Neue Geschichten aus dem Ghetto Von Leopold Kompert. Inhalt Eisiks Brille. Roßhaar. Die Schweigerin. Der Min. Franzefuß. Die Prinzessin. Julius Arnsteiners Beschau. 3 Eisiks Brille. Warum läßt Gott die alten Leute aussterben und mit ihrem schönen weißen Haar in die Erde legen? Warum schont er nicht ihrer, wie er des Baumes schont, den er grünen, blühen und duften läßt, selbst wenn das grimmige Feuer des Himmels an dem knorrigen Stamme gezehrt hat? Es mag sein, daß er das Höhere und Feinere eher zu sich beruft, eben weil es so ist – aber kurzsichtig, wie wir sind, mit Gemütern, die zwischen dem Heute und Morgen auf- und niederschwanken, begreifen wir nicht, warum das Naturgesetz unsern »alten Leuten« ein so kurzes Ziel gesteckt hat. Nachgleitend, wie ein dunkler Schatten um die Zeit des Abends, folgt ihnen der Spruch des unsichtbar in den Höhen und Tiefen waltenden Richters: »Siebzig Jahre! und wenn's hoch kommt, achtzig!« Und ihr »Stolz« ist nicht immer »Trübsal und Mühsal!« Mitten in der Gewalt eines vollsäftigen Daseins werden sie gefällt; kein Baum im Walde ist so knorrig als oft mancher alte Mensch, so lebengetränkt vom Scheitel bis zur Fußspitze. Warum läßt Gott die alten Menschen aussterben? Ich möchte das gerne wissen, lieber fast als tausend andere unnütze Dinge, an denen ich im Grunde keine Freude habe. Aber an euch hatte ich Freude, ihr alten Leute aus meiner Kindheit! um euretwillen hätte ich das gerne gewußt. Ihr waret von jeher meine Lieblinge, und wenn einer von euch gegen mich »dort oben« zeugen sollte, so zeuge er, ob ich jemals vergessen, vor seinem grauen Haupte aufzustehn. 4 Besonders Rebb Eisik Maier (dem der Friede der Gerechten sei) möge sagen, wie ich ihn geliebt habe, . . . und um dieser Liebe willen mir es auch in »seiner andern Welt« verzeihen, wenn ich in dieser von ihm zu erzählen wage. Noch jetzt kann ich mir keine Rechenschaft ablegen, warum ich gerade Eisik Maier so sehr in mein Kinderherz eingeschlossen hatte. Ihm vor allen hing ich an, wiewohl ich Großvater und Großmutter nicht mißte; an seinem ehrwürdigen Antlitze hafteten meine Blicke, wenn er im Bethause betete; und traf es sich einmal, daß ich mit ihm zugleich in die Hallen des Hauses eintreten konnte, so gab es gewiß kein seligeres Gemüt als das meine. Ich liebte ihn mit jener Unbewußtheit, die stets das Merkmal echter Liebe ist, weil nur sie uneigennützig ist. Ich könnte mich auch nicht erinnern, ob ich jemals von Rebb Eisik ein andres Zeichen der Gunst erfahren habe, als daß er mir am Vorabend des »Freudenfestes der Thora« ein buntes Panierchen schenkte, das er mir eigens ins väterliche Haus mit den Worten geschickt hatte: es komme von Eisik Maier! Aber dieses Panierchen hielt ich auch hoch und teuer . . . kein Fähnrich in blutiger Schlacht hätte sich mutiger gewehrt, wenn einer von meinen Feinden gewagt hätte, es mir zu entreißen. Es kam von Rebb Eisik – und so ward das Panierchen auch nicht zum Trödel geworfen, nachdem es am »Freudenfest« seine Schuldigkeit getan, auch nicht zerrissen, sondern heilig und unverletzlich aufbewahrt, wie der Glaube an ein Märchen, und gleich diesem ging es auch im Laufe der Zeiten verloren! Rebb Eisik wohnte in dem schönsten Hause der ganzen »Gasse«; er galt allgemein als ein sehr reicher Mann. Spiegelhell glänzten die Fenster dieses Hauses, aber eben so reinlich erschien der alte Mann in seinem Anzuge und sonstigem Benehmen. Er trug stets ein weißes Halstuch, das schon aus der Ferne festtäglich glänzte, sonst trug er 5 sich ganz nach der herrschenden Mode. Er war überhaupt von keiner hervorstechenden Eigentümlichkeit; sein mildes Wesen bewahrte ihn davor. Bei keiner Gelegenheit drängte er sich vor, weder in der Gemeinde, noch im geselligen Verkehre. Mit der Stille eines gefaßten Gemütes ging er seinen Weg; nur selten, daß er davon abwich. Das geschah nur, wenn er Streitigkeiten in der Gemeinde zu schlichten hatte, wie sie selten lange ausblieben. Dann konnte er wohl, wenn er auf Widerstand und Widerspruchsgeist stieß, in einige Heftigkeit geraten; seine Stimme begann dann unsicher zu werden und seine Wangen sich höher zu färben. »Will denn keiner beizeiten die Brill' herunternehmen?« rief er dann gewöhnlich mit überlauter Stimme. Es war merkwürdig, welche Kraft diesen wenigen Worten innewohnte; es war als hätte ein Zauberer seine Formel über eine sturmbewegte Flut ausgesprochen. Sobald die Leute das »von der Brille« hörten, lächelten sie still vor sich hin, und die Streitigkeit nahm dann gewöhnlich ein gutes Ende. Es hat gar mancher gelächelt, wenn Rebb Eisik das Wort »von der Brille« sprach, und es lächelt noch jetzt mancher, wenn es sich ihm unwillkürlich auf die Lippen drängt. Denn Eisik ging damit nicht haushälterisch um und brauchte es bei jeder Gelegenheit, wo er es schicklich anbringen konnte: jedesmal traf es aber mit einer Sicherheit, wie etwa ein Nagel in die Holzwand fährt. Nie ging die volle Wirkung um eines Härchens Breite verloren. Rebb Eisik hatte einen guten Freund, den Gemeindesänger Daniel Kremsier, der zu ihm in dem Verhältnisse eines Haus- und Hofministers zu seinem Potentaten stand. Daniel Kremsier hatte die bei Sängern und Musikantenvolk nicht selten anzutreffende Schwäche, eine nicht geringe Leidenschaft für ein gutes Glas Wein zu besitzen. Den fand er nun jedesmal bei Rebb Eisik so gut und so schlecht er ihn selber trank, und es war daher wahrhaftig kein Wunder, 6 wenn sich die durstige Kehle des Gemeindesängers als täglicher Gast bei dem reichen Manne einstellte. Dafür zeigte er sich aber auch in seiner Art dankbar, so weit dies ein so durstiges Gemüt zugibt. Daniel Kremsier kam regelmäßig, sobald das Abendgebet vorüber war, und berichtete Rebb Eisik, der nur wenig aus dem Hause kam, alles, was sich in der Gemeinde zutrug: von der Kindbetterin an, die am nächsten Sabbat ihren ersten »Schulgang« machen sollte, bis zur kleinsten »Partie« in der Gasse, die von irgend einem »Schadchin« unter dem Schleier des tiefsten Geheimnisses vorbereitet wurde. Daniel Kremsier war ein lebendiges Zeitungsblatt, nur mit dem Unterschiede, daß Zeitungsblätter öfters lügen, der Gemeindesänger aber nie. Denn dafür hatte er, wie bereits gesagt, eine zu durstige Seele, und eine solche spricht bekanntlich nur Wahrheit. Durch diesen Daniel Kremsier sind nun eine Menge von Äußerungen und Urteilen, wie sie Rebb Eisik in den vertrauten Unterredungen mit seinem Zeitungsblatte zum besten gab, bekannt geworden. Sie laufen zumeist auf die »Brille« hinaus, und man wird sogleich sehen, wie sich die ganze Lebenssumme von Erfahrungen, die gesamte Ladung möchte ich sagen, die mein alter Eisik aus den Stürmen und Fluten seines Daseins ans Land gerettet hatte, in diesen wenigen Worten gesammelt hatte. Daniel Kremsier brachte einmal, nachdem er die Kehle sattsam angefeuchtet hatte, die Meldung, es sei von einer »Partie« in der Gasse die Rede, die nach seiner Meinung nichts zu wünschen übrig lasse. Der Bräutigam »habe« nichts und die Braut habe noch weniger. Aber sie wären sich beide merkwürdig zugetan, und wenn man dem Bräutigam eine blanke Million auf den Tisch aufzählen würde, so ließe er auch von dem Mädchen nicht ab. »Und das meint Ihr im Ernst, Daniel?« fragte Rebb 7 Eisik mit einem gewissen schelmischen Lächeln, das dem alten Manne sehr wohl anstand. »Was heißt, Rebb Eisik?« beteuerte der Gemeindesänger. »Ist denn das nicht eine Partie, wie es keine bessere gibt, wenn der eine nichts hat und der andere auch nichts und keiner hat was zu verlieren?« »Daniel Kremsier, mir scheint, Ihr habt erst ein Glas getrunken,« sagte Eisik mit vollem Ernste; »schenkt Euch ein und trinkt ein zweit' Glas, damit es ein Bissele heller wird in Eurem Kopf. Denn Ihr habt eben eine große Narretei von Euch gegeben.« »Wie heißt, Rebb Eisik?« fragte der Gemeindesänger, sich verwundert stellend, ließ sich aber die Mahnung seines Potentaten nicht zweimal wiederholen. »Wie heißt?« äffte ihm Eisik nach. »Das heißt: jetzt hat der Bräutigam noch die Brill' auf und sieht alles doppelt. Die Nase seiner Braut erscheint ihm doppelt so schön, als sie vielleicht in der Wirklichkeit ist, und wenn sie etwas redet, meint er vielleicht, Gott selbst in seinem siebenten Himmel kann nicht so fein reden. Laßt aber ein Jahr oder zwei vergehen, Daniel! laß sie Mann und Weib sein, Kinder um sie herumschreien und dergleichen, dann seht zu, Daniel Kremsier, ob er noch die Brille auf hat.« Der Gemeindesänger war als Zeitungsblatt viel zu diplomatisch, als daß er durch Widerspruch seine Existenz in Gefahr gebracht hätte. Er begnügte sich also, durch ein lautes Gelächter der Meinung Rebb Eisiks seinen Beifall zu schenken und bei dieser Gelegenheit sein Glas zum dritten Male zu füllen. Kluge Leute mögen aber entscheiden, ob mein alter Rebb Eisik mit seiner Brille recht hatte oder unrecht. Die Geschichte jener »Gasse«, in der sich jener Bräutigam befand, will nämlich wissen, daß er schon nach Jahr und Tag mit allen zehn Fingern nach der Million gegriffen hätte, die 8 er damals verschmäht – wenn sie ihm nur jemand auf den Tisch gezählt hätte. Kurze Zeit darauf starb der alte, nahe neunzigjährige Rabbiner der Gemeinde. Solange er am Leben war, hatte man sich gehütet, aus Ehrfurcht vor dem Greise, der die meisten in der »Gasse« als Kinder gekannt hatte, irgend welche Verbesserungen oder, wie es hochdeutsch heißt, »Reformen« in Gottesdienst und Schule anzubringen. Der Tod des alten Rabbi war das Zeichen zu einem erbitterten Kampfe der Parteien; unentschieden wogte dieser lange hin und her, bis am Ende der Sieg den jüngern Gemeindemitgliedern zufiel. Die Jüngern hatten einen »Prediger« durchgesetzt und mit diesem einen »geregelten« Gottesdienst. Am meisten von diesen tiefeinschneidenden Veränderungen war Daniel Kremsier, der Gemeindesänger, betroffen, denn sie gingen ihm fast ans Leben. Er sollte nicht mehr die schöne Kunst seiner gesungenen Schnörkel üben, nicht mehr die wild aufschreienden Melodien einer uralten Zeit vor den Ohren der Leute, die feiner geworden waren, anbringen! Eine andre Zeit war gekommen und mit ihr ein musikalischer »Kantor«, der im Chore des trefflichen Sulzer in Wien gebildet worden war. Daniel Kremsier ward mit vollem »Gehalte« verabschiedet; er war das Opfer eines Kampfes geworden, den man in unsrer wortreichen Zeit »Übergangsphase« zu nennen pflegt. Dieses schreckliche Wesen fuhr wie ein schweres Wagenrad über den Leib des armen Gemeindesängers! Traurig und tiefbekümmert kam eines Abends Daniel Kremsier zu seinem alten Freunde. »Was ist mit Euch vorgegangen, Daniel?« rief ihm dieser erschrocken entgegen. »Ihr seht ja aus, als hättet Ihr achtundvierzig Stunden hintereinander gefastet?« »Sieht man mir's also an?« meinte der Gemeindesänger wehmütig und beschaute mit einer Art von Lust seinen 9 ohnehin spindeldürren Leib. »Ist es denn ein Wunder, wenn ich so aussehe? Ich frag' Sie, Rebb Eisik: muß es einem nicht das Herz abstoßen, wenn man dreißig Jahre vor Gott und den Menschen gesungen hat, und jetzt kommt so ein Hergelaufener, der nicht einmal »Hebräisch« recht lesen kann, und schnappt einem das Brot weg?« »Weggeschnappt hat er es Euch nicht, Daniel,« bemerkte Rebb Eisik ruhig, »und ich denke, die Gemeinde läßt es Euch an nichts fehlen. Euer Brot habt Ihr doch, Daniel.« »Was hab' ich vom Brot,« rief der abgesetzte Gemeindesänger mit kläglicher Stimme, »wenn ich nicht mehr singen darf? Soll mir das also nicht das Herz abstoßen, wenn so einer mit seinem Chor in derselben Schul' singt, die mich mehr als dreißig Jahre kennt?« »Das ist's, was Euch so mager macht, Daniel?« meinte Rebb Eisik wieder mit seinem ruhigen Lächeln. »Daniel Kremsier, seid kein Narr auf Eure alten Tage, und zieht auch Ihr die Brill' einmal aus.« »Wie heißt, Rebb Eisik?« fragte der pensionierte Gemeindesänger ganz verblüfft. »Schenkt Euch erst ein, Daniel,« meinte Eisik kaltblütig, »ich will Euch dann sagen, was das heißt.« Trotz seines Kummers ließ das klägliche Opfer einer Übergangszeit diese Mahnung nicht zweimal wiederholen. Mit auffallender Hast griff er nach dem Glase, und sein vom Kummer abgezehrtes Antlitz begann eine leise Röte anzunehmen. »Daniel Kremsier,« sagte hierauf Rebb Eisik, der mit Wohlgefallen die Veränderung bemerkt hatte, die mit seinem Gesellschafter vorgegangen; »Daniel, Ihr wißt, ich bin keiner von denen, die sich das »Judsein« auf die leichte Achsel laden. Ich kenne Euch, Daniel, seit dreißig Jahren, und immer hat sich mein Herz an Eurem Gesange und Euren »Stückeln« ergötzt. Wenn ich Euch am Jom Kipur mit 10 nüchternem Magen habe so gewaltig schreien hören, daß die ganze Schul' gezittert hat, da ist mir das Herz vor Freude aufgegangen. Ich hab' es immer gespürt: Der weiß, was er von Gott will. Was wollt Ihr aber, Daniel, wenn die Zeit andre Ohren bekommen hat? Für mich schreit und singt Ihr gut genug. Was könnt Ihr tun, wenn sich die junge Welt die Brille aufgesetzt hat?« »Wieder Ihre Brille, Rebb Eisik!« meinte der Gemeindesänger mit einem Anflug von Verdrießlichkeit im Tone. »Helft Euch, Daniel, anders,« sagte der Alte ungerührt. »Ich kann Euch nur den einen Rat geben: Nehmt auch Ihr Eure Brille herunter, und Ihr werdet einsehn, daß Ihr für die jetzige Welt nicht mehr paßt.« Daniel Kremsier neigte wehmütig sein Haupt; er mußte dem Rate des Alten beistimmen, wie schwer dies immer dem Opfer der neuen Zeit fiel. Und in der Tat, der abgesetzte Gemeindesänger zehrt noch heutzutage am Gnadenbrote der Gemeinde und hat die Brille heruntergenommen, ganz wie Rebb Eisik es ihm angeraten hat. So wie dem Gemeindesänger Daniel Kremsier, erging es noch vielen andern, denen Rebb Eisik mit seiner Brille kam. Nicht jeder lachte darüber, manchem fuhr sie wie ein spitzer Pfeil in die Seele. Selbst der neue Prediger entging ihr nicht. Der junge Mann hatte im ersten Eifer seiner Stellung an gar manches in der Gasse die Axt gelegt und hatte ins Feuer geworfen, was gar nicht abgestorben oder gar tot war, sondern bei einiger Nachsicht sogar ein schöneres Nachleben versprach. »Gebt gut acht, Daniel,« sagte einmal Rebb Eisik zu seinem abgesetzten Gemeindesänger, »gebt gut acht: Der Prediger wird auch bald seine Brille ablegen!« »Leider Gottes aber,« klagte Daniel, in dessen Gemüte trotz allen Weines noch ein bitterer Tropfen lag, »leider Gotts! er hat sie aber noch auf. Soll man warten, bis 11 kein Judenkind mehr in der»Gasse« sein wird? Dann wird er sie gewiß herunternehmen.« »Schadet nichts, Daniel, schadet gar nichts,« bemerkte dagegen Rebb Eisik. »Die Judenkinder hören sobald nicht auf; aber der Prediger wird bald aufhören. Auch er hat die Brill' noch auf, und da meint er, er sieht jedes Fleckchen und jedes schwarze Pünktchen in unsrer heiligen Religion doppelt so groß als sie sind. Er ist das Gegenteil von jenem Bräutigam! Der hat zu viel Schönes an seiner Braut gesehen und unser Prediger . . . der sieht wieder zu viel Schwarzes. Der eine hat schon die Brille herabgezogen, der andre wird es auch tun. Und je länger es dauert, Daniel, desto besser. Denn je hastiger einer eine Sache in sich aufnimmt, je fester er überzeugt ist, daß er in der Sache recht hat, desto gründlicher ist dann seine Besserung. Nur die Menschen nicht zwingen! nur abwarten, bis das Nachdenken sich von selbst einstellt! Ich möchte mit Euch eine Million wetten, Daniel, daß wir beide es noch erleben, wie der Prediger seine Brille herunternimmt.« Offenherzig gestanden, so gut sonst Daniel Kremsier die Brillensprache seines Freundes verstand, diesmal war sie ihm zu »hoch«. Noch fühlte er sich zu tief in seiner Ehre gekränkt, an die ihm jener »Hergelaufene« mit seinem Chore so freventlich griff, als daß er sich so leicht zur Weltanschauung Rebb Eisiks hätte erheben können. Dennoch war er zu gescheit, um gegen ihn Einspruch zu erheben; Rebb Eisik hatte etwas von der Halsstarrigkeit kluger Leute, die auf einen einmal erprobten Lebenssatz kein Stäubchen der Widerrede wehen lassen. Vielleicht war dies mit der Grund, daß Daniel Kremsier der Äußerung seines Freundes über den neuen Prediger eine größere Verbreitung verschaffte, als Rebb Eisik selbst wünschte. So gelangte sie auch ans Ohr des neuen Predigers; er ward davon lebhaft getroffen. Der junge Mann mußte sich gestehen, daß sie zwar nicht neu 12 war, aber eine Art Wahrheit enthielt, die er am wenigsten aus dem Munde eines alten Mannes erwartet hatte. Glühend vom Eifer für dasjenige, was er für das Bessere hielt, war er der Meinung, in jedem alten Manne der Gemeinde lauere ein Feind, der die frisch ausgestreute Saat zu vernichten strebe. Wie jedes eifrige und entbrannte Gemüt im Grunde von Nichtduldung des ihm entgegengesetzten Stoffes ausgeht, den es niederzuringen sucht, so hatte auch der junge Prediger vergessen, duldsam zu sein. Jetzt hörte er aus dem Munde eines der ältesten Männer in der Gemeinde die Mahnung, mit ihm selbst, dem Prediger, Geduld und Nachsicht zu gebrauchen. Er fühlte sich davon einigermaßen beschämt; zugleich aber entbrannte seine Seele im Zorn, daß man es wagen könne, seine Ansichten zu verdächtigen und ihnen nur eine zeitliche Beschränkung einzuräumen. In der ersten Aufwallung wollte er sich darüber auf der Kanzel auslassen, und hatte bereits einen Text dazu gefunden. Aber eine unerklärlich lautsprechende Stimme in seinem Innern hielt ihn zum Glücke von diesem unüberlegten Schritte ab. Die Beschämung behielt die Oberhand. Er beschloß, den alten Mann, den er nur oberflächlich kennen gelernt hatte, aufzusuchen; es zog ihn mehr als gewöhnliche Neugierde zu ihm. An einem Sabbat, an welchem er gepredigt, stellte sich der junge Prediger unerwartet bei Rebb Eisik ein. Der alte Mann war von der Ehre dieses Besuchs lebhaft gerührt; über sein Antlitz flog es wie freundlicher Sonnenschein. Man sah es ihm an, er fühlte sich von der Auszeichnung geschmeichelt. Es ist dies ein Zug, den wir namentlich an alten Leuten bemerken, wenn sie von jungen Leuten aufgesucht werden. »Wissen Sie, Rebb Eisik,« begann der Prediger nach den ersten einleitenden Worten, nachdem ihm der Alte selbst einen Stuhl zugeschoben hatte, »warum ich zu Ihnen gekommen bin?« 13 »Wie soll ich das erraten?« meinte Eisik lächelnd. »Bin ich doch kein Prophet!« »Und doch, Rebb Eisik,« rief der Prediger mit leichtem Hohne, »haben Sie vorausprophezeit, daß ich mich in kurzer Zeit ändern werde?« »Wissen Sie also auch schon von meiner Brille, Herr Prediger?« meinte Eisik ganz unbefangen, ohne im mindesten verlegen auszusehn. »Sie halten mich also für einen Heuchler,« rief der junge Mann etwas lebhaft, »für einen, der anders denkt und anders handelt?« Eisik legte wie beschwichtigend seine Hand auf den Arm des Predigers. »Sie haben noch nicht die Brille abgelegt, Herr Prediger,« meinte er mit seinem vertraulich milden Lächeln. »Wie verstehen Sie das, Rebb Eisik?« »Sehen Sie, Herr Prediger,« sagte der alte Mann mit seinem unerschütterlichen Lächeln, »wären Sie der Heuchler und »Min«, den Sie mir in den Mund legen, so hätten Sie nicht etwas unterlassen, als Sie in diese Stube eingetreten sind.« »Ich hätte etwas unterlassen?« rief der junge Prediger lebhaft. »Dort an der Tür,« meinte Eisik, indem er seinen Finger ausstreckte, »hängt eine ›Mesusah‹, wie sie in jedem guten Judenhause zu finden ist. Denn mit Gott soll man eintreten und mit Gott soll man austreten. Diese ›Mesusah‹ haben Sie unterlassen zu küssen.« Jenes Täfelchen an der Türpfoste, hinter welchem der Name Gottes zu lesen ist. Eine brennende Röte überflog das sonst blasse Antlitz des jungen Mannes. Eisik bemerkte dieses Zeichen innerer Beschämung; in seinem milden Herzen keimte sogleich die Reue auf. 14 »Weh tun habe ich Ihnen nicht wollen, Herr Prediger,« sagte er, und drückte inniger auf dessen Arm. »Ich danke Ihnen, Rebb Eisik,« rief der junge Mann und ergriff die Hand des Greises, »ich danke Ihnen für die Lehre, die Sie mir soeben gegeben haben. Ich will sie nicht vergessen.« Eisik wußte nicht, wie ihm geschah. Er schaute dem jungen Manne eine lange Weile in das gerötete Gesicht. Vielleicht war es Argwohn, der in diesem Augenblicke sein sonst so mildes Gemüt durchzuckte. Ein junger Mensch in der Blüte und Fülle seiner Jahre stand – so vor ihm und er hielt ihn doch für beleidigt! Dann aber rief er mit weicher Stimme: »Um Gottes willen reden Sie nicht weiter, Herr Prediger. Es ist nicht gut, wenn derjenige, der Gottes Wort zu verkünden hat, seine Fehler sogleich eingesteht. Es ist das nicht gut. Was soll dann der gemeine Mann tun? Der muß am Gelehrten immer das sehen, was die Kinder Israels an Moses gesehen haben, da er vom Berg Sinai heruntergestiegen ist.« »Meinen Sie den heiligen Zorn beim Anblick des goldnen Kalbes?« rief der junge Prediger in hoher Aufregung. »Nein, Herr Prediger,« meinte der Alte milde, »ich meine den leuchtenden Schein um seinen Kopf, den ihm Gott geliehen hat, da er die steinernen Tafeln brachte.« »Rebb Eisik, was sind Sie für ein Mann!« rief der Prediger entzückt aus, und ergriff aufs neue seine Hand, und schaute ihm mit leuchtenden Blicken in das feine Antlitz. »Loben Sie mich nicht zu sehr,« bat Eisik mit liebenswürdiger Bescheidenheit, »ich verdien's gar nicht.« »Sagen Sie mir nur, Rebb Eisik,« rief der Prediger noch immer ergriffen, »sagen Sie mir nur, woher hat sich dieser Schatz echter Lebensweisheit bei Ihnen gesammelt? Sie sind nicht nur klug, Sie sind auch ein großer 15 Menschenkenner und prüfen Herz und Nieren. Sie haben in meine Seele einen tiefen Blick geworfen. Wie kamen Sie dazu? Denn aus Büchern werden Sie doch nicht viel gelernt haben!« Eisik schwieg eine geraume Weile; aber auf seinem Antlitze malte sich deutlich die Freude, sein Lob aus dem Munde des jungen Mannes zu vernehmen. »Nein, gelernt hab' ich nicht viel, mein Herr Prediger,« meinte er lächelnd, »nicht einmal so viel, was Sie nicht schon vor zwanzig Jahren vergessen hätten. Aber ich hab' meine Brille bald abgelegt.« »Ich glaube Sie zu verstehen, Rebb Eisik,« rief der Prediger lebhaft. »Sie sind wahrscheinlich frühzeitig durch eine harte Schule des Lebens gegangen, und aus den derben Stößen und Püffen, die Sie da erhalten haben, lernten Sie das Leben selbst beurteilen und dessen Erscheinungen auf ihr wahres Maß herabsetzen. In dieser strengen Schule sind Ihre Augen geschärft worden, und das nennen Sie die Brille ablegen.« »Man sieht und hört es Ihnen an,« sagte Eisik schmunzelnd, »daß Sie ein Prediger sind. Sie können und verstehen Ihre Sache. Sollt' man nicht meinen, Sie hätten jetzt gerade über eine Stelle in der Bibel gesprochen, über die ein andrer weggeschluppert wäre, während Sie etwas Schönes und Erhabenes darin finden! Aber glauben Sie nur nicht so etwas von mir, Herr Prediger. Ich hab' wirklich die Brille abgelegt.« »Wie?« fragte der junge Mann mit einiger Verwirrung. »Oder besser gesagt,« ergänzte sogleich Eisik, »ich hab' eine wirkliche Brille abgelegt.« Der Prediger starrte den Sprecher mit einer Miene an, als sei er überzeugt, dieser rede irre. »Sie wissen also wirklich noch nichts von meiner Brille?« rief Eisik, der die Verwunderung des Predigers wohl bemerkt hatte. 16 »Kein Wort,« beteuerte der junge Mann. »So freut es mich wirklich in der Seele, daß ich gerade Ihnen die ganze Geschichte von meiner Brille wieder erzählen kann. Hier in der ›Gasse‹ kennt sie jedes kleine Kind. Sie sollen daraus ersehen, Herr Prediger, daß ich Ihnen am wenigsten mit meiner Brille habe wehe tun wollen.« »Rebb Eisik,« rief der Prediger vorwurfsvoll. »Gut, gut,« meinte der Alte, »entscheiden Sie selbst, wenn ich fertig bin. Werden Sie aber auch genug Geduld haben, einen plauderhaften alten Mann so lange anzuhören?« »Tagelang könnte ich Ihnen zuhören!« rief der Prediger begeistert. Rebb Eisik lächelte fein und begann: »Ich bin das einzige Kind sehr reicher Eltern gewesen. Da Sie in unserer Gemeinde nicht geboren sind, so können Sie auch nicht wissen, was für ein Mann mein Vater gewesen ist. Stellen Sie sich nur das eine vor: Wenn man von Rebb Anschel Maier gesprochen hat, so hat man sich darunter etwas wie jetzt den Baron Rothschild vorgestellt. In ganz Böhmen und Mähren, ja selbst in Wien hat man seinen Namen gekannt, und wenn einem ein Wechsel vorgekommen, auf dem die Unterschrift meines Vaters gestanden ist, so hat er gewiß gesagt: der ist so gut wie bar Geld. Damit will ich nur zeigen, was für ein Mann er gewesen ist. Meine Mutter war draußen ›im Reich‹ geboren; der Vater hat sie auf der Frankfurter Messe kennen gelernt, wohin er zweimal im Jahre kam. Es war eine merkwürdig feine und besondere Frau; sie hat deutsch und jüdisch geschrieben, wie kaum ein Mann, was in der damaligen Zeit viel geheißen hat. Man hat ihr auch nachgesagt, daß sie französische Bücher lesen konnte und auf dem Klavier gespielt hat. Das ist in jener Zeit wie ein Wunder angesehen worden. Wie aber die Menschen sind! Die große Bildung 17 ist das Unglück meiner Mutter gewesen. Sie ist deswegen ordentlich beschrien worden, und keine Frau in der Gemeinde hat sich unterstanden, mit ihr in einen nähern Verkehr zu treten. Die Leute glaubten immer, sie müßten mit ihr französisch reden, und weil das keiner wußte, haben sie zuletzt gar nicht mit ihr gesprochen. Dadurch ist meine Mutter nie heimisch geworden in der »Gasse«, sie hat sich immer als Fremde betrachtet! Nur gegen meinen Vater und mich war sie nicht fremd; uns hat sie gezeigt, wie sie war und was in ihr verborgen lag. Als das einzige Kind war ich ihr Augapfel. Gott der Lebendige weiß, woher so eine Mutter all die Liebe und Zärtlichkeit für ihr Kind bekommt. Worauf gar kein andrer denkt, darauf denkt eine Mutter; was keinem eine Sorge macht, das bekümmert sie und macht ihr das Herz schwer. Ich will wetten, nicht Amram, der Vater Mosches ist's gewesen, der den guten Gedanken mit der Prinzessin hatte, sondern seine Mutter. Wie sollte ein Mann auf so etwas verfallen! Man hätte auch von der meinigen sagen können: Gott habe sie eigens zu einer Mutter bestimmt und mich zu ihrem Sohn! Fremd, wie sie in der Gasse war, hatte sie auch kein Verlangen, als ich schon zehn bis zwölf Jahre alt geworden, ihr Haus auch nur auf eine Stunde zu verlassen. Nur in der Frühe und am Abend, wenn ich in ›Schul‹ gehen mußte, kam ich von ihr fort; sonst bin ich keine Minute aus ihren Augen entschwunden. Der Vater war beinahe immer auf Geschäftsreisen; der konnte sich wenig um mich bekümmern. Kein Mensch wunderte sich auch, daß mir die Mutter den ersten Unterricht erteilte; von ihr lernte ich lesen, schreiben und rechnen, ja selbst die Bibel habe ich von keinem gelernt als von ihr. Als wenn es heute geschehen wäre, erinnere ich mich noch jetzt, wie der Vater einmal von der Leipziger Messe 18 etwas mitbrachte, das in ein graues Papier eingewickelt war. Ich wollte danach greifen und es aufmachen, da schrie aber mein Vater auf, als hätte ich meine Hand in glühendes Eisen getaucht. »Wozu hast du mir es also mitgebracht, Vater,« rief ich weinend, »wenn ich es nicht anrühren darf?« »Wart' bis auf die Nacht,« sagte mein Vater unruhig und versteckte das graue Paket an einem sichern Orte. Ich weinte und jammerte, die Mutter aber tröstete mich. Als die Nacht gekommen war, holte der Vater das Paket aus dem Verstecke herbei, nachdem er sich früher überzeugt hatte, daß alle Türen und Fenster fest verschlossen waren. Der graue Umschlag ward hinweggenommen; es waren fünf Bücher, die mir der Vater hinlegte. »Das ist ja ein ›Chumesch‹ (die fünf Bücher Mosis) rief ich, beinahe enttäuscht. »Um Gottes willen schweig, wenn du nicht willst, daß ich dir die Bücher wegnehmen soll,« schreit mein Vater ganz ängstlich, und ich habe das auch auf Zureden der Mutter versprechen müssen. Aus diesem Chumesch hat sie mich unterrichtet. Erst lange Jahre darauf habe ich die Vorsicht und Angst meines Vaters begriffen. Wenn man jenes Chumesch bei uns angetroffen hätte, Gott der Lebendige weiß, was uns damals geschehen wäre! Es war mit der deutschen Übersetzung von Moses Mendelssohn aus Dessau! Wie ich mein dreizehntes Jahr erreicht, sollt' ich in die Fremde, um da ein Geschäft zu lernen. Das war damals so der Brauch; nach der ›Bar Mizwah‹ mußte ein Jüngel fort. Jetzt soll man es anders damit halten; die heutige Welt möchte für dreizehnjährige Kinder noch gerne eine Amme im Hause haben. Die gute Mutter hat lange nicht gewollt, endlich aber hat es der Vater durchgesetzt. Ich bin nach Prag zu dem großen Geschäftsmanne Noa Liebermann gekommen, der zu jener Zeit ein Spezereigeschäft in der 19 Meiselgasse neben der Schul' gehabt hat. Bei dem bin ich volle vier Jahre in der Lehre gewesen und bin während dieser Zeit niemals zu meinen Eltern auf Besuch gekommen. »Ich sollt' mich entwöhnen,« sagte mein Vater. Gut! ich hab' mich entwöhnt, habe gelernt, was zu lernen war; aber wie die vier Jahre um waren und ich einmal einen Brief erhalte, daß ich nach Hause kommen sollt', da hab' ich mich doch außerordentlich gefreut. Denn mit mir war indessen eine große Veränderung vorgegangen. Als ein kleiner ›Krupp‹ hatte ich die Heimat verlassen, in die Höhe geschossen wie eine Hopfenstange kehrte ich zurück. »Was werden die Leute in der ›Gasse‹ zu dir sagen?« fiel mir jeden Augenblick ein. Nun weiß ich nicht, wie es gekommen ist. Einen Tag vor meiner Abreise gehe ich durch die Zeltnergasse; ich wollte mir die Stadt noch einmal ansehen. Da bleibe ich, ohne daß ich eigentlich an etwas Bestimmtes dachte, vor dem Gewölbe eines Brillenmachers stehen. Wie ich mir so eine Weile die verschiedenen Dinge in dem Auslagskasten betrachte, kommt mir plötzlich der Gedanke: »Wie wär's, wenn ich mit einer Brille auf den Augen vor meine Eltern hintreten möcht'! Mit so einer Brille sieht man wenigstens um etliche Jahre älter aus. Die Leute werden dich dann gar nicht erkennen.« Ohne weitere Überlegung trete ich also in den Laden ein, und kaufe mir die erste beste Brille! Solange als ich noch in Prag mich befand, habe ich sie nicht aufzusetzen gewagt; da haben mich die Leute ja gekannt. Aber kaum bin ich im Wagen, habe ich sie in einem fort versucht. Die Ungewohntheit, so etwas auf meiner Nase und vor meinen Augen zu tragen, hat gemacht, daß ich die Brille in den ersten Stunden gern hundertmal auf die Straße hinaus geworfen hätte. Immer hat mich aber der Gedanke zurückgehalten: die Leute zu Hause werden dich nicht erkennen und du siehst damit viel älter aus! Und 20 immer hab' ich aufs neue die Brille aus dem Futterale herausgenommen und aufgesetzt. Merkwürdig, was der Mensch vermag, wenn er nur will! Wie ich noch zwei Stunden von meiner Heimat war, da habe ich die Brille gar nicht mehr gespürt, sie war mir auf der Nase wie angewachsen. Das hat mich mehr gefreut, als wenn ich eine Million mit nach Hause gebracht hätte. Wie ich an dem »guten Ort« vorüberfahre, der, wie Sie wissen, an der Prager Straße liegt, wer kommt mir da entgegen? Naphtali Kremsier, der Vater unsers frühern Gemeindesängers Daniel, der mit Hasenhäutchen hausieren gegangen ist. Der sieht in den Wagen hinein, in welchem ich langsam an ihm vorüberfahre und ruft gleich: »S' Gott's willkumm, Eisik! Bist du auch schon zurück!« Ich glaube im ersten Augenblick trifft mich schon vor Schrecken der blasse Tod! Gleich der erste Mensch, der mir begegnet, erkennt mich! Ein anderer hätte nun die Brille von der Nase gerissen und sie in tausend Stücke zerbrochen. Ich aber – ich habe sie behalten! »Sie sollen mich doch nicht erkennen,« hab' ich in meinem Ingrimm gerufen. Niemals werde ich nun vergessen, wie ich von meiner guten Mutter aufgenommen wurde. Noch jetzt fühle ich die heißen Tränen, wie sie über meine Wangen heruntertröpfelten, indem sie mich minutenlang gar nicht aus den Armen lassen wollte! Ich alter Junge spür's noch, es geht mir wie ein Messerstich durch das Herz, wenn ich an diese Stunde denke. Denn wissen Sie, was für ein Gedanke mir unter den Tränen meiner Mutter, unter ihrem Lachen und Weinen gekommen ist? Es hat mich geärgert, daß mich meine Eltern so gar leicht erkannt hatten, daß sie kein Wort über mein Aussehen, kurz über meine Brille sagten! Ist das nicht etwas, um noch jetzt darüber sich reuig an die Brust zu schlagen? 21 Erst als ich eine Viertelstunde später meinen Eltern gegenüber saß, immerfort die Augen meiner Mutter auf mir, die sich an ihrem Sohn gar nicht satt sehen konnten, sagte mein viel ruhigerer Vater: »Weißt du, Jettel, ich finde unser Eisik hat sich etwas verändert; er hat etwas Fremdes in seinem Gesichte, ich könnt' aber nicht sagen, worin es besteht.« Ich wurde rot wie ein Mädchen, zu dem man auf die Beschau kommt. Also endlich doch! Meine gute Mutter stand auf, beinahe erschreckt von diesen Worten meines Vaters und blickte mir lange ins Gesicht. »Ich find' ihn nicht verändert,« meint sie hierauf, »er hat noch ganz sein altes Aussehen.« Da blickt auch der Vater schärfer nach mir hin, und auf einmal bricht er in ein Gelächter aus, daß davon das ganze Haus erzittert. »Jettel,« ruft er keuchend, »hättest du denken können, daß sich das Jüngel so etwas von Prag wird mitbringen?« »Was denn?« ruft sie erblassend. »Siehst du denn nicht die zwei Laternen, die unser Eisik vor den Augen hat?« Da schreit die Mutter auf und stürzt auf mich zu. »Ist dir etwas an den Augen geschehen?« spricht sie und zittert dabei, als wäre ich wirklich halbblind nach Hause gekommen. Ich konnte nicht reden, das Wort blieb mir in der Kehle; ich habe nur den Kopf geschüttelt. Was soll ich länger erzählen? Der Vater hat in einem fort gelacht, die Mutter aber ist von Minute zu Minute besorgter geworden, denn je mehr ich mit dem Kopfe schüttelte, desto mehr glaubte sie, mir fehle was an den Augen. Da brauche ich endlich vor lauter Zureden und Beschämung die schändliche Lüge: der berühmte Doktor Jonas Jeitteles in Prag hätte mir einmal in die Augen gesehen und gesagt: ich müßt' eine Brille tragen! 22 So bin ich nach vier Jahren in der Fremde mit einer Lüge vor die guten Eltern getreten! Von diesem Augenblicke an hat freilich der Vater mit seinem Gelächter, was mir am meisten weh getan, eingehalten, die Mutter aber, merkwürdig fein, wie die Weiber sind, hat mir nicht geglaubt. Sie hat es aber nicht merken lassen, und erst wie wir allein waren, hat sie mir es gesagt, und durch vieles Zureden und Schmeicheln die ganze Wahrheit aus mir herausgebracht. Es hat mich aber einen Kampf gekostet. Die gute Mutter! Statt nun darauf zu dringen, daß ich die Brille ablege, schon deshalb, weil ich gelogen hatte, hat sie zugegeben, daß ich sie behalte. Sie hat mir die Beschämung und das Gelächter meines Vaters ersparen wollen! Ich hab' die Brille auch behalten; ich habe geglaubt, ich hätte erst jetzt ein Recht darauf. Und wie ich am andern Tag durch die »Gasse« gegangen bin, und manche Leute haben mich wirklich nicht sogleich erkannt, und haben mir verwundert nachgesehen, da habe ich in meiner Seele eine Freude empfunden, nicht anders, als ob mich der Kaiser von Wien zum Oberstburggrafen gemacht hätte. Viele Leute haben mich ausgelacht, denn in der damaligen Zeit war es nichts Gewöhnliches, daß ein achtzehnjähriges Jüngel mit einer Brille gesehen wurde, und was gar nicht in meiner Natur gelegen ist: ich bin dadurch keck und übermütig geworden. Und gerade unter die Leute, von denen ich gewußt habe, sie können meine Brille nicht ausstehen (leiden), gerade unter die bin ich am liebsten gegangen. Zuletzt hab ich's dazu gebracht, daß sich die Leute meine Brille gefallen ließen. Denn wer in der Welt am längsten aushält, der hat's ja gewonnen. Das Schönste an der Sache war, daß bei dieser Narretei mit der Brille mein Kopf für das Geschäft ganz unbrauchbar geworden war. Ich zeigte kein rechtes Geschick dafür, und erst später habe ich eingesehen, daß eigentlich die Brille daran schuld war. Mein Vater klagte oft: 23 »Ich weiß gar nicht, was denn eigentlich das Jüngel in Prag gelernt hat. Was hab' ich davon, daß er eine Brille auf der Nase trägt! Wo er etwas sehen soll, sieht er doch nichts!« Die gute Mutter entschuldigte mich, wie sie konnte; oft habe ich aber den Vater sehr verdrießlich gesehen. Trotzdem bekam ich meine Brille immer lieber, denn man kann sich in ein Ding, das kein Leben hat, ebenso gut verlieben, als in eines mit Fleisch und Bein, und ich kann sagen: ich war verliebt. Da kam mein Vater einmal von einer Geschäftsreise mitten in der Woche zurück; denn gewöhnlich geschah dies am Freitag. Sein Gesicht war blaß und die Augen tief eingesunken. Die Mutter schrie laut auf, als sie seiner ansichtig wurde; es hat ihr gleich nichts Gutes geahnt. Doch auf alle Fragen, die sie an ihn richtete, antwortete der Vater nicht, er sperrte sich in seine Schreibstube ein, und durch das Schlüsselloch konnten wir bemerken, daß er schreibe. Gegen Abend rief er die Mutter zu sich; nach einer schrecklich langen Stunde kam sie heraus, mit verweinten Augen, todblaß im Gesicht. Auch sie wollte mir nicht sagen, was vorgehe, und nach allem zu schließen, mußte etwas Schreckliches vorgegangen sein. In derselben Nacht fuhr der Vater wieder fort; er sagte nicht wohin. Volle zehn Tage blieb er aus; am Freitag kam er wieder. Aber sein Aussehen war dasselbe traurige wie das erstemal, und wie ihn die Mutter fragte, was er ausgerichtet, schüttelte er mit dem Kopfe. Wir verlebten einen Sabbat, wie ihn mein größter Feind nicht erleben soll! Und bei allem dem habe ich nicht gewußt, was denn vorging. Sabbat zu Nacht, nach dem Nachtmahl, sagte mein Vater mit einem Male zu mir: »Eisik, ich hab' mit dir etwas zu reden, komm auf meine Stube.« 24 Zitternd und bange folgte ich ihm. »Eisik,« sagte mein Vater zu mir, als wir allein in seiner Stube waren. »Du hast vielleicht bis jetzt gemeint, ich bin ein reicher Mann.« »Bist du's nicht?« sagte ich auf den Tod erschrocken. »Nein,« sagte der Vater mit gebrochener Stimme, »ich bin mehr als arm geworden. Ich kann nicht einmal zahlen.« Ich vermochte kein Wort hervorzubringen. Mein Vater hatte Mitleid mit mir. »Was kannst du dafür,« sagte er, »daß du keinen Kopf fürs Geschäft hast?« Das Wort hat mir erst recht durchs Herz geschnitten; ich fing an laut zu weinen. Nun erzählte mir der Vater, daß er schon seit einigen Jahren einen Rückgang im Geschäfte verspüre, der Mutter und mir habe er es lange verschwiegen, denn ihm scheine, mir wäre meine Brille lieber als das Geschäft, und weil er das bemerkt, habe er die ganze Sache in sich hineingegessen. Aber das Unglück wachse ihm über den Kopf, länger könne es nicht verschwiegen werden. Das alles aus dem Munde eines Vaters zu hören und sich dabei sagen müssen: Es geht dich an! Ich hab' damals meine Sünden abgebüßt, aber eingesehen habe ich sie doch nicht. »Meine Brill' soll also schuld sein am Unglück!« fragte ich ein über das andere Mal. »Ja,« sagte der Vater, »denn daß du mich nicht verstehst, daran ist eben deine Brille schuld.« Da habe ich geschwiegen, denn wenn das Herz von Unrecht sich gekränkt meint, verschließt es sich. Der Vater aber erzählte nun weiter, wie es mit ihm stehe. Der »Bankrott« war so gut wie fertig. In den zehn Tagen, die er verreist war, hatte der Vater halb Böhmen durchzogen und überall die Gläubiger aufgesucht, um sich mit ihnen zu vergleichen. Die meisten hatten sich mit ihm verglichen, nur ein einziger, und dem wir das meiste schuldig waren, Joel 25 Bidschof in Kollin hatte es rund abgeschlagen. Der hat den Vater wie einen Dieb behandelt, als er ihm mit dem Vergleich kam, und hat gedroht, wenn er nicht sein ganzes Geld bis auf einen Groschen bekäme, wollt' er ihn ins »Kriminal« bringen. So etwas hat man meinem Vater sagen sollen! »Und ist gar keine Hilfe?« frug ich ihn zuletzt. »Gar keine,« antwortete er traurig, »Joel Bidschof ist zu hart, der hat ein Herz wie ein Stück Eisen.« »Vielleicht schickst du mich zu ihm!« sag' ich plötzlich, als wäre mir eine Eingebung von Gott gekommen. »Dich,« ruft mein Vater und lacht spöttisch, »dich mit deiner Brille!« Ich weiß nicht, was mir in diesem Augenblicke die Kraft gegeben hat, diesen Spott zu überhören. Ich sage wieder: »Schick mich nur, Vater, schick mich.« Er aber hat immer wieder mit der Brille angefangen, Gott der Lebendige weiß, wie ich das ertragen habe. Endlich nachdem ich wieder darauf zurückkomme, daß er mich schicken solle, sagt er: »Meinetwegen, geh, Eisik! Ausrichten wirst du so nichts. Das sag' ich dir aber: Zieh nur vor allem deine Brille aus.« Am andern Morgen, in aller Frühe, bin ich mit einer besonderen »Gelegenheit« fort nach Kollin. Die Mutter weinte, als ich von ihr Abschied nahm, der Vater aber, halb traurig, halb lachend, meint doch zu guter Letzt: »Es ist nur gut, daß wir schön Wetter haben, damit du dich doch ein Bissele wenigstens unterhältst. Denn ausrichten wirst du ja doch nichts. Ich hab' nichts ausgerichtet, willst du's?« Die Brille hab' ich natürlich aufbehalten; es muß, wenn ich darüber nachdenke, doch aus Trotz gewesen sein, wegen der vom Vater erlittenen Kränkung. In solcher Gemütsverfassung bin ich fort. 26 Nach Kollin hat man in jener Zeit beinahe zwei Tage gebraucht, die man jetzt in weniger als einigen Stunden zurücklegt. Ich habe also Zeit gehabt, darüber nachzudenken, wie ich mit Joel Bidschof reden wollte. Merkwürdigerweise ist mir auch nicht die geringste Furcht angekommen. »Ist der Joel Bidschof ein Minister oder Kaiser, daß ich mit ihm nicht sollt' reden dürfen? und bin ich nicht Anschel Maiers Sohn?« hab' ich oft zu mir selbst gesagt. Ich habe mir also vorgenommen, mir von dem Manne nichts gefallen zu lassen; er sollte sehen, daß ich kein Jüngel mehr sei, und wenn er mit mir aufbegehrte, so wollte ich auch mit ihm aufbegehren. Mit solchen und noch andern ähnlichen Vorsätzen bin ich nach Kollin gekommen; es war gerade Mittag. Ich, nicht faul und entschlossen, lasse mir gleich Joel Bidschofs Haus zeigen, und ohne daß ich etwas gegessen oder getrunken hatte, gehe ich hin. Das Haus ist nicht weit von dem Wirtshause gelegen, wo ich abgestiegen war. Wie ich davor gestanden, hat mir doch das Herz gewaltig gepocht; erst jetzt ist mir recht eingefallen, wieviel von dem Nichtgelingen meines Besuches abhing. Das hat aber nur eine kleine Minute gedauert, ich hab' in mir Anschel Maiers Sohn gespürt, und hab' mir die Brille zurecht gerückt. »Ist Herr Joel Bidschof zu Hause?« frag' ich ganz keck ein Mädchen, welches ich im Vorhaus treffe. »Ja,« sagte sie, »gehen Sie nur hinein, er ist ganz allein in seiner Stube.« Das war mir nicht recht, denn mit Joel Bidschof hätte ich gern vor der ganzen Welt gesprochen, um ihm zu beweisen, wer ich und wer er sei. Indessen da dies nicht anging, klopf' ich beherzt an die Tür und trete ein. Im ersten Augenblick bemerkte ich in der Stube kein lebendes Wesen. Auf einmal höre ich aus einem Winkel eine dünne Stimme sagen: »Gott's willkomm.« Ich sehe hin, woher die Stimme kommt, und erblicke ein kleines 27 Männchen, mit einem Samtkäppchen auf dem Kopfe, vor einem großmächtigen Schreibtisch sitzen und mit Geldzählen beschäftigt. »Bin ich recht bei Herrn Joel Bidschof?« frag' ich ganz beherzt. »Ja,« ruft die dünne Stimme des Männchens, und das dreht sich nicht einmal nach mir um, sondern fährt im Geldzählen fort. Eine Weile darauf sagt er: »Wer bist du? und was willst du?« »Dieses »du« hat mich gewaltig verdrossen. Was hat Joel Bidschof mit mir, den er nicht einmal kennt, »du« zu reden? Darum antwort' ich mit einer Keckheit ohnegleichen: »Ich bin Rebb Anschel Maiers Sohn, und bin gekommen, um mit Ihnen zu sprechen.« »Bringst du Geld mit?« fragt Joel Bidschof mit seiner spitzigen Stimme. »Nein!« sagte ich darauf. Da schiebt mein Rebb Joel den Stuhl, worauf er sitzt, mit einer Kraft zurück, wie ich sie dem kleinen »Krupp« nicht zugetraut hätte, und mit einem Male springt er knapp an mich hin. Jetzt erst habe ich ihn von Angesicht zu Angesicht gesehen; so klein und dünn er war, hat er doch ein Angesicht gehabt, wie ein Wolf; ein Paar Augen haben darin gefunkelt unter buschigen Augenbrauen, wie von einer Katze in der Nacht; man hat sich ordentlich davor fürchten müssen. Mit diesen Augen sieht mich der kleine Joel Bidschof vom Kopf bis zu Füßen an, als wollt' er mich von innen und von außen wie einen Sack Wolle mustern und sagt dann mit seiner Fistelstimme: »Du bringst also kein Geld mit, Jüngel?« »Nein,« antwortete ich noch einmal und gar nicht keck, »aber der Vater will sich mit Ihnen vergleichen.« Da wird der kleine Krupp Feuer und Flammen, sein Gesicht rot und die Augen speien ordentlich ein grünes Gift auf mich. Dann hub er an: 28 »Und dich hat dein Vater zu mir geschickt, um sich mit mir zu vergleichen, mit Joel Bidschof? Dich keckes Jüngel mit der Brill' auf der Nas', schickt der Schnorrer zu mir, und meint, er wird was ausrichten? Hat er gemeint, ich bin selbst so ein Schnorrer, wie er? Einer, der mich fußfällig bitten sollt', schickt mir so ein grünes Jüngelchen. mit einer Brill' auf der Nase? Jetzt mach', daß du fortkommst, und sag' deinem Vater: vom Vergleich ist keine Rede! Ins Kriminal muß er, und das hat Joel Bidschof gesagt, der noch niemals sein Wort gebrochen hat.« Gott der Lebendige weiß es, wie ich aus der Stube und von dem grimmigen Wolf fortgekommen bin, ich weiß es noch heute zu Tage nicht. Es hat mich aber eine solche Furcht vor den Augen Joel Bidschofs gepackt, ein solches Zittern und Zagen, daß ich zur Tür draußen war und zum Hause hinaus, noch ehe ich an eine Gegenrede hätte denken können. Und selbst wie ich wieder in der Gasse stand, wirkte die Furcht vor dem schrecklichen Joel in mir fort. Ich bin gelaufen, so weit als mich meine Füße tragen konnten; erst bei dem Wirtshause, in welchem ich eingekehrt war, machte ich Halt! Aber, lebendiger Gott! in welchem Zustande! Zerschlagen und zerbrochen von der großen Kränkung, die ich soeben erlebt, beschämt und gedemütigt wie ein Hund, den man mit dem Stocke verjagt hat, so war mein Zustand. Ich rannte auf meine Stube, ich glaubte noch immer die Stimme des kleinen Joels hinter mir zu hören. Dort warf ich mich der Länge nach aufs Bett und vergrub mein Gesicht in den Kissen. Dann aber hat der Schmerz über die erlittene Kränkung in mir aufgeschrien; wie ein kleines Kind habe ich angefangen zu weinen, und unaufhaltsam sind meine Tränen geflossen. Ich habe mich hingewünscht, wo mich kein Menschenauge mehr gesehen hätte und hab' mein Leben verflucht. Mich so zu behandeln, mich, Anschel Maiers Sohn! Wenn das die gute Mutter gewußt hätte, was mir in dieser 29 Stunde geschehen war! Meine Tränen sind immer stärker geflossen; ich habe geglaubt, mein Leben wird mit ihnen dahinfließen. Aber sie haben doch aufgehört, wie das immer geschieht, wenn sich das Herz zu sehr anstrengt. Dafür ist aber in mir ein anderes Gefühl aufgekommen; ich habe mich rächen wollen an Joel Bidschof. Da bin ich aufgesprungen und Gott hätte ihn schützen mögen, den hartherzigen Menschen, wenn ich ihn in diesem Augenblicke vor mir gehabt hätte. Einmal hatte ich sogar schon die Tür aufgerissen, um zu Joel Bidschof zu eilen. Aber dabei ist es auch verblieben. Weiter als bis zur Tür bin ich nicht gekommen, und daß ich es nur geradezu heraussage: ich habe mich gefürchtet! Dann habe ich mich wieder aufs Bett geworfen und habe geweint und gejammert, und mir das Leben verwünscht. Dazwischen bin ich auch aufgesprungen und habe gegen Joel Bidschof die Faust geballt. So habe ich es die halbe Nacht getrieben, bis ich gegen Mitternacht vor lauter Weinen und Klagen in einen tiefen Schlaf verfiel. Wie lange ich so geschlafen habe, weiß ich nicht; aber auf einmal ist es mir, als ob ich meines Vaters Stimme neben mir vernähme, und der spricht: »Siehst du, Eisik, das alles haben wir deiner Brille zu verdanken. Daß Joel Bidschof sich nicht erweichen läßt, und daß ich ins Kriminal komme, wer ist daran anders schuld, als du und deine Brille?« Mit einem Schrei, den ich noch jetzt höre, bin ich aufgewacht; mein Körper war eiskalt, ein solch Entsetzen hatte mich erfaßt. Die Stimme des Vaters habe ich so deutlich vernommen, daß ich selbst, als ich aufgewacht und zur Besinnung gekommen war, nicht glauben wollte, daß ich geträumt hatte. Aber es war nur meine eigene Stimme gewesen, die Stimme meiner eigenen Seele, die während meines Schlafes mit sich selbst gesprochen hatte. Ich konnte 30 nicht mehr einschlafen. Die Worte meines Vaters, die eigentlich meine eigenen waren, tönten mir immer wieder in den Ohren. Ich mit meiner Brille war also wirklich schuld! Das ist mir jetzt nach und nach immer klarer und heller geworden. Und je deutlicher sich mir die ganze Narretei mit der Brille vorstellte, desto mehr ist meine Verzweiflung gewachsen. Wenn ich in dieser Nacht nicht grau und weiß geworden bin, so ist das ein Wunder. Aber um zwanzig Jahre wenigstens bin ich älter geworden in dieser Nacht. In der Stille dieser Verzweiflung, die kein Auge gesehen hat, als der heilige Gott im Himmel, bin ich zu einem neuen Leben erwacht. Ich hab' es gespürt, wie eine eigene Kraft durch meinen ganzen Kopf geflossen ist, wie es stoßweise vom Herzen zum Kopfe hinaufarbeitete. Dann bin ich ruhiger geworden. Etwas Merkwürdiges war mit mir vorgegangen. Eine Demut war über mich gekommen, wie ich sie niemals gekannt hatte. Joel Bidschof hatte recht, wenn er mich so behandelte. Was mußte ich, der junge unerfahrene Mensch, mit solcher Frechheit zu ihm kommen? Mit der Brille auf der Nase ihn bereden, daß er sich mit meinem Vater ausgleichen sollte? Aller Stolz und Narretei war von mir gewichen; jede erlittene Kränkung hat in mir geschwiegen. Joel Bidschof hat an dir nur getan, wie du es verdient hast, schrie ich immerfort. Und nicht ich war der Beleidigte und Gekränkte, sondern er! Da fragte ich mich: Was ist jetzt zu tun? und wie eine Gottesstimme ertönte es in mir: Tu Buße und geh' Joel Bidschof um Verzeihung bitten! Ja, abbitten! Wie der Gedanke einmal in mir sich gemeldet hatte, da ließ er auch nicht mehr von mir. Das einzige, was mir schien, das ich noch tun könnte, war, daß ich zu Joel Bidschof ging und ihn, als den Beleidigten, um Verzeihung bat. So weit war es mit mir gekommen! Und wie ein Ertrinkender nach einem Strohhalm, so habe ich 31 nach diesem einzigen Mittel gegriffen, um mir Recht zu verschaffen. Dabei hat mich eine Freude ergriffen, als sollte ich an etwas besonders Angenehmes gehen. Ich habe den Morgen kaum erwarten können; denn es stand fest in mir, Joel Bidschof abzubitten. Wie neu erwacht, habe ich mich in aller Frühe, als es Tag geworden war, an Gott gewendet. So wie damals habe ich dann niemals mehr im Leben gebetet. Jedes Wort unserer heiligen Sprache ist mir besonders wichtig und für meine Lage berechnet vorgekommen. Inzwischen war es heller Tag geworden. Jetzt habe ich die Tür nicht mehr aufgerissen; ich habe mich ja nicht mehr rächen wollen. Langsam und gefaßt wie ein müder Mensch bin ich durch die Gassen gegangen. Die Brille hatte ich zu Hause gelassen! »Ist Herr Joel Bidschof zu Hause?« habe ich wieder gefragt. Er war eben aus ›Schul‹ zurückgekommen, und man zeigte mir die Tür zu seiner Stube. Da ist er wieder wie gestern, mit dem Rücken mir zugewendet, an seinem Schreibtische gesessen und hat Geld gezählt. »Guten Morgen, Rebb Joel,« sag' ich fast unhörbar. Er dreht sich nicht einmal um und schreit nur mit seiner Fistelstimme: »Den guten Morgen zurück.« Was ich jetzt weiter reden sollte, war mir in diesem Augenblicke ganz unbewußt. Ich weiß nur, daß ich dagestanden bin und kein Wort aus der Kehle herausgebracht habe; sie war mir wie zugeschnürt. Nach einer guten Weile ruft Joel, ohne sich umzuwenden: »Wer bist du, und was willst du?« »Ich bin's, Rebb Joel,« sage ich, und ein Tränenguß stürzt mir aus den Augen. Da dreht sich Joel Bidschof um und schreit: »Bist du nicht Anschel Maiers Sohn?« Ich konnte vor heftigem Weinen nicht antworten; er 32 aber springt auf, gerade so wie gestern, und springt auf mich zu, als wollte er mir ein Leides antun. »Was willst du wieder?« schreit er, »habe ich dir gestern nicht die Tür gewiesen?« Aber ihm selbst vergeht jetzt jedes Wort . . . auf einmal hält er ein, wie wenn ihm die Stimme versagt hätte, und sieht mich wieder mit seinen stechenden Augen an. Da schlägt er die Hände übereinander und ruft ganz erschrocken: »Jüngel, bist du wirklich Anschel Maiers Sohn? Um Gottes willen, wie siehst du aus? Bist du über Nacht im Grab gelegen?« Gott der Lebendige weiß, was in diesem Augenblicke mit Joel Bidschof vorgegangen ist; er war aber wie verändert. Ich konnte nur schluchzen; wenn ich reden wollte, erstickte mich fast der Krampf. »Bist du krank, Jüngel?« ruft er dann und faßt mich bei der Hand. Da endlich bricht's aus mir mit großer Anstrengung heraus: »Verzeihen Sie mir, Rebb Joel!« und kaum habe ich das Wort gesprochen, springt Joel Bidschof von mir zurück und starrt mich mit seinen Augen an. Die aber waren jetzt nicht mehr so funkelnd; etwas besonderes Mildes hat daraus geblickt. »Bist du wirklich Anschel Maiers Sohn, der gestern bei mir gewesen ist? Ich erkenn' dich ja gar nicht mehr! Und die Brill' hast du auch abgelegt!« Joel Bidschof selbst konnte kaum reden, er mußte sich von mir abwenden. Nach einer guten Weile dreht er sich wieder zu mir um, und ein ganz anderer Mensch ist vor mir gestanden. Joel Bidschof hat Tränen im Auge gehabt. Da nimmt er mich wieder bei der Hand: »Jüngel,« sagt er weich, »du sollst sehen, daß ich nicht der hartherzige Mensch bin, für den du mich wahrscheinlich gehalten und verflucht hast. Ich seh' dir's an, mit dir ist 33 eine große Veränderung vorgegangen. Gestern, als du bei mir eingetreten bist mit deiner kecken Miene und mit der Brill' auf der Nas', da war ich ergrimmt gegen dich, und wärest du vom Himmel gekommen, du hättest bei mir nichts ausgerichtet! Heute aber erkenne ich dich nicht mehr; du bist demütig geworden, mein lieb Jüngel, und hast deine Brille ausgezogen! Dafür sollst du sehen, was Joel Bidschof vermag! Nicht nur, daß ich von deinem Vater jeden Vergleich annehme, den er mir vorschlägt, sag ihm auch, Joel Bidschof stellt ihm sein ganzes Vermögen zur Verfügung, damit er sich wieder aufhelfe, und wenn er dich fragt: Wieso hat Joel Bidschof sich so schnell geändert, so sag ihm: weil du die Brill' ausgezogen hast! . . .« Was soll ich weiter erzählen? Wie ich nach Hause gekommen bin? Was mein Vater dazu gesagt hat? So etwas läßt sich nur erleben. Genug, Joel Bidschof hat treu und redlich sein Wort gehalten, der Vater hat sich wieder aufgeholfen, und ich bin ein tüchtiger Geschäftsmann geworden. Sie kennen mein gutes Weib, Gott soll mir sie noch lange erhalten. Sie ist das Mädchen, das mir das erstemal die Tür zu Rebb Joels Stube gezeigt hat. Sie ist Rebb Joel Bidschofs Tochter, mit dem der Friede sei! Das alles ist geschehen, weil ich meine Brille ausgezogen habe. Die Brille hab' ich noch; aber gebraucht hab' ich sie seit jener fürchterlichen Nacht nicht mehr. Von da an schreibt sich mein Spruch her. Sie werden ihn jetzt verstanden haben, Herr Prediger! Tiefbewegt drückte der junge Mann meinem alten Eisik die Hand. »Ich gebe Ihnen mein Wort, Rebb Eisik,« sagte er feierlich, »ich werde sie mir merken, diese Geschichte . . . von Ihrer Brille.« 34 Roßhaar. Mein Vetter Schmul – warum soll ich ihn »Rebb« Schmul nennen, wenn ich es nicht anders gewöhnt bin? – mein Vetter Schmul also, ist »auch einer von den Alten«. Er ist nun gerade so alt, daß der Lehnstuhl, worauf er mit Ausnahme der Nacht und des Morgengebetes den ganzen Tag verbringt, nur um einige Jahre etwas voraus hat, was übrigens nicht zum Nachteil jenes guten, alten, roßhaargepolsterten Sitzmöbels gedeutet werden darf. Die Mutter meines Vetters Schmul, die meine Großmutter war, erinnerte sich »als wenn es heute geschehen wär'«, daß dort, auf dem guten Lehnstuhl nämlich, schon ihr Vater saß, wenn er am Freitagabend aus der Synagoge heimgekommen, die Kinder zu sich berief, um sie zu segnen! Weitere biographische Notizen sind nicht vorhanden über diesen Familienhausrat, der bei uns zu Hause ehrwürdig und achtunggebietend ist, wie sonst etwas in der Welt, ja fast ebensosehr, als der langjährige Inhaber desselben – mein Vetter Schmul. Dennoch kann ich es nicht verbergen, daß ich jenem guten alten Lehnstuhl etwas sehr Schlechtes nachzureden habe, was mir schon lange auf dem Herzen liegt! Es war nämlich immer für eine ausgemachte Sache gehalten worden, daß die Füllung des Lehnstuhls (von der es doch unleugbar abhängt, ob man gut sitzt) vollständiges, auf einem Pferde gewachsenes »Roßhaar« sei, und ich sehe noch immer das spöttische Lächeln um die Mundwinkel meines Vetters Schmul, mit dem er einst ein neues Sofa betrachtete, 35 das sich sein Sohn, der soeben geheiratet, zur »Ausstattung« angeschafft hatte. »Nicht wert, daß sich eine Katz' drauf setzt,« meinte der Vetter damals in seiner merkwürdig kurzen Ausdrucksweise. »Kuhhaar und nicht Roßhaar« setzte er dann mit einer Verachtung in Ton und Gebärde hinzu, die mir unvergeßlich bleiben wird. Später wurde dieses Sofa ein förmlicher Gegenstand seines Hasses, und wenn er es zum Gegenstande seiner Betrachtung erhob, was jedesmal geschah, wenn sich irgend ein Besuch, namentlich am Sabbat und an Feiertagen darauf breit machte, so konnte er sogar gesprächig werden, wie ein altes Uhrwerk, das nach langer Zeit wieder einmal aufgezogen wird. So meinte er einmal in einer Anwandlung langverhaltenen Grimms auf das unglückselige Sofa: »Alles verändert sich, und die Welt wird alle Tage schlechter und schlechter. Was heut' Kupfer ist, war in meiner Zeit Gold, und was heut' Roßhaar, das hat man in ›meiner Zeit‹ Kuhhaar geheißen. Aus meiner Urbabe (Urgroßmutter) ihrer goldenen Haube, da habe ich Anno neun, wie die schwarzen Bankozettel auf der Welt waren, neun Dukaten schweres Geld herausbekommen, und aus dem Hochzeitskleid meiner Mutter, da hab' ich erst vor zehn Jahren ein Mäntelchen für die ›Thora‹ machen lassen, und es sieht noch immer wie ›neu‹ aus . . . Nicht wert, daß sich eine Katz' drauf setzt,‹ schloß er dann mit einem plötzlichen Übergang auf das unglückliche Sofa, »Kuhhaar, nichts als Kuhhaar! Wenn in dem ganzen ›Gestell‹ nur ein halb Lot Roßhaar ist, will ich gar nicht Schmul heißen.« Eine dunkle Sage, die sich geheimnisvoll wie ein echtes Märchen in unsrer Familie erhalten hat, will wissen, man habe den Vetter Schmul eines Abends, als die Lichter in der Stube noch nicht angezündet waren, so also in der Dämmerung, mit einem blinkend scharfen Messer vor dem 36 Sofa stehen gesehen. Es sei ein fürchterlicher Anblick gewesen, wie der Vetter dagestanden sei in der ungewissen Helle des Abends und mit dem Messer hin und her gefahren habe, nicht anders, als wollte er es mitten in ein rotes Leben hineinstoßen . . . und wie seine »Schnur«, die gerade ihr Kind säugte, einen so schrillen Schrei ausgestoßen, daß ihr fast der Säugling entsunken sei. Drauf habe der Vetter Schmul freilich das Messer weggelegt; durch die geschlossenen Lippen habe man aber deutlich die Worte durchgrollen gehört: »Kuhhaar, nichts als Kuhhaar! Nicht ein halb Lot Roßhaar dabei.« Guter Vetter Schmul! Du liebgewordene Erinnerungssäule aus dem Schutte längst verklungener und begrabener Tage! Warum mußte ich eines Tages, nach neugieriger Kinder Art, wissen wollen, was den Inhalt deines hundertjährigen Freundes, des guten alten Lehnstuhls ausmachte? Welcher böse Geist leitete den kleinsten meiner Finger, daß er sich durch die durchscheinend schwache Lederbedeckung mit merkwürdiger Kühnheit bohrte, bis er auf den Grund der Sache und ein kleines Büschel der roßhaarenen Füllung triumphierend zum Vorschein kam? »Vetter!« rief ich, »sieht Roßhaar so aus?« Und ich sehe ihn noch, den Vetter Schmul, wie er mir hastig das Büschel »Roßhaar« aus der Hand reißt, es hinter sich wirft, als sei es brennender Schwefel, und mit einer Stimme, die mir noch in den Ohren klingt, zornig ruft: »Marsch, marsch fort von mir, und untersteh dich nicht, den Stuhl da nur anzurühren. Du bist dann keine Stunde deines Lebens sicher vor mir.« Als ich nun erschrocken und zerschmettert von der Wucht seiner, zum ersten Male hart gewordenen Worte bebend und mit niedergeschlagenen Augen vor ihm stand, wendete er sich von mir ab, und ich höre ihn deutlich, als wenn es heute geschehen wäre, durch die Lippen murmeln: 37 »Das bissele Kuhhaar! Gott der Lebendige weiß, wie das nur hineingekommen ist. Es ist doch lauter Roßhaar!« Aber noch am selben Tage mußte »Hirsch Schneider«, da es keinen Tapezierer im Umkreise von acht Meilen gab, einen großen ledernen »Fleck« (er gab dem Stuhle eine merkwürdige Ähnlichkeit mit dem Pflaster auf dem Gesichte eines Invaliden), auf die durchbohrte Stelle nähen, und nie sah man den Vetter Schmul seit jenem Tage anders, als mit dem Rücken die freilich geheilte Wunde seines Lieblings bedecken. – – Das Sofa hatte nun freilich von da an »Ruhe« vor den üblen Nachreden und Verleumdungen des Vetters Schmul; es war nun kein Gegenstand seiner stillen Verachtung mehr, und ich glaube sogar, er hätte die schwarze Katze nicht fortgejagt, wenn sie darauf sich niedergelassen hätte – aber ob der geoffenbarte Inhalt seines Sitzes nicht einen merkwürdigen Abschnitt in seinem Leben bildet, ob ihm von da an nicht mancher andre Inhalt »seinerzeit« als »Kuhhaar« erschien? Es hat fast den Anschein, als ob diese Wendung eingetreten wäre; bestimmt kann ich es nicht versichern, denn mir stehen nur schwache Vermutungen zu Gebote. Das ist aber auch alles, was ich dem guten alten Lehnstuhl meines Vetters Schmul Schlechtes nachzureden habe, und es ist mir fast, als hätte ich nicht nur etwas Schlechtes »nachgesagt«, was sonst nicht in meiner Natur liegt, sondern auch getan. Ich habe das Geheimnis jenes großen ledernen »Flecks« verraten, und die ganze lebende Welt weiß es nun, daß der Vetter Schmul auf – Kuhhaar statt auf Roßhaar sitzt! Sonst liebe und verehre ich den alten Lehnstuhl, wie ich ihn immer geliebt und geehrt habe, und bei den Geistern meiner Jugend! könnte der Vetter sich nur einen Tag lang entschließen, seinen Sitz auf dem still verachteten Sofa zu nehmen – der »Inhalt« seines Lehnstuhles sollte dann eine 38 Wahrheit werden, die er während seiner hundertjährigen Existenz nicht hatte – nämlich Roßhaar! Der lederne Fleck! Ich weiß es nun, warum ich da, statt von meinem Vetter Schmul zu reden, vom Hundertsten ins Tausendste hineingeraten und gerannt bin, daß ich aus dem Gewirre fast nicht herauskam. Der lederne Fleck! Er steht vor meiner Erinnerung noch so frisch ledern da, wie ihn Hirsch Schneider in unglückseliger Stunde damals auf die Wunde des Lieblings genäht; er gleißt mich so verlockend an, daß ich aus seinem Banne schier nicht herauszukommen vermeine! O! du kleinster meiner Finger! welch schweres Unheil hast du angerichtet! Ich nannte meinen Vetter Schmul auch »einen von den Alten«. Das ist er denn auch und so recht aus voller Seele, wenn auch vielleicht nicht ganz in der Bedeutung, wie sie den meisten vorschweben mag. Ihr stellt euch einen schwachen, gebrechlichen Greis vor, der sich nur mühsam auf den alten Knochen aufrecht erhält; – aber fragt euch selbst, unparteiisch und gewissenhaft, ob ihr jemals es dahin bringen werdet, eine ganze Stunde lang im Gebete der »achtzehn Segnungen« auf euern Füßen zu stehen? Ihr meint, mürrisch sei sein Antlitz, trocken und dürre sein Wort, strenge sein Auge – aber ihr habt ihn nie mit seinen Enkeln spielen gesehen! Ihr meint dunkle Flüche über seine Lippen gleiten zu hören, wenn irgend etwas im Hause aus dem alten Geleise gerät, wenn der kleine Enkel etwa mehr als drei Ellen weit barhaupt läuft, oder wenn das Kind einmal vergißt, auf das zugeklappte Gebetbuch einen Kuß zu drücken, oder am Sabbat es sich beikommen läßt, den Duft einer frisch gebrochenen Blume zu riechen? Und ihr habt es nie gehört, wie er am Abend, wenn das Kind vor lauter Schlaf sein Nachtgebet »überschluppert«, ihm leise und fast unmerklich das Buch aus der 39 Hand zieht und mitleidig sagt: »Geh lieber in dein Bett, Schimmele.« Ihr habt es nicht vernommen, was er zu mir selbst sagte, als ich ein achtjähriger Knabe, am heiligen Jom Kipur vor lauter Fasten und Hunger schon in aller Frühe es nicht »aushalten« konnte, daß er mir nämlich in die Ohren raunte: »Geh in meine große Stube und mach die Schublad' vom Tisch auf, da find'st du etwas drin« – und daß es ein tüchtiges Stück Kuchen war, worin wundervolle Rosinen staken. Also so »einer von den Alten«, wie ihr etwa meint, ist mein Vetter Schmul nicht. Er ist kein »Finsterling«, wie sie in neuerer Zeit die Leute nennen, die gern alle Fenster verhängt haben, nur damit ihnen die »Sonne des Fortschritts« nicht gar zu grell in die Augen steche, aber er ist auch kein »Min« oder Heuchler! Ihm ist im Gegenteile die Welt nicht licht, nicht duldsam und freundlich genug. Nicht was die Leute um ihn herum tun oder unterlassen, regt ihn auf, macht ihn verdrossen oder läßt ihn nach abgestorbener Männer Art, dem jüngern Nachwuchs hindernd in den Weg treten. Nur mit der Zeit, die solche Menschen hervorgebracht, nur mit jenem Geiste unsrer Tage, der ihm unsichtbar und sichtbar überall entgegentritt, steht er in immerwährender Opposition. Er kann sich die Zerstörungslust dieses Geistes nicht erklären; er begreift nicht, warum die Menschen dieser Zeit beständig die scharfe Axt in ihren Händen schwingen. Aber keiner ahnt es auch besser als er, daß wir, die Jüngern, unter dem überwältigenden Einflusse einer Macht stehen, die uns die zerstörende Waffe aufdrängt. Er hat einen Ausdruck für unsre Zeit, der mir nicht besser seine Stimmung zu bezeichnen scheint. Wenn er auf die »jetzige Welt« zu sprechen kommt, meint er kurz und gedrängt: »Kuhhaar, nichts als Kuhhaar,« und wirft dabei einen Blick auf das unglückselige Sofa, den man studiert haben muß, um alle unsre Zeitungen und Bücher gründlich verachten zu lernen. 40 »Kuhhaar, nichts als Kuhhaar!« Wenn ich klug sein wollte, brauchte ich nun eigentlich gar nichts mehr über meinen Vetter Schmul zu reden; denn in diesen wenigen Worten, namentlich wenn er sie auf seinem Lehnstuhl spricht (der lederne »Fleck« Hirsch Schneiders darf aber dabei nicht sichtbar sein), erschöpft sich seine ganze »Philosophie«, seine »Opposition«, sein Groll. Sie sind die Aufschrift seines Lebens; sie wird nur verlöschen, wenn er selbst erlischt . . . Guter Vetter Schmul! Es durchzuckt mich schon in diesem Augenblick eine schmerzliche Empfindung, und ich fühle, wie sich etwas in mein Auge drängt, wenn ich daran denke, wie sie eines Tages deinen hundertjährigen Liebling zerreißen, durchbohren, zerstücken und zerfleischen, und welche Offenbarungen dann zum Vorschein kommen werden. Aber du wirst dann den Schlaf der Gerechten schlafen, du wirst dann neben deiner Channa ausruhen, neben deren Grab du schon bei deinen Lebzeiten einen Pflock eingeschlagen hast, damit sie ja nicht vergessen, dich dorthin zu legen – und es wird alles gut sein! Ich will jetzt einen Zug aus dem Leben meines Vetters Schmul anführen, damit der freundliche Leser doch erfahre, was meinem Vetter eigentlich am meisten »Kuhhaar« in unsrer Zeit ist. Denn bis jetzt habe ich, durch mannigfache Erinnerungen und Gefühle festgehalten, noch nicht Zeit gehabt, die eigentliche Natur dieses »Kuhhaars« gründlich darzutun. Mein Vetter Schmul ist namentlich mit der Erziehung der »jetzigen Welt« sehr unzufrieden, trotzdem er, im Vertrauen gesagt, seine kleinen Enkelchen – noch einmal im tiefsten Vertrauen – fast »verzieht«. Klein Schimmele springt ihm, wie das längst kein Geheimnis mehr ist, »auf dem Kopf herum«, und könnte durch ihn, wenn es einmal den Einfall haben wollte, die goldne, am Himmel so fest 41 stehende Sonne in die Stube hereinbekommen. Vetter Schmul trägt es besonders der jetzigen Welt nach, daß sie nicht genug zum »Plagen« erzogen werde, daß man den Kindern das Leben zu sehr erleichtere und die Eltern sich ihr Herzblut abzapfen, damit die Kinder nicht durstig werden. In dieser Beziehung ist er unerbittlich – bis auf das kleine Schimmele, das er, ein siebzigjähriger Greis, durch alle Stuben bis in das Kämmerlein trägt, um es zu Bett zu legen. »Aber, Vetter,« entgegnet man ihm zuweilen, wenn er auf dieses Thema zu sprechen kommt, »die Welt ist heutzutage gescheiter geworden. Warum soll sie sich plagen und ›sich das Leben herunterreißen‹, wenn es ›so‹ auch geht? Bist du vielleicht fett und dick davon geworden, daß du in deiner Jugend dich geplagt und dir das Leben heruntergerissen hast? Die Welt ist gescheiter worden, Vetter, du willst's nur nicht glauben.« »Kuhhaar,« entgegnete er stets darauf mit ärgerlichem Achselzucken. »Meine Zeit hat auch zugebissen, wenn man ihr den Finger ins Maul gesteckt hat. Bin ich vielleicht darum ein schlechter und verdorbner Mensch geworden, weil mich mein Vater (sein Andenken sei gelobt!) zweimal hintereinander nach Prag geschickt hat, weil ich zwei Eisenstangen weniger habe eingekauft?« »Vetter, was ist's mit den zwei Eisenstangen?« mußte man ihn dann jedesmal fragen, wenn man ihn im Zuge erhalten wollte, trotzdem die Geschichte uns schon so geläufig war, wie das Nachtgebet, und dann erzählte er gewöhnlich: »Zu derjenigen Zeit, wo das geschehen ist, war ich erst fünfzehn Jahr alt und hab' mich schon plagen müssen in meines Vaters Dienst. Meint ihr, er ist alt und schwach gewesen, hat sich nicht rühren können vom Fleck und hat keine Kraft in seinem Leib gehabt? Da irrt ihr euch gewaltig. Er hätte können einen Ochsen aufheben mit einer Hand, und er hätt' es auch nicht gespürt, so stark ist er gewesen. Aber 42 auf denselben Stuhl, wo ich jetzt sitze, da hat er sich schon in seinem vierzigsten Lebensjahr hingesetzt, und hat sich von dort nicht weggerührt, es hätte können die Welt seinetwegen zusammenbrechen! . . . Er hat gut gegessen und gut getrunken, und die Kinder haben indessen für ihn zu sorgen gehabt. ›Umsonst sind sie vielleicht auf der Welt?‹ pflegte er gewöhnlich zu sagen, ›ihr Vater hat sich vielleicht nicht für sie geplagt, wie sie jung waren? Jetzt ist die Reih' an sie gekommen.‹ Ich, als der älteste, bin auch der vorderste in der Reih' gewesen, und weil die andern Brüder, eure Väter, noch zu nichts haben gebraucht werden können, habe ich das ganze Haus erhalten müssen, und war doch noch selbst ein Kind. In derselben Zeit, von der ich rede, hat mich mein Vater (dem der Friede sei!) zum ersten Male um Eisen nach Prag geschickt. Wißt ihr denn, was damals geheißen hat, nach Prag um Eisen geschickt werden? Mein Ephraim, der setzt sich heutzutage auf die Eisenbahn und ist am andern Tag gesund und wohlbehalten wieder zurück. Zu meiner Zeit, da hat man eine ganze Woche dazu gebraucht, und hat erst recht nicht gewußt, ob man lebendig nach Hause kommt. Im Brandeiser Wald, den man passieren mußte, da haben drin Räuber gesteckt mit langen Messern und Flinten, und Gott der Lebendige allein weiß, wie viel Blut dort an den Bäumen klebt. In Brandeis auf dem ›guten Ort‹, gleich neben der Mauer, da liegt Koppel Winterberg aus Bunzlau, den haben sie dort im Walde tot gefunden und war keine Geldkatz' mehr umgeschnallt. Drum haben die Leute, die damals nach Prag gegangen sind, früher ihre Kinder versorgt, haben Testament gemacht und gefastet, und haben sich auf den Tod vorbereitet. Am Abend eines Sabbats, kurz vor dem Schlafengehen, sagt' mein Vater: ›Schmul, mach dich fertig, du mußt morgen in der Frühe nach Prag um Eisen fahren; ich will diesmal daheim bleiben.‹ 43 Wie meine gute Mutter das hört, tut sie einen Schrei, daß das Haus davon erzittert. ›Bist du sinnedig,‹ ruft sie zu meinem Vater, ›oder hast du deinen Verstand verloren, Zender? Das Jüngel willst du mitten durch den Brandeiser Wald schicken und fürcht'st nicht, daß du dich an Gott versündigst?‹ ›Schmul,‹ sagt mein Vater ruhig darauf, »mach dich fertig, morgen in aller Frühe fährst du nach Prag.‹ Meine gute Mutter hat's aber nicht zugeben wollen und hat geweint und gejammert, aber der Vater ist hart wie ein Stein geblieben, und nur, wenn es zu arg geworden ist, hat er gemeint: ›Ist das Kind für nichts da auf der Welt? Ich hab' mich vielleicht noch nicht genug geplagt? Hab' mir's noch nicht sauer lassen werden? Schmul, du mußt nach Prag.‹ Meine gute Mutter hat nichts ausgerichtet, als daß der Vater (mit dem der Friede sei!) geschworen hat bei seinem Leben, ich muß nach Prag. Da hat sie geschwiegen. Hätt' sie ihn denn sollen schwören lassen bei seinem Leben? Aber in der Nacht, wie ich schon im Bette gelegen, ist sie zu mir gekommen, hat sich heruntergebückt zu mir und mich geküßt und dabei geweint. ›Schmul,‹ hat sie gesagt, ›mit dir wird Gott sein, leg nur alle Tage fleißig ’Tephilin‘, und wenn dir etwas, Gott sei davor, zustößt, so sag nur, ’Schmah Jisroel‘, und verlaß dich auf den einzigen im siebenten Himmel.‹ Am frühen Morgen fahr' ich richtig nach Prag. Gott hat mich geschützt und geschirmt mit seiner starken Hand und mit der Gewalt seiner Wunder, und ich bin glücklich durch den Brandeiser Wald hindurchgekommen, und ist mir kein Haar auf dem Kopf gekrümmt worden. So hab' ich nach fünf Tagen Prag gesehn, allwo ich den Einkauf von Eisen besorgte. Dann bin ich wieder fort, und Gott hat aufs neue mich beschützt und geschirmt, daß ich ohne Räuber mit Messern 44 und Flinten nach Hause gekommen bin. Wie hat die gute Mutter aufgeschrien! Wie hat sie geweint und gelacht, daß man schier meinte, sie hätte den Verstand verloren! Mein Vater aber hat gesagt: ›S'Gotts willkumm, Schmul, hast du alles gut bestellt?‹ ›Ja,‹ sag' ich. ›Ich werd' sehen,‹ meinte er drauf. Der Wagen wird abgepackt, und wie der Vater (mit dem der Friede sei) die Stangen Eisen nachzählt, sagt er: ›Da fehlen zwei Stangen, Schmul, wo sind die?‹ ›Ich muß sie vergessen haben, Vater,‹ sag' ich drauf. ›Vergessen?‹ schreit der Vater, ›hab' ich vergessen dir Essen und Trinken zu geben bis zu deinem fünfzehnten Jahr? Augenblicklich setzest du dich wieder auf und fährst nach Prag und bringst mir die zwei Stangen Eisen.‹ Am Jom Kippur ist nicht so geweint und geschrien worden, wie meine gute Mutter an dem Tage geweint hat. Wißt ihr aber, was geschehen ist? Der Vater hat darauf bestanden, daß ich augenblicklich nach Prag zurückeilen müsse um die zwei Stangen – und ich bin wieder fortgefahren. Meine Mutter hab' ich noch lange hinter mir weinen gehört. Es war merkwürdig, daß ich mich diesmal weit mehr vor dem Brandeiser Wald gefürchtet habe, als das erstemal. Hinter jedem Baum ist ein Räuber gestanden mit der geladenen Flinte, und wie ein Blatt geraschelt, hab' ich ›Schmah Jisroel‹ gesagt. So bin ich, aber fast nicht lebend, nach Prag gekommen, habe die zwei Stangen Eisen gefunden und mitgenommen, und bin darauf wieder nach Hause gefahren. Meine gute Mutter muß fleißig für mich ›geort‹ (gebetet) haben, denn Gott hat mich wieder zurückgebracht, mit samt den zwei Stangen, und war mir kein Leid geschehen. Die gute Mutter!« Wenn der Vetter Schmul diese Geschichte erzählt hatte, dann herrschte gewöhnlich tiefes Stillschweigen in der großen 45 Stube. Dann war es besonders meine gute und sanfte Muhme Mirl, mit den braunen Augen, die zornig ausrief: »Hat man das in seinem Leben gehört, daß man ein fünfzehnjähriges Jüngel mitten durch den Brandeiser Wald, durch Diebe und Räuber, und zweimal hintereinander schickt, weil ein Paar lumpige Stangen dort sind vergessen worden? Pfui über jene Zeit! Eure Väter sind ja gar keine Menschen gewesen! Wilde Wölfe sind es gewesen, und die Zeit, meinst du, Schmul, ist die gute gewesen? Ist das einem Vater von jetzt möglich?« »Kuhhaar,« meinte dann Vetter Schmul gewöhnlich, konnte sich aber da eines merkwürdigen Lächelns, das fast wie Zustimmung aussah, nicht enthalten. »Kuhhaar, nichts als Kuhhaar! Hat es vielleicht mir etwas geschadet? Mein Vater (mit dem der Friede sei!), hat's doch gut mit mir gemeint.« »Und du möcht'st und könntest wohl das nämliche tun?« fragte die schöne Muhme Mirl mit hochgeröteten Wangen. »Kuhhaar,« entgegnete er dann halb ärgerlich, halb lachend und wendete sich, um keine Antwort zu geben, zur Seite. Und dann nahm er gewöhnlich ein großes Stück Zucker, den er zu jeglichem Behufe allzeit in der linken Westentasche trug, rief sein klein Schimmele zu sich und stopfte es ihm in den Mund, ohne ein Wort weiter zu verlieren. War das vielleicht auch eine Antwort? Die Schweigerin. Aus einem hell erleuchteten Hochzeitshause in der »Gasse« drang lauter Jubel in die Nacht hinaus. Frühlingswarm, aber finster und voll leiser Regenschauer war diese Nacht, 46 recht wie sie zu einer Feier paßt, die zwei sehnende Menschenleben einem Geschicke entgegengeführt, das sonnig ihnen aufgehen kann, wie ein schöner Tag, aber auch bewölkt und düster – für eine lange, lange Zeit! Was sie aber da oben lustig und wohlgemut waren, die Leute jener fröhlichen alten Zeit! Sie hatten Leid und Drangsal gleich uns, und wenn das Unglück sie heimsuchte, hatte es für sie keine weichen Unterlagen oder zärtliche Händedrücke. Rauh und hart, mit geballter Faust griff es sie an. Aber wenn ihnen das Herz in Lust aufging und sie sich freuen wollten, da waren sie wie Schwimmer in kühlender Wasserflut. Sie warfen sich frisch und mutig hinein, und ließen sich von dem Strome tragen, wohin er, nicht aber wohin sie verlangten. Darum drang ein solches Aufjauchzen, aber auch solch unbesonnen lautes Ausströmen aller Lust, deren die Seele nur mächtig ist, aus jenem Hochzeitshause. »Und wenn ich wüßt',« hatte der Brautvater gesagt, der reiche Ruben Klattauer, »daß der letzte Gulden aus der Tasche heraus muß – er muß heraus.