Leopold Kompert Geschichten einer Gasse Die Jahrzeit. In einer mondhellen Sommernacht vermochte sich manches schlaftrunkene Auge in der »Gasse« nicht zu schließen. Ein Hund bellte ohne Unterlaß. Schon brach das graue Dämmerlicht des Morgens an und noch immer schien das wachsame, von einer seltsamen Unruhe aufgestörte Tier das Ende seiner nächtlichen Klagen nicht finden zu können. Galten sie dem leuchtenden Gestirne am Himmel? Waren Diebe in irgend ein Eigentum der Gasse geschlichen? Erst allmählich, fast ersterbend, fast als ob der Hund die ganze, seiner Tierseele innewohnende Beredsamkeit bis auf den letzten Laut erschöpft hätte, verscholl das schmerzlich gezogene, grauenhafte Heulen. Aber so lebendig wirkte die Erinnerung an die Schrecken dieser Nacht in allen Gemütern, daß beinahe in jedem Hause, dem der Schlaf fern geblieben war, die erste Frage am frühen Morgen überall fast gleichmäßig lautete: »Was hat Jakob Löws Hund heute nacht nur gewollt? Es muß etwas Besonderes über ihn gekommen sein.« Resel, das »fromme« Weib, das in der Nachbarschaft jenes Hauses, woher die Unruhe gekommen, ein krankes Kind zu warten hatte und daher besonders übler Laune war, meinte sogar mit dem Ausdrucke tiefster Erbitterung: »Da kann man gewahr werden, was bei uns, leider Gottes! ein reicher Mann ist und ein armer. Wo hat man's schon gehört und erlebt, daß ein armer Mann sich einen Hund halten darf? Aber weil Jakob Löw Geld hat, und die Leute ihm schuldig sind, darf er sich einen Hund halten, der ›Gewaltnik‹! Seinetwegen muß so ein krankes Kind die Augen offen halten und kann nicht schlafen. Pfui über die ganze Gemeinde, daß sie dazu schweigt und läßt den Hund bellen, wie er will! Aber heutzutage gibt's keine Leut' mehr. Sie fürchten sich vor Jakob Löw und fürchten sich vor seinem Hunde. Ich sollte die Gemeinde sein, da sollte der ›Gewaltnik‹ sehen, ob mir so ein Hund die Nacht verstören darf. Aber es gibt jetzt keine Leut' mehr.« Es gab eine Zeit, und sie ist noch nicht gar zu fern, da lauteten die Äußerungen über Jakob Löw wesentlich anders. Wer damals den Ausdruck »Gewaltnik« von ihm gebraucht hätte, den hätte man mit nicht weniger verwunderten Blicken angesehen, als wenn er der Meinung gewesen wäre, Adler und Taube seien leibliche Geschwister. Auf demselben Hofe, der jetzt den mürrischen Wächter des Hauses, jenen schlafstörenden Hund, beherbergte, tummelten sich fröhliche Knaben, und das Herz wurde einem weit und offen, wenn man schon in der Ferne ihre aufjauchzenden Kinderstimmen vernahm! Alles lebte, glänzte und leuchtete gleichsam an diesem Hause ... Nirgendwo gab es schönere Kinder; ihre Wangen waren von einer so durchsichtig feinen Röte überhaupt, dabei glänzten ihrer aller Augen in einem so eigentümlich leuchtenden Schimmer, wie man Ähnliches gesehen zu haben sich nicht erinnert. Ach! die roten Wangen und die glänzenden Augen, sie tragen die Schuld davon, daß dieses Haus jetzt in so grauenhafter Verödung daliegt, dessen einzige Bewohner ein alter Mann, jener »Gewaltnik« Jakob Löw und sein Hund sind! Fünf Knaben waren es; aber keiner von ihnen hat das dreizehnte Lebensjahr erreicht. Wenn sie an die Grenzscheide dieses Alters traten, schien es, als ob über den heitersten, von Sonnengold überfluteten Himmel plötzlich eine schwarze Wolke streiche. Die Wolke senkte sich immer tiefer, immer schwärzer herab – wenn sie vorübergezogen, war das Kind tot. Dieses Ereignis trat stets mit einer so erschreckenden Schnelligkeit ein, daß man das Kind, dessen Wangen heute noch in vollster Lebensblüte leuchteten, nach einem Monate, ja oft schon nach einem viel kürzeren Zeiträume, draußen auf dem »guten Orte« zur ewigen Ruhe bettete. Eine tückische Krankheit, die keine Kunst vorhergesehen, keine zu bewältigen vermochte, bei jedem unter einer andern Form auftretend, als wollte sie jeder Wachsamkeit schon im voraus Hohn sprechen, raffte erbarmungslos die Knaben hin; sie wären »beschrien« worden, meinte der fromme Wahn; sie seien mit einem zu »kurzen Atem« auf die Welt gekommen, klügelte nachträglich die Weisheit der alten Frauen. Am zu kurzen Atem! Die Leute ahnten nicht, daß sie da einen Witz machten, wo er ihnen gewiß nicht auf den Lippen saß. Wenn Jakob Löw am Freitag nachmittag von seinen Geschäftsreisen sein Haus betrat, dieses gesegnete, vom Hauche lieblicher Weiblichkeit gleichsam durchwärmte Haus – denn damals schaltete und waltete noch darin seine Frau – da empfand er jedesmal ein wehmütig freudiges Gefühl. Fünf lockige Knabenhäupter drängten sich unter seine Hände, damit er sie segne; eines wollte dem andern zuvorkommen; er hatte sie alle in einem dichten Knäuel beisammen. Nicht als ob ihn schon damals die Ahnung durchzuckt hätte, in diesen herrlichen Kinderblüten liege ein böser Wurm! Im Gegenteil! Im Vollgenusse des Anblickes, der ihm das Herz schwellte, dachte er an sein eigenes Sterben. Er mußte denken: »Siehe! wie dein Gott dir es so schön eingerichtet hat! Wenn du einmal von dieser Erde fortgehst, oder dein Weib, dann haben wir nach uns diese fünf prächtigen Knaben gelassen, und die sagen uns ›Kadisch‹ nach!« Es ist dies jenes seltsame, von Geschlecht zu Geschlecht, von Jahrtausend zu Jahrtausend überkommene Gebet, das, in der Sprache des alten Zion lautend, einen wesentlichen Bestandteil des täglichen Gottesdienstes bildet. Sein Ursprung ist geheimnisvoll; Engel sollen es vom Himmel herangebracht und die Menschen gelehrt haben. Um dieses Gebet schlingen sich die weichsten Fäden kindlichen Empfindens und menschlichen Erinnerns; denn es ist das Gebet der Waisen! Wenn Vater oder Mutter stirbt, sollen es die nachgelassenen Söhne täglich, am Morgen und am Abend, im Gotteshause durch das ganze Trauerjahr, und dann am jedesmaligen Todestage, oder, wie er in der Sprache der »Gasse« heißt: »zur Jahrzeit« sprechen, denn es wohnt ihm eine gar wunderbare Kraft inne. Aus dem Munde von Waisen klingend, sprengt es die Gräber und sagt den toten Eltern, daß ihr Kind ihrer gedenke; dann tritt es unmittelbar vor Gottes Thron und bittet dort um den ewigen Frieden der Dahingeschiedenen, um Schonung und Barmherzigkeit! Fürwahr! wenn es irgend ein Band gibt, stark und unauflöslich genug, um Himmel und Erde aneinander zu ketten, so ist es dieses Gebet! Es hält die Lebenden aneinander und bildet die Brücke in das geheimnisvolle Reich des Todes. Fast könnte man sagen, dieses Gebet sei der Hüter und Wächter des Volkes, von dem allein es gebetet wird; in ihm liegt die Bürgschaft seiner eigenen Fortdauer. Kann ein Volk untergehen und in das Nichts zerstäuben – solange ein Kind seiner Eltern gedenkt? Welche Stürme, Fäulnis und Verderbnis müßten vorangegangen sein, welche Mächte müßten an dem Baue eines Volkes genagt und gerüttelt haben, der auf dem Felsengrunde der »Familie« ruht? Es mag seltsam klingen. Mitten aus dem Taumel der wüstesten Zerstreuung hat dieses Gebet der Erinnerung manches verwilderte Gemüt aufgeschreckt, daß es sich besann und wenigstens für kurze Zeit im Andenken an die toten Eltern sich gleichsam heiligte. Solch ein Gemüt überkommt es dann mit Schauern, wenn es die Wege überschaut, die es bisher gegangen, und sie mit denen vergleicht, die es gegangen wäre, wenn das Auge von Vater und Mutter noch über ihm leuchtete! Eben weil dieses Gebet eine Wiedergeburt des am Menschen Vergänglichen im Geiste ist, well es ein bloßes Sterben nicht zugibt, weil es die Blüte, die vom Baume der Menschheit welk abgefallen ist, im Gemüte wieder auferstehen und sich entfalten läßt, – darum ist es von solch heiligender Gewalt! Zu wissen: du stirbst, du trittst aus dieser ewig ruhelosen, hinfälligen Hülle in ein geheimnisvolles Jenseits, aber die Erdscholle, die über deinem Haupte rauscht und fällt, deckt dich nicht ganz; es bleiben solche zurück, die wissen, daß du gestorben bist, die, wo sie immer auf dem weiten Erdenrunde, ob im Gewande der Armut oder im schimmernden Prunke des Reichtums sich befinden, dieses Gebet dir nachsenden; – zu wissen: du nennst keinen grünen Fleck in diesem Lande dein, du läßt ihnen kein Haus, keinen Hof und Acker zurück, daß sie dein gedenken müßten: dennoch bewahren sie dein Andenken als ihr teuerstes Erbe ... unbedeutend, verachtet, eine Schaumblase, die du im Leben warst, erheben sie dich, wenn du längst nicht mehr bist, zur Bedeutendheit ... sie raffen dich aus dem Staube der Vergänglichkeit auf – wer wird nun Jakob Löws eigentümlichen Gedankengang nicht begreifen, und daß er ein Behagen darin finden konnte, fünf Knaben würden ihm einst »Kadisch« nachsagen?... Wir haben bereits erzählt, in welcher Weise im Laufe weniger Jahre eines nach dem andern dieser blühenden Kinderhäupter dem Hause Jakob Löws entrissen ward. In einer Reihe liegen sie auf dem »guten Orte«. Als der jüngste Knabe hinausgetragen ward, waren Jakob Löw und dessen Frau für diese letzte Heimsuchung fast stumpfsinnig geworden. Als hätten sie es miteinander verabredet, sprachen sie nicht von den Dahingeschiedenen; beide wußten, daß ihre Wunde nach wie vor blutete. Nur zuweilen, namentlich wenn er am Freitag nachmittag nach Hause kam, brach es aus seinem Gemüte wie eine jäh aus totgeglaubter Asche hervorbrechende Flamme hervor. »Der Mensch ist ein schöner Rechner,« pflegte er dann mit einem grauenhaften Lachen zu seiner Frau zu sagen. »Auf fünf habe ich gerechnet gehabt, und es ist mir kein einziger geblieben.« »Der Mensch soll nicht rechnen!« rief dann jedesmal Esther, und sie allein wußte, wie schwer sich dieser Trost von ihrer Seele losrang. »Der Mensch soll nicht rechnen und Gott vorzählen, denn er versündigt sich dadurch. Haben wir nicht unser Blümele?« »Kann dir ein Mädchen ›Kadisch› nachsagen?« »Ihre Kinder werden es tun –« »Und wenn auch sie ... den ›kurzen Atem‹ bekommt, Esther, auch sie? Was tust du dann?« »Ich rechne nicht, wie Jakob Löw ...« schloß sie gewöhnlich eine derartige Unterredung, und oft saß ihr dabei ein schmerzliches Lächeln auf den Lippen. »Im Gegenteil, ich rechne darauf, daß uns unser Blümele gesund und stark bleibt. Das einzige Blümele wird uns doch Gott lassen? ...« Und Esther hatte recht. Das Kind wuchs heran und gedieh wie eine frische Waldpflanze. Auf den ersten Blick wurde man sogleich gewahr, daß Blümele von einem ganz anderen Schlage sei als ihre so früh geknickten Brüder. Ihre Wangen leuchteten nicht in jenem trügerischen Rot, das bei jenen als Ausfluß vollblütiger Gesundheit gegolten hatte, und ihren Augen fehlte das verzehrende Feuer, das bei den armen Knaben nur so lange glühte, als der in ihrem Innern lohende Brand sich nicht selbst verzehrt hatte. Das Kind entwickelte sich ganz regelmäßig, fast unmerklich unter den Augen ihrer Eltern, die noch immer ihre Blicke nach rückwärts zu den Gräbern ihrer Knaben gerichtet hielten. Eines Tages war der von uns noch nicht vergessene Doktor Prager auf Besuch gekommen; denn seit dem Tode des letzten Knaben waltete zwischen ihm und den Eheleuten eine Art gegenseitiger Gespanntheit, wie sie in solchen Fällen sich gewöhnlich geltend macht. Jakob Löw namentlich empfand beim Anblicke des Arztes jedesmal etwas wie jäh aufsteigenden Grimm ... Nicht daß er ihm etwa die Schuld an dem schweren Verhängnisse aufbürdete ... aber gemahnte er ihn nicht stets an die, die er verloren, an die mit ihnen hinweggegangenen Hoffnungen, an alles, was das Licht seines künftigen und überirdischen Lebens gebildet hatte? Andererseits war der Arzt zu feinfühlend, um öfters da einzusprechen, wo ihm, der die Sachlage mit seinem Gemüte übersah, nur ein erzwungener Willkommen entgegentreten konnte. So waren Jahre vergangen, ohne daß das Kind mehr als flüchtig ihm unter die Augen gekommen wäre, ja, es war ihm beinahe fremd geworden. »Ist das Ihre Tochter?« fragte er stockend, während seine erstaunten Blicke an der lieblichen Gestalt eines siebzehnjährigen Mädchens haften blieben. Jakob Löws Frau erbleichte, sie faßte krampfhaft nach der Hand des Doktors. »Hören Sie vielleicht auch ihren kurzen Atem?« sprach sie leise. Den Arzt übermannte eine tiefe Rührung, er mußte sich erheben und trat zu Blümele hin, der er lange in die Augen schaute. »Ich bin nicht krank, Herr Doktor!« rief Blümele endlich lachend. »Nein! So wahr ich hier stehe, Sie sind nicht krank!« rief der Arzt. »Und wenn menschliches Wissen die Anmaßung haben darf, etwas vorhersagen zu wollen, so sage ich nur das eine: Du bist gesund, liebes Mädchen, gesund, wie es eine nur sein kann, und wirst auch gesund bleiben.« »Schwören Sie, Herr Doktor!« rief dazwischen Jakob Löw in einem Tone, aus dem der Arzt ebensogut wie die tiefste Erschütterung, auch einen gewissen Hohn zu vernehmen glaubte. »Ein Arzt kann nicht schwören!« sagte der Doktor ernst; »aber er versichert, daß, soweit seine Kunst voraussetzen darf, Ihre Tochter ... dem Geschicke Ihrer andern Kinder nicht anheimfallen wird.« »Die armen, armen Knaben!« seufzte Jakob Löw, indem er sein Gesicht mit beiden Händen bedeckte. »Rechnest du schon wieder, Jakob Löw? ...« rief Esther leise. Da ließ er die Hände fallen, schwere Tränen rollten ihm über die Wangen. Dennoch lag's auf seinem Antlitz wie ein Sonnenstrahl. Er trat auf Blümele zu und schaute ihr lange in die Augen, dann fuhr er ihr mit der Hand über das glänzende, schwarze Haar und sagte mit einer Stimme, die dem Mädchen durch die Seele ging: »Blümele! Du mußt ganz rechtschaffen, gut und fromm werden, denn du bist jetzt die einzige, auf die ich rechne. Versprich mir das.« Er streckte ihr seine Hand hin; nur zögernd schlug Blümele ein; sie tat es und empfand dabei einen kühlen Schauer. Jakob Löw sprach so sonderbar – und sie sollte etwas versprechen, was sie kaum verstand. War es infolge dieser Unterredung, aus der Jakob Löw den Trost geschöpft hatte, daß der Sturm, der sein Haus so schwer heimgesucht hatte, endlich vorüberzogen sei, oder etwas anderes, genug, von diesem Tage an begann das Dasein für ihn einen neuen Reiz zu gewinnen. Er schien erst jetzt zu bemerken, daß die Anwesenheit einer siebzehnjährigen Tochter in seinem so lange verdüsterten Gemüte ein Licht auszustrahlen begann, auf das er schon ganz verzichtet hatte: er schien erst jetzt gewahr zu werden, wie wunderbar die Schönheit des Mädchens sich entfaltet hatte. Und so seltsam war die Veränderung, die mit ihm vorgegangen, so auffallend sein Benehmen, daß es selbst einem flüchtigen Auge nicht entgehen konnte. Er sprach jetzt selten oder fast gar nicht von seinen fünf Knaben, auf die er sonst ohne den geringsten Anlaß, selbst bei Gelegenheiten zu reden kam, die fernab von deren traurigem Geschicke lagen. Tat er es doch zuweilen, so brach er oft mitten in seinen Klagen ab, und seine Augen suchten dann nach etwas; war Blümele zugegen, so blieben sie an ihr haften, und um seine Lippen machte sich dann ein so behaglich sonniges Lächeln bemerkbar, wie es dort seit langer Zeit nicht gesehen worden war. Nie kam er von einer seiner Geschäftsreisen zurück, ohne daß er für Blümele irgend einen neuen Mädchenputz mitbrachte. Wenn ihm Esther zuweilen Vorwürfe machte, er »verderbe« dadurch das Mädchen und mache es eitel, so konnte er mit einem seltsam befriedigten Lächeln ihr erwidern: »Esther, es wird ihr nicht schaden, wenn sie dabei fromm bleibt.« Und so fragte er auch jedesmal, bevor er das von der Reise heimgebrachte Geschenk Blümele einhändigte: »Blümele, bist du in dieser Woche auch recht fromm gewesen?« worauf er, ohne die Antwort abzuwarten, ihr mit einer unerklärlichen Hast das glitzernde oder flatternde Angebinde zuschob. Was ging in Jakob Löws Gemüte vor? War darin wirklich eine neue Lebensknospe aufgebrochen? Esther schüttelte den Kopf oft bedenklich; sie begriff das verschwenderische Gebaren ihres Mannes gegen Blümele nur in dämmerhaften Umrissen. Daß er seine Freigebigkeit nicht zu bemeistern vermochte, weil er des Mädchens erst jetzt sich sicher glaubte, das sah sie ein; in welchem Zusammenhange stand dies aber mit der Frömmigkeit, auf die er stets einen so eindringlichen Nachdruck legte? Blümele selbst fragte einmal ganz ernst die Mutter: »Mutter, was will der Vater stets mit seinem: Sei fromm, Blümele! Bin ich's denn nicht? Oder tue ich zuweilen etwas, was nicht recht ist?« Esther besann sich lange, welche Antwort sie dem Kinde geben sollte. Dann sagte sie rasch: »Es schadet nicht, wenn man stündlich und täglich zur Frömmigkeit gemahnt wird ... und dein Vater weiß es gewiß besser als du, warum er es so oft tut.