Carl Capek Post, Polizei, Hunde und Räuberei [Erzählungen]   Illustriert von Fritz Wolff Cecilie Dressler Verlag Berlin Alle Rechte vorbehalten, insbesondere die der Verfilmung, Funkübertragung und des Vortrags Berechtigte Übertragung von Julius Mader   Veröffentlicht unter der Zulassung Nr. B 209 der Nachrichten-Kontrolle der amerikanischen Militär-Regierung. Druck der Ernst Steiniger Druck- und Verlagsanstalt, Berlin SW 61, Immelmannstr. 10 Die große Polizei-Geschichte Ihr wißt ja vielleicht, Kinder, daß auf jeder Polizeiwache oder Polizeistation einige von den Herren Schutzmännern die ganze Nacht wachbleiben für den Fall, daß sich etwas ereignen sollte, zum Beispiel, wenn Räuber irgendwo einbrechen oder böse Leute jemandem Schaden zufügen wollen. Deshalb bleiben die Herren Schutzmänner oder Schupos also auf der Wache bis in der Früh auf, während andere Polizisten, die man Streifwachen nennt, in den Straßen herumgehen und auf die Räuber, Diebe, Gespenster und andere Ordnungswidrigkeiten aufpassen. Und wenn so einer Streifwache anfangen die Füße weh zu tun, kehrt sie in die Wachstube zurück, worauf wieder anderer Schutzmann zum Aufpassen auf die Straße geschickt wird. Das geht so die ganze Nacht; und damit die Zeit besser verstreiche, rauchen die Schupos auf der Wache ihre Pfeifen und erzählen sich, was sie Bemerkenswertes gesehen haben. Also einmal rauchten sie und unterhielten sich, als ein Schupo von der Streifwache zurückkam, wartet mal, das war doch der Herr Jaeckel, und sagte: »Guten Abend, Jungens! Ich melde, daß mir die Füße weh tun.« »Na, dann setz dich«, meinte der älteste Herr Schutzmann, »und statt deiner wird der Hartmann auf Wache gehen. Und jetzt, Jaeckel, erzähl uns, was es Neues in deinem Revier gibt und in welchen Fällen du im Namen des Gesetzes eingeschritten bist.« »Es war nicht viel heute Nacht«, sagte Herr Jaeckel. »In der Weißgerberahle rauften zwei Katzen; so hab ich sie denn im Namen des Gesetzes auseinandergetrieben und ermahnt. Dann fiel in der Hummerei ein junger Spatz, wohnhaft Hausnummer 23, aus dem Nest. Ich alarmierte die Feuerwehr, damit sie mit der Leiter komme und besagten Sperling in sein Nest zurückbefördere. Seine Eltern wurden ermahnt, auf ihn besser achtzugeben. Als ich die Hummerei hinunterging, zog mich etwas am Hosenbein. Ich blicke hinunter – es ist ein Wichtelmännchen. Das bärtige vom Wachtplatz, wißt ihr?« »Welches?«, fragte der älteste Schutzmann. »Dort wohnen nämlich mehrere: Bartputzer, Nußknacker genannt Großväterlein, Puck, Rumpelstilzchen, Pumpernickel, Runkelmännchen genannt Pfeifenrohr, Hühnerstelzchen und Däumeling.« »Das mich an der Hose zog«, sagte Herr Jaeckel, »war das Rumpelstilzchen, das in der alten Weide wohnt.« »Aha«, nickte der älteste Schutzmann, »Jungens, das ist ein sehr braves Wichtelmännchen, dieses Rumpelstilzchen. Wenn jemand am Karlsplatz etwas verliert, sei es einen Ring, einen Ball oder eine Aprikose, so bringt es das Rumpelstilzchen immer als ehrlicher Finder dem Parkwächter. Also weiter.« »Und dieses Wichtelmännchen, das Rumpelstilzchen«, fuhr der Schutzmann Jaeckel fort, »sagt zu mir: ›Herr Schutzmann, ich kann nicht nach Hause, in meine Wohnung auf dem Weidenbaum ist ein Eichhörnchen gekrochen und läßt mich nicht hinein.‹ – So zog ich denn meinen Säbel, ging mit dem Rumpelstilzchen zu seiner Weide und forderte das Eichhörnchen im Namen des Gesetzes auf, die Behausung zu verlassen und sich nicht mehr solche Verbrechen, Vergehen und Übertretungen, wie Hausfriedensbruch, Besitzstörung, Störung der öffentlichen Ordnung, Gewaltanwendung und Diebstahl zuschulden kommen zu lassen. Worauf das Eichhörnchen erwiderte: ›Du kannst mir den Buckel runterrutschen!‹ Da legte ich den Gürtel und den Rock ab und kroch auf die Weide hinauf. Als ich oben bei dem Astloch war, in dem Herr Rumpelstilzchen seine Wohnung hat, begann das Eichhörnchen zu weinen: ›Ich bitte Sie, Herr Wachtmeister, verhaften Sie mich nicht! Ich hab mich hier beim Herrn Rumpelstilzchen nur untergestellt, weil es regnete und in meine Wohnung hineintropfte.‹ – ›Keine Widerrede, Frau‹, sagte ich darauf, ›packt Eure fünf Haselnüsse oder Bucheckern zusammen und macht, daß Ihr aus Herrn Rumpelstilzchens Privatwohnung herauskommt. Und wenn sich das noch einmal wiederholen sollte, daß Ihr gewaltsam oder hinterlistig, ohne seine Einwilligung und Erlaubnis in seine Privatbehausung eindringt, rufe ich Verstärkung, wir umzingeln Euch, verhaften Euch und bringen Euch gefesselt auf die Hauptwache. Also marsch!‹ Und das wäre eigentlich alles, Herrschaften, was in dieser Nacht vorgefallen ist.« »Ich hab in meinem Leben noch nie ein Wichtelmännchen gesehen«, warf der Schutzmann Merten ein. »Mein bisheriges Revier war in Krietern, und dort in den neuen Häusern gibt es keine solche Geschöpfe, Wesen, übernatürliche Erscheinungen, oder wie man das nennt.« »Es gibt noch eine ganze Menge«, meinte der älteste Schutzmann. »Und früher erst! Zum Beispiel beim Ohlauer Wehr haust seit Menschengedenken ein Wassermann. Die Polizei hatte mit ihm nie zu tun gehabt, so ein anständiger Nick war das. Der Neissener Wassermann ist ein alter Lausekerl mit Verlaub zu sagen, aber der Ohlauer war ein sehr anständiger Kerl. Das Wasserleitungsamt der Stadt Breslau hat ihn ja auch zum städtischen Oberwassermann ernannt und ihm ein Monatsgehalt ausgesetzt. Dieser Ohlauer hütete die Oder, damit sie nicht austrockne; Hochwasser hat er niemals gemacht, dabei hatten immer die auswärtigen Wassermänner von der oberen Oder ihre Finger im Spiel: der Weidstritzer, der Laher und der von der Neisse. Aber der Katzbacher Nick hetzte den Ohlauer aus Neid auf, er solle von der Stadt Breslau für seine Dienste das Gehalt und den Titel eines Magistratsrates verlangen; und als sie ihm im Rathaus sagten, daß das nicht gehe, weil er angeblich nicht die nötige Hochschulbildung besitze, war der Ohlauer Wassermann darüber beleidigt und zog von Breslau weg. Jetzt macht er, wie ich gehört habe, in Dresden Wasser. Und seit dieser Zeit ist beim Ohlauer Wehr kein Wassermann mehr. Darum ist ja auch in Breslau immer so wenig Wasser. Weiter pflegten am Wachtplatz in der Nacht Irrlichter zu tanzen. Aber weil das nicht gut tat und die Leute sich vor ihnen fürchteten, vereinbarte die Stadt Breslau mit ihnen, daß sie in den Baumgarten übersiedeln, wo sie ein Angestellter des Gaswerkes anzünden und in der Früh wieder auslöschen sollte. Nur daß dieser Angestellte während des Krieges einrücken mußte, und so hat man die Irrlichter ganz vergessen. Was Elfen anbelangt, hielten sich allein in Baumgarten siebzehn auf; drei von ihnen dürften zum Ballett gegangen sein, eine zum Film, und eine heiratete irgendeinen Eisenbahner aus Oppeln. Drei Elfen halten sich im Südpark, eine im Scheitnicherpark und eine im Stadtgraben auf. Der städtische Gärtner von der Liebichhöhe wollte eine Elfe in seinem Park ansiedeln, doch hielt sie sich nicht lange dort, ich glaube, es war zu windig. – Polizeilich gemeldete Wichtelmännchen, die in den öffentlichen Gebäuden, Parks, Kirchen und Bibliotheken zuständig sind, gibt es in Breslau dreihundertsechsundvierzig, nicht gerechnet die Kobolde in den Privathäusern, die wir nicht in unseren Listen führen. – Gespenster hat es früher in Breslau eine Unzahl gegeben, aber jetzt sind sie aufgehoben, weil wissenschaftlich nachgewiesen wurde, daß es keine Gespenster gibt. Nur in den Vororten halten angeblich Leute noch im Geheimen und gesetzwidrig ein paar altertümliche Gespenster auf dem Boden versteckt, wie mir da unlängst ein Kollege erzählte. Und das dürfte, soviel ich weiß, alles sein.« »Bis auf den Drachen oder Lindwurm«, warf der Schutzmann Menzel ein, »den sie seinerzeit bei Oswitz erschlagen haben.« »Oswitz«, sagte der älteste Schutzmann, »das war nie mein Revier, also weiß ich von dem Drachen nichts.« »Ich war dabei«, sagte der Schutzmann Menzel, »aber eigentlich hatte den ganzen Fall Kollege Scharfaug im Referat gehabt, aber das ist schon sehr lange her. Eines Abends also sagte eine alte Frau zu Scharfaug, es war die Frau Tschauner, die den Zigarrenladen hat, aber eigentlich, um euch die Wahrheit zu sagen, war sie ein kundiges Weib oder Wahrsagerin und Kartenlegerin, also diese Frau Tschauner vertraute meinem Kollegen Scharfaug an, daß laut ihren Karten der Drache Huldabord beim Maiberg eine wunderschöne Jungfrau gefangenhalte, die er ihren Eltern entführt habe; und diese Jungfrau sei die murcianische Prinzessin. ›Murcianisch oder nicht murcianisch‹, meinte darauf der Schutzmann Scharfaug, ›der Drache muß das Mädel den Eltern zurückgeben, andernfalls ich gegen ihn laut Vorschriften, genannt Dienstordnung, einschreite.‹ Nach diesen Worten schnallte er sich den Dienstsäbel um und ging zum Maiberg. Ich denke, das hätte jeder von uns getan.« »Das mein ich auch«, brummte der Schutzmann Merten. »Aber ich habe weder in Krietern noch in Jedlitz jemals mit einem Drachen zu tun gehabt. Also weiter.« »Kollege Scharfaug«, fuhr der Schutzmann Menzel fort, »schnallte sich also wie gesagt das Seitengewehr um und ging noch in derselben Nacht zum Maiberg. Und tatsächlich, aus einem der Löcher oder Höhlen hörte er scheltende, grobe Stimmen. Er leuchtete mit seiner Taschenlampe hinein und erblickte einen furchtbaren Drachen mit sieben Köpfen; und die Köpfe unterhielten sich miteinander, gaben Antworten oder stritten und schimpften – das läßt sich ja denken, so ein Drache hat keine Manieren und wenn, dann nur schlechte. Und in einem Winkel der Höhle schluchzte eine wunderschöne Jungfrau und hielt sich die Ohren zu, um nicht zu hören, wie sich die Drachenköpfe mit ihren fetten Stimmen miteinander unterhielten. ›Hallo, Sie dort‹, rief Kollege Scharfaug zwar höflich, aber mit aller vorschriftsmäßiger Strenge dem Drachen zu, ›weisen Sie sich aus; haben Sie irgendwelche Papiere, Heimatschein, Dienstbuch, Paß oder andere Dokumente?‹ Da begann einer der Drachenköpfe zu kichern, der andere zu lästern, der dritte zu fluchen, jener zu schimpfen, einer zu schmähen, ein anderer zu schelten, und einer streckte sogar die Zunge heraus. Aber Kollege Scharfaug ließ sich nicht einschüchtern und rief: ›Im Namen des Gesetzes, packen Sie sich zusammen und kommen Sie mit mir schwuppdiwupp auf das Polizeipräsidium, Sie und das Mädel dort hinten.‹ ›Nur nicht so eilig‹, schrie einer der Drachenköpfe. ›Weißt du auch, du menschliche Flaumfeder, wer ich bin? Ich bin der Drache Huldabord.‹ ›Huldabord aus den granadischen Bergen‹, fügte der zweite Kopf hinzu. ›Genannt der große mulhazenische Lindwurm‹, schrie der dritte Kopf. ›Ich verschluck dich wie eine Himbeere‹, brüllte der vierte Kopf. ›Ich reiß dich in Fetzen, schlag dich kurz und klein und teile dich wie einen Hering in zwei Hälften, daß es nur so Sägespäne aus dir staubt‹, donnerte der fünfte Kopf. ›Und dann drehe ich dir den Kragen um‹, tobte der sechste Kopf. ›Und dann ist's aus mit dir‹, fügte der siebente Kopf mit fürchterlicher Stimme hinzu. Was glaubt ihr, Jungens, was nun Kollege Scharfaug gemacht hat? Ihr würdet sagen, daß er es mit der Angst zu tun kriegte? Aber keine Idee! Als er sah, daß es im guten nicht gehen würde, packte er den Gummiknüttel und hieb mit aller Kraft den Drachenschädeln der Reihe nach eine herunter; und dabei war er ein Kerl, stark wie ein Bär. ›Ei, ei‹, sagte der erste Kopf, ›das ist nicht schlecht!‹ ›Mich hat es gerade am Scheitel gejuckt‹, meinte der zweite. ›Und mich hat etwas im Genick gebissen‹, ließ sich der dritte vernehmen. ›Kitzle mich noch einmal mit dem Stöckchen, Liebling‹, sagte der vierte. ›Aber schlag stärker zu‹, riet der fünfte, ›damit es ein bißchen kracht.‹ ›Und mehr nach links‹, bat der sechste, ›dort juckt es mich gerade am meisten.‹ ›Für mich ist deine Rute zu weich‹, meinte der siebente, ›hast du nichts Härteres?‹ Da zog der Schutzmann Scharfaug den Säbel und hieb siebenmal zu, auf jeden Kopf einmal, daß die Schuppen nur so klirrten. ›Das war schon ein bißchen besser‹, sagte der erste Drachenkopf. ›Wenigstens hat er der einen Laus ein Ohr abgehackt‹, freute sich der zweite Kopf, ›ich hab nämlich stählerne Läuse.‹ ›Und mir hast du das Haar abgeschnitten, das mich gerade so juckte‹, meinte der dritte. ›Und mir hast du einen feinen Scheitel gezogen‹, lobte der vierte Kopf. ›Du, mit deinem Kämmchen könntest du mich jeden Tag kitzeln‹, brummte der fünfte. ›Ich hab die Feder nicht einmal gespürt‹, sagte der sechste. ›Mensch, kratz mich noch einmal damit‹, verlangte der siebente Kopf. Da zog der Schutzmann Scharfaug seinen Dienstrevolver heraus und schoß siebenmal, nach jedem Drachenkopf einmal. ›Kruzitürken‹, fuhr der Drache auf, ›wirf nicht diesen Sand auf mich, ich werde ja die ganzen Haare davon voll haben! Sapperlot, mir ist dein Brocken ins Auge gefallen! Und mir ist der Mist zwischen den Zähnen steckengeblieben! So, aber jetzt hab ich gerade genug‹, brüllte der Drache, räusperte sich mit allen sieben Kehlen und begann aus sieben Mäulern Feuer auf den Kollegen Scharfaug zu speien. Kollege Scharfaug fürchtete sich nicht; er zog die Dienstvorschriften heraus und las nach, was ein Schutzmann zu tun habe, wenn er sich einer Übermacht gegenübersieht; er fand, daß in solchen Fällen Verstärkung herbeizurufen sei. Dann suchte er in den Vorschriften, wie er sich zu verhalten habe, wenn irgendwo Feuer züngelt und fand, daß unter solchen Umständen die Feuerwehr anzutelephonieren sei. So las er denn alles gründlich durch und rief dann die Feuerwehr sowie Polizeiverstärkung herbei. Wir kamen unserer sechs zur Verstärkung angetrabt, und zwar die Kollegen Starkarm, Schnappmaß, Fürbaß, Weitschritt, Hartmann und ich, worauf Kollege Scharfaug zu uns sagte: ›Jungens, wir sollen hier das Mädel aus der Gewalt dieses Drachen befreien. Es ist zwar ein Panzerdrache, und dagegen ist jeder Säbel zu schwach, aber ich habe bemerkt, daß der Drache im Genick etwas weicher ist, damit er sich bewegen kann. Wenn ich somit ›Drei‹ rufe, müßt ihr alle mit dem Säbel aufs Genick loshauen. Aber vorher muß die Feuerwehr den Drachen löschen, sonst verbrennt er uns die Uniform.