar hübsche rote Hörner über die Stirne malen wollte? – Nein! antwortete er sehr nachdrücklich und bestimmt und schaute mich betroffen aus großen Augen an. Ich beharrte darauf, er sollte rote Farbe holen, aber er weigerte sich standhaft. Ich spottete und fragte: ob er vielleicht gar keine Hörner malen könne? Da antwortete der Schalk: Auf jedes Porträt, selbst auf mein eigenes, wolle er Hörner malen, wenn ich's verlange, nur auf keinen Heiligenkopf. Was konnte ich machen? Ich mußte den alten Kerl ziehen lassen, denn selbst die Drohung, daß ich ihn einsperren lassen würde, fruchtete nichts. Er sagte dreist: Einsperren können Sie mich wohl, aber malen werde ich nicht. Der Narr wäre in der Laune gewesen, sich die Märtyrerkrone zu erwerben, aber ich hatte nicht Lust, sein Nero zu sein, und ließ ihn laufen.« Es kam mir vor, dergleichen Ausfälle gehörten zum Modeton der Jakobiner, mit dem sie sich vor dem Pöbel groß machten, und ich vermute noch heute, sowohl Deps als Burghard, welche am meisten die Atheisten affektierten, hatten im Herzen beinahe eben den Glauben, den ihre gutmütigen Weiber hatten. Denn sie kramten ihre Meinungen allzu geflissen aus und suchten offenbar mit ihrer freien Denkungsart nur zu glänzen. Dies ist die Art aller Neulinge und Moderitter, und man weiß, wie schnell dergleichen Philosophen in den Ton ihrer Ammen zurückfallen, sobald bei der neuen Lehre nichts mehr zu gewinnen ist. Der wirklich tiefdenkende Mann, der aus Überzeugung spricht, benimmt sich ganz anders, als der Faseler, der kaum weiß, was er will. Wir gingen auseinander. Als ich in mein Zimmer zum Bocke zurückkam, überlegte ich ernstlich, ob ich in die Schweiz zurückkehren oder versuchen sollte, in Kolmar zu bleiben. Je genauer ich aber die Sache untersuchte, desto ungewisser ward ich. Ich seufzte in diesen Tagen oft zum Himmel um Erleuchtung. Zuletzt fiel mir ein, ich wollte den redlichen Pfeffel aufsuchen und ohne ferneres Grübeln seinen Rat befolgen. Sogleich setzte ich meinen Entschluß ins Werk. Als ich in sein Haus trat, tönten mir angenehme Harmonien entgegen. Ein Frauenzimmer spielte den Flügel, ich sah sie sitzen, sobald sich die Zimmertür öffnete. Kaum hatte mich ein Diener gemeldet, so kam sie selbst heraus und führte mich zu Pfeffeln. Der edle, blinde Mann bedauerte, daß ich eben in diesem Augenblicke, zu dieser Zeit der Zerstörung zu ihm käme, und meinte, in den heitern bessern Tagen vor den Revolutionsunruhen hätte er mir gar leicht Unterhalt verschaffen können. Ich trug ihm kurz und mit Feuer mein Anliegen vor und bat ihn um Rat. Da sagte er ganz unverhohlen: »Lieber Bronner! Sie sind ein Fremder, wenn es Ihnen auch gelingen sollte, bei der Munizipalität angestellt zu werden, so erregen Sie doch den Neid gegen sich und sind stets in Gefahr, verfolgt und unterdrückt zu werden. Werfen Sie nur einen Blick auf das Chaos, in das wir versunken sind! Wer ist seiner Existenz mehr sicher? Wissen Sie in der Schweiz Ihr Brot irgendwo zu betteln, so tun Sie besser, dahin zurückzukehren.« – »Weiter bedarf ich nichts,« antwortete ich mit festem Entschlusse, »ich gehe nach Zürich zurück; dort soll ich einen Katalog über ein Naturalienkabinett verfassen, das wird mich hinlänglich vor Mangel sichern.« – »Tun Sie das, lieber Bronner,« sagte er mit eindringlichem Tone, »und besuchen Sie mich einst in bessern Zeiten! Jedes Glück begleite Sie!