« Blümele war von leicht rollendem Blut; derartige Antworten genügten ihr, und sie dachte nicht weiter nach. Jakob Löw hatte die Frage: ob sie fromm gewesen? so oft an sie gerichtet, daß sie ihr zuletzt zu einer Redensart wurde, der sie keinen tieferen Sinn unterlegte. Was sie zum ersten Male mit allen Schauern überfallen, das glitt im Laufe der Zeit von ihr ab, gleichgültig und unbeachtet wie alles, was durch gedankenlose Angewöhnung ein inhaltloser Schall wird. Schon hatte Blümele selbst jene Sicherheit erlangt, daß sie auf die gewohnte Frage ihres Vaters mit einem allzeit bereiten lächelnden Ja! antworten konnte. Sie wußte bereits, daß er keine andere Antwort erwarten wollte. Seit einiger Zeit wurden die Geschenke Jakob Löws an Blümele immer reicher und glänzender; er schien keine Grenze seiner Freigebigkeit mehr zu kennen. Kostbare Ladungen feiner Spitzen und Seidenstoffe brachte er nach Hause und schob sie mit einer Miene tiefster Befriedigung seinem Kinde zu. Es gab reichere Mädchen in der »Gasse«, aber keines konnte es Blümele an Glanz und Fülle ihres Anzuges gleich tun. Allgemein hieß es: an jedem Sabbat erschiene bei Jakob Löw das »Mode-Journal«, denn da kam Blümele mit irgend einem neuen Aufputz, der die kühnsten Erwartungen ihrer bewundernden Gespielinnen übertraf. Alles stand dem Mädchen vortrefflich; selbst dem unscheinbarsten Bande verlieh die Art und Weise, wie sie es zu binden und tragen pflegte, einen eigentümlichen Reiz. »Mann,« sagte eines Tages Esther, als er noch reichlichere Geschenke als sonst brachte und sie vor Blümele hingelegt hatte, »du tust nicht gut daran, daß du dein Kind an solche Dinge gewöhnst. Was soll sie in einigen Jahren zu wünschen haben, wenn du ihr schon jetzt jede Lust, etwas zu wünschen, benimmst? Du kennst, glaube ich, das Herz der Frauen nicht ganz ... Wenn es zu voll und gesättigt ist von lauter Lust und Freudigkeit, überhebt es sich gerne und geht dann einen falschen Weg. Im Gegenteil! Weil das Weib zum Ertragen und Dulden, zu Schmerzen und Leiden geboren ist, muß man es frühzeitig gewöhnen, genügsam zu sein. So ein Herz muß immer eine kleine Tasche übrig behalten, wo es einen Wunsch oder eine Lust gern aufheben möchte ... Wenn du aber schon jetzt dein Blümele gewöhnst, als wäre sie eine geborene Prinzessin, so sage ich dir nur das eine: du tust nicht gut damit, Jakob Löw!« »Jakob Löw ist imstande für sein Kind mehr zu tun, als andere Leute,« sagte er mit einem finstern Stirnrunzeln. »Warum habe ich nicht mehr als das eine Kind? ... Ich brauche mich nicht aufs Sparen zu verlegen.« »Du übertreibst ...« meinte Esther ernst, »und verdirbst das Kind.« »Narrele!« unterbrach sie mit einem Male Jakob Löw mit einem lauten Lachen, »glaub' doch nicht, daß ich auf meine alten Tage den Verschwender und Flausenmacher spielen werde. Nichts liegt mehr abseit von mir als dies ... Wie alt ist denn unser Blümele?« »Siebenzehn Jahre!« rief Esther mit einiger Bewegung. »Siebenzehn Jahre!« spottete Jakob Löw mit zunehmender Lustigkeit, »und noch keine Ausstattung! Wenn du nicht daran denkst, ist es nicht meine Pflicht und Schuldigkeit?« Esthers Herz versagte für eine geraume Weile jeden Schlag; sie war bleich geworden und vermochte kein Wort über ihre Lippen zu bringen. Keine Mutter hört ohne tiefes Erschrecken, daß über ihr Kind jenes entscheidende Wort gesprochen werde, bevor sie es selbst in ihrem Gemüte zum Abschluß gebracht hat. Im ersten Augenblicke erscheint es ihr beinahe frevelhaft, daß eine andere Hand als die ihre den Zukunftsbau ihres Kindes berühre, weil sie selbst den ihr zunächst stehenden Gatten für zu täppisch und grobfühlend hält, um all das nach jenem sicheren Maße festzustellen und zu bestimmen, was ihr für das Glück des Kindes am zuträglichsten dünkt. Das war auch die Empfindung Esthers, und darum erschrak sie. Nach einer Weile faßte sie sich und sagte fast unvernehmbar: »Denkst du denn schon daran ... ?« »Schon?« fragte er lachend, und mit einem pfiffigen Augenzwinkern setzte er sogleich hinzu: »Esther, ich habe ihn bereits.« »Wen?« rief sie atemlos. »Einen, auf den ich schon lange meine Augen geworfen habe,« sagte er, und seine Stimme klang nun zitternd, »einen, wie ich ihn für mein Kind brauche und gerade so, als wenn ihn Gott eigens für uns und unser Blümele in die Welt gesetzt hätte. Denn er ist selbst ein frommes Kind, ehrt Vater und Mutter, und wird darauf sehen, daß auch unser Kind so bleibt ... und uns auch ehrt und nicht ... vergißt, wenn wir nicht mehr da sind ...« Esther war durch die Sprache ihres Mannes, die in ihrem Gemüte verwandte Töne anschlug, insoweit beruhigt worden, daß sie beinahe scherzhaft fragen konnte: »Wer soll's denn sein? Halte mich nicht zu lange in der Spannung.« »Du kennst ihn so gut wie ich ...« sagte Jakob Löw langsam. »Es ist mein Bruderssohn ...« »Maier mit den vier Händen! ...« rief Esther, ja sie schrie es beinahe mit einer Heftigkeit, wie sie dieser Frau sonst nicht eigen war, und stand auf, um sich dann kraftlos wieder in ihren Sitz zurückzulehnen. Es fiel Jakob Löw hart, in diesem Augenblicke seine Empfindung in Zaum zu halten. Die Zornesader auf seiner Stirne schwoll an; dennoch bezwang er sich. »Daß doch alle Weiber in dem einen Punkte sich gleichen!« sagte er. »Vier Hände hat er, meinst du; ich sehe an ihm nur zwei, und die schaffen rüstig und tüchtig, wie es ihm kein zweiter in der Gasse nachtut. Ich weiß schon, was du mit Maiers vier Händen verstehst ... Weibergeschwätz und Narretei! Mein Bruderssohn Maier ist keiner von der jetzigen leichten Welt, und dafür sei Gott im Himmel gelobt und gepriesen. Möchte ich sonst an ihn gedacht haben? Ich will ihn gar nicht anders als mit seinen vier Händen!« Esther schwieg. Sie kannte nun die Gedankenfäden ihres Mannes, wie sie sich jetzt als ein vollständiges Gewebe ihren Augen darboten. Sie gehörte aber nicht zu den Frauen, die in solchen Fällen ihr vermeintliches gutes Recht gleichsam auf einen Wurf stellen, der ihnen entweder vollständigen Gewinst oder Verlust in Aussicht stellt. Vorderhand schloß sie den Plan ihres Mannes in ihr Herz und drückte darauf das Siegel des Geheimnisses. Aber sie hörte ihn zu jeder Stunde des Tages in sich pochen – und wenn sie Blümele ansah, konnte sie sich einer unsagbaren Traurigkeit nicht erwehren. Wir werden erst später sehen, daß Esthers Abneigung aus einer keineswegs dunklen Ursache entsprang und sie sich deren vollkommen bewußt war. Esther wußte nämlich, daß ihre Tochter auf die einfache Frage: »Blümele, willst du dein Geschwisterkind zum Manne haben?« ... mit einem lauten Gelächter antworten würde, denn Blümele lachte stets, wenn sie ihres Geschwisterkindes nur gedachte ... und seltsam: Esther stimmte in diesem Punkte ihrer Tochter vollständig bei. Jakob Löws Brudersohn nämlich hatte wirklich das Unglück, mit zwei überflüssigen Händen, außer den ihm von der Natur verliehenen, ausgestattet zu sein. Von dem Lobe, das ihm sein Oheim erteilte, brauchte kein Buchstabe weggeleugnet zu werden; es war kein zweiter in der Gasse, der es ihm an Tüchtigkeit und Bravheit gleichgetan hätte, – aber nichtsdestoweniger stand die Tatsache fest und unverrückbar in aller Leute Überzeugung: Maier war vierhändig geboren. Das war natürlich nur im figürlichen Sinne zu verstehen; es war ein Spaß, ein Spitzwort. Aber hat das die Leute, namentlich die in der »Gasse«, die mit ihren scharfen Augen auf jede Unebenheit lauern, um sich ihrer als guter Beute zu bemächtigen, jemals abgehalten, das, was eben nur ein Witz war, alsbald in das Gewand der Wahrheit zu kleiden? Und Maier besaß nicht einmal eine solche Unebenheit. An ihm war alles klein, so daß er nicht einmal unter das landesübliche Rekrutenmaß gestellt werden konnte; dafür hatten jedoch seine Arme eine Länge erlangt, die über alle Vorstellung ging. Sie waren so unförmlich lang, daß sie fast auf den Boden reichten; dabei hatte Maier die Gewohnheit, namentlich wenn er in Eifer und Zorn geriet, mit seinen Händen so heftig zu arbeiten und sie mit einer solchen Geschicklichkeit zu gebrauchen, daß es in solchen Augenblicken wirklich das Aussehen hatte, als hätten sie sich vervielfältigt, und als wären aus zweien ... seltsam genug, vier geworden. Das war aber auch alles, was sich unserm Maier Schlimmes nachsagen ließ. Sein Unglück bestand jedoch darin, daß dieses Schlimme zugleich lächerlich war, und dagegen sind die Menschen bekanntlich von einer nie versiegenden Unerbittlichkeit. Das in Rede stehende Spitzwort war übrigens, merkwürdig genug! nicht in der »Gasse« entstanden, es war eine fremde Erfindung, und zwar hatte es der Fabriksbuchhalter Jacques ihm aufgebracht. Es hatte früher in der Luft geschwebt, aber erst Jacques, der Buchhalter, hatte es zu sich herabgezogen und ihm Namen und Leben gegeben. Jacques war ein Ungar ... und, um es kurz zu sagen, der Abgott der gesamten Mädchenwelt in der Gasse. Er hatte einen prächtigen Kopf mit schwarzgelockten Haaren, dunkelblitzende Augen und glänzend weiße Zähne, dabei etwas hochmütig aufgeworfene rote Lippen, die ein herrlicher, nach ungarischer Weise aufgedrehter Schnurrbart überschattete. Jacques stellte sämtliche junge Männer in tiefen Schatten; wo er erschien, da war es, als ob sich mitten unter allerlei niederem Geflügel ein Adler niedergelassen hätte! Der ganze grelle Unterschied zwischen der träumerisch düstern Natur der Böhmen und der leidenschaftlich erregten, leichtblütigen, von einer heißeren Sonne gleichsam durchglühten des Ungars trat hervor, wo Jacques erschien; und es ist leicht zu begreifen, wem der Sieg zufiel. Namentlich an Sabbatnachmittagen, besonders im Sommer und Frühlinge, war es, wo Jacques' Gestirn in seinem vollsten Lichte strahlte. Da gingen die »großen« Mädchen der Gasse in Begleitung ihrer Brüder, die Bräute mit ihren Bräutigamen auf den benachbarten »Berg«, wie die kleine, mit Birnbäumen bepflanzte, gleich hinter den Häusern der »Gasse« aufsteigende kleine Anhöhe hieß. Man hatte von dort aus einen gar erquickenden Anblick; ringsherum waltete Friede und Stille, unten in den Wohnungen herrschte sabbatliche Ruhe. Das Gelächter und Plaudern der Mädchen konnte unten vernommen werden, ja, ein scharfes Auge konnte die einzelnen Gestalten, wie sie da unter einem mächtigen Birnbaume, ins weiche Gras hingebettet, saßen, leicht entdecken und benennen. Zuweilen wurde dieses Lachen so laut, daß es den Leuten, namentlich den Müttern, die draußen vor ihren Häusern saßen, wie ein Sonnenschein über das Antlitz fuhr, und mancher meinte: »Gewiß ist der Ungar unter ihnen!« Und er war unter ihnen, denn wenn er fehlte, war es droben auf dem Berge gar still und langweilig. Jacques gebrauchte gewöhnlich den Kunstgriff, daß er erst erschien, wenn sich die ganze Mädchenwelt vollzählig versammelt hatte. Wie leuchteten da die Augen auf, wie färbten sich da die Wangen, – aber wie krampfhaft ballte sich auch manche Faust! Ohne noch eine Silbe gesprochen zu haben, war die Stimmung der Gesellschaft eine andere geworden. Und Jacques war jedesmal neu: sein Unterhaltungsstoff hatte eine unversiegbare Quelle, sie gab immer reines Wasser. Bald lehrte er die Mädchen einen neuen Tanz, bald ein neues Spiel, wobei er sich im Pfänderauslösen wahrhaft großartig zeigte; bald erzählte er ihnen etwas aus seiner Heimat. Mitten nach Böhmen zauberte er den ihm andächtig lauschenden Mädchen die meilenweiten, öden Pußten seines Vaterlandes vor, mit den darauf weidenden Pferden und den im Sturmesbrausen daherfliegenden Csikosen, die gelegentlich auf das edle Räuberhandwerk sich verlegten. Zuweilen brachte er einen Stock, der nach Art einer Flöte mit Blaselöchern versehen war, und den er »Csakan« nannte, und pfiff darauf, wiewohl das eigentlich am Sabbat unstatthaft war, die schönsten ungarischen Lieder vor. Manchem Mädchen drängten diese traurig seltsamen Melodien Tränen in die Augen; aber wenn Jacques dies bemerkte, brach er schnell ab und brachte sogleich einen Spaß vor, der sie alle wieder zu unauslöschlichem Gelächter hinriß. An einem solchen Sabbatnachmittage veranstaltete Jacques einen Tanz, den er mit den Mädchen und den andern jungen Männern schon öfters probiert hatte. Blümele zählte sich seit kurzem gleichfalls zu den »Großen« und war zugegen; sie hatte ein neues, von ihrem Vater ihr heimgebrachtes Kleid an und in ihren schwarzen Haaren eine brennend rote Schleife, die die merkwürdige Schönheit ihres Kopfes wunderbar hervorhob. Die Paare hatten sich bereits gebildet; Blümele war von ihrem Geschwisterkinde Maier zum Tanze aufgefordert worden, was sie auch angenommen hatte. Jacques, als Leiter der Unterhaltung, zugleich als Orchester, denn er sang auch die den Tanz begleitende Musik, hatte sich keine Tänzerin ausersehen. Da fiel sein Blick auf Blümele und ihren Tänzer Maier, der mit seinen langen Händen aus lauter Freude und Genuß wie mit Windmühlenflügeln um sich schlug. »Wie?« rief Jacques, indem er seinen Arm in den des Mädchens legte, mit lachendem Munde, wobei seine roten Lippen noch einmal so hochmütig wie sonst glühten, »wie? darf ich es zugeben, daß die schönste Blume in der Gasse mit einem vierhändigen Menschen tanzt?« Die ganze Gesellschaft brach in ein schallendes Gelächter aus. »Maier mit den vier Händen!« tönte es von allen Seiten. »Wie verstehen Sie das ... Jacques?« fragte Maier, am ganzen Leibe zitternd. »Wie ich das verstehe?« rief der übermütige Jacques. »Ich will Ihnen genau sagen, wie ich das verstehe. Messen Sie einmal zu Hause mit der Elle Ihre beiden Hände, und Sie werden finden, daß sich ganz gut noch einmal soviel daraus machen lassen.« »Jacques hat recht! Jacques hat recht!« kicherte und lachte es von allen Seiten. »Blümele, willst du mit mir nicht tanzen?« wandte sich Maier an sein Geschwisterkind, und sah sie mit seinen kleinen Augen beinahe flehend an. »Ich sagte es Ihnen ja schon, daß sie mit Ihnen nicht tanzen darf,« rief Jacques und drückte verständlich genug den Arm des Mädchens. »Willst du mit mir nicht tanzen, Blümele? ...« wiederholte Maier dringender. In seiner Stimme klang etwas, das einem weniger leichtsinnigen Mädchen geoffenbart hätte, es sei ihm um etwas mehr als um die Gewährung eines Tanzes zu tun. »Beim Tanze braucht man nur zwei Hände!« raunte Jacques dem Mädchen ins Ohr. Da lachte Blümele hell auf; sie lachte so laut und heftig, daß ihr die rote Schleife aus den Haaren fiel. Nun bückte sich Jacques rasch, ehe ihm ein anderer zuvorkam, und befestigte sie dem Mädchen mit kunstgeübter, in solchen Dingen erfahrener Hand. Warum erzitterte Blümeles ganzes Wesen während dieser einfachen Dienstleistung? Warum erglühte sie bis an ihre weiße Stirne? ... Unserem Maier war es aber in diesem Augenblicke, als müßte er Blümele mit aller ihm innewohnenden Gewalt von Jacques' Seite wegreißen. Trotz seiner gewöhnlichen Sanftmut war er jetzt ein gereizter, wilder Löwe. Er streckte seine beiden Hände gegen Blümele aus ... »Um Gottes willen!« rief Jacques mit komischem Schrecken, indem er Blümele einige Schritte nach rückwärts zog. »Ziehen wir uns zurück, bevor es zu spät ist und er uns erdrückt; denn der ist wie eine Spinne, wenn sie eine Fliege verspeisen will.« Da lachte Blümele noch heller auf als vorher, und noch ehe sie sich recht besinnen konnte, was sie Maier sagen sollte, hatte Jacques die Melodie angestimmt und flog mit Blümele dahin; auch die andern Paare hatten sich in Bewegung gesetzt, und um den alten Birnbaum drehte sich das heiterste Leben. Ahnte es Maier mit den vier Händen, daß in diesem Augenblicke die erste Masche jenes Netzes gewirkt ward, das sein Lebensglück ... und bald auch das eines andern, in sich aufnehmen und als willkommenen Fang dem Fischer: Unglück zuwerfen sollte? Ein unnennbares Weh durchzuckte den armen Jungen, wie er da an den Birnbaum gelehnt stand und zusehen mußte, daß sein Geschwisterkind Blümele in den Armen des glücklichen Jacques auf dem weichen Grase dahinflog ... Als Blümele von dieser sabbatlichen Unterhaltung nach Hause kam, glühten noch ihre Wangen im dunklen Feuer heftiger Erregtheit, so daß Esther, eingedenk ihrer verstorbenen Knaben, erschrocken ausrief: »Blümele, wie siehst du aus? Du flammst ja ...« Blümele warf aber einen flüchtigen Blick in den Spiegel und sagte lustig: »Jacques hat uns so gut unterhalten, Mutter ... wir haben getanzt ... und dann habe ich über unsern Maier so lachen müssen. Jacques hat gemeint, Maier ist mit vier Händen versehen ... und das hat mir so besonders gefallen, weil Jacques recht hat. Sieh dir ihn nur an, Mutter, und du wirst richtig finden: Maier hat vier Hände!