Friedrich Christian Laukhard Magister F. Ch. Laukhards Leben und Schicksale – Band II Von ihm selbst beschrieben Deutsche und französische Kultur- und Sittenbilder aus dem 18. Jahrhundert 1908 Erstes Kapitel Ausmarsch in den französischen Feldzug 1792. – Der Abschied von Halle. – Koblenz. – Wozu es gut ist, wenn man Latein kann. – Schlechte Meinung der Koblenzer von den Preußen. – Güte des Herzogs Friedrich von Braunschweig gegen mich. – Das Manifest des Herzogs Ferdinand von Braunschweig. – Die Herren Emigranten. – Anmaßung der Franzosen. – Verschwendung. – Unsittlichkeit. – Spione. – Ausweisung der Emigranten aus Koblenz. Ich schloß den ersten Teil meiner Lebensbeschreibung mit der Nachricht, daß ich bestimmt wäre, mit dem Thaddenschen Regiment und mit den übrigen preußischen Truppen den berühmten und berüchtigten Feldzug gegen die Neufranken mitzumachen; was ich nun seit jener Zeit, oder seit dem Frühling 1792 bis auf meine Zurückkunft nach Halle im Herbst 1795, Merkwürdiges mitgemacht und erfahren habe, soll den Inhalt der Fortsetzung meiner Lebensgeschichte ausmachen. Es war wirklich schade, daß ich auf dem endlich im Ernst angetretenen Wege zu einer regelmäßigeren und konsequenteren Lebensart durch den Feldzug aufgehalten und allen Verführungen zu einem wüsten Leben, das mit Feldzügen allemal verknüpft ist, wieder preisgegeben wurde. So wollte es aber das Schicksal. Niemand ist dem Eigenlob mehr feind als ich; ich fühle zu sehr meine eigene Unwürdigkeit und weiß, wie viel ich von der Achtung anderer durch meine ehemalige Lebensart habe verlieren müssen. Ja, ich sehe das Bestreben, diese Achtung mir wieder ganz zu erwerben, beinahe als einen Versuch an, das Unmögliche möglich zu machen. Mein Individuum ist indes immer das Geringste, was dieses Werk dem Publikum interessant machen soll. Ich war Zuschauer und Mitakteur, obgleich einer der geringsten, wenngleich nicht gerade einer der kurzsichtigsten, auf einem Theater, worauf eine der merkwürdigsten Tragikomödien unseres Jahrhunderts aufgeführt worden ist. Freilich haben andere da auch mit zugesehen, aber da jeder seine eigene Art, zu sehen und zu bemerken, hat, so will ich das, was ich gesehen und wie ich es gesehen habe, nun hererzählen. Mein Abschied aus Halle hat mir sehr wehe getan. Ich trennte mich zwar nicht, wie die meisten Soldaten, von einer Frau, oder, was noch weher tun soll, von einem Mädchen, aber ich verließ Freunde, welche es wahrlich gut mit mir meinten und die ihre Freundschaft mir so oft und so tätig bewiesen hatten. Ich hatte mich mit allem Nötigen, insofern ein Tornister es fassen kann, hinlänglich versehen, und durch die Bemühungen des wackeren Bispink war meine Börse in gutem Stande. Den letzten Abend, es war den 13. Junius 1792, brachte ich in Gesellschaft einiger anderen Bekannten noch recht vergnügt bei Herrn Bispink zu. Ueber die Kirschsuppe, die mir damals als mein Leibessen Madame Bispink vorsetzte, haben hernach unsere königlichen Prinzen, denen ich davon erzählte, mehrmals mit mir gespaßt. Morgens, den 14. Junius, zog unser Regiment von Halle aus; es schwebten allerlei Empfindungen auf den Gesichtern der Soldaten, die wenigsten zogen freudig davon, doch ließen nur wenige Tränen erblicken; und die, welche ja nasse Augen sehen ließen, wurden von ihren Nachbarn bestraft, die es für unanständig halten wollten, daß der Soldat weine. Wir kamen den 9. Juli 1793 in Koblenz an, und hier hörte die Art von Subsistenz auf, welche wir bis dahin genossen hatten; denn bis hierhin waren wir von Bürger und Bauer ernährt worden und hatten kein Kommißbrot erhalten, jetzt aber erhielten wir dieses und mußten für unsere Subsistenz von nun an selbst sorgen. Ich und noch drei Mann wurden in ein Haus einquartiert, worin weder Tisch, noch Stuhl, noch Bank zu sehen war; der Hausherr war gestorben, und dessen Erben wohnten weit von Koblenz. Es war also unmöglich, dazubleiben. Ich lief zum Hauptmann, und dieser wirkte uns einen Zettel aus, nach welchem wir in ein Benediktinernonnenkloster verlegt wurden. Hier war es nun ganz erträglich, und nachdem ich mir durch mein bissel Latein die Gunst des Klosterökonomen erworben hatte, reichte er mir vom echten Moselwein mehr, als ich verlangte, wenn er ihn gleich den übrigen sehr sparsam mitteilte. » Pecus hauriat undam,« sagte er, »sed doctus vinum.« Oder: »Vinum da docto, laïco de flumine cocto« – ganz nach der Kirchenökonomie der katholischen Geistlichkeit, bei welcher pecus und laicus dem doctus und clericus gegenüberstehet. Da unsere Leute nicht so viel Geld hatten, wie die französischen Emigranten, so konnten sie nicht so viel verschleudern als diese, und wir waren daher bei den eigennützigen Koblenzern gar niedrig angeschrieben; die Leute sagten uns unverhohlen, wir wären schroffe, garstige Preußen und hätten die französische Eleganz ganz und gar nicht. Ein Kaufmann, in dessen Laden ich mich über die schlechte Beschaffenheit seines Tabaks beschwerte, sagte mir gerade heraus, die Emigranten rauchten beinahe gar nicht, sonst würden die Koblenzer für guten Tabak gewiß gesorgt haben; dieser da sei für die deutschen Völker vollkommen gut. Die hätten ohnehin nicht viel wegzuwerfen und könnten den teuren Tabak nicht bezahlen. Ich hatte mich über diese und andere Impertinenzen der Koblenzer eines Tages sehr geärgert, als ich bei meiner Nachhausekunft alle Ursache fand, meine muntere Laune zurückzurufen. Der Herzog Friedrich von Braunschweig, jetzt regierender Fürst zu Oels, hatte für gut gefunden, mir auf einen lateinischen Brief gleichfalls lateinisch zu antworten. Diesen Brief fand ich in meinem Quartier, und war über die edlen Gesinnungen des Fürsten beinahe außer mir. Der Herzog versicherte mich nebenher, daß man mir den ganzen Feldzug hindurch auf seine Veranstaltung doppelte Löhnung reichen würde, und diese habe ich auch bis zu meinem Uebergang nach Frankreich im Herbst 1793 richtig bezogen. Hier ließ nun auch der Herzog Ferdinand von Braunschweig, als Generalissimus der vereinigten Armeen, jenes Manifest an die Bewohner Frankreichs ausgehen, welches so viel Lärmen weit und breit erregt, den Politikern so reichen und mannigfachen Stoff zu Räsonnieren und Deräsonnieren geliefert hat, und eine der Hauptursachen geworden ist an dem Verfall des Königtums in Frankreich, an dem Unglück der preußischen Armee und an dem Tode des unglücklichen Louis Capet und seiner Familie. Das Manifest, das ankündigte, daß der Kaiser von Oesterreich und der König von Preußen die Absicht hegten, der Anarchie in Frankreich ein Ende zu machen, die gegen Thron und Altar gerichteten Angriffe zu hemmen, die gesetzliche Gewalt wieder zu errichten, dem König seine Freiheit und Sicherheit, deren man ihn beraubt habe, wiederzugeben und seine rechtmäßige Herrschaft wiederherzustellen, enthielt folgende Stellen: »Die Einwohner der Städte, Flecken und Stellen, die es wagen, sich gegen die Truppen Ihrer Kaiserlichen und Königlichen Majestät zu verteidigen und auf dieselben zu schießen, sollen auf der Stelle nach der Strenge des Kriegsrechts bestraft und ihre Häuser eingerissen und verbrannt werden.« »Ihre Kaiserl. und Königl. Majestäten machen alle Beamten bei ihrem Kopfe nach Kriegsrecht und ohne Hoffnung auf Pardon für alle Ereignisse verantwortlich. Ferner erklären sie auf Ihr kaiserliches und königliches Wort, daß, wenn das Schloß der Tuilerien angegriffen wird oder Ihren Majestäten von Frankreich die kleinste Unbill widerfährt, oder nicht auf der Stelle für ihre Freiheit und Sicherheit gesorgt wird, sie eine exemplarische, auf ewige Zeiten unvergeßliche Rache nehmen ... werden.« Das Volk von Paris empfand den Inhalt und mehr noch den Ton des Manifestes als blutige Beleidigung. Am 10. August erstürmte es die Tuilerien und warf den Thron der alten Bourbonen-Dynastie in den Staub. P. – Ich enthalte mich aller Anmerkungen über diese Schrift, denn ich bin kein Politiker, kein Aristokrat, kein Demokrat. Aber selbst in unserem Heere wurden viele Bedenken dagegen ausgesprochen; manche fanden den Ton darin zu derbe und die Aeußerungen des Verfassers zu voreilig. Uebrigens ist noch nicht ausgemacht, wer der eigentliche Verfasser davon sei. Der Ton und die Denkungsart Calonnes ist mehr als zu sichtbar darin. Was für Meinungen über die Entstehung und die Absicht dieser berüchtigten Schrift zu meiner Zeit in Frankreich kursierten, werde ich an Ort und Stelle anbringen. Der Gang der Zeit wird noch mehr darüber aufhellen. Bis dahin bleibt es auf Rechnung des Herzogs von Braunschweig. Ein Fürst von so viel Einsicht und Ruhm hätte niemals einwilligen können, daß etwas unter seinem Namen vor aller Welt diplomatisch kursiere, das er nicht von Wort zu Wort geprüft und gebilligt hätte. In Koblenz bin ich mit einer großen Menge von den ausgewanderten Franzosen so genau bekannt geworden, daß ich mich nicht enthalten kann, ihnen einen längeren Abschnitt zu widmen: dieses schändliche und schreckliche Ungeziefer kann noch immer nicht genug an den Pranger gestellt werden. Diejenigen Deutschen, welche diesen Auswurf der Menschheit zur Zeit ihres sardanapalischen Hochlebens nicht gesehen haben, können sich ihre damalige Impertinenz leicht vorstellen, wenn sie nur als Impertinenz die betrachten, mit der ein Ludwig XVIII. samt Konsorten durch wiederholte unsinnige Manifeste und Proklamationen dem gesunden Menschenverstande jetzt noch immer Trotz bieten, auch nachdem alle Hoffnung für sie verschwunden und sie selbst aufs äußerste gedemütigt und verächtlich geworden sind. Noch jetzt sind diese ci-devant abgeschmackten Großsprecher voll Dünkel und dummer Rachsucht. Wie tief muß diesen elenden Hofinsekten der alte diplomatische Hofschlamm ankleben, und wie verpestet muß die Luft ehedem um sie gewesen sein, da sie es jetzt noch immer ist! Die härtesten Schlage des Schicksals haben ihre adligen Halbseelen noch immer nicht zur Besinnung bringen können, und so wandern sie wie verdammte Scheusale zur exemplarischen Belehrung für alle die, welche, auf Vorrechte des Standes gestützt, die Rechte der Menschheit ihrer usurpierten Konvenienz aufopfern, und alles wie Sklaven behandeln möchten, was nicht zum Hof, zum Adel oder zur Söldnerei gehört. Vielleicht meinen einige meiner Leser, daß man doch nun der Emigranten schonen müsse, da sie, von der ganzen Welt verlassen, die Strafe ihrer rachsüchtigen oder leichtgläubigen Entweichung aus ihrem Vaterlande nur gar zu sehr fühlen: allein, so wahr und ehrwürdig das alles für jeden Unglücklichen im allgemeinen ist, ja auch für manchen Emigrierten im besonderen, so wahr ist es auch, daß die Häupter der Emigrierten und deren erster tätiger Anhang durchaus es nicht verdienen, unter dieser menschenfreundlichen Bemerkung mitbegriffen zu werden. Unser General hatte uns zwar verbieten lassen, mit den Emigranten zu sprechen oder uns sonst mit ihnen einzulassen; er glaubte nämlich, diese gesetzlosen Herren möchten durch ihr Geld unsere Leute zur Desertion auffordern und sie unter ihr Korps verleiten, welches einige damals schon die französische Spitzbubenarmee nannten. Das hatten die Herren auch schon getan, und manchen, sogar von den trierischen Soldaten, zu sich herangekirrt. Ich ging aber doch schon den ersten Tag in ein Weinhaus, wo Franzosen ihr Wesen trieben, und ließ mich in ein Gespräch mit ihnen ein. Aber abgeschmacktere Großsprecher habe ich mein Tage nicht gefunden, und ich kann es noch immer nicht spitz kriegen, wie irgendein Deutscher für solche Franzosen einige Achtung hat haben können! Diese elenden Menschen verachteten uns Deutsche mit unserer Sprache und unseren Sitten ärger, als irgendein Türk die Christen verachtet. Im Wirtshaus machte die Haustochter beim Aufwarten ein Versehen; und – sacrée garce d'allemande (verfluchter deutscher Nickel), chienne d'allemande, bête d'allemande, con garce d'allemande waren die Ehrentitel, die diese sacrés bougres d'émigrés uns Deutschen anhängten. Unsere Sprache verstanden sie nicht und mochten sie auch nicht lernen: sie nannten sie jargon de cheval, de cochons – Pferde- und Schweinesprache! Ich sagte einmal bei Gelegenheit einer schönen Tabaksdose, daß ich nicht Geschmack genug hätte, um von dem darauf gemalten Porträt zu urteilen. » Que dites-vous, monsieur! « erwiderte ein Emigrant; » c'est assez que de savoir le français, pour avoir le goût juste: un homme sait notre langue ne peut jamais manquer d'esprit .« Das war doch ein sehr anmaßliches Kompliment! Die Emigranten hatten damals Geld noch vollauf, und folglich die Mittel, sich alles zu verschaffen, was sie gelüstete. Aber sie haben's auch toll genug verschleudert! Die kostbarsten Speisen und der edelste Wein, der bei ihren Bacchanalen den Fußboden herabfloß, waren für sie nicht kostbar und edel genug. Für einen welschen Hahn zahlten sie fünf große Taler ohne Bedenken. Mancher Küchenzettel, nicht eben eines Prinzen oder Grafen, sondern manches simpeln Edelmanns, kostete oft vier, fünf und mehr Karolins. Ein Karolin war zirka 6 ½ Taler. P . Die Leute schienen es ganz darauf anzulegen, brav Geld zu zersplittern; sie zahlten gerade hin, was man verlangte. Ich sagte einmal zu einem, daß er etwas zu teuer bezahlte. » Le Français ne rabat pas ,« (der Franzose handelt nicht ab), erwiderte er und gab sein Geld. Die Emigranten waren alle lustige Brüder und Windbeutel von der ersten Klasse. Den ganzen Tag schäkerten sie auf der Straße herum, sangen, hüpften und tanzten, daß es eine Lust war anzusehen. Sie gingen alle prächtig gekleidet und trugen schreckliche Säbel. Die Säbel wurden größtenteils in Koblenz verfertigt, und so hatten die dasigen Schwertfeger Arbeit und Verdienst genug. Unter den Emigrierten gab es jedoch einige, welche sich mit ihrem Emigrieren übereilt hatten und gerne zurück gewesen wären, wenn es ohne Gefahr und mit Ehren hätte geschehen können. Dahin gehörte in Koblenz besonders der ehemalige französische Gesandte, Graf von Vergennes, welcher die heimlichen Anstalten zu seiner Rückkehr nach Frankreich endlich bloß darum aufgab, weil man ihm seine Privilegien weigerte. Ich habe den Bedienten dieses Grafen oft gesprochen und einen Mann an ihm gefunden, welcher von den neufränkischen Angelegenheiten weit richtiger urteilte, als alle Häupter und Unterstützer der Emigrierten. Unter anderen vernünftigen Aeußerungen dieses Mannes war auch die, daß nicht alle Ausgewanderten willig und frei ihr Vaterland verlassen hätten. »Stellen Sie sich,« sagte er, »an die Stelle des Edelmanns oder des Geistlichen, und fragen Sie sich selbst, was Sie unter ähnlichen Umständen hätten tun können oder wollen? Die Prinzen, ein Condé, ein Artois, ein Monsieur fordern den Adel auf, auszuwandern, um die armée contrerévolutionaire formieren zu helfen. Sie sprechen von einem Einverständnis des Hofes mit den Hauptmächten Europas, und schildern die Wiederherstellung der alten Verfassung durch deren Hilfe für gewiß. Sie erklären alle, welche sich weigern, hieran teilzunehmen, als infam, als Verräter an dem Throne und bedrohen sie mit den schrecklichsten Strafen. Was soll der Adlige nun tun, zumal der im Dienste des Hofes? Bleibt er zurück und gelingt das, was ihm als so leicht ausführbar geschildert wird, so wird er ein Opfer der Rache, wird als ein Feind des Monarchen entweder gefänglich eingezogen, seines Standes, seines Postens und seiner Güter fiskalisch beraubt oder über die Grenze gejagt; und er, wie seine Familie, ist beschimpft, arm und dem Schicksal preisgegeben. Dies Verhältnis hat wirklich sehr viele Adlige angetrieben, ihr Vaterland zu verlassen, und zwar solche, welche sonst immer bereit gewesen wären, zu bleiben und auf die Vorrechte ihrer Geburt Verzicht zu tun. – Mit den Geistlichen hatte es eben diese Bewandtnis. Ein Geistlicher, der im Lande bleiben wollte, mußte der Nation den Eid der Treue ablegen. Aber schon dieser Eid machte, daß er von den rechtgläubigen Katholiken, deren es anfänglich noch immer sehr viele gab, als ein widerrechtlicher unregelmäßiger Priester angesehen wurde, dessen geistliche Verrichtungen man als gotteslästerliche Handlungen betrachtet, und sie selbst als Gottesschänder gemieden und, je nachdem unser Staatslos gefallen wäre, exemplarisch bestraft hätte.« So dieser sachkundige Mann. Daß die französischen Adligen schon lange die Blutegel gewesen waren, welche ihren Landsleuten das Blut aussaugten und eine ihren Regenten, auch dem allerschwächsten, wie einem Louis XV., so getreue und bis zum Enthusiasmus ergebene Nation endlich in Harnisch jagten, und folglich die Revolution gewaltsam herbeizogen – ist klar am Tage und bedarf keines Beweises. Nun rannten diese elenden Menschen aus ihrem Lande und posaunten in der ganzen Welt herum aus: Frankreichs Verfassung sei zugrunde gerichtet, in Frankreich herrsche Anarchie, und wenn nicht alle Monarchen hälfen, hier Einhalt tun, so stände ihnen das nämliche bevor. Dadurch nun, daß die Emigranten die allerlügenhaftesten Vorstellungen von der Lage ihres Vaterlandes verbreiteten, sind sie eigentlich die rechten Stifter, die rechte fax und tuba des fürchterlichen Krieges und aller seiner greuelvollen Folgen geworden. Man hat ihnen, leider, auf die unverantwortlichste Art geglaubt. Von dem greulichen Sittenverderben, welches die Emigrierten in Deutschland gestiftet haben, bin ich auch Zeuge geworden. »Hier in Koblenz,« sagte ein ehrlicher alter Trierscher Unteroffizier, »gibt's vom zwölften Jahr an keine Jungfer mehr; die verfluchten Franzosen haben hier weit und breit alles so zusammengekirrt, daß es Sünde und Schande ist.« Das befand sich auch in der Tat so: alle Mädchen und alle noch etwas brauchbaren Weiber, selbst viele alte Betschwestern nicht ausgenommen, waren vor lauter Liebelei unausstehlich. Gerade gegen dem Kloster über, wo ich im Quartier lag, war ein Weinhaus, dessen drei Töchter die Franzosen haufenweise an sich zogen. Ich ging eines Tages mit einem Emigranten auch hinein; da saßen die drei Hausnymphen den Franzosen auf dem Schoß und hörten ihren unsauberen Reden mit dem größten Vergnügen zu. Bald hernach fanden sich noch mehr Dirnen ein, und es ging da wenigstens so arg her, als in der »Talgfabrike« oder »Tranpulle« in Berlin wohl nimmer: man ging ab mit den Menschern und kam mit ihnen zurück, mir nichts, dir nichts. – Mein Begleiter, der ohne Zweifel glaubte, daß ich kein Geld hätte, um eine Buhldirne für ihr Verdienst zu begnügen, erbot sich, dreißig Sous für mich zu bezahlen; denn mehr, meinte er, würde eine solche Mamsell von einem pauvren Prüssien doch nicht verlangen. Der Ausdruck » pauvre Prussien « würde mich im Munde eines Emigrierten sehr geärgert haben, aber wegen seiner Gutmütigkeit lachte ich darüber und nahm das Anerbieten nicht an. Die Mädchen in Koblenz reichten nicht hin für die Emigranten und für die daselbst hernach häufig durchziehenden deutschen Völker: es kam daher von weit und breit viel Gesindel zusammen und teilte mit den Koblenzerinnen ihre verdienstliche Arbeit. Anfänglich gingen die lockeren Tierchen schlecht gekleidet, warfen sich aber, durch die Freigebigkeit der Franzosen, bald ins Zeug, und erhöhten hernach auch, wie billig, den Preis ihrer Reize, welche zwar an innerer Konsistenz durch den starken Gebrauch sehr verloren hatten, doch aber immer mit besseren Lappen ausstaffiert wurden. So wie in Koblenz hatten die Emigrierten es an allen Orten gemacht, wohin sie nur gekommen waren. Der ganze Rheinstrom von Basel bis Köln ist von diesem Auswurf des Menschengeschlechts vergiftet und verpestet, und die Spuren der greulichen Zerrüttung in den Sitten werden in jenen unglücklichen Gegenden noch lange erschrecken. Die infame Krankheit, welche man schon in den Rheingegenden »Emigrantengalanterie« nennt, ist allgemein und allen Ständen mitgeteilt. Hätte auch jeder ausgewanderte Franzose ganze Kasten voll Gold mit nach Deutschland gebracht, so wäre das doch lange kein Ersatz für das Elend, worin sie unsere deutschen Weiber und Mädchen, und durch diese einen so großen Teil unserer lüsternen Jugend gestürzt haben. Man gehe nur an den Rhein und frage, und man wird über die Antwort erstaunen und erschrecken. Schon allein in Koblenz fand man über siebenhundert infizierte Weibspersonen, als man ihnen nachher unentgeltliche Heilung anbot.   Obgleich die Emigranten alle schrecklich bramarbasierten und ganz impertinent enthusiastisch für ihren König, ihren Adel und ihre Pfafferei sprachen, so merkte man doch bald, daß manche gute »Patrioten« unter ihnen herumschlichen. Wie konnte dies auch anders sein! Es war ja so leicht, die Gänge der Emigranten auszuspähen und die Nationalversammlung darüber zu belehren. Dieser Gedanke mußte schon den einen und den andern von den Patrioten anreizen, sich unter die wahren Emigranten zu mischen, und durch Ausspähung ihrer donquichottischen Anstalten dem Vaterland zu nützen. Als der Herzog von Braunschweig inne ward, was er leicht voraus hätte sehen können, daß sich unter den Aristokraten Patrioten aufhielten, befahl er, niemanden in Koblenz ein- oder auszulassen, ohne einen Paß, entweder vom französischen Kommandeur oder vom preußischen General Courbière. Allein dieses half wenig: denn Pässe waren bald nachgemacht. Man griff daher zu anderen Mitteln und ließ alle zu Koblenz befindlichen Emigranten namentlich aufschreiben. Ich habe dieses Geschäft einige Male mitverrichtet. Die Emigranten gaben zwar, weil es einmal so sein mußte, ihre und ihrer Weiber und Töchter Namen an; allein sie wurden über dieses Aufschreiben als etwas, das sie erniedrige, sehr erbost. Das Aufzeichnen der Namen war auch fruchtlos, also befahl der Herzog, daß sich alle Emigranten, ihre Kranken allein ausgenommen, sofort aus Koblenz und allen Orten, wo Preußen wären, wegbegeben sollten. Einen ähnlichen Befehl gab auch der Kurfürst von Trier, aber der Befehl von diesem hätte ohne den des Herzogs wenig gefruchtet. Der ernstliche Befehl des Herzogs machte gleichfalls viel Bewegung unter den Emigranten; aber vergebens. Selbst die Herren Koblenzer wollten es höchst unbillig finden, daß man so viel brave, um das Trierland (durch ihre Verschwendung) so wohlverdiente Leute fortjagen wollte. Die Emigranten schwuren hoch und teuer, daß es höchst schimpflich sei, von den Preußen vertrieben zu werden, aber jetzt müsse man sich in die Zeit schicken. Nach langem Zaudern also – denn der Befehl des Herzogs wurde nicht stracks befolgt – zogen die Emigranten endlich aus Koblenz. Es waren ihrer mehrere tausend. Der Abzug geschah des Nachts, weil sie sich schämten, am hellen Tage eine Stadt zu verlassen, wo sie so lange den Meister gespielt halten. Ihnen folgte vieles Lumpengesindel, besonders weiblichen Geschlechtes, nach. Sie nahmen ihren Weg nach Neuwied, Limburg, Bingen oder sonst wohin. Man hätte denken sollen, die Koblenzer würden nach dem Abzuge der Franzosen höflicher gegen uns geworden sein; aber sie blieben grob, ja sie wurden noch gröber, denn sie sahen uns als die Ursache der Entfernung von Leuten an, die zwar ihre Weiber und Töchter mit der venerischen Krankheit nach allen Graden angesteckt, aber zur Schadloshaltung doch brav Geld in die Stadt und in die umliegende Gegend geschleppt hatten. Zweites Kapitel Eine Koblenzer Frau Potiphar. – Unverschämtheit der französischen Prinzen. – Unser Marketenderjude und seine Frau. – Abmarsch nach der Grenze. – Das Lager bei Trier. – Erste Ursachen der Ruhrseuche. – Die Emigrantenarmee. – Verfahren des französischen Generals Moncey gegen Spione. – Einmarsch in Frankreich. – Regen! – Rauben und Plündern. – Gemeine Vernichtungswut. – Warum ich mir auch ein Schaf nahm. – Marodierende Weiber. – Der Profos. – Früchte der »verteutschten« Deutschheit. Ich persönlich befand mich in Koblenz ganz gut. und da ich meinem Hauptmann und anderen Offizieren als Dolmetscher diente, sobald man mit Franzosen zu tun hatte, so war ich von allen Diensten frei und konnte meine Zeit nach Wohlgefallen anwenden. Meistens sah ich bei Emigranten im Weinhaus, oder bei einem gewissen preußischen Feldjäger, der ein ganz heller Kopf und braver Mann war. Eines Tages erlebte ich in Koblenz eine unerwartete Schnurre. Ich kam früh aus meinem Quartier und wollte aus einem Laden an der Moselbrücke Tabak holen. Eine Frau von wenigstens vierzig Jahren lag am Fenster und rief mir zu: Wohin, Mosjeh? Ich: Tabak holen, Madam! Sie: Ei, und das so eilig? Ich: Allerdings, ich habe kein Korn mehr. Sie: Kommen Sie doch ein wenig herein! Ich tat's, um zu sehen, was Madam wollte, und da ging unser Gespräch in folgender Gestalt fort: Sie: Haben Sie denn keinen Schatz zu Koblenz? Ich: Bewahre mich der Himmel vor den Koblenzer Schätzen; die Menscher sind ja alle venerisch! Sie: Das ist auch wahr; aber es gibt doch noch welche, die nicht so sind. Das können Sie mir glauben. Ich: Jawohl; aber wer noch nicht ganz und gar des Teufels ist, hängt sich nicht an einen Soldaten. Sie: Warum denn nicht? – Ich selbst bin keine Feindin von den Herren Preußen. Ich stutzte, schaute der Dame ins Gesicht und bemerkte, daß sie beinahe keine Zähne mehr hatte, folglich physisch ebenso häßlich war, wie moralisch. Ich griff also nach der Tür und wollte fort, erhielt aber nicht eher die Erlaubnis dazu, als bis ich ihr versprochen hatte, noch denselben Tag zu ihr zurückzukommen. Ich hielt indes mein Wort nicht, erzählte aber den Vorfall einem Burschen von unserer Kompanie, der gleich nachher hinging, sie aufzusuchen, um die Stelle bei ihr einzunehmen, die sie mir zugedacht hatte. Der Bursche hat sich, wie er mir eingestand, recht gut dabei befunden. – So arg war die Delikatesse der Koblenzer Damen abgestumpft! Ueberhaupt war es sehr leicht, bei den dortigen Damen und Mamsellen anzukommen; durch die Zügellosigkeit der Emigranten selbst zügellos geworden, trieben sie ihre Frechheit und Unverschämtheit ins Wilde. Eine Kaufmannstochter – ich meine das pockige Mädchen neben dem Barbarakloster – sagte ganz öffentlich, daß sie ihre Jungfernschaft für 6 Karolins oder 39 Taler an einen Franzosen verkauft hätte: andere gestanden ebenso frei heraus, daß sie so und so viele Liebhaber unter den Franzosen zugleich gehabt hätten. – Nein, so verdorben waren die deutschen Mädchen sonst nie! – Doch genug davon.   Nach ungefähr zwölf Tagen rückten wir in ein Lager, eine Stunde von Koblenz, wo der König seine Armee musterte. Bei dieser Musterung äußerten die groben französischen Prinzen, daß diese Parade für Deutsche schon ganz gut sei. – Ich wundere mich, daß der Herzog von Braunschweig, gegen welchen der Graf von Provence so gesprochen, diesem Patron nicht auf der Stelle eine derbe Rückantwort gegeben hat; aber er strafte ihn nur mit Verachtung. Man sieht indes, wie hoch diese Leute sich und ihre Horde taxierten! Und doch waren eben sie es mit, um derenwillen wir uns zur Schlachtbank anschickten. Ueber den geringen Aufwand, den der Herzog machte, räsonnierten die Emigranten auch nicht wenig. Sie meinten, er müsse ein sehr armer Teufel von Fürst sein, daß er nicht mehr aufgehen ließe. Aber so urteilten Menschen, denen weise Sparsamkeit ganz fremd war, und die ihr Lob und ihre Größe in der unsinnigsten Verschwendung suchten.   Der Marketender unseres Bataillons war ein Jude, der aber gar nicht anstand, am Schabbes Geld einzunehmen, Speck zu verhandeln, und was der Siebensachen mehr sind, die das Mosaische Gesetz den Juden untersagt. Dieser Jude aus Neuwied hat uns jämmerlich geprellt; ich sagte dem Schuft einmal so meine Meinung, daß er das Bier für 12 Kreuzer verkaufte, und gab ihm die Titel, welche er verdiente. Da lief er hin zum Herrn von Mandelsloh, meinem Hauptmann, fand aber kein Gehör, weil dieser brave Mann recht wohl wußte, daß der Jude ein abgefeimter Schuft war. Also überlief er gar den Obristen von Hunt, welcher mir denn befehlen ließ, den schuftigen Juden ferner nicht mehr Schuft zu heißen. Aber wie konnte ich wider die Wahrheit?   Unser Weg von Koblenz nach Trier war sehr beschwerlich; wir mußten über Berge und Täler, deren einige von unglaublicher Höhe und Tiefe sind. Die Sonnenhitze hat uns auf diesem Wege recht gemartert, aber desto angenehmer waren uns die vielen Röhrenbrunnen mit dem schönsten Wasser an der dortigen Chaussee. Eine Stunde von Trier wurde unser Lager aufgeschlagen, nahe an der Mosel, da, wo die Saar in diesen Fluß einfällt. In ganz Deutschland, soweit ich wenigstens darin herum gewesen bin, gibt es wohl keine schönere Gegend, als da, wo unser Lager stand; aber leider machte die entsetzliche Hitze, daß wir den Anblick der schönen Natur beinahe gar nicht genießen konnten. Ich erinnere mich nicht, von der Sonne jemals mehr gebrannt worden zu sein, als damals; und wenn wir noch gutes Wasser gehabt hätten, so hätten wir die Leiden der Hitze mildern können. Aber da wurde alles Wasser zum Kochen und Trinken aus der Mosel geholt, und dieses war bis zum Ekel schlammig und unrein. Das Wasser dieses Flusses ist an sich schon ein schlechtes, garstiges Wasser, und wurde durch das stete Pferdeschwemmen, das Baden und Waschen darin noch mehr verdorben. Man denke sich ein Wasser, worauf der Pferdemist überall herumschwimmt; worin die Soldaten haufenweise sich baden, und wo deren Weiber und Menscher die schmutzigen Hemden auswaschen. Solches Wasser kann niemand ohne Ekel trinken; und eben in dieser Sauferei, vermehrt durch jene entsetzliche Hitze, liegt wohl die erste Ursache von der fürchterlichen Ruhr, welche nachher so viele Menschen in der preußischen Armee weggerafft hat. Die Emigranten hatten ihr Heldenheer nun auch zusammengestoppelt und vereinigten sich mit uns bei Trier. Wie stark sie wirklich gewesen sind, hat man nie mit Gewißheit sagen können; wenigstens haben sie sich immer stärker angegeben, als sie in der Tat waren. Sie selbst haben die Menge ihrer Leute wohl nie recht gewußt wegen des ewigen Ab- und Zulaufens. Schon bei Trier rissen ihre Soldaten haufenweise aus, und das nach Frankreich, wo man sie damals noch ohne weiteres aufnahm; nachher haben sie noch weit mehr verloren, endlich nach dem Rückzug aus Champagne verliefen sie sich beinahe ganz, so daß sie im Frühling 1793 wieder sozusagen von neuem errichtet werden mußten. Gegen die Mitte des August brachen wir von Trier auf und lagerten uns nach einigen schweren Märschen in der Nähe der Stadt und Festung Luxemburg. Bisher hatte man immer gehofft, das Manifest des Herzogs von Braunschweig würde eine gute Wirkung auf die Franzosen haben und uns der Mühe überheben, in ihr Land selbst einzudringen. Dieses war sozusagen die allgemeine Erwartung fast aller Offiziere und Soldaten; denn diese alle waren schon jetzt des Krieges müde. Aber wie sehr sahen sich die guten Leute in ihren Erwartungen betrogen, als sie von der mächtigen Veränderung hörten, welche am 10. August mit dem Tuileriensturm in Paris vorgefallen war! Die Begebenheit dieses für Frankreichs und seines Königs Schicksal so merkwürdigen Tages zerstörte alle ihre Erwartungen, und nun hieß es: »Jetzt ist kein Mittel; wir müssen geradeswegs nach Paris marschieren! Die verfluchten Hunde, die Patrioten, müssen aufgehängt und gerädert werden.« – Das war nun schon so gewiß, wie Amen in der Kirche, mir aber fielen dabei immer die Nürnberger ein, welche, wie man sagt, niemanden hängen, den sie nicht erst haben. – Hier bei Luxemburg wurde ein Spion aufgehängt; man sagte, die Franzosen hätten ihn abgeschickt, um unsere Lager auszuspähen. Ich habe über die Spione und deren Bestrafung so meine ganz eigenen Gedanken, und es kommt mir vor, als wenn das Gesetz, welches sie so geradewegs zum Strang verdammt, sehr ungerecht sei. Denn wenn man einen General, der sich aller Kriegsliste bedient, deswegen nicht für unehrlich und noch weniger für strangfähig erklärt, weil er durch List dem Feinde zu schaden trachtet – warum soll man einen armen Teufel aufknüpfen, der sich zur heimlichen Entdeckung der Absichten des Feindes bereden oder gebrauchen läßt? Man muß alles nur so einrichten, daß kein Spion uns durch Entdeckung dessen, was er sieht oder hört, schaden könne, und dann hat die Spionerie keine bösen Folgen. Da gefällt mir der französische General Moncey, welcher die Neufranken in diesem Kriege gegen die Spanier anführte, besser. Als diesem zwei spanische Spione zugeführt wurden, sagte der edle Mann zu ihnen: »Hört, ihr Leute, ich könnte, wenn ich nach der gemeinen Art verfahren wollte, euch alle beide gleich hängen lassen; aber ich verachte einen Spion zu sehr, als daß ich denken sollte, aus seiner Hinrichtung Vorteil zu ziehen. Geht hin zu eurem General und sagt ihm, ich sei 32 000 Mann stark und erwartete bloß noch Verstärkung; sobald ich die würde erhalten haben, würde ich ihn angreifen, schlagen und dann Navarra erobern. Das sind meine Anschläge, welche euer General ohne Zweifel durch euch hat erfahren wollen. Nun könnt ihr sie ihm berichten und ihm noch sagen, wenn er künftig etwas von meinen Absichten wissen wolle, so dürfte er sich nur an mich wenden; ich wolle ihm allemal richtige Nachricht geben. Jetzt packt euch!« Ich glaube, daß der brave Moncey recht hatte, wenigstens handelte er edel, und es wäre schade, wenn diese edle Handlung vergessen würde. Von Luxemburg bis an die französische Grenze hatten wir noch zwei Märsche, die aber gut gemessen waren. Wir plünderten unterwegs die Erbsen- und Kartoffeläcker, ob diese gleich noch im Kaiserlichen lagen, und rückten am 19. August 1792 über die Grenzen in Welschlothringen ein. Daß man uns den Tag vor unserem Einmarsche in Frankreich es noch erlaubte, die in der Nähe des Lagers befindlichen Aecker der österreichischen Untertanen, wenngleich ihr Landesherr mit uns verbündet war, auszuplündern, war mir eine seltsame Erscheinung. Ich erkundigte mich deshalb danach und erfuhr, daß die Bewohner jener Gegend neufränkisch gesinnt wären, ob sie gleich Untertanen des Kaisers seien, und da wäre es schon recht, daß man sie etwas züchtige und die Folgen des Krieges mitempfinden lasse. Die Angabe dieses Grundes schien mir damals nur so ersonnen, aber in der Folge habe ich gefunden, daß sie nur gar zu begründet war. Auch die Untertanen in diesen Gegenden litten vielen willkürlichen Druck, wie beinahe alle auf den Grenzen Frankreichs. Es war also natürlich, daß das Entgegenstreben dieses Landes sich zunächst auf alle die Grenznachbarn verbreitete, welche den Grund des allgemeinen Aufstandes in Frankreich durch eigene Erfahrung in ihrem Lande kennen gelernt hatten. Es konnte demnach nicht anders sein, als daß man auch ähnliche Wirkung da finden mußte, wo auch ähnliche Ursache vorausgegangen war. Und wer steht uns dafür, daß dies nicht noch weiter greifen wird? Den Krieg der neufränkischen Waffen kann man beendigen, aber nicht den Krieg ihres Systems; dieses hat so viel unversöhnliche Verbündete, als es despotisch Bedrückte und helle warme Menschenfreunde gibt, zumal in Ländern von Fürsten, welche es behaglicher finden, den Schlendrian als orientalischen und langobardischen Despotismus unbekümmert fortzusetzen, ohne die für ihr eigenes Interesse so wichtige Wahrheit einzusehen: daß kein Fürst groß, mächtig, sicher und glücklich sein kann, wenn er nicht vernünftige Völker gerecht regiert.   Den Tag, an welchem wir in Frankreich einrückten, werde ich nicht vergessen, so lange mir die Augen aufstehen. Als wir früh aus unserem Lager aufbrachen, war das Wetter gelinde und gut, aber nach einem Marsch von zwei Meilen mußten wir Halt machen, um die Kavallerie und Artillerie vorzulassen, und während dieses Halts fing es an, jämmerlich zu regnen. Der Regen war kalt und durchdringend, so daß wir alle rack und steif wurden. Endlich brachen wir wieder auf und postierten uns neben einem Dorfe, das Brehain la ville hieß, eine gute Meile von der deutschen Grenze. Der Regen währte ununterbrochen fort, und weil die Packpferde weit zurückgeblieben waren, indem sie wegen des gewaltig schlimmen Weges nicht voran konnten, so mußten wir unter freiem Himmel aushalten und uns bis auf die Haut durchnässen lassen. Da hätte man das Fluchen der Offiziere und Soldaten hören sollen! Endlich wurde befohlen, daß man einstweilen für die Pferde fouragieren und aus den nächsten Dörfern Holz und Stroh holen sollte. Das Getreide stand noch meistens im Felde, weil dieses Jahr wegen des anhaltenden Regens die Ernte später als gewöhnlich fiel. Das Fouragieren ging so recht nach Feindesart: man schnitt ab, riß aus, zertrat alles Getreide weit und breit, und machte eine Gegend, woraus acht bis zehn Dörfer ihre Nahrung auf ein ganzes Jahr ziehen sollten, in weniger als einer Stunde zur Wüstenei. In den Dörfern ging es noch weit abscheulicher her. Das unserm Regiment zunächst liegende war das genannte Brehain la ville, ein schönes großes Dorf, worin ehedem ein sogenannter Bailli du Roi seine Residenz gehabt hatte. Um durch Laufen mich in Wärme zu setzen, lief ich mit vielen anderen auch nach diesem Dorf, wo wir Holz und Stroh holen sollten. Ehe aber diese Dinge genommen wurden, untersuchten die meisten erst die Häuser, und was sie da Anständiges vorfanden, nahmen sie mit, als: Leinwand, Kleider, Lebensmittel und andere Sachen, welche der Soldat entweder selbst brauchen oder doch an die Marketender verkaufen kann. Was dazu nicht diente, wurde zerschlagen oder sonst verdorben. So habe ich selbst gesehen, daß Soldaten vom Regiment Woldeck ganze Service von Porzellan im Pfarrhof und anderwärts zerschmissen; alles Töpferzeug hatte dasselbe Schicksal. Aufgebracht über diese Barbarei, stellte ich einen dieser Leute zur Rede, warum er einer armen Frau, trotz ihrem bitteren Weinen und Händeringen, das Geschirr zerschmissen und ihre Fenster eingeschlagen habe? Aber der unbesonnene wüste Kerl gab mir zur Antwort: »Was, Sakkerment, soll man denn hier schonen? Sind's nicht verfluchte Patrioten? Die Kerls sind ja eigentlich schuld, daß wir so viel ausstehen müssen!« Und damit ging's mit dem Ruinieren immer vorwärts. Ich schwieg und dachte so mein Eigenes über das Wort Patriot in dem Munde eines – Soldaten. Die Männer aus diesen Dörfern hatten sich alle wegbegeben und bloß ihre Weiber zurückgelassen, vielleicht weil sie glaubten, daß diese den eindringenden Feind eher besänftigen könnten. Aber der rohe Soldat hat eben nicht viel Achtung für das schöne Geschlecht überhaupt, zumal bei Feindseligkeiten, und es gibt wüste Teufel unter ihnen, welche einem Frauenzimmer allen Drang antun können, die aber vor jedem Mannsgesicht aus Feigheit gleich zu Kreuze kriechen. Ich habe davon einmal eine Probe gesehen bei Homburg an der Höhe in einem Dorfe. Es kam hier nämlich ein Offizier vom Regiment Hohenlohe in ein Haus, worein ich getreten war, um Wasser zu trinken. Mit dem größten Ungestüm forderte er Butter oder Käse, und als ihm das Mädchen versicherte, daß sie weder das eine noch das andere hätte, ward er grob und sagte: »Euer Haus sollte man euch anstecken, ihr verfluchtes Patriotengrob!« usw. Dies hörte des Mädchens Bruder vor der Türe, trat hinein und schaute dem Herrn Leutnant ins Gesicht: »Herr, was räsonniert Er da von Patriotengrob? Den Augenblick zur Tür hinaus, oder ich schwuppe Ihn hier herum, wie einen Tanzbär!« Dies sagte er, und der Herr Leutnant schob ab und sagte kein Wort. Mich hatte er nicht bemerkt, denn ich saß hinterm Ofen. Dies im Vorbeigehen. Unsere Leute hatten auf den Dörfern die Schafhürden und Schweineställe geöffnet, und so sah man auf den Feldern viele Schafe und Schweine herumlaufen. Diese wurden, wie leicht zu denken steht, haufenweise aufgefangen und nach dem Lager geschleppt. Ich muß gestehen, daß ich mich auch unter den Haufen der Räuber mischte und ein Schaf nach meinem Zelte brachte; ich dachte: wenn du's nicht nimmst, so nimmt's ein anderer, oder es verläuft sich, und dieser Grund bestimmte mich, an der allgemeinen Plünderei teilzunehmen. Der rechte Eigentümer, dachte ich ferner, gewinnt doch nichts, wenn ich auch sein Eigentum nicht berühre, ja, ich werde dann noch obendrein für einen Pinsel gehalten, der seinen Vorteil nicht zu benutzen wisse. Kurz, alle Imputabilität des Plünderns gehört, wie mich dünkt, für die Aufseher über die Disziplin und den Lebensunterhalt; diese haben zunächst alles zu verantworten. Das Hammel- und Schweinefleisch wurde gekocht oder an den Säbel gesteckt und so in der Flamme gebraten, und hernach ohne Brot und ohne Salz verzehrt, denn das Brot war uns ausgegangen, und hier zum erstenmal fühlten wir Brotmangel, der uns nach dieser Zeit noch oft betroffen und bitter gequält hat. Das Dorf Brehain la ville und alle anderen, in dessen Nähe, sahen bald aus wie Räuberhöhlen, selbst das Dorf nicht ausgenommen, worin unser König logierte. Endlich, als es fast dunkel war, kamen die Zelte an, worin wir uns, durchnaß und überaus besudelt, niederlegten und auf dem nassen Boden und Stroh eine garstige Nacht hinbrachten. Die Bursche, welche auf der Wache waren, gingen des Nachts von ihrem Posten in die Dörfer auf Beute. Das abscheuliche kältende Wetter und das schlechte nasse Lager hatten die Folge, daß schon am anderen Tage gar viele Soldaten zurück in die Spitäler gebracht werden mußten, weil sie das Fieber hatten und nicht mehr mitmarschieren konnten. Die armen Leute in den Dörfern, die sich ihres Auskommens nun auf lange Zeit beraubt sahen, schlugen die Hände zusammen und jammerten erbärmlich, aber unsere Leute ließen sich von dem Angstgeschrei der Elenden nicht rühren und lachten ihnen ins Gesicht oder schalten sie Patrioten und Spitzbuben. Wegen des Plünderns hörte ich noch am nämlichen Tage zwei Offiziere – es war ein Kapitän und ein Major – dieses miteinander reden: Major: Aber, bei Gott, es ist doch eine Schande, daß gleich am ersten Tage unseres Einmarsches solche Greuel verübt werden! Kapitän: O, verzeihen Sie, Herr Obristwachtmeister, das ist eben unser Hauptvorteil, daß dies gleich geschieht. Major: Nun, so lassen Sie hören, wie und warum. Kapitän: Sehen Sie, das geht heute vor, und zwar etwas stark, ich gestehe es; aber nun macht das auch einen rechten Lärm in ganz Frankreich. Jeder spricht: So machen's die Preußen! So plündern die Preußen! So schlagen die Preußen den Leuten das Leder voll! Major: Das ist eben das Schlimme, daß man nun so in ganz Frankreich herumschreien wird. Das wird uns wahrlich wenig Ehre machen. Kapitän: Ei was Ehre! Es schreckt doch die Patrioten ab. Sie werden denken: machen's die Preußen schon am ersten Tage so, was werden sie noch tun, wenn sie weiter kommen? Da werden die Spitzbuben desto eher zum Kreuze kriechen. Major: Meinen Sie? Nein, mein Lieber, es wird die Nation erbittern und selbst die wider uns aufbringen, die es bisher noch gut mit uns gemeint haben. Und wirklich, das heißt doch nicht Wort halten! Kapitän: Wieso, Herr Obristwachtmeister? Major: Hat nicht der Herzog im neulichen Manifest den Franzosen versprochen, daß er als Freund kommen und bloß die Herstellung der inneren Ruhe zum Zwecke haben wolle? Das heißt aber schön als Freund kommen, wenn man die Dörfer ausplündert, die Felder abmäht, und Leuten, die uns nichts getan haben, das Fell ausgerbt. Pfui, pfui! Kapitän: Das ist aber doch Kriegsmanier! Major: Der Teufel hole diese Kriegsmanier! Ich sage und bleibe dabei: das heutige Benehmen der Truppen und ihr verdammtes Marodieren wird uns mehr schaden, als wenn wir eine Schlacht verloren hätten! Kapitän: Herr Obristwachtmeister, innerhalb drei Wochen ist die ganze Patrioterei am Ende: in drei Wochen ist Frankreich ruhig, und wir haben Frieden. Wollen Sie wetten? Ich biete 10 Louisdor. Major: Topp! wenn in drei Wochen Friede ist, so haben Sie gewonnen! Der Hauptmann schlug ein – und zahlte hernach bei Luxemburg auf dem Rückzug 10 Louisdor! Der Herzog erfuhr die Plündereien nicht so bald, als er sie gleich aufs schärfste untersagen ließ. Allein was half's! Anfangs folgte man, aber hernach, besonders auf dem Rückzug, ging's, trotz mancher exemplarischen Bestrafung, oft sehr arg. Sogar Weiber ließen sich beigehen, in die Dörfer zu laufen und da zu marodieren. Wir hatten nämlich einige solcher Kreaturen, größtenteils unverehelichte Menscher, welche sich an Soldaten gehängt hatten und so mitzogen; sie marodierten derb, und dies schon in den trierschen und luxemburgischen Dörfern und Feldern. Da befahl denn der Herzog, daß sie künftighin jedesmal von den Profosen der Regimenter geführt werden sollten. Ein preußischer Profos ist aber eine gar traurige Personage; der kaiserliche Profos ist ein angesehener Mann, welchen die Soldaten und Offiziere ihren »Herrn Vater« heißen. So ein Profos hat auch gutes Traktament und artige Kleidung; hingegen ein preußischer ist gewöhnlich ein alter Invalide, der schlechten Sold erhält und eine ausgezeichnete Uniform trägt, grau mit grüner Garnitur, auch keinen Steckenjungen hat, der die Gefangenen schließe oder die Stecken und Ruten schneide u.dgl. Das muß der preußische Profos alles selbst tun. Daher ist er auch bei jedem Soldaten verachtet und verspottet; keiner trinkt mit ihm, und er darf sich nicht unterstehen, in ein Wirtshaus oder in eine Marketenderhütte zu kommen, wo Soldaten sind; sogar die Packknechte wollen den Profos nicht um sich leiden. Wenn man endlich weiß, daß auch die Packknechte von den Soldaten verachtet und bei jeder Gelegenheit mißhandelt werden, so kann man sich so ziemlich den Begriff machen, was der arme Profos bei den Preußen gelten müsse. Die Weiber, oder vielmehr die Menscher der Armee, wollten nun schlechterdings das Kommando der Profose nicht anerkennen, und widersetzten sich ihnen aufs tätigste, kurz, sie betrugen sich so, daß man genötigt war, das Kommando über sie einem Unteroffizier aufzutragen. Aber auch diese Anstalt ging bald wieder ein, und die Nickel marodierten wieder, wo und wie sie wollten. So also trieben es unsere Soldaten, so auch deren Weiber und Menscher! Auftritte von schlimmer Art waren daher nicht selten, und ich werde nicht ermangeln, sie in der Folge gehörigen Orts anzubringen, damit man wisse, daß die Deutschen in Frankreich das erst taten, was die aufgebrachten Franzosen nachher in Deutschland dafür wieder taten. Hätten die meisten unserer deutschen Zeitungsschreiber, Journalisten und Almanachsschmierer das Betragen der Neufranken nach dem gleichartigen Betragen der Deutschen etwas kälter gewürdigt und sie anfänglich nicht immer wie blinde Kannibalen zu tief herabgesetzt, so hätten viele deutsche Fürsten, wie ihre Minister, wohl etwas heller dreingesehen, und hätten dann es gewiß nie so weit kommen lassen, daß sie meist flüchtig und nach dem Ruin ihrer Länder endlich sich genötigt sahen, unter jeder, auch noch so nachteiligen oder schimpflichen Bedingung in aller fürstlichen Herablassung und Blöße um Frieden gleichsam zu betteln bei denen, welche sie vorhin wer weiß wie tief verachteten. Und das waren dann die Früchte von der »verteutschten« Deutschheit. Ich hasse zwar die französischen Räuber und ihre Barbareien in der Pfalz so sehr als nur einer, denn ich bin ja selbst ein Pfälzer; aber die Invasion und die Räubereien der Deutschen in Lothringen und in Champagne kann ich auch nicht loben. Man muß jedem sein Recht widerfahren lassen, dem Deutschen und dem Franzosen, damit wir selbst billiger und toleranter werden und uns so gegenseitig desto eher wieder aussöhnen. Drittes Kapitel Einnahme von Longwy. – Die Welschlothringer. – Das Landvolk und die Revolution. – Angst der Soldaten vor vergifteten Speisen. – Brunnenvergiftung. – Die Soldatenstrümpfe. – Uebergabe von Verdun. – Held Beaurepaire. – Die heilige Jungfrau von Verdun. – Präsident George von Varennes. – Die schöne Kaufmannsfrau. – Ein gefälliger Ehemann. – Beginn unseres Elends in der Champagne. – Das Drecklager. – Hunger, Nässe und Ungeziefer. – Die Ruhr. Am 20. August hatten wir schönes Wetter, allein wir wurden doch erst gegen Abend völlig trocken, weil wir den Tag vorher gar zu naß geworden waren. Der Herzog befahl, erst Brot herbeizuschaffen, ehe das Lager abgebrochen werden sollte, und dieses hinderte uns, früh aufzubrechen. Als wir das Lager geräumt hatten, lag alles voll Schafshäuten und Kaldaunen von Schafen und Schweinen, welche den Tag vorher geschlachtet waren; ebenso voll Federn von den geraubten Hühnern und Gänsen. An eben diesem Tage forderte der Herzog von Braunschweig mit einer nicht starken Avantgarde die Festung Longwy zur Uebergabe auf. Dieses Städtchen ist sehr artig gebaut und hat treffliche große Häuser und einige schöne öffentliche Gebäude. Die Befestigungswerke sind von dem berühmten Vauban. Longwy ist beträchtlicher als Verdun, ob es gleich viel kleiner ist. Bei der ersten Aufforderung weigerte sich der Kommandant, das Städtchen aufzugeben. Als aber das grobe Feuern hinzukam, da drang die Bürgerschaft auf die Uebergabe, damit das Oertchen nicht ganz zerschossen werden möchte, und so kam diese Festung in die Hände der Preußen. Longwy hätte sich in der Zeit ohnehin schwerlich so lange halten können, bis Entsatz gekommen wäre. Die Uebergabe dieses Platzes und der Festung Verdun haben indes eigentlich viel Unglück über die deutschen Armeen verhängt, denn wären die Franzosen hier nur standhafter geblieben und hätten sie uns mehr dabei beschäftigt, so wären wir nicht so weit vorgedrungen und hätten wenigstens bessere Anstalten für unsere Erhaltung getroffen. Die Emigrierten hatten unter anderm uns vorgeschwatzt, daß die Franzosen vor lauter politischem Trubel den Ackerbau fast gar nicht mehr betrieben. Daß aber dieses eine offenbare Lüge war, habe ich selbst bald gesehen, wie alle unsere Leute. Das ganze Land in Lothringen und im kleinen Ländchen Clermontois, ja sogar in der armen unfruchtbaren Champagne, zeigte das Gegenteil. Der Ackerbau blühte hier sichtbar, die Gärten waren gut angelegt, und die Dörfer verrieten den Fleiß und den Wohlstand ihrer Bewohner. Ich habe mich mit Lothringern mehrmals unterhalten und mit Vergnügen vernommen, daß sie durch die Revolution von jeder Seite durchaus gewonnen hätten. Die schrecklichen Abgaben, sagten sie, wären nicht mehr; jetzt könnten sie auch an sich denken, bauen, anderen aushelfen, ihres Lebens wie ihrer Arbeit froh werden, einen Notpfennig ersparen. Die vielen Akzisen hätten aufgehört, das grobe Wild verwüstete ihre Fruchtfelder nicht weiter, kurz, sie fühlten jetzt, daß sie Menschen wären und nicht mehr Sklaven des Edelmanns und der Priester usw. usw. Man muß, dünkt mich, bei einer Revolution nicht die vornehmen Kasten der Städter, noch weniger die Kaufleute, Juden, Wucherer, besoldeten Gelehrten und Dienstleute, am allerwenigsten diejenigen fragen, welche bloß vom alten System, von den Vorurteilen, dem Aberglauben und von dem Luxus der Nation sich zu nähren vorher gewohnt waren. Diese Leute sind alle nicht in der Lage, einen richtigen Begriff von der Staatsänderung anzugeben, denn sie haben dabei verloren, und ihr Verlust hindert sie, den Gewinn des Ganzen gehörig zu würdigen. Man frage den Landmann, den Handwerker, der nötige Sachen macht, kurz, die erwerbende Klasse, nicht die verzehrende, nicht den Höfling, den Priester, den Friseur oder das Modemädchen, und man wird von der Revolution richtiger urteilen lernen. Dabei aber denke man ja beständig, daß man eine Revolution vor Augen habe, und daß bei einer Revolution, besonders wenn sie von allen Seiten her durch in- und ausländische Angriffe bestürmt wird, gar viel Abscheuliches und Grausiges vorfallen müsse. Dies nebenher!   Ich weiß nicht, wer anders als das alte barbarische Vorurteil, seinem Feinde alles mögliche Böse zuzufügen, und die übertriebene Furcht, dieses vom Feinde bewerkstelligt zu sehen, das Gerücht vom Vergiften auch während dieses Krieges verbreitet haben mag. Mehr als einmal habe ich es bei uns äußern hören, und sah sehr viele sich ängstlich darnach richten. Daß es bei dem Eindringen der Franzosen in unsere Gegend vielleicht von ihren kurzsichtigen deutschen Anhängern in Gang gebracht sei, läßt sich denken, und man hörte es, als sie in die Pfalz eindrangen. Bei uns wenigstens war es hier gang und gäbe. Eines Tages nahm mich als Dolmetscher Herr von Sojazinsky, unser Oberleutnant, mit nach einem Dorfe, wo er die Schutzwache machen sollte. Wir traten in ein Haus, wo sich der Hausherr zwar anfangs verleugnen ließ, hernach aber erschien, als ich die Frau im Namen des Leutnants versicherte, daß er sich nicht zu fürchten hätte und wir ihn nicht im geringsten kränken, vielmehr überall schützen würden. Unser gutes Benehmen erwarb uns endlich Zutrauen, und der Wirt, nebst seiner Frau, welche in mich als ihren Vermittler viel Vertrauen setzten, reichten mir Brotsuppe und Speck. Ich bot meinen hungrigen Kameraden davon an, aber sie dankten, weil sie fürchteten, die Speisen möchten vergiftet sein. Sie rieten mir sogar, ja nicht davon zu kosten, denn es sei den Patrioten auf keinen Fall zu trauen. Aber ich aß unbekümmert, und als die Leute hernach sahen, daß mir wohl blieb, so verzehrten sie, was ich übrig gelassen hatte. – Man hat sogar von Vergiften der Brunnen radotiert; aber wer könnte das veranstalten? Kein mineralisches Gift, auch in noch so großer Quantität, in einen Brunnen geworfen, kann, wie ich gehört habe, das Wasser infizieren, und wieviel Pflanzengift müßte man haben, um einen Brunnen voll Wasser schädlich zu machen! Gift, in einen Brunnen geworfen, soll vielmehr das Wasser verbessern. – Freilich, wenn man vorzeiten an die Juden wollte, gab man ihnen das Brunnenvergiften schuld, aber was tat man vorzeiten nicht alles!   Die französischen Magazine zu Longwy waren recht gut versehen; da sie nun in die Hände der Preußen fielen, so ließ der Herzog uns einigemal Tabak, Branntwein, gesalzenes Fleisch, Speck u.dgl. daraus reichen. Aber leider wurde der Wille des vortrefflichen Mannes nur halb ausgeführt, denn manches, was zum Austeilen mitbestimmt war, wurde an die Marketender verkauft, und zwar von Herren, welche die Aufsicht über die Magazine führen sollten. Die Marketender verkauften alles uns armen Teufeln hernach wieder für schwere Münze. Noch mehr habe ich mich geärgert, als ich sehen mußte, daß Strümpfe, welche der Herzog auch unter die Soldaten verteilt wissen wollte, teils in den Händen der Offiziere blieben, teils nach Luxemburg an Kaufleute verhandelt wurden. Das war doch auf jeden Fall unanständig, und ich wundere mich sehr, daß es nicht zu den Ohren des Herzogs gekommen ist, der in solchen Fällen keinen Spaß zu verstehen pflegt. Alle Offiziere, welche davon hörten, haben die Köpfe geschüttelt, mit einem: Pfui Teufel! Wir brachen nach einem ungefähr zehntägigen Aufenthalt aus dem Lager bei Longwy auf und marschierten querfeldein auf Verdun zu. Der Boden war sehr feist, hing an, und wir sahen aus, wer weiß wie. Schon bei Luxemburg hatte die preußische Reinlichkeit ein Ende: jeder putzte sich, wie er für gut fand, und niemand sagte was, wenn auch einer einhertrat, wie es ging. Der Herzog ließ, nachdem wir unser Lager vor Verdun aufgeschlagen hatten, auch diese Stadt sofort zur Uebergabe auffordern; allein hier würde er weit mehr Widerstand gefunden haben als bei Longwy, wenn anders der brave Beaurepaire nach seinen patriotischen Empfindungen hätte handeln können. Beaurepaire erklärte gleich anfangs, er könne mit dem Herzog sich nicht einlassen, noch weniger die Stadt übergeben, denn eine Festung sei das Eigentum nicht derjenigen Bürger allein, welche sie bewohnten, sondern der ganzen Nation, und dürfe daher bloß im Falle der höchsten Not dem Feind übergeben werden. Nach dieser deutlichen Erklärung ließ der Herzog auf einem Weinberg, gerade der Zitadelle gegenüber, Schanzen aufwerfen und die Stadt beschießen. Dieses hatte die Folge, daß einiger Brand entstand, und nun forderte der Bürgerausschuß, daß Beaurepaiie die Stadt durchaus öffnen sollte. Als Beaurepaire sah, daß für ihn nichts mehr zu tun sei, erklärte er, daß wenigstens er frei sterben wolle, und erschoß sich im Beisein mehrerer Bürger und Offiziere. Diese heldenmütige Aufopferung des braven Kommandanten brachte die Verduner nicht zur Besinnung, und so wurde die Stadt von dem nachher auch emigrierten Nyont den Preußen übergeben. Es gab unter unseren Offizieren einige, welche meinten, daß man Beaurepaires Körper auf den Schindanger werfen müsse, aber zur Ehre aller übrigen muß ich sagen, daß alle Edeldenkenden unter ihnen laut bekannten, daß der Tod dieses wirklich großen Mannes, auf welchen man anwenden kann, was Lucanus von Cato sagt: Victrix causa Deis placuit, sed victa Cantoni Mitleid, Bewunderung und im ähnlichen Falle Nachahmung verdiente. – Beaurepaire wurde demnach ganz ehrlich begraben und ist hernach zu Paris auf dem Nationaltheater apotheosiert worden. Also wurde Verdun von den Preußen besetzt, und die französische Garnison, welche, wie die zu Longwy, größtenteils aus damals noch ungeübten Nationalgarden bestand, erhielt freien Abzug. Herr von Mandelsloh, mein Hauptmann, schickte mich gleich am folgenden Tage nach Verdun, und ich begab mich recht gern dahin, weil ich begierig war, diese alte berühmte Stadt näher kennen zu lernen. Verdun liegt an der Maas, welche da durchfließt, und war ehemals des Deutschen Reiches, aber Heinrich II., jener erzorthodoxe katholische König, welcher sich mit den Protestanten in Deutschland verbunden hatte, ob er gleich die Protestanten in Frankreich verfolgte, riß Metz, Toul und Verdun, die drei besten Städte im damaligen Lothringen, von Deutschland ab und behielt sie nachher im Friedensschluß. In den Hugenottenkriegen ist Verdun von den Ketzern belagert, und nach einer alten Sage von der heiligen Jungfrau sichtbarlich beschützt worden. Seitdem aber hat die heilige Jungfrau ihre Wunderkraft verloren, denn die Franzosen machen's mit ihr und ihrer ganzen heiligen Sippe doch wahrlich ärger, als es die Ketzer, selbst die Manichäer und die berüchtigten Bilderstürmer nimmermehr gemacht haben. Aber so ist es! Wenn die Sonne der Vernunft höher hinaufsteigt, sinken die Nebel einer verpfafften Phantasie, und die Produkte von dieser verschwinden, sobald der Glaube an sie lächerlich wird. Nur Geduld, die Zeit gibt alles! Wir fanden auch in Verdun recht gut versehene Magazine an Heu, Stroh, Mehl, Wein, Speck, Branntwein, Erbsen, Käse usw., ferner vielen Vorrat an Kleidungsstücken und Pferdegeschirr. Von diesen Vorräten haben unsere Leute sich manches zugeeignet, besonders von den Lebensmitteln. Da ich sehr oft, beinahe täglich, nach Verdun geschickt wurde, so hatte ich Gelegenheit, auch für mich manches aus dem Magazin mitzunehmen. Oft habe ich meine Zeltbursche mit Schnaps und Wein versehen, und einmal habe ich sogar einen schönen neuen Offiziermantel mitgebracht. Ich ließ ihn einem Leutnant für vierzehn Taler, obgleich die goldene Tresse darauf allein mehr wert war. Ich dachte, nimmst du ihn nicht, so nimmt ihn ein anderer, und nach dieser Regel bestimmte ich damals manche individuelle Handlung.   Auf die eifrigsten Verteidiger der Freiheit hat man hier auch stark Jagd gemacht, und unter anderen den Präsident des Distrikts von Varennes, einem kleinen etwa vier Stunden von Verdun gelegenen Städtchen, gefänglich hingesetzt. Das Verbrechen dieses würdigen Mannes bestand meist darin, daß er sein Vermögen hingab, um einige Anstalten durchzusetzen, für welche er ehemals in Paris gestimmt hatte. Der Herzog ließ ihn anfänglich sehr hart an, aber George, so hieß der Präsident, benahm sich so edel und freimütig, daß der Herzog selbst endlich schwieg. Die Emigranten hätten ihn gern zernichtet und gaben ihm schuld, daß er an der Arretierung ihres flüchtigen Königs zu Varennes teilgehabt habe. Aber die Preußen schützten den George, und er wurde bald darauf ausgewechselt. Die gefangenen Franzosen saßen auf der Zitadelle, wo man sehr leicht mit ihnen sprechen konnte. Ich benutzte diese Gelegenheit und fand, daß die Leute den Mut noch gar nicht verloren hatten. » Les ennemis se retiront et nous voilà libres ,« riefen sie und pfiffen eins dazu. Der Verfasser der »Briefe eines preußischen Augenzeugen«, welcher ebenfalls den Feldzug des Herzogs von Braunschweig mitgemacht hat, erwähnt einer sehr schönen Kaufmannsfrau in Verdun. Diese Dame habe ich auch mehrmals gesehen, welches sehr leicht war, da sie gewöhnlich am Fenster paradierte. Sie war, wie mich dünkt, eine vollendete Schönheit, aber auch eine tüchtige Kokette. Anfangs flatterten unsere jungen Offizierchen um sie herum, aber bald fanden sich recht große junge Herren – ich sage junge Herren – bei der Madame ein und die Offizierchen fuhren ab. – Wie herablassend Madame gewesen sei, weiß ich nicht; sie hatte aber recht viel preußisches Gold. Ihr Mann hat als Kaufmann das Ding so genau nicht genommen. Im Lager bei Verdun hatten wir noch immer so halb und halb zu leben, aber von nun an litten wir auch Elend und Mangel, bis wir auf die deutsche Grenze zurückkamen. Wir brachen von Verdun mitten im Regen auf, und marschierten den ersten ganzen Tag im Regen fort; unser Brot hatten wir größtenteils im Lager liegen lassen, weil wir ohnehin genug belastet waren und durch den abscheulichsten Kot waten mußten. Den zweiten Tag kamen wir der französischen Armee oder vielmehr einem Korps derselben nahe; wir marschierten zwar den ganzen Tag, aber so jämmerlich, daß wir jedesmal eine halbe Stunde vorwärts machten, und hernach wieder eine Stunde, auch wohl länger, im Kote herum stille lagen wie die Schweine. Ich wurde, so wenig mich sonst Strapazen niederbeugen, auf diesem elenden Marsch so unmutig, daß ich meine Lage verwünschte und gewiß, wäre ich nicht so erschöpft gewesen, zu den Franzosen übergegangen wäre, so sehr ich die Desertion sonst auch hasse. Endlich erreichten wir ein Dorf, L'Entrée genannt, worin der König sein Hauptquartier nahm, und wobei wir unser Lager aufschlagen sollten. Aber unsere Packpferde waren aus Furcht vor den Franzosen zurückgeblieben, und wir mußten nun da unter dem freien Himmel liegen bleiben bis nachts zwölf Uhr. Wir machten freilich Feuer an und holten dazu aus dem Dorfe L'Entrée heraus, was wir in der finstern Nacht von Holz finden konnten, Stühle, Bänke, Tische und anderes Geräte. Aber diese Feuer, so höllenmäßig sie auch aussahen, waren doch nicht hinlänglich, uns gegen den fürchterlichen Wind und den abscheulichen Regen zu sichern. Dieser Regen fing sogleich an, als wir die Zelte aufgerichtet und uns auf die blanke Erde – denn Stroh konnten wir in der Nacht doch nicht holen – hineingelegt hatten, und er wurde so heftig, daß das Wasser von allen Seiten in die Zelte eindrang und uns alle durchnetzte. Niemand konnte liegen bleiben, noch weniger schlafen; man setzte sich also auf die Tornister und Patronentaschen, und jeder fluchte auf sein Schicksal. Man denke uns in dieser Gruppe! Sogar hörte man die gräßlichsten Lästerungen auf Gott und sein Regenwetter. »Es ist Strafe Gottes,« sagten die Vernünftigeren. »Gott hat keinen Gefallen an unserem Kriege; er will nicht, daß wir sein Werk in Frankreich stören sollen. Die Revolution ist sein Werk. Die Patrioten tun seinen Willen, und die Emigranten sind Spitzbuben. Es hole sie alle der Teufel!« Unsere Munition an Pulver wurde selbige Nacht größtenteils naß und zum Schießen unbrauchbar. Einige warfen auch schon bei ihrem Ausmarsch aus diesem Lager ihre Patronen weg und ließen sich hernach bei der Retirade, als wir sogar mehrere Pulverwagen verbrannten, andere geben. Endlich ward es Tag, und die Soldaten krochen aus ihren Zelten, wie die Säue aus ihren Ställen, sahen auch aus wie diese Tiere, wenn sie aus Ställen kommen, die in sechs Wochen nicht gereinigt sind. Der Kot, worin man sofort patschen mußte, wenn man aus den Zelten heraustrat, lief gleich in die Schuhe, denn er war dünn und tief, worüber denn einige Soldaten dumpf brummten, andere laut fluchten, alle aber darin übereinkamen, daß dieses abscheuliche Lager hinfort Drecklager heißen sollte. Nun wurde befohlen oder vielmehr angesagt, daß Stroh sollte gelangt werden. Stroh holen hieß aber damals den ungedroschenen Weizen. Also man nahm diesen aus den Scheunen, warf ihn, wer weiß wie hoch, ins Zelt und legte sich dann auf ihn hin. Dieses konnte um so viel leichter geschehen, da einem jeden erlaubt war, soviel Stroh, d.i. Weizen zu nehmen, als er gerade wollte oder konnte. Da nun auch die Kavalleristen ihre Fourage aus den Scheunen der Bauern holten, auch die Pack- und andere Pferde daraus versehen wurden, so kann man leicht denken, daß in den Dörfern in der Nähe nichts übrig blieb, als Jammer und Leere. In L'Entrée war nach drei Stunden keine Weizengarbe mehr anzutreffen, und es ging ebenso in den übrigen Dörfern. Daß alle Häuser obendrein rein ausgeplündert wurden, versteht sich von selbst. Ich hätte bei diesem Stroh- oder Garbenholen beinahe den Hals zerbrochen, denn ich fiel in einer Scheune von einem hohen Gerüste, jedoch ohne Schaden. – Das Schicksal hat mich noch immer so ziemlich geschont, aber vielleicht, um mich noch einmal weit härter mitzunehmen. Indes: » Mori nolo ,« sagt ein Philosoph, » sed me mortuum esse, nihil curo « »Sterben will ich nicht, aber aus dem Todsein mach' ich mir nichts.