Emil Gött Der Schwarzkünstler Lustspiel in drei Aufzügen     C. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck – München 1911     Vorbemerkung des Verfassers In dieser Ausgabe erscheint im Druck – fünfzehn Jahre nach seiner Entstehung – zum erstenmal der Originaltext einer kleinen dramatischen Dichtung, die sich seinerzeit, und ab und zu noch, in einer Bühnenbearbeitung des königlichen Schauspielhauses mit dem Titel »Verbotene Früchte«, auf der deutschen Bühne angenehm bemerklich gemacht hat. Die große Abweichung von der bisher laufenden Fassung, an die sich auch das Cottasche Buch, trotz eines Versprechens der Vorrede, angeschlossen hat, muß jedem der bisherigen Darbietung schon freundgewordenen Auge befremdend auffallen, und läßt, bis zur vollzogenen Einführung wenigstens, die Mitgabe einer kurzen Textgeschichte rätlich erscheinen; nach Kenntnisnahme durch den Interessenten mag sie aus dem heiteren Buche entfernt werden. Das Gedicht entstand zwischen Januar und Februar 1890, als bestelltes Fastnachtspiel für eine akademisch-dramatische Vereinigung, und sollte nur eine in Verse gesetzte und abgerundete Aufarbeitung der »Höhle von Salamanka« des Cervantes werden. Aber der kecke Angriff und die vorschwebende Idee erwiesen sich als von so glücklicher Zugkraft, daß der derbe Farcenstoff, sich lichtend und schmeidigend, nach außen und innen den vorgefundenen Rahmen überschwoll, und ein ungleich stattlicheres und ernsteres Gebilde entstand, als 4 der absichtslose Anfangswille wissen konnte. Das ließ auch die gleichzeitig mit der Arbeit erfolgende Auflösung der Besteller belanglos werden; denn es schien ein für die Öffentlichkeit taugendes Lustspiel entstanden zu sein, zu dessen schwerblütiger Durchführung nur der stehengebliebene, höchst leichtfertige Eingang, der unverkennbare Zeuge der Herkunft, nicht mehr stimmen wollte. Als daher im Sommer 1890 die Freiburger Theaterkommission sich des eingereichten Stückes mit erfreulicher Begeisterung annahm, erbot ich mich zu einer Nachholung der Exposition, und schmolz die erste Hälfte des ersten Aufzuges zu der vorliegenden Form um: sie läßt den leichtsinnigen Schritt der an sich edlen Frau als Trutzhandlung gegen die, nun in kräftigen Strichen dem Bühnenbilde einverleibte brutale Torheit des Mannes als verständlich und verzeihlich erscheinen. Mit dieser Umschaffung schwand zugleich der letzte Zusammenhang mit der Vorlage; nur ein Titelvermerk bewahrte, zu schönem Überfluß, die Erinnerung daran auf; ich lasse ihn jetzt weg, er hat genug überflossen. So entstand das »Freiburger Bühnenbuch vom Sommer 1890«, das hiermit als das von mir einzig vertretene Original ausgegeben wird, und als solches zu den Akten der Literatur zu nehmen ist, nicht aber die im Frühjahr 1890 in autographischer Vervielfältigung unter dem Titel: »Der Adept« an die Bühnen gelangte Urschrift, aus der später das königliche Schauspielhaus die Verbotenen Früchte züchtete. Dieses Freiburger Bühnenbuch wurde vogelfrei, als kurz vor der Aufführung das Stück fallen gelassen wurde, weil 5 ich, im November jenes Jahres, ungezogen genug war, mit dem glücklichen Ungestüm der Jugend dem Tuberkulinrausch jener Tage mit einer ketzerischen Flugschrift entgegenzutreten – große Ursachen, kleine Wirkungen. Als nun das königliche Schauspielhaus drei Jahre später den Adepten annahm, ließ ich mir das Freiburger Bühnenbuch geben und legte es in Berlin vor, wo man aber den aufgelesenen Vagabunden schon nach individuellem Geschmacke zurechtgestutzt hatte – auf eine Weise, daß, als ich später Einblick erhielt, mein Vaterherz sich im Leibe herumdrehte; man verzichtete auf eine Benützung der neuen Einreichung. Als aber nun im Winter 1894/95, nach dem überraschenden Erfolge der Verbotenen Früchte, Freiburg als Theaterinhaberin sich der Verpflichtung nicht entziehen konnte, dieses Stück gleich den zahlreichen andern Bühnen auch zu bringen, da raffte sich meine Vaterliebe, die inzwischen noch durch die von Freundeshand, sicher in der besten Absicht, unbegreiflich eingerichtete Cottasche Buchausgabe verwundet worden war, zu einem neuen Gange auf: ich machte die heimische Theaterleitung auf die große Abweichung des Berliner Buches vom Freiburger, und auf die Gelegenheit aufmerksam, eine Uraufführung zu schaffen, und stellte aus den zur Hand stehenden Materialien ein neues Original zusammen – aber man lehnte ab und gab die Verbotenen Früchte. Jahrelang verwehrte mir seitdem das Leben, etwas für meinen Sprößling zu tun; die Stille wurde höchstens durch die Versuche unterbrochen, die in der Unerfahrenheit der Jugend aus der Hand gegebenen Verlagsrechte, und damit 6 das über Leben und Tod des Dinges, wieder an mich zurückzubringen; sie sind eben erst geglückt und somit sowohl die Verbotenen Früchte der Bühne als auch des Cottaschen Verlags der erlösenden Stampfe anheimgefallen. Von nun an soll, soweit meine Macht reicht, auf den Brettern und in den Lettern nur mein » Schwarzkünstler « bestehen. Diese Umtaufe habe ich mir mit demselben Vaterrechte gestattet, mit welchem ich auch nicht, mit kadavermäßigem Eigensinn, das Original nach den Akten buchstäblich wiederherstellte; sondern, der Mutter vergleichbar, die an Frisur und Anzug des aus seiner Kammer tretenden Söhnchens noch da und dort streicht und zupft, habe ich, ganz leicht, die pflegende Hand da und dort angelegt, Flüchtigkeiten verbessert, einige Verse als überflüssig und störend ausgelassen, ein paar umgearbeitet und selbst einen oder zwei eingesetzt; alles in allem machen diese Änderungen an Quantität knapp zehn Verse aus. Und nun ziehe denn hin, mein Schlingel, daß ich dich endlich los bin. Grüße die Freunde, die du schon gefunden, als du noch den Stiftenkopf, den man dir geschoren, durch die Türen strecktest –: sie werden dir den Schmuck der natürlichen Locken, die dich nun wieder umwallen, nicht übelnehmen. Und daß du dir neue gewinnen wirst, deß ist dein Verantwortlicher gewiß. Zähringen , 9. November 1905 Emil Gött         ══════════════   Personen         Gautier de Grommelard , ein Landedelmann Alison , seine Frau Robert , ein fahrender Schüler Kapitän Gaspard Robinet Jules de Godelureaux , ein Junker Jeanne , Zofe Mathieu , Diener Die alte Crache Ein Bursche Die Handlung spielt um die Mitte des 16. Jahrhunderts in dem Landhause des Sieur Grommelard, in der Nähe von Troyes in der Champagne. Die Szene ist ein stattliches Zimmer mit waidmännischer Ausschmückung und großem Kamin; große Türe in der Mitte, zwei auf der linken Seite, rechts ein Fenster.     Erster Aufzug Erster Auftritt Gautier (steht in Hut und Stiefeln nachdenklich da und zählt die Knöpfe seines Kollers). Gautier . Soll ich – soll ich nicht – soll ich doch – soll ich nicht – oder doch Oder nicht – – verflucht, jetzt soll ich wieder nicht!         (Ächzt kopfschüttelnd, legt dann die Hand wieder an den ersten Knopf) Also nicht! – – oder doch – – oder nicht – oder doch – oder nicht – Oder doch – – (schaut sich in zorniger Verblüffung um) cré nom! – da sagt es wieder doch! Nun gut, so sei's – zum letztenmal, es sei! (Ausbrechend) Was ist doch dieser »Soll« für eine Memme, Hohlwangig, gliederschlotternd, feigen Blicks, Der stets im Angriff nach dem Rückzug schielt! Her mit des festen Willens blühendem Speck Und vollem Mark! – Ich will's! Ich will's! ich – (wieder schwankend) muß! 10 Ja ja – – ich muß! (Erschöpft) Es ist zwar dumm, zu dumm – Und doch ist es am Ende noch das Klügste. (Zornig) O welche Lage – frag ich einen Menschen – Wo selbst das Klügste eine Dummheit ist! Und doch – ich tu's – ich will's versuchen! Mathieu! Mathieu (eintretend) . Gnädiger Herr! Gautier .                   Geh – öh – ruf mal Jeannette! (Mathieu ab) Ja ja, ich muß es tun. Es hilft mir nichts, Daß ich mich sträube. 's ist der einzige Ausweg, Der mir ein Pförtchen noch, ein kleines, sichert – Das einzige Mittel – – (seufzt) eine bittre Pille! Und die nicht unfehlbar, gewiß nicht! – Na – Hilft's, ist es gut! hilft's nicht, so ist's ein Trost, Daß ich zuvor gewußt, wie dumm es war!   Zweiter Auftritt Mathieu (kommt mit) Jeanne (zurück). Jeanne . Der gnädige Herr befehlen? Gautier . Ja, komm mal her! – ich habe – ich wollte dir – (gerät in Zorn) ich – äh! – (Kurz abbrechend) Wo ist Madame? Jeanne . Auf ihrem Zimmer, Herr! 11 Gautier (sich auslassend) . So? – was? – warum ist sie auf ihrem Zimmer? – – was tut sie auf ihrem Zimmer? – warum kommt sie nicht herunter? weiß sie nicht, daß ich fertig bin – – Himmeldonnerr – Jeanne (ängstlich) . Ich will's ihr sagen, gnädiger Herr! (Will ab) Gautier . Dageblieben! (Entdeckt Mathieu) Was hast du da zu tun? Mathieu . Ich – nichts! Gautier . Nichts? – Halunke! – – anspannen!! Mathieu (retirierend) . Ist schon! – gnädiger – – Gautier . Schafskopf! Dann nimm die Sachen da hinunter! (Mathieu schleunigst ab mit Mantelsack \&c. Gautier geht auf und ab, nach einer Pause unschlüssig) Jeanne! Jeanne . Ja, Herr! – (Für sich) Was er nur will? Gautier . Hm! – hm! öh! – (Sein Ärger steigt wieder zusehends) Sag mal – – (wieder abbrechend) auf ihrem Zimmer ist Madame? Jeanne . Ja, Herr! Gautier . So! – hm! – Zum – öh! – Ich wollte – ich wollte etwas mit dir – (Hält inne) Jeanne . Ja, Herr! Gautier (losbrechend) . Zum Teufel mit deinem Gejaherr! – Was hast du zu jaherrn? – Ich wollte – nichts wollte ich! Mach, daß du mir aus den Augen kommst, dummes Ding! – 12 Jeanne (unwillkürlich) . Ja, Herr! (Sie flüchtet sich vor ihm hinaus.)   Dritter Auftritt Gautier . Gautier (in höchster Wut) . Cré nom de Dieu! Die Pest an deinen – – nein! An meinen Hals sollt ich sie eher wünschen, Der diesen – (klopft sich daran) überzwerchen Schädel trägt! Was ruf ich sie, wenn ich nicht reden will! Was red ich nicht, wenn ich sie vor mir hab! – – Ich weiß nicht, was ich tue, was ich lasse – Es reißt mich rückwärts, wenn ich vorwärts will! Und gibt mir wieder einen Ruck nach vorn – – So wirbelt's um und um ein drehkrank Schaf, – Gebt ihm den Hammer vor die wirre Stirn!         (Trommelt sich daran, dann erschöpft) Und doch ich muß, es geht nicht anders an. Da hilft kein Beten und kein Fluchen hilft! Ich kann sie nicht allein – auf keinen Fall! – Und ohne Aufsicht lassen. Falsch sind alle – – Wie heißt der alte Spruch doch gleich?         (Schwach lächelnd sich besinnend)     Ja so:             Falsch sind alle, jung und alt!             Ob sie hitzig tun, ob kalt, 13             Ob sie schmollen oder schmeicheln,             Ob sie kratzen oder streicheln,             Ob sie lachen oder weinen –             Wer kann wissen, wie sie's meinen?         (Nickt, Mathieu tritt ein) Zwar falsch ist auch, die ich zum Wächter setze, Doch hab ich keine Wahl und muß versuchen, Mit Gold zu löten, wo die Treue rinnt. Mathieu . Gnädiger Herr, es ist nun alles gepackt und in Ordnung. Gautier . 's ist gut! – Geh, schick mir die Katze nochmal! Mathieu . Jeannette? Gautier . Ja, wen sonst? – (Mathieu geht; Gautier auf und ab) An allem ist nur diese Reise schuld! Not, Tod und Teufel auch, wie sie mich ärgert, Mit all der Plackerei und sonst noch was! Was geht der König und der Hof mich an – –         (Hält inne und sieht sich um.)   Vierter Auftritt Mathieu (schiebt) Jeanne (ins Zimmer). Mathieu . Na, so mach doch! Gautier . Wird's bald? 14 Jeanne . Aber – der Gnädige tut mir nix? Gautier . Unsinn! – (Zu Mathieu) Fort! (Mathieu ab) Hör mal, Jeannette, ich – hm! – ich habe – hm! – (kurz entschlossen) etwas zu sagen! – Sag mal, kann ich mich auf deine Verschwiegenheit und Treue verlassen? Jeanne (sieht ihn mißtrauisch an und öffnet zögernd den Mund) . Gautier . Nein, sag lieber nichts! – Sieh her – – (Zieht eine Börse.) Jeanne (plötzlich einfallend) . O gnädiger Herr, mit Leib und – – Gautier . Ach was! Jeanne . Auf Ehr und Seligkeit! So wahr ich – – Gautier . »Eine falsche Katze bin!« Jeanne . Wenn's dem gnädigen Herrn einerlei ist, worauf ich schwöre, mir ist's auch – – (Verstummt.)   Fünfter Auftritt Alison (tritt im Rücken Gautiers auf und hört im folgenden zu). Gautier . Das nehme ich unbesehen hin! Aber schau: da drin sind zwanzig Florentiner – Jeanne . Ich nehme sie auch unbesehn! Gautier . Sei still! – So wahr du also eine falsche Katze bist, wie ihr alle – Jeanne . Wie wer alle? 15 Gautier . Wie wahrscheinlich alle! Hörst du? Wie wahrscheinlich alle! Versteh mich wohl: wie wahr – Jeanne (frech) . Nun ja, wie wahrscheinlich alle, also wohl auch Ma – Gautier . Hüte deinen losen Schnabel! – Ich habe nichts gesagt! – Aber sieh: diese zwanzig Florentiner– hörst du? (Klappert damit) Jeanne . Ja, ich höre! – Gautier . Sie sind dein und noch zwanzig dazu, wenn ich wiederkomme – – Dafür mußt du mir aber versprechen, alles, auch das Kleinste, bis aufs Tüpfchen, was während meiner Abwesenheit – äh – nämlich – nun wie soll ich sagen – na, du bist ja ein gescheites Mädchen – Jeanne . Ja ja, das glaub ich wohl, aber – – Gautier . Ich mag das Abern nicht! – Willst du mir das versprechen? Nun, was ist's denn? Jeanne (an einem Schürzenzipfel kauend) . Es geht nicht gut! Gautier . So – warum geht's nicht gut? Jeanne . Madame hört's ja! (Gautier fährt bestürzt herum; Pause.) Alison . Laß dich nicht stören, lieber Mann, ich bitte! (Pause) Ich bitte drum, laß dich durch mich nicht stören! (Pause) Schließ deinen Handel nur, nimm ihr den Eid – – 16 Wie teuer ist er? Zwanzig Florentiner? Du läßt dich deine Schande etwas kosten! Gautier (nach Worten suchend) . Nein – nein – ich will – – Alison .                                       Du hast mich doch verstanden? Vollende doch, was du begonnen! – Häufe Die Schmach nur weiter auf der Gattin Haupt, Du krönst auch deine Stirne mit der Schande, Denn du mußt ernten, was du so gesät, Dich färbt der Makel, den du an mir suchst, Nein, nein! mit dem du grundlos mich befleckst!         (Bricht in Weinen aus) O welch ein armes, armes Weib bin ich! Gautier (hilflos) . Was sag ich nur? Alison .                         Der eigne Mann entehrt mich! – Gautier (begütigend) . Ich bitt dich, Lieschen! Alison (abgebrochen, schluchzend) .                                         Bei – der Dienerschaft! Jeanne . Was das betrifft, ist's freilich unerhört, Doch nicht so arg, Madame, was mich betrifft! 17 Gautier (sich an die Stirn greifend) . O Esel du! Alison .             Sieh nur, was du erreichst! Jeanne . Mit Fug und Recht vielleicht das Gegenteil! Gautier (zornig) . Du, sei mir still! Alison .                                               