« . .. Damals wußte Esther noch nicht, welche Hoffnungen Jakob Löw auf seinen Bruderssohn Maier setzte. In derselben Nacht hatte Blümele einen ganz sonderbaren Traum. Sie konnte lange nicht einschlafen; dann aber, als der Schlummer über sie gekommen, war es ihr, als tanzte sie mit Jacques noch immer unter dem Birnbaum auf dem Berge. Sie flog so federleicht hin und Jacques sang eine so schmelzende Tanzmelodie. Dennoch mußte sie manchmal über die Schultern hinweg nach rückwärts sich wenden; denn dort, an den Stamm des alten Baumes gelehnt, stand Maier und streckte seine langen Arme nach ihr aus, und diese Arme wuchsen immer mehr zu einer entsetzlichen Länge an. Jacques aber riß sie immer weiter, der Tanzplan dehnte sich in unübersehbare Fernen aus ... immer schöner und schmelzender sang Jacques ... bis sie endlich ganz allein waren ... Mit einem leisen Schrei wachte Blümele auf. Noch mehrere solcher Sabbatnachmittage waren dahingegangen, einer herrlicher als der andere; aber Maier war nicht mehr dabei erschienen. Wenn die lustige Mädchenschar, Blümele in der Mitte, auf den Berg zog, stand er hinter den Fenstern seiner elterlichen Wohnung, die langen Arme fest auf den Rücken gedrückt – damit sie niemand gewahr werde. Das war die Zeit, wo Blümele fast an jedem Sabbate mit einem neuen Putze erschien, den ihr der Vater von den Reisen heimgebracht. Wie schön saß das unscheinbarste Bändchen dem schönen Mädchen, aber wie bestrickend klangen auch die Schmeicheleien, die Jacques ihr während des Tanzes ins Ohr raunte! Alle anderen, schon wußte das Blümele, hatten für sie nur Neid in den Herzen, – er allein, der schöne, gefährliche Jacques, war ganz Bewunderung. Jetzt wußte es Jacques so einzurichten, daß an jedem Sabbate unter den grünen Bäumen des Berges getanzt wurde. Unter dem Vorwande, daß Blümele für den nächsten Ball, den die junge Männerwelt gewöhnlich an einem der letzten Tage des Laubhüttenfestes veranstaltete, noch nicht genug in den neuesten »Tanztouren« eingeübt sei, ließ er es nicht zu, daß Blümele von einem andern, als von ihm, »engagiert« wurde. Dabei zeigten sich seine Talente von stets neuen Seiten; es war, als ginge ein versengendes Feuer von seinem Wesen, ja von seinem bloßen Hauche aus, daß nichts, was in seiner Nähe sich befand, davor bestehen konnte. In den Pausen, die er jetzt seltener als sonst eintreten ließ – denn es wurde fast in einem fort getanzt – erzählte Jacques mit hinreißender Beredsamkeit, wie ganz anders es sich in seinem Vaterlande lebe, als in dem »melancholischen« Böhmen. Dort seien die Leute von einem ganz anderen Schlage als hier; sie seien wie Edelleute gegen die böhmischen Juden. Dort sei man nicht genötigt, mit Pfennigen zu sparen .. üppig fließe das Leben, alles habe man vollauf, und der Wein, den man in Böhmen nur löffelweise den Kranken einzutröpfeln pflege, der ströme dort in Bächen. Sein eigener Vater habe acht Pferde im Stalle stehen, mit denen er zu Markte fahre, denn ein kleineres Gespann anzuschirren, sei in Ungarn eine Schande! Er selbst habe seine Kindheit mehr auf dem Rücken eines Rosses, als bei den Büchern zugebracht ... Hinter ihrem Hause dehne sich die meilenweite Pußta aus, da sei er oft, nur in Begleitung ihres Knechtes Jánós, auf einem ungesattelten Pferde stundenlang ohne Ziel und Absicht fortgeritten, über sich nichts als den blauen Himmel und unter sich die weite, wogende Fläche der Pußta! Hei! sei das ein Leben gewesen! In Ungarn, da sehe man erst, wie endlos und weit die Welt sei; in Böhmen sei sie aber schon beim nächsten Dorfe mit Brettern verschlagen ... und die Menschen daselbst hätten denselben Charakter! Männer und Frauen seien sich in dieser Hinsicht ähnlich, es mangelte ihnen das Feuer und der Unternehmungsgeist, nichts sei in ihnen, gar nichts anzutreffen, als kalte Berechnung und herzloser Eigennutz! Wenn Jacques sich in solchen Schilderungen seiner Heimat erging, da lächelte so mancher ungläubig vor sich hin, aber niemand hatte den Mut, ihm mit entscheidender Rede die verdiente Zurechtweisung zu erteilen. In Blümeles Gemüt fielen aber seine Worte wie glühende Funken, die während eines Brandes vom Sturme auf das benachbarte Dach getragen werden. Das Wilde, Grenzenlose und Phantastische hob die Welt Blümeles aus den Angeln ... die Verhältnisse, unter denen sie aufgewachsen war, schrumpften vor ihren Augen zusammen; sie fühlte sich entrückt, fortgerissen ... und schon begann sich der Traum, den sie an jenem Sabbate geträumt, zur Wirklichkeit zu gestalten. Sie und Jacques befanden sich allein auf der Welt ... sie tanzte mit ihm allein ... rings schwanden alle Gestalten, die sie umgaben, zu bleichen, wesenlosen Gespenstern! ... Schon vergaß sich Blümele so weit, daß sie zuweilen auf Jacques Schultern ihre Hand legte, auf die er dann, wenn er aufsprang und einen neuen Tanz veranstaltete, einen glühenden Kuß drückte. Mit Riesenschritten ging Blümeles Liebesleben einer Entscheidung entgegen ... Wir sagten vorhin, daß Maier mit den »vier Händen« keinen Teil an jenen sabbatlichen Nachmittagsunterhaltungen mehr nahm. Das war jedoch nur zur Hälfte wahr. Wohl ging er nicht auf den Berg, aber gegen Abend, wenn er wußte, daß die Gesellschaft sich auf den Heimgang mache, schlich er auf einem Umwege, ungesehen, in ihre Nähe ... um Blümeles Gewand wenigstens von weitem flattern zu sehen. Einmal war er zu spät gekommen, die Mädchen und Jungen waren soeben die Anhöhe hinuntergestiegen, und er konnte nur ihr Lachen und Plaudern vernehmen. Aber dort, unter jenem weitschattenden Birnbaum, wo ihm von Jacques die fürchterliche Beleidigung angetan worden war, stand da nicht jemand? Glänzte es dort nicht wie ein farbiges Kleid? Maier sah schärfer hin, seine Augen hatten eine wunderbare Sehkraft in diesem Momente erlangt ... Nicht einer stand unter dem Baume ... es waren ihrer zwei ... und Blümele war die eine und Jacques der andere! Sie hielten sich umfangen, und Blümeles Kopf ruhte auf den Schultern des schönen Jacques, und die Luft brachte ihr leises Flüstern an das Ohr des Lauschenden ... Mehr sah unser Maier nicht. Seine langen Hände wild um sich schlagend, rannte er spornstreichs die Anhöhe in die Gasse hinab. Atemlos blieb er vor Jakob Löws Hause stehen. Wollte er verraten, was er soeben gesehen? Ein wilder, nie gekannter Krampf, eine Leidenschaft, wie sie seiner sanften Seele bis dahin fremd gewesen, tobte durch sein Gemüt. Wer ihm in diesem Augenblicke in das verzerrte Gesicht hätte sehen können, hätte sagen müssen: Das ist nicht Maier, der ist ja um zehn Jahre jünger! – – Aber es ging vorüber ... Wer mochte ahnen, was in diesem gefolterten Herzen vorging, als sich Maier, hart an der Türschwelle des Hauses, aus dem ihm einst die Seligkeit eines Liebesbundes entgegentreten sollte, mit den leise hingemurmelten Worten abwandte: »Sie sollen es nicht wissen! Es ist zu spät!« So war der Sommer vergangen und die »hohen Feiertage« nahten heran, die diesmal in den Anfang des Herbstes fielen. Am Vorabend des Neujahrfestes, als der Gottesdienst eben beendet war, kamen, nach einem alten Brauche in der Gasse, sämtliche Verwandte zu Jakob Löw, als dem anerkannten Oberhaupt der Familie, um ihm und Esther »ein gesegnetes gutes Jahr« zu wünschen. Auch Maier mit seinen Eltern war gekommen. Da zog Jakob Löw mit einem Lächeln des behaglichsten Wohlwollens, wie es seit dem Tode seiner Knaben nur selten um seine Mundwinkel sich verirrte, unsern Maier auf die Seite. »Maier,« sagte er, indem er ihn in das Ohr kneipte, »ich hoffe zu Gott, das Jahr wird für uns alle ein gutes werden, für dich so gut wie für mich. Und wenn du heute über ein Jahr wieder zu mir zum »Wünschen« kommst, da sollst du mich nicht mehr Vetter nennen.« »Vetter, um Gottes willen!« ... rief Maier erschrocken. Aber Jakob Löw schnitt ihm rasch das Wort ab, indem er ihm mit der Hand den Mund verschloß. »Zum Erschrecken hast du Zeit,« sagte er lächelnd, »wenn's an der Zeit sein wird. Ich glaube aber, sie ist nicht zum Erschrecken. Da! sieh dir sie an!« ... Er wies mit dem Finger auf Blümele hin, die, angestrahlt vom Scheine der vielen Kerzen, im vollen Glanze ihrer Schönheit dasaß. Wer wußte das besser als eben Maier? Zehn Tage darauf trat ein Ereignis ein, so recht angetan, um mit seinem vollsten Lichte die Fügungen eines dunklen Geschickes zu beleuchten. Am »Versöhnungstage«, etwa gegen die zweite Nachmittagsstunde, als sich die Leute im tiefsten Gebete in der großen Synagoge befanden, erscholl plötzlich von der Rathausglocke das Feuerzeichen. Im ersten Entsetzen rannte alles zum Hause hinaus, die Männer in ihren Sterbekitteln, die Frauen todblaß von Schrecken und Fasten, dazwischen die Kinder, die in diesem Augenblicke unbeachtet, heulend nach ihren Eltern suchten. Es brannte im Fabrikgebäude, dichter Dampf wälzte sich über die ganze Gasse. Wenn die Fabrik brannte, war kein Haus sicher. Dahin drängte und flutete nun alles. Als man auf dem Schauplatze des Brandes ankam, sah man zur innigsten Freude, daß die Hälfte der Rettung bereits geschehen war. Jacques stand auf einem umgestürzten Wasserfasse und leitete mit kräftigem Kommando die Löscharbeit, die von den zahlreichen Fabrikleuten pünktlich und gehorsam ausgeführt wurde. Mitten in diesem Tun unterbrach er sich, da er die vielen Männer in ihren Sterbekitteln vor sich sah, und rief von seinem erhöhten Standpunkte lustig herab: »Nicht wahr, Leute, so was ist am heiligen Versühnungstage erlaubt, dagegen kann der Talmud nichts einwenden?« Jakob Löw, der ihm zunächst stand, schaute mißmutig zu Jacques auf; denn ihn verdroß diese Rede am furchtbarsten Tage des Jahres, wiewohl Jacques anderseits eine wohlberechtigte Frage getan hatte. Da bemerkte er, daß die glänzenden Lippen des Ungars ein Geheimnis verrieten ... Jacques mußte kurz zuvor, darauf wollte Jakob Löw einen Eidschwur ablegen, gegessen haben! Am heiligen Versöhnungsfeste! An des allmächtigen Gottes furchtbarem Gerichtstage! Jakob Löw fühlte, wie ihm der Grimm zu Kopfe drang; aber er schloß ihn in sich. Die Stunde war nicht danach angetan, um seiner Empörtheit Ausdruck zu geben. Bald darauf war der Brand erstickt, und die Leute kehrten, da mittlerweile der Abend hereingebrochen, war, zum Schlußgebete in die Synagoge zurück. Beim Nachtmahle jedoch wurde es sogleich klar, daß Jakob Löw des Ungars nicht vergessen hatte. Kaum hatte er einige Speise zu sich genommen, als er den noch vollen Teller weit weg von sich schob. »Ich mein', es wird zu Gift in mir,« sagte er ingrimmig vor sich hin, »wenn ich noch einen Bissen zu mir nehme.« Esther fragte verwundert und besorgt zugleich nach der Ursache dieser Rede. »Ich ärgere mich nur, daß es Menschen gibt, die es nicht einmal über ihr verdorbenes Herz bringen können, dem heiligen Jom Kipur seine Ehre anzutun. Kann so ein Hergelaufener sich nicht bezwingen und seinen gierigen Magen in Zaum halten an dem einen Tage im Jahre?« Natürlich fragte Esther, wen er damit meine. »Den Buchhalter meine ich,« rief er böse, »der in der Fabrik ist und sich ›Jacques‹ heißen läßt. Ist er kein Kind jüdischer Eltern? Hat ihn keine jüdische Mutter geboren? Aber ich habe es gut erkannt mit diesen meinen Augen: der Hergelaufene hat gegessen gehabt, hat sich gesättigt und gelabt, daß ihm von Fett ordentlich die Lippen getrieft haben.« Esther bemerkte etwas zurückhaltend, man dürfe die Menschen nicht nach dem bloßen Scheine verurteilen. »Verteidige ihn nur,« schrie Jakob Löw dagegen. »Mir aber regt sich die Galle gegen den Fremden, der sich untersteht, ein so schlechtes Beispiel in unserer Gemeinde aufzustellen. Was allen heilig ist, denke ich, muß auch dem einzelnen heilig sein! Und dann, Esther,« fuhr er mit immer höher steigender Erregtheit fort, »denke ich noch an ein zweites. Wem Gottes Gebot nicht heilig ist, wie soll dem im gewöhnlichen Handel und Wandel etwas heilig sein? Meinst du, wenn ich der Fabrikant bin, ich lasse mir von dem meine Bücher führen? Und doch! was sind Buch und Kassa gegen ein anderes, weit höheres Gut! Meinst du, es werden sich nicht Eltern finden, gute jüdische Eltern, die auf Treu und Glauben, daß sie sich einen rechtschaffenen Schwiegersohn einsetzen, ihm ihr Kind, vielleicht ihr einziges Kind, anvertrauen werden? So, Esther, mußt du die Sache betrachten und nicht anders. An ein so geopfertes Kind mußt du denken, wenn du die ganze Schlechtigkeit dieses Menschen begreifen willst, und an die Kinder mußt du denken, denen er einmal Vater sein soll. Können und werden sie von Gott etwas wissen? – Sein Name soll unter uns nicht genannt werden!« Ein leiser Schrei unterbrach ihn. Blümele war ohnmächtig geworden. Mit kreideweißen Wangen und geschlossenen Augen, die Arme schlaff herabhängend, lag sie in ihrem Stuhle. Mit der den Frauen in solchen Fällen eigentümlichen Geistesgegenwart sprang Esther ihrer Tochter bei. Sie sprengte ihr kaltes Wasser ins Gesicht, so daß Blümele nach einer kurzen Weile die Augen aufschlug. »Um Gottes willen!« rief Jakob Löw verzweifelnd, »soll sie uns denn auch krank werden?« ... »Sei ruhig, Jakob Löw!« beschwichtigte ihn Esther, indem sie mit ihrer Hand über die todkalte Stirne Blümeles fuhr; »es wird nichts sein ... das Kind hat sich nur überfastet.« Es währte noch einige Zeit, bis Blümele zur vollen Besinnung gelangt war. Plötzlich stieß sie die Hand ihrer Mutter mit Gewalt von sich, so daß Esther einige Schritte zurücktaumelte. Mit einem herzzerreißenden Schluchzen sank sie vom Stuhle auf den Erdboden, raffte sich dann auf und stürzte zu Jakob Löw, dessen Knie sie umfaßte. »Vater, Vater!« stöhnte sie aus der Tiefe ihrer Seele, »verstoß mich nicht!« Jakob Löw beugte sich liebevoll zu seinem Kinde herab; sein Herz war voll Traurigkeit; schon dünkte es ihn, die schwarzen Fittiche jenes Engels über seinem Haupte rauschen zu hören, der fünfmal gekommen war, um die Blüten seines Hauses zu brechen. War es noch nicht genug? Esther selbst war seltsam bewegt; sie bemühte sich, Blümele vom Boden aufzurichten, und sprach ihr mit linden Worten zu, sich zu Bett zu begeben, um ihren aufgejagten Nerven Ruhe zu gönnen. Aber während Jakob Löw, der in dieser krankhaften Erregtheit nur die Anzeichen der nahenden Gefahr erblickte, ein Gleiches versuchte, schüttelte Esther bedenklich den Kopf. Blümele brachte unter Schluchzen und Weinen nichts mehr als die Worte hervor: »Vater, Vater! verstoß mich nicht!« Endlich gelang es den Anstrengungen beider Eltern, ihr Kind insoweit zu beruhigen, daß es sich willig von der Mutter aufrichten und in die Kammer geleiten ließ. In der Nacht, die diesem Auftritte folgte, mochte etwas Entsetzliches in dem Hause Jakob Löws vorgefallen sein! Keine lebende Seele ahnte es, keiner wurde es jemals ganz klar, welch ein Verhängnis sich dort erfüllt hatte ... Frühmorgens, als der Gemeindediener seinen Gang durch die Gasse machte, um mit dem Klopfen seines Hammers das übliche Zeichen zum Morgengottesdienst zu geben, fand er schon Jakob Löw in heftigster Bewegung vor seinem Hause auf und nieder gehen. Es war ein kalter Morgen, und ein grauer Nebel wallte durch die Lüfte. Niemals, so erzählte später der Gemeindediener, könne er sich erinnern, daß ihn ein menschliches Antlitz mehr erschreckt habe, als das Jakob Löws um diese Stunde! Er habe doch viel schon mit Toten zu tun gehabt ... so aber habe noch keiner ausgesehen. Jakob Löw war in der einen Nacht ein alter Mann geworden. Auf die Frage, warum er so frühe sich um seine Ruhe gebracht, da er bis zum Beginne des Gebetes noch eine halbe Stunde Zeit habe, hätte Jakob Löw ihn mit einem seltsamen Blicke angestarrt und dann gesagt: »Könnt Ihr mir nicht sagen, Wolf, ob der Fabrikbuchhalter Jacques schon aufgestanden ist?« worauf der Gemeindediener geantwortet: »Er wisse es nicht und glaube es auch nicht, denn Jacques sei keiner von denen, die sich das Gebot zu Herzen nehmen, daß man am Tage nach Jom Kipur wegen des lieben Satans früher als sonst sich ›in Schul‹ begeben müsse.« Da hätte Jakob Löw die Hände über das Gesicht geschlagen und herzzerbrechend ausgerufen: »Nicht einmal ein Kadisch ist mir geblieben!« Einige Tage darauf verbreitete sich ein seltsames, fast abenteuerliches Gerücht in der Gasse. Jacques, der Fabrikbuchhalter, und Blümele, Jakob Löws Tochter, waren Brautleute. Nicht einmal die nächsten Verwandten waren zur Verlobung geladen worden; sie war in aller Stille, mit einer gewissen Unheimlichkeit, vor sich gegangen. Es mag wohl selten einen traurigeren Brautstand gegeben haben, als den zwischen Blümele und ihrem Jacques. Die Braut war fast niemals sichtbar; wenn sie erschien, suchte sie wohl heiter und glücklich zu scheinen, aber ihre Augen verrieten gerade das Gegenteil. Auch Esther war nicht zu sehen; die Leute, die zur »Gratulation« zu ihr kamen, wurden mit dem Bedeuten abgewiesen, die Frau leide fürchterliche Schmerzen. Selbst Jacques, der glückliche und von allen Jungen beneidete Jacques, schlich trübselig einher; es schien wie Blei auf den Schwingen seiner sonstigen Lustigkeit zu liegen. Nur am Abend ging er in das Haus seines zukünftigen Schwiegervaters; aber dieser entfernte sich regelmäßig ohne Gruß und Gegenrede, sobald Jacques in die Stube getreten war. Das Haus Jakob Löws war von einem grauenhaften Banne umfangen. Drei Monate darauf fand die Hochzeit statt. Jakob Löw hatte die Vorbereitungen dazu mit einer an Wahnsinn grenzenden Hast getroffen. Die nötige »Heiratbewilligung« war vom Gubernium in Prag mit einer in jener Zeit fast wunderbaren Schnelligkeit herabgelangt, denn damals geschah es nicht selten, daß ein Brautpaar, das mit braunen Haaren den Verlobungsakt unterschrieben, mit ergrauten unter den Trauhimmel trat. Aber Jakob Löw kannte Wege und Mittel, um an sein Ziel zu gelangen; er ebnete Berge von Schwierigkeiten und blies mit dem Hauche seiner riesigen Tatkraft alle ihm entgegenstehenden Hindernisse wie Kartenblätter um. »Und wenn ich bis zum Kaiser nach Wien gehen müßte,« sagte er zuweilen, wenn er überhaupt sprach, zu Esther, »so fahre ich am heiligen Sabbat nach Wien. Die Räuber müssen mir aus dem Hause ... die Diebe, die mir meinen einzigen Kadisch gestohlen haben.