Bret Harte Pioniere des Westens Ein Mündel Oberst Starbottles. »Der Oberst scheint heute ein bißchen aus dem Häuschen,« sagte der Schenkwirt, als er die Whiskyflasche wieder an ihren Platz stellte und nachdenklich hinter der sich entfernenden Gestalt Oberst Starbottles herblickte. »Ich hab' nichts gemerkt,« sagte einer der Anwesenden, »er war den Tag über höflich genug gegen mich.« »Oh, er ist immer höflich genug gegen Fremde und Weibsleute, selbst wenn er so ist; 's sind nur seine alten Kumpane, oder die es sein könnten, gegen die er bissig wird. Na, was das angeht, nachdem er mit seinem alten Partner, Richter Pratt, in einem dieser Anfälle Streit gehabt hatte, sah ich ihn in der nächsten Minute einen Umweg von einer Straßenlänge machen, um einem ganz Fremden den Weg zu zeigen; und was die Weibsleute betrifft! – na, ich glaube, wenn er grade 'nen Mann aufs Korn genommen hätt', und ein Frauenzimmer sprach' ihn an, so würde er seinen Angriff sein lassen und seinen Hut vor ihr ziehen. Nein – danach können Sie nicht gehen!« Und vielleicht hatte der Schenkwirt mit seiner reicheren Erfahrung recht. Er hätte auch hinzusetzen können, daß der Oberst in seiner äußerlichen Haltung und im Blick seinen inneren Unwillen nicht verriet. Doch zweifellos hatte er einen seiner »Anfälle«, bei denen er unter einem bissigen Cynismus litt, der ihn ebenso empfindlich gegen Beleidigungen wie gefährlich für den Beleidiger machte. Glücklicherweise erreichte er an diesem Morgen sein Privatbureau ohne ein ernsthaftes Rencontre. Hier öffnete er sein Pult, ordnete seine Papiere und machte sich sofort mit verbissenem Eifer ans Werk. Er war indes noch nicht lange bei der Arbeit gewesen, als die Tür aufging und Herr Pyecroft erschien, ein Anwalt der Firma, die des Obersten geschäftliche Angelegenheiten führte. »Ich sehe, Sie sind zeitig an der Arbeit, Oberst,« sagte Herr Pyecroft vergnügt. »Sie sehen, mein Herr,« sagte der Oberst, indem er ihn mit bedächtiger Langsamkeit verbesserte, die nichts Gutes ahnen ließ, »Sie sehen einen Gentleman aus dem Süden – hol's der Kuckuck! – der fünfunddreißig Jahre auf seinem Posten gestanden, gezwungen, sich wie ein verdammter Nigger mit den schmutzigen Händeln eines Haufens psalmensingender Yankeekrämer zu befassen, anstatt sich – äh – den Angelegenheiten der – äh – Gesetzgebung zu widmen!« »Aber Sie werden recht hübsche Gebühren herausschlagen – he Oberst?« fuhr Pyecroft lachend fort. »Gebühren, mein Herr! Ein paar lumpige Kröten! Kaum genug, mit der einen Hand eine Ehrenschuld abzutragen und mit der andern eine Wirtshauszeche für die Unterhaltung einiger – äh – befreundeten Damen zu begleichen!« Diese Anspielung auf seine Verluste im Poker sowohl als auf ein Austernessen zu Ehren der beiden Hauptdarstellerinnen der »Nordsterntruppe«, die damals in der Stadt auftrat, überzeugte Herrn Pyecroft, daß der Oberst eine seiner »Launen« hatte, und er lenkte ab. »Das erinnert mich an einen kleinen Scherz, der sich vorige Woche in Sacramento zutrug. Sie entsinnen sich Dick Stannards, der vor einem Jahr gestorben ist – eines Freundes von Ihnen?« »Ich soll noch erfahren,« unterbrach ihn der Oberst mit der nämlichen unheimlichen Entschlossenheit, »welches Recht er – oder irgendwer – hatte, eine solche Beziehung zu mir zu behaupten. Verstehe ich recht, mein Herr, daß er sich – äh – dessen öffentlich gerühmt hat?« »Weiß nicht!« hob Pyecroft hastig wieder an; »aber es hat nichts damit zu tun, denn wenn er kein Freund von Ihnen war, so erhöht das nur den Scherz. Gut also, seine Witwe hat ihn nicht lange überlebt, sondern ist vor einigen Tagen in den Staaten verstorben, indem sie das Vermögen in Sacramento – etwa dreitausend Dollar Wert – ihrem Töchterchen hinterließ, das in Santa Clara auf der Schule ist. Die Frage der Vormundschaft kam zur Sprache, und es scheint, daß die Witwe, die Sie nur durch Ihren Gatten kannte, einige Zeit vor ihrem Tode Ihren Namen in diesem Zusammenhang erwähnt hatte! Hi! Hi!« »Was!« sagte Oberst Starbottle, indem er auffuhr. »Halten Sie!« sagte Pyecroft heiter. »Das ist noch nicht alles. Weder die Testamentsvollstrecker, noch der Nachlaßrichter hatten seit Adams Zeiten etwas von Ihnen gehört, und die Anwaltschaft von Sacramento, die einen guten Spaß witterte, duckte sich und schwieg still. Dann sagte der alte Esel von einem Richter, da Sie ein Jurist, ein Mann in reiferen Jahren und ein Freund der Familie zu sein schienen, seien Sie hervorragend geeignet und sollten Mitteilung erhalten – Sie kennen seinen hochtrabenden Stil. Niemand sagt ein Wort. So wird also das Nächste, wovon Sie hören, ein Brief von jenem Testamentsvollstrecker sein, der Sie ersucht, nach diesem Schäfchen zu sehen. Ha! Ha! Die Jungens sagten, sie könnten sich lebhaft vorstellen, wie Sie mit einem zehnjährigen Mädchen an der Hand dahertrabten, Senorita Dolores oder Fräulein Bellamont als Zuschauerin! Oder wie Sie eines Abends von einer Partie Poker zu dem Kinde weggerufen würden und sängen: Wächter, lieb Wächter, komm' jetzt mit mir heim, die Uhr in dem Kirchturm, die schlägt Glocker ein'! Und denken Sie sich den närrischen alten Richter, der Sie nicht kennt! Ha! ha!« Das Studium der Gesichtszüge des Obersten während dieser Rede würde selbst einen besseren Physiognomiker als Herrn Pyecroft verblüfft haben. Sein erster erstaunter Blick wich der Purpurrote der Verwirrung, der ein einziges kurzes silenartiges Kichern folgte, das sich jedoch rasch wieder in eherne Entrüstung verwandelte und, als Pyecrofts Lachen andauerte, in bleiche Kälte auslief, in der einzig und allein seine dunkeln Augen auszudrücken schienen, was von seiner vorherigen hochgradigen Erregung übrig geblieben war. Aber was noch eigentümlicher war, trotz seiner erzwungenen Ruhe schien ihn etwas von seiner gewohnten altmodischen Feierlichkeit und rednerischen Erhabenheit anzukommen, als er seine Hand auf seine geschwellte Brust legte und Pyecroft gegenübertrat. »Die Unwissenheit des Testamentsvollstreckers der Frau Stannard und des – äh – Nachlaßrichters,« begann er langsam, »mag verzeihlich sein, Herr Pyecroft, da Se. Ehren zugleich bemerkten, daß ich, wiewohl ihm persönlich unbekannt, doch wenigstens amicus curiae dieser Frage der – äh – Vormundschaft bin. Aber ich bin bekümmert – ich möchte in der Tat sagen: verletzt – Herr Pyecroft, daß das – äh – letzte heilige Pfand einer sterbenden Witwe – vielleicht das heiligste Pfand, das von Menschen empfangen werden kann – die Pflege und Wohlfahrt ihrer hilflosen, verwaisten Tochter, von Ihnen, mein Herr, und den Mitgliedern der Anwaltschaft zu Sacramento zum Gegenstand des Spottes gemacht wird! Ich werde, mein Herr, nicht auf meine eigenen Gefühle gegenüber Dick Stannard anspielen, der einer meiner liebsten Freunde war,« fuhr der Oberst mit vor Erregung bebender Stimme fort, »aber ich kann kein edleres, auf dem Altar der Freundschaft niedergelegtes Pfand erhalten als die Pflege und Leitung seiner verwaisten Tochter! Und wenn, wie Sie mir sagen, die äußerst unzureichende Summe von dreitausend Dollar alles ist, was ihr zum Lebensunterhalt hinterlassen ist, so sollte die Ernennung eines Vormundes, der der Familie hinreichend ergeben ist, um dieses Bißchen von Zeit zu Zeit bereitwillig aus seinen eigenen Mitteln zu ergänzen, von größter Wichtigkeit scheinen.« Bevor Pyecroft sich von seinem Erstaunen erholen konnte, lehnte sich Oberst Starbottle in seinen Stuhl zurück, schloß seine Augen halb und überließ sich ganz nach seiner alten Art einer seiner träumerischen Erinnerungen. »Armer Dick Stannard! Lebhaft erinnere ich mich, mein Herr, wie ich in New Orleans Anno Vierundfünfzig mit ihm ausfuhr, und er sagte: ›Star‹ – der einzige Mann, mein Herr, der je meinen Namen abkürzen durfte – ›Star, wenn mir oder ihr irgend etwas zustoßt, sieh nach unserm Kinde!‹ – Es geschah während der nämlichen Fahrt, mein Herr, daß er, weil er unvorsichtigerweise verabsäumte, sich gegen das Sumpffieber durch ein Glas reinen Bourbons mit einem Löffel voll Chinin zu sichern, jenes Fieber bekam, das seine Gesundheit untergrub. Danke, Herr Pyecroft, daß Sie mich – äh – an den Umstand erinnert haben. Ich bin,« fuhr der Oberst fort, indem er plötzlich das Gebiet der Erinnerungen verließ, sich aufrecht hinsetzte und seine Papiere in Ordnung brachte, »mit großem Interesse des – äh – Briefs von dem Testamentsvollstrecker gewärtig.« Am nächsten Tage verlautete allgemein, daß Oberst Starbottle vom Nachlaßrichter in Sacramento zum Vormund von Pansy Stannard ernannt worden sei. Es werden zwei bestimmte Darstellungen von Oberst Starbottles erstem Zusammentreffen mit seinem Mündel nach seiner Bestallung als ihr Vormund berichtet. Die eine, die von ihm selbst stammte und von Zeit zu Zeit ein wenig abweichend lautete, doch stets unwandelbar der Anmut, Schönheit und den einzigartigen Vorzügen dieses offensichtlich begabten Kindes huldigte, zeichnete sich gleichwohl mehr durch unbestimmte, traumhafte Erinnerungen an die verewigten Eltern als durch irgendwelche persönliche Bezugnahme auf die Tochter aus. »Ich fand die junge Dame, mein Herr,« bemerkte er gegen Pyecroft, »von – äh – Gestalt und Gesicht das Ebenbild meines geliebten Freundes Stannard, und wenn ich auch ihre verewigte Mutter – äh – nicht persönlich kannte – die, mein Herr, einer der ersten virginischen Familien angehörte, so höre ich doch, daß sie ihr – äh – merkwürdig ähnlich sieht. Fräulein Stannard ist zur Zeit Schülerin einer der besten Erziehungsanstalten in Santa Clara, wo sie unter meiner persönlichen Aufsicht die gründlichste Unterweisung in – äh – den englischen Klassikern, ausländischer Belletristik, Stickerei, Harfenspiel und – äh – im Gebrauch des – äh – Globus, und – äh – in guter Haltung erhält. Die Vorsteherin der Schule, Fräulein Eudoxia Tish – in Gemeinschaft mit – äh – äh – Fräulein Prinkwell – ist ein – äh – merkwürdig begabtes Frauenzimmer, und da ich einer Übungsstunde anwohnte, nahm ich die Gelegenheit wahr, ihrer Vortrefflichkeit in einer – äh – kurzen Ansprache zu erwähnen, die ich an die jungen Damen richtete.« Von derartigen glänzenden aber unbefriedigenden Allgemeinheiten wende ich mich lieber zu dem wirklichen Zusammentreffen, wie ich es von zeitgenössischen Zeugen erfahren habe. Es war an einem der gewöhnlichen wolkenlosen, blendendhellen kalifornischen Sommertage, der nur ein wenig durch die scharfen Nordwestpassate gemildert worden, als Fräulein Tish, die aus ihrem Fenster auf den rosenumrankten Zugang zur Anstalt blickte, eine ungewöhnliche Erscheinung die Anfahrt entlang kommen sah. Es war die eines Mannes, der die Lebensmitte zwar ein bißchen überschritten hatte, aber doch aufrecht und vergnügt war und dessen Anzug an die alten Aquarellbildnisse aus ihrer eigenen Jugendzeit gemahnte. Sein festgeknüpfter blauer Frack mit vergoldeten Knöpfen war über der Brust weit genug geöffnet, um einem Faltenhemd, einer schwarzen Halsbinde und einer Nankingweste Raum zu gewähren, und seine fleckenlos weißen Beinkleider waren fesch über seinen fesch lackierten Stiefeln aufgekrempelt. Ein glockenförmiger weißer Hut, den er in der Hand trug, um sich die Stirn mit einem seidenen Taschentuch abwischen zu können, vervollständigte den seltsamen Aufzug. Ihm folgte, wenige Schritte hinterdrein, ein Neger, der einen ungeheuren Blumenstrauß und eine Anzahl kleiner mit Bändern verschnürter Schachteln und Pakete trug. Als die Gestalt vor der Tür halt machte, schnappte Fräulein Tish nach Luft und warf einen schnellen bändigenden Blick über das Klassenzimmer. Doch es war schon zu spät; ein Dutzend blauer, schwarzer, offener, forschender oder mutwilliger Augenpaare tänzelte und schielte bereits durch das Fenster nach dem bizarren Fremden. »Ein Niggersänger aus einem Zirkus, so wahr wie Sie leben!« sagte die neunjährige Marie Frost in erregtem Flüstertone. »Nein! – ein Reisender vom ›Emporium‹ Das große Warenhaus in San Francisco. Anm. d. Übers. mit Mustern,« entgegnete das vierzehnjährige Fräulein Briggs. »Meine jungen Damen, kümmern Sie sich um Ihre Aufgaben,« sagte Fräulein Tish, als die Dienerin eine Karte brachte. Fräulein Tish sah einigermaßen nervös darauf und las für sich den gestochenen Namen »Oberst Culpepper Starbottle« und darunter mit Bleistift: »Um Fräulein Pansy Stannard mit Bewilligung von Fräulein Tish zu besuchen.« Fräulein Tish erhob sich in einiger Verwirrung, vertraute die Klasse einer Gehilfin an und ging nach dem Empfangszimmer hinunter. Sie hatte Pansys Vormund nie zuvor gesehen (der Testamentsvollstrecker hatte das Kind hergebracht); und diese außergewöhnliche Erscheinung, deren Besuch sie nicht ablehnen durfte, schien ganz dazu angetan, die Schulordnung auf den Kopf zu stellen. Eine möglichst förmliche Haltung annehmend, öffnete sie daher die Tür des Empfangszimmers und trat hoheitsvoll ein. Aber zu ihrem höchsten Erstaunen trat ihr der Oberst mit einer so prächtigen, so feierlichen und so stolzen Verneigung entgegen, daß sie entwaffnet und sprachlos innehielt. »Ich brauche nicht zu fragen, ob ich zu Fräulein Tish spreche,« sagte der Oberst hoheitsvoll, »denn ohne das Vergnügen – äh – vorheriger Bekanntschaft kann ich sofort die – äh – Oberin und – äh – châtelaine dieser – äh – Anstalt erkennen,« Fräulein Tish ließ hier ein Hüsteln hören und knickste verlegen, als der Oberst seine weiße Hand gegen die von seinem Begleiter getragene Bürde schwenkte und leichteren Tones fortfuhr: »Ich habe – äh – einige Spielsachen und andre Kleinigkeiten für mein Mündel mitgebracht – selbstverständlich vorbehaltlich Ihrer gütigen Einwilligung. Darunter sind einige – äh – Leckerbissen, ohne jeden schädlichen Bestandteil, wie mir mitgeteilt wurde – eine Schärpe – ein oder zwei Bänder für das Haar, Handschuhe und ein Blumenstrauß – aus dem sie, wie ich überzeugt bin, Ihnen mit ebensoviel Vergnügen wie ich selbst die Ihrem Geschmack zusagenden Blüten zur Auswahl anbieten wird. – Junge, du kannst die Sachen ablegen und dich entfernen!« »Augenblicklich,« stammelte Fräulein Tish, »ist Fräulein Stannard mit ihren Aufgaben beschäftigt. Aber – « Sie hielt wieder hoffungslos inne. »Verstehe,« sagte der Oberst mit einer Miene scherzender, poetischer Erinnerung, »– ihre Aufgaben! Gewiß! Wir wollen – äh – auf die Plätze geh'n, Wir wollen recht vergnügt ausseh'n, Wir wollen unsre Aufgaben Langsam und deutlich aufsagen. »Gewiß! Nicht um die Welt mochte ich sie darin stören; bis sie fertig sind, wollen wir – äh – durch die Klassenzimmer gehen und Besichtigung abhalten...« »Nein! nein!« unterbrach ihn die erschrockene Vorsteherin, die eine fürchterliche Vorahnung der grauenhaften Wirkung hatte, die das Erscheinen des Obersten auf die Klasse hervorbringen würde. »Nein! – das heißt – ich meine – unsre Vorschriften verbieten das – außer an den Tagen der öffentlichen Prüfung...« »Kein Wort weiter, meine verehrte Gnädigste,« sagte der Oberst höflich, »Bis sie frei hat, will ich draußen in den – äh – akademischen Lustgärten auf und ab wandeln.« Aber Fräulein Tish, die die Ablenkung, die hier von den Klassenfenstern drohen würde, nicht minder fürchtete, nahm sich gewaltsam zusammen, »Bitte, warten Sie einen Augenblick,« sagte sie eilig, »ich werde sie herunterbringen.« Und ehe ihr der Oberst höflich die Tür offnen konnte, war sie entflohen. In glücklicher Unwissenheit über das Aufsehen, das er erregt hatte, saß Oberst Starbottle selbst auf dem Sofa, die weißen Hände leicht auf seinen Stock mit dem Goldknopf gelegt. Ein- oder zweimal öffnete sich die Tür hinter ihm und schloß sich ruhig wieder, was ihn kaum störte; oder sie öffnete sich wiederum unter den Worten: »O entschuldigen Sie, bitte,« und dem kurzen Blick eines blondzopfigen oder eines schwarzen Krauskopfs – denen der Oberst allen zunickte, während er sich sogar später bei der Erscheinung einer größeren, schon erwachsenen jungen Dame und ihrem gezierteren: »Wirklich, ich bitte Sie um Entschuldigung!« erhob. Der einzige Erfolg dieser offenkundigen Neugier war eine kleine Veränderung der Haltung des Obersten, so daß er die eine Hand in seinen Busen zu stecken vermochte – seine Lieblingsstellung. Doch nunmehr vernahm er eine lebhaftere Bewegung auf dem Hausflur, das Geräusch einer Drängelei und eine hohe jugendliche Stimme, die sagte: »Ich will's nicht und ich tu's nicht!« Dann ging die Tür auf, in der für einen Augenblick Fräulein Tish erschien, die eine kleine Hand und die Hälfte eines schwarz bebänderten Arms in die Stube zog und schleunigst wieder verschwand, indem sie offenbar von der kleinen Hand und dem Arm zurückgezogen wurde. Nach einer geraumen Weile vernahm er eine flüsternde Beratung draußen, und dann erschien wieder Fräulein Tish in ihrer Hoheit, verstärkt und unterstützt durch die Gegenwart ihrer unnahbaren Teilhaberin, Fräulein Prinkwell. »Dieser – eh – unerwartete Besuch,« begann Fräulein Tish, »der nicht vorher brieflich verabredet worden...« »...wie es feststehende Vorschrift in unsrer Anstalt ist...« (ergänzte Fräulein Prinkwell) »...und der Umstand, daß Sie uns persönlich unbekannt sind ...« (fuhr Fräulein Tish fort) »...eine Unbekanntschaft, die sich auf das Kind erstreckt, das eine Abneigung gegen eine Unterredung mit Ihnen zur Schau trägt...« (fiel Fräulein Prinkwell wie die Gemeinde beim Wechselgesang ein) »...nötigt uns zu unserm größten Leidwesen...« Hier brachen sie kurz ab, denn Oberst Starbottle, der sich bei ihrem Eintritt mit einer tiefen Verbeugung erhoben hatte und stehengeblieben war, ging nunmehr ruhig auf sie zu. Seine gewöhnliche kräftige Farbe war verschwunden, ausgenommen von seinen Augen, aber seine hochtrabende Art war noch ausgeprägter, wozu obendrein noch eine schreckliche Bestimmtheit kam: »Ich glaube – äh – ich hatte – die Ähre – meine Karte hinaufzusenden!« (In seinen erhabensten Augenblicken war die südliche Aussprache des Obersten stets unverkennbar.) »Ich mag mich – äh – irren – aber – äh – das ist mein Eindruck.« Der Oberst schwieg und legte seine Rechte, einem Standbild ähnlich, auf sein Herz. Die beiden Frauenzimmer zitterten – Fräulein Tish kam es vor, als ob sich selbst die Hemdkrause des Obersten hoheitsvoll aufrichte – als sie wie mit einer Stimme stammelten: »Ja – a – a!« »Diese Karte enthielt meinen vollen Namen – mit dem Ersuchen, mein Mündel – Fräulein Stannard, besuchen zu dürfen,« fuhr der Oberst langsam fort. »Ich glaube, das ist der Tatbestand.« »Gewiß! Gewiß!« hauchten die Frauenzimmer schwach. »Dann darf ich äh – Ihnen klarmachen, daß ich – äh – warte ?« Wiewohl nichts die peinliche Einfachheit und die heitere Milde der Auslassungen des Obersten übertreffen konnte, wurden offenbar seine beiden Zuhörerinnen aufs äußerste dadurch entmutigt – Fräulein Prinkwell schien mit dem Tapetenmuster zu verschwimmen, Fräulein Tish untertänigst zusammenzusinken, gleich einer blassen Wachskerze, die unter den Strahlen des Sonnenbrandes dahinschmilzt. »Wir werden sie augenblicklich bringen. Tausendmal um Vergebung, mein Herr.« brachten sie im gleichen Atem hervor, indem sie sich gegen die Tür zurückzogen. Aber hier wurde das Unerwartete Ereignis. Von den dreien während der Unterredung nicht bemerkt, hatte eine kleine schwarz gekleidete Gestalt durch die Tür geguckt und war dann ins Zimmer geglitten. Es war ein ungefähr zehn Jahre altes Mädchen, das, ganz aufrichtig gesagt, kaum hübsch genannt werden konnte, wiewohl die ungeschlachten Wachsjahre noch nicht die zarten Linien ihrer Hände und Füße oder die Schönheit ihrer braunen Augen zerstört hatte. Diese waren gerade jetzt staunend aufgerissen und abwechselnd auf den Oberst und die beiden Frauenzimmer gerichtet. Aber gleich manchen andern staunend aufgerissenen Augen hatten sie die volle Bedeutung der Lage mit einer Schnelligkeit erfaßt, die die Erwachsenen ihnen zuzutrauen nicht geneigt sind. Sie sahen die vollständige und gänzliche Unterwerfung der beiden obersten Selbstherrscherinnen der Schule und waren, ich sage es mit Bedauern, voll von heimlicher Freude. Aber der Zuschauer sah nichts hiervon; die staunend aufgerissenen Augen, noch von den frischen Tränen des Widerstands gerötet, schauten nur groß und unschuldsvoll leuchtend darein. Die Erleichterung, die die beiden Frauenzimmer empfanden, war ebenso plötzlich als ungeheuchelt. »O, hier bist du endlich, Liebste!« sagte Fräulein Tish eifrig. »Dies ist dein Vormund, Oberst Starbottle. Komm her zu ihm, Lieb!« Und sie nahm das Kind bei der Hand, das in einer seltsamen Mischung von Verschämtheit und Widerwillen gegen die Bevormundung zögerte, als die Stimme Oberst Starbottles mit der gewohnten tödlich kalten Bestimmtheit sagten »Ich – äh – will – allein mit ihr sprechen.« Die aufgerissenen Augen erblickten wiederum den völligen Zusammenbruch der Autorität, als die beiden Frauenzimmer vor der Stimme zurückbebten und schleunigst sagten: »Gewiß, Herr Oberst; vielleicht ist es so besser,« und ruhmlos das Zimmer verließen. Aber der Triumph des Obersten war zunächst nicht ungetrübt. Er war allein mit einem einfachen Kind, eine noch nicht dagewesene unerhörte Lage, die ihn verlegen und – sprachlos machte. Selbst seine Eitelkeit ward sich bewußt, daß seine rednerischen Wendungen, seine Künste, seine ganze Haltung hier machtlos waren. Der Schweiß stand ihm auf der Stirne; er blickte die Kleine unbestimmt an und versuchte ein schwaches Lächeln. Das Kind sah seine Verwirrung, ebenso wie es seinen Triumph gesehen und begriffen hatte, und das kleine Weib in ihm frohlockte. Sie legte ihr Händchen auf ihr Kleid und drückte sie mit abwärts und auswärts gewendeten Fingern über die Hüften zu ihren gebogenen Knieen hinab, bis sie ihr Kleid vorn und hinten zu ungemeiner Fülle gespannt hatte, als ob sie einen Knicks machen wolle, schnellte dann auf und rief lachend: »Sie haben's getan! Hurra!« »Was getan?« fragte der Oberst vergnügt, aber verständnislos. »Sie gejagt! – die zwei alten Katzen! Sie aus ihren Pantoffeln gejagt: O jemine! Nie, nie, nie waren sie je so verdonnert! Nie, seit sie die Schule halten, mußten sie so davonschleichen! Sie waren schon verdonnert genug, gleich als Sie kamen, aber jetzt erst – ! Herrje! Sie wollten Sie mich nicht besuchen lassen – aber sie mußten! mußten! mußten !« Und sie verstärkte jede Wiederholung durch einen Hopser. »Ich glaube – äh – « sagte der Oberst sanft, »ich – äh – deutete mit einiger Festigkeit an – .« »Das ist's ja eben!« unterbrach ihn das Kind entzückt. »Sie – Sie kriegten sie unter!« »Was?« » Kriegten sie unter ! Verstehen Sie nicht? Die beiden sind immer so majestätisch! So etwa: ›Nicht anfassen! Meine Mutter ist ein Engel; mein Vater ist ein König‹ – lauter solches Zeug. Sie machten so« – sie pflanzte sich in getreuer Nachahmung des hoheitsvollen Eintritts der beiden Frauenzimmer auf – »und dann,« fuhr sie fort, »machten Sie – Sie so – « Damit hob sie ihr Kinn, schwellte ihre kleine Brust und schritt auf den Obersten zu, indem sie sein großspuriges Wesen unverkennbar nachmachte. Ein kurzes, sonores Lachen entfuhr ihm, wiewohl im nächsten Augenblick sein Gesicht wieder ernsthaft war. Aber Pansy hatte sich unterdessen seines Rockärmels bemächtigt und rieb ihre Backe daran wie ein junges Füllen. Da unterlag der Oberst unrühmlich und setzte sich aufs Sofa, während das Kind neben ihm stand, sich an ihn lehnte und mit den Händchen seine Frackaufschläge anfaßte, die es über seiner Brust zuzuknöpfen versuchte, wobei es ihm in die dunklen Augen blickte. »Die andern Mädchen sagten,« fing sie an, indem sie an dem Knopf zerrte, »Sie seien aus dem ›Zirkuß‹« – wieder ein Zerren – »›ein Niggersänger‹« – ein drittes Zerren – »›ein Reisender mit Mustern‹ – aber das war alles, was sie wußten!« »Ach,« sagte der Oberst mit übertriebener Sanftmut, »und – äh – was – äh – sagtest denn du ?« Das Kind lächelte. »Ich sagte, Sie seien ein ausgestopfter Esel – aber das war, ehe ich Sie kannte. Ich war auch ein bißchen verdonnert; aber jetzt « – es gelang ihr endlich, den Rock zuzuknöpfen und den Obersten reif für einen Schlaganfall zu machen – » jetzt bin ich kein bißchen erschreckt – nein, nicht ein winziges bißchen! Aber,« fügte sie nach einer Pause hinzu, indem sie den Rock wieder aufknöpfte und die Aufschläge zwischen den Fingern glättete, »Sie müssen sie in Schrecken halten, die alten Katzen – merken Sie sich's! Scheren Sie sich nicht um die andern Mädchen! Ich werd's ihnen schon sagen.« Der Oberst würde eine Welt dafür gegeben haben, wenn es ihm möglich gewesen wäre, sich zu einer würdigen Haltung nebst geziemender sprachlicher Ausdrucksweise aufzuraffen. Nicht daß seine Eitelkeit durch diese unverantwortlichen Ausdrücke irgendwie verletzt worden wäre, die vielmehr lediglich ein belustigtes Staunen hervorriefen, aber er empfand ein gewisses Behagen bei den traulichen Liebkosungen des Kindes, und ihr vollkommenes Vertrauen zu ihm rührte seine ritterliche Gesinnung. Er mußte sie in seinen Schutz und doch auch in seine Zucht nehmen. Im Vollbewußtsein dieser Pflichten legte er seine weiße Hand auf ihren Kopf. O wehe! Sie hob ihren Arm und legte alsbald seine Hand und einen Teil seines Arms um ihren Hals und ihre Schultern und schmiegte sich zutraulich an ihn. Der Oberst seufzte. Immerhin mußte etwas gesagt werden, und, obwohl etwas in der Auslassung behindert, hob er an: »Der – äh – Gebrauch einer eleganten und klaren Sprache kann von – ah – jungen Damen nicht eifrig genug gepflegt werden – « Doch hier lachte das Kind, drängte sich noch enger an ihn und gluckste: »So ist's recht! Geben Sie es ihr, wenn sie herunter kommt! Das ist die Manier!« und der Oberst schwieg überwunden. Trotzdem fühlte er eine gewisse wohltuende Wärme bei der Berührung dieser kleinen an ihn geschmiegten Gestalt. Nunmehr fing er versuchsweise wieder an: »Ich habe dir – äh – einige Leckereien mitgebracht.« »Ja,« sagte Pansy, »ich sehe es; aber sie sind aus dem falschen Laden, Sie lieber alter Dummerian! Sie sind von Tomkins, und wir Mädchen mögen diese Sachen gar nicht. Sie hätten zu Emmons gehen sollen. Macht nichts. Ich werd's Ihnen zeigen, wenn mir ausgehen. Wir gehen doch aus, nicht?« sagte sie plötzlich und hob den Kopf begierig. »Sie wissen doch, 's ist erlaubt, und Eltern und Vormünder haben ein Anrecht darauf!« »Gewiß, gewiß,« sagte der Oberst. Er wußte, er würde sich in der freien Luft ein bißchen weniger beengt fühlen. »Dann wollen wir jetzt gleich gehen,« sagte Pansy und sprang auf. »Ich will nur eben hinauflaufen und meine Sachen anziehen. Ich werde sagen, Sie hätten's ›befohlen‹. Und ich werde meinen neuen Rock tragen – er ist länger.« (Der Oberst war hierdurch etwas getröstet: es war ihm, als dem Vormund, erschienen, als seien Pansys schwarze Strümpfe ungewöhnlich weit hinauf zu sehen.) »Warten Sie hier; ich bleibe nicht lange.« Sie schoß nach der Tür, machte aber davor auf einmal halt, kehrte nach dem Sofa zurück, wo der Oberst noch saß, drückte einen flüchtigen Kuß auf seine sommersprossige Wange und entfloh, indem sie ihn in einen Duft hüllte, der sich aus frisch gebügeltem Musselin, immergrünen Rauten und jüngst genossenem Butterbrot zusammensetzte. Er saß noch einige Zeit ruhig da und starrte zum Fenster hinaus. Es war sehr still im Zimmer; eine Hummel flog von dem Jasmin draußen ins offene Fenster und surrte laut gegen die Scheiben. Aber der Oberst achtete nicht darauf, und er blieb vertieft und still, bis sich die Tür vor Fräulein Tish und Pansy auftat, die ihren besten Rock und ihre beste Schärpe anhatte. Nunmehr fuhr der Oberst auf und nahm wieder seine aufrechte, höfliche Haltung ein. »Ich stehe im Begriff, mein Mündel auszuführen,« sagte er bestimmt, »um – äh – die Luft in der Alameda zu kosten und – äh – die Läden zu besuchen. Wir dürften uns – äh – auch einige kleine geeignete Erfrischungen – äh – zu Gemüte führen; äh – Kümmelkuchen – oder ein Butterbrot – und – eine Tasse Tee.« Fräulein Tish, die jetzt vollständig unterjocht war, bewilligte Fräulein Stannard den in solchen Fällen zulässigen halben Tag Urlaub mit Kußhand. Sie bat den Oberst, ganz nach seinem Belieben zu verfahren, und überantwortete »das liebe Kind« seinem Vormund »mit dem größten Vertrauen«. Der Oberst machte eine tiefe Verbeugung, und Pansy, die sittsam ihre Hand in die seine schob, ging mit ihm auf den Flur. Dann vernahm man ein leises Rauschen verschwindender Röcke, und Pansy drückte seine Hand bedeutungsvoll. Als sie richtig draußen waren, sagte sie leiser: »Schauen Sie nicht hinauf, bis wir unter den Fenstern des Turnsaals sind!« Der Oberst, der erstaunt, aber gehorsam war, stolzierte weiter, »So jetzt!« sagte Pansy. Er blickte hinauf, sah die Fenster von hellen jungen Gesichtern leuchten, verwunderte sich über das Wehen vieler Taschentücher und lebhaftes Händeklatschen, machte halt, nahm den Hut ab und beantwortete die Begrüßung mit einem Kratzfuß, Pansy war entzückt. »Ich wußte, daß sie da sein würden; ich hatte es ihnen schon gesteckt. Sie brennen jetzt drauf, Sie kennen zu lernen.« Der Oberst empfand ein helles Vergnügen. »Ich – äh – hatte bereits angedeutet, daß ich – äh – geneigt wäre, die Klassen – äh – zu besuchen; aber ich – äh – verstand, daß die Vorschriften...« »Die dummen alten Vorschriften!« unterbrach ihn das Kind. »Die Tish und die Prinkwell sind die Vorschriften! Jetzt sagen Sie erst recht, daß Sie wollen ! Kriegen Sie sie nur gehörig unter!« Der Oberst hatte die unbestimmte Empfindung, daß er sowohl den Geist als die Sprache dieser aufrührerischen Rede unterdrücken sollte, aber Pansy zog ihn weiter und überschwemmte ihn dann völlig mit einem Sturzbach von Geplauder über die Schule, ihre Freundinnen, die Lehrer, ihr Leben und seine zahllosen kleinen Leiden und Freuden. Pansy war unerschöpflich; nie zuvor hatte der Oberst sich zu der Rolle eines stillen Zuhörers verurteilt gesehen. Trotzdem gefiel es ihm, und als sie im Schatten der Alameda weiter gingen und Pansy abwechselnd sich an seiner Hand schwang und neben ihm her hopste, lag der Anflug eines Lächelns der Befriedigung auf seinem Gesicht. Vorübergehende wandten sich, um hinter diesem seltsam gesellten Paare dreinzuschauen, oder lächelten, indem sie es, wie der Oberst annahm, für Vater und Tochter hielten. Eine merkwürdige Empfindung, halb schmerzlich und halb froh, griff ans Herz des ledigen, kinderlosen Mannes. Und als sie sich jetzt den belebteren Verkehrsadern näherten, regte sich das unwillkürliche Gefühl des ritterlichen Beschützers lebhaft in seiner Brust. Er steuerte die Kleine gewandt, und vergnügt paßte er seinen eigenen Schritt ihren Sprüngen an; er hob sie mit peinlicher Höflichkeit über Hindernisse, und indem er auf den belebten Bürgersteigen neben ihr ging, bahnte er ihr mit geschwungenem Stock den Weg. Die ganze Zeit über hatte er die leichte Beweglichkeit ihres Kopfes und ihrer Schultern und vor allem ihrer kleinen, schlanken Füße und Hände bewundert, die seinem verwöhnten Geschmack ihre Rasse verriet. »Lieber Gott,« murmelte er bei sich selbst, »sie ist durch und durch ›Blaugras‹«. Das »Blaugras«-Land ist Kentucky. Anm. d. Übers. Der Bewunderung gesellte sich Stolz mit einer kleinen Beimischung von Eigentumsgefühl. Wenn sie in einen Laden kamen, was, dank der geriebenen Pansy, recht oft vorkam, pflegte er sie mit einer Handbewegung und der Bemerkung vorzustellen: »Ich – äh – suche heute nichts, aber wenn Sie so gut sein wollen – äh – mein Mündel , Fräulein Stannard, zu bedienen!« Später, als sie in der Konditorei einkehrten, und Pansy sich freimütig für »Eiscreme und Cremekuchen« erklärte, anstatt der »Tasse Tee mit Butterbrot«, die er getreu seinem Versprechen bestellt hatte, nahm er den Tee heldenmütig selbst zu sich – um seine Ehre zu wahren. Tatsächlich kenne ich keine erhabenere Gestalt als Oberst Starbottle – der, aus einem langen Kampf wider die Begierde nach einem »Cocktail« als Sieger hervorgegangen, das vernichtende Bewußtsein hatte, wie lächerlich seine Erscheinung jedem seiner alten Gefährten, der ihn etwa erblickte, vorkommen müßte – wie er an einem Tischchen neben seiner kleinen Tyrannin lauwarmen Tee trank und mit Todesverachtung an seinem Butterbrot knabberte. Und diese Herrschaft über den Hilflosen dauerte auch auf dem Heimweg an. Wenn Fräulein Pansy schon nicht mehr von sich sprach, drangsalierte sie ihn darum nicht weniger mit Fragen nach des Obersten Gepflogenheiten, Lebensweise, Freunden und Bekannten, wobei sie zum Glück ihre auf ihr eigenes Geschlecht bezüglichen Fragen auf »alle kleinen Mädchen, die er kenne«, beschränkte. Durch dieses entlastende Eigenschaftswort gerettet, erblickte der Oberst hier eine Gelegenheit, seine hintangesetzten erzieherischen Pflichten wie auch seine lebhafte Einbildungskraft walten zu lassen. Demgemäß entwarf er künstliche Bildnisse von unmöglichen Kindern, die er gekannt habe – Geschöpfen von peinlicher Sorgfalt in ihrer Ausdrucksweise und Kleidung, ohne Neigung für Spiel und Naschwerk, ganz ihren Aufgaben und Pflichten ergeben und auch sonst, nach Pansys eigenen Worten, »im höchsten Grade widerlich!« Als »Töchter seiner ältesten und liebsten Freunde« hätten sie vielleicht Pansys kindliche Eifersucht erregen können, hätte nicht ein merkwürdiger Umstand gefügt, daß sie alle längst durch Heiraten mit Senatoren, Richtern und Generalen – die auch Bekannte des Obersten waren – belohnt worden wären. Diese zeitliche Entfernung beeinträchtigte ihre vorbildliche Wirkung einigermaßen, und der Oberst nahm gedemütigt, wenn schon nicht völlig verdrossen wahr, daß ihre erstaunlichen Tugenden Pansys gefräßige Gier nach Süßigkeiten, ihre rastlosen Sprünge und ihre freie Sprache nicht beeinträchtigten. Der Oberst war voller Reue – doch glücklich. Als sie die Anstalt wieder erreichten, zog sich Pansy mit ihren verschiedenen Einkäufen zurück, erschien aber nach einiger Zeit wieder mit Fräulein Tish. »Ich entsinne mich,« begann die Dame zögernd, indem sie unter dem bezaubernden Eindruck der tiefen Verneigung des Obersten erschauerte, »daß Sie darauf erpicht waren, die Schule zu besichtigen, und wenn es auch nicht gleich möglich war, so wird es mir ein Vergnügen sein, Sie jetzt durch eins der Klassenzimmer zu führen.« Der Oberst, der Pansy ansah, ward zunächst durch eine Verzerrung ihrer einen Gesichtshälfte geärgert, die jedoch in ein Zwinkern ihrer unschuldsvollen braunen Augen auszulaufen schien, er faßte sich aber und gab höflich seinem Danke Ausdruck. Im nächsten Augenblick stieg er an der Seite von Fräulein Tish die Treppe hinauf, wobei er den bestimmten Eindruck hatte, von Pansy, die dicht dahinter folgte, in die Wade gekniffen zu werden. Es war Freizeit, aber das große Klassenzimmer war gesteckt voll von Zöglingen, worunter viele ältere und recht hübsche Mädchen waren, hierhin, wie sich nachher ergab, durch Pansy verlockt, die damit ein frühreifes Verständnis für den Geschmack ihres Vormunds bewies. Die entschuldigende, aber höfliche Verbeugung, die der Oberst beim Eintritt machte, und seine stattliche, altmodische Eleganz lenkte alsbald ihre entzückte Aufmerksamkeit auf sich. In der Tat wäre alles gut abgelaufen, hätte nicht Fräulein Prinkwell in der Absicht, auf den Oberst einen nicht minder großen Eindruck als ihre Zöglinge zu machen, ihn großartig als »einen hervorragenden Juristen, von tiefem Interesse für das Erziehungswesen erfüllt, zugleich Vormund ihrer Mitschülerin« vorgestellt. Diese Gelegenheit konnte sich Oberst Starbottle nicht entgehen lassen. Er stieg zu dem Pult der erstaunten Vorsteherin hinauf, legte die Fingerspitzen graziös darauf, machte ihr eine einleitende Verbeugung, steckte die andre Hand in den Busen und begann mit einem andächtigen Blick nach der Zimmerdecke seine Rede. Es war in solchen Fällen die Gepflogenheit des Obersten, zuerst mit großer Sorgfalt und Genauigkeit die Dinge festzustellen, die er »nicht sagen wollte«, die er »nicht zu sagen brauche «, und auf die auch nur anzuspielen offenbar vollständig unnötig sei. Es war daher nicht zu verwundern, daß der Oberst seinen Zuhörern mitteilte, daß er nicht zu sagen brauche, wie er seine augenblickliche Auszeichnung unter die höchsten rechne, die ihm je zu teil geworden seien; denn abgesehen von der Auszeichnung, vor sich den Sternhimmel jugendlicher Begabung und Vortrefflichkeit erblicken zu dürfen, abgesehen von der Auszeichnung, von einem Kranze der Blüten der Schule in all ihrer Frische und Schönheit umrankt sein zu dürfen, sei er sich wohl bewußt, daß er die noch größere Auszeichnung genieße – äh – in loco parentis zu einer dieser Blüten zu stehen. Es komme ihm nicht zu, auf die hohe Pflicht anzuspielen, die ihm durch einen – äh – verewigten, geliebten Freund und durch die Tochter einer der ersten virginischen Familien auferlegt worden, neben jemand, der fühlen müsse, daß er gleich hohe Pflichten zu erfüllen habe (hier schwieg der Oberst und blickte wie ein Standbild auf das beunruhigte Fräulein Prinkwell, als wenn er daran zweifle), aber er wolle sagen, daß es seine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit sein werde, für die Rechte der Verwaisten und Unschuldigen zu kämpfen, wann und wo sich Anlaß dazu biete, gegen jede Übermacht und sogar mißleiteter Autorität ins Angesicht! (Nachdem er von der Annahme, daß Fräulein Prinkwell einen Angriff auf diese Rechte beabsichtige, Abstand genommen, wurde der Oberst milder und heiterer,) Er würdige durchaus ihr hohes und edles Amt; er erblicke in ihr die würdige Nachfolgerin jener beiden berühmten athenischen Erzieherinnen – jener griechischen Damen – äh – deren Namen seinem Gedächtnis entfallen seien, die aber – äh – Fräulein Prinkwell zweifellos mit Vergnügen ihren Schülerinnen ins Gedächtnis rufen und von deren Leben sie ihnen einiges erzählen werde, (Fräulein Prinkwell errötete; sie hatte nie zuvor von ihnen gehört, und sogar das Entzücken der Klasse über den Triumph des Obersten wurde durch diese Aussicht, mehr von ihnen zu erfahren, ein wenig gedämpft.) Aber der Oberst war nur zu befriedigt, vor sich diese strahlenden und anmutigen Gesichter zu sehen, die bestimmt seien, wie er fest glaube, in späteren Jahren ihren Reiz und Glanz als die glücklichen Genossinnen der Größten im Lande auf die höchsten Stellungen zu übertragen. Er – äh – hinterlasse ein – äh – kleines Zeichen seiner Achtung in Gestalt einiger – – unschuldigen Erfrischungen in der Hand seines Mündels, das – äh – als – äh – seine Vertreterin die Verteilung vornehmen werde. Und der Oberst setzte sich unter dem Wehen von Taschentüchern, einem nur halb eingedämmten Beifallssturm und der äußersten Demütigung von Fräulein Prinkwell. Aber die Zeit seiner Abreise war mittlerweile herangekommen, und er war ein zu erfahrener Politiker, um sich der Möglichkeit einer Abschwächung durch verlängertes Abschiednehmen auszusetzen. Und als die Stunde schlug, setzte ihn ein bedeutungsvolles Leuchten in Pansys großen Augen so sehr in Verlegenheit, daß er dadurch nicht minder bedrückt wurde, als durch das seltsame Gefühl der Vereinsamung, das ihn überschleichen wollte. Doch durch mutiges Ankämpfen gegen die Gefahr des Sichgehenlassens, durch Überreichung eines großen Goldstücks, das er ihr in die Hand schob, durch das Versprechen, bald wieder zu kommen, und die dringende Aufforderung, ihm fleißig zu schreiben, erlangte der Oberst als Entgelt einen feuchten Kuß und wiederholtes Andrücken einer feuchten Wange an die seine, als er in den Flur hinausging. Auf dem Treppenabsatz über ihm gab es ein dichtes Gedränge kurzer Röckchen am Geländer, und ein Stimmchen, das offenbar zu einem Paar sehr kleiner bunter Beinchen gehörte, die zwischen dem Geländer hervorragten, sagte deutlich: »Dreimal Hoch Oberst Tarbottle!