« In der Tat hatte es ganz den Anschein, als habe wirklich der letzte Groschen Flügel bekommen und gehe in Gestalt hochaufgetürmter Schüsseln mit Gänsen und Torten herum. Seit zwei Uhr, also seitdem die Trauung auf offener Straße vollzogen ward, bis nahe an die Mitternacht dauerte bereits die Mahlzeit, und noch immer liefen die »Sarvers« oder Aufträger aus einer Stube in die andre. Es war, als sei ein doppelter Segen in all diese Fülle von Getränken und Speisen gekommen, zuerst, daß sie sich nicht zu erschöpfen schienen, dann, daß sie noch immer neuen Raum fanden, um sich unterzubringen. Freilich trug zu dieser merkwürdigen Eßlust ein winziges, ganz unbedeutendes Männlein bei, auf das man aber nichtsdestoweniger stark gerechnet hatte. Man hatte nämlich eigens aus Prag den bekannten »Leb Narr« verschrieben, und wann hatte eine noch so griesgrämige Miene, ein noch so verbittertes Herz sich dagegen gesträubt, 47 aufzutauen und aufzulachen, wenn Leb Narr seine Schnurren trieb? Du bist jetzt tot, guter Narr, deine Lippen sind geschlossen, die immer einen Witz in Bereitschaft hatten, dein Mund spricht nicht mehr, der niemals stille stand; aber wenn alle die herzlichen Lachtöne, die einst auf dein Geheiß mitten aus den Seelen hervorquollen, für dich als Fürbitter an Gottes Throne standen, so hattest du nichts zu befürchten, und die »Seligkeit« der »andern« Welt war dein, wie sie immerhin dem frömmsten »Landesrabbiner« gehörte! In einer der Stuben hatte sich indes die junge Welt zu einem Tanze zusammengefunden, und eigentümlich war's, wie die Geigen- und Trompetentöne mit den Schnurren des Pragers zusammentrafen. Hier donnerähnliche Ausbrüche einer Heiterkeit, vor denen den Kerzenflammen auf den Tischen bange ward, dort aber anständiges Drehen und Wenden, verstohlenes Lächeln und Winken, das nur zuweilen in ein lautes Gekicher überging, wenn sich ein altes Mütterchen von drüben hereingeschlichen und in einem »Redowak« ihre Kunst versuchte, die die jungen Leute nicht mehr recht anerkannten. Mitten in dem dichten Knäuel der Tanzenden gewahrte man die Braut im schwerseidenen Hochzeitskleide und in der goldnen Haube, deren Spitzen ihr tief ins Angesicht herabhingen. Sie tanzte unausgesetzt fort, sie tanzte mit jedem, der sie aufforderte. Wer aber den Bewegungen des jungen Weibes mit aufmerksamem Auge folgte, dem mußten sie hastig, fliegend, beinahe wild vorkommen. Sie sah niemandem ins Angesicht, nicht einmal ihrem Bräutigame, der zumeist zwischen der Tür stand, und mehr an den Witzen des Narren Gefallen zu finden schien, als an Tanz und Tänzerinnen. Wer aber dachte darüber nach, warum dem jungen Weibe die Hand glühte, warum ihr Atem so heiß wehte, wenn man ihrem Munde nahe kam? . . . Wen hätte das wundernehmen sollen? Schon ging ein leises Zischeln durch die Gesellschaft, über manche Lippen flog ein verstohlenes Lächeln . . . Plötzlich sah 48 man eine Wolke von ältlichen Frauen im Saale erscheinen, die Musik ließ eines ihrer lärmendsten Stücke ertönen – und wie durch Zauberei war die Neuvermählte hinter dieser Wolke verschwunden. Noch war der Bräutigam auf der Schwelle mit blöde lächelnder Miene zu sehen; aber es dauerte nicht lange, so hatte auch er sich entzogen, man hätte fast nicht sagen können, wie es gekommen. Aber die Leute verstehen diese Art Künste aus alter Erfahrung, und werden sie verstehen, solange es Braut und Bräutigam geben wird. Dieses Verschwinden der zwei Hauptpersonen gab aber doch, wie wenig man es zu bemerken schien, das Zeichen zum allgemeinen Aufbruch. Der Tanz wurde schläfrig; mit einem Male hörte er wie auf ein verabredetes Zeichen auf. Jetzt begann jener wirre Lärm, der mit dem Aufbrechen so lustiger Hochzeitsgesellschaft verbunden ist; halbtrunkene Stimmen ließen sich nun vernehmen, während anderswo noch ein letztes helles Auflachen über eine Schnurre des Prager Narren über den Tisch hin donnerte. Hie und da suchte einer, der sich nicht ganz im Gleichgewichte fühlte, die Lehne eines Stuhls oder die Kante des Tisches, und schleuderte dafür eine übriggebliebene Schüssel oder ein Bierglas zu Boden, und während darüber neuer Lärm sich erhob, geschah es einem andern, der in würdevollem Ernste sich entfernen wollte, daß er über die umhergestreuten Trümmer einen schweren Fall tat. Wahrhaft betäubend ward aber dieses Gewirre, als sich alles zur Türe drängte und in diesem Augenblicke schrille Töne, Schmerzensrufe, von der Hausflur herausdrangen. Da drängte sich die ganze Wucht der Hinausströmenden mit aller Gewalt wieder in die Stuben zurück und es dauerte eine gute Weile, bis der Strom wieder zurückgedämmt war. Währenddem erschollen neue Schmerzensrufe von unten herauf, aber so durchdringend, daß sie selbst den trunkensten Sinn zur Besinnung brachten. 49 »Lebendiger Gott,« schrien sie durcheinander, »was geht da unten vor? Ist Feuer im Haus?« »Fort, fort ist sie,« rief eine weibliche Stimme von der Hausflur. »Wer? Wer?« murmelten die Hochzeitsgäste untereinander, und eisiger Schauer hatte die Herzen erfaßt. »Fort, fort!« schrie das Weib von der Hausflur, und über die Treppe herauf kam Selde Klattauer, die Mutter der Braut, totblassen Antlitzes, die Augen wie aufgerissen vom furchtbarsten Entsetzen, einen Leuchter in der krampfhaft geschlossenen Hand. »Um Gottes willen, Selde, was ist geschehen?« rief man ihr von allen Seiten zu. Die vielen Leute, die sie um sich sah, und die wirren Stimmen, die alle auf sie eindrangen, schienen das arme Weib aus einer Art Erstarrung zu reißen. Sie blickte unsicher umher, dann als ob sie ein Gefühl von Scham überkommen hätte, das stärker war als ihr Entsetzen, sagte sie gepreßten Tones: »Nichts, nichts, Leut'! Ich bitt' euch um Gottes willen! . . . Was soll vorgefallen sein?« Die Verstellung war jedoch zu auffallend, als daß sie damit hätte täuschen können. »Was schreist du also, Selde?« rief ihr einer aus den Gästen zu, »wenn nichts vorgefallen ist?« »Sie ist ja fort,« schrie jetzt Selde mit herzzerschneidendem Tone, »und hat sich gewiß etwas zuleide getan.« Nun erst erfuhr man den Anlaß dieser eigentümlichen Szene. Die Braut war aus der Hochzeitskammer entschwunden. Als der Bräutigam, kurz nachdem das ihm angetraute Weib auf so geheimnisvolle Weise entführt ward, hinabkam in das dämmerige Gemach, fand er sie nicht, die er suchte. Ihm erschien dies im ersten Augenblicke wie 50 verschämter Scherz – aber da er sie nicht fand, faßte ihn ein geheimnisvolles Ahnen; er rief nach der Mutter seines Weibes. Wehe! dieses Weib war verschwunden! Nun erst fuhr neue Bewegung in die so seltsam zurückgehaltene Gesellschaft. Da sei nichts zu tun, hieß es von allen Seiten, als das Haus in allen Winkeln nachsuchen; man habe merkwürdige Beispiele von dergleichen Verschwinden einer Braut. Böse Geister lauerten in dieser Nacht auf, und spielten dem Menschen allerlei Zauberspuk vor. So eigentümlich diese Vermutung klang, von vielen ward sie in diesem Augenblicke geglaubt, am meisten von Selde Klattauer selbst; aber auch nur für einen Augenblick. Denn gleich darauf schrie sie: »Nein, nein, meine lieben Leut', sie ist fort, ich weiß, sie ist fort.« Den meisten ward es erst jetzt recht unheimlich zu Gemüte, namentlich den Müttern, die ängstlich nach ihren Töchtern riefen; nur wenige zeigten sich beherzt und meinten, man müsse suchen und suchen, und wenn man die Iser hundertmal umkehren müßte. Sie drängten sich gewaltsam hindurch, schrien um Fackeln und Laternen und liefen fort. Die Zaghaften eilten ihnen nach über die Treppe; ehe man sich's versah, war die Stube geleert. Unten auf der Hausflur stand Ruben Klattauer, und ließ die Leute an sich vorüber, ohne an irgend jemanden ein Wort zu richten. Die bittere Enttäuschung und der Schreck hatten ihn fast von Sinnen gebracht. Einer der letzten, der oben in der Stube bei Selde blieb, war merkwürdigerweise Leb Narr aus Prag. Als alles hinaus war, näherte er sich der unglücklichen Frau, und mit einem Tone, der seltsam zu seinem ganzen Wesen stimmte, fragte er sie: »Sagen Sie mir, Frau Selde, hat sie ›ihn‹ denn nicht gern genommen?« »Wen? wen?« schrie Selde mit neuem Entsetzen auf, da sie sich mit dem Narren allein sah. »Ich mein',« sagte Leb mit ausdrucksvoller Gebärde, 51 indem er sich ganz nahe zu Selde neigte, »ob sich Ihre Tochter vielleicht hat zwingen lassen?« »Zwingen? Haben wir sie denn gezwungen?« rief Selde und starrte den Narren mit unsicherm Blicke an. »Dann muß man sie nicht suchen,« sagte der Narr mit mitleidigem Lächeln und trat zurück, »und besser ist's, man läßt sie dort, wo sie ist.« Ohne Dank und Nachtgruß war er hinausgegangen. Indessen war die, von der alle diese Verwirrung kam, am Ziele ihrer Flucht angelangt. Hart an die Synagoge ist das Haus des Rabbiners gebaut. Es lag in dem Winkel eines engen Gäßchens, von hohen, schattigen Bäumen umrahmt, schon am Tage unheimlich, bei Nacht für ein furchtsames Gemüt fast unzugänglich, das da fest überzeugt war, man könne aus dem düstern Gotteshause die leisen Gebete der Toten vernehmen, wenn sie des Nachts die »Thorarollen« aus der Lade nehmen, und bei ihren Namen sich »aufrufen«. Durch dieses unbetretene Gäßchen schwebte oder lief vielmehr um diese Stunde eine scheue Gestalt. Als sie an der Rabbinerwohnung angelangt war, blickte sie sich um, ob ihr niemand folge; aber es war alles still und unheimlich um sie herum. Aus der Synagoge drang durch ein Fenster ein fahler Schein, der von der »ewigen Lampe« vor der Lade herrührte. Ihr aber mochte es in diesem Augenblicke sein, als leuchte sie ein überirdisches Auge an; heftig erschrocken griff sie an den kleinen eisernen Hammer, der an der Türe hing, und klopfte. Aber der Schlag ihres bewegten Herzens war doch stärker als dieser Schall; er hätte noch jeden lautern übertäubt. Nach einer Weile wurden schleichende Schritte auf der Hausflur hörbar. Es war noch nicht lange, daß der Rabbiner in diesem stillen Hause wohnte; vor wenigen Monaten hatten sie den fast hundertjährigen Vorgänger begraben. Er war aus 52 weiter Ferne gekommen, ohne Weib und Kind in der Blüte männlicher Jugend, niemand hatte ihn früher gekannt: aber sein hohes Wesen und die Tiefe seines Wissens ergänzten, was ihm an Würde vieler Lebensjahre abging. Eine alte Mutter war mit ihm aus der Fremde gekommen, die ersetzte ihm Weib und Kind. »Wer ist da draußen?« fragte der Rabbiner, der noch in so später Stunde an seinem Büchertische gesessen und den Schall des eisernen Hammers nicht überhört hatte. »Ich bin's, Rabbi,« flüsterte die Gestalt draußen fast unvernehmbar. »Red lauter, wenn ich dich verstehen soll,« rief der Rabbiner. »Ich bin's . . . Ruben Klattauers Tochter,« entgegnete sie. Dem Rabbi schien dieser Name fremdartig zu klingen; er kannte noch zu wenig die Mitglieder der Gemeinde, um sogleich zu wissen, daß er diejenige, die soeben ihren Namen genannt, am heutigen Tage auf offener Straße getraut hatte. Darum rief er nach einer Weile: »Was willst du so spät in der Nacht?« »Macht nur auf, Rabbi,« rief sie draußen bebend, »wenn ich nicht sogleich sterben soll.« Da wurde der Riegel zurückgeschoben. Etwas Glänzendes, Rauschendes fuhr in der Dunkelheit der Hausflur an dem Rabbi vorbei; er konnte es bei dem Scheine der Kerze, die er in der Hand hielt, nicht gewahren. Noch ehe er sie anrufen konnte, war sie an ihm vorübergehuscht und durch die offenstehende Türe in der Stube verschwunden. Kopfschüttelnd schob der Rabbi wieder den Riegel vor. Als er nun in die Stube trat, sah er auf dem Stuhle, den er gewöhnlich einnahm, eine weibliche Gestalt sitzen. Sie saß von ihm abgewandt, den Kopf tief auf die Brust geneigt, die goldne Hochzeitshaube mit den schattenden Spitzen tief herabgezogen. Da konnte der Rabbi, wie glaubensstark 53 sonst sein Gemüt war, sich eines leisen Schauers nicht erwehren. »Wer bist du?« rief er mit lauter Stimme, als hätte ihr Klang allein die Anwesenheit des Wesens bannen können, das ihm in diesem Augenblicke angetan mit allen Zaubern der Nachtgeister erscheinen mußte. Da erhob sie sich und rief in einem Tone, aus dem aller Jammer einer menschlichen Seele zu kommen schien: »Kennst du mich denn nicht, die du heute, erst vor einigen Stunden unter der Chuppe (Trauhimmel) mit einem Manne verbunden hast?« Dieser traulichen Anrede gegenüber war der Rabbi ganz sprachlos; er starrte die junge Frau an, und wohl mochte er sie nun für keinen Nachtgeist, aber für eine von zerstörtem Geiste halten. »Wenn du also die bist,« sagte er nach einer Weile fast stammelnd, denn er hatte nur schwer die Antwort gefunden, »warum bist du denn hier, und warum nicht an dem Orte, wohin du gehörst?« Heftig rief sie: »Ich kenne keinen andern Ort, wohin ich gehöre, als den da, wo ich jetzt bin.« Diese Worte verwirrten nun den Rabbi noch mehr. War das in der Tat eine Wahnsinnige, die da vor ihm saß? Er mußte sie dafür halten, denn mit jenem milden Tone, mit dem wir Kranken entgegentreten, um sie nicht zu reizen, sagte er: »Der Ort, an den du gehörst, meine Tochter, ist das Haus deiner Eltern, und da du heute die Frau eines Mannes geworden bist, so gehörst du in dessen Haus.« Da murmelte das junge Weib etwas, das unverstanden zu den Ohren des Rabbis gelangte. Nur so viel glaubte er noch immer, eine Unglückliche, deren Sinne zerstört waren, vor sich zu sehen. Noch milder sagte er nach einigen Augenblicken: 54 »Wie heißest du denn, mein Kind?« »Gott! Gott!« rief sie hierauf im Tone des tiefsten Schmerzes. »Er kennt nicht einmal meinen Namen!« »Wie sollt' ich dich kennen,« meinte er, sich entschuldigend, »da ich fremd in dieser Gegend bin?« Dieser milde Ton schien auf das aufgeregte Gemüt des jungen Weibes doch vorteilhaft gewirkt zu haben. »Ich heiße Veile,« sagte sie nach einer Pause ruhig. Der Rabbi begriff es nun leicht, daß der Ton, den er dem rätselhaften Wesen seines Gastes gegenüber angeschlagen, der rechte sei. »Veile,« sagte er und trat ihr näher, »was willst du von mir?« »Rabbi, ich habe eine schwere Sünde auf meiner Seele,« rief sie dumpf; »ich weiß nicht, was ich tun soll.« »Was kannst du begangen haben,« meinte der Rabbi mit seinem Lächeln, »über was sich nicht zu jeder andern Zeit reden ließe, als gerade jetzt? Du wirst dir etwas einreden, Veile!« »Nein, nein,« rief sie wieder mit Heftigkeit, »ich rede mir nichts ein. Was mich drückt, das weiß ich, das sehe ich. Ich kann's ja mit der Hand greifen, so liegt es da vor mir. Heißt das sich etwas einreden?« »Gut,« sagte der Rabbi, der wohl fühlte, daß es darauf ankomme, das junge Weib zum Reden zu bringen, »gut, ich sage, daß du dir nichts einbildest. Ich nehm' selbst an, du hast schwer gesündigt. Bist du denn hergekommen, mir diese Sünde anzuvertrauen? Wissen denn deine Eltern nichts davon oder dein Mann?« »Wer ist mein Mann?« schrie sie heftig auf. In der Seele des Rabbi wogten die Gedanken wie ein wildbewegtes Meer; Vermutungen widerstreitender Natur kreuzten sich darin. Sollte er mit ihr sprechen wie mit einer geständigen Sünderin? 55 »Bist du vielleicht zu deiner Heirat gezwungen worden?« fragte er nach einer Weile mit der ganzen Milde seiner Sprache. Ein unterdrücktes Schluchzen, ein gewaltsam unterdrücktes Ringen, das sich im Zittern ihres Körpers offenbarte, war die Antwort auf diese Frage. »Red, mein Kind,« mahnte der Rabbi. In Lauten, wie sie der Rabbi noch nie im Leben vernommen hatte, so fremdartig, so über alles Menschliche hinausgehend klangen sie, begann nun das junge Weib: »Ja, Rabbi, ich will reden, und wenn ich gleich wüßte, ich werde nicht mehr lebendig von hier fortgehen, was doch überhaupt für mich besser wäre. Nein, Rabbi, ich bin zu der Heirat nicht gezwungen worden. Meine Eltern haben nicht ein einziges Mal zu mir gesagt: du mußt! sondern mein eigener Wille, mein eigener Kopf hat alles entschieden. Mein Bräutigam ist des reichsten Mannes Sohn in der Gemeinde. In seinem Hause als die erste Frau in der Gasse umherzugehen, in Gold und Silber bis an den Hals zu sitzen, das hat mich an ihm verblendet, Rabbi, sonst gar nichts. Da hab' ich mich selbst gezwungen dazu, und hab' mein Herz und meinen Willen dazu genötigt, wie schwer es mir auch angekommen ist. Aber in der innersten Seele drin hab' ich ihn gehaßt, und je mehr Lieb' er mir gezeigt hat, desto mehr habe ich ihn gehaßt . . . Immer hat aber das Gold und das Silber recht gehabt, das hat mir immer zugeschrien: Du wirst die erste Frau in der Gasse sein!« »Red weiter,« sagte der Rabbi, als sie nach diesen Worten erschöpft schwieg. Der Klang ihrer Stimme, das Seltsame ihres Geständnisses, alles überkam den Rabbiner mit so fremdartiger Gewalt, daß er wie festgebannt von einem Zauber ihr zuhörte. »Was soll ich weiter reden, Rabbi?« begann sie wieder. »Ich bin niemals eine Lügnerin gewesen, weder als Kind, noch später, und doch ist's mir während meines ganzen 56 Brautstandes gewesen, als gehe mir eine große starke Lüge auf allen Schritten und Tritten nach; ich hab' sie überall um mich gesehn . . . Aber erst heute, Rabbi, wie ich unter der Chuppe gestanden bin, und er seinen Ring vom Finger genommen hat und hat ihn an meinen gegeben, und wie ich dann tanzen mußte auf meiner eignen Hochzeit mit dem, den ich erst jetzt recht als die Lüge erkannte und . . . wie sie mich dann fortgeführt haben –.« Als dieses schamvolle Geständnis den Lippen der jungen Frau entglitten war, stöhnte sie laut auf und ließ dann den Kopf noch tiefer auf die Brust herabsinken. Der Rabbi betrachtete sie schweigend. So sprach keine, deren Sinne nicht klar waren, so klagte sich nur ein in seltsamer Befangenheit schwebendes, aber ein sich bewußtes Gemüt an! Es war nicht Mitleid, das er mit ihr fühlte; weit eher war es ein Hineinleben in die Lage dieses Weibes; trotz der abgebrochenen undeutlichen Erzählung war dem Rabbi alles klar. Die Flucht aus dem väterlichen Hause, in dieser Stunde und um eines solchen Anlasses wegen, bedurfte auch keiner Erläuterung. »Ich hab' dich verstanden, mein Kind,« wollte er sagen, aber er brachte dafür nur die Worte heraus: »Red weiter, Veile.« Das junge Weib wandte sich jetzt um; noch hatte er ihr Antlitz nicht gesehen; die goldne Hochzeitshaube mit den schattenden Spitzen hing tief herab. »Hab' ich denn nicht schon alles geredet?« rief sie mit einem Anfluge von Hohn. »Alles?« wiederholte der Rabbi sich fragend. In der Tat sprach er nur so aus Verlegenheit. »Red du jetzt!« rief sie mit einem Male leidenschaftlich wild, »was soll ich tun?« »Veile!« schrie der Rabbi, den erst jetzt diese vertrauliche Ansprache mit Entsetzen erfüllte. 57 »Red du jetzt!« rief sie, und ehe der Rabbi es hindern konnte, hatte sich das junge Weib zu seinen Füßen geworfen und umfaßte seine Knie. Bei der heftigen Bewegung war die goldne Hochzeitshaube von ihrem Kopfe gefallen, und ihr Antlitz ward dadurch frei, ein Antlitz von merkwürdiger Schönheit. So blendend wirkte dieser Anblick auf den jungen Rabbi, daß er die Augen, wie von einem jähen Blitzscheine getroffen, mit den Händen bedecken mußte. »Red jetzt,« rief sie, »was soll ich tun? Meinst du, ich bin fortgegangen aus dem Haus meiner Eltern, um ohne Rat wieder dahin zurückzugehen? Du mußt mit mir reden und kein andrer auf der Welt. Sieh mich an! Ich habe noch mein ganzes Haar behalten, wie es mir Gott gegeben hat, es hat keine Schere darauf kommen dürfen. Meinem Manne hätte ich den Gefallen tun sollen? Ich bin nicht sein Weib, ich will nicht sein Weib sein! Red, red, was soll ich tun?« »Steh auf, steh auf!« rief der Rabbi, aber sein Ton war gebrochen, er klang fast schmerzlich. »Erst rede!« schrie sie, »ich steh' nicht eher auf!« »Wie kann ich reden?« rief er fast unhörbar. »Naphtali!« schrie das junge Weib auf. Da taumelte aber der Rabbi hinweg, es flammte wie lauter Licht in der Stube und vor seinen Augen. Ein schriller Ton, wie wenn ein an schmerzhafter Wunde Leidender von rauher Hand daran gefaßt wird, entrang sich seiner Brust. In der hastigen Bewegung nun, mit der sich der Rabbi von dem jungen Weibe losriß, das seine Knie umfaßt hielt, geschah es, daß sie mit dem Kopfe schwer auf den Boden fiel. »Naphtali!« rief sie noch einmal. »Schweig, schweig!« stöhnte der Rabbi und hielt beide Hände in das Gesicht gepreßt. Und noch einmal rief sie diesen Namen, aber nicht im Tone des Schmerzes; es klang etwas hindurch, was zugleich 58 jauchzte und weinte, und wieder rief er entgegen: »Schweig, schweig,« aber diesmal so gebieterisch und bezwingend, daß das junge Weib wie gebannt am Boden lag und mit keinem Laut sich zu verraten wagte. Da ging der Rabbi in heftiger Bewegung in der Stube auf und ab. Es mochte ein Schweres und Furchtbares sein, das in seiner Brust stritt. Oft war es der am Boden Liegenden, als hörte sie ihn aus tiefster Seele seufzen! – dann mäßigte sich sein Schritt. Aber es währte nicht lange, so mochte ihn der schwere Kampf wieder überwältigt haben; – sein Schritt behastete sich dann, und hörbar scholl er durch die nächtlich stille Stube. – Mit einem Male näherte er sich dem jungen Weibe, das in seiner Lage noch kaum zu atmen schien. Er blieb vor ihr stehen – und wer in diesem Augenblicke in das Antlitz des Rabbi hätte blicken können, würde vor dessen Ausdruck von Schauer erfaßt worden sein. Es lag eine merkwürdige Ruhe darauf – die Ruhe eines niedergeworfenen Kampfes. »Hör mich jetzt an, Veile,« begann er langsam, »ich will mit dir reden.« »Ich höre, Rabbi,« flüsterte sie. »Hörst du mich aber gut?« »Rede nur,« sprach sie. »Willst du aber auch tun, was ich dir vorschlagen werde? Wirst du dich dagegen nicht auflehnen? Denn ich werde dir etwas sagen, was dich sehr erschrecken wird.« »Alles, was du redest, Rabbi, will ich tun! Nur rede!« rief sie. »Willst du schwören?« »Ich will!« stöhnte sie. »Schwöre noch nicht,« rief er, »bis du mich angehört hast. Ich will dich nicht gezwungen haben.« Diesmal antwortete sie nicht. »Hör mich also an, Veile, Tochter Ruben Klattauers,« 59 begann er nach einer langen Pause, »du hast eine doppelte Sünde auf deiner Seele, und jede ist groß und stark genug, daß sie nur durch schwere Buße ausgelöscht werden kann. Zuerst hast du dich von Gold und Silber lassen blenden, und hast dein Herz zu einer Lüge gezwungen. Mit der Lüge hast du einen Mann betrügen wollen, und er hat dir doch sein Alles anvertraut, indem er dich zu seinem Weibe genommen hat. Eine Lüge ist aber eine große Sünde . . . Ströme Wassers können sie nicht ertränken; denn sie macht den Menschen falsch und niedrig vor sich selbst, und das Schlechteste, was auf der Welt jemals gelebt hat, ist durch eine Lüge entstanden. Das ist die eine Sünde!« »Ich weiß, ich weiß,« schluchzte das junge Weib. »Hör mich jetzt weiter an,« begann der Rabbi wieder nach einer Weile mit unsicherer Stimme, »du hast noch eine zweite Sünde begangen, und die ist größer als die erste . . . Du hast nicht nur deinen Mann belogen, du hast noch einen zweiten Menschen unglücklich gemacht. Du hättest reden können und hast nicht geredet . . . Sein Lebensglück, sein Licht und seine Freude hast du einem Menschen genommen und hast nicht geredet. Was kann derjenige jetzt tun, nachdem er weiß, was ihm verloren gegangen ist?« »Naphtali!« rief das junge Weib. »Schweig, schweig, und laß den Namen nicht mehr über deine Lippen kommen,« schrie er heftig, »deine Sünde wächst und schwillt an, je mehr du ihn aussprichst . . . Warum hast du nicht geredet, als du hättest reden können? Das kann dir Gott so leicht nicht verzeihen! Verschweigen, ersticken in sich, was einen Menschen glücklicher gemacht hätte, als den mächtigsten König! . . . Damit hast du ihn mehr als bloß unglücklich gemacht! Der Mensch wird nie mehr die Lust in sich tragen, glücklich zu werden. Veile, das kann dir Gott im Himmel nicht verzeihen!« »Schweig, schweig,« wimmerte das unglückliche Weib. 60 »Nein, Veile,« sagte er mit tönender Stimme, »laß mich jetzt reden. Du willst ja, daß ich reden soll! Hör mich an! Für die Sünde, für die doppelte Sünde, die du auf deiner Seele trägst, mußt du eine starke Buße über dich nehmen. Gott ist langmütig und gnädig; er wird vielleicht auf dein Elend herabsehen, und wird dann die Sünden aus dem großen Schuldbuch streichen. Aber eine Buße mußt du über dich nehmen. Hör mich an, worin sie bestehen soll.« Der Rabbi hielt inne; er wollte das Schwerste aussprechen, das je über seine Lippen gekommen war. »Du hast geschwiegen, Veile,« rief er dann, »als du hättest reden sollen. Sei von nun an stumm für alle Menschen, und für dich selbst. Von dem Augenblicke an, wenn du aus diesem Hause heraustrittst, bis daß ich dir es erlauben werde, mußt du stumm sein, darf kein lautes Wort aus deinem Munde kommen! Willst du diese Buße über dich nehmen?« »Alles, was du sagst, will ich tun!« schluchzte das junge Weib. »Wirst du die Kraft dazu haben?« fragte er milde. »Ich werde stumm sein wie eine Tote,« rief sie. »Und noch eins habe ich dir zu sagen,« begann er wieder. »Du bist jetzt das Weib deines Mannes! Gehe nach Hause und sei ein jüdisch Weib!« »Ich versteh' dich,« rief sie weinend. »Geh nach deinem Hause und bringe Ruhe deinen Eltern und deinem Manne. Es wird eine Zeit kommen, da wirst du reden dürfen, da wird die Sünde von dir weggenommen sein! Bis dahin trage, was dir ist auferlegt worden.« »Darf ich eins noch reden?« rief sie und hob den Kopf auf. »Rede!« sagte er. »Naphtali!« Der Rabbi fuhr mit der einen Hand nach den Augen, mit der andern winkte er ihr, daß sie einhalten solle. Sie 61 aber ergriff diese Hand und zog sie an ihren Mund, heiße Tränen fielen darüber. »Geh jetzt,« rief er gebrochen in seinem innersten Wesen. Sie ließ nun diese Hand los. Der Rabbi hatte den Leuchter ergriffen, sie aber war ihm rasch vorübergegangen und glitt durch die dunkle Hausflur. Die Tür war unverschlossen geblieben. Der Rabbi schob den Riegel vor. Unbemerkt, wie sie entkommen war, gelangte Veile wieder in das väterliche Haus zurück. Die Gasse war leer und todöde; die sie suchten, waren überall zu finden, nur nicht da, wo sie die Entwichene zuerst hätten suchen sollen. Ihre Mutter Selde saß noch immer auf demselben Stuhle, in den sie vor einer Stunde gesunken war; das Entsetzen hatte sie wie gelähmt, und sie vermochte sich nicht zu erheben. Welch einen merkwürdigen Gegensatz zu der Freude, die hier geherrscht, bildete nun diese Hochzeitsstube in ihrer Dunkelheit und diese Mutter darin! Als nun Veile jetzt eintrat, schrie die Mutter nicht auf, es fehlte ihr die Kraft hierzu. Sie sagte nur: »Kommst du endlich, meine Tochter!« als wenn Veile von einem etwas zu langen Spaziergange heimgekehrt wäre. Aber als das junge Weib auf diese und ähnliche Fragen nicht antwortete, und endlich durch eine Gebärde bemerkbar machte, sie könne nicht reden, da gewann das Entsetzen in dieser unglückseligen Mutter neue Kraft, und ihr Jammer durchtönte das ganze Haus. Ruben Klattauer und der Mann Veiles, die jetzt von nutzlosem Suchen heimkamen, erfuhren mit Grauen die Veränderung, die mit Veile vorgegangen. Sie, als Männer, jammerten nicht; sie starrten das junge stumme Weib mit weit aufgerissenen Augen an und sahen da eine Erscheinung, über die Gottes Heimsuchung in unbegreiflicher Weise ergangen war . . . 62 Von dieser Stunde begann die schreckliche Buße des jungen Weibes. Wunderbar war der Eindruck, den der schreckliche Zustand Veiles auf die Leute in der Gasse hervorbrachte. Die mit ihr am Hochzeitsabend getanzt hatten, erinnerten sich erst jetzt ihrer Aufregung; vielen kam erst im Nachdenken ihr verstört wildes Wesen in den Sinn. Das müsse ein »böses Auge« gewesen sein, folgerte man, ein neidisches böses Auge, dem ihre Schönheit verhaßt war; dies allein hatte den Geist der Unruhe in sie geworfen. Sie war durch die böse Macht in die Nacht getrieben worden, ein Spiel tückischer Gewalten, die auf Schritt und Tritt dem Menschen, namentlich bei solchen Gelegenheiten nachgingen! Gott der Lebendige wisse, was sie in jener Nacht »gesehen« haben müsse, Gutes nicht, denn davon werde man nicht stumm! Alte Sagen und Geschichten tauchten auf, eine grauenhafter als die andre, und Beispiele, daß solche Dinge nicht neu waren in der Gasse, kamen zu Hunderten auf. Trotz dieser Deutung blieb es merkwürdig, daß die Leute das junge Weib nicht für stumm hielten; man glaubte allgemein, ihre Sprache sei nur infolge eines ungeheuren Schreckens gelähmt worden, aber es werde eine Zeit kommen, da werde sie mit einem Male wieder zu reden anfangen. In dieser Voraussetzung nannte man sie: Veile, die Schweigerin. Es gibt eine menschliche Beredsamkeit, die stärker und bezwingender ist, als die lautesten Worte und als wohlgefügte Rede – das Schweigen der Frauen! Das Kleinste, Geringste können sie oft nicht verwinden, aber den großen, nagenden Schmerz ihrer Seelen, das wühlende Siechtum beständigen Entsagens und Opferns verhalten sie in sich mit stummen Lippen, – nicht anders, als wären sie mit eisernen Reifen umschlossen. Es wäre schwer, das ganze »schweigende« Leben des jungen Weibes in seinem Verlaufe zu erzählen, es ist beinahe 63 unmöglich, mehr als einen Zug davon aufzuzeichnen. Veile folgte ihrem Manne ins Haus, in jenes glänzende, von Gold und Silber strotzende Haus, um dessentwillen sie geblendet worden war. Sie war wirklich die »erste« Frau in der Gasse, sie hatte alles in Hülle und Fülle, und die Leute fanden sogar ihren Zustand minder beklagenswert. »Muß man denn alles beisammen haben?« hieß es zuweilen in der »Gasse«, – »der eine hat dies, der andere jenes.« Dem Anscheine nach hatten die Leute auch recht: Veile blieb das schöne, blühende Weib; keinen einzigen Reiz hatte die Buße des Schweigens von ihr genommen. Ja, so glücklich war das junge Weib, daß es die Schwere dieser Buße gar nicht zu empfinden schien. Veile konnte lachen und sich freuen – dennoch vergaß sie nie zu schweigen! Aber diese anscheinend glücklichen Tage waren nur geschickt, um die rechte Zeit der Prüfungen und Versuchungen herbeizuführen. Leicht war es ihr am Anfang gemacht worden, schwer sollte die Mitte und das Ende sein. Ihre Ehe war in den ersten Jahren kinderlos. »Es ist gut,« sagten die Leute in der Gasse, »daß sie keine Kinder hat, und Gott hat das ganz fein eingerichtet. Eine Mutter, die mit ihrem Kinde nicht reden kann, – wäre das nicht zu schrecklich?« Da genas sie eines Tages, allen unerwartet, eines Mädchens. Und als das holde neue Leben, das sie in ihrem Schooße getragen, an ihre Brust gelegt wurde, und die ersten Laute aus seinem Munde ihr entgegendrangen, – jene namenlos beredte Sprache eines Unmündigen – sie vergaß sich nicht und – schwieg! Sie schwieg auch, als das Kind in immer freudigerer Schönheit vor ihren Augen aufblühte, und hatte keine Sprache für dasselbe, mochte es in überquellender Zärtlichkeit die zarten Arme ihr entgegenstrecken, – mochte es im brennenden Fieber nach der Hand der Mutter suchen. An seinem Bette wachte sie tage-, ja wochenlang, – der Schlaf kam nicht über sie, – aber ihrer Buße blieb sie stets eingedenk. 64 Jahre waren verflossen. In ihren Armen trug sie ein andres Kind, einen Knaben! Groß war die Freude des Vaters gewesen; das Kind trug den Stempel der Schönheit seiner Mutter. Blühend wuchs es heran, gleich seiner Schwester, – die mächtigste, reichste Frau, meinten die Leute, könnte stolz auf solche Kinder sein. Veile war auch gewiß stolz; aber niemals gewann dies auf ihren Lippen einen Ausdruck, und wofür Mütter in ihrer Freude oft nicht Worte genug finden, dafür blieb sie stumm, und wie auch manchmal ihr Antlitz leuchtete und glänzte, . . . niemals verlor sie die Gewohnheit des auferlegten Schweigens. In ihrem Geiste mochte sich der Gedanke gefestigt haben, daß das kleinste Übertreten ihrer Buße von Fluch für ihre Kinder begleitet sei. Mütter werden es begreifen, – besser als jeder andre es kann, – was diese Mutter unter dem Opfer ihres Schweigens litt! So war ihr ein Teil jener Jahre entschwunden, die wir als die besten zu bezeichnen pflegen. Noch blühte sie in ihrer merkwürdigen Schönheit, ihre jungfräuliche Tochter war neben ihr nur wie die Knospe neben der reifen Rose. Schon fanden sich auch aus Nah und Fern Bewerber ein, die zu dem schönen Mädchen auf die »Beschau« kamen. Es waren meist treffliche junge Männer, und jede Mutter konnte sich rühmen, wenn sie gerade ihrer Tochter sich genaht hätten. Auch damals brach Veile ihre Buße nicht; ihr war jene gesprächige Geschäftigkeit nicht gestattet, mit der Mütter bei solchen Gelegenheiten die Vorzüge ihrer Töchter ins hellste Licht zu setzen wissen. Auf einen der trefflichsten Bewerber war die Wahl gefallen; es war ein Paar, wie man es in solcher Schönheit und Anmut niemals in der Gasse gesehen hatte. Da schlich, wenige Wochen vor der bereits anberaumten Hochzeit, eine tückische Krankheit herbei, die damals über den größten Teil des Landes Trauer und Angst verbreitete. Namentlich junge Mädchen fielen ihr als Opfer, an dem 65 alten und schwachen Leben ging sie zumeist höhnend vorüber. Auch Veiles Tochter ward davon ergriffen; – noch ehe drei Tage vergingen war eine Leiche im Hause – die Braut! Auch damals brach Veile ihre Buße nicht. Wohl stieß sie, als man die Leiche auf den »guten Ort« hinaustrug, einen Schmerzensschrei aus, der den Leuten noch lange hernach in der Seele nachklang – wohl rang sie verzweiflungsvoll die Hände – aber niemand vernahm eine gesprochene Klage; ihre Lippen schienen für immer verstummt. Damals war es auch, daß der Rabbi in den sieben Tagen der Trauer, die sie sitzend auf einem niederen Schemel zubrachte, zu ihr kam, um ihr den üblichen »Trost der Toten« zu bringen. Aber er sprach nicht zu ihr; nur an ihren Mann wandte er seine Rede. Sie selbst wagte nicht aufzublicken . . . nur als er sich zum Fortgehen anließ, schaute sie auf. Da begegnete sie dem Blicke des Rabbi . . . aber er ging ohne Gruß hinfort. Seit dem Tode der Tochter war Veiles Wesen innerlich gebrochen. Was man selbst in ihren Jahren noch Schönheit nennen konnte, das war binnen wenigen Tagen verblichen. Ihre Wangen waren hohl geworden, ihre Haare ergraut. Die Leute, die zu ihr kamen, wunderten sich, wie sie nach einem solchen Schlage noch bestehen, wie ihr Leben noch zusammenhalten konnte. Sie wußten nicht, daß jenes Schweigen ein eisernes Band war, das die erschlafften Geister gewaltig umfaßt hielt. Dazu hatte sie noch einen Sohn, an den sich ihr ganzes Sein, wie an ein Letztes und Teuerstes klammerte. Der Knabe war dreizehn Jahre alt. Schon jetzt sprach man auf Meilen weit von seiner Gelehrsamkeit in den heiligen Schriften; er war der Schüler des Rabbi gewesen, der ihn mit einer Liebe und Zartheit behandelte, als wäre er dessen eigen Kind. Der Rabbi hatte dem Knaben eine große Zukunft vorausgesagt; er sei ein merkwürdiges Kind von so großen Anlagen, wie sie noch selten dagewesen. Nun sollte der Knabe nach Ungarn zu einem der berühmtesten Lehrer 66 seiner Zeit, um unter dessen Leitung und Unterricht das Tiefste der heiligen Wissenschaft zu ergründen. Jahre konnten vergehen, bis sie ihn wiedersah, vielleicht auch, daß sie ihn niemals wiedersah; aber Veile entließ den Knaben aus ihren Armen; – sie sprach keinen Segensspruch über ihn, als er ging; – nur ihre Lippen zuckten vor stummem Schmerze. Lange Jahre waren vergangen, da war der Knabe aus der Fremde zurückgekehrt, – ein hochgewachsener, herrlicher Jüngling. Als Veile ihren Sohn wieder um sich hatte, blühte ein Lächeln an ihrem Munde auf, und für Augenblicke war es zuweilen, als habe ihre ehemalige Schönheit einen zweiten Frühling erlebt. Groß war der Ruf, der von der außerordentlichen Begabung ihres Sohnes vorausgeeilt war; wo er sich zeigte, hing man mit Wohlgefallen an der edlen Gestalt und bewunderte das bescheidene Wesen neben so großem Wissen. Am nächsten Sabbat sollte der kaum zwanzigjährige Talmudjünger in der Synagoge die ersten Proben dieser hohen Begabung ablegen. Kopf an Kopf standen die Leute in dem weiten Gotteshause; durch die Gitter der »Weiberschul« blickten die Frauen mit neugierigen Augen hinab in das dichte Gewühl. Veile saß auf einem der vordersten Plätze; sie konnte alles sehen, was da unten vorging. Tiefe Blässe lag auf ihrem Antlitz; aller Augen waren auf sie gerichtet, – die Mutter, die einen solchen Tag ihres Sohnes erleben konnte! Veile schien aber nichts zu bemerken, was vor ihr sich ereignete; eine Mattigkeit, wie sie in ihren größten Leiden sie nicht empfunden hatte, lag in ihren Gliedern: es war, als müßte sie während der Rede ihres Sohnes schlafen. Doch kaum hatte dieser die Treppe vor der Thoralade betreten, kaum waren seine ersten Worte ertönt, als eine merkwürdige Veränderung in ihren Gesichtszügen vorging. Ihre Wangen färbten sich; sie richtete sich auf; alle ihre Lebensgeister schienen im Aufruhr. 67 Ihr Sohn sprach indessen da unten; sie hätte nicht sagen können, was er gesprochen. Sie hörte nicht ihn, – sie vernahm nur das bald leise, bald laute Beifallsgemurmel, das aus der »Männerschule« zu ihr hinaufdrang. Die Leute staunten das hohe Wesen des Redners, seine klangvolle Sprache und sein mächtiges Wesen an; – wenn er in einzelnen Pausen inne hielt, um zu ruhen, war es, als ob man in einem vom Sturme erfaßten Walde sich befände. Sie konnte dann einzelne Stimmen vernehmen, die laut verkündigten, so einen habe man noch nie gehört. Ihr zur Seite weinten die Frauen, nur sie selbst vermochte es nicht. Ein stechender Schmerz drang ihr aus der Brust zu den Lippen, – Gewalten wurden in ihr rege, die mit Kraft nach einem Ausgang suchten. Die ganze Synagoge erscholl von brausenden Stimmen; ihr aber war es, als müßte sie alle diese Stimmen übertönen. Da, ihr selbst unbewußt, schrie sie in dem Augenblicke, wo ihr Sohn geendigt hatte, indem sie sich heftig gegen das Gitter warf: »Gott! Lebendiger! soll ich denn noch nicht reden!«. Totenstille folgte auf diesen Aufschrei; – man hatte allgemein die Stimme als die der»Schweigerin« erkannt. Es war ein Wunder geschehen! »Red, red,« erscholl jetzt die laute Gegenrede des Rabbi unten in der Männerschule, – »du darfst jetzt reden.« Aber es erfolgte keine Antwort. Veile war in ihren Sitz zurückgesunken, beide Hände gegen die Brust gepreßt . . . Als die Frauen, die ihr zur Seite saßen, sich erschrocken umsahen, fanden sie die Schweigerin ohnmächtig. – Sie war aber tot. – Die Entsiegelung ihrer Lippen war ihr letzter Augenblick. Lange Jahre darauf starb der Rabbi. Auf seinem Totenbette erzählte er den Leuten, die um ihn standen, die seltsame Buße Veiles. – Jedes Mädchen in der »Gasse« kennt die Geschichte von der »Schweigerin«. 68 Der Min. Auf schwanker Woge schwimmt jenes sonderbare Wesen einher, das wir Glück nennen. Von allen gesehen, an allen vorübergleitend, oft so nahe, daß es ein zarter Lufthauch wegzuwehen droht, ist es doch nur einer, an den es kommt. Wie man das Fischlein im Wasser berücke, daß es der Angel folgt, das Vöglein im Walde umgarne, daß es nicht entrinnen kann, dem Wilde nachstelle, daß es dem schlauen Menschen zur Beute werden muß – das erzählen wunderbarerweise Bücher auf Bücher, und wer es besser versteht, ist der Meister! Aber wie man jenem sonderbaren Wesen den Weg verrammt, daß es stehen und sich halten lassen muß, kann nicht gelernt werden: keine Kunst offenbart, wie sich das Glück fangen läßt. Tausende stehen am Ufer, sehen es mit leiblichen Augen, greifen danach, wie sie nach dem Messer greifen; denn tausendfältig und tausendgestaltig, wie der Menschen Seele und Sinn, spricht sich die Art aus, wie sie das Glück erzwingen. Der wirst sich mit weit ausgestreckten Armen in die hochgehende Flut und will sehen, wer stärker sei: die Welle oder seine Kraft. Der andere scheut solche Mühe; in sich gebückt, unscheinbar, furchtsam, in steter Sorge, es könnten ihn Augen erblicken, die nicht zu schweigen verstehen, tritt er leise auf, lugt nach allen Seiten, und das Glück ist sein, bevor der starke Schwimmer es noch erreicht hat. Wenn die Menschen erzählen wollten und dürften, wie jeder von ihnen an das Glück herangekommen: der eine mit heiler Haut, der andere zerschlagen und abgeworfen, man hörte dann Geschichten, wie sie noch nie gehört wurden. Aber nicht nur den mutigen Schwimmer und Jäger müßte man erzählen lassen, die aller Künste voll sind und mit 69 Freikugeln und Freiangeln umzugehen wissen, vielmehr den still in sich gebückten, scheinlos Dahinwandelnden, dem niemand es abfragen will, warum zuweilen ein so leuchtender Glanz aus seinen Augen fällt, warum ein so eigentümlich vergnügtes Lächeln manchmal um die Lippen spielt. Mit einem Worte: – einen »Min«. Es ist doch gut, daß jeder ein »zu Hause« hat, und wahrhaftig, nicht grade darum, um damit seine »Gemeindezuständigkeit« ausweisen zu können. Aber bei mir zu Hause, in Böhmen, werden die Leute sogleich wissen, was so ein »Min« zu bedeuten hat, und ich habe ihnen so gut als gar keine Erklärung zu geben. Wieviel besser ist das, als die andern erst auf ein vielleicht nicht befriedigtes Warten vertrösten zu müssen! In der langen und ziemlich gedehnten Gasse, die sich vom »Ring« bis zum »Wasser« hinabzieht, hart am äußersten Ende derselben, steht ein altes, einschichtiges Haus. Es ist eines jener Bauwerke aus einer ferneliegenden Zeit, in der die »Baupolizei« noch nicht den Maurer auf Kosten des Zimmermanns begünstigt hatte. Das Haus ist nämlich ganz aus rohen Balken zusammengezimmert, zwischen deren Fugen der gelbe Lehm allein beweist, daß hier nicht ausschließend die Axt gewaltet. Drei weitschattige Nußbäume stehen davor. Wer sie gepflanzt? Wer überhaupt das Haus gebaut hat? Für die Leute in der Gasse wäre das eine müßige Frage gewesen; sie wußten nur das eine, daß in dem Hause immer »einerlei« Menschen gewohnt hatten; es hatte für sie keine Geschichte. Seit undenklichen Zeiten nämlich war jeder, der aus diesem Hause kam, von dem Knaben an, der sich am Trenderlspiel ergötzte, bis zum Greise herab, den der Todesengel in merkwürdiger Vergeßlichkeit stehen gelassen hatte, denn sie wurden in diesem Hause alle sehr alt, also alles und jedes, was da drin lebte und webte, selbst die Frauen mit eingeschlossen, war den Leuten – ein »Min«. Wenn 70 sich einmal die Maschen eines Zunamens um eine Familie gelegt, dann gehört die Riesenstärke himmlischer Geister dazu, ein solches Netz zu zerreißen. Unsichtbar über allen Lagen und Verhältnissen des Lebens hängt und schwebt es, um alles Tun schlingt es sich, klammert sich an Leib und Seele, begleitet den Kommenden und den Gehenden, das Geborene und das Sterbende. Das stärkste Schiffstau ist dagegen ein dünner Spinnfaden im Sturme. Ein solches Netz war über jenes Haus geworfen . . . es hieß eben »Min«. Es wäre schwer zu sagen, was alles in dem engen Rahmen dieser wenigen Laute liegt. Vor allem meinen die Leute in der Gasse darunter einen stillen Menschen ohne Schein und Bedeutung, ohne das geringste Geltendmachen seiner Person, einen, der auf der geradesten Straße, wo ihrer zehn Raum haben, ausweicht, damit der Nachbar nur nicht beengt und am Ellenbogen gestreift werde. Das hätte den Leuten noch gefallen; denn wo wird einer gefunden, dem es nicht fast stolz ans Herz greift, daß sich der andere niederer dünkt als er selbst? Dazu gehört das volle und ganze Wissen vom eigenen Menschtum, wenn das anders sein sollte, als es wirklich ist. Was aber die Leute nachtrugen jenem Hause war eben gerade, daß jeder darin . . . ein »Min« war. Hinter jener Stille und Bedeutungslosigkeit, meinten sie, lag etwas Lauerndes und Verstecktes; man müsse immer auf seiner Hut sein, könne sich mit ihnen nicht tief einlassen, nie wisse man, wie das endige, ob im Guten oder im Bösen. So durchscheinend die Lebensverhältnisse in der »Gasse« gewöhnlich sind, so sehr auch alles vor aller Augen liegt, was man doch nicht verbergen kann – von jenem Hause konnte man das nicht sagen. War Wolf »Min« reich? Ging es ihm gut? Man sah keine Regsamkeit, man hörte keinen Lärm, der weder das eine noch das andere behaupten ließ. Der »Min« blieb sich immer gleich. Die drei alten, weitschattigen Nußbäume, die vor dem Hause ein so 71 undurchdringliches Grün ausbreiteten, wer hatte sie gepflanzt? Wahrscheinlich der, der das Haus gebaut, und schon er war ein »Min«! Und warum ließ sie der Sohn, und wieder der Sohn dieses Sohnes stehen? Etwa, weil sie so gute Früchte gaben? Es kam nicht der zehnte Teil davon auf den Tisch und in die Tasche des Hauses; Koppel Friedmanns Sohn, das wilde »Davidl«, der jetzt nach den letzten Berichten aus Amerika »Mayor« in einer Stadt am Ohio ist (das wilde Davidl!) schlug sie herab, wenn sie noch in der grünen Hülle steckten. Also nicht darum, sondern weil »sie« nicht wollten, daß man ihnen durch die Fenster sehe. Die Welt hätte dann erfahren, wie Wolf »Min« und seine Familie innerhalb seiner vier Wände lebe! Von jener katzenartigen Stille im Auftreten, die man den »Mins« besonders nachtrug, müssen wir nur etwas erzählen. Es war wirklich merkwürdig, wie lautlos, gleichsam in geölten Türangeln, sich ihr ganzes Tun und Treiben bewegte. Man konnte mit Bestimmtheit voraussagen, wenn Wolf einen neuen Rock anzog, oder wenn sein Weib, die fast noch stillere »Perl« in einer neuen Haube erschien. Es geschah dies nur am ersten Tage des Osterfestes, sonst nie. Da verschwand aber dieser ungewöhnliche Glanz in dem von allen andern in der Gasse zur Schau ausgestellten, er verletzte niemanden und tat niemanden wehe. Diese Selbstverleugnung erstreckte sich auch sonst auf jeden Tritt und Schritt. Bei Gemeindewahlen nahm Wolf »Min« jene Stellung ein, die man in dem neuesten Hochdeutsch das »Zentrum« oder in der Sprache des Ghettos – »den Min« nennt; er hielt sich weder zur Rechten noch zur Linken, und am liebsten war es ihm, wenn er gar nicht mitzustimmen brauchte. Trotzdem ereignete sich einmal etwas, was in dem Andenken der »Gasse« noch lange leben wird. Man sagt, daß es Koppel Friedmann gewesen, eben derjenige, dessen wildes »Davidl« jetzt Mayor in Amerika am Ohio ist, der 72 im geheimen eine so ungeheure Tätigkeit entwickelte, daß bei einer Gemeindewahl sich die Mehrheit der Stimmen für Wolf »Min« aussprach. Mit einem Male sah sich das balkengezimmerte Haus hinter den drei Nußbäumen von einem Glanze umflossen, von dem es nie geträumt. Was Koppel Friedmann bewirkt, war freilich nur zum »Spaß« geschehen, er wollte nämlich das Experiment versuchen, wie sich so ein »Min« in dem neuen Wirkungskreise ausnehmen würde, – aber das machte die Wahl nicht rückgängig. An demselben Tage soll aus dem Hause der »Mins« ein langgezogenes schmerzliches Weinen erklungen sein, wie man es von dort nie vernommen. Wer aufmerksamer hinter die Nußbäume sah, konnte sogar den Schatten der sonst so stillen Perl in heftiger Bewegung die Stube auf- und niederwandelnd sehen, die Hände gerungen, hie und da auch heftig weinen hören. Dazwischen konnte man die fast bittend klagende Stimme Wolfs vernehmen, der diesen Jammer zu beschwichtigen schien. Es war das erstemal, daß das Haus der »Mins« in eine so traurige Bedeutsamkeit trat; es war allen, als tönte Perls Weinen durch die ganze Gasse. Alles fragte sich: »Perl, Wolfs Frau, kann also auch weinen? So ist er also doch nicht der Min, für den man ihn gehalten hatte?« Andere sagten wieder: »Hätt' man nicht darauf geschworen, in Wolf »Mins« Hause geht's wie bei Gott im Himmel zu, vor lauter Herzfreud und Händedrücken? Jetzt sieht man, wie es bei ihnen zugeht.« Nur wenige ahnten den richtigen Zusammenhang zwischen Perls Tränen und – der Gemeindewahl. Aber am andern Tage ließ Wolf erklären, er könne die auf ihn gefallene Würde nicht annehmen, er bedanke sich dafür, und lieber bezahle er die ihm auferlegte Strafe, als daß er sich eine Last auferlege, für die seine Kräfte nicht gewachsen seien. »Der Min« hieß es nun, »der Min!« Jemand, der dieser Geschichte und noch anderen aus der 73 »Gasse« sehr nahe steht, war zugegen, als am Abende desselben Tages nach »Schul« das wilde »Davidl« einen ziemlich blöde aussehenden Jungen fragte: »Kobi! Warum hat denn dein Vater die ›Gabbe‹stelle (Kassierer der Gemeinde) nicht angenommen?« »Es wäre ihm eine zu große Last gewesen,« sagte der Knabe mit merkwürdigem Augenspiel. »Warum soll er sich für nichts und wieder nichts eine Last auflegen? Er hat »so« genug zu tragen.« Diese Antwort machte offenbar das wilde Davidl verblüfft; doch erholte er sich bald und sagte lachend: »Soll ich dir sagen, warum er sie nicht angenommen hat? Weil dein Vater ein »Min« ist, weil deine Mutter eine Min ist, und du bist auch einer!« Der künftige Mayor in Amerika hatte recht. Von dem jungen »Min« wollen wir eben erzählen. Das war ein schöner brauner Bursche mit schwarzen Haaren, kühngeschwungenen Augenbrauen, eher groß als klein, dabei von gedrungener, fester Gestalt, die er aber durch lange Gewohnheit etwas »heraus«, d. h. gebückt trug, so daß man ihn für klein gelten ließ. Aber dafür galt »Kobi« nur auf der Gasse und unter den Leuten; wenn er aber über die Schwelle seines Hauses trat, reichte er fast bis zur Blätterkrone eines der Nußbäume hinauf. Überhaupt hielt man nicht viel von ihm; den meisten erschien er blöde und nichtsheißend. Ein schön bemaltes Stück Fleisch, sagte man von ihm, aber was dahintersteckt, ist nicht viel wert. Immer jedoch gibt es Leute, die mit schärferen Augen versehen sind als die anderen, und so kann es uns nicht befremden, wenn der Vater des wilden »Davidls«, Koppel Friedmann, schon frühzeitig das Urteil 74 über »Kobi«fällte: »Ihr werdet sehen, das Jüngel wird sich ganz auf Wolf »Min« hinauswachsen; heißt mich einen Lügner, wenn der nicht ein noch ein größerer »Min« wird, als sie alle zusammen sind.« Es ist merkwürdig, wie solch ein Ausspruch, wenn er halbwegs ein Recht zum Leben hat, sich an dieses Leben klammert und immer höher und höher schwillt. Als »Kobi« vierundzwanzig Jahre alt geworden war, stand das Urteil der scharfsichtigen »Gasse« fest; es lautete gerade so wie bei Koppel Friedmann. Nur zwei Personen gab es in der Welt, die, wie sich von selbst versteht, in dieser Hinsicht anderer Meinung waren. Es waren dies Kobis Eltern selbst. Ihnen war der Sohn in seinem ganzen Wesen eben recht; leuchtete ihnen doch ihr eigenes daraus entgegen. Was die Leute bespöttelten und verlachten, das war ihnen ja selbst eigen, das besaßen sie selbst. Kobi war dazu im »Geschäft« wohl erfahren, ging nicht müßig, und was er ins Haus schaffte, das hatte »Hand und Fuß«. Dennoch blieben auch hier die Meinungsverschiedenheiten nicht aus, selbst Wolf »Min« fand seinen Kobi zu still; er hatte ihm nicht Mut genug, er war ihm nicht »Barjin« genug, wie jene selbständigen, auf sich und ihren Kopf angewiesenen Naturen des Ghettos heißen, die eine Welt erobern könnten – wenn sie nicht eben der»Gasse« angehören würden! »Hast du schon von ihm einmal gehört,« hieß es in manch traulicher Stunde zu Perl, seiner Frau, »daß er auf etwas Größeres denkt? Hast du von ihm schon gehört, daß er auf die »Beschau« gehen will? So ein schöner Jung' . . . gewachsen wie ein Baum und schon vierundzwanzig Jahre alt, und läßt jüngere Leute, fast Kinder gegen ihn, sich vorangehen?« »Geh, geh!« sagte dann jedesmal Perl darauf mit verdrießlicher Miene, »möchtest du nicht haben, er soll sich schon 75 jetzt die Sorgen von einer Familie aufladen? Laß ihn doch sein Leben genießen, es läuft ihm nicht fort . . . und wenn ihm »eine« bestimmt ist, so lebt sie gewiß schon.« »Das meinst du nur so,« widerlegte Wolf gewöhnlich lächelnd. »Wenn ich gewartet hätte, hätte ich dich dann bekommen? Tausende wären mir zuvorgekommen.« »Spaß nur,« meinte dann Perl dennoch mit einem leisen Anflug von Schamröte, die ihr gut stand. »Wer sagt dir, daß ich spaß'?« rief er gegen seine Natur fast heftig. »Ich sag' dir, das Kind wird's zu nichts bringen. Still sein, und in der Welt kein Gelärm machen, das ist recht, und ist auch meine Natur . . . aber zu still darf der Mensch nicht sein!« »Laß ihn nur seinen Weg gehen,« fiel dann Perl beschwichtigend ein. »Auf meinen Kobi laß ich nichts kommen, was auf ein Quentel geht. Du wirst sehen, in dem Jüngel steckt mehr, als du und die Welt glaubt. Still ist er, das ist wahr, aber willst du, er soll ein Flausenmacher sein, soll den »Barjin« spielen und etwas aus sich machen, was er nicht ist? Denk daran, dein Weib hat es gesagt, aus unserem Kinde, wenn es auch jetzt sich noch nicht dazu schickt, wird etwas werden, an was du gar nicht denkst.« »Er ist zu still,« wiederholte stets Wolf, »wer gar kein Gelärm macht, von dem weiß man nicht, ob er auf der Welt ist. Er braucht ja nur die Hand auszustrecken, so gibt ihm Gitel Hann ihre Tochter mit zweitausend Gulden und setzt ihn noch in ihr Geschäft ein.« »Das rotköpfige Vögele soll er sich nehmen?« rief Perl, der sonst jeder Spott ferne lag, mit einer Art von Hohn aus. »Solang' man's denkt, ist in unserer Familie niemals ein rot Haar angetroffen worden. Und gerade bei meinem Kobi soll das anfangen? Ja, dafür ist mir doch mein Jüngel zu gut.« »Setz ihm nur solche Sachen in den Kopf,« meinte 76 dann verdrießlich Wolf. »Du wirst noch erleben, wie er sich als ›alter Jung‹ wird himmelhoch freuen müssen, wenn ihn eine alte ›Mad‹ oder eine Witwe mit fünf unversorgten Kindern wird nehmen wollen. Daran denk an mich.« Das Mutterherz ist ein eigentümlich Ding. Stark und todesmutig, wie kein Held in der Schlacht, wenn es gilt, ein Kind zu verteidigen, sei es vor wirklicher Gefahr, oder selbst vor der kleinsten Nachrede, wird es doch zaghaft, feige beinahe, wenn es die Gefahr erst ahnt. Als Perl die Zukunft ihres »Jüngels« in solcher Weise festgestellt hörte, konnte sie sich doch eines leichten Schauers nicht erwehren; sie erschreckte sie mehr, als sie sich den Anschein geben wollte. »Meint man nicht, wenn man dich so reden hört,« rief sie eifernd, »unser Kobi muß sich eine große Pauke um den Leib schnallen, um damit die alten ›Maden‹ zusammenzutrommeln?« »Ich sag' dir, er ist zu still,« endigte gewöhnlich eine solche Beratung, die wie die meisten solcher Art, jeden Teil nur fester in seiner Überzeugung bestärkte. Belauscht und unbelauscht kamen solche Reden an Kobis Ohren, aber sie machten ihn nicht lauter und schienen ihm wenig anzuhaben. Ein Lächeln, ein Achselzucken war oft die ganze Antwort. In gutgearteten Häusern hat man vor Kindern keine Geheimnisse; man läßt sie mitraten und mitreden, soweit dies angeht; läßt sie aussprechen, was sie drückt und bewegt, und lernt sie so frühzeitig kennen mit allen Tugenden und Unarten. Gewöhnlich wird dann ihr Sinn so ausgebildet, daß sie auf halbem Wege erraten und ahnen, was in der Eltern Seele vorgeht, woran sie nicht teilgenommen haben. So wußte Kobi jedesmal, wenn von ihm die Rede gewesen; er erriet haarscharf den Gegenstand ihrer Besprechung, aber er »machte sich davon nichts wissen«. Kobi war ein schlauer Junge; er wußte, sein Vater würde 77 doch nie Zwangsmittel anwenden und wenn das rotkopfige Vögele noch zweitausend Gulden mehr hätte. Die Mutter aber stand auf seiner Seite; im bittersten Kampfe, hoffte er, würde sie ihn mit dem Schilde ihrer Liebe decken. Jedermann wird wissen, was eine solche Schutzwehr in brennenden Augenblicken zu bedeuten hat; die größten Schlachten sind damit gewonnen worden. Vielleicht wußte Kobi aber selbst nicht, warum er sich den Plänen seiner Eltern widersetzte. Wer kann in der Seele eines »Mins« deutlich lesen? Seit einiger Zeit war jedoch eine Art Waffenstillstand eingetreten; Vater Wolf ließ das zu »stille Jüngel« den Weg gehen, den es grade ging, und das rotköpfige Vögele war allmählich in den Hintergrund getreten; es war »Ruhe« in das ohnehin so ruhige Haus gekommen. Aber eine Zeit kam, die die stille Wunde Wolfs wieder bluten machte. Es war nämlich wieder »Cholemoed« gekommen, jene schöne Halbfesttagszeit, die zweimal des Jahres wiederkehrt, am Ostern- und Laubhüttenfest. Fröhlich, lustverheißend, mit glänzenden Schwingen gleitet sie nieder in die »Gasse«, weckt Tausende von Herzen, junge und alte, Mütter mit Söhnen und Mütter von Töchtern. Ängstlich frohen Gefühles, unter Bangen und Hoffen wird sie erwartet, sieht man sie allmählich kommen. Ist sie endlich da, so ist's beinahe, als wäre unsichtbar und ungekannt ein Fürst eingezogen, zu dessen Ehren man den Stuben und Fenstern und sich selbst das schönste Feiertagskleid anzieht. Bei wem wird er einkehren? In welcher Gestalt wird er erscheinen? Manche Mutter, manch zagendes Mädchenherz möchte das wissen, begnügt sich aber, weil sie es nicht kann, damit, die »Ausstattung« wieder und noch einmal durchzumustern; denn von Augenblick zu Augenblick kann an der Tür gepocht werden. Es ist nämlich die Zeit der »Beschau« gekommen. 78 Frühmorgens an diesem Tage fragte Wolf seinen Sohn so von oben aus, das eine Auge forschend auf ihn gerichtet, während das andere sich sorgfältig geschlossen hielt. »Nun? und du, gehst du heut' nirgends hin? Weißt du nicht, was heut' für ein Tag ist?« »Soll ich das nicht wissen?« warf Kobi leicht lächelnd hin. »Cholemoed ist.« »Und?« sagte Rebb Wolf und hielt dann inne. Kobi aber ertrug diese lauernde, wie ein jäher Pfeil auf ihn gedrückte Frage; ganz gelassen sagte er: »Nun, und was ist dann?« »In den Gasthäusern,« meinte Wolf schlau, »wimmelt's heute von lauter ›Gelegenheiten‹, es wird bald kein Platz mehr dort sein.« »Was du nicht sagst!« rief Kobi verwundert aus. »Und heute in aller Frühe, man hat noch nicht in ›Schul‹ geklopft, habe ich schon drei oder vier vorbeifahren sehen,« fuhr Wolf fort, ohne sich durch die verstellte Miene der Verwunderung stören zu lassen. »Werden etwas vorhaben,« meinte Kobi ganz trocken. »Und du, leider Gottes, hast gar nichts vor,« brach es endlich mit gewaltigem Ärger aus Rebb Wolf, »da mag ich reden bis mir der Hals zerspringt, du rührst dich von dem Flecke nicht weg, als hätte dich einer mit Wachs angeklebt. Die ganze Welt kommt, geht auf die Beschau; wer aber nicht geht, das bist du. Warum nimmst du dir keine Gelegenheit, ziehst dich schön an, sagst zum Kutscher: Führ mich dahin oder dorthin? Ich will mir eine beschauen?« »Wohin soll ich denn fahren?« fragte Kobi unschuldig. Jetzt wurde Rebb Wolf ganz zornig. Mit einer Stimme, wie man sie in dem stillen Hause der »Mins« selten hörte, rief er: »Stell dich nur, als wenn du nicht drei zählen könntest. Ich weiß ja doch, daß du es kannst! Meinst du, dein Vater 79 weiß nicht, daß du ihn verstehst? Willst du mich etwas lehren? Da mußt du früh aufstehen, mein Jüngelleben.« »Auf die Beschau soll ich gehen, soviel verstehe ich davon,« meinte Kobi gelassen. »Und warum gehst du nicht?« rief Wolf eifrig, »warum machst du dich nicht auf und davon? Die ganze Welt rührt sich; wer nur Füße hat und Augen, geht heute, und sieht sich etwas an, ob es ihm paßt. Wie lange willst du dich denn besinnen?« Auf diese feurige Ansprache seines Vaters war Kobi doch nicht gefaßt; einen Augenblick schien es sogar, als sei er erschrocken. Doch faßte er sich bald, und mit halbironischem Lächeln meinte er: »Besinnen? ich habe mich schon lange besonnen.« »Also doch,« rief hastig Wolf, »da siehst du, Perl! Gott der Lebendige weiß, an wen er sein Herz gehängt hat.« »Das ist auch ganz wahr, Vater,« rief Kobi mit Ernst. »Mein Herz – das habe ich schon lange angehängt; mich wundert's nur, daß du es noch nicht bemerkt hast.« »An wen? An wen?« schrie beinahe Wolf und trat einen Schritt näher auf den Sohn. »Wirst du es gleich sagen? Ich hab' mir das lange schon gedacht . . . Jetzt muß es heraus!« Perl sagte kein Wort; sprachlos lauschend blickte sie auf den Sohn. Wer vermöchte es zu deuten, oder mit Gewißheit behaupten, was in dieser Mutter jetzt einen schwereren Kampf kämpfte, ob die Neugierde des Weibes oder das schmerzliche Gefühl, daß ihr Kind mit einem Geheimnisse in der Brust so lange Zeit in dem Bereiche ihres Atems leben konnte? Kobi sah die Eltern gegenseitig mit einem Blicke an, aus dem der »Min« herausblickte; dann, nachdem er sich sattsam geweidet an des einen Eifer, an der anderen lauschender Erwartung, meinte er schelmisch: 80 »An wen ich mein Herz gehängt habe? An wen anders als an Vater und Mutter?« Es ist unbeschreiblich, welche Wirkung diese geschickte Wendung Kobis auf die Eltern hatte. Gleich einem heftigen Windstoße hatte sie den ganzen Himmel, so dicht er mit Gewölke umzogen schien, befreit; blau und klar trat er wieder hervor. »Alt sollst du werden, mein Jüngel,« rief Perl mit Tränen in den Augen. »Ist das aber recht, seine Eltern so zu foppen?« »Und ich sage dir, was ich immer sag'. Er ist zu still,« meinte Wolf mit einem unentschiedenen Lächeln, und um nicht waffenloser zu erscheinen, als er wirklich war, entfernte er sich lieber eiligst aus dem Hause. Als der Vater fort war, fragte Perl den Sohn: »Jetzt hast du recht gehabt, mein lieb Kind! Frag dich aber selber, ob dein Vater nicht auch recht hat? Warum machst du ihm nicht die Freude und gehst auf irgend eine Beschau?« »Mutter,« sagte Kobi nun mit wahrem Ernste, »kann es dir recht sein, wenn ich, sei es was es will für ein Mädchen, wie einen Sack Wolle anzusehen komme, den man für mich schon hergerichtet hat, zu oberst die feine, unten aber versteckt und verdeckt die schmutzige und schlechte? Obenauf ein güldig »Glänzel« und unten und inwendig alles voll Staub und Ekel? Was möchtest du da von deinem Sohne halten? Wie oft hast du mir selbst erzählt, der Vater hätte dich ohne Beschau genommen, auf dein lieb Gesicht hin? Lebt ihr darum nicht glücklich? Hat eins zu klagen über das andere?« Jetzt erst staunte Perl gewaltig; solche tiefe Weisheit hatte sie noch nie vernommen, seitdem sie das Jüngel ihr Kind nannte. Wie ein goldener Strom floß sie aus seinem Munde; sie hätte horchen und lauschen mögen stunden- und 81 tagelang, so bezaubernd, so umstrickend klangen alle diese Worte. Wo das Jüngel nur alle diese Weisheit her hatte? Wenn man ihn hörte, so war es ja nicht anders, als hörte sie den ersten Landesrabbiner von der Welt sprechen! »Ob wir glücklich leben, ich und dein Vater?« rief sie in einer Art Begeisterung. »Jedem Judenkind ›gesagt‹, was ich und der Vater für ein Leben führen, es braucht sich's keine Fürstin besser zu wünschen . . . Und weißt du, Kobi, mein Sohn, das alles ist ohne Beschau geschehen! Dein Vater hat nicht gewußt: hab' ich sechs Schnupftücher in meinem Vermögen oder gar keins? Dein Vater hat mich gesehen und ich ihn, alles ohne Beschau! Und wie ich an einem Sabbatabend von meiner hundertundzehnjährigen Urbabe Milke gekommen bin, die du nicht mehr gekannt hast und die damals krank gelegen ist, da hat er mir hinter Süßkind Turnauers Keller aufgewartet. Wie ich damals erschrocken bin! ›Erschreck nur nicht, Perl,‹ hat er gesagt, ›und mach keinen Lärm, was brauchen die Leute zu wissen, was zwischen mir vorgeht und dir? Ich will ja nur, daß du mir sagst, ob du mich willst?‹ – Und siehst du, Kobi, mein Sohn, ich hab' ihn gewollt und wir sind, Gott im siebenten Himmel sei dafür gelobt und gepriesen, fertig miteinander geworden, alles ohne Beschau! Wie hat sich aber das heutzutage alles verändert! Recht hast du, mein Jüngel, geh du nur auf keine Beschau!« »Das verschwör' ich nicht, Mutter,« rief Kobi lachend, »daß ich auf gar keine Beschau gehen werde. Aber zu einem Sack Wolle laß ich mich nicht schicken. Wenn ich einmal gehe, will ich das ›Schadchingeld‹ (Lohn für den Brautwerber) selber an mir verdienen. Was brauche ich einen Fürsprecher?« Freudig überquellenden Herzens stimmte Perl dieser Ansicht bei. Gestand sie sich doch im Innern, daß ihr Verstand weit unter dem ihres Kindes stand. Welch ein neidloser Stolz, welches süße Befriedigtsein lag in diesem Geständnisse! 82 Zum Mittagessen kam heute Rebb Wolf zeitlicher nach Hause, als er sonst pflegte. Gleich bei seinem Eintritte bemerkten Mutter und Sohn, daß auf seinem Antlitze ein eigentümlicher Ausdruck spiele. Lange Gewohnheit und inniges Zusammenleben bewirkten, daß sie sich in dieser Sprache besser wie mancher in einem gedruckten Buche zurecht fanden. Aber sie drängten sich mit keiner Frage auf, sie wußten aus Erfahrung, daß diese Sprache schon ihre Töne finden werde. Bei Tische saß Wolf lange in tiefem Sinnen; mit einem Male begann er: »Soll ich euch sagen, Kinder, woher ich komme?« »Wenn du willst, sag's,« meinte Perl, »übrigens zwingen tut dich keiner.« »Ich komm' von keinem andern, als von unserem Vorsteher! Ihr werdet erstaunt sein, wenn ihr hört, was der von mir will,« sagte Rebb Wolf. »Wollen sie dich vielleicht wieder zu etwas machen? Zu einem Stück Gabbe (Kassierer) oder so etwas?« rief Perl wirklich erschrocken. Wolf schüttelte sich vor Lachen. »Ach!« rief er lustig, »deswegen brauchst du nicht zu sorgen, ich nehm' es nicht an, und wenn sie mich morgen zum Bürgermeister machen. Es ist wegen etwas ganz anderem, und ich will euch nicht lange warten lassen. Ich soll für seinen Sohn auf die Beschau gehen.« »Du?« meinte Perl mit einem etwas ungläubigen Lächeln, »wie kommst du dazu?« Kobis Antlitz zeigte in diesem Augenblicke eine merkwürdige Veränderung; es war lauschend, fast spitzig vor lauter Aufmerksamkeit geworden. »Helf dir!« . . . sagte Rebb Wolf achselzuckend, »er will keinen andern als mich.« Nun begann Wolf, der nicht zu den kürzesten Sprechern gehörte, zu erzählen, wie er mit dem Vorsteher auf dem 83 »Ring« zusammengetroffen, dieser ihn unter den »Arm« genommen und er nicht gewußt habe, wie er zu der Ehre komme, mit diesem stolzen Menschen, dem man auf eine halbe Meile anhöre, wie das Geld in seiner Tasche klinge, auf der Gasse herumzuspazieren. Nach und nach sei der Vorsteher mit der Sprache herausgekommen, und das habe anfangs ausgesehen, als stecke ihm eine Fischgräte im Halse. So habe sich dieser geräuspert und gezuckt, bis er endlich auf das eigentliche Wesen gelangt sei. »Was soll ich dich lange im Finstern lassen, Wolf,« habe der Vorsteher endlich gesagt, »ich such' für meinen Sohn eine ›Partie‹ und du bist der Mann, der mir dazu verhelfen kann.« »Du?« rief Perl aufs neue voll Staunen. Ebenso verwundert habe auch er gefragt, fuhr Wolf fort, aber das habe ihm wenig genützt. Nun sei der Vorsteher weitergegangen und habe ihm als Geheimnis anvertraut – aber vor Weib und Kind habe er kein Geheimnis – daß sich sechs Meilen von hier ein Mädchen befinde, d. h. eine »Partie«, die sich für seinen Sohn wie nur etwas in der Welt schicke; Geld sei da, mehr als nötig, Schönheit und guter Ruf auch, aber was das Hauptsächlichste sei, man »sehe bei ihr auf nicht viel Geld«, man wolle nur einen tüchtigen Menschen. Ganz außer sich habe er gefragt, wo denn dieses Wunder Gottes versteckt sei? Erst nach langer Zeit habe er die gehörige Auskunft erhalten. Das Mädchen sei die Tochter von Josel Süß, von jenem reichen Randar, dem man nachsage, er habe mehr in seinem Vermögen, als er selbst wisse. Der Reichtum liege daselbst aufgespeichert wie ein Haufen Getreide; wohin man blicke, erschaue das Auge, was es freut und ihm wohltut. Das seien noch Leute von altfränkischem Schlage. Die Tochter sei ein einziges Kind, Söhne hätte man keine, und so würde die Tochter nach des Vaters Tode eine Erbschaft antreten, wie sie jedes Judenkind sich wünschen könnte. In halb »Pehm« (Böhmen) 84 könne man herumreisen, bis man einen Josel finde, und ein Mädchen, das seiner Tochter gleichkomme. »Und was braucht er dich dazu?« fragte Perl, deren Neugierde wie ein junges Füllen auf der Weide durchging. Das werde sie sogleich hören, gab Wolf zur Antwort; er habe dieselbe Frage an den Vorsteher gerichtet und lange auf die Entgegenrede warten müssen. Endlich habe dieser ihm anvertraut; so wünschenswert und ein so großes Glück es auch wäre, wenn die Partie zustande käme, so schwer sei es, an sie heranzukommen. Er könne sich denken, von seiner Seite sei nichts im Wege, desto mehr von der »anderen Seite«. Von dem Vater nämlich, dem Randar Josel gehe das Gerede, er hüte sein Kind wie ein Löwe und wolle es nicht herausgeben; er sei überhaupt ein Mensch von der fürchterlichsten Art; so reich er sei, so wild und ungeschlacht sei er, ganz wie die Bauern auf dem Dorfe, mit denen er jahraus jahrein verkehre. Hunderte der schönsten und reichsten Jungen wären bei der Tochter schon auf der Beschau gewesen; keiner hätte etwas ausgerichtet. Wenn sie der Tochter schon gefallen, so hätten sie ihm mißfallen. Das Schönste an der Sache sei aber, wenn man die Leute schon abwiese, so täte man das auf dem Randarhofe nicht, wie es in anderen gesitteten Häusern Manier sei, nämlich mit feinen und delikaten Worten, sondern mit Spott und Schande würden sie aus dem Hause gejagt; man erzählte sich in dieser Hinsicht die merkwürdigsten Dinge. Manchem sei es gar übel schon ergangen; von einigen dieser jungen Leute, die nichts getan, als daß sie auf die Beschau gekommen, gehe sogar die Sage, der Randar habe sie beim »Flügel« genommen und ihnen einen Weg zum Hause hinausgewiesen, auf dem sie schwerlich wieder zurückkommen würden. »Lebendiger Gott!« schrie Perl in wirklicher Angst, »ist das ein Mensch oder ein Wolf?« »Die Leut' halten ihn eher für einen Bären,« meinte Wolf. 85 »Ich versteh' aber noch immer nicht, was der Vorsteher von dir will?« sagte Perl nach einer Weile. »Was kannst du ihm dabei helfen?« Eben jetzt, hieß es dann weiter, komme die eigentliche Sache. Der Vorsteher habe nicht den Mut dazu, oder vielmehr dessen Sohn, der ein feingebildeter und studierter Mensch sei, habe nicht den Mut dazu. Was würde die Welt dazu sagen, wenn es heiße: der Sohn des Vorstehers sei mit Schimpf und Spott aus dem Hause eines halben Bauers gejagt worden. Ob man so etwas riskieren könne? Da sei er, nämlich der Vorsteher, auf den Gedanken gekommen, ob es nicht das Gescheiteste wäre, die Sache früher durch einen klugen Menschen vorzubereiten? Der hätte zum Randar zu gehen, hätte ihm eindringlich vorzustellen, welch ein Glück seine Tochter mache, wenn sie in des Vorstehers Familie käme, kurz, hätte alles zu tun, damit sein Sohn dann nur zu kommen und die Sache in Ordnung zu bringen habe. Dazu scheine ihm nun kein Mensch in der ganzen Welt klüger und gewitzter als er, nämlich Wolf; von keinem erwarte er mehr Gelingen, als von ihm. Wenn er die Sache in die Hand nehme, sei er des Erfolges so gewiß, als hätte man bereits die »Schale« zerbrochen. Er biete ihm für dieses Geschäft von seiner Seite bare 400 Gulden. »Jetzt weiß ich, was der Vorsteher will,« sagte Perl, nachdem ihr Mann geendet, »man hat lang' genug darauf warten müssen. Und was hast du ihm zur Antwort gegeben, Wolf?« »Ich hab' ihm gesagt,« meinte dieser, »ich möchte mir's überlegen. Das war ihm aber nicht recht; wenn ich die Sache in die Hand nehmen wollte, müßte ich mich › stantepe ‹ entschließen. Aufschub sei nicht möglich, Cholemoed sei da, und wer wisse, ob nicht einer schon auf die Beschau gekommen, der glücklicher gewesen, als die anderen? »Gut!« sag' ich 86 drauf, »wenn's bei dem Anbot mit den 400 Gulden bleibt, so will ich's unternehmen, aber ich wüßt' noch etwas Gescheiteres. Ich hab' einen Sohn, wie Sie wissen, sag' ich, der kann mehr als essen; der hat einen Kopf auf sich, da ist der meinige nichts dagegen. Wie, wenn wir ihn hinschickten?« Da hat er gelacht und gesagt: »Sollst leben, Wolf! Du hast da Gottesrecht, denn dein Kobi ist noch ein größerer ›Min‹ als du. Wenn du also willst, so schick' deinen Sohn, der ist zu dem Geschäft wie geschaffen.« Und so sind wir auseinander gegangen, ich und der Vorsteher. Jetzt frag' ich dich, Kobi! Willst du, oder willst du nicht?« Zu unerwartet kam die plötzliche Wendung dieses langen Berichtes, als daß sie nicht eine wahrhaft betäubende Wirkung auf Perl hätte hervorbringen sollen. Weniger war sie bei Kobi sichtbar; dieser saß unbeweglich da, spielte mit dem Messer oder sah dem sprechenden Vater auf die Lippen. Als Wolf nun mit seiner Aufforderung an ihn sich wendete, flog ein rasches Erröten über seine Züge; es schien fast, als wäre er etwas überrascht worden. »Um Gottes willen, du wirst doch das Jüngel nicht zu dem Bären schicken wollen,« schrie nun Perl, die sich einigermaßen erholt hatte. »Er wird ihn nicht aufessen, drauf geb' ich dir mein Wort,« sagte Wolf lustig, »und wenn auch? Um 400 Gulden kann man sich auch ein ›bissele‹ aufessen lassen.« »Und ich geb's nimmer zu,« rief Perl mit großer Entschiedenheit, »daß mein Jüngel zu dem Wolf geht! Das geb' ich nimmer zu!« »Erst ist er bei dir ein Bär, dann ein Wolf! Was wird er noch alles werden!« meinte ihr Mann. »Zu einem so wilden Menschen sein eigen Kind schicken!« wiederholte die sonst so sanfte Perl mit einer Art von Bitterkeit mehrmals, »hat man das schon gehört? Und wenn er ihm einen Fuß zerbricht oder eine Hand, so ein Bär, der 87 er ist, wird dir das der Vorsteher mit all' seinem Gelde ersetzen können?« »Was das betrifft, Mutter,« begann mit einem Male Kobi selbst und lächelte dabei, schlau wie gewöhnlich, »so sei ganz außer Sorgen. Man läßt sich nicht so krumm schlagen, mir nichts, dir nichts. Dazu müssen immer zwei sein. Einer, der sich schlagen läßt, und der andre, der schlägt. Und warum soll man wegen 400 Gulden nicht so etwas Kleines unternehmen? Tut man doch viel Größeres um viel kleineren Gewinn! Und noch dazu macht man sich den Vorsteher zum guten Freund; man kann nicht wissen, wie man ihn einmal brauchen kann.« Eine minutenlange Stille herrschte, nachdem Kobi so gesprochen, in der Stube. »Du willst also wirklich gehen? Kobi, mein Kind, weißt du, was du willst?« rief dann Perl, indem sie die Augen mit angstvollem Erstaunen auf ihren Sohn richtete. »Warum nicht, Mutter?« meinte dieser trocken. »Warum soll ich ein so schönes Geschäft ›auslassen‹? Man verdient nicht sobald ein so schönes Stück Geld.« »Jetzt red' ich nicht mehr,« sagte Perl nach einer langen Pause. »Du mußt das besser wissen als ich.« Perl hatte einen so hohen Begriff von der Weisheit und dem »Kopfe« ihres Kindes, daß sie wirklich von dem Augenblicke an, wo Kobi seinen Entschluß zu gehen in so entschiedenen Ausdrücken aussprach, Mut und Besinnung zurückerhielt. »Da hast du, wie er ist,« sagte Wolf, »für andere will er auf die Beschau gehen und wird die Sache gut zu Ende führen; dahingegen, wenn er für sich selbst gehen soll, bleibt er zu Hause und ist zu still. Ich hab' das gleich im voraus gewußt.« Perl wagte wirklich keinen Widerspruch; sie begnügte sich damit, die beiden Männer über die Art und Weise, wie 88 der Gang zu dem »Bären« ausgeführt werden sollte, beraten zu hören. Sie selbst »drängte« sich mit keinem Worte hinein; aber sie hörte genug, um vollauf Beschäftigung für ihre Seele zu haben. Es war merkwürdig, wie Wolf seinen Sohn belehrte, wie er ihm den Weg zeigte, auf dem er gehen müsse, um an den Randar zu kommen. Diplomaten und andere Leute hätten da lernen können, wie eine so schwere »Mission« zu behandeln sei. Wolf zeigte sich in dieser Unterredung wirklich als den klugen und gewitzten »Min«, wofür er galt; eine solche Fülle von Weisheit hatte selbst Perl nie aus dem Munde ihres Mannes gehört; sie war voll Bewunderung. Leider müssen wir über diese im geheimnisvollsten Geflüster gehaltenen Verhandlungen einen Schleier ziehen, eben weil sie geheim sind . . . Aber das können wir sagen, die Welt würde, wenn sie ihr vor die Augen kämen, mit vollem Rechte Perl beistimmen, die in ihrem Manne einen »großen Mann« sah. »Ja, wenn man's so anfängt,« meinte sie in ihrer Befriedigung, »so muß er's zustande bringen. Und dann? Ist er nicht unser Kind?« In tiefster Stille wurde nun der ganze Angriffsplan zu Ende geführt; nur das eine können wir verraten, daß Wolf eine »Gelegenheit« für morgen frühe bestellen ließ, die draußen vor dem »Ort« auf Kobi warten sollte. Was brauchte die Welt zu wissen, wohin er am Cholemoed fuhr? Wolf verfügte sich sodann zum Vorsteher, um demselben anzuzeigen, daß Kobi die Sendung angenommen. Als die Männer fort waren, überkam es das mütterliche Herz Perls doch wie Furcht und Grauen. Solange ihr Sohn da war, schöpfte sie aus seinen Worten und Blicken Beruhigung. »Lebendiger Gott,« seufzte sie aus der Tiefe ihres Herzens, »wenn der wilde Bär ihm nur nichts tut! Unser einziges Kind! Ich hätte doch nicht zustimmen sollen!« 89 Am andern Morgen zeitlich in der Frühe war Kobi schon vollständig gerüstet, ehe die Eltern noch aufgestanden waren. Er hatte sogar schon »gebetet« und legte gerade die »Teffilin« (die ledernen Gebetriemen) zusammen. Wie nun Perl aus der Schlafkammer heraustrat und des Sohnes ansichtig ward, wußte sie sich vor Staunen und Bewunderung fast nicht zu fassen. So schön hatte sie ihren Sohn noch nie gesehen! Kobi hatte sich nämlich in seinen festtäglichen Anzug geworfen; es war ihr, als stünde ein »Prinz« vor ihr! Jetzt erst wurde sie ganz inne, was er für ein feiner Jung' sei; groß, schlank, wie aus einem Stück gegossen, stand er vor ihr. Es war wunderbar, wie dieser Anblick sie stärkte und ermutigte; sie hatte die halbe Nacht nicht schlafen können, die andere Hälfte in wirren, bösen Träumen zugebracht, worin es ganz fürchterlich zuging. Ein »Bär« mit einem fürchterlich menschlichen Angesicht spielte darin die größte Rolle; auch sah sie zuweilen ihren Kobi auf einem Fuße hinken, bald darauf ging er wieder kerzengrade auf beiden Füßen, aber dafür hatte er nur einen Arm; der andere war ihm wahrscheinlich im Kampfe mit dem Untier abhanden gekommen. Auch Wolf war der Meinung, Kobi sehe wenigstens so gut wie ein »Graf« aus. »Da siehst du wieder, wie er ist,« meinte er, »er könnt' sich nicht schöner anziehen für die eigene Beschau! Man kann gar nicht feiner aussehen, wenn man für sich selbst geht.« Kobi sagte gar nichts, weder zur Bewunderung seiner Mutter, noch zum Vorwurf des Vaters; er bat nur, man möchte eiligst das »Anbeißen« (Frühstück) bereiten, sonst käme er unter die Leute, die zur »Schul« gingen. Als das Anbeißen vorüber war, brach Kobi sogleich auf. Perl war in außerordentlicher Bewegung; sie tat sich Gewalt an, um dem Kinde »das Herz nicht zu erschweren«, wie sie innerlich meinte; aber ihre aufgeregt ängstlichen Züge verrieten gerade das Gegenteil. 90 »Wirst du's aber auch gut ausrichten?