Die Firma Roman von Fritz Müller-Partenkirchen     Verlag C. Bertelsmann Gütersloh [1935]     1. »Franz, die Portokasse!« Franz Lohmann fuhr erschrocken auf. Eine tiefe rote Welle flutete über sein junges, frisches Lehrlingsgesicht. In seine hellen blauen Augen trat förmliches Entsetzen. Hatte der alte Zipperer etwa bemerkt, was in der letzten Stunde an dem kleinen Pult des Lehrlings Franz Lohmann vorging? Hatte er bemerkt, daß Franz Lohmann rechnete und rechnete und doch immer wieder zu dem gleichen Resultat kam: 13 Pfennige Fehlbetrag? Drohend und mahnend hatten die 13 Pfennige dagestanden und gebieterisch ihre Aufklärung verlangt. Und Franz Lohmann hatte vor ihnen gesessen, war immer wieder mit dem spitzen Bleistift über die Zahlenreihen hingeglitten, wie ein hartnäckiger Kämpfer, der mit dem Degen in der Faust die schwache Stelle des Gegners suchte – – Es hatte nichts genutzt: Der Fehlbetrag blieb. Da hatte Franz Lohmann einen ängstlich forschenden Blick hinübergeschickt zu dem mageren Gesicht 6 des alten Buchhalters Zipperer und dann mit jäher Entschlossenheit eilig hingemalt: »Josef Maier, hier     M. –.03 Georg Schmitz, Augsburg M. –.10« Und hatte mit einem tiefen, befriedigten Lehrlingsaufatmen festgestellt, daß die Portokasse nun wieder in Ordnung war. Und just in demselben Augenblick hatte Zipperer die Portokasse verlangt, wie einer, der im Hinterhalt nur so lange gewartet hatte, bis der ahnungslose Gegner in die Falle getappt war. Zögernd schob sich Franz Lohmann durch das Kontor in die Buchhalterei, die mit dem allgemeinen Kontor durch ein Glasfenster verbunden war. Stand, in der einen Hand das schmale Portobuch, in der andern die Portokasse, vor Zipperer und sah ihn aus unsicheren Augen an. Zipperer warf ihm einen prüfenden Blick zu. »Was ist denn los, Franz – – du zitterst ja.« In das Prüfen schlich sich unverkennbares Mißtrauen. Franz stammelte irgend etwas. »Ich – – ich wollte – –« »Ist schon gut – – geh inzwischen ins Lager und bring die Listen da in Ordnung. Wenn ich dich brauche, wirst du gerufen!« Franz Lohmann schlich sich mit hämmerndem Herzen davon. Sein Denken war ein einziges Bitten: 7 Wenn er nur nicht merkt, daß heute gar keine Briefe an Maier und Schmitz abgegangen sind. Und als er nach kaum fünf Minuten hinaufgerufen wurde, sank ihm das Herz buchstäblich in die Hosen, als wisse er genau, daß sein letztes Stündlein nunmehr geschlagen habe. Der alte Zipperer empfing ihn mit einem merkwürdigen Blick und deutete mit spitzem Zeigefinger auf das verstaubte Messingscharnier der Portokasse, aus dem friedlich die eingeklemmten Ecken einer Zehn- und einer Dreipfennigmarke zu sehen waren. Er zog sie hervor und legte sie zu den übrigen Marken. »Dreizehn Pfennige Überschuß, Franz. Komisch, nicht? Was meinst du, wenn wir auf die neuen Kunden Maier und Schmitz ein für allemal verzichteten?« Franz stand blutrot vor dem alten Buchhalter. Der nahm ihn beim Ärmel und zog ihn nahe zu sich heran. »Komm mal ein bißchen näher, Franz, die andern brauchen's nicht zu hören. Deine Mutter, Franz, ist eine kreuzbrave Frau. An die dreißig Jahre säubert sie jetzt die Kontore von Utz und Lamprecht. Denke mal, wie das wäre, wenn sie morgen dich, ihren Sohn, mit hinausfegen müßte – – 'n Häufchen Schmutz mehr, nicht weiter der Rede wert, nicht wahr?« 8 »Ich – – ich – –« stammelte Franz, völlig verwirrt und dem Weinen bedenklich nahe. Der alte Zipperer winkte ab. »Keine Entschuldigungen, Franz. Merk dir eins: Stimmend machen ist noch nicht ganz stehlen. Aber die Scheidewand ist dünn – – verdammt dünn, mein Junge. Denk an deine Mutter, die alle Hoffnungen auf ihren einzigen Sohn gesetzt hat. Gib mir die Hand und versprich mir, nie wieder in deinem Leben etwas stimmend zu machen.« Die hagere Hand Zipperers umschloß die zitternde, kräftige Jungenhand. Ließ sie wieder los und winkte. Bedrückt und erleichtert zugleich schlich Franz wieder auf seinen Platz zurück. Zipperer sah ihm ein paar Sekunden lang nach und wandte sich dann mit einem leisen Seufzer von neuem der Jahresbilanz zu. Sein Blick wanderte über die aufgeschlagenen Bücher hin und blieb an einem kleinen gelben Heft haften. In diesem Heft standen eine Reihe von Paragraphen. Zipperer brauchte es nicht aufzuklappen. Er kannte sie fast auswendig. Auch diesen, auf den es ankam: ». . . . sämtliche Vermögensteile nach dem Werte einzusetzen, der ihnen in dem Zeitpunkt beizulegen ist, für welchen die Aufstellung stattfindet.« Wenn er den Paragraphen 4a wörtlich nähme, könnte er – – ja, mehr noch: er wäre sogar verpflichtet – – 9 Hm – – im Zeitpunkt der Bilanzaufstellung waren die und die noch prima-prima. Keine Spur dubios! Also dürfte man – – Aber – – Ein Schatten huschte an der Mattscheibe der Tür zur Buchhalterei vorüber. Ein schwerer, etwas schleppender Schritt, den Zipperer gut kannte. Mit plötzlichem Entschluß riß er die Tür auf: »Herr Utz, darf ich um einen Augenblick bitten – –?« Gleichmütig lenkte der schwere Schritt. Mit einer etwas zerfahren wirkenden Bewegung strich der Mann die schweren Folianten vom Rande des Schreibtisches weg und setzte sich. Sah den alten Buchhalter aus fast erloschenen Augen an. »Sie wackelt immer noch, Zipperer! Ich suche vergebens nach den Ursachen. Können Sie mir vielleicht sagen, woran es liegen mag?« fragte Utz den alten Buchhalter, und seine Stimme klang seltsam schleppend und müde, als müsse er erst die Worte suchen. Zipperer bemühte sich, Ruhe zu bewahren. »Ich fürchte, es bleibt nicht beim Wackeln, Herr Utz, wenn uns der Bankkredit gekündigt wird!« Utz nahm nur die Worte auf, ohne sich ihren unheilvollen Sinn zu eigen zu machen. Seine zögernd hervorbrechenden Gedanken zerquälten sich mit anderen Dingen. 10 »Bankkredit? Was kümmert mich der Bankkredit, Zipperer? Ich meine die Dreschmaschine. Tag und Nacht grübele ich – – und erreiche keinen ruhigen Stand.« »Ich weiß es, Herr Utz,« meinte Zipperer ernst. »Aber wichtiger ist im Augenblick die Bilanz.« Sein knöcherner Finger klopfte auf das Buch. »Diese Bilanz hier.« Utz machte eine ärgerliche Handbewegung. »Bilanzen. Bilanzen sind Papier, lieber Zipperer. Utz und Lamprecht – – das sind Maschinen. Arbeitende, widerspenstige Maschinen – – nicht Papier, Zipperer.« »Die Bank hat bereits gemahnt. Es ist höchste Zeit. Sie wissen, Herr Utz, wir brauchen neuen Bankkredit.« Utzens Blick ging leer, zergrübelt in die Ferne. »Wenn sie feststeht, Zipperer – – wenn die Dreschmaschine feststeht – – wir wären die ersten Landmaschinenbauer.« Zipperer blieb hartnäckig bei dem, was ihm auf dem Herzen lag. »Herrn Lamprechts Unterschrift hoffe ich heute abend noch zu bekommen – –« Der andere vermochte sich nicht aus seiner Welt loszureißen: »Heute abend? Hoffen? Zipperer, tausendmal habe ich mir das auch schon gesagt. Abend um Abend 11 kam – – und die Dreschmaschine wackelt noch immer. Gelang es mir, den Abreuter zu packen, daß er nicht mehr zu mucksen wagte, rebellierte der Siebkasten um so stärker. Bändigte ich den Siebkasten, schlug der Abreuter wie verrückt um sich. Die Formel brauche ich, Zipperer, die Formel, um die beiden unter einen Hut zu bringen.« »Gewiß, gewiß, Herr Utz,« nickte Zipperer ergeben. »Aber wenn Sie, da Sie gerade hier sind, die Bilanz hier unterschreiben würden – –« »Meinen Sie, daß es für die beiden Rebellen von Vorteil wäre?« »Sicher, Herr Utz, absolut sicher. Der neue Bankkredit – –« Er reichte dem Erfinder Utz die Feder. Der malte langsam seinen Namen unter die Bilanz. Zipperer saß dabei und verfolgte mit beinahe angespannter Aufmerksamkeit die schreibende Feder. Plötzlich erschrak er. »Herr Utz. Sie haben in Ihrem Namen – – wie soll ich gleich sagen – – in Ihrem Namen haben Sie das t verloren.« Der »ferne Blick« des andern traf den Buchhalter. »Wenn's weiter nichts wäre, was ich – – was ich verloren habe, Zipperer – –« »Sie müssen das t noch einfügen, Herr Utz, sonst ist die Bilanz ungültig.« »Na schön – – wenn sich alles so leicht nachholen ließe.« 12 Er fügte das t ein. »Ist's recht so?« Zipperer verneigte sich. Utz nickte und ging hinaus. Sein schwerer, schleppender Schritt verklang im Gang. Dann trat, kaum daß Zipperer die Unterschrift Utzens getrocknet hatte, Lamprecht ein. Sah den Namen seines Teilhabers unter der Bilanz und hob den Kopf. Sein Blick überfiel prüfend den alten Buchhalter. »Seit wann lassen Sie sich vor meiner Unterschrift die andere geben, Zipperer?« Zipperers Verlegenheit offenbarte sich in dem hastigen Hin- und Herfahren der hageren Finger, als suche er irgend etwas auf dem Schreibtisch. »Verzeihen Sie, Herr Lamprecht, ich glaubte – hm – ich –« »Sie meinten, Lamprecht werde den Utz nicht Lügen strafen, nicht wahr? Ehrlich, bitte, war's so?« Zipperer nickte, ohne den Chef anzusehen. »Woraus hervorgeht, daß die Bilanz – falsch ist!« vollendete Lamprecht ernst. »Falsch? Aber, Herr Lamprecht – – ich bin –« »Zurechtgestutzt also.« »Nein, um Gottes willen nicht – – es ist nur – –« »Frisiert.« 13 Zipperer gab sich einen Ruck. Sein hagerer Rücken spannte sich. »Man klopft nicht ungekämmt an eine Tür, Herr Lamprecht.« »Sie meinen die Bank?« »Ja.« »– – die sich, bevor sie unsern Kredit erhöht, überzeugen will, wie es um unsern Geschäftsgang steht?« »Der Gewinn ist gestiegen, Herr Lamprecht.« »Er wäre es, wenn alle unsere Forderungen vollwertig wären – das wissen Sie so gut wie ich, Zipperer.« Der Buchhalter deutete auf das Bilanzdatum. »Sie sind vollwertig, Herr Lamprecht.« Eine wegschiebende Handbewegung Lamprechts. »Sie waren es am einunddreißigsten Dezember. Heute ist der fünfte Mai, Zipperer. Zwischen diesen beiden Daten floß ein Strom, der viel weggerissen hat. Der Landwirtschaft geht's nicht gut. Unsere treuesten Bauernkunden möchten gern bezahlen und können's nicht. Ich schätze: Zehntausend Mark waren abzuschreiben – –« »Nicht am einunddreißigsten Dezember, Herr Lamprecht. Der einunddreißigste Dezember ist das Datum der Bilanz. Und da das Gesetz strikte vorschreibt – –« »Machen wir uns doch nichts vor, lieber Zipperer. 14 Das Gesetz des Gewissens kennen Sie, und ich kenne es auch. Es ist das einzige Gesetz, dem wir uns zu beugen haben.« Die Blicke der beiden Männer trafen sich. Und zwischen ihnen wuchs plötzlich etwas Unauslöschbares, etwas nicht Wegzudenkendes auf: Die Vergangenheit. Die Vergangenheit von jenem Tage an, an dem sich die Väter von Utz und Lamprecht zusammenfanden. Von jenem Tage an, an dem der alte Utz auf seiner Wanderschaft eine Dreschmaschine sah, die auf jeder Eisenrippe in großen Buchstaben das Wort »Great Britain« trug. Diese Inschrift brannte sich tief in Utzens Herz. Sie verfolgte ihn und ließ ihn nicht zur Ruhe kommen. Er baute eine Stiftendreschmaschine, die von einem Pferdegöpel vorsintflutlich angetrieben wurde – und versagte. Da lernte er den Wagenbauer Lamprecht kennen. Schlosser und Wagenbauer spannten sich zusammen. Was die in England können, können wir auch, sagte einer zum andern. Aber diese Erkenntnis stand im leeren Raum. Und in diesen leeren Raum warfen sie alles, was sie hatten und füllten ihn mit Lärm und Hämmern und Getöse. Bis eines Tages aus dem Getöse die erste deutsche Dreschmaschine rollte. Eine, die nicht versagte, vor der aber die Bauern höhnend standen, als sie zu rattern anhub, vor der sie sich bekreuzten, als sie links 15 gedroschenes Stroh herauswarf und rechts die goldenen Körner. Eine, die mit einer einzigen Kurbel alles das vollführte, wozu in England bisher drei Kurbeln gebraucht wurden. Eine deutsche Dreschmaschine, die mit unsichtbaren Armen rings ins Land hinausgriff, überallhin, wo aus den Tennen das rhythmische Geklopf der Dreschflegel dröhnte. Eine, die den Dreschern einen Flegel nach dem andern aus der Hand wand und der Firma Utz und Lamprecht eine solide Grundlage verlieh. Eine, die den Söhnen von Utz und Lamprecht ein Vermögen hinterließ, mit dem sie sich ihr Leben lang gute Tage hätten schaffen können, wenn sie – die Firma verkauft hätten. Aber der Dreschmaschinenrhythmus saß ihnen im Blut. Tackte und hämmerte da herrischen Befehl: Weiter! Immer weiter! Bis sie im neuen Wettkampf mit verbesserten Maschinen ihrer Konkurrenten Geld verloren, Geld gewannen im Gewoge streiterfüllter Jahre. Jetzt konnten sie nicht mehr zurück. Die Brücken ins bequeme Rentnerdasein waren zerbrochen. Vor ihnen lag das weite Schlachtfeld, das Opfer forderte – – täglich und stündlich Opfer. Der Erbe Lamprecht lag in schwerem Kampf mit der gigantischen Macht Geld – – schwerer noch aber war der Kampf des Erben Utz mit dem Moloch Maschine. Das alles war aufgewachsen zwischen den beiden 16 Männern, die sich in dem kleinen Buchhalterraum gegenüberstanden. Das und noch einiges dazu. Ein tiefer Atemzug hob Lamprechts Brust. »Der Bankkredit muß her, Zipperer. Kredit ist Blut. Ohne Blut ist kein Leben im Firmenkörper. Ohne Blut rollt die neue Dreschmaschine nicht aus dem Dunkel. Nur – –« – ein kurzes, schwerlastendes Zögern, aus dem sich ein Blick hinaustastete auf den Hof, über den langsam und schleppend Utz schritt – »– – auch Utz geht im Dunkeln, Zipperer. Die Maschine hat mit gierigen Fangarmen alle guten Kräfte aus seinem Gehirn gesaugt. Und es ist keiner da, auf den der Funke überspränge.« »Was wissen wir, Herr Lamprecht?« sagte Zipperer leise. »Unsere Sache ist es, dafür zu sorgen, daß er nicht ins Leere springt, der Funke.« »Sie meinen, dazu müssen wir die Firma halten? Sie haben recht – – geben Sie die Feder her!« Als Lamprecht gegangen war, saß der alte Zipperer vor der Bilanz mit den beiden Unterschriften. Sein Blick ruhte starr darauf, als könne er sich nie mehr davon lösen. Und eine Stimme war da, lastend, drückend. Die legte sich auf seine Brust, fordernd, befehlend: ›Buchhalter Zipperer, zeig mir den Unterschied zwischen dreizehn Pfennigen und zehntausend Mark.‹ Und der Buchhalter Zipperer schwieg. Er fand den Unterschied nicht – – 17   2. Utz machte seinen täglichen Rundgang durch die Fabrik, wie er es seit Jahrzehnten mit absoluter Pünktlichkeit tat. Wenn er auftauchte, griffen die Werkführer der einzelnen Abteilungen in die Westentasche und stellten ihre Uhren ein. Durch das große Lager der Einzelteile schritt er, aus denen die Mähmaschinen, die Heuwender, die Heuzauser, die Sämaschinen, die Pflüge, die Dreschmaschinen zusammengesetzt wurden. Blieb stehen vor dem alten Werkmeister. »'n Morgen, Stockmann. Läuft's?« »Es läuft, Herr Utz!« »Die Statistik, bitte!« Sein Erfinderauge glitt über das dargereichte Blatt. Hob sich dann und blieb an dem Werkmeister haften. »Regulärer Ablauf aller Teile, nicht wahr?« »Bis auf die Dreschmaschinenteile, Herr Utz – – da geht's mächtig zurück!« Falten zerrissen Utzens Stirn. »Es darf nicht zurückgehen, Stockmann!« »Die Bauern würden gern kaufen – – aber sie verlangen die Garantie, daß die Maschine nicht mehr torkelt.« Utzens Faust hieb aus den Tisch des Werkmeisters. »Zum Donnerwetter, warum torkelt das Luder.« 18 Das weißumbuschte Werkmeisterauge sah den Chef fest an. »Herr Utz, das wissen Sie am besten.« Der Blick Utzens bekam etwas Zerquältes. »Natürlich weiß ich es. Und – – ich werde dafür sorgen, daß es anders wird, Stockmann – – verlassen Sie sich darauf!^ »Wir verlassen uns alle darauf, Herr Utz,« sagte der Werkmeister zuversichtlich. Utz schritt weiter. Betrat die Gießerei. Ging langsam an den aufgezogenen Feuerlöchern der Öfen vorbei, aus denen dünne Rauchsäulen senkrecht in die Luft stiegen. Mitten in der Gießhalle türmte sich der große Hügel Formsand und hemmte seinen Schritt. Mechanisch blieb er stehen. Mechanisch sagte er, wie er es tausendmal gesagt hatte: »'n Morgen, Flamm! Läuft's?« Der junge Ingenieur verneigte sich etwas. »Es läuft, Herr Utz – –« Einen Augenblick lang hatte es den Anschein, als wolle er noch etwas hinzufügen. Aber er schwieg, als er sah, daß Utz auf einmal mit dem Stock, den er trug, im Sande zu zeichnen begann. Linie fügte sich an Linie. Ein Gebilde grub sich in den Sand, wuchs, wurde deutlich sichtbar. Mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgte der Blick des jungen Ingenieurs den zeichnenden Stock. 19 Plötzlich stockte Utz. Sein Gesicht bekam wieder jenen seltsam zerquälten Zug, der es um Jahre älter machte. Ein unbewußtes Stöhnen rang sich durch zusammengepreßte Lippen. Der Stock fuhr wirr durch den Sand und zerstörte die Zeichnung. Zu spät fiel ihm Flamm in den Arm. »Warum ließen Sie 's nicht, Herr Utz – – ich hätte es gern nachgezeichnet.« Utz winkte ärgerlich ab. »Unsinn! Wertloses Zeug! Von vorn anfangen!« Abermals begann der Stock sein Spiel im Sande. Langsamer diesmal, sorgfältiger. Linien kreuzten sich, flossen ineinander, zielten auf ein Zentrum, zögerten, brachen ab, krochen zagend weiter, wurden wieder fester. Ingenieur Flamm folgte aufmerksam. »Dreschmaschine, letztes Modell!« kommentierte er lächelnd. Utz sah auf. Um seine Mundwinkel erschien ein sarkastischer Zug. »Glaubte schon, Sie hielten 's für 'ne Mähmaschine!« Weiter arbeitete der Stock. »Siebkasten,« begleitete Flamm die Linien. »So steht er fest – – unverrückbar.« Utz nickte. »Weiß schon – – kann sich nicht bewegen. Weiter im Text und aufgepaßt, junger Mann.« 20 Neue Linien, neue Schnitte, neue Kreise. »Abreuter,« entfuhr es Flamm jäh, und seine Stimme klang plötzlich erregt. »Das ist er, Herr Utz – – wenn wir ihn so packen, rührt er sich nicht!« »Richtig!« hob sich die zerfurchte Stirn des Erfinders. »Jedes für sich steht fest. Wie aber verbinden wir beides miteinander, Flamm?« »Beides miteinander – –« sann Flamm angestrengt. »Beides miteinander – –« Utz lachte heiser. Höhnisch klang das Lachen. »Dachte mir's – – da können Sie auch nicht weiter – – wie ich und alle andern.« Flamms Blicke hingen an dem Linienwirrwarr im Sande. »Da beide Teile feststehen,« meinte er grübelnd, »muß es die Dreschmaschine selbst sein, die torkelt.« »Brav, junger Mann, jetzt sind wir gleich auf gleich. Sieben Jahre hänge ich an dieser Frage: Wie zwing ich trotzdem die Maschine, stabil zu arbeiten? Ich komme nicht vom Fleck. Das Rätsel frißt mich auf, Flamm, hat mich aufgefressen – – mit Haut und Haaren und meinem bißchen Verstand hat es mich aufgesogen – – und nun stehe ich da: Gibt es eine Lösung oder gibt es keine? Heraus damit, wenn Sie 's wissen!« Er verstummte. Schräg von unten sah er forschend in Flamms Gesicht. 21 Das hatte sich verändert. Ein Zug von Besessenheit wühlte darin. Die Lippen fest zusammengepreßt, starrte Flamm auf die Linien, bekam den Blick nicht los davon. Förmlich hinein bohrte er sich in das Gewirr da zu seinen Füßen. In Utzens Augen schoß eine Lohe. Aufzuckende Freude ließ das quälerische Grübeln von der Stirn versinken. Wie zwei stumpfgewordene Löwenpranken hieb er dem jungen Ingenieur seine Hände auf die Schulter: »Mensch, Flamm, es hat Sie gepackt. Es hat Sie in seinen Klauen und läßt Sie nicht mehr los – – wie es mich nicht losließ. Sie sind mein Mann, Flamm.« Der sah ihn fern an. »Ihr Mann?« Utz lachte auf. »Was sage ich – – mein Mann? Der Mann der Maschine sind Sie, Flamm. Die Maschine hat Sie – – hüten Sie sich, Flamm – – es ist ein grausames Frauenzimmer. Es saugt Sie aus, es nimmt Ihnen alles, was Sie in sich tragen.« Flamm antwortete nicht. Mit Utz zusammen sah er in den Sand. Utzens Stirne war leer. Auf Flamms Stirne arbeitete es schwer – – 22   3. Frau Flamm schaute sorgenvoll vom schlichten Abendbrot auf und sah zu ihrem Sohn hinüber. »Was ist mit dir, Max?« Er hob kaum den Kopf. »Nichts, Mutter, gar nichts.« »Einer Mutter mußt du das nicht sagen, Max.« lächelte sie. »Hat's in der Firma was gegeben?« »Was es immer gibt. Die Konkurrenz kommt immer mehr nach vorn. Utz und Lamprecht marschierten zu lange an der Spitze. Überall Wettbewerb bis aufs Messer. Da braucht man Geld. Der neue Bankkredit macht, wie gemunkelt wird, Schwierigkeiten. Die Firma braucht ihn aber – – muß ihn haben, bis die Versuche abgeschlossen sind.« »Versuche?« »Auf dem Weg zur stabilen Dreschmaschine. Wenn wir sie haben, sind wir wieder die Ersten. So lang ich denken kann, ist Utz dahinter her.« »Du auch, Max – –« »Heute hab ich keine Wahl mehr, Mutter – – mir geht's, wie es Utz ergangen ist.« »Utz hat den Verstand darüber verloren.« »Ein Grund mehr, daß andere das Erbe übernehmen.« »Und wenn du – – wenn du auch – –« »Es hat keinen Zweck, Mutter, darüber nachzudenken. Wenn man keine Wahl hat, ist es müßig, 23 viel Worte zu machen. Ich muß den Fehler finden, und ich werde ihn finden.« Die Flurglocke läutete. Frau Flamm erhob sich, um zu öffnen. Thilde Utz, Max Flamms Verlobte, kam herein, schüttelte ihrer künftigen Schwiegermutter vergnügt die Hand, stürmte ins Wohnzimmer und begrüßte Max mit jener sorglosen Heiterkeit, die ihr eigen war. Und begann zu reden von den hundert Dingen, mit denen sie sich ständig beschäftigte. Davon, daß sie im Fürsorgeverein einen Vortrag halten werde, daß man ihr im Liebhabertheater eine große Rolle übertragen habe, daß sie einen Komponisten kennenlernte, der Förderung verdiene – – Alles, was sie bewegte und erfüllte, faßte sie zu einem begeistert hinausgeschleuderten Huttenzitat zusammen: »Es ist eine Lust zu leben, Kinder!« Sohn und Mutter hatten denselben Gedanken: Und dein Vater? Thilde Utz mochte das Unausgesprochene fühlen. Eine rasche Wolke flog über ihre helle Stirn: »Freilich – – wenn ich an den Vater denke – – Denkt euch, der Arzt ist endlich mit der Wahrheit herausgerückt. Schrecklich ist sie: Hoffnungslos! Und das nur, weil er sein ganzes Leben lang einem Phantom nachjagte, einem Hirngespinst – –« »Hirngespinst?« unterbrach sie Max Flamm und 24 sah sie ernst an. »Weißt du, Thilde, daß ich demselben Hirngespinst nachjage?« Sie lachte leichthin. »Es bleibt dir anstandshalber nichts anderes übrig.« »Du irrst dich ein wenig, Thilde: Die Arbeit deines Vaters ist das Fundament der Firma. Mit ihr steht und fällt sie.« Sie winkte ab. »Das sind so die Sätze, die man für die Angestellten zurechtdrechselt, um sie anzuspornen. In Wirklichkeit kommt's gar nicht so sehr darauf an.« »Es kommt so sehr darauf an, daß das Ziel in einem Jahr erreicht sein muß, sonst – –« »Sonst?« »Sonst haben Utz und Lamprecht aufgehört zu existieren.« »Schwarzseher. Da wollen wir nur schnell Hochzeit machen, bevor 's zu spät ist,« versuchte sie mit einem Scherz den Ernst der Lage wegzuwischen. Max Flamm sah an ihr vorbei, als er nach einer kurzen Pause sagte: »Ich wollte dich bitten, Thilde, unsere Hochzeit etwas zu verschieben.« »Grund?« zwang sie sich zu einem Ton nervöser Sachlichkeit. »Die stabile Dreschmaschine,« ging er auf diesen Ton ein. 25 Frau Flamm bemühte sich, der plötzlich auftauchenden Spannung die Schärfe zu nehmen: »Kinder, Kinder, da komm ich nicht mehr mit! Früher war er es, der drängte – – war sie es, die um Aufschub bat. Aus Gründen aller Art, ausgenommen natürlich eine Dreschmaschine.« Thilde Utz stand vor ihrem Verlobten und blickte ihn aus zornigen Augen an. »Erst also die Dreschmaschine – und dann ich, nicht wahr?« Max Flamm stand nun ebenfalls auf. »Es geht nicht anders, Thilde – – du mußt das verstehen.« Er wollte ihre Hand fassen. Sie entriß sie ihm mit einem Ruck. »Ich verstehe nichts – – ich will nichts verstehen. Ich höre nur, daß ein lebloses Ding, eine fixe Idee dir wichtiger ist als ich,« rief sie erbost. »Entweder du läßt das oder ich – –« »Ich kann nicht anders, Thilde.« »Nun, dann kann ich es. Ich gebe dir dein Wort zurück. Für eine Ehe, die mir schon am Anfang meinen Platz hinter der Maschine zuweist, danke ich.« Sie drehte sich hastig um und verließ das Zimmer. Dröhnend fiel die Tür hinter ihr ins Schloß. Schweigen lag zwischen Mutter und Sohn. Bis Frau Flamm sich ihm näherte. Ihr Gesicht war blaß geworden. 26 »Max, du setzt deine Zukunft aufs Spiel und – – und – –« »Laß mich den Satz vollenden, Mutter!« unterbrach er sie. »Ich setze meine Zukunft aufs Spiel und werfe alles über Bord, was mir unverdient in den Schoß fiel, nicht wahr? Das Glück, als Schlosserlehrling in einer bekannten Firma unterzukommen, nachdem des Vaters Tod etwas anderes unmöglich machte – – den Aufstieg in dieser Firma – – die unverdiente Neigung der Tochter des Chefs – – alles über Bord – – einer fixen Idee wegen.« Sie wich seinem bitteren Blick nicht aus. »Ist es nicht so, Max?« »Die fixen Ideen waren es, Mutter, die die Welt voranbrachten. Und es ist Thildes Vater, dessen Lebenswerk ich retten will.« Wieder schrillte die Glocke draußen. Aufatmend eilte Frau Flamm hinaus. Sie glaubte, Thilde kehre zurück, ihre Heftigkeit bereuend, bereit, sich zu versöhnen. Es war nur Georg, ein Freund Max Flamms schon von der Schulzeit her. Georg Kallhardt schüttelte dem Freunde, der sich seinem Reißbrett zugewandt hatte, die Hand. »Was war denn los mit deiner Braut?« fragte er lachend. »Sie rannte an mir vorbei, als hetze ein Gespenst sie vorwärts. Kleiner Streit, was? Vorgeplänkel unvermeidlich kommender Ehegefechte. Salz der Ehe, mein Lieber.« 27 Max antwortete nicht. Frau Flamm erzählte dem Freunde ihres Sohnes, was es gegeben hatte. Der schüttelte den Kopf. »Bitter,« meinte er. »Ich ließe mir das an ihrer Stelle auch nicht bieten.« Er trat hinter Max, der über sein Reißbrett gebeugt stand und schlug ihm auf die Schulter. Max richtete sich unwillig hoch. Georg Kallhardt lachte schallend auf. »O weh, das Gesicht. Zum Fürchten. Wenn ich ein Weib wäre, würde ich auch davonlaufen. Glücklicherweise bin ich ein Mann, der sich nicht ins Bockshorn jagen läßt. Und Männer streiten sich nicht über jede Kleinigkeit, was?« »Zum Beispiel?« warf Max Flamm hin. »Was uns seit der Schulzeit verbindet, ist doch stärker.« »Meinst du die Sozialbewegung?« »Freilich. Ist doch eine Sie, nicht? Allerdings mehr Göttin als Frauenzimmer. Frauenzimmer haben – entschuldigen Sie, Frau Flamm, Anwesende sind natürlich ausgeschlossen, – immer Launen, denen wir uns unterwerfen sollen.« Max Flamm legte die Reißschiene hin. »Mir kommt es manchmal so vor, als sei die Gewerkschaft, der wir beide dienen, auch nicht ganz frei von Launen, Schorsch.« Plötzlich blitzte so etwas wie Mißtrauen in des andern Augen auf. 28 »Willst du damit sagen, daß die Millionen, deren Lage zu verbessern der Sinn meines Lebens ist – –« »Der Sinn deines Lebens ist mehr als das,« unterbrach ihn Max, »er umfaßt höhere Aufgaben als die Rechte und Pflichten eines Parteisekretärs.« »Nämlich?« fuhr Georg Kallhardt auf, und seine Stimme klang gereizt. »Ich weiß es nicht. Niemand weiß es. Was weiß ich denn selbst vom Sinn meines Lebens über die Kümmerlichkeit einer bezahlten Arbeit hinaus.« Georg Kallhardt reckte die Schultern. »Nun, ich diene keiner Kümmerlichkeit in der Sozialbewegung. Und wenn deine eigene lebendige Teilnahme an unserer Arbeit keine Lüge war – –« Er hielt inne. Hielt den linken Arm, im Eifer des Sprechens erhoben, still, als trüge er einen Schild und sei auf einen jähen Gegenhieb gefaßt. Und wunderte sich, daß er nicht kam. Sah den Freund an, der ihm den Rücken zuwandte, sich über das Reißbrett gebeugt hatte und zeichnete, als sei niemand sonst im Zimmer. Das brachte den Eifrigen aus der Fassung. Mit einer beinahe hilflosen Bewegung drehte er sich um und blickte Frau Flamm an. Sie winkte ihm zu. Er ging zu ihr in die Zimmerecke. Flüsternd erzählte sie von der Dreschmaschine, vom wirrgewordenen Herrn Utz und von ihrer Sorge um die Zukunft. 29 »Jetzt hat's ihn auch gepackt!« seufzte sie leise. »Alles andere versinkt um ihn – – die Braut – – die Mutter – – der Freund auch – –« Georg Kallhardt hob beschwichtigend die Hand. »So schnell geht eine Freundschaft nicht in die Brüche, Frau Flamm. Allerdings, über das, was mir als das Höchste gilt, darf er nichts sagen – –« Sie unterbrach ihn mütterlich: »Können denn Parteien wirklich als Höchstes gelten?« »Das verstehen Frauen nicht, Frau Flamm.« »Meinen Sie damit die Parteien oder meinen Sie das Höchste?« »Beides.« Sie erwiderte nichts. Sie lächelte nur. Und dachte: ›Im Höchsten irrt er. Sind nicht Kinder auch ein Höchstes? Und Kinder sind doch Frauensache, ob sie nun geraten oder ob sie nicht geraten. Und es gibt so viele Arten Kinder, als es Kinder selbst gibt. Ist nicht die Erfindung, der er nachjagt, auch ein Kind? Bei dem alten Utz ist's mißraten – – gebe Gott, daß es bei ihm gerate – –‹ Dann nahm sie die singende Teekanne. Aus drei Tassen wallten senkrechte Dampfwolken zur Zimmerdecke hinauf. Teilten sich dort und wurden breite Pinienkronen, deren Zweiggeflecht sich friedlich ineinanderschlang. »Max, der Tee steht auf dem Tisch.« Er hörte nicht. Er kämpfte. Vor ihm stand das 30 Ungetüm der Dreschmaschine, grinste ihn hohnlachend an, als wolle es sich lustig machen über ihn. »Max!« Er fuhr zusammen. Sprang auf und kam zum Tisch. Machte, noch völlig benommen, eine fahrige Bewegung mit der rechten Hand – – Klirrend fiel eine Tasse zu Boden. Frau Flamm stieß einen leisen Schrei aus. »Max, die Tasse deines Vaters!« Max lachte verlegen. »Scherben bedeuten Glück, Mutter.« »Manchmal,« lachte auch Georg Kallhardt. »Übrigens – – ich muß gehen. Servus, Max. Und vergiß nicht – – du wolltest die Amerikaner um die Statuten ihrer Trade-Union für unsere Gewerkschaft bitten.«   4. Die Amerikaner waren bei Utz und Lamprecht vorgefahren. Etwas großspurig. Mit Kraftwagen, wie sie das Kopfsteinpflaster des großen viereckigen Fabrikhofes noch nie gesehen hatte. Der Fahrer fluchte. Das Pflaster wäre Mord an seinen Reifen. Zipperer hörte das Fluchen durchs offene Fenster und verzog den Mund. 31 »Unsere Pferde und die der Bauern haben das Pflaster fünfzig Jahre lang ausgehalten. An zu hartem Pflaster sind Tier und Mensch noch nie kaputtgegangen – – wohl aber an zu weichen Unterlagen,« brummte er. »Was heißt das, zu weiche Unterlagen, Herr Zipperer?« wollte Franz Lohmann, der Lehrling, wissen. Der alte Buchhalter sah ihn an. »Als da sind: Daunenbetten, große Lotteriegewinne, dicke Bankguthaben, unverdiente Erbschaften – –« »Kann man sich denn eine Erbschaft überhaupt verdienen?« war der Lehrling neugierig. »Ist euch in der Schule nie das Aufsatzthema aufgegeben worden: ›Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen‹?« »Herr Zipperer, das verstehe ich nicht – – was man erbt, das braucht man doch nicht erst zu erwerben.« »Hinter allem Tiefen steckt ein Widerspruch, mein Junge. Aber nur für Oberflächliche. Tauchen muß man, um die Lösung zu finden.« Franz grinste heimlich. »Da hab ich neulich hier auf einem Pult einen Spruch liegen sehen, da stand zu lesen: ›Was du ererbt von deinen Vätern, verwirf es, um dich zu besitzen.‹« 32 Zipperer sah den Lehrling scharf an. »Den Spruch kenne ich – – der ist zweigesichtig.« »Was heißt das: zweigesichtig?« »Das heißt, die Weisen und die Narren ziehen aus ihm Nahrung.« Bevor Franz noch weiter fragen konnte, wurde die Tür geöffnet. Die Amerikaner traten geräuschvoll ein, geführt von Lamprecht und seinem Sohn, der, groß und schlank gewachsen, die Gäste an sich vorbeiließ und dazu ein hochfahrendes Gesicht aufgesetzt hatte, als brauche er das, um den Männern von drüben zu imponieren. Die Gäste benahmen sich ungeniert. Trotz ausgezeichneter Kleidung spürte man darunter die aufgekrempelten Ärmel. Trotz korrekter Reden hörte man die Untertöne: ›Wir in Amerika – – längst überholt bei uns, was ihr hier in den Himmel hebt. Seid ja soweit ganz fleißig und tüchtig, Kinder, aber der Zug fehlt. Auf Großzügigkeit kommt's an, den Sprung ins Ungewisse muß man wagen.‹ Ein abwägender Blick in die Runde: ›Was würde euer ganzer Krempel kosten, wenn wir uns entschlössen –‹ Der alte Lamprecht führte sie mit ruhiger Liebenswürdigkeit. Ohne daß er es wollte, hob sich ihrer Zugriffigkeit gegenüber seine verhaltene Würde wohltuend ab. 33 »Die Herren sind falsch unterrichtet,« lächelte er, als eine Bemerkung in dieser Richtung fiel. »Verkauft wird die alte Firma nicht.« »Desto besser. Wir dürfen uns also aussuchen, was wir brauchen können?« »Sie sind höflich eingeladen, unsere Maschinen zu besichtigen – –« Es trat ein, was immer eintritt, wenn sich Kaufmannsgegner messen: Höfliches Bedauern und gemimter Aufbruch. An der Tür dann gemimtes plötzliches Erinnern: »Man sagte uns, daß Herr Utz – – wo ist er übrigens? Doch nicht etwa krank?« Das war die Stelle, an der die Angestellten und Vertreter der Firma unbehaglich zu werden pflegten. Der alte Lamprecht richtete sich auf. Aufgekrempelte Ärmel gegen aufgekrempelte Ärmel. Er setzte sich resolut auf Franzens Portokasse, steckte die Hände in die Hosentaschen, wie die Amerikaner es taten, und sah sie freimütig an: »Wir wollen uns nichts vormachen, meine Herren. Sie wissen es genau so wie wir alle: Herr Utz ist, wie Sie drüben und wir hier bei uns sagen, nicht normal.« Eine Sekunde lang nur Verblüffung. Dann lebhaftes Reden: »O bitte! Gerade nichtgenormte Männer wissen wir zu schätzen. Nichtgenormte haben unser Land 34 entdeckt, besiedelt, hochgebracht und – – wir sind sozusagen immer auf der Suche nach Menschen mit neuen Ideen. Herr Utz soll der stabilen Dreschmaschine verflucht dicht auf den Hacken sein.« »Gewiß,« bekannte Lamprecht offen. »Nur daß diese Hacken von seinen Bemühungen immer den gleichen Abstand hielten – – bis heute.« »Wäre es möglich, sich das letzte Versuchsmodell einmal anzusehen?« Lamprecht schwankte. Sein Blick streifte seinen Sohn, der ihm ein heimliches Zeichen machte. Zipperers Stirn umwölkte sich. Die Ingenieure sahen gespannt ihren Chef an. In die momentane Stille klang plötzlich Franzens, des Lehrlings, ängstliche Stimme: »Verzeihung, Herr Lamprecht – – Sie setzen sich in den Leim.« Der kleine Zwischenfall löste die Spannung. Alle lachten. »Keine Angst, Franz. Und wenn auch – – er ist viel zu dünn, als daß ich kleben bliebe. – Darf ich bitten, meine Herren?« Als sie in den Versuchsraum traten, geisterte der alte Utz um die Versuchsmaschine. Niemand nahm Notiz von ihm. Das gemütliche Gehabe der Amerikaner verschwand. Es war, als würden unsichtbare Hebel herumgeworfen. Treuherzigkeit auf Ruf und 35 Widerruf war abgestellt. Angespannte Aufmerksamkeit leuchtete aus blauen Augen. Der Fachmann war erwacht. Scheinbar nur mäßig interessiert umschritten sie die Maschine. Niemand sprach ein Wort. Als aber einer der jungen Ingenieure eine Erklärung anbringen wollte, traf ihn der Blick des Führers der Amerikaner und ließ ihn erschrocken schweigen. Sie waren alle Erntemaschinenfachleute. Ihre Väter waren drüben eingewandert. »Abnorm« die meisten. Von kleinlichen und erschreckten Vaterländchen in der alten Welt herumgestoßen. Unerwünscht. Standen zum erstenmal ungeheuren Flächen gegenüber, der Enge der Heimat entflohen. Und wußten: Die Prärie war unerbittlich. Kampf forderte sie. Kampf fast ein Jahrhundert lang. Schon neigte sich der Sieg der Prärie zu. Den der Weite untertan gewordenen Weißen wurde gnadenhalber das Nomadendasein einer Rothaut zugebilligt. Da kam die Maschine. Im Bunde mit dem eisernen Kameraden besiegten sie die Weite. Der Farmer drüben stand ganz anders zur Maschine als der Bauer in Europa: So verkehrt eine Großmacht mit der andern. Widerwillig aber nur ließ sich eine Großmacht von der andern ins Getriebe sehen. So kam es, daß sie drüben nur aus Zufall in Maschinen etwas Neues fanden. Und dies Neue ging mehr in die Breite als in die Tiefe. 36 Tiefer sah der Ingenieur in Europa. Wenn er es auch manchmal wie der alte Utz, der dort mit wollenem Putzlappen seine Maschine streichelte, mit einem Hieb jäh zuschlagender Maschinentatze büßen mußte. Dieses Tiefersehens wegen waren die Männer der Prärie gekommen. Dieses Tiefersehens wegen hatten sie die Scheckbücher mitgebracht und die Verstellung, womit sie mit der einen Hand dem deutschen Ingenieur auf die Schulter, mit der andern auf ihr Scheckbuch klopften: »Ganz nett soweit, Ihre Idee – how much? Ein dutzendmal waren sie um die Maschine herumgegangen, ohne zu fragen. Keine Hand hatten sie ausgestreckt, die Maschine zu betasten. Dennoch entging ihnen nichts. Wo etwas neu schien, zwinkerten die Augen, hielten sie den drüben lang gewordenen Schädel schräg, straffte sich die kupfrig gewordene Haut – und hatten, was sie fragen wollten. Bis auf irgendeine Winzigkeit, auf die es ankam. »Ganz nett soweit,« sagte der Führer und klopfte dem alten Lamprecht wohlwollend die Schulter. Schon wollte sein Nebenmann, ungeduldiger von Natur, die andere Klopfbewegung auf das Scheckbuch machen: » And how much, please? « da fiel ihm ein Dritter ins Wort: »Das also wäre die Maschine tot – – nun hätten wir sie auch gern lebendig gesehen.« 37 Aller Blicke flogen zu dem alten Lamprecht hinüber. Der schwankte sichtlich. Sein Sohn stand neben ihm und flüsterte ihm zu: »Revers unterschreiben lassen, sonst haben sie uns in der Hand.« Der Alte schüttelte unwillig den Kopf und sah den Sohn an. ›Es gibt so etwas wie Vertrauen, Richard,‹ hieß das. Mit einem Achselzucken gab der Sohn den Blick zurück. ›Hinterwäldler,‹ hieß das. ›Aber wie du willst – ich wasche meine Hände in Unschuld. Wenn's nach mir ginge – –‹ Da ging plötzlich ein Surren durch den Raum, ein Aufrattern und Stampfen. Die Maschine lief. »Wer hat die Maschine angestellt?« schrie der junge Lamprecht voller Empörung. »Ich,« sagte der Mann mit dem Putzlappen und nahm den Finger vom Anlasserknopf. Richard Lamprecht brauste auf: »Vater, du kannst nicht dulden, daß dieser – – dieser – –« »Erfinder,« ergänzte ihn der Vater ruhig. Wie auf Kommando fuhren die Köpfe der Amerikaner herum, von der Maschine ab, dem Mann mit dem Putzlappen zu. »Utz?« rief es durcheinander. »Ja, aber – – Mann Gottes – – das hätten Sie doch sagen 38 müssen. Entschuldigen Sie, daß wir – – kommen Sie doch ins Helle.« Er kam nicht ins Helle. Er streichelte und rieb zärtlich die zitternde Maschine. Die Menschen interessierten ihn nicht. Die Aufmerksamkeit wandte sich wieder der Maschine zu. Die Amerikaner schlichen wieder um sie herum, als wollten sie ihr die Seele aus dem stählernen Gefüge saugen. Trotz aller gemachten Lässigkeit konnten sie es nicht mehr verbergen: Das Werk imponierte ihnen. Der junge Lamprecht stand mit finster zusammengezogenen Brauen neben seinem Vater und flüsterte ihm zu: »Wenn ein Verrückter tun darf, was er will, Vater – – wozu sind wir dann da?« »Es zu machen wie dieser da,« sagte Lamprecht und deutete auf den Führer der Amerikaner, der eben auf den alten Utz zugetreten war und sich vor ihm verbeugte. » Stop please! « Utz nickte, drückte auf einen Knopf – die Maschine lief schnaufend aus. »Alle Achtung, Herr Utz,« klang die Stimme des Wortführers durch den Raum. »Mehr als eine Verbesserung gegen früher. Sie sind natürlich durch Patent gesichert, nicht wahr?« Utz antwortete nicht. Seine Hand streichelte mit gleichbleibender Zärtlichkeit die Maschine. 39 Richard Lamprecht konnte nicht mehr an sich halten. »Vater, wenn du jetzt nicht sprichst, werde ich –« Der Alte sah den Sohn scharf an. »Du wirst jetzt die Güte haben, dich draußen nach Flamm umzuschauen. Wir brauchen ihn wahrscheinlich jetzt.« Der Sohn stand ein paar Sekunden noch zögernd. Man sah ihm an, daß es in ihm riß, etwas zu erwidern. Dann bezwang er sich, wandte sich mit einer brüsken Bewegung ab und verließ den Raum. »– – durch Patent gesichert,« nahm der Amerikaner seine Rede wieder auf. »Wir wären nicht abgeneigt, Ihnen die Patente für Amerika abzukaufen. Da, wie Sie zugeben müssen, nichts grundsätzlich Neues, nichts Umwälzendes vorhanden ist, das geeignet wäre, dem Landmaschinenbau einen Aufschwung zu geben, müßte der Preis natürlich sehr – – sehr entgegenkommend sein. Aber wenn es Ihnen gelänge – – wenn es Ihnen je gelänge, die stabile Dreschmaschine zu bauen – – Sie sehen ja selbst, wie sie noch schwankt – – verdammt schwankt – –« Utz hörte auf zu streicheln. Mit hängenden Armen stand er da. Demütig koste sein Blick die Maschine. Und plötzlich sprach er mit ihr. Sprach mit ihr, unbekümmert um die Leute, die ihn umstanden, wie man mit einem Menschen spricht: 40 »Ich weiß schon, was dir fehlt – – zwei Organe sind dir falsch gekoppelt. Darum schlägst du aus. Wenn mir zwei Organe falsch gekoppelt wären, schlüge ich auch aus – –« » Excellently expressed! « murmelte der Amerikaner. »Aber freilich – – mich hat der Herrgott gebaut,« fuhr Utz fort, als sei er allein. »Der versteht es. Dich habe ich gebaut. Ich bin ein Stümper – – aber sieh, ich hätt' es um dich verdient, daß du mir einen kleinen Wink gibst – – einen ganz kleinen Wink nur – –« Er verstummte und begann wieder mit dem Putzlappen den Stahlkoloß zu streicheln. Der Amerikaner wandte sich hastig ab, Lamprecht zu. »Herr Lamprecht – – es ist sonst nicht meine Art – – nicht unsere Art – – aber angesichts dieses Mannes, der in Ehren auf dem Schlachtfeld der Maschinen gefallen ist, sage ich Ihnen: Millionen an Verschleiß und Arbeit würde eine stabile Dreschmaschine ersparen. Und noch eins: Für das Weltpatent ›Stabilmaschine‹ – stabil, wie aus Erz gegossen, – würde Ihnen unser Landmaschinentrust einige Millionen – – Dollarmillionen, bitte, zahlen.