« In dieser Stimmung brach der Hochzeitstag an. Jacques mußte nach dem ausdrücklichen Willen Jakob Löws vorher erklären, nach Ungarn heimzukehren. Die reiche Mitgift gab ihm die Mittel an die Hand, sich dort ein »Geschäft« zu gründen. Nicht in der Gemeinde, sondern draußen in einem benachbarten Dorfe wurde die Hochzeit gefeiert. Jakob Löw lud gleichsam nur als Zeugen zehn der ärmsten Leute, nebst einigen »frommen Weibern« dazu; die Verwandtschaft überging er ganz. Aller Prunk und Schmuck war ausgeschlossen; die Musik war abgestellt worden ... Ein grauenhaftes Bild gramvoller Schönheit bildete Blümele. Als kurz vor der Trauung das »Bedecken« erfolgte, wie jene Zeremonie heißt, wenn der Rabbiner der Braut die goldene Spitzenhaube, als Zeichen, daß von nun diese Kopfbedeckung ihr Haar decken müsse, aufsetzt, sollte Blümele ihre Eltern um Verzeihung bitten, wie dies eine alte Sitte vorschreibt. Da ergab sich eine Szene, wie sie den anwesenden Leuten nachher nie aus dem Gedächtnisse schwand. Wie eine Rasende, heulend und weinend, stürzte sie auf ihren Vater zu und stammelte zu seinen Füßen unverständliche Worte. Jakob Löw stand aber unbeweglich da, nicht ein Muskel in seinem Antlitze regte sich, während Esther, den Tod im Gesicht, neben ihm saß und still vor sich hinweinte. »Was willst du noch jetzt von mir?« sprach er mit anscheinender Ruhe. »Habe ich für dich nicht getan, was nur ein Vater tun kann ... und noch mehr? Jetzt bist du mein Kind nicht mehr, ich nicht mehr dein Vater. Der Markt ist zu Ende, die Rechnung ist abgeschlossen. Meinst du, es wird mir so schwer fallen, dich zu vergessen, wie du deine Eltern, vor allem ... dich selbst vergessen hast? Ich könnte dir meinen Fluch auf den Weg mitgeben, aber ich tue es nicht. Wenn es dir einmal schlecht geht, sollst du nicht sagen können: Es geht mir schlecht, weil mich mein Vater verflucht hat. Segnen kann ich dich auch nicht ... man segnet die nicht, die das Haar ihres Vaters mit Schande bedeckt hat ...« Diese letzteren Worte hatte er schon so leise gesprochen, daß sie nur Blümeles Ohr berührten. Es war das letzte Aufflackern einer Liebe, die das grauenhafte Geheimnis seines Hauses selbst jetzt noch, wo es fast offenkundig vor aller Augen lag, nicht Preisgeben wollte. Mit einem lauten Schrei stürzte Blümele von ihm fort und klammerte sich an Jacques, wie hilfesuchend. »Und nun zur Chuppe (Trauung), ihr Leute!« herrschte Jakob Löw. Der Hochzeitszug setzte sich in Bewegung; die Trauung selbst fand in der angrenzenden Stube statt, wo der Trauhimmel aufgerichtet stand. Bei dem darauf folgenden Hochzeitsmahle ging es still und einsilbig zu. Weder Jakob und Esther, noch das junge Ehepaar rührten eine der Speisen an; dagegen erwiesen die eingeladenen zehn armen Leute und die frommen Weiber den Genüssen der Tafel alle Ehre. Nachdem abgespeist und das Tischgebet verrichtet worden war, stand Jakob Löw rasch auf und gab damit das Zeichen zum allgemeinen Aufbruch. Da nahte sich ihm Jacques, seine junge Frau im Arme. »Schwiegervater,« rief er, und es schien ihm Ernst, was er sprach, »haben Sie Erbarmen mit uns ... Ich will ja alles wieder gut machen ...« »Gut machen?« rief dagegen Jakob Löw mit furchtbarem Hohne, ohne den Schwiegersohn eines Blickes zu würdigen. »Ihr Kind wird für mich doch keinen Kadisch sagen.« Dann ergriff er Esthers Arm ... »Komm, Esther, mein Kind!« sagte er, und seine gebrochene Stimme offenbarte erst jetzt, daß seine bisherige Fassung nur eine erkünstelte war. »Komm, laß uns in unser stilles Haus zurückkehren. Was haben wir noch zu erwarten? Fünf Kinder haben wir bereits begraben, das sechste folgt ihm jetzt nach! ... Denk dir schon jetzt, daß wir zweie einsam sterben werden, und niemand wird dabei sein, als höchstens ein frommes Weib oder einer von der heiligen Brüderschaft! Was braucht dir aber daran zu liegen? Mit unserem Gelde werden wir eine Stiftung begründen, und da wird sich schon ein armes Waisenkind herbeischaffen lassen, das uns an unserer Fahrzeit Indisch' nachsagen wird ... Und jetzt komm, Esther! ...« Er konnte es nicht verhindern, daß sich Esther von ihm losriß. »Blümele!« rief sie. Minutenlang hielten sich die beiden Frauen umfangen; keine schien von der andern lassen zu können. Endlich löste Esther die Umarmung. Eine Stunde später fuhr Blümele mit ihrem Manne in dem mit ihrer Ausstattung beladenen Wagen die Straße, die gegen Prag führt. Vom Riesengebirge her pfiff ein kalter Wind, rings dehnte sich die weite, schneebedeckte Landschaft. Die Bäume an der Straße schauerten in ihrer weißen Bekleidung, die ihnen der Winter, wie ein mitleidiger Räuber, statt des geraubten grünen Blättergewandes zugeworfen hatte. Als sie in die Nähe der steinernen Straßenpyramide kamen, wo die Wege sich kreuzen, da der eine ins nördliche Böhmen, gegen Sachsen, der andere nach Prag führt, sah Blümele dort eine Gestalt stehen, die im Zwielichtdunkel des Abends vom weißen Hintergrunde des Schnees eigentümlich abstach. Sie schien Blümele zu winken, lange, endlose Arme gegen sie auszustrecken ... Der Wagen schoß aber rasch vorbei, da der Weg dort eine bedeutende Senkung hat.   Überschreiten wir einen Zeitraum von nahe sieben Jahren! Es ist ohnehin in der engen Umfriedung unserer Geschichte nichts anderes vorgefallen, als daß man eine arme Mutter indes bei ihren vorausgegangenen Knaben zur Ruhe bestattet hat, daß Jakob Löw ein alter, einsamer und hartherziger Mann geworden – und daß Blümele verschollen geblieben ist! Esther war einige Monate nach der Heirat ihrer Tochter gestorben. War es der Gram um den unheilbar zerstörten Frieden ihres Hauses, oder die nie zu stillende Sehnsucht nach der verlorenen Tochter – seit jener grauenvollen Nacht, die dem Versöhnungstage gefolgt, war sie in ihrem innersten Wesen gebrochen, das Leben in ihr fand keine Quelle mehr, aus der es neue Erstarkung sog. Als sie ihre letzte Stunde herannahen fühlte, hieß sie die »frommen Weiber«, die bei ihr schon mehrere Tage gewacht hatten, da ihrer Auflösung stündlich entgegengesehen wurde, aus dem Zimmer sich entfernen und winkte ihren Mann zu sich. »Jakob Löw!« sagte sie, sich mühsam erhebend, seine Hand mit ihrer bereits erkalteten berührend, »tue mir den letzten Gefallen ...« »Ich weiß, was du reden willst, Esther,« sagte er tief traurig ... »rede darum lieber nichts.« »Verzeih ihr, Jakob Löw! Verzeih ihr!« rief sie, und ein leuchtendes Rot höherer Erregtheit fing vorübergehend über ihre blassen Züge. »Red nicht weiter, Esther!« brachte Jakob Löw mühsam hervor. »Soll ich dir eine Lüge als Wegzehrung in die jenseitige Welt mitgeben? Das Kind hat mir zu viel angetan!« »Merkwürdig, merkwürdig!« meinte Esther nach einer guten Weile, während sie die zu einem längern Sprechen nötige Kraft erlangt zu haben schien ... »Daß doch gerade solche Eltern am meisten böse auf ihre Kinder sind ... wenn sie selbst die Schuld haben, daß diese Kinder nicht geraten sind.« »Esther!« rief Jakob Löw. »Laß mich reden, Mann! Es ist ohnehin mein Letztes. Ich bleibe bei dem, was ich gesagt habe. Du hast sie verdorben, indem du sie zu plötzlich und unvorbereitet auf den Weg des Eitlen und Nichtigen geführt hast ... und ich, Jakob Löw ... ich war ein Weib! Mir hat es nicht recht geschienen, daß unser Blümele einen Mann bekommen soll, über den man lacht ... und so habe ich geschwiegen ... und verschwiegen, was ich nicht sehen wollte! Mein Herz ist auch daran gebrochen ... Was willst du aber von dem Kinde? ... Verzeihe ihr, Jakob Löw, verzeih ihr!« »Ich kann nicht, Esther!« rief Jakob Löw weich, aber trotzdem unbeugsam. Plötzlich sagte Esther schwach: »Jakob Löw! Sag du mir jetzt vor, was zu sagen ist ... es dauert nicht mehr lange ... Laß mir aber die frommen Weiber nicht herein! ... Ich will nichts Fremdes bei mir ..« Jakob Löw schauerte auf; er begann das: »Höre, o Israel! Der Gott, unser Gott, ist ein einiger Gott!« was Esther mit flüsternden Lippen nachsprach. Als die frommen Weiber, die in der angrenzenden Stube diesen Ausruf vernommen hatten, darauf hereintraten, legte sich soeben die Ruhe des ausgerungenen Erdenkampfes über Esthers Antlitz! Nichts Fremdes! Das war es ja, woran Jakob Löws seltsam geartete Natur von jeher gekrankt hatte! Nichts Fremdes! Nichts, was dem Herzen gleichgültig und entfallen, nichts, was man mit Geld und guten Worten ablohnen und abkaufen kann ... und nun hatte es Esther selbst in ihrer letzten Lebenssekunde ausgesprochen! Sie wollte kein Fremdes um sich! Was jedem andern von solchen Lippen und zu solcher Stunde gesprochen wahrscheinlich als ein Ruf zur Einkehr in sich geklungen hätte, gerade das bestärkte ihn und hielt ihn aufrecht in dem von ihm als zu Recht Erkannten und Behaupteten. Nichts Fremdes! Er wollte es ja auch nicht um sich, er sträubte sich dagegen mit allen Kräften seines Gemütes, – und er sollte Blümele wieder in sich aufnehmen, die, wie er glaubte, ihm gänzlich entfremdet war? Gerade seit dem Tode Esthers war es, daß er es fühlte, wie der Groll gegen das abwesende und verlorene Kind täglich und stündlich in ihm wuchs; er fand daran eine Art Behagen, sich selbst zu beobachten, wie ihm allmählich ein Stück nach dem andern, eine Blüte nach der andern von seiner Seele, von allem abfiel, was er Sehnsucht und Erinnerung schalt; er freute sich, es an sich selbst zu erleben, wie die Vereinsamung, gleich einem unheilbaren Übel, immer mehr um sich griff. Bald, hoffte er, werde nichts mehr von »ihr« übrig bleiben! Jakob Löw schloß sich von der Welt ab; er vernachlässigte sein Geschäft und gab es endlich ganz auf. Er ging nur aus dem Hause, um im ersten Jahre nach dem Tode seiner Frau frühmorgens und abends ihr im Gottesdienst das Gebet des »Kadisch« nachzurufen. Sie wollte ja nichts Fremdes um sich! ... Nachdem das Trauerjahr vorüber, gestaltete sich sein Leben fast einsiedlerisch inmitten der beweglich lauten Gasse. Wer zu ihm kam, der konnte sich eines einsilbigen, ja mürrischen Empfanges sicher halten; kaum daß er dem Eintretenden einen Sitz bot oder ihm das übliche: »Gesegnet sei, wer da kommt!« entgegenrief. Manchem mochte es dünken, er sei nur willkommen, wenn er sich entfernte, und so blieben die Besuche allmählich einer nach dem andern aus. Hier und da, namentlich in der ersten Zeit, brachte der Briefträger ... andere schriftliche Besuche, versehen mit dem Poststempel einer ungarischen Landstadt; aber er mußte sie jedesmal als »nicht angenommen« wieder zurücktragen. Endlich blieben auch sie aus. Ein einziger ständiger Gast in Jakob Löws Hause war sein Bruderssohn Maier mit den vier Händen. Wenn Maier kam, und es geschah dies regelmäßig an jedem Abend, so leuchtete in den Augen Jakob Löws etwas auf, was wie Freude aussah. Nur mit Maier brachte er es über sich, einen »Franzefuß« zu spielen; aber das, was ihnen beiden in jeder Ritze und Falte ihrer Seele lauschte, blieb zwischen ihnen unberührt. Ohne daß sie einander das Wort abgenommen, bestand ein Vertrag zwischen ihnen: Blümeles werde mit keinem Worte erwähnt. War's eine Art Vergeßlichkeit oder gar Treubruch von seiten Maiers? Nach Jahren einmal, als er an einem Winterabend mit dem Vetter beim Spiele saß, zog er, während Jakob Löw die Karten blätterte, ein gefaltetes Papier hervor, das wie ein Brief aussah, und legte es vor sich nieder. »Was soll's mit dem Brief?« fuhr Jakob Löw auf und schleuderte, zornmütige Blicke auf Maier werfend, die Karten auf den Tisch. »Ein Brief? Ist denn das ein Brief?« stotterte Maier und ergriff mit seinen langen Händen das Papier, um es so schleunig als möglich in einer seiner Rocktaschen zu verbergen. »Maier!« sagte nach einer Weile Jakob Löw, »du weißt, mich foppt man nicht. Der Brief kommt von ... ihr!« »Ja, Vetter!« rief Maier ängstlich, ohne aufzuschauen. »Und was schreibt sie dir?« »Sie bittet mich, ich möchte ihr schreiben, wann die Fahrzeit nach ihrer Mutter ist ...« »Hast du ihr's geschrieben?« »Ja!« Nach einer Weile sagte Jakob Löw: »Spielen wir weiter. Du hast anzufangen.« Kurz darauf schaffte er einen Hund für das Haus an, der während der Nacht frei im Hof herumlief. Er könne, sagte er zu seinem Bruderssohn, einmal überfallen werden, dagegen wollte er sich bewahren ... In einer mondhellen Sommernacht störte, wie wir bereits erzählten, das Bellen dieses Hundes den Schlaf der ganzen Gasse. Droben am Himmel wölbte sich das sternglitzernde Gewölbe, Sternschnuppen fielen leuchtend nieder und verloschen, stille floß das Mondlicht. Drunten aber auf der Erde wimmerte das Tier und konnte nicht zur Ruhe kommen. Denn hart neben ihm, draußen vor dem Hause, zu dem er nicht hinaus konnte, auf der steinernen Bank, regte und bewegte sich etwas, flüsterten Stimmen, und zuweilen war es, als werde ein leises Wimmern, das einem Kinde anzugehören schien, zur Stille gesprochen ... Das Winseln des Hundes währte die ganze Nacht. Gegen zwei Uhr, als der Mond in seiner ganzen Klarheit über dem Hause stand, öffnete sich oben im ersten Stockwerke ein Fenster und eine Stimme rief: »Wer ist da unten?« Der Hund hatte die Stimme seines Herrn erkannt und schwieg für eine Weile. »Wer ist da unten?« wiederholte es noch einmal oben am Fenster. Keine Antwort. Nur ein leises Wimmern, ein unterdrücktes, aus dem tiefsten Jammer einer Menschenseele kommendes Weinen ... und der Hund begann seine Klagen aufs neue. Droben schloß sich wieder das Fenster ... Der Mond beginnt sich wieder zu neigen, hier und da verlöschen ganze Gruppen von Sternen, ein kühler Luftzug erhebt sich, auf dem Boden glänzen und glitzern die Tautropfen, womit der erwachende Morgen die noch schlaftrunkene Erde besprengt. Wenn sie sich den Schlummer aus den Augen reiben wird, mag sie es wissen, daß er schon da gewesen und ihre Blumen und Bäume begrüßt hat ... Auf der steinernen Bank vor dem Hause Jakob Löws war es still geworden. An der entgegengesetzten Häuserreihe öffnete sich um diesen Augenblick eine Tür; Tritte wie die eines Mannes werden hörbar; sie kommen näher ... Auf der Bank regt und bewegt sich nichts ... Welch ein Anblick bot sich dem Manne, der davor stehen geblieben war! ... Da saß eine Frau, den Kopf tief auf die Brust gesenkt; in ihrem Schoße, warm an ihren Leib geschmiegt, ruhte ein Knabe ... Beide schlummerten. Eine Haarflechte, schwarz und glänzend, die unter ihrer Haube sich befreit hatte, ringelte sich bis auf das Köpfchen des Knaben nieder. Wie abgehärmt sah sie aus! Welche verweinte Schönheit! Was war es, was den Mann im Anschauen dieser Gruppe so sehr erschütterte? Er bedeckte sich mit beiden Händen das Antlitz ... unwillkürlich hatten seine Lippen ein Wort geflüstert. »Blümele!« Zwei braune Augen öffneten sich auf diesen Ruf, der Kopf der Schlafenden richtete sich auf, die schwarze Flechte ringelte sich in die Höhe. Nun erst ward ihr blasses, abgemagertes Gesicht ganz sichtbar. »Blümele!« rief er noch einmal. Da fuhr sie mit der Hand langsam über die weiße Stirne. »Nun ja,« sagte sie wie traumverloren ... »es ist gut, daß Ihr mich die »Jahrzeit« nicht habt verschlafen lassen. Ist schon Zeit? ...« Sie schauderte, von einem innerlichen Frösteln ergriffen. Das brachte sie zum vollen Erwachen. »Weh mir!« rief sie, und ihr Haupt senkte sich auf ihre Brust. »Es ist mein Geschwisterkind Maier!« »Erkennst du mich auch, Blümele!?« rief Maier mit aller Innigkeit seines Gemüts, und jetzt erst rollten ihm helle Tränen unaufhaltsam herab. »Und du schreckst vor mir nicht zurück, Maier?« fragte sie nach einer Weile, ohne aufzuschauen. »Sei willkommen, tausendmal willkommen, Blümele!« sagte Maier und reichte ihr die Hand. Sie aber schauderte und verschmähte Maiers Begrüßung. »Bin ich denn zu Hause,« meinte sie, indem sie sich in die Höhe zu richten versuchte, »daß du mich willkommen heißest?« »Wo anders solltest du denn sein? Stehe ich nicht vor dir?« »Maier!