« fragte noch zu guter Letzt Wolf, den bei allem Vertrauen zu der Geschicklichkeit Kobis erst jetzt die Furcht, daß er den Schultern des Sohnes eine zu große Last aufgebürdet habe, zu überkommen schien. »Ich denk',« sagte Kobi trocken. Perl wollte nun mit aller Gewalt den Sohn bis vor den Ort hinausbegleiten. Nur mit Mühe vermochte sie Wolf zu bereden, das nicht zu tun. Dann erst wüßte man recht, meinte er, was Kobi vorhabe. »Eines aber versprich mir,« sagte sie zu Kobi mit bebender Stimme, als sie schon in der Haustüre standen, »daß du dich mit ihm nicht weiter einlassest, wenn du siehst, daß mit ihm nichts zu machen ist, und daß du mit ihm nicht aufbegehrst, ihn nicht reizest, sobald du siehst, daß er dir etwas tun will. Versprichst du mir das?« »Ja, Mutter,« sagte Kobi lächelnd, »ich versprech' es dir.« Drauf nahm er kurzen Abschied von den Eltern. Die Mutter legte, nachdem sie ihn geküßt, noch die Hand auf seinen Kopf und »benschte« ihn. »Das kann dir gewiß nicht schaden,« sagte sie. Kobi berührte noch mit der Hand die »Mesuseh« an der Türpfoste und ging dann. Als er schon unter den Nußbäumen stand, wandte er sich noch einmal um, seine Lippen zuckten, es schien, als wollte er noch etwas sprechen. »Hast du was vergessen?« fragte Perl. »Nein, nein,« sagte Kobi mit einem vielbedeutenden Lächeln, das an der Mutter haften blieb, »es hat Zeit, bis ich zurückkomme!« Perl sah dem dahinwandelnden Sohne so lange nach, bis er ihren Augen entschwunden war. Traurig kehrte sie in das Haus zurück. »Einziger Gott!« seufzte sie vor sich hin, »behüt und beschütz ihn. Ich hätt' ihn vielleicht doch nicht von mir 91 lassen sollen! Das einzige Kind, was uns Gott beschert hat, und das man wie den Augapfel behüten sollt' – und jetzt geht es, man kann gar nicht wissen, wohin? Und wie es ihm ergehen wird. Hätt' ich's nur nicht zugegeben! Aber leider Gottes! so sind wir unglücklichen Weiber! Es kann uns so ein Mann, wenn der seinen Kopf aufsetzt, umblasen! Zu so einem Tiger und Elefanten ihn zu schicken! So auszusetzen sein eigen Blut und Fleisch! Wenn er ihm nur nichts tut! Wenn er ihm nur nichts tut!« »Narrele,« tröstete sie Wolf, »dem geschieht nichts, und wenn er müßt' . . . geradezu auf einen Turm hinaufsteigen.« Verabredetermaßen fand Kobi die bestellte »Gelegenheit« draußen vor dem »Ort« auf ihn warten. Er stieg rasch ein; ohne Aufschub ging es fort. Die dichte Leinwand, die über den Wagen gespannt war, entzog ihn den Blicken der Vorüberkommenden, entzog das sinnende Gedankenleben, das sich bald in einem versteckten Lächeln, bald in der zusammengezogenen Lippe aussprach, jedem forschenden Auge. Wie könnten wir es erraten? Das beste ist, wir denken nicht lange nach, und folgen dem Brautwerber für des Vorstehers Sohn, gleiten ihm nach und klammern uns an ihn, wie an den Körper der Schatten! Gleich zu Anfang der Fahrt nahm sich Kobi vor, den ihm vom Vater vorgeschriebenen Angriffsplan in etwas abzuändern. Wie ein kühner General wollte er selbständig handeln, wenn auch im ganzen den Befehlen des Feldherrn getreu. Vater Wolf hatte ihm vorgeschrieben, geradezu auf den Randarhof loszugehen, oder eigentlich, er hatte das selbstverständlich, ohne davon zu sprechen, so gemeint. Bei reiflicher Überlegung fand jedoch Kobi, es sei besser, den Feind nicht in der »Fronte«, sondern auf den »Flügeln« anzugreifen, nicht auf gradem Wege, sondern auf Umwegen. Kannte er denn diesen Feind so vollständig? 92 Aus der Schilderung seines Vaters hatte Kobi nur ein ganz unbestimmtes Bild entnommen; wenn aber der Angriff rasch und kräftig geführt werden sollte, so mußte er alle Schwächen und Stärken des Feindes kennen, mußte wissen, ob man ihn rechts oder links, bei seinem Kopfe oder bei seinem Herzen fassen sollte. »Er wird doch nicht gar so ein Unmensch sein,« beriet er in sich selbst, »daß man ihm von keiner Seite zukann? Ich hör's ja immer sagen, wie jeder Mensch einen ›Zipf‹ hat, daran man ihn halten und niederwerfen kann. Sollte der Randar nicht auch so einen ›Zipf‹ haben?« Man sieht, Kobi wäre zu einem General nicht grade unpassend gewesen; er verstand sich nicht schlecht auf die Regeln der Kriegskunst. Sobald er mit sich einig geworden, lag auch der ganze Plan fertig vor ihm. Kobi schloß nämlich mit Recht, daß, je enger der Kreis um den Randarhof wurde, desto genauer und zuverlässiger mußten auch die Berichte über denselben werden; je weiter aber, desto toller und verwirrter. Er ließ daher in der nächsten Gemeinde halten, und die »Gelegenheit« in ein Wirtshaus einstellen; er selbst ging zu Fuß in die »Gasse«, wo er ein oft gesehener Gast war. Er aber hielt sich nicht lange auf, stand wohl jedem Rede und Antwort, aber nicht zu viel; er wußte, daß er hier in einem besonders bekannten Hause die beste Auskunft erhalten werde. In dieses Haus trat er; Kobi hatte es besonders ausersehen, weil es eines von jenen Häusern war, wo man über alles belehrt werden konnte: über einen Sack Wolle so gut, wie über den guten oder schlechten Ruf der Leute auf zehn Meilen im Umkreis. Man schrie vor Verwunderung auf, als man ihn, den man immer von der »Geschäftskleidung« her kannte, plötzlich so festtäglich, in so außerordentlichem Aufputz vor sich stehen sah. »S'Gotts willkum',« ertönte es von allen Seiten, »haben gewiß heute etwas vor?« 93 »Wenn Sie nichts dagegen haben,« meinte Kobi bescheiden, »so sag' ich: ja.« »Sich doch also besonnen!« hieß es dann weiter in jenem höhnisch-lustigen Tone, den man bei solchen Gelegenheiten am liebsten anstimmt. »Und wo soll ›sie‹ denn sein? Kann man's wissen?« »Warum nicht,« meinte Kobi, »da und da.« Er nannte eine benachbarte Gemeinde, hütete sich aber wohl, Namen oder Stand der Beschau zu nennen. Daß er den Randarhof nicht nannte, läßt sich denken. Die Leute, die zum Glück nicht unbescheiden sein wollten, drängten nicht weiter und begnügten sich mit dieser Auskunft. Nachdem Kobi sich auf diese Weise den Rücken gesichert hatte, wußte er durch eine geschickte Drehung auf den Randar zu kommen, ohne daß eine lebende Seele in der Stube auch nur leise geahnt hätte, dahinter liege etwas mehr. Er habe ein »Geschäft« mit ihm vor, eigentlich nicht er, sondern ein anderer, in dessen Namen er es vollbringen solle; sie würden aber wissen, wie sehr es »einen« erleichtere, wenn man sofort denjenigen kenne, mit dem man es zu tun habe. Er bitte sie daher, ihm mitzuteilen, was sie in dieser Hinsicht wüßten; den Dank sollten sie im voraus dafür nehmen. Lebendiger Gott im Himmel! Was mußte Kobi da für Dinge vernehmen! Er glaubte in ein Wespennest gestochen zu haben, so wild und ungezügelt flogen ihm die üblen Nachreden um die Ohren. »Vor dem,« hieß es, »solle er sich in acht nehmen, der sei imstande, wenn er bemerke, daß man ihn um zwei Kreuzer Wertes ›überhalten‹ wolle, fuchswild zu werden und einem Arm und Beine zu zerschlagen. Es sei ihm dann jeder gleich, ob reich, oder arm, ob Jud' oder Christ; wenn der ›anfange‹, solle einen Gott behüten!« Zum abschreckenden Beispiel wurden noch einige wahrhaft schaudervolle Geschichten zum besten gegeben, aus denen allen die Lehre hervorging: man solle sich mit ihm in nichts 94 einlassen. Dem einen hatte er das Haus verboten für immer, weil er ihn bei einem Sack Haber um einen Kreuzer übervorteilt, den andern, der zu seiner Tochter auf die Beschau gekommen, habe er schimpflich zum Hause hinausgejagt, weil er beim Eintritt die »Mesusah« zu küssen vergessen, auf einen dritten hätte er sogar die Hunde hetzen lassen, weil er bei Tisch einen Fehler im »Benschen« (Tischsegen) begangen. Eines müsse man ihm aber doch nachsagen, was wahr sei: Wenn man den Randar in einer günstigen Zeit treffe und ihn zu behandeln wisse, so lasse sich ganz gut mit ihm auskommen, dann sei er die gute Stund' selber, wie ein ganz gewöhnlicher Mensch, und »ließe sich um den Finger herumwickeln«. Kobi war mit dieser Auskunft nicht unzufrieden; sie war ihm reichlicher geflossen, als er selbst gehofft hatte. Unter einem Vorwande machte er sich los, dankte, aber nicht so, daß irgendwie ein herzlicher Ton hätte aufmerksam machen können, daß man ihm eine große Verbindlichkeit bewiesen, und empfahl sich dann. Mit der »Gelegenheit« fuhr er hierauf weiter, aber schon im zweiten Dorfe, durch das er kam, ließ er wieder halten; daselbst wohnte ein armer »Bestandmann«, von dem er zuweilen im Vorbeigehen, mehr aus Mitleid als aus wirklichem Bedürfnisse manches kaufte. Der Bestandmann kam weit herum, und Kobi schloß mit Recht, auch hier müsse er Bericht erhalten. Die nämlichen Bewillkommnungen, dieselben Ausrufe der Verwunderung, dieselben Fragen, wohin die »Beschau« sich richte, tönten ihm auch hier entgegen. Kobi beantwortete sie ganz in der nämlichen Weise, wie er dies kurz vorher getan hatte; er machte kein Hehl daraus, daß er wirklich »etwas« vorhabe, und wußte auch hier den Bestandmann so herumzuführen, daß dieser ohne die leiseste Ahnung mit einem Male im Randarhof stand und von dem zu reden und zu schnurren anfing, als wäre er eigens dafür bezahlt worden! 95 »Der sei,« hieß es, »der größte ›Grobian‹, der auf Gottes Erdboden existiere, sage den Leuten unaufgefordert Wahrheiten ins Gesicht, die sie lieber nicht hören möchten, geniere sich vor keinem Menschen, mache sich auch nichts aus Gott und der Welt. Damit wolle er aber nicht sagen, daß es im Randarhof etwa ›unjüdisch‹ zugehe: im Gegenteil, weit und breit, in halb Böhmen gäbe es kein so frommes Haus. Aber ein Grobian und ein Flegel sei er doch wie kein zweiter lebe; man müsse sich außerordentlich in acht nehmen, um ihn nicht zu erzürnen. Er selbst, der Bestandmann nämlich, habe mit ihm ein ›Stückl‹ vorgehabt, an das er sein Lebetag denken würde. Er habe einmal eine gute Partie Wolle von einem Bauern kaufen können, aber das Geld habe ihm dazu gefehlt! Da habe er gedacht: in der Nähe wohne Rebb Josel Süß, der Randar, dem's auf sechzig oder achtzig Gulden nicht ankomme, bei dem wolle er es versuchen. Wie der ihn aber angeschnauzt habe, das solle seinem größten Feinde nicht zukommen. Er wolle ihm das Geld in längstens drei Tagen wieder zurückbringen, habe er ihm in aller Demut und Bescheidenheit versprochen; er aber, der Randar nämlich, habe ihn fast nicht einmal ausreden lassen, geschrien und gelärmt mit ihm, als hätte er sein sämtliches Hab und Gut begehrt. »Meinst du, Jud',« habe er gesagt, »ich hab' mein Geld nur für dich? Ich hätte mit meinem Geld nur Schnorrer zu füttern? Und weiß ich nicht, daß ich mit deinen drei Tagen bis auf den letzten Pilsner Markt warten müßt'?« »In dieser Stunde,« hieß es dann weiter, »hab' er ausgestanden, um alle Sünden abzubüßen, er hätte an Leib und Leben gezittert. Zuletzt sei die Tochter dazugekommen, auf die er große Stücke halte, und da sei er plötzlich ein ganz anderer geworden. Ob er sich vor dem Mädchen 96 geschämt, oder ob Gott eine bessere Laune über ihn geschickt hatte, könne er nicht angeben. Er sei aber über den Schreibtisch gegangen und habe ihm ohne ein weiteres Wort das Geld hingeworfen. Zuletzt habe er noch zu Tisch bleiben müssen. An den Tag werde er aber noch auf seinem Sterbebette denken.« So erzählte der Bestandmann. Auch mit dieser Auskunft war Kobi zufrieden und dankte herzlich dafür. Wenn er es genau betrachtete, so lautete der Bericht, den er jetzt erhalten, doch ganz anders, als den er in der ersten Gemeinde empfangen. Der Randar hatte also bei all' seiner Wildheit und Grobheit doch einen »Zipf« – seine Tochter? Noch in der dritten Gemeinde, der nächsten zum Randarhof, stellte sich Kobi ein; er wollte sichergehen. Mußte man da den Mann nicht am besten kennen? beriet er wieder in sich, wo man ihn öfter zu sehen bekam; wohin er doch gewiß an Sabbat und Feiertagen in die »Schul« kam? Auch in dieser dritten Gemeinde, deren Einwohner aus hier unberührten Ursachen die »Spöttler« hießen, fand Kobi bald Leute, die ihn nicht lange im Dunkeln ließen. Nachdem Kobi das übliche Kreuzfeuer der Fragen und Antworten glücklich überstanden hatte, gebrauchte er die nämliche Taktik, um zu seinem eigentlichen Zwecke zu gelangen. Auch hier, wo es zumeist der größten Kunst bedurfte, denn die »Spöttler« hatten feine Nasen, blieb er vollkommener Meister des Feldes. »Zu dem ›Bauer‹ wollen Sie gehen?« hieß es mit mitleidig aufgeworfener Lippe, »mit dem ein Geschäft machen? Ist denn das ein Mensch, wie jeder andere, der Art und Sitte hat? Das ist so ein › Sprostak ‹, der nur mit seinesgleichen umzugehen versteht. Bauern sind ihm seine liebste Gesellschaft, mit einem ›ordentlichen‹ Menschen hält er es gar nicht aus. Schad' ist um seine Tochter, die verdient 97 etwas Besseres, als jahraus jahrein unter Bauern und Bäuerinnen ihr Leben zuzubringen. Wenn nur die schon aus dem Hause und versorgt wäre! Aber der ›Sprostak‹ wartet gewiß darauf, bis er ihr wieder einen Bauer geben kann, der nichts anderes kann, als mit ihm einen ›Franzefuß‹ spielen, oder sich darauf versteht, wieviel ›Stein‹ ein Ochs wiegt.« Kobi war es sich sehr wohl bewußt, in welchen Abstufungen und Abweichungen das Lob des Randars bisher an sein Ohr geklungen. Von einem »Bären« und »Unmenschen« an, als den ihn sein Vater geschildert, bis herab auf den »Sprostak«, der »Franzefuß« mit sich spielen ließ, wieviel der merkwürdigsten Farben und Lichter gab es da nicht! All das zusammengenommen bewirkte aber für einen Augenblick, daß ihn ein Schwindel überfiel; es verwirrte ihn mehr, als es ihn aufhellte. Nachdem er so viel über eine und dieselbe Person hatte hören müssen, Dinge, von denen wir nicht den hundertsten Teil erzählen konnten, kam es ihm bisweilen vor, als wisse er eigentlich noch gar nichts über den Randar! Ja, wir müssen es offen gestehen, es überflog ihn einmal ein Gefühl von Furcht und Grauen; sein Unternehmen stieg dann vor ihm in fabelhaft großen Umrissen auf: es erschien ihm als ein Wagnis, dem vielleicht alle seine Kräfte nicht gewachsen seien! Zum Glücke dauerte diese böse Anwandlung nicht lange. In Kobis Wesen lag etwas, was federgleich aufsprang, wenn es auch eine Zeitlang gedrückt worden; wir meinen sein frischer Mut. Er erholte sich auch bald von dieser Betäubung, und als er aus der Gemeinde der »Spöttler« wieder fortfuhr, war auch jede Spur des beengenden Gefühles verschwunden. Der einzige Gedanke: »Was möcht' mein Vater sagen, der mich klüger hält, als sich selbst,« verscheuchte wie ein reinigendes Gewitter die bösen Dünste der Entmutigung. Es war der Abend niedergesunken, als Kobi in des 98 Randars Dorf einfuhr. Schon aus der Ferne erkannte er das Haus an der breiten behäbigen Fronte, die es gegen die Gasse bildete; es war eine Art Palast gegen die anderen Bauernhäuser, wie denn die alten Randarhöfe stets ein gewisses vornehmes Wesen an sich trugen. Jetzt begann in Kobis Brust sich wieder eine Beängstigung zu regen, die sein Herz pochen machte; lag doch das Lager des »Feindes« vor ihm! Dem Kutscher befahl er langsam an dem Hause vorzufahren, dann aber sogleich herabzuspringen und die Pferde auszuschirren. Pünktlich wurde der Befehl ausgeführt; die »Gelegenheit« schob sich langsam vorwärts, endlich stand sie. In demselben Augenblicke trat aus dem Hause eine große vierschrötige Gestalt heraus, der man auf tausend Schritte den Randar angesehen hätte. Der Mann hatte ein wahres Löwenangesicht, kühne grau gefärbte Augenbrauen hingen ihm dräuend herab, während noch zum Überfluß ein breiter grauer Backenbart seine starkknochigen Züge umrahmte. Wenn man ihn ansah, mußte man denken, so hätte Simson »der Held« ausgesehen, wenn der nicht so frühe seiner Haare beraubt worden wäre. Der Mann war überdies in Hemdärmeln und hatte über die Schulter ein blaues Schnupftuch geworfen, was ihn merkwürdigerweise viel größer und furchtbarer erscheinen ließ. Kobi sprang rasch auf der Gelegenheit . . . er stand vor dem Feind! »Guten Abend, Rebb Josel,« rief er laut, aber doch nicht unbescheiden. »Ich bin doch bei Rebb Josel Süß?« »Den guten Abend zurück,« tönte es aus dem Munde des Mannes, aber so gewaltig und tief, daß Kobi um zwei Schritte zurückwich. »Was willst und begehrst du, Jüngel?« Diese Anrede machte auf Kobi einen eigentümlich bewältigenden Eindruck. Daß ihn der Mann mit »per du« und mit »Jüngel« ansprechen würde, hatte er nicht erwartet. Aber zugleich überkam ihn einer jener wunderbaren 99 Gedankengriffe, die den Menschen oft in äußerster Gefahr an der Seele fassen und sie stille stehen und die Augen weit zu öffnen heißen! Blitzschnell sah er ein, wie hier nur Entschiedenheit, ein festes und sicheres Wesen, ein furchtloses Auftreten etwas vermögen; er fühlte, mit dem Manne müsse man wie ein Ebenbürtiger verkehren, Stirn gegen Stirn, und vor allem es nicht durchblicken lassen, daß man sich vor ihm »fürchte«. »Ich hätt' ein Geschäft mit Ihnen, Rebb Josel,« sagte Kobi mit sicherer Stimme, »wenn Sie nämlich Lust dazu haben.« »Am Cholemoed mach' ich kein Geschäft,« sagte der Mann kurz, aber scharf betont, »komm nach Jontef (Feiertag), Jüngel.« »Solange werd' ich kaum warten können,« meinte Kobi mit Freimut. »Ich gehöre zu den Leuten, die nicht gern etwas aufschieben. Lieber etwas heute, als morgen gar nichts.« »Hast du auch die Maxim', Jüngelchen?« rief der Randar, aber mit einer Stimme, die wie das Geschmetter einer Trompete klang. Kobi war wahrhaft erschrocken. Hatte er etwas gesagt, was dem Randar mißfiel? Oder lag in diesen Donnerworten eine gewisse Billigung? Dennoch faßte er sich sogleich; er hielt es für das beste, in dem angeklungenen Tone fortzufahren. »Ja, das ist meine Maxim',« sagte Kobi mutig, aber keineswegs altklug, »und ich hab' immer gefunden, daß man sich dabei am besten steht.« Der Randar sprach darauf kein Wort; aber dafür kam hinter den buschigen Augenbrauen ein Blick hervor, so prüfend und zersetzend, daß ein anderer zehnmal in einem Atemzuge die Augen würde niedergeschlagen haben. Aber Kobi hielt ihn aus, trotzdem ihn dabei eine grimmige Eiskälte durchrieselte. 100 »Wenn das deine Maxim' auch ist, Jüngel, so kann von einem Geschäft schon die Rede sein,« sagte der Randar nach diesem Blicke, der nicht zu Kobis Ungunsten ausgefallen sein mochte; denn die Stimme klang jetzt bei weitem nicht mehr so grauenhaft; sie schien wie geölt. Kobi wollte auch bemerkt haben, daß eine Art Lächeln dabei über die harten Züge flog; alles das gab ihm höheren Mut, er fühlte, wie es ihm wieder warm wurde in den Adern. »Spann aus!« rief Kobi dem Kutscher zu, der, dieses Befehles gewärtig, währenddem die Hälfte dieser Arbeit bereits vollführt hatte. »Was soll's?« meinte der Randar, aber durchaus nicht unfreundlich. »Sind wir denn mit dem Geschäft nicht bald fertig? Es wird nicht soviel dran sein?« »Das können Sie nicht wissen, Rebb Josel,« sagte Kobi, »einer, der sichergehen will, muß sich zu einem Geschäft Zeit nehmen. Ich lass' daher ausspannen; die Pferde sind ohnehin heut' schon sechs Meilen gelaufen. Wieder fiel ein Blick unter den Augenbrauen des Randars auf Kobis ganzes Wesen; es mochte dem bärenhaft starken Manne sonderbar vorkommen, wie so ein »Jüngel« den Mut haben konnte, in dieser Weise mit ihm zu sprechen. »Meinetwegen,« sagte er darauf, »aber jetzt mach, daß du hereinkommst.« Das war für Kobi ein Zeichen voll guter Bedeutung; wenigstens legte er es sich so aus. Dennoch folgte er nicht sogleich der Einladung des Randars, wie ein anderer wohl eiligst getan hätte. Er blieb stehen. »Nun, warum kommst du nicht?« rief der Randar plötzlich, als er dies merkte, barsch und grob. »Soll man dir das zweimal sagen?« »Ich geh' nicht, Rebb Josel,« sagte Kobi mit großer Festigkeit, »und wenn ich Tausende an Ihnen zu verdienen 101 hätte. Ich bin in dem Hause hier nicht aufgenommen worden, wie ein Jud' den andern aufnehmen soll.« »Wie meinst du das, Jüngel?« rief der Randar mit der ganzen Fülle seiner schreckhaften Stimme. »Bin ich etwa kein Jud'?« »Verzeihen Sie mir, Rebb Josel, und nehmen Sie mir's nicht übel,« meinte Kobi, ohne im mindesten erschrocken aufzusehen, »ich bin's vom Hause aus gewohnt: Wenn ich in ein Judenhaus komme, so gibt man mir einen ›Scholem Alechem‹ (Friedensgruß).« Da drang aus der breiten Brust des Randars etwas heraus, was man ferne grollendem Donner hätte vergleichen können; es dauerte eine geraume Weile, bis es den Weg aus den tiefsten Tiefen des gewaltigen Körpers herausgefunden, und als Lachen zum Munde hervorquoll. »Meinst du das?« rief er übermächtig, »ich habe nicht geglaubt, Jüngel, daß du auch darauf etwas hältst. Meinetwegen also! Da hast du meinen ›Scholem Alechem‹.« Er trat damit Kobi entgegen und streckte ihm die übergroße Hand entgegen. »Alechem Scholem,« sagte Kobi freudig und schlug in die dargereichte Hand ein. Das war ein Händedruck. Manche Leute hätten zwar gesagt, so könne nur ein grober »Sprostak« drücken; für Kobi war er aber in diesem Augenblicke unbezahlbar. Der Händedruck, so mußte er sich's innerlich sagen, den hatte er sich verdient! Er hätte dafür vieles nicht gegeben, daß er gerade so und nicht anders ausgefallen. »Und jetzt komm und setz ab,« sagte der Randar und ging ihm voraus ins Haus. Das ließ sich jetzt Kobi freilich nicht zweimal sagen. Er folgte dem riesigen Manne, der ihn durch ein großes Vorhaus führte, das von oben bis unten mit Getreidesäcken vollgestopft war, bis sie an die eigentlichen Wohnzimmer 102 kamen. Ehe sie eintraten, hatte Kobi schon die Stelle erspäht, wo an der Türpfoste, mit einem gläsernen Fensterchen versehen, die »Mesusah« glänzte, und sie mit der Hand berührt, die er dann andächtig zum Munde führte. Wieder fiel der Blick des Randars auf ihn; er fühlte die drohenden Augen auf sich ruhen, aber der Blick brannte nicht mehr, jagte ihm auch keine Eiskälte ein; er war fast milde. Die erste Stube, durch die er mit dem Randar kam, war die »Schenkstube«. Neben trinkenden Bauern fand er allerlei hergewandertes »Schnorrervolk«, wie es jeder Abend aus allen vier Weltenden in den Randarhof zusammenwehte, Männer, Weiber und Kinder. Es waren das grauenhafte, vom Schmutze des Elends und des Weges verwitterte Gestalten, die da zur Nachtherberge versammelt waren. Dennoch nahm Kobi keinen Austand, trat auf jeden der Männer zu, sie mit einem herzlichen »Scholem Alechem« begrüßend, und das alles mit jener gewinnenden Freundlichkeit, die in dem »Schnorrer« nur den ärmeren Mitbruder sah. Rebb Josel sah diesem Tun mit einer Art Erstaunen zu; es mochte ihm noch nicht vorgekommen sein, daß sich ein »feines Jüngel« so mit dem Schnorrervolke »herstelle«. Die stark gehämmerten Züge seines Antlitzes nahmen dabei einen eigentümlich beobachtenden Ausdruck an. In der eigentlichen Wohnstube angekommen, sagte der Randar: »Jetzt setz dich, Jüngel, und laß uns von deinem Geschäft reden. Ist etwas daran zu verdienen?« »Je nachdem . . .« sagte Kobi, »wenn's nicht für beide von Vorteil sein könnte, wär's dann ein Geschäft?« Das sprach Kobi übrigens nicht mit dem bisher behaupteten Mute. Daß der Randar wirklich das Geschäft verhandeln wollte, erschien ihm keineswegs als ein gutes Zeichen. »Da hast du wieder recht,« lachte der Randar. »Zu 103 einem Geschäfte gehören zwei: einer, der gewinnt und der andre, der gewinnen läßt.« »Wie aber, wenn alle zwei gewinnen?« entgegnete Kobi wieder beherzter. »Das versteh' ich nicht, das ist mir zu hoch,« sagte der Randar grob. »Mit mir, Jüngel, mußt du deutsch reden.« »Verzeihen Sie, Rebb Josel,« meinte Kobi bescheiden, »wenn ich Ihnen heute darüber keine Auskunft geben kann; morgen aber, wenn das Geschäft vorüber, will ich es Ihnen gleich sagen.« Dem Randar schien diese Ausflucht einzuleuchten; er brach von dem berührten Gegenstande ab. »Es wird heut' zu spät sein, vom Geschäft zu reden,« meinte er sodann. »Wenn du willst, kannst du hier bleiben über Nacht, Jüngel, es soll dir und dem Kutscher an nichts fehlen. Das Pferd werd' ich in den Stall führen lassen.« »Ich nehm's mit Dank an,« sagte Kobi bestimmt, »ich glaub' selbst, es ist besser, wir lassen das Geschäft bis morgen ruhen; über Nacht kann man vieles ausschlafen.« Sein Herz schlug nach diesen Worten wieder freier; er hatte nun das Recht, die Erlaubnis, hier zu bleiben. Ohne daß ihm der Feind den geringsten Widerstand entgegensetzte, hatte er sich mitten im Lande festgesetzt. »Wird er dich von hier vertreiben können?« fragte er sich. »Hast du Hunger, Jüngel?« fragte ihn hierauf der Randar. »Ich komm' heute schon weit her, und in die ›Garküchen‹, wo ich durchgekommen bin, hab' ich nicht gehen wollen,« meinte Kobi, der in diesem Augenblick wohl wußte, warum er dieses sagte. »Warum nicht, Jüngel?« rief der Randar wieder mit seiner schreckhaften Stimme, aber zugleich mit einem gewissen lauernden Blick hinter den Augenbrauen. »Warum nicht? Kochen dir die Garküchen vielleicht nicht gut genug? Bist du vielleicht an ›auswärtige‹ Kost gewöhnt?« 104 Kobi verstand den Randar recht gut, was dieser unter »auswärtiger« Kost meinte. »Ich will die Kost und jene nicht,« sagte er mit dem wahrsten Ausdrucke in Stimme und Gebärde, »mir ist am liebsten, wenn ich zu Hause mein Essen haben kann. Darüber geht nichts, und dann kostet es auch nicht so viel.« Dem Randar mochte diese Antwort nicht mißfallen haben: seine Stimme stieg wieder von den tiefen Tönen der Grobheit zu den etwas höhern seiner gewöhnlichen Barschheit hinauf. »Zu essen sollst du bekommen, Jüngel,« sagte er, »daß du genug hast, und schmecken soll's dir auch, wie ich hoffen will, denn es ist alles von meiner Tochter gekocht.« So sehr Kobi bis zu diesem Augenblick als Meister des Schlachtfeldes sich behauptet hatte, so verlor er beinahe durch die einzige Nennung der Tochter alle bisher errungenen Vorteile, ein Umstand, der, wie dies die Kriegsgeschichte aller Zeiten dartut, auch bei den größten Feldherren aller Jahrhunderte sich findet. »Ihre Tochter, Rebb Josel, kocht?« rief er unüberlegt heftig, in einem Tone, der zu dem bisher eingehaltenen in zu lautem Gegensatze stand, als daß er nicht hätte auffallen sollen. »Was hast du, Jüngel?« fragte der Randar, »kommt dir das so sonderbar vor, daß ein Mädchen kocht?« Kobi hatte wieder die alte Fassung errungen; er hatte sich nur in einem unbewachten Augenblick weiter fortreißen lassen in das Schlachtgewühl, als es die Klugheit erlaubte. »Sonderbar kommt es mir nicht vor,« meinte Kobi ruhig, »weil es sich von selbst versteht; aber doch ist es mir wie ein Wunder. Wissen Sie, Rebb Josel, wie es unsere Mädchen in den Gemeinden jetzt anfangen mit dem Kochen? Vier Wochen vor der Hochzeit läßt man aus Prag sich ein dickes Kochbuch bringen, und nun werden sie von der Mutter 105 in die Küche hinausgenommen – und dann werden sie für ausgelernte Köchinnen ausgegeben. Wenn dann der Bräutigam zufällig kommt, so findet er sie mit dem Kochlöffel in der Hand, oder das Gesicht eingerußt. Haben da unsere Weisen nicht recht, daß sie einem Manne erlauben, sich von seinem Weibe zu scheiden, wenn sie ihm eine ›angebrinzelte‹ Suppe auf den Tisch setzt?« »Sagen das wirklich unsere Weisen?« rief der Randar und lachte dabei so überlaut, daß der Lehnstuhl unter ihm Zuckungen bekam. »Es steht im Talmud,« beteuerte Kobi. Der Randar lachte noch unbändiger. »Da sieht man,« rief er, »welche Köpfe sie vor alten Zeiten auf sich gehabt haben. Sie haben schon damals nicht gern eine ›angebrinzelte‹ Suppe gegessen; darum haben sie das angeordnet. Nun, Jüngel, meine Tochter wird dir nichts Angebrinzeltes auf den Tisch setzen, da drauf kannst du dich verlassen.« »Mir?« klang es fragend in Kobis Innern. »Was meint er damit?« Aber er hatte nicht Zeit, diesen Gedankenfaden weiter fortzuspinnen. »Du sollst das gleich sehen,« sagte der Randar. »Mirl,« rief er mit Donnerstimme, »komm 'n bissel herein, Mirl!« Gleich darauf öffnete sich eine Tür, und auf der Schwelle erschien ein Mädchen, schön und groß, von der Glut des Feuers lieblich gerötet, wie Kobi nie eines gesehen. Alles Blut sprang ihm vom Herzen zum Kopfe, sein Gesicht mußte selbst in die tiefste Röte getaucht sein; die Augen brannten ihm. Einen solchen Anblick hatte er nicht erwartet! »Mirl,« sagte der Randar, »koch uns etwas, wir wollen bald essen. Das Jüngel da ist unser Gast, und bleibt auch über Nacht da. Aber laß dich nicht beschämen; das Jüngel da kommt aus einer Gemeinde, wo die Mädchen, wenn sie kochen wollen, ein Kochbuch aus Prag müssen holen lassen. 106 Da nimm dich also in acht, denn er wird's besser gewöhnt sein, als wir Bauern.« »Ja, Vater,« sagte Mirl mit wohlklingender Stimme, die wunderbar an Kobis Herz griff; »das Essen ist auch bald fertig, du weißt, ich koch' immer etwas mehr für etwaige Gäste.« Damit wandte sie sich ab; im Fortgehen glitt ein flüchtiger Blick über Kobi. Erriet sie, wer er war? Was er wollte? . . . Als das Mädchen sich entfernt hatte, entstand eine gefährliche Stille zwischen den beiden Männern. Kobi wäre es unmöglich gewesen, in diesem Augenblicke einen Laut hervorzubringen, so ungestüm pochte sein Herz, so unbändig wogte der Strom seines Blutes. Alle Geister der Jugend waren über ihn gekommen, jene starken, bezwingenden Mächte, die zwischen vier Menschenaugen ihr luftiges Reich aufgeschlagen haben; die, was sie einmal ergriffen, entweder himmelhoch tragen oder in bodenlose Tiefen schleudern, die kein Senkblei noch ergründet hat. »Wie gefällt dir mein Mädel? Was sagst du zu ihr?« fragte plötzlich der Randar. Diese Frage verwirrte Kobi noch mehr; mühsam rang er nach Fassung, aber die tiefe Röte, in der sein Gesicht brannte, von dort verbannen, vermochte er doch nicht. »Was soll ich sagen, Herr Randar?« meinte er stotternd. »Wenn ich sagen möchte; sie ist das schönste und lieblichste Mädchen, was ich in meinem Leben zu sehen bekommen habe, möchten Sie mir es glauben? Oder schickt es sich, daß ich es sage?« »Sag's nur geradezu heraus« rief der Randar stark, »ich weiß am besten, was an meiner Tochter ist.« »So sag' ich,« rief Kobi mit vor Innigkeit bebendem Tone, unter dem sein ganzes Wesen erzitterte, »daß Gott es mit dem sehr gut meinen muß, dem er sie als Weib beschert.« 107 Das Wort war gesprochen; über Verstellung und Kunst hatte es siegreich sein Banner gepflanzt; wie ein Bergstrom, den ein plötzliches Hochgewitter schwellt, kam es dahergerauscht, und achtete nicht des bis nun so sorgfältig Gehegten und Gepflegten. Jede Reue kam nun zu spät; Kobi empfand das in dem nämlichen Augenblicke. Gott der Lebendige wußte, welche Verwüstung das wilde Bergwasser angerichtet, – dennoch hätte Kobi es nicht unausgesprochen gewünscht. Furchtsam blickte er nach dem Randar hin, um an dessen Zügen zu sehen, wie das Wort gewirkt hatte . . . Zu seinem höchsten Erstaunen bemerkte er aber, wie dort eine merkwürdige Veränderung vorgegangen; es spielte ein Lächeln und Behagen zwischen diesen geschmiedeten Muskeln, die sie milde, wie von Sonnenlicht bestrahlt, erscheinen ließ. »So wahr ich Josel Süß heiße,« sagte der Randar mit mühsam erzwungener Stärke, »du hast recht, Jüngel! Wer die kriegt, bekommt ein Weib! Mehr sage ich nicht; es ist nicht meine Sach', über ein Kind viel zu reden . . . Aber das kann ich dir sagen: Seit mein Weib tot ist, hab' ich keine Minute gefühlt, daß sie mir fehlt. Sie füllt jeden Winkel im Haus mit Leben aus. Oft hat's mir den Sinn durchfahren, daß sie kein Jüngel geworden ist, daß ich doch jemanden gehabt hätte, dem ich den großen Hof hätte übergeben können. Aber sie ist mir doch tausendmal lieber als fünfzig Knaben . . . sie sitzt mir im Herzen und macht mir Freude, wie nichts in der Welt . . . Gott soll sie mir behalten!« Gleich darauf, als hätte er sich zu viel erniedrigt, indem er sein starkes Wesen unter dem Eindrucke der väterlichen Zärtlichkeit Einbuße hatte leiden lassen, meinte er mit seinem gewöhnlichen Tone: »Wie steht der Haber bei dir zu Hause?« Kobi konnte nicht sogleich antworten, so bewegt hatte ihn die Rede des harten Mannes, der als »Bär«. »Wolf« 108 und »Unmensch« in den Erzählungen der Gemeinden spukte. Hätte sich die Mutter noch gefürchtet, mußte er innerlich sich fragen, mich zu ihm zu schicken, wenn sie ihn so reden gehört hätte? Aber gut war es doch, daß der Randar dem Gespräch eine so kühle Wendung gab. »Nun, Jüngel?« fragte er noch einmal, »wie steht bei dir der Haber zu Hause?« »Vier Gulden dreizehn Groschen, Herr Randar,« beeilte sich Kobi zu sagen. »Nicht höher?« »Am letzten Wochenmarkt,« teilte Kobi noch mit, »hat man so viel, als man will, um diesen Preis haben können.« »Verstehst du dich auf Haber, Jüngel?« fragte der Randar fast verwundert. »Es ist zwar nicht mein Geschäft,« meinte Kobi, »aber man kann nicht wissen, wie einem so etwas einmal unter die Hände kommt. Dann möchte ich nicht gern in ein Unglück geraten.« »Du scheinst vielerlei Sachen zu verstehen, Jüngel,« sagte nach einer Weile der Randar mit einem so bedeutsamen und feinen Lächeln, wie es die Spöttler dem »Sprostak« nicht zugetraut hätten. In Kobi aber drängten sich, seitdem er den verhängnisvollen Ausspruch getan, Geister auf Geister, die nach Erlösung schrien; es überkam ihn eine Art von Ermüdung, da zu sitzen und mit dem Randar über den Preis des Habers zu schwatzen, während er doch nicht wußte, ob sie grade, um derentwillen er das Wagnis unternommen, einverstanden damit sei, daß er bleiben, daß er wagen dürfe? Denn wie trefflich der »Min« es bisher verstanden haben mag, die geheimsten Absichten seiner Mission vor uns, ja vor sich selbst in Dunkel zu hüllen, jetzt, das fühlte er, war der Augenblick gekommen, der seine kühnen Entwürfe entweder der zerstörenden Lächerlichkeit des Nichterfolgs oder dem glücklichsten 109 Gelingen anheimgeben mußte. Ein Vater, fuhr es ihm blitzschnell durch den Sinn, der seine Tochter so hoch stellt, werde doch nicht seinen eigenen Willen als allein maßgebend ihr aufdrängen, wenn es sich darum handle, ihre Lebenszukunft festzustellen? Werde er nicht auch auf die Stimme seines Kindes horchen? Wenn sie nun nicht wollte? Eisige Schauer erfaßten ihn; er mußte nach der Stirne greifen, sie war kalt. Wohin hatte er sich begeben? In welches verwegene Spiel sich eingelassen? Er, der Sohn Wolf Mins, wollte die einzige Tochter des steinreichen Randars – –? Doch dieselben Geister, die ihn bisher geleitet, diese starkgemuten Geister bannten ebenso schnell, als sie gekommen, ihre Feinde, die bange Furcht und die zagende Entmutigung aus seiner Seele. Der Min war sich es klar bewußt, daß er sein Haupt über dem Wasser halten müsse. Zu viel hing davon ab, ob er ausharrte oder beschämt davonschlich! Wenn sie nun nicht wollte? Darüber mußte Kobi bald Licht haben, das mußte noch vor dem Essen entschieden sein. Unter dem Vorwande, nach seinem Kutscher sehen zu müssen, ging er hinaus. Das flackernde Licht, das über den Hausflur fiel, zeigte ihm den Weg zur Küche; ein flüchtiger Blick hatte ihn belehrt, daß die, die er suche, darin sei. Rasch trat er hinein und auf das erschrockene Mädchen zu. »Verzeihe mir,« sagte er in fliegenden Worten, aber voll Innigkeit und Wahrheit, »wenn ich dir vielleicht ungelegen komm'. Deinetwegen bin ich da, deinetwegen bin ich gekommen. Sieh mich an und sage mir dann: darf ich bleiben und mit deinem Vater reden? Oder soll ich gehen? Wenn ich gehen soll, sag mir es gleich, ich möchte nicht zwei Minuten länger leben und nicht wissen, was entweder mein Glück für ewig machen wird, oder mir sehr leid, sehr wehe tun möchte.« 110 So sprach Kobi, und indem er diese Worte mehr flüsterte als betonte, war dabei sein ganzes Wesen von jenem Schimmer innerster Neigung überglüht, die mächtiger das Herz ergreift, als die feurigsten Schwüre. Das mußte das liebliche Mädchen auch fühlen in diesem Augenblicke; seine Blicke flogen in holder Verwirrung umher, bis sie an dem Jünglinge haften blieben, der zu ihr sprach, wie noch keiner gesprochen. »Hab' ich dich beleidigt?« fuhr Kobi in demselben Tone fort, »so will ich gehen. Aber ich denke, das kann kein Mädchen beleidigen, wenn ein Mann um sie wirbt. Sag, darf ich bleiben?« »Ich kann nichts sagen, wenn's mein Vater nicht erlaubt!« stotterte Mirl und wagte es, dem jungen Manne dabei in die Augen zu sehen. »Du siehst ja, dein Vater selbst heißt mich hier bleiben . . .« sagte Kobi, »aber wenn du es nicht zugibst, was hab' ich dann davon? Und wenn er hundertmal sagt: Nimm sie« und du willst nicht, meinst du, ich möcht' nur einen Finger nach dir ausstrecken?« »Mein Vater ist schon so oft betrogen worden,« meinte Mirl verlegen, »daß ich glaub'!« »Daß ich ihn auch betrügen werde? . . .« ergänzte Kobi, »du kannst das nicht glauben; Mädchen! . . . So lieb mir mein Vater und meine Mutter sind, du darfst das von mir nicht glauben. Ich weiß, was du deinem Vater bist; meinst du, wenn ich nicht überzeugt wäre, wir zwei zusammen könnten ihn noch glücklicher machen, ich würde mich unterstehen, so mit dir zu reden?« Mirl richtete sich hoch auf nach diesen Worten; Tränen glänzten in ihren Augen, mit bebender Stimme sagte sie: »Kann man sich wirklich auf dich verlassen?« »Ich schwör' nicht,« sprach Kobi innig, »aber glaub mir.« »So bleib!« sagte sie leise, fast unvernehmbar. 111 Unwillkürlich suchten und fanden sich zwei Hände und konnten fast nicht voneinander lassen. Kobi aber ließ zuerst ab . . . Als er wieder in die Wohnstube kam, fand er den Randar, den Kopf in die Hand gestützt, wie in tiefes Nachsinnen versenkt. Er fuhr auf: »Nun, ist dein Kutscher versorgt?« fragte er. »Ganz gut, Rebb Josel,« entgegnete Kobi, »dem Pferd schmeckt Ihr Haber außerordentlich gut.« »Das glaub' ich,« meinte der Randar mit einem gewissen Stolze, »mein Haber ist auch gut.« Die Zeit bis zum Essen verstrich unter mannigfaltigen Gesprächen. Der Randar kam mit keinem Worte auf das Geschäft zu reden; dennoch handelte es sich dabei um nichts anderes, als was Bezug hatte auf Handel und Wandel. Es war eine Art Prüfung, die der Randar mit ihm anstellte, und außerordentlich gelehrte Männer mit großen Bibliotheken im Kopfe, woraus sie auf ein Quentchen auszurechnen wissen, wieviel Fleisch, Milch und Brot auf eine arme Menschenseele kommen, wenn ihr das Glück beschert ist, sich dieser Dinge erfreuen zu dürfen, hätten dabei Gelegenheit gehabt, die Fülle von Kenntnissen aus allen Zweigen der Landwirtschaft, der »Nationalökonomie«, ja sogar der Statistik zu bewundern, die die beiden entwickelten. Vom eisernen Nagel, der unbeachtet auf der Gasse lag, bis hinauf zu dem Sack Wolle, der auf dem Schiff nach England hinüberschwamm, vom Hasenhäutchen an, das der Hausierer mühsam den Händen des Waldhegers entrang, bis zum Runkelrübenzucker, der in Tausenden von Fässern in den Prager Fabriksniederlagen aufgespeichert lag, wußten die beiden Bescheid. Kobi zeigte sich als einen offenen Kopf, der mit hellen Augen sich in der Welt umgesehen, viel beobachtet und noch mehr in sich bewahrt hatte, wenn es auch nicht im Zusammenhange mit seinem Geschäfte stand. 112 Der Randar sprach kein Wort des Lobes, aber Kobi hörte es ihm an, daß ihn seine Antworten befriedigt haben mußten. Diese Prüfung dauerte bis zum Essen. Mirl kam und deckte auf den Tisch ein schneeweißes Linnen, stellte darauf drei Teller und Eßgeräte und brachte zu guter Letzt noch einen mächtigen Krug Bier. Dabei folgte Kobi jeder ihrer Bewegungen; es lag in jeder ein besonderer Reiz, oder wie es unübersetzbar in der Sprache des Ghettos heißt: ein »Tam«, wie er ihn noch nie gesehen. Das Essen war reichlich und gut, und Kobi, den Liebesqual und Mühe hungrig gemacht hatten, ließ ihm auch alle Gerechtigkeit widerfahren. Er lobte die Speisen nicht, weil dieses Lob vielleicht zu auffallend geklungen hätte, aber er bewies es durch die Tat, was er von Mirls Küche hielt. Er ließ sich auch nicht »zwingen«, aß seinen Teller rein ab, und sprach auch dem Biere zu. »Das ist schön von dir,« sagte der Randar einmal, den der frische Appetit seines Gastes offenbar freute, »daß du keinen ›Derech Erez‹ Leute, die auf die »Beschau« kommen, lassen gewöhnlich einen Teil der Speisen auf dem Teller zurück, vielleicht, um nicht den Schein großer Eßlust auf sich zu laden. Man nennt dies »Derech Erez« (Landessitte). auf deinem Teller zurücklassest. Wenn der Mensch hungrig ist, soll er sich nicht schämen und soll essen. Ein Mädchen ist was anderes; die wird von der ganzen Welt gemustert und muß darauf sehen, daß sie für keine Esserin gilt. Denn das könnt' ihr einmal schaden. Warum soll sich aber der Mann genieren?« Zufällig blickte Kobi auf Mirls Teller; die Speise war beinahe unberührt, und das Mädchen errötete in diesem Augenblicke unbegreiflich stark. Als abgespeist war, sagte der Randar zu Mirl: »Ruf jetzt einen von den ›Schnorrern‹ herein.« 113 Kobi verstand, was dieser Ruf bedeutete. Der Randar wollte ihn einer neuen Prüfung unterwerfen, wahrscheinlich ihn mit dem »Benschen« (Tischsegen) beehren; denn, da sie nur zwei Männer waren, gehörte wenigstens noch ein dritter hinzu, um »Mesumen benschen«, d. h. in Gesellschaft laut beten zu können. Kobi hatte das Rechte getroffen. Als der Schnorrer gekommen, sagte der Randar: »Jetzt bensch, Jüngel.« Kobi schenkte erst dem Randar, dann dem Schnorrer und sich selbst das Glas mit Bier voll, und indem er es aufhob und sich dabei leicht gegen den Randar verneigte, rief er mit lauter Stimme in der heiligen Sprache Zions: »Mit Erlaubnis des verehrten Hausherrn: Gelobt sei, von dem wir Speise erhalten!« Mit kräftigem Tone wiederholten die zwei anderen das: Gelobt sei, von dem wir Speise erhalten, worauf Kobi mit lauter Stimme den langen Tischsegen so rund und geläufig hersagte, daß auch nicht eine Silbe »überschluppert« schien. Kein Landrabbiner hätte mit mehr Weihe und Kraft von Anfang bis zum Ende das langatmige Gebet zustande gebracht. Zum Schlusse erhob Kobi noch einmal das Glas, und indem er die vorgeschriebene Segensformel darüber sprach, nippte er davon und verbeugte sich dann nochmals gegen den Randar, dem er mit einem: »Zur Kraft« dankte. Als Kobi hierauf nach Mirl blickte, fand er ihr liebes Antlitz von Freude strahlend; er hatte also »gut« gebenscht? Nachdem Mirl wieder abgeräumt hatte, meinte der Randar, der sich weit und breit in seinem Lehnstuhle streckte, indem er mühsam das Gähnen unterdrückte: »Was machen wir jetzt bis zum Schlafengehen? Kannst du einen ›Franzefuß‹ spielen, Jüngel? Du verstehst dich ja auf alles.« 114 Kobi besann sich einen Augenblick, ob er auf diese kitzlige Frage mit Ja oder Nein antworten solle; aber ebenso rasch sagte er darauf: »Wenn man mich grade benötigt, lass' ich mich auch zu einem ›Franzefuß‹ gebrauchen.« »Gut, Jüngel,« meinte der Randar, der sich zurechtsetzte, »wir wollen sehen, was du kannst.« Mirl brachte Karten und Kreide. Der Randar ergriff das »Pasch« Karten, blätterte sie mit kunstgeübter Hand durch und »gab« dann aus; auf Kobi waren merkwürdigerweise lauter schlechte Blätter gefallen. Ehe das Spiel nun begann, griff der Randar in seine Hosentasche und legte einen silbernen Zwanziger neben sich, Kobi griff ebenfalls nach Geld, brachte aber nur einen kupfernen »Scheinkreuzer« heraus, den er gleichfalls in bescheidener Ferne auf den Tisch fallen ließ. »Was soll das?« rief der Randar mit dem ganzen Ungestüm seiner derben Natur, »meinst du, ich bin ein Schnorrer, daß ich mit dir um einen Kreuzer spielen werde? Du spielst mit Josel Süß, Jüngel! Verstehst du das?« »Und ich spiel' um nicht höher,« sagte Kobi entschieden. »Das können Sie tun, Rebb Josel, ich tu's nicht.« »Ich spiel' aber nicht um einen lumpigen Kreuzer,« schrie der Randar zornig. »Zwingt Sie denn einer, Rebb Josel?« meinte Kobi lächelnd. Der Randar murmelte etwas zwischen den Zähnen, was Kobi entging, dann ergriff er die Kartenblätter und sagte in einem ruhigeren Tone: »Fang an, Jüngel. Ich will dir zu Gefallen deinen Kreuzer wie einen Zwanziger ansehen. Spiel aus!« Kobi verstand sich vom väterlichen Hause aus vortrefflich auf dieses in den Gassen des Ghettos besonders beliebte Spiel, er konnte jetzt den Meister zeigen! Ohnehin waren 115 ihm »schlechte« Karten zugefallen . . . wie leicht konnte er da seine Geschicklichkeit, ja seinen Verstand glänzen lassen! Wenn er aber gewann, beleidigte er damit nicht seinen Gastherrn? Gebot es nicht schon die Artigkeit, daß er den Randar gewinnen ließ? Wer aber stand ihm dafür, daß der Randar mit seinen scharfen Augen ihn nicht durchblicken würde, Heuchelei, Gefallsucht und dergleichen dahinter sehen könnte? Dennoch entschloß sich Kobi für das letztere; er wollte den Randar gewinnen lassen. Von zweien, die miteinander spielen, kam er innerlich zum Schluß, will jeder gewinnen und freut sich, selbst wenn ihm nur ein kupferner Kreuzer zufällt. Sollte der Randar anders geartet sein? Kobi wandte nun die Kriegslist an, daß er sich trotz der schlechten Karten anfangs als Meister des Spieles bewies; bald darauf ließ er die Flügel hängen, machte auffällige Fehler und zog sich eine Niederlage zu, die er wohl vermeiden konnte. Als er beim Umblättern der Karten zufällig nach Mirl sah, bemerkte er einen Zug sorgenvoller Traurigkeit auf ihrem Antlitze; unmerklich, aber nur ihm verständlich, glaubte er sie ihm zuwinkend gesehen haben. Was wollte sie? Um Gottes willen! Hatte er irgend einen Fehler begangen, vor dem sie ihn warnte? Welchen? Er sah schärfer nach ihr hin; die Traurigkeit war noch nicht verschwunden, sie winkte ihm aufs neue! Nun wußte er es deutlich und klar. Beim zweiten Spiel beschenkte ihn das Geschick mit besseren Karten; allem Anscheine nach konnte er nun so leicht gewinnen, wie man die Hand umdrehte; dennoch beschloß er bei der einmal angenommenen Kriegslist zu verharren, nämlich sich selbst zu schlagen. Der Randar sollte nicht meinen, sein Herz klammere sich an einen Zwanziger. Diesmal beging er noch auffälligere Fehler; der Randar war auch kein Kind im Spiele und benützte jede Blöße Kobis mit geübtem Scharfblicke. Wieder sah Kobi nach geendigtem 116 Spiele nach Mirls Angesicht. Jener Zug der Traurigkeit lag noch immer darauf, es kam ihm sogar vor, als ob sie ihn mitleidig anblickte . . . Sie winkte nicht mehr. Lebendiger Gott! Was hatte er begangen? Er war sich doch keines Fehlers bewußt! Verwirrt, mit Schwindel im Kopfe, dunkel vor den Augen, begann er das dritte Spiel. Kobi spielte wieder schlecht; mitten darin sah er zu Mirl hinan; nun bemerkte er gar Tränen in ihren Augen. Zugleich fühlte er, wie unter dem Tische sein rechter Fuß leise, fast zu leise berührt war. Er sah noch einmal nach ihr hin; tiefes Erröten zog blitzschnell über das holde Gesicht, um gleich darauf dem traurigen Zuge wieder Raum zu gönnen. Nun trat Todesschweiß auf Kobis Stirne, das Blut gerann ihm in den Adern. Was wollte sie? Wovor warnte sie ihn? Denn das empfand er im Tiefsten seiner Seele – sie warnte ihn! Etwa, daß er den Vater gewinnen ließ? Konnte das ein solches Vergehen in ihren Augen sein? Zum ersten Male im Leben ratlos bemächtigte sich seiner ein verzweifelndes Gefühl, immer düsterer zog es vor seinen Augen auf. Nacht umgab ihn, aus der nur Mirls holde Schönheit wie ein Stern glänzte. Aber ohne es zu wollen, hatte er während dieses Zustandes einige Meisterwürfe getan; erstaunt bemerkte er, daß das Spiel zu seinen Gunsten sich umgestaltet hatte. Als er jetzt wieder nach Mirl sah, war jener Zug verschwunden, ein mildfreudiges Lächeln strahlte über ihr ganzes Wesen. Meinte sie es so? jubelte es stürmisch in der angstbefreiten Brust Kobis. Nun sollte sie mit ihm zufrieden sein, der Randar inne werden, daß er einen wirklichen Meister vor sich hatte. Kobi fühlte sich neugestärkt. In den darauffolgenden Spielen zeigte sich die neue Kriegsweise Kobis in ihrer ganzen Macht und Bedeutung; mit den besten Karten konnte der Randar nicht gegen ihn aufkommen. Zwanziger aus Zwanziger lagerten sich zur 117 Seite Kobis hin, wie Siegesbeute aus blutiger Schlacht davongetragen, aber Kobi hütete sich sehr, durch irgend eine freudige Miene die Regungen seines Inneren zu verraten. Sein Leitstern blieb Mirls Angesicht, es leuchtete noch immer der lächelnde Zug darüber; mit jedem neuen Siege verschönerte es sich, und kein Wunder wäre es gewesen, wenn Kobi in banger Verwirrung in neue Fehler gefallen wäre. Endlich nach dem siebenten Spiele warf der Randar mit einer hastigen Bewegung die Karten zusammen und sagte mit breitem Gähnen: »Jetzt ist genug gespielt; du hast mich ohnehin schon zum Bettler gemacht, Jüngel. Gehen wir schlafen.« Kobi schob das gewonnene Geld zusammen und stand auf; er bemerkte wohl, daß ihn der Randar dabei fixierte. Aber er tat das Geld nicht in die Tasche, er behielt es in der Hand und ging damit gradezu auf die Tür, die in die Schenkstube führte. »Wohin willst du?« rief ihm der Randar nach. Kobi öffnete, ohne zu antworten, die Tür und rief mit lauter Stimme in die Schenkstube hinein: »Ist einer von den Gästen noch auf? Der komme her.« Alsbald kamen aus den Winkeln der finsteren Stube, wo sie ihr Nachtlager aufgeschlagen hatten, allerlei nächtige Gestalten herbeigeschlichen, furchtbar anzusehen in ihren nicht weniger als schönen Trachten, und stellten sich an der Tür auf. »Was wollen Sie, gnädigster, bester Herr?« meinte einer in kläglich-schläfrigem Tone. »Da,« sagte Kobi, indem er einem das Geld gab, »verteilt das unter euch, aber friedlich und ehrlich. Hört Ihr?« Da hätte man das Heulen und Kreischen der so reich Beschenkten hören sollen! Es war, als ob hungrige Wölfe mitten im Winter auf Beute gestoßen wären, die sie nun in Gemeinschaft verzehrten. 118 Als Kobi sich wieder umwendete, stand ihm der Randar mit furchtbar drohendem Angesicht gegenüber. Kobi erbebte. »Was hast du mit meinem Gelde getan?« fragte er mit der alten schreckhaften Stimme. Wieder sah Kobi auf Mirl, die neben ihrem Vater stand und, wunderbar! noch immer dasselbe strahlende Lächeln auf ihren Lippen trug. Das gab ihm wieder neuen Mut. »Ich hab's weggegeben an arme Leute, Rebb Josel, die's besser brauchen können, wie Sie und ich,« sagte Kobi mit ruhig entschiedenem Tone. »Weißt du, daß du ihnen fünf silberne Zwanziger geschenkt hast!« fuhr der Randar fort. »Darf ein Geschäftsmann so verschwenden? Liegt's in deinem Vermögen, so viel an arme Leute auszugeben?« »Mit Spielgeld,« meinte Kobi und richtete seine Augen fest auf den Randar, »mach' ich's niemals anders, das behalt' ich nicht bei mir; ich möcht' glauben, es brennt mir die Tasche durch.« »Ist das auch eine von deinen Maximen?« sagte der Randar schneidend kurz. »Ja, Herr Randar!« entgegnete Kobi, »und sie wird's auch bleiben.« Der Randar fand, wie es schien, keine passende Gegenrede darauf; plötzlich wandte er sich zu seiner Tochter um: »Mirl,« sagte er, »zeig dem Jüngel, wo er schlafen kann. Morgen wollen wir von seinem Geschäft reden. Gute Nacht.« »Gute Nacht, Herr Randar,« rief ihm Kobi nach. Mirl zeigte ihm ein schon offenes Bett, das in der angrenzenden Wohnstube stand. Im Fortgehen bestrahlte ihn noch einmal das milde Lächeln ihres Antlitzes; es war, als ließe es eine gute Botschaft, ein Beseligendes zurück für die Träume der Nacht, die zwischen jetzt und dem kommenden Morgen als Brücke lag. 119 Kobi ging noch einige Zeit sinnend in der großen Wohnstube auf und nieder; er überdachte den heutigen Tag. Konnte er damit zufrieden sein? Zweifel und Hoffnungen wogten gleichmäßig durch sein Herz, bald sank die Schale der einen, bald die der andern. Ruhe war es nicht, die in sein Gemüt kam. Kaum hatte er sich entkleidet, als es leise an der Türe pochte. »Bist du noch auf?« ertönte von draußen die Stimme des Randars. »Ja, Herr Randar!« Der Randar trat herein, er war noch in seiner Tagkleidung, in der Hand hielt er ein brennendes Licht. »Ich hab' nur etwas sehen wollen,« sagte er, indem er die volle Flamme des Lichtes auf Kobi fallen ließ. »Jetzt ist's in der Ordnung! Schlaf gut.« Matt und zerschlagen erwachte Kobi am andern Morgen aus qualvollem Schlafe; der Schlummer hatte ihn nicht erquickt. Über Nacht war das ganze Heer böser Zweifel und Entmutigungen über ihn gekommen und hatte arge Verwüstung angerichtet. So nahe dem entscheidenden Augenblicke fühlte er sich schwach und abgehetzt; er fühlte, den heutigen Tag könne er nicht so bestehen, wie er den gestrigen bestanden hatte. Wie sollte das enden? Dann nahm er die Tefillin (Gebetriemen) zur Hand und begann sein Morgengebet. Anfangs war seine Seele nicht dabei; gedankenlos fielen die schönen heiligen Worte Zions aus seinem Munde. Dann aber überströmte es ihn plötzlich wie lauterste Frömmigkeit, wie wahres Gebet; innig klang jetzt die geweihte Sprache Gottes, lauter und immer lauter quollen ihm die heiligen Worte hervor . . . Er empfand 120 es in der Seele, wie er Gott um etwas Großes zu bitten habe – nämlich um Mirl. Grade als er geendigt und im Begriffe stand, die Tefillin wieder zusammenzulegen, trat der Randar herein. »Gut geschlafen, Jüngel?« fragte er derb. »Wie man zum ersten Male in einem fremden Bette schläft,« meinte Kobi, der keine Unwahrheit sagen wollte. Über die breiten Züge des Randars schlich eine Art höhnischen Lachens. »Heut' Nacht wirst du schon ruhiger schlafen,« sprach der Randar in einem Tone, von dem Kobi nicht wußte, sollte er ihn für spöttisch oder verheißend halten? Gleich darauf brachte Mirl das »Anbeißen«; und wie jedem Liebhaber, kam auch ihm das Mädchen heute viel tausend Mal schöner vor als gestern. Kobi suchte nach einem Lächeln auf ihrem Gesichte, nach irgend einem verheißenden Muskelspiele – aber er meinte eher Traurigkeit auf demselben zu sehen. Sie wagte es nicht einmal nach ihm zu blicken. Als das Frühstück vorüber war, entfernte sich Mirl, die zwei Männer blieben allein. »Nun, Jüngel,« sagte der Randar nach einer Weile, indem er sein blaues Taschentuch, seiner Gewohnheit gemäß, wie eine mächtige Fahne entfaltete und über seine linke Schulter warf, »wollen wir jetzt von dem Geschäft reden?« Auf Kobis Stirn trat bei diesem Beginn kalter Todesschweiß; krampfhaft hatte sich seine Kehle zusammengezogen, krampfhaft umfaßte seine Hand nach rückwärts die Lehne des Stuhles, als fürchte er, irgend ein schreckliches Naturereignis könne ihn von da herunterschleudern und dem bodenlosen Nichts überantworten. »Mein Geschäft? Herr Randar?« lallte er tonlos. Dann setzte er verzweifelnd hinzu: »Ich hab' ja kein Geschäft.« »Du hast kein Geschäft mit mir vor?« schrie der Randar 121 mit gewaltiger Heftigkeit, und die blaue Fahne auf seinen Schultern schien sich riesig zu entfalten, als stünde eine gewaltige Schlacht bevor, »hast mich also gefoppt, Jüngel?« »Ich hab' eins gehabt,« stotterte Kobi, »aber . . .« »Du hast sehen wollen, ob ich dir entgegenkomme, Jüngel!« rief der Randar. Kobi schüttelte düster verneinend den Kopf. Da schlug der Randar eine Lache auf, so gewaltig und erschütternd, daß sie an der Stubendecke widerhallte. Kobi schlug erschrocken die Augen zu ihm auf. »Meinst du,« rief er unter Lachen, »mein Jüngelleben, ich weiß nicht, was dich für ein Geschäft zu mir geführt hat? Meinst du, Josel Süß, der Randar, ist ein Kind von zwei Jahren, dem man den Finger in den Mund steckt, damit es beißt? Zu meiner Tochter bist du gekommen.« »Wenn Sie's also wissen, Herr Randar,« sagte Kobi mit kläglicher Stimme, »so lachen Sie mich wenigstens nicht aus; ich will auch gleich aus Ihrem Haus!« »Wirst du gleich schweigen?« gebot der Randar noch immer unter heftigem Lachen, »meinst du denn, ich laß dich fort, bis ich mein Geschäft mit dir abgemacht habe?« »Allmächtiger Gott im Himmel!« rief Kobi im Übermaß seines Entzückens, indem er aufsprang, »Sie wollen wirklich, Rebb Josel?« Was er sagen wollte, vermochte er nicht fortzusetzen, alles Blut war ihm nach dem Kopfe geströmt. »Hör mich an, Jüngel,« sagte der Randar, mit einem Male wieder ernst werdend. »Schon gestern abend, wie du aus dem Wagen gestiegen bist, hab' ich gewußt: der kommt zu meiner Mirl. Ich bin dir entgegengetreten wie ein Bär und hab' dich angeschnauzt wie ein Wolf, du aber hast dich nicht gefürchtet, und das hat mir zuerst besonders an dir gefallen. Sag's selbst, bin ich dir nicht wie ein Bär, oder wie ein ander wild' Tier vorgekommen?« 122 »Fein waren Sie gerade nicht, Herr Randar,« sagte Kobi nun seinerseits verlegen lachend. »Ich hab' mir gleich gedacht: wenn das Jüngel auch in andern Stücken so wär', hätt' ich dann für meine Mirl zu sorgen? Du kannst sie nicht zählen, die alle schon da waren, um mein Kind zu sehen, mein goldig Mädel! Oft waren's feine junge Leut', sind wie die Prinzen hergekommen, haben groß getan und die Flausenmacher gespielt; wenn ich ihnen aber hineingesehen habe in den Hals, ich mein' in ihr inwendiges Wesen, da hab' ich lauter Schmutz und Unkraut gefunden. Die Leut' hätten mir meine Mirl aus dem Haus forttragen sollen? Eher hätt' ich mich selbst in das Grab neben mein gut Weib gelegt. Einer hat dir ganz vergessen, daß er in einem frommen Judenhaus ist, hat gar nicht gewußt, daß es eine ›Mesusah‹ in der Welt gibt, ein anderer hat nicht einmal ›benschen‹ können. Noch ein dritter hat mir wie ein Spieler von Profession mein Geld abgewonnen; ein vierter hat nicht gewußt einen Sack Wolle von einem Hasenhäutchen zu unterscheiden, ein fünfter endlich, der hat wieder zu viel gewußt, und hat mich belehren wollen, wie ich dies und jenes in meinem Geschäft anzufangen hätte, als wenn ich ein viermonatlich Kind und er ein Greis von achtundsiebzig Jahren wäre. Ich werd' nicht fertig bis in die Nacht hinein, wenn ich dir alles wollt' erzählen. Da bin ich manchmal fuchswild geworden, hab' mich nicht geniert, und hab' diesen Leuten Wahrheiten gesagt, an die sie ihr Lebtag denken werden. Du aber hast mir von Anfang an gefallen, ich muß dir's ins Gesicht sagen. Nur hab' ich gezittert, daß auch du nicht bestehen wirst. Ich sag' dir: wärst du nicht bestanden, Jüngel, ich hätte meine Tochter eine alte Jungfer werden lassen.« Der Randar hielt inne. Kobi wagte es kaum zu atmen. »Ich hab' aber bald gesehen,« fuhr der Randar mit unterdrückter Weichheit des Gefühles fort, »daß du der Mann 123 bist, wie ich ihn für mein Kind brauche. Du bist ein guter Geschäftsmann, kennst dich aus in der Welt und hast offene Augen, die mehr wert sind, als Geld und Gut. Du bist mir auf Nichts eine Antwort schuldig geblieben. Gute Geschäftsleut' waren die zwar auch, die zu mir gekommen, aber wie ich dir erzählte, der eine hat bald den, bald jenen Fehler an sich gehabt. Du bist auch kein Spieler von Profession und bist kein Heuchler. Du hättest mich können gewinnen lassen, und hast's doch nicht getan. Was mir aber besonders an dir gefallen, das ist dein gesetzt Wesen, und daß du ein Jud' bist. Es gibt Leute, denen ist gerade das nicht recht; die lassen manches krumm sein, nur wenn man kein Jud' ist. Dazu gehör' ich nicht . . . Mein Kind braucht ein jüdisch Herz, ein fromm Gemüt, und das hast du. Dein ›Benschen‹ und ›Tefillinlegen‹ geht mir nicht aus dem Kopf. Und selbst in der Nacht, wie ich zu dir gekommen bin, hast du dein › Arbeh Kanfes ‹ umgehabt. Jetzt frag' ich dich nur eins: Willst du meine Mirl? Oder willst du sie nicht?« »Herr Randar, Herr Randar!« schrie Kobi stürmisch. »Sie fragen mich noch? Aber Sie wissen ja noch gar nicht, wer ich bin?« »Hab' ich dich schon gefragt darum?« sagte der Randar ernst, »oder brauch' ich's selbst zu wissen? Meinst du, ich kenn' dich nicht? Und wenn du eines Schulklopfers Sohn wärst, so zieh' ich mein Wort auch nicht zurück. Willst du's aber durchaus sagen, so hab' ich auch nichts dagegen; nur mußt du's dann meiner Tochter sagen. Währenddem hatte sich die Zimmertüre leise geöffnet; auf der Schwelle erschien Mirl, das Gesicht von Tränen überströmt; aber durch die Tränen glänzte wieder dasselbe siegreiche Lächeln, das ihm gestern als Leitstern gedient hatte. »Was meinst du denn, mein Kind,« fragte der Randar 124 voll Innigkeit. »Du hast mir ja gesagt, daß du den, oder keinen andern willst! Ist es vielleicht nicht wahr? . . .« Unhörbar, auf leisen Socken wollen wir an dem Glücke vorüberhuschen, das in dem Randarhof zwei Menschen einander zuführte, die sich sonst einander niemals gefunden hätten. Solche Momente dürfen mit langen Reden nicht »beschrien«, sie müssen schweigend hingenommen werden! . . . Kobi begriff das vollkommen; er sprach nicht von seinem Glücke; er genoß es in den wenigen Stunden, die er noch auf dem Randarhof verweilte! Gehen wir vorüber! * * * Eine »Gelegenheit« rollt in später Nacht durch die Gasse; vor dem Hause mit den drei Nußbäumen davor hält sie; in der Stube brennt noch Licht. Vater und Mutter warten noch des heimkehrenden Sohnes; die letztere in aller Pein und Qual eines besorgten Gemütes. Kobi stieg aus: ein Freudenschrei ertönte aus der Stube. »Bist du nur gesund und wohlauf, mein Kind?« fragt Perl, die den Sohn ängstlich nach allen Seiten belugte, nach den ersten Umarmungen. »Hat er dir nichts getan?« »Ganz gesund und wohlauf, Mutter,« antwortete Kobi lächelnd, »es fehlt auch nicht ein Nägele an mir.« »Und unser Geschäft?« fragte Wolf. »Ganz gut ausgefallen, Vater,« entgegnete Kobi. »Ich hab' mir's auch gedacht,« meinte Rebb Wolf mit väterlichem Stolz, »da ich dich geschickt habe!« Da ging Kobi grade, als es sich keiner versah, zum Paradekasten, worauf in fast militärischer Ordnung schöne Porzellanteller und Kaffeeschalen, die noch aus den Zeiten von Perls hundertundzehn Jahre alt gewordener Großmutter herstammten, und nahm die schönste der goldgeränderten 125 Schalen. Mit einem Male schleuderte er sie mit aller Kraft auf den Boden, daß sie in hundert kleine Scherben zertrümmert ward. Perl schrie laut auf vor Schreck. »Lebendiger Gott!« rief sie, »was machst du, Kobi? meine schönste Schal'!« . . . Da sah sie Kobi lächelnd an in ihrem Schrecken und sagte nach einer Weile: »Mutter! hast du mir nicht, wie ich noch ein kleines Kind war, immer gesagt, du hebst die Schale für mich auf? Möchtest du sie denn nicht für deinen Sohn hergeben, wenn er dir eine Schwiegertochter mitbringt?« Sprachlos starrten ihn die Eltern an. »Um Gottes willen,« rief dann Perl, »du bist doch nicht . . .« »Ja, Mutter,« sagte Kobi, »ich bin Bräutigam, wenn ihr nämlich beide nichts dagegen habt.« »Mit wem denn?« kam es aus einem Munde. »Mit des Randars Tochter!« »Und des Vorstehers Sohn?« »An den hab' ich gar nie gedacht!« Kobi gab erst später seinen Eltern die Geschichte seiner Brautwerbung, aber nur in den allgemeinsten Umrissen. Das Wichtigste verschwieg er, das behielt er dankbar in sich, nämlich, daß alle Verstellung und Kunst nichts vermocht hatten vor dem zündenden Strahl der Liebe, vor der Wahrheit Gottes! Natürlich machte die Verbindung Kobis mit der Tochter des Randars »ungeheueres« Aufsehen; es ward davon gesprochen als von dem größten Ereignisse, das seit Jahren stattgefunden. Merkwürdigerweise wunderte man sich nicht darüber, man hatte so etwas von dem »Min« erwartet! Der Vorsteher fand es, wie begreiflich, nicht in seinem Interesse, den Leuten die Geschichte mitzuteilen, wie er selbst 126 die Leiter zu Kobis Erhöhung gewesen. Dennoch kam sie weit und breit herum erst als stilles Geflüster, dann allmählich als große Lärmtrommel, die durch halb Böhmen in allen Ohren dröhnte. Der Randar hat sich in Kobi nicht getäuscht. Der Segen ruhte sichtbar auf der Ehe des »Mins«. Franzefuß. Das schönste Haus in der Gasse, das so vornehm und stattlich vor den anderen Häusern sich herausdrängt und dennoch mit den großen, hellen Fenstern so traulich niederblickt, heißt allgemein das »Kartenhaus«. Wer es nicht kennt, sondern davon nur sagen hörte, wird vielleicht meinen, es sei lose und lustig gebaut, wie eines jener papierenen Häuschen aus Kartenmauern, die der leiseste Hauch des Mundes umbläst, daß die Trümmer weithin in regelloser Unordnung den Tisch bedecken. Denen wollen wir nur sagen, daß das Haus ein mit so ehrenhaft dicken und redlichen Mauern ausgestattetes ist, daß es selbst in Jericho vor dem schrecklichen Posaunenschalle nicht erschrocken wäre. Andere, die klüger und gewitziger sind, werden wieder raten, es habe einmal ein Kartenmaler darin gewohnt, was uns aber nur ein mitleidiges Lächeln entlocken würde. Ein Kartenmaler! Was sollte, fragen wir, solch eine »Profession« in der Gasse? Ist das ein Handwerk, das sein tägliches Brot abwirft, davon man seine Steuern, die »direkten« sowohl als die »indirekten«, bezahlen kann? Dennoch hat es seinen Grund, warum das Haus so und nicht anders heißt. Es ist nämlich wirklich auf eine Karte gebaut worden . . . aber weiter dürfen wir nicht mehr vorgreifen, denn wir würden uns 127 damit die eigentliche Geschichte »verschütten«, die eben die Geschichte einer Karte ist. Die meisten Leute in der Gasse können sich dessen erinnern, als wenn es heute geschehen wäre: wie eines Tages Maurer und Zimmerleute gekommen waren, und wie sich bald darauf mitten aus den Gerüsten der Bau dieses Hauses erhob. Noch deutlicher ist in aller Gedächtnis die Grundsteinlegung. Wenn sie daran denken, sehen sie aus dem Nebel ihrer Erinnerung zwei Gestalten heraustreten, ein blühend junges Weib und einen kräftig gebauten Mann, die zu den Klängen einer schallenden Musik einen lustigen »Redowak« tanzen, und diese Klänge müssen so lebendig in ihren Seelen klingen, daß hie und da mancher auch noch Worte dazu findet, und mit einem Male hört man Äußerungen, wie etwa folgende: »Vorzeiten hat's doch ganz kuriose Leut' gegeben! Es soll sich's jetzt ein Mädchen einfallen lassen, und mit einem »Franzefuß« die reichste Partie in der Gasse kriegen. Wo hört man das jetzt? Geld muß sie haben wie Heu, und von einem Franzefußspiel darf gar keine Rede sein. Dafür muß sie aber auf dem »Fopp dich allein« (in welch merkwürdiger Verballhornung das Fortepiano in der Gasse erscheint) spielen können, daß die Vögel auf dem Dache Krämpfe davon bekommen. Ja, jetzt schämt sich so ein Mädchen ganz erschrecklich, und möcht' einem, der zu ihr auf die Beschau kommt und sie befragt: »Kannst du Franzefuß spielen?« die Augen aus dem Gesichte kratzen.« »Merkwürdig ist's, wie sich die Zeiten geändert haben.« Spötter aus den umliegenden Gemeinden haben auf Grund solcher Lästerungen auch die wundersame Mär zu verbreiten gewußt, daß alle Mädchen in jener »Gasse« sich noch jetzt vortrefflich auf den Franzefuß verstehen, besser, als auf ein schön genähtes Hemd, daß aber demungeachtet noch keine einzige »Beschau« danach gefragt habe . . . Das Kartenhaus hat übrigens von jeher eine gewisse 128 Bedeutsamkeit in der Gasse gehabt wie denn gewisse Menschen und Sachen das Eigentümliche haben, aus der Leute Mund niemals herauszukommen. Noch ehe sich nämlich der neue Bau erhob, stand dort ein altes, verwittertes Haus, dem es niemand angesehen hätte, daß sich darin das größte Wunder der ganzen Gemeinde aufhielt. Dieses Wunder waren drei Leute: Ascher Spitz, dessen Ehefrau Hindel und das Söhnlein beider, das wir kurzweg »Bär« nennen wollen. Alle drei haben das merkwürdige Glück gehabt, jedes in seiner Art sich so lebhaft in das Gedächtnis ihrer Zeitgenossen einzuprägen, daß nichts imstande ist, sie daraus zu verdrängen. In der Tat haben auch alle drei, jedes in seiner Art, etwas Apartes gehabt, was man in der Gasse mit dem kurzbedeutsamen Worte »Stuß« bezeichnet. Nehmen wir, weil es sich überall schickt, auf Rang und Altersklasse gehörig Bedacht zu nehmen, zuerst Ascher Spitz vor, so war das ein Mann, dem sich sonst gar nichts Übles nachsagen ließ . . . Man schrieb ihm einen fabelhaften Reichtum zu; auch hatte er bereits zum fünften Male die Stelle eines Gemeindevorstehers bekleidet. Er war ein stiller, schweigsamer Mann, dessen Tagesgeschäft darin bestand, eine Meerschaumpfeife nach der andern zu stopfen und dazu mit seiner Hindel oder seinem »Bärele« einen »Franzefuß« zu spielen. Zu größeren Anstrengungen vermochte sich Ascher nicht aufzuraffen. Es war ihm genug, wenn ihm früh morgens nach dem »Anbeißen« auf die Frage: »Hindel! wollen wir?« die ergänzende Antwort: »Ja, Ascher, wir wollen,« entgegentönte. Nach dem Mittagsessen war es nur die natürliche Folge, daß die nämliche Frage eine gleiche Antwort finden mußte; und auch abends, wenn die Lichter angezündet wurden und Ruhe sich herabsenkte auf die ermattete Gasse, – wer kann sich da wundern, daß Ascher, selbst müde und erschöpft von den Mühen des Tages, wieder einen jener Blicke nach seiner Frau warf, den nur sie verstand und der in Worte 129 übersetzt: »Hindel, wollen wir?« lautete, und daß Hindel darauf mit klarer Stimme die Antwort gab: »Ja, Ascher, wir wollen.« Hindel gehörte übrigens zu jenen Frauen, denen man auf den ersten Blick das »gute Leben« ansieht. Groß und breittretig war es, als ob ein dreimastiges Schiff daherbrauste, wenn sie einmal, was selten geschah, durch die Gasse schritt. Die Leute hielten sie für sehr stolz und sagten ihr nach, daß sie nicht weinen könne. So etwas will unter Menschen, denen die Träne mit merkwürdiger Leichtigkeit aus dem Herzen in das Auge steigt, mehr sagen als man glauben wird. Es erinnerte sich keiner, soweit er zurückdenken konnte, jemals Hindel Spitz weinen gesehen zu haben; selbst am Jom Kippur bei den »heiligsten« Stellen konnte das aufmerksame Auge keine Spur einer Träne an ihr entdecken. War das ein Unglück? War es eine Krankheit? Es gab in diesem Punkte heftig streitende Parteien, die ihre Ansicht mit aller Hartnäckigkeit verteidigten. Eigentümlich war es, daß sich zuletzt eine Art gieriger Sehnsucht aller bemächtigt hatte; jede Partei, und darunter namentlich die Frauen, warteten auf die Stunde, in der sich jenes Unglück, und die Krankheit, wie andere meinten, wenden oder brechen mußte. Endlich werde sie doch weinen müssen, ward allgemein angenommen, denn sie werde ja nicht eine Ausnahme von der Regel machen wollen? Sei das erhört, daß ein Judenweib nicht eine Träne vergießen könne? Gott, der Lebendige, beschütze und bewahre jede vor so einem Unglück . . . aber man werde schon sehen, wie ihr das einmal mit »Prozent« würde zurückgezahlt werden, denn Gott lasse nicht mit sich spielen, der wolle, daß eine Frau weine, sei es um was immer. Zu weinen habe sie stets, und wenn sie es durchaus nicht könne, so müsse sie sich dazu zwingen! . . . Nun, so weit ließ sich Hindel nicht herab. Sie war in ihrem Sinne eine jener starken und gewaltigen »Regierungen«, 130 die sich um keinen Preis vom »Volkswillen« etwas abtrotzen lassen wollen. Hindel solle sich zum Weinen zwingen? Hatte sie das nötig? Gerade Naturen solcher Art werden durch einen Widerstand, der ihnen entgegentritt, noch schärfer und kantiger, und was bei ihnen anfangs nur Gewohnheit und angeborenes Tun war, das verkehrt sich zuletzt in ein Recht. Man wird es nun leicht glauben, daß Hindel trotz aller Forderungen des »Volkswillens« es zu keiner Träne brachte. Zudem hatte Hindel stets etwas vor Augen, etwas Lebendes und nach ihren Begriffen noch nie Dagewesenes, an dem sie mit großer Freude hängen konnte. Das war ihr »Bärele«. Wenn sie und ihr Mann auf das Kind schauten, das einzige ihrer Ehe, wie es immer größer und gewaltiger vor ihnen aufschoß, dann erfüllte sie beide ein Stolz und ein Behagen, die es bekanntlich auch zu keiner Träne bringen können. Das »Bärele« war zwar in den Augen aller denkenden Leute ein »Bär«, der mit Tatzen auf die Welt gekommen zu sein schien, aber was tat das der elterlichen Zärtlichkeit? Diese bleibt stets ein Geheimnis, ein größeres, als sich irgend eines im Menschenherzen verbirgt. Labt sich das eine an der geistigen Entwickelung des Kindes, an dessen vielversprechendem Wesen, so verwirft das andere dies alles und klammert sich gerade an Eigenschaften, die eben nicht in den Büchern über Erziehung angepriesen zu werden pflegen. Bärele oder wie er im Munde der Leute naturgemäßer hieß, Bär, war gerade kein Muster dessen, was man einen aufgeweckten »eisernen« Kopf nennt; er war eher träge als lebendig, eher ungeschlacht und ungelenk, als fein und manierlich; aber er besaß eine Eigenschaft, die in den Augen seiner Eltern ganze Goldlasten aufwog, die sich täglich schöner und schöner entwickelte, täglich mehr und mehr Blüten ansetzte, bis sie zuletzt als ein prächtiger Baum dastand. Bärele hatte nämlich im »Franzefuß\< seine Eltern weit überholt; er war ihr Meister geworden. 131 Wie »Bärele« das angestellt, um in verhältnismäßig kurzer Zeit die alten Meister weit zu überfliegen, das zu erzählen bedürfte mehr als einer Blattseite. Genug, Bärele hatte ein angeborenes Genie für »Franzefuß«, wie denn auch der große Napoleon schon in den Kinderschuhen den künftigen Feldherrn gezeigt haben soll, als ihm freilich noch, statt der Kanonenkugeln, Kieselsteine und derbe Holzprügel zu Gebote standen. Dieses Genie trat denn auch schon in Bäreles achtem Jahre in seiner ganzen Bedeutsamkeit zutage; es war ein denkwürdiger Moment. Von freien Stücken, als wäre plötzlich eine Offenbarung über ihn gekommen, sagte Bärele eines Tages, nachdem Rebb Ascher seiner Hindel einige Spiele abgewonnen hatte und sie darüber sehr verdrießlich geworden war: »Was wettest du mit mir, Vater, daß ich dir den ersten Franzefuß gleich abgewinne?« Nun haben wir bereits gesagt, daß Ascher keineswegs zu den gesprächigsten Menschen gehörte; wie jeder Spieler aus langer Gewohnheit hatte er sich fast das Reden abgewöhnt, denn es soll das Glück »verschreien«; aber diesmal brach der lange zurückgedämmte Redestrom gewaltig hervor. Erst »schüttelte« er sich, wie man sagt, einige Minuten vor Lachen aus, das ihn fast zu ersticken drohte, dann rief er mit einer Stimme, aus der Jubel und Spott, Freude und Hohn zugleich heraustönten: »Du willst mit mir spielen, Bärele? Du willst mir einen Franzefuß abgewinnen? Was sagst du zu dem Jüngel, Hindel?« »Was wett'st du mit mir, Vater?« wiederholte noch einmal Bärele. »Soll ich leben und gesund sein,« schrie dagegen Ascher, »das Kind meint es im Ernst! Mit mir also, mit Ascher Spitz willst du spielen, dem selbst deine Mutter Hindel, die sich doch gut darauf versteht, nicht beikommen kann? Bärele, 132 was fällt dir nur ein? Hast du dir auch gut überlegt, in was du dich einlassen willst? Ich sag' dir, es ist kein Spaß, mit Ascher Spitz einen Franzefuß zu spielen. Größere Leut' wie du möchten sich früher den Finger auf die Stirn legen und sich fragen: Soll ich? oder soll ich nicht?« »Ich frage dich ja, Vater,« meinte Bärele mit einem Tone, den ein gewisses Gekränktsein durchklang, »ob du mit mir wetten willst?« Nun warf Rebb Ascher einen merkwürdigen Blick voll Staunens auf das Kind. Das Lachen, das breit und ungeschlacht schon zu den Lippen herausquoll, erstarb darauf; er war vollständig verblüfft. »Hindel, was sagst du zu dem Jüngel?« rief er endlich nach langer Pause zu seiner Frau hinüber. Hindel mochte in ihrem freudigen Muttergefühl nicht sogleich die Worte finden, die groß und bedeutend genug waren, um ihre Bewunderung über des Kindes Kühnheit auszudrücken, aber sie machte ihrem Manne über den Kopf Bäreles hinweg ein Zeichen, das dieser sehr gut verstanden haben mußte. »Bärele,« sagte er mit einem Ernste, dem nur wenig zum Erhabenen fehlte, »hast du dir's wirklich überlegt, was du unternehmen willst? Ist sag' dir's noch einmal: du spielst mit Ascher Spitz, dem selbst deine Mutter Hindel, die doch ein eiserner Kopf ist, nicht beikommen kann. Hast du dir's überlegt?« »Ja, Vater,« sagte Bärele mit großer Entschiedenheit. »Nun,« meinte Ascher mit der feierlichsten Stimme, die ihm zu Gebote stand, »ich will sehen, was du vermagst. Das sag' ich dir aber, Bärele, wenn du mir den ersten Franzefuß abgewinnst, dann – es gibt gar nichts so Schönes in der ganzen Gasse, was du von mir nicht bekommen kannst.« Bärele schwieg, wahrscheinlich im Gefühle jener 133 Überlegenheit, die es nicht gerne bei Worten bewenden läßt, sondern lieber die Tat sprechen lassen will. »Und jetzt nimm das ›Pasch‹ Karten,« sagte Ascher kurz, »und gib aus. Misch aber gut. Hast du Kreide?« »Ja, Vater,« sagte der Knabe und setzte sich in den breiten Lehnstuhl, der sonst seiner Mutter zum Spielsitze diente. Schon die Art und Weise, wie Bärele das »Pasch« Karten umbog, damit die einzelnen Blätter gerade und abgesondert beim »Mischen« hervorgingen, erregte Aschers Erstaunen; kein »alter« Spieler hätte das besser zuwege gebracht. Brennend lagen seine Augen auf der kleinsten Gebärde des Kindes, und was das Schönste war, Bärele tat das alles mit einem Ernste und einer Würde, wie sie ebenfalls nur ein alter Spieler, etwa ein Ascher Spitz, nach vielen Kämpfen und Erfahrungen, gleichsam als Siegesbeute vom Schlachtfeld heimzutragen pflegt. Das »Mischen« der Karten selbst war freilich, weil die Finger Bäreles damals noch nicht den »Bären« verrieten, mit einiger Unbehilflichkeit verbunden, aber er brachte es »ganz wohl« zusammen. Es fiel keine Karte daneben, und wer da bedenkt, daß Bärele zum ersten Male auf einem Schlachtfelde stand, und daß sein Gegner Ascher Spitz hieß, wird das wohl zu würdigen wissen. Es ist manchem Soldaten, der es später bis zum General gebracht hat, Ärgernis widerfahren, wenn er zum ersten Male das unheimliche Geknatter der Flintenkugeln um sich vernahm. Jetzt begann das Spiel. Es ist eine Tatsache, daß das Glück sogleich dem Knaben ein aufmunterndes Lächeln zuwarf, indem es ihm die besten Karten aus dem geheimnisvoll waltenden Schoße des Zufalls erteilte. Aber was wollte das im Grunde sagen? Haben wir es nicht erlebt, daß mancher Feldherr, um bei unserm Gleichnisse zu bleiben, trotz der besten »Position« und mit den besten Streitkräften den Kürzeren gezogen hat? Zudem, was nützten 134 die günstigen Karten, da es hier ein Anfänger mit einem geübten Spieler zu tun hatte? Hindel hatte sich als neutrale Macht zwischen die beiden streitenden Parteien gestellt, nicht um zu vermitteln, sondern bloß um zu sehen, wie der sonderbare Kampf, der mit so ungleichen Waffen geführt wurde, endigen würde. Man kann übrigens annehmen, daß sich ihre Wünsche und Neigungen mehr der schwächeren Partei, ihrem Kinde zuneigten, schon des Spaßes wegen, den auf sein Franzefußspiel »eingebildeten« Mann einmal, und dazu von Bärele gedemütigt zu sehen. Aber ihre zuwartende Stellung löste sich in starres Staunen, endlich in leidenschaftliche Teilnahme an dem Geschicke Bäreles auf. Das Spiel des Knaben hatte, wie man anderswo sagen würde, ihr »Interesse« rege gemacht; unwillkürlich, nicht als wenn es ihr eigenes Kind, sondern ein ganz Fremder wäre, war sie auf seine Seite getreten. Aber Bärele spielte auch – es war wie ein Wunder, das vor den Augen Aschers leibhaftig sich zutrug! Im Beginne flimmerte so eine Art spöttischen Lächelns um seinen Mund, doch dieses verschwand allmählich, je kühner und bewußter Bärele in die Windungen des Spieles hineingeriet, um einer gewissen stummen Verbissenheit Platz zu machen. Bärele verstand sich wirklich auf den Franzefuß. Woher? und wie ihm das gekommen, das zu erforschen fiel weder Ascher noch Hindel in dem Augenblicke ein; sie sahen beide in dem Kinde einen Spieler, für und gegen den sie Partei genommen hatten. Nur einmal ereignete es sich, daß Bärele, der bis dahin mit eisiger Kälte den immer hitziger werdenden Angriffen sich entgegenstellte, in einer Karte fehlging, worauf Hindel, die den Fehler mit geübtem Blicke sogleich erkannt hatte, einen Schrei ausstieß, als ob Bärele hart an einem gähnenden Abgrund gestanden und in Gefahr gewesen wäre, in die schwindelnde Tiefe zu stürzen. Dadurch wurde Bärele 135 aufmerksam gemacht und verbesserte schnell seinen Fehler. Da hätte man aber den Zorn Aschers sehen sollen! Er wurde purpurrot im Gesicht, und mit der Faust schlug er auf den Tisch, daß er davon erdröhnte. Dann schrie er: »Was sagst du ihm ein, Hindel, was er spielen soll? Er spielt ja besser als ich!