« Ein dröhnendes Aufsummen unterbrach ihn. Die Maschine lief wieder, hämmernd und ratternd – – 41 und plötzlich war ein Schrei da – – ein heller, gellender Schrei, von dem niemand im Raum hätte sagen können, ob Todesangst oder Triumph ihn erzeugte. Aller Blicke folgten mit stockendem Atem der Richtung, aus der der Schrei gekommen war. Und da sahen sie, was sie in der ganzen Stunde, die sie hier verbrachten, nicht gesehen hatten: Unter der Maschine lag ein Mensch, bewegungslos den Blick hinaufgerichtet in das hundertfältige Getriebe – – »Stop! Halt!« riefen fünf, sechs Stimmen durcheinander. Das Dröhnen wurde tiefer, verstummte. Die Maschine stand. Unter ihr hervor kroch Max Flamm. Erstaunt, verblüfft sahen die Männer, die ihn umstanden, in sein Gesicht, in ein schmutz- und staubbedecktes Gesicht. In dem Gesicht aber strahlten ein Paar Augen, lachte ein Mund. Und Flamm eilte auf Utz zu, packte ihn an den Schultern, schüttelte ihn und schrie: »Ich hab 's, Herr Utz. Ich hab 's. Abreuter und Siebkasten müssen auseinandergeschnitten werden, müssen sich gegeneinander bewegen, dann steht sie. Dann torkelt sie nicht mehr.« Um Utzens Mund schwebte ein irres Lächeln. »Sie gibt's nicht her, ihr Geheimnis, Flamm – sie gibt's nie her – – sie hält uns alle zum Narren.« 42   5. Die besten Freunde waren sie sonst nicht, die Handelsbank und die Unionsbank. Der Wettlauf um die besten Kunden brachte das mit sich. Utz und Lamprecht gehörten einmal zu diesen besten Kunden, als deren Name im Landmaschinenbau noch den großen Ruhm der führenden Firma ausstrahlte. Führend dadurch, daß das Kurbelwellengewirr der üblichen Erntemaschinen auf eine Antriebskurbel zurückgeführt wurde. Damals umdrängte die Firma mit verbindlichem Lächeln der Kredit: »Geld, soviel Sie wollen – – bitte zu verfügen,« hatte die Handelsbank gedienert. »Sie können jede Summe von uns haben,« hatte sich die Unionsbank beeilt, zu versichern. »Wir verdoppeln sie.« Würdeloser Wettlauf liebedienerischer Instanzen? Nein, sie waren ja selbst Angestellte einer höheren Instanz: Seine Majestät das Geld verlangte Arbeit, schrie nach Arbeit. Dann hatte die oberste Instanz, die Konjunktur, langsam umgeschlagen. Man begann zu wählen. Mißtrauen ging um. Farben glänzender Erinnerungen verblaßten. »Utz?« hieß es wägend. »Ist das der, dessen Vater die Einkurbelwelle – –« »Nein, er selbst ist es.« »Was, so alt schon? Dürfte schon ein wenig 43 Schimmel auf den Patenten liegen. Legen Sie das Kreditgesuch zunächst mal ab.« »Darf ich Herrn Direktor darauf aufmerksam machen, daß die Handelsbank bereit sein soll – –« »Die Handelsbank? Verbinden Sie mich mit ihr.« So war der seltene Fall eingetreten, daß die Direktoren beider Banken eine gemeinsame Vorbesprechung hatten, in deren Verlauf der herbeigerufene Hauptbuchhalter Zipperer von Utz und Lamprecht den Entscheid in Empfang nehmen sollte. Zipperer saß im Vorzimmer. Ein wenig atemlos war er eingetroffen. Der Besuch der Amerikaner hatte ihn aufgehalten. Er hatte sich am Schalter entschuldigt. Der Beamte hatte gnädig genickt. Die Antwort lag auf der Hand: Kleinkredite erledigt man bei uns so nebenbei, gewissermaßen zwischen Tür und Angel – Zipperer saß ein wenig in sich zusammengesunken und merkte, daß seine Gedanken spazierengingen. Nicht in die Zukunft hinein, sondern zurück, immer mehr zurück. Wie lange war es her, seitdem derselbe Mann am Schalter sich überstürzte: »Nein – – wirklich, verehrter Herr Zipperer, Sie brauchen nicht zu warten. Ich habe strikten Auftrag, Sie sofort vorzulassen!«? Und jetzt? Der alte Zipperer hob ein wenig müde den Kopf und sah auf die gepolsterte Tür, 44 hinter der die Rivalen über das Schicksal von Utz und Lamprecht verhandelten. Sicher saßen sie da in ihren Sesseln und wiegten die Köpfe, pafften Rauchwolken zur Decke und berieten hin und her: Den Kredit teilen? Oder ganz verzichten? Die Konjunktur ging zurück. Es riß auch alte Firmen. Vielleicht fielen über kurz oder lang auch Utz und Lamprecht in den Hexenkessel, in dem alles, was fiel, mitleidslos zur bedeutungslosen Masse verarbeitet wurde? Und dann öffnete sich die Tür. Zipperer durfte eintreten. Mit herablassender Liebenswürdigkeit begrüßten ihn die beiden Gewaltigen. »Immer noch wohlauf, Herr Zipperer? Ein bißchen – – hm – – schlank geworden im Laufe der Jahre. So geht das, was – – auf und ab – – auf und ab – –« Zipperer lächelte dünn. »Wenn sich das Ab auf mich beziehen sollte, Herr Direktor, ich komme schon darüber hinweg. Was indessen unsere Firma betrifft – –« »Nana,« wurde er wohlwollend unterbrochen. »Nur nicht gleich auf einen Baum klettern, lieber Zipperer. In Zeiten rückläufiger Konjunktur kann man Empfindlichkeiten nicht gebrauchen. Haben Sie die Bilanz selbst aufgestellt, Herr Zipperer?« Zipperer verbeugte sich bejahend. »'ne verantwortliche Sache, so 'ne Bilanz, was?« 45 Zipperer schwieg. »Und – – hm – – dehnbar auch, was? Reichlich Raum für subjektive Bewertungen.« Der Finger des Direktors ruhte auf dem Vermögensposten »Schuldner«. »Das Debitorenkonto ist doch –« »––unter peinlicher Beachtung der Bilanzierungsvorschriften des Handelsgesetzbuches eingesetzt,« vollendete Zipperer zurückhaltend. Das Verhör peinigte ihn. Hinter diesem Verhör stand der Schatten des alten Lamprecht: »Die Firma muß gehalten werden!« Und stand der bedrückende Gedanke: Unterschied zwischen dreizehn Pfennigen und zehntausend Mark? Bevor der Direktor noch weiterfragen konnte, wurde die Tür halb geöffnet. Der Kopf des Beamten von Schalter 17 fuhr halb herein: »Verzeihung, Herr Direktor – – der Lehrling von Utz und Lamprecht läßt sich nicht abweisen. Behauptet, Herrn Zipperer unbedingt sofort zwei Worte sagen zu müssen und – –« Ja, und dann schoß die schmale, winzige Gestalt des Lehrlings Franz Lohmann an dem Beamten vorbei, stand ein wenig atemlos, aber nicht befangen in dem Allerheiligsten des großen Bankhauses, starrte aus leuchtenden Augen nur auf den alten Zipperer. Der Direktor der Unionsbank lachte. 46 »Forscher Junge. Also zwei Worte sind bewilligt. Aber aufgepaßt, junger Mann: Nicht eins mehr. Jedes Wort darüber kostet eine Mark. Eine Lehrlingsmark. Los: Wort eins?« »Amerikaner,« schnaufte Franz. Die Gesichter hoben sich. Franz fühlte sich als Mittelpunkt und kostete den Triumph aus. Es kommt nicht alle Tage vor, daß Hauptbuchhalter und Bankdirektoren den Worten eines Lehrlings lauschen. »Wort zwei, junger Mann.« Franzens Augen glitzerten. Hinter der Stirn arbeitete es. Es war nicht leicht, alles in einem Wort zusammenzupressen. Dann hatte er 's: »Millionenpatentverkaufsvertrag.« »Weiter, junger Mann, weiter!« Da stieß den Lehrling Franz Lohmann irgend etwas an – – irgend so ein Kerl, der in ihm stak und wuchs mit jedem Tage: Der Kerl, der aus dem Lehrling einmal etwas anderes machen würde. »Verzeihung, Herr Direktor – – Herr Direktor sagten selbst: Jedes weitere Wort koste eine Mark.« Ein anerkennendes Lachen, gemildert nur durch die gespannte Erwartung dessen, was noch kam. »Wie war es weiter?« sagte der Direktor der Unionsbank. »Die Amerikakommission war also bei euch, hat alles besichtigt – – auch die letzten Verbesserungen an euren Maschinen, nicht wahr – – hat 47 sie für gut befunden und euch einen Vertrag angeboten – –« Franz starrte den Direktor entgeistert an. »Sie wissen schon alles, Herr Direktor?« »Nichts weiß ich.« »Reden Sie endlich!« forderte der Direktor der Handelsbank kategorisch. Franz blickte zu dem alten Zipperer auf. »Nur, wenn – – wenn Herr Zipperer es erlaubt – –« »Herr Zipperer, sagen Sie ihm – –« Der Direktor der Handelsbank vermochte die Aufforderung nicht auszusprechen. Denn plötzlich war der Direktor der Unionsbank aufgestanden, hatte sich lächelnd verbeugt, des alten Zipperer Arm genommen und ihn hinausgezogen. Grinsend folgte Franz. Der Direktor der Handelsbank stand starr diesem Abbruch gegenüber. Und als er sich endlich aufraffte und hinauseilte, um irgend etwas zu retten, sah er, über die Milchglasscheiben hinweg, nur noch die drei in friedvoller Einheit in den Wagen des Direktors der Unionsbank steigen. Wütend drehte er sich um. Sein Blick fiel auf den Schalterbeamten. »Herr Hempel!« herrschte er ihn an. »Warum haben Sie die Herren nicht aufgehalten?« Der Beamte verbeugte sich unterwürfig. 48 »Verzeihung, Herr Direktor, es ist mir keine diesbezügliche Instruktion gegeben worden.« Die Faust des Direktors zertrümmerte beinahe das Schalterbrett. »Falls Sie es noch nicht wissen sollten, Herr Hempel: Sie sind ein diesbezügliches Rindvieh!« Die Tür knallte hinter dem Direktor ins Schloß. Herr Hempel saß verdattert hinter seinem Schalter und stellte von Gekränktheit diktierte Betrachtungen über die allzu drastischen Umgangsformen großer Herren an – –   6. Als die neue Dreschmaschine auf den Markt kam, gab's zuerst ein leises Zögern. Wie immer, wenn man sich in langen Jahren an vorhandenen Mängeln schließlich nicht mehr wundrieb, sondern sich an sie gewöhnte. Gar bei Landmaschinen. Hinter ihnen stehen Bauern, die die gleichen Höfe oft seit Nibelungenzeiten in gerader Folge – Vater, Sohn, Enkel, Urenkel – im Besitz hatten. Bauern, die am Alten hielten und das Neue nur bei sich aufnahmen, wenn's gar nicht anders mehr ging. Die Fellachen in Ägypten ackern heute noch mit Pflügen, deren Krummholzform zu Zeiten der Pharaonen erfunden wurde. 49 Als jedoch Amerika voranging, stieß die neue stabile Dreschmaschine, von Max Flamm erfunden, über Nacht durch. Aufträge, die erst langsam hereintröpfelten, wurden zu Bächen, Flüssen, Strömen. Es war, als habe Mutter Erde selbst die Parole ausgegeben: ›Zum Donnerwetter, Kinder, wenn ich fruchtbar bleiben soll, so sorgt gefälligst dafür, daß die Frucht modern gedroschen wird und nicht vorsintflutlich.‹ Richard Lamprecht, der Sohn des alten Lamprecht, schritt in seiner etwas überlegenen Art durch die Fabrikräume, blieb hier stehen, blieb dort stehen und beobachtete das Tempo, in dem gearbeitet wurde. Und was seit dem Anwachsen der Produktion, seit Flamms Erfindung, in ihm rumorte, was sich auflehnte in ihm gegen die »altmodische« Art der Geschäftsführung durch seinen Vater, drängte nach Betätigung. Als er das Privatbüro seines Vaters betrat, nachlässig, als habe er nicht die geringsten Absichten, als er sich in den Sessel fallen ließ und sich umständlich eine Zigarette anzündete, merkte der alte Lamprecht sofort, daß sein Sohn etwas auf dem Herzen hatte. Er sah ihn fragend an. Da hielt's den Jungen nicht mehr. »So geht das nicht mehr weiter, Vater,« platzte er heraus. »Wir kommen nicht mehr nach.« 50 »Womit?« forschte Heinrich Lamprecht in seiner bedächtigen Weise. »Mit der Produktion.« »Ach so. Ich dachte schon, mit eueren neuen Plänen, von denen einer den anderen so lange im Kreise jagt, bis sie einander in die Weichen fahren. Ich ließ Nachtschichten einlegen, obgleich das eine Sünde gegen die Natur ist. Was willst du noch mehr?« »Ich für mich nichts,« antwortete Richard. »Aber die Firma verlangt's.« »Die Firma? Das ist auch so etwas Modernes, mein Junge, etwas Anonymes, sozusagen mystisch Verantwortungsloses, die Firma. Merk dir eins: Die Firma ist nichts. Der Mensch, der sie lenkt, ist alles.« Richard stand auf und ging hin und her. Blieb dann vor seinem Vater stehen. »Also, ich, der Mensch – – ich, dein Sohn, verlange die Verdoppelung, die Verdreifachung der Fabrikräume, Vater.« Der Vater lächelte ein wenig ironisch. »Schön, dann vergiß nicht, auch die Millionen dafür gleich anzufordern.« Der Sohn erwiderte die Ironie des Vaters mit einer gleichen Verbeugung. »Soll geschehen, alter Herr. Ich denke, drei Millionen dürften fürs erste genügen, nicht wahr?« 51 »Und fürs zweite?« »Weitere zwei Millionen, damit sind wir an der Spitze.« Heinrich Lamprecht stand gleichfalls auf und sah seinen Sohn, der ihn um fast Haupteslänge üherragte, an. »Abgesehen davon, daß sich's auf einer Spitze auf die Dauer recht ungemütlich sitzen läßt – woher soll ich die Millionen nehmen?« »Für die Hälfte hätte unsere Firma heute reichlichen Kredit – –« »Ich bin stolz darauf, den letzten Kredit so schnell zurückgezahlt zu haben, Richard. Gib dir keine Mühe – – mit Krediten nehmen Utz und Lamprecht keine Anleihe bei einem so wankelmütigen Frauenzimmer, wie es die Zukunft ist, auf.« Der Blick des Sohnes hielt den Vater fest. Es war ein verstecktes Glitzern in den grauen Augen des Jüngeren. »Das war nicht immer so, Vater.« Der alte Lamprecht überhörte den Vorwurf. »Was war, ist überwunden.« »Es wäre schön, Vater, überwändest du auch deine alten Vorurteile.« »Vorurteile? Gegen wen?« »Gegen Aktien beispielsweise.« Eine kleine Pause trat ein, bevor Heinrich Lamprecht antwortete. Und dann tat er es ruhig, 52 gemessen: »Du weißt, wie ich darüber denke, Richard. Es mag rückständig sein – – ich gebe zu, es ist rückständig. Der alte Lamprecht ist's wohl überhaupt in seiner ganzen Person. Immerhin, so lange ich lebe, müßt ihr mit dem – – mit dem Rückstand rechnen. Sonst noch etwas auf dem Herzen?« Richard Lamprecht gab sich nicht geschlagen. »Ich verstehe, Vater, daß du mit dem ganzen Drum und Dran einer Aktiengesellschaftsgründung nicht behelligt werden möchtest – – die Banken übernehmen das mit Kußhand.« »Es ist nicht das Drum und Dran, Richard. Es ist der Grundsatz. Aktien sind fremdes Geld. Utz und Lamprecht sind bisher ohne Aktien ausgekommen – – sie werden es auch weiter.« »Aber auch nicht mit Grundsätzen allein, Vater,« sagte der Sohn, und es klang hinter den Worten so etwas wie eine leise Drohung. Der alte Lamprecht war ans Fenster getreten. Jetzt fuhr er mit einer harten Wendung herum und stand wieder dem Sohne gegenüber. »Was willst du damit sagen, Richard?« klang es scharf aus dem Munde des alten Herrn. Richard lächelte schon wieder harmlos. »Nichts, Vater, gar nichts – –« »Du weichst zurück? Dann will ich dir sagen, was du nicht den Mut hast vorzubringen – –« »Aber, Vater, es ist – –« 53 »Glaubst du, das Alter habe mich taub gemacht? Meinst du, ich hätte nicht die Drohung hinter deinen Worten gehört? Ich werde dir sagen, was es ist: Wir haben einmal eine Bilanz frisiert, jawohl. Eine Zehntausendmarkfrisur. Die Frisur war vom Gesetz vorgeschrieben. Kein Staatsanwalt der Welt würde uns damit – –« »Wer spricht denn vom Staatsanwalt,« versuchte Richard einzulenken. »Ich, du hörst es doch. Auf der Suche nach einem Druckmittel für deine Pläne hast du die Bilanz durchschnüffelt. So ein grauer Flecken auf der weißen Weste wäre dir sehr zupaß gekommen –« »Vater!« Richard schlug einen anderen, einen wärmeren Ton an. »Das Debitorenkonto war euch recht auf der Suche nach Geld – – mir erschien es genau so recht auf dem Wege zur großen Aktienform die auf die Dauer doch nicht aufzuhalten ist. Gleichen wir's aus, Vater – –« »Siehst du nicht den Graben, der zwischen deiner Gleichheit und der meinen liegt?« »Schütten wir ihn zu, Vater. Es war dumm von mir, verzeih mir – – im Grunde wollen wir doch beide das gleiche: Den Aufstieg unserer Firma, nicht wahr?« Er streckte seinem Vater die Hand entgegen. Der alte Lamprecht schlug nicht ein. Sein Blick bohrte sich in den des Sohnes, als wolle er bis in 54 dessen innerste Tiefen dringen. Dann lag plötzlich die Hand des Alten in der des Jungen. »Bist du belehrbar, will ich es auch sein, Richard,« sagte er langsam. »Setz mir deine Pläne auseinander – – nüchtern, bitte – – ich bin bereit, sie zu prüfen.«   7. Thilde Utz kam jetzt öfter zu Frau Flamm als früher. Was Max Flamm und sie trennte, hatte die beiden Frauen fast enger sich aneinanderschließen lassen. Sie saßen einander gegenüber. Die alte Frau ließ den Blick auf der jungen ruhen. »Früher war ich für dich nur ein Vorwand und Umweg, Thilde, wenn du Mutter sagtest, meintest du Max,« sagte sie lächelnd. »Heute, wenn du nicht umhin kannst, Max zu sagen, meinst du seine Mutter. Soll ich mich darüber freuen?« Thilde Utz fuhr mit der Hand über die Falten ihres Kleides und strich sie glatt. »Freu dich,« antwortete sie in ihrer betonten Sachlichkeit. »Um seiner selbst willen ist man da. Unwürdig ist es, nur als Umweg für etwas anderes zu gelten.« Und nach einer kleinen Weile fügte sie unwillig hinzu: »Auch ich will mich nicht als Umweg gewertet wissen.« 55 Frau Flamm wollte etwas aussprechen, das seit langem wie ein Druck auf ihrer Seele lag. Aber Thilde wischte das Wort weg, bevor es da war: »Laß das Zureden, Mutter. Heute weiß ich es genau, was ich immer für ihn war und immer sein würde: Nichts als ein Umweg.« »Thilde, man darf nicht ungerecht sein. Ein Umweg wozu denn?« »Zu seinen Maschinen, seinen unseligen Maschinen,« fuhr das Mädchen heftig auf. »Unselig, Thilde? Schau dich um.« Ein bitterer Zug um den Mund des Mädchens begleitete die Antwort: »Du meinst die neue Wohnung? Meinst die hübschen Dinge, die ihr euch leisten könnt, seitdem – – seitdem – –« »– – ganz recht, seitdem Max durch seine Erfindung der Firma neuen Aufschwung gab und Teilhaber von Utz und Lamprecht werden durfte.« »Das ist doch alles nur äußerlich, Mutter.« »Sag das nicht, Kind. Wir waren arm – – so arm, daß Max nicht einmal eine ordentliche Schule besuchen konnte – –« »Und das war, glaube ich, gerade der Grund, weshalb er fand, was den anderen mit ihren guten Schulen und ausgetretenen Denkgeleisen verborgen blieb. Nein, Mutter Flamm, die Armut ist ein Segen, ein heimlicher – –« »Ja,« nickte die alte Frau und sah auf ihre 56 Hände. »So heimlich oft, daß man links und rechts von den – wie sagtest du? – den ausgetretenen Geleisen im Morast versinkt. Nein, Kind, wir haben allen Grund, den Maschinen für die Wendung unseres Schicksals dankbar zu sein. Ich segne sie und nehme einen späten, lichten Lebensabend gern aus ihrer Hand – –« »Und ich niemals aus ihrer Hand, was sie mir von einem Manne großmütig überlassen wollen, Mutter,« widersprach Thilde Utz herbe. »Ich bin für alles oder nichts.« »Stell dir einmal vor, die Maschinen hätten dir den ganzen kirchenmausarmen Mann überlassen. Du hättest doch – –« »– – mit tausend Freuden Ja gesagt.« »Was weißt du von der Armut,« lächelte Frau Flamm nachsichtig. »Als ihr arm wart, hab ich's gern mit euch gehalten, hab ich Max liebgewonnen.« »Ja, als Tochter des Mitinhabers von Utz und Lamprecht, die den sicheren Boden unter ihren Füßen hatte.« »Sicher? Weißt du, daß die Erfindung zur rechten Zeit kam? Eine Woche später vielleicht und – –« Sie brach ab. »Und?« Thilde stand mit einem Ruck auf. »Von Bilanzen wirst du ja nichts wissen – –« 57 »Ich weiß nur, ihr beide hättet es redlich verdient, endlich zu werden, was – –« »– – was Max auch ohne mich zu sein glaubt,« unterbrach Thilde die alte Frau mit bitterem Spott. »Was sagt er, wenn wir uns zufällig treffen? ›Ah, Thilde, du,‹ – und denkt an seine Maschinen. ›Thilde, willst du schon wieder gehen?‹ sagt er – und denkt an seine Maschinen. Daß wir uns, bevor die Amerikaner kamen, auf Tod und Leben stritten, ist ausgelöscht in ihm. Und wenn ich ihn erinnern würde, er ginge mit einem Nicken darüber hinweg: ›Richtig, war das nicht damals, als ich darauf kam, Sieb und Reuterkasten zu zerschneiden?‹ Wenn ich sagen würde – ich sag es nicht –, aber wenn ich sagen würde: ›In der nächsten Woche ist unsere Hochzeit.‹ – er würde antworten, daß er vorher aber noch das und das zu zerschneiden habe. Er zerschnitte unsere Ehe schon im ersten Jahre mit den Messern seiner Maschinen. Lieber bleib ich, die ich bin.«   8. Ja, und dann kam ein Tag, an dem sie sich doch wieder allein gegenüberstanden, Thilde Utz und Max Flamm. Nicht zu einer offenen Aussprache, die manches vielleicht hinweggeschwemmt hätte, wenn etwas hinwegzuschwemmen gewesen wäre – Sie 58 standen sich gegenüber, er ruhig, ahnungslos – – sie aufgeregt, empört, ihn anblitzend, wie einen, mit dem sie zu kämpfen bereit sei. Sie hatte Frau Flamm begrüßt und sie gebeten, sie einen Augenblick mit Max allein zu lassen. Und war zu ihm eingetreten ins Zimmer. Hatte ihn vor dem Reißbrett stehen sehen. »Verzeih, Max, wenn ich störe – –« Er sah auf. Lächelte ein wenig. Ganz unpersönlich, fand sie. So, wie man immer lächelt, wenn irgendwer zu Besuch kommt. »Du störst nicht, Thilde. Es ist gut, daß du einmal da bist – – haben wir nicht manches miteinander zu besprechen?« »Laß das. Ich habe eingesehen, daß die Firma, die Maschinen die erste Hypothek von dir zu fordern haben. Du selbst hast auf dich verzichtet, da war es auch von mir nur recht und billig, auszuweichen und im Rang zurückzutreten – –« Er sah sie verständnislos an. Sie lachte. »Ach so, dich wundert mein Zuhausesein im Hypothekenrecht? Ich habe in der Zwischenzeit manches gelernt. Habe mich ein bißchen in der Hauptbuchhaltung umgeschaut – –« »Bei Zipperer?« fragte er verblüfft. »Ja, bei unserm Zipperer.« »Aber das ist doch – –« »– – nicht meine Art, meinst du? Man ändert 59 sich mit der Zeit, nicht wahr?« lachte sie wieder nervös. »Oder meintest du, es sei nicht notwendig gewesen? Man kann verschiedener Ansicht darüber sein, nicht wahr? Ich zum Beispiel empfand es als Notstand, daß mein geistesgestörter Vater ohne Gegenleistung am Gewinn der Firma beteiligt ist. Darum will ich versuchen, mit meiner eigenen Kraft das Maß von Arbeit zu leisten, das dem Vater zugekommen wäre.« Max streckte ihr die Hand entgegen. »Jetzt verstehe ich dich, Thilde. Es ist schön, daß du kommst, mir das zu sagen – –« Sie winkte ab. »Deshalb komme ich nicht. Selbstverständlichkeiten sind nicht wichtig. Wichtiger bist du.« Er sah sie an. »Ich fülle meinen Posten aus, das weißt du, Thilde.« »Auch eine Selbstverständlichkeit. Wichtig ist, daß du dich nicht verlierst, nicht verplemperst, einspannen läßt in Dinge, die deiner unwürdig sind.« Sie riß ein Zeitungsblatt aus der Tasche und warf es auf das Reißbrett. »Ich verstehe ja, weshalb du es getan hast.« fuhr sie erregt fort. »Der ›Jungen‹ wegen. Max, ich habe mich schweigend gefügt, als du mich beiseiteschobst, weil ich begreifen lernte, daß im Rang die Wichtigkeiten wechseln können, daß – 60 vorübergehend eins wichtiger sein kann als das andere, was uns allein angeht. Durch mich bist du mit nichts belastet, Max, nichts bist du mir schuldig außer dem einen: Bleib sauber, laß dich nicht mißbrauchen. Das ist's, was ich dir sagen wollte. Und nun – – auf Wiedersehen.« Er sah ihr nach, als sie zur Tür ging und begriff nicht, was das heißen sollte. Noch einmal blieb sie stehen, deutete auf das Zeitungsblatt und sagte nur: »Bring das in Ordnung, Max.« Dann war sie hinaus. Er stand, wie sie ihn verlassen. Was hieß das? Mißbrauchen lassen? In Ordnung bringen? Unverständlich! Was war in Thilde gefahren? Was war für ein Mensch aus ihr geworden in der vergangenen Zeit? Es hatte einmal etwas zwischen ihnen gegeben. Einen Streit, einen großen Streit, der eine Wand zwischen ihnen aufrichtete. Weil sie es so wollte. Weil sie sich einredete, die Maschinen seien ihm wichtiger als sie. Schön – – sie hatte nicht unrecht. Aber hatte er damit nicht Utz und Lamprecht gerettet, hatte er nicht ihren Vater mitgerettet und sie ebenfalls? Hätte sie ihm nicht, genau betrachtet, danken müssen? Er legte keinen Wert darauf – – aber es wäre doch sicher nicht nötig gewesen, den Trennungsstrich so scharf zu ziehen. 61 Wie war das weiter gewesen? Wenige Tage später waren die Amerikaner gekommen, und er hatte den Fehler entdeckt, hatte die Dreschmaschine von unten her beobachtet. Was der alte Utz in sieben Jahren nicht fand, was jenem den Verstand raubte – ihm gelang es in einer Stunde. Freilich, in einer Stunde, der viele andere vorausgingen, die angefüllt waren mit grenzenlosem Suchen, Grübeln, Forschen und Suchen. Aber da war Thilde Utz schon nicht mehr da. Sie war ganz plötzlich untergetaucht. Er gestand sich ehrlich: in jenen Tagen hatte er sie nicht vermißt. Sein Leben war angefüllt mit Triumph und Arbeit. Mit so viel Arbeit, daß er nicht einmal an sich selbst denken konnte. Und die Arbeit war nicht geringer, war immer größer geworden, seitdem er – – seitdem man ihn zum Mittelpunkt der Firma gemacht hatte. Seitdem seine Erfindung der Firma neuen Auftrieb und stabile Unterlage gab. Thilde – – Sie war nicht der Mensch, der teilte. Sie wollte sich ganz geben, wollte aber auch einen ganzen Menschen dafür haben. Der Anflug eines leisen Lächelns erschien um Max Flamms Mund. So war das nun. Ein Mann kann sich nie ganz geben. Immer ist noch etwas da, das ihn festhält 62 mit eisernen Klammern, das den besseren Teil seines Ichs aufsaugt – – und – – Sein Blick fiel auf die Zeitung. Er nahm sie auf und las einen blau angestrichenen Abschnitt. Oder vielmehr, er las ihn nicht. Sein Blick flog darüber hin. Er war kein methodischer Zeitungsleser. Er war gewohnt, auf Anhieb da und dort Einzelsätze in sich aufzunehmen: Von einer kombinierten Erntemaschine war die Rede, die längs der Getreidefelder entlangfahre, mit langen Sensenmessern die ganze Feldbreite erfasse und brausend Millionen Ähren wegrasiere. Auf schrägen Bändern transportiere sie sie dann zum Maschinentrichter, schüttele sie und dresche sie, erzeuge einen künstlichen Sausewind und sammele alle Spreu in Becken. Die Getreidesorten trenne sie und mahle und lasse, wie man wolle, goldene Getreidekörner oder Mehl in bereithängende Säcke rinnen. Jeder Sack bekomme automatisch das vorgeschriebene Gewicht. Wenn sie gefüllt seien, reihe sie ein besonderer Hebel am Straßenrand auf, so daß ein Nachfahrwagen sie nur aufzuladen und zur nächsten Bahnstation zu befördern brauche. Von dort aus zu den Bäckereien, die demnächst auch in die Mechanismen des Ernteriesen eingegliedert würden, der als ungeheurer Vogel vorn in die Felder tauche. Hinten brauche man dann nur die offenen Körbe hinzuhalten. Semmeln, Brötchen, Laibe für 63 Menschen und Völker kämen fertig zum Vorschein. Es gäbe keine Not und keinen Hunger mehr. Max Flamm lächelte, während er den Artikel überflog. Nett geschrieben. Phantastisch ausgemalt. Aber ein Zukunftstraum in weitem, weitem Felde – – Utopie – – In dieser Form nie zu verwirklichen. Menschengeist schuf und formte Gewaltiges, aber das? Dichter wollen auch etwas zu tun haben. Das Zeitungsblatt flatterte zu Boden. Vergessen schon. Was hatte er damit zu tun? Als er sein Zimmer im Büro der Firma Utz und Lamprecht betrat, kam schon Franz Lohmann, der Lehrling, der in den letzten Wochen beträchtlich in die Höhe geschossen war, herein, grüßte höflich und sagte, ein Zeitungsblatt in der Hand haltend: »Verzeihung, Herr Oberingenieur, Herr Hauptbuchhalter Zipperer bittet um die Erlaubnis, auf diesen Artikel aufmerksam machen zu dürfen, weil – weil – –« Max Flamm sah den jungen Mann an. »Weil? Schnell, bitte, hab wenig Zeit.« »Weil er sich nicht denken kann – – weil er vermutet, daß vielleicht eine – – eine drittinteressierte Seite mit Rücksicht auf die heute erstmals aufgelegten ›Jungen‹ – –« 64 »Schon wieder ›Junge‹? Das hab ich heute schon einmal gehört. Und sagen Sie Herrn Zipperer, daß ich den Artikel bereits gelesen hätte. Interessiert mich nicht – 'raus!« Kaum hatte Franz ihn verlassen, wurde die Tür abermals aufgerissen. Der junge Lamprecht kam herein, ein wenig aufgeregt, wie es schien. »'n Morgen, Herr Flamm – – 'tschuldigen Sie, daß ich Sie so mir nichts dir nichts überfalle. Aber es eilt. Mein Vater wird gleich hier sein, wegen – – naja, ein bißchen empört ist er – –« Max Flamm lächelte. »Ich kann mir nicht denken, warum?« »Eines kleinen Zeitungsartikels wegen, den ich als Leiter der Propaganda-Abteilung lancierte. Und da für den Artikel ein autoritärer Name gebraucht wurde, habe ich mir gestattet – – hm. – – Sie verstehen schon, nicht wahr?« »Nicht ein Wort verstehe ich, Herr Lamprecht.« Richard Lamprecht lächelte ein wenig verlegen, als er in das Gesicht Max Flamms blickte. »Wir brauchten ein bißchen Stimmung für die heute eingeführten ›Jungen‹.« »Ich höre immer ›Junge‹ – – was habe ich damit zu tun?« Max Flamm wurde ungeduldig. »Im Grunde nichts. Wir wollen einen anständigen Kurs erzielen, begreifen Sie? Und – –« Er kam nicht dazu, weiterzusprechen. 65 Heinrich Lamprecht kam herein. Hatte ebenfalls das ominöse Zeitungsblatt in der Hand, das scheinbar die ganze Firma auf den Kopf stellte – und stand breit und wuchtig vor Max Flamm. Für seinen Sohn hatte er nur einen flüchtigen Blick. »Flamm. Was haben Sie da für einen Quatsch geschrieben?« kam es drohend von seinen Lippen. Max Flamm wollte etwas erwidern, aber Richard Lamprecht kam ihm zuvor: »Meinst du den Artikel über die Universalmaschine, Vater? Ich muß sagen – –« »Was du sagst, ist im Augenblick nicht wichtig. Von Ihnen will ich Auskunft, Flamm. Wie kommen Sie dazu, die Leute mit solchem Zeug verrückt zu machen?« »Zukunftsfanfaren, Vater,« warf der junge Lamprecht wieder ein. »Ungeheuer eindrucksvoll – –« »Wie können Sie so etwas mit Ihrem guten Namen decken, Flamm?« wollte der alte Lamprecht wissen. »Mit meinem Namen?« »Wollen Sie ableugnen, daß Sie das hier geschrieben haben? Jedenfalls steht groß und deutlich Ihr Name unter dem Zeug. Und Sie mußten sich sagen: was unter Ihrem Namen geht, kommt unabwendbar auf Konto der Firma – –« »Soll's ja auch, Vater,« lachte Richard Lamprecht. »Du vergißt, daß heute die ›Jungen‹ an der Börse eingeführt werden.« 66 »Was hat das damit zu tun?« »Sehr viel. Wir brauchen das Geld für die Erweiterung der Fabrikbauten, für die Vergrößerung unseres Umsatzes. Die Unionsbank legt die Aktien zu dem Einführungskurs von 200 auf – – stell dir die Katastrophe vor, wenn sie diesen Kurs nicht erreichten.« »Es handelt sich hier nicht darum – – es handelt sich um diesen unverantwortlichen Zeitungsartikel, den Flamm geschrieben hat – –« »Entschuldigen Sie, Herr Lamprecht,« gelang es jetzt endlich Max Flamm, einzuwerfen. »Im Interesse unserer weiteren ungestörten Zusammenarbeit möchte ich feststellen: Ich habe diesen Unsinn nicht geschrieben und habe bis zu dieser Stunde überhaupt nichts von ihm gewußt.« »Nicht?« Der alte Lamprecht sah seinen Sohn an. »Dann hast also du, Richard – –« Der Lehrling Franz kam hereingestürzt. »Herr Lamprecht, ein dringendes Telegramm!« Richard nahm es ihm ab, bevor Heinrich Lamprecht zugreifen konnte, und riß es auf. Ein Leuchten war in seinen Augen. »Aufgepaßt, alter Herr,« rief er, und in seiner Stimme war fast ein Klang von Siegesfanfaren: »Heutige Einführung der jungen Aktien ein noch nie erlebter Erfolg. Bankenkundschaft riß sich alles verfügbare Material aus den Händen. 67 Anfangskurs von 200 erheblich überschritten, erreichte zum Schluß Stand von 297. Gratulieren. Unionsbank.« Während Richard Lamprecht das Telegramm las, trafen sich Flamms und des alten Lamprechts Blicke. Kein Muskel zuckte in den beiden Gesichtern. »Sieg,« rief Richard Lamprecht begeistert, schlug seinem Vater auf die Schulter und stürmte hinaus. Die beiden Männer blieben allein zurück. Keiner sprach ein Wort. Schweigend standen sie einander gegenüber. Nicht wie Sieger sahen sie aus – – eher wie Besiegte – – Besiegte, die sich still gelobten, es mannhaft zu tragen – – es zu tragen, wenn es sein mußte bis ans bittere Ende. – –   9. Der junge Lamprecht kämpfte. Kämpfte mit verbissenem Willen und zäher Entschlossenheit. Er sah seinen Weg klar vor sich. Und der Weg führte steil nach oben. Führte von der breiten, behaglichen Straße hinweg – – hinauf in Höhen, wo man nicht mehr in Reih und Glied mit tausend andern wandelt, wo man auf sich allein gestellt ist und mit gespannten Muskeln Sturm und Wetter Trotz bietet in der unerschütterlichen Gewißheit, Sieger zu sein und zu bleiben. 68 Der junge Lamprecht war gewachsen in den letzten Monaten. Er hatte die Führung an sich gerissen und gab sie nicht mehr her. Er setzte den Bau des neuen Verwaltungsgebäudes durch. »Unter einer Bedingung,« hatte der alte Lamprecht gesagt. »Bewilligt, Vater,« hatte der junge Lamprecht nachsichtig gelächelt. »Du kennst doch die Bedingung noch gar nicht, Richard.« »Sie wird nicht unerfüllbar sein.« »Möglich. Du kannst das Verwaltungsgebäude bauen – – aber ohne mich.« Richard Lamprecht sah seinen Vater etwas erstaunt an. »Wie soll ich das verstehen?« Der Alte deutete auf ein kleines Haus. »Aber, Vater, das ist doch – –« »– – jetzt die Wohnung des Torhüters, ja,« nickte Heinrich Lamprecht. »Vielleicht erinnerst du dich noch daran, daß du darin zur Welt kamst und daß ich darinnen gearbeitet habe.« »Aber – –« »Baut und laßt mich zufrieden.« Das Verwaltungsgebäude wurde gebaut. Von weit her kamen sie und gingen frisch durchs Tor, wo Männer in goldbelitzter Livree sie begrüßten, 69 wie man Potentaten begrüßt – und nahmen sich vor, sich durch nichts aus der Fassung bringen zu lassen. Und kamen zerknittert wieder heraus und sahen aus, als gingen alle Drähte, die in dem Hause elektrisch allen Fortschritt und allen Komfort des neuen Jahrhunderts in unzählige Apparate leiteten, durch die eigenen Körper. Und wußten nicht, ob man den Goldbelitzten Trinkgelder geben dürfe oder abgelegte mittlere Herzogtümer. Und stotterten etwas von Errungenschaften und Strömen kulturellen Segens, die aus diesem Hause sich ins Land ergießen würden, wo so viel noch im Rückstand sei – und stolperten über zwei Paar Kanonenrohrstiefel, die gemächlich auf der marmorleuchtenden Freitreppe einen Bauernschritt nach dem andern setzten. »Verzeihung, meine Herren – –« »Mir san koane Herr'n – – mir kemman von drauß'n und b'suchen d' Freundschaft in der Stadt.« »Die Freundschaft? Wie lustig,« gewannen die Zerknitterten ihr Selbstbewußtsein wieder gegenüber so viel ländlicher Unbekümmertheit und wiesen auf die strahlenden Bauten. »Da scheint ihr aber mit euerm Freundschaftsbedürfnis an der falschen Stelle gelandet zu sein, gute Leute.« Der alte Bauer kraute sich den Hinterkopf. »Is uns selber schon so fürkommen – – is epper dös der Palast vom Herrn König?« 70 Treuherzigkeit erzeugt belehrende Überlegenheit: »Da habt ihr recht – – in seinem Fach ist er ein König.« »Nachher san mir falsch, Vatter,« sagte der junge Bauer. »Dem alten Senserer hamma Grüßgott sag'n woll'n.« »Senserer? Was ist das für ein Mann?« »Der wo halt früher die Sensen g'macht hat.« »Vor Urzeiten, ehe die Maschinen kamen, hat die der alte Lamprecht allerdings gemacht.« »Lamprecht sagst d'?« blitzten alte Bauernaugen unterm starren Spießhaufen der Augenbrauen. »Jetzt san mir beinand. Des is er ja, den wo mir brauchen.« »Besuche sind auf Zimmer 53 anzumelden,« sagte ein Goldbelitzter mit etwas mitleidiger Herablassung. »Darf ich die Herrschaften bitten?« – und schob Vater und Sohn in ein ebenerdiges Zimmer. Dort saßen sie geduldig zwischen Mahagonitischen und aufgeschlagenen Fotobüchern und wagten nicht die Augen aufzuheben, bis ein kurzbejacktes, silberverbrämtes Bürschchen ihnen Block und Bleistift überreichte und die auszufüllenden Rubriken erläuterte. »Hier, Ihre Namen, bitte – – hier, woher und wohin – – hier Zweck und Absicht des Besuches – – und hier die Nummer der gewünschten Abteilung. Wir haben siehenunddreißig Abteilungen.« 71 »Was hast d'?« »Wir haben siebenunddreißig Abteilungen,« warf sich unter Betonung des Wir der Silbrige in die Hühnerbrust, als sei er der Befehlshaber aller 37 Abteilungen. »Mir brauch'n koan Abteil – – den Lamprecht brauch'n mir.« »Erst müssen die Rubriken ausgefüllt werden, sonst kann es die Empfangszentrale nicht weiterleiten.« »Nacha läuten S' eahm halt, 'm Lamprecht – – mir warten scho'.« »Ich bedauere sehr, Ihren Wünschen in dieser Formlosigkeit nicht entsprechen zu können. Ich habe diesbezügliche Anweisung von Herrn Lamprecht junior.« »Aha, der Junior – – des is sei Sohn – – weißt, Xaver, mit dem hast g'spielt beim Landaufenthalt vom Lamprecht vor a dreißig Jahren oder so, wie euch alle zwoa noch der Hemmadzipfel beim Hosenträträ rausg'standen is – – dös wirst do no wiss'n.« »Ich schon, Vater – – aber ich glaub, der junge Herr Lamprecht wird's nimmer wissen wollen – –« Der Silbrige wippte ungeduldig mit dem Block. »Wenn die Herrschaften also weder schreiben wollen noch sonst einen Anhaltspunkt haben – –« 72 »G'schrieb'n hab ich eahm vorigen Mittwoch – – dem Postillon von Haselstetten hab ich's selber mitgeb'n, d' Kart'n.« Durch ein kleines Schiebefenster sah schon eine ganze Weile ein altes Buchhaltergesicht. Jetzt knallte das Fensterchen auf. »Paul, du bist ein Rindvieh,« sagte der alte Zipperer. »Das ist doch der Ploderer aus Haselstetten, einer unserer allerältesten Kunden, dem wir Steyrersensen geliefert haben, als dein Großvater noch in den Windeln lag.« Der Silbrige wand sich wie ein kleinglitschiger Weißfisch, ein beleidigter: »Aber ohne schriftliche Unterlage darf ich weder dem alten noch dem jungen Herrn Lamprecht – –« »Unterlage? Schön, werden wir gleich haben – bleibt nur sitzen, Leute. Gelt, ihr kennt mich noch?« Der alte Bauer hatte ihn scharf ins Auge gefaßt: »Sie san der Zipperer – – der Herr Zipperer, der uns allweil ein bissl g'stupft hat, wenn 's gar zu lang dauert hat, bis d' Rechnung zahlt war. Gell, i kenn mi aus.« Während Vater und Sohn ausgiebig lachten, hatte Zipperer schon den Hörer am Ohr. »– – Landkorrespondenz, Provinz 17 – – Ploderer. Haselstetten. Karte vom letzten Mittwoch – – sofort durch Kugelpost auf Besuchszimmer drei.« 73 Das Bauernlachen war verstummt. Baß erstaunte Bauernaugen wurden groß und rund, als sich überm Mahagonitisch eine Klappe auftat und in sanftem Schwunge auf zwei Schienchen eine Messingkugel in Zipperers Hand rollte. Der tat mit verborgenem Druck die Kugel in zwei Hälften auseinander – – auf dem Tisch lag eine Postkarte mit einer mühsamen Bauernschrift. »So,« sagte Zipperer. »Und nun, Paul, führ die beiden Herren hinüber zum alten Herrn Lamprecht.« Da stand auf einmal Richard Lamprecht im Zimmer. »Oder noch besser zum jungen,« lächelte er. »Sie verstehen, Zipperer, daß ich meinem Vater gern etwas von seiner Arbeit abnehme.« »Wenn ich nicht irre, wäre es Ihrem Herrn Vater ein Vergnügen – –« »Mir auch,« unterbrach ihn Richard Lamprecht. »Der alten Kundschaft sieht man gern einmal ins Auge. Kommen Sie, meine Herren, ich werde Sie selbst führen.« »Mir san koane Herr'n. Mir kemman von drauß'n. Mir b'suchen d' Freundschaft in der Stadt.« Richard Lamprecht lachte. »Freut mich. Kommen Sie nur.« »Wenn Sie sein Sohn san – –« 74 »Der bin ich.« »I hätt Ihnen nimmer kennt, seitdem daß Sie als Hemmadlenz mit meim Xaverl g'spielt ham, wissen S' des no?« »Nicht mehr so genau,« lachte Richard Lamprecht und überflog die Karte des Ploderer. Und lachte noch mehr. »Danke, Zipperer. Ist sehr amüsant, die Sache – – die Karte muß ich unbedingt heute abend im Klub zeigen.« Zipperers Stirn war umwölkt. »Verzeihung, Herr Lamprecht, es war bisher nicht üblich, die Korrespondenz der Firma im Klub herumzureichen.« »Die Entscheidung darüber müssen Sie schon mir überlassen, Herr Zipperer.« Er wandte sich an die beiden Bauern. »Sie schwanken also, Herr Ploderer, ob ihr eure alten Sensen durch eine neuzeitliche Mähmaschine ersetzen sollt.« »Wenn's die überhaupt gibt und net bloß a amerikanischer Schwindel is.« »Erfunden wurde sie von uns Deutschen, mehr gebraucht allerdings wird sie drüben in Amerika – – unsere Bauern sind eben noch furchtbar rückständig,« meinte der junge Lamprecht. Der alte Bauer blieb im Gehen plötzlich stehen. »Rückständi, moanst d'?« knurrte er. »Ob des net seinen guten Grund hat?