« L. – und der Mann hatte wohl recht. Warum sollte ich es denn für ein Glück halten, daß ich in L'Entrée den Hals nicht brach, in Landau oder Mâcon nicht guillotiniert wurde, und daß mich der Franzose in Lyon – wie die Folge lehren wird – nicht niederstach? Ich sehe das noch nicht recht ein, aber soviel ist gewiß, daß, wenn einer von diesen Fällen mich weggerafft hätte, ich nachher mancher trüben und kummervollen Stunde überhoben geblieben wäre. Die Lebensmittel waren hier entsetzlich rar und teuer: ich zwar für meine Person litt von hier an – die beiden Nächte bei der Kanonade nur ausgenommen – bis nach Grandpré zurück, keinen eigentlichen Mangel, bei weitem nämlich den nicht, welchen andere Soldaten ertragen mußten. Ich hatte bei der Kompanie einen guten Freund an dem Furierschützen Lutze; dieser gab mir, als die Lebensmittel seltener wurden, den Anschlag, mich zu ihm ins Zelt zu legen, weil er doch immer eher imstande sei, etwas herbeizuschaffen, als die andern. Ich tat das, und Lutze hat mich, so oft er da war – denn auf der ernstlichen Retirade mußte er oft fünf bis sechs Tage abwesend sein – immer mit allerlei versehen und selten sich dafür zahlen lassen; wenigstens gab er allemal das umsonst her, was er umsonst bekommen hatte. Der Mangel an Lebensmitteln konnte auch durch die wirklich große Menge von Kühen, welche man den Landleuten dort herum genommen und der Armee nachgetrieben hatte, nicht sehr erleichtert werden. Was war auch ein halb Pfund elendes altes Kuhfleisch für den Soldaten, der kaum in drei Tagen für einen Tag Brot hatte, da mußte er ja doch hungern! Zudem wurde das beste Vieh von den Treibern an die Bauern, welche von weitem herbeischlichen, verkauft; das beste Fleisch, wie auch alles Schweine- und Hammelfleisch war übrigens für die Offiziere und ihre Bedienten. Ich kann nicht begreifen, wie man damals ein so absurdes Gerücht, wie das von der Annäherung des armen Ludwigs XVI., für wahr halten konnte, und doch war es lange Zeit, schon von Verdun her, allgemein und wurde sogar von den Offizieren geglaubt – die großen ausgenommen, welche recht gut wußten, daß Louis Capet zu Paris seit seiner Flucht in einer schrecklichen Sklavenlage gehalten wurde. Ich widersprach solchen Gerüchten immer, gab sie höchstens für erdichtet zu unserem Troste aus, und wendete alle meine Beredsamkeit an, meine Kameraden, auch unsere Offiziere, welche sich gerne mit mir abgaben, von der augenscheinlichen Absurdität solcher Geschwätze zu überzeugen. Aber statt meinen Gründen Gehör zu geben, nannten mich viele einen Patrioten oder Jakobiner und meinten, daß ich bald sehen würde, wie die Franzosen sich trollen sollten. Doch fand ich auch damals schon mehrere, sogar unter den gemeinen Soldaten, welche nichts Gutes mehr erwarteten und mehr Unglück als Glück prophezeiten. Bisher waren wir in der Wäsche noch ziemlich rein geblieben; aber nun, da sich nicht mehr waschen ließ, da sogar das Leinenzeug im Tornister vermoderte, fanden sich auch sehr unangenehme Tierchen, diese schreckliche Plage des Soldaten im Felde, bei uns unerträglich ein. Selbst die Offiziere konnten ihnen nicht mehr entgehen und lernten nun auch erst recht das volle Elend des Krieges erkennen. Aber nichts nahm unsere Leute ärger mit, als der Durchfall, der allgemeine Durchfall, und die darauf folgende fürchterliche Ruhr. Delikate Leser würde es aufbringen und ihren Ekel rege machen, wenn ich über diesen Gegenstand alles sagen wollte. Aber für delikate Leser ist dieser Teil meiner Schrift nicht, sondern für Männer, deren Absicht es ist, das Elend unserer Feldzüge gegen die Neufranken in seiner wahren Gestalt kennen zu lernen; und diese suchen nur Wahrheit, auch ekelhafte Wahrheit, wenn sie nur Resultate daraus ziehen können. Also – die Abtritte, wenn sie gleich täglich frische gemacht wurden, sahen jeden Morgen so mörderisch aus, daß es jedem übel und elend werden mußte, der nur hinblickte. Alles war voll Blut und Eiter, und einigemal sah man sogar Unglückliche darin umgekommen. – Ebenso lagen viele blutige Exkremente im Lager herum, von denen, die aus nahem Drange nicht an den entfernten Abtritt hatten kommen können. Ich bin versichert, daß nicht drei Achtel der ganzen Armee von dem fürchterlichen Uebel der Ruhr damals frei waren, als wir das Sumpflager verließen. Die Leute sahen alle aus wie Leichen und hatten kaum Kräfte, sich fortzuschleppen, und doch klagten nur wenige über Krankheit – aus Furcht vor den Lazaretten oder vor jenen Mordlöchern, worin man die Erkrankten schleppte, und worin so viele, viele um ihr trauriges Leben noch trauriger gekommen sind. Es wurden also nur die dahin gebracht, die gar nicht mehr fort konnten, und deren war eine sehr große Menge. Viertes Kapitel Vor der Schlacht. – Die Kanonade von Valmy. – Der König im Kugelregen. – Aberglaube der Soldaten. – Nach der Schlacht. – Kein Brot! – Parolebefehle. – Auch der König hungert. – Das königliche Kreidegeschenk. – Waffenstillstand. – Wie wir Soldaten aussahen. – Ein neues Kriegsmanifest. – Bedenkliche Lage des Heeres. – Dumouriez läßt uns entkommen. – Der Rückzug. – Schlimmes Wetter. – Verzweifelte Stimmung. – Die Krankentransporte. – Im Walde bei Châtillon. – Brief des Generals Dillon an den Landgrafen von Hessen. – Unser Schuhzeug. – Wieder auf deutschem Boden! Aus dem Sumpflager hatten wir noch ungefähr 16 Stunden nach La Lune, wo die bekannte Kanonade vorfiel, jene nämlich, welche das Ziel unserer Heldentaten in Frankreich gewesen ist; denn nach dieser Zeit, bis auf unseren Separatfrieden, ist gegen die Franzosen auf französischem Boden von uns beinahe nichts mehr getan worden; und was die Kaiserlichen darauf taten, ist eben auch nicht weit her. Wir machten diesen Weg trotz unseren ausgemergelten Körpern in wenig Tagen und hatten immer mit Mangel zu kämpfen, weil der Feind uns hier in der Nähe war und kein Marketender uns zu folgen sich getraute. Einige Weiber und Menscher zogen zwar mit, aber die hatten leider selbst nichts, konnten also auch nichts verkaufen. Am 19. September mußten wir nachmittags noch spät aufbrechen und vorwärts marschieren bis nachts um neun Uhr, und hernach brachten wir ohne Zelte und beinahe ohne Infanteriewachen die Nacht unter offenem Himmel zu. Der Wind brauste diese Nacht fürchterlich, und es war gewaltig kalt. Waldung war dort in der Nähe nicht; wir liefen also scharenweise in die Dörfer und holten, was von Holz uns in die Hände fiel, ins Lager, und machten Feuer wie in der Hölle. In den Dörfern selbst wurde Feuer in die Bauernhöfe getragen, und man zündete mit Strohfackeln in den Scheunen und Ställen herum. Was von Vieh noch übrig war, wurde mitgeschleppt und im Lager in Töpfen und Kesseln, die man gleichfalls in den Dörfern gelangt hatte, gekocht und verzehrt. Unter allen zeichneten sich die Soldaten vom Regiment Romberg als brave Beutemacher und Köche aus. Einer unserer Offiziere, Major von Massow, wollte dem greulichen Plündern und Anzünden steuern, aber seine Bemühungen waren fruchtlos; man stellte ihm vor, daß jetzt, den Tag vor einem wahrscheinlichen Angriff auf den Feind, ein scharfes Verfahren wider die Beutemacher am unrechten Orte sein würde. So dachten alle, denn ich sah die Generale selbst ganz ruhig am Feuer sitzen und den Soldaten zusehen, ohne ein Wort darüber zu sagen, als diese ihre geraubten Hühner usw. zurecht machten. In solchen Tagen kann man ihnen das auch gar nicht zumuten, ob ich gleich überzeugt bin, daß die wenigsten von ihnen diese Greuel billigen.   Sobald der Tag anbrach, wurde abmarschiert. Es hatte erst geschienen, als wenn das Wetter sich halten würde, aber gegen sieben Uhr fing es heftig an zu regnen, und wir wurden bis auf die Haut naß. Dennoch ging der Zug weiter bis gegen die Höhen von Dampierre, worauf Dumouriez sich postiert hatte, und hier fiel die bekannte Kanonade von Valmy vor. Warum wir bei dieser Kanonade keinen Vorteil erhielten, ist handgreiflich. Der Feind hatte mehr Volk, mehr und besseres Geschütz und eine weit bessere Stellung als wir. Besonders machte eine Batterie an einer Windmühle, wenn diese gleich von unserem Geschütz und auffliegenden Pulverkarren zusammengeschmissen wurde, es völlig unmöglich, den Feind mit Infanterie anzugreifen. Unsern König sah ich hier in Begleitung einiger Generale mitten unter den feindlichen Kugeln hinreiten und freute mich über das herrliche Beispiel. Aber da mußte ich ein Gespräch zweier alter Unteroffiziere mit anhören, die ich A. und V. nennen will. A.: Siehst du den Alten In Sachsen und anderwärts spricht man vom Regenten mit komplimentvolleren Ausdrücken; da sagt man: der gnädigste Kurfürst, Ihre Durchlaucht der Landgraf, Ihre Erzbischöfliche Gnaden usw. Hingegen der Preuße sagt schlechtweg: der Alte und legt auf diese Benennung doch mehr, als der Sachse, der Hesse, der Mainzer auf ihre prunkvollen Titulaturen. L. dort? B.: Seh 'n wohl. Schau, wie die Kugeln ihm um den Kopf fliegen! A.: Wenn er nur nicht getroffen wird! B.: Narre, denkst du denn, daß er das könne? A.: Warum nicht? Wenn ihm eine Kugel an den Kopf fährt, ist er weg. B.: Ah. warum nicht gar! Eine eiserne Kugel trifft den König nicht. A.: Und wie das? B.: Schau, Bruder, das will ich dir sagen: ich bin ein alter Soldat und hab den Siebenjährigen Krieg mitgemacht; du kannst mir also glauben, daß ich's verstehe. Ein gekröntes Haupt wird von keinem Blei oder Eisen getroffen; das fällt weg, und wenn der König gerade unter die Batterie dort ritte. A.: Aber es sind doch schon, wie man so hört, Könige vorm Feinde erschossen worden. B.: Jawohl. Bruder; aber das waren auch andere Kugeln, es waren Kugeln von Silber! Und siehst du, Bruder, wenn die Franzosen unseren Alten treffen wollen, so müssen sie silberne Kartätschen einladen, und dann wird er bald weg sein. A.: Wenn das so ist, dann hat der Alte gut dahinreiten! B.: Freilich wohl! Zudem haben die Könige von Preußen das Privilegium, daß ihnen weder Hieb noch Schuß schaden kann. Deshalb hat der alte Fritz im Siebenjährigen Krieg oft ganze Hände voll Bleikugeln aus seinen Ficken geholt und die Kanonenkugeln mit dem Hut aufgefangen. A.: Höre, Bruder, du kannst recht haben! Drum gehen die Könige in Preußen wohl auch nur noch allein ins Feld; sie würden aber wohl hübsch zu Hause bleiben, wenn sie sich vorm Totschießen fürchten müßten. Dann würden sie's machen, wie der Kaiser, der König in Spanien und die anderen Könige. Die bleiben alle hübsch zu Haus und lassen ihre Leute für sich tot, krumm oder lahm schießen. – Durch solche absurden, abergläubigen Ideen entkräftet ein solcher Märchentrödler ein Beispiel von Tapferkeit, welches der König seinem Heere gibt, und das für sich ganz unwiderstehlich wirken würde. Es ist hier der Ort nicht, zu beweisen, daß der damalige französische General Dumouriez weder uns noch seiner Nation ganz gewogen war. Dumouriez hätte uns noch am Tage der Kanonade viel schaden können, wenn er gewollt hätte; das ist eine Wahrheit, welche unsere eigenen Befehlshaber gern eingestanden und die auch aus der Natur unserer Lage deutlich genug erhellt. Nach einem wechselseitigen Feuer von ungefähr vier Stunden wurde abmarschiert, und wir zogen uns auf verschiedene Hügel, welche wir besetzten. Der König nahm sein Quartier auf dem Vorwerk La Lune. Unser Verlust an Toten und Blessierten belief sich auf 160 Mann; freilich ein ganz geringer Verlust bei einer vierstündigen Kanonade, aber allemal groß genug bei einer Kanonade, welche nach dem Zeugnis aller verständigen Kriegsmänner ganz ohne alle Hoffnung eines Sieges oder reellen Vorteils unternommen war. Die Verwundeten wurden auf ein Vorwerk gebracht, wo sie wegen der elenden Pflege schon meistens in der ersten Nacht unter den heftigsten Qualen hinstarben. Gar wenige von allen bei La Lune verwundeten Soldaten sind mit dem Leben und kein einziger ist mit geraden Gliedern davon gekommen. Das ist freilich schrecklich, aber daran ist auch meistens unsere medizinische Anstalt schuld, welche bei keiner Armee elender sein kann, als sie damals bei unserer war. Das machte aber, weil man steif und fest geglaubt hatte, die Franzosen würden uns keinen Finger entzwei schießen. Man hatte sich aber verrechnet, und zwar garstig! Es war entsetzlich kalt den Abend nach der Kanonade, der Wind ging scharf und mit Regen vermischt, und wir mußten da unter freiem Himmel stehen bis den anderen Tag gegen Abend, aus Furcht, Dumouriez möchte sich seines Vorteils bedienen und uns angreifen. Der Hunger quälte uns alle; denn unser Brot war schon lange verzehrt, und wenn man so unter freiem Himmel in Kälte und Nässe kampieren muß, hat man immer mehr Appetit, als in der warmen Stube. Ebenso fehlte es uns an Wasser; die Nähe des Feindes gestattete nicht, es herbeizuholen, und so litten wir gewaltigen Durst. Einige Bursche, welche mehr Herz hatten als andere, gingen aber doch hin und holten welches, das sie hernach teuer genug verkauften. Einmal wurde ein Trupp Wasserholer von einer feindlichen Patrouille aufgefangen; sie entgingen ihr aber wieder, weil die Finsternis sie begünstigte. Gegen Tag sorgte der Himmel selbst für Wasser, denn es regnete gewaltig, und die Gräben füllten sich. Da aber hätte man die durchnäßten hungrigen und schmutzigen Soldaten hinrennen und trinken oder vielmehr saufen sehen sollen. Als es Tag wurde, verbreitete sich Angst und Schrecken in der ganzen Armee von neuem; jedermann vermutete, daß nun abermals ein neuer Angriff auf die Franzosen würde gemacht werden. Aber die Herren Franzosen postierten sich bloß vorteilhafter und verschanzten sich noch besser als den Tag vorher. Dieser Tag war zwar unser Brottag, aber wir hofften vergeblich auf Speise. Unsere Brotwagen waren aus Furcht vor den Franzosen zurück geblieben und kamen erst am späten Abend. Der Hunger quälte uns jedoch nicht so sehr, als die immerwährende Furcht uns ängstigte, der Feind möchte uns angreifen. Ich suchte auf alle Art, meinen Kameraden diese Furcht zu benehmen, und nicht ohne Erfolg; und nachdem sie mit der Zeit sahen, daß ich recht hatte, hielten sie mich von nun an für einen Propheten und fragten mich in Zukunft über alle Vorfälle, welche sie befürchteten oder wünschten. Gegen Abend stießen die Oesterreicher zu uns. Man hatte, ich weiß nicht warum, ausgesprengt, daß ihre verspätete Ankunft eigentlich schuld an unserm schlechten Erfolg bei der Kanonade gewesen sei. So redeten sogar viele Offiziere; aber jetzt weiß man's anders. Gegen sechs Uhr schlugen wir endlich unsere Zelte auf, erhielten Brot und ruhten nun von den großen Strapazen aus. Ich habe niemals erquickender geschlafen als diese Nacht. Am dritten Tage nach der Kanonade änderten wir die Stellung unseres Lagers. Als der Brottag wieder kam, war kein Brot da. Man gab vor, die Wagen könnten nicht vorwärts wegen des entsetzlichen Kotes, und da wir den Weg, welchen die Wagen von Grandpré kommen mußten, sehr wohl kannten, so beruhigten sich die Leute. Die wahre Ursache aber war, daß die Franzosen viele Wagen weggenommen hatten und die anderen sich nun nicht getrauten, vorwärts zu fahren, und also liegen blieben. Es wurde daher bei der Parole – man denke doch an die Fürsorge! – befohlen, Weizen zu dreschen, ihn bis zum Zerplatzen zu sieden, mit Butter und Speck zu schmälzen und dann zu essen. Das war nun so ein Stück von Parolebefehl, deren es in der Art mehrere gab! Weizen war zwar noch in den Dörfern, aber wo sollte man den dreschen? Der Kot war knietief, und darin drischt sich's gar übel! Und woher sollte man Speck, Butter und Salz nehmen, welches alles in der ganzen Armee nicht zu haben war? Kein Marketender war da, sogar der Jude war bei Grandpré zurückgeblieben: wer also sollte uns da das Nötige zum Schmelzen besorgen? – Einige sotten jedoch Weizenkörner und aßen sie ohne Salz und Schmalz vor lauter Hunger hinein. Optimum ciborum condimentum fames ! Es gab zwar dortherum auf einigen Aeckern noch Kartoffeln, welche man auch holte und kochte; aber leider war dies eine gar geringe Hilfe; die Kartoffeln waren von der Art derer, die man in Deutschland dem Vieh gibt; sie vermehrten auch noch die damals alles zerstörende Ruhr. Selbst im königlichen Hauptquartier zu Hans war Mangel über Mangel; auch da war kein Brot, und an Leckerbissen vollends gar nicht zu denken. Dieser Mangel ward indes dem französischen General bekannt, welcher dann frisches Obst und andere Dinge ins Hauptquartier schickte, um wenigstens den König von Preußen, seinen Feind, und dessen hohe Generalität vor Hunger zu sichern. Dieser Zug von Edelmut vermehrte bei unseren Soldaten die gute Idee, welche sie seit der Kanonade von den Franzosen schon hatten. Von nun an hörte man auch fast allgemein auf, sie Spitzbuben, Racker, dumme Jungen u.dgl. zu schelten. Man hatte auch von allen Seiten her soviel Vieh zusammengetrieben, als man nur konnte, und da erhielt denn freilich der Soldat auch Fleisch, aber mageres, elendes, anstatt des Brots: und Brot muß der Soldat haben, wenn er nicht hungern oder an Nebenspeisen nicht erkranken soll. Am allerlächerlichsten war der Parolebefehl wegen der Kreide. In Champagne gibt es ihrer viel, und nachdem man auf einem Hügel recht schöne entdeckt hatte, mußten Leute hin, sie auszugraben, und nun wurde befohlen, daß man diese Kreide unter die Soldaten verteilen solle mit dem Zusatz: Seine Majestät der König schenke diese Kreide den Soldaten! In Champagne, dort bei Hans, war freilich der Ort, wo man Hosen und Westen mit Kreide weißen sollte!   Der Herzog von Braunschweig machte gleich einige Zeit nach der Kanonade einen Waffenstillstand mit dem General der Franzosen. Unsere Vorposten fanden während dieser Zeit allerorten Zettel, welche die französischen Patrouillen ausstreuten, um unsere Leute zur Desertion aufzumuntern. Diese Zettel, die in französischer und deutscher Sprache gedruckt waren, machten doch nur schwachen Eindruck, obgleich sie im Lager und in der ganzen Armee stark zirkulierten, und verleiteten nicht viele Soldaten zur Desertion; wenigstens sind von unserem Regiment kaum 30 Mann in Frankreich vermißt worden. Das kam aber von der ganz natürlichen Ursache, daß jedermann glaubte, der Friede sei im Werke, und darum hoffte, bald wieder zu Hause bei den Seinigen zu sein. Hätten die guten Leute damals schon wissen sollen, daß sie erst noch einige Jahre herumziehen müßten, so will ich das Leben verwetten, das Drittel der Armee wäre bei Hans ausgerissen. Man sah dies im Jahre 1793 bei der Retirade im Herbst! Das Wetter war die ganze Zeit über, die wir bei Hans im Lager standen, abscheulich; es regnete ohne Unterlaß, und dabei war es sehr kalt. Alle Tage mußte frisches Stroh oder vielmehr ungedroschener Weizen aus den Dörfern geholt werden. Das Wasser lief immer in die Zelte und machte das Lagerstroh zu Mist: also frisches! Sollte nach Wasser oder Holz gegangen, oder das elende Kommißfleisch gekocht werden, so zankte man sich erst eine halbe Stunde in den Zelten herum, wer gehen sollte, an wem die Reihe wäre? Denn das Wasser sowohl wie das Holz mußte eine gute halbe Stunde vom Lager gelangt werden, und bis dorthin mußte man bis an die Knie im Kot kneten. Feuer zum Kochen war sehr schwer anzumachen, weil man, nach geschlossenem Waffenstillstande, kein dürres Holz aus den Dörfern mehr nehmen durfte, folglich mit grünem Weiden- und Pappelholz sich behelfen mußte. Dieser Umstand machte, daß, als das Brot ankam, die Bursche in zwei Tagen gar kein Kochfeuer machen wollten. Die preußische Reinlichkeit hatte zwar schon längst aufgehört, aber bei Hans hätte man die Herren Preußen, die sonst so geputzten Preußen, Offiziere und Soldaten, schauen sollen. Die weißen Westen und Hosen waren über und über voll Schmutz, und noch obendrein vom Rauche gelb und rußig; die Gamaschen starrten von Kot, die Schuhe waren größtenteils zerfetzt, so daß manche sie mit Weiden zusammenbinden mußten; die Röcke zeigten allerlei Farben von weißem, gelbem und rotem Lehm, die Hüte hatten keine Form mehr und hingen herab wie die Nachtmützen; endlich die gräßlichen Bärte – denn wer dachte da ans Rasieren! – gaben den Burschen das leidige Aussehen wilder Männer. Kurz, wenn die Hottentotten zu Felde ziehen, so müssen sie reinlicher aussehen als damals wir. Die Gewehre waren voll Rost und würden gewiß versagt haben, wenn man hätte schießen wollen.   Es ist ganz gewiß, daß der Herzog von Braunschweig notgedrungen den ersten Vorschlag zum Waffenstillstand getan hat. Dumouriez nahm diesen aus Gefälligkeit gegen uns an, und hatte, wie mich dünkt, hinlängliche Ursache dazu; er konnte nämlich hoffen, daß der König von Preußen Frieden mit den Franzosen machen würde, und so hatte die Republik – Frankreich war damals schon eine – einen mächtigen Feind vom Halse. In dieser Absicht schickte er eine Erklärung ins preußische Lager; worin er mit den besten Gründen und starker männlicher Beredsamkeit die Vorteile darlegte, die Preußen aus einem Frieden mit Frankreich ziehen könnte. Der Herzog schickte aber, ohne auf des französischen Generals Vorstellungen zu achten, demselben am 28. September abermals ein Manifest, welches zwar den gebieterischen Ton des Koblenzer Aufsatzes nicht mehr führte, doch aber noch immer die Herstellung Ludwigs XVI. und des erblichen Königtums erwähnte. Und diesem Manifest, welches zu gar nichts nützen konnte, ist denn auch der tragische Rückzug der Deutschen, der Einfall Custines in die diesseitigen Rheinländer und das daraus entstandene Elend so vieler Tausende von Menschen zuzurechnen. Es ist unbegreiflich, wie ein Fürst, ein so hellsehender Fürst, als der Herzog von Braunschweig ist, es übersah, daß er mit einem Feinde zu tun hatte, den er mit Gewalt nicht mehr zwingen konnte, und daß er, trotz unserer jämmerlichen Lage, es dennoch wagte, diesem Feinde eine abermalige Kriegserklärung zuzuschicken. Dumouriez indes nahm das Manifest auf, wie er mußte. Er erklärte in einem Brief an den General Manstein, daß nun aller Waffenstillstand aufgehoben sei, und daß die Feindseligkeiten ihren Anfang wieder nehmen müßten. Der General Manstein, ein kluger, erfahrener Mann, fühlte schon im voraus die traurigen Folgen einer abermaligen Feindseligkeit und suchte daher den General der Franzosen auf jede glimpfliche Art zu besänftigen, allein Dumouriez blieb unerbittlich, bis endlich Herr Graf von Kalkreuth nach seiner ihm ganz eigenen Klugheit durch seine überzeugende und gewandte Beredsamkeit bei Dumouriez und den übrigen fränkischen Heerführern soviel bewirkte, daß man die Preußen – abziehen ließ. Es stand wahrlich bei den französischen Generälen, ob sie die Preußen abziehen lassen oder sie gefangen nehmen wollten. Warum sie das letztere nicht taten oder wenigstens den Rückzug nicht noch mehr erschwerten, ist mir ein Rätsel, welches aber seinerzeit vielleicht noch gelöst werden dürfte. Herr Graf von Kalkreuth könnte den besten Schlüssel dazu hergeben. Niemals aber ist die preußische Armee und ihr guter König in größerer Gefahr gewesen, als am 29. September 1792.   Am 29. September, also an eben dem Tage – man merke das Dringende! – wo Kalkreuth und Dumouriez Traktaten gemacht hatten, brach unsere Armee schon auf, und rückte zurück, oder vielmehr, sie änderte nur, ihre Position rückwärts, und am 30sten ging's wirklich – zurück. Das Wetter war anfangs recht gut, nämlich vom 29sten an; allein am 3. Oktober fiel wieder das Regenwetter ein und nahm kein Ende, solange wir noch in Frankreich uns schleppten. Den 4. Oktober war ein ganz abscheulicher Marsch. Wir waren schon frühe aufgebrochen, aber der jämmerliche Weg hinderte das Geschütz, vorwärts zu kommen; also mußten wir den ganzen Tag bis in die späte Nacht unterwegs bleiben und uns von dem unaufhörlichen kalten Regen bis auf die Haut nässen lassen. Spät in der Nacht, ungefähr nach zehn Uhr, kamen wir auf dem Platz bei Besancy an, wo wir unser Lager schlagen sollten, oder vielmehr es kam nur ein großer Teil unserer Armee dort an; denn gar sehr viele waren zurückgeblieben, weil sie nicht mehr fortkonnten, teils auch, weil sie sich in der stockfinstern Nacht verirrt hatten. Den nächsten Tag war Ruhe; man mußte nämlich Halt machen, um den zurückgebliebenen Leuten Zeit zu lassen, sich wieder zu sammeln. Hier sah man das erste Mal viele ohne Gewehr und Patrontasche ankommen. Die armen Leute hatten schon vollauf Mühe, nur ihren Körper fortzuschleppen, warfen also die Waffen weg, unter deren Last sie sonst hätten erliegen müssen. Einige schmissen sogar ihre Tornister fort. Der König selbst hat auf diesem jämmerlichen Rückzug allen Soldaten, die er durch Hunger, Kälte, Regen und Ruhr abgemattet und wie Skelette gestaltet einzeln unterwegs antraf, den Rat gegeben, ihr Gewehr wegzuwerfen, mit dem Zusatz, er wollte ihnen schon wieder andere schaffen. Eben dieses rieten den abgematteten Kriegern alle Generäle und Offiziere, in deren Busen noch Menschlichkeit rege war. Der Soldat im Lager ist gewöhnlich lebhaft und munter: er singt und treibt sonst allerlei, um die Zeit hinzubringen und das Lästige zu vergessen. Aber in den Lagern, welche wir besonders auf dem Rückzuge aus Frankreich aufschlugen, herrschte Totenstille: kein lautes Wort hörte man, wenn nicht hier und da einer fluchte oder mit seinem Kameraden zankte. Freundlicher Zuspruch war ganz außer Mode. Von da marschierten wir einige Tage hintereinander, oder vielmehr, wir wateten durch Wasser und Kot bis auf den 9. Oktober. Wegen der gewaltigen Wege und des beinahe immer anhaltenden Regens konnte man nur ganz kleine Märsche von 3, 4, höchstens 5 Stunden machen, und doch brach man jedesmal mit dem Tage, oft auch noch vor Tage, auf, und marschierte bis zur sinkenden Nacht. Das Elend wurde täglich größer, die Wege wurden immer schlechter, und die Mannschaft, wie die Pferde, matter und kränker. Die Kranken – mir schaudert noch die Haut, wenn ich an das Uebermaß alles Elends denke, das unsere armen Kranken auf dieser verfluchten Retirade überstehen mußten! – Sie mehrten sich jeden Tag, so daß endlich kaum Fuhren genug zu haben waren, sie wegzubringen. Auf den Wagen, worauf man die Kranken transportierte, fehlte es an aller Bequemlichkeit; die armen Leute wurden darauf geworfen – wenn sie sich nicht selbst noch helfen konnten –, wie man die Kälber auf die Karren wirft – und damit war es dann gut. Niemand bekümmerte sich, ob so ein Kranker etwas unter dem Leibe oder dem Kopfe hatte, ob er bedeckt war oder nicht; denn die, welche sich um dergleichen hätten bekümmern sollen, waren meistens selbst krank und hatten kaum Kräfte genug, sich fortzuschleppen. Starb einer unterwegs, so warf man ihn von dem Wagen auf die Seite und ließ ihn unbegraben liegen. Oft warf man noch lebende mit herunter, die dann aufs jämmerlichste im Schlamm verrecken mußten. – Verrecken ist freilich ein sehr unedles Wort, es paßt aber vollkommen, um die Todesart unserer Brüder zu bezeichnen. – Meine Leser müssen hier nicht an Uebertreibung denken, ich würde, wenn ich auch noch abscheulicher schilderte, doch lange nicht genug sagen. Um diese Zeit fing man auch an, die Munitionswagen zu verbrennen und die Kanonen einzugraben. Viele Offiziere haben dies zwar bestritten, vor übertriebener Ehrbegierde, aber ich muß es hier bekennen, und jeder Augenzeuge muß es mit mir bekennen, daß diese Sache ihre Richtigkeit hat. In der Gegend von Conconvoir wurde eine Haubitze versenkt und hernach mit toten Körpern überdeckt, damit das Grab der Haubitze für ein Grab menschlicher Leichname angesehen und von den Franzosen nicht untersucht werden möchte. In der Folge sind aber, um einer Pest vorzubeugen, von den Franzosen alle Leichen der Preußen in tiefe Löcher vergraben worden; und da haben sie denn alles eingegrabene Geschütz entdeckt und zu ihrem Gebrauch umgegossen. Am 13. Oktober war ein ganz besonders schrecklicher Marsch. Wir konnten kaum in einer Stunde zweihundert Schritte vorwärts kommen; man marschierte fort bis nachts um elf Uhr, oder vielmehr die Leute tappten herum in der stockfinsteren Nacht, bis man endlich in einem Hochwald bei der Abtei Châtillon Halt machte. Hier standen wir nun bis zum 17ten ohne Zelte, weil die Bagage unmöglich hatte vorwärts können. Kaum waren einige elende Zelte für den König und die Prinzen aufzubringen. Ein Korporal kam hier ganz krumm nach dem königlichen Zelte, und sah wegen seiner Ruhr aus wie ein Gerippe. Der König stand da und sah mit mitleidig gebeugtem Blick dem übergroßen Elend seines Volkes zu. Als er den Unteroffizier erblickte, sagte er zu ihm: »Wie geht's, Alter?« Unteroffizier : Wie Sie sehen, Ihre Majestät, schlecht! König : Jawohl, schlecht! Daß Gott erbarm! (Lange Pause.) Die Spitzbuben! Unteroffizier : Jawohl, die Spitzbuben, die Patrioten! König : Ei was, Patrioten! Die Emigranten, das sind die Spitzbuben, die mich und Euch ins Elend stürzten. Aber ich will's ihnen schon gedenken! So sah also der gutmütige König jetzt besser ein, wer ihn mißleitet hatte. Er hatte das nämlich schon in Hans dem Monsieur (dem Grafen von Provence) und dem General Clairfait gesagt. »Ihr habt,« waren seine Worte, »mich alle beide hintergangen: diesmal will ich euch noch aus der Not helfen, worin ihr steckt, aber ihr sollt an mich denken.«   Hätten die Franzosen uns damals ernstlich angegriffen, als wir im Walde bei Châtillon standen, ich glaube, wir wären verloren gewesen. Daß sie unsere Lage genau kannten, erhellt aus folgendem: Eine hessische Patrouille wurde von einer französischen attackiert. Die Hessen wehrten sich verzweifelt, doch wurde ihr Führer, Leutnant von Lindau, gefangen. Der General Dillon schickte diesen Braven an den Landgrafen zurück, mit einem Schreiben, welches ich seiner Merkwürdigkeit wegen hier einrücke: Ich habe die Ehre, Sr. Durchlaucht dem Landgrafen von Hessen-Kassel den Leutnant Lindau zurückzuschicken. Aus dem Zeugnis, das ich diesem Offizier habe geben lassen, werden Sie ersehen können, daß die allezeit große, allezeit großmütige französische Nation eine schöne Tat zu schätzen weiß und auch an ihren Feinden Tapferkeit hochschätzt. Ich ergreife diese Gelegenheit, Ew. Durchlaucht einige Gedanken vorzulegen, welche Vernunft und Menschenliebe eingeben. Sie können nicht in Abrede stellen, daß eine ganze zusammengenommene Nation das Recht habe, sich diejenige Regierungsform, die sie für ratsam hält, zu geben, und daß folglich kein Privatwille den Willen der Nation hemmen könne. Die freie und auf ewig ganz unabhängige französische Nation hat ihre Rechte wieder an sich genommen und ihre Regierungsform abändern wollen: das ist in wenig Worten der Inbegriff desjenigen, was in Frankreich vorgeht. Se. Durchlaucht von Hessen-Kassel haben auch ein Korps Truppen nach Frankreich geführt. Als Fürst opfern Sie Ihre Untertanen für eine Sache auf, die Sie nichts angeht, und als Krieger müssen Sie die Lage einsehen, worin Sie sich jetzt befinden. Sie ist gefährlich für Sie: Sie sind umringt; ich rate Ihnen, morgen früh den Rückweg nach Ihrem Lande anzutreten und das französische Gebiet zu räumen. Ich will Ihnen die Mittel angeben, sicher an den französischen Armeen vorbeizukommen, die sich verschiedener Posten, durch welche Sie müssen, bemächtigt haben. Dieser Antrag ist freimütig, ich verlange eine kategorische und förmliche Antwort. Die französische Republik entschuldigt einen Irrtum, sie weiß aber auch einen Einbruch in ihr Gebiet und die Plünderung desselben ohne Erbarmen zu rächen. Dillon. N. S.: Ich sende Ihnen diesen Brief durch meinen Generaladjutanten Gobert, der auf Ihre Antwort warten wird. Ihre Beschleunigung ist dringend notwendig; ich bin im Begriff, zu marschieren. Dieses Schreiben beweist hinlänglich, daß Dillon die üble Lage der deutschen Völker genau kannte. Das Schreiben war aber in einem Ton abgefaßt, welcher einem Fürsten, wie der Herr Landgraf von Hessen ist, unmöglich gefallen konnte. Nachdem also dessen Inhalt durch einen Zufall bekannt geworden war, so wurde, auf Befehl des Landgrafen , ausgesprengt, es sei erdichtet oder doch wenigstens nicht in die Hände Seiner Durchlaucht gekommen, noch weniger aber habe er es beantwortet. – General Dillon erfuhr dieses und ließ nun unter seiner Bürgschaft das Schreiben nebst der Antwort, welche auf Befehl des Herrn Landgrafen darauf gegeben und freilich eines auf seine Fürstenehre höchst eifersüchtigen Mannes würdig war, durch den Druck und durch Zuschreiben an preußische Generäle bekannt machen. Ich überlasse es meinen Lesern, die hierher gehörigen Anmerkungen selbst zu machen – einmal über unsere damalige Lage, dann über den offenen und edlen Republikanersinn und endlich über die diplomatischen Kunstgriffe des Dünkels der Macht und des Schlendrians.   Es war schon, ehe wir die Standquartiere verließen, befohlen worden, daß man besonders für gutes Schuhwerk der Soldaten sorgen und hinlänglich dazu mitnehmen sollte, um die abgehenden gleich wieder ersetzen zu können. Aber unsere Herren hatten so für sich auskalkuliert, daß der ganze Krieg wohl nur ein Vierteljahr dauern könnte, und waren eben darum auch in Befolgung dieses Befehls sehr nachlässig gewesen. Die Folgen zeigten sich bald. In der ganzen Armee fingen die Schuhe auf einmal so an zu reißen, daß beinahe kein einziger Soldat gutes Schuhwerk noch hatte. Sogar die Offiziere trugen zerrissene Stiefel, und die armen Packknechte gingen vollends gar barfuß. Es war schändlich anzusehen, wie die Preußen da ohne Schuhe durch den Kot zerrten und ihre Füße an den spitzen Steinen blutrünstig rissen. Viele hatten ihre zerfetzten Schuhe auf die Gewehre gehängt, andere trugen sie in der Hand; manche hatten Lappen und Heu um die Füße gewickelt. Unser Feldwebel hatte immer seine wahre Not, wenn er die Wache kommandieren sollte: von vier Mann hatten allemal drei keine Schuhe und konnten doch barfuß nicht aufziehen. Marschieren durfte man wohl barfuß, aber nicht barfuß auf die Wache ziehen! Der schlechte Zustand des Schuhwesens machte mehr scharfe, meuterische Reden bei der Armee rege, als selbst der Hunger. Die Soldaten klagten laut und brachen in Aeußerungen aus, welche zu jeder anderen Zeit wären bestraft worden; aber auf einem Rückzug, wie dieser war, mußten unsere Offiziere schon schweigen und die Leute murren und schimpfen lassen nach Belieben. Ich habe oft in deutschen Büchern gelesen, daß die französischen Volontairs oder Sansculotten elend seien gekleidet gewesen. Das ist sehr wahr, aber kein Deutscher hätte über ihren schlechten Aufzug spotten sollen, da die Herren Preußen ja auch zigeunermäßig genug aus Frankreich zogen, und die Herren Oesterreicher und messieurs les émigrés nicht minder. Nachdem wir den 18ten gerastet hatten, d.i. stille gelegen waren, weil alle unsere Wagen im Kote waren stecken geblieben, so brachen wir am 19ten wieder auf und schleppten uns noch zwei gute Stunden ins Lager dicht bei Longwy, wo wir endlich gegen Nacht müde und hungrig ankamen. Am 20sten war Ruhetag, und wir erhielten aus dem Magazin von Longwy Fleisch, Wein, Branntwein und Zwieback. Das war denn wieder zum erstenmal gehörig gegessen und gelabt. Hier wurden auch die Soldaten wieder munter, denn nun hieß es: noch einen Marsch, und wir sind aus Frankreich! Die guten Leute bildeten sich ein, daß, wenn sie nur aus Frankreich wären, alles Elend gleich ein Ende haben würde, und bedachten nicht, daß der Same zu unbeschreiblichem Unglück, welches in der Folge auf unser liebes Vaterland fallen mußte, schon ausgestreut war und schon Keime gewonnen hatte.   Unsere Armee kam den 21. Oktober auf deutschen Boden zurück, aber auch hier hatte das Elend und die Not noch kein Ende. Wir lagerten uns in dem Kot, und zwar ohne Lagerstroh, und doch sollten wir hier auf Order stehen bleiben. Am ersten Ruhetag, den 22sten, desertierten einige Soldaten vom Regiment Woldeck. Man setzte ihnen nach, weil man ihre Spur wußte, aber die Nachsetzenden mochten sich wohl etwas zu weit verlaufen haben und über die Grenze gekommen sein. Genug, sie stießen auf eine französische Patrouille, welche sie angriff und gefangen nahm; sie wurden zwar bald zurückgeschickt, jedoch mit dem Vermelden des französischen Generals, daß man künftig, wenn wieder ein so anomalisches Verfolgen der Deserteure statthaben sollte, die Nachsetzer nicht als Preußen, sondern als Störer der allgemeinen Sicherheit und Ruhe ansehen und als solche behandeln würde. Das war freilich derbe und dient als Wink über die Qualität unseres Rückzuges. Auch in diesem Lager war das Wetter abscheulich, aber der Gedanke, daß wir doch wieder auf deutschem Boden wären, versüßte den meisten alles Elend, und die armen Teufel von Soldaten freuten sich, daß sie bald wieder in ihre Heimat kehren würden. Mir schien diese Hoffnung schlecht gegründet, ob es mir gleich nicht ganz unglaublich vorkam, daß der König von Preußen mit den Franzosen habe Frieden machen können. Ihre Nachsicht mit uns auf unserm Rückmarsch schien mir dies zu bestätigen. Den 24sten kamen wir bei Luxemburg an, wo wir bis den 29sten stehen blieben. Hier erholten wir uns wenigstens wieder mit Essen und Trinken, obgleich das Wetter auch hier schrecklich und abscheulich war. Wir waren indes an das schlimme Wetter schon gewöhnt, und da wir hier in diesem Lager hinlänglich zu essen haben konnten und hatten, so waren wir wenigstens wieder munterer als vorher. Bisher hatten die Soldaten wenig kaufen können, weil nichts zu kaufen da war, und so konnten sie ihre Löhnung aufsparen und hatten daher alle Geld, mehr als gewöhnlich. Aber im Lager bei Luxemburg war das Geld bald alle, indes man hatte auch was dafür. In diesem Lager wurde nun auch die Nachricht allgemein bekannt, daß General Custine in Deutschland eingefallen wäre und Mainz erobert hätte. Daraus schlossen nun die Verständigeren, daß der Krieg noch kein Ende haben würde, und unser ganzes Volk wurde mit Schreck und Entsetzen erfüllt. Die Fortsetzung des Krieges, besonders eines Krieges gegen die Franzosen, war in den Augen der klügeren Preußen nun das höchste Uebel. Fünftes Kapitel Die preußischen Feldlazarette. – Besuch im Lazarett zu Longwy. – Unsauberkeit und Unordnung, – Die Kranken auf den trierschen Straßen. – Warum die Lazarette so erbärmlich sind. – Die Krankenwärter. – Die Feldscherer. – Die höheren Ärzte. – Diebe und ihre Mitschuldigen. – Besuch im Spital zu Singen. – Ein unmenschlicher Chirurg. – Ich sage ihm meine Meinung. – Die Verpflegung in den Lazaretten. – Wo die guten Sachen bleiben. – Was die Kranken bekommen. – Wer Geld hat, wird behandelt; wer keins hat, krepiert. – Fürstenspiel und Menschennieten. Die unendlichen Krankheiten, besonders die Ruhren, welche unser unglückliches Militär auf diesem unseligen Feldzug befielen, machten die Anlegung vieler Feldlazarette nötig, welche alle mit Kranken vollgestopft waren. Ich habe mehrere dieser Mördergruben selbst beobachtet, und was ich da gesehen habe, will ich dem Leser ehrlich mitteilen, jedoch mit dem Bedinge, daß der zu delikate Leser dieses Kapitel überschlage.   Ich hörte, daß mein Freund, der Unteroffizier Koppel, zu Longwy im Lazarett krank läge: ich wollte ihn also besuchen und ging hin und hinein, ohne von der Schildwache angehalten oder nur über etwas befragt zu werden. Dies ließ mich gleich anfangs nicht viel Ordnung im Lazarett selbst erwarten. Aber wie entsetzte ich mich, als ich gleich beim Eingang alles von Exkrementen blank sah und nicht einmal ein Fleckchen finden konnte, um unbesudelt hinzutreten. Der gemeine Abtritt reichte für so viele ruhrhafte Kranke unmöglich zu, auch fehlte es den meisten an Kräften, ihn zu erreichen, und Nachtstühle sah ich beinahe gar nicht. Die Unglücklichen schlichen sich also nur bis vor die Stube und machten dann alles hin, wo und wie sie konnten. Es ist abscheulich, daß ich sagen muß, daß ich sogar tote Körper in diesem Unflat liegen sah. Ich schlüpfte schnell durch ins erste beste Zimmer, aber da drängte sich mir auch sogleich ein solch abscheulicher mefitischer Gestank entgegen, daß ich hätte mögen in Ohnmacht sinken. Es war der Duft viel ärger, als wenn man ein Privet ausräumt oder des Sommers über einem vollen Schindanger steht. An Räuchern dachte man gar nicht, auch wurden die Fenster niemals geöffnet, und wo hie und da eine Scheibe fehlte, da stopfte man die Oeffnung mit Stroh und Lumpen zu. Das Lager der Kranken war dem vorigen ganz angemessen: die meisten lagen auf bloßem Stroh, wenige auf Strohsäcken, und viele gar auf dem harten Boden. An Decken und andere zur Reinlichkeit dienende Dinge war vollends nicht zu denken. Die armen Leute mußten sich mit ihren elenden kurzen Lumpen zudecken, und da diese ganz voll Ungeziefer waren, so wurden sie beinahe lebendig gefressen. Ich stand da und wußte nicht, was ich vor Mitleid und Aerger sagen sollte. Ich fragte endlich nach der Krankenpflege, erfuhr aber, daß hier außer ein bissel Kommißbrot nichts vorfalle. An Arzneien fehlte es beinahe ganz. Ich wollte den Unteroffizier Koppel sehen, aber weder Feldscherer noch Krankenwärter konnten mir sagen, in welchem Zimmer ich ihn treffen könnte. So sehr fehlte es an aller besonderen Aufsicht. Sogar hörte ich einen sagen: »Wen hier der Teufel holt (er wollte sagen: wer hier stirbt), der ist geliefert; kein Kuckuck fragt weiter nach ihm.« Voll Ekel und Abscheu ging ich fort und verwünschte das Schicksal der Krieger, welche bei eintretender Krankheit oder Verwundung in solche Mordlöcher gesteckt und so schlecht verpflegt werden, daß sie ihr Achtgroschenleben elender aufgeben müssen, als das elendeste Vieh. Aber bald bedachte ich, daß dort in Longwy vielleicht die Not selbst eine solche elende Lage der armen Leute nötig machte. Ich wußte, daß der König selbst Befehl gegeben hatte, die Kranken gut zu behandeln und für ihre Wiederherstellung, und wenn es des Monats 1000 Taler mehr kosten sollte, gehörig zu sorgen. Ich beschloß daher, mehrere Feldlazarette zu untersuchen, um ein richtiges Urteil darüber fällen zu können. Ich tat dies schon in Trier. Aber da sah ich noch mehr Greuel! Die Lazarette waren ebenso schmutzig, die Pflege ebenso elend, und die Lagerstätten ebenso abscheulich wie in Longwy. Außerdem aber mußten noch vom 30sten bis zum 31. Oktober mehr als 280 Kranke in Trier unter freiem Himmel auf der Gasse liegen bleiben. In den Hospitälern war für sie kein Platz mehr, und niemand wollte sie in die Häuser aufnehmen, weil es allgemein hieß, die Preußen hätten die Pest. Es krepierten – ja, es krepierten! – diese Nacht mehr als 30 auf der Gasse. Seht, Menschen, soviel gelten euresgleichen im Kriege! Die anderen Lazarette, die ich sah, waren alle von dieser Art. – Woher kommt denn aber dieses schreckliche Uebel, wodurch der König, oder vielmehr der Staat, so viel Leute verliert? Denn in diesem Feldzug sind sehr wenig Preußen vor dem Feinde geblieben, aber mehrere tausend in den Hospitälern verreckt, deren meiste man gewiß hätte retten können, wenn man ihnen gehörige Pflege hätte können oder wollen angedeihen lassen. Der Hauptfehler der preußischen Lazarette ist, wie mich dünkt, in der Anlage selbst zu suchen. Die Aufseher sind lauter Leute vom Militär, ohne angemessene Erfahrung und Kenntnisse, und meist lauter solche, die sich da bereichern wollen. Ihre Besoldung ist schlecht, und doch kommen sie, wenn sie auch nicht lange darin sind und blutarm hineinkamen, allemal mit vollem Beutel heraus. Es muß also an der Subsistenz der Kranken defraudiert und die ganze Einrichtung so konfus und unordentlich gemacht oder geführt werden, daß man die Defraudation nicht so leicht entdecken kann. Bei dergleichen Einrichtungen pflegt alles zusammenzuhängen und für den gemeinschaftlichen Vorteil gemeinschaftliche Sache zu machen. Selten findet sich ein Mann von Rechtschaffenheit, der seinen Einfluß zur Verbesserung tätig machen möchte, und wenn er sich findet, so wird er bald unterdrückt. Herr von Soyaczinsky, Leutnant bei unsrem Regiment, wollte einige gute Anstalten in Frankfurt für das Lazarett durchsetzen, aber er hatte soviel Verdruß dabei, daß seine ohnehin schwache Gesundheit noch mehr dadurch litt und er bald verstarb. Er besuchte uns einst bei Mainz. »Nun, Herr Leutnant,« fragte ich ihn, »wie schlägt Ihnen das Lazarett zu?« – »Ach,« war die Antwort, »die Fickfackereien, die ich da sehen muß und nicht hindern kann, bringen mich noch um.« Dem König wird freilich genug angerechnet, aber für die Kranken wird das wenigste verwendet. Ich habe gesehen, daß Feldscherer und Krankenwärter den Wein fortsoffen, der für die Kranken bestimmt war, und die guten Essenzen selbst verschluckten. Zwei Menscher in Koblenz, welche den Feldscherern zur Liebschaft dienten, verkauften den Reis aus dem Hospital, und die Kranken mußten hungern. In Frankfurt am Main kaufte man Reis, Graupen, gedörrtes Obst u. dgl. im Spital sehr wohlfeil. So war es auch in Gießen. Um nun den Betrug nicht so sehr sichtbar zu machen, geht alles mysteriös und unordentlich in den Lazaretten zu. Die Krankenwärter sind Soldaten, welche bei den Kompanien nicht mehr fortkönnen, alte steife Krüppel, die sich zum Krankenwärter schicken, wie das fünfte Rad am Wagen. Diese, deren teilnehmender Menschensinn durch den militärischen Korporalssinn abgestumpft ist, lassen den armen Kranken eine Pflege angedeihen, daß es eine Schande ist. Daß sie sich mit den Feldscherern und den anderen Meistern, die in den Lazaretten etwas anzuordnen haben, allemal einverstehen, versteht sich von selbst; denn auf die geringste Vorstellung eines Vorgesetzten würde der Herr Krankenwärter fortgejagt. Für Reinlichkeit, dieses erste Hauptstück der Krankenpflege, worauf mehr ankommt, als selbst auf die medizinische Verpflegung, wird so wenig gesorgt, daß ich Kranke weiß, denen die Hemden auf dem Leibe verfault und denen von den Läusen tiefe Löcher in den Leib gefressen waren. Freilich sollen die Krankenwärter entweder selbst waschen oder waschen lassen, aber dies geschieht nicht. Die Feldscherer, oder, wie man sie seit einigen Jahren nennen soll, die Chirurgen, sind meistens Leute, welche gar wenig von ihrem Handwerk inne haben, und daher das Elend in den Spitälern durch ihre Unwissenheit und Unerfahrenheit noch vergrößern. Für die Besetzung der Regimenter durch Oberchirurgen ist ziemlich gut gesorgt, ob es gleich auch da Leute gibt, die nicht viel mehr wissen als jeder gemeine Bartkratzer. Die Generalchirurgen sind Männer von Einsicht und Verdienst, aber die gemeinen oder Kompaniechirurgen sind größtenteils elende Stümper, die bei ihrem Lehrherrn nicht mehr gelernt haben, als Rasieren und Aderlassen, beides elend genug noch obendrein. Wer freilich sein Brot sonst verdienen kann und nicht für das kindische Vergnügen ist, in Uniform einherzuschreiten und einen Spießling an seiner Pfuscherseite herumzuschleppen, wird sich hüten, für das geringe Gehalt, das so ein Mensch gibt, den beschwerlichen Feldschererdienst bei einer Kompanie zu übernehmen. In die Feldlazarette nimmt man zwar dann und wann die geschicktesten, die man noch bei den Regimentern findet, aber eben dadurch entblößt man die Regimenter ihrer brauchbarsten Wundärzte. Was kann aber einer von dieser Art allein ausrichten, sobald ihm alle übrigen Mitoffizianten entgegen sind oder entgegen handeln. Die Oberchirurgi, welche die Aufsicht über die Lazarette führen, können teils jeden Kranken nicht selbst untersuchen und behandeln, wegen der Menge, teils sind sie dazu zu kommode oder zu delikat. Sie schauen daher nur dann und wann, und nur so obenhin, in die Krankenstuben, lassen sich vom Feldscherer, sehr oft auch nur von den Krankenwärtern referieren, verordnen dann so was hin im allgemeinen, werfen – um sich respektabel zu machen – mit einigen fehlerhaften lateinischen Wörtern und Phrasen umher, überlassen hier alles den Unterchirurgen und gehen in Offiziersgesellschaften, L'Hombre zu spielen oder sich sonst zu vergnügen. Mir sind ganz schändliche Beispiele bekannt geworden, wie selbst Oberchirurgen die medizinische Pflege deswegen vernachlässigten, weil sie das Geld, das für Arznei, Essig, Wein u. dgl. bestimmt war, an die Offiziere, die in den Lazaretten als Inspektoren angestellt waren, verspielt hatten und folglich diese Sachen nicht mehr kaufen konnten. Die Offiziere hätten freilich nach ihrer Pflicht darauf inquirieren und den Chirurgus zur Herbeischaffung der Arznei anhalten sollen; aber eben sie hatten ja das Geld gewonnen, welches sie im Fall das Ding zur Sprache gekommen wäre, hätten herausgeben müssen. Sie schwiegen also, und die armen Leute waren geprellt. So ungeschickt die preußischen Feldscherer gewöhnlich zu sein pflegen, so wenig sind noch obendrein in den Spitälern angestellt; zwei, drei solcher äskulapischen Büffel sollen eine Anzahl von 200, 300 und mehr schwerkranken Personen pflegen, wie dies in dem jetzigen Kriege gar oft der Fall war. Ich kam einst in Bingen am Rhein ins dortige Hospital, um die bei der Belagerung von Mainz Blessierten und Krankgewordenen aufzunehmen. Auch hier lief mir die Galle gar ärgerlich über. Da lagen Leute, die schon seit vier und mehr Tagen hierher gebracht und noch nicht verbunden waren. Dem einen war der Arm, dem andern der Fuß entzwei geschossen, und die Leute jammerten, daß einem die Brust vor Teilnahme beklommen ward. Aber die Herren Feldscherer und die bübischen Krankenwärter sprachen den armen Leuten nur mit Flüchen und Verwünschungen zu. »Kann ich was dafür,« hörte ich einen Feldscher sagen, »daß Ihr blessiert seid? Ich wollte, daß dem Teufel die Kugel in den A– gefahren wäre, so hätte ich jetzt keine Schererei mit Euch. Ich will Euch schon verbinden, aber warten müßt Ihr! Sakkerment, ich habe mehr zu tun!« Und damit ging der Bube zur Tür hinaus. Ich sagte zu einem Krankenwärter, das sei doch abscheulich, ob denn das so geschehen dürfe? Er antwortete mir, die Feldscherer wären nun mal nicht anders, besonders dieser; der sitze den ganzen Tag im Wirtshaus zum »Wilden Mann« und trinke. Ich gleich hin und fand den unmenschlichen Firlefanz wirklich bei einer Flasche Wein. Ich setzte mich ihm gegenüber und redete ihn an. »Herr Chirurgus,« sagte ich. »wie können Sie aber die armen Leute so unverbunden liegen lassen? Die Kerls jammern einen ja in der Seele!« Er : Hab heute schon sechse verbunden; will auch einen Augenblick Ruhe haben! Ich : Aber wenn Ihre Kranken so schrecklich leiden und obendrein den kalten Brand befürchten müssen, so müßten Sie, denk' ich, bis Sie ihnen Hilfe geschafft haben, gar nicht an Ruhe denken. Er : So? Wer nicht warten will, mag hinlaufen! Ich : Ja, wenn das die armen Leute könnten, so wollt' ich ihnen verdenken, wenn sie nicht längst aus dem Mordloch gelaufen wären! Er : Mordloch? Herr, das ist zu viel gesprochen! Wenn ich das dem Offizier sage, kommt der Herr in Arrest; versteht mich der Herr? Ich : O ja. ich verstehe den Herrn, und sehe wohl, daß der Herr ebenso bösartig als unwissend ist; versteht mich der Herr auch? Er : Tausend Salkerment: ich glaube gar, der Herr will mich tuschieren! Weiß der Herr, wer ich bin? Ich : O ja, ich weiß und sehe, daß der Herr weiter nichts ist, als ein gefühlloser Bartkratzer. Wenn uns die Franzosen unsere Feldscherer vorgeschlagen hätten, um unsere Truppen durch sie zu ruinieren, so hätten sie uns keine angemesseneren geben können, als der Herr ist. Er (aufstehend): Nein, in 's drei Teufels Namen, der Hacke will ich schon einen Stiel machen, oder mein Name soll nicht ehrlich sein. Ich gehe hin und sag's dem Offizier, der soll mir schon Satisfaktion schaffen! Er ging wirklich, aber dabei blieb es auch. Ich indes blieb ruhig, denn ich traute keinem Offizier zu, daß er dem Unmenschen recht hätte geben sollen.   Da man in Verpflegung der Lazarettkranken schon ohnehin sehr ökonomisch zu Werke geht, und da noch obendrein jeder von dieser Subsistenz das Seine ziehen will, so kann man leicht denken, daß die Diät der armen Kranken sehr schlecht sein muß. An zweckmäßige Einrichtung der Speisen wird gar nicht gedacht, noch weniger an deren zweckmäßige Verteilung. Etwas elende Brühe – Brühe größtenteils, die kaum ein Windspiel fressen möchte – ist die Suppe, worin dann und wann ein bissel Graupen, Mehl. Grütze oder Brot getan wird. Die Krankenwärter wissen alles schon so einzurichten, daß nicht ein Auge Fett darauf zu sehen ist, und daß die Brühe aussieht und schmeckt wie die elendeste Jauche. Das Fleisch in den Lazaretten ist schon das elendeste, das man finden kann, und nicht selten stinkt es schon und hat Maden gezogen. Dieses elende Luder wird nun auf die elendeste Art zurecht gemacht, ganz unsauber in die Kessel geworfen und oft nur kaum halb gar gekocht. Ebenso steht es mit dem Zugemüse – und was für Zugemüse! Ein wenig Reis und Gerste, nebenbei auch Rüben, Kartoffeln. Erbsen, Linsen, Bohnen u. dgl. für todkranke Menschen. »Wer in den Lazaretten nichts zuzusetzen hat, muß rein krepieren,« ist ein bekannter Satz bei der preußischen Armee. Das mag aber doch eine treffliche Anstalt sein, wo der kranke Feldsoldat Geld haben muß, um im Lazarett, wo seine Gesundheit, die er für seinen Herrn zugesetzt hat, hergestellt werden soll, nicht Hungers zu krepieren! – Ich kenne Feldscherer, welche sich Geld geben ließen, damit sie dem gebenden Kranken die nötige Hilfe leisten möchten, und welche den, der nichts geben konnte, liegen und krepieren ließen. Aufsicht über die Kranken selbst fehlt ebenso, wie die über die Feldscherer und Krankenwärter. Sie können beinahe tun, was sie wollen. Daher saufen sie denn Branntwein, fressen Heringe und was sie sonst haben können, und machen durch diese üble Diät die wenige Hilfeleistung an sich noch vollends vergeblich. Von den vorfallenden Diebereien in den Lazaretten mag ich gar nicht reden. Genug, wer etwas hineinbringt, muß wohl darauf acht haben, daß es ihm nicht von den Krankenwärtern oder von den anderen Kranken gemaust wird. So sehen die Feldlazarette der Preußen aus; aber die der Oesterreicher sind um kein Haar besser! Auch da herrscht der nämliche Geist, die nämliche Unordnung, der nämliche Mangel. – Und hieraus läßt sich nun erklären, warum so viele Menschen in den Hospitälern elend umkommen, und warum die Armeen durch diese Mordlöcher so schrecklich leiden!   Jetzt finde ich nur noch nötig, noch eine Erinnerung zu dem Vorigen hinzuzufügen, und diese besteht darin: daß man jede Sache, die man nach Belieben und ohne vielen Aufwand leicht und bald haben kann, eben darum meist gleichgültig behandelt. »Wenn die Fürsten spielen, ich meine Krieg führen,« sagt irgendwo Friedrich der Große, »so sind die Menschen ihre Nieten; und wenn diese zu Hunderttausenden verloren gehen, so werden weder die Fürsten noch die Menschen klüger. Sie spielen immer von neuem, und von neuem fehlt's nie an Nieten.« Und dies scheint mir eine von den Hauptursachen mit zu sein, warum man sich die Gesundheit der Soldaten, zumal der fernerhin für ihren Beruf unbrauchbaren, so wenig ernstlich angelegen sein läßt. Ist aber das politisch und moralisch recht? Wie viel kommt nicht bei jedem Militär darauf an, die unbrauchbar gewordenen Krieger stets so zu behandeln, daß die noch brauchbaren an ihnen nicht lernen, sich fein klug zu schonen und alles das zu meiden, wodurch sie ebenso unglücklich werden können, als ihre abgenutzten traurigen Vorbilder. Sechstes Kapitel Montabaur. – Custines Verfahren gegen die deutsche Bevölkerung. – Wiedereinnahme von Frankfurt am Main durch die Deutschen. – Deutschtümelei der Frankfurter. – Die Frankfurter Zeitungsschreiber. – Winterquartiere. – Unwürdige Verhöhnungen des Feindes. – Liebeleien von hoch und niedrig. – Wucher der Regimentsquartiermeister. – Die Hinrichtung Ludwigs des Sechzehnten. – Das Recht der Völker, ihre Herrscher zu richten. – Ersatz unserer verlorenen Mannschaften. – Neue Monturen. – Übergang über den Rhein. – Besuch bei meiner Mutter. Unser Regiment marschierte den 10. November nach Montabaur, einem ganz mit Pfaffen und Klöstern angefüllten Trierschen Städtchen; ich aber konnte wegen meiner Füße nicht nachkommen, mußte daher im Dorfe Neuhäusel über Nacht bleiben. Den folgenden Tag schlich ich nach Montabaur, wo man mich noch gar nicht vermißt hatte, so sehr war man noch der Unordnung gewohnt. Die Regimenter wurden sehr auseinander gezogen und in die Gegenden an der Lahn in Kantonierung gelegt. Custine hatte indessen, zur Schadloshaltung seiner Nation, nicht nur jenseits des Rheins gehauset, er hatte auch Frankfurt weggenommen, die Saline bei Friedberg zu Nauheim geplündert und dem Fürsten von Weilburg starke Kontribution auferlegt. Aber die Bürger und Bauern waren überall verschont worden, und eben diese Schonung machte, daß diese Leute die Franzosen nicht für gar zu schlimm hielten. Damit aber der Fortgang der fränkischen Waffen nicht noch weiter um sich reißen möge, beschloß der König, sobald es möglich sein würde, die Gäste über den Rhein zurück zu treiben und ihnen die besetzten Plätze wieder wegzunehmen. Aber unsere Leute waren zu müde, zu sehr abgemattet; man mußte also Halt machen und sie ruhen lassen; auch mußte frische Munition herbeigeschafft werden, denn die alte war völlig verdorben. Endlich am 25. November brachen wir auf und zogen nach der Lahn zu auf der Frankfurter Straße. Die Wege waren hier zwar gut, das Wetter aber kalt, und die Luft rauh und voll Schnee. Auf diesem Marsche haben wir abermals sehr viel ausgestanden und nicht wenig Not gelitten an Lebensmitteln. Es sollte aber einmal vorwärts gehen, und so gestattete man uns nicht einmal einen Rasttag.   Der Herzog eroberte am 2. Dezember die Stadt Frankfurt am Main. Ich habe dieser Wiedereroberung nicht beigewohnt, kann also nichts darüber berichten. Einer Bemerkung kann ich mich jedoch hier nicht enthalten: Custine hat dem Nationalkonvent zu Paris eine falsche, meist unbegründete Nachricht von dem Betragen der Frankfurter Bürger gemacht, indem er sie beschuldigte, daß sie während der Wiedereroberung drei Bataillone Franzosen mit gewissen, dazu besonders gemachten Messern, ermordet hätten. Das tat Custine, um sein Versehen der Frankfurter Bürgerschaft zuzuschieben. Allein der Bericht, den die Frankfurter zu ihrer Verteidigung an den Konvent nachschickten, ist auch nicht ganz richtig. Es sind, wie mir selbst Frankfurter Augenzeugen erzählt haben, viele Barbareien auch von Bürgern, folglich nicht allein von Handwerksburschen, gegen die Franzosen verübt worden. Unser Bataillon wurde nur gebraucht, um die Franzosen bei Eschersheim wegzutreiben, wo sie noch um zwei Uhr nachmittags standhielten. Die Franzosen ließen uns das Dorf bald über, denn ein panischer Schrecken schien sie ergriffen zu haben; wir büßten bei dieser Aktion nur einen Kanonier und vier Mann ein. Nun war Frankfurt wieder im Besitz der Deutschen, und unser Regiment rückte abends um 10 Uhr in Vilbel ein, wo wir vierzehn Tage stehen blieben. Frankfurt war, solange die Franzosen darin waren, von diesen wenig oder gar nicht gekränkt worden, und wenn Custine zur Entschädigung für unsere Invasion nach Frankreich nicht eine so starke Kontribution gefordert hätte, so würde die Stadt noch Vorteile von seiner Gegeninvasion gehabt haben. Aber dennoch war gleich nach der Wiedereinnahme auf einmal alles wieder deutsch, was vorher französisch in Frankfurt gewesen war. Sogar die Marqueurs auf den Kaffeehäusern markierten auf deutsch; die Mamsellen hießen Jungfern, ohne es indessen immer zu sein; aus Toilette ward Putztisch, aus Pique Schippen, aus Cœur Herz und aus Carreaux Eckstein usw. Dieses läppische Zeug sollte, wie viel anderes von eben der Art, Beweis des deutschen Patriotismus sein, und die Frankfurter trieben es, bis sie endlich selbst preußische Offiziere französisch sprechen hörten, wo sie sich dann schämten und die Jungfer wieder in Mamsell umtauften usw. Die Frankfurter Zeitungen, besonders die »Reichs-Oberpostamtszeitung« – denn in dem einen Frankfurt kommen mehrere heraus! – waren während des Aufenthalts der Franzosen ganz auf ihrer Seite und nahmen alles dienstwillig auf, was Custine, van Helden und andere dem Publikum mitteilen wollten. Sobald aber die Preußen Frankfurt inne hatten, läutete das Ding aus einem anderen Tone: die Zeitungsschreiber erklärten einhellig in ihren ersten Blättern, daß sie von den Franzosen gezwungen und aus Furcht vor der Guillotine ( ohé !) eins und 's andere gegen ihre Ueberzeugung und gegen ihren deutschen Patriotismus – als wenn ein deutscher Zeitungsschreiber deutschen Patriotismus haben könnte! – in ihre öffentlichen Blätter aufgenommen hätten, welche die Neufranken zu terrorisieren schienen; nun aber, da diese Tyrannei aufhörte, würden sie sich auch als wahre deutsche Patrioten zeigen usw. Wer aber die Zeitungsschreiber nur von ferne kennt, der weiß gar wohl, daß dieses saubere Volk samt und sonders allemal den angestimmten Ton nachstimmt, und daß es ihnen um nichts weniger zu tun ist, als um Wahrheit und Publizität. Wenn aber übrigens die Verbreitung der gröbsten und gefährlichsten Lügen zugunsten der deutschen Armeen und schamloses hämisches Herabsetzen der feindlichen – wenn das Beweise des deutschen Patriotismus sind, so muß ich den Frankfurter Zeitungsschreibern das Lob zugestehen, daß sie große Patrioten sind.   Nirgends hatte man die Patrioten besser und freudiger aufgenommen, als in den mainzischen Dorfschaften am Main. Man muß nämlich wissen, daß die dortigen Leute gewaltig steif noch päpsteln, dabei aber von der wahren Beschaffenheit der neufränkischen Händel gar nicht unterrichtet waren. Sie glaubten daher, die jetzigen Franzosen würden das Spiel bei ihnen wiederspielen, das die ehemaligen dort herum spielten, wenn sie Krieg im Reiche führten, d.h. alle Ketzer zur römischen Religion zwingen. Also sahen sie im Geiste schon das ganze Darmstädter, Weilburger und anderes Land, an welches sie grenzen, zum wahren Glauben durch die Franzosen gezwungen. Als aber die garstigen Leute bei ihrer Dahinkunft sich um nichts weniger bekümmerten, als um die verschiedenen Abstiche im An- und Ausputzen der Gehirnidole, so sah man verächtlich von ihnen weg, haßte sie, und dies um so mehr, je greller ihnen ihre Pfaffen den Greuel der neufränkischen Einrichtung beschrieben und verdammten.   Die preußischen Truppen wurden dort in der ganzen Gegend am Main und am Gebirge in die Winterquartiere verlegt. Unser Regiment bezog Höchst, Nied und Grießheim. Am 6. Jänner 1793 schlugen die Preußen die Franzosen bei Hochheim, und von dieser Zeit an wurde Hochheim von unseren Truppen besetzt. Die gefangenen Franzosen wurden mit Trommeln und Pfeifen durch die Dörfer und Städte bis nach Frankfurt gebracht, und dem Janhagel stand es allerorten frei, diese Gefangenen mit Schreien und Schimpfen zu insultieren. Die Frankfurter, eine äußerst neugierige und fabelhafte Nation, zogen ihnen zu mehreren Tausenden entgegen, und begleiteten sie mit unbändigem Jubel und Geschrei bis in die Stadt. Einige schmissen sogar mit Steinen und Kot auf sie. Ich war selbigen Tag gerade in Frankfurt und ärgerte mich recht sehr über den Unfug, den der vornehme und geringere Frankfurter Pöbel an den Kriegsgefangenen beging. Das Schimpfen auf die Franzosen war überhaupt ebenso beliebt wie wohlfeil. Unter anderem Troß, welcher, um etwas zu verdienen, der Armee nachgezogen war, befand sich auch eine Bande Marionettenspieler, welche das Volk mit Fratzen amüsierte. Das Meisterstück dieser Bande, deren Direktor der Sohn des ehemaligen mainzischen Hofrats Schott war, war eine Farce, betitelt: »Der betrogene Custinus«. In diesem Ding beging Custine mit seinem Bedienten, dem Hanswurst, allerhand Greuel. Da sah man Morden, Brennen, Sengen, Notzüchten, schwangeren Weibern den Bauch aufschneiden usf. Hierauf erschien ihm ein Engel und ermahnte ihn, Buße zu tun und den Rosenkranz zu beten; Custine aber läßt den Engel zur Tür hinausschmeißen, eben dies widerfährt dem Tode . Endlich kommt der Teufel, macht burr, burr, und zerreißt den Custine in tausend Fetzen. Dieses elende Zeug und anderes von derselben Art, dessen Gegenstand aber allemal die Franzosen waren, wurde in Frankfurt, Höchst, Rödelheim und an anderen Orten häufig gespielt, und von Herren und Damen, von Mamsellen und Huren beklatscht und belacht, bis endlich einige Herren Generale, worunter auch Herr von Thadden war, das Unanständige dieser öffentlichen Beschimpfung eines feindlichen Generals und seiner Nation fühlten und den Spaß verboten. Die Marionettenspieler ließen nun den Custinus und legten sich aufs Zotenreißen, welches ihnen nicht minder einbrachte.   