« »Ascher,« meinte Hindel beschwichtigend, »was ereiferst du dich? Vergiß doch nicht, mit wem du es zu tun hast.« Das kühlte den alten »Spieler« ein wenig ab; er mochte es fühlen, daß sein väterliches Ansehen unter allen Umständen aufrecht erhalten werden mußte. Sei es nun, daß der Ärger ihn verwirrte, oder daß Bäreles plötzlich offenkundiges Genie wirklich gesiegt hatte – der erste »Franzefuß« ging unwiderruflich für Ascher verloren; er mußte die Waffen strecken. Er tat es aber widerstrebend, und in seiner Seele wogten zugleich zwei feindliche Gewalten: Beschämung und Freude. »Soll einer sagen,« rief er, »daß jetzt nicht eine andere Welt ist! Die Kinder sind jetzt gescheiter, als sie zu meiner Zeit waren, und kommen gleich mit einem ganz andern Verstand auf die Welt! Bärele, ich halt', was ich versprochen habe, und wenn du ein Schloß geschenkt haben willst, so kauf' ich dir's auch.« Allerdings müssen wir annehmen, daß die Freigebigkeit Aschers, als es zur Tat kam, sich etwas weniger königlich bewies; aber wenn es auch kein Schloß war mit Park und Hirschen darin, so war es doch ein »drapfarbener Spenser« mit gelben Knöpfen daran, die wie Gold aussahen, den Bärele als Spielbeute davontrug. Noch größer war aber der moralische Erfolg des Sieges. Bärele hatte sich mit einem Male in dem Herzen seines Vaters ein großes Tor aufgetan, durch das Liebe und Bewunderung, Stolz und Hoffnung ein und aus gingen. Von nun an war Bärele eine dem »alten« Spieler ebenbürtige Macht geworden, die 136 Anspruch auf eine gewisse Achtung hatte und demgemäß auch behandelt wurde. Bärele wurde nämlich förmlich zum Spielgenossen seines Vaters erhoben; allmählich löste er seine Mutter vollständig von ihrem bis dahin innegehabten Wachtposten ab, denn Ascher wollte mit keinem andern »Franzefuß« spielen als mit ihm. Man wird nun leicht begreifen, daß ein solches Verhältnis bedeutende Folgen haben mußte. Wie soll ein Vater, der sich mit seinem Söhnlein in einer Stunde wegen eines schlechten »Königs« oder eines fälschlich angegebenen »Fußes« herumzankt, demselben Bärele eine Stunde darauf Vorwürfe machen können, daß sich der Lehrer über ihn beklagt, und daß in seinen Kopf nichts hineingehe, weder Bibel, noch Rechnen, noch Rechtschreibung und Sprachlehre? Wie soll der Vater auf der »Höhe« persönlichen Ansehens stehen können, wenn ihm ein Bärele vorwerfen darf, nicht »er«, sondern »er« habe sich in der Karte geirrt, und die Additionsfehler im Zusammenzählen der »Füße« seien vom Vater und nicht von ihm gemacht worden? Die Folgen einer so weisen Erziehung konnten natürlich nicht ausbleiben. Bärele mochte tun, was er wollte oder auch nicht wollte, es kümmerte dies den genügsamen Vater nur wenig. Jedes Hindeuten auf die Zukunft, daß es doch etwas anderes noch gäbe als die Kunst, einen »Franzefuß« zu spielen, wurde von dem sonderbaren Manne gewöhnlich mit wenigen Worten abgefertigt. »Laßt mir nur mein Bärele, wie ihn Gott geschaffen hat, ich will ihn gar nicht anders. Warum? Ist Franzefußspielen keine Kunst? Und soll nicht jeder Mensch eine Kunst können? Mein Bärele hat dafür Genie, und er wird's damit weiter bringen als mancher, der in seinem Leben keine Karten angerührt hat. Denn wenn sich einer auf Franzefuß versteht, hat er zu allem übrigen auch Verstand. Schadet es mir, daß ich es spiele? Schadet es meiner Hindel? Es geht uns beiden ganz wohl, und jedes Judenkind könnt' sich 137 wünschen, wenn es so aussehen könnte, wie ich und meine Hindel.« Hindel selbst wurde nach einem so feinen Komplimente noch einmal so »breit« und blähte sich auf wie ein Pfauenrad; denn sie war an dem wundesten Flecke ihrer Seele angenehm berührt worden. »Ja, laßt mir nur mein Bärele, wie es ist,« sagte sie dann gewöhnlich und nahm dabei eine hochtrabende Miene an. »Was wollt ihr von ihm? Geld wird das Jüngel immer haben, und einer, der sich seine Stub' mit Zwanzigern pflastern kann, wenn er will, wird sich doch nicht genieren einen Franzefuß, so ein unschuldiges Spiel zu spielen?« Was Bärele selbst betraf, so sagte er zu solchen Äußerungen gar nichts; man will nur bemerkt haben, daß er gerade an solchen Tagen sich nichts abgewinnen ließ, und daß Rebb Ascher sehr aufmerksam sein mußte, wenn er ihm beikommen wollte. Es war merkwürdig, aber eigentlich kann es niemand wundern, wieso Bärele bei einer solchen Erziehung groß und stark werden konnte. Bärele war vierundzwanzig Jahre alt geworden, aber er sah wenigstens um sechs Jahre jünger aus, so gut war ihm die süße Gewohnheit seines Daseins bekommen. Es gab in der ganzen Gasse keinen so starken und hoch aufgeschossenen Jungen, als ihn. Dabei ließ sich ihm nichts Böses nachsagen; er war sehr gutmütig, beleidigte niemanden vorsätzlich, und da er selten unter die Leute kam, war er auch scheu wie ein junges Mädchen. Er konnte auch merkwürdigerweise keinem jungen Mädchen in die Augen sehen . . . Das änderte sich freilich alles eines Tages wie mit der Schnelligkeit des Blitzes. Tief in dem versteckten Winkel, der zwischen der »Schul« und dem Gemeindehaus eingekeilt ist, stand ein altes Häuschen, das Rebb Ascher gehörte. Halb aus Barmherzigkeit ließ er dort eine arme Witwe mit ihrer Tochter zur Miete wohnen. 138 Hannele, so hieß die Witwe, war ein »frommes Weib«; sie ging zu den Sterbenden beten, wusch die Toten, und wenn jemand zur »Jahrzeit« auf den »guten Ort« ging, begleitete sie ihn und verdiente auf diese Weise »ihr Leben«. Ihre Tochter Lisi nähte für Leute. Aber an jedem Cholemoed, wenn Ascher noch beim Frühstück saß und noch nicht einmal die erste Meerschaumpfeife gestopft hatte, kam die Nähterin, und brachte pünktlich, in ein reines Papier gehüllt, die acht Gulden für die Miete, die mühsam zusammengerafften und ersparten Groschen einer armen Witwe und deren noch ärmeren Tochter! Es war ein schönes Mädchen, groß, schlank und lieblich, mit etwas wild blickenden Augen und trotzigen Lippen; dabei doch voll demütigen Sinnes und bescheidenen Auftretens, wie es die Leute von Menschen lieben, die zu ihnen in einer Art dienstbaren Verhältnisses stehen. Sollen wir schon das Geheimnis verraten? Bärele freute sich von einem Mietszinse zum andern, d. h. von einem Cholemoed zum andern; er wußte es aber selbst nicht, wie sehr er sich freute. Aber wenn der Tag gekommen war, ja schon den Abend zuvor, mitten im Franzefuß fuhr er plötzlich auf und meinte: »Ich bin doch neugierig, ob Lisi das Geld morgen wieder pünktlich bringen wird. Wetten möcht' ich drauf, diesmal ist sie nicht imstande gewesen, es zusammenzubringen.« Hindel legte auf eine solche Bemerkung kein Gewicht; sie sagte gewöhnlich: »Sie bringt's heilig und sicher. Hannele und ihre Tochter sparen sich's eher vom Munde ab, und besonders Lisi ist keines von den gewöhnlichen Mädchen, die man alle Tage auf der Gasse herumlaufen sieht.« Regelmäßig errötete dann Bärele nach diesem Lobe seiner Mutter, und diese Röte lag dann noch fast greifbar aus seinem Gesichte, wenn Lisi, die »Nähterin«, kurz darauf ebenso regelmäßig kam, und den in ein weißes Papier 139 eingehüllten Mietszins in die Hände Rebb Aschers oder Hindels legte. Dieser Zinstag war wieder gekommen, und eine merkwürdige Unruhe beherrschte diesmal Bäreles Gemüt. Der Gedanke, ob Lisi wohl mit dem Gelde kommen würde, hatte ihn seit dem frühesten Morgen beschäftigt. Aber wunderwar! er vermochte ihm diesmal keine Worte zu verleihen; er brachte die gewöhnliche Frage nicht über die Lippen hinweg, und sein bewegtes Gemüt hatte diesmal sogar einigen Grund – des fälligen Zinses wegen sich zu ängstigen. Ascher hatte bereits die erste Meerschaumpfeife gestopft, und das »Anbeißen« war schon vorüber. Lisi war noch nicht gekommen. Da meinte Bärele in der Angst seines Herzens, zur Mutter gewendet, aber mit niedergeschlagenen Augen: »Du wirst sehen, diesmal bringt sie nichts.« »Wer?« fragte sie erstaunt. »Weißt du denn nicht,« sagte er, »daß wir heute unseren Zins zu bekommen haben?« »Das meinst du?« schrie Hindel enttäuscht. »Hanneles Tochter, die Nähterin, meinst du?« »Du wirst sehen,« wiederholte Bärele mit einiger Gereiztheit, »diesmal wird sie nicht kommen.« »Großer Gott!« schrie nun Hindel ihrerseits voll Zorn, »Bärele, was bist du doch für ein Mensch geworden! Wer möchte in dir suchen, daß so ein geiziger Knicker in dir steckt? Daran denkst du nicht, wie du dich versündigst an Gott, wenn du den mühsam zurückgelegten Kreuzer einer armen Witwe so einverlangst, als wären es Hunderte und Tausende? Und wenn Lisi das Geld gar nicht bringt, meinst du, dein Vater und ich werden sie wegen der paar Groschen pfänden lassen oder sie aus dem Hause hinaustreiben? Ich sage dir, Bärele, und wenn sie gar nicht kommt, und wenn sie sechs Jahre hintereinander nicht kommt, so darf auch 140 kein Wort darüber verloren werden. Meinst du denn, ich hab' kein Gewissen?« Hindel hatte sich in ihren Zorn so hineingeredet, daß Bärele gar nicht zu Worte kommen konnte. So oft er beginnen wollte, entquollen ihr die bittersten Vorwürfe über seinen Geiz, der mit der Uhr in der Hand darauf warte, ob eine arme Witwe auch auf die Minute ihren Mietszins bringe. Bärele mußte dieses Sturzbad über sich ergehen lassen, sich nicht einmal entschuldigen; denn haarscharf und klar sieht eine solche Neigung, wie sie in Bäreles Herzen vielleicht jahrelang schon lohte, ob und wie sie sich verraten könne. Zum ersten Male in ihrem Leben war Hindel bitterböse auf ihren Sohn, und in einem fort, ohne daß er darauf etwas zu entgegnen wagte, rief sie: »So etwas soll Hindel Spitz zukommen! Einen Sohn soll sie haben, der auf acht Gulden wartet, die eine arme Witwe und ein Mädchen, das für die Leute näht, vielleicht nicht haben zusammenbringen können! Pfui und nochmals pfui! Einer hätt' mir sagen sollen, daß mein Kind, mein Bärele, so etwas werden wird.« Voll Erbitterung ging Hindel weg; auch Ascher hatte sich in eine andere Stube geflüchtet, denn er wußte aus langer Erfahrung, daß sich nach einem solchen Hausgewitter die Gemüter nur schwer zu einem »Franzefuß« eignen. So war Bärele allein in der Stube geblieben, nachdenklich vor sich hinstarrend, verwirrt unter der Wucht der mütterlichen Vorwürfe, wie unverdient sie immerhin waren, und noch eines anderen Etwas, das er nicht kannte, das wie Lichtfunken vor ihm auf und nieder tanzte . . . Hindel hatte recht; aus Bärele war wirklich etwas geworden, was sie nie an ihm erlebt hatte. Er dachte nach. Da öffnete sich still und geräuschlos die Tür, und herein trat Lisi, die Nähterin. Wie Bärele sie erblickte, schrie er fast auf; dunkle Röte lag auf seinem Antlitze. Hastig, ganz 141 gegen seine Gewohnheit, trat er auf das Mädchen zu, als wollte er ihr etwas zuleid tun, und stieß in heftiger Wallung die Worte heraus: »Warum läßt du heute so lange auf dich warten? Hast du vielleicht das Geld nicht beisammen? Ist ein halbes Jahr nicht lang genug, daß wir warten müssen?« Es war gut, daß Hindel nicht zugegen war; es hätte leicht zur Wiederholung des kaum verrungenen Auftrittes kommen können. »Ich bring' ja das Geld,« sagte das Mädchen; ihr ganzes Wesen erzitterte unter dem Schrecken, den ihr Bäreles Barschheit einflößte. »Wo hast du's?« fragte er mit nicht geringerer Derbheit. »Da ist's,« sagte Lisi zagend und reichte ihm das in ein weißes Papier eingewickelte Geldpäckchen hin. Bärele nahm es ihr aus der Hand, aber mit der Miene eines Steuereinnehmers, wenn er eine im »Exekutionswege« eingeforderte Schuld in Empfang nimmt. Lisi sah ihn mit furchtsam erschrockenen Augen an. Bärele sprach das erstemal in ihrem Leben mit ihr und sprach so mit ihr! »Erst werd' ich's zählen,« sagte er strenge und faltete das Päckchen auseinander, worin einiges Silbergeld, noch mehr aber Kupfergeld in Zweigroschen und Groschenstücken lag. Auch kupferne »Scheinkreuzer« waren zu bemerken. »Es wird nicht ein Dreier daran fehlen,« meinte Lisi leise, doch so, daß dennoch ein Ton von Gekränktsein durchklang. Bärele tat, als ob er mit ungeheurer Genauigkeit die erschrecklich große Geldsumme durchzählte. In der Wirklichkeit wußte er aber nicht, ob er Gold oder Silber durch die Finger laufen ließe, oder ob bloßes Wasser. Er sah nur das holde zitternde Wesen des Mädchens, wie es vor ihm stand, schöner in ihrer Angst, als er es bis dahin jemals erblickt hatte. 142 »Es ist ganz richtig,« meinte er nach einer Weile. »Soll ich darüber eine Quittung schreiben?« »Eine Quittung?« rief das Mädchen erstaunt. »So etwas hab' ich niemals von Ihrem Vater bekommen.« »Deine Mutter wird aber doch wissen wollen,« meinte Bärele mit einiger Verlegenheit, »ob du das Geld abgeliefert hast? Wie willst du dich denn ausweisen?« »Ausweisen? Vor wem soll ich mich ausweisen?« sagte das Mädchen und trat einige Schritte von dem strengen Frager zurück. »Meine Mutter weiß, mit wessen Geld sie mich zu Ihnen geschickt hat, und darüber braucht sie und ich keinen Ausweis.« Auf Bäreles Antlitz zuckte und leuchtete es wie von inneren Flammen, die nur eine dünne Scheidewand durchzubrechen hatten, um in ihrer ganzen Gewalt zu erscheinen. Eine Wahrheit des Herzens war über ihn gekommen, die seltsam abstach gegen das harte, unbarmherzige Wort, das unaufhaltsam seinem Munde entquoll. Er wollte zart sprechen, es drang ihm lind aus der Seele hervor; dennoch klang es wie das Brummen eines Bären, als er wieder zu sprechen begann. »Hast müssen vielleicht die ganze Nacht aufsitzen, um ein Hemd fertig zu bekommen, nicht wahr?« fragte er wieder hart. »Und wenn auch?« rief Lisi, aber nicht mehr zitternd, sondern sich allmählich aufrichtend: »Sieht man's dem Gelde vielleicht an, daß ich die ganze Nacht gewacht habe?« Jetzt entstand eine minutenlange Pause zwischen den beiden, die durch nichts ausgefüllt ward, als damit, daß Bärele den Mietzins noch einmal durch die Finger laufen ließ. Aber plötzlich, als wäre er von dem Blutdurste seines tierischen Namensbruders befallen worden, wahrhaftig nicht anders, als ob er die Nähterin erwürgen wollte, ergriff er Lisis Hand und drückte sie mit einer Gewalt, daß es ein Wunder war, wenn das Mädchen nicht um Hilfe schrie. 143 »Da hast du wieder dein Geld,« sagte er mit merkwürdiger Grobheit, »da hast du's wieder zurück. Meinst du, wir können Geld brauchen, um das du ganze Nächte wachgeblieben bist? Da, besinn dich nicht lang und nimm es wieder zurück.« Lisi stieß einen kleinen Schrei aus; es war mehr als Überraschung, was aus diesem Schrei herausklang. Bärele hatte ihr das Geldpäckchen in die Hand gedrückt; mit erstaunten Blicken sah das holde Mädchen bald auf den reckenhaft starken Geber, der dicht vor ihr stand, bald wieder auf ihre eigene Hand, in welcher der soeben gebrachte Zins lag. »Sie geben mir das Geld wieder zurück . . . Herr Spitz?« rief sie. »Fehlt vielleicht etwas daran?« »Geh, geh,« meinte Bärele mit einer Art Grimm, »was wird daran fehlen? Aber die Nächte fehlen daran, die du nicht geschlafen hast . . .« Wer hätte nun in Bärele diesen feinen Witz, wie er jetzt ungesucht und ungeschminkt aus seinem Munde kam, vermutet? So kann man sich jahrelang in Leuten irren, die man dann in wenigen Sekunden für ihr ganzes Leben erkennt. Auch Lisi mochte von der Wahrheit dieser Behauptung in diesem Augenblicke tief betroffen sein; sie sah »Herrn Spitz« mit einem eigentümlichen Blicke an . . . wahrscheinlich klang ihr die zarte Anspielung auf ihre schlaflosen Nächte so märchenhaft, daß sie zu träumen glaubte. »Erst stellen Sie sich so . . . gegen mich,« rief sie, »daß ich meine, Sie wollen mich halb umbringen, und jetzt geben Sie mir mein Geld zurück Herr Spitz? Warum geben Sie mir es zurück?« »Ich sag' dir's ja, Lisi,« meinte Bärele, in dem eine starke Verlegenheit über die bis dahin mühsam errungene Grobheit die Oberhand zu gewinnen anfing, »ich sag' dir ja, warum? Verstehst du mich nicht?« »Ich versteh' Sie schon . . . Herr Spitz,« sagte das 144 Mädchen leise, die Augen, die sich durch ihr feuchtes Glänzen verraten hätten, zu Boden gesenkt. »Ich versteh' Sie schon . . . Sie wollen sich nur nicht stellen, wie ein guter Mensch Sie sind . . . und ich weiß das schon lange . . . Herr Spitz . . . und nun sehe ich, daß ich mich nicht getäuscht habe . . .« »Wer? ich?« fragte Bärele, das in seiner ganzen Gutmütigkeit strahlende Antlitz zu einem verlegenen Lächeln zwingend. Da hob Lisi den Kopf auf, und nun konnte Bärele in ihr feines, von einer durchsichtigen Röte überhauchtes Antlitz, in ihre glänzenden Augen sehen, vielleicht länger, als für beide gut war. Alle Schüchternheit, aber auch alles bärenhafte Ungetüm war von ihm in diesem Momente gewichen. »Dürfen Sie mir aber auch das Geld zurückgeben, Herr Spitz?« sagte das Mädchen nach einer Weile. »Warum nicht?« fragte Bärele auffahrend. »Ich meine nur,« sagte Lisi fast unhörbar . . . »weil es so viel Geld ist . . . und dann, weil Sie nicht Ihr eigener Herr sind.« »Ich nicht mein eigener Herr?« lachte Bärele laut auf, daß die Nähterin darob wieder in jähen Schreck versetzt wurde. »Wer denn soll mein Herr sein? Und dann, du Narrele,« fügte er gleich darauf mit einer Art prahlenden Stolzes hinzu, »du meinst, ich schenk' dir so viel, wenn ich dir dein mühsam zusammengespartes und zusammengearbeitetes Geld wieder zurückgebe? Narrele, ich schenk' dir eigentlich gar nichts. So viel gewinne ich meinem Vater im Franzefuß in zwei Abenden ab, wenn es nur ein bissele gut geht . . . du armes Narrele . . .« »Und so viel Geld können Sie ihm abgewinnen . . . Herr Spitz?« fragte Lisi ganz erschrocken. »Du Narrele, manchmal sogar noch mehr,« gab Bärele mit zufriedenem Schmunzeln zur Antwort. 145 »Gott lebendiger!« drang es als tiefer Seufzer aus der Brust des Mädchens. »Was ist dir, Lisi?« fragte Bärele. Die Nähterin schien nicht sogleich die gehörigen Worte zu finden; auf ihrem holden Antlitz war sichtbar ein Kampf zu lesen, der unentschieden in diesem Augenblicke in ihr wogen mochte. Endlich rief sie in einem Tone, der fast freudig klang; denn auch in ihren Mienen spiegelte er sich ab: »Sie schenken mir also . . . Ihr Spielgeld, Herr Spitz? das, was Sie Ihrem Vater abgewinnen werden?« »Ja, du Narrele,« meinte Bärele lachend. »So kann ich's nicht nehmen,« rief Lisi laut und ließ das Geldpäckchen zu den Füßen Bäreles fallen. »Was fällt dir ein?« schrie der verblüffte Bärele. »Weil es Spielgeld ist,« rief das Mädchen rasch und richtete sich in ihrer ganzen Schönheit und Größe auf. Die Augen leuchteten mit einer Art Wildheit, die Lippen waren trotzig aufgeworfen, das ganze Wesen Lisis mußte dem härtesten Gemüte in diesem Augenblicke unwillkürlich Ehrfurcht einflößen, so entschieden und bedeutend stellte es sich dar. »Weil es Spielgeld ist,« rief sie leidenschaftlich, »und ich mich zu versündigen glaube, wenn ich es annehmen möchte. Ich soll ein Geld zurücknehmen, das Sie Ihrem Vater abgewinnen können? Das nämliche Geld, um das ich nicht geschlafen habe, für das ich mich abgemüht und geweint habe, bis es beisammen war? Wenn Sie mir meinen Zins geschenkt und dabei gesagt hätten: Lisi, ich weiß, er kommt dir und deiner Mutter schwer an . . . Gott weiß! ich hätte mich bedankt . . . weil Sie mir ihn zurückgegeben hätten. Aber teuer erworben Geld lasse ich mir nicht so zurückgeben . . . von einem Spieler nicht, der im Franzefuß an einem Abend gewinnt, was mich so viel gekostet hat.« Noch ehe Bärele Zeit gewann, eine Entgegnung auf diese merkwürdigen Reden zu finden, war das Mädchen zur 146 Stube hinaus. Bärele stand mit offenem Munde da und starrte die Türe an, durch die sie hinausgegangen. Sie! Wer war das, die es gewagt mit ihm in solcher Weise zu reden? Hanneles des »frommen« Weibes Tochter, die für die Leute nähte? Oder war es eine königliche Prinzessin, die ihn mit einem Besuche beehrt und nun im höchsten Zorn, höchst ungnädig von ihm fortgegangen war? Bärele hätte nicht Bescheid geben können, wenn jemand in diesem Augenblicke diese Frage an ihn gerichtet hätte. Es ist fast zu vermuten, daß er sich für die»Prinzessin« entschieden hätte . . . in so gebietender Weise war die arme Nähterin ihm erschienen. Dann bückte er sich und hob das am Boden liegende Geldpäckchen auf. Das erinnerte ihn, daß es doch Hanneles Tochter, die Tochter eines »frommen Weibes« gewesen war. So traf ihn seine Mutter Hindel, die bald darauf mit zorngerötetem Gesicht hereintrat. »Was hast du mit Lisi vorgehabt?« schrie sie ihn heftig an. »Hast ihr gewiß vorgehalten, warum sie den Zins um zwanzig Minuten zu spät gebracht hat? Bärele, um Gottes willen, was bist du doch für ein Mensch geworden! Dazu bist du Hindels Sohn, daß du Witwen und Waisen so drückst? Lebendiger Gott! wenn du jetzt schon so bist, was kann aus dir noch werden? Die Welt wird dich ja gar nicht ertragen können. Sag, was hast du mit ihr vorgehabt? Sie hatte ja ganz verweinte Augen!« »Ich weiß nicht, Mutter,« meinte Bärele dumpf. »Du weißt nicht?« schrie Hindel erbost. »Du hast dem armen Mädchen gewiß Vorwürfe gemacht, und darauf ist sie mit Tränen fortgegangen. Das sag' ich dir aber, wenn du das Geld nicht noch heute zurückträgst und ihr sagst, daß wir es ihr schenken, so bin ich nicht deine Mutter. Hörst du? und noch heute mußt du es ihr zurücktragen, und selbst, und mußt sie um Verzeihung bitten.« Bärele starrte die Mutter an, wie er vorhin die Nähterin 147 angestarrt hatte. Von beiden Vorwürfe in einer und derselben Stunde! Es gehörte seine ganze »bärenhafte Natur« dazu, um so etwas zu ertragen. Als die Mutter lange schon geendet, nickte er mit dem Kopfe und sprach halblaut: »Ja, Mutter, ich werd' ihr's zurückbringen.« Bäreles Gemüt blieb den ganzen Tag hindurch ein Spielzeug der widerstreitendsten Empfindungen und Gedanken. Als sich sein Kopf von der Wucht der Schläge, die in so kurzer Zeit auf ihn niedergefallen waren, erholt hatte, und wieder einige Klarheit in ihm aufdämmerte, schieden sich diese Empfindungen und Gedanken in zwei hart aneinander grenzende Lager. In dem einen wohnte Freude und Entzücken, ein namenloses Gefühl, daß es Lisi gewesen, die mit ihm gezankt, in dem anderen wohnte Groll und Erbitterung, daß die Tochter eines »frommen« Weibes, eine Nähterin, die für die Leute arbeitete, es gewagt hatte, ihm, Rebb Aschers und Hindels Sohn, so entgegen zu treten. »Die Schnorrerin,« grollte es fürchterlich in ihm. »Vergißt sie, wer ich bin und wer sie ist? Sie heißt mich einen Spieler! Woher hat sie nur die Keckheit genommen! Und ich bin dagestanden mit offenem Munde und hab' sie das alles so reden lassen! Wie kommt denn sie dazu, mich so zu heißen?« Mehrmals an diesem Tage tobte dieser Gedanke in Bäreles Gehirn; er reckte dann sein Haupt stolz empor, als könnte er sich damit größer machen als das Mädchen, die wie eine Prinzessin vor ihm gestanden war. Aber er mußte es ebenso oft sinken lassen. Bärele fühlte mehr, als er es hätte sagen können, daß Lisi keine »Schnorrerin« sei, daß wenigstens keine Schnorrerin so mit ihm gesprochen hätte. Dunkel war er sich bewußt, daß aus dem Wesen dieser armen 148 Nähterin ein Licht hervorstrahlte, das allen Reichtum seiner Eltern weit überleuchtete. Gegen Abend, mit Sonnenuntergang hatte wieder die Erbitterung in ihm die Oberhand erhalten. Werdende Liebe soll überhaupt mit dem geheimnisvollen Walten der Natur inniger zusammenhängen, als man glauben möchte. Er wollte der »Schnorrerin« beweisen, wer »er« und wer »sie« sei; sagen wollte er ihr, ob sich das schicke und dankbar sei, den Sohn ihres Hausherrn, der sie fast umsonst in der Wohnung beherberge . . . einen »Spieler« zu nennen. Das Wort müsse sie zurücknehmen und ihn um Verzeihung bitten, sonst werde er schrecklich aufbegehren, daß sie daran denken solle all ihr Lebetag. Aber seltsam! Er zögerte von Stunde zu Stunde mit der Ausführung der fürchterlichen Rachepläne . . . wahrscheinlich konnte er nicht die Stimmen unterdrücken, die ihn um Erbarmen und Gnade für das Leben der Nähterin anflehten. Erst als die volle Nacht niedergesunken war, hielt er es an der Zeit, sich auf den Weg zu machen! Lisis zurückgelassenes Geldpäckchen nahm er wohlweislich mit. »Ich sag' dir's noch einmal, Bärele,« rief ihm Hindel zu, die wirklich während des ganzen Tages kein Wort an ihn gerichtet, »ich sag' dir's, bring mir die Sache wieder in Ordnung, sonst hast du es mit mir zu tun. Und daß du sie ja ganz schön um Verzeihung bittest.« Bärele brummte etwas vor sich hin, was Hindel nicht verstand, und ging. »Wo geht er denn hin?« fragte der heute gelangweilte Ascher. »Franzefuß spielen,« gab Hindel verdrießlich zur Antwort. »Außer dem Haus?« rief Ascher ganz erschrocken. »Ich möcht', er hätte in seinem Leben keine Karte angerührt,« rief Hindel mit Erbitterung. 149 »Hindel!« meinte Ascher in einem Tone, der wie der stärkste Vorwurf klingen sollte. »Meinst du, ich spaß'?« rief sie gereizt. »Die Karte hat ihn zu dem gemacht, als was ich ihn heute erkannt habe. Ich schäm' mir meine Seele heraus! Mit einem armen Waisenkind so umzugehen, wie er umgegangen ist! Anspeien werden uns die Leut' auf der Gasse, wenn man die Geschichte hören wird. Ich darf mich gar nicht mehr sehen lassen, denn so etwas ist noch nie erhört worden.« Ascher fragte nicht um den Grund dieser zum ersten Male so heftig hervorbrechenden Klagen; er gehörte zu jenen glücklichen Naturen, die da meinen, Zuhören und Schweigen vertreibe am besten solche häusliche Gewitter. Übrigens tat ihm nur eins leid; er sah, daß er heute um seinen »Franzefuß« gekommen war. Indes hatte Bärele das kleine Winkelgäßchen erreicht, in welchem Lisis Wohnung stand. In der Gasse war es still; kein Laut tönte durch die stille Nacht. Die Fensterläden des kleinen Häuschens waren dicht geschlossen, aber durch einige weitklaffende Spalten konnte er Licht in der Stube, ja sogar die Umrisse eines Schattens gewahren, der niemand anderem als »ihr« gehören konnte. Da reckte wieder »Rebb Aschers Sohn«, der Sohn des reichen Hausherrn, sein stolzes Haupt empor. »Die Schnorrerin!« rief es fürchterlich in ihm, »da sitzt sie wieder und näht Hemden für Leute, und sieht sich die Augen noch blind heraus! Von mir aber hat sie den erbärmlichen Hauszins nicht angenommen, der ihr doch gut gekommen wäre! Wart nur, ich will dir schon beweisen, was ein Spieler, wie du mich geheißen hast, alles vermag.« Ein Geräusch in der Stube verjagte Bärele von seinem gefährlichen Standpunkte; er duckte sich schnell an die Mauer. Da trat durch die Tür aus dem dunklen Vorhause eine Mädchengestalt, in der Bärele alsbald die Nähterin erkannte. 150 Im fahlen Lichte der etwas erhellten Nacht bemerkte er, daß Lisi einen Wasserkrug in der Hand trug, womit sie wahrscheinlich zu dem nahen Röhrbrunnen gehen wollte. Lisi gewahrte ihn nicht; sie war schon einige Schritte voraus, da sprang Bärele wie sein echter Namensbruder in einem Sprunge an das Mädchen hin und legte ihr die schwere Tatze, will sagen die Hand, auf die Schulter. Lisi stieß einen schrillen Schrei aus. »Lebendiger Gott! wer ist das?« rief sie zu Tode erschrocken. »Ich bin's . . . der Spieler!« sagte Bärele fast grimmig, ganz nahe am Ohre seines Schlachtopfers. »Sie . . . Herr Spitz?« rief das Mädchen. »Warum heißt du mich . . . Herr Spitz?« fragte Bärele, in welchem mit einem Male eine vollständige Wandlung vorgegangen schien. »Weißt du denn nicht, wie ich sonst heiße?« »Ich weiß keinen . . . anderen Namen,« sagte Lisi nach einer Weile. Bäreles Hand lag noch immer auf ihrer Schulter. Vielleicht darum zitterte sie so. »Ich heiße Bär,« meinte Hindels Sohn, und die Hand auf der Schulter des Mädchens war etwas leichter. »Wie komme ich aber dazu, Sie anders zu nennen . . . Herr Spitz?« lispelte die Nähterin in fast unhörbarem Geflüster. »Aber dazu bist du gekommen,« sagte Bärele wieder rauh, und die Hand drückte wieder mit Zentnerlast auf Lisis Schulter, »dazu bist du gekommen, mich einen Spieler zu nennen und mir das Geld vor die Füße zu werfen. War das recht?« »Verzeihen Sie mir . . . Herr Spitz,« lispelte die Nähterin, »ich hab's nicht so gemeint . . . und seitdem hab' ich schon tausendmal Reue empfunden.« »Willst du's aber jetzt zurück?« fragte Bärele rasch. 151 »Was?« rief das Mädchen. »Nun, deinen Zins!« meinte Bärele. »Nein . . .« sagte die Nähterin mit großer Entschiedenheit und trat von Bärele hinweg. Aber mit einem raschen Griffe hatte er sie wieder herumgedreht, und nun suchte er in der Dunkelheit dem Ausdrucke ihres Gesichtes zu begegnen. Er konnte aber nur die leuchtenden Augen wahrnehmen, vor deren Glanze er zurückbebte. »Warum nein?« rief er rauh. »Hab' ich's Ihnen nicht schon gesagt . . . Herr Spitz?« meinte Lisi langsam, und jedes ihrer Worte, nach Ton und Ausdruck zu schließen, offenbarte wieder dem Sohne Rebb Aschers, daß die»Prinzessin« vor ihm stehe. »Hab' ich's Ihnen denn nicht schon gesagt . . . Herr Spitz? Warum soll ich es denn zweimal sagen?« »Ich möchte es noch einmal hören,« rief Bärele ingrimmig. Lisi schwieg eine Weile; dann aber richtete sie sich auf, wie sie sich schon am Morgen vor ihm aufgerichtet hatte. »Ich nehm' von einem Spieler kein Geld,« sagte sie rasch in tiefster Bewegung. Merkwürdig ruhig, als hätte der Schimpf diesmal für ihn keinen Stachel, meinte Bärele: »Bin ich denn einer?« »Die Welt sagt's,« meinte Lisi etwas langsamer. »Die Welt? Wer ist das? Du vielleicht?« fragte Bärele in demselben trocken-ruhigen Tone. »Die Welt sind alle Leute,« entgegnete die Nahterin leise. »Und was sagt die Welt?« fragte Bärele noch einmal. »Geht's mich an?« meinte Lisi, der dieses Verhör höchst peinlich vorkam, ausweichend. »Siehst du, wie du bist,« rief Bärele, in dem wieder aller Grimm erwacht war. »Jetzt, weil ich in dich dringe, willst du es nicht sagen.« 152 »Die Welt sagt, daß Sie ein Spieler sind,« rief jetzt mit einem Male Lisi wieder laut, heftig sogar. »Sie sagt, daß Sie den ganzen Tag nichts anderes tun, als mit Ihrem Vater Franzefuß spielen. Andere junge Leute in diesem Alter . . . sagt die Welt, haben da schon ihre Geschäfte, gehen nach Reichenberg, nach Prag oder Brünn, ja sogar bis nach Leipzig, andere noch weiter bis gegen Wien, Sie aber, Herr Spitz . . . sitzen zu Hause bei Ihrem Vater . . . und spielen Franzefuß.« Als Lisi so gesprochen, wandte sie sich rasch ab, als ob sie trotz der Finsternis, die sie umgab, die drohenden Zornesaugen Bäreles gefürchtet hätte. Aber Bärele tat, als ob er die sanfteste Musik gehört hätte, wie fürchterlich es in ihm auch toben mochte. »Und was meinst du?« sagte er nach dieser Erklärung. »Bist du auch die Welt?« »Ja,« sagte Lisi. »Du nimmst es also nicht zurück, daß ich ein Spieler bin?« fragte er. »Nein,« sagte das Mädchen mit Überlegung. »Ein Tunichtgut und ein Müßiggänger?« fuhr Bärele in seinem eigentümlichen Verhöre fort. »Nein,« sagte Lisi nach einer noch längeren Weile, diesmal aber mit unter der Wucht dieses Geständnisses zitternder Stimme. »Gut,« rief nun Bärele im vollen Ausbruch seiner gewaltigen Sprache, »ich habe geglaubt, daß du die einzige bist, die nicht zu der Welt gehört, ich seh' aber, ich habe mich in dir gefoppt. Dafür werd' ich dir bald zeigen, was ein »Spieler« alles kann. Du wirst nicht lange darauf zu warten haben.« So sprach Bärele und glaubte eine Rede gehalten zu haben, wie sie nicht feuriger und einschneidender in allen Parlamenten der Welt gehört wurde. Mit seinen größten 153 Schritten hatte er sich dann eiligst entfernt, ohne die Nähterin weiter eines Blickes zu würdigen. Als er aus dem Schulgäßchen verschwunden war, ging Lisi kopfschüttelnd wieder nach Hause; zum Röhrbrunnen zu gehen, um Wasser zu holen, hatte sie in diesem merkwürdigen Augenblicke wahrscheinlich vergessen. Wen wird das wundern? Bärele aber kam in voller Hast zu Hause an. Seine Wangen brannten in lichter Glut, und trotz des Kerzenlichtes konnte die scharfsichtige Hindel sogleich gewahren, in welch ungewohnter Aufregung sich ihr Sohn befand. »Bist schon zurück?« fragte sie ihn mit prüfendem Blicke. »Nun, hat dir Hannele und ihre Tochter nicht tausendmal ihren Segen gegeben?« »Ja, Mutter,« meinte Bärele mit unterdrückter Stimme und scheu auf die Seite gerichteten Augen, »wie man es eben nimmt.« »Jüngel, mit dir steht's nicht, wie es stehen soll,« sagte Hindel, und eine Wolke von Sorge zog über ihr sonst so behagliches Antlitz. »Wirst du reden, was dir ist?« Da blickte Bärele zur Mutter auf, wahrscheinlich voll Verwunderung, daß sie ihn so gut verstanden. »Ja, Mutter,« sagte er, »wenn du nichts dagegen hast, so geh' ich morgen nach Prag und kauf' da ein, was ich sehe.« »Was? Du? Und nach Prag?« rief Hindel, in der ein gerade vor ihr niederfallender Donnerschlag keineswegs diesen Schrecken, wie sie ihn jetzt empfand, hervorgebracht hätte. Erschöpft, niedergeschmettert von der ganzen Bedeutung dieser Mitteilung, mußte sie sich auf einen Stuhl niederlassen. »Ja, Mutter,« begann Bärele wieder, »wenn du und der Vater nichts dagegen habt, so fahr' ich morgen in aller Frühe mit dem Stellwagen nach Prag. Du gibst mir Geld, so viel du gerad' in deinem Kasten hast . . . und ich geh'.« 154 »Und was willst du mit dem Geld anfangen?« fragte Hindel nach einer minutenlangen Unterbrechung, während welcher der Atem der beleibten Frau gestockt zu haben schien. »Einkaufen, Mutter,« sagte Bärele trocken. »Bärele, der Gedanke ist nicht in deinem Garten gewachsen!« rief Hindel und stand in großer Bewegung auf. »In welchem denn?« fragte Bärele beinahe höhnisch. »Und was liegt daran, ob er in deinem oder in einem anderen Kopfe gewachsen ist?« sagte Hindel in einem Tone, der höchst freudig klang. »Ich sag' dir, etwas Schöneres und Besseres hättest du mir gar nicht verkündigen können. Schon seit lange ist's mir im Hirne herumgekrochen, ob wir denn recht getan haben, dich so aufwachsen zu lassen, ohne Arbeit, ohne Geschäft . . . und jetzt kommst du selbst und sagst: Mutter, gib Geld her, ich will einkaufen gehen.« »Gibst du mir's also?« fragte Bärele langsam. »Gewiß, Bärele, so viel du willst. Tausende liegen für dich bereit. Wozu haben wir's denn?« rief Hindel, der sonst immer gleichmäßige Ruhe eigen war, in überströmender Wallung. »Kauf nur ein, was dir in die Augen fällt, üb' dich, und wenn auch das erstemal kein Vorteil dabei heraussehen wird, so liegt daran gar nichts. Die Hauptsach' ist, daß du ein Mensch wirst und siehst, wie man Geld verdient. Dann wird dir nicht zustoßen, was dir heute früh zugestoßen ist, daß du nämlich auf die paar Groschen einer armen Waise wartest und sie auszankst, wenn sie um fünf Minuten später den Zins bringt.« Man sieht, Hindel hatte keineswegs den Auftritt vom Morgen vergessen. Sie gehörte keineswegs zu jenen Müttern, die den Untugenden ihrer Söhne gegenüber ewig den grauen Star haben, während sie an Fremden zu Adlern und Falken werden. Sie hatte bis dahin ihr Bärele gleichsam in großem Respekt gehabt, hatte nie viel über ihn gedacht, weil die anregende Gelegenheit dazu gefehlt hatte. Nun glaubte sie 155 mit einem Male klar zu sehen und seinen Charakter erkannt zu haben. Seine vermeintliche Roheit, sein ausgesprochener Geiz gegen das arme Mädchen hatte ihr Herz mit Kränkung erfüllt. Mit schnellem Blicke hatte sie die Fehler überschaut, die in Bäreles Erziehung gemacht worden waren. Darum ging sie so freudig auf den kaum enthüllten Antrag ihres Sohnes ein; ihr war es genug, daß Bärele die Wirkungen des heutigen Tages in so selbständiger Weise in sich verarbeitet hatte. Daß aber selbst die scharfsichtigste Mutter zuweilen nichts sieht, wo eigentlich vieles zu sehen ist, weiß so mancher, der über die zwanzig Jahre hinausgekommen ist. Von da an gibt es Geheimnisse, für die das menschliche Auge nicht mehr ausreicht – und ein Engel mit ausgespannten Fittichen war Hindel nicht! In der Freude ihres Herzens ging sie sogleich an den Kasten. Aus einer verborgenen Schublade nahm sie, allzu hastig vielleicht für ein so ernstes Geschäft, mehrere Bündel Banknoten, die da in Reih und Glied lagen. »Da,« sagte sie zu ihm, »da nimm, Bärele, ich hab's nicht einmal gezählt. Wenn du wieder brauchst, ich hab' noch. Ich sag' dir noch einmal: es liegt mir nichts daran, wenn du zum ersten Male mit deinen Einkäufen auch Spott und Schand' haben wirst. Es liegt nichts daran. Wenn einer ein ›Barjin‹ werden soll, so geht es nicht, wie man die Hand umdreht. Das wird man erst in langer, langer Zeit, und mancher hat schon graue Haare und große Kinder, und ist doch noch kein ›Barjin‹ geworden.« Bärele steckte die Banknoten gleichgültig ein, nicht so die Worte der Mutter. Er meinte, sie werde schon sehen, daß er ein Mensch werden wird, der sich um die Welt und um das, was diese Welt sage, nicht kümmere. Hindel brachte diese Worte auf Rechnung des heutigen Tages; er sei gekränkt, nahm sie an, und in dieser Kränkung habe er den 156 Entschluß gefaßt, ein tätiger Mensch zu werden. Doch sei es besser so als anders. Während dann Bärele auf seine Kammer ging, um sich zur Reise vorzubereiten, sagte Hindel zu ihrem Manne, der bis dahin, wie es schien, teilnahmlos dicke Rauchwolken vor sich hingeblasen hatte: »Du wirst sehen, Ascher! aus dem Jüngel wird erst jetzt etwas werden.« »Meinst du, Hindel?« gab er tonlos zur Antwort. »Ja,« sagte sie mit großer Bestimmtheit. »Aus dem Jüngel wird erst jetzt ein Mensch.« Nach einer Weile, während sich die Rauchwolken aus Rebb Aschers Meerschaumpfeife immer dichter und qualmiger ballten, mitten aus diesem Vulkane fragte er kleinlaut: »Wollen wir heut', Hindel?« »Ja, wir wollen, Ascher!« rief sie freudigen Tones. Und das »Pasch« Karten ward hervorgeholt, und wie in manchen Häusern ein Valettrunk beim Scheiden gebräuchlich ist, so spielten Ascher und Hindel einen »Franzefuß« auf das glückliche Gedeihen ihres Sohnes! Bärele hatte beim Weggehen aus dem Hause auf Hindels Frage, wann er zurückzukommen gedenke, unbedenklich geantwortet: »Auf die letzten Tage des Jontefs (Feiertags).« Wenn er auf die Hin- und Herreise einen Tag rechne, so seien die zwei anderen, die bis dahin fehlten, gerade hinreichend, um das »Geld« anzubringen. Zurückzubringen brauchte er es nicht, meinte Hindel noch zu guter Letzt. »Dafür solle sie nicht sorgen,« bemerkte Bärele fast lustig, »ein Dukatenmännchen sei er nicht.« Es versteht sich von selbst, daß Hindel ihrem Sohne außer dem »ungezählten« Gelde auch noch einen ganzen Reisekoffer ebenfalls ungezählter Ratschläge mit auf den Weg gab, 157 wie er sich mit den Prager Kaufleuten zu benehmen habe, von denen jeder, besonders aber die Frauen, einen eisernen Kopf auf sich habe; wie er sich durch ihr Schmeicheln und Zureden nicht solle berücken lassen; das sei so ihre Art, besonders wenn sie wüßten, daß der Kunde vom »Land« sei. In den Wirtshäusern, wo er übernachte, solle er das Geld jedesmal unter sein Kopfkissen legen und ja nicht vergessen, das Licht auszulöschen und die Türe zu verriegeln. Schließlich möge er sich vor den Ladenmädchen auf dem »Tandelmarkte« hüten! Bärele war wahrscheinlich schon nahe bei Brandeis, einem an der Prager Straße gelegenen Städtchen, vorüber, als sich Hindel noch erinnerte, sie habe vergessen, ihm ein »Trakteurhaus« anzuempfehlen, das sie aus ihrer Jugend noch kannte; dorthin möge er gehen und den »Trakteur« und die »Trakteurin«, wenn sie noch lebten, von ihr grüßen. Aber es war schon zu spät. Übrigens konnte Hindel kaum den Tag erwarten, der ihren Bärele ihr wieder zurückbrachte. Zu der Sorge um den Abwesenden, der zum ersten Male sich den Gefahren einer großen Stadt aussetzte, kam noch ein gewisses dunkles Gefühl, das sich im Laufe der wenigen Tage immer mehr und mehr klärte. Der plötzliche Entschluß ihres Sohnes, ein »Geschäft« anzufangen, die ganze Art und Weise, wie er ihr dies angekündigt, drängte sich ihrem Nachdenken immer stärker auf. So viel sah sie klar: der Zinstag der Nähterin und die Lektion, die sie ihm erteilt hatte, standen damit in Verbindung. Dennoch war es ihr eigen zumute, wenn sie überlegte, daß Bärele, bei dem Gefühlswallungen nie die starke Seite waren, eben durch diese Vorwürfe dazu bestimmt sein sollte. Sie, die jedes Äderchen in ihrem Sohne zu kennen glaubte, zweifelte selbst, ob sie den Eindruck auf sein Gemüt hervorgebracht. 158 Natürlich war sie in diesem Zustande nicht geeignet, auf die öftere Frage ihres Mannes: »Wollen wir, Hindel?« die bekannte Antwort zu geben. Die behäbige Frau fühlte sich unruhig und gepeinigt, wie nie in ihrem Leben. Dazu kam die Verdrießlichkeit Aschers, der die Abwesenheit Bäreles sehr schwer empfand. »Gerad' am Cholemoed hast du ihn wegschicken müssen?« sagte er wiederholt, »zu einer anderen Zeit hätt' es gar nicht sein können? Der ärmste Schnorrer unterhält sich am Cholemoed, ja selbst Kinder spielen ihr ›Hammer und Glock'‹, nur ich allein muß dasitzen wie ein verlassen Waisenkind und kann nicht einmal meinen ›Franzefuß‹ haben. Ist das erhört?« »Erst muß man ein Mensch sein,« sagte Hindel gereizt, »und hernach kann man Franzefuß spielen.« »Geht das auf mich?« fragte Ascher kleinlaut. »Nein, das geht auf einen, der nicht hier ist,« gab sie zur Antwort. Bärele ließ übrigens lange auf sich warten. Der Vorabend der letzten Feiertage war gekommen, durch die Gasse zog bereits der festliche Duft, in manchen Häusern entzündeten sich schon die Lichter – aber Bärele blieb aus. In Hindels Gemüt, wie starr und stark es sich auch gegen die Außenwelt zeigen mochte, begannen schwere Sorgen aufzusteigen. Zu der Furcht, ihr Sohn könne in den heiligen »Jontef« hineinfahren, gesellte sich eine andere: was ihn wohl verhindert haben könnte, zur bestimmten Zeit zu kommen. Mit einem Male erschollen sogar die drei Schläge des Schuldieners an der Türe, das Zeichen, daß der abendliche Gottesdienst beginnen würde. Da rüstete sich auch Rebb Ascher zum Fortgehen. »Wart'st du denn nicht?« rief sie ihm nach, als er schon auf der Stiege war. »Auf wen denn?« fragte er, ohne sich umzudrehen. »Auf Bärele!« schrie sie. 159 »Du hast ihn ja fortgeschickt,« meinte er achselzuckend, »folglich mußt du auch wissen, wann er kommen wird.« Hindel empfand diesen »Stich« bitter, aber es fehlte ihr an Mut, ihn gebührend zu beantworten. Dennoch, weil sie ein stark gewilltes Weib war, dem Ärger und Kränkung nicht so leicht etwas anhaben konnten, verwand sie selbst die Furcht um ihren abwesenden Sohn. Wenn sie es gut überlege, fiel ihr ein, so könne Bärele gar nicht so geschwind von Prag zurück sein. Das Jüngel werde so viel neue Sachen zu sehen bekommen haben, daß ihm darüber Hören und Sehen werde vergangen sein. Zudem sei er ein Neuling im Einkaufen, werde nicht wissen, wonach früher greifen. Eines werde das andere bei ihm verdrängt haben, zuletzt werde ihm die Zeit zu kurz geworden sein. Morgen werde die Post einen Brief bringen, drin werde das alles stehen, was sie jetzt denke; denn schreiben werde er ganz gewiß, so »klug« sei er doch. In diesem Glauben vermochte Hindel, als ihr Mann aus der »Schul'« heim kam, mit einem fröhlichen Gesicht ihm entgegenzutreten, und »gut Jontef« zu wünschen. Aber dieser Morgen kam, und weder Bärele, was auch natürlich war, noch ein Brief von ihm kam. Hindel war gleichfalls in »Schul'« gegangen, hatte aber beim Weggehen den Auftrag hinterlassen, wenn ein Brief käme, ihn sogleich zu dem benachbarten christlichen Schuster zu tragen, damit er das Siegel erbreche, weil ihr das am Festtage nicht gestattet war. Aber sie harrte umsonst, und vergebens waren ihre Gedanken während des Gebetes nicht bei Gott! Ihre Blicke hafteten in einem fort an der Eingangstüre der »Weiberschul'« – aber niemand kam, der ihr zuwinkte und ihr den erbrochenen Brief aus der Ferne zeigte. Ganz verstört eilte sie, noch lange bevor die »Schul'« zu Ende, nach Hause. Hier traf sie schon ihren Mann, den gleichfalls die Sorge vom Gebete weggescheucht hatte. 160 »Nun, was sagst du zu dem Jüngel?« rief er ihr entgegen. »Noch nicht zurück!« »Er kann doch nicht am heiligen Feiertage zurückkommen,« meinte sie gepreßt. »Und auch kein Brief!« fuhr er fort. »Gott der Lebendige weiß, was ihm zugestoßen ist. So ein junges Kind soll man in die Welt schicken!\< »Das junge Kind ist vierundzwanzig Jahre alt,« meinte Hindel mit spöttischem Tone, »in dem Alter bist du schon mein Mann gewesen.« Hindel wollte wahrscheinlich durch diesen Ton die innere Angst überschreien; aber es ging nicht an. Beiden fehlte der Sohn, sie hatten ihn, seitdem sie ihn besaßen, nie vermißt. Es war vielleicht der erste wahre Schmerz, der in das Leben dieser in Glück und Reichtum sitzenden Leute trat, und Hindel war der leidendere Teil; denn sie mußte so wie den Vorwürfen ihres Mannes, noch mehr ihren eigenen Schweigen auferlegen. Dennoch ging sie am anderen Morgen, nachdem sie eine schlaflose Nacht zugebracht, mit ruhigerem Gemüte zur »Schul'«. Der Brief Bäreles konnte sich verspätet haben – was wußte er, der es noch nie zu einem Briefe gebracht hatte, davon, wie man so ein Schreiben auf die Post geben solle, damit es richtig und zur Zeit ankomme? Vielleicht war er zu spät gekommen, und die Post, die natürlich nicht wissen konnte, daß es eine Hindel Spitz in der Welt gab, die auf den Brief mit aller Sehnsucht wartete, hatte ihn für den anderen Tag mitgenommen. Sie hatte den nämlichen Auftrag gegeben, den Brief alsogleich zum Schuster zu tragen, und ihr erbrochen in die »Schul'« zu bringen. Aber auch heute harrte sie vergebens. Da bemächtigte sich ihrer eine Angst, daß es ein Wunder war, wenn sie nicht laut aufschrie; dicke Schweißtropfen drängten sich auf ihre Stirne; sie war wirklich einer Ohnmacht nahe. Unter dem 161 Vorwande, daß ihr zu heiß sei und die kühle Luft ihr gut tun werde, entschuldigte sie sich bei einer Nachbarin und entfernte sich eiligst, da kaum die Hälfte des Gottesdienstes vorüber war. Draußen in der kühlen Luft kam ihr wieder die Fassung. Drin in der Schul', hatte sie geglaubt, ruhten die Augen aller Frauen auf ihr, und wußten, daß ihr Bärele keinen Brief geschrieben habe. Langsam ging sie die Treppe herunter, die von der Weiberschul' ins Freie führt; aber mit jedem Schritte, den sie vorwärts tat, um nach Hause zu gelangen, wuchs ihr inneres Bangen aufs neue. Was war mit Bärele wirklich vorgegangen? Wie sollte sie ihrem Manne jetzt entgegentreten? Ihre Blicke starrten vor sich hin, als sollten ihr, die sonst so stark im Wollen und Entschließen war, die leitenden Gedanken aus der leeren Luft zuströmen. Da fielen sie, von ungefähr, auf das kleine Häuschen, worin Hannele, das »fromme Weib«, und ihre Tochter Lisi zur Miete wohnten. Es war Hindel, als sei mit dem Anblicke dieses kleinen Häuschens ein neuer Sinn über sie gekommen. »Gott! Einziger!« fiel es ihr blitzartig bei, »wie ist mir nur das nicht eingefallen? Die Nähterin muß ja etwas wissen! Von ihr ist er ja gekommen, und etwas muß zwischen ihm und ihr vorgegangen sein, sonst hätte er sich nicht so schnell geändert!« Hindel trat, ohne sich zu besinnen, rasch auf die Wohnung Hanneles zu. Zu einer anderen Zeit hätte es wohl länger gewährt, ehe »Rebb Aschers Weib« bei Hannele, dem frommen Weibe, eingetreten wäre! Die reiche Frau war sich auch vollkommen des Abstandes bewußt, der zwischen ihr und Hannele bestand. Aber jede Bedenklichkeit, worunter nicht die kleinste war, was es für ein Gerede geben würde, wenn ihr Besuch bei dem »frommen« Weibe ruchbar ward, schwand in dem Gedanken, daß ihr die »Nähterin« vielleicht einen Aufschluß werde geben können. 162 Als Hindel in das Vorhaus, das zugleich die Küche war, eintrat, fiel ihr bei aller Sorge, die sie hierher geführt hatte, die ungemeine Ordnung und Reinlichkeit auf, die in diesem kleinen Raume waltete. Schöngescheuert glänzten kupferne und zinnerne Gefäße; der Herd selbst, auf dem ein dürftiges Feuer loderte, war blank und zierlich anzusehen. »Man kann davon essen,« bildete sich in Hindel schnell das Urteil. Doch eine längere Umschau war ihr nicht gestattet, sie drückte auf die Türklinke, und nachdem sie geklopft hatte, trat sie auf ein »Herein« rasch in die Wohnstube Hanneles. Was Hindel erwartet hatte, traf ein. Die Nähterin war allein in der Stube. »Madame Hindel!« rief die Nähterin und sprang hoch verwundert von dem Gebetbuche auf, in welchem sie gebetet hatte. Der Besuch einer Königin wäre Lisi nicht so überraschend erschienen, als der der reichen Frau. »Madame Hindel!« rief sie daher noch einmal und errötete und erblaßte in einem und demselben Augenblicke. »Mach dir keine Ungelegenheit, Lisi,« sagte Hindel, als die Nähterin sich beeilte, ihr einen Sitz anzubieten, »ich setz' mich nicht; aber danken möcht' ich dir dafür, wenn du mir ein gut Glas Wasser bringen möchtest.« Lisi eilte in die Küche hinaus. Währenddem hatte Hindels erfinderischer Geist schnell die Ausrede gefunden, die ihrem Besuche den möglichsten Schein von Unbefangenheit geben konnte. Gleich darauf kam Lisi mit dem Glase Wasser auf einem spiegelblanken Teller – blank wie »Gold,« bemerkte im stillen Hindel – und bot es mit den Worten an: »Wohl soll es Ihnen bekommen, Madame Hindel!« »Ich dank' dir, mein Kund,« rief Hindel gnädig und schlürfte das kühlende Getränk fast zur Hälfte aus. »Jetzt ist mir tausendmal besser,« sagte sie hierauf, »ich hab' geglaubt, ich verschmachte in der Schul'.« 163 Dann sah sie das schöne Mädchen, das in bescheidener Entfernung vor ihr stand, mit einem schnell prüfenden Blicke an und meinte dann halb scherzend, halb ernst: »Lisi, dir und deiner Stube sieht man's nicht an, daß du für die Leut' nähst. Geht's dir denn auch ganz gut? Und bist du zufrieden?« Zu arbeiten gebe es immer, entgegnete demütig das Mädchen. Die Mutter verdiene hie und da auch etwas, und so brächten sie sich beide durch, sie wüßten oft freilich nicht wie? Aber wer habe eigentlich über nichts zu klagen? Wem gehe es stets nach Wunsch? Hindel warf auf die Sprecherin nach diesen Worten mit Schrecken ihre Blicke. Wußte Lisi, warum sie hier war? Aber ebenso schnell begriff sie, daß sie sich nicht bloßstellen dürfe. Ruhiger also, als es in ihrem Gemüte aussah, meinte sie: »Der Zins muß dir wohl schwer kommen, Lisi?« »Ich muß arbeiten und arbeiten, bis ich ihn zusammengebracht habe,« sagte die Nähterin, aber keineswegs mit bettelhafter Demut. »Warum bedankt sie sich nicht?« grollte es in der schnell zürnenden Frau, und ein Zug von ungnädiger Mißfälligkeit zeigte sich auf ihrem Gesichte. »Bärele hat ihr ja den Zins zurückgebracht, warum mag sie nichts davon wissen?« »Du kannst doch aber nicht sagen, Lisi,« sprach sie laut, »daß wir dich wegen deines Zinses hart bedrücken? Es ist wahr, du bringst ihn pünktlich, und es könnte sich mancher an dir ein Beispiel nehmen. Aber meinst du, ich möcht' um die Polizei schicken, wenn du einmal ausbleibst?« »Die Polizei werden Sie, wenn mir Gott immer mit Arbeit hilft und ich gesund bleibe, niemals zu holen brauchen,« meinte Lisi lächelnd. »Sie bedankt sich noch nicht?« fragte sich Hindel selbst, empört über diese Verstellung Lisis, der sie den Dank doch 164 so leicht gemacht hatte. Wer hätte das in der kleinen Nähterin gesucht? Aber ein Blick auf das offene schöne Gesicht Lisis überzeugte schnell die reiche Frau, daß sie sich in dem Mädchen doch geirrt haben könnte. Hatte ihr vielleicht Bärele das Geld gar nicht gebracht? Der Gedanke lag so nahe, daß er ihr als der wahrscheinlichste dünkte! Aber wie stand das wieder im Zusammenhange mit Bäreles schnellem Entschlusse nach Prag zu gehen? mit seinem sonderbaren Tun seit dem Tage, wo Lisi den Zins gebracht hatte? Der starken Frau stand diesmal, und nicht bloß sinnbildlich, der Verstand still. Eine Verwirrung befiel sie, ein Durcheinanderwogen der verschiedenartigsten Gedanken, wie sie die sonst so klare Frau nie gekannt hatte. Das aber fühlte sie trotz dem allem heraus, daß sie mit der Nähterin sich »ausreden« müsse, daß alle Rücksichten auf »Standesunterschied« vor der eisernen Notwendigkeit weichen müßten – und dazu drängte sie nicht etwa der klügelnde Verstand, der oft irre geht, sondern ihr einfaches Bewußtsein als Mutter eines Kindes. »Hör mich an, mein gut Kind,« sagte sie mit einem Male, ohne jeden vermittelnden Übergang, »mit dir muß ich reden, ich bin ›extra‹ darum zu dir hergekommen. So und so steht es mit mir.« Und nun erzählte die reiche Frau in einem Tone, als wenn sie mit »ihresgleichen« spräche, vom Anfang bis zum Ende, alles, was ihr Herz bedrückte. Sie verschwieg nicht den kleinsten Umstand, und bemäntelte auch nicht, welche Worte sie in ihrem mütterlichen Unwillen gegen Bärele gebraucht; wie sie ihm seinen Geiz gegen sie, die Nähterin nämlich, vorgerückt, wie sie ihn fast fortgetrieben, damit er ihr den Zins wieder zurückerstatte. Er sei damit fortgegangen, freilich erst gegen Abend, aber als er gekommen, habe er seinen Entschluß erklärt, nach Prag zu gehen, um sich da im »Einkaufen« zu üben. Sie habe sich dagegen nicht gestemmt, habe im Gegenteil freudig zugestimmt und ihm »ungezählt« 165 Geld mitgegeben, sie wisse gar nicht wie viel. Das Geld mache ihr keine Sorge, wohl aber Bärele, der noch nicht zurückgekehrt sei. Sie sehe so viel, daß sein Ausbleiben nicht natürlich sei, ein Brief sei auch nicht eingetroffen – ob er ihr vielleicht nicht gestanden, was er vorhabe; denn etwas werde sie doch wissen . . ., wenigstens komme es ihr so vor. Bei diesen Worten zuckte das Mädchen zusammen, und als Hindel dies bemerkte und sie heftig fragte: »Weißt du vielleicht mehr als ich?« da bedeckte sie mit beiden Händen das Gesicht und fing an bitterlich zu weinen. Darob war Hindel erst recht erschrocken. »Um Gottes willen, Lisi,« schrie sie und faßte sie bei der Hand, »ich steh' wie auf glühenden Kohlen. Was weißt du von ihm?« Da sanken die Hände des Mädchens langsam herab; ihr Antlitz war tränenüberströmt. Sie vermochte lange nicht zu Worte zu kommen. Dann begann auch sie zu erzählen; erst abgebrochen und stockend, dann immer geläufiger. Auch sie verschwieg nichts, aber sie hielt sich doch nur an die Hauptsache. In ihrem Munde nahm die ganze »Geschichte« eine ganz andere Form und Gestalt an, Bäreles Verfahren gegen sie am Zinstage erschien in einem anderen Lichte; ob in einem milderen, wagte Hindel noch nicht zu entscheiden. Aber schon, daß es nicht Geiz und Knickerei gewesen war, was sie an ihm so gerügt hatte, befriedigte sie nicht wenig. Das Mädchen verschwieg auch nicht, wie Bärele ihr am Hause in der Nacht aufgelauert und was da zwischen beiden vorgegangen war; aber sie tat es schonend für Bärele. Sich selbst klagte sie mit bittern Worten an, daß sie ihm so schonungslos entgegengetreten . . ., er habe nur das einzige verlangt, daß sie den »Spieler« zurücknehme, und nun sei das Unglück geschehen. »Was für ein Unglück?« rief Hindel nur schwer atmend. Lisi konnte vor Schluchzen nicht sprechen. 166 »Madame Hindel,« rief sie endlich, »sehen Sie denn nicht ein, wozu Ihr Bärele nach Prag gegangen ist?« »Nein,« sagte diese stockend. »Was meinst du, Lisi?« »Er ist nach Prag spielen gegangen,« flüsterte, von Hindel abgewandt, das Mädchen. »Spielen!« rief die arme Hindel ganz vernichtet, »da sei Gott vor!« Eine lange, minutenlange Weile trat nun ein. Nur das leise Schluchzen des Mädchens war in dem kleinen Raume hörbar. Hindel selbst, das starkmutige Weib, verrang mit übermenschlicher Anstrengung den Eindruck des soeben Gehörten. Vielleicht hätte sie klüger getan, der armen Nähterin die stolze Miene einer beleidigten reichen Frau entgegenzusetzen, wie das so vortrefflich in der »großen Welt« verstanden werden soll, aber dazu fehlte ihr der Sinn für Unwahrheit und auch der Mut. Sie war sogleich überzeugt, daß Lisi recht habe; alle Umstände, die sich jetzt zu einem Ganzen vor ihrem Denken sammelten, stimmten zusammen: Bärele war nach Prag spielen gegangen. »Hör mich an, mein Kind, mein gut Kind,« sagte sie nach diesem schrecklichen Augenblicke, »es ist leider gar nicht zu bezweifeln, daß alles, was du mir erzählt hast, von Wort zu Wort wahr ist. Wie es in mir aussieht, kannst du dir denken. Leider Gott! ich muß dir recht geben. Mein eigener Sohn hat mich betrogen, hat mir Geld abgenommen, um es zu verspielen. Ich will jetzt nicht sagen, wie das gekommen sein muß; aber wir selbst, seine Eltern, haben es zu verantworten, daß es so gekommen ist, denn wir hätten es verhüten können. Was aber geschehen ist, ist geschehen, und ich muß nun dafür sorgen, daß aus der ganzen Sache nicht noch etwas Ärgeres wird.« »Ich werde nichts ausplaudern, Madame Hindel,« beteuerte die noch immer weinende Lisi, »ich nicht. Darauf können Sie sich verlassen.« 167 Hindel lächelte trübe. »Das mein' ich nicht, du Narrele,« sagte sie, »ich weiß, du wirst zu meinem Unglück nicht noch hinzugeben, daß du dir die große Trommel umhängst, oder wie der Schulklopfer es an alle Türen hämmerst. Dafür kenne ich dich schon zu gut. Wein auch nicht und glaub nicht, daß du daran schuld bist. Das ist so in seiner Natur gelegen, und dafür sind andere verantwortlich. Das schlag dir also aus dem Gedanken und nimm an, daß es dich nichts weiter angeht.« »Mich trösten Sie, Madame Hindel,« rief Lisi schmerzlich, »und Sie selbst brauchen doch eher Trost.« »Ich werd' mir schon zu helfen wissen,« meinte die reiche Frau nach einigem Nachdenken und stand auf. Ihr ganzes Wesen hatte sich unter diesen Worten geändert. Eine merkwürdige Entschlossenheit, eine Art Begeisterung glänzte auf ihrem Antlitze. Lisi blickte sie mit einem Gefühle von Ehrfurcht an. »Was wollen Sie denn tun, Madame Hindel?« wagte sie kaum zu fragen. »Ich werd' mir mein Bärele zurückholen,« sagte sie mit Entschiedenheit, »und wenn ich müßt' ihn vom ›guten Ort‹ mir holen. Doch so arg wird es nicht sein,« setzte sie mit traurigem Lächeln hinzu. »Die Hauptsache ist, daß ich ihn finde. Für das übrige laß meinen Kopf sorgen.« Damit ging Hindel, und wer der breiten, stattlichen Frau in ihrem rauschend seidenen Kleide und der buntbebänderten Haube nachsah, wie sie jetzt durch das enge Schulgäßchen gleich einer bewimpelten Fregatte auf dem Ozean einherging, der hätte gelacht, wenn man ihm gesagt hätte, daß dieselbe Frau ein schweres Leid in sich trug. Erst in ihrem Hause angelangt, verließ sie diese vornehme Haltung, die wirklich erkünstelt gewesen, und sie brach fast zusammen, ehe sie ihre Stube erreicht hatte. So fand sie der heimkehrende Ascher. Ergriffen von dem ungewöhnlich aufgeregten Wesen seiner Frau wollte er um den Arzt schicken. Sie aber wehrte es ab, wie sehr er in sie drang. »Ich hab' schon meinen Arzt,« sagte sie, »und der bin ich selbst. Ascher!« setzte sie dann nach einer Weile hinzu, »wenn du mir helfen willst, so schick gleich auf die Post und laß mir auf morgen in aller Frühe eine Extrakutsch' bestellen. Ich fahr' nach Prag.« »Du willst auch nach Prag?« rief vor Staunen starr Rebb Ascher. »Ich muß, Ascher,« sagte Hindel stark, »ich muß . . . da nützt kein Reden und kein Raten, ich muß. Ich muß wissen, wo mein Bärele ist, und eher komm' ich nicht zurück, als bis ich ihn mit der Hand da angefaßt habe.« Ascher verlegte sich umsonst aufs Bitten und Vorstellen, was er denn beginnen solle, wenn auch sie von ihm fortginge, dann hätte er gar niemanden, mit dem er sich »ausreden« könne. »Sag lieber: Franzefuß spielen,« meinte sie bitter. »Aber ich hab' an dem Spiel genug zu tragen.« Ascher selbst hatte nun nichts einzuwenden, als sie ihm in wenigen Worten Zweck und Absicht ihrer Reise nach Prag dartat. Er schüttelte nur den Kopf, als bezweifelte er, daß Bärele am Rande eines Abgrundes stehen könne, weil er nach Prag gegangen war, um zu spielen. »Bagatelle,« murmelte er im Fortgehen zur Post, »sie haben dem Jüngel das Franzefußspiel ›mieß‹ gemacht, und darum ist er nach Prag spielen gegangen. Und daraus macht sie so viel Gelärm?« Noch vor Tagesanbruch rollte eine Kutsche durch die schlafende Gasse. Hindel saß darin; sie hatte dem Postillion 169 gleich beim Einsteigen ein reichliches Trinkgeld gegeben, damit er nicht »blase«: denn wozu brauchte die Welt zu wissen, weswegen sie nach Prag fuhr? Die Pferde liefen rasch, aber seit wann gehen Pferd und Wagen gleichen Schritt mit der sorgenvollen Sehnsucht eines Menschen? Ohne zu rasten, ja selbst ohne mehr als einen notdürftigen Imbiß zu sich zu nehmen, eilte sie vorwärts. Zu Mittag kam sie in Altbunzlau an, einem Orte, der durch den Mord eines böhmischen Herzogs, der hier durch seinen eigenen Bruder fiel, und die darauf erfolgte Heiligsprechung des Gemordeten berühmt geworden ist. Noch zeigt man an der Kirche den eisernen Ring, an den sich der Unglückliche im Todeskampfe anhielt. Hindel wußte von dieser »Geschichte«, die in ihrer Jugend erzählt worden war. Sie fiel ihr auch jetzt wieder ein, als sie an jener Kirche vorüberfuhr, und sonderbar –, auch ihr Sohn kam ihr damit in den Sinn, wie wenig Zusammenhang auch zwischen beiden bestand. In dem nahen Brandeis, das nur durch eine Brücke von Altbunzlau getrennt ist, wurden die Pferde gewechselt. In dem Augenblicke, als sie abfuhr, sah sie durch das Fenster kaum zehn Schritte vom Wagen ein Mädchen, das eine ganz außerordentliche Ähnlichkeit mit der »Nähterin« Lisi zu haben schien. Hindel wollte ihr zurufen, aber das Peitschenknallen des Postillions und das Rasseln des Wagens übertönte ihre Stimme. War das wirklich Lisi gewesen? Wie sollte die jetzt herkommen? Und doch hätte Hindel darauf schwören mögen, daß sie es war. Sie schlug sich aber diesen Gedanken als zu lächerlich, um ihm nachzuhängen, bald aus dem Sinne. Um drei Uhr nachmittags sah sie die Hauptstadt Böhmens vor sich liegen und fuhr durch das düstere »Porzicer« Tor ein. Sie ließ sich in die »drei Karpfen« führen, ein ihr noch aus ihren Jugendtagen bekanntes Einkehrhaus, das damals im Rufe fabelhafter Wohlfeilheit stand. Hindel hatte 170 kein Auge für die schöne Straße, die seit ihrer letzten Anwesenheit in Prag um jenen Gasthof herum entstanden war. Kaum in ihrem Zimmer angelangt, rüstete sie sich schon, matt und zerschlagen, wie sie von der schnellen Reise war, zu dem schweren Gange, um mitten in einer großen Stadt, mitten aus mehr als hunderttausend Menschen – ihren Sohn herauszufinden. Ihr erster Gang galt dem »Trakteur«, den sie durch Bärele hatte grüßen lassen; sie fand ihn in der Tat noch in dem engen Gäßchen zwischen dem »Dreibrunnenplatze« und der »Geistgasse«, aber der Trakteur, der seitdem von dem Gelde aller böhmischen Landjuden reich und fett geworden war, erkannte sie nicht wieder, wie viele Erkennungszeichen sie ihm auch sonst an die Hand gab. Sie fragte ihn, ob ihm nicht ihr Sohn ihren Gruß bestellt habe; denn sie hatte vergessen, daß sie ihrem Sohne das Trakteurhaus gar nicht angegeben hatte. Sie hatte das erwartet; traurig ging sie fort, ohne etwas zu »verzehren«, worüber der Trakteur nicht wenig zu zürnen schien. Von dort ging sie in ein anderes Speisehaus, fragte auch da, nachdem sie die genaueste Beschreibung Bäreles gegeben; aber auch hier ward ihr die nämliche Antwort. Es waren so viele Menschen aus und ein gegangen, rühmte dieser Trakteur mit stolzem Munde, die alle »gespeist« werden mußten, daß ihm kein Auge für eine einzelne Person blieb. Ohne Erfolg besuchte Hindel nach und nach mehrere der Speisehäuser, an denen die »Gassen« jenes Stadtviertels so reich sind, überall ward ihr der nämliche Bescheid. Oft mußte sie manches spöttische Lächeln mit in den Kauf nehmen, und einmal hörte sie sogar, wie eine griesgrämige Trakteurin zu ihrem Aufwärter sagte: »Die sucht ihn bei uns, und er ist vielleicht ganz anderswo zu finden.« »Wo?« hatte Hindel inständigst gefragt, und, »vielleicht beim ›Engel‹ oder beim ›schwarzen Roß‹ (bekanntlich keine Speisehäuser, worin Trakteure der »Gasse« walten) zur Antwort erhalten. 171 Dieser Bescheid erschreckte sie so sehr, daß sie wie vernichtet dastand. Ihr Bärele also in einem der Gasthäuser Prags einlogiert, verzehrte vielleicht da ihr Geld wie ein großer Herr und war höchst wahrscheinlich die ganze Zeit bei keinem »Trakteur« gewesen! Der Schlag ihres so wild bewegten Herzens stand oft stille, so tief gesunken mußte sie sich ihr Bärele vorstellen. Es war Nacht geworden. Sie mußte daran denken, wieder ihr Absteigequartier aufzusuchen, von Ermüdung, Hunger und Kummer vollständig überwältigt. Jetzt erst, am Tore zu den drei »Karpfen« fiel ihr ein, die Polizei müsse doch von dem Aufenthalte ihres Sohnes Nachricht haben. Aber sollte sie zur Polizei gehen? Hindel gehörte nicht zu jenen furchtsamen Geschöpfen, denen der bloße Name dieser Behörde unheimlich klingt; sie wußte nur in diesem Augenblicke, daß es eine vortreffliche Einrichtung sei, wenn jeder Ankommende am Tore seinen Paß abgebe. Denn wie sollte man in einer so großen Stadt die Fremden herausfinden – wenn man gerade einen suchte – wie hier eine Mutter ihren Sohn? Also nicht die Furcht war es, die ihr diesen Gang erschwerte, aber ein dunkles, schreckenvolles Gefühl, was sie da für eine Antwort erhalten würde, wenn sie fragte: »Habt ihr den und den gesehen? So und so sieht er aus; er ist vierundzwanzig Jahre alt, groß von Gestalt, trug bei seinem ›Verschwinden‹ einen drapfarbenen Rock, am Halse ein grauseidenes Tuch, und über der Oberlippe rechts hat er ein Muttermal in Gestalt einer Linse?« Und wenn sie dann nun sagen mußte: Das ist mein Sohn– sie wagte diesen Gedanken gar nicht weiter fortzuspinnen. Trotzdem war sie so zwischen Fürchten und Bangen in die »Neue Allee« gekommen, von wo sie auf mehrfaches Fragen den Weg zur Polizei fand. Dort vernahm sie aber, die »Bureaus« seien eben geschlossen worden, vor morgen neun Uhr könne ihr keine Auskunft erteilt werden. Nun trat sie wieder den Heimweg zu ihrem Gasthofe 172 an, nicht ohne eine Empfindung von Freude, daß sie auf der Polizei keine Auskunft gefunden. So blieb ihr doch noch die Hoffnung, am andern Tage zu suchen. Zum Sterben müde, sank sie ins Bett und schlief ohne Traum wie eine Tote bis an den hellichten Morgen. Erschrocken fuhr sie auf, als die Sonne schon hoch am Himmel stand. Es war nahe an neun Uhr, und für diese Stunde hatte man sie auf die Polizei bestellt. Sie warf sich mit ungewohnter Hast in die Kleider und machte sich ohne Frühstück auf den Weg zur Polizei. Unten vor dem Tore begegnete sie einer Frau, die einen großen Hausierpack unter dem Arme trug. Das gab ihren Gedanken sogleich eine andere Richtung. Konnte Bärele nicht doch Einkäufe gemacht haben? Warum sollte sie sich ihn gar so schlecht denken? Und wozu brauchte sie die Polizei auf seine Existenz aufmerksam zu machen? Man hat es wahrscheinlich schon erraten, welche Leute Hindel im Sinne hatte. Sie richtete ihre Schritte nach dem nahegelegenen »Tandelmarkt«. Hindel hatte noch aus frühester Zeit eine lebhafte Abneigung gegen diesen Ort; sie konnte nicht ohne ein Gefühl von Grauen sich dahin begeben. Zu deutlich erinnerte sie sich der Szenen, die sie dort als ein junges Mädchen erlebt hatte. Da waren Weiber und Männer, Mädchen und Knaben wie hungrige Haifische auf sie losgestürzt; der eine hatte sie beim Arme, der andere an der Schulter ergriffen; der dritte hatte sogar ihr Kleid zerrissen. Dazu Stimmen aus allen Tonarten; es wirbelte und quirlte um sie her, als hätte jemand mit einem Stocke in ein Wespennest gestochen. Sie hatte sich damals glücklich geschätzt, mit heiler Haut, gesund und unversehrt aus diesem schreckenvollen Orte entronnen zu sein. Das alles drängte sich jetzt mit unabweisbarer Gewalt vor ihre Seele. Gestern, als sie zur Polizei gegangen, war ihr bei weitem nicht so zumute. Aber es erging ihr, wie es den meisten Leuten mit lebhafter Erinnerungsgabe ergeht; 173 mit dem Erschauen der wirklichen Gefahr verliert sich ein großer Teil des bis dahin Gefürchteten. Damit soll nicht gesagt werden, daß Hindel wie durch einen Rosengarten auf lauter duftenden Blättern spazierte, als sie endlich in jenen dunklen Hallen des »Tandelmarktes« angelangt war. Sie hatte genug auszustehen, mehr als die stattlich beleibte Frau zu ertragen glaubte. Wie ein lebloser Ballen wurde sie in dem dichten Gedränge von Käufern und Verkäufern hin und her geworfen; einer schien es mit dem andern verabredet zu haben, die arme Frau zu narren und irrezuführen. Bei keinem Gewölbe ließ man sie zu Rede kommen, alle drängten und schrien auf sie ein; sie hätte tausend Ohren haben müssen, um alles zu hören. Hatte sie jemanden wirklich die Frage vorgelegt, ob er oder sie (es waren meistens Frauen) nicht ihren Sohn gesehen habe, und ihm die genaueste Personenbeschreibung vorgelegt, so wandte man sich gewöhnlich mit einer verächtlichen Miene von ihr ab. Sie mußte Worte und Redensarten hören, die ihr das Blut zu Kopfe drängten, die sie »zu Hause« nicht mit dieser stummen Entsagung hätte hingehen lassen. Hier war sie willen- und kraftlos; das kleinste Kind hätte sie umwerfen können. So war sie von einem Ende der Kaufhallen bis zum andern gestoßen, geschoben und geworfen worden, ohne jede Aussicht, die kleinste Auskunft über die ihr am Herzen liegende Angelegenheit zu erhalten. Da erbarmte sich ihrer eine kleine dicke Frau, die in einer Art Kanzel vor ihrer Bude saß; sie mußte wohl die tiefbekümmerte Miene der so arg Geängstigten bemerkt haben. »Was suchen Sie, Madameleben?« rief sie ihr zu und faßte sie sanft beim Arme. Hindel sah auf und erblickte ein menschliches Gesicht. Der Ton dieser fragenden Erzählung schien ihr Gutes zu versprechen, sie klammerte sich fast an die Frau an. »Sie scheine hier auch nicht einheimisch zu sein,« meinte die Frau, 174 »und sie frage sie nicht, ob sie etwas kaufen wolle, sondern aus bloßer Teilnahme.« Das klang wie Musik in Hindels Ohren. Mit überströmendem Gefühle erzählte sie ihr nun, wen sie suche und wie unglücklich sie sei, gerade da, wo sie die meiste Auskunft erwartet habe, keine zu finden. »Wie ihr Sohn aussehe?« fragte die mitleidige Frau, »denn wenn er hier Einkäufe gemacht, so kenne sie ihn, sie sitze hier wie im ›Parterre‹ des Theaters, von wo man den ganzen Schauplatz übersehen könne.« Hindel konnte nicht umhin, auf dieses »Parterre« der Frau einen Blick zu werfen, es schien ihr eben nicht beneidenswert. Dann gab sie vielleicht zum fünfzigsten Male die Personsbeschreibung ihres Sohnes zum besten. »Den habe sie nicht gesehen,« gab die Frau nach einigem Nachdenken Bescheid, »sie könne sich darauf verlassen, als wenn es der ›erste Jurist‹ gesagt hätte, ein solcher habe hier nichts eingekauft.« Das war ein niederschlagender Bescheid für Hindel! Sie dankte mit warmen Worten und entfernte sich. Nun stand sie ratlos da und wußte nicht, wohin jetzt ihre Schritte lenken. Noch einmal den Gang durch die Kaufhallen zu machen und noch einmal Nachfrage zu halten, dazu fehlte ihr der Mut. Unwillkürlich geriet sie in die »Schwefelgasse« und von da in das kleine Gäßchen, das in den »großen Ring« gegenüber dem Rathause mündet. In dem Augenblicke, als sie heraustreten wollte, war es wieder, als sähe sie die Nähterin vor sich; es war ihr Kleid, ihre Haltung und Gestalt. Hindel hätte darauf schwören mögen, Lisi sei es gewesen. Sie eilte ihr nach, rief sie beim Namen, aber eine starke Menschenwelle drängte sich zwischen sie und das Mädchen. Als es wieder freier um sie wurde, war die Erscheinung verschwunden. Hindel hielt sich auch diesmal für überzeugt, daß sie recht gesehen, daß es aber doch unmöglich Lisi, die Nähterin, 175 gewesen sein konnte. In einer so großen Stadt, meinte sie, begegne man vielen Menschen, die eine merkwürdige Ähnlichkeit mit Leuten »zu Hause« haben, und doch seien sie es nicht. Zudem, was hätte Lisi in Prag zu tun? Hatte sie Geld zu einer solchen Reise? Hindel schlug sich die Begegnung wieder aus dem Sinn. Sie besann sich nun, daß sie in den »Gewölbern« des eigentlichen Prag, nämlich in der »goldenen« und in der »breiten« Gasse, noch nicht gewesen. Wie leicht konnte der unerfahrene Bärele hierher seine Schritte gelenkt und seine Einkäufe gemacht haben, wo sie freilich billiger kamen, aber die Ware auch danach sich richtete! Traurig schüttelte sie aber den Kopf; wozu gab sie sich solchen Hoffnungen hin? Wußte sie doch mit aller Bestimmtheit, daß ihr Bärele irgendwo saß – und spielte! Dennoch unternahm sie den Gang in die »goldene« Gasse. Für die an Wohlleben gewöhnte Frau war dieser Weg durch die spannweite, mit Trödel allerlei Art vollgestopfte Gasse, aus der ihr nicht eben die angenehmsten Düfte entgegen wehten, eine höllische Qual; ihr Atem war beengt, sie mußte sich an eine Mauer halten. Freilich ward ihr in der »goldenen« Gasse nicht so begegnet als in jenen schrecklichen Kaufhallen, woher sie eben kam. Sie ward nicht gestoßen und geschoben, man verfuhr hier überhaupt höflicher mit ihr. Wenn sie sich an jemanden wandte, so stand man ihr Frage und Antwort, die halbe Gasse lief sogleich zusammen, wenn sie irgendwo stehen blieb. Aber keiner hatte ihren Sohn gesehen, weder seit gestern und vorgestern, noch während der ganzen Woche. An drei Stunden dauerte dieser Gang durch die »goldene« Gasse, und Hindel bekam während dieser Zeit mehr Anschauungen vom Prager »Geschäftsleben«, als sie bis jetzt gekannt hatte. Da es schon lange nach Mittag war, ließ sie sich wieder den Weg zu dem dicken Trakteur zeigen, sie fühlte sich von Hunger und Mattigkeit ganz erschöpft. Diesmal kam man 176 ihr mit ausgesuchter Höflichkeit entgegen, denn sie begehrte etwas zu »verzehren«. Der Gastwirt tat, als erinnerte er sich gar nicht, sie jemals gesehen zu haben, und tanzte um sie herum, daß Hindel fast das Lachen ankam. Was die Prager doch für sonderbare Leute seien, dachte sie im stillen, alles gehe bei ihnen aufs »Interesse« hinaus; denn wie alle Kleinstädter bedachte Hindel nicht, daß die Bewohner einer großen Stadt von Natur aus sich wenig der Gemütlichkeit befleißigen können. Der Trakteur behandelte sie fast wie eine »Gräfin«, setzte sich zu ihr und unterhielt sie von allerlei Angelegenheiten. Ihr tat es wohl und sie ließ ihn reden und reden – bis sie einschlief. Da erst hörte der Trakteur auf und ließ sie in Ruhe. Der Abend war bereits niedergesunken, als Hindel aus ihrem Schlummer erwachte; sie hatte nahe an drei Stunden so dagesessen. Erst das Geräusch ankommender Gäste vermochte sie daraus zu wecken. Sie zahlte, vielleicht so reichlich wie eine »Gräfin«, und wurde von dem Trakteur mit vielen Bücklingen zur Türe hinaus begleitet. Ein unnennbares Weh durchzuckte sie, als sie wieder in der Gasse stand – und ihren Sohn nicht hatte. Es graute ihr davor, wieder in ihr Absteigequartier zurückzukehren, ohne daß sie noch das Geringste erreicht hatte. Am liebsten wäre sie auf freier Straße geblieben und hätte da ihr Bärele erwartet. Planlos strich sie durch die finstern, nur notdürftig erleuchteten Gassen; überall begegnete sie vom Markte heimkehrenden Männern und Frauen, mit großen Schlüsselbünden in der Hand. Oft hüpften Kinder an ihr vorüber, die ihren Eltern entgegeneilten; das schnitt ihr bitter durchs Herz. Das einzige Kind, das sie besaß, wo war es jetzt? Es war spät in der Nacht, als Hindel auf ihrer Wanderung in eine ihr unbekannte, menschenleere Gasse gelangte, die sie bis dahin nicht durchstrichen hatte. Sie mochte nicht fern von der Moldau sich befinden, denn sie hörte ganz 177 deutlich das Wasser rauschen. Hindel fürchtete sich; ein Bangen überfiel sie, als sie die verlassene, todöde Gegend näher betrachtete. Alle Häuser und Fensterläden waren dicht verschlossen; es hätte, wenn sie jemand angefallen, keine Hand sich gerührt, um ihr zur Hilfe zu kommen. Sie wandte sich entsetzt um und floh nach der entgegengesetzten Richtung, wo sie die Moldau nicht vermutete, denn besonders das Rauschen des Wassers war ihr schrecklich. Außer Atem war sie in die »Zigeunergasse« gekommen. In demselben Augenblicke huschte an ihr ein Mädchen vorüber. »Lisi, um Gottes willen, bist du es?« schrie sie. Das Mädchen drehte sich um. Es war wirklich Lisi. »Madame Hindel!« rief sie mit gellender Stimme. Hindel fuhr sich aber mit der Hand nach den Augen. Sie fühlte einen heftig stechenden Schmerz darin; aber es waren nur Tränen, die zum ersten Male seit langer, langer Zeit mit Gewalt hervorbrachen, und nun, da das Siegel, das darauf gelegen, gebrochen war, unaufhaltsam strömten. Hindel vermochte kein Wort hervorzubringen. »Madame Hindel, Sie weinen?« rief das Mädchen, dem um diesen Augenblick die dunkle Sage von der Tränenlosigkeit der reichen Frau eingefallen sein mochte. »Hättest du das von Hindel Spitz erwartet?« sagte sie unter Schluchzen. »Dahin kommt man aber, . . . wenn man Kinder hat.« Lisi schaute die erschütterte Frau erschrocken an; sie glaubte, ihr Verstand habe gelitten. Hindel war auch in der Tat im Zustande der äußersten Verwirrung . . . plötzlich rief sie: »Aber um Gottes willen, Lisi, wie bist du hergekommen? So hab' ich dich in Altbunzlau doch recht gesehen und gestern auf dem Altstädter Ring? Sag, was hast du in Prag zu tun!