« 75 »Gewiß, die großen Flächen drüben sind für die Maschinen mehr geeignet – –« »I mein net die großen Flächen.« »Und der Amerikaner ist für Neuerungen überhaupt viel – – viel aufgeschlossener.« »Herr Richard, vernagelt san mir auch net.« Lärm und Getöse brach in die Reden. Der ungeheure Zwangslauf der Werkstätten, der keinen Aufenthalt duldete, preßte seine Schraubstockbacken um die beiden Bauern und ließ sie nicht mehr los. Die beklemmenden Wunder des laufenden Bandes drangen auf sie ein. Ihnen war, als rolle dieses satanische Band durch ihre eigenen Bauernseelen. Die hallende Gießwerkstatt übersternte sie mit Funkensprühen. Die Regimenter von unendlich aufgereihten Erntemaschinen sahen sie aufmarschieren. Ein rasselndes Mähmaschinentier fegte über einen Versuchsrasen. Ploderer, der Sohn, war begeistert. Sagen konnte er nichts. Man sah aber das Brennen in ihm: Fortschritt! Fortschritt! Ploderer, der Vater, sagte auch nichts. Was in ihm lohte, sah man nicht. Grau verschattet hielt er seinen Bauernlangschädel gesenkt. »Wissen Sie, was diese Maschine für euch bedeutet?« bohrte der junge Lamprecht. Und schrie durch das Tosen um sie her: »Das bedeutet, daß ihr 76 künftig nicht mehr schon sechs Uhr an der Arbeit stehen müßt!« Eine zugeschlagene Tür dämpfte den Lärm. »Um sechs Uhr?« wiederholte der alte Bauer verächtlich. »Mir san um viere bei der Arbeit, und mein Vater hab i selten später aufstehn seh'n als umara dreie.« »Um drei Uhr?« ereiferte sich Richard Lamprecht. »Das ist doch Menschenschinderei.« »So, moanst d'?« grollte es rätselvoll aus dem riesigen Brustkasten des alten Bauern. »Moanst net, es kunnt was anders aa sei?« »Was denn anderes?« kam es überlegen zurück. »A Gnad, junger Herr, a Gnad – – vom Herrgott a Gnad.« Der junge Lamprecht lächelte dem jungen Ploderer zu. »Er macht Witze, der Herr Papa, was?« »I woaß net,« sagte Xaver unsicher. »Schön. Jedenfalls wissen Sie, Ploderer, und es ist gut, wenn Sie sich 's merken: Wenn ihr die Sense in die Rumpelkammer schmeißt, wohin sie heute gehört – – und sie durch eine Mähmaschine ersetzt, so genügt es künftig, wenn ihr morgens um acht Uhr anfangt. Dann werdet ihr immer noch viel früher fertig als bisher. Na, was sagt ihr dazu?« Jetzt war es der junge Bauer, der sich den Kopf kraute. 77 »Schön wär's scho – – arg schön, gell, Vatter?« Sein Vater gab ihm keine Antwort. Er sah den alten Lamprecht über den Fabrikhof kommen. Auf den ging er zu. Er begrüßte ihn nicht. Schüttelte ihn nur an den Schultern und schrie ihn an: »Sperr s' zua, dei' Fabrik – – sperr s' zua. Sunst werd'n ma hi – – du und i und alle mitanand werd'n ma hi!«   10. Der junge Lamprecht hatte Thilde Utz ins Pförtnerhaus geschickt und ließ seinen Vater bitten, einen Augenblick hinüberzukommen, es sei Wichtiges zu besprechen. Dem alten Lamprecht wallte es bitter auf: »Laßt gefälligst das Theater, mich zu fragen. Seit Jahr und Tag geschieht ja, was die Jungen wollen. Dein eigener Vater, Thilde, hat es an sich erfahren müssen.« »Mein Vater zählt nicht,« sagte Thilde ernst. »Er weiß nichts mehr von dem, was geschieht. Er hat es schon nicht mehr gewußt, als du deinem Sohn die Führung anvertrautest, Onkel Lamprecht.« »Anvertrautest? Er hat sie sich genommen, Kind.« »Darin tust du Richard unrecht. Ist er nicht der 78 erste täglich an der Arbeit, setzt er nicht seine ganze Kraft ein?« »Das tust du auch. Und Zipperer tut es ebenfalls. Wir alle tun es – – Flamm, dein Verlobter, allen voran.« Jetzt ging die Bitterkeit auf Thilde über. »Verlobter? Ja, mit seinem Reißbrett, nicht mit mir. Der Sklave seiner Maschinen ist er – – dein Sohn dagegen führt.« »Jawohl, zur Großmannssucht.« »Willst du ihn nicht hören, Onkel? Ich finde es schön, daß er mit seinen Plänen zuerst zu dir kommt.« »Weil er muß,« lachte der alte Lamprecht grimmig. »Er würde sich den Teufel um seinen Vater kümmern, wenn der nicht auf einem großen Posten Aktien säße. Tja, mein Kind, noch sitzt er drauf, und hat auch nicht die Absicht, sie sich abknöpfen zu lassen.« »Aber, Onkel, daran denkt doch niemand.« »Na, von deinem Vater bin ich nicht ganz sicher, ob er sie noch hat.« »Die verwalte ich. Also darf ich Richard sagen, daß du kommst, Onkel?« »Er soll zu mir kommen,« knurrte der Alte. Etwas lärmend trat am Nachmittag der Sohn ins Zimmer. Die Fenster standen offen. »Bei der Kälte, Vater. Du hast noch mächtigen Überschuß an innerer Hitze, was?« 79 Der Alte antwortete nicht. Richard Lamprecht war ans Fenster getreten und sah hinaus. »Herrlich. Jetzt verstehe ich, Vater, warum du nicht von hier weichst. Alle unsere Kamine sieht man ja von hier aus rauchen – – alle Teile unseres Werkes kann man überblicken.« »Wie das so üblich ist bei einem Wächterhäuschen,« erwiderte Heinrich Lamprecht trocken. Der Sohn fuhr herum. »Wenn du damit sagen willst, Vater, es sei nötig, mich zu überwachen – –« »Ich will gar nichts sagen. Mein ganzes Leben lang habe ich nichts sagen wollen. Mir genügte, daß ich arbeitete.« »Das tun wir auch.« »Der bezahlte Wächter wohnt hier unten.« Er deutete auf die Stube des Pförtners im Parterre. »Ich bin nur sein Untermieter – –« »Schlimm genug, daß du uns ausweichst, Vater – –« »Ich weiche niemand aus. Ich bin nur zurückgekehrt, von wo ich ausging. Ich passe nicht in euer Hetzgetriebe. Also, was führt dich her?« »Gemütlich hast du dir 's eingerichtet. Urväterhausrat – –« »– – den ihr zu allen Teufeln wünscht. Um mir das zu sagen, bist du sicher nicht gekommen. Mach's kurz.« 80 Richard Lamprecht trat vom Fenster weg. »Wir ersticken, Vater.« Der Alte zog die Brauen hoch. »Ersticken? Wodurch?« »Durch das laufende Band.« »Endlich also seht ihr's ein,« lachte der alte Lamprecht. »Seht ein, daß das Band ein Unheil war – –« »Es ist gar kein Unheil, wenn es reguliert wird.« »Wie wollt ihr es regulieren?« »Durch den Trust.« Das Wort stand einsilbig und fremd im Altväterraum. Vom Verladehof her drang Rufen und klirrende Arbeit. Siemens-Martin-Öfen sah man durch ein Hallenfenster ihre rotglühenden Feuerschlünde auftun. In der Ferne rauchten und flammten die Kamine. »Nur durch den Trust,« wiederholte der Sohn. Zwei Schwingen hatte jetzt das Wort. Lautlos wie ein Vogel umschwebte es des Vaters und des Sohnes Kopf und äugte die beiden an. Ein Flügelschlag. Es schoß hinaus. Zog draußen Kreise um den Fabrikhof. Setzte sich auf den fahrenden Rollkran. Mit einem Zucken seiner Eisenschultern warf der Kran es ab. Es flog weiter. Setzte sich auf das Fabrikgesimse. »Wenn dir der moderne Sinn des Wortes nicht ganz geläufig sein sollte, Vater – –« 81 »Bemüh dich nicht. Ich bin ein Gegner des Trusts.« »Versteh doch recht: Seine Planwirtschaft verhindert, daß zuviel erzeugt wird oder auch zu wenig, Vater. Sie paßt sich jeder Lage an, gleicht jedes Auf und Ab aus – –« »– – und läßt erstarren, was gelebt hat. Ich aber bin fürs Leben und Atmen. Gerade das Auf und Ab ist es, das das Leben schön macht und aus jedem Menschen herausholt, was an Kräften in ihm steckt.« »Aber wenn's einmal an solchen Kräften mangeln sollte – –« »– – hätte euer Trust die reizvolle Aufgabe, lebensunfähige Betriebe mühsam mitzuschleppen, nicht wahr?« »Wie sollte es nach deiner Meinung sein?« »Ausscheiden müßte er. Ihr aber wollt Risiko, Gefahr und Wettbewerb ausgeschaltet wissen – – wollt ausschalten, was den Menschen strafft und tüchtig bleiben läßt. Muß ich dir das sagen, Richard, wie schön Kampf ist und wie fad und schwül die wattierten Lotterbetten euerer Trusts mit Pensionsberechtigung sind?« Richard Lamprechts Haltung verriet leise Ungeduld. »Was du da festhältst, Vater, ist eine versunkene Zeit.« 82 »Noch lebe ich und mit mir eine Zeit, der ich nichts schuldig blieb,« kam es hart zurück. »Darin irrst du eben,« ereiferte sich Richard. »Der Zug der Zeit von heute ist ein anderer. Ich kam zu dir, Vater, um deine Zustimmung zu bekommen. Sei mir nicht böse, wenn ich dir offen sage: Du wirst dich fügen müssen, Vater. Die Anhänger des Trusts haben jetzt schon die Majorität.« »Haben sie? Wenn du die Majorität der Aktien meinen solltest, mein Junge, laß dir sagen, daß der Irrtum auf deiner Seite ist. Sonst noch etwas?« Richard Lamprecht ging. Er hatte es eigentlich nicht anders erwartet. Er kannte die Einstellung seines Vaters. Es mußte weitergekämpft werden. Mit geschlossenem Visier und verdecktem Ziel. Der amerikanische Landmaschinentrust hatte keinen Zweifel gelassen: Wer sich ausschloß, mußte mit Kampf bis aufs Messer rechnen. Der Trust würde überall, wo Landmaschinen gebraucht wurden – und sie wurden gebraucht überall auf der ganzen Erde, – die Preise unterbieten. Was gingen den Trust altverbriefte Rechte an. Er stieß zu. Und seine Macht war groß genug, den Stoß tödlich zu führen. Die kleineren Firmen waren zum Beitritt bereit. Allerdings unter der Bedingung, daß auch Utz und Lamprecht dabei waren. 83 Und Richard Lamprecht wußte genau, was er der Firma schuldig war. Die Maschinen rückten aus seinem Gesichtsfeld. Das Wort hatten die Aktien. Auf sie kam es an. Dünne Schatten waren es nur, diese Aktien. Schatten, die die Maschinen warfen. Aber diese Schatten wurden Gesetze, unheimliche Gesetze, denen sich Mensch und Maschine unterzuordnen hatten. Richard Lamprechts Stift begann zu rechnen. Schob die Aktien wie auf einem Schachbrett hin und her. Er sandte Spione aus, die ihm berichten mußten: »Gebrüder Larsen Ultimoklemme. Mäßiges Paket gelockert. Drahtet Äußerstpreis« – »Erbmasse Krukenberg hundert Stück. Blockverkauf. Börsenaufpreis wahrscheinlich. Drahtet Verhalten.« Richard Lamprechts Maschine lief. Lief, wie Maschinen laufen: Exakt, zuverlässig, sich durchfressend zum Ziel. Zipperer kam: »Eben ruft ein Bankvertreter aus der Hauptstadt an. Die Presse verbreitet Gerüchte über Minderumsatz. Wir müssen dementieren, Herr Lamprecht.« Der junge Lamprecht lachte dem alten Hauptbuchhalter ins Gesicht. »Dementieren? Auf keinen Fall.« Zipperer hob erstaunt die Augenbrauen. »Verzeihung, Herr Lamprecht, die letzte Monatsstatistik – –« 84 »Ich hab es auch ohne Statistik in den Fingerspitzen, lieber Zipperer, daß die Umsatzkurve ohne Unterbrechung immer noch nach oben steigt.« »Dann sind die Gerüchte falsch.« »Grundfalsch,« bestätigte Lamprecht lächelnd. »Und wir werden diese Unwahrheiten richtigstellen müssen.« »Wir werden nicht, mein lieber Zipperer.« »Ich verstehe nicht – –« »Sie verstehen nicht, daß uns die Gerüchte willkommen sind, weil durch sie – – Was gibt's?« wandte er sich an den eintretenden Bürodiener. Der überreichte den letzten Kurszettel. Lamprecht überflog ihn und sah Zipperer triumphierend an. »Das Ereignis des heutigen Tages war der Kurseinbruch in Aktien Utz und Lamprecht. Infolge der umlaufenden Gerüchte setzten sie mit zehn Punkten niedriger ein und verloren unter Schwankungen weitere sieben Punkte. Sie verließen den offiziellen Verkehr mit einer reinen Angebotsnotiz und büßten an der Nachbörse noch einmal zehn Punkte ein.« »Das ist ja unerhört,« entfuhr es dem alten Zipperer. »Die erstklassigste Aktie des ganzen Kurszettels.« »Ein Glücksfall, lieber Zipperer. Jetzt kriegen wir das Paket Larsen und die Erbschaftsstücke für ein Spottgeld.« »Aber für den Verkäufer ist das doch – –« 85 »– – Pech, ja. Da läßt sich nichts machen. Der eine geht hoch, der andere hinunter – – und das Ganze heißt man Gleichgewicht der Welt.« »Aber der Ruf der Firma – –?« zitterte Zipperer. »Der Ruf der Firma heißt: Dividende.« »Doch nicht ganz,« wagte Zipperer zu widersprechen. »Ihr Herr Vater war der Ansicht – –« »›War‹ ist die Vergangenheit, lieber Zipperer, daran müssen auch Sie sich allmählich gewöhnen.« Zipperer verließ mit langsamen, müden Schritten das Privatbüro des jungen Chefs, der ihn, kaum daß sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, schon vergaß und wieder zu rechnen begann. Es reichte noch immer nicht zur Majorität. Auf der langen Aktienliste standen in der Reihenfolge ihrer Schwere jene Bündel, die es zu erwerben galt. Versagte eine Nummer, nahm man sich die nächste vor. Mittel waren genügend vorhanden aus den reichlichen Rücklagen. Gewinne als stille Reserven zu verstecken, war nicht die schlechteste Bilanzkunst. Das drückte heimlich und willkommen auf die Aktienkurse, trieb also billig Hasen in die Küche. Richard Lamprecht sah die Aktienliste durch und addierte. Eine schöne Reihe war erledigt. Mit Geschick erledigt. Die meisten Außenforts der Festung Majorität waren fest in seiner Hand. Nun galt es, 86 einen schweren Innenturm zu stürmen: Einen Wachtturm erster Ordnung: Max Flamm. Die berühmte Dreschmaschine seiner Werkstatt war der Felsgrund gewesen, auf dem die Aktiengesellschaft damals aufgebaut wurde. Dementsprechend war sein Aktienanteil ausgefallen. Richard Lamprecht wußte, daß sich die Aktien in Frau Flamms Verwahrung befanden. Max Flamm hatte sie ihr gegeben: »Halt mir das Zeug vom Leibe, Mutter. Und versprich mir, daß mein Reißbrett nie damit zu tun hat.« Sie hatte es ihm lächelnd versprochen und den raschelnden Anteil der besten Arbeit ihres Sohnes sicher versteckt. Entschlossen, ihn festzuhalten, was auch kommen möge. Richard Lamprecht hatte schon versucht, an die alte Frau heranzukommen durch Botschafter, die er ihr sandte. Aber alle diese Botschafter waren mit leeren Händen und langen Gesichtern zurückgekommen. Wenn man an die Aktien Max Flamms heran wollte, mußte man den Weg über ihn selbst wählen. Die Mutter gab nichts heraus, verteidigte seinen Lohn mit ihrem Leben. Aber der Sohn saß hinter seinem Reißbrett und kümmerte sich nicht um Steigen und Fallen der Aktien, kümmerte sich nicht um Konkurrenz und Trust. Ging man direkt zu ihm, hätte er fern gelächelt. »Damit habe ich nichts zu tun.« 87 Größer mußte der Umweg gewählt werden. Richard Lamprecht beriet mit seinen Vertrauten und Bundesgenossen. Einer von ihnen riet dies, der andere das. Zu allem schüttelte Richard Lamprecht den Kopf. Und sagte plötzlich aus einem Einfall heraus: »Man müßte es mit einer Frau versuchen.« Die Männer, die um Richard Lamprecht saßen, lächelten. »Ausgeschlossen,« sagte einer. »Ein Mann wie Flamm – – was soll der mit einer Frau anfangen?« »Nichts,« lächelte auch Lamprecht. »Um so mehr die Frau mit ihm.« »Gegen Flamms Maschinen kommt keine auf. Denken Sie an seine Verlobte.« »Das tue ich ja. Was die Tüchtigkeit angeht, kann keine Thilde Utz das Wasser reichen. Es gibt für eine Frau aber auch noch andere Dinge. Und es ist ja nicht das erste Mal, daß ein schillerndes Libellchen einem Bären auf dem Wege voranflog, auf dem man den Bären gern sehen möchte. Auf jeden Fall kann man's probieren.« »Wenn die Sache nicht zu kostspielig wird.« »Lassen Sie das meine Sorge sein. Solche Kosten werden reibungslos über Handlungsunkosten abgebucht.« Richard Lamprecht dachte an eine bestimmte Frau bei seinem Plan. An eine Frau, von deren 88 Süße er selbst genippt, deren Eifer und Talent im Spinnen von Netzen, einen Mann darinnen zu fangen, er am eigenen Leibe gespürt. Lola Mangold hieß sie und war selbstverständlich Tänzerin. Auf kleinen Füßen hopste sie auf irgendeiner Bühne herum, wiegte den schlanken Körper in den Hüften und lockte aus dunklen Augen nach links und rechts, hoffend, daß irgendein Mannesherz dem Locken folgen werde. Richard Lamprecht sprach mit Lola Mangold, setzte ihr auseinander, was sie zu tun habe und was dabei zu verdienen sei. Habe sie den erwünschten Erfolg, werde man über eine Sondervergütung sprechen können. Lola Mangold lächelte mit der überlegenen Sicherheit einer Frau, die es für ausgeschlossen hält, daß es einen Mann gab, der ihrem Lächeln Widerstand entgegenzusetzen vermöge. »Flamm ist ein Mensch, der nur seiner Arbeit lebt,« erklärte Richard Lamprecht. »Er kennt kein Privatleben – –« »Dann wird es Zeit, daß er's mal kennenlernt.« lächelte Lola Mangold. Lola Mangold fand bald heraus, daß es wirklich nicht einfach war, an Max Flamm heranzukommen. Sie wartete stundenlang in der Nähe der Fabrik. Alle gingen. Nur Max Flamm kam nicht. Die Fabrik und das Verwaltungsgebäude lagen in 89 nächtlicher Einsamkeit und Stille – durch ein Fenster drang noch Licht. Dahinter saß Max Flamm seit Wochen und jagte einem Problem nach, das sich spreizte und nicht packen ließ. Wenn er meinte, der Lösung nahe zu sein, verschoben sich Linien und Berechnungen – und ein wirres Durcheinander blieb, in dem sich sein Geist nicht mehr zurechtfand. Eines Abends warf er alles hin und verließ sein Zimmer. Lief durch die Straßen, die Hände in den Taschen vergraben, sah nicht nach links und nicht nach rechts und merkte natürlich auch nicht, daß da ein schlankes Geschöpfchen hinter ihm herrannte und vergeblich versuchte, ihn zu erreichen. Lola Mangold hatte sich eine Idee ausgedacht, die glücken müßte. Es war eine alltägliche, unkomplizierte Idee – – aber auf das Alltäglichste fallen Männer ja bekanntlich am leichtesten herein. Gar Männer wie Max Flamm. Es gelang ihr endlich, an ihm vorbeizukommen. Nun lief sie vor ihm her, wie eine, die es furchtbar eilig hatte. Nicht zu weit vor ihm – – Wartete, bis vor ihr ein Auto auftauchte. Warf einen flüchtigen Blick nach rückwärts. Max Flamm war dicht hinter ihr. Das Auto kam näher. Als es noch wenige Meter von ihr entfernt war, betrat sie den Fahrdamm. Als sehe sie das Auto nicht. Wollte den Damm überqueren – – Der Mann hinter ihr mußte natürlich sehen, daß 90 es unmöglich sei, vor dem Auto noch über den Damm zu kommen. Lola Mangold wagte es – – Im letzten Augenblick würde der Mann hinzuspringen, sie zurückreißen – – sie würde ihm mit einem kleinen Entsetzensschrei, als merke sie jetzt erst die Gefahr, der er sie entriß, in die Arme sinken – – würde ihn – wie es in Romanen so schön hieß – mit bleichen, zitternden Lippen anlächeln und verwirrte Worte des Dankes stammeln. Und er – – naja, er müßte sie selbstverständlich nach Hause begleiten. Wie sich das von einem Mann gehörte, der ein armes verlorenes Ding eben dem sicheren Tode entriß. Vor der Tür würde sie ihn bitten, sie nach oben zu begleiten – – sie fürchte sich jetzt nach dem ausgestandenen Schrecken vor dem Alleinsein, er möge eine Tasse Tee mit ihr trinken, und dann – – Dann ergab sich alles übrige von selbst. Das Auto brauste heran. Lola war so felsenfest davon überzeugt, von dem Manne zurückgerissen zu werden, daß sie leichtsinnig wurde. Der Lenker am Steuer des Wagens schrie – – Jetzt mußte eine Faust sie packen und zurückreißen. Die Faust blieb aus. Im buchstäblich allerletzten Augenblick gelang es ihr selbst, zurückzuspringen. Der Wagen streifte sie. Aus dem reizenden, alltäglichen Einfall wäre beinahe bitterer Ernst geworden. 91 Ein bißchen aus der Fassung gebracht, stand Lola Mangold am Rand des Gehsteigs und sah sich um nach dem Mann, der ihr Retter sein sollte. Er war nicht mehr da – – er ging, den Kopf gesenkt, das Hirn gefüllt mit seinen Plänen und Problemen. Max Flamm hatte keine Zeit, kleinen Mädchen beizuspringen, die leichtsinnig einem Auto entgegenlaufen. Max Flamm beschäftigte sich mit Dingen, die – wenn sie gelangen – den ganzen Landmaschinenbau auf den Kopf stellen konnten. An diesem Abend gab es Lola Mangold auf. Am nächsten fuhr sie ganz schweres Geschütz auf. Als Max Flamm in seinem Zimmer saß und arbeitete, öffnete sich die Tür. Er hörte es nicht. Auf seinem Reißbrett war ein Durcheinander von gezahnten Rädern, Kegelschnitten und Differentialgetrieben – die fesselten ihn, nahmen ihn gefangen. Lola Mangold ging mit zierlichen Schritten auf ihn zu. Das hübsche Kleid, das sie trug, ließ ihre ganze Grazie zur Geltung kommen. Den Beinen wurde auch ihr Recht. Sie ragten wie zwei wunderhübsch geformte Säulchen vor. Ein Schatten huschte über das Reißbrett. Max Flamm hob den Kopf und starrte verblüfft das Wunder an, das da vor ihm stand. Starrte in ein Paar dunkle Augen, die ihn neugierig anblickten – – neugierig und befangen zugleich, als 92 wüßten sie nicht genau, was sie mit dem Wesen, das sie erfaßten, anfangen sollten. In seinen Gedanken wühlte die Konstruktion auf dem Reißbrett tiefe Furchen. Er glaubte, der Lösung auf der Spur zu sein. Glaubte, im nächsten Augenblick zupacken zu können – da tauchte etwas vor ihm auf, wie es nie in diesem Büro zuvor gestanden hatte. Er sah ein schmales, entzückendes Gesicht mit roten leuchtenden Lippen, sah einen zierlichen, schlanken weißen Hals, einen schlanken Körper – – Und raffte sich endlich auf. »Sie wünschen?« Lola Mangold spielte meisterhaft die Verlegene. »Verzeihen Sie – – ich glaube, ich habe mich verlaufen,« lächelte sie – und das Lächeln müßte eigentlich dem Manne sagen: ›Ich gestehe jetzt, daß ich mich gern verlaufen habe.‹ Max Flamm verstand es nicht. »Zu wem wollten Sie denn?« fragte er ahnungslos. »Mein – – mein Bruder arbeitet hier irgendwo. Ich wollte ihn abholen – –« »Es ist doch längst Büroschluß.« »Eben. Deshalb wollte ich selbst einmal sehen, wo er geblieben ist,« lächelte sie. Und da er nicht antwortete, beugte sie sich vor. Stieß einen Laut der Überraschung aus: »Herrgott, die vielen Linien, die vielen Räder! Wird das eine Maschine?« 93 Max Flamm wußte nicht, was er zu der naiven Frechheit des jungen, bildhübschen Mädels sagen sollte. Er wagte es nicht, sie aufzufordern, zu gehen, da er zu arbeiten habe. Er war verlegen, besonders, als sie nun, wie selbstverständlich, an seine Seite trat, so dicht heran zu ihm, daß er den zarten Duft ihres Haares spüren mußte – – und als sie sich tiefer über die Zeichnung beugte, so daß er ihren feinen weißen Nacken sehen konnte, der in weichen Linien zu den Schultern verlief. »Sind Sie–– sind Sie vielleicht gar Herr Flamm?« fragte sie, mit Ehrfurcht in der Stimme und sah von unten herauf zu ihm empor. Er nickte. »Oh, von Ihnen habe ich schon viel gehört – – mein Bruder schwärmt so viel von Ihnen, was für ein großer Erfinder Sie sind, und daß die Firma ohne Sie gar nichts wäre – –« Das kam völlig ungekünstelt von ihren Lippen, mit so großer Naivität, daß ein größerer Frauenkenner, als es Max Flamm war, darauf hereingefallen wäre. Er merkte, daß ihm das Rot ins Gesicht stieg. Und wußte nicht, ob es das Lob von ihrem Munde war oder der seltsame Zauber, der von diesem schönen Geschöpf ausströmte, was ihn erröten ließ. Sie lächelte. Jetzt verwirrte ihn das Lächeln. Max Flamm hatte noch nie eine Frau so lächeln 94 sehen. Es war, als pirsche sich dies Lächeln in sein Inneres hinein, nehme Besitz davon, mache sich breit, daß auf einmal alle Gedanken an die Arbeit ausgewischt waren – und nur noch einer da war: Ich habe gar nicht gewußt, daß Frauen so lächeln können. »Was soll das werden?« fragte sie und war ihm nun so nahe, daß ihre Körper sich berührten und ein Funke von ihr zu ihm sprang. Er sah ihren Arm, wie er auf die Zeichnung wies – – ausgestreckt und schlank, untadelig weiß, untadelig schön in seinen Linien. Und eine Hand, die ihm wie ein kleines Kunstwerk erschien. Jetzt fuhr der Arm zurück und streifte seine Brust. Ihm war, als empfinge er einen Schlag. Ihr Blick wandte sich ihm zu, von der Seite her. Lola Mangold spielte ihre Rolle ausgezeichnet. Sie blickte auf seinen Mund, als sehe sie ihn zum erstenmal. Und sagte genau so naiv und darum bezwingend, wie sie vorhin von dem »großen Erfinder« sprach: »Sie haben einen schönen Mund, Herr Flamm – so stark und so – – so – –« Ihr Blick ersetzte die Worte: ›Hilf mir doch – – du bist doch klug – – du weißt doch, was ich sagen will.‹ Er wußte es nicht. Er wußte nur, daß die Lage, in die er da geraten war, tausend geheime Wunder umschloß, von deren Dasein er nie geträumt. 95 Jetzt war ihr Gesicht ganz dicht vor dem seinen. Ihre Augen waren von einem ganz weichen feuchten Schleier überhaucht, so, als stünde eine Sehnsucht in ihnen, die nichts weiter wollte als Erfüllung. Ja, und dann – – Max Flamm wußte später nie, wie es kam, daß ihr Mund auf einmal den seinen berührte – – und daß dieser Mund sich nicht mehr zu lösen vermochte von dem seinen. Er fühlte nur einen schönen Körper in seinen Armen, indes alles, was sonst war, versank – –   11. Die bestürzten Freunde schüttelten die Köpfe. »Wie ist es möglich, daß ein Mann von Flamms Charakter einem solchen Frauenzimmer mit Haut und Haar verfällt?« Die so sprachen, kannten Flamm ein wenig, Lola Mangold aber gar nicht. Aber auf das leichte Gruseln eines Urteils, das sich scheu bekreuzte, konnten sie nicht verzichten. Die ihn besser kannten, winkten ab: »Laßt ihn. Sein Genie von vordem und die Nebelschwaden heute wallen aus derselben Tiefe. Der nächste Windstoß treibt die Nebelfetzen weiter – das lautere Gold darunter glänzt dann mehr denn je.« 96 »Ich würde mich auf keinen Wind verlassen. Derselbe Wind kann neue, kann stärkere Schwaden bringen. Zuverlässiger als ein unberechenbarer Wind ist ein heller Ruf.« »Bei einem, der in dicker Watte eingewickelt ist, magst du lange rufen.« »Ihr versteht mich nicht. Ich will's nicht sein, der ruft – – es muß rufen.« »Es?« »Ich hatte einen Onkel auf dem Lande. Der Onkel auf dem Lande hatte ein Pferd, von dem es hieß, es sei bei Gravelotte dabeigewesen. Auf diesem Pferde, wenn es im Geschirr war, durfte ich als Junge einmal reiten. Eines Tages ging's durch dichten Nebel. Hinter uns tanzte die eingespannte Egge überm aufgepflügten Acker. Mein Onkel reichte mir eine Kindertrompete, auf der er mir am Morgen eine Melodie eingelernt hatte: ›Blase, Bub, und reite in die Schlacht!‹ – Beim ersten Ton spitzte der Gaul die Ohren. beim zweiten wieherte er – – beim dritten stieg er hoch und dann – – dann flog die Egge, es flog der Acker, die Stränge rissen, pfeilgerade brauste das Pferd dahin. Ich verkrallte mich in seiner Mähne, durch den Nebel einem Ziele zu: Der verdeckten Schlacht, die ihn gerufen hatte.« »Und die nicht da war.« »Darauf kommt's nicht an. Auf den Ruf kommt's 97 an. Wir standen wieder, beide mächtig schnaufend, in der Sonne, weit im Rücken braute der Nebel.« »Nicht übel vorgeritten, was du da erzähltest. Jetzt für unsern armen Flamm die Nutzanwendung. Der Nebel wäre da – – nun schaffe die Trompete.« »Auch schon lange da. Habt ihr nie etwas von Fabriksirenen gehört?« »Sirenen also gegen Sirene. Wo ist aber einer, der sie bliese?« »Der kann nicht aus Ruf und Widerruf beordert werden. Der wird da sein, wenn die Zeit da ist. Wenn wir schärfere Augen hätten, könnten wir ihn vielleicht schon erkennen.« »Erst war's ein Kind mit einem Kindertrompetchen.« »Geht mir zu. Als ob das Schicksal nicht in tausenderlei Gestalten einhergeritten kommen könnte.« Unterdessen lenkte Lola Mangold den Max Flamm nach ihrem Plänchen durch das von ihr vernebelte Gelände. Unterdessen lenkte Richard Lamprecht die von ihm gekaufte Lola Mangold nach seinem Plänchen durch das von ihm vernebelte Gelände. Unterdessen lenkte ein verdecktes Kaufmannsziel, Majorität geheißen, den gekauften Richard Lamprecht nach gewissen Plänen durchs vernebelte Gelände. Unterdessen – ach, was wissen wir von einem Plane über allen Plänchen und 98 vernebelten Geländen. Und was liegt daran, ob das Fragezeichen etwas weiter vorne oder weiter hinten steht. Alle wußten um Max Flamms Verzauberung. Alle sprachen davon. Nur zu ihm selber keiner. Seiner Mutter wich Max Flamm aus. Und ihm selbst suchte Thilde Utz auszuweichen, die zunächst Betroffene. Ungesprochene Worte hingen sich mit Bleigewichten an drei Herzen, die sich danach sehnten, das zu bleiben, was sie waren. Der junge Lamprecht freilich klopfte ihm im Vorbeigehen auf die Schulter. »Daß ich's Ihnen nur gestehe, lieber Flamm. Ich selbst habe zu dem alten Herrn von Weimar seit meiner Schulzeit nie ein rechtes Verhältnis finden können. Aber mit zwei Zeilen hat er recht gehabt. Sie kennen sie?« »Zwei Zeilen? Welche von zweihunderttausend?« »Wenn ihr das Leben gar zu ernsthaft nehmt – was ist denn dran? – Ist's noch des Aus- und Anziehns wert?« Er zwinkerte ihm zu. »Nicht erst auf meine alten Tage will ich mich nach dem versteckten Rat in diesen zwei Zeilen richten. Und Sie, Flamm?« »Ich?« wehrte er den Zugriff ab. »Ich halt es lieber mit den anderen von demselben Weisen: Sehe jeder, wie er's treibe, Und wer steht, daß er nicht falle!« 99 Der junge Lamprecht quittierte den kleinen Hieb nicht. Er steckte ihn lächelnd ein. ›Es geht in einem Aufwaschen,‹ dachte er, ›die Generalabrechnung ist schon unterwegs, mein Lieber.‹ Da geschah es ihm selbst, daß sich eine schwere Hand auf seine Schulter legte. Sein Vater stand vor ihm. »Ich kümmere mich nicht mehr um Dinge, die dich persönlich angehen, Richard,« sagte er und sah ihn ernst an. »Und, Vater?« »Heute komme ich mit einer Bitte zu dir.« »Bewilligt. Vater.« »Gemach, mein Sohn, es könnte dich gereuen.« »Wie sieht die Bitte aus, Vater?« »Nichts für mich. Flamm geht sie an. Er steht im Alter zwischen dir und mir. Wenn ich es ihm sage, könnte er sich's als unerbetene Bevormundung verbitten, was er sich von dir halb im Scherz, halb aus Kameradschaft sagen läßt.« »Ich weiß nicht, wovon du sprichst, Vater.« »Es handelt sich um das Frauenzimmer.« »Welches Frauenzimmer?« »Öffne ihm die Augen.« »Hm.« »Nicht meinetwegen, nicht der Firma wegen, so nötig sie auch seine unverblendeten Augen wird brauchen können. Seinetwegen will ich es. Mir 100 tut's weh, zu sehen, wie jeder Lumpenhund ihn zur Zielscheibe seines Witzes macht.« »Auf die Gefahr hin, selbst dazu gezählt zu werden, Vater – – ich bedauere.« Er entfernte sich rasch, bevor der alte Lamprecht ihm noch weiter zusetzen konnte. Der sah ihm kopfschüttelnd nach. In ihm keimte eine Ahnung der Zusammenhänge – – aber er wies sie zurück. Max Flamm lebte wie in einem Traum. Er ging kaum noch nach Hause. Seine Arbeit erfordere es, daß er eine Zeitlang in der Fabrik wohne, sagte er der Mutter. Er sah sie nicht an, während er ihr das sagte. Und sie sah ebenfalls an ihm vorbei. Sie schämte sich für ihn um seine Lüge. Erst nach einer Weile faßte sie ihn an: »Max, wir sind bis heute ohne Lüge miteinander ausgekommen. Wenn es jenes Mädchens wegen ist, sprich ihr von deiner Mutter – – und sag ihr, daß meine Türe offensteht – – auch für sie. Laß den Frieden vieler Menschen nicht vor die Hunde gehen – –« Sie brauchte nicht weiterzusprechen. Max war hinausgeschlichen. Sie war nicht traurig. Sie kannte ihn. Er kam schon zurück. Nur warten mußte man können. Und wenn Mütter eines können, so ist es dies: Warten. Ob es Stunden oder Tage sind, Wochen, Monde oder Jahre – – das ist nicht so 101 wichtig. Wichtig ist, zu wissen, was am Ende sein wird. Und das wußte Mutter Flamm. Was unterwegs sein würde, war im schlimmsten Falle das Zittern einer Saite, die hinüber- und herüberschwang um die Lage eines Gleichgewichts, um das, solang die Welt steht, Mütter wissen. Nach drei Wartetagen stand das Mädchen vor ihr. Frau Flamm umfaßte sie mit einem Blick und wußte, wer sie war. »Ich habe Sie mir anders vorgestellt,« sagte sie. Lola Mangold lächelte ein wenig. »Es ist meistens so, daß man sich die Menschen anders vorstellt, als sie in Wirklichkeit sind.« Frau Flamm nickte. Sie ließ keinen Blick von dem Mädel, dessen Augen so seltsam tief waren, daß man es schon begreifen konnte, wenn eines Mannes Blick darinnen versank und nicht mehr in die Welt zurückfand. »Ich hatte meinen Sohn gebeten, Sie einmal zu mir kommen zu lassen, Fräulein Mangold – –« »Wahrscheinlich wäre ich aber doch noch nicht gekommen, Frau Flamm, wenn mich Max nicht mit einem Auftrag zu Ihnen geschickt hätte.« »Mit einem Auftrag?« Lola Mangold nahm einen kleinen Brief aus ihrer Handtasche und reichte ihn der alten Frau. Frau Flamm nahm ihn zögernd, wog ihn in der Hand. 102 »Ich – – ich habe meine Brille nicht da – – würden Sie die Güte haben, mir zu sagen, was Max von mir will?« Lola öffnete den Brief und las ihn vor: »Liebe Mutter! Ich bin leider verhindert, selbst zu kommen, und bitte Dich, Fräulein Mangold die Aktien auszuhändigen, die du aufbewahrst. Ich habe sie zu guten Bedingungen der Unionsbank verkauft. Der Erlös wird uns beiden gutgeschrieben.« »Ihm und mir?« fragte Frau Flamm. »Ja.« »Und was ist mit Ihnen?« »Mit nur ist nichts. Ich tue nur, um was Max mich bat. Er befürchtet allerdings, daß Sie ihm Schwierigkeiten machen.« »Schwierigkeiten? Ich bin seine Mutter – – Mütter machen keine Schwierigkeiten. Mütter sind zum Helfen da,« sagte Frau Flamm schlicht und ging ins Nebenzimmer. Nach geraumer Zeit kam sie mit einem versiegelten Paket zurück. »Hier sind die Aktien. Sie geben mir wohl eine Quittung? – So, danke. Kann ich sonst mit etwas dienen?« Lola Mangold stand der alten Frau einen Augenblick lang fassungslos gegenüber. Sie hatte mit einem harten Kampf gerechnet. Für diesen Kampf 103 war sie gedungen worden. Auch ihr Verhältnis zu Max Flamm war nur als ein Glied in diesem Kampf gedacht. Jetzt war der Kampf auf einmal wesenlos geworden. Statt seiner stieß sie auf die Güte einer Mutter. Von allem Drum und Dran zu Max fielen die Schlacken. Sie erlebte eine langentbehrte Reinheit ohne irgendein verdecktes Ziel. Sie hätte weit in ihre Mädchenzeit zurückgehen müssen, um etwas Ähnliches zu finden. »Nein, Frau Flamm, sonst nichts – –« stammelte sie. »Ich – – ich bedauere sehr – –« »Lassen Sie das, Fräulein Mangold, ich erwarte kein Geständnis. Diese Dinge macht man besser mit sich selbst ab. Danach erst mit seinem Auftraggeber – – mit Max – – vor allem aber mit – – mit – nun, den Namen brauche ich Ihnen ja nicht zu nennen.« »Ich weiß nicht, was Sie meinen – –« »Sollten Sie wirklich nicht wissen, daß Max mit Thilde Utz verlobt ist?« »War.« »Sie entschuldigen, daß eine alte Frau im modernen raschen Wechsel der Gezeiten der Liebe nicht so fix ist. Ich meine: Max ist noch gebunden durch sein Gewissen.« »Sie meinen, weil die Verlobung nicht offiziell gelöst wurde?« 104 »Gewissen werden nicht in offizielle und inoffizielle Gewissen geschieden. Gewissen gibt es nur eines – oder denkt man darüber heute auch anders?« Lola Mangold unterdrückte ein Lächeln. Der Respekt vor der weißhaarigen Frau ließ sie ernst bleiben. »Die Zeiten haben sich geändert, Frau Flamm. Wir nehmen die Liebe und dergleichen heute nicht mehr gar zu wichtig. Früher blähte man diese Dinge künstlich auf und tat so, als seien sie es, die die Welt lenken – –« Sie brach ab. Fühlte allzuschwer die Blicke einer Wissenden auf sich ruhen. Einer Frau, deren Ehe, deren Mutterschaft, deren ganzes Leben nichts als Liebe gewesen war. »Verstehen Sie mich recht, Frau Flamm,« fuhr sie nach einer Weile ein wenig verlegen fort, »nicht, als wüßten wir nicht auch, was Liebe ist. Aber sie ist nicht alles. Sie ist ein Faktor – – weiter hat es nichts auf sich mit – – mit – –« »– – mit der Liebe und dergleichen,« nickte ein gebeugter weißer Scheitel, ohne aufzusehen.   12. Lola Mangold hatte im Privatkontor von Richard Lamprecht Rechnung abzulegen. Es wurde eine kühle Rechnung. Erst sagte ihr der junge 105 Industrielle einige Schmeicheleien über ihre Geschicklichkeit: »Großartig hast du das gemacht, Lola – – wirklich großartig.« »Großartig für euch,« sagte sie besinnlich. »Was mich betrifft – – ich weiß nicht, ob ich draufzuzahlen habe.« »Draufzuzahlen – du? Was soll das heißen?« »Was geht's dich an,« winkte sie ab. Er stand vor ihr und sah sie an. »Was ist denn los mit dir, Mädel? Ich habe dich anders in der Erinnerung. Als ein Mädel, das Spaß versteht, kein Spielverderber ist, alles mitmacht und – den Wert des Geldes zu schätzen weiß.« »Was hat das alles mit unserer Sache zu tun?« »Nichts an sich. Oder doch: Wenn ich dich nicht so gekannt hätte, wäre dir diese Aufgabe nicht zugefallen. Übrigens, Lola, was machst du eigentlich mit dem vielen Gelde? Ich und mancher andere, wir zerbrechen uns den Kopf darüber. Du lebst bescheiden, treibst keinen Kleideraufwand, spielst nicht, hast keine kostspieligen Extravaganzen – und bist doch in ewiger Geldverlegenheit.« »Ist das nicht meine Sache?« wehrte sie verbissen ab. »Natürlich, nur – – man beschäftigt sich doch mal damit. Hast keine Mutter mehr, keinen Vater, für den du zu sorgen hast, nachdem dein Vater – –« 106 »Laß das, bitte,« unterbrach sie ihn schroff. »– – dein Vater,« fuhr er unbeirrt fort, »es damals nach der Affäre vorzog, spurlos zu verschwinden.« Sie hatte sich abgewandt. Drehte sich dann mit jähem Ruck um, ihm wieder zu: »Ich habe meine Aufgabe erledigt – –« »Die erste Aufgabe, die Flammsche. Nun kommt Nummer zwei – – die Aktien vom alten Utz,« lächelte Richard Lamprecht. »Oder vielmehr die Aktien von Fräulein Thilde Utz – – der Alte steht unter Kuratel. Hast du nach dieser Richtung hin schon etwas unternommen?« »Es gibt Dinge, die nicht überhastet werden dürfen.« »Ich weiß – – und dir ist bekannt, daß ich dir im Falle des Gelingens einen guten Zuschuß versprochen habe – – ganz gegen meine eigenen Interessen.« Sie sah ihn fast feindselig an. »Als ob du jemals etwas gegen deine eigenen Interessen unternommen hättest, Richard Lamprecht.« »Also kurz: Ich zweifle daran, daß dir Nummer zwei gelingt.« »Leicht war auch Nummer eins nicht.« »Immerhin, die Liebe spielte mit. Darin bist du Meisterin. Bei Nummer zwei kommt sie nicht in 107 Frage. Wo aber die Liebe ausgeschaltet ist, spielen Frauen mittelmäßig.« »Du weißt, daß ich mir die größte Mühe geben werde. Und nun gib mir den Rest der vereinbarten Summe.« Er trat mit einem spöttischen Lächeln zurück. »Ich habe dir bereits gesagt – –« »Es geht nicht mehr ums Sagen, Richard – – ums Müssen geht es,« rief sie erregt. »Ich muß das Geld haben.« »Aber nicht von mir – –« »Von dir brauch ich's. Ich arbeite für dich – – du mußt dein Wort halten – –« »Ich halte es, wenn du die zweite Aufgabe gelöst hast.« »Gib mir das Geld.« Ein Aufschrei war es. »Wenn du wüßtest – –« »Ich will's nicht wissen.« Sie ging müde der Tür zu. Sah sich noch einmal um. Wie unter einem harten inneren Zwang versuchte sie es zum letzten Mal: »Wenn du einen Vater hättest – –« »Hab ich.« »Wenn du einen Vater gehabt hättest wie ich – –« »Gott behüte mich.« »Dich? Den Fälscher hätte er behüten sollen.« schrie es in einer grausamen Erinnerung aus ihr heraus. 108 Er zuckte mit den Schultern. Das reizte sie. Ihn anblickend sagte sie: »Keiner von uns ist sicher, daß er nie zum Fälscher werde. Ich nicht – – du nicht – –« »Werde nicht geschmacklos, Kind! Du kennst Nummer Zwei deiner Aufgabe. Löse sie – – dann können wir weiterreden.«   13. Auf Max Flamms Schreibtisch häuften sich unerledigte Dinge zu Bergen. Briefe, Papiere, Zeichnungen, Anfragen, Zeitungen und wieder Briefe – – Briefe – – Briefe für die er Zeit brauchte, zur Beantwortung – – Briefe, deren Erledigung irgendwie gut überlegt sein wollte. Er kam nicht dazu. Morgen für Morgen häufte sich ein neuer Stoß zum alten. Die Zeichnungen auf dem Reißbrett kamen nicht vom Fleck. Immer, wenn er vor ihnen stand, formte sich aus Linien und Kurven ein Gesicht – – ein lächelndes Gesicht. Und das Gesicht hatte Augen, die sich in ihn hineinbrannten, ihn nicht zur Besinnung, zur Überlegung kommen ließen. Bis eines Morgens Franz Lohmann vor ihm stand. 109 »Verzeihung, Herr Oberingenieur sind noch nicht fort?« Max Flamm sah den Lehrling erstaunt an. »Fort? Was ist? Wohin soll ich?« »Heute ist doch Freitag, Herr Oberingenieur – – haben Sie das Telegramm nicht gelesen?« »Nein.« »Da ist doch am Montag ein Telegramm gekommen: ›Beziehen uns auf unsere letzte Zuschrift und erwarten Ihr Eintreffen Freitag mit dem Drei-Uhr-Schnellzug.‹ Unterschrift: Dekanat der naturwissenschaftlichen Fakultät.« »Ich weiß von keinem Briefe – –« Franz stand so viel Ahnungslosigkeit ziemlich ratlos gegenüber, besonders als sich Max Flamm wieder seiner Arbeit am Reißbrett zuwandte. Bis er schließlich einen Ausweg fand: Er lief zu Thilde Utz – und ein paar Minuten später saß Max Flamm im Schnellzug, angetan mit eilig zusammengerafften Dingen und – was ihm wichtiger erschien – mit dem aufgeschlagenen Konstruktionsnotizbuch auf den Knien. Dieses Notizbuch war noch aufgeschlagen, als Flamm zwischen Strichen, Kurven und Zahlenheeren einen unverständlich langen Aufenthalt des Zuges feststellte und vom Bahnsteig her aufgeregtes Rufen in sein Abteil drang: »Er muß da sein! Hier ist die Depesche von der Firma, die ihn ankündigte!