‹ Kaum hatte er zu Ende gesprochen, als schon Trara sieben Motorspritzen mit sieben Feuerwehrleuten angerast kamen. ›Feuerwehrleute, Achtung‹, rief der Schutzmann Scharfaug tapfer, ›wenn ich ›Drei‹ rufe, beginnt jeder von euch auf einen Drachenkopf zu spritzen, und zwar geradeaus in die Kehle, wo der Drache die Mandeln hat, weil nämlich von dorther das Feuer kommt. Also Achtung: Eins, zwei, drei!‹ Und als er ›Drei‹ gesagt hatte, richteten die Feuerwehrleute sieben Wasserstrahlen geradeaus in sieben Drachenmäuler, aus denen das Feuer wie aus einer großen Lötlampe hervorzüngelte. Schschsch, zischte es! Der Drache spuckte, schnaubte, hustete, schnaufte, keuchte, fluchte, röchelte, prustete, sprühte, zischte, rief ›Mama‹ und hieb mit dem Schweife um sich, aber die Feuerwehrleute gaben nicht nach und spritzten und spritzten, bis aus den sieben Drachenköpfen anstatt des züngelnden Feuers Dampfwolken wie aus einer Lokomotive aufstiegen, so daß man nicht einen Schritt weit sehen konnte. Dann wurde der Dampf dünner, die Feuerwehrleute hörten zu spritzen auf, gaben ein Trompetensignal und fuhren heim; und der Drache, ganz durchnäßt und erschöpft, spuckte nur, rieb sich das Wasser aus den Augen und brummte: ›Wartet nur, ihr Lausekerle, das verzeih ich euch nicht.‹ Doch da rief Kollege Scharfaug: ›Achtung, Jungens, eins, zwei, drei!‹ Und kaum hatte er ›Drei‹ gesagt, hieben wir sieben Schutzmänner auf sieben Drachengenicke ein, und sieben Köpfe rollten auf der Erde, und aus sieben Hälsen quoll Wasser heraus und spritzte wie aus einem Hydranten hoch; so viel Wasser war in den Drachen hineingeflossen. ›Und jetzt kommt zur murcianischen Prinzessin‹, sagte Kollege Scharfaug, ›aber achtgeben, damit ihr euch die Uniformen nicht naß macht.‹ ›Ich danke dir, edler Held‹, sagte das Fräulein, ›daß du mich aus der Gewalt dieses Drachens befreit hast. Ich spielte gerade mit meinen Gefährtinnen im murcianischen Park Fangball und Diabolo und Verstecken, als dieser dicke, alte Drache herbeigeflogen kam und mich ohne Unterbrechung bis hierher entführte.‹ ›Wie sind Sie denn da geflogen, Fräulein?‹ fragte Kollege Scharfaug. ›Über Algier, Malta, Konstantinopel, Belgrad und Wien, über Prag und Mittenwalde bis hierher in zweiunddreißig Stunden, siebzehn Minuten und fünf Sekunden nonstop und netto‹, antwortete die murcianische Prinzessin. »Da hat dieser Drache einen Rekord im Weitflug mit Passagier aufgestellt«, wunderte sich Kollege Scharfaug. »Da gratuliere ich Ihnen, Fräulein. Aber jetzt sollten wir Ihrem Herrn Vater telegraphieren, damit er jemanden herschickt, Sie zu holen!« Kaum hatte er zu Ende gesprochen, kam ein Auto dahergerast, und heraus sprang der murcianische König mit der Krone auf dem Kopf, ganz in Hermelin und Brokat gekleidet, und begann vor Freude auf einem Bein zu tanzen und zu schreien: »Mein Goldmädel, hab ich dich endlich gefunden.« »Einen Augenblick, Herr König«, fiel ihm Kollege Scharfaug ins Wort. »Sie sind mit Ihrem Auto ganz polizeiwidrig schnell gefahren, das kostet drei Mark Strafe, verstanden?« Der murcianische König begann in seinen Taschen zu wühlen und brummte: »Das ist wirklich merkwürdig, ich hatte doch siebenhundert Dublonen, Piaster und Dukaten, tausend Pesetas, dreitausendsechshundert Franken, dreihundert Dollars, achthundertzwanzig Mark und tausendzweihundertsechzehn tschechoslowakische Kronen und fünfundneunzig Heller, und jetzt besitze ich nicht einen Pfennig, nicht einen Heller, nicht einen Groschen, nicht einen Dreier mehr. Wahrscheinlich habe ich alles unterwegs für Benzin und Strafen wegen unvorschriftsmäßiger Schnelligkeit ausgegeben. Stattlicher Ritter, ich werde dir die drei Mark durch meinen Wesir schicken.‹ Hierauf räusperte sich der murcianische König, legte die eine Hand auf die Brust und fuhr, zum Kollegen Scharfaug gewandt, fort: ›Ich sehe an deiner Uniform wie auch an deinem erhabenen Äußeren, daß du ein mächtiger Krieger, ein Prinz oder am Ende gar ein Staatsbeamter bist. Dafür, daß du meine Tochter befreit und den furchtbaren mulhazenischen Drachen bezwungen hast, sollte ich dir eigentlich die Hand meiner Tochter anbieten, aber du trägst an deiner Rechten einen Ehering, woraus ich schließe, daß du verheiratet bist. Hast du Kinder?‹ ›Ja‹, antwortete Scharfaug, ›einen dreijährigen Jungen und noch ein ganz kleines Mädchen.‹ ›Da gratuliere ich‹, sagte der murcianische König. ›Ich hab nur dieses Mädel da. Also warte einmal, ich schenke dir wenigstens die Hälfte meines murcianischen Königreiches. Das macht ungefähr siebzigtausendvierhundertneunundfünfzig Quadratkilometer Land, mit siebentausendeinhundertfünfzig Kilometern Eisenbahnen, zwölftausend Kilometern Straßen und zweiundzwanzig Millionen, siebenhundertfünfzigtausendneunhundertelf Einwohnern beiderlei Geschlechtes. Bist du einverstanden?‹ ›Herr König‹, entgegnete Kollege Scharfaug, ›es sind da verschiedene Schwierigkeiten. Ich und meine Kameraden hier haben nämlich den Drachen einfach aus dienstlicher Pflicht erschlagen, weil er meiner amtlichen Aufforderung nicht Folge leisten und mit mir nicht auf die Wache kommen wollte. Und für eine Dienstleistung darf keiner von uns eine Belohnung annehmen; das gibt's nicht, lieber Herr König, das ist verboten.‹ ›Aha‹, meinte der König darauf. ›Aber vielleicht könnte ich zum Zeichen meiner königlichen Dankbarkeit die Hälfte des murcianischen Königreiches samt allen Einrichtungen der ganzen Breslauer Polizei schenken.‹ ›Das ginge schon eher‹, überlegte Kollege Scharfaug, ›aber auch das, Herr König, hat seine Schwierigkeiten. Wir haben ohnehin den ganzen Breslauer Bezirk bis zur Landkreisgrenze, und was es da schon herumzulaufen und aufzupassen gibt! Wenn wir jetzt noch die Hälfte des murcianischen Königreiches dazu bekommen, müßten wir uns rein die Beine ablaufen, und dann würden uns die Füße weh tun. Herr König, wir danken Ihnen recht schön, aber uns genügt Breslau.‹ ›Leute‹, sagte der murcianische König, ›dann schenke ich euch wenigstens dieses Paketchen Tabak hier, das ich mir auf die Reise mitgenommen habe. Es ist echter Murciantabak und reicht gerade für sieben vollgestopfte Pfeifen. Nun, Töchterchen, hinein in den Wagen und losgefahren.‹ – Und als er sich aus dem Staub gemacht hatte – und Staub wirbelte dieser König ordentlich auf – gingen wir, nämlich die Kollegen Starkarm, Schnappmaß, Fürbaß, Weitschritt, Hartmann, Scharfaug und ich auf die Wachstube und stopften unsere Pfeifen mit dem Murciantabak. Menschenskinder, so einen Tabak hatte ich mein Leben noch nicht geraucht; er war nicht einmal so stark, aber er duftete wie Honig, wie Vanille, wie Zimt und wie Weihrauch, aber weil unsere Pfeifen so stanken, spürten wir den Duft nicht einmal besonders. Der Drache sollte ins Museum kommen; ehe sie ihn jedoch wegführen konnten, verwandelte er sich in Gallert; er war zu naß geworden und mit Wasser vollgesogen – das hat ihm nicht gutgetan. Und das ist alles, was ich darüber weiß.« Nachdem der Schutzmann Menzel die Geschichte vom Drachen auf dem Maiberg beendet hatte, pafften alle Schutzmänner eine Weile schweigend vor sich hin; wahrscheinlich dachten sie an den Murciantabak. Dann begann der Schutzmann Stelzbein: »Da uns der Kollege Menzel vom Maiberger Lindwurm erzählt hat, will ich euch von dem Drachen aus der Bischofsgasse erzählen. Ich ging also einmal durch die Bischofsgasse und sehe plötzlich in der Ecke bei der Kirche ein riesiges Ei liegen. Es war so groß, daß es wohl kaum in meinen Tschako gegangen wäre und so schwer, als wäre es aus Marmor. Um Himmelswillen, sagte ich mir, das ist wohl ein Straußenei oder so was Ähnliches, am besten, ich trage es auf das Polizeipräsidium ins Fundbüro; vielleicht meldet sich der Besitzer des Eis. Damals war in dieser Abteilung Kollege Pauer, der von einer Erkältung her noch Hexenschuß hatte; er heizte deshalb im eisernen Ofen, daß es so heiß war wie in einer Bratröhre. ›N'Abend, Pauer‹, sage ich, ›du hast es ja warm hier wie des Teufels Großmutter. Ich melde, daß ich in der Bischofsgasse ein Ei gefunden habe.‹ ›Leg es dorthin‹, sagte Kollege Pauer, ›und setz dich; du glaubst gar nicht, wie mich mein Hexenschuß plagt.‹ Eine Weile unterhielten wir uns, wie so ein Wort das andere gibt; dann begann es zu dämmern, und auf einmal hören wir in der Ecke etwas knacken oder rascheln. Wir machen Licht und schauen nach – ist da aus dem Ei ein Drachen herausgeschlüpft; wahrscheinlich hatte es die übergroße Wärme ausgebrütet. Das Zeug war nicht größer als, na sagen wir ein Pudel oder Foxterrier, aber ein Drache war es, das erkannten wir gleich an den sieben Köpfen; daran erkennt man nämlich einen Drachen. ›Kruzineser‹, sagte Kollege Pauer, ›was machen wir damit? Ich werde um die Grüne Minna telephonieren, damit sie das Vieh wegschafft.‹ ›Weißt du was, Pauer‹, sage ich, ›so ein Drache ist ein ziemlich seltenes Tier; ich denke, wir sollten erst einmal eine Anzeige in der Zeitung aufgeben, vielleicht meldet sich sein Besitzer.‹ ›Gut‹, sagte Pauer, ›aber womit soll ich es inzwischen füttern? Ich will es mit Milch und eingebröckelter Semmel versuchen; für ein Junges ist Milch am gesündesten.‹ Er bröckelte also sieben Semmeln in sieben Liter Milch ein; da hättet ihr sehen sollen, wie sich das hungrige Drachenjunge darauf stürzte: ein Kopf stieß den andern von der Schüssel weg, und alle knurrten sich gegenseitig an und schlabberten die Milch aus, daß das ganze Büro davon voll war; dann leckte sich ein Kopf nach dem anderen ab und schlief ein. Kollege Pauer sperrte den Drachen in sein Büro, wo alle verlorenen und gefundenen Gegenstände von ganz Breslau aufbewahrt werden und schickte folgende Anzeige an die Zeitungen: ›Ein Drachenjunges , frisch ausgebrütet, wurde in der Bischofsgasse gefunden. Das genannte ist siebenköpfig, gelb und schwarz gestreift. Der Eigentümer melde sich auf dem Fundbüro im Polizeipräsidium.‹ Als Kollege Pauer in der Früh in sein Büro kam, sagte er nichts als ›Sapperment verflixtnocheinmal duliebergott dasolldochder dreinfahren donnerunddoria neinsoetwas meinerseel, daß ich nicht fluch!‹ Der Drache hatte über Nacht alle Sachen aufgefressen, die irgendwer in Breslau verloren oder gefunden hatte: also Ringe, Uhren, Geldbörsen, Handtaschen und Notizbücher, Bälle und Bleistifte, Federhalter, Schulbücher und Murmeln, Trillerpfeifen, Knöpfe, Reißzeuge, Handschuhe und noch dazu alle amtlichen Papiere, Akten, Protokolle und Dokumente, kurz und gut, alles, was in Pauers Kanzlei vorhanden war, sogar Pauers Pfeife, die Kohlenschaufel und das Lineal, womit Pauer die Akten liniierte. Der Drache hatte so viel gefressen, daß er bereits noch einmal so groß war und daß sogar einigen seiner Köpfe schlecht zu sein schien. ›Das geht so nicht‹, meinte Kollege Pauer, ›ich kann das Vieh nicht da behalten.‹ Und so telephonierte er den Tierschutzverein an, damit der oben beschriebene, verehrliche Verein dem Drachenjungen Obdach gewähre, wie er es bei verlaufenen Hunden und Katzen zu tun pflege. ›Warum nicht‹, sagte der Verein und nahm den Drachen zu sich. ›Jetzt möchte ich nur gerne wissen‹, sagte dann der Verein, ›was so ein Drache eigentlich frißt. In der Naturgeschichte steht nichts darüber.‹ So versuchten sie es denn und gaben dem Drachen Milch, Brot, Würste, Schlackwurst, Eier, Möhren, Grießbrei, Schokolade, Erbsen, Heu, Suppe, Graupen, Tomaten, Reis, Semmeln, Zucker, Kartoffeln und Dörrobst zu fressen; der Drache fraß alles auf und verschluckte noch dazu Bücher, Bilder, Türklinken und überhaupt alles, was dort war; und wuchs derart, daß er bereits die Größe eines Bernhardiners hatte. Inzwischen traf jedoch ein Telegramm aus Bukarest ein, in dem in Schwarzkünstlerhandschrift zu lesen stand: ›Das Drachenjunge ist ein verzauberter Mensch. Alles Nähere mündlich. Komme innerhalb dreihundert Jahre Hauptbahnhof an. Zauberer Bosko.‹ Da kratzte sich der Tierschutzverein hinterm Ohr und sagte: ›Oha, wenn der Drache ein verzauberter Mensch ist, ist er ein menschliches Geschöpf, das wir nicht unter Tierschutz stellen können. Da müssen wir es in eine Findelanstalt oder ein Waisenhaus schicken.‹   Aber die Findelanstalten und Waisenhäuser meinten wieder: ›Oha, wenn dieser Mensch in ein Tier verzaubert ist, ist es kein Mensch mehr, sondern ein Tier, weil er doch in ein Tier verzaubert wurde.‹ Und da sie sich nicht darüber einigen konnten, ob der in ein Tier verzauberte Mensch mehr Mensch oder mehr Tier sei, wollten weder die einen noch die anderen den Drachen zu sich nehmen, und der arme Drache wußte nicht, wem er eigentlich gehörte; das ging ihm so nahe, daß er zu fressen aufhörte, namentlich sein dritter, fünfter und siebenter Kopf. In dem Verein war ein kleiner, dürrer, unscheinbarer und bescheidener Mensch; er hieß Neuner, Nürner oder Noller – ah nein, Herr Trauminit war sein Name; als nun dieser Herr Trauminit sah, wie ein Drachenkopf nach dem anderen vor Leid fast einging, sagte er zu dem Verein: ›Meine Herren, sei es nun ein Mensch oder ein Tier, ich nehme mir den Drachen nach Hause und werde für ihn sorgen, wie sich's gehört.‹ Da sagten alle ›Nun also‹, und Herr Trauminit führte den Drachen nach Hause. Das muß man ihm lassen: er sorgte wirklich für ihn, fütterte ihn, kämmte ihn und streichelte ihn – dieser Herr Trauminit hatte nämlich Tiere sehr gern; und jeden Abend, wenn er von der Arbeit heimkam, ging er mit dem Drachen spazieren, damit er sich ein bißchen auslaufe; der Drache sprang wie ein Hund hinter ihm her, wedelte mit dem Schwanze und hörte auf den Namen Amira. Eines Abends begegnete ihnen der Hundefänger und sagt: ›Halt, Herr Trauminit, was haben Sie da für ein Tier? Falls es ein Raubtier, ein reißendes oder wildes Tier ist, dürfen Sie es nicht auf den Straßen herumführen; wenn es aber ein Hund ist, müssen Sie ihm eine Hundemarke kaufen und ihm um den Hals hängen.‹ ›Das ist eine besonders seltene Hundeart‹, erwiderte Herr Trauminit, ›ein sogenannter Drachenpintscher oder Drachenwindspiel, beziehungsweise siebenköpfiger Hund, nicht wahr, Amira? Nur keine Sorgen, Herr Hundefänger, ich werde ihm die Hundemarke schon kaufen.