« sagte sie, und ihr Antlitz nahm dabei einen erschreckenden Zug tiefinnerster Ängstlichkeit an ... »die ganze Nacht bin ich hier auf dieser Bank gesessen ... ich und mein Kind ... und der Hund hat gebellt... und er muß es oben gewußt haben, daß ich da bin. Kann denn ein Vater schlafen, wenn er weiß, daß sein Kind in der Nähe ist? ... Aber nicht ein einziges Mal hat er gerufen: Komm herauf, Blümele, mein Kind! Und ich bin doch die ganze Nacht hier gesessen! ...« »Die ganze Nacht!« rief Maier, und Zorn und Erbarmen bebten in seiner Stimme. »Glaubst du, daß er es gewußt hat?« sprach Blümele fröstelnd, indem sie einen scheuen Blick nach den Fenstern warf. »Er muß mich doch erkannt haben ... Glaubst du nicht Maier?« Maier erwiderte nichts. Nach einer Weile rief er hastig: »Du weißt doch, Blümele, daß ich immer dein guter Freund war ... und es gut mit dir gemeint habe. Weißt du das noch?« »Ja!« sagte sie tonlos; »aber ich! ...« »Laß das, Blümele, laß das! Wenn du also das weißt, so wirst du tun, was dein Geschwisterkind Maier dir anrät. Wirst du folgen?« Blümele hielt ihren Kopf tief gesenkt. »Es ist deines Bleibens nicht hier,« fuhr Maier fort, »du kannst keinen Augenblick hier länger verweilen. Dein Vater darf nicht wissen, daß du da bist ... Komm lieber in unser Haus ... da sollst du dich und dein Kind ausruhen ... selbst meine Eltern sollen nicht wissen, wen sie bei sich beherbergen, bis ich es ihnen sage. Dort wollen wir beraten und uns besprechen, was ... weiter zu tun ist. Willst du? ...« »Wie kommst du denn selbst her um diese Stunde?« fragte Blümele, scheinbar mit ihren Gedanken nicht bei Maiers Rede weilend. »Ich hatte heute einen Gang nach einem Dorfe vor!« sagte Maier zögernd . .. »Aber der Bauer mit seiner Wolle kann noch einige Tage warten... Willst du, Blümele?« »Und ich soll von hier fort, von meines Vaters Hause? Da, wohin ich gehöre?« rief Blümele. »Komm nur, komm nur!« bat Maier. Seine Stimme klang so dringend, sein ganzes Wesen leuchtete von einer solchen Wahrhaftigkeit, von einem so tiefen Ernste war sein Antlitz durchgeistigt! War das noch derselbe Maier, über dessen vier Hände einst nicht genug gespottet und gelacht werden konnte? »Ich gehe mit dir, Maier, wohin du mich bringst!« sagte sie. Sie wickelte das noch immer schlafende Kind fester in das umhüllende Tuch. »Gib mir das Kind, Blümele!« bat Maier. Es war ein seltsam scheuer Blick, der aus ihren braunen Augen auf ihn fiel. Sie zögerte einigermaßen und seufzte. Dann reichte sie ihm den Knaben hin. »Und jetzt komm, Blümele!« Unbemerkt und stille erreichte Maier mit ihr sein väterliches Haus. Gerade als er an die Türe kam, die er geräuschlos aufsperrte, erhellte sich im Osten ein schmaler Streifen Himmels so rasch und unvermutet, daß die beiden mit einem Male, angestrahlt von dem Widerscheine, im vollen Lichte standen, während ringsherum noch graues Dämmerlicht waltete. Sollte das ein gutes Vorzeichen für Blümeles Eintritt bedeuten? Maier hatte in dem Hause seiner Eltern eine wohleingerichtete eigene Stube in einem turmartigen, nur durch eine steile Treppe zu erreichenden Aufbau, den man längst zu einem ersten Stockwerke umgestaltet hätte, wäre er nur willens gewesen, auf gewisse Wünsche von Vater und Mutter aufzuhorchen. Diese kleine Stube war wie eine Burg, unersteigbar für jedermann, dem ihr Besitzer den Einlaß nicht gestatten wollte. Dorthin brachte Maier sein Geschwisterkind. Im Hause herrschte die tiefste Stille. Maier legte den schlummernden Knaben in sein noch offenes Bett; erst jetzt sah er, von welcher merkwürdigen Schönheit der Kopf dieses Kindes sei. Es trug die Gesichtszüge seiner Mutter, wie sie einst selbst ihm entgegengetreten war; aber die Lippen und ein gewisser Zug um die Mundwinkel gehörten nicht zu Blümeles Wesen. Eine Weile blieb er wie bewundernd vor dem Kinde stehen ... dann legte er sorgsam die weiche Decke über die Glieder des Knaben. »Die ganze Nacht im Freien!« murmelte er halblaut vor sich hin; »und ich habe mich in meinem warmen Bette gestreckt und habe nichts gewußt.« Blümele war an der Türe stehen geblieben. »Willst du dich nicht auch ausruhen?« meinte er. »Ich will fortgehen und draußen Wache halten, bis du mich rufst.« Da brach Blümele in ein schmerzliches Weinen aus: aller Jammer einer Menschenseele mochte über sie gekommen sein, nun, daß sie sich in der Heimat denken mußte und doch nicht zu Hause war! – daß sie es erleben mußte, gerade von Maier aufgenommen zu werden, und zu sehen, wie er ihr Kind, dessen Vater Jacques hieß, bettete und wärmte! »Ich habe es nicht an dir verdient, Maier!« schluchzte sie. »Warum jagst du mich nicht lieber fort?« »Laß, laß, Blümele!« bat Maier, »und lege dich lieber, ich will dir ein Bett zurecht machen!« »Nein, nein!« rief Blümele mit neu hervorbrechendem Schmerze; »dazu bringst du mich nicht, Maier! Bin ich darum gekommen, um zu schlafen? Ich muß dir erzählen ... ich muß es mir vom Herzen heruntersprechen, sonst zerspringt es und du siehst mich tot niedersinken. Du mußt mich anhören, Maier!« »Laß, laß, Blümele!« bat wieder Maier. »Red dich aus, wenn du Ruhe erlangt hast.« »Jetzt muß es sein!« rief Blümele beinahe schreiend. »Es wird mich erleichtern, mehr als es Schlaf und Essen vermöchte!« Maier erkannte, daß er dem Verlangen Blümeles keinen längeren Widerstand entgegenhalten durfte. Er setzte sich an das Fußende des Bettes, worin Blümeles Kind schlummerte, während sie auf einem niedern Schemel, fast zu seinen Füßen, sich niederließ. Es war die Leidensgeschichte eines vernachlässigten und wundgetretenen Herzens, die Blümele erzählte. Nach Art solcher Mitteilungen berichtete Blümele im Anfange fast verworren und anscheinend ganz planlos. Aber es schien nur so. Wenn sie Nahes und Fernes, Gegenwart und Vergangenheit so miteinander verknüpfte, daß sie fast nicht auseinander zu trennen waren, so klang doch wieder ein Tun durch das Ganze, als ob das alles gar nicht zu ihr gehörte, als erzählte sie nicht von sich, sondern von einer fremden Person. Sie begann damit, daß sie eine Schilderung ihres Eintrittes in die Heimat ihres Mannes entwarf, und kam gleich darauf zu sprechen, daß Jacques sie verlassen und schutz- und freudelos in dem fremden Lande mit ihrem Kinde zurückgelassen habe! »Verlassen hat er dich!« rief Maier mit weitaufgerissenen Augen und sprang auf, die Hände geballt ... »Was willst du?« sagte Blümele traurig. »Er war zu einem Edelmanne geboren ... und hätte sollen für Weib und Kind sorgen?« »Und wo ist er jetzt ... der schöne Jacques?« rief er so durchdringend, daß es Blümele bis ins Mark schnitt. »Maier!« bat sie und sah ihn mit feuchtem Blicke an. Maier verstand den Strahl dieses bittenden braunen Auges. »Weißt du, wohin er gegangen ist?« sagte er milde, indem er sich wieder auf das Bett niederließ. »Weit übers Meer – nach Amerika!« Von nun an hütete sich Maier, die Mitteilungen Blümeles auch nur mit einem Worte zu unterbrechen. In der ersten Zeit hatte Blümele in der neuen Heimat wirklich dasjenige gefunden, was ihr in Jacques' Schilderungen so lebensvoll und bestechend entgegengekommen war. Jacques trug sie auf den Händen und wiederholte stets, mit ihr sei seinem Dasein ein Glücksstern aufgegangen. Die Geburt ihres Knaben erfüllte sie beide mit einer Seligkeit, von der sich jetzt nach sieben Jahren kaum eine Andeutung geben ließ. Über Blümele war eine Art Taumel gekommen, so daß ihr oft jede Erinnerung an die alte Heimat mit allem, was sie umschloß, zu mangeln begann. Sogar jener düstere Schatten, der ihr aus Böhmen nachglitt – das Andenken an das, was sie ihren Eltern angetan, verschwand, und es war nur Licht und Sonne in ihrem Leben. »Das Kind soll mir ein freier Ungar werden!« rief Jacques oft im Überschwange seines Glückes; »kein so zusammengedrückter und scheinheiliger Böhme!« Selbst dies beirrte und verletzte sie nicht. War das Kind nicht sein? Begehrte sie etwas anderes als vollständig, ohne jeden Rückhalt, sein zu sein? Allmählich trat jedoch in dieser Lage eine merkbare Änderung ein. Jacques hatte in seiner Vaterstadt, die mitten in einer meilenweit sich dehnenden Pußta lag und eher ein großes Dorf genannt werden konnte, ein eigenes Geschäft errichtet, wozu ihm die Mitgift Blümeles die Mittel bot. Ihr aber, der vom Hause aus, trotz ihres leichten Sinnes, das ängstliche Abwägen in Sachen des Erwerbes gleichsam angeboren war, ihr kam es gleich anfangs vor, als habe Jacques für die gegebenen Verhältnisse »zu groß« begonnen. Sie war es aus Böhmen gewohnt, zu sehen, unter welchen Entsagungen und Kämpfen auf der Grundlage sorgfältig zusammengehaltener Kreuzer ein nur mäßiger Wohlstand aufgebaut wird. Jacques aber hatte die Dinge so angelegt, wie es zu Hause nicht einmal von den Reichgewordenen geschieht. Das sah Blümele klar; sie schwieg aber dazu – und schwieg lange. Aber als sie einmal eine finstere Wolke auf der Stirne ihres Mannes zu erblicken glaubte, die stets so heiter, so übermütig sorglos leuchtete, wagte sie eine Bemerkung, die Jacques sehr übel aufnahm. Er schalt sie eine »Böhmin«, der die kleinlichen Begriffe und Vorstellungen als Erbteil ihrer Landsleute mitgefolgt seien. Sie möge aber nicht vergessen, daß sie nicht mehr in Böhmen lebe; die Welt wäre ein unausstehlicher Aufenthalt, wenn »lauter Böhmen« darin wohnten. Darum sei Ungarn ja geschaffen worden. Wollte Jacques nur sich selbst, wollte er nur Blümele tauschen? Aber von diesem Augenblicke an trat zwischen den beiden Eheleuten der klaffende Riß zur Schau, den innerlich ganz entgegengesetzte Naturen immer erzeugen müssen. Jacques nannte »böhmisch«, was seinem hochfahrenden Sinne und seiner alles Kleinliche verachtenden Sorglosigkeit in den Weg lief. Blümele sah bereits mit geschärftem Auge, daß seine Verhältnisse in den Maße sich verschlimmert hatten, als er einen gewissen Hochmut, den sie doch in jungen Jahren so bewunderungswürdig gefunden hatte, zur Schau trug. Jacques mochte es unerträglich finden, das Auge seiner Frau, wenn sie auch nicht sprach, als einen steten Frager auf sich gerichtet zu sehen. Er wandte sich von ihr ab, er vernachlässigte sie; sein Haus und sein Kind hatten für ihn allen Reiz verloren. Statt seiner »Geschäfte« sich anzunehmen, brachte er die meiste Zeit außer dem Hause zu, meist in Gesellschaft ungarischer Edelleute, mit denen er spielte, ritt und auf die Jagd fuhr. Jetzt erst schien seine innerste, nur durch Geburt und Verhältnisse anders bestimmte Natur den eigentlichen Boden gefunden zu haben, worin sie gedeihen konnte. Jacques war kein Kaufmann – er war ein geborener Edelmann! Von nun an hielt sich Blümele für verloren. Zu diesen Leiden, doppelt schwer zu ertragen, da sie in der fremden Umgebung keiner Seele sich anvertrauen konnte, gesellte sich mit einem Male das Gefühl eines so unbezwinglichen Heimwehs, daß sie ernstlich krank zu werden befürchtete. Nur der Hinblick auf ihr Kind gab ihr Mut und Kraft. Sie hatte von einem durchreisenden Handwerksgesellen aus Böhmen erfahren, daß ihre Mutter längst tot sei. Von nun an hörte sie in ihrer Seele keinen anderen Laut, als das Wort: »Jahrzeit«. Auf das Grab der Mutter zu gehen, sich daselbst »auszuweinen«, nichts zu tun, als zu weinen, und dann wieder zurückzukehren, erschien ihr als eine Seligkeit, der gegenüber alles Leid verschwand. Sie sprach einmal mit Jacques davon, der aber meinte: »Was hat deine Mutter davon, ob du den weiten Weg von Ungarn nach Böhmen machst oder nicht?« Da schwieg sie; nun kannte sie ihn erst recht. Einige Zeit darauf verreiste Jacques, wie er Blümele mitteilte für mehrere Wochen. Nach vierzehn Tagen kam ein Brief mit dem Poststempel: Liverpool! Jacques war nach Amerika gezogen; das Schreiben war einen Tag vor seiner Einschiffung geschrieben. Er habe, schrieb er, in Ungarn das Glück nicht gefunden, auf das er gehofft; Ungarn sei überhaupt nicht mehr das Land, was es gewesen – es scheine nach Amerika versetzt zu sein. Darum sei auch er diesen Weg gegangen, den vor ihm Hunderttausende zu ihrem Heile betreten. Er grüßte Blümele und das Kind – und versprach schließlich, von Kalifornien aus von sich hören zu lassen. Seltsam! Blümele fühlte sich gleichsam erlöst. Mit dem Reste ihrer Habe – denn Jacques hatte seine Angelegenheiten in größter Unordnung zurückgelassen – das Kind in ihren Armen, machte sie sich auf den Weg nach Böhmen. Nur erst die »Jahrzeit« auf dem Grabe der Mutter vorüber! dann mochte alles Leid, alle Verfolgung und Pein über sie ergehen, und sie wollte nicht murren! In der Jahrzeit wollte sie ihre schuldbewußte Seele wieder heiligen ... »Wie gut und klug es von dir war, Blümele,« rief Maier, nachdem sie geendet, tief erschüttert, »daß du den Gedanken gehabt hast.« Er war aufgestanden und durchmaß mit hastigen Schritten die kleine Stube. »Die ganze Nacht draußen zuzubringen ... und ich habe es nicht gewußt ... Schreit das nicht zu Gott? ...« sprach er mit sich selbst. Dann blieb er vor Blümele stehen, die still vor sich hinweinte. »Willst du mir etwas versprechen, Blümele?« rief er, und sein Auge blitzte und er erschien in diesem Augenblicke weit über sein Maß gewachsen. Blümele nickte mit dem Kopfe. »So versprich mir, nur dasjenige zu tun, was ich dir anraten werde; vor allem: dich aus dieser Stube nicht zu entfernen, bis ich dir sage: Gehe!« »Und die Jahrzeit?« meinte Blümele traurig. »Die fällt erst auf übermorgen. Bis dahin laß mich für dich sorgen und denken. Willst du?« Blümele reichte ihm sprachlos die Hand. Der Morgen war angebrochen, in der »Gasse« regte sich das neuerwachte Leben. Maier hielt es nun an der Zeit, sein Geschwisterkind zu verlassen, teils um zu erfahren, ob die Anwesenheit Blümeles bereits ruchbar geworden, teils um mit seinen Gedanken allein zu sein; denn sein Blut war in Wallung und machte ihn unfähig, die nächsten Schritte zu beraten. Er ging mehrmals durch die »Gasse«, hielt jeden »Schulgänger« an und ließ sich mit ihm in ein Gespräch ein. Mehrere erzählten ihm von der seltsam verstörten Nacht und dem Gebell des Hundes, aber keiner wußte von Blümele! Allmählich begann sich sein unruhiger Gedankenweg zu ebnen; er kam zu dem Entschlusse, den Eltern mitzuteilen, welchen Gast sie beherbergten. Welch ein ungläubiges Staunen und Verwundern, als die Alten diese Nachricht erfuhren! Sie wollten das heiligste Stillschweigen bewahren, versprachen sie; nur nicht zu lange, meinte Maiers Mutter, denn Blümele im Hause zu haben und sie nicht sehen können, das gehe über ihre Kräfte. Sie billigten übrigens vollständig, was Maier getan. Ein unendliches Wohlsein durchströmte ihn, als er gleich darauf die enge Treppe zu seiner Stube hinanstieg und, an der Türe lauschend, inne wurde, daß darin tiefe Stille waltete. Mutter und Kind schliefen ... Maier schlich sich geräuschlos wieder fort. Später ging er zu Jakob Löw; er mußte den Alten sehen, er mußte sein Gesicht durchforschen. Maiers Herz klopfte hörbar, als er an der steinernen Bank vorüberkam, auf der heute Blümele ein so hartes Nachtlager gehabt. Er traf den Vetter beim Frühstück. »Weißt du, Vetter,« rief er, nachdem er ihn begrüßt hatte, »daß dein Hund heute nacht alle Leute in der Gasse rebellisch gemacht hat?« »Wieso?« fragte Jakob Löw, und Maier glaubte ein hämisches Lächeln um seine Mundwinkel spielen zu sehen. »Das Tier hat keine Ruhe gehabt und unaufhörlich gebellt.« »Er wird etwas gesehen haben!« meinte Jakob Löw trocken. Da faßte ein grimmiges Gefühl an die sonst so sanftmütige Seele Maiers. »Vetter!« rief er mit beinahe drohenden Blicken, indem er dicht vor Jakob Löw stand ... »Vetter! Bis jetzt habe ich dich geachtet und geliebt, wie dein eigenes Kind ... aber eine solche Härte gegen dein Fleisch und Blut hätte ich dir nicht zugetraut ...« »Was ist dir, Maier?« meinte Jakob Löw ? ruhig ... »Darf ich mir etwa keinen Hund halten? ...« Durch diese Frage ward Maier einigermaßen verwirrt. Tat er dem Vetter vielleicht unrecht, wenn er voraussetzte, Blümeles Anwesenheit sei ihm bekannt? »Vetter,« sagte er nach einer Weile mit besänftigter Stimmung ... »weißt du, daß übermorgen nach deiner Esther ›Jahrzeit‹ fällt?« »Ich weiß, ich weiß!« sagte Jakob Löw ... »Oder willst du mich daran gemahnen, daß ich meiner Esther allein ›Kadisch‹ nachsagen muß? ...« Was ging mit Maier in diesem Augenblicke vor? Sein Antlitz hatte einen so leuchtenden, fast verzückten Ausdruck, als hätte sich ein Gedanke göttlicher Offenbarung darauf niedergesenkt. Seine Brust hob sich stürmisch, auf seinen Lippen schien unausgesprochen eine bedeutende Tat zu schweben ... Er empfahl sich hierauf dem Vetter; wie beschwingt eilte er dem väterlichen Hause zu. Lauschend an der Türe seiner Stube vernahm er, daß Blümele und ihr Kind schon erwacht seien. Er trat ein. Blümele saß wieder auf dem niedern Schemel und hielt den Knaben auf ihrem Schoße; sie weinte wieder. »Blümele,« rief er atemlos, »kann dein Kind schon lesen?« Sie verneinte dies kopfschüttelnd. »Auch nicht im Gebetbuch?