Laß sie, hat sie nicht recht? Gautier . Frau! Frau! Hat sie recht, hab ich's auch! Alison .                                                                         Du hättest, Wär ich wie du! Gautier .                     Wie ich? Alison .                                       Jawohl, so niedrig! Unwürdig ist dein Tun, dein schnödes Mißtraun, Dein immer wacher, schleichender Verdacht, Der wie mein eigner Schatten mich verfolgt, Wie ein Gewirr von Kletten an mir klebt, Und mich wie dich entwürdigt! Wär's ein Wunder, Wenn ich verzweifelt in den Staub mich würfe, 18 In den du mich hinabzwängst in Gedanken? O, sieh nur zu, was du damit erreichst, Du schlauer, überschlauer Schlaukopf du! Gautier . Du drohst mir? (Sie schweigt trotzig)                           Drohst mir? (Erregt) Alison (kühl) .                                 Nein! Gautier (wild) .                                         Ich rate dir's! Alison . Und hab doch recht! – Weh dir, wär ich wie du, Und wär ich anders als ich bin! Jeanne .                                               Sehr wahr! Gautier (durch die Zähne) . Was wäre dann? Alison .                       O, lustig wär es, lustig, Wie ich dich an der Nase führen wollte Mit deiner alten dummen Eifersucht! Gautier (verzweifelt) . Das ist nicht Eifersucht, das scheint nur so! Ich bin nicht eifersüchtig, nein – Jeanne (halblaut) .                                   Was denn? 19 Gautier . Ich hüte meine, deine Ehre nur! Alison . Gab ich dir – oder wer gab Grund dazu? Wer hat sie angetastet? – Und – o Narrheit! – Wie willst du unser beider Ehre schützen, Du, der ihr eigner, schlimmster Feind ja bist! – Sie scheint dich wahrlich wie ein Alp zu drücken, So ängstlich quälst du dich mit ihr herum! Gautier . Ich tu es nicht zum Spaß, ich habe Gründe! Alison . So, Gründe? ich vielleicht? Gautier .                                             Du nicht, du noch nicht – Alison . Noch nicht? – O sprich nur frei! – Ich bin gefaßt! Gautier . Ich geh nun fort und lasse dich allein – – Und du bist jung und schön – – Alison .                                                 Nun? – Und? – – Gautier .                                                                           's ist gut! – – Mein Kind, ich kenn die Welt, die Welt ist schlecht, Ich kenn den Brauch der Welt, und der ist's auch! 20 Alison . Natürlich! Gautier .                 Ja! – Da sind die Weisen einig! – Und ich geh fort und lasse dich allein! – Alison . Das will dir nicht mehr aus dem Sinn! – Gautier .                                                                   Das ist's! Zwar eifersüchtig, sag ich, bin ich nicht; Doch sieh – es fährt mir eisig durch das Hirn! – Schon der Gedanke, wie die glatten Herrchen, Die Säbelrassler, Gecken aus der Stadt, Die Schürzenjäger, die auf tausend Schritt Selbst aus dem Halse nach Pomade stinken, Und die, du weißt es, schon seit Jahr und Tag Da unten ihre Pfauenräder schlagen – Wie werden die nun erst von morgen an, Sobald sie wissen, daß ich ferne bin – Und merken werden sie's! – um dieses Haus Mit ihren gierigen Hundenasen schnüffeln, Zu deinem Fenster ihren Singsang klimpern, Und ihre frechen Augen nach dir schmeißen! – Und auf der Straße gar – ich denk's nicht aus – Das Blut steigt lodernd mir in das Gehirn, Und gelbes Feuer schlägt mir in die Augen – 21 Und meinen ganzen Körper packt's und schüttelt's, Als müßt ich Gift und Galle – Tod und Teufel – Kreuz–brand–pest–höllenbombenelement!!!         (Schleudert auf der Höhe seines Wutausbruchs seinen Hut auf die Erde; die Frauen weichen entsetzt zurück) Alison . O Gott, o Gott! Jeanne .                           Er bringt uns sicher um! Gautier (erschöpft) . Hab ich dich arg erschreckt! Alison (weinerlich) .                                                 Wie arm ich bin! Was soll ich tun – was sagen – wie die Saat Des gift'gen Argwohns aus der Brust dir reißen? – – Wenn du nur bliebst, nur bliebst! – O tausendmal Wollt ich dem Schicksal danken! Gautier (plötzlich besonnen) .                 Gut! Ich bleibe! Komme was will! Ich schere mich den Teufel! Ich bleibe! (Beobachtet Alison scharf) Alison     Gott sei Dank! Jeanne (halblaut) .             Sie ist verrückt! 22 Alison . So bin ich doch die schwere Sorge los! (Geht zum Fenster, öffnet) Abspannen! Gautier (zärtlich) . Frau! (Nähert sich ihr und faßt ihre Hand) Jeanne (wie oben) .           Sie weiß nicht, was sie tut! Gautier . Ich glaube ja, daß ich dir unrecht tat! Ich mach es gut und gehe! Jeanne (abseits) .                         Gott sei Dank! Alison Nein, nein! bleib nur! es wäre besser, bleib! Gautier . Nein, liebe Frau! ich gehe! bleib nur brav, So brav, wie du bis heut gewesen bist. Nur eines bitt ich noch, verzeih es mir: Geh nicht zu viel und nicht alleine aus! Alison . Siehst du, du fängst – – Gautier .                                       Nein, nein, ich meine nur: Des Gatten Haus ist seines Weibes Feste. Mehr sag ich nicht mehr. Ich vertraue dir. 23 Du siehst, daß ich nicht eifersüchtig bin, 's ist nur mein Temperament – und nun leb wohl, Und bleib gesund und geh mir nicht zu viel – –         (Verbessert sich) Und bleibe munter – gib mir einen Kuß! Alison . Leb wohl! (Sie umarmen sich) und komm mir bald zurück! (Mathieu tritt ein, kratzt sich den Kopf, dann:) Mathieu . Gnädiger Herr? Soll denn wirklich abgespannt werden, oder bleibt's – – Gautier . Wir reisen! komm! (Löst sich aus der Umarmung und schreitet, von Alison geleitet, der Türe zu; Jeanne dreht sich auf dem Absatz herum und schlägt ein Schnippchen.)   Sechster Auftritt (Unterdessen tritt die alte) Crache (ein, mit einem) Burschen (einen großen Waschkorb tragend, der mit einem Tuche zugedeckt ist. Sie setzen den Korb hin). Die Crache (ohne gleich Gautier zu sehen, beim Eintreten) . So, Madame! da haben wir die ganze Bagage, alles ausgesuchte – (Bemerkt Gautier) Jesus, Maria und Joseph! was hätte ich da angerichtet! – Ich habe die Wäsche, Madame! – Sie werden diesmal zufrieden sein! – Wohin damit? 24 Alison (ihren Schreck verbergend) . Dort in die Kammer! (Sie tragen den Korb hinein) Gautier . Verflucht! Kaum steck ich recht im Reisestiefel, Hetzt mir der Satan dieses alte Weib Quer übern Weg! – 'ne nette Vorbedeutung! Die Crache (zurückkommend) . Glückliche Reise, Herr! – Allen Segen über Euch! Gautier (wütend) . Sie wünscht mir Segen, he, die alte Hexe, Zum Teufel mit dem Segen und mit dir! Wenn dich der Satan holte, wär's ein Segen! Die Crache (giftig) . So? wär's denn Euch lieber, wenn ich Unsegen – – Gautier (noch wütender) . Will mich die Hexe auch noch wütend machen! (Zu Alison) Und du, was läßt den alten Kuppelpelz Mir grad zu dieser Stunde in das Haus, Wo ich zum Aufbruch rüste! Alison .                                           Aber Lieber! Was kann ich denn dafür? Sie bracht die Wäsche, Und dachte nicht zum Ärgernis zu kommen! Wenn sie's gewußt, da hätte sie gewartet! Die Crache . Freilich hätte ich das, und wie! – verlaßt Euch drauf! Ich bin zu andern Dingen gekommen, 25 als um Grobheiten zu hören! Und das sage ich Euch, Herr, wenn Ihr mich Hexe und Kuppelpelz schimpft, das hat mir noch niemand geboten. Ich bin alleweil eine ehrliche Frau gewesen und hab mein Brot redlich verdient – – Mathieu . Herr! – Das sagte auch einmal ein Weibsbild, das zu Troyes gestäupt wurde, und zwar von Rechts wegen. Denn ihr Brot verdiente sie wohl redlich, aber das Schmalz darauf und was sonst noch zum guten Leben gehört, das stahl sie sich! – Aber es wird wirklich Zeit – sonst kommen wir nimmer durch die Stadt; denn wenn die Wärtel mal die Tore geschlossen haben und auf der Pritsche liegen, da könnt Ihr tuten wie ein Engel am jüngsten Tag – sie machen Euch nicht auf! Gautier . Nun ja denn! – zu! Doch ärgert's mich zu sehr, Daß mir die Hex den Abschied so verhunzt! – Leb wohl! Komm her! – Und gib noch einen Kuß! – Der fegt mir von der Stirne den Verdruß, Wie Morgensonne scheucht den Nebeldunst! (Geht mit Mathieu ab. Alison eilt ihm nach und geleitet ihn hinaus. Mathieu bleibt auf der Schwelle stehen und blinzelt pfiffig die Zurückbleibenden an, dann geht er pfeifend ab.) 26   Siebenter Auftritt Die Vorigen , ohne Gautier , Alison und Mathieu . Die Crache (Mathieu nachblickend) . O du! – Wenn ich dich einmal lausen könnte! Jeanne (erschreckend) . O du mein –! Was war das? Die Crache . Was? Jeanne . Was er gepfiffen hat? Die Crache . Nun? Jeanne . Das war ja die Melodie: »Du bleibst zu lang, mein Robinet!« Wenn er was gemerkt hätte? Die Crache . Das wäre! Pfeift er es sonst nie? Jeanne . Ach nein! Du hast recht! Ich hab es neulich schon von ihm gehört. Die Crache . Da wird's wohl auf dich gemünzt sein! Jeanne . Ja, er ist eifersüchtig auf meinen Junker! Vom Kapitän kann er nichts wissen. Aber ich bin halt erschrocken! – (Der Crache um den Hals fallend) Nein, wie ich mich freue! Wie ich mich auf den Abend freue! Nein, so was! – Habt Ihr auch fein eingekauft? Ihr wißt, ich bin immer für das Feine! Die Crache . O, was das betrifft! – Ich sage dir nur, wenn heute der König selbst nach Troyes käme, er könnte nichts mehr auftreiben, was ein König mit Anstand essen kann – – alles haben wir da drin! Das Wasser lief mir in den Augen zusammen, als ich 27 einen Zipfel aufhob, um hineinzugucken, geschweige denn im Munde! – Zum Beispiel Pastetchen haben wir, Pastetchen, sage ich dir – ach was! – sind gar keine Pastetchen! – ich sage dir, das zergeht nur so auf der Zunge, so zart und rührend – – die reine Musik! Jeanne . Nun läuft mir ja das Wasser im Ohre zusammen, wenn ich dir zuhöre! Für mein Leben ess' ich Pastetchen gern!   Achter Auftritt Die Vorigen . Alison . Alison . Nun endlich! endlich! endlich ist er fort! Nun kann ich einmal atmen wie ich will, Ohne die Zentnerschwere auf der Brust! Die Freiheit einmal kosten, oder ahnen, Was frei sein heißt, und einen kühnen Blick Jenseits der Schranken werfen, die mich engen, Nein, sie mit einem Sprung zu überspringen, Ein junges Füllen, frei und toll und wild! Ohne die Fessel an dem Fuß zu schleppen In stummem Grimm, wie ein Galeerensklave, Der an die harte Bank geschlossen rudert, Und rudert, rudert, nichts als rudern muß, Indes sein freiheitsdurstig Aug am Anblick 28 Des weiten, stolzen, freien Meers verlechzt! Frei bin ich heute, und was frei sein heißt – Ich will es kosten, kosten – ihm zum Trotz!         (Ergreift Jeanne und wirbelt mit ihr herum) Die Crache (klatschend) . So ist's recht! So ist's brav! Nur lustig, meine Täubchen! Man muß es nehmen, wie's kommt, und rüstig zugreifen, wie's das Glück uns schickt, Sonne und Regen, Unheil und Segen, Kuchen und Brot, Leben und Tod. Heute spazieren wir schäkernd im Sonnenschein, morgen sitzen wir im Regen zu Haus und stricken! Heute essen wir Pasteten, die ein Liebhaber vom Konditor schickt, morgen stehen wir wieder am Herd und kochen für den Hausrüpel Gelbrüben und Bratwurst! Heute abend küssen wir, und morgen abend gehen wir um dieselbe Stunde zum Rosenkranz oder zur Beichte. Das ist der Lauf der Welt! Lustig, Kinder, seid lustig, lustig! – Du Stoffel, nichtsnutziger, kannst du nicht deine Kappe runterreißen und in die Luft schwenken und »juch« schreien, daß Madame sieht, daß du auch Manieren hast! – Marsch! oder du kriegst eine!  – Der Bursche (der die Zeit über sehr stumpfsinnig dagestanden hat, schwenkt seine Mütze und jauchzt derart, daß Alison und Jeanne erschreckt auseinanderfahren) . Juch! (Die Frauen brechen über ihn in ein Gelächter aus) 29 Die Crache . Nu, so war's gerade nicht nötig! – Aber, Madame, ich will nun wieder gehen! Ihr werdet mich ohnehin nicht brauchen! – Hängt Eurem Manne nur eines auf, dem Siedian! Er setzt Euch wohl arg zu? Alison . Entsetzlich quält mich seine Eifersucht Und seiner plumpen Bärenliebe Last! Von morgens früh bis in den Abend folgt Sein brennend Auge suchend meiner Spur. Er sieht, wo nichts zu sehn, und hört, wo nichts Zu hören ist, und ärgert sich darob, Weil er nichts findet – – Jeanne .                                     So ein Narr! Wie wenn Es froh ihn machte, wenn er etwas fände! Alison . Und hat er jeden Schrein und jede Tasche Mit seinen Fingern stündlich mir durchwühlt, – Umsonst natürlich! – sucht sein Späheraug Mir selbst die Seele drinnen zu entkleiden, Und heimlich jedes Fältchen zu erforschen – Allein ich weiß die Stirne wohl zu glätten, Den Mund zum süßesten der Lächeln zwingend, Auch wenn der Unmut gärend in mir kocht! Die Crache . Nur ihm recht um den Bart gegangen und den Brei hübsch verzuckert, wo man ihn 30 am liebsten vergiftet hätte. – O, wie schmeckt dann die Rache! Jeanne . Das Schlimmste ist aber, daß er es nicht einmal Wort haben will, Gott bewahre! er ist nicht eifersüchtig! er! i wo denn! Alison . So quält er mich aufs Blut und macht die Ehe Zur schlimmsten Folter mir und zwar aus Liebe, Denn »Liebe« ist sein zweites Wort! ja »Liebe«! Jeanne . Und geht er einmal aus dem Hause, so möchte er Euch am liebsten in den Keller sperren oder in den Schlot mauern, – wie heute auch! Die Crache . Nun laßt es gut sein, meine Täubchen! – Ihr werdet heute Tröster finden und nicht versauern und verschimmeln wie letztjährige eingemachte Gurken! Gute Nacht und laßt euch alles gut schmecken! – Und – das sag ich euch – ihr werdet mit meiner Bedienung zufrieden sein. Es gibt keinen zweiten so stattlichen Kavalier in ganz Troyes, wie Kapitän Robinet – und er liebt euch so arg! – Jeanne . O bitt Euch, mein Junker! Über den geht keiner! – Er hat so etwas Feines an sich – – Die Crache . Er ist aber so mager! Dagegen Kapitän Robinet – Alison . Nun zankt euch nicht! Wir können sie vergleichen! 31 Die Hauptsach ist, sie müssen lustig sein – – Ich will mich amüsieren! Die Crache . O, was das betrifft – –! Ich werde doch meine Kunden kennen. Mehr sage ich nicht! Gesegnete Nacht! – Halte mich bestens empfohlen! – Komm! – Na du Stoffel, kannst du nicht deine Mütze – Der Bursche (wirft die Mütze in die Höhe) . Juch! Die Crache (ihm eine Ohrfeige gebend) . Schafskopf! – Das nicht! – Einen Kratzfuß sollst du machen und der Madame guten Abend sagen! Der Bursche (ausscharrend) . 'n Abend! (Die Crache mit ihm ab unter dem Gelächter der andern.)   Neunter Auftritt Jeanne . Nein so ein Tölpel! – Der – und dann mein Junker! Nichts geht doch wahrlich über feine Bildung! Wenn ich an meinen Junker denke – ach! – Wie der die Worte hübsch zu setzen weiß, So zierlich wie ein Tänzer seine Beine! Madame, ich sage Euch, ein jedes Wort Ist ihm ein Pas, ein Satz, ein Menuett, Und hat er erst mir etwas abgeschmeichelt, Wird's mir so duslig, wie nach einem Rundtanz! 