« Und unter diesem Segen schritt der Oberst, den Hut in der Hand, aus diesem Eden wieder in die Welt hinaus. * Der nächste Besuch des Obersten in der Anstalt rief nicht die nämliche Aufregung wie der erste hervor, obgleich er für die schönen Vorsteherinnen die gleiche Störung mit sich brachte. Wäre er weniger eingebildet gewesen, so würde er bemerkt haben, daß ihre Gegnerschaft, obschon durch ihre Furcht vor ihm in Schranken gehalten, in Gefahr stand, an Stelle eines bloßen Verdachts zur Gewißheit zu werden. Er wurde darauf aufmerksam durch Pansys Haß gegen die beiden und durch ihre Schilderung einer gewissen peinlichen Untersuchung, der man sie hinsichtlich seiner Beschäftigung, Gepflogenheiten und Bekanntschaften unterworfen hatte. Natürlich wußte Pansy hiervon sehr wenig, was sie jedoch nicht gehindert hatte, sehr viel zu erzählen. Das Verhalten der sie inquirierenden Damen hatte ihr den Verdacht hinreichend nahe gelegt, daß man etwas gegen ihren Vormund im Schilde führe, und zu seiner Verteidigung entwickelte sie die Lügenhaftigkeit und die Einbildungskraft eines schlauen Kindes. Was sie wirklich gesagt hatte, gelangte nur durch ihre Äußerungen zu Ohren des Obersten: »Und natürlich haben Sie Menschen umgebracht – denn Sie sind doch Oberst, verstehen Sie!« (Hier gab der Oberst die Tatsache zu, daß er im mexikanischen Kriege gedient hatte.) »Und Sie können predigen , denn sie haben Sie predigen hören, als Sie vordem hier waren,« fügte sie zuversichtlich hinzu; »und natürlich haben Sie Neger – das sieht man schon an ›Jim‹ – (Der Oberst versuchte hier zu erklären, daß Jim jetzt, da er in einem ›freien‹ Staate war, ein freier Mann sei, aber Pansy ging über so seine Unterscheidungen hinweg,) »Und reich sind Sie auch, wissen Sie, denn Sie gaben mir jenes Zehndollarstück ganz für mich allein. So hab ich ihnen ein Licht aufgesteckt, wie sie's verdienen – die alten Spione und Klatschbasen!« Der Oberst, der sich mehr über Pansys Ergebenheit freute, als er sich den Vorfall selbst zu Herzen nahm, acceptierte dieses Charakterbild unter bescheidener Verwahrung, doch ein späteres Vorkommnis veranlaßte ihn, ernsthafter darüber zu denken. Sie hatten ihren gewohnten Bummel durch die Alameda unternommen und die Runde durch die Läden gemacht, wobei der Oberst seine gewohnte freigebige Kauflaune und seine übertriebene väterliche Gönnerschaft zur Schau getragen hatte, und waren so weiter zu ihrer gewohnten Erfrischung in der Konditorei gegangen, wo es das gewohnte Gefrorene mit Kuchen für Pansy, aber diesmal – auch eine Nachgiebigkeit gegen die Tyrannin Pansy – ein Glas Sodalimonade und ein Biskuit für den Oberst gab. Er hustete über seinem ungewohnten Getränk, und Pansy, deren Lebhaftigkeit durch Süßigkeiten angeregt zu werden pflegte, zwitscherte an seiner Seite. Der große Erfrischungsraum füllte sich mit Gästen – hauptsächlich Damen und Kindern, was den Oberst, als den einzigen anwesenden Mann, etwas genierte, als plötzlich Pansys Aufmerksamkeit durch einen neuen Ankömmling abgelenkt ward. Es war eine aufgedonnerte Person, die sich mit selbstbewußter, herausfordernder Miene in Gesellschaft eines Mannes an einem leeren Tisch niederließ und sich anschickte, einen überfest sitzenden Handschuh auszuziehen. »Du mein – !« sagte Pansy in bewunderndem Staunen. »Gelt, die ist hübsch?« Oberst Starbottle blickte zerstreut auf, doch beim ersten Blick wurde sein Gesicht purpurn und nahm dann einen finsteren Ausdruck an. Er hatte in der extravaganten Schönen Fräulein Flora Montague erkannt, den »westlichen Stern der Terpsichore und des Gesanges«, mit dem er vor einigen Tagen in Sacramento zu Abend gespeist hatte. Die Dame war »auf Reisen« mit ihrer »zusammengestellten Truppe«. Der Oberst beugte sich vor und heftete seine dunklen Augen auf Pansy. »Das Zimmer wird zu voll; ich muß – äh – dich ersuchen – äh – dich zu beeilen.« Das Wesen des Obersten war ganz verändert, wie das schnellfassende Kind bemerkte. Aber sie hatte diese Wahrnehmung nicht mit dem Eintritt der Fremden in Verbindung gebracht, und während sie gehorsam ihr Eis auslöffelte, fuhr sie arglos fort: »Die schöne Dame lächelt und guckt hier herüber. Scheint Sie zu kennen; und der Mann bei ihr auch.« »Ich – äh – muß dich ersuchen,« sagte der Oberst mit schroffer Bestimmtheit, » nicht dorthin zu blicken, sondern dich – äh – zu beeilen.« Sein Ton war so bestimmt, daß das Kind ein Pfännchen zog, doch ehe es sprechen konnte, neigte sich ein Schatten über ihren Tisch. Es war der Begleiter der »schönen Dame«. »Scheinen uns nicht zu sehen, Oberst,« sagte er plumpvertraulich und legte seine Hand auf die Schulter des Obersten. »Florry möchte wissen, was Sie sich eigentlich denken.« Der Oberst erhob sich bei der Berührung. »Sagen Sie ihr, Herr,« sagte er heiser, aber mit bedächtiger Entschlossenheit, »daß ich denke, diesen Ort mit meinem Mündel, Fräulein Stannard, zu verlassen. Guten Morgen!« Damit hob er Pansy mit unendlicher Höflichkeit vom Stuhl, nahm sie bei der Hand, schlenderte an die Kasse, warf ein Goldstück hin, ging, sich in die Brust werfend, an dem Tisch der verdutzten Schönen vorbei und stapfte mit Pansy aus dem Lokal. Auf der Straße blieb er stehen und hieß das Kind weitergehen; und als er sodann bemerkte, daß der Begleiter des Frauenzimmers ihm nicht folgte, holte er seine kleine Gefährtin ein. Kurze Zeit gingen die beiden schweigend nebeneinander her. Dann wurde Pansys Neugier Herr über ihr Schmollen und sie verlangte Aufklärung. Sie hatte ihre eigene kindliche Erklärung für die Szene gefunden. Der Oberst war zornig und hatte das Frauenzimmer für irgend etwas bestraft! Sie drängte sich näher an ihn heran und sagte zuversichtlich mit einem Aufblick ihrer großen Augen: »Was hat sie denn getan?« Der Oberst war erstaunt, verwirrt und sprachlos. Er war auf diese Frage gänzlich unvorbereitet und vermochte sie nicht zu beantworten. Sein plötzlicher Aufbruch aus dem Laden hatte bezweckt, eben der Enthüllung auszuweichen, die jetzt von ihm verlangt wurde. Eine dreiste Lüge war der einzige Ausweg. Er wischte sich die Stirn mit dem Taschentuch, hustete und fing entschlossen an: »Die – äh – fragliche Dame hat einen Wohlgeruch, genannt – äh – Patschuli an sich, ein – äh – Parfüm, das mir aufs äußerste zuwider ist. Ich bemerkte es sofort bei ihrem Eintritt, und ich wünschte ihm zu entweichen – ohne weiter damit in Berührung zu kommen. Es ist eine – äh – eigentümliche, aber feststehende Tatsache, daß gewisse Leute – äh – besonders empfindlich für Gerüche sind. Ich hatte einen – äh – lieben alten Freund, der vom Jasmingeruch immer – äh – ohnmächtig wurde; und General Bludyer, ein guter Bekannter von mir, brach jedesmal wie von einer Kugel getroffen zusammen, wenn man ihm ein gewöhnliches Veilchen darbot! Die – äh – Gepflogenheit, solche Parfüms allzu reichlich in der Öffentlichkeit anzuwenden,« fuhr der Oberst mit einem Blick auf die unschuldige Pansy im Tone tödlicher Entschlossenheit fort, »kann gar nicht stark genug verurteilt werden, desgleichen die Gepflogenheit – äh – öffentliche Erholungsorte – in auffallender Kleidung zu besuchen, in Begleitung von – äh – Individuen, die sich in die – äh – vertrauliche Unterhaltung andrer eindrängen. Ich will hoffen, daß du solche Parfüms, Örtlichkeiten, Toiletten und – äh – Begleiter immerdar und allezeit meiden wirst.« Der Oberst hatte seine Stimme zur Wucht seiner forensischen Reden gesteigert, und Pansy, die einigermaßen verblüfft war, versprach es. Ob sie der Erklärung des Obersten ganz traute, ist allerdings eine andre Frage. Der Vorfall schien, trotzdem nicht wieder darauf angespielt ward, einen Schatten auf den Rest ihres kurzen freien Nachmittags zu werfen, und das Betragen des Obersten war unverkennbar ernster. Es kam dem Kinde jedoch eher liebevoller und aufmerksamer vor. Er hatte sich sonst beim Abschied von Pansy mit würdevoller Ergebung küssen lassen, worauf er sofort wieder seine erhabenste Miene aufgesetzt hatte. Heute aber drückte er seine geraden, glattrasierten Lippen auf den Scheitel ihres dunklen Hauptes und zog sie, als ihre Ärmchen seinen Hals umfaßten, fest an seine Seite. Das Kind stieß einen leichten Schrei aus, und der Oberst legte schleunigst die Hand an seine Brust. Ihre rundliche Wange war mit seinem Deringer – einer kleinen, schönen Präzisionswaffe – in Berührung gekommen, die unfehlbar in seiner Westentasche steckte. Das Kind lachte, desgleichen der Oberst, aber seine Wangen wurden gehörig rot. * Vier Monate später, und eine stürmische Nacht. Die Regengüsse, die ein starker Südwestwind gegen die oberen Fenster des Magnolia-Wirtshauses jagte, verwischten zuweilen den Glanz der hellen Lichter drinnen, und das Krachen der Fichten umher erstickte manchmal die Klänge des Gesangs und Gelächters, die aus einem Speisezimmer für geschlossene Gesellschaft drangen. Selbst die rasselnde Ankunft und Abfahrt der Postkutsche von Sacramento, die die Tiefen drunten in Bewegung setzte, berührte diese Schwärmer da droben nicht. Denn Oberst Starbottle, Jack Hamlin, Richter Beeswinger und Jo Wyngard trieben in Gesellschaft der Damen Montague, Montmorency, Bellefield und »Tinky« Clifford von der »zusammengestellten Truppe des westlichen Sterns«, zur Zeit »auf Gastreisen«, in dem Speisezimmer »höheren Jux«. Der Oberst war in letzter Zeit verdrießlich, reizbar und leicht aus dem Häuschen gewesen. In den Worten eines Freundes und Bewunderers ausgedrückt: »Man blieb ihm am besten zwölf Schritte vom Leibe!« In einer Pause des allgemeinen Lärms ließ sich ein chinesischer Kellner an der Tür blicken, der vergebens versuchte, die Aufmerksamkeit des Obersten durch Zeichen und Rufe auf sich zu lenken. Herrn Hamlins schnelles Auge bemerkte den Eindringling zuerst. »Immer herein, Confucius,« sagte Jack leutselig, »Zwar ein bißchen spät dran für 'ne ordentliche Vorstellung; aber so 'n klein wenig Messerschlucken oder Tellerdrehen – « »Kleine Dame Oberst besuchen! Die Chinese sprechen l statt r. Anm. d. Übers. Walte, malte unten, neben Haus,« unterbrach ihn der Chinese, indem er seine Rede sowohl an Jack als an den Oberst richtete. »Was! Noch 'ne Dame? So darf ich hier nicht länger bleiben!« sagte Jack und erhob sich mit schön gespieltem Anstand. »Bitte sie herauf,« zirpte Tinky Clifford. Aber in diesem Augenblick öffnete sich die Tür hinter dem Chinesen, und eine kleine Gestalt, von deren Kleid und Hut die Regentropfen abliefen, glitt schnell herein. Nach einem kurzen, halb erschrockenen, halb bewundernden Blick auf die Gesellschaft schoß sie mit einem kleinen Aufschrei auf den Oberst zu und umschlang ihn mit ihren feuchten Armen. Der Rest der Versammlung hielt in seinem Spektakel inne und schnappte vor ungläubigem Staunen nach Luft; der Oberst aber wurde purpurrot und ächzte. Doch nur einen Augenblick. Im nächsten war er auf seinen Beinen, hielt das Kind an der einen Hand und machte mit der andern eine würdevolle Gebärde nach der Tafel: »Mein Mündel – Fräulein Pansy Stannard,« sagte er gelassen. Doch das Kind zur Seite ziehend, flüsterte er rasch: »Was ist geschehen? Warum bist du hier?« Aber Pansy, die nach Kinderart bereits durch die vielen Lichter, die mit Leckerbissen besetzte Tafel und die prächtig gekleideten Frauenzimmer abgelenkt war, antwortete halb zerstreut: »Ich bin weggelaufen!« »Scht!« flüsterte der Oberst erschrocken. Aber Pansy fuhr, sich an die ganze Gesellschaft wendend, halb schmollend fort: »Jawohl! Ich bin weggelaufen, weil sie mich quälten! Weil sie Sie nicht mochten und schreckliche Dinge sagten. Weil sie häßliche, fürchterliche Lügen vorbrachten! Weil sie sagten, ich sei gar keine Waise! – Mein Name sei nicht Stannard, und Sie hätten das alles nur aufgebracht. Weil sie sagten, ich sei eine Lügnerin – und Sie seien mein Vater!« Ein plötzlich ausbrechendes Gelächter erschütterte jetzt das Zimmer und übertäubte selbst den Sturm draußen; wieder und wieder brach es los, als der Oberst schwer atmend auf seine Füße taumelte. Einen Augenblick schien es, als wollten seine Bemühungen, sich zu bezwingen, in einem Schlaganfall enden. Vielleicht im Hinblick darauf unterdrückte Jack Hamlin sein Lachen und wurde plötzlich ernst. Doch im nächsten Augenblick wurde Oberst Starbottle ebenso plötzlich weiß wie der Tod, indem er sich über den Tisch beugte und heiser aber bestimmt sagte: »Ich muß die anwesenden Damen ersuchen, sich zurückzuziehen.« »Kümmern Sie sich nicht um uns, Oberst,« sagte Richter Beeswinger, »'s bleibt hier alles in der Familie, verstehen Sie! Und – wenn ich mir das Mädel anschau' – den Henker auch! Sie sieht Ihnen in der Tat ähnlich, Sie alter Schwerenöter. Ha! ha!« »Und was die Damen angeht,« sagte Wyngard mit einem schwachen, trunkenen Lachen, »es sei denn, daß eine davon geneigt ist, die Sache persönlich zu nehmen – he?« »Halt!« brüllte der Oberst. Sein Wort und seine Stimmung waren jetzt nicht zu mißdeuten. Die beiden Männer schwiegen beleidigt und plötzlich ernüchtert. Hamlin stand auf, klopfte seinen schönen Gesellschafterinnen scherzend aber bestimmt auf die Schultern, sagte: »Lauft weg und spielt, Mädels!« schaffte sie, trotz ihres Kicherns und Widerstrebens, alle miteinander aus dem Zimmer, schloß die Tür und stellte sich mit dem Rücken dagegen. Dann sah man den Oberst, der noch kreideweiß war, das Kind bei der Hand halten, während dieses sich verwundert und ängstlich gegen ihn sträubte. »Ich danke Ihnen, Herr Hamlin,« sagte der Oberst mit leiserer Stimme, doch mit einem Anflug seiner gewohnten Würde darin, »daß Sie hier in Gegenwart dieses Kindes Zeuge meiner bestimmten Erklärung sind, daß eine ruchlosere, gemeinere und nichtswürdigere Lüge niemals ausgesprochen wurde als die, so man in seine unschuldigen Ohren geträufelt hat!« Er schwieg, ging, die Kleine noch immer an der Hand haltend, nach der Tür und öffnete sie, während Hamlin zur Seite trat. Dann sagte er zu seiner Schutzbefohlenen, sie solle ihn in dem allgemeinen Empfangszimmer erwarten, schloß die Tür wieder und trat nochmals den beiden Männern gegenüber. »Und,« fuhr er entschlossener fort, »für die niederträchtigen Anzüglichkeiten, die Sie, Richter Beeswinger, und Sie, Herr Wyngard, sich in ihrer und meiner Gegenwart erlaubt haben, werde ich von jedem von Ihnen die vollste Genugtuung – persönliche Genugtuung verlangen. Meine Sekundanten werden Ihnen morgen früh ihren Besuch machen.« Die beiden Männer erhoben sich ernüchtert – doch kampfesmutig. »Wie Sie wünschen, Herr,« sagte Beeswinger auflodernd. »Je eher desto besser für mich,« fügte Wyngard kurz hinzu. Sie gingen mit einem Lächeln und einem vielsagenden Mienenspiel an dem gelassen dreinblickenden Jack Hamlin vorüber, als ob sie ihn zum Zeugen für die Tollheit des Obersten anrufen wollten, und schritten zum Zimmer hinaus. Als die Tür sich hinter ihnen schloß, brachte Hamlin seine weiße Weste ein wenig in Ordnung und schlenderte, die Hände in die Hüften gestemmt, auf den Oberst zu. »Und was dann?« sagte er ruhig. »He?« sagte der Oberst. »Nachdem Sie den einen oder den andern dieser Männer erschossen haben, oder einer von ihnen Sie niedergeknallt hat, was soll dann aus dem Kinde werden?« »Wenn – ich – äh – am Leben bleibe, Herr,« sagte der Oberst heiser, »werde ich sie auch ferner – gegen Verleumdung und Hohn zu verteidigen wissen.« »In diesem Stil, he? Nachdem ihr Leben durch die Verbindung mit einem Manne Ihres Rufes zur Hölle gemacht ist, nehmen Sie sich vor, es durch einen Streit mit einem Paar betrunkener Taugenichtse wie Beeswinger und Wyngard weißzuwaschen, angesichts dreier geschminkter Dirnen und einem verdammten Lumpen wie ich! Glauben Sie, das werde nicht in ganz Kalifornien bekannt sein, ehe sie wieder in der Schule angelangt ist? Glauben Sie, diese schnatternden Dirnen in dem Zimmer daneben werden nicht die ganze Geschichte dem ersten Besten, der sie freihält, ausplaudern?« (Eine souveräne Verachtung des schönen Geschlechts im allgemeinen macht Hamlin für dieses ganz besonders anziehend.) »Trotzdem, Herr,« stammelte der Oberst, »ist die schleunige Züchtigung dessen, der es wagte – « »Züchtigung!« unterbrach ihn Hamlin. »Wer soll den bestrafen, der am meisten gewagt hat? Den einen, der für die ganze Sache verantwortlich ist? Wer soll Sie bestrafen?« »Herrrr Hamlin!« ächzte der Oberst, indem er zurücktrat, während seine Hand sich unwillkürlich zur Höhe seiner Westentasche und seines Derringers hob. Doch Herr Hamlin setzte lediglich das Weinglas hin, das er vom Tisch erhoben und vorsichtig zwischen seinen Fingern gedreht hatte, und schaute den Oberst fest an. »Schauen Sie her!« sagte er bedächtig. »Als die Jungens sagten, Sie hätten die Vormundschaft über dieses Kind nicht um Dick Stannards willen angenommen, sondern nur, um dem Ihnen gespielten Scherz einen Trumpf aufzusetzen, da glaubte ich ihnen nicht! Als diese Männer und Weiber sich heute nacht wälzen wollten bei der Erzählung, daß es Ihr Kind sei, da glaubte ich das nicht! Als andre sagten, Sie wollten sie im Ernste zu Ihrem Mündel machen und ihr Ihr Vermögen hinterlassen, weil Sie wie ein Vater in sie vernarrt seien, da glaubte ich das nicht.« »Und – warum glaubten Sie das nicht?« sagte der Oberst schnell, aber mit einem seltsamen Zittern m der Stimme. »Weil ich,« sagte Hamlin, der plötzlich so ernst wie der Oberst wurde, »nicht glauben konnte, daß jemand, der sich auch nur einen Pfifferling um das Kind kümmerte, eine Stellung annehmen würde, die sie mit einem so erbärmlichen Leben, wie wir es führen, und einer so verkommenen Gesellschaft wie die unsrige, in Berührung bringen könnte. Ich konnte nicht glauben, daß selbst der gottverlassenste, eingebildetste Narr einer kleinen gefühlsduseligen Eitelkeit zuliebe zugeben könnte, daß die Zukunft dieses Kindes vernichtet würde. Ich konnte es nicht glauben, selbst wenn jener sich einbildete, wie ein Vater zu handeln. Ich glaubte nicht daran, aber jetzt fange ich an daran zu glauben.« Es war kaum ein Unterschied im Ausdruck der beiden entschlossenen Gesichter, die sich jetzt schweigend auf Fußeslänge betrachteten. Doch es war der Oberst, der zuerst sprach: »Herrrr Hamlin! Sie sagten vor einem Augenblick, ich sei – ah, hm – für das Vorkommnis dieses Abends verantwortlich, waren sich aber darüber im unklaren, wer mich – äh – dafür bestrafen könnte. Ich bekenne mich zu der Verantwortlichkeit, die Sie, Herr, angedeutet haben, und stelle mich Ihnen zur Verfügung. Aber da dieser Angelegenheit zwischen uns der Vorrang vor – meinen Verpflichtungen gegen jene Kanaillen zukommt, so werde ich Sie mit Ihren Sekundanten bei Sonnenaufgang auf dem ›Verbrannten Grat‹ erwarten. Guten Abend, Herr.« Aufrechten Hauptes verließ der Oberst das Zimmer. Hamlin aber zuckte leichthin mit den Schultern, wandte sich nach der Tür des Zimmers, wohin er vorhin die Damen verbannt hatte, und binnen kurzem war seine Stimme die lustigste unter den lustigen. Bei alledem ermöglichte er es, die Dämchen zeitig wegzubringen. Als er sie in einen großen Gesellschaftswagen gepackt und ihre Abfahrt in den Sturm hinaus beobachtet hatte, kehrte er auf einen Augenblick nach dem Vorzimmer zurück, um seinen Überzieher zu holen. Da vernahm er zu seiner Überraschung die Stimme des Kindes in dem Speisezimmer, und da die Tür nur angelehnt war, konnte er ganz deutlich sehen, wie sie am Tische saß, einen Teller mit Süßigkeiten vor sich, während Oberst Starbottle, den Rücken der Tür zugekehrt, ihr mit ein wenig vorgeneigten Schultern gegenübersaß, indem er sie eifrig beobachtete. Es schien Hamlin, als seien die beiden in einer aufregenden Auseinandersetzung begriffen, denn Pansys Stimme war teils von Schluchzen und teils, ich sage es mit Bedauern, von dem eiligen Verschlingen der ihr vorgesetzten Leckerbissen unterbrochen. Doch trotz des draußen wütenden Sturmes hörte er sie sagen: »Jawohl! Ich will gut sein (Schluchzen) – und mit Frau Pyecroft gehen (Schluchzen) – und versuchen – einen andern Vormund lieb zu haben (Schluchzen) – und nicht mehr weinen (Schluchzen) – und – o, bitte, tun Sie's doch nicht !« Doch hier schlüpfte Hamlin mit tiefernstem Gesichte aus dem Zimmer und aus dem Hause. Als der Oberst eine Stunde später mit Pansy vor der Tür Pyecrofts vorfuhr, fand er Herrn Pyecroft ein wenig verlegen, und eine Gestalt, die in der Dunkelheit Herrn Hamlin zu gleichen schien, war gerade bei seinem Eintritt aus der Tür gekommen. Doch die Sonne war nicht zeitiger als Herr Hamlin auf dem Verbrannten Grat. Der Sturm der vergangenen Nacht hatte sich ausgetobt; einige Nebelstreifen hingen von dem rot erglühenden Grat in die Talungen herab. Dann fuhr ein Windzug darüber hin, und Hamlin sah aus dem zerfliegenden Nebelhang ein paar schwarze Gestalten auftauchen, fest zugeknöpft wie er selbst, in denen er Beeswinger und Wyngard in Begleitung ihrer Sekundanten erkannte. Doch der Oberst kam nicht. Hamlin schloß sich den andern in lebhafter, zutraulicher Unterhaltung an, wobei er zugleich wachsam nach dem fehlenden Gegner ausschaute. Fünf, zehn Minuten verstrichen, und noch war der sonst so pünktliche Oberst nicht da. Hamlin schaute ernst drein; Wyngard und Beeswinger tauschten fragende Blicke. Dann sah man einen Einspänner wild den Abhang herauffahren, und heraus sprang Oberst Starbottle in Begleitung von Dick Mac Kinstry, seinem Sekundanten, der seinen Pistolenkasten trug. Und nun – seltsam genug für Männer, die die Ankunft eines Gegners erwarteten, der sein Ziel nie zu verfehlen pflegte – atmeten sie erleichtert auf! Mac Kinstry ging seinem Auftraggeber ein wenig voraus, und die andern konnten sehen, daß Starbottle, wiewohl aufrecht, doch langsam daherging. Es überraschte sie ferner, zu bemerken, daß er hager und hohläugig war und in den paar Stunden, die verflossen, seit sie ihn zuletzt gesehen, zehn Jahre älter geworden zu sein schien. Mac Kinstry, ein großer Kentuckier, grüßte und ergriff zuerst das Wort. »Oberst Starbottle,« sagte er förmlich, »wünscht sein Bedauern über diese Verzögerung auszusprechen, die unvermeidlich war, da er sein Mündel begleiten mußte, das heute morgen mit der Rückpost in Begleitung von Frau Pyecroft nach Sacramento abgereist ist,« Hamlin, Wyngard und Beeswinger wechselten Blicke. »Oberst Starbottle,« fuhr Mac Kinstry fort, indem er sich zu seinem Auftraggeber wandte, »wünscht, Herrn Hamlin ein Wort zu sagen.« Als Hamlin aus der Gruppe vortreten wollte, hob Oberst Starbottle die Hand und winkte ab. »Was ich zu sagen habe, muß vor diesen Herren gesagt werden,« fing er bedächtig an. »Herr Hamlin! Als ich um die Ehre dieser Zusammenkunft ersuchte, stand ich unter einem bedauerlichen Mißverständnis hinsichtlich der Absicht und des Zweckes Ihrer Äußerungen über mein Vorgehen von gestern abend. Ich setze voraus,« fuhr er fort, indem er seine bis oben zugeknöpfte Gestalt etwas reckte, »daß der Ruf, dessen ich mich bei – äh – derartigen Zusammenkünften stets erfreut habe, jede – äh – Mißdeutung meines gegenwärtigen Vorhabens ausschließen wird, das dahin geht, um die – äh – Erlaubnis zur Zurückziehung meiner Forderung nachzusuchen und demütig um Verzeihung zu bitten.« Kaum hatten sich die Anwesenden von ihrem Erstaunen erholt und hatte Hamlin einen Händedruck mit dem Oberst gewechselt, als dieser sich wieder aufrichtete und mit einer Wendung zu seinem Sekundanten sagte: »Und jetzt stehe ich Richter Beeswinger und Herrn Wyngard zu Gebote – wer mir zuerst die Ehre erweisen will.« Aber die beiden Männer schauten einen Augenblick seltsam verdutzt drein. Doch ward die peinliche Stimmung endlich von Richter Beeswinger gebrochen, der freimütig mit ausgestreckter Hand auf den Oberst zukam. »Wir sind lediglich hierhergekommen, um uns zu entschuldigen, Oberst Starbottle. Ohne uns Ihres Rufes und Ihrer Erfahrung in diesen Dingen rühmen zu können, glauben wir dennoch gleich Ihnen keinerlei Mißverständnis befürchten zu müssen, wenn wir sagen, daß wir unser törichtes und unhöfliches Betragen von gestern abend tief bedauern.« Eine schnelle Röte stieg in des Obersten hagere Wangen, als er sich mit einem argwöhnischen Blick auf Hamlin zurückzog. »Herr Hamlin! – meine Herren! – wenn dies eine – äh – !« Doch bevor er seinen Satz zu Ende bringen konnte, hatte Hamlin seine Hand dem Oberst auf die Schulter gelegt. »Mein Wort darauf, Oberst, daß diese Herren die ehrliche Absicht hatten, sich zu entschuldigen, und zu diesem Zweck hergekommen sind – und – ich auch – nur sind Sie mir zuvorgekommen!« Bei dem Gelächter, das Hamlins Offenherzigkeit folgte, heiterten sich die Züge des Obersten auf und er drückte seinen bisherigen Gegnern die Hände. »Und nun,« sagte Hamlin munter, »wollen wir zusammen frühstücken – und versuchen, uns für das unterbrochene Abendessen von gestern abend schadlos zu halten.« Das war die einzige Anspielung auf jene Unterbrechung und ihre Folgen, denn während des Frühstücks sagte der Oberst nichts über sein Mündel, und die andern Gäste schwiegen vorsichtig. Aber Herrn Hamlin war damit nicht gedient. Es gelang ihm, des Obersten Diener, Jim, beiseite zu nehmen, und er lockte aus dem Neger heraus, daß Oberst Starbottle das Kind vergangene Nacht zu Pyecrofts gebracht hatte; daß er ein langes Gespräch mit Pyecroft geführt, Briefe geschrieben hatte und die ganze Nacht »wie Flut und Ebbe« auf und ab gegangen war, und daß er (Jim) froh sei, daß das Kind fort sei! »Warum?« fragte Hamlin mit geheuchelter Gleichgültigkeit. »Sie machte den Oberst grad' wie die lausigen Leute aus 'm Norden – vorsichtig und furchtbar ängstlich vor dem, was die hochnäsigen Leute sagen. Und wozu? Nur um mit dem Kind 'rumzustolzieren, als wär' er ihr Sonntagsparadevater!« »Und tat es dem Kinde leid, daß es von ihm fort mußte?« fragte Hamlin. »O – nein, Herr! 'ne wunderbare Sache, Meister Jack, mit 'n Mädels – großen und kleinen – sie nützen den Oberst nur so aus! Das ist alles! Sie nützen den alten Mann nur so aus wie 'ne Stange, mit der sie ihre Pflaumen 'runterholen – nicht?« Doch Herr Hamlin lächelte nicht. Später wurde bekannt, daß Oberst Starbottle mit Bewilligung des Gerichts seine Vormundschaft niedergelegt habe. Ob er sein einstiges Mündel je wieder gesehen, verlautete nicht, ebensowenig, ob er ihr ein treues Andenken bewahrte. Die Leser der Zeitberichte werden sich jedoch entsinnen, daß der Oberst jahrelang nachher, als er die Witwe eines gewissen Herrn Tretherick ehelichte, sowohl während seiner Bewerbung als während seines kurzen Ehelebens merkwürdig gleichgültig gegen die kindlichen Reize von Carrie Tretherick, ihrem geliebten Töchterchen, war, und daß er durch diese Unempfänglichkeit schweren Anstoß bei der Witwe erregte. Die Witwe Mac Glowrie. Sehr wenig war von ihrem verblichenen Gemahl bekannt, doch das Wenige war hinreichend schreckenerregender Art, um die Neugier von Laurel Spring zu befriedigen. Ein Mann von unnachgiebiger Heftigkeit und aufrichtiger Kampfesfreude, von irgendwelcher menschlichen Schwäche nicht beeinflußt, hatte er in Kentucky und nebenher bei einigen Duellen zwei oder drei Blutfehden ausgefochten, nur um – Ironie des Schicksals! – in San Francisco einem Fieberanfall zu erliegen. Mit einem schönen Sinn für Humor begabt, soll er, angesichts des Todes, den schlichten Prediger an sein Bett gerufen haben, um sich von ihm die Stiefel anziehen zu lassen. Der gütige Geistliche konnte, wenngleich er dem Kranken klar machte, daß er zu schwach zum Aufstehen, geschweige zum Gehen sei, der Bitte eines Sterbenden nicht widersprechen. Als sie erfüllt war, kletterte Mac Glowrie mit dem Bemerken in sein Bett zurück, daß sein Geschlecht stets »in den Stiefeln« gestorben sei, und verschied dann lächelnd und friedlich. Es ist indes wahrscheinlich, daß diese Geschichte erfunden wurde, um die Schmach von Mac Glowries friedlichem Ende zu mildern. Von der Witwe selbst hieß es, sie sei mit einer Verwandtschaft ähnlich mörderischer Art gesegnet. Ihre beiden Brüder Stephan und Hektor Boompointer hatten im Westen einen ebenso schlechten Ruf. Der Witwe eigene Erlebnisse im Grenzerleben waren wild und schrecklich gewesen, und ihr Skalp – ein besonders schöner, blondhaariger – war verschiedene Male durch die Indianer bedroht gewesen. Eine Schere, mit der sie einst die freche Hand eines Strolches an den Türpfosten ihrer Hütte gespießt, war in ihrem Wohnzimmer in Laurel Spring zu sehen. Diese amazonenhafte Tat hätte man der schönen, wenn auch schlecht ernährten Frau mit den bernsteinfarbigen Augen und der zierlichen Figur nicht zugetraut. Aber daß sie den vielen, die geneigt sein mochten, sie zum Wiedereintritt in den Stand der Ehe zu bewegen, eine heilsame Zurückhaltung auferlegte, ist kaum zu bezweifeln, Laurel Spring war eine friedliche landwirtschaftliche Siedlung. Wenige von seinen Bürgern wagten die gefährliche Auszeichnung anzustreben, den verewigten Mac Glowrie zu ersetzen; wenige auch konnten erwarten, daß die Schwester lebender Boompointers eine offenkundige Mißheirat mit ihnen eingehen würde. So aufrichtig ihre Neigung sein mochte, so war das Leben den rauhen Einwohnern von Laurel Spring doch zu lieb und die Erhaltung der gebräuchlichen Anzahl Gliedmaßen für sie in ihrem Beruf unentbehrlich. Da ihre Ergebenheit somit durch Vorsicht gezügelt war, mochte die reizende Herrin von »Laurel Spring House« vor störenden Aufmerksamkeiten gesichert sein. Es war ein angenehmer Sommernachmittag, und die Sonne fing an, unter den vor dem Gasthof stehenden Lorbeerbäumen hindurch in das kleine Geschäftszimmer zu dringen, wo die Witwe mit der Haushälterin saß – einer stämmigen Jungfrau von derberem westlichem Schlag, Frau Mac Glowrie blickte gelangweilt auf einige Rechnungen, die vor ihr ausgebreitet waren, und schob zerstreut einige herabgefallene Ringeln ihres aufgesteckten schweren Haars wieder zurecht. Denn die Witwe hatte eine gewisse träge südliche Nachlässigkeit an sich, die bei einer weniger hübschen Frau für unordentlich gegolten hätte, und eine charakteristische haken- und haftenlose Ungezwungenheit in der Kleidung, die an weniger anmutigen Gliedern schlampig geheißen hätte. Die eine Ärmelkrause war nicht zugeknöpft, zeigte aber dafür die blauen Adern ihres feinen Handgelenks; ihrem Kleid fehlte am Hals ein Haken, aber der Blick auf ein bißchen von dem Rand des weißen Nackens entschädigte dafür. All dessen war sich jedoch, wie betont werden muß, die Witwe in ihrer schlaffen Versunkenheit tatsächlich unbewußt. »Ich in eine, wir können den neuen Prediger in Oberst Starbottles Zimmer unterbringen,« sagte Fräulein Morvin, die Haushälterin; »der Oberst geht heut' abend.« »O,« sagte die Witwe in einem Ton der Erleichterung, doch konnte Fräulein Morvin nicht feststellen, ob er der zeitigen Abreise des galanten Obersten oder der glücklichen Lösung der Aufgabe, den Prediger unterzubringen, galt. Doch fuhr sie forschend fort: »Der Oberst unterhielt sich im Schenkzimmer und konnte sich nicht genug verwundern, warum Sie nicht wieder geheiratet hätten. Sagte, Sie würden Sacramento in Aufruhr versetzen, wären aber hier geradezu begraben.« »Er hat vermutlich von meinem Gatten gehört?« sagte die Witwe gleichgültig. »Ja, aber er sagte, er könne Sie nicht unterbringen,« erwiderte Fräulein Morvin. Die Witwe blickte auf. »Könne mich nicht unterbringen?« wiederholte sie. »Ja, er habe nie etwas von einer Frau Mac Glowrie gehört und könne sich Ihrer Brüder nicht entsinnen.« »Der Oberst kennt nicht jeden, selbst wenn er ein Kriegsmann ist,« sagte Frau Mac Glowrie in lässiger Verachtung. »Dasselbe sagte Dick Blair,« entgegnete Fräulein Morvin, »und wenn, er auch nur 'n Doktor ist, steckte er sich gleich hinter den Oberst und erzählte die Geschichte, wie Sie den Mann mit Ihrer Schere gespießt haben – herrlich! – und wie Sie mal 'nen Bären mit 'nem rotglühenden Eisen verjagt haben, so daß Sie gestaunt hätten, wenn Sie Zeuge seiner Schilderung gewesen wären. Er ist riesig für Sie ins Zeug gegangen!« Die Witwe benutzte diese Gelegenheit, ihre Krause zuzuknöpfen. »Und wie lange gedenkt der Prediger zu bleiben?« fügte sie bei, indem sie zu den Geschäftsangelegenheiten zurückkehrte. »Nur einen Tag. Schon morgen wird sein Haus für ihn in stand gesetzt sein. Es wird 'n Haufen Geld drauf verwendet. Er muß wirklich so 'n mächtiger Prediger sein, wie's heißt – um das zu verdienen.« Doch hiermit schwand Frau Mac Glowries Interesse an dem Gespräch und dieses schlief ein. In ihrem Bestreben, die Bewerbung Dick Blairs zu fördern, hatte Fräulein Morvin kaum ganz wahrheitsgetreu über den Oberst berichtet. Dieser Herr, der in dem Trinkzimmer des Gasthofs an den Schenktisch gelehnt stand, einen Pfefferminztrank in der Hand, hatte sich in seiner gewohnten Artigkeit über Frau Mac Glowries Reize verbreitet und unter seiner eigenen »persönlichen« Verantwortlichkeit die Ansicht vertreten, daß diese in Laurel Spring nicht an ihrem Platz seien. Der Kuckuck hole es! – sie erinnere ihn an das herrlichste Weib, das er je, selbst die Schönen von Washington nicht ausgenommen, gesehen, nämlich an die Tochter des alten Major Beveridge aus Kentucky. Ob sie bestimmt wüßten, daß sie nicht aus Kentucky sei? Ob nicht ihr Name am Ende Beveridge anstatt Boompointer sei? Indem er sein Gedächtnis durch einen zweiten Trunk auffrischte, konnte sich der Oberst, wenn auch etwas verschwommen, eines einzigen Boompointer entsinnen – eines ganz gemeinen Hunds, mein Herr! – eines niederträchtigen Lumpen – , aber selbstverständlich konnte er nicht demselben Geschlecht entstammen wie solch ein Prachtweib! Da fiel Dick Blair mit einem glühenden Lobspruch auf die Verwandten der Witwe und diese selbst ein, wodurch er jedoch die Ritterlichkeit des Obersten nur steigerte, der »der Letzte wäre, mein Herr, den Ruf einer Donna herabzuziehen oder herabziehen zu lassen«. Es dürfte überflüssig sein, zu bemerken, daß all dies die Umstehenden höchlich ergötzte und dementsprechend Blair in Aufregung versetzte, der bereits eine Regung von Eifersucht auf den Oberst verspürte, dessen Kampfesruhm möglicherweise Eindruck auf die Witwe des kriegerischen Mac Glowrie machen könnte. Er verwünschte seine Torheit und versank in düsteres Schweigen, bis der Oberst aufbrach. Denn Dick Blair liebte die Witwe mit der Selbstlosigkeit einer edlen Natur und einer ersten Liebe. Er hatte sie vom ersten Tage an bewundert, da sein Los ihn nach Laurel Spring verschlagen hatte, wohin er nach einem rauhen Grenzerleben gekommen war, um Nachfolger des Bezirksarztes mit einer rein friedlichen und häuslichen Praxis zu werden. Eher ein geschickter und feiner Wundarzt als praktischer Arzt im allgemeinen, wurde er zuerst von den verdrießlichen Dyspeptikern und den fiebergeplagten Ansiedlern aus den Flußuferniederungen kalt empfangen. Die paar bukolischen Müßiggänger, die sich bis dahin die Eintönigkeit ihres Daseins durch die Anwendung von allerhand Patentmedizin und die erregende Wirkung von Magenbittern versüßt hatten, schauten ihn ebenfalls scheel an. Eine vernünftige Art, ihre Leiden zu behandeln, fand bei den Krämern, die diese Geheimmittel vertrieben, natürlich wenig Anklang, und so ließ man ihn die Gegnerschaft des Handelsstands empfinden. Aber er war lieb gegen Weiber, Kinder und Tiere, und seltsamerweise verdankte er dieser letzteren Vorliebe das Interesse, das die Witwe an ihm nahm – ein Interesse, das ihn schließlich überall beliebt machte. Die Witwe hatte nämlich ein Lieblingshündchen, einen schönen Wachtelhund, der sich jedoch das Beispiel seiner phlegmatisch veranlagten Herrin so sehr zum Vorbild genommen hatte, daß er den kurzen Sprung zwischen einem Balkon und einem Fenster verfehlte und mit gebrochenem Bein zu Boden fiel. Man nahm an, daß der Hund sein Leben lang verkrüppelt bleiben werde – wenn überhaupt ein solches Leben der Erhaltung wert wäre – als Doktor Blair zu Hilfe kam, das gebrochene Glied einrichtete, es in einen von ihm selbst erfundenen sinnreichen Gipsverband legte, täglich einen Besuch machte, und ihn schließlich gesund an Leib und Seele seiner Herrin wieder in den Schoß legte. Inwieweit diese tägliche Verrichtung und der notgedrungene Austausch von Mitgefühlsbezeigungen zwischen der Witwe und ihm diesen Eifer erhöhte, wurde nicht bekannt. Es gab Leute, die die ganze Geschichte für einen unmännlichen Kniff ansahen, womit er seine Nebenbuhler bei der Witwe ausstechen wollte; andre dagegen waren der Ansicht, daß ein rohes Tier wie ein menschliches Wesen zu behandeln sündig und unchristlich sei. »Mehr hätt' er nicht für ein regelrecht getauftes Kind tun können,« sagte die Postmeisterin. »Und was hätt' ein regelrecht getauftes Kind mehr gebraucht?« versetzte Frau Mac Glowrie mit der gedehnten südlichen Aussprache, in die sie im Falle höchster Geringschätzung verfiel. Aber Doktor Blairs zunehmende Praxis und die geschäftliche Inanspruchnahme der Witwe machten zunächst ihrem Verkehr ein Ende. Es war wohl bekannt, daß sie im Gasthof keine Freier ermutigte, und seine Schüchternheit und Empfindlichkeit schrak vor einer offenen Annäherung zurück. Daß sie selbst seine Patientin würde, war wenig wahrscheinlich, denn ihr vernünftiger Sinn, ihre guten Nerven und ihr ruhiges Blut bewahrten sie vor weiblichen »Zufällen« oder weiblichen Überspanntheiten, Sie hatte mit ihren dreißig und ungrad Jahren die Zähne und die Verdauung eines Kindes behalten und mißbrauchte beide nicht. Reiten und die Besorgung ihres kleinen Gartens verschafften ihr die nötige Bewegung, Und doch traf das Unerwartete ein! Am Tage nach Starbottles Abreise wurde Doktor Blair eilig nach dem Gasthof gerufen, Frau Mac Glowrie war bewußtlos, völlig ohnmächtig, vor der Speisezimmertür gefunden morden. Während er mit dem Boten hastig hineilte, konnte er nur in Erfahrung bringen, daß sie am Morgen scheinbar so wohl wie gewöhnlich gewesen sei, und daß niemand eine Ursache für ihre Ohnmacht angeben könne. Viel mehr konnte er auch nicht herausbringen, als er in das Hotel kam und sie untersuchte, während sie bleich und bewußtlos auf dem Sofa ihres Wohnzimmers lag. Es war nicht für nötig befunden worden, ihr ohnehin locker sitzendes Kleid noch mehr zu lockern, und in der Tat konnte er keine organische Störung finden. Es war ein Fall plötzlicher Nervenerschütterung – aber gerade dies kam ihm, da er ihre phlegmatische Natur kannte, nahezu unverständlich vor. Man konnte ihm nichts sagen, als daß sie offenbar im Begriffe gestanden habe, das Speisezimmer zu betreten, als sie in Ohnmacht gesunken sei. Ob sie durch irgend etwas erschreckt worden sei? Eine Schlange oder Ratte zum Beispiel? Fräulein Morvin war empört! Mac Glowries Witwe! – Die Besiegerin des grauen Bären! Durch »so was« erschreckt! Ob sie durch irgendwelche vorhergehende Erregung, einen Streit oder den Empfang schlimmer Nachrichten irritiert worden sei? – Nein, sie sei »nicht von der Sorte«, wie der Doktor ja wohl wisse. Währenddessen fühlte er, wie Leben und Gesundheit in den Puls der Witwe zurückkehrten, den er hielt, und ihren Lippen ein wenig Farbe verlieh. Ihre blaugeäderten Augenlider zitterten leicht und öffneten sich dann mit matter Verwunderung, als ihr Blick auf den Doktor und ihre Umgebung fiel. Plötzlich erschien ein überraschter Ausdruck in den hellbraunen Pupillen ihrer Augen, und sie erhob sich in eine sitzende Haltung, indem sie einen eiligen Blick nach der Tür richtete. Als sie die lebhaften, beobachtenden Augen Doktor Blairs bemerkte, nahm sie sich gewaltsam zusammen, wie Doktor Blair an ihrem Pulse wahrnahm, und entzog ihm ihr Handgelenk. »Was ist los? Was ist geschehen?« sagte sie schwach. »Sie hatten einen leichten Ohnmachtsanfall,« sagte der Doktor heiter, »und man rief mich im Vorbeigehen herein, aber Sie sind jetzt ganz hergestellt.« »Wie schrecklich dumm,« sagte sie, während ihr die Farbe wieder kam, indes ihre Augen immer noch nach der Tür blickten, »wie'n grünes Mädel wegen nichts und wieder nichts hinzuplumpsen!« »Vielleicht hat irgend etwas Sie erschreckt?« sagte der Doktor. Frau Mac Glowrie schaute rasch auf und sah dann beiseite. »Nein! – lassen Sie einmal sehen! Ich ging gerade durch den Flur nach dem Speisezimmer, als – alles um mich her zu tanzen schien und ich weg war! – Wo hat man mich gefunden?