‹ Und er kaufte sie wirklich, wenn der arme Kerl auch sein letztes Geld dafür hergeben mußte. Und wieder begegnete ihnen der Hundefänger und sagte: ›Herr Trauminit, so geht das nicht; wenn Ihr Hund sieben Köpfe hat, muß er um jeden Hals eine Hundemarke tragen, weil laut Vorschrift jeder Hund eine Hundemarke um den Hals tragen muß.‹ ›Aber Herr Hundefänger‹, wehrte sich Herr Trauminit, ›die Amira trägt doch am mittleren Hals eine Hundemarke!‹ ›Das ist alles eins‹, entgegnete der Hundefänger, ›aber die übrigen sechs Köpfe laufen ohne Marke herum und das darf ich nicht dulden, ich muß sonst Ihren Hund einfangen.‹ ›Ich bitte Sie, Herr Hundefänger, warten Sie damit noch drei Tage‹, bat Herr Trauminit, ›ich kaufe der Amira die Marken.‹ Und ging tief unglücklich nach Hause, weil er nicht einen roten Heller mehr besaß. Daheim setzte er sich nieder und hätte am liebsten zu heulen angefangen, so leid tat ihm das; er sah schon voraus, wie ihm der Hundefänger die Amira wegnehmen und an irgendeinen Zirkus verkaufen oder gar töten werde. Und wie er sich so abquälte und seufzte, kam der Drache zu ihm gekrochen, legte alle seine sieben Köpfe auf Herrn Trauminits Schoß und blickte ihn mit wundervollen, traurigen Augen an. Jedes Tier hat so schöne, beinahe menschliche Augen, wenn es mit Liebe und Vertrauen zum Menschen aufschaut. ›Ich verlasse dich nicht, Amira‹, sagte Herr Trauminit und tätschelte alle sieben Köpfe des Drachen; und dann nahm er die Uhr von seinem seligen Vater, seinen Sonntagsanzug und die besten Schuhe, verkaufte alles und borgte sich noch Geld und kaufte dann für das ganze Geld sechs Hundemarken und hängte sie seinem Drachen an die Halsbänder. Und als er dann mit ihm auf die Straße hinausging, klingelten und bimmelten die Hundemarken, als komme ein Schellenschlitten gefahren. Noch am selben Abend jedoch kam der Hauswirt zu Herrn Trauminit und sagte: ›Herr Trauminit, Ihr Hund will mir nicht gefallen. Ich verstehe zwar nicht viel von Hunden, aber die Leute sagen, daß das angeblich ein Drache sein soll; und das kann ich in meinem Hause nicht dulden.‹ ›Aber Herr Hauswirt‹, wandte Herr Trauminit ein, ›die Amira hat doch noch niemandem etwas zuleide getan!‹ ›Das geht mich nichts an‹, erwiderte der Wirt, ›aber ein Drache gehört nicht in ein ordentliches Haus und damit basta, punktum. Wenn Sie diesen Hund nicht weggeben, kündige ich Ihnen zum Ersten die Wohnung. Empfehle mich, Herr Trauminit‹, und schlug die Türe hinter sich zu. ›Siehst du, Amira‹, weinte Herr Trauminit, ›jetzt müssen wir zu all dem Unglück noch hier ausziehen; aber ich verlasse dich nicht.‹ Da kroch der Drache ganz leise zu ihm heran, und seine Augen leuchteten derart, daß es Herr Trauminit fast nicht mehr aushalten konnte. ›Na, na‹, sagte er, ›du weißt doch, Alte, daß ich dich gern hab.‹ Tags darauf ging er von Sorgen erfüllt ins Büro, er war nämlich Schreiber in einer Bank; und richtig ließ der Bankdirektor ihn zu sich rufen. ›Herr Trauminit‹, sagte der Bankdirektor, ›mich gehen zwar Ihre Privatangelegenheiten nichts an, aber hier sind so merkwürdige Gerüchte im Umlauf, daß Sie sich angeblich zu Hause einen Drachen halten. Sehen Sie, keiner von Ihren Vorgesetzten hält sich einen Drachen. Das kann sich nur ein König oder ein Sultan leisten, aber für gewöhnliche Sterbliche ist das nichts. Herr Trauminit, Sie leben sehr über Ihre Verhältnisse, entweder geben Sie diesen Drachen weg, oder ich muß Ihnen zum Ersten kündigen.‹ ›Herr Direktor‹, sagte Herr Trauminit leise, aber entschlossen, ›ich verlasse Amira nicht.‹ Und ging so betrübt nach Hause, daß es sich gar nicht beschreiben läßt. Daheim setzte er sich wie geistesabwesend nieder; alsbald begannen Tränen aus seinen Augen zu fließen. ›Jetzt ist es aus mit mir‹, sagte er und weinte. Da spürte er, wie ihm der Drache einen Kopf auf die Knie legte; vor lauter Tränen sah er nichts, sondern streichelte ihn nur und flüsterte: ›Fürchte dich nicht, Amira, ich verlasse dich nicht.‹ Und wie er ihn so streichelt, kommt es ihm vor, als ob dieser Kopf weich und lockig sei; er reibt sich die Augen und siehe – da kniet anstatt des Drachens eine schöne Jungfrau vor ihm, stützt sich mit ihrem Kinn auf seine Knie und blickt ihm selig in die Augen. ›Um Gotteswillen‹, schreit Herr Trauminit auf, ›wo ist Amira?‹ ›Ich bin die Prinzessin Amira‹, sagte die Jungfrau, ›die bis zu diesem Augenblick in einen Drachen verzaubert war, weil ich so stolz und zornig gewesen bin. Aber von jetzt an, Herr Trauminit, werde ich brav sein wie ein Lämmchen.‹ ›Amen‹, tönte es von der Tür her, in welcher der Zauberer Bosko stand. ›Sie haben sie befreit, Herr Trauminit. Jede Liebe befreit Menschen und Tiere aus ihrem Zauberbann. Jemine, Kinder, das ist aber gut ausgefallen! Herr Trauminit, der Vater dieses Fräuleins hier läßt Ihnen sagen, daß Sie in sein Königreich kommen sollen, den Thron besteigen. Also marsch, damit wir den Zug nicht versäumen.‹« »So endete der Fall mit dem Drachen aus der Bischofsstraße«, sagte der Schutzmann Stelzbein. »Wenn ihr es nicht glauben wollt, fragt den Kollegen Pauer.« Die Post-Geschichte Das möchte ich denn doch gerne wissen: wenn es Geschichten von allen möglichen anderen Berufen und Handwerken geben kann, wie von Königen, Prinzen und Räubern, von Hirten, Rittern und Schwarzkünstlern, von Riesen und Holzfällern, warum sollte es nicht auch mal eine Geschichte von einem Briefträger geben? So ein Postamt ist ja fast ein verzauberter Ort; da gibt es lauter Aufschriften, wie »Rauchen verboten«, »Das Mitnehmen von Hunden ist untersagt« und viele andere Warnungstafeln – ja so viele Kundmachungen und Verbote haben nicht einmal die Schwarzkünstler oder Drachen in ihren Amtsräumen. Schon daraus kann man ersehen, daß die Post ein geheimnisvoller und mächtiger Ort ist. Und dann noch etwas: wer hat denn je gesehen, was in der Nacht auf so einem Postamt vorgeht, wenn es geschlossen ist? Ja, meine Lieben, das würden wir uns gar zu gern einmal anschauen! Ein Herr – damit ihr es auch wißt, es war der Herr Hitzleputz, von Beruf Postbeamter und Briefträger – hat sich das auch wirklich einmal angesehen und hat es den anderen Briefträgern und Postbeamten erzählt, und die haben es wieder weitererzählt, bis es schließlich mir zu Ohren kam: ich aber bin keineswegs so mißgünstig, um es nur für mich zu behalten. Darum heraus damit, und schon fange ich an. Also, diesen Herrn Hitzleputz, von Beruf Briefträger und Postbeamter, begann sein Briefträgerberuf zu verdrießen: was nur so ein Briefträger herumgehe, herumrenne, herumjage und sich die Füße ablaufe, so daß er angeblich tagaus tagein neunundzwanzigtausendsiebenhundertundfünfunddreißig Schritte machen müsse, worin achttausendzweihundertneunundvierzig Treppen hinauf Treppen hinab enthalten seien, und daß die Briefe, die er austrägt, doch nur lauter Drucksachen, Rechnungen und andere Überflüssigkeiten wären, die niemandem Freude machten; und dann sei auch das Postamt so ein unfreundlicher Ort, wo sich nie etwas Interessantes und Geheimnisvolles abspielte. Einmal setzte er sich vor lauter Trübsinn auf der Post neben den Ofen und schlief ein, ohne zu bemerken, daß es bereits sieben Uhr war; und als es sieben Uhr schlug, gingen die anderen Postbeamten und Briefträger nach Haus, schlossen das Postamt zu, und Herr Hitzleputz blieb dort eingeschlossen und schlief. Es mochte Mitternacht sein, als ihn ein Geräusch weckte, als wenn Mäuse am Fußboden herumtrappelten. Schau, schau, sagte sich Herr Hitzleputz, wir haben Mäuse hier; da sollte man doch eine Falle aufstellen. Und wie er sich so nach den Mäusen umblickte, sah er, daß es keine Mäuse, sondern Postkobolde waren. Das sind kleine, bärtige Wichte, ungefähr so groß wie ein Huhn oder ein Eichhörnchen oder ein Waldkaninchen, so ungefähr; auf dem Kopf trugen sie Mützen wie die wirklichen Postbeamten, und sie trugen auch Jacken wie die wirklichen Briefträger. Verflixt und zugenäht, sagte sich Herr Hitzleputz, aber sonst muckte, zuckte und rührte er sich nicht und gab keinen Laut von sich. Er traute seinen Augen kaum: ein Postkobold ordnete die Briefe, die Herr Hitzleputz in der Frühe austragen sollte; ein zweiter sah die Post durch; ein dritter wog die Pakete ab und klebte Zettel darauf; ein fünfter saß beim Schalter und zählte das Geld nach, wie es die Postbeamten tun. »Das habe ich mir gleich gedacht«, brummte der Kobold, »da hat sich dieser Postmensch wieder um einen Pfennig verzählt, das muß ich sofort richtigstellen.« Der sechste Zwerg saß beim Telegraphenapparat und klopfte eine Depesche ab, ungefähr so: taktak tak tak taktaktak tak. Aber Herr Hitzleputz verstand, was er telegraphierte; in der gewöhnlichen Sprache lautete es: »hallo postministerium hier postwichtel nummer hunderteinunddreißig stop melde alles in Ordnung stop kollege elf bärtchenputzer hat husten meldet sich krank dienst nicht angetreten stop auf wiederhören stop.« »Da ist ein Brief nach der Station Bambolimbonanda im kannibalischen Königreich«, ließ sich das siebente Wichtelmännchen vernehmen. »Wo liegt das?« »Das geht über Benetschau«, sagte der achte Gnom. »Kollege, schreib noch dazu, Königreich Kannibalien, Bahnstation Unter-Weißenthurm, letzte Post Katzenhübel. Per Flugpost. So, und jetzt wären wir fertig. Was meint ihr, Leute, wenn wir ein wenig Karten spielen würden?« »Warum denn nicht?«, sagte der erste Zwerg und zählte zweiunddreißig Briefe ab. »So, da sind die Karten, wir können anfangen.« Der zweite Kobold nahm die Briefe und mischte sie. »Ich hebe ab«, sagte der erste Wichtelmann. »Also teil aus«, sagte der zweite. »Nu, nu«, brummte der dritte, »da habe ich aber ein schlechtes Blatt bekommen!« »Ich spiele aus«, sagte der vierte und hieb mit einem Brief auf den Fußboden. »Ich steche«, sagte der fünfte und legte seinen Brief auf den ersten. »Das ist zu wenig für mich, mein Freund«, sagte der sechste und warf seinen Brief dazu. »Oho«, meinte der siebente, »da hab ich noch eine höhere Karte.« »Und ich hab das Trumpfas«, rief der achte Wichtelmann und warf seinen Brief auf die übrigen. Das, Kinder, konnte der Herr Hitzleputz nicht mehr aushalten. »Ich bitte die Herren Zwerge, sich durchaus nicht stören zu lassen«, rief er, »aber mit was für Karten spielt ihr da eigentlich?« »Ah, guten Tag, Herr Hitzleputz«, sagte das erste Zwerglein. »Wir wollten Sie nicht wecken, Herr Hitzleputz, aber da Sie schon einmal wach sind, können Sie gern mit uns spielen. Wir spielen nämlich nur gewöhnliches Sechsundsechzig, aber zu achten.« Herr Hitzleputz ließ sich das nicht zweimal sagen und setzte sich zu den Zwergen. »Da haben Sie Karten«, sagte das zweite Zwerglein und gab ihm einige Briefe, »Sie können anfangen.« Herr Hitzleputz blickte auf die Briefe in seiner Hand und sagte: »Liebe Herren Zwerge, bitte nehmt es mir nicht übel, aber ich habe doch keine Karten in der Hand, sondern nur unbestellte Briefe.« »Eben«, antwortete der dritte Knirps, »das sind unsere Spielkarten.« »Hm«, sagte Herr Hutzleputz, »werdet bitte nicht ärgerlich, meine Herren, aber Spielkarten sollen doch als niedrigste Karte eine Sieben, dann eine Acht, eine Neun, eine Zehn, Bube, Dame, König und als höchste Karte ein As haben. Aber auf diesen Briefen ist doch nichts dergleichen vermerkt.« »Da irren Sie sich sehr, Herr Hitzleputz«, meinte das vierte Männchen. »Damit Sie's wissen, jeder dieser Briefe gilt mehr oder weniger, je nach dem, was drinnen steht.« »Die niedrigste Karte oder die Sieben«, erläuterte das erste Heinzelmännchen, »sind solche Briefe, in denen sich die Menschen etwas vorlügen oder vortäuschen.« »Die zweitniedrigste Karte ist die Acht«, fuhr der zweite Dreikäsehoch fort, »das sind solche Briefe, welche die Menschen aus Zwang oder Pflicht schreiben.« »Die drittniedrigste Karte ist die Neun«, sagte der dritte Knirps, »das sind Briefe, welche die Menschen einander nur aus Höflichkeit schreiben.« »Die erste hohe Karte ist die Zehn«, sagte der vierte. »Das sind solche Briefe, in denen die Menschen von etwas Interessantem und Neuem berichten.« »Die zweite hohe Karte ist der Bube«, sagte der fünfte, »das sind Briefe, welche die Menschen schreiben, wenn sie dem anderen eine Freude bereiten wollen.« »Die dritte hohe Karte ist die Dame«, sagte der sechste. »Das sind Briefe zwischen guten Freunden.« »Die vierte hohe Karte heißt König«, fügte die siebente hinzu. »Das ist ein Brief, der aus Liebe geschrieben wurde.« »Und die höchste Karte oder das As«, beendete der achte Gnom, »ist ein Brief, in dem ein Mensch dem anderen sein ganzes Herz schenkt. Das ist die Karte, die alle anderen übersticht oder übertrumpft. Damit Sie es wissen, Herr Hitzleputz, so einen Brief findet man, wenn die Mutter ihrem Kinde oder ein Mensch einem anderen Menschen schreibt, den er lieber hat als sich selbst.« »Aha«, sagte Herr Hitzleputz. »Aber jetzt möchte ich noch gern wissen, wie ihr das so rasch erkennt, was in den Briefen drinnensteht. Ich würde es sehr ungern hören, meine Herren, daß ihr sie am Ende öffnet und lest. Das darf man nicht, da würdet ihr das Briefgeheimnis verletzen, und ich müßte euch dann auf der Polizei anzeigen, Gesindel.« »Das wissen wir auch, Herr Briefträger«, meinte der sechste Zwerg, »aber wir, wir fühlen gleich durch den geschlossenen Umschlag hindurch, was in dem Brief steht. Die gleichgültigen Briefe fühlen sich kalt an, aber je mehr Liebe im Brief ist, desto wärmer ist er.« »Und wenn wir Wichtelmänner einen geschlossenen Brief an die Stirne halten«, fügte der zweite hinzu, »können wir Wort für Wort sagen, was darin geschrieben steht.« »Das ist eine andere Sache«, meinte der Briefträger Hitzleputz, »aber wenn wir schon so beisammen sind, würde ich euch gern noch etwas fragen. Hoffentlich werdet ihr darüber nicht ungehalten sein.« »Nun, weil Sie es sind, Herr Hitzleputz«, erwiderte der dritte Wicht, »können Sie fragen, was Sie wollen.« »Ich möchte gern wissen«, fragte der Briefträger Hitzleputz, »was die Wichtelmännchen eigentlich essen?« »Das ist verschieden«, antwortete der vierte Zwerg. »Wir Wichtelmänner, die wir in den einzelnen Ämtern hausen, nähren uns wie die Schwaben von dem, was ihr Menschen verstreut: also von einem Bröcklein Brot oder einem Bissen Semmel – Sie wissen ja, Herr Hitzleputz, es ist nicht viel, was euch Menschen vom Mund abfällt.