32 Alison . Wie bist du denn zu dem Galan gekommen, Der dich mit seiner hohen Gunst beglückt! 's ist eine Kunst zwar nicht, ihm zu gefallen, Denn wenn es wahr ist, was man von ihm sagt, So lauft er jeder Schürze nach! Jeanne .                                               Madame! – Ich sage nur: man sage, was man will! – Ein Junker aus der nobelsten Familie, Der ist doch wohl ein Mann auch von Geschmack! Alison . So laß dir eine Wahrheit sagen, Hannchen: Die Männer von Geschmack sind immer nobel, Allein nicht jeder Noble hat Geschmack! Jeanne . Doch Herr de Godelureaux vereinigt beides! Kein Tüpfchen lass' von seinem Lob ich streichen! Und daß Ihr's wissen mögt: zu himmlisch war's, Als wir uns kennen lernten! – Es war Markttag, Da fuhr ich mit Lisetten in die Stadt – Nein, es war Caton, richtig Caton war es! – Sie war zusamt Sebastian eingeschlafen – Ich ließ sie ruhig in Staub und Hitze ziehn, Und nahm am Stege bei der untern Mühle Den Fußweg durch das schattenkühle Wäldchen – 33 Alison (zornig) . Schweig! sag ich dir. Ich mag's nicht weiter hören!         (Für sich) Bin ich von Sinnen, ist's so weit gekommen, Daß ich die Herrin ganz vergesse, und Mit meiner Zofe so gemein mich mache, Daß Dinge sie mir frei erzählen darf, Wofür ich sonst sie aus dem Dienst gejagt? Jeanne (verschnupft) . Was hat Madame?! Alison .                             Vergiß den Abstand nicht! Noch bin ich Herrin! Jeanne .                                 Ich dachte, heute abend – Alison . Auch heute abend! – (Für sich) Wie ich seltsam bin! Ist das die Hoffnung ungemessner Lust, Die mich erfüllte! Oder schleicht die Reue Verstimmend durch mein Herz! Ah, bah, 's ist Ärger, Der Ärger, daß ich mich verstimmen ließ, Der Ärger ist's, daß ich nicht toll genug, In diese tolle, bunte Nacht zu stürzen, Gedankenlos wie dieses dumme Ding! – Die Grillen weg! – Sei heut ein Schmetterling, 34 Und laß den Leichtsinn dir die Freiheit würzen! Laß gut sein, Mädchen! Sag, wann kommen sie, Dein süßer Junker und mein Kavalier! Jeanne . Ein jeder Augenblick kann sie schon bringen! Gottlob, daß Ihr nun wieder munter seid! Mir ist so wohl! Es zuckt mir in den Armen, Als müßt ich jetzt sie öffnen schon und dann Im süßen Bangen der Erwartung harren, Bis Julius an diese Brust mir fliegt! – Das ist von ihm! Das hat er jüngst gesagt, Als ich am Parktor auf ihn wartete, – War das nicht schön? Alison .                               Nein, reizend ist es, Hannchen! Doch laß uns jetzt an unsern Anzug denken – Jeanne . Was meint Madam zu meinem Sonntagskleid Und zu der neuen Brosche! Alison (lachend) .                         Wie du willst! – Ich wähle mir ein hübsches Morgenkleid, Und stecke eine Rose mir ins Haar, Und eine Knospe an die Brust – – (Es klopft) 35 Alison (erschreckt) .                                 Wer klopft? Jeanne (an die Türe fliegend) . Sie kommen, heil'ge Jungfrau!   Zehnter Auftritt Die Vorigen ; (bevor Jeanne die Tür erreicht, tritt mit abgezogenem Barett) Robert (herein; er trägt ein Ränzchen, Gitarre und Rapier). Robert .                                               Ich! – Madame! Jeanne (schreit auf und flüchtet sich hinter Alison) . Alison . Zurück! – Was wollt Ihr? – Steht! – Sonst schreie ich! – Wer gibt Euch Recht, hier einzudringen – fort! Robert (nähertretend; sie weichen ängstlich zurück) . Ihr gnäd'ge Frau, wie käm ich sonst dazu! Ich klopfe an, Ihr fragt sogleich: »Wer klopft?« Aus schönem Mund ist jeder Wunsch Befehl. Was Wunsch! Die Ahnung eines Wunsches schon! Drum tret ich ein, und zeig den späten Gast – Alison . Doch niemand hieß Euch, gleich hereinzutreten, Zu dieser Stunde, und uns Frau'n erschrecken! 36 Robert . Das Erste hieß ein bißchen Klugheit mich, Das Zweite wollte grade ich vermeiden! Alison . Ich red im Ernst – – Robert .                                   Ich nicht im Scherz, Madame! Denn seht, hätt ich schon draußen »Ich« gerufen – Und wenn ich's sanfter als ein Lämmchen blökt, Und glöckchenrein, wie nur die Lerche trillert, Gehaucht, geseufzt, geschmachtet und geflötet – So hätt ich Euch gewiß zu Tod erschreckt, Und – müßte jetzt auf ein »Herein!« noch warten. So aber tret ich selber vor Euch hin Und weise Euch mein ehrliches Gesicht Als Unterpfand für meine Unschuld hin! Alison . Was wollt Ihr denn? vielleicht – – Robert (einfallend) .                                       Ein Nachtquartier? Wie klug Ihr ratet! Dankbar nehm ich's an! Alison . Ich seh, Ihr treibt die Frechheit mit Methode! Nehmt Euch in acht! Ich fragte nur – – 37 Robert .                                                             Und ich? Ich gab die Antwort, wie es sich geziemt! Fern sei es mir, was Eure milde Hand Mir freundlich bietet, auszuschlagen – – Alison .                                                                 Herr! – Ich bot Euch nichts an! Robert .                                 Eine schöne Frau, Sie bietet alles schon durch einen Blick, Mit dem sie flüchtig unsre Armut streift – Alison . Wer streifte Euch? Robert .                                 Verzeiht! Ihr habt ja recht; Ihr laßt ihn sonnig auf mir ruhen – Alison (energisch) .                                   Herr! – Robert . Ihr täuscht Euch selbst! Ihr schämt Euch Eurer Güte. Denn solcher Güte Fülle ist ja immer Mit Geist und mit Bescheidenheit gepaart! – O seht mich an – – 38 Alison (streng) .               Sonst fehlt Euch nichts – – Robert .                                                                           O doch! So viel! zunächst ein warmes Abendbrot, Ich nehm es dankbar hin zum Nachtquartier! Ja, Eure Güte traf das Richtige, Denn übel schläft sich's, wenn der Magen knurrt. Alison (hilflos) . Was soll ich sagen, und wie soll ich wehren – –? Robert . O teure Frau, wehrt meinem Danke nicht, Laßt meinen frohen Mund nur überströmen, Und von der Lippe sprudelt Euch mein Herz, Das stürmisch pochende, so warm entgegen! O welch ein unerschöpflich reicher Born Von Herzensgüte wallt in Eurer Brust; Das sagt mir, Herrin, Euer schönes Aug, Das wie die Sonne eine weite Welt Mit einem einz'gen Strahl vergolden kann! Ein Blick von Euch zeigt mir ein schwellend Bett, Der andre gleich ein gutes Abendessen, Ein dritter weist mir lächelnd, wißt Ihr was? Ein abgelegtes Wams von Eurem Gatten, Und wenn der vierte auch noch recht behält, 39 So hör ich etwas in den Taschen klimpern. Hab ich nicht recht? – Ihr lächelt ja! Alison (mit ärgerlichem Gesicht) .               Nun hört! Wenn Ihr das Lächeln nennt – – Robert .                                                 Wie, nicht? Ihr scherzt! – Ich bitte Euch, das soll kein Lächeln sein? – Ich seh doch recht – – (Sich die Augen beschattend)                                       Ha! seht! so lächelte Einst Aphrodite, als auf Idas Höhn Sie vor den königlichen Schäfer trat! Das ist der Seligen Lächeln, der Beglückten, Nein, der Beglückenden! Jeanne .                                     Gott steh mir bei! Der kann's noch besser als mein lieber Junker! Alison . Ich sag Euch noch einmal – – Robert .                                                   O nicht! Ihr habt Durch Euer erstes Wort mich schon beglückt. Alison (ärgerlich) . Jetzt hört mich an! Ich laß Euch aus dem Hause – 40 Robert . – – Nicht in die kalte, dunkle Nacht hinaus So abgerissen und verhungert ziehn! O niemals ward mir auf der Wanderung So liebevoller, gastlicher Empfang! Alison (ärgerlich, verzweifelt lachend) . Ist mir ein solcher Vogel vorgekommen, So lästig – Robert .               – und so angenehm wie ich? Alison (nachgebend) . Wüßt ich ein Mittel, Euch den Mund zu stopfen – – Robert . Ich will's Euch sagen, gebt mir was zu essen. Denn wenn die Zähne mahlen, muß ich schweigen! Jeanne . Was meint Madam', wenn wir ihn hier behielten – Robert . Sehr richtig, schönes Kind, das meint sie auch! Jeanne . Es wäre niedlich, wenn wir jemand hätten, Uns aufzuwarten? Robert .                          Aufzuwarten, Herrin? Mit allem, was ich kann, ich will es gern: 41 Ich singe, musiziere, tanze, dichte, Und weiß Euch eine Masse von Geschichten – Alison (sich besinnend) . Schon gut! das nebenbei! – Seid Ihr verschwiegen? Robert . Verschwiegenheit ist meine stärkste Seite, Nächst der Bescheidenheit! Alison (lachend) .                           Ich bitt Euch, Herr! Wenn Ihr auf diese Tugend Euch beruft, Muß die geschwätzigste der Elstern schweigen Vor einem solchen Plappermaul! – Nein, sagt, Allein im Ernst, könnt Ihr verschwiegen sein? Robert . Wenn Ihr ein Siegel auf den Mund mir legt – Die Wahl stell ich Euch frei, – doch deut ich an: Am liebsten wär mir eins, das warm und süß – Und rot und duftig wie ein Lippenpaar. Alison (zu Jeanne) . Such einen Honigfladen aufzutreiben, Wärm ihn ein bißchen, und dann tauche ihn In Himbeersaft, und leg es ihm als Pflaster Auf seinen Mund – (zu Robert) das mag dem Herrn genügen. 42 Robert (galant) . Ihr schlugt mich, Herrin – doch ich hatte recht: Der Güte Zwillingsbruder ist der Geist. Alison . Ihr seid galant! Doch hört, was ich Euch sage: Ich – ich erwarte Gäste heut zur Nacht! Mein Mann ist zwar verreist, allein – nun – ich – – Robert . O gnäd'ge Frau, der casus ist mir klar: Der Mann verreist, doch seine guten Freunde Erfüllen ihre Freund- – und – Christenpflicht! O welche schöne, gute Tat ist es, Verlassene zu trösten! – Schade, schade! Alison . Was schade? Robert .                       O, daß ich nicht eher kam – Das Trösten ist just meine stärkste Seite! Ja fast mein angeborener Beruf! Alison . Es ist doch schlimm mit Euch! Kein ernstes Wort Ist möglich – Jeanne .                   Ja, er hat den Schalk im Nacken! 43 Robert . Das ist mein Erbteil und mein einzig Gut, Das ganze Kapital, von dem ich zehre: Geht mir der Witz in Brüche, geh auch ich! Alison . Ein luftig Gut! Robert .                         Doch trägt es gute Zinsen, Und einen großen Vorteil hat es! – Alison .                                                       Welchen? Robert . Ei, Gnädige! kein Jude kann mir's pfänden! (Sie lachen) Doch sagt, was wolltet Ihr – von Eurem Sklaven? Alison . Nun – gute Freunde hab ich heut zum Essen! Das heißt – der eine – Jeanne .                                 Ist der meine, Herr! Robert . Der Himmel segne Euern edlen Bund! Jeanne . Ach nein! Robert (zu Alison weiterfahrend) .                         Und nun, verehrte Dame? 44 Alison .                                                               Hört: Ich will Euch geben, was Ihr hier gesucht: Ein Bett und Speis und Trank steht Euch zu Diensten; Dafür sollt Ihr bei unserm kleinen Schmaus, So angenehm Ihr's könnt, den Pagen spielen! Robert . Zwar ist es besser, Gast als Kellner sein, Doch ein Dienst ist ja wohl des andern wert! Drum, schöne Wirtin, küß ich Euch die Hand! Flink will ich tun und gern, was Ihr begehrt – Und – meinen Hunger geb ich Euch als Pfand! Alison (zu Jeanne) . Nun, gib ihm was zu essen! Jeanne .                                                                 Aber was? – Alison . Gib, was du findest! Robert .                                   Trefflich, schöne Frau! Doch nach dem alten Wahrspruch: viel und gut! Jeanne . Ich hol ihm eine Rauchwurst aus dem Schlot, Und in der Küche ist noch Sauermilch! 45 Vielleicht fällt auch nachher ein Bissen ab, Das wird dem armen Schlucker wohl genügen. Alison (zu Robert) . Dann deckst du hübsch den Tisch – gib ihm ein Linnen, Im Schranke dort sind Teller und Besteck! Dort in der Kammer steht der Korb mit Speisen, Und vier Gedecke richtest du uns zu! Inzwischen, Hannchen, wechseln wir das Kleid! (Ab) Jeanne (ein Tischtuch über den Tisch breitend) . So, tu wie dir geheißen, und ich will Noch rasch dein lecker Abendessen bringen. (Ab) Robert (sich umsehend, die Hände reibend) . So, Freund! Für diese Nacht bist du geborgen, Laß dich beloben, hast es gut gemacht! Ein Dach, ein Bett, was für den Magen – und – Wer weiß, was diese Nacht noch bringen kann? Die beste Herberg hab ich aufgestöbert Und bin zur besten Stunde eingekehrt! Der Herr verreist, die Frau auf schiefer Bahn, Ein Schmaus in Sicht und eine lust'ge Nacht – Ich wittre so ein kleines Bacchanal, Da pflegt so manche Niete sich zu lösen, Denn, wenn die Herrin fiel, stolziert die Magd! Wie hübsch die Wirtin ist und auch gescheit! Ihr Mann muß wohl ein Ungeheuer sein, 46 Denn eine solche Frau fehlt nie umsonst, Und nur die Dummen sündigen ohne Grund – Wie mürbe Pflaumen von den Zweigen fallen. Allein was gehn mich fremde Sünden an, Die ich nicht büßen muß! Mein Wahlspruch ist: Greif immer zu, ob's dir der liebe Gott, Ob's dir der Teufel spendet: nimm's, wie's kommt! – – Doch munter jetzt zum lustigen Geschäft!         (Holt einen Stoß Teller und setzt ihn auf den Tisch, dann ein Besteckkörbchen) Die schöne Wirtin soll zufrieden sein Mit ihrem Ganymed! Doch erst laß sehn, Was dieser Korb in seinem Bauche hegt! Komm, Freundchen, komm, mit deiner süßen Tracht! Doch munter jetzt zum lustigen Geschäft!         (Zieht den Korb herein – schlägt den Deckel auf) Hilf, Himmel! hilf! O heiliger Lukullus! Sah deine Tafel solche Wonne je, Wie froh erschrocken hier mein Auge schaut? O Tantalus, ich fühle deine Qual! Nein! ist es wirklich, oder blendet nur Mit ihren trügerischen Wahngebilden Die Fee Morgana meinen lauten Magen? – Ha! wie das duftet und es ist kein Traum, Nein! bare Wirklichkeit! – Verführerisch Liegt's hingegossen vor den trunknen Sinnen, Zum Fressen schön, nein, viel zu schön dazu! 47 O seht nur diese reizenden Pasteten, Salate, Kuchen, Früchte, kalt Geflügel – Vor allen diesen köstlichen Kapaun, –         (hält eine Platte hoch) Gefüllt – mit Trüffeln – und gebraten – ach – So hold gebräunt, wie von der Morgenröte Bestrahlte Abendwolken – ach, was sag ich – Der Anblick da verwirrt mir ganz die Sinne – –   Elfter Auftritt Robert . Jeanne . Jeanne (mit einer Platte) . So, Herr! Da eßt! Doch sputet Euch ein bißchen!         (Stellt sie auf einen Ecktisch, dann ab) Robert (nach einem Blick) . So soll wohl mit gemeiner Bauernkost Der »arme Schlucker« seinen Hunger stillen, Und sehn, wie andre diese Fülle schlucken? Da müßt ich wohl ein dummer Teufel sein! Nein, Brot und Rauchwurst wandert in den Ranzen, Für morgen ist es gut, für heut zu schlecht! Und diese Milch – (sucht) die stell ich in dies Schränkchen – Halt! einen Bissen muß dem Magen ich Auf Abschlag geben, denn er schreit zu laut!         (Taucht ein Brotschnittchen in die Milch, ißt es und stellt die Schüssel in ein Fach des Büfetts) 48 Und nun zu dir, o heilige Gertrud, ruf ich, Holde Beschützerin der Fahrenden! Hör mein Gebet: o steh auch heut zu mir Und send ein paar recht läppische Gesellen, Daß ich sie auf die lustigste Manier Um diesen reichen Götterschmaus kann prellen!         (Macht sich ans Decken.)   Der Vorhang fällt . 49   Zweiter Aufzug Erster Auftritt Robert (ordnet noch den Tisch). Alison (tritt von der Seite auf in geschmackvollem Anzuge). Alison . O, seht wie niedlich! Ja, Ihr seid geschickt Und habt Geschmack! Robert . Nicht wahr? Doch, schöne Wirtin, Sagt mir, was nützt der lieblichste Geschmack, Wenn er mir bloß so um die Nase säuselt, Indes die Zunge so beweglich seufzt, Wie in der heil'gen Nacht ein Waisenknabe? Alison . Nun! Wappnet Euch ein wenig mit Geduld, Verwaltet hübsch und munter Euer Amt, Und laßt mich sorgen, daß auch Eure Zunge Robert . Mit frohem Schnalzen ihr Geseufz vertauscht! Ich dank Euch, Herrin! Und indessen wind ich Mit Lammsgeduld ein Sträußchen mir zurecht. 50 Alison . Was für ein Sträußchen? Robert . Seine Blumen wachsen Am dürren Bettelraine, und Ihr werdet Leicht ihre stumme Sprache deuten: Erstlich Nehm ich das bittre Kraut »Rühr mich nicht an«, Dazu den kümmerlichen »Augentrost«, Alsdann die dumme, schnöde »Warteweile« Und eine Ranke von »Je länger je schlimmer«, Doch mitten drin soll Euch ein Blümchen kommen, Bescheiden stehend Alison . Nun? Robert . »Vergißnichtmein!«, Alison (lachend) . Nein, nein! Das will ich nicht! Ihr habt mein Wort! (Für sich) Der Bursch ist wirklich allerliebst! Robert . Hurra! Und aus befreiter Seele wünsch ich nun Allseitig einen schlechten Appetit! Alison . O Undank! Doch zur Strafe sag ich gleich: Mein Liebster ist ein Freund von gutem Essen! 51 Robert (mit einem Blick auf den Tisch) . Das seh ich wohl! Doch eine Hoffnung bleibt: Und wenn der Herr ein Kannibale wäre, An Euren Reizen müßt er satt sich sehn! Alison (lachend) . O, was Ihr sagt! Robert . Ihr glaubt es nicht? Ich hoff's! Alison . Ein schwacher Trost! Robert . Ihr denkt nicht hoch von ihm! Alison . Wozu auch? Robert . Und Ihr liebt ihn? Alison . Lieben? Nun Wie man die Männer liebt, die uns gefallen, Wenn uns der Gatte langweilt oder quält! Man liebt ein Spielzeug, das die Zeit verkürzt, So auch ein Mittel, das uns lustig rächt. Robert . Madame! Nun kenn ich Melodie und Text: Ein Liedchen von bestrafter Eifersucht! 52 Alison . Nun ja! Wenn ein Vergehn ich büßen muß, Will vor der Buße ich auch den Genuß! Nur weil mein Mann in blinder Eifersucht Robert . Schwank in die Luft baut, nützt Ihr brav die Stunde, Und schafft, was Ihr versäumt, das Fundament! Entzückend ist, wie Frauentrotz und Laune So ihre eigne Lust und Logik haben! (Lacht) Profunde Weisheit strömt aus dem Kapitel: Des Weibes Sünde ist des Mannes Schuld! Und an Galanen hat es nicht gefehlt? Alison (lachend) . Gewiß nicht! Robert . Ja sie haben Geieraugen, Und Witt'rung wie die besten Stöberer. Alison . Ich sah mir einen etwas näher an Robert . Und er gefiel Euch? Alison . Nun so, so! es geht! Ich weiß noch nicht! Allein er ist ein Mann, Der Frauensleuten schon gefallen kann 53 Stattlichen Wesens, sehr galant verliebt Und (lacht) steht in lock'rem Ruf! Robert (gegen das Haus) . So sind die Weiber! Blind wie Fortuna, die ja auch ein Weib: Die reichsten Lose wirft sie denen zu, Die sie nicht brauchen, oder sie vergeuden. Und so verschenkt ein Weib auch ihre Gunst: Der satte Windhund hat die Wahl, indes Ein wack'rer Bursch wie unsereins   Zweiter Auftritt Die Vorigen . Jeanne . Jeanne . Sie kommen! Ich höre sie! sie kommen! Nun wird's lustig! Alison . Ja laßt uns fröhlich sein wir trauern morgen. Jeanne . O damit warten wir bis übermorgen, Wenn erst der Brummbär wieder hier rumort. Zwei Nächte lachen ist mir nicht zu viel, Wenn ich hernach zwei Monde seufzen muß. (Es klopft) Jesus! Da sind sie! (Öffnet.) 54   Dritter Auftritt Die Vorigen (unter der Türe erscheint Kapitän) Robinet (und bleibt, mit einem Fuße auf der Schwelle, mit Geste und Pose der Verzückung stehen). Alison (begrüßt ihn mit zeitgemäßem Knixe und sieht ihn dann verwundert an; nach einer Pause) Alison (einladend) . Darf ich bitten, Herr? Robinet . Hochedle Dame! gnädige Frau und Herrin, Allherrscherin im Reiche meines Herzens, Allsonne in den Welten meiner Wonne, Die meine Brust mit süßen Flammen füllt Nicht eher kann ich's, bis ein Wort von Euch Mich von dem Zauberbann erlöst, in den Mich, Göttin, Eure Himmelsschönheit schlug! Robert . Sapristi! Alison (lachend) . Nun, ich bat Euch drum! Robinet (langsam vorschreitend) . Nun also! So steig ich aus dem Tempetal der Hoffnung Auf der Erfüllung sonnigen Olymp, Allwo in Aphroditens Zaubergarten 55   Vierter Auftritt (Während der letzten Worte tritt Junker) Godelureaux (genau in derselben Pose auf die Schwelle, lauscht erschreckt auf und stürzt ins Zimmer). Jeanne (ihn umarmend) . Mein Jules, mein Herzensjunker! Junker (sie abstreifend, heftig fuchtelnd) . Nein! Nein! Nein! Was 'mal zu arg ist, ist zu arg! (Sucht nach Worten) Jeanne (erbost) . Nanu! Alison . Was habt Ihr, bester Herr? Ist was geschehn? Junker . O solche Niedertracht! Er fing doch an: »Hochedle Dame! gnäd'ge Frau und Herrin!« Und dann hieß es »Allherrscherin«, »Allsonne« ? Alison . »In seiner Welten Wonne« und so weiter? Gewiß! Allein, was soll das? Junker . Schändlich! Schändlich! Nein, eine solche ungeheure Bosheit Hätt ich von ihm mir niemals träumen lassen, 56 Wenn schon es ganz Euch gleich sieht Herr! Jawohl! O gnäd'ge Frau, der Gruß, den er Euch bot, War alles Schwindel und von mir gestohlen! Robert (der sich seitwärts hinter Robinet amüsiert) . O Schmerz! Alison (das Lachen verbeißend) . Von Euch gestohlen und noch Schwindel? Junker . Ja, edle Dame! Alison . Ei! Ihr seid sehr offen! Junker . Das ist der Fehler eben! (Alle außer der schmollenden Jeanne brechen in ein schallendes Gelächter aus) Junker (verwirrt) . Gnäd'ge Frau! Mir ist es wahrlich nicht zum Lachen, nein! Bedenkt, was unterwegs ich ausersonnen, Und mühsam aus dem Musenquell geschöpft, Es huldigend auf Euren Weg zu streuen Alison . Zu gießen! 57 Junker . Wie? Alison . Nun, was man schöpft, das gießt man! Junker . Ach so! 's ist wahr! Zu gießen also wie? Wo blieb ich stehn? Alison . Beim Gießen! (Erneutes Gelächter) Junker (zu Robinet) . Lacht Ihr wieder? Alison . Nein doch! Die Tränen fließen ihm! Doch weiter? »Zu gießen!« Junker . Ach nun bin ich aus dem Text! Was hab ich sagen wollen? Alison . Nun, ich denke, Was Ihr mir vor die Füße gießen wolltet Junker . Ach richtig, ja! das hab ich in der Dummheit Ihm auf dem Weg erzählt und vorgemacht, Und dacht an nichts! Da! an des Parkes Saum, 58 Da wirft er tückisch mir die Zügel zu, Und heißt mich seinen Schecken anzupflöcken, Und weg ist er, im Dunkel wie versunken! Was soll ich tun? Ich pflöck die Rosse an Und eile her, ihm nach um noch zu sehn, Wie er den köstlichsten Triumph mir stiehlt. Alison . Das war ein Freundesscherz Junker . Ein Scherz? Nein Raub! Und das von ihm ! Robinet . Du nimmst es viel zu tragisch! Junker . Ist das der Dank, den du mir schuldig? Robinet . Was?! Junker . Ach tu nicht so! Wer führt denn deine Börse Robinet . Schämst du dich nicht? Junker . Ich bin's, der immer zahlt Robinet . Pfui! 59 Junker . Pfui? Robinet (die Hand am Degen) . Ja pfui! Ich bohr dir's in den Schädel, Damit du's besser hören kannst! Du Protz! Junker . So ein Schma (Robinet fährt auf ihn los, er retiriert, Alison und Robert treten zwischen sie) Alison . Frieden! Frieden! Robert . Ruhe! Herr! Alison (zu Robinet) . Seid Ihr ein Kavalier? Bei meinem Zorne! Gebt Frieden und versöhnt sofort Euch wieder! (Spöttisch) Mir deucht, Ihr seid ja wohl einander wert? Robert (zu Alison) . Und ob sie's sind! (Zum Junker leise) Doch laßt Euch nichts gefallen! Ich steh zu Euch! Alison (zu Jules) . Und Ihr, mein edler Herr, Dort, Euer Schätzchen mög Euch sanfter machen! 60 Seht nur, wie nett sie ist und hübsch im Schmollen! Doch erst reicht Eurem Freund die Hand Nun? Robinet . Topp! Ich bin ein guter Kerl und will verzeihn! Junker . So? Das Verzeihn ist, dächt ich doch, bei mir! Alison . Das gleicht sich aus! Verziehen ist verziehn! Junker . Nun, ja denn! (Schütteln sich die Hände) Alison . Bravo! Robert . Ei verflucht, 's ist schad, Ich war schon dicht am wackeren Kapaun! Junker . Und nun, mein liebes Hannchen, grüß ich dich! Jeanne . Ach geh mir weg! Ja, wenn's zum Küssen geht, Bin ich dir gut genug, das weiß ich schon! Doch sonst ! Nun ja! ich bin nur eine Magd, Und sie Madame! 61 Junker . Ich bitt dich, liebes Hannchen! Mein zuckersüßes Hannchen, ich beschwör dich: Für dich auch hab ich einen Gruß gehabt, Und mit dem Monde hatt ich dich verglichen, Der meiner Nächte holde Sonne sei! Bist du zufrieden nun? Alison (zu Jeanne) . Nimm doch Vernunft, Und trübe nicht mit deinem Eigensinn Noch mehr den kurzen Freudenabend uns, Nein, laß uns fröhlich jetzt Robert (seufzend) . Zur Tränke gehn! (Rasch) Vergebt das Gleichnis aus der Landwirtschaft! (Gegen das Haus) Doch ist's an seinem Platz, denn Ochsen sind's, Und von der besten Rasse! Heil'ge Gertrud, Die dickste Opferkerze weih ich dir! Junker . Nun, Hannchen? Alison . Geh doch! (Jeanne nähert sich, nachgebend) Robert . Ei, so küßt sie doch! 's ist ein Genuß, um den ich Euch beneide! 62 Ich sag Euch, nichts ist süßer als ein Kuß Von einem Mund, der eben noch geschmollt! Junker (sie küssend) . O, er hat recht! Jeanne (an seinem Halse) . Wer kann dir böse sein! Robinet . Madame, ein solcher Anblick rührt mich immer. O, wenn Ihr einen Kuß mir gönnen wolltet! Alison (weicht einen Schritt zurück) . Gemach, mein Herr! Ihr wißt, die Gunst der Frau Ist eine Festung Robinet . Doch ich bin Soldat Und habe stürmend manchen Wall erstiegen. Alison . Herr Kapitän ich will belagert sein! Drum wühlt und schießt, bis Ihr den Sturm versucht. Robinet (komisch seufzend) . Wie lang ist's her, daß ich Euch schon belagre! Alison . Nun ja! Doch war das nur so aus der Ferne! Robinet . Drum wollt ich eben einen Handstreich wagen! (Sucht den Arm um ihre Hüfte zu schlingen, sie weicht aber aus) 63 So machten wir's vor Metz war auch dabei! Doch heute gilt es einen schönern Sturm: Es klirrt kein Schwert und auch kein Mörser dröhnt, Und so erlaubt, daß ich die Waffen strecke! (Er schnallt den Gurt ab und hängt den Degen an ein Hirschgeweih) Junker . Ich auch, Madame? Alison . Ei natürlich, Herr! (Er legt umständlich, unter Jeannes Hilfe, Mäntelchen und Degen ab) Robinet (den Tisch bewundernd) . Der Tisch ist wohl bestellt, das läßt sich sehn! Robert . O heil'ge Gertrud! Jetzt die rechte Taktik, Wie ich die edlen Herrn aufs neu verhetze, Und meiner Dame gründlich sie verleide! Robinet (nach der Musterung) . Zwar dürst ich mehr nach Eurem roten Munde, Und hungre wie ein Wolf nach Eurer Liebe. Allein ich denk, ein gutes Mahl, das stärkt So hübsch zum Kampfe Junker (meckernd) . Ditto zum Genuß. 64 Robinet . Die alte Crache hat tüchtig eingeheimst; Seid Ihr zufrieden, Herrin? Alison . Mit dem ja! Junker . So recht pikant! Das ist so mein Geschmack, Und du, mein Hannchen? Jeanne . Ach, das weißt du auch, Daß ich von jeher für das Feine war! Robinet . Nun dächt ich so: wir setzen uns und füttern, Und dann hm! hm! wie der Lateiner sagt Junker . Post coenam stabis nein so nicht! na na!? Robert . Post Bacchum Venus! Junker . Richtig! richtig! ja! Was ich vergeßlich bin! Robert . Das kommt von beiden! 65 Junker . Wie meint Ihr das? Robinet . Wer ist der Bursch, Madame? Habt Ihr Lakaien, die Latein verstehn? Robert . Mehr als Latein, Herr Kapitän Alison . Doch kein Lakai! ein fahrender Scholar Robert . Den heut Der Wind des Zufalls in dies Haus geweht, Das ganz dem Zauberschloß der Circe gleicht, Nur umgekehrt: Odysseus ist verwandelt, Er wartet wie ein Pudel auf, indes Die Herren hier noch auf zwei Füßen gehn! (Alison sinkt herzlich lachend auf einen Sessel) Robinet . Bursch! ich versteh dich nicht! Doch merk ich wohl, Du willst den naseweisen Witzbold spielen! Robert . Das ist mein Amt! Madame gab den Freibrief! Doch sag ich Euch, hätt ich so viele Tonnen Des Rebenbluts hinabgespült wie Ihr, 66 So wollt ich ihn in Eurer Farbe spielen Und nicht mehr nase weiß! Junker (leise zu Robert) . So! bravo! auf ihn! Robinet (wütend) . Nom de Dieu! ! Willst du dich mausig machen? Wenn du an mir die Schnauze üben willst, Gib acht, wie ich den Flaumbart dir barbiere! Robert . Was kann ich für den Bart, den ich nicht hab! Bedenkt, ich hab das Haar noch auf dem Kopf, Euch ist es allerdings 'ne gute Spanne Vom Scheitel abwärts ins Gesicht gerutscht! Robinet . Bursch ich ! (Will ihm eine Ohrfeige geben; Alison springt auf und hindert ihn daran) Alison (noch lachend) . Versteht denn niemand einen Spaß? Ich sehe schon, um jedem Zank zu wehren, Muß ich die Herrn an unsre Tafel mahnen, Wenn sie noch Wunsch und Lust zum Bleiben haben? Robinet . Um Gott, was denkt Madame! 67 Junker . Na und ob! Jeanne (an seinem Arm) . Das will ich meinen, Liebster! Robert (leise) . Zürnt Ihr mir? Alison (ebenso, lächelnd) . Im Gegenteil! Robinet (ihr den Arm bietend) . So darf ich bitten, Herrin? Alison . Nun denn zum Schmaus! (Läßt sich von Robinet zum Tisch geleiten, der Junker führt Jeanne) Robert (hinterdrein) . Ich will ihn Euch gesegnen! Und kann ich's nicht, so soll's der Teufel tun! Das ist mein Tischgebet! Herrgott, wie mach ich's? (Man setzt sich) Wie rett ich meinen göttlichen Kapaun Aus ihren Rabenfängen? Wart! Madame! In meiner Heimat herrscht die alte Sitte, Mit einem Spruch die Tafel anzuheben Wenn sich ein Tischgebet nicht schickt, wie just! 68 Robinet . Schieß los damit! Hast ja das beste Maul! Robert . Doch um den Witz ein bißchen anzufeuchten, Füllt mir ein Glas von Eurem goldnen Wein Das gibt mir Stoff und Stimmung! Robinet . Ach was, Wein! Für solch ein Bübchen paßt ein Apfel besser! (Wirft ihm einen zu) Robert (ihn auffangend) . Ich hätte lieber zwar vom Wein gesprochen, Doch dem Genie ist jedes Thema recht. Robinet . Nur mach es kurz und keine Litanei! Robert (nach kurzem Besinnen) . Da seht den Apfel ein harmloses Ding Rotbackig wie ein schlummernd Kind, Voll Unschuld auch, wie die Kinder sind, Und mancher achtet ihn drob gering. Wenn ihr ihn einem Esel schenkt Und fragt dabei, was er sich denkt »Ei! (wird er sagen) denken? nichts!