« – Gerührt schied ich von dem edlen philosophischen Dichter und ging ins Komitee de Surveillance, wohin mich bereits die Stunde rief. Bis meine Sache vorgenommen wurde, hieß mich Kübler zur Unterhaltung in die Jakobinersitzung gehen, die eben in einem Nebengebäude eröffnet war. Im Parterre eines ziemlich großen Saals saßen die Amis réunis oder die Jakobiner. Hinter ihnen und an den Wänden hin erhoben sich amphitheatralische Bänke und Stühle für die Zuhörer. Auf einer Bühne im Vordergrunde paradierten der Präsident und die Sekretäre an einem Tische. Rechts an der Bühne war der Rednerstuhl angebracht. Eben war die Nachricht eingetroffen, die Deutschen seien geschlagen und aus dem Elsaß vertrieben worden, aber noch walteten einige Zweifel ob, man debattierte darüber sehr hitzig, der Streit artete in ein wildes Getümmel aus. Endlich forderte man Zeugen auf. Da trat ein Kurier auf die Bühne und rezitierte sehr schnell eine französische Rede her, von der ich nichts verstand, allein man beklatschte ihn laut und rief: »Es ist richtig, die Deutschen sind besiegt!« Alles jubelte: Vive la République , und schwang Hüte und Nasentücher. Allerlei Debatten folgten sich. Ein Exgeistlicher hielt dann eine sehr wässerige Predigt vom Segen, den der Himmel den Waffen freier Völker von jeher verliehen habe; ein andrer las eine Ode voll Bombast auf die Einnahme von Toulon vor. So verstrich die Zeit. Ich wollte wieder ins Komitee zurück, fand aber, daß es bereits auseinandergegangen sei. Johannes Kübler, den ich auf dem Wege antraf, sagte mit kleinlautem Tone: »Er habe nur wenig Hoffnung mehr, daß ich hier bleiben dürfe, die Sache sei einmal durch den Bischof verdorben und die Mitglieder des Distrikts würden nicht ruhen, bis ich abgereist wäre.« Ohne Betrübnis hörte ich seine Äußerungen an, dankte ihm für seine Freundlichkeit und nahm von ihm Abschied. Als ich auf den Platz beim Tempel der Vernunft kam, wo die Guillotine stand, sah ich ein großes Feuer flammen, ein Freudenfeuer wegen der Einnahme Toulons. Die Sanskulotten tanzten in doppelten Kreisen um dasselbe her. Sie ergriffen Mädchen und Weiber, die in der Nähe standen, rissen sie mit sich zum Feuer, reihten sich in einen der beweglichen Kreise und hüpften so unter lautem Freudengeschrei in die Runde. Ich konnte mich unmöglich des Gedankens an die kanadischen Wilden erwehren. Die Bühne der Guillotine stand gedrängt voll Zuschauer und Zuschauerinnen, die gar kein Grauen vor der fatalen Maschine hatten. In der Nähe tönte Feldmusik, die ça ira und andre patriotische Lieder spielte. Das Volk sang die Lieder mit. Der Exgeistliche aus dem Komitee des Distrikts traf mich hier an, er schlich, wie ich, beobachtend um den Haufen her. »Noch hier, Citoyen?« fragte er, wie staunend, »das ist kühn! Sehen Sie nicht die Maschine dort?« Er deutete auf die Guillotine. »Die ist hoffentlich nur für Verräter, nicht für Patrioten errichtet,« erwiderte ich, »warum sollt' ich sie also fürchten?« – »Im Ernste,« fuhr der Geistliche fort, »wenn ich Ihnen wohlmeinend raten darf, so reisen Sie morgen früh von hier ab! Wir dürfen Sie nicht behalten, weil Sie ein Deutscher sind! Lassen Sie aber Ihren Paß erst von irgendeiner Obrigkeit neu unterschreiben, weil Sie schon am Nonidi abgewiesen wurden, und doch erst am 11. Nivôse abreisen, damit Sie auf dem Wege keine Unannehmlichkeiten zu befürchten haben. Nehmen Sie meinen Rat an, das beste, was Sie in Ihrer Lage tun können, ist, daß Sie so bald als möglich gehen.« »Verlassen Sie sich darauf!« antwortete ich, »morgen in der Frühe reise ich ganz gewiß ab!