« »Wir Postkobolde«, sagte der fünfte Wicht, »haben es nicht so schlecht. Wir kochen uns manchmal die Telegraphenstreifen als Nudeln und tun als Fett Postkleister dazu, aber es muß Kleister aus Dextrin sein.« »Doch am häufigsten nähren wir uns von Abfällen«, erzählte der siebente Heinzel. »Wissen Sie, Herr Hitzleputz, deshalb kehrt man ja auch in Amtsräumen so selten aus, damit für uns ein paar Brösel übrigbleiben.« »Und wenn ich so frei sein darf«, fragte der Briefträger weiter, »wo schlaft ihr denn eigentlich?« »Das sagen wir Ihnen nicht, Herr Hitzleputz, »erwiderte das achte Männchen. »Wenn die Menschen wüßten, wo wir Heinzelmännchen hausen, würden sie uns dort hinausfegen. Nein, nein, das dürfen Sie nicht wissen.« Nun gut, wenn ihr es mir nicht sagen wollt, dann laßt es sein, dachte sich Hitzleputz. Ich werde schon aufpassen, wohin ihr schlafen geht. Und er setzte sich wieder zum Ofen, um achtzugeben. Aber kaum hatte er es sich dort bequem gemacht, begannen ihm die Augenlider so merkwürdig schwer zu werden, und ehe noch jemand bis fünf zählen konnte, war Herr Hitzleputz bereits eingeschlafen und schlief wie ein Klotz bis in alle Herrgottsfrühe. Natürlich sagte der Postbeamte Hitzleputz von dem, was er gesehen hatte, niemandem auch nur ein Sterbenswörtchen, denn, ihr wißt ja, auf dem Postamt darf man eigentlich nicht übernachten. Nur trug er seither doppelt so gern die Briefe aus. Dieser Brief da, sagte er sich, ist ziemlich lau, aber dafür brennt dieser hier beinahe, so heiß ist er; das ist wohl ein Brief von einer Mutter. Einmal ordnete er auf der Post die Briefe, die er im Briefkasten ausgehoben hatte, um sie den Leuten zuzustellen. »Achherrje«, sagte er plötzlich, »da ist ein Brief in einem zugeklebten Umschlag, aber auf dem Umschlag fehlt die Adresse und die Marke.« »Aha«, meinte der Herr Oberpostsekretär, »da hat wieder jemand ein Schreiben ohne Adresse in den Briefkasten geworfen.« Es war gerade ein Herr auf der Post, der seiner Mutter einen eingeschriebenen Brief schicken wollte; dieser Herr hörte das und sagte: »Na, das muß aber ein Tolpatsch und ein Dummkopf und ein Dromedar sein, der einen Brief abschickt, ohne eine Adresse draufzuschreiben.« »Oh nein, mein Herr«, sagte der Herr Oberpostsekretär, »solche Briefe finden wir im Laufe des Jahres eine ganze Menge. Sie würden nicht glauben, mein Herr, wie zerstreut die Leute sind. Schreiben einen Brief, mein Herr, laufen damit Hals über Kopf auf die Post, mein Herr, und vergessen ganz und gar nachzusehen, ob sie auch schon die Adresse geschrieben haben. Oje, mein Herr, das kommt öfters vor, als Sie glauben.« »Aber, aber«, wunderte sich der Herr, »und was machen Sie mit solchen Briefen ohne Adresse?« »Wir lassen sie auf der Post liegen, mein Herr«, erwiderte der Oberpostsekretär, »weil wir sie nicht zustellen können, mein Herr.« Herr Hitzleputz drehte inzwischen den Brief hin und her und brummte: »Herr Oberpostsekretär, dieser Brief ist so warm, in dem steht sicher etwas Aufrichtiges drinnen. Ich denke, man sollte den Brief doch demjenigen zustellen, dem er gehört.« »Wenn keine Adresse aufgeschrieben ist, ist das nicht möglich und damit basta«, wendete der Herr Oberpostsekretär ein. »Vielleicht könnten Sie das Schreiben öffnen«, riet der fremde Herr, »und nachsehen, wer es abgeschickt hat.« »Das geht nicht, mein Herr«, entgegnete der Herr Oberpostsekretär streng, »das wäre eine Verletzung des Briefgeheimnisses, mein Herr, und das darf nicht sein.« Damit war die Angelegenheit für ihn erledigt. Aber als der fremde Herr fortgegangen war, wandte sich Hitzleputz an den Oberpostsekretär. »Wenn ich so frei sein darf, Herr Oberpostsekretär, aber bezüglich dieses Schreibens könnte uns vielleicht der eine oder der andere Postkobold raten.« Und er erzählte, wie er einmal in der Nacht die Postzwerge gesehen hatte, und auf welche Weise die Heinzelmännchen Briefe lesen können, ohne sie zu öffnen. Der Oberpostsekretär sann nach und meinte dann: »Sapperment, das ginge. Versuchen Sie es mal, Hitzleputz; wenn uns die Heinzelmännchen sagen, was in dem geschlossenen Brief drinnen steht, könnten wir vielleicht feststellen, wem das Schreiben gehört.« So ließ sich denn Herr Hitzleputz in dieser Nacht wieder auf dem Postamt einsperren und wartete. Es mochte Mitternacht sein, als er es tap tap auf dem Fußboden hörte, so als wenn Mäuse herumtrappelten, und dann sah er wieder die Heinzelmännchen, wie sie Briefe ordneten, Pakete abwogen, Geld nachzählten und Depeschen abtelegraphierten. Und als sie mit allem fertig waren, setzten sie sich auf den Fußboden und spielten mit den Briefen Sechsundsechzig. In diesem Augenblick ließ sich Hitzleputz vernehmen: »Schön guten Abend, meine lieben Herren Zwerge.« »Ah, der Herr Hitzleputz«, sagte der älteste Kobold. »Kommen Sie, spielen Sie mit uns Karten.« Herr Hitzleputz ließ sich das nicht zweimal sagen und setzte sich zu ihnen auf den Fußboden. »Ich spiele aus«, sagte das erste Wichtel und legte seine Karte auf den Boden. »Ich steche«, sagte das zweite. »Ich trumpfe«, sagte das dritte. Jetzt kam die Reihe an Herrn Hitzleputz, der den geschlossenen Brief ohne Adresse auf die drei übrigen legte. »Sie haben gewonnen, Herr Hitzleputz«, sagte der erste Knirps, »weil Sie die höchste Karte oder Herzas ausgespielt haben.« Hitzleputz erwiderte: »Aber wißt ihr auch sicher, daß das so eine hohe Karte ist?« »Wenn ich das nicht erkennen sollte«, sagte der Zwerg. »Das ist doch ein Brief, den ein Bursch seinem Mädel schreibt, welches er lieber hat als sich selbst.« »Das scheint mir nicht der Fall zu sein«, sagte Herr Hitzleputz absichtlich. »Doch, es ist so«, entgegnete der Zwerg. »Wenn Sie es nicht glauben wollen, lese ich Ihnen den Brief vor.« Er nahm das Schreiben, legte es an die Stirne, schloß die Augen und las: »Meine herzallerlibste Marie, (da ist ein Schreibfehler, meinte der Kobold, herzallerliebst schreibt man mit ie) so benachrichtige ich dir das ich eine Stelle als Schofer bekomen habe wenn du also willst könen wir Hochzeit feiern also schreibe mir bald ob du mir noch libst dein treuer Franz.« »Schönen Dank, Herr Kobold«, sagte der Briefträger, »das wollte ich nämlich erfahren. Nochmals schönen Dank.« »Gern geschehen«, sagte der Kobold, »aber damit Sie's wissen, es sind acht Fehler in dem Brief. Viel hat der Franz in der Schule nicht gelernt.« »Jetzt möchte ich nur noch gern wissen, was für eine Marie und was für ein Franz das ist«, brummte Hitzleputz. »Damit kann ich nicht dienen«, sagte das winzige Männchen, »das steht nicht mehr in dem Brief.« – Am nächsten Morgen meldete der Briefträger Hitzleputz dem Herrn Oberpostsekretär, daß diesen Brief ohne Adresse ein Schofför Franz einem Fräulein Marie geschrieben hat und daß dieser Herr Franz das betreffende Fräulein Marie gern heiraten möchte. »Ei der Daus«, rief der Herr Oberpostsekretär, »das ist ja ein außerordentlich wichtiges Schreiben, das sollte das Fräulein doch bekommen!« »Ich würde das Brieflein schwupps zustellen«, sagte Herr Hitzleputz, »wenn ich nur wüßte, wie dieses Fräulein Marie mit dem Zunamen heißt, in welcher Stadt, in welcher Straße und unter welcher Hausnummer sie wohnt.« »Das würde ein jeder treffen, Hitzleputz«, meinte der Oberpostsekretär. »Dazu brauchte man nicht einmal einen Briefträger. Aber ich würde es gern sehen, wenn das Fräulein dieses Schreiben bekäme.« »Gut, Herr Oberpostsekretär«, rief Herr Hitzleputz, »ich werde das Fräulein Adressatin suchen, und wenn ich ein ganzes Jahr herumlaufen und die ganze Welt durchsuchen müßte.« Nach diesen Worten warf er die Posttasche mit den Briefen und einem Stück Brot über die Schulter und begann zu wandern. Und Herr Hitzleputz ging und ging und fragte überall, ob nicht in dieser Gegend ein Fräulein Marie wohne, die einen Brief von einem gewissen Herrn Schofför Franz erwarte. Und so durchwanderte er die ganze Gegend von Glatz nach Neisse, Hirschberg und Görlitz, Bunzlau und Liegnitz, Münderberg, Haynau, Frankenberg, Strehlen, den Kreis Oppeln und den Kohlenbezirk und Ratibor; er kam nach Brückenberg, Hain, Schmiedeberg, Dittersbach, Schreiberhau, Krummhübel, Reinerz, Kudowa, ja selbst nach Zobten und Groß-Mochbern, auf die Schneekoppe und auf den Glatzer Schneeberg, kurz er fragte überall und überall nach diesem Fräulein Marie. Er fand eine Menge Fräulein Maries in Schlesien, insgesamt neunundvierzigtausendneunhundertachtzig, aber keine von ihnen erwartete ein Brieflein von Herrn Schofför Franz; einige von ihnen erwarteten zwar ein Briefchen von einem Schofför, aber der hieß nicht Franz, sondern Karl oder Max oder Werner, Kurt oder Ernst oder Wilhelm, Otto oder auch Georg, Hans oder Erich, ja auch Bernhard und Peter und Robert, nur nicht Franz; und andere Fräulein warteten wieder auf ein Brieflein von irgendeinem Herrn Franz, aber der war wieder kein Schofför, sondern Schlosser oder Feldwebel, Tischler oder Schaffner, manchmal auch Drogist, Tapezierer, Frisör oder Schneider, nur grade kein Schofför. So war denn der Briefträger Hitzleputz schon über ein Jahr gewandert, ohne daß er den Brief dem richtigen Fräulein Marie hätte zustellen können. Er lernte vieles, vieles kennen: er sah Dörfer und Städte, Felder und Wälder, den Aufgang und Untergang der Sonne, die Rückkehr der Nachtigallen und das Kommen des Frühlings, Aussaat und Ernte, Pilze im Walde und reifwerdende Pflaumen, er sah in Grünberg die Weinberge, in Militsch die Karpfen und in Neisse die Lebkuchen. Als das vergebliche Suchen schon länger als ein Jahr währte, setzte er sich betrübt am Straßenrand nieder und sagte: »Jetzt ist schon alles umsonst, dieses Fräulein Marie werde ich wahrscheinlich nie mehr finden.« Fast hätte er losgeheult, so leid tat ihm das. Er bedauerte das Fräulein Marie, daß sie den Brief von dem Burschen nicht bekam, der sie lieber hatte als sich selbst; er bedauerte den Schofför Franz, dessen Schreiben er nicht zustellen konnte; und schließlich bedauerte er sich selbst, weil er sich so eine Arbeit damit gemacht hatte, und so lange im Regen und Sonnenschein, im Sturm und Wetter herumgewandert war – und alles umsonst. Und wie er so an der Straße saß und traurig war, sah er ein Auto auf der Straße fahren. Es fuhr langsam, etwa sechs Kilometer in der Stunde. Hitzleputz dachte sich: Das muß aber ein alter Karren sein, der so langsam daherkriecht. Als das Auto aber näher kam, bemerkte er, daß es, um Himmelswillen, ein schöner achtzylindriger Steyr war, und daß hinterm Steuerrad ein trauriger, schwarzgekleideter Schofför und im Wagen ein trauriger, schwarzgekleideter Herr saß. Und als der traurige Herr den betrübten Briefträger Hitzleputz an der Straße sitzen sah, ließ er halten und sagte: »Kommen Sie her, Briefträger, ich nehme Sie ein Stück mit.« Herr Hitzleputz war froh, weil ihm von dem vielen Wandern schon die Füße weh taten; er setzte sich zu dem traurigen, schwarzgekleideten Herrn, und der Wagen fuhr langsam und traurig weiter. Als sie ungefähr drei Kilometer so gefahren waren, begann Hitzleputz: »Mit Verlaub, mein Herr, Sie fahren wohl zu einem Begräbnis, nicht wahr?« »Oh nein«, antwortete der traurige Herr mit hohler Stimme. »Warum glauben Sie, daß wir zu einem Begräbnis fahren?« »Nun«, meinte Hitzleputz, »weil Sie gar so traurig sind.« »Ich bin nur deshalb so traurig«, entgegnete der Herr mit Grabesstimme, »weil mein Auto so traurig fährt.« »Nun ja«, meinte Hitzleputz, »aber warum fährt denn so ein schöner Steyrwagen gar so langsam und traurig?« »Weil ihn ein trauriger Schofför lenkt«, antwortete der schwarzgekleidete Herr düster. »Aha«, sagte Herr Hitzleputz. »Aber mit Verlaub, mein Herr, warum ist denn eigentlich dieser Schofför so traurig?« »Weil er keine Antwort auf einen Brief bekam, den er vor Jahr und Tag auf die Post gegeben hat«, erwiderte der schwarze Herr. »Sie müssen nämlich wissen, daß er seiner Herzallerliebsten geschrieben hat, ohne eine Antwort von ihr zu bekommen.« Als Hitzleputz das hörte, fuhr er in die Höhe: »Mit Verlaub, heißt Ihr Schofför nicht Franz?« »Ja, Franz, Franz Müller«, erwiderte der traurige Herr. »Und das Fräulein heißt Marie, nicht wahr?«, fragte Hitzleputz weiter. Da mischte sich der traurige Schofför ins Gespräch und sagte mit einem wehmütigen Seufzer: »Fräulein Marie Schulze heißt die Ungetreue, die meine Liebe vergessen hat.« »Aha«, rief Hitzleputz erfreut, »Mensch du bist ja der Windbeutel, der Rappelkopf, der Tölpel, der Quakelhans, der Plumpsack, der Trampel, der Dümmling, der Teigaffe, der Einfaltspinsel, der Schöps, der Tropf, der Tolpatsch, der Klotz, der Dämelack, der Schlendrian, der Fridolin, der Pfuscher, der Schussel, der Schildbürger, der dumme Jäckel, der Pomuchel, der pudelnärrische, wirrköpfige, vermaledeite, faule, verrückte, schußlige, leichtsinnige, fahrige, schlampige, unordentliche Kerl, der den Brief ohne Marke und Adresse in den Briefkasten geworfen hat. Jemine, da bin ich aber froh, dich kennenzulernen! Wie sollte denn das Fräulein Marie antworten, wenn sie bis heute dein Schreiben nicht bekommen hat?« »Wo, wo ist mein Brief?«, rief der Schofför Franz. »Nun«, antwortete der Briefträger Hitzleputz, »bis du mir sagst, wo dein Fräulein Braut wohnt, wird dieser Brief, damit du's weißt, gerade auf dem Weg zu ihr sein. Du lieber Gott, jetzt trage ich schon länger als ein Jahr diesen Brief in der Tasche herum und suche die ganze Welt nach dem richtigen Fräulein Marie ab! Aber jetzt, junger Mann, gib mir schnell und rasch, ohne Aufschub und im Galopp die Adresse dieses Fräuleins Marie, damit ich hingehen und ihr den Brief aushändigen kann.« »Sie werden nirgends hingehen, mein lieber Briefträger«, sagte der schwarze Herr, »weil ich Sie hinfahren werde. Also, Franz, gib Gas, wir fahren zum Fräulein Marie.