« Und drauf ihn gemütlich und gelassen 69 In einer Öffnung des Gesichts Wupp-dich, schwupp-dich! verschwinden lassen! (Schmatzt) Robinet . Hast du nun ausgeschwatzt? Reich den Kapaun! Robert . Um Gott! Jetzt kommt das Thema erst Alison . Nur weiter! Robinet . Verflucht! Na, zu! Junker (für sich) . Hätt ich Papier und Stift, Ich möcht mir's gerne zum Gebrauch notieren! Robert . Doch fragt einen Weisen! Der sagt: »Mir graut! Er fühlt sich an wie Schlangenhaut! Eine Schlange hat es auf dem Gewissen, Daß Eva in den Apfel gebissen; Der Apfel, der so kindlich lacht, Hat alles Weh in die Welt gebracht: Den sauren Schweiß und er ist so süß! Den rauhen Hader und er ist so glatt! Den blassen Tod Und seine Wänglein sind doch so rot! 70 Ein Apfel hat so unser Leben vergiftet Ein andrer aber hat Unheil gestiftet Im Himmel sogar: es saßen beim Mahl Die seligen Götter im blauen Saal, Sie haben gelacht, sich verliebt geneckt, Und aßen Pasteten und tranken Sekt; Herr Mars vertieft sich in einen Kapaun, Da verdroß es die Eris zuzuschau'n: Sie warf ihren Apfel unter sie Die Saat war da, der Haß gedieh! Sie haben ihn auch zur Erde gesät, Völker wurden niedergemäht, Und manche blutige Träne floß Von Ithaka bis Pergamos. Drum ist der Apfel ich sag's euch wohl Der bösen Zwietracht recht Symbol. Und weil er's ist, so setz ich ihn Mitten auf eure Tafel hin Mög er euch nicht den Frieden stören! Das ist mein Spruch! Der Teufel mag ihn hören! Alison (klatschend) . Bravo! bravo! Ihr seid ein feiner Page! Jeanne . Gebt acht, er hat 'ne Teufelei im Sinn, Drum malt er ihn auch immer an die Wand! 71 Alison (ihm mit dem Finger drohend) . Ich merk es wohl! Robinet . Ich glaub, der Bursch Alison . Erlaubt! Noch eines möcht ich wissen, junger Freund! Ihr spracht vom Esel nur und von dem Weisen, Was würdet Ihr ? Robert . Ihr setzt mich in die Mitte? Das tu auch ich, bescheiden wie ich bin! Und wollte doch das Klügste tun! Alison . Wieso? Robert . Ich würde denken, wie der Philosoph Und (Geste) bandeln wie der Esel! (Die Frauen lachen, Robinet ärgert sich) Alison (in hellem Vergnügen klatschend) . Köstlich, köstlich! Junker (für sich) . Das Essen gäb ich für Papier und Feder! Alison (für sich) . Ein allerliebster Knabe ist's. (Laut) Komm her! Gib deinen krausen Schopf, ich muß dich küssen! 72 Robert . Das nenn ich einen süßen Lohn! (Alison nimmt seinen Kopf in die Hände und küßt ihn) Robinet (auffahrend, unwirsch) . Madame! Alison . Er hat's verdient! Robinet . Ach was, 's ist dummes Zeug, Was der Windbeutel uns so vorgeplappert Vom Adamsapfel, oder was es war! Das kann ich auch, wenn's not tut! Und Ihr küßt ihn! Junker (eifersüchtig) . Sein Spruch, der hatte weder Hand noch Fuß, Die Nutzanwendung fehlte und das » item «! Robert . Na, na, für jene laß ich Euren Freund, Und Euch, Herr Junker, für das item sorgen! Robinet (übermäßig lachend) . Hoho! Er meint wohl, daß wir raufen würden. Hoho! Wir streiten! wir! die besten Freunde! Was meinst du, Junkerchen? Junker (meckert) . 73 Alison . Ei nun, ich dächte, Ihr hättet eben es gezeigt! Robinet . Wieso? Ein kleiner Zank, der kommt ja manchmal vor, Auch unter guten Freunden! Alison . Kleiner Zank? Robinet . Wir sind die letzten, die nicht Spaß verstehn! Junker . Nur müßt Ihr nicht mehr mit so groben kommen! Robinet . Ach was, du darfst nicht so empfindlich sein! Junker . Ich war doch nicht empfindlich, nein, im Recht! Robinet (hält etwas an) . Robert (zu Alison, leise) . Paßt auf, Madame, sie sind im besten Gange! Junker . Es war nicht schön von Euch! Es traf mich hart! Jeanne (zu Jules) . So sei doch still! 74 Robinet (kollernd) . Du weißt, ich bin Soldat! Junker . Und ich ein Edelmann! Robinet . Was soll das heißen? Junker . Ein Edelmann hat Nerven! Robinet . Nerven? Naupen! Junker . Ich Naupen? Herr! muß sich ein Edelmann Robinet . Was Edelmann! Laß mich jetzt ungeschoren Mit deinem Edelmann! Ich hab es satt! Junker . Herr! Jeanne (ihn hindernd) . Gib doch nach! Junker (sich freimachend) . Ich laß mir viel gefallen, Allein mein Adel! Herr, was seid denn Ihr? Robinet (barsch) . Soldat! Und nun 75 Junker . Da seid Ihr etwas Rechts; Ich bin ein Edelmann Robinet (höhnisch) . Auch etwas Rechts! 's ist wenig, wenn dein Adel alles ist Junker . So? Herr? Im ganzen Reiche ist das Haus Der Godelureaux das älteste und größte, Gibt selbst dem Königshause wenig nach Robinet . Ich hab den Adel mir im Feld geholt! In aller Herren Länder tat ich Dienste, Der Connétable war mein bester Freund, Mit Herzog Moritz stand ich »du auf du«, Und an dem blut'gen Tag von Sievershausen Da machte er mich noch zum Kapitän Und starb in meinem Arm Gott hab ihn selig! 's war seine letzte Tat! Und diese Schmarre Schau her, du Tropf! zog mir der tolle Albrecht Am selben Tag höchst eigenhändig über Hut ab davor! 's ist Brandenburger Arbeit! Junker . Ihr flunkert's jedem vor, doch jeder weiß: 76 Ein eifersücht'ger Knecht von Eurem Vater, Der seinerzeit ein Pferdeschlächter war Robinet (stürzt nach seinem Degen, der Junker flüchtet hinter den Tisch) . Ha! Lügner! Jeanne (Robinets Knie umklammernd) . Laßt ihn! Junker (triumphierend) . So? Noch gestern hat's Die dicke Margot aus dem Fischergäßchen Robinet (Jeanne abstreifend) . Das mir, du Schuft! (Will ihn verfolgen, Alison tritt ihm in den Weg) Alison . Kalt Blut! Herr Kapitän! Was sagt Ihr nun? Ihr habt Euch doch gezankt, Und wie! Noch nie hab ich wie heut gelacht! Hat unser junger Freund nicht recht gehabt? Robinet . 's ist keine Kunst, wenn so ein Edelmann Sich wie ein Simpel aufführt! (Stößt wütend seinen Degen in die Scheide) Alison . Ei und Ihr? Ihr habt Euch auch nicht sehr gescheit benommen! 77 Dankt's meiner Laune, meiner Fröhlichkeit, Daß ich Euch mehr verlache, als Euch zürne! Und weil Ihr doch so gute Freunde seid, Daß ein Zank mehr euch weiter nicht bekümmert, So heiß ich noch einmal, bei meinem Zorn! Euch wieder zu versöhnen! Tut ihr's nicht, Heb unverzüglich ich die Tafel auf! Robert . Herr ! (Besinnt sich, leise) Tut es, Herrin! Schickt die Bullen fort! Alison (ebenso) . O nein! Ich will mich gründlich amüsieren, So dumm sie sind nein grad an ihrer Dummheit! Robinet (nach bedauerndem Blick auf den Tisch) . Ihr seht ich bin wie Wachs in Eurer Hand Robert (gegen das Haus) . Drum läßt so leicht sich seine Nase drehn! Robinet . Doch kann ich wahrlich nicht zuerst die Faust Ihm bieten Jeanne (inständig zum Junker) . Tu's, ich bitt dich! Junker . Er fing an! 78 Robinet . Ich? Wer hat angefangen? Junker . Ich doch nicht! Ihr sagtet nun, was war es gleich? Du Hannchen, Weißt Du's? Jeanne (weinerlich) . Ach nein! Ihr fingt ja beide an! Junker . Es ist nicht wahr! Er hieß mich na? was war's doch? Alison . Empfindlich! (Der Junker will zustimmend antworten) Robinet . Erst als er mich grob genannt! Junker . Ich war im Recht Alison . Der Kapitän doch auch! Robert . Sie hatten beide recht, drum schlag ich vor, Sie gehn im gleichen Schritte sich entgegen, Und bieten sich zur gleichen Zeit die Hand. Alison . Ein guter Rat! 79 Robinet . Ich tu's, weil Ihr mich heißt Von dem mag ich nichts wissen. Alison . Also vorwärts! (Sie gibt mit der Hand den Takt ihrer Schritte an; beide bewegen sich abgemessen vorwärts und geben sich zögernd die Hände) So recht! – Nun an den Tisch! – Und – keinen Rückfall! (Sie setzen sich) Robinet . Nun hoff ich endlich doch zu essen! Bursch! Gib den Kapaun her, wenn Madame erlaubt, So will ich ihn zerlegen! Robert (die Platte nehmend) . Heil'ge Gertrud! Ich bin verloren, wenn du mir nicht hilfst! (Trägt so langsam er kann den Kapaun den weitern Weg um den Tisch) Robinet . Warum denn da herum, du blinder Tölpel! Robert (die Platte vor Robinet hinstellend) . Vergebt, ich war zerstreut! (Für sich) O! wie das schmerzt! Sankt Gertrud hilf! Er frißt ihn mit den Augen! Er wendet ihn! Er zieht das Messer ab! 80 Nun schneidet er! O Teufel, meine Seele Verschreib ich dir O Gott, ich atme wieder! Robinet (das Besteck hinlegend und an der Halskrause zupfend) . Mir ist ganz schwül geworden! Gnäd'ge Frau! Wenn Ihr's erlaubt, leg ich die Krause ab, Und mach es mir bequemer! Alison . Wie's beliebt! Robinet . Noch eine Bitte hätt ich Alison . Nun? Robinet . Könnt Ihr Vielleicht von Eurem Gatten leichte Schuhe Mir geben lassen? Meine schweren Stiefel Ich weiß nicht drücken mich Alison . Sehr gerne, Herr! Jeannette sei so gut! (Jeanne unwillig ins Nebenzimmer ab und kommt mit Schnabelschuhen zurück) 81 Robinet (steht auf und setzt sich auf einen andern Stuhl im Hintergrund) . He! Bursch, komm her! Zieh mir die Stiesel auf! Robert (gegen das Haus) . Nun Gott sei Dank! Ich lebe wieder auf! Ich bin gerettet, Und mein Kapäunchen auch! Robinet . He, bist du taub! Du hast wohl Watte in den Ohren, Kerl! Robert (unschuldig) . Wie? Robinet . Da, zieh mir die Stiefel aus! Robert (legt die Hand ans Ohr) . Was? Robinet (brüllend) . Kerl! Die Stiefel! Robert (kühl) . Geht nicht! Robinet . Was geht nicht! 82 Robert . Das Ausziehn! Alison (verzweifelt lachend, sich die Ohren zuhaltend) . Gerechter Gott! Jeanne (weinend) . Nun geht es wieder los! Robinet . Ich spieß dich auf wie eine tote Lerche! Du willst die Stiefel mir nicht ausziehn, Kerl? Robert (kühl) . Ich habe kein Scharnier im Rücken, (betonend) Herr! Robinet . Was hast du nicht? Robert (mit größerem Nachdruck) Herrrr! Kein Scharnier im Rücken. Robinet (in höchster Wut) . Zum letztenmal! Robert . Zum letztenmal! Robinet . Madame! Gestattet Ihr, daß ich ihn züchtige? (Alison schaut ängstlich auf Robert) . Robert (sie pfiffig anblinzelnd) . Erlaubt's ihm, gnädige Frau, ich bitte drum! 83 Alison (sie musternd) . Ihr hört! Robinet . Habt Ihr 'ne Peitsche in der Nähe? (Erblickt eine Reitpeitsche am Hirschgeweih) Ha! (Stürzt auf sie zu) Robert (in anderm Tone) . Soll es da hinaus! Bin auch dabei! (Ergreift sein Rapier) Heraus mein Raufer, treuer Kamerad! Hoho! Paßt auf! Ihr sollt mich kennen lernen! Madame, er hat aufs schwerste mich beleidigt. An meiner Mannesehre sitzt ein Fleck, Den ein Saft nur hinweglöscht! Das ist Blut! Wenn's Euch gefällt, so messen wir die Klingen! Ich bitte Euch, erlaubt's! (Leise) Der Kerl ist feig! Ich setz mein Wort, kein Tröpfchen Blut soll fließen! Alison . Ich geb Euch volle Freiheit! Robinet . Holla, Bürschchen! (Für sich) Was gilt's, er spielt den Prahlhans! (Laut) Nur heran! Wenn's dir zu wohl ist! Will dich bücken lehren! (Droht mit der Peitsche) 84 Robert . Grad ist mein Rücken und er beugt sich nur Vor Gott, vor meinem Kaiser und vor Frauen, Und das nur ungeheißen! Sonst vor niemand, Am wenigsten vor Euch! Nehmt Eure Wehr! Auf die Mensur! Macht vorwärts vorwärts, oder (Läßt ihm eine Quart vor der Nase wegpfeifen. Robinet zuckt zurück, der Junker und Jeanne flüchten hinter den Tisch, Alison steht beifällig lächelnd vorn) Alison . Mut hat der Knabe! Doch ich möchte wissen, Ob er so stolz ist, oder nur so tut! Doch ist's ein Schelm gewiß! Robinet (den Degen ziehend, für sich) . Verfluchter Kerl! Ich glaub, der Teufelsbraten macht gar Ernst! (Laut) Ich wollt dir anders zwar den Rücken gerben Doch hast du Lust nach eingeschlagenem Schädel, Mir soll es recht sein! Robert . Also gut! pariert! (Neuer Hieb) Robinet (zurückzuckend) . Na, na, so warte doch und schlag nicht zu, Bevor ich mich gedeckt! 85 Robert (zwei rasche Hiebe tuend) . So deckt Euch doch! Robinet (für sich) . Der Kerl macht wirklich Ernst! Jetzt wird es kritisch! (Laut) Ihr habt schon recht, allein bedenkt nur eins: Wir können doch nicht ohne Zeugen fechten. Robert . Ah basta! Nehmt den Junker Euch zum Zeugen Alison (lachend) . Und Ihr nehmt mich dann Junker (zitternd) . Ich für meinen Teil Ich bitte drum, mich aus dem Spiel zu lassen! Jeanne . Sein Blut ist viel zu nobel Alison (gleichzeitig) . Hasenfuß! Robert . Wozu auch Zeugen? Vorwärts denn! pariert! (Hieb) Robinet . Sehr richtig, junger Mann! Wozu auch Zeugen? Allein ein andrer Punkt, der kitzlicher: Wir müssen erst doch einen Feldscher haben, Wer soll denn Eure vierzehn Löcher flicken. 86 Robert . Ich will schon sorgen, daß ich keins bekomme, Und die ich Eurem dummen Schädel schlag, Die kann ich ja zur Notdurft selber stopfen. Robinet (für sich) . Der Kerl ist rabiat! Was sag ich nur? (Laut) Schön, junger Herr! Ich hab auch keine Angst, Das heißt, wohl Angst, ich könnte tot Euch schlagen, Und dann die Scherereien mit dem Richter Allein etwas geniert mich noch, die Waffen! Ihr führt ja ein Rapier, ich einen Degen Robert . O wenn's Euch lieber, können wir ja tauschen! Robinet . Ich bitt Euch, Herr, dann ständ es noch wie jetzt! Alison . Er sagt schon »Herr«! Robert . Ich hab das Reden satt, Nun will ich Taten, Blut will ich nun sehn! Legt aus! Ich bin auch auf den Stoß geeicht! (Fällt mit einem Tiefstoß aus; Robinet hüpft beiseite, Jeanne kreischt) Jeanne . Jesus! Ich mein, er sei schon durch und durch! 