« wandte sie sich an Fräulein Morvin. »Ich habe Sie gerade vor der Tür aufgelesen,« entgegnete die Haushälterin. »Dann haben sie mich also nicht gesehen?« sagte Frau Mac Glowrie. »Wer ist – sie – ?« antwortete die Haushälterin mit mehr Deutlichkeit als grammatikalischer Genauigkeit. »Die Leute im Speisezimmer? Ich machte gerade die Tür auf – und fühlte, daß dies kam – und – ich glaube, ich hatte noch gerade genug Besinnung, um die Tür wieder zuzumachen, ehe ich ohnmächtig wurde.« »Dann bezieht sich darauf, was Jim Slocum gesagt hat,« äußerte Fräulein Morvin triumphierend. »Er war im Speisezimmer und plauderte mit dem neuen Prediger, als er, wie er zugibt, die Tür hinter sich öffnen und zumachen hörte. Dann vernahm er draußen 'ne Art Plumps und machte die Tür wieder auf, nur um Sie da liegen zu finden, wegzurennen und mich zu suchen. Und drum ist er auch so böse auf den Prediger! Denn er sagt, daß der einfach fortgerannt sei, ohne sich zum Beistand anzubieten. Er erklärt, der Prediger möge wohl ein mächtiger Redner sein, aber was die ›Werke‹ anbetrifft, sei er zu nichts nutze.« »Manche Männer können's nicht mitansehen, wenn 'ne Frau so verrückte Sachen macht,« sagte die Witwe mit einem schwachen Versuch zu lächeln, aber aufs neue erbleichend. »Würden Sie sich nicht lieber wieder hinlegen?« sagte der Doktor besorgt. »'s geht mir jetzt ganz gut,« sagte Frau Mac Glowrie, ihre Anwandlung bezwingend. »Die Morvin wird nach mir sehen, bis das Unwohlsein aufhört. Aber es war mächtig rührend und freundnachbarlich von Ihnen, Doktor, daß sie hergekommen sind,« fuhr sie fort und brachte endlich ein schwaches, aber entzückendes Lächeln zu stande, das Blairs Pulse schlagen ließ. »Wenn ich mein eigener Hund wär', hätten Sie mich nicht besser behandeln können!« Da er keinen Vorwand weiter hatte, länger zu bleiben, mußte sich Blair wohl oder übel zum Gehen entschließen, was ihn aber, als Liebhaber wie als Arzt, recht hart ankam. Er war mit dem Befinden seiner Patientin keineswegs zufrieden. Als er aber am nächsten Tag kam, um nach ihr zu sehen, war sie beschäftigt und ließ ihm sagen, es gehe ihr »besser«. Über der Aufregung, die die Ankunft des neuen Predigers verursachte, wurde das leichte Unwohlsein der reizenden Witwe vergessen. Er hatte die Niederlassung im Sturm erobert. Seine erste Predigt in Laurel Spring übertraf selbst den fabelhaften Ruf, der ihm vorangegangen war. Bekannt unter dem Namen des »inspirierten Cowboy«, sollte er, ein gewöhnlicher, ungebildeter Grenzer, herrliche Gaben eindringlicher Beredsamkeit unter den Indianern und den kaum weniger wilden Grenzergemeinden entfaltet haben, unter denen er halb als Verbannter, halb als Missionar gelebt hatte. Er war soeben aus den Ackerbaubezirken des Südens hergekommen, wo er trotz seines rauhen Vorlebens hervorragende Erfolge bei den Frauen und der Jugend davongetragen hatte. Die mürrischen Dyspeptiker und trägen Landleute von Laurel Spring wurden angeregt wie von einer neuen Arznei. Doktor Blair ging zu der ersten »Erweckungsversammlung«. Obwohl er dem Einfluß des Mannes volle Gerechtigkeit widerfahren ließ, wurde er doch unwillkürlich von seiner Erscheinung und seinem Auftreten abgestoßen. Die geschärfte Beobachtungsgabe des jungen Arztes erkannte nicht nur ein übertriebenes Pathos in der Beredsamkeit des Sprechenden, sondern wurde auch von einem unaufrichtigen Ton in seiner nichts weniger als klaren Redeweise peinlich berührt. Trotzdem teilte sich die Verzückung des Predigers der Versammlung mit, die mit ihm weinte und brüllte. Verdrossene und unzufriedene Hausfrauen fanden, daß ihre Sorgen und Begierden nur das Ergebnis ihres »nicht wiedergeborenen« Zustands seien; die träge ländliche Jugend empfand, daß die Vergeblichkeit ihres mäßig hochfliegenden Strebens davon kam, daß sie nicht zum Bewußtsein ihrer Sündhaftigkeit gelangt war. Die Bank der Zerknirschten war von wild eifernden Sündern voll. Doktor Blair wandte sich mit aus Vergnügen und Verachtung gemischten Gefühlen zum Gehen. An der Tür klopfte ihm Jim Slocum auf die Schulter: »Packt die Weibsleute allemal, nicht, Doktor?« sagte er. »Scheint so,« sagte Blair trocken. »Sie sind einer von den gelehrten Kerls, die in die Dinge hineinsehen – was meinen Sie dazu?« Der junge Doktor unterdrückte die vernichtende Antwort, die ihm auf den Lippen schwebte. Er hatte in jener Gegend Vorsicht gelernt: »Könnt's nicht sagen,« bemerkte er gleichgültig. »Religion ist's nicht,« sagte Slocum nachdrücklich, »'s ist die reine Teufelei und Zauberei. Haben Sie sein Auge gesehen? 's ist wie das einer Klapperschlange, und die Weibsleute sind wie Vögel. Sie fürchten sich vor ihm – aber Sie müssen genau das tun, was er von ihnen will. Darum hat er die Witwe gestern so erschreckt.« Der Doktor war auf einmal Feuer und Flamme. »Die Witwe erschreckt?« wiederholte er empört. »Jawohl! Sie wissen doch, wie sie ohnmächtig wurde. Nun, Herr Doktor, ich und dieser Prediger, Gabriel Brown, waren um die Zeit allein im Speisezimmer. Die Witwe öffnete hinter mir die Tür und guckte herein, und da stutzte der Prediger und schaute auf, und dann kam jene Art von wunderlichem Schein in seine Augen, und sie machte die Tür zu, fuchtelte mit den Händen und sank im Flur draußen zu Boden. Er aber kroch weg wie 'ne Schlange und sagte kein Wort! Meine Meinung ist, entweder er hatte keine Zeit, den ganzen Einfluß wirken zu lassen, oder aber sie kriegte, schlau wie sie ist, die Tür zwischen sich und der Sache beizeiten zu. Kapiert? Sonst, so gewiß als Sie geboren sind, hätte sie sich hingeworfen und, am Boden kriechend, hinter ihm her geseufzt – grad' wie die andern Geschöpfe, von denen wir herkommen.« »Wenn ich Ihnen raten darf, so hüten Sie sich, vor den Brüdern solche Reden zu führen, sonst werden Sie noch gelyncht,« sagte der Doktor lachend, »Frau Mac Glowrie hatte einfach einen Ohnmachtsanfall infolge einer Anstrengung, das ist alles.« Trotzdem war ihm unbehaglich zu Mut, als er wegging. Frau Mac Glowrie hatte offenbar eine Erschütterung erlebt, die noch unaufgeklärt war und trotz Slocums blühender Phantasie einigermaßen mit seiner Geschichte zusammenhängen mochte. Er teilte den Aberglauben des Mannes nicht, obwohl er über Magnetismus nicht skeptisch dachte. Aber selbst dann war das Verhalten der Witwe ein abweisendes gewesen; und solange sie stark genug war, den Versammlungen fernzubleiben, war sie außer Gefahr. Als er einen oder zwei Tage darauf an dem Gasthofsgarten vorbeiritt, sah er ihre geschmeidige, anmutige Gestalt sich über eines ihrer Lieblingsblumenbeete neigen. Der hohe Zaun verbarg ihn teilweise ihren Augen, und sie glaubte sich offenbar allein. Vielleicht erhob sie sich darum plötzlich von ihrer Arbeit, schob ihr offenes Haar mit einem verdrossenen, zerstreuten Blick zurück, verharrte einen Augenblick, indem sie ganz ruhig in den blauen Himmel hineinstarrte, und nahm dann, nachdem sie ein wenig Atem geschöpft, ihre Beschäftigung auf eine stumpfe, mechanische Art wieder auf. Bei diesem kurzen Blick auf ihr reizendes Gesicht erschrak Blair über die Veränderung, die darin vorgegangen; sie war bleich; ihre Mundwinkel waren herabgezogen; tiefe Schatten lagen in ihren Augenhöhlen, und trotz ihrem breiten Gartenhut mit seinen blauen Bändern, ihrem hellen geblümten Rock und ihrer gefältelten Schürze sah sie aus, wie sie seiner Vorstellung nach in dein ersten überwältigenden Kummer ihrer Witwenschaft ausgesehen haben mochte. Doch er wäre, ihren geheimen Kummer respektierend, vorübergeritten, hätte ihn nicht der kleine Wachtelhund mit seinen geschärften Sinnen entdeckt. Und da Fluffy – wie Hunde gewöhnlich – anhänglich war und in dem Doktor einen lieben Freund erkannte, so bellte er freudig drauf los. Die Witwe blickte auf, und als ihre Augen die Blairs trafen,, errötete sie. Aber er war ein zu scharfsichtiger Liebhaber, um das zu mißdeuten, was, wie er – leider! – wußte, nur der Ausdruck ihrer Verlegenheit darüber war, daß er ihr zerstreutes Wesen bemerkt hatte. Doch es lag außerdem noch etwas in ihren braunen Augen, was er nie zuvor gesehen. Ein augenblickliches Aufleuchten von Erleichterung – ja sogar von Hoffnungsfreudigkeit – bei seinem Anblick. Das war für Blair genug; er schüttelte seine alte Schüchternheit ab, wie er den Staub von seinem Rocke abschüttelte, und galoppierte zu der Vordertür herum. Doch sie kam ihm im Flur lediglich mit ihrem gewöhnlichen Gleichmut entgegen. »Ich kann Sie nicht in einen Gipsverband legen wie Fluffy, Frau Mac Glowrie,« sagte er, »aber ich kann Ihnen verbieten, in den Garten zu gehen, ehe Sie besser aussehen. Sonst fällt ein schlechtes Licht auf meine Berufsgeschicklichkeit, und Laurel Spring wird erschrecken und mir's ins Wachs drücken.« Frau Mac Glowrie hatte ihre alte Laune hinreichend wiedergefunden, um zu erwidern, sie denke, Laurel Spring habe Besseres zu tun, als über den Gartenzaun nach ihr auszuschauen. »Aber Ihr Hund, der weiß, daß Sie nicht wohl waren, hatte, da er mich nicht völlig für einen Narren hält, den vernünftigen Einfall, mich zu rufen. Sie haben ihn doch gehört.« Aber die Witwe widersprach: sie sei so stark wie ein Pferd, und »Fluff«, wie alle jungen Hunde, sei im höchsten Grade naseweis. »Schön,« sagte Blair vergnügt, »angenommen, es gehe Ihnen körperlich vortrefflich, so werden Sie doch zugeben, daß irgend eine Sorge Sie bedrückt, nicht wahr? Wenn Sie mir Ihre Zunge durchaus nicht zeigen wollen, so könnten Sie sie wenigstens dazu gebrauchen, mir zu sagen, was Sie ängstigt. Wenn Sie,« fügte er ernster hinzu. »Ihrem Arzte kein Vertrauen schenken wollen, so doch vielleicht einem – einem Freunde.« Aber Frau Mac Glowrie, die seinen ernsten Blicken wie seinem Andringen auswich, fragte sich, was es einem Doktor oder einem – einem, sie schien selbst bei dem Worte zu zaudern – »einem Freunde frommen möge, die Kümmernisse eines einfältigen, nervösen alten Dings zu erfahren – das sich nur etwas zu viel mit seinem Geschäft abgegeben habe.« »Sie sind weder nervös, noch alt, Frau Mac Glowrie,« fiel der Doktor rasch ein, »wenn ich auch allmählich glaube, daß Sie wirklich hier zu abgeschlossen waren, Sie brauchen mehr Zerstreuung oder Anregung. Sie können sogar hingehen und diesen Prediger anhören« – er hielt inne, denn das Wort war seinen Lippen unversehens entschlüpft. Doch ein Ausdruck der Verachtung lief schnell über ihr bleiches Gesicht. »Und Sie würden gern sehen, wenn ich hinter diesen mageren alten Weibern und halbwüchsigen Dingern dreinliefe, die über diesen Mann geifern und schreien!« sagte sie verächtlich. »Nein, ich brauche wohl nur etwas Abwechslung – und ich will sehen, daß ich eine Weile aus meiner Tretmühle heraus und von hier fort komme.« An diese mögliche Folge hatte der arme Doktor nicht gedacht. Sein Herz wurde schwer, doch hielt er sich wacker. »Ja, vielleicht haben Sie recht,« sagte er traurig, »wiewohl es ein schrecklicher Verlust für Laurel Spring – für uns alle wäre, wenn Sie gingen!« »Sehe ich denn so sehr schlecht aus, Doktor,« sagte sie mit einem halb boshaften, halb pathetischen Lächeln. Dem Doktor kam ihr aufwärts gerichtetes Gesicht höchst anbetungswürdig vor, aber er unterdrückte sein Gefühl heroisch und begnügte sich auf die pathetische Hälfte ihres Lächelns zu antworten. »Sie sehen aus, als ob Sie etwas Schweres durchgemacht hätten,« sagte er ernst, »und ich habe Sie nie zuvor so gesehen. Es scheint, als ob Sie eine große Erschütterung erlebt hätten. Wissen Sie,« fuhr er leiser und halb verlegen lächelnd fort, »daß Sie, als ich Sie vorhin im Garten erblickte, aussahen, wie Sie wohl in den ersten Tagen Ihres Wittums ausgesehen haben mögen, als der Tod Ihres Gatten noch frisch in Ihrem Herzen war.« Ein seltsamer Ausdruck ging über ihr Gesicht. Ihre Augenlider senkten sich, und sie nahm mit beiden Händen ihre Faltenschürze auf, als wolle sie ihr Gesicht verhüllen. Ein Schauer schien durch ihre Schultern zu gehen, und dann folgte aus den Tiefen dieser Schürze ein Schrei, der in ein unbezwingbares Lachen überging, worauf sie, den Kopf noch immer verhüllt, in das innere Zimmer lief und die Tür hinter sich verschloß. Erstaunt, verletzt und zuerst empört blieb Doktor Blair wie angewurzelt an dem Fleck stehen. Dann machte seine Empörung einem brennenden Ärger Platz, als er sich seiner Rede entsann. Er hatte einen schrecklichen faux pas begangen, indem er sich hinreißen ließ, das geheiligte Andenken jenes toten Gatten heraufzubeschwören, den er ersetzen wollte – und ihr rascher Frauenverstand hatte seine lächerliche Dummheit durchschaut. Ihr Lachen hatte hysterisch geklungen, aber das war bei ihren gemischten Gefühlen nur natürlich. Verwirrt stieg er zu Pferde und ritt hinweg. Einige Tage mied er das Haus. Doch als er sie das nächste Mal sah, begrüßte sie ihn mit einem bezaubernden Lächeln, als habe sie seinen Schnitzer von neulich ganz vergessen. Sie sagte, es gehe ihr besser. Sie habe seinen Rat befolgt und mache sich etwas vom Geschäft frei. Sie sei wieder ausgeritten – o, so weit! Ob allein? – Selbstverständlich, sie sei stets allein! außerdem, was würde Laurel Spring sonst sagen? »Richtig,« versetzte Blair lächelnd, »zudem vergaß ich, daß Sie völlig im stande sind, sich im Notfall zur Wehre zu setzen. Und doch,« fuhr er fort, indem er einen bewundernden Blick auf ihre leichte Gestalt und ihre lässige Anmut warf, »wissen Sie, daß ich mir Sie nie und nimmer als die Heldin der schrecklichen Abenteuer vorstellen kann, die Sie bestanden haben sollen.« »Dann lassen Sie's bleiben,« sagte sie schnell, »wirklich, das ist mir lieber. Es wird mir übel, wenn ich davon höre!« Dabei machte sie einen Versuch, zu lächeln, und ihre Wangen färbten sich leicht. Blair war ein wenig verlegen. »Natürlich zweifle ich nicht an Ihrem Heldenmut, wie Sie ihn bei der Geschichte mit dem Kerl und der Schere bewiesen haben,« stammelte er. »O, das ist das Schlimmste von allem – 's ist zu dumm – 's macht einem übel!« Und ärgerlich fuhr sie fort: »Ich weiß wirklich nicht, wer diesen Unsinn aufgebracht hat,« Dann fügte sie schüchtern hinzu: »In Wirklichkeit bin ich eine schreckliche Memme und furchtbar nervös – wie Sie wissen!« Er würde das bestritten haben, aber sie sah tatsächlich verstört aus, und er wünschte, keine neue Unklugheit zu begehen. Auch glaubte er in ihren Augen wiederum das gleiche Aufleuchten ernster Hoffnung wie schon einmal erblickt zu haben, was ihn sehr beglückte. Das verführte ihn, wie ich fürchte, dazu, sich noch gewagteren Träumen hinzugeben. Seine Praxis ernährte ihn, wenn sie auch sichtlich zunahm, nur dürftig, und die Witwe war reich. Ihr Geschäft war einträglich gewesen, und sie hatte die Vorschüsse zurückgezahlt, die sie bei Übernahme des Gasthofs erhalten. Doch dieser Unterschied in ihren Glücksgütern, der ihn zuvor abgeschreckt hatte, flößte ihm jetzt keine Angst mehr ein. Er fühlte, daß sie, wenn er schließlich ihre Neigung gewann, sich dazu verstehen könnte, trotz andrer Bewerber auf ihn zu warten, bis es ihm gelungen wäre, eine entsprechende Lebensstellung zu erringen. Seine Nebenbuhler hatten sich stets sowohl durch seine Armut als durch seinen friedlichen Beruf in Sicherheit wiegen lassen. Wie konnte ein armer, einfacher Doktor nach der Hand der reichen Witwe des schrecklichen Mac Glowrie streben? Es war an einem Spätnachmittag, und die tiefstehende Sonne fing an, schräg auf die starren Reihen der rötlichen Stämme auf dem Hohen Landrücken zu scheinen. Der Doktor, der von einem Patienten in dem Lager der Holzfäller heimkehrte, ritt, in seinen Gedanken mit der schönen Witwe beschäftigt, schnell durch den Wald, als er ein fröhliches Bellen im Unterholz vernahm und Fluffy auf ihn zugesprungen kam. Blair stieg ab, um ihn wie gewohnt zu streicheln, und schlenderte dann, in der naheliegenden Annahme, daß seine Herrin nicht weit sei, suchend fürbaß, während der Hund vor ihm hersprang und bellte, als wäre er darauf erpicht, ihn sowohl zu führen, als anzumelden. Doch das letztere gelang ihm zuerst; denn als Blair sich von der Schneise tiefer in das Gehölz hinein wandte, sah er eine männliche und eine weibliche Gestalt zusammengehen, die sich, durch das Bellen gewarnt, plötzlich trennten. Das Weib war Frau Mac Glowrie – der Mann war der »Erweckungsprediger«. Trotz seiner Verblüffung und seines Unwillens gehorchte Blair gleichwohl seiner ersten Regung, der eines Gentleman. Er wandte sich gemächlich zur Seite, als ob er sie nicht erkenne, führte sein Pferd ein paar Schritte weiter, bestieg es und galoppierte davon, ohne sich umzusehen. Doch sein Herz war von Bitterkeit und Widerwillen erfüllt. Dieses Weib, das vor wenigen Tagen erst sich aus eigenem Antrieb aufs geringschätzigste über diesen Mann und seine Bewunderer ausgesprochen, hatte ihm eine heimliche Zusammenkunft gewährt, gleich den Verblendetsten seiner Betschwestern! Die Geschichte von der Ohnmacht der Witwe, Slocums schnöde Vermutungen und Deutungen fielen ihm schwer auf die Seele. Aber selbst jetzt verhinderte ihn seine Vernunft, daran zu glauben, daß sie dem Einfluß dieses Mannes unterlegen sei – sie, mit ihrem gesunden Geist und ihrem kühlen Temperament. Doch, was für eine Bewandtnis die Sache auch haben mochte, jedenfalls hatte sie ihn mutwillig und grausam getäuscht! Sein plötzliches Ausweichen vor ihr hatte ihn gehindert wahrzunehmen, ob sie ihn ihrerseits erkannt habe, als er wegritt. Wenn ja, so würde sie verstehen, warum er sie gemieden, und eine etwaige Erklärung mußte von ihr ausgehen. Dann folgten ein paar Tage der Ungewißheit, in denen seine Gedanken wieder mit aufsteigender Eifersucht zu dem Prediger zurückkehrten. War sie also doch wie die andern Weiber, und war ihr spontaner Ausbruch der Verachtung über deren Betörung durch erfolglosen Wettbewerb veranlaßt worden? Er war viel zu stolz, Slocum wieder zu fragen oder ein Wort über seine, Besorgnisse verlauten zu lassen. Doch war er nicht stark genug, sich einen erneuten Besuch des Hohen Landrückens zu versagen, der vielleicht zur Entdeckung eines neuen Stelldicheins führen möchte. Aber weder dort, noch sonstwo auf seinen täglichen Rundgängen erblickte er sie. Doch als er eines Abends seiner fieberischen Angst nicht mehr Herr wurde, betrat er das große »Evangelisationszelt« des Apostels. Es war gerade eine außerordentliche Versammlung, und die gewöhnliche begeisterte Hörerschaft war durch einige Neugierige aus der benachbarten Grafschaftshauptstadt verstärkt worden: den Bezirksrichter und Beamte des zur Zeit tagenden Gerichtshofs – darunter Oberst Starbottle. Der leidenschaftliche Apostel, dessen Augen in fieberischem Feuer glühten, während das dünne Haar feucht von Schweiß an seinen schweren, aber schlaffen Kinnbacken herunterhing, beschloß soeben eine glühende Ermahnung an seine Zuhörer, ihre Sünden zu beichten und sich unverzüglich zum Glauben zu bekennen. Sie sollten den alten Adam ausziehen und sogleich das Fleisch der Gerechtigkeit anziehen! Sie sollten sich nicht durch falsche Scham oder weltlichen Stolz abhalten lassen, ihre schuldige Vergangenheit vor ihren Brüdern zu beichten, Seufzer und Stöhnen folgten der Mahnung des Predigers, dessen eigene Erregung und krampfhafte Anstrengungen sich in brandenden Wogen über die Menge zu ergießen schienen, bis sich ein Dutzend Männer und Weiber erhob, blindlings wie betrunken einherstolpernd oder durch stöhnende Gesinnungsgenossen nach der Bußbank vorgetrieben und geschleppt. Und unter ihnen hervorstechend, doch munter und fröhlich vorwärts schreitend, der gefürchtete Weltmann Oberst Starbottle! Bei diesem Beweis von der Macht des Redners brüllte die Versammlung, hielt aber plötzlich inne, als der Oberst vor dem Prediger halt machte und die Rednerbühne neben ihm bestieg. Dann nahm er eine lässige Haltung ein, seinen Stock mit dem goldenen Knopf in der einen Hand, die andre in den Busen seines zugeknüpften Rocks gesteckt, und sagte mit seiner sanftesten Gerichtsrednerstimme: »Wenn ich Sie nicht mißverstehe, mein Herr, so haben Sie diesen Damen und Herren zu einem freien und öffentlichen Geständnis ihrer Sünden und – äh – zur Darlegung ihres früheren Lebens zugeredet, soweit es vor ihrer Bekehrung lag. Wenn ich mich irre, so – äh – bitte ich Sie und diese Herrschaften um Vergebung und – äh – stehe zur Verfügung – äh – persönlich zur Verfügung.« Der Prediger blickte verdutzt auf den Oberst, erwiderte jedoch, immer noch in dem hysterischen Tonfall seiner Büßpredigt: »Jawohl! Ein ernstliches Erforschen der Herzen – ein Austreiben der sieben Teufel des Stolzes, der Ehrbegierde...« »Danke – das genügt,« sagte der Oberst sanft. »Aber darf ich mir – äh – gestatten, vorzuschlagen, daß Sie – äh – mit gutem – ah – Beispiel vorangingen? Ein Bericht über Ihre eigene Vergangenheit und Bekehrung würde ausnehmend unterhaltend und belehrend sein.« Der Prediger wandte sich plötzlich um und blickte den Oberst mit wütenden Augen und aschfahlem Gesicht an. »Wenn dies der Hohn und Spott der Gottlosen und Bösewichter ist,« schrie er, »wehe euch, sage ich, wehe euch! Was haben Leute wie Sie mit meinem ehemaligen Sündenstand zu schaffen?« »Nichts,« sagte der Oberst mild, »aber vielleicht das Gericht von Arkansas! Und in diesem Fall, mein Herr, möchte ich, als ein ehemaliges Mitglied der Anwaltschaft von Arkansas, in der Lage sein, Ihr Gedächtnis zu unterstützen und – äh – sogar Ihre Beichte zu erhärten.« Doch jetzt drängten sich die begeisterten Anhänger des Predigers in dem unbestimmten Gefühl, daß ihrem Götzen eine Gefahr bevorstehe, drohend um die Rednerbühne, von der der Prediger schleunigst in ihre Mitte herabgeglitten war, indem er den Oberst allein einer See zornig emporgerichteter Gesichter ausgesetzt ließ. Aber dieser tapfere Krieger änderte seine gewohnte charakteristische Haltung nicht. Denn hinter ihm erhob sich der Ruhm des Dutzends Zweikämpfe, die er ausgefochten; der Stock mit dem Goldknopf, auf den er sich stützte, sollte achtzehn Zoll blanken Stahls enthalten, und die Leute von Laurel Spring waren ... besonnen. Er lächelte verbindlich, stieg wohlgemut herab und legte den Weg bis zum Eingang unbehelligt zurück. Doch hier holten ihn Blair und Slocum und ein Dutzend eifriger Frager ein: »Was ist mit ihm?« »Was hat er getan?« »Wer war er?« »Ein verfl – Lump, der die Witwen und Waisen in Arkansas beschwindelt hat und aus dem Gefängnis ausgebrochen ist.« »Und sein Name ist nicht Brown?« »Nein,« sagte der Oberst kurz. »Nie heißt er denn?« »Das ist eine Angelegenheit, die nur ihn und mich etwas angeht, mein Herr,« sagte der Oberst selbstbewußt, »für die ich jedoch – ah – persönlich zur Verfügung stehe.« Ein kurioser Gedanke fuhr Blair durch den Kopf, »Und Sie sagen, er sei ein berüchtigter Desperado gewesen?« sagte er in nervöser Unruhe. Der Oberst blickte starr, »Ein – Desperado – , mein Herr? Nimmermehr! Hol's der Henker! Ein gemeiner psalmensingender, hasenherziger, schleichender Dieb!« Blair fühlte sich erleichtert, ohne eigentlich Zu wissen warum. Am nächsten Tage ward bekannt, daß der Prediger Gabriel Brown aus Anlaß eines dringenden Evangelisationsrufes Laurel Spring verlassen hatte, Oberst Starbottle kehrte mit seinen Freunden unverzüglich nach der Grafschaftshauptstadt zurück. Seltsamerweise hatte an jenem Abend die Mehrzahl der Hörer nicht ganz erfaßt, was das schroffe Eingreifen des Obersten zu bedeuten habe, und die übrigen schwiegen im Interesse des Apostels darüber still. Blair aber, der nun erst recht von Zweifeln gequält wurde, war mit seinem Latein zu Ende, falls nicht die Witwe aus eigenem Antrieb mit einer Aufklärung herausrücken würde. Ein Besuch bei seinem Patienten im Holzfällerlager führte ihn am nächsten Tage wieder nach dem verhängnisvollen Rotholzwalde. Doch machte er, als er im Lager anlangte, die ärgerliche Entdeckung, daß er das Opfer eines Irrtums geworden, indem man von dort gar nicht nach ihm geschickt hatte. Er machte sich verstimmt auf den Heimweg, als er zu seinem Erstaunen in geringer Entfernung vor sich Frau Mac Glowries wohlbekanntes dunkelgrünes Reitkleid flattern sah und dann die Gestalt der Dame selbst erblickte. Ihr Hund war diesmal nicht bei ihr, ebensowenig der Wanderprediger – sonst würde er den ganzen Anblick für ein Spiel seiner Erinnerung gehalten haben. Doch sie mäßigte ihren Gang, und er sah sich genötigt, an ihrer Seite sein Pferd zu zügeln. »Ich werde wohl nicht mehr in die Lage kommen, Sie dadurch zu kränken, daß ich allein mit einem Mann durch den Wald reite,« sagte sie mit leichtem Lachen. Trotzdem war sie sehr bleich, als er etwas kühl erwiderte, er habe kein Recht, durch irgend etwas gekränkt zu sein, was sie zu tun für gut befinde. »Aber Sie waren doch gekränkt, denn Sie ritten das letzte Mal ohne ein Wort weg,« sagte sie, »und doch,« sie blickte auf einmal mit einem Gesicht, aus dem das Lächeln verschwunden war, in seine Augen empor, »hatte jener Mann einst ein besseres Recht, allein mit mir zu reiten als jeder andre. Er war nämlich – – « »Ihr Liebhaber!« sagte Blair schroff. »Mein Gatte,« entgegnete Frau Mac Glowrie leise. »Dann sind Sie also nicht Witwe?« keuchte Blair. »Nein, ich bin nur eine geschiedene Frau. Deshalb war mein Leben hier eine Lüge. Dieser Mensch – dieser Heuchler – dessen Geheimnis an jenem Abend nur zur Hälfte kundgetan wurde, ließ sich vor drei Jahren von mir scheiden, als er nach seinem Entkommen aus dem Gefängnis mit einem andern Weibe aus dem Staate geflohen war.« Ihr Gesicht wurde rot und wieder weiß; sie hob ihre Hand unbewußt zu ihrem wirren Haar und schien einen Augenblick im Sattel zu wanken. Doch ebenso rasch sprang Blair vom Pferde und war an ihrer Seite. »Lassen Sie mich Ihnen herunterhelfen,« sagte er schnell, »und ruhen Sie sich aus, bis Sie sich wohler fühlen.« Ehe sie antworten konnte, hob er sie sanft auf den Boden herab und setzte sie auf einen bemoosten Baumstamm etwas abseits der Waldschneise. Da kehrten ihre rote Farbe und ein schwaches Lächeln in ihr verwirrtes Antlitz zurück. »Würden wir nicht besser unsern Weg fortsetzen?« sagte sie, indem sie sich umschaute. »Ich ging damals nicht so weit, mich mit ihm im Walde niederzusetzen.« »Verzeihen Sie mir,« sagte Blair bittend, »aber selbstverständlich wußte ich von nichts. Ich hatte einen unwillkürlichen Widerwillen gegen den Mann, denn ich dachte, er habe irgendwie Gewalt über Sie.« »Die hatte er nicht, abgesehen von dem Geheimnis, das auch ihn bloßgestellt hätte.« »Aber andre wußten darum. Oberst Starbottle muß seinen Namen gekannt haben, und doch weigerte er sich, ihn mir zu sagen.« »Ja, aber nicht weil er wußte, daß es mein Gatte war, sondern weil er wußte, daß er den gleichen Namen führte. Er glaubt, wie jedermann, mein Gatte sei in San Francisco gestorben. Der dort verstorbene Mann war aber ein Vetter meines Ehemanns, ein verzweifelter Mensch und berüchtigter Duellant.« »Und Sie haben sich als seine Witwe ausgegeben?« sagte der erstaunte Blair. »Ja, aber machen Sie mir nicht zu große Vorwürfe,« sagte sie bittend. »Es war ein toller, törichter Betrug, aber ich war fast dazu gezwungen. Denn als ich zuerst über die Ebene her an die Grenze kam, führte ich noch den Namen meines Mannes, und wiewohl ich allein und hilflos war, wurde ich doch von den rohen Grenzern auffallend respektvoll behandelt. Es dauerte nicht lang, bis ich merkte, daß dies daher kam, daß man mich für die Witwe von Allen Mac Glowrie hielt, der eben in San Francisco gestorben war. Ich beließ sie bei dem Glauben, denn ich wußte, was sie nicht wußten, daß Allens Frau sich von ihm getrennt und wieder verheiratet hatte, und daß meine Aneignung seines Namens nichts Schlimmes anrichten konnte. Ich nahm ihre Freundlichkeit an, und sie sorgten für mein Fortkommen; das brachte mich hierher. Es war kein so gar schlimmer Betrug,« fuhr sie mit einem Beben ihrer hübschen Lippe fort, »lieber für die Witwe eines toten Desperado, als für die geschiedene Frau eines lebenden Sträflings zu gelten. Es hat niemand geschadet – und hat mich eben jetzt gerettet.« »Sie haben recht! Niemand könnte Sie tadeln,« sagte Blair eifrig und ergriff ihre Hand. Aber sie machte sie sanft los und fuhr fort: »Und jetzt wundern Sie sich, warum ich ihm hier eine Zusammenkunft gewährte?« »Ich wundere mich über nichts als über Ihren Mut und Ihre Geduld bei all diesen Leiden,« sagte Blair feurig, »und darüber, daß Sie mir vergeben, daß ich Sie so grausam mißverstanden habe.« »Aber Sie sollen auch alles wissen. Als ich zuerst Mac Glowrie unter seinem angenommenen Namen erblickte, wurde ich ohnmächtig, denn ich war voll Angst und glaubte, er wisse, daß ich hier bin, und sei gekommen, um mich selbst auf seine eigene Gefahr bloßzustellen. Deshalb schwankte ich, ob ich fortgehen oder ihm offen Trotz bieten sollte. Aber er scheint mehr erschrocken gewesen zu sein als ich, wie er mich hier fand, denn er hatte geglaubt, ich hätte meinen Namen nach der Scheidung geändert und die Frau Mac Glowrie von Laurel Spring sei die Witwe seines Vetters. Als er wußte, wer ich war, war er eifrig darauf bedacht, mich zu sprechen und gegenseitiges Stillschweigen mit mir zu vereinbaren. Er dachte nur an sich,« fügte sie verächtlich hinzu, »und seine Entlarvung als überführter Missetäter durch Oberst Starbottle genügte, ihn in die Flucht zu jagen.« »Und der Oberst kam nie auf den Verdacht, daß Sie seine Frau seien?« sagte Blair. »Nie! Er folgerte aus dem Namen, daß er ein Verwandter meines Mannes sei, und weigerte sich deshalb, ihn zu nennen – um meinetwillen. Der Oberst ist ein wunderlicher Kauz und ein Großsprecher, aber ein Gentleman, so gut wie nur einer.« Blair empfand eine leichte Regung von Eifersucht, schämte sich aber zugleich gewaltig. »So bin ich denn, wie es scheint, der einzige gewesen, der Sie beargwöhnt und gemieden hat,« sagte er traurig, »und doch weiß Gott...« Die Witwe hob halb lächelnd, halb feierlich ihre schlanke Hand, um ihm Schweigen zu gebieten. »Warten Sie! Ich habe Ihnen noch nicht alles gesagt. Der gröbste Betrug kommt erst noch! Als ich die Verantwortlichkeit übernahm, Allen Mac Glowries Witwe zu heißen, mußte ich auch ihre Verwandtschaft und ihre Lebensgeschichte übernehmen, wie ich sie von den Grenzern aufschnappte. Ich habe nie einen grauen Bären gejagt, ich habe nie jemand mit der Schere festgespießt; sie war es, die das getan hat. Ich war nie unter den Indianern, ich hatte nie kriegerische Verwandte; mein Papa war ein simpler Farmer. Ich war einfach ein friedliebendes Mädchen aus der Blaugrasgegend, So wird Kentucky genannt. Anm. d. Übers. das ist alles! Ich habe niemals etwas Böses darin gesehen; es schien mir die Männer vom Leib zu halten und mir die Freiheit zu wahren, bis ich Sie kennen lernte! Und Sie wissen, daß ich nicht wünschte, daß Sie daran glaubten, nicht wahr?' Und sie verbarg ihr errötendes Gesicht mit feinen Grübchen in ihrem Taschentuch. »Aber haben Sie nie daran gedacht, daß es einen andern Weg gäbe, sich die Männer vom Leib Zu halten und den Namen Mac Glowrie für immer aus der Welt zu schaffen?« fragte Blair mit leiserer Stimme. »Ich denke, wir müssen jetzt zurück,« sagte die Witwe scheu, indem sie ihm ihre Hand entzog, deren sich Blair in ihrer Verlegenheit unvermerkt wieder bemächtigt hatte. »Bitte, warten Sie nur noch ein paar Minuten, um mir Gesellschaft zu leisten,« sagte Blair bittend. »Ich kam hierher, um einen Patienten zu besuchen; doch es scheint ein Mißverständnis mit der Nachricht vorgekommen zu sein, und ich muß versuchen, es aufzuklären.« »O! Ist das alles?« versetzte die Witwe rasch. »Nun,« fügte sie von neuem errötend hinzu, »ich bin dieser Patient! Ich wünschte Sie allein zu sprechen, um alles aufzuklären, und mir fiel kein andrer Weg ein. Ich muß mir wohl angewöhnt haben, mir nichts mehr dabei zu denken, wenn ich mich für jemand anders ausgebe.« »Mein Wunsch ist, daß Sie mich bestimmen ließen, wer Sie sein sollen,« sagte der Doktor kühn. »Wir müssen wirklich zurück – zu den Pferden,« sagte die Witwe. »Einverstanden – falls wir zusammen heimreiten werden.« Das taten sie denn auch, und bevor das Jahr um war, kannte man, obwohl sie beide dort blieben, den Namen Mac Glowrie in Laurel Spring nicht mehr. Prossys alte Mutter. »'s ist ja alles ganz schön,« sagte Joe Wynbrook, »daß wir hier halten und uns in aller Gemütsruhe was vorlügen, wenn draußen der Wind durch die Fichten pfeift und der Regen die Gräben nur so ausfegt, um uns die Schleusenkästen Ein Behälter am Ende des Goldwäschertrogs zum Auffangen des Goldes. mit Gold zu füllen, derweil wir hier paffen und warten, aber, Jungens, ich will euch was sagen: 'n Heim ist das nicht! Nein, 'n Heim ist das nicht!« Der Sprecher hielt inne, warf einen Blick umher auf den hellen, behaglichen Schenkraum, die schimmernde Reihe Gläser dahinter und den Kreis vergnügter Gesichter vor dem Ofen, an dem seine eigenen Stiefel fröhlich dampften, holte ein Glas Whisky vom Fußboden unter seinem Stuhl herauf und nahm trotz seiner mißbilligenden Bemerkung mit allen Zeichen der Zufriedenheit einen tiefen Schluck von dem Branntwein. »Wenn Ihr meint,« gab Cyrus Brewster zurück, »daß es nicht das alte Farmhaus ist, wie wir's als junge Bengels kannten, dahinten 'rum in den Wäldern, so will ich Euch recht geben; aber Ihr werdet Euch gefälligst besinnen, daß um die Farm keine Goldstellen rings rum lagen. Nicht zu machen. Wär' so was dagewesen, wär'n wir nicht weggelaufen.« »Das mein' ich nicht,« sagte Joe Wynbrook, indem er sich bequem in seinen Stuhl zurücklehnte, »'s ist der häusliche Herd, von dem ich spreche. Das Wohltuende, versteht – die Sauberkeit von den Weibsleuten.« »Na, was das Wohltuende betrifft,« bemerkte der Schankwirt, indem er seine Ellbogen sinnend auf den Zahltisch stützte, »bevor ich hier das Ausgeschachtete vermünzte, hatt' ich 'nen Kramladen und 'ne Schenke dahinten in Missouri 'rum; da lagen fünf Farmen vom alten Schlag bei'nander. Verflucht sei mein Fell, wenn nicht die Mannsleute damals in meinem Laden zu seh'n waren, wie sie auf Tonnen saßen und ihren üblichen Kornschnaps schlürften, vielmal öfter als ihr alle hier – bei all diesen modernen Verbesserungen.« »Es erfaßt's keiner von euch,« erwiderte Wynbrook ungeduldig. »Wann's weiter nichts brauchte, als Häuser zu bauen und Familien zu gründen, so schätze ich, daß euer Lager es dafür so ziemlich auskömmlich hat und es nicht an Mädels fehlt, uns zu freien, aber das hieße bloß sich 'nen Trubel auf den Hals laden und einen Haufen schnatternder Weiber loslassen, daß sie gegen'nander klatschen und unsre ganze Freundschaft untergraben. Nein, ihr Herren! Was uns, wie wir hier beisammen sind, abgeht, das ist 'ne gute alte Mutter! Nicht so 'was Neubackenes oder Modisches, nein, so 'ne richtige Mutter vom alten Schlag, wie wir sie als Jungens hatten!« Der Sprecher berührte eine recht abgegriffene Saite, eine, die kaum noch mehr abzugreifen und die einst vergeblich erklungen war, aber doch noch ihre Wirkung tat. Die Männer schwiegen. Also ermutigt fuhr Wynbrook fort: »Denkt euch, ihr kommt in 'ner Nacht wie heute aus dem Flußbett nach Hause und findet eure alte Mutter, die auf euch wartet! Da gibt's kein Rumtasten nach den Zündhölzern, die ihr im Flußbett gelassen habt! kein solches Gefluche von oben 'runter, weil das Holz naß ist oder weil ihr vergessen, es 'reinzubringen: kein Rumkramen nach euren trockenen Sachen, um schließlich zu finden, daß ihr am Morgen vergessen habt, sie zu trocknen – sondern alles wartet fix und fertig auf euch. Und dann bringt sie vielleicht 'n paar Pfannkuchen, die sie eben für euch gebacken hat – so wie nur sie sie backen kann! Nehmt zum Beispiel Prossy Riggs – hier an meiner grünen Seite! Er hat doch den fettesten Fang gemacht und setzt nun 'n großartiges Haus auf die Anhöhe. Schön! Laßt's ihn fertigstellen und pikfein einrichten – mit 'nem chinesischen Koch, 'ner Biddy Biddy (Put-put-Hühnchen) Bezeichnung der irischen Dienstmädchen. und 'nem mexikanischen Vaquero, um nach seinem Gaul zu schauen – aber keine Mutter wird ihm das Haus in Ordnung halten! Das heißt,« verbesserte er sich gemächlich und wandte sich zu seinem Gefährten. »Ihr habt wenigstens nie von Eurer Mutter gesprochen, drum meine ich, daß Ihr ungefähr wie wir festsitzt.« Der angeredete junge Mann errötete verlegen und nickte dann linkisch mit dem Kopfe. Er hatte jedoch mit einer schier kindischen Anteilnahme und mit einer ehrfürchtigen Bewunderung seiner Kameraden auf die Unterhaltung gelauscht – Eigenschaften, die in Verbindung mit einem nicht übermäßig glänzenden Begriffsvermögen ihn abwechselnd zur Zielscheibe und zum Liebling des Lagers machten. In der Tat glaubte man, daß er über das Maß Einfalt und Unerfahrenheit verfüge, das nach dem Aberglauben der Goldgräber seinem Besitzer Glück bringt. Und dies war unzweideutig dadurch erwiesen, daß er »den fettesten Fang« des ganzen Jahres gemacht hatte. Joe Wynbrooks Gefühlsregung, wenngleich sie lediglich abwägender Natur und nur halb ernst gemeint war, hatte unbewußt eine Saite in »Prossys« einfacher Lebensgeschichte berührt, und das Erröten seiner Wange beruhte nicht ausschließlich auf Schüchternheit. Heim und Angehörige, von denen sie so leichthin sprachen, hatte er nie gekannt; er war ein Findling! Als er in der folgenden Nacht wach im Bette lag, dachte er an die Wohltätigkeitsanstalt, die sein Säuglingsalter beschützt hatte, an den Lehrer, bei dem er später untergebracht worden war; – das war alles, was er von seiner Kindheit wußte. In all seiner Einfalt hatte es einen großen Eindruck auf ihn gemacht, welch absonderlichen Wert seine Gefährten dem Einfluß der Familie beilegten, und er hatte ihre Übertreibungen völlig gläubig aufgenommen. Bei seiner vollständigen Unwissenheit und seinem Mangel an Verständnis für Spaß hatte er nichts Falsches in ihrer Gefühlsäußerung entdeckt. Und ein unbestimmtes Gefühl der Verantwortlichkeit, die er als Glücklichster von ihnen und als der, der sich zuerst ein »Haus« im Lager gebaut hatte, empfand, begann ihn zu bedrücken. Er lag da und starrte mit weit geöffneten Augen ins Dunkel, horchte auf den Bergwind und fühlte dessen warmen Hauch durch die Ritzen der Blockhütte über sein Gesicht streichen, indes er des neuen Hauses auf dem Hügel gedachte, das mit Latten versehen, getüncht und mit Schindeln gedeckt werden sollte, und doch noch bar und ledig einer solchen geheimnisvollen »Mutter« war! Und dann traf ihn aus der Einsamkeit und dem Dunkel heraus ein schrecklicher Gedanke, der ihn in seinem Bettkasten aufrecht hinsitzen ließ! Einen oder zwei Tage darauf stand Prossy Riggs in einer vom Sand überwehten, vom Wind durchfegten Vorstadt von San Francisco vor einem großen Gebäude, dessen abstoßendes Äußere verkündete, daß es eine regelrechte Wohltätigkeitsanstalt war. In der Tat war es ein Zufluchtsort für die mancherlei Auswürflinge übelberatener oder verzweifelter Einwanderschaft. Als Prosper vor der Tür anhielt, beschlichen ihn gewisse alte Erinnerungen an einen ähnlichen Zufluchtsort, und, seltsam genug, er fühlte sich bedrückt, als ob er für sich selbst Unterstützung suchte. Der Schweiß stand ihm auf der Stirne, als er das Zimmer des Direktors betrat. Doch glücklicherweise hatte dieser Beamte neben reicher Erfahrung in menschlicher Schwachheit ein gütiges Herz und leistete ihm, nachdem er seinen Besucher und dessen glänzende Uhrkette erst amtlich in Augenschein genommen und sich dann überzeugt hatte, daß dieser keine persönliche Unterstützung suchte, bei seinem stammelnd vorgebrachten Begehren höflich Beistand. »Wenn ich Sie recht verstehe, so brauchen Sie jemand als Haushälterin?« »Das ist's! Jemand, der liebreich nach meinen Sachen – und nach mir sieht,« erwiderte Prosper sehr erleichtert. »In welchem Alter?« fuhr der Direktor fort, einen behutsamen Blick auf die jugendkräftige Erscheinung und das gutmütig dreinschauende, einfache Gesicht Prospers werfend. »Ich bin gar nicht wählerisch – wenn sie nur alt ist – versteh'n Sie. Können Sie nur folgen? Alt – so etwa zwischen Ihnen und mir – als wenn sie meine eigne Mutter wär'.