Seitdem wir Koblenz und Verdun verlassen, zum erstenmal verlassen hatten, hatten unsere Leute, sowie unsere Offiziere, sich um das liebe Frauenzimmer wenig bekümmern können, aber jetzt, nachdem sie sich nach und nach erholt hatten, regte sich auch das Geschlechtsbedürfnis wieder bei ihnen, und dazu fanden sie in und um Frankfurt Nahrung genug. Dem hochweisen Magistrat dieser Reichsstadt muß man es zwar nachrühmen, daß er die Hurerei unter dem Schutz der Gesetze nicht so erlaubt, wie z.B. Berlin, wo noch 1792 eine Verordnung, die Lohnhuren betreffend, herauskam; aber demohnerachtet hat es in Frankfurt an feilen Schwestern niemals gefehlt. Seit der Emigrantenzeit war auch dort in der Gegend das Sittenverderben sehr eingerissen, und das Frauenzimmer, welches ohnehin in den Rheingegenden fürchterlich verliebt ist, hatte nun alle Scham und Scheu abgelegt und war für jeden. Frankfurt war besonders der Sammelplatz feiler Menscher von hohem Kaliber und niederer Ordnung, wie man sie haben wollte, von 6 Kreuzern an bis zu 6 Talern rheinisch. Auf den Dörfern liefen auch Nymphchen dieser Art in Menge herum, welche meist aus dem Darmstädtischen hinkamen: selbst Bauernweibel und Bauernmädel machten sich kein groß Gewissen daraus, einem lüsternen Kerl aus der Not zu helfen. Aus diesem liederlichen Wesen entstanden nun häufige venerische Krankheiten, welche bisher lange unbekannt bei uns gewesen waren, und gaben den Feldscherern, die sich seither nur mit der Ruhr und dem Durchfall beschäftigt hatten, neue Arbeit. Aber warum sollte der Soldat sich nicht auch einen Zeitvertreib mit dem Frauenzimmer machen, da er große Herren es nicht besser machen sah, sogar ganz große Herren! Laukhard spielt jedenfalls auf das Liebesverhältnis des Königs mit der Frankfurterin Bethmann an. Der König blieb fast ein ganzes Jahr lang in Frankfurt, wo er sich sehr gefiel, und war den Einwohnern, besonders den Damen, ein überaus liebreicher Herr. Manche der Damen nannten ihn nur »unsern lieben dicken Wilhelm«. Von besonderer Bedeutung war sein Verhältnis zu Fräulein Bethmann, einer Cousine des reichen Bankiers. Hinterlistig und ehrgeizig, hatte sie den König glauben machen wollen, sie liebe ihn wirklich um seinetwillen, was bei keiner anderen je der Fall gewesen. Dies hatte ihn vermocht, alle Schritte, selbst den bis zu einer Heirat zur linken Hand, durchzumachen; aber die Sache nahm ein Ende durch einen anonymen Brief, den ihr Vetter (»der kleine Bethmann«) an Madame Lucchesini schickte, um den Charakter und die Absichten seiner Verwandten darzulegen. Da Lucchesini daraus ersah, daß sie seinem Zwecke nicht entsprechen und nicht lenksam sein würde, tat er alles, um sie zu stürzen. – Sie folgte dem König nach Berlin und heiratete nachher den bekannten hannoverschen Diplomaten Schwarzkopf. Es haben sich übrigens auch noch andere »große Herren«, der berühmte Prinz Louis Ferdinand z. B., damals in Frankfurt nicht minder trefflich amüsiert. P. In Frankfurt laufen noch auf die Stunde Histörchen von allerlei Art herum, worunter auch einige nicht sehr erbauliche sind, besonders die von einer gewissen reichen und schönen Mamsell, welche aus bloßer Eitelkeit – denn weder Liebe noch Eigennutz konnte sie bewogen haben, die traurigen Reste einer kräftigen Konstitution zu genießen –, also aus bloßer Eitelkeit einem jungen, reichen und schönen Liebhaber, mit dem sie versprochen war, und von dem sie aufs zärtlichste geliebt wurde, Hörner aufsetzte. Ob man alle Frauenzimmer durch Wollust verführen könne, weiß ich nicht, daß aber alle der Eitelkeit oder dem Eigennutz weichen, davon belehrt uns außer den alten und neuen Geschichten die tägliche Erfahrung. Daß die verliebten Späße unseren Herren die Beutel derb geleert haben, versteht sich von selbst. Den Schönen zu gefallen, mußten Bälle gegeben und andere Lustbarkeiten angestellt werden, und damals durfte kein Herr Offizier, wie zu Halle, mit 12 Groschen zu Balle kommen; das Ding kostete ungleich mehr. Wer überhaupt dort herum brillieren wollte, mußte schwer Geld haben. Die Herren Regimentsquartiermeister müssen öfters den Offizieren aushelfen, wenn die Kasse leer ist. Der königliche Befehl will freilich, daß sie keinem Offizier etwas voraus geben, und wenn sie es tun, sie sich hernach nicht an das Gehalt des Offiziers halten sollen. Dennoch können sie ihren Regimentsoffizieren ohne Gefahr Geld vorstrecken; freilich müssen sie ihre Leute kennen; denn mancher Offizier würde sich des Privilegiums bedienen, einige Wochen in Arrest gehen und den Quartiermeister prellen. Aber ein ehrliebender Offizier tut so was nicht, und der Quartiermeister ist seiner Zahlung wegen in Sicherheit. Da aber doch die Sache immer gesetzwidrig ist, so wissen sich die Herren auch gegen die Gefahr der Verantwortung dadurch zu sichern, daß sie sehr starken Abzug machen, so oft sie Geld vorschießen, denn eigentliche Interessen mögen sie doch nicht fordern. Ein Offizier wurde zu einem Ball nach Frankfurt eingeladen. Er hatte nicht so viel Geld, als hierzu erforderlich war, schickte also seinen Burschen zum Regimentsquartiermeister. Er hatte ihm eine Quittung auf 20 Taler mitgegeben, und der Bediente brachte ihm 3 Friedrichsdor oder damals 17 Taler 6 Groschen. Ich war eben beim Wirt des Offiziers anwesend, als der Bediente zurückkam. »Nun, das geht noch,« sagte der Offizier, »heute zieht er mir doch nur 2 Taler 18 Groschen an 20 ab, neulich hat er mir, hol's der Teufel, auf die gleiche Summe 4 Taler abgezogen.« Es versteht sich, daß durch diese Oekonomie die ökonomischen Umstände mancher Offiziere sich merklich verschlimmern, die der Quartiermeister sich aber sehr bessern. Wenn daher letztere einmal eine Schlappe bekommen, so bedauert sie keine Seele.   Die Hinrichtung des armen Ludwigs XVI. verbreitete, sobald sie bekannt wurde, und das wurde sie sehr bald, in der ganzen Armee anfänglich Schreck und Unwillen gegen ein Volk, welches sogar seinen König hatte hinrichten können. »Nun,« hieß es, »kann es den Franzosen nicht mehr gut gehen; nun muß Gottes Zorn und Rache sie verfolgen; man wird das bald genug sehen!« In allen Gesellschaften, in allen Wirtshäusern und Schenken wurde von nichts gesprochen, als von der abscheulichen Hinrichtung. Aber je mehr man von dieser ungewohnten Trauerszene sprach, je mehr man das Grausende derselben ruminierte, desto mehr verschwand das Gräßliche, und die ruhige Untersuchung darüber folgte auf die Deklamationen. Viele meinten, die Franzosen müßten doch wohl Ursache gehabt haben, so was vorzunehmen, es müßten doch auch gescheite und gewissenhafte Leute in Paris sein. Während dieser Epoche war ich einst im »Schwan« zu Höchst. Das Gespräch kam von Ludwig XVI. auf die hingerichteten Könige. Ich sprach, daß ihrer nur drei wären, die durch das Gesetz seien hingerichtet worden: Agis von Lakedämon, Karl I. von Großbritannien und Ludwig XVI. von Frankreich. Viele Monarchen seien zwar ermordet worden, mir sei aber doch kein von gesetzlich Hingerichteten weiter bekannt, als von den drei angegebenen. Was den Lakedämonier anlangt, fuhr ich fort, so war der ein Untertan der Gesetze, folglich auch der Poenalverordnungen. Seine Hinrichtung war zwar höchst ungerecht, denn Agis war unschuldig, aber es war doch keine Frage in jener Republik, ob man den Vorsteher derselben, welchem man sehr uneigentlich den Namen König gab, hinrichten könnte, sobald er nach den Gesetzen des Todes schuldig wäre erkannt worden. König Karl I. von England wurde zwar unter gerichtlicher Form getötet, aber die, welche sich über ihn zu lichten erkühnten, waren nicht die englische Nation; es waren die Anhänger Cromwells und seiner Partei. Die Nation hatte diese Fraktion nicht als Vertreterin ihrer Rechte aufgestellt, folglich konnte sie auch nicht das Todesurteil sprechen, ihr Spruch war folglich ungerecht, so schuldig der Fürst auch sein mochte. Aber mit Ludwig XVI. scheint mir das Ding eine ganz andere Bewandtnis zu haben. Der Nationalkonvent vertrat wirklich die ganze Nation, und hatte folglich das Recht, Gesetze zu machen, ohne jemanden, selbst den König nicht ausgenommen, um Rat zu fragen. Dieses Gesetz, daß das Volk, durch die Nationalversammlung repräsentiert, eine Aenderung in der Regierungsform machen könnte, hatte selbst der König angenommen und sanktioniert. Von nun an war also die Souveränität des Königs aufgehoben. Ludwig XVI. war also damals, was eigentlich jeder wahre König nur sein sollte , gesetzlicher Verwalter der Nationalkraft nach dem Nationalwillen oder nach den Gesetzen, welche die Nation selbst entworfen und gutgeheißen hatte. Verwaltete er nun sein Oberstaatsamt nach dem allgemeinen Staatswillen, so tat er seine Pflicht und war des Gehorsams, der Ehre und seiner Besoldung bei der französischen Nation sicher und wert. Handelte er aber dawider, besoldete er nach der Zivilliste, wie man ihn beschuldigt, die rebellischen Emigrierten, und war er mit den Feinden der Nation sogar einverstanden, so war er der erste, der den Nationalkontrakt brach, der sich selbst seiner Vorzüge nach demselben verlustig machte, der als der ärgste Meineidige und Hochverräter an der Nation dieser für seine gesetzwidrigen Handlungen verantwortlich blieb. Hieraus ergibt es sich nun von selbst, daß Ludwig XVI. vor das Gericht der Nationalversammlung gehörte, und die einzige Frage wäre noch aufzulösen: ob er wirklich Staatsverbrechen begangen habe, welche den Tod verdienten. Ich will dem armen Ludwig keine Verbrechen schuld geben, denn ich habe die Akten seines Prozesses nicht gelesen; Dies trug ich im Winter 1793 vor, konnte folglich von dem noch nicht Gebrauch machen, was ich nachher in Frankreich von Ludwig XVI. erfuhr. L. aber behaupten muß ich, daß der Konvent das Forum competens war, wovon er gerichtet werden mußte, und da dieser die Nation vertrat, so wissen die, welche von einer Apellation an das Volk reden, nicht recht, was sie wollen. Ueberhaupt, ob ein Volk seinen Souverän richten könne, scheint sogar zu den despotischen Zeiten der römischen Kaiser kein Problem gewesen zu sein. Der römische Senat erklärte den Claudius Nero für einen Feind des Vaterlandes und bestimmte ihn zum Tode. Nero entging der gesetzlichen Hinrichtung nur durch eine Entleibung. Die Deutschen haben Karl den Dicken abgesetzt, und kein Kluger hat es mißbilligt. Die Dänen forderten von ihrem Christian II. Rechenschaft und setzten ihn ab. – Kurz, die Geschichte wie der gesunde Menschenverstand lehrt, daß bei jeder wohl und rechtmäßig eingerichteten Menschenregierung der Regent seinen Untertanen verantwortlich bleiben muß.   Ich ließ mich damals noch weitläufiger über diese wichtige und zu der Zeit sehr interessante Materie aus. Ein Offizier von der Kavallerie, ein Rittmeister, saß in einiger Entfernung von mir und schien eben auf meine Reden nicht sehr zu merken. Einige Tage hernach kam ein Reiter, und bat mich, zu seinem Herrn nach Rödelheim zu kommen. Hier fand ich meinen Rittmeister, nebst noch einigen anderen Offizieren. Diesen Herren mußte ich mein ganzes System, so wie ich es mir damals geformt hatte, weitläufig bei einem Glase Rheinwein erklären. Sie schienen mit meiner Behauptung und Auseinandersetzung zufrieden, nur warnten sie mich, behutsam damit zu sein; denn von preußischer Seite, meinten sie, müsse man sich wenigstens noch immer stellen, als wenn man schrecklich böse auf die Buben wäre, welche ihren König hingerichtet hätten.   Unsere Armee hatte an allem entsetzlichen Verlust gelitten, besonders an Mannschaft. Man mußte daher schlechterdings die Regimenter wieder suchen vollzählig zu machen, und dazu wurden die jungen Leute von den Depots genommen, die zwar nicht hinreichten, den Regimentern alle abgegangene Mannschaft zu verschaffen, doch aber den Abgang so ziemlich ersetzten. Beiher ist es aber auch unbeschreiblich, welch schlechtes Zeug von den Depots zu den Regimentern geschickt wurde. Recht eifrig sorgte der König für anständige Kleidung des Heeres und für Wiederanschaffung aller verdorbenen und zugrunde gegangenen Gerätschaften. Auch wurden die Pferde wieder ersetzt, welche teils auf dem Feldzug geblieben, teils den Winter über so zahlreich nachkrepiert waren. Schade war es für unsere Leute, daß die neue Montur gerade erst den Tag vor dem Abmarsch ausgegeben wurde; denn die alte konnte man doch nicht mitnehmen, und zum vorteilhaften Anbringen war keine Zeit mehr; man mußte sie also an die Juden verkaufen, wie man nur konnte. Als unsere Leute wieder gekleidet und mit ihrem Zubehör hinlänglich versehen waren, so schien es, daß sie wieder neuen Mut bekommen hatten. »Nun sind wir gekleidet,« hieß es, »jetzt können wir die Franzosen nur wieder angreifen.« Aber die Klügeren unter uns meinten, daß die neuen Röcke auch wieder alt werden würden, und daß man die Gewehre wohl abermals von sich werfen könnte. Das Ende eben des Jahres 1793 hat diese traurige Weissagung wahr gemacht.   Ich hatte diesen Winter über keine Not gelitten; einmal hatte ich durch die Großmut des Herzogs Friedrich von Braunschweig doppeltes Traktament, und dann hatte Herr Bispink mich reichlich mit Geld versehen, wobei er, weil die Post in Halle kein bares Geld zur Armee annahm, ebensoviel Mühe als Kosten gehabt hat. Mein bester Zeitvertreib diesen Winter über, in meines Wirtes immer gut geheizter Stube, war Lesen und Schreiben; letzteres bestand in allerhand Aufsätzen, welche ich an Bispink schickte, und die er unter den Materialien seiner eigenen Lebensgeschichte unter der Ueberschrift » Laucardiana « noch aufhebt.   Den 21. März brachen wir endlich auf und marschierten abwärts, um den Rhein bei Caub zu überschreiten. Ich kann es mir noch nicht recht erklären, warum die Franzosen uns so ganz ungehindert über den Rhein gehen und bis Kreuznach und Stromberg vorrücken ließen. Es war wohl bloß Sorglosigkeit ihrer Anführer und gar zu großes Zutrauen des Generals Neuwinger auf seine Schanze bei Kreuznach und auf die Postierungen bei Stromberg und Bingen. Bei Stromberg und Bingen kostete es den Preußen wenig Mühe, die Franzosen wegzujagen; ein panischer Schreck hatte sie einmal befallen. Ich übergehe alle Vorfälle, wodurch wir Meister des Rheinstroms in so kurzer Zeit geworden sind; sie sind hinlänglich beschrieben und in allen Zeitungen so sehr ausposaunt worden, daß selbst Preußen, die dem ganzen Katzenjagen beigewohnt hatten, lächelten, wenn man Kleinigkeiten, z.B. die Bagatelle bei Odernheim, den winzigen Anfall auf dem Rindertanz bei Steinbockenheim, das Plackern bei Flonheim und dergleichen für signalisierte Viktorien ausgab. Unser Regiment war zu keiner eigentlichen Attacke gekommen, ob es gleich, wie die andern alle, dem Feinde nachrennen mußte. Weil ich so nahe an meinem Geburtsorte war, so wollte ich einmal dahin gehen und meine gute Mutter besuchen. Die gute Alte konnte anfänglich vor Tränen nicht reden; als sie aber der Sprache wieder mächtig ward, bewies sie mir ihre Freude über meinen Besuch durch tausend Manieren. Auch meine alte Tante lebte noch. Meine Mutter hatte meine Lebensgeschichte gelesen, und da war ihr denn besonders aufgefallen, daß ich da so öffentlich hingeschrieben hätte, daß mein Vater nach seinem Tode spuken ginge. Ich machte ihr begreiflich, daß die Schande dieses Märchens gar nicht auf den braven Vater fiele; denn dieser ginge ebensowenig spuken als Samuel, Lazarus, der Jüngling zu Nain oder selbst Christus der Herr jemals nach ihrem Tode gespukt hätten; kein Vernünftiger glaube an Gespenster. Die Schande falle vielmehr auf den Pfarrer Schönfeld zu Wendelsheim, welcher aus Feindschaft gegen seinen würdigen Vorgänger und aus Dummheit solche nächtliche Spukerei ausgebrütet hätte. Hiermit schien die gute Frau sich zu beruhigen. Bei dieser Gelegenheit erkundigte ich mich auch nach unseren alten Dorfgespenstern, und hörte zu meiner großen Erbauung, daß der Schlappohr, der alte Schulz Hahn, das Muhkalb, der feurige Mann, der Sanktornus und alle anderen Gespenster ihr Unwesen noch immer so gut trieben als vorzeiten; ja, bei der Invasion der Franzosen sollte der Schlappohr sogar am hellen Tage sichtbar gewesen sein. So finster ist's noch in der Pfalz, selbst unter Protestanten. – Meine alte, damals schon 87jährige Tante begleitete mich wohl eine gute halbe Stunde und weinte bittere Tränen, als sie mich verließ; sie hat mich hernach in Alzey nochmals besucht. Ich vergebe herzlich gern der guten Tante, daß sie mich so schlecht erzogen hat; ihre Affenliebe gegen mich hat sie dazu verleitet. Siebtes Kapitel Die Klubistenjagd. – Belagerung von Mainz. – Schanzarbeiten. – Die Verdienstmedaillen. – Die Mordgrube. – Schimpfunterhaltungen zwischen Deutschen und Franzosen. – Kartell. – Roher Witz des Obersten von Büchel. – Das Kaffeezelt. – Ein Pastor von schwachen Fleisch. – Die Übergabe von Mainz. Zu dieser Zeit raste jenseits des Rheines die wildeste Klubistenjagd. Das Wort Klubist hat eine zwiefache Bedeutung. Einmal im engern Verstande bedeutet es ein Mitglied irgend eines Klubs, d.i. einer zur Verbreitung der französischen Grundsätze von Freiheit und Gleichheit errichteten Volksgesellschaft. Im weiteren Sinn bezeichnet es jeden, der dem neufränkischen System hold und ein Verteidiger irgend eines Menschenrechts ist. Im letzteren Sinn hat also das Wort Klubist mit den Wörtern Demokrat, Jakobiner und anderen ähnlichen beinahe gleiche Bedeutung. Wir lernten dieses Wort erst am Rhein kennen, nachdem wir vom Mainzer Klub nähere Nachricht einzogen. Wie verhaßt die Klubisten bei den Preußen größtenteils gewesen sind, läßt sich leicht denken. Ich bin überzeugt, es würde unserm guten König niemals eingefallen sein, Jagd auf die Klubisten zu machen, wenn nicht übelgesinnte, herrschsüchtige, rachekochende, hämische Menschen, deren es dort überm Rhein nur gar zu viele gibt, auf eine recht teuflische Art ihre Mitbürger und Landsleute denunziert hätten. Man weiß, daß gleich nach Custines Ankunft in Mainz die ganze dortige Gegend – Kurpfalz ausgenommen – durch den Repräsentanten Merlin und seine Anhänger, besonders durch Georg Forster, zur Teilnahme an einer neuen Verfassung entweder beredet oder gezwungen wurde. Man mußte, mochte man wollen oder nicht, zur Freiheitsfahne schwören, Freiheitsbäume errichten und sich bis dahin, dem neuen System gemäß, organisieren. Ich verabscheue diese präzipitierte Organisation ebenso sehr als der ärgste Aristokrat, und weiß, daß eben diese viel Unglück über jene Länder gebracht hat, und daß besonders Georg Försters hitzige Afterpolitik vorzüglich schuld am Verderben so vieler gewesen ist. Man hatte dem König den Wisch eines Mainzer Klubisten gezeigt mit der Überschrift: »An Friedrich Wilhelm Hohenzollern«. – Der gütige Monarch lachte darüber und legte das unsinnige kindische Geschwätz ruhig auf den Tisch. Aber nachher hat man dem König stärker zugesetzt und auf alle Weise gesucht, ihn wider die Klubisten aufzubringen. Von allen Seiten her kamen Libelle und Denunziationen, welche entweder an den König selbst oder an unsere Generale gerichtet waren. Die Herren Grafen, Fürsten, Edelleute, Dompfaffen u. dgl. in der dortigen weiten Gegend ermangelten nicht, Seiner Majestät vorzustellen, wie die infamen Kerls, die Klubisten, die Rechte der Fürsten zernichtet und allerhand demokratischen Unfug getrieben hätten. Sie forderten daher im Namen aller deutschen Fürsten den König auf, die beleidigte Hoheit zu rächen. Der König, umgeben von rechtschaffenen einsichtigen Männern, versicherte anfangs, daß er sich mit dergleichen Untersuchungen nicht befassen könnte. Aber die Herren verlangten ja auch keine gesetzliche Untersuchung, sondern faktische militärische Prozeduren. Sie steckten sich daher nebst ihrem aristokratischen Anhang hinter die preußischen Offiziere, ja sogar hinter Unteroffiziere und Soldaten, und ließen die Klubisten, gegen alle Form Rechtens, wonach auch der ärgste Bösewicht erst gehört und dann nach dem Gesetze gerichtet werden muß, militärisch ängstigen und verfolgen. Die winzigen Monarchen in der Pfalz – den einzigen Fürsten von Nassau-Weilburg ausgenommen –, die Fürsten von Leiningen, von Usingen, der Bischof von Speier, die Beamten des Kurfürsten von Mainz, die Rheingrafen von Grehweiler und Grumbach und noch viele solcher Sultane jenseits des Rheins, machten nun, unter dem Schutz der Preußen, Jagd auf Klubisten, verfolgten und drängten sie bis aufs Blut. Besonders mußten viele Pfarrer leiden, welches auffallend erscheinen könnte, aber bei näherem Betrachten es doch nicht so sehr ist. Wer den Hirten hat, der hat die Herde – dies ist die Maxime, deren Befolgung das Befremden darüber mildert, daß auf dem Lande am Rhein gerade die ansehnlichsten Klubisten Pfarrer waren, oder Amtsleute und Wirte. Daß aber protestantische Pfarrer und überhaupt Protestanten am ersten und meisten demokratisierten, lag teils an dem tiefen Gefühl, wie despotisch man sie immer und überall behandelte, und dann an der größeren Gewandtheit, sich in Zeit, Ort und Personen zu schicken, welche Gewandtheit man um so mehr lernt, je mehr man geneckt und je ärger einem das Auskommen erschwert wird. Alle grasfressenden Tiere, wie Gänse, Schafe und Kühe, sind dumm und träge; aber der Fuchs ist schlau, weil er wacker raffinieren muß, um sein Federvieh ergiebig zu haschen.   Die Belagerung der Festung Mainz habe ich selbst mitgemacht, trotzdem bin ich keineswegs gesonnen, eine vollständige Beschreibung davon zu liefern; ich erzähle hier, was mich betrifft, und über die Begebenheiten selbst mache ich nur hier und da Anmerkungen. Wir rückten am 14. April ins Lager vor Mainz, welches aber nur von weitem, jenseits des Rheins über eine starke Stunde, beinahe gegen zwei Stunden, eingeschlossen wurde. Die Mainzer Besatzung war damals 18 000 Mann. Dieses war wirklich viel zu schwach für eine Ausdehnung, wie damals die Mainzer Werke sie hatten, wozu noch Kastel und die Petersaue, eine Rheininsel, und noch verschiedene andere Inseln zu der Zeit gehörten. Custine hatte hier einen argen Fehler begangen, daß er sich mit seinem Korps, welches nach Germersheim zog, nicht in Mainz warf. Den Deutschen war es übrigens zu verzeihen, daß sie im Anfange der Belagerung nur langsam zu Werke gingen: es fehlte ihnen an allem – an Geschütz und an Mannschaft. Damals, als wir anrückten, war unsere Belagerungsarmee am linken Rheinufer höchstens 16 000 Mann stark. Freilich kamen hernach, aber ziemlich spät erst, die königlichen Garden, mehrere Bataillone kaiserlicher Truppen, dann Darmstädter und Pfälzer, wodurch denn 37 000 Mann herauskamen. Das Wetter war während der ganzen Belagerung gut und den Schanzarbeiten günstig, welche denn auch stark betrieben wurden. Zu diesen Arbeiten brauchte man Soldaten und die Bauern aus der ganzen dortigen Gegend. Aber sowohl die Soldaten als die Bauern schicken sich zu solchen Arbeiten gar schlecht. Der Soldat arbeitet überhaupt nicht gern. Wenn ich hätte arbeiten wollen, spricht er, wäre ich nicht Soldat geworden. Und wahrlich, ein Graben, woran 150 Mann zwei volle Tage arbeiten, kann in einem gar füglich durch 30 oder 40 ordentliche Schaffer fertig werden. Die Bauern sind bei militärischen Werken ebenfalls schlechte Arbeiter. Einmal sind die Leute immer gezwungen, und da schicken sie Kreti und Pleti, Kinder, Weiber, Mädchen, kurz alles, was nur gehen kann. Bei der Arbeit selbst wird entweder geflucht oder gekackelt und wenig oder nichts ausgeführt. Es scheint auch nicht sehr billig zu sein, den armen Bauern, welche ohnehin ihre liebe Not mit Lieferungen, Fuhren u.dgl. haben, auch noch die Last der Schanzarbeiten aufzulegen. Sollen sie aber desungeachtet doch arbeiten, so sollte man den armen Leuten wenigstens Tagelohn geben. Ich habe bei Mainz und bei Landau arme Menschen arbeiten sehen, welche in 24 Stunden nichts essen konnten, weil ihr Vorrat alle war und sie keinen Kreuzer Geld hatten. Daß man die Bauern bei solchen Arbeiten auch noch mißhandelt, davon bin ich selbst Zeuge gewesen; dumme unverständige Korporale und unmündige Offiziere schlugen die armen Leute, daß es eine Schande war. Barbarisch ist es vollends, daß man Landleute da arbeiten läßt, wo Gefahr ist, verwundet oder erschossen zu werden. Gefährliche Arbeiten müssen bloß dem Soldaten überlassen werden, der einmal für dergleichen besoldet wird; aber auch dieser müßte nebenher dafür belohnt werden. Daß wir während der ganzen Belagerung sehr stark geplagt wurden, läßt sich denken. Tag für Tag beinahe im Dienst, und Nacht für Nacht fast in den Schanzen, das war freilich hart, aber wegen der überall zu schwachen Belagerungsarmee notwendig. Als Anspornung für die Soldaten fing man damals bei Mainz an, Medaillons auszuteilen. Es waren goldene und silberne Denkmünzen mit der Aufschrift: » Verdienst um den Staat «, und sollten jenen Unteroffizieren und Soldaten zuteil werden, welche sich besonders auszeichnen würden. Die Österreicher hatten schon seit dem Türkenkriege, wo Joseph II. das Ding aufbrachte, dergleichen Medaillen, aber mit vermehrtem Traktament. Allein bei den Preußen bleibt ein so bezierter Achtgroschenmann, wie einst ein Soldat sich darüber ausdrückte, immer ein Achtgroschenmann. Da soll bloß die Ehre gelten und das Verdienst belohnen. Ueberhaupt haben diese Medaillons wenig genützt, aber durch erregte Eifersucht und Uneinigkeit desto mehr geschadet. Es war dies ganz natürlich. Mancher, oder vielmehr die meisten, erhielten die Medaillen aus Gunst, weil sie bei den Offizieren gut standen, ihnen kalfakterten usw. Die bemedaillierten Bursche wurden daher von den übrigen verachtet und verhaßt. Man gab dem Dinge sogar allerhand unedle Beinamen, und noch jetzt in Halle mokieren sich sogar die Soldatenweiber darüber. So hörte ich noch neulich eine zu ihrem Kinde auf dem Arme sagen, als gerade ein Bemedaillierter an ihr vorüber ging: »Sieh, Fritzchen, auch ein Kamerad mit einem Pfennig zur Semmel.«   Lange hatte unser Bataillon auf der linken Rheinseite gestanden, und rückte den 17. Juni auf die andere Seite ins Lager, unweit Bischofsheim, wo der damalige Oberst, von Rüchel, das Oberkommando hatte. Hier war unser Dienst weit schwerer und gefährlicher als auf der linken Seite. Wir hatten unter anderen schlimmen Posten auch die sogenannte Leimgrube, dicht an einer Rheininsel, zu besetzen. Diese Grube wurde von unseren Leuten bald die Mordgrube genannt, weil alle Tage mehrere daselbst erschossen wurden; denn auf der Insel, welche nur durch einen schmalen Kanal davon getrennt war, standen die Franzosen, und sobald sich nur einer von uns über den aufgeworfenen Damm mit dem Kopf erhob, schossen sie so gewiß, daß sie ihm allemal das Hirn zerschmetterten. In diesem Mordloch liegen viele von den Unsrigen begraben; von unserem Bataillon allein büßten mehr als 30 Mann ihr Leben da ein. Die Franzosen waren, wie gesagt, nur durch einen schmalen Kanal von unserem Posten getrennt, und sonach konnte man gegenseitig alles hören, was auf dieser oder jener Seite gesprochen wurde, wenn man nur vernehmlich sprach. Merkten nun die Deutschen, daß auch Deutsche unter den Franzosen waren, so ging sofort das Geschimpfe an, welches zuweilen viele Stunden immer im nämlichen Tone fortging, endlich bloß zum Spaße. Ich will einen solchen Schimpfdialog hier anführen, nur um zu zeigen, daß auch die kühnsten Ideen ohne Wirkung bleiben, sobald sie familiär werden, zumal Ideen vom Feinde. Preuße : Höre, du sakkermentscher Patriot, wirst du bald die Schwerenot kriegen? Franzose : Elender Tyrannenknecht, sag, wird dich dein Korporal bald lahm oder tot prügeln müssen? Preuße : Du verfluchter Königsmörder! Franzose : Du niederträchtiger Sklav! Preuße : Ihr Spitzbuben habt euren König ermordet, und dafür müßt ihr alle zum Teufel fahren. Franzose : Wenn ihr keine Hundsfötter wäret, so würdet ihr es allen Tyrannen ebenso machen! Wenn ihr das tätet, so wäret ihr noch Menschen, so aber seid ihr Tyrannensklaven und verdient alle Prügel, die ihr bekommt. Preuße : Ihr habt noch alle eure Strafen vor euch. Die ganze Christenheit wird euch angreifen und eure gottlosen Taten bestrafen. Franzose : Laß sie doch kommen, die ganze Christenheit mit dem ganzen Heer des Teufels und mit der Armee des Erzengels Michael: wir fürchten uns nicht! Preuße : Aber Mainz müßt ihr hergeben; das soll euch der Teufel nicht danken! Franzose : Laß auch Mainz zum Teufel fahren; glaubt ihr denn, wir scheren uns um so ein Rackernest, wie Mainz ist? Da steckt noch alles voll Pfafferei und Adel. Aber so leicht sollt ihr's doch noch nicht kriegen! Preuße : Wenn ihr nur euren König nicht umgebracht hättet. Franzose : Kamerad, sei kein Narr! Es ist nun einmal so, und weil's einmal so ist, daß mir keinen König mehr haben, so wollen wir auch dafür sorgen, daß weder euer König, noch der Kaiser, noch der Teufel uns einen wieder geben soll. Preuße : Aber wo kein König ist, da sind auch keine Soldaten. Franzose : O, du armer Kerl du, wie räsonnierst du so dumm! Ja freilich, solche Soldaten gibt es dann nicht, wie du und deinesgleichen. Ihr seid Sklaven, leibeigene Knechte, die einen Tyrannen über sich haben müssen, der ihnen kaum halb satt zu essen gibt und sie prügeln, Spießruten laufen und krumm schließen läßt, wenn's ihm einfällt. Solche Soldaten sind wir nicht. Wir sind freie Leute, republikanische Krieger! Preuße: Das ist aber bei uns anders; wir haben einen Herrn, dem wir gehorchen müssen. Franzose : Weil ihr gehorchen wollt. usw. usw. Solche Gespräche fielen oft vor, und man hatte seinen Spaß daran und lachte darüber. Der Mensch, im Durchschnitt, ist eine passive Gewohnheitsmaschine, die endlich – solange es ihm bei heiler Haut nur halbwegs erträglich geht – sich an Mordszenen und die Zeitungsberichte darüber gewöhnt, ohne davon nur noch menschlich gerührt zu werden; warum denn nicht auch an Schimpfen und Brandmarken! Man muß die Menschen gar wenig kennen, wenn man glaubt, daß Schriftsteller auf sie bis zum Aufstand wirken können; dies ist nur der Erfolg von dem Harpyiensystem der Fürsten oder ihrer Finanzminister. Wie richtig ist doch das Wort: »Fürsten, seid gerecht! und eure Throne stehen unerschütterlich!« Wie gesagt, unsere Soldaten lachten über die Invektiven der Franzosen und reizten sie oft dazu, bloß nur zum Spaß. Als endlich die öftere Wiederholung das Interesse daran schwächte, wurden sie gegenseitig sanfter und nannten sich zuletzt gar Kamerad und Bruder. Sie machten oft sogar Kartell unter sich, versprachen sich, nicht zu schießen, und traten sodann auf die Verschanzung, wo sie sich ganz freundschaftlich miteinander unterhielten. Einmal hatte ein Soldat von unserem Regiment mit den Franzosen auf der Insel auch auf die erwähnte Art Kartell gemacht. Während desselben stellten wir den Weg durch das Wasser wieder her, der ganz unbrauchbar geworden war, und die Franzosen brachen ihr Wort nicht, sondern ließen uns unter ihren Augen den Weg ohne Hindernis ausbessern. Herr von Rüchel versprach einmal einem Burschen einen Taler, wenn er den Franzosen, nach Kostheim zu, den bloßen Hintern weisen wollte. Herr von Rüchel war damals von Wein etwas begeniert. Der Bursche sagte ganz kalt: »Gern verdiente ich den Taler, aber es schickt sich doch nicht, den Feind so zu behandeln.« Herr von Rüchel, statt das zu fühlen, suchte flugs einen andern, der für den Taler den Hintern entblößen, ihn den Franzosen hinweisen und dazu rufen mußte: »Hier leckt mich im A–, ihr hundsföttischen Patrioten! kommt her, leckt!« Von diesem unanständigen Verfahren hat man sogar in Frankreich gesprochen. Auch ist es richtig, daß man durch dergleichen mehr sich, als den Feind beschimpft.   Ehe ich meine Erzählung von der Mainzer Belagerung schließe, muß ich noch etwas von der Hurenwirtschaft im Lager anführen. Daß dahin von allen Orten her feile Dirnen heranschlichen, versteht sich von selbst: das ist in den Standlagern nicht anders. Bei unserem Regiment gab es eine ordentliche Hurenwirtschaft, das heißt ein ordentliches Bordellzelt, worin sich vier Dirnen aufhielten, welche, um doch einen Vorwand zu haben, Kaffe schenkten und dann jedem zu Dienste waren. Sie hatten sich förmlich taxiert, und Lieschen, die schönste, galt 45 Kreuzer, Hannchen 24 " Bärbelchen 12 " die alte Katherine 8 " Ein Pastor aus der dortigen Gegend besuchte mich eines Tages, und da ich von seiner Orthodoxie überzeugt war, so wollte ich doch auch eine Probe machen, ob er das donum continentiae hätte. Ich führte ihn also ins Bordellzelt, und wir fingen an, zu zechen. Nachdem sein Kopf nur etwas heroisch geworden war, ward schön Lieschen seine einzige Unterhaltung; er schäkerte mit ihr auf die unanständigste Art im Beisein der Soldaten, welche sich über den unverschämten Pfaffen teils ärgerten, teils freuten. Endlich ging er fort, und Lieschen folgte ihm – ins nahe Getreide. Unser Oberst, Herr von Hunt, machte endlich dem Skandal des Bordellzeltes ein Ende und jagte die Menscher fort; sie zogen darauf zu den sächsischen Dragonern, wo sie ihr Wesen weiter trieben.   Mainz wurde den 23. Juli 1793 an die Deutschen übergeben, aber wahrlich, diese Uebergabe war nicht so sehr die Folge der deutschen Tapferkeit oder der Not der Franzosen, als vielmehr Folge gewisser geheimer Unterhandlungen, bei denen Merlin vorzüglich interessiert war. Das Gesetz seiner Republik erlaubt erst dann die Uebergabe einer Festung, wenn es ihr an den Lebensmitteln mangelt oder wenn der Feind eine brauchbare Bresche geschossen hat. Keins von beiden war in Mainz der Fall, und doch ließ Merlin es fahren. Er hatte also offenbar gegen das Gesetz gesündigt, und daher nachher seine Schwindelei und Lügen in den Berichten über die Uebergabe, daher das Entfernthalten der militärischen Geiseln, wie auch der bürgerlichen Geiseln oder Klubisten, welchen letzteren er den so feierlich versprochenen Nationalschutz nicht einmal in der Kapitulation förmlich bewirkt hatte, und dies, um sich gegen ihre Beschwerden über seine Unterschleife, geheimen Unterhandlungen u.dgl. vor Robespierre zu sichern. Achtes Kapitel Weitermarsch. – Wiedersehen mit Therese. – Die französische Revolution in der Bibel geweissagt. – Das Hauptquartier. – Erlebnisse mit vornehmen Herren. – Das Lager vor Landau. – Greuel der Kroaten. – Gesellschaft im Zelt des Prinzen Hohenlohe. – Welchen Zweck man dabei hatte. – Gespräch mit dem Prinzen Louis von Preußen. – Ein gefährlicher Auftrag. Den 27. Juli nachmittags brachen wir von Mainz auf, marschierten die Nacht hindurch, und kamen den anderen Morgen früh um acht Uhr nach Alzey. Dort besuchte ich meinen Freund, den Pfarrer Walther, einen sehr liebenswürdigen Geistlichen. Als ich wieder in mein Quartier kam, hörte ich, daß ein Mädchen schon zweimal dagewesen sei, welches mich in den »Ochsen« hätte rufen sollen, wo ein Herr mit mir zu sprechen wünschte. Ich lief hin und fand in der oberen Stube – meine mir ewig teuere Therese. Das edelmütige Mädchen war allein; sie kam mir entgegen und nahm mich bei der Hand. Ich konnte kein Wort heraus bringen. »Gott!« sagte sie endlich, »was habe ich Ihnen getan, daß Sie in Ihrer Lebensgeschichte mich und meine Schwachheit gegen Sie der Welt so öffentlich bekannt gemacht haben? Habe ich, hat meine Liebe das um Sie verdient?« Ich: Sie sind ja nicht mit Namen genannt! Therese: Was tut mein Familienname zur Sache! Sie hätten mich jetzt immer auch nennen können. Jedermann weiß doch, wen Sie mit Theresen meinen. Ihr Buch ist hier in jedermanns Händen, und wohin ich komme, lieft man mir die Stelle über mich daraus vor. – Doch was hilft's! ich habe Ihnen vergeben. Ich: Gute, edle Therese! Therese: Sie sind unglücklich, aber wahrlich nicht durch meine Schuld; wenn ich Sie hätte glücklich machen können, Sie wären es gewiß. Aber ach, Sie haben sich und mich auf immer unglücklich gemacht! Therese war immer noch, wie ehedem im Jahre 1775, das gutmütige, treuherzige sanfte Mädchen. Ihr Gesicht war nicht viel verändert, doch waren die Züge desselben schwermütiger und die Farbe etwas blässer. Sie wohnte damals noch in ihrem Geburtsorte; ihr Vater, der redliche Amtmann, war längst gestorben, und nach dessen Tode hatte sie manche Freier gehabt, wie ich von anderen hörte – Therese rühmte sich der Freiereien niemals –, hatte sie aber alle abgewiesen. Warum? Das weiß ich nicht. – Genug von der Unvergeßlichen! Gegen Abend besuchte mich auch meine alte Tante, mit welcher ich aber nicht viel sprechen konnte, weil wir bald marschieren mußten. Unser Marsch führte über Forst. Dort hatte der Zöllner, der auch Krämer war und Wein schenkte, eine lutherische Bibel. Er durfte sie zwar nicht öffentlich zeigen, denn sonst würden ihm die Pfaffen – Forst gehört dem Bischof von Speier – ihre schwere Hand gewiß haben fühlen lassen. Der Mann war echt katholisch, doch war ihm die lutherische Bibel deswegen lieb, weil er die ganze französische Revolution darin fand, und zwar in der Offenbarung Johannis und im Propheten Ezechiel vorzüglich. Unsere Soldaten hatten ihm gesagt, daß ich so ein Stück von einem Studierten sei; er machte mir also seine Weisheit bekannt, und fragte mich um mein Gutachten. Da ich ihm aber nach meiner Einsicht antwortete, erboste er heftig und sagte mir gerade ins Gesicht, daß er gar nicht verstünde, wie man so einen gottlosen Freigeist bei der Armee leiden könnte. Dann könnte freilich Gott der Herr kein Glück und Segen geben, wenn dergleichen abscheuliche Menschen, die gar nichts glaubten und die Bibel für ein heilloses Schwärmerbuch hielten, bei dem Heere geduldet würden. Ich schmunzelte und ließ ihn, nach dem praktischen Spruch: Vergebens bleicht man einen Mohren, Vergebens straft man einen Toren, Der Mohr bleibt schwarz, der Tor bleibt dumm. Sie bessern, ist nicht meine Sache, Ich laß die Narren sein und lache: Das ist mein Privilegium. Nach acht Tagen veränderten wir das Kantonierungsquartier, und unser Bataillon kam nach Niederkirchen, einem speierschen Dorfe, wo ich mein Lager bei einem Schuster bekam, der ein sehr possierlicher Mensch war. Seine Frau zankte und nörgelte den ganzen Tag; er aber lachte nur, wenn sie ihre Stimme fürbaß hören ließ. Darüber erboste das Weib gewöhnlich so sehr, daß sie dem guten Kerl in die Haare fiel. Geschah dieses, so packte er sie an und führte sie, mir nichts dir nichts, ordentlich zur Haustür heraus und schloß diese dann zu. »Warte, Karundi, du sollst nicht wieder rein,« war alles, was er hinzufügte. Darauf setzte er sich an seine Arbeit und machte nicht eher wieder auf, als bis die Tochter, ein Mädchen von 17 Jahren, ans Fenster kam und im Namen der Mutter Besserung und Gehorsam versprach. Den 14. August rückte unser Bataillon nach Maikammer, eine gute Stunde von Edenkoben, wo damals das königliche Hauptquartier stand, welches vorher in Dürkheim gewesen war. Um diese Zeit kamen viele Gesandte im Hauptquartier an, welche aber zum Teil in Maikammer logierten. Die Nähe des Hauptquartiers ist für die Armee allemal eine fatale Sache. Sie verteuert die Lebensmittel gar sehr, denn wer etwas zu verlaufen hat, trägt es hin, wo die Leute Geld genug geben können, und der arme Soldat kann mit seinem wenigeren Geld zu Hause bleiben. – Die Gesandten ließen viel aufgehen, und besonders die der französischen Prinzen, welche, nebst ihren Leuten, eine unbändige Ueppigkeit sehen ließen. Was die Gesandten eigentlich wollten? Je nun, man wollte einen Plan machen, wie von nun an die Franzosen angegriffen, geschlagen und hernach regiert werden sollten; auch wie man Frankreich beschränken und ein gut Stück davon reißen wollte. Man hatte aber die Rechnung auch hier, wie im vorigen Jahre, ohne den Wirt gemacht. Eines Tages saß ich in einem gewissen Dorfe vor der Tür und rauchte mein Pfeifchen. Ein recht großer Herr ritt vorüber, grüßte mich, sprach mit mir – wir kannten uns schon lange –, und da es heiß war. bat er um Milch. Ich rief die Hausfrau, und diese, weil es ein Herr mit einem Stern war, erbot sich, sogleich welche herzugeben. Der Herr stieg ab und ging in die Stube. Die Hausfrau war recht derbe; ich meine im Physischen. Der Herr schäkerte mit ihr immer traulicher und befahl mir dann endlich, sein Pferd ins Wirtshaus zu führen und mir da auf seine Rechnung eine Bouteille vom Allerbesten geben zu lassen. Ich verstand den Wink und führte mich ab. Lange hernach kam der Herr ins Wirtshaus, lachte schelmisch, fragte mich: ob wir wohl Schwäger wären, zahlte die Zeche, gab mir noch einen Laubtaler, und dahin ritt er. Ich fragte hernach die Gefällige, wie ihr der Kerl mit dem Stern gefallen hätte? Sie konnte des Lobens und Rühmens kein Ende finden: da war's ein schöner, allerliebster Herr! usw. Endlich rühmte sie sich sogar der Vertraulichkeit, womit er sie beehrt hätte. So sind die Weiber meist eitle Dinger, und was ihrer Eitelkeit schmeichelt, ist ihnen willkommen. Was also Wunder, daß eine Bauernfrau, sogar eine katholische, die Umarmungen eines hohen, mit einem großen Stern prangenden Herrn für hohe Ehre schätzte, zumal da der Herr obendrein nicht geizig war. Ein andermal nahm mir ein ähnlicher Herr ein Buch aus der Hand, worin ich vor dem Wirtshaus zu Maikammer las. Es war Bahrdts Nachlaß, unter dem Titel: »Anekdoten und Charakterzüge aus der wahren Geschichte«. Ich war gerade an einer zotologisch-blasphemischen Stelle auf Seite 35, wo es heißt: »Wäre der Hänseler unseres gottseligen Ludwigs ein Chapeau gewesen, so hätte der Herr Jesus die Ehre gehabt, von ihm« usw. Der Herr las das gleich auch, lachte laut auf und fragte, was ich für das Buch haben wollte. Ich antwortete, daß es mir jetzt noch nicht feil sei, daß er es aber in einigen Tagen haben könnte, denn ich hätte mir vorgenommen, es dem Kaplan zu leihen. »Ei was,« erwiderte er, »ich behalt' es, das ist ein exzellentes Buch! Hier nehm' Er.« Und sofort warf er mir zwei Taler hin und galoppierte mit dem Buche weiter. Dieses Buch ist hernach im Hauptquartier gelesen und belacht worden; sogar dem König hat der Prinz Louis daraus vorgelesen. Und so kommt manchesmal durch einen Zufall etwas vor die Ohren der Fürsten und stiftet da vielleicht Gutes. Man nehme dieses merkwürdige Büchlein zur Hand, und meine Leser werden sich über diesen Zufall freuen wie ich. Einen recht festlichen Tag hatte ich, als mich der jetzt regierende Herzog von Pfalz-Zweibrücken, damals noch Pfalzgraf Maximilian oder Prinz Max, Der spätere Kurfürst und erste König von Bayern. P. zu sich kommen ließ. Er logierte in Maikammer. Dieser menschenfreundliche Fürst ist ganz das Gegenteil von seinem verstorbenen Bruder, dem Herzog. Dieser war bekanntlich ein Freund der Jäger, der Jagdhunde, der Frauenzimmer, der Katzen und der Eulen, aber ein Feind seiner Untertanen, und eben dadurch eine der Hauptursachen des Parteigeistes, der das arme Zweibrücker Land so elend gemacht hat. Herzog Maximilian sagte mir, daß er von mir gehört habe und mich gern persönlich kennen möchte. Ich mußte mich niedersetzen, Wem trinken und erzählen. Ich erzählte ohne Winkelzüge, ganz frei, und rügte alles gerade heraus, was ich an dem pfälzischen Wesen zu tadeln fand. »Ich weiß es,« fuhr ich fort, »daß ich mit dem künftigen Kurfürsten von Pfalzbayern rede, und eben deshalb rede ich frei. Gott gebe, daß Ew. Durchlaucht die Wunden heilen mögen, welche ein anarchisch-aristokratisch-pfäffisch-despotisches Regierungssystem dem guten Vaterlande geschlagen hat!« Der Herzog lächelte, wendete sich etwas zur Seite, kehrte dann wieder freundlich zu mir und sagte: »Wenn die Vorsehung mich dereinst regieren läßt, so sollen Sie gewiß nicht mehr so bitter zu klagen finden!« – Man muß wissen, daß der Herzog mit Leuten, die er seiner Unterredung würdigte, nicht per »Er« oder »Ihr« spricht. – Der edle Fürst unterhielt sich lange mit mir, und nachdem ich mich beurlaubt hatte, erhielt ich von seiner Hand folgendes Billett mit einem Goldstück: »C'est pour soulager un peu votre situation, que je vous prie de recesvoir ce petit present. Si un jour vous trouvez que je puis vous etre utile, comptez sur l'amitie de votre Maximilen.« Viele von unseren Offizieren waren neuerdings von dem gänzlichen Ruin der Franzosen so gewiß, daß sie sogar Wetten anstellten, daß in so und so viel Zeit die Deutschen in Paris sein, Ludwig XVII. einsetzen, die Glieder des Nationalkonvents aufhängen, den Adel herstellen und den Pfaffen ihre alte Pfafferei wieder verschaffen würden. Die Einnahme von Toulon durch die Engländer, die Rebellion in Lyon, der Tod der Repräsentanten de Pelletier, Chailler und Marat, die Fortschritte der sogenannten Armee royale in der Vendee und mehrere solcher Begebenheiten waren die Anlage zu dieser Rechnung. Aber nun kam die Trauerpost von der Hinrichtung der Königin Antoinette, des Generals Custine und vieler anderer, auf welche man gerechnet hatte, die Schlappe der Engländer bei Dünkirchen und die Fortschritte der Franzosen in den Niederlanden nebst denen gegen die Spanier und Sardinier. Diese unangenehmen Nachrichten schlugen unseren Mut sehr wieder nieder, so daß man sogar verbot, davon zu reden, aber je mehr man dies verbot, desto mehr geschah es, und so wurden diese unangenehmen Dinge immer bekannter. Wir zogen den 18. September ins Lager bei Landau und schlossen es jetzt rundum vollends ein. Dieser Platz ist eine von den Festungen, welche der berühmte Vauban angelegt hat: sie ist trefflich verwahrt, hat ein Fort und ein Hornwerk und kann sich unter Wasser setzen, welches aber die Ingenieure in Landau diesmal nicht für nötig fanden. Ohnerachtet Landau schon seit langer Zeit von den Deutschen blockiert war, so hatte man doch zu einer ernsthaften Belagerung sich wenig angeschickt. Es waren noch keine Schanzen aufgeworfen, aber wozu hätten auch diese nützen sollen, da man kein Geschütz hatte! Es ist ganz unbegreiflich, wie man nur den Gedanken hat fassen können, das mit Festungen gleichsam angefüllte und ganz umzingelte Frankreich ohne hinlängliches Geschütz anzugreifen. Schon im Sommer hatte General Wurmser, welcher in der dortigen Gegend sein Wesen trieb, mit dem französischen General Gillot unterhandelt, aber vergebens. Ebenso ging es unserem Kronprinzen Der spätere König Friedrich Wilhelm III. auch mit dem neuen Landauer Kommandanten Laubadère. Dieser war als ein guter ehrlicher Republikaner bekannt, und eben deshalb ließ ihn der Kronprinz anfänglich nur einmal aufbieten. Die Stadt war so eingeschlossen, daß nichts herein, nichts heraus konnte, und da man sich vorstellte, daß die Garnison und die Bürgerschaft nicht gut mit Proviant versehen wären, so hoffte man, daß die Uebergabe sich höchstens bis gegen das Ende des Novembers verziehen könnte, und erwartete nichts weniger, als daß die Republikaner die Festung entsetzen würden. Inzwischen verübten die Oesterreicher in den dort herum liegenden französischen Dörfern alle möglichen Greuel. Ich bin völlig überzeugt, daß der Kaiser dergleichen nicht allein nicht billigt, sondern sie aufs schärfste ahnden würde, wenn sie ihm bekannt wären. Aber wie dringt die Stimme der Unschuld und der bedrängten Menschheit zu den Ohren der Monarchen! – Man hatte den Kroaten einen Dukaten für jeden Franzosenkopf versprochen, den sie einliefern würden. Das Versprechen selbst war schon abscheulich an sich, denn es setzte einen Krieg ad internecionem , voraus und machte schonende Menschlichkeit gegen die, die sich ergaben oder die vor Verwundung nicht mehr schaden konnten, unmöglich. Aber was kümmert sich ein Kroat um Menschlichkeit, zumal, wenn seine Vorgesetzten so unmenschlich sind, ihn, der sich auf eigene Faust ernähren muß, gegen einen Blutsold zu Unmenschlichkeiten aufzufordern. Um diesen Blutsold treufleißig zu verdienen, töteten die Soldaten hier und da auch Bauern: sie weckten sie des Nachts auf, um sie nach diesem oder jenem zu fragen, und wenn die Unglücklichen ihre Tür oder Fenster öffneten, um ihnen Auskunft zu geben, so ergriffen sie dieselben, schnitten ihnen den Kopf ab und ließen ihn als einen Sansculottenkopf sich bezahlen. Und nun wollen wir noch fragen, warum so viele Barbareien von den Franzosen in Deutschland hernach begangen wurden! Der König machte hier vor Landau Anstalt zu seiner Abreise nach Berlin: die polnischen Händel nötigten ihn, sich an Oerter zu verfügen, wo er denselben näher sein konnte. Er ist auch wirklich den 30. September von uns abgefahren. Ich habe in der ganzen bisherigen Erzählung der Kriegsbegebenheiten keine Rolle von Bedeutung gespielt, und hatte nur selten Gelegenheit, von meinem kleinen Ich etwas zu sagen. Von nun an aber erzähle ich hauptsächlich wieder von mir. Die Veränderung meiner Lage, welche hier bei Landau vorging, hat auf alle meine nachherigen Schicksale Einfluß gehabt. Man wird mir also verzeihen, wenn ich jetzt wieder von mir selbst weitläufiger werde. Ich war unseren Prinzen und den großen Generälen schon lange dem Namen nach bekannt, aber viele von ihnen hatten auch schon mehrmals mit mir gesprochen. Ich muß öffentlich gestehen, daß ich von diesen Herren immer human und freundlich bin behandelt worden, und kann mich insbesondere rühmen, daß Prinz Louis von Preußen, der Herzog von Weimar, der General Prinz von Hohenlohe und dessen Vetter, der Oberst Prinz Hohenlohe, die Herren Generale von Manstein, von Kalkreuth und mehr andere mir ganz besonders gut begegnet sind. Der Prinz von Hohenlohe, der damals Oberst bei dem Regiment von Wolframsdorff war, hatte in Dürkheim gehört, daß ich mit dem Bürger Dentzel, Volksrepräsentant und zu der Zeit in Mission bei der Rheinarmee, ehemals bekannt gewesen sei. Diese Nachricht war ihm aufgefallen, und er beschloß deswegen, mit mir zu sprechen. Ich war eben auf einer Schanze, als man mir sagte, der Prinz von Hohenlohe wolle mich sprechen. Da ich seine Art, Leute zu behandeln, kannte, so lief ich mit Freuden hin, wie ich war. »Ihre Durchlaucht,« sagte ich, »Müssen mir verzeihen, daß ich komme, wie ich war, als ich hörte, daß Sie mich sprechen wollten. Ich konnte mich nicht überwinden, durch Anziehen und Putzen einen Augenblick zu verlieren.« »Das war recht, mein Lieber,« erwiderte der Prinz, »nur herein! Bei mir muß man keine Komplimente machen.« Ich trat ins Zelt und fand da mehr Gesellschaft, welche recht munter war. Ich mußte mit Tabak rauchen und Wein trinken, welchen der Prinz ganz trefflich hatte, da er ein Liebhaber von gutem ist. Der Prinz war, wie immer, sehr aufgeräumt und erzählte Anekdoten vom alten König, z.B., daß er selbst mehrmals lächelnd bekannt hätte, wie er sich in seiner Jugend vor den Hexen gefürchtet habe, aber bald nachher von dieser törichten Vorstellung abgekommen sei. – Unser Gespräch fiel bald auf die Franzosen, und der Prinz fragte mich, was ich von ihren Angelegenheiten dächte. Aber ehe ich antworten konnte, fiel ein Offizier von unserem Regiment lächelnd ein: »Ah, gnädiger Herr, den da müssen Sie nicht fragen: das ist ein Patriot!« Prinz: So? Ist's wahr, Laukhard? Ich: Verzeihen Sie, Monseigneur! Ich bin kein Patriot im gehässigen Sinn: ich liebe den König und die Deutschen, aber ich liebe auch die Menschen und muß daher oft anders denken, als die zu denken gewohnt sind, welche nichts sehen und hören wollen als Fürsten und Sklaven. Prinz: Schön! Das ist brav. Aber glaubt Er denn, daß die Franzosen jetzt auf dem letzten Loche blasen? Ich: Nein, das glaube ich nicht. Die Franzosen haben noch zu viele Hilfsmittel, sich zu behaupten, und es wird noch schwer werden, sie zu bezwingen, geschweige denn ihre Macht ganz und gar zu tilgen. Prinz: Er hat doch die römische Historie studiert, Laukhard? Ich: Ja, gnädigster Herr. Prinz: Nun, so weiß Er ja auch, daß die Soldaten, welche an der Wohlfahrt des Vaterlandes zweifelten, gestraft wurden! Ich: Ei, gnädigster Herr, ich zweifle an der Wohlfahrt des Vaterlandes gar nicht; ich wünsche und hoffe, daß es Deutschland und besonders Preußen recht gut gehen möge; aber ich kann doch auch nicht behaupten, was unmöglich und was unwahrscheinlich ist: und von dieser Art wäre die gänzliche Niederlage der Franzosen durch uns. Prinz: Lassen wir das jetzt. Es denkt ein jeder, was er will; man muß nur ein ehrlicher Mann sein. – Aber à propos, Laukhard, ich habe gehört, Er kenne den Repräsentant zu Landau, den Dentzel? Ich: Ja, Ihre Durchlaucht, den kenne ich schon seit vielen Jahren. Prinz: Genau? Ich: So ziemlich; wir haben manchesmal miteinander gezecht und sonst Abenteuer bestanden. Ich glaube gar, daß wir noch Vettern sind. Prinz: Was ist denn das für ein Mann? Ich: Gnädigster Herr, in der Lage, worin ich und Dentzel uns befanden, habe ich seinen Charakter nicht kennen lernen: ich habe mich auch nicht einmal darum bekümmert. Er ist, soviel ich weiß, ein unternehmender Kopf und sonst kein falscher Kerl. Prinz: Je nun, wir sprechen vielleicht ein andermal mehr davon. Jetzt getrunken und lustig! Es wurde getrunken, aus großen Gläsern, scharf, und die Zotologie wurde ziemlich herumgeholt; erst gegen Abend ging ich in mein Zelt. Gleich am folgenden Morgen schickte der Herr Hauptmann von Nieweschütz, welcher die Kompanie des Prinzen damals kommandierte, In der preußischen Armee behielten alle höheren Offiziere bis zum Generalleutnant aufwärts ihre Kompanie, oder sie bezogen vielmehr die Einkünfte derselben, die sich auf etwa 4000 Taler jährlich beliefen. Die Geschäfte der Kompanie und deren eigentliche Führung besorgte ein Hauptmann zweiter Klasse, der nur das Gehalt von 500 Talern erhielt. zu mir, und ließ mich holen, traktierte mich mit Malaga, und nach einem ziemlich langen Gespräch über wissenschaftliche Gegenstände wurde die Rede ganz unmerklich wieder auf Dentzel gelenkt. Ich sagte ihm, was ich wußte. »Hören Sie,« sagte der Hauptmann, »Sie können Ihr Glück machen, der Prinz wird mit Ihnen sprechen, und dann machen Sie Ihre Sachen klug!« Ich stutzte und drang in den Hauptmann, sich näher zu erklären; aber er sagte, daß er nichts mehr sagen könnte: ich sollte nur klug sein. Ich versprach ihm, mich allen Befehlen des Prinzen zu unterziehen. Ich war kaum wieder bei meiner Kompanie, als ich aufs neue gerufen wurde. Es war zum Prinzen Louis von Preußen, der hinter der Brandwache auf mich wartete. Hier hatte ich folgende merkwürdige Unterredung. Prinz Louis: Guten Tag, Laukhard; ich hab' ein Wort mit Ihm zu sprechen. Ich: Bin immer Ew. Hoheit zu Diensten. Prinz: Eh bien! Aber jetzt fordere ich keinen Dienst im eigentlichen Sinne; ich fordre was, das Uns und Ihm großen Vorteil bringen soll. Er kennt Dentzel zu Landau? Ich: Ja. Ihre Königliche Hoheit. Prinz : Glaubt Er wohl, dem Manne beizukommen? Ich : Ich verstehe Sie nicht ganz. Prinz : Ich werde mich erklären. Seh Er, Dentzel ist Représentant du peuple bei der französischen Rheinarmee: der Mann hat also vielen Einfluß, der dann erst recht sichtbar sein wird, wenn von der Uebergabe der Festung die Rede sein soll. Diese Uebergabe kann nicht lange mehr anstehen, allein sie wird und muß auf alle Fälle noch viel Blut kosten. Wir haben also einen Plan erdacht, wie wir ohne Blutvergießen zu unserem Zweck gelangen könnten. Ich : Das wäre ja herrlich! Prinz : Ja, sieht Er: Und dazu soll Er nun helfen! Ich : Und wenn ich mein Leben dabei aufopfern sollte, gern! Prinz : Schön! so spricht ein braver Soldat. Laukhard, es ist beschlossen, Ihn nach Landau zu schicken. Ich (betroffen): Nach Landau, mich? Prinz : Ja, Ihn nach Landau, lieber Laukhard. Sieht Er: Er kennt den Repräsentant Dentzel, dieser vermag alles: kann Er ihn gewinnen, so ist Sein und Unser Glück gemacht. Ich : Aber auch mein Unglück, Ihre Hoheit, wenn ich entdeckt werde. Prinz : Ah, Er muß sich nicht fürchten! Pardieu, die Franzosen werden Ihm den Hals nicht brechen! Ich : Aber die Franzosen sind Vokativusse, Ihre Hoheit: die Kerls spaßen eben nicht viel! Prinz: Ueberleg' Er die Sache, lieber Laukhard. Findet Er, daß es nicht geht, à la bonne heure, so haben wir gespaßt, und alles bleibt entre nous. Findet Er aber, daß Er Mut genug hat, die Gefahr nicht zu achten und Sein Glück zu befördern, so entschließe Er sich und sage mir Bescheid. Adieu. Aber alles bleibt noch unter uns. Ich schlich unruhig und mürrisch ins Lager zurück; tausend Ideen, tausend Grillen liefen mir durch den Kopf, und ich war doch nicht imstande, einen festen Entschluß zu fassen. Die Sache schien mir zu wichtig. Einmal war es mir freilich erwünscht, endlich eine Gelegenheit zu bekommen, mich mit Ehren von den Soldaten loszuwickeln. Bisher nämlich hatte ich das Lästige und Drückende dieses Standes mehr als zu viel erfahren und empfunden. Davon kam ich also weg, wenn ich den Vorschlag Seiner Hoheit annahm; und dann hatte ich mit Herren zu tun, welche mir eine Laufbahn eröffnen konnten, worauf ich wenigstens eher und besser für mich sorgen konnte, als bei den Soldaten. Herr Bispink hatte mir zwar, als wir vor Mainz standen, angetragen, daß er mich, sobald ich nur einwilligte, von dem Regimente entweder loskaufen oder einen Rekruten von meiner Größe für mich stellen wollte. Er hatte diesen Punkt mit einem Hauptmann bei unserem Depot in Halle schon besprochen, auch an unseren Feldprediger Lafontaine geschrieben und ihn um seine Vermittlung ersucht. Aber ich konnte mich durchaus nicht überwinden, eine Güte dieser Art von einem Mann anzunehmen, der mich schon lange mehr als brüderlich unterstützt hatte, und die ich ihm vielleicht niemals hätte vergelten können. Ich lehnte also sein Anerbieten unter dem Vorwande ab, daß der Krieg gegen die Franzosen mich zu sehr interessierte, als daß ich nicht wünschen sollte, ihm bis zu Ende mit beizuwohnen. Im Grunde aber war ich das Soldatenleben herzlich satt, und so war es mir lieb, endlich hier eine Gelegenheit vor mir zu sehen, meinen Abschied durch eine eklatante Dienstleistung selbst zu verdienen. Dadurch erwürbe ich mir, dachte ich damals, auch zugleich ein Recht auf eine sorgenlose Existenz im Preußischen, und wäre nicht genötigt, mich auf eine prekäre Lebensart dereinst irgendwo einzulassen. Freilich war viel Gefahr bei der ganzen Unternehmung, allein, wenn sie gelang, so war auch viel Vorteil auf meiner Seite zu erwarten. Auf der anderen Seite mochte ich den Vorschlag auch schon deshalb nicht verwerfen, weil ich dadurch Ursache werden konnte, daß eine blutige Belagerung in eine friedliche Uebergabe verwandelt würde, wodurch man das Leben vieler Menschen sowohl bei den Unsrigen als bei den Franzosen gewann. Freilich hätte ich den Salto mortale niemals gewagt, wenn ich den Geist der Nation schon damals so gekannt hätte, wie bald darauf, welcher vorzüglich dahin geht, daß dem Feind nicht eine Spanne breit in der Republik eingeräumt werde oder bleibe. Das erste Grundgesetz der Nation ist die Unteilbarkeit des Reichs: diese muß erhalten bleiben, oder die Nation muß vernichtet werden. Aber ich kannte damals die Franzosen von dieser Seite ebensowenig, als der König von Preußen und alle koalisierten Mächte sie kannten. Aber die Gefahr, welcher ich mich notwendig aussetzen mußte, schreckte mich immer nicht wenig. Ich hatte gehört, daß die Franzosen einige Tage vorher einen Emigrierten, der von den Kaiserlichen desertierte, in Landau aber als französischer Flüchtling erkannt wurde, ohne langen Prozeß hatten totschießen lassen. – Ueberdies verdammten meine eigenen Grundsätze die mir zugedachte Unternehmung: Spionerei habe ich überhaupt immer für etwas sehr Unanständiges gehalten, und Verräterei für das abscheulichste Verbrechen. Und dennoch sollte ich mich in die augenscheinlichste Gefahr stürzen? dennoch gegen meine eigene Ueberzeugung handeln, weil ich mir dadurch Nutzen schaffen konnte, wenn ich mit heiler Haut davon kam? Was das letzte, oder die Ueberzeugung von Recht und Unrecht betrifft, so wäre das die geringste Frage gewesen. Denn ich hatte Beispiele genug zu meiner Rechtfertigung. Der Eigennutz ist das große Triebrad der menschlichen Handlungen; davon zeugt die Geschichte aller Zeiten und Völker, und alle wahren Biographien sind davon der klarste Beweis. Ein Herr Philosoph kennt und rühmt die Wahrheit und ist überzeugt, daß diese, verbunden mit einer ihrer würdigen Lebensart, die höchste Würde des Menschen ausmacht; er lehrt dies in allen seinen Büchern – und seine Handlungen sind gewöhnlich das Gegenteil von seiner Lehre. Auch der größte Philosoph kalkuliert meistens à la Pitt, und ist Kaufmann auf Geld, Ehre und Gewissen, wie dieser. – Mit den Herren Moralisten konnte ich also bald fertig werden. Aber die Gefahr lag mir mehr im Sinne. Ich mußte befürchten, daß Dentzel meinen Antrag mit Verachtung verwarf und mich in Untersuchung nehmen ließ. Auch liefen täglich Deserteure nach Landau über; konnte die Sache nun nicht durch so einen dahin gebracht und verraten werden? Und wo blieb dann Laukhard? Diese Gedanken bekümmerten mich Tag und Nacht und raubten mir alle Ruhe. Neuntes Kapitel. Der Adjutant de« Kronprinzen. – Ich entschließe mich als Emissär nach Landau zu gehen. – Gespräch mit dem Kronprinzen von Preußen. – Meine Instruktion. – Der Kronprinz entläßt mich aus dem Soldatenstande. – Desertion auf höheren Befehl. – Die französische Patrouille. – Die Wachtstube. – Unterhaltung mit den Patrioten. Den Tag nach meiner Unterredung mit dem Prinzen Louis kam der Adjutant des Kronprinzen zu mir, nahm mich mit hinter die Brandwache und fragte mich, ob ich dem Antrag des Prinzen Louis nachgedacht hätte. Ich bejahte. Adjutant: Nun, was denkt Er davon? Ich: Ich denke, daß es ein sehr gefährliches und halsbrechendes Stück Arbeit ist. Adjutant: Weiter nichts? Ich: Das aber doch für mich und für uns alle nützlich werden könnte. Adjutant: Das auf alle Fälle nützlich werden muß. Denn, gesetzt auch, Er richtet nichts aus, so lernen wir doch die Gesinnungen der Leute kennen, und das ist schon viel. Versteht Er mich? Ich: O ja, ich verstehe Sie wohl! Also wenn ich nichts ausrichte, so sehen die Preußen, daß auf diese Art dem Repräsentanten nicht beizukommen war, und nehmen ihre Maßregeln auf eine andere Art. Ich zahle indes mit meinem Leben, und die Herren haben einen Maßstab ihrer Unternehmungen mehr. Allerliebst! Adjutant: Ei, lieber Laukhard, ich meine das nicht so. Wenn Er auch nichts ausrichtet, so ist Er deswegen doch noch nicht verloren. Er muß nur Seine Sachen gescheit anfangen. Und kommt Er wieder aus Landau zu uns, so ist Sein Glück auf alle Fälle gemacht. Ich: Ja, wenn die Festung durch mich in unsere Hände kommt. Adjutant: Und wenn das auch nicht geschieht: Er ist auf alle Fälle gedeckt und seiner Belohnung sicher. Das wäre schön, die Uebergabe der Festung zur Bedingung Seiner Belohnung zu machen. Er wird auf alle Fälle königlich belohnt und auf immer vor Armut und Not in Sicherheit gesetzt. Aus einem Mann, wie Er ist, muß noch mal was in der Welt werden, pardieu! Ich: Alles gut, Herr Adjutant, aber das Ding bleibt immer kitzlich. Adjutant: Freilich wohl! Aber was ist Er denn, Laukhard? Ist Er nicht Soldat, und muß ein braver Soldat nicht vor die Kanonen gehen? Ich: Natürlich. Adjutant: Ist Er noch nicht vor den Kanonen gewesen? Ich: O ja, schon mehr als einmal. Adjutant: Hat Er sich da wohl gefürchtet und geängstet? Ich: Herr Adjutant, wenn mir ein anderer diese Frage vorlegte, ich weiß nicht, ich – Adjutant: Ich schmiss' ihm hinter die Ohren, nicht wahr? – Das ist recht gesprochen, mein Lieber, so hör' ich's gern. Nun sieht Er, wenn Er ohne Furcht vor die Kanonen ging, wo Er doch nicht viel tun konnte, warum wollte Er jetzt eine Gelegenheit vorbeilassen, wo weniger Gefahr ist, und wo Er viel tun kann? Dieser Grund bestimmte mich beinahe; ich sagte dem Adjutanten, daß ich für den Kronprinzen alles zu tun und alles zu wagen bereit wäre. Er möchte also Seiner Hoheit meinen Entschluß melden und versichern, daß ich nur Ihren Befehl erwartete. Es war mir, wie es sich versteht, verboten worden, diese kitzliche Sache irgend jemandem bekannt zu machen; aber dies forderte schon meine eigene Sicherheit. Ich hatte nicht einmal das Herz, sie meinem Hauptmann anzuvertrauen: dieser fragte auch ganz und gar nicht, was die großen Herren mit mir gesprochen hätten.   