87 Alison . Die Stiefel scheinen nicht zu schwer zum Hüpfen! Robinet . Ich bitt Euch, gnäd'ge Frau! denkt an die Schmach! Mit einem Knaben mich zu schlagen! Alison . Ei! Wenn Ihr Euch weigert, ist sie doch noch größer! Robinet . Allein im Zimmer und vor Euren Augen? Alison . Ich hab's erlaubt, Ihr macht mir eine Freude, Nichts seh ich lieber als ein Stiergefecht! Robinet . Jedoch wenn Blut fließt, könnt Ihr's sehn? Alison Warum nicht? Meint Ihr, daß ich noch niemals Blut gesehn? Robinet . Doch Menschenblut, Madame, Menschenblut! Ein fahrender Scholar ist auch ein Mensch! Robert . Sehr gütig, aber 88 Robinet . Einen Augenblick! Was täten wir, wenn Euer weich Gemüt Mitleid'ger Ohnmacht widerstehn nicht könnte? Und Ihr die süßen Augen schließen müßtet, Vom jähen Schreck umnachtet? Alison . Keine Sorge! Mein Hannchen weiß ja, wo das Fläschchen steht. Robinet . Doch Hannchen ist gewiß auch Junker . Zart besaitet! Robinet . Und wenn sie selber dann ohnmächtig wird? Alison . Dann wache ich schon wieder auf! Robert (vordringend) . Nun denn! Wird's bald? Ich habe Durst, Herr! Durst Nach meiner Ehre und nach Eurem Blut. Blut will ich sehn, dein Blut! So steh! Pariere! (Dringt auf ihn ein) Robinet (ausweichend) . Erlaubt doch, bester Herr! Nur auf ein Wort! 89 Robert . Nichts da! parier! bei Gott, ich stech dich tot, Und spieß dich wie 'nen Käfer an die Diele! Eins! zwei! parier doch! drei! (Robinet läßt den Degen fallen) So heb ihn auf! Robinet . Ich kann nicht mehr, wahrhaftig! Robert . So, nicht mehr? Hast du bis jetzt gekonnt? Robinet . Nein, laßt Euch sagen, Warum ich noch nicht schlug! Ich hab mir neulich Beim Stechen in der Bahn das Handgelenk Ganz jämmerlich verstaucht! Der Junker zeugt! Junker (zitternd) . Ich? zeugen? nein! ich bitte noch einmal, Mich aus dem Spiel zu lassen! Jeanne (ihn umarmend) . Du hast recht! Robert . So, so! Dann nimm ihn in die Linke, vorwärts! Ich tu es auch, gutmütig wie ich bin! 90 Robinet . Im linken Arm hab leider ich die Gicht, Sonst hätt ich meinen Mann schon längst gestellt Den Teufel auch! meint Ihr, ich hätte Angst? Robert . Was bleibt noch übrig? Da mit blanker Waffe Du jegliche Genugtuung verweigerst, Du feiger Hund! so bitte drum mir ab! Robinet . Was soll ich tun? Robert . Abbitten! bist du taub? Du hast wohl Watte in den Ohren, Kerl! Robinet . Nun! daß Ihr Ruhe gebt, nehm ich's zurück Robert . Genügt mir nicht! Robinet . Ich zieh sie selber aus! (Schickt sich an dazu) Alison . Behaltet sie nur ruhig an und macht, Daß ihr mir beide aus dem Hause kommt! Robinet und der Junker . Was gnäd'ge Frau! 91 Jeanne (sich an Jules klammernd) . Nein, du nicht! Du bleibst hier, Ich lasse dich nicht gehn. Alison . Nein, fort mit beiden! Was ihr gebracht, das könnt ihr wieder haben, Schickt nur Frau Crache, meinetwegen heute noch. Weiß Gott! wenn ich fast krank mich nicht gelacht, So könnt ich ärgern mich Gott! Was ist das! (Lauscht erschrocken)   Fünfter Auftritt (Man hört draußen einen Lärm) Jeanne . Jesus! Der Herr! (Robinet und Jules stehen entsetzt) Alison (tonlos) . Ich bin verloren! Robert . Teufel! Sagt, ist das Haus verriegelt? Nicht? Nur schnell! Jeanne . Ich will es tun! (Eilt hinaus) Robert . Kopf hoch, Madame, und Herz! 92 Wir wollen retten, was zu retten ist. Wohin mit diesen? Robinet und Jules . Ja! wohin? wo fliehen? Alison . Es ist kein Ausweg! (Jeanne kommt zurück) Robert . Nun in ein Versteck! Robinet und Jules . Wo? wo? Robert . In den Kamin, da sind sie sicher. (die beiden drängen, sich gegenseitig wegstoßend, zum Kamin. Robinet schleudert den Junker zurück) Robinet . Ich hab den Vortritt! (Schlüpft hinein) Junker (fast weinend, nachdrängend) . Mach doch mir auch Platz. Robert . Kriech in den Schlot, du bist ja dünn genug! Nun, Hannchen, schnell die Sachen eingepackt! Doch hübsch und sauber! nur nicht übereilt! (Sie packen die Speisen und Flaschen in den Korb) 93 Gautier (draußen, entfernt) . He! holla! aufgemacht! (Klopft) Robert . Mut! gnäd'ge Frau! Sucht einen Augenblick ihn aufzuhalten! Alison (das Fenster öffnend) . Wer ist da? Gott! er wird mich töten! Gautier . Ich! Alison . Was sag ich nur? Wer ist's? Ich kenn Euch nicht! Gautier . Ich bin es nur! mach auf! Alison . Kommt morgen wieder! Ich lasse niemand mehr so spät herein! Gautier (an dem Haustor trommelnd) . Zum Donnerwetter! Ich bin's ja, dein Mann! Ich, Gautier Grommelard aus Châtelet! Jeanne (einen Augenblick ans Fenster eilend, kreischend) . Macht ihm nicht auf, Madam', es gibt so Kerle, Die machen alle Stimmen nach! Gebt acht! Gautier (wütend) . Daß dich die Pest! Ich breche dir den Hals! Ich renn die Türe ein! (Wettert dagegen) 94 Alison (zitternd) . Ja, bist du's wirklich? Gautier . Ja, wer denn sonst? cré nom de Dieu! Mach auf, Und laß mich nicht bis nächste Ostern warten, Ich berste so wie so vor Wut! Mach auf! (Klopft fort und fort) Robert (mit dem Einräumen fertig) . Wohin den Korb! Alison . Zu hinterst in die Kammer! (Robert schleift ihn hinein; Jeanne nimmt die Degen und Hüte vom Hirschgeweih und reicht sie in den Kamin) Jeanne . O, liebster Herzensjunker! muckse nicht! Junker (kläglich) . Nein, nein! O, wär ich doch zu Haus! Robinet . Ich auch! Alison (zu Robert) . Nun geh ins Bett zwei Stiegen auf dem Boden. Gautier (wütend) . Nun, wird's bald? Höll und Teufel! auf, macht auf! (Wettert bis zum Schluß dröhnend gegen die Türe) 95 Alison . Die erste Türe rechts und sei ja still! Robert . Gewiß! Nun, gute Nacht! Und haltet Euch! Daß dieses Abenteuer glücklich ende Jeanne . Sonst kann's ein teurer Abend werden! fort! Robert (abgehend, gegen die Kammer) . Adieu, Kapaun! Der Teufel hat's gefügt! (Ab mit seinen Sachen) Alison . Und du schließ auf! Jeanne . Madam', ich hab so Angst! Er bringt mich um! (Sie geht weinend hinaus) Alison . O, Gott! wie wird das werden! Es ist mein Tod mein Tod ich fühl es kommen! O, großer Gott! wie strafst du meine Sünde! (Steht händeringend da)   Der Vorhang fällt . 96   Dritter Aufzug Erster Auftritt Alison (steht in derselben Haltung wie am Ende des zweiten Aufzugs vor der Türe; man hört) Gautier (herankommen). Gautier . Wo ist das Weibsbild, das verdammte? Jeanne! Wo steckt sie? Jeanne! (Er tritt ein, er hinkt ein wenig) Alison . O, liebster Gautier Gautier . Aus meinen Händen ist sie weggeflitzt Her soll sie kommen, daß ich ihr den Hals Alison . O, sag doch, bester Mann, was ist geschehn? Warum bist du zurück Gautier (Hut und Degen in einen Winkel schleudernd) . Erwisch ich sie, So mag ihr Gott genaden! daß die Pest! Was macht ihr mir nicht auf? Was laßt ihr mich In Nacht und Nebel vor der Türe stehn, 97 Die Kehle heiser brüllen und die Fäuste Mir blutig trommeln? he? was soll das heißen? Alison . Bedenk doch unsere Angst Gautier . Vor wem? vor mir? 's ist nett, verdammt nett, wenn die eigne Frau Des Mannes Stimme nicht mehr kennen will Ich schrei wohl wie ein Nachtrab oder Uhu? Und dies verfluchte Weibsbild Alison . Tu ihr nichts Sie hat es gut gemeint Gautier . Hol sie der Geier! Ich dresch ihr noch die gute Meinung aus, Daß ihre Flöhe drob die Köpfe schütteln! Verflucht nochmal! Alison . Wir waren so erschreckt Und ist's ein Wunder? Sieh, wir dachten dich Fast halbwegs Monterau Gautier . Ja, wenn die Hexe (Hält inne) 98 Verdammt! was ist denn das für eine Luft? Es riecht so fremd! der Teufel weiß wonach! (Schnüffelt zornig) Alison (entsetzt) . O Gott! er merkt es Gautier . Alle Fenster zu? Es ist ja zum Ersticken! (Hinkt nach einem und reißt es auf) Alison (aufatmend) . Gott sei Dank! Laß doch, ich will schon aber Gautier, sag, Was ist dir zugestoßen? Gott! du hinkst! Bist du verletzt? wie kam es denn? Gautier (zu einem Stuhle hinkend, denselben, auf welchem Robinet gesessen, grollend) . Ach was! Was fragst du noch! Wir haben umgeschmissen! Ein Rad entzwei, und meine Hüfte auch, Die kaum vom letztenmal her eingerenkt! Jetzt muß ich noch ein Vierteljahr lang hinken, Der Teufel hol's doch sag ich dir, dran ist Nur die vermaledeite Hexe schuld Ich wußt es ja! Hab's ja vorausgesagt! Das Satansweib! Doch wart, ich tränk dir's ein! Ich will nicht ruhn, bis deine mürben Knochen, 99 Dein dürres Fleisch darum zum Himmel brenzelt, Wenn's auch dem Teufel leid sein wird, weil er Zu wenig denn für sich zu schmoren hat! Etienne und Mathieu hat sie mir verschläfert Die Kerle haben ihre Prügel weg! Dann hat sie mir die Gäule scheu gemacht Und einen Prellstein an den Weg gehext, Daß wir dawider rennen mußten, ja! Ich war gerad ein bißchen eingenickt Und wach in einem steinigen Graben auf. Alison . Du ärmster Mann! Doch wenn die Hüfte schmerzt, Willst du nicht lieber gleich zu Bette gehn? (Für sich) O brächt ich ihn dazu ich wär gerettet! Gautier . Den Teufel will ich jetzt zu Bett! Alison . Doch, Gautier! Es wäre wirklich gut, du wirst es sehn Ich will dir einen kalten Umschlag machen! Gautier . Ach dummes Zeug! Alison . Es kühlt, ich bitte dich, Und ist zur Heilung gut! Komm doch zu Bett! 100 Gautier . Ich mag nicht, sag ich dir! Ich hab 'ne Wut, Daß mich ein Schlag minutlich treffen kann! Alison . Drum wär es besser, Mann Gautier . Laß mich in Ruhe! Und schaff mir eine andre Kühlung her! Laß einen Krug Burgunder holen! Jeanne! He, Jeanne! Jeanne! Wo steckt die Bestie denn? Ruf sie mir her! Alison . Du wirst sie schlagen? Gautier . Ruf sie! Alison (zögernd) . Doch tu ihr nichts sie war wie ich voll Angst Gautier . Du sollst sie rufen! Wird's bald? Alison . Doch versprich mir Gautier (ärgerlich) . Nun ja denn! Eigensinn'ge Weiber! 101 Alison (hinausrufend) . Jeanne! Wo bist du? komm! Jeanne (vor der Türe auftauchend) . Er wird mich sicher schlagen! Alison . Nicht doch! hab keine Angst! Gautier . Wein holen sollst du! Hast du verstanden? he? Jeanne (zitternd) . Ja, gnäd'ger Herr! (Nimmt vom Büfett einen Krug und huscht ängstlich davon) Gautier (nachrufend) . Doch laß mich keine sieben Jahre warten! Ob du's gehört hast, frag ich dich? Jeanne (von außen) . Ja, Herr! Gautier . Der Satan mag das Weibervolk regieren! Wenn das nicht zittert, wird es faul und frech! Alison . O, bester Mann, du ärgerst dich zu sehr! 102 Gautier . Das soll mal einer nicht Alison . Es wird dir schaden Gautier . Kann ich dafür? Da sitz ich sieh mich an! Wie eine Bombe, die am Platzen ist Alison . Drum, liebes Männchen, folg mir, geh zu Bett! Gautier . Zum Henker mit dem Bett, sag ich nochmal! Raum muß ich haben, wenn's zum Platzen kommt, Damit die Stücke besser fliegen können! Alison . Was soll ich tun, um sanfter dich zu stimmen, Und die Gewitterwolken zu verscheuchen, Die schwarz und schwer von deinen Brauen hängen? Komm, Gautier, liebster, sei doch wieder gut Ich küß nicht gern so einen bittern Mund! (Jeanne ist eingetreten, stellt einen Krug auf den Tisch, holt dann ein Glas) Gautier . Mir ist jetzt nicht ums Küssen! schaff mir lieber So zwei, drei Kerle her, sie umzubringen (Alison und Jeanne schrecken zusammen) 103 Es zuckt und prickelt mir in allen Fingern, Als müßt ich heute jemand noch zerkrümeln! Was machst du denn für ein Gesicht, zum Geier! Alison (mühsam) . Du sprichst so fürchterlich ich habe Angst Gautier . Ach Unsinn! Hab ich dich gemeint? Schenk ein! Wo bleibt der Mathieu denn? Sagt ich dir nicht, Du sollst ihn schicken? Jeanne (bebend) . Nein, das habt Ihr nicht Gautier . Was? nicht? Jeanne . Gewiß nicht, sonst Alison . Ich hörte auch nichts Gautier . So schaff ihn jetzt! (Jeanne eiligst ab) Der Ärger nimmt kein Ende! Es ist, um einen Schüttelfrost zu kriegen! Mich friert's auch wirklich schon! Na nu natürlich! Da steht ein Fenster auf, sperrangelweit! 104 Alison . Du hast ja vorhin selbst (Schließt das Fenster) Gautier . Mach's wieder zu! Und laß ein Feuer machen! Alison (entsetzt) . Feuer? wo? Gautier . Das ist 'ne Frage! wo man Feuer macht! Ich denke im Kamin! Alison . Aber, lieber Mann! Ich bitte dich, wir sind ja im August! Gautier . Das ist mir alles eins! ich sag, mich friert! Und wenn mich friert Alison . 's ist nur ein kleiner Schauer, Der rasch vorbeigeht! bist ja so erhitzt (Schmeichelnd) Mein wilder, starker Mann! Gautier . Allein ich sag (Ablenkend) Wo bleibt der Lümmel denn, das möcht ich wissen! Mathieu! Mathieu!! Kreuzbombenelement! Ich bring dir Feuer in die lahmen Beine! 105   Zweiter Auftritt Die Vorigen . Mathieu (eiligst hereinstürzend, nach ihm auch Jeanne). Mathieu . Da bin ich schon, gnädiger Herr Gautier . Was? schon? Kerl! für dieses »Schon« laß ich dir morgen fünfundzwanzig auftragen! Wo steckst du? Mathieu . Hier, gnädiger Gautier . Wo du gesteckt hast , Halunke? Mathieu . Die Gäule habe ich gefüttert und Gautier . Und läßt mich hier brüllen? Warum füttert denn der Etienne nicht? Das ist doch seine Sache? Mathieu . Aber gnädiger Herr! Den habt Ihr doch zum Bader geschickt. Gautier . Was habe ich? Mathieu . Ja, Herr, um sich die Löcher stopfen zu lassen, die Ihr ihm in den Kopf geschlagen Gautier . Halt dein Maul! und zieh mir die Stiefel aus! Mathieu . Ja, Herr! (Schickt sich dazu an, zieht und rüttelt) Gautier . Na, wird's bald? Mathieu . Das wollen wir gleich haben! Ich will nur erst in die Hände (Spuckt in die Hände und zerrt dann wieder) 106 Gautier (sich am Stuhle festhaltend) . So zieh doch nicht wie ein Joch Ochsen oder Mathieu . Uf! (Der eine Stiefel geht; er spuckt wieder und zieht nun den andern) Gautier (zu Jeanne, die im fernsten Winkel steht) . Schuhe! (Jeanne will ins Nebenzimmer) Blindes Huhn! Da stehen ja! Wie kommen denn die daher? Jeanne (die für Robinet gebrachten aufnehmend) . Ich weiß nicht ich glaube ja die gnädige Frau wollte ein Muster schneiden zu einem Paar Pantoffel für Euch! Gautier (befriedigt) . So?! Na, gib sie her! (Jeanne nähert sich vorsichtig) Etwas forsch! Verstanden? Was hast du zu zittern? Wirst du das Zittern lassen? wirst du das Zittern lassen, frag ich dich? Jeanne . O, liebster, gnädigster Herr ich zittere ja nicht Gautier (behaglich grausam) . So? Du zitterst nicht? Ich will mich hängen lassen, wenn du nicht schlotterst wie ein Häufchen Gallert! (Zieht die Schuhe an) Mathieu . Kann ich jetzt gehen? Herr! Gautier (gemütlich) . Mach, daß du fortkommst! (Mathieu ab) 107   Dritter Auftritt Die Vorigen ohne Mathieu . Alison . Es freut mich, daß du wieder fröhlich bist Gautier . Noch nicht! Doch gib mir einen frischen Trunk Und lach mir etwas vor, daß ich vielleicht Den heut'gen Ärger aus dem Magen bringe! Es schüttelt mich, wenn ich dran denke! brrr! (Alison bringt ihm ein Glas; er trinkt) Nun laß mir auch etwas zum Essen richten! Ich spüre einen echten Bärenhunger Ja ja, das kommt davon der Ärger zehrt! Alison . Was möchtest du? Gautier . Was und soviel du hast! Ich freß dir Küch und Keller ratzekahl! Alison . Warm oder kalt? Gautier . Das bleibt sich wieder gleich! Nur schnell, ich sterbe sonst vor deinen Augen Hast du denn keinen Bissen bei der Hand? (Geht zum Büfett und öffnet mehrere Fächer) 108 Alison (zu Jeanne) . Sieh in der Küche nach! doch eile dich! Gautier . Da steht ja eine Schüssel Sauermilch. (Alison erschrickt) Was hast du es nicht gleich gesagt? Ich mein, Wenn in der Not der Teufel Fliegen frißt, So zwing ich auch noch eine dicke Milch! (Nimmt sie zum Tisch und fängt an zu löffeln) Da sind Brosamen drauf! Hinunter mit Ist ja kein Gift! (Ißt weiter, Alison sieht beklommen zu; nach einer Pause) Warum bist du so still? So plaudre doch ein bißchen! Ei zum Kuckuck, Das seh ich eben erst wie siehst du aus? Alison (befremdet) . Wie? Gautier . Nun, in anderm Kleid und Blumenschmuck? Alison (sich abwendend und ihren Schreck meisternd) . O nur ein Scherz um mir die Zeit zu kürzen Was tut man nicht vor Langeweile Gautier (munter) . Ja Besonders aber, wenn man jung und hübsch! 109 Wie? Ja der Spiegel und der liebe Putz! Na, schäm dich nicht und laß die Knospe stecken! Komm einmal her! (Alison tritt befangen zu ihm, er zieht sie an sich und steckt ihr die Rose wieder an den Busen) Wie nett das Rot dich kleidet! Fast wie ein Pfirsich sieht dein Köpfchen aus Wär ich ein Schmetterling, ich flöge drauf! O weh, dein alter Kerl wird noch poetisch Ein Schmetterling von hundertneunzig Pfund! (Küßt sie lachend und macht sich wieder an die Milch) Alison (bewegt) . Mein guter Mann! (Beiseit) O Gott! hätt ich den Mut, Ich würde reuig vor ihm niederstürzen Alles gestehn (Macht eine Bewegung dazu) Jeanne (tritt wieder ein mit einer Platte) . Da ist noch kalter Braten (Stutzt, stellt die Platte geschwind auf den Tisch und wendet sich ab, in die Schürze kichernd) Gautier (gutmütig, ohne umzusehen) . Was lacht die Krabbe? Jeanne . Ach, mich lächert's halt Der gnäd'ge Herr mit einer Sauermilch! 