« Da gab der Herr Schofför Franz auch schon Gas, der Wagen tat einen Sprung, und jetzt, Herrschaften, raste er sechzig, siebzig, achtzig Kilometer, hundert, hundertzehn, hundertzwanzig, hundertfünfzig, immer schneller, bis der Motor vor lauter Freude sang, heulte und tobte, und der schwarze Herr sich mit beiden Händen den Hut halten mußte, damit er ihm nicht davonfliege, und der Briefträger Hitzleputz sich mit beiden Händen an den Sitz anklammerte, während der Schofför Franz schrie: »Herr Chef, jetzt fahren wir aber, was? Hundertachtzig Kilometer! Juchhe, wir fahren ja gar nicht mehr, sondern fliegen nur so durch die Luft, schauen Sie nur, Herr Chef, wo wir die Straße gelassen haben! Herr Chef, Herr Chef, wir haben Flügel bekommen!« Und als sie so eine Weile mit der Geschwindigkeit von hundertachtzig Kilometern dahinrasten, tauchte ein hübsches, weißes Dorf auf – meiner Treu, das war ja Dreihunden – und der Herr Schofför Franz sagte: »Herr Chef, da wären wir also.« »Dann halte«, sagte der schwarze Herr, und das Auto blieb am Eingang des Dorfes stehen. »Aber mein Steyr fährt schön, nicht wahr!«, freute sich der Herr. »Und jetzt können Sie, Herr Hitzleputz, dem Fräulein Marie das Briefchen zustellen.« »Vielleicht«, meinte Hitzleputz, »möchte ihr der Herr Franz lieber mündlich sagen, was er ihr geschrieben hat. Es sind nämlich acht Schreibfehler in dem Brief.« »Was fällt dir ein«, wehrte sich Herr Franz, »ich schäme mich, ihr vor die Augen zu treten, weil sie so lange von mir keine Nachricht erhalten hat. Und vielleicht«, fügte er betrübt hinzu, »hat sie mich bereits vergessen und hat mich gar nicht mehr gern. Siehst du, Hitzleputz, sie wohnt dort in dem Häuschen, dessen Fenster so klar wie Brunnenwasser sind.« »Gut, ich gehe hin«, sagte der Briefträger Hitzleputz, blies hübsch mit dem Mund »Trara, trara die Post ist da« und ging, mit dem rechten Fuß ausschreitend, in der Richtung auf das Häuschen zu. Dort saß hinter dem blitzblanken Fenster ein bleiches Mädchen und nähte an einem Kleide. »Grüß Gott, Fräulein Marie«, rief Herr Hitzleputz. »Sie nähen wohl an Ihrem Hochzeitskleide?« »Ach nein«, entgegnete Fräulein Marie traurig, »ich nähe mir ein Totenkleid für den Sarg.« »Aber, aber«, sagte Hitzleputz mitfühlend, »jejejej achdumeingott, duliebeseel herjemine, es wird doch nicht so arg sein? Sind Sie denn krank, Fräulein?« »Nein«, seufzte Fräulein Marie, »aber mein Herz bricht vor Leid.« Und dabei legte sie die Hand aufs Herz. »Um Himmelswillen«, rief Herr Hitzleputz, »Fräulein Marie, warten Sie noch mit dem Brechen! Mit Verlaub, warum tut Ihnen denn eigentlich das Herz weh?« »Weil ich schon Jahr und Tag«, antwortete Fräulein Marie leise, »weil ich schon Tag und Jahr auf einen Brief warte, der nicht kommt.« »Da machen Sie sich nichts daraus«, beruhigte sie Hitzleputz. »Ich wieder trage schon länger als ein Jahr einen Brief in der Tasche und weiß nicht, wem er gehört. Wissen Sie was, Fräulein Marie, ich gebe das Brieflein einfach Ihnen.« Und mit diesen Worten reichte er ihr den Brief. Fräulein Marie erbleichte noch mehr. »Herr Briefträger«, sagte sie mit ruhiger Stimme, »dieser Brief ist vielleicht nicht für mich bestimmt, er hat doch gar keine Adresse!« »Machen Sie ihn nur auf«, riet ihr Herr Hitzleputz, »und wenn er nicht für Sie sein sollte, geben Sie ihn mir wieder zurück und fertig.« Fräulein Marie öffnete mit zitternden Fingern den Brief, und als sie ihn zu lesen begann, röteten sich ihre Wangen. »Nun«, fragte Herr Hitzleputz, »bekomme ich den Brief zurück oder nicht?« »Nein«, hauchte Fräulein Marie, und ihre Augen füllten sich mit Freudentränen. »Herr Briefträger, das ist doch der Brief, auf den ich schon über ein Jahr warte! Herr Briefträger, ich weiß gar nicht, was ich Ihnen dafür geben soll!« »Dann werde ich es Ihnen sagen«, erwiderte Herr Hitzleputz. »Sie geben mir fünfundzwanzig Pfennig Strafporto, weil das Schreiben nicht gehörig frankiert war, verstanden? Du lieber Gott, ich laufe doch nur deshalb über ein Jahr schon mit diesem Brief herum, damit die Post die fünfundzwanzig Pfennig Porto bekommt! So, danke schön«, sagte er, als er das Geld erhielt, »und auf Ihre Antwort, Fräulein, wartet hier jemand.« Bei diesen Worten winkte er dem Schofför Franz zu, der schon an der Ecke wartete. Und während Franz die Antwort erhielt, setzten sich Hitzleputz und der schwarze Herr nieder, und der Briefträger sagte: »Sehen Sie, mein Herr, über ein Jahr bin ich mit diesem Brief herumgelaufen, aber es hat sich gelohnt: was ich alles gesehen habe! Das ist so ein wunder-wunderschönes Land. Aha, da kommt der Franz schon zurück. Ja, mündlich läßt sich halt so eine Angelegenheit rascher erledigen als mit einem Brief ohne Adresse.« Franz sagte kein Wort, nur seine Augen leuchteten. »Also fahren wir, Herr Chef?«, fragte er. »Ja«, sagte der Herr. »Zuerst aber bringen wir Herrn Hitzleputz auf die Post.« Der Schofför sprang in den Wagen, drückte den Starter, trat auf den Kupplungs- und den Gashebel, und der Wagen fuhr so glatt und so leicht an wie im Traum. Gleich stand der Zeiger des Geschwindigkeitsmessers auf hundertzwanzig Kilometer. »Der Wagen fährt aber gut, nicht wahr!«, freute sich der schwarze Herr. »Ja, jetzt rast er halt wie der Teufel, weil ihn ein glücklicher Schofför lenkt.« Und alle kamen gut an, und wir auch. Die Geschichte vom Wassermann Wenn ihr glaubt, daß es keine Wassermänner mehr gibt, so sage ich euch, daß es doch welche gibt und was für welche! Zum Beispiel gleich bei uns, dort wo wir sozusagen geboren wurden, hauste einer in der Neisse unter dem Wehr, und einer war da in Ottmachau bei der Holzbrücke, und ein dritter hielt sich im Laskowitzer Bach auf; einmal kam er zu meinem Vater und ließ sich einen Zahn ziehen, dafür brachte er ihm ein Körbchen mit silbernen und rosaroten Forellen, fein säuberlich mit Brennesseln zugedeckt, damit sie frisch blieben; und daß es ein Wassermann war, erkannte man daran, daß er neben dem Sessel eine Wasserlache zurückließ. Und einer war bei der Mühle meines Großvaters in Dürhennerschlag; dort hielt er sich im Wasser unter dem Wehr sechzehn Pferde: daher sagten die Ingenieure, daß an der Stelle dort der Mettaufluß sechzehn Pferdekräfte habe. Diese sechzehn weißen Pferde zogen fort und fort; deshalb drehte sich die Mühle auch ununterbrochen; als einmal eines Nachts mein Großvater starb, ging der Wassermann hin, spannte leise alle sechzehn Pferde aus, und die Mühle drehte sich drei Tage nicht. In großen Flüssen gibt es Wassermänner, die noch mehr Pferde haben, vielleicht fünfzig oder hundert; aber manche sind wieder so arm, daß sie sich nicht einmal einen Holzbock halten können. So ein Großwassermann in Breslau in der Oder ist freilich ein schrecklich reicher und großer Herr; vielleicht hat er sogar ein Motorboot und fährt im Sommer ans Meer. Aber es gibt auch armselige Kleinwassermänner, die haben eine Pfütze, so groß wie eine Handfläche, und darin einen Frosch, drei Mücken und zwei Tauchkäfer; oder sie betreiben ihr Gewerbe in einem so elenden Graben, wo sich nicht einmal eine Maus ihr Bäuchlein eintaucht; manche fangen das ganze liebe Jahr lang nichts als ein paar Papierschifflein und eine Kinderwindel, die der Mutter beim Waschen davonschwamm. Ja, das ist ein Elend! Und dann ist da zum Beispiel wieder so ein Rosenberger Teich, der hat vielleicht zweihundertzwanzigtausend Karpfen und dazu Schleie, Stichlinge und Barben und noch den einen oder anderen scharfzahnigen Hecht. Ja, ja, es gibt keine Gerechtigkeit auf der Welt! Wassermänner sind Einsiedler, aber so ein-, zweimal im Jahre, wenn Hochwasser eintritt, kommen sie aus der ganzen Gegend zusammen und halten, wie man sagt, eine Kreissitzung ab. Aus unserer Gegend trafen sie sich bei Hochwasser immer auf den Wiesen in der Nähe von Wartha, weil dort so eine hübsche Ebene und schöne Tiefen und Buchten und Flußarme, ausgepolstert mit dem allerfeinsten Doppelnuller-Schlamm, sind. Es muß gelber oder ein wenig bräunlicher Schlamm sein; der rote oder graue ist nicht mehr ganz so fein wie Salbe. An einem so hübschen nassen Platz setzen sie sich also zusammen und erzählen, was es Neues gibt; daß die Leute in Patschkau die Wasserläufe regulieren, so daß der dortige Wassermann, der alte Görgel, ausziehen mußte; daß die Töpfe und Seile so teuer geworden sind, so daß es nicht mehr schön ist; daß ein Wassermann, wenn er jetzt jemanden fangen will, für vier Mark Seile dazu braucht, und dabei kostet ein kleiner Topf mindestens vierzig Pfennig, und dann ist es noch Ausschußware; am besten, das ganze Zeug hinhauen und was anderes anfangen. Und da erzählen sich die Wassermänner, daß der Camenzer Wassermann, der rothaarige Faltis, ein Geschäft angefangen hat und Mineralwasser verkauft, und der hinkende Steffke Installateur geworden ist und Wasserleitungen macht, und andere sich auf ähnliche Gewerbe geworfen haben. Es versteht sich, daß ein Wassermann immer nur so ein Gewerbe betreiben kann, wo Wasser dabei ist. So kann er zum Beispiel ein Wasserdoktor, ein Wasserbaumeister, ein Wasserleiter, ein Wasserzöllner, ein Wassermüller, ein Wasserpolizist oder ein Wasserwahrsager sein; kurz Wasser muß dabei sein. Wie ihr seht, gibt es genug andere Gewerbe für Wassermänner, und deshalb nimmt ihre Zahl auch ständig ab. Wenn sie dann auf ihren alljährlichen Zusammenkünften nachzählen, sagen sie traurig: »Wieder sind wir fünf weniger; Jungens, unser Beruf stirbt langsam aus.« »Nun ja«, meinte der alte Kreuzmann, der Trautenauer Nick, »es ist lange nicht mehr so, wie es einmal war. Das ist schon schrecklich viele Jahrtausende her; damals standen ganz Schlesien und Böhmen unter Wasser, und der Mensch, wollte sagen, der Wassermann, denn damals gab es ja noch keine Menschen, ja, ja, das waren andere Zeiten – ojemine, wo hab ich eigentlich aufgehört?« »Daß ganz Schlesien und Böhmen unter Wasser standen«, half ihm der Neurodener Wassermann Zellner. »Aha«, sagte der Kreuzmann, »also ganz Schlesien und Böhmen standen damals unter Wasser, und auch das Eulengebirge und das Adlergebirge und der Glatzer Schneeberg und alle anderen Berge; und unsereiner konnte nassen Fußes, schön unter Wasser, vielleicht von Glatz nach Görlitz und von Brünn nach Prag gehen. Noch eine Elle über der Schneekoppe stand das Wasser ... ja, ja, das waren Zeiten.« »Ja, das waren Zeiten«, erinnerte sich der Ratiborer Wassermann Kulda. »Damals waren wir Wassermänner noch keine solchen Einsiedler und Eremiten wie heute. Damals hatten wir unterm Wasser Häuser, aus Wasserziegeln gebaut, und Möbel, aus hartem Wasser geschnitzt, und die Federbetten waren aus weichem Wasser, und mit warmem Wasser heizte man; da gab es weder Grund, noch Ufer, noch eine Wasserfläche; nichts als Wasser und wir.« »Ja, ja«, sagte Fuchsner, genannt Kummradel, der Wassermann vom Kleinröschler Sumpf, »und was das für ein Wasser damals war. Wie Butter konnte man es schneiden und Kugeln daraus machen und Zwirn daraus spinnen und Stricke daraus drehen; es war wie Stahl und wie Glas, wie ein Flaumfeder und dick wie Sahne und fest wie Eichenholz und wärmte wie ein Pelz. Alles war aus Wasser gemacht. Mein Lieber, so ein Wasser gibt es nicht einmal in Amerika mehr, woher denn auch.« Und der alte Kummradel spuckte aus, daß sich ein tiefer Tümpel bildete. »Ja, das war einmal«, sagte der alte Kreuzmann in Gedanken versunken, »das war einmal ein sehr schönes Wasser, aber es war noch ganz stumm.« »Wieso?«, wunderte sich Zellner, der noch nicht so alt war wie die übrigen. »Nun eben stumm«, antwortete Kummradel. »Es hatte keine Stimme und konnte noch nicht sprechen. Es war so still und stumm wie jetzt, wenn es zufriert. Oder wenn Schnee fällt, und es Mitternacht ist und sich nichts mehr rührt; da ist es so still, so ganz still, daß dir fast bange wird; da steckst du den Kopf aus dem Wasser heraus und horchst; da krampft sich dein Herz zusammen in dieser fürchterlichen Stille. So eine Stille war damals, als das Wasser noch nicht sprechen konnte.« »Und warum«, fragte Zellner, der nur siebentausend Jahre alt war, »warum ist es jetzt nicht mehr stumm?« »Das kam so«, sagte Kummradel, »mir hat es mein Urgroßvater erzählt und gesagt, daß es schon einige Millionen Jahre her wäre. Also damals lebte ein Wassermann, warte, wie hieß er denn nur? Rohrspatzer, nein, nicht Rohrspatzer. Meinhauer, auch nicht. Hampl, Hampl auch nicht. Riedbinder, auch nicht, Herrgott, wie hat der nur geheißen?« »Arion«, sagte Kreuzmann. »Ja, Arion«, stimmte Kummradel zu. »Ich hatte es gerade auf der Zunge. Arion hieß er. Und diesem Arion hatte der Herrgott so eine merkwürdige Gabe, so eine Fähigkeit, nun halt so ein Talent verliehen. Er konnte wunderschön sprechen und singen, daß einem fast das Herz sprang, bald vor Freude, bald vor Trauer, wenn er sang. So ein Musikant war das.« »Ein Dichter«, verbesserte Kulda. »Musikant oder Dichter«, meinte Kummradel, »aber das Singen hat er wirklich gekonnt, mein Lieber. Der Urgroßvater hat erzählt, daß alle weinten, wenn er zu singen begann. Dieser Arion mußte ein großes Herzeleid gehabt haben. Niemand weiß was für eins. Niemand weiß, was ihm Böses widerfahren war. Aber es muß ein schreckliches Leid gewesen sein, weil er so schön und so traurig sang. Und wenn er so unterm Wasser sang und klagte, zitterte jeder Wassertropfen, als wäre es eine Träne. Und in jedem Tropfen blieb etwas von seinem Gesang hängen, wie die Töne so durch das Wasser hindurchdrangen. Jeder Tropfen fing ein Stückchen seiner Stimme auf, und deshalb ist das Wasser nicht mehr stumm. Darum tönt, säuselt und raunt es, murmelt, plätschert, wispert und schäumt es, braust, tost, heult und jammert es, poltert, brüllt, tobt und donnert es, stöhnt, seufzt und kichert es, spielt wie auf einer silbernen Harfe, summt wie eine Laute, singt wie eine Orgel, schmettert wie ein Waldhorn und redet wie ein Mensch in Freud oder Leid. Seit jener Zeit spricht das Wasser alle Sprachen der Welt und sagt Dinge, die fast niemand mehr versteht, so wunderlich und schön sind sie. Und am wenigsten verstehen sie die Menschen. Aber bis Arion nicht gekommen war und das Wasser nicht singen gelehrt hatte, war es immer stumm gewesen, so stumm wie der Himmel, wenns nicht gewittert.« »Aber das war nicht Arion, der den Himmel ins Wasser brachte«, sagte der alte Kreuzmann. »Das geschah erst später unter meinem Vater, Gott schenk ihm die ewige Ruh, das tat der Wassermann Quaquaquokoax, und zwar aus Liebe.