« Den letzten Dezember, als der Tag anbrach, nahm ich Abschied vom Bischofe Martin, der mich ziemlich kalt entließ. Sobald ich hoffen konnte, ich würde irgendeine Obrigkeit antreffen, machte ich mich auf, um meinen Paß unterschreiben zu lassen. Aber niemand von den Mitgliedern des Komitee de Surveillance, nicht einmal der Sekretär Neukirch wagte es, seinen Namen und den Tag meiner Abreise darauf zu setzen, jeder sagte, er besorge, dadurch in Verdruß zu geraten. Endlich erbarmte sich meiner ein Beamter der Munizipalität und schrieb folgendes auf den Paß des Generals: »Vu partir de Colmar cejourd'hui onze Nivôse, l'an second. – Aittelmeyer Secr. Greffier.« Das Umherlaufen und Warten, dieser zwei Zeilchen halber, hielt mich fast bis 10 Uhr auf. Geschwind verzehrte ich beim Bocke ein kleines Abschiedsmahl und trat meine Rückreise an, auf der ich an diesem Tage keine andre Widerwärtigkeiten zu befahren hatte, als etwa in den Herbergen, wo ich einsprach, das Anschnurren eines argwöhnischen Unteroffiziers, der mir herrisch meinen Paß abforderte, oder die Weigerung der Wirte, mir irgendeine Erfrischung zu reichen. Abends traf ich in Habsheim ein und verschwendete in jedem bessern Wirtshause Bitten, Vorstellungen, Versprechen und alle möglichen guten Worte, um aufgenommen zu werden. Aber völlig vergebens! Ich sah mich gezwungen, wieder in dem verwünschten Neste, wo ich das erstemal übernachtet hatte, eine Herberge zu suchen. Mit Freuden nahm mich diesmal der Wirt auf und setzte mir alles Gute vor, was er in seinem Vermögen hatte. – Eine Menge Sanskulotten waren eben ins Dorf einquartiert worden, sie hatten sich mitten in der Stube einen Herd aus Backsteinen errichtet, Kohlen darunter gebracht und einen Kessel darüber gehängt, um ihre Abendmahlzeit zu kochen; kaum war das Fleisch gesotten, so stach jeder in den Kessel, langte seine Portion heraus, setzte sich auf den Boden und verzehrte sie aus freier Hand. Neben dem Herde stand eine hölzerne Gelte voll Wein und ein Glas daneben; wer nun trinken wollte, füllte das Glas in der Gelte und goß es herzhaft durch die Kehle. Diese drollige Haushaltung belustigte mich. – Das liederliche Mädchen feierte nicht, mich oft und frech genug als einen Unvermögenden zu necken, und drohte mir, ich sollte gewiß ein Nachtlager erhalten, das meiner Keuschheit zuträglich wäre. Als mich der Wirt in die Schlafkammer führte, hob ich in seiner Gegenwart die Bettdecke weg und sah sogleich, daß die Betten nicht reinlich überzogen waren. Bei der Menge Soldaten, die hier täglich übernachteten, und wovon einige ganz unverhohlen gestanden, daß sie in ihren Hemden gar unangenehme Einquartierungen hätten, ward mir bange, ich möchte hier ebendieselbe Plage erben. Die Bosheit der frechen Magd ließ mich befürchten, sie könnte mich absichtlich zum Nachfolger eines so reichbegabten Sanskulotten gemacht haben. Ich bat also den Wirt: »Lassen Sie mir das Bett frisch überziehen, ich gebe Ihnen gern über die Zeche hinaus noch einen halben Gulden zum Besten.« – Das Angebot gefiel ihm, er rief die Magd herauf und befahl ihr, das ganze Bett frisch zu überziehen. Murrend, spottend und zankend tat sie es. Mich kümmerte das wenig. Sorgfältig verbarg ich meine Kleider zwischen dem Strohsack und dem Unterbette und schlief ruhig die ganze Nacht durch. Am neuen Jahrestage 1795 eilte ich Sierenz und Blotzheim zu. Als ich den letzten Ort erblickte, schickte ich mich an, meine Barschaft in Sicherheit zu bringen. Ich hatte ja gesehen, wie genau man in Bourglibre jeden, der aus dem Lande ging, durchsuchte, und mußte fürchten, aus dem Hauptquartier mit einer Wache an die Grenze geführt zu werden. Das Geld mußte also jetzt verborgen werden, wenn ich nicht Gefahr laufen wollte, es