« »Jacques hat nichts auf die Religion gehalten,« sagte Blümele. Maiers Antlitz verdüsterte sich, aber alsbald wurde es wieder hell. »Ich will der Lehrer deines Kindes sein!« sagte er. Blümele sah zu ihm auf und verstand ihn nicht. »Was willst du mit dem Kinde?« fragte sie. »Ich will ihn das ›Kadischgebet‹ lehren! ...« Wie Maier dies begonnen, welche Lehr- und Lernkünste er anwandte, um dem Knaben die unverständlichen, nie gehörten fremdartigen Laute der heiligen Sprache ins Gedächtnis zu prägen, wie er vor allem das Kind dazu brachte, daß es ruhig auf seinem Schoße aushielt und stundenlang dasjenige nachsprach, was er ihm vorsagte, ja nicht müde ward, zu begehren, daß er fortfahre ... wie er es dahin brachte, daß der Knabe schon nach der ersten halben Stunde die zarten Ärmchen um seinen Hals schlang und die weichen Kindeslippen auf die seinen drückte – es wäre dies unendlich schwer, aber auch sehr leicht zu sagen. Maiers Lehrtalent war wie eine jener Wunderblumen, die über Nacht ihre ganze Herrlichkeit entfaltet. Die Blume seines Talents sproßte auf dem warmen Grunde seines Herzens ... Ab und zu brachte Maier als sorgsamer Hauswirt Trank und Speise. Als Blümele am Abende den Knaben zu Bette brachte, sprach er unaufgefordert das ganze Kadischgebet vom Anfang bis zum Ende, ohne den geringsten Anstoß zu begehen. »Welch einen merkwürdigen Kopf das Kind hat?« rief Maier begeistert. »Das tut ihm kein großer Mensch nach.« Dann ging er. Es glitt ihm ein langer, unsäglich trauriger Blick aus den Augen Blümeles nach. Am andern Morgen überzeugte sich Maier aufs neue, daß das Gedächtnis des Knaben ein wunderbar treues sei; das Kind hatte während der Nacht auch nicht das kleinste Wörtchen des schweren Gebets verloren. Zur Belohnung ersann er die heitersten Spiele und lachte mit dem Kinde und freute sich mit ihm, und war selbst ein seliges Kind geworden. Gegen Abend, als es zu dunkeln anfing, brachte Maier ein mit Öl gefülltes Glas, worauf ein Docht schwamm. »Jetzt, Blümele,« sagte er, »beginnt die ›Jahrzeit‹ um deine Mutter! Zünde das Licht an!« Blümele tat, was ihr Maier hieß. Dann setzte sie sich in einen Winkel der Stube auf den niedern Schemel und sprach an diesem Abende kein Wort mehr. Zur selben Stunde, da Blümele das »Jahrzeitlicht« für ihre Mutter anzündete, flammte es auch in einem anderen Hause der Gasse auf. So nahe waren sich Vater und Tochter, daß sie von ihren Stuben aus die flackernden Flämmchen gegenseitig erblicken konnten – und doch wieder so weit voneinander! Der Donnerstag war gekommen. Als Maier am frühen Morgen sein Geschwisterkind wecken wollte, fand er das Kind und Blümele bereits angekleidet. Maier sah übernächtig aus; alle Geister des Zweifels, ob das, was er vor hatte, auch gelingen würde, hatten an seinem Schlaf gerüttelt. »Kommst du, mich für die Jahrzeit abholen?« fragte Blümele. »Du mußt mir dein Kind auf einige Zeit anvertrauen!« sagte Maier mit bewegter Stimme. »Was willst du mit ihm, Maier?« rief Blümele, und legte, von einem Gefühle von Ängstlichkeit ergriffen, die Hand auf den Kopf ihres Kindes. »Es soll deiner Mutter ›Kadisch‹ nachsagen.« Erst jetzt stand das Vorhaben Maiers in aller Klarheit vor Blümele; nun erkannte sie mit vollem Bewußtsein, welcher Liebesdienst aus dem Gemüte dieses armen, einst von ihr verlachten und verhöhnten Maier ihr entgegenblühen sollte. »Maier!« rief sie, »was bist du für ein Mensch!« »Laß, laß, Blümele,« bat er, »bis er vorüber ist.« »Und ich? Was soll ich indessen tun?« »Ist nicht heute die Jahrzeit deiner Mutter?« sagte Maier mit bedeutungsvollem Ernste ... Auf seinen Armen trug Maier den Knaben zur »Schul'« und es traf sich gut, daß er auf dem Wege niemanden begegnete, dem er Rechenschaft über die seltsame Last abzulegen hatte. Der Morgengottesdienst war noch nicht zu Ende, dennoch blieb Maier draußen in der Vorhalle stehen ... Früher hatte er sich aber überzeugt, daß sich sein Vetter Jakob Löw auf seinem gewöhnlichen Betplatze befand. Mittlerweile hieß Maier den Knaben, ihm noch einmal das eingelernte Gebet vorzusprechen; das Kind bestand diese letzte Prüfung vortrefflich. Trotzdem hämmerte es in Maiers Adern fast zum Zerspringen, sein Kopf glühte, seine Lippen zuckten krampfhaft ... Endlich näherte sich der Gottesdienst seinem Schlusse. Schon sah Maier, wie sich sein Vetter erhob und zum Platze des Vorbeters hin sich bewegte. Der entscheidende Augenblick war gekommen. Rasch hob Maier den Knaben auf und trug ihn durch die Reihen der Beter bis zu Jakob Löw hin, an dessen Seite er ihn stellte. Dieser, versenkt in die Erinnerung, die dieses Gebet, und in dieser Stunde schmerzlicher als je, in ihm wach rief, sah vor sich hin und bemerkte nicht, was um ihn vorging. Er begann das Gebet ... Aber heller und immer heller ertönten die nämlichen Laute neben ihm aus dem Munde eines Kindes. Da füllten sich seine Augen unwillkürlich mit Tränen ... er hielt inne und lauschte und ließ das Kind allein sprechen ... All sein Jammer, all der starre Herzenskrampf, der ihn durch so viele Jahre krank gehalten, sich selbst und anderen zur Qual, löste sich und zerfloß vor diesen reinen und hellen Kindeslauten. Was er im tiefsten Winkel seiner Seele stets verborgen, die Sehnsucht nach der verlorenen Tochter, was er glaubte, daß nie eine menschliche Seele ihm entlocken könne, das bewirkte dies Kind ... »Wer ist das Kind?« schrie er mit markdurchschütternder Stimme, kaum als die letzten Worte des Gebets verklungen waren. »Vetter!« rief Maier hinter ihm ... »Es ist dein und Esthers Enkel ... es ist Blümeles Kind!« Mit einem leisen Schrei taumelte Jakob Löw nach rückwärts und hätte einen schweren Fall getan, wenn ihn nicht Maier in seinen Armen aufgefangen. Sein Antlitz war totenbleich, eine Ohnmacht hatte ihn befallen. Unter den Betern entstand große Bewegung; sie drängten sich hinzu; etwas nie Erhörtes ereignete sich vor ihren Augen. Mit einem Male richtete sich Jakob Löw in den Armen Maiers auf. Er begann bitterlich zu weinen. »Wo ist das Kind?« rief er, da er vor herabstürmenden Tränen es nicht bemerkte; »wo ist Blümeles Kind? ...« Da hob Maier den Knaben auf und legte ihn an des Großvaters Brust. Zitternde Arme umfingen das Kind ... »Blümele! Wo ist mein Blümele?« rief Jakob Löw.   So hatte das Gebet eines Kindes Vater und Tochter einander entgegengeführt. Noch an demselben Tage sah man Jakob Löw in Begleitung Blümeles zum »guten Orte« gehen, wo Esther und die fünf Knaben ruhen. Als sie von dort zurückkehrten, lag auf den Gesichtern beider jener Schimmer von Selbstheiligung, wie ihn Menschen in Augenblicken erlangen, in denen es ihnen gegeben ist, Liebe um Liebe, Versöhnung um Reue auszutauschen. Blümele blieb fortan in der alten Heimat. Sie befand sich kaum vier Monate daselbst, als ein Schreiben einlief, das die Nachricht vom Tode ihres Gatten enthielt. Jacques hatte sein Ziel kaum erreicht, als ihn mitten unter Lebensentwürfen in San Francisco der Tod ereilte. Dem Briefe beigeschlossen war die amtliche Bestätigung. Blümele trauerte um den Verstorbenen ein volles Jahr! Und Maier? Dürfen wir auch jetzt noch das alte bittere Spitzwort wiederholen: »Maier mit den vier Händen?« Nun, wer noch vor wenig Jahren an Jakob Löws Hause vorüberkam, der konnte, namentlich an lauen Sommerabenden, einen Haufen rotbackiger und gesunder Knaben um einen alten weißhaarigen Mann herumtollen sehen, die sich alle, bis auf die abweichenden Körpergrößen, zum Verwechseln ähnlich sahen. Welch ein sonniges Lächeln auf den Lippen dieses Alten! Welch ein Aufleuchten seiner Augen, wenn sich manchmal eines dieser Kinder vom Spiele entfernte und zu ihm kam, um sich liebreich an seinen Leib zu schmiegen! Es waren Maiers und Blümeles Kinder! Diesmal hatte sich Jakob Löw nicht verrechnet. Wiewohl unstatthaft nach dem Gebrauche, der in der »Gasse« herrscht, daß Kinder bei Lebzeiten ihrer Eltern einem Dahingeschiedenen des »Kadisch« nachsagen, haben Maier und Blümele es durchgesetzt, das Jakob Löws Enkel sich als dessen Kinder betrachten dürfen. Nicht weniger als acht Enkel sprechen ihm an seiner »Jahrzeit« das »Kadisch« nach! Die Seelenfängerin. Die »Seelenfängerin« ist in den Gassen des Ghettos eine der gekanntesten Persönlichkeiten; aber die Leute daselbst haben nicht gerne mit ihr zu tun. Eine Art Grauen liegt um ihr Wesen gebreitet; wann und wo sie erscheint – da muß sie erscheinen; wer sie rufen läßt, dem bleibt nichts anderes übrig, als sie rufen zu lassen; denn, um es geradezu herauszusagen: ihr Beruf ist der Tod! Wem aber dieses Wort zum ersten Male zu Gesicht kommt, den wird es wie mit Augen märchenhafter Befremdung anblicken. Hat er es schon irgendwo vernommen? Steht es in dem reichen Schatze unserer Sprache? Umsonst dürfte er da nachgraben und forschen – die »Seelenfängerin« wird ihm nirgends entgegentreten. Da endlich, halb aus gewaltsamer Anstrengung, halb aus dämmerhafter Kindererinnerung, tauchen mit einem Male jene entsetzlichen Weiber vor ihm auf, die in Ammenstuben und vergessenen Sagenbüchern eine so spukhafte Rolle spielen: Weiber, die in Gestalt von Katzen zu den Wöchnerinnen schleichen, um in unbewachten Augenblicken, statt des holden Neugeborenen, die häßliche Unform eines Wechselbalges in die Wiege zu legen, weil sie feindlich und gram sind allem, worin Gottes lebendige Seele sich regt; oder die in mondheller Mainacht die luftige Fahrt zu jenem Berge antreten, zu welcher sie um diese Zeit nicht Roß, noch Wagen, sondern allenfalls eines Besenstiels bedürfen. Mich aber durchzuckt es schmerzlich wie ein jäher Vorwurf von den Lippen eines Nahestehenden, daß ich den Wahn nicht sogleich in seinem Keime zerstört habe, als ob unsere »Seelenfängerin« nur um eines Zwirnfadens Breite mit jenen schreckhaften Weibern zusammenhinge, die uns aus Kinderbüchern so blutgierig anstarren ... und anklagend scheinen mich die guten, frommen Augen einer alten Frau zu fragen: »So was läßt du die Leute von mir meinen? Also ich soll einer menschlichen Seele nachgestellt? ich soll wie eine Katze auf unschuldige Kinder gelauert haben? – Bin ich denn keine Mutter gewesen?« Es ist schon eine geraume Zeit her, daß eines der stattlichsten Häuser in der »Gasse« von Gerichts wegen an die Meistbietenden verkauft wurde. Nicht weniger als acht Fenster Front hatte dieses Haus; man glaubte vor einem kleinen Palaste zu stehen, wenn man es mit seinen dürftigen und gleichsam schief gewickelten Nachbarn verglich. Hinter dem Hause zog sich, bis an den Bach hinab, ein weitläufiger und wohlgepflegter Garten; aber eine hohe Bretterwand verwehrte jedem neugierigen Auge den Einblick. Um so verwirrender klangen die Gerüchte über die Wunderdinge, die daselbst zu erschauen waren. Hier und da war es einem waghalsigen Knaben aus der Gasse gelungen, indem er die Schultern seines Kameraden zur Stützlage genommen, über das Gitter hinweg von der ihm fremden Welt eine Vorstellung zu gewinnen. Dann wußte er den horchenden Genossen nicht genug des Außerordentlichsten zu erzählen, von den Blumen und Bäumen, die er im flüchtigsten Überschauen gesehen, dann von der hohen, blassen Frau, die zwischen den Bäumen spazierte, endlich von den zwei Kindern, die in einer Laube saßen und sich mit einer fremden Frau in einer von ihm noch nie gehörten Sprache unterhielten. Einer dieser lauschenden Knaben hatte sogar einmal ein Erlebnis, das er dann mit allen Zeichen des Entsetzens jedem, der es hören wollte, erzählte. Er war wie gewöhnlich, mit Hilfe der Schultern seines Kameraden, die hohe Bretterwand des Gartens hinaufgeklettert, da drang ihm aus jener Laube ein heftig geführtes Gespräch entgegen. »Der Knabe wird jetzt bald dreizehn Jahre alt,« hörte er die bewegte Stimme einer Frau; »frag' ihn nur, ob er weiß, wo Gott wohnt? Was hab' ich davon, daß mein Eugen kann französisch reden mit der Gouvernante, wenn er nicht wissen wird, wie er sich die »Tefillin« (Gebetriemen) soll um die Hände und den Kopf legen?« »An dieser Sprache erkennt man den beschränkten Verstand des Weibes,« erwiderte schneidend eine Männerstimme darauf. »Wozu soll er etwas lernen, was er doch einige Jahre darauf vergessen wird und soll? Mein Eugen soll etwas anderes werden, das ist mein fester Wille –« »Vergißt du, Mann, wer wir sind?« klagte die Frau, und es klang beinahe wie Weinen. »Willst du sie denn ganz hineinstoßen? – Das Enkelkind meines frommen Vaters, mit dem der Friede sei, soll ihm also nicht nachgeraten? Mein guter Vater muß sich ja zehnmal in seinem Grabe herumdrehen, wenn er weiß, wie es in unserem Hause zugeht.« » Wenn er es weiß!« höhnte darauf die männliche Stimme; »wenn er es weiß!« wiederholte die andere darauf, jedoch in einer ganz verschiedenen Tonart. Ein durchdringender Schrei, der den Knaben auf seiner unsichern Stützlage im Innersten erbeben machte, durchschnitt die Luft. Der Lauscher konnte noch die Worte vernehmen: »Ruben, ich bitte dich bei allem, was dir noch heilig ist, bring' mich nicht noch um dieses Letzte!« und war dann herabgesprungen, seiner Sprache beinahe unmächtig; denn erst weit, weit von jenem Garten machte er Halt und erzählte dann den Kameraden, die ihm atemlos gefolgt waren, was er soeben erst vernommen hatte. Für die Leute in der Gasse aber, die aus dem Munde der Kinder in den mannigfaltigsten Zusätzen das eben Vorgefallene hörten, hatte es nichts Verwunderliches; sie zuckten höchstens die Schulter. Was die Kinder nur unvollkommen begriffen, das wußten sie ja längst klar. Können Rosen an einem Nesselstrauche wachsen? So wenig, wie aus einem Hause des Unfriedens Worte des Friedens und des Einklangs hervorgehen. Selten geschieht es, daß in irgend einem Gemeinwesen die Krankheit, die an einem Hause zehrt, lange verkannt wird. Namentlich für eines, das im Munde der Volksmeinung als ein »stolzes« gilt, steht die Prophezeihung des nahen Falles in steter Bereitschaft. Tausend Lippen sind immer geöffnet, um Verwünschungen über einen Bau auszusprechen, dessen Trümmer schon im Geiste gesehen werden. Vieler Ohren lauschen, ob sie das stürzende Zusammenkrachen des Gemäuers noch immer nicht vernehmen. Stolz und Überhebung des einzelnen wird im Fleische des Gemeinwesens wie ein Stachel empfunden, und vielleicht nirgends schmerzlicher und unerträglicher, als – in den Gassen des Ghettos! Das war nun ein solches Haus, auf das man nach der allgemeinen Ansicht mit allem Rechte, das eine Gemeinde in diesen Dingen für sich in Anspruch nimmt, den Vorwurf des Hochmutes und des Übermutes wälzen konnte. Jahre vorher, ehe der Glanz dieses Hauses verblich, war es wie von einem Zauberbanne umfangen, der sich zur bestimmten Stunde erfüllen mußte ... Ruben Schönmann gehörte lange Zeit zu den Menschen, die vom Glücke weiter nichts zu begehren hatten. Wozu andere in der »Gasse« im Schweiße und Drange aufreibender Arbeit gelangten, das war ihm spielend in den Schoß gefallen. Er hatte jenes Haus samt dem Garten ererbt, und eine allgemeine Schätzung ließ ihn in der Fülle von Reichtümern sitzen, deren Unerschöpflichkeit keiner zu bezweifeln gewagt hätte. »Noch als Knabe – man wollte wissen, er habe jahrelang an Örtern zugebracht, wo er niemals mit »seinesgleichen« zusammenkam – war er in die Fremde hinaus gekommen; als er zurückkehrte waren Vater und Mutter tot, und er trat in den Besitz eines ungeschmälerten Vermögens. Das schönste Mädchen in der Gasse wurde sein Weib, und wenn man von Kindern erzählen wollte, deren Schönheit und Anmut etwas »Vornehmes« hatte, so nannte man Rubens Klara und Eugen! So fremdartig diese Namen von den Lippen der Leute klangen, so fremdartig war ihnen des Mannes Tun und Lassen. Er stand keinem im Wege – dennoch verziehen sie ihm eins nicht – er hatte kein »jüdisch« Herz! Dieses Wort hat etwas Unsagbares, und es fällt schwer, es auch nur in schwachen Umrissen zum Verständnisse zu bringen. Was manchem nur ein wesenloser Schein dünken mag, das gewinnt in Wirklichkeit eine Wahrheit und eine Lebensfähigkeit, von der die »Gasse« am besten zu erzählen weiß. Dieses Herz ist eine geschichtliche Überlieferung – wer an dasselbe einen Anspruch erhebt, will damit sagen: Vergiß nicht! Sei eingedenk dessen, was deine, was meine Väter miteinander erlebt, gelitten, wie sie sich gefreut und wieder geweint haben! Es ist der Ausdruck der stärksten Zusammengehörigkeit, der geheimnisvolle Zug mitfühlender Teilnahme des einzelnen für das Geschick seines Bruders – was die »Gasse« ist und wie sie sich immer darstellt, ohne jenes »Herz« wäre sie ein ganz anderes. Wir hätten wahrscheinlich nichts von ihr zu berichten! Das war es nun, was die Leute an Ruben Schönmann vermißten. Er gehörte nicht zu ihnen, er schien in keiner Ader seines Lebens mit dem Körper der Gasse in Verbindung zu stehen; ihr Blutstrom mündete nicht in ihn ein. Dieses Alleinstehen mitten in einer