« »Ich such' einen,« flüsterte das Mädchen fast unhörbar und stockte. 178 »Du wirst ihn nicht finden,« rief Hindel in verzweifeltem Tone, »in Prag findet man keinen, der sich einmal verloren hat. Geh nur wieder heim.« Mit gerungenen Händen, den sonst so stolzen Kopf kummervoll gebeugt, stand Hindel vor dem Mädchen da. »Verzweifeln Sie nicht, Madame Hindel,« sagte diese in den weichsten Tönen des Erbarmens, »mit Gottes Hilfe werden wir ihn doch wieder finden.« »Wen meinst du?« rief Hindel in ihrer Verwirrung. »Ihren Sohn,« flüsterte Lisi und wandte sich ab. »Suchst du den auch?« fragte Hindel auffahrend. »Deswegen bin ich ja nach Prag gekommen,« sagte Lisi – und stockte. »Deswegen?« rief Hindel . . . und eine lange Pause trat zwischen beiden ein. »Bist du gefahren, Lisi?« fragte sie danach mit fast trockenem Tone. »Nein, Madame Hindel,« antwortete diese, »ich bin zu Fuß gegangen.« »Die ganzen neun Meilen zu Fuß gegangen?« rief Hindel. »Wann bist du denn fortgegangen, da ich dich schon in Altbunzlau gesehen habe?« »Gleich in der Nacht, als der Jontef (Feiertag) aus war,« sprach Lisi. »Und hast dich gar nicht gefürchtet, so in der finsteren Nacht zu wandern?« meinte Hindel. »Wer hätte mir was tun sollen?« meinte Lisi, als verstehe sich das von selbst. »Geld hab' ich keines bei mir gehabt.« »Ohne Geld bist du in Prag?« rief Hindel beinahe ungläubig und trat einige Schritte nach rückwärts. »Lisi, Lisi!« rief sie dann mit drohend aufgehobenem Finger, »das laß ich mir nicht einreden, du magst sagen, was du willst.« Statt aller Antwort zog Lisi ein kleines Beutelchen, mit dem sie vor Hindels Augen auf und nieder fuhr: 179 »So ganz ohne Geld, Madame Hindel,« sagte sie lächelnd, »bin ich nicht gewesen; aber ein Räuber hätt' sich bedankt, wenn er nur das bei mir gefunden hätte.« »Gott! Gott!« rief Hindel dann ganz außer sich, »was bist du doch für ein merkwürdig' Mädchen, Lisi! Wie ist dir das aber nur eingefallen? Du hast mir ja gar nichts gesagt, als ich bei dir war?« »Ich habe schon damals daran gedacht, Madame Hindel,« sagte Lisi bescheiden; »aber ich hab's in mir behalten, bis meine Mutter nach Hause gekommen ist. Da hab' ich zu ihr gesagt: Mutter, ich muß noch heute abend nach Prag. Sie hat's nicht zugeben wollen; aber ich bin doch gegangen.« »Lebendiger Gott! so allein, so mutterseelenallein!« rief Hindel. »Geht neun Meilen bis nach Prag, und ich fahre an ihr vorüber in einer Postkutsch' und laß sie zu Fuß gehen! Lisi, das werd' ich mir all mein Lebtag nicht verzeihen. Aber jetzt sag' mir nur: Was willst du eigentlich in Prag?« »Ihn will ich aufsuchen,« lispelte Lisi; »meinetwegen, weil ich ihn gekränkt habe, ist er ja nach Prag auf und davon! Es wär' ja mein Tod, wenn er ein Unglück davon hätte.« Gut war es, daß die Dunkelheit der Nacht ihren nur halb durchsichtigen Schleier um die beiden geworfen hatte. Sie ersparte dem armen Mädchen einen Anblick, der es wirklich zu Tode erschreckt hätte. Unwillkürlich hatte sich Lisi in das Herz blicken lassen, und es bedurfte nicht einmal eines so scharfen Auges, wie es die Mutter Bäreles namentlich in diesem Augenblicke besaß, um zu sehen, was in diesem jungfräulichen Gemüte sich zur Blüte drängte . . . Nun wollen wir nicht behaupten, daß es in diesem denkwürdigen Momente keine Sekunde gab, in der sich nicht des reichen »Rebb Aschers Weib« in ihr geregt hätte; aber das fuhr nur blitzschnell durch sie und verschwand ebenso rasch. Hier stand 180 nur das einfache, mitfühlende Weib dem Weibe, die Mutter einem Mädchen entgegen, dessen Leiden dem ihren verwandt war. Hindel hatte zudem die ersten Tränen seit undenklicher Zeit geweint . . . und fließen nicht die meisten Tränen aus der Quelle der Demut? aus den Tiefen einer schmerzlichen Entsagung? Plötzlich fühlte Lisi eine warme Hand an ihrem Kinne. Hindel war es, die ihr den Kopf in die Höhe hob und mit weichen Tönen sagte: »Es soll dein Unglück nicht sein, Lisi, mein Kind! Wenn wir ihn ganz und wohlauf nach Hause bringen – soll's dein Unglück nicht sein. Verlaß dich drauf!« Mehr sprach die reiche Frau nicht; Lisi verstand sie aber nicht. Wohl aber fuhr etwas wie ein grausames Weh durch dieses jungfräuliche Gemüt. »Sie wird mir meine Reise bezahlen wollen,« hätte Lisi gesprochen, wenn sie in diesem Augenblicke hätte sprechen können. »Was hab' ich aber vom Geld? Ich brauch' ja keines.« »Und jetzt sag', wo bist du im Quartier?« fragte Hindel kurz. »Ich hab' keines,« meinte Lisi, »ich hab' mir gerade eines suchen wollen.« »Lebendiger Gott!« schrie Hindel, »in Prag sein, und kein Quartier haben! An was denkst du denn, Lisi?« »Ich hab' immerfort daran gedacht, wie ich ihn finden könnte, . . .« meinte Lisi treuherzig. »Du gehst mit mir, Lisi,« sagte Hindel nach einigem Bedenken mit gebieterischer Stimme, »du wirst bei mir schlafen und wirst mit mir nach Hause fahren. Keinen Augenblick laß ich dich mehr von meiner Seite; du kennst das Prag nicht. Wie leicht kann dir da ein Unglück passieren. Jetzt komm!«^ »Was sollen wir aber . . . mit ihm anfangen?« fragte Lisi. 181 »Mit wem?« meinte Hindel, die ganz in das Anschauen Lisis versunken war. »Mit ihm – mit Bärele!« rief Lisi. »Den müssen wir finden,« sagte Hindel, und ihre Stimme bebte, »ohne den können wir beide nicht nach Hause gehen.« Hindel hatte sich nach diesen Worten, als erinnerte sie sich, weswegen sie nach Prag gekommen war, wieder in Bewegung gesetzt. Aber in ihrer Aufregung geschah es, daß sie mit Lisi, die ihr stillschweigend folgte, gerade nach derselben verlassenen Gegend zusteuerte, woher sie mit so großem Entsetzen geflohen war. Hindel merkte dies nicht; plötzlich standen die beiden Frauen wieder auf jenem todöden Platze des »Frantjssek«, und hörten das Wasser der Moldau ganz in der Nähe rauschen. »Was tue ich denn wieder da?« rief Hindel und faßte im dunklen Drange der Furcht Lisis Hand. »Auf dem Platze da möcht' ich nicht tot sein, er ist gar zu schrecklich! Wir müssen zurück!« Hindel zog das Mädchen nach der Seite der niedrigen Häuser hin, weil sie sich inmitten des öden Platzes nicht sicher genug glaubte. Aus einer Schenke, durch deren geschlossene Fensterläden ein Lichtschimmer sich stahl, erschollen wirr durcheinander rufende Stimmen, wie von erhitzten oder betrunkenen Menschen. Unwillkürlich schmiegten sich die beiden Frauen aneinander, wie um gegenseitig sich zu schützen, aber sie standen zugleich festgebannt. Da fühlte Hindel mit einem Male, wie durch das ganze Wesen des an sie gedrückten Mädchens ein krampfhaftes Zucken flog; Lisis Hand zerrte fast an Hindels Mantel. »Madame Hindel!« rief sie in höchster Aufregung, beinahe kreischend, »Madame Hindel, . . . ich hör' ihn!« »Wen?« schrie Hindel, »Um Gottes willen . . . du meinst doch nicht ihn?« »Ihn!« flüsterte Lisi und legte, Stillschweigen gebietend, den Finger an den Mund. Sie lauschten. Jeder Nerv in diesen beiden Frauen zitterte und stand auf der Lauer. Die Stimmen drin in der Schenke wurden deutlicher, Geldklingen, wie von hin und her geworfenen Münzen tönte dazwischen. Nach einer Weile sagte Hindel: »Jetzt hab' ich ihn selbst gehört . . . ich hab' ihn erkannt.« »Nicht wahr?« flüsterte Lisi, und ein Strahl von Freude, nur demjenigen sichtbar, dem des Menschen geheimste Regungen offen vor Augen liegen, überflog ihr schönes Angesicht. »Lisi,« rief Hindel voll tiefsten Schmerzes, und ihre Stimme bebte, als unterdrückte sie mühsam das bittere Weh des Weinens. »Lisi, das muß mir, Hindel Spitz, geschehen! . . . meinen eigenen Sohn hier zu finden!« »Sein Sie nur jetzt ruhig, Madame Hindel,« bat Lisi. »Nein, Lisi,« rief Hindel, in deren Gemüt der ganze Zorn einer gekränkten Mutter erwacht sein mochte, und sie riß sich von Lisi los, um in das Haus einzudringen. »Nein, Lisi, ich muß jetzt hinein . . . ich will ihm zeigen, wozu Gott dem Menschen eine Mutter gegeben hat. Lebendig kommt er nicht aus meinen Händen!« »Um Gottes willen,« bat Lisi und hielt die Erzürnte gewaltig zurück, »tun Sie das nicht, Madame Hindel, und lassen Sie mich hinein. Mir wird er vielleicht eher folgen . . . als Ihnen . . .« Hindel schien von dieser Bemerkung lebhaft getroffen. »Du hast recht, mein Kind,« sagte sie nach einigem Bedenken. »Dir gebührt's . . . geh du voran!« Lisi drückte die Türklinke auf und trat in die Schenke. Die Tür selbst blieb halb offen, so daß Hindel alles überblicken konnte, was darin vorging. In dem Hintergrunde 183 der Schenke, um einen runden Tisch, auf dem eine ungeputzte Kerze düster brannte, saßen drei Männer und spielten Karten. Jeder hatte zur Seite einen Haufen Silbermünzen liegen. Bärele hatte die Türe im Rücken; keiner der Spieler hatte übrigens den Eintritt des Mädchens bemerkt. In demselben Augenblicke rief einer der wüsten Gesellen, indem er Bärele einen tückischen Blick zuwarf und eine Karte zuschleuderte, daß sie auf dem Tische klatschte: »Jetzt wirst du genug haben. Spiel aus!« Da trat Lisi hinzu und legte ihre Hand auf Bäreles Arm, der gerade zum »Ausspielen« sich anschickte. »Steh auf, Bärele,« rief sie mit zitternd weicher Stimme, »die Mutter wartet draußen.« Bärele sank in seinen Sitz zurück und starrte das Mädchen wie eine ungeheuerliche Erscheinung an. »Steh auf,« sagte sie noch einmal, »und komm mit.« Damit ergriff sie ihn bei der Hand – und er, gebannt von dem Eindrucke des auf so wunderbare Weise erschienenen Mädchens, die Augen fest gerichtet auf sie, stand auf und ließ sich von ihr zur Türe hinausführen. »Mein Kind, mein Kind!« erscholl draußen die Stimme Hindels. War es schluchzende Freude, war es Zorn? Es war schwer zu entscheiden. Ein halbes Jahr nach dieser Begebenheit feierte man in der Gasse eine große, prächtige Hochzeit, wie an Glanz und Pomp schon lange keine stattgefunden hatte. Der Bräutigam war Bärele, die Braut – Lisi, die Nähterin. Es versteht sich von selbst, daß es großen Lärm und ungeheure Aufregung im »Lande« gab, als diese »Partie« verkündet ward. Es war nicht anders, als ob etwas ganz 184 Ungewöhnliches geschehen, etwa ein Stück des Mondes vom Himmel zur Erde gefallen sei. Wir haben es jüngst erlebt, wie der mächtige Beherrscher eines großen Staates eine »einfache« Gräfin zu sich auf den Thron hob; – ebenso, wenn nicht noch in einem höhern Grade, kam es den Leuten vor, daß Hindels Sohn die Tochter eines »frommen« Weibes sich erkoren hatte. Natürlich fehlte es nicht an Auslegungen und Deutungen der buntesten Art über dieses außerordentliche Ereignis. Die Gerüchte summten hin und her, und man konnte bei dieser Gelegenheit deutlich sehen, wie viel übler Wille, ja selbst Bosheit aufgestört wird, wenn den Leuten etwas nicht nach der Schnur einer vorgefaßten Meinung geht. Man stöberte in dem Vorleben des armen Mädchens herum, ob man nicht etwas finden würde, woran man sich halten könnte, und da man nichts fand, klammerten sich die Geister zähe an jene Prager Reise an, in der die guten Leute Ungeheuerliches witterten. Gott der Lebendige wisse, grübelten sie heraus, was dort alles vorgegangen sei; umsonst sei Bärele nicht »auf und davon«, und Hindel »ihm nach«, und umsonst sei Hindel auch nicht mit Bärele und Lisi zusammen von Prag zurückgekommen. Hindel ließ sich durch alle diese Anfechtungen und Gerüchte, deren Richtigkeit sie am besten kannte, nicht abhalten, Lisi und ihren Sohn zu einem Ehepaar zu machen und sich über alle Rücksichten auf »Standesunterschied« kühn hinweg zu setzen. In jener Nacht, als Hindel ihren Sohn wiederfand, war noch mehr und Bedeutenderes geschehen. Das erste Wort nämlich, das Bärele hervorbrachte, als er mit seiner Mutter und Lisi in einem Zimmer des Gasthofes zu den »drei Karpfen« saß, lautete: »Mutter, willst du, daß ich weiter kein Spieler sein soll?« »Du fragst noch?« rief Hindel, die bis dahin keinen 185 einzigen Vorwurf, kein beleidigendes Wort an ihn gerichtet hatte, mit gerunzelter Stirne. »So gib mir Lisi zum Weib!« sagte Bärele. Hindel stellte sich nicht erst erstaunt oder gar entsetzt. Sie sagte nur: »Frag erst die Lisi, ob sie dich will, denn verdient hast du sie nicht.« »Willst du mich, Lisi?« fragte Bärele und hielt die Hand hin. Die Antwort läßt sich leicht erraten. – – Noch in derselben Nacht fuhr Hindel mit ihren beiden Kindern fort. Ungefragt fing Bärele auf dem langen Wege selbst an, Aufklärungen über sein letztes Tun und Treiben zu geben; das Glück machte sein Gemüt weit offen, die Liebe seine Zunge gesprächig. Als ihn Lisi, erzählte er, einen Spieler gescholten, als sie das Geld nicht nehmen wollte von ihm, da sei ein schrecklicher Zorn in ihm erwacht, er hätte ihr das Übelste antun mögen. Denn er habe die Wahrheit dieses Schimpfes gefühlt, »auf einmal« sei es ihm klar geworden, daß er, der vierundzwanzigjährige Junge, bis dahin nichts anderes getan habe, als mit seinen Eltern . . . Franzefuß spielen. Es sei ihm grauenhaft zumute gewesen, daß Lisi es ihm zuerst gesagt; von jedem anderen hätte er es mit Verachtung angenommen. Zorn und guter Vorsatz hätten in ihm gleichmäßig gekämpft; er habe ein Mensch werden wollen, aber nicht früher, als bis Lisi den Schimpf zurückgenommen hätte. Aber als er sie am Abend vor ihrem Hause getroffen, und sie nichtsdestoweniger dabei verharrt hätte, da habe ihn eine Verzweiflung überfallen, ein Zorn und eine Wut, daß er sie nicht mehr habe bändigen können. Wenn sie ihn für einen nichtsnutzigen Spieler halte, habe es in ihm geschrien, wozu solle er sich bemühen, ein besseres Leben anzufangen? Jetzt habe er sich vorgenommen, ein rechter Spieler zu werden. Das übrige wisse die Mutter . . . er habe fünf Tage und Nächte fast 186 hintereinander gespielt, der letzte Kreuzer sei eben verspielt gewesen, als Lisi gekommen und ihn fortgeführt habe . . . Oft zuckte Hindel während dieser Geständnisse zusammen; aber sie hielt an sich. Sie begriff, daß wenn die Liebe junge Gemüter auch zu veredeln und zu heben imstande ist, trotzige und schlecht erzogene zuweilen das Gegenteil davon offenbaren. Ihr Bärele war ein lebendes Beispiel. Aber sie baute auch auf diese Liebe, daß sie, die so wunderbar den Charakter ihres Sohnes entwickelt hatte, dessen Erziehung weiter fortsetzen würde. »Es ist nur gut,« sagte sie, »daß es so gekommen ist. Es hätte ganz anders kommen können. Bedank dich dafür bei Lisi!« Darin hat sich Hindel nicht getäuscht. Bärele ist in der Ehe wirklich ein anderer Mensch geworden; das Geheimnis der Liebe, die zerstörend und schaffend, voll Trotz und Hingebung, niederreißend und aufbauend zugleich ist, hat sich an ihm aufs schönste bewährt. Die in ihm schlummernden, in den Banden der Trägheit gefangenen Kräfte sind erwacht, und er holt nach, was er so lange versäumt hat. Wenn wir das Wort »Geschäftsmann« gebrauchen, so geschieht es nur darum, weil sich für das neue Leben Bäreles keine andere Laufbahn eröffnet hat als das »Geschäft«. Darin ist er aber tüchtig, wachsam und umsichtig wie irgendeiner. Eines Tages kamen Bau- und Zimmerleute und begannen an der Stelle des alten Hauses ein neues aufzurichten. Die alten Räume waren zu klein geworden für den anwachsenden Segen . . . und Rebb Ascher beklagte sich, daß er nicht einmal ein Plätzchen mehr finde, wo er in Ruhe und Muße seine Pfeife rauchen und seinen »Franzefuß« spielen könne. Bei dieser Gelegenheit erhielt das neue Haus den Namen, mit dem wir es in diese Geschichte eingeführt haben. Bärele hatte Musik kommen lassen, und bei 187 ihren Klängen tanzte er mit seiner Lisi einen »Rejdowak« auf dem Bauplatz. Dann legte er in die Höhlung des Bausteines, der in den Grund gesenkt ward, ein »Pasch« Karten. Wir wissen warum. Wunderbarerweise hat sich damals unter den Leuten die sonderbare Deutung gebildet, die sie bis dahin trotz alles Grübelns und Forschens nicht hatten finden können; und wie alles Unbegreifliche hat sich diese Deutung in der Leute Mund erhalten. Lisi sollte sich ihren Mann durch einen »Franzefuß« erworben haben, denn Bärele hätte geschworen, nur die sollte ihn haben, die stärker im Spiele sei, als er, und merkwürdig genug, die Nähterin hatte ihn besiegt! Man sieht, wie man auch in der »Gasse« versteht, Geschichte zu machen. Stehe noch lange und gedeihe, du trauliches Kartenhaus! Auf ein leichtes, bald vergängliches Blatt bist du zwar gegründet worden; aber in dir waltet Demut und Tüchtigkeit und der Segen des menschlichen Daseins – die Liebe. Die Prinzessin. I. Der Bauer. Aus grüner Frühlingssaat hebt sich eine Lerche hoch in die klare Morgenluft; bald in engeren, bald in weiteren Kreisen dringt sie himmelan und singt dem ihr Loblied, der sein Auge mit Lust weilen läßt an jeder freien Regung seiner Kreatur, an der flatternden Mücke so gut, wie an dem im Waldesschatten spielenden Rehe. Weiß die Lerche, aus wessen Saat sie sich erhoben? wer mit dem Pflugeisen 188 die Furchen in diesen Acker geschnitten? Wer das goldene Korn hineingeworfen hat, daß es ihr eine bergende Wohnung geworden ist? In Böhmen ist jetzt mancher Bauernhof, groß, hell und geräumig, mit Scheuern und Ställen, Äckern und Wiesen, Garten und Wald dazu, auf welchem Leute, die noch vor zehn Jahren in der dumpfen »Gasse« irgend einer Gemeinde gehaust haben, nun als wirkliche » Freiherren « sitzen, und zwar leiten sie diesen Titel nicht von einem vergilbten und verknitterten Pergamente, sondern von etwas ganz anderem her, was nicht verwischt und nicht zerrissen werden kann, was von Tag zu Tag altert und doch ewig jung bleibt, nämlich von der Mutter Erde selbst, von der einige freie Schollen ihnen gehören! Ja, Land und Wiese, Acker und Garten, Wald und Boden gehört jetzt manchem aus der »Gasse«, und der Boden ist nicht verdorben, der Hof nicht verkommen; die Schwalbe nistet dort wie in früheren Zeiten, und wenn Gott ein gutes Jahr geben will, so gedeiht der Halm jetzt wie damals, als »Waclaw« und »Pawel« aufs Feld hinausfuhren, nicht »Anschel« oder »Ruben«. In Böhmen sitzt jetzt mancher hoch oben auf einem mit Garben belasteten Wagen und lenkt mit kundiger Hand seine Rosse durch das enge Hoftor ein, der noch vor einigen Jahren hinter verschossenen Westen und Kottonstoffen die Kunden anrief! Mancher steht im heißen Sonnenbrande auf dem Felde und schwingt die gewaltige Sense, der vor noch nicht langer Zeit in Hitze und Kälte um ein Hasenhäutchen feilschte. Mancher zimmert mit Axt und Säge im Hause herum, der ehedem bei dem kleinsten Gebrechen, das irgendwo zur Schau trat, um Zimmermann und Tischler rief. Manches Auge ist scharfblickend und mutig geworden, das nun ohne Erschrecken hoch oben auf dem Kirchturme den Dachdecker hantieren sieht, was es bekanntlich früher selten vermocht hat. 189 Fürwahr! Wie Opferduft steigt der Segen, der in der eigenen Scholle liegt, zum Himmel empor, und wie wenige auch verhältnismäßig unter so viel sehnenden Herzen sich dessen erfreuen, was wunderbar kräftigend in dem Worte: Hof und Acker liegt – die kleine Lerche freut sich doch darüber. Hebt sie sich doch aus freiem Felde himmelan! . . . Gehen wir wieder aufs Dorf hinaus! Von der Landstraße ab führt ein Seitenweg hinaus; es ist ein selten befahrener Weg, der sich da zwischen Kornfeldern rechts und links, zwischen Wiesen und teilweisem Waldland, wie es der Charakter der böhmischen Landschaft mit sich bringt, in jenes Dorf hinauszieht. Nur zweimal in der Woche, wenn es Wochenmarkt in der benachbarten Kreisstadt gibt, belebt sich die einsame Straße; große Wagenzüge bewegen sich dann in den tiefgefurchten Geleisen und bringen das Erträgnis des Feldes dahin, wo Absatz zu hoffen ist. Zweimal in der Woche läßt auch Feiwel »Bauer«, wie er weit und breit in der Umgegend heißt, seine Rosse anspannen, und dann fährt entweder er selbst, oder sein Sohn Josef zu Markt; zumeist aber liegt dieses Geschäft dem Sohne ob, der Wind und Wetter besser vertragen kann, als der alte Bauer. Der alte Bauer! Wer sich unter ihm ein grauhaariges Männchen mit eingebogenen Knien und schlotternden Gliedern denken wollte, wie würde der sich täuschen und dem wirklichen Bilde ferne stehen. Feiwel ist ein kraftvoller alter Mensch in der besten Bedeutung dieses Wortes, und wiewohl schon hoch in den Sechzigen stehend, würde er jeden wie ein »Trenderl« wegblasen, der sich unterstehen wollte, ihm beim Aufladen des schwersten Sackes mit Getreide behilflich zu sein. Ja, das kann der »alte« Bauer, und er kann noch mehr. Das wildeste Pferd so mit der gewaltigen Faust zu packen, daß es steht und willig seinen Meister anerkennt, das wird ihm in den »Gassen« sobald keiner nachtun. Wenn 190 er angetan mit seiner Jacke von schwarzem Manchester und in den gelbledernen Hosen sich aufrichtet, oder wenn er beim Morgengebet die Tefillin von dem nervigen Arme herabnimmt, dann hat es ein Aussehen, als könnte er sich selbst von den Himmlischen nichts gefallen lassen, als tue er nur gleichsam seine Schuldigkeit und weiter auch nichts mehr. Freilich, der alte Bauer hat sein ganzes Leben auf diesem Dorfe zugebracht; der Hof, auf dem er jetzt als selbsteigener Herr sitzt, ward seit undenklichen Zeiten von seinen Vorfahren als Pächtern bewirtschaftet. Mit den feinsten Fibern seiner Seele wurzelt er auch in dem Boden seiner Heimat, in der er groß und stark geworden war. Selten kam er über die Gemarkung seines Dorfes hinaus, er mußte denn zur Kreisstadt hin; vor den Leuten in den »Gemeinden« hatte er eine besondere Scheu, er fühlte sich nicht wohl, wenn ihn Geschäfte einmal zu ihnen führten. Er war wirklich ein Bauer nach innen und außen und verdiente diesen Beinamen so gut, als er nur je einem war beigelegt worden. Wenn er einmal im Jahre in einer »Kille« erschien, der in Sprache, Benehmen und Kleidung ungeschlachte Mann, dann ward er fast mit Blicken betrachtet, als sei er einer Menagerie entsprungen, und jedes ging dem »Bauer« gern aus dem Wege. Wer die Augen öffnen will, nicht mit aller Gewalt vor dem Lichte verschließen, der kann bald gewahr werden, daß Gestalten wie unser Feiwel Bauer schon längst jene allzeit fertige Doktrin zerstört haben: die Leute aus den »Gassen« könnten niemals eins mit dem »Ganzen« werden, und in ihrem Blute stecke etwas, das sie gewaltsam scheide von der anderen Trachten und Anschauung. Natürlich! Wer sich Gottes lebendige Welt so kleinlich vorstellen kann, daß er die gesamte Menschheit gleichsam nur auf einer Tonart spielen lassen will, dem wird Feiwel eben kein »Bauer« sein. Er wird tausend und abermal tausend Unterschiede herausgrübeln, 191 einen feiner als den anderen, und wenn das trotz allem dem nichts nützt, weil dagegen viel siegreichere Gründe ausgestellt werden können, wird er mit der Faust auf den Tisch schlagen und ausrufen: Zur eigenen Scholle sei er doch nicht befähigt! Da ist denn Schweigen besser als Reden, und Leute wie Feiwel Bauer mögen zusehen, wie sie mit jener geballten Faust fertig werden. Einstweilen wird er auch zur Genüge fertig. Er läßt seine gefüllten Scheuern, das brüllende Rind in den Ställen, den Pflug, den sein eigener Sohn führt, und endlich die kleine Lerche für sich sprechen, die sich in seinem Felde heimisch fühlt. Daß es aber anders sein könne, daran denkt er nicht! Feiwel Bauer ohne Acker und Dorf! ohne Manchesterjacke und Lederhosen! mit einem Hasenhäutchen auf dem Rücken durch die Dörfer hausieren gehend, er, der stolze, reckenhafte Bauer! Sagt ihm doch das, die ihr ihm die eigene Scholle mißgönnt, es wäre nicht unmöglich, daß eine solche Figur wieder aus ihm werden könnte. . . . Er wird euch nicht auslachen, er wird es einfach nicht glauben, denn er ist eben kein »politischer« Kopf. Kann man wohl einem Menschen Arme und Beine abhauen und ihm dann zurufen: »Jetzt geh, und hebe einen Sack Getreide auf! springe und tanze.« Einen ähnlichen Gedanken vermöchte Feiwel Bauer zu denken, vielleicht auch nicht. Es ist besser, wenn er überhaupt nicht zu denken hat. II. Ein Brief. Unter einem Kirschenbaume, der fast bis zum Boden fruchtbeladene Äste herabgesenkt hatte, saß auf einer Bank eine stattliche Frau, in halb städtischer, halb bäuerlicher Kleidung. Sie hielt einen Brief und schien darin eifrig zu lesen. Oben in den Zweigen über ihrem Haupte krachte es 192 zuweilen, zuweilen kollerte auch eine rotwangige Kirsche zu ihren Füßen nieder, was sie aber im Lesen nicht sonderlich zu stören schien. Mehr taten es die glitzernden Sonnenstrahlen, die wie aufgelöste goldene Fäden über ihr Antlitz und das Papier fielen. Sie rieb sich öfters die Augen, rückte den Brief näher an sie, aber es schien eben nicht, als förderte sie dies in dem schwierigen Geschäfte. Verdrießlich legte sie das Schreiben endlich zusammen und sprach halblaut vor sich hin: »Ich weiß gar nicht, was die Sonn' heut' will, sie scheint mir fast die Augen heraus.« Jemand mußte diese Worte gehört haben, denn in den Zweigen des Kirschbaumes krachte es stärker, und ein Kichern ward vernehmbar, das der stattlichen Bäuerin nicht entging. »Lachst mich aus?« rief sie ärgerlich zum Baume hinauf. Wieder krachte es in den Ästen, und eine wurmstichige Kirsche fiel gerade vor der Bäuerin in das Gras. Sie bückte sich nieder und warf sie weit weg von sich. »Ich lach' die Sonn' aus, Mutter!« erscholl eine Stimme vom Baume. Die stattliche Frau schien einen Augenblick über diese Antwort nachzudenken, dann rief sie mit einer Art strenger Entschiedenheit: »Komm ein bissel herunter, Korporal, ich brauch' dich.« »Gleich, mein Herr Oberst,« kam es aus den dichten Zweigen des Baumes zurück, und es dauerte nicht lange, so stand ein kräftiger brauner Bursche, man wußte fast nicht, war er aus der Luft oder aus dem Boden gestiegen, vor der Bäuerin. Er trug eine »Kommiskappe«, die ihn als ehemaligen Soldaten bezeichnete; übrigens war er nach landesüblicher Sitte gekleidet. »Was wünschen der Herr Oberst?« sagte er, indem er sich kerzengerade vor die Bäuerin hinstellte und militärisch grüßend die eine Hand an die Kappe legte. 193 Über das Antlitz der Bäuerin flog ein breites Lächeln; sie sah den braunen Burschen einen Augenblick mit Wohlgefallen an. »Bist noch immer der Alte,« rief sie, »meinst, du bist noch in deiner Kaserne, Josef. Wann denn einmal wirst du das vergessen?« »Niemals, Mutter,« rief Josef mit Bestimmtheit und ließ die Hand von der Kappe los. »Ich hab' einmal einen Feldwebel gehabt, der hat immer gesagt, in jedem Haus sollt' der Mann der Regimentsinhaber, von welchem das Regiment den Namen führt, sein, die Frau aber der Oberst, der eigentlich kommandiert. Mutter, du bist der Oberst!« Die Bäuerin lachte hell auf, daß es weithin durch den Garten scholl. »Soll ich leben und gesund sein,« rief sie und stemmte ihre Arme in die Seiten, »dein Feldwebel muß einen Kopf von Eisen und Stahl gehabt haben.« »Ein rechter Feldwebel muß auch einen Kopf haben!« meinte der ehemalige Soldat im Tone der tiefsten Überzeugung. Auf Ostern war es erst ein Jahr geworden, daß Josef seine achtjährige Dienstzeit vollendet hatte; weil er lesen und schreiben gelernt, hatte er es schon in den ersten Monaten bis zum »Korporal« gebracht, und diesen Namen behielt er bei, als er nach erlangtem Abschied in das väterliche Haus heimgekehrt war. Man hatte seiner in dem großen Bauernhofe bedurft, und trotzdem er beim Militär hatte bleiben wollen, waren die Eltern darauf bestanden, daß er den rechtmäßigen Abschied bekam. Seitdem war der Korporal im Hause eine unumgängliche Notwendigkeit geworden. »Gut,« sagte die Bäuerin, »du hättest ja auch einmal können ein Feldwebel werden, folglich mußt du doch Kopf haben. Vielleicht kennst du dich da in dem Brief aus; ich les' und les', und Gott der Lebendige weiß, wie das zugeht! 194 Wenn ich von einer Zeile den Sinn herausgebracht habe, so find' ich den Weg zu der andern nicht, es ist mir immer, als möcht' einer vor meinen Augen mit einer Peitsche herumknallen. Dazu schreibt die heutige Welt eine Schrift, die ist so fein, wie wenn sie mit lauter Sand geschrieben wär'! Da sieh her, ob das zu lesen ist, und zu guter Letzt ist's noch deutsche Schrift . . . wie ich die habe anfangen wollen zu lesen, hat die Sonne mit einer Gewalt geschienen . . . die Augen hat sie mir fast herausgebrannt.« Die letzten Worte hatte die Bäuerin, halb abgewandt, beinahe mit Verschämtheit gesagt. Der ehemalige Korporal nahm den Brief, den ihm die Bäuerin gab, mit einer etwas ungeschickten Handbewegung; es fehlten ihm nämlich an der rechten Hand die zwei mittleren Finger, die irgendwo in Ungarn auf dem Schlachtfelde begraben lagen. Der Bäuerin zuckte es bei diesem Anblicke wie ein jäher Schmerz über das volle Antlitz. »Kannst auch vor der Sonn' nicht lesen?« fragte sie nach einer langen Pause, während welcher der einstige Soldat den Brief nach dessen ganzem Inhalte durchzufliegen die Zeit hatte. »Geht's dir wie mir?« »Das nicht, Mutter,« meinte Josef, »die Sonn' liegt mir nicht auf, aber da am End' vom Brief steht etwas, das könnt' selbst mein Feldwebel nicht verstehen, der doch einen Kopf von Eisen und Stahl gehabt hat.« »Du meinst das Deutschgeschriebene,« rief die Bäuerin. »Kannst du denn Deutsches nicht lesen? Ich mein' doch, du hast's gelernt?« »Mir nichts, dir nichts wird man kein Korporal,« sagte der Soldat mit einem leicht erklärlichen Stolze. »Setz dich her zu mir, Josef,« sagte die Bäuerin rasch, »und lies mir den Brief vor, wie er geht und steht. Zwei Köpf' wie ich und du werden doch herausbringen, was man da schreibt. Erst aber lies' das Feine, dann das Deutsche.« 195 Sie meinte mit dem Feinen die »jüdische« Kurrentschrift, deren man sich noch jetzt in der »Gasse« bedient, und in welcher der erste Teil des Briefes abgefaßt war. Der Soldat setzte sich neben sie hin und begann nach einer Weile: »Herzliebste Gitelleben!« »Von wem ist denn der Brief?« unterbrach ihn die Bäuerin, ohne zu bedenken, daß sie eigentlich ihre etwas mangelhafte Lesekunst verriet. »Unterschrieben steht: Hannele Ehrenfeld,« sagte der Soldat gleichgültig. »Gott! Lebendiger,« rief die Bäuerin und tat fast einen Sprung von ihrem Sitze weg, »ist das nicht die Hannele, die mit mir vor dreißig Jahren in die Schule gegangen ist?« »Es steht nur unterschrieben: Ihre aufrichtige Freundin Hannele Ehrenfeld,« sagte der Soldat trockenen Tones. »Nun, dann ist sie es gewiß,« schrie die Bäuerin, »möcht' sie sich denn unterschreiben: Ihre aufrichtige Freundin, wenn sie's nicht wär'? Ich möcht' meinen Kopf darum geben, daß es dieselbe Hannele ist, die vor dreißig Jahren meine beste Freundin gewesen war; es kann gar keine andere sein. Nicht zehn Schritte auseinander haben wir gewohnt; ich hab' den ganzen Tag bei ihr gesteckt und sie bei mir, wir waren wie Zwillinge. Später sind wir auseinander gekommen, wie das schon unter Mädchen zu gehen pflegt, das eine muß dahin, das andere dorthin. Hat denn ein Mädchen einen Willen? Ich hab' deinen Vater genommen und bin aufs Dorf heraus, sie ist in der »Gasse« geblieben und hat den reichen Ehrenfeld geheiratet, den ich auch hätte haben können. Ich hab' aber nicht gewollt, weil mir dein Vater lieber war. Seitdem hab' ich sie nicht gesehen – und jetzt schreibt sie mir nach dreißig Jahren! Hannele Ehrenfeld schreibt mir zuerst! Da muß etwas ganz Außerordentliches vorgegangen sein.« 196 So hatte die Bäuerin in ununterbrochenem Redeflusse ihrer Verwunderung über die Briefschreiberin Luft gemacht; der Sohn hatte sie reden lassen, denn es lag wahrscheinlich in seiner Disziplin, seinen Vorgesetzten in dessen Rede nicht zu unterbrechen. Dennoch konnte er nicht umhin, als die Mutter nun geendigt hatte, lächelnd zu fragen: »Darf man schon lesen, Herr Oberst?« »Um Gottes des Lebendigen willen,« rief die Bäuerin mit einem Male fast entsetzt aus, »Hannele Ehrenfeld wird doch in kein Unglück gekommen sein . . . sie wird mich doch nicht etwa brauchen?« »Sei ruhig, Mutter,« sagte lächelnd der Sohn, »brauchen will sie dich wohl, aber mit dem Unglück sieht es gar nicht so arg aus.« Ein tiefer Seufzer kam aus der geängstigten Seele der wackeren Frau, es schien, sie glaubte der Versicherung des Sohnes nicht ganz recht. Dann aber ermannte sie sich. »Und jetzt lies, Josef,« rief sie mit großer Entschiedenheit. »Herzliebste Gitelleben!« begann dieser – »Sie erinnern sich gewiß nicht mehr an eine gewisse Hannele, die vor mehr als dreißig Jahren Ihre beste und treueste Freundin gewesen ist. Es war uns aber beiden von Gott bestimmt, daß wir nicht sollten beisammen bleiben; denn wie hat meine gute Mutter (mit der der Friede sei!) immer gesagt, wenn die Red' auf die Bestimmung eines Mädchens gekommen ist? Ein Mädchen, hat sie gesagt, ist wie ein Federl, man weiß nicht, wo es aus der Luft niederfällt. Und noch eins, herzliebste Gitelleben, wenn man endlich den Mann bekommen hat, und wenn das Federl endlich niedergefallen ist – dann erst hat man Beispiele auf Beispiele in allen möglichen Sorten und Gattungen, daß das Federl gern wieder aufgeflogen und ganz verschwunden wär'! Besonders wenn einem Gott das Unglück zugeschickt 197 hat und macht einen vor der Zeit zur Witwe. Dreißig Jahre habe ich mit meinem seligen Ehrenfeld in Leid und Freud zugebracht, Sie haben ihn ja gekannt, herzliebste Gitel, was er ›zur Buß' gesagt‹, für ein elend Leben auf der Welt geführt hat; er hat nicht eine gesunde Stunde gehabt, und wie er vor zwei Jahren (einen Tag vor Purim hab' ich Jahrzeit) leider Gottes gestorben ist, da haben die Doktors gesagt, das, was ihm gefehlt hat, ist ein zu großes Herz gewesen. Gitelleben! da haben Sie keinen Begriff davon, wie Schweres mir durch den Tod von meinem seligen Mann geschehen ist. Ich hätt' ihn gern noch gepflegt und gewartet, noch einmal und zweimal so lange, denn was tut man nicht alles für einen kranken Mann, aber so bald hätt' ihn Gott doch nicht zu sich rufen müssen. Was hab' ich jetzt davon, daß ich in der ganzen Welt die reiche und angesehene Hannele Ehrenfeld heiße? Zu leben hätte ich genug gehabt, dafür hat mein guter Ehrenfeld nicht zu sterben gebraucht, und mit dem, was ich, Gott sei Lob und Dank! von ihm habe, hätt' er und ich noch bis zu hundert Jahren können auskommen und hätten uns nicht brauchen ein grau Haar wachsen lassen. Es hat aber nicht so sein sollen, und so steh' ich jetzt ohne meinen guten Mann mutterseelallein auf der Welt, und weiß nicht, was ich mit dem einzigen Kinde anfangen soll. Die Doktoren zerbrechen sich den Kopf, was meiner Rosel fehlt; der eine rät dies, der andere jenes, aber keiner hat noch gemacht, daß sie besser aussieht und frisch und gesund wird. Wenn man sie fragt: ›Rosaleben, wo leidest du? wo tut's dir weh?‹ dann schüttelt sie den Kopf und zeigt aufs Herz! Leider Gottes! Ich will's gar nicht aussprechen, was meine Meinung über die Krankheit meiner Rosa ist, ich glaub' aber, ihr fehlt, was ihrem Vater gefehlt hat, nämlich ein zu großes Herz. Neulich hat mir gar einer von den Doktoren, der Dr. Prager, gesagt – seinen Vater werden Sie gewiß noch gekannt haben, er hat ›Schimme 198 Dorfgeher‹ geheißen – des Kindes Krankheit, hat er gesagt, kommt von Überspannung und von dem vielen Bücherlesen her, und wenn ich nicht wollt', daß sie langsam dahinschwinde, so müßt' ich sie auf ein Dorf schicken, unter einfache Leute und in gesunde Luft, da könnt' ihr vielleicht noch gut werden. Da hab' ich ihn aber mit allem Respekt, den ich vor ihm habe, ganz gut ausgelacht, wie beschwert auch mein Herz war. Mein Kind, Hannele Ehrenfelds Tochter, soll auf ein Dorf? Und von den Büchern sollt' sich ihre Krankheit herschreiben? So viele Pfund wiegt sie gar nicht, was sie an Silber schon gekostet hat, und Französisch kann sie besser noch als Deutsch. Es soll eine auftreten und soll so einen Brief schreiben, oder aus einem Buche so vorlesen, wie meine Rosa! Eine Prinzessin ist auch nicht feiner aufgezogen worden wie mein Kind! Ich hab' ihn also gut ausgelacht meinen Herrn Dokter, und hab' das Kind nicht auf ein Dorf unter die Küh' und Hühner geschickt, weil das für meine Tochter nichts ist. Dazu hat sie ihr Französisch und Deutsch nicht gelernt, daß sie in ihrem achtzehnten Jahr soll unter einfache Leute gehen! Hab' ich nicht recht, herzliebste Gitel? Lebt sie denn nicht unter einfachen Leuten? Ich versteh' den Doktor gar nicht, was er damit meint. Weil er mich aber in einem fort ängstigt und mir Tag und Nacht vorhält, dem Kind könnte nicht besser werden, und es geht mir zugrunde, so hab' ich mich doch als Mutter dazu entschlossen, und will mir keine Vorwürfe machen. Und wie eine Stimme vom Himmel ist mir dabei eingefallen, daß ich sie nirgends besser aufgehoben hätte als bei Ihnen, herzliebste Gitel. Tun Sie mir aus alter Freundschaft den Gefallen und nehmen Sie mein Kind zu sich, es soll bei Ihnen gesund werden. Viel Mühe wird Ihnen das Kind nicht machen, wenn es nur einen Platz hat, wo es ein Buch lesen kann, ist es zufrieden. Ich verlass' mich darauf, daß 199 ich keine Fehlbitte getan habe, und schließe als Ihre aufrichtige Freundin Hannele Ehrenfeld. Nachschrift . Sie haben doch gewiß Roß und Wagen? Da könnt' einer von Ihren Leuten bis Brandeis kommen, das ist die Hälfte Weges. Da möcht' ich mit meiner Rosa warten, weil ich von meinem Geschäft nicht lang' abwesend sein kann. Schreiben Sie mir mit umgehender Post, und ich werde nicht ermangeln, danach das Meinige einzurichten. Die Obige.« Lautlos hatte die Bäuerin das lange Schriftstück angehört, unverwandt hatten dabei ihre Blicke an den Lippen des Vorlesers gehangen. Als er jetzt innehielt, seufzte sie tief auf; sie war heftig bewegt! »Das ist ein Rapport! Die versteht's fast so gut wie unser Feldwebel,« sagte Josef, indem er sich wie erschöpft an den Baum lehnte. »Weil du nicht weißt, wie einer Mutter ums Herz ist,« fuhr es heftig aus der Bäuerin, »weil du gar nicht bedenkst, was Hannele Ehrenfeld leidet.« »Wie kommt das dazu?« fragte lächelnd der Soldat. »Du bist also schon fertig mit deinem Beschluß?« »Wieso?« entgegnete die Bäuerin und errötete, als wäre sie auf einem verborgenen Gedanken ertappt worden. »Ich seh' dir's an,« sagte Josef und sah sie dabei forschend an. »Ich soll sie also nicht ins Haus nehmen?« fragte sie hastig, »ich soll also von Hannele Ehrenfeld, von meiner alten Freundin, mich umsonst bitten lassen?« »Bittet sie dich denn?« meinte Josef mit einem leichten Anflug von Hohn. »Sie will ihre Tochter nicht zu ›einfachen‹ Leuten aufs Dorf geben, unter die Küh' und Hühner – weil ihr's aber der Doktor streng kommandiert, so tut sie's doch, und schickt sie zu uns. Sonst hättest du in deinem ganzen Leben kein Wort von Hannele Ehrenfeld gehört.« 200 »Geh! geh!« eiferte die Bäuerin, »was hätt' sie mir schreiben sollen? Wenn man einmal Haussorgen hat, setzt man sich zu keiner Korrespondenz hin und schreibt lange Briefe. Hab' ich ihr denn geschrieben? Jetzt braucht sie mich – da schreibt sie mir.« »Du willst sie also wirklich –?« fragte der Soldat nach einer Weile. »Ich versteh' dich gar nicht, was du dagegen hast,« sagte die Bäuerin; »aufs Essen und Trinken kommt es bei uns nicht an. Was soll mich also abhalten?« »Hat der Vater den Brief gesehen?« fragte dann hastig der Sohn. »Er hat mir ihn ja gegeben,« entgegnete sie. »Hat er ihn gelesen?« rief er hastig. »Er hat gar nichts gesagt,« erwiderte sie, »als: Tu, was du willst, Gitel. Du weißt ja, wie er ist! Er verliert nicht gern ein übriges Wort, nicht einmal, von wem der Brief ist, habe ich aus ihm herausgebracht.« »Und ich, Mutter, sage dir,« rief der einstige Soldat mit starker Röte im Gesicht, »ich sage dir, wenn mir Hannele Ehrenfeld den ganzen Weg bis zu unserem Dorfe mit Gold pflastern möcht', so tät' ich's auch nicht.« »Um Gottes willen, warum nicht?« sagte die Bäuerin erschrocken. Josef schien nach einem passenden Ausdrucke für seine Erregtheit zu suchen, seine Lippen zuckten wie vor innerem Grimm. »Weil uns die reiche Hannele Ehrenfeld verachtet,« fuhr es böse aus ihm heraus, »weil ich's nicht ertragen kann, daß man Bauersleute, wie wir sind, mit Kühen und Ochsen in eine Reih' stellt, und endlich zuletzt, weil ich nicht möcht', daß so eine Prinzeß, wie ihre Tochter ist, sich über uns lustig macht.« »Wo macht sie sich lustig?« fragte die Bäuerin mit ungläubiger Miene, »ich hab' nichts gehört.« 201 »Weil ich dir den deutschen Brief noch nicht vorgelesen habe,« rief Josef höhnisch, »du wirst deine Wunder erleben, wenn du ihn hörst.« »So lies ihn!« sagte die Bäuerin bestimmt. Josef setzte sich neben die Mutter. Er las die in kühngeschwungenen deutschen Buchstaben geschriebene Zuschrift des Mädchens; sie lautete: »Sehr neugierig bin ich schon darauf, was ich auf dem Dorfe für ein Gesicht machen werde. Es ist mir eigentlich ganz kurios zumut, daß ich da unter Kühe und Erdäpfel kommen soll. Enfin (Josef sprach dieses Wort mit deutscher Akzentuierung aus), was soll ich tun? Schiller sagt: Es gibt im Menschenleben Augenblicke, und solch ein Augenblick ist jetzt für mich gekommen. Leben Sie wohl, und empfangen Sie mit Wohlwollen Ihre sehr ergebene Dienerin Rosa Ehrenfeld.« Ein minutenlanges Stillschweigen waltete zwischen den beiden nach der Vorlesung dieser Zeilen. Der Sohn unterbrach es zuerst. »Und die willst du dir ins Haus nehmen, Mutter?« fragte er und lächelte sehr spitzig dazu. Gitel, die Bäuerin, saß anscheinend in tiefem Sinnen da und hatte offenbar die Frage überhört. Mit einem Male stand sie auf, ihr Antlitz war tief gerötet, und ihre noch immer schönbraunen Augen leuchteten in einem ungewöhnlichen Feuer. »Gerad' die!« sagte sie in kraftvollstem Tone, »gerad' die! Das Mädchen ist kränker, als du denkst!« Mit raschen Schritten verließ die stattliche Frau den Garten. Der einstige Soldat sah ihr verblüfft nach. III. Die Prinzessin. Gitel, die Bäuerin, mochte den Einfluß ihres einmal ausgesprochenen Willens auf Haus und Gesinde kennen; 202 Frauen bleiben sich in dieser Hinsicht überall und unter allen Umständen gleich. Als ihr Mann, der »alte« Bauer Feiwel, mittags vom Felde heimkehrte, trat sie ihm sogleich mit der Erklärung entgegen, es müsse »stantepe« (stantepede) an Hannele Ehrenfeld geschrieben werden, und in den nächsten Tagen müsse einer nach Brandeis, um das junge Mädchen von dort abzuholen. »Warum nicht?« entgegnete Feiwel in einem Tone, der sein vollstes Einverständnis voraussetzen ließ, »warum nicht? Am Montag fahr' ich ohnehin mit Erdäpfeln nach Brandeis, da kann ich die Prinzessin gleich von dort mitnehmen.« »Bist du auch so wie dein Sohn,« schrie sie dagegen fast entsetzt, »und willst eine kranke Person auf deine Erdäpfelsäcke setzen? Ich will nicht einmal sagen, daß es Hannele Ehrenfelds Tochter ist. Vielleicht verkaufst du die Erdäpfel nicht.« Der alte Bauer kannte die Hofverhältnisse des Kaisers der Birmanen fast genauer als die der Freundin seiner Frau. Lustig versetzte er: »Es ist schon manche auf einem Erdäpfelsack gesessen, die's mit Hannele Ehrenfeld mitsamt ihrer Tochter aufgenommen hätte.« »Auf die Erdäpfel wirst du sie nicht setzen,« eiferte Gitel, »da könnt' sie den Tod davon haben. Und wenn ich selbst nach Brandeis kutschieren müßt' . . . Hanneles Tochter muß mit Ehren bei uns aufgenommen werden; man soll nicht sagen, wir hätten wie Bauern an ihr gehandelt.« Mit großer Bestimmtheit erklärte sie sodann, wie sie diese ehrenvolle Aufnahme ins Werk setzen wolle. Vor allem müsse das neue »Kutschel«, das sie jüngst aus dem Nachlasse des Pfarrers gekauft, geputzt und hergerichtet werden; dann müßte man die zwei »Schimmel« vorspannen, die besser zögen als die arbeitgewohnten »Braunen«, und besonders 203 müsse man darauf sehen, daß sie weich sitze und nicht zu sehr geschüttelt werde. Der alte Bauer brummte etwas vor sich hin, was niemand verstand, es mochte eben nicht voll Feinheit gewesen sein. Dennoch meinte er nach einer guten Weile, Gitel sollte zufrieden sein, er wolle zugleich Glöckchen an die Pferde binden, damit man schon von weitem wüßte, daß er mit Hannele Ehrenfelds Tochter komme. »Das laß ja sein, Feiwel,« sagte hierauf die Bäuerin, die dies für Ernst nahm, »das Klingen mit den Glocken könnt' die Kranke erschrecken. Das laß ja sein!« Da schlug der Bauer ein Gelächter auf, daß es wie der Widerhall eines schweren Geschützes klang, und auch Josef, der seit dem Vorlesen des Briefes mürrisch im Hause umherging, stimmte herzhaft darein. »Lacht nur,« sagte Gitel ohne jede Bitterkeit, »keiner von euch beiden weiß, wie man mit einem Kranken umgehen muß – und leider Gottes hat keiner von euch Gefühl.« Was den ehemaligen Korporal betrifft, so hatte die Bäuerin auch vollkommen recht; es war eine merkwürdige Erregtheit über ihn gekommen, seine ganze Natur schien mit einem Male eine tiefe Wandlung erfahren zu haben. Was seiner soldatischen Anschauung am meisten wehe tat, war, daß die Eltern, besonders aber die Mutter, so leicht auf das »Kommando« jener Hannele Ehrenfeld »pariert« hatten. Was ging sie jene Frau mit all ihrem Reichtume an? Warum hatte sie der Mutter, deren Freundin sie gewesen, in dreißig langen Jahren nicht geschrieben? Jetzt erst, wo sie ihrer dringend bedurfte, jetzt erst erinnerte sie sich der ehemaligen Kameradschaft. Habe die reiche Hannele das Recht, in einem solchen Tone mit der Mutter zu sprechen, bloß weil diese eine Bäuerin sei? Überhaupt müsse man zuerst fragen, was mehr wert sei: das Gewölbe der reichen Frau, oder der Hof mit allen Äckern, Pferden und Kühen dazu, worauf die 204 Eltern keinen Kreuzer schuldig sind. Des Briefes, den das kranke Mädchen geschrieben, gedachte er übrigens gleichfalls mit Zorn. Wie sich die »Putznase« unterstehen könne, über ihre Kühe und Ochsen zu spotten? Weil sie Französisch spreche und wisse, was Schiller sagt (Josef wußte es nicht), deswegen habe sie noch nicht das Recht, sich über ihr Dorf lustig zu machen. Er werde ihr aber zeigen, wie ein »Landmotz« mit solchen Geschöpfen umzugehen wisse. Zeitlebens werde sie an ihn gedenken. Josef hütete sich übrigens wohl, diese rebellischen Gedanken vor der Mutter zu offenbaren; er wußte, daß an der Sache nichts mehr zu ändern sei. Sein ganzer Widerstand beschränkte sich also darauf, daß er ganz gegen seine Natur unwirsch im Haus sich herumtrieb, auf Fragen die Antworten schuldig blieb und zuweilen sogar träumerisch vor sich niedersah, als beschäftigten ihn Gedanken, die nicht gern erraten werden wollten. Am Montag in aller Frühe fuhr der alte Bauer wirklich nach Brandeis; wie Gitel es gesagt, so war's geschehen. Das »Kutschel« war frisch gewaschen worden, und die zwei Schimmel standen so glänzend gestrählt da, als hätten sie ihr Lebenlang »herrschaftliches« Futter genossen. Mit eigenen Händen trug dann Gitel noch Polster und Kissen herbei, damit die Kranke weich sitze. »Und gib gut acht auf sie,« ermahnte sie den Mann, während dieser die Zügel zur Hand nahm, »daß mir Hannele keinen Vorwurf zu machen hat. Ich möcht' ihr die Tochter gern ganz gesund zurückschicken. Hörst du?« Der Bauer rückte statt aller Antwort seine ungeschlachte Gestalt auf dem Wagen zurecht, Josef hielt indessen die etwas unruhigen Rosse; er verfolgte das Tun der Mutter, die immer neue Stärkungen für die Kranke herbeibrachte, mit stummen Blicken. »Auf eins, Vater, vergiß nicht!« rief er endlich. 205 »Das ist?« meinte dieser kurz. »Daß du mit ihr französisch red'st, sonst versteht sie dich nicht.« »Ich werd' mit ihr schon deutsch reden,« lachte der Bauer hell auf und fuhr durch das offene Hoftor hinaus. Es war später Abend geworden; Sterne begannen bereits am Himmel hie und da zu glänzen. Es war noch nicht lange nach Pfingsten, die Frühlingszeit blühte im ganzen Lande. Das Getreide stand schon überall hoch in Ähren und versprach eine gesegnete Ernte. Die Bäuerin begann schwere Sorgen zu empfinden, da sich die Ankunft ihres Mannes mit dem neuen Gaste verzögerte. Sie ging öfters voll Ungeduld vor das Haus hinaus und lugte die Dorfgasse hinab, ob sie nicht kämen. Mit wunderbarer Gewalt hatten sich in ihrer Seele die Farben der ehemaligen Freundschaft aufgefrischt; sie war wieder jung geworden. Halb war es das Mitleid mit der unglücklichen Lage der reichen Witwe, die sie mit ihrem Frauenherzen besser begriff als die harten Männer, mehr aber noch das Bild einer längst entschwundenen Zeit, die ihr nun heute in der Gestalt des jungen Mädchens entgegentreten sollte. Es gab Augenblicke, wo ihr die Gestalt, die Bewegungen, ja selbst einzelne Szenen, die sie mit Hannele Ehrenfeld zusammen erlebt, so greifbar vor der Seele sich sammelten, daß der dreißigjährige Zeitraum ihr wie eine Minute dünkte. Dann schrumpfte dieses Bild der Vergangenheit wieder so unkenntlich zusammen, daß sie mit aller Mühe und Pein keines Zuges aus dem Antlitze ihrer Freundin sich erinnern konnte. In diesem Zustande von Sehnsucht und Gedankenseligkeit erwartete sie die Tochter Hannele Ehrenfelds. Dazwischen hatte sie nicht vergessen, für die Beherbergung des Gastes die nötigen Voranstalten zu treffen. Sie hatte in der Eile ein nach dem Hofe hinausgehendes Hinterstübchen, das man füglich als die »gute« Stube des Hauses 206 betrachten konnte, wohnlich herrichten lassen: das Stübchen war ihr selbst stets wie ein Heiligtum erschienen, in das sie sich nur am Sabbat und an Feiertagen zurückzog. Jetzt kam es ihr fast unwürdig eines solchen Gastes vor; nun trug sie das Schönste aus dem ganzen Haushalte zusammen, um damit die vermeinte Armseligkeit zu schmücken. Es war ihr auch wirklich gelungen, und mit freudigem Stolze mußte sie sich selbst gestehen, daß keine »Prinzessin« sich schämen dürfe, in der Stube zu wohnen. Den schönsten Schmuck bildeten aber unstreitig die altmodischen Porzellanschalen, die sie in die Wirtschaft gebracht, und die noch nie berührt worden waren. »Geh doch mal vors Dorf hinaus und sieh, wo sie bleiben,« rief sie endlich dem unwirschen Sohne zu, »ich vergeh' fast vor lauter Sorgen, und du kannst dasitzen wie ein Träumer. Du kommst mir wie ausgewechselt vor. Warum bist du nicht schon längst über alle Berge? Kann denn dem Vater nichts geschehen sein?« »Es wird immer so spät, wenn er nach Brandeis fährt,« bemerkte Josef trocken. »Aber Hanneles Tochter!« rief die Bäuerin, »an die denkst du nicht?« Nach einigem Zögern ging Josef dennoch. Der Vater mochte wegen der »Prinzessin« etwas langsamer gefahren sein, dachte er sich, daher die späte Zurückkunft. Er trat in die stille Nacht hinaus, ein zerschnittener Streifen Mondes wandelte am Himmel droben. Ein eigentümliches Leuchten ging von ihm aus; es war Josef, als ob er das zum ersten Male schaute. Er ging die Dorfgasse hinab; überall war Ruhe und Schlummer, nicht ein Federchen konnte zu Boden fallen, daß man es nicht vernommen hätte. Da kam etwas über sein Wesen, das er nie gekannt hatte; es dünkte ihn, als müsse er jetzt stundenlang in die stille Nacht hineingehen, über sich den Mond und sonst keinen Menschen zum 207 Begleiter. Aus einem benachbarten Dorfe trug die reine Luft den Klang der neunten Nachtstunde herüber; er horchte auf. Jeder Schlag der Uhr fand einen eigentümlichen Widerhall in seiner Seele. Eine Empfindung, die von der Angst nicht ferne lag, hatte den ehemaligen Soldaten überkommen. »Es wird ihm doch nichts geschehen sein,« dachte er vor sich hin, mehr als er sprach. Er horchte wieder auf. Nicht das leiseste Geräusch, das fernem Wagenrollen glich, gelangte an sein Ohr. So war er an das Ende des Dorfes zum Mühlbach gekommen, über den ein schmaler Steg führt. In demselben Augenblicke betrat eine weibliche Gestalt das andere Ende des Steges. Der volle Strahl der Mondessichel fiel auf sie. Aus Josefs Brust rang sich ein Schrei der Überraschung herauf; es mochte ihm sein, als stünde er, der ausgediente Soldat, auf einer einsamen Wache und plötzlich träte ihm aus der Nacht ein Gefährliches entgegen. »Wer da!« rief er mit durchdringender Stimme. »Um Gottes willen, ich bin's ja!« tönte eine feine Mädchenstimme zurück. An der Aussprache und dem Klange dieser Stimme erkannte Josef sogleich, wen er vor sich hatte. »Sie sind also Rosa Ehrenfeld, die wir für heute abend erwarten?« rief er, aber keineswegs im soldatischen Tone. Die Gestalt machte einige Schritte vorwärts auf dem Stege. Unwillkürlich tat Josef das gleiche, so waren sie einander ganz nahe gekommen. »Sind Sie aus dem Hause des Bauers, der mich von Brandeis hierhergebracht hat?« fragte sie jetzt, minder ängstlich. »Ich bin sein Sohn,« sagte Josef und trat ihr ganz nahe. Das Mädchen ließ ein Tuch fallen, das bis dahin zur Hälfte ihren Kopf bedeckt hatte; etwas Lieblicheres und Feineres hatte der Sohn des alten Bauers noch nicht gesehen; er starrte die Erscheinung an, als ob sie aus dem Boden herausgewachsen wäre. 208 »Sind Sie wirklich der?« fragte sie nach einer Weile. »Wer soll ich denn sein?« meinte der Soldat beinahe furchtsam. »Weil Sie gar nicht wie ein Bauer aussehen,« sagte das Mädchen, dem eine flüchtige Prüfung genügt hatte, um zu diesem Schlusse zu gelangen. Josef war so verwirrt von diesem eigentümlichen Begegnen mitten in der Nacht, daß er die so naheliegende Frage zu tun vergaß, wie sie ohne den Vater hierher gekommen. In demselben Augenblicke ward Wagengerassel von der Straße her vernehmbar. »Kommen Sie schnell,« rief das Mädchen hastig, »da hinter uns kommt Ihr Vater, und ich wollte auf einem Sack Gerste und Erdäpfeln nicht sitzen und so ins Dorf hereinfahren. Dazu bin ich nicht genug Bäuerin.« Mit diesen Worten eilte sie über den Steg hinweg, Josef folgte ihr zögernd. Ein Leuchtkäferchen flog vor ihnen her, als wollte es den beiden mit seiner Laterne den Weg zum Hause zeigen. Josef aber war es, als schwirrten hunderte und tausende von diesen Leuchtern um ihn her. So kamen sie in das Haus. IV. Die Ankunft. Gitel, die Bäuerin, schrie nicht hell auf, als die sehnlichst Erwartete endlich mit Josef in die Stube trat; sie war eine Frau von starken Nerven und konnte einen Riß daran schon ertragen. Sie stellte sich nicht entzückt, ja nicht einmal verwundert über den neuen Gast, sondern benahm sich, wie es in der großen Welt heißen würde, »den Umständen« gemäß. »S' Gotts willkomm, Roselleben,« rief sie der Eintretenden mit ihrer starken Stimme entgegen, und ohne sich lange zu besinnen, nahm sie das Mädchen beim Kopf und 209 drückte ihm einen herzhaften Kuß auf die Lippen. Dann nahm sie den Leuchter mit der brennenden Kerze vom Tische und hielt das Licht gerade vor des Mädchens Angesicht hin. »Soll ich leben und gesund sein,« rief sie dann, und der Ton dieses Ausrufes zitterte vor tiefer Bewegung, »die ganze Hannele, wie sie leibt und lebt! So hat sie vor dreißig Jahren ausgesehen.« War es das Seltsame dieses Empfanges, das Fremdartige der neuen Umgebung, die Unbefangenheit der stattlichen Bäuerin – das Mädchen begann plötzlich laut aufzuweinen und wandte sich, als wenn es fliehen wollte, zur Türe. »Ich will nicht dableiben« rief sie dazwischen, »ich will wieder fort; keine Minute bleib' ich länger hier . . . ich will wieder zu meiner Mutter!« Gitel, die Bäuerin, fühlte wohl, wie ihr diese Worte ans Herz griffen, aber als eine Frau von Verstand faßte sie sich schnell; sie sah in aller Raschheit ein, um was es sich jetzt handle. »Ich halt' dich nicht, mein lieb' Kind,« sagte sie, »du kannst gehen, wie's dir beliebt, und wenn du willst, lass' ich sogleich einspannen, und mein Sohn führt dich wieder zurück. Gitel hält keinen zurück, der nicht bei ihr bleiben will.« Die Wirkung dieser wenigen Worte auf das Gemüt des Mädchens mochte keine geringe sein: langsam wandte sie sich von der Türe ab, deren Klinke sie bereits ergriffen hatte, und zeigte ihr tränenbenetztes Gesicht in seiner ganzen Lieblichkeit und Feinheit. Gitel hätte nicht sagen können, wie ihr bei diesem Anblick ward, auch Josef nicht, der in einer Art von Verzauberung noch immer als Zeuge dieses seltsamen Vorganges dastand. Aber bei Gitel kam zu dem Gefühle tiefsten Mitleides, das sie mit den Tränen des Kindes empfand, denn Schönheit im Schmerz ist immer rührend, noch das volle Bewußtsein, daß Hannele Ehrenfelds Tochter vor 210 ihr stand, daß deren Ebenbild so zu ihr spreche, und in demselben Augenblicke, wo sie ihr Haus betreten, schon Miene machte, es zu verlassen. Sie selbst war nicht länger imstande, ihre Tränen zurückzuhalten, und mit vor Wehmut zitternder Stimme sagte sie: »Sieht es denn gar so schrecklich bei uns aus, oder meinst du, man könnt' nicht einmal eine Nacht bei uns aushalten? Probier's nur, mein Kind . . . ich kann dich ja bei Nacht und Nebel nicht fortschicken. Fürchtst du dich denn nicht?« »Gerad' weil ich mich fürchte, will ich fort,« rief schluchzend das Mädchen. Die Bäuerin horchte hoch auf. »Du fürchtest dich? Vor wem denn?« »Vor dem Bauer –« »Vor dem da?« rief Gitel und zeigte auf ihren Sohn. Das Mädchen warf hinter den Augenwimpern einen flüchtigen Blick auf den Bezeichneten, und tat fast unsichtbar mit dem Kopfe eine verneinende Bewegung. »Vor dem also nicht?« sagte Gitel, »vor wem also denn?« In diesem Augenblicke rasselte der Wagen in den Hof, und die laute Stimme Feiwels ward vernommen. Unwillkürlich hatte sich das Mädchen wieder der Türe zugewandt, ihre Hand lag bereits wieder auf der Klinke. Das war den scharfen Augen der Bäuerin nicht entgangen. »Mir scheint, du fürchtst dich gar vor meinem Mann?« rief sie. »Ist das so?« Das Mädchen entgegnete nichts, Gitel rief aber voll Lustigkeit: »Schämst du dich nicht? Vor meinem guten Feiwel dich zu fürchten, der keine Katz' beleidigen kann! Was hat er dir denn getan? Es lebt gar kein besserer Mensch auf der Welt, um den Finger kann ihn ein kleines Kind wickeln, und du fürchtst dich vor ihm?« 211 Es war gut, daß um diesen Augenblick die großgestreckte Gestalt des alten Bauers zur Türe herein erschien. Scheu, als habe es etwas Fürchterliches erblickt, flüchtete sich das Mädchen an der Bäuerin Seite und hielt ihren Arm fest, während sie auf den Bauer zaghaft ihre Augen richtete. »Da ist ja die Prinzessin!« rief er mit heiserem Lachen. »S' Gotts willkumm, Prinzessin, wie hat dir der Spaziergang geschmeckt? Weißt du, Gitel, was das ›Prinzessel‹ angestellt hat? Vom Wagen ist sie heruntergesprungen und ist mir auf und davon. Was sagst du dazu? Über eine halbe Stunde ist sie gelaufen.« »Um Gottes willen,« schrie Gitel im Tone des tiefsten Entsetzens, »und das hast du zugeben können! Feiwel, wo hast du deinen Kopf gehabt?« »Hätt' ich ihr nachlaufen und die wilden Pferde allein stehen lassen sollen?« sagte Feiwel gleichgültig. »Lebendiger Gott!« schrie die Bäuerin wieder verzweifelt, »das Kind hätt' ja den Tod davon haben können! Und warum hast du das angestellt, mein Kind?« »Ich hab' nicht länger auf dem Sack Erdäpfel sitzen können,« schluchzte das Mädchen, »darum bin ich lieber abgestiegen und zu Fuß gegangen.« »Feiwel!« rief Gitel, und ihr sonst so gutmütiges Antlitz überflog die dunkelrote Farbe des Zornes, »das soll dir Gott verzeihen, was du mir an dem Kinde getan hast. Hab' ich dich nicht himmelhoch gebeten, du sollst mir auf das Kind acht geben, wie auf einen Augapfel, und du läßt mir's eine halbe Stunde weit laufen, die Füße sich wundgehen, Hannele Ehrenfelds Tochter, die so etwas nicht gewöhnt ist! Den Tod kann das Kind davon haben, und wer könnte das verantworten vor Gott und vor den Menschen? Feiwel, um Gottes willen, was hast du denn getan?« Die Stimme der Bäuerin versagte vor Schmerz; sie brach in lautes Weinen aus. 212 »Ich versteh' dich nicht, Gitel,« rief dagegen hell auflachend der alte Bauer, »ich schwör' dir darauf, es ist nicht ein Erdapfel im Wagen gelegen. Wie ich sie von Hannele Ehrenfeld in Brandeis übernommen habe, so bring' ich dir sie wieder. Nicht ein Erdapfel ist in meinem Wagen gewesen; ich schwör' dir darauf!« »Und weswegen beklagt sich denn das Kind? So aus dem hohlen Faß wird sie doch nicht reden?« fragte Gitel. »Weiß ich,« entgegnete Feiwel achselzuckend, »was das kleine Prinzessel gespürt hat? Du weißt, in dem »Kutschel« vom Pfarrer könnt' eine Gräfin fahren, so weich und gut gepolstert ist es. Kann ich etwas dafür, daß es für die Tochter Hannele Ehrenfelds zu hart ist?« Gitel wußte, daß ihr Mann keiner Lüge fähig sei; und ebenso schnell begriff sie als eine Frau von Verstand, daß das Recht eigentlich auf beiden Seiten sei. Rasch einlenkend sagte sie daher, indem sie mit ihrer Hand über das Gesicht Rosas fuhr: »Du wirst müd' sein, mein Kind, von dem Fahren und Laufen! Komm auf dein Stübel, da findest du ein Bett, das ist weicher als der Sitz in meines Mannes Wagen. Da schläfst du dich gut aus, und wenn du früh aufstehst, da wirst du schon sehen, daß sich's auch bei Leuten aus dem Dorfe leben läßt.« Sie führte sie hinaus, das Mädchen sprach kein Wort dazu. »Etwas Schönes hat sich die Mutter da eingewirtschaftet,« sagte der alte Bauer, als sie draußen waren, zu Josef. »Was? Wer sich eben nicht raten läßt, dem ist nicht zu helfen. Was meinst du dazu, Josef?« Josef blieb diesmal die Antwort schuldig. V. Eine kühne Tat. Der Schlaf floh in dieser Nacht die wackere Gitel; der Morgen graute bereits, und ihre Augen hatten sich noch 213 nicht geschlossen. Sie horchte auf den Atemzug der in der angrenzenden Stube Schlummernden; bei dem leisesten Geräusche fuhr sie im Bette auf und lauschte, ob man nicht ihrer Hilfe bedürfe, und ob das »Kind« nicht weine. Schwere Sorgen waren über die arme Frau gekommen, die manches minder ernste Gemüt von sich abgeschüttelt hätte; aber sie, in der ganzen Tüchtigkeit ihres Wesens, rang mit ihnen und sah ihnen ins Auge. Oft seufzte sie tief auf aus tiefster Seele, die Größe der Verantwortlichkeit, die sie mit der Aufnahme des Mädchens in ihr Haus übernommen, stand vor ihr drohend, sie wußte sich keinen Rat. Mann und Sohn waren dazu nicht zu gebrauchen, sie hatten sich ja, der eine gleichgültig, der andere aber mit unverhohlenem Widerwillen gegen den Gast ausgesprochen. Wenn das Mädchen wirklich krank war, wie die Doktoren behaupteten, und in ihrem Hause nicht gesund würde, welche Qualen für die Zukunft hatte sie sich aufgebürdet! Wenn das Kind fern von seiner Mutter bei ihr stürbe! Man sieht, die wackere Bäuerin hatte den Mut, selbst dem Äußersten ins Gesicht zu sehen; aber trotzdem brachte ihr der bloße Gedanke eisige Schauer. Doch dagegen sprach sich auch eine andere Stimme, die der Hoffnung, aus. Das Kind sei gar nicht so krank, als wofür es ausgegeben werde, flüsterte ihr diese nimmermüde Trösterin zu; es sehe zwar blaß und fein aus, das käme aber von dem vielen Lernen und Bücherlesen her. Wenn man ihr das abgewöhnen könnte . . . Wahrlich! Gitel hätte nicht sagen können, wie sie das anstellen wollte; sie war keine gelernte Pädagogin. Alles, worauf sich ihre Beweisgründe gestützt hätten, wäre der Satz gewesen: »Dem Kinde muß geholfen werden.« Man hatte es ihr anvertraut, seine Mutter hatte es ihr, einer Mutter, übergeben – und wir wissen, daß die wackere Bäuerin ihre Freundin nicht vergessen hatte! Der Morgen war längst herangebrochen, im Hause rumorten 214 Knechte und Mägde herum, und dazu lachte die freundlichste Sonne am Himmel. Auch die Bäuerin war längst an ihre Geschäfte gegangen, kummervollen Gemütes, denn der Morgen hatte ihr keinen Rat, keine Erlösung gebracht. Das Mädchen schlief noch, unbekümmert um den Lärm, den die Bäuerin trotz alles Zuredens nicht beschwichtigen konnte. Gitel freute sich über diesen Umstand; wer so ruhig schlafen konnte in den geräuschvollen Morgen eines Bauernhofs hinein, konnte doch nicht gar so krank sein! Als aber die Sonne immer höher und höher stieg, der Mittag nicht mehr ferne und das Mädchen noch immer nicht aus dem Stübchen gekommen war, da erfaßte große Angst die wackere Gitel. Von einem so lange währenden Schlafe hatte die tätige Bäuerin keinen Begriff. Mit unhörbaren Schritten nahte sie sich dem Stübchen und horchte zuerst. Nichts regte sich. Da drückte sie auf die Klinke und trat ein. Da lag das Mädchen und schlummerte noch. Die Sonnenstrahlen hatten sich breit und weit einen Weg durch das Fenster gebahnt und spielten um das feine Antlitz des »Kindes«, daß es eine anmutige, fast durchsichtige Röte angenommen hatte. Die Bäuerin stand vor Verwunderung eine Weile da und wagte kaum zu atmen, denn ein so holdes Bild jungfräulicher Schönheit hatte sie noch nie erblickt. Jenes Gefühl seligen Mitleids, wie es Mütter beim Anblick eines schlafenden Kindes empfinden, das sie nicht gerne wecken wollen, durchzog auch sie. Sie hatte nicht den Mut, die Ruhe dieses Kindes zu stören. Aber mit dem scharfen Blicke einer Mutter entdeckte sie auch sogleich die Ursache dieses in den vollen Tag hineindauernden Schlafes. Von der ganzen Kerze, die sie vor dem Schlafengehen angezündet, war ein winziges »Stümpchen« übrig, und auf dem Kopfkissen lag ein offenes Buch, auf welchem ein Arm des Mädchens ruhte, als wollte sie es schützen. 215 »Lebendiger, großer Gott,« schrie es innerlich in dem Herzen der Bäuerin auf, »und die soll nicht krank sein! Sie muß ja die ganze Nacht gelesen haben . . . woher soll dem Kind dann Kraft kommen? Was hat sich Hannele Ehrenfeld nur gedacht, daß sie das hat zugeben können? Lebendiger Gott! wenn mir so eine Tochter wär' beschert worden, ich hätt' sie ja behütet wie mein eigenes Leben.« Du täuschtest dich, gute Gitel, in diesem Augenblicke! Du standest wirklich vor deiner eigenen Tochter, und die eigene Mutter hätte nicht milder und weicher denken können. Zuerst wollte sie in einer Aufwallung von Zorn das Buch vom Kopfkissen wegnehmen; es war ihr, als sähe sie Feuer und Flamme neben dem Haupt des Kindes, und dies mußte vor allem gelöscht werden. Aber schon in der nächsten Minute bedachte sie sich eines anderen, sie durfte das Kind ja nicht wecken! »Sie soll schlafen, solang' sie will,« murmelte sie vor sich hin, und leise, wie sie gekommen war, entfernte sie sich wieder aus dem Schlafstübchen. Das Mittagsessen mußte gerüstet werden. Mitten im Mahl fragte mit einem Male Rebb Feiwel, als ob ihm die Sache erst jetzt einfiele: »Wo bleibt denn das Prinzessel? Verschmäht sie unsere Kost?« »Sie schläft noch,« entgegnete Gitel mit gesenkten Augen, als schäme sie sich dieses Geständnisses. »Gitel!« rief der alte Bauer und legte vor starrem Erstaunen Messer und Gabel vor sich hin, »das ist menschenunmöglich!« »Warum hast du sie eine Stund' weit laufen lassen, zu Fuß, so ein verwöhnt feines Kind?« sagte die Bäuerin in beinahe gereiztem Tone; er sollte wahrscheinlich das Unzulängliche dieser Anklage übertönen. »Ich kann dir schwören, Gitel,« sagte der alte Bauer, 216 »sie ist nicht eine Viertelstunde weit gelaufen. Beim heiligen Johannes ist sie ausgestiegen, und von da lauft man doch nicht eine Stunde bis in unser Dorf?« »Die Mutter hat recht,« meinte Josef und hielt die Augen auf seinen Teller geheftet; »wenn man etwas nicht gewöhnt ist, so kommen einem zehn Schritte wie eine Meile vor.« Gitel warf einen dankbaren Blick auf den Sohn, den dieser jedoch nicht bemerkte. »Sie wird schon anders werden,« sagte sie mit tiefster Überzeugung. »Man wird nicht auf einmal eine Bäuerin!« »Und zum Essen gibst du ihr gar nichts?« fragte Feiwel. »Laß sie lieber schlafen,« meinte die Bäuerin kurz, »das tut ihr besser als alles Essen.« »Essen muß der Mensch, das ist meine Meinung,« sagte der Bauer mit großer Ruhe. Weiter war von dem Mädchen nicht mehr die Rede, dafür sprach Rebb Feiwel von den Vorbereitungen zum morgigen Wochenmarkt. Rosa Ehrenfeld schlief indessen auch in den Nachmittag hinein; der Abend war gekommen, die Nacht hereingebrochen, und nichts deutete an, daß sie aus ihrem Schlummer erwacht war. In ihrem Stübchen regte sich nichts, so oft Gitel auch nachsah. Aber nicht der Bäuerin war die schwere Sorge wegen dieses allen unerklärlichen Zustandes an der Stirne zu lesen; sie hatte auf jede Frage stets das allbereite: »Laß sie lieber schlafen« zur Antwort. Jemand strich unausgesetzt um Gitel herum und schien etwas auf der Seele zu tragen, für das er keinen Ausdruck finden konnte. Es war Josef. Als Gitel einmal wieder an der Tür lauschte, ob sich noch nichts in dem Stübchen rege, sagte er mit einem Male: »Sollt' ich denn nicht um den Doktor gehen, Mutter?« »Warum?« 217 »Sie will ja gar nicht aufwachen!« rief er überlaut. »Mir kommt das zu besonders vor.« »Meinst du?« fragte Gitel und sah den Sohn dabei ängstlich forschend an. »Wie kann ein Mensch hintereinander so lange schlafen, ohne krank zu sein? Ich gehe um den Doktor.« »Eine Stunde weit gehen!« rief die Bäuerin abwehrend. »Nein, nein,« setzte sie nach einer Weile wie beruhigt hinzu, »laß sie lieber schlafen, Schlaf ist der beste Doktor.« Trotzdem ging jetzt die Bäuerin mit dem festen Willen an die Tür, um dem unnatürlichen Zustande ein Ende zu machen. Sie drückte stärker an die Klinke und trat ein. Da saß Rosa aufrecht im Bette, den Kopf in die beiden Hände gestützt, als wäre sie gerade aus dem Schlummer erwacht. Freudigen Tones rief Gitel: »Nun, wie geht's dir, Rosel? Dein lang' Schlafen hat mir schon Sorgen gemacht.« Das Mädchen richtete langsam ihr Haupt auf und blickte mit verwunderten Augen um sich. »Habe ich denn so lange geschlafen?« fragte sie in langgezogenen Lauten. »Mehr als vierundzwanzig Stunden, mein Kind,« sagte Gitel, »und jetzt ist wieder Nacht.« »Ich bin noch schläfrig,« sagte Rosel nach einer Weile und gähnte. »Willst du denn gar nichts essen?« fragte die Bäuerin, »du wirst dich ja auf den Tod abmatten. Ist denn heute Jom Kippur (Versöhnungstag), daß du mit Gewalt fasten willst?« »Essen?« wiederholte gedehnt Rosel, dann nickte sie still mit dem Kopfe. Die wackere Bäuerin war darauf bereits gefaßt. Ohne langes Besinnen eilte sie in die Küche hinaus und holte von dem warm gehaltenen Herde die Speisen herbei, die sie für 218 das Erwachen Rosels aufbewahrt hatte. Es waren nach Gitels Meinung Leckergerichte, wie sie auf einer»Grafentafel« sich nicht zu schämen brauchten, und sie hatte sich in dieser Überzeugung auch nicht getäuscht. Anfangs langte das Mädchen mit schlaftrunkenem Widerwillen danach; bald aber forderten die erwachten Lebensgeister ihr Recht. Gitel bemerkte mit inniger Freude, daß der Appetit des »Kindes« ganz wie der einer »gesunden« Person sei; sie glaubte das Klügste zu tun, wenn sie Rosel so wenig als möglich mit Fragen und Antworten unterbrach. Auch Rosel schien nicht große Lust zum Sprechen zu haben. So kam es, daß das kleine Mahl in wenigen Augenblicken verschwunden war, zu der Bäuerin großer Freude, die sich dadurch von der Angst, das Kind könnte »sich aushungern«, befreit sah. »Bist jetzt satt, Roselleben?« fragte sie unnötigerweise. Rosel nickte statt aller Antwort nur mit dem Kopfe und langte nach dem Buche, das auf dem Kopfkissen lag. »Was willst du jetzt tun, Rosel?« rief die Bäuerin wahrhaft erschrocken. »Lesen will ich,« sagte das Mädchen gleichgültig und begann in dem Buche zu blättern. Gitel fühlte, wie ihr alles Blut aus dem Herzen zum Kopfe schoß, sie wurde feuerrot im Gesichte. Zorn war es, der in ihr überwallte gegenüber dem unvernünftigen Verlangen dieses Kindes. Dennoch war die Scheu, dem Kinde ihrer Freundin wehe zu tun, so überwiegend in ihr, daß sie in sich selbst das Maß fand, um dieser Gereiztheit Herr zu werden. »Mein Kind,« sagte sie anscheinend ruhig, »in meinem Hause muß vor dem Schlafengehen alles Feuer gelöscht sein. Rosel schaute verwundert auf; sie begriff wahrscheinlich nicht, in welchem Zusammenhange das Feuer im Hause mit ihrem Buche stand. »Lesen kannst du, wann du willst,« fügte Gitel als 219 Erläuterung hinzu, »nur nicht jetzt. Die Nacht hat Gott eingesetzt, daß man sich ausruhe, nicht aber, daß man sich abmatte und die Augen verderbe. Ich weiß zwar nicht, was da im Buche steht; aber wär' es noch so schön, die Gesundheit an einem Mädchen ist doch tausendmal schöner – und du bist nicht gesund, mein lieb' Kind!« »Mir fehlt nichts,« entgegnete Rosel trotzig, »und meine Mutter hat mir das Lesen niemals verboten.« »Deine Mutter!« rief die Bäuerin voll Wärme, »deine Mutter ist eine arme Witwe mit all ihrem Geld, und konnt' sich um dich nicht umsehen. Sie hat dir alles nachgeben müssen und in allem deinem Kopf folgen. Darin, mein lieb' Kind, liegt deine Krankheit; glaub das mir, Rosel, denn ich kenne mich aus in diesen Sachen und habe auch Kinder gehabt. Jetzt aber bist du mir anvertraut, und ich bin deine Mutter! Und so sage ich dir, mein Kind, wir sind zwar Bauersleute, und bei uns nimmt man das Wort nicht so genau und legt's auf die Wage. Bei uns, sag' ich dir, folgt das Kind seiner Mutter und lehnt sich nicht dagegen auf, und wenn die Mutter etwas anbefiehlt, so schweigt das Kind und denkt sich: Die Mutter muß das besser verstehen. Wo käme die Welt hin, wenn jung' Blut klüger sein wollte als alte Leut'? Ich, meine liebe Rosel, bin schon eine alte Frau und stell' jetzt deine Mutter vor. Wie ich noch so jung war wie du, hab' ich nicht gewußt, was auf ein Quentel geht; in deinem kleinsten Finger hast du mehr gelernt als ich in meinem ganzen Leben! Dessentwegen darfst du aber doch nicht glauben, daß ich nicht weiß, was dir gut tut. Drum folg, mein lieb' Kind, glaub mir, du wirst's nicht bereuen.« Lautlos hatte das Mädchen diese lange Rede der stattlichen Gitel vernommen, und als diese jetzt, mehr aus Erschöpfung als aus Mangel an Stoff, innehielt, denn ihr Herz war übervoll, drückte Rosel das Buch an sich, als fürchte 220 sie, es könnte ihr entrissen werden. Sie blickte dabei starr vor sich hin; sie hatte kein Auge für ihre herzliche Ratgeberin. »Nun, hast du mir nichts zu sagen?« fragte Gitel nach einer Weile, während sie das Mädchen scharf beobachtet hatte. »Meine Mutter hat's mir nicht verboten,« brachte endlich Rosel heraus, indem sie das Buch heftiger an sich drückte. »So verbiet' ich dir's,« rief die Bäuerin mit lautschallender Stimme, und mit einer raschen Handbewegung entriß die kräftige Frau das Buch. Erst schaute Rosel, entsetzt über dieses ungeheuerliche Tun, mit weitaufgerissenen Augen zur Bäuerin; dann sank sie leise wimmernd in sich zusammen. »Ich will's vor Gott und vor deiner Mutter schon verantworten,« sagte die Bäuerin noch in der Heftigkeit ihres Tuns und wandte sich zum Gehen. Aber an der Tür wäre sie fast umgekehrt; das Weinen des Mädchens schnitt ihr durchs Herz. Vielleicht durchzuckte sie der Gedanke, ob sie denn auch das Recht habe, so willkürlich, so herrisch in das Wesen dieses Mädchens einzugreifen; aber wie unter der Gewalt einer inneren Stimme rief es in ihr: »Laß dich nicht irre machen, Gitel, was du tust, kannst du verantworten!« Und sie ging; das Buch nahm sie mit sich, VI. Zum Lichte! Wenn Naturen, wie die unserer Gitel, einmal aus dem Kreise gewöhnlichen Tuns heraustreten, fällt es ihnen meistenteils schwer einzulenken; denn in der Selbständigkeit eines Charakters liegt es eben, daß er nicht so leicht zum Geständnis eines etwaigen Übergriffes zu bewegen ist. Die Bäuerin war sich wohl bewußt, daß sie zu weit gegangen; sie hatte 221 Rechte ausgeübt, die nur der wirklichen Mutter zukamen; aber sie bereute ihr Verfahren nicht. Wie heiß auch die Tränen des Mädchens auf ihrer Seele brannten – das Buch hätte sie ihr nicht zurückgestellt, und hätte man ihr große Schätze dafür geboten. An einem Buche sollte es liegen, daß ein Mensch gesund werde? Hatte man sie darum aufs Dorf geschickt, daß sie da Bücher lese? Gesund sollte sie werden, und ihr hatte man sie anvertraut! Konnte sie weniger tun, als was jede Mutter getan hätte? So beschwichtigte Gitel die einzelnen Stimmen, die ihr wegen des gewaltsamen Verfahrens denn doch Vorwürfe machten; und eine Genugtuung, die nahezu an Triumph grenzte, füllte ihre Seele aus. »Besser ist's, sie weint jetzt als später,« sagte sie bei sich, indem sie selbst zur Ruhe ging. »Hannele ist eine arme Witwe, die sich nicht zu helfen weiß. Läßt das Kind Französisch lernen und Gott der Lebendige weiß was noch alles, aber daß sie zur Zeit folge und nicht rebellisch ist, das hat sie ihr leider Gottes nicht durch Lehrer beibringen lassen! Jetzt spürt man es erst, und das Holz läßt sich vielleicht nicht mehr gerade biegen!« Die Bäuerin schlief in dieser Nacht so ruhig und sanft, wie Menschen, deren Gewissen kein Fleck trübt, nur immer schlafen können. Aber als sie in aller Frühe das dicke Gebetbuch hernahm, da mußte der, zu dem sie die heiligen Worte hinaufschickte, denn doch manchen tief aus der Brust geholten Seufzer vernehmen; das Geschehene trat erst jetzt in seinen möglichen Folgen vor ihren Geist. Wie alles Gebet nur Demütigung ist vor einem Höheren, ein Klären und Reinigen des Niedersatzes im Gemüte, so trat auch bei der Bäuerin das Gefühl der selbständigen Tat, die sie in der Nacht fast über sich selbst erhoben hatte, vor dem Gedanken zurück, wieviel sie über sich genommen, wieviel sie zu verantworten 222 habe! Klar war sie sich dessen bewußt, nicht in nebelhaften Umrissen, daß, was sie begonnen, auch zu Ende geführt werden müsse. Sollen wir es geradezu heraussagen? Die gute Bäuerin schämte sich gewissermaßen, daß sie wieder vor Rosels Angesicht treten sollte. Ängstlich überlegte sie, wie sie ihr, die sie so tief gedemütigt glaubte, entgegengehen, ob sie im Tone der Strenge, oder in den milden Lauten der Versöhnung mit ihr reden solle. Sie rang nach einem Entschlusse, und je mehr sie darüber nachsann, desto zweifelhafter war ihr die Art des zu beobachtenden Benehmens. Die Bäuerin war nie in einer solchen Lage gewesen; jede Verstellung lag ihr fern! Zum ersten Male in ihrem Leben machte sich in ihr eine Macht geltend, deren sie in ihren einfachen Verhältnissen nie bedurft hatte. Aber diese Stimmung hielt nicht lange an. Plötzlich kam ihr der Gedanke: Wie, wenn das Mädchen, erzürnt über die Behandlung, die ihr gleich am ersten Tage ihrer Ankunft geworden, den Entschluß gefaßt hätte, wieder heim zu wollen? Ob sie sie zurückhalten könne und dürfe? Gitel war darauf gefaßt, daß Rosel ihr mit diesem Antrage entgegenkommen werde; es war gar nicht anders möglich! . . . Was sollte sie ihr in diesem Falle antworten? Sie durfte nicht heimkehren, bis Befehl von ihrer Mutter eingetroffen; darüber war sie im ersten Augenblicke mit sich im klaren – sie brauchte nur ein entschiedenes: Nein! zu sagen. Aber wenn Rosel nicht gehorchen wolle, sollte sie das Mädchen mit Gewalt zurückhalten, ihr eigenes Haus zum Gefängnisse für eine sich hinaussehnende Seele machen? Minder starke Gemüter wären, von dieser Aussicht erschreckt, bereit gewesen, sich sobald als möglich von der Unruhe einer unangenehmen Lage zu befreien; aber das tüchtige Wesen unserer Bäuerin erhob und stärkte sich gerade unter dieser Last. Der Gedanke, daß das Mädchen Widerstand leisten könne, erhitzte ihr Blut 223 und machte, daß sie sich zur vollen Höhe ihrer tief sittlichen Anschauung erhob. Eine Mutter ist für die andere verantwortlich! so sagte sie zwar nicht, aber es war der Kern ihres innersten Denkens, »was der einen nicht gelang, das sollte die andere versuchen«. Und in dieser Lage befand sich Gitel, die Bäuerin, soeben! Hinweg war nun jedes Gefühl von Scheu; aufgerichteten Hauptes schritt die Bäuerin über den Hof nach dem Garten; dort auf der Bank unter dem Kirschbaum, wo sie gewöhnlich saß, wollte sie Rosel erwarten. Dahin wollte sie das Mädchen rufen lassen und gedachte mit ihr zu reden, wie es sich geziemte! Aber wie ward ihr, als sie beim Eintritt in den Garten auf derselben Bank unter dem Kirschbaume, wohin sie Rosel kommen lassen wollte – sie selbst sitzen sah. Sie traute ihren Augen nicht und glaubte zu träumen. Nun sah sie schärfer hin, und in der Tat saß dort das Mädchen mit dem Rücken ihr zugewandt und in beide Hände den Kopf gestützt, fast in derselben Stellung, wie sie sie gestern verlassen hatte. Gitels Herz schmolz bei diesem Anblick vor Wehmut; sie hatte Trotz und Widerstand erwartet, und nun fand sie das Mädchen in solcher Lage. »Rosel!