« 110 Max Flamm warf einen Blick hinaus und las den Stationsnamen. Und merkte jetzt erst, daß er am Ziel seiner Reise war. Stieg aus und war im Nu umringt, schüttelte Hände, wurde hinausbegleitet, in einen Wagen geschoben, der in schneller Fahrt davonschoß, vor dem Portal der Hochschule hielt, wo ein Empfangsausschuß ihn feierlich empfing. In einem Saal saß er, auf einem besonderen Platz, und wußte nicht, was das alles bedeuten sollte. Ein Professor mit blitzender Goldbrille auf dicker Knollennase stand hinter einem Podium und hielt eine lange Rede. »– – unvergängliche Verdienste um die Landwirtschaft – – zur Ehre anrechnen, daß es der gleichen Alma mater, an der einst ein schwerringender Student namens Max Flamm immatrikuliert gewesen, vergönnt war, diesen der Forschung und dem Allgemeinwohl dienenden Mann zum Ehrendoktor – –« Max Flamm war's, als zerreiße ein Vorhang. Er sah sich wieder hungern und studieren. Die Mittel waren ihm ausgegangen. Die Mutter hatte ihm geschrieben, daß sie ihm nichts mehr schicken könne. Sie müsse es ihm sagen, daß der Vater kein Vermögen hinterlassen habe. Es helfe nichts – – er müsse seine Studien abbrechen. In der Landmaschinenfabrik Utz und Lamprecht sei ein kleiner 111 Technikerposten frei geworden. Dieser »Technikerposten« stellte sich als nichts anderes heraus als die Stellung eines Schlosserlehrlings, der von der Pike auf zu dienen hatte. So kam er zu Utz und Lamprecht. Die Firma war heute weltbedeutend – – und er, der hungernde Student von einst, der Schlosserlehrling, war Ehrendoktor. Es übernahm ihn doch, wie er jetzt zurücksah durch den Riß im Vorhang: Strahlend lag vor ihm die ganze Welt. Die ganze? Huschte nicht ein Schatten über den Glanz? Trug der Schattenriß nicht Thilde Utzens Züge? Wie stand er zu ihr? War's nicht eine drückende Schuld, an der er trug? Ein Abgrund klaffte zwischen ihnen. Nicht nur der, den die Maschinen rissen – – Es war noch mehr da. Schwereres, Unüberbrückbareres – – Hatte er nicht alles, was er in sich trug, der Firma gegeben? Aber von Thilde war ja die Rede – – von einem Menschen, nicht von der Firma – – Der Mensch wartete – – noch immer – – wenn er auch schwieg, es nicht verriet – – Aber da war Lola – – Ein Kapitel Lola überschlägt man. War man nicht stark genug zum Überschlagen, so übersprang 112 man es. Kann man es nicht überspringen, so brach man es ab. Ging auch das nicht, mußte man es fertig lesen – – Thilde Utz wartete – – Menschen umdrängten ihn, schüttelten ihm wieder die Hände. Es war ihm alles so fern, was da um ihn geschah. Er stand draußen vor der Aula – und sah plötzlich Lola Mangold vor sich. Ihr Lächeln stürzte über ihn hin und wischte alles andere hinweg. Er fühlte ihre Hand in der seinen. »Ich wollte die erste sein, die dir gratuliert, Max,« lächelte sie. Er nickte. Und ging dann Seite an Seite mit ihr fort. Der Riß im Vorhang war verschlossen. Versunken war, was das Leben aus Vergangenem heraufsteigen ließ. Die Gegenwart schritt neben ihm – – lächelnd und lockend – – lähmend und befreiend – –   14. Von der einen Feier kam Max Flamm zurück, nur um in eine andere zu stürzen. Gestürzt zu werden; denn er selbst blieb teilnahmslos. Seine Doktorehrung war durch den Blätterwald gegangen und wurde das Signal zu einer Ehrenüberschüttung 113 von allen Seiten. Industrieverbände hatten sich an diesen stillsten ihrer Mitgliedingenieure erinnert und ließen aus dem Handgelenk gefertigte Ehrenurkunden auf ihn niederregnen. Keine Gruppe, die ihn nicht mit Nachdruck als »vor allem uns mit Leib und Seele zugehörig« angesprochen hätte. Sein Geburtsort rührte sich: »Dem getreuesten der Söhne, die in unsern Mauern das Licht der Welt erblickten.« Die Stadt, in der er nun so lange seiner Arbeit lebte, durfte nicht zurückstehen. Unvermeidlich reklamierte ihn der Ehrenbürgerbrief als »unseren Mann von welthistorischer Bedeutung«. Wenn es nach ihm selbst gegangen wäre, hätte er das alles lieber still für sich behalten. Aber seine Firma hatte eilig eine Akte »Direktor Dr. h. c. Max Flamm, Ehrungen betreffend« angelegt und dafür gesorgt, daß er weitesten Kreisen bekannt wurde. Auf einem von der Firma angesetzten Ehrenabend sollten alle diese Ehren straff und sinnig und gefaßt mit und ohne Jamben vorgetragen, bengalisch endbeleuchtet werden. Er wäre froh gewesen, hätte man es ohne ihn getan. Er war des Feierns müde. Zu seiner Arbeit strebte er zurück. Er hätte sich am liebsten still, allein vergraben. Er fühlte sich verstrickt. Zum erstenmal war ihm die Verkettung zu Lola Mangold schicksalhaft bewußt geworden. Vor ihm taten sich 114 Tiefen auf, vor denen er erschrak. Er hatte es als Spielerei betrachtet, die man beenden konnte, wenn man wollte. Nun merkte er, daß es nicht ging. Widerstreitende Gefühle zwischen Neigung, Unwürdigkeit, Gewöhnung machten aus der unbewehrten Brust ein Schlachtfeld. Er war aus den Fugen geraten. Kam nicht mehr zurecht. Dämme rissen, gestaute Fluten brausten über eine Zone seines Innern hinweg, die er bisher kaum dem Namen nach kannte. Urwald und Gestrüpp, wohin er blickte. Wie war das früher alles schlicht und klar gewesen. Ehedem: Ein Ziel – – ein Mensch voll Tüchtigkeit und Treue – – Thilde Utz. Und jetzt? Lola – – Lola – – nichts als Lola. War's ein Sinken? War's ein Verweilen? War's ein Atemholen in der ihm gesetzten Lebensaufgabe? Ein Schritt zurück, damit der Sprung in die nächste Arbeit kühner in die Weite griffe? Wenn es das wäre – – aber – – Das war's ja gar nicht. Es war etwas ganz anderes. Er saß inmitten der Runde und hörte Reden und wieder Reden. Lob über Lob wurde ausgeschüttet über ihn. Der Bürgermeister sprach und streute Lob. Freilich hing im Schwanzgefieder seines Lobes eine 115 leise Mahnung an den Gefeierten: Wir nehmen an, die Stadt wird ihren Vorteil davon haben. Ein Staatsvertreter streute das gleiche Lob. Und wieder hob sich dazwischen ein mahnend aufgehobener Zeigefinger: Im geplanten internationalen Landmaschinentrust erwarten wir die straffe Wahrung unserer Staatsinteressen. Dem jungen Lamprecht war die Firmenrede übertragen worden. Sein Mund floß über von Lob – – aber dahinter kam ein gleiches an die Firma, »ohne die auch die glänzendsten Erfindungen unseres allverehrten Flamm im leeren Raum gehangen hätten«. Die technischen Angestellten marschierten auf, lobten und ließen wissen, daß auch die genialsten Erfindungen nicht zuletzt von ihren Schultern mitgetragen wurden. Und in das Lob der nächsten Rede war fein sorglich eingesprenkelt die Weisheit: »Wo bliebe am Ende aller Enden der erstrebte Reingewinn, wenn der Kaufmann die Maschinen nicht mit profitlichem Beigeschmack ausgerüstet hätte?« Auch sein Schulfreund Georg Kallhardt als Gewerkschaftsvertreter ließ es sich nicht nehmen, zwischen dargebotenen Honigschnitten ihm ans Herz zu legen: »Vergiß nicht, daß es unsere starken Arme waren, die dir den Erfolg ermöglichten.« Die Flut des Lobes stieg und stieg um ihn herum. In ihm selbst stieg und stieg die Abwehr, stieg die 116 Scham, das Verlangen, aufzuspringen: »Das bin nicht ich, von dem ihr da redet. Laßt's genug sein!« Jetzt war der alte Lamprecht auf ihn zugetreten. Fast entsetzt blickte Max Flamm auf zu ihm. Wenn jetzt der alte Lamprecht auch noch reden würde – – Aber der streckte ihm nur wortlos die Hand entgegen. Aus der dunklen Ecke eines Nebensaales löste sich plötzlich eine Gestalt, die mit unsicheren Schritten auf ihn zukam. »Utz – –« flüsterte es von allen Seiten. »Der alte Utz. Haltet ihn auf, schiebt ihn hinaus – –« Aber niemand war da, der ihn aufhielt. Niemand gewann es über sich, dem Weißkopf in den Arm zu fallen. Den Arm hob er jetzt ein wenig. Es sah so aus, als solle es ein Segnen werden. Dann aber ballte sich die Hand zur Faust. Und löste sich wieder. Nun stand er vor Flamm, legte die Hand militärisch grüßend an die Stirn und verneigte sich vor ihm. »Flamm, ich hab's gewußt – – hab's schon gewußt in Tagen, da du noch ein Flämmchen warst, ein bescheidenes. Jetzt bist du der Flamm. Alle andern würden sich daran genügen lassen. Du darfst es nicht. Es genügt nicht, daß du jetzt der Flamm bist, der berühmte Flamm. Aus der einen Flamme müssen Flammen werden – – ein Brand – – ja, 117 Feuersbrünste müssen aus dir kommen! Hörst du's? Darauf stoß ich mit dir an. Wo ist mein Glas? Wer hat mir mein Glas weggenommen? Was ist denn das für eine Wirtschaft? Ich werde mich beim Aufsichtsrat beschweren – Zipperer, berufen Sie die Aufsichtsratssitzung ein.« »Soll geschehen, Vater,« klang die sanfte Stimme Thilde Utzens durch die Stille. Still legte sie ihm den Arm um die Schulter und führte ihn, seine Rechte streichelnd, behutsam hinaus. Niemand lachte. Jemand sagte mit verhaltener Stimme, aber in der allgemeinen Erstarrung bis in die fernste Ecke hörbar: »Eigentlich die beste Rede heute abend – – hin neugierig, was er darauf erwidern wird.« »Wer?« »Flamm natürlich. Wer denn sonst. Wo ist er denn?« Max Flamm war hinausgestürzt. Max Flamm rannte durch die Straßen. Erst in großen Kreisen. Ohne daß er wußte, wurden die Spiralen enger. Endlich stand er still. Im Hause gegenüber brannte Licht. Licht der Mutter – – Und dann stand er vor ihr, als sei er nie fort gewesen. Sie hielt seine Hand und lächelte ihn an. »Warst lange nicht bei mir, Kind – – nein, nein, Max, du sollst mir nichts berichten, bevor du 118 deine altgewohnte Tasse Tee getrunken hast. Das Wasser brodelt schon – – es hat täglich um die gleiche Zeit gebrodelt. Für dich und für mich – – nein, nicht vergeblich – – der Tee und ich, wir haben das gemein: Wir können warten. Bitter, meinst du, sei das? Gar nicht, Max – – bitter wäre nur ein Warten, das nicht wüßte, was am Ende des Wartens steht. Wir wußten's ja, der Tee und – ich – –« »Was, Mutter, wußtest du?« »Daß du kommen würdest. Und nun laß uns zufrieden sein, daß du da bist. Immer noch keinen Zucker in den Tee?« »Warum fragst du, Mutter, wo du doch seit – – seit – wie alt bin ich eigentlich?« »Dreiunddreißig Jahre, zwei Monate und drei Tage, Max,« lächelte sie. »Was man dreißig Jahre übte, meinst du, müsse auch so bleiben? Wenn sich's um Salz handelt, mag's stimmen – – bei Zucker aber ist es anders: Dem Zucker gegenüber sind die Männer unberechenbar.« »Wie meinst du das?« fragte er, ohne sie anzusehen. Ach, von wilden Männern mit rauhbehaarter Brust habe sie gehört, die ihr Leben lang von Brot und Salz gelebt hätten. Als das Weiß des Salzes sich auf ihren Scheitel gesenkt hätte, bekamen sie Geschmack an Zuckerbrot. Und lächelnd endete sie: 119 »Bis dahin hättest du noch reichlich Zeit gehabt – – eigentlich – –« »Du meinst die Lola, Mutter.« Klirrend setzte er die Tasse auf den Tisch. Sie sah ihn an, ohne zu sprechen. Da brach's aus ihm heraus. Mehr ein Sturzbach war es als eine Beichte. Sie unterbrach ihn nicht ein einzigmal. Sie hielt den Kopf gesenkt. Kaum merkbar nickte sie zuweilen. Manchmal zuckte ihre Hand nach der seinen. Mehr nicht. Nicht Hände, nur Gedanken durften hinübergreifen, wenn ein Mensch dem andern sich erschließt. Sie goß ihm schweigend eine neue Tasse ein. Der Strahl, der in die Tasse stürzte, zitterte. Das Zittern ging von der Mutter aus. Von einer Mutter, die dem Sohne helfen wollte. Von einer Mutter, die darum wußte, daß die beste Hilfe in manchen Dingen nur ein Schweigen sein kann – – liebevolles Schweigen. Erst nach einer langen Weile sagte sie langsam: »Ist es so, Max, daß du von ihr nicht loskommst, selbst wenn du es wolltest?« Er nickte. »Du hast nie bedacht, Max, daß jede tiefe Liebe nur gerade so weit köstlich sein kann, als sie schrecklich werden könnte?« Er sah sie verständnislos an. 120 »Das eine ohne das andere gäbe also keine Liebe? Was denn dann?« »Nichts, was der Mühe wert sein könnte.« »Dann wäre ja mein Verhältnis Thilde gegenüber – –« »– – als es begann, ein Spiel. Etwas später eine Gedankenlosigkeit. Dann auf bestem Wege, irgendeine Sattheit und Bequemlichkeit zu werden. Jetzt erst eine ferne Hoffnung auf Erfüllung.« »Das ist wenig, Mutter – – das ist trostlos wenig.« »Es hängt von dir ab, daß es anders werde. Du mußt nur achtgeben, daß du das Signal nicht überhörst.« »Welches Signal?« » Das Signal. Man kann es nicht beschreiben. Es ist bei jedem anders. Für jeden klingt es anders. Dem einen wie ein weiches Flöten, dem andern wie häßliches Gerassel. Für den, den's angeht, ist es aber stets ein Kampfruf – auch für dich. Alles, was ich tun kann, ist, dir zu wünschen, daß du es nicht überhörst, wenn seine Stunde da ist.« »Meine Stunde, meinst du?« » Seine Stunde, Max. Mit den Jahren lernt man über sich hinausschauen. Lernt man, auf das Es zu achten.« Er stand auf. »Gute Nacht, Mutter.« 121 »Gute Nacht, mein Junge,« sagte sie mit leisem Lächeln und sah ihm nach. Und saß noch lange im Lederstuhl und sann. Sie hatte sich dem Sohne gegenüber sicherer gegeben als sie war. Der alte Muttervorschuß. Wie er abgedeckt wird, pflegt den Sohn nicht sonderlich zu kümmern. Der schlief wohl schon da drüben, während die Mutter sich bemühte, im Ringen mit dem großen Es die Vorschußrechnung wieder auf gleich und gleich zu bringen. Lautlos ging sie dann noch durch die Wohnung. Hierhin, dorthin. Kramte, ordnete, sah nach der Uhr und schickte sich an, das Lager aufzusuchen, als das Flurschloß knarrte. Das konnte nur Thilde sein. Ihr hatte die Mutter die vom Sohn zurückgelassenen Schlüssel gegeben. Thilde Utz erzählte scheinbar harmlos von der Feier. Aber als sie es am Schluß zusammenfaßte: »Ja, Mutter Flamm, du hast einen berühmten Sohn,« lag ihr Inneres unvermutet dennoch bloß und ward von einem Zittern überhaucht, das sie als Folge des Nachtfrostes auf der Straße auszugeben suchte. Frau Flamm tat ihr die Liebe, es zu glauben. Und hüllte sie besorgt in einen großen weichen Wollschal. Und wußte doch, daß es etwas anderes war. Und die schmale Thilde Utz wußte, daß Mutter Flamm um die Lüge wußte. Und unendlich weiter, 122 ein Gespinst von Lügen. Und hüllte doch Güte, Reinheit, Wärme beide Menschen in den weichen Wollschal von erlogenen Dingen. Was Lüge und was Wahrheit. Vor dem großen Es und vor dem noch verborgenen Ziel, zu dem man noch unterwegs war, verschmolzen beide Pole unseres engen Ethos zu armseligen Wesenlosigkeiten. »Wie geht's dem Vater?« fragte Frau Flamm. »Wie immer – –« sagte Thilde abwesend. »Du hast was auf dem Herzen, Thilde – – sag mir's.« »Das alte Lied. Laß es gut sein. Reden wir von anderem. Früher hatte ich Bedauern nötig. Jetzt nicht mehr. Ich habe arbeiten gelernt und weiß wieder, wozu ich auf der Welt bin. Mitleid würde mich jetzt stören, Mutter – –« begann sie hastig, wurde ruhiger im Sprechen. Ein prüfender Blick zu Frau Flamm: »Aber du – – du hast mir etwas mitzuteilen.« Frau Flamm besann sich. War es richtig, Thilde das zu sagen, was sie ihrem eigenen Sohn verschwieg? Aber hatte er danach gefragt? Konnte so ein Ich-Mann sich überhaupt darum kümmern, was das Herz von Frauen schwerer oder leichter machte? Waren diese großen Kinder je mit anderem beschäftigt als mit sich selbst und dem wechselnden Hasen, den sie gerade jagten? »Sie war bei mir – –« begann sie. 123 »Was kümmert's mich,« fuhr Thilde Utz auf. »Weißt du denn, von wem ich spreche? Laß uns nicht Verstecken spielen, Kind. Natürlich weißt du es. Wie könntest du sonst sagen, daß es dich nicht kümmere. Lola Mangold war also da und – –« »– – und hat Maxens Aktien auf sein Geheiß von dir erhalten,« sagte Thilde ungeduldig. »Das erzähltest du mir ja schon – –« »Sie war zum zweitenmal hier. Wieder als Agentin. Von der Unionsbank hatte sie einen Ausweis.« »Meinetwegen.« »Sie sei beauftragt, den Kauf weiterer Utz und Lamprecht-Aktien zu vermitteln.« »Ihr habt doch keine mehr.« »Wir nicht; aber ihr.« »Wer: Ihr?« »Dein Vater. Sie weiß, daß du sie betreust.« »Das ist – – ist eine Unverschämtheit.« »Du sagtest eben, daß dich heute andere Interessen fesselten, Thilde,« lächelte Frau Flamm. Thilde Utz errötete. Es dauerte einige Sekunden, ehe sie antwortete, und dann kam es gequält, fast gezwungen von ihren Lippen: »Mutter, laß mich zufrieden damit – – es war zu keiner Stunde anders, und es wird so bleiben: Max ist mein Schicksal. Arbeit? Reife Frau? Neuer Lebensinhalt? Alles 124 Worte, schön und groß – – wie aber, Mutter, wenn es – – wenn es zu spät ist?« »Zu spät?« »Wenn ich nicht leben kann.« Es war ein Aufschrei. »Jetzt bist du, wo ich auch bin. Höre, Kind, deshalb war sie da.« »Deshalb?« höhnte Thilde. »Du mußt ruhig bleiben, sonst reden wir noch in einer Stunde aneinander vorbei. Es geht alles auf einen kurzen Bruchstrich: Es geht ihr auch nicht anders, als es dir geht.« »Ich will nicht mit dieser – – dieser – –« »Laß das, Thilde. Wir sind alle Menschen. Ich nehme sie nicht in Schutz. Es war eine ganz gemeine Rechnung, als sie – einer elenden Provision wegen – Max herumkriegte. Dann aber war sie es, die herumgekriegt wurde. Was sie vorgab, wurde plötzlich Wahrheit: Sie war's, die nicht mehr loskam von ihm.« »Und Max?« warf Thilde bitter ein. »Erst sie. Sie muß in Not sein – – das heißt, nicht sie selbst. Etwas Drohendes scheint hinter ihr zu stehen und sie anzutreiben. Ich verstehe es nicht – sie muß die Provision scheinbar für jemand andern bitter nötig haben – –« »Wer weiß, für welchen Zuhälter sie sie braucht,« sagte Thilde Utz verächtlich. 125 Forschend sah die alte Frau das junge Mädchen an. »Glaubst du wirklich, daß ich mich einem Zuhälter zuliebe zur Vermittlung hergäbe?« »Du nicht – sie.« »Ich will nichts weiter als einem zerrissenen Menschenkind helfen. Überleg dir's, Thilde – – die Rechnung ist einfach – – grausam einfach: Sie muß opfern – – du mußt es nicht. Hinter ihr steht eine dunkle Macht – – vor dir steht eine helle. Max dazwischen ist im Wirbel. Wähle.« »Jetzt?« rief Thilde gequält. »An einem andern ist es jetzt, zu wählen – – an – –« »An mir, meinst du?« kam plötzlich eine Stimme von der Tür zum Nebenzimmer her. Die beiden Frauen fuhren jäh zusammen und blickten sich erschrocken um. Vor ihnen stand Max, mit zerquältem Gesicht, brennenden Augen und einem Zug um den schmalen Mund, in dem der ganze schwere Kampf seines Herzens zum Ausdruck kam – –   15. Richard Lamprecht war mißvergnügt. Es ging nicht recht vorwärts. Die eingesetzten Menschen schwankten. Er durfte noch nicht restlos sein Ziel aufdecken, mußte noch immer mit 126 geschlossenem Visier kämpfen, solange sich die Majorität nicht in seinen Händen befand. Bei denen, auf die es ankam, fand er kein Verständnis für seine Pläne. Was war jenen Wirtschaftsmacht? Menschen, die sich immer nur von Gefühlen treiben ließen, taugten nicht zu Machtkämpfen. Das mit Flamm hatte Lola Mangold ausgezeichnet gemacht. Aber noch fehlte das letzte Stück – – fehlten die Utzschen Aktien. Er ließ Lola kommen. Sie stand vor ihm, bleich, nicht mehr das lachend ihn umgaukelnde Geschöpf von ehedem. Irgend etwas hatte sie umgekrempelt. »Was ist? Brauchst du das Geld nicht mehr, das für dich bereit liegt?« fragte er sie. Sie stand mit zusammengepreßten Lippen. Und dachte an die verzweifelten Bitten und Mahnungen ihres Vaters, die in ihrer Tasche knisterten. »Warum sprichst du nicht?« forderte er sie kurz auf. »Ich habe alles versucht, was in meinen Kräften stand. Bei Frau Flamm stieß ich auf Verständnis – auch Mathilde Utz ist schon gewonnen. Nur Max Flamm wehrt sich. Wenn ich ihn zu einem Ja bringe, gibt Mathilde Utz die Aktien her – –« Er lächelte. »Ihn zu einem Ja zu bringen, dürfte dir doch nicht schwer fallen. Als es um ihn selbst ging, ist dir's ja gelungen.« 127 Lola Mangold schwieg. Was sie dem kalten Geschäftsmann sagen könnte, hätte er doch nie verstanden. Hätte nie verstanden, wie es war, wenn in ein verpfuschtes Leben plötzlich eine Liebe ohne Zweck und Ziel brach. »So kommen wir nicht weiter – –« sagte er ungeduldig. Sie hob den Blick und sah ihn an. »Ich – – ich kann es nicht mehr, Richard Lamprecht. Ich bin machtlos. Wenn du darauf bestehst, will ich – – will ich versuchen, zurückzuzahlen, was du mir – –« Er unterbrach sie mit einer brüsken Handbewegung. »Unsinn. Ich möchte wissen, warum du machtlos bist.« Als sie wieder nicht antwortete, stand er auf und trat dicht zu ihr hin. Und sah in ihre Augen. Und da war's auf einmal, als sehe der kalte Rechner bis in eine tiefe, tiefe Frauenseele, als offenbare sich ihm ein Wunder, das er nie zuvor erlebte. Er ertrug ihren Blick nicht und wandte sich ab. »Nichts zu machen – – schade,« kam es aus der andern Hälfte des Zimmers, in die er sich zurückgezogen hatte. »Dann muß man eben einen andern Weg gehen.« Er näherte sich ihr von neuem. »Ich erkenne an, daß du dein Möglichstes getan hast, Lola.« 128 Sie wollte etwas sagen, aber die Worte blieben ihr in der Kehle stecken, fanden den Weg nicht zum Munde. Als sie sah, daß er zum Schreibtisch schritt und aus der Lade das Scheckbuch hervorholte, fühlte sie den rasenden Schlag ihres Herzens. Irgendeine neue Bosheit, mit der er ihr einen vernichtenden Schlag versetzen würde? Er hielt ihr den Scheck entgegen. »Nun nimm schon – – ich weiß, wie es in dir aussieht. Jedenfalls danke ich dir für deine Mühe –« Sie griff zögernd nach dem Scheck. Erwartete, er werde die Hand, die ihn hielt, im letzten Augenblick zurückziehen und ihn hohnlachend zerreißen. »Restbetrag unseres Abkommens – –« sagte er und setzte sich, tat, als sei sie nicht mehr da. Sie stand mit dem Scheck in der Hand und wagte nicht zu gehen. »Geh schon, bevor die Bank ihre Schalter schließt,« forderte er sie auf und lachte. Und sah zum Fenster hinaus. »Richard – –« »Schon gut,« winkte er ungeduldig ab. »Laß dir's gut gehen und grüß – –« Er stockte. Hatte »deinen Vater« sagen wollen und erinnerte sich grellklar, daß dieser Vater einen häßlichen Prozeß hatte. Daß er geflohen und seitdem verschollen war. Und daß seit langem drei Jahre Zuchthaus seiner warteten – – 129 Erst als er die Tür ins Schloß klinken hörte, wandte er sich wieder vom Fenster ab und sah dorthin, wo vor einigen Sekunden noch ein armes, zerquältes Körperchen stand. Merkwürdig, das klang eben, bevor sich die Tür schloß, wie ein verhaltenes Schluchzen – – und war doch sicher nur die schlechtgeölte Angel. Er drückte auf den Knopf der Glocke. Seine Sekretärin erschien. »Ich lasse Fräulein Utz bitten.« Zwei Minuten später stand Thilde Utz vor ihm. Er reichte ihr die Hand und schob ihr mit liebenswürdiger Geste einen Sessel hin. »Thilde, ich möchte ein offenes Wort mit Ihnen sprechen,« begann er, nachdem er sich eine Zigarette angezündet hatte. Thilde schwieg. Er suchte nach einem geeigneten Anfang. »Es handelt sich – –. Hm, Sie entschuldigen, Thilde, daß ich mich da in Dinge mische, die mich eigentlich nichts angehen. Es handelt sich um Flamm. Sie wissen, was Flamm für die Firma bedeutet. Ihn verlieren, hieße für die Firma eine Schlacht verlieren, von der sie sich schwer erholen würde. Und sie ist auf dem besten Wege dazu, wenn Sie es nicht verhindern – –« Er sah sie prüfend an. Ihr Gesicht war unbewegt. 130 Nichts darin verriet, daß seine Worte irgendeinen Eindruck bei ihr hinterließen. »Es gibt niemand sonst, der es verhindern kann. Sie sind mit Flamm verlobt – –« Jetzt unterbrach sie ihn. »Sie vergessen, Richard, daß ich es war, die vor langem die Verlobung aufhob – –« »Der Grund zu dieser Aufhebung besteht wohl heute kaum noch, nachdem Sie Gelegenheit hatten, sich durch Ihre eigene Tätigkeit in der Firma von der Wichtigkeit seines Arbeitsgebietes zu überzeugen. Und außerdem – – wenn ich recht unterrichtet bin – – die Aufhebung wurde wohl weder von Ihrer noch von seiner Seite wirklich ernst genommen – –« Er erwartete ein Lächeln. Es blieb aus. Richard Lamprecht glaubte, das Feld genügend sondiert zu haben. Er stand auf. »Ohne lange Vor- und Nachrede, Thilde – – als kaufmännischer Leiter der Firma habe ich Ihnen ein Angebot zu machen. Sie können es ablehnen oder – überlegen. Sie und Flamm gehören zusammen. In der letzten Zeit ist da ein kleines Hindernis aufgetaucht. Ich verspreche Ihnen, dies Hindernis zu beseitigen – – und Sie geben mir dafür das, was ich für den Aufstieg der alten Firma, mit der wir ja alle auf Gedeih und Verderb verbunden sind, brauche – –« 131 Sie sah ihn voll an. »Die Aktien?« Er nickte. »Sie wissen, Richard, es sind Vaters Aktien. Sie wissen, seinem hoffnungslosen Zustand sind Aktien oder der kurante Gegenwert in bar dasselbe. Sie wissen, mir steht über allem, was ich jetzt erst schätzen lernte: Die Arbeit. Der Verzicht des Störenfrieds hat nichts daran ändern können. Lassen Sie es gut sein. Ich habe mich abzufinden, und ich werde mich abfinden. Vater hat sich mit seinem Zustand abfinden müssen, die Tochter wird es mit der – – mit der Liebe, die ihr nicht bestimmt ist – –« Er trat auf sie zu und griff nach ihrer Hand. »Ihre Rechnung hat einen großen Fehler, Thilde – – einen Fehler, der – –« »– – der Max Flamm heißt,« sagte sie resigniert. »– – der bisher versagt hat, versagen mußte. Was gilt's: Ich habe endlich das Motiv gefunden, das der berühmte Rattenfänger blies.« »Rattenfängermotiv?« »Ja, das ihn frei macht. Frei von sich selbst, frei für Sie, frei für uns. Wir, die Firma, haben seinen entwölkten Kopf ebenso nötig wie Sie sein entwölktes Herz. Gilt es, Thilde?« »Es gilt,« sagte sie müde und wandte sich zum Gehen. 132 Er hielt sie zurück. »Mit einem passiven Handschlag allein ist es nicht getan, Thilde,« lächelte er. »Was noch?« »Ihre Mitarbeit ist nötig. Wollen Sie meinen Vorschlag nicht hören?« »Ich muß wohl.« Er entwickelte ihr seinen Plan. Erst hörte sie apathisch zu. Dann halb. Dann ganz. Dann wurde sie lebendig. Blut schoß ihr in die Wangen. Die Stirn begann zu glühen. »Das ist alles,« schloß er. Sie sprang auf. »Ausgezeichnet, Richard – – wunderbar, Ihr Plan – – aber unannehmbar.« »Für mich durchaus nicht,« lächelte er. »Und ich hoffe, wenn Sie sich's ein paar Stunden überlegt haben, werden Sie anders darüber urteilen – –«   16. Lola Mangold war geholfen worden. Und mit ihr dem Manne, der aus dem Verborgenen heraus immer wieder ihre Hilfe anrief. Max Flamm konnte niemand helfen. Zwischen Pflicht und Leidenschaft wurde er hin- und hergeworfen. Tagelang vergrub er sich in seine Arbeit, warf dann jäh alles beiseite, rannte durch die Straßen, 133 bis er vor Lola Mangolds Wohnung stand. Hier hielt er inne, lief zurück, setzte sich und schrieb ihr Brief um Brief. Sie erhielt die Briefe und gewann es über sich, zu schweigen. Alles in ihr zwang sie, zu antworten. Sie tat es nicht, obwohl niemand es von ihr verlangte, daß sie schwieg. Max Flamm suchte durch die Arbeit über dieses Schweigen hinwegzukommen. Auf seinem Schreibtisch fand er eine blaugezeichnete Zeitungsnotiz: ». . . . im Gegensatz zu einem technisch kaum mehr überbietbaren Fortschritt des Landmaschinenbaus hat die Absetzbarkeit der massenhaft hergestellten Maschinen in Serien einen beängstigenden Rückschlag erfahren.« Er las nicht weiter. Das war, als habe ihm jemand einen Faustschlag versetzt. Wer schrieb das? Und stimmte es? Hatte er nicht kürzlich erst in einer statistischen Übersicht des Landmaschinenkonzerns gelesen: ». . . . so übersteigt die Produktion erstklassiger Landmaschinen die praktische Verkäuflichkeit in einer Weise, die den Zusammenbruch der planlosen Produktion früher oder später unausbleiblich erscheinen läßt.« Und nun schon die andere Feststellung? Bedeutete das – – Er läutete. Franz Lohmann erschien. »Ich lasse Herrn Zipperer einen Augenblick bitten.« 134 Er sah, indessen er auf den alten Zipperer wartete, durchs Fenster auf die im Halbkreis gelagerten Fabrikhöfe. Es kam ihm auf einmal so vor, als rauchten die Kamine schwächer, als schlichen die Arbeiter über Höfe und Geleise. Ihm schien es, als rollten nur halbbeladene Wagen bedrückt ins Weite. Zipperer trat ein. »Herr Direktor ließen mich rufen.« Max Flamm deutete auf die Zeitungsausschnitte. »Was bedeutet das, Herr Zipperer?« »Herr Lamprecht legt Gewicht darauf, daß die einzelnen Abteilungen einen Überblick über das Ganze erhalten.« »Das kann nicht gut stimmen, Herr Zipperer. Es war immer Grundsatz der Firma, daß jeder einzelne selbst die Verantwortung trägt und entscheidet, was ihm zukommt.« »Das war die Übung des alten Herrn. – –« »Ich kenne keinen andern.« Zipperer seufzte kaum vernehmbar: »Der alte Herr hat eingestellt, der junge kündigt. Wir haben keine Wahl – –« »Es ist gut, Herr Zipperer. – Wie lange sind Sie übrigens schon in der Firma?« »Ein kleines Menschenalter, Herr Direktor.« »Und noch immer keine eigene Meinung?« »Wissen Sie, Herr Direktor – – wissen Sie, was ein Pfund Fleisch kostet?« fragte der alte Zipperer. 135 »Mit dem Preis der eigenen Meinung wäre es zu hoch bezahlt. Außerdem: Im schlimmsten Falle ließe sich der Metzger mit dem Hinweis auf den Gärtner schon vernünftig machen.« »In meinem Alter nicht mehr. Meine alten Knochen wirft der Metzger nur noch als Zugabe auf die Waage, Herr Direktor. Und wenn es heute Krach im Metzgerladen gäbe – –« »– – wäre ich auch noch da, Herr Zipperer. Sie können auf mich zählen.« Zipperer sah auf. In seinen zermergelten Zügen zuckte es. Er warf einen scheuen Blick auf die Zeitungsblätter. Es bedrückte ihn etwas. Aber als er sich entschlossen hatte, es zu sagen, sah er Flamm versunken. Da ging er still hinaus. Auf dem Wege in die Gießerei streifte Max Flamm das Arbeitszimmer Richard Lamprechts. Der hob den Kopf. »Ah, Sie, Herr Doktor – – bitte. Lesen Sie mal diesen Brief. Gräßlich, diese Konkurrenz. Eine reine Kriegserklärung. Das umstrittene Gebiet kann nur einer beliefern. Wörtlich steht es hier: › . . . einer von uns wird auf der Strecke bleiben.‹ Deutlich, nicht wahr?« »Sehr deutlich,« nickte Flamm. »Und wissen Sie, was es für uns bedeuten würde, wenn der Kampf wirklich kommt: Einige Jahre lang 136 hieße es auf die ehrlich verdiente Dividende verzichten.« Max Flamm wußte, wohinaus das sollte. Er zuckte mit den Schultern. Richard Lamprecht lächelte. »Ich weiß, Sie verstehen nichts von kaufmännischen Dingen. Aber da droht ein Zustand, der seine Schatten auch auf Ihr Reißbrett werfen könnte.« »Vielleicht lassen sich Schatten wegradieren –« meinte Max Flamm ernst. »Wegradieren? Nein – – verscheuchen, in die Flucht schlagen muß man sie. Ein anderes Mittel gibt es nicht, sie loszuwerden.« »Ich weiß nicht, was Sie damit sagen wollen, Herr Lamprecht.« »Was ich meine? Eine neue Erfindung aus dem Flammschen Gehirn – – aus dem ungeteilten Flammschen Gehirn und – die Schatten wären, wohin Utz und Lamprecht sie täglich wünschen: Im Lande des Pfeffers. Na, nichts für ungut, Herr Flamm – –« Max Flamm schritt mit gesenktem Kopf weiter. Die Worte Lamprechts aber begleiteten ihn in den nächsten Tagen. Sie waren auch da, als er am folgenden Sonntagnachmittag hinausfuhr, um die Mutter zu besuchen. Er trat ein – und stand Thilde Utz gegenüber, die er tagelang nicht gesehen hatte. Es war zwischen 137 ihnen wie eine stillschweigende Verabredung gewesen: Sie waren sich ausgewichen. Nun gab es kein Ausweichen mehr. Sie reichte ihm lächelnd die Hand. »Die Mutter hat darauf bestanden, eine alte Freundin zu besuchen, Max. Ich habe ihr versprochen, auf sie zu warten. Wir sind nun allerdings allein hier – –« Er nickte schwer. Und setzte sich. Sie nahm ihm gegenüber Platz und griff wieder zu der Handarbeit, die sie bei seinem Eintritt sinken ließ. Schweigend saßen sie einander gegenüber. Eine Last lag auf Max Flamm. Ihm war, als müsse in der nächsten Minute ein Unwetter losbrechen, das ihn und sie verschlang. Das alles hinwegschwemmte, was je da war. Sie sah ihn an. »Bist es nicht mehr gewöhnt, Max, mit mir allein zu sein? Die Zeit hat sich geändert – –« Ungewiß hob er den Kopf. Und sah sie lächeln. Die Last wurde untragbar in ihm. Er überdachte, wie er sie seit langem schlecht behandelte, wie er sie, seitdem er Lola kannte, nicht nur fortgeschoben – – nein, sie buchstäblich fortgeworfen hatte. Eigentlich wäre es an der Zeit, mit ihr davon zu reden. Er könnte ihr auseinandersetzen, wie sie sich beide dem hätten fügen müssen, es gäbe gegen das Schicksal keine Revision. 138 Wenn sie jetzt nur mit Vorwürfen gekommen wäre – er hätte die Kraft gefunden zu einer endgültigen Auseinandersetzung. »Ich mache dir keinen Vorwurf daraus,« unterbrach sie seltsam hellsichtig seinen Gedankengang. »So klein ist die nicht, Max, die du einmal zu deiner Frau machen wolltest – –« »Ich – – ich verstehe dich nicht – –« murmelte er halblaut. Es war, als sei dies Eingeständnis das Stichwort. Ein Vorhang ging auf. Der Zimmerboden wurde zum Theater. »Du verstehst mich nicht?« fragte sie, und ihre Stimme klang, als rede sie nicht zu ihm. sondern zu Tausenden von Menschen, die irgendwo im Dunkel saßen. »Es wird Zeit, Max, daß du die Augen öffnest. Siehst du nicht, wie es um die Firma steht? Fühlst du nicht, daß der Boden, auf dem sie steht, unter unsern Füßen zittert? Bemerkst du nicht die sorgenvollen Mienen aller unserer Leute bis herab zum letzten Lehrling?« Sie beugte sich vor und erfaßte seinen Blick: »Sie sehen auf dich, Max.« Betroffen wich er zurück. »Auf mich? Auf Lamprecht, meinst du. In dessen Händen ruht das Schicksal der Firma.« Sie winkte verächtlich ab. »In deinen Händen liegt es, Max, nur in deinen. Wie ein Signal dringt es von allen Seiten 139 auf dich ein, Max. Überhör den Ruf nicht, der dir gilt. Er kommt nur einmal zu jedem Menschen – –« Er saß erstarrt. »Thilde – –« »Ach was, Thilde,« unterbrach sie ihn. »Was liegt an mir, was liegt an dir. An der Firma liegt alles und an dem, was dein Werk ist. Jeder Tag ist kostbar – – jede Stunde ist es. Die Firma wartet – – wir alle warten auf dich, Max.« Er sprang auf. »Auf mich?« »Nur auf dich, Max.« Er stand vor ihr. Erst hingen seine Hände schlaff herab. Dann hoben sie sich, schlossen sich über seiner Brust zu Fäusten, lösten sich und strichen über die Brust hin, als wollten sie etwas Beklemmendes abstreifen. »Auf niemand sonst als auf dich,« wiederholte sie eindringlich und sah mit dem inneren Gesicht, was es war, das er da von sich abstrich: Liebelei und Hörigkeit, Bequemlichkeit und Feigheit, satte Selbstzufriedenheit, erbärmliches Behagen und Verrostung. Sie hatte nichts zu tun als stillzuhalten. Ganz von selbst würde jetzt der Stern der alten Liebe wieder aufsteigen. Zurückgewonnen hatte sie, was schon verloren 140 schien. Nicht mehr auf dem Wege über Aktien. In ihm selbst war es durchgebrochen. In sich selbst hatte er den Ruf vernommen.   17. Paragraph 17 der Aktiengesellschaft Utz und Lamprecht lautete: »Spätestens drei Tage vor der Generalversammlung sind die abstimmenden Aktien oder die Ausweise darüber bei der Gesellschaft selbst oder bei den nachstehend aufgeführten Banken zu hinterlegen – –« Es war ein aufgeregter Handel in Utz und Lamprecht-Aktien. Käufer und Verkäufer lieferten sich Schlachten. Stundenlange Kämpfe wogten hin und her. Der Zeigefinger der Wertpapierbesitzer fuhr beim Morgenkaffee über die Kursberichte hin: »Ul – – wie stehen Ul? Donnerwetter, schon wieder geklettert!« Unter der Hand ward es herumgetragen: Der Trustplan der Gesellschaft habe scharfe Gegner. Die Gesellschaft selbst lasse durch Freunde oder Strohmänner ihre eigenen Aktien aufkaufen. Sie brauche eine sichere Mehrheit. Die Verfechter eines Welttrusts säßen in Amerika. Von dort aus würde der Anschluß von Utz und Lamprecht gefordert als letzter Eckstein eines allumfassenden Welttrusts. Gewiß, 141 es gebe Schwierigkeiten; aber der Ausgang sei nicht im geringsten zweifelhaft. Wer klug sei, kaufe Ul. Die Kurse kletterten. Ernste Blätter warnten. Aber es nützte wenig, daß man die Aufgeregten, die meinten, zu früh verkauft zu haben, auf den Spruch Rothschilds hinwies: »Sie möchten wissen, mit welchen Mitteln ich mein Vermögen machte? Ganz einfach, meine Herren: Ich habe immer – zu früh verkauft.« Paragraph 17: »Spätestens drei Tage vor der Generalversammlung – –« Auf den 24. war die Generalversammlung angesetzt. Am 20. noch ein Hexenkessel um den Börsenpfeiler, wo Maschinenaktien den Besitzer wechselten: »Ul 990 – – Ul 995 – – Ul 998 – – Ul 999 – – Ul 999¼ – – Ul 999½ – – Ul 999⅞ – –« Die Börse hielt den Atem an. Hunderte von Augenpaaren blickten gebannt auf die große schwarze Kurstafel, wo die Kaufabschlüsse noch in der Minute ihrer Tätigkeit mit Kreideziffern hingehagelt wurden. Hunderte von Hirnen, hier im Saale – – Tausende im Lande draußen warteten fieberhaft auf die Zahl, die seit Wochen von fernher geleuchtet hatte. Die Kreiden hoben sich, die elektrischen Ticker – – die Maklergehilfen an den Telephonen hielten den Hörer zitternd umkrampft, um in der nächsten Sekunde in den Apparat hineinbrüllen zu können: Ul 1000. Ul, der höchste je notierte Kurs. Ul über 1000. 142 Aber im gleichen Moment flogen die Börsentore am 20. krachend zu, ein achtel Prozent vor den drei Nullen mit der wehenden Einsstandarte vorn. Sie öffneten sich wieder, die ernsten Börsentore, am 21. – – der erste Lichtstrahl von draußen prallte auf den Anschlag: »Spätestens drei Tage vor der Generalversammlung – –« Keine Brandung mehr um den Maschinenpfeiler in der Börsenhalle. Kein Geschrei mehr und kein Brüllen. Die Aktien waren hinterlegt. Nur die hinterlegten konnten stimmen. Gähnend preßte der waagerechte Strich auf dem heutigen Kurszettel hinter Utz und Lamprecht die dünnen Lippen aufeinander. Der Strich hieß: Mangels jeglichen Angebots und jeglicher Nachfrage kein Geschäft in diesen Aktien. Richard Lamprecht saß rechnend über den Anmeldelisten und der Statistik über die erworbenen Aktien, die für den Verwaltungsantrag stimmen würden: So viele Aktien würden vertreten sein – – demnach würde diese Ziffer die einfache Mehrheit bedeuten? Ein befriedigtes Lächeln legte sich um seinen Mund. »Gesichert.« Stirnrunzelnd blätterte er in den Statuten. Damals hatte man natürlich den Trustgedanken nicht vorausgeahnt. Und da stand so ein dummer 143 Paragraph, der eine Dreiviertelmehrheit verlangte. Und das würde nicht ganz einfach sein. Es waren einige Unsicherheitsposten vorhanden, die man nicht ausschalten konnte. Es gab viereckige Bauernschädel, die man nicht vorher bearbeiten konnte, wollte man nicht das Gegenteil erzielen – – Offiziell lag bisher keine Ankündigung eines Gegners vor, aber im letzten Augenblick konnte – – Er läutete Zipperer. Verglich dessen Kontrollnotizen mit den seinigen. »Sie sind doch auch der Meinung, Zipperer, daß die vorhandenen Unterlagen eindeutig daraus hinweisen – –« Der alte Hauptbuchhalter wich aus: »Viel wird an der Leitung liegen, Herr Lamprecht – –« »– – die ich meinem Vater nicht gut aus den Händen winden kann.« »Was gesetzlich auch nicht statthaft wäre.« »Sie meinen, weil er den Vorsitz im Aufsichtsrat führt?« »Der Posten wäre übertragbar, Herr Lamprecht.« »Nicht übertragbar aber wäre, meinen Sie, der Sohnesgehorsam meinem Vater gegenüber?« »Herr Lamprecht machen es einem alten Beamten schwer – –« »– – sich offen zu äußern? Durchaus nicht, lieber Zipperer. Ich habe Sie rufen lassen, um ganz 144 offen und rückhaltlos Ihre Ansicht zu hören. Also heraus damit.« Zipperer machte einen Anlauf. Machte einen zweiten. »Es geht nicht, Herr Lamprecht. Ich tauge nicht für diese großen Dinge. Mir sitzt der Angestellte noch in den Knochen, von der Zeit her, da wir noch eine kleine Landmaschinenfirma waren, da der Bauer vor den Toren unserer schlichten Werkstatt seinen Acker pflügte. Mit demselben Pfluge pflügte, den er eine Stunde vorher aus der Werkstatt holte.« »Na, und heute? Im Grunde ist es doch heute nicht anders.« »Heute liegt das ganze Reich vor unsern Toren.« »Auch damals, Sie alter Zauderer,« lachte Lamprecht. »Nur damals haben Sie 's nicht gesehen.« »Ich sah es wohl, aber verantwortlich war ich nicht dafür. Ich und unsere Firma waren kleine pflichtgetreue Rädchen – –« »Daß wir heute Räder sind statt Rädchen, ist doch nur ein Unterschied des Grades, nicht des Wesens.« »Wir wurden damals angetrieben von geheimnisvollen Mächten. Denen dienten wir gehorsam, wie's auch kommen mochte. Ob böse oder gut – –« »Und heute?« 145 »Heute unterfängt man sich, die Räder selbst zu treiben. Übers Weltmeer haben sie zu greifen. Das zu tun und das zu meiden. Keine Demut mehr, ein Schicksal hinzunehmen – –« »Also, klipp und klar: Der Hauptbuchhalter unseres führenden Unternehmens ist der Ansicht, das eigene Schicksal mittels eines Welttrusts in die Hand zu nehmen, wäre Sünde?