großen Gemeinde hatte für die Leute selbst etwas Grauenerregendes; ihn allein schien es in seiner eigenen Meinung zu erheben. Er nahm keinen Teil an den Angelegenheiten der Gemeinde, schlug jedes Ehrenamt aus und verkehrte mit niemandem. In der Synagoge erschien er fast nie, am »Versöhnungstage« stand er lautlos an seiner Stelle, die Leute wollen nicht gesehen haben, daß er jemals seine Lippen bewegte. Von einem häuslichen Zerwürfnisse verlautete übrigens bei der Abgeschlossenheit des Hauses wenig, beinahe nichts. Nur als die kleine »Klara« zur Welt kam, hieß es, soll dort für einige Zeit ein Geist der Gereiztheit zwischen den Eheleuten geherrscht haben. Die Frau Rubens hätte nämlich darauf bestehen wollen, daß das Kind auf den Namen ihrer verstorbenen Mutter »Blümele« genannt werde, Ruben Schönmann hätte aber mit einer Willenskraft, der sich nichts entgegensetzen ließ, geltend gemacht: er wolle sein Kind nicht »kennzeichnen«; alle seine Kinder, und wären es zwanzig, müßten »ordentliche« Namen bekommen, ein Name sei kein Spaß – und in dieser Hinsicht wolle er für »alle Zukunft« für seine Kinder gesorgt haben. Bis dahin hatten die Leute in der Gasse das hochmütige Treiben Ruben Schönmanns wie eine Sache betrachtet, die sie im Grunde an keiner empfindlichen Stelle traf. Ob das Kind Klara oder Blümele hieß, war ihnen selbst gleichgültig – es lag schon damals keine Abschließung in dieser Annahme von Kalendernamen. Anders wurde es jedoch, als die beiden Kinder heranwuchsen. Da wurde es allen klar, daß Ruben Schönmann in seinem Alleinstehen nach einem festgewurzelten Grundsatze handelte. Die Kinder wurden nämlich in einer Art erzogen, als gehörten sie nicht der Gasse an, sondern als wohnten sie in einem Schlosse, das mitten in einem menschenöden Walde liegt. Kein Laut, kein Hauch aus der Gasse durfte zu ihnen dringen, sie waren Fremdlinge an einem Orte, dem sie doch durch die Bande des Blutes angehörten! Wie mit hundert Augen wachte und lauerte Ruben, daß sie von den Leuten, die unten vor ihren Fenstern vorüberwandelten, und von ihrer Sprache keine Kunde bekamen. Eines Tages brachte er aus der Fremde eine Frau mit, von der in der Gasse lange Zeit die abenteuerlichsten Gerüchte herumgingen. Sie sollte eine Sprache sprechen, die noch kein Menschenohr vernommen, und zwar habe Ruben sie nur darum mitgebracht, damit die Kinder nicht einmal deutsch lernten, was doch noch eine gewisse Ähnlichkeit mit dem in der Gasse gebräuchlichen Jargon habe. Es war jedoch nur französisch, was jene Frau die Kinder lehrte. Selbst daran hatte sich die immer wache und nimmer ruhende Sorge der Gasse endlich gewöhnt. Aber nun hieß es mit einem Male jene Frau lehre die Kinder nicht nur französisch sprechen, sie lehre sie alles – auch beten! Also nicht in der Sprache Zions, in jenen himmelanschreienden, tausendjährigen Lauten, die gleichsam Gottes eigene Sprache sind, nein, in einer fremden, den Kindern unverständlichen, die ihnen erst mühsam von einer Frau beigebracht werden mußte – die sich nicht zum Glauben der »Gasse« bekannte! Darüber kamen die Geister in Empörung, und es fehlte nicht an Stimmen, die Ruben Schönmann das Seltsamgefährliche seiner häuslichen Einrichtung zu Gemüte führten. Bei solchen Eingriffen in sein väterliches Recht, wie er dies nannte, blieb Ruben gewöhnlich ruhig; nur sein Auge blitzte zuweilen in einem unheimlichen Feuer. Mit erschreckender Bedächtigkeit pflegte er gewöhnlich zu sagen: »Wollt ihr wissen und soll ich es euch erklären, was euch eigentlich an meinem Tun und Lassen ärgert? Ihr kränkt euch, daß die Zeiten vorüber sind, wo so einer wie ich auf der Schwelle der Synagoge hätte liegen müssen, dem die Leute über den Leib hinweggingen ... Es kränkt euch, daß ihr keine Macht über mich habt und daß euch die Beißzähne ausgebrochen worden sind. Ich aber bin Herr in meinem Hause, und jene Zeiten sind vorüber!« Die Hoffnung, daß die Zeit allmählich auf Ruben Schönmanns Grundsätze mildernd einwirken werde, ging nicht in Erfüllung. Er blieb, der er war; auch nicht um einer Linie Breite trat er zurück. Charaktere dieser Art, die das Bewußtsein ihres Alleinstehens einmal für sich errungen haben, sehen in jedem Angriffe auf ihre Stellung ein Recht mehr dafür, und meistens bestärkt sie hereinbrechendes Unglück in ihrem Wahne, sie dürften die Fahne, die sie in ihrem Glücke hoch empor getragen, gerade in den Tagen der Drangsal nicht sinken lassen. Die Kinder Rubens waren indessen herangewachsen, doch ihr Wesen kannten nur wenige in der Gasse. Man sah ihnen nach, wie Geschöpfen höherer Art, um die ein unnahbarer Strahlenkreis liegt. Man trug ihnen die Fehler ihres Vaters nicht nach; eher bemitleidete man sie. Zudem waren beide, wie bereits erzählt, von einer so bewältigenden Vornehmheit und trugen in ihrer Haltung ein so adeliges Gepräge an sich, daß jeder Spott sich entkräftet fühlte, sobald diese »Gotteswunder« in dem vollen Zauber ihres Wesens erschienen. Eines Tages kam Eugen, der schon seit längerer Zeit von dem Geistlichen des Ortes Unterricht im Lateinischen empfing, atemlos nach Hause. Unten an der Stiege der Pfarrei hatte ein Mann auf ihn gewartet, mit einem langen weißen Barte, so erzählte er der erschrockenen Mutter, und fürchterlich blickenden Augen, der habe ihn bei der Hand genommen und so kräftig gehalten, daß er mit aller Anstrengung ihm nicht zu entrinnen vermocht hätte. »Und was hat er von dir gewollt?« fragte die Mutter. »Mama, wie heiße ich?« rief mit einem Male der Knabe mit unerklärlicher Heftigkeit. »Eugen heißest du!« »So nannte mich der Mann nicht,« rief der Knabe, über und über rot werdend. »Er sagte ›Nathan‹ zu mir. Heiße ich denn nicht Eugen?« »Das ist dein Name ... für die Welt,« meinte sie ausweichend; »hier in der Gasse heißt Eugen anders.« Eugens schönes Angesicht überflog ein Schatten. »Ich habe dir noch nicht alles erzählt, Mama,« begann er wieder. »Der Mann nannte mich also Nathan. Weißt du, Nathan, sagte er zu mir, daß du jetzt bald dreizehn Jahre alt wirst und dann Tefillin anlegen mußt? Was ist das, Mama?« Die Mutter wandte sich seufzend ab. »Was fragst du mich?« fuhr sie plötzlich auf. »Frage deinen Vater darum.« »Du weißt es also nicht?« rief Eugen erstaunt. Die Frau Ruben Schönmanns begriff, daß sie ihrem Sohne gegenüber zu keiner Lüge ihre Zuflucht nehmen durfte. »Das sind Riemen von schwarzem Leder,« sagte sie zögernd, »die sich die Männer während des Gebetes um die linke Hand und den Kopf schnallen –« »Weiter, Mama!« forschte der Knabe. »Weiter weiß ich nichts!« sagte sie beklommen und stockte. Eugen blickte ihr starr ins Angesicht. »Der Mann sprach davon, daß ich jetzt bald mein dreizehntes Jahr erreiche. Was wollte er damit gesagt haben?« »Um Gottes willen!« schrie Rubens Frau auf und bedeckte sich mit beiden Händen das Antlitz. »Um Gottes willen, dringe nicht weiter in mich, Eugen, ich kann dir ja nicht antworten!« Wir haben bisher von Ruben Schönmanns Frau nur wenig gesprochen. Sie galt allgemein, soviel man sie aus ihrer Abgeschlossenheit kannte, für ein still demütiges Wesen, das willenlos dem Einflusse ihres Mannes hingegeben war. Hätte sie sich sonst die Erziehung ihrer Kinder so aus der Hand spielen lassen? In der »Gasse« behauptete man, von einem dunkeln Ahnungsdrange getrieben, daß Rubens Frau, gekränkt, wie sie sein mußte, daß sie ihren eigenen Kindern gegenüber keine »jüdische« Mutter sein durfte, mit ihrem Manne in häufigem Hader lebe. Dunkle Gerüchte gingen, sie dürfe mit ihren Kindern nicht sprechen, denn sie spreche nicht französisch, und ihr »Deutsch« sei nicht nach Rubens Geschmack. Solche Behauptungen entbehrten aber aller Begründung. Rosalie, wie sie Ruben statt des ihm unleidlichen »Rösel« nannte, hatte sich wohl hie und da schwache Einwendungen gegen das Erziehungssystem ihres Mannes erlaubt; aber sie schienen nicht aus der Fülle eines leidenden Gemütes zu kommen. Sie sah in ihrem Manne ein Wesen von höherer Einsicht; was er tat, das war wohlgetan. Sie kannte wenig von der Welt da draußen; das eng begrenzte Haus, die künstlich geschaffene Stille, die rings um dasselbe lag, tat ihrer Neigung wohl. Zudem sah sie sehr wohl ein, wie wenig Recht sie eigentlich habe, die Anordnungen ihres Mannes anzufechten. Stolz und Freude hob ihren Busen, wenn sie auf ihre Kinder, die wie Prinz und Prinzessin einherschritten, niedersah, die so ganz anders sprachen, ganz anders sich benahmen, als die Kinder der Leute in der Gasse. Sie selbst konnte sich oft schwer überreden, daß die Kinder ihr eigenes Blut und Leben wären. Das Fremdartige ihrer Bildung, zu der ihre eigene einen schneidenden Gegensatz bildete, blieb ihr zwar kein Geheimnis; sie ahnte wohl, daß dieses gewaltsame Herausscheiden ihrer Kinder aus der rings um sie herum herrschenden Sitte und Anschauung manche Gefahren für die Zukunft in sich berge; aber sie beschwichtigte jedesmal diesen finstern Gedanken mit dem einen Satze: »Ruben muß das besser wissen als ich; er war schon draußen in der großen Welt – und die Kinder sind so etwas ganz anderes geworden ...« Rosalie lebte jedoch in einer Selbsttäuschung; sie war unwahr gegen sich selbst, wie es jedes Gemüt ist, das sich unter den bannenden Einfluß eines anderen Willens blindlings begeben hat. Sie hatte sich gleichsam einschläfern lassen – dafür war jedes Erwachen mit jenem eigentümlichen Gefühle von Dumpfheit verbunden, das nach einem schweren Traume eintritt, dessen zerrissene Fäden die Seele umsonst zu ergänzen sucht. Rubens Frau hatte in dem Hause ihrer Eltern eine ganz andere Erziehung genossen, als die sie ihren Kindern geben sah. Die Eltern waren Leute »vom alten Schlage«, jede »Bildung« war ihnen ferne. Aber Rosalie fragte sich doch öfters, ob, wenn ihre Eltern noch lebten und die Enkel sähen, die so herrlich gediehen waren, ob ihnen nicht bei aller Freude etwas – fehlen möchte an den Kindern? Ob die alten Leute nicht all die schimmernde Bildung der Kinder hingeben würden eben für jenes eine, das ihnen abging? Als Eugen mit seiner Mutter jene sonderbare Unterredung hatte, die wir früher erzählt haben, war Ruben Schönmann auf einer längeren Geschäftsreise abwesend. Rosalie hatte also Zeit, fern von dem sie bestimmenden Auge ihres Mannes, diesem Erlebnisse nachzuhängen und es mit jener Zähigkeit, die gerade ein willenloses Gemüt in solchen Lagen entwickelt, fest in ihre Seele aufzunehmen. Gespensterhaft schlich ihr nun überall der Gedanke nach: den Kindern fehlt eines, sie sind nicht so, wie sie sein sollen! Als Ruben zurückkehrte, fand er seine Frau blaß und abgehärmt; mit seinem scharfen Blicke erkannte er bald, daß sie ein Seelenleiden in sich trug. Wir kennen den Inhalt des Gespräches zwischen den Eheleuten, das die Knaben aus der Gasse über die Bretterwand hinüber belauscht hatten. »Ruben, um Gottes willen!« hatte Rosalie gerufen, »bringe mich nicht noch um den einen Glauben –« Das Wort war Ruben tief in die Seele gedrungen; er war auf einen solchen Aufschrei der Frau nicht gefaßt, die er längst für beschwichtigt und seinen Grundsätzen anhängend wähnte. Er nannte das anfangs »weibische Narretei«, die sich wieder von selbst beruhigen würde: sie hinge, wie alle Weiber, an Kleinigkeiten und übersehe das Mittel über den großen Zweck. Aber Ruben war kein harter Mensch; er liebte seine Frau, die Mutter seiner Kinder, aufs innigste, und nichts lag ferner von ihm, als ihr wehe zu tun. Seit jenem heftigen Auftritte zwischen ihm und Rosalien war nichts vorgefallen, was den einmal zur Schau gebrachten Riß noch mehr erweitert hätte. Rosalie schwieg und schien gleichgültig geworden. Aber Ruben täuschte sich nicht darüber; hinter der verdrossen gleichgültigen Miene ihres Antlitzes barg sie etwas, das ihn mehr erschreckte, als hätte sie in wilder Heftigkeit sich ihm widersetzt. Er sah Tränen, die sie nicht geweint hatte, und ihr übernächtig verstörtes Aussehen belehrte ihn, daß sie nicht ruhig war. »Rosalie,« sagte er eines Morgens zu ihr, während sie gerade das Gebetbuch, das sie jetzt häufiger als sonst zu Hilfe nahm, mit einem andächtigen Kusse schloß, »Rosalie, ich will dir's zu Gefallen tun. Ich werde das Kind, wenn du es verlangst, an seinem dreizehnten Geburtstage in der Synagoge ›aufrufen‹ lassen. Nun sei aber zufrieden!« Unter diesem »Aufrufen« verstand Ruben die bekannte Zeremonie, der sich die Knaben an ihrem dreizehnten Geburtstage zu unterziehen haben. Der Knabe wird am Sabbat von dem Vorbeter mit seinem und seines Vaters Vornamen vor die aufgerollte »Thora« gerufen und spricht zwei Benediktionen über das offenliegende Gotteswort aus. Hierdurch empfängt er gleichsam die Weihe des Mannes, der im Vollbesitze seiner geistigen und körperlichen Kraft fähig ist, nach den altüberkommenen »Gesetzen und Vorschriften« zu leben – er wird mit einem Worte ein »Bar Mitzwah«. »Ruben!« flüsterte Rosalie und legte beide Arme um seinen Hals und weinte bitterlich. »Macht dich das glücklich, Rosalie?« fragte Ruben. »Was weinst du?« Rosalie versuchte zu lächeln; aber es war wie ein Sonnenstrahl, der plötzlich hinter Regenwolken wieder verschwindet. »Ich freue mich ja, Ruben,« sagte sie gepreßt ... »wenn es nur früher geschehen wäre!« »Früher, wie meinst du das?« forschte Ruben. Rosalie hatte keine Antwort darauf. Noch an demselben Tage schickte Rosalie nach einem Lehrer in der Gasse; er sollte den Knaben für den dreizehnten Geburtstag vorbereiten. Ruben ließ seine Frau gewähren; er schien für eine Weile sich jedes Einspruchs in ihre Verfügungen entäußert zu haben, um mit einem Gefühle von Neugier zuzusehen, wie weit Rosalie die festgewurzelte Macht seines Willens und die Grundsätze, nach denen die Kinder erzogen wurden, erschüttern könne. Der Lehrer aus der »Gasse« schüttelte verwundert den Kopf, da er fand, daß Eugen auch nicht die leiseste Kenntnis von dem hatte, wozu er ihm die Anleitung geben sollte. Schamvoll bedeckte er sein Angesicht. – Eugen kannte nicht einmal die heiligen Zeichen jener Sprache, deren Laute er doch vor dem Buche Gottes aussprechen sollte. Vierjährige Kinder in der Gemeinde übertrafen den beinahe dreizehnjährigen Knaben in diesem Punkte des Wissens. Rosalie bemerkte mit einer Art Grauen, wie es um ihren Sohn stand. Sie ermunterte den Lehrer und versprach ihm reichlichen Lohn; aber er schüttelte den Kopf. »Im dreizehnten Jahre fängt man das nicht mehr an,« lächelte er trübselig, und er täuschte sich darüber nicht. Einen so hellen Kopf der schöne Knabe für alle andern Wissenszweige mitbrachte – für diesen einen, der auf einem ihm gänzlich entfremdeten Boden und Stamme wurzelte, zeigte er kein Verständnis. Diese Zeichen und Laute, die ihn so heimatlich traut hätten begrüßen sollen, blickten ihn kraus und verworren an; nur mit äußerster Anstrengung prägte er sich Sinn und Bedeutung derselben ein. Verdrossen folgte er der Anleitung des Lehrers; der Kopf schmerzte ihn, und eine Art Stumpfsinn hatte sich über sein offenes Antlitz gebreitet, wenn ihn der Lehrer verließ. Nach einigen Monaten erklärte endlich der Lehrer den Knaben insoweit vorbereitet, daß man denselben mit einiger Beruhigung an einem der nächsten Sabbate in die Synagoge einführen könnte. Rubens Frau sah diesem Tage nicht freudig bewegt entgegen. Sonst bildete die Aufnahme in den Bund der Gemeinde für jeden Knaben eine weiße Säule in dessen Leben; nach diesem Tage blickt er zurück, denn er bleibt lebendig und unverwischbar in seiner Seele. Was war er für ihren Sohn? Wenn sie auf seine verdrossen stumpfsinnige Miene sah, wußte sie es sehr klar ... Am frühen Morgen des Sabbats, an welchem Eugen seinen dreizehnten Geburtstag feierte, sagte Ruben, bevor er zur Synagoge ging: »Rosalie! Ich bringe dir heute ein Opfer, und du weißt nicht, wie groß es ist! Aber ich habe es nicht sehen können, daß du im stillen Tränen vergossen hast. Du wirst es später begreifen ... und da wird es zu spät sein. Denk an mich, Rosalie!« Rosalie selbst begleitete ihren Sohn nicht zur Synagoge, wie das jede andere Mutter getan hätte, die diesen Tag ihres Kindes auch für ihr Leben dankbar aufzeichnet; sie fürchtete sich ... Auf dem Wege zum Gotteshause sagte Eugen, dessen Miene seltsam verstört aussah: »Papa, mir ist sehr bange!« »Wovor?« lachte Ruben auf, indem er mit einer nicht mißzuverstehenden Bewegung nach der Synagoge zeigte. »Du wirst doch vor denen dort keine Furcht haben!« Aber als der Knabe an der Hand seines Vaters in das weite Haus eintrat, in das ihn in frühester Kindheit Ruben nur »zum Spaß« einige Male mitgenommen, da überfiel ihn ein Grauen und auf sein holdes Angesicht trat die Farbe des Schrecks. Alle diese Leute, die dichtgedrängt Kopf an Kopf nebeneinander standen, so viele Augen, die sich neugierig auf ihn richteten, das verworrene Brausen durcheinander schreiender Stimmen, die sich gleichsam das Recht streitig machten, wer von ihnen zuerst gehört werden könnte, all das zusammen und der Gedanke, daß er hier an dieser Stelle zur Prüfung berufen sei, verwirrte den Knaben und machte ihn in den tiefsten Fibern seiner Seele erbeben. »Fürchte dich nicht, Eugen,« raunte Ruben ihm zu; »das alles ist ja nur zum Spaß.