110 Gautier . Was ist dabei zu lachen? schaff mir Brot! Jeanne . Da ist schon! (Leise kichernd zu Alison) Hat Madame gesehn? Das ist ja Alison (leise, aber scharf) . Schweig still! und geh sofort in deine Kammer Und kleide schnell dich um Jeanne (begreifend) . Herr Jesus, ja! (Schnell ab)   Vierter Auftritt (In demselben Augenblick stürzt) Mathieu (herein, Jeanne unter der Türe beiseit schiebend). Mathieu . Gnädiger Herr! gnädiger Herr! Gautier . Wo brennt's? Mathieu . Wie ich grad ins Bett will da mein ich, ich höre in dem Mädel seinem Zimmer schnaufen! Ich horch und horch und richtig, 's ist so! Ich zieh meine Hosen wieder an schleich mich hin mach subtil die Tür auf seh 'rein und Sakra! da liegt ein fremder Kerl in Hannchen seinem Bett und da Gautier (fährt auf und steht starr) . 111 Alison (schreit auf, dann bebend) . O, lieber Mann! ein fahrender Scholar, Dem ich (Verstummt vor dem Blicke Gautiers) . Gautier (seinen Degen suchend, keuchend) . Was soll das heißen! Tod und Teufel! Männer hat sie im Hause! Männer! Männer! (Stürzt fort)   Fünfter Auftritt Alison (folgt ihm bis zur Tür und ruft nach) . Gautier! Gautier! O Gott, er wird ihn töten! (Lehnt verzweifelt am Pfosten) Der Junker (halb weinend) . So laß mich! Laß mich doch! Robinet . Nein, dageblieben! Meinst du, daß ich alleine sterben will, Indes du Schurke durch den Schlot entfliehst? Pfui schäme dich, den alten braven Freund, Der nicht so dünn wie du, im Stich zu lassen! An deine Beine häng ich, wenn du's tust Du feiger Hund doch still, ich hör ihn kommen. (Der Lärm erstickt in einem Gewimmer des Junkers) 112   Sechster Auftritt (Man hört draußen ein schweres Gepolter, mit zornigen Rufen untermischt.) Gautier (bringt) Robert (herein, ihn am Genick haltend; hinterdrein) Mathieu (der seine Ärmel aufkrempelt). Gautier . Zur Hölle mit dem Kerl! bet einen Spruch! Robert (sich windend) . So gebt mir Luft dazu! (Entreißt sich ihm und springt hinter den Tisch, wo er sein Wams zuknöpft) Alison (Gautier umschlingend) . O, Gautier, höre! Gautier . So laß mich los! Alison . Was hat er denn verbrochen? Gautier . Nein, sterben muß er! sterben! Robert . Glaub es ja! Das müssen alle, 's ist ja Menschenlos! Doch bitt ich Euch, laßt mich bis dahin leben! 113 Gautier (verdutzt) . Was sagt der Kerl! (Mustert ihn und wird ruhig) Robert . Beschaut mich nun im Licht! Hab ich ein Ansehn wie ein Galgenvogel? Ein armer Bursche bin ich, wie Ihr seht, Doch ehrlich ist mein Herz wie mein Gesicht, Und unrecht hättet Ihr, mich umzubringen! Madame hat gütig mir ein Dach gewährt, Als wegemüde ich ans Tor gepocht Fragt sie nur selbst, wie ich darum gebettelt! Gautier . Ich will dir's glauben, doch begreif ich nicht, Warum sie mir kein Wort davon gesagt! Alison . Ich wollt es schon, allein du warst so zornig, So aufgeregt, daß ich es nicht gewagt! Gautier . So sind die Weiber! Immer hinten 'rum! Du weißt, ich kann's nicht leiden! Doch, mein Bürschchen, Wie kommst du in Jeannettens Kammer denn! Robert . Ich weiß es nicht ich muß wohl rechts und links Im fremden dunklen Haus verwechselt haben 114 Mathieu . Faule Fische, Herr! Alles verlogen! Denn wie ich ins Zimmer komm, und so an das Bett schleich, und er aufwacht da macht er: »Bst! erschrick nicht, liebes Hannchen! ich bin's nur!« Gautier (launig) . Hat man den Vogel? Ah, was sagst du nun? So jung und schon so schlecht! Robert . Das ist doch einfach! Erst als ich jemand in der Kammer merkte, Da konnt ich sehen, daß ich mich geirrt! Gautier . Na, na, du bist erkannt! Spar alle Mühe, Der Spaß ist gut, verdirb ihn nicht mit Lügen, Sonst kannst du auf der Tenne übernachten; Da liegt es sich hübsch kühl und hart, mein Sohn, Und dämpft des Blutes allzugroße Hitze! Robert . Geknickt begrab ich alles in der Brust, Was ich zu meinen Gunsten sagen könnte, Denn wo der Schein spricht, muß die Unschuld schweigen. Geduldig füg ich mich in mein Geschick Ich bin ein Philosoph ! Gautier . Ein Schelm bist du! 115 Mathieu . Ja, Herr! und zum Totschießen war es, wie er so recht honigsüß und fein wie ein Heimchen machte: »Bst! erschrick nicht, liebes Hannchen! ich bin's nur!« Aber, soll ich ihn jetzt nicht zum Haus hinauswerfen? Gautier . Nein, laß! für diesmal will ich ihm verzeihn, Doch soll er nimmer sich erwischen lassen! (Setzt sich wieder zu Tisch) Mathieu . 's ist schade! schade! (Streift mißmutig die Ärmel wieder vor und geht) Robert . Ich dank Euch, gnäd'ger Herr, für Eure Nachsicht Gautier . Ach was! 's ist gut! Ich bin kein Menschenfresser. (Jeanne tritt wieder ein im früheren Anzug) Doch gebt hinfür auf eure Gäste acht Und leuchtet ihnen säuberlich zu Bette Nicht wahr, Jeannette? Jeanne . Freilich, gnädiger Herr! Doch sag ich nur, Ihr hättet sehen sollen, Wenn ich den Strick in meinem Bett gefunden, Wie ich ihn da hinausgetöffelt hätte! 116 Gautier . Wenn du es selbst sagst, muß es wohl so sein! Doch jetzt zum unterbrochnen Abendbrot Und Gott bewahre mich vor neuem Ärger! (Zu Robert) Da, setz dich her! Du kannst mir was erzählen! (Zu Alison) Du auch! Es ist ein ungemütlich Ding, Wenn ich am Tische sitze und du stehst! Alison (zum Tische gehend) . Wär es vorbei! Wie wird das alles enden! Nach Rettung hastet mein rebellisch Herz Ich kann sein Klopfen nicht zum Schweigen bringen! Gautier . Gib ihm ein Glas! Wie heißt der Bursche denn? Robert . Ich heiße Robert Schwarz! Auf Euer Wohl! Und aus das Eure, gnäd'ge Frau! Alison . Ich danke! Gautier (in den Napf sehend) . Da, schau! Ich habe fast ihn ausgelöffelt! Gib mir den Braten jetzt herüber, Schatz! Was macht der Bursche denn für ein Gesicht? Robert (der ein Gesicht geschnitten hat) . Ach, lieber Herr die Sauermilch da 117 Gautier . Nun? Robert . Sie heimelt mich so an, ich weiß nicht wie. Gautier . Wo bist du denn zu Hause? Robert . Überm Rhein! Im schönen Breisgau meine Wiege stand, Des Schwarzwalds Tannen haben sie umschattet, Und an der muntern Dreisam ward ich groß. Da komm ich her, von Freiburgs hoher Schule, Und meiner Wandrung Endziel ist Paris, Wo an den reichen Brüsten der Sorbonne Der Weisheit saure Milch ich schöpfen soll Drum heimelt mich die Eure auch so an! Gautier . Du bist so jung und schon von Hause fort, Hat deine Mutter dich denn fortgelassen? Robert . Das ist so unsre Art! Als meine Beine Zu lang für meines Vaters Tisch geworden, Daß ich die jüngeren Geschwister stieß, Da war es Zeit, mein Bündelchen zu schnallen, 118 Auf eigne Faust mich durch die Welt zu schlagen. Der Vater sorgte für ein neu Gewand Und gab mir einen Gulden auf den Weg, Die Mutter einen halben, und ich ging Gautier . Das Geld hast du in Kolmar schon verputzt? Robert . In Straßburg, Herr! Allein das bleibt sich gleich Gautier . Sehr wahr, denn »hin ist hin«, ein altes Lied! Studententaschen haben keinen Boden, Und habt ihr Geld, geht's euch wie »Hans im Glück«! Robert . Ich brauche keines! Gautier . Aber Durst und Hunger? Robert (geheimnisvoll) . Die weiß ich mir auf andre Art zu stillen Alison . Ja, Gautier, das kann ich ihm bezeugen: Sein Koch und Küfer sitzt auf seiner Zunge! Robert . O, nicht doch, edle Frau! Ihr dichtet mir Ein nettes Bettlerleben auf den Hals! 119 Nein, hört: mein Schatz ist die geheime Kunst Ich bin Adept! Gautier (begierig) . Adept? Ei, was du sagst! Ich hab mich auch in Alchimie versucht, Und wenn ich's sagen darf, sogar mit Glück! Ich habe fast den »Stein«! Robert (beiseite) . Ich den Kapaun! Alison . Nun hast du ihm sein Steckenpferd gesattelt! So reitet wacker, doch verschonet mich Ich will mich retten und zu Bette gehn! Robert . O nein! Ich bitte, bleibt! Ich lad Euch ein: Ein kostbar Zaubersprüchlein ist mein Schatz, Ein Erbe meines Urohms Berthold Schwarz Gautier . Des Nekromanten, der das Pulver fand? Robert . Desselben, ja! Auf einem Bücherdeckel Hab ich's entdeckt in altersblasser Schrift, Und es mit vieler Mühe aufgefrischt! 120 Gautier . Was ist es denn? Alison . Was wird es sein? ein Scherz! Ich seh den Schalk aus seinen Augen blitzen! Robert . Es ist mein Ernst! Ich bitt Euch, seid gefaßt! Ich weiß den Zauberspruch vom »Tischlein deck dich! Gautier . Ei, was der Tausend! Nein, das ist nur Spaß! Robert . O, Herr, erlaubt mir ein Experiment, Und eines Bessern seit Ihr bald belehrt! Alison (erblassend) . O Gott, mir ahnt! Gautier (sich den Kopf krauend) . Ich glaub, du flunkerst nur! Allein der Kuckuck weiß, was heutzutage Nicht alles möglich ist! Na, zu! Laß sehn! Ich bin begierig drauf! Alison (flüsternd) . O bitte! nicht! 121 Robert (laut) . Hab keine Angst! Madame! Kein Schwefeldampf Und auch kein Pferdehuf soll Euch erschrecken! Vertraut auf mich! So laßt also den Gast Für heute Euch so gut er kann bewirten! Den Braten weg, Jeanette! Schade ist's, Daß Ihr mit Milch den Appetit verdorben! Nun zaub'r ich Euch auf diesen kahlen Tisch Im Handumdrehen ein solches Abendessen, Wie der Olymp in seiner besten Zeit, Als noch die Götter herrschten, kaum gesehn: Ragouts, Geflügel, köstliche Pastetchen (Jeanette fährt entsetzt in die Höhe und starrt begreifend Robert an) Und Früchte, Kuchen, Sekt, soviel Ihr wollt! Gautier . Blitz, schlag ein Rad! Das soll mal einer glauben! Robert . Glaubt nur und seht! Ihr werdet sehn und glauben, Doch zur Beschwörung muß allein ich sein! So geht bis ich Euch rufe! Gautier . Laßt mich bleiben! Das interessiert zumeist mich, wie du's machst! 122 Robert . Da müßtet Ihr zuvor vier Wochen fasten, Und tun, was sonst noch vorgeschrieben ist! Es ist zuviel, ich will's Euch morgen sagen! Geht! Wenn Ihr bleibt, verliert der Spruch die Kraft, Doch laßt zuerst mir eine Kohle geben! Gautier . So kommt denn ihr, es ist ja leider so! Jede Beschwörung hat die eigne Weise, Und muß danach geschehen! Geht es lang? Robert . Drei Vaterunser lang bis höchstens fünf! Ich ruf Euch dann! Vergeßt die Kohle nicht! (Gautier mit Jeanne ab) Alison (an der Tür umkehrend) . So wollt Ihr wirklich mich unglücklich machen? Ihr treibt mich in den Tod! Robert . Befürchtet nichts! Am rechten Ort weiß alles ich zu fassen, Und will es schon zum guten Ende führen! Verlaßt Euch drauf! Und seht, so kommt am besten Der eine Zeuge fort Gautier (draußen) . So komm doch, Frau! 123 Alison . An meine Schande denkt und an mein Elend! (Ab)   Siebenter Auftritt Robert (allein), dann Jeanne . Robert . Sie dauert mich (Aufmunternd) drum eben: kühn ans Werk! (Holt den Korb aus der Kammer und fängt an zu decken) Jeanne (eintretend) . O du! du! (Wirft ihm die Kohle hin und will fort) Robert . Halt, mein liebes Hannchen, bleib! Und hilf mir decken, daß es schneller geht! Jeanne . Ich auch noch helfen! Lieber beiß ich mir Die Finger ab! Robert (emsig weiter machend) . Du sollst mir helfen, oder Denk an den gnäd'gen Herrn, wenn ich es sage! Und wenn du trotzest, deck ich alles auf! Der Junker (aus dem Kamin) . O tu's doch, tu's doch, Hannchen! 124 Jeanne . Liebster Jules! Ich kann es nicht, der Zorn frißt mir das Herz! Junker . Wenn er's verrät, sind wir so gut wie tot! Mein Leben rettest du, ich will es lohnen! Robinet . Ich auch! Jeanne . Mit was! Junker . Ich nehme dich zur Frau, Wenn du's verlangst! Jeanne (zweifelnd) . Heiraten willst du mich? Gewiß und wahr? Auf Ehr und Seligkeit? Junker . Auf Ehr und Seligkeit! Robinet . Ein Mann, ein Wort! Robert . Das heißt: Der Mann so windig wie das Wort! Jeanne (ungläubig) . Gib mir ein Pfand! 125 Junker . Hier hast du meinen Ring! Jeanne . Ach, Herzensmann! Jetzt will ich alles tun! (Geschäftig ans Decken) Robert (beiseite) . Im Himmel werden Ehen sonst geschlossen, Die aber riecht verdammt nach Höllenzwang! (Zum Junker) Ihr werdet mich doch auch zur Hochzeit laden? Ich bitte um den ersten Ehrentanz! Jeanne (drohend) . Ja, komme nur! Robert . Herr Junker, laßt mich nicht Zum zweiten Male bitten! Robinet . Sag doch ja! Junker . Ja freilich, Herr! sehr gern! Robert . Gebt mir ein Pfand! Junker . Ich habe keinen Ring mehr, nehmt die Börse! (Streckt sie heraus) . 126 Robert (ihm auf den Arm tätschelnd) . Ah, schön von dir! ja, streck dich, Eselein, streck dich! Wie lieblich sich mein Zauberspruch ergänzt, So hat noch nie mein Stern wie heut geglänzt! Als drittes bleibt noch: »Knüppel aus dem Sack!« Er wird schon euren Rücken finden Pack! (Macht den Tisch fertig und stellt den Korb wieder in die Kammer) Nun fort mit dir, damit der Herr nichts merkt! (Jeanne ab) Ich muß noch etwas Hokuspokus machen! (Zeichnet mit der Kohle Figuren um den Tisch, an alle vier Ecken den Drudenfuß; dann nimmt er aus dem Spinde ein Tischtuch, stellt sich auf einen Stuhl vor den Tisch, von dem Eingange aus gesehn, und hält dasselbe ausgebreitet wie einen Vorhang vor den Tisch) Robert . Nun einen Zauberspruch! Herein! Herein!   Achter Auftritt Gautier , (hinter ihm) Alison (und) Jeanne . Gautier (im Eintreten) . Was lange währt, wird endlich Robert (feierlich) .         Staunt und schweigt! Demütig neigt 127 Euer menschlich Haupt! Selig, wer glaubt! Gute Geister, Die ihr schwebt Zwischen Hölle und Himmel, Hört den Meister: Den Zauber webt, O Aleph, Beth und Gimel! Aleph der Große den Stab ausstreckt, Beth der Gute das Tischlein deckt, Gimel der Weise weiß, was uns schmeckt! Die Wolke zerreißt ein Sonnenstrahl Fort mit dem Schleier! hier steht das Mahl! (Läßt das Tuch fallen) Gautier (verblüfft) . Wahrhaftig! da! da schau nur, Lieschen, schau! 's ist ein verwettert Stück von einem Burschen! Ein Blitzkerl! Oder ist's nur blauer Dunst, Ein Spiegelstück, das unsre Augen äfft Was meinst du? (Geht um den Tisch herum) Alison . O, es ist ein böser Spuck! (Sich abwendend) O Gott, schick einen Engel, ihn zu bannen, Und nie mehr will ich sündig vor dir stehn Schau gnädig nieder auf mein reuig Herz! 128 Robert (zu Gautier) . 's ist keine Spiegelei! Das ist Natur, Und traut Ihr Euren klaren Augen nicht, So riecht und schmeckt dem Gaumen müßt Ihr glauben. Doch fragt nicht lang, aus welcher Küch' es stammt! (Beiseite) Sonst könnt Euch leicht der Appetit vergehn! (Zu Alison) Euch sag ich noch einmal, habt keine Angst. Greift frisch und fröhlich zu! Was ich Euch biete, Kann Magen und Gewissen wohl verdaun! Gautier (verschiedenes betastend) . Man sollt's nicht glauben! Mein Verstand geht durch! Da drinnen (an die Stirn fassend) wirbelt alles kraus und krumm, Und hätt ich nicht im Temple zu Paris Mal einen Kerl gesehn grad so wie du Der Tauben aus dem Hute zauberte, Ein Stücker zwanzig, eine nach der andern, Und in der leeren Pfanne mit dem Stäbchen Ein rechtes und leibhaftig Rührei machte, Und andre Künste mehr ich glaubt es nicht, Und wenn mich alle Sinne dazu zwängen! Doch so! (Zu Alison) Da fühl mal her! 