« Der Direktor lächelte in sich hinein. Ein gewisser Grad von Vorsicht war bei diesem Jüngling vom Lande unverkennbar! »Sie haben ganz recht,« antwortete er ernsthaft, »da Ihr Lager mit seinen Goldgräbern keine andern Frauen aufweist. Indessen können Sie auch keine allzu alte oder abgelebte brauchen. Da wäre zum Beispiel ein ältliches Fräulein ...« Aber in Prospers einfachen Zügen zeigte sich deutlich eine Veränderung, und so hielt der Direktor inne. »'s wär' mir schon lieber, sie wär' mehr oder weniger verheiratet, versteh'n Sie – daß es wie 'ne Mutter aussäh',« stammelte Prosper. »O gewiß, ich verstehe,« erwiderte der Direktor, den Prospers unerwartete Weisheit wiederum erleuchtete. Er sann einen Augenblick nach. »Da wäre,« begann er ausholend, »eine Dame in beschränkten Umständen – keine Insassin dieses Hauses, doch hat sie von uns Unterstützung erhalten. Sie war die Frau eines vor einigen Jahren verstorbenen Walfischfahrers und hat ihr Heim aufgegeben. Sie ward nicht zur Arbeit erzogen, und dieser Umstand hat sie neben ihrer empfindlichen Gesundheit abgehalten, sich um eine Tätigkeit zu bemühen. Da Sie dies nicht von ihr zu verlangen scheinen, vielmehr nur jemand zur Aufsicht haben möchten, und da Ihre Absicht, wie ich vermute, auch ein wenig menschenfreundlich ist, konnten Sie ihr vorschlagen, ein ›Heim‹ bei Ihnen anzunehmen. Da sie bessere Tage gesehen hat, ist sie übrigens etwas eigentümlich,« fügte er mit verschmitztem Lächeln hinzu. Des einfachen Prospers Gesicht strahlte. »Sie wird 'nen Chinesen und 'ne Biddy an der Hand haben,« sagte er schnell. Dann erinnerte er sich des Geschmacks seiner Kameraden und setzte halb entschuldigend hinzu: »Wenn sie sich dann und wann an 'ne Lemmingpastete oder 'nen Topfpfannkuchen machen könnte, so recht wie das 'ne Mutter tut, so würd's den Burschen gewiß Freude machen.« »Vielleicht können Sie das auch noch vereinbaren,« erwiderte der Direktor, »aber zunächst werde ich ihr die ganze Sache beibringen müssen, und es wird sich empfehlen, daß Sie morgen wieder vorsprechen, dann werde ich Ihnen ihre Antwort mitteilen.« »Sie können sagen,« sagte Prosper leichthin, indem er an seiner massiv-goldenen Kette spielte und sich der Ausdrucksweise einer ihm dunkel vorschwebenden Annonce bediente, »daß sie alles ganz wie zu Hause finden, nicht mit Fragen belästigt werden und ihre fünfzig Dollars im Monat haben soll.« Froh über den mühelosen Erfolg seines Plans und halb geneigt, sich für ein Wunder von einem vorsichtigen Diplomaten zu halten, begleitete Prosper zwei Tage später den Direktor nach einem Landhaus auf dem Telegraphenhügel, Stadtteil in San Francisco, an der Bai. wo die Hinterbliebene des Kapitäns Pottinger den Verlust ihres Gesponsen betrauerte, das Meer vor Augen, dem er sich so oft anvertraut hatte. Auf ihrem Wege dorthin erzählte der Direktor unserm Freund Prosper, wie dieser betrauerte Seemann dem Gerücht zufolge jene strenge Zucht in den häuslichen Kreis verpflanzt habe, die ihm im Lauf seines tätigen Lebens die Bezeichnung »Eisenfresser« und »Belegnagel« Pottinger eingetragen hatte, »Es heißt, daß sie sich trotz ihres friedfertigen Temperaments das eine oder andre Mal gegen den Kapitän aufgelehnt habe; aber das ist kein Fehler für eine urwüchsige Gemeinschaft, wie ich mir die Ihre vorstelle, und konnte ihr nur Achtung verschaffen.« Nachdem sie schließlich in einen kleinen Empfangsraum geführt worden waren, dessen Hauptschmuck große Abelonemuscheln, getrocknete Seealgen, Korallen und die zerbrochene Waffe eines Schwertfisches bildeten, entdeckte Prospers aus dem Gleis gebrachte Einbildungskraft die Witwe, die augenscheinlich wie unter ihres Gatten Überbleibseln auf dem Grunde des Meeres dasaß. Ihr Gesicht sah bekümmert und zugleich etwas gerötet aus, ihr Haar war weiß gesprenkelt und steif über die Ohren zurückgestrichen, und ihre Kleidung war reinlich, aber düster. Sie war zweifellos selbst für Prospers optimistischen und unerfahrenen Geist eine trübselige Erscheinung, und er konnte sich nicht recht vorstellen, wie sie sein Heim erhellen sollte! Mit einer gewissen Unruhe sah er, nachdem die Vorstellung zu Ende, den Direktor sich empfehlen. Als die Tür sich schloß, fühlte der schüchterne Prosper die trüben Augen der Witwe auf sich gerichtet. Ein sanftes Hüsteln, bei dem sie ergebungsvoll eine Hand im schwarzen Halbhandschuh auf ihre Brust legte, konnte als artiges Vorspiel zur Unterhaltung gelten, die möglicherweise Störungen von seiten der Lunge ausgesetzt sein würde. »Ich fühle mich bewogen, Ihr Anerbieten wenigstens für einige Zeit anzunehmen,« sagte sie in kläglichem Ton, »und zwar infolge einer drückenden Lage, die nicht eingetreten wäre, wenn mein Anspruch gegen die Reeder wegen des Verlustes meines lieben Gemahles richtig verfolgt worden wäre. Hoffentlich ist Ihnen vollständig klar, daß ich nach meinem Gesundheitszustand sowohl, als nach der in meiner Jugend genossenen Erziehung, zu jeder groben Arbeit in Ihrem Haushalt ungeeignet bin. Ich werde einfach die Aufsicht und Leitung übernehmen. Ferner erwarte ich, daß die von Ihnen angebotene Vergütung monatlich im voraus entrichtet werden wird. Und da mein Arzt mir etwas Anregendes für meine Körperverfassung verordnet hat, so darf ich wohl erwarten, entsprechende Nahrung – oder auch« – sie hüstelte leicht – »Getränke zu erhalten. Ich bin keineswegs stark – aber meine Bedürfnisse sind dafür auch bescheiden.« »Soweit, als ich's fasse und Ihnen folgen kann, gnä' Frau,« erwiderte Prosper schüchtern, »sollen Sie alles nach Wunsch haben – als wenn Sie zu Hause wären. Die Sache ist,« fuhr er in plötzlicher Verzweiflung fort, als die Schwierigkeiten, diese unerwartet eigenwillige und ihm überlegene Frau seinem Plane anzupassen, zu wachsen schienen, »Sie können mich ansehen grad' als wie Ihren ...« Doch hier waren ihre trüben Augen auf ihn gerichtet und er stotterte. Aber er war schon zu weit gegangen, um noch umkehren zu können. »Sie sehen,« stammelte er in gezwungenem Ton, der scherzhaft klingen sollte – »Sie sehen, das ist so ein kleines Geheimnis zwischen uns beiden; wir beide werden allein im Hause sein, und es würde den Burschen gegenüber 'n häuslicheren Eindruck machen – wenn – wenn – wir beide – da Sie 'ne Witfrau sind, versteh'n Sie – in so 'ne Art – Art« – hier wurde sein Lächeln geisterhaft – »näherer Beziehung träten.« Die Witwe des Kapitäns Pottinger richtete sich hier so plötzlich auf, daß es fast schien, als wolle sie aus ihrer düsteren und steifen Umhüllung schlüpfen und die leibhaftige Frau Pottinger in unpassender Weise bloßstellen. Ihre kräftige Gesichtsfarbe wurde hochrot; die Pupillen ihrer schwarzen Augen zogen sich vor dem Licht zusammen, das der unschuldige Prosper in sie ergossen hatte. Sie neigte sich vorwärts, faltete ihre Finger auf ihrem Busen und sagte: »Haben Sie dies dem Direktor gesagt?« »Wie können Sie so etwas denken!« sagte Prosper. »Seh'n Sie, das geht doch bloß uns beide an.« Frau Pottinger blickte auf Prosper, holte tief Atem und warf dann einen Blick nach den Abelonemuscheln, als wolle sie moralischen Beistand bei ihnen suchen. Ein halb klagendes, halb überlegenes Lächeln lief über ihr Gesicht, als sie sagte: »Das ist sehr überraschend und ungewöhnlich. Es besteht natürlich ein Altersunterschied zwischen uns! Sie haben mich früher nie gesehen – soviel ich wenigstens weiß – , wenngleich Sie von mir gehört haben mögen. Die Spraggs von Marblehead sind ja weit und breit bekannt – vielleicht besser als die Pottingers. Und doch, Herr Griggs ...« »Riggs,« brachte Prosper ihr schnell bei. »Riggs. Entschuldigen Sie! Ich dachte an den jungen Schiffsleutnant Griggs, den ich in nun vergangenen Tagen kannte. Herr Riggs, muß ich also sagen. Sie wünschen somit, daß ich ...« »Daß Sie meine alte Mutter seien, gnä' Frau,« sagte Prosper zitternd. »Das heißt, so tun, als wenn Sie's wären! Seh'n Sie, ich habe ja keine Mutter mehr, aber ich hielt es den Burschen gegenüber für nett und dachte, es würde meinem neuen Hause mehr was von 'nem Heim geben, wenn ich meine alte Mutter einlüde, bei mir zu leben. Sie wissen nicht, daß ich nie eine Mutter hatte, von der ich sprechen konnte, und sie werden's nie 'rauskriegen! Sagen Sie ja, Frau Pottinger! Bitte, tun Sie's!« Und hier geschah das Unerwartete. Gegen alle herkömmlichen Regeln und alle landläufigen Überlieferungen dichterischer Erfindung bin ich verpflichtet, festzustellen, daß Frau Pottinger nicht aufstand und den zitternden Prosper das Haus verlassen hieß! Sie ergriff nur die Lehne ihres Stuhles ein wenig fester, neigte sich vorwärts und sagte unter Verzicht auf ihre gewöhnliche bestimmte und feine Ausdrucksweise in aller Ruhe: »Der Handel soll gelten! Wenn Sie eine Mutter brauchen, mein Sohn, so können Sie jederzeit darauf rechnen, an mir ein Mütterchen zu haben, an mir, Cäcilia Pottinger Riggs,« – Einige Tage später begab sich der Gemütsmensch Joe Wynbrook in den »Salon« von Wild Cat, wo seine Kameraden sich's wohl sein ließen, und legte einen Brief auf den Schenktisch nieder, wobei er ein höchst bedenkliches Gesicht machte. »Schaut her,« sagte er, »ob das nicht alles übertrifft! Ihr würdet's nicht glauben, aber hier schreibt Prossy Riggs, daß er in Frisco San Francisco. Anm. d. Übers. seiner Mutter in den Weg gelaufen sei – seiner Mutter, ihr Herren; sie habe sich, ohne sein Vorwissen, 'ner Gesellschaft angeschlossen, die die Küste besuchte! Und was tut dieser verdammte Narr? Na, er bringt sie – dieses alte Weib – hierher! Hierher – ihr Herren – , damit sie sich um das neue Haus kümmern – und uns den Spaß verderben soll. Und der gottverlassene Ochse bildet sich auch noch ein, wir würden das gern seh'n!« * Es war einer jener seltenen Morgen der Regenzeit, wo doch schon eine Frühlingsahnung in der Luft liegt, und nach einer regnerischen Nacht brach die Sonne durch flockige Wolken mit kleinen Inseln blauen Himmels – als Prosper Riggs und seine Mutter ins Lager von Wild Cat einfuhren. Ein fröhlicher Ausdruck lag auf den Gesichtern seiner alten Kameraden. Denn man hatte anerkennen müssen, daß jedenfalls »Prossy« das gute Recht hatte, seine alte Mutter herzubringen, wobei seine unbestrittene Jugend und Unerfahrenheit die Gewähr dagegen bot, daß sein Streich Nachahmung fände. Darum schwenkten seine Kameraden fröhlich die Hüte, ja einige zogen sogar die Jacken an, als der Einspänner den Hügel zu dem hübschen neuen Landhaus mit seinen grünen Läden und seiner weißen Veranda hinauffuhr. Leider war Prosper indes nicht vollkommen glücklich. Zwar hatte es ihm in seiner Naivität nicht wenig geschmeichelt, daß Frau Pottinger seinem Vorschlage so rasch und geschäftsmäßig zugestimmt hatte, doch hatte es ihm auch einigermaßen zu schaffen gemacht; und obwohl sie sich, nachdem sie die ihr zugedachte Stellung einmal übernommen hatte, dieser sofort in jeder Hinsicht gewachsen zeigte und namentlich sich ängstlich davor hütete, sich in die Karten blicken zu lassen, so sah er doch zu seinem Schrecken, daß die Zügel seiner Hand entschlüpft waren. »Sie sagen, Ihre Kameraden wüßten nichts von Ihrer Familiengeschichte?« hatte sie ihm auf der Herreise gesagt. »Was gedenken Sie ihnen zu sagen?« »Nichts, als daß Sie meine alte Mutter sind,« sagte Prosper hilflos. »Das ist nicht genug, mein Sohn,« (Eine weitere Quelle der Verlegenheit war für Prosper die leichte Art, mit der sie sich der mütterlichen Ausdrücke bemächtigte.) »Nun hören Sie an! Sie wurden gerade ein halb Jahr, nachdem Ihr Vater, Kapitän Riggs (ehemals Pottinger) seine erste Seereise angetreten, geboren. Sie können sich natürlich seiner sehr wenig erinnern, da er so viel fort war.« »Wär's nicht vielleicht gut, wenn ich was über sein Aussehen wüßte?« sagte Prosper unterwürfig. »Ein großer dunkler Mann, das genügt,« antwortete Frau Pottinger scharf. »Wär's nicht besser, er säh' mir gleich?« sagte Prosper, der mit seinem bißchen Schlauheit die Tatsache erwog, daß er selbst entschieden blond war. »Ist gar nicht nötig,« sagte die Witwe fest. »Sie waren stets wild und unlenksam,« fuhr sie fort, »und liefen von der Schule weg, um sich einem westlichen Auswandererzug anzuschließen. Daher rührt die Verschiedenheit unsrer Ausdrucksweise.« »Aber,« setzte Prosper hinzu, »ich müßte mich doch an irgend was aus unsrer alten Zeit erinnern, zum Beispiel wie ich für Sie Besorgungen machte, und an kalten Morgen 's Holz 'reinbrachte, und Sie mir heiße Pfannkuchen gaben.« »Nichts der Art,« sagte Frau Pottinger schnell. »Wir lebten in der Stadt mit einer Menge Dienerschaft. Besinnen Sie sich bloß, lieber Prosper, daß Ihre Mutter nicht auf solchem eingezogenen ländlichen Fuß lebte.« Froh, weiterer Erfindung überhoben zu sein, war Prosper gleichwohl etwas betroffen über diese Zertrümmerung des Idealbilds von einer Mutter in eben dem Lager, das dessen Lob gesungen hatte. Doch er konnte nur darauf bauen, daß sie die Lage mit ihrem üblichen Scharfsinn überblickte, vor dem er einen Heidenrespekt hatte. Joe Wynbrook und Cyrus Brewster hatten als ältere Lagergenossen absichtlich dicht bei dem neuen Hause geharrt, um »Prossy und seiner Mutter« ihren Beistand anzubieten, und waren dieser, wenn auch nur flüchtig, vorgestellt worden. Dabei hatte sie einen so tiefen und unerwarteten Eindruck auf sie gemacht, daß diese beiden Orakel des Lagers ihren Rückzug den Hügel hinunter eine Zeitlang in ehrfurchtsvollem Schweigen bewerkstelligten, da keiner wagte, seinen Ruf durch ein Urteil oder den Ausdruck allzu großer Überraschung zu gefährden. Aber als sie sich dem neugierigen Haufen drunten näherten, der sie erwartete, entschloß sich Cyrus Brewster zu dem Ausspruch: »Es kam mir so vor, als ob dies alte Frauenzimmer viel zu geschwollen für Prossys Mutter wär'.« Joe Wynbrook griff diese Äußerung sofort auf, um seine überlegene Einsicht darzutun: »Es kam Euch so vor! Ich dagegen hätte gar nichts andres erwartet! Was wußten wir denn von Prossy? Nichts! Was hat er uns je erzählt? Nichts! Und warum? Weil's sein Geheimnis war. Herrgott! Ein blindes Maultier konnte das sehen. All seine Narrheit und Einfalt kommt daher, daß er als Kleines geduckt und verzärtelt worden ist. Dann fiel er wahrscheinlich 'nem Seelenverkäufer in die Hände oder wurde von irgend 'nem Burschen entführt – und brach fast seiner Mutter Herz. Ich setz' meinen letzten Dollar dafür, daß er vordem in der Zeitung ausgeschrieben worden ist – bloß haben wir das Blatt nicht zu Gesicht bekommen. Wahrscheinlich hatten sie Agenten ausgesandt, die ihn suchten, und er lief ihnen in Frisco grad' in die Hände! Ich hatte 'ne Art Vorahnung, als er wegging, obgleich ich nie 'was merken ließ.« »Mir scheint auch, daß sie in steter Angst lebt, er möchte wieder auskratzen. Habt Ihr bemerkt, wie sie ihn die ganze Zeit nicht aus 'm Auge ließ und wie sie alles verkehrt anfaßte? Und eins ist sicher! Er ist verändert – ja! Er schaut nicht mehr so sorglos und frei und närrisch wie sonst aus.« Dieser Ausspruch fand die allgemeine Zustimmung der ganzen Bande, die inzwischen zu ihnen gestoßen war. Alle – selbst die, die der Mutter nicht vorgestellt worden – hatten seine seltsame Beklommenheit und Schweigsamkeit bemerkt. In der lebhaften Logik des Lagers konnte ein solches Verhalten angesichts dieser überlegenen Frau – seiner Mutter – nur bedeuten, daß ihre Anwesenheit nicht nach seinem Geschmack war; daß er sich entweder schämte, weil sie seine Minderwertigkeit ihr gegenüber wahrnahmen, oder daß er sich seiner Genossen schämte! So seltsam und vorschnell ihre Schlußfolgerung auch war, so wurde sie dennoch von Joe Wynbrook in einem Tone unparteiischer und selbst widerwilliger Überzeugung verlautbart. »Nun, ihr Herren, einige von euch mögen sich entsinnen, daß ich, als ich hörte, Prossy wolle seine Mutter hierher bringen, mit dem Fuße aufstampfte – ja aufstampfte, weil's nur zu klar war, daß die Mutter eines solchen Menschen eine so verdrehte Schraube sein mühte, daß sie das Lager in Aufruhr bringen würde. Wir hatten keinen Raum für zwei solcher Schwarbelköpfe – und da der eine davon 'ne Frau sein sollte, konnten wir sie nicht einsperren oder aufsitzen lassen, wie wir's mit ihm machten. Nun aber, ihr Herren, wo wir sehen, daß sie nicht was derartiges, sondern ganz normal ist und daß sie Prossy zu fassen gekriegt hat – ob's ihm paßt oder nicht – so wollen wir nicht dulden, daß er sie wieder verläßt! Nein, Herr! Wir wollen nicht dulden, daß er ihr zum zweiten Male 's Herz bricht! Er mag uns für ihrer unwert halten, aber so lange, als sie höflich gegen uns ist, wollen wir ihr beistehen.« Auf diese Weise wurden die Fesseln dieser ungeweihten Verwandtschaft nach und nach um den unglücklichen Prossy befestigt. Während der nächsten zwei oder drei Tage sangen seine Kameraden das Lob seiner Mutter in allen Tonarten und erteilten ihm Ratschläge, wie: »Ich würde nicht im Wirtshaus bleiben, Prossy; Eure alte Mutter verlangt nach Euch;« oder: »Werft das Teertuch hier über Eure Schulter, Proß, damit Ihr nicht Eure feuchten Lappen in das Haus bringt, das Eure alte Mutter so schmuck gemacht hat.« Seltsam genug, manche dieser Ratschläge waren ganz aufrichtig gemeint und gaben – wenigstens für die nächsten zwanzig Minuten – die ehrlichen Gefühle des Sprechers wieder, Prosper ward durch diese scheinbare Gefühlsregung, die auch seinen Entschluß herbeigeführt hatte, gerührt, vergaß sein Mißbehagen, und wurde wieder ganz der alte, eine Tatsache, die von seinen Kritikern ebenfalls bemerkt wurde. »Ihr habt ihn bloß bei seinem Vorhaben festzuhalten, und er wird wieder die Freude der Witfrau sein,« sagte Cyrus Brewster. Gewiß war, daß er so weit Mut gefaßt hatte, an jenem Abend eine lange Unterredung mit Frau Pottinger zu führen, die das Ergebnis hatte, daß am nächsten Morgen Joe Wynbrook, Cyrus Brewster, Hank Mann und Kentucky Ike eingeladen wurden, den Abend in dem neuen Hause zu verbringen. Als die Männer in reinen Hemden und anständigen Jacken in das schmucke Empfangszimmer mit seinem hellen Teppich, seinem lustigen Feuer, seinem mit einem schneeweißen Linnen bedeckten Tisch einmarschierten, auf dem funkelnde Tee- und Kaffeekannen standen, hüpften ihre Herzen vor Freude. In einem großen gepolsterten Schaukelstuhl empfing sie Prossys Mutter, eingewickelt in einen Schal und eine Art geheimnisvollen Unwohlseins, das jede Anstrengung zu verbieten schien, mit vornehmer Nachlässigkeit und einem ausgestreckten schwarzen Halbhandschuh. »Ich kann Ihnen,« sagte Frau Pottinger in düsterer Schwermut, »nicht die Gastfreundschaft meines eigenen Heims anbieten, meine Herren – du erinnerst dich doch, lieber Prosper, an den großen Salon und den Stab von Bedienten in der Lexington Avenue! – aber da mein Sohn mich überredet hat, mich seiner niedern Hütte anzunehmen, hoffe ich, daß Sie ihre Mängel entschuldigen werden, selbst,« fügte sie mit einem Blick milden Tadels auf den erstaunten Prosper hinzu, »selbst wenn er nicht dazu im stande ist.« »Sicher muß er Ihnen Dank wissen, gnä' Frau,« sagte rasch Joe Wynbrook, »daß Sie mit allem gebrochen haben, um hier zu leben, grad' wie wir dankbar dafür sind – ich spreche für das übrige Lager mit – daß Sie so freundlich gegen uns sind! – Ich darf doch für euch alle sprechen?« fügte er, sich umschauend, hinzu. Ein Gemurmel: »Ja, so ist's!« und »Sehr richtig!« durchlief die Gesellschaft, und einer oder der andre warf einen halb unwilligen Blick auf Prosper. »Es ist nur natürlich,« fuhr Frau Pottinger ergeben fort, »daß mein lieber Prosper, nachdem er so lange allein gelebt hat, sich nicht gleich unter die Leitung seiner alten Mutter findet und vielleicht seine Einladung bereut.« »O nein, Frau Mutter,« sagte der verwirrte Prosper. Aber hier vermittelte der quecksilberige Joe Wynbrook um der Freundschaft und des Korpsgeists im Lager willen. »Ach Gott, gnä' Frau, er hat sich so recht nach Ihnen gesehnt! Immer und immer wieder hat er von Ihnen gesprochen; hat gesagt, wenn er Sie bloß aus Ihrem Salon in der Fünften Avenue 'rauskriegen konnte, damit Sie hier sein niedriges Los mit ihm teilen, dann könnte er glücklich sterben! Ihr habt gehört, wie er geredet hat, Brewster?« »Oft,« erwiderte der gefällige Brewster. »Einen Teil der einfachen Erfrischung, die ich Ihnen anbieten kann,« fuhr Frau Pottinger fort, ohne auf weitere Auseinandersetzungen zu hören, »bildet ein Gericht, mit dessen Art ich nicht genau vertraut bin, aber das Sie, wie mein Sohn mir sagt, sehr schätzen. Es ist von Li Sing unter meiner Leitung zubereitet worden. Lieber Prosper, sieh, daß die – äh – Pfannkuchen und der Kaffee aufgetragen werden.« Zufriedenheit strahlte auf den Gesichtern der Leute, Prosper ausgenommen. Als eine Schüssel mit einer Anzahl brauner glänzender Kugeln aus gebackenem Teig hereingebracht wurde, leuchtete es in den Augen der Männer verständnisinnig auf. Doch dieses epikureische Licht verfinsterte sich einen Augenblick, als jeder der Männer eine der Kugeln ergriff und dann, sie regungslos in der Hand haltend, dasaß, als wäre es ein Ball, und sie warteten nur auf das Zeichen zum Spiel. »Ich habe gehört,« sagte Frau Pottinger mit einem Blick christlicher Duldung auf Prosper, »daß manche sie leicht mögen – vielleicht finden die Herren sie zu schwer.« »'s gibt zweierlei Art,« sagte der diplomatische Joe vergnügt, während er sein Stück wie ein Eichhörnchen anzuknabbern begann, »leichte und schwere; die einen mögen sie lieber so, und die andern so.« Sie waren hart und schwer, aber die Männer, die der dampfende Kaffee tröstete, vertilgten sie mit heroischer Höflichkeit. »Und jetzt, meine Herren,« sagte Frau Pottinger, indem sie sich in ihren Stuhl zurücklehnte und ruhig die Gesellschaft überschaute, »haben Sie meine Erlaubnis, Ihre Pfeifen anzuzünden und zugleich etwas Whisky mit Wasser zu sich zu nehmen.« Die Gäste schauten erfreut, aber erstaunt auf. »Ist es gewiß, gnä' Frau, daß es Ihnen nichts ausmacht?« sagte Joe höflich. »Nicht im geringsten,« antwortete Frau Pottinger kurz. »Und da mein Arzt mir das Einatmen von Tabaksdampf für meine asthmatischen Beschwerden verordnet hat, werde ich mich Ihnen sogar anschließen.« Nachdem sie einen Augenblick in einem mit Quasten geschmückten Beutel, der von ihrer Taille herabhing, herumgestöbert hatte, brachte sie eine kleine schwarze Tonpfeife zum Vorschein, stopfte sie aus dem nämlichen Behälter und zündete sie an. Ein Laut der Überraschung durchlief die Gesellschaft, und es blieb nicht unbemerkt, daß Prosper gleicherweise erstaunt war. Diese Ungeschicklichkeit wurde jedoch rasch durch die ihnen gegebene Erlaubnis und das gute Beispiel verwischt, und bald fühlten sich die Männer, ein Glas,»Whisky mit Wasser« vor sich, wie zu Hause. Auch verschmähte Frau Pottinger nicht, sich an ihrem Gespräch zu beteiligen. Während sie mit der schwarzen Pfeife im Munde, aber immer noch stolz und erhaben, dasaß, erzählte sie ein gruseliges Walfischabenteuer (augenscheinlich der Lebensgeschichte des beklagten Pottinger entnommen), das nicht nur tiefen Anteil bei ihren Hörern erweckte, sondern ihnen auch stracks eine höhere Meinung von Prosper, als dem Sohn des Helden, beibrachte. »Nun Sie davon sprechen, gnä' Frau,« sagte der offenherzige Wynbrook, »in Prossy steckt 'n gut Teil von seinem Vater; dieselbe Art leichtherzige Grütze! Ihr erinnert euch doch des Tags, Jungens, wo der Damm brach und er dastand, das Wasser bis an seinen Nacken, und Klötze in die Bruchstelle stopfte, bis er das Loch verstopft hatte.« Kurz, der Abend war trotz des anfänglichen Küchenunglücks und seiner Überraschungen ein entschiedener gesellschaftlicher Erfolg, und selbst der arme Prosper atmete auf, als es zu Bett ging. Dieser Veranstaltung folgten viele, weniger förmliche Zusammenkünfte in dem Hause, und Frau Pottinger ließ sich so weit herab – wenn dieser Ausdruck auf jemand anwendbar ist, der sein überlegenes Wesen nie änderte – , an einer Partie Poker teilzunehmen – und gestattete sogar, daß sie selbst gewann. Nach sechs weiteren Wochen jedoch schien ein Wechsel in den gegen Prosper gehegten Gefühlen das Lager hinterlistig zu beschleichen. Er war in seine frühere Kameradschaft wieder aufgenommen worden, und selbst die Gegenwart seiner Mutter war den Genossen vertraut geworden, aber er wurde allmählich der Gegenstand geheimen Bedauerns, Sie besuchten das Haus noch, aber tuschelten hernach allerlei untereinander. Es bestand für sie kein Zweifel, daß Prospers alte Mutter nicht nur das trank, was ihr Sohn ihr besorgt hatte, sondern auch das, was sie verstohlen von der Schenke erhalten konnte. Es lag das Zeugnis des Schankwirts vor, der ebenso wie das Lager an dem guten Ruf des Riggsschen Hauses ein Interesse hatte. Und dann gab es noch einen schwärzeren Verdacht. Aber dies muß in Joe Wynbrooks eigenen Worten wiedergegeben werden: »'s würde mich nicht kümmern, daß das alte Weib immer und immer gewinnt – denn Poker ist 'n ungewisses Spiel; – 's ist mir nicht um das Geld, das wir verlieren – denn wir haben's ja dazu im Lager. Aber wenn sie sich zur Gewohnheit macht, vier Asse in der Hand zu haben, wenn sonst jemand zwei hat, der nicht gerne Lärm schlagen möchte, weil's Prospers alte Mutter ist – das ist doch starker Tabak! Und gefährlich ihr Herren, wenn da zufällig ein Außenseiter dabei wäre oder einer der Jungens Skandal machte. Na, ich sah Bilson die Zähne fletschen – wie er die prächtige Sequenz hatte mit 'nem hohen As – als das liebe alte Geschöpf seine regelrechten vier Asse ausspielte und den Einsatz kalt lächelnd einstrich. Wir mußten ihm fast die Beine unterm Tisch abstauchen, bis er verstand – da er selbst keine alte Mutter hat.« »'s wird sie einer vornehmen müssen, ohne daß Prossy davon weiß. Denn 's würde ihm gradezu das Herz brechen, nach allem, was er durchgemacht hat, um sie herzukriegen,« sagte Brewster bedeutsam. »Oder aber er wußte es und war darum so bekümmert, als sie ankam. Gott noch mal! So was hätt' ich nie gedacht!« sagte Wynbrook mit einer seiner plötzlichen Erleuchtungen. »Ob er's nun gewußt hat oder nicht, ihr Herren,« sagte der Schankwirt entschieden, »er darf nie erfahren, daß wir's wissen. Selbst nicht, wenn das alte Frauenzimmer meine ganze Schenke ausräumt und die letzte Makrele im Lager wegnimmt.« Und dieser edeln Gesinnung stimmten alle wie ein Mann zu. Wie weit sie diesen heldenhaften Entschluß hätten ausführen können, wurde nie ausprobiert. Denn es trat ein Ereignis ein, das alles Vorhergegangene in Schatten stellte. Eines Morgens nämlich beim Frühstück richtete Frau Pottinger ein umwölktes Auge auf Prossy. »Prossy,« sagte sie mit grausamer Entschlossenheit, »du mußt wissen, daß du eine Schwester hast.« »Ja, Frau Mutter,« erwiderte Prossy gottergeben, wie er solche Familienenthüllungen hinzunehmen pflegte. »Eine Schwester,« fuhr die Dame fort, »die du von Kindesbeinen an nicht gesehen hast. Eine Schwester, die aus Familiengründen bei andern Verwandten gelebt hat. Ein Mädchen von neunzehn Jahren.« »Ja, Frau Mutter,« sagte Prossy unterwürfig. »Aber wenn dir's nichts ausmacht, all das auf 'n Stück Papier zu schreiben – du kennst ja mein kurzes Gedächtnis! – Ich könnt's dann tagsüber in der Flußrinne auswendig lernen. Dann würde ich abends bestens beschlagen sein, wenn,« fügte er mit einem kurzen Seufzer bei, »du in Gegenwart der Jungens darauf zu sprechen kämest.« »Deine Schwester Augusta,« fuhr Frau Pottinger fort, indem sie diese Einzelheiten ruhig überhörte, »wird morgen hier sein, um mich zu besuchen.« Aber da krümmte sich der Wurm Prossy nicht nur, sondern richtete sich auf und warf fast den Tisch um. »Das kann nicht geschehen, Frau Mutter! Es darf nicht geschehen!« sagte er aufgebracht, »'s ist genug, daß ich das Lager mit Ihnen betrogen hab' – aber jetzt weiter zu ...« »Kann nicht geschehen?« wiederholte Frau Pottinger, erhob sich ihrerseits und richtete auf den unglücklichen Prossy, ein Paar dunkle Piratenaugen, die den seefahrenden Pottinger einst unterjocht hatten. »Du, mein angenommener Sohn, unterstehst dich, mir zu sagen, daß ich mein eigen Fleisch und Blut nicht unter meinem Dache haben kann?« »Ja! Lieber würde ich die ganze Geschichte erzählen – lieber wollt' ich den Jungens erzählen, daß ich sie zum Narren gehalten, als noch einen Schritt weiter gehen!« brach der erregte Prossy los. Aber Frau Pottinger preßte lediglich die Lippen zusammen. »Ganz recht, sage ihnen dann,« bemerkte sie kalt, »sage ihnen, wie du mich durch die Aussicht auf ein Heim aus meiner niedern, abhängigen Lage in San Francisco gelockt hast; sage ihnen, wie du mich gezwungen hast, ihre vertrauenden Herzen mit deinen ausgestunkenen Lügen zu täuschen: sage ihnen, wie du – ein Findling – mich als deine Mutter, meinen armen toten Gatten als deinen Vater ausgeben und mich Unwahrheit über Unwahrheit erfinden und ihnen erzählen ließt, indes du stillsaßest und zuhörtest!« Prossy holte tief Atem. »Sage ihnen,« fuhr sie entschlossen fort, »daß du, als ich mein hilfloses Kind nach ihrem einzigen Heim zu bringen wünschte – da, erst da – dir der Gedanke kam, mir dein Wort zu brechen, sei es, weil du ihr gemeinerweise diesen Anteil an deinem Hause mißgönntest, oder um deine Missetaten vor ihren Augen zu verbergen! Sage ihnen das, lieber Prossy, und warte ab, was sie dir antworten werden!« Prossy sank entgeistert in seinen Stuhl zurück. In seinem plötzlichen Empörungsgefühl hatte er das Lager vergessen! Er wußte, ach, nur zu gut, was die Genossen sagen würden! Er wußte, daß außer ihrem Unwillen über die Täuschung sich auch ihre Ritterlichkeit kampflustig gegen die Verstoßung zweier hilfloser Frauen erheben würde. »Vielleicht hast du recht, Frau Mutter,« stammelte er. »Ich hab' nur gedacht,« fügte er schwach hinzu, »wie sie's aufnehmen würde.« »Sie wird es so aufnehmen, wie ich es wünsche,« sagte Frau Pottinger fest. »Da ich nie einer Schwester Erwähnung getan habe, so könnte man sie am Ende als meine Base einführen? Du wärst dann ihre Tante.« Frau Pottinger betrachtete ihn eine Zeitlang mit zusammengepreßten Lippen. Dann sagte sie nachdenklich: »Ja, so mag's geschehen! Sie wird wahrscheinlich gerne ihre nähere Verwandtschaft preisgeben, um sich davor zu bewahren, als deine Schwester gelten zu müssen. Es würde ihren Stolz weniger kränken, und sie würde dich nicht so familiär zu behandeln haben.« »Ja, Frau Mutter,« sagte Prossy, zu erfreut, um das Verletzende des Vorschlags zu bemerken. »Und siehst du, ich könnte sie dann › Fräulein Pottinger‹ nennen, was mir leichter fallen würde.« In dem edlen Bestreben, die Schwächen der Mutter Prossys in Kauf zu nehmen, legte das Lager der Nachricht von der bevorstehenden Ankunft der Base höchstens insofern Bedeutung bei, als davon möglicherweise ein Einfluß auf die Gewohnheiten der Tante zu erwarten sein möchte. Prossys Verschlossenheit über diesen Punkt schrieben sie dem Umstände zu, daß er schon in zarter Jugend von den Seinigen getrennt worden war. Aber als bekannt wurde, daß Prossys Mutter mit einem sehr hübschen achtzehnjährigen Mädchen nach dem Hause gefahren war, da entstand eine fieberhafte Aufregung unter dem lebhaften Völkchen. Prossy war in seiner gewöhnlichen Schüchternheit einem zu zeitigen Zusammentreffen mit ihr ausgewichen und zauderte bei der Heimkehr von der Arbeit noch immer unentschlossen, als zu seinem Verdruß die Tür sich plötzlich öffnete, die junge Dame erschien und geradeswegs auf ihn zukam. Sie war schlank, anmutig und hübsch gekleidet, und in jedem andern Augenblick dürfte ihr gutes Aussehen auf Prosper Eindruck gemacht haben. Aber ihre Brauen waren gerunzelt, ihre dunklen Augen – in denen eine wunderbare Ähnlichkeit mit Frau Pottinger lag – funkelten, und wenn sie auch augenscheinlich das Zusammentreffen herbeiführte, so geschah es doch offenbar nicht aus verwandtschaftlichem Interesse. Als sie ein paar Schritte von ihm entfernt halt machte, bot Prossy ihr mit einem schwachen Lächeln die Hand, doch sie sprang zurück. »Fassen Sie mich nicht an! Kommen Sie nicht einen Schritt näher oder ich schreie!« Prossy stammelte, immer noch sinnlos lächelnd, daß er ihr »bloß die Hände drücken« wolle, und wandte sich seitwärts gegen das Haus. »Halt!« sagte sie und stampfte mit ihrem schmalen Füßchen auf. »Bleiben Sie, wo Sie sind! Wir müssen uns hier sprechen. Drinnen, vor ihr will ich keine Worte an Sie verschwenden!« Prossy blieb stehen. »Warum handelten Sie so?« sagte sie zornig. »Wie wagten Sie es, wie konnten Sie es wagen? Sind Sie ein Mann oder der Narr, den sie aus Ihnen macht?« »Was soll ich denn getan haben?« sagte Prossy trotzig. »Was Sie getan haben? Meine Mutter haben Sie dahin gebracht, Sie für ihren Sohn auszugeben! Sie haben Sie hierher unter diese Männer gelockt, wo sie ein Lügenleben zu führen gezwungen ist.« »Sie wollte ja,« sagte Prossy traurig. »Ich sagte ihr, was sie zu tun hätte, und sie schien damit einverstanden zu sein.« »Aber konnten Sie denn nicht sehen, daß sie alt und schwach ist und für ihre Handlungen nicht verantwortlich gemacht werden kann? Oder dachten Sie nur an sich?« Dieser letzte Stich ging ihm zu Herzen. Er blickte auf. Er hatte keine hilflose alte Frau vor sich wie am Tage zuvor, sondern ein hübsches schlaues, ihm in jeder Weise überlegenes Mädchen, das noch dazu in seinem Rechte war! Sein unbestimmtes Ehrgefühl ließ es ihm anständiger erscheinen, die Sache mit ihr auszutragen. Er brach los: »Ich dachte nie an mich! Ich hatte nie 'ne alte Mutter; ich wußte nie, was es hieß, eine zu entbehren – sondern die Genossen waren's! Und da ich keine für sie kriegen konnte, nahm ich eine für mich – es sollte ihnen auch zu gute kommen – ich dachte, sie würden sich glücklicher fühlen, wenn eine im Lager wäre!« Seine Stimme hatte den unverkennbaren Ton der Wahrheit. Ein schwaches Zucken und der Dämmerschein eines Lächelns spielte um die Lippen des jungen Mädchens. Aber es wirkte nur wie ein Sporn auf den unglücklichen Prosper. »Sie mögen lachen, Fräulein Pottinger, aber 's ist bei Gott nur die Wahrheit! Aber eines tat ich nicht. Nein! Als Ihre Mutter Sie als meine Schwester hierherbringen wollte, begehrte ich auf! Das tat ich! Und Sie können mir trotz all Ihrem Lachen danken, daß Sie in diesem Lager unter ihrem eigenen Namen auftreten – und nur meine Base sind.« »Haben Sie sich am Ende gedacht, Ihre köstlichen Freunde könnten auch eine – Schwester nötig haben?« sagte das Mädchen ironisch. »Es kommt jetzt nicht mehr darauf an, was sie nötig haben,« sagte er traurig. »Denn,« fügte er in einem plötzlichen Ausbruch der Verzweiflung hinzu, »jetzt ist alles aus! Ja! Sie und Ihre Mutter werden von hier fort wollen, um jedem Argwohn die Spitze abzubrechen. Dann werde ich ausstreuen, daß Sie Ihre Tante zu 'nem Besuch mit sich nehmen. Dann werde ich ihr tausend Dollar geben für all die Unruhe, die ich ihr verursacht habe, und Sie werden sie fortbringen. Ich bin ein Narr gewesen, Fräulein Pottinger, vielleicht bin ich noch einer, aber was ich tu' ist winkelrecht und es muß geschehen!« Er schaute so einfach und gutmütig drein – ganz so wie ein braver Schuljunge, der einen Fehler beichtet und auf seiner Bestrafung bestehen will, trotz seiner sechs Fuß Länge und seines seidenweichen Schnurrbarts – , daß Fräulein Pottinger ihre Augen senkte. Aber sie faßte sich rasch wieder und sagte scharf: »Sie haben gut von ihrem Weggehen reden! Aber sie will nicht. Sie haben ihr Wohlgefallen erweckt – ja! mehr als ich – als irgend eines von uns! Sie sagt, sie seien der einzige, der sie je wie eine Mutter behandelt habe – so wie eine Mutter behandelt werden müßte. Sie sagt, sie habe nie gewußt, was Frieden und Behaglichkeit wäre, ehe sie zu Ihnen gekommen sei. Da! Gucken Sie doch nicht so! Verstehen Sie es denn nicht? Merken Sie es denn nicht? Muß ich Ihnen noch besonders sagen, daß sie wunderlich ist – daß – daß sie stets verschroben und wunderlich war – und noch verschrobener dank ihren unglückseligen Gepflogenheiten, die Sie sicherlich kennen, Herr Riggs! Sie zankte sich mit uns allen. Ich zog zu meiner Tante, und sie begab sich nach San Francisco mit einer albernen Klage gegen die Reeder meines Vaters. Der Himmel allein weiß, wie sie es fertig gebracht hat, dort zu leben, aber sie mußte durch ihr Auftreten stets die Leute für sich zu gewinnen, und irgend jemand unterstützte sie immer! Schließlich bat ich meine Tante, sie suchen zu dürfen, und spürte sie hier auf. Da! Wenn Sie mir alles gebeichtet haben, so haben Sie nun auch mir die Beichte abgenommen, noch dazu über meine Mutter! Was soll jetzt geschehen?« »Alles was Ihnen genehm ist, Fräulein Pottinger, ist es auch für mich,« sagte Prossy förmlich. »Aber Sie dürfen mich nicht so laut Fräulein Pottinger nennen. Es könnte Sie jemand hören,« erwiderte sie boshaft. »Ganz recht – also – liebe Base,« sagte er mit auffallendem Erröten. »Ich schlage vor, wir gehen 'rein.« Trotz der Neugier des Lagers unterließen die Leute in den nächsten paar Tagen ihre üblichen Abendbesuche bei Prossys Mutter. »Sie werden von alten Zeiten reden wollen, und wir brauchen uns nicht zu früh zu zeigen,« schlug Wynbrook vor. Doch, als sie schließlich die neue Base trafen, war ihr Wahrspruch ein einmütiger, und ihre Lobeserhebungen überschritten alles Maß. Ihren unerfahrenen Augen schien sie die ganze Vornehmheit und seine Sprechweise ihrer Tante zu besitzen, und dazu eine nur ihr eigene Lebhaftigkeit und Munterkeit. In wenigen Tagen war das ganze Lager in sie verliebt. Doch verteilte sie ihre Gunst mit so unparteiischem Takt und so unschuldiger Freude – frei von jedem Verdacht der Koketterie – , daß es keine Herzensbrände gab; und der Unglückliche, der sich eine Schwachheit eingebildet hätte, wäre von seinen Genossen ausgelacht worden. Sie zeigte die Neugier und das Interesse eines Stadtmädchens am Lagerleben, das sie als ein »ewiges Picknick« bezeichnete, und wenn ihre schlanke, anmutige Gestalt an einem Graben stehen blieb, wo die Männer arbeiteten, erschien sie ihnen so willkommen wie der Sonnenschein des neuen Lenzes. Das ganze Lager wurde schmucker; an den Abenden bei »Prossys Mutter« war der Rock selbstverständlich; es gab weniger Roheiten und weniger Geschrei in den Kanälen. Wo die Goldwäscher arbeiten. Anm. d. Übers. »'s hört sich ja ganz gut an, das mit den alten Müttern,« sagte der zynische Schankwirt, »aber dies Mädel hat für sich allein in einer Woche mehr dazu beigetragen, das Lager anständig zu machen, als die alte Frau Riggs in einem ganzen Monat von Sonntagen.« Seit dem kurzen Gespräch, das Prossy vor dem Hause mit Fräulein Pottinger geführt hatte, war die Frage »was soll geschehen?« seltsamerweise fallen gelassen und war von keinem von ihnen mehr erwähnt worden. Die junge Dame hatte sich augenscheinlich mit der gedankenlosen Fröhlichkeit eines Feriengastes in die Vergnügungen des Lagers gestürzt, und es war nicht Prossys Sache – selbst wenn er es gewünscht hätte – sie daran zu erinnern, daß ihre wichtige Frage nie beantwortet worden war. Die Freude, die er über ihre Fröhlichkeit empfand, wurde noch durch das mit ihr geteilte Geheimnis gewürzt. Drei Wochen waren vergangen; der letzte Winterregen war verschwunden. Der Lenz regte sich in Strauch und Wald, in dem Rollen der Gewässer, im Saft der großen Fichten und im Aufblühen der Blumen. Was Wunder, wenn Prossys junges Herz sich auch ein wenig zu regen begann! Tatsächlich hatte ihn ein neuer glänzender Gedanke ergriffen, ein toller Gedanke, der ihm fast so ungereimt erschien, wie jener, dem er all diese Beunruhigung verdankte. Der war wie damals zu ihm gekommen – inmitten einer sternhellen Nacht – , und eines Morgens hatte sich der gute Junge mit fieberhaftem Eifer erhoben, um den Gedanken zur Tat zu machen! Dieser veranlaßte ihn dann zu dem unerhörten Schritt, mit Fräulein Pottinger allein einen Gang zu machen und unter grünem Laubdach in einsamen Wäldern dahinzuschlendern, doch wollte er ihn schließlich schier verlassen, als er Hand in Hand mit ihr in einem kleinen Hohlweg stand – nur von einem naseweisen Eichhörnchen belauscht. Aber alles, was das enttäuschte Tier ihn stammeln hörte, war: »So sieh doch, mein Lieb, dann wär's keine Lüge mehr – denn – verstehst du – dann wäre sie wirklich meine Mutter so gut wie deine.