« »Ansicht? Ich habe hier ein Amt und keine Ansicht, Herr Lamprecht,« verbeugte sich der Alte. Lamprecht klopfte ihm wohlwollend auf die Schulter. »Sie sind schon recht, Zipperer. Von meinem Vater war die Rede. Sie kennen ihn fast besser als ich, der Sohn. In der Trustfrage weicht er mir aus – –« »Die haben Sie als Generaldirektor der Versammlung zu erläutern. Keiner wird das besser können – –« »Hoffen wir's. Ich bestimme Sie zum Listenführer, Zipperer. Ich verlasse mich auf Sie. Wie sind Sie mit Fräulein Utz zufrieden?« »Sehr. Sie hat viel gelernt. Ist unermüdlich tätig. Für jede Sparte im Geschäft interessiert sie sich. Sogar die Technik sucht sie zu verstehen – – so weit eine Frau das vermag.« Lamprecht lachte. 146 »Ob die Technik daran schuld ist oder der – Techniker, weiß man nicht so genau, was? – Ich lasse Fräulein Utz bitten.« Sie war eine Minute später zur Stelle. »Ich habe Ihnen zu danken, Thilde. Zipperer singt Ihr Lob in vollen Tönen, obwohl er damit sonst sehr sparsam umgeht,« lächelte er. »Außerdem danke ich Ihnen dafür, daß Sie die Aktien Ihres Vaters an uns abgetreten haben.« »Ich bekam dafür den Gegenwert,« sagte sie zurückhaltend. »Er wäre heute bedeutend höher.« »Ich weiß, daß Preise schwanken. Für meinen Vater und mich ist's genug, daß wir mehr erhielten, als sie meinem Vater bei der Gründung der Gesellschaft kosteten.« »Das nenn' ich nobel denken – – unsereiner kann sich das nicht leisten.« Sie sah ihn fragend an. »Wir wollen mehr – – wir müssen immer mehr wollen, als die andern geben möchten,« fuhr er fort. »Wer zwingt Sie dazu?« »Das Geschäft. Das Geschäft ist unerbittlich. Es hat nie genug. Auch nicht in den Grenzen. Meinen Sie, es sei mir ein Vergnügen, dem Trust beizutreten?« Nach einer Pause erst antwortete sie: »Ihr Vater hat's nicht müssen.« 147 »Der Glückliche. Er gehört einer anderen Zeit. Ich habe keine Wahl. Doch eine hätte ich: Mich immer weiter ausdehnen oder unter die Räder kommen.« Es dauerte wieder eine Weile, ehe sie erwiderte: »Kann man nicht auch beim Sichausdehnen unter die Räder kommen, Richard?« »Gewiß kann man das,« lachte er. »Dann wäre also die Wahl darauf beschränkt, unter das Ausdehnungsrad oder unter das Nichtausdehnungsrad zu kommen.« »Sie sind eine Sophistin, Thilde. An Ihnen ist ein Philosophieprofessor verlorengegangen. Eine Frage noch: Hier sind 229 Aktien notiert, die wir von Ihnen übernommen haben. Stimmt das?« »Es stimmt.« »Waren es nicht 230 Aktien, die Ihr Vater hatte?« »Ich habe nur 229 gefunden – –« »Und Ihr Vater?« »Gab sie mir offen in Verwahrung. Ich habe keine mehr.« »Und wenn – –« »– – stünde sie der Firma zur Verfügung.« Er pfiff leise durch die Zähne. »Also nicht mir?« »Sie sagten eben selbst, Richard: Das Geschäft ist mehr als Sie. Die Firma käme immer an erster Stelle.« 148 »Sie sind schlau. Halten sich ein kleines Hintertürchen offen, für den Fall, daß es schief gehen sollte – –« »Ich verstehe Sie nicht.« »Damit man sagen könnte, man sei nur für die Firma eingetreten.« »Ich mache keine Winkelzüge, Richard,« sagte sie ruhig. »Ich glaube, wir brechen unsere Unterredung für heute ab, sonst treiben Sie mich noch in die Enge, Thilde – – und der Mann läßt nicht gern von dem Wahn, daß er dem andern Geschlecht überlegen sei, nicht wahr?«   18. Die Generalversammlung von Utz und Lamprecht tagte schon seit einer Stunde. Es war keine gleichgültige Generalversammlung, von der zwölf auf ein Dutzend gehen. Es war ein kommendes Schlachtfeld, das sich summend ordnete. Der Aufsichtsratsvorsitzende Heinrich Lamprecht ließ den Blick über die Anwesenden hingehen. »– – es wäre nun nur noch ein letzter Punkt der Tagesordnung zu behandeln, den unsere amerikanischen Kollegen auf Grund ihres Aktienbesitzes eingebracht haben: Soll dem geplanten Weltmaschinentrust beigetreten werden oder nicht?« Eine 149 kleine Pause nur, dann fuhr er fort: »Einen Überblick über das Für und Wider dieses Antrags zu geben, wäre eigentlich meine Aufgabe, da ich als Ältester des Werks – –« »Und Utz?« fiel ein Zwischenruf, dessen Ursprung sich nicht feststellen ließ. Schweigen. Lächeln. In der Luft schossen die Umrisse einer Peinlichkeit zusammen. »Utz?« rettete der alte Lamprecht offenen Auges die Lage. »Ich wollte, er säße an meiner Stelle hier. Er ist krank. Auch ich bin alt und grau geworden im Dienste der Firma. Bin der Jüngste nicht mehr. Vielleicht verstehe ich auch nicht mehr, was die neue Zeit verlangt. Bitte, leihen Sie Ihre Aufmerksamkeit dem Generaldirektor, meinem Sohn.« Leichtes Beifallsklatschen. Aller Blicke wandten sich Richard Lamprecht zu. Richard Lamprecht stand ruhig, sicher und zeichnete ein Bild des Trusts. Überzeugend, verantwortungsbewußt. »Ein Volkswirtschaftsprofessor könnte auch nicht anders sprechen,« dachte man enttäuscht. Lebhafter, farbiger wurden seine Worte, als er auf die Not hinwies, die ein schrankenloser Wettbewerb in Zeiten der Krise erzeugen könne: Alles balge sich um die verbliebenen Auftragsreste, die Gewinne schmölzen dahin, die Verluste wüchsen, einer dränge rücksichtslos den andern beiseite, die 150 Konkurse schwöllen, mit Wirtschaftsleichen sei der Weg des Rückgangs gezeichnet. Gewiß, auch Zusammenschlüsse in der Form von Trusten böten keine unbedingte Sicherheit. Immerhin, es würde nicht geschleudert. Elastisch könne man Erzeugungskurven den gesunkenen Verbrauchskurven angleichen. Arbeiterheere brauchten nicht von heute auf morgen auf die Straße geworfen zu werden. Über weite Zeiten, weite Räume könnten große Wirtschaftspläne ohne Unterbrechung durchgeführt werden. Der Produktionsprozeß würde sich in einem Haus vollziehen, durch dessen Dach es niemals regnen könnte – »Und in dem es drinnen mufft und modert vor Bequemlichkeit, weil niemand sich zu plagen braucht, um im Wettkampf aneinander zu wachsen,« kam eine spöttisch-klare Stimme aus dem Saal. »Sie haben nicht das Wort, Herr,« quiekte ein kleines Männchen von der Unionsbank. »Zwischenrufe sind erlaubt,« entschied der alte Lamprecht, ohne sich auf seinem Präsidentenplatz zu rühren. »Man kann durchaus verschiedener Meinung sein. Deshalb sind wir ja hier. Eine Generalversammlung ist ein Meinungsaustausch. Siegen soll, wem es gelingt, den Gegner zu überzeugen.« »Ausgezeichnet,« kamen Zustimmungsrufe aus dem Saal. »Weiter im Text.« 151 »Ich bin fertig!« sagte der Generaldirektor plötzlich kühl und sachlich. Etwas in der Stimme seines Vaters hatte ihn angepackt. »Ich beantrage Abstimmung.« »Oho. Aussprache.« »Wer wünscht dazu das Wort?« fragte Heinrich Lamprecht. Ein durchgeistigtes Gesicht tauchte vor ihm auf. »Ihr Name, bitte.« »Muß der genannt werden?« »Es ist üblich.« »Doktor Zietl.« Das quicke Männchen von der Unionsbank wandte sich spöttisch erklärend an seinen Nachbarn: »Professor der Philosophie – – weltfremd. Schade um die Zeit.« »Sein Einwand hatte Hand und Fuß.« »Was heißt Hand und Fuß?« »Ruhe,« gebot der Vorsitzende. »Ich erteile Herrn Doktor Zietl das Wort.« Dessen gescheites Gesicht wurde tiefernst: »Ich bitte, etwas weiter ausholen zu dürfen – –« »Adam und Eva,« kicherte jemand. Gelächter. Der Redner achtete nicht darauf. Das Wort Trust sei angelsächsisch. Es heiße trauen – – vertrauen. Worauf vertrauen? Auf die Güte der Menschen? Wundervoll. Aber Güte werde nicht geschenkt. Güte müsse man sich täglich 152 neu erkämpfen. In der eigenen Brust erkämpfen. Sei das so im Reich der Seele, wieviel mehr im Reich der Wirtschaft. Wirtschaft ohne Kampf sei Stillstand. Sei stumpf stagnierendes Gewässer. Solche Wasser trieben keine Mühlen. Solche Wasser brüteten Miasmen aus. Sie erzeugten Fieber. An solchen Sümpfen zu wohnen, sei das Gegenteil von idyllisch. Es sei – um es auch mit einem Einsilber zu sagen, wie der Trust einer sei – es sei der Tod. »Eine Sonntagspredigt in der Generalversammlung,« höhnte der Quicke. Und kurz und gut: Er warne vor der Kirchhofsruhe des Trusts. Gewiß, stetige Dividenden seien verführerisch. Aber verführerisch für alte Leute. Nicht für junge Industrien. Nicht für Landmaschinen. »Pflüge hat es schon zu Pharaos Zeiten in Ägypten gegeben,« kam eine Stimme aus dem Saal. »Der Pflug eine Maschine? Schön. Hat der Herr Zwischenrufer schon den Pharaonenpflug gesehen? Zwei Stangen und ein grobgespitzter Hartpfahl. Gesetzt den Fall, ein harter Pflugtrust wäre nach einer Generalversammlung unter dem dritten Rhamses gegründet worden und hätte alle Pflüge der Welt in sich eingegliedert. Jeder, der mit einem Hartpfahl und zwei Stangen pflügte, hätte die Gewißheit garantiert bekommen, daß kein Wettbewerber einen Viertelmorgen mehr am Tage mit verbesserten Geräten pflügen könnte – Herr 153 Generaldirektor, die Kamine hier vor unseren Fenstern hätten nie zu rauchen angefangen, und der Mann dort drüben vor den Toren Ihrer Werke, den ich auf dem Weg hierher die Felder seiner Ahnen überackern sah – er pflügte heute noch und pflügte in alle Ewigkeit mit zwei Stangen und einem spitzen Hartpfahl.« Der Gelehrte hatte sich in Eifer geredet. Man fühlte, daß er nicht allein stand. Man fühlte: Mehr als einer, der mit einem klaren Ja hierher gekommen war, begann sich zu besinnen. Doktor Zietl stand noch immer an seinem Platz. »Wünschen Sie noch etwas hinzuzufügen?« fragte der Vorsitzende ihn höflich. »Nur die Bitte: Bleibt, was ihr seid – – bleibt deutsch.« Richard Lamprecht war aufgesprungen. »Ich muß doch bitten, mir keine antideutschen Ziele unterzuschieben. Deutsche Pflüge sollen nach wie vor die deutsche Erde pflügen. Das ist es ja, was der Trust verhindern will: Den verwüstenden Einbruch fremder Pflüge in unsere Kreise.« »Und den Einbruch in die Seele, in den freien, hellen deutschen Fortschritt achtet ihr gleich nichts?« fragte Dr. Zietl. »Der kann auch beim Trust gesichert werden.« »Kann ist nicht genug. Kann ist ein Vielleicht beim Trust. Ohne Trust ist es mehr. Ohne Trust ist es die Gewißheit eines segensreichen Müssens. 154 Kann für einen Deutschen da die Wahl noch schwer sein?« Wie scharfgespitzte Pfeile flogen Rede und Gegenrede hin und her. Eine Zeitlang waren Generalversammlungsreden aufgehoben. Der Finger des Quicken flog in die Höhe. Heinrich Lamprecht nickte. »Der Vertreter der Unionsbank hat das Wort.« »Ich bin nicht fürs lange Reden,« begann der lebendig. »Nur den Kern der Sache will ich anders formulieren: Wer für schwankende Erträgnisse ist, hält's mit dem Doktor Zietl. Die Freunde einer steten Dividende aber werden für den Antrag der Verwaltung stimmen. Die Frage so gestellt – kann da noch ein Zweifel sein, meine Herren?« »Für den Geldbeutel nicht,« antwortete der kleine Doktor kurz. »Für den Menschen: Ja. Ich beneide Sie nicht um Ihre Zweifellosigkeit, Herr Generaldirektor.« »Donnerwetter,« brummte einer. »Der hat's in sich.« Sein Gegenüber fing das Wort auf: »Ob er nur für sich spricht oder als Vertreter einer großen Gruppe?« »Dem Ernst nach, den er entwickelt, könnten es Tausende von Aktien sein, die er vertritt. Schade, daß man's nicht weiß.« 155 »Das läßt sich doch machen. Sie brauchen nur dem alten Buchhalter am Eingang über die Schulter in die Präsenzliste zu sehen.« »Er verweigert's. Hab's vorhin schon versucht. Nur dem Präsidenten habe er Ziffern mitzuteilen.« Inzwischen hatte der Vorsitzende noch einmal den Blick in die Runde gehen lassen. »Wenn niemand sonst das Wort wünscht – –« Lässig erhob sich der Amerikaner. Es war, als schöbe sich ein Teleskop mit immer längeren Gliedern in die Höhe. Wie nebenbei, bemerkte er gelassen: »Ich spreche nicht German language kurant. Auch nicht serr nötwendig. Alles very much clear. In Amerika schon eine Trust für such like machinery. Wir nicht brauchen Germany nötwendig. Aber Germany brauchen Amerika nötwendig!« »Oho,« protestierte es von allen Seiten. »Nix oho. Es sein so, wie ich habe gesagt.« »Eine Frage, bitte: Warum sind Sie dann zu uns gekommen und haben nicht gewartet, bis wir armen Teufel zu Ihnen kamen?« »Oh, Sie sein gekommen, bitte serr.« Alle sahen auf den alten Lamprecht. Der hielt die Blicke aus. Alle sahen auf den jungen Lamprecht. Der zuckte ungeduldig mit den Schultern. »Ich verbitte es mir, in ein Verhör genommen zu werden. Ich weiß, was ich tue. Ich pflege vorzubeugen und nicht zu warten, bis mir keine Wahl 156 mehr bleibt. Heute ist die Wahl noch offen. Wie aber, wenn ein großer Rückschlag kommt?« Dr. Zietl warf dazwischen: »Rückschlag? Glauben Sie, Herr Generaldirektor, dieses Wort gab's nicht im Wörterbuch unserer Ahnen, samt den Wörtern, die besagten, wie man auch allein sich wehren kann?« »Ahnen. Ahnen. Ich will weiterkommen, als die Ahnen kamen.« »Weiter?« zuckte es um die klugen Augen Dr. Zietls. »Weiter als zu sich selber kann niemand kommen.« Das bewegliche Männchen von der Unionsbank hatte einen puterroten Kopf bekommen und schrie: »Zum Donnerwetter, sitzen wir in einem Philosophenkolleg oder in einer Generalversammlung?« Allgemeiner Beifall. Kein Zweifel, die Gefolgschaft Zietls würde, wenn sie es nicht schon war, in die Minderheit herunterbröckeln. Den jungen Lamprecht erfüllte das mit Zuversicht. Boten kamen, Boten gingen. Sein Bleistift hagelte Zahlen auf das rötliche Konzeptpapier. Er berechnete die Erfolgsaussichten. Seine Mienen wurden hell und heller. Wenn nicht alles trügte, konnte man den Verwaltungsantrag mit großer Mehrheit als angenommen betrachten. Sein Blick blieb auf einer Zeile haften: »Dr. Zietl – 1 Stimme.« 157 Ein erlöstes Lachen kam von seinem Munde. »Meine Herren,« unterbrach er eine abgelesene Zustimmungserklärung einer befreundeten kleinen Landwirtschaftsmaschinenfirma, »eine Feststellung, die Sie interessieren dürfte. Herr Doktor Zietl, der sich so sehr gegen den Trust einsetzte, verfügt über – – eine Stimme.« Erst schien der Saal erstarrt. Dann überfiel ihn eine unbändige Heiterkeit. Wie Kiesel im Rüttelsieb klang's, dann wie Rollen eines schwerbeladenen Fuhrwerks und dazwischen peitschengeknallte Blitze: »Eine Stimme – – hahaha, – – eine – – unglaublich – – hahaha – –« Der Quicke hatte Oberwasser: »Hat man so etwas schon erlebt? Tut so, als vertrete er zwanzigtausend Stimmen und hat eine – – eine einzige Stimme. Das gehört in die Zeitung. In das goldene Buch der Wirtschaft gehört das.« Links und rechts von Dr. Zietl bildeten sich hohle Räume. Man rückte ab von ihm, als schäme man sich. Jemand deutete auf einen leeren Stuhl neben ihm. »Wenn sich eine zweite einschichtige Stimme im Saal einsam fühlen sollte – bitte.« Gelächter dröhnte, umbrandete den Doktor, von dem alle meinten, er werde nun aufspringen und fluchtartig den Saal verlassen. 158 Er tat es nicht. Er sah sich lächelnd um. Und ganz ruhig sagte er: »Ja, ich habe eine Aktie. Mein Vater hat sie mir vererbt. Ich wußte nicht, daß es eine Schande ist, eine Aktie zu haben. Aber wenn es eine ist, so wäre es nur logisch, daß zwei Aktien zweimal eine Schande sind. Ich hörte, daß mein Gegenüber tausend Aktien hier vertrete. Hat er deshalb seinen Platz verlassen, weil er die tausendfache Schande nicht mehr ertragen kann? Darf ich um Antwort bitten, Herr Präsident?« Das Lachen war abgeebbt. Aller Blicke richteten sich auf den alten Lamprecht. Man sah es ihm an: in ihm arbeitete es. »Herr Doktor Zietl, eine Aktie ist genau so wenig schändlich, wie es – – wie es tausend Aktien manchmal sein können.« Ohorufe, Proteste, andersartiges Gelächter. »– – manchmal werden können,« fuhr der alte Lamprecht ruhig fort. »Ich schäme mich, eine Versammlung leiten zu müssen, in der ein Aktionär Gegenstand des Gelächters wurde, weil er nur eine Aktie besitzt. Es ist eine andere Zeit, Herr Doktor. In meiner Jugend hat man nicht gelacht, als mein Vater seine Werkstatt mit einem Kapital begann, das kleiner war als Ihre Aktie. Zu meiner Zeit begann die Aktienehre nicht erst nach dem zehnten Stück. Unser Gott war kein Gott des Dicketuns. Er ist auch heute, wo die Firma groß und mächtig 159 wurde, nicht der meine. Ich, verehrter Herr Doktor, habe das Bedürfnis, mich zu Ihnen auf den leeren Stuhl zu setzen. Die Herren Aktionäre bitte ich, davon Kenntnis zu nehmen, daß ich das Präsidium an den Platz verlege, wo ein Mann mit weißen Haaren hingehört für jene kurze Weile, die ihm noch vergönnt ist, sich für seine mit ihm altgewordene Firma helfend einzusetzen.« Betretenes Schweigen. Es breitete sich im Saale aus, wie Wellen sich in einem See ausbreiten, in den ein Stein fiel. Der Amerikaner hatte sich zum Wort gemeldet. »Ich nur sagen, zuviel Zeit verlieren – – viel zu viel Zeit. Bei uns in Amerika – –« »– – gilt der Dollar. Wir wissen das, Mister Sneel,« wurde ihm entgegnet. »Oh, not only Dollar also ist unser Amerika das Land, but wo – –« »– – die schönsten Veilchen keinen Wohlgeruch mehr haben und die entarteten Kartoffeln süßlich schmecken!« Der Amerikaner wurde wild: »Ich hier represent mehr als twentyfive percent aller shares und werden behandelt wie ein – – wie ein Mann mit one share!« Richard Lamprecht wurde nervös. Es entging ihm nicht, daß der Amerikaner Sneel eine komische 160 Figur zu werden drohte. Das könnte die Abstimmung empfindlich beeinflussen. Er gab einem unscheinbaren Mann ein unmerkliches Zeichen. Der erhob sich. Zeigte ein zerarbeitetes Gesicht. »Meine Herren,« begann er langsam, »ich bekenne, ich bin es, der den Plan des Landmaschinentrusts zuerst gefaßt hat. Ich, ein Deutscher, bin in jungen Jahren ausgewandert und habe in der alten und in der neuen Welt drüben den Pflug geführt. Wenn ich die Summe eines arbeitsreichen Lebens ziehe, gelange ich zu der Erkenntnis: Erde ist Erde. Hüben wie drüben. Mensch ist Mensch. Hüben wie drüben. Geld ist Geld und kennt keine Grenzen. Ich habe es zu etwas gebracht drüben. Ich beherrsche erste Landmaschinenfirmen. Ich habe es nie verstanden, warum in Deutschland immer noch mit Flüsterstimme über Geld gesprochen wird. Verlogene Scham ist das. Ich bekenne offen, daß ich eine achtstellige Ziffer in Dollar mein eigen nenne. Alles steckt in Maschinen und im Boden.« Er machte eine ganz kleine Pause und fuhr dann fort: »Ich bilde mir ein, weiter zu sehen, als die meisten heute sehen. Ich habe eine Vision gehabt. Bitte, haben Sie keine Angst. Ich bin kein Dichter. Unter meinen Vorfahren soll es so etwas allerdings einmal gegeben haben. Ich sehe den Zusammenbruch. 161 Unabwendbar steigt er aus dem Kampf zwischen Erde und Maschine. Ohne daß wir's wissen, kämpfen diese Mächte unterirdisch schon seit Hunderten von Jahren.« Der Ernst in diesen Worten zwang den Saal in seinen Bann. Man sah es dieser Stirn an: Die Maschine der Gedanken hatte sie gepflügt. Diese Stirn war kein glattes Marmorbrett, auf dem nur Gold klimperte. Das war eine Ackerstirn. »Wir müssen uns rüsten. Die beiden Kämpferheere müssen wir rüsten. Das Heer der Böden und Länder darf nicht mehr in wilden Einzelheeren ungeordnet fechten. Das Maschinenheer darf nicht mehr, sich selbst zerfleischend, gegeneinander und gegen die Böden vorgehen. Sonst hat der Mensch die Zeche zu bezahlen. Und die Heere schließen Frieden auf einer menschenleeren Erde.« Er hob mahnend die Hand. »Leiten müssen wir den größten aller Kämpfe, der jemals in der Welt ausgefochten wurde. Nieder also mit den Ländergrenzen, nieder mit dem Zwergenehrgeiz der Fabriken. Eine Erde muß sein und ein  – –« »Zuchthaus,« vollendete ruhig Dr. Zietl, der langsam aufgestanden war. Die beiden Kämpfer standen einander gegenüber und sahen sich schweigend an: Zwei Welten. Über ihr Schweigen brach herein die Sturmflut hundertfältiger aufeinanderprallender Meinungen. 162 Wohl schwang der alte Lamprecht seine Präsidentenglocke, aber ihr Geläut ging unter in dem Brausen und Rauschen. Er ließ es geschehen und setzte die Versammlung auf eine Weile aus. Nach einer halben Stunde saßen alle wieder friedlich da. Wie von selbst hatten sich die Stimmen für und gegen den Trust gesondert. Ein geübtes Auge, wie das Richard Lamprechts, konnte es von diesen Stirnen wie aus einem offenen Buche lesen. Betroffen war er: Alle seine Vorarbeiten hatten es, wenn ihn der Schein nicht trügte, dahin gebracht, daß die Schalen sich die Waage halten würden. Er ließ seine Blicke noch einmal forschend über die Gesichter gleiten: Kein Zweifel, da war noch die schmale Phalanx einer dritten Partei, die sich noch nicht ganz entschieden hatte. Die konnte man am nie versagenden Nerv packen: Am Nerv des Profits. Er erhob sich. »Was ich vorhin über die stete Dividendenpolitik sagte, bedarf noch einer Ergänzung. Es gibt Fälle, wo die Wettbewerbsausschaltung den Gewinn verdoppelte, ja verfünffachte, verzehnfachte. Und logischerweise auch die Dividende.« Er nannte Zahlen und jonglierte damit. Er sagte, daß er Fälle kenne, wo man sich bei der Bilanzaufstellung vor Überschüssen kaum noch retten konnte, so reichlich seien sie hereingeströmt. Künste des Versteckens hätten sich entwickeln müssen. 163 Er malte mit Millionen. Das glitzerte und schillerte von herrlichen Zeiten, die ein Trust heraufführen würde. Das sei die eine Seite. Die andere sei: Man könne sich natürlich auch dagegenstemmen. Alle Achtung vor einem geraden Rückgrat. Wenn es aber auf den steifen Nacken übergreife und die Gehirne unbelehrbar würden, müsse man darauf gefaßt sein, unter die Räder zu kommen. Unter die Räder der Entwicklung, die nicht aufzuhalten sei. Die Versammlung habe heute noch ihr Schicksal in der Hand. Morgen nicht mehr. Auch wenn man draußen bleibe, komme dieser Trust. »Nur ist er dann der Feind, der die Macht hat, uns zu zermalmen, und es auch rücksichtslos tun wird.« Das Zünglein an der Waage kam ins Rutschen. Man hätte es jetzt wagen können, abzustimmen. Aber eine knappe Mehrheit war kein Sieg, der überwältigt. Wenn man der Bauernstimmen sicher war, die der alte Ploderer vertrat, hätte es vollen Sieg bedeutet. Eine kurze Verhandlungspause trat ein, Richard Lamprecht bat den alten Ploderer in einen Nebenraum. »Es tut mir sehr leid, Ploderer – – aber die Vollmacht, die Sie als Vertreter der Bauernstimmen haben, ist nicht formgerecht. Immerhin – – 164 das Gesellschaftsstatut bestimmt, daß in Zweifelsfällen ich die Entscheidung habe – –« Der alte Bauer hielt den Kopf gesenkt. »Es ist übrigens eine beträchtliche Anzahl von Stimmen, die Sie vertreten,« fuhr Richard Lamprecht fort. »Ich hätte nicht geglaubt, daß so viele Aktien draußen im Lande sind. Es ist wohl doch richtig: Was der Bauer hat, das hält er fest, nicht«? Der alte Bauer stand noch immer mit gesenktem Kopf. Vielleicht ging ihm durchs Gehirn, was Lamprechts Agenten aufgespürt hatten: Um den Plodererhof stand es schlecht. Jahrhundertelang hatte der steile Gipfel des Plodererhauses stolz und scharf ein sauberes Zahlwort aus dem Himmelblau herausgestochen: Schuldenfrei! Etwas kaufen, ohne daß vorher das abgezählte Geld im Schrank bereitgelegen hätte, wäre für den Ploderer ganz unmöglich gewesen. Dann war die neue Zeit gekommen. Vor der Zeit war übergeben worden. Den jungen Ploderer hatten sie im Dorf schon immer den »Maschinennarr« geheißen. Nicht schlimm, solange er sich begnügen mußte, sie woanders anzustaunen. Jetzt wurden sie bestellt. Jetzt liefen sie und wurden ausprobiert, solange der junge Herr den Neid im Aug der andern sah. Dann wurden sie hinausgeräumt, ersetzt durch neue, die das gleiche Schicksal hatten. 165 Ein paar Jahre, und die großen Räume des Plodererhofes standen voll Maschinen. Nichtbenutzten, halbbenutzten, falschbestellten, aus Gefälligkeit gekauften, aus Laune erworbenen. Der uralte Plodererhof hatte seinen uralten Namen verloren – – als »Maschinenhof« wurde er bespöttelt. Es blieb nicht beim Spott. Dem Ertrag des Hofes waren die Maschinenrechnungen, die unbezahlten, über den Kopf gewachsen. Eine Zeitlang hatte der alte Ploderer den Kampf gegen die Maschinenrechnungen geführt. Er vermochte Teilsiege zu erringen. Aber neue Maschinen rückten an. Da war er erlahmt. »Hat sich was mit festhalten!« polterte er sich seinen Groll von der Brust, als Richard Lamprecht schwieg. »Ihr habt einen Auftrag von den andern, Euere Stimme abzugeben?« rückte Richard Lamprecht aus sein Ziel los. »Der Deifi soll alle Maschinen holen.« »Der Teufel? Da würdet Ihr also gegen den Maschinentrust stimmen?« »Was sunst, wenn die Luader meinen Hof derdruckt ham.« »Und wenn man es machen könnte, daß alle Maschinen wieder vom Plodererhof abmarschieren?« forschte Richard. 166 »Nutzt nix. D' Rechnungen marschier'n net – – D' Rechnungen bleiben.« »Und wenn man es ferner machen könnte, daß alle Maschinenrechnungen durchgestrichen würden?« Der Alte fuhr sich durch das dünne Bauernhaar und preßte die Ackerfäuste gegen die zerklüftete Stirn. »Treibt's keinen Spott mit einem, der sei Sach' vor der Zeit aus der Hand 'geb'n hat.« »Machen wir's kurz, Ploderer. Drinnen wird man ungeduldig. Der Trust ist nicht aufzuhalten. Der Trust braucht Euere Stimmen. Ich lasse sie gelten. Einverstanden?« Der Alte wandte sich ab. »Vergeßt nicht, hinter Euerem Ja ist der Plodererhof, was er war.« »Was wißt Ihr, was der Plodererhof war,« sagte der Ploderer voll Bitterkeit. »Schuldenfrei.« Dem alten Bauer riß es das Gesicht herum. Er hatte eine Vision: Da stand der alte Plodererhof und stach mit seinem steilen Gipfel ein anderes Wahlwort aus dem Himmelsblau heraus. Sommerlang, winterlang, bis in die Heidenzeit zurück, bis in die Jahrzahl vor, die er heute morgen vom Kalender abgelesen hatte, in den er einen Termin zu schreiben hatte: Versteigerungsandrohung. Die beiden Worte standen gegeneinander. Vom 167 Himmelsblau herunter griff »Schuldenfrei« und schickte sich an, das Kalenderwort »Versteigerungsandrohung« auszulöschen. Aber es vermochte es nicht. »I kann's net.« Er sah den Generaldirektor an. »I versteh 's net – – d' Maschinen sollen derschlag'n werd'n mit Maschinen – i kann's net verstehn.« »Schuldenfrei,« sagte Richard Lamprecht noch einmal. Da stieg's heiser rasselnd aus der Ackerbrust: »Ja.« Der Generaldirektor streckte ihm die Hand hin. »Ich kann mich also auf Euch verlassen, Ploderer.« »Hab i di scho amal ang'log'n, Richard Lamprecht? Woaßt es nimmer, wie d' in der Vakanz mit mei'm Xaver g'spielt hast?« »Es wird schon so sein, Ploderer – – mein Vater erzählte mir davon. Was hat das aber mit der Abstimmung zu tun?« »Nix,« brummte der Alte und stapfte in den brodelnden Saal zurück. Im Saale machte der Amerikaner Sneel dem Generaldirektor sein Kompliment: »Ich mich freue, daß Sie – – daß Sie zugrunde gehen.« Richard Lamprecht zuckte zurück. »Zugrunde gehen?« 168 »Er übersetzt › to ground ‹ wörtlich,« lächelte der Deutsch-Amerikaner. »Er meint, daß Sie den Dingen auf den Grund gingen.« Lamprecht wollte lachen. Es ging nicht. Ein merkwürdiges Würgen stak ihm in der Kehle, als er zum letztenmal mit dem Listenführer Zipperer und der Protokollführerin Thilde Utz das voraussichtliche Abstimmungsergebnis abwog. »Ich bringe über hundert Stimmen mehr für Ja heraus, als nötig wären,« sagte Thilde Utz. »Und Sie, Zipperer?« »Ich wäre mit der Hälfte schon zufrieden,« sagte der Alte behutsam. »Wir schreiten zur Abstimmung.« Alle sahen hinüber zum Vorsitzenden des Aufsichtsrates. So ernst und metallisch hatte die Stimme des alten Lamprecht nie geklungen. »Ich bestimme zum Stimmenzähler Herrn Doktor Flamm.« Der fuhr aus allerhand Grübeleien auf und brauchte Zeit, sich aus einer andern Welt zurückzufinden. Dann aber leistete er umständlich und sorgsam seine Zählarbeit. Langsam und eintönig schritt sie voran. Dann trat eine kurze Unterbrechung ein. Ein Telegramm für den Landwirt Ploderer wurde ausgerufen. Der schüttelte den Kopf. Nie in seinem Leben hatte er ein Telegramm erhalten. Er riß es auf. 169 »Was gibt's?« fragte irgendwer. Der Bauer hob den weißen Kopf. »Braucht's net z' wissen,« sagte er heiser, und sein Gesicht war grau und verfallen. »Derwischt hat's ihn.« Blicke beugten sich herüber, erhaschten den Inhalt. »Xaver mit Mähmaschine tödlich verunglückt.« Der Alte hob den Kopf. Sein Blick suchte Richard Lamprecht. Mit langsamen starken Schritten ging er auf ihn zu. »Mein Zettel gibst d' mir z'ruck.« Der alte Lamprecht stand neben ihm. »Ploderer, sei vernünftig und ruhig. Es ist furchtbar – –« »Mein Zettel gibst d' mir,« wiederholte Ploderer, als habe er die Worte des alten Freundes nicht gehört. »Der Abstimmzettel ist schon aufgenommen und unwiderruflich eingetragen,« bedauerte Richard Lamprecht. Das Gesicht des Alten war starr. »Mein Zettel gibst d' mir z'ruck!« forderte er zum drittenmal. »Was wollen Sie damit, Ploderer?« »Durchstreichen, 's Ja durchstreichen. D' Maschin braucht 's nimmer. I brauch's nimmer. Du brauchst's nimmer. Der Xaver braucht's nimmer. Der Plodererhof braucht's nimmer. Niemand 170 braucht's mehr. Gib mein Ja z'ruck, sag i dir, oder – oder – –« Da wankte er und sank zusammen. Man hob ihn auf und trug ihn hinaus. Der alte Lamprecht sah ihm nach. Lange, schweigend. Er strich schweigend über sein Haar. Beugte sich vor und radierte schweigend auf einem Zettel vor sich. Max Flamm brachte den Rest der Abstimmzettel. Richard Lamprecht nahm sie in Empfang. Eine schwere Pause lastete im Saal. »Addieren,« forderte Richard den alten Zipperer aus, und seine Stimme klang seltsam erregt. »Ein Zettel fehlt noch, Herr Generaldirektor,« flüsterte Zipperer. »Ein – – wer?« »Herr Lamprecht senior.« Richard Lamprecht lachte krampfhaft. »Ausgerechnet dich vergißt Herr Flamm, Vater.« »Er hat mich nicht vergessen, Richard.« Wieder sahen alle überrascht zu ihm auf, wieder war es seine sonore, ehern ernste Stimme, die antwortete: »Ich selbst hatte mich vergessen. Nun aber habe ich mich gefunden. Hier mein Abstimmzettel.« Richard nahm ihn in Empfang. Warf einen Blick darauf und wurde blaß. »Verzeihung, Vater, du hast aus Versehen – – nein geschrieben,« stammelte er. 171 »Es hat schon seine Richtigkeit,« klang es halblaut zurück. Blitzschnell übersah Richard die Situation. »Mit deinem Ja, Vater, wär's ein großer Sieg. Mit deinem Nein kein Minus und kein Plus. Wir blamieren uns, Vater.« Ganz ruhig sah ihn der Alte an. »Ich handle, wie es mir mein Gewissen vorschreibt. Nimm, zähle und verkünde.« Totenbleich war Richard Lamprecht, als er den Zettel seines Vaters hinüberreichte zu Thilde Utz. »Halt!« kreischte da eine Stimme aus dem hinteren Ende des Saales. »Halt, hier ist noch eine Stimme – – eine lumpige Stimme.« Eine hagere Gestalt in schlotterndem Gewand drängte sich durch. Thilde Utz sah entgeistert auf das verstörte Gesicht. »Vater – – du?« Zipperer warf einen Blick auf den Zettel, den Utz triumphierend reichte. Wandte sich an Richard Lamprecht. »Eine gültige Stimme, Herr Generaldirektor – aber kein Ja darauf und kein Nein.« Und fügte flüsternd hinzu: »Alles hängt von dieser Stimme ab.« Aber in der Totenstille des Saals vernahm man selbst dies Flüstern. 172 »Tun Sie Ihre Pflicht,« sagte der alte Lamprecht. Max Flamm riß es zusammen. Sachlich fragte er Utz: »In welchem Sinne wünschen Sie abzustimmen, Herr Utz? Ja oder nein?« »Ja oder nein,« wiederholte der Irre kichernd. »Nein oder ja. Hurra, es lebe das Ja. Es lebe das Nein.« Er warf den Zettel in die Luft. Zipperer fing ihn auf. Sah ihn noch einmal an. Hob erregt den Kopf. »Ich habe mich geirrt, Herr Generaldirektor – – hier in der Ecke steht ein dünnes Ja – – ich übersah es.« Ein Aufatmen ging durch Richard Lamprechts Brust. »Meine Herren, der Beitritt zum Trust ist mit einer Stimme statutenmäßig erforderlicher Mehrheit angenommen.« Keine Hand rührte sich im Saal. »Es lebe der Trust,« höhnte jemand. Die Schlacht war geschlagen. Vater und Sohn verließen den Raum. Schweigend schritten sie nebeneinander her. »Du hast deinen Trust mit dem angeblichen Ja eines Irren,« sagte dann Heinrich Lamprecht. »Angeblichen Ja?« »Ich hab es nicht gesehen auf dem Zettel.« 173 »Es stand da. Aber nicht von mir geschrieben,« protestierte Richard Lamprecht. »Ob von dir oder einem Angestellten – es bleibt dasselbe.« »Wundervoll. Der Vater bezichtigt den eigenen Sohn des Betrugs. Ich würde an deiner Stelle lieber gleich Strafantrag stellen, Vater.« »Ja, das tue ich: Vor der Firma,« sagte der Alte ernst. »Firma. Nur der Firma wegen tu ich doch alles. Und werde auch in Zukunft alles ihretwegen tun. Eine Firma – – eine große Firma ist wie ein Staat.« »Auch ein Staat soll sauber sein, Richard.« »Für Kinder und für fromme, einfältige Seelen,« lachte der Sohn. »Unsereiner kennt das besser!«   19. Nach der Gründung des Trusts war Richard Lamprecht nach Amerika gefahren. Sie wollten ihn dadrüben kennenlernen. Komplimente wurden ihm gemacht, wie fabelhaft er die Sache gedeichselt habe. Mister Sneel, der Amerikaner, nahm sich seiner an, begleitete ihn zu Festen und Empfängen und versuchte ihm beizubringen, wie man als Mitleiter eines 174 großen Trusts aufzutreten habe. Richard Lamprecht war ein gelehriger Schüler. Beim Abschied reichte ihm Mr. Sneel die Hand und sagte so ganz nebenbei: »Und was die Quote angeht, lieber Mister Lamprecht – –« »Welche Quote?« »Ich meine den Schlüssel, nachdem die Trustgewinne ausgeteilt werden. Ich nehme an, diese Quoten gehen parallel mit Ihrem Umsatz in den letzten sieben Jahren?« »Stimmt. Dieser Umsatz betrug – –« »Nicht so schnell, Mister Lamprecht,« lächelte Sneel. »Man kann Quoten nicht aus dem Ärmel schütteln.« »Aber – –« »Man kann nicht,« meinte der andere vertraulich. »Nach Ihrer ›ein‹-stimmigen Entscheidung in der Generalversammlung nehme ich an, daß Sie verstehen. Wenn die Differenz genügend groß ist, bin ich mit einem geringen Prozentsatz zufrieden für – – für den Wink.« »Ich – –« »Sie verstehen,« lächelte der Amerikaner. »Sie werden Ihren Umsatz im stillen Kämmerlein feststellen. Den werden Sie entsprechend aufrunden – – und an der Differenz bin ich ein wenig mitbeteiligt. Beim nächsten Wiedersehen rechnen wir ab – – all right ?« 175 »Es wird nicht leicht sein, Ihren Revisoren einen erhöhten Umsatz beizubringen. Die verlangen Dokumente.« »Dokumente lassen sich herbeischaffen.« Als Richard Lamprecht in die Heimat zurückkam, warteten seiner große Ehrungen. Er hatte kurz vor seiner Ausreise der Landwirtschaftsschule eine bedeutende Stiftung vermacht. Nun rückte die Regierung mit einem Orden an – und warf großmütig den Geheimratstitel hinterher. Der Chor der Gratulanten stellte sich ein. Thilde Utz brachte ihren Glückwunsch mit dem Max Flamms zusammen an. Lächelnd dankte Richard Lamprecht. »Ich weiß, Sie meinen's ehrlich, Thilde. Und der Flamm ebenfalls, wenn er es auch vorzieht, hinter seinem Reißbrett sitzenzubleiben. – Was ich noch sagen wollte: Haben Sie übrigens einmal daran gedacht, daß alles seine Zeit hat, seinen Höhepunkt und seinen Tiefpunkt? Auch das Erfinden.« Thilde sah ihn voll an. »Sie meinen, Max habe diesen Höhepunkt überschritten?« »Vielleicht. Die Berichte beginnen sich zu widersprechen.« »Berichte?« fragte sie verwundert. »Tja, als Leiter eines großen Unternehmens ist man darauf angewiesen. Ich meine es gut mit Ihnen. Noch ist Zeit – –« 176 »– – die ich nützen soll, mein Schifflein in den üblichen Hafen der Ehe zu steuern?« »Wir alle, auch die Firma, sind Konjunkturen unterworfen.« »Ich und meine Neigung haben nichts mit Konjunktur zu tun,« unterbrach sie ihn schroff. »Ich gehöre nicht zu denen, die sich ihren Ehestand errechnen.« Sie entfernte sich. Andere Gratulanten folgten. Auch Georg Kallhardt, der Gewerkschaftssekretär, war unter ihnen. Und sagte das Übliche. »Im Namen der Arbeiterschaft?« lächelte Richard Lamprecht. »Machen wir uns nichts vor, Kallhardt. Euch ist mein Orden höchst belanglos –« »Sie irren, Herr Geheimrat.« »Hat Ihre Fraktion nicht neulich den Antrag gestellt, Orden unter die Rubrik Kinderspielzeug einzureihen?« »Ein Witz – –« »Aber ein guter, Herr Sekretär, muten Sie mir nicht zu, daß ich einen schlechten mache, indem ich Euern Glückwunsch ernst nehme.« »Warum haben Sie den Orden dann angenommen?« »Weil er vermutlich unsern Umsatz steigern hilft. Bleiben wir also nüchtern. Ich kenne euern Grundsatz. Am Morgen betet ihr: Tod und Schwefel dem 177 Unternehmer. Und am Abend: Heilig sind die Klassenkämpfe. Habe ich recht?« »Das ist Fassade, Herr Geheimrat,« lächelte Kallhardt. »Hinter der Fassade wird es immer einen Weg zueinander geben.« »Wie bei zweien, von denen jeder hofft, daß dem andern zuerst die Puste ausgehen möge. Meinen Sie, ich wüßte es nicht, daß Ihr die ersten wärt, die der Firma einen Tritt geben, wenn sie auch nur leise wankte?« Der Sekretär brauste auf. »Und was tätet Ihr? Wenn unsereiner unters Minimum des Lebens sänke?« »Dafür ist der Staat da, dem wir Steuern zahlen, damit er sich um Euch kümmert, wenn es ums Letzte geht.« »Ums Letzte?« fuhr Kallhardt erbittert fort. »Das Letzte ist, solange diese Erde steht, das Sterben – – das Verrecken. Verrecken aber, Herr Geheimrat, kann unsereins auch ohne Staat. Nicht ums Sterben geht's – – uns geht's ums Leben, und da müssen wir – –« »– – uns eben doch vertragen, meinen Sie?« lachte Richard Lamprecht. »So gut es geht, so schlecht es geht – und meistens geht es schlecht – es wird auf dieser buckligen Welt wohl so sein müssen, edler Kämpfer von der Gegenseite.« »Es muß nicht so sein. Sehen Sie sich Flamm an.« 178 »Sie meinen Ihren Freund?« »Ich meine Ihr bestes Pferd im Stall.« »Das könnte Ihnen so passen, uns den Wolkenkuckucksheimer als ideales Muster hinzustellen. Sie werden's schon uns überlassen müssen, aus allen Kräften das herbeizuführen, was unsere Firma groß und größer macht.« »Firma sagen Sie – und Bankkonto meinen Sie.« Georg Kallhardt wandte sich zum Gehen. An der Tür erreichte ihn die Stimme Lamprechts. »Sie vergaßen, Ihre Glückwünsche fertig anzubringen, Herr Sekretär.« Kallhardt wandte sich um und sah Lamprecht an. »Am Tage der Bankrottanmeldung.« Dann war er draußen. Unwillkürlich hatten sich Richards Hände geballt. Sie lösten sich, als sich die Tür öffnete und sein Vater eintrat. »Ich wollte dir ebenfalls gratulieren, Richard, scheine es aber angesichts der Bankrottanmeldung, die dir eben auf den Hals gewünscht wurde, schlecht getroffen zu haben.« »Lassen wir das, Vater. Ich freue mich, daß du kommst.« »Soll ich beiseitestehen, wenn mein Sohn Geheimrat wurde, einen Orden kriegte – –?« »Du hast Bitterkeit in der Stimme, Vater, weil du – –« 179 »– – weil ich trotz der größeren Plage keinen Orden bekam?« lächelte Heinrich Lamprecht ernst. »Keine Sorge, Richard, wir Alten haben unsere Orden längst zurückgegeben.« »Ist das alles, was du mir sagen wolltest?« »Das ist alles – – ach so, zu gratulieren hab ich vergessen. Gib mir die Hand, Richard, und schau mir ins Auge: Du bist tüchtig, Richard, du bist fleißig – – du hast Glück gehabt – –« »Das ist die Vergangenheit, Vater. Wie lauten deine Wünsche für die Zukunft?« »Du bist mit Erfolgen über deines Vaters Kopf hinausgewachsen, Richard. Wenn der Weg nach oben sich umbiegt, wenn der Weg sich gabelt, wenn die Schatten wachsen: Halte dein Firmenschild rein, wie ich es dir übergeben habe, Richard.«   20. Der alte Zipperer hatte sich ein halbes Dutzendmal vergeblich melden lassen. Immer hatte es geheißen: »Keine Zeit jetzt – muß verreisen – morgen.« Und zuletzt: »Schriftlich einreichen.« Da hatte er alles, was er auf dem Herzen hatte, sauber ausgefeilt und eingereicht. Hatte das Schriftstück angemahnt. Einmal, zweimal, dreimal. Bekam keine Antwort. Hatte sich an andere um Rat gewandt: »Was 180 würden Sie tun, Fräulein Utz?« – »Was raten Sie mir, Herr Doktor Flamm?« »Mich haben Sie noch nicht gefragt, Herr Zipperer,« sagte Franz Lohmann. »Sie?« »Sie vergessen,« lachte Franz, »daß ich seit einiger Zeit nicht mehr Lehrling bin.« »Nichts vergeß ich,« brummte Zipperer. »Wer Lehrling war, bleibt immer Lehrling.« Er hielt das für einen weisen Satz. Aber Franz Lohmann war ihm gewachsen: »Waren Sie nicht auch einmal Lehrling, Herr Zipperer?« »Selbstverständlich. Was geht das Sie an?« »Mich nicht viel – – aber, ich denke, Sie.« Ein wenig besann sich der alte Zipperer. »Sie haben recht, Franz. Also, was raten Sie mir?« »Fragen Sie einmal die höchste Instanz, Herr Zipperer.« »Und die ist?