zu verlieren. Während meines ganzen Rückmarsches hatte ich mich darauf verlassen, ich würde meine Louisd'ors ganz sicher dort verstecken können, wo immer eine ganze verdaute Mahlzeit Raum findet, ehe sie zur Beförderung der vegetabilischen Welt geboren wird. Sowie ich mich allein sah, kroch ich deshalb in den Straßengraben und begann die schmerzliche Operation. Die doppelten Louisd'ors machten die meisten Schwierigkeiten, und es lief ohne Blut nicht ab. Endlich glaubte ich am Ziele zu sein und trabte eine kleine Strecke Weges dahin! O weh! da fühlte ich sogleich die Unmöglichkeit, an dem vermeintlichen Sicherheitsorte mein Gold zu verwahren. Alles fiel heraus, und ich glich wahrlich der Henne, die goldene Eier legte. Sorgfältig suchte ich die Louisd'ors aus den Beinkleidern hervor. Als ich am besten an der Arbeit war, sprengte ein Reiter daher. O, wie erschrak ich! Aber er merkte nichts, sondern rief mir zu: »Laß Er Seine Gäste nur sitzen!« Ach! mir war bange, wie ich nun meine kleine Habe den Augen und Händen der Grenzvisitatoren ohne Gefahr entziehen könnte. Ungeachtet der vielen Leute, die hin und her gingen, gelang es mir doch, unbemerkt in ein Wäldchen zu schlüpfen, durchs Gebüsch hinter einen dicken Baum auf einer Anhöhe zu kriechen und auf frisch abgehauenen dünnen Reisern einen Platz zu finden, auf dem ich, des Schnees ungeachtet, trocken sitzen konnte. Ich wartete eine gute Weile, ob niemand nachgeschlichen käme, aber keine Seele störte mich. Sorgfältig spähte ich in den Wipfeln und Gesträuchen umher, ob mich niemand beobachtete. Erst als ich mich recht sicher wußte, zog ich meine Louisd'ors hervor und überlegte, wo ich sie denn eigentlich am besten verbergen könnte. Vom Kopf bis zu Fuß durchlief ich in Gedanken alle Teile meiner Kleider, um die tauglichste Stelle aufzufinden. Aber in allen biegsamen und weichen Teilen war das Verbergen unsicher, ich wußte ja, wie sorgfältig man jeden durchgriff. Die Schuhe allein boten mir feste Teile an, hinter denen das Gefühl die versteckten Louisd'ors nicht entdecken konnte. In die Schuhe also mußte mein Schatz verborgen werden. Ich zog sie ab und beschaute sie genau. Da es umgewandte Schuhe waren, so konnte ich die innere Sohle herausziehen und sehen, daß eine dicke Lederzunge aus den Absätzen in die Vorderschuhe hervorragte. Sogleich schnitt ich dieselbe mit dem Federmesser sorgfältig aus und gestaltete also in beiden Absätzen geräumige Höhlen, in die mancher hübsche Louisd'or gesteckt werden konnte. Wirklich steckte ich soviele hinein, als der Raum fassen mochte, und sah bald, daß der größte Teil meiner Barschaft darin geborgen werden konnte. Aber es fiel mir ein: »Wie wäre es, wenn die Goldstücke im Gehen aneinanderklappern würden? Das könnte dich verraten.« Ich klopfte mit dem Schuhe sanft auf die Erde. O wehe! Sie klapperten wirklich. Also riß ich sie wieder heraus, umwand jedes mit ein wenig Papier und preßte sie wieder in ihre Höhlungen. Nun hatte aber nur die Hälfte derselben Raum darin. Die andre Hälfte wickelte ich in ebenso kleine Papierchen und nähte jedes Stück neben das andre mit ein paar Kreuzstichen unter die herausgezogene Brandsohle; dabei brauchte ich die Vorsicht, daß ich die Sohle mit der Nadel nie durchstach, sondern die Fäden nur leicht an die Oberfläche des Leders heftete. Nun glaubte ich, meine Sachen vortrefflich gemacht zu haben. Aber als ich die Brandsohlen wieder hinabschob, sah ich sogleich, daß sie an den Seitenrändern emporstanden und wohl gar da und dort ein Papierchen sichtbar werden ließen. »Ja, wenn ich die Sohle festnähte, daß sie anläge und nicht herausgezogen werden könnte, dann wäre ich geborgen.