« * Die Hochzeit von Prossy Riggs und Fräulein Pottinger ward in Sacramento ganz in der Stille gefeiert, aber Prossys »alte Mutter« kehrte nicht mit dem glücklichen Paar zurück. Eine Vorstellung von Frau Pottingers späterer Laufbahn mag man aus einem Briefe gewinnen, den Prossy ein Jahr nach seiner Heirat empfing. »Umstände,« schrieb Frau Pottinger, »die mich veranlaßt hatten, das Anerbieten eines Witwers anzunehmen und die Sorge für seinen verwaisten Haushalt zu übernehmen, haben sich seitdem zu einer dauerhafteren, ehelichen Stellung ausgestaltet, so daß ich stets meinem lieben Prossy ein Heim bei seiner Mutter anbieten kann, falls er sich entschließen sollte, diese Örtlichkeit und einen zweiten Vater in der Person des Hiram W. Waterford, Esq., aufzusuchen.« Ein Zögling von Chestnut Ridge. Der Schulmeister von Chestnut Ridge ward in seiner nach Schulschluß gepflogenen Beschaulichkeit durch Hufschlag und Stimmenschall auf dem kleinen Saumpfad gestört, der zu der spärlichen Lichtung führte, in der das Schulhaus stand. Als die Gestalten eines Mannes und einer Frau zu Pferde an den Fenstern vorbeikamen und vor dem Eingangstor abstiegen, legte er seine Feder weg. Er erkannte die angenehmen, fröhlichen Gesichtszüge von Herrn und Frau Hoover, die einen benachbarten Rancho von einigem Wert besaßen und von der Gemeinde zu den Wohlhabenden gerechnet wurden. Da sie jedoch ein kinderloses Paar waren, hatten sie, während sie großmütig zur Erhaltung der kleinen Schule beitrugen, zu deren Herde nichts beigesteuert, und einigermaßen neugierig begrüßte sie der junge Schulmeister, der sich nicht denken konnte, was der Zweck ihres Besuches sein möchte. Die Mitteilung darüber ward indes durch eine gewisse höfliche Umständlichkeit hinausgezogen, die für den Pionier des Südwestens charakteristisch ist. »Almiry,« sagte Herr Hoover, indem er sich zu seiner Gattin wandte, nachdem die erste Begrüßung mit dem Schulmeister vorüber war, »dies erinnert mich an alte Zeiten, weißt du! Denke dir, ich habe kein Schulhaus mehr von innen gesehen, seit ich ein Dreikäsehoch war. Und da sind die Bänke und Tische und Bücher und all das Abc, grad' wie einstens. Aber der Lehrer war damals so alt und grau wie ich bin, und einige von den Schülern – will Sie nicht kränken, Herr Brooks – waren älter und stattlicher als Sie. Aber die Zeiten ändern sich; doch schau, Almiry, ob da nicht ein Happen altbackenen Pfefferkuchens in dem Pult ist grad' wie einst! Herrgott, wie einem das alles wieder einfällt! Wie ich erst gestern gesagt habe, wir können unsern Eltern nicht genug danken, daß sie uns in unsrer Jugend eine Erziehung gegeben haben.« Und Herr Hoover blickte mit einer Miene, als ob er sich an eine Alma mater von düsterer Abgeschlossenheit und klösterlicher Erziehung erinnere, ehrerbietig auf die neuen Holzwände der Schulstube. Aber Frau Hoover trat hier nach ihrer gewöhnlichen gütigen Weise mit einer gnädigen Hervorhebung der Jugend des Schulmeisters dazwischen. »Und vergiß nicht, Hiram Hoover, daß diese jungen Leute von heutzutage die alten Schulmeister von einst mehr lehren können, als du und ich uns träumen lassen. Wir haben von Ihrer Gelehrsamkeit schon viel gehört, Herr Brooks, und sind stolz darauf, Sie hier zu haben, wenn es auch dem Herrn nicht gefallen hat, uns Kinder zu schenken, die mir Ihnen schicken könnten. Aber mir haben stets unser Teil gezahlt, um die Schule für andre zu unterhalten, die besser daran waren, und nun sieht's aus, als hätte er uns nicht vergessen und als,« – dabei warf sie einen bedeutsamen, halb ängstlichen Blick auf ihren Gatten, den dieser durch ein bekräftigendes Nicken erwiderte – »als könnten wir wirklich dran denken, Ihnen selbst eine Schülerin zu schicken.« Der etwas sensitiv veranlagte junge Schullehrer fühlte sich ein wenig verwirrt. Die Anspielung auf seine große Jugend hatte ihn, wenn sie auch durch das von der taktvollen Frau Hoover als Balsam verabreichte Lob gemildert war, geärgert und vielleicht seine Verwirrung über die Mitteilung vermehrt, zu der sie sich herbeigelassen. Er hatte von keiner nachträglichen Vermehrung der Familie Hoover gehört, was übrigens bei seiner abgeschlossenen Lebensweise begreiflich gewesen wäre; und obwohl er an die naive und offenherzige Einfalt der Pioniere gewohnt war, konnte er doch kaum glauben, daß die gute Dame eine erwartete Mutterschaft ankündigen wolle. Er lächelte aufs Geratewohl und bat seine Gäste Platz zu nehmen. »Seh'n Sie,« sagte Herr Hoover, sich auf eine niedere Bank setzend, »die Sache hängt so zusammen. Almirys Bruder ist ein mächtiger Prediger in Sankt Antonio, da drunten an der Küste, und hat sich da mit 'ner stattlichen Gemeinde der baptistischen ›Frei-Willens-Kirche‹ niedergelassen und 'n Haufen Land von den Mexikanern erworben. Da ist 'ne Horde spanischen und indianischen Kruppzeugs, die zu dem Land gehört, und Almirys Bruder hat sich's in den Kopf gesetzt, sie zu bekehren und ihnen Zerknirschung und Religion beizubringen, obwohl die meisten davon Papisten sind. Da war 'ne Waise, ein kleines Mädel, das er den Priestern aus den Händen nahm, ja fast herausriß wie ein brennendes Scheit aus einem Feuer, und er schickte sie zu uns, damit wir sie in den Wegen des Herrn aufziehen, da er weiß, daß wir keine eigenen Kinder haben. Aber wir meinen, sie solle außerdem noch die Wohltat des Schulbesuchs genießen, und haben vor, sie regelmäßig hierher in die Schule zu bringen.« Beruhigt und froh, dem gutmütigen Paar bei der Fürsorge für die heimatlose Waise helfen zu können, wenn auch mit ihrem religiösen Vorhaben nicht so ganz einverstanden, sagte der Lehrer, er sei entzückt, das Kind zu seiner kleinen Herde rechnen zu dürfen. Ob sie schon irgendwelche Erziehung genossen habe? »Nur von den Paters, versteh'n Sie, Geschichten von Heiligen, der Jungfrau Maria, Erscheinungen und Wundern,« warf Frau Hoover dazwischen, »und wir dachten eigentlich, da Sie Spanisch verstehen, möchten Sie vielleicht im stande sein, dies auszurotten und dafür ›Sündenzerknirschung‹ und ›Rechtfertigung durch den Glauben‹ einzutauschen, versteh'n Sie.« »Das,« sagte Herr Brooks, der bei dem Gedanken lächelte, die ›Mysterien‹ der Kirche durch gewisse lärmende Zeremonien und wundertätige Vorführungen zu ersetzen, deren Zeuge er bei dem Feldgottesdienst der Sektierer gewesen war, »werde ich wohl Ihnen überlassen müssen, und ich muß Sie warnen, nicht auch ihren Glauben an das Abc und die Rechentafel zu erschüttern.« »Vielleicht haben Sie recht,« sagte Frau Hoover überrascht, aber gutmütig, »doch gibt's da noch was, das wir Ihnen sagen müßten. Sie ist – sie ist nämlich ein bißchen dunkelfarben.« Der Lehrer lächelte. »Nun?« sagte er geduldig. »Sie ist nicht etwa eine Negerin oder Indianerin, ver- steh'n Sie, aber sie ist eigentlich 'ne halb spanische, halb mexikanische Indianerin, was man Mes–Mes–« nennt.« »Mestizin,« half Herr Brooks ein, »ein Halbblut oder Bastard.« »Ich glaube so heißt's. Würde das nun ein Hindernis sein, wie?« »Nicht von mir aus,« erwiderte der Schulmeister vergnügt. »Trotz ihrer Staatsbeihilfe ist diese Schule keine öffentliche Schule im Sinne des Gesetzes; also haben Sie nur mit den törichten Vorurteilen Ihrer Nachbarn zu rechnen.« Er hatte den Grund ihres Zögerns verstanden und kannte wohl den strengen Rassengegensatz, den Herrn Hoovers südwestliche Landsleute dem Neger und Indianer gegenüber aufrecht erhielten, und er konnte sich nicht versagen, ihm das unter die Nase zu reiben: »Die Leute können deutlich sehen, daß sie keine Negerin ist, denn ihr Haar kräuselt sich nicht, und ein lausiger Indianer ist natürlich ohnehin von unser einem verschieden.« »Wenn Sie sie spanisch sprechen hören und sie einfach sagen, daß sie eine Fremde sei, wie es ja auch zutrifft, wird alles in Ordnung sein,« sagte der Schulmeister lächelnd. »Lassen Sie sie nur kommen, ich will auf sie achten.« Sehr beruhigt nahm das Paar nach einigen weiteren Worten Abschied, wobei der Lehrer versprach, am nächsten Nachmittag Hoovers Rancho zu besuchen und mit seiner neuen Schülerin zusammenzutreffen. »Sie könnten uns einen oder den andern Wink geben, wie sie ausstaffiert werden soll, ehe sie zur Schule geht,« schloß Frau Hoover. Der Rancho war ungefähr vier Meilen von dem Schulhause entfernt, und als Herr Brooks vor Hoovers Tor das Pferd anhielt, hatte er alle Achtung vor der Hingabe des Paars, das bereit war, das Kind zweimal im Tage so weit zu senden. Das Haus samt seinen Anbauten war auf stattlicherem Fuße als die der Umgebung ausgestattet und zeigte wenig von den mit halbem Herzen unternommenen Anläufen zu dauernder Bewohnung, wie sie von den Pionieren des Südwestens üblich, die nach Neigung und Umständen mehr oder weniger Nomaden waren. Er ward in ein wohlmöbliertes Wohnzimmer genötigt, dessen nagelneuer Anstrich durch schwarz eingerahmte Inschriften biblischen Inhalts gedämpft und beeinträchtigt wurde. Als Herr Brooks diese erblickte und sich die Schulzimmer der alten Missionen ins Gedächtnis rief mit ihren klösterlichen Schatten, wodurch die geputzten, beflitterten Heiligen und flammenden oder blutenden Herzen auf den Wänden halb verborgen wurden, sagte er sich, die kleine Waise der Mutterkirche mochte keinen vergnüglichen Tausch gemacht haben. Als sie mit Frau Hoover das Zimmer betrat, schienen ihre großen dunklen Augen – der bemerkenswerteste Zug in ihrem Gesichtchen – in denen eine schüchterne Frage zu liegen schien, des Lehrers Befürchtung zu bestätigen. Sie schmiegte sich dicht an Frau Hoovers Seite, wie wenn sie, obschon über ihr Vorhaben im unklaren, die mütterliche Güte der guten Frau anerkennen wollte; doch auf des Schulmeisters spanische Anrede griff eine seltsame Veränderung in ihren wechselseitigen Beziehungen Platz. Ein rascher Blick des Einverständnisses kam in ihre melancholischen Augen und zugleich ein leichtes Bewußtsein der Überlegenheit gegenüber ihren Beschützern, das ihn einigermaßen aus dem Konzept brachte. Im übrigen bemerkte er lediglich, daß sie klein und zart gebaut war, obwohl ihre Gestalt unter einem langen Kattunschürzchen mit Ärmeln – einem ortsüblichen Kleidungsstück – versteckt war, das mit ihrem eigentlichen Wesen in schroffem Widerspruch stand. Ihre Haut war olivenfarben, dem Gelb sich nähernd – oder vielmehr von jener seinen rötlichgelben Schattierung, wie sie die frische Rinde des Erdbeerbaums aufweist. Ihr Gesicht war oval, ihr Mund klein und kindlich, und ihre übrigen Züge ließen ihre Abstammung nur wenig ahnen. Die Fragen des Lehrers entlockten dem Kinde die Tatsache, daß es lesen und schreiben konnte, daß es sein »Ave Maria« und Glaubensbekenntnis wußte (zum Glück war die Protestantin, Frau Hoover, nicht in der Lage, diese Fragen zu verstehen); aber er entlockte ihr auch die etwas peinlichere Tatsache, daß ihre Antworten und Geständnisse eine gewisse Vertraulichkeit und Gleichberechtigung verrieten, die er nur seiner jugendlichen Erscheinung zuschreiben konnte. Er befürchtete, sie möchte sogar etwas über Frau Hoover bemerken, und darum war es ihm recht lieb, daß diese nicht spanisch verstand. Aber ehe er aufbrach, wußte er es einzurichten, mit Frau Hoover allein zu sprechen, und er riet ihr, das Kostüm der Schülerin zu ändern, wenn diese zur Schule käme. »Je besser sie angezogen ist,« erklärte der verschmitzte junge Diplomat, »um so weniger wahrscheinlich ist es, daß sie Verdacht hinsichtlich ihrer Rasse erregt.« »Jetzt das ist's grad', was mich fuchst, Herr Brooks,« entgegnete Frau Hoover mit verlegenem Gesicht, »denn sehen Sie, sie ist ein heranwachsendes Mädchen, und,« schloß sie einigermaßen verwirrt, »ich kann nicht recht mit mir ins reine kommen, wie ich sie anziehen soll.« »Wie alt ist sie denn?« fragte der Lehrer kurz. »Sie geht ins Zwölfte, aber – « und Frau Hoover zauderte abermals. »Nun, zwei meiner Schülerinnen – die Schwestern Bromly – sind über Vierzehn,« sagte der Lehrer, »und Sie wissen ja, wie die angezogen sind.« Aber hier zauderte er seinerseits. Es war ihm soeben eingefallen, daß die kleine Waise vom äußersten Süden war, und die frühzeitige Reife der Mischrassen dort war wohlbekannt. Zu seiner Beunruhigung entsann er sich sogar, Bräute von zwölf und Mütter von vierzehn Jahren unter den eingeborenen Landleuten gesehen zu haben. Dies mochte auch das Gefühl der Gleichberechtigung in ihrem Auftreten und selbst eine leichte Koketterie erklären, die er bemerkt zu haben glaubte, als er sie scherzend als »Muchacha« angeredet hatte,. »Ich würde sie etwas spanisch anziehen,« sagte er schnell, »etwas weiß, verstehen Sie, mit viel Falbeln und einer kleinen schwarzen Spitze, oder einer schwarzseidenen Borte und einer Spitzenschärpe, verstehen Sie. Es wird alles gut gehen, wenn Sie sie nicht wie eine Dienerin oder Untergebene erscheinen lassen,« fügte er hinzu, indem er ein Vertrauen zur Schau trug, das er keineswegs fühlte. »Doch Sie haben mir ihren Namen noch gar nicht gesagt,« schloß er. »Da wir sie als Kind anzunehmen gedenken,« sagte Frau Hoover ernst, »werden Sie ihr den unsern geben müssen.« »Aber ich kann sie doch nicht ›Fräulein Hoover‹ rufen,« gab der Lehrer zu bedenken. »Wie heißt sie denn mit Vornamen?« »Wir dachten an Serafina Anna,« sagte Frau Hoover noch feierlicher. »Aber wie heißt sie jetzt?« beharrte der Lehrer. »Nun,« erwiderte Frau Hoover mit einem verlegenen Blick, »ich und Hiram betrachten's als 'ne heidnische Art Namen für 'n junges Mädel, doch Sie werden ihn in meines Bruders Brief finden.« Damit holte sie einen Brief unter dem Deckel einer großen Bibel hervor und wies auf eine Stelle darin. »Das Kind ist ›Conception‹ getauft,« las der Lehrer. »Na, das ist eine von den Marien!« »Was für eine?« fragte Frau Hoover streng. »Eine von den Bezeichnungen der Jungfrau Maria: ›Maria de la Conception‹ sagte Herr Brooks leichthin. »Es klingt nicht entfernt so christlich und anständig wie Maria oder Marie,« entgegnete Frau Hoover argwöhnisch. »Aber die Abkürzung ›Concha‹ ist sehr hübsch. Wirklich, das ist grade das Passende, es ist so echt spanisch,« erwiderte der Lehrer nachdrücklich. »Und Sie wissen, daß die Squaw, Indianerweib. Anm. d. Übers. die sich um das Goldgräberlager herumtreibt, ›Reservations Anna‹ genannt wird, und die Negerköchin der alten Frau Parkins wird ›Tante Serafina‹ genannt; daher ist Serafina Anna zu verdächtig. Concha Hoover ist der richtige Name. »Vielleicht haben Sie recht,« sagte Frau Hoover nachdenklich. »Und ziehen Sie sie so an, daß ihr Aussehen ihrem Namen entspricht, und es wird alles gut sein«, sagte der Lehrer froh, als er sich empfahl. Trotzdem vernahm er am nächsten Morgen etwas besorgt den Hufschlag auf dem Saumpfad, der zu dem Schulhaus führt. Er hatte bereits seine kleine Schar von dem vermutlichen Zuwachs verständigt, und ihre atemlose Neugier kündigte jetzt das Erscheinen Herrn Hoovers an, der am Fenster vorbeiritt, hinter sich eine kleine Gestalt, halb verhüllt in dem anmutigen Faltenwurf einer Serape. Im nächsten Augenblick stiegen die beiden am Eingangstor ab, die Serape ward beiseite geworfen und die neue Schülerin trat ein. Obschon ihm nicht ganz wohl bei der Sache war, glaubte der Lehrer doch niemals eine so niedliche Gestalt gesehen zu haben. Ihr mit schwerem Besatz versehener weißer Rock schnitt gerade kurz über ihren in weißen Strümpfen steckenden Knöcheln und über den Füßchen ab, die in weißen Atlaspantöffelchen mit niederen Absätzen versteckt waren. Ein schwarzseidenes Jäckchen umschloß nur zur Hälfte ihre Büste, die in ein Untermieder von zartem Musselin gekleidet war, das undeutlich Umrisse erblicken ließ, die er zu seiner Überraschung als schon weiblich erkannte. Einen schwarzen Spitzenschleier, der ihren Kopf bedeckt hatte, hatte sie beim Eintritt mit einer anmutigen Bewegung auf die Schulter herabgestreift, indem sie das eine Ende mittels einer Rose über ihrem kleinen gelben Ohr an das Haar gesteckt ließ. Die ganze Erscheinung stimmte so wenig zu ihrer augenblicklichen Rangstufe, daß der Lehrer bei sich beschloß, Frau Hoover eine Abänderung anzuraten, während er gleichwohl das Mädchen mit großer Feierlichkeit zu dem Platz führte, den er für sie bestimmt hatte. Herr Hoover, der von dem Bewußtsein durchdrungen war, die Schulzucht dadurch unterstützt zu haben, daß er in ehrfürchtiger Erinnerung auf die Wände blickte, flüsterte jetzt hinter seiner großen Hand, daß er um vier Uhr wieder nach ihr sehen wolle, und schlich auf den Zehen aus dem Schulzimmer. Der Lehrer, der sich sagte, daß alles darauf ankäme, die übermäßige Neugier der Kinder einzudämmen und die Schulzucht während der nächsten paar Minuten aufrecht zu erhalten, redete das junge Mädchen mit unnatürlicher Feierlichkeit auf Spanisch an und legte ihr ein paar einfache Aufgaben vor. Vielleicht war es das Fremde der Sprache, vielleicht der ungewohnte Ernst des Lehrers, vielleicht auch die Gemessenheit der jungen Fremden selbst, – alles trug dazu bei, das um sich greifende Lächeln auf den kleinen Gesichtern der Kinder zu bannen, ihre wandernden Augen festzuhalten und ihr eifriges Geflüster zu ersticken. Nach und nach beugten sich die Köpfe wieder über ihre Aufgaben, das Gekritzel der Griffel auf den Schiefertafeln und das entfernte Klopfen der Spechte bewiesen, daß wiederum die gewohnte Ruhe im Schulzimmer herrschte, und der Lehrer wußte, daß er triumphiert hatte und die Feuerprobe bestanden war. Aber nicht, soweit es ihn anging, denn obgleich der neue Zögling seine Vorschriften mit kindlichem Gehorsam und, wie ihm sogar schien, mit kindlicher Fassungskraft angenommen hatte, konnte er nicht umhin zu bemerken, daß sie dann und wann mit der ehrpusseligen Andeutung eines zwischen ihnen bestehenden Einverständnisses auf ihn blickte, als ob sie Lehrer und Schüler spielten . Dies ärgerte ihn natürlich und verlieh seinem Benehmen vielleicht eine strengere Würde, die indes ihre Wirkung zu verfehlen schien und, wie er sich einbildete, sie insgeheim lustig stimmte. Lachte sie etwa heimlich über ihn? Doch hinwiederum ein oder das andre Mal, als ihre großen Augen von ihrer Aufgabe durch das Zimmer wanderten, trafen sie den neugierigen Blick der andern Kinder, und er bildete sich ein, einen Austausch jenes Freimaurer-Einverständnisses zu sehen, das zwischen Kindern in Gegenwart von Erwachsenen besteht, selbst wenn sie einander fremd sind. Er war auf die Freizeit gespannt, um zu sehen, wie sie sich mit ihren Gefährten vertragen würde; er wußte, daß dies ihre Stellung in der Schule und vielleicht auch sonst begründen würde. Selbst ihr spärlicher englischer Sprachschatz konnte in keiner Weise diese unwillkürliche kindliche Erprobung ihrer Überlegenheit beeinträchtigen; doch er war überrascht, daß er, als die Stunde der Freizeit kam und er ihr auf Spanisch und Englisch deren Bedeutung auseinandergesetzt hatte, sie ruhig ihren Arm um die Taille von Mathilde Bromly, dem größten Mädchen der Schule, legen sah, als die beiden sich nach dem Spielplatz begaben. Sie war nach alledem noch das reine Kind! Manches andre schien seine Meinung zu bestätigen. Als später die Kinder zurückkamen, war die junge Fremde mit einem Male der Abgott aller geworden und hatte augenscheinlich ihre Gunst und Gnade edelmütig verteilt. Die ältere Bromly trug ihren Spitzenschleier, eine andre war im Besitz ihres Taschentuchs, und eine dritte prahlte mit der Rose, die ihr linkes Ohr geschmückt hatte, Gegenstände, von denen der Lehrer Notiz nehmen mußte, um sie bei Schulschluß der verschwenderischen kleinen Barbarin wieder zuzustellen. Hernach ward er jedoch dadurch sehr in Unruhe versetzt, daß ein unbekannter Gegenstand geheimnisvoll unter den Pulten wanderte, der augenscheinlich die Runde durch die Schule machte. In dem ärgerlichen Gefühl, vielleicht zum Besten gehalten zu werden, »haschte« er das corpus delicti schließlich bei dem sechsjährigen Demosthenes Walker unter dem unwillkürlichen Ausruf der ganzen Schule: »Abgefaßt!« Als es unter Master Walkers Pult in Gesellschaft einer Schildkröte und eines Stücks Pfefferkuchen hervorgeholt wurde, entpuppte es sich als Conchas weißer Atlasschuh, indes das junge Mädchen selbst sich sittsam über seine Aufgabe neigte und den beraubten Fuß wie ein Vöglein unter ihrem Rock aufgezogen hielt. Der Lehrer, der die Rüge für diesen und andre Greuel auf später verschob, begnügte sich zu befehlen, daß der Schuh ihm gebracht werde, worauf er ihn ihr mit der satirischen Bemerkung aushändigte, das Schulzimmer sei kein Umkleidezimmer, camara para vestirse . Zu seiner Überraschung streckte sie jedoch den winzigen im Strumpfe steckenden Fuß hin, wobei sie in seltsamer Verbindung zugleich das Bild eines beraubten Kindes und einer koketten Senorita bot, und verharrte in dieser Stellung, als ob sie darauf warte, daß er hinkniee und ihr den Schuh wieder anziehe. Aber er legte ihn vorsichtig auf ihr Pult. »Ziehen Sie ihn sofort an,« sagte er auf englisch. Der Ton seiner Stimme war nicht mißzuverstehen, wie es auch mit der Sprache stehen mochte. Concha schnellte einen raschen Blick auf ihn ab, der an den auflodernden Zorn eines Tiers erinnerte, doch fast ebenso rasch senkten sich ihre Augenlider, und sie zog mit einer eiligen Bewegung das Pantöffelchen an. »Bitt' schön, Herr Lehrer, es fiel herunter und Jimmy Snyder gab es herum,« sagte ein Stimmchen von den Bänken her zur Aufklärung. »Ruhe!« sagte der Lehrer. Trotzdem freute er sich zu sehen, daß die Schule die Vertraulichkeit des Mädchens nicht bemerkt hatte, selbst auf die Gefahr, daß sie ihn für »hart« hielten. Er war, wenn er's recht bedachte, nicht so ganz sicher, ihre Verfehlung nicht aufgebauscht zu haben und unnötig streng gewesen zu sein, und dies Gefühl ward dadurch noch vermehrt, daß er gelegentlich entdeckte, wie sie ihn mit den verwunderten Augen eines gescholtenen Tierchens anblickte. Später, als er zwischen den Pulten auf und ab wanderte und die Aufgaben der einzelnen Zöglinge durchsah, bemerkte er aus der Entfernung, daß ihr Kopf über ihr Pult gesenkt war, indes ihre Lippen sich bewegten, als wiederholten sie ihre Aufgabe im stillen, und daß sie nachher, sich durch einen hurtigen Blick über das Zimmer versichernd, daß man nicht auf sie achte, schnell ein Kreuz schlug. Es kam ihm bei, daß dem ein reumütiges Gebet des Kindes vorangegangen sein möchte, und die Erinnerung an ihre Erziehung bei den Patern gab ihm einen Gedanken ein. Er entließ die Schule einige Augenblicke früher in der Absicht, mit ihr allein vor Herrn Hoovers Ankunft zu sprechen. Indem er auf den Vorfall mit dem Pantoffel anspielte und ihre Versicherungen anhörte, »er« (der Pantoffel) sei viel zu groß und falle oft »so« herab, eine Tatsache, die durch eine Vorführung wirklich erhärtet wurde, ergriff er die günstige Gelegenheit, sie zu fragen: »Sagen Sie mir doch, wenn Sie bei dem Pater waren und Ihr Pantoffel herabfiel, erwarteten Sie doch wohl nicht, daß er ihn Ihnen wieder anziehe?« Concha blickte ihn scheu an und sagte dann triumphierend: »Ach nein! Aber er war auch ein Priester, und Sie sind ein junger Caballero.« Aber selbst nach dieser Kühnheit fand Brooks, daß er lediglich Herrn Hoover einen Wechsel in den Pantoffeln des jungen Mädchens, die Entfernung des mit einer Rose befestigten Schleiers und dessen Ersatz durch einen Damenhut empfehlen könne. Im übrigen mußte er auf die Umstände bauen. Als Herr Hoover, der mit großem Väterlichen Optimismus erklärt hatte, schon einen Fortschritt an ihr wahrzunehmen, ihr in den Sattel half, konnte der Lehrer nicht umhin zu bemerken, daß sie offenbar erwartet hatte, er werde ihr diese Höflichkeit erweisen, und daß sie entsprechend vorwurfsvoll dreinschaute. »Die heiligen Väter pflegten mich manchmal mit ihnen auf ihren Maultieren reiten zu lassen,« sagte Concha, indem sie sich vom Sattel gegen den Lehrer beugte. »Ei was, Fräuleinchen?« sagte der Protestant Hoover und spitzte die Ohren. »Jetzt hören Sie eben auf Herrn Brooks' Lehren und kümmern sich nicht mehr um die Papisten,« setzte er hinzu, als er in der festen Überzeugung wegritt, der Lehrer habe schon die Aufgabe ihrer geistigen Bekehrung begonnen. Beim Erwachen am nächsten Tage fand der Lehrer, daß seine kleine Schule berühmt geworden war. Welche Übertreibungen und Phantastereien immer die Kinder ihren Eltern daheim berichtet haben mochten, das Ergebnis war ein überwältigendes Interesse an den Vorgängen und Personalien der Schule im ganzen Bezirk. Es gab Leute, die schon Hoovers Rancho besucht hatten, um Frau Hoovers hübsche Adoptivtochter zu sehen. Der Lehrer hatte heute morgen auf dem Weg nach dem Schulzimmer ein paar Holzhauer und Kohlenbrenner entdeckt, die sich auf dem Saumpfad herumtrieben, der von dem Hauptweg herführte. Zum Teil begleiteten sogar die Eltern ihre Kinder zur Schule und versicherten, sie hätten sich eben losgemacht, um zu sehen, wie »Aramanta« oder »Tommy« »sich machten«. Als die Schule sich zu versammeln begann, strichen verschiedene ungewohnte Gesichter an den Fenstern vorbei oder wurden kläglich an den Scheiben plattgedrückt. Das kleine Schulhaus hatte keine solche Ansammlung mehr gesehen, seit es im vergangenen Herbst zu einer politischen Versammlung hergegeben worden war. Und der Lehrer gewahrte mit einiger Besorgnis, daß es vielfach dieselben Gesichter waren, die den glänzenden Tiraden Oberst Starbottles lauschten, des »Streitrosses der Demokratie«. Denn er konnte seine Augen der Tatsache nicht verschließen, daß sie nicht aus reiner Neugier kamen, um das Wundertier zu sehen; nicht aus Wertschätzung des rein Malerischen und Schönen, und ach! nicht aus Begeisterung für den Fortschritt der Erziehung. Er kannte die Leute, unter denen er gelebt hatte, und er mußte sich sagen, daß die unglückliche Frage der »Farbe« auf irgend eine geheimnisvolle Weise von jenen Auswanderern des Südwestens aufgeworfen worden war, die ihre angebornen Vorurteile in diesen »freien Staat« eingeführt hatten. Wenige Worte schon überzeugten ihn, daß die unglückseligen Kinder die Gesichtsfarbe ihrer neuen Mitschülerin verschieden beschrieben hatten, und daß man annahm, der Schulmeister aus dem »Norden«, unterstützt und angestiftet vom »Kapital« in der Person von Hiram Hoover, habe eine »Niggerdirne«, ein »Chinesenmädchen« oder einen »Indianerbalg« gleichberechtigt zum Unterricht zugelassen wie die »reinen Weißen« und so die Söhne von Freien in ihrem eigenen Nest beschmutzt. Es gelang ihm, viele zu überzeugen, daß das Kind spanischen Ursprungs sei, aber die Mehrzahl zog vor, sich mit eigenen Sinnen zu überführen, und verweilte zu diesem Zwecke. Als die Stunde für ihr Erscheinen nahte und vorbeiging, ergriff ihn plötzlich die Befürchtung, sie möchte nicht kommen, Herr Hoover möchte von seinen Mitbürgern bestimmt worden sein, sie in Anbetracht der herrschenden Erregung aus der Schule zu nehmen. Doch ein schwaches Hurra von dem Saumpfad her belehrte ihn eines Besseren, und im nächsten Augenblick zog ein kleiner Aufzug am Fenster vorüber, und sofort ward ihm alles klar. Die Hoovers hatten offenbar beschlossen, das Spanische ihres kleinen Mündels hervorzuheben. Concha saß jetzt, einen schwarzen Reitrock über ihren Falbeln, auf einem hübschen in Silbergeschirren glänzenden Pintomustang, von einem Vaquero Spanisch-amerikanischer Rinderhirt. in einer Samtjacke begleitet, während Herr Hoover den Beschluß machte. Er war, wie er dem Lehrer mitteilte, lediglich gekommen, um dem Vaquero den Weg zu zeigen, der künftig immer das Kind zu und von der Schule geleiten würde. Ob er zu dieser Maßregel durch die herrschende Erregung veranlaßt worden oder nicht, wollte nicht verlauten. Genug, daß die Wirkung durchaus günstig war. Das Reitkleid und die Zieraten ihres Mustangs hatten Conchas pikantes Wesen noch augenscheinlicher gemacht, und wenn ihre Abstammung noch von etlichen in Zweifel gezogen wurde, ward das Kind selbst doch mit Begeisterung aufgenommen. Die zuschauenden Eltern waren stolz auf diesen hervorragenden Zuwachs zu der Schar der Spielgefährten ihrer Kinder, und als sie unter den Zuruf ihrer kleinen Genossen abstieg, geschah es mit der Sicherheit einer Königin. Der Lehrer allein sah Ärgernis voraus bei dieser Ermutigung ihrer Frühreife. Er empfing sie gelassen und sagte, als sie ihren Reitrock abgelegt hatte, mit einem Blick auf ihren Fuß: »Ich sehe mit Vergnügen, daß Sie Ihre Pantoffeln gewechselt haben; hoffentlich passen sie Ihnen besser als die andern.« Das Kind zuckte die Schultern. » Quien sabe? Spanisch – wer weiß? Anm. d. Übers. Aber Pedro (der Vaquero) wird mir jetzt auf mein Pferd helfen, wenn er mich abholt.« Der Lehrer verstand das bezeichnende non sequitur als eine Anspielung auf seinen Mangel an Ritterlichkeit am vorhergehenden Tage, nahm aber keine Notiz davon. Trotzdem freute er sich, im Lauf des Tages zu sehen, daß sie ihren Aufgaben mehr Aufmerksamkeit widmete, wiewohl diese im allgemeinen mit der ihrer Rasse eigenen schlaffen Gleichgültigkeit gegen alle geistige Ausbildung hergesagt wurden. Einmal gedachte er, ihre Tätigkeit durch ihre persönliche Eitelkeit anzustacheln. »Warum kannst du nicht so fix lernen wie Mathilde Bromly? Sie ist nur zwei Jahre älter als du,« hielt er ihr vor. »Ach! Mutter Gottes! – warum versucht sie dann Rosen wie ich zu tragen? Und mit dem Haar! Es steht ihr nicht.« Der Lehrer wurde hierdurch zuerst darauf aufmerksam, daß die ältere Bromly als »offenste Form der Schmeichelei« gegenüber ihrem Schwarm eine gelbe Rose in den lohfarbenen Locken trug, und weiter, daß Master Bromly mit feinem Humor seiner Schwester Nachäfferei mittels einer hinters linke Ohr gesteckten kleinen Mohrrübe ins Lächerliche zog. Der Lehrer nahm sie schleunigst weg, fügte zur Strafe noch eine weitere Belastung der schon übervollen Schiefertafel des Witzbolds hinzu und kehrte zu Concha zurück. »Möchtest du nicht gerne so klug sein wie sie? – Du kannst's, wenn du nur lernen willst.« »Warum sollte ich's? Schauen Sie nur; sie schwärmt für den Großen da, den Brown! Ach je! Mein Fall wäre das nicht.« Aber trotz dieses Mangels an edlem Ehrgeiz schien Concha die »Schwärmerei« der Knaben, der großen und kleinen, und wie der Lehrer bald entdeckte, selbst mancher Erwachsenen auf sich gelenkt zu haben. Stets gab es Tagediebe auf dem Saumpfad bei Beginn und Schluß der Schule, und der Vaquero, der sie jetzt immer begleitete, wurde ein Gegenstand des Neides. Vielleicht veranlaßte dies den Lehrer, ihn genauer zu beobachten. Er war groß und hager, von glattem, farblosem Angesicht, hatte aber zu des Lehrers Verwunderung das blaugraue Auge des vornehmern oder kastilischen Typs der eingebornen Kalifornier. Weitere Nachforschung ergab, daß er ein Sohn der alten verarmten spanischen Besitztitelinhaber war, deren Land und Vieh den Hoovers verpfändet worden, die jetzt den Sohn anstellten, um das »lebende Inventar« zu beaufsichtigen. »Es sieht fast aus, als wenn er 'n Auge auf das arme kleine Mädel werfen möchte, wenn sie einmal heiratsfähig sein wird,« warf ein eifersüchtiger Hirt hin. Einige Tage unterzog sich das Mädchen seinen Schulaufgaben mit der gewohnten trägen Gleichgültigkeit und verletzte die Ordnungsvorschriften nicht mehr. Auch spielte Herr Brooks nicht wieder auf ihre hoffnungslose Auseinandersetzung an. Aber eines Nachmittags bemerkte er, daß sie die Stille und die allgemeine Emsigkeit in der Klasse benutzt hatte, um an Stelle ihres Textbuches einen andern Band unterzuschieben, und mit den buchstabierenden Lippen des ungeübten Lesers darin las. Er forderte ihr es ab. Mit flammenden Augen, beide Hände in ihr Pult gepreßt, verweigerte sie es und trotzte ihm. Herr Brooks schlang seine Arme um ihre Taille, hob sie ruhig von der Bank empor – wobei er ihre kleinen Zähne in den Rücken seiner Hand dringen fühlte – und bemächtigte sich des Buches. Zwei der älteren Knaben und Mädchen hatten sich mit erregten Gesichtern erhoben. »Setzt euch!« sagte der Lehrer ernst. Sie nahmen ihre Plätze mit eingeschüchterten Blicken ein. Der Lehrer untersuchte das Buch. Es war ein kleines spanisches Gebetbuch. »Du hast darin gelesen,« sagte er in ihrer eigenen Sprache. »Ja, und Sie sollen mich nicht daran hindern,« brach sie los. »Mutter Gottes! Die in dem Rancho wollen mich's nicht lesen lassen. Sie wollten es mir wegnehmen. Und jetzt auch noch Sie!« »Du magst darin lesen, wann und wo du willst, außer wo du an deinen Aufgaben arbeiten sollst,« erwiderte der Lehrer ruhig. »Du magst es hier in deinem Pult aufbewahren und in der Freizeit darin lesen. Verlange es dann von mir. Es paßt sich nicht, jetzt darin zu lesen.« Das Mädchen blickte mit erstaunten Augen auf, die sich bei der Launenhaftigkeit ihres leidenschaftlichen Wesens im nächsten Augenblick mit Tränen füllten. Dann sank sie auf ihre Kniee, faßte des Lehrers gebissene Hand und bedeckte sie mit Tränen und Küssen. Aber er machte sie ruhig los und hob sie zu ihrem Sitz empor. Ein Kichern erklang von den Bänken, das sich jedoch schnell legte, als er im Zimmer umherblickte, und der Zwischenfall war zu Ende. Von da an holte Concha regelmäßig zur Freiheit ihr Gebetbuch und verschwand mit den Kindern, wobei sie, wie Brooks hernach erfuhr, einen Sitz unter einem abgelegenen Roßkastanienbaum fand, wo sie nicht von ihnen gestört wurde, bis ihre Gebete beendet waren. Die Kinder mußten einem Gebot von ihr gehorsam geblieben sein, denn der Vorfall und diese Gepflogenheit wurden nie aus der Schule geplaudert, und der Lehrer erachtete es nicht als seine Pflicht, Herrn oder Frau Hoover zu verständigen. Wenn das Kind einen günstigen Einfluß – mochten ihn auch manche als einen abergläubischen ansehen – auf sein launisches und frühreifes Wesen verspürte, warum sollte er sich einmengen? Eines Tages während der Freizeit fiel ihm auf einmal auf, daß jene kleinen Stimmen in den Wäldern um das Schulhaus her verstummten, die ihm in seiner Abgeschlossenheit immer so vertraut und willkommen waren, wie der Gesang ihrer Spielkameraden – der Vögel selbst. Doch die fortdauernde Stille erweckte schließlich Besorgnis und Neugier in ihm. Er hatte sich selten in die Spiele und Unterhaltungen seiner Zöglinge gemengt oder daran teilgenommen, da er aus seiner eigenen Knabenzeit wußte, wie schwer die Einmengung eines Erwachsenen auch bei den besten Absichten selbst dem heuchlerischst höflichen Kinde in solchen Augenblicken eingeht. Eine Regung des Pflichtgefühls trieb ihn jedoch, über das Schulgebäude hinaus zu gehen, wo er zu seinem Erstaunen die angrenzenden Waldungen leer und still fand. Er beruhigte sich jedoch, als er durch ihre Gebüsche hindurchgedrungen war und den fernen Klang schwacher Beifallsbezeigungen, sowie das unverkennbare ächzende Gekeuche von Johnny Stidgers Taschenakkordeon vernahm. Indem er dem Klang nachging, kam er schließlich zu einer kleinen von Sykomoren umgebenen Schlucht, wo die Kinder einen Ring bildeten, in dessen Mitte, in jeder Hand ein Taschentuch, die schwermütige Concha! – die fromme Concha! – jene ausgelassenste Partie des Fandango tanzte, die herausfordernde Sembicuaca ! Doch trotz ihrer rohen und nicht ganz taktfesten Begleitung tanzte sie mit einer erstaunlichen Anmut, Sicherheit und Leichtigkeit: trotz den bedenklichen Stellungen und der schmachtenden Sinnlichkeit des Tanzes tanzte sie ihn mit der ungekünstelten Fröhlichkeit und Unschuld – vielleicht war es der Eindruck ihrer winzigen Gestalt – eines reinen Kindes vor einem Publikum von Kindern. Da sie ihn allein tanzte, stellte sie bald den Mann, bald die Frau dar; ging vorwärts, zurück, kokettierte, bezauberte durch Sprödigkeit und ergab sich endlich so leicht und körperlos wie die flatternden Schatten, die die rauschenden Bäume auf sie herabwarfen. Der Lehrer war entzückt, fühlte sich aber doch nicht so ganz wohl bei der Sache. Wie, wenn ältere Zuschauer dabei gewesen wären? Würden die Eltern die Vorstellung für ebenso unschuldig halten wie die Ausführende und ihr kleines Publikum? Er hielt es später für notwendig, dies dem Kinde schonend nahezulegen. Da aber wurde sie wild, ihre Augen flammten. »Ah, der Pantoffel ist verboten. Das Gebetbuch – darf nicht sein. Der Tanz, der taugt nichts. Wirklich, nichts kann ich recht machen!« Mehrere Tage schmollte sie. Als sie eines Morgens nicht zur Schule kam und am folgenden auch nicht, suchte der Lehrer Hoovers Rancho auf. Frau Hoover kam ihm in der Halle verlegen entgegen. »Ich sagte Hiram, er müsse es Ihnen mitteilen, aber er wollte nicht, bis es gewiß wäre. Concha ist fort.« »Fort?« wiederholte der Lehrer. »Ja. Mit Pedro weggelaufen. Gestern wurde sie von dem papistischen Priester in der Mission mit ihm getraut.« »Verheiratet! Dieses Kind?« »Sie war kein Kind, Herr Brooks. Wir haben uns täuschen lassen. Mein Bruder war ein Narr, und Männer verstehen nichts von dergleichen. Sie war ein erwachsenes Frauenzimmer – entsprechend den Anschauungen und Gebräuchen dieser Leute – als sie hierher kam. Und das ist's, was mich geärgert hat.« * Eine Woche lang herrschte Aufregung in Chestnut Ridge, aber der Lehrer nahm zu seiner Freude wahr, daß die Kinder, indes sie um Conchas Verlust trauerten, nie und nimmer zu begreifen schienen, warum sie fort war. Jack Hamlins Erholungsaufenthalt. Seth Rivers' gewöhnlich so ruhiges, asketisches Gesicht war einigermaßen aufgeregt, und seine Brauen waren gerunzelt, als er den langen Aufstieg des Windigen Hügels zu dessen Gipfel und seinem eigenen Rancho hinanklomm. Vielleicht war es die Wirkung des ortseigentümlichen Windes, der ihn an diesem Nachmittag von allen Seiten zugleich anzugreifen schien und selbst an seiner Vordertür den Angriff nicht aufgab, sondern ihn in den Hausgang drängte, ihn ins Wohnzimmer blies und dann zur Feier seines Abschieds aus dem langen, weitläufigen Hause Türen und Fenster zuschlug. Frau Rivers blickte bei diesem etwas plötzlichen Auftauchen ihres Ehegemahls von der Arbeit auf, ohne den ihr eigenen Ausdruck ein wenig müder Selbstgefälligkeit zu verändern. Da sie mit diesen Ausbrüchen der Naturgewalten vertraut war, legte sie gewohnheitsmäßig die Hände auf die aufliegende Tischdecke und stand dann ergeben auf, um die herumgewürfelten Aschenhaufen vom Estrich zusammenzukehren – wie schon so manches Mal. »Du bist früh zurück, Seth,« sagte sie. »Jawohl. Ich machte beim Postamt am Kreuzweg halt. Glücklicherweise, sonst hättest du Besuch auf dem Leib sitzen gehabt, eh' du dich's versehen hättest – noch heut' abend! Ich fand nämlich den Brief hier vor, von Doktor Duchesne,« und er zog einen Brief aus der Tasche. Frau Rivers schaute mit einem Ausdruck weltlicher Neugierde auf. Doktor Duchesne hatte ihre beiden Kinder unter einigen Schwierigkeiten zur Welt befördert und hatte sie während eines langen Siechtums mit Geschick behandelt, wie es der kraftlosen Mutterschaft seelenvoller, aber gebrechlicher amerikanischer Frauen ihres Schlages zu folgen pflegt. Der Doktor genoß als Wundarzt einen über die Gegend hinausreichenden Ruf, und Frau Rivers blickte zu ihm als dem einzigen Bindeglied mit einer jenseits des Windigen Hügels liegenden Gedankenwelt empor. »Er kommt heut' abend zu dir 'rauf und bringt 'nen Freund mit – 'nen Patienten, von dem er wünscht, daß wir ihn drei Wochen lang in Kost und Pflege nehmen, bis er wieder wohlauf ist,« fuhr Rivers fort. »Du weißt ja, daß der Doktor immer von der reinen Luft auf unserm Hügel schwärmte.