« »Wie geschah das?«, fragte der Wassermann Zellner. »Das geschah so. Quaquaquokoax verliebte sich. Quaquaquokoax sah die Prinzessin Kuakuakunka und entbrannte in Liebe zu ihr, quak. Kuakuakunka war schön. Sie hatte einen gelben Froschbauch und Froschbeine und ein Froschmaul von einem Ohr zum andern und war ganz naß und kalt: so eine Schönheit war sie. Solche gibt's nicht mehr.« »Und weiter?«, fragte der Wassermann Zellner begierig. »Nun, was sollte schon weiter sein? Kuakuakunka war schön und stolz. Sie blies sich nur auf und sagte quak. Quaquaquokoax war wie ein Narr. ›Wenn du mich zum Mann nimmst‹, sagte er ihr, ›hole und schenke ich dir, was dein Herz begehrt.‹ Darauf sagte sie: ›Hol mir das Blaue vom Himmel hinunter, quak.‹« »Und was tat Quaquaquokoax?« fragte Zellner. »Nun, was sollte er tun? Er saß unterm Wasser und jammerte: qua, qua, qua, qua. Und dann wollte er sich das Leben nehmen. Deshalb sprang er aus dem Wasser in die Luft, um sich zu ertränken, quak. Noch niemand war je vor ihm in die Luft gesprungen. Quaquaquokoax war der erste.« »Und was tat er in der Luft?« »Nichts, er blickte hinauf, und über ihm war blauer Himmel. Er blickte hinunter, und unter ihm war auch blauer Himmel. Quaquaquokoax erschrak. Damals wußte noch niemand, daß sich der Himmel im Wasser spiegelt. Als Quaquaquokoax sah, daß auch im Wasser blauer Himmel ist, rief er vor Verwunderung ›quak‹ und fiel wieder ins Wasser. Und dann nahm er Kuakuakunka auf den Rücken und sprang mit ihr in die Luft. Kuakuakunka erblickte den blauen Himmel im Wasser und rief vor Freude ›quaqua!‹ Denn Quaquaquokoax ...« »Und was war weiter?« »Nichts. Sie lebten dann glücklich miteinander und brachten viele Kaulquappen zur Welt. Seit dieser Zeit kriechen die Wassermänner aus dem Wasser heraus, um zu sehen, daß auch dort der Himmel ist, wo ihre Heimat liegt. Wenn jemand die Heimat verläßt, wer immer es auch sei, und dann zurückblickt, so wie Quaquaquokoax ins Wasser, sieht, daß dort daheim der richtige Himmel ist. Weißt du, der richtige blaue und schöne Himmel, quak.« »Und wer brachte das zustande?« »Quaquaquokoax.« »Quaquaquokoax soll leben!« »Und Kuakuakunka!« In dem Augenblick ging ein Mensch vorüber und dachte sich: Heute quaken wieder einmal die Frösche und griff nach einem Stein und warf ihn in den Tümpel. Das Wasser spritzte hoch auf, plätscherte und war wieder ruhig; alle Wassermänner sprangen ins Wasser, und erst nächstes Jahr werden sie wieder eine Kreissitzung abhalten. Die Räuber-Geschichte Es ist schon sehr, sehr lange her, so lange, daß sich nicht einmal mehr der alte Zellbauer, Gott laß ihn ewig ruhen, daran erinnerte, und der hatte noch meinen dicken Urgroßvater selig gekannt. Es ist also schon unermeßlich lange her, daß drüben im Böhmischen, im Eulengebirge der berühmte und böse Räuber Lotterando, einer der furchtbarsten Mordgesellen aller Zeiten, mit seinen einundzwanzig Knechten, fünfzig großen und dreißig kleinen Dieben, zweihundert Helfershelfern, Schmugglern und Hehlern hauste. Dieser Lotterando lauerte gewöhnlich an der Straße gegen Fünfhunden oder Bärringen oder Rehhübel, ob nicht ein Fuhrmann, Kaufmann, Jude oder Ritter zu Pferde vorbeikomme. Dann stand er plötzlich wie aus der Erde gewachsen vor ihm, brüllte ihn an und nahm ihm alles weg. Dabei konnte der Betroffene noch von Glück reden, daß ihn Lotterando nicht auf der Stelle erstach, erschoß oder am nächsten Baum aufhängte. So ein Raubgesell und Unmensch war dieser Lotterando. Fährt da gerade ein Kaufmännchen des Weges, ruft seinen Pferden »hott« und »hütt« zu und freut sich, wie teuer er in Trautenau seine Ware verkaufen werde. Als es durch den Wald geht, hat er ein bißchen Angst vor Räubern, aber damit man es ihm nicht anmerke, pfeift er sich ein hübsches Liedchen. Plötzlich tritt aus dem Wald ein Kerl wie ein Berg hervor, noch breiter als der Herr Müller oder der Herr Schulze, aber um gute zwei Köpfe größer und dazu so bärtig, daß er sich vor lauter Bart nicht ins Maul sieht. Also dieser Mordskerl pflanzt sich vor den Pferden auf, brüllt: »Geld oder Leben«, und zielt gleichzeitig mit einer Pistole, so groß wie ein Mörser, auf den Kaufmann. Der Kaufmann gibt natürlich das Geld heraus, und Lotterando nimmt ihm überdies den Wagen, die Ware, die Pferde, ja sogar den Mantel und die Unterhosen weg und verabreicht ihm noch mit der Peitsche eine Tracht Prügel, damit er besser heimfinde. Wie gesagt, dieser Lotterando war nichts anderes als ein Erzgauner. Aber weil es weit und breit keinen anderen Räuber gab (erst bei Marschendorf hauste wieder einer, doch war das ein Pfuscher gegen Lotterando), blühte das Räuberhandwerk des Lotterando ausgezeichnet, so daß er bald reicher ward als mancher Ritter, ja sogar als mancher Fabrikant. Und weil er einen kleinen Sohn hatte, sagte sich der Räuber: Ach was, ich lasse ihn studieren, wenn es auch ein paar Tausender kostet; ich kann es mir leisten. Er soll gut Deutsch und Französisch lernen, hübsch »Bittschön« und »Schewusäm« sagen können, soll Klavierspielen und Rheinländer oder Quadrille tanzen, vom Teller essen und sich ins Taschentuch schneuzen lernen, wie es sich gehört. Ich bin zwar nur ein Räuber, aber mein Sohn soll es einem Grafen gleichtun. Und dabei bleibt's und damit basta. Dann nahm er den kleinen Lotterando vor sich aufs Pferd und jagte nach Braunau. Dort setzte er das Söhnchen vor dem Kloster der Benediktiner ab und ging, furchterregend mit den Sporen rasselnd, geradeswegs zum Prior. »Hochwürden«, sagte er mit seiner dicken Stimme, »ich lasse Ihnen dieses Knäblein zur Erziehung hier, damit Sie ihn essen, schneuzen, tanzen, ›Bittschön‹ und ›Schewusäm‹ sagen lehren, kurzum alles, was eben dazu gehört, um einen richtigen feinen Herrn aus ihm zu machen. Hier ist ein Sack voller Dukaten, Florins, Piaster, Dublonen, Rubeln, Dollars, Napoleondors, Pfund Sterlings, holländischen Gulden und Pistolen, damit er es bei Ihnen wie ein Prinz habe.« Darauf drehte er sich auf dem Absatz um und jagte, den kleinen Lotterando in der Obhut der Benediktiner lassend, wieder heim in die Wälder. So studierte denn der kleine Lotterando zusammen mit vielen kleinen Prinzlein und Gräflein und vielen anderen reichen Knaben im Konvikt der Benediktiner. Der dicke Pater Spiridion lehrte ihn »Bittschön« und »Ghorsamerdiener« sagen, Pater Dominik trichterte ihm Verschiedenes auf Französisch ein, wie »Trescharmä« und »Silwuplä«, während ihm der Pater Amadeus alle Komplimente, Menuette und anständige Manieren beibrachte, und Herr Regenschori Kraupner ihn schneuzen lehrte, daß es so dünn wie eine Flöte oder so fein wie eine Schalmei klang und nicht wie beim alten Lotterando, wie eine Posaune, eine Trompete oder eine Autohupe. Kurzum sie brachten ihm, wie einem richtigen Kavalier, die feinsten Manieren und Scharwenzeleien bei. Der junge Lotterando war aber auch in seinem schwarzen Samtanzug mit dem Spitzenkragen ein wirklich hübscher Junge und vergaß ganz, daß er in einer Räuberhöhle im wilden Eulengebirge aufgewachsen war, daß sich sein Vater, der alte Mordgesell und Räuber, in Ochsenhaut kleidete, nach Pferden roch und rohes Fleisch einfach mit bloßen Händen aß, wie es eben Räuber tun. Kurz, Lotterando nahm zu an Wissen und Manieren, und gerade als er im besten Studieren war, dröhnten Pferdehufe vor dem Braunauer Konvikt, ein struppiger Knecht sprang vom Pferde, trommelte ans Tor und sagte mit grober Stimme zu dem Bruder Pförtner, der ihn hereinließ, daß er wegen des jungen Herrn Lotterando komme, weil sein Vater, der alte Lotterando, im Sterben liege und seinen einzigen Sohn zu sich rufe, um ihm sein Gewerbe zu übergeben. Da verabschiedete sich denn der junge Lotterando mit Tränen in den Augen von den ehrwürdigen Benediktinervätern und von den jungen Herren Studenten und ritt mit dem Knecht ins Eulengebirge. Unterwegs dachte er nach, was für ein Gewerbe er wohl nach seinem Vater übernehmen solle und gelobte im Geiste, es gottesfürchtig, vornehm und mit beispielhafter Höflichkeit gegenüber allen Menschen zu führen. Als sie im Eulengebirge ankamen, führte der Knecht den jungen Herrn zum Sterbebett des Vaters. Der alte Lotterando lag in einer Höhle, auf einem Pack ungegerbter Rindshäute und war mit einer Pferdedecke zugedeckt. »Nun also, Vinci, du Quackelhans«, ließ er sich schweratmend vernehmen, »bringst du endlich meinen Jungen!« »Teurer Vater«, rief der junge Lotterando niederkniend aus, »Gott möge Euch noch viele Jahre zur Freude Eurer Mitmenschen und zu unaussprechlichem Stolze Eurer Nachkommen erhalten.« »Gemach, Junge«, sagte der alte Räuber, »heute fahr ich zur Hölle und hab nicht viel Zeit für deine zuckersüßen Reden. Ich dachte, daß ich ein genügend großes Vermögen hinterlassen würde, damit du ohne zu arbeiten davon leben könntest. Aber zum Donnerwetter, Junge, es waren verdammt schlechte Jahre für unser Gewerbe.« »Ach Vater«, seufzte der junge Lotterando, »ich ahnte nicht, daß Ihr Mangel littet.« »Na ja«, brummte der Alte, »weißt du, ich habe Gicht und konnte mich nicht mehr so weit weg wagen. Und den näheren Straßen wichen die Kaufleute, diese frechen Kerle, einfach aus. Höchste Zeit, daß ein Jüngerer meine Arbeit übernimmt.« »Teurer Vater«, sagte der junge Herr eifrig, »ich schwöre Euch bei allem in der Welt, daß ich Eure Arbeit übernehmen und sie ehrlich, bereitwillig und zu allen so liebenswürdig und freundlich als möglich erfüllen will.« »Ich weiß nicht, wie weit du mit deiner Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit kommen wirst«, knurrte der Alte. »Ich hielt es für gewöhnlich so, daß ich nur diejenigen niederstach, die sich zur Wehr setzten. Aber Komplimente, mein Sohn, habe ich niemandem gemacht, das paßt nicht zu meinem Gewerbe, weißt du?« »Und was ist das für ein Gewerbe, teurer Vater?« »Räuberei«, sagte der alte Lotterando und starb. So blieb denn der junge Lotterando allein auf dieser Welt, bis in die Seele bedrückt durch den Tod seines Vaters und durch den Schwur, mit dem er sich verpflichtet hatte, nach ihm das Räuberhandwerk auszuführen. Drei Tage später kam der struppige Vinci zu ihm und sagte, daß es nichts mehr zu essen gäbe, und man wohl oder übel mit der ordentlichen Arbeit wieder beginnen müsse. »Teurer Knecht«, sagte der junge Lotterando betrübt, »muß es denn wirklich sein?« »Na freilich«, antwortete Vinci unwirsch, »hier, liebes Herrchen, bringt uns kein Pater eine gefüllte Taube. Wer essen will, muß arbeiten.« Da nahm der junge Lotterando eine wundervolle Pistole, schwang sich aufs Pferd und ritt auf die Straße, na sagen wir auf die Straße gegen Buchtelberg. Dort legte er sich in den Hinterhalt und wartete, bis ein Kaufmann vorüberkommen würde, den er berauben könnte. Und wirklich, kaum war eine Stunde vergangen, kam ein Leinenhändler des Weges, der Leinewand nach Trautenau führte. Der junge Lotterando trat aus seinem Versteck hervor und zog tief den Hut. Der Leinenhändler verwundert darüber, daß ihn ein so hübscher Herr grüßte, zog gleichfalls den Hut und sagte: »Grüß Sie Gott, junger Herr.« Lotterando trat näher heran und grüßte von neuem »Gestatten Sie«, sagte er sanft, »ich hoffe, Sie nicht zu stören.« »Ach Gott nein«, erwiderte der Leinenhändler, »und womit kann ich dienen?« »Ich bitte Sie eindringlichst, mein Herr«, fuhr Lotterando fort, »nicht zu erschrecken. Ich bin nämlich ein Räuber, der furchtbare Lotterando aus dem Eulengebirge.« Der Leinenhändler war ein geriebener Kerl und erschrak nicht im geringsten. »Ah, das trifft sich ja«, meinte er fröhlich, »da sind wir Kollegen. Ich bin nämlich auch ein Räuber, und zwar der blutige Klinger aus Zülze. Sie kennen mich sicher, nicht wahr?« »Hatte noch nicht die Ehre«, entschuldigte sich Lotterando verlegen, »ich bin heute zum erstenmal hier, Herr Kollege, nachdem ich das Unternehmen meines Vaters übernommen habe.« »Aha«, sagte der Leinenhändler Klinger, »vom alten Lotterando aus dem Eulengebirge, nicht wahr? Das ist eine alte renommierte Räuberfirma. Ein sehr solides Unternehmen, Herr Lotterando. Da kann ich Ihnen nur gratulieren. Ob Sie wohl wissen, daß ich ein guter Freund Ihres seligen Herrn Vaters war? Wir haben uns noch unlängst getroffen, und er meinte zu mir: ›Weißt du was, blutiger Klinger, da wir nun einmal Nachbarn und Kollegen sind, teilen wir in Frieden; diese Straße von Rehhübel bis Trautenau gehört dir, da wirst nur du rauben‹, das hat er gesagt und das haben wir auch mit Handschlag bekräftigt.« »Ah, da bitte ich tausendmal um Verzeihung«, entschuldigte sich der junge Lotterando höflich, »ich wußte wirklich nicht, daß das hier Ihr Revier ist. Es tut mir ungewöhnlich leid, auch nur einen Schritt hereingetan zu haben.« »Nun, für diesmal macht es nichts«, sagte der geriebene Klinger. »Aber Ihr Herr Vater sagte noch: ›Und damit du's weißt, blutiger Klinger, wenn ich oder einer von meinen Leuten auch nur einen Fuß hierhersetzten, kannst du ihm seine Pistole, seine Mütze und seinen Rock wegnehmen, damit er es sich merkt, daß das deine Straße ist.‹ Das hat der alte Gauner versprochen und mir auch seine Hand darauf gegeben.« »Wenn das so ist«, sagte der junge Lotterando, »muß ich Sie schon sehr höflich ersuchen, diese mit Perlmutter eingelegte Pistole, mein Barett mit den echten Straußenfedern und diesen Rock aus englischem Samt anzunehmen und zwar zum Andenken und zum Beweise meiner tiefsten Hochachtung wie auch meines Bedauerns darüber, daß ich Ihnen solche Unannehmlichkeiten bereitet habe.« »Schon gut«, meinte Klinger, »geben Sie nur her, und ich verzeihe Ihnen. Aber daß ich Sie nie mehr hier erblicke, Freundchen. Also, hü Pferdchen! Leben Sie wohl, Herr Lotterando.« »Gott sei mit Ihnen, edler und väterlicher Herr«, rief ihm der junge Lotterando nach und kehrte nicht nur ohne Beute, sondern auch ohne seine Sachen ins Eulengebirge zurück. Der Knecht Vinci wusch ihm gehörig den Kopf und schärfte ihm ein, den ersten besten, dem er am nächsten Tag begegnen würde, zu erstechen und zu berauben. So lag denn der junge Lotterando mit seinem dünnen Degen an der Straße nach Fünfhunden im Hinterhalt. Nach einer Weile fuhr ein Fuhrmann mit einer riesigen Fracht vorüber. Der junge Lotterando trat hervor und rief: »Es tut mir leid, mein Herr, aber ich muß Sie erstechen. Ich bitte Sie, sich rasch vorzubereiten und zu beten.