« So sprach ich zu mir selbst und sann nach, wie ich das machen wollte. Jetzt fiel mir zu rechter Zeit ein, daß ich eine große Packnadel in meinem Zahnstocherbüchschen hätte und Bindfaden im Unterfutter meines Rockes. Wie gut kamen mir nun diese beiden Erfordernisse zustatten! Wahrlich, ohne den kleinen Umstand, daß ich sie bei meiner Abreise aus dem Oberhofe auf jeden Fall zu mir steckte, hätte ich, allem Anscheine nach, meine ganze Barschaft verloren! Und wer weiß, ob ich nicht als ein Verräter, der Geld aus dem Lande schwärzen wollte, behandelt und lange in Gefängnissen herumgezogen worden wäre, ehe man meinen Beweis, daß ich alles aus Zürich mitbrachte, hätte gelten lassen? Zu guter Letzt färbte ich mit der Schwärze, die ich in den kleinen Vertiefungen der Schuhe fand, die weißlichen Bindfaden so schwarz, daß man keinen einzigen Stich bemerkte. Getrost ging ich nach einem Aufenthalt von ein paar Stunden aus dem Wäldchen nach Blotzheim und sah unter dem Vorwand, Steinchen aus den Schuhen zu schütteln, oft nach meinen Nähten. Alles blieb im besten Stand. Damit aber niemand meine List am Gewichte bemerken könnte, watete ich durch einige kleine Lachen auf der Straße, welche an der Mittagssonne bereits aufgetaut waren, hütete mich jedoch, diese Art Schwerevermehrung zu übertreiben, damit nicht etwa eben deshalb Argwohn entstünde. Dem General mußte ich mein ganzes Schicksal erzählen. Er bedauerte mich und rief aus: »Dachte ich's doch, der eitle Bischof betrüge sich und Ihn! Fast ist es schade, daß Er die Ihm angebotene Vergütung ausgeschlagen hat. Der Bischof hätte es verschuldet, Ihm das Reisegeld bezahlen zu müssen, denn wahrscheinlich führt Er nicht viel Geld bei sich. Wieviel hat Er?« – Ich zog meine ganze Barschaft, etwa anderthalb Louisd'ors die ich nicht eingenäht hatte, aus der Tasche und wies sie ihm hin. – »Das ist nicht viel,« sagte er, »man wird Ihm die Kleinigkeit an der Grenze wohl lassen, doch zeig' Er sein Geld redlich vor, damit Er in kein Unglück gerät!« Sein Sekretär schrieb auf meinen Paß: Laissez passer pour retourner en Suisse ce 12. Nivôse de l'an' 2 de la République Française. Vu par moi Général de Brigade, Commandant de la Division du Haut-Rhin ; und der General unterzeichnete seinen Namen. Man ließ mich allein wandern, und ich beschloß, damit ich dem Durchsuchen ausweichen möchte, gerade auf die Baracke an der äußersten Grenze loszugehen. Aber die Wache ließ mich durchaus nicht passieren, sondern sandte mich wieder an den Grenzzoll zurück. Das war ein harter Gang! Je näher ich dem fatalen Visitatorenhäuschen kam, desto banger ward mir ums Herz. Weil der Zollbeamte noch nicht abgespeist hatte, mußte ich eine Weile warten. Der Visitator (wahrscheinlich ein Jude) wartete, bis wir allein waren, machte sich an mich und fragte, ob ich viel Geld bei mir hätte? Ich wies es ihm vor wie dem General und sagte: »Es ist ein weiter Weg bis Zürich; machen Sie doch, daß mir das wenige Reisegeld gelassen wird, ich will Ihnen gern ein hübsches Trinkgeld geben.« – »Sorgen Sie nicht, Citoyen!« sagte er, »Sie haben meinem Freunde, dem Nationalgarden, welcher Sie nach Blotzheim führte, Ihre Handschuhe gegeben, nichts soll Ihnen genommen werden!