« Frau Rivers schauerte leicht zusammen und zog ihren Schal über die Schultern, nickte jedoch ein geduldiges Ja. »Schön, er sagt, das sei's gerad', was der Patient zur Heilung nötig hätt'. Er hat Lungenentzündung und andre Geschichten gehabt, und die Luft und Ruhe hier soll ihn wieder in die Höhe bringen. Wir sollen ihn ohne viel Federlesens beköstigen und verpflegen, und der Doktor sagt, er werde reichlich dafür zahlen. Das, was er hier sagt, geht dich an,« schloß Rivers und las aus dem Briefe vor: »Er ist jetzt durchaus in der Wiederherstellung begriffen, wenn auch noch schwach, und braucht tatsächlich keine weitere Arznei als das – Ozon, ja, so nennt's der Doktor – vom Windigen Hügel und in Wahrheit so wenig Pflege als möglich. Ich werde ihn nicht einmal seinen Negerbedienten mitnehmen lassen. Er wird keine Last für Sie sein, wenn er sich bestimmen läßt, die ganze Zeit seiner Kur auszuhalten.« »Da wär' unser übriges Zimmer – 's ist nicht benutzt worden, seit Pfarrer Greenwood hier war,« sagte Frau Rivers überlegend, »Melinda könnt's in einer Stunde in Ordnung bringen. Wann will er denn kommen?« »Ungefähr um Neun. Sie fahren vom Bahnhof Hightown herüber. Aber,« fügte er ingrimmig bei, »da läßt du 'n Zimmer richten und weißt nicht einmal für wen.« »Du sagtest, für 'nen Freund von Doktor Duchesne,« erwiderte Frau Rivers einfach. »Doktor Duchesne hat viele Freunde, die dir und mir möglicherweise nicht passen könnten,« sagte ihr Gatte. – »Jack Hamlin ist der Mann!« Als die befremdet und fragend blickenden schwarzen Augen seiner Frau ihn verständnislos anschauten, fügte er schnell hinzu: »Der berüchtigte Spieler!« »Spieler?« gab seine Frau noch immer verständnislos zurück. »Ja – Gewohnheitsspieler – 's ist sein Beruf.« »Himmlische Güte, Seth! Er kann doch nicht erwarten, das hier treiben zu können.« »Nein,« sagte Seth rasch, in jenem Anstandsgefühl gegen seinen Geschlechtsgenossen, für das die meisten Frauen so schwer Verständnis gewinnen. »Nein, und er wird sogar wahrscheinlich das Wort ›Karte‹ nicht in den Mund nehmen, so lange er hier ist.« »Nun wohl?« sagte Frau Rivers in fragendem Tone. »Und,« fuhr Seth fort, da er sah, daß auf diese Einwendung kein Wert gelegt wurde, »er ist so 'n Wütrich! 'n richtiger Kampfhahn! Hat zwei oder drei Männer im Duell erschossen!« Frau Rivers war starr. »Was mag sich Doktor Duchesne nur gedacht haben! Na, wir werden in seiner Gegenwart nicht unsers Lebens sicher sein!« Wiederum triumphierte Seths Billigkeitssinn. »Ich habe nie gehört, daß er sich mit andern als seinesgleichen geschlagen hat, und nur wenn er angepöbelt worden war. Und was die Weiber angeht, so handelt sich's da wirklich um ganz was andres, und darum mein' ich, mußt du's wissen, eh' du ihn kommen läßt. An anständige Weiber macht er sich nicht 'ran. Wirklich ...« (Doch hier gebrauchte Rivers, der sehr bibelkundig war, einige Kraftausdrücke aus der Schrift, die hier zu wiederholen glücklicherweise nicht nötig ist). »Seth!« sagte Frau Rivers plötzlich, »du scheinst diesen Mann zu kennen.« Das Unerwartete und Unzutreffende dieser Bemerkung machte Seth einen Augenblick stutzig. Doch dieser keusche und gottesfürchtige Mann hatte keine Geheimnisse. »Nur vom Hörensagen, Hanna,« erwiderte er ruhig, »aber es kostet dich nur ein Wort, und ich verhindere sein Kommen noch jetzt.« »'s ist zu spät,« sagte Frau Rivers bestimmt. »Ich glaub' nicht,« entgegnete ihr Gatte, »und darum bin ich geradeswegs hierhergekommen. Ich brauch' sie nur auf dem Bahnhof abzufangen und zu sagen, daß es nicht sein kann – und dann ist's abgetan. Dann gehen sie ruhig ins Gasthaus.« »Ich möchte den Doktor nicht kränken, Seth,« sagte Frau Rivers. »Wir könnten,« fügte sie mit einem verlegen fragenden Blick auf ihren Gatten bei, »wir könnten diesen Herrn Hamlin vielleicht auf Probe nehmen. Wahrscheinlich wird er doch nicht bleiben, wenn er sieht, was für Leute mir sind, Seth. Was meinst du? 's wär' dazu nur unsre Christenpflicht.« »Ich hab' darüber wie einer gedacht, der sich an sein Christentum hält, Hanna,« sagte ihr Gatte. »Aber angenommen, andre Christen sähen's nicht in dem Lichte! Zum Beispiel Diakonus Stubbs nebst Frau und der Pfarrer, Du entsinnst dich doch, was er über ›keine Gemeinschaft mit der Sünde‹ gesagt hat?« »Die Stubbs haben kein Recht, mir vorzuschreiben, wen ich in meinem Hause haben will,« sagte Frau Rivers rasch mit einem schwachen Erröten ihrer ziemlich blassen Wangen. »Die Sache geht niemand etwas an, als dich,« stimmte ihr Gatte mit entschlossener Gefügigkeit bei. »Tu, was dir gefällt.« Frau Rivers sann nach. »Außer mir ist nur noch Melinda hier,« sagte sie mit erhabener Naivität, »und die Kinder sind noch nicht alt genug, um verdorben zu werden. Ich bin damit einverstanden, wenn du es bist, Seth.« Und sie blickte ihn wiederum fragend an. »Na, dann los, und mach' alles fertig für sie,« sagte Seth, der mit ungeheuchelter Erleichterung wegeilte. »Wenn alles um Neune fix und fertig ist, ist's gut.« Frau Rivers hatte alles um die besagte Stunde »fix und fertig«, worunter wir sie wohl selbst mitrechnen dürfen, denn sie hatte ein graues Kleid angelegt, das sie gewöhnlich bei ihren Einkäufen in der Bezirksstadt trug, dazu einen steifen Kragen und Manschetten. Eine Perlenbrosche, Seths Hochzeitsgeschenk, und ein Brillantring nebst ihrem Ehering, ferner ein Medaillon mit dem Haar ihrer Kinder betonten ihre Stellung als anständige Frau und Mutter. Ein Viertel vor neun Uhr hatte sie schließlich das Wohnzimmer hergerichtet, das Harmonium geöffnet, so daß das Licht sich auf seiner glatten Klaviatur spiegeln konnte, und aus der vergessenen Einsamkeit ihres Kabinetts zwei schöngebundene Bände von Tuppers Gedichten und Pollocks Lauf der Zeit hergebracht, um dem Mitteltisch einen literarischen Reiz zu verleihen. Dann zog sie einen Stuhl zum Tisch und setzte sich davor nieder, eine religiöse Zeitschrift auf ihrem Schoße. Der Wind heulte über den hohen Schlot des Schornsteins, die Uhr tickte eintönig, und dann nahte der Klang von Rädern und Stimmen. Aber Frau Rivers sollte ihren Gast heute abend nicht zu sehen bekommen. Doktor Duchesne erklärte nämlich, unter der windgeschützten Tür stehend, daß Herr Hamlin durch die Reise erschöpft und mit Hilfe eines milden Opiats im Wagen eingeschlafen sei. Wenn Frau Rivers nichts dawider habe, wollten sie ihn gleich in sein Zimmer tragen. Bei dem Flackern und Träufeln der Kerzen, dem Schimmer der Laternen, dem Flattern der Röcke und Schals und dem verwirrenden Rauschen des Windes nahm Frau Rivers nur undeutlich eine schlanke Gestalt wahr, die dicht in einen Mantel eingehüllt war und in den Armen eines ergrauten Negers die Treppe hinauf an ihr vorbeigetragen wurde, gefolgt von Doktor Duchesne. Als sich die Vordertür vor der lärmenden Welt draußen schloß, versank das kleine Wohnzimmer wieder in Schweigen. Als der Doktor wieder erschien, meldete er, daß sein Patient von seinem Neger entkleidet und zu Bett gebracht morden sei, daß dieser jedoch noch heute abend mit dem Doktor abfahren werde, daß dem Patienten indes alles Nötige dagelassen worden sei, und daß er keiner Aufwartung von seiten der Familie vor dem nächsten Tage bedürfe. In der Tat sei es besser, daß er ungestört bleibe. Da der Doktor seine Mitteilungen und Anweisung gänzlich auf die leiblichen Bedürfnisse ihres Gastes beschränkte, fand Frau Rivers es peinlich, auf andern Fragen zu bestehen. »Natürlich,« sagte sie schließlich zögernd, noch ein wenig geziert, »muß Herr Hamlin erwarten, hier alles ganz anders zu finden, als er es gewohnt ist – wenigstens was mein Mann davon erzählt. »Niemand weiß das besser als er, Frau Rivers,« erwiderte der Doktor in gleich gemessener Ausdrucksweise, »und Sie könnten schwerlich einen Gast haben, der Ihnen so wenig Anlaß geben dürfte, ihn daran zu erinnern.« Ein wenig unbefriedigt – warum, wußte sie selber nicht genau – ließ Frau Rivers den Gegenstand fallen, und da der Doktor sich bald darauf der Pflege seines Patienten widmete, bei dem er bis zur Stunde seiner Abreise verweilte, hatte sie keine Gelegenheit, darauf zurückzukommen. Doch als er schließlich seinem Wirt und seiner Wirtin die Hände schüttelte, kam es ihr vor, als spiele er ein bißchen darauf an. »Ich verspreche mir die beste Wirkung dieser herrlichen Luft auf meinen Patienten, doch mehr noch von dem vollständigen Wechsel seiner Gewohnheiten, seiner Umgebung und ihres Einflusses.« Dann schloß sich die Tür hinter dem Mann der Wissenschaft und dem grauen Neger, der Lärm der Wagenräder wurde zugleich mit dem Singen des Windes in den Fichtenwipfeln ausgesperrt, und der Rancho des Windigen Hügels umfing Herrn Jack Hamlin in Frieden. In der Tat ließ der Wind jetzt, wie gewöhnlich um diese Stunde, nach, und alsbald erhob sich der Mond über einer stillen, schlafenden Landschaft. Für den Rest des Abends beherrschte der schweigende Bewohner des Zimmers droben das ganze Haus: die halbneugierigen Dienstboten und Ranchoarbeiter tuschelten in den Gängen, und beim Abendgebet im Speisezimmer schloß Seth Rivers, der vor einem Korbsessel; dessen Beine er mit seinen starken Händen umfaßte, kniete und sich darüber beugte, »den Fremden innerhalb unsrer Pforten« in seine gewöhnlichen Fürbitten ein. Als die Stunde des Schlafengehens kam, ging Seth, eine Kerze in der Hand, seiner Frau voraus die Treppe hinauf, blieb aber vor dem Zimmer ihres Gastes stehen. »Ich mein',« sagte er fragend zu Frau Rivers, »ich sollt' doch sehen, ob er was braucht?«' »Du hast gehört, was der Doktor gesagt hat,« entgegnete Frau Rivers vorsichtig. Indessen sprach sie nicht allzu bestimmt, und der gastfreundliche Sinn des Grenzers siegte. Er klopfte leise – keine Antwort! Er drückte sanft auf den Türgriff. Die Tür ging auf, und ein schwacher, reiner Wohlgeruch – eher der Duft einer Persönlichkeit im allgemeinen, als irgend eines Gegenstands im besondern – drang zu ihnen heraus. Beim Schimmer von Seths Kerze sah man einiges geschliffene Glas und Silber funkeln, den Inhalt des Toilettenetuis des Gastes, der von seinem Neger sorgsam auf einen kleinen Tisch ausgebreitet morden war. Die Unordnung seiner Kleidungsstücke und sonstigen Habseligkeiten zeigte ferner eine ausgebildete Ordnungsliebe, die das weibliche Auge selbst einer so sauberen Dame wie Frau Rivers als etwas noch nicht Dagewesenes überraschte. Seth schlich näher an das Bett, indem er seine Kerze beschattete, und forderte, indem er sich umwandte, seine Frau auf, heranzukommen. Frau Rivers zauderte – wäre nicht Stille geboten gewesen, so hätte sie offen widersprochen – aber sie verschloß diesen Widerspruch hinter ihren zusammengepreßten Lippen, als sie herankam. Einen Augenblick wurde jene Scheu, mit der ihre vollständige Hilflosigkeit die Schlafenden und Toten umkleidet, von dem Mann wie von der Frau verspürt. Nur der obere Teil des Gesichts des Schläfers war über der Bettdecke sichtbar, die von einer schmalen, weißen, nervösen Hand festgehalten wurde, deren Gelenk von einer Krause umgeben war. Seth machte große Augen. Kurze braune Locken hingen wirr über eine Stirn herab, die vom Tau des Schlafs und der Erschöpfung feucht war. Doch was noch seltsamer war, die geschlossenen Augen dieses Gefäßes des Zorns und der Ruhelosigkeit waren von Wimpern beschattet, so lang und seiden wie die einer Frau. Nun zog Frau Rivers ihren Mann sanft am Ärmel, und sie schlichen beide noch schuldbewußter und noch vorsichtiger hinaus, als sie eingetreten waren. Sie sprachen auch nicht eher, als bis die Tür leise zugemacht war und sie allein auf dem Treppenabsatz standen. Seht blickte seine Frau grimmig an. »Sieht nicht grad' danach aus, als ob er jemand was zuleide tun könnte.« »Er sieht aus wie ein Kranker,« entgegnete Frau Rivers gelassen. * Der nichts ahnende Gegenstand dieser prüfenden Betrachtung schlief recht lange, verschlief den Lärm des drinnen und draußen erwachenden Lebens, das Krähen der Morgenhähne in dem angebauten Schuppen, das Knarren der abfahrenden Ochsengespanne und die trägen, langgezogenen Rufe der Fuhrleute, die allmorgendlichen Schläge des Pumpenschwengels und das Spritzen des Wassers auf die Steine; das ferne Bellen von Hunden und die nur halbverständlichen Zurufe der Rancholeute; verschlief den Sonnenschein an seiner Zimmerdecke, wie er langsam an seiner Wand herunterkam, und erwachte erst, als er ihm auf die Augen fiel! Er erwachte mit einem köstlichen Gefühl, ganz schmerzfrei zu sein und ohne Mühe tief atmen zu können – Zwei so wunderbare und traumartige Tatsachen, daß er ganz natürlicherweise seine Augen wieder schloß, um nicht in einer Welt der Schmerzen und der Atemnot zu erwachen. Als er endlich überzeugt war, daß diese Erleichterung tatsächlich bestand, öffnete er seine Augen wieder, doch fielen sie auf eine so seltsame, so toll ungereimte und unwahrscheinliche Umgebung, daß er wiederum an deren Wirklichkeit zweifelte. Er lag in einem mäßig großen, steif und streng eingerichteten Zimmer, doch im Augenblick ward seine Aufmerksamkeit durch einen Goldrahmen, der neben ihm an der Wand hing und die Inschrift umschloß: »Gott segne unser Heim!« und dann durch einen andern Rahmen an der gegenüberliegenden Wand in Anspruch genommen, der ihn ermahnte: »Wache und bete!« Daneben hing ein Stich »Die Auferweckung des Lazarus« und ein Steindruck von Hogarths »Leben des Säufers«. Hamlin schloß die Augen. Gewiß träumte er noch – nicht einen jener wilden, phantastischen Träume, die die vergangenen Nächte der Leiden und Schmerzen so jammervoll erfüllt hatten, doch immerhin einen Traum! Endlich öffnete er ein Auge verstohlen und gewahrte die Spiegelung des Sonnenscheins auf den Glas- und Silbergegenständen seines Toilettenetuis, und diese Spiegelung erleuchtete auf einmal sein Gedächtnis. Er entsann sich seiner wochenlangen Krankheit und der Hingabe Doktor Duchesnes. Er entsann sich, wie der Doktor nach überstandener Krisis auf einer vollständigen Luftveränderung und völliger Ruhe bestanden und ihm von einem einsamen Rancho in etwas abgelegener Gegend erzählt hatte, den ein ehrenwerter Pionier des Westens innehabe, dessen Familie er behandelt hätte. Er entsann sich seiner eigenen widerstrebenden Zustimmung, die ihm die Dankbarkeit gegen den Doktor und die Hilflosigkeit eines Kranken entlockt hatte. Jetzt erinnerte er sich der angreifenden Herreise, seiner Erschöpfung und seiner ihm nur halbbewußten Ankunft auf einer schattigen Hügelspitze während eines tobenden Windes. Und hier war er also! Er erschauerte leicht und duckte den Kopf wieder unter die Decke. Aber der Glanz der Sonne und etwas Belebendes in der Luft verlockte ihn zu einem weiteren Ausblick, wobei er soweit als möglich die seltsam ausstaffierten Wände zu vermeiden suchte. Wenn sie ihm nur seinen treuen Neger gelassen hatten, so hätte er sich über diesen schlechten Witz trösten können, der diesen ergebenen Neger stets abwechselnd schreckte und entzückte. Aber er war allein – vollständig allein – in diesem Pietistenhause! Jetzt sah er, wie sich die Tür langsam öffnete und das runde Gesichtchen und die blonden Locken eines kleinen Mädchens und schließlich ihre ganze Gestalt hereinließ, eines Mädchens, das eine Puppe umschlang, fast ebenso groß als es selbst. Einen Augenblick stand sie da, von den Herrlichkeiten des Toilettenetuis Herrn Hamlins auf dem Tisch gefesselt. Dann wanderten ihre Blicke durchs Zimmer und blieben auf dem Bett haften. Ihre blauen Augen und Herrn Hamlins braune begegneten und fesselten sich. Ohne einen Augenblick zu zaudern, kam sie an die Seite des Bettes. Indem sie die Hand ihrer Puppe in die ihre nahm, pflanzte sie diese vor ihm auf. »Gelt, sie ist hübsch?« Hamlin war sofort wieder ganz er selbst. Indem er seine Hand behaglich unter das Kissen steckte, legte er sich auf die Seite und betrachtete die Puppe lang und hingebend. »Noch nie habe ich,« sagte er mit schwacher Stimme, aber mit unbeweglichen Zügen, »etwas so Wunderschönes gesehen. Ist sie lebendig?« »'s ist 'ne Puppe,« sagte die Kleine ernsthaft, indem sie deren Rock glattstrich und ihre hilflosen Füße straffzog. Dann, wie ein junges Tier, von einem plötzlichen Einfall erfaßt, reichte sie sie ihm mit beiden Händen hin und sagte: »Küss sie!« Herr Hamlin drückte einen keuschen Kuß auf ihre rote Backe. »Würdest du mir erlauben, sie ein Weilchen zu halten?« sagte er mit höchstem Mißtrauen. Das Kind war entzückt, wie er erwartet hatte, Herr Hamlin pflanzte die Puppe in sitzender Stellung auf der Ecke seines Bettes auf und legte mit der väterlichsten Miene den Arm um sie. »Aber du bist lebendig, nicht?« sagte er zu dem Kinde. Dieser feine Witz erschütterte sie. »Ich bin ein kleines Mädchen,« gluckste sie. »Verstehe, ihre Mutter?« »Ah!« »Und wer ist deine Mutter?« »Mama!« »Frau Rivers?« Das Kind nickte, bis ihm die Locken auf die Wangen fielen. Einen Augenblick später fing es schamhaft zu lachen an, doch, wie's Herrn Hamlin vorkam, ein wenig schadenfroh. Dann faßte sie ihn, als er sie fragend ansah, plötzlich an der Ärmelkrause. »Sie hab' n Mamas Hem'chen an.« Herr Hamlin fuhr auf. Er sah den augenscheinlichen Irrtum des Kindes und fühlte tatsächlich, wie er errötete. Das war ihm noch nie passiert – es war die reinste Schwäche – es mußte mit der verwünschten Luft zusammenhängen. »Ich muß dir leider sagen, daß du dich schwer irrst – es ist nämlich mein höchsteigenes,« erwiderte er mit großem Ernst. Trotzdem zog er die Bettdecke fest über seine Schultern. Doch jetzt lenkte wiederum ein neues Gesicht an der halb offenen Tür seine Aufmerksamkeit auf sich – eines mit Sommersprossen, das einem Jungen gehörte, der offenbar ein oder zwei Jahre älter als das Mädchen war. Er telegraphierte ihr lebhaft, sie solle herauskommen, wiewohl er augenscheinlich gleichzeitig den Toilettengegenständen des Gastes lebhafte Aufmerksamkeit widmete. Doch als seine hellen grauen Augen und die braunen Herrn Hamlins sich trafen, unterlag er, wie das Mädchen, und ging geradeswegs auf das Bett zu. Aber er war dabei verschämt – was das Mädchen nicht gewesen war. Er versuchte sogar eine entschuldigende Erklärung. »Sie sollte nicht hier 'reinkommen, und Ma wollt's nicht haben, und sie hat's ganz gut gewußt,« sagte er mit überlegener Tugend. »Aber ich bat sie darum, wie ich dich darum bitte,« sagte Herr Hamlin schnell, »und sei nicht unfreundlich gegen deine Schwester, sonst wirst du nie Präsident der Vereinigten Staaten werden!« Damit legte er die Hand auf den Flachskopf des Knaben und schlang dann, während er sich in seinem Kissen zu einer halb sitzenden Stellung aufrichtete, einen Arm um jedes Kind und zog sie nahe zusammen, während die Puppe den Ehrenplatz in der Mitte einnahm. »Jetzt,« fuhr Herr Hamlin fort, wenn seine Stimme auch etwas schwach von der Anstrengung war, »jetzt, wo wir behaglich beisammen sind, will ich euch die Geschichte von dem brauen kleinen Knaben erzählen, der, um seine Großmutter und seine kleine Schwester davor zu retten, daß sie von dem Wolf gefressen würden, ein Seeräuber wurde.« Doch ach, diese heroische Tat der Selbstaufopferung wurde nie erzählt, denn der Zufall wollte, daß Melinda Bird, Frau Rivers' Dienstmädchen, die der Fährte der vermißten Kinder nachging, an die offene Tür kam und hineinschaute. Hier sah sie zu ihrem Erstaunen die bereits beschriebene häusliche Gruppe, deren Mittelpunkt der in ihren Augen »schönste und allereleganteste« junge Mann war, den sie je gesehen. Doch möge der vorschnelle Leser nicht argwöhnen, daß sie ebenso schwach wie ihre einfachen Pfleglinge diesem Zauber unterlegen sei! Der Charakter und das Vorleben dieses jungen Mannes waren ihr bereits von dem andern Dienstmädchen in der Küche preisgegeben worden. Nach jenem einzigen Blick machte sie halt; ihre Augen suchten in keuscher Entrüstung die Zimmerdecke. Einen Schritt zurücktretend, rief sie mit der Hoheit und Bestimmtheit einer Dame: »Marie Emmeline und John Wesley!« Herr Hamlin sah die Kinder an, »'s ist Melinda, die nach uns sieht,« sagte John Wesley. Aber sie rührten sich nicht, worauf Herr Hamlin schwach, aber fröhlich rief: »Hier sind sie, schon gut!« Wieder ertönte die Stimme mit noch ausgeprägterer und erhabenerer Bestimmtheit: »John Wesley und Marie Em – me – line!« Es deuchte Herrn Hamlin, daß menschliche Töne nicht im stande wären, ein deutlicheres und erhabeneres Übersehenwollen einer mit seiner Aufforderung begangenen Unziemlichkeit auszudrücken. Einen Augenblick war er geknickt. Aber er begnügte sich, zu seinen jungen Freunden zu sagen: »Ihr solltet jetzt gehen; die Geschichte können wir später hören.« »Nach 'm Füstück?« schlug Marie Emmeline vor. »Im Wald,« fügte John Wesley bei. Herr Hamlin nickte sanft. Die Kinder trabten nach der Tür. Sie schloß sich hinter ihnen und hinter Fräulein Birds Ermahnung, die laut genug war, um von Herrn Hamlin gehört zu werden: »Keine solche Streiche, solche Aufdringlichkeit mehr, hört ihr?« Der älteste von den drei Sündern, Hamlin, zog sich mit Wohlbehagen unter seine Bettdecke zurück, doch alsbald kam eine neue Empfindung über ihn – ein Wolfshunger. Vielleicht war es die Anspielung des Kindes aufs »Füstück«, aber er ertappte sich bei der Frage, ob es wohl fertig sei. Diese Besorgnis ward bald dadurch behoben, daß sein Wirt selbst mit einem Präsentierbrett erschien, vielleicht mit Rücksicht auf Fräulein Birds Schicklichkeitsgefühl. Es zeigte sich ferner, daß Doktor Duchesne im voraus entsprechende Weisungen über seine Beköstigung erteilt hatte, und Herr Hamlin fand sein Mahl einfach aber genießbar. Stets von vergnügter oder ironischer Höflichkeit gegenüber Fremden, dankte er seinem Wirt und sagte, er habe glänzend geschlafen. »Das macht der Ozon in der Luft, von dem Doktor Duchesne spricht,« sagte Seth wohlgefällig. »Ich möchte annehmen, daß es auch diese Texte bewirken,« sagte Herr Hamlin ernst, indem er auf die Wand, an der sie hingen, zeigte. »Sie erinnerten mich nämlich an die Kirche und den Schlummer, den ich dort in meiner Knabenzeit abzuhalten pflegte. Nie habe ich seitdem wieder so friedlich geschlafen.« Seths Gesicht drückte eine so lebhafte Anteilnahme an dieser Äußerung der vermeintlichen Bekehrung seines Gastes aus, daß Herr Hamlin gerne den Gegenstand verließ. Als sein Wirt sich entfernt hatte, machte er sich daran sich anzuziehen, wurde aber hierbei seiner Schwäche inne und war genötigt niederzusitzen. In einer dieser erzwungenen Ruhepausen war er gerade nahe dem Fenster und blickte zum ersten Male auf die Umgebung seines Verbannungsortes. Zunächst war er verblüfft. Alles schien von dem Felsenvorsprung jäh abzustürzen, auf dem das ausgedehnte Haus und die Farmschuppen standen. Selbst die großen Fichten umher senkten sich gleich einer grünen Welle hinab, um sich wieder in riesigen Wogen zu heben, soweit das Auge reichte. Er konnte ein Dutzend ihrer sich auf- und niederwälzenden Kämme hintereinander zählen, bis sie die ferne Ebene erreichten. An irgend einem unbestimmten Punkte dieses schimmernden Hintergrundes von Hitze und Staub war der Fleck, von dem er gestern abend hergekommen. Doch die Erinnerung daran und an seine fieberische Vergangenheit schien ihn zu verwirren, und er wandte seine Augen mit Freude hinweg. Bleich und ein bißchen zitterig, aber fleckenlos und hübsch in seinem weißen Flanellanzug und seinem Strohhut ging er endlich die Treppe hinunter. Es war ihm sehr erwünscht, das Wohnzimmer leer zu finden, da er seiner Wirtin seine förmliche Erkenntlichkeit lieber erst später ausgesprochen hätte. Ein einziger Blick ins Innere bestimmte ihn, nicht zu verweilen, und er entschlüpfte stille in die freie Luft und den Sonnenschein hinaus. Der Tag war warm und ruhig, da der Wind erst mit Sonnenuntergang heraufkam, und die Atmosphäre duftete noch von der morgendlichen Würze des Fichten- und Heugeruchs und einem stärkeren Balsam, der seine Brust mit Sonnenschein zu erfüllen schien. Er ging nach dem nächsten schattigen Platze, einem Busch junger Roßkastanienbäume, und setzte sich nieder, nachdem er mit einer gewissen städtischen Zimperlichkeit den Staub mit seinem Taschentuch von einem Baumstumpf gewischt hatte. Es war, ganz ruhig und still. Das Leben und die Bewegung des frühen Morgens war bereits von dem Hügel verschwunden oder schien mit der Sonne am Himmel zu schweben. Er konnte die Rancholeute und die Ochsengespanne sich auf den grünen terrassenförmigen Schleifen drunten abplagen sehen, doch drang kein Laut an sein Ohr. Sogar das Haus, das er soeben verlassen, schien seiner ganzen weitläufigen Längsausdehnung nach ohne Leben zu sein. Seine Abgeschlossenheit war eine vollständige. Konnte er das drei Wochen lang aushalten? Vielleicht brauchte es nicht so lange zu dauern, denn er fühlte sich schon kräftiger! Er sah voraus, daß der asketische Seth ihm langweilig werden würde, und eine innere Stimme sagte ihm, daß es mit Frau Rivers ebenso gehen würde. Mit Melinda würde er sich sicherlich zanken, und dies würde ihn der Gesellschaft der Kinder, seiner einzigen Hoffnung, berauben. Aber seine Abgeschlossenheit war keineswegs so vollständig, als er angenommen hatte. So vernahm er jetzt einen Feldgottesdienstchoral, den eine tiefe Altstimme etwas auffällig sang, eine Stimme, die er sogleich als die Melindas erkannte, und er sah diese gestrenge Jungfrau aus der Küche heraus die Höhe entlang in die Nähe der Roßkastanien kommen, wo sie stehen blieb und, die Augen mit der Hand beschattend, augenscheinlich die fernen Felder zu mustern anfing. Sie war ein großes, kräftiges Mädchen und nicht ohne gewisse ländliche Reize, deren sie sich recht wohl bewußt schien. Diese eben erwähnte Schwäche gab Herrn Hamlin einen neuen Gedanken ein. Er steckte sein Federmesser ein, mit dem er sich eben die Nägel geschnitten, wobei er sich gefragt hatte, warum seine Hände so dünn geworden seien, und erwartete das Weitere. Jetzt wandte Melinda sich um, näherte sich den Roßkastanien, pflückte mit großer mädchenhafter Geschwindigkeit einen Haufen Blüten, fuhr dann, indem sie augenscheinlich Herrn Hamlin entdeckte, betroffen zurück und sagte mit etwas stentormäßiger Höflichkeit! »Ich bitte Sie wirklich um Verzeihung – wußte nicht, daß ich störte!« »Hat gar nichts zu sagen,« entgegnete Jack schlagfertig, doch ohne sich zu rühren. »Ich sah Sie kommen und war also vorbereitet; aber im allgemeinen – da ich etwas herzleidend bin – ist eine plötzliche Freude wie diese nicht ohne Gefahr.« Etwas verblüfft, doch zwischen dem Ausdruck strengster Würde und dem geschmeichelter Eitelkeit schwankend, stammelte Fräulein Melinda: »Ich wollte nur – « »Ich weiß – ich sah, was Sie taten,« unterbrach Jack sie ernst, »nur tät' ich's lieber nicht, wenn ich Sie wäre. Sie schauten nach einem jener jungen Männer den Hügel hinunter. Doch Sie vergaßen, daß, wenn Sie ihn sehen konnten, er auch sehen konnte, wie Sie ausschauten, und das könnte ihn nur eingebildet machen. Und ein Mädchen von Ihren Reizen braucht das nicht.« »Als wenn,« sagte Melinda in stolzer aber etwas errötender Verachtung, »auf diesem ganzen Rancho 'n Mann wär', auf den ich 'nen zweiten Blick werfen tät'!« »Der erste Blick macht den Handel,« erwiderte Jack einfach. »Doch möglicherweise habe ich mich geirrt. Wären Sie so gut – da Sie gerade nach dem Hause zurückgehen« (Fräulein Melinda hatte gewiß keine derartige Absicht ausgesprochen) – »jene beiden kleinen Zickchen hier herauszubringen? Ich habe ihnen 'ne Art Versprechen gegeben.« »Ich will mit ihrer Mama sprechen,« sagte Melinda steif, aber mit einem gewissen Anzeichen der Nachgiebigkeit, indem sie sich wegwandte. »Sie können ihr sagen, ich hätte bedauert, sie nicht im Wohnzimmer getroffen zu haben, als ich herunterkam,« fuhr Jack taktvoll fort. Offenbar war der Takt von guter Wirkung, denn wenige Augenblicke darauf ward er durch das fröhliche Heranspringen John Wesleys und Marie Emmelines erfreut, die er alsbald zu einem Versteckspiel beredete, wobei er sich schließlich unrühmlich fangen ließ. Doch jetzt beschloß er klugerweise sich gegen fernere Störung durch Erwachsene zu sichern, und ermittelte durch Befragen seiner Gefährten, daß sich auf einer der unteren Terrassen ein großes Reservoir befand, das durch einen Bergbach gespeist wurde, wo sie aber nicht spielen durften. Dorthin eilte jedoch der ruhelose Jack mit seinen Spielgefährten, und augenblicks war er unter einem Weidenbaum versteckt, wo er mit seinem Federmesser geschickt dünne Weidenkanoes zimmerte, die er auf einer Überschwemmungsstrecke von nahezu einem Acre Ein Acre = etwa 40 Ar. Anm. d. Übers. schwimmen ließ. Doch dieses sinnreiche Vergnügen sollte nach einer halben Stunde ein jähes Ende finden. Während er, seinen Gefährten einen Augenblick den Rücken zuwendend, mit dem Schnitzen von Rinde beschäftigt war, vernahm er einen Schrei, und als er sich rasch umwandte, sah er John Wesley im Wasser kämpfen und nach einer Baumwurzel greifen, Marie Emmeline aber – nirgends. In der nächsten Minute erblickte er die Streifen ihres Lätzchens wenige Schritte weiter auf der Oberfläche, und hast du nicht gesehen? war er ihr mit einem raschen kläglichen Blick auf seinen weißen Flanellanzug nachgesprungen. Der unangenehmen Überraschung, daß er keinen Grund fand, folgte jedoch die Berührung der Kleider des Kindes, und diese fest packend, erreichte er mit ein oder Zwei Schlägen herzklopfend das Ufer. Hier beruhigte ihn ein Schnappen, ein Gurgeln und dann ein Gebrüll von Marie Emmeline, dem ein mitfühlendes Geheul von John Wesley folgte, darüber, daß die Gefahr vorüber war. Nachdem er den Knaben von der Baumwurzel losgemacht, legte er die beiden Kinder aufs Gras und betrachtete sie, während sie ihre Lungen mit ziemlich kläglicher Miene übten. Doch jetzt merkte er, daß sein eigener Atem behindert war und ihn dazu noch eine kleine Ohnmacht anwandelte, und plötzlich sah er sich genötigt, sich neben ihnen hinzusetzen, worauf die beiden, einer Eingebung des Mitgefühls gehorchend, zu schreien aufhörten. Hierdurch ermutigt, brachte Hamlin sie wieder zum Lachen und schlug dann, ihrer nassen Kleider wegen, einen Wettlauf nach Hause vor, bei dem Hamlin seiner Atemnot halber im Hintertreffen blieb, bis er zu seiner Befriedigung sah, wie die erschrockene Melinda die Kleinen vor der Küche abfing, wahrend er an ihr vorbeischlüpfte und sein Zimmer aufsuchte. Hier wechselte er seine tropfnassen Kleider, versuchte, einen gewissen Schauer abzuschütteln, der ihn überschleichen wollte, und legte sich in seinem Gesellschaftsanzug unter traurigen Gedanken nieder. Er hatte die Kinder fast ertrinken lassen und sich trotz seines dem Doktor gegebenen Versprechens überanstrengt! Nie wieder würden ihm die ersteren anvertraut, nie wieder würde ihm von dem letzteren geglaubt werden! Doch nicht jeder Vorfall hat seine logische Folge. Hamlin verfiel in einen behaglichen Schlaf und geriet in reichlichen Schweiß. Er erwachte, als jemand an seine Tür klopfte, und fand beim Aufmachen zu seiner Überraschung, daß es Frau Rivers war, die sich ängstlich nach seinem Befinden erkundigte. »Wirklich,« sagte sie in einer Aufregung, die selbst über ihre steife Zurückhaltung siegte, »ich mußte bis jetzt nicht, wie ernst der Vorfall war, und daß ohne Sie und Gottes Vorsehung mein kleines Mädchen ertrunken wäre. Wie es scheint, hat Melinda alles mit angesehen.« Indem er innerlich auf die spionierende Melinda schalt, aber froh war, daß seine Spielgefährten die gelobte Verschwiegenheit gewahrt hatten, lachte Hamlin laut auf. »Ihr kleines Mädchen wäre ohne mich vermutlich gar nicht ins Wasser geraten – und Sie müssen das ganze Lob für ihre Rettung Ihrem Jungen spenden.« Er verstummte bei der ernsten Veränderung, die Frau Rivers' Gesichtsausdruck annahm, und fügte, plötzlich seinen gewöhnlichen Leichtsinn beiseite setzend, hinzu: »Aber bitte, Frau Rivers, halten Sie darum die Kinder nicht ferne von mir!« Das tat Frau Rivers denn auch nicht, und am nächsten Tage suchten Jack und seine Genossen frische Spielplätze und neue Triften für Geschichtenerzählen auf. Wirklich, es war ein schöner Anblick, diesen bleichen, hübschen, elegant gekleideten jungen Burschen zwischen einem Mädchen im blaukarierten Schürzchen auf der einen Seite und einem barfüßigen Jungen auf der andern dahinschlendern zu sehen. Die Leute des Rancho wandten sich um und blickten neugierig hinter ihnen drein. Einer von ihnen, ein Taugenichts vom Lande, der durch Verschwendung auf die Treber des Rancholebens heruntergekommen war, hielt es für passend, ihm gegenüber vertraulich zu tun. »Als ich Sie 's letzte Mal in Sacramento Poler spielen sah, Herr Hamlin, rechnete ich nicht darauf, Sie hier oben mit 'nem Paar Zickchen spielen zu sehen.« »Schwerlich!« entgegnete Hamlin sanft. »Und doch erinnere ich mich, daß ich drunten mit einigen Idioten vom Lande spielte, und daß Sie einer davon waren. Merken Sie sich übrigens, daß ich hier oben die Zickchen vorziehe. Daß ich Sie nicht daran erinnern muß!« Trotzdem konnte Hamlin nicht umhin zu bemerken, daß in den nächsten zwei oder drei Tagen viel Besuch auf dem Rancho war und daß er bei seinen Spaziergängen genötigt war, der zudringlichen Neugier der Herumlungernden wegen die Hauptstraße zu meiden. Einige von ihnen gehörten zu jenem Geschlecht, das nur »neugierig« zu nennen ihm nicht genügt hätte. »Wenn man bloß denkt,« sagte Melinda im Vertrauen zu ihrer Herrin, »daß die Frau Stubbs da, die nicht ins Gasthaus von Hightown gehen wollt', weil 'ne Schauspielerin dort war, hier schon zweimal 'rumgeschlichen ist, seit der junge Bursche hier ist.« Diese Tatsache war indes Herrn Hamlin zu seinem Seelenheil nicht bekannt. Trotzdem schlug seine Stimmung um; der Knick seines kecken Strohhuts wurde feindselig gegen Fremde, seine Höflichkeit sardonisch. Und nun war der Sonntagmorgen mit seinem Dunstkreis steifer Frömmigkeit und wohlgewaschener Ehrsamkeit über den Rancho gekommen, und die Kinder sollten mit der übrigen Familie zu dem den ganzen Tag andauernden Gottesdienst nach Hightown mitgenommen werden. Da die sabbatlichen Pilgerzüge die Hauptstraße füllten, war Hamlin froh, sich und seine Einsamkeit auf die Waldschneisen und Nebenpfade zu flüchten und sogar in die Schlupfwinkel andrer gleich ihm Verbannten zu dringen – nämlich eines Edelfalken, einer anmutigen, schön gezeichneten Wildkatze und einer beredt schweigenden Klapperschlange. Hamlin betrachtete sie ohne Furcht und sicherlich ohne Tadel. Sie waren nicht außerhalb ihres Elementes! Plötzlich hörte er eine Stentorstimme seinen Namen rufen, und ein Ausruf der Ungeduld drängte sich auf seine Lippen, erstarb jedoch, als er sich umwandte. Es war selbstverständlich Melinda, aber in seiner jetzigen gefühlvollen Einsamkeit überkam es ihn zum ersten Male, daß er sie nie zuvor gesehen hatte, wie sie wirklich war. Wie die meisten Leute seiner Zunft war er ein schneller Gedanken- und Gesichterleser, wenn es ihm darauf ankam, und obwohl dies dasselbe kräftige, langgliedrige, sonnverbrannte Mädchen war, als das sie ihm bisher erschienen, vermeinte er jetzt doch durch die dreifache Rinde menschlicher Eitelkeit, hergebrachter Frömmigkeit und übertriebenen Sabbatputzes hindurch eine ehrliche, mitfühlende Einfachheit zu erblicken, die ihm Achtung abnötigte. »Sie sind früh von der Kirche zurück,« sagte er. »Ja. Ein Gottesdienst ist genug für mich, wenn kein besonderer Prediger da ist,« erwiderte sie, »drum sagt' ich eben zu Silas: ›weil ich nicht hierhergekommen bin, um die Schwestern schnattern zu hören, können Sie den Wäschewagen anspannen und mich heimfahren, sobald 's Ihnen paßt.‹« »Also Silas heißt er,« rief Hamlin fröhlich. »So gehen Sie doch, Herr Hamlin, und lästern Sie nicht,« antwortete sie vergnügt wie eine junge Kuh. »Schön, Silas spannte also an, und als wir den Hügel 'raufkamen, sah ich Ihren Strohhut in der Schlucht verschwinden und sag' zu Silas: ›Silas,‹ sag' ich, ›Sie können hier anhalten, denn da droben ist unser neuer Zimmerherr, Jack Hamlin, und ich habe mit ihm zu reden‹. ›Recht so,‹ sagt er, ›ich lass' Sie lieber die ganze Woche über bei dem vergnügten jungen Luftibus als bloß den Sonntag bei den Heiligen da drunten. Er geht so grad drauf los wie sein Schuß, und ist so 'n guter Herr, als es nur einen gibt.‹ Einen oder zwei Augenblicke sah Fräulein Bird nur Jacks lange Wimpern. Als sich seine Augen wieder hoben, glänzten sie. »Und was meinten Sie?« sagte er mit einem kurzen Lachen. »Ich sagte ihm, er brauche nicht Christoph Kolumbus zu heißen, um das zu entdecken.« Und sie wandte sich lachend zu Jack, der ihr seine weiße, dünne Hand entgegenhielt und ihre große, rote mit einem offenen brüderlichen Druck ergriff. »Ich bin nicht hergekommen, um Ihnen das zu sagen,« bemerkte Fräulein Bird, indem sie sich auf einen Holzblock niederließ, ihren gelben Hut abnahm und ihre hellbraune Mähne darunter steckte. »Was ich Ihnen sagen wollte, ist vielmehr dies: ich glaubte zu 'nem sonntäglichen Gottesdienst zu kommen, wie sich's gehört. Ich rechnete drauf, Erbauliches über ›Glauben‹ und ›Werke‹ und dergleichen zu hören, war aber nicht darauf gefaßt, immerzu vom Vaterunser bis zum Gloria über Sie reden zu hören. Sie kamen in den Fürbitten als 'ne Warnung, in der Predigt als der Text vor; sie wählten Choräle aus, die auf Sie paßten. Und immer wurden Sie als schreckliches Beispiel und eine Heimsuchung hingestellt. Und die übrige Zeit gab es nichts als Schnattern, Schnattern über Sie bei Brüdern und Schwestern. Ich glaub', Herr Hamlin, die wußten alles, was Sie je getan haben, seit Sie dreikäsehoch waren, und 'n gut Teil mehr, als Sie je zu tun gedacht haben. Die Weiber sind alle drauf versessen, Sie durch ihr eigenes kostbares Ich zu bekehren und zu retten, und die Männer sind gleicherweis' drauf versessen, Sie grad' deshalb los zu werden.« »Und was sagten Seth und Frau Rivers?« fragte Hamlin gelassen, aber mit Feuer in den Augen. »Sie haben sich für Sie ins Zeug gelegt, so viel sie konnten. Aber sehen Sie, der Pfarrer hat eine Waffe gegen Seth, weil er ihn abgefaßt hat, wie er eine Bekehrte beim Feldgottesdienst küßte; und Diakonus Turner weiß 'was von Frau Rivers' Schwester, die vor Jahren den Eimer ausgegossen hat und über'n Zaun gesprungen ist, und sie fürchtet sich vor ihm. Aber was ich Ihnen sagen wollte, war, daß sie alle hier 'raufkommen werden, um 'nen Blick auf Sie zu werfen – einige davon schon heut' abend, Sie fürchten sich doch nicht?« fügte sie laut lachend hinzu. »Na, es sieht ziemlich verzweifelt aus, nicht?« antwortete Jack, dessen Augen förmlich tanzten. »Da verlass' ich mich ganz auf Sie,« sagte Melinda. »Und setzt mein' ich, will ich allein nach dem Rancho traben. Sie müssen mir nicht Ihre Begleitung anbieten,« fuhr sie fort, als Jack eine Bewegung machte, als ob er sie begleiten wolle. »Nicht jedermann hier ist so anständig wie Silas und Sie, und Melinda Bird hat 'nen Ruf zu verlieren! Auf nachher!« Damit galoppierte sie ein bißchen schwerfällig davon, und brachte ihren gelben Hut mit beiden Händen in Ordnung, während sie den steilen Hügel hinunterpolterte. An diesem Nachmittag getraute Hamlin sich schon, einen halbgezähmten Mustang zu besteigen und dem aufsteigenden Nachmittagswinde zum Trotz ebenso mutwillig und luftig wie dieser die Hauptstraße entlang zu galoppieren. Dabei gestattete er seinem Mustang, die Nüstern über die hintere Leiter von Wagen und Einspännern zu hängen, in denen junge Pärchen saßen, und Hals über Kopf an nüchternen Gesellschaftswagen vorbeizujagen, die ältliche "Mitglieder der guten Gesellschaft" enthielten. Ein vollendeter Reiter, hob er ohne abzusteigen den davonfliegenden Sonnenschirm der Frau Diakonus Stubbs auf und brachte ihn zurück. Er kam schließlich ein bißchen durchgeblasen, aber in gefährlicher Ruhe nach Hause. Es war die übliche Sonntagabendversammlung im Rancho zum Windigen Hügel – Nachbarn und ihre Frauen, Diakonen und der Pastor – ; aber ihre Neugier wurde nicht durch den Anblick Hamlins belohnt, der in seinem eigenen Zimmer mit sich selbst zu Rate ging. Man unterhielt sich etwas oberflächlich, hauptsächlich über kirchliche Fragen, denn man hatte doch einigermaßen das Gefühl, daß eine Unterhaltung über die Möglichkeit, den Gast ihres Wirtes loszuwerden, unter dem Dache dieses Wirtes etwas schwierig sei, wo der Gast jederzeit erscheinen konnte. Dann wurde dadurch eine Ablenkung bewirkt, daß einige vom Kirchenchor das Harmonium spielten und dazu gewisse mehr oder weniger traurige Choräle sangen. Frau Rivers stimmte sofort mit ein und sang in einem etwas verblichenen Sopran, der jedoch noch immer bedeutenden musikalischen Geschmack und Ausdruck aufwies, "Kommt, die ihr mühselig!" Der Wind heulte in dem langschlotigen Kamin in unheimlicher Übereinstimmung mit dem menschlichen Flehen, als Frau Rivers den ersten Vers sang: »Kommt her, die ihr mühselig und beladen, Hier klagt euer Leid, legt hin euer Herz, Kniet brünstig hin vor dem Throne der Gnaden! Der Himmel heilt jeglichen irdischen Schmerz!