« konnte sie sich nicht enthalten in den weichsten Tönen zu rufen. Da ließ das Mädchen die Hände vom Gesichte herabgleiten und schaute sich um. Doch kaum gewahrte sie die Bäuerin, als sie aufs neue den Kopf in beide Hände vergrub. Es schien zugleich, als weinte sie. »Rosel, mein Kind!« rief die Bäuerin noch einmal und war ihr nun ganz nahe gekommen. Trotz dieses milden Zurufs blieb das Mädchen in derselben Stellung und stand nicht auf, um der Bäuerin entgegen zu gehen. »Bist auf mich bös, Rosel?« sagte Gitel und legte ihre Hand auf den Kopf des Mädchens. 224 Rosel zuckte von dieser Berührung zusammen. »Ich sollt' bös sein?« rief sie schluchzend und ließ die Hände vom Antlitz fallen, »ich bin ja in dieser Nacht ganz anders geworden.« »Mein Kind! mein lieb' Kind!« rief die Bäuerin in so herzaufschreienden Lauten, wie sie sich nur dem höchsten Glück oder dem tiefsten Leid entringen. »Ich bin ganz anders geworden in der Nacht,« wiederholte Rosel noch einmal, und es lag eine solche Wahrheit in diesem Geständnisse des jungen Mädchens, daß selbst ein ungläubiges Gemüt davon wäre getroffen worden. Die Bäuerin fand keine Worte für die Empfindungen dieses Augenblickes; die Hand, die noch immer auf Rosels Kopfe lag, zuckte und zitterte, und ihre Lippen zitterten ebenfalls wie ihr Herz unter dem Eindrucke des Gehörten. »Gott! Lebendiger!« rang es sich endlich mit Innigkeit aus ihr, »wie hab' ich nur das erleben können, was ich gar nicht gehofft habe? Ich verdien' ja gar nicht, was du mir da beschert hast!« Dann nach einer Weile sagte sie: »Wie ist nur das geschehen, Rosel? Ich habe ja geglaubt, du wirst bei uns nicht bleiben wollen und wirst fortgehen, und jetzt redst du so zu mir!« »Wenn Sie mich nicht fortschicken, so geh' ich nicht!« rief Rosel und schaute zur Bäuerin auf. »Einziger Gott!« schrie Gitel mit der ganzen Gewalt ihrer Stimme, »wir sollten dich fortschicken! Wir wollen dich ja halten, wie ein Stück Gold! Tu' mir aber nur gleich einen Gefallen.« »Was denn?« sagte Rosel und lächelte. »Red per du mit mir.« »Mutter!« sagte das Mädchen mit Innigkeit und wandte ihr volles Antlitz in seiner ganzen Lieblichkeit und Feinheit gegen die Bäuerin. 225 »Und du bist mein Kind! meine Tochter!« rief die Bäuerin in tiefster Erregtheit. Sie mußte sich auf die Bank niederlassen; es war eine körperliche Schwäche ungewöhnlicher Art über die sonst starke Frau gekommen. Dann nahm sie die Hand des jungen Mädchens in die ihre und hielt sie minutenlang umschlossen. »Und jetzt sag, Rosel, mein Kind,« begann sie wieder, »was ist mit dir geschehen? Wie bist du auf einmal so ganz anders worden? Ich mein' fast, es ist ein Wunder vor meinen und deinen Augen vorgegangen?« »Ich schäm' mich, Mutter!« sagte Rosel mit gesenkten Blicken. »Wie du gestern in der Nacht von mir fortgegangen bist, da war mir's, als sollt' ich nicht mehr den heut'gen Tag erleben. Ich hätte vor Scham sterben mögen. Denn so hat noch kein Mensch mit mir gesprochen wie du, nicht einmal meine Mutter. Besonders die nicht! Und auch kein anderer hätte sich unterstanden, mir etwas zu verweigern, oder gar wegzunehmen. Alles hat sich von jeher bemüht, mir gefällig zu sein, niemals hat jemand ein ernstes Wort mit mir gesprochen, als fürchtete man, mir wehe zu tun. Wie sollt' ich da nicht verwöhnt und verzogen werden? Du, Mutter, bist die erste gewesen, die ohne Scheu mit mir gesprochen hat; wie man immer mit mir hätte reden sollen. Mein Ankommen bei euch war eine Beleidigung schon; ich bin deinem Mann weggelaufen, als wäre er mein Bedienter und ich eine Prinzessin, und auch deinen Sohn habe ich beleidigt.« »Wieso?« fragte Gitel. Ein flüchtiges Erröten flog über das liebliche Antlitz des Mädchens, die Bäuerin bemerkte es aber nicht. »Euch alle habe ich verletzt und beleidigt, dich vor allen, Mutter, die du mir doch so liebreich entgegengekommen bist. Du aber hast dich daran nicht gekehrt, du hast dich nicht 226 gescheut, mich gerade da anzugreifen, wo mich kein anderer zurechtgewiesen hätte! Du hast mir mein Buch weggenommen!« »Laß gut sein, Rosel,« meinte Gitel, und es klang fast wie eine Entschuldigung, »laß gut sein, ich hab' es dir weggenommen, weil ich nicht wollte, daß du in der Nacht daraus lesen sollst.« »Nein, nein, Mutter,« rief Rosel, »nicht für die Nacht allein! Meine Bücher passen überhaupt nicht hierher; ich habe unrecht gehabt, sie mitzubringen! Was soll ich hier auf dem Dorfe damit? Davon werd' ich hier nicht gesund!« »Laß gut sein, Rosel,« rief Gitel wieder, »werde du nur gesund.« »Mutter, mir fehlt nichts mehr!« sagte Rosel. VII Ein Brief Rosels nach acht Wochen. »Liebe Mutter bis zu hundert Jahren! Bevor Du in diesem Briefe weiter fortfährst, sei so gut und schicke um meinen früheren Lehrer Herrn Julius Arnsteiner; er möchte aber sogleich kommen. Ich seh ihn schon, wie er in seinen schokoladfarbigen Rock, an dem immer zwei Knöpfe fehlen, hineinschlüpft und sein weißes Halstuch sich zurecht rückt, das immer aussieht, als hätte er es am letzten Rosch-ha-schana (Neujahr) zuerst angezogen. Wenn er nun bei Dir ist, sag ihm: ›Herr Arnsteiner, Sie haben einmal eine Schülerin gehabt, die hat Rosa Ehrenfeld geheißen (ich heiße aber jetzt Rosel). Ich weiß, Sie haben sich alle Mühe genommen, um ihr etwas in den Kopf hineinzubringen, aber es hat gar nichts genützt und sie macht Ihnen keine Ehre. Seit den acht Wochen, die sie auf dem Dorfe lebt, hat sie alles Lernen rein vergessen; sie weiß nicht mehr, was die schlechteste unter Ihren 227 Schülerinnen kann. Sehen Sie sich z. B. dieses ’Geschreibsel‘ an! Sollte man nicht meinen, eine Fliege sei ins Tintenfaß gefallen und dann übers Papier hingekrochen? Wo ist die schöne Schrift, die sie von Ihnen erlernt hat, und die ihr der beste ’Buchhalter‘ nicht nachgemacht hat?‹ Liebe Mutter bis zu hundert Jahren! Es kommt noch etwas viel Ärgeres und was Herrn Julius Arnsteiner noch besonders ärgern wird. Ich weiß nämlich gar nicht mehr, ob es in der Welt eine ’Grammaire‘ von J. B. Machat gibt, woraus ich alle die schönen Aufgaben gemacht habe, und die mir doch nicht in den Kopf gegangen sind. Alles ist fort, nicht eine ’Vokabel‘ ist in meinem Gehirn geblieben. Mit wem sollt' ich französisch reden? Mit Rebb Feiwel, oder mit Josef? Auch von der deutschen Sprachlehre weiß ich kein Wort mehr, und ob ich in der halbvergangenen Zeit spreche, wie Herr Arnsteiner immer wollte, oder in der zukünftig vergangenen, das ist mir jetzt alles gleichgültig. Und besonders die ’Partizipialkonstruktion‘ ist mir verloren gegangen. Der redliche Finder kann sie aber behalten. Ja, liebe Mutter bis zu hundert Jahren, das alles ist aus Deiner Tochter geworden, und meinst Du, sie grämt sich darüber? Dafür lerne ich jetzt andere Dinge, und frag nur einmal meinen Lehrer Josef, wie er mit mir zufrieden ist? Was kann man aber alles wissen ohne J. B. Machats französische Grammatik und ohne Herrn Arnsteiners Partizipialkonstruktion? Das erleb' ich jetzt alle Tage! Da gehe ich z. B. mit Josef durch ein Feld; plötzlich bleibt Josef stehen und fragt mich: ›Fräulein Rosa! (ich weiß nicht, warum er mich nicht Rosel nennt) wissen Sie, was auf diesem Felde wächst?‹ – Wie soll ich das wissen? Habe ich das von Herrn Arnsteiner gelernt? Da reißt er einen Halm ab und erklärt mir, das sei Sommerfrucht; dann bleibt er wieder bei einem andern Felde stehen und sagt mir: Das da ist Winterfrucht! Oder es fliegt ein Vogel 228 mitten aus der Saat auf. ›Fräulein Rosa,‹ fragt er wieder, ›hören Sie dort die Amsel? Sehen Sie, wie dort jener Specht nach Nahrung ausgeht?‹ Oder wir gehen durch einen Wald! Mutter, wie schön ist's in so einem Walde! Jeden Baum, jeden Strauch kennt Josef, und neulich, wie ich recht anmaßend von einem Baume sage: ›Da auf der Eiche hoch oben zu sitzen, muß etwas Schönes sein!‹ hat er mich ausgelacht, und als ich ihn fragte, warum er so lache, meint er: ›Rosa, das ist ja eine Buche!‹ Liebe Mutter bis zu hundert Jahren! ich will Dir etwas vertrauen, Du darfst es aber nicht weiter sagen. Ich habe Herrn Julius Arnsteiner, der doch gewiß ein sehr geschickter Mensch ist, im Verdacht, daß er selber nicht weiß, was eine Buche oder eine Eiche ist. Woher soll er das auch wissen? Ich glaube, seit den vierzig Jahren, die Herr Julius Arnsteiner auf der Welt ist, hat er nicht Zeit gehabt, sich eine Blume oder ein grünes Feld anzusehen. Dem Feld kann er ja keine Lektionen geben, jeder Vogel auf dem Baum möcht' ihn auslachen! Überhaupt, liebe Mutter, haben die Leute in der ›Gasse‹ gar keinen Begriff davon, was so ein Bauer alles wissen muß; es geht in manchen Kopf nicht hinein. Und merkwürdig ist's, wie die Leute nichts vergessen, was sie einmal gelernt haben. Von Rebb Feiwel nimmt mich das nicht wunder, der ist ein alter Bauer; aber Josef ist durch fünf Jahre unter den Soldaten gewesen und weiß heutzutage noch alles mit Namen zu nennen, was da blüht und wächst, was fliegt und kriecht im Feld und Garten. Er hat einen Feldwebel gehabt, von dem erzählt er immer, und im ungarischen Kriege sind ihm zwei Finger abgeschossen worden, nämlich dem Josef, nicht dem Feldwebel . . . Wer weiß, wo sie liegen. Ich wußte lange nicht, daß sie ihm fehlen, es ist mir wie ein Stich durchs Herz gegangen, wie ich es vor einigen Tagen bemerkt habe. Da erst hat er mir erzählt, daß er Soldat gewesen, und wie es ihm in der Schlacht 229 ergangen. ›Josef,‹ sagte ich zu ihm, ›das muß Ihnen ja sehr wehe getan haben; nicht wahr, Sie haben geweint?‹ – ›Ein Soldat weint nicht,‹ sagte er darauf, ›und dann hab' ich die Finger für meinen Kaiser verloren! Hat der befohlen, daß mein Vater Haus und Hof zu eigen haben darf, so kann ich auch die paar Finger für ihn hergeben! Aber eines hat mich doch dabei zumeist geschmerzt!‹ – ›Was?‹ habe ich gefragt. – ›Wie ich im Spital im Wundfieber gelegen bin, ist mir's alleweil vorgekommen, als hätte ich noch alle meine zehn Finger und ginge hinter einem Pflug einher, den ich drehte und wendete, je nachdem es der Boden erforderte. Wenn ich dann aufwachte und spürte, daß die zwei Finger mir fehlen, und daß ich vielleicht durchs ganze Leben ein Krüppel bleiben und keinen Pflug werde mehr anrühren können, da hätte ich darüber bald geweint.‹ Denk Dir nur, Mutter, auf seinem Schmerzenslager, mit zwei abgeschossenen Fingern, träumt er von nichts anderem, als wie er hinter dem Pflug wieder geht! Übrigens hat's ihm, gottlob! nicht geschadet. Der Josef hebt selbst mit der Hand, woran ihm die zwei Finger fehlen, einen Sack Getreide auf den Wagen, wovon Herr Julius Arnsteiner augenblicklich den Tod haben möchte. Die Wunde ist längst zugeheilt, und mir scheint, Josef ist stolz darauf! So, liebe Mutter bis zu hundert Jahren! jetzt mach' ich in meinem Geschreibsel einen Atemzug und will schließen. Morgen wird zum ersten Male auf Rebb Feiwels Feld geschnitten, das wird ein heißer Tag werden, und ich freu' mich schon seit vier Wochen darauf. Wie ich aufs Dorf kam, sind mir die grünen Halme desselben Feldes bis ans Knie gegangen; jetzt sind sie goldgelb und so hoch, daß ich mich darin verbergen kann. Es wird heuer ein gutes Jahr, sagt Josef. Im Hof schleift der Knecht Pawel die Sense. Früher wäre mir ein solches Geräusch durch die Seele gegangen und 230 Schauer hätten mich erfaßt, jetzt hör' ich und lausche – und ich weiß selbst nicht, was ich daran so gern höre . . . Jetzt beginnen die großen Arbeiten bei uns. Wer es nicht mit eigenen Augen sieht, würde es nicht glauben, welche Mühe und Plage meine Hausleute haben. Unsere Hausierer und Dorfgeher plagen sich gewiß auch . . . Was ist aber der größte Pack mit altem Zinn oder Hasenhäutchen gegen das, was Josef in einer Stunde eines Sommertages vollbringt? Dabei ist er stark und frisch, und die Gesundheit lacht ihm aus den braunen Augen. Warum sieht keiner unserer Hausierer aus wie mein Rebb Feiwel? Wenn Du mich nicht bald von hier fortnimmst, werde ich noch eine ganze Bäuerin. Ich bin Deine Dich aufrichtig liebende Tochter Rosel, früher Rosa Ehrenfeld. P. S. Sag mir nur, warum hast Du mir früher so gar nichts von Deiner Freundin Gitel erzählt? Die soll eine Bäuerin sein? Mutter, von der werde ich Dir erzählen, wenn ich einmal wieder bei Dir bin! Noch eines! Frühmorgens, zu Mittag und abends bet' ich jetzt täglich aus Gitels dickem ›Sidur‹! Sie will's so, und ich tue, was sie schafft. Schade, daß keine deutsche Übersetzung dabei ist! Aber Gitel meint, sie bete daraus schon über fünfundvierzig Jahre ohne Übersetzung. Die Obige.« Als Hannele Ehrenfeld diesen Brief zu Ende gelesen, schüttelte sie gar bedenklich den Kopf. Rosel hatte während ihres Aufenthaltes auf dem Dorfe schon mehrere Briefe geschrieben, sie waren alle kurz und nichtssagend, enthielten nur die Hauptsache, daß das Mädchen sich wohler fühle; aber sie hatten sie weit mehr befriedigt als dieses langatmige Schreiben. Es war in dem Briefe etwas, was nicht nach dem Geschmacke der reichen Frau sich lesen ließ. Sie las den Brief mehrmals durch, aber er zeigte sich ihr von keiner besseren Seite . . . 231 Nur auf wenige Augenblicke müssen wir das Dorf verlassen. Wir kommen zeitlich genug wieder zurück, um bei der Ernte gegenwärtig zu sein, auf die sich Rosel so freut. Das schönste »Gewölbe« unter den »Lauben« des Ringplatzes hatte Hannele Ehrenfeld inne. Sie saß darin wie eine Königin, breit und mächtig, die Kunden kamen von selbst, und sie hatte nicht nötig, nach ihnen auszuspähen oder sie gar mit Schmeichelworten hineinzulocken. Wer bei Hannele Ehrenfeld kaufte, mußte sich nach ihren eigenen Worten eine Ehre daraus machen, und längst hätte sie das »Geschäft« aufgegeben, wenn es ihr nicht eben um dieser Ehre willen leid getan hätte. Es war kurz vor der Ernte, und die »Lauben« sind da auf dem Marktplatze immer leer. Der beste Käufer, der Bauer nämlich, fehlt, und die Geschäftsfrauen haben manche lange Weile. Hannele hatte den Brief ihrer Tochter vom Hause mit sich genommen, um ihn in dem kühlen Gewölbe in aller Gemütsruhe noch einmal zu lesen und danach die Antwort abzufassen. Ein Gefühl von Scham hielt sie dabei ab, den Brief anderen, etwa ihren Nachbarinnen mitzuteilen; er enthielt zu viel des Beleidigenden, und konnte Herrn Julius Arnsteiner zu Ohren kommen. Eines besonders schnitt ihr durch die Seele, daß Rosel sich nämlich über die Unwissenheit der Leute in der »Gasse« lustig machte, und dagegen die Bauern, bei denen sie weilte, hervorhob. Dicke Schweißtropfen perlten auf der Stirne der reichen Frau, während sie dieses las, und nicht die Hitze des Sommers, sondern die Angst, daß so etwas unter die Leute kommen und dem Mädchen einen schlechten Ruf verschaffen könnte, hatte sie ihr entlockt. Sie sah nicht ab, wohin das führen könne, wenn Rosel länger auf dem Dorfe bliebe; eine Verwilderung ohnegleichen, daß man sie kaum zu erkennen imstande sein würde, stand drohend vor ihrer Seele. Sie hatte sie aufs Dorf geschickt, damit 232 sie dort gesund werde – und nun rühmte sich Rosel, daß sie das teure »Französisch« und die »Sprachlehre« vergessen hätte. Es traf sich gut, daß um diese Zeit ein alter Bekannter unserer »Gasse«, nämlich der Doktor Emanuel Prager, über den Marktplatz daherkam. Vielleicht erinnert sich noch mancher der Rolle, die er in der Blitzableitergeschichte unseres wackeren Schlossermeisters Trenderl gespielt hat, der kurz zuvor zu namenlosem Erstaunen von »halb Böhmen« die Tochter der reichen Mindel Brandeis als Frau heimgeführt hatte. Hannele erschien er in diesem Augenblicke ihr wie vom Himmel zugeschickt; dem Doktor war sie gewohnt alles zu vertrauen. Sie winkte ihn zu sich, und er zögerte auch nicht zu kommen. »Lesen Sie nur gleich den Brief da, Herr Doktor,« rief sie ihm beim Eintritte ins »Gewölbe« in großer Aufregung entgegen, »nur gleich! Der Brief macht mich ganz verzweifelt.« »Ein Schuldner ausgeblieben?« fragte der Doktor etwas neckisch. »Möcht' ich darum Sie befragen?« sagte Hannele in übler Laune. »Von Rosa ist er.« Alsbald legte sich die Stirne des Doktors in ernste Falten, sein vorhin lächelndes Gesicht gewann einen Ausdruck nachdenkender Strenge. Er nahm den Brief und las. Währenddem waren die Augen der reichen Gewölbsfrau unausgesetzt auf sein Antlitz gerichtet; nicht das leiseste Spiel einer Miene konnte ihr entgehen. Der Doktor schien Rosels Brief mit großer Aufmerksamkeit, ja manche Stellen sogar wiederholt zu lesen; dennoch regte sich dabei kein Muskel in seinem Gesichte. Hanneles Unruhe stieg von Minute zu Minute . . . . solch ein großer Brief ging ohne Eindruck an ihm vorüber? Endlich war er zu Ende gekommen; ein anmutiges Lächeln spielte um seine feingeschnittenen Lippen, indem er ihr das Schreiben zurückgab. 233 »Nun, Herr Doktor, was sagen Sie dazu?« fragte Hannele und sah ihn dabei ängstlich an. »Ist er nicht merkwürdig?« »Sehr merkwürdig!« meinte der Doktor kurz. »Wie verstehen Sie das, Herr Doktor?« rief Hannele voll Unruhe und griff nach seinem Arme. »Er ist darum merkwürdig,« sagte der Doktor, »weil ich nicht hoffen durfte, daß sie in so kurzer Zeit gesund wird.« »Meinen Sie, Herr Doktor?« rief Hannele mit ungläubigem Lächeln. »Die wird gesund, Frau Ehrenfeld,« sagte er mit dem vollen Klange seiner männlichen Stimme. Die Freude über diesen trostvollen Ausspruch des Doktors lockte für einen Augenblick ein sonniges Lächeln auf das Antlitz der Mutter; dennoch war dieses nicht siegreich genug, um alle die Bedenken, die sich in ihr Gemüt seit dem mehrmaligen Durchlesen des Briefes geworfen hatten, mit einem Male zu überwinden. »Gott, lebendiger!« rief sie mit einem dankbaren Blick auf den Doktor, »wer wäre denn glücklicher als ich, wenn meine Rosa wieder gesund heimkäme? Ich habe ja nichts anderes auf der Welt als sie! Soll ich mir aber es nicht zu Herzen nehmen, daß sie so übermütig schreibt? Und wird es ihr nicht Schaden bringen, wenn sie zu lange auf dem Dorfe bleibt?« »Schaden!« rief der Doktor erstaunt, »wie soll ihr das schaden, was ihr Gesundheit bringt?« »Sie verstehen mich nicht, Herr Doktor. Ich meine nur, daß sie das Französische so vergessen kann, womit sich Herr Arnsteiner so viel Mühe gegeben hat, und die Sprachlehre und die . . . Wie heißt doch, was so schwer sein soll?« »Die Partizipialkonstruktion!« ergänzte der Doktor. Hannele wollte das schwierige Wort nochmals aussprechen, aber sie brachte es nicht zustande. Wehmütig blickte sie den Doktor an. 234 »Also all das schöne Lernen soll rein verloren sein? Das, was mein Stolz war, woran ich mich in meinen Leiden aufgerichtet habe, das soll ich jetzt mir nichts dir nichts auf dem Dorfe unter den Bauern aufgegeben sehen, und nichts dazu tun?« »Gar nichts,« rief der Doktor, und sein ernstes Auge ruhte mit bannender Gewalt auf der reichen Frau. »Wollen Sie Ihre Tochter kränker, als sie zuvor war, in Ihr Haus zurückerhalten? Sie ist jetzt in der ersten Genesung begriffen, hüten Sie sich hineinzugreifen.« »Da sei Gott zuvor!« rief Hannele tief erschrocken. »Wie werde ich etwas tun, was gegen das Glück meines Kindes ist? Meinetwegen soll Rosa dort noch ein Jahr bleiben, bis sie ganz genesen ist.« »Und wenn diese Genesung ein ganzes Leben dauern würde?« fragte der Doktor, indem er sie forschend anblickte. Die Frau verstand offenbar den Sinn dieser Frage nicht und schwieg. Der Doktor empfahl sich darauf und wollte gehen. Da rief ihm Hannele zu: »Noch eines, Herr Doktor,« sagte sie, »es liegt mir so vieles auf dem Herzen, und ich weiß gar nicht, wo ich früher anfangen soll.« »Was wollen Sie, Frau Hannele? Ich warte schon!« rief der Doktor. »Sie redt da in ihrem Brief in einem fort von einem gewissen Josef . . . das dritte Wort im Brief heißt: Josef. Was soll das vorstellen?« »Nichts, Frau Hannele. Auch das gehört zu ihrer Genesung –« sagte der Doktor und lächelte dabei. »Ich versteh' Sie nicht –« »Sie werden es schon einmal verstehen!« rief er bedeutungsvoll. »Einstweilen lassen Sie Ihre Tochter nur gesund werden. Sie ist in guten Händen.« 235 Damit empfahl er sich und ging. Hatte sie ihn begriffen? In seiner offenen, verständnisreichen Seele trug der Doktor das Geheimnis einer jungen Seele, ihr selbst noch unbekannt, das sich ihm aber in dem Briefe in feinsten Umrissen geoffenbart hatte. VIII. Drei Erbsen. Schneller, als wir gedacht, kommen wir wieder auf das Dorf zurück. Im Hause Feiwel des Bauers war in diesem Augenblicke ein merkwürdiges Treiben und Bewegen; die Zeit der Ernte war gekommen. Das Jahr hatte mehr gehalten, als es im Anfange versprochen hatte; man konnte es ein gesegnetes nennen. Wagen auf Wagen brachten die goldene Feldlast ins Haus; knarrend waren sie ausgezogen, leise, weil sie ob der schweren Wucht nicht klagen konnten, waren sie zurückgekehrt. Für Rosel war die Ernte ein neues, nie gesehenes Schauspiel. In der Gasse, in der sie geboren und erzogen war, konnte mit Mühe kaum ein gewöhnlicher Wagen, geschweige ein mit Garben hochaufbelasteter gewendet werden. So oft eine neue Ladung durch das Hoftor lenken wollte, sprang sie vors Haus hinaus, und wie die Garben mit kraftvoller Hand von den Knechten geschwungen, auf den Boden fielen, wie die Wagen wieder fortfuhren . . . dem allem folgten Rosels leuchtende Blicke, die mehr als Neugierde verrieten. Wer das Mädchen jetzt so dastehen sah und die Stunde verglich, in der es dem zu harten Sitze auf Feiwels »Kutschel« entflohen war, hätte sich kaum überreden können, es sei noch ein und dasselbe. Sie war in der Tat sichtlich erstarkt; ihre Wangen blühten im Schimmer einer gesunden Röte; dabei war das Mädchen größer und kräftiger geworden, und auf den 236 ersten Anblick ward man gewahr, daß mit seinem ganzen Wesen eine merkwürdige Änderung vorgegangen sein mußte. Es lag ein Hauch innerlicher Freiheit über ihm . . . es war mit einem Worte im Zustande selbständiger Entwickelung. Wir müssen es übrigens aufgeben, die Geschichte dieser Wandlung erzählen zu wollen. Alles Lebendige folgt dem naturgemäßen Drange, daß es nur in dem ihm am meisten zusagenden Boden wurzeln und gedeihen will. Luft und Licht, Wasser und Erde, wie sie sich auch gegenseitig in ihrem Ringen nach Herrschaft befeinden und bekriegen, und keines dem anderen einen Fuß weit Raumes abzutreten geneigt ist – wenn etwas wachsen und in die Höhe aufsteigen soll, müssen sie sich dennoch brüderlich die Hände reichen, und eines dem anderen das Wort des Verständnisses zuflüstern. Jeder Gärtner weiß das! Und hier war eine Menschenpflanze in ein Erdreich versetzt worden, das ihr wohltat! Auf dem Bauernhof hatte man für das Wunder dieser Wandlung, wie es sich von Tag zu Tag lieblicher offenbarte, die Augen nicht verschlossen. Knechte und Mägde staunten es an, am meisten aber der alte Bauer, über den sich ein Geist der Redseligkeit ergoß, wenn er auf das fremde Mädchen zu sprechen kam, wie man es an dem behäbig gleichgültigen Manne selber für ein Wunder ansehen mußte. Er schlich hinter dem Mädchen her, etwa wie ein Verliebter, und recht wie Sonnenschein klärte es sich auf seinem breiten Antlitze auf, wenn er ihm nachblicken konnte, wie es behende über den Hof schritt, oder frühmorgens mit klaren Augen in die Stube trat. Trotzdem daß er da noch gewöhnlich die »Tefillin« um Kopf und Arm geschlungen trug, und jedes andere Wort außer der heiligen Gebetsprache Zions ihm verwehrt war, so konnte er sich doch niemals des Aufrufs enthalten: »S' Gotts willkumm, Prinzessele!« Rosel erblickte übrigens in dieser Benennung keine Beleidigung, was ihr beim Eintritte in dieses Haus 237 allerdings als solche geschienen hatte. Das klang ihr jetzt jedesmals wie eine neue Bestätigung, daß sie auf dem Bauernhofe wirklich willkommen und nicht bloß gut gelitten war. Dennoch mochten in dem Bauer manchmal Bedenken zweifelnder Natur aufsteigen, ob er auch recht daran tue, und ob das Mädchen am Ende nicht doch beleidigt werden könnte. Rosel stand einmal mitten im Hofe und fütterte die junge Hühner- und Gänsewelt des Hauses. Da kam der alte Bauer, nachdem er dem Tun des Mädchens lange zugesehen hatte, breitspurig dahergeschritten, daß die zaghaften Vögelchen, die ihn nur wenig kannten, erschreckt auseinander fuhren, und das eine hier, das andere dort eine Zuflucht suchte. »Um Gottes willen,« schrie Rosel, »was stellen Sie an, Rebb Feiwel?« »Ich hab' dir nur sagen wollen, Rosel,« meinte dieser mit seltsam bewegter Stimme, »warum ich dich immer Prinzessele heiß' und niemals anders.« »Ich sehe darin nichts Schlechtes,« sagte Rosel, die trotz der Störung ihres Lieblingsgeschäftes lächeln mußte. Sie rief hierauf die Hühner noch einmal an sich, die denn auch auf ihren Ruf sich allmählich wieder um sie sammelten. »Sollst du leben und gesund sein,« rief der alte Bauer, »du magst anfangen und dich stellen wie du willst, du bist doch ein Prinzessele.« »Kann ich dafür, wenn ich so ungeschickt bin? und wenn die schlechteste Magd mehr kann als ich?« entgegnete Rosel in einem fast traurigen Ton. »Wirst du gleich schweigen und kein Wort weiter reden?« rief Feiwel; »du hast mich ja gar nicht verstanden, du Narrele! Gerad' weil du alles so fein und geschickt anstellst, als wärst du dein Leben lang auf einem Bauernhof gewesen; gerad' darum kommst du mir wie ein Prinzessele vor.« »Meinen Sie, Rebb Feiwel?« sagte Rosel und errötete vor Verlegenheit. 238 »Weißt du was, Rosel,« begann der alte Bauer wieder in seiner Redseligkeit, die heute stärker über ihn gekommen war als sonst. »Wie ich noch ein Kind war, da hat mir meine Babe (mit ihr sei der Friede) am Sabbatabend, so in der Zeit, wenn man noch kein Licht anzünden durfte, manche Geschichte erzählt, an die ich mich noch jetzt erinnere, wie wenn es erst gestern am Abend geschehen wär'. Manche von diesen Geschichten waren dir so schrecklich und haarsträubend, daß mein Vater einmal mit einer großen Rute gekommen ist, weil ich in derselbigen Nacht vor lauter Furcht nicht habe einschlafen können. Manche Geschichte wieder war lustig und so schön, daß mir noch heutzutage das Herz davon aufgeht. Zum Beispiel von dem Prinzessele mit den drei Erbsen.« Rosel wurde erst jetzt recht aufmerksam; sie hielt in der Fütterung ihrer beflügelten Untertanen inne und richtete ihre großen Augen erwartungsvoll auf den alten Bauer. »Das Prinzessele nämlich,« fuhr Feiwel fort, »hat durchaus von keinem Mann hören wollen, nicht mit Güte, nicht mit Gewalt hat man sie dazu bereden können. Da hat sich ihr Vater, der ein König war, gedacht: »Wart, ich will dich auszahlen! Sind dir die schönsten Prinzen nicht recht, so wirst du dir einen nehmen müssen, der etwas weniger ist als ein Prinz, meinetwegen einen Bauer.« Darauf hat er sie fortgetrieben, und sie ist fort. Blutigwund hat sie sich die Füße gegangen, denn sie war das nicht gewohnt, bis sie in der Nacht, todmüde, vor einem Hause in einem großen Walde angekommen ist. »Macht's mir auf,« hat sie geschrien, »macht's mir auf, ich bin eine Prinzessin.« »Eine Prinzessin bist du?« sagt ein Weib zu ihr, die ihr die Tür aufgemacht hat, »wart, ich will dich probieren.« Drauf nimmt sie alles Bett, was sie im Hause hat, und schichtet es auf, daß es bis an die Decke reicht, ganz zu unterst legt sie aber drei Erbsen, und nun sagt sie zu ihr: »Jetzt leg dich schlafen.« Frühmorgens kommt sie zu ihr, da sitzt das Prinzessele auf 239 dem Bett und weint bitterlich. »Was weinst du?« fragt sie die Frau, die übrigens selbst eine Königin war. »Wie soll ich nicht weinen,« entgegnete das Prinzessele, »ich bin die ganze Nacht auf lauter Steinen gelegen, mein ganzer Körper ist wund davon.« »Denk dir nur, sie hat die drei kleinen Erbsen für Steine gehalten. Darauf sagt die Frau: »Du hast mich nicht belogen, jetzt seh' ich, daß du eine wirkliche Prinzessin bist.« Rosel lachte laut auf. »Und so eine Prinzessin bin ich auch, Rebb Feiwel?« rief sie lustig. »Gewesen,« sagte der Bauer beinahe ernst. »Bist du mir nicht vom Wagen heruntergesprungen und fortgelaufen, weil du geglaubt hast, du sitzest auf einem Sack Erdäpfel? Ich schwör' dir's aber noch jetzt zu, Roselleben, du bist auf lauter Roßhaar gesessen, wie der verstorbene Herr Pfarrer, der sich auf einen guten Sitz etwas verstanden hat.« »Und jetzt bin ich also kein Prinzessele mehr?« meinte Rosel. »Wart, ich bin noch nicht fertig,« sagte der alte Bauer mit einem gewissen schalkhaften Lächeln zwischen seinen beiden Mundwinkeln, »meinst du denn, jene Prinzessin hat gar nichts mehr zu erleiden gehabt? Das war zwischen ihrem Vater und der Frau, die sie aufgenommen hatte, so verabredet worden, daß sie sollte nämlich die Gänse hüten, die Hühner füttern, die Kühe melken, Gras vom Felde heimbringen, stricken und kochen, kurz alles tun, was einer gemeinen Magd zukommt. Und richtig! aus der schönen Prinzessin, die auf drei Erbsen gelegen ist, ist eine ganz prächtige Bäuerin geworden!« Plötzlich wandte sich Rosa bei diesen Worten zur Seite; darum vermochte Rebb Feiwel auch nicht die feine Röte zu bemerken, die in diesem Augenblick ihr liebliches Antlitz überzogen hatte. 240 »Das Prinzessele nämlich,« fuhr der alte Bauer fort, »hat den Sohn von der alten Frau gern bekommen, der war ein Schäfer und hat die Schafe aufs Feld getrieben, wie sie die Gänse. Ich bitt' dich, Rosel . . . was geschieht, wenn junge Leute lang' beisammen sind? Die schönsten Prinzen hat sie nicht haben wollen, und jetzt hat ihr ein einfacher Bauerssohn besser gefallen, daß sie ihn allen anderen vorgezogen hat. Erst da hat es sich herausgestellt, daß er auch ein Prinz ist, und so ist mein Prinzessele zu einem Mann gekommen.« Er hatte diese Worte kaum geendigt, als Josef in das Hoftor eintrat, der große, schlanke Junge mit den klugblickenden braunen Augen. Plötzlich warf Rosel die ganze Ladung von Gerstenkörnern, die sie in der Schürze hatte, den Hühnern hin und floh eiligst ins Haus. Diese Flucht traf so auffallend mit Josefs Kommen zusammen, daß sie diesen selbst verblüffte. »Hast du ihr vielleicht etwas gesagt, Vater, was sie beleidigt hat?« fragte er, während eine dunkle Röte, wie von unterdrücktem Zorne, sein Antlitz bedeckte. »Ich?« lachte Rebb Feiwel. »Ich hab' ihr nichts als von dem Prinzessele mit den drei Erbsen erzählt, und wie die zu guter Letzt glücklich war, daß sie einen Bauer zum Mann bekommen hat.« »Das hast du ihr, Vater, erzählt?« rief Josef, indem er ganz nahe an den Bauer trat, damit ihn kein anderer höre. »Und da willst du, daß sie nicht auf und davon soll?« Da zuckte über das Antlitz des alten Bauers ein Licht von Verschlagenheit und schlauem Verständnis, daß es mit einem Male wie beleuchtet von einer inneren Flamme erschien. Selten hatte der eigene Sohn diesem Gesichtsausdrucke begegnet; denn der Alte war ziemlich gehämmert für Gemütswallungen. »Meinst du denn, mein Jüngelleben,« sagte er langsam, 241 und jedes seiner Worte mit Nachdruck betonend, indem er dabei mit dem linken Auge zwinkerte, »meinst du denn, dein Feldwebel ist allein ein kluger Mensch gewesen, und außer ihm ist die ganze Welt ein Narr? Da drauf kannst du dich verlassen, mein Jüngel: deinem Vater, Feiwel Bauer, braucht man auch nicht den Finger in den Mund zu stecken. Er kann auch beißen.« Laut lachend ging er von dannen, während der einstige Soldat wie am Boden festgenagelt dastand und dem Davoneilenden nachsah. Dann schlich er in den Garten, obwohl er eigentlich im Hause zu tun hatte. – Folgen wir ihm nach. Da steht der kräftige Junge vor dem Kirschenbaum, unter dem er vor einigen Wochen jenen Brief seiner Mutter vorgelesen hatte. Warum hat sein Antlitz einen so traumhaft zerstreuten Ausdruck, indem er in das grüne Laub hineinschaut? Fällt es ihm ein, daß damals, als er jene Zeilen der reichen Hannele las, der Baum in voller Blütenpracht stand, und daß jetzt nicht einmal für einen hungrigen Sperling das armseligste Kirschlein daran hing? Mußte Blüte und Fruchtzeit so schnell vorüberrauschen? Mit einem Male begann auf dem Baume ein Vogel laut zu pfeifen. Oft sind diese Naturstimmen nur die Verkündiger und Verräter dessen, was siebenfach bedeckt und verhüllt in solchen Momenten in unserer Seele singt und klingt. So mochte es auch Josef sein. Er horchte auf den Gesang des Vogels, als sei es zum ersten Male, daß er ihn zu Ohren bekam. Er sah den Vogel nicht, er hörte nur dessen Sprache aus den Blättern zu sich dringen – aber tief bis ins Herz hinein. Plötzlich verstummte der Gesang, der Vogel flog mit leichtem Geräusche auf und ließ sich auf einem benachbarten Baume nieder. Nun bekam ihn Josef ganz zu Gesichte; er erwartete, ob das kleine Tierchen von neuem beginnen würde. Aber der Vogel schien seine Lust daran zu haben, die Erwartungen Josefs zu täuschen. Er sang nicht mehr, 242 und endlich flog er auf und davon, weit weg über den Zaun des Gartens. Mit einem Blicke tiefer Traurigkeit blickte Josef dem Davoneilenden nach. Dann schien mit einem Male ein Geist der Ermannung über sein seltsam zerstreutes Wesen zu kommen, gleichsam von innen heraus trat eine sichtliche Erhebung über die Schwäche dieses Augenblickes auf seinem Gesichte hervor; und an die Stelle der früheren Schlaffheit war die Miene siegreicher Entschlossenheit getreten. Rasch, als wollte er einen müßig verträumten Augenblick wieder einbringen, verließ er den Garten. Im Hofe lag eine Ladung Baumklötze für den kommenden Winter. Wußte Josef, was er tat, als er einen dieser Klötze mit den Händen umfaßte und aufhob und ihn dann weit von sich über den Hof schleuderte? Was bedeutete diese Kraftprobe? Seine Mutter Gitel sah in diesem Augenblicke aus der Küche in den Hof; sie hatte das anscheinend unsinnige Treiben ihres Sohnes wohl gemerkt. »Josef, was stellt das vor? Bist du nicht mehr sinnedig?« Er schaute auf; dunkelrot war sein Gesicht, sei es von der Kraftprobe oder von dem wogenden Gefühle, das ihn beherrschte. »Ich habe nur sehen wollen, Mutter, ob noch ein bissele Kraft ist in mir,« rief er, und mit einem mächtigen Fußtritt schob er den Baumklotz wieder an dessen frühere Stelle zurück. Einem Mutterauge, sagt man gewöhnlich, ist die Kunst gegeben, in der Seele des Kindes selbst da zu sehen und sich auszukennen, wo für jedes andere Dunkelheit und Finsternis ist. Diesmal jedoch machte Gitel, die Bäuerin, davon eine Ausnahme. Ihr Auge, ihr geistiges sowohl wie ihr leibliches, ruhte seit der Ankunft Rosels auf keinem anderen Wesen, als auf dieser; für die kleinste Regung dieser ihr 243 anvertrauten Pflanze hatte sie die Aufmerksamkeit eines Gärtners; aber in ihrer Freude an dem neuen Kinde, in ihrem Glücke, daß Rosel in ihrem eigenen Hause der Gesundheit an Leib und Seele entgegengehe, vergaß sie nachzuforschen, was die verdrossene Miene ihres Sohnes Josef, sein unlustiges Wesen und eine gewisse Bitterkeit, die man sonst an ihm nicht kannte, zu bedeuten hatten. Die Bäuerin ging nämlich von der irrigen Ansicht aus, daß Josef noch immer gegen die Aufnahme des fremden Mädchens sei. Sie hatte es nicht vergessen, wie er dagegen geeifert und in seinem Zorne sogar harte Worte gegen die eigene Mutter gebraucht hatte. In Wahrheit jedoch war es Gitel in dieser Hinsicht gleichgültig, was Rebb Feiwel oder ihr Sohn über Hanneles Tochter dachten. In der Ausschließlichkeit ihrer Liebe wollen so kraftbewußte Naturen, wie die unserer Gitel, nicht beirrt sein; selten gewahren sie, wenn sie irgend einmal ein Wesen in den Kreis ihrer Tätigkeit gezogen haben, was zur Rechten oder zur Linken vorgeht; ja sie wollen sogar nichts gewahren. Gitel war es sich bewußt, daß sie erfolgreich in das ganze Leben Rosels eingegriffen, daß ihr energisches Auftreten zum guten Teile mit daran schuld war, wenn sich das neue Wesen des Mädchens so vorteilhaft entwickelt hatte. Zudem war es der Bäuerin niemals vergönnt gewesen, sich einer Tochter zu erfreuen . . . Nun war ihr eine, halb vom Zufall, halb vom Glück geschenkt worden. Wie sollte sie das Geschöpf ihres kräftigen Willens, das unter den Schmerzen der Angst ans Licht getretene Kind, nicht mit aller Eifersucht einer wirklichen Mutter behüten? . . . Mehr als jedes weitläufige Erzählen hat es vielleicht Rosels Brief an ihre Mutter dargetan, welche Lust und überströmende Heiterkeit über die Seele des verwöhnten Kindes gekommen war. Gitel konnte auf diesen Erfolg ihrer Erziehungskunst wahrlich stolz sein. Mitten aus einer müßigen 244 Tätigkeit bei Herrn Julius Arnsteiner, aus dem zerstreuenden Dunste halbverstandener Romane hatte sie Rosel zum selbständigen Eingreifen in das Hauswesen gewöhnt, und was Hannele Ehrenfeld, die reiche Gewölbsfrau, versäumt, das holte Gitel während der wenigen Monate im Fluge ein. Sie führte Rosel in die Küche ein, sie erschloß ihr das innerste Wesen eines Bauernhofes; sie verbarg ihr nichts, und wie man ein Kind mit Bändern und roten Korallen ausschmückt, daß es weithin glänze und leuchte, so schmückte Gitel auch die Tochter ihrer Freundin, um sie ihr einst völlig gesundet wieder zurückzugeben, mit allen Kunstgriffen und Lehren der Haushaltung aus. Niemals ist eine Erziehung reicher belohnt worden. »Gott Lebendiger!« sprach es manchmal in ihr mit aller Glut erkennender Dankbarkeit, wenn sie sah, wie das Mädchen immer mehr zunahm an Gedeihen und Wohlsein, an Tätigkeitstrieb und Erkenntnis, »wie ist das nur möglich, daß das alles ein Buch soll zuwege gebracht haben? Und wenn ich es ihr nicht weggenommen hätte? Was wäre daraus geworden?« Auf solche Fragen, gute Gitel, gibt es keine Antworten. Aber wenn du den letzten Brief Rosels an ihre Mutter hättest lesen können – so wäre dir klar geworden, daß sich eine Macht in die Erfolge deiner Erziehung geteilt hatte, die außer deiner Berechnung lag. Irren wir, wenn wir diese andere Macht »Josef« nennen? IX. In die Kaserne zurück. Die Ernte war eingeheimst worden; was man während des Schnittes nur annäherungsweise als Erträgnis berechnet hatte, das stellte sich jetzt, seitdem man die ersten Proben der neuen Frucht für den nächsten Wochenmarkt vorbereitete, 245 als über jede Erwartung günstig heraus. Auf keinem Gebiete menschlichen Schaffens zeigt sich der Gewinn von einer reinern Seite, als wo er unmittelbar aus den Händen der Natur kommt; sie gibt ihn ungebeten, ohne Feilschen und Schreien, denn sie selbst ist voll Ruhe und ohne Leidenschaft. Ein Schimmer schweigsamen Glückes war über das Haus gebreitet, das ihm sehr wohl anstand. Es war am Abend eines Sabbats in den letzten Ausgängen des Sommers. Da saß Gitel, die Bäuerin, mit Josef draußen vor dem Hause auf der hölzernen Bank, der gewöhnlichen Zusammenkunft der Familie an diesem Tage der Ruhe, an dem alles ringsum im Dorfe in lebendiger Tätigkeit sich regte, sie selbst aber der süßen Behaglichkeit beschaulicher Muße sich hingaben. Beide hatten von gewöhnlichen Dingen gesprochen. Da kamen aus der Dorfschenke, die nicht fern dem Hause lag, einige Burschen, denen man an den »Kommißkappen« und den blauen Hosen beurlaubte Soldaten ansah. Es waren zumeist Söhne von Bauern, die für die Erntezeit in ihre Heimat entlassen waren und jetzt wieder zu ihrer Kompagnie zurückkehrten. »Wo mögen die jetzt hinziehen?« fragte Gitel gleichgültig. Statt aller Antwort nahm Josef die eigene Kommißkappe vom Kopf, die er seit dem Abschied noch immer trug, und schwenkte sie gegen die dahinziehenden Kameraden, die diesen Gruß bemerkten und durch lauten Zuruf beantworteten. »Was soll das vorstellen, Josef?« rief die Bäuerin. Der ehemalige Korporal in der Armee schwenkte noch mehrmals die Kappe und hörte nicht eher auf, als bis die Urlauber durch eine Biegung der Straße aus dem Gesichte verschwunden waren. Sie hatten einen Gesang angestimmt, der sich leise, je weiter sie sich entfernten, verlor. Erst jetzt wandte sich Josef um; aber zum Erschrecken der Bäuerin bot seine Miene in diesem Augenblicke eine so auffallende 246 Veränderung, daß sie auch ein minder geübtes Auge, als das unserer Gitel, gewahren mußte. Der einstige Soldat hatte nämlich Tränen im Auge! »Josef! was ist dir?« rief Gitel, »was geht mit dir vor?« »Nichts, Mutter,« entgegnete der Soldat, der sich zu ermannen suchte. »Nichts,« sagte er, indem er die Kappe mit einer gewissen Heftigkeit auf den Kopf drückte, dabei aber eine solche Stellung einnahm, daß ihm Gitel nur von der Seite ins Gesicht blicken konnte. »Josef, das glaub' ich dir nicht,« rief Gitel um so dringender, »da hast du zum ersten Male in deinem Leben eine Lüge gesprochen. So umsonst, wenn nichts vorgeht, hat man nicht das helle Wasser in den Augen.« »Nun gut, Mutter,« sagte Josef nach einer Weile mit mühsam gefestigter Stimme, »ich habe mir nur gedacht, wie ich da meine ehemaligen Kameraden habe vorbeiziehen gesehen: Die haben es gut! Könntest du nur mit ihnen!« »Josef!« schrie die Bäuerin und riß den einstigen Soldaten mit einem so kräftigen Rucke herum, daß er ihr gerade von Angesicht zu Angesicht stand. »Was geht mit dir vor? Wirst du gleich reden?« »Ich habe es dir ja gesagt, Mutter –« »Du möchtest also wieder in deine Kaserne gehen?« rief die Bäuerin mit dem Ausdrucke des Entsetzens in jeder Gebärde. »Warum nicht, Mutter?« meinte der Soldat mit gesenkten Blicken. »Der Feldwebel, unter dem ich gestanden bin, hat schon dreimal so lange gedient, als er eigentlich hätte dienen sollen. Der wird auch als Soldat begraben werden. Es gibt manchen, der den Rock des Kaisers nicht mehr auszieht, wenn er ihn einmal angezogen hat.« Die Bäuerin rang nach einem Ausdrucke. Das, was sie jetzt vernahm, war so erschreckender Natur, daß es uns 247 nicht wundernehmen kann, wenn der sonst so redekundigen Frau zum ersten Male das Wort versagte. »Dein Feldwebel ist dir also lieber als dein Vater und deine Mutter,« rief sie nach einer guten Weile mit gebrochener Stimme, »und die Kaserne ziehst du unserem gesegneten Hause vor? Das habe ich an dir erleben müssen, der mein einziger Sohn ist.« Sie konnte nicht weiter, die Stimme versagte jeden Laut. »Mach mir das Herz nicht schwerer, Mutter, als es mir ohnehin ist,« sagte der Soldat, ohne aufzublicken, indem er mit der Hand über sein Gesicht fuhr. »Ich habe ja nichts gesagt, als daß ich meine Kameraden beneidet habe?« »Mit deinen zwei fehlenden Fingern wird man dich wieder zum Soldat nehmen?« rief Gitel mit einem merkwürdigen Gemische von Triumph und Angst in Wort und Gebärde. »Zum Fuhrwesen nimmt man mich immer gerne an,« meinte der Soldat. »Josef, mit dir geht was vor,« schrie Gitel wieder, »du willst es nur deiner Mutter nicht sagen. Ist dir im Hause etwas nicht recht? Gradezu heraus, möchtest du auf die Beschau gehen, dir ein Weib nehmen? Du weißt, wir haben genug für dich, und daß noch eine Familie davon lebt. Warum tust du es also nicht? Meinst du denn, wir hätten was dagegen, wenn du ein Mädchen nach deinem Sinne dir aussuchst?« »Ich denk' nicht daran, Mutter,« sagte der Soldat kurz. »So ist dir etwas anderes im Hause nicht recht?« rief die Bäuerin wieder. »Was kann denn das sein? Kann es einer besser haben als du, tut man dir nicht, was man dir an den Augen ansieht? Du meinst also, die da vorübergezogen sind wieder in ihre Kaserne zurück, die haben es besser als du?« Josef entgegnete nichts. 248 »Wart, jetzt weiß ich, was dir fehlt,« rief Gitel wieder nach einer Weile im raschen Gedankenflug. »Du warst gleich vom Anfang dagegen, daß ich Hannele Ehrenfelds Tochter ins Haus nehme, und seitdem hast du deinen Zorn darüber nicht abgelegt. Ich will gar nicht fragen warum? Wenn dir aber Rosel nicht recht ist, so brauche ich ja nur ihrer Mutter zu schreiben, und sie nimmt sie sogleich nach Hause. Willst du, daß ich sie fortschicke?« »Dann gehe ich erst recht unter das Fuhrwesen,« sprach der Soldat mit kaum vernehmbarer Stimme. In der Aufregung, die diese Unterredung über die Bäuerin gebracht hatte, überhörte sie, was doch eigentlich nicht mißverstanden werden konnte. »Du sagst das nur, um mir nicht wehe zu tun,« rief sie wieder, in der die fürchtende Mutter vollständig die Obergewalt eingenommen hatte. »Du weißt, daß mir das Mädchen ans Herz gewachsen ist, und daß ich sie nicht gerne so bald verlieren möchte. Aber deiner Mutter kannst du aufs Wort glauben: Wenn es dir nicht recht ist, daß Rosel länger im Hause bleibt, so schreibe ich gleich morgen an Hannele Ehrenfeld. Sie wird es mir schon verzeihen . . . und eine Ausrede ist bald gefunden. Ich kann ja doch nicht den eigenen Sohn fortziehen lassen . . . und eine Fremde dafür behalten?« Der Soldat hielt seinen Kopf tief gesenkt, um seine Lippen spielte jedoch ein Zug von Trotz, der gewaltig dasjenige zurückhielt, was doch nicht länger verschwiegen werden konnte. »Dringe nicht länger in mich, Mutter,« sagte er endlich finster, »ich kann es dir doch nicht sagen. Ein Soldat muß fasten können, aber auch schweigen. Und am besten wäre es doch, wenn ich mit meinen Kameraden fortziehen könnte!« Jetzt kam über das Wesen der Bäuerin ein solcher Grimm, wie er nur aus den Tiefen eines tief beleidigten Gemütes hervorzuquellen vermag. 249 »So geh!« rief sie mit vor Erregtheit zuckenden Lippen, »geh wieder zu deinem Feldwebel, wenn er dir lieber ist als Vater und Mutter. Geh meinetwegen zur Kavallerie oder zur Artillerie oder zum Fuhrwesen – ich werde dir kein nasses Auge nachweinen. Läßt in sich hineinreden von einer Mutter wie in ein Faß, und wie ein hohles Faß bleibt er stumm! Meinst du denn, du bist noch der Soldat, der seinen Feldwebel vor sich hat, vor dem er nicht ›muxen‹ darf? Ich bin deine Mutter, Josef, also mehr als dein Feldwebel! Und jetzt geh! Ich halte dich nicht auf!« So ungewohnt diese Vorwürfe und der Ton, in welchem sie vorgebracht wurden, für Josef waren – er ertrug mit gesenktem Kopfe die ganze Last. Ohne ein Wort der Widerrede wandte er sich von ihr ab und ging langsamen Schrittes ins Haus hinein. Die Bäuerin blieb mit ihrem Zorne und ihren Gedanken über des Sohnes seltsames Tun allein. Der erste schwirrte noch eine Zeitlang in ihr, bald jedoch traten die andern mildernd und beruhigend in den Vordergrund ihrer mütterlichen Sorge. Was mochte es sein, das ihren Sohn in so kurzer Zeit derart umgestalten konnte? Sollte es in der Tat der Haß gegen Hannele Ehrenfelds Tochter sein? Was hatte ihm diese aber zuleide getan? Es mußte so sein. Denn nun erst kam es ihr in den Sinn, daß die »Auswechslung« Josefs mit dem Augenblicke begonnen, da Rosel ins Haus kam. Aber jetzt gab es keine andere Wahl; entweder ging der einzige Sohn wieder unter die Soldaten – oder Rosel mußte das Haus verlassen! Heiße Tränen flossen bei dieser Betrachtung über Gitels Wangen; sie sollte von ihrem Herzen so Liebgewonnenes scheiden lassen! Schon jetzt, wo sie den Gedanken an Rosels Weggang bloß dachte, war es ihr, als scheide etwas Leuchtendes, etwas unendlich Wohltuendes aus ihrem Hause, und als bliebe darin nur Finsternis und Beklemmung zurück. Jetzt 250 erst fühlte sie sich recht als die Mutter auch dieses Kindes; es war ihr nicht anders, als müßte sie eine Tochter in die weite fremde Welt ziehen lassen. Aber ihr blieb ja keine Wahl; Rosel mußte aus dem Hause! Lange saß sie so in tiefem Sinnen. Da kam unversehens die, deren Wesen so mächtig in die Ruhe dieses Hauses gegriffen, Rosel selbst, über den Weg daher. Gitel hatte sie zu dem kranken Kinde einer Bäuerin mit einem Stücke Sabbatbrot geschickt, um es zu »erlaben«. Als sie ihrer ansichtig ward, ging es tief schmerzlich durch ihre Seele; denn als eine Frau von kräftigem Willen, wie wir sie bereits kennen gelernt haben, wollte sie Rosel sogleich ihren Entschluß kund tun. Der Augenblick dazu war gekommen. »Rosel . . .!« rief sie ihr entgegen, da sie noch einige Schritte von ihr entfernt war, »was hat denn das Kind dazu gesagt?« »Es hat sich ordentlich daran erquickt,« meinte Rosel und war in einem Satze bei der Bäuerin angelangt. »Sie haben geweint, Gitel!« rief sie sogleich erschrocken. »Was ist vorgefallen?« »Was liegt dir dran, mein Kind,« sagte die Bäuerin, indem sie sich die Tränen trocknete, »ob du es weißt oder nicht. In jedem Hause kommt etwas vor, worüber eine Mutter sich kränken muß; der deinigen wird es nicht besser ergehen. Reden wir lieber von etwas anderem. Wann schreibst du wieder einen Brief an deine Mutter?« »Eigentlich erwarte ich einen von ihr,« entgegnete Rosel. »Schreib du ihr zuerst,« rief Gitel mit einer gewissen Hastigkeit. »Auf einen Brief der Mutter muß ein Kind zwei und drei schreiben.« »Ich versteh' Sie nicht, Gitel,« meinte Rosel kopfschüttelnd; »erst weinen Sie, dann heißen Sie mich, ich soll an meine Mutter schreiben. Sind Sie vielleicht nicht mit mir zufrieden?« 251 »Rosel, um Gottes willen,« rief die Bäuerin mit neuen Tränen in den Augen, »mach mir das Herz nicht beschwerter, als es ohnehin ist. Soll ich dir denn geradezu heraussagen, daß du deiner Mutter schreiben mußt? « »Warum, warum?« »Ich kann dir's nicht verschweigen, Rosel . . . es muß ausgesprochen sein. Ich weiß nicht, ob wir noch länger beieinander bleiben können . . . Mein Sohn Josef will wieder unter die Soldaten gehen – und du mußt wieder zu deiner Mutter zurück.« »Er will wieder unter die Soldaten?« rief das Mädchen nicht erschrocken, doch überrascht. »Was willst du tun?« sagte die Bäuerin, der das Aussprechen des Schwersten außerordentlich das Herz erleichtert hatte, »wenn so einem eisernen Kopfe, wie mein Sohn ist, einmal eine Idee beigekommen ist, dann bringen sie ihm zwanzig Bauern mit Roß und Wagen nicht heraus. Er meint, er ist noch immer bei seinem Feldwebel in der Kaserne. Kurz und gut, er will wieder fort, mit seinen zwei abgeschossenen Fingern will er wieder fort. Ich fürcht', ich fürcht', wie ich ihn kenne, der Gedanke wird ihm schwer herauszubringen sein, wenn du mir nicht den einen Gefallen erweisest – und gehst wieder nach Hause.« »Ich soll wieder fort?« sagte Rosel, noch immer anscheinend ruhig. »Rosel . . .,« rief die Bäuerin in überwallendem Schmerze, »laß mich mit dir mich aussprechen . . ., ich muß dir alles sagen. Mein Josef hat einen unglückseligen Haß gegen dich gefaßt, wofür ich nichts kann. Gleich wie ich dich habe ins Haus nehmen wollen, war er dagegen. ›Wozu willst du dir so eine Prinzessin aufnehmen,‹ hat er gesagt, ›die uns verachtet und keinen Begriff davon hat, was ein Bauer ist? Lies ihren Brief und den von ihrer Mutter, und sieh! was Leute sind, die mit Kühen und Erdäpfeln nichts 252 wollen zu tun haben.‹ Roselleben! ich hab' auf seine Worte nichts gegeben und danke meinem Gott im siebenten Himmel dafür! Als eine Prinzessin bist du gekommen und warst verwöhnt und verzärtelt, aber von dem Augenblicke an, wo ich dir das Buch weggenommen habe, bist du eine andere geworden. Du hast ein Geschick zu allem . . . man kann auf und ab gehen in halb Böhmen, so wird man keine zweite Rosel finden. Nicht nur hast du deine Natur geändert, du bist mir auch im Hause behilflich gewesen, wie die beste Bauerstochter. Das alles weiß ich und habe es gesehen; nur mein Josef hat für dich blinde Augen. Da kannst du tun, was du willst, er meint noch immer, du verachtest uns, weil du Hannele Ehrenfelds Tochter bist, und wir nur ungezogene Bauern. Und weil er sieht, wie du mir und meinem Feiwel, denn auch der ist gegen dich ein anderer geworden, so ans Herz gewachsen bist, gerade darum setzt er seinen eisernen Kopf auf und ist dir ein Feind. Sonst, das kann ich als Mutter schon sagen, ist das Kind gut, brav und tüchtig; er trinkt nicht, er spielt nicht und gibt keinen Kreuzer unnütz aus. Nur gegen dich hat er die unglückselige Idee, da ist er wie ausgetauscht . . . Soll ich das einzige Kind wieder Kommißbrot essen lassen und auf einem harten Brett in der Kaserne schlafen? Soll ich zugeben, daß er in einer Winternacht irgendwo Wache steht, wo er, Gott behüte, mir erfrieren kann? Ich frag' dich selbst, Rosel . . . du hast ja so viel gelernt und so viele Bücher gelesen. Ist es da nicht besser, du gehst zu deiner Mutter wieder zurück, damit ich und mein Feiwel ihren Sohn behalten?« »Es wird nicht ganz so sein,« sagte das Mädchen nach einer guten Weile, und ein seltsames Lächeln glitt dabei über ihr liebliches Antlitz. »Du wirst mir sagen, mein Kind, wie Josef von dir denkt?« eiferte Gitel, »dem seh' ich's auf hundert Schritte an den Augen an, ob er einem Menschen wohl will oder 253 nicht. Ich sag' dir, Rosel, deinetwegen will er aus dem Hause, deinetwegen will er wieder zu seinem Feldwebel.« »Meinetwegen?« sprach das Mädchen langsam nach. Dann saß sie einige Augenblicke, wie nachsinnend demjenigen, was sie jetzt soeben vernommen. Holde Lichter spielten dabei auf ihrem Antlitze, nicht die der untergehenden Sonne, sondern die aus dem Gemüte herausleuchten, wenn es sich zu irgend einer bedeutenden Tat erhebt. Mit einem Male stand sie von der Bank auf. »Ich schreibe nicht an die Mutter,« sagte sie mit Innigkeit, »und Josef wird nicht unter die Soldaten gehen . . .« Diese merkwürdige Sicherheit des Mädchens verblüffte die Bäuerin derart, daß sie, keines Wortes mächtig, ihr nur in das feingerötete Gesicht starrte. »Verlassen Sie sich darauf,« beteuerte leise Rosel, »die Prinzessin wird schon mit ihm reden.« »Roselleben! wenn du das könntest! Wie glücklich möchtest du mich machen!« seufzte Gitel. Rosel sprach kein Wort mehr; sie schaute auch nicht auf. Nur ein Lächeln war auf ihrem Antlitz leuchtend geblieben. Was sollte es bedeuten? X.  Ein Gespräch zwischen Nacht und Morgen. Die Nacht, die diesem an Erschütterung so überreichen Abend folgte, sollte nicht vorübergehen, ohne für die Bäuerin noch eine Begebenheit von bedeutungsvoller Art gebracht zu haben. Mitten in der Nacht wachte nämlich ihr Mann Feiwel auf, was ganz gegen den gewöhnlichen Gang seiner Natur war; denn nach Gitels Ausspruch war es nur einmal während ihrer dreißigjährigen Ehe, daß er von seinem Schlaf, worin er ganz und gar einem zugebundenen Sack Erdäpfel 254 glich, eine Ausnahme gemacht, nämlich als er die »große« Krankheit (zur Buße gesagt) überstand. »Gitel,« rief er erst leise, dann immer lauter, »bist du auf, daß man mit dir ein Wörtel reden kann?« »Gott Lebendiger! Du bist doch nicht etwa krank geworden?« schrie die Bäuerin, schlaftrunken in die Höhe fahrend; sie war erst kurz zuvor, nachdem sie in Sorgen und Kummer lange dagelegen, in einen leichten Schlummer gesunken. »Mir fehlt nichts,« sagte Feiwel mit klarer Stimme, was in der Nacht gleichfalls zu den Seltenheiten gehörte, »aber unserem Josef fehlt etwas, und das will mir nicht aus dem Kopfe.« »Hat er dir auch gesagt,« rief Gitel, »daß er wieder unter die Soldaten will?« Den alten Bauer schien diese Mitteilung nicht im geringsten zu überraschen. Nach einer guten Weile schlug er ein lautes Gelächter auf. »Will er wieder?« rief er dazwischen, »du wirst sehen, er wird sich seinen Feldwebel schon aus dem Kopf schlagen.« »Du wirst ihn doch nicht mit Gewalt zwingen wollen?« weinte Gitel trocken. »Dazu ist das Jüngel doch ein zu großer Jung'!« »Wenn er es nicht gutwillig tut,« sagte Feiwel lustig, »w muß man ihn zu seinem Glücke zwingen.« »Red deutsch mit mir, Feiwel,« sprach Gitel. »Ich hab' ihm eine Prinzessin zur Frau bestimmt,« meinte der Bauer, dessen Stimme zum leisen Flüstern geworden war. »Mir scheint, Feiwel,« sagte die Bäuerin, »du hast einen Traum gehabt, und jetzt meinst du, du träumst noch immer. Du weißt nicht, was du redest.« »Wenn ich von einer Prinzessin rede,« meinte Feiwel, »so mein' ich damit das Prinzessele, was wir im Hause haben!« 255 Die Bäuerin schrie nicht auf vor Entsetzen, als sie diese abenteuerliche Mitteilung aus dem Munde ihres Mannes vernahm, sie ergriff nur ein Schwefelholz und zündete damit die Kerze an. »Ich muß dich beim Licht sehen, Feiwel,« sagte sie, indem sie die Kerze aufhob und dem Bauer damit ins Angesicht leuchtete. Das behäbig volle Antlitz des alten Bauers lachte ihr aus der Umhüllung einer riesigen Schlafmütze entgegen. »Ich mein's im Ernst, Gitel,« rief er lustig, »ganz im Ernst. Warum? soll das Prinzessele für unseren Sohn zu schlecht sein?« »Feiwel Narr!« schrie Gitel erst jetzt auf, »nicht Feiwel Bauer sollt' man dich heißen. Schläfst du oder bist du wach? Oder hältst du mich selbst für einen Narren?« »Lösch das Licht nur wieder aus, Gitel,« sagte der Bauer sich streckend, »ich seh' im Dunkeln auch und weiß, was ich weiß.« »Was weißt du?« rief Gitel hastig. »Daß das Prinzessele für unseren Josef das prächtigste Weib auf der Welt wär',« meinte Feiwel. »Sag mir nur, Feiwel,« rief die Bäuerin nach einer langen Pause, während welcher sie ihre Geister nur mühsam zu sammeln vermochte, »sag mir nur, was hast du dir in deinen alten Kopf für eine Fliege gesetzt? Weißt du denn, was du redest? Ich will gar nicht davon sprechen, daß Josef gegen das Mädchen mit Leib und Seele ist, aber bedenkst du nicht, wer sie ist und wer er? daß wir nur einfache Bauersleute sind, und sie Hannele Ehrenfelds Tochter?« »Das Prinzessele in der Geschichte von meiner Babe war zuletzt auch froh, daß sie einen Bauernsohn zum Manne bekommen hat. Freilich war's auch ein Prinz,« sagte der Bauer, den alle Ausrufe und Aufschreie Gitels nicht beirrten, »aber ist unser Josef nicht auch ein Prinz – unser Prinz?« 256 »Spaß treiben kannst du auch bei der Narrheit?« rief die Bäuerin mit Bitterkeit. »Hör an, Gitel,« begann mit einem Male der alte Bauer in einem Tone, den sie an ihm nicht gewohnt war, denn er klang ernst, fast bittend, »glaubst du denn, ich werde in solchen Dingen Spaß treiben mit dir, oder dich sonst zum Narren halten? Ich weiß, ein gescheites Weib fügt sich in alles, in Ernst so gut, wie in Spaß; aber wie es einmal auf das Kapitel kommt, daß man sein eigenes Kind gut versorgen möchte, da sind sich alle Weiber gleich. Sie verlieren nämlich den Kopf!« Zu der Bäuerin größtem Erstaunen fuhr der Bauer in diesem Tone zu sprechen fort. Seine Rede war ein einziger Lobspruch auf das Prinzessele. Das hätte er nie geglaubt, und wenn es ihm der erste Rabbiner in der Welt gesagt hätte, daß aus einem verwöhnten und verzärtelten Mädchen werden könne, was aus Rosel geworden. Man müsse nur sehen, wie sie etwas anrühre, welch einen besonderen »Geschmack« das alles habe. Beim Trinken verschütte sie nichts, beim Essen beschmutze sie nicht das Tischtuch oder stecke gar die Finger in die »Tunke« hinein. Alles geschehe mit »Tam« (Anmut) und mit Geschick. Er habe sie oft im stillen betrachtet, nie habe er etwas Unebenes an ihr bemerkt, das Herz gehe ihm auf, wenn er ihr goldiges Antlitz schaue. Zu denken, das Kind könnte wieder aus dem Hause gehen, und er hätte dann nichts weiter von ihm, das gehe ihm wie ein Messerstich durchs Herz! Da sei ihm einmal der Gedanke gekommen, ob man Rosel denn nicht fürs ganze Leben hier auf dem Dorfe behalten könnte. Das Kind sei schon in dem Alter, wo man an solche Dinge denken könne, und passe zu Josef, wie nur in der Welt etwas zusammenpassen könnte. Kurz und gut, das Prinzessele müßte im Hause bleiben, es gehe, wie es gehe.« Namentlich die letzten Worte hatte der Bauer mit einer 257 so markigen Entschiedenheit gesagt, daß sie Gitel im ersten Augenblicke ganz einschüchterten. Welches Mutterherz folgt nicht willig dem Zuge solcher Rede, wenn sie zuletzt auch in einen lustigen Traum endigt! »Sag nur, Feiwel,« meinte sie nach einer Pause . . . »Glaubst du im Ernste, Hannele Ehrenfeld wird uns einfachen Bauersleuten ihre Tochter geben? Gott der Lebendige weiß, was Rosel › nachbekommt ‹!« »Weiber! Weiber!« rief der Bauer beinahe zornig, was jedenfalls von einer merkwürdigen Aufgeregtheit seines Wesens zeigte. »Geht denn das in euren Kopf nicht hinein, daß ein Bauer in heutiger Zeit mehr gilt als sie alle dort, wie sie in den Buden und Gewölbern sitzen und sich gegenseitig die Kunden abjagen? Weißt du denn, daß ich, Feiwel Bauer, mit keiner Hannele Ehrenfeld auf der ganzen Erde tausche? Ich, der ich dasitze auf meinem Hof und meinen Äckern und bin keinen Kreuzer darauf schuldig, ich bin mehr als die Leut' in den Gassen mit all ihrem Geld und Geldeswert. Sie haben ihre Schuldner über die halbe Welt ausgestreut, wie einen verschütteten Sack mit Erbsen – ich, ich habe sie alle beisammen! Mein Feld, meine Wiesen, meine Kühe und Ochsen, das sind meine Schuldner, und dazu brauche ich keinen Advokaten, sondern meine eigene Hand, daß sie mir zur Zahlzeit nicht schuldig bleiben. Gott allein im siebenten Himmel ist mein Borger, einmal leiht er mir mehr, das andere Mal weniger, aber immer doch so viel, daß ich und meine Familie davon leben können. Laß sie dich auslachen, Gitel, wenn du einmal zur ›Jahrzeit‹ zu ihnen kommst und hast eine altmodische Haube an. Laß sie lachen und spotten! Du bist doch Gitel, die Bäuerin, und dein Mann heißt Feiwel Bauer; das will, wie es mir vorkommt, beinahe so viel heißen, als wenn man in der ›Gasse‹ sagen könnte: ›Gitel die 258 Gräfin ist da!‹ Denn was ist's, warum man von einem Grafen mit so großem Respekt zu reden gewohnt ist? Man denkt sich, der hat soviel und soviel Einkünfte; hat Äcker und Wiesen, Kühe und Schafe, Fasanen und Hasen, und seiner Väter Väter haben auch das gehabt. Sieh, Gitel, es kommt mir vor, als wäre es im kleinen so auch mit mir. Mein Vater und Großvater und vielleicht schon dessen Väter sind Bauersleut' gewesen und haben in diesem Hause gewohnt. Warum sind sie nicht fortgezogen? oder haben sich in ein ›Gewölb‹ gesetzt, um Kunden zu bedienen? Weil es gegen ihre Ehre war! Und doch haben sie die Felder und den Hof nur in Pacht gehabt. Ich aber, ich habe das alles zu eigen, mein Name ist wirklich: Feiwel Bauer! Und da sollte ich viel darum mich kümmern, ob Hannele Ehrenfeld mir ihre Tochter für meinen Sohn geben will oder nicht? Wenn mir das Prinzessele nicht so überaus gefallen möchte, meinst du, ich möchte nur den Mund auftun, um mit Hannele zu reden über die Sache? Die Hand möcht' ich mir ender (eher) abhacken! So denk' ich aber, es geschieht ihr ebensogut ein Gefallen damit und eine Ehre wie uns. Und so, Gitelleben, wollen wir die Sache ihren Gang gehen lassen, wie es Gottes Wille und Schickung ist. Du weißt jetzt, was ich im Kopfe trage . . . tu mir nur das eine zulieb' und red mir nicht ab! Ich habe die Sache zu gut überlegt – und das Prinzessele gefällt mir als Schwiegertochter wie sonst gar nichts auf der Welt.« So mächtig wirkte diese lange Rede auf die Einbildungskraft der Bäuerin, daß sie eine geraume Zeit sprachlos nur ihren eigenen Empfindungen zu horchen schien. Alle ihre Geister waren in Aufruhr geraten, wild klangen sie durcheinander. Sie, die sonst Klarbewußte, hatte in diesem Augenblicke keinen einzigen Beweisgrund vorzubringen, der es siegreich mit ihres Mannes Rede aufnehmen konnte. Einerseits fühlte sie sich gehoben von dem Stolze, den der Bauer in 259 seine Stellung als solche setzte, anderseits tat ihr selbst die fernliegende Möglichkeit, daß er in seiner Hoffnung recht behalten könnte, unendlich wohl. »Es wär' zu schön! zu schön!« sprach sie freudig, »wenn ich Rosel hier behalten könnte und Josef nicht unter die Soldaten müßte.« »Der geht dir unter die Soldaten so wenig, wie es mir einfallen könnte, noch ein Feldwebel zu werden,« meinte Feiwel. »Du kennst ihn nicht, welchen Kopf er aufhat!« eiferte die Bäuerin und fügte dann, weil sie fürchten mochte, dem Sohne zu nahe getreten zu sein, noch eiligst hinzu: »Und weißt du denn, ob es beider Wille ist, sich einander anzugehören? Vielleicht will keines von beiden!« »Einen Blinden muß man führen und einem Lahmen einen Stock in die Hand geben,« sagte der Alte lustig. »Meinst du denn, ich bin blind und lahm, daß ich nicht sehe und begreife, was zwischen den beiden vorgeht? Da wette ich meinen Kopf darum, daß das Jüngel von dem Prinzessele ganz anders denkt, als du dir einredest. Du warst nicht dabei, wenn Rosel zuweilen aufs Feld hinausgekommen ist, du hast die beiden nicht angesehen, wie sie miteinander geredet haben. Ich aber habe die Augen weit offen gehabt, und mir ist nichts entgangen. Ich sage dir, Gitel, sie werden ein Wort mit sich reden lassen.« Damit war der Bauer wieder auf den Boden seiner gewöhnlichen Stimmung niedergestiegen. Trotz aller Bitten Gitels, er möge doch erzählen, was er gesehen, blieb er standhaft dabei, er dürfe nichts verraten. Im Grunde jedoch übermannte ihn der Schlaf. »Gut' Nacht, Gitel,« sagte er mit einem Male, »und lösch das Licht aus. Ich meine, du hast jetzt genug gesehen, und morgen ist auch ein Tag!« Als die Bäuerin in den nächsten Minuten wieder eine 260 Frage an ihn richtete, erfolgte keine Antwort mehr; er schlief bereits. Gitel blieb aber zwischen Nacht und Morgen wachend in einem Seelenzustand zurück, der sich nur schwer beschreiben läßt. Das Ungewöhnliche, das aus der Mitteilung ihres Mannes sie so sehr überwältigt, trat jetzt vor der klaren Unmöglichkeit des Gelingens zurück. In diesem Augenblicke war Hannele Ehrenfeld die Mutter einer wirklichen Prinzessin, sie selbst aber eine arme unerzogene, verlassene Bäuerin! XI. Auf dem Stege des Mühlbaches. Der Sonntag nach diesem bewegten Sabbat verlief still, ohne daß irgendwie im Hause jene Unruhe hervortrat, unter der doch vier Menschen mit einem Male wie unter einem Banne standen. Der alte Bauer tat gleichgültig, als waltete nicht zwischen ihm und Gitel das Geheimnis der Nacht ob. Nur als gegen Mittag Rosel wieder im Kreise ihrer Hühnerwelt stand, kam er über den Hof und stellte sich neben sie. Es war offenbar nicht darum, um zu sehen, wie den Hühnern das von Rosels Hand ausgestreute Futter mundete, es war ihm darum zu tun, mit dem Mädchen zu sprechen, so oft es anging. Dem Bauer war dies zu einem Bedürfnis geworden. Als er lange zugeschaut, wie die Vögel fraßen, sagte er plötzlich, indem er mit dem Finger auf eine weiße Henne deutete, die sich zunächst in Rosels nächster Nähe gefiel: »Du, Rosel, die weiße Henne wirst du auch nicht mehr lange haben.« »Warum nicht?\< »Am Dienstag kommt der Rebb Wolf, der Schächter, der wird die weiße Henne nehmen und sie –« »Das darf nicht sein, Rebb Feiwel!« rief das Mädchen lebhaft. 261 »Weswegen nicht?« »Die Henne ist mein Liebling und ich habe sie aufgezogen.« »Narrele,« meinte der Bauer lachend, »glaubst du denn, ich werde dir etwas wegnehmen lassen, was dir lieb und teuer ist? Meinetwegen kann die weiße Henne ein Alter erreichen wie meine Urbabe, die in ihrem hundertundzehnten Jahre gestorben ist.« Ganz anders benahm sich Gitel an diesem Tage gegen Rosel. Sie wich ihr aus, wo sie nur konnte, und sie, die Frau mit dem reinen Gewissen, senkte betroffen ihr Auge, wenn sie zufällig mit dem Mädchen zusammentraf. Denn aus aller Pein und Aufregung der verflossenen Nacht hatte sich in ihr ein sonderbarer Gedanke festgesetzt und der lautete am frühen Morgen: »Wenn Hannele Ehrenfeld von der Sache hören wird, ist's ein Wunder, wenn ich dann wie eine Diebin vor ihr stehen werde? Sie gibt mir ihre Tochter aufzuheben und denkt an nichts Schlechtes – und jetzt, da die Zeit der Rückgabe gekommen ist, will ich mir sie behalten, . . . weil sie mir gefällt. Wird sie mir nicht mit Recht ins Gesicht hineinsagen können, ich hätte das mit ›Fleiß‹ angestellt, hätte die Tochter nur darum ins Haus genommen, weil ich einen großen Sohn habe und . . . weil mir die reiche Mitgift gefällt?« Seit sie die Absichten ihres Mannes erfahren, kam sie sich gleichsam als dessen Mitschuldige vor, als Teilnehmerin an einer Verabredung, die nicht so gegen das »Prinzessele«, als gegen ihren eigenen Sohn gerichtet war. Wie sollte sie ihm unter die Augen treten, wenn die Stunde der Lösung gekommen war? Es war gut, daß Josef an diesem Tage von dem alten Bauer in ein benachbartes Dorf geschickt worden war, um dort eine »Kalbin« zu beschauen. Erst spät am Abend kam er unverrichteter Sache zurück. Es sei nichts damit, meinte er kurz, fast unwirsch. – 262 Dann sagte er allen eine Gute Nacht und ging auf sein Stübchen, er müsse sich ausschlafen für den morgigen Wochenmarkt, fügte er wie zur Entschuldigung dazu. In aller Frühe fuhr Josef mit einer Ladung neuer Frucht auf den Wochenmarkt. Die Nacht rang noch mit dem erwachenden Tage, graues Zwielicht lag über dem Dorfe. Einer von den Knechten hatte das Hoftor aufgetan, und Josef war eben im Begriffe sich auf den Wagen zu schwingen, als er hinter sich eine feine Mädchenstimme vernahm, die aus Rosels Stübchen kam, denn dieses lag nach dem Hofe. Er blickte nach dem Fenster hin, da sah er das Prinzessele völlig angekleidet vor sich. »Guten Morgen, Josef!« rief sie ihm zu. »So zeitlich steht eine Prinzessin auf?« konnte Josef sich nicht enthalten scherzhaft ihr zuzurufen, indem er sich auf den Wagen schwang. »Ich bin schon lange keine Prinzessin mehr,« meinte Rosa, und es war gut, daß sie im Zwielicht stand; sie errötete nämlich, indem sie dieses sprach. »Warum sind Sie denn aber so zeitlich aufgestanden, Fräulein Rosel?« sagte Josef, ohne nach dem Fenster hinzusehen. »Ich habe nicht schlafen gekonnt,« sagte Rosa. Wir müssen hier gelegentlich erwähnen, daß Josef noch immer nicht anders als »per Fräulein« Rosa Ehrenfeld ansprach. »Warum nicht?« fragte Josef so von obenhin. »Im Stall hat die schwarze Kuh mit dem weißen Stern vorn auf der Stirne die ganze Nacht so geschrien, daß ich kein Auge schließen konnte. Ist sie denn krank?« »Nein,« sagte Josef, »aber am Freitag war ein Fleischhauer im Stall und hat sich ihr Kalb angesehen. Das mag ihr denn jetzt nicht aus dem Kopfe gehen, und sie fürchtet sich vielleicht, man könnte es ihr wegnehmen. Sie ist seitdem auch wirklich unruhig.« 263 »Meinen Sie wirklich darum?« »So ein Tier,« sagte Josef, »hat seinen Kummer wie ein Mensch . . . Nur hat es dafür einen einzigen Ton, während die Menschen auf verschiedene Art das, was sie drückt, aussprechen können. Ganz gewiß weiß die Kuh, daß der Fleischhauer zum zweiten Male kommen wird, dann wird . . . er das Junge an den Strick nehmen, und unter dem Gebelle seines Hundes wird er es von der Mutter fortführen. Drum ist sie so traurig.« »Ich danke Ihnen, Josef,« sagte nach einer kurzen Weile das Mädchen. »Wofür?« meinte Josef und blickte erstaunt nach dem Fenster hin. »Daß Sie mich etwas so Schönes gelehrt haben,« meinte Rosel rasch. »Ich bin kein Lehrer,« sagte der einstige Soldat fast rauh. »Nämlich, daß die Tiere es auch wissen, wenn ihnen ein Leid zugefügt wird. Was soll erst ein Mensch, z. B. eine Mutter dazu sagen, wenn ihr ein Kind geraubt wird?« »Wer raubt denn einer Mutter ihr Kind?« »Das Kind kann ja auch von selbst fortgehen, gegen den Willen der Mutter,« meinte Rosel scharf betont. »Adies, Fräulein Rosel,« sagte Josef und ergriff die Zügel. »Ich komme sonst zu spät auf den Wochenmarkt. Adies!« Rosel vergaß für dieses Lebewohl zu danken. Nochmals wandte sich Josef gegen das Fenster zu, während er die schon unruhig gewordenen Pferde mit kräftiger Hand straff anhielt. »Ich hätte bald etwas vergessen,« sagte er. »Was soll ich sagen, wenn ich Leute aus Ihrer Gemeinde auf dem Wochenmarkt treffe und man mich nach Ihnen fragt?« Rosel zögerte einen Augenblick mit der Antwort; dann rief sie rasch: 264 »Daß ich gesund bin und bald zurückkommen werde.« »Es ist gut,« sagte Josef, und nur das Scharren der ungeduldigen Pferde ließ überhören, daß seine Stimme dabei unsicher geklungen hatte. Dann ließ er den bekannten Zuruf an seine Tiere ergehen, das Gefährte zog kräftig an, und ehe noch Rosel ein Wort der Gegenrede finden konnte, war er zum Hoftor hinaus. Schön ist ein grüner Wald, wenn man zum ersten Male nach langem Siechtum hineintritt in seine Blätterpracht; schön ist alles dort bis auf das kleinste Würmchen, das sich wohlgemut an einen Stamm hinaufbemüht; schön ist überhaupt das Erwachen alles Lebenden im Reiche der Natur – aber schöner, sprechender und ergreifender ist doch der Blick in ein Mädchenherz, das zwischen Drang und Schüchternheit auf und nieder wogt, das den Lippen gebieten möchte zu reden, und es doch nicht bezwingen kann, daß sie sich öffnen. Nichts offenbart sich so lieblich geheimnisvoll! Der Wald ringt sich nur langsam von der ersten Knospe zur vollen Blätterpracht hindurch; mancher Sturm fährt durch ihn mit brausender Gewalt, der den erwachten Frühling wieder zurückdrängen möchte in die kaum abgeworfenen Winterfesseln, und manches Reis, das voreilig die Äuglein aufgeschlagen, muß sie wieder schließen. Aber in einer liebenden Mädchenseele ist Knospe, Blüte und Frucht vereint: wenn es einmal seine Augen aufgetan, dann sind alle Gewalten der Erde nicht mächtig genug, um sie wieder zu schließen. Wen wird es befremden, wenn er am späten Abend Rosa Ehrenfeld aus dem Hause herauskommen sieht, der Straße zu, woher heute Josef vom Markte kommen soll? Die Nacht war sommerwarm, und der Mond stand in voller Pracht am Himmel, als Rosel an den Steg, der über den Mühlbach führte, kam. Wie das doch ganz anders geworden, seitdem sie zum ersten Male gerade auf diesem Stege – Josef begegnet war! Damals hatte sie sich 265 gefürchtet, war im kindischen Trotz vom Wagen entsprungen und hatte ihren Eintritt in den Bauernhof durch ihr lächerliches Benehmen bezeichnet. In der Erinnerung brannte ihr die Scham auf den Wangen. Bloß davon? . . . Noch andere lichtere Bilder und Erinnerungen zogen durch ihre Seele. Allmählich waren die meisten Bauern, die gleichfalls zum Wochenmarkte gefahren, heimgekehrt. Die Straße ward stille und leer, weithin glänzte sie in der ihr während des Sommers so eigentümlichen Farbe weißen Staubes. Über diese weiße Fläche kam in langsamer Bewegung ein dunkler Punkt einher, der immer größere Umrisse annahm, bis er sich deutlich zu einem Wagen mit zwei Rossen daran gestaltete. Er kam näher; Rosel hielt sich an das Geländer des Steges fest; sie glaubte Josefs Gefährte erkannt zu haben. In diesem Augenblicke hatte der Müller plötzlich das große Mühlrad gestellt, es klapperte nicht mehr . . . Dadurch ward es noch stiller in der Luft; jetzt erst vernahm man deutlich das Rollen des langsam daherziehenden Wagens. Jetzt nur noch die Biegung um die Mühle herum, die ihn auf eine kurze Weile den Augen entzog . . . nun hielt er am Stege! »Gott im Himmel!« ertönte ein lauter Ausruf vom Wagen. »Ist das nicht Fräulein Rosel?« Es war Josef, der das Mädchen im klaren Mondeslichte erkannt hatte. »Ich bin's,« sagte Rosel und ließ das Geländer los. Mit einem kräftigen Rucke brachte Josef die Pferde zum Stillstehen und schwang sich vom Wagen herab. In der Mitte des Steges traf er mit Rosel zusammen. Trotzdem prallte er vor Staunen zurück und schien seinen Augen kaum zu trauen, als er fand, daß es wirklich Rosel war. Da rief er: »Wie kommen Sie daher in der Nacht, Fräulein Rosel?« 266 »Ich fürcht' mich ja nicht –« »Aber in der Nacht –« »Ich habe auf einen gewartet, der des Weges daherkommen solle.« »Wer ist das?« »Er ist schon da –« »Um Gottes willen!« rief Josef, daß es wie ein Aufschrei aus den Tiefen der Brust klang. »Ich soll das sein, den Sie erwartet haben?« Plötzlich wandte sich Rosel um und hielt sich beide Hände vor die Augen. »Ich habe mit Ihnen reden wollen,« kam es in flüsternden, halb schämigen Worten aus ihrem Munde hervor, »ob es wahr ist, daß Sie wieder unter die Soldaten gehen wollen, . . . zu Ihrem Feldwebel zurück, und . . . ob es wahr ist, daß Sie meinetwegen das Haus Ihrer Eltern verlassen wollen, und dann . . . ob denn gar nichts imstande ist, Sie zurückzuhalten?« »Wer hat das gesagt?« rief der junge Soldat leidenschaftlich. »Eine, die es mit Ihnen gut meint, Ihre Mutter!« sagte das Mädchen. »Dann ist es also wahr!« rief Josef, »meine Mutter bringt kein lügenhaft Wort über ihre Lippen!« »Es ist also wahr, daß Sie meinetwegen das Elternhaus verlassen wollen, ja meinetwegen? Denn sonst hätte Ihr Weggehen keinen Sinn!« Josef blieb darauf die Antwort schuldig. Da wandte sich Rosel allmählich um, bis sie ihm wieder gegenüberstand. »Da bleibt mir nichts anderes übrig, als ich gehe auch,« sagte sie. »Wohin?« »Nach Hause zu meiner Mutter!« 267 Da rief Josef mit leidenschaftlicher Heftigkeit: »Möchten Sie nur nicht Rosel Ehrenfeld heißen!« »Wie soll ich denn heißen?« »Was weiß ich?« rief er wieder, »aber der Name kommt mir vor als wie ein breiter Graben. Wenn man nicht Flügel hat wie eine Schwalbe, kommt man drüben nicht an.« Ein minutenlanges Stillschweigen herrschte hierauf zwischen diesen zwei jungen Herzen, und Rosel war es, die es wieder brach. »Kann ich denn etwas dafür, daß ich so heiße?