« Er führte mich zum Zollbeamten, dem ich mein Taschengeld wieder vorzeigen mußte. Der Visitator war mein Fürsprecher und man schrieb auf meinen Paß: Exporté avec lui vingt une Livre numéraire (etwas weniger, als ich vorwies, aber man zählte die Kleinigkeit gar nicht), qu'il a importées. Bureau de Bourglibre ce 12. Nivôse de l'an 2 de la Rép. Fr. – Rumhueber . Hierauf befahl er dem Visitator, mich erst genau zu durchsuchen, ehe er mich entließ. Dieser führte mich in sein Stübchen, ich drückte ihm auf dem Wege ein 30 Sousstück in die Hand, mit dem er sehr zufrieden schien. »Nun, Citoyen,« sagte er, »muß ich meine Pflicht tun.« Er suchte zuerst alle meine Taschen aus, dann durchknitterte er den Hut, die Rockschöße, die Halsbinde, den Hüftenbund der Beinkleider usw. und befahl mir endlich, die Schuhe auszuziehen. O, wie ward mir da zumute! Aber ich hütete jede Miene, löste ruhig die Riemen auf und streifte die Schuhe, wie gleichgültig, von den Füßen. Kaum wagte ich's, hinzublicken, als er mit Ekel sie aufhob, hineinsah und sie nachlässig wieder fallen ließ. »Citoyen, Sie können frei Ihres Weges gehen, leben Sie wohl!« Ha, wie lieblich schallten diese Worte in meinen Ohren! Geschwind zog ich meine Schuhe wieder an, nahm dankend Abschied und eilte über die Grenze. Die Wache, sobald sie meinen Paß sah, ließ mich unangefochten ziehen. Ich hätte, wie Ulysses bei seiner Rückkehr nach Ithaka, mich zur Erde werfen und den friedlichen Schweizerboden küssen mögen, so froh war ich, glücklich entkommen zu sein. Der Wirt zur Krone, bei dem ich letzthin gespeist hatte, stand eben als wachthabender Offizier an dem St. Johannestore zu Basel, lud mich in seinen Gasthof ein und fertigte mir einen Torschein aus. Der gute Erfolg meines Geldverbergens brachte mich auf den Gedanken, während der Reise meine Louisd'ors in den Schuhen zu lassen, denn da schienen sie mir auf allen Fall am besten gesichert. Allein auf dem Wege nach dem Roten Hause fiel mir ein, die Absätze könnten des vielen Aufschneidens halber allzusehr geschwächt sein und mir den Unfall zuziehen, sie samt dem Golde zu verlieren. Sobald ich im Roten Haus niemanden in der Stube erblickte, als einen alten Mann und ein paar Kinder, schnitt ich meine Nähte los und nahm das Geld heraus. Der Greis machte große Augen und meinte, ich hätte teure Schuhe getragen. Dabei wünschte er mir Glück, daß ich mein Eigentum so schlau gerettet hatte. Im Baselischen Dorfe Menslingen, wo ich nach einem langsamen Marsche übernachtete, traf ich eine Stube voll eidgenössischer Zuzüger (Landmiliz) an, die, durch andre abgelöst, von Basel nach Hause kehrten. Hier hatte ich die schönste Gelegenheit, die Sitten der französischen und der Schweizer Soldaten zu vergleichen. Unter den Sanskulotten herrschte offenbar mehr Lebhaftigkeit, Unruhe, Streitsucht, Impudenz gegen das schöne Geschlecht, aber die Schweizer schnitten weniger Zoten, tranken, einiger und ruhiger scherzend, ihren Wein, sangen harmonischer ihre vaterländischen Lieder, neckten zwar die Mädchen im Hause, blieben jedoch züchtiger und schonten, wenigstens vor den Augen der Gäste, ihrer Schamhaftigkeit. Als ich den 3. Januar in Wellingen übernachtete, fand ich eine Menge Emigranten, mit Orden und Kreuzen geziert, Bischöfe, Marquis und Ludwigsritter, die alle, lächerlich genug, nach Rang und Würde zur Tafel aufmarschierten und unter den gewöhnlichen Zeremonien ihre Plätze wählten. Man hätte glauben sollen, eine Hoftafel zu sehen, soviel Steifheit herrschte hier neben aller französischen Gewandheit. Und ihre Gespräche – doch wer hörte noch nie von Emigranten-Radotagen? – Armes Frankreich! Wärest du auch nur von dem tausendsten Teile des Unglücks, das sie in der Vergessenheit, du seist ihr Vaterland, mit prophetischer Miene dir verkündigten oder wohl gar anwünschten, betroffen worden, so