« Eine Pause folgte, und der langgezogene, halbmenschliche Seufzer des Bergwindes, der durch den Schornstein fegte, schien sich mit der Klage des Harmoniums zu mischen. Und dann schmetterte, zum namenlosen Erstaunen der Versammelten, eine Tenorstimme – hell, klar, aber von zarter Empfindung wie eine Lerche vom Himmel – zu ihren Häupten die Zeilen des zweiten Verses: »Du Glück der Betrübten, Licht derer, die zagen, Du Hoffnung der Büßer, unwandelbar, rein! – Vernehmt euren Tröster voll Mitleid sagen: Der Himmel heilt jegliche irdische Pein!« Das Lied war, der Himmel weiß es, alt und bekannt genug. Es war bei Beisetzungen sehr gebräuchlich, und manche, die hier saßen, hatte seine seltsame Melancholie zu Zeiten der Verluste und Heimsuchungen aufgerichtet, aber nie zuvor hatten sie seine volle Macht verspürt. Wie sie an bewegliches Flehen und entsprechenden Widerhall gewohnt waren, so flossen und fielen, als die Stimme des Sängers über ihnen erstarb, wahrhaftig ihre Tränen mit dieser Stimme. Einige schluchzten laut, und dann fragte eine bebende Stimme: »Wer ist das?« »Herr Hamlin,« sagte Seth ruhig. »Ich hab' ihn schon oft allerhand Melodieen summen hören.« – Wieder Schweigen. Dann erklang die Stimme des Diakonus Stubbs in strengem Ton: »Es ist freche Lästerung.« »Wenn es freche Lästerung ist, das Lob Gottes nicht allein besser als manche Leute in unserm Chor, sondern wie ein Engel des Lichts zu singen, so wünschte ich, Herr Stubbs ließe sich Sonntags ein wenig von solcher Lästerung zu Schulden kommen.« Es war Frau Stubbs, die das sagte, und da Diakonus Stubbs als schlechter Sänger berüchtigt war, so saß der Hieb. »So er aufrichtig ist, was bleibt er uns dann ferne? Warum kommt er nicht zu uns?« fragte der Pfarrer. »Er ist nicht dazu aufgefordert worden,« sagte Seth ruhig. »Wenn ich mich nicht irre, war diese Ihre Versammlung heut' abend dazu auserlesen, zu sehen, wie man ihn los werden konnte.« Ein lebhaftes Gemurmel des Widerspruchs erscholl hier. Der Pfarrer wechselte Blicke mit dem Diakonen und sah, daß sie hoffnungslos in der Minderheit waren. »Ich werde ihn selbst fragen,« sagte Frau Rivers plötzlich. »Tun Sie das, Schwester Rivers; tun Sie das,« war die unmißverständliche Antwort. Frau Rivers verließ das Zimmer und kehrte nach wenigen Augenblicken mit einem hübschen jungen Mann zurück, der bleich war, und sehr gelassen, ja fast gleichgültig dreinschaute. Was seine Augen ausdrücken mochten, war eine andre Sache, die langen Wimpern wurden kaum gehoben. »Ich spiele ganz gern ein wenig,« sagte er ruhig zu Frau Rivers, als ob er ein abgebrochenes Gespräch fortsetze, »aber Sie müssen mich aus dem Gedächtnis spielen lassen.« »Dann – äh – spielen Sie also Harmonium?« sagte der Pfarrer mit einem Anlauf zu förmlicher Höflichkeit. »Ich war ein bis zwei Jahre Organist im Chor von Doktor Todds Kirche in Sacramento,« antwortete Hamlin ruhig. Dem hellen Erstaunen, das sich auf den Gesichtern von Diakonus Stubbs und Turner und auf dem des Pfarrers spiegelte, folgte ein schlecht verhehltes Lächeln von seiten der andern Anwesenden, besonders der Damen, Hamlin setzte sich nun vor das Instrument und hatte sich im nächsten Augenblick seiner angenommen wie nie ein Mensch zuvor. Er spielte, wie angekündigt, aus dem Kopfe, aber es war der Kopf eines Musikers. Er fing mit einem bis zwei bekannten Chorälen an, in die alle einstimmten. Ein Bruchstück aus einer Messe und aus einem lateinischen Kirchengesang folgte. Ein »Ave Maria« ans einer Oper war sein erster Abstecher ins Weltliche, doch seine entzückten Zuhörer merkten es nicht. Dann jagte er sie in einer unbekannten Sprache weiter zu » O mio Fernando « und » Spiritu gentil «, was sie ganz brav für Choräle hielten, bis er seine Verwegenheit damit krönte, daß er sie nach ein paar einleitenden Akkorden aus dem »Miserere« mit gebrochenen Herzen auf dem Bergfried des Troubadours mit » Non te scordar di mi « absetzte. Während des Beifallslärms hörte er den Prediger in sanftem Ton erklären, diese papistischen Messen seien stets lateinisch, und dann erhob er sich, mit seinem Versuche zufrieden, von dem Instrument. Nachdem er, seine Krankheit vorschützend, die Teilnahme an einer einfachen Zwischenmahlzeit im Speisezimmer abgelehnt und seine Wirtin gebeten hatte, sich zurückziehen zu dürfen, verweilte er gleichwohl noch ein paar Augenblicke an der Tür, als die Damen und hinter ihnen die Herren aus dem Zimmer strömten, bis Diakonus Turner, der die Nachhut bildete, neben ihm stand. Da entwickelte Hamlin auf einmal die größte Aufmerksamkeit für eine eingerahmte Bleistiftzeichnung, die an der Wand hing. Es war offenbar das dilettantenhafte Bildnis eines Schulmädchens, von Frau Rivers gefertigt. Diakonus Turner blieb neben ihm stehen, als die andern hinausgingen – genau, wie Hamlin erwartet hatte. »Kennen Sie das Gesicht?« fragte der Diakonus eifrig. Dank der offenherzigen Melinda kannte Hamlin es sehr gut. Es war eine Bleistiftskizze von Frau Rivers' verirrter Schwester. Aber er sagte nur, er glaube eine Ähnlichkeit mit einer Person zu finden, die er in Sacramento gesehen habe. Das Auge des Diakonus erglänzte. »Vielleicht die nämliche – vielleicht,« fuhr er in einem demütigen und vielsagenden Tone fort, »eine – äh – peinliche Geschichte.« »Eher für ihn,« bemerkte Hamlin ruhig. »Wie? – Ich – äh – verstehe nicht,« sagte Diakonus Turner. »Nun, das Bild sieht einer Dame ähnlich, die ich in Sacramento kannte und die als einfältiges Mädchen einige Dummheiten gemacht, aber sich bald wieder gefaßt hat. Sie wurde jedoch von einem gemeinen Hunde sehr belästigt, der die Geschichte immerzu verbreitete, wo sie auch hinkam. Kurz, einer ihrer Freunde – ich kann darunter gewesen sein, ich erinnere mich gerade nicht genau – forderte ihn, aber wenn er sich auch kein Gewissen daraus gemacht hatte, ein Weib zu verlästern, so machte er sich doch eines, dafür niedergeschossen zu werden, und lehnte ab. Die Folge war, daß er das eine Mal auf der Straße mit dem Ochsenziemer gebläut und ein andermal geteert und gefedert und auf einer Wagenleiter reitend zur Stadt hinausgetrieben wurde. Das meinten Sie vermutlich mit Ihrer – peinlichen Geschichte. – Doch ist dies das nämliche Frauenzimmer?« »Nein, nein,« sagte der Diakonus eiligst mit weißem Gesichte, »Sie haben mich ganz mißverstanden.« »Aber wessen Bild ist es denn?« beharrte Jack. »Ich glaube – ich weiß nicht genau – aber ich meine, es sei eine Schwester von Frau Rivers,« stammelte der Diakonus. »Dann ist es natürlich nicht dasselbe Frauenzimmer,« sagte Jack mit geheuchelter Entrüstung. »Gewiß – natürlich nicht,« entgegnete der Diakonus. »Pah!« sagte Jack. »Das war mal derb daneben gehauen. Ein Glück, daß wir allein waren, nicht?« »Ja,« sagte der Diakonus mit einem schwächlichen Versuch zu lächeln. »Seth,« fuhr Jack mit nachdenklicher Miene fort, »scheint 'n ruhiger Mann zu sein, aber ich möchte diesen Irrtum betreffs seiner Schwägerin nicht in seiner Gegenwart begehen. Diese ruhigen Leute sind es gerade, deren Revolver unbesehen losgehen. Wir behalten das besser bei uns.« Diakonus Turner behielt nicht nur die Enthüllung bei sich, sondern offenbar auch seine eigene geheiligte Person, da er den Rancho zum Windigen Hügel während Hamlins Aufenthalt nicht mehr besuchte. Doch war er ausnehmend höflich, wenn er von Jack sprach, und machte wohlwollende Anspielungen auf »eine kleine Unterhaltung«, die sie zusammen geführt hätten. Und als der übliche Umschwung zu Hamlins Gunsten Platz griff und Jack sogar aufgefordert wurde, am nächsten Sonntag die Orgel in der Kirche von Hightown zu spielen, war die Stimme des Diakonus am meisten seines Lobes voll. Sogar Pfarrer Greenwood trat dem weitverbreiteten Gerücht, daß einer der verzweifeltsten Spieler im Staate durch seine Mahnungen bekehrt worden sei, nicht entgegen. So kam unter lustigen Spaziergängen und fröhlichen Spielen mit den Kindern, gelegentlichen Gesprächen mit Melinda und Silas und dem sabbatlichen »Choralgesang« das Ende des dreiwöchentlichen Erholungsaufenthaltes heran, Hamlin hatte neuerdings seine gewöhnliche Einsamkeit so weit aufgegeben, daß er sich unter die Gesellschaft mischte, die sich mehr zu weltlichen Zwecken auf dem Rancho versammelte, und sich sogar ein oder das andre Mal herbeigelassen, ihre Neugier hinsichtlich gewisser Einzelheiten seiner Beschäftigungsart zu befriedigen. »Ich besitze persönlich keine Kenntnis des Kartenspiels,« sagte Pfarrer Greenwood wohlwollend, »und ich glaube, ich darf sagen, unsre Brüder und Schwestern sind gleich unerfahren. Ich bin – hm – jedoch weit entfernt zu glauben, daß völlige Unbekanntschaft mit dem Bösen die beste Vorbereitung für seine Bekämpfung sei, und ich wäre dankbar, wenn Sie der Gesellschaft die Feinheiten der einzelnen Spiele erklären wollten. Sie erwähnten eines mit einem – äh – Namen aus der Heiligen Schrift.« »Pharao,« sagte Hamlin gelassen. »Pharao,« wiederholte der Pfarrer ernst, »und eines, das Sie – Poker – nennen, und das große Selbstbeherrschung zu erfordern scheint.« »Ich könnte Ihnen das Verständnis des Pokers nicht wohl beibringen, ohne daß Sie selbst einen Versuch damit machen,« sagte Jack entschieden. »So lange wir nicht hasardieren – das heißt, um Geld spielen – , sehe ich nicht ein, was dagegen spräche,« entgegnete der Pfarrer. »Und,« sagte Jack sinnend, »Sie können ja Bohnen nehmen.« Man einigte sich schließlich dahin, daß sie nicht »aus der Gnade fallen« würden, wenn sie ganz im engsten Kreise und in einem forschenden christlichen Geiste spielten, unter der Leitung von Jack, der sich entschlossen hatte, sich während seines Erholungsaufenthaltes des Kartenspiels zu enthalten, und Jack ließ sich überreden, es ihnen am folgenden Abend zu zeigen. Es traf sich jedoch, daß Doktor Duchesne, der sich sagte, daß Jacks »Kur« sich ihrem Ende nähern müsse, und der nichts von diesem interessanten Kranken vernahm, sich ungefähr um diese Zeit entschloß, ihn zu besuchen. Da er keine Gelegenheit hatte, Jack von dieser Absicht zu verständigen, verschaffte er sich abends bei seiner Ankunft in Hightown auf dem Bahnhof einen Wagen, um nach dem Rancho zum Windigen Hügel zu fahren. Der Wind tobte mit gewohnter Hartnäckigkeit, und als der Doktor endlich am Ziel war, hatte er die größte Mühe, sich bei dem Krachen der Fichten vernehmlich zu machen, zumal, da die im Hause Versammelten ganz ungewöhnlich absorbiert waren. Nachdem er vergeblich angeklopft, stieß der Doktor die Vordertür auf und trat ein. Er pochte an die verschlossene Tür des Wohnzimmers, da er aber keine Antwort erhielt, stieß er sie auf und erblickte das unerwartetste, verblüffendste Schauspiel, dessen Zeuge er je gewesen. Um den Tisch in der Mitte war ein Dutzend ehrenwerter Glieder der Kirche von Hightown, darunter der Pfarrer, mit gespannten, eifrigen Gesichtern zum Pokerspiel vereinigt, und hinter dem Pfarrer lungerte sorglos, die Hände in den Taschen, des Doktors Patient, ein Bild von Gesundheit und Kraft. Ein abgenütztes Spiel Karten lag auf dem Boden herum, und vor der feinen und steifen Frau Rivers war ein Haufen Bohnen aufgeschichtet, der ein Quart Etwas mehr als ein Liter. Anm. d. Übers. gefüllt hätte. Als Doktor Duchesne sich taktvoll vor den überstürzt gestammelten Entschuldigungen des Wirts und der Wirtin zurückgezogen hatte und mit Jack allein in dessen Zimmer war, wandte er sich mit mehr als halbgespieltem Ernst zu ihm und sagte: »Wie lange haben Sie, mein Herr, gebraucht, um diese Verderbnis zu bewirken?« »Auf mein Wort,« sagte Jack einfach, »sie haben gestern abend zum ersten Male gespielt. Und sie haben mich gezwungen, ihnen Anleitung zu geben. Aber,« fuhr Jack nach einer bedeutungsvollen Pause fort, »ich dachte, es würde das Spiel lebhafter machen und mehr zu ihrer sittlichen Hebung beitragen, wenn ich jedem von ihnen recht gute Karten gebe. So gab ich ihnen vorher geordnete Karten – das erste Mal in meinem Leben, daß ich so was tat. Ich richtete ein Spiel Karten so her, daß der eine drei Zehnen, ein andrer drei Buben, wieder einer drei Damen hatte, und so weiter bis hinauf zu drei Assen. Im Handumdrehen hatten sie sich alle in das Spiel gestürzt, und Sie haben so was von Wetteifer nie gesehen. Männlein und Weiblein glaubten, ihrer Sache ganz sicher zu sein und stachen entsprechend drauf los. Eine neue Schale voll Bohnen wurde herbeigebracht und Seth, Ihr Freund, hielt die Bank. Und schließlich heimste der Pfarrer den ganzen Haufen ein.« »Vermutlich gaben Sie ihm die drei Asse,« sagte Doktor Duchesne finster. »Der Pfarrer,« sagte Jack bedächtig, » hatte nicht 'n einziges Paar in der Hand . Es war der frechste, unverschämteste Bluff, der jemals vorgekommen ist. Und als er den letzten Mann, der ausharrte, verscheucht hatte und seine sinnige Hand von seinem Gesicht herunter auf den Haufen Könige, Damen und Asse legte und auf dem Tisch herumblickte, während er den Haufen zusammenscharrte, da lag auf seinem Gesicht ein Lächeln demütiger Selbstgerechtigkeit, das zweimal das Geld wert war.« Dick Boyles Geschäftskarte. Die zwischen Sage Wood und Dead Flat verkehrende Postkutsche wartete vor dem Stationsgebäude. Der Postwagen von Pine Barrens, an den sie Anschluß hatte, war mit seinen Durchgangsreisenden längst überfällig, und die Station war in stumpfsinnige Erwartung versunken. Selbst der Humor Dick Boyles, des »Trommlers« Trommler«, das ist Handlungsreisender. Mann mit dem Mantelsack. Anm. d. Übers. aus Chicago – und bis jetzt des einzigen Reisenden, der die wartenden Müßiggänger unterhalten hatte, fing an seine Wirkung zu verfehlen, obgleich der Frohsinn des Spaßvogels nicht notgelitten hatte. Die Pferdeknechte hatten sich in die Stallungen zurückgeschlichen, der Posthalter und der Kutscher hatten ihre Unterhaltung auf abgerissene Grobheiten beschränkt, als ob jeder den andern für die Verzögerung verantwortlich machte. Ein einsamer Indianer, der in eine von der Intendantur gelieferte Wollendecke gehüllt und mit einem aufgelesenen Zylinderhut bedeckt war, drückte sich gegen die Mauer des Stationsgebäudes und schaute stumpfsinnig ins Leere. Das Posthaus selbst, ein langer weitläufiger Bau, der für Mensch und Tier unter einem einzigen eintönigen schuppenartigen Dach Unterkunft bot, gewährte nichts, was das Auge anzuziehen vermocht hätte. Noch weniger konnte man dies von der Aussicht rühmen: auf der einen Seite zwei Meilen dürrer Wüste, bis hin zu den verkümmerten, weit auseinander stehenden Kiefern, unter dem Namen »die Heide« bekannt; auf der andern eine scheinbar grenzenlose Flache, mit dunkleren Flecken von Beifußbüschen, die ausgebrannten Feuerstellen ähnlich sahen. Dick Boyle näherte sich dem unbeweglichen Indianer, um an ihm, wenn möglich, ein Publikum zu finden. »Ihr scheint Euch nicht gerade viel daraus zu machen, ob Schule gehalten wird oder nicht, was, Lo?« Der Indianer, der auf seinen aufwärts gekehrten Sohlen gekauert hatte, reckte sich mit einer geschmeidigen, tierähnlichen Bewegung und stand auf, Boyle bemächtigte sich eines Eckchens seiner Wolkendecke und musterte es kritisch. »Die Regierung verhätschelt Euch gerade nicht mit prima Ware, Lo! Der Agent hat Euch gewiß vier Dollars dafür berechnet, Unsre Firma hätte sie Euch für zwei Dollars siebenunddreißig Cents liefern können, und hätte noch 'ne Schachtel mit Perlen in den Kauf gegeben. So 'was etwa!« Damit holte er aus seiner Tasche eine kleine Schachtel, die ein schimmerndes Perlenhalsband enthielt, und hielt sie vor dem Indianer empor. Der Wilde, der ihn mit dem ergebenen Gleichmut eines durch ein niedriges Gewürm gestörten Menschen betrachtet, oder vielmehr an ihm vorbeigesehen hatte, änderte hier auf einmal seinen Gesichtsausdruck. Sein düsteres Antlitz nahm das Aussehen kindlich-eifriger Begierde an, und er streckte seine Hand nach dem Geschmeide aus. »Abwarten!« sagte Boyle, der einen Augenblick unschlüssig war. Dann rief er plötzlich aus: »Schön, nehmt es, und hiervon auch,« indem er eine Geschäftskarte aus der Tasche zog und sie ihm in das Band seines ruppigen Zylinders steckte. »Da! zeigt dies Euren Freunden, und wenn Ihr was in unserm Geschäftszweig nötig habt – « Die Unterbrechung durch ein dröhnendes Gelächter, das vom Kutschbock des Postwagens her erklang, kam Boyle offenbar nicht unerwartet, denn er wandte sich gravitätisch um und ging auf die Kutsche zu, »Schon gut, Jungens! Ich habe mich mit dem edeln roten Mann verständigt, und der ›Stern des Reichs‹ verfolgt seinen Weg nach Westen. Unsre Firma wird ihm das Geschäft des ›Großen Vaters‹ Das ist der Bundesregierung. Anm. d. Übers. ungefähr zum halben Preise besorgen, den sie in Washington dafür verlangen.« Doch in diesem Augenblick kamen die Pferdeknechte aus den Stallungen herausgeeilt. »Sie kommt,« sagte der eine. »Dort hinter der einsamen Kiefer sieht man den Staub. Nach meiner Schätzung muß sie gleich hier sein.« »Jawohl,« sagte der Postagent und trat auf den Kutschbock, um besser zu sehen, »aber verdammt will ich sein, wenn ich irgend was von Passagieren auf dem Verdeck sehen kann. Werden wohl umsonst gewartet haben.« Wirklich konnte man, als die galoppierenden Pferde des herannahenden Fahrzeugs aus dem niederhangenden Nebel in der Ferne auftauchten, nur den einsamen Kutscher erblicken, der sein Gespann anfeuerte. Wenige Augenblicke später hielt der Wagen am untern Ende des Posthauses. »Möchte wissen, was los ist?« sagte der Postagent. »Nichts! Nur ein klotziges Indianerscheusal auf der Kiefernheide,« sagte einer der Pferdeknechte. »Indianer führen 'nen Gespenstertanz auf – oder so was Ähnliches, und die Reisenden haben sich 'rausstänkern lassen und den andern Weg eingeschlagen. Nur ein einziger wagt zu kommen und das ist 'ne Dame.« »Eine Dame?« wiederholte Boyle. »Ja,« erwiderte der Kutscher und blickte prüfend auf ein großes, anmutiges Mädchen, das unter Verzicht auf die artige Hilfeleistung des Posthalters ohne Beistand von dem Fahrzeug herabgehüpft war. »Eine Dame, und dazu die Tochter des Fortkommandanten! Sie hat Schneid, verlassen Sie sich drauf, 's ist ein Span von dem alten Holz. Und all das bedeutet, mein Söhnchen, daß Sie ihr den Bocksitz abtreten werden, Fräulein Julia Cantire nimmt nicht mit weniger vorlieb, wenn ich um den Weg bin.« Die junge Dame ging bereits geradenwegs und in sicherer Haltung auf die wartende Kutsche zu. Ihr aufrechter, selbstbewußter Gang, ihre tadellosen Handschuhe und Stiefelchen, sowie der geschmackvolle graue Staubmantel verrieten auf den ersten Blick die überlegene Weltdame. Eine wohlgeformte Adlernase, die ihren hübschen Mund kleiner erscheinen ließ; graue Augen, in deren Tiefen dann und wann ein feuchtes, helles Funkeln erschien; braune, scharfgezeichnete Augenbrauen und braune Löckchen, – das alles in der Umrahmung des silbergrauen Schleiers, der um ihren Nacken und unter ihrem ovalen Kinn durchgeschlungen war, erschien Boyle ungemein reizvoll. In ihren gedämpften Farben schien sie selbst dem schrecklichen Staub Harmonie zu verdanken. Wie er ihr erschien, war nicht so klar, denn sie schaute über ihn weg – er war ziemlich kurz geraten – , durch ihn hindurch – er war leicht zu durchschauen – und dann blieben ihre Augen auf dem Kutscher haften, als erkenne sie einen alten Bekannten in ihm. »Guten Morgen, Herr Foster,« sagte sie und lächelte. »Morgen, Fräulein. Wie ich höre, ist Ihnen so 'n Indianerscheusal auf der Heide aufgestoßen. Ich meine, die Mannsleute müßten sich in ein Mauseloch verkriechen, daß 'ne Dame sie aussticht.« »Vermutlich glaubten sie nicht, daß ich aushalten würde, und einige hatten ihre Frauen bei sich,« erwiderte die junge Dame bescheiden, »außerdem sind es Leute aus dem Osten, die die Indianer nicht so gut kennen wie wir, Herr Foster.« Der Kutscher errötete vor Vergnügen über diese Zusammenstellung, »Ja, Gnädige,« sagte er lachend, »die würden sich sogar von so einem Jammergestell wie der da droben« – er wies auf den Indianer, der sich unauffällig vom Postgebäude wegstahl – »ins Bockshorn jagen lassen. Und doch hat der Kerl die Geschäftskarte von dem Herrn hier in seinen Hut gesteckt – Herr Dick Boyle, der für die klotzige Firma Fletcher \& Co. in Chicago reist,« flocht er ein, indem er sich plötzlich zur Höhe der Formen höflicher Vorstellung aufschwang. »Wenn in Gottes Namen ein bißchen skalpiert werden muß, so sieht's eher danach aus, daß dies anderswo passiert, ha! ha!« Fräulein Cantire nahm die Vorstellung und den Scherz mit höflicher aber kühler Zurückhaltung auf und kletterte leichtfüßig auf den Bock, als die Postsäcke und eine Menge Gepäck, das augenscheinlich den ausgekniffenen Reisenden gehörte, schleunigst nach der Kutsche geschafft wurden. Wäre seine hübsche Nachbarin nicht gewesen, so würde der Kutscher, wahrscheinlich seiner Überzeugung, daß sein Fahrzeug als ein »verfl – Gepäckkarren« diene, derben Ausdruck verliehen haben; doch so lächelte er nur voll Grimm, raffte seine Zügel auf und schwang seine Peitsche. Die Kutsche verschwand in dem Staub, der sich sogleich rings um sie erhob und sie hernach in der Entfernung nur wie eine Wolke erscheinen ließ. Dieser Staub umhüllte und verbarg auch für einen Augenblick den Indianer, als er von der Kutsche überholt wurde, doch tauchte er bei einer Biegung des Weges in beschleunigtem Schritt und mit eigentümlich lahmem Trott daraus auf. Diese Gangart behielt er so bei, bis er nach einer Stunde eine Gruppe von Felsen und niedrigem Gestrüpp erreicht hatte, die bisher wegen der Unebenheiten der scheinbar flachen Ebene unsichtbar gewesen und worein er jetzt eindrang und verschwand. Die Staubwolke, die die Kutsche andeutete, war, vermutlich um der gleichen Unebenheiten willen, längst aus dem Gesichtskreis verschwunden. Das Gebüsch, das ihn aufnahm, bildete die Einfassung einer Senke, die von der Ebene aus ganz versteckt lag. Dieser folgte es einige Meilen weit durch einen verschlungenen, muldenähnlichen Grund mit niedrigen Bäumen und Knieholz, und es bildete einen Unterschlupf für Wölfe, Präriewölfe, hin und wieder auch Bären, deren halbmenschliche Fußstapfen einen Fremden hätten täuschen können. Sie machten jedoch den Indianer nicht irre, der immer noch emsig dahintrabte und nur anhielt, um eine andre, weit häufigere Fußspur zu untersuchen, die glatten Eindrücke von Mokassins mit ihren einwärts gewandten Zehen. Das Dickicht wurde dichter und ungangbarer, je weiter er kam, doch glitt er aalglatt durch Dickicht und Dunkel, das jetzt auch von andern schattenhaften Gestalten belebt schien, Gestalten so unwirklich und unfaßbar wie sonnenbeschienene Blätter im Winde, doch seltsam menschenähnlich. Indem er weiter eilte, wurde er auf einmal ein Glied dieses schattenhaften Zugs, der sich bei näherer Prüfung als eine Reihe Indianer erwies, die in dem gleichen unermüdlichen Trab hintereinander herliefen. Das Gehölz und das Knieholz waren voll von ihnen; und alle bewegten sich, wie er getan hatte, in paralleler Richtung mit der verschwindenden Kutsche. Bisweilen war durch die offenen Stellen ein nacktes bemaltes Glied, ein Federbusch oder ein Streifen von einer bunten Wolldecke zu erblicken, doch weiter nichts. Und gleichwohl dehnte sich nur wenige hundert Ellen davon klanglos, regungslos die dämmerige, schweigende Ebene. Mittlerweile arbeitete sich die Postkutsche nach Art aller menschlichen Erfindungen, unbekümmert um alles was außerhalb ihres Wirkungskreises lag, in Staub gehüllt von der Hochebene herab und begann eine bewaldete Talschlucht zu gewinnen, die den tiefsten Punkt der eben beschriebenen Senkung bildete, längs der jener schattenhafte Zug langsam vorwärts drang, kaum eine Meile rückwärts und seitwärts von dem Fuhrwerk. Fräulein Julia Cantire, die der Staubwolke auf der Ebene furchtlos getrotzt hatte, wie es der Tochter eines Soldaten ziemte, stellte sich nunmehr aufrecht hin und reckte sich; ihr hübscher Kopf tauchte einer Gottheit gleich aus der umhüllenden Silberwolke auf. Wenigstens dachte das Herr Boyle, der auf den Rücksitz Verbannte, obgleich ihre Unterhaltung und ihre Aufmerksamkeiten hauptsächlich dem Kutscher und dem Postagenten galten. Als er einmal in seiner kecken Weise eine Bemerkung an sie gerichtet hatte, war diese von ihr mit ausgesuchter, doch wenig einladender Höflichkeit aufgenommen worden, die ihn von ferneren Versuchen abschreckte, doch ohne daß seine gute Laune dadurch gelitten hätte oder daß er sich darüber geärgert hätte, welches Vergnügen seine beiden männlichen Gefährten über diese Abfertigung an den Tag legten. Es ist allerdings anzunehmen, daß Fräulein Julia gewisse Klassenvorurteile hegte und einen "Trommler" – oder Handlungsreisenden – kaum als passendere Gesellschaft für eine Majorstochter ansah als einen gewöhnlichen Hausierer. Doch wahrscheinlicher war, daß Herrn Boyles Ruf als Spaßmacher, als Erzähler von witzigen Anekdoten und lustiger Bruder mit ihrem weiblichen Ideal hoher, erhabener Männlichkeit nicht übereinstimmte. Der Mann, der ›den Tisch zum Wiehern bringt‹, pflegt insgeheim von dem schöneren Geschlecht abscheulich gefunden zu werden, zu schweigen von den andern auf der Hand liegenden Gründen, aus denen die Julias die Merkutios nicht lieben! Aus solcherlei Ursachen sah sich Dick Boyle gezwungen, sich stillschweigend auf dem Rücksitz mit der reichen Beobachtungsgabe zu begnügen, die die Natur ihm verliehen hatte. Bei der Einfahrt in die Talschlucht hatte er bemerkt, welchen Umweg die Kutsche dorthin gemacht hatte; er hatte bereits einen besseren Weg ausgedacht, der an der Stelle in die Senkung münden würde, wo – ohne daß er es wußte – die Indianer schon hineingedrungen waren, und von da einen Weg durch das wirre Gestrüpp, der die Entfernung um einige Meilen abkürzen sollte. Aber mittlerweile hatten sie die etwas steile und schwierige Hinauffahrt auf der andern Seite der Talschlucht begonnen. Das Fahrzeug war indes kaum ein paar Ellen geklommen als es anhielt. Dick Boyle blickte um sich und sah Fräulein Cantire eben absteigen. Sie hatte den Wunsch geäußert, den Rest des Aufstiegs zu Fuß zu machen, und die Kutsche sollte auf der Höhe auf sie warten. Foster hatte sie aufs zuvorkommendste gebeten, sich Zeit zu lassen – »es habe keine Eile!« Boyle blickte ein wenig sehnsüchtig hinter ihrer anmutsvollen Gestalt drein, die von ihrer eingeengten Lage auf dem Bock befreit, graziös zwischen den Bäumen am Weg hindurchschlüpfte; gerne hätte er sich ihr angeschlossen, aber sogar seine gute Laune hielt nicht stand gegenüber ihrer Gleichgültigkeit. Bei einer Biegung der Straße verloren sie sie aus dem Gesicht, und während der Kutscher und der Postagent sich in eine Auseinandersetzung über die zweifelhafte Wegspur vertieften, beobachtete Boyle schweigend die Umgebung. Plötzlich stieß er einen leisen Ruf aus und ließ sich ruhig von der Rückseite der hinaufkeuchenden Kutsche auf den Erdboden gleiten! Sein Tun wurde jedoch alsbald von dem Kutscher bemerkt, der schnell seinen Fuß auf die Bremse setzte und den Wagen anhielt. »Was ist los?« brummte er. Boyle aber gab keine Antwort, sondern lief einige Schritte zurück und fing an, eifrig den Boden abzusuchen. »Was verloren?« fragte Foster. »Was gefunden,« sagte Boyle und las einen kleinen Gegenstand auf. »Sehen Sie her! Der Teufel soll mich holen, wenn das nicht die Karte ist, die ich diesem Indianer vor vier Stunden in der Station gegeben habe!« Und er hielt die Karte empor. »Na, Söhnchen,« entgegnete Foster ernsthaft, »wenn Sie sich drücken und sich an Fräulein Cantire hängen wollen, warum sagen Sie's nicht gleich? Die Geschichte zieht nicht!« »Tatsache!« fuhr Boyle eifrig fort, »'s ist dieselbe Karte, die ich in seinen Hut gesteckt habe – da ist der Schmutzfleck in der Ecke. Wie zum Teufel kam sie – kam er hierher?« »Fragen Sie ihn doch selber,« sagte Foster höhnisch, »wenn er irgendwo um den Weg ist.« »Aber ich sage, Foster, das alles gefällt mir nicht. Fräulein Cantire ist allein, und – « Doch ein schallendes Gelächter von seiten Fosters und des Postagenten unterbrach ihn. »Es stimmt also,« sagte Foster. »Das ist Ihr bester Pfeil! Heben Sie ihn auf! Erzählen Sie ihr's doch! Sagen Sie ihr, daß sich da noch ein weiteres Indianerscheusal herumtreibt; daß diese blutdürstigen alten "Wolldeckenflöhe" auf dem Kriegspfad sind und Sie den letzten Tropfen Ihres Bluts vergießen wollen, um sie zu schützen! Das wird sie erweichen, und sie behandelt Sie gut! Schieben Sie ab!« Die Pferde eilten unter Fosters Peitsche vorwärts und ließen Boyle stehen, der halb und halb geneigt war, in das Gelächter einzustimmen und doch das Gefühl nicht loswerden konnte, daß seiner Entdeckung eine ernste Bedeutung beizumessen sei. Zweifellos war es dieselbe Karte, die er dem Indianer gegeben hatte. Allerdings konnte dieser Indianer sie einem andern gegeben haben, aber durch wessen Vermittlung war sie schneller hierhergelangt als die Kutsche auf der gleichen Straße, und doch gänzlich unbemerkt? Einen Augenblick überkam ihn der lustige Gedanke, Fosters Rat buchstäblich zu befolgen und seine Entdeckung Fräulein Cantire mitzuteilen; er hätte eine witzige Geschichte daraus machen können, die er einem andern Mädchen mit Genuß erzählt hätte; ihr aber wollte er sich nicht aufdrängen und dann zweifelte er auch wieder, ob die Entdeckung zum Scherzen geeignet wäre. Wenn wirklich etwas Ernstes dahinter war, warum sollte er sie erschrecken? Er beschloß jedoch auf der Straße und in geziemendem Abstand von ihr zu bleiben, bis sie zur Kutsche zurückkäme; sie konnte nicht weit weg sein. Mit diesem Vorsatz ging er langsam weiter, indem er dann und wann halt machte, um zurückzusehen. Mittlerweile verfolgte die Kutsche ihren schwierigen Weg, der noch durch eine auffallende Nervosität der Pferde erschwert wurde, die nur mühsam auf der Wegspur zu halten waren. »Was die Kreaturen nur haben mögen?« sagte der erzürnte Foster, indem er die Zügel anzog, um das Sattelpferd in das Gleis zurückzureißen. »Sieht aus, als wenn sie was witterten, Bären oder Indianerponys,« gab der Postagent zu bedenken. »Indianerponys?« wiederholte Foster geringschätzig. »Tatsache! Indianerponys machen 'n Pferd toll, grad' wie wilde Pferde!« »Wo sind denn Ihre Indianerponys?« fragte Foster ungläubig. »Weiß nicht,« sagte der Postagent einfach. Doch jetzt scheuten die Pferde wieder plötzlich vor einem Gebüsch, daß die Kutsche vollständig nach rechts aus dem Gleis wich. Zum Glück gerieten die Pferde auf einen wenig befahrenen Nebenweg, der ziemlich gut war, so daß Foster die Zügel nachlassen konnte, um nötigenfalls nach einiger Zeit wieder in den Hauptweg einzulenken. Er brauchte einige Augenblicke, um die volle Herrschaft über die erschreckten Tiere wieder zu erlangen, und da ihre Nervosität mit der Entfernung von dem Dickicht abgenommen hatte und der Waldweg weniger steil, wenn auch gewundener als die ordentliche Straße war, so entschied er sich dafür, darauf zu bleiben, bis er den Gipfel erreichte, wo er wiederum auf die Landstraße gelangen und seine Reisenden erwarten würde. Oben angelangt, standen die beiden Männer auf dem Bock auf und schauten mit einer Angst, die sie voreinander zu verbergen suchten, hinab in die Talschlucht nach den zurückgebliebenen Fußgängern. »Hoffentlich ist Fräulein Cantire nicht durch 'nen ähnlichen Schreck vom Pfad verscheucht worden,« sagte der Postagent zweifelnd. »Die nicht! Sie hat zu viel Grütze und Mutterwitz dafür, wenn nicht dieser ›Trommler‹ sie eingeholt und seine Geschichte von dem Indianer bei ihr angebracht hat.« Dies waren die letzten Worte, die die Männer sprachen. Denn in diesem Augenblick krachten zwei Büchsenschüsse aus dem Dickicht neben der Straße; zwei so wohlgezielte Schüsse, daß die beiden Männer, tödlich getroffen, auf dem Fleck zusammenbrachen. Noch einen Moment hingen sie über dem Spritzleder, bevor sie auf die Rücken der Pferde hinüberrollten. Doch auch hier blieben sie nicht lange, denn gleich darauf wurden sie von einem halben Dutzend schattenhafter Gestalten gefaßt und mit den abgesträngten Pferden ins Dickicht geschleppt. Dann machte sich ein ganzer Schwarm über die Kutsche her, daß diese ganz darunter verschwand und hin und her schwankte wie ein Kadaver unter einem Rudel gefräßiger Wölfe. Doch so rasch als er gekommen war zerstreute sich der Schwarm auf ein geheimnisvolles Signal in alle Winde, und die Kutsche blieb leer zurück, ledig alles dessen, was ihr Leben und Zweck verliehen hatte – ein bloßes Gerippe am Wege. Der Nachmittagswind blies durch ihre offenen Türen und die horizontalen Strahlen der untergehenden Sonne blitzten und leuchteten in ihren Fenstern, als ob an die Ruine noch Feuer gelegt worden wäre. Doch bald schwand auch dieser letzte Schein von Leben und ließ die verlassene Kutsche als ein kaltes, lebloses Gespenst auf der dämmernden Ebene zurück. Eine Stunde später erklang dort flüchtiger Hufschlag und das Klirren von Zaumzeug, und aus der Ebene jagte ein Geschwader von Reitern hervor, die sich um das verlassene Fuhrwerk drängten. Einige Augenblicke schien es, als wollten auch sie es umzingeln und besetzen, gerade wie die andern getan hatten, und Wald und Dickicht ringsum durchstöbern. Doch dann jagten sie ebenso plötzlich auf ein Zeichen von dannen und folgten der Spur des bereits verschwundenen Schwarms. * Fräulein Cantire machte von dem Vorschlag, »sich nicht zu beeilen«, in echt weiblicher Auffassung ausgiebigen Gebrauch. Sie pflückte einige wilde Blumen und etliche Beeren im Unterholz, nahm einige Vogelnester mit einer gesunden jugendlichen Neugier in Augenschein und ließ sich sogar Zeit, ein paar feuchte Strähne ihres seidenen Haars mittels eines Gegenstandes zu ordnen, den sie aus dem kleinen Strickbeutel holte, der kokett von ihrem Gürtel herabhing. Es dauerte richtig etliche zwanzig Minuten, ehe sie wieder auf der Straße auftauchte; der Wagen war augenscheinlich in einer Biegung des langen gewundenen Aufstiegs verschwunden, aber gerade vor ihr war dieser schreckliche Mensch, der »Trommler« aus Chicago. Sie war nicht eitel, aber sie hegte keinen Zweifel, daß er da auf sie wartete. Ausweichen gab es nicht, aber seine Begleitung konnte wenigstens abgekürzt werden, und so fing sie an, ihre Gangart geflissentlich zu beschleunigen. Boyle, dessen Sorge um ihre Sicherheit dadurch insgeheim erleichtert wurde, begann ebenfalls lebhaft vorwärts zu schreiten, ohne sich umzublicken. Darauf war Fräulein Cantire nicht gefaßt gewesen; es sah so lächerlich aus, als ob sie ihm nachliefe! Sie zögerte darum ein wenig, doch da sie nun beinahe Seite an Seite mit ihm war, sah sie sich genötigt, weiterzugehen. »Ich glaube, Sie täten gut, sich zu beeilen, Fräulein Cantire,« sagte er, als sie an ihm vorbeiging. »Ich habe die Kutsche seit einiger Zeit aus den Augen verloren und glaube, sie warten schon auf uns auf der Höhe.« Das behagte Fräulein Cantire indes keineswegs. An der Seite dieses schrecklichen Menschen dahin zu wandern und atemlos hinter der Kutsche drein zu klettern – aller Welt gegenüber wie ein vertieftes und selig verspätetes Ausflüglerpaar, das war wirklich zu viel! »Vielleicht könnten Sie vorauslaufen und ihnen sagen, ich käme nach, so rasch ich könne,« versuchte sie vorzuschlagen. »Es würde mir an den Kragen gehen, wollte ich ohne Sie vor Foster erscheinen,« sagte er lachend. »Sie müssen wohl oder übel ein bißchen schneller machen.« Aber der jungen Dame widerstrebte es, sich so von einem »Trommler« treiben zu lassen. Sie schickte sich an, zurückzubleiben und senkte ihre Brauen drohend. »Lassen Sie mich Ihre Blumen tragen,« sagte Boyle, der bemerkt hatte, daß es ihr schwer fiel, ihren Rock und den Blumenstrauß gleichzeitig zu halten.« »Nein, nein!« lehnte sie diesen neuen Annäherungsversuch ab. »Danke sehr, aber sie sind wirklich das Halten nicht wert, ich will sie wegwerfen. Da!« setzte sie hinzu und warf sie energisch in den Staub. Aber sie hatte nicht mit Boyles unverwüstlicher Laune gerechnet. Dieser artige Narr beugte sich zu Boden, las sie tatsächlich wieder auf und eilte ihr nach! Doch sie lief, was sie konnte, um ohne seine Begleitung zu der Kutsche zu gelangen, der ordinäre Kerl würde sie ihr sicher mit einem Witz überreichen! Dann ging sie wieder langsamer, denn sie wurde allmählich müde, auch konnte sie keine Spur von der Kutsche entdecken. Der »Trommler« dahinten ging ebenfalls langsamer und hielt sich in ehrerbietiger Entfernung, wie ein Diener oder einer der Reiter ihres Vaters. Gleichwohl versetzte dies sie nicht in bessere Laune, und nachdem sie ihn bis' zu sich hatte herankommen lassen, sagte sie ungeduldig: »Ich verstehe nicht, warum Herr Foster es für nötig gehalten hat, jemand zu senden, der nach mir sehen sollte.« »Hat er auch nicht,« gab Boyle einfach zurück. »Ich bin ausgestiegen, um etwas aufzulesen.« »Um etwas aufzulesen?« erwiderte sie ungläubig. »Ja. Das da.« Und er hielt die Karte hin. »'s ist die Karte unsrer Firma.« Fräulein Cantire lächelte ironisch. »Sie sind gewiß Ihrem Hause treu ergeben.« »Nun, ja,« entgegnete Boyle gutgelaunt. »Sehen Sie, mein Grundsatz ist: halb getan, ist nichts getan. Und was ich auch tue, ich bin gewillt, meine Augen offen zu halten.« Trotz ihres Vorurteils konnte Fräulein Cantire sehen, daß diese nötigen Sinneswerkzeuge, wenn auch recht schalkhaft, doch ehrlich aussahen. »Jawohl, mir entgeht nicht so leicht etwas. Zum Beispiel dieser Staubmantel, den Sie tragen, Fräulein Cantire, dieses Genre führen wir nicht, noch sonst jemand westwärts Chicago; der kommt von Boston oder New York, und ist für die dortigen Bedürfnisse gefertigt! Aber Ihr Hut – und er ist ebenfalls hochelegant, da Sie ihn selbst garniert haben – ist nur gewöhnliche Dutzendware, die wir in Pine Barrens für viereinhalb Cents das Stück netto liefern können. Doch Sie haben gewiß gegen fünfundzwanzig Cents auf der Agentur dafür bezahlt!« Seltsam genug, daß diese geschäftsmäßige Abschätzung ihres Kostüms die junge Dame nicht so aufbrachte, wie anzunehmen gewesen wäre. Im Gegenteil, aus irgend welchem geheimen weiblichen Beweggrund erheiterte und interessierte sie das Benehmen des Ellenreiters. Es würde ihr Spaß machen, ihren Freunden zu erzählen, was so ein »Trommler« unter Liebenswürdigkeit verstand, und den jungen Schwerenöter aus Westpoint Die berühmte Offizierschule der Vereinigten Staaten am Hudson. Anm. d. Übers. damit zu necken, der kürzlich bei ihnen eingetroffen war. Übrigens entsprach die Abschätzung der Wahrheit. Major Cantire war auf seinen Sold angewiesen, und Fräulein Lantire hatte sich genötigt gesehen, den Hut den Vorräten der Verwaltung zu entnehmen. »Pflegen Sie auch sonst Damen, die Sie auf der Reise treffen, solche Aufklärungen zu erteilen?« fragte sie. »Keineswegs!« erwiderte Boyle. »Gerade in diesem Punkt hat man seine Augen offen zu halten. Die meisten wären nicht davon erbaut, und man pflegt nicht einen etwaigen Kunden vor den Kopf zu stoßen. Aber bei Ihnen ist es etwas andres.