Am 25. September wurde ich aufs Piket nach Nußdorf geschickt: kaum aber war ich dort, so kam schon ein Bote aus dem Lager mit dem Befehl, daß ich sogleich zurückkommen sollte. Ich lief nach meiner Kompanie und fand da jemand, der mich nach dem Zelt des Kronprinzen begleitete. Der Kronprinz empfing mich nach seiner edlen Gewohnheit freundlich, drückte mir die Hand und fragte mich, ob ich dem Vorschlag nachgedacht hätte? Ich bejahte dies und versicherte Seine Hoheit, daß ich alles für die Ehre und den Vorteil der preußischen Waffen tun würde. Kronprinz : Ich habe schon viel Gutes durch meinen Vetter (den Prinzen Louis, Sohn des Prinzen Ferdinand von Preußen) von Ihm gehört, lieber Laukhard, und hatte mir vorgenommen, für Seine Loslassung von den Soldaten zu sorgen. Nun zeigt sich aber eine Gelegenheit, wobei Er dem Staate noch nützlich sein kann, und bei dieser denke ich auch Sein Glück zu machen. Er ist frei – von diesem Augenblick an ist Er kein Soldat mehr. Jetzt erkläre Er, ob Er das noch tun will, wovon die Rede ist? Ich : Ja, gnädigster Herr; ich werde mein Möglichstes tun, den Auftrag Eurer Königlichen Hoheit pünktlich auszuführen. Kronprinz : Nun wohl, in Gottes Namen. Er soll sehen, daß ich nicht undankbar bin, und daß ich Wort halte. Morgen früh um 7 Uhr komme Er zu mir; dann soll Er Seine Instruktion haben. Ich ging, der Adjutant folgte mir und gab mir einen Louisdor, um mir mit meinen Kameraden, wie er sagte, einen guten Tag zu machen. Als ich ihm aber vorstellte, daß es notwendig Aufsehen machen müßte, wenn ich heute lustig lebte und die Nacht zum Feinde überginge, so gab er mir recht, und ich ging mißmutig nach der Kompanie. Wir hatten einen Burschen, welcher gar nichts verschweigen konnte. Diesen nahm ich mit zum Marketender, war aber immer still und unruhig. Auf sein Befragen, was mir denn wäre, antwortete ich, daß er mir ja doch nicht helfen könnte. Er : Wer weiß auch, Bruder! Ich : Nein, du kannst mir nicht helfen, aber wenn du mich nicht verraten willst, so kann ich dir wohl sagen, was mir eigentlich ist. Er : Gott straf mich, Bruder, wenn ich ein Wort sage. Ich : Sieh, du weißt, daß ich immer gut patriotisch war. Er : Ja, mein Seel, du hast oft geschwatzt wie 'n Franzos. Ich : Nun schau, das Ding hat der Kronprinz erfahren und läßt nun Untersuchung anstellen. Er meint gar, ich habe mit den Patrioten zu Neustadt unter einer Decke gesteckt. Er : Aha! deshalb sind die Herren immer bei dir gewesen. Ich : Freilich. Glaub nur, das Ding geht mir höllisch im Kopf herum. Aber daß du ja nichts ausplauderst! Er : Der Teufel soll mich holen, Bruder! Nein, was ich weiß, erfährt kein Mensch, da soll mir lieber die Zunge erlahmen! Ich hatte dem Menschen den Unterricht von meiner Lage bloß in der Absicht gegeben, daß er das Ding unter den Soldaten verbreiten sollte, und hatte mich nicht betrogen. Denn ehe eine Stunde verging, wußte die ganze Kompanie, daß ich der Patrioterei wegen angeklagt wäre und nun schwere Strafe zu erwarten hätte. Einige behaupteten, ich müßte Gassen laufen, andere aber, welche das Ding besser wissen wollten, sagten, daß ich gar könnte gehängt werden, wenigstens müßte ich zeitlebens in die Karre. Ich hörte die täppischen Urteile und freute mich baß darüber. Denn nun fand das Vorgeben von meiner Desertion Glauben, und kam dann ein wirklicher Deserteur von uns nach mir in Landau an, so war ich vor ihm auch da sicher. Mein Hauptmann wußte das alles, sprach aber mit mir nicht ein Wort davon. Die Nacht brachte ich sehr unruhig hin; um 7 Uhr ging ich zum Prinzen von Hohenlohe, der mich erst mit Malaga traktierte und hernach zum Kronprinzen führte. Hier erhielt ich meine Instruktion. Da es meinen Lesern gleichviel gelten kann, worin die Natur dieser Instruktion bestanden habe, so werde ich ihnen nur ganz kurz melden, daß mein Auftrag dahin ging, die Festung Landau ohne militärische Angriffe an die Preußen zu bringen, und zwar durch Geld. Ob ich gleich viel Vertrauen auf den Mut und die Ehrlichkeit der Republikaner hatte, so wußte ich doch auch, daß Geld alles vermag, und da man eine sehr große Summe bestimmt hatte, um zum Ziele zu gelangen, so verzweifelte ich nicht ganz an dem guten, d.h. gewünschten Ausgang meines Auftrags. Der Kronprinz sprach weitläufig, über zwei gute Stunden, während ich mit ihm frühstückte, über die Angelegenheiten, welche mich zunächst angingen, und dann über das Allgemeine. Alle seine Urteile waren richtig und bestimmt, und man merkte wohl, daß er sich in den öffentlichen Geschäften fleißig umgesehen hatte. Besonders hat mich der herablassende, sanfte, von allem Stolz entfernte Charakter dieses Fürsten entzückt. »Wir sehen uns gewiß noch vor Weihnachten wieder,« sagte er zu mir, »und dann reist Er mit mir nach Berlin und geht dann nach Halle, wenn Er will.« Der treffliche Prinz konnte nicht voraus sehen, daß ich, von damals an, 18 Monate in der Gewalt der Franzosen würde bleiben und unter steter Todesgefahr herumirren müssen. Nachdem ich über den ganzen Inhalt meiner geheimen Sendung unterrichtet war, empfahl ich mich und ging. Der Prinz von Hohenlohe begleitete mich und händigte mir eine Handvoll Goldstücke ein, wovon ich in Landau leben sollte. Ich ging mit dem Prinzen nach seinem Zelte, wo er mir ein Billett einhändigte, das ich an den Herrn Major von Wedel, der damals unser Bataillon kommandierte, abgeben sollte. Dieser rechtschaffene Mann sah mich sehr mitleidig an, als er das Billett gelesen hatte, und sagte weiter nichts als: »Wenn's dann so sein muß, so mag es so sein! Guter Laukhard, Er geht diesen Abend nach Nußdorf; es wird Ihn niemand aufhalten; das übrige werd' ich schon bestellen.« Den Tag über hielt ich mich sehr ruhig; gegen Abend ging ich aus dem Lager mit Sack und Pack, denn ich gab vor, ich müßte jemand auf dem Pikett ablösen. Man ließ mich ohne Umstände passieren. In Nußdorf fand ich meinen Hauptmann, Herrn von Mandelsloh, welcher durch den Major von Wedel von allem unterrichtet war. Er zog mich auf die Seite und sagte: »Ich weiß alles, also brauchen wir nicht viel Erklärung. Jetzt geh Er nur nach der unteren Wache und bleib' Er da, bis ich komme.« Unsere Leute hatten eben einen Keller aufgewittert, worin noch Wein war, und holten diesen in großen Häfen auf die Wache, wo er unmäßig gesoffen wurde; ich aber hatte nicht das Herz, einen Tropfen mitzutrinken, und ging daher in ein Nebenhaus, wo ich mir eine Mostbrockel machen ließ. Von meinen Sachen wollte ich nichts mitnehmen, als meine Wäsche und einen hebräischen Psalter, welchen mir Herr Bispink auf meine Bitten geschenkt hatte. Ich habe diesen hernach auf meinen Touren durch Frankreich immer mit herumgetragen und erst nach meiner Rückkunft einem Freunde geschenkt. Die hebräische Sprache hat mir immer gefallen, nicht wegen des in derselben verfaßten Alten Testaments, wo freilich manche hübsche Urkunde, vermischt mit unzähligen Fratzen und Torheiten, vorkommt, sondern wegen der großen Simplizität derselben. Gegen 12 Uhr des Nachts kam Herr von Mandelsloh und noch ein Major vom Regiment von Wolframsdorff. »Laukhard kann mit uns gehen,« sagte der Hauptmann, »er kann Ordonnanz machen; wir wollen ein wenig die Posten visitieren.« Ich legte meine Tasche ab, nahm nichts als Tornister und Seitengewehr und begleitete die Herren. Wir gingen gerade zum Dorf hinaus auf die Landauer Straße, und meinem braven mitleidigen Hauptmann war das Herz so beklommen, daß er kaum reden konnte. Der Major führte also das Wort und sprach sehr viel über die Schuldigkeit des Soldaten, sein Leben für seinen Herrn zu wagen. Ich fand dieses Gespräch für mich damals eben nicht sehr passend. Unter diesem Gespräch kamen wir eine gute Strecke von Nußdorf ab. Es begegnete uns eine Patrouille, welche uns berichtete, in der Tiefe sei alles ruhig. »Nun,« sagte Herr von Mandelsloh, »so begleiten wir unseren Laukhard noch eine Strecke. Die Franzosen werden uns nicht gleich haschen.« – Es war herrliches Wetter und lichtheller Mondschein. Wir gingen sachte weiter; endlich ermahnte ich die Herren selbst, zurückzugehen, indem man nicht wissen könne, was hier oder da aufstoße oder im Hinterhalt laure. Die Herren sahen die Notwendigkeit, zurückzukehren, selbst ein, gaben mir noch manch nützlichen Rat, wünschten mir gute Verrichtung, und damit Gott befohlen. Der letzte Handdruck meines biederen Hauptmanns war herzig, aber noch herziger sein Antrag, hier noch mit umzukehren, wofern ich in meinem Entschlusse nur das mindeste wankte oder ihn bereute. Allein meine Antwort war, ebenso kurz als entschlossen, diese: »Ein ehrlicher Mann hält Wort, und wenn es sein Leben kosten sollte.«   Kaum war ich dreißig Schritte vorwärts gegangen, als eine französische Patrouille von drei Dragonern auf mich zukam und mir ihr: » qui vive « zurief. Ich gab mich sofort für einen preußischen Deserteur an. » Sois le bien-venu !« rief ein Dragoner, »komm näher! Aber Kerl, du sprichst Französisch? Bist wohl gar ein Franzose?« Ich : Warum nicht gar! Ich bin ein Deutscher. Dragoner : Aber sacré mâtin, Sacré mâtin, chien, sacrée garce, sacristie, sacré foutage, sacrée merderie und tausend andere Floskeln sind die Würze für die republikanische Sprache des gemeinen Volks in Frankreich. Im Jahre 1793 und 1794 waren diese Floskeln mit ein Beweis des echten Robespierreschen Patriotismus. du sprichst ja Französisch! Wo hast du das gelernt? Ich: Meint Ihr denn, daß die Deutschen nicht auch Französisch können? Dragoner: Vive la nation , Kamerad! Du mußt ›du‹ sagen. Foutre! Du bist bei Republikanern, die sagen alle du. Also du bist kein Franzos? Ich: Nein, ich hab's ja schon gesagt! Dragoner: Gut, du bist ein braver Junge, daß du deinen Tyrannen verlassen hast ( d'avoir foutu le camp a ton tyran ). Aber wo sind denn deine Kameraden? Ich: Was für Kameraden? Dragoner: Sacré matin , ich habe doch welche sprechen hören. Ich: Ich habe so für mich geträllert. Dragoner: Nein; es waren mehrere Stimmen. Ich muß wohl nachsuchen. Zwei Dragoner sprengten wirklich fort und suchten, ob noch jemand in der Nähe wäre. Man stelle sich meine Angst vor, denn es war ja leicht, sehr leicht möglich, daß mein Hauptmann und der Major erhascht und eingebracht wurden, und dann – war Laukhard geliefert. Ein Dragoner blieb inzwischen bei mir und sprach sehr freundlich. Endlich, nach langem Hin- und Hersuchen, kamen die beiden anderen zurück und versicherten, daß doch nichts da wäre; es müßte vielleicht eine feindliche Patrouille gewesen sein. – Nach meiner Zurückkunft nach Halle erfuhr ich von Herrn von Mandelsloh, daß ihnen die Dragoner wirklich auf den Hals gekommen wären, daß sie sich aber in die Weinberge versteckt hätten, um nicht entdeckt zu werden. Sie waren beide unbewaffnet, hatten nichts als ihre Degen, und wären da ohne Umstände gezwungen gewesen, sich nach Landau führen zu lassen. Gut nur, daß dieses nicht geschehen ist. Meine Dragoner führten mich auf die kleine Schanze vor dem »Deutschen Tor«, wo ein Hauptmann und ein Leutnant das Kommando hatten, und wo 50 Mann zur Wache waren. Der Hauptmann war froh, daß ich mit ihm reden konnte, und unterhielt sich mit mir die ganze Nacht. Der Leutnant saß da und las in der französischen Übersetzung des »Fräulein von Sternheim«. Die Soldaten legten mir hundert Fragen vor, welche ich beantworten mußte, die ich aber so beantwortete, wie es mir zuträglich schien. Ich bediente mich hier der Ausdrücke: » Monsieur, Messieurs, avoir la grâce, la bonté, de permettre « u. dgl., aber der Hauptmann bat mich, alle freiheitstötenden Ausdrücke ( termes liberticides ) nicht mehr zu gebrauchen. »Du bist jetzt,« sagte er, »im Lande der Freiheit, mußt also auch reden wie ein freier Mann.« Es waren keine gemeinen Wachtstubengespräche, die da geführt wurden, sondern wir unterhielten uns über hohe Gegenstände, z. B. über Befehlen und Gehorchen, Freiheit, Gerechtigkeit und Achtung vor dem Gesetz. Wir kamen natürlich auch auf den gegenwärtigen Krieg, und da sagte ich, man sei doch im Kriege niemals des Erfolges sicher: es könnte doch geschehen, daß die vereinigte Macht so vieler Fürsten endlich eine allgemeine Veränderung in dem jetzigen System der Franzosen hervorbrächte. Bisher hatten alle Soldaten geschwiegen und aufmerksam zugehört: aber bei meiner letzten Aeußerung fingen alle an, zu murren, und ein ganz junger Volontär sagte mir in recht barschem Ton: »Du sollst sehen, Citoyen, daß alle Könige und alle Pfaffen und alle Edelleute nicht imstande sein werden; uns zu besiegen. Frei wollen wir bleiben oder sterben!« »Ja, das wollen wir,« riefen alle. »Wer uns besiegen will,« fuhr der Volontär fort, »muß unser ganzes Volk ausrotten, aber das soll und kann weder der Teufel, noch der Papst, noch sonst ein Tyrann!« Ich fand nicht für gut, den Volontärs die Möglichkeit einer gänzlichen Niederlage von ihrer Seite weiter zu zeigen, und versicherte sie, daß ich selbst nichts sehnlicher wünschte, als daß das angefangene gute Werk Bestand haben und alle seligen Früchte bringen möchte, welche Frankreich davon erwartete. »Ich nehme dir's nicht übel,« versetzte der Volontär, »daß du so sprichst, wie du gesprochen hast: du kommst von der Tyrannei her, und wie kann man in der Sklaverei lernen, vernünftig und frei zu denken!« Ich mußte mich besonders über das anständige Betragen dieser Leute wundern. Es herrschte unter ihnen die trefflichste Ordnung und die strengste Disziplin. Ganz anders hatte man uns die französische Zucht vorgeschildert; da wären Leute, die von gar keiner Subordination wüßten, täten, was sie wollten, auf den Befehl ihres Offiziers nicht hörten, und was des albernen Vorgebens mehr war. Allein hier sah ich zum erstenmal, gegen meine Erwartung, daß es im Dienst wenigstens so ordentlich bei den Franzosen zuging, als es bei den Preußen je zugehen kann. Der Soldat muß seine Pflicht tun, und als Patriot, im echten Wortverstand, tut er sie gern. Erlaubte Dinge dürfen ihm übrigens nicht verboten und unerlaubte nicht gestattet werden, und damit ist's alle. Früh sagte mir der Hauptmann seinen Namen, bat mich, ihn zu besuchen, wenn er abgelöst sein würde, und darauf ließ er mich durch einen Volontär, aber ohne Gewehr, zu dem General Laubadère, dem Volksrepräsentanten Dentzel und dem Kriegskommissarius, dessen Namen ich vergessen habe, abführen. Zehntes Kapitel. General Laubadère. – Frugales Frühstück. – Repräsentant Dentzel. – Seine Vergangenheit. – Empfang bei ihm. – Citoyenne Lutz. – Die Deserteurs auf dem Kaufhaus. – Handmühlen. – Zwistigkeiten zwischen Dentzel und Laubadère. – Ich versuche meinen Auftrag zu erfüllen. – Gespräche mit Dentzel. – Meine Vorschläge werden zurückgewiesen. – Peinliche Lage. Es war ungefähr fünf Uhr morgens, als ich zum Divisionsgeneral Laubadère geführt wurde. Er war schon auf, und völlig in Uniform. Ich traf ihn in Gesellschaft einiger Offiziere, mit welchen er eben frühstückte. Er freute sich, als er vernahm, daß ich seiner Sprache mächtig wäre. Die Franzosen verstehen größtenteils nichts als französisch; als ich daher einige seiner Fragen französisch befriedigt hatte, faßte er mich bei der Hand, hieß mich niedersitzen und an dem Frühstück teilnehmen. »Scheue dich nicht,« sagte er, »du bist bei freien Leuten, bei Leuten, welche wissen, daß andere auch Menschen sind wie sie, und welche niemanden verachten, als den freiwilligen Sklaven. Der freiwillige Sklave allein verdient Verachtung, und – fuhr er mit Hitze fort – wenn dieser freiwillige Sklav deswegen Sklave wird oder bleibt, damit er andere noch mehr, als er selbst es ist, zu Sklaven machen helfe, so verdient er Abscheu und Ausrottung, wie seine Tyrannen.« Ich bezeigte dem General, wie meine Lage es erforderte, meine Einstimmung, und versicherte ihn – welches mir die Göttin Eleutheria vergeben mag, und welches ich nicht ohne Scham gestehen kann! –, daß eben diese Grundsätze mich vermocht hätten, die Preußen zu verlassen und Schutz und Beistand bei der Nation der freien Franken zu suchen. »Bravo!« sagte Laubadère und reichte mir ein Glas Wein, »du bist ein guter Kerl ( bon garçon ). Betrage dich, wie es einem freien Mann gebührt, und du erlangst das französische Bürgerrecht, den besten Lohn, den die Republik dir geben kann!« Das Frühstück war sehr frugal; Brot, Knoblauch und Wein war alles. »Nicht wahr,« sagte der General, »du wunderst dich, daß ich so schlecht frühstücke? Eure Generale essen wohl besser, das weiß ich: die sind nicht mit einem Stück Brot zufrieden.« Laubadère und sein Generaladjutant Doxon (sprich Dosson) befragten mich sofort über die Beschaffenheit der Belagerung der Stadt Landau. »Du bist,« sagte Doxon, »eben kein Dummkopf, das sieht und hört man dir an: also kannst und mußt du uns Auskunft geben, wie's draußen aussieht, was unsere Feinde im Schilde führen und was wir von ihnen zu erwarten haben.« – Ich mag nicht wiederholen, was ich damals gesagt habe, aber ich kann heilig versichern, daß ich kein Wort vorbrachte, welches für die Belagerer Nachteil hätte haben können. Doxon führte mich nachher auf den Kirchturm, wo ich durch ein Fernrohr sehen mußte, um ihm die Stellung der feindlichen Lager und Batterien zu erklären. Er war mit dem, was ich ihm angab, zufrieden und nahm mich mit in den Gasthof »Zum Lamm«, wo wir noch eine Bouteille Wein ausleerten. Darauf ging es zum Repräsentanten Dentzel, bei welchem alle Gefangenen und Deserteure eingeführt werden mußten. Dieser seltsame Mann war ehemals mein Bekannter gewesen, und, wenn ich nicht irre, so sind wir gar noch verwandt. Georg Friedrich Dentzel (1755-1824) ist später in der »großen Armee« Napoleons bis zum General aufgestiegen. Im Jahre 1806, nach der Schlacht bei Jena, war er Kommandant von Weimar. Seine dort bewiesene Humanität hat ihm eine ehrenvolle Erwähnung in Goethes »Tages- und Jahresheften« eingebracht. Er hatte die Schule zu Dürkheim besucht und hernach in Halle die Theologie studiert, sonst auch da recht lustig gelebt. In seinem Kandidatenstande suchte er Eingang bei Mamsell Sabinchen Michaelis, dem schönsten Mädchen in der ganzen Pfalz. Allein Mamsell Sabinchen trug damals die Nase höher, als daß ihr Dentzel hätte behagen können, sie gab der Liebelei eines Prinzen Gehör, und ward dadurch endlich ebenso unglücklich, als sie vorher schön war. Dentzel, der bei Sabinchen nicht ankommen konnte, ließ seiner satirischen Laune freien Lauf und beleidigte durch allerlei Sarkasmen auf das Mädchen den Hofrat, ihren Vater, und den Herrn Prinzen von Leiningen selbst. Dies brachte ihn um alle Hoffnung, im Leiningenschen je versorgt zu werden. Er vettermichelte sich also in Landau bei verschiedenen französischen Offizieren an, und erhielt die Feldpredigersstelle bei dem Regiment Deuxponts. Da er ein heller Kopf und lustiger Bruder war, so ward es ihm leicht, dem trefflichen, äußerst humanen und liberalen Prinzen Maximilian von Pfalzzweibrück, der damals in Landau als Obrist stand, zu gefallen. Dieser Prinz war bei den Landauern sehr beliebt; als er daher den Dentzel zur Oberpfarrerstelle ihnen empfahl, erhielt dieser sie ohne Anstand. Er heiratete nachher die Tochter eines reichen Kaufmanns und lebte, einige Zänkereien mit seinen erzorthodoxen, intoleranten Kollegen abgerechnet, ganz ruhig und vergnügt bis auf den Ausbruch der Revolution. Kaum hatte diese den Anfang genommen, so trat Dentzel sogleich auf ihre Seite und verfocht die Rechte des Volkes so stark und eifrig, daß man ihn als die höchste und stärkste Stütze des Patriotismus verehrte. Er wurde also angebetet von allen Landauer Patrioten, und was er angab, wurde gebilligt und ausgeführt. Um sich aber durch die Verwaltung seines geistlichen Amtes nicht zu schaden, gab er seine Pfarrstelle auf und hieß nun schlichtweg: Herr Dentzel. Der erste Abgeordnete, den die Landauer nach Paris schickten, hatte da nicht so gehandelt, wie man es gewollt hatte; er wurde also abgerufen und Dentzel statt seiner auf die damalige Nationalversammlung abgesandt. Hier hatte er nun Gelegenheit, seinen Patriotismus zu zeigen, und tat dieses auch mit einer solchen Freimütigkeit und Uneigennützigkeit, daß man ihn schon im Jahre 1792 zu Missionen gebrauchte. So war er denn auch damals, als man über das Schicksal des unglücklichen Ludwig Capet stimmte, abwesend. Ich fragte ihn einmal, was er von der Hinrichtung dieses Fürsten hielte? »Jetzt,« antwortete er, »muß ich sie freilich billigen, indem sie geschehen ist; wäre ich aber am Tage der Verdammung des armen Teufels in Paris gewesen, er hätte eine Stimme für sich mehr gehabt, denn nimmermehr hätte ich für seinen Tod gestimmt.« Robespierre und Marat schätzten Dentzel, und so war es ihm möglich, bei der Gründung der Republik seinen Einfluß mannhaft zu behaupten. Er erhielt daher auch 1793 im Juli die Mission zur Rheinarmee. Als ich zu ihm hereintrat, sah er mich eine Zeitlang starr an. »Wie heißt du?« fragte er endlich. »Ich heiße Laukhard.« »Von Wendelsheim?« »Allerdings.« »Willkommen, Bruder« (mir die Hand reichend), »im Lande der Freiheit! Nun, das war doch ein gescheiter Streich von dir, daß du deine Tyrannen verlassen hast. Komm', setze dich und erzähle mir was Neues!« Ich setzte mich, und Mamsell Lutz (die man bald näher kennen lernen wird) mußte mir ein Glas Likör herbeiholen. Unser Gespräch betraf die Preußen, die Universität Halle, Jena und Gießen, den Eulerkapper, den D. Bahrdt, dessen eifriger Anhänger er gewesen war, die Revolution in Frankreich, die Belagerung und hundert andere ernsthafte Dinge und Possen. Der General Laubadere war unterdessen hinzugekommen. Gleich beim Eintritt rief ihm Dentzel entgegen: »Hier, General, ist mein Landsmann Laukhard, ein lustiger Bruder (un sacre gaillard), der mir sehr willkommen ist. Wir wollen einen tüchtigen Citoyen français aus ihm machen.« Die gute Aufnahme des Repräsentanten setzte mich in muntere Laune: der Wein, den ich getrunken hatte, machte, daß ich ins Gelag hinein plauderte, und die Gesellschaft, welche aus Dentzel, dem General Laubadere, dem General Delmas (man spricht das s am Ende aus) und der hübschen Bürgerin Lutz bestand, war mit mir zufrieden. Ich blieb zum Essen bei Dentzel und hatte das Vergnügen, den General Delmas, einen feurigen jungen Mann, näher kennen zu lernen. Die Citoyenne Lutz war die Tochter eines reichen Fleischers. Sie lag immer bei Dentzel und vertrieb ihm in Abwesenheit seiner Frau, welche er in Paris gelassen hatte, die Zeit, war aber auch gegen andere nicht sehr hart oder spröde. Dentzel scherzte sehr dreiste mit ihr und ließ immer, nach Pfälzer Art, einiges aus der Zotologie mit einfließen. Wir sprachen natürlich Französisch, denn die beiden Generale verstanden kein Deutsch. Da ich nun oft die Wörter Monsieur und Mademoiselle hören ließ, so bestrafte man mich deswegen in Freundschaft und sagte mir, ich müßte bloß mit Citoyen und Citoyenne anreden und alles um mich her duzen, wie ich denn auch von jedem, selbst von der Lutzen, geduzt wurde. Niemals habe ich meine Würde als freigeborener Mensch lebhafter gefühlt, als damals, da ich – dem Namen nach – verloffener preußischer Soldat, zwischen einem Repräsentanten der mächtigen französischen Nation und zwischen zwei Divisionsgenerälen saß und diesen so ganz in allen Stücken gleich gehalten wurde. Die Gedanken und Gesinnungen, welche damals bei mir rege wurden, lassen sich erraten; wenigstens gaben sie mir einen neuen Beweis zu meinem alten Prinzip, daß die Neufranken so lange unüberwindlich sein werden, als sie selbst nur es wollen. Ihr Gleichheitssystem ist ein Kitt, den nichts übertrifft. Freund Dentzel trug mir auf, ihn fleißig zu besuchen, aber das Unglück wollte bald, daß ich von dieser mir damals gewiß sehr schätzbaren Erlaubnis keinen öfteren Gebrauch machen konnte. Als ich wegging, drückte er mir die Hand und versprach mir, auf alle Art und Weise für mich zu sorgen. Ich wußte damals noch nicht, daß mich diese Verheißung dereinst der Guillotine nahe bringen könnte.   Ich wurde auf die Liste der ausländischen Deserteure gesetzt und bekam mein Quartier auf dem ehemaligen Kaufhaus (Douane), wo ich noch einige zwanzig preußische, österreichische und Condésche Ueberläufer antraf. Die Verpflegung war gut, denn man gab uns wie den Volontären gutes Brot, frisches Fleisch, Speck, gesalzene Butter, Käse, Linsen, Erbsen und obendrein noch täglich zehn Sous Papiergeld. Ein Sergeant Schmid und ein Korporal hatten die Aufsicht, welche aber von keiner Bedeutung war, da ein jeder tat, was er wollte. Ich muß diese hottentottische Gesellschaft etwas näher beschreiben: In einem allmächtig großen Gemach, wo wenigstens 100 Mann hätten logieren können, und wo Pritschen (lits de camp) in vier Reihen angebracht waren, befanden sich damals vier Kriegsgefangene und etwa 28 Ueberläufer. Einer davon war mit seiner Frau da, welche auch anderen zu Diensten stand. Der Kerl war von den Anspachschen Dragonern; wer ihm nur zu saufen gab, dem erlaubte er allen Umgang mit seinem Weibe. Die anderen waren teils Franzosen von Condés, teils von Rohans Korps: dann Polacken, Deutsche, Italiener, meist Lumpenvolk und Diebe. Nichts war vor diesem Gesindel sicher; sie stahlen einander selbst alles und verübten alle nur möglichen Exzesse. Viele waren mit ihren Pferden und Gewehren nach Landau gekommen und hatten sie dort verkauft. Da sie nun auf diese Art viel Geld hatten, so soffen sie in einem weg, und machten den fürchterlichsten Spektakel, rauften und schlugen sich wie unsinniges Vieh. Wie mir bei diesen Bestien zumute war, kann man sich leicht denken. Die Frau des Dragoners hatte in der Stadt ein Hurenmensch aufgetrieben, welches von da an bei ihr zu schlafen pflegte. Dieser Nickel trieb sein schändliches Gewerbe auf die allerunverschämteste Art, sogar am hellen Tage. Zuweilen brachten die Deserteure obendrein noch andere Menscher mit, und so war denn unser Kaufhaus nicht selten einem Bordell ähnlich. Die schändlichsten Zoten wurden ohne Aufhören gerissen und die abscheulichsten Lieder gesungen, so daß unser Zimmer wirklich einer Räuberhöhle gleich sah. Der Sergeant Schmid, welcher fast immer besoffen war, und der Korporal lachten zu jeder Anordnung und halfen wohl noch gar mit, Lumpenstreiche ausführen. Diese schöne Gesellschaft nahm gar noch täglich zu: denn täglich, oder vielmehr nächtlich, kamen immer noch einige Deserteure, so daß der Haufe dieses Gesindels bei unserem Abmarsch von Landau über 60 Mann stark war; und mit der Anzahl der Deserteure vermehrte sich auch die Unordnung. Um aber doch diese Leute zu beschäftigen und durch Beschäftigung von schlechten Streichen abzuhalten, hatte der General befohlen, daß die deutschen Deserteure, wenn sie wollten, mit in den Handmühlen arbeiten könnten. Es warm nämlich acht Handmühlen angelegt, welche täglich 16 Mann, 8 am Tage und 8 des Nachts, im ganzen also 128 Mann, beschäftigten. Jeder dieser Arbeiter oder Handmüller bekam für 12 Stunden, wovon er aber nur 6 mahlte. 50 Papiersous. Auf diese Art mußte der Proviantskommissar bloß für diese Arbeiter täglich 320 Livres oder 80 Taler in Papier auszahlen. Es ist aber falsch, wenn man ausgesprengt hat. daß man die Deserteure in Landau gezwungen hätte, in den Handmühlen zu arbeiten. Gezwungen wurde keiner, aber wer kam, dem mußte Arbeit gegeben werden: denn das hatte der General ausdrücklich anbefohlen, um den Deserteuren Beschäftigung und zugleich Gelegenheit zu verschaffen, sich etwas nebenher zu verdienen. Wer aber nicht kam. der wurde auch nicht einmal ermahnt, zu kommen, denn es fanden sich immer Franzosen genug, welche aus purem Patriotismus gern arbeiteten und drehten. Es war überdies auch leichte Arbeit, wobei man Tabak rauchen und plaudern konnte. Ich selbst habe einige Male auch gedreht. Bei der Bäckerei waren ebenfalls einige Deserteure angestellt: als diese aber anfingen, das Brot zu stehlen und zu verkaufen, so wurden sie alle davon entfernt. Außer den 50 Sous erhielt noch jeder Arbeiter bei den Handmühlen und in der Bäckerei täglich eine halbe Bouteille Weißwein. Es gefiel mir in der Gesellschaft der Deserteure durchaus nicht, ich suchte daher anderen Aufenthalt. Da ich noch mit Geld versehen war, so ging ich öfters in den Gasthof »Zum Lamm«, wo ich immer französische Offiziere antraf, welche froh waren, einen Preußen aufzufinden, der ihre Sprache inne hatte. Die Offiziere klagten einhellig über die zu geringe Garnison der Stadt und behaupteten, daß Custines Verräter oder Sorglosigkeit daran schuld wäre. Die Besatzung war damals nicht stärker als 8 Bataillone Infanterie, also höchstens 8000 Mann, wenn die Bataillone vollzählig gewesen wären. Aber das waren sie nicht; die meisten hielten kaum 500 Mann und darunter. Zudem lagen sehr viel Leute in den Hospitälern. Die Kavallerie vollends war für einen so wichtigen Platz gar nicht hinlänglich, daher denn auch keine Ausfälle geschehen konnten. Landau hat zur gewöhnlichen Besatzung in Kriegszeiten immer 12-14 000 Mann Infanterie und 1000 Mann Kavallerie nötig. – Mit Munition war Landau reichlich versehen. Die Kanoniere der Stadt, diejenigen Bürger, die seit 1790 nach der Angabe des berühmten und berüchtigten Lafayette im Artillerie-Wesen geübt waren, verrichteten die Dienste auf den Schanzen, Redouten usw. Ich kann diesen bürgerlichen Artilleristen das Zeugnis geben, daß sie ihr Handwerk recht tüchtig verstanden. Proviant war reichlich vorhanden, denn die Deutschen hatten versäumt, im Sommer die Felder um Landau noch vor der Ernte zu fouragieren. Das war ein großer Schnitzer, denn einer Stadt, die man belagern will – und das war mit Landau der Fall –, muß man keine Zeit zur hinlänglichen Anschaffung der Lebensmittel gestatten. Dentzel und der General Laubadere waren keine Freunde. Woher ihr gegenseitiger Haß entstanden war, weiß ich nicht, aber sie haßten sich. Vielleicht war es dem Soldaten lästig, vom Bürgerlichen abzuhängen. Sie gingen zwar sehr freundlich miteinander um, und mußten dieses schon tun, da nach dem Gesetz ein General ohne den Repräsentant gar nichts unternehmen darf, und umgekehrt. Daher waren sie täglich beisammen. Laubadère war ein stiller, gesetzter Mann, welcher nicht viel Wesens machte und auch niemals zu tief ins Glas guckte, ob er gleich den Wein nicht verachtete. Er war nicht mehr jung und mochte immer seine Fünfzig hinter sich haben. Außerdem suchte er nichts weniger als mit Kenntnissen zu schimmern oder gar witzig zu sein. Er war schlicht und recht, dabei ein tüchtiger Soldat, aber strenge und sehr auf seiner Hut. Dentzel hingegen war ein feuriger, hitziger Kopf, der oft mehr schwatzte, als er verantworten konnte, und selten überdachte, mit wem er sprach oder zu schaffen hatte. Er liebte den Wein sehr und trank nicht selten mehr als zuviel, und dann plauderte er ins Gelag hinein. Er hatte gegen das Kommando des Generals Laubadere protestiert und wollte, daß Gillot es übernehmen sollte. Er sprach obendrein immer mit Herabwürdigung von Laubaderes militärischen Talenten und versicherte jedem, der es nur hören wollte, Delmas sei ein ganz anderer Mann. Diese Reden wurden dem General hinterbracht, und nun läßt sich ihre Wirkung denken. Zur Aussöhnung dienten sie gewiß nicht! Hierzu kam, daß Dentzel, so sehr er Patriot sein wollte, so sehr er auch von Freiheit und Gleichheit sprach, im Grunde doch stolz und herrschsüchtig war. Das Gesetz will, daß alle Repräsentanten, wenn sie im Namen der Republik eine Verordnung ergehen lassen, sich im Namen der Nation Wir nennen sollen, doch ohne das von Gottes Gnaden dazu zu setzen. Niemand hat sich mit dem »Wir« wohl mehr gebrüstet, als eben Dentzel. Wegen dieser Herrschsucht widersetzte sich Dentzel den Verordnungen und Einrichtungen des Generals Laubadère sehr oft, und traf andere, welche dem General natürlich auch nicht gefallen wollten. Außerdem hatte Dentzel, um die Garnison instand zu setzen, die Belagerung aufs längste auszuhalten, die Subsistenz der Soldaten um etwas schmälern lassen. Wenn nun die Garnison sich über dies oder jenes beschwerte, so schob Laubadere die Schuld allemal auf Dentzel, und dieser wurde auf die Art der Gegenstand des allgemeinen Hasses der Garnison. So stand es mit Dentzel, als ich in Landau ankam, und meine Leser bescheiden sich schon von selbst, daß meine Mission viele Schwierigkeiten haben mußte. Ich fühlte dies gleich selbst, und doch war ich dumm oder unbesonnen genug, einen Streich ausführen zu wollen, für andere, der mir nicht gelingen, wenigstens nur äußerst schwer gelingen konnte, und Vorteile für mich aufzugeben, die ich weit leichter und gewisser hätte bewirken können. Pfui über mich und meine kurzsichtige Gutmütigkeit! Wenn ich noch jetzt daran denke, möchte ich mir allemal vor die Stirn schlagen vor Aerger, daß ich die schickliche Gelegenheit, die ich damals auf mehr als eine Art in Händen hatte, mich bei der Republik zu insinuieren und mein Glück zu machen, so fahren ließ und einem Hirngespinst nachrannte, welches mir weiter nichts als Gefahr und Not gewirkt und mich beinahe verrückt gemacht hat! Aber wie es geht! Wenn die Sache vorbei ist, dann erst sieht man ein, wie man sie zu seinem Vorteil hätte nützen können. Ich besuchte Dentzel zwei Tage nach meiner Ankunft förmlich, und da führten wir folgendes Gespräch: Dentzel: Ja, ich glaube beinahe selbst, daß Landau noch am Ende den Deutschen in die Klauen fällt. Die Spitzbüberei bei uns ist gar zu groß. Ich: Spitzbüberei? Doch wohl hier in Landau nicht? Dentzel: Das will ich eben nicht behaupten. Aber gesetzt, daß unsere hiesige Garnison auch noch so ehrlich ist, so ist doch unsere Gefahr immer nicht klein. Ich: Allerdings nicht, besonders wenn der Entsatz nicht bald kommen sollte. Dentzel: Das ist eben der Teufel! Wenn Landau in den Händen der Republikaner bleiben soll, so muß es bald entsetzt werden. Wir allein sind viel zu schwach, um uns mit Vorteil lange zu behaupten. Aber glaubst du auch, Landsmann, daß wir auf Entsatz rechnen können? Ich: Das mußt du besser verstehen als ich. Dentzel: Den Teufel kann ich verstehen. Weiß ich denn, ob die Generale, welche uns entsetzen sollen, ehrliche Leute sind oder nicht. Wie, wenn sie sich bestechen ließen? Eure deutschen Herren sind Vokativusse, und unsere Monsieurs haben so allerhand Gesinnungen, worauf man nicht fest bauen kann. Ich: Das weiß ich; es sind auch gar viele schon untreu worden. Dentzel: Das ist leider sehr wahr. Schau, da war Lafayette, Luckner, Henriot und besonders die Halunken Custine und Dumouriez. Alle die Kerls und noch eine ganze Hetze ähnlicher Schufte sind abgefallen, und man hatte so sehr auf sie gerechnet! Ich: Also denkst du, das könnte auch hier so der Fall werden? Dentzel: Ich fürcht' es. Mir wenigstens kommt es vor, unsere Armee müßte schon da sein, wenn keine Schurkenstreiche vorgefallen wären. Ich: Aber dann müßtest du wenigstens für deine Sicherheit sorgen. Dentzel: Ja, da sorgt sich's was weg, wie ihr in Halle sagt: das Jahr ist lang! Doch es mag gehen, wie es will, ich bin ein ehrlicher Kerl. Ich schere mich den Teufel drum, tue das Meinige und damit holla. Ich: Alles gut, aber – Dentzel: Aber? Glaubst du denn, daß die Preußen mich hängen werden, wenn ich ihnen in die Hände falle? Ich: Das wohl nicht. Aber du hast doch viel wider dich. Sieh, du bist ein Kind des Deutschen Reiches. Du weißt, daß nach dem Conclusum des Kaisers und des Reichsgerichts alle die als Verräter des Vaterlands erklärt sind, welche Deutsche von Geburt sind und doch im Dienste der Republik verbleiben. Dabei hast du einen sehr angesehenen Posten, du bist ein Mitglied jenes Konvents, welcher den König von Frankreich zum Tode verurteilt und alle Fürsten ohne Ausnahme für Verbrecher und Tyrannen erklärt hat. Du hast selbst in deinen Zetteln sehr ehrenrührig vom König von Preußen und vom Kaiser gesprochen. Dentzel (aufmerksam): Das ist wahr. Aber Landau kann mit Sturm nicht erobert werden, dazu ist es zu fest. Also muß doch erst kapituliert werden, und dann erhalte ich meine Freiheit durch Akkord. Ich : Wer steht dir dafür, daß man Landau nicht mit Sturm erobern werde? Und gesetzt, es würde bloß ausgehungert, so müßte die Garnison sich doch auf Diskretion ergeben. Aber wir wollen einmal eine Kapitulation voraussetzen: Wird Laubadère, der dir nicht grün ist, dich auch darin einschließen? Und wenn er es tut, wird er nicht, vielleicht aus Haß gegen dich, dich in die Hände der Feinde fallen lassen? Oder können die Belagerer nicht gerade auf deiner Auslieferung bestehen? Dentzel : Du hast, meiner Seele, recht: Ich bin in einer hundsföttischen Lage! Ich : Und, gesetzt auch, du kommst frei durch: können deine Feinde nicht falsche Klagen wider dich anbringen? Hat nicht schon mancher unter der Guillotine bluten müssen, der es nicht verschuldet hatte? Ich dächte, du sorgtest für deine Sicherheit! Dentzel : Und würde ein Spitzbube wie Dumouriez, nicht wahr? Ich : Nicht doch! Der ehrliche Mann sucht nur dann seine Sicherheit, wenn er der guten Sache nicht mehr nützen kann. Dann erst fügt er sich in die Zeit. Dentzel : Das kann nicht sein! Es gehe, wie es will: ich bleibe der Republik getreu! Sie lebe oder fort von der Welt! Die letzteren Worte sprach Dentzel mit vielem Feuer, und ich fand für ratsam, an mich zu halten, für diesmal nämlich; denn gleich am folgenden Tag hatte ich mit ihm diese neue Unterredung: Dentzel : Freilich, wenn ich so recht Geld hätte, so ein 20 oder 30 000 Taler: Mordsakkerment, ich gäbe meinen Posten auf, setzte mich nach London oder Berlin oder sonst wohin, lebte frei und kümmerte mich um die ganze Welt nicht weiter. Es ist doch nur Hundsfötter in der Welt! Ich : Hast du etwa Verdruß gehabt? Dentzel : Tüchtig! Heute habe ich mich schon mit dem Teufel und seiner Großmutter herumgezankt – da mit dem General und dort mit dem Großmaul, dem Maire; die Kerls wollen alles besser wissen. Ich : Du sprachst zuvor von vielem Gelde: ich dächte, die Zeitumstände machten es dir leicht, soviel zu bekommen, als du nur magst. Dentzel : Wieso? Ich : Gestern schienst du zu glauben, daß Landau in die Hände der Deutschen fallen werde. Dentzel : Das glaube ich auch heute noch. Ich : Je nun, wenn es denn nicht zu retten ist, so muß man's hingeben, und das zur rechten Zeit, um einem Bombardement und Blutvergießen vorzubeugen. Dentzel : Was gewinne ich aber dabei? Ich als Deutscher, als erklärter Rebell! Ich : Sieh an! Wenn du jetzt Anstalt machtest, daß die Preußen Landau kriegten, so könntest du deine Sicherheit und deinen Vorteil so hoch treiben, als du willst! Dentzel : Woher weißt du das? (Sehr nachdenklich.) Und dann die Mittel und Wege dazu, und dann ehrlich! Ich : Landsmann, bin ich sicher vor dir? Darf ich reden? Dentzel : Was du willst, Landsmann. Ich verspreche dir, bei allem, was dir und mir heilig ist, ich werde dich nicht verraten. Jetzt hielt ich dafür, daß es Zeit wäre, näher zu rücken. Ich gab ihm also ein Oktavblatt mit folgendem:   Wenn es geschehen kann, daß Mittel ausfindig gemacht werden, wie die Festung Landau, ohne gewaltsames Beschießen und Menschenblut , den gegenwärtigen Belagerern überliefert werde, so sollen die Angeber der gedachten Mittel das Recht haben, eine ehrenvolle Kapitulation nicht nur vorzuschlagen, sondern auch, neben einer vollkommenen Sicherheit ihrer Person, einer der Größe dieses Dienstes angemessenen Belohnung in Gelde gewärtig sein. Dentzel (stutzt gewaltig): Hat das der Kronprinz von Preußen geschrieben? Ich : Wie du siehst! In meiner Gegenwart hat er's geschrieben. Dentzel (vergleicht den Zettel mit einem anderen Aufforderungsbillett von der nämlichen Hand): Richtig, richtig! Aber wahrlich, das ist zu arg! Ich (mit forschendem Blicke): Nun? was denkst du dabei? Dentzel (finster): Daß die Deutschen Vokative sind und mich zum Schurkenstreich verleiten wollen! Aber bei Gott, Laukhard! Zum Verräter bin ich noch zu ehrlich! Denn auch ich schwur Tod oder Freiheit, und eins von beiden muß mir werden wie meinen Brüdern, sonst hol' uns alle der Teufel! Ich (verlegen): Sehr edel und großmütig. Dentzel (mich starr in die Augen fassend): Und doch konntest du dich brauchen lassen, mich zum Gegenteil bereden zu wollen? Laukhard, Laukhard! Du bist, wie ich merke, noch immer der alte Unbesonnene, der gutmütig und schwach genug ist, sich ohne weiteres Nachdenken, wie ein unmündiges Kind, zu allem beschwatzen und verleiten zu lassen. So warst du sonst, und so, wie ich merke, bist du noch jetzt, und eben darum will ich mein gegebenes Wort für diesmal dir halten und schweigen. Aber merke dir's wohl, du bist verloren, wenn du dich noch einmal unterstehst, bei mir oder jemandem anders das mindeste zu wagen, was nur von ferne einer Verräterei ähnlich sieht. Ich rate dir, sei auf deiner Hut; von nun an werde ich auf alle deine Schritte und Tritte, auf alle deine Worte und Handlungen acht geben lassen. Und versiehst du es im mindesten, so bist du geliefert. Dies merke dir und geh'. Du wirst mir verächtlich, geh'! geh'! Ich (entschlossen): Verächtlich? Ich bitte dich, Repräsentant, lies das Billett noch einmal, und du wirst sehen, daß du dich übereilst. Höre nur noch etwas gelassen zu. Sieh, wie du selbst einsiehst und neben dir jeder Einsichtige, eure Besatzung ist zu schwach, sich mit Vorteil gegen die Belagerer länger zu behaupten. So weit die Preußen und Oesterreicher jetzt vorgedrungen sind, und so wenig ihr auf die Ehrlichkeit eurer Generäle und den Ernst und die Bereitwilligkeit eurer Nation, wie es scheint, rechnen könnt, um Entsatz mit Sicherheit zu erwarten, so sicher mußt du einsehen, daß Landau den Preußen gewiß in die Hände fallen wird. Fällt es durch Sturm oder Bombardement, dann wehe dir, wehe der Besatzung! Zum Sturm und Bombardement hat der Kronprinz von Preußen Beruf und Mittel, und dennoch wünscht dieser menschenfreundliche Prinz, das auf friedlichem Unterhandlungswege an sich zu bringen, was am Ende unwidersprechlich sein werden muß. Und dies wünscht er, ohne die Häuser der Landauer einzuäschern, ohne Menschenblut zu vergießen. Repräsentant, kann ein Fürst je edler, je menschenfreundlicher denken? Und sieh, zu diesem guten Werk wirst du – du, dessen Pflicht es ist, für das Beste der Landauer Bürger und Soldaten zu sorgen und im Fall der Not aus dieser Not eine Tugend der Schonung und Erhaltung zu machen, du, sag' ich, wirst zu diesem guten Werk mit aufgefordert! – Ich tue das nun, und bloß darum willst du mich verächtlich finden? Bei Gott, Repräsentant, Menschenrechte zu retten kann dir nicht heiliger – Verräterei zu verabscheuen, kann dir nicht pflichtiger sein als mir! Hätte ich nicht alles nach meiner eigenen Ueberzeugung gerade so gefunden, wie ich es hier vor dir zergliederte, wahrlich, ich stände nicht vor dir! Geirrt kann ich haben, aber um Verräter an deiner Nation durch dich zu werden – o Dentzel, wenn ich dazu fähig wäre, dann lieber tot als lebendig! Dentzel: Alles gut, Laukhard. Aber meine Pflicht und Ehre gebieten mir, das Aeußerste abzuwarten, und geht's dann nicht anders, wohlan! ich schwur auf Tod. Genug, du würdest mich sehr verkennen, wenn du mich auf irgend einen Fall einer Verräterei fähig halten wolltest. Und damit ist es alle. Von nun an besuchst du mich nicht weiter, gehst und bist – ich rat' es dir wohlbedächtig – forthin ganz auf deiner Hut! Der Ton und die Miene, womit Dentzel das alles sagte, überraschte meine Erwartung sehr und brachte mich nicht wenig außer Fassung. Ich bedachte, wen ich vor mir hatte, schwieg endlich und ging. Aber von nun an war guter Rat teuer! Dentzel hatte das eigenhändige Billett des Kronprinzen von Preußen in Händen; Dentzel war nichts weniger als verschwiegen, und Wein war sein Lieblingstrank. Wie leicht war es nun möglich, ein Wörtchen fallen zu lassen, das mir meinen Kopf hätte kosten können! Den Beleg dazu hatte er in Händen. Er konnte, wenn er mir sein Wort nicht halten wollte, diesen sogar benutzen, seine Treue und Anhänglichkeit für die Republik zu beweisen und sich beim Nationalkonvent festeres Zutrauen und entschiedenes Uebergewicht über seine Gegner, vorzüglich über Laubadère, zu verschaffen. Das alles ließ sich als möglich denken. Ich dachte es ohne Unterlaß, und meine Seele schwebte auf der Folter der Furcht ohne Aufhören. Und doch achtet man das alles in Berlin jetzt wie für nichts! Da ich, wie die Folge zeigen wird, solange ich in Frankreich war, mehr denn einmal als der Verräterei verdächtig vor Gericht gefordert, auch zweimal förmlich deswegen eingezogen war, am Ende aber noch immer mit dem Leben davon gekommen bin, so muß man Dentzel das Verdienst lassen, daß er trotz allen seinen Schwächen dennoch der Mann gewesen ist, der französischen Nation ebenso treu zu dienen, als einem Unvorsichtigen Wort zu halten und dadurch dessen Leben zu retten. Daß Dentzel in dieser Rücksicht sich ein großes Verdienst um mich erworben hat, wird die Folge erst ausweisen. Elftes Kapitel. Aufruhr gegen Dentzel. – Zweideutige Rede des Generals Laubadère. – Dentzel wird abgesetzt und verhaftet. – Ich bin den Franzosen verdächtig. – Mein Verhör vor dem Kriegsrat. – Freisprechung. – Privatverhör bei Laubadère. – Man glaubt an meine Unschuld. – Laubadère wird unpopulär. – Ideenkommerz in Frankreich. – Rauschegeld und Klingegeld. – Freudenfeier der Hinrichtung Marie Antoinettes. – Die Carmagnole. – Die Dekrete und wozu man sie benutzte. Es war an einem Sonntagnachmittag, etwa vierzehn Tage nach meiner Ankunft in Landau, als in allen Straßen ein gräßliches Geschrei ertönte. »Aux armes, Volontaires!« schrie man, »aux armes! Ou va nous trahir. C'est Dentzel, qui veut nous livrer aux Prussiens!« – Dieses Zetergeschrei hörte man in allen Straßen der Stadt, und ehe man sich's versah, stand die ganze Garnison unter den Waffen. Laubadère erschien auf dem Paradeplatz und hielt eine Rede an die Soldaten, worin er sie versicherte, daß er sein Leben eher verlieren, als etwas Böses gegen sein Vaterland unternehmen würde. Dabei sagte er ganz deutlich, daß unter denen, in deren Hände viel Gewalt wäre, Spitzbuben und Schufte wären, welche man wie alte Schweine abkehlen müsse (qu'il faut égorger comme de vieux porcs). Mit diesen Worten zielte der General ganz sichtbar auf den Repräsentanten. Woher der erste Lärm seinen Ursprung genommen hatte, weiß ich nicht genau anzugeben. Soviel ist sicher, daß Dentzel auf dem Conseil de Défense gewesen war, und da gesagt hatte, daß er nur schwache Hoffnung zum Entsatz hätte, und daß Landau wohl noch fürchterlich fallen könnte. Delmas und Laubadère waren zugegen. Ersterer gab Dentzel Beifall und lachte. Laubadère ward böse und sagte, nur Uebelgesinnte könnten an der Wohlfahrt und Rettung des Vaterlandes zweifeln! – Darauf fuhr Dentzel auf und versicherte, daß vielleicht der am wenigsten Hoffnung zur Erhaltung der Republik hegte, der sie jetzt für unbezwinglich ausgäbe. – Sie waren darauf fortgegangen, jeder aber mochte wohl noch dieses oder jenes zu anderen gesagt haben, worüber denn der Spektakel ausbrach. Vielleicht hatte Dentzel meine Angabe von der Gefahr für ihn und die Landauer, im Falle einer gewaltsamen Eroberung, nach meinem Abschied ernstlicher überlegt, und mochte durch die lebhafte Vorstellung derselben, wie durch den Glauben an die Unmöglichkeit des Entsatzes wegen der Unzuverlässigkeit der Generäle, nachher bewogen sein, den erwähnten Vortrag auf dem Konseil zu halten, ohne auch nur aus der Ferne an die versprochene Belohnung in Geld zu denken. Vielleicht hatte er in ungeprüftem Vertrauen oder im Rausch den Antrag des Kronprinzen und meine Mitwirkung dabei schon vorher irgend einem entdeckt, z.B. seinem Freunde, dem General Delmas – denn dieser lachte nur auf dem Konseil, als Laubadère donnerte – oder jemandem anders, ja vielleicht mehreren. Etwas von allem diesen muß durchaus vorgefallen sein, das beweist der Aufstand und die Gefahr darin für Dentzel und für mich. Dieses »Etwas« aber liegt noch jetzt vollständig im Dunkeln, selbst in Frankreich. – Die Volontäre also liefen wie rasend in ganzen Haufen hin nach dem Hause des Repräsentanten, und forderten mit den ärgsten Flüchen und Drohungen, daß er erscheinen sollte. Dentzel erschien am Fenster und wollte die Menge durch Zureden und Verteidigung seiner Unschuld besänftigen, aber er hatte kaum angefangen, als mehr denn zwanzig Gewehre gegen ihn losbrannten, doch ohne ihn zu treffen. Dentzel entfloh hierauf und verbarg sich, wie ich nachgehends gehört habe, in ein leeres Weinfaß im Keller. Laubadère war bald von der Gefahr, worin Dentzel sich befand, unterrichtet. Weil er nun in schwere Verantwortung verfallen wäre, wenn die rasenden Soldaten dem Dentzel den Garaus gemacht hätten, so eilte er herbei und haranguierte die Volontäre, welche immer schrien: » A bas le foutu mâtin! A bas le foutu traître !« Endlich nach vielem Schreien, Schimpfen und Sakramentieren war Laubadère so glücklich, die wütenden Leute zu besänftigen, so daß sie abzogen und Dentzels Wohnung ruhig ließen. Es wurde aber diesem eine Schutzwache von zwölf Mann gegeben. Die Volontäre gingen indes noch nicht nach ihren Quartieren, sondern schickten eine starke Deputation an den General, welche fordern mußte, man solle Dentzel außer aller Aktivität setzen, und, sobald es geschehen könnte, bei dem Heilsausschuß als einen Feind und Verräter des Vaterlands und der Republik angeben. Laubadère, um sie zu beruhigen, bewilligte alles, und von dieser Zeit an, wo Dentzel in Arrest geriet, hat er einige Wochen lang ein unbeschränktes Ansehen in Landau behauptet. Die ganze folgende Nacht war fürchterlich unruhig. Kein Mensch unterstand sich, auf der Straße zu erscheinen oder herumzugehen. Wie mir bei dieser Sache ums Herz war, mögen sich die Leser vorstellen. Ich ging indes doch ins »Lamm« zu den Offizieren, und fragte, warum denn der Repräsentant so verfolgt würde. »Warum? Er steckt mit den Preußen unter einer Decke, der sacré bougre ! Er will die Stadt verraten und uns alle den Feinden in die Hände spielen. Er hat sogar seine Spione hier; aber wenn wir diese herauskriegen, so soll auch kein Fetzen an ihnen ganz bleiben.« – Das war freilich kein tröstliches Avertissement für meine Wenigkeit. Ich legte mich erst spät nieder und schlief noch weniger. Ungefähr zwei Uhr nach Mitternacht kam der Gemeindebote und forderte mich aufs Rathaus. Ich erschrak anfangs nicht wenig, faßte mich jedoch bald und fragte, was man mit mir wollte. »Das weiß ich nicht,« erwiderte der Gemeindebote. »Ich soll dich hier nur abholen.« Ich folgte dem Menschen bis in die Gerichtsstube. Man hielt da gerade einen sogenannten Sicherheits- oder Kriegsrat ( Conseil de défense ), wobei der General Laubadère auch gegenwärtig war, aber kein Wort hören ließ. Man forderte mich sofort vor die Schranken und legte mir folgende Fragen vor: Ob und seit wann ich Dentzel kannte – ob ich ehedem starken Umgang mit ihm gehabt – ob ich seit dem Anfang der Revolution an ihn geschrieben – ob ich Briefe von ihm erhalten – ob mich der preußische General Manstein an Dentzel geschickt und ihm durch mich eine Summe Geldes für die Uebergabe von Landau habe bieten lassen? Ich begreife noch immer nicht recht, wie man hier auf den General Manstein gekommen ist! Dieser war damals gar nicht bei Landau, wenigstens habe ich ihn nicht gesehen, und er hat überhaupt eben nicht gar großen Einfluß bei der preußischen Armee gehabt. – Ferner fragte man, ob Dentzel nicht gegen mich über die Republik räsonniert und gesagt habe, daß sie zugrunde gehen müßte. Diese und wohl noch zwanzig andere Fragen beantwortete ich so freimütig und befriedigend für das Konseil, daß es beschloß, mich auf der Stelle frei zu lassen, weil es an mir keinen Verdacht der Falschheit oder Subordination finde. – Wer war froher als ich, daß ich den Klauen einer Inquisition entgangen war, bei welcher ich gar leicht meinen besten Kopf hätte verlieren können! Ich ging nach meinem Quartier und legte mich schlafen. Früh gegen zehn Uhr ließ Laubadère mich holen. Er war allein und sehr freundlich gegen mich, hieß mich niedersitzen und einen Becher Wein trinken. Aber dann eröffnete er mir, daß er mich und Dentzel dennoch für schuldig halte. Auch er sprach wieder vom General Manstein – und da holte ich wieder ganz frei Odem. Ich leugnete alles und blieb durchaus fest und mannhaft. Laubadère stellte mir in Aussicht, ich könnte nochmals vors Konseil kommen, und dann ginge es an meine Gurgel. Ich : Ich fürchte nichts! Komm, ich gehe aufs Konseil, und wenn du mich nicht hinbringen läßt, so gehe ich allein hin und erzähle, wie du mich behandelst. Verstehst du mich, General? Du bist Dentzels Feind, den willst du stürzen und mich vielleicht zum Werkzeug deiner Absicht gebrauchen. Aber ich sage dir, du kommst schief bei mir an. Dentzel ist unschuldig, wenigstens weiß ich nichts, was ihm zur Last fallen könnte. Er : Also hältst du ihn wirklich für unschuldig? Ich : Allerdings. Ich bitte dich nochmals, General, laß mich in Ruhe, oder ich muß mir beim Konseil Ruhe schaffen. Laubadère schien nun wirklich von meiner Unschuld überzeugt zu sein, wenigstens sagte er mir endlich, daß er mich nur für verdächtig gehalten und mich darum sondiert habe. Nun aber sei er vorderhand von meiner Ehrlichkeit überzeugt; ich solle jetzt nur gehen, mich aber um zwölf Uhr unfehlbar bei ihm zum Essen einfinden. Ich muß dem General Laubadère nachsagen, daß er von diesem für mich gefährlichen Tage an mich besonders gut leiden konnte, und daß er mir oft gestand, er habe mir durch seinen ungegründeten Verdacht unrecht getan. – Du lieber Gott! – Doch: Praetor non judicat interiora . Von dieser Zeit an ließ der Kronprinz von Preußen, der auf meine Vermittlung vielleicht mehr rechnete, als meine beschriebene Lage sie zuließ, Landau beinahe täglich durch Trompeter zur Uebergabe auffordern, erhielt aber immer die Antwort, daß man Entsatz erwarte und das Aeußerste daran wagen wolle, diese wichtige Festung dem Freistaat zu erhalten. Dentzel saß unterdessen immer in Arrest; aber nachdem die Leute kaltblütiger geworden waren, fingen schon viele unter den Bürgern und Soldaten an, ihn für unschuldig zu erkennen, und das harte Verfahren wider ihn auf Laubadères Haß zu schieben. Der General verlangte demnach, daß man die Sache nach Paris schicken solle; allein das Conseil de défense wendete dawider ein, daß dieses nicht anginge, weil die Briefschaften vom Feinde aufgefangen werden könnten, wodurch denn dieser notwendig von Landaus ganzer innerer Lage unterrichtet werden müßte. Dentzels Sache blieb also noch einige Zeit liegen. Zu Anfang des Oktober brachten die patrouillierenden Reiter einen Menschen ein, der etwa vier Monate vorher vom 21. Regiment desertiert war. Sie hatten ihn in den Weinbergen angetroffen, wohin er sich, wie er sagte, begeben hatte, um wieder zu seinen Republikanern zurückzukehren, und dies aus Reue über seine Desertion. Aber alle diese Ausflüchte halfen ihm nichts. Laubadère ließ Gericht über ihn halten, und er wurde, so sehr sich auch General Delmas und der Obrist von der Reiterei dawider setzten, kurz hernach am »Deutschen Tore« totgeschossen. Laubadère sagte ganz kaltblütig: sie sollten ihm erst ein anderes Gesetz machen, dann wollte er dem Deserteur Pardon geben. Durch diesen Zug von gesetzlicher Gerechtigkeitsliebe hat sich aber der brave General weder bei der Garnison, noch bei der Landauer Bürgerschaft beliebt gemacht. Laubadère verlor das Zutrauen der Landauer Bürger durch folgenden Vorfall noch mehr. Da er mutmaßen konnte, daß die Belagerung noch lange anhalten dürfte, so wollte er ein Gesetz in Ausübung bringen, welches einen General autorisiert, aus einer blockierten Stadt alle die zu entfernen, welche bei der Belagerung unnütz sind. Er ließ daher dieses Gesetz abdrucken und anschlagen, und ermahnte die, welche sich unfähig fühlten, dem Vaterlande bei dem damaligen Zustande zu dienen, auszuwandern. Er ging noch weiter: er ließ durch einen Offizier und durch einen Munizipalbeamten von Haus zu Haus alle die aufschreiben, welche seiner Instruktion gemäß auswandern sollten. Hierdurch aber entspann sich ein gefährlicher Aufstand; denn da sollten alle Männer, Weiber, Kinder, hochhaubige Mamsellen und Damen auswandern und ihre Häuser nebst Hab und Gut im Stich lassen. Ganz Landau kam darüber in Harnisch, und Laubadère mußte nachgeben. Das Gesetz, welches auf diese Art Leute aus ihren Häusern jagt, ist hernach auch ganz und gar kassiert worden. Es war im Grunde auch unausführbar und konnte zu dem gefährlichsten Aufstande, ja zu Konspirationen mit dem Feinde Anlaß geben.   In Landau bemerkte ich – und nicht nur in Landau, sondern fast in allen Städten Frankreichs, in welchen ich gewesen bin – ein Ideen-Kommerz, das mich oft in Erstaunen setzte. Die mehrsten hatte man, wie fast alle, die ich darüber befragte, mich versicherten, schon vor der Revolution im geheim für sich gesammelt, und dies um so gieriger, je strenger man die Bücher verbot, worin sie vorkamen. Und so ist es auch hier wahr, daß jedes Bücherverbot mehr schadet als nützt. Läßt man jedes Buch seinen Weg ungehindert wandern, so wird der geringste Teil des Publikums es seiner Aufmerksamkeit kaum für wert halten; im umgekehrten Fall – der größte; überdies, enthält ein Buch Irrtümer, auch gefährliche, und zirkuliert es frei und frank, so kommen diese desto eher und freimütiger zur Sprache, zum Pro und Kontra, und die Wahrheit behält am Ende die Oberhand. Das Ideenkommerz der Franzosen hat selbst durch den Krieg unendlich gewonnen. Denn auch von dem weckenden Geist der Revolution abgesehen, gibt es jetzt kein Kriegsheer weiter, worin die Köpfe von jeder Art so kompliziert und vereint wären als in ihrem. Ueberall ungehinderte Mitteilung der Grundsätze, Gedanken und Erfahrungen unter den vielen Hunderttausenden von verschiedenen Gewerben, aus Landleuten, Bürgern, Kaufleuten, Gelehrten, Künstlern usw. Fürwahr, Robespierre ist durch sein allgemeines Aufgebot – in gewisser Rücksicht – der Prometheus von Frankreich geworden. Das Papiergeld hatte damals in Landau wenig Wert. Der Repräsentant hatte zwar anschlagen und befehlen lassen, daß das Assignatengeld, oder wie man es damals gewöhnlich nannte, das Rauschegeld, im Gegensatz zum Klingegeld – so wie das Numerär- oder bare Geld, Kurs haben sollte: aber daran kehrten sich die Landauer wenig: zwei Sous in Münze wurden 10, ja endlich 20 Sous in Papier gleichgehalten. Dentzel wollte dieses Anwesen mit aller Schärfe abstellen, aber gerade, als er daran wollte, erregte sich der Aufstand, wodurch er außer Aktivität gesetzt wurde. Der General hatte das Herz dazu auch nicht: also blieb alles bis zum Entsatz der Stadt, wonach denn freilich sehr wahrscheinlich auch dort das sogenannte Maximum oder die allgemeine Taxe aller Waren und aller Lebensmittel gegolten hat. Der General unterhielt immer einige Leute, welche ihm beständig, wenigstens wöchentlich einmal, Nachricht vom Zustande der feindlichen Armee überbringen mußten. Wie diese Spione, lauter Landauer Bürger, immer so ungehindert durch die Belagerer schleichen konnten, begreife ich noch jetzt nicht ganz. Die Stadt war enge eingeschlossen: also müssen die feindlichen Posten sehr geschlummert oder die Leute ganz besondere Schlupfwinkel gewußt oder sonst Um- und Auswege gefunden haben. Einmal habe ich in Landau einem sonderbaren Schauspiel beigewohnt. Als die Nachricht von der Hinrichtung der Königin Marie Antoinette und des Generals Custine, der Laubaderes und Dentzels abgesagter Feind war, in Landau ankam, ließ sie der General sofort durch Abfeuerung von 48 Kanonen feierlich bekannt machen. Darauf wurde ein großes Feuer auf dem Marktplatz angezündet, und der Schinder mußte die Bildnisse der Königin und Custines hineinwerfen. Hierauf hielt Laubadere eine Rede, worin er auf die sacrée garce fürchterlich loszog, die durch ihre Herrschsucht und ihre Ketzereien am Wiener Hofe Frankreich und ganz Europa ins Unglück gestürzt habe. Endlich dankte er dem Genius der Republik, daß diese Pest nun durch das Beil der Gerechtigkeit vernichtet sei. Die Volontäre applaudierten ihm wie rasend und sangen zum Beschluß ihre Carmagnole, welches ein skandalöses Lied auf die Königin ist, durch alle Straßen. In ganz Frankreich nannte man die Königin schon lange nicht anders als »Madame Veto«, und daher heißt es in der »Carmagnole«: Madame Veto a mal au cul, C´est Lafayett, qui l´a foutue; De son Con tout brule Fayette en porte la clef. Dansons la Carmagnole Viv e le son Du Canon usw. In den »Pieces fugitives et republicaines«, wie auch im »Parnasse republicain«, findet man eine Menge skandalöser Lieder auf den König, die Königin, die Emigranten, die Priester und die treulosen Generäle; ich kenne nichts Beißenderes, als diesen kaustischen Zuchtspiegel für recht viele von denen, welche sich Götter der Erde dünken. Ueberhaupt sind die Franzosen auf die Königin Antoinette weit mehr aufgebracht, als auf sonst jemand, selbst den verabscheuungswürdigsten Egalité, sonst Herzog von Orleans, nicht ausgenommen. Sie sehen diese Dame als die Hauptursache alles Unglücks und Elends an, das über ihre Nation gekommen ist; ja, sie nennen ihren Namen nicht, ohne auszuspucken! Ich sprach lange nachher einmal in Dijon über die Sündhaftigkeit, mit welcher diese Prinzessin gestorben ist, und rühmte es wenigstens, daß sie ohne Aengstlichkeit und ohne Trotz auf der Blutbühne erschienen sei, auch alle Schmähungen des Pariser Pöbels, ohne eine Miene zu verziehen, männlich verschmerzt habe. »Ist das wohl lobenswert?« erwiderte mir ein Chirurgus. »Starb nicht auch Mandrin mit der größten Standhaftigkeit sogar auf dem Rade? Ich leugne gar nicht,« fuhr er fort, »daß Antoinette einen großen Geist gehabt hat: sie war ja die Tochter der berüchtigten Maria Theresia! Aber eben deswegen war sie für Frankreich desto schlimmer und gefährlicher: denn Größe ist nicht immer Güte. Genug, wir sind froh, daß sie nicht mehr ist.« Auf dem Gemeindhause waren alle Wände bedeckt mit Dekreten und Verordnungen, täglichen Nachrichten u. dgl. Nun fand es sich, daß manche, wenn sie oben das Bedürfnis, aufs Häuschen zu gehen, spürten, im Herabgehen einen Zettel von der Wand abrissen. Es wurde also öffentlich durch den Ausrufer angesagt, daß, wer künftig auf der Straße oder auf dem Rathause einen angeschlagenen Zettel abreiße, eine achttägige Haftstrafe zu gewärtigen habe. Herrmann, ein Zuckerbäcker und Mitglied der Munizipalität, wurde darüber ertappt und nun nicht nur auf acht Tage eingesteckt, sondern auch seines Amtes entsetzt. Zur Zeit des Terrorismus oder des Schreckenssystems in Frankreich wurde die Abreißung der angeschlagenen Zettel allemal mit dem Tode bestraft, indem man das als ein Zeichen des Mißfallens an der Verfassung und als ein Signal zur Meuterei ansah. In Landau war man damals nicht so strenge. Ueberhaupt konnte man ziemlich laut sagen, was man an der neuen Verfassung zu tadeln fand. Einige taten dies auch freimütig genug, weil sie als gewiß voraussetzten, daß die zu schwach besetzte Stadt in die Hände der Preußen fallen würde. Die öffentliche Meinung war und blieb indes immer für die Republik. Landau zählte nur wenig Aristokraten. Zwölftes Kapitel Die Volontärs und ihr Patriotismus. – Begeisterung! – Mein Freund Brion. – Die Volksgesellschaften – Die Königskommissare. – Französische Sprache im Elsaß. – Die Jakobiner. – Beginn des Landauer Bombardements. – Dentzel wird freigelassen und wieder eingesetzt. – Angst der Bürger. – Unser Quartier in der Stadtkirche. – Die Heiligen und ihre Bilder. – Es geschehen keine Wunder mehr. Ich war nach der überstandenen Gefahr ziemlich ruhig und suchte die Zeit, so gut als ich konnte, hinzubringen. Da man mit niemand in der Welt eher Bekanntschaft machen und Freundschaft und Umgang errichten kann, als mit den gutmütigen, jovialischen und offenen Franzosen, so war es auch sehr leicht, viele von der Landauer Garnison näher kennen zu lernen. Ich hatte noch immer allerlei Vorurteile gegen die französischen Volontärs mitgebracht, welche ich hier aber bald und gerne ablegte. Ihre Miliz war durchaus kein Haufen roher Buben und Zigeuner, wie sie uns geschildert wurden. Freilich waren sie nicht so nach der Schnur gezogen und geübt, wie die Preußen; sie marschierten nicht so nach und auf der Linie, sie konnten kein Minutenfeuer machen und preßten sich nicht in ihre Röckchen ein, wie diese. Dagegen aber verstanden sie ihren Dienst hinlänglich und hatten eine unbegrenzte Anhänglichkeit an ihre Sache – was allen unseren Lohnsoldaten fehlt. Sehr wahr für die damalige Zeit. Am Vorabend der Schlacht bei Jena, 1806, sangen preußische Soldaten an ihren Wachtfeuern: Fürs Vaterland zu sterben Wünscht mancher sich, Zehntausend Taler erben, Das wünsch' ich mich! Das Vaterland ist undankbar – Und dafür sterben? – O du Narr! Ich habe von fast allen dort gehört, daß sie wüßten, wofür sie kämpften, und daß ihnen der Prozeß ihrer Nation lieber und teurer sei als ihr Leben. Das einzige Wort: »Es lebe die Republik!« ist bei den Volontärs allemal das erste und letzte, und alle ihre Gesinnungen und Anstrengungen erhalten von dieser Hauptidee Leben und Feuer. Freiheit oder Tod ist ihre einzige und ewige Alternative. Ich habe sehr viele französische Soldaten gekannt – ich ward ja selbst noch einer – und habe das an ihnen gefunden, was die edlen Verteidiger des alten Griechenlands auch an sich hatten, nämlich warme Liebe zu ihrem Vaterlande, eine Liebe, die der Deutsche deswegen nicht kennt, weil er als Deutscher kein Vaterland mehr hat. Der Enthusiasmus für ein Phantom verraucht bald, aber der Enthusiasmus für ein wahres Gut dauert, solange dieses Gut selbst dauert, und wird durch die Bemühungen derer, die es uns entreißen wollen, nur noch mehr angefacht. Auf dem zerschossenen Schiffe »Le Vengeur«, da denkt die Mannschaft an nichts weniger, als an ihre Rettung, unter dem anhaltenden Kanonendonner der Engländer, mit allgemeinem Jubelgeschrei, gibt sie diesen noch einmal die volle Ladung, allgemein jauchzt sie: » Vive la Nation !