hätten Zwietracht, Mord, Krieg, Hunger, Pest und wie die Übel alle heißen usw., dich längst zur Einöde gemacht. Den 4. Januar näherte ich mich der Gegend von Zürich. Je näher ich kam, desto enger ward mir ums Herz. Was konnte ich anders erwarten, als daß mich die Muntern unter meinen Bekannten und Freunden tüchtig auslachen, die Ernstern mit dem Vorwurfe: Hab' ich's dir nicht vorgesagt? empfangen und die Mutwilligen mit Spott und Neckereien ermüden würden? Doch ich faßte Mut und dachte: »Auch das wird vorübergehen! Laß sie lachen, spotten, scherzen und ihrer Vorsehungsgabe eine Lobrede halten! Was schadet dir das? Beginne du nur eine Lebensart, bei der du ein ehrlicher Mann bleiben und ohne jemandem lästig zu fallen, deinen Unterhalt gewinnen kannst!« Ich dachte reiflich nach, wie ich es mit meiner Kost und Wohnung einrichten wollte, und beschloß, meine Träume von einem einsiedlerischen Leben mitten in Zürich auszuführen. Herr Schultheß in der Limmatburg, bei dem ich mich bald nach meiner Ankunft zeigte, empfing mich sehr freundschaftlich, scherzte zwar, mutwillig genug, über meine vergebliche Wallfahrt ins gelobte Land der Freiheit, äußerte sich aber sogleich, es würde ihm lieb sein, wenn ich nun ein Verzeichnis über das Geßnersche Naturalienkabinett verfertigen wollte. Natürlich ließ ich mich hierzu sehr bereitwillig finden, und unser Kontrakt war bald geschlossen. Meine treuen, gefälligen Freunde im Geßnerschen Hause bewirteten mich mehrere Tage, bis ich einen Hintersäßschein erhielt und bei Herrn Erni eine eigene Wohnung beziehen konnte. Ich erklärte ihnen bei dieser Gelegenheit ganz offen, wie ich von nun an meine kleine Wirtschaft einrichten wollte, und sie billigten meinen Plan, so romantisch sie ihn auch fanden. Die gütige Schwester des Dichters der Natur erbot sich sogleich, meine Küche mit einigem Geräte zu versehen, und schickte mir, sobald ich mein Wohngemach bezogen hatte, Pfannen und Küchenschürzen usw. zu. Ich packte jetzt meine Kisten aus, fand wider Vermuten alles unversehrt und richtete mich ordentlich ein. Wenn ich nicht im Naturalienkabinett arbeitete und also mittags nicht in der Limmatburg aß, kochte ich mir selbst bei fröhlichem Gesang mein nüchternes Mahl. An Spott über mein mißlungenes Vorhaben, in Frankreich die Erfüllung meiner Wünsche zu suchen, fehlte es nicht. In allen gesellschaftlichen Zirkeln, in die ich eintrat, hieß es: »Gib deine Reisegeschichte zum besten!« Immer tat ich's mit meiner gewöhnlichen Lebhaftigkeit und Offenherzigkeit. Da ging es nie ohne Lachen auf meine Kosten ab. Ich mußte allmählich so oft ebendasselbe erzählen, daß ich am Ende alle Aufmerksamkeit verlor und in meiner eigenen Geschichte stockte, wie ein Prediger, der seine Rede sich zu oft auswendig vorgesagt hat. Bald gewann ich meine neue Lebensart lieb. Mineralogie und Conchyliologie beschäftigten meine Seele und gaben ihr neue Begriffe, die sogleich durch den Anblick der Naturalien selbst vollständig berichtigt wurden. So ergriff ich mit vollem Eifer die Gelegenheit, diese Wissenschaften mir von Grund aus zu eigen zu machen. Bei Abgang meines Freundes Herrn P. P. Wolf nach Leipzig übernahm ich dann die Redaktion der Züricher Zeitung, welche die Orellische Buchhandlung ausgibt. Dies und einige literarische Arbeiten waren hinlänglich, mir meinen Unterhalt nebst mancherlei Bequemlichkeiten zu verschaffen. Ich lebe nun vergnügt, – ich darf sagen, glücklich, von niemandem gehaßt, von vielen geliebt und völlig überzeugt, daß es mir bei Sparsamkeit und Tätigkeit niemals an Brot fehlen wird.