« »Man selbst, hat mir einmal ein alter Hauptbuchhalter gesagt.« Schmunzelnd steckte der Alte die Belehrung ein. Wenig später trat er ungerufen durch die Tür mit der Aufschrift: »Eintritt ohne vorherige Anmeldung streng verboten.« Richard Lamprecht fuhr auf. »Wer hat Sie gerufen?« 181 »Niemand, Herr Geheimrat, ich hielt es für meine Pflicht – –« »Ausmaß und Richtung Ihrer Pflicht bestimme ich.« »Verzeihung, die Bilanz der Firma – –« »Wir haben Sommer – – die Bilanz ist Wintersache. Fassen Sie sich kurz.« »Die statistische Erfassung aller Ausgabenkonten ergibt, daß – –« »Noch kürzer, bitte.« »Wir geben zuviel aus,« sagte Zipperer mit tiefem Atemzuge. »Wer ist – wir?« »Die Firma, der wir alle dienen.« »Sie dienen ihr – – ich beherrsche sie.« »Nur solange sie bestehen kann, Herr Geheimrat.« »Was erlauben Sie sich, Zipperer. Halten Sie es Ihrem weißen Haar zugute, wenn ich Ihre Anmaßung – –« »Ich bin nicht anmaßend, Herr Geheimrat – – ich bin besorgt. Nach einem Menschenalter Dienstzeit habe ich das Recht, besorgt zu sein. Ich müßte sonst um meinen schlichten Abschied bitten.« Er stand wartend da. Die alten Schreiberhände zitterten. Nur die Augen waren fest auf einen Spruch gerichtet, den noch der alte Lamprecht überm Schreibtisch angenagelt hatte: »Sei getreu!« Richard Lamprecht zuckte mit den Schultern. 182 »Reden Sie – – oder nein, Sie brauchen nichts zu sagen. Ich werde es für Sie tun. Also: Die neuen Spesenkonten betragen ein Mehrfaches der alten Spesenkonten. Die angeordnete Ausgabenbehandlung als Vermögenszuwachs kann nach den alten Grundsätzen nicht gebilligt werden. Nicht gebilligt werden kann auch die Hunderttausendmarkstiftung. Mein eigenes ansehnliches Privatkonto darf weder gedeckt noch unter Debitorenkonto laufen, Bürgschaften, die von der Firma für meine Freunde eingegangen wurden, kommen in der Bilanz nicht vor – – die von mir verfügten Grundsätze bei der Bestandsaufnahme lassen die Vorratskonten viel zu hoch erscheinen – – die altbewährten Reserven, die für schlechte Zeiten vorsorgen sollten, bestehen nur scheinbar fort, in Wahrheit aber sind sie durch gewisse Gegenkonten heimlich aufgehoben worden. Na, ist er vollständig, der Speisezettel?« Zipperer sah seinen Chef entgeistert an. »Sie haben gewußt, daß – – daß – –« »Vielleicht sogar noch etwas länger als Sie.« »Aber dann – – dann begreife ich nicht – –« »Was begreifen Sie nicht?« »Daß Sie mir nicht befehlen: Zipperer, kehren Sie zur Bilanzwahrheit zurück!« Lamprecht seufzte. »Man hat's schwer mit Euch alten starren Veteranen. Da sind die jungen Kräfte wendiger. Die fragen nicht so viel.« Er sah den 183 alten Buchhalter an. »Zipperer, lernen Sie endlich einmal erfassen: Wir leben in einer anderen Zeit. Jetzt herrscht ein Geschlecht, das auch etwas wagt. Wagnisse sind Übergänge zu Größerem. Mit Pfennigfuchserbilanzen erwecken wir bei dem Trust keinen Respekt. Großzügig müssen die Bilanzen wirken. Es muß der Anschein erhalten bleiben, als schwimme man im Gelde. Sonst wird man gefressen. Sonst wird die neue Umsatzziffer angezweifelt.« »Welche Umsatzziffer?« »Die gestern der Trustleitung hinübergekabelt wurde.« »Wer hat sie gekabelt?« »Ich natürlich,« sagte Lamprecht ungeduldig. »Dinge, auf die es ankommt, macht man immer persönlich.« Er winkte Zipperer zu, als wünsche er die Unterredung zu beenden. »In Zukunft, wenn Sie der Hauptbuchhalter Zipperer sein und bleiben wollen – –« Zipperer sah seine kranke Frau vor sich, sah vor sich die Kinder. die ihm noch immer auf der Tasche lagen – – »– – ich – – ich will es bleiben, Herr Geheimrat,« sagte er mit bebender Stimme. »Na also. Ich kenne Sie doch, alter Herr. Hier sehen Sie – – wenn Sie hier das Hauptbuch 184 zum letztenmal zugeklappt haben, erfüllt sich ein alter Traum: Das kleine Haus im Grünen. Hier liegt das Papier, auf dem Ihnen Ihre Pensionsberechtigung zugestanden wurde.« Zipperer fühlte ein Zittern in den Knien. »Herr – – Geheimrat – –« »Schon gut. Ich hoffe, Sie haben wegen der Bilanz keine Wünsche mehr vorzubringen.«   21. Auf den alten Lamprecht war ein Trommelfeuer niedergegangen. Er brauche Schonung – – er dürfe nicht mehr mit solchen Dingen belastet werden – – Er begriff erst nicht, was man damit bezweckte. Erst bei der feierlichen Überreichung der Urkunde, die ihn zum Ehrenvorsitzenden ernannte, hatte er begriffen. Stumm trat er ab. Nicht, ohne vorher zu fragen: »Wenn ich die Ehre haben soll – – was ist dann meinem Nachfolger zugedacht worden?« Man hätte sagen können: ›Die Arbeit‹. – Aber Graf Kaltenbrunn, der Nachfolger, hatte noch nie gearbeitet. Also sagte man: »Die Repräsentation. Eine Gesellschaft, wie die unsere, braucht einen feudalen Außenglanz. Sie werden das verstehen, Herr Lamprecht.« 185 Er verstand es nicht. Das war auch nicht nötig. Es genügte, daß er seinen Ehrenvorsitz vernünftigerweise so auffaßte, zu jeder Sitzung einen Boten mit einem Kärtchen zu schicken: Er bedauere, aus irgendeinem Grunde nicht erscheinen zu können. Man bedeutete dem Boten, es sei gut. Aber der Bote wies in die Ecke des Kärtchens: »Um Rückgabe wird gebeten.« Mit den Jahren, in denen diese Karte immer wieder hin und her wanderte, wurde sie gelb. Elfenbeingelb wie die müde Haut, die sich rissig über die Backenknochen des Grafen Kaltenbrunn spannte, während er verlas, was ihm auf den Präsidentenplatz geschoben wurde. Er las farblos. Thilde Utz, die das Protokoll zu führen hatte, dachte: Er betont falsch. Auch der kleinste Lehrling unserer Firma hätte mehr Verständnis für den Rechenschaftsbericht über das letzte Geschäftsjahr. Einer der Aufsichtsräte gähnte. Es war Kulenkamp, der Rentner, von dem es hieß, er habe »es« im kleinen Finger. »Es« war das Geld, »es« war der Profit, war die Empfindung: Hier gibt's zu verdienen. »Es« war die Witterung: Hier ist's brenzlich. Kulenkamp hatte keine Ahnung von Volkswirtschaft und von tieferen Zusammenhängen. Er hatte nur den »Riecher«, sonst nichts. Am Präsidentenplatz gab es eine Stockung. 186 Graf Kaltenbrunn hatte Blatt drei beendet und die Fortsetzung aus Versehen auf Blatt fünf aufgenommen. Ihn hatte der sinnlose Übergang darin nicht gestört. Generaldirektor Lamprecht machte eine Bewegung, als wolle er den Schaden beheben, ließ es aber sein, als niemand Anstoß daran nahm. »– – so daß die Gesellschaft in diesem Jahr leider nicht in der Lage ist,« schnurrte der Graf zu Ende, »die herkömmliche Dividende an die Herren Aktionäre auszuschütten.« »Hol mich der Teufel,« schaltete Kulenkamp ein. Über der Aufsichtsratssitzung lag Gewitterspannung. Die Stühle rückten, Finger flogen in die Höhe. Jeder wollte zuerst das Wort haben. Da griff Lamprecht doch ein: »Verzeihung, Herr Graf, der letzte Satz ist nicht ganz richtig vorgelesen. Darf ich mir erlauben?« Er nahm ihm das Blatt aus der Hand. »Der Satz heißt so: – – so daß die Gesellschaft in diesem Jahre leider nicht mehr in der Lage wäre und so weiter.« »Hört, hört,« rief Kulenkamp. »Nicht wäre –« »Wäre oder ist – ist oder wäre – – ich finde wirklich keinen allzugroßen Unterschied,« sagte Graf Kaltenbrunn. »Für den, der keine Aktien hat,« fuhr Kulenkamp auf. »Ich habe welche – – meine Freunde haben welche.« 187 »Also wie steht's mit der Dividende? Wird eine verteilt?« »Verdient ist keine,« warf der Direktor der Unionsbank ein. »Aber zu beschließen hat der Aufsichtsrat.« »Ich verstehe das nicht,« meinte ein Professor Wallerstein. »Was nicht verdient ist, kann durch keinerlei Majoritätsbeschluß verteilt werden. Das ist logisch, denke ich.« »Wirtschaftsdinge sind nicht immer logisch, Herr Professor.« »Ach was, Logik,« begehrte Kulenkamp auf. »Die Dividende steht zur Debatte. Ich habe meinen Freunden versprochen, daß Dividende – –« »Auch in der Presse war die Stimmung für Dividende,« bemerkte der Bankdirektor. »Hinzu kommt noch,« sagte Richard Lamprecht, »daß unsere für unser Land ausschlaggebende Stellung innerhalb des Trusts nur aufrechterhalten werden kann, wenn – –« »Verteilen – – verteilen!« rief es von allen Seiten. »Und die liquiden Mittel für die Auszahlung?« »Sind beschafft.« »Wieso? Wodurch?« »Nun, ich denke doch, unser Kredit – –« Reden und Gegenreden gingen längst über den Kopf des Präsidenten hinweg. Er saß ausgeschaltet da. Er sah unglücklich aus. 188 Es war offensichtlich: Weitaus die meisten waren für Verteilung einer Dividende. »Abstimmung,« rief Graf Kaltenbrunn. Bevor es dem Grafen gelang, mit seiner Stimme durchzudringen, drängte sich ein Diener heran, flüsterte Richard Lamprecht etwas zu. Er machte eine ungehaltene Bewegung. »Sie sehen doch, daß ich jetzt keine Zeit habe.« Der Diener zuckte die Schultern. »Verzeihung, Herr Generaldirektor, die Dame macht einen verstörten Eindruck – – ich glaube –« Lamprecht beugte sich zu Thilde Utz hinüber. »Machen Sie das ab, Thilde. Aber schnell – – Sie werden hier bald wieder gebraucht für die Protokollierung.« Thilde eilte hinaus und stand ihrer alten Rivalin Lola Mangold gegenüber. Vergrämt sah sie aus, fast heruntergekommen. Die nackte Not stand auf ihrem Gesicht. Nur mit Mühe gelang es Thilde, ihre Ruhe zu behalten. »Es geht Ihnen nicht gut?« fragte sie. Lola Mangold brach in Tränen aus. In abgerissenen Sätzen berichtete sie einen erschütternden Lebensabriß: Keine Mutter, kein Vorbild – – der Vater ein Verbrecher, der fliehen und sich verborgen halten mußte. Aus der Verborgenheit bohrte und forderte er ununterbrochen. Trieb 189 sie von einer Hand in die andere. Verlangte immer mehr. Stieß sie immer wieder, wenn sie sich etwas hochgezogen hatte aus dem Sumpf, dorthin zurück. Ein Bruder sei noch da, um den sich der Vater nie gekümmert habe. Sie habe für diesen Bruder alles ertragen – – »Erinnern Sie sich nicht an den hochbegabten Schüler auf der großen Prüfung an der Landwirtschaftsschule? Er hat damals eine entscheidende Absolventenrede halten dürfen. Ich – – war immer stolz auf ihn – –« Thilde stand erschüttert. Sagen konnte sie nichts. »Und nun ist auch das aus, Fräulein Utz – – wir können beide nicht mehr weiter. Er – – er muß sein Studium abbrechen, weil ich – – weil ich kein Geld mehr habe. Ich wollte Richard Lamprecht sprechen. Vielleicht erinnert er sich doch noch meiner. Ich habe ihm doch einmal einen großen Dienst erwiesen und – – und – –« Thilde Utz zögerte einen Augenblick lang. Dann sagte sie entschlossen: »Morgen ist Sonntag. Kommen Sie am Nachmittag zu mir – vielleicht kann ich Ihnen helfen – –« Und bevor Lola Mangold ihr danken konnte, war sie wieder in das Konferenzzimmer geeilt. Hier war inzwischen die Abstimmung vor sich gegangen, die eine große Mehrheit für eine Dividendenverteilung ergeben hatte. 190   22. Es tut selten gut, wenn der Lehrling in der Lehrzeitfirma angestellt bleibt. Für die Firma nicht und für den Angestellten nicht. Auch die Kunden sagen: »Den? Den kennen wir ja noch aus der Zeit, als er die Portokasse unter sich hatte,« – und erwarten nichts von ihm. Franz Lohmann war doch geblieben. Er hatte sich hinaufgehantelt. Es hatte sich herausgestellt, daß er mit den Banken gut verhandeln konnte. Er war mit bemerkenswert schneller Auffassungsgabe in das geheimnisvolle Räderwerk des Bankbetriebes eingedrungen. Noch ein anderes Talent glaubte Thilde Utz in ihm entdeckt zu haben. »Schickt ihn auf die Reise,« riet sie. »Franz Lohmann hat, glaube ich, das Zeug zu einer Verkaufskanone.« Bei zwei, drei Sachen, die sich brieflich schon zerschlagen hatten, wurde ein Versuch gemacht. »Verderben kann er nichts mehr,« hieß es. »Hier ist das Reisegeld.« Und als er zögerte: »Na, warum verschwinden Sie nicht? Woran fehlt's noch?« Da sah der kleine Franz Lohmann keck auf: »Welchen Provisionssatz bekomme ich, wenn ich die Kiste schmeiße?« Er »schmiß« sie wirklich. Er bekam die Provision. 191 Er bekam noch viele solcher Provisionen. Bei den Großgeschäften, wenn sie auf des Messers Schneide standen, hieß es von nun ab: »Heraus mit unserer Verkaufskanone. Franz Lohmann an die Front.« Die Zeit der Genossenschaften war angebrochen. Die Genossenschaften wurden groß – – die Zeit blieb klein. Überall in der Politik war die Parole »Links!« durchgebrochen. Fast lückenlos war die vielgliedrige Front der Konsumgenossenschaften von den sozialdemokratischen Arbeiterführern erobert worden. Jetzt schickten sie sich an, den Angriff in die Produktionsgenossenschaften hineinzutragen. Kaum, daß sie Widerstände fanden. Da wagte man den Einbruch auch ins flache Land. Der Bauer hatte den Linksern bisher immer als nicht zu eroberndes Bollwerk gegolten. Jetzt erwies es sich: Auf dem Umweg über die Genossenschaften war er es nicht mehr. »Lohmann, betonen Sie: Sie sind der Sohn eines Arbeiters. Fühlen Sie bei den Herren an der Spitze vorsichtig vor, woran es liegt, daß die Verkaufsverhandlungen nicht vorwärtsgehen wollen,« sagte man Franz Lohmann. »Es werden Angebote der Konkurrenz vorliegen,« sagte er mit der Miene des Wissenden. »Wir haben jeden Preis unterboten. Daran kann's also nicht liegen.« »Auf der Gegenseite könnten Verbesserungen, neue Patente vorliegen.« 192 »Zum Donnerwetter, Lohmann, Sie reden daher, als hätten wir keinen Max Flamm. Hat der nicht vier Fünftel aller Landmaschinenerfindungen der letzten zehn Jahre auf sein Konto zu buchen? Und steht er nicht gerade jetzt auf der Höhe?« »Dann bleibt nur eins noch – –« meinte Franz sinnend. »Daß man auf der andern Seite ein bißchen künstlich nachhilft?« lächelte der Verkaufsdirektor. »Wird schon so sein. Wir werden uns anpassen, Lohmann.« »Also schmieren?« »Nach Bedarf und nach den neuesten Methoden. Sie haben volle Freiheit. Die Hauptsache, der feste Auftrag kommt herein. Es handelt sich um hunderttausend Mark, Lohmann. Telegraphieren Sie uns über den Erfolg.« Franz brachte den Auftrag auf die doppelte Anzahl Mähmaschinen. »Großartig gemacht. Aber warum haben Sie nicht telegraphiert?« Franz Lohmann senkte den Kopf. »Eine Schande kommt auch so früh genug.« »Schande? Wie teuer war sie denn, die Schande?« Franz wies auf den Zettel. »Wie? Nicht mehr? Wir haben auf bedeutend mehr gerechnet. Ihre Freunde sind noch Anfänger,« lächelte der Verkaufsdirektor. »Und – –« 193 »Und?« »– – und Sie selbst, Lohmann?« Franz wurde blutrot. »Ich muß doch sehr bitten, Herr Direktor.« »Schon gut. In diesen gleitenden Dingen gilt der Grundsatz: Wer beleidigt tut, rutscht aus. Sie werden da noch allerlei erleben. Verkaufen Sie nur weiter – –« »Ich stelle fest: Ich tue nicht beleidigt, sondern –« Der Direktor schob ihn bei den Schultern zur Tür. »Alles in Ordnung, lieber Lohmann. Bringen Sie uns weiter solche Auftragszettel. Sie sind schon heute unsere erste Verkaufskanone. Vergessen Sie nur nie: Schmieren lohnt sich.« Er hatte recht. Es lohnte sich. Franz brachte Großauftrag um Großauftrag. Er wartete auf einen, der sich nicht »schmieren« ließ. Er wartete vergeblich. Schmieren war so handelsüblich geworden, daß man kaum noch ein Wort darüber verlor. Die meisten Angestellten der Bestellerfirmen sagten es ganz offen, welchen »Zwischenbetrag« sie der »Erwägung anheimgäben.« Höchstens, daß sie beschönigend hinzufügten: »Ich nehme an, Sie kalkulieren den Betrag mit ein.« Miteinkalkulierte Unehrlichkeit. Alles war berechenbar geworden, auch das Unrecht. 194 Andere wieder gaben alle Vorzüge des Angebots anerkennend zu, nur »gewisse Schwierigkeiten« seien noch zu überwinden. Dabei öffnete sich wie von selbst die Hand. Und wo es ganz zähe ging, war er beauftragt, leichthin einzuschalten: »Und welche Summe darf ich für Sie selbst einsetzen?« Dazu kamen noch einige andere Annehmlichkeiten: Zimmerflucht in ersten Hotels, umfangreiche Zechen, Champagner – – kam alles, was mit einem Augenzwinkern durch ein Heer »verstehender« dienstbereiter Geister herbeizuschaffen war. Franz hatte mit dem Verkaufsdirektor eine Wette abgeschlossen: »Einen oder zwei finde ich doch im Jahr, die nicht mittun.« Nach Weihnachten warf der Verkaufsdirektor hin: »Geben Sie die Wette jetzt verloren?« »Ich habe zwei Herren von der Zentralgenossenschaft auf heute abend in die ›Vier Jahreszeiten‹ zur Schlußabrechnung bestellt.« »Ich werde ja dann dabei sein und die verlorene Wette gleich bei Ihnen einkassieren,« lachte der Direktor. Franz sagte nichts. Im »Goldenen Zimmer« der »Vier Jahreszeiten« war ein wunderbares Abendessen aufgefahren. Die beiden Herren der Zentralgenossenschaft lehnten dankend, aber sehr entschieden ab. 195 »Wir sind Arbeiter,« sagte der eine. »Unsere Väter waren Arbeiter – – und unsere Kinder werden auch Arbeiter sein. Die unterschriebenen Auftragsformulare haben wir vor einer halben Stunde direkt an Ihre Firma geschickt.« Beide setzten sich in eine Ecke, langten in die Tasche, holten Butterbrote daraus hervor und begannen zu essen. Und Franz setzte sich zu ihnen, war gutgelaunt, lachte, als freue ihn das Leben wieder – – Nicht nur der gewonnenen Wette wegen – –   23. In der Patentabteilung von Utz und Lamprecht wurde wieder eine neue Idee des technischen Direktors ausgearbeitet. Einer von den jungen Ingenieuren schaute in einer Liste nach. Dann ging er strahlend im Büro umher und wisperte jedem dasselbe zu: »Nummer fünfzig.« »Was – Nummer fünfzig?« »Das fünfzigste Patent unseres Flamm.« Der Vorgesetzte sah ihn verweisend an: »Erstens heißt es ›Herr Direktor Flamm‹, zweitens aber ist das ›Unser‹ ungehörig – und drittens ist es noch kein Patent, sondern soll erst eins werden.« Der Untergebene lächelte. In seinem Innern 196 dachte er: Du kannst sagen, was du willst, es ist doch unser Flamm. Und er hatte recht. Da war nicht einer in der großen Firma, der Max Flamm nicht liebte, nicht für ihn durchs Feuer gegangen wäre. Für Max Flamm, das große Kind, den Bescheidenen, den allzeit Hilfsbereiten. Für Max Flamm, der langsam älter wurde in der Firma. Für Max Flamm, gegen den sich nur eins hätte sagen lassen: Daß er Thilde Utz, die ihn als ein guter Engel treu und still umsorgte, der er vor – wie lange war's doch her? – vor gut zehn Jahren die Ehe versprochen – – daß er diesen treuesten Menschen, den er nächst seiner Mutter besaß, scheinbar ganz vergessen hatte. Der Patentantrag kam zurück: Vor Erteilung erwarte man noch befriedigende Äußerungen wegen dieser und jener Punkte. »Schikanen,« meinte die Jungmannschaft im Patentbüro der Firma. »So viel Einwendungen hat man noch gegen keinen Antrag unseres Flamm gemacht.« Sie sagten das auch ihrem vergötterten Flamm. Der lächelte und prüfte und nickte: »Hat alles Hand und Fuß, was mir da entgegengehalten wird. Tja, meine Herren, man wird langsam alt.« Lärmender Widerspruch. Briefe zwischen der Firma und dem Patentamt hin und her. Und steigende Gereiztheit. Ende: Wir bedauern, dem 197 nachgesuchten Patentanspruch nicht stattgeben zu können. Im Büro tobte Empörung. Alles schielte zum Vorgesetzten hinüber: »Sie nehmen keine Stellung, Herr Dietrich?« »Die hat Herr Direktor Flamm zu nehmen.« erwiderte der ruhig. »Wir haben ihm nur Stein um Stein zu seiner Stellungnahme herbeizutragen in getreuer Arbeit. Gehn Sie an die Ihre.« Da schwiegen sie. Aber heimlich dachten sie: Stein um Stein? Wozu? Zu einem Flammschen Monument? Zu seiner Steinigung? Zum erstenmal begannen sie zu schwanken. War sein Stern im Sinken? Sein Genie erschöpft? Seine Zeit vorbei? Würde jetzt die Zeit der Jungen kommen? Stand, ganz genau besehen, Max Flamm nicht seit Jahren ihrer eigenen Entwicklung im Wege? Sie begannen sachte abzurücken. Sie arbeiteten seinen nächsten Patentanspruch nicht mehr so sorgfältig aus. Wozu die Arbeit, wenn das Patent doch nicht erteilt wurde? Aber gerade dieses wurde ohne jede Schwierigkeit erteilt. Ja, was selten vorkam beim Patentamt: Es floß hohes Lob mit ein. Also doch noch nicht zu Ende? Vielleicht sogar ein neuer Aufstieg? Patente waren also Lotterien? Und der Mensch mit ihnen? Es war doch nicht so leicht, immer auf 198 das rechte Pferd zu setzen. Bei Pferden riskierte man allerdings nur einen kleinen Einsatz. Hier jedoch vielleicht die Existenz. Und blamierte sich noch obendrein. Und das alles, weil man einem Manne namens Flamm die Treue halten wollte? Hm. War das Treue-Halten nicht so etwas wie ein Luxus, den man sich in diesen harten Zeiten nicht mehr erlauben konnte? Man warf einen Blick durch das Mattglas in den andern Arbeitssaal, wo an seinem Pult der alte Zipperer und die noch immer junge Thilde Utz sich in die Arbeit teilten. Und auf einmal wußte man, wie man sich zu verhalten hatte: Aufrichtig, unerschüttert, wie die beiden, die an Jahren über ein Menschenalter trennte. Und an Stetigkeit und Treue nicht eine Handbreit. Und ohne die geringste Verabredung stand man mit den beiden in derselben Front zu Flamm und seinem Lebensweg, der – daran war nun doch kein Zweifel – in einem starken Knick und Winkel abgebogen war. Abgebogen wohin? Das wußte noch niemand sicher. Seine nächsten drei Patentansprüche wurden schroff abgewiesen. Bei einem vierten stellte es sich heraus, daß ein anderer schon vor ihm ganz genau dasselbe erfunden hatte. 199 Max Flamm, der auf diesem Gebiete alles zu verfolgen hatte, wunderte sich. Wie war es möglich, daß ihm das entging? Bei einer nächsten Ausarbeitung kam eine ungewöhnlich rasche Antwort: Ob sich die Firma einen Scherz habe erlauben wollen? Das angemeldete Patent sei doch identisch mit Patent Nummer 347855, das der Firma vor neun Jahren erteilt worden sei. Lange und kopfschüttelnd saß Max Flamm vor diesem Briefe. War's zu Ende? Ein leichter Schatten fiel auf den Brief. Er sah auf. »Du, Thilde? Weißt du, was sie schreiben?« »Ich habe es gelesen, Max,« sagte sie freundlich. »Und – was sagst du dazu?« kam es fast gebrochen von seinen Lippen. »Du hast einen Zwischenakt zu überwinden, Max, der bei andern ihr ganzes Leben darstellt.« »Und danach?« beharrte er. »Danach – das ist eine Sorge für die Kleinen – die Großen kennen nur das Jetzt.« »Du weichst mir aus. Thilde,« sagte er matt. Sie hätte ihm entgegnen können: Du bist mir und meinem Glück zehn Jahre lang ausgewichen. Sie versagte sich's. Es wäre ihr zu billig vorgekommen. Vorwürfe gegenüber einem, der an seinem Stern zu verzweifeln begann, waren ihrer stillen Frauenseele ungemäß. 200 Eine leise, aber tiefe Ahnung überkam sie von den Bitterkeiten eines Erfinderabends. Auf unhörbaren Sohlen gingen ihre Frauenfüße von Pult zu Pult, von Mensch zu Mensch, von Einsicht zu Einsicht. Es war nicht überall ein Nicken, das sie einkassieren durfte. Es war auch Spott darunter und Schadenfreude. Die Tragik eines alternden Genies begann. Nicht lange danach ging Flamm an einer Schreibmaschine vorüber und warf einen Blick auf das Papier: »Wie? Erfinder gesucht? Wer hat Ihnen diesen Text diktiert, Fräulein?« Das Fräulein faßte sich schnell. »Der Direktor der Unionsbank, der beauftragt war, für eine befreundete Fabrik von Bergwerksmaschinen eine Kraft zu suchen,« log es. Log so geschickt und ehern, daß Max Flamm sich täuschen ließ. Und es wäre vielleicht noch lange so weitergegangen, wenn nicht – – Wenn nicht eine höhere Macht in diesem Augenblick entschieden hätte: Genug. Wenn nicht im Auftrage dieser höheren Macht gerade der alte Utz dahergekommen wäre, der alte irre Utz, der immer noch durch die Räume der Fabrik streifte. Wenn ihm dieser Irre nicht freundlich unter den Arm gegriffen und gesagt hätte: »Komm!« Wenn 201 nicht von der andern Seite her des Irren Tochter gekommen wäre, um, wie sie meinte, ein Unglück zu verhüten. Der Irre nahm auch ihre Hand und sagte nichts als: »Komm!« Und friedsam wanderte das seltsame Dreigespann über den Fabrikhof, wanderte durch das Tor auf das freie Feld hinaus, wo ein Bauer pflügte. Auf diesen pflügenden Bauern wies der Irre, der auf einmal einen hellgesichtigen Satz zu formen vermochte: »Den kenne ich, dessen Vater hat gestern noch gepflügt. Aus. Heute pflügt er selbst. Morgen wird sein Sohn pflügen. Aus. Wer von den dreien willst du sein, Flamm? Weißt es selbst nicht, gelt? Ist auch gleich. Aus ist's gestern, heute und morgen. Warum willst du dich sperren, Max?« »Ich?« konnte Max Flamm nach einer Pause endlich stammeln. »Ich – ich will mich nicht mehr sperren, Vater Utz.« »So ist's richtig. Schau dich um, Max – es bleibt dir ja noch allerlei. Komm, sag du 's ihm, Thilde, wenn er mir 's nicht glauben will.« »Max« wiederholte Thilde Utz seltsam feierlich und folgsam. »Es – es bleibt dir noch allerlei – –« Er sah sie starr an. Allmählich wich die Starre aus seinem Blick. Wärme kam hinein und ein Leuchten. 202 »Ja – du,« kam es erkenntnisschwer von seinen Lippen. »Du bleibst mir, Thilde –« »Und uns beiden, Max, eine Arbeit, die der Mühe wert sein wird,« sagte sie und legte ihre Hand in die seine.   24. Firmen werden krank, genau so, wie ein Mensch erkrankt. Unversehens spürst du einen kleinen Stich im Innern. Der Krankheitskeim hat angeklopft. Mehr als einmal hatte es bei Utz und Lamprecht angeklopft. Vor der Tür stand – den Fingerknöchel hochgehoben, vorgeneigt den dürren Körper, gespannt das schlaue Fuchsgesicht – der Verfall. Und es klopfte in diesen Tagen wieder. Die Angestellten verstopften sich die Ohren und taten so, als seien sie taub. Richard Lamprecht achtete nicht auf das Klopfen. Er wollte nicht darauf achten. Es war ihm unangenehm. An diesem Tage wollte Franz Lohmann mit dem Orientexpreß nach dem Südosten, um im neuen Türkenreiche mit den Konkurrenten schwer um einen Riesenauftrag zu ringen. Knapp vor der Abreise erhielt er die Nachricht, daß es seinen Mitbewerbern gelungen war, schon gestern abend mit dem Schnellzug abzufahren. Wie die Türken im Geschäft beschaffen waren, hieß 203 das: Erledigt. Das Geschäft macht, wer zuerst kommt. »Da ist nichts zu machen,« sagte Richard Lamprecht. Franz zog das Kursbuch hervor. Hatte in zwei Minuten festgestellt: Uneinholbar. »Wie ich Ihnen sagte,« meinte Richard Lamprecht. »Nicht Ihre Schuld – das genügt mir.« »Mir nicht,« entgegnete Franz und blätterte fieberhaft weiter. »An in Belgrad – an in Belgrad – ab – fährt nur Freitags durch – heute ist Mittwoch, also – also – das haben sie übersehen. Bleiben einen Tag in Belgrad liegen.« Richard Lamprecht lachte. »Also würden Sie von Belgrad aus mit ihnen zusammen fahren und kämen gleichzeitig mit ihnen in Konstantinopel an.« »Das genügt mir nicht.« Er jagte auf den Fabrikhof, ließ das Auto vorfahren. »Das schnellste Tourenauto, das wir haben. Muß in sechs Minuten dastehen. Zwei Fahrer zum Wechseln. Ziel Konstantinopel. Reichlich Proviant mitnehmen. Türkische Grammatik nicht vergessen. Und Decken – viel Decken.« Los ging's in rasender Fahrt. »Von der nächsten Stadt aus telephonieren wir nach Wien an unseren dortigen Vertreter. Hat 204 hauptpostlagernd Wien erstklassiges Kartenmaterial Wien–Konstantinopel zu hinterlegen. Schneller fahren, schneller. Denken Sie, Sie fahren zu Ihrer Liebsten. – Wie, haben Sie nicht? – Schaffen Sie sich eine an. Wer keine Liebste hat, hat auch keinen Ehrgeiz – und wer keinen Ehrgeiz hat, den kann die Firma nicht gebrauchen. Zum Teufel, Wilhelm, warum fahren Sie auf einmal so langsam?« »Weil ich sonst nicht verstehen kann, was Sie sagen, Herr Lohmann,« grinste der Fahrer. »Das brauchen Sie auch nicht. Zu fahren haben Sie. Den Auftrag der Jungtürkenregierung für ihre Landwirtschaft holen oder verlieren wir nur einmal, Wilhelm. Fahren Sie auf Tod und Leben!« »Auf meinen Tod und mein Leben, meinetwegen,« brummte der Lenker. »Aber es könnte Ihr Leben mit sein, Herr Lohmann.« »Auch an dem liegt nicht viel,« lehnte sich Franz zurück. »Ich fürchte aber – ich fürchte, es geht um ein anderes Leben.« Er sagte nicht, um welches. Wenn es ums Geschick der Firma geht, verstummen die zuerst, die die größte Sorge darum haben. Während Franz Lohmann nach Konstantinopel jagte, fuhr Richard Lamprecht nach Monte Carlo. Nach acht Tagen kam er von dort zurück. Mit einem Halbmillionenverlust. 205 Der Verfall rieb sich die Hände: »Wieder einen Schritt vorangemacht.« »– und zwei zurück,« stellte Franz Lohmann fest, als er mit dem festen Auftrag aus Konstantinopel zurückkam, wo er eine halbe Stunde früher als die Konkurrenz angekommen war, als erster beim Landwirtschaftsminister vorgelassen wurde und mit zündender Beredsamkeit die Angebote seiner Firma unterbreiten konnte. Aber der Verfall gab das Rennen noch nicht auf. Jeden Zugang, jeden Abgang wog er ab mit unsichtbarer Waage. Die Bilanzen machte er nicht nur jährlich – er machte sie täglich, stündlich und wußte genau: Wann ist es so weit? Nach seiner Rechnung war sie mehr als einmal da, die Stunde. Aber immer wieder wurde ihm die Rechnung durchgestrichen. Von einer Hand, die schweigend aus der Habenseite der Bilanzen langte. Die Hand hatte einen eisernen Schlüssel, den sie in ein Geheimfach schlichter Stahlkammerkonten steckte – – Und die Reserven kamen anmarschiert. Besetzten die Breschen. Das Getuschel einer aufgeregten Menge blieb: »– – man munkelt, daß die Firma wanken soll? Ist es wahr, daß der Landmaschinentrust schwere Schlappen durch die Außenseiter erhielt? Haben Sie gehört von unkontrollierbaren Luxusausgaben des 206 Generaldirektors? Unsummen soll er verwettet und verspielt haben. Riesige Gehälter hat er sich bewilligt. Eiserne Bestände wurden angegriffen –« Die Reserven besetzten auch diese Bresche. »– kostspielige Gepflogenheiten großer Herren – unbegrenzter Machthunger einzelner Gründungsmitglieder – einer von den Verschwendern soll geäußert haben: Nach uns die Sintflut –« Noch vermochten die Reserven die Stellung zu halten. »Einer soll das Zepter bekommen haben, dessen Frau ihm das Mittagessen vor wenigen Jahren noch im Henkeltopf in die Fabrik trug. Bitte sehr, das spräche eher für die Firma. Aber schlimm ist es, daß die entliehenen Auslandsgelder jetzt ins Rutschen kommen.« Noch schlossen die Reserven die immer breiter werdenden Fugen. »Die Grundursache aller Schwierigkeit sei in der übertriebenen Kollektivwirtschaft zu suchen. Was das ist? Die Scheu vor der Verantwortlichkeit des Einzelmenschen. Immer versteckten sie sich hinter Mehrheitsbeschlüssen. – Ist es wahr, daß der glänzend beurteilte Kassierer durchgegangen sein soll?« Und dann geschah es, daß die Reserven nicht mehr alle Lücken schließen konnten – – Sie wurden breiter – breiter – – Der Verfall sah seine Stunde näherrücken – – 207   25. Der Vorportier hatte den unscheinbaren Ankömmling mit der zerlederten Aktentasche fragen wollen: »Wen darf ich melden?« Aber ein Blick auf den schlichten Rock, die dicken Stiefelsohlen, die stumpfe Stahlbrille – ein zweiter in harte graue Augen ließen ihn sich begnügen mit einem: »Sie wünschen?« »Von Ihnen nichts,« erwiderte der Untersetzte und ging ruhig durch die Vorhalle. Der Vorportier blickte ihm verblüfft nach. So etwas war ihm bis zum heutigen Tage denn doch noch nicht passiert. Dann klingelte der Mann den Hauptportier im Direktionsgebäude an: »Du, Emil, da kommt jetzt so 'n komischer Kauz – – scheint so einer zu sein, an dem man sich die Finger verbrennen kann. Sieh dich vor.« So unterrichtet, warf sich der Goldbetreßte dem Unscheinbaren stolz entgegen. »Ihr Name, bitte?« »Tut nichts zur Sache. Aber wenn es Ihre Vorschrift ist: Peter Trumm.« »Trumm? – Peter Trumm?« »Gefällt er Ihnen? Freut mich. Nun den Ihren, bitte.« »Den – den meinen?« staunte der Betreßte. Nach seinem Namen hatte man doch nie gefragt. 208 Aber der Fremde war schon weitergegangen, war schon auf der Treppe, wo er den ersten jungen Mann anhielt, der ihm entgegenkam: »Peter Trumm. – Wie, nicht viel Zeit? Geht's Ihnen so wie mir. Sind also gewissermaßen Kollegen. Melden Sie mich Ihrem Generaldirektor.« Der junge Mann staunte den Einfachen an. »Der Herr Generaldirektor –« »– wartet schon auf mich. Ob erfreut oder nicht, spielt keine Rolle. Also flink, junger Mann.« Der junge Mann verschwand tatsächlich im Allerheiligsten. Da drinnen saß Richard Lamprecht in nicht sehr guter Laune. Die Geschäfte ließen nach. Der Ton der Auslandsgläubiger hatte eine Färbung angenommen, in dem versteckte Drohungen schlummerten. Er mußte so tun, als erfasse er sie nicht, denn sonst hätte er im gleichen Tone erwidern müssen. Und dazu war – hm. – die finanzielle Lage der Firma nicht stark genug. Dazu kamen ein paar Sticheleien von den Banken, deren eingeräumten Schuldkredit man kürzlich nicht unwesentlich überschreiten mußte. Das hinunterzuschlucken, war für einen umschmeichelten Gewalthaber nicht leicht. Der junge Mann kam zur rechten Zeit. »Was ist los? Mich sprechen? Sind Sie verrückt geworden? Es kann doch nicht jeder, der von der Straße heraufkommt, mich einfach sprechen wollen,« 209 schrie er ihn an. »Schmeißen Sie den Kerl hinaus.« »Wenn's Ihnen Spaß macht, Herr Lamprecht, soll er's ruhig tun,« kam eine scharfe Stimme von der Tür her. Lamprecht sprang auf. Ein ganz klein wenig verfärbte sich sein Gesicht. »Ah, Sie, Herr Trumm. Das freut mich.« Und sich an den jungen Mann wendend: »Warum haben Sie das nicht gleich gesagt? Herr Trumm hat natürlich jederzeit Zutritt.« Trumms Gesicht blieb unbewegt. Auch als der junge Mann verschwunden war. Er zog nur seine Uhr und warf mit scheinbar ahnungsloser sachlicher Grobheit wie nebenbei hin: »Zeitkrampf. Wieviel die Menschen heutzutage reden – nicht zu glauben.« Er hob die Hand. »Ich beginne.« Richard Lamprecht schluckte. »Womit, wenn ich – wenn ich fragen darf?« »Natürlich dürfen Sie fragen, obwohl das ja sonst eigentlich meines Amtes ist. Immerhin, ich frage nicht zuviel – ich höre lieber.« Lamprecht verbeugte sich. »Daß ich im Auftrage des Revisionsverbandes komme, brauche ich Ihnen wohl nicht erst zu beweisen.« »Unserer Firma ist zwar seit zwölf Jahren eine Revision erspart geblieben –« 210 »Dreizehn,« verbesserte Trumm. »– und ich glaubte Grund zu der Annahme zu haben, daß –« »Daß das Versäumnis jetzt endlich einmal nachgeholt werden muß, nicht wahr?« nickte Trumm und deutete auf das Klingelbrett. »Teilen Sie, bitte, allen Abteilungen meinen freien Zutritt mit.« »Eine halbe Stunde vor Geschäftsschluß?« »Ich weiß, meine Kollegen kommen immer zu einer gelegeneren Zeit. Ich bitte, bei meiner Marotte bleiben zu dürfen, die ich heute sogar dahin erweitere, daß heute keiner eher fortgeht, als bis ich das Zeichen dazu gegeben habe. Und wenn es Mitternacht wird. Oder halten Sie ein bißchen Nachtarbeit nach dreizehn Jahren zu Revisionszwecken für übertrieben?« »Durchaus nicht,« sagte Richard Lamprecht. »Ganz und gar nicht. Das heißt, ich selbst kann wohl – oder darf wohl nach Belieben und Gutdünken gehen?« »Über das Maß des Dürfens, das sich Generaldirektoren selbst bewilligen, habe ich nicht zu entscheiden.« »Sondern?« fragte Lamprecht, und seine Stimme verriet eine gewisse Schärfe. »Sondern die Firma.« »Und da ich die Firma selbst repräsentiere?« 211 »– nehme ich an, daß ich den Chef des Hauses selbst noch um Mitternacht, wenn ich ihn brauchen sollte, nicht erst in seiner Wohnung anzuläuten brauche, sondern nur diese Tür hier zu öffnen habe –« vollendete Trumm seelenruhig. Richard Lamprecht suchte nach einem Taschentuch, um die roten Tropfen seines Lippenbisses fortzuwischen. Trumm ging, ohne eine weitere Antwort abzuwarten, zur Hauptbuchhaltung. Sah den alten Zipperer an und gab ihm kurz die Hand. »Na also – noch immer da, Zipperer.« Er sah sich um. »Die Dame dort drüben kenne ich nicht – oder doch, sie kommt mir bekannt vor –« »Frau Flamm,« flüsterte Zipperer. »Frau Thilde Flamm.« »Die Frau von – –« »– – Max Flamm,« nickte Zipperer. »Und ist sich als Gattin des berühmten Erfinders nicht zu schade, um in der Firma mitzupflügen? Anerkennenswert – sieht ihm ähnlich, dem Flamm.« »Es ist die Tochter vom alten Utz, Trumm.« »Ah, daher das bekannte Gesicht.« »Ihr Vater lebt noch immer und geistert durch die Firma als Irrer. Übrigens, Trumm, so irr, wie manche meinen oder gern hätten, ist er nicht. Ich wollte –« 212 Er unterbrach sich selbst. Der Revisor sah ihn scharf an. »Sie wollten, alle in der Firma wären – – warum beenden Sie den Satz nicht, Zipperer?« »Weil Sie ihn in Gedanken längst zu Ende gedacht haben.« »Stimmt. Was meinen Sie sonst zu den Dingen hier, Zipperer?« Der alte Zipperer starrte ins Hauptbuch. An die hundert Hauptbuchblätterecken hielt die hagere Hand umklammert. Nun ließ er sie fallen. Peter Trumm, der gefürchtete Revisor, hatte so ungefähr tausend Revisionen hinter sich. Glatte, holprige, dunkle, solche, die haarscharf zwischen Recht und Unrecht auf des Messers Schneide liefen. Hatte manche dünne rote Abschlußlinie quer übers Hauptbuch gezogen, die über der Herzgrube einer Firma oder an der Stirnschläfe eines Handlungshauses ihren Anfang nahm und in der letzten Spalte des Handelsregisters endete: »Firma gelöscht.« Aus dem erbarmungslosen Reich der Zahlen stieß der Revisor immer wieder zu Menschenseelen vor, die das starre Reich zu betreuen hatten. Wohlgefällig schaute er den alten Zipperer an. Einer von der alten Garde, aus der Zeit der Firmentreue, die nicht wanken und nicht weichen konnte, weil sie sich sonst mitvernichtet fühlte. 213 »Reden Sie endlich einmal, Zipperer – was meinen Sie dazu?« »Ich habe hier ein Amt und keine Meinung,« antwortete Zipperer starr. »Schön, so werde ich sie mir selbst bilden müssen. Alle Leute des Rechnungswesens haben auf ihren Plätzen zu bleiben, bis ich sie gesprochen habe. Geben Sie die Order weiter, Zipperer.« Diese Nacht der Revision vergaß die Firma nie wieder. Einseitiger spielte sich noch niemals ein Revisionskampf ab. Da war auf der einen Seite nur ein Mann – und auf der andern ein Heer von Angestellten. Der eine Mann besaß nur eine Waffe. Eine sonderbare Waffe. Die stärkste Waffe, die ein Revisionsbeamter schwingen kann: Das Schweigen. Allem, was sie ihm zu sagen hatten, setzte er das gleiche große Schweigen entgegen. Das entnervte sie. Das ließ sie Dinge sagen, die sie ihm nie sagen wollten. An ihren eigenen Worten kletterten sie zum andernmal in die Höhe. Da erst zeigte sich, was wahr war und was nicht. Menschen, die sich mangels eines Echos auf der Gegenseite mit den eigenen Worten überschreien, verlieren die Kontrolle über sich und ihre Aufgabe. Alles, was er wissen wollte, erfuhr der Revisor dadurch, daß er einfach dasaß. Daß er vorgab, gar nichts Bestimmtes erfahren zu wollen. 214 Und als sich gar noch zeigte, daß er sich nicht einmal die kleinste Notiz machte, sprudelten die Quellen einer unaufgeforderten Mitteilsamkeit über. Um Mitternacht war er fertig. Die beiden Letzten, die sich vor dem Pförtnerhause trafen, waren der Revisor und der Generaldirektor. Richard Lamprecht lüftete den Hut. »Ich habe darauf gewartet, daß Sie zu mir kommen, Trumm.« »Erwies sich als überflüssig,« sagte der Revisor. Seine Hände machten eine ungewollte Bewegung. Ebenso ungewollt erschrak der Generaldirektor: War das nicht die Bewegung zweier Hände, die etwas zuzogen? Eine Schlinge –?   26. Utz und Lamprecht standen bei sechs Banken in der Kreide. Das war nicht immer so. Es hatte eine Zeit gegeben – die junge Firma war damals gerade gegründet worden – da war es umgekehrt: Die Bank stand bei der Firma in der Kreide. Der alte Lamprecht war immer ein Feind der Zinsen gewesen. Sie waren ihm unheimlich: »Wenn schon Zinsen, dann lieber solche, die ich bekomme.« Man hatte ihn ausgelacht. Furcht vor Zinsen sei rückständig. Banken seien dazu da, bei ihnen in 215 der Kreide zu stehen, sie würden sonst im Kapital ersticken. Und wenn man bescheiden dafür zinse, erziele man mit dem geliehenen Kapital einen im Vergleich damit – – »– – unbescheidenen Gewinn,« hatte er ergänzt. Er hatte nicht gelacht dabei. Mit der Zinsangst war's ihm ernst: Es hätte einen Sinn gehabt, daß die Päpste ein halbes Jahrtausend lang nicht nur allen Zins verboten, sondern das Verbot auch in der ganzen Christenheit durchgesetzt hätten. Die hätten schon gewußt, warum. Vielleicht nicht wissenschaftlich, aber mit dem sicheren Gefühl der Fingerspitzen für das Unwägbare hätten sie im Zinsen eine dunkle Gewalt erkannt, die sich mit keinen erklügelten Gründen rechtfertigen lasse – – »Oho! Und die Arbeitstheorie des Zinses, die Abstinenztheorie, die Produktivitätstheorie und Nutzungstheorie, he?