« Fräulein Cantire schwieg. Sie wußte nur zu gut, daß es bei ihr etwas andres war, aber es verlangte sie nicht nach seiner plumpen Bestätigung. Einige Augenblicke eilte sie allein voran, als er sie auf einmal anrief, worauf Sie sich ungeduldig umkehrte. Er untersuchte sorgfältig die Straße zu beiden Seiten. »Entweder haben mir unsern Weg verloren,« sagte er, indem er sie einholte, »oder die Kutsche ist irgendwo ausgebogen. Diese Gleise sind nicht frisch, und da sie alle nach der gleichen Richtung führen, so rühren sie alle von der Kutsche her, die letzte Nacht hinaufgefahren ist. Unsre Gleise sind's nicht: es fiel mir ohnehin auf, daß mir die Kutsche bisher nicht zu Gesicht bekommen haben.« »Und nun?« sagte Fräulein Cantire ungeduldig. »Müssen wir zurückgehen, bis wir sie wieder finden.« Die junge Dame runzelte die Stirn. »Warum nicht den Weg bis vollends zum Gipfel verfolgen?« sagte sie schnippisch. »Ich werde sicherlich ...« Doch sie hielt plötzlich inne, als sie sein ernstes Gesicht und seine scharfen, beobachtenden Augen gewahrte. »Warum können wir nicht wie bisher weiter gehen?« »Weil man erwartet, daß wir zur Kutsche zurückkommen. So lauten die ›Befehle‹, und wie Sie wissen, sind Sie eines Soldaten Tochter!« Er sagte dies lachend, aber in seinem Wesen lag eine gewisse feste Entschlossenheit, die Eindruck auf sie machte. Als er nach einer Pause hinzusetzte, »wir müssen zurückgehen und suchen, wo die Gleise ausbiegen,« gehorchte sie schweigend. Einige Zeit suchten sie im Gehen nach den Spuren des vermißten Fahrzeugs. Eine gewisse Spannung und ein neues Gefühl des Vertrauens auf Boyles Urteilskraft verwischte die Verdrießlichkeit der jungen Dame und machte sie natürlicher. Sie lief ihm in jugendlichem Eifer voraus, untersuchte den Boden, folgte höchst lebhaft einer falschen Fährte und gestand ihre Schlappe mit einem reizenden Lachen ein. Und wirklich war sie es, die, nachdem sie ihre Schritte zehn Minuten rückwärts gelenkt, die abbiegende Wagenspur mit einem backfischmäßigen Triumphruf fand. Boyle, der ihre Bewegungen mit nicht weniger Interesse verfolgt hatte als ihre Entdeckung, schaute ein wenig beunruhigt drein, als er die tiefen Eindrücke bemerkte, die durch die widersetzlichen Pferde hervorgerufen worden waren. Fräulein Cantire bemerkte die Veränderung in seinem Gesichtsausdruck; noch vor zehn Minuten würde sie nicht darauf geachtet haben. »Ich meine, wir täten gut, der neuen Spur zu folgen,« sagte sie fragend, als er zu zögern schien. »Gewiß,« sagte er rasch, wie wenn er schnell zu einem Entschluß gelangte. »Das ist das sicherste.« »Was glauben Sie, was geschehen ist? Der Boden sieht sehr stark aufgewühlt aus,« sagte sie in einem zutraulichen Ton, der ganz neu an ihr war. »Wahrscheinlich ist ein Pferd gestrauchelt, und sie haben den alten Weg als den leichteren eingeschlagen,« sagte Boyle schnell. Innerlich glaubte er zwar nicht daran, doch er wußte, daß wenn irgend was Ernsthaftes sie bedroht hätte, die Kutsche auf der Straße gewartet haben würde. »Der Weg ist für uns bequemer, wenn auch vermutlich ein wenig länger,« fügte er sofort hinzu. »Sie nehmen alles so vergnügt auf, Herr Boyle,« sagte sie nach einer Pause. »Das gehört zum Geschäft, Fräulein Cantire,« bemerkte er. »Einer von meinem Beruf muß sich darauf verlegen.« Sie wünschte, er hätte das nicht gesagt, gab aber dessen ungeachtet ein bißchen schelmisch zur Antwort: »Aber Sie machen doch keine Geschäfte mit der Postkutschengesellschaft oder mit mir, wenn ich auch gestehen muß, daß ich vorhabe, künftig meine Hüte von Ihrer Firma zu Engrospreisen zu beziehen.« Doch bevor er antworten konnte, tönte der Schall zweier Flintenschüsse, durch die Entfernung gedämpft, von dem Höhenzug über ihnen herab. »Da!« rief Fräulein Cantire lebhaft. »Hören Sie's?« Sein Angesicht war dem fernen Höhenzug zugewandt, und zwar namentlich deshalb, damit sie nicht in seinen Augen zu lesen vermöchte. Sie fuhr erregt fort: »Das kommt von der Kutsche, um uns die Richtung zu zeigen, verstehen Sie nicht?« »Ja,« entgegnete er mit einem munteren Lachen, »und es bedeutet: Hop! Hop! ordentlich ausgeschritten; wir haben das Warten satt, wir sollten sehen, daß wir vorwärts kommen.« »Warum antworten Sie nicht mit Ihrem Revolver?« fragte sie. »Hab' keinen,« sagte er. »Sie haben keinen?« wiederholte sie mit ungespielter Überraschung. »Ich dachte, die Herren Reisenden führten stets einen bei sich. Aber vielleicht verträgt es sich nicht mit Ihrem Evangelium des guten Humors.« »Genau so ist's, Fräulein Cantire,« sagte er lachend; »Sie haben's erraten.« »Nun,« sagte sie zögernd, »sogar ich habe einen Derringer bei mir, einen ganz kleinen, wissen Sie, den ich in meinem Strickbeutel mit mir führe. Hauptmann Richards hat ihn mir geschenkt.« Damit öffnete sie ihren Strickbeutel und zeigte eine hübsche Pistole mit Elfenbeingriff. Doch der Ausdruck freudiger Überraschung, den sein Gesicht annahm, verschwand rasch, als sie den Hahn spannte und die Pistole erhob. Schnell ergriff er sie beim Arm. »Nein, bitte, nicht, Sie können das Ding vielleicht noch brauchen – ich meine, der Knall könnte nicht weit genug reichen. Es ist trotz allem ein sehr nützliches Spielzeug, wirkt aber nur auf kurze Entfernungen,« Er behielt die Pistole in der Hand, als sie weiter gingen. Fräulein Cantire entging dies nicht, so wenig als die Freude, die er gezeigt hatte, als sie die Waffe zum Vorschein gebracht, und seine Unruhe, als sie im Begriff gewesen, sie nutzlos abzufeuern. Sie war ein kluges Mädchen und freimütig gegen die, denen sie Vertrauen schenkte. Und sie fing an, diesem Fremden zu vertrauen. Ein Lächeln glitt über ihre ovale Wange. »Ich glaube wirklich, Sie haben vor irgend etwas Furcht, Herr Boyle,« sagte sie, ohne aufzuschauen. »Was ist's? Sie haben's doch nicht mit diesem Indianerschreck zu tun?« Boyle kannte keine falsche Scham. »Ich glaube, so ist's,« gab er ebenso offen zurück. »Sehen Sie, ich verstehe mich nicht so gut auf Indianer, wie Sie – und Foster.« »Schön, auf mein und Fosters Wort ist hier nicht das Geringste von ihnen zu befürchten. Die Indianer hier herum sind lediglich erwachsene Kinder, grausam und zerstörungswütig, wie die Kinder meist; aber sie kennen zur Zeit ihre Herren, und die alten Tage des Drauflosskalpierens sind vorbei. Die einzige anderweitige Kinderneigung, der sie fröhnen, ist das Stehlen. Und dabei stehlen sie nur, was sie wirklich brauchen: Pferde, Flinten und Pulver. Eine Kutsche kann ohne weiteres fahren, wo ein Munitionswagen oder ein Auswandererwagen es nicht kann. Also ist Ihr Musterkoffer bei Foster ganz sicher.« Boyle fand es nicht nötig zu widersprechen. Vielleicht dachte er an etwas andres. »Ich habe im Sinn,« fuhr Fräulein Cantire geheimnisvoll fort. »Ihnen noch etwas zu sagen. Vertrauen gegen Vertrauen: da Sie mir Ihre Geschäftsgeheimnisse verraten haben, will ich Ihnen eins von unsern verraten. Bevor wir Pine Barrens verließen, befahl mein Vater, daß eine kleine Schutzwache von Reitern sich bereit halte, zu jener Kutsche zu stoßen, wenn die Wache haltenden Kundschafter es für nötig erachteten. Somit beruht, wie Sie sehen, der Ruf von meinem Mut ein wenig auf Täuschung.« »Das folgt nicht daraus,« sagte Boyle voll Bewunderung, »denn Ihr Vater muß geglaubt haben, daß Gefahr vorhanden sei, sonst würde er diese Vorsichtsmaßregeln nicht getroffen haben.« »O, das geschah nicht meinetwegen,« sagte das junge Mädchen schnell. »Nicht Ihretwegen?« wiederholte Boyle. Fräulein Cantire stutzte, indem sie aufs niedlichste errötete und aufs anmutigste auflachte. »Da, jetzt ist's heraus! Nun könnte ich ebenso gut die ganze Geschichte erzählen. Aber ich darf Ihnen trauen, Herr Boyle.« (Sie blickte ihn mit klaren, durchdringenden Augen an.) »Schön,« sagte sie wiederum lachend, »Sie werden bemerkt haben, daß wir eine Menge Gepäck für Reisende mit uns führten, die nicht mitfuhren! Nun, diese Reisenden hatten nie die Absicht, mitzufahren und hatten auch kein Gepäck! Verstehen Sie? Diese unschuldig aussehenden schweren Koffer enthielten Karabiner und Patronen von unserm Posten fürs Fort Taylor« – sie machte einen spöttischen Knix gegen ihn – »und standen unter meiner Aufsicht! Und,« fügte sie bei, während sie sich über sein Erstaunen freute, »wie Sie sahen, brachte ich sie sicher bis zu der Poststation durch und habe sie dann mit weniger Aufhebens und Tumult in jener Kutsche untergebracht, als dies bei einer Beförderung unter Bedeckung von seiten der Intendantur der Fall gewesen wäre.« »Und sie waren in jener Kutsche?« wiederholte Boyle geistesabwesend. »Waren? Sie sind es noch!« sagte Fräulein Cantire. »Dann bringe ich Sie je eher je besser wieder zu Ihrem Schatz zurück,« sagte Boyle lachend. »Weiß Foster davon?« »Natürlich nicht! Denken Sie, ich würde es irgend jemand sagen, der hier zu Hause ist? Vielleicht weiß ich ebenso gut wie Sie, wann und wem ich etwas anzuvertrauen habe,« sagte sie boshaft. Welcher Art Boyles Gedanken auch sein mochten, jedenfalls war er von Bewunderung für das junge Mädchen erfüllt. Die mädchenhaft einfache und vertrauende Art ihrer Eröffnung schien so wenig zu dem Eindruck von Zurückhaltung und Unnahbarkeit zu stimmen, den er noch vor kurzem von ihr empfangen hatte, als die mädchenhafte Art ihrer Auseinandersetzung und ihres Betragens jetzt in entzückendem Gegensatz zu ihrer großen Gestalt, ihrer Adlernase und ihrer aufrechten Haltung stand. Herr Boyle war, wie untersetzte Leute meist, geneigt, die Vorzüge der Körpergröße zu überschätzen. Eine Weile gingen die beiden schweigend weiter. Der Aufstieg war verhältnismäßig bequem, aber ein Umweg, und Boyle konnte erkennen, daß dieser neue Abweg sie noch beträchtliche Zeit bis zum Gipfel kosten würde, Fräulein Cantire ließ schließlich den Gedanken, den er hegte, laut werden. »Ich möchte wissen, was die Leute veranlaßt hat, hier abzubiegen? Und wie hätten wir, wenn Sie nicht so findig gewesen wären, ihre Spuren zu entdecken, sie finden können? Doch,« fügte sie mit echt weiblicher Logik hinzu, »deshalb haben sie natürlich diese Schüsse abgefeuert.« Boyle entsann sich jedoch, daß die Schüsse aus einer andern Richtung gekommen waren, stellte ihre Folgerung aber nicht richtig. Trotzdem sagte er leichthin: »Vielleicht könnte selbst Foster einen Indianerschreck gehabt haben.« »Er müßte allmählich ›befreundete‹ oder ›Regierungsansiedlungsleute‹ besser kennen,« sagte Fräulein Cantire, »dennoch ist etwas daran. Wissen Sie,« setzte sie lachend bei, »obwohl ich nicht Ihre scharfen Augen habe, so verfüge ich doch über einen scharfen Geruchsinn, und ich habe ein oder das andre Mal geglaubt, ich röche Indianer! Dieser eigenartige Geruch ihrer Lager, mit nichts sonst zu vergleichen, den man selbst an ihren Ponys gewahr wird! Ich gewöhnte mich, darauf zu achten, als ich einen davon ritt: alle Wartung war nicht im stande, ihn zu beseitigen.« »Ich darf wohl kaum annehmen, daß die Schärfe oder Stärke dieses Geruchs Ihnen anzeigt, ob die Indianer feindlich oder freundlich gegen Sie gesinnt sind?« fragte Boyle sarkastisch. Obwohl diese Bemerkung Boyles einen Rückfall in seine Sucht nach schlechten Witzen bedeutete, geruhte Fräulein Cantire doch, sie mit einem Lächeln aufzunehmen, worauf Boyle, der sich durch ihre Sicherheit und die Nähe ihres Ziels erleichtert fühlte, weiteren sinnreichen Zeitvertreib zu Tage förderte, bis sie nach Verlauf einer Stunde wiederum auf der Hochebene standen. Aber da war keine Spur von der Kutsche, dagegen sah man ihr frisches Gleis entlang dem Rand des Hohlwegs bis zur Kreuzung mit der Straße, wo sie hingelangen mußten, und wohin die Kutsche unzweifelhaft zurückgekehrt war. Herr Boyle holte tief Atem. Sie waren jetzt verhältnismäßig sicher vor jedem plötzlichen Überfall. Nach etwa zehn Minuten sah Fräulein Cantire das Dach des vermißten Fuhrwerks über den verkümmerten Büschen an der Kreuzung der Landstraße aufragen. »Wären Sie so gut, diese alten Blumen jetzt wegzuwerfen,« sagte sie mit einem Blick auf die Trophäen, die Boyle noch trug. »Warum?« fragte er. »O, sie sind zu lächerlich. Bitte, tun Sie's!« »Darf ich nicht eine behalten?« fragte er, zum ersten Male mit einem Anklang von menschlicher Schwäche in seiner Stimme. »Wenn es Ihnen Vergnügen macht,« sagte sie etwas kühl. Boyle wählte ein kleines Myrtenreis aus und warf die andern Blumen gehorsam fort. »Nein, wie lächerlich!« rief sie. »Was ist lächerlich?« fragte er, indem er seine Augen mit einem leichten Erröten zu den ihren erhob. Aber er sah, daß sie ihre Augen gespannt in die Ferne richtete. »Ei, es scheinen keine Pferde an der Kutsche zu sein!« Er schaute gespannt hin. Durch eine Lücke in dem Buschwerk konnte er jetzt ganz deutlich das Fahrzeug erblicken, das leer und ohne Pferde einsam dastand. Er blickte eilig umher; auf der einen Seite gewährten ein paar Felsen Deckung nach der Seite des durchfurchten Höhenrandes hin; auf der andern dehnte sich die Ebene. »Setzen Sie sich hin und rühren Sie sich nicht, bis ich zurückkomme,« sagte er rasch. »Hier, nehmen Sie!« Er gab ihr ihre Pistole zurück und lief schnell auf die Kutsche zu. Es war keine Einbildung, da stand sie leer, verlassen; ihre gesenkte Deichsel und die zerschnittenen Stränge erwiesen nur zu klar, in welch angstvoller Hast sie verlassen worden war! Ein leichter Schritt hinter ihm bewirkte, daß er sich umkehrte. Es war Fräulein Cantire, blaß und außer Atem, den gespannten Derringer in der Hand. »Wie unvorsichtig von Ihnen, ohne eine Waffe!« keuchte sie zur Erklärung. Dann starrten sie beide auf die Kutsche, die leere Ebene und aufeinander! Nach ihrem ermüdenden Aufstieg, ihrem langen Umweg, ihrer gespannten Erwartung und ihrer lebhaften Neugierde machte dies leere nutzlose Gefährt, das man ihnen offenbar in ihrer, wie ihnen deuchte, äußersten Verlassenheit hinterlassen, einen scheußlich höhnischen Eindruck, der sich ihnen unwillkürlich gleicherweise aufdrängte. Und da ich die menschliche Natur schildere, bin ich gezwungen, zu sagen, daß sie beide in einen Lachanfall ausbrachen, der für den Augenblick jede andre Äußerung unterdrückte, »Es war zu lieb von ihnen, wenigstens die Kutsche zurückzulassen,« sagte Fräulein Cantire noch schwach, als sie ihr Taschentuch von ihren feuchten, lustigen Augen entfernte. »Aber was mag sie veranlaßt haben, fortzulaufen?« Boyle gab keine Antwort, sondern untersuchte eifrig die Kutsche. In diesen kurzen anderthalb Stunden hatte sich der Staub der Ebene dick auf sie gelegt und jeden verdächtigen Schmutz- oder Blutfleck, der die schreckliche Wahrheit hätte ahnen lassen, völlig verdeckt. Selbst der schwache Eindruck des mokassin-beschuhten Indianerfußes war durch die später gekommenen Pferdehufe der Kavalleristen zertrampelt worden. Diese waren's, die zuerst Boyles Aufmerksamkeit fesselten; aber er hielt sie für Spuren, die durch das Ausschlagen der abgeschirrten Kutschpferde entstanden sein möchten. Nicht so seine Gefährtin! Sie untersuchte sie näher und richtete plötzlich ihr frisches, lebhaftes Antlitz auf, »Schauen Sie,« sagte sie, »unsre Leute sind hier gewesen und haben ihre Hand im Spiel gehabt – mag es sein wie es will.« »Unsre Leute?« wiederholte Boyle verständnislos. »Ja! – Reiter von dem Militärposten, die Schutzwache, von der ich Ihnen sagte. Dies sind die Spuren der gewöhnlichen Kavalleriehufeisen, nicht von Fosters Gespann, noch von Indianerponys, die niemals beschlagen sind! Sehen Sie nicht?« fuhr sie eifrig fort, »Unsre Leute haben Wind gekriegt und sind hierher galoppiert, die Höhe entlang, sehen Sie!« fuhr sie fort und wies auf die Hufspuren, die von der Ebene kamen. »Sie sind einem Indianerangriff zuvorgekommen und haben alles gerettet!« »Aber wenn es wirklich die Schutzwache war, von der Sie gesprochen haben, mußten die Leute doch wissen, daß Sie hier sind, und haben Sie,« er wollte sagen: »im Stich gelassen,« hielt aber inne, indem er bedachte, daß es ihres Vaters Soldaten waren. »Sie wußten, daß ich für mich selbst sorgen könne und ihrer Pflichterfüllung nicht im Wege zu stehen wünschte,« sagte das junge Mädchen, indem es ihm mit einer raschen Regung von Berufsstolz ins Wort fiel, wie er zu ihrer Adlernase und ihrer großen Gestalt zu passen schien. »Und wenn sie das wußten,« fügte sie hinzu, sich zu einem boshaften Lächeln herbeilassend, »dann mußten sie weiter, daß ich unter dem Schutz eines tapferen Unbekannten stand, für den sich Herr Foster verbürgte! Nein!« fügte sie mit einer Art blinden, ergebenen Vertrauens hinzu, das Boyle zugleich mit einer geringschätzigen Gebärde gewahrte, die sie nie zuvor gezeigt hatte, »'s ist alles in schönster Ordnung und durchaus vorschriftsmäßig, Herr Boyle, und wenn die Leute ihre Arbeit getan haben, werden sie schon zurückkommen.« Aber vielleicht war doch Boyles männlicher Verstand verläßlicher als Fräulein Cantires weibliches Zutrauen und ihre angeborene Disziplin, denn plötzlich begriff er in Zeit eines Augenblicks den wirklichen Hergang! Die Indianer waren zuerst dagewesen; sie hatten die Kutsche geplündert und waren beim Erscheinen der Schutzwache mit Beute und Gefangenen auf und davongegangen, beim Erscheinen der Schutzwache, die sie jetzt natürlich mit einer Wut verfolgte, die durch die Annahme angestachelt wurde, ihres Befehlshabers Tochter befinde sich unter den Gefangenen. Diese Erkenntnis war schrecklich, doch wenigstens ein Trost, soweit es das junge Mädchen anging. Aber sollte er sie aufklären? Nein! Besser, sie behielt ihr Vertrauen auf den raschen Triumph der Soldaten – und deren eilige Rückkehr. »Ich glaube, Sie haben recht,« sagte er heiter, »und wir wollen dankbar sein, daß Sie in der leeren Kutsche wenigstens ein halbwegs anständiges Obdach bis zur Rückkehr der Soldaten haben werden. Unterdessen will ich ein wenig auf Kundschaft gehen.« »Ich will Sie begleiten,« sagte sie. Aber Boyle bewies ihr so lebhaft die Notwendigkeit, zurückzubleiben, um die Ankunft der Soldaten zu erwarten, daß sie, da sie auch noch durch ihre lange Kletterei erschöpft war, gehorsam einwilligte, während er, trotzdem er die Wahrheit ahnte, nicht an die Rückkehr der Plünderer glaubte und seine Gefährtin für gesichert hielt. Er begab sich auf das nächste Dickicht zu, wo, wie er richtig annahm, der Hinterhalt gelegt worden war, und wohin sich die Indianer zweifellos zuvörderst mit ihrer Beute zurückgezogen hatten. Er erwartete, einige Anzeichen oder Spuren ihres Raubs zu finden, die sie in ihrer Eile hätten zurücklassen müssen, und er hatte mehr Erfolg, als er voraussetzte. Wenige Schritte in das Dickicht brachten ihn geradeswegs zu einem Anblick, der seine schlimmsten Annahmen übertraf, zu Fosters Leiche! Und nahebei lag der Leichnam des Postagenten, Beide waren offenbar von dem Platz, wo sie gefallen, in das Dickicht geschleppt, skalpiert und halb entkleidet worden. Nichts wies auf einen nachherigen Kampf; sie mußten schon tot gewesen sein, als man sie hierher brachte. Boyle war weder ein hartherziger, noch ein übertrieben empfindsamer Mensch. Sein Beruf hatte ihm genug Gefahren zu Wasser und zu Land gebracht; er hatte oft andern schätzbaren Beistand geleistet, doch sein Mitgefühl hatte nie die Oberhand über seine Entschlossenheit und seinen Verstand gewonnen. Wohl ging ihm das Los dieser beiden zu Herzen und freudig würde er für ihre Rettung gekämpft haben, aber Gedanken über den Tod lagen seinem Naturell fern und so trat ihm in allererster Linie das Groteske des Anblicks vor Augen, wie ihn die unglücklichen Opfer von Gewalttaten nur zu oft zu bieten pflegen. Er nahm nichts von einem Todeskampf in den leeren Augen der beiden Männer wahr, die scheinbar in der glücklichen Entrücktheit von Betrunkenen auf dem Rücken lagen, eine Täuschung, die noch vermehrt wurde durch ihr wirres, unordentliches Haar, das von dem geronnenen Blut, das jedoch seine Blutfarbe verloren hatte, zu einer starren Masse verklebt war. Er dachte nur an das ahnungslose Mädchen, das in der einsamen Kutsche saß, und zog eiligst die beiden tiefer in das Gebüsch hinein. Dabei entdeckte er einen geladenen Revolver und eine Likörflasche, die unter ihnen lagen, und verwahrte sie schnell. Wenige Schritte weiter lagen die begehrten Waffen- und Munitionskisten, deren Deckel erbrochen waren und deren Inhalt fehlte. Mit ingrimmigem Lächeln sah er, daß seinen eigenen Musterkoffern ein gleiches widerfahren, entdeckte jedoch mit Vergnügen, daß die Indianer, während die mehr ins Auge fallenden Kinkerlitzchen ihr kindisches Verlangen auf sich gezogen, einen schweren schwarzen Merinoschal übersehen hatten. Er konnte dazu dienen, Fräulein Cantire gegen den Abendwind zu schützen, der sich bereits über der kalten, rauhen Ebene erhob. Da ihm ferner einfiel, sie möchte nach ihrer heißen Wanderung Wasser brauchen, beschloß er, sich nach einer Quelle umzusehen, und es gelang ihm denn auch, nahe bei der Stätte des Hinterhalts ein armseliges Rinnsal zu entdecken. Aber er hatte kein Gefäß außer der Likörflasche, deren Inhalt er am Ende weggoß und durch reines Wasser ersetzte, ein heldenhaftes Opfer für einen Reisenden, der die Erquickung eines kräftigen Schlucks zu schätzen wußte. Dann machte er sich auf den Rückweg und kam gerade aus dem Dickicht heraus, als sein schnelles Auge einen Schatten erblickte, der sich vor ihm nahe dem Boden hinbewegte, ein Anblick, der ihm das Blut heiß durch die Adern jagte. Es war die Gestalt eines Indianers, der auf Händen und Knieen auf die Kutsche zukroch, kaum vierzig Ellen entfernt. Zum ersten Male an diesem Nachmittag wich Boyles gelassene Heiterkeit einer blinden und wilden Wut. Doch selbst jetzt war er so vernünftig, zu bedenken, daß ein Pistolenschuß das Mädchen aufschrecken würde, und diese Waffe für den äußersten Fall aufzusparen. Einen Augenblick lang kroch er gerade so still und verstohlen vorwärts wie der Wilde; dann warf er sich mit einem plötzlichen Sprung auf ihn, stieß ihm, bevor er einen Schrei ausstoßen konnte, Kopf und Schulter auf die Felsen, so daß das Skalpiermesser, das der Indianer zwischen den Zähnen hielt, aus seiner zerschmetterten Kinnlade herausfuhr. Boyle nahm es zur Hand, immer sein Knie auf dem Rücken des Mannes, aber der niedergestreckte Körper regte sich nicht mehr, abgesehen von einem leichten Zucken der unteren Gliedmaßen. Der Stoß hatte dem Indianer das Genick gebrochen. Boyle legte den starren Mann, dessen Kopf schlaff zur Seite hing, auf den Rücken, und dabei erkannte er den "befreundeten" Indianer von der Station wieder, dem er die Karte gegeben hatte. Als er sich erhob, begann ihm schwindelig zu werden. Der ganze Vorgang hatte sich in wenig Sekunden abgespielt und war von der einsamen Insassin der Kutsche nicht einmal bemerkt worden. Mechanisch spannte Boyle seinen Revolver, doch der Mann vor seinen Füßen regte sich nicht mehr. Auch zeigte sich nichts Verdächtiges in dem umliegenden Dickicht. Dieser Spion und Verräter war von den Raubgesellen zurückgelassen worden, damit er nach der Station zurückkehre und jedem Argwohn die Spitze abbreche; er hatte in der Nähe gelauert, doch mangels einer Schußwaffe nicht gewagt, das Paar zusammen anzugreifen. Es dauerte eine Weile, bis Boyle seinen gewohnten Gleichmut wiederfand. Dann kehrte er kaltblütig zu der Quelle zurück, "reinigte sich von dem Indianer," wie er es grimmig sich selbst gegenüber bezeichnete, bürstete seine Kleider, nahm den Schal und die Flasche zu sich und kehrte zu der Kutsche zurück. Es begann bereits zu dunkeln, doch der Glühschein des Westhimmels drang ungehindert durch die Fenster der Kutsche und die Stille berührte ihn höchst unheimlich. Zu seiner großen Erleichterung sah er indes, als er die Türe öffnete, Fräulein Cantire steif in einer Ecke sitzen. »Ich bedaure, daß ich so lange brauchte,« sagte er, sich entschuldigend, »aber ...« »Sie haben sich Zeit gelassen,« fiel sie mit der Stimme einer gekränkten Dulderin ein. »Ich mache Ihnen keine Vorwürfe; aber alles lieber, als in diese langweilige Kutsche eingesperrt zu sein, der gütige Himmel weiß wie lang!« »Ich pürschte nach Wasser,« sagte er demütig, »und habe Ihnen welches gebracht.« »Und ich sehe, Sie hatten Gelegenheit, sich zu waschen,« sagte sie ein wenig neidisch. »Wie Sie aussehen! Wie neugeboren! Doch was ist mit Ihrer Halsbinde los?« Rasch nach dem Hals greifend, fand er, daß sich seine Binde im Kampf gelockert und verschoben hatte, und er errötete, teils weil dem pünktlichen Manne diese Unordnung peinlich war, teils weil er fürchtete, sich dadurch zu verraten. »Und was ist das?« fuhr sie, auf den Schal deutend, fort. »Eines meiner Muster, das vermutlich aus der Kutsche geholt und bei der Umladung übersehen worden ist,« sagte er leichthin. »Ich dachte, es möchte Sie warmhalten.« Sie blickte zweifelnd darauf und legte es beiseite. »Sie wollen doch nicht etwa sagen, daß Sie mit solchen Sachen offen umherziehen,« sagte sie vorwurfsvoll. »Doch. Man darf keine Gelegenheit zum Geschäft versäumen, wissen Sie,« erklärte er. »Und Sie haben diese Reise nicht sehr einträglich gefunden,« sagte sie trocken. »Sie sind sicherlich mit Leib und Seele bei Ihrem Geschäft!« Dann fügte sie ungeduldig hinzu: »'s ist schon vollständig Nacht – wir können doch nicht hier im Dunkeln sitzen bleiben.« »Wir können ja eine der Wagenlaternen hereinnehmen, das geht ganz gut, denn wenn wir eine außen an der Kutsche lassen, genügt es, Ihren Beschützern hierher zu leuchten.« Beim Schein der Wagenlaterne, die er anzündete und hereinbrachte, wurde ihr gleich wohler zu Mute und sie beobachtete ihn neugierig. Sein Gesicht war gerötet und seine Augen schauten auffallend glänzend. Einen Menschen umzubringen hat nun einmal, wenn man dieses Handwerk nicht gewöhnt ist, die leidige Folge, daß es den Blutumlauf beschleunigt. Doch Fräulein Cantire hatte bemerkt, daß die Flasche nach Whisky roch. Der arme Mensch hatte sich wahrscheinlich nach den Mühen des Tages gestärkt. »Dieser lange Aufenthalt ist Ihnen wohl recht unerwünscht?« sagte sie, um ihn auszuhorchen. »Nicht im geringsten,« gab er zurück. »Würden Sie vielleicht gerne ein Spielchen machen? Ich habe Karten bei mir. Wir können den Mittelsitz als Tisch benützen und die Laterne an dem Fenstergurt aufhängen.« Zunächst zeigte Boyle ihr einige Kartenkunststückchen und wußte ihr durch das geheimnisvolle Verschwinden eines gezogenen Buben ein flüchtiges Interesse abzugewinnen. Dann spielten sie Euchre, Ein dem Whist ähnliches Spiel. Anm. d. Übers. wobei Fräulein Cantire aufs anmutigste bemogelte und Herr Boyle schmachvoll Spiel auf Spiel verlor. Dann unterlag Fräulein Cantire ein- oder zweimal der Schwäche, ihre Karten vor den Mund zu halten, um ein unbezwingliches Gähnen zu verbergen, und ihre blaugeäderten Augenlider wurden schwer, weshalb Boyle vorschlug, sie möchte sich's in der Ecke der Kutsche mit soviel Kissen als sie wolle, und mit dem verachteten Schal bequem machen, indes er um die Kutsche herum patrouillieren und nach der Schutzwache ausschauen wolle. Als er kurz darauf nach ihr sah, fand er sie zu seiner Freude fest eingeschlafen und nahm befriedigt seinen Wachdienst wieder auf. Er befand sich in einiger Entfernung von der Kutsche, als ein leise stöhnender Laut in dem Dickicht an sein Ohr schlug, der mehr und mehr anschwoll, bis er in ein langes Geheul ausklang, das von der dunkeln Ebene herüber Erwiderung fand. Er erkannte die Stimmen von Wölfen und sofort war ihm die widerliche Ursache ihrer Gegenwart klar. Sie hatten die Leichname gewittert, und er bedauerte nun, daß er sein eigenes Opfer so nahe der Kutsche gelassen hatte. Er wandte sich eben nach ihr, als ihre Türe aufflog und Fräulein Cantire auf ihn zugestürzt kam. Ihr Gesicht war aschfahl, ihre Augen blickten wild vor Angst und ihre große schlanke Gestalt erbebte in Zuckungen, als sie sich wie wahnsinnig an die Aufschläge seines Rockes hing, als ob sie sich in seinen Falten verbergen wolle, und atemlos keuchte: »Was ist's? O! Herr Boyle, retten Sie mich!« »Es sind Wölfe,« sagte er eilig. »Aber Sie brauchen keine Angst davor zu haben. Sie waren vollständig in Sicherheit, wo Sie waren. Erlauben Sie, daß ich Sie zurückführe.« Aber sie blieb wie festgewurzelt stehen und hängte sich immer noch verzweifelt an seinen Rock. »Nein, nein!« sagte sie, »ich wage es nicht! Ich hörte diesen schrecklichen Schrei im Schlaf, und als ich hinausschaute, erblickte ich ein furchtbares Geschöpf, Augen und Zunge gelb, und ein widerlicher Hauch traf mich, als es gerade unter mir zwischen den Rädern durchglitt. Ach! Was ist das?« Und sie sank in nervösem Schreck wieder gegen ihn. Boyle legte mit einer gewissen kraftvollen Überlegenheit seinen Arm um sie, und sie schien sich unter seinem Schutz sicher zu fühlen und unterwarf sich ihm dankbar, indem sie noch ein Schluchzen unterdrückte. »Es ist keine Gefahr vorhanden,« wiederholte er zuversichtlich. »Wölfe sind kein angenehmer Anblick, ich weiß, aber sie hätten Sie nicht angefallen. Die Bestie spürt nur ein Aas auf der Ebene, und Sie haben ihr vielleicht mehr Schrecken eingejagt, als sie Ihnen. Lehnen Sie sich an mich,« fuhr er fort, als ihr Schritt schwankte, »in der Kutsche wird Ihnen gleich besser sein.« »Und Sie werden mich nicht wieder allein lassen?« sagte sie ängstlich. »Nein!« Er stützte sie bei dem Gang zur Kutsche mit ernster Freundlichkeit – Herr über sie und noch mehr über sich, wenn man bedenkt, daß ihr schönes aufgelöstes Haar sich ihm an Wange und Schulter legte, daß er dessen Duft einatmete, und daß ihr geschmeidiger herrlicher Körper dem seinen ganz nahe kam. Er half ihr wieder in die Kutsche, baute ihr mittels der Kissen und des Schals ein Ruhebett auf dem Rücksitz auf und nahm dann geduldig seinen alten Platz wieder ein. Allmählich sah man die Farbe in ihr Gesicht zurückkehren, soweit es nicht durch ihr Taschentuch verborgen war. Dann hob eine zaghafte Stimme unter dem Tuch hervor eine Entschuldigung zu stammeln an. »Ich schäme mich so, Herr Boyle, ich konnte wirklich nichts dafür! Aber es kam so plötzlich – und es war so schrecklich. Ich würde mich nicht gefürchtet haben, wenn es wirklich ein Indianer mit einem Skalpiermesser gewesen wäre, anstatt dieser Bestie! Ich weiß nicht, warum ich es tat, aber ich war allein, und glaubte tot zu sein und Sie wären auch tot, und die Wölfe kamen, um mich zu fressen! Das tun sie nämlich, wie Sie wissen, Sie haben es ja eben selbst gesagt! Vielleicht habe ich nur geträumt. Ich weiß nicht, was Sie von mir denken müssen – ich hatte keine Ahnung, daß ich solch ein Feigling bin!« Aber Boyle widersprach entrüstet. Gewiß: wenn er im Schlaf gelegen und vordem nichts von der Art der Wölfe gewußt hätte, wäre er ebenso in Schrecken versetzt worden. Sie müsse versuchen, wieder einzuschlafen, sie würde sicherlich dazu im stande sein, und er werde sich nicht von der Kutsche rühren, bis sie erwachte oder die Reiter kämen. Sie wurde augenblicklich ruhiger und nahm das Taschentuch von einem lächelnden, wenn auch noch bebenden Mündchen; dann kam der Umschlag, und ihre müden, erschöpften Nerven fanden endlich Ruhe. Boyle beobachtete, wie die Schatten um ihre langen Wimpern stärker wurden, bis sie sanft auf dem schwachen Rot lagen, das der Schlaf ihren Wangen einhauchte; ihre zarten Lippen öffneten sich, und schließlich atmete sie mit der Regelmäßigkeit des Schlummers. So schlief sie, und er, der ihr schweigend gegenüber saß, träumte – den alten Traum, der zu fast allen guten und wahren Menschen einmal im Leben kommt. Er regte sich kaum, bis die Dämmerung die öde Ebene mit opalem Licht übergoß und den Horizont wieder sichtbar machte, als er aus seinem Traum mit einem Seufzer und danach einem Lachen erwachte. Dann horchte er nach dem Klang fernher ertönenden Hufschlags und schlüpfte geräuschlos aus der Kutsche. Eine geschlossene Reiterabteilung jagte heran. Er erhob sich schnell, um ihr entgegenzugehen, und brachte sie durch ein Winken mit der Hand in einiger Entfernung von der Kutsche zum Halten. Als die Abteilung deployierte, sah er sich zwölf Mann regulärer Kavallerie und einem blutjungen Offizier gegenüber. »Falls Sie Fräulein Cantire suchen,« sagte er in ruhigem, geschäftsmäßigem Tone, »sie ist in voller Sicherheit in der Kutsche und schläft. Sie weiß noch nichts von den Vorgängen und glaubt, Sie seien es gewesen, die alles weggeschleppt haben, um es vor den Indianern zu retten. Sie hat eine recht böse Nacht hinter sich, wenn man ihre Ermüdung und ihren Schreck mit den Wölfen bedenkt, und ich hielt's für das Beste, ihr die Wahrheit so lang als möglich vorzuenthalten, und ich möchte Ihnen raten, sie ihr schonend beizubringen.« Dann erzählte er kurz die Geschichte ihrer Erlebnisse, wobei er nur sein persönliches Zusammentreffen mit dem Indianer überging. Ein neu erwachter Stolz, vielleicht das Ergebnis seiner Wache, schloß ihm den Mund. Der junge Offizier blickte ihn mit so viel Höflichkeit an, als man für einen Zivilisten übrig hat, der sich in die Ausführung einer militärischen Unternehmung mengt. »Ich bin gewiß, Major Cantire wird Ihnen höchst verbunden sein, wenn er davon erfährt,« sagte er höflich, »und da wir gedenken, die Kutsche unverzüglich anzuschirren und nach Station Sage Brush zu führen, werden Sie Gelegenheit haben, ihm selbst zu berichten.« »Ich werde nicht mit der Kutsche nach Sage Brush zurückkehren,« bemerkte Boyle ruhig. »Ich habe bereits zwölf Stunden Zeit – und ebenso mein Gepäck – auf diesem Ausflug verloren, und ich meine, es wäre nicht zu viel verlangt, wenn ich um eines Ihrer Pferde bis zur nächsten Station bitte, um die talwärtsfahrende Postkutsche zu erreichen. Ich kann's schaffen, wenn ich sofort losreite.« Boyle hörte, wie ein Intendanturbeamter, den er einmal in der Agentur getroffen hatte, dem Offizier seinen (Boyles) Namen nannte, wobei er seinen Vornamen in Dickerchen verketzerte und ihn als einen Trommler aus Chicago bezeichnete, was ein allgemeines Schmunzeln erregte. »Sollen Sie haben, mein Herr,« sagte der Offizier in einem familiären Ton, der merklich von dem bisherigen abstach. »Sie können das Pferd nehmen, denn ich glaube, die Indianer haben sich bereits an Ihren Mustern schadlos gehalten. Machen Sie ihn beritten, Sergeant!« Die beiden Männer schritten auf die Kutsche zu, Boyle blickte einen Augenblick durchs Fenster auf die Gestalt von Fräulein Cantire, die noch mitten in ihrem Haufen Kissen friedlich schlummerte, und wandte sich dann ruhig ab. Einen Augenblick später galoppierte er auf einem der Dienstpferde über die öde Fläche dahin. * Fräulein Cantire erwachte plötzlich beim Klang einer vertrauten Stimme und sah erstaunt bekannte Gesichter vor sich. Als ihr der Offizier dann erzählte, wie er die Indianer verfolgt und ihnen ihren Raub wieder abgejagt hatte, wobei er indes die Ermordung Fosters und des Postagenten vorsichtig verschwieg, verdüsterte sich ihr Gesicht und ihre hübsche Stirne zog sich kraus. »Aber Herr Boyle sagte mir davon nichts,« sagte sie, indem sie sich aufrichtete. »Wo ist er?« »Bereits auf dem Rücken eines unsrer Pferde unterwegs zur nächsten Station. Wünschte die talwärts fahrende Post einzuholen und sich vermutlich eine neue Musterkiste zu verschaffen, da die braven Leute sich mit seinen Tressen und Bändern ausstaffiert haben. Sagte, er habe genug Zeit bei diesem Ausflug eingebüßt,« erwiderte der junge Offizier lachend, »Ein kecker Musterreiter. Hoffentlich hat er Sie nicht belästigt?« Fräulein Cantire fühlte ihre Wangen erröten und biß sich auf die Lippen. »Ich habe ihn sehr gütig und fürsorglich gefunden, Herr Ashford,« sagte sie kalt, »Er war möglicherweise der Ansicht, die Schutzwache hätte etwas früher zu der Kutsche stoßen und mir all dies ersparen können; aber er war viel zu wohl erzogen, um irgend etwas darüber gegen mich zu bemerken,« fügte sie trocken mit einem leichten Rümpfen ihrer Adlernase hinzu. Gleichwohl kränkten Boyles letzte Worte sie tief. Nur so auf und davon zu gehen, ohne ihr Lebewohl zu sagen oder auch nur zu fragen, wie sie geschlafen habe! Daß er Zeit eingebüßt hatte, war ja nicht zu leugnen, vielleicht war er auch ihrer Gesellschaft überdrüssig und dachte mehr an seine kostbaren Muster als an sie! Sah ihm ganz ähnlich, Hals über Kopf hinter einer Bestellung herzurennen! Sie war halb und halb geneigt, den jungen Offizier zurückzurufen und ihm zu erzählen, wie Boyle ihr Kostüm auf der Straße kritisiert hatte. Aber Ashford war zur Zeit mit seinen Leuten vollauf um einen bebuschten Felsenvorsprung beschäftigt, der indes noch in Hörweite lag. »Ich könnte beschwören, daß hier kein toter Indianer war, als wir gestern herkamen! Wir haben den ganzen Ort, noch dazu bei Tageslicht, nach einer Spur abgesucht. Der Indianer muß von irgendwem in der vergangenen Nacht erschlagen worden sein.« »Herr Leutnant, das hat kein andrer getan als Dick Boyle. Es sieht ihm ganz ähnlich, daß er der jungen Dame nichts davon gesagt hat, um sie nicht zu erschrecken. Das ist einer, der weiß, wann er seinen Mund zu halten – und wann er ihn aufzutun hat.« Fräulein Cantire sank in ihre Ecke zurück, als der Offizier sich umwandte und auf die Kutsche zuschritt. Der Vorgang in der vergangenen Nacht hellte sich vor ihr auf: Herrn Boyles lange Abwesenheit, sein gerötetes Gesicht, sein verschobenes Halstuch, seine erzwungene Fröhlichkeit. Sie war beschämt, erstaunt, verwirrt und zugleich von Bewunderung erfüllt! Und dieser Held hatte ihr gegenübergesessen und den ganzen Rest der Nacht hindurch geschwiegen! »Sagte Herr Boyle etwas von dem Angriff eines Indianers in der vergangenen Nacht?« sagte Ashford. »Haben Sie etwas gehört?« »Nur die Wölfe hörte ich heulen,« sagte Fräulein Cantire. »Herr Boyle war zweimal weg.« Sie war seltsam verschlossen, durch diese Nachahmung seines Verhaltens ihrem abwesenden Helden das höchste Lob zollend. »Dort im Gebüsch liegt der Leichnam eines erschlagenen Indianers,« hob Ashford an. »O bitte, sagen Sie nichts mehr, Herr Ashford,« unterbrach ihn die junge Dame, »sondern lassen Sie uns sogleich diesen schrecklichen Ort verlassen. Lassen Sie die Pferde anspannen! Ich kann es nicht aushalten.« Doch die Pferde waren schon angeschirrt und nach Postillonsart von den Reitern bestiegen. Der Wagen war zum Abfahren bereit, als Fräulein Cantire plötzlich »Halt!« rief. Ashford ritt an den Kutschenschlag und sah, wie die junge Dame auf Händen und Füßen den Boden der Kutsche absuchte. »O Gott! Ich habe etwas verloren. Es muß mir entfallen sein, als ich eine Weile zu Fuß ging,« sagte sie atemlos, mit hochroten Wangen. »Sie müssen unbedingt warten und mir gestatten, daß ich zurückgehe und danach suche. Ich werde nicht lange brauchen. Sie wissen ja, daß wir ›keine Eile‹ haben.« Ashford staunte, als Fräulein Cantire wie ein Schulmädchen aus der Kutsche hüpfte und den Pfad hinablief, auf dem sie und Boyle sich vergangene Nacht der Kutsche genähert hatten. Sie war noch nicht weit gegangen, als sie zu den verwelkten Blumen kam, die er auf ihren Befehl weggeworfen hatte. »Hier herum muß es sein,« murmelte sie. Plötzlich stieß sie einen Freudeschrei aus und hob die Geschäftskarte auf, die Boyle ihr gezeigt hatte. Dann blickte sie verstohlen um sich, wählte unter den weggeworfenen Blumen einen Myrtenzweig aus, verbarg ihn in ihrem Mantel und lief erglühend zu der Kutsche zurück. »Danke! Ich hab's gefunden,« rief sie Ashford mit einem verwirrten Lächeln zu und sprang in den Wagen. Die Kutsche fuhr ab und Fräulein Cantire holte, als sie sich unbeobachtet wußte, die Myrte aus ihrem Mantel, wickelte sie sorgsam in ihr Taschentuch und legte sie in ihren Strickbeutel. Dann holte sie die Karte hervor, las ihren trocken-praktischen Inhalt immer wieder durch, untersuchte die beschmutzten Ecken, reinigte sie sorgfältig und hielt sie eine Weile, ins Leere starrend, regungslos in der Hand, um sie dann langsam zu ihren Lippen zu heben. Hierauf rollte sie sie spiralförmig zusammen, öffnete Haken und Öse ihres Kleides und steckte sie sachte in ihren Busen. Und Dick Boyle, der nach der fernen Poststation galoppierte, wußte nicht, daß der erste Schritt zu einer Verwirklichung seines tollen Traums getan war! Ende.