« »Der Name allein ist's nicht,« meinte Josef weniger heftig, »aber was in dem Namen drin alles steckt. Darum habe ich ja aus dem Weg gehen wollen!« Ein eigener schelmischer Zug schwebte auf Rosels Antlitz, als er dies sprach. »Mein Name ist ganz gut,« sagte sie, »er ist der meines verstorbenen Vaters und meiner Mutter, und ich schäme mich nicht seiner. Aber Ihr habt mir einen Spitznamen beigelegt, und ich bin bei Euch eine Prinzessin, und da habt Ihr Euch in den Kopf gesetzt, ich bin eine wirkliche! Ich aber . . . ich will ja keine sein!« »Rosel, um Gottes willen, ist denn das möglich!« rief Josef, »da fällt ja eher ein Stern vom Himmel herunter.« »Die Sterne können nicht herunterfallen,« sagte Rosel schalkhaft, »denn dazu hat sie Gott dahin gestellt; aber daß aus einer Prinzessin eine Bäuerin wird . . . das steht nicht nur in Ihres Vaters Geschichte, die ihm seine Babe erzählt hat – das kann im Leben wirklich geschehen!« »Versteh' ich recht, Rosel?« jauchzte Josef auf, dem nun alles klar ward. »Josef!« Ein Freudenschrei durchzitterte die Luft, daß er selbst das Rauschen des in diesem Augenblicke wieder in Bewegung 268 gesetzten Mühlrades übertönte. Kein Wunder! Hatte sich das Märchen von der Prinzessin nicht zu holder Wirklichkeit belebt? Die verschwiegene Nacht wußte von zwei Herzen mehr, die sich gefunden hatten auf den rätselhaften Irrwegen dieses Lebens, um sich niemals zu verlieren! XII. Nach Hause. Nicht weit von dem Bachsteg steht eine uralte Linde, mit einem Heiligenbilde daran. Dorthin hatten die zwei, Arm in Arm, in seliger Unbewußtheit den Weg gefunden, als ahnten sie, daß es sich unter dem weiten Laubdache des Baumes besser spreche als auf dem offenen Stege, unter dem das Wasser zerstäubt und zerschlagen, wie es vom Mühlrad herabgestürzt wird, noch unberuhigt dahinrauscht. »Eins ist doch merkwürdig, Rosel,« sagte zuerst Josef mit mühsam niedergekämpfter Erregtheit. »Was denn?« fragte Rosel. »Als du in unser Dorf kamst, da war's auf dem Steg dort, daß ich dir begegnet bin; denn ich war dir entgegengegangen. Jetzt bist du mir entgegengekommen und auf demselben Platze wie damals.« »Damals bin ich vom Wagen deines Vaters heruntergesprungen und bin zu Fuß eine Strecke Weges gelaufen, bis ich dich gefunden habe,« rief Rosel lachend, »jetzt hast du vom Wagen steigen und mir entgegengehen müssen. Das ist noch merkwürdiger.« »Aber damals,« rief Josef im gleichen Tone, »warst du ein kleines Prinzessele und jetzt –« »Nun und jetzt?« »Bist du die schönste und feinste Bäuerin, die es auf der Welt noch gegeben hat.« »Schweig, schweig, Josef, ich schäme mir ohnehin die 269 Augen heraus, wenn ich an die erste Zeit meines Hieherkommens denke.« »Du hast dich nicht zu schämen, Rosel . . .« sagte Josef mit inniger Wahrheit. »Und dann hast du schon damals bewiesen, daß du eigentlich kein echtes Prinzessele bist.« »Wieso?« »Du bist ja eine halbe Stunde weit zu Fuß gelaufen. Tut das ein echtes Prinzessele?« Rosel lächelte schelmisch. »Und noch eins,« sagte der Soldat, »glaubst du denn, du hättest uns allen, und mir besonders, so gefallen, wenn du weniger fein und lieblich bei uns aufgetreten wärst?« »Red mir nichts ein,« rief Rosel, plötzlich ernst werdend, »red mir nicht etwas ein, was ich erst jetzt ganz verstehe, wie verkehrt und töricht es gewesen. Gott hat es mit mir gut gemeint, daß er mich gerade zu euch geschickt hat. Wäre ich zu anderen Leuten gekommen, . . . sie hätten mich entweder geschont und mir geschmeichelt, oder mich ausgelacht. Beides hätte mich noch mehr verdorben, als ich schon war. Weißt du, wer eigentlich schuld daran ist, daß ich so geworden bin? Mein armer Vater, der war jahrelang krank, und meine Mutter hatte sich wenig um mich kümmern können. Da war ich mir allein überlassen und konnte tun, was ich wollte, lernen und auch nicht lernen, stricken und nähen und auch nicht, wie es mir gerade in den Sinn gekommen ist. Ich habe einen Lehrer gehabt, er heißt Julius Arnsteiner, der sagte immer, wenn ich einen Fehler in der Sprachlehre oder im Diktando machte: »Wollen Sie eine Bäuerin einmal werden, die nichts weiß als Erdäpfel essen und keine andere Kenntnis im Kopfe hat, als wieviel Milch sie von der Kuh bekommt?« »Der war dein Lehrer, Rosel?« unterbrach sie Josef zornig. »Ein schöner Lehrer! Dem sollte man ja das von Amts wegen verbieten, daß er seinen Schülern solche Dinge 270 vorsagt. Wie sollen denn die Leute Lust haben, sich ein Feld zu kaufen, wenn ein Lehrer ihnen solche Lügen einredet? Wenn es noch wahr wäre! Aber sieh dir meine Mutter an. Ist das eine Bäuerin, die nur so beschaffen ist, wie sie dein Herr Julius Arnsteiner hat?« »Deine Mutter,« fiel das Mädchen ein, »ist's ja eben, die mir gezeigt hat, was ich werden soll.« »Ja, sie verdient's, daß man sie lobt,« meinte Josef. »Wie hätte ich aber auch anders werden sollen,« fuhr das Mädchen fort, dem es ein Bedürfnis war, vor Josef keine Falte ihrer Seele verhüllt zu bewahren. »Wenn man das ganze Jahr nichts anderes sieht als Geldzählen, und von nichts anderem hört als von schlechten Schuldnern und guter oder schlechter Kundschaft, und der eigene Lehrer es einem noch bei jeder Gelegenheit einprägt, daß man Sprachlehre, Diktando und Rechnen nur darum lernt, damit man keine Bäuerin werde – wie hätte ich da anders werden sollen, als Tausende von Mädchen, die lieber ihrem Manne ins Elend folgen als auf ein Dorf?« »Die Lehrer, die Lehrer!« sagte Josef zähneknirschend. »Warum führen sie die Kinder nicht alle Tage im Frühling auf das grüne Feld hinaus? zeigen ihnen da, wie das Korn wächst, wie es in die Höhe schießt, und dann endlich im Sommer, wie es zum Brot wird, das sie essen? Wäre denn das gar so schwer? Ich möcht' den Leuten in der ›Gasse‹ schon ihren Bauernhaß austreiben, mein Wort darauf.« »Wie möchtest du das anfangen?« fragte Rosel lachend. »Sie müßten alle ohne Ausnahme Felder kaufen,« rief er in einem Tone, der den verabschiedeten Korporal nur zu gut erkennen ließ. »Das läßt sich nicht erzwingen,« fiel Rosel ihm ins Wort. »Du siehst es ja an mir!« »Bei dir ist es etwas ganz anderes gewesen,« meinte Josef, »du warst krank.« 271 »Krank? Ich weiß nicht, ob man meinen Zustand so nennen konnte. Aber daß der Doktor recht hatte, mich aufs Dorf zu schicken, trotzdem mir eigentlich nichts gefehlt hat, ist das nicht wie ein Wunder? Ich habe mich genug dagegen gesträubt, er hat aber nicht abgelassen. Soll ich dir etwas sagen, Josef? An dem Tage, wo ich meinen Koffer für die Abreise packte, kam Herr Julius Arnsteiner, mein Lehrer, zu mir. ›Haben Sie auch alles, was Sie gelernt haben, eingepackt?‹ fragte er mich. ›Ja, Herr Lehrer,‹ sage ich, ›alles, bis auf die Partizipialkonstruktion!‹ ›Gerade die Sprachlehre müssen Sie einpacken,‹ meinte er, ›und müssen sie öfters wiederholen, denn wie wollen Sie sonst auf dem Dorfe Ihre hochdeutsche Sprache von den Bauersleuten unterscheiden?‹ Ich habe also die Sprachlehre eingepackt zu all den andern Büchern, und immer waren sie dem Herrn Julius Arnsteiner viel zu wenig; er hätte verlangt, daß ich alles andere zu Hause lassen und nur Bücher und Papier mitnehmen sollt'. Wie sich das aber merkwürdig schickt! Mit einem Male kommt unser Doktor Prager . . . Wie der die Bücher sieht, lacht er erst laut auf und sagt dann: ›Was soll mit den vielen Büchern da geschehen?‹ ›Die nehme ich aufs Dorf mit, Herr Doktor!‹ sage ich. Da sieht der Doktor erst mich, dann Herrn Arnsteiner mit einem ernsten Blicke an und sagt feierlich: ›Rosa geht nicht aufs Dorf, um dort zu lesen . . . es darf nicht ein Buch mitgenommen werden.‹ Vor dem Doktor haben wir uns beide sehr gefürchtet, Herr Arnsteiner noch mehr als ich; wir haben nicht gewagt ihm zu widersprechen. Aber wie der Doktor fort war, habe ich's doch aus Trotz und Eigensinn gewagt, und ganz auf den Grund des Koffers habe ich einen Roman gelegt, den mir Herr Arnsteiner geliehen hatte. Das Buch war's, in welchem ich die erste Nacht gelesen habe, als ich zu euch kam – auch aus Trotz und Eigensinn, denn ich habe euch damit zeigen wollen, daß ich Bücher lesen kann, ihr aber nicht! Mit dem Buch in 272 der Hand habe ich mich schützen wollen gegen euch, damit ihr mir nicht zu nahe kommt. Weißt du aber, was damit geschehen ist? Deine Mutter ist gekommen und hat es mir mit Gewalt weggenommen!« »Davon habe ich ja nie gehört!« rief Josef verwundert. »Die Mutter hat mich nicht beschämen wollen!« sagte Rosel. »Sie hätte dir sagen müssen, wie ich mich damals kindisch und trotzig betragen habe. Erst habe ich geweint und gejammert, habe mich so unglücklich gefühlt, daß ich den Tod vorgezogen hätte! Einmal hatte ich schon das Fenster aufgerissen und habe mitten in der Nacht aus eurem Hause entfliehen wollen. Wie ich aber zum Fenster hinausgreife, da schnuppert draußen euer großer Hund herum, daß ich erschrocken zurückfuhr. Merkwürdig! Von diesem Augenblicke an bin ich ruhiger geworden; ich habe nicht mehr geweint, ich habe angefangen zu überlegen. Was soll ich dir viel erzählen? In dieser Nacht bin ich um einige Jahre älter geworden. Bis dahin bin ich nur die Schülerin des Herrn Julius Arnsteiner gewesen, jetzt war ich ihm gleichsam weggelaufen. Deine Mutter hat zu mir gesagt: ›An einem Buch sollt' es liegen, ob ein Mensch gesund wird oder nicht?‹ Und – siehst du, Josef, ich glaube, diese Worte waren es eigentlich, die mich gesund gemacht haben. Wie ich am andern Tage deiner Mutter unter die Augen getreten bin, da war ich eine andere geworden. Von da an hat mein neues Leben begonnen.« »Ja, ein neues Leben für uns alle, für dich, für mich, für Vater und Mutter,« rief Josef freudig. »Mein Prinzessele wird die allerschönste Bäuerin werden.« Rosel drohte ihm schalkhaft mit dem Finger. »Jetzt bist du im siebenten Himmel,« sagte sie, »vorgestern am Sabbat hast du aber Lust gehabt, wieder Kommißbrot zu essen und auf die Weisheit deines klugen Feldwebels zu horchen!« 273 »Ich will dir das erklären, Rosel,« fiel sogleich Josef ein. »Freilich kann ich die Worte nicht so schön setzen, denn ich habe keinen Herrn Arnsteiner zum Lehrer gehabt, so wie du! Sieh an, Rosel! ich habe zweierlei Stolz in mir. Zuerst, daß ich Soldat gewesen bin, und ich habe es bis zum Korporal gebracht, und dann, daß ich der Sohn von jüdischen Bauersleuten bin. Wer mir diese zwei Sachen verspottet oder beschimpft, dem soll Gott beistehen! Gelernt habe ich nicht viel, nur bis zu meinem dreizehnten Jahre; bis dahin ist wöchentlich zwei- oder dreimal ein Lehrer zu mir gekommen, der in dem nächsten Dorfe beim Randar im Dienste war. In meinem siebzehnten Jahre bin ich zum Militär gekommen, habe da meine Zeit bis auf die letzte Minute abgedient, und kaum habe ich den Abschied in der Tasche gehabt, so eilt' ich nach Hause in unser Dorf! Jetzt ist's ein Jahr, daß ich zurückgekommen bin mit zwei fehlenden Fingern!« »Gottlob! Gottlob!« rief Rosel tief aufatmend und zog die Hand Josefs an sich. »Ich bin bald fertig,« fuhr dieser fort. »Von nun an habe ich gearbeitet, als stünde ich bei meinem Vater im Dienst als Knecht, und mehr noch als ein solcher. Das Feld und die Wiese gehört ja auch mir! Da ist mir jeder Grashalm auf dem Felde, jeder Winkel auf unserem Hofe so lieb geworden – ich hätte noch einen Finger daransetzen können, wenn jemand sich unterstanden hätte, daran was anzurühren. Da bist du gekommen, Rosel –« »Das laß aus!« rief das Mädchen. »Es kommt nichts Gutes dabei heraus, wenn du erzählst, wie ich dir als Prinzessin vorgekommen bin. Ich weiß jetzt nur zu gut, was in dir vorgegangen sein muß, als so eine, wie ich, bei euch sich einquartierte.« »Ich will dir's nicht verhehlen! Es war so, wie du es sagst. Mit einem fürchterlichen Hasse habe ich dir entgegengesehen, nachdem ich deinen Brief gelesen – kaum treffe 274 ich dich dort auf dem Steg, war das alles fort, wie weggeblasen. Denk dir nun dich so täglich in all deiner Lieblichkeit und Feinheit vor sich zu sehen, mit dir durch Feld und Wiese zu gehen, neben dir zu sitzen, dir hier und da zu erklären, was das für ein Baum ist, wie der Vogel heißt, der dort fliegt –« »Du warst ein guter Lehrer, Josef,« unterbrach ihn Rosel. »Und sich dabei doch fragen müssen, täglich und stündlich: Wird das eine rechte Bäuerin? Verstellt sie sich nicht? Ist es ihr wirklich Ernst damit? Sieh, Rosel, das war ja mein Leiden von der ersten Minute an, das hätte mich zuletzt noch dazu getrieben, wieder Soldat zu werden. Ich habe nicht gewußt: ist's dir Ernst oder bloßer Spaß mit allem; spottest du uns im stillen nur aus und machst dich lustig über uns oder – bist du wirklich das Prinzessele nicht mehr, als welches du zu uns gekommen bist –« Rosels Augen füllten sich mit Tränen. »Geh, Josef,« sagte sie, und es klang fast wie unterdrückter Zorn hindurch, »so wie ich gegen dich – von der ersten Minute an, warst du doch nicht gegen mich. Wie hätte dir in den Sinn kommen dürfen, daß ich aus Falschheit und Lüge zusammengesetzt bin?« In diesem Augenblicke mochte ein tiefer, vielleicht unheilbarer Riß durch die so unbarmherzig angegriffene Seele Rosels geschehen. Wer kann sagen, wie ein scharfes Wort, zur unrechten Zeit gesprochen, in das Gemüt eine Wunde schneidet, wovon es nie genesen kann? Beide, Rosel und Josef, standen erst jetzt an einem Wendepunkte ihres Lebens; er hatte Worte gesprochen, die im Grunde selbst eine weniger stolze Seele hart berühren mußten; dagegen bedurfte es nur eines geringen Anstoßes, nur eines willfährigen Nachgebens dieser Erregtheit von seiten Rosels – und ein Bund war zerrissen, der unter so eigentümlicher Entwickelung entstanden, zwischen diesen zwei Herzen trat der lebendige Tod ein! 275 In der Tat hatte es auch den Anschein, als ob Rosel dem Gefühle gekränkter Mädchenhaftigkeit, dem, was an das Beste ihres Lebens so mitleidlos griff, nämlich an ihre Wandlung, nachgeben wollte. Sie rang sichtlich nach einem Entschlusse; laut schluchzend hatte sie sich abgewendet, indem sie dabei ihre Hand, die Josef gefaßt hatte, losriß. Das dauerte eine lange, fürchterliche Weile. Tiefatmend stand indes Josef da. Da drehte sich mit einem Male Rosel zu ihm um, und halb lachend, halb weinend rief sie: »Josef, ich bin Rosel und nichts anderes als Rosel . . . Glaub mir aufs Wort! Ich habe in dir ja auch nur den Josef erkannt!« »Rosel! goldene Rosel!« jauchzte er auf, und federleicht hob er das Mädchen zu sich auf, zwischen Himmel und Erde! Der böse Augenblick, um den lichte und schwarze Engel gekämpft, war ohne Verheerung vorübergezogen! Jetzt mahnte Rosel zum Aufbruch, die Mutter wüßte nicht, wohin sie gegangen, und würde wahrscheinlich in Sorgen sein. So gingen sie wieder zu dem Stege, an dem die Rosse, ohne ein Zeichen von Ungeduld, warteten. »Jetzt fährst du mit mir nach Hause!« rief er überlustig. »Unterstehe dich, jetzt mir fortzulaufen, wie du meinem Vater fortgelaufen bist.« »Erst will ich sehen, wie ich sitzen werde,« sagte Rosel im gleichen Tone. Plötzlich rief Josef: »Da hätte ich bald auf etwas vergessen, was ich dir mitgebracht habe.« »Etwas Schönes?« »Einer aus deiner Gemeinde, den ich auf dem Wochenmarkt getroffen, hat mir ein Paket übergeben. Ich soll dir sagen, meinte er, es käme von deinem Lehrer Arnsteiner.« »Was kann der mir schicken?« 276 Josef ging an den Wagen und holte von dort ein in weißes Papier sorgfältig gelegtes und mit unzähligen roten Siegeln versehenes Päckchen. »An das wohl- und hochgeborene Fräulein Rosa Ehrenfeld, d. Z. auf dem Dorfe M . . .,« so lautete die in schönen Lateinbuchstaben geschriebene Aufschrift, die Josef lachend vorlas. »Laß uns doch gleich sehen, was Herr Arnsteiner mir schickt,« rief Rosel und hatte in rascher Bewegung das Päckchen seiner Siegel entledigt. »Bücher!« riefen beide in einem und demselben Augenblicke. »Und da ist ein Brief für dich!« sagte Josef, indem er ein während des heftigen Aufreißens zu Boden gefallenes Papier vom Boden aufhob und es Rosel einhändigte. »Soll ich ihn auf der Stelle lesen?« meinte Rosel. »Ja, tu das!« rief Josef. »Ich will doch hören, was dir ein Herr Arnsteiner schreibt.« Rosel faltete den Brief auseinander und las bei dem klarsten Mondlicht, das selbst die kleinsten Gegenstände ringsum bis zur Deutlichkeit überflutete, folgendes: »Mein hoch- und wertgeschätztes Fräulein Rosa! Ihre sehr verehrte Frau Mutter teilte mir jüngst sub rosa mit (es ist dies eben kein Witz, sondern lateinisch, und will so viel bedeuten als: im geheimen, oder was man im gewöhnlichen Leben so nennt: unter der Hand), daß Sie während Ihres aus Gesundheitsrücksichten auf das Dorf unternommenen Ausflugs Ihre bisher mit so vielem Talente und Begabtheit erlernten Lehrgegenstände zu vernachlässigen, die ausgesprochenste Intention zeigen. Seitdem geht mir diese Mitteilung wie ein finsteres Gespenst auf allen Schritten und Tritten nach; bei Tag und Nacht, in jeder Lektion, die ich erteile, schreckt es mich auf. Wenn ich einer Schülerin eine Feder schneide (ich wiederhole immer und immer: 277 Seitdem man Stahlfedern hat, ist jede schöne Schrift zu Grabe getragen worden, und unser Jahrhundert kann darum füglich ein eisernes genannt werden), muß ich daran denken: ›Wie sieht jetzt Rosa Ehrenfelds Schrift aus?‹ Wenn ich dann einer anderen Schülerin den schwersten Kettensatz (welcher eigentlich nur als eine Ausgeburt der mit Recht als goldene Regel, sonst auch Regeldetri von den Italienern benannten Rechnung betrachtet werden kann) erkläre, so geht es mir wie ein Stich durchs Herz, daß Rosa Ehrenfeld in diesem Augenblicke vielleicht zusieht, wie man einen Sack Erdäpfel aufladet, und nicht weiß, wie man den Ansatz zu einer einfachen Interessen- oder Gesellschaftsrechnung, selbst ohne Brüche macht. Und besonders, wenn ich an die schwierige Partizipialkonstruktion gelange, die von jeher als mein Steckenpferd (ich gestehe dieses offen, weil sie es wirklich verdient) von mir gepflegt wurde, dann erst möchte ich blutige Tränen weinen, daß Rosa Ehrenfeld vielleicht (wie würde ich der Göttin Hoffnung danken, wenn dem nicht so wäre) an ein Butterfaß angeschmiedet ist, während meine dreizehnjährige Schülerin Sidonia Winterfeld die schönsten Partizipialkonstruktionen macht und auflöst. Von der französischen Grammaire darf ich gar nicht reden, da bekomme ich gleich Herzweh, und als ich neulich mit Herrn Koppel Brandeis ältester Tochter den Télémaque begann, der, wie Ihnen › vielleicht ‹ (wenn ich diesen Brief drucken ließe, so würde ich dem Setzer dabei bemerken, er möge dieses Wort durchschießen) noch bekannt sein dürfte, mit den Worten anfängt: › Calypso ne pouvant se consoler du départ d'Ulysse ‹ (zu deutsch, weil ich doch nicht weiß, ob Sie das noch verstehen: Kalypso konnte sich nicht trösten über die Abreise des Ulysses), da rief ich bei mir selber aus: ›Unglücklicher Arnsteiner! auch du kannst dich über die Abreise deiner Rosa Ehrenfeld nicht trösten,‹ und dabei hat Ulysses doch nur der Stimme einer Göttin gefolgt, die ihm seinen ruhmlosen Müßiggang vorhielt, während 278 Sie auf Befehl des Doktors in die Verbannung gingen, als wenn es gar keinen Julius Arnsteiner auf der Welt gäbe! Sie wissen, ich habe den Doktor immer respektiert; aber seitdem er mir das getan hat, habe ich angefangen, von meiner Bewunderung für ihn (weil er doch der einzige von der ganzen Gemeinde ist, mit dem man über etwas anderes reden kann, als über Wolle und Hasenhäute) um einige Perzente zurückzukommen, und ich sehe in ihm allenfalls keinen ungewöhnlichen Menschen mehr. Trotzdem und vielleicht darum, wertgeschätztes Fräulein Rosa, habe ich, Julius Arnsteiner, mich unterstanden, gegen die kategorischen Befehle des Herrn Doktors, die ich wohl in medizinischer, aber nicht in pädagogischer Hinsicht als maßgebend und diktatorisch anzusehen gewillt bin, offen und ohne Furcht zu handeln, und habe mir erlaubt, Ihnen beiliegend zwei der wichtigsten Bücher zu schicken. Zuerst: Die deutsche Sprachlehre, wo ich in das Kapitel von der ›Partizipialkonstruktion‹ ein Ohr hineingedrückt habe, und zweitens den Télémaque . Das Kapitel im ersteren Buche ist die beste Abwehr gegen alle Anfechtungen des Dorflebens (denn ich möchte sagen, der Unterschied zwischen einem gebildeten und ungebildeten Menschen bestehe eben darin, daß jener in Partizipialkonstruktionen, dieser aber in einfachen, sogenannten ›nackten‹ Sätzen spricht), und das zweite Buch gewährt neben der unterhaltenden Lektüre eine vortreffliche Übung für die verbes réguliers und irréguliers . Wertgeschätztes Fräulein Rosa! Schiller sagt einmal in seiner Ballade: Der Taucher: —   ›Unter Larven die einzig fühlende Brust‹   — Brauche ich mich näher zu erklären? Habe ich nötig zu sagen, auf welchen Umstand sich diese göttlichen Verse beziehen? Nein! Nein! Wenn Sie mir einen Gefallen tun wollen, so lesen und wiederholen Sie öfters in diesen beiliegenden Büchern! Dann werden diese Verse mitten unter den Menschen, zu denen Sie der Befehl des Doktors 279 verbannt hat, an Ihnen zur Wahrheit werden . . . wo nicht, so sagt Julius Arnsteiner – verdienen Sie eine Bäuerin zu werden. Ihr seiner Schülerin beraubter und darum bemitleidenswerter ehemaliger Lehrer Julius Arnsteiner.         Nachschrift. Ich sehe zwar stets bei meinen Schülerinnen darauf, daß sie von diesem dem weiblichen Geschlecht namentlich so eigentümlichen Anhängsel eines Briefes so wenig als möglich Gebrauch machen; diesmal muß ich aber selbst meine Zuflucht dazu nehmen. Ich wollte Ihnen nämlich noch ein drittes Buch schicken, das man, wenn man schon auf dem Dorfe leben muß, erst recht begreifen und würdigen lernt, nämlich Geßners unsterbliche Idyllen. Aber zu meinem tiefsten Bedauern hat neulich das kleine Kind meiner Hausvermieterin, als sie gerade am Freitag ›Barches‹ (Sabbatbrot), buk (nicht backte), einigen Papiers zum Unterzünden bedurft, und riß in seiner Unkenntnis des kostbaren Schatzes etliche zwanzig Blätter heraus. Der Obige.« Als Rosel diese langatmige Klageschrift ihres ehemaligen Lehrers zu Ende gelesen hatte, entstand eine minutenlange Pause zwischen ihr und Josef. Sie sahen sich gegenseitig an, denn der Eindruck, den das Schreiben auf jeden einzeln hervorgebracht, war ein verschiedener. Da mit einem Male brach Rosel in ein unbändiges Gelächter aus und tanzte auf dem Mühlsteg zur großen Verwunderung Josefs hin und her, den Brief dabei in die Höhe haltend. »Was treibst du, Rosel?« fragte er ernst. »Macht dich der Brief so lustig? Es kommt mir doch vor, soviel ich davon verstanden habe, sagt er dir einige tüchtige Wahrheiten – und dann? Willst du ihm denn nicht den Gefallen tun und aus seinen Büchern lesen?« Da hielt Rosel in ihrem Lachen plötzlich inne. 280 »Josef!« rief sie in einem Tone, der wie Vorwurf klang. »Drin in dem Briefe,« sagte dieser nach einer Weile finster vor sich hinblickend, »da steht es geschrieben, daß man nichts ist, gar nichts, wenn man nicht Kettensatz und Sprachlehre kann, oder ein französisches Buch versteht –« »Nun?« fragte Rosel tiefatmend, da Josef innehielt. »Wie leicht kannst du es doch bereuen,« sagte er, »daß du dem Rate des Herrn Arnsteiner nicht gefolgt hast – wird sich's dann in dir nicht rühren und regen, daß du bei uns geblieben bist, bei »ungebildeten« Menschen, wie dein Lehrer sagt, während du –« »Bücher und Bücher hättest lesen können, nicht wahr, das willst du sagen?« rief Rosel laut lachend und legte ihm die Hand auf den Mund. »Da sieh her, was mir an den Büchern liegt,« rief sie, indem sie an das Geländer des Mühlsteges sprang. Lautschallend fiel ein Gegenstand in das unter ihm dahinströmende Wasser. »Das ist die Partizipialkonstruktion!« rief sie, und noch einmal holte sie zum Wurfe aus. »Und das die Kalypso mit ihrem Herrn Ulysses, ich brauche sie beide nicht.« Auch das zweite Buch fand seinen Weg ins Wassergrab. Vom Mondlicht beleuchtet, trieben die Bücher des Herrn Arnsteiner noch eine Zeitlang auf der Oberfläche der Fluten hin, bis sie den Blicken entschwanden. »Rosel, was treibst du?« schrie Josef, indem er sie kräftig an der Hand faßte. »Sei ruhig, Josef,« sagte sie milde lächelnd. »Es liegt an den Büchern nichts. Ich habe mir dafür etwas Besseres eingetauscht.« »Du bist ein merkwürdiges Mädchen,« sagte Josef, mit der Hand über die Augen fahrend. »Du sollst es aber nie bereuen.« 281 Josef hatte den Sinn ihres Tuns wohl verstanden. »Und jetzt komm, es ist spät!« mahnte Rosel. Josef geleitete sein Mädchen zum Wagen, oder er trug sie vielmehr. Mit einem kräftigen Schwunge hob er sie hinauf, dann schwang er sich selbst hinan und ergriff die Zügel. »Sitzest du gut, Rosel?« fragte er, ehe er abfuhr. »Ich sitz' wie eine wirkliche Prinzessin –« »Willst du wissen, worauf du sitzest? Einen einzigen Sack Korn habe ich auf dem Wochenmarkt nicht verkauft – auf dem sitzest du.« So fuhren sie nach Hause. Welch eine Heimfahrt! Stille und atemlose Ruhe, wohin sie blickten und horchten, Feld und Wald und Dorf im fahlen Dämmerlichte, das allen Gegenständen ringsum ein wahrhaft zauberisches Aussehen verlieh, und durch alle diese Herrlichkeit der Natur das junge Paar hinfahrend, in Gesprächen über den Augenblick, der ihnen jetzt bevorstand, wo sie den Eltern ihr gefundenes Glück verkündigen sollten! Das Hoftor lehnte schon weit offen, als Josef vor dem Bauernhof anfuhr. Die Zügel dem Knechte zuwerfend, der seiner im Hofe harrte, und Rosel vom Wagen herunterzuheben und dennoch sanft niederzulassen, war das Werk eines Augenblickes. Arm in Arm gingen sie zur Stube, in der sie die Eltern zu finden hofften. Josef riß die Tür weit auf und schrie sogleich beim Eintritt: »Vater und Mutter! Da bring' ich euch die Tochter, auf die ihr euch so lang' gefreut habt. Rosel und ich sind miteinander einig geworden.« Rebb Feiwel und Gitel saßen beim Scheine einer einzigen Kerze am Tische. »Rosel! Rosel!« rief die Bäuerin und wollte von ihrem Sitze aufspringen; aber sie vermochte es nicht, kraftlos sank sie wieder zurück. Da stürzte Rosel auf sie zu und fiel ihr laut weinend um den Hals. 282 »Mutter, Mutter!« rief sie, »bist du's zufrieden, daß ich deine Tochter werde?« »Gitel! was habe ich gesagt?« rief nun seinerseits der alte Feiwel. »Habe ich nicht gesagt, sie sind jetzt beisammen und werden miteinander eines Herzens? S'Gotts Willkumm, mein Prinzessel! Gott soll dir's zahlen, was du an uns tust und daß du in unserem Hause bleibst.« Seine Stimme brach fast in tiefer Bewegung. Aus Gitels Umarmung richtete sich jetzt Rosel auf und reichte dem alten Bauer ihre Hand, die er herzhaft ergriff. Zwischen Tränen lächelnd sagte sie: »Deiner Babe Märchen hat doch recht gehabt. Aus der Prinzessin ist eine Bäuerin geworden.« »Wie ein Prinzessel sollst du aber auch gehalten werden,« sagte Feiwel. Endlich ermannte sich auch Gitel. »Kinder, meine Kinder!« rief sie, »ich frage gar nicht, wie das so gekommen ist – und wenn ich auch nicht absehe, wie euer Zusammenfinden zu einem glücklichen Ende führen soll – ich frage nicht weiter darum und beschwere mir nicht mein Herz in dieser gesegneten Stunde! Ich überlass' das Gott, der mag tun, wie ihm wohl gedünkt. Einstweilen aber will ich euch meinen Segen geben. Komm her, Josef, und stell dich da neben meine Tochter Rosel. Ich will euch benschen.« Stille ward es in der Stube; der Segen einer alten guten Frau und Mutter stieg lautlos zum Himmel auf. * * * Fast sollte man sagen, es verstehe sich von selbst, daß, sobald Rosels Liebesgeschichte aus dem eng umfriedeten Kreise des Bauernhofes in die Öffentlichkeit trat, Hindernisse auf Hindernisse sich türmten. 283 Kann man der Welt die zarten, geheimnisvoll gesponnenen Fäden zeigen, aus denen solch ein Gewebe besteht? Sie greift daran mit plumper Hand, und ob es reiße oder nicht – sie fragt wenig darum. Nur langsam löste sich das Entsetzen, in das Hannele Ehrenfeld von dem Briefe, der die offene Mitteilung des Geschehnisses enthielt, versetzt worden war. Sie selbst war aufs Dorf hinausgekommen, und Rosel hatte ihr in die alte Heimat folgen müssen. Wie eine Löwin, der man ihr Junges geraubt, hatte sie das Mädchen aus dem Schoße des Bauernhauses gerissen. Von der ehemaligen Freundschaft war nicht mehr die Rede; nur die beleidigte Mutter, die gekränkte reiche Frau ließ sich hören. Nie waren so viele Tränen, niemals so böse Worte auf dem Bauernhofe gefallen als damals. Nicht Spott, nicht Hohn, nicht das bald schmeichelnde, bald gewaltsame Zureden der Mutter vermochte Rosel abtrünnig zu machen von dem, dem sie sich aus freier Wahl und selbständiger Anschauung zugesellt hatte. Aber als sechs Monate vorüber waren, war das Aussehen Rosels ebenso, als es vor ihrer Abreise aufs Dorf gewesen. Diesmal konnte Hannele beinahe mit mehr Recht sagen als früher: das, was ihrer Tochter fehle, sei ein »zu groß« Herz . . . . Es bedurfte des ganzen Ansehens, dessen der Doktor Prager vermöge seiner Stellung in der Gemeinde genoß, um Hannele im entscheidenden Augenblicke, indem er ihre Hartnäckigkeit für die Folgen verantwortlich machte, endlich umzustimmen. »So mag sie denn eine Bäuerin werden!« rief sie, »wenn sie Lust dazu hat!« Ein ganzes Jahr lang kam Hannele Ehrenfeld nicht zu der einzigen und doch so geliebten Tochter aufs Dorf; sie schrieb ihr auch nicht und ließ sich nicht schreiben. Zu hoch gingen noch die Wogen ihrer aufgeregten Stimmung. Wenn man fragte, wie es ihrer Tochter gehe, konnte sie bitterböse werden, oder sie antwortete: 284 »Jetzt wird sie gerade Erdäpfel aufsetzen,« oder: »Wollen Sie vielleicht von ihr ein paar Pfund Butter kaufen? Soll ich Ihnen den Einkauf versorgen?« Aber als das erste Töchterchen auf dem Bauernhofe geboren ward, konnte sie sich schon aus Rücksicht für die »Welt«, die jetzt nach vollendeter Tatsache für Rosel entschieden Partei ergriff – und ihrer lange zurückgedrängten Sehnsucht nicht mehr entziehen. Sie kam. In der Fülle des Wohlseins, der Liebe und des Glückes, von denen sie ihre Tochter umgeben fand, ging ihr das Herz vor Wonne auf; sie gewann die Anschauung, daß Rosel einem Zuge gefolgt war, der sie mitten in eine von Gott und Menschen gesegnete Häuslichkeit versetzt hatte. Erst jetzt erfolgte aus tiefster Überzeugung ihre volle Einwilligung. Das Töchterchen aber, die erste Blüte am Baume der neu sich verjüngenden Familie, nennt der alte Bauer in seiner Liebe und Erinnerung an Rosels Eintritt in sein Haus nicht anders als: »Mein kleines Prinzessele«. Julius Arnsteiners Beschau. »Schöne goldene Zeiten, wo seid ihr hingeschwunden! In welche öde, jedem menschlichen Fuße unzugängliche Wüstenei habt ihr euch geflüchtet? Läßt sich denn gar keine, auch nicht die leiseste Spur von euch auffinden, daß man ihr folgen und in das verborgene Paradies eintreten könnte? Ihr Zeiten nämlich, als der gebildete Mensch noch etwas galt und mit Fürsten und Königen und Grafen, wie der große Schiller sagt, auf des Lebens Höhen stand und sich nicht zu fürchten brauchte, daß ihn ein Lazar Winterfeld von dort oben schmählich herunterjagte. O, Sidonia! Wenn ich daran denke, wie anders sich König Philipp von Spanien in »Don 285 Karlos« gegen den Marquis Posa benimmt, so übermannt mich mein nur allzu gerechter Schmerz, und die heutige Welt flößt mir einen unüberwindlichen Ekel ein. Denn warum läßt sich König Philipp, dieser mit aller Macht ausgestattete Herrscher, von jenem Marquis Posa solche Reden ins Gesicht schleudern? Hätte er nicht auf der Stelle einen von seiner Leibwache rufen können, um den Rebellen niederzuschießen? Nein, er hat's nicht getan! Und warum nicht, frage ich? Weil er in ihm den Mann von »Bildung« geachtet hat. O Sidonia! Was nützt mir all mein Wissen? Was habe ich davon, daß mir in der »Analyse« der so schwierigen »Partizipialkonstruktion« kein zweiter gleichkommt, und daß ich mit vielleicht hundert Schülern und Schülerinnen den unsterblichen Telemaque von dem berühmten Fenelon durchgelernt habe, wenn man das nicht in mir achtet, was an mir das Beste ist, nämlich meine Bildung? Laß mich heute zu deinem Vater Lazar Winterfeld kommen und zu ihm reden, wie Marquis Posa zum König Philipp geredet hat: Lazar Winterfeld, geben Sie mir Ihre Tochter! (Im Urtexte heißt es aber bekanntlich: Gedankenfreiheit.) Was möchte mein König Philipp, dein Vater, zu mir sagen? »O Sidonia?« Lustige Strahlen warf die Sonne um diesen Augenblick, in welchem ein Menschenkind solche trübselige Dinge in ein Tagebuch schrieb, gleich zum Hohne, in die Lehr- und Wohnstube des uns wohlbekannten Herrn Julius Arnsteiner. Er aber merkte nichts von ihnen und schrieb fort; in rasender Eile flog ein Gänsekiel (Herr Arnsteiner bediente sich nie der schriftverderbenden Stahlfeder) über das ungeduldige Papier, und hätte so fortgerast, wenn nicht gerade bei dem letzten Ausruf »o Sidonia« eine Stimme aus der Ecke der Stube erschollen wäre: »Herr Arnsteiner, ich glaube, jetzt werden Sie mit meinem ›P‹ vollkommen zufrieden sein.« 286 Der Lehrer schaute auf; wirr flogen seine Blicke von einem Ende der Stube zum anderen, bis sie endlich auf einem an dem Tische zusammengebückt sitzenden, etwa siebzehnjährigen Mädchen haften blieben, dessen Geschäft darin bestand, auf einen großen Bogen Papier nichts als »P« . . . wahrhaftig – nichts anderes als »P« hinzumalen. Es war ein fürchterlich starrer Blick, in welchem dieses Erwachen aus einer grausam zertrümmerten Traumwelt sich sammelte, aber noch grauenhafter klang der Ton, den der Lehrer in die Worte legte, als er mit einem Male sagte: »Sali, du hast einen Mord begangen, einen unverzeihlichen Mord!« »Ich?« stammelte das unglückliche Mädchen, und die Feder, die gerade mit dem Schwunge eines prächtigen »P« beschäftigt war, erlahmte und malte eine schreckliche Fratze hin, vor der Julius Arnsteiner, wenn er nicht zum Glücke von ihr abgewandt gewesen, graue Haare bekommen hätte. Der Lehrer weidete sich mit seinem starren, gefühllosen Auge an dem Schrecken seiner Schülerin, nicht ein Muskel bewegte sich in seinem Gesichte gegenüber dem Opfer seiner Anklage; es war, als säße er über Leben und Tod, und der nächste Moment könnte eines von beiden über seine Lippen bringen. »Ja, einen Mord,« wiederholte er langsam, »ich kann es nicht anders nennen.« »Ich, Herr Arnsteiner?« rief das Mädchen weinerlich und sah ihn mit einem flehentlichen Blicke an. Der Lehrer mochte jetzt ein menschliches Rühren empfinden, seine Züge wurden weicher, gewissermaßen flüssiger. »Wenn ich von einem Morde spreche,« sagte er, und jedes Wort war gewiegt und gewogen, »so meine ich darunter keinen leiblichen, sondern einen Gedankenmord, den du dadurch an mir begingest, daß du mich gerade in einem Momente, als ich eine meiner schönsten Ideen dem Papier anvertrauen 287 wollte, mit deiner Frage wegen eines einfachen Buchstabens störtest. Was ist aber das schönste P, und wäre es selbst von einem Kalligraphen geschrieben, gegen einen gemordeten schönen Gedanken?« »Ich soll so etwas getan haben, Herr Arnsteiner?« klagte das Mädchen und richtete tränenfeuchte Augen – und es waren braune, treuherzige Augen – auf den grausamen Lehrer. »Nicht einmal im Traume möchte es mir einfallen, Ihnen wehe zu tun!« »Beruhige dich, mein Kind,« sagte der Lehrer, schon etwas mehr gerührt, »du bist nicht die erste und auch nicht die letzte, die ein derartiges Verbrechen an mir begangen hat. Ein Mensch von Bildung wird tagtäglich gefoltert, in spanische Stiefel geschnürt (erinnere mich einmal daran, daß ich dir erkläre, was dieser Ausdruck bedeutet) und gemordet. Denn wer vermag die Qualen zu beschreiben, die ein gebildeter Mensch aussteht, wenn ihm ein Fehler in der deutschen Sprachlehre in die Ohren klingt und wenn er, um nur eines von tausend Beispielen zu erwähnen, aus dem Munde von Damen, die, wenn sie dem Lehrer Julius Arnsteiner begegnen, fast zu stolz sind, auf seinen Gruß zu antworten, hören muß: »Wir haben sich gestern gut unterhalten.« Oder wenn er die Orthographie von Leuten zu Gesicht bekommt, die an ihren Geldbeutel schlagen, daß er klingt, und nicht einmal imstande sind, ihren Namen recht zu unterschreiben! Das aber ist alles nichts gegen die eine Qual, und diese wiegt alle andern auf; die Hauptqual besteht darin, daß der gebildete Mensch nicht verstanden wird, daß, wo er auftritt, ein Wettrennen mit Hindernissen seiner wartet (auch diesen dir gewiß unerklärlichen Ausdruck will ich dir bei gelegener Zeit auseinandersetzen, er stammt aus England her, und ich habe mir ihn neulich aus einer Zeitung aufnotiert) und überall der Gelddünkel und die schnödeste Verachtung alles Höheren ihm entgegentritt. Soll man da nicht an der Menschheit 288 verzweifeln, soll man sich da nicht in die Zeiten zurücksehnen, als noch der gebildete Mensch, wie ich nach Schillers Ausdruck sehr bezeichnend niedergeschrieben habe, mit Königen, Fürsten und Grafen Umgang hatte?« »Kränken Sie sich nur nicht so stark,« tröstete Sali mit vor Mitleid bebender Stimme. »Wozu haben Sie auch so viel gelernt, Herr Arnsteiner, wenn es Ihnen so übel tut? Meine Mutter sagt immer: Mit Schweigen kommt man durch die ganze Welt.« Auf Julius Arnsteiners Stirn schwoll eine Ader an, die nur in seltenen Gelegenheiten, etwa bei einer durchaus fehlerhaften »Regierung« eines deutschen Vorwortes, diese Ausdehnung anzunehmen pflegte. »Was soll das heißen?« rief er zornig. »Wenn ich also deine Mutter, die Federschleißerin, gut verstehe, so ist Schweigen bei ihr so viel als nichts wissen?« »Ich weiß nicht,« sagte das Mädchen mit demütig gesenkten Augen. »Die Mutter braucht den Spruch, wie er ihr in den Mund kommt.« Der Lehrer schien von dieser Antwort nur wenig beschwichtigt. Mit der Überlegenheit eines wahrhaft gebildeten Menschen rief er nach einer Weile, die ihm gestattete, sich wieder in die Falten seiner etwas aufgestörten Würde zu werfen: »Pah! was liegt mir daran, was eine Federschleißerin sagt? Der Spruch ist gewiß nicht auf dem Baume der Bildung gewachsen! Den hat wahrscheinlich ein Ignorant (was so viel ist als ein Unwissender) in seinem Kopfe ausgeheckt. Wenn man mit Schweigen durch die ganze Welt kommt, was hat man dann nötig zu lernen? Was brauche ich mich dann mit den Regeln der deutschen Sprachlehre zu plagen, wenn Schweigen besser ist als Reden? Warum sich nicht lieber gleich ein siebenfach unaufsperrbares Schloß an den Mund schmieden lassen, wenn die Vorteile der Unbildung, 289 der Unwissenheit und Ignoranz so auffallend am Tag liegen? Geh lieber gleich in ein Kloster, Ophelia, sagt Hamlet, Prinz von Dänemark, und dasselbe könntest du deiner Mutter, der Federschleißerin, zurücksagen. Wenn Schweigen besser ist als Reden, so braucht sie dich nicht zu mir zu schicken. Was hast du nötig zu lernen, wie man einen ordentlichen Brief zustande bringt? Oder daß du eine Multiplikation zu machen verstehst? Schweig lieber, schreib nichts, rechne nicht, du kommst so nach der Weisheit deiner Mutter am besten durch die Welt.« »Um Gottes willen, Herr Arnsteiner,« unterbrach das Mädchen mit tränenerstickter Stimme den hochgehenden Gedankenstrom des erzürnten Lehrers, »was hat Ihnen meine Mutter getan, daß Sie ihr diese Kränkung antun wollen? Sie gibt Ihnen ja täglich tausend Segenssprüche, daß Sie sich meiner angenommen, mich schreiben, lesen und rechnen lehren, daß ich mich nicht zu schämen brauche vor Gott und den Menschen. Und jetzt auf einmal wollen Sie mich ihr wieder nach Hause schicken? Sie wird krank werden vor lauter Herzleid.« Julius Arnsteiner hatte eine merkwürdige Schwäche; er konnte niemanden weinen sehen. Tränen nahmen ihm seine ganze Kraft; seinen Schülern, namentlich aber seinen Schülerinnen, war das wohlbekannt. Mitten im größten Ärger über einen »Diktandofehler« konnte ihn die mit einer kleinen Tränenbeigabe ausgesprochene Entschuldigung: »Was kann ich dafür?« vollständig entwaffnen. Julius Arnsteiner gehörte nicht zu den Anhängern jener Methode, die es bekanntlich nicht verschmäht, die letzten Konsequenzen ihres Systems zuweilen mit einem flachen Lineal oder einem stets bereitliegenden Stäbchen, ja selbst mit der bloßen Hand in eine etwas unsanfte Berührung zu bringen. Das hätte er als eine Entweihung seines Standes, als eine Erniedrigung des gebildeten Menschen in ihm betrachtet. Lieber redete er 290 zu halben Stunden lang, bis er seinen eigenen Ärger zu Tode gesprochen und dem Schüler oder der Schülerin das große Verbrechen eines Diktandofehlers bis in die tiefinnersten Winkel des Gewissens gerückt zu haben glaubte. Dann ward er ruhig, und alles war vergessen. Auch diesmal hatten die Tränen einer Schülerin die ähnliche Wirkung. Julius Arnsteiner fuhr mit der Hand einige Male über das Gesicht, als wollte er von dort etwas wegwischen, was ihn beirrte. »Deine Mutter,« sagte er nach einer Pause, »gibt also wirklich etwas darauf, daß ich mit dir lerne? Sie hat also wirklich Sinn für Bildung?« »Es vergeht ja,« rief das Mädchen lebhaft, »keine Stunde im Tage, wo sie nicht von Ihnen spricht. ›Auf meinen Herrn Julius Arnsteiner,‹ hat sie noch gestern am Abend gesagt, ›da lasse ich nicht kommen, was auf ein Quentel geht. Das ist der beste Mensch, der auf der Welt lebt, man kennt sich nur nicht so in ihm aus, weil er ein so gewaltig gelehrter Mensch ist.‹ Die Mutter hat auch den Winter über etwas getan, was ich jetzt wohl verraten darf. Sie hat die schönsten und feinsten Federn, die sie nur hat zusammenklauben können, geschlissen, es ist auch nicht eine schlechte darunter, lauter Flaumenfedern. ›Da drauf,‹ hat sie gesagt, ›soll kein andrer schlafen, als mein Herr Arnsteiner, es ist keiner in der ganzen Gemeinde wert, auf solchen Federn zu liegen; die heb' ich ihm auf, bis er einmal heiratet.‹« »Eher gibt sie die Federn nicht her? Deine Mutter will also sicher gehen?« rief der Lehrer beinahe lustig. »Nun, wer kann wissen, was in den Sternen geschrieben steht?« Es war ein merkwürdiger Blick, der bei diesen Worten aus den Augen des Mädchens nach dem Lehrer hinglitt. Aber so wenig man den Blitz aushalten kann, so wenig hätte, selbst wenn er aufmerksamer gewesen wäre, Herr Arnsteiner die Bedeutung dieses Blickes ergründen können. Ja, wie 291 der Blitz in dem einen Augenblicke mit grellem Lichte alle Gegenstände erhellt, während im nächstfolgenden die alte Finsternis wieder in ihr Recht tritt, so war es auch mit diesem Mädchen. Jetzt – es dauert aber nicht länger als eben jener Blick – ein fragendes, nach Lösung ringendes Geheimnis in den feinen Zügen des Antlitzes, und jetzt wieder die am Tische gebückt sitzende, mit dem Schwunge großmächtiger »P's« sich abquälende, wehmütig sich entschuldigende Tochter der Federschleißerin. »Bah! was habe ich aber davon?« fügte der Lehrer sogleich mit einer verdrießlichen Achselzuckung hinzu, während er unmittelbar darauf wieder lächelte. »Deine Mutter scheint also, wie das Volk in seiner unerklärlichen Redeweise zu sprechen pflegt, Stücke auf mich zu halten? (Schade, daß ich Adelungs großes Wörterbuch nicht zur Hand habe, es kostet zu viel.) Nun, ich bin ihr recht dankbar dafür und werde das in Bettfedern bestehende Honorar für deinen Unterricht mit geziemender Erkenntlichkeit annehmen, wiewohl ich gestehe, daß mir für meinen Teil die vier Bände Adelung lieber wären. Du kannst das deiner Mutter zurücksagen, nämlich ersteres; das von Adelung mußt du aber für dich behalten . . . Was brauche ich einen Menschen noch unnötigerweise zu kränken?« »Ich danke Ihnen, Herr Arnsteiner, ich danke Ihnen!« rief die Schülerin mit hoher Freude, »das wird der Mutter lieber sein, wie . . .« »Nun, du stockst, Sali, du findest nicht sogleich das passende Gleichnis?« unterbrach sie der Lehrer. »Weißt du, daß es gar nicht so leicht ist, hier ein entsprechendes Gleichnis anzufügen? Lazar Winterfeld oder einer seinesgleichen möchte sagen: Wie ein Topf geschmalzener Nudeln, oder wie eine Schüssel frischgebackener Kräpfchen; denn Leute dieses Schlages nehmen zur Bezeichnung dessen, was sie gern besonders kräftig ausdrücken möchten, meistens zu materiellen Dingen ihre 292 Zuflucht; ihr Gedanke reicht nicht weiter als ihr Mund. Ich an deiner Stelle würde sagen, um den höchsten Grad von Freude auszudrücken: Das ist mir lieber als der große Adelung.« »Meinetwegen, Herr Arnsteiner,« rief das Mädchen mit leuchtenden Augen, »meinetwegen wie der große Edeling!« »Adelung, mein Kind, Adelung,« korrigierte der Lehrer, »es ist das gerade so, als wolltest du meinen Namen Arnsteiner wie Ornsteiner aussprechen.« »O, den Namen verwechselt man nicht so leicht,« meinte Sali außerordentlich fein. Dem Lehrer mundete dieses Kompliment gar nicht übel; als gebildeter Mensch war er Schmeicheleien nicht unzugänglich, oder vielmehr er verstand sich recht gut auf ihr süßes Gift. Vielleicht aus Erkenntlichkeit glaubte er Gleiches mit Gleichem vergelten zu müssen, und meinte: »Weißt du, Sali, daß sich deine Sprache seit einiger Zeit merklich zu ihrem Vorteile verbessert hat? Den letzten Satz z. B. hast du so korrekt und richtig betont ausgesprochen, wie es nur Sidonia Winterfeld imstande ist.« Sali erglühte wie eine Purpurrose; aber der Lehrer bemerkte das nicht. »Und weißt du noch was?« fuhr er fort. »Wenn ich den Spruch deiner Mutter eigentlich vom Standpunkte der philosophischen Betrachtung erwäge, so sieht er gar nicht so verletzend und das Gefühl des gebildeten Menschen beleidigend aus, wie er mir anfangs vorkam. Mit Schweigen kommt man durch die halbe Welt, sagt deine Mutter. Nun freilich! Schweigen ist das Los des Schönen. Was kann der gebildete Mensch Besseres tun als schweigen mitten unter ungebildeten Menschen? Redet er, so verstehen sie ihn nicht, wendet er einen etwas ungewöhnlichen Ausdruck an, so lachen sie einen hämisch aus. ›Der Rest ist Schweigen‹, muß irgendwo ein großer Dichter sagen; denn ich habe diese Worte neulich mit 293 Gänsefüßchen angeführt gelesen, was ich dir übrigens in der Lehre von den ›Interpunktionen‹ auseinandersetzen werde; sonst meinst du vielleicht, du müßtest zwei Füße von den Gänsen deiner Mutter nehmen und sie aufs Papier stellen. Dem ist nun nicht so. Nur der gebildete Mensch kennt den wahren und richtigen Gebrauch der Gänsefüßchen, weil nur er zu ermessen weiß, wieviel von der akuraten Stellung derselben abhängt. Leider kann man sie nur im Schreiben und nicht im Sprechen anwenden. Wieviel Mißverständnis, Neid, üble Nachrede könnte verhütet werden, wenn man imstande wäre, auch im Sprechen diesen Gänsefüßchen ihren Platz anzuweisen! Was mich betrifft, so begehe ich niemals die Unterlassungssünde, einem solchen Gänsefüßchen aus dem Wege zu gehen; denn wie leicht könnte man, wenn ich z. B. eine Stelle aus Schiller, Shakespeare, Geßner oder Fenelon anführe und vergäße die zwei kleinwinzigen Zeichen, glauben, die Stelle rühre von mir her! Ja, Sali, deine Mutter hat recht! Mit Schweigen kommt man durch die ganze Welt; schreiben ist aber auch schweigen; und so schreibe ich denn nieder, was alles mich drückt und betrübt. Ich werde dir das auch vorlesen, was ich jetzt gerade niedergeschrieben; ich habe eine leise Ahnung, daß du dazu ein gewisses Verständnis mitbringst, worauf es doch eigentlich ankommt. Wenn du aufmerksam zuhörst, kannst du viel davon profitieren; es kann einmal auf deinen Stil, wenn wir nämlich zu der praktischen Anwendung der syntaktischen Regeln kommen werden, nur vorteilhaft wirken. Laß mich übrigens erst sehen, wie deine P's ausgefallen sind.« Sali reichte ihm den beschriebenen Bogen nur zögernd hin. »Soll ich leben!« rief der Lehrer ganz gegen seine Gewohnheit in dieser nur der »Gasse« mundläufigen Beteuerung; »dies P hat merkwürdige Fortschritte gemacht. Sidonia Winterfeld kann auch kein schöneres hervorbringen. Morgen schreiten wir an das schwierige S.« 294 Und während Julius Arnsteiner es nicht ahnte, was bei diesem feierlichen Versprechen in der Seele seiner jungen Schülerin vorging, ob Freude über das reichlich gespendete Lob, ob eine gewisse Trauer, daß mit dem Betreten des schwierigen S die Schreiblektionen ihrem Ende entgegeneilten, griff er hastig nach seinem Manuskript und gab dem Mädchen den beschriebenen Bogen zurück. Er begann zu lesen. Nie hatte es ein gläubigeres und aufmerksameres Publikum gegeben, als dasjenige, das in der Person der siebenzehnjährigen Schülerin mit klaren und treuherzigen Augen, mit lauschender Seele auf dem ehrfurchtsvoll, gleichsam von so großem Zutrauen erschrockenen Antlitz derselben den Deklamationen des Lehrers horchte. Arnsteiner war über die ersten Sätze seiner trübseligen Betrachtungen gelangt bis zu jener Stelle, die wir um ihrer Wichtigkeit willen noch einmal hinstellen wollen: »Und sich nicht zu fürchten brauchte, daß ihn ein Lazar Winterfeld von dort oben herunterjagte. O Sidonia!« »Herr Arnsteiner, Herr Arnsteiner!« rief plötzlich mit merkwürdiger Lebhaftigkeit die kleine Schülerin, »da vorn an dem Rocke, der an der Tür hängt, ist ein Knopf herunter, den muß ich schnell annähen.« Julius Arnsteiner schrak zusammen, als hätte ihn jemand auf einem ungeheuren Sprachfehler ertappt. Auf einen solchen Schlag war er wahrlich nicht gefaßt! Aber mit der Resignation eines gebildeten Menschen, der nach seinem eigenen Ausdrucke so oft das Vergnügen hat, in spanische Stiefel geschnürt zu werden, sammelte er sich sogleich, und die ihm gewöhnliche Duldermiene trat siegreich auf seinem Antlitze hervor. Konnte er sich denn selbst ein »Dementi« (es ist das ein sehr feiner und hochgebildeter Ausdruck, den nicht jeder in der Gasse anzuwenden wußte) geben? Mußte er nicht stets mitten in seiner Qual schweigen? Gelassen legte er das Manuskript aus den Händen und sagte 295 schwach: »Nähe ihn also an, diesen hängenden Knopf, es wird ihm recht wohl tun, wenn du dich seiner annimmst.« Für Sali aber war Befehl und dessen Ausführung das Werk eines Augenblickes. Ehe sich der Lehrer es versah, hatte sie aus der Tasche ihrer Schürze ein Nadelbüchschen und einen um Papier gewickelten Zwirnknäuel geholt. Mit einer Schnelligkeit ohnegleichen hatte sie mit den Zähnen den unnötigen Rest abgebissen, daß es ordentlich in der Stube wie ein schriller Schrei tönte. In halb kniender, halb aufrechter Stellung trat sie dann an den Rock hinan und begann mit geübter Hand die Befestigung des seinen Banden entsprungenen Flüchtlings. Julius Arnsteiner war in einer Art traumhaften Scheinlebens allen Bewegungen des Mädchens gefolgt; er selbst mußte sich verzaubert dünken, ein so greller Gegensatz lag zwischen dem, was er soeben aus der ganzen Fülle seiner Seele gelesen – und diesem anzunähenden Knopfe! Erst das regelmäßige Auf- und Niederfahren der Nadel, fast an seinen Augen vorüber, gab ihn wieder der Wirklichkeit zurück. Wer war diejenige, die, während er die klaffende Wunde seines Innern so vertrauensvoll offenbarte, Zeit und Stimmung hatte, an den fehlenden Knopf an einem elenden Rocke zu denken? Die Tochter einer Federschleißerin! Und das sollte ihn wundernehmen? »O Sidonia Winterfeld,« mußte er unwillkürlich dieser Entdeckung Sprache verleihen, »du hättest mir keinen Knopf angenäht! du nicht!« »Ai!« schrie Sali auf und schüttelte den Zeigefinger, wie von einem furchtbaren Schmerze betroffen, »Herr Arnsteiner, ich habe mich gestochen bis ins Fleisch hinein!« »Leg kaltes Wasser darauf,« sagte Arnsteiner gelassen, indem er sich erhob. In diesem Augenblicke war auch nicht eine Spur von Mitleid in seinem sonst nicht verhärteten Herzen! Der Knopf aber saß fest. 296 Ja kaltes Wasser! Wie trefflich mundet ein Trunk, wenn man in brennender Sonnenglut sich müde gegangen, aber wie gering ist seine Wirkung, wenn man es an den Schmerz dunkel aufgeregter Empfindungen hält, der nicht von dem Stiche einer fehlgegangenen Nähnadel, sondern von dem Herzen ausgeht, da wo es bekanntlich am wehesten tut! Die kleine Sali hatte den Rat ihres Lehrers nicht befolgt, sei es, daß es in der Stube des Herrn Arnsteiner an einem Glase fehlte, wohinein sie das kühlende Element gießen wollte, oder vielmehr, weil es sie drängte, aus der Vorlesung zu kommen, die so herzbrechende Dinge enthielt – nicht nur für Herrn Julius Arnsteiner. Sie ging lieber nach Hause! Dort hatte sie Wasser in Hülle und Fülle und auch ein Glas dazu, aber das Beste war doch ein uralter, weitbauchiger Kasten, der mit der Wand einen so vortrefflichen Winkel bildete, wie man ihn in halb Böhmen nicht schöner fand; denn man saß darin so still und abgeschlossen von der Welt, wie auf einer menschenleeren Insel mitten im Stillen Ozean, und namentlich wenn man einen Strumpf zur Hand nahm, erhielten daselbst die Gedanken wie durch Verzauberung eine solche Kraft zum Fliegen, daß man bald nicht mehr in dem Stübchen der Federschleißerin, sondern ganz anderswo sich zu befinden glaubte. In diesem »anderswo« war ein gleichfalls alter Bücherschrank mit merkwürdig vielen Büchern darin zu schauen, wovon aber keines sich ordentlich mit seinem Nachbar vertrug; das eine lag in der Quere, das andere hatte sich trotzig aufgestellt und wollte gerade nicht liegen, noch ein anderes hatte sich wahrscheinlich aus Übermut über die beiden anderen geworfen und wollte nicht liegen, aber auch nicht stehen. Eines aber teilten alle in brüderlicher Gemeinschaft, nämlich den fingerdicken Staub; es war, als ob er Zeit gehabt hätte, sich zu einer ansehnlichen Kruste zu verdichten. Aber nichts lebt so lange, daß nicht endlich sein letztes Stündchen schlagen 297 könnte, und auch für diesen so übermütig breit sich machenden Staub war es gekommen. Hei! Wie kräftig schlug jemand mit einem Stäbchen auf dieses Heer von Büchern, daß sie seufzten und ächzten wie gezüchtigte Kinder; wie wurde eines nach dem andern hergenommen, in welchen dicken Wolken flog dieser gedemütigte Staub zum offenen Fenster hinaus! Aber wie wunderbar hatte sich auch die Stube in demselben Augenblicke verwandelt: sie war gar nicht mehr zu erkennen! Nachdem dieser anmaßende Staub den Weg ins Weite gesucht, schien es, als ob alle Gegenstände von einem bösen Gaste, einer jahrelangen Krankheit, befreit worden. Alles freute und putzte sich heraus, eines wollte es dem andern an Glanz und Selbstbespieglung zuvortun! Tische, Bänke, Stühle, Bücherkasten, Fenstervorhänge, Fußboden, Ofen und Leuchter, kurz alles, was sich in dem kleinen Raume befand, war zu einem neuen Leben erwacht und tanzte ordentlich vor lauter Freude in der Stube herum. Vor allem aber freute sich ein schwarzer »Kaputrock«, der an einem Nagel an der Türe trübselig gehangen hatte; im Kampfe mit dem Leben hatte er das Unglück gehabt, sämtliche Knöpfe zu verlieren . . . Jetzt schlüpft jemand in die Ärmel hinein, und siehe da, was der arme Rock auf seine alten Tage nicht alles erlebte – er konnte sich wieder schließen . . . auch nicht ein Knopf ging ihm ab! Freitag am Abend, wenn abgespeist war und die siebenzinkige Lampe bereits mit etwas schläfrigen Augen zwinkerte, – das war die gewöhnliche Besuchstunde dieses »Anderswo«, die jedoch meistens so lange dauerte, daß auf dem Rückwege ins Bett Mond, Sterne und Lampe sich längst zur Ruhe begeben hatten. Es war heute kein Freitagabend, sondern ein ganz gewöhnlicher Werktag, und die Sonne lachte so freundlich in das Stübchen hinein; aber die kleine Sali konnte doch nicht der Anziehungskraft des alten Kastens widerstehen. Sie 298 setzte sich, sobald sie nach Hause gekommen, in den Winkel, und saß da, mit nichts beschäftigt, nicht einmal mit einem Strumpfe eine geraume Weile. Die Federschleißerin, Salis Mutter, bemerkte sogleich das Ungewöhnliche in dieser Erscheinung. Sie war eine Frau mit offenen Augen, aber stillen, schweigsamen Gemütes, die bei ihrem Geschäfte gelernt hatte, das äußere Leben und alles, was dieses in bunter Aufeinanderfolge ihr entgegenbrachte, ohne laute Rede, aber mit vielen Gedanken in sich aufzunehmen und zu verarbeiten. Ihr Geschäft brachte es so mit sich; denn wenn man so den ganzen Tag nichts anderes tut, als die Fähnchen von den Flaumfedern abstreifen und auf ein Häufchen zusammenlesen, wobei man sich noch hüten muß, durch lautes Reden einen Luftzug zu erregen, so gewöhnt man sich bald, jeden Tag und jede Stunde des Lebens wie eine Flaumfeder anzusehen, die man, sobald sie abgestreift, zu den andern legt, still, innerlich zwar bewegt, aber nach außen ohne viel Aufsehen und Geltendmachung. So hatte die Federschleißerin nach ihrer Art zu dem seltsamen Tun ihrer Tochter geschwiegen, wiewohl sie sich ununterbrochen ihre Gedanken darüber machte. Ein kleines Häufchen Federn lag noch vor ihr; wahrscheinlich mußte sie erst mit ihnen fertig werden, ehe sie ihren Mund öffnen wollte. Endlich war das Werk zu Ende gediehen, sie stand auf. Halb vor sich hin, halb zu der Tochter gewendet, meinte sie: »Nun auf mich kommt's nicht an, wenn Herr Arnsteiner nicht heute schon Hochzeit macht. Seine Federn sind fix und fertig.« Mit einem Male ward der ganze Zauber des alten Kastens zerstört, und gerade als auch Sali mit dem Aufräumen und Zustandebringen des gewissen Stübchens fertig geworden war. Trotzdem war sie sogleich mit beiden Füßen auf dem Boden der Wirklichkeit, sie hatte sich nicht lange zu besinnen, daß der alte Kasten nur in ihrem eigenen Stübchen stand. 299 »Lebendiger Gott!« rief sie erschrocken, »ich bin dagesessen, als wäre ich Lazar Winterfelds Tochter, die nichts zu tun hat; ich weiß gar nicht, was mir eingefallen ist.« Die Federschleißerin sah mit ihren weltklugen Augen eine geraume Weile auf das Mädchen. »Fehlt dir was?« fragte sie. »Mir soll was fehlen?« lachte Sali überlaut. »Seh' ich denn so schlecht aus?« »Es gibt Leute,« sagte die Federschleißerin in ihrer gewohnten Spruchweisheit, ohne sich beirren zu lassen, »die sehen mit ihrem Munde besser als andere mit ihren zwei Augen.« »Und was hast du an mir gesehen?« forschte das Mädchen mit leicht verzeihlicher Neugier. »Du kennst mein Sprüchel vom Schweigen,« meinte die Federschleißerin unbeugsam. Statt aller Antwort wandte sich Sali von ihrer Mutter ab; da sie aber doch etwas reden mußte, meinte sie: »Morgen fängt der Herr Arnsteiner mit mir das große ›S‹ an; heute bin ich mit dem ›P‹ fertig geworden.« »Und ich mit meinen Federn für ihn,« sagte die Mutter. »Wie kommt eines zum andern, Mutter?« fragte wieder gleichsam sich überschreiend die kleine Schülerin des Herrn Arnsteiner. »Laß du mich nur!« rief die Federschleißerin in ihrer gelassen eindringlichen Weise, »du bist mit deinem ›P‹ fertig geworden, nun muß er seine Partie machen.« »Mutter, du meinst –« »Ich meine gar nichts,« sagte die Federschleißerin ruhig. »Mir verkündigt's mein kleiner Finger, daß Herr Arnsteiner noch in dem Jahre eine Partie machen muß. Wäre mir denn sonst eingefallen, für ihn die Federn zu schleißen?« »Ich sag' dir, Mutter,« meinte die kleine Sali, »es muß doch ein großes Glück sein, wenn man reich ist.« 300 »Was redst du für Narretei!« rief die Federschleißerin ganz gegen ihre Weise in gereiztem Tone. »Ist dir einmal im Leben schon etwas abgegangen? Bist du schon einmal hungrig zu Bett gegangen?« »Das mein' ich nicht, Mutter,« sagte Sali, »aber wenn man reich ist, da kann man sich den Herrn Arnsteiner zum Lehrer nehmen . . .« »Nun, er lernt doch mit dir auch? Hat er mir nicht einmal selbst gesagt, du seiest seine beste Schülerin, und du bekämst eine Schrift wie der beste Buchhalter?« »Hat er dir das erzählt?« rief die kleine Sali, und ein Anflug von Schamröte hatte rasch die etwas schwermütige Miene verdrängt. Gleich darauf aber, als habe sie sich besonnen, wie wenig sie zu einer freudigen Aufregung berechtigt sei, setzte sie hinzu: »Und doch hab' ich heute nicht gewußt, daß einer, der ein großes Buch geschrieben hat, Adelung und nicht Edeling geheißen hat. Ich schäm' mir fast die Augen heraus. Sidonia Winterfeld hätte so einen Fehler gewiß nicht gemacht.« »Hör an, mein Kind,« sagte die Federschleißerin mit großer Bestimmtheit, wie sie ihre eigene Tochter von der stillen in sich gekehrten Frau nur selten zu vernehmen die Gelegenheit hatte. »Du weißt, wie ich deinen Herrn Arnsteiner respektiere und wie viel ich auf ihn halte. Aber von Sidonia Winterfeld kann er sagen, was er will, so glaube ich es nur zur Hälfte! – Nicht daß er ein Lügner ist, Gott der Allmächtige soll mich schützen und schirmen, daß mir das nicht einmal im Schlafe einfällt . . . aber was die Sidonia anbelangt, da wette ich mein zukünftig Leben daran, daß er sich in ihr foppt und mit ihm die ganze Welt. Sie ist Lazar Winterfelds Tochter – und das will genug sagen. Seit wann ist aus der Familie etwas Adeliges hervorgegangen? Geld und nichts als Geld! Hast du schon etwas 301 von ihnen gehört, was auf einen besonderen Kopf hinweist? Ich bleib' dabei: Auf ein hölzern Wägele schlägt man kein goldig Nägele.« Wieder zu Herrn Arnsteiner. Lehrer haben das Eigentümliche, daß sich ihre innere Jugend viel länger erhält als die anderer Leute, und während diese oft unter schwarzen Haaren graue Gedanken tragen, ist bei jenen alles grün, selbst bis auf die Haare, die einem nur bei oberflächlicher Prüfung etwas grau erscheinen. Das Geheimnis, warum dem so ist, liegt nicht in so dichten Falten, daß man es nicht bis zur Durchsichtigkeit lüften könnte. – Bei Julius Arnsteiner waren es die »Partizipialkonstruktionen« und vor allem die Abenteuer des jungen »Telemachs«, die dieses Wunder zustande brachten. Für einen Königssohn, so klingt es fast wie eine Sage, soll dieses Buch verfaßt worden sein, damit er daraus die schwere Kunst des Regierens lerne. Was nützte es nun dem Lehrer, daß er diesen Umstand stets als Einleitung voranschickte, ehe er sich mit dem Sohne des göttlichen Dulders auf die kühne Suchfahrt begab? Ehe er es sich versah, hatte sich das Lehrbuch des Regierens – in einen Roman verwandelt; denn wenn schon die erste Zeile mit der düsteren Trostlosigkeit der Nymphe Kalypso beginnt, wenn alle Wälder, Berge und Grotten von nichts als von ihren verzweiflungsvollen Klagen widerhallen, daß der, den sie geliebt, so treulos den Weg in die Weite gesucht – und eine Schülerin fragt plötzlich mit unverzeihlicher Neugierde die jungfräulich verschleierten Augen auf den Lehrer gerichtet: »Herr Arnsteiner! warum ist er nicht bei ihr geblieben, wenn er's bei ihr so gut gehabt hat!« müssen da nicht die schönsten unregelmäßigen Zeitwörter, die schwierigsten Stellen, die merkwürdigsten Wendungen des Stiles spurlos vorübergehen? In der Tat wurden auch die sinnreichsten mythologischen Andeutungen ganz überhört, denn zwischen den halbgeöffneten 302 Lippen der Schülerin schien stets die nur unvollkommen gelöste Frage zu schweben: »Warum ist er nicht bei ihr geblieben?« Julius Arnsteiner hatte diese Frage von so unzähligen Mädchenlippen an sich richten gehört, er hatte sie in so vielen träumerisch neugierigen Augen gelesen, daß sie ihm, der so vieles zu beantworten wußte, ja der alles beantworten mußte, was man ihm vorlegte, weil sonst seine Autorität darunter gelitten hätte, daß ihm selbst diese Frage ein Rätsel ohne Auflösung blieb. War er nicht auch Telemach? Suchte er nicht auch mit Hilfe seines Mentors, nämlich seiner Bildung, zwar nicht einen abwesenden Vater, aber doch eine, die ihn verstand und seine Bildung zu schätzen wußte? Hatte er nicht gleich diesem Prinzen von der Insel Ithaka Abenteuer zu bestehen? Abenteuer zu Wasser und zu Lande, Kämpfe und Gefahren, wie dieser sie nicht bestanden, nämlich mit Unbildung und Ignoranz, mit Wölfen und Bären in Menschengestalt, die ihn anheulten und auslachten, wenn er die Waffen der Bildung gegen sie schwang? Hundertfältig konnte Julius Arnsteiner die Parallele seines Lebens mit dem griechischen Prinzen nachweisen; ja es gab Augenblicke, wo er zugleich die Leiden des göttlichen Odysseus während dessen zehnjähriger Fahrt durch und durch empfand – und er war seit seinem neunzehnten Jahre Lehrer in der »Gasse«. Warum war er nicht bei ihr geblieben? So fragte sich Julius Arnsteiner jedesmal, wenn ihm eine seiner Schülerinnen untreu wurde, oder mit dürren Worten, wenn sie heiratete. So vielen hatte er die ersten Anfangsgründe der deutschen Sprachlehre beigebracht, so viel tausende von Federn hatte er ihnen geschnitten, zahllos wie Sand am Meere waren die Multiplikationen mit und ohne Brüche, die er mit ihnen durchgerechnet, ins Endlose reichend die Ziffern von unregelmäßigen Zeitwörtern aus Meidingers und J. B. Machats Grammaire, von den praktischen Übungen 303 aus dem Telemaque gar nicht zu reden – dennoch war ihm keine einzige treu geblieben! Zwar – er hatte sich stets gehütet, auch nur mit einem Hauche zu verraten, welche Flammen in seinem Innern wüteten . . . er war seinen Schülerinnen nichts als Lehrer . . . aber konnte keine von ihnen es ahnen, was in ihm vorging? Konnte keine mit jener Selbstverleugnung und Opferfreudigkeit, die von den größten Dichtern aller Zeiten und namentlich von dem König Salomo in dem berühmten: »Meinen Weinberg habe ich nicht gehütet,« gepriesen wurde . . . konnte also keine gleich jener Sulamith sagen: »Dich, mein lieber Arnsteiner, habe ich aus allen heraus erlesen? Was ist alles Geld eines ungebildeten Menschen gegen dein ›deutsches Sprechen‹, gegen dein ›französisches und sonstiges Wissen‹? Weißt du, was ich sprechen werde, wenn mich Vater oder Mutter werden zwingen wollen? Arnsteiner oder Tod!« Aber es starb keine! – Seit mehr als sechzehn Jahren hatte man nicht gehört, daß ein weibliches Wesen in der Gasse anders als eines natürlichen Todes verblichen wäre – kein einziges gebrochenes Herz, kein Dolchstoß, nicht einmal eine Selbstvergiftung hatte von sich reden gemacht. Alles blieb ruhig, lebte, freute sich seines Daseins, kam mit den ungebildeten Männern so gut durchs Leben, als es eben ging! – Keine war für Julius Arnsteiner in den Tod gegangen! Der Lehrer wußte sehr wohl, wie er sich diesen Umstand zu erklären habe. Er betrachtete diese ihm abgefallenen Schülerinnen als schuldlose Opfer ihrer Väter und Mütter! Alles Mitleid, dessen sein Herz fähig war, warf sich auf diese jungen Wesen, die dem Moloch »Unbildung« in die glühenden Arme gelegt wurden, aller Haß und alle Erbitterung dagegen auf ihre Opferer! – Mit den Vätern und Müttern lebte Julius Arnsteiner in einem beständigen Vernichtungskampfe; sie standen ihm überall im Wege, und er mußte sich ihrer erwehren. 304 Man darf darum ja nicht glauben, daß Julius Arnsteiners Dasein ohne alle Lichtseiten gewesen sei. Im Gegenteile! wenn gerade an keiner seiner Schülerinnen die Reihe war, ihm treulos zu werden, so war sogar viel Licht, Behagen und Freundlichkeit auf seinen Lippen und in seinem Herzen. Ihm, der im Bewußtsein seiner Bildung nach dem Höchsten der Gasse, nach den reichsten Partien die Hand auszustrecken sich für berechtigt hielt, ihm war zugleich jene Genügsamkeit, sich am Kleinsten zu erfreuen, in vollem Maße verliehen worden. Julius Arnsteiner war imstande, tagelang über ein richtig angewandtes Fremdwort, über die fehlerlose Übersetzung eines Satzes aus dem Telemach, über eine orthographisch geschriebene Stilaufgabe vor sich hin zu lächeln. Alle Schätze Kaliforniens schrumpften aber zu einem erbärmlichen Klumpen zusammen – wenn ihm aus dem Munde einer Schülerin ein glücklich gewähltes Zitat aus Schiller entgegentönte. Dann empfand es Julius Arnsteiner mit allen Schauern wahrhaften Stolzes, was es heiße, Lehrer zu sein – sechzehn Jahre Lehrer in der Gasse! Aber die Väter und Mütter sorgten schon dafür, daß Arnsteiner ein nicht gar zu reicher Mann an Freuden wurde, der ungestraft über die Schätze Kaliforniens sich hinwegsetzen durfte. Der Lehrer hatte im Laufe seiner sechzehnjährigen Wirksamkeit ein außerordentlich feines Ahnungsgefühl sich angeeignet, und dieses verkündigte ihm mit merkwürdiger Gewißheit, wann seinem Herzen durch die Treulosigkeit einer Schülerin der Todesstoß versetzt werden sollte. Kein Mensch in der ganzen Gasse wußte es, daß in diesem Orte oder in jenem Hause binnen kurz oder lang eine Braut sein werde; aber Julius Arnsteiner wußte es! Er sah den Sturm kommen, noch bevor er sich am äußersten Horizont als ein rotes Wölkchen zeigte; er merkte die sich vorbereitende 305 Veränderung an dem Benehmen, das die Väter und die Mütter der Gasse gegen ihn beobachteten. Wir gehen sogleich auf den neuesten Fall über, der sich erst zwei Tage vorher ereignet hatte. Julius Arnsteiner saß gerade in voller Begeisterung am Lehrtisch bei Sidonia Winterfeld und erklärte ihr aus dem Telemaque, warum Ulysses trotz aller Lockungen der Kalypso aus Pflichtgefühl zu seiner rechtmäßigen Gemahlin Penelope habe zurückkehren müssen. Um denselben Augenblick trat Lazar Winterfeld, der Vater Sidonias, mit jener lärmenden Beweglichkeit, die feiner angelegte Naturen in ihrem Innersten verletzt, in die Stube. Julius Arnsteiner hatte seinerseits den Grundsatz, sich von niemanden, es sei wer es immer sei, in seinem Berufe stören zu lassen, am allerwenigsten von einem Vater oder einer Mutter, wenn sie ungerufen bei einer Lektion sich einfanden. Es wäre dies ein Zoll, ein Tribut, ja eine türkische Kopfsteuer gewesen, – den die Bildung ihrem unmittelbaren Gegensatze gebracht hätte. Nach Julius Arnsteiners Ansicht stand aber das Lehren so außer aller Bezahlung mit klingender Münze, daß ihm jede Belohnung für seinen mühevollen Beruf als von gar keiner Bedeutung erschien. Im Gegenteile! den Kreuzer der Armut, den er in den meisten Fällen nicht einmal erhielt, schätzte er höher als den Gulden des Reichen, was ihm in den Augen des letzteren wahrlich keinen Nutzen brachte. Julius Arnsteiner ließ sich also durch den Eintritt des Wollhändlers nicht im geringsten außer Fassung bringen; er grüßte nicht, nicht einmal zu einem leisen Kopfnicken konnte er sich verstehen. Für ihn war niemand eingetreten, bloß die Türangeln hatten geknarrt. Eine gute Weile saß Lazar Winterfeld da, in all der geräuschvollen Breite, die ihm eigen war, und hörte zu, wie Julius Arnsteiner von Ulysses und Kalypsos wohlberechtigter Verzweiflung sprach. Plötzlich 306 stand er auf; womöglich noch geräuschvoller, als er sich niedergesetzt hatte. »Herr Arnsteiner,« sagte er mit mühsamer Fassung, »verzeihen Sie mir, Sie sind ein sehr geschickter Mensch, und wissen im kleinen Finger mehr als mancher andere in seinem ganzen Kopfe hat. –« Der Lehrer schaute auf; aus Lazar Winterfelds Munde klang dieses Lob zu lockend, um nicht gehört zu werden. »Deswegen dürfen Sie aber doch nicht glauben,« fuhr dieser mit immer höher steigender Erregtheit fort, »daß ich gar nichts verstehe. Ich verstehe schon, was man alles einem Mädchen beibringen soll und muß, aber mit solchen »Schnockes« (Schnacken) müssen Sie mir von meinem Hause fern bleiben, wie Sie jetzt mit ihr lernen. Da gebe ich nicht einen Schuß Pulver dafür!« Julius Arnsteiner war einer solchen Sprache nicht ungewohnt, sie war ihm bei den vielen Treulosigkeiten seiner Schülerinnen mehr als einmal vorgekommen. Dennoch war sie ihm jedesmal neu und auch diesmal stand sein Herz einige Augenblicke ganz still und schlug nicht mehr; er wußte, was ihm wieder aus dem dunklen Hintergrunde der nächsten Zeit entgegendrohte – Sidonia als Braut! Dennoch umwölkte sich seine Stirne nicht; er durfte und konnte ja dem reichen Wollhändler nicht zeigen, daß er auf dessen Worte ein Gewicht lege. »Übrigens dürfen Sie ja nicht glauben,« fuhr er im Unterrichte fort, »als wenn die Kalypso eine wirkliche Göttin, wie etwa die Diana oder die Juno gewesen sei. Im Gegenteil! Sie hatte nur etwas Göttliches an sich, sonst war sie ein Frauenzimmer mit den Leidenschaften und Begierden eines solchen. – Wie hätte sie sich sonst in solche Klagen ergießen, solche Verzweiflungstöne erklingen lassen, sich so gebärden können? Göttinnen benehmen sich nach meiner Ansicht ganz anders.« 307 »Nun, Herr Arnsteiner,« fiel Lazar Winterfeld laut wie eine Trompete ein, »da frag' ich Sie, sind das nicht ›Schnockes‹ und verkehrte Sachen, die Sie da meiner Tochter in den Kopf setzen? Was gehen mich, was gehen meine Tochter die Götter an? Leb' ich von den Göttern? Hab' ich meine Nahrung von den Göttern? Ich kenne mehr Leute, die nichts von den Göttern wissen, und befinden sich dabei, Gott Lob und Dank, ganz wohl.« Julius Arnsteiner zuckte nur statt aller Antwort mit der Schulter; dieses Stolztun auf die eigene Unbildung, dieses Erheben der »Ignoranz zum Prinzip« tat ihm zwar in innerster Seele wehe, aber das verdiente keine Erwiderung. Er sah ins Buch, und kaum als der Wollhändler geendigt, begann er einen neuen Satz aus dem Telemaque. »Da soll mir ein Mensch das erklären, was meine Tochter mit ihrem ›Französisch‹ anfangen soll, wenn sie einmal Mann und Kind hat?« eiferte aufs neue Lazar Winterfeld, so daß der Lehrer genötigt war, sich wieder zu unterbrechen. »Französisch soll sie können und wissen soll sie von den Göttern! Wenn aber der Mann einmal zu ihr sagen wird: Schreib mir einen Brief an den und den Schuldner, aber einen Brief, daß ihm grün und gelb vor den Augen wird, dann wird etwas herauskommen, daß einen Gott behüten und beschützen soll davor! Französisch wird der Brief sein, aber deutsch nicht.« Jetzt stieg dem Lehrer das Blut zu Kopfe. Solange der Wollhändler die Waffen seiner Unbildung gegen das Lehrgebäude im allgemeinen richtete, hielt es der Lehrer unter seiner Würde, auf eine gleiche, wenn auch nicht ebenbürtige Weise ihm entgegenzutreten. Nun aber, da der Gegner sich erkühnte, ihm an das Teuerste mit frevelnder Hand zu greifen, an den deutschen Unterricht . . . nun hielt Arnsteiner nicht länger an sich! Aber auch jetzt brachte es der Lehrer nicht über sich, 308 dem Wollhändler unmittelbar Rede zu stehen. Er richtete sein von Zorn und Aufregung brennendes Auge auf seine Schülerin Sidonia und sagte mit bebender Stimme: »Glauben Sie, Sidonia, daß Sie einen solchen deutschen Brief zusammenbringen, wie ihn Ihr Herr Vater als das Höchste menschlicher Bildung bezeichnet?« »Ich glaube nicht, Herr Arnsteiner,« meinte das Mädchen unsicher, halb auf den Lehrer, halb auf ihren Vater die Augen gerichtet. »Nun, sehen Sie es ein, Herr Arnsteiner?« rief Lazar Winterfeld. »Sie gesteht es selbst ein, daß sie so einen deutschen Brief gar nicht zustande bringt; denn dazu braucht man etwas ganz anderes als die Götter und die Geographie.« »Sie haben recht, Sidonia,« sagt Arnsteiner, nur gegen seine Schülerin sich wendend, »wenn Sie sich unfähig erklären, die Verfasserin solcher Briefe sein zu können. Diese Gattung Briefe haben Sie freilich bei mir nicht gelernt, denn sie stehen außerhalb jeder Bildungssphäre.« »Also das kann sie nicht!« schrie jetzt in voller Entwicklung seiner riesigen Stimmittel Lazar Winterfeld. »Was kann sie denn? Für etwas wird man doch sein teures Geld ausgegeben haben? Vielleicht geht es mit dem Rechnen besser als mit dem Briefschreiben . . . Geben Sie ihr einmal eine Rechnung auf, Herr Arnsteiner! Da können wir auf der Stelle sehen, wie weit sie es darin gebracht hat.« »Ist heute Ihre Rechenstunde, Sidonia?« fragte der Lehrer, sich aufs neue zu seiner Schülerin wendend, die verneinend den Kopf schüttelte. Lazar Winterfeld schien diese Frage absichtlich zu überhören. »Was brauche ich das!« rief er.»Ich kann ihr ja selbst die Rechnung aufgeben; sie braucht nicht einmal Griffel und Schreibtafel dazu. Bei mir muß man alles aus dem Kopfe rechnen können.« 309 Er hatte sich zu diesem Geschäfte wieder niedergelassen. »Zirl,« sagte er, »kannst du mir das ausrechnen? Wenn ich auf dem Pester Markte den Zentner Wolle mit 89 fl. 40 kr. einkaufe, bis ich ihn nach Reichenberg bringe, kostet er mich 90 fl. 20 kr., verdienen muß ich doch auch etwas daran und dem Tuchmacher muß ich die Wolle borgen und länger als ein Jahr auf die Bezahlung warten. Was soll ich aber machen? Der Tuchmacher setzt die Ware auch nicht sogleich ab . . . Wie teuer muß ich also den Zentner Wolle verkaufen, wenn ich 25 Prozent gewinnen will?« Lazar Winterfeld hielt inne; er schaute die Tochter erwartungsvoll an. Nach seiner Ansicht konnte ein sechsjähriges Kind diese Aufgabe lösen. Julius Arnsteiner konnte aber ein ironisches Lächeln nicht unterdrücken, das beinahe unheimlich über sein sonst so gutmütiges Antlitz hinschlich. Mehr als die Prüfung seiner Schülerin beschäftigte ihn in diesem Augenblicke der Gedanke, daß der Wollhändler den schönen Namen »Sidonia« in das häßliche »Zirl« verwandelte. Ein neuer Eingriff der Unbildung! Nach einer Weile rief Sidonia lachend: »Die Rechnung kann ich nicht machen, Vater, die ist mir zu schwer.« »Sagen Sie nicht zu schwer, Sidonia,« meinte Arnsteiner zu seiner Schülerin, »solche Rechnungen liegen nur außerhalb Ihres Verständnisses. Sie haben noch niemals mit Wolle gehandelt.« »Das ist dir zu schwer?« rief Lazar Winterfeld, die Hände ineinanderschlagend, »das kann ja einer, der nicht einmal weiß, wie eine Ziffer aussieht, mit dem bloßen Kopfe herausbringen! Um Gottes willen! was wird dein Mann dazu sagen, wenn du so schlecht vor ihm bestehst? Mit Schimpf und Schande wird er dich fortjagen.« »Fortjagen?« rief das Mädchen mit blitzenden Augen. »Das wäre mir ein schöner Mann, der seine Frau wegen einer Rechnung, die sie nicht zu machen weiß, fortjagen könnte.« 310 In Julius Arnsteiners Seele hatte die Erbitterung über das Vorgefallene ihren Höhepunkt erreicht . . . wenig fehlte, und sie hätte, aller Dämme der Besonnenheit spottend, Verwüstung und Verderben gebracht. Noch beherrschte er sie mit einem schwachen, erzwungenen Lächeln. »Die Anschauungen Ihres Herrn Vaters über die Rechte eines Mannes,« sprach er zu seiner Schülerin, »scheinen auf den talmudischen Anschauungen zu basieren, die im Orient ihren Ursprung haben, wo die Stellung der Frau nur wenig über die einer Sklavin hinausragte. Gottlob! wir leben jetzt unter den Gesetzen der Zivilisation, und diese erheischt als rechtlichen Grund zu einer – Scheidung . . . denn ›fortjagen‹ kennt unser Gesetz nicht, – etwas anderes als eine schlechte Rechnung oder eine angebrannte Suppe.« »Was hab' ich da davon?