« Der Fuhrmann fiel auf die Knie und betete und dachte darüber nach, wie er sich aus dieser Patsche herausziehen könnte. Er betete das erste Vaterunser, das zweite, doch es wollte ihm nichts Gescheites einfallen. Schon betete er das zehnte, das zwanzigste Vaterunser und immer noch nichts. »Nun also, Herr«, rief der junge Lotterando ein wenig strenger werdend, »sind Sie schon auf den Tod vorbereitet?« »Nein, noch nicht!«, anwortete der Fuhrmann zähneklappernd. »Ich bin nämlich ein schrecklich großer Sünder, dreißig Jahre war ich in keiner Kirche, fluchte wie ein Heide, lästerte und spielte Karten und sündigte bei jeder Gelegenheit. Wenn ich aber in Fünfhunden beichten gehen könnte, würde mir der Herrgott vielleicht meine Sünden vergeben und meine Seele nicht in die Hölle verdammen. Wißt Ihr was? Ich reite rasch nach Fünfhunden, und wenn ich gebeichtet habe, komme ich gleich wieder zurück.« »Gut«, stimmte Lotterando zu, »ich warte hier einstweilen bei Ihrem Wagen.« »Ja«, sagte der Fuhrmann, »und borgt mir, ich bitt Euch, Euren Gaul, damit ich rascher zurück bin.« Auch das bewilligte der höfliche Lotterando; so schwang sich denn der Fuhrmann aufs Pferd und ritt nach Fünfhunden, während der junge Lotterando die Pferde des Fuhrmanns ausspannte und sie auf der Wiese weiden ließ. Aber der Fuhrmann war ein Spitzbube und ritt gar nicht nach Fünfhunden zur Beichte, sondern ins nächste Wirtshaus, wo er erzählte, daß ihm auf der Straße ein Räuber auflauere. Dann trank er sich im Wirtshaus Mut an und machte sich mit drei Knechten auf den Weg zu Lotterando. Die vier Kerle verprügelten den armen Lotterando fürchterlich und trieben ihn bis ins Gebirge. So kehrte denn der höfliche Räuber nicht nur ohne Beute, sondern auch ohne sein Pferd zurück. Zum dritten Mal ritt Lotterando auf die Straße gegen Bärringen und wartete, welche Beute ihm die Gelegenheit zutreiben würde. Da kam alsbald ein Planwagen die Straße herunter, darin ein Marktfahrer, der, lauter Lebkuchenherzen zum Jahrmarkt nach Bärringen führte. Wieder stellte sich Lotterando auf die Straße hin und schrie: »Mensch, ergib dich, ich bin ein Räuber!« So hatte es ihn nämlich der struppige Vinci gelehrt. Der Märktler blieb stehen, kratzte sich unter der Mütze, hob das Wagenzelt und sagte in den Wagen hinein: »Alte, da ist ein Räuber.« Da kroch aus der sich öffnenden Wagenplache ein altes, dickes Weib heraus, stemmte die Hände in die Hüften und fuhr den jungen Lotterando an: »Du Affe, du Ameisenbär, du Barnabas, du Bengel, du Bluthund, du Bösewicht, du Brigant, du Buschklepper, du Dummkopf, du Diebskerl diebischer, du Erzgauner, du Fledderer, du Galgenschwengel, du Galgenstrick, du Galgenvogel, du Grobian, du Hallunke, du Halsabschneider, du Idiot, du unterstehst dich, ehrliche und anständige Leute zu überfallen?« »Verzeihen Sie, Madame«, flüsterte Lotterando bestürzt, »ich hatte keine Ahnung, daß sich eine Dame im Wagen befindet.« »Das glaub ich«, setzte das Marktweib fort, »und was für eine Dame, du Kehlabschneider, du Kriminalist, du Langfinger, du Laster, du Lumpenkerl, du Lümmel, du Meuchler, du Menschenfresser, du Mörder, du Mordbube!« »Ich bitte tausendmal um Verzeihung, Frau, daß ich Sie so erschreckt habe«, entschuldigte sich Lotterando, der in der schrecklichsten Verlegenheit war. »Trecharmä, madame, silwuplä, ich versichere Sie meiner tiefsten Reue, weil – weil –« »Mach, daß du fortkommst, du Nichtsnutz«, schrie die ehrenwerte Dame, »oder ich sage dir, daß du ein Nichtswürdiger, ein Obergauner, ein Pirat, ein Preller, ein Quatschkopf, ein Rabenaas, ein Raubgesell, ein Rinaldo Rinaldini, ein Satan, ein Spitzbub, ein Strauchdieb, ein Strolch, ein Schandfleck, ein Scheusal, ein Schlingel, ein Schnapphahn, ein Schuft, ein Schurke, ein Tatar, ein Taugenichts, ein Teufelsbraten, ein Tiger, ein Totschläger, ein Türke, ein Tyrann, ein Ungeheuer –« Mehr hörte der junge Lotterando nicht, da er davonlief und erst im Eulengebirge haltmachte; und es schien ihm, als ob der Wind noch hinterher wehe: – »ein Unhold, ein Unmensch, ein Vampir, ein Verbrecher, ein Vermaledeiter, ein Wegelagerer, ein Werwolf, ein Zetermordioschreier bist.« Und so ging es fortwährend. Bei Ratibor überfiel der junge Räuber eine goldene Kutsche, aber darin saß die Ratiborer Prinzessin, und die war so schön, daß sich Lotterando in sie verliebte und ihr nur – und das noch im guten – ein duftendes Taschentüchlein wegnahm. Leicht begreiflich, daß die Bande im Eulengebirge von dem Duft nicht gerade satt wurde. Ein andermal überfiel er bei Saugwitz einen Fleischhauer, der eine Kuh zum Schlachten nach Silberskalitz führte, und wollte ihn erstechen; aber der Fleischhauer bat, er möge seinen zwölf Waisen noch dies und jenes ausrichten und ließ ihnen so ergreifende, überedle und rührende Dinge sagen, daß Lotterando zu weinen begann und den Fleischhauer nicht nur samt der Kuh laufen ließ, sondern ihm noch zwölf Dukaten aufzwang, damit er jedem seiner Kinder einen Dukaten zum Andenken an den schrecklichen Lotterando geben könne; aber dabei war der Fleischhauer, dieser Schelm, ein alter Junggeselle und hatte nicht einmal eine Katze, geschweige denn zwölf Kinder daheim. Kurzum, jedesmal wenn Lotterando jemanden ermorden oder berauben wollte, kam etwas dazwischen, was seine Höflichkeit und sein Mitgefühl erregte, so daß er nicht nur niemandem nichts wegnahm, sondern noch all sein Eigenes hergab. Auf diese Weise blühte freilich das Räuberhandwerk nicht sonderlich. Seine Knechte samt dem struppigen Vinci liefen auseinander und suchten lieber anderswo ehrliche Arbeit. Vinci ging als Knecht in die Hronauer Mühle, die noch heute unterhalb der Kirche steht. Der junge Lotterando blieb allein in der Räuberhöhle im Eulengebirge zurück, hungerte und wußte sich keinen Rat. Da erinnerte er sich an den Herrn Prior der Benediktiner, der ihn sehr ins Herz geschlossen hatte. So machte er sich dann auf den Weg zu ihm, um ihn um Rat zu fragen, was er anfangen solle. Als er zum Prior kam, kniete er nieder und erzählte weinend, daß er seinem Vater geschworen habe, Räuber zu werden, daß er aber, der zur Höflichkeit und Güte erzogen worden war, niemanden gegen seinen Willen umbringen oder berauben könne. Der Herr Prior schnupfte darauf zwölfmal und dachte zwölf mal nach, worauf er sagte: »Lieber Sohn, ich lobe dich darob, daß du höflich und gütig zu den Menschen bist; doch Räuber kannst du nicht bleiben, erstens, weil es eine Todsünde ist und zweitens, weil du nichts davon verstehst. Aber damit du den Schwur, den du deinem Herrn Vater geleistet hast, treubleiben kannst, wirst du weiter Leute überfallen, freilich in aller Ehrbarkeit. Du wirst als Zöllner an der Straße lauern, und wenn dort jemand vorüberfährt, wirst du auf ihn zutreten und zwei Kreuzer Straßenzoll verlangen. Na, das wäre soweit. Und bei diesem Gewerbe kannst du so höflich sein, wie du es nur vermagst und es dir wünschst.« Dann schrieb der Herr Prior dem Bezirkshauptmann nach Trautenau einen Brief, in welchem er für den jungen Lotterando bat, der Herr Bezirkshauptmann möge ihm einen Straßenzoll anzuvertrauen belieben. Mit diesem Brief begab sich Lotterando zur Bezirkshauptmannschaft nach Trautenau und erhielt tatsächlich eine Zollstelle an der Straße nach Salesel. So wurde denn aus dem höflichen Räuber ein Zollbeamter, der Wagen und Kutschen überfiel, um in aller Ehrbarkeit zwei Kreuzer Zoll zu erheben. Viele Jahre später fuhr einmal der Braunauer Herr Prior mit der Kutsche auf Besuch zum Herrn Pfarrer nach Upitz. Im vorhinein freute er sich schon, daß er bei dem Zoll in Salesel den höflichen Lotterando wiedersehen und ihn fragen werde, wie es ihm gehe. Und tatsächlich trat bei dem Zoll ein bärtiger Mann an den Wagen heran – es war Lotterando selbst – und streckte, etwas vor sich hinbrummend, die Hand aus. Der Herr Prior griff in die Tasche; da er aber ein bißchen dick war, mußte er mit der einen Hand den Bauch heben, damit er mit der zweiten in die Tasche greifen könne. Es dauerte daher eine Weile, ehe er das Geld herauszog. Doch da fuhr ihn Lotterando mit grober Stimme an: »Na, wird's bald? Wie lange muß man denn warten, bis man die zwei Kreuzer kriegt?« Der Prior suchte im Beutel herum und sagte: »Ich habe keine Kreuzer, wechselt mir, ich bitt Euch schön, einen Sechser.« »Der Teufel soll Euch holen«, schrie Lotterando, »wenn Ihr keine Kreuzer habt, was kommt Ihr, in Satansnamen, erst hierher? Entweder zahlt die zwei Kreuzer oder fahrt zurück.« »Lotterando, Lotterando«, sagte der Herr Prior traurig, »erkennst du mich nicht? Wo hast du deine Höflichkeit gelassen?« Lotterando erschrak, da er erst jetzt den Herrn Prior erkannte. Er brummte irgend etwas sehr Häßliches, beherrschte sich aber und sagte: »Hochwürden, Sie dürfen sich nicht wundern, wenn ich nicht mehr höflich bin. Aber sah jemand schon einmal einen Zöllner, Steuereinnehmer oder Gerichtsvollzieher, der kein Brummbär gewesen wäre?« »Das ist wahr«, meinte der Prior. »Das hat noch niemand gesehen.« »Na, sehen Sie«, knurrte Lotterando, »und nun fahren Sie schon los, zum Donnerwetternocheinmal.« Das ist das Ende der Geschichte vom höflichen Räuber; vielleicht ist er schon gestorben, aber seine Nachkommen findet ihr an vielen, vielen Orten. Ihr erkennt sie daran, daß sie euch mit der größten Zuvorkommenheit ausschimpfen, auch wenn sie nicht wissen warum. Und das sollte fürwahr nicht sein. Die Hunde-Geschichte Solange der Wagen meines Großvaters, des Müllers, Brot in die umliegenden Dörfer und schönes Korn zurück in die Mühle führte, kannte den Köter fast jedermann; freilich, das ist doch der Köter, würdet ihr zu hören bekommen, der am Bock neben dem alten Fritsche zu sitzen pflegt und aussieht, als ob er den ganzen Wagen lenkt; und wenn es bergauf etwas langsamer geht, fängt er zu bellen an: sofort drehen die Räder sich schneller, Fritsche knallt mit der Peitsche, und die Liese und die Lotte, nämlich die beiden Pferde meines Großvaters, greifen aus; eine Weile später rollt schon der ganze Wagen festlich ins Dorf und strömt den unverfälschten wundervollen Geruch der Gottesgabe aus. So pflegte der Köter im ganzen Pfarrsprengel herumzukutschieren. Ja, zu seinen Zeiten gab es noch nicht diese verrückten Autos; damals fuhr man langsam, ordentlich und so, daß es zu hören war. Kein Schofför im Auto kann so prächtig mit der Peitsche knallen, wie der selige Fritsche, Gott hab ihn selig, und so den Pferden zuschnalzen, wie er es gekonnt hat, und kein kluger Köter sitzt neben dem Schofför, keiner kutschiert, bellt, jagt Angst ein, nichts. So ein Auto flitzt nur vorüber und stinkt, seht nur, wo es schon wieder ist; vor lauter Staub sieht man es nicht einmal. Ja, da kutschierte der Köter gründlicher; schon eine halbe Stunde vorher spitzten die Leute die Ohren, hoben die Nasen und sagten: Aha! Da wußten sie schon, daß das Brot auf dem Weg zu ihnen war und stellten sich in die Tür, um guten Morgen zu wünschen. Und gerade rollt der Wagen des Großvaters heran, Fritsche schnalzt mit der Zunge, der Köter bellt auf dem Bock, und auf einmal hopp, springt er der Liese auf den Rücken – das war aber auch ein Rücken, Gott segne ihn, breit wie ein Tisch, vier Leute hätten darauf essen können –; jetzt tanzt er auf dem Rücken der Liese herum, läuft vom Kummet zum Schweif, vom Schweif zum Kummet und kann sich das Maul zerreißen vor lauter Freude: Haff, haff, Jungens, wir haben's aber geschafft, ich und die Liese und die Lotte; hurra! Und die Jungens machen große Augen; jeden Tag kommt das Brot und immer festlich, weiß Gott, als ob der Kaiser selber daherkäme. Wie gesagt, so gründlich fährt man schon lange nicht mehr, wie zu des Köters Zeiten. Und bellen konnte der Köter, wie aus der Pistole geschossen. Pratsch! nach rechts, daß die Gänse dort vor lauter Schreck davonlaufen und erst in Hirschberg am Ring haltmachen, ganz verwundert darüber, wie sie da auf einmal hinkommen; pratsch! nach links, daß alle Tauben im Dorf auffliegen und herumkreisen; so kräftig konnte der Köter, dieses verflixte Hündchen, bellen, und ein Wunder, daß ihm der Schwanz nicht davonflog, wenn er aus lauter Freude darüber, daß er wieder Unheil angestiftet, nur so mit ihm wedelte. Nun ja, er hatte ja auch Grund, stolz zu sein; so eine starke Stimme hat nicht einmal ein General, ja oft nicht einmal ein Abgeordneter. Und doch gab es eine Zeit, wo der Köter fast gar nicht bellen konnte, obgleich er schon erwachsen war und solche Zähne hatte, daß er Großvaters Röhrenstiefel zerbiß. Da müßt ihr eben wissen, wie der Großvater zu dem Köter gekommen war, oder eigentlich der Köter zum Großvater. Einmal ging der Großvater aus dem Wirtshaus heim, und da es schon finster und er in lustiger Stimmung war, und vielleicht auch deshalb, damit er die bösen Geister vertreibe, sang er sich eins unterwegs. Plötzlich verlor er im Finstern die richtige Melodie und blieb stehen, um sie zu suchen. Und wie er so sucht, hört er auf der Erde zu seinen Füßen ein Wimmern, Winseln und Knautschen; er bekreuzigt sich und tastet am Boden herum, was das wohl sein könnte. Da spürte er ein zottiges, warmes Knäulchen, das gerade auf seinem Handteller Platz hatte und sich weich wie Samt anfühlte; und kaum nahm er es in die Hand, hörte es zu winseln auf und begann, an seinem Finger zu lutschen, als wäre er aus Honig. Das muß ich mir anschauen, denkt sich der Großvater und nahm es mit nach Hause in die Mühle. Die Großmutter, die arme, wartete auf den Großvater, um ihm gründlich »gute Nacht« zu sagen, aber ehe sie noch gehörig zu Worte kam, sagte der Großvater: »Da guck mal, Helene, was ich dir mitbringe.« Die Großmutter machte Licht – seht doch, das war ja ein Hündchen, du lieber Josef! ein Hundejunges, noch blind und gelb wie eine geschälte Nuß. »Nein, so etwas«, wunderte sich der Großvater, »aber Hündchen, wem gehörst du denn eigentlich?