«, sinkt unter und erklettert im Untersinken noch die Mastbäume, stimmt unaufhörlich die Schlachthymne zum Anfeuern ihrer übrigen fechtenden Brüder an, bis der Abgrund das Schiff und sie verschlingt. Zwölfhunderttausend Krieger werden vom Ruf der Freiheit aufgeboten und vereinigt, bieten allen Gefahren Trotz, überwinden alle Hindernisse, und segnen sterbend auf dem Schlachtfelde die Republik noch mit dem letzten Hauch! Sogar Weiber eilen haufenweise verkleidet ins Feld, auch der Tagelöhner gibt zur Rettung des Vaterlandes das Seine gern und zuvorkommend hin. Nun, wenn diese Heroen, dies eine einzige Volk, von den fürchterlichsten Mächten Europas angegriffen und von Verrätern so oft hintergangen, dennoch gegen sie alle, wie gegen Natur und Kunst siegreich dasteht – dann wissen wir jetzt, wodurch! Das frohe Wesen des französischen Militärs ist zum Erstaunen. Außer dem Dienste sind sie fast immer guter Dinge. Mitteilend, sind sie recht brüderlich, und die vielen Freiwilligen von reicher Abkunft, die sich selbst beköstigen, helfen den Minderbegüterten überall durch. Wo ihrer 6, 8 oder mehrere einquartiert sind, da ist der Wirt für seinen Haustisch meist geborgen. Sie geben ihre Portionen alle zum Zukochen hin, und so mäßig und genügsam sie bei Tische gewöhnlich sind, erhält der Wirt das übrige, oder er und die Seinen müssen es gleich mitverzehren helfen. Und schon dies macht, daß die gemeinen Leute die Franzosen fast überall lieber sehen, als die Truppen der starkappetitischen Deutschen. In Landau machte ich mit einem jungen munteren Mann Bekanntschaft, welcher Korporal bei den Stadtkanonieren war; er war ein Sohn des Büchsenmachers Brion, der zu Paris geboren war, aber sich zu Landau verheiratet hatte. Brion fand deswegen Geschmack an mir, weil ich, wie er sagte, die Revolution in Frankreich aus dem rechten Gesichtspunkt ansähe und nicht in den Tag hinein räsonnierte. Ich trug noch immer meine preußische Uniform. Brion aber gab mir einen dunkelblauen Rock und eine scharlachrote Weste: dazu kaufte ich mir lederne gelbe Beinkleider, neue Schuhe und einen eckigen Hut, und sah nun, indem ich auch die Kokarde trug, aus wie ein Citoyen français. Durch eben diesen Brion kam ich noch in Bekanntschaft mit mehreren anderen Bürgern, welche seine Freunde waren und gerade so dachten wie er. Besonders war ein Kaufmann Delisle darunter, ein gewaltig scharfer Republikaner; dieser versicherte, daß er an dem Tage, wo die Preußen nach Landau kommen würden, erst sein Haus in Brand stecken und dann sich erschießen wolle. Brion nahm mich einigemal mit in den Klub, oder in die »Société populaire«, welche damals in Landau noch jedem offen stand. Das Wesen dieser Klubs muß man notwendig etwas näher kennen, um von der Lage der Dinge in Frankreich und ihrer Veränderung richtig urteilen zu können. Bei dem Anfange der Revolution gab es gleich durch ganz Frankreich viele Anhänger des neuen Systems, aber es gab auch viele, welche dem treuen Freunde dieses neuen Systems angst und bange machten. Die Nationalversammlung war selbst geteilt, und die redlichen Anhänger der neuen Ordnung sahen ein, daß alle Bemühungen, dem Staate eine bessere Form zu geben, fruchtlos sein würden, wenn die öffentliche Meinung sich nicht bestimmt zeigte, um daraus abzunehmen, was man von der Nation erwarten könne. Sie autorisierte daher im Jahre 1790 die Volksversammlungen, d. h. sie erlaubte und ermahnte sogar, daß diejenigen, welche zum Besten des Vaterlandes beratschlagen wollten, an bestimmten Tagen zusammenkommen und einander ihre Gedanken mitteilen möchten, welche dann, wenn sie wichtig genug wären, allemal sollten in Betracht gezogen werden, wenn man sie der Versammlung in Paris selbst vorlegen würde. Diese Konventikel hießen gleich anfangs »Sociétés populaires«, oder auf englisch-deutsch: Klubs. Sie waren völlig frei, und jeder konnte Anteil daran nehmen, sogar Fremde und Ausländer. Damit aber eine Ordnung darin erhalten wurde, wählten die ordentlichen Mitglieder derselben, d. i. diejenigen, welche ihre Namen in das Buch der Société hatten eintragen lassen, alle Monate einen Vorsteher. Dieser Vorsteher mußte bei jedesmaliger Zusammenkunft die Berichte von allem abstatten, was im ganzen Reiche vorgefallen war, und besonders mußte er die neuen Gesetze und Verordnungen erklären und seine Meinung darüber sagen. Ohne seine Erlaubnis durfte niemand im Klub reden; wer aber reden wollte, forderte das Wort, und er mußte es ihm gestatten. In dieser Volksversammlung liegt der wahre Kern des Republikanismus, welcher sich in ganz Frankreich so schnell verbreitet hat. Die Ehrbegierde der Präsidenten spornte sie an, sich mit der Lage der Dinge und besonders mit dem Unterschied des Despotismus und der Freiheit bekannt zu machen, und die Neugierde trieb jung und alt in die Versammlungen, um sich da erzählen und belehren zu lassen. So voll der Saal in Landau auch beständig war, so war doch alles äußerst still: alles war auf das, was der Redner vorbrachte, erpicht: sogar die Frauenzimmer hörten in aller Stille zu, wenn sie gleich sonst, auch bei den rührendsten Auftritten in der »Emilia Galotti« oder in »Romeo und Julie« kaum eine Minute schweigen können. Ludwig XVI. oder vielmehr sein unsinniger aristokratischer Anhang merkte bald, daß er keine größeren Feinde hatte, als eben die in den tausend und tausend Klubs befindlichen Patrioten. Um sie zu stören, sollte ein Gesetz gemacht werden, vermöge dessen die Klubs sich monatlich nur einmal, und zwar unter der Aufsicht eines commissaire royal, versammeln sollten: und wo ein solcher commissaire royal nicht existierte, sollten auch keine Klubs weiter gehalten werden. Die commissaire royaux waren königliche Kreaturen; der König ernannte sie allemal selbst, und sie waren eben darum da, um sein Interesse zu unterstützen. Und nun diese – sollten die Volkssozietäten dirigieren! Sie maßten sich dieses Recht hin und wieder auch an. Sogar in Landau selbst und in Weißenburg hatte der Maire wegen des Klubs einen so heftigen Streit mit dem Königskommissar, daß dieser den Maire gegen alles Gesetz gefangen nehmen ließ, aber dabei auch in Gefahr geriet, vom Volk auf der Straße ermordet zu werden. Die Kommissare waren, wie sich's versteht, lauter geborene Franzmänner und lauter Adlige. Freilich hatten die Distrikte im Elsaß und in Deutschlothringen ganz billig gefordert, daß man ihnen deutsche Kommissare geben möge. Allein da dem König das Recht ausschließlich zustand, diese Leute zu ernennen, so schickte er, wie natürlich, Franzosen. Da nun diese nicht Deutsch konnten, so werden sie im Elsaß, sowohl auf den Gerichtsstuben als in den Klubs, die sie doch dirigieren sollten, nicht verstanden worden sein und überhaupt eine traurige Figur gespielt haben. Die Kommissare forderten daher, daß man alles auf französisch verhandeln und in den Klubs nie anders als französisch reden solle. Das hieß nun mit einem Worte, dem Kommissar im Klub alles unterwerfen, denn da verstand nicht der Zehnte ein Wort Französisch. Man darf sich nämlich nicht einbilden, als sei die französische Sprache im Elsaß und in dem deutschen Teil von Lothringen sehr gemein; auf den Dörfern versteht fast niemand ein Wort davon. Alle Beamten, die dieser Sprache unkundig waren, sollten demnach entfernt und Sprachkundige an ihre Stelle gesetzt werden. Aber in der Nationalversammlung wurde von Elsässern das Ding von der rechten Seite dargestellt, und sie beschloß, daß künftig die gewöhnliche Landessprache, also im Elsaß das Deutsche, bei Gerichtssachen gebraucht werden sollte, und daß in den Klubs daselbst auch Deutsch gesprochen werden dürfte; wollten die Kommissare daran teilnehmen, so möchten sie selbst erst Deutsch lernen. In Paris war die vornehmste Volksgesellschaft, und sie wurde, weil sie ihre Zusammenkünfte aux Jacobins oder in dem ehemaligen Kloster der Jakobinerkirche hielt, Jakobinerklub ( Assemblée des Jacobins , auch Jacobins schlichtweg) genannt. Die Sociétés populaires im ganzen Reiche, d.i. die echten Logen der Freiheit, machten mit der Zeit gemeinschaftliche Sache mit den Jakobinern zu Paris, und nahmen alle dieselben Gesinnungen an. Endlich kam der schreckliche Tag, der 10. August 1792, wo das Königtum gestürzt, und der 22. September, an dem die Republik errichtet wurde. Die gräßlichen Szenen, welche überall dabei vorfielen, waren zum Teil in dem Plan der Jakobiner, einmal um die Hauptfeinde der Nationalvertretung wegzuschaffen, und dann, um andere von ähnlichen Versuchen zurückzuschrecken. Die Nation war unter der Gewalt des Jakobinismus nichts weniger als frei, das fällt von selbst in die Augen. Allein im Jakobinismus lag doch der Grund, und zwar der einzige Grund, zur entschiedenen Entjochung und zur ernsthaften Begründung einer gesetzlichen Freiheit für Frankreich. Frankreichs Freiheit war durch die Despotie der Könige und durch den Stolz und den Uebermut des Adels und der Geistlichkeit längst zugrunde gegangen und vernichtet worden. Der Anhang dieses alten Systems war noch sehr stark, und diesem allein arbeitete der Jakobinismus entgegen, und zwar so glücklich, daß er ihn völlig unterdrückte. Erst mußte der alte Schaden ausgeschnitten oder vielmehr ausgebrannt werden, erst mußten die alten Beulen, die alten Geschwüre des Staatskörpers gereinigt und geheilt werden, ehe man eben diesem Staatskörper eine ungehinderte Wirksamkeit gestatten konnte. Aber nachdem dieses geschehen war, mußten seine violenten Mittel, die man bei der Vorkur angewandt hatte, auch aufhören. Bei wildem Fleisch ist lapis infernalis oder Höllenstein notwendig; wer aber auf das frisch anwachsende, gesunde und die Wunde zuheilende Fleisch noch kaustische Mittel bringen wollte, wäre ein ausgemachter Narr oder Tyrann. Daß der Jakobinismus an schrecklichen Auftritten schuld war, ist außer allem Zweifel; ich selbst habe Szenen gesehen und von anderen, die ich nicht gesehen, Folgen wahrgenommen, bei deren Andenken mir die Haut noch schaudert. Also war der Jakobinismus allerdings ein Uebel, ein schreckliches Uebel, aber man muß bedenken, daß sein Ursprung nicht sowohl in der ersten französischen Konstitution, noch überhaupt in den billigen Forderungen der Nation, als vielmehr in den Bemühungen der Feinde, die Freiheit der Nationen niederzudrücken, in den Angriffen der Ausländer, in den Wirkungen des aristokratischen Anhangs in Frankreich und in der Untreue und der Verräterei der französischen Generäle, besonders des Dumouriez, zu suchen sei. Es ist ebenfalls gar schwer, über den wahren Charakter und das wahre Verdienst oder Mißverdienst eines Marat, Robespierre oder anderer Terroristen zu urteilen. Sie mögen aber gewesen sein, was sie wollen – man muß ihnen das immer lassen, daß sie eine der Hauptursachen gewesen sind, daß die Republik Frankreich noch besteht.   Es ist nun Zeit, daß ich wieder zu den Begebenheiten zurückkomme, wovon ich in Landau Zeuge war. Der Kronprinz von Preußen hatte sich einmal vorgesetzt, Landau wegzunehmen, es möchte kosten, was es wollte; und nachdem er den General Laubadère fast täglich um die Uebergabe angegangen war, aber in Güte seinen Zweck nicht erreichen konnte, entschloß er sich, Anstalten zum gewaltsamen Angriff dieses Platzes zu machen. Worauf er hierbei weiter rechnen mochte, läßt sich denken. Laubadère wurde sehr bald von diesen tätigen Anstalten unterrichtet, und suchte sich, so gut er konnte, in Verteidigungsstand zu setzen. Er ließ die Kasematten bewohnbar machen, um darin die Garnison zu sichern, und dann mußte das Pflaster in der ganzen Stadt aufgerissen werden, um die Wirkung der Bomben unschädlicher zu machen. An einem Sonntag früh hörte man in der Ferne ein gewaltiges Kanonenfeuer: die Franzosen versuchten damals schon, durch die Linien, welche kurz vorher von den Oesterreichern waren erobert worden, durchzubrechen, um Landau zu entsetzen. Um nun der Garnison Schreck einzujagen und sie zu verhindern, einen, bei solcher Gelegenheit sehr ratsamen, Ausfall zu wagen, ließ der Kronprinz einige Haubitzen aus einer an der Ostseite von Landau angelegten Batterie Bomben in die Stadt werfen. Diese taten sofort ihre Wirkung und schlugen einige Häuser zu Schaden; auch wurden eine alte Frau, ein Kanonier und ein Pferd getötet. Da die Landauer so was niemals erfahren hatten, so fuhren sie gar mächtig zusammen und glaubten nun, der jüngste Tag sei vorhanden. Aber der General ließ in allen Straßen ausrufen, daß er gewiß wisse, daß die Preußen für dieses Mal das Bombardieren nicht fortsetzen würden, denn sie hätten noch keine hinreichende Munition dazu; dies sei ihm durch zuverlässige Spione hinterbracht worden. Er hatte sich auch nicht geirrt, denn gegen Mittag hörte das Bombardieren von seiten der Preußen schon auf. Da aber doch das Schießen bei den Weißenburger Linien noch immerfort gehört wurde, so entschloß sich der General Delmas, mit zwei Bataillonen einen Ausfall zu wagen. Allein dieser Ausfall mißglückte gar garstig, denn die Preußen schossen ihm ungefähr acht Mann tot, verwundeten mehrere, und zwangen ihn, spornstreichs wieder nach Landau zurückzukehren. Dieser Mißerfolg kam Dentzel zustatten. Der Oberst der Reiterei machte nämlich Laubadère Vorstellungen, daß man ihn für alle derartigen Schnitzer verantwortlich machen würde, und daß es daher bei den jetzigen bedenklichen Zeiten besser wäre, wenn man den Repräsentanten wieder in Mitwirkung setzte, zumal, da die Beschuldigung gegen ihn gar nicht bewiesen sei. – Laubadère gab nach, und noch denselben Abend wurde Dentzel seines Arrestes entlassen und war wieder Repräsentant. Ich sah ihn einige Tage nachher auf dem Wall; er grüßte mich freundlich und sprach mir unbefangen zu, aber über unsere Sache wurde von jetzt an auch kein Wort mehr erwähnt. Nun blieb es noch einige Zeit ganz ruhig in Landau. Die Bürger machten indes ihre Häuser bombenfest, d.i. sie trugen Mist auf die Böden, damit die Bomben, welche etwa durchs Dach fielen, da liegen bleiben und platzen möchten. Endlich erhielt der Kronprinz soviel Belagerungsgeschütz, daß er Landau einige Tage ziemlich heftig beschießen konnte. Den 27. Oktober, an einem Sonntagnachmittag, hatte er unter scharfer Bedeckung von drei Bataillonen, hinter Nußdorf, eine Viertelstunde von Landau, eine Batterie errichten und alles zum Beschießen der Festung instand setzen lassen. Montags früh, den 28sten um halb sieben, fing das Feuer schon an und währte, wiewohl mit einigen Pausen, bis den 31sten um 8 Uhr des Abends. Das Feuer tat viel Schaden, manche Häuser gerieten in Brand, aber durch die guten Anstalten wurde das Feuer jedesmal sehr bald gelöscht. Die Landauer, welchen dergleichen Spektakel ganz neu war, gerieten in große Bestürzung, und viele hielten sich für verloren. Einige sprachen gleich anfangs ganz laut von der Uebergabe, und hielten es für ratsamer, das Städtchen den Deutschen zu überlassen, als zuzugeben, daß die Preußen es zusammenschössen. Dentzel, welcher jetzt wieder in vollem Ansehen stand, ließ die Bürger, wenigstens die vornehmsten oder angesehensten derselben, aufs Gemeindhaus fordern. »Landau,« sagte er, »ist eine Grenzfestung, ist der Schlüssel zum Elsaß und ein Eigentum der Republik. Wir müssen nun, da an Landau soviel liegt, dafür sorgen, daß dieser Platz erhalten werde. Ein Gesetz befiehlt, daß der, welcher bei Belagerungen von Uebergabe spricht und dadurch Verzweiflung unter seinen Mitbürgern verbreitet, mit dem Tode bestraft werde, und ihr mögt euch darauf verlassen, daß ich jeden, der gegen dieses Gesetz sündiget, nach aller vorgeschriebenen Strenge behandeln werde.« Diese Rede, welcher ein öffentlicher Anschlag auf allen Straßen folgte, der dasselbe besagte, stellte die unvorsichtigen Reden von Uebergabe u.dgl. zur Ruhe. Laubadère hatte seine Volontäre und alle Pferde nach den Kasematten bringen lassen, er selbst aber war in seinem Quartiere geblieben und ging ganz unbefangen auf den Straßen herum. Dentzel bezog ein bombenfestes Gewölbe auf dem Wall. Wenn es abscheulich ist, sich bei einer Belagerung auswärts zu befinden, so ist es gewiß noch fürchterlicher, in einer Stadt zu sein, die eben beschossen wird. Nirgends ist man beinahe sicher, wenigstens ist es gefährlich, auf der Straße oder in Gemächern zu sein, die nicht bombenfest gemacht sind; denn man kann nicht wissen, wo eine Kugel oder eine Haubitze hinfällt. Das Kaufhaus, worauf wir lagen, wurde stark beschädigt, und eben darum ließ uns der General in die Pfarrkirche ziehen, welche vorher fest gemacht war. Hierhin wurden nun auch die Handmühlen gebracht. Die Kirche war völlig leer, und die Bilder, welche ehemals zur öffentlichen Verehrung gedient hatten, waren alle in die Sakristei gebracht worden. Die Volontäre, welche mit den Deserteuren an den Handmühlen arbeiteten, witterten die Heiligenbilder aus und warfen sie nach und nach ins Feuer, welches sie wegen der Kälte in der Kirche Tag und Nacht unterhielten. Da wurde denn der heilige Stephan, der heilige Joseph, eine Mutter Gottes und einige heilige Engel zum großen Aergernis einiger kaiserlicher Deserteure dem Vulkan aufgeopfert. Die Volontäre machten jedesmal die spöttischsten Anmerkungen, wenn so ein Heiligenklotz zu brennen anfing, die Kaiserlichen dagegen vergaßen nicht, zu bemerken, daß der liebe Gott unmöglich einem Volk Glück und Segen bringen könne, das so der Heiligen spotte und ihre geweihten Bilder so beschimpfe und zerstöre. Ueberhaupt müssen die gutkatholischen, auch manche gutprotestantischen Christen, an der göttlichen Regierung bei der neueren französischen Geschichte ganz irre geworden sein. Sonst tat der liebe Gott, und besonders seine Heiligen, unzählige Wunder; ja, Himmel und Erde wurden oft um einer nichtswürdigen Kleinigkeit willen in Bewegung gesetzt. Ein Prophet wurde von losen Buben Kahlkopf gescholten; flugs kommen zwei Bären und zerreißen zweiundvierzig von diesen Spöttern. Jerobeam, der König, wollte einen fanatischen Propheten einstecken lassen, aber seine Hand verdorrte plötzlich. Wegen einer kleinen Lüge fielen Ananias und sein Weib tot danieder; ja eine ganze Stadt ging in Indien unter, weil die Einwohner dem heiligen Xaverius den Eingang verwehrt hatten. Aber in Frankreich – du lieber Gott! da wurden die lieben Heiligen aufs ärgste gemißhandelt. Ihre Lieblinge, die Mönche und Nonnen, wurden fortgejagt, ihre Kirchen wurden zerstört, ihre Bilder, sogar die, wobei sie sonst vorzüglich Wunder getan hatten, wurden zerschlagen, und sie – sie saßen im Himmel ruhig und konnten das Unwesen so unbekümmert mit ansehen, ohne Feuer, Pech und Schwefel auf die Gotteschänder herabzuschleudern! Da nun doch wohl keine Revolution im Himmel vorgefallen sein wird, wonach der bisherige Schlendrian darin abgeändert sein möchte, so muß jeder gute Christ stutzen und an seiner eigenen Religion zu zweifeln anfangen. – Mir ist das Ding freilich nicht aufgefallen, denn ich war schon lange über alles das hinaus – aber nicht alle Menschen sind solche Bösewichter, wie ich! Dreizehntes Kapitel Aufforderungen zur Uebergabe. – Bedenkliche Stimmung der Bürgerschaft und Garnison. – Der Trompeter. – Panik. – Aufruhr gegen Laubadère. – Absetzung des Generals. – Ein braver Offizier. – Die Uebergabe wird verweigert. – Laubadorès Wiedereinsetzung. – Plan aus Landau zu entkommen. – Leider vereitelt. – Die Weißenburger Linien. – Sieg der französischen Rheinarmee. – Der Entsatz von Landau. – Freude des Generals Laubadère. Der Repräsentant Dentzel war, wie ich oben erzählt habe, wieder in seine Betriebsamkeit eingesetzt und konnte wieder agieren wie vorher. Da Dentzel ein lebhafter Mann ist, so kann man denken, daß er dem General Laubadère den letzten Streich, den er ihm gespielt, nicht leicht vergeben konnte; wenigstens suchte er, wie es schien, das Zutrauen der Garnison zum General zu schwächen, und dazu fand sich bald Gelegenheit. Der Kronprinz von Preußen, nachdem er die Stadt vergeblich hatte bombardieren lassen, ließ nun täglich den General durch Trompeter zur Uebergabe auffordern. Die Belagerer machten sehr oft Freudenfeuer wegen einiger Vorteile, die die Verbündeten über die Franzosen erhalten hatten, und jedesmal wurden diese Viktorien – freilich um ein merkliches vergrößert – den Belagerten kund und zu wissen getan. Man weiß, daß ein General der Franzosen verbunden ist, von allem, was er vom Feinde schriftlich oder mündlich erfährt, genaue Nachricht seinem Korps mitzuteilen, und daß jeder Volontär das Recht hat, sie von ihm zu verlangen. Dies hat die Nation darum verfügt, damit man dem General auf die Spur kommen möge, wenn er etwa mit dem Feinde Unterhandlungen zum Nachteil der Republik pflegen sollte. Also mußte auch Laubadère nicht nur auf dem Conseil de défense, sondern auch auf dem freien Markte den Soldaten, die zuhören wollten, allemal vorlesen, was der Kronprinz und nach dessen Abzug der General von Knobelsdorff hineingeschrieben hatte. In den Schreiben der Belagerer war gewöhnlich ein sehr imposanter Ton, der einen üblen Eindruck auf die Garnison und die Bürgerschaft gemacht hat. Wenn – so hieß es darin – der General jetzt, da es noch Zeit wäre, die Stadt übergeben würde, so solle er mit der ganzen Garnison freien, ehrenvollen Abzug haben; auch sollte das Eigentum der Einwohner, die Einrichtung der Regierungsform, geschützt und gesichert sein. Man versprach, die Gesetze der Republik zu respektieren und Landau als eine Stadt, die man in depositum genommen habe, nicht aber als einen eroberten Platz zu betrachten und zu behandeln. Würde aber der General dieses nicht tun und das Aeußerste abwarten, so würde man hernach nicht mehr kapitulieren, sondern nach der Strenge des Kriegsrechts mit der Garnison und der Stadt verfahren. Ueberhaupt sei es ihnen nicht möglich, Landau länger zu behalten: Entsatz sei vollends gar nicht zu erwarten, denn die Armeen der Republik würden allerorten geschlagen und seien beinahe ganz vernichtet: die Engländer hätten Toulon, Lyon sei nicht mehr republikanisch, und Paris würde von der Vendee nächstens verschlungen werden. Diese lieblichen und tröstlichen Briefe kamen beinahe täglich hinein. Der General versicherte indes jedesmal, wenn er so einen Schreckbrief vorgelesen hatte, daß ihm gar nicht angst sei, und daß er Landau nicht hergeben würde, es möchte auch werden wie es könnte. Der Repräsentant aber, welcher oft auch gegenwärtig war, und welcher außer der angedrohten harten Behandlung aller bei einer gewaltsamen Eroberung als erklärter Rebell die härteste für sich von den Deutschen befürchten mußte, zuckte allemal die Achseln und sagte weiter nichts, als, da man seinen redlichen Eifer, der Republik zu dienen, zu verkennen schiene, er allein auch nichts entscheiden könnte, so überließe er alles der Einsicht und der Entscheidung des Generals. – Das bedenkliche Gesicht des Repräsentanten machte aber viel Gärung bei der Bürgerschaft und bei der Garnison. Auch hatte die Nachricht, daß Fort Louis, oder wie es jetzt zu Ehren seines Erbauers heißt: Fort Vauban, von den Kaiserlichen erobert und die ganze dortige Garnison zu Gefangenen gemacht sei, Schreck und Bestürzung in Landau verbreitet. Die Kaiserlichen hatten die Kriegsgefangenen freilich hart genug behandelt, aber in Landau hatte man, nach Nachrichten von außen, alles noch vergrößert, und gar ausgesprengt, die Kaiserlichen hätten mehr als 600 Mann auf der Stelle niedergemacht, und die übrigen würden nach der Türkei geführt und da als Sklaven verkauft werden. Ein großer Teil der Bürgerschaft glaubte denn, daß ihrer Stadt ein gleiches Schicksal bevorstände, und zitterte. Viele von ihr schlossen und sagten ziemlich laut, daß es doch besser sei, den Platz herzugeben, als ihn nachher ausplündern und verbrennen zu lassen. Auch war es einem Teil der Garnison nicht gut zumute. Ich muß hier etwas von mir erzählen, das freilich einem Filoustückchen nicht sehr unähnlich sehen würde, wenn ich Landaus Rettung für möglich gehalten hätte, so sehr es sonst mit dem Plane übereinstimmte, den ich bei meiner Mission vor Augen haben mußte. Ich hatte mit einigen Kavalleristen ziemlich genauen Umgang. Eines Tages ging ich mit noch dreien auf dem Wall spazieren. »Was meinst du wohl, Citoyen,« fragte mich der eine, »wenn die Preußen endlich doch hereinkommen, was es geben wird?« Ich: Ja, das weiß ich nicht. Was mich betrifft, so werde ich gehenkt. Kavallerist: Gehenkt? wie denn so? Ich: Weil ich ein Deserteur bin. Aber sie sollen mich gewiß nicht lebendig kriegen. Wenn's soweit kommt, so nehme ich ein Pistol und jage mir eine Kugel durch den Kopf; besser so, als am Galgen gestorben! Kavallerist: Aber sag', sind denn die Preußen so schlimm? Ich: Das sind gottlose Gevatterleute! Die kennst du noch nicht, mein lieber Citoyen! Kavallerist: Was wird denn mit uns werden? Ich: Nicht viel Gescheites! Kavallerist: Sollten wir denn wirklich Gefahr laufen? Ich: Höre, Citoyen, kommen die Preußen ohne Kapitulation durch Gewalt herein, so müßt ihr alle über die Klinge springen, müßt alle ins Gras beißen, so gewiß, als zweimal zwei viere sind! Kavallerist: Das sind schlimme Aspekten! Diese Unterredung machte sehr sichtbaren Eindruck auf die Reiter, und in kurzer Zeit erfuhr ich, daß das Gerücht davon durch die ganze Garnison verbreitet war. Die Preußen, hieß es überall, werden alles niederhauen, werden alles verwüsten, wenn wir nicht kapitulieren. In dieser Not liefen nun Bürger und Soldaten zum General und baten ihn, er wolle ihre Häuser und ihr Leben schonen und die Stadt lieber jetzt aufgeben, als sie alle in so große Gefahr sinken lassen. Aber Laubadère wies jeden solchen Antrag mit Unwillen und Verachtung von sich. »Laßt die Stadt zugrunde gehen!« sagte er immer. »Ich bin ein ehrlicher Mann, ich kenne das Gesetz und werde der Republik nie untreu werden.« Bei dem Repräsentanten Dentzel, der vielleicht hoffen mochte, durch Kapitulation sein und der Stadt Unglück abzuwenden, hatten die Bedrängten mehr Trost. Aber schließlich hieß es doch auch bei ihm immer, er könne nichts machen, und müßte sich alles gefallen lassen. – Auf diese Weise kam denn ein Aufstand zum Gären, der auch bald ausbrach. Eines Tages erschien ein Trompeter vom General Knobelsdorff – der Kronprinz war abgegangen, um seine Vermählung mit der Prinzessin Luise von Mecklenburg in Berlin zu vollziehen – im Fort Landau und verlangte, daß man dem General seine Ankunft melden möchte. Laubadère ließ ihm zurücksagen: er möchte nur dem General Knobelsdorff zu wissen tun, daß er keine Briefe von ihm mehr annähme. Ein solcher Briefwechsel sei illegal und hier ganz unnütz, weil man doch nichts weiter als die Uebergabe von Landau vor Augen habe, woraus aber durchaus nichts werden könnte. Der Trompeter ritt zurück, kam aber nach einer Stunde wieder und forderte, daß der General wenigstens seinen Brief annehmen sollte. Aber auch dies schlug Laubadère ab, und so blieb der Trompeter, der nicht abziehen wollte, den ganzen Tag im Fort. Indessen verbreitete sich das Gerücht in Landau, der General sei bösen Sinnes, er wolle die Garnison und die Stadt unglücklich machen, er höre nicht einmal den feindlichen Trompeter. – Darauf schickten die Bataillone Deputierte an den General und bestanden darauf, daß er den Trompeter hören solle. Laubadère aber geriet in Hitze, besonders, da ihn die Deputierten ziemlich stark angegangen waren, und jagte sie mit groben Worten fort. Im Zorne sagte er: »Qu' importe que Landau soit foutu et que vous soyez foutus aussi, pourvu que je sauve mon honneur!« (Was liegt daran, daß Landau und ihr alle zum Henker fahrt, wenn ich nur meine Ehre rette!) Diese Worte waren das entscheidende Signal zum Aufstand. Die Deputierten liefen nach den Kasernen und zu den auf allen Straßen zusammengerotteten Volontären und sagten ihnen, wie verächtlich sie eben wären empfangen worden, und daß der General nichts anderes im Sinne habe, als sie alle ins Verderben zu stürzen. Hierauf ging's in hellen Haufen vor das Haus des Generals, welches förmlich bestürmt wurde. Es war ungefähr fünf Uhr abends. Die Dragoner nur, welche auch herbeigeeilt waren, widersetzten sich der rasenden Wut der Volontäre, welche schlechterdings den General erschlagen wollten, und aus vollem Halse schrien, daß er ein Verräter sei, der mit dem Feinde ein verwickeltes Verständnis habe, der die braven Republikaner den Preußen zum Morden hinliefern wolle usw. Der Lärm wurde fürchterlich, sogar die Bürgerschaft kam in Harnisch, und alle kamen darin überein, daß Laubadère nicht ferner mehr Kommandant sein könne. Gegen acht Uhr wurde endlich der Trompeter eingelassen, und seine Depeschen nahm der Oberst der Reiterei an, welcher von den Volontären hierzu war ersucht worden. Die Volontäre forderten, daß er sofort die Depeschen öffnen sollte; er aber versicherte, daß ihm dies nicht zustehe, das müsse der General durchaus tun. – »Was General!« rief alles überlaut, »Laubadère, der Verräter, ist unser General nicht; er soll die Depeschen nicht öffnen. Du, du sollst sie öffnen!« – »Nein!« rief der Obrist. »das darf ich nicht. Das Conseil de défense soll sie öffnen; man rufe es gleich zusammen.« Er begab sich hierauf sofort aufs Gemeindhaus, wo denn auch das Konseil zusammentrat und die Briefe erbrach. Der Oberst trat bald darauf ans Fenster und rief der versammelten Menge zu: »Die Preußen wollen Landau!« »So gebe man ihnen Landau, und erhalte unser Leben!« war die einförmige Stimme aller Zuhörenden. »Ich werde morgen antworten!« schrie der Oberst entgegen. »Was morgen!« erwiderte der Haufen. »Heute noch übergebe man Landau und erhalte unser Leben!« »Freilich soll euer Leben und eure Freiheit erhalten werden,« war des Obristen Antwort; »aber die Preußen sind noch nicht hier, und wären sie hier, so würden sie gewiß weder eure Freiheit noch euer Leben kränken. Die Preußen sind keine Oesterreicher.« Hierauf schickten alle Bataillone der Volontäre, sowie auch die Reiter und die Dragoner Deputierte an den Obersten der Reiterei und ersuchten ihn, das Kommando der Festung statt des Verräters Laubadère zu übernehmen. »Es ist zwar wider das Gesetz,« erwiderte der würdige Mann, »daß ich in euer Begehren willige; aber die Not zwingt mich, der bedrängten Stadt und des Vaterlandes mich anzunehmen. Ihr wollt mir also gehorchen?« »Ja!« erwiderten alle einhellig. »Gut, ich nehme das Kommando an, und morgen sage ich euch, was weiter geschehen soll. Jetzt geht nach Hause und seid ruhig! Es steht braven Republikanern schlecht an, durch Tumult und Aufruhr Ruhe und Ordnung zu stören.« Die Menge verlief sich nach und nach – es war schon sehr spät –, aber alle riefen laut, daß sie keine 48 Stunden mehr in diesem verfluchten Nest eingesperrt bleiben wollten. Der Oberst ging zu Dentzel und sagte ihm, daß er sich nun der gemeinschaftlichen Sache tätig annehmen müßte. Dentzel fing sein altes Lied wieder an, daß er in ungerechtem Verdacht gewesen wäre, daß er sich erst zu Paris verteidigen müsse usw. Aber der Oberst fertigte ihn kurz ab. »Hängst du,« sprach er, »von deinen etwaigen Feinden ab oder gab die Republik dir deine Macht und dein Ansehen? Wem willst du folgen? Sag' mir nur, ob du dein Amt als Repräsentant tun willst oder nicht! Im letztern Fall wanderst du ins Gefängnis, aber nicht nach dem Willen der Aufrührer, wie neulich, sondern nach dem Gesetz. Rede!« Dentzel merkte, daß er mit einem entschlossenen Mann zu tun hatte, und versprach, alles zu leisten, was in seinen Kräften stände, um dem verrückten Zustand der Stadt und der Garnison zu Hilfe zu kommen. »Das ist auch nicht mehr als deine verfluchte Schuldigkeit!« versetzte der Oberst und ging. Früh morgens ritt der Oberst mit noch einigen Offizieren ins preußische Lager, wo er dem Kommandeur kurz und nervös zu Gemüte führte, daß man, ohne die Gesetze der Republik zu beleidigen, noch an keine Uebergabe denken könnte; es wäre deshalb auch ganz überflüssig, daß man so oft Trompeter in die Festung schickte. – Der General der Preußen ließ die französischen Offiziere aufs freundlichste bewirten, und nachdem sie lange miteinander gesprochen hatten, ritten die Franzosen zurück. Die Volontäre und Bürger in Landau glaubten nun, daß die Uebergabe keinen weiteren Aufschub leiden würde, aber der rechtschaffene Oberst erklärte, daß nur ein Feind des Vaterlandes die Uebergabe dieser wichtigen Festung betreiben könne. Die Preußen müßten sie niemals oder nur im Augenblick der höchsten Not bekommen. Es würde aber gegen jeden, der forthin darauf dringen würde, nach der Strenge der Gesetze verfahren. General Laubadère war indessen aus seinem Hause aufs Gemeindehaus in Verwahrung gebracht worden. Es wurde ein Gericht zur Untersuchung seiner Sache eingesetzt, welches aus dem Maire von Landau, dem juge de paix , dem Kriegskommissar und allen Obersten der Bataillone, bestand. Der Repräsentant Dentzel und der oft erwähnte Oberst von der Reiterei waren auch gegenwärtig, ohne jedoch am Verhör oder an der Beratung teilzunehmen. Zuhören konnte übrigens jeder. Die Untersuchung wurde zwei Tage fortgesetzt und mit aller Strenge betrieben. Das Ende vom Ganzen war, daß die Untersuchung den General von allem Verdacht, verräterisch gehandelt zu haben oder nur übel gesinnt zu sein, lossprach und ihn sofort wieder in Freiheit setzte, aber seine Aktivität als General und Kommandant konnten ihm seine Richter nicht wiedergeben. Dies war das Vorrecht des Militärs. Der Oberst ließ deswegen der ganzen Garnison die Unschuld des Generals und die Notwendigkeit, ihn ohne Verzug wieder in seine Stelle einzusetzen, bekannt machen, und Laubadère fing seine Verrichtungen wieder an nach wie vor. Daß diese Wendung mir eben nicht gefiel, versteht sich von selbst; denn ich dachte, bei dieser Gelegenheit doch noch zu meinem Zweck zu kommen. Aber es sollte einmal nicht sein! Mir wurde die Zeit besonders lang, und ich wünschte nichts sehnlicher, als daß Landau den Deutschen zuteil werden möchte. Ich wünschte dieses bloß um meinetwillen, denn ich befürchtete, wenn Entsatz käme, so möchte die Sache des Repräsentanten nachher noch einmal genauer untersucht und ich nicht aufs angenehmste hinein verwickelt werden. Es zeigte sich mir auch bald eine Gelegenheit, aus Landau zu entkommen. Mein Freund Brion nämlich, welcher an meiner guten Gesinnung gegen die Republik gar nicht zweifelte, gab mir zu verstehen, da ich doch alle Schliche durch die deutschen Posten kannte, so möchte ich es übernehmen, durchzuschleichen, und dem General Feuvre, den man in der Nähe vermutete, Nachricht von der Lage Landaus zu bringen; dadurch könne ich mich bei der Republik gar sehr insinuieren. Diesen Antrag nahm ich mit Freuden an, und Brion sprach deswegen auf der Munizipalität und hernach auch mit dem General, der mich kommen ließ und mir meine Instruktion schon gab. Es kam nur noch auf den Repräsentanten an, aber dieser wollte nicht einwilligen. Man könnte und dürfte, gab er vor, keinem Fremden so etwas anvertrauen, und hierauf zerschlug sich, zu meinem größten Verdruß, der ganze Anschlag. Ich kann meine Leser heilig versichern, daß ich einen doppelten Plan im Kopfe hatte. Ich hätte wirklich alles aufgeboten, um durch die Preußen durchzuschlüpfen. Hätte mir dies aber nicht gelingen wollen, je nun, so hätte ich mich zum General von Knobelsdorff begeben und hätte ihm das gesagt, was er ohnehin schon wissen mußte, daß Landau noch nicht so bald sein werden würde. Wenn ich aber, ohne bemerkt zu werden, zu den Franzosen hätte kommen können, so hätte ich durch ehrliche Erzählung von der Lage der Festung mir ihren Kommandanten verbindlich gemacht und dadurch allen Verdacht zerstreut, den man nachher noch gegen mich hätte fassen können. Man muß das Ding kaltblütig überlegen, um zu finden, daß ich den Preußen keine Verbindlichkeit mehr schuldig war, Laukhard war ja auch hier nicht mehr preußischer Soldat und konnte tun und lassen, was er wollte. wohl aber den Franzosen, und vorzüglich dem braven Brion, und daß ich dabei die Pflicht hatte, auf meine Selbsterhaltung bedacht zu sein. Warum aber Dentzel meine Mission nicht billigen wollte, läßt sich leicht erraten. Er traute mir nicht, und konnte , als gescheiter Mann, mir wirklich nicht trauen. Ich sah das selbst ein, fand seine Vorwürfe unter vier Augen billig, und war schon zufrieden, als er mir versprach, daß er für mein Durchkommen in Frankreich sorgen wolle. Und vielleicht hätte er Wort gehalten, wenn ihn die Robespierresche Partei nicht verfolgt hätte.   General Laubadere hatte durch einen Spion von der Rheinarmee Nachricht erhalten, daß man alle Kräfte aufbiete, die Weißenburger Linien durchzubrechen, um Landau zu deblockieren; und die bei der Armee befindlichen Repräsentanten hatten ihm befehlen lassen, täglich früh um 6 Uhr eine Anzahl Vierundzwanzigpfünder abzufeuern, zum Zeichen, daß die Festung noch außer der Gefahr sei, sich der Gewalt zu ergeben. Diese Order wurde auch täglich aufs pünktlichste befolgt und das Signal allemal durch ein Gegensignal von der sich immer mehr nähernden Armee erwidert. Die französischen Truppen, bisher von königlichgesinnten oder aristokratischen Verrätern verräterisch behandelt und schlecht angefühlt, waren vor einigen Monaten der Uebermacht gewichen, und hatten die Linien von Weißenburg schändlich verloren. Dadurch war sogar Straßburg bedroht, und dies war um so bedenklicher, als dort eine Konspiration zugunsten der Kaiserlichen bestand. Es kann sein, daß Eulogius Schneider bei der Entdeckung dieses Komplotts mehr Verbrecher entdeckt hat, als wirklich da waren; aber es ist unleugbar, daß ein solches Komplott wirklich stattgefunden, und daß der Maire Dietrich, sonst Herr von Dietrich, starken Anteil daran genommen hat. Dietrich endete auf der Guillotine P. Wäre Straßburg damals in die Hände der Kaiserlichen gefallen, so war zwar Landau noch nicht erobert, aber alsdann mußte erst Straßburg wiedererobert werden, und die Linien der Deutschen waren noch sicher. Daher bemühten sich die Republikaner, unaufhaltsam vorzudrängen, trotz den entsetzlichen Mordgefechten bei Lautern. Sie fanden es unumgänglich notwendig, die Elsasser Linien anzugreifen und da durchzubrechen. Den 22. Dezember vereinigte sich der größte Teil der Moselarmee mit der Rheinarmee, und nun begann das Riesenwerk. »Toulon ist wiedererobert, also auch hier: Landau oder der Tod!« – war das Losungswort, unter welchem sie wie wilde Bären fochten und auf die Kaiserlichen einfielen. Aber am 26sten, als am anderen Christtag, wagten sie endlich eine Hauptschlacht und fochten, besonders auf dem Geisberg bei Weißenburg, wie Wütende. Der Erfolg davon war, daß die Kaiserlichen und die Reichsvölker, welche in Weißenburg und in den angrenzenden Oertern standen, weichen mußten. Die Franzosen wurden Meister von den Linien im Elsaß, d.i. von einer großen Reihe von Schanzen, Verhauen u. dgl., welche oberhalb Hagenau anfängt und herunter bis nach Bergzabern hinläuft und wenigstens 12 bis 14 Stunden Länge hat. Die Franzosen eroberten viele Kanonen, machten viele Gefangene, und der Verlust der Kaiserlichen an Menschen, Magazinen, Pulver, Waffen, Kleidungsstücken und dergleichen war unermeßlich. Der Rückzug der Preußen und Österreicher wurde schon den 26. Dezember in Landau bemerkt, aber am 27ten kam die gewisse Nachricht, daß die Befreiung nahe und völlig gewiß sei. Man kann sich kaum vorstellen, welche frohe Wirkung diese Nachricht unter der Bürgerschaft und der Garnison hervorbrachte. Einer lief immer gegen den andern und schrie freudig: »Weißt du was Neues? Die Preußen ziehen ab; wir sind entsetzt!« Der General Laubadère legte sich in sein Fenster und schrie einmal übers andere: » Me voilà au comble de mes voeux: la place est sauvée, la place est à la République !« Endlich kamen französische Husaren und brachten Briefe an Laubadère und Dentzel. Die Landauer Bürger rissen sich um diese Husaren, jeder wollte sie in sein Haus haben, jeder wollte sie bewirten. Abends war ich selbst in einem Hause, wo einige Husaren zusammen zechten. Ich ließ mich's 3 Livres kosten, und die Franzosen wurden mir gewogen. Da ich so ziemlich patriotisch sprach, drückten sie mir die Hände und wollten, daß ich gleich mit sollte. »Du mußt unter unsrer Eskadron dienen! Du bist würdig, die Republik verteidigen zu helfen: Frankreich muß dein Vaterland werden!« Kein froherer Mann kann gedacht werden, als ein siegender Republikaner! Aber sein Sieg betrifft auch ihn und seine eigene Sache mit! Vierzehntes Kapitel. Abmarsch nach dem Innern Frankreichs. – Straßburg. – Das Palais Darmstadt. – Das Münster. – Besuch bei Eulogius Schneider. – Die Geschichte dieses Mannes. – Seine Ode auf Friedrich den Großen. – Seine Grausamkeiten. – Doktor Lobstein. – Bibelbeweise. – Weitermarsch nach Besançon. – Hauptmann Landrin. – Ich sehe zum erstenmal eine Hinrichtung auf der Guillotine. – Man gewöhnt sich dran. – Gespräch über die Freiheit. – Die Pflichten. – Zukunftsträume eines Republikaners. Den 28. Dezember wurde Landau förmlich geöffnet, denn da waren die Preußen völlig abgezogen und hatten ihren Weg nach Germersheim zu genommen. Der General Feuvre bezog die Festung, und Laubadère nebst Delmas und der bisherigen Garnison zogen ab. Die Deserteure, zu welchen ich damals noch gerechnet wurde, sollten in Begleitung von zwei Gendarmen nach Weißenburg und von da weiter nach Frankreich gebracht werden; mir aber wurde gesagt, daß der Repräsentant und der General befohlen hätten, ich sollte noch da bleiben. Diese Worte erschreckten mich; da man mich aber nicht festsetzte und der Befehl von Leuten kam, denen eine Untersuchung auf meiner Seite eben nicht sehr willkommen sein konnte, so beruhigte ich mich. Die Deserteure gingen den 28sten früh um 9 Uhr aus Landau. Gleich darauf begab ich mich zum Adjutanten Doxon, um ihn zu fragen, warum ich nicht folgen sollte. – »Ei was!« sagte dieser, »da steckt gewiß ein Mißverständnis. Laubadère geht noch heute weg und kann sich für jetzt nicht mit dir befassen. Geh' du immer nach Weißenburg und sei in Zukunft ein guter Citoyen; dann wird dir's schon noch gut gehen.« Ich nützte diesen Wink und verließ Landau um 11 Uhr, nachdem ich noch vorher mit dem braven Brion gegessen und von ihm und seiner guten Familie Abschied genommen hatte. Wir mußten bis auf den 30. Dezember nachmittags in Weißenburg bleiben, weil wir mit einem Transport Kriegsgefangener nach Straßburg wandern sollten. Wir waren an Zahl etwa 60 Deserteure und 600 Gefangene. Ein Kapitän und 50 Volontäre begleiteten uns, doch ohne auf uns scharf acht zu geben. Da hernach in Straßburg die Zahl nicht mehr ganz voll war, so glaube ich, daß mehrere weggelaufen sind. In Straßburg lief alles auf, als wir ankamen, und schrie: Es lebe die Republik! – »Seht,« rief einer dem andern zu, »hier gehen von den Leuten, welche uns unterdrücken wollen! Hört einmal, ihr Leute, was macht euer Kaiser? Ist er noch offenen Leibes?« u. dgl. Auf dem großen Platze wurden wir gezählt und hernach in das ehemalige prächtige Palais des Landgrafen von Darmstadt geführt, wo man unsre Namen aufschrieb. Die Preußen und Österreicher wurden getrennt, und diese erhielten nicht so gutes Quartier als jene (wegen der von ihnen verübten vielen Greueltaten); aber Gefangene und Deserteure blieben noch immer beisammen. Wir wurden sehr gut verpflegt, erhielten Brot, Fleisch und Wein, und lagen auf guten Strohsäcken in warmen Zimmern. Ich hatte ehemals dieses Palais oder Hotel Darmstadt, eins der schönsten und größten Gebäude in ganz Straßburg, schon gesehen; aber zu der Zeit war es noch die Wohnung eines Fürsten, wenigstens wohnte der Landgraf allemal da, wenn er nach Straßburg kam. Aber jetzt war das Wappen über dem Tor zertrümmert, die Gemälde und anderen Dekorationen der Zimmer waren auch nicht mehr, und in den großen Sälen lag Holz und Stroh. – Alles währt eben nur eine Zeitlang, und Paläste sind dem Verderben ebensogut ausgesetzt, wie kleine Hütten. Ich wollte, weil ich in Straßburg Bekannte hatte, ausgehen, und wendete mich deswegen an den »Kommis«, welchem die Aufsicht über die Deserteure und Gefangenen anvertraut war; aber dieser entschuldigte sich und sagte, daß er das nicht erlauben dürfte, aber der Kriegskommissar würde wahrscheinlich am andern Morgen kommen, und der würde mir es wahrscheinlich gestatten. Früh kam dieser wirklich, und als er hörte, daß ich den Eulogius Schneider, damals öffentlichen Ankläger bei dem Tribunal zu Straßburg, besuchen wollte, erlaubte er mir nicht nur, auszugehen, sondern schenkte mir noch drei Livres in Papier, pour boire à la santé de la République . Ich ging aus, und mein erster Gang war nach der Kathedralkirche oder dem berühmten Münster. Allein wie fand ich da alles verändert! Das ganze Münster war ausgeleert, alle Heiligenbilder, alle Wappen, prunkvollen Grabschriften, Altäre, kurz alles, was ehemals die Augen der Betrachter auf sich gezogen hatte, war weg. Man hatte aus dem Münster den Tempel der Vernunft gemacht, d.i. den Ort, wo man zusammenkam, republikanische Reden anzuhören usw.   Ich kannte den berühmten und berüchtigten Eulogius Schneider nicht von Person, aber seine Schriften hatte ich gelesen, und er war mir als ein zu guter Patriot beschrieben worden, als daß ich hätte fürchten sollen, er möchte über meinen Besuch böse werden. Ich wollte den Mann kennen lernen, und wird er böse, dacht' ich, was liegt daran? Er ist ja nur ein Citoyen und kein großer Herr oder Fürst. Ich fragte nach der Wohnung des öffentlichen Anklägers; man sah mich bedenklich an und wies mich dahin. Ich glaubte, aus den Gesichtern derer, die ich fragte, die Gegenfrage zu lesen: willst du etwa jemand angeben und auf die Guillotine bringen? Ich kam zu ihm, als er eben einige Bürger bei sich hatte, mit denen er heftig debattierte. Er kam mir entgegen. »Was willst du?« sagte er auf deutsch zu mir. Ich : Den berühmten Mann kennen lernen, der durch Philosophie den Aberglauben besiegte, der einem unnützen Stand entsagte, um der Menschheit zu nützen, den Deutschland als einen seiner besten Dichter und Frankreich als einen der wärmsten Republikaner schätzt! Schneider : Das sind Komplimente, Freund! Ich bin bloß stolz, daß ich der Republik dienen kann. Aber wer bist denn du? Hier erfolgte eine kurze Biographie von meiner Seite, worauf Schneider fortfuhr: »Schön, mein Freund, du tust recht, daß du dich nach Frankreich begibst! Sei gutgesinnt, und du wirst glücklich sein. Aber sag' mir doch, wie spricht man von mir bei euch?« Ich : Die Klugen loben und ehren dich; die Gelehrten und Virtuosen schätzen deine Verdienste, aber die Pfaffen, die Bigotten – Schneider (lachend): Ich verstehe dich schon: Nicht wahr, diese sprechen, ich sei ein Apostat, ein Ketzer, ein Freigeist, ein Taugenichts und wer weiß was sonst noch mehr. Das kann ich mir alles schon recht gut vorstellen; aber ich kümmere mich nicht darum. Ich bin ein Apostat vom Kirchensystem und bin froh, daß alle braven Männer denken wie ich. Die Religion der Pfaffen ist ebenso schädlich, als der Despotismus der Fürsten; beides muß zerstört werden, wenn das Volk glücklich werden soll. Schneider fuhr in diesem Tone noch lange fort, und seine Lebhaftigkeit, sein gesunder starker Ausdruck und seine Teilnahme an meinen Schicksalen entzückten mich. Er gab mir beim Abschied ein Assignat von 10 Livres. Dieser Mann ist zu merkwürdig, als daß ich meinen Lesern das vorenthalten sollte, was ich nachher noch von anderen über ihn erfahren habe; denn er ist einer von denen, welche Abscheu und Achtung zugleich verdienen. Eulogius Schneider war erst Franziskaner, dann Hofprediger zu Stuttgart, nachher Professor zu Bonn und endlich Vikarius des Bistums zu Straßburg und Professor der Theologie. Seine Verdienste um die Literatur und seine vortrefflichen Gedichte, vorzüglich seine Ode auf Friedrich den Großen, sind bekannt. Ueber die Meinungen, die er in diesen Versen ausdrücken wollte, hat er sich später in einer Flugschrift, die seine Verwicklungen mit dem Maire Dietrich und seine bissigen Angriffe auf diesen betraf, folgendermaßen ausgelassen: »Am württembergischen Hofe schrieb ich ein Gedicht auf Friedrich II. und sagte unter anderm von dem großen Manne: Verkriechet euch, Despoten! was schauet ihr Ihm ins Gesicht? Er tränkte den Schmeichler nicht Mit Waisenblut, und feile Dirnen Mästet' er nicht mit dem Mark des Bürgers! In seinem Kerker faulte der Denker nicht. Sein Zensor fraß nicht, gleich dem Getreidewurm, Der Schriften Kern aus, daß die Hülsen Schmachtenden Lesern den Gaumen ritzten. Sein Glaube war nicht künstliches Wortgeweb', Nach keines Wurmes dreistem System geformt; Nicht millionenfach durchflochten. Einfach, wie Gott und die Wahrheit, war er. Verheerten Friedrichs Jäger die Hoffnungen Des Landmanns spottend? usw. ›Was?‹ hätte der Herzog sagen können. ›das ist eine Satire auf Mich! Denn sehet nur, der Heuchler lobt Friedrich auf meine Kosten. Ich sehe mich in diesem Bilde wie im Spiegel. Der Despot, der sich vor dem Antlitz des großen Königs verkriechen soll, bin Ich! Mir wirft er vor, daß ich meine Spione und Schmeichler mit der Habe der Waisen nähre und daß ich auf Kosten meines Landes Buhldirnen halte. Die zweite Strophe zielt offenbar auf meine Ungerechtigkeit gegen Schubart, den ich mir nichts dir nichts zehn Jahre auf dem Hohenasperg im Gefängnis sitzen ließ. Zugleich tadelte er meine strenge Aufsicht über das Bücherwesen und meinen Abscheu vor Publizität. In der dritten Strophe spottet er meines falschen Religionseifers und meines Aberglaubens. Denn ob ich gleich ausschweifend lebe, so glaub' ich doch alles, was mir die römisch-katholische Kirche zu glauben vorlegt. – Von der vierten Strophe will ich gar nicht sprechen; man sieht ja offenbar, daß sie auf meine Parforcejagden und Wildhegungen zielt‹ – So hätte der Herzog oder in seinem Namen ein Hofjunker oder Schreiber sagen können. Aber der Herzog und seine Junker und seine Schreiber sagten kein Wort, und man glaubt, daß sie sehr weislich daran taten.« Das kam tief aus Schneiders Seele! Wahrheit wollte er reden, kühn und ohne Menschenfurcht. Schade, daß er zuviel Spott einmischte und erbitterte, wenn er bessern wollte.   In Straßburg wurde Schneider, der vorher schon Mitglied des dortigen Jakobinerklubs gewesen war und aller Augen durch seine Beredsamkeit auf sich gezogen hatte, endlich öffentlicher Ankläger. Dieses ist ein Amt, wobei es sehr schwer ist, den ehrlichen Mann zu machen, und noch weit schwerer, es ohne Verdacht der Spitzbüberei, der Rachsucht und der Ungerechtigkeit zu verwalten, aber schlechterdings unmöglich, ohne Feinde, ohne bittere, rachgierige und schreckliche Feinde zu bleiben. Eulogius Schneider hätte so ein Amt bei seiner Lebhaftigkeit gar nicht annehmen sollen. Gleich anfangs bekam er Händel mit dem Exmaire Dietrich, der die schönste Frau im ganzen Elsaß hatte. Die skandalöse Chronik sagt, Schneider habe der Madame Dietrich schändliche Vorschläge getan, sei aber von ihr spöttisch abgewiesen worden, und daher käme sein Haß gegen ihren Mann. Indessen ist es auch wahr, daß Dietrich gegen sein Vaterland sehr konspirierte und ein Erzroyalist war. Schneiders Wirksamkeit fiel gerade in die Zeit des Maratismus, sonst auch Terrorismus, Jakobinismus oder Schreckenssystem genannt, nach welchem jeder halbwegs Verdächtige, jeder, der nur schien, ein Aristokrat, ein Gönner des Königtums oder der Emigranten zu sein, sofort eingesteckt und nach kurzer Untersuchung auch bei nur scheinbaren oft an sich unbedeutenden Beweisen hingerichtet wurde. Und da soll Schneider sein Amt zu weit getrieben, soll blutdürstig gehandelt haben und ist wegen angeschuldeter Freveltaten und Ungerechtigkeiten mit mehreren Richtern des Tribunals zu Straßburg gegen das Ende des Germinals im zweiten Jahre der Republik (im April 1794) zu Paris hingerichtet worden. Sein Urteil, das ich in Frankreich hin und wieder angeschlagen gefunden habe, bringt mit sich, daß Schneider einen übertriebenen Stolz und Herrschsucht geäußert habe, daß er nach seinen Leidenschaften Leute eingesteckt und hinrichten habe lassen, deren Unschuld hernach an den Tag gekommen sei; daß er andere Schuldige für Geld und für Gunstbezeugungen ihrer Weiber und Töchter losgelassen, daß er die konfiszierten Güter an sich gezogen habe u. dgl. Bei meiner Zurückreise aus Frankreich nach Deutschland hörte ich im Oberelsaß zu Befort und Altkirch die obigen Punkte nicht nur bestätigen, sondern noch vermehren. Die Bauern und Einwohner des Elsasses fluchen dem Andenken des Astrologius Schneider noch immer. Ich wollte auf einem Dorf bei Altkirch einen Bauern eines Besseren belehren und sagte ihm, Schneider habe mit dem Vornamen Eulogius geheißen. »Ei was!« erwiderte der Bauer, »ich muß doch wohl wissen, wie der Tausendsabbermenter geheißen hat: Astrologius hat er geheißen! Der verfluchte Kerl hat mir meinen Schwager auch köpfen lassen, bloß weil er einem Geistlichen ein Nachtlager vergönnt hatte.« Schneider hat freilich große Fehler begangen; ob er aber auch jene scheußlichen Ungerechtigkeiten, jene bestialischen Grausamkeiten verübt habe, läßt sich nach den Berichten der Elsässer noch nicht ausmachen: die Gärung ist dort noch zu groß, und darum ist ein unparteiisches Urteil über einen solchen Mann von dieser Seite noch immer nicht zu erwarten. Die Schneider-Geschichte gibt aber die Regel: daß ein Ausländer auf einem Posten, wo viel gehässige Tätigkeit und viel Vorsicht nötig ist, selten sein Glück auf eine dauerhafte Art mache. Die öffentlichen Ankläger in Frankreich, die während des Terrorismus im Gange waren, sind nachher beinahe alle gestürzt worden. Selbst Fouquier-Tinville in Paris, der so viele zur Guillotine befördert hat, mußte endlich selbst hinaufsteigen. Diese Leute gleichen den Ruten, die man ins Feuer wirft, wenn man sie genug gebraucht hat.   Nachdem ich den Eulogius Schneider persönlich kennen gelernt hatte, wollte ich auch den Erzphantasten, Johann Michael Lobstein, besuchen, weil ich ehemals in einiger Verbindung mit ihm gestanden war. Man zeigte mir sein Haus, als ich aber hereintrat, erfuhr ich von seiner Frau, der Tochter des ehemaligen Professors Diez in Gießen, daß er nicht zu Hause sei, und auf meine Frage, ob er bald kommen würde, antwortete mir das noch immer hübsche Weibchen, daß er unter einer ganzen Dekade, d. i. in 10 Tagen, nicht wiederkäme. Auf dem Wirtshaus »Zum tiefen Keller« fragte ich so unter anderm auch nach dem Doktor Lobstein. »Ja,« sagte der Wirt, »der steckt fest, der sitzt auf dem Gemeindhaus!« Ich erschrak, daß auch Lobstein einsitzen sollte, fragte nach der Ursache und hörte folgende: Lobstein war gleich beim Anfang der Revolution mit dem neuen System nicht zufrieden. Er war eines von jenen geduldigen Schafen, welche sich um Jesu Christi willen traktieren lassen, wie man nur verlangt. Er hielt dafür, daß dieser Zeit Leiden nicht wert seien der Herrlichkeit, die an uns soll offenbaret werden, und daß man folglich ohne große Sünde sich seiner Schmach noch Bedrückung entziehen dürfe. Zudem sei Ludwig XVI. König und Obrigkeit, und es sei doch nach dem klaren Ausspruch Pauli (Röm. 13.1) keine Obrigkeit ohne von Gott. Auch befehle der heilige Petrus (Bf. I, Kap. 2, 13) allen Menschen, untertan zu sein aller menschlichen Ordnung. Niemand dürfe, laut dem Buche der Weisheit im 6. Kap. 4. Vers, fragen, wie die Obrigkeit handle noch was sie mache; es sei daher ein frevelhafter Eingriff in die Rechte der Obrigkeit, welche ihr von Gott seien gegeben worden, wenn man ihre Taten mustern wollte. Selbst der Herr Christus bekenne (Joh. 19,11), daß Pilatus die Gewalt, unrecht zu tun und unschuldige Menschen zu geißeln und zu kreuzigen, Schuldige aber loszulassen, von oben herab, d. i. von Gott, erhalten habe. – Man sieht hieraus, daß Friedrich der Große nicht unrecht hatte, als er die Bibel eine wächserne Nase nannte, die jeder Sektierer zu drehen und zu modeln suche, wie sein Ammenglaube und sein Katechismus es wolle. Lobstein zitierte die Bibel, um die Königschaft in Frankreich aufrecht erhalten zu helfen, Cromwell zitierte sie, um in England das Gegenteil zu bewirken. Also – Solch wunderliches Zeug, das freilich so recht aus dem verhunzten Bibelwesen entspringt, predigte der Schwärmer Lobstein im Anfang der Revolution seinen Pfarrkindern zu Straßburg ohne Aufhören. Aber als gegen das Ende des Jahres 1793 aller öffentliche Gottesdienst vollends aufgehoben und verboten wurde, da konnte er seinen Feuereifer gar nicht mehr bändigen, und er sprühte Flammen und Tod über alle die, welche den Herrn verleugneten und die heilige Religion Jesu, des Sohns des lebendigen Gottes, zerstörten. Er lief, da er nicht mehr predigen durfte und die Kirchen verschlossen waren, von Haus zu Hause, gebärdete sich ganz rasend und unsinnig und drohte im Namen des dreieinigen Gottes, daß nächstens das gottlose Frankreich gleich wie Sodom und Gomorrha untergehen und vernichtet werden würde. Alle Anhänger der verfluchten Rotte zu Paris würden hinabfahren in den Pfuhl, der mit Pech und Schwefel brenne u. dgl. Anfänglich ließ man den Narren gehn und faseln; als es aber zu arg wurde und einige schwache Köpfe wirklich bei dem unsinnigen Gepredige stutzten und anfingen, die göttlichen Gerichte und das vom Himmel fallen sollende Pech und Schwefel zu fürchten, so steckte man ihn ein und bekümmerte sich um ihn nicht weiter. Er ist auch, unerachtet er unaufhörlich darum bat, weil er gern ein Märtyrer für seine Fratzen geworden wäre, nicht bestraft, ja nicht einmal verhört worden. Er ist indes lange gesessen und starb erst im Anfang des Jahres 1795 im Gefängnis zu Straßburg. Freund Herrenschneider, den ich im ersten Band als rheingräflichen Hofprediger vorgeführt habe, hat es klüger gemacht: er ließ den Mantel hübsch nach dem Winde hängen und predigte damals den Jakobinismus und den Deismus im Klub, wie ehemals die Höllenfahrt des Herrn Jesu. Den 3. Jänner zogen ungefähr 80 Deserteure und 400 Kriegsgefangene aus Straßburg nach Schlettstadt zu. Wir wurden durch 40 Mann Volontäre, alle vom Bataillon du Var, begleitet, und ein Hauptmann, namens Landrin, führte das Kommando. Dieser Mann hatte einen äußerst feurigen roten Kopf, und ich versprach mir eben darum wenig Gutes von ihm, nach dem alten deutschen Sprichwort: »Rot Haar und Erlenholz wächst auf keinem guten Boden«. Aber ich ward bald zu meiner Freude gewahr, daß ich mich an Landrin geirrt hatte. Einige Stunden von Straßburg hielten wir in einem Ort an, weil noch eine Fuhre herbeigeschafft werden mußte, um einige erkrankte Kaiserliche mit wegzubringen. »Es ist doch vom Teufel,« sagte der Hauptmann zum Sergeanten, »daß keiner von uns Deutsch und keiner von den Gefangenen Französisch versteht. Da kann ich nun nicht einmal den Leuten sagen, was ich haben will.« – Ich hörte dieses, lief hin und sagte, daß ich Deutsch und Französisch verstünde. »Das ist brav,« sagte der Hauptmann, »von nun an sollst du mein Dolmetscher sein.« Ich mußte sofort mit ihm trinken und den ganzen Weg bis Schlettstadt mit ihm sprechen. Er war ein sehr muntrer Mann, dem schon bei einer Attacke der linke Arm lahm geschossen war. Er war aber nicht abgegangen und hatte die Pension nicht genommen, die jedem Verstümmelten nach der Verordnung der Nation von Rechts wegen zukommt. Ich bin in dieses Landrins Gesellschaft von Straßburg bis Besançon in der Franche Comté geblieben und habe ihm viel zu verdanken, wie ich denn beinahe allerorten, wohin ich gekommen bin, brave Leute getroffen habe. In Kolmar sah ich zum erstenmal eine Exekution mit der Guillotine. Ein Dorfmaire wurde hingerichtet, weil er einen Geistlichen, der den Eid nicht schwören wollte, einige Zeit bei sich verborgen gehalten hatte. Er bestieg das Gerüst mit vieler Geistesgegenwart und sagte noch, ehe er niedergelegt wurde, recht laut: »Ich bin doch kein Schelm!« Ich muß gestehen, daß die Guillotine damals einen seltsamen Eindruck auf mich gemacht hat, den ich den ganzen Tag nicht verwinden konnte. Der Apparat und die mir ganz fremde Art, jemanden hinzurichten, erschütterten mich gewaltig, ob ich gleich einsah, daß unter den mir bekannten Hinrichtungsarten keine schneller, sicherer und weniger quälend ist, als diese. Der Hinzurichtende kann beinahe gar nichts empfinden als die Todesangst. Die meisten von denen, die ich habe auf der Guillotine sterben sehen, schienen nicht einmal Todesangst zu fühlen; sie waren unerschrocken und plauderten noch, als man sie schon aufs Brett befestigte. Der Hauptmann bemerkte Niedergeschlagenheit an mir und fragte mich nach der Ursache. Ich gestand ihm, daß der Anblick der Hinrichtung mir durch die Seele gefahren sei. »Mir ist's auch so gegangen,« sagte er, »aber nun bin ich schon dergleichen gewöhnt. Du wirst noch mehr guillotinieren sehen und nicht mehr davor erschrecken.« Er hatte recht; man gewöhnt sich nach und nach auch an die allerscheußlichsten Szenen. Man denke an die Vieh- und Menschenschlächter! Von Kolmar hatten wir zwei sehr starke Märsche nach Befort. Ich würde mich unterwegs, wie mir der Hauptmann oft riet, des Wagens bedient haben, wenn ich nicht ein böses Beispiel hätte vermeiden wollen, und wenn ich nicht immer gern mit dem braven Rotkopf gesprochen hätte. Jeden Tag erfuhr ich neue Beweise seiner Gutmütigkeit, und ich muß ihm nachsagen, daß er nicht eine Flasche Wein trank, ohne daß ich Anteil daran nehmen mußte. Früh tranken wir Wein und aßen Brot und Knoblauch dazu, » C'est le dejeuner de Henry Quatre ,« sagte immer der Hauptmann. Es ist nämlich bekannt, daß dieser große und wahre König, der noch jetzt im republikanischen Frankreich als ein Vater des Volks verehrt wird, nie etwas anderes zum Frühstück genoß, als Wein und Brot. Mein Hauptmann Landrin hatte manche seltsame Begriffe, worüber wir oft auf dem Marsche disputierten und wobei er recht in Feuer kam. Er meinte nämlich, daß persönliche und gesetzliche Freiheit die einzige Quelle aller Moralität sei, daß aber diese mit der Zeit ihre vortrefflichen Folgen so allgemein in der französischen Republik und bei allen künftighin freiwerdenden Völkern beweisen würde, daß selbst alle bürgerlichen Poenalgesetze überflüssig sein würden. Ich widersprach ihm immer und berief mich auf die Schwachheit der menschlichen Natur und auf die Geschichte aller Völker und aller Zeiten. »Was willst du,« antwortete er mir mit Feuer, »du berufst dich auf die Geschichte aller Zeiten, und du hast recht; denn bisher ist auf der weiten Erde noch kein freies Volk gewesen, wenigstens noch kein kultiviertes Volk so lange frei geblieben, daß es sich hatte moralisch bessern können. Aller despotische Zwang macht die Menschen böse, denn er macht sie zu Heuchlern und zerstört in ihnen jene Liebe zur Aufrichtigkeit im Reden und Handeln, ohne welche der Mensch unmöglich gut sein kann. Unsere Vernunft irrt sich selten in Rücksicht unserer Pflichten, das mußt du selbst gestehen. Jetzt sag' mir aber, warum wir so selten unsere Pflichten beobachten?