« rief Lazar Winterfeld mit einem ärgerlichen Achselzucken. »Sieh dir deine Mutter an, Zirl, die kann dir solche lumpige Rechnungen im Schlaf machen und wird keinen Fehler begehen! – Meinst du, wir hätten es zu etwas gebracht, wenn ich und deine Mutter nicht rechnen könnten?« »Mein Mann,« rief Sidonia mit einem Seitenblicke auf den Lehrer in scherzhaftem Tone, »wird mich auch ohne das hinnehmen, wie ich bin.« Den Lehrer durchdrang es siedend heiß; die plötzliche Röte seines Gesichtes war davon Zeuge. »Sie haben vollkommen recht, Fräulein Sidonia,« stotterte er mehr, als er sprach. »Ein Mann, der Ihre Stellung als Frau zu einer Rechenmaschine herabzuwürdigen, ja zu entweihen die Lust hätte, verdiente, gelind gesagt, nicht Ihr Mann zu sein.« Den Wollhändler hielt nur eine gewisse Ehrfurcht vor dem Lehrer zurück, seinem Ärger alle Zügel schießen zu lassen. Vielleicht glaubte er auch seinen Zweck bereits vollständig erreicht zu haben, indem er dem Lehrer deutlich genug 311 zu verstehen gab, daß Sidonia Winterfeld nächstens in den Zustand der Treulosigkeit eintreten würde. »Setzen Sie ihr nur solche Sachen in den Kopf,« sagte er und stand auf, »zuletzt wird ihr Mann noch von ihr geprüft werden, und wird wissen müssen, wo die Götter wohnen.« Als Lazar Winterfeld sich entfernt hatte, fuhr Julius Arnsteiner im Telemaque fort, als wäre gar nichts geschehen! – Tat er das, um lärmende Stimmen in seiner Seele zu betäuben, oder aus einfacher Pflichterfüllung? Aber es ereignete sich, daß Herr Julius Arnsteiner auf den »Infinitiv« eines unregelmäßigen Zeitwortes sich nicht besinnen konnte, während Sidonia ihn merkwürdigerweise erriet. Der Lehrer war zerstreut. Freilich, in seiner Stube angelangt, da erwachte Julius Arnsteiner gar bald aus diesem Zustande der Betäubung, in die ihn die eben geschilderte Szene gestürzt hatte. Da gab er sich all den wilden Geistern hin, die seit sechzehn Jahren in Gestalt von bildungslosen Vätern und Müttern an seinem Leben nagten; da fühlte er schmerzlich die Demütigung, daß ein Lazar Winterfeld es gewagt hatte, seine Lehrmethode einer Prüfung zu unterziehen. Erst als der Lehrer in diesen beinahe unerträglichen Gedanken mit einer gewissen selbstzerfleischenden Gier sich hineingewühlt hatte, kam ihm der andere zum Bewußtsein, daß nämlich Sidonia Winterfeld Braut werden sollte. Also wieder eine! Die lange Reihe der Treulosen hatte noch kein Ende, und diesmal war es – Sidonia Winterfeld! Sonderbar! Wenn sonst ihm dieser Schlag von Seite der Väter und Mütter versetzt wurde, erholte er sich in nicht gar langer Zeit; wer viel und oft verliert, wird zuletzt 312 gleichgültig. Diesmal jedoch saß die Wunde tiefer, der Lehrer nahm die Verlobungsanzeige seiner Schülerin nicht mehr so leicht hin . . . Gerade weil Sidonias Vater Lazar Winterfeld hieß, glaubte er um so weniger berechtigt zu sein, in selbstmörderischer Feigheit ferne zu stehen und zuzusehen, wie . . . ein anderer sich dieser kostbaren Beute bemächtigte. Warum war er nicht bei ihr geblieben? Diese Frage so vieler seiner Schülerinnen läutete jetzt beständig wie eine große Glocke in ihm . . . Warum war er nicht bei ihr geblieben, warum hatte er gezögert, sich zu erklären? Julius Arnsteiner war in einer merkwürdigen Aufregung! Zum ersten Male in seinem Leben, das fühlte er mit aller Bestimmtheit, drängte sich sein Dasein einem Entschlusse zu; bisher hatte er in schweigender Ohnmacht alles über sich ergehen lassen, nun stand ihm eine Tat bevor, ein Kampf mit den wildesten Geistern der Gasse, nämlich mit dem Wollhändler und dessen Frau. Die erste Partie in halb Böhmen sollte sein werden – werden sich da nicht alle Mächte der Gasse zusammentun, um sie zu hintertreiben? Aber was lag daran? – Er mußte sie alle besiegen, er war dies schon seiner Bildung schuldig. Die Welt sollte erkennen, daß Wissen und Können eine solche Gewalt, eine so unwiderstehliche Macht in sich bergen, daß sie imstande sind, Riesenbäume, wie diesen Lazar Winterfeld, zu entwurzeln. Julius Arnsteiner dachte dabei nicht an sich, er wußte, daß es ihm nicht gelingen würde, den Vater Sidonias zur Fahne der Bildung zu bekehren. Aber was er nicht erreichte, sollte das für Sidonia unmöglich sein? Sollte es ihren Bitten und Tränen, der Macht ihrer auf vollkommener Kenntnis der deutschen Sprache gegründeten Beredsamkeit nicht gelingen, den starren Sinn ihres Vaters wie ein dünnes Weidenrütchen umzubiegen? Was hatten Töchter bei ihren Vätern nicht alles schon erreicht? Königskinder hatten es 313 durchgesetzt, daß sie über Standesvorurteile sich hinüberschwingen und dem Zuge ihres Herzens folgen durften, und Lazar Winterfeld war doch wahrlich kein König! Hatte Sidonia Winterfeld nicht gesagt: »Mein Mann wird mich auch ohne das so nehmen, wie ich bin.« Mein Mann! Damit konnte nur einer gemeint sein, einer, der sich auf Sidonia Winterfeld verstand, der die Vorteile einer Verbindung mit ihr in etwas ganz anderem sah, als in einem aus dem Kopfe gerechneten Wollexempel, der ihr etwas zu bieten hatte, wovor all ihr Geld und ihre glänzende Ausstattung in ein leeres Nichts zusammenschrumpften, nämlich Bildung und Wissen – und für das alles gab es in der ganzen Gasse nur einen Julius Arnsteiner. Arnsteiner war am Ende aller dieser Betrachtungen zu einem großen Entschlusse gelangt; er ging nämlich am andern Tage nicht zur Lektion bei Sidonia Winterfeld. So sicher fühlte er sich in seinen Hoffnungen, daß ihm der Gedanke ordentlich wohl tat, mit welcher schmerzlichen Empfindung Sidonia von Minute zu Minute auf die Uhr blicken werde, und derjenige doch nicht kam, dem sie mit allen Schauern der Sehnsucht entgegensah! Der Sturm sollte erst ausgetobt haben, die wilden Gewässer erst verlaufen sein, bis er, eine Friedenstaube mit dem Ölzweige im Munde, zwischen Vater und Tochter treten wollte! Für diesen Augenblick, der nach genauer Berechnung Arnsteiners in höchstens drei Tagen eintreten mußte, rüstete er die schönsten Feiertagskleider, nicht für seinen Leib, sondern für seine Seele; er bereitete in kühn gebauten, mit den schönsten Partizipialkonstruktionen geschmückten Perioden die Rede vor, die er als Antwort auf die Werbung Lazar Winterfelds halten wollte! Denn Arnsteiner dachte sich diese Szene außerordentlich feierlich, beinahe königlich. Zwei Tage waren vergangen! Man hatte um Herrn 314 Arnsteiner nicht geschickt! Aber weil alles Hohe und Große nur aus der Geburt schwerer Kämpfe hervorgeht, beunruhigte er sich nicht weiter, ja mit einem Gefühle kühler Ruhe sah er dem Tage und der Stunde entgegen, wo man dennoch um ihn schicken mußte. Je später dieses geschah, desto besser . . . um so glänzender fiel dann der Sieg aus, und Arnsteiners Triumph war erst dann vollständig! Am dritten Tage nach jenem Vorgange im Hause Lazar Winterfelds begegnete der Lehrer, gerade als er aus der Gasse auf den großen Ringplatz einbiegen wollte, niemand anderem als dem Wollhändler selbst. Im ersten Schrecken über dieses seltsame Ereignis wollte Arnsteiner schon den Rückweg antreten und sich unter ein Haustor flüchten, allein es war schon zu spät; er war von Lazar Winterfeld schon bemerkt worden. Der Lehrer erkannte es an dem wilden und unregelmäßigen Pochen seines Herzens: ein wichtiger, das Geschick zweier Menschen auf seinen Wagschalen haltender Moment war für ihn gekommen! – Zugleich empfand er eine Art von Ehrfurcht für den Wollhändler, wie er ihn jetzt so mauerfest und behäbig sicher auf sich zuschreiten sah. War er nicht der Vater Sidonias? Der Lehrer ehrte sich nur selbst, wenn er seinem künftigen Schwiegervater sich ehrerbietig bewies. Lazar Winterfeld vergalt aber nicht Gleiches mit Gleichem; er winkte bloß mit dem riesigen Kopfe. »Nun, Herr Lehrer,« sagte er, als er bei ihm angekommen war, indem er, die Hände in beide Taschen vergraben, vor ihm stehen blieb, »haben Sie mit meiner Sidonia schon das Kopfrechnen angefangen? Was hab' ich von all den Sachen, die sie bis jetzt bei Ihnen gelernt hat? Sie sind schön, solange als man sie nicht braucht; der Mensch soll aber nur das lernen, was er nicht vergessen darf. Darum, Herr Arnsteiner, lassen Sie alles übrige stehen und liegen, und verlegen Sie sich einzig und allein auf das Kopfrechnen . . .« 315 Auf welche Art der Lehrer auf den Ringplatz gekommen war, hätte er mit einiger Gewißheit kaum angeben gekonnt. Plötzlich stand er dort gerade dem Rathausturme gegenüber, worauf es eben neun Uhr schlug. Mechanisch zog Arnsteiner seine eigene silberne Uhr aus der Tasche, wie er jedesmal tat, wenn er über den Ring ging, und sah nach, ob die beiden Zeitweiser kein Zerwürfnis miteinander hätten. Trotzdem hätte er, selbst vor einem peinlichen Gerichte stehend, auf die Frage: Wie spät ist's? keine Antwort gehabt, so betäubt, so sinnenverwirrt starrte er bald den Rathausturm, bald seine eigene silberne Uhr an! Erst allmählich erwachte er zu einer Art regelmäßigen Denkens. Lichterloh brannte der eine Gedanke vor seiner Seele: »Lazar Winterfeld weiß nicht einmal, daß ich schon zwei Tage keine Lektion bei Sidonia gegeben!« – und als notwendige Schlußfolgerung knüpfte sich sogleich die zweite Betrachtung daran: »Mithin hat Sidonia noch nicht mit ihm gesprochen!« Wer ihn jetzt mit gesenktem Haupte so dahinschleichen sah, ihn, den es jedesmal so stolz aufrichtete, wenn er an einem der Väter oder Mütter seiner Schülerinnen vorüberging, mußte sich genau umblicken, um sicher zu sein, es sei in dieser Gestalt der Lehrer Julius Arnsteiner! An diesem Tage setzte er alle seine Lektionen aus. Nacht sollte es in der Gasse sein, nichts was da lebte und atmete sollte sich heute seines Unterrichts erfreuen. Nur Sali, die Tochter der Federschleißerin, die er aus Gnade und Erbarmen ohne allen Entgelt im Schreiben, Rechnen und Lesen unterwies, machte von dieser allgemeinen Maßregel eine Ausnahme. Ihr las er die Frucht seiner melancholischen Betrachtungen vor! »Wir schreiten heute zu einem der wichtigsten Buchstaben des ganzen Alphabetes,« sagte der Lehrer zu Sali, als sich diese am andern Tage wie gewöhnlich zur Lektion eingestellt hatte, »nämlich zum großen »S!« Auf den ersten 316 Anblick unterscheidet sich dieser Buchstabe nur wenig von den anderen, ja es gibt einige, die sich ihrer Gestalt nach viel schöner ausnehmen, wie z. B. das große »M« oder wie das nach oben und unten sich ausstreckende »P« oder endlich wie das stolze, gleich einem Pfauenrade sich aufblähende »W« . . . Dennoch möchte ich diesem Buchstaben den Vorzug vor allen anderen einräumen, er besitzt einen so schönen und sanften Schwung, und wiewohl das Wort »Stolz« damit anfängt, ist es doch gar nicht stolz! Der Beweis dafür ist, daß die schönsten Bedeutungen der deutschen Sprache, wie Seele, Schönheit, Süße, Sanftmut usw. damit anfangen. Die Menschen haben das schon in frühester Zeit erkannt, und wenn ich einmal Adelungs großes Wörterbuch in vier Teilen zur Hand haben werde, da werde ich dir zeigen, wie der einzige Buchstabe »S« mehr Wörter in sich enthält als zwei oder drei andere. Warum? Weil er den Menschen von den urältesten Zeiten her so gefällt!« Nach dieser Einleitung zeichnete der Lehrer ein wunderprächtiges »S« auf Salis Papier und hieß sie nach Möglichkeit diesen schönen, sanften Schwung, namentlich aber den »Schlangenzug« nachahmen. Sali bemühte sich soviel sie konnte; aber die Schwierigkeit des Buchstabens war zu groß! Die halbe Seite des Schreibbogens wimmelte bereits von Ungeheuern, die ein »S« vorstellen sollten, doch nicht ein einziges konnte auch nur entfernt mit dem glänzenden, kühngeschwungenen und doch so milden Beispiel des Lehrers sich messen. Das war sonst nicht der Fall . . . Sali hatte eine merkwürdige Begabung für das Schreiben, und nach Arnsteiners Ausdrucke schlummerte in ihr der Instinkt eines Kalligraphen. Arnsteiner schüttelte bedenklich das Haupt; nach dem, was sich gestern mit ihm ereignet hatte, nahm es ihn kein wunder, wenn die Welt sich überhaupt zu ihrem Nachteile verändert hatte; warum nicht also auch Salis Talent für das Schreiben? 317 »Du scheinst mir heute nicht von dem gewöhnlichen Geiste beseelt, Sali,« sagte er. »Sonst wäre dir dieser Buchstabe eine Kleinigkeit gewesen.« Zur Bekräftigung dieses Urteils zeichnete Sali auf das Papier ein noch kläglicheres Ungeheuer hin, gegen welches die Vorgänger ganz liebliche Geschöpfe waren. »Wir werden wieder zum ›P‹ zurückgehen,« sagte der Lehrer mit klangloser Stimme, die bei ihm stets das Anzeichen innerlich tobenden Ärgers war. Da rief Sali plötzlich, als hätte es erst dieser Drohung bedurft, um sie von dem Banne zu befreien, der heute auf der Schreiblektion lastete: »Soll ich Ihnen sagen, Herr Arnsteiner, was noch mit einem ›S‹ anfängt?« Der Lehrer blickte verblüfft die kleine Schülerin an. Er war solcher »Ausschreitungen« an ihr sonst nicht gewohnt. »Nun?« »Sagen kann ich's nicht, aber ich werde es schreiben!« rief die Tochter der Federschleißerin mit unerklärlicher Heftigkeit. Dann schrieb sie etwas rasch, indem sie dabei die linke Hand wie einen Schirm davorhielt, damit der Lehrer es nicht sogleich lese, und schob ihm dann, sich blitzschnell abwendend, den Schreibbogen hin. »Sidonia!« rief Arnsteiner mit vor freudiger Überraschung bebender Stimme. Nach einer Pause, während welcher Sali ihr dem Lehrer abgewandtes Antlitz nicht zu zeigen wagte, sagte Arnsteiner, indem er mit starken Schritten dabei in der Stube auf und nieder wanderte, Salis Schreibbogen in der Hand: »Wunderbar, höchst wunderbar! Was soll ich sagen? Wie soll ich mich fassen? – Ein leibhaftiges Wunder hat sich vor meinen Augen zugetragen. Denn ich will es dir nur gestehen, Sali, du hast mit diesem Worte ›Sidonia‹ einen Meisterwurf getan, wie es in Wilhelm Tell von 318 Schiller im dritten Aufzuge heißt. Das ›S‹ wie du's da niedergeschrieben, ist wert, daß man es unter Glas und Rahmen stellt, und ich zweifle, ob mir selbst ein gleiches gelingt. Sali, in dir steckt etwas. Sage mir nur, wie ist das zugegangen?« »Gerade den Namen möchte ich sehr schön schreiben können,« meinte die kleine Sali und stockte. »Warum?« fragte Arnsteiner hastig. »Haben Sie mir denn gestern nicht vorgelesen?« . . . lispelte die Tochter der Federschleißerin fast unvernehmbar. Jetzt wurde der Lehrer rot bis zur Stirn, er drehte sich um. Dann ging er wieder mit starken Schritten die Stube auf und nieder. Nach einer guten Weile rief er aus: »Bei Gott, da hätte ich bald vergessen, daß ich dich zur stillen Vertrauten meiner Schmerzen gemacht und in ein Geheimnis eingeweiht habe, welches ich nur dem Papiere anvertraut hatte.« »Ich habe es aber keiner lebenden Seele gesagt,« beteuerte Sali mit dem Tone der reinsten Aufrichtigkeit. »Daran tatest du recht, mein Kind,« rief der Lehrer wahrhaft erleichtert; »was braucht die Welt es zu wissen, welchen Qualen man ausgesetzt ist – wenn man nach etwas Hohem strebt?« »Und sie soll's auch nicht wissen?« fragte die Tochter der Federschleißerin unerklärlich laut. »Wer ist: sie?« »Sidonia,« entgegnete die Schülerin, verschämt die Augen niedersenkend. Arnsteiner machte wieder einen Gang durch die Stube. Mehrmals hielt er inne und blieb vor Sali stehen, aber ebensooft kehrte er sich wieder ab und setzte dann seinen gedankenschweren Weg unter Schweigen fort. Endlich blieb er vor der Schülerin stehen. »Hör mich an, Sali,« begann er, abwechselnd rot und 319 blaß werdend, indem sich ihm dabei die Worte ganz gegen seine Gewohnheit nur schwer aus der Brust hervorrangen, »hör mich an! Du scheinst mir ein gescheites Mädchen und verstehst es merkwürdig fein, in den Seelen der Menschen zu lesen. Wie wäre es mir sonst eingefallen, dir einen Einblick in mein Innerstes zu gewähren, da ich doch am besten weiß, wie wenig dich sonst dein Wissen befähigt, mir in die Irrgänge meines nach Bildung und Kenntnisbereicherung ringenden Geistes zu folgen?« Die Tochter der Federschleißerin schaute tief gerührt zu dem also sprechenden Lehrer auf, Tränen der Freude und des Dankes glänzten in ihren Augen; denn es war ihr noch nie geschehen, daß sie von Herrn Arnsteiner zum Gegenstande einer Betrachtung erhoben worden war. »Ja, Sali,« fuhr der Lehrer fort, der sich durch das Sprechen jetzt ganz ermannt hatte, »ich stehe nicht an, meine Brust wie ein lange gesperrt gewesenes Zimmer aufzuschließen und dir dazu den Schlüssel anzuvertrauen . . . Sali, ich fühle mich sehr unglücklich!« »Um Gottes willen, Herr Arnsteiner,« rief die Schülerin wahrhaft erschrocken, »was ist denn vorgegangen? Sind Sie bestohlen worden, Herr Arnsteiner? Es wäre kein Wunder,« fügte sie hinzu, »weil bei Ihnen alles so frank und frei herumliegt!« Arnsteiner lächelte trübe vor sich hin. »Bestohlen? Man bestiehlt nicht so leicht einen Menschen, der seinen Kopf zum Kasten hat. Was müßten die für Diebe sein, die mir etwas aus einem solchen Schranke forttragen könnten?« »Meine Mutter,« rief Sali, die für den Doppelsinn dieser Worte kein Ohr gehabt zu haben schien, eifrig, »meine Mutter sagt immer: Sali, wenn du einmal frühmorgens hörst, daß Herr Arnsteiner mit Sack und Pack verschwunden ist und ist nicht ein Federl von ihm zurückgeblieben, so sag, 320 deine Mutter ist eine Prophetin gewesen. Er hat so schöne Sachen noch von seinen Eltern her, denn die haben für ihn gespart und gespart, seine Hemden, ganz schönes Bettzeug, wie sich dessen Lazar Winterfeld nicht zu schämen braucht, und soviel ich weiß, auch ein paar hundert Gulden. Wer hat er das alles? Gott der Lebendige weiß, wie das aussieht, denn so ein Mann wie er hat leider keine Augen und hat seinen Kopf ganz anderswo. Das sollt' die gute Mindel, seine Mutter wissen; sie möchte sich im Grab herumdrehen.« »Woher weiß denn das deine Mutter?« fragte der Lehrer ganz verwirrt. »Weiß ich's?« sagte die Tochter der Federschleißerin in großer Verlegenheit. »Sie wird's gehört haben.« »Bah!« rief der Lehrer, »was hab' ich da davon! Soll ich etwa die Schlüssel zu meinen Kästen auch noch im Kopf herumtragen? Wenn du mir keinen andern Rat zu geben weißt, als den, so bereue ich, ihn bei dir gesucht zu haben.« Da erschrak Sali bis ins Innerste ihrer Seele; so hart hatte der Lehrer noch nie mit ihr gesprochen; sie mußte ihn also erzürnt haben. »Ich soll Ihnen raten, Herr Arnsteiner!« rief sie. »Wie komme ich dazu, mit Lazar Winterfeld zu sprechen?« »Wer verlangt denn das von dir?« sprach der Lehrer verwundert. »Ich habe nur gemeint,« stotterte das Mädchen, »weil . . . weil Sie selbst mit ihm nicht reden wollen. Sie haben mir es ja vorgelesen!« Dem Lehrer stieg die Röte wieder an die Stirn, er mußte sich abwenden und ging aufs neue mit starken Schritten durch die Stube. »Du hast einen guten Kopf, Sali,« sagte er dann, indem er vor ihr stehen blieb, »und merkst dir, was man vorliest. Schade nur, daß du nicht mehr gelernt hast.« »Wenn Sie nur nicht so unglücklich wären, Herr 321 Arnsteiner,« sagte das Mädchen plötzlich ohne allen Übergang auf den eigentlichen Kern der Unterredung eingehend. »Was kann der Mensch dafür, wenn der Blitz in sein Haus einschlägt und es einäschert,« meinte der Lehrer achselzuckend. Die Tochter der Federschleißerin rief aber in einer Aufregung, wie sie der Lehrer niemals an ihr bemerkt hatte: »Ich wüßt' schon, Herr Arnsteiner, was ich tun möchte, wenn ich wie Sie wäre. Ich möchte . . .« »Nun?« fragte Arnsteiner gespannt, da Sali stockte. »Ich möchte an Sidonia Winterfeld geradezu das schicken, was Sie mir gestern vorgelesen haben. Sie müßte ja ein Herz von Eisen haben, wenn sie darauf schweigen wollte. Eine andere möchte himmelhoch springen, wenn ihr zukäme, – was dieser Sidonia Winterfeld so kinderleicht geradezu in die Hände fliegt.« »Das meine ich auch, Sali,« sagte der Lehrer mit großer Ruhe. »Aber mit Sidonia Winterfeld hat es sein eigenes Bewandtnis. Sie hat einen Vater!« Die Tochter der Federschleißerin schien von diesem Geständnisse überrascht; sie schüttelte ungläubig den Kopf und legte dann, als müßte sie über ihre nächste Antwort reiflich nachdenken, den Zeigfinger an den Mund. »Was geht einen Lazar Winterfeld an?« sprach sie gleichsam vor sich hin. »Der wird gewiß nein sagen! dafür kennt man ihn ja in der ganzen Gasse! – Aber wenn nur Sidonia ›ja‹ sagt, dann ist alles gewonnen.« »Zweifelst du daran, Sali?« rief der Lehrer mit Heftigkeit. »Gott Lebendiger!« schrie das Mädchen in wahrhafter Seelenangst, »hab' ich denn etwas gesagt, Herr Arnsteiner, was Sie beleidigen könnte? Warum sollte Sidonia nein sagen? Sind Sie nicht Ihr Lehrer? Wem verdankt sie alles, was sie kann?« 322 Arnsteiners Antlitz klärte sich auf. »Und dann,« fuhr das Mädchen in steigender Erregtheit fort, »kommt es ja nur auf eine Probe an, Herr Arnsteiner. Schreiben Sie ihr einen Brief, ich selbst will ihn bestellen . . . sagen Sie ihr in dem Brief – was weiß ich? Sie wissen das besser als ich . . . Muß ich Ihnen sagen, was Sie ihr schreiben sollen? Ich wette aber darauf, Sie werden eine Antwort erhalten . . . und dann werden Sie nicht mehr so unglücklich sein, Herr Arnsteiner . . .« »Gut, Sali!« rief der Lehrer, »gut, du sollst recht behalten. Ich fühle es, es muß ein Entschluß gefaßt werden. Wenn du aus der Mythologie wüßtest, in welcher Art Pallas zur Welt kam, wie sie nämlich geharnischt und gespornt aus dem Kopfe ihres Vaters hinaussprang, – was nach meiner Deutung nichts anderes heißen soll, als daß alle Weisheit gleich fertig aus dem Gehirne des Menschen kommt, – so würdest du begreifen, warum ich dich mit den Worten anspreche: Du bist meine Pallas!« »Heißen Sie mich nur lieber Sali!« rief das Mädchen. »Ja, meine Pallas,« fuhr der Lehrer fort, »ich will dasjenige ausführen, was sich in einfältiger Weisheit aus deinem Kopfe losgerungen hat. Sidonia wird antworten, das weiß ich! Heute abend bringe ich dir den Brief, du sollst mit Julius Arnsteiner zufrieden sein!« – – – Folgendermaßen lautete der Brief des Herrn Arnsteiner: »Wohledles Fräulein Sidonia! Als mir vor drei Tagen Ihr Herr Vater, in welchem ich trotz aller Selbstachtung, die der gebildete Mensch sich selber schuldig ist, dennoch das väterliche Ansehen, das doch die Grundlage alles Familien- und Staatenglückes bildet, verehren und anerkennen muß, den Vorwurf machte, ich hätte mit Ihnen das Kopfrechnen vernachlässigt, da fühlte ich, wie sich mein Herz vor jähem Schmerze zusammenkrallte. Dieses Kopfrechnen ist eine Axt, die an den mit weit ausgespannten 323 Ästen und Zweigen geschmückten Baum meiner stolzesten und schönsten Hoffnungen gelegt ward, und der sie schwingt, ist Ihr Herr Vater, Fräulein Sidonia! – O! ein Julius Arnsteiner täuscht sich nicht so leicht! Wohl weiß ich, was dieses Kopfrechnen zu bedeuten hat; es bedeutet, daß auch für Sie, wohledles Fräulein, jene von mir stets gefürchtete Stunde gekommen ist, in welcher Sie die Willenskraft Ihres von mir stets als Ihr Lebensurheber geachteten Vaters zwingen will, lieber den Kopf rechnen, als das Herz handeln zu lassen! Nein, Sidonia, der Lehrer Julius Arnsteiner wirft in diesem heiligen Augenblicke alles ab, was an diesen seinen Beruf nur einigermaßen erinnern könnte – nur der Mensch Julius steht vor Ihnen! Julius und Sidonia! – – Meine Gedanken verirren sich und geraten in den Strudel der Charybdis vor lauter Wonne und Entzücken, daß diese Tränen mir gelten sollen. Ach, wenn nur das Kopfrechnen nicht wäre! Welch ein finsterer Geist ist mit diesem Kopfrechnen in die Hallen des Winterfeldschen Hauses eingekehrt? Wird meine Sidonia aus den Umstrickungen dieses nur aus Wollsäcken großgezogenen Geistes siegreich hervorgehen? Ich schließe! Ich kenne ein Plätzchen, Sidonia! In der Pappelallee, in der Nähe des Spitals . . . Warum muß unglückliche Liebe die Augen der Menschen scheuen? Sidonia! das Plätzchen ist so schön – und Sidonia wird über die Erlebnisse der drei letzten Tage viel zu erzählen haben! Dorthin ihre Schritte lenken zu sehen, in der Absicht, ihm ihren Entschluß bezüglich des Kopfrechnens mitzuteilen, erwartet sehnsuchtsvoll, wie Ulysses seine von Freiern, die sich auch auf das »Kopfrechnen« verstanden, umschwärmte Penelope, Ihr mit wahrer Hochachtung sich zeichnender Julius.«         Sali benutzte am andern Vormittag einen müßigen Augenblick, wo sie sich unter irgend einem Vorwande 324 entfernen konnte, und machte sich mit dem Briefe des Lehrers auf den Weg. Heimlich, ganz heimlich hatte er ihn in ihre Hände zu spielen gewußt. Am Abende nämlich, als die Gasse bereits schlief, war ein Steinchen klirrend an das Fenster gefallen, und Sali, die gerade wieder in ihrem wunderbaren Winkel saß, wußte, wer da draußen ihrer wartete. Da stand nun wirklich Julius Arnsteiner und sagte hastig: »Da bringe ich dir den bewußten Brief, Sali. Bestelle ihn an seine Adresse. Wenn du deine Mission zufrieden stellend ausführst, so soll dein Lohn nicht geringe sein. Ich will mit dir Mythologie anfangen. Gute Nacht.« Schon auf der Stiege des Winterfeldschen Hauses konnte Sali gewahr werden, daß oben in den »Hallen« etwas Besonderes vorging. Sie hörte Teller klappern und Flaschen klirren, dazwischen geschäftiges Hinrennen in der Küche, woraus zugleich ein gar nicht wochentägiger Speisegeruch zu ihr drang. Was aber die Tochter der Federschleißerin, die für dergleichen Dinge ein sehr feines Ohr besaß, davon überzeugte, daß oben im Hause etwas Ungewöhnliches vorbereitet wurde, war, daß sie deutlich das Schlagen eines »Schneelöffels«, jenes bekannte schnarrende, schaumerzeugende Geräusch vernahm. »Schnee« an einem Wochentage bedeutet einen »Auflauf« – der konnte aber nach den in der Gasse herrschenden Gesetzen nur an einem Feiertage, höchstens an einem Halbfeiertage als etwas besonders Festliches auf den Tisch kommen. Eine Ausnahme davon bildete eben nur eine »Beschau«. Sali ward bei dieser Entdeckung über und über rot . . . Noch mehr wurde sie darin bestärkt, als sie, im Begriffe die Treppe hinanzugehen, mit einem Male die kreischende Stimme der alten Köchin »Reichel« vernahm, die jedes Kind in der ganzen Gasse aus tausend anderen heraus erkannte, obwohl man ihr nicht gerade gerne begegnete. 325 »Wie soll da Schnee herauskommen,« belferte das alte Erbstück des Winterfeldschen Hauses, »wenn du den Löffel so hältst? Alle meine Feinde sollen nichts Besseres zu essen haben . . . da hätte ich bald Ruh' vor ihnen. Er wird etwas Schönes sich denken, wenn man den Schnee ihm aufsetzt! Er wird den Doktor sogleich müssen kommen lassen!« Er! Wer war das? Das konnte nur die »Beschau« sein. So nahe war also die Gefahr für ihren unglücklichen Lehrer Arnsteiner, der sie so wenig ahnte, daß er sogar einen Brief an Sidonia schreiben konnte? Was sollte der Brief unter solchen Umständen, wo man oben in der Küche bereits »Schnee« zu einem »Auflaufe« schlug, den »er« wahrscheinlich als Probe von Sidonias Kochkunst zu kosten bekommen sollte? Sali stand einen Augenblick ratlos unten an der Stiege, alle Gedanken standen in ihr still, sie vernahm nichts als das Rasseln des Schaumlöffels. Dann aber raffte sie sich zusammen. Konnte sie wissen, was in dem Briefe enthalten war? Herr Arnsteiner konnte ja den Tod davon haben, wenn sie sein Schreiben gar nicht oder zu spät abgab? Unglücklich war er ohnehin genug; wenn er nun vernahm, daß er durch ihre Nachlässigkeit um seine schönste Hoffnung betrogen war – davon hätte sie den Tod gehabt. Noch ein Gedanke durchfuhr sie blitzschnell. Wie, wenn der Schnee, den Sidonia oben in der Küche schlug, für Herrn Arnsteiner bestimmt war? In dieser Verwirrung widerstreitender Vorstellungen hatte die Tochter der Federschleißerin die Treppe erreicht und erschien mit einem Male an der offenen Küchentüre! – Sie hatte sich nicht getäuscht. Sidonia selber schlug den Schnee. Sali hatte mit der reichen Wollhändlerstochter nur wenig im Leben verkehrt, sie stand ihr zu hoch, und in den Augen des armen Mädchens gab es nichts, was an die Herrlichkeit Sidonias reichte, besonders wenn sie in irgend 326 einem neuen Kleide erschien, das eigens in Prag von dem berühmtesten Schneider verfertigt sein mußte. Diesmal aber war es ihr, als sei sie ihr ebenbürtig; das Mädchen gegenüber dem Mädchen machte sich in ihr geltend, und das beseelte sie mit herzhaftem Mut. Durch eine zufällige Bewegung hatte Sidonia sogleich die an der Tür wartende Sali bemerkt. Sie hielt alsbald im Schneeschlagen inne und trat auf sie zu. Wie schön war Sidonia mit ihrem vom Küchenfeuer geröteten Antlitze, in ihren sorgfältig geringelten Hängelocken und namentlich in dem neuen Kleide von einem unbekannten Stoffe, das übrigens zur Küche gar nicht paßte! »Willst du etwas, Sali?« fragte sie. »Ich habe etwas mit Ihnen zu reden, Fräulein Sidonia,« entgegnete Sali, die bei allem Mute, der sie in diesem Augenblicke durchströmte, dennoch die Besonnenheit hatte, sich erst in der Küche umzusehen, ob kein unnötiger Lauscher da sei. Nur die alte Reichel hantierte am Herde. »Mit mir willst du reden?« rief Sidonia. »Ja,« sagte Sali beinahe flüsternd, indem sie sich zu dem schönen Mädchen neigte;»ich habe Ihnen einen Brief von einem zu übergeben.« »Mit wem steh' ich denn in Korrespondenz?« rief Sidonia mehr verblüfft als verlegen. Sali holte mit einem raschen Griffe den Brief hervor und überreichte ihn ihr. Kaum hatte Sidonia den Blick auf die in zierlich geschwungenen Buchstaben geschriebene Adresse »an das wohledle Fräulein Sidonia Winterfeld« geworfen, als sie in ein heftiges Gelächter ausbrach. »Was kann er mir zu schreiben haben?« rief sie dazwischen. »Um Gottes willen,« sagte Sali ängstlich, »lachen Sie nicht so laut, es könnte einer es hören, und Herr Arnsteiner will nicht, daß ein anderer den Brief zu lesen bekommt als Sie, Fräulein Sidonia.« 327 »Ich erschrecke!« lachte Sidonia, »es wird doch keine Sprachlehraufgabe sein, die er mir schickt, weil er nicht selbst kommt? Heute mach' ich sie nicht, das kannst du ihm ausrichten . . . ich muß mich mit meinem Auflaufe beschäftigen.« »Lesen Sie nur, Fräulein Sidonia,« sagte Sali, durch dieses Benehmen ganz kleinlaut geworden, »es soll in dem Briefe etwas ganz anderes stehen – etwas ganz anderes, was sehr traurig ist.« »Er wird sich doch nicht ins Wasser stürzen wollen?« lachte wieder Sidonia und riß hastig das Siegel auf. Während sie nun das Schreiben des Lehrers las, hatte die kleine Sali Gelegenheit, die Gesichtszüge Sidonias auf das genaueste zu studieren; sie wandte nicht ein Auge von ihr ab. Sah man so aus, wenn man einen so traurigen Brief von Herrn Arnsteiner zu lesen hatte? Das erste, was Sidonia nach Salis unmaßgeblicher Ansicht hätte tun sollen, war, in Tränen auszubrechen und in schmerzlichen Worten das Schicksal Arnsteiners zu beklagen. Das zweite, nach ihrem Dafürhalten, wäre gewesen, auf der Stelle den Auflauf ins Feuer zu schleudern, sich augenblicklich hinzusetzen und einen Brief an Herrn Arnsteiner zu schreiben, einen Trostbrief wenigstens, daß, da sie selbst schon das Unglück hätte, ihm nicht angehören zu können, es noch andere Mittel und Wege für ihn gebe, glücklich zu werden . . . Nichts von dem allem geschah. Wohl hatte sich Sidonia, nachdem sie den Brief zu Ende gelesen, von Sali abgewendet, und war an den Herd getreten. Aber als sie sich nach geraumer Weile umdrehte, glänzten wohl Tränen in ihren Augen, doch diese rührten von einer dem Weinen ganz entgegengesetzten Empfindung her. Ihr ganzes Antlitz strahlte von Heiterkeit und Lust. »Sie lachen, Fräulein Sidonia!« rief Sali ganz erschrocken. »Hat Ihnen denn Herr Arnsteiner gar so lustige Dinge geschrieben?« 328 »Der Brief ist nicht mit Gold zu bezahlen, ich versichere dich!« kicherte dagegen Sidonia. Sali wurde an sich selbst irre. Hatte Sidonia recht? Hatte der Lehrer vielleicht in der Tat mehr lustig als traurig geschrieben? – Wie reimte sich jedoch dies mit seinem Unglücke zusammen? Nein, nein! Alles in Salis Gemüt geriet gegen diese Annahme in Aufruhr! »Ich meine nur, Fräulein Sidonia,« sagte sie, beinahe zornig, »daß es eine Sünde ist, über einen Menschen sich lustig zu machen – der gar nichts dafür kann!« »Weißt du denn, worüber ich lache?« erwiderte Sidonia ziemlich spitz. »Nein,« sagte Sali. »Also brauchst du mich nicht zurechtzuweisen,« meinte Sidonia mit Hoheit, indem sie das arme Mädchen von oben bis unten maß. Aber die Tochter der Federschleißerin hielt diesen Blick aus, sie zuckte nicht einmal mit den Augenwimpern. »Ist das die ganze Antwort,« sagte sie, Sidonia fest anschauend, »die ich Herrn Arnsteiner bringen soll?« »Ich begreife nicht,« sagte Sidonia mit eisiger Kälte, »wozu ich dich zu meiner Vertrauten machen muß.« »So werden Sie ihm selbst die Antwort bringen?« fragte Sali, ohne sich von dieser Beleidigung irre machen zu lassen. »Der Schnee, der Schnee!« schrie in diesem Augenblicke die furchtbare alte Köchin, daß die beiden Mädchen erschrocken zusammenfuhren. »Wo bleibt der Schnee? Ist jetzt Zeit, sich mit Liebesbriefen herzustellen, wo der Auflauf auf einen wartet?« »Sie hat uns doch belauscht,« flüsterte Sidonia, indem sie einen scheuen Blick nach ihrer Lehrerin in der Kochkunst warf. »Was soll ich ihm also sagen?« meinte Sali, die nun wohl einsah, daß ihres Bleibens nicht länger sei, ebenso leise. 329 Sidonia stand unschlüssig da; sie hatte den Kopf gesenkt, und sann allem Anscheine über etwas nach. Plötzlich richtete sie ihn auf, ihr Gesicht strahlte wie von einem guten, soeben gefundenen Gedanken. »Weißt du was?« flüsterte sie wieder zu Sali, »wenn er dich fragt, was ich zu dem Briefe gesagt habe, so sag ihm, ich werde kommen.« »Sie werden kommen?« schrie Sali etwas überlaut. »Schrei nicht so,« warnte Sidonia, indem sie sich wieder scheuen Blickes nach der Köchin umschaute. »Wie glücklich werden Sie ihn machen!« rief Sali, und ein dankbarer, aus der Tiefe ihrer Seele dringender Blick war der einzige Dank, den sie dem schönen Mädchen in diesem Momente bieten konnte. »Ja, ja, ich komme,« wiederholte Sidonia, »heute noch. Sag ihm nichts anderes als das.« – – Als Sali wieder unten auf der Gasse stand, mußte sie still vor sich hinsprechen: »Ich hätte mir's doch nicht gedacht, daß Sidonia ein so gutes Herz besitzt! Wie wird er sich freuen!« Arnsteiner wußte nun, was ihm für den Abend bevorstand. In drängender Eile, mit hochrot gefärbten Wangen hatte ihm Sali die Geschichte ihrer Botschaft mitgeteilt. Sidonia kam, und das war ihm genug! Eines hatte die Tochter der Federschleißerin aber verschwiegen, nämlich ihre Vermutungen über die Zwecke des Auflaufs, zu welchem sie den »Schnee« unter Sidonias Händen hatte entstehen sehen. »Sali, es bleibt dabei, was ich dir feierlichst versprochen habe,« sagte der Lehrer wie zum Danke, »sobald diese Sache einmal in Ordnung gebracht ist, fange ich mit dir Mythologie an.« »Gut, Herr Lehrer,« entgegnete Sali darauf, indem sie davoneilte, »meinetwegen lerne ich alles, was Sie wollen – aber« 330 »Was aber?« fragte Arnsteiner stirnrunzelnd. »Ich kann's nicht sagen, Herr Lehrer!« rief das Mädchen gepreßt, und war zur Türe hinaus, ehe Arnsteiner weiter dringen konnte. Dem Lehrer war es übrigens nicht unlieb, daß sich die kleine Schülerin so eiligst entfernt hatte, denn er begann jetzt allmählich von jenem unheimlichen Leibes- und Seelenzustande überfallen zu werden, den alle Welt unter dem Namen »Fieber« kennt. Hitze wechselte mit Kälte ab, die Pulse jagten bald wie scheu gewordene Pferde in ihm auf und ab, bald standen sie wieder still; niemand hätte dann behaupten können, daß Julius Arnsteiner überhaupt noch Pulse habe. Bald rannte er in siedendheißer Glut die Stube auf und nieder, bald ließ ihn die Kälte nicht auf den Beinen sich erhalten. Nur wenige Stunden hatte noch der Tag zurückzulegen, und es stand ihm bevor, was er so oft in Büchern, aber nie im Leben selbst erfahren hatte – ein »Rendezvous« mit einem Mädchen! Vielleicht, um sich die Gewißheit zu verschaffen, daß dieses Wort für ihn kein leerer, inhaltsloser Schall sei, schrieb er es einige dutzendmal bald in lateinischer Fraktur, bald in deutscher Kurrentschrift auf einen Bogen Papier, sah dann ein jedes mit einem besonders schönen Schnörkel ausgestattete »Rendezvous« mit erstaunten Augen an, als könnte er es nicht begreifen, daß dieses Wort zu ihm, und er zu dem Worte in solcher Beziehung stehe. »Ist es nicht wunderbar,« redete er einmal ein solches von einem kühnen Schnörkel, wie mit einem Strahlenkranze umgebene Wort an, »daß außer mir und Sidonia Winterfeld vielleicht keiner in der ganzen Gasse »Rendezvous« zu schreiben versteht? Woher mag das kommen? Weil die Leute nicht auf die grammatikalische Analyse eingehen. Denn was heißt Rendezvous? Es ist kein Hauptwort, denn es ist weder der Name eines wirklichen oder als wirklich gedachten 331 Dinges . . . es ist, wenn man es von einem höheren Standpunkte betrachtet, eine zur Würde des Hauptwortes erhobene Redensart! Rendezvous heißt: Begeben Sie sich! Wie fein die Franzosen das ausgedacht haben! Das deutsche »Stell dich ein« ist dagegen wie ein grober Klotz schon darum, weil es in der zweiten Person der einfachen Zahl einen anspricht. Stelle dich ein! klingt wie der Befehl eines Korporals zum Rekruten. »Begeben Sie sich« ist die höfliche Bitte eines liebenden Mädchens an einen gebildeten Mann, dem sie etwas Angenehmes zu sagen hat. Das ist der gewaltige Unterschied!« Mitten inne fiel es dem Lehrer auch ein, an die Tochter der Federschleißerin zu denken. Er wollte ihr die Bemerkung über den feinen Unterschied zwischen Rendezvous und Stelldichein morgen auseinandersetzen. »Sie hat einen guten Kopf,« sagte er vor sich hin, »es kann ihr nicht schaden, wenn sie es weiß.« Während sich so der Lehrer dem Spiele seiner Einbildungskraft hingab, war es in der Stube finster geworden. Die Zeit des »Begeben Sie sich« war gekommen. In diesem Augenblicke blickten vielleicht schon zwei sehnsüchtige Augen zum dunklen Nachthimmel und fragten ihn leise, ob die Sterne, die daselbst angezündet waren, nicht gar zu helle scheinen. Mit Fieberschauern im Herzen, die sich bis auf die Hände erstreckten, so daß er in der Dunkelheit mehrmals die Türklinke fahren ließ, die er schon erfaßt hatte, huschte er aus dem Hause. Draußen fiel es ihm zum erstenmal seit vielen Jahren ein, daß er die Zimmertür zu schließen vergessen habe. Der Mensch ist bei den strengsten Grundsätzen schwach, dachte er – wie konnte er wissen, ob nicht morgen ein Haufen fremder Menschen in dieser Stube herumstöbern wird? – Einen Augenblick dachte er sogar daran, ob er überhaupt schließen solle? Die Flucht würde dann gleichsam verdeckt, und die Sucher auf andere Spuren geleitet . . . 332 Dennoch entschloß er sich dafür, der Furcht vor Dieben nachzugeben; er tappte durch den finstern Hausgang zurück und drehte den Schlüssel zweimal im Schlosse herum. Die Tochter der Federschleißerin sollte ihm am anderen Tage keine Vorwürfe machen, daß er sein Hab und Gut in die Obhut von Dieben gestellt hatte. Am anderen Tage! – Wird es einen solchen geben? Wo wird er über dir aufgehen? dachte Arnsteiner, während er durch die stille Gasse mitten in die warme Frühlingsnacht hinaushuschte. Aber ihn durchrieselte eisige Kälte. Schauer rüttelten an ihm, daß er sich kaum auf den Beinen halten konnte. »Man stelle einen Kato an meine Stelle,« murmelte er zähneklappernd vor sich hin, indem er die langgestreckte Pappelallee, wo das »Begeben Sie sich« stattfinden sollte, vor sich sah, »man stelle mir einen Moses Mendelssohn her, und er mag zusehen, wie er mit Sidonia Winterfeld fertig wird.« Die Fieberschauer kehrten mit verdoppelter Gewalt zurück, als er nun in diese Allee wirklich eintrat. Zaghaften Schrittes kam er an den ersten Bäumen vorüber, von denen er jeden anstarrte, als wüßte er etwas Besonderes von ihm. Hätten sie noch geflüstert, wie das ihr Brauch ist in der Nacht, so hätte sich der Lehrer in der Stimmung, in der er war, diese Sprache der Natur nach seiner Art gedeutet. Aber nicht ein Blatt regte sich, und dieses Schweigen sprach mit fürchterlicher Beredsamkeit zu dem ohnehin erschreckten Gemüte des Lehrers. Diese hoch aufgeschossenen Pappeln schienen wie eine Armee von stummen Richtern hingestellt, um über ihn, der im Begriffe stand, ein großes Verbrechen zu begehen, schon im voraus ihr verdammendes Urteil abzugeben. Hinter einer ungewöhnlich hohen Pappel erscholl plötzlich ein Ruf, der ihm mit eiserner Spitze bis aufs Mark eindrang. »Mädchenentführer«, hatte es getönt – und doch stand niemand hinter 333 dem Baume. – Aus seinem eigenen Innern war der fürchterliche Ruf gekommen; sein böses Gewissen hatte Sprache erhalten, und nun schien es, als ob die leblosen Geschöpfe der Natur nur von dem widerhallten, was in seiner eigenen Seele vorging. Umsonst hastete er jetzt seinen Schritt; die Bäume rückten zusammen, berührten sich mit ihren Wipfeln und wollten ihm keinen Durchgang gönnen. Stimmen, die von rechts und links, von oben und unten ertönten, forderten ihn auf, sich erst von seiner Schuld zu reinigen, ehe er sich wieder unter Menschen blicken ließe . . . Nicht nur »Mädchenentführer«, auch andere in der öffentlichen Moral schwer wiegende Scheltworte, wie »Erbschleicher«, »Egoist« flogen ihm um die Ohren. Namentlich das letzte drang mit unwiderstehlicher Wahrheit auf ihn ein . . . Lazar Winterfelds Geld, die reiche »Partie« war es gewesen, die ihn verblendet und seinem alten Wesen untreu gemacht hatte. Wenn jemals, so hatten die Leute diesmal recht, über ihn als Menschen den Stab zu brechen und ein dreimaliges »Wehe« zu schreien! Ein Lehrer, der doch seinem Namen nach »Moral und Sittlichkeit« lehren sollte; ein Julius Arnsteiner, gegen den selbst die schwärzeste Scheelsucht und die niedrigste Verkleinerungslust keinen Schatten einer Schuld aufzuweisen vermochte, stand nun in dem Verdachte, ein junges Mädchen berückt und einiger tausend Gulden wegen dem väterlichen Hause abtrünnig gemacht zu haben! Pfui über Julius Arnsteiner! wenn er erst in seinem fünfunddreißigsten Lebensjahre jenen Grundsätzen untreu wurde, die er während einer sechzehnjährigen Tätigkeit als Lehrer keinen Augenblick verleugnet hatte! . . . Eines starrte jetzt den unglücklichen Arnsteiner mit hohlen, grauenhaften Augen an, die Aussicht: nicht mehr Lehrer sein zu können! Wer wird ihm seine Kinder anvertrauen? Wer läßt von einem Menschen unterrichten, der 334 unter der Anklage eines Mädchenraubes steht? Und daß ihm dieses Verbrechen werde zur Last gelegt werden, daß niemand es bezweifeln werde, Sidonia Winterfeld sei das Opfer seiner Leidenschaft geworden, war auch dem blödesten Auge klar. Julius Arnsteiner konnte hinfort kein Lehrer bleiben; er selbst hatte sich seiner Würde entkleidet; er stand entheiligt, seiner Kraft beraubt, wie Simson mit geblendeten Augen vor aller Welt! Wenn er aber kein Lehrer sein konnte, was denn sonst? – Die Welt verging vor ihm, im wirren Kreiseltanze drehten sich um ihn die Gegenstände, alles schien ringsum aus den Fugen gerückt, nicht nur die Sterne am Himmel und die Bäume, sondern auch seine Gedanken. In seiner Willens- und Körperkraft gebrochen, wankte er zu einer der Bänke, die unter den Bäumen standen, und ließ sich darauf nieder. In diesem Zustande eines bloßen Scheinlebens verharrte er eine geraume Zeit, die Schöpfung schien ihm zu Gefallen zu feiern, kein Laut, kein Blätterrauschen, kein Vogelsang ringsumher . . . Aber unter dem Baume atmete ein Mensch in schwerstem Jammer. Die Hände vor das Gesicht gepreßt bemerkte er nicht, was um ihn vorging. Da fühlte er mit einem Male einen weichen Druck auf seiner Schulter. Arnsteiner zuckte zusammen und ließ seine Hände fallen. – Sidonia Winterfeld stand vor ihm. »Sidonia!« rief der Lehrer in einem Tone des Entsetzens, als stellte sich ihm ein Ungeheuer, nicht ein schönes Mädchen von Fleisch und Blut vor. »Sehen Sie, Herr Arnsteiner, was ich für eine gehorsame Schülerin bin,« sagte das Mädchen scherzhaft, »Sie haben mir geschrieben, daß ich kommen soll, und ich bin gekommen.« 335 »O, Sidonia!« seufzte der Lehrer tief auf, »ich wollte, Sie wären nicht gekommen!« »Warum nicht?« rief das Mädchen lebhaft. »Erst schreiben Sie mir einen so schönen Liebesbrief und verleiten mich zu diesem Schritte – und jetzt –« »Jetzt weiß ich, daß ich unrecht gehandelt habe,« sagte der Lehrer schmerzlich, »die Macht Ihrer Leidenschaft auf die Probe gesetzt zu haben.« »Kurios reden Sie, Herr Arnsteiner,« schmollte das Mädchen; »haben Sie mich nicht aufgefordert, Ihnen – über das Kopfrechnen zu erzählen?« Arnsteiner starrte das Mädchen mit verwunderten Blicken an. Erst allmählich kam ihm die Erinnerung dessen in den Sinn, was er erst gestern geschrieben, aber es war mächtig genug, ihm alles Blut zum Herzen zu drängen. »Wie heißt?« rief, da er schwieg, Sidonia. Den Lehrer durchzuckte dieser in der Gasse nicht ungewöhnliche Ausruf auf eine eigentümlich verletzende Weise. »Wie heißt?« wiederholte das Mädchen noch einmal. Arnsteiner bezwang sich. »Wie oft habe ich Ihnen diesen Ausdruck verwiesen, Sidonia?« sagte er sanft. Da lachte das Mädchen hell auf. »Das wäre schön,« rief sie, »wenn ich nur darum gekommen wäre, um jetzt deutsche Sprachlehre zu lernen.« Der Lehrer atmete tief und schwer. In diesem Lachen des Mädchens lag etwas, was ihm sehr wehe tat; er schrieb es aber auf Rechnung der Aufgeregtheit, in der sich Sidonia jetzt befinden mußte. »Sidonia,« rief er mit stockendem Atem, »Sie wollen wirklich . . .?« »Was, Herr Arnsteiner?« »Ihr väterliches Haus verlassen, Reichtum und Glanz entsagen, nur dem Zuge Ihres Herzens folgen?« 336 Das Mädchen hielt sich ihr Schnupftuch vor den Mund und kicherte. Der Lehrer meinte aber schmerzliches Schluchzen zu hören. »Sie weinen, Sidonia!« rief er in tiefster Rührung. »Wo fallen Sie aus, Herr Arnsteiner?« rief das Mädchen und lachte und lachte, daß das Schnupftuch in ihren Händen zitterte. Dem Lehrer dämmerte ein entsetzliches Licht auf; er wollte sich erheben, aber er vermochte es nicht; unsichtbar wirkende Kräfte hielten ihn auf der Bank zurück. In demselben Augenblicke ertönte noch eine andere Stimme als die Sidonias neben dem unglücklichen Lehrer; sie schien wie aus dem Boden gewachsen, aber trotz seines namenlosen Zustandes erkannte sie Arnsteiner, und daß sie nur dem einen angehörte, den er in dieser Stunde auf der ganzen Erde am meisten zu fürchten hatte. »Nun, Herr Lehrer,« sagte Lazar Winterfeld, »schöne Narreteien stellen Sie da an. Statt mit meiner Tochter zu lernen, wie sie einen guten Geschäftsbrief zustande bringt, schreiben Sie ihr Liebesbriefelchen. Schickt sich das für einen Lehrer, dem man alle Monate sein Geld richtig auszahlt? In Nacht und Nebel muß man Ihnen nachgehen . . . und Sie können die Vermessenheit haben, meine Tochter zu sich zu bestellen?« »Laß ihn gehen, Vater,« hörte er Sidonia gleichsam beschwichtigend sagen, »er hat nur gemeint, im Freien läßt sich besser mit dem Kopfe rechnen, als drin im Zimmer.« »Sie werden es weit bringen in der Welt,« fing wieder Lazar Winterfeld an, »wenn Sie solche Narreteien forttreiben. Die Welt müßte sich doch kurios auf den Kopf gestellt haben, möcht' ich meine Tochter – einem Lehrer geben.« Jetzt riß eine Gewalt, die wie ein Feuerstrom seinen ganzen Leib durchglühte, dem Lehrer die Hände vom Gesicht. Nun war er an jener Stelle seiner Seele getroffen worden, die der verwundbarste Fleck seines Daseins war. Das Heiligste 337 war von den breiten Tatzen dieses Lazar Winterfeld angefaßt worden; das, woran der Lehrer mit den feinsten Fibern seines Gemütes hing, blutete unter den Fängen der rohesten Rede. Arnsteiner sprang auf, er wollte wirklich an den Beleidiger seiner Ehre; er hätte ihn in der Tat ermordet . . . aber in demselben Augenblicke taumelte er wieder auf die Bank zurück. Neben Sidonia stand ein fremder, ihm ganz unbekannter Mann; noch ein Zeuge seiner Schande! »Wer ist das?« schrie er außer sich. Sidonia verneigte sich tief vor dem Lehrer. »Wenn Sie es erlauben, Herr Arnsteiner,« sagte sie und ergriff den fremden Mann an der Hand, »so habe ich die Ehre, Ihnen hier Herrn Alfred Bittersüß aus Kolin vorzustellen. Er ist seit heute nachmittag mein Bräutigam – auch ohne Kopfrechnen!« Und Arnsteiner bedeckte aufs neue sein Angesicht. Jetzt hörte er, wie der neue Bräutigam halblaut zu Sidonia sagte: »Es ist genug! Lassen wir ihn jetzt gehen!« Diese wenigen Worte waren aber von wunderbarer Wirkung auf des Lehrers Zustand. Verraten, entwürdigt, verhöhnt, daß sich jeder Nerv aufbäumte, hatte er dennoch keinen Laut dafür, als das stumme Dulden dieser unbarmherzigen Streiche. Jetzt fand er die Sprache! Er richtete sich mit einem Male auf, alle Schwäche war aus ihm geschwunden; nun fühlte er sich stark genug, um einer Welt voll Lazar Winterfelds entgegenzutreten. »Wollen Sie noch etwas von mir?« fragte er mit so ruhig gelassenem Tone, als gelte es irgend einer heiteren Äußerung. Sidonia, an die er diese Frage gerichtet hatte, trat scheu zurück; sie hatte wahrscheinlich nicht erwartet, daß der totgeglaubte Löwe noch Kraft genug habe, sich zu einem Sprunge zu erholen. 338 »Haben Sie mir weiter nichts zu sagen?« begann er nach einer Weile wieder, »und ist das alles, was Sie an Spott und Hohn und Witz für meine Narretei in Bereitschaft haben?« Auf diese unvermutete Anrede fanden die drei, die ihm gegenüberstanden, nicht sogleich die Antwort, aber die eine Wirkung hatte sie bereits, daß ihnen das Lachen vergangen war. »Wenn ich wie Sie, Lazar Winterfeld, gewesen wäre,« fuhr der Lehrer mit seltsam gehobener Stimme fort, »so hätte ich mich mit so einer einfachen Schande, wie Sie mir jetzt angetan haben, gar nicht begnügt. Ich hätte die ganze Gemeinde dazu geladen: ich hätte den Schuldiener mit einer Einladung zu allen Leuten herumgeschickt, und der hätte ihnen müssen ansagen: Kommt heute abend da- und dorthin! Da wird ein großer Spaß aufgeführt werden, nämlich der Herr Lehrer Julius Arnsteiner soll beschämt werden. Alle Schulkinder hätten dabei in weißen Hemdekrägen erscheinen müssen, wie bei einer Prüfung, denn es ist ein gar zu schönes Schauspiel, wenn derjenige, dem sie nach ihren Eltern das meiste verdanken, an den Pranger der Schande gestellt, verhöhnt und verspottet werden soll.« Die Stimme des Lehrers klang wie Weinen, als er diese Schlußworte sprach, aber er ermannte sich sogleich und fuhr in freiem Tone fort: »Ihnen, Herr Winterfeld, mache ich keine Vorwürfe . . . Sie handeln eben nicht anders, als Sie es verstehen. Kann ich von einem Zwetschkenbaum verlangen, daß er mir die Früchte der Palme gebe? Er bleibt ein Zwetschkenbaum unter allen Umständen. Was ist Ihnen ein Lehrer? – Soll ich behaupten, daß ein Sack Wolle, den Sie vom Markte bringen, in jeder Beziehung Ihnen mehr am Herzen liegt, als so ein armer verlassener Lehrer? An dem Sack Wolle können Sie Geld erwerben, viel Geld, da Sie sich aufs 339 ›Kopfrechnen‹ verstehen . . . an dem armen Lehrer hat nur Ihre Tochter gewonnen, denn ohne ihn wäre sie ein Messer ohne Griff, ein ungesäuertes Brot, eine ungesalzene Suppe. Dafür kann dieser Lehrer nicht hart genug gestraft werden. Er hat sich erkühnt, aus Lazar Winterfelds Tochter etwas zu machen, was unter Brüdern gerade soviel wert ist, als der Sack Wolle in ihres Vaters Magazin.« Der Lehrer sah wohl, daß Lazar Winterfelds stämmige Gestalt unter den Vorbereitungen eines Zornausbruches heftig arbeitete; er aber hatte sein letztes Wort noch nicht geredet. »Ihnen, wohledles Fräulein Sidonia,« wandte er sich rasch an diese, »danke ich in zweifacher Weise dafür, daß Sie meine Schülerin gewesen sind. Ich hatte mir eine Narretei in den Kopf gesetzt. Nun, davon bin ich zu meinem Glücke gründlich geheilt worden. Nicht nur lieben Sie mich nicht . . . Sie kennen nicht einmal die schuldige Dankbarkeit einer Schülerin gegen ihren Lehrer . . . Sie machen sich lustig über mich, Sie verrieten mich . . . Sie riefen Zeugen meiner Schande herbei. Diese Herzensroheit, doppelt tadelnswürdig, weil sie an einem Weibe sich offenbart, werden Ihnen wohl manche Menschen nicht hoch genug anrechnen . . . ich kann Sie dafür nur bemitleiden! Statt über meine Schwäche den Schleier der Vergessenheit zu ziehen, haben Sie sie unbarmherzig enthüllt . . . Fragen Sie die kleine Sali, die Tochter der Federschleißerin, was sie in einem solchen Falle getan hätte? Aber freilich! Wie kann die reiche Sidonia Winterfeld bei dem armen Kinde in die Schule gehen? Jener ward das Wissen in Eimern dargebracht, während diese es in Kaffeelöffeln wie eine Medizin zu kosten bekömmt. Dennoch hätte die kleine Sali ihren Lehrer nicht verhöhnt, verspottet und verraten! Und darin liegt die zweite Lehre, für die ich Ihnen, wohledles Fräulein Sidonia, vom Herzen dankbar bin, nämlich die, daß ein voller Kopf und ein leeres Gemüt jedenfalls nachzusetzen sind – einem leeren 340 Kopfe mit einem vollen Gemüte. Diese Lehre will ich mir fortan nutzbar machen.« Mit einer raschen Bewegung war Julius Arnsteiner nach den letzten Worten aus dem Kreise seiner Dränger getreten, und nur das dämmerndfahle Licht des Mondes verhinderte, daß sie nicht sehen konnten, wie siegesfreudig sein ganzes Antlitz strahlte, wie sich in seinem Wesen Mut und Entschiedenheit in nie geahnter Weise ausdrückten. Das aber sahen sie noch, wie er mit hochaufgerichtetem Haupte ihnen seinen Gruß zuwinkte, und ihren Blicken entschwunden war, noch ehe sie sich von ihrem Staunen erholt hatten. »Sali, mein Kind, du magst sagen, was du willst, so sag' ich, mit dir geht etwas vor,« sprach die Federschleißerin in der Nacht, während sie vor ihrer gewöhnlichen Beschäftigung saß. »Red dir nichts ein, Mutter,« tönte es aus jenem mehrfach erwähnten merkwürdigen Winkel mit ziemlich verdrießlicher Stimme zurück. Die Federschleißerin legte gerade ein Häuflein fertiger Federn zur Seite; sie antwortete also nicht sogleich, sondern bewegte die Lippen, als wenn sie spräche, was bei ihr jederzeit nur der Vorläufer des wirklichen Sprechens war. Erst nach einer Weile meinte sie: »Du weißt, Sali, mein Kind, ich seh', wo andere Leute nichts sehen, und höre, wo andere Ohren nichts hören. Warum? In meinem ganzen Leben hab' ich so viel sehen und hören müssen, und habe gemußt dazu schweigen, daß ich mir gewöhnt habe, meine Augen und Ohren ganz anders zu gebrauchen, wie sonst die Leute.« »Ich kränke mich, Mutter, daß ich als Kind nicht mehr 341 habe lernen können,« kam es aus dem Winkel hervor, »man möchte mich dann nicht so verachten.« »Dich verachtet man?« rief die Federschleißerin gegen ihre Weise heftig. Da sich aber die Wirkung dieser auffahrenden Worte sogleich in einem gefährlichen Wirbeltanze der leichtbeweglichen Federchen zeigte, setzte sie beschwichtigend hinzu: »Kurios redet doch so ein Mädchen, wenn es erst siebzehn Jahre alt ist.« »Wenn man aber mit siebzehn Jahren erst beim großen ›S‹ steht, wie dann; Mutter?« kam es aus dem merkwürdigen Winkel in wehmütig klagenden Lauten hervor. Die Federschleißerin bewegte wieder, ehe sie sprach, die Lippen. Kein Federchen rührte sich von seiner Stelle. War es in ihrem Gemüte auch so ruhig? Es schien nicht; ein namenloses Weh klang durch, als sie sprach. »Von mir ist es auch nicht auf dem Berge Sinai geschrieben gestanden, daß ich auf meine alten Tage Federn schleißen muß. Dein Vater, mit dem der Friede sei, hat ein schön Stück Geld mit mir nachbekommen, aber leider Gottes, er hat's nicht verstanden damit umzugehen. Hast du zu ihm gesagt: Mann, warum gehst du nicht dort und dort hin, es wäre da etwas zu verdienen? so ist er zwar hingegangen, aber heimgebracht hat er nichts. Und doch war er kein »Schlemiel«, er soll mir's noch jetzt verzeihen in seinem Grabe. Aber immer war ihm ein anderer schon zuvorgekommen. Wo hätte da ein Geschäft gedeihen sollen? Er hat immer darauf gewartet, daß man ihm, wie jenem Eisenhändler in Prag, eine Kiste mit altem Eisen ins Haus bringt, und wie er sie auseinanderschlägt, war's lauter Gold. Und dann hat's sich noch herausgestellt, daß der Bauer, der die Kiste gebracht hat, eigentlich der Prophet Elias gewesen ist. Zu uns ist kein Elias gekommen! Ehe man's gemerkt hat, hat dein Vater den »Dorfgeher« machen müssen. Nun hat man Beispiele, daß sich viele Menschen wieder von unten 342 heraufarbeiten; aus einem Hasenhäutchen ist schon oft ein großes Haus geworden. Doch, ich will meinen Mund nicht zu unrechten auftun, aber das muß ich deinem Vater (mit dem der Friede sei) doch nachsagen, er hätte besser für sein Weib und Kind bedacht sein können.« Die Federchen gerieten bei diesen letzten Worten in unruhige Bewegung, und hie und da hatte manches seinen Weg über den Tisch oder in die Kerzenflamme gefunden. Die innere Bewegtheit, wie wenig sie auch sonst in heftigen Atemzügen über die Lippen der alten Frau kam, war doch zu stark für sie. »Nun, ich rede ja nichts,« sagte die Federschleißerin sich selbst zur Entschuldigung, und ihre Stimme sank zu den leisesten Flüstertönen herab. »Warum hat er sich nicht besser umgesehen? Hätte er es nicht auch so weit wie Lazar Winterfeld bringen können, der auch mit Hasenhäutchen angefangen hat? Wo steht es denn geschrieben, daß Lazar Winterfelds Tochter von Herrn Arnsteiner die Bücher ordentlich in den Kopf hineingedrückt bekommt, und mein Kind muß erst beim großen ›S‹ stehen? Ich frag', wo steht das geschrieben?« Diesmal entstand unter den Federchen ein gefährlicher Aufruhr; einen Augenblick lang war die Kerzenflamme beinahe verdunkelt, weiße Körperchen flogen auf und nieder und schienen auf keine Art beschwichtigt werden zu können. Aber die Federschleißerin benahm sich den Aufrührern gegenüber nicht mit der gewohnten Milde . . . im Gegenteile, der Unmut ihres Herzens war stärker als die Rücksicht, die sie sonst nahm, und vielleicht seit vielen Jahren zum ersten Male gab sich die alte Frau einer Stimmung hin, die nicht mehr in ihrem Innersten ihre geheimnisvolle Werkstätte hatte, sondern laut und vernehmlich über ihre Lippen trat. »Ich will auch einmal reden,« rief sie, »ich hab' lang' genug geschwiegen. Warum hat mein Mann (er soll mir's 343 verzeihen) nicht wenigstens für das Kind etwas auf die Seite gelegt? Hab' ich mir das bissele Leben nicht bitter genug verdienen müssen? Er aber (mit dem der Friede sei) hat sich ganz ruhig in sein Grab hineingelegt und hat ausgesorgt gehabt. Was war ihm daran gelegen? Wenn man ihn gefragt hat: ›Warum hast du nichts Rechtes eingekauft?‹ hat er gelacht. Einmal hat er sogar – man sollt' gar nicht denken, auf was für Sachen er gefallen ist – einmal hat er gar Bücher mit sich nach Hause gebracht von einem alten Geistlichen aus dem Dorfe. – ›Mann,‹ hab' ich geschrien, ›was sollen wir mit alten Büchern anfangen, wer soll die kaufen?‹ Da hat er gelacht, ich hör's noch jetzt. ›Alte Bücher sind auch zu etwas gut,‹ hat er gesagt, ›wozu möchte man sie denn alt werden lassen? Je älter, je besser. Die Bücher läßt man liegen, in einiger Zeit sind sie sechsmal so viel wert.‹ Ich hab' dazu geschwiegen, mein Herz war zu voll. Die Bücher liegen dort noch im Kasten, ich glaub', nicht einmal die Mäuse haben sie angerührt. Das aber waren seine Geschäfte . . . er soll's mir noch heut' verzeihen, denn sonst hat er ein Herz gehabt wie lauter Gold!« Eine geraume Weile, nachdem die alte Frau so gesprochen, war es um sie herum wie ein Schneegestöber; die weißen Flocken wirbelten wild und ausgelassen auf und nieder, sie aber schien heute kein Auge für dieses gefährliche Spiel zu haben. Wie hätte sie auch einigen aufrührerischen Federchen ihre Aufmerksamkeit zuwenden sollen, da sie zum ersten Male vielleicht nach dem Tode ihres Mannes über die Geschichte ihres Daseins sich selbst Rechenschaft ablegen durfte, und zwar mit nicht geschlossenen Lippen? »Mutter,« tönte es aus dem merkwürdigen Winkel. »Was begehrst du, Sali, mein Kind?« »Weißt du, wem du mit den Büchern einen großen Gefallen erweisen könntest? Ich kenne einen.« Noch bevor die Federschleißerin fragen konnte, wieso 344 Sali einen Käufer für die Bücher gefunden habe, klopfte es mit ziemlicher Heftigkeit an der Stubentür. »Einziger Gott!« kreischte es in dem merkwürdigen Winkel auf. »Herein!« rief die Federschleißerin, durch Salis Schrei nicht wenig erschreckt. »Herr Arnsteiner!« schrie sie selbst mitten durch das Schneewehen ihrer vom Luftzug, der durch den Eintritt des Lehrers entstanden war, wieder wild gewordenen Federn. »Nicht wahr,« rief der Lehrer mit außerordentlicher Lebhaftigkeit, »Sie sind erstaunt, mich so spät bei Ihnen eintreten zu sehen?« Die Federschleißerin hatte die Hände vor sich hingelegt, sie starrte den Lehrer nur an. »Um Gottes willen, ist etwas vorgefallen?« brachte sie mühsam heraus. »Vorgefallen?« rief der Lehrer mit lustigem Lachen. »O ja. Ein Mensch hat sein Leben wiedergefunden, und darüber freut er sich.« Die Federschleißerin hatte zu viel Ehrfurcht vor Julius Arnsteiner als Lehrer und Mensch, um nur einen Augenblick daran zu zweifeln, daß diese ungewöhnliche Redeweise ganz anderswo zu suchen sei, als im Munde des Lehrers. Aber sie sah etwas wie ein Wirtshaus, woraus Gläsergeklirr und heisere Bierstimmen klangen, vor ihren Augen, und so senkte sie diese beschämt zu Boden. »Nun, Frau Channe,« rief Arnsteiner, »wie sagt man zu einem Menschen, der sein Leben wiedergefunden, oder mit einem Worte, der ein großes Glück gemacht hat, z. B. von einer schweren Krankheit genesen ist?« »Gut Glück,« sagte die Federschleißerin zögernd. »Ich danke Ihnen, Frau Channe,« erwiderte der Lehrer mit einem Male höchst feierlich, »ich nehme es als ein gutes Zeichen, daß dieser Wunsch mir zuerst von Ihnen entgegenkommt.« 345 Bisher hatte Sali, die ihren wunderbaren Winkel sogleich beim Eintritte des Lehrers verlassen, den Mund nicht geöffnet; bleich, mit weitaufgerissenen Augen stand sie da und vernahm die sonderbare Unterredung, deren geheimen Sinn nur sie allein richtig zu deuten verstand. »Und was wünschest du mir, Sali?« wandte sich der Lehrer plötzlich zu dem Mädchen; ein vielsagendes Lächeln schwebte dabei um seinen Mund. »Gut Glück!« antwortete das Mädchen fröstelnd. »Sonderbar!« murmelte Arnsteiner halb unvernehmbar den beiden Frauen vor sich hin, indem er über Salis Wesen einen prüfenden Blick warf, der eine geraume Weile dauerte. »Sonderbar, wie der Mensch nur so mit Blindheit geschlagen sein kann . . . nach einer Distel zu greifen, während ihm in seiner nächsten Nachbarschaft eine Rose entgegenblüht.« Von dem Mädchen aber wandte sich der Lehrer wieder zur Mutter; die Federschleißerin sah mit immer mehr wachsendem Erstaunen dem Beginnen des Lehrers zu. Was waren das für Reden! »Jetzt frage ich Sie, Frau Channe, noch um eines, das ich früher wissen muß,« sagte er mit großer Feierlichkeit. »Nämlich! Frau Channe, möchten Sie einmal Stunden, Tage, Wochen und Jahre erleben – wo Sie keine Federn zu schleißen brauchten?« Die Federschleißerin vermochte nur mit dem Kopfe zu nicken, es war weder ein Ja, noch ein Nein. »Und möchten Sie nicht gerne in einem weich gepolsterten Lehnstuhle sitzen, rechts und links Polster und hinter dem Kopfe auch noch eines, und hätten Ihr gutes Essen und Trinken, und brauchten nicht zu warten, bis einer Ihnen einen Sack Federn ins Haus schickt, und am Sabbat könnten Sie in aller Behaglichkeit und Ruhe aus dem »deutschen Chumesch« (übersetzten Pentateuch) lesen?« »Wenn ich versteh', was Sie da reden zu mir, Herr 346 Arnsteiner,« sagte sie tief aufatmend, »so will ich nicht Channe heißen.« Arnsteiner weidete seine Augen zuerst mit Wollust an diesem Opfer seiner mitleidslosen Feierlichkeit, dann griff er in seine Rocktasche und holte einen breit gefalteten Brief hervor. »Vielleicht verstehen Sie das besser,« sagte er, indem er den Brief auseinanderlegte und zum Tische näher trat. Er las: »Herrn Julius Arnsteiner Wohlgeboren! Die unterzeichnete Schulsektion unserer Gemeinde, zu der schon lange der Ruf Ihrer ausgezeichneten pädagogischen und sittlichen Eigenschaften gedrungen ist, erlaubt sich hiermit, Ihnen die an unserer Normalschule durch den Tod des Herrn Jeremias Fischel erledigte Oberlehrerstelle, womit ein Gehalt von 600 fl. B. V. nebst sonstigen Emolumenten verbunden ist, mit dem Bemerken anzutragen, daß, im Falle Sie im Besitze einer Familie wären, oder die Absicht hätten, sich eine solche erst zu gründen, die unterzeichnete Schulsektion es über sich nimmt, Ihnen eine geeignete Wohnung anzuweisen, die allen Ihren Bedürfnissen zu entsprechen unsere angelegentlichste Sorge wäre. Einer geneigten Antwort entgegensehend, und in der Hoffnung, daß Sie dem an Sie von uns ergangenen Rufe Folge leisten werden, zeichnet achtungsvoll Die Schulsektion der Gemeinde M. Dr. Nathan Lilienberg. Vorstand.«         Ein minutenlanges Schweigen herrschte nach Vorlesung dieses Dokumentes in dem kleinen Kreise. Hie und da flatterte ein ruheloses Federchen um das Kerzenlicht und verbrannte mit leisem Knistern. Arnsteiner aber stand aufrecht, die Wangen gerötet, die Augen leuchtend von den Wirkungen eines verzeihlichen Triumphes. »Verstehen Sie das jetzt, Frau Channe?« fragte er dann die alte Frau. 347 »Sie wollen fort von hier, Herr Arnsteiner?« rief die Federschleißerin, die aus dem Briefe der Schulsektion nichts anderes entnommen hatte. »Aber haben Sie denn nicht gehört, mit wem ich fort soll?« rief der Lehrer seinerseits mit lachendem Ärger, »und daß ich mir eine Familie mitbringen soll?« Die Federschleißerin schüttelte nur den Kopf; wohl ahnte sie etwas ganz Ungewöhnliches . . . wie ein Blitz fuhr es an ihrem inneren Auge vorüber, aber es verlöschte auch ebenso schnell. Da endlich hatte der Lehrer Mitleid mit dem Zustande der so arg gequälten Frau; er wandte sich von ihr ab und richtete an Sali das Wort. Das Mädchen stand noch immer auf derselben Stelle . . . man hätte glauben können, es sei über sie eine Art Verzückung gekommen. »Verstehst du mich, Sali?« sagte der Lehrer so weich und empfindungswarm, wie es nur aus einem wahrhaftigen Herzen kommen kann. Er hatte in diesem Augenblicke etwas unternommen, zu dem ihm all sein Leben der Mut und die Entschlossenheit einer kühnen Seele gefehlt hatte, er ergriff Salis Hand – und zitterte dabei nicht minder wie das Mädchen. »Gott! Herr Arnsteiner!« rief die kleine Schülerin voll Scham und wollte ihre Hand aus des Lehrers Umfassung befreien. Aber Arnsteiner gab es nicht zu, er hielt sie um so fester. »Da, vor deiner Mutter, frag' ich dich, Sali,« sagte er, »ob du entschlossen wärest, mir an den Ort meiner neuen Bestimmung – als mein liebes Weib zu folgen.« Das gewichtige Wort war ausgesprochen – aber war es das Bewältigende dieser Frage oder ein anderes, was in diesem Augenblicke trennend zwischen die Antwort der Jungfrau und die Frage des Mannes treten mußte . . . mit einer 348 blitzschnellen Bewegung hatte sie ihre Hand befreit und sich umgewandt gerade gegen jenen merkwürdigen Winkel zu, der so tief in die Geheimnisse ihrer träumenden Seele eingeweiht war! In den Gesichtszügen des Lehrers zeigte sich schmerzliche Überraschung. »Du wendest dich von mir ab, Sali,« rief er, »du verschmähst mich? O, wohl habe ich das verdient, kein besseres Schicksal darf mir zuteil werden! Aber willst du einem Menschen zürnen, der, von einer schweren Krankheit befangen, nicht wußte, was er tat oder was er redete? Du allein, Sali, unter allen Menschen auf dem Erdenrund wirst den Namen und die Natur der Krankheit wissen, an der ich litt. Ich sage dir aber, jetzt bin ich gesund wie ein Fisch im Wasser, jetzt kann mir keine ›Sidonia Winterfeld‹ etwas anhaben! Ich fühle mich stark genug, es mit einer Welt voller Sidonias aufzunehmen und dennoch die Frage an dich zu richten: Sali, willst du als mein liebes treues Weib mit mir in die Fremde ziehen?« Unbeweglich blieb die kleine Schülerin Arnsteiners. Nur ein leises Schluchzen verriet, daß die Worte des Lehrers eine empfindliche Stelle getroffen hatten. Ob aber zu seinem Vorteil? »Ich weiß, Sali,« rief der Lehrer, der die Anwesenheit der alten Frau ganz vergessen zu haben schien, »ich weiß, was dich beleidigt und dir diese Tränen entlockt. Dich verdrießt die unwürdige Rolle, die ich dich in meiner Narretei habe spielen lassen. Großer Gott! Wo waren meine Augen und Ohren? Mit welcher Blind- und Taubheit war ich geschlagen? Dir habe ich mich anvertraut, dich hatte ich dazu ausersehen, der Bote meiner Torheiten zu sein! Und du bist gegangen und hast keinen Anstand genommen, mir helfen zu wollen . . . in einer Sache helfen zu wollen, deren bodenlose Nichtigkeit mir erst jetzt ganz klar ist? Und nachdem das alles geschehen ist, nachdem ich 349 dich so beleidigt und gekränkt habe, komme ich und frage dich: Sali, willst du mein Weib werden?« Jetzt wurde das Schluchzen des Mädchens erst recht vernehmbar, aber sie verharrte dennoch in der abgewandten Stellung. »Sali,« rief der Lehrer immer eindringlicher, »urteile doch milde über einen Menschen, der die Strafe für seine Narretei bitter abgebüßt hat. Dir kann ich es sagen und sonst keiner auf der Erde; ich bin auf unerhörte Weise beschimpft und verspottet worden . . . In Gegenwart ihres Vaters und ihres Bräutigams hat sich Sidonia Winterfeld über mich lustig gemacht.« »Lebendiger Gott!« tönte es schmerzlich beklommen über des Mädchens Lippen. »Und wiewohl ich ihnen allen eine Lektion erteilt habe,« fuhr der Lehrer mit Ungestüm fort, »an die sie Zeit ihres Lebens denken werden; so danke ich ihnen doch im Herzen für die Lehre, die ich von ihnen empfangen habe. Hochmut war mir zu Kopf gestiegen, durch Hochmut bin ich wieder auf den rechten Weg geleitet worden. Dieser rechte Weg führte mich zu dir, er ist der des Heils und Segens. Auf dem Gange hierher ist es wie lauter Licht und Feuer vor mir hergegangen, daß ich nur bei meiner Sali das zu finden vermag, was ich schon so lange unter den verschiedenen Irrtümern bei anderen gesucht hatte: ein lauteres Gemüt, eine treue fromme Seele!« Arnsteiner hielt inne, sein Herz hatte sich seines vollen Inhaltes entladen, und wiewohl er noch das wenigste ausgesprochen zu haben glaubte, fand sein Mund doch keinen Laut mehr! Da wandte sich Sali leise um, und ein von Tränen überströmtes, aber von einem verschämt holdseligen Lächeln überstrahltes Antlitz zeigte sich den Blicken des entzückten Lehrers. 350 »Ich muß mich ja schämen, Herr Arnsteiner,« lispelte die kleine Schülerin, »daß Sie mich –« »Was?« rief der Lehrer atemlos erschrocken. »Daß ich, die nichts kann und erst das große ›S‹ angefangen hat, auf einmal . . .« Arnsteiner ließ sie nicht ausreden. »O Sali,« rief er im Tone wahrhafter Begeisterung, »Gott ist mein Zeuge, daß ich dich gerade so und nicht anders verlange, wie du bist. Und müßtest du erst beim ›A‹ anfangen, und wüßtest weniger als ein dreijähriges Kind, ich spräche nicht anders, als: Sali, gib mir dein goldig Herz und werde mein Weib!« »Mutter!« rief die kleine Sali, die nicht länger dem Strome ihrer Empfindungen gebieten konnte, »Mutter . . . bist du's zufrieden?« »Sali, mein Kind, du kannst noch fragen? Ich stehe dir für ihn, du bekommst den, den ich mir immer gewünscht habe, Gott ist mein Zeuge!« rief die Federschleißerin, die nun schon lange über den Zustand des Lehrers ins klare gekommen war. Da legte die kleine Sali, errötend wie der junge Tag, ihre Hand in die dargereichte des Lehrers und mit einem Tone, der aus den Tiefen einer jungfräulichen Seele kam, sagte sie: »Ich habe mir auch nichts Besseres gewünscht. Da haben Sie mich, Herr Arnsteiner!« Und Julius Arnsteiner zog nicht nur die Hand an sich, sondern das schöne glühende Mädchen in seine Arme, und es dauerte eine geraume Weile, bis er das eben gefundene Glück seiner Zukunft wieder losließ! . . . Mitternacht war gekommen, da saßen die drei noch immer in traulichen Gesprächen und dachten an nichts, als was in unmittelbarster Verbindung mit ihrem Glücke stand. In jenen wunderbaren Winkel hatte sich Sali wieder 351 geflüchtet, nicht um dort zu träumen, sondern das längst Geträumte in lebendiger Wirklichkeit immer aufs neue anzublicken und zu bewundern; denn Julius Arnsteiner saß neben ihr. Viel Mühe und Beredsamkeit hatte es ihm gekostet, bis er die holde Mädchenhaftigkeit seiner Braut dahin gebracht, ihn nicht mehr mit dem respektvollen »Lehrer« oder mit dem zeremoniösen »Arnsteiner«, sondern mit »Julius« anzureden –; aber als dieses Wort zum ersten Male über die Lippen des Mädchens kam, da war es wirklich, als sei von einer verborgenen Quelle der Stein, der sie deckt, hinweggeräumt worden. Die kleine Sali wurde geschwätzig und erzählte außer Reihe und Ordnung, was sie in diesem Winkel alles zusammengebaut, genäht, gefegt und gereiniget habe, und Arnsteiner dagegen kam immer wieder darauf zurück, daß er eigentlich statt Sidonia Winterfeld stets Sali gemeint habe, und zählte ihr für diese Behauptung eine Unmasse von Beweisgründen auf, von denen jeder das Gute hatte, daß er nicht widerlegt zu werden brauchte, und endlich stimmten beide darin zusammen, daß es so die »Schickung« mit sich gebracht, und es besser sei, gar nicht darüber nachzudenken. Auch über den ehrenvollen Antrag der Schulsektion, der ihn zum Oberlehrer berief, gab Arnsteiner genügende Aufklärungen. Er hatte den Brief schon vor einigen Tagen erhalten, aber in der Gefangennahme seiner ganzen Seele von der unglückseligen Torheit, der er soeben entronnen – dieses Schreiben ganz vergessen. Erst auf dem Heimweg von jenem Orte der Zusammenkunft sei es ihm eingefallen: nun habe er etwas, um vor Sali hinzutreten und zwar nicht mit leeren Händen! »Alles ist eine Schickung von Gott!« rief die Federschleißerin dazwischen, die bis dahin in die Unterredungen des Paares durch kein lautes Wort hineingegriffen hatte. »Alles ist eine Schickung von Gott,« wiederholte sie noch einmal, da ihr die beiden nicht sogleich antworteten, 352 »vielleicht ist's auch so mit den Büchern von dem guten Maier (mit dem der Friede sei). Jetzt kommen sie doch in die Hände von einem, der sich drauf versteht. Und ich Närrin hab' mich unterstanden, vorhin darüber eine Klage anzuheben.« Jetzt erst horchte Arnsteiner auf. »Was für Bücher sollen das sein?« fragte er hastig. »Gib sie aus dem Kasten heraus, Sali,« sagte die Federschleißerin, »du weißt, sie liegen in der untersten Lade ganz hinten versteckt.« Sali sprang aus ihrem Winkel auf, und nach einigem Suchen legte sie vier alte in Schweinsleder gebundene Folianten auf den Tisch. Kaum war ihrer der Lehrer ansichtig geworden, als er blitzenden Auges aufsprang und an den Tisch trat. Er schlug das Titelblatt des einen Bandes auf, sogleich schrie er: »Großer Gott, wie kommen die Bücher hierher?« »Die hat mein Mann Maier (mit dem der Friede sei) einmal vor vielen Jahren einem alten Geistlichen abgekauft,« antwortete die Federschleißerin. »Sali, da komm her und lies, was da steht,« rief er in großer Aufregung, indem er auf den Titel des Buches mit den Fingern deutete. An ihn geschmiegt las Sali: »Grammatisch-kritisches Wörterbuch der hochdeutschen Mundart von Johann Christoph Adelung.« »Begreifst du, Sali?« fragte der Lehrer fast atemlos. »Ist das nicht das Buch,« sagte Sali nach einer Weile Erinnerns, indem sie den Lehrer forschend ansah, »ist das nicht das Buch, das du dir so sehr gewünscht hast, Julius?« »Ja,« rief der Lehrer mit ehrfürchtiger Feierlichkeit, »es ist der große Adelung, den du da vor dir siehst! die große Ausgabe des gewaltigen Adelung.« Und den einen Arm um des Mädchens Hals schlingend, 353 hob er mit der freien Hand den dicken Quartband in die Höhe und jubelte laut: »Nun hat mein Herz alles, was es begehrt hat. Ich besitze eine Anstellung, meine kleine Sali und – das hochdeutsche Wörterbuch des großen Johann Christoph Adelung.« * * * Vor kurzem erschien in einer böhmischen Kreisstadt, deren Druckwerke gerade nicht auf dem Weltmarkte eine Rolle spielen, ein kleines Büchlein unter dem Titel: »Das deutsche Zeitwort nach seiner schwachen und starken Konjugation. Ein analytisch-kritischer Baustein zum deutschen Sprachgebäude von Julius Arnsteiner, Oberlehrer an der Schule zu M.« Gewidmet ist dieses Büchlein »Sr. Wohlgeboren, dem Freunde der leidenden Menschheit, dem glühenden Beförderer alles Schönen und Guten in unserem Volk, seinem hochverehrten, mit freudigem Stolze Freund genannten Herrn Dr. Nathan Lilienberg, Vorstand der Schulsektion bei der Kultusgemeinde in M.« Für unseren Freund haben sich also die drei Dinge, die er in so unvermuteter Weise gefunden, glänzend bewährt. In seiner Anstellung hochgeachtet und nach seinem wahrhaften Werte geschätzt, fühlte er sich zu Hause von treuer Liebe gehegt und gepflegt! Eine Frucht dieser Stimmung, zu welcher der sichere Besitz des großen Adelung auch sein Scherflein hinzugibt, mag jener »analytisch-kritische Baustein« zum gewaltigen Prachtbau unserer Sprache sein! Die gelehrten Baumeister werden diesen Stein, wenn er auch nicht bestimmt ist, die Gewölbkuppel zu tragen, gewiß nicht verschmähen. Noch ein viertes, fünftes und sechstes ist im Laufe der Jahre hinzugekommen, für welches die alte Federschleißerin ihre frühere Tätigkeit wieder aufgenommen hat! Sie behauptet nämlich mit großer Entschiedenheit, nur darum sehen 354 die Sprößlinge des Herrn Arnsteiner (sie spricht ihn nie anders als so an, denn sie hat die Ehrfurcht vor ihm bewahrt) so frisch und gesund aus, weil sie einen guten Schlaf hätten, und dieser gute Schlaf rühre von . . . den Federn her, die ihnen die »Babe« für ihre Bettlein bereitet. Sonderbar! Julius Arnsteiner hat es nie unternommen, an der stehengebliebenen Bildung seiner Frau weiter fort zu bauen; nicht einmal zu einem kleinen Versuche hat er es gebracht. Dennoch behauptete er schon mehrmals zu seinem Freunde Dr. Lilienberg, dem Schulsektionsvorstande, seine Frau wisse im kleinen Finger mehr als hundert andere, die er selbst unterrichtet, sie besitze den »Instinkt der Bildung«. Er hat darum auch an sein einstiges Versprechen vergessen, Sali in die Geheimnisse der »griechischen Mythologie« einzuweihen. Was gingen ihn, was sie die vielen fremden Götter an? Für sie wie für ihn gab es doch nur den einen Gott! Sein Name schwebt unausgesprochen auf ihren Lippen!