's ist alles echt! Und Leben und Natur! Du Sonntagskind, Das ist ein unerschöpflich Kapital Du kannst ja eine Garküch halten 129 Robert . Nein! Das darf ich nicht! Ein ehernes Gebot Verbietet mir in schnödes Geld zu münzen, Was mir des Zufalls holde Fee geschenkt! Doch seht, das Reden raubt uns nur die Zeit! Der Augenblick hat eine bessre Hälfte! Gautier . So komm denn, Schatz! (Setzt sich behäbig) . Alison . Iß nur! Ich möchte nichts! Gautier . Warum denn nur? Alison . Ich hab ein Grau'n davor Der erste Bissen würde mich ersticken! Gautier . Ach was, mach keine Flausen. (Nötigt sie zum Sitzen) Robert . Fort die Skrupel! Es ist für Euch bestellt! ich sag es frei! (Beiseite) Doch seh ich schon, ich muß vor allen Dingen Den Kehricht fortzuschaffen erst versuchen, 130 Den Satan heut in Haus und Herz gefegt! Na wart, es kommt schon! So, nur zugelangt! Zunächst mal den Kapaun, was meint der Herr? Der Hauswirt hat die Ehre zu tranchieren! (Für sich) Wenn ers nicht tut, dann sitz ich in der Patsche! Wie käm ich armer Teufel zu der Kunst! Gautier . Ganz prächtig sieht er aus! (Fängt an zu zerlegen) Robert . Sehr gut bemerkt! Ich abonnier mich auf die eine Keule Sie lächelt mich so reizend an! Inzwischen Reicht Hannchen die Pastetchen erst herum! Was seh ich? Wasser in den Augen? Jeanne . Ach! Wenn ich die Dinger seh, muß ich halt weinen! Gautier (aufblickend) . Sonderbar! ich lachen! Robert . Ja, 's ist ein rührend Bildchen, herzbewegend! Ist's Euch gefällig, gnädige Frau? Alison (ablehnend) . Ich danke! 131 Gautier (ein Stückchen versuchend) . Ha! delikat! Der beste Koch von Frankreich Macht es nicht besser! Da, versuch doch mal! Sei nicht so eigensinnig! (Drängt ihr etwas auf, sie nimmt es widerwillig) Robert (beiseite) . Rasch in's Zeug! 's ist eine Lust, ein angstverstörtes Herz Mit Schick ins richtige Geleis zu bringen Und mit dem sanften Öl der Überredung Die Sturmflut einer Menschenbrust zu glätten! Und hab ich's wie ein Strauchdieb heut getrieben, Will ich jetzt sehn, wie die Moral mir steht! (Fängt an zu lachen) Gautier (Alison vorlegend) . So, Schatz, da nimm! Was hast du denn zu lachen? Robert . Ach, Herr, da fiel mir just ein Späßchen ein! Gautier (essend) . Famos! Erzähl uns etwas Lustiges! Ein munter Lachen stärkt den Appetit, Und leichtert ausgezeichnet die Verdauung! Robert . Ich sage nur, wenn Ihr am Schluß nicht lacht, So will ich heulen. 132 Gautier . Nun denn, los damit! (Ißt während der Erzählung weiter) Robert . In meiner nächsten Nachbarschaft daheim, Da weiß ich einen wackern Edelmann: Ein schmucker, rüst'ger Herr, so um die vierzig. Was nur Fortunas reiches Füllhorn birgt, Das strömte scheffelweise über ihn. Sein Glück war nur an einem Punkte kitzlich: Ein großer Schatz und auch ein großer Fehler, Die lagen überzwerch auf seinem Weg: Er hatt' ein junges Weib Gautier . War das sein Fehler? Robert . Nun, je nachdem! Vorerst ist das sein Schatz, Und zwar ein köstlicher! Der Fehler aber: Der gute Mann war schrecklich eifersüchtig! (Alison schaut ihn angstvoll an, ihr stummes Spiel begleitet seine Erzählung) Gautier (ebenso) . Hm! Das ist schlimm! 133 Robert . Nicht wahr? Das Schlimmste aber, Er war es ohne Grund! Sein Weib war hübsch, Drum war sie viel umschwärmt! Denn Weiberschönheit Ist wie das Licht: es zieht die Motten an, Und um so mehr, je strahlender sie leuchtet! Der Weise wird sie ruhig schwärmen lassen, Sich freun, wie sich die frechen Flügel sengen. Doch unser Edelmann, der war nicht so Sein Weib war jung und »Jugend hat nicht Tugend«, Das war sein dummer Schluß, und also gab er Sich alle Müh, sein treues Weib zu quälen Mit seiner unvernünftigen Eifersucht! Das trieb er, bis es sie verdroß Gautier (wie oben) . Natürlich! Robert . Die Liebe ist geschmeidig wie die Welle, Die Treue auch, denn Liebe ist ja Treue. Freiwillig wird sie immer uns umschmiegen, Doch nimmer läßt sie sich in Ketten zwingen, Und gar gepeitscht, sprüht sie im Zorn empor! So auch in unserm Fall! Die arme Frau, Des Mißtrauns Nesselrute überdrüssig, Erhört den ersten besten Kavalier 134 Gautier . Geschieht dem Dummrian von Mann schon recht! Was meinst du, Frauchen? Alison (ihre Erregung bekämpfend) . Ich ich weiß es nicht! Robert . Um nun der Rache süßes Werk zu krönen, Ersannen beide einen feinen Plan, Den bösen Drachen aus dem Haus zu bringen: Ein Reitknecht brachte einen Brief, der ihn Zum Sterbelager eines Ohms berief. Er ließ sich kirren, ging und ließ sein Weib In eines Dieners schlimmer Hut zurück Der Diener war der Zwischenträger eben, Mit Hilfe eines Liebchens in der Stadt! Jeanne (beiseite) . O du! das geht auf mich! nur umgekehrt! Robert . Der Abend kam und brachte den Galan, Natürlich des Lakaien Schätzchen auch! Gautier . Das wird ja immer besser! Ja, 's ist wahr: Ein Stein im Rollen reißt noch vieles mit! Nun fehlt nur noch 135 Robert . Es wurde nicht so schlimm! Denn seht, als sie im besten Schmausen waren, Da kam der Herr zurück! Gautier . Na, Gott sei Dank! Robert . Nun kommt das Lustige: der Kavalier, So dick er war, zusamt der leichten Dirne, Sie wurden sorglich im Kamin verpackt! Kompott und Braten kamen in den Schrank, Und heiter lächelnd, als wär nichts geschehn, Trat ihrem Mann die Sünderin entgegen! Gautier . Warum kam er zurück? Robert . Ja, das ging so! Im nächsten Städtchen kehrt er durstig ein Und trifft den kranken Oheim kerngesund Vor einem großen Humpen Affentaler. Der Schwindel klärt sich auf und zornig prustend Und Unrat witternd fliegt er in den Sattel, Und kommt ins Haus gestürzt und findet nichts! 136 Gautier (lachend) . Der Esel! So was sollte mir passieren! Warum denn schaut er nicht in den Kamin? Robert . Ja, wenn er das geahnt! Im Gegenteil, Als seine Wut verraucht, da will er essen, Und setzt sich hin, den Rücken am Kamin Genau wie Ihr! Und ißt die Brocken auf, Die ihm die saubre Kumpanei gelassen! Gautier (sich ausschüttend vor Lachen) . Ho! ho! ho! ho! Ich lach mich tot! ho! ho! Er setzt sich hin und frißt die Brocken auf! Nein, so ein jämmerlicher Lazarus! (Lacht weiter) Robert . Ja, 's ist ein Spaß! Alison (das Gesicht auf die Hände stützend) . Ich kann's nicht mehr ertragen! Gautier . So lach doch auch! Da sitzt er am Kamin Und ißt, und hinter ihm die beiden Schelme! Braucht sich nur umzudrehn! Und merkt doch nichts! So lach doch, Lieschen! lach! 137 Alison . Ich lache ja! Nein nein, ich kann nicht lachen! denn ich muß Zu sehr der Frau gedenken! Jeanne (leise) . Still! um Gott! Robert . 's ist wahr! der Spaß hat seine ernste Seite! Der Frau ist schlimm zu Mut! Gautier (lachend) . Geschieht ihr recht! Sie hat wohl eine heidenmäß'ge Angst? Robert . Ja, Angst und Kummer! Angst vor der Entdeckung, Und Kummer um den ahnungslosen Mann! Gautier . Der merkt ja nichts! Robert . Er merkt es aber doch! Gautier . Und wie? Robert . Das weiß ich nicht mehr recht zu sagen! Genug! am Ende hat er's doch gemerkt! Doch sagt nun selbst, was glaubt Ihr, daß er tat? 138 Gautier . Das ist mir eine sonderbare Frage! Was hat er wohl getan? Na, umgebracht Wird er sie haben, alle miteinander! (Die beiden Frauen erschrecken) Robert . Das hat er nicht! Gautier . Das sieht dem Hammel gleich, Die Dummheit hat ihn wohl so ausgeschlachtet, Daß er kein Tröpfchen warmes Blut mehr hat! Robert . Im Gegenteil! es ist ein hitziger Mann, Ein Mann von Ehre und von Temperament! Gautier . Ja, dann versteh ich nicht! Robert . Sogar von Jähzorn! Und bracht sie doch nicht um und zwar mit Recht! Gautier . Ihr gebt mir Rätsel auf! Alison (atemlos) . O weiter! weiter! Gautier . Da sieh das Weib! Das nimmt doch gleich Partei! 139 Robert . Im ersten Augenblicke freilich, wo Sprachlose Wut die Faust zum Handeln zwingt, Da griff auch er zum Dolch und ließ ihn stecken! Gautier . Für meine Zähne ist die Nuß zu hart! Knack du und sag warum? Robert (im edlem Feuer) . Warum? aus Liebe! (Alison sieht ihn dankbar an) Als auf sein bebend Weib er niedersah, Und ihrer schönen Augen stummer Angstschrei In die verschlossne Brust so laut ihm drang, Da goß in einem raschen Augenblicke Ein guter Geist Erleuchtung in sein Herz: Er sah, was ihre und was seine Schuld, Und sah, daß jede wie die andre wog! Er schaute in das liebliche Gesicht, Und auf dem Antlitz stand's in klarer Schrift: Ich bin ein Mensch wie du drum töt mich nicht, Du schneidest schmerzhaft in dein eigen Fleisch! Wenn ich gefehlt in einer schwachen Stunde, Hast du ein Recht, den Tod mir drum zu geben, Und meine Seele mit dem Leib zu morden? Ist diese bleiche Stirne so verworfen, 140 Daß nur das Blut sie wieder ehrlich färbt? Und hast als Mann du alles auch getan, Dein junges Weib vor Schaden zu behüten? Hast du geboten, was ein Herz bedarf: Wahrhafte Liebe, zärtliches Vertrauen, Hingebung, Nachsicht und anständige Freiheit? Bin ich dir Weib und Freund zugleich gewesen, Und nicht nur Magd und Spielzeug deiner Laune? Und hast du weniger als ich gesündigt? Warum wirfst du mich weg, eh du geprüft, Ob meine Reue mich nicht läutern kann? In einem Augenblicke las er dies, Und zitternd seinen Körper überfloß Ein Schauer Mitleids und großherz'ger Wehmut. Was sagt Ihr nun?! Gautier . Hm! hm! was soll ich sagen? Ich kenn dich gar nicht mehr! Robert . Gebt Ihr ihm recht? Gautier . Ich weiß nicht! Doch er hat so unrecht nicht! Robert . Nicht wahr? Doch seht, der erste kleine Ruck Der Überwindung war der erste Schritt 141 Zum schönsten Sieg zum Siege über sich! Und dieser erste zeugte rasch den zweiten: Ein Geistesblitz kam glühend über ihn Und sprengte einen Funken in sein Herz: Wenn dieses Weib, das doch mein Innres kennt, Und weiß, wie leicht der Zorn mich übermannt Wenn sie nun sieht, wie ich das Allerschwerste Im Übermaß der Selbstbezwingung kann: Das harte, wilde Mannesherz zerknete, Liebreich die Hand ihr reiche, ihr verzeihe Das wird ihr schärfer durch die Seele wettern, Als wie der Föhn durch den vereisten Forst, Und schärfer wie ein Dolch durch ihre Brust! Gautier (nachdenklich) . Hm! glaub ich selber fast! Robert . Und dann noch eins! Gleich wie ein Knochen, den Ihr einmal brecht, Wenn er verheilt ist, an des Bruches Stelle Fast unzerbrechlich wird, so ist's auch hier! Gebrochne Treue, liebevoll geheilt, Wird unauflöslich sich zum Knoten schürzen! Gautier . Das ist so ohne nicht! 142 Robert . Nun hört mich an! Ich setze bloß den Fall, Ihr kämt dazu, In solcher schweren Lage zu entscheiden! Ich möchte wissen, ob auch Ihr die Kraft Die Kraft der Liebe hättet, aufzurichten, Was Ihr im ersten Zorn noch tiefer schlugt? Gautier (sich krauend) . Ich in die Lage? Was ich täte Hm! 's ist etwas kitzlich, und ich hoffe nicht, Jemals hineinzukommen! Doch gesetzt! Je nun! Der Teufel weiß, es ist zwar leicht, Dem lieben Nachbarn recht gescheit zu raten, Doch, wenn man selber Alison (die sich nicht mehr halten kann, weinend vor ihm niederstürzend) . Sag's! ich bitte dich! Gautier (fährt auf und macht in einer stummen Pause den sichtlich gleichen Kampf durch; endlich macht er eine Miene, nach dem Kamin zu stürzen, läßt sich aber matt auf seinen Stuhl sinken) . Jeanne (nach den vorigen Worten Alisons hinter Gautiers Rücken drohend zu Robert) . O du du! (Entflieht) 143 Alison (eine Hand Gautiers erfassend) . O Gautier bester einziger vergib! Robert (sich schüchtern nähernd) . Hab ich umsonst gesprochen? O versucht's!   Letzter Auftritt. Die Vorigen . Mathieu (die Türe bleibt offen und Jeanne sieht einige Male vorsichtig herein). Mathieu (im Eintreten) . Gnädiger Herr grad kommt (Macht eine Pause der Verblüffung, dann etwas leise und unsicher) grad kommt der Etienne vom Bader, und sagt, bei den Erlen am Parkweiher hab er zwei Gäule (Verstummt ganz, da niemand auf ihn hört) Robert . Und etwas will ich Euch noch sagen, Herr! Wie sie aus Trotz und nicht aus Hang gefehlt, So hat sie auch die Sünde nur gestreift: Sie ist noch rein, und wär es auch geblieben, Selbst wenn Ihr nicht gekommen wär't! Die Herren Hatten den Abschied schon! Ihr Traum war aus, Und wenn Ihr sie betrachten wollt, so seht Ihr, Daß Eure Frau sie nicht aus Neigung lud! Fragt nur, ob sie die kleinste Gunst genossen! Heraus mit euch! 144 Der Junker (zeternd) . Ja, Herr, was uns betrifft, Ist das schon wahr doch ihn hat sie geküßt! (Kriecht heraus) Robinet . Mein Wort darauf! so ist's! unschuldig sind wir! (Kriecht ebenfalls heraus; beide sind mit Ruß bedeckt) Robert . Habt je Ihr so erbärmliches gesehn? Hier wär am Platz der »Knüppel aus dem Sack«. (Beim ersten Wort des Junkers ist Gautier aufgeschnellt; dann mustert er sie verächtlich. Mathieu steht erst mit einem blöden Lächeln der Überraschung, welches in ein verständnisinniges übergeht; dann krempelt er die Ärmel hoch und macht seinem Herrn pantomimische Gebärden des Hinauswerfens) Ja, seht sie an, und Eure Zweifel weichen: Die sind zum Streicheln nicht, nein, nur zum Streichen! Sie sind die Sünder! färbt sie grün und blau, Und richtet auf die tiefgebeugte Frau Schaut ihr ins Auge das ist echte Reue! Ja! nie wird wieder wanken ihre Treue! Ihr dürft mir glauben! Alison . Gautier! ja, du darfst es! 145 Gautier (sie anblickend, dann die Augen senkend, knirschend) . Ich weiß nicht, was ich tue! Mathieu . Herr, ich wüßt es! (Pantomime) Gautier (wie oben) . Laß sie! Die Hunde sind so jämmerlich, Daß jeder rechte Kerl sich dran beschmutzt! Mathieu . O, lieber Herr! ich will lieber mein Lebtag kein rechter Kerl mehr heißen, als sie nicht hinausprügeln dürfen! Gautier (sich abwendend) . Tu, wie du willst! (Blickt Alison an) Robert . Und Eurer Frau verzeiht Ihr? Gautier (nach kleiner Pause) . In Gottes Namen denn! ich will's versuchen! Alison (will ihn umarmen) . O Dank dir, Bester, heißen Dank! Gautier (sie nicht unzart abwehrend) . Nicht jetzt Ich bin nicht wohl laß mir ein wenig Zeit (Wendet sich schwerfällig der Seitentüre zu; Alison drängt mit verhaltenem Ungestüm nach) 146 Robert (ihnen nachsehend) . Das heilt schon wieder! Aber nun: Hurra! (Setzt sich an den Tisch) Mathieu (der sich inzwischen die Ärmel noch höher aufgestreift hat, pufft Robinet und den Junker zur Tür hinaus, mit lauter Stimme rufend) . He! Etienne, Jean, Nicolas, Balthasar! (Während sein Rufen verhallt)   Fällt der Vorhang .