« Das Hündchen sagte natürlich nichts; es zitterte auf dem Tisch nur wie ein Häuflein Unglück, daß sein Rattenschwänzchen hin und her tanzte und wimmerte kläglich; und da, oh du verdammtes Kerlchen, war plötzlich eine kleine Lache unter ihm und wuchs wie das schlechte Gewissen. »Karl, Karl«, schüttelte die Großmutter ernsthaft den Kopf, »wo hast du denn deinen Verstand gelassen? Das Hündchen muß ja draufgehen ohne Mutter.« Darüber erschrak der Großvater. »Rasch, Helene«, sagte er, »wärme Milch und hol eine Semmel.« Die Großmutter bereitete alles vor, der Großvater tauchte das Weiche der Semmel in die Milch, wickelte es in den Zipfel seines Taschentuches ein und machte einen so guten Lutschbeutel zurecht, daß das Hündchen daran lutschte, bis sein Bäuchlein wie eine Trommel wurde. »Karl, Karl«, schüttelte die Großmutter wieder den Kopf, »wo hast du denn deinen Verstand gelassen? Wer wird das Hündchen warmhalten, damit es nicht vor Kälte eingeht?« Aber woher denn, der Großvater – dem widersprechen! Er nahm das Hündchen und trug es stracks in den Stall; ja, dort war's warm, weil es die Liese und die Lotte vollgeatmet haben! Beide Pferde schliefen bereits, als aber der Großvater hereinkam, hoben sie die Köpfe und blickten mit ihren klugen, gutmütigen Augen nach ihm. »Liese, Lotte«, sagte der Großvater, »daß ihr mir diesem Köterchen nichts zuleide tut. Ich geb ihn in eure Obhut.« Und damit legte er den kleinen Köter vor ihnen ins Stroh. Liese beschnupperte das merkwürdige Geschöpfchen, und als sie an ihm die guten Hände des Herrn spürte, flüsterte sie der Lotte zu: »Er gehört zu uns.« So wuchs das Köterchen im Stall heran, genährt durch den Lutschbeutel aus dem Sacktuch, bis sich ihm die Augen öffneten und es selbst aus dem Schälchen trinken konnte. Warm war es ihm wie bei der Mutter, und bald wurde so ein kleiner Spitzbub mit einem dummen Kopf aus ihm, halt ein Hündchen; weiß nicht einmal, wo es das Hinterteil hat, auf das es sich setzen soll, setzt sich auf den eigenen Kopf und wundert sich dann noch, daß es drückt; weiß nicht, was es mit dem Schwanz anfangen soll, und da es nur bis zwei zählen kann, verwechselt es fortwährend alle vier Beine; schließlich patscht es vor lauter Verwunderung hin und streckt die Zunge heraus, die so hübsch rosig ist wie eine Schinkenschnitte. Jedes Hündchen ist so, halt wie Kinder sind. Die Liese und die Lotte könnten euch mehr erzählen; sie würden euch sagen, was das für eine Quälerei für ein altes Pferd ist, immerfort achtzugeben, daß man das närrische Hündchen nicht zertritt; ihr wißt ja, ein Huf ist kein Hausschuh, und da muß man ihn schon ganz leicht und langsam niederstellen, damit nicht irgend etwas am Boden schmerzlich zu quietschen und zu jammern beginnt. Ja, das ist eine Plagerei mit Kindern, würden euch die Liese und Lotte sagen. Aus dem Köterchen war schon ein großer Hund geworden, munter und bissig wie alle anderen Hunde, aber etwas war nicht in Ordnung bei ihm: noch niemand hatte ihn bellen oder knurren gehört. Er quietschte und winselte nur so, aber Bellen war das keines. Da sagte sich einmal die Großmutter: Warum der Köter nicht bellt? Sie denkt nach, geht drei Tage wie ein lebender Leichnam herum, und am vierten meint sie zum Großvater: »Warum der Köter niemals bellt?« Der Großvater denkt nach, geht drei Tage herum und schüttelt den Kopf. Am vierten sagte er zum Kutscher Fritsche: »Warum unser Köter eigentlich niemals bellt?« Fritsche fing es gründlich an; er ging ins Wirtshaus und dachte dort drei Tage und drei Nächte lang nach; am vierten wollte er schon schlafen gehen, er hatte einen schweren Kopf; so rief er denn den Wirt und zog die Schustertaler für die Zeche aus der Tasche. Er rechnete und rechnete, aber der Teufel selbst mischte sich hinein, so daß er nicht und nicht zu Ende rechnen konnte. »Nun, nun, Fritsche«, meinte der Wirt, »hat dir denn deine Mutter nicht das Rechnen beigebracht?« In dem Augenblick ließ Fritsche Zeche Zeche sein, schlug sich auf die Stirn und lief zum Großvater. »Bauer«, schrie er schon in der Tür, »ich hab's. Der Köter bellt deshalb nicht, weil ihm's seine Mutter nicht beigebracht hat.« »Meiner Treu«, sagte der Großvater, »das ist wahr; der Köter kennt keine Mutter, von der Lotte und der Liese hat er nicht bellen gelernt, einen andern Hund in der Nachbarschaft gibt es nicht, also weiß der Köter gar nicht, was Bellen ist. Weißt du was, Fritsche«, sagte er, »du mußt ihm das Bellen beibringen.« So setzte sich halt Fritsche im Stall zu dem Köter und brachte ihm das Bellen bei. »Haff, haff«, erklärte er ihm, »gib acht, wie man das macht; zuerst vrrrrrr dahier im Hals und dann läßt du's auf einmal aus dem Maul heraus: haff, haff, vrrrrrr, vrrrrrr, haff, haff, haff, wau, wau.« Der Köter spitzte die Ohren; das war eine Musik, die ihm gut gefiel, obgleich er nicht wußte, warum; und auf einmal bellte er selber vor lauter Freude. Es war zwar ein etwas merkwürdiges Bellen und kreischte so, wie wenn ein Messer über den Teller fährt, aber jeder Anfang ist schwer. Ihr habt auch nicht gleich das erstemal das ABC gekonnt. Die Liese und die Lotte horchten verwundert auf, daß der alte Fritsche plötzlich bellt; schließlich zuckten sie die Schultern und verloren jegliche Achtung vor dem Fritsche. Der Köter hatte ein außerordentliches Talent zum Bellen; das Lernen fiel ihm leicht, und als er zum erstenmal mit dem Wagen ausfuhr, ging es pratsch! nach links, pratsch! nach rechts, wie aus der Pistole geschossen; Zeit seines Lebens bekam er das Bellen nicht satt und bellte den ganzen lieben Tag lang; so freute er sich darüber, daß er es ordentlich erlernt hatte. Aber es gab noch andere Sorgen für den Köter als mit dem Fritsche fahren und kutschieren. Jeden Abend machte er einen Rundgang um die Mühle und den Hof, ob auch alles an Ort und Stelle sei, fuhr auf die Hühner los, damit sie nicht immer wie die Marktweiber gackerten und stellte sich dann vor dem Großvater auf, wedelte mit dem Schwanze und blickte klug drein, als ob er sagen wollte: »Geh nur schlafen, Karl, ich geb schon auf alles acht.« Der Großvater lobte ihn dafür und ging gottesfürchtig schlafen. Am Tage besuchte der Großvater oft die umliegenden Dörfer und Marktflecken, um Getreide und verschiedenes anderes einzukaufen, zum Beispiel Kleesamen, Linsen oder Mohn; da lief der Köter stets mit ihm, und wenn sie abends heimgingen, fürchtete er sich nicht im geringsten und fand auch dann heim, selbst wenn sich der Großvater im Weg irrte. Einmal also kaufte der Großvater irgendwo Samen; er kaufte, und machte einen Abstecher ins Wirtshaus. Der Köter wartete eine Weile vor dem Wirtshaus; da aber stieg ihm etwas in die Nase, ei wohl, so ein herrlicher Duft aus der Küche, daß er einfach dort nachschauen mußte. Und meiner Seel, die Hausleute aßen Bratwürste; der Köter setzte sich und wartete, ob nicht so eine wundervolle Wurstpelle unter den Tisch falle. Während er dort saß, blieb vor dem Wirtshaus der Wagen von Großvaters Nachbar stehen, wie hieß er denn nur rasch, nun sagen wir Henschel, dieser Henschel fand den Großvater in der Schenke, ein Wort gab das andere, und die beiden Nachbarn stiegen in den Wagen, damit sie halt gemeinsam nach Hause fahren. Sie fuhren ab, und der Großvater vergaß an den Köter wie an den Tod, indes der Köter es sich in der Küche vor den Bratwürsten schön machte. Als die Hausleute mit dem Essen fertig waren, warfen sie die Pelle von den Bratwürsten der Katze auf den Ofen; der Köter leckte sich das Maul und erinnerte sich erst jetzt, wo denn der Großvater sein könnte. Er suchte, schnüffelte im ganzen Wirtshaus umher, aber der Großvater war – nirgends. »Köter«, sagte der Wirt, »dein Herr ist dort«, und zeigte mit der Hand. Das begriff der Köter und machte sich allein auf den Heimweg; zuerst lief er die Straße entlang, aber dann sagte er sich: Da wär ich doch ein Narr; hier über den Berg schneide ich doch ein gutes Stück Weg ab. Er lief also über den Berg und durch den Wald. Es wurde Abend, es wurde Nacht; doch der Köter hatte keine Angst. Mir, dachte er, kann nichts gestohlen werden. Aber Hunger hatte er wie ein Hund. Es war bereits Nacht, der Vollmond ging auf; und als die Bäume in einer Lichtung oder einer Schneise auseinandertraten, zeigte sich der Mond über den Baumkronen; da war es schön, so silbrig, daß dem Köter das Herz vor Entzücken klopfte. Der Wald rauschte ganz leise als ob Harfen tönten. Jetzt lief der Köter durch den Wald wie durch einen finsteren, finsteren Gang; aber plötzlich tauchte silbriges Licht vor ihm auf, und die Harfen schienen lauter zu tönen: dem Köter sträubte sich jedes Haar; er schmiegte sich an die Erde und blickte wie gebannt. Vor ihm lag eine im Mondlicht schimmernde Wiese, auf der Hundeelfen tanzten. Das waren herrliche weiße Hunde, ganz weiß, fast durchsichtig und so federleicht, daß sie nicht einmal den Tau von den Gräsern streiften; nun, Hundeelfen waren es, das erkannte der Köter gleich, weil ihnen dieser bestimmte anziehende Geruch fehlte, an dem ein Hund einen richtigen Hund erkennt. Der Köter liegt im nassen Gras und kann sich die Augen ausschauen. Die Elfen tanzen, tollen umher, ringen miteinander oder drehen sich im Kreise hinter ihrem Schwanze her, aber alles so leicht, so luftig, daß sich nicht ein Grashalm unter ihnen bewegt. Der Köter gibt gut acht: wenn sich eine von ihnen zu kratzen oder nach einem Floh zu beißen beginnt, dann ist es eben keine Elfe, sondern ein weißer Hund. Aber keine von ihnen kratzte sich oder biß nach einem Floh; so waren es denn richtige Elfen. Als der Mond sehr hoch stand, hoben die Elfen die Köpfe und begannen zart und schön zu heulen und zu singen; nicht einmal ein Künstlerorchester würde das so schön treffen. Der Köter weinte vor Rührung und hätte mitgesungen, würde er sich nicht gefürchtet haben, alles zu verderben. Nachdem sie zu Ende gesungen hatten, legten sie sich um eine vornehme Greisin herum, wahrscheinlich irgendeine mächtige Fee oder Zauberin. »Erzähle uns was«, baten alle Elfen. Die alte Hundefee sann nach und sagte dann: »Ich will euch erzählen, wie die Hunde die Menschen erschufen. Als Gott der Herr die ganze Welt und alle Tiere erschuf, stellte er den Hund als den Besten und Klügsten an ihre Spitze. Alle Tiere lebten und starben und wurden wieder geboren in Glück und Zufriedenheit, nur die Hunde wurden immer trauriger. Da fragte also Gott der Herr die Hunde: ›Warum seid ihr so traurig, wenn die anderen Tiere sich freuen?‹ Und der älteste Hund antwortete: ›Weißt du, Hergott, den anderen Tieren fehlt nichts; aber wir Hunde haben ein Stückchen Verstand hier im Kopf, und mit diesem Verstand begreifen wir, daß es etwas Höheres gibt als wir, und das bist du, o Schöpfer. Zu allem können wir riechen, nur zu dir nicht, und das fehlt uns Hunden sehr. Deshalb, o Herr, lasse unsere Sehnsucht in Erfüllung gehen und erschaffe uns irgendeinen Gott, zu dem wir riechen können.‹ Da lachte Gott der Herr und sagte: ›Bringt mir Knochen, und ich erschaffe euch einen Gott, zu dem ihr riechen könnt!‹ Da liefen die Hunde auseinander, und jeder brachte einen Knochen; der von einem Löwen, dieser von einem Pferde, der andere von einem Kamel, jener von einer Katze, kurz von allen Tieren, nur keine Hundeknochen; denn ein Hund rührt weder Hundefleisch noch Hundeknochen an. Es war ein ganzer Knochenhaufen beisammen, und Gott schuf aus diesen Knochen den Menschen, auf daß die Hunde ihren Gott haben, zu dem sie riechen können. Und da der Mensch aus allen Tierknochen erschaffen wurde, nur aus Hundeknochen nicht, sind ihm die Eigenschaften aller Tiere zu eigen: er hat die Stärke des Löwen, die Arbeitsamkeit des Kamels, die Listigkeit der Katze und die Großmütigkeit des Pferdes, nur die Treue des Hundes nicht, nur die Treue des Hundes nicht!« »Erzähle uns noch etwas«, baten die Hundeelfen von neuem. Die alte Hundefee sann nach und begann dann: »Jetzt erzähle ich euch, wie vor langer, langer Zeit die Hunde ein Königreich und ein großes Hundeschloß auf Erden hatten. Aber die Menschen neideten den Hunden ihr Königreich auf Erden und zauberten solange, bis das Königreich samt dem Schlosse tief in die Erde versank. Wer aber am richtigen Ort graben würde, käme zur Höhle, wo der Hundeschatz verborgen liegt.« »Was ist der Hundeschatz?«, fragten die Elfen begierig. »Ja«, sagte die alte Fee, »da ist so ein wunderwunderschöner Saal. Die Säulen bestehen aus den herrlichsten Knochen, aber nicht abgenagten, woher denn; es ist so viel Fleisch daran wie an einer Gänsekeule. Dann gibt es dort einen gepökelten Thron aus Sülze, zu dem Stufen aus reinstem Speck führen. Und über diese Stufen ist ein Teppich aus lauter Pellen von Leberwürsten gebreitet, auf denen fingerdicke Wurstscheiben liegen.« Das war zu viel für den Köter. Er sprang auf die Wiese und rief: »Haff, haff, wo ist dieser Schatz? Wau, wau, wo ist dieser Hundeschatz?« Aber im selben Augenblick waren die Hundeelfen samt der alten Fee wie mit einem Schlag verschwunden. Der Köter rieb sich die Augen; nur der silbrige Anger lag vor ihm da, nicht ein Grashalm war durch den Tanz der Elfen zerzaust, nicht ein Tautropfen zur Erde gekollert. Der Mond schien ruhig über der lieblichen Wiese, und der Wald stand ringsherum wie eine tief schwarze Mauer. Da fiel dem Köter ein, daß ihn zu Hause wenigstens in Wasser eingebrocktes Brot erwarte, und er lief nach Hause, was ihn die Beine trugen. Aber seit dieser Zeit erinnerte er sich oft, wenn er mit dem Großvater über Wiesen oder durch Wälder ging, an den in der Erde verschwundenen Hundeschatz; dann fängt er mit allen Vieren wütend ein tiefes Loch zu graben an. Und da er das wahrscheinlich auch den Hunden aus der Nachbarschaft verraten hat und die wieder anderen und die anderen wieder den nächsten, trifft man bei allen Hunden der Welt, daß sie sich manchmal im Felde draußen an das versunkene Hundekönigreich und das Schloß erinnern und ein Loch in die Erde graben und schnüffeln, schnüffeln, ob nicht in dem Erdinnern der Sülzthron mit den Speckstufen des ehemaligen Hundereiches zu finden sei.     Illustrationen von Fritz Wolff aus Urheberrechtsgründen nicht aufgenommen. Re