« Ich : Weil wir sinnliche Geschöpfe sind, weil wir, vom Taumel unsrer Leidenschaften hingerissen, die Stimme der Vernunft nicht hören, weil wir – Landrin : Larifari! Du sprichst ja wie der Pfaffe auf der Kanzel! Ich will dir's besser sagen. Deswegen tun wir Böses, weil wir zuviel Gutes tun sollen, weil man uns zuviel Pflichten aufbürdet. Ich : Ich verstehe dich nicht, Kapitän. Landrin : Will dir's erklären. Man hat von allen Zeiten her die wahren natürlichen Pflichten der Menschen nicht gehörig gekannt, und daher hat man Zeug zu menschlichen Schuldigkeiten gemacht, das niemals wirkliche natürliche Schuldigkeit war. Alle Gesetzgeber sind in diesen Fehler gefallen, indem sie von Pflichten gegen Gott und gegen den Nebenmenschen räsonniert haben. Denn schau, Bruder, es gibt keine Pflichten gegen Gott, weil wir mit Gott in keinem Kontrakt stehen, und es gibt auch keine Pflichten gegen den Nebenmenschen, mit dem wir nicht im Kontrakt stehen. Verstehst du mich? Ich : Also dürfte ich ja einen Menschen, mit dem ich nicht im Kontrakt stehe, ermorden, bestehlen? Landrin : Da haben wir's ja, das liebe Naturrecht, die schönen Zwangspflichten! – Pflicht besteht im Tun -müssen, nicht im Unterlassen -müssen. Sobald du etwas tun mußt, hast du eine Pflicht zu erfüllen. Wenn man dir nun viel zu tun gibt, so gibt man dir viele Pflichten. Dann merkst du aber bald, daß du manches tun mußt, was du eigentlich zu tun nicht schuldig bist, d. h. du siehst ein, daß du Pflichten hast, die keine sind. Diese übertrittst du leicht, denn dein Gewissen macht dir keine Vorwürfe. Aber da du es doch heimlich tun mußt, aus Furcht vor der Strafe, so wirst du unaufrichtig, falsch und heuchlerisch im Reden und Handeln, und der Hauptschritt zur Immoralität ist getan. Bisher hast du bloß die Stimme der Vernunft noch gehört und eben deswegen auch keine wahre Schuldigkeit vernachlässigt, aber bald wirst du auch die Stimme der Sophisterei und der Leidenschaft hören und wirkliche Laster begehen. Du siehst dies an allen verwöhnten hitzigen Leuten. Erst verleitet sie ihr Temperament, sich über das Lästige und Zuviele der despotischen Konvenienz hinauszusetzen. Ihre Sinnlichkeit befindet sich bei dieser Lebensart behaglich. Sie gehen weiter, werden zügellos, und beruhigen sich durch die sophistische Stimme der Leidenschaft. Endlich überschreiten sie die natürlichen Pflichten und betäuben, um sich auch dabei zu beruhigen, die echte Stimme der Vernunft und sophistischen Moral und alles, was mit der Erhaltung der vernünftigen Natur des Menschen in Verbindung steht, fort und werden Scheusale. Betrachte den Wollüstling, den Trunkenbold, den Geizhals, den Tyrannen, und du wirst finden, daß ich recht habe. Ich : Noch sehe ich nicht ein, wohin dein Räsonnement führen soll. Landrin : Höre nur weiter! Alle Pflicht entsteht aus Kontrakt. Wer seine Schuldigkeit kennen lernen will, muß diesen auch genau kennen lernen. Nun frage ich dich: was ist besser, Freiheit oder Sklaverei? Ich : Freiheit allerdings! Landrin : Kann aber ein einzelner Mensch frei sein? Ich: Auf keine Weise. Landrin: Recht so! Freiheit einzelner Menschen existiert bloß unter freien Völkern. Ein freies Volk ist aber ein solches, das seine Rechte gegen jeden, er sei, wer und was er wolle, verteidigen kann. Die Kraft also eines Volkes, seine Rechte zu verteidigen, macht das Wesen der Freiheit aus. Also ist der Begriff von der Freiheit der Nation für den Republikaner die erste Quelle, der erste Erkenntnisgrund seiner Schuldigkeit, und aus diesem einzigen Begriffe leitet sich alles her, was irgend als Pflicht für ihn ausgegeben werden kann. Außer der Freiheit hast du aber auch dein Eigentum, du hast einen guten Namen, du hast Güter, du hast Gesundheit und noch mehr. Diese Dinge ungestört genießen zu können, heißt das Recht eines Bürgers, und wer dich darin stört, beleidigt dich und wird an dir zum Verbrecher. Also darf dich keiner stören, so wenig du andere stören darfst in dem, was ihnen zusteht. Siehe da die Quellen der wahren Pflichten, welche die Vernunft selbst anerkennt, und gegen welche selbst die Leidenschaften zu schwach sein werden, wenn einmal die Menschen diese heilsamen Grundsätze ihrer Glückseligkeit werden völlig kennen gelernt haben. Ich: Aber wann wird das geschehen? Landrin: Sobald die französische Republik den Völkern den Beweis gegeben hat, daß wahre Moral nur in einem freien Staat öffentlich das wahre Glück der Menschen machen kann. In Staaten, wo Despoten regieren, kann nur die Tugend, d.i. das innere Bewußtsein, Gutes getan zu haben und noch ferner Gutes tun zu wollen, die wenigen Weisen beglücken, die sich da finden. Aber im Freistaat macht die Erfüllung der gesellschaftlichen Pflichten auch äußerlich glücklich, gibt Wohlstand, macht geehrt, beliebt, kurz macht den Menschen so, wie er gerne sein möchte. Sag' mir einmal, warum in einer Stadt, worin 3000 Handwerksleute sind, doch wenigstens 2900 fleißig arbeiten? Ich: Weil ihre Arbeit sie nährt. Landrin: Schön! Nun nimm an, die Ausübung unsrer Pflichten nähre uns, d.i. mache uns, nicht im Innern – denn so ein Glück ist für die meisten Menschen zu hoch –, sondern im Aeußeren, vollkommen glücklich, versetze uns in Wohlstand usw., so wirst du finden, daß auch von 3000 Menschen allemal 2900 und noch mehrere rechtschaffene Männer sein werden. Ich, fuhr er voll Enthusiasmus fort, ich bin völlig überzeugt, daß die künftige Generation in Frankreich besser sein wird als die gegenwärtige, und daß man in hundert Jahren die Uebung der gesellschaftlichen Tugenden und der Pflichten gegen das Vaterland für das Wohl der Menschheit allgemein ebenso notwendig halten wird, als man jetzt das Atemholen nötig für das Leben hält. Dann werden die Strafgesetze freilich noch da sein, aber kein Mensch wird sie brauchen; in Erz wird man sie eingraben, und Moos wird sie überziehen. Ihre Sprache wird so veralten, daß die Gelehrten nach Jahrtausenden Mühe haben werden, zu erklären, welche Laster man ehemals und wie man sie bestraft habe. – Das Urteil über das Räsonnement des ehrlichen Landrin, wie die Würdigung seiner erbaulichen Aussicht in die Zukunft überlasse ich dem Leser. Fünfzehntes Kapitel. Ich entschließe mich, bei den Franzosen Kriegsdienste zu nehmen. – Das Nationalkleid. – Wanderung nach Mâcon. – Die Etapes. – Die Ohnehosen. – Ich schließe mich ihnen an. – Sansculottische Gewalttätigkeit. – Lyon oder Commune affranchie. – Die Lyoner Rebellion. – Chailler. – Racheschwur gegen Lyon. – »Rebellenblut für die Hunde«. – Die Füsilladen. – Todesverachtung. – Ein heldenmütiges junges Paar. – Dienstbetrieb bei den Sansculotten. – Ihre Auffassung von ihrer Aufgabe. – Ich trete in ein Sansculottenbataillon ein. – Warum ich vergnügt war. Am 11. Jänner kamen wir nach Besançon. Die Gesellschaft mit meinem braven Landrin sollte nun ein Ende nehmen; er war bloß beordert, die Gefangenen und Deserteure nach Besançon, oder wie dortherum die gemeinen Leute sprechen, Sanson, zu bringen und dann mit seinen Volontären nach der Moselarmee zu seinem Bataillon du Var zurückzukehren. Ich bezeigte ihm schon unterwegs darüber mein Leidwesen und versicherte ihn, daß es mich freuen sollte, wenn er mich mit zu seinem Bataillon nehmen könnte. »Gern wollte ich das tun,« antwortete er, »aber es ist einmal verboten, bei der Armee gegen den Feind feindliche Deserteure oder Gefangene anzunehmen; sei aber deshalb ohne Sorgen! Ich will mich erkundigen, wie ich dir helfen kann. Noch heute spreche ich dich wieder.« In Besançon nahm mich Landrin mit in sein Quartier und ging hernach fort auf die Munizipalität und zum Kriegskommissar. Gegen acht Uhr des Abends kam er voller Freuden wieder, gab mir die Hand und sagte: »Du bist geborgen, Freund, du kannst in unsere Dienste treten, wenn du willst.« Ich versicherte ihn, daß ich dies herzlich wünschte. »Nun wohlan denn,« fuhr er fort; »ich habe dir einen Paß nach Mâcon, oder, wenn's da nichts ist, nach Lyon, ausgewirkt; da findest du ausländische Bataillone, welche der Republik in der Armée revolutionaire dienen. Willst du dahin?« »Von ganzer Seele,« war meine Antwort. »Gut; übermorgen früh gehst du ab. Nun trink, Citoyen, und sei fröhlich: es lebe die Republik!« Niemals hatte ich den ehrlichen Landrin munterer gesehen, als den Abend, und er versicherte mich, seine Heiterkeit käme daher, daß er mir hätte dienen können. Den folgenden Tag verhandelte ich meinen Rock und Weste gegen einen habit de police oder habit national , d.i. einen blauen Rock mit weißen Klappen und roten Aufschlägen und Kragen nebst weißer Weste. Frankreich war ehemals die Garderobe von ganz Europa: alles machte die französischen Flittermoden nach. Aber seit der Revolution hat die Erfindung der Moden in diesem Lande aufgehört: die Nation ist ernsthafter geworden. Jetzt geht jeder, wie er will, doch schlicht und ungezwungen, wie es freien Männern ziemt. Die meisten tragen die Kleidung der Volontäre, um im Fall der Not zur Verteidigung des Vaterlandes gleich bereit zu sein. Dies ist Pflicht für jeden, und jeder ist darauf gefaßt und eingerichtet. Das Wort Soldat ist abgeschafft, und wenn man es hier und da auch noch hört, so hat es doch keine häßliche Nebenidee von Sklaverei, Sittenlosigkeit u. dgl. Den Nachmittag ging ich mit dem Hauptmann zum Kriegskommissar, wo ich einen Paß nach Mâcon erhielt. Ich blieb den Abend noch bei meinem Hauptmann; früh aber zogen wir beide auf verschiedenen Wegen aus Besançon: er nach der Moselarmee mit seinen Leuten; ich nach Dôle zu. Er drückte mir beim Abschied recht freundlich die Hand, schenkte mir noch 30 Livres in Papier und ermahnte mich zur ewigen Liebe der Freiheit, als dem ewigen Glück der Menschen. Ich weinte beim Abschied von diesem Biedermann; auch die Volontäre gaben mir die Hand und wünschten mir alles Glück. Ich war nun ganz allein und ging bis zum ersten Etape, ungefähr fünf Stunden weit, wo ich über Nacht blieb. Das Wort Etape wird wohl meinen Lesern größtenteils unverständlich sein, ich will es daher erklären, zumal da es kein deutsches Wort gibt, das es völlig ausdrückt. Seit der Revolution hat man aus allen Gegenden des innern Frankreich nach den Grenzen zu gewisse Stationen angelegt, welche ein reisender Soldat täglich bequem zurücklegen kann. Auf diesen Stationen muß er allemal seinen Paß zeigen und ihn unterschreiben lassen. Dann bekommt er Freiquartier, eineinhalb Pfund Brot, ein halb Pfund Fleisch und eine Bouteille Wein. Solche Stationen heißen Etapes und die Versorger derselben Etapiers. In allen größeren Städten sind Kriegskommissare, welche von Station zu Station dem Reisenden noch obendrein 3 Sous für jede Stunde bezahlen müssen. Daß man nun gerade nach den Etapes gehen, folglich oftmals, wie es sich fügt, Umwege machen müsse, versteht sich von selbst. In Mâcon, einer altfränkischen Stadt an der Saône, traf ich zum erstenmal einige von den echten Ohnehosen an. Ich muß ihre Organisation ein wenig näher beschreiben. Als im Jahre 1793 Lyon rebellierte und Toulon in die Hände der Feinde fiel, da ward dem Konvent bange, das ganze mittägliche Frankreich möge sich zur royalistischen Partei schlagen. Man hielt daher die Rebellen zu Lyon und Toulon gerade für die gefährlichsten Feinde der Republik, und das mit dem größten Recht. Die Nationalmacht war auf den Grenzen. Es wurden also in aller Eile Truppen zusammengerafft und in diese Gegenden geschickt. Jeder Offizier hatte das Recht, anzunehmen zum Dienst der Republik, was nur wollte; ja wer 20, 30 bis 40 Mann zusammen hatte, durfte sich zu ihrem Anführer aufwerfen und blieb es. Daß nun bei diesen Leuten sich allerlei Gesindel einstand, läßt sich denken; aber die Not war dringend, und man durfte auf diesen Mißstand nicht lange Rücksicht nehmen. Diese so errichteten Korps hießen mit einem Namen die Armée révolutionaire , und waren die echtesten aller Ohnehosen oder Sansculottes. Sans-culottes heißt bekanntlich Ohne-Hosen. Einmal zielte man mit dieser Benennung auf diejenigen, welche gestrickte, fleischfarbene und so glatt anschließende Beinkleider trugen, daß es schien, sie trügen gar keine oder wären ohne Hosen. Diese Glättlinge nannte man nachher »Muscadins«. Eigentlich aber nannten die Höflinge und der Adel alles, was zum Volke gehörte, und zwar zur derben, zerlumpten oder uneleganten Klasse, die den Hof- und Adelsdruck am tiefsten gefühlt hatte und darum beim Ausbruch der Revolution am bittersten auf sie eindrang, verachtungsvoll »Sansculottes«. Freilich hatten diese gemeinen Leute selten Culottes oder Kniehosen an, wie die Vornehmeren sie trugen. Der Name Sansculottes, der nachher zur Gegenverachtung als Ehrenname beibehalten wurde, hat weit schrecklichere Folgen in Frankreich gehabt, als in den Niederlanden der Schimpfname »Gueux« oder Bettler. Daß aber mit derartigen Leuten sich etwas recht Tüchtiges ausrichten lasse, beweisen die blutigen und entsetzlichen Belagerungen von Lyon und Toulon. Nachdem Lyon erobert war, gingen viele dieser Truppen nach den Grenzen, viele aber blieben in den Städten von Lyonnais, Dauphiné, Provence usw., damit man sie, wenn ja noch einige Reste von Rebellion sich regen sollten, sogleich bei der Hand haben könnte. Bei dieser Armée révolutionaire waren mehrere Bataillone, welche aus ausländischen Deserteuren und Kriegsgefangenen zusammengesetzt waren, und sich den Ruhm der Tapferkeit miterwarben. Zu so einem Bataillon sollte ich denn auch stoßen nach der Absicht des braven Landrin. In Mâcon meldete ich mich beim Kriegskommissar, und dieser sagte mir, das deutsche Bataillon sei in Lyon; ich könnte aber hier nähere Nachricht einholen, da Sansculotten in Mâcon lägen, welche erst vor einigen Tagen von Lyon gekommen wären. Ich war über diese Nachricht froh und suchte und fand eine Schenke, worin es vor Sansculotten strotzte. Kaum hatte ich mich hingesetzt, als ein derber Ohnehose mich anredete und fragte, wo ich herkäme und wo ich hin wollte. Ich: Will nach Lyon und suche Dienste. Er: Was bist du für ein Landsmann? Ich: Ein Deutscher. Ich habe den Preußen gedient, bin aber nach Frankreich gekommen, die gute Sache unterstützen zu helfen. Er: Bravo! (Trinkt mir zu.) Auf das Wohl der Republik. Also du gehst nach Lyon! Kannst übermorgen Gesellschaft haben; es gehen einige von hier dahin. Dienst kriegst du auf alle Fälle, foutre! Jetzt sauf! So hatte ich denn schon Bekanntschaft mit den Sansculotten. Ich fand unter ihnen einige recht artige feine Leute; aber größtenteils waren es rohe ungeschliffene Wagehälse, wie man sie bei einem solchen Freikorps wohl nicht anders erwarten durfte. Von militärischer Disziplin mochten sie eben nicht viel halten; denn sie versicherten mehrmals unter tausend Flüchen, daß sie den Offizier in Stücke hauen würden, der ihnen etwas anderes befehlen wollte, als gegen die Aristokraten zu marschieren: sie seien bloß da, um den verfluchten Aristokraten die Hälse zu brechen. Die Leute da herum wären fast alle von dem Kaufmannschaftsteufel besessen und zwackten den armen Künstlern, Handwerkern und Taglöhnern ihren Verdienst ab bis aufs Verarmen. Wenn nur sie den vornehmen reichen Herrn spielen könnten, dann kümmerte sie die Not und Armut aller derer nicht, die Tag und Nacht bis aufs Blut für sie sich abzehren müßten. Hier wäre eigentlich der Geldadel recht am Brett; und wo der herrschte, da gelte der Arme weniger als nichts. Das Blatt aber müßte jetzt ganz gewendet werden; das abgezwackte Gut müßte wieder an seinen rechten Herrn kommen, und da helfe kein Mitleid. Das war so der rechte Sansculottismus! Ich hatte vom Kommissar einen Logiszettel bekommen, aber meine nunmehrigen Kameraden, die Ohnehosen, ließen mich nicht mehr von sich, und ich mußte die Nacht bei ihnen auf ihrer Kaserne, in einem ausgeräumten Kloster, zubringen. Einige Male gingen wir in Bürgerhäuser, wo die Leute uns zu trinken gaben, ohne etwas dafür zu fordern; denn die Ohnehosen waren sehr dafür bekannt, daß sie nicht gerne bezahlten. In allen öffentlichen Gesellschaften führten sie das große Wort, und: »Es lebe die Republik; der Teufel ersticke die verfluchten Sch... von Aristokraten!« war allemal ihr letztes Wort. Den dritten Tag nach meiner Ankunft zu Mâcon ging ich mit vier Sansculotten auf Lyon. Wir blieben unterwegs in allen Kneipen wenigstens eine halbe Stunde, zechten derb und zahlten sehr selten. Ich hatte noch viel bares Geld, auch noch Geld in Papier, wollte also immer zahlen, aber meine Begleiter ermahnten mich, das ja nicht zu tun; das ganze Land da herum stecke voll Aristokraten und Freunden der Pfaffen; und die müßten noch froh sein, daß ein braver Sansculotte ihnen ihren Wein trinke, ohne sie totzuschlagen. Die revolutionäre Armee war ein Hauptstück des Schreckenssystems. Wo solche Leute hinkamen, fuhr alles zusammen, und kein Mensch unterstand sich, nur den Mund zu öffnen, aus Furcht, es könnte ihm ein Wort entfahren, das der Sansculotte als konterrevolutionär und aristokratisch deuten könnte, und dann war er verloren. Der Ohnehose gab ihn an, und man schmiß ihn sofort ins Gefängnis, woraus der Ausgang gar schwer war. Die Regierung konnte aber damals dem abscheulichen Unwesen der Sansculotterie noch nicht mit Strenge steuern; hätte man sie mit Schärfe behandeln wollen, so würden sie sich wahrscheinlich auf die Seite derer geschlagen haben, die immer noch mißvergnügt waren, d. i. der eben bezwungenen Aristokraten. Und dann hätte man neue Sansculotten haben müssen, um die alten zu Paaren zu treiben; und diese frischen Ohnehosen hätten es am Ende vielleicht noch ärger gemacht als die ersten. Daß aber der Konvent die Ausschweifungen der Sansculotten nicht billigte, erhellt aus den Dekreten, welche in der Folge gegen dieses Gesindel gegeben wurden, und aus den Anstalten der Volksrepräsentanten, die Truppen der revolutionären Armee aus jenen Provinzen wegzubringen.   Wir kamen gegen Abend, ich glaube, es war den 22. Jänner, nach Lyon. Meine Begleiter gingen nach ihren Kasernen, ich aber zum Kriegskommissar, dem ich meinen Paß und das mir von Landrin gegebene Zeugnis vorwies, und ihn bat, mir doch an die Hand zu gehen, wie ich mich in Zukunft verhalten sollte. Er gab mir meine Zettel auf Brot, Fleisch, Wein und Quartier und bestellte mich für das übrige auf den anderen Morgen. Lyon hieß damals » Commune affranchie «, weil diese Stadt sozusagen aus den Sünden der Aristokraten wie aus einer Sklaverei gerissen und der Freiheit wiedergegeben war. Sie hat diesen Namen auch so lange behalten, als die Jakobiner den Meister öffentlich spielten; nachher wurde der alte Name Lyon wieder hervorgesucht. Zu Anfang der Revolution waren die Lyoner ganz auf Seiten der Assemblée nationale , aber sobald sie sahen, daß eine republikanische Verfassung statthaben solle, gleich änderten sie ihre Gesinnung. Bei dem vorgeschlagenen System des Föderalismus waren nirgends eifrigere Verteidiger dieser Fratze, als eben die Herren zu Lyon; denn da dachten sie doch wenigstens die zweitvornehmste unter den 84 fränkischen Republiken auszumachen. Aber nichts wollte ihnen weniger in den Kopf, als die allgemeine Freiheit des Handels, weil dadurch alle ihre Monopolen wegfielen; so patriotisch dachten die Lyoner! Nachher kam es zum offenen Kampf zwischen den Aristokraten und Jakobinern, und diese wurden teils in den Gefechten getötet, teils aus der Stadt gejagt, teils gefangen genommen und in diesem Fall meist hingerichtet. Dieses Los traf in besonders grausamer Weise den Anführer der Freiheitsfreunde, Chailler. Er blieb mutig bis zum letzten Atemzug: noch auf der Blutbühne küßte er die dreifarbige Hutschleife; und dafür wurde sie nach seiner Hinrichtung zum Spott an seinen abgehackten Kopf genagelt. Wenn die Guillotine recht geht, so muß der Kopf auf einen Schlag herabfahren; wenigstens kann er nur noch an der unteren Haut hängen bleiben. Aber bei Chaillers Hinrichtung wurde das Messer so eingerichtet, daß es dreimal fallen mußte, ehe der Unglückliche sterben konnte. Dieser Umstand von der Barbarei der Lyoner ist in Frankreich allgemein bekannt, und bloß aus dieser Ursache ist hernach auch der Henker oder Guillotineur hingerichtet worden: er hatte gegen das Gesetz einen Menschen bei der Exekution gemartert. Auch die Volksrepräsentanten mußten jetzt Lyon verlassen und begaben sich nach Paris, wo sie von allem, was in der rebellischen Stadt vorgefallen war, genaue Nachricht gaben. Der Konvent faßte denn, nach strenger Untersuchung der Sache, ein Dekret ab, daß die Stadt Lyon für rebellisch erklärt, erobert, geplündert und von Grund aus zerstört werden sollte. Zwischen der Saône und dem Rhône sollte eine Schandsäule errichtet werden mit der Inschrift, daß hier dereinst eine berühmte Stadt gestanden, welche aber rebellisch geworden sei und deshalb nun so jämmerlich daniederliege. Chailler wurde des Pantheons würdig erklärt, und beinahe in allen Städten wurden Straßen und Hospitäler nach seinem Namen benannt. Er, Le Pelletier und Marat hießen lange Zeit die vornehmsten Märtyrer der Freiheit. Der Befehl des Konvents wurde nicht buchstäblich an Lyon ausgeführt, aber schlimm genug ist es der einstmals stolzen Stadt ergangen. Ich ging noch am Tage meiner Ankunft hin und wieder herum, fand aber wenig Straßen, wenig Winkel, wo das Elend der Zerstörung nicht sichtbar gewesen wäre. Ganze Reihen Häuser waren weggebrannt, und gerade die allerschönsten. Kirchen, Klöster und alle Gebäude der ehemaligen großen Herren waren ruiniert. Als ich an die Guillotine kam, floß das Blut derer, welche wenige Stunden vorher waren geköpft worden, noch auf dem Platze. Dieser Anblick machte mich schaudern. Ich trat in eine nahe Schenke zu einem Haufen Ohnehosen und sagte, es würde doch hübsch sein, das Menschenblut dort wegzuschaffen. »Warum?« antwortete einer, »das ist aristokratisches Rebellenblut, das müssen die Hunde auflecken. Hast du heute guillotinieren sehen?« »Nein.« »Nun gut. morgen spielt man das nämliche Spiel; dann kannst du zuschauen.« Die Leute sprachen vom Kopfabschlagen, wie wenn sie vom Nußklopfen gesprochen hätten. »Alles, was aristokratisch ist, muß sterben!« war allemal der Refrain. Man ging bei der Untersuchung auch nicht immer sehr genau zu Werke, und es war schon hinlänglich, vom Adel oder Priester gewesen zu sein, um den Kopf zu verlieren, wenn man auch sonst nichts begangen hatte. » La noblesse, la prêtrise ce sont des crimes ,« hieß es, und das Urteil war fertig. Die Guillotine reichte zum Hinrichten nicht zu, und so schoß man die unglücklichen Schlachtopfer vor dem Tor mit Kartätschen tot, und was da nicht gleich auf der Stelle blieb, das expedierten die Sansculotten mit ihren Säbeln und Bajonetten. Und doch waren alle Grausamkeiten, welche durch die Guillotine und die Füsilladen in Lyon vorgingen, noch lange nicht hinreichend, die Wut und Rachsucht der Ohnehosen zu begnügen. Sie hatten gehofft, Lyon sollte nach dem ersten Konventsbeschluß geplündert und verbrannt werden, und als dieses nicht geschah, da murrten sie laut. Die zum Tode Verurteilten gingen größtenteils mit vieler Gleichgültigkeit, ja manche mit wahrer Frechheit zum Richtplatz, ja es war sozusagen wider den guten Ton, Betrübnis oder Furcht vor dem Tode sehen zu lassen. Ein Beispiel muß ich hier erzählen. Die achtzehnjährige Gattin eines jungen Lyoners hatte ihrem Bruder bei den Emigranten etwas von ihrem Schmuck schicken wollen, damit er es verkaufen und davon leben könnte. Der Brief, worin kleine Diamanten sehr künstlich unter dem Siegel versteckt lagen, wurde aufgefangen, und nach der Eroberung der Stadt wurden der Mann und die Frau eingezogen und inquiriert. Die Frau leugnete, daß ihr Gatte um das Geschenk für ihren Bruder gewußt hätte, er aber widersprach und gestand, daß er allerdings darum gewußt, ja sogar zur Absendung derselben geholfen habe. Da nun das Gesetz alle die zum Tode verurteilt, die einem Emigranten die geringste Hilfe leisten wollen, so wurden die beiden jungen Eheleute, welche weiter keinen Teil an der Lyoner Rebellion genommen hatten, zur Guillotine abgeführt. Sie erschienen beide auf dem Blutgerüst, hielten sich fest umschlungen und sagten sich ganz unbefangen die zärtlichsten Dinge. Endlich riß die junge schöne Frau sich los und sagte zu ihrem Gatten, der sie wieder umarmen wollte: » Hâtons ce moment, mon ami: c'est pur nous rejoindre bientôt !« Sie legte sich sofort aufs Brett, und ihr Kopf flog herunter. Ihr Geliebter bat den Guillotineur, ihn die teuren Wangen seiner Freundin noch einmal küssen zu lassen, und als dies geschehen war, übergab er sich mit größter Gleichgültigkeit den Händen des Henkers. Als dieser beide Köpfe dem Volk hinwies, schrie auch keine Seele: »Es lebe die Republik!«, wie doch sonst gewöhnlich; alle schauten, in stumpfem Schmerz verloren, vor sich hin und bewiesen dadurch, daß sie noch nicht alles Gefühl für Natur und Menschlichkeit verloren hatten. Diese Geschichte war lange das Gespräch des Tages und wurde mit sehr humanen Glossen begleitet. »Natur!« riefen viele. »Edle allmächtige Natur, was ist gegen dich Kunst, Politik und Tod!«   Den Tag nach meiner Ankunft ging ich zum Kommissar, wie er mich bestellt hatte. Er las das Zeugnis des Hauptmanns Landrin sehr aufmerksam durch und sagte dann: »Ja, du kannst hier vielleicht ankommen als Volontär bei den Truppen der Republik, aber da muß ich dich an einen Kolonel weisen. Gehe hin auf die Place Marat zum Kolonel vom Bataillon Montagne, der nimmt dich ohne Zweifel.« Ich traf nun zwar den Kolonel nicht, wohl aber einen anderen Offizier, der mich, nachdem ich mein Anliegen eröffnet hatte, sogleich mitnahm und in die »Ecurie« führte, wo eine ganze Kompanie Ohnehosen beisammen Quartier hatte. Diese Ecurie war vorzeiten ein prächtiges Gebäude nahe an der Saône und hatte einem Prinzen zugehört. Man nannte diesen Palast seit der Revolution Ecurie oder Pferdestall, um dadurch die Lebensart der ehemaligen Prinzen in Frankreich durchzuhecheln, die ausgezeichnetes Futter gehabt hatten, ohne es zu verdienen, und ebenso zügellos sich gebärdeten, wie jedes unbändige Pferd. Hier fand ich Ohnehosen von allerlei Volk, Deutsche, Italiener, Spanier und Holländer, meistens Deserteure; auch Kriegsgefangene mitunter, welche man zur Zeit des Aufstandes im mittäglichen Frankreich bewaffnet hatte. Die meisten aber waren durchgängig Franzosen, und so war ihr Nationalinteresse durch ihr Uebergewicht vor dem Privatinteresse der Rebellen und Ausländer gesichert. Bei dem Anblick dieses buntscheckigen Gemisches von Leuten, welche noch größtenteils die Uniform der Herren trugen, denen sie kurz vorher gedient hatten, fielen mir die Volouen der Römer ein, von welchen der große Diktator sagte, sie seien immer gut genug, für das gemeine Wohl zu fechten. Ich konnte daher bei der wunderseltsamen Karikatur nicht lachen, die diese Miliz beim ersten Anblick machte. Als der Offizier und ich ankamen, schrie er: »Citoyens Sansculottes, hier bring' ich euch einen Deutschen, der aber französisch spricht. Er will brav werden, wie ihr!« – » Vive la république !« schrie mir gleich der ganze sansculottische Schwarm entgegen. Ich erwiderte diesen Zuruf mit den nämlichen Worten und war sofort gleich unter den Burschen bekannt. Ich wollte mir nun auch Kameraden nach meinem Geschmack suchen, mit welchen ich näheren Umgang pflegen könnte. Den deutschen Deserteuren traute ich wenig, also machte ich mich an einige französische Sansculotten – sie nannten sich selbst so oder Revolutionaires: Soldaten wollten sie nicht heißen, auch nicht einmal Volontaires –, redete freundlich mit ihnen und bat sie, mit mir ins Wirtshaus zu gehen, wo ich eine Bouteille zahlen wollte. Drei gingen mit, und da ich mit Papier und Geld noch ziemlich versehen war, so ließ ich sie gut bewirten. Die Ohnehosen, alle drei aus Auvergne, waren fidele Brüder, die bald meine Freunde wurden. Sie gaben mir weitläufige Nachricht von dem Zweck ihres Berufes: »Wir sind bloß da, die Rebellen, die Verräter des Vaterlandes, die Aristokraten, Edelleute und Pfaffen totzuschlagen. Bei uns heißt es kurzweg: Friß, Vogel, oder stirb! Pardon geben oder nehmen sind uns unbekannte Dinge. Du solltest nur gesehen haben, wie unsere Brüder da draußen vor dem Rackernest Lyon zusammenstürzten! Alle Tage kamen Hunderte, oft Tausende um: aber das machte uns nicht irre. Wir marschierten über die Leichen unserer Kameraden und kriegten doch endlich das Rebellennest. Schade nur, daß wir es nicht abbrennen durften! Recht tust du übrigens, daß du zu uns dich gesellst, aber den Tod darfst du nicht scheuen! Foutre ! Es lebe die Republik!« Das war so die Instruktion, die die Ohnehosen mir gaben, und daß sie echt war, hab' ich aus vielen Beweisen eingesehen. Ich fragte auch, wie sich die Ausländer bei ihnen aufführten, und hörte da zu meiner Freude, daß die Deutschen allemal brave Ohnehosen wären, besser als die Spaniolen und noch besser als die Italiener, welche man vorwärts stoßen müßte. Aber wer einmal bei ihnen sei, der müßte wohl brav werden; denn wollte er sich fürchten und weichen, so stieße ihm sein nächster Kamerad das Bajonett in den Wanst, und dann wäre er schon bezahlt. Der Dienst der Ohnehosen in Lyon bestand, außer den Wachen, welche sehr stark und allemal mit scharf geladenen Gewehren besetzt waren, darin, daß sie Tag und Nacht scharfe Patrouillen machten und alle Tage einen Kreis um die Guillotine schlossen; denn alle Tage wurden mehrere hingerichtet. – Ich fragte auch nach den ausländischen Bataillonen, hörte aber, daß sie nicht mehr existierten, sondern verteilt wären. Den folgenden Tag ging ich in Begleitung mehrerer Ohnehosen zum Kolonel, welcher ehedem ein ehrlicher Seifensiedergeselle gewesen war, aber bei der Eroberung von Lyon seine Bravour auffallend bewiesen hatte. Er sah mich freundlich an, und nachdem er verschiedene Fragen über meinen Patriotismus und über meinen Haß gegen alle Aristokraten und Pfaffen getan hatte, sagte er: » Tu peux exister avec nous; tu auras bientôt un fusil. « Das war mein ganzes Engagement. Handgeld ist überhaupt bei den Franzosen schon längst nicht mehr Mode; denn sie meinen, durch Annehmung eines Handgeldes verkaufe der Mann sich und seine Haut und werde leibeigen. Wer aber so niederträchtig oder so dumm sein könnte, sich um irgend einen Preis zum Leibeigenen zu verkaufen, der verdiene Verachtung und sei nicht wert, daß er das Vaterland und die Würde und Rechte des Menschen verteidigen helfe. Der Soldateneid ist auch abgeschafft, wie jeder andere. Wer schwört mehr Eide, sagen sie, als die Söldner der Fürsten, und wer achtet sie weniger, als wieder diese? Dies zeigt die Menge ihrer Deserteure. Der Kolonel hatte nicht einmal nach meinem Namen gefragt, und erst einige Zeit nachher schrieb mich der Sergeant ins Register. Sogar der Korporal, welcher das » Prêt « oder die Löhnung und das Brot besorgen mußte, machte bloß ein Zeichen in sein Buch, daß er nun einen Mann mehr zu besorgen hatte.   Ich war sehr vergnügt, nun bei den Sansculotten zu existieren, und trank mit einigen Kameraden bis den anderen Morgen auf das Wohl der Republik und der Sansculotterie. Warum ich vergnügt war? Je nun, meine Herren, weil ich bei einem Korps existierte, wovon ich mich losmachen konnte, sobald ich wollte: In Preußen war der Soldat auf Lebenszeit verpflichtet. denn kein Sansculotte ist gebunden. Auch sah ich die Möglichkeit vor mir, irgend etwas zu tun, was mich der Republik hätte empfehlen können. Und nun die Ehre, einer freien Nation zu dienen! Vielleicht war ich auch darum vergnügt, weil ich das Besondere liebe. Und ich, als Sansculotte, war doch wohl etwas Besonderes? Sechzehntes Kapitel. Mein Dienst bei den Sansculotten. – Collot d'Herbois. – Marsch nach Vienne. – Neufränkische Marschordnung. – Pontius Pilatus. – Empfang der Vienner Bürger. – Nach Grenoble. – Nachtlager in einem Beinhaus. – Abschied von den Sansculotten. – Avignon.– Der päpstliche Palast als Bordell. – Indische und christliche Galgen. – Der Volkshaß gegen den Adel. – Die piemontesischen Gefangenen. – Abschied von Avignon. Es war mir leicht, die Gunst aller meiner Kameraden zu erwerben, sowohl der Offiziere, als der Gemeinen, denn die heißen alle Kameraden oder Brüder. Ich tat alles, was sie taten, schwadronierte wie sie, lief herum wie sie, trank wie sie, schimpfte auf Aristokraten und Pfaffen wie sie und war also in allen Stücken gerade wie sie. Mein Dienst erstreckte sich, solange wir in Lyon waren, bloß auf das Patrouillieren und zur Guillotine ziehen, um welche wir täglich, nachmittags um zwei Uhr, einen Kreis schließen mußten. Vor dem traurigen Spektakel schauderte ich wohl anfangs zurück, konnte aber hernach es gleichgültig oder doch ohne Zuckungen betrachten. Einer von den Repräsentanten, welche damals in Lyon das schreckliche Amt, die Empörer zu strafen, ausübten, war der in ganz Europa bekannte Collot d'Herbois. Von diesem Mann habe ich in Lyon eben nichts Vorteilhaftes, doch auch nichts Nachteiliges reden hören. Aber nach meiner Rücklehr nach Deutschland habe ich erfahren, d'Herbois sei Komödiant gewesen und habe ehedem in Lyon gespielt, wo man seine elende Aktion brav ausgezischt habe. Nachher sei er Mitglied des Nationalkonvents geworden und habe die Bestrafung der Lyoner übernommen, vorzüglich, um sich wegen des ihm auf dem Theater in dieser Stadt wiederfahrenen Schimpfes zu rächen. Ich kann nicht sagen, ob diese Theatergeschichte begründet sei, doch scheint es mir eben nicht sehr. In Lyon selbst habe ich nichts davon gehört, und dort war man eben nicht gewohnt, von den Volksrepräsentanten mit Schonung zu sprechen. Es gibt dergleichen Anekdoten mehr! So soll z. B. Robespierre ein naher Verwandter des im Jahre 1757 zu Paris hingerichteten Attentäters Franz Damiens gewesen sein und eben wegen dieser Hinrichtung die Bourbonen so sehr gehaßt haben. Es gibt überhaupt keinen Mann, der sich bei der jetzigen Revolution ausgezeichnet hat, dem man in den deutschen Zeitungen und Annalen nicht etwas anhinge. Und wenn man ja weiter nichts weiß, so sprengt man aus, General Pichegru sei doch nur eines Bauern Sohn, General Hoche ein Handwerker von Profession, General Lefebvre ein uneheliches Kind usw. Aber da Pichegru, Hoche und Lefebvre bewiesen haben, daß Bauernsöhne, Handwerker und Hurkinder große Helden werden können, welche Hochgeborene Durchlauchtigste, Hochwürdigste, Exzellente Generale zurückwerfen und besiegen, so kompromittieren solche Anekdotenkrämer am schändlichsten sich selbst und beweisen jedem denkenden Menschenforscher, daß eine alberne Plappergans weiter keine Rücksicht verdiene. General Laporte wollte gegen das Ende des Jänner von Lyon nach Vienne, einer beinahe acht Stunden von Lyon gelegenen Stadt. Er ließ unter den Sansculotten bekannt machen, daß er ungefähr 600 Mann nötig habe; wer mit wollte, könnte sich melden. Diese Art, zum Marsch aufzufordern, vermeidet alles Passive, und der Anführer kann auf seine Leute um so zuverlässiger rechnen, je mehr es ihr eigener Wille ist, unter ihm zu agieren. Ich hatte zwar Lust, noch in Lyon zu bleiben, aber meine Kameraden redeten mir zu, mitzugehen, weil sie vermuteten, daß da unten, in dem verfluchten Gebirge der Aristokraten, etwas für sie zu tun sein würde. Ich ließ mich also auch einschreiben und zog nebst anderen Haufen mit einem Trupp von 150 Mann, welchen ein Kolonel führte, nach Vienne. Auch unsere 150 Mann nannten sich sogleich Bataillon de la Montagne. Vor dem Tore befahl der Kolonel, daß am andern Morgen um 11 Uhr alle in Vienne sein müßten; er müßte erst noch zurück in die Stadt und würde schon nachkommen. Darauf ritt er zurück, und wir machten, wie es jetzt unter den marschierenden Franzosen gebräuchlich ist, truppweise vorwärts. Der anführende Offizier oder General zeigt den versammelten Leuten gewöhnlich nur den Ort ihrer Bestimmung und die Zeit, wann sie diesen erreichen sollen, an, und überläßt es ihnen, ihren Marsch dann nach ihrer Bequemlichkeit darauf einzurichten. Wer je ein preußisches Regiment hat marschieren sehen, der müßte sich sehr gewundert haben, wenn er bei unserem Trupp einen Soldatenmarsch hätte entdecken sollen; wer aber die Preußen aus Champagne hat ziehen sehen, der kann, was die Unordnung anbetrifft, sich so ungefähr vorstellen, wie die Ohnehosen von einem Ort zum andern wandern. Aber auch bloß nur, was die Unordnung anbelangt, denn wir waren alle nicht so siech und krank, nicht so hungrig und nicht so abgerissen, als die Preußen damals, ob wir gleich wegen der sehr verschiedenen Kleidung buntscheckig genug aussahen.   Als wir näher an Vienne kamen, erzählte ich meiner Kameradschaft, daß hier der Ort sei, wohin die alten Kaiser zu Rom die Staatsverbrecher gewiesen hätten, auch daß unter diesen Pontius Pilatus gewesen sei, der den Juden Jesus zum Tode verdammt hätte. » Foutre ,« fing einer an, »hat denn der Kaiser den Pilatus verwiesen, weil er den armen Teufel hat hinrichten lassen?« »Freilich!« erwiderte ich, ob ich gleich wußte, daß Tiberius ganz andere Ursachen dazu gehabt hatte. »Er hatte unrecht,« versetzte der Ohnehose. »Der Mosjöh Jesus hatte seine Strafe verdient, denn er hat die ganze Pfafferei gestiftet.« »Nicht doch,« erwiderte ich, »die ist von herrschsüchtigen Bischöfen und Päpsten gestiftet. Jesus verabscheute sie, und es ist eine Lust, zu lesen, wie er die Pfaffen seiner Zeit, die Schriftgelehrten und Hohenpriester, wo er nur konnte, hernahm. Jesus, Brüder, war es, der es wagte, den Despotismus unter seiner Nation anzugreifen und ihr Freiheit und Gleichheit vorzupredigen. Ja, er war im eigentlichen Sinne ein Patriarch, und – wie die Muskadins es nehmen – der erste Sansculotte, der sein Leben zur Stürzung des damaligen Despotismus hingab, und nicht einmal soviel hatte, worauf er sein Haupt hätte legen können, viel weniger – Hosen!« »Allerliebst!« riefen mehrere. »Wenn das wahr ist, so muß er mit ins Pantheon! Es lebe der Sansculotte Jesus! Es lebe die Republik!« »Aber höre, Kamerad!« rief mir ein anderer zu, »nicht wahr, Pilatus ist verwiesen worden, weil er den Herrn Jesus hat kreuzigen lassen? Man muß niemand quälen, der sterben soll! Guillotinieren hätte er ihn höchstens sollen, dann wäre es noch so halb und halb gewesen. Es lebe das Gesetz!« Dieser Zug verrät immer die Anhänglichkeit, die diese sonst so rohen Leute doch für das Gesetz, das alle Martern und Unmenschlichkeiten an Verurteilten verbietet, bei all ihrer Unwissenheit zeigten.   Die Ursache, warum Laporte einen Teil der starken Lyoner Garnison weggenommen hatte, war ein Befehl des Konvents, daß man mit guter Manier die Revolutionsarmee trennen und nach den Heeren auf den Grenzen schicken sollte. Die Bürger zu Vienne hatten an der Lyoner Rebellion keinen Anteil genommen; sie wunderten sich also gar sehr, daß man sie, wie sie meinten, exequieren wollte, und versagten unserem Trupp den Eingang, ob sie gleich das Tor nicht sperrten. Die Ohnehosen, welche auf einer großen Wiese am Rhône versammelt standen, fluchten und schwuren hoch und teuer, daß sie eindringen und alle Muskadins morden wollten, die sich weigern würden, die braven Rächer der Republik aufzunehmen. Der Lärmen ward endlich allgemein, und Laporte hatte Mühe, die Ruhe unter ihnen herzustellen. Er ritt selbst in die Stadt und versicherte die Bürgerschaft, daß diese Einquartierung ganz und gar keine Exekution sei, und daß diese Truppen kaum drei Tage da bleiben würden. Auf diese Versicherung empfingen uns die Bürger mit Freudengeschrei, und unser Trupp kam in ein Kloster zu liegen. »Das sind doch verfluchte Kerls, die Vienner!« sagten die Ohnehosen. » Foutre ! man muß ihre Gesinnungen untersuchen!« In dieser Absicht zerstreuten sich nun fast alle in der Stadt hin und wieder, liefen in die Häuser und bekamen überall vollauf zu trinken, so daß endlich der ganze Trupp so ziemlich benebelt gegen Abend in das Kloster zurück kam. Hier gestanden sie denn, daß die Einwohner der guten Stadt Vienne rechtschaffene Citoyens, gute Patrioten und gute Jungens wären. Wir blieben nur eine Nacht in Vienne, denn am andern Tag wurden wir beordert, abzugehen und die Straße nach Grenoble zu nehmen. Alle Ohnehosen steckten die Köpfe zusammen und fragten, was das wohl zu bedeuten habe? Aber selbst die Offiziere wußten keine Auskunft. Wir erhielten auf zwei Tage Brot, und nun: marsch! aus dem alten Vienne, wo die Straßen ebenso kotig sind, wie in der Vorstadt Glaucha zu Halle. Fünf ganze Tage brachten wir unterwegs zu, obgleich es kaum 20 Stunden von Vienne nach Grenoble sind. Wir machten aber sehr große Umwege, um Dörfer zu erreichen und da auf gut sansculottisch zu trinken, d.h. ohne zu bezahlen; denn auf den Dörfern zahlt ein echter Ohnehose nichts. Endlich sahen wir das friedliche Grenoble vor uns. Unser Marsch war eigentlich nach der italienischen oder Alpen-Armee angelegt. Mehrere Truppen der Revolutionsarmee waren nach der Rheinarmee, andere nach der Vendee und einige nach der Pyrenäenarmee geschickt worden. Wir harrten auf die Ankunft des Generals Laporte in Grenoble, aber wir warteten vergebens. Endlich befahl der Kommissär, daß wir abziehen und unseren Weg auf dem Chemin d'Etapes nach Marseille nehmen sollten; wahrscheinlich würden wir auf Mont Dragon in Garnison kommen. Wir gingen also ab auf den fatalsten Wegen nach Valence zu. Auf den Bergen war es immer formidabel kalt und in den Tälern gewaltig heiß, obgleich nur erst der Februar anging. Auf diesem Wege kam ich mit einem einzigen Kameraden eines Abends in ein Dorf und war willens, mit ihm in die Dorfschenke einzukehren. Allein der Sansculotte machte mich aufmerksam, daß es nicht ratsam sein würde, indem wir zu schwach wären, einen Anfall von mehreren abzuhalten, uns den Bauern bei Nachtzeit so aufs Geratewohl zu überlassen. Bis Valence hatten wir aber noch vier französische Meilen. Als wir nun überlegten, was wir machen sollten, wurde mein Kamerad den Gottesacker und die Kirche gewahr und tat den Vorschlag, hier zu übernachten. Wir gingen hin, fanden sie aber verschlossen und hatten das Herz nicht, sie mit Gewalt zu öffnen, um die Bauern nicht zu alarmieren. Wir entschlossen uns daher kurz und gut und krochen ins Beinhaus, rüttelten uns auf den Gebeinen etwas zurecht und schliefen ziemlich gut bis zum andern Morgen.   Vorzeiten würde ich mich gefürchtet haben, eine Nacht an so einem Ort zuzubringen, aber damals galt es mir völlig gleich. Die Toten haben mir meine Freiheit gewiß auch so wenig übelgenommen, als es die Gänse übelnehmen, wenn jemand auf ihren ausgerupften Federn sich hinstreckt. Ueberbleibsel sind Ueberbleibsel: diese von außen und etwas bequemer, jene von innen und etwas hart; aber wie der Hunger das beste Gewürz der Speisen ist, so ist Müdigkeit die beste Förderung des Schlafes. Als wir Valence verließen, war unser ganzer Trupp nur noch ungefähr 20 Mann stark, denn allerorten waren einige zurückgeblieben, nach Hause gegangen, krank geworden u.dgl. Wir begaben uns mit den Pässen, die wir hier erhalten hatten, über Montélimar und Carpentras nach Avignon. Ungefähr im halben Februar – es mochte etwa der 12te sein – kamen wir nach Avignon, der Hauptstadt des ehemaligen päpstlichen Gebietes, und wurden wieder in ein Kloster einquartiert. Wo also vorzeiten die Hauptpropagandisten des Aberglaubens ihr Brutnest gehabt hatten, da logierten jetzt dessen Bestürmer. Wir fanden hier viele Ohnehosen, auch einige Kriegsgefangene und Deserteure von den Piemontesen, welche Unfug über Unfug trieben. Den zweiten Tag nach unserer Ankunft wollte ich mit einem Haufen Ohnehosen nach Marseille abgehen, aber der Kommissar war dawider. »Es ist wider das Gesetz,« sagte er, »daß du als ausländischer Deserteur der Republik Kriegsdienste leistest, doch magst du zum Repräsentanten gehen, und wenn der's erlaubt, so ist mir es recht.« – Ich indes hatte das Leben bei den Ohnehosen längst satt und wollte also lieber ohne Dienst für mich leben, trennte mich daher von meinen Kameraden. Der päpstliche Palast zu Avignon steht auf einem Berge und sieht einem Zwingherrensitz aus den Zeiten des Faustrechts ähnlicher als einer Wohnung des Oberpriesters der Friedensreligion. Es ist ein solides mit hohen Türmen versehenes altes Gebäude. Ehedem bewohnte es der päpstliche Legat, doch stand der größte Teil der Zimmer leer. Bei der Revolution hat das Feuer in diesen heiligen Mauern vieles beschädigt, und als ich sie sah, waren sie der Aufenthalt des liederlichsten Gesindels, welches der Maire von Avignon aus der Stadt in die päpstliche Burg verwiesen hatte. Die schamlosesten Huren aus der ganzen Gegend trieben da also ungescheut ihr schmutziges Gewerbe, wo ehedem der Statthalter Christi gewohnt hatte! Ein seltsamer Wechsel der menschlichen Dinge! Da die Bürger zu Avignon sich dem Papste entzogen hatten, so zernichteten sie auch alles, was an dessen Regierung erinnern konnte. Der Thron, worauf die alten Päpste gesessen, wurde vom Pöbel zerschlagen, ihre Grabmäler gänzlich zerstört und ihre Knochenreste hingeschmissen. Die vortrefflichen Gemälde Nach Zeitungsmeldungen sind 1906, nachdem die Garnison aus dem Palast der Päpste, der zuletzt als Kaserne diente, verlegt worden war, die Bilder unter einer dicken Schicht Tünche entdeckt worden. und die Inschriften, wovon die Reiseschreiber so viel berichten, sind alle nicht mehr. Auch hier sind die Franzosen ihrem Grundsatz treu geblieben: daß man alle Symbole der politischen und religiösen Tyrannei zernichten müsse, gesetzt auch, man müßte die größten Meisterstücke mitzernichten, wenn man anders die von dieser und jener Tyrannei herkommenden Uebel aus der Wurzel heilen wolle. Es ist wohl keine Stadt in ganz Frankreich, wo nach Verhältnis der Größe mehr Kirchen und Klöster sind, als in Avignon. Von weitem sieht die Stadt aus, als wären lauter Kirchen darin, wegen der vielen hervorragenden Türme. Aber schon zu meiner Zeit fing man an, Kirchen, Türme und Klöster einzureißen, und Avignon sieht ohne Zweifel jetzt nicht mehr so betürmt aus, als vorher. Es gibt in Avignon viele Juden, denen aber der öffentliche Gottesdienst auch verboten ist, und die gleich den Christen mit ins Feld ziehen müssen. Vorzeiten wurden diese Leute hier sehr bedrückt und durften des Abends nach acht Uhr nicht ausgehen, oder jeder Christ hatte das Recht, sie auf alle mögliche Art zu mißhandeln. Wenn ein Jude gehenkt wurde, so hatten sie ihren eigenen Galgen jenseits des Rhône, denn die Regierung hatte den Grundsatz, daß es sich für einen Galgenchristen nicht schicke, neben einem Galgenjuden an einem und demselben Galgen zu hängen. Jetzt sind aber alle Galgen, Räder und Rabensteine in ganz Frankreich abgeschafft. Als ich vom Kommissär zurückkam, der mich an den Repräsentanten gewiesen hatte, ging ich, noch ungewiß, was ich tun sollte, in ein Weinhaus und wechselte da im stillen, weil das nicht gut öffentlich anging, einen halben Karolin gegen Papier. Der Wirt, welcher mir gewogen ward, weil ich ihm bares Geld brachte, rühmte mich öffentlich in der Stube gegen seine Gäste als einen braven Mann, ob er mich gleich selbst erst seit einer Minute kannte. Die Gäste unterhielten sich mit mir, und ich erzählte ihnen manches meiner Abenteuer, welches ihnen zu gefallen schien. Unter anderen war ein Grobschmied da, ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren, namens Neulot, der mehr als die übrigen sich mit mir einließ und endlich mir sein Haus anbot, wo ich, solange ich in Avignon bliebe, wohnen könnte. Ich nahm dieses Anerbieten mit Freuden an und zog gleich den folgenden Tag bei Neulot ein, welcher unweit des Rhône sein Haus hatte. Er mißbilligte meinen Vorsatz, mit den Ohnehosen weiter herumzuziehen, und öffnete mir über sie die Augen merklich. »Die Armée révolutionaire ist eine Rute,« sagte er, »womit die Rebellen gezüchtigt werden mußten. Da aber die Rebellion jetzt ein Ende hat, so darf diese Armee nicht weiter existieren, die nur Unordnung verbreiten würde.« Er bewies mir hierauf, daß ich wohl tun würde, wenn ich mich ganz ruhig verhielte und dasjenige annähme, was die Republik den fremden Gefangenen und Deserteuren bestimmt hatte. – Neulot hatte recht; ich meldete also dem Kommissär meinen Entschluß, für mich zu bleiben, und von diesem Tage an erhielt ich täglich 1 ½ Pfund Brot und 10 Sous an Geld, nebst noch 2 Sous fürs Quartier, da ich bei einem Bürger und nicht in einem Nationalgebäude wohnte. Neulot ließ mich täglich mit sich essen und nahm mich fast alle Abende mit ins Weinhaus, wo ich unter dem Namen »Grand Prussan« sehr bekannt war. Ich half meinem Neulot fleißig in seiner Schmiede, zog den Balg und schlug auch mit zu, wenn er grobes Eisen schmiedete. Das gefiel ihm und seiner Frau, und diese machte mir, um mir ihren Dank zu zeigen, oft warmen Wein, woran die Leute sehr gewöhnt sind, ob sie ihn gleich durch das Wärmen verschlimmern. Zu Villeneuve, jenseits des Rhone, bin ich auch einigemal mit meinem Neulot gewesen und kriegte hier einmal einen heftigen Zank über die Frage, ob der Adel schon an sich ein Verbrechen sei und ob man jeden, der adlig sei, für einen Feind der Republik halten könne. Mein Gegner behauptete diesen Satz gerade hin, ich aber beschränkte denselben sehr. Als wir nicht einig werden konnten, stand er endlich auf mit den Worten: »Citoyen, es scheint, daß auch du ein – Edelmann bist. In Deutschland soll so unter einem jeden Strohdach ein solches Insekt hausen, du bist also wohl auch einer von diesen sacrés mâtins.« Und dahin ging er. Nachdem ich ungefähr neun Tage in Avignon zugebracht hatte, wurde eine große Anzahl kriegsgefangener Piemontesen daselbst eingebracht. Unter diesen waren viele Deutsche, auch ein Landsmann von mir. Dieser Mensch erzählte mir soviel Gutes und Rühmliches von dem Heldenheer Seiner Majestät von Sardinien, den Robespierre den petit roi Sarde nannte, daß ich leicht einsah, dieses Heer würde in alle Ewigkeit gegen die Franzosen nichts ausrichten, wie es denn auch nichts ausgerichtet hat. Gleich den anderen Tag gingen einige Piemontesen nach Miradel, einem ehemals päpstlichen Schlosse auf einem Berge, eine starke Stunde von Avignon, wo ich auch schon gewesen war und wo man Wein haben konnte. Als sie sich vollgesoffen hatten, gingen sie fort, kehrten aber zurück, als es finster war, plünderten den Wirt rein aus, füllten ihre Brotbeutel mit Speck, Brot und Weinflaschen und flüchteten sich in die Gebirge, um nach der Schweiz oder nach Italien zu entwischen. Aber einige Gendarmen hielten sie an und brachten sie zurück; sie wurden sofort auf vier Monate eingesteckt. Der Repräsentant befahl nun, daß man alle Kriegsgefangenen und Ausländer weiter ins Innere von Frankreich bringen sollte, um sie von der zu nahen Grenze mehr zu entfernen. Die Gefangenen sollten nach Toulouse gebracht werden, und der Kommissär wollte mich mit dahin schicken. »In Toulouse findest du auch Preußen,« sagte er; aber ich wußte, daß nur Spanier und Sardinier da waren. Auch hatte ich keine Lust, mit den Piemontesen zu gehen, in deren Gesellschaft es mir gar nicht gefiel. Ich stellte also dem Kommissar vor, daß mich Hauptmann Landrin, dessen Zeugnis ich ihm vorwies, deswegen nach Mâcon empfohlen hätte, damit ich Dienste bei der Republik haben könnte. Da nun dieses nicht anginge und ich mich selbst von den Ohnehosen getrennt hätte, so wäre es doch billig, daß er mich wieder zu meinen alten Kameraden gehen ließe. »Du hast recht,« erwiderte der Kommissar. »Du wirst ohne Zweifel deine Preußen in Mâcon oder in Langres oder in Dijon oder da herum treffen: in Lyon kannst du das Nähere hören, und dahin will ich dir einen Paß geben.« Das geschah. Mein ehrlicher Grobschmied war mit meiner Abreise nicht zufrieden. Da ich einige Kenntnisse vom Gartenbau hatte, so meinte er, ich könnte in Avignon ganz gut fortkommen, wenn ich nur gärtnern wollte, und dürfte nicht wie ein Landstreicher herumfahren. Aber meines Bleibens war nicht mehr. Ich brachte die letzte Nacht in Gesellschaft meines Wirtes und einiger anderer Bekannter in der Weinschenke zu und ging früh mit einem schweren Tornister, den mir die Wirtin mit Speck, Brot, Oliven und einer Branntweinflasche gefüllt hatte, betrübt, eine Stadt zu verlassen, wo mir es gut gegangen war, wieder auf die Wanderschaft. Siebzehntes Kapitel Rückkehr nach Lyon. – Wirtshausstreit. – Duell und Verwundung. – Edelmütige Fürsorge meines Gegners. – Im Hospital zu Dijon. – Ich werde Dolmetscher für den Oberarzt. – Ich werde Unterkrankenwärter. – Meine Verrichtungen als solcher. – Die Grabsteine der Nonnen. – Der Saal der Krätzigen. – Ich nehme meinen Abschied als Krankenwärter. Zu Ende des Februar kam ich nach Lyon zurück und hörte vom Kommissär, daß ich weiter müßte, es stände mir aber frei, wohin ich wollte; sein Rat wäre indes, ich ginge nach Dijon in Burgund, denn da gäbe es sehr viele Deutsche, und außerdem wäre Dijon der wohlfeilste Ort weit und breit. Ich versprach, mich zu besinnen, und bat ihn, er möge mich ausruhen lassen, was er auch gestattete. Seine Frau bemerkte, daß meine Schuhe abgerissen waren, und bewog ihn, mir ein Paar neue zu geben. In Lyon, oder wie es damals noch hieß, in Commune affranchie, hatten die scheußlichsten Exekutionen jetzt aufgehört, denn alle die waren gefallen, welche sich des Verbrechens der Rebellion schuldig gemacht hatten. Man hat die Anzahl der hier Hingerichteten sehr verschieden angegeben, man kann aber immer annehmen, daß sie sich zum mindesten auf 1700 belaufen habe. Lyon hat nach dem Sturz der Jakobiner seinen alten Namen wieder erhalten, sowie auch Toulon und Marseille. Dieses letztere hatte den schnurrigen Namen: Sansnom. Ich fand in Lyon einige von den Ohnehosen, welche ich vor ein paar Wochen hier gekannt hatte: sie wunderten sich sehr, daß ich zurückkäme. Ich erzählte ihnen meine ganze Begebenheit, und da meinten sie, es könne nicht fehlen, es würden gewiß wieder foutus muscadins rebellieren und zu Paaren getrieben werden müssen. Dann sollte ich nur auch kommen; ich könnte Offizier werden. Ich ging mit einigen Ohnehosen abends in eine Schenke, an einem Dekadentage. Aber noch jetzt wünsche ich, ich wäre damals nicht gegangen: denn ich habe die bösen Folgen dieses Ganges über zwei Jahre an meinem Körper gefühlt. In dem Weinhaus waren mehrere Ohnehosen und andere Leute, welche sich, wie damals gewöhnlich, mit den Historien des Tages unterhielten und eben die Zeitung gelesen hatten, worin die Fortschritte der republikanischen Waffen beschrieben waren. Sie waren alle munter und tranken auf nichts als auf das Wohlsein der Republik. Ich mischte mich in ihr Gespräch und machte meine Sache so gut, daß sie mir das Zeugnis gaben, ich sei trotz meiner deutschen Geburt würdig, ein Citoyen français zu sein und die Waffen der Freiheit zu führen. Unter anderen war ein gewisser Offizier da, ich glaube, er hieß Lasalle, Es ist nach Holzhausens Feststellung der später berühmte Reiterführer Lasalle gewesen, der bei Wagram fiel. der mir stark zutrank, auch selbst schon einen derben Rausch weghatte, und mitunter gewaltig auf die Feinde der Republik loszog, denen er nichts als Tod und Verderben prophezeite. Ich ließ ihn immer reden und widersprach erst, als er anfing, die fremden Soldaten als feige Memmen und Hundsfötter darzustellen. Da aber konnte ich mich nicht mehr halten und sagte ihm gerade heraus: wer so räsonnierte, habe noch keinen Preußen gesehen, das seien auch Männer, so gut wie die Franzosen. Er: Das ist nicht wahr; die Deutschen sind Tyrannensklaven, so gut als die Spanier, die Holländer und die Piemontesen. Ich: Gut, aber laß sie für ihre Freiheit, für ihr Vaterland erst einmal auftreten, und du sollst sehen, daß sie ihren Mann stellen. Er: Aber nur nicht wie die Franzosen, Foutre ! Die Deutschen sind Memmen und lassen sich von ihren Fürsten treiben und verkaufen wie das Schlachtvieh. Ich: Citoyen, hole mich der Teufel – wenn ich mich jetzt nicht zu den Fremden rechnen müßte – – Er (hitzig): Nun, was willst du damit sagen, Citoyen? Ich: Ich würde dir das Maul stopfen und den Mut der Deutschen verteidigen. Er (sehr lebhaft): Nun wohl, verteidige ihn! Ich: Ich habe keinen Degen. Er: Da sieht man's! Weil du keinen Degen hast, so willst du uns weismachen, du hättest Courage, dich mit mir zu messen. Geh, trink und halt das Maul! Einer aus der Gesellschaft: Sacre matin , höre, ich will dir nur sagen, daß du gleich gehen und Degen holen mußt! Wenn alsdann der Fremde keinen Mut hat, sich mit dir zu schlagen, so hast du recht; wenn du aber keine Degen holst, so halte ich dich für einen Zänker, der sich nicht getraut, seine Händel auszumachen. Verstehst du mich? Er (aufstehend): Sollen gleich welche da sein, nur ein wenig Geduld! Er ging fort, und ich erwartete ihn ohne Furcht zurück. Vielleicht trug der Wein, der damals meinen Kopf beherrschte, das Seinige nicht wenig bei, daß ich meinen Mann so unbefangen erwartete. Endlich nach einer halben Stunde kam er und brachte zwei Degen von gleicher Länge, woraus er mich einen wählen hieß. Ich nahm den ersten besten, und ohne weiter zu bramarbasieren, sogar ohne Sekundanten, welche überhaupt in Frankreich nicht Mode sind, gingen wir hinter das Haus in den Mondschein und fingen an, aufeinander einzufechten. Mein Gegner war geschickter als ich, und beim dritten oder vierten Ausfall stieß er mich vorn in die Brust, daß ich rücklings zu Boden fiel und alles Besinnen verlor. Als ich wieder zu mir kam, lag ich schon in der Wirtsstube auf einem Lehnsessel. Meine Kleider und sogar mein Hemd waren ausgezogen, meine Wunde gewaschen und mit einem großen Stück Schwamm bedeckt, doch lief das Blut noch immerfort in meine langen Hosen. Endlich kam der Chirurgus, den mein Gegner herbeigeholt hatte, untersuchte die Wunde und verband mich mit dem ausdrücklichen Befehl, mich in ein Bett zu legen und ruhig zu bleiben; früh wollte er wieder kommen. Mein Gegner versicherte ihn, daß er mich im Hause der Bürgerin – ihr Name ist mir entfallen – unweit dem Wirtshaus finden würde, und bat ihn sehr, ja früh wiederzukommen; er wolle alles bezahlen. Ich wurde wirklich von vier Franzosen, wobei der Offizier, der mich verwundet hatte, selbst war, in ein Bürgerhaus gebracht und in ein recht gutes Bett hingelegt. Ich will mein Duell in Lyon ganz und gar nicht entschuldigen und bekenne gern, daß es sich niemals zugetragen hätte, wenn mein Kopf durch den Trunk nicht heroisch geworden wäre. Ich hatte gar keinen Beruf, die Tapferkeit der Deutschen in einem Lande zu verteidigen, wo ich die Ehre der Könige nicht hätte um alles verteidigen mögen; denn auf Apologien dieser Art stand damals der Tod. Den andern Tag früh war der Chirurgus wieder da, untersuchte abermals die Wunde und sagte, sie sei nicht gefährlich; wäre sie aber nur etwas tiefer gegangen, so wäre ich foutu . Der gute Mann hat sich sehr viel Mühe mit mir gegeben. Meine Wirtin war eine recht brave Frau, die mich sehr bedauerte und alles tat, was ich nur begehrte; sie gab mir sogar Wein zu trinken, ob es gleich der Wundarzt aufs strengste verboten hatte. Der Offizier besuchte mich recht fleißig und brachte immer gute Freunde mit, denen er versicherte, ich sei ein braver Kerl, habe Courage wie ein Franzose; fechten müsse ich nur noch lernen, dann dürfe kein sacré mâtin mir mehr zu nahe kommen. Dann bedauerte er, daß er mit mir Händel angefangen hätte, schob alle Schuld auf den Wein, und ich vergab ihm nicht nur, sondern freute mich noch – warum, weiß ich selbst nicht –, daß ich mich mit einem Ohnehosen geschlagen hatte. Man ist zuweilen recht kindisch sonderbar! Meine Wunde besserte sich zusehends, und schon am vierten oder fünften Tage konnte ich außer Bette sein und herumgehen, aber daß ich das Haus verließ, wollte der Arzt durchaus nicht zugeben. Die Zeit ward mir aber sehr lang, denn meine meiste, angenehmste und nützlichste Beschäftigung in Frankreich war, alle öffentlichen Häuser zu besuchen und da den Debatten der Leute zuzuhören, oder die angeschlagenen Zettel an den Ecken der Straßen zu lesen, oder in Weinschenken mich mit Leuten von Kopf zu unterhalten, um das jetzige Frankreich so viel wie möglich kennen zu lernen, auch die Maschinerie genau zu erforschen, wodurch es das geworden ist, was es jetzt ist. Diese Art von psychologisch-politischem Studium trieb ich von Ort zu Ort, verglich meine Ausbeute mit der Geschichte und fand dabei soviel Unterhaltung, daß es mir zum Bedürfnis geworden war. Dieses Bedürfnis konnte ich jetzt nicht befriedigen, und meine Wirtin, eine Witfrau, ging oft weg und ließ mich allein: und wenn sie auch da war, so wußte sie doch wenig zu erzählen. Nach ungefähr 10 oder 12 Tagen entschloß ich mich, Lyon zu verlassen; meine Freunde, die Ohnehosen, versicherten mich, solche Wunden heilten von selbst, wenn man nur Pflaster darauf legte. Die Wirtin begehrte auch, daß ich aufs Hospital gehen sollte, weil sie befürchtete, mein Aufenthalt in ihrem Hause möchte ihr Ungelegenheit zuziehen. Ich entdeckte meinen Vorsatz dem Arzt, der ihn aber stracks verwarf und mir riet, mich im Lazarett vollends kurieren zu lassen. Der Mann hatte recht und ich sehr unrecht, daß ich ihm nicht folgte. Mein Gegner wollte mich zwar ins Hospital bringen, aber bei dem allen schien es mir doch, daß er lieber sehen möchte, wenn ich mich abführte, denn Duelle waren damals eigentlich verboten. Der Tag zu meiner Abreise wurde also bestimmt. Der Offizier schenkte mir ein Hemd und ein paar Strümpfe – die meinigen hatte ich längst im Gebirge des Dauphiné weggeschmissen – dann nahm er meine Schreibtafel und steckte 60 Livres Papier hinein. Meinen Namen schrieb er sich sorgfältig auf, und versicherte mich, daß er, wo er mich finden würde, alles Mögliche zu meinem Vergnügen tun wollte. Gern, setzte er hinzu, gäbe er mir mehr Assignate, aber die 60 Livres seien alles, was er habe; er habe sie sogar selbst borgen müssen. – Ich habe über diesen Mann niemals böse sein können und schied mit Tränen von ihm. Ich brachte zwei Tage zu, um nach Mâcon zu kommen. Den ersten Tag ging's frischweg; es war das herrlichste Wetter. Aber am andern Tag hatte ich große Mühe, mich hinzuschleppen. Meine Wunde schmerzte mich sehr, und bei jedem Schritt fühlte ich die schrecklichsten Stiche. Ich kehrte oft in die Dörfer ein, wo mich die Leute beklagten und mir immer Wein geben wollten. Aber ich dankte. In Mâcon meldete ich mich beim Kommissar, der mir zwar auf einen Tag Quartier gab, mich aber in kein Spital bringen konnte, weil dort damals keins war. Er sorgte aber dafür, daß ich auf einem republikanischen Wägelchen, d.i. auf einem zweiräderigen Karren, der mit einer leinenen Plane bedeckt ist, nach Dijon gefahren wurde. Zu Dijon brachte man mich in das Hospital Chailler, das im ehemaligen Karmelitinnenkloster angelegt ist. Ich erhielt in einem großen Saal ein recht gutes Bett, und der Doktor Antoine nebst den Feldscherern gab sich alle Mühe, mich herzustellen, und wenn meine Brustwunde damals nicht geheilt ist, so war es lediglich meine Schuld und nicht die der französischen Chirurgen. Ich hatte ein starkes Fieber, und der Arzt hielt dafür, daß es von übler Lebensart u.dgl. herkäme; ich zeigte ihm meine Wunde, er schüttelte den Kopf sehr und befahl dem Oberchirurgus, allen Fleiß anzuwenden, daß dieser Fehler bald verbessert werde. Aber der Chirurgus machte mir alle Tage einen Wicken hinein. Da, wie es recht und billig ist, mehr eine angemessene Diät und genaue Wartung die Hauptsache der Kur bei den Franzosen jetzt ausmacht, so erhielt ich nur wenig Arznei, und diese bestand meistens in einem Tränkchen. In Dijon lagen damals, im März 1794, wenigstens 5000 Deserteure und gewiß 6 bis 7000 Kriegsgefangene, womit die weitläufigen Klöster der ci-devant Benediktiner, Bernardinessen, Norbertiner, und der adligen Damen Unserer lieben Frau zu St. Julian gefüllt waren. Im Hôpital Chailler waren viele ausländische Kranke, die aber unter den Franzosen herumlagen und in jeder Hinsicht ihnen gleich gehalten wurden. Das einzige Uebel für sie war, daß der Arzt mit den meisten nicht reden konnte und sich also bloß mit äußeren Anzeigen behelfen mußte. Als ich wieder herumgehen konnte, nahm ich mir die Freiheit, im Namen eines anderen Deutschen dem Doktor Antoine etwas anzuzeigen. Antoine sah mich groß an: »Du kannst also Deutsch?« – »O ja, ich bin ja ein Deutscher.« – »Eh bravo!« rief er, »darf ich dich bitten, mich bei meinen Besuchen zu begleiten? Ich will dir jedesmal 20 Sous geben.« Ich versicherte ihn, daß ich ihn allemal herzlich gern begleiten wollte, mir aber seine 20 Sous verbitten müßte; er habe mir in meiner traurigen Lage ja so hilfreiche Hand geboten, und so sei es meine Pflicht, ihm wieder zu dienen. Von diesem Tage an ging ich alle Morgen um 7 Uhr mit dem Doktor bei allen gefährlich kranken Deutschen herum, erklärte ihnen seine Fragen und ihm hernach ihre Antworten. Antoine war sehr zufrieden mit mir und verdoppelte seinen Fleiß, meine Gesundheit völlig wiederherzustellen. Weil ich durchaus seine Assignaten nicht nehmen wollte, so sprach er mit dem Dépensier, daß er mir täglich eine Flasche Wein geben sollte, außer dem Becher, welchen ich ohnehin alle Tage zweimal bekam, riet mir aber, sparsam zu trinken. Meine Wunde auf der Brust wurde vom Feldscherer besorgt, und dieser versicherte mich, daß sie bald völlig kuriert sein würde. Aber er wurde um diese Zeit selbst krank, und nun kam ein anderer, welchem ich meinen Schaden nicht entdeckte, weil ich hoffte, ihn mit Pflastern selbst heilen zu können, denn ich konnte es durchaus nicht leiden, daß man mir alle Tage Wicken hineinbrachte. Als ich so ziemlich wiederhergestellt war, sagte ich zum Doktor, daß ich nun bald hinausgehen würde. Er wollte mich aber nicht missen und machte mir den Vorschlag, daß ich mich als Unterkrankenwärter am Spital solle anstellen lassen. Dies nahm ich mit Freuden an. Meine Leser haben mich nun schon in so verschiedenen Lagen gesehen: als Schüler, Student, Kandidaten, Vikarius, Jäger, Lehrer am Hallischen Waisenhaus, Magister, Soldaten, Emissär und Sansculotte, daß ich auch auf ihr Interesse hoffe, wenn sie mich jetzt als Infirmier subalterne erblicken. Da sah ich denn wieder einmal anders aus, denn ich trug die Uniform, d.h. eine schwärzliche Jacke mit gelben Knöpfen, ein Paar lange Hosen oder ein Pantalon und eine blaue Nationalmütze mit rotem Rand, der oben weiß eingefaßt war; außerdem hatte ich noch eine weiße Leinenschürze vor. Ich war auf dem Saal La Montagne angestellt und hatte 14 Kranke zu besorgen, meist Deutsche. Meine Verrichtungen waren einfach und alle Tage sich gleich. Früh um 5 Uhr machte ich mich an die Arbeit, kehrte meinen Saal aus, öffnete die Fenster, reinigte die Nachtgeschirre, welche den Tag über nicht im Zimmer bleiben durften, brachte die Betten in Ordnung und holte dann Holz, um den Tag über das Feuer im Kamin zu erhalten. Um 7 Uhr kam der Doktor, welchem ich vom Befinden der Kranken Nachricht gab. Um 9 Uhr holte ich die für jeden Kranken bestimmte Tisane, und um 10 Uhr auf den Schlag ging ich in die Küche, um das Essen heraufzuholen und den Kranken auszuteilen. Nachher aß ich selbst auf meiner Stube oder ging aus, in einer Schenke zu essen. Nachmittags um vier Uhr wurde das Essen wieder ausgeteilt, und alsdann mußten alle Betten frisch gemacht werden. Sobald es finster ward, wurden die Lampen oder Reverbères angesteckt, welche die ganze Nacht durch brennen mußten. Außer seinem Saal und der Küche hat der Krankenwärter nichts zu besorgen; denn für das übrige sind andere Personen angestellt. Unter meinen Verrichtungen war mir keine lästig, als das Klystieren und das Wegbringen der Toten. Jenes muß jeder Krankenwärter vom Chirurgus lernen und dann nach des Arztes Vorschrift vornehmen. Diese Arbeit habe ich niemals gerne getan. Ebenso lästig war mir das Wegschaffen der Leichen, welche allemal von zwei Krankenwärtern in den Garten herabgetragen werden mußten, nachdem man sie ganz entkleidet und in alte Betttücher gewickelt hat. Doch ich wußte einmal, daß dieses sein mußte, und da ich mich dazu verstanden hatte, so gewöhnte ich mich auch daran. Für diese Verrichtungen erhielt ich erstlich jeden Monat 69 Livres, folglich jeden Tag 2 Livres 6 Sous. Sodann hatte ich täglich 2 Pfund recht gutes Brot, ein Pfund Fleisch, zwei große Becher Wein und soviel Fleischbrühe als ich wollte. Daher holte ich mir in der Apotheke soviel Tisane und von welcher Gattung ich nur verlangte. Mein Trunk war gewöhnlich die Limonade minerale , wie man sie nannte, ein ganz treffliches Getränk. Ich hatte außerdem ein recht gutes Bett und durfte mein Hemd wechseln, so oft es mit beliebte, denn ich konnte mir ja nur im Magazin eins holen. Was nach der Austeilung der Speisen übrig blieb, fiel den vier Krankenwärtern zu. Da allemal einige Flaschen Wein, oft drei, vier und mehr Portionen Brot und Fleisch übrig blieben, so wurde dies zusammengetragen und unter sie verteilt. Die andern waren in der Stadt angesessen und verheiratet; ich überließ ihnen daher meinen Anteil an Brot, Fleisch und Gemüse und ließ mir den Wein geben. Auf diese Art war uns allen geholfen; ich trank den Wein gerne, denn es war alter guter Burgunder, und meine Kameraden hatten was für ihre Familien. Es gefiel mir auf dem Spital recht gut, die Langeweile aber fand sich endlich bei mir ein, da ich nur selten ausging: es war mir angenehm, daß ich endlich eine Leihbibliothek ( Cabinet de littérature ) entdeckte, wo ich für 2 Livres monatliche Vorausbezahlung Bücher in Menge haben konnte. So oft ich auf den Abtritt ging, mußte ich allemal lachen. Es war ein sehr geräumiges Gemach, das, wie übrigens noch mehrere im Spital, mit breiten Steinen belegt war. Diese Steine waren vorher Grabsteine der ehemaligen Bewohnerinnen des Klosters gewesen, und die schnakischen Leute hatten sie so angebracht, daß man im Sitzen die völlige Grabschrift lesen konnte. So stand z.B. auf einem Steine des Abtrittpflasters: »Hier liegt Schwester Anna Olympia, geborene Gräfin von Morbihan, ihres Alters 42, ihrer Profession 26 Jahre«; »Hier liegt Schwester Clara Rosalia, gebotene Baronesse von Lamey, ihres Alters 69, ihrer Profession 50 Jahre« usw. Es ist doch eine seltsame Sache um eine Revolution; sogar die Grabsteine der heiligen Nonnen werden auf die Abtritte gelegt.   