« war man mit einem nationalökonomischen Trommelfeuer über ihn hergefallen. Er hatte sich abgewandt und schweigend in den Schützengraben seiner Tagesarbeitslast zurückgezogen. Und über ihn hinweggegangen waren die Wirtschaftsschlachten der Nationen. Als sich der Pulverdampf verzogen hatte, ließen sich im Streusand der Granaten festgestampfte Zeichen innerhalb der Hauptbuchkonten Utz und Lamprecht unterscheiden: Utz und Lamprecht standen bei sechs Banken in der Kreide. 216 Revisor Peter Trumm, der Bankenabgesandte, hatte einen düsteren Geheimbericht erstattet. Generaldirektor Lamprecht stand vor einem schweigenden Ausschuß seiner Kreditorenbanken. Ihm war eingefallen: Die beste Verteidigung ist der Angriff. Also begehrte er vor dem schweigenden Konsortium auf: »Verantworten soll ich mich? Bin ich denn ein Angeklagter?« »Er hat nicht unrecht mit der Frage,« meinte gelassen der älteste der Bankleute, der den Vorsitz führte. »Angeklagt in erster Linie sind wir selbst, meine Herren. Jeder von uns hat sich gerissen um eine Firma, wie es Utz und Lamprecht ist –« »War,« schaltete eine Stimme ein. »War oder ist – das ändert nicht die Schuld. Hat einer von Ihnen die Firma gefragt: Haben Sie noch andere Bankkredite?« »Was sie wahrscheinlich nicht gehindert hätte, ›nein‹ zu sagen.« »Und uns nicht hätte hindern dürfen, in einer meinetwegen geheimen Rundgangsliste die Beträge einzuzeichnen, die wir Utz und Lamprecht jeweils kreditierten. Hundert gegen eins, meine Herren: Vor der Summe hätte uns geschaudert – – hätten wir uns schon vor fünf Jahren bekreuzt. Damals wäre es noch nicht zu spät gewesen.« Zu spät – da war's gesagt. 217 Der Vorsitzende wandte sich an Richard Lamprecht: »Sie haben den Revisionsbericht gehört, Herr Lamprecht. Was haben Sie dazu zu sagen?« »Aus dem Handgelenk kann ich das natürlich nicht. Man müßte mir den Bericht erst einmal zu lesen geben –« »Damit Sie sich geschickt Punkt um Punkt herausreden könnten. Es hat schon einen Sinn, sich Zug um Zug zu äußern, Herr Lamprecht. Ungeschminkter kommt die Wahrheit auf den Tisch.« Richard Lamprecht hatte sich gefaßt. Er begann ruhig von der Gründungszeit zu sprechen. »Die ist in Ordnung,« unterbrach man ihn. »Wär sie 's nicht, wir hätten nicht Sie, sondern Ihren ehrenwerten Herrn Vater vorgeladen. Uns interessiert die Zeit, da die Leitung der Firma in Ihren Händen lag.« Er verbeugte sich verbindlich. »Wie Sie wollen. Auch damit kann ich dienen. Zwangsläufig wäre ich ja sowieso darauf gekommen –« Er schilderte geschickt den Aufstieg. Vorher habe der deutsche Landmaschinenbau besonders im Ausland nicht allzuviel bedeutet. Daß es heute anders sei, nehme er als sein Verdienst in Anspruch, als Verdienst der Firma Utz und Lamprecht. Es seien Fehler gemacht worden auf dem steilen Weg nach oben, das gestehe er offen ein. Alle diese Fehler habe der Revisor Trumm sehr geschickt 218 gebündelt dem Ausschuß überreicht. Aber Fehler auf dem Wege zur Höhe seien doch anders zu bewerten, als Fehler schlechthin. Man müsse diese Fehler gewissermaßen als Kinderkrankheiten beurteilen – – Er merkte, wie er an Boden gewann. Wenn nur der Mann im Vorsitz nicht den ernsten Blick aus den erbarmungslosen blauen Augen so in ihn hineingebohrt hätte. »Wenn Sie damit sagen wollten, daß die Firma Utz und Lamprecht jetzt erst –« »– ihre Kinderschuhe ausgetreten habe? Ja, das wollte ich damit sagen,« erklärte Richard Lamprecht. Das Jünglingsalter stünde nun bevor. Und das welterobernde Mannesalter werde unweigerlich kommen, wenn einem im entscheidenden Augenblick nicht von einem Gremium die Möglichkeiten aus der Hand geschlagen werde. »Sie wollen uns also gewissermaßen zum Störenfried stempeln?« fragte der Mann mit den erbarmungslosen Augen. Es war kein guter Geist, der Richard Lamprecht die Worte in den Mund gab: »So ungefähr ist es. Wir werden diese – diese Schönheitsfehler schon überstehen –« »Schönheitsfehler.« Der alte Herr im Vorsitz schlug mit der Faust auf den Tisch. »Die 219 Bilanzfrisur, als ihr Euern ersten größeren Bankkredit dringend brauchtet, will ich noch dafür gelten lassen, obwohl auch unsere Väter und Vorväter dafür einen andern Namen hatten – grobe deutsche Namen, die nicht mehr modern sind. Aber die lange Kette all der mehr als zweifelhaften Dinge, die dann später in den Räumen Ihrer Firma gang und gäbe und zuletzt heimisch wurden –« »Welche Dinge meinen Sie?« »Hier sind sie – – Herr Trumm hat sie gewissenhaft verzeichnet.« »Ein Federfuchser,« sagte Richard Lamprecht gereizt. »Hier ist der Federfuchser,« kam eine Stimme hinter Richard Lamprecht hervor und ließ ihn sich erschrocken umdrehen. »Was wünschen Sie von mir, Herr Lamprecht?« Dem Generaldirektor verschlug's sekundenlang den Atem. Dann faßte er sich und stotterte: »Nicht hier, Herr Trumm – nachher – unter uns –« »Wir sind unter uns,« erklärte der Vorsitzende hart. »Das ›Unter uns‹ im Sinne unserer Väter aufgefaßt. So, wie Ihr 's verbogen habt, umgebogen habt in ein Getuschel hinter Privatkontortüren, umgefälscht habt in ein heimliches Augenzwinkern und in ein schamloses Klopfen auf Euer Provisionsscheckbuch – das war 's ja, was die 220 Geschäftsmoral herunterbrachte. Das war's, was dem alten ehrbaren Kaufmannsgeist den Rat gab, sich ins Hinterstübchen eines Altenteils zu verkriechen, weil er nicht wendig genug sei für Eure beweglichen Praktiken. Damit aufzuräumen, meine Herren – zunächst bei einer Firma – deshalb sind wir heute zusammengekommen – nicht aber, um alles ausgehen zu lassen wie das Hornberger Schießen.« Beifall folgte den erregt hinausgestoßenen Worten. Richard Lamprecht stand blaß und aufrecht vor dem Konsortium. »Meine Herren, der Name Lamprecht hat einen europäischen Klang zu verteidigen –« »Ich bin der Meinung, daß der Klang des Namens Flamm noch weiter trägt.« »Flamm ist nur ein Angestellter der Firma.« »– dessen geniale Erfindungen den Erdball umspannen.« »Umspannt haben.« »Über die Dauer beider Spannungen kann man sich täuschen, Herr Lamprecht.« »Ich bin noch Generaldirektor der Firma Utz und Lamprecht. Und es könnte geschehen, daß mit meinem Rücktritt eine ganze nationale Industrie zusammenbräche –,« fuhr Richard Lamprecht auf. »Besser ein Zusammenbruch als Fortbestand mit beflecktem Firmenschild.« Röte stach in sein Gesicht. 221 »Ob das auch die Meinung der Bankaktionäre ist, wenn durch unseren Zusammenbruch die Aussicht auf die Bankendividende –« »Was geht das Sie an? Sie sind der Letzte, der sich anmaßen dürfte, sich zum Schützer unserer Dividenden und unserer Aktionäre aufzuwerfen.« Eine Stunde später war das Protokoll aufgesetzt. Genau wurde Richard Lamprecht der Weg vorgeschrieben. Scharf und hart waren die Bedingungen. Ihm blieb nur eine Wahl: Anzunehmen, oder die Kredite fielen. Mit ihnen die Firma und er selbst. Am Schluß hieß es: »Als Kontrollinstanz bestimmen wir einen Mann, der mit der Firma aufgewachsen ist und von unten her alle ihre Teile getreulich durchlief: Franz Lohmann.« Da bäumte sich Richard Lamprecht noch einmal auf: Der ehemalige Lehrling sollte –? Unbarmherzige Augen zerschnitten seinen Einwand. Es blieb ihm nichts weiter übrig, als Ja zu sagen – –   27. Franz Lohmann traf die Ernennung zum Vertrauensmann auf seiner Reise. Er überblickte die Unterschriften und erkannte: Diese Leute hatten die Macht zum Diktat. 222 »Wenn wir Sie auch schützen,« hieß es am Schluß des Briefes, »von Ihrem kaufmännischen Geschick und menschlichen Takt wird es abhängen, wie Sie den Rahmen füllen. Wie die Dinge liegen, ist es nicht leicht. Ihre Berufung ist der Beweis unseres Vertrauens.« Er schwankte. Er verbrachte einen zerrissenen Abend. Ein arbeitsamer Tag lag hinter ihm. Wieder waren ihm Erfolge zugeflossen. Erfolge für die Firma. Fast aussichtslose Fälle hatten unter seinen Händen das Gesicht verändert. Und das alles, ohne daß er darüber in Schweiß geriet. Es schien fast, als genüge schon sein Dasein, Verwirrungen zu ordnen. Mit dem Vertrauensauftrag in der Tasche ging sein Blick zurück: Sein Vater Weichensteller, die Mutter Putzfrau. Die Jugend einsam auf dem Hochmoor zwischen zwei Eisenbahnstationen, ein Geleise hin und ein Geleise her, eine Wanduhr in dem einstubigen Wärterhäuschen, rote Tupfen auf dem Zifferblatt und ein Stundenzeiger, der auf die roten Tupfen zukroch. Der Vater, der dann plötzlich aufsprang und hinauslief, ein Rattern in der Ferne, das zu einem Brausen und Donnern wurde – – dröhnend flitzte eine unbekannte Welt vorbei. Danach ein mühevolles Graben in dem Gärtchen hinterm Wärterhaus und am späten Abend eine Mutter, die von einem schweren Putztag 223 heimkam und sich gerade noch die Zeit zu einem guten Wort zum Vater und zum Streicheln eines Kinderscheitels zu nehmen suchte, ehe die Müdigkeit sie ins Bett zwang. Dann der rasche Tod des Vaters. Und damit die Not. Trübe lag vor ihm die Welt. Es fand sich ein Verwandter, der die Lehre zahlte. Es war keine leichte Lehre bei der Firma Utz und Lamprecht. Nichts wurde ihm geschenkt. Auch Demütigungen waren einzustecken. Auch Krach gab es. Aber auch Arbeit, die ihn durch alle Teile dieses weitverzweigten Hauses lotste. Und nun eine neue Sprosse hinauf. War's eine Sprosse des Segens? Oder würde Unheil daraus für ihn entstehen? Er konnte nicht ins reine kommen. Einen Kanzleibogen nahm er, faltete ihn in der Mitte, überschrieb die linke Hälfte mit »Ja,« und die rechte Hälfte mit »Nein«. Gewissenhaft darunter setzte er die Gründe, die für eine Antwort mit Ja – und daneben die andern Gründe, die für ein Nein zu sprechen schienen. Es ergab sich für den Rechner und Berechner seiner Seele, daß die eine Hälfte weitaus größer war als die andere. Halt, sagte er sich, du mußt die Gründe abwägen, nicht zählen. Er wog und wog. Und kam zu einem Teile Ja und zu drei Teilen Nein. 224 Er atmete auf. Nun war es klar, was er zu tun hatte. Bei einem Verhältnis von 1 zu 3 gab's keinen Zweifel mehr. Ruhig ging er auf das Postamt. Das Ja ging trotzdem fort. Er beendete seine Geschäftsreise einen Tag früher und suchte, als er zurückkam, den alten Lamprecht auf. Der sah sich die Berufung an, ließ sich von dem Abwägen berichten und sagte: »Glück auf den Weg, Franz. Ich darf Sie doch noch so nennen?« »Es ist mir eine Ehre, Herr Lamprecht. Aber eines Glückwunsches wegen bin ich nicht gekommen. Ich komme mit einer Bitte: Wie soll ich mich Ihrem Sohne gegenüber verhalten?« »Meinem Sohn? Ach so, dem Generaldirektor gegenüber. Ich bin ein alter Mann, Franz. Wie könnte ich da raten, der ich selbst Richard gegenüber einen Schiffbruch erlitten habe?« meinte Lamprecht müde. »Herr Lamprecht, es hat einen größeren gegeben, von dem es hieß: Sich selbst konnte nicht helfen, der anderen half.« »Der am Kreuz? Ja ja, weiß Gott, ich hänge nachgerade auch daran. Hab ich Ihnen gratuliert? Ich nehme es zurück. Bei einem Abrutsch in die bodenlose Tiefe gibt es nichts zu gratulieren, Franz.« »Ihn aufzuhalten, bin ich ja berufen. Unsere alte liebe Firma soll wieder –« 225 »Alte Firma? Liebe Firma?« brach es aus dem alten Lamprecht voll Bitterkeit heraus. »Alt hat er mit Schwachsinn übersetzt, der Richard. Die anhängliche Liebe unserer kleinen Stammkundschaft hat er bespöttelt. Nur so um sich geworfen hat er mit der Weltbedeutung. Und jetzt? Jetzt soll der Lehrling die Weltfirma retten.« Die Greisenhände bedeckten für eine Sekunde die Augen. »Meinen Sie wirklich, Herr Lamprecht, ich sei noch ein Lehrling?« fragte Franz Lohmann lächelnd. »Im letzten Sinne bleiben wir es immer. Das ist's ja, was den Richard scheitern ließ. Er wollte niemals Lehrling sein. Er glaubte keine Lehrzeit nötig zu haben, die war für die andern. Er war immer nur der Herr – der Herr mit den weltweiten Zielen, der sich nicht mit Kleinigkeiten aufhalten wollte. Als bestünde nicht das Größte aus Millionen Kleinigkeiten –« »Wir werden die Kleinigkeiten wieder beachten, Herr Lamprecht, dann wird auch ein neues Wachsen kommen –« »Der ehemalige Lehrling doziert seinem alten Lehrherrn.« »Ich wollte nur, Sie wären es geblieben.« Das entwaffnete die Bitterkeit des Alten. »Wahrhaftig, Franz, Sie sind kein Lehrling mehr. So wenig, wie ich noch der Prinzipal bin. Ich bin 226 altes Eisen, habe ausgedient und hätte nur noch eine Bitte: Einen Tag früher sterben, als die Firma Utz und Lamprecht stirbt –« Tränen stürzten aus den alten Augen. Franz packte die Hand seines Chefs. »Utz und Lamprecht sterben nicht, Herr Lamprecht. Wir stehn davor –« »Wir? Wer ist wir? Ich bin's nicht mehr. Utz? Eine Ewigkeit, daß er 's gewesen. Flamm? Schon im Abbau. Thilde? Auch die beste Frau kann Stürze höchstens in ein Gleiten wandeln. Blieben Sie noch, Franz – –« »Ich verspreche Ihnen, daß ich meine ganze Kraft einsetzen werde –« »Nicht die ganze, Franz. Sahen Sie schon einmal einem Bauern bei der Arbeit zu? Ich tat's oft. Auf der Bauernschaft ruht ja der eine Firmenpfeiler. Der Bauer gibt sich niemals ganz aus. Er hört auf, bevor seine Kraft restlos verbraucht ist. Das ist gut so. Ohne diese Regel trüge die Erde schon längst keinen Bauern mehr, und ohne Bauern keine Städter. Machen Sie es auch so: Einen Saldovortrag müssen Sie behalten – Sie werden ihn noch brauchen.« »Und Sie selbst, Herr Lamprecht?« »Ich? Ich versäumte meinen Saldovortrag. Mein Konto ist verebnet. Kümmern Sie sich nicht mehr drum. Und – und hüten Sie sich vor dem gleichen Schicksal.« 227 Beschwerter, als er kam, ging Franz Lohmann wieder und suchte Thilde Flamm in ihrer Wohnung auf. Er traf sie frohgemut bei ihren Kindern: »Die haben eine Vorrangshypothek, Herr Lohmann, auf meinen Halbtag – die andere Hälfte ist noch immer Utz und Lamprecht verschrieben.« Sie hörte aufmerksam seinen Bericht an. »Sie werden natürlich annehmen,« schloß er, »daß ich vorher mit Ihrem Gatten –« »Da irren Sie,« lächelte Thilde Flamm. »Ich bin 's gewohnt, daß man bei konkreten Dingen durch die Frau des Erfinders zwei Fliegen auf einmal zu fangen hofft.« »Mit einer wäre ich zufrieden, liebe Frau Flamm.« »Das heißt, Sie wollen meinen Rat? Und ich – ich nahm mir heute morgen vor, um Ihren Rat zu bitten.« »In welcher Sache?« »Was hat der Erbauer eines Schiffes zu tun, das so übel betreut wurde, daß es demnächst auseinanderzufallen droht? Darf er es verlassen auf dem Rettungsboot, dem einzigen Teil, an dem er nicht mitarbeitete?« Franz Lohmann sah sie an. »Sie meinen also einen finanziellen Ausweg für den, der nie etwas mit Geldern zu schaffen hatte?« fragte er. »Wurde das Utzsche und Flammsche 228 Vermögen, der Erlös aus dem Verkauf der Aktien seinerzeit nicht sicher angelegt?« »Seinerzeit gewiß. Aber als die Firma zu kämpfen hatte, wurde er auf Bitten des Generaldirektors –« »Um Gottes willen, doch nicht wieder ins Geschäft gesteckt?« »Was blieb uns weiter übrig?« »Fest hätten Sie bleiben müssen,« ereiferte sich Franz. »Nicht nachgeben hätten Sie dürfen. Sich selber treu bleiben hätten Sie sollen –« »Das eben meinten wir zu tun, als wir der Firma halfen,« sagte Thilde einfach. »Die Firma und wir –« »– war einmal dasselbe.« »Und wird es vielleicht wieder, wenn Sie nun das Steuer in die Hand nehmen, Herr Lohmann.« »Der Steuermann ist noch nicht das Schiff, liebe Frau Flamm – und noch weiß ich nicht, ob der abtretende Steuermann sich steuern lassen wird.« »Ihre Vollmacht –« »Sie meinen, daß ich ihn vom Steuerrad abdrängen könnte?« »Wenn es sein muß.« »Deshalb kam ich ja zu Ihnen. Zwei Steuerleute, die sich auf der Kommandobrücke raufen angesichts der Zuschauer – wieviel Fetzen Würde und Kredit werden da wohl von der Firma übrigbleiben?« 229 »Daran dachte ich nicht. Aber ich sehe ein; daß das vermieden werden muß. Warten Sie – ich hab 's – kommen Sie.« Sie führte ihn durch einen engen Gang, wie ihn die Bürgerhäuser aus den alten Zeiten übernommen haben. »Hier wohnt mein Vater,« flüsterte sie, auf das Ende des Ganges deutend. »Aber wenn wir stören?« »Er wird nie gestört. Er sieht uns nicht. Er lebt in einer andren Welt. Nur um eins bitte ich Sie: Sprechen Sie ihn nicht an, das würde ihn aus seiner Versunkenheit wecken.« »Und wenn er mich anredet?« »Dann geben Sie ihm ruhig Antwort. Nehmen Sie ihn für voll. Das ist das ganze Geheimnis, um Kinder und Irregewordene in unsere Ebene zu heben.« Sie hatte angeklopft. Sie traten ein. Der alte Utz saß halb auf der Ecke eines Tisches. Ein Bein wippte leicht. Er blickte versunken durch das Fenster in den Garten hinaus. Langsam ging sein Kopf herum. Über seine Züge flog ein dünnes Erkennen. »Du hast mich lange nicht mehr geküßt, Thilde – was willst du von mir?« Sie streichelte sanft seine Hand, die auf dem wippenden Bein lag. 230 »An den Franz wirst du dich doch noch erinnern, Vater?« Die Frage traf ihn nicht mehr. Sein verworrenes Sinnen streifte wieder durch Gefilde, die ihm langvertraut sein mochten. »Vater ist gegangen,« sagte Thilde. »Nun will ich Ihnen zeigen, was uns damals half, als er irre wurde. Half in unserm grenzenlosen Jammer, der ihn und uns zu fassen drohte. Das schlimmste war damals, daß der Irrsinn nur erst Teile seines Verstandes erfaßt hatte. Andere Teile waren klar und scharf geblieben, eine Weile noch. Dazu gehörte, daß er in der Firma noch seine alten Befehle austeilen wollte. Befehle aber, in die schon streifenweise, wie in grüne Felder weiße Hagelstriche, der Irrsinn ragte. Die, denen er befahl, konnten sich eines Lächelns nicht enthalten und gehorchten gar nicht oder nur halb –« »Ich weiß es. Dann wurde er zornig –« nickte Franz. »Ja, es gab schreckliche Auftritte, bis – bis zu dem Tage, da wir dieses Bild entdeckten.« Sie wies auf ein Bild an der Wand. »Der Lotse« hieß es. Ein großes Schiff im gewaltigen Meeressturm. Windstärke 11. Auf der Kommandobrücke stand am Steuerrad ein Lotse. Es war prachtvoll, wie er das Rad in den Fäusten hielt. Wundervoll, wie er das Schiff durch den brüllenden Orkan lenkte. 231 Halt – und da? War die senkrechte Steuerstange nicht ein Stockwerk tiefer durchgeschnitten? War da nicht ein zweites Steuerrad auf die Schnittstelle aufgesetzt? Und an diesem zweiten Steuerrad stand ein anderer Mann. Besorgt und tief bekümmert, wie ein Staatsmann aussehen mag, der die Pflicht hat, das Staatsschiff durch ein haarscharfes Lavieren noch in allerletzter Sekunde aus der mörderischen Brandung herauszureißen. »Ich danke Ihnen,« sagte Franz Lohmann schlicht und einfach und drückte Thilde Flamm die schmale, feste Hand.   28. Franz hatte neben dem Generaldirektor einen kleinen Raum bekommen. Beide hatten einen Pakt geschlossen. »Ich, der Generaldirektor, bleibe nach außen, was ich war, der Kommandant! Das breitgeschweifte L meines Namenszuges wird erst Wirksamkeit erlangen, wenn ein anderes, ein ganz kleines, ganz bescheidenes L links unten in der Ecke steht.« So konnte es geschehen, daß im »Allerheiligsten« ein Vertrag bis auf die Unterschrift gedieh. Daß ihn Richard Lamprecht nur noch oberflächlich überlas und ihn unterm Lesen wie von ungefähr durch ein 232 kleines Wandfenster neben seinem Schreibtisch in den Nebenraum gleiten ließ. »Aha, Sie lassen's registrieren, Herr Generaldirektor?« lächelte der Besucher siegesfroh. Das Gespräch floß in ruhigen Bahnen weiter. Nach einer Weile – der Besucher hatte sich einen Augenblick abgewendet – geschah es dann, daß er ein leises Rascheln zu hören meinte. Und wenn er dann aufstand: »Darf ich um das Duplikat bitten, Herr Generaldirektor?« – sah er, daß Richard Lamprecht unter das Blatt, das vor ihm lag, noch immer nicht seinen Namen mit dem weitgeschwungenen L gesetzt hatte. Auch die linke Ecke war leer. Lamprecht raffte sich auf. »Tja, verehrter Herr Kulenkamp, es tut mir leid – es geht doch nicht.« »Was heißt – geht nicht?« fuhr der Besucher auf. Das mit dem Vertrag gehe nicht, meinte Lamprecht. »Aber erlauben Sie, der Vertrag ist doch unterschrieben.« »Von Ihnen. Noch nicht von mir. Ich habe es mir anders überlegt. Wir kommen nicht auf unsere Rechnung.« Der Besucher wütete. Der Generaldirektor hob immer wieder langsam seine Schultern und ließ sie 233 jäh zurückfallen, indem er unaufhörlich in die leere untere linke Ecke des Papiers starrte. Fluchend ging der Besucher endlich. »Unerhört. Mich zu binden und sich dann selbst zurückzuziehen. Na, das kommt Sie teuer zu stehen, mein Lieber.« War er allein, sprang Lamprecht auf und schritt mit ähnlichen Gefühlen auf die Tür zu, die ins Nebenzimmer führte. Vor der Tür aber blieb er stehen. Drucklos glitt die Hand von der kühlen Klinke ab. Bis sich das kleine Wandfenster öffnete und das Gesicht Franz Lohmanns sichtbar wurde. »Es tut mir leid, Herr Generaldirektor, aber es ging nicht. Der Paragraph sieben hätte eine Fußangel für die Firma werden können. Seien Sie nicht ungehalten. Es war meine Pflicht, Sie darauf aufmerksam zu machen.« Und ruhig ging Lamprecht wieder an seine Arbeit zurück. Es war kein Zweifel: Mit Utz und Lamprecht ging es wieder aufwärts. Erst ganz langsam. Zuviele notdürftig überbrückte Hohlräume waren auszufüllen. Dann aber nicht mehr ganz so langsam – dann immer schneller und schneller. Der Tag schien nicht mehr fern zu sein, wo die Firma wieder die alte überragende Stellung erklommen haben würde. 234 Der Takt zu diesem neuen Rhythmus, ward getuschelt, gehe von einer geheimnisvollen Stelle aus. Ein kleines, winziges L stehe dahinter. Alle wußten, was dieses L zu bedeuten hatte. Keiner sprach es aus. Auch der Aktienkurs hatte wieder die Linie nach oben eingeschlagen. Die Generalversammlungen verliefen nicht mehr dumpf, verstimmt, trübe. In der heutigen war sogar ein Staunen durchgedrungen: Die Dividende, die vor drei Jahren ausgesetzt werden mußte, die Dividende, die im letzten Jahr in sehr bescheidenem Maße wieder aufgenommen worden war, hatte eine Verdoppelung erfahren. Wie das bei solchem Anlaß immer ist, man tat so, als gehe das nicht weiter als bis an die Haut. Es war ja schließlich unfein, sich die Seelenstimmung von der Dividende vorschreiben zu lassen. Sie diktierte doch. Man war vergnügt. Man nickte dem Nachbarn freundlich zu. Man hatte ihn zwar nie gesehen – die Dividenden schafften Bruderstimmung. Die Entlastung war erteilt. »Einstimmig,« schrieb der Notar. Die Bilanz hatte man schon eingangs glatt genehmigt. In ihr war die neue Doppeldividende eingeschlossen. In aufgeräumter Stimmung rüstete man zum Gehen. Man verriet sich gegenseitig ein paar gute 235 Weinlokale, wo man einen Teil der Dividende nutzbringend anlegen könnte. Richard Lamprecht grüßte nach allen Seiten. Das Lächeln eines Siegers wich den ganzen Tag nicht von seinen Zügen, die in der letzten Zeit einen etwas gedunsenen Ausdruck angenommen hatten. Max Flamm neigte sich zu seiner Frau: »Ich wollte, der Finanzklimbim wäre endlich vorbei, Thilde.« »Auch diese Dinge sind ein Teil von unserer Arbeit, Max.« »Nicht von der meinen. Fühlst du 's nicht? Es ist unbehaglich hier.« »Wie meinst du das?« »Es liegt etwas in der Luft – etwas Explosives. Irgend etwas stimmt hier nicht,« zog er die Schultern zusammen. »Wenn du das geschäftlich meinst, Max: Ich habe keine Angst. Solange der dort in der Nische sitzt, kann uns nichts passieren,« sagte Thilde. »Ach so, den Ein-Stockwerk-tiefer meinst du, den heimlichen Lotsen? Ja, auf den vertrau ich auch. Was will er aber ausrichten, wenn der Zug ihn miterfaßt?« »Welcher Zug?« »Der geheime. Hast du noch keinen scheinbar toten Wasserspiegel gesehen, unter dem todbringend, unsichtbar ein Wirbel quirlt?« 236 »Leiser, Max – Franz schaut herüber. Gerade der soll es nicht hören,« mahnte sie. »Ich verstehe –« Nicht weit davon, in einer Ecke, wurde das Fehlen des alten Lamprecht bemerkt. »Laßt ihn doch,« meinte einer. »Das Genie des jungen Lamprecht hat uns die verdiente Doppeldividende aus dem Kuddelmuddel herausgeholt. Wir Aktionäre hätten dem Manne etwas abzubitten.« »Abzubitten? Was denn?« fragte ein anderer. »Habt ihr die Redereien vergessen? Eine Schande war das.« Der Sprecher richtete sich auf. »Ich bitte ums Wort. – Ich beantrage, unserem verdienten Herrn Generaldirektor für die mustergültige Versammlungsleitung und noch mehr für das unerwartet günstige Abschneiden des Geschäftsjahres unseren herzlichsten Dank auszusprechen.« Geräuschvolle Zustimmung von allen Seiten und Bravorufe. In einer anderen Gruppe aber, die sich etwas zurückgezogen hatte, schienen Zwistigkeiten ausgebrochen zu sein. »Gott sei Dank, daß ich selbst mit Wechselreitereien nichts zu tun habe,« sagte einer. »Was ihn nicht zu hindern braucht, es bei anderen zu kritisieren, nicht wahr?« höhnte ein anderer. Ein dritter äußerte erregt: »Soviel er will. Aber 237 Utz und Lamprecht damit in Verbindung zu bringen, das ist eine – – ist eine Unverschämtheit!« »Wenn er noch ein Wort darüber sagt, schicke ich ihm den Hauptbuchhalter Zipperer auf den Hals.« »Zipperer?« fing der erste wieder an. »Das ist es ja: Sogar dessen Prokura-Unterschrift habe ich auf solchen Abschnitten gesehen.« »Verleumder!« »Jetzt wird 's aber zu bunt!« Der Angegriffene wehrte sich. »Heute vormittag noch gingen mehrere solcher Abschnitte durch die Hände unseres Prokuristen. Und wenn man ihnen auch nicht an der Nasenspitze ansehen konnte, ob es sich um waschechte Reitwechsel handelte – –« »Warum haben Sie Ihren Prokuristen nicht gleich mitgebracht?« spöttelte ein anderer. »Von der Handelsbank, nicht wahr?« Da war der Angegriffene schon fort. Im Sturmlauf. Richard Lamprecht schwang die Präsidentenglocke. Es sei zwar rechtlich nicht unbedingt nötig, aber der Notar lege doch Wert darauf, das inzwischen angefertigte Protokoll samt den Beschlüssen der verehrlichen Versammlung vorzulesen. Es sei zwar schade um die Zeit, aber er habe nichts dagegen, wenn inzwischen Briefe geschrieben oder die Zeitung gelesen würde. Nur dazubleiben bitte er – 238 »Wären wir gegangen, Max,« sagte Thilde. »Verfolgt dich das – wie soll ich 's sagen – das zweite Gesicht noch immer?« Er gab ihr keine Antwort. Das eintönige Geplätscher des vorlesenden Notars förderte die Unterhaltung. Ein Diener fragte, ob der Zutritt neuer Ankömmlinge verboten sei? Durchaus nicht, wurde ihm bedeutet. Es sei sowieso gleich vorüber. Da trat der vorhin Angegriffene ein. In seiner Begleitung befand sich der Prokurist der Handelsbank. Sie ließen den Hauptbuchhalter Zipperer auf die Seite bitten. Der Prokurist entblätterte zunächst ein Wechselbündel. Wies auf einige hohe Markbeträge, dann auf die Unterschriften: »Ich bitte um Entschuldigung, daß ich überhaupt zu fragen wage – unser Herr Vertreter hat mir reichlich verworren berichtet –« »Keine Einleitungen,« unterbrach ihn Zipperer. »Wir sind kurz vorm Ende. Was wünschen Sie?« »Nichts weiter, als zu wissen, ob diese Unterschriften in Ordnung sind.« Der alte Buchhalter hatte längst alles gesehen. Nur wer unter den Tisch geblickt hätte, auf seine Hände, wäre verwundert gewesen, zu sehen, wie sie sich fest zusammenpreßten. Überm Tisch markierte er ein Blinzeln. 239 »Unterschriften? Unsere? Was gibt's da noch zu fragen?« »Ist Fragen nicht erlaubt?« »Im Zusammenhang mit Wechseln bei unserer Firma nicht.« Dann ließ er den verdutzten Frager stehen, schlenderte wie von ungefähr, aber mit ungemein mühsamer Beherrschung, zu Richard Lamprecht hinüber, tat so, als suche er auf dessen Platz Papiere einzuordnen und flüsterte mit kaum bewegten Lippen: »Tun Sie, als hörten Sie nicht, was ich Ihnen sage, Herr Lamprecht. Etwas ganz – ganz Komisches ist da – ein Bündel hoher Wechsel mit Ihrer Unterschrift ist im Umlauf, ohne in unseren Büchern eingetragen zu sein. Wissen Sie davon? Da drüben – der Prokurist der Handelsbank hat sie –« Seine Hände wühlten sinnlos in gleichgültigen Konzeptpapieren auf dem Platze des Generaldirektors. In ihm selbst wühlte eine feurige Firmenfrage, wühlte die Frage aller Firmen: Sind wir noch sauber? Von Richard Lamprecht kam keine Antwort. Immer drückender, furchtbarer stieg in Zipperer die Frage aller Fragen auf. Sie saß in seiner Kehle, während seine zitternden Finger die Papiere durchwühlten. Sie breitete sich aus, die verhängnisvolle 240 Frage. Am liebsten hätte er sie dem Chef ins Gesicht gebrüllt. »Sind wir noch sauber?« Richard Lamprecht stand auf und schritt davon. Einer kleinen Tür zu. Als er sie erreicht hatte, wandte er sich kurz um – Zipperer glaubte einen Wink seiner Augen zu erkennen und folgte ihm. Zipperer stand seinem Prinzipal gegenüber und erschrak. Dessen gedunsenes Gesicht war aschfahl, die Augen starrten an ihm vorbei, als suchten sie irgendwo an der Wand einen Halt. »Herr Generaldirektor,« stammelte er. »Was – was bedeutet das? Sind wir – ist die Firma noch sauber? Ist – ist alles noch so, daß wir – daß wir – –« Da stand auf einmal Franz Lohmann in der Tür. Zipperer wich entsetzt zurück, taumelte gegen Richard Lamprecht, um dessen verschwommenen Mund ein verbissener Zug erschien. »Ich habe auch ein Recht, es zu erfahren, ob wir noch sauber sind, Herr Lamprecht,« sagte Franz Lohmann, und in seiner Stimme tobte ein unterdrückter Sturm. »Ich bin der Kontrollbeamte der Firma, von denen aufgestellt, die Ihnen, Herr Generaldirektor, noch eine letzte Möglichkeit geben wollten. Ich hatte den Gläubigern einen Vertrauenseid geleistet: Nichts geht in der Firma vor, ohne meinen 241 Blick zu passieren. Nicht der leiseste Schatten sollte mehr auf die Ehrbarkeit der Firma fallen –« Er stand vor Richard Lamprecht und hatte dessen Handgelenk gepackt. »Ich habe den Schwur gebrochen. Ein Wechselbündel hat meinen Blick nicht passiert. Der Schatten eines Bündels falscher Wechsel ruht auf unserer Firma und wird immer auf ihr ruhen. Wissen Sie, was ein falscher Wechsel ist, Herr Lamprecht? Ein falscher Wechsel ist der Tod des Kaufmanns.« Er schrie ihn an: »Was haben Sie noch hier zu tun?« Er ließ den Generaldirektor los. »Ich nichts. Sie, Herr Zipperer?« Der alte Buchhalter weinte. »Sehen Sie das, Herr Lamprecht? Wissen Sie, was das heißt? Die Tränen einer vor die Hunde gegangenen Firma –« Da raffte sich Richard Lamprecht auf. »Halt. Jetzt will ich auch einmal reden. Ich, der Chef. Machen Sie die Tür dort besser zu. Nicht? Na, schön – dann tue ich es selbst.« Mit einem Satz war er an der Tür und drehte den Schlüssel herum. Kam langsam zurück und sah seinem Gegenspieler ins Gesicht. »Bis jetzt haben Sie gesprochen. Ich – ich habe nichts zu verlieren – wissen Sie, was das heißt?« »Leider, wenn ich an die Firma denke,« sagte Franz ruhig. 242 »Mit dem, was Sie mir eben ins Gesicht schleuderten, glaubten Sie abzurechnen,« schrie Lamprecht. »Sie vergaßen: Zum Abrechnen gehören zwei. Einer, der rechnet – und einer, der mit sich rechnen läßt. So weit sind wir aber noch nicht. Gestatten Sie, daß ich etwas vorschalte, Herr – Herr Schulmeister.« Franz Lohmann sah auf die Uhr. »Etwas kurz, bitte. Die Leute draußen spüren schon: Hier geht etwas vor. Hier geht es um den letzten Einsatz. Sie warten auf das Schlußwort –« »Das spreche ich. Hören Sie zunächst, was Sie betrifft. Es ist richtig, die Wechsel gehen nicht in Ordnung. Sie sind nicht gebucht. Wir hätten unsere Dividende nicht erhöhen können, wenn – –« »– – und wir werden sie auch nicht erhöhen. Es war ein Betrug, Herr Lamprecht.« »Lassen Sie die starken Worte. Um mal deutsch zu reden: Die Wechsel werden im Laufe des nächsten Jahres ganz von selbst von der Firma getilgt –« »Noch deutscher, Herr Lamprecht: Was Sie privat verludert haben, soll die Firma zahlen?« »Nehmen Sie sich in acht – ich gebe Ihnen eine letzte Möglichkeit, Sie – Lehrling: Was Sie eben sagten, habe ich nicht gehört. Seien Sie vernünftig: Ich brauche Sie, Sie brauchen mich – die Firma braucht uns beide. Der Verständigungsweg ist offen – so offen, daß –« 243 »– – daß Sie mich zu Ihrem Komplizen machen wollen.« Lamprecht lachte. »Was bleibt Ihnen denn weiter übrig?« »Was übrigbleibt, bestimme ich – was einem von der eigenen Ehre übrigbleibt, darf kein anderer bestimmen,« sagte Franz Lohmann, maßlos erregt. Er erfaßte auf einmal, daß es nicht um ihn ging, nicht um diesen Menschen da – es ging um das Lebensgebilde der Firma selbst, mit der er aufgewachsen war, von der er ein lebendiges, durchblutetes Stück war – die Firma war es, die weiterleben wollte und die aus diesem Lebenswillen heraus ihn schüttelte und zu Worten zwang, die er von sich aus zu diesem Chef nicht mehr gesprochen hätte. Mit aufgehobenen Händen trat er vor Richard Lamprecht hin, der kein Stück der Firma mehr war, der die Firma für seine eigenen, selbstsüchtigen Zwecke mißbraucht hatte, den die Firma längst innerlich abgeschüttelt hatte. »Herr Lamprecht, noch ist es Zeit – noch kann unser Haus gerettet werden –« »Aber, Mann Gottes, das will ich ja.« »– durch die rücksichtslose Wahrheit. Sie sind ein Lamprecht, nehmen Sie 's auf sich – treten Sie hinaus und erklären Sie –« Der Generaldirektor unterbrach ihn mit einem wütenden Auflachen. 244 »Den Teufel werd' ich. Als Schulbube dastehen und mich abkanzeln lassen von denen da. Mir sagen lassen, daß ich, der Generaldirektor, falsch gerechnet habe. Ein netter, guter Rat. Wenn sie keinen besseren haben –« Franz wandte sich ab. Der Tür zu. Lamprecht sah ihm nach mit verzerrten Zügen. »Lohmann –« Es riß Franz herum. »Lohmann – ich habe eine Bitte an Sie. Sie sind durch die Firma groß geworden. Bringen Sie ihr ein Opfer. Sagen Sie, Sie hätten sich geirrt – Sie und Zipperer – den Zipperer kriege ich herum. Wo ist er denn?« »Er ist schon drinnen im Saal,« stieß Franz hervor und vermochte sich kaum noch zu beherrschen. »Bereit, irgend etwas zu tun – für die Firma – zu sterben, wenn es sein muß – für die Firma, Herr Lamprecht, nicht für Sie.« »Er tut's, wenn Sie auch bereit sind.« »Ich bin bereit – zur Wahrheit, zu nichts anderem. Für eine Firma, die leben, die sauber bleiben will, gibt's auf die Dauer immer nur die Wahrheit.« »Es gibt Fälle – –« »Es gibt keine Fälle, Herr Lamprecht.« Richard Lamprechts Augen hatten plötzlich einen haßerfüllten Ausdruck: »Mit andern Worten also: 245 Meine Arbeit war – war ein Sumpf –« Er näherte sich Franz: »Nehmen Sie das zurück!« »Sofort, wenn Ihre Wechsel da erscheinen, wohin sie gehören: In der Bilanz.« »Was heißen würde, daß wir –« »– nicht nur ohne Reingewinn, sondern sogar mit einem Verlust abschließen würden. Es müßte allerdings zur Bilanz eine erklärende Fußnote treten –« »Fußnote?« kam es unheimlich von Lamprechts Lippen. »Und der Inhalt dieser Fußnote, bitte?« »Diesen Betrag hat Generaldirektor Lamprecht für private Zwecke veruntreut,« sagte Franz Lohmann trocken. Das gab dem andern den Rest. In seinen Augen dämmerte eine zu allem entschlossene Wut. »Wir müssen das Gespräch beenden, Herr Lamprecht. Hören Sie die Unruhe da drüben –« Die Tür flog auf. Zipperer, der sich vorhin leise entfernt hatte, um auf seinen Posten zurückzukehren, stand da. Die beiden Herren der Handelsbank hielten ihn am Ärmel. Er stieß sie zurück. »Ich – ich kann nicht mehr, Herr Lohmann,« stammelte er. »Mich haben Sie anzureden,« rief Lamprecht herrisch. Dann mit eiserner Stirn, ohne die Verbindlichkeit der Form zu verlieren, zu den Begleitern: »Die Herren wünschen?« 246 Ein Bündel Wechsel klatschte auf den Tisch. »Ob diese – diese Wechsel hier – Ihr Herr Zipperer erlaubte sich, uns mit faden, gewundenen Erklärungen abzuspeisen –« »Sie scheinen die Fassung verloren zu haben, meine Herren,« blätterte Lamprecht lässig durch die Wechsel. »Ganz ohne Ursache –« »Also wären diese – diese Dinger –« »Dinger?« gelang es Lamprecht, das Wort unnahbar eisig auszusprechen. »Ordnungsgemäß ausgestellte und akzeptierte Wechsel unserer Firma sind keine Dinger – das sollte Ihnen bekannt sein.« »Sie werden also –« »– – pünktlich eingelöst. Was dachten Sie denn, meine Herren?« »Das – dasselbe natürlich. Verzeihen Sie die Störung.« »Nichts zu verzeihen. Sonst noch etwas, meine Herren?« Er geleitete die beiden Herren bis zur Tür. Betrat mit ihnen den Saal. Harmlos plaudernd. Starr sah ihnen Franz Lohmann nach. »Zipperer,« keuchte er. »Sie wissen – Sie müssen wissen, daß das alles – –« »– Theater ist,« senkte der Alte den Kopf. Franz packte ihn und schüttelte ihn. »Aber – dann müssen wir ja – Zipperer, rufen Sie die Herren zurück – wir müssen ihnen sagen –« 247 »– was sie ohnehin schon wissen, Herr Lohmann? Die Spatzen pfeifen 's insgeheim schon lange von den Dächern.« »Und nur wir – nur wir –« »– erfuhren es als die letzten. Das ist bei den Angestellten und – bei den großen Diebereien immer so, Herr Lohmann.« »Aber den Herren von der Handelsbank – –« Von Sekunde zu Sekunde stieg die Erregung in Franz Lohmann. »Denen ist nur eins wichtig: Daß die Wechsel eingelöst werden.« »Und die Aktionäre – die betrogenen Aktionäre da drinnen?« »Denen ist der Skandal unwillkommen. Sie wollen die erhöhte Dividende – alles andere ist ihnen gleich.« Kalkbleich war Franz Lohmanns Gesicht. Er ballte die Hände. Die Pulse seiner Schläfen flogen. »Ich muß – ich muß es ihnen sagen – die Dividende ist – ist ein Schwindel – ein Betrug – ein Verbrechen.« Zwei Männer mit Sanitätsmützen standen in der Tür. »Verzeihung – es soll hier jemand – ein Unfall – – Ah. Sie wohl? Herzanfall, nicht wahr? Werden wir gleich haben – wir haben notfalls eine Bahre mit –« 248 Furchtbar stieg es in Franz Lohmann auf. Mit erhobenen Fäusten ging er ihnen entgegen. »Sie unterstehen sich – –« »Also – Nervenanfall. Hat seine Richtigkeit.« sagte der andere Sanitäter. Mit einem gellenden Schrei schlug Franz Lohmanns Oberkörper auf den Tisch. Vier geübte Sanitäterhände packten zu. Allerdings um den Bruchteil einer Sekunde zu spät. Franz war aufgesprungen. Stieß den, der ihm am nächsten stand, beiseite, war mit einem Satz am Fenster, riß es auf und sprang hinaus. Keuchend stand er auf der abendlichen Straße. Durch die Straßen rannte er verstört. Feiner Sprühregen ging hernieder. Allmählich bekam er die eine Hälfte seines Ich, die körperliche, wieder in die Hand. Die seelische blieb wirr. Blieb noch in den Vorstadtstraßen wirr, durch die er ziellos irrte. Er hörte eine Stimme, die ihn ansprach. Eine weibliche Stimme: »Ich bin hungrig, Herr – –« Er blieb stehen, wühlte in den Taschen und gab der Überraschten ein paar Scheine, die er gerade erraffte. Ihre Stimme schlug in Gestammel um: »Ach, Herr, Sie sind – Sie sind –« »Nichts. Früher war ich etwas – früher – aber jetzt –« stieß er hervor. 249 »Wollen Sie nicht – ich wohne ganz hier in der Nähe – Lola heiße ich – –« Er hörte es schon nicht mehr. Er lief weiter – Zur selben Zeit verließen die letzten Aktionäre die Generalversammlung von Utz und Lamprecht. »Mir scheint, es regnet –« sagte einer. »Dividenden,« lachte der andere und hielt es für einen Witz.   29. Über den Kopf des Generaldirektors hinweg hatten die Großgläubiger der Firma ihrem Vertrauensmann Bericht erstatten lassen. »Ungeschminkten,« klang das Schreiben aus. »Und je knapper, desto lieber.« »Ungeschminkt und knapp?« hatte er zurückgeschrieben. »Ungeschminkt: Die abgesägte Steuerstange hat versagt. Er hat über sie hinaus in größtem Maße gefälscht. Und knapp: Utz und Lamprecht ist verloren.« Dann hatte er doch gezögert, diese beiden lapidaren Sätze an die Gläubiger abzusenden. Nach Geschäftsschluß war er dageblieben. Den Registrator hatte er gemustert: »Sie haben manches vervielfältigt?« »Millionen Blätter, Herr Lohmann.« »Sie bleiben da.« 250 Der andere zögerte: »Unsere Gewerkschaft macht es mir zur Pflicht, bei Überstunden –« »Überstunden werden vergütet.« »Unsere Gewerkschaft hält darauf, daß Überstunden vierundzwanzig Stunden vorher anzumelden sind –« »Ich weiß es selbst erst seit einer Stunde.« »Wenn mich der Herr Direktor der Gewerkschaft gegenüber decken –« »Und wer deckt mich?« fuhr Franz ungeduldig auf. »Und wer deckt den, der mich deckt? Können denn die Menschen von heute nicht mehr von sich aus entscheiden? Schämt euch. Gliederpuppen seid ihr. Bleiben Sie oder bleiben Sie nicht?« Der Registrator senkte demütig den Kopf: »Ich bleibe.« Es ging auf Mitternacht, als sie mit den Briefen endlich fertig waren. Franz legte die Ellenbogen auf die beiden Pfeiler Briefe und sah dem Registrator ins Gesicht: »Haben Sie begriffen, was Sie da vervielfältigten?« »Freilich, diese beiden Haufen.« »Den Inhalt meine ich.« »Was Geschäftliches eben, wie ich es seit dreißig Jahren zu vervielfältigen habe –« »Und wenn Sie eines Tages gehen müßten, Ullmann?« »Gehen müßte?