Es läßt sich leicht der Schluß ziehen, daß ich als Krankenwärter im Hospital zu Dijon nichts weniger als unglücklich war. Ich lebte ordentlich, hatte an nichts Mangel und einen Posten, wobei ich wenigstens ein nützliches Glied der Gesellschaft war, denn ich diente meinen Mitmenschen wirklich und vielleicht mehr als mancher Professor der Theologie. – Aber ich weiß es nicht zu sagen, es fehlte mir immer was, und ich war in einsamen Stunden oft unzufrieden, ohne daß ich wußte, warum. Bisher war ich immer in gewaltsamen Veränderungen gewesen, und meine ganze Seele war schartig geworden, sie konnte sich daher nicht so recht in die ruhige, stille Lebensart eines Krankenwärters finden. Ich hatte mit einigen Offizieren von den gefangenen Preußen, Österreichern und Hannoveranern Bekanntschaft gemacht, besuchte sie oft in den zwei Klöstern, wo sie einquartiert waren, und genoß manchen Beweis ihrer Freundschaft. Als ich eines Tages bei ihnen etwas über das Unangenehme meiner Lage merken ließ, so erklärten sich mehrere gegenwärtige Offiziere, daß sie, wenn ich das Spital verlassen wollte, gleich Unterricht im Französischen bei mir nehmen würden, wobei ich wenigstens monatlich 90 Livres verdienen könnte. Auch dürfte ich die unschickliche Arbeit auf dem Spital dann nicht mehr tun und würde unabhängiger und freier. Ich dachte über diesen Vorschlag nach, wollte aber noch nichts entscheiden und blieb immer Spitalwärter. Endlich ward der bisherige, mir sehr wohlgesinnte Oberchirurg krank, und ein anderer erhielt die höchste Aufsicht, mit dem ich mich nicht gut stand, wenngleich er nicht wirklich schlimm war; aber ich hatte mehrmals unziemlich über ihn gesprochen, und um sich zu rächen, versetzte er mich auf den Saal Egalité, wo die Krätzigen lagen. Das verdroß mich sehr, aber ich mußte schon zufrieden sein, weil solche Anordnungen lediglich vom Oberchirurgus, oder wie die Franzosen sagen Major, abhängen, und weil es mir als einem der jüngsten Krankenwärter zukam, die Krätzigen zu warten; denn da diese die wenigste Wartung bedürfen und der Wärter nicht einmal ihr Bett machen darf, so überläßt man ihre Pflege den Neulingen unter den Wärtern. Ich blieb indessen noch einen ganzen Monat auf Egalité und forderte meinen Abschied erst zu Ende des Prairials. Der Direktor gab ihn mir ungern, tat es aber, als ich darauf bestand; obendrein erteilte er mir ein gutes Zeugnis, welches nachher bei der Inquisition révolutionaire in Mâcon geblieben ist. Achtzehntes Kapitel Ich werde Sprachlehrer. – Der Kommandant Belin. – Vorzüge der französischen Rechtspflege. – Mißlungener Fluchtversuch. – Die Wegschaffung der Guillotinen von den öffentlichen Plätzen. – Unbesonnener Brief an Dentzel in Paris. – Verhaftung. – Rachsüchtige Pläne gegen Dentzel. – Die Conciergerie zu Dijon. – Mein Prozeß wegen Hochverrats. – Transportierung nach Mâcon. – Gefährliche Verhöre. – Todesfurcht trotz aller Philosophie. – Freisprechung. – Vierundzwanzig Livres für die Angst. Ich fing nun also meine Stunden mit den fremden Offizieren an; ich hatte neun Scholaren, für jede Lektion erhielt ich 7 ½ Sous, folglich verdiente ich monatlich 101 Livres 5 Sous, wofür ich in Dijon recht gut leben konnte, um so eher, da mir die Nation ohnehin mein Brot und täglich 10 Sous Geld gab. Ich logierte in der Kaserne der Deserteure, wo mir der Kommandant Belin ein ziemlich gutes Bett gegeben hatte. Die meisten Deserteure waren ausgemachte Schurken, mit denen man gar nicht zurecht kommen konnte. Ich hielt es unter dieser infamen Bande nicht lange aus und suchte mir daher ein Quartier in der Stadt, wo ich zwar täglich 4 Sous für Kammer und Bett zahlen mußte, aber nun auch bequem und artig wohnte. Der Kommandant Belin konnte mich, wie ich öfter merkte, gut leiden; er war seines Gewerbes ein Eisenhändler und ein Mann von einigen Kenntnissen. Ich erhielt von ihm, was ich wollte, und mehr als einmal gab er mir Papiergeld. Er meinte, wenn alle Deserteure wären wie ich, so wollte er mit Freuden jedem alle Woche eine Bouteille Wein geben. Ich habe meine Zeit so ziemlich vergnügt in Dijon zugebracht; wenn ich mit meinen Lektionen fertig war, ging ich in die Weinschenke. Da ich schon vorher mit vielen Bürgern aus der Stadt bekannt war, so mehrten sich meine Bekanntschaften immer, und da ich fleißig mitschwadronierte, so war ich wohl gelitten. Sehr oft wurde ich von den Gästen in die Weinschenken gerufen, um mit diesem und jenem eine Flasche zu leeren; denn es ist dem Franzosen unmöglich, allein zu trinken, er muß schlechterdings einen Gesellschafter haben, der mit ihm plaudere und trinke. Fleißig habe ich auch die Gerichtsplätze besucht, wohin jeder gehen und alles mit anhören darf. Die Ursache der schnellen Justiz in Frankreich liegt wohl nicht an den Gesetzen allein. Diese sind zwar sehr deutlich und bestimmt, und es kostet kein Kopfzerbrechen, sie zu verstehen. Aber diesen Vorzug haben die Gesetze in einigen Ländern auch. Aber in Frankreich gilt der hohe Grundsatz der Gleichheit, nach welchem jeder Mensch in Rücksicht auf Gesetz und Recht so gut ist als jeder andere: folglich kann und darf da keine Person angesehen werden. Aber in Deutschland – du lieber Gott, da kann mancher zugleich Kläger und Zeuge sein, da fragt man erst, wer er ist . Und ist der Beklagte ein Mann von Einfluß, ein reicher, vornehmer Herr, so verliert er seinen Prozeß gewiß nicht. Eine andere Hauptursache der schnellen Justizpflege in Frankreich ist, daß keine Advokaten da sind, welche für Geld verteidigen. Denn Geld bekommt da kein Anwalt, und für einen Vortrag oder für eine Verteidigung oder Verantwortung darf niemand nichts nehmen, oder er würde sich und seinen Zivismus äußerst verdächtig und verhaßt machen. Drittens gibt es auch keine Sporteln; denn das Recht wird nicht verkauft. Daher haben denn auch die Richter und Anwälte keinen Vorteil davon, wenn sie den Prozeß in die Länge ziehen; je eher er ausgeht, desto eher sind sie dieser Last überhoben. Diäten u.dgl. werden ganz und gar nicht gutgetan. Bei uns ist das ganz anders! Und endlich – was die Hauptursache der besseren Rechtspflege bei den Franzosen ist – jeder Bürger, welcher mit bei Gerichte sitzt, hat alle nur mögliche und höchste Ursache, das Recht ja nicht zu beugen und nur nach dem Gesetz und seiner besseren Einsicht zu sprechen. Denn er ist ja gar nicht lange Richter; es gibt solche Aemter, welche nur ein halbes Jahr währen, wenige dauern zwei Jahre. Da er also befürchten muß, daß man alsdann die Rechtssache abermals vornehme und ihm, wenn man beweisen könnte, daß er das Recht gebeugt, die gefährlichsten Händel zu Halse ziehen möchte, so ist es ebensosehr sein Vorteil als seine Pflicht, sich zu hüten und nur so zu sprechen, wie es die Vernunft nach dem Spruch des Gesetzes fordert. Man entdeckt gar bald, welcher Richter ein ehrlicher Mann und welcher ein Schurke ist. Wir wissen z.B. alle, daß Herr Linksum die Pupillenkasse bestohlen hat; daß Herr Rat Schurkius falsche Zeugnisse gerichtlich ausstellt; daß der Justizkommissär Rabula zwei Gegenparteien zugleich bedient und beide betrügt; daß der Justizamtmann Schleicher für den Putz seiner Frau und Kinder mehr ausgibt, als er rechtmäßiges Einkommen hat; das und noch tausendmal mehr wissen wir – aber wozu hilft es, daß wir es wissen? Die Herren haben Aemter , d.i. Gewalt. Nehmt aber den Herrn Linksum, Schurkius, Rabula, Schleicher und anderen dieses Gelichters ihre Aemter, so werden sie gar bald der Gegenstand der allgemeinen Verachtung und des wohlverdienten Hasses aller Rechtschaffenen und selbst des Pöbels sein und so ihre Strafe leiden. Wüßten diese Herren, daß man sie einmal zur bestimmten Zeit absetzen werde, sie würden ihr Amt weit ehrlicher verwalten.   Einmal, es mochte so einen Monat nach meinem Abschiede aus dem Spital sein, ließ ich mich von einem gewissen Gesell, der vorher bei dem preußischen Regiment von Kleist gestanden hatte, verleiten, mit ihm nach der Schweiz entwischen zu wollen. Es war noch vor dem Dekret des Konvents, daß neutrale Ausländer zu Hause gehen dürften. Dieser Gesell stellte mir die Sache so leicht vor, daß ich bald nachgab und ihn zu begleiten versprach. Die Ursache, warum er gerade mich gern mitgehabt hätte, war ohne Zweifel, weil ich eine gefüllte Brieftasche mit Assignaten und noch einiges bare Geld hatte. Ich kann ihm das nicht verdenken; und wenn es uns gelungen wäre, unsern Anschlag glücklich auszuführen, gern hätt' ich all mein Papier und mein Geld dazu hergegeben; mich gelüstete es gar sehr nach einer Reise durch die Schweiz. Wir gingen, nachdem wir uns auf vier Tage mit Brot, Speck und Schnaps versehen hatten, abends von Dijon weg Auxonne zu. Ohnweit Auxonne verbargen wir uns früh in einem Wald und harrten den ganzen Tag bis spät in die Nacht, um alsdann einen Kahn loszumachen und über die Saône zu fahren. Allein zu unserem Unglück waren Leute bei den Kähnen; wir machten uns also auf die andere Seite der Brücke, fanden aber da gar keinen Kahn, die Brücke selbst aber war bewacht. Nun liefen wir längs dem Fluß hinan, ob wir sonstwo Kähne finden würden, aber umsonst. Endlich kam der Tag, und wir waren nicht weit von einem Dorf. »Du siehst,« sagte ich zu Gesell, »wir kommen nicht über den Fluß, und wenn wir auch drüber wären, so wissen wir hernach weder Weg noch Steg; laß uns also umkehren und unser Vorhaben ein andermal ins Werk setzen, wenn wir welche bei uns haben, die der Wege kundiger sind als wir.« Gesell gab mir recht, wir gelangten wieder nach Dijon, und niemand schien uns vermißt zu haben, doch erfuhr ich nachher aus dem Munde des Kommandanten selbst, daß er um alles wußte und nur schwieg, weil man uns nicht aufgefangen hatte. – Es war allemal ein tolles Unternehmen, aus einem Lande entwischen zu wollen, wo man die Landstraße nicht halten durfte, dabei der Gegenden unkundig war und noch des Nachts gehen mußte, um nicht jeden Augenblick von Auflauerern angehalten zu werden.   Im Sommer dieses Jahres war ein wahrer Jubel in Dijon, wie in ganz Frankreich, als die Volksrepräsentanten in den Departements und Distrikten die scheußliche Mordmaschine, die Guillotine, aus den Augen des Publikums wegschaffen ließen. Diese Schreckbühne stand sonst immer mitten auf den größten und freiesten Plätzen, das Messer immer hoch, und drohte jedem Verbrecher den Tod. Aber jetzt, da die junge Republik der Verräterei von jenen gewachsen war, jetzt brachte man sie weg und stellte sie in Kirchen oder Klöstern hin, holte sie bei jedesmaligem Notfall nur hervor und schaffte sie gleich nach dem Gebrauch wieder weg. Die Franzosen hatten eine fast kindische Freude, da sie das Messer nicht mehr vor Augen hatten. Ihre Freude wurde noch vermehrt, da sie in dem Bulletin lasen, daß wenn einmal die allgemeine Ruhe hergestellt sein würde, alle Arten von Todesstrafen abgeschafft werden sollten. – Ich habe durchaus bemerkt, daß, obgleich Ströme Bluts in Frankreich geflossen sind, das französische Volk das Blutvergießen doch nicht liebt. Die abscheulichen Szenen waren eine notwendige Folge der Revolution, das Volk sah dies ein und ließ sie zu.   Ich hatte seit meinem Abschied aus dem Hospital gut und vergnügt gelebt und dachte die Zeit abzuwarten, wo ich wieder zurück nach Deutschland kehren konnte; denn zu einer Flucht aus Frankreich nach der Weise so mancher Deserteure und Gefangenen wollte ich mich nicht mehr entschließen. Ich hatte mein hinlängliches Auskommen, gute Gesellschaft, angenehme Spaziergänge usw. und war gesund, bis auf meine geschwollenen Füße und die Brustwunde. Um die Erntezeit fiel mir dennoch ein, an den Repräsentanten Dentzel nach Paris zu schreiben, denn dieser hatte mir doch in Landau versprochen, für mich zu sorgen. Ich führte meinen Einfall aus, und schrieb ihm einen weitläufigen Brief, worin ich ihm meine Schicksale meldete und ihn ersuchte, mir einen Paß nach Paris auszuwirken; ohne spezielle Erlaubnis durfte man nämlich nicht dahin kommen, und ich hatte doch große Lust, mich in der Hauptstadt der neuen Republik umzusehen und da dem großen Triebrad in der Nähe zuzuschauen. Ich gab meinen Brief auf die Post und erwartete eine baldige Antwort. Aber Dentzel war damals, wie ich nachher aus den Zeitungen erfuhr, eben wegen der Landauer Affäre in Arrest, und wenn ich dieses gewußt hätte, so würde ich nie an ihn geschrieben haben; denn alsdann war es gewiß, daß der Brief nicht an ihn, sondern an den Wohlfahrtsausschuß gelangte. Ich hatte zwar von der Landauer Sache nicht ein Wort einfließen lassen, aber befürchten mußte ich doch immer, mein Name möchte den Parisern von Landau aus bekannt geworden sein, und dann war ich entdeckt und verloren. Daher war es sehr unüberlegt von mir, daß ich mich nicht vorher erkundigte, ob Dentzel auch wirklich aktiv im Konvent sei oder nicht. Ich hätte dies leicht wissen können, wenn ich nur die Monatsliste nachgesehen hätte, worauf alle jedesmaligen Repräsentanten, Generale usw. verzeichnet waren. Es mochten ungefähr acht Tage nach dem Abschicken meines Briefes an Dentzel vergangen sein, als ich auf einmal mitten auf der Straße, da ich eben zu den Offizieren in die Stunde wollte, auf Befehl der Munizipalität angehalten und nach der Conciergerie gebracht wurde. Das Wort Conciergerie bedeutet in Frankreich ungefähr das, was in Berlin die Hausvogtei ist. – Man kann sich mein Erstaunen kaum vorstellen. Ich bat den Kommandanten Belin kommen zu lassen, und erfuhr von dem ehrlichen Mann, der schon nach einer Stunde erschien, daß er vom Maire Befehl erhalten habe, die Person eines Laukhard, der bei Landau von den Preußen desertiert sei, kenntlich zu machen. Nun ging mir ein fürchterliches Licht auf! Sollte mein Brief an Dentzel dem Wohlfahrtsausschuß übergeben sein? Das war mir jetzt gewiß. Aber wer hat dem Wohlfahrtsausschuß denn gesagt, was ich in Landau habe machen wollen? Mein Verdacht fiel gleich auf Dentzel, und da bemeisterte sich eine sehr unedle Rachsucht meiner Seele: ich wollte ihn verderben, ohne meiner selbst zu schonen. Es schien mir so süß, so angenehm, den, der mich hätte verraten können, mit mir ins Verderben zu reißen. Ich schäme mich noch jetzt dieser sehr unedlen Empfindung, welche ich damals in der ersten Aufwallung hatte; aber damals war sie mir vielleicht zu vergeben. Der Erfolg scheint indessen doch zu beweisen, daß Dentzel als ehrlicher Mann mir Wort gehalten und an meiner Gefangennehmung keinen Anteil gehabt hat; denn er kam bald nach Robespierres Tode los und wieder in Aktivität. Wäre aber sein Prozeß mit seinem Geständnis schon bis auf meine Verwicklung mit ihm in Landau gekommen, dann hätte er wahrscheinlich nicht so wegkommen können, und ich – noch weit weniger. Ich saß also in der Conciergerie und hatte alle Muße, über mein Mißgeschick nachzudenken. Meine kitzliche Lage bot mir Stoff genug, mich hier zunächst mit mir zu beschäftigen, und das Sprichwort von allen Seiten recht auseinanderzusetzen: »In solchem Wasser fängt man solche Fische.« Aber gerade dabei faßte ich bald wieder Mut, fügte mich in meine Lage und bekam gleich darauf Lust, die Beschaffenheit meines Aufenthalts näher zu untersuchen. Die Conciergerie, von alters her ein Parlamentsgefängnis, war geräumig genug, eine große Menge Delinquenten aufzunehmen. Sie enthielt vier große Höfe, rundum mit hohen festen Gebäuden umgeben, und in diesen waren die Cachots, oder Behältnisse der Gefangenen. Die Höfe selbst hatten viel Raum, auch Baumgänge, und unter diesen Bänke zum Hinsetzen. Die Cachots waren am Tage nicht verschlossen, und die Gefangenen hatten alle Freiheit, herum zu gehen und zu machen, was sie wollten. Ich habe sogar bemerkt, daß man ihnen den Gebrauch der Messer erlaubte. Wenn es abends dunkel ward, mußten die Gefangenen in ihre Behältnisse, aber Simon, der Aufwärter, vergaß oft das Einschließen oder er ließ sich leicht erbitten, die Tür nur einzuhängen, und dann konnte man heraus in den Hof, so oft und so lange, als man wollte. Dies war uns allen willkommen, denn die damalige gewaltige Hitze machte, daß man die Kühle der Nacht gern im Freien genoß. In dem Hof, worin ich saß, waren noch ungefähr 40 Mann, von welchen einige verurteilt waren, nach Toulon gebracht und da auf eine bestimmte Zeit verwahrt zu werden; es waren auch viele grobe Verbrecher darunter. Ich hatte schon einige Tage in diesem Arrest zugebracht, als der öffentliche Ankläger zu mir kam und mich in einer abgesonderten Stube fragte, ob ich an einer Verräterei teilgehabt hätte, welche in Landau gegen das Interesse der Nation sei angezettelt worden. Daß ich dieses und alles, was sonst noch darüber gefragt wurde, verneinte, versteht sich von selbst. Auch drang er nicht sehr in mich und sprach mir allemal Trost zu, z. B. daß es nicht viel zu sagen haben würde, indem ja keine ganz bestimmten Klagepunkte gegen mich da wären. Ich verlebte also einige Tage wieder ziemlich ruhig und schlief des Nachts meinen guten Schlaf. Dreimal noch examinierte mich der Accusateur public und sagte mir zuletzt, daß er mit der Untersuchung fertig sei und sie dem Kriminalgerichte vorlegen wolle; daß er auch ganz und gar nicht zweifelte, ich werde sofort loskommen. Das war wieder Trost für mich. Aber endlich erschien der Ankläger mit der üblen Zeitung, daß meine Sache in Mâcon müsse entschieden werden und ich schon morgen dahin solle. Ich erschrak heftig, aber der humane Mann erklärte mir, daß ich ohne Sorgen sein könne, wenn ich unschuldig wäre; die Franzosen richteten nur die Verbrecher. – Der Ankläger hielt mich wirklich für unschuldig, und ich würde, wenn ich das gewesen wäre, mich jeder Inquisition gern unterzogen haben. Aber ich war nichts weniger als unschuldig. Ich war in der Tat in einer Lage, deren richtige Kenntnis mir ohne Umstände das Leben geraubt hätte. Selbst auf der Guillotine hätte ich nicht einmal denken können, daß mir unrecht geschähe. – Ich kann meine Leser versichern, daß ein böses Gewissen ein sehr dummes Ding ist, dem man hundert Schritt aus dem Wege gehen sollte.   Ich wurde nun nach Mâcon gebracht und hier aufs Schloß gesetzt; ich erhielt die nämliche Subsistenz wie in Dijon; nämlich zwei Pfund Brot täglich, zweimal täglich Suppe und Gemüse, Erbsen, Bohnen u.dgl. Auch im Gefängnis zu Mâcon saßen mehrere, aber doch nicht so viele, wie in Dijon, weil nach Mâcon nur diejenigen gebracht wurden, welche wegen revolutionärer Verbrechen angeklagt waren. Schon den andern Tag erschien der öffentliche Ankläger bei mir mit einem großen Papier, worauf die Fragen standen, die er an mich tun sollte. Dieser Ankläger war ein recht braver Mann, welcher mir die Fragen ganz einfach vorlegte und alle Fallstricke sorgfältig vermied; ich konnte es ihm abmerken, daß er nichts Nachteiliges erfahren wollte. Einige Tage hernach wurde ich auf das Gericht selbst gebracht und da etwas weitläufiger verhört. Ehe ich dahin ging, kam ein Mann zu mir, welchen das Gericht zu meinem Anwalt bestimmt hatte. Als dieser die Lage meiner Affäre vernommen hatte, sagte er mir, daß ich keines Advokaten bedürfte und daß meine Sache gut stände; ich sollte nur getrost auftreten. Ich mußte drei Verhöre vor der Inquisition selbst aushalten. Das Haus, worin die revolutionäre Inquisition ihren Sitz hatte, war ehemals die Wohnung des Bischofs von Mâcon gewesen; ein elendes gotisches Gebäude. Ich zitterte freilich etwas, als ich zum erstenmal in die Versammlung der Richter trat; allein um durch ein zerstörtes Gesicht meine Schuld nicht schon halb zu bekennen, nahm ich alle meine Dreistigkeit zusammen und schritt, indem ich von einem meiner Begleiter eine Prise Tabak nahm, ganz unbefangen an die Schranken. Ich hatte Zeit, mich noch besser zu sammeln, denn es wurde noch einer vor mir verhört. Nach diesem kam die Reihe an mich. Einigemal verwirrte ich meine Antworten und gab mir dadurch gefährliche Blößen. Der Präsident merkte mir also bald an, daß ich allerdings schuld haben müßte, weil ich in meinen Aussagen wankte. Aber ich half mir, indem ich sagte, daß ich mich nicht mehr an alles erinnern könnte, daß durch ein heftiges Fieber mein ohnehin sehr schwaches Gedächtnis – es war nie besser als damals – noch mehr abgestumpft sei. Ich weiß nicht, ob man bei einem deutschen Kriminalgericht mit Gründen dieser Art zufrieden sein würde, aber zu Mâcon war man es, oder man schien es zu sein. Der Präsident sagte: »Du hast Zeit, dich zu besinnen, Citoyen; überlege alles, vergegenwärtige dir alle Umstände der schändlichen Begebenheit; übermorgen sollst du wieder gehört werden.« Die beiden nächsten Tage brachte ich im Gefängnis sehr unruhig zu; ich hoffte kaum noch, durchzukommen, und stellte mir das Schlimmste vor. Der Gedanke an die Guillotine durchschauerte meinen ganzen Körper; alles, was ich von den Grundsätzen der stoischen Schule wußte, war damals nicht vermögend, mich zu überzeugen, daß der Tod kein Uebel sei. Nur die Vorstellung, daß es vielleicht noch gut gehen könnte, richtete mich auf und ließ mich wieder Mut fassen. Wie wahr ist es doch, was Tibullus so schön sagt: ... credula vitam Spes fovet et melius creas fore semper ait. ... die stets leichtgläubige Hoffnung hängt am Leben und sagt: Morgen wird besser es gehn! L. Ich wurde das andere Mal verhört, aber auch da verwickelte ich mich und hätte beinahe den ganzen Handel verraten. Ich behauptete nämlich: Dentzel hätte allen Anerbietungen der Preußen kein Gehör gegeben. »Welchen Anerbietungen?« fragte der Präsident. »Je nun,« erwiderte ich, »denen, welche die Preußen ihm gemacht haben.« – »Also weißt du doch, daß die Preußen dem Dentzel Anerbietungen gemacht haben.« – Ich merkte gleich, daß ich vor Angst recht dummes Zeug geplaudert hatte, und wollte Ausflüchte suchen; aber der Präsident verfolgte seine Idee, und ich kam arg in die Klemme. »Ich habe sagen hören, ich weiß nicht, wo; man hat gesagt, ich weiß nicht, wer; ich habe gedacht, ich weiß nicht, weswegen« – das war so ungefähr, was ich dem dringenden Zusetzen des Inquisitors entgegen hielt. Auch für diesmal wurde ich entlassen, jedoch bedenklich ermahnt, mich genau zu besinnen, denn mit solchem Gallimathias würde man sich nicht mehr begnügen lassen. Ich merkte wohl, daß man nicht im Sinne hatte, mich zu verderben, denn sonst hätte man ganz anders zu Werke gehen können. Indessen konnte ich mich vor der völligen Absolution doch nicht beruhigen, und das geringste, was ich mir zur Strafe vorstellte, war Einsperrung bis auf den Frieden. Endlich kam ich zum drittenmal vor. Man wiederholte viele Fragen und schrieb meine Antworten genau auf. Nachdem dieses geschehen war, wurde mir alles vorgelesen und ich gefragt, ob ich noch einiges zu meiner Verteidigung zu sagen hätte? Ich verneinte dieses, und der Ankläger, welcher mir die Akten vorgelesen hatte, sagte zum Präsidenten: »Ich sehe keine Ursache, diesen Mann anzuklagen.« Der Präsident erwiderte, daß man die Sache noch genauer untersuchen müsse usw. Wenn ich noch jetzt so bei mir überlege, warum man nicht genau untersucht hat und mich so bald freisprach, so denke ich, daß dieses vorzüglich darum geschah, weil man Männer nicht gern in Verdrießlichkeiten verwickeln wollte, welche sehr reelle Dienste der Republik geleistet hatten. Vielleicht dachten meine Richter, daß bei sehr genauem Verhör sogar dem General Laubadère manches zur Last fallen könnte, und vielleicht waren gar Freunde von Dentzel unter den Richtern. Am andern Morgen, früh um acht Uhr, ließ der öffentliche Ankläger alle Gefangenen zusammen kommen, verlas dann von einem Zettel fünf bis sechs Namen von ihnen, und diesen sagte er, daß sie frei wären. Dann händigte er einem jeden ein Papier ein, mir also auch eins, worin enthalten war, daß keine Ursache zur Anklage gegen sie vorhanden wäre, folglich, daß sie in Freiheit gesetzt werden müßten, und zwar auf der Stelle. Ich kann die Freude nicht beschreiben, die ich empfand, als ich mein Papier in Händen hatte. Ich dankte dem Ankläger, den ich als die Mitursache meiner glücklichen Entlassung ansah. »Nicht doch!« sagte er ganz kurz. »Es ist das Gesetz, welches dich frei macht!« Dann riet er mir, nicht eher Mâcon zu verlassen, als bis ich für jeden Tag, auch für jene, die ich im Gefängnis zu Dijon gesessen wäre, 15 Sous ausgezahlt bekommen hätte; denn soviel erhält jeder, der unschuldig im Gefängnis sitzt. Ich sollte mich deshalb nur auf dem Tribunal melden. Ich bemerkte ihm, daß ich mich da nicht zu finden wüßte, und er versprach mir, für mich das Wort zu führen. Ich ging aus dem Gefängnis und um 11 Uhr auf die Inquisition, wo der Ankläger schon einen Zettel für mich fertig hatte. Ich trug diesen zum Kriegskommissär und erhielt mein Geld. Ich war im ganzen zweiunddreißig Tage gesessen und hatte also durch meine Angst 24 Livres verdient. Ich forderte mir zugleich einen Paß nach Dijon, der mir auch ohne Anstand sofort gegeben wurde. Dieses denn war die letzte Anfechtung, welche ich in Frankreich wegen der fatalen Landauer Affäre zu leiden hatte. Ich habe sie glücklich überstanden, aber ich bin doch nicht vermögend, mit Behagen daran zu denken, wie man sonst gewöhnt ist, sich an überstandene Gefahren zu erinnern. Auch haben die Begebenheiten dieser Art die üble Stimmung meiner Seele, woran ich ohnehin schon laborierte, nur noch vermehrt. Neunzehntes Kapitel Rückkehr nach Dijon. – Briefstellerei. – Liebeleien der deutschen Gefangenen mit Französinnen. – Weibliche Orthographie. – Die Männernot. Es gab wieder Jungfernschaften. – Robespierres Sturz. – War er ein Verräter? – Das Maximum. – Bargeld und Assignaten. – Die Schreckensherrschaft. – Das Gesetz gegen die revolutionären Verbrechen. – Die Nationalkokarden und die Mützen à la République. – Anklagen wegen Betens. – Veränderungen der französischen Sprache infolge der Revolution. Unhöflichkeit war Ehrensache. – Meine Wunde bricht wieder auf. – Augenkrankheit. – Wieder im Spital. – Das Deserteurgesindel. Ich kehrte nach Dijon zurück und wurde da von meinen Freunden und Bekannten freudig aufgenommen. Besonders war der Kommandant Belin sehr froh, daß ich so glücklich durchgekommen war. Er versicherte mich, daß er eben nicht viel für meinen Kopf würde gegeben haben; es sei ihm bange gewesen, ich möchte überwiesen und nach Paris gebracht werden, und dort wäre ich gewiß weg gewesen. Ich wurde in Dijon über meine Verhaftung von jedem befragt, aber da ich nicht für gut fand, über eine mir so verhaßte Sache jedem zu dienen, so gab ich lauter Antworten nach Gutdünken. – Meine Lehrstunden fing ich auch wieder an und gab sie fleißig und zur Befriedigung meiner Herren Scholaren, welche alle recht brave Männer waren. Ich war auch bei den deutschen Gefangenen der allgemeine Briefsteller im Französischen, besonders im Departement der Liebelei. Die Herren hatten eben nichts zu tun, sahen viele hübsche Mädel, die ihnen nicht grausam zu sein schienen, und da hatten sie ihnen gar manches zu entdecken. Aber die meisten hatten das Unglück, daß sie sich ihren Schönen nicht nähern konnten, und da mußte man seine Zuflucht zur Feder nehmen und Liebeszettelchen abschicken. Gewöhnlich wurden diese Briefchen sogleich und größtenteils günstig beantwortet – in aller Zucht und Ehrbarkeit, versteht sich, und in der gewöhnlichen Orthographie der Frauenzimmer, d.i. mit Schnitzer über Schnitzer in jeder Zeile. Doch, da selten ein Mann, sei er auch ein Mann von Erziehung und Kenntnissen, die Rechtschreibung seiner Sprache ganz inne hat, so kann man es den Frauenzimmern nicht verdenken, wenn sie die Worte bis zur Unkenntlichkeit verhunzen. Dieses Kribeskrabes hatte ich hernach auch zu analysieren und nicht selten Mühe genug, es herauszubringen, daß die Schöne es für eine Ehre halte, ihre geringen Reize der Aufmerksamkeit eines so aimable garçon wert zu sehen usw. Gewöhnlicherweise wurde der aimable garçon auf eine Promenade eingeladen, und dann ging die Erklärung durch Zeichen, abgebrochene Redensarten usw. schon ohne Dolmetscher von selbst. In Frankreich gab es niemals privilegierte Bordelle, außer in den Seestädten, doch war wohl keine Stadt ohne verkappte Bordelle, und so ist es noch. Der Konvent hat zwar einige Gesetze gegen die Huren, oder wie es heißt, filles perdues , gegeben, auch alle Bürger aufgefordert, dem Unwesen mit abzuhelfen, aber es läßt sich denken, daß solche Dekrete wenig oder nichts fruchten. Ein Uebel von der Art kann nur nach und nach durch bessere Erziehung künftiger Generationen vertilgt werden. – Die Folgen des Umganges unserer Kriegsgefangenen und Deserteure mit den Buhldirnen wurden auch bald sichtbar; viele mußten ins Hospital, andere ließen sich zu Hause kurieren. Die Revolution, welche den Franzosen so entsetzlich viel junge Männer gekostet hat, macht freilich, daß von den jetzigen ledigen Französinnen viele alte Jungfern werden müssen; denn nimmermehr wird man erlauben, daß ein Mann mehr als eine Frau nehme. Dieses ist nun kein guter Prospekt für quecksilberne Frauenzimmer und kann nun und dann zur Entschuldigung dienen, wenn diese und jene gegen ihre Anbeter weniger strenge tut. Aus eben dieser Ursache wünscht das Ende des Krieges niemand sehnlicher als die französischen Mädchen. Ob aber gleich jetzt noch ein ziemlich großes Sittenverderben, in Absehung der Keuschheit, in Frankreich herrscht, so ist doch, wie die Franzosen selbst bekennen, kein Vergleich des Gegenwärtigen mit dem Vergangenen, indem vorher die großen Herren und die Geistlichen nichts Hübsches, besonders in den niederen Ständen, ungeknickt aufblühen ließen. Ich sprach einst in einer Gesellschaft über diesen Punkt. »Freilich gibt es wohl noch Jungfern bei uns,« fiel einer ein, »aber vor fünf Jahren waren diese verdammt rar. Die Herren und die Pfaffen machten gar zu viele Jagd darauf. Jetzt sind diese Pestilenzen bei unseren Nachbarn, und wenn ihnen die nicht bald die Hälse brechen, so weiß ich gewiß, daß sie alle schwachen Weiber und Mädchen in Deutschland verführen werden.« Diese Bemerkung mag aber jetzt wohl nicht mehr statthaben, da die Emigranten in Deutschland eine gar traurige Figur machen und meist allgemein verhaßt und verachtet sind.   Der Jakobinismus hatte gerade damals durch Robespierres Sturz seine Hauptstütze verloren und ging nun allmählich selbst zugrunde. Man hätte wenigstens in Paris bei der gewaltsamen Verschließung des Jakobiner-Saales mehr Exzesse vermuten sollen, als wirklich vorgefallen sind. Aber die öffentliche Meinung entschied für die Entbehrlichkeit der Jakobiner und der Volkssozietäten, und so ging es ohne großes Blutvergießen zu; in den Provinzen schlossen die Jakobiner ihre Säle nach und nach von selbst. Von dieser Zeit an wurde der Name Jakobiner ein Schimpfname, und wenn man einen schlechten Streich nennen wollte, so sagte man, es sei un tour de Jacobin . Marat hatte bisher die Ehre genossen, daß man Straßen, Tore und Hospitäler nach ihm genannt hatte; aber nun ward Marats Name verächtlich. Man strich ihn allerorten aus, warf seine zahlreich errichteten Büsten um, und in Paris wurde sogar sein Körper so wie der des von ihm vertriebenen Mirabeau aus dem Pantheon geworfen und zugleich das kluge Dekret gemacht, daß in Zukunft niemand mehr im Pantheon aufgestellt werden sollte, als erst zehn Jahre nach seinem Tode, weil alsdann der für oder wider ihn streitende Parteigeist sich würde gelegt haben. Nachdem der Jakobinismus gestürzt war, hörte man nun überall wilde Verwünschungen gegen den »Verräter« Robespierre erheben. Indessen, so schuldig auch Robespierre und sein Anhang sein mag, so scheint mir doch nichts weniger wahr oder auch nur wahrscheinlich, als daß er ein Anhänger der auswärtigen Feinde der Republik je gewesen sei. Seine Unternehmungen waren mit den Bemühungen des Jakobinismus zu genau verwebt, und der Royalismus ist doch wohl dem Jakobinismus ganz entgegen. Kein Jakobiner kann einen König wollen – aber wohl einen Diktator! Wenn aber Robespierre wirklich eine Diktatur hat stiften wollen, welches man doch nicht hinlänglich folgern kann, so würde er der größte Tor gewesen sein, wenn er sich dazu die Hilfe fremder Mächte hätte suchen wollen. Er war ja allen koalisierten Fürsten verhaßt, und sein Sturz wäre unvermeidlich gewesen, wenn nur ein Wort davon herausgekommen wäre, und wie hätte so ein großes Projekt verborgen bleiben können? Was vielleicht mehr als alles andere die Franzosen gegen Robespierre aufbrachte, das war das recht eigentlich von ihm eingeführte Maximum oder die Taxe, über welche hinaus nichts verkauft werden durfte. Diese Anstalt war sehr drückend, besonders für das Landvolk. Anfänglich mochte das Maximum notwendig sein, aber nachdem das Papiergeld sich auf eine ungeheure Art in Frankreich gehäuft hatte, so war gar kein Verhältnis mehr zwischen den Waren und dem imaginären Aequivalent derselben oder dem Papiergelde. Man setze, es seien ehemals in Frankreich 4000 Millionen Livres im Kurs gewesen, ob ich gleich überzeugt bin. daß nicht 3000 Millionen in Spezies daselbst existiert haben. Man nehme ferner an, daß damals 50 000 Millionen Papiergeld darin existierten, welche Annahme in der Tat noch zu gering ist. Nun berechne man das Verhältnis, und man wird finden, daß schon wegen der großen Menge des Papiers die Waren weit teurer sein mußten als vorher, da noch Geld allein kursierte. Wenn daher ehemals eine Bouteille Wein 2 Sous kostete, so mußte man damals 25 geben, nach dem Verhältnis von 4:50 und nach dieser Annahme, welche aber weder auf jener noch auf dieser Seite richtig ist, da dort zu viel Geld und hier zu wenig Assignaten im Umlauf angegeben sind, mußte der Louisdor Der alte Louisdor hatte 24 Livres Wert. P. schon 300 Livres in Papier gelten. Hieraus ist ersichtlich, daß das Maximum aufgehoben ober wenigstens gar sehr erhöht werden mußte, wenn man nicht die größte Ungerechtigkeit begehen wollte. Die Einführung des Papiergeldes war eine Unternehmung aus Not, und die Fortsetzung desselben hat der zerstörende Krieg aller Mächte gegen Frankreich erzwungen. Das Maximum wurde abgeschafft und jedem wieder erlaubt, zu verkaufen, wie er wollte. Freilich stiegen nun alle Waren beträchtlich, aber nun war auch alles zu haben, wenn man nur Papier hatte. Viele verkauften jetzt, welche vorher für den geringen Preis nicht verkaufen mochten. Hatte man das Maximum erhöht, so würde dies, weil doch bald wieder eine neue Erhöhung notwendig geworden wäre, nur neue und verdrießliche Umstände und Verwirrungen bewirkt haben. Niemand verlor eigentlich bei der Aufhebung des Maximums, denn mußte man mehr geben, so erhielt man auch mehr für das, was man zu verkaufen hatte, und der Tagelohn der Arbeiter mußte natürlich auch erhöht werden. Man hat zwar in allen ausländischen Zeitungen geweissagt, daß die französische Republik den letzten Herzstoß bekommen hätte durch die Abschaffung der allgemeinen Warentaxe, aber auch diese Weissagung ist, wie so viele andere, ohne Erfüllung geblieben. Es sind seit der Zeit schon drei Jahre verflossen, und die Republik steht noch in ihrer fürchterlichen Größe.   »Der Weg zur Freiheit durch Revolutionen geht über große Ströme Blut und durch Täler voll Elend,« sagt Voltaire, »und bloß das hohe Glück, frei als Mensch zu leben, kann den Menschen gegen das Elend stählen, das Revolutionen notwendig mit sich führen.« Ja, Blut und Elend hat diese Freiheit genug gekostet! Und war es denn immer Freiheit? Im Herbst 1793 erging auf Betrieb des Robespierre und seiner Partei das fürchterliche Dekret, daß alle revolutionären Verbrechen mit dem Tode sollten bestraft, und alle verdächtigen Personen mit Arrest bei Brot und Wasser sollten belegt werden. Ein einziges Wort, ein: »Ich wünschte, es wäre Friede!« oder: »Wenn doch das Elend nicht gekommen wäre!« und dergleichen, war schon ein revolutionäres Verbrechen. Die beinahe in allen Städten Frankreichs errichteten Revolutionstribunale ließen Blut fließen wie Wasser. Das Abscheulichste bei der Sache war, daß auf die Aussage zweier Bürger allemal schon ein Todesurteil beruhen konnte. Man hat Beispiele, daß sogar Brüder einander angegeben und daß Eheleute einander revolutionärer Verbrechen beschuldigt haben. Was man bei uns beleidigte Majestät nennt, das nannte man in Frankreich beleidigte Nation . Um diese Zeit hörte aller freundschaftliche Umgang im ganzen Reiche auf, und der sonst so geschwätzige Franzose mußte damals seine Worte abwägen und auf seiner Hut sein. Es war sicherer, zu stehlen oder zu morden, als gegen die Konstitution oder vielmehr gegen den Jakobinismus zu reden. Kein Mensch besuchte mehr den anderen in seinem Hause, keiner wagte einen freundlichen Spaziergang mit jemand, aus Furcht, in Verdacht zu geraten; denn wie leicht war es, daß der, mit welchem ich umging, verdächtig war, und dann zog sein Sturz mein Verderben nach sich. Um also allen Verdacht von sich abzuwenden, kam man nur in den Wirtshäusern zusammen und ließ seine Stimme so laut, als es nur möglich war, zum Lobe des Konvents, der neuen Gesetze und besonders der Jakobiner erschallen. Die Nationalkokarde war anfänglich ein längliches äußeres Kennzeichen eines guten Republikaners, aber nachher war man damit nicht mehr zufrieden. Jeder, wer's nur zahlen konnte, trug eine Mütze à la Répuplique, d.h. eine von blauem Tuch mit rotem Rand und weißer Kante, woran auch noch die Kokarde befestigt war. Vorne an den meisten Mützen las man das Wort: Mort aux rois! oder: Mort aux tyrans! So eine Mütze war ein Hauptkennzeichen des Zivismus. Sogar an den verschnittenen und ungepuderten Haaren wollte man den besseren Patrioten kennen können, Aber Robespierre trug bis an sein Ende die sog. Taubenflügel-Frisur. P. und kurze Hosen sah man fast gar nicht mehr; sie schienen aristokratisch zu sein. Wer nicht gerade eine Nationaluniform hatte, zog eine kurze Jacke (matelote) an, und damit holla! Unter den unsinnigen Jakobinern gab es einige, die des Abends unter den Fenstern herumschlichen und horchten, ob irgend jemand laut betete, wie es sonst bei einigen Katholiken Mode ist. Hörten sie laut beten, so gaben sie die Leute an, daß sie heimlich Gottesdienst hielten und durch Gebete den König und die alte Verfassung wollten herstellen. Man hat diese Anklagen oft gehört, und die Beter wurden verdächtig und kamen ins Gefängnis. Der Rosenkranz war vollends ein deutliches Zeichen des Aristokratismus. Wer noch so dumm sein konnte, den zu beten, so einen hielt man auch für dumm genug, das Königtum der Republik vorzuziehen, und behandelte ihn als verdächtig. Selbst die französische Sprache hat während des Schreckenssystems gewaltige Veränderungen erlitten. Viele Wörter, welche sonst etwas Ehrwürdiges bezeichneten, bekamen damals eine schimpfliche entehrende Bedeutung; z.B. Prince: Bettler: Duc, Duchesse: Gaudieb; Monsieur: Laus: Madame: Hure. Außerdem wurden die unanständigsten Redensarten – Blasphemien nach der Kirchensprache – und eine unzählige Menge neuer Wörter in alle Gespräche, sogar in die öffentlichen Reden, eingemischt. – Zur Ehre der Nation muß ich aber sagen, daß diese niedrige und pöbelhafte Verbrämung der Sprache nach dem Verfall des Jakobinismus ziemlich nachgelassen hat. Sonst hat man von den Franzosen gesagt, daß sie im gemeinen Umgang höflich und artig seien. Aber unter dem Terrorismus war die äußerste Grobheit und Härte der Sitten das Zeichen eines Patrioten. Niemand zog mehr den Hut ab, niemand verbeugte sich mehr, und jedermann wurde geduzt, er mochte sein, wer er wollte. So schief wendete man den Grundsatz der Gleichheit an. Mir war übrigens das Ding nicht zuwider; denn wer mich kennt, der weiß, daß ich die sogenannte feine Lebensart nimmer gelernt habe, und daß ich jeden Augenblick gegen die Regeln der Etikette verstoße. Doch ich darf mich nicht zur Regel machen und wünschte selbst, daß ich in diesem Stück anders wäre; aber was ist zu tun: naturam expellas furca! – Genug, zur Ehre unserer Komplimentenmacher, Damen, Herren, Mosjes, Mamsellen usw. muß und will ich gern bekennen, daß die Franzosen bloß aus übel verstandenem und in den Terrorismus verschobenem Freiheitssystem ihre Komplimente und Artigkeiten geändert haben. Der Oberkrankenwärter Fraipon sprach einmal mit mir über diesen Punkt und gestand, daß die Franzosen weit mehr Mühe gehabt hätten, ihre ungenierten Artigkeiten und ihr verbindliches Geschwätz abzulegen, als ihre Religion. »Es hat,« sagte er, »gewaltige Mühe gekostet, unsre Leute zu gewöhnen, so miteinander umzugehen, wie die Bauern und Hirten in der Schweiz. Lieber hätten unsre Muskadins den lieben Gott gelästert, als ein Frauenzimmer ohne Schmeichelei vorbei gelassen. Aber es mußte einmal sein! Wer will wohl eines Komplimentes wegen verdächtig werden!« Die Wunde auf meiner Brust ging im Herbst 1794 wieder von selbst auf, nachdem sie einige Zeit zugenarbt gewesen. Ich befragte darüber meinen Bekannten, den Feldscherer Gibasier, und dieser legte mir ein Pflaster auf und versicherte mich, daß sich etwas von dem Brustknochen absondern würde. Diese Kur hatte aber nicht den gehofften Erfolg. Gibasier wohnte zu weit von meiner Wohnung, als daß ich ihn oft hätte besuchen können, und war meistenteils, wenn ich zu ihm kam, ausgegangen, meine Wunde blieb also oft sechs bis acht Tage ohne Verband. Dieser Umstand vermehrte die Eiterung und den dadurch erregten, für mich und andere beschwerlichen Geruch, und dies um so mehr, da es mir obendrein an allem mangelte, um die Wunde selbst zu reinigen. In unserer Kaserne fand sich indes ein Mensch, der von der Chirurgie etwas wissen wollte, und dieser versprach, mich innerhalb einiger Wochen völlig wiederherzustellen. Seine Kur aber bestand nur im Auflegen eines gewissen Pflasters, das ebenfalls wenig oder nichts wirkte. Ich ließ also auch diesen gehen und legte nichts weiter auf als Schirlingspflaster, dessen gute und heilsame Wirkung mir schon lange bekannt war. Da ich in der Kaserne bei den Deserteuren lag, dieses Gesindel aber durchaus nicht verdauen konnte, so ging ich schon früh morgens fort und kam spät abends wieder. Oft blieb ich auch über Nacht weg und verweilte dann teils bei den Kriegsgefangenen, teils bei dem Gastwirt Vienot, wo immer eine muntere Gesellschaft sich einfand. Vienot rief mich im Vorbeigehen oft in sein Haus, wenn er Gesellschaft hatte, und das, wie er sagte: pour égayer la conversation. Bei dieser Gelegenheit stand mir jedesmal eine halbe Bouteille Wein zu Diensten. Sehr oft zogen mich die Franzosen mit in ihre Zeche, und dann ging ich allemal frei durch. Ich gestehe das gern, weil ich mich nicht schäme, Wohltaten von denen anzunehmen, die mich ihres Umgangs und ihrer Freundschaft würdigen. Meine belehrende Unterredung war indes wohl auch was wert. Ich gab gleich nach meiner Zurückkunft von Mâcon täglich wieder 6 Stunden und verdiente also alle fünf Tage wieder 15 Livres; daneben erhielt ich von der Nation 2 Livres 10 Sous Traktament, hatte also 17 Livres 10 Sous alle fünf Tage, nebst meinem Brote. Daß ich also nicht darben durfte, versteht sich von selbst. Einige Zeit nach meiner Befreiung aus dem Gefängnis entzündeten sich meine Augen. Warum, das weiß ich nicht; aber Doktor Antoine meinte, daß der Burgunder keinen geringen Anteil an diesem Uebel haben möchte. Ich suchte nun mir zu helfen und machte Aufschläge von frischem Brot und Wasser, welches mir ein altes Weib geraten hatte, aber das half nichts. Da ich doch nicht unterließ, täglich Wein zu trinken, und einmal bei einer frohen Gelegenheit des Guten merklich zuviel tat, so konnte ich den folgenden Tag beinahe gar nicht mehr sehen. Ich tappte also zu dem ehrlichen Doktor Antoine und bat ihn um Hilfe. Er erschrak sehr, schüttelte den Kopf und sagte mir gerade heraus, daß ich um mein Gesicht kommen könnte, wenn ich mich im Trinken nicht mäßigte und mich nicht gehörig kurieren ließe. Ich sollte nur gleich aufs Spital gehen. Belin gab mir also einen Zettel, und ich quartierte mich zu »Marat« ein, welches Hospital damals auch seinen Namen änderte und Hôpital Mably genannt wurde. Man legte mir Blasenpflaster in den Nacken, ließ mir am Arm zur Ader und setzte Blutegel hinter meine Ohren, und durch diese Kur kam ich innerhalb acht Tagen wieder zu dem völligen Gebrauch meiner Augen. Ich hätte nun sofort das Spital verlassen können, aber ich zeigte dem Chirurgus Vallée meine Brustwunde, und dieser fand sie bedenklich genug, um deshalb mit dem Oberchirurgus zu sprechen. Man ward einig, daß sie erweitert werden müßte, ehe man sie heilen könnte, daß man aber doch noch einiges andere versuchen wollte, bevor man zum Schneiden schritte. Die Offiziere, die ich sonst unterrichtete, hatten, ich weiß nicht recht, weswegen, ihre Offizierlöhnung verloren und mußten, wie die Gemeinen, mit 10 Sous täglich vorlieb nehmen. Sie erklärten mir also, daß sie meinen Unterricht nicht ferner mehr alle belohnen könnten, bis sie ihr volles Gehalt wieder haben würden, wie sie zuversichtlich hofften und wie hernach auch wirklich geschehen ist. Also war ich genötigt, wenn ich nicht von 10 Sous leben wollte, meine Subsistenz einstweilen auf eine andere Art zu suchen. Ich zog darüber den Infirmier-Major Julien zu Rate, und dieser empfahl mir, wieder Krankenwärter zu werden, was durch den Direktor leicht auszuwirken sei. Ich war über diesen Vorschlag sehr froh, und meine Meldung wurde auch angenommen; da aber eine Stelle nicht frei war, so sagte man mir, ich möchte warten, einstweilen aber immer im Hospital mich aufhalten. Dadurch war ich also geborgen, zumal da ich die Erlaubnis hatte, in die Stadt zu gehen, so oft ich wollte. Beiher besorgte ich manches in der Apotheke und erhielt dafür manch hübschen Trunk Wein von der vortrefflichsten Sorte. Endlich, um Mitte November, verließ ich das Hospital, weil kein Platz als Krankenwärter für mich aufgehen wollte, und legte mich wieder in die Kaserne; aber lieber Gott, wie sah es da aus, als ich jetzt hinkam. Das Stübchen, worauf ich ehedem Quartier gehabt hatte, war ganz zerstört, die Türen des ganzen weitläufigen Klosters waren fast alle verbrannt, sowie auch die Fenster und Dielen, die man nur hatte aufreißen können. Bloß jene Zimmer waren verschont geblieben, worin die Deserteure lagen, deren noch ungefähr 60 von mehr als 800 in Dijon hausten. Die übrigen hatte man an andere Orte hingebracht, und manche waren heimlich entwichen. Selbst in den Spitälern führten diese Bursche sich auf wie die Bestien. Sie schlugen sich, besoffen sich und machten Lärm wie trunkene Bauern, so daß man immer einige nach der Wache schleppen mußte. Das äußere Ansehen der meisten dieser Buben war ebenso abscheulich: sie glichen in allen Stücken den verworfensten Bettlern. Beiher regierten Krätze und venerische Krankheit bei den meisten; kurz man kann sich nichts Abscheulicheres denken, als diesen Auswurf der Menschheit. Der Dijoner Kommandant Belin war daher immer froh, wenn er hörte, daß Deserteure ausgerissen wären. »So bin ich denn abermals,« pflegte er alsdann zu sagen, »einige dieser sacrés mâtins los!« Zu Basel hat man mir nachher geklagt, daß sehr viele in die Schweiz geschlichen wären und da die Wege unsicher machten. Einige von ihnen sind auch in der Schweiz gehenkt worden. Zwanzigstes Kapitel Entlassung der Deserteure aus neutralen Ländern. – Fabrikation falscher Taufscheine. – Warnung des Kommandanten. – Verschiedene Tätigkeiten, um meinen Unterhalt zu erwerben. – Schreiben für den Kriegskommissar. – Taglöhnerei beim Abbruch eines Klosters. – Mit dem Schiebkarren nach Auxonne. – Letzter Aufenthalt im Hospital Jean Jacques. – Die Dornen der Besorgnis. – Brief an Bispink. – Gute Nachrichten aus Halle. – Entlassung aus der Gefangenschaft. – Abschied von Dijon. – Gewissensbisse. – Mein Wandergefährte, der Husar, und das fleischige Mädchen. – Die Schweizer Grenze. Die Franzosen hielten die Deserteure vorzüglich deswegen zurück, damit sie den Verbündeten nicht wieder dienen möchten. Sie zeigten also, daß sie schlechte Geographen sind oder die Sache nicht genug überlegt hatten, als sie 1794 den Polen, Schweizern, Dänen, Schweden und anderen aus neutralen Ländern erlaubten, nach beigebrachtem Taufschein in ihr Vaterland zurückzukehren. Denn wie sollte es einem Polen, Dänen, Schweden, Russen und anderen möglich sein, in sein Land zurück zu kommen, ohne unterwegs angehalten und zu Diensten gezwungen zu werden? Die österreichischen und preußischen Werber lassen sich keinen brauchbaren Deserteur entwischen. Uebrigens wie sollten die Deserteure beweisen, daß sie Polacken, Dänen usw. seien? Nach Hause schreiben und Taufscheine kommen lassen, konnten nur die Schweizer, Venetianer und Florentiner; die sehr weit entfernten mußten das lassen. Einige wenige erhielten Taufscheine, aber die anderen? Nun, die fanden schon Rat, wenigstens die Klügeren. Unter den Deserteuren fand sich ein gewisser Prips, welcher ehedem Latein gelernt hatte und einen Taufschein zu fabrizieren wußte. Dieser fing an, ganz in der Stille für einige vertraute Freunde Taufscheine aufzusetzen. Anfänglich ging das Ding; die Leute auf dem Departement waren eben nicht sehr skrupulös, und wenn einer ein Papier von der Art brachte, so gab man ihm einen Laufpaß nach Basel, denn dahin mußten alle. Endlich machte Prips sich selbst einen Paß und entkam. Nach ihm trat ein anderer auf, namens Mann, gebürtig aus Lübeck und ehedem Dragoner bei den Preußen, ein erzschlechter Kerl und großer Spitzbube. Er verstand auch etwas – aber blutwenig – Latein, konnte schreiben und schrieb denn auch Taufscheine. Aber kaum kamen sie den Herren auf dem Departement zu Gesicht, als diese dem Kommandanten Belin befahlen, die Ueberbringer zu arretieren und nach der Conciergerie zu bringen. Die Formel der Taufscheine von Mann war folgende: Cum Deo! Anno Domini 1756 die quintus Majus baptistatus est in ecclesia Sancti Ulrici Johannes filius Andreas Mans et Dorothea sua femina. Compater fuerunt Johannes Vogt et Magdalena Cramp, sua mulier. Attestor, Warschau, den 25. October 1789 Augustinus                             Canonicus et Pastor Solches Geschmier mußte den Beamten auf der Munizipalität die Augen bald öffnen. Sie untersuchten mehrere Taufscheine, und siehe da, diese trugen die Zeichen der Falschheit sichtbar an sich. Sie waren oft auf Papier geschrieben, in welches die Worte: liberté – égalité eingeprägt oder eingestempelt waren. Mann mußte auf zwei Monate ins Gefängnis. Eines Tages ließ mich Belin zu sich kommen. »Höre,« sagte er, »Gibasier hat mir gesagt, daß du Latein verstehst; du bist also imstande, auch Taufscheine zu machen. Ich bitte dich aber, dies nicht zu tun: das Departement hat nämlich beschlossen, jeden Verfälscher von der Art auf ein ganzes Jahr einzustecken.« Ich dankte dem guten Belin für seinen Wink und versicherte ihn, daß es mir noch nicht eingefallen sei, auf solche Weise die Republik zu betrügen. Das hinderte alles nicht, daß nicht echte Taufscheine sogleich einen Paß verschafft hatten, und ein Deserteur, der so einen bringen konnte, wurde auf Kosten der Republik bis auf die Schweizer Grenze versorgt, d.h. er bekam täglich 2 Pfund Brot, 10 Sous und Nachtquartier. Auf den Etapes war nämlich seit dem Sommer 1794 einiges geändert worden. Man gab kein Fleisch mehr, wegen des Mangels desselben und weil die Etapes sonst eine sehr große Menge weggenommen hätten. Auch mußte der Wein von da an auf dem Etape zu 6 Sous die Bouteille bezahlt werden. Auch die reisenden Volontäre bekamen nichts weiter. Ich sprach einmal mit einem Volontär darüber, der mir ganz kalt erwiderte: »Da die Republik das Fleisch für unsere streitenden Brüder in den Armeen braucht, so wäre es unrecht, wenn man es auf den Etapes verschwenden wollte.« – Ein deutscher Soldat murrt gleich, wenn ihm etwas entzogen wird, und nur der Stock kann ihm das Maul stopfen; der Franzose hingegen weiß, warum man ihm dieses und jenes entzieht, und billigend schweigt er. Ich hielt es bei den Deserteuren in der Kaserne nicht lange aus; denn der Schenkwirt Vienot, bei welchem ich oft einsprach, ließ mich nebst noch einem Schuhmacher, der auch ein preußischer Ueberläufer war, in einer Kammer unter dem Dache liegen, und Kommandant Belin riet mir, für den Kriegskommissar zu schreiben, weil ich meine Stunden bei den gefangenen deutschen Offizieren noch nicht fortsetzen konnte. Der Kriegskommissar war zwar mit meiner Orthographie zufrieden, aber meine Handschrift gefiel ihm nicht; er konnte mich also nur zum Abschreiben und dann und wann zum Konzipieren brauchen; was aber leserlich rein geschrieben sein mußte, war immer das Werk des Greffiers. Zu eben der Zeit lernte ich einen Mann kennen, der das Karmeliterkloster nebst deren Kirche an sich gekauft hatte und gleich niederreißen ließ. Ich unterzog mich der Arbeit, die heiligen Mauern und Pfeiler mit niederzuwerfen, erhielt dafür täglich einmal zu essen und 50 Sous in Papier und stand mich dadurch so gut, als man sich in meinen damaligen Umständen stehen konnte. Wenn ich so auf einem Pfeiler stand und die großen Quadersteine losbrach, fiel mir oft der heilige Simon Stylites ein, welcher ehedem – wie man berichtet – so viele Jahre hintereinander auf einer Säule gestanden ist. Da machte ich dann einen Vergleich zwischen jenem geduldigen Heiligen und mir Unheiligen und fand so viel Verschiedenheit, daß ich oft selbst überlaut lachen mußte. Am Ende jeder Dekade wurden wir ausbezahlt; jeder erhielt alsdann 22 Livres 10 Sous, und so war ich immer imstande, nicht nur zu bezahlen, was ich indessen geborgt hatte, sondern es blieb noch soviel übrig, daß ich die Dekade bei Vienot oder sonstwo ordentlich hinbringen und Burgunderwein zur Genüge trinken konnte, wovon ich zwar jeden Tag etwas trank. Während der Zeit, als ich in der Karmeliterkirche taglöhnerte, habe ich einmal in Gesellschaft eines Dijoners Stärke ( Amidon ) nach Auxonne auf einem Schubkarren gekarrt und andere Waren von da mit zurückgenommen. Freilich war das eben keine angenehme Beschäftigung, allein ich unternahm sie dennoch gern, weil ich da den neuen Wein auf den Dörfern so recht probieren konnte. Es ist in der Tat etwas Köstliches um guten neuen Burgunder. Ungefähr in der Mitte des Dezember 1794 traf ich den Chirurgus Vallée bei Bienot. Er war freundlich und fragte mich, wie es mir ginge. Ich antwortete ihm: eben nicht zum besten; denn einmal müsse ich in der Kälte arbeiten, und dann schmerze mich meine Wunde auf der Brust oft nicht wenig. Er ließ sich dieselbe zeigen und sagte flugs: »Hole mich Prinz Condé, du bist nicht klug, daß du nicht ins Hospital gehst! Dort hast du Verpflegung, kannst machen, was du willst, wirst vielleicht auch bald kuriert und triffst da lauter alte Bekannte. Was willst du hier in der Kälte herumkriechen! Geh' ins Spital!« »Höre, lieber Vallée,« antwortete ich, »du wirst doch sorgen, daß ich im Spital wie sonst gehalten werde? Ich fürchte, ich komme zu oft, der Direktor wird am Ende wohl tückisch.« »Ei, warum nicht gar! Ich will dem Direktor schon sagen, was wir dir noch schuldig sind. Du bist unser Krankenwärter gewesen, hast deine Sachen ehrlich verrichtet und schleppst dich mit einer gefährlichen Wunde. Man muß dich ordentlich verpflegen und tut es auch gern; komm nur morgen und bleib bei uns, bis die Bäume grün werden.« Ich folgte. Früh holte ich mir einen Zettel beim Kommandanten Belin, und fuhr ab nach »Jean Jacques« ins Hospital. Mit Vergnügen denke ich stets an jene Tage zurück, die ich noch zuguterletzt in Dijon im Hospital verlebt habe. Täglich ging ich abends mit Freunden zu Mutter Guignier zu Weine, wo wir oft bis zehn Uhr und noch länger sitzen blieben. Dann schlief ich bis sieben oder acht Uhr, stand sofort auf, ließ mich verbinden und aß hernach zu Mittag. Nach dem Essen ging ich in die Familie des Hospitaldirektors, wo ich sehr brave Leute fand, las weiter in Büchern oder schrieb für andere oder erzählte mir Anekdoten mit einem deutschen Deserteur, der ebenfalls Theologe gewesen und nun Krankenwärter war. Dann aß ich zu Nacht, rauchte eine Pfeife Tabak draußen – im Innern war das Tabakrauchen verboten worden, weil mehrere die Betten angesteckt hatten – und ging hernach zu Weine. Dies ist mein ganzer Lebenslauf im Hospital zu Dijon, genannt »Jean Jacques«. So lustig dieser Lebenslauf aber auch war, so war er doch nicht ohne die Dornen der Besorgnis. Ich wußte mehr als zu gut, in welcher Gefahr ich wegen Dentzels unentschiedener Lage noch immer stand. Um mich also von dieser geheimen Folter zu befreien, sann ich auf eine ungehinderte Entlassung aus Frankreich, und so schrieb ich gleich nach meiner neuen Ankunft im Hospital an Herrn Bispink in Halle. In diesem Brief gab ich ihm, soweit es ohne Gefahr anging, etwas Nachricht über meine Lage in Frankreich seit meiner Desertion von den Preußen bei Landau. Zugleich bat ich ihn, er möchte mir in einem lateinischen Briefe, der an den Kommandanten Belin adressiert werden müßte, es bezeugen, daß ich aus Altona gebürtig wäre. Dies Zeugnis, fügte ich hinzu, wäre das einzige Mittel, mir ungehinderten Abzug aus Frankreich zu verschaffen. Herr Bispink hatte von mir seit meinem Uebergang nach Landau keinen Brief erhalten, und erst kurz vor Ankunft meines Dijoner Briefes hatte er erfahren, daß ich zwar noch lebte, allein zu Dijon an der Wassersucht im Lazarett krank läge. Dies hatte den guten Bispink um mich ebenso besorgt gemacht, als vorher die Ungewißheit über meine Lage und die Zeitungsnachricht, daß ich in Frankreich guillotiniert sei. Es läßt sich denken, daß ihm nichts willkommener sein konnte, als mein eigenhändiger Brief, der von Krankheit u. dgl. nichts erwähnte und mit einemmal den Stachel aller unangenehmen Nachrichten und Gerüchte stumpf machte. Voller Freude hatte er sich sogleich angeschickt, alles aufzubieten, um zu meiner Befreiung aus Frankreich nach Möglichkeit mitzuwirken. Er bemühte sich um eine schriftliche Fürbitte für mich von dem französischen General d'Oyré an den Kommandanten Belin und um noch eine an den Sekretär bei dem französischen Gesandten Barthélemy zu Basel. Diese und seine Briefe trug er selbst nach Leipzig und übergab sie dort zur sicheren Beförderung fürs weitere. Alles dies war in Zeit von zehn Tagen zustande gekommen. Die Zeit ward mir indes gar lang, ehe Bispinks Antwort kommen wollte, und ich zweifelte schon, ob er meinen Brief erhalten hätte. Endlich gegen das Ende des Jänners ließ mir der Kommandant Belin sagen, ich möchte gleich zu ihm kommen, er habe einen Brief an mich, der käme weit her, aus Deutschland. O, wie klopfte mir da das Herz! Ich flog zu ihm, und siehe da, ein Brief von meinem Bispink. Es waren eigentlich drei Briefe: einer in französischer Sprache von dem General d'Oyré, der damals als Geisel in Erfurt sich aufhielt und in den humansten Ausdrücken den Kommandanten Belin um meine Entlassung ansprach, dann zwei lateinische Briefe, deren einer unter mehreren anderen Nachrichten über dies und das, mir wie von ungefähr das Zeugnis gab, daß ich in Altona geboren und getauft sei. Dieser Brief war von Bispinks Hand, aber unter erborgtem Namen und unter dem Schreiborte Hamburg. Halle als eine preußische Stadt hätte, wie er gedacht hatte, das Zeugnis für mich als einen preußischen Deserteur verdächtig machen können. Der andere lateinische Brief von jemandem namens Adler aus Altona erzählte mir zu meiner höchsten Betrübnis, daß dieser brave Mann ein Entzündungsfieber gehabt habe und dem Tode nahe gewesen sei. Eben dieser Freund Adler riet mir, daß ich mich, um als preußischer Deserteur vor jeder Nachstellung sicher zu sein, nach der Schweiz begeben möchte. Vorzüglich empfahl er mir Zürich zu meinem Aufenthalt. Bispink hatte nämlich zugleich einen Brief an Herrn Geßner in Zürich geschickt, mit dem Auftrag, mich bei meiner Ankunft angemessen kleiden zu lassen und mir zu meiner weiteren Reise 3 Karolin in seinem Namen vorzustrecken. Dieser Brief enthielt zugleich einen an mich mit einem Paß für mich auf Halle und der Nachricht, daß ich vom Soldatenstande völlig entlassen sei. Dies konnte mir in den Briefen nach Dijon nicht gesagt werden, und Bispink hatte es für gefährlich gehalten, die erwähnte Anweisung für mich jemandem in Basel aufzutragen: er hatte ein Gerede darüber befürchtet und dadurch – in Barthélemys Nähe – Scheiterung seines Projektes. Die Herren Baseler ließen mich aber nicht nach Zürich, und so warf mich diese meine Unwissenheit wieder in einen Strudel, der meine Zurückkunft nach Halle über ein halbes Jahr verzögerte. Nachdem ich dem ehrlichen Belin die lateinischen Briefe erklärt hatte, so sagte er, indem er mir die Hand drückte: »Nun hast du gewonnen, Laukhard! Nun kannst du in dein Deutschland zurückgehen, wann du willst. Ich bin wirklich recht froh darüber: denn ich dachte immer, der Henker möchte mit dir noch einmal so sein Spiel auf der Guillotine haben. Du verstehst mich. Jetzt geh' nach dem Departement und fordre auf diese Briefschaften einen Paß nach der Schweiz.« Auf dem Departement wurden meine Briefe vorgelesen, und als einer von den Beisitzern die Bedenklichkeit äußerte, daß das kein ordentlicher Taufschein sei, indem er von keinem Geistlichen unterzeichnet wäre, so sagte der Präsident: »Ist etwa das Zeugnis aus dem Briefe eines ehrlichen Laien nicht ebenso gut, als das Attest eines Priesters? Wir Franzosen haben wohl noch Ursache, auf Priester zu bauen! Genug, das Zeugnis ist gut, und Citoyen mag nach Hause gehen!« Ich erhielt also von dem Departement eine Ausfertigung, nach welcher Nardot, der Kriegskommissar, mir einen Paß nach Basel geben sollte. Dieser lachte, als er schreiben mußte, ich sei aus Altona. Denn ich hatte ihm von meinen Begebenheiten einiges vorerzählt, und so wußte er recht gut, woher ich war. Aber auch er war mir gut, und froh, daß ich auf diese Weise aller Gefahr entgehen konnte, und schrieb mir den Paß. Hier mag vielleicht mancher aristokratische Leser die Nase rümpfen und sagen: Der Verfasser lobt den Zivismus oder die Anhänglichkeit der Franzosen ans Gesetz; nach seinem eigenen Geständnis wußten Belin und Nardot, daß es mit seinem Geburtsort Altona nicht richtig war, und doch waren sie, wie er zu verstehen gibt, recht brave Bürger. Wo bleibt aber hier ihre Bravheit, da sie ihre Mitbürger hintergehen halfen und wenigstens den Betrug nicht entdeckten? Meine Herren! die Bürger Belin und Nardot wußten, daß es der Republik ganz gleichgültig sein konnte, ob ich aus Altona oder Konstantinopel oder gar Otaheiti gebürtig war. Dann waren sie meine Freunde; verrieten sie mich, so war der Schaden für mich groß, sehr groß, und der Nutzen für den Staat – eine Null! Das Schreckenssystem hatte alle feinfühligen Franzosen nur noch mehr humanisiert, und so gönnte man mir Leben und Blut. Der Kommissar riet mir, in Dijon zu bleiben, bis es bessere Witterung und warm wäre; denn, sagte er, in der Franche-Comté wirst du schlechte Wege treffen und nicht fortkommen. – Aber ich hatte noch einen triftigen Grund, mich bald von dannen zu machen. Ich hatte, da ich von Herrn Bispink immer keine Antwort erhielt, an meine Mutter geschrieben und um meinen Taufschein gebeten. Es war nämlich seit meinem Schreiben an Bispink auch den linksrheinischen Pfälzern erlaubt worden, nach Hause zu gehen, weil man jene Provinzen damals auch als der Republik eigen ansah. Es war mir sehr wahrscheinlich, daß meine Mutter bald antworten würde, und dann kam der Brief, wie alle für die Gefangenen und Deserteure, an den Kommandanten Belin, und dann, was würde der ehrliche Mann gedacht haben, oder vielmehr, was hätte er zu seinen Mitbeamten sagen sollen? Um also dem einen wie dem andern vorzubeugen, entschloß ich mich kurzweg, gleich den anderen Tag abzufahren. Die deutschen Offiziere waren froh, daß ich fortkonnte, und einige derselben versorgten mich noch mit Assignaten auf die Reise; ebendieses tat auch der Spitaldirektor. Den größten Teil der Nacht brachte ich in der Schenke der Mutter Guignier zu und ging erst nach zwölf Uhr, zwar nicht betrunken, aber auch nicht ganz nüchtern, nach Hause. Im Spital erwartete mich ein preußischer Gefangener von den Bellingschen Husaren, ein geschickter Schneider und braver Mensch, der nicht weit von meinem Bette lag. Er war meinetwegen aufgeblieben und bat mich, ihm zu erlauben, daß er sich an mich auf meinem Wege anschlösse, um zu versuchen, aus Frankreich herauszukommen. Ich hielt es für Pflicht, einem Kameraden den Ausgang aus Frankreich zu erleichtern, und sagte ihm, er solle den anderen Morgen vor der Stadt auf mich warten. Ich brauchte nicht zu fürchten, verraten zu werden, denn der Husar verstand kein Wort Französisch, und wenn er wäre angehalten und ich seinetwegen befragt worden, so hätte ich gesagt, daß ich von seiner Geschichte nichts wisse und daß es meine Schuldigkeit auch nicht sei, danach zu fragen. Früh konnte ich mich beinahe nicht losmachen aus dem Hospital. Die Chirurgen, der Direktor, die Krankenwärter und viele Kranke redeten alle auf mich ein, und fast jeder wollte mir etwas mitgeben. Der deutsche Wärter drang mir ein ganzes Brot auf, der Direktor ein Fläschchen feinen Franz, der Apotheker ein Gläschen liquor anonymus , und mehrere Krankenwärter ihre Fleischportionen vom vorigen Abend, die sie für mich aufgespart hatten. Endlich kam der Portier und brachte mir einen großen Pack Rauchtabak. – Sie weinten alle, und ich war so tief gerührt, daß ich ihnen nur die Hände drücken, aber kein Wort sprechen konnte. Betäubt ging ich durch die Straßen von Dijon, und erst vor dem ehemaligen Peterstor konnte ich mich wieder fassen und zurück blicken. Hier stieg nun folgender Gedanke bei mir auf, der mein ohnehin schon verwirrtes Gemüt nur noch mehr zerrüttete: Du gehst jetzt aus einem Lande, in welches du auf die unwürdigste Art von der Welt getreten bist. Du hast wollen das Deinige beitragen, die Freiheit einer edlen Nation stürzen zu helfen – eine Freiheit, deren wohltätigen Einfluß du selbst gefühlt und genossen hast. Geh', Laukhard, schäme dich! Du bist ein Niederträchtiger, ein Verworfener. Sprich ferner nicht mehr von Schurken, denn du gehörst in ihre Klasse, stehst mit unter den Verächtlichsten. Die Franzosen hätten recht gehabt, wenn sich dich deiner Unternehmungen wegen mit dem Tode bestraft hätten. Aber wie sind sie mit dir verfahren? – Welchen Ersatz kannst du ihnen geben? – Hier faßte ich den festen Vorsatz, von den Franzosen niemals anders zu reden oder zu schreiben, als wie es die Wahrheit nach meiner Ueberzeugung fordere. Und durch diesen Vorsatz wurde ich um etwas beruhigt. Mein Husar kam bald zu mir, und wir gingen stracks fort auf Auxonne zu. Aber schon den Nachmittag fing es an zu regnen, so daß wir eine Stunde vor dieser Stadt auf einem Dorfe übernachten mußten. Ein reicher Bauer gab uns Quartier. Es war schon ein alter Mann, dessen Sohn tot, dessen Enkel aber im Felde waren. Drei Töchter seines Sohnes, deren Mutter und er versahen ihnen die Wirtschaft, wobei ihnen auch ein Kriegsgefangener aushalf. Die Leute waren sehr munter, und als ich ihnen sagte, daß mein Reisegefährte ein Schneider sei, so bat ihn der Alte, er möchte ihm seinen Rock ausbessern. Der Husar war dazu willig, und alle gaben ihm das Zeugnis, daß er seine Sache hübsch mache, daß es schade sei, daß er fort wolle, und daß er sogar auf ihrem Dorfe recht gut würde leben und sich durchbringen können. Die Mädchen schäkerten endlich mit uns, und ich merkte, daß der Husar nichts mehr bedauerte, als daß er mit ihnen nicht sprechen konnte. Die Leute gaben uns zu essen, und als der Alte sowohl als die Mädchen fortfuhren, zu bedauern, daß ein hübscher Mensch, der ein Handwerk verstände, ihr Land verlassen wolle, worin er doch weit besser als in Deutschland leben und sein Auskommen finden würde – so wollte ich meinen Spaß haben und sagte zum Alten, wenn er meinem Reisegefährten eins von den Mädchen zur Frau geben wollte, so wollte ich ihm den Vorschlag tun, da zu bleiben. Dazu könnte wohl Rat werden, antwortete der Alte mit Lächeln. Ich erklärte dies meinem Husaren, aber auch mehr schnurrig als ernsthaft, und dabei blieb es für den Abend. Früh aßen wir noch Suppe mit den guten Leuten und gingen nach Auxonne, wodurch auch der Husar mußte, weil er sonst nicht über die Saône konnte, über welche hier eine Brücke geht. In Auxonne lagen auch Preußen, unter welchen der Husar Bekannte hatte, die er besuchen wollte, während ich meinen Paß unterschreiben und mir Brot und Geld geben ließ. Ich bestellte ihn in ein Weinhaus, wo wir unser Bündel abgelegt hatten, und ging. Als ich zurückkam, war mein Husar noch nicht da; ich ließ mir also etwas geben und wartete: aber vergebens. Daran aber war ich wohl schuld, und zwar so per accidens ; denn unterwegs von dem Dorfe an bis Auxonne sprach ich von den Vorteilen, die einer haben könnte, der in Frankreich bleiben und sich da durch seine Arbeit nähren wollte. Und da ich merkte, daß das eine Mädchen, welches sehr bei Fleische war, Eindruck auf den Husaren machte, so strich ich das Glück heraus, welches er da auf dem Dorfe haben könnte. Diese Vorstellung hat dem guten Menschen vielleicht eingeleuchtet, denn nach langem Warten ging ich endlich ins Kloster zu den Preußen, und fragte nach dem Husaren. »Ja,« hieß es, »der ist zurückgegangen, er hat gesagt, er getraue sich nicht, durchzukommen.« Wahrscheinlich war er wieder auf das Dorf zurückgeeilt. Nun, es bekomme ihm wohl! Ich marschierte nun ohne besondere Abenteuer der Grenze zu, und als ich nach Bourg libre, wie das frühere Saint Louis nun hieß, gelangte, befragte ich mich, was ich zu tun hätte, um ohne Hindernis nach Basel zu kommen. Man wies mich an einen Greffier, welcher meinen Paß aus Dijon an sich hielt und mir ein Zettelchen von seiner Hand gab, nach welchem die Grenzwache auf der Chaussee angewiesen wurde, mich durchzulassen. Als ich über die Grenze kam, hatte ich eine ganz eigene Empfindung. Ich war freilich recht herzlich froh, endlich einmal wieder in einem Lande zu atmen, wo ich weiterhin keine Gefahr mehr zu besorgen hatte, wegen eines Auftrags, dem ich mich so unbesonnen unterzogen hatte. Allein auf der andern Seite verließ ich doch ungern ein Land, in welchem ich mehr gesehen und mehr erfahren hatte, als ich je wieder sehen und erfahren kann, ich mag hinkommen, wo ich will, und sollte ich Methusalems Alter erreichen. Einundzwanzigstes Kapitel Basel. – Die Basler Stadtsoldaten. – Die Bettelherberge. – Erlebnis auf dem Rathaus. – Grobe Schweizer. – Eine großmütige Dame. – Nil desperandum ! – Freiburg im Breisgau. – Ich nehme Dienste bei den Emigranten. – Ettenheim. – Prinz Rohan und seine Maitresse. – Kardinal Rohan. – Unser Heldenkorps. – Mehr Offiziere als Soldaten. – Ich desertiere von den Emigranten. – Ich nehme Dienste bei den schwäbischen Kreistruppen der Reichsarmee. – Ich werde zum Unteroffizier befördert. – Der Korporalstock. – Meine Besucher und ihre Speisekörbe. – Grausame Bestrafung von Spionen. – Spießrutenlaufen. – Brief an den Kronprinzen von Preußen. – Abschied von der Reichsarmee. Es war eben dämmerig, als ich mit einem andern preußischen Deserteur, den ich schon bei Besançon getroffen hatte, ans Tor zu Basel kam. Die Wache fragte nach Pässen, da wir aber keine mehr hatten, so bekamen wir einen Soldaten zur Begleitung. Die Basler Stadtsoldaten machen eine sehr tragische Figur, und ich kann mich nicht genug wundern, daß ich in gewissen Briefen über die Schweiz die schönen roten Soldaten der Stadt Basel loben höre. Der Verfasser hat, wie viele Reiseschreiber, aus seiner Kutsche oder aus dem Fenster seines Gasthofes, worin er logiert hat, seine Bemerkungen angestellt, und da hat er einige von den roten Schweizern, welche ehedem in Frankreich gedient hatten, gesehen und sie für Baseler Stadtmiliz gehalten. Die echten Basler Stadtsoldaten sind schmutzige Kerls mit blauen Röcken, blauer Hose und blauer Weste, oder wie sonst die Preußen sagten, als noch die Garnisonregimenter existierten: dreimal blau und neunmal des Teufels. Unser Stadtsoldat führte uns zu einem Kommissar, der unsere Namen usw. in ein großes Buch einschrieb und uns sofort nach der Bettelherberge schickte. Es ist nämlich zu Basel Mode, daß alle Fremden, welche über Nacht da bleiben wollen, sich entweder als wirklich Reisende, d. i. für ihr Geld zehrende Personen, dadurch qualifizieren, daß sie sich in ein namhaftes Gasthaus einquartieren, oder aber, daß sie sich auf die Bettelherberge bringen und da einsperren lassen. Ich war sehr müde, und es kümmerte mich also wenig, ob ich auf der Bettelherberge oder sonstwo schlief; ich war ja der elenden Nachtlager schon seit sehr langer Zeit gewohnt worden. Und ob ich schon keine Ursache habe, mit dem Betragen der Basler Herren gegen mich zufrieden zu sein, so danke ich ihnen doch hier öffentlich für ihr Brot, ihre Erbsensuppe und ihre zwei Schweizerbatzen, womit sie mich reguliert haben. Auf der Herberge war es ein Leben, wie man es an einem solchen Orte erwarten kann. Ungefähr acht Deserteure, die aus Frankreich zurückkamen, waren unsere Gesellschaft, nebst einigen Elsässer Flüchtlingen, die in ihr Land zurück wollten. Wir mußten auf der bloßen hölzernen Pritsche liegen, weil man wegen des Ungeziefers kein Stroh auf die Herberge bringen durfte. Ich lagerte mich auf den Tisch. Der Lärm in dieser Gesellschaft war unaufhörlich, doch aber freute ich mich, die deutschen Deserteure immer besser kennen zu lernen. Sie sprachen von nichts als von den Bubenstücken, die sie während ihres Aufenthalts in Frankreich verübt hatten, und rühmten sich ihrer nach dem Grundsatz, daß man sich an so einer Nation nicht versündigen könne. – Ein Emigrant aus Toul in Lothringen, der auch da war, schäkerte mit einem Bettelmädchen, das uns gleichfalls Gesellschaft leistete, unanständig genug. Als ich ihm sagte, daß er wenig Geschmack haben müßte, mit so einem Wesen schön zu tun, antwortete er: » Que voulez-vous? Il faut prendre ce qu'on trouve sur ses pas « – und griff wieder nach dem zerlumpten und schmutzigen Bettelmädchen. Früh kam der Herr Vater oder der Oberaufseher über die Herberge, gab uns unser Geld, jedem zwei Batzen, und hieß uns abmarschieren. Ich trennte mich sofort von meiner Nachtgesellschaft, lief durch einige Straßen und begaffte die Häuser und Menschen, wie einer tut, der zum erstenmal in eine so berühmte Stadt kommt, wie Basel ist. Sodann ging ich aufs Rathaus, wohin man mich gewiesen hatte, um einen Paß nach Zürich zu bekommen. Hier traf ich in einer nach recht gotischem Geschmack eingerichteten Stube einige Herren, welche mich derb anfuhren und im impertinentesten Ton alle zugleich fragten, was ich schaffe, d.i. haben wollte? Ich : Meine Herren, ich habe Sie gehorsamst ersuchen wollen, mir einen Paß nach Zürich zu geben, wohin ich gewisser Absichten wegen gerne gehen wollte. Die Herren (alle zugleich und im echten, unerträglichen Schweizerton): Nein nein, daraus wird nichts! Der Herr sieht aus wie ein Vagabund. Nein, aus dem Paß wird nichts! Ich : Meine Herren, ich bin kein Vagabund. Ich habe ehemals dem König in Preußen gedient und möchte den Herrn Professor Ulrich und den Herrn Geßner in Zürich besuchen. Die Herren (wie zuvor, aber immer lauter): Nein nein, daraus wird nichts! Der Herr kommt aus Frankreich, und wer aus Frankreich kommt als Deserteur oder als Gefangener, darf in der Schweiz nicht reisen. Jetzt geh' der Herr! Ich ärgerte mich über die impertinente Grobheit der Basler Herren und schob ab, ohne ein Wort weiter zu verlieren. Hier will ich im Vorbeigehen bemerken, daß die meisten Schweizer in ihrem Lande ebenso impertinent, stolz und grob sind, als sie sich in fremden Ländern biegsam, artig und fein zu betragen suchen. In ihrem Lande dünken sie sich Könige und sehen stolz herab auf Fremde, zumal arme. – Diese Anmerkung haben schon mehrere Reisende gemacht. Hätte ich aber doch Geld geben können, ich würde gewiß einen Paß erhalten haben, denn kein Sprichwort ist richtiger als das alte: »Kein Geld, kein Schweizer«. Auf der Straße, nicht weit vom Rathaus, fragte mich ein Franzose nach etwas, worüber ich ihm keine Auskunft geben konnte, und ich wollte eben weitergehen, als eine Dame mit der französischen Kokarde an ihrem Kopfzeuge mir zurief, ob ich eben jetzt aus Frankreich käme. Ich antwortete mit ja, und sie fuhr fort, zu fragen, wo in diesem Lande ich mich denn aufgehalten hätte. Als ich nun unter mehreren Städten auch Mâcon nannte, so bat sie mich, zu ihr hereinzukommen. »Du siehst fatal um die Beine herum aus, Citoyen,« sagte sie: »du hast, wie es scheint, wohl auch kein Geld, dir Schuhe anzuschaffen? Nun, so sollst du Schuhe haben; ich bin auch aus Mâcon und betreibe hier einige Geschäfte. Setze dich.« Ich gehorchte und erzählte ihr dieses und jenes aus Frankreich, auch manches von meinen eigenen Geschichten; sie hörte mir mit Aufmerksamkeit zu und bewirtete mich indessen mit Wein, Brot und Knoblauch. Es wurde ein Schuster herbeigerufen, der mir ein Paar Schuhe anprobieren mußte; sie paßten, und die Dame bezahlte sie. Dann gab sie mir ein Paar Strümpfe und noch ein recht gutes Hemd von ihrem Mann. Ihr Bedienter mußte mich hernach in den Gasthof »Die wilden Männer« bringen, wo ich auf ihre Kosten gespeist und beherbergt wurde. Hier erfuhr ich, daß diese Dame und ihr Mann sich schon einige Zeit in Basel aufhielten und da mit Pferden handelten, welche sie in Deutschland, ja sogar von den österreichischen Offizieren und Kommissarien aufkauften und ihren Franzosen mit schwerem Profit wieder abließen. Man versicherte, daß die Leute mehr als eine halbe Million Livres durch den Pferdehandel gewonnen hätten. Ich gönnte der edlen Frau ihren Gewinn, ob ich gleich die Untreue jener Oesterreicher verabscheuen mußte, die ihren Kaiser so schändlich betrogen. Der preußische Gesandte Graf von Golz war kurz vorher in Basel gestorben, und dessen Nachfolger war noch nicht angekommen; ich konnte also von dieser Seite auf eine Unterstützung und einen Paß nicht rechnen und war daher genötigt, meine Wanderung nach Zürich aufzugeben und mich weiter nach Deutschland hinein zu schleppen. – Nach Halle wollte ich nicht eher, als bis ich ganz gewiß wüßte, daß ich die preußische Uniform nach meiner Zurückkunft nicht weiter tragen sollte. Nachdem ich einmal entschlossen war, ging ich den anderen Tag früh zu meiner Dame, dankte ihr für ihre Güte und erhielt noch einen Kronentaler auf die Reise. Diese Dame vermehrte meinen Kommentar zu dem Sprüchelchen: Nil desperandum! Hierauf begab ich mich zu dem Kaiserlichen Kapitän, welcher sich in Basel aufhielt und den Auftrag hatte, die aus Frankreich zurückkommenden Soldaten mit Pässen nach Lörrach zu versehen. Der edle Mann fertigte mir sogleich einen Paß aus, instruierte mich, wie ich mich bei den Vorposten usw. zu verhalten hätte, und beschenkte mich noch mit einem Zwanziger. Und so verließ ich Basel und bedauerte weiter nichts, als daß ich die dortigen Herren auf dem Rathause wegen eines Passes begrüßt hatte. Möchten diese Herren nur noch lernen, forthin nichts zu übereilen, und einzusehen, daß hinterm Berge auch Leute wohnen! Das Städtchen Lörrach liegt anderthalb Stunden von Basel und gehört dem Markgrafen von Baden. In dieser Gegend wächst vieler Wein, der auch damals nicht sehr teuer war. In Lörrach stand ein starkes kaiserliches Kommando, bei dessen Oberst ich mich meldete und ganz gut aufgenommen wurde: denn damals dachte man noch nicht daran, daß Preußen und Frankreich so bald Friede machen würden. Der Oberst sagte mir, daß ich nur immer ausruhen möchte, er wollte mir einen Quartierzettel geben lassen; und wirklich kam ich in eine Mühle zu liegen, deren Eigentümer ein großer Verehrer des vorigen Königs von Preußen war und mich also gut behandelte. Ich erhielt hier auch kaiserliches Traktament, welches, wie der Obrist sagte, sein Herr meinem König berechnen würde. Die Emigranten lagen hier auf Werbung und machten sich auch an mich; ich hatte aber keine Lust, unter dem Gesindel zu dienen, und brach also kurz ab. Am 28. Februar 1795 zog ich mit einem kaiserlichen Kommando von zwei Mann, welche 29 fremde Soldaten begleiten sollten, von Lörrach und kam den 2. März in Freiburg an. Der dortige Platzmajor hatte die Güte, mir ein Quartier in dem ehemaligen Dominikanerkloster anzuweisen, und schickte mich nachher zum General von Alwinzi, den ich um einen Paß nach Frankfurt am Main ansprach. Der General war sehr artig und beschenkte mich über mein Erwarten, aber den Paß nach Frankfurt schlug er mir ab, aus Gründen, die ich selbst billigen mußte. Er erlaubte mir indes, noch zu bleiben, bis ein Kommando nach Heidelberg gehen würde, mit welchem ich alsdann fortkommen sollte. In Freiburg war ein gewisser Marquis d'Aunoy, der für den Prinzen Rohan, oder vielmehr für der Engländer Geld, Rekruten anwarb. Ich traf diesen Marquis, der sonst ein artiger, äußerst feiner Mann war, in einem Gasthaus vor der Stadt an. Er war nicht als Offizier gekleidet, und ich hielt ihn für einen simpeln Emigranten, aber er entdeckte sich mir bald kenntlicher. Er versprach mir 10 Louisdor oder 60 Taler in Gold und sogleich die Stelle eines Unteroffiziers, wobei ich jeden Tag 24 Kaiserkreuzer Traktament und 2 Pfund Brot haben sollte; auch könnte ich auf Avancement rechnen usw. Das Ding gefiel mir, und da man mit mir wie mit einem Kinde leicht machen kann, was man will, ich es auch müde war, auf das Kommando nach Heidelberg in Freiburg länger zu lauern oder mich auf Kosten anderer weiter durchzuschlagen und dabei Gefahr zu laufen, gewaltsamen, österreichischen Werbern in die Klauen zu fallen oder von den Preußen wieder in preußische Uniform gesteckt zu werden, so schlug ich ein und ward – Soldat bei den Emigranten!   Der Marquis d'Aunoy beschied mich auf den andern Tag in dasselbige Gasthaus und verbot mir, in der Stadt etwas von unserer Abrede zu erwähnen. Es war ihm nämlich nicht erlaubt, zurückgekommene Leute anzuwerben, welche vom kaiserlichen General in Freiburg Quartier und Löhnung erhalten hatten: diese mußten jedesmal zu ihren Armeen gebracht werden. An einem Sonntag ging ich mit einem Sergeanten von den Emigranten aus Freiburg ab, kam gegen Abend nach Ettenheim, sieben gute Stunden von Freiburg, schlief im Wirtshaus, und den anderen Tag führte man mich zum Prinzen Rohan und zu seinem Onkel, dem Kardinal Rohan, ehemaligen Bischof von Straßburg. Der Prinz ist ein wahrer Laffe, gerade wie man sich nur einen simpelhaften Geck von Emigrierten denken kann; er springt, singt, trällert und faseliert herum, wie ein Geschöpf seiner Art es nur vermag. Der Kardinal hat mir etwas besser gefallen. Ich dachte da einen alten abgemergelten Wollüstling zu sehen, der die Spuren seiner Ausschweifungen auf dem Gesichte trüge, denn ich hatte von dem Herrn Kardinal viel Skandalöses gehört und gelesen. Allein ich fand ein wirklich ehrwürdiges Gesicht eines schon in den Jahren stehenden hohen Prälaten der römischen Kirche. Sein anständiges Wesen und seine schön modulierte Stimme würden mir Ehrfurcht eingeflößt haben, wenn ich nicht gewußt hätte, daß er schon durch die fatale Begebenheit mit dem Halsbande und durch grobe Verletzung des Völkerrechts an der traurigen Revolution auch stark schuld gewesen ist. Er unterhielt sich lange mit mir, und auf mein Geständnis, daß ich lutherisch sei, sagte er: »Das ist einerlei! Die Liebe zum Guten macht die wahre Religion, der Name tut dazu nichts.« Ich wunderte mich, einen katholischen Bischof, dessen Hirtenbriefe zu Anfang der Revolution ganz anders lauteten, so reden zu hören. Aber einige Tage darauf, als ich einem Benediktiner zu Ettenheimmünster diese Aeußerung des Kardinals erzählte, belehrte mich dieser eines Bessern, indem er sagte, der Kardinal habe als Prinz wenig Theologie studiert; er wisse also nicht recht, wie wichtig der wahre Glaube sei usw. Ettenheim ist ein ganz hübsches Städtchen, welches nebst etwa 20 diesseits des Rheins gelegenen Ortschaften dem Bischof von Straßburg zugehört. Diese Ländereien sind auch das einzige, was dem Kardinal von allen seinen Herrlichkeiten übrig geblieben ist, denn seine großen Güter in der Bretagne, seine Besitzungen im Elsaß, ja sogar seine Mobilien hat die Nation für eine gute Prise erklärt. Der Staat, den der Kardinal damals machte, war gering – ein Mainzer Domherr hat sonst größeren gemacht. Doch standen noch Soldaten vor dem Schloß Schildwacht. Eine von den Mätressen des Prinzen habe ich auch gesehen: es war ein dickes Saumensch aus dem Emigrantengesindel und, wie ich gehört habe, die Frau eines gewesenen Pächters, welche der Prinz von Rohan-Guémené ihres Reichtums wegen unterhielt und sich von ihr Geld vorschießen ließ. Nach einem kurzen Aufenthalt in Ettenheim ging ich nach Ettenheimmünster, einer überaus reichen Benediktinerabtei, wo der Sammelplatz des Regiments sein sollte. Unser ganzes Korps bestand damals aus ungefähr 30 Mann, meist verlaufenem Gesindel, wobei ich denn, nach der Zusage des Marquis, sofort als Korporal angestellt wurde. Wir erhielten leinwandene Hosen und eine Kapotte, weiter aber nichts, denn man wußte selbst noch nicht, was für eine Uniform man uns geben sollte. Unser Kommandeur war der Prinz von Rohan; außer diesem waren noch zwei Kolonels, fünf Kapitäne und mehr andere Offiziere ernannt, welche aber nicht bei uns, sondern in Ettenheim logierten. Auf diese Art hatten wir beinahe mehr Offiziere als Soldaten. Bei uns war so der rechte Auswurf der Menschheit. So klein der Trupp auch war, so hatten wir doch Deutsche, Holländer, Italiener, Spanier, Polen und Franzosen. Einer davon hatte nur ein Auge, und einer war vorne und hinten buckelig. Verschiedene davon hatten Weiber bei sich; dabei war denn ein Leben, wie ehemals zu Sodom. Als ich zu den Emigranten stieß, trug ich noch meinen Rock nach französischer Art mit republikanischen Knöpfen. Der Adjutant forderte, ich solle ces foutus boutons abschneiden. Als ich ihm aber sagte, daß ich kein Geld anwenden würde, neue zu kaufen, so gab er mir einen neuen Taler, und ich schnitt die Knöpfe ab. Wir erhielten täglich zur Löhnung: der Gemeine 16, der Korporal 24 Kreuzer und jeder 6 Kreuzer Brotgeld, welches indes wegen der großen Teuerung nicht zureichte. Damit aber die Leute ihr Geld nicht auf einmal versaufen sollten, so gab man ihnen die Löhnung jeden Tag früh. Da die Mannschaft nichts zu tun hatte, so versoffen die Kerls ihre Löhnung in Wein, aßen etwas Brot dazu und legten sich hernach auf die Bärenhaut schlafen oder gingen auf die nächsten Dörfer stehlen und rauben. Ich für mein Teil lebte ziemlich ruhig und befand mich meistens in Ettenheim, wo ich mit dem Kanonikus Sebastiani, der von Strasburg flüchtig geworden war, Bekanntschaft gemacht hatte. Dieser Herr liebte ein gut Glas Wein und die Zotologie, und so war ich eben kein unrechter Gesellschafter für ihn. Es vergingen wenig Tage, daß nicht einige von unseren Leuten wegliefen; sie hatten nur ungefähr eine Stunde bis ins Badische, und dort hatten die Emigranten nichts mehr zu befehlen; ihre Requisition wurde dort durchaus nicht respektiert. Ich hatte vom Marquis d'Aunoy die Versicherung erhalten, daß man mir fünf Louisdor gleich und fünf nach Verlauf von sechs Monaten zahlen würde. Allein ich erhielt nur 4 Laubtaler, indem der Adjutant sagte, er habe nicht mehr in der Kasse. Damit ließ ich mich anfänglich auch abspeisen und lebte von meinem Traktament oder 30 Kreuzern täglich. Als ich aber nachher noch einen Laubtaler forderte und der Adjutant mir geradezu sagte, ich sei nun Korporal, und als Korporal müßte ich ohne Handgeld par honneur dienen, da dacht' ich: so hole der Geier eure honneur ! und faßte sofort den Entschluß, bei der ersten Gelegenheit abzufahren, sobald nur bessere Witterung einträte. Ich sagte niemand von meinem Vorhaben, ja ich bemühte mich vielmehr, einigen Eifer für die Einrichtung unseres lieblichen Korps zu zeigen, lehrte die Rekruten das Gewehrputzen u. dgl., so daß der Adjutant mich versicherte, er wolle mich dem Prinzen empfehlen, und dieser würde mich stehenden Fußes zum Sergeanten machen. Eines Tages aber schickte mich der Adjutant in Geschäften nach Ettenheim, wo ich über Nacht bleiben mußte, und ich benutzte diese Gelegenheit, und ging mir nichts dir nichts gegen Abend aus Ettenheim die gerade Landstraße nach Offenburg, ohne daß mir ein Haar wäre gekrümmt worden. Vor dem Tore zu Offenburg kehrte ich ein in die »Krone«, nahm etwas zu mir und fand da mehrere Soldaten von dem Regiment des Prinzen Ludwig von Baden. Ich erkundigte mich nach dem Dienst der schwäbischen Kreistruppen und fand ihn nicht übel. Ich ließ mir indes nichts merken, und die Soldaten schienen auch gar nicht an Rekrutieren zu denken. Endlich ging ich in die Stadt und wurde bei dem Baron von Sandberg, der damals das badische Regiment als Oberster kommandierte, gemeldet. Dieser äußerte einige Bedenklichkeiten, daß ich durch die große kaiserliche Armee am Rhein nicht ungehindert kommen würde, doch sprach er kein Wort, um mich zu halten. Einen Patz möchte ich mir vom Adjutanten geben lassen. Ich ging und sah mich nach einem Quartier um. Hier überlegte ich, daß der Prinz von Baden ein Freund unseres Kronprinzen ist, daß folglich, wenn ich nur erst vom Thaddenschen Regiment meinen Abschied hätte, Seine Hoheit es beim Prinzen Ludwig leicht und mit einer einzigen Zeile bewirken könnte, mich ungehindert nach Halle ziehen zu lassen. Diese Gedanken nebst der Ueberlegung der großen Schwierigkeiten, die mir bevorstanden, wenn ich damals hätte weiter wandern wollen, bestimmten mich, schwäbische Dienste anzunehmen. Ich wollte mich indessen nicht selbst anbieten; ich machte es wie die Mädchen, die gern einen Mann hätten, ließ mich suchen und ging zu diesem Behufe herum auf den Straßen. Herr von Triebelborn, Leutnant bei der Kompanie des Hauptmanns von Storr, begegnete mir, sah mich an und fragte, woher ich käme? Ob ich Dienste suchte? – »Warum nicht?« war meine Antwort. Leutnant : Wieviel Handgeld will Er? Ich : Herr Leutnant, ich diene nicht um Handgeld; ich muß aus Not dienen, es fehlt mir an allem; also sehen Sie wohl, daß ich diesen Punkt ganz Ihnen überlassen muß. Leutnant : Gut, mein Freund; ich geb' Ihm 4 Karolin, soviel gibt der Stand und keinen Heller mehr. Zwei sogleich und zwei nach einem Jahre. Ist Er damit zufrieden? Ich : Es bleibt dabei. Leutnant : Und aus meinem Sack geb' ich Ihm noch 2 Kronentaler. Komm Er jetzt mit mir in die Schenke. In der Schenke befahl der Leutnant dem Wirte, mich zu pflegen und mir auf seine Kosten alles zu reichen, was ich begehren würde. Darauf zählte er mir 10 Kronentaler auf den Tisch. »Ich hoffe,« setzte er hinzu, »Er wird kein Schurke sein.« Gab mir die Hand und ging. Ich habe bei den Schwaben viel Vertrauen auf die Ehrlichkeit ihrer Soldaten gefunden. Von keinem wurde vorausgesetzt, daß er zum Henker laufen würde, daher wurde auch keiner eingesperrt, keiner in besondere Obacht genommen, und wenn auch noch so viele abfuhren, so wurden die andern deshalb nicht im geringsten mehr eingeschränkt. Ganz anders war es sonst bei den Preußen, und noch jetzt ist die persönliche Freiheit der preußischen Soldaten sehr geschmälert. Aber den Herren aus Schwaben liegt nicht viel daran, ob einer wegläuft oder dableibt: die Stände müssen die fehlende Mannschaft im Notfall ersetzen, und nicht der Hauptmann. Ueberdies streiten ja die Schwaben nicht für sich, sondern für andere. Der Oberst, Baron von Sandberg, von Geburt ein Schwede, dem ich den folgenden Tag vorgestellt wurde, bedauerte, daß er es nicht bemerkt hätte, daß ich Soldat werden wollte, denn sonst, sagte er, würde er mich unter seine Grenadiere genommen haben. Er war nämlich Inhaber einer Grenadierkompanie. Der Hauptmann von Storr, ein gerader braver Offizier, drückte mir die Hand, und seine Gemahlin fragte mich mit losem Lächeln, ob ich bald auf die Wanderschaft gehen würde? Mit innigem Vergnügen und mit unsterblichem Dankgefühl denke ich an meine Vorgesetzten bei den schwäbischen Kreistruppen. Aber es waren auch Männer, wie man sie selten antrifft. Ich stand beim ersten Bataillon, und unsere Kompanie kam in der Osterwoche nach Freistätt, wo ich nur einmal exerzierte und gleich darauf zum Unteroffizier gemacht wurde. So war ich denn nach einem Dienst von ungefähr 14 Tagen Korporal bei den löblichen Kreistruppen. Die Truppen des schwäbischen Kreises bestehen aus zwei Regimentern Reiterei und vier Regimentern Fußvolk: Württemberg, Baden, Fürstenberg und Wolfegg, nebst einem Artilleriekorps. Damals hatte man sie bestimmt, die Gegenden um Kehl zu besetzen und selbige gegen den Ueberfall der Franzosen zu schützen. Wie gut sie dies getan haben, hat sich ausgewiesen bei dem Einfall der Franzosen in Schwaben! Ich würde hier meinen Lesern eine Idee von den Reichstruppen zu liefern suchen, wenn ich es nicht schon anderwärts getan hätte, nämlich in der » Schilderung der jetzigen Reichsarmee , nach ihrer wahren Gestalt, nebst Winken über Deutschlands künftiges Schicksal«. In dieser Schrift findet man alles, was die Reichstruppen in ihrem Schwarzdunkel freskiert. Grell ist die Kopie freilich, aber leider ist das Original nicht anders. Uebrigens, wenngleich die Reichsarmee im allgemeinen sich im jetzigen Kriege abermals zur Behauptung ihres alten Ekelnamens einer Reißaus-Armee hinlänglich legitimiert hat, so sind doch viele einzelne Mitglieder derselben unter den Offizieren sowohl als den Soldaten brave Männer und rechtschaffene Krieger, deren Schuld es wahrlich nicht ist, daß manches so elend und so schlecht betrieben und noch schlechter ausgeführt wird. Man gebe einem Sandberg ein preußisches Regiment, und ich stehe mit dem Leben dafür, dieses Regiment gibt keinem in der ganzen preußischen Armee etwas nach. Aber ein aus so vielen Stands-Kontingenten komponiertes, mit allerhand Gesindel ausmöbliertes, halb defektes Regiment – was kann da ein braver Kommandeur machen? Meine Dienste tat ich recht gern, weil sie mir gar nicht schwer fielen: wenn ich aber einem Burschen, z. B. einem Deserteur oder Dieb, bei der Parade mit meinem häselnen Korporalstock etwa 15, 20 oder 25 Hiebe auf den Hintern werfen sollte, wie ich mehrmalen tun mußte, dann ärgerte ich mich allemal derb und ging endlich in vollen acht Tagen nicht auf die Parade. Der Oberst begegnete mir eines Tages. »Aber Korporal,« sagte er, »man sieht Sie ja gar nicht mehr auf der Parade. Wo stecken Sie? Wissen Sie nicht, daß der Unteroffizier, so oft er sonst nur kann, auf die Parade kommen muß? Ich : Ich weiß das recht gut, Herr Obrist: aber ich bin immer vom Rekrutenexerzieren müde, und zudem ist eben für mich kein Vergnügen auf der Parade. Oberst : Oho! es ist doch auch da kein Verdruß! Man hört immer was Neues, und dann hat man Gelegenheit, sich oft eine Motion zu machen und den oder jenen, der's verdient, auszugerben. Ich : Eben das, Herr Obrist, schreckt mich ab; bin ich auf der Parade und ruft der Major: »Heda, Korporal, dem oder jenem fünfundzwanzig richtig abgezählt!« – so muß ich gehorchen und den Stockmeister spielen, und das kränkt mich. Oberst : Wenn's weiter nichts ist, dann kann ich Sie befreien! Es gibt Korporale genug, die gern zudreschen. Die mögen's also für Sie forthin tun. Von dieser Zeit an habe ich niemand mehr schlagen müssen, als einmal in Hornberg einen Kanonier, der eine hochschwangere Ehefrau mit Gewalt hatte notzüchtigen wollen. Diesem Kerl habe ich aber seine Portion auch tüchtig zugemessen! Erst in Freistätt schrieb ich an Herrn Bispink in Halle und dankte ihm für die Mühe um meine Befreiung aus Frankreich. Zugleich erzählte ich ihm meine Widerwärtigkeiten auf der Rückreise und zeigte ihm an, daß die Schwierigkeit, ohne Gefahr vor den Oesterreichern durchzukommen, und der Mangel an allem mich genötigt hätten, von neuem Dienst zu nehmen, aber unter Truppen, bei welchen es nicht schwer hielte, loszukommen. Den Namen dieser Truppen verschwieg ich indes, wie auch den Ort meines damaligen Aufenthaltes. Ich besorgte nämlich, mein Brief möchte durch irgend einen Zufall in ungewaschene Hände fallen. Dadurch möchte mein Aufenthalt dem Thaddenschen Regiment bekannt werden, dieses möchte mich ausgeliefert wissen wollen, und so könnte es dann geschehen, daß ich wieder preußische Uniform tragen müßte. – Der Kronprinz von Preußen hatte mir zwar auch Freiheit zugesagt, aber ich traute doch nicht so recht. Auf diesen Brief konnte ich also, unter den erwähnten Umständen, von Bispink keine Antwort haben. Um aber eine zu haben, und um diesen Braven von der Besorgnis um mich zu befreien, schrieb ich ihm abermals hernach aus dem Lager und zeigte ihm dann auch an, wo und wie ich war. Denn damals hatten die Preußen schon Frieden, bedurften darum der Leute weniger, und so durfte ich mich vor ihnen auch nicht mehr sehr fürchten. Ich werde, solange ich lebe, den Frühling und den Sommer von 1795 nicht vergessen: denn ich habe keine Zeit meines Lebens mit mehr Vergnügen zugebracht, als jene im Hospital zu Dijon und dann das halbe Jahr im Dienste des Regiments Baden. Unsere Kompanie blieb bis zum 9. Juni in Freistätt, worauf wir ein Lager oberhalb Kehl, nicht weit vom Rhein, bezogen und daselbst bis zum 9. Juli stehen blieben. Vom Lager aus, worin ich wenig zu tun hatte, besuchte ich meine Freunde oft – es waren in der Gegend mehrere, die ich von der Universität her kannte – und hatte oft selbst Besuche, weil ich anfing, auch hier eine gewisse Celebrität zu genießen, die ich der Lesebibliothek des Herrn Geiger zu Lahr zu danken hatte. Dieser Herr Geiger besaß nämlich meine Lebensbeschreibung, und als er erfuhr, daß ich bei dem badischen Regiment mich aufhielte, so schickte er sie allerorten herum, mit der Bemerkung, daß der seltsame Held und Verfasser der mitgeschickten Lebensgeschichte jetzt unter dem Regiment von Baden in der Nähe sei. Da lasen denn die dortigen Herren und Damen und kamen, um den seltsamen Mann selbst zu beantlitzen, der nach so vielen Abenteuern noch immer nicht ganz gewitzigt war. Mich freute das nicht wenig, und ich ließ mein Antlitz gern betrachten, um so lieber, da die Herren allemal recht guten Wein und andere sehr genießbare Sachen mitbrachten. Man nehme mir dieses Geständnis nicht übel, denn ich brenne mich nirgends weiß. Eben darum gestehe ich den Herren und Damen auch ohne Hehl, daß nicht so sehr die Begierde, ihnen zu Gefallen zu leben, als vielmehr der Lusten, an ihren Flaschen und Speisekörben teilzunehmen, mich gegen sie gefällig und beredt gemacht hat. So aber geht es in der ganzen Welt! Manche denken, sie werden wegen ihrer Schönheit, Artigkeit, Gelehrsamkeit, feiner Sitten, Unterhaltungsgabe usw. besucht, und siehe da, man kommt zu ihnen, um mit ihnen zu schmarotzen. Mit mir war es damals umgekehrt. Den 9. Juli verließen wir das Lager, und unsere Kompanie kam nach Kehl zu liegen, wo wir das Fort, dessen Werke die Franzosen schon lange vorher gänzlich zusammengeschossen hatten, besetzen mußten. Wir wurden die ganze Zeit über von den Franzosen gar nicht beunruhigt. Endlich erhielt ich Antwort von Herrn Bispink. Gott, welche Wonne goß dieser Brief des redlichen Mannes in meine Seele! Ich sah, daß er meinen Abschied längst bewirkt hatte und daß ich lange völlig frei war. Er gab mir Nachricht über alles, was er für mich nach Zürich an Herrn Geßner geschickt und bei diesem für mich weiter bestimmt hatte. O, da ergrimmte ich erst recht über die Voreiligkeit der Herren zu Basel und empfand einen beinahe unwiderstehlichen Drang, nach Halle zurück zu eilen; ja wenn mich die Ehrfurcht für den Obersten und meinen Hauptmann nicht abgehalten hätte, so wäre ich damals gleich desertiert und hätte mich nach Halle aufgemacht. Aber ich wollte einmal nicht desertieren, auch mißriet mir dies Herr Bispink, also beschloß ich, zu warten, bis ich vielleicht, ohne ein Bubenstück zu begehen, die Schwaben verlassen könnte. Herr Bispink hatte mir zugleich eine ansehnliche Summe Geld geschickt, wovon ich meine Bedürfnisse bestreiten und mir bei der allgemeinen Teuerung der Lebensmittel viel Erleichterung schaffen konnte. In Kehl sah ich ein Spektakel, bei dessen Andenken mir die Haut noch schaudert. Man hatte unter den Kehler Einwohnern vier Spione entdeckt, welche den Franzosen von der Lage der Dinge diesseits des Rheins Nachricht gebracht und dafür viel Geld bekommen hatten. Der vornehmste dieser Verräter war der badische Fiskal oder Geldeinnehmer zu Kehl. Die Leute wurden in Kork verhört und hernach von einer Kriegskommission aus kaiserlichen und schwäbischen Offizieren so kondemniert, daß der Fiskal mit dem Schwerte, ein anderer aber mit dem Strange hingerichtet werden sollte; die beiden übrigen sollten drei Tage nacheinander durch 300 Mann Gassen laufen. Die Exekution ging vor sich, und ich konnte dem Köpfen und Hängen ziemlich ruhig zusehen, nur daß ich da auch in meinen Busen griff und mir selbst eingestand, daß ich so was Aehnliches um die Franzosen verdient gehabt hätte. Aber das Gassenlaufen war bis zum Entsetzen abscheulich. Man hatte absichtlich große starke Ruten gegeben und für zehn Gulden Wachs unter die Soldaten verteilt, die Ruten damit einzustreichen, und die Soldaten vom Regiment Württemberg verrichteten ihr Henkerknechtsamt auch so gut, daß man die armen Leute schon bei dem sechsten Gange wegbringen mußte. Sie sahen nicht mehr aus wie Menschen, indem die Barbaren ihnen sogar die Gesichter zerfleischt und die Beine und Hüften gar jämmerlich zerfetzt hatten. Beide sind wenige Tage darauf gestorben am Brand. Der brave Obrist Sandberg spuckte bei dieser Barbarei aus, und ein heftig gesprochenes: »Pfui Teufel, pfui der Schande!« war sein Urteil darüber. Ich schrieb nach Bispinks Rat an unsern Kronprinzen und bat diesen mir ehedem gewogenen Fürsten, mir durch sein hohes Vorwort bei dem Prinzen Ludwig von Baden meinen Abschied von den schwäbischen Kreistruppen bewirken zu wollen. Meine Bitte, zu der auf Vermittlung Bispinks noch eine Fürbitte meines ehemaligen Hauptmanns, des Herrn von Mandelsloh, hinzukam, war nicht vergeblich, denn ungefähr 14 Tage hernach ließ mich Herr von Sandberg kommen und redete mich mit einer finstern, mir ganz ungewohnten Miene folgendergestalt an: »Also Korporal, wollen Sie fort?« Ich : Mein Herr Oberster, ich verstehe Sie nicht. Obrist : Ich erhalte hier ein Schreiben vom Chef des Regiments: ich soll Ihnen den Abschied geben, und das geschieht auf Ihr Begehren: Sie haben darum an den Kronprinz von Preußen geschrieben. Ich : Ich kann das nicht leugnen, mein Herr Oberster. Aber wenn es Ihnen zuwider ist ... Obrist : So soll ich den Abschied nicht geben? – Nein, Korporal, das geht nicht: der Chef will es haben, und drum muß ich. Es tut mir aber leid (wendet sich von mir weg). Ich : Herr Oberster, dieser Schritt kann der Schritt zu meinem Glück werden. Obrist : Kann sein, will's auch wünschen: aber – aber – ich zweifle sehr! Laukhard, wär' ich an Ihrer Stelle, ich blieb' hier – hier kann es noch gut für Sie werden. Wir redeten noch viel miteinander, und doch konnte ich den Oberst, der die Welt und ihren Lohn besser kannte als ich, nicht überzeugen, daß es mir im Preußischen wohl gehen würde. Und jetzt, da ich dieses schreibe, nachdem beinahe 20 Monate verflossen sind, finde ich, daß Sandberg, in Rücksicht auf meinen Hauptbeweggrund recht hatte, und daß ich sehr unrecht tat, seinen Rat in den Wind zu schlagen und ein Korps zu verlassen, wobei ich nicht die geringste Ursache zu Klagen gefunden habe. Der Oberst, als er sah, daß ich – im festen Vertrauen auf das Wort eines Großen – gern von dannen möchte, ließ mich nach Kork gehen, um da unserm Generalmedikus meine noch immer offene Brustwunde zu zeigen und mir dann von ihm das Zeugnis stellen zu lassen, daß ich zu ferneren Soldatendiensten unfähig sei. Dies geschah, und so erhielt ich meinen Abschied. Schlußkapitel Laukhards fernerer Lebensgang. – Getäuschte Hoffnungen. – Seine Verheiratung. – Häusliche Misere. – Audienz beim König Friedrich Wilhelm III. – Laukhards Schriften. – Anstellung als Pfarrer und baldige Absetzung. – Letzte Lebensjahre und Tod. Bis hierher haben wir Laukhards Schicksale in dieser neuen Ausgabe im wesentlichen in der Form vorgeführt, die der Verfasser selbst seinem Werk gegeben hatte – abgesehen natürlich von den Streichungen, über die in der Vorrede ausführlicher gesprochen wurde. Was Laukhard aus seinem Leben nach dem Abschied von der Reichsarmee mitteilt, entbehrt durchweg des tieferen Interesses. Besonders der Schlußband, der wohl lediglich um des Erwerbes willen nach einer Pause von fünf Jahren den vorangegangenen nachgesandt wurde, bietet uns kein erfreuliches Bild. Nichts als Stadtklatsch, Gezänk mit seinen Feinden und eine Preisgebung seiner inneren häuslichen Verhältnisse, die nicht gerade angenehm berührt. Zwar ist Laukhard seine Kunst nicht abhanden gekommen: er weiß mit sicherer Hand die Menschen, die er schildern will, hinzustellen, daß wir sie vor uns sehen, wie sie leiben und leben: er weiß mit grellem Licht die Sitten seiner Umgebung zu beleuchten: sein Urteil über die Verhältnisse ist meist scharf und treffend. Aber die Menschen, mit denen er sich beschäftigt, interessieren uns nicht mehr, seine Sittenschilderungen sind meist Wiederholungen, und die Verhältnisse sind meist kleinlich und unerquicklich. Wir wollen ihm selbst nur bei zwei Episoden noch einmal wieder das Wort erteilen: bei der Schilderung seines Ehelebens und seiner Reise, die er im Jahre 1797 zum jungen König nach Berlin machte. In Halle nahm zunächst Bispink den recht vagabundenhaft einziehenden Freund auf, kleidete ihn neu und gab ihm Wohnung und Tisch. Laukhard kam mit großen Hoffnungen nach Preußen zurück und wandte sich denn auch sofort an den Kronprinzen. Unbescheiden waren seine Wünsche nicht zu nennen: er bat nur um die Anwartschaft auf die Lehrstelle der französischen Sprache an der Hallischen Universität und um ein mäßiges Gehalt aus dem Schulfonds bis zum Antritt der erbetenen Stelle. Der Kronprinz verwies dies Gesuch an den Minister von Wöllner, dieser forderte Bericht bei der Universität Halle, der Bericht fiel indessen so ungünstig aus, daß der Minister das Gesuch völlig abschlug. Laukhard fing nun sein altes liederliches Leben wieder an: der Schnaps wurde wieder sein schlimmster Feind, und auch seine Freundschaft mit Bispink bekam dadurch einen bösen Stoß. Hausschlüssel scheint man damals in Halle nicht gekannt zu haben, oder vielleicht mochte auch Bispink dem leichtsinnigen Freunde keinen anvertrauen – genug, er mußte mehrmals nachts bis zwei Uhr aufsitzen, um Laukhards Heimkehr abzuwarten. Auch zum Mittagessen erschien dieser oft nicht pünktlich: kurz es gab Verdrießlichkeiten, und er verließ das gastliche Haus. Doch nahm er ab und zu auch wieder einen Anlauf zu einem vernünftigeren Wandel. Kein Zweifel, daß ihm das wüste Leben oftmals schwer auf dem Gewissen lag; und bei einer solchen Selbsteinkehr kam er denn auf den Gedanken, sich eine eigene Häuslichkeit zu gründen. Hier mag er denn nun wieder selbst das Wort nehmen: Ich glaubte, ich würde wohl tun, wenn ich ein Weib nähme. Daß diese von niederem Stande sein sollte, versteht sich von selbst: denn eine Mamsell oder Madam, ich meine ein Frauenzimmer mit einem Federhut und Schleppkleid, würde allerdings drei ††† vor mir gemacht haben und ich desgleichen vor einer solchen. Denn so ein Wesen nur im baulichen Zustand zu erhalten, kostet mehr, als ich mir schmeicheln kann, jemals zu verdienen. Da ich dachte, daß ich mein Projekt würde realisieren können, so fing ich im Ernst an, mit einem Mädchen so hin und her zu sprechen, das mir gefallen hatte. Wenn ich dies sage, so mögen meine Leser nicht denken, daß ich verliebt geworden sei, wie ehemals in meine mir noch immer teure Therese. Ich will nur soviel sagen, daß ich an dem Mädchen mein Behagen fand, daß mir ihr ganzes Wesen gefiel und daß ich sie besonders wegen ihres Fleißes, ihrer Eingezogenheit und ihrer witzigen Einfälle gut leiden konnte. Ihre Erziehung ging über ihren Stand, und da sie nicht in Halle erwachsen ist, so hat sie auch jene Fehler nicht, womit die Mädchen von Halle meist alle belastet sind. Hannchen, so heißt das Mädchen, erzählte bald ihrer Mutter, was ich ihr so dann und wann zu sagen pflegte, und diese stellte mich sofort zur Rede. Ich sollte, sagte sie, meine Absicht auf ihre Tochter entweder entdecken oder deren weiteren Umgang aufgeben. Ich entdeckte also meine Absicht. Wir schrieben alle an den Vater, der als Soldat bei der Demarkationslinie der Preußen stand, und dieser hatte wider die Heirat nichts, also Mutter und Tochter auch nicht. – Nun war ich zufrieden, betrug mich immer mehr wie sich's gebührt, sammelte mein Verdientes und nahm täglich, in Erwartung einer ruhigen Zukunft, an Harmonie im Innern und Aeußern zu. – Sehr beträchtlich kann nun freilich die Ansammlung des Verdienten nicht gewesen sein, denn in dem Rückblick auf die erste Zeit seiner Ehe berichtet Laukhard fünf Jahre später folgendes: Wir wohnten in der Märkerstraße bei dem Schneider Baum, welcher mir für 20 Taler alte zerbrechliche Möbel überlassen hatte. Ich hätte freilich weit bessere für soviel Geld haben können, wenn ich imstande gewesen wäre, bar zu bezahlen. Aber da ich auf Kredit nehmen mußte und Baum mir versprach, vor Ostern kein Geld zu fordern, so ließ ich alles gut sein und nahm das alte Gerümpel, als wäre es tauglich und neu gewesen, gern an. Ich dachte in diesem Stück noch immer studentisch: wenn nämlich die Herren Akademiker etwas auf Kredit oder nach ihrem Ausdruck auf Pump haben können, so ist's schon gut, und sie sehen die gepumpte Sache als geschenkt an. Am Ende des vorigen Teils versicherte ich meine Leser, daß ich in dem Besitz meines Hannchens mein ganzes Glück zu finden hoffte, aber wen hat die Hoffnung nicht schon oft häßlich betrogen? Ich gelangte im September 1797 zum Besitz meines Hannchens, und nun hing mir der Himmel voll Geigen, wie man zu sagen pflegt, wenn jemand am Ziel seiner Wünsche ist, nämlich so nach seiner Meinung, denn andere Leute sehen meistens besser ein, wo uns der Schuh drückt, als wir selbst. Die ersten Tage gingen mir hin, wie sie einst den Auferstandenen im Himmel hingehen werden, nur daß mir in der Hochzeitsnacht ein komischer Streich begegnete, den ich hier erzählen würde, wenn ich mich nicht vor den schiefen Urteilen gewisser Leute fürchtete, welche noch an Hexen und Bezauberungen glauben. Einige Tage nach der Hochzeit fand ich schon, daß ich die Rechnung ohne den Wirt gemacht hatte. Meine Leser verstehen mich: der Mangel stellte sich bald in meiner Wirtschaft ein, und mein Hannchen forderte einmal acht Groschen von mir, als ich gerade noch zwei Groschen vier Pfennige im Vermögen hatte. Ich gab dies wenige Geld hin; Hannchen lachte. »Schäker!« sagte sie. »rücke doch heraus!« »Ich hab' nicht mehr, liebes Kind.« »Ach, gackele nicht! gib her, immer her!« Große Not hatte ich, das gute Kind zu überzeugen, daß ich nichts mehr hatte, und zu dieser Ueberzeugung war eine Okularinspektion nötig. Hannchen wurde überführt, und weg war mit dieser traurigen Ueberzeugung ihre freundliche Miene. Ich fühlte diesen Uebelstand gleich und fing an, Bemerkungen deswegen zu machen. Ein mir durch die Seele gehendes »Ach!« war die ganze vielbedeutende Beantwortung meiner ganzen philosophischen Dissertation über die Genügsamkeit. – Laukhard ging nun ohne Geld in eine Schenke und gewann dort durch eine Wette über einen gelehrten Gegenstand einen Taler. Sein Hannchen mochte wohl wissen, in welchen Kneipen er verkehrte; da ihr Mann nicht nach Hause kam, so machte sie sich auf die Suche nach ihm. Er erzählt weiter: Gegen Abend kam mein Hannchen, sah, daß ich bezahlte, was ich geben ließ, visitierte mir also die Taschen, und da sie fand, daß ich Geld hatte, fing sie ordentlich an, mit mir zu expostulieren, daß ich ihr dasselbe verhehlt hätte. Ich erklärte ihr die Art, wie ich zu einem Taler gekommen war, aber ich hatte große Mühe, sie völlig zu überzeugen. Solange ich außer meiner Wohnung war – ich gab Unterricht in verschiedenen theologischen Fächern, außerdem noch im Lateinischen, Französischen und Italienischen –, solange hatte ich heitere Sinnen, kam ich aber dahin zurück, so machte mein sanftes Hannchen eine dermaßen finstere Stirne, daß ich mich den Augenblick weit weg wünschte. Daß es gleich von Anfang unseres Ehejochs oftmals zum Wortwechsel kam, versteht sich von selbst. Ich bin zwar von Natur nicht finster und rauh, noch weniger ist Grobheit und Impertinenz mein Laster – allein der Teufel bleibe gleichgültig, wenn einem unverdiente Vorwürfe gemacht werden oder wenn man Dinge von uns, und zwar mit Poltern, fordert, welche wir unmöglich leisten können. So ging mir's: meine Frau fand alles nicht recht, was in unserer Wirtschaft war, und ich fand ganz natürlich auch vieles von dem nicht recht, was sie vornahm; besonders gefiel mir ihr Umgang mit einer gewissen Madame Unruhe nicht, welche auch in unserm Hause wohnte und deren Mann mit einem andern hallischen Frauenzimmer in Leipzig wirtschaftete. Meine Vorstellungen, mein Zanken und Poltern half alles nichts; meine Frau verstand es aus dem Fundament, auf Vorstellungen zu replizieren, und ist eine Meisterin im Zanken und Poltern. Meine Lage war nichts weniger als beneidenswert. Im Herbst 1797 war der König Friedrich Wilhelm von Preußen gestorben, und das Verhältnis, worin ich ehedem mit seinem Nachfolger gestanden hatte, ließ mich eine schwache Hoffnung schöpfen, daß durch ihn meine Umstände könnten verbessert werden. Ich nenne die Hoffnung, die ich damals hatte, eine schwache Hoffnung, denn ich dachte nicht, wie die meisten preußischen Untertanen, daß nun es wahr würde, was Virgilius sagt: redeunt Saturnia regna. Ich hörte die Nachricht vom Tode des Königs auf der Broyhanschenke. Das ganze Zimmer war voll Bauern, Jägern und politischen Kannegießern: alles jubelte und freute sich der im vollen Galopp herbeiziehenden besseren Zeiten. Ein ältlicher Mann von Teutschenthal saß neben mir und sprach auch nicht eine Silbe. Ich wunderte mich über sein Stillschweigen und fragte ihn, was er von den neuen Vorfällen dächte? Er antwortete: »Mer muß halig wahrten, wie's noch kümmt: mer wäß wuhl, wie mer ausfährt, aber wie mer hame kümmt, das wäß mer niche.« – – Meine Freunde in Halle rieten mir, selbst nach Berlin zu reisen und mich dem Monarchen vorzustellen; ich fand diesen Rat vernünftig und begab mich im Februar 1798 nach Berlin. Ich erhielt dort vom Major von Käbritz Gemeint ist offenbar Köckritz, der Generaladjutant Friedrich Wilhelms III. Anweisung, wie ich es anzufangen hätte, um zum König zu gelangen; doch riet er mir, eine Bittschrift aufzusetzen, und dieselbe dem Monarchen zu überreichen; der Herr habe viel zu tun, und so was möchte vergessen werden. Ich folgte dem Rate des Herrn Majors und kam am folgenden Tag wirklich ins königliche Kabinett. Der König, welcher mich noch kannte, war äußerst herablassend und gnädig. Er fragte mich nach meiner Lage, und da ich ihm sagte, daß diese eben nicht die beste sei und einer starken Emendation bedürfe, wenn ich zufrieden leben wollte, so versprach er mir, für mich und für die Emendation meiner Lage zu sorgen, las meinen Aufsatz flüchtig durch und befahl in meiner Gegenwart einem Sekretär, denselben ans Oberschulkollegium zu schicken mit der Weisung, dafür zu sorgen, daß dem guten Laukhard ein Plätzchen geschafft würde, wobei er ohne Sorgen leben könnte. Dies waren die eigenen Worte des gütigen Monarchen, und dann erfolgte eine Anweisung an einen Herrn, welcher mir die Reisekosten ersetzte. Ich verließ den König mit dem tiefsten Dankgefühl; als ich aber ins Vorzimmer kam, trat mich ein wohlgekleideter Mann sehr ängstlich an und sagte: »Aber mein Gott, was machen Sie?« Ich : Ich komme vom Könige, und glaube nichts Böses getan zu haben. Er : Nichts? Bedenken Sie doch selbst! Ich : Was soll ich denn bedenken? Ich weiß vom hellen Tage nichts. Erklären Sie sich näher. Er : Mein Himmel, Sie sind mit einem Stock im Kabinett gewesen. Ich : So ist es. Aber ist's denn verboten, mit dem Stock ins Kabinett zu gehen? Er : Mein Gott, freilich! Das ist gegen alle Etikette. Ich : Der König hat mir nichts darüber gesagt, und niemand wird sich einbilden, daß ich ins königliche Kabinett mit dem Stock gehe, um mich da herumzuprügeln. Ungefähr vierzehn Tage nach meiner Rückkehr von Berlin erhielt ich ein Schreiben vom Oberschulkollegium, worin mir gemeldet wurde, daß wegen meiner Versorgung an die hallische Universität sei geschrieben worden. Auf den Bericht der Universität würde es nun ankommen, was mit mir zu machen sei. »Oh weh geschrien!« dachte ich und verlor auf einmal alle Hoffnung einer Versorgung. Laukhard hatte sich nicht getäuscht; das Urteil der hallischen Professoren fiel ungünstig aus, und die Anstellung erfolgte nicht. So ward er wieder und wieder in den Strudel eines unstäten Lebens zurückgeworfen, dessen Gefahren bei seiner Veranlagung und seinen Neigungen doppelt große sein mußten. Dazu trat mit noch ernsterem Gesicht Frau Sorge an sein Lager, jetzt, wo er für Weib und Kind zu sorgen hatte, er, der bisher kaum den eigenen Leib zu fristen imstande gewesen war. Es ist nicht zu leugnen, daß er manche ehrliche Anstrengung gemacht hat, um sich über Wasser zu halten, selbst sich emporzuarbeiten. Er gibt, wie wir wissen, Privatstunden, hält Repetitionskurse ab und tritt sogar als Winkeladvokat auf. Daneben entwickelt er eine emsige Tätigkeit als Schriftsteller, ja, er wird ein Vielschreiber im argen Sinne des Wortes. Seine Verhältnisse mußten das leider mit sich bringen. Wir hörten, daß er schon den fünften Teil seiner Lebensbeschreibung vorwiegend um des Broterwerbs halber verfaßte. Nicht anders war es mit seinen Romanen, unter denen, wie nochmals hervorgehoben werden mag, die »Annalen der Universität zu Schilda« der bedeutendste, wenigstens der bekannteste geworden ist. Wenn sämtliche Laukhardschen Romane viel Autobiographisches enthalten, so hat der Verfasser für diesen besonders seine studentischen und akademischen Erinnerungen ausgenutzt. Vor allem sind hallische Personen und Zustände geschildert. Professor Grobius ist der Weltumsegler Forster, einer von den zahlreichen Gegnern Laukhards, die sich einer Anstellung des fahrenden Mannes an der Saaleuniversität widersetzt hatten. Aber unser Poet hat noch ganz andere Dinge in den Kreis seiner Betrachtung gezogen. Preußen (»Colchis«), Friedrich Wilhelm II. und dessen Minister Wöllner spielen darin eine Rolle: der närrische Kanzler von Schilda, Baron v. Ekolsbach, ist ein der ganzen damaligen Welt bekannter Kriegsrat Triebenfeld, der bei den großen Domänenverschleuderungen nach der dritten Teilung Polens und den berüchtigten Held-Zerbonischen Prozessen eine Rolle spielte und sich durch seine Tätigkeit einen wenig ruhmvollen, aber doch dauernden Namen in der inneren Geschichte Preußens gemacht hat. Auch in die späteren Romane und Erzählungen Laukhards spielen dessen persönliche Erlebnisse beständig hinein. Einer der besseren darunter sind »Wilhelm Steins Abenteuer«, während der Held der »Eulerkappereien«, wohl des gemeinsten Buches, das der Feder des Magisters entflossen, jener armselige Gießener Mädchenschullehrer, Leichenbitter und Klingelbeutelträger Euler war, den wir aus dem ersten Bande der Lebensgeschichte kennen. Sind alle diese ästhetisch minderwertigen Produkte seines Kopfes von nicht zu verachtendem Werte für die Sittengeschichte, so ist auch manche andere Leistung Laukhards keineswegs bedeutungslos. Es mag überraschen, zu hören, daß eine 1797, gleichfalls in Halle, von ihm herausgegebene »Anleitung zur Uebung in der französischen Sprache« in mancher Hinsicht nach denselben Grundsätzen gearbeitet ist, von denen die moderne Reform des neusprachlichen Unterrichts ausging. Aber die beispiellose Offenheit, die er gegen sich selber in der Lebensgeschichte zeigt, konnten die andern nicht vertragen, denen er in gleich rücksichtsloser Weise ihre Fehler und Sünden vor den Kopf sagte. Mit den Theologen hatte er es schon durch seine »Beyträge und Berichtigungen zu Dr. Bahrdts Lebensbeschreibung« verdorben, gründlich verdorben auch durch die zahlreichen Ausfälle gegen das Dogma und dessen Vertreter, die, schon um ein Erhebliches gekürzt, unsere Leser in der Lebensbeschreibung kennen gelernt haben. Aber Laukhard verdarb es wohl auch mit einem Manne, der noch mächtiger war, als alle Professoren der theologischen und anderen Disziplinen, die damals auf den Kathedern deutscher Hochschulen thronten, zusammengenommen. Er scheint das wenigstens getan zu haben; doch betreten wir hier schon das Gebiet der Hypothesen und Vermutungen, die zu Hilfe genommen werden müssen, wenn der Versuch gemacht werden soll, das Dunkel seines späteren Lebens einigermaßen aufzuhellen. Unter den zahlreichen Uebersetzungsarbeiten nämlich, die der Arme um den Groschen schrieb, war auch eine, die den Titel führte: »Bonaparte und Cromwell; ein Neujahrsgeschenk von einem Bürger ohne Vorurteil; aus dem Französischen mit einigen Anmerkungen« (1801). Weder die Broschüre noch die Anmerkungen waren dem ersten Konsul freundlich, der damals noch nicht seit langer Zeit den Staatsstreich gemacht hatte und auf dem republikanischen Throne noch immer nicht fest saß. Es ist möglich, wenn auch freilich keineswegs gewiß, daß gerade diese Leistung seiner schnellschreibenden und unüberlegten Feder dem unstäten Manne die Pforten des Pfarrhauses wiederum verschloß, als er zum letztenmal versuchte, sie sich zu öffnen. Das geschah in der Gegend seiner Heimat, zu der Laukhard in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts seine Schritte zurücklenkte. Eine Andeutung, daß er eine Reise dorthin vorhabe, findet sich am Schlusse der Selbstbiographie, die 1792 – 1802 in Halle geschrieben, wie gesagt, mit dem letztgenannten Jahre abbricht. Nun erzählt Meusels »Gelehrtes Teutschland«, damals und noch heute der Fundort für zahllose biographische und bibliographische Einzelheiten jener Zeit, daß der durch seine »Schicksale« zu einer Art von europäischer Berühmtheit emporgestiegene Autor 1804 Pfarrer in dem Dorfe Veitsrodt (bei Fischbach an der Nahe) im damaligen französischen Saardepartemmt geworden, aber am 12. August 1807 seiner Stelle entsetzt und wegen seiner Schriften zu Trier in Untersuchung gezogen worden sei. Also hatte der gelehrte Professor Meusel in dem ebenso gelehrten Teutschland geschrieben, und viele andere haben es ihm nachgesprochen. Erst drei Vierteljahrhundert später haben die von Paul Holzhausen in rheinischen Archiven und an den verschiedenen Aufenthaltsorten Laukhards angestellten Forschungen die teilweise Unrichtigkeit dieser Nachrichten erwiesen. Näheres darüber bietet Holzhausens Schrift: »Friedrich Christian Laukhard. Aus dem Leben eines verschollenen Magisters«, Berlin Carl Heymanns Verlag, 1902. Das Wissenswerteste daraus ist im Texte kurz zusammengestellt. In den im Staatsarchiv zu Koblenz aufbewahrten Akten des ehemaligen Saardepartements, in denen Laukhards Name vielfach vorkommt, ist von einem im Jahre 1807 gegen ihn angestrengten Disziplinarverfahren keine Spur zu finden. Dagegen geht aus diesen Akten sowie aus zwei im Pfarrarchiv zu Niederwoerresbach, zu dessen Gemeinde der Ort Veitsrodt heutzutage gehört, vorgefundenen Almosenrechnungen ganz zweifellos hervor, daß sich der Magister an letztgenanntem Orte nicht allein aufgehalten, sondern in der Zeit von etwa 1804 – 1809 pfarramtliche Funktionen dort verrichtet hat, aber nicht fest angestellt war, sondern als Verweser die Stelle verwaltete. Die definitive Anstellung hat ihm die Kaiserliche Regierung später verweigert und den Posten anderweitig besetzt, wiewohl Laukhard inzwischen auf die französische Verfassung schon vereidigt worden war. Die Aufführung seines Namens in den Pfarrtabellen wurde später in einem Schreiben des französischen Kultusministers Grafen Portalis als ein »Irrtum« bezeichnet. Eine nähere Motivierung des Verfahrens der französischen Behörden fehlt gänzlich. Man ist also hierüber wiederum auf Vermutungen hingewiesen, und da liegt es denn wirklich nicht fern, an die Bonapartebroschüre zu denken, die von »guten Freunden« des Unseligen, dem einmal kein Glück erblühen sollte, in Paris ausgebeutet sein könnte. Möglich, daß auch die alte Landauer Geschichte dabei im Spiele gewesen, obwohl inzwischen ziemlich viel Gras darüber gewachsen war. Wie gesagt, über Vermutungen kommt man hier nicht hinaus. Uebrigens könnte auch der Lebenswandel des Pfarrverwesers Laukhard den Grund für das Verhalten der französischen Behörden abgegeben haben. Denn nach Holzhausens Forschungen sind noch heute im Nahetal die abenteuerlichsten Gerüchte über den Mann im Umlauf, der in den Tagen des großen Franzosenkaisers die Veitsrodter Pfarrstelle verwaltete. So wird erzählt, daß er, der manchmal zur Unzeit zu den Karten gegriffen, gar oft die Nacht vom Sonnabend auf den Sonntag beim Spiele verbracht und dann in der Frühe des heiligen Morgens unvorbereitet die Kanzel bestiegen habe, um eine »gar gewaltige oder erbauliche Predigt zu halten«. Auch andere Sagen sind über ihn im Schwange: daß er die Festung Magdeburg verraten habe Dies ist offenbar eine sagenhafte Entstellung der Landauer Affäre. und – das sonderbarste von allen – daß er, der rationalistische Aufklärer, sich mit Sternkunde und Sterndeuterei beschäftigt hätte. So beginnt selbst die Mythe um die Gestalt des abenteuerlichen Gesellen ihre Schossen und Ranken zu treiben. Kehren wir aus dem Luftreich dieser Sagen und Legenden auf den festen Boden der Wirklichkeit zurück, so steht soviel nach den Koblenzer Akten unzweifelhaft fest, daß Laukhard mindestens bis zum Jahre 1809 in Veitsrodt pfarramtliche Funktionen ausgeübt haben muß. Ja, noch im folgenden Jahre hat er dort gelebt; denn die Vorrede zum zweiten, 1810 erschienenen Bande seines Romans »Wilhelm Steins Abenteuer« ist noch an diesem Orte geschrieben. Dann beginnt in Laukhards Leben abermals eine Reihe von dunkeln Jahren, aus denen nur spärliche Kunde herüberklingt. Er muß wieder zum Wanderstabe gegriffen und wieder ein Nomadenleben geführt haben, das ihn gar oft vor die Türen alter Freunde und mitleidiger Pfarrersfamilien geführt hat. In heruntergekommenem Zustande, heißt es nach einer aus diesen Kreisen stammenden Nachricht, Diese Nachricht kam aus dem Munde einer alten Dame, Fräulein Wehsarg in Wendelsheim. Es war dies die letzte lebende Zeitgenossin Laukhards, die ihn als Kind im Hause ihres Vaters öfter gesehen hatte (vgl. den Aufsatz Holzhausens über L. in der »Festnummer der Darmstädter Zeitung zur 3. Jahrhundertfeier der Universität Gießen«, Darmstadt, 1. August 1907). Fräulein W. ist leider noch während der Drucklegung dieser Ausgabe im Alter von 95 Jahren gestorben und in L.s Heimat am letzten Sonntag vor Weihnachten zu Grabe getragen. ist er von Ort zu Ort gewandert, wie Ahasverus der Jude, mit der ewigen Klage auf den Lippen: »Wenn ich nur vergessen könnte!« Während seiner letzten Lebensjahre ist sein eigentlicher Wohnort Kreuznach gewesen, und dort ist er endlich am 29. (nicht, wie es überall in den biographischen Notizen über ihn heißt, am 28.) April 1822 auf dem Rüdesheimerplatze Nr. 13, als »Privatlehrer« gestorben. Noch nach Jahrzehnten, so meldet der Literarhistoriker Robert Prutz, trieb sich in Halle ein zerlumptes Weib umher; das war Laukhards Hannchen, jene Unteroffizierstochter, die dem Unseligen einst die Hand zum Bunde gereicht hatte. Ob er sie bei seiner Rückkehr in die Pfälzer Heimat verlassen, ob sie nach seinem letzten »gesellschaftlichen Sturze« in Veitsrodt sich von ihm getrennt hatte – wer mag es wissen? Auch sie ist längst verdorben, gestorben wie ihr unglücklicher Gatte. Und doch ist Friedrich Christian Laukhard nicht völlig tot. Wohl hat der Wind die Pfade verweht, auf denen der ruhelose Pilger durch die Lande gezogen, wohl ist alles, was er sonst geschrieben, so ziemlich verschollen und vergessen – doch sein non omnis moriar , seine Selbstbiographie, wird ihn, des sind wir gewiß, um Jahrhunderte überleben. Habent sua fata libelli . Es gibt Bücher wie Taten, die nun einmal zur Unsterblichkeit bestimmt sind.