« stotterte der Registrator. 251 »Und nicht mehr wiederzukommen brauchten.« Jetzt erschrak Ullmann. »Habe ich etwas falsch gemacht, Herr Direktor?« »Weder im Registrieren noch im Vervielfältigen, Ullmann. Aber macht das gar keinen Eindruck auf Sie, wenn Utz und Lamprecht zusammenbräche – die Firma, von der doch auch Sie ein Teil sind?« »Ein – Teil?« Franz Lohmann gab es auf. Er hätte einem von den siebenhundert Schräubchen einer Uhr auch nicht klarer machen können, daß es ein Teil der Zeit sei, der allmächtigen. Er wurde traurig: Mußten Uhren, Werke, Menschen, Firmen, Staaten immer erst zerschlagen werden, damit der Sinn gefügter Teile sich ihnen endlich offenbare? »Darf ich gehen, Herr Direktor?« Franz Lohmann nickte. Unentschlossen saß er dann noch vor den Briefstößen. Absenden? Nicht absenden? Auf dem Schreibtisch Richard Lamprechts sah er etwas liegen, das bei Geschäftsschluß nicht daraus gelegen hatte, als die Putzfrau, seine Mutter gewohntermaßen den Staub fortwischte. War das nicht ein Sparbuch? Er schlug es auf. Es war das Sparbuch der alten Putzfrau. Mit einer beträchtlichen Endsumme. Was mußte sie sich in den dreißig Jahren, die sie bei Utz und Lamprecht diente, alles versagt haben, auf wieviel 252 Lebensschöne und Bequemlichkeit verzichtet haben, um auf ihre alten Tage diese fünfstellige Ziffer zu erreichen. Da war ja noch ein beschriebener Zettel. Nein, ein Brief: »Liber Här Lamprecht! Eigenlich habe ich es den Vattern liber gebn wollen, weil er schon meine Mutter gekant hatt, aber weil es heißt, daß sie arge Sorgen haben ins Geschäfft, habe ich mir denkt, ich werde es liber ihnen leien. Zinsen tät ich nuhr verlangen, wenns euch nicht zu schwehr fält. Hofendlich bringts euch übern Berg, dann zahlt ihrs mir zurück.« Er las das zweimal und begann zum drittenmal, als ihm ein Würgen in der Kehle saß. Er hätte heulen mögen. Solche Leute gab 's noch? Leute, die alles in dreißig Jahren mühsam Ersparte bedenkenlos einem Windhund, einem Fälscher – – Nein, so war's nicht: Der Firma gab sie 's. Es war grauer Morgen, als er die Briefe in die Manteltaschen steckte. Dem Sparbuch der Mutter aber fügte er einen Brief bei: »Liebe Mutter! Voriges Jahr hätte sich 's Deinetwegen noch gelohnt, Utz und Lamprecht wieder aufzubauen. Heute ist's zu spät. Deine sauer verdienten Groschen wären heute unrettbar verloren. Ein Schurke wäre ich, gäbe ich sie Dir nicht zurück. Wenn es ein paar 253 hunderttausend Leute mehr geben würde, die der unbedingten Sauberkeit im Leben mit Leib und Seele ergeben wären wie Du, so wäre Utz und Lamprecht heute noch, was es war: Ein getreues, altes, ehrliches Haus des Kaufmanns. Dein alter Lehrling Franz.« Das steckte er in einen Geldbriefumschlag und verwahrte es in der linken Rocktasche über seinem Herzen. Als er durch das Hoftor schritt, drehte sich der erste Arbeitsschlüssel im Schloß. Die Putzfrau stand vor ihm. Er nahm sie fest bei beiden verschrubbten Händen: »Ich bin stolz auf dich. Hier, nimm zurück, was wir aus solchen Händen nicht mehr nehmen dürfen.« Dann zog er tief den Hut und ging.   30. Das Schicksal hing an den Stillhaltegläubigern. Die hatten die entscheidende Sitzung auf den übernächsten Tag anberaumt. Zwei Punkte standen auf der Tagesordnung: Mündlicher Ergänzungsbericht des Vertrauensmannes. Folgerungen daraus. Lohmann, dem Vertrauensmann, war aufgegeben: Wenn vorher jemand versuchen sollte, Geld zurückzuziehen – wer 's auch sei und was es auch sei – keine Unterschrift und keinen roten Heller. Er war verantwortlich dafür. 254 In den Werken herrschte dicke Luft. Nicht, als wäre etwas durchgesickert. Franz war der Einzige, der genau wußte, wie es stand. Alle andern hatten wohl dann und wann etwas von Schwierigkeiten vernommen, aber in diesen Zeiten des erbitterten Kampfes mit den Außenseitern ging es manchmal hart auf hart. Dennoch war es heute überall an jeder Drehbank und vor jedem Tintenfaß zu spüren – Schicksalsluft. In die stumpfe Rotglut der Tragstange einer werdenden Maschine hieb der kalte Nummernstempel 37649. Hieb genau so, wie er in den letzten fünfzig Jahren 37648 mal gehauen hatte. Nichts, was darauf hingedeutet hätte, die Sämaschine 37649 würde anders als ihre Schwestern vorher. Und doch, der Stempel und die Nummer, die rostigglühende Tragstange und die ganze Sämaschine wußten: Auf Utz und Lamprecht schreitet eben jetzt das Schicksal zu, das ehern unabwendbare Schicksal. Alle waren bei der Arbeit. All die Tausende von Gelenken, die zusammen einen Arbeitstag der Firma schufen, arbeiteten tadellos, hatten reibungsloser nie gearbeitet. Nur Richard Lamprecht fehlte. Selten, daß er überhaupt sich blicken ließ. Ihm genügte der nach außen sichtbare Sieg in der letzten Generalversammlung, genügte, das Seinige dazu getan zu haben, daß 255 man sich erzählte: Einer von den Angestellten, der 's vom Lehrling bis zum Direktor gebracht habe, sei renitent geworden und habe sogar versucht, den Aktionären ihre Dividenden zu verkümmern. Na, dem habe es der Chef aber gezeigt – durchs Fenster habe er sogar fliehen müssen. Was aber die, die da redeten, nicht hinderte, sich schnurstracks bei diesem Direktor melden zu lassen und mit freundlicher Verbeugung zu sagen: »Herr Lamprecht hat mir einen Blankokredit zugesagt –« Franz bat um die schriftliche Bestätigung. »– nur mündlich – immerhin aber wird doch auch das unterschriftslose Wort des Herrn Generaldirektors so viel gelten, daß –« »– daß sein Vertreter die versäumte schriftliche Bestätigung nachholen wird. Morgen abend erhalten Sie den endgültigen Bescheid.« Ein kleiner Buchbindermeister war der nächste. Er hatte ein paar Mark zu fordern. Er war aufgeregt. Man munkelte, Utz und Lamprecht stünden schlecht. »Unter uns, ich bin bereit, die Hälfte nachzulassen, wenn ich mein Geld sofort bekäme.« Franz gähnte: »Sonst noch etwas?« Betroffen stolperte der kleine Mann hinaus. Der dritte war ein Bankmann. Er erbat sich einen kleinen Fingerzeig, wie es wirklich stehe. Man 256 könne je nach dem nach oben oder nach unten gehen. »Gemeinsam,« setzte er mit einem Zwinkern hinzu. »Sie meinen, in den Aktien meines eigenen Werkes könnte ich auf Steigen und Fallen spekulieren?« Der andere nickte lebhaft: »Für uns beide würde das bedeuten –« »– daß wir die Unwissenheit irgendwelcher Gegenspieler ausnützten?« Das sei doch nun einmal so in der Welt, daß man zwischen Hausse und Baisse – – »Ich bin für den sauberen Mittelweg dazwischen.« Überlegen wurde er belehrt, damit käme man nicht vom Fleck. »Darin irren Sie,« sagte Franz Lohmann und öffnete die Tür, »geradeaus, immer eben weiter, nicht hinaus, nicht hinunter. Wetten wir: Sie kommen rasch voran. Darf ich bitten? Oder soll ich helfen. – Der Nächste, bitte.« Dann rückten die größeren Beträge in die Feuerlinie. Alte und gewitzte Leute ließen alle Minen springen, um vorzugsweise Befriedigung zu erlangen. Rechtsanwälte wurden mitgebracht. Offene und versteckte Drohungen wurden ausgesprochen. Gefängnis und Zuchthaus stellte man in Aussicht. Wieder andere, die noch nicht mit allen Wassern gewaschen waren, schickten ihre Frauen vor, die 257 gehalten waren, im geeigneten Zeitpunkt echte Tränen einzuschalten. Schließlich sprachen gar noch Leute vor, die mit Utz und Lamprecht nie etwas zu tun hatten. Die erst jetzt an den Schwierigkeiten verdienen wollten. Im Flüstertone setzten sie auseinander, wie man künstliche und voraddierte Schuldscheine in die Masse werfen könnte. Der Anteil, der darauf entfiele, ob er nun groß sei oder klein, ließe sich dann brüderlich teilen. »Brüderlich?« fragte Franz Lohmann. »Brüderlich,« bekräftigte der Mann. »Brüderlich?« blieb Franz beim Fragen. Dem Manne wurde unheimlich. Er ging scheu hinaus. Welle um Welle wehrte Franz ab. Er überprüfte noch einmal den erhaltenen Marschbefehl: Keine Unterschrift und keinen roten Heller. Da stand noch ein handschriftlicher Nachsatz: Der Unterzeichner habe schon Schlimmeres im Wirtschaftsleben durchgemacht. Es sei daran zu denken: Noch sei Utz und Lamprecht nicht verloren. Darunter stand ein einfacher Name: »Brückner«. Sonst nichts. Franz kannte die Schrift und wußte, wer dieser Brückner war. Ein untersetzter schlichter Privatbankier im grauen Rock. Er fütterte im Winter im Park die Vögel. Allen Kindern war er Freund. Es war vorgekommen, daß ihn Diener 258 bei Generalversammlungen am Eingang angehalten hatten: »Hier haben Sie nichts zu suchen, Alterchen.« Fünf Minuten später stand das Alterchen hinterm Präsidentensitz und sagte mit tiefer dröhnender Stimme: »Ich eröffne die Versammlung.« Man erzählte sich, daß die Umsätze an den Schaltern seiner äußerlich unscheinbaren Bank den Umsatz mancher Großbank mit riesigen Gebäudekomplexen übertraf. Plötzlich trat der, an den Franz Lohmann gerade dachte, ein. »Na, Lohmann, natürlich alles sorgsam überlegt, was?« lächelte er und strich mit den hageren Händen über den grauen Rock. Franz fuhr zusammen. »Ah, Sie haben gerade meine Notiz vor sich. Sie waren in Ihrem Bericht anderer Meinung, nicht?« Er trat näher. »Wie sagten Sie doch gleich?« »Utz und Lamprecht ist verloren, Herr Brückner.« »Und was sagte ich?« »Utz und Lamprecht ist noch nicht verloren.« »Ja steht gegen Nein. Die Chancen standen gestern eins zu eins. Wie stehen sie heute, da Sie – wie ich weiß – jeden Angriff auf die flüssigen Mittel abgeschlagen haben?« »Wir laufen noch auf des Messers Schneide, Herr Brückner.« 259 »Ein ungemütliches Wandern. Aber auch eine heilsame Probe, nicht?« »Probe?« »Ob der Fuß sich eine Hornhaut anschafft oder ob er zerschnitten wird.« »Daß er aber blutet – –« »– hat nichts Entscheidendes zu bedeuten.« Zipperer trat ein. Er war aufgeregt. Ein Bündel Wechsel flatterte in seiner Rechten. Ein schräger Blick zum Grauen: »Ich darf doch sprechen.« »Nicht nötig,« röhrte Brückner. »Die Wechsel sind heute fällig – die Wechsel der unserem Konsortium nicht angehörenden Handelsbank, nicht?« Franz und Zipperer starrten den Grauen an. »Sie wissen – –« »Nicht alles, nur einiges. Das meiste kombiniert. Aber es stimmt doch, nicht?« »Aufs Haar,« sagte Franz und wandte sich an Zipperer, dessen Wechselbündel immer noch schicksalhaft wehte. »Sie wollten also wegen der Wechsel fragen?« »Nur pro forma!« übernahm die röhrende Stimme Brückners wieder die Antwort: »Denn die pünktliche Einlösung akzeptierter Wechsel ist natürlich keine Frage für eine Firma, die noch steht.« »Noch steht,« betonte Franz. »Und da das Wielange nicht zur Debatte steht –« ermunterte die tiefe Stimme. 260 »– – werden die Wechsel bezahlt,« klappte Zipperer gehorsam nach. »Darf ich nun noch eine Beobachtung vorbringen?« »Dürfen? Sie müssen,« sagte der Graue knapp. Zipperer strich fühlend über das Papier der Wechsel. »Das Papier damals fühlte sich anders an,« sagte er zögernd. Zum erstenmal schien der Graue die Fassung zu verlieren. »Lassen Sie die Umschreibung. Sie meinen auf gut deutsch, daß das andere Wechsel seien als damals? Gestehen Sie, es laufen trotz der gegenteiligen Versicherung des Generaldirektors noch weitere Wechsel um. Bekennen Sie – wo ist sein Schreibtisch? Los, rasch – kommen Sie.« Sie standen vor Richard Lamprechts Schreibtisch. Der Graue deutete auf eine Schublade. »Aufmachen.« »Aber – –« »Ich befehle es. Als Vorsitzender des Gläubigerkonsortiums. Meißel her!« Vom Gegenpult kam Thilde Flamm. »Der Schlüssel steckt.« »Ich sag es ja, wir Männer setzen dicke Meißel an, die Frauen tun 's mit einem raschen Blick.« Hände schoben Papiere auf die Seite, Hände sichteten. Hände hoben – – 261 »Zwei Blankowechsel.« »Eine Briefkopie. Adressat dunkler Ehrenmann – noch deutlicher: Ein Halsabschneider. Der Text? Platte Wechselreitereien – halt, eine Zusammenstellung – flüchtig ausgezählt – Hunderttausende, die noch laufen.« Er hatte einen Stoß blanko akzeptierter Wechsel hochgerissen: »Hier weitere Hunderttausende, die noch laufen werden. Grauenhaft. Wie sagten Sie, Zipperer?« Zipperer hatte nichts gesagt. Nur seine Lippen formten sich, als suchten sie ein Wort, ein einziges Wort, ein unendlich wiederholtes Wort: Blanko – blanko – blanko – – Handschriftlich stand ein einziger Name quer überm vorgedruckten Text: »Utz und Lamprecht«, geschrieben von der Hand des Generaldirektors. Ein Akzept. Nichts sonst. Keine Erklärung, kein Versprechen, keine Bedingung. Und doch, was lag alles in diesem Namen. »Ich nehme an, ich akzeptiere, ich verspreche, dies und das an dem und dem Tage bar zu zahlen.« Eine solche Unterschrift seiner Ehre hatte Richard Lamprecht in blanko gegeben – dutzendweise in blanko. Die Ehre von Utz und Lamprecht hatte er von vornherein dazugegeben, auf länglichen Papierfetzen. Ausgeboten hatte er die Blankoversprechen seiner 262 Firma Utz und Lamprecht, wie man saueres Bier ausbietet. Jeder Lump im Lande, der auf krummen Wegen sich einen solchen Fetzen verschaffte, konnte darauf irgend welche Zahlen schmieren, die nicht er – nein, die die alte ehrenwerte Firma Utz und Lamprecht einzulösen hatte. »Pfui Teufel,« spuckte der Graue aus. »Gehen wir,« fügte er hinzu. Trübe und gebeugt, wie man von einem Grabe herkommt, wo man einen in die Erde senkte, dem man kein gutes Wörtchen hätte nachsagen können. »Halt,« grölte eine Stimme vor der Tür. Herein schwankte Richard Lamprecht. Ein einziger Blick des Grauen und ein Schulterzucken gegen die andern: »Nicht verhandlungsfähig. Gehen wir.« Verglaster Blick von der Gegenseite und ein Lallen: »Was haben Sie in meinem Schreibtisch zu suchen?« »Erstens etwas, das wir fanden. Zweitens etwas, das wir nicht fanden, weil es vermutlich niemals da war.« Lamprecht bemühte sich um Haltung. »Nämlich, bitte?« »Erstens: Blankowechsel. Zweitens: Die nicht vorhandene Ehre. Es ist verhältnismäßig früh am Tage – die Stunde, in der die Arbeit ihren 263 Höhepunkt erklettert. Ich rate Ihnen: Verschwinden Sie, Lamprecht – – gehen Sie ins Bett. Morgen vormittag wird abgerechnet.« Noch faßte Lamprecht den Ernst nicht. »Abgerechnet? 'n Witz, nicht wahr?« Da war's der Graue, der die Haltung verlor. Er stieß den Betrunkenen vor die Brust. Es war ein merkwürdiger Stoß. Körperlich gesehen, der ohnmächtige Schlag des Kleinen gegen den Koloß. Geistig, der ins Waagerechte umgebogene Blitz des Herrschers gegen einen Unbeträchtlichen, der ihm seine Kreise störte. Unerwartet aber war die Wirkung dieses Stoßes. Wie vor einem Windspfiff zerstoben die Alkoholgeister in Lamprecht, wenigstens aus einem schmalen Abschnitt seines umnebelten Gehirns. Gleich einem angeschossenen Eber sprang er auf. Furchtbare Nüchternheit erfaßte ihn, die sich mit der Wut zu einem grausigen Bündnis paarte. Stoßweise schäumte es aus seinem verwüsteten Munde: »Bande elende – eingebrochen – bei mir eingebrochen – meine Privatpapiere durchstöbert –« »Blankowechsel,« sagte der Graue. Das verfing nicht mehr bei dem Betrunkenen. Grell stand vor ihm: Eben war ich noch Generaldirektor – jetzt bin ich 's nicht mehr. Nichts mehr hab ich zu verlieren – zu gewinnen 264 alles, wenn ich – wenn ich das Männchen da beiseiteräume. Mit einem Sprung war er bei Franz, riß ihm das Bündel Blankowechsel aus der Hand. Gleich darauf flatterten sie im Zimmer herum. Richard Lamprecht wußte nicht mehr, was er tat. Er packte den schweren Sessel und schleuderte ihn gegen die Wand, dicht an Thilde Flamm vorbei, die mit einem Aufschrei jäh zur Seite sprang. Mit einem Wutlaut riß Lamprecht den Sessel wieder vom Boden hoch, schwang ihn über sich und drang mit dieser, in den Händen eines Wahnsinnigen gefährlichen, Waffe auf Brückner ein, der glücklich die Tür gewann. Brückner lief den Korridor entlang, an schreienden, rufenden Menschen vorbei, die entsetzt flüchteten, als das wutverzerrte Gesicht Richard Lamprechts auftauchte. Keiner vermochte den Rasenden aufzuhalten. Keiner versuchte es. Der Graue rannte um sein Leben. Es schien so, als wäre es vergebens. Immer näher kam der Wütende. Sein Brüllen füllte das ganze Haus. »Hunde – Hunde, verfluchte! Ihr wollt mich – ich treibe euch hinaus – hinaus mit euch!« Brückner wandte sich nach rechts, um das Pförtnerhäuschen zu gewinnen, sah aber sofort, daß Lamprecht ihm den Weg abschneiden, daß es ihm nicht gelingen 265 würde, vor ihm dort zu sein. In seiner Verzweiflung lief er nach links, riß die erste Tür auf, die er sah – – Und befand sich in der Gießereihalle. Richard Lamprecht blieb ihm auf den Fersen. Die Arbeiter starrten eine Sekunde lang verblüfft auf die laufenden Menschen. Dann tönte ein Werkmeisterpfiff durch den Raum. Sie hatten keine Zeit mehr, sich um etwas anderes zu kümmern als um die ungeheueren Mischpfannen, in denen das glühende Eisen zischte – – Das flüssige Eisen floß in die Schamottekanäle – Jetzt senkten sich die mit dem glühenden Eisen gefüllten Pfannen an den Kranketten sanft herab. Kaum eine Spanne überm Boden hielten sie – in mildem Funkelstrom ergoß sich die zischende Flut in den schamottenen Sammelkanal. Rufen – Schreie – – In diesem Augenblick waren Verfolgter und Verfolger heran. Eine gellende Stimme brüllte: »Achtung! Was soll der Unfug! Beiseite!« Der Graue hetzte atemlos heran, sah das glühende, zischende Eisen in dem bis zum Rande gefüllten Schamottekanal und blieb entsetzt stehen. Richard Lamprecht keuchte heran, stand dem Grauen gegenüber, der sich vergebens nach Hilfe oder einem Ausweg umsah. »Hilfe!« schrie er. 266 Da hatte ihn Richard Lamprecht gepackt, ihn hochgehoben und ihn, bevor einer der verblüfften Arbeiter zu Hilfe eilen konnte, über den Schamottekanal hinweggeschleudert. Der kleine graue Körper landete unversehrt auf einem großen Sandhaufen jenseits des Kanals. Die Wucht des Schleuderns aber hatte den nicht ganz nüchternen Richard Lamprecht aus dem Gleichgewicht gebracht. Er taumelte, suchte mit den Händen nach einem Halt – stolperte und fiel – – Ein Entsetzensschrei. Die Arbeiter standen starr, unfähig einen Schritt zu tun. Starr standen Franz Lohmann, Max und Thilde Flamm, die herbeigeeilt waren – – Von Richard Lamprecht war nichts mehr zu sehen – – Er hatte den Halt unter den Füßen verloren und war in das fließende, zischende Gußeisen gestürzt. Als sich die Erstarrung der Umstehenden löste und sie hinzueilten, war es zu spät. Nur ein süßlicher Geruch verbreitete sich – – Unablässig floß das Eisen dem Gußplatz zu, wo die Maschine gegossen werden sollte – und auch tadellos gegossen wurde. Sie trägt die Nummer 37650 der Firma Utz und Lamprecht. 267   31. Nach dem Unglücksfall ein Augenblick des Schwankens: Mußte die Gläubigerversammlung verlegt werden? Gesetzt den Fall, die Tür würde plötzlich geöffnet, Männer erschienen, mit der ominösen Messingmarke der Kriminalpolizei in der Hand, um den Grauen herauszuholen? »Keine Sorge,« sagte Brückner. »Die Sache ist erledigt. Ich bin vernommen und entlassen worden. Es wurde festgestellt, daß es sich um ein Unglück handelt. – Zur Sache: Es wäre üblich, Sie zu bitten, sich zu Ehren des Toten von den Plätzen zu erheben – –« Alle saßen stumm. Niemand erhob sich. »Es wäre ferner üblich, in der Todesanzeige mitzuteilen, die Werke würden seinen Namen und sein Wirken nie vergessen. Ich fürchte, sie werden es wirklich nicht, auch ohne daß es so doppelsinnig in der Zeitung stünde.« Alle saßen stumm. Niemand rührte sich. »Ich habe ferner mitzuteilen, daß des Rufs der Firma wegen eine herkömmliche Trauerfeier zur Erwägung stehen könnte – –« Wieder nur ein Schweigen. Es war eine bedrückende, beredte Stummheit. Ohne ein Wort von irgendwelchen Lippen wurde in dieser Stummheit beschlossen, was zu beschließen war: Keine Zeile in der Zeitung, keinerlei Begräbnis – 268 es sei denn, daß man Nichts begraben hätte und ein Gelöbnis aus dem aufgeworfenen Grabe hätte steigen lassen können: Wir wollen es anders werden lassen . . . Aber dazu war es noch nicht an der Zeit. Füglich hätte die Sitzung damit enden können. Eine Sitzung von drei Sätzen oder vieren. Und man hätte auseinandergehen können. Denn geschäftlich lagen die Beschlüsse, ob gefaßt oder nicht, klar auf der Hand: Die Gläubiger, hätten sie beschlossen, nicht weiter stillzuhalten, hätten sich nur ins eigene Fleisch geschnitten. Der Schädling war gefallen – das genügte. Nein, es genügte nicht. Hinter dieser Tatsache stand eine große Frage, die zu beantworten war: War ein Wiederaufstieg möglich? War Utz und Lamprecht verloren? Oder gab es einen Mann, der das Riesenwerk anpackte, den Kampf aufnahm, um zu halten, was gehalten werden mußte? »Lohmann, sind Sie der Mann?« Des Grauen Augen richteten sich auf Franz Lohmann. »Aber lassen Sie das Wenn und Aber. Ist die Firma überhaupt zu retten, so gibt es nur ein Trotzalledem. Sind Sie dazu bereit?« »Zum Trotzalledem, ja – wenn Max Flamm bleibt.« 269 Alle blickten zu Max Flamm hinüber. Der sagte nur: »Ich habe keine Wahl. Ein alter Erfinder hat mit dem zu leben und zu sterben, der ihn erfinden hieß, mit Utz und Lamprecht.« Der Direktor der Unionsbank meldete sich und berichtete, der größte Außenseiter des Landmaschinentrusts – er brauche seinen Namen nicht zu nennen – habe ihm vertraulich zu verstehen gegeben, daß es ihm auf eine großzügige Stützungsaktion nicht ankäme, wenn – – »Sie verstehen, meine Herren?« Sie verstanden es alle. »Wenn die zur Verfügung gestellte Summe genügt, uns über die größten von Richard Lamprecht angerichteten Schäden hinwegzubringen –« sagte einer. »Sie wird genügen,« sagte Brückner. »Sie müßte uns auch über die eingefrorenen Kredite hinwegbringen,« meinte ein anderer. »Sie wird es,« bestätigte Brückner. »Die gefährdete Pensionskasse der Beamten und Arbeiter müßte sich ebenfalls sicherstellen lassen.« »Auch das,« nickte der Graue. »Und noch über etwas anderes brächte uns die Annahme des Angebotes hinweg.« »Wenn wir unsere Produktionskraft als bisher mächtigstes Trustmitglied mit dem wichtigsten 270 Außenseiter vereinigen würden – –« sann ein anderer. »– – so wäre der Trust für Landmaschinen überhaupt zerschlagen,« vollendete Brückner ruhig. »Was angesichts der neuerdings durchdringenden Auffassung von der Schädlichkeit des Trusts sogar ein Verdienst bedeuten könnte, ein volkswirtschaftliches Verdienst – –« »Womit die Bedeutung nicht einmal erschöpft wäre,« meinte der Graue. »Ganz richtig,« wurde ihm erwidert, »es käme hinzu, daß das Beispiel zur Nachahmung anfeuern würde – –« »Und noch etwas,« lächelte der Graue. »Stimmt: Das schwindende wirtschaftliche Gewicht Europas würde gegenüber Amerika verstärkt – eine Überlegung, die Klarheit schaffen dürfte über das, was zu beschließen ist.« »Eine Nebenbedeutung ist noch vergessen worden.« nickte der Graue. »Daß die Trustleitung von nun ab sagen dürfte: Die Lumperei Richard Lamprechts ist auf Utz und Lamprecht vererbt worden. Und Utz und Lamprecht hat das Erbe angenommen.« Da streckten sich alle Hände hin zu ihm: »Das entscheidet's – bist doch ein Kerl, lieber Freund und Herr Konsul . . .!« 271   32. Thilde und Max Flamm standen dem Dienstmädchen des alten Lamprecht gegenüber. Das Mädchen war ganz aufgeregt. »Nur einen Augenblick war ich fort, etwas einzuholen – in der Zeit muß er aufgestanden und fortgegangen sein. Ich kann das gar nicht begreifen, wo doch der Herr Doktor gesagt hat, er werde sich nach dem Schlaganfall nicht mehr rühren können –« Thilde und Max schritten wieder die Treppe hinunter. »Wohin mag er sein?« fragte Thilde besorgt. »Er kann doch nicht – –« »Wir müssen ihn suchen!« Unten trafen sie auf den alten Zipperer. »Ich wollte gerade einmal zu unserm alten Herrn,« meinte er, und ein etwas verlegenes Lächeln umspielte seinen schmal gewordenen Mund. »Er ist nicht da.« Zipperer erschrak. »Nicht da? Er wird doch nicht – die Sache mit seinem Sohn hat ihn – –« Sie fragten den Pförtner. »Ja – sicher, ich habe ihn ein paarmal sogar gesehen, er ist vor kurzem erst hier vorbei,« lachte der Mann an der Pforte. »Irren Sie sich da nicht? Herr Lamprecht kann doch nicht laufen.« 272 Wieder nur ein Lachen. »Rasch gegangen ist er. So rasch, daß es mich ordentlich freute. Unser alter Herr lebt wieder auf, dachte ich noch.« Einem Werkmeister begegneten sie. Vor dem Tor. Den fragten sie. Auch der hatte ihn gesehen. Sogar mit ihm gesprochen. Ein Stück weiter trafen sie einen Kassenboten. Der lachte. »Einen Taler hat er mir geschenkt – für meinen Vater. Der war vor mir Kassenbote bei der Firma.« Immer besorgter wurden die drei Menschen. Sie gingen weiter. Sahen in der Ferne den alten Utz. Tief hielt er das Gesicht zu Boden, einem Hunde ähnlich, der die Spur des Herrn verfolgte. Sie wichen ihm aus. Da lief er ihnen nach. Er hob die Hände an den Mund und rief etwas, das sie nicht verstanden. Sie achteten nicht darauf. Sie suchten den alten Lamprecht – das war im Augenblicke wichtiger. Da kamen ihnen ein paar Bauern entgegen. Mit aufgeregten Mienen. Max Flamm hielt sie an. »Wollt Ihr zu uns, Ploderer?« Der weißhaarige Alte nickte nur. Ein anderer sagte: 273 »Ja, zu euch wollen wir. Wir hab'n g'hört, den jungen Lamprecht haben s' eing'sperrt, weil er heimlich aa Sämaschin' g'baut hat, in die er lauter Bankanotten hineing'schmissen hat, statt Körndl – und da wär die Firma bankrott word'n. Und den alten Senserer haben s' eing'sperrt in aa Dachstuben, weil er den andern z' lang' g'lebt hat.« Er wandte sich um und deutete auf seine Begleiter. »Jetzt woll'n wir zu ihm – der soll uns net verhungern –« »Aber das ist ja Unsinn,« unterbrach Max Flamm den Bauer. »Der alte Lamprecht lebt noch. Heute erst ist er wieder aufgestanden – er lag lange krank. Hier muß er entlanggegangen sein. Wir suchen ihn.« »Dann suchen wir mit,« hieß es. Über die Äcker wanderten sie. Straßauf, straßab. Es war, als habe die Erde den alten Lamprecht verschluckt. Plötzlich ein Ruf von weither. Sie blickten auf. Da stand in einer Ackerfurche der alte Ploderer und winkte. Sie eilten hin zu ihm. Da lag Heinrich Lamprecht vor ihnen. Lag friedlich ausgestreckt in der Furche. Und seine Hände, diese beiden starren Hände hielten eine Sense umklammert. Erschüttert beugte sich Max Flamm nieder zu dem Toten und versuchte die Sense aus seinen Händen zu lösen. Es war nicht möglich. 274 Aber seine Augen sahen auf der Klinge eine Zahl – die Jahreszahl der Gründung der alten Firma Utz und Lamprecht – –   33. Franz Lohmann schuftete, daß der Kopf ihm rauchte. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Liquidieren war wahrhaftig schwerer als ein neues Haus bauen. Brückner, der Graue, hatte es durchgesetzt, daß Franz Lohmann zum alleinigen Liquidator des Hauses Utz und Lamprecht bestimmt wurde. Er lernte mehr dabei als in seiner ganzen Lehrzeit. Eine Lehrzeit in der aufstrebenden Firma: Eine Unsumme von Tiefblicken ins Reich der Technik. Die gleiche Firma liquidieren: Eine Summe von Tiefblicken ins Reich der Seelen. In der Seele Schattenseiten. »Wie lange sind Sie nun beim Liquidieren?« fragte der Graue ihn eines Tages. »Nächsten Ersten gerade ein Jahr,« sagte Franz Lohmann. Und dann erstattete Franz seinen Liquidationsbericht. Der Graue ließ den Blick über die Zuhörer gleiten. »Nach diesem Bericht also wäre anzunehmen, daß die Gläubiger nicht einen Pfennig einbüßen?« 275 Der Graue sah Franz Lohmann an: »Das heißt also, daß Sie einen Posten, den Sie bei der Übernahme der Liquidationsaufgabe mit Null berechnen mußten, jetzt voll zurückzugeben in der Lage sind. Und das heißt weiter, daß Ihre selbstlose Arbeit das Namensschild von Utz und Lamprecht, wenn auch leer, so doch fleckenlos zurückgegeben hat. Ich ziehe meinen Hut, Lohmann.« Alle waren aufgestanden. Alle riefen ihm zu, alle streckten ihm die Hände entgegen. Der Gefeierte hielt den Kopf gesenkt und stotterte: »Zur – – Sache, bitte.« »Zur Sache ist zu sagen, daß die beiden, die Ihnen zuerst zu danken hätten, tot sind. Der Sohn, der 's nicht verdient hat – – der Vater, der 's verdient hat und den Sie mit ungebrochener Standarte aus den Ackerfurchen aufgelesen haben. Der kann 's Ihnen nicht mehr lohnen. Aber wir. Wir haben in einem engeren Ausschuß beschlossen, in erster Linie Sie – in zweiter Linie Herrn Flamm und seine Gattin ernstlich auszufordern, eine mit unseren Mitteln neu zu errichtende Firma Utz und Lamprecht zu übernehmen und zu neuem Ruhm hinaufzuführen.« Eine Handbewegung des Grauen. »Warten Sie mit Ihrem Beifall, meine Herren – erst die Antwort von Mann zu Mann: Ja oder nein, Lohmann?« »Nein,« sagte Franz leise. Kaum seine nächsten Nachbarn hatten es gehört. 276 Eilig verließ er den Versammlungsraum. Der Graue ging ihm nach. Stellte ihn weit draußen im Stadtpark. Auf der letzten Bank. »Wie kann man nur, Lohmann? Ein solches Angebot. Alle hundert Jahre wird einem so etwas geboten. Sie sollen eine alte Firma in riesigem Ausmaß neu erstehen lassen.« »Riesig?« wiederholte Franz. »An der Trümmerstätte sprachen wir davon: Es gibt eine Zeit des Aufstiegs, und es gibt eine Zeit des Niedergangs, Herr Brückner – –« Der Graue nickte: »Utz und Lamprecht sind in den Polarstrom des Verfalls hineingeraten. Das ist ein Firmenschicksal. Ich habe mich erkundigt, draußen auf den alten Bauernhöfen ist's nicht anders – auf und ab, ab und auf. Sich dagegen anstemmen für die eine Firma, hieße nur, andere mit hineinziehen. Es bleibt also –« »– daß die innere Stimme mir verbietet, ein Schicksal aufzuhalten, und daß man in der Zeit des Niedergangs, um mit dem Leben davonzukommen, seine Angriffsflächen klein macht und bescheiden. Wenn ich einen letzten Rat erteilen darf – –« Der Graue blickte ihn an. »Sie haben noch ein drittes?« »Ja, eine Bitte.« »Ist gewährt.« 277 »Sie wissen ja noch gar nicht – –« »– daß Sie für andere bitten? Doch, das sehe ich Ihnen an. Und es war schon immer so bei Ihnen. Also?« »Ich bitte darum, Flammsche Arbeitspläne mit bescheidenen Angriffsflächen unterirdisch fördern zu helfen. Oberirdisch möchte ich nach Jahren –« »Mittun?« »Nein, nur Nachschau halten dürfen.« Er streckte dem Grauen die Hand entgegen. »Verzeihung, das Schiffahrtsbüro schließt in einer halben Stunde –« »Und Sie wollen schon in einer Stunde unterwegs sein nach Übersee?« lachte der Graue und drückte die Hand Franz Lohmanns. »Gott mit Ihnen für die Ausfahrt und die Einfahrt.« »Und für die Zeit dazwischen?« »– – brauch ich Ihnen nicht erst Glück zu wünschen.«   34. Die Jahre kamen, und die Jahre gingen. Rund um die Erde grünten Ackerbreiten, wenn die Zeit des Grünens war. Rund um die Erde fegten Winterstürme über starre Felderflächen, wenn die Zeit des Starrens war. Und zwischen dem Grünen und dem Starren trugen die Ackerbreiten Frucht und ratterten die 278 Mähmaschinen, polterten die Dreschmaschinen. Und es war dafür gesorgt, daß im Herbst der letzte Dreschmaschinenpolterer sich mischte mit dem ersten feinen Saatgeräusche, das entsteht, wenn das ausgesäte Saatkorn mit der hochgereckten grünbehelmten Lanze eine Ackerkrume auf die Seite schiebt: ›Ich will zum Licht!‹ So griff im Ring des Lebens eins ins andere, und es war kein Absehen, daß das auf der Erde, die der Schöpfer in das Licht gehängt und deren Lenden er mit Wolken umgürtete, jemals anders werden würde. Hier nicht und nicht drüben. Mochte zwischen hier und drüben der Atlantik noch so sehr lärmen und dröhnen. Franz Lohmann befand sich auf der Fahrt in die Heimat. Aus dem Schiff ging 's auf die internationale Durchgangsstrecke. Von der internationalen auf die nationale Schnellzugsstrecke. Von da aus auf die Lokalbahn. Allerlei Volk stieß da zu einem, das einen fragte, das man fragen konnte. Gewiß, man konnte allerlei erfragen, was sich während seines Zwischenaktes Amerika daheim zugetragen hatte, doch ein abgerundetes Bild zu einem geschlossenen Wo und Wie und Was ergab es noch lange nicht für einen, dem die Riesenmaße außerhalb der Heimat jetzt die heimatlich gebliebenen Hosentaschen zu zersprengen drohten. 279 Hosentaschen – nicht des Rockes Tasche, wo ein Rückwanderer das Dollarscheckbuch zu verwahren pflegte. Übermäßig war das Scheckbuch da drüben nicht angewachsen bei einem, der die mitgenommene Sauberkeit auch jenseits des Ozeans durchhielt und mit ihr zurückkam. Ja, man erfragte so allerlei. »Flamm?« war der eine Bauer im Bähnchen auf die Frage eingegangen. »Der is scho recht.« »Flamm?« hatte die Botenfrau diese Auskunft unterwegs ergänzt. »Flamm – ja, die Frau is scho recht.« »Flamm und Flamm?« hatte der Geschäftsreisende gelächelt. »Die Firma ist schon recht.« »Flamm?« hatte der uralte Postamtssekretär am Schalter mit dem Plaudern angefangen. »Der tüchtigste von alle dene' Flammer, das is einer mit dem Namen Zipperer.« »Flamm?« sagte das Spitalweiblein, das er auf der Alleebank im Sonnenschein sitzen sah. »Bei uns is auch eine eing'kauft word'n im Spital. Die Firma Flamm und Flamm hat 's Geld hergeb'n dafür. Die muß mal früher arg schön g'wesen sein, das Weiberts – dös kennt ma heut no. Heut könnt ma no verstehen, daß an dera Schönheit mehr als eine Flieg'n is pappen blieb'n.« »Flamm?« sagte der Landarzt, der ihn eine Strecke Wegs begleitete. »Ich hatte selbst – es ist 280 noch gar nicht so lange her – einen von den Flamms ein wenig zu behandeln. Utz schrieb er sich mit seinem eigentlichen Namen. Und offiziell hatte ich ihn mit dementia pracox von der Landesirrenanstalt zugewiesen bekommen. Es wäre meine Pflicht gewesen, ihn einer andern Anstalt zuzuführen – aber den Flamms zuliebe – völlig harmlos – nein, mehr als das, wenn man ihn richtig nahm – – Sie brauchen ja weiter keinen Gebrauch davon zu machen: Ich wollte, daß der Durchschnitt hierzulande so sauber und so verständig dächte wie dieser Irre – –« ›Wenn man 's so zusammenzählt,‹ dachte Franz befriedigt, ›alles plus und plus. Man könnte wohl zufrieden sein mit diesem Gesamtbild. Nur, die Schatten fehlen in dem Bilde, damit es mit den Schatten auch mehr Glaubwürdigkeit und mehr Wärme und mehr Blut gewänne – –‹ »Flamm?« hatte er dann absichtlich noch einen angesprochen, der mit allen Anzeichen der Unzufriedenheit und des Ärgers aus der Richtung herkam, wo die Werkstätten Flamm und Flamm lagen. »Flamm?« hatte der geantwortet. »Lassen Sie mich mit Flamm und Flamm in Ruhe. Eine nette Firma. Eine saubere Firma.« Und wollte weitergehen. Franz Lohmann hielt ihn zurück. »Halb ausgesprochener Zorn kann sehr gefährlich sein, guter Freund. Darf ich Sie bitten, da drüben 281 in der Gartenwirtschaft ein Glas Wein mit mir zu trinken? Ich komme aus den Staaten, besuche hierzulande ein paar alte Freunde und heiße Lohmann – –« »Sehr angenehm,« verbeugte sich der andere. »Forschmann – Emanuel Forschmann, Generalvertreter der Stahlwerke Germania. Nehme gern an – müßte doch ein paar Stunden auf der Bahnstation warten. Dachte nämlich, von Flamm und Flamm einen netten Auftrag zu erhalten. Waren uns als Haus geschildert worden, dessen Bedeutung stetig wachse – wenn auch nicht im Tempo Ihres Landes, Herr Lohmann – –« »So so – und es war nichts?« »Aufdreherei natürlich. Hat eine Frau, von der er rühmend sagt, sie leiste für die Firma ungefähr das gleiche wie er selbst. Ist natürlich Unsinn.« »Na und sonst?« »Toll, sage ich Ihnen, einfach toll. Also zuerst – alles, was Sie hier hören, ist: Flamm und Flamm. Das ganze Nest hier nur: Flamm und Flamm. Ohne Flamm und Flamm könnten Sie die Ortschaft von der Karte löschen. Ich komme 'rein, ziehe höflich den Hut, steht ein Frauenzimmer da – ich halte sie natürlich für 'ne Art Empfangsdame: ›Gestatten, bin doch hier recht: Flamm und Flamm-Konzern?‹ – ›Flamm und Flamm stimmt, Konzern nicht.‹ sagt sie. In einem Ton – wissen Sie: Ausgedienter 282 General. ›Landmaschinen stellen Sie doch in Massen her und werfen sie auf den Markt,‹ sag ich wieder. – Sie: ›Herstellen ja – auf den Markt werfen, nein. Wir ziehen das Direktverhältnis zum Bauern vor. Wir liefern, was er braucht – die großen Lager ersparen wir uns.‹« Forschmann sah Franz an, als wolle er sagen: Na, was meinen Sie zu dem Unsinn? »Ich will's kurz machen und frage nach dem Einkäufer. Ist keiner da. Nach dem Verkaufschef. Auch keiner da. Frage, wer das macht. Herr Flamm, heißt es. Schön, dann möchte ich den sprechen. Ist nicht da, heißt es. Na, dann eben den andern Flamm. Sind doch zwei Flamms. Der zweite Flamm, sagt die Dame, sei Frau Flamm. Mir stieg schon langsam die Galle hoch. Es müsse doch ein Vertreter für Herrn Flamm da sein, der die Einkäufe besorge. Nein, wenn Herr Flamm nicht da sei, werde nichts eingekauft. Ich fing an, mir die Haare zu raufen. Wer denn nach Herrn Flamm käme. Der Prokurist, Herr Zipperer, sagte sie. Also wollte ich den sprechen. Das sei nicht möglich, der verhandele mit dem alten Ploderer. Wer das sei, wollte ich wissen. Ein Bauer! Was sagen Se dazu? Wegen eines Bauern lassen Se mich stehen – mich, den Generalvertreter der Germania-Stahlwerke! Haben Se so was schon erlebt? Wie ich noch so stehe, kommen auf einmal drei Kinder 'reingestürmt. 283 Auf das ältliche Mädchen zu, schreien: ›Mutter!‹ – Da ging mir ein Seifensieder auf. War das doch die Flammin selbst, was sagen Se dazu? Hab ich n' Pech? Na, was sagen Se dazu?« »Was ich dazu sage?« lachte Franz. »Wir werden wieder in Deutschland.« Der Generalvertreter sah ihn an, als habe er nicht verstanden. »Wie meinen Sie das?« »Wie ich es sage.« »Na, da brat mir doch einer – wer sind Sie denn überhaupt, Herr?« Über Franz Lohmann kam Bekennerfreudigkeit: »Ich bin einer, der ein Werk zugrunde gehen sah, das von den Ahnen her für die Ewigkeit gefügt schien. Zugrunde gehen an aufgeplustertem Getue, Aufwand, Leichtsinn, Generaldirektoren, Direktoren und Abteilungschefs und hundertfältigem anderen Schwindel: Die Zeit des Niedergangs. Ich bin einer, der das alles mit ansehen mußte, der sich dagegen stemmte und doch den Zusammenbruch nicht verhindern konnte.« Er sah nach der Richtung, in der die Werkstätten Flamm und Flamm lagen. »Ich muß weit zurückgehn in jener untergangsgeweihten Firma. Da treffe ich einen Lehrling, der unmerklich mitgezogen worden war von jener Zeit, der versucht hatte, ein Dreizehnpfennigmanko in der 284 Portokasse durch zwei fingierte Zeilen auszumerzen. Einen Lehrling, dem der alte Zipperer – jawohl, derselbe alte Zipperer, der für Sie keine Zeit hatte, weil er produktiv mit einem Bauern verhandelte – dem der alte Zipperer ein Licht aufsteckte – derselbe Zipperer, den die Zeit zwang, an einer Bilanzfrisur von zehntausend Mark mitzuwirken, und der das schwer büßen mußte, als er, davon ausgehend, Stück um Stück der geliebten Firma versinken sah. Auch da versinken sah, wo sie scheinbar stieg. Sehen Sie, Herr Forschmann, dieser Lehrling bin ich – oder nein –« Seine Mienen wurden heller. »Dieser Lehrling war ich. Jetzt bin ich ein anderer. Noch immer Lehrling zwar – ich war's auch drüben, werde es immer sein! – aber ein Lehrling, dem es Gott sei dank beschieden ist, zu erleben, daß eine Seitenwurzel jener Großfirma – – jener Großmannsfirma nicht verdorrte, sondern einen neuen Stamm ans Licht trieb. Einen bescheidenen zwar, aber einen sauberen, der wachsen wird und wachsen, ohne daß noch die Schmarotzer ihm heimlich die Kräfte absaugen. Ich muß Ihnen danken für Ihren Bericht, Herr Generalvertreter, der mir zeigte, wie es mit der neuen Zeit steht – – mit der Zeit des Wiederaufstiegs. Ich muß Ihnen danken, weil Sie es mich schon vorher erleben ließen, bevor ich meine alten Freunde wiedersah – und meine Mutter – –« 285 »Mutter?« brummte Forschmann verlegen. »Ja, Mutter,« überstürzte sich Franz vergnügt. »Früher Putzfrau bei der alten Firma – jetzt ein Teil der neuen – jetzt die Freundin aller Flamms – des Herrn Flamm – der Frau Flamm –« »– derselben, die mich hinausschmiß.« »Und die mich mit offenen Armen empfangen wird,« lachte Franz Lohmann. »Wissen Sie was? Heute ist ein besonderer Tag, ein ganz besonderer, der Ihnen vielleicht auch ein kleines Licht aufgesteckt hat, das Sie weitergeben könnten – an die Germania-Stahlwerke. Aber vorher kommen Sie mit – wenn Sie mit mir im Empfangszimmer stehen, werden Sie – wetten wir? – nicht hinausgeschmissen. Sie bekommen sogar noch einen Auftrag in Kurbelstahl – –« »Kurbelstahl?« wiederholte der andere nachdenklich. Er machte eine weitausholende Bewegung des Umdrehens und sagte, plötzlich seltsam bescheiden geworden: »Kurbel –? Ich danke Ihnen – ich komme mit.«