« Endlich ward Eugen »aufgerufen.« In diesem Augenblicke trat eine lautlose Stille in der weiten Synagoge ein; jeder hielt den Atemzug an sich. Seiner Sinne unmächtig, mit wankenden Schritten, ging der Knabe durch die Reihen der Beter; ohne klares Bewußtsein trat er vor die aufgeschlagene Pergamentrolle der heiligen Lehre. Unsicher begann er die Eingangsworte des Segenspruches; den übrigen Teil desselben stammelte er verworren, so daß der Vorbeter ihn ergänzen mußte. Der Sohn Ruben Schönmanns hatte seinen Eintritt in den Bund der Gemeinde unglücklich bestanden. Als er jetzt wieder durch die Reihen der Beter ging, war es, als ob er durch die Ruten eines Strafgerichtes hindurchschritte. Zischeln und Kichern, höhnisch verzerrte Gesichter umgaben den unglücklichen Knaben von allen Seiten. Ruben empfing ihn aber mit einem triumphierenden Lächeln auf den Lippen, als käme er aus einem glänzenden Kampfe. In diesem Augenblicke ließ sich in Rubens Nähe eine Stimme vernehmen, die grollend rief: »So soll es allen ergehen, die sich aus Gott einen Spaß machen. Es wird aber noch ärger kommen.« Der arme Knabe hatte diese Worte wohl vernommen; sie erfüllten ihn mit kaltem Entsetzen. Wie von einer unsichtbaren Gewalt getrieben, mußte er sich umdrehen – und Todesschauer durchrieselte ihn. Er erkannte den alten, finsteren Mann, der ihn vor einigen Wochen vor der Türe des Pfarrhauses angesprochen hatte. Ruben blickte ebenfalls nach der Seite hin, woher diese Drohung gekommen. Statt aller Antwort, die sich ihm bereits zornig auf die Lippen drängte, hob er den Knaben zu sich auf und küßte ihn. Hoch aufgerichteten Hauptes verließ er dann, Eugen an der Hand führend, die Synagoge. Was Rubens Sohne an diesem Sabbat widerfuhr, das war schon hundert und tausend anderen Knaben seines Alters widerfahren, nur unter ganz verschiedenen Umständen. Bei diesen hatte man kindliche Befangenheit in Anschlag gebracht und milde Schonung angedeihen lassen. Rubens Sohn hatte kein Recht, geschont zu werden. Das sah Rosalie klar ein, als ihr Mann lachenden Mundes ihr das Vorgefallene mitteilte. Ihr war damit eine unsagbare Hoffnung zerschlagen worden; dennoch begriff sie sehr gut, daß Ruben, wie sie ihn kannte, jetzt weniger als je geneigt sein werde, in seinen »Grundsätzen« nachgiebiger sich zu zeigen. Dennoch glaubte sie es dem Kinde schuldig zu sein, es wegen seines Mutes zu loben und ihm das Überstandene von der heitersten Seite vorzustellen. Ihr Herz war aber traurig, und, ihrem Manne unhörbar, flüsterte sie dem Kinde ins Ohr: »Mach dir nichts daraus, mein goldner Eugen! Du kannst ja nichts dafür!« Noch in der Nacht desselben Tages erkrankte Eugen unter sehr bedenklichen Anzeichen. Das Kind gehörte zu jenen feingearteten Naturen, über die ein erlebter Schreck, eben weil sie mit zu großer Absichtlichkeit vor jeder rauheren Berührung der Außenwelt behütet worden sind, eine desto verheerendere Gewalt ausübt. Aus den irren Reden des Kindes, das im heftigen Fieber lag, ging mit Bestimmtheit hervor, daß es sich noch immer in der Synagoge wähnte. Seine Einbildungskraft war unter der Herrschaft dieser einen Vorstellung. Zwischen Wimmern und heftigem Aufschreien der Furcht wiederholte es zuweilen die Anfangsworte der Segensformel, die er in dem Bethause zu sprechen hatte, dann stockte es und griff mit den Händen in das Leere, als wollte es eine drohende Gefahr von sich ferne halten. Gegen Morgen ward das Kind ruhiger; der herbeigerufene Arzt wollte jedoch trotz alles Drängens keinen tröstlichen Bescheid geben. Der Zustand des Knaben war übrigens veränderlich; bald tobte er in den wildesten Vorstellungen, die ein erhitztes Gehirn aus sich erzeugt, bald trat Klarheit aller Sinne ein, worauf er dann gewöhnlich nach der Mutter begehrte, um ihr ... minutenlang in die Augen zu sehen. Gegen den Vater zeigte er eine unerklärliche Nichtachtung, ja Abneigung! Sonderbar! So besorgniserregend der Zustand Eugens war – zwischen den Eltern wurde kein Wort, das auf ihre Befürchtungen nur entfernt Bezug nahm, ausgetauscht. Als hätten sie es verabredet, drängte jeder von beiden ein Wort zurück, das ihnen bereits mit schneidiger Schärfe auf den Lippen saß: Wer hatte den Zustand des Kindes verschuldet? Inzwischen wühlte die Krankheit immer tiefer an dem Lebensbaume des armen Knaben. Am achten Tage – es war wieder Sabbat – erwachte das Kind aus einem unruhigen Schlummer. Nur Rosalie befand sich an seinem Bette; da richtete sich das Kind mit Anstrengung aller seiner Kräfte in die Höhe und umfaßte mit beiden Händen die Mutter, die sich zu ihm geneigt hatte. »Mutter!« flüsterte es ihr mit schwacher Stimme ins Ohr, »wenn ich wieder gesund werde, sollst du sehen, wie ›fromm‹ ich sein werde. Du mußt den Lehrer gleich bestellen.« Das waren die letzten hellen Worte, die der Knabe sprach; von da an lag er bis zum dreizehnten Tage besinnungslos, nur abgerissene Worte stammelnd, die noch immer darauf hindeuteten, daß das in der Synagoge Erlebte seine bannende Gewalt nicht verloren hatte. Um die Abenddämmerung dieses Tages begann das Kind mit einem Male in jenem singenden Tone der dem Bethause angehört, die Eingangsworte der Segensformel vor der Thorarolle, aber noch ehe es den Satz geendet, sank es zurück und hatte seine Seele ausgehaucht. Laut aufschreiend erkannte Rosalie, daß ihr Kind tot sei! Der entsetzliche Schlag, der das Haus so recht in seinem Schönsten und Hoffnungsvollsten getroffen, widerhallte schmerzlich in allen Gemütern der Gasse. Nur wenige Stimmen verirrten sich so weit, den Tod des Kindes als ein Zorngericht zu bezeichnen, auf das die Worte des Zehngebotes von der Schuld der Väter seine Anwendung fand. Wann hätte sich menschliche Kurzsichtigkeit in so schweren Heimsuchungen nicht berufen geglaubt, mit ihrem Maßstabe die schwer zu erfassenden Wege des Verhängnisses zu messen? Auf Ruben und dessen Frau übte der so unerwartet rasche Heimgang ihres einzigen Sohnes eine verschiedene Wirkung. Während Rosalie stumm und starr an der Leiche des geliebten Kindes saß, keiner Träne fähig, um das Entsetzliche zu künden, das über sie hereingebrochen, gebärdete sich Ruben wie einer, dem ein himmelanschreiendes Unrecht angetan worden. Auch er fand keine Träne ... sein Schmerz hatte etwas von grimmigem Zorne an sich. Wie ein Trunkener schwankte er durch die Zimmer seines weiten Hauses; das Gleichgewicht seiner Seele war gestört. Zwischen dunkeln Verwünschungen brachen sich nur zuweilen sanfte Klagen um das Geschick seines Kindes Bahn. Für Rosalie hatte er kein Wort des Trostes; wenn er in ihre Nähe kam, drängte es ihn wie mit unsichtbarer Gewalt von ihr zurück. Fürchtete er, daß sie sprechen könnte? Das erste Wort, das zuerst über ihre starren und zusammengepreßten Lippen kam, mußte einen entsetzlichen Zwiespalt ans Licht bringen. Am dritten Tage wurde das Kind begraben. Erst als man die Leiche aus dem Hause trug, erwachte Rosalie aus der bisherigen Stumpfheit ihres Schmerzes. Ihr Jammer machte alle Herzen erschüttern; stumm und gebeugt schritt Ruben hinter dem Sarge einher. Er war in drei Tagen ein alter Mann geworden. Auf dem Friedhofe ließ Ruben an sich alle jene Gebräuche vollziehen, wie sie tausendjährige Sitte für die Trauernden vorschreibt. Einer der Totengräber schnitt mit einem stumpfen Messer in Rubens Rock einen tiefen Riß, wohl als Sinnbild dessen, wie es in der Seele des seines Kindes beraubten Vaters aussah! Auch sprach Ruben das übliche Gebet für die Toten, den »Kadisch« – es war das Letzte, was er seinem toten Knaben nachschickte. Als sich die Leute zum Heimgehen wandten, blieb Ruben noch eine Weile neben dem eben geschlossenen Grabe stehen. Sein Eugen sollte da drin liegen? Ein heftiger Tränenstrom brach ihm aus den Augen; mitleidig nahmen ihn einige der Nahestehenden beim Arme und führten den heftig sich Sträubenden von dem Platze hinweg. Wenige Schritte vom Friedhof wandte er sich noch einmal um. Der ganze »gute Ort« mit seinen einfachen Steinmalen und Gras überwachsenen Gräbern lag vor ihm; Eugens Ruhestätte war deutlich sichtbar. Sie lag auf einer Erhöhung und konnte schon aus der Ferne wahrgenommen weiden. »Dein Grab soll auch bald ganz anders aussehen, mein armes Kind, verlaß dich darauf,« sprach er, die Augen gegen den Friedhof gerichtet. »Mein Kind muß besser gebettet sein.« Die Leute, die an Rubens Seite gingen, schüttelten den Kopf zu diesem Selbstgespräch; sie wußten nicht, was sie davon halten sollten. In der Gasse erzählte man es sich als etwas Unerhörtes, welche merkwürdige Veränderung mit Ruben seit dem Tode seines Kindes vorgegangen sei. Er hielt die siebentägige Trauer um dem Gestorbenen, während welcher Zeit er sich nicht aus dem Hause entfernte, und saß nach dem alten Brauche auf einem niedern Fußschemel. Am Morgen und Abend erschienen Leute aus der Gasse, um die Gebete daselbst zu verrichten, und Ruben sprach jedesmal das übliche Gebet um das Seelenheil der Toten. Auch brannte das Licht, das nun durch dreißig Tage nicht mehr verlöschen sollte. – Ein Hauch jenes Lebens, das diesem Hause schon so lange entfremdet war, schien es wieder zu durchwehen, und vielleicht war dies die Ursache, daß sich Rosalie allmählich ermannte und eine gewisse Ruhe über sie gekommen war. Am Morgen des ersten Tages nach der siebentägigen Trauer kleidete sich Ruben mit einer gewissen Hast an, die Rosalien auffiel. Sie fragte ihn, wohin er wolle. »Willst du mir einen Gruß mitgeben?« rief er, und seine Stimme zitterte. »Ich versteh' dich nicht, Ruben!« sagte die Frau. »Ich geh' zu Eugen, zu meinem Eugen ...« rief er, und die Sprache des kräftigen Mannes klang fast wie das Weinen eines Kindes. Rosalie blickte mit weit geöffneten Augen ihren Mann an. Das war eine gar seltsame Rede. »Ich hab' ihm versprochen,« fuhr er in demselben Tone fort, »sein Grab schöner zu machen. Mein Kind soll etwas Besonderes haben ... nichts als Erde liegt auf dem armen Kinde ... ich will's ihm ein wenig leichter machen.« »Was redest du, Ruben?« rief Rosalie ängstlich, »was geht dir da durch den Sinn?« »Ich gehe zu meinem Eugen!« wiederholte er, und griff nach der Türklinke. »Wer geht denn im Sterbejahre auf den guten ›Ort?‹« rief Rosalie und legte ihre Hand abwehrend auf Rubens Arm. »Man darf ja nicht.« »Wer darf nicht?« schrie Ruben mit unheimlich funkelnden Augen; die frühere Milde seiner Stimme schien in ihr gerades Gegenteil verwandelt. »Wer darf nicht?« schrie er. »Ich nicht oder du? Wer verbietet es mir, wer kann es mir verwehren? Bin ich nicht Ruben, und bist du nicht mein Weib?« »Es ist nicht der Brauch, Ruben!« wimmerte Rosalie durch diesen heftigen Aufschrei im Innersten erschreckt. »Wer darf mir das verbieten?« rief er dagegen. »Vielleicht die da unten?« Er streckte den Arm aus und wies mit dem Finger nach der Gasse. Rosalie wich entsetzt zurück. Solch eine Miene von Hohn und Haß hatte sie noch auf keinem Menschenantlitze gesehen. Ohne ein weiteres Wort war Ruben fortgeeilt. Er schlug mit hastigen Schritten den Weg zum »guten Ort« ein, mit einem Gefühle freudiger Erwartung, als ginge er einem heitern Besuche entgegen, hart neben dem Gram und der Verbitterung im Herzen! Ehe er den Friedhof betrat, ging er zu einem in der Nähe wohnenden Gärtner. In dem Treibhause desselben suchte er unter den Blumen und Sträuchern blühende Rosen namentlich und weißleuchtende Lilienstöcke aus. Der Gärtner schaute ganz verwundert darein, als er den Ort vernahm, wohin ihn Ruben bestellte; er sollte damit Eugens Grab schmücken. Noch nie war ein solches Verlangen von den Leuten in der »Gasse« an ihn gerichtet worden ... Erst gegen Mittag kehrte Ruben in sein Haus zurück; sein Antlitz trug den Ausdruck eines gewissen Befriedigtseins. »Du solltest nur sehen, Rosalie,« rief er beinahe lustig, »wie schön jetzt dein Kind da draußen liegt. Nichts als Blumen, Rosen und Lilien wachsen aus dem Grabe heraus. Es wird einem ganz wohl ums Herz, wenn man hinsieht, wie gut ich das Kind jetzt gebettet habe. Das sollst du sehen, Rosalie.« »Das hast du getan, Ruben?« unterbrach sie ihn. »Ich habe es ihm ja versprochen!« sagte er milde. »Warum soll das Kind nicht noch in seiner letzten Ruhestätte von den Eltern geehrt und geschmückt werden? War das Kind nicht auch die Blume unseres ganzen Lebens? Hat es nicht dich und mich geschmückt? Sage, wie anders kannst du dich bei ihm bedanken? Verdient das Kind gar nichts dafür?« Rosalie legte weinend den Kopf auf den Tisch; der Ton dieses sonst so willenskräftigen Mannes, der in so milden Worten die ganze Lieblichkeit und Anmut ihres toten Knaben heraufbeschwor, er, der selbst so gebeugt nur nach dem Troste rang, wie er noch jetzt eine Pflicht gegen das Kind erfülle, all das stellte sich vor ihren Geist. »Man darf ja nicht –« schluchzte sie. »Was darf man nicht?« fragte Ruben bebend. Rosalie konnte nichts erwidern. War es, daß ihr der neuerwachte Schmerz kein Wort gestattete, oder daß sie ihren Mann zu reizen fürchtete. »Rosalie,« sagte Ruben sanft und liebreich, indem er die Schulter seiner Frau leise berührte, »du sprichst immer vom Nichtdürfen! Dein zweites Wort ist stets: Das darf man, das darf man nicht! Bin ich denn in einem Kerker, den ringsherum eiserne Gitter und Wächter mit aufgesteckten Spießen umgeben? Warum soll ich nicht können, was ich will?« Rosalie schüttelte aber den Kopf, und erst nach einer Weile sagte sie: »Damit komme mir nicht. Meine und deine Eltern haben auch nicht getan ... was man nicht tun darf. Soll ich mich für etwas Besseres halten, als sie waren? Eher bin ich schlechter.« Ruben brach ab; er fühlte, daß er die grimmige Erregtheit nicht würde bemeistern können, die sich ihm mit aller Gewalt aus die Lippen drängte. Er ließ diesen Gegenstand auch fallen, und es trat die seltsame Erscheinung ein, daß die Eheleute von dem, was doch all ihr Denken und Sinnen ausfüllte, aus Scheu, einander nicht zu verstehen, zu reden unterließen. Von nun an war Rubens täglicher Gang, nach den Blumen auf dem Grabe seines Kindes zu sehen. Gedrückt und gebeugt ging er gewöhnlich aus dem Hause, wenn er aber heimkehrte leuchtete aus seinem Auge ein Strahl von Freude, der selbst Rosalien wohl tat. Die Blumen, die er der Obhut des Gärtners anvertraut hatte, gediehen ja so schön in dem Boden, der mit dem Staube seines Kindes gemengt war! Wie dufteten die Rosen, wie leuchteten schon aus der Ferne die weißen Lilien! Eines Tages legte er bei seiner Heimkunft eine frisch gebrochene Rosenknospe vor seine Frau hin. »Die kommt von da draußen!« sagte er. Rosalie aber zuckte zusammen – und berührte die Blume nicht. Fortan schien Rubens Gedankenwelt sich nur in dem einen Kreise zu bewegen, der um den »guten Ort« sich zog. Alle andere Art von Tätigkeit schien er gewaltsam von sich fernhalten zu wollen. Nur mit Mühe faßte er den Entschluß, eine unaufschiebbare Geschäftsreise anzutreten, die nach seinen eignen Worten sich gewinnbringend gestalten mußte ... Er haßte die leiseste Berührung mit seiner gewohnten Beschäftigung; er wollte nichts als der Hüter des Grabes sein, in welchem sein Kind ruhte. Am Tage seiner Heimkunft, noch ermüdet von den Anstrengungen der Reise, wies er jede Erquickung von Speise und Trank zurück, und wollte zuvor seinem Knaben den langentbehrten Besuch abstatten. Auf der Treppe begegnete er dem Gärtner, dem er die Obhut des Grabes übertragen hatte. Der Mann brachte eine Meldung, wie sie in Rubens Lage nicht entsetzlicher klingen konnte. Als er heute früh, berichtete der Gärtner, auf den Friedhof gekommen, um die Blumen zu begießen, ... da wären die Blumen verschwunden gewesen; ruchlose Hände hätten sie aus dem Boden gerissen ... es sei zum Erbarmen, wie die armen Rosen und Lilien entwurzelt auf der Erde ringsherum lagen. Nun komme er fragen, was er zu tun habe. Eine Weile starrte Ruben mit gläsernen Augen dem Manne ins Angesicht; dann aber rang sich ihm ein Schrei aus der Brust, wie ihn nur tierische Wildheit auszustoßen vermag. »Hilfe, Hilfe!« schrie er, und seine Hände klammerten sich um den einen Arm des Gärtners. »Wer hat mir das getan?« keuchte er mühsam aus der zum Zerspringen vollen Brust. »Wo ist der, der mir das getan hat?« Der Gärtner erzählte, der Frevel müsse gestern geschehen sein, da wären Leute auf dem Friedhofe gewesen, die hätten eine Leiche zu Grabe bestattet ... von denen müsse es ausgegangen sein. »Hilfe! Hilfe!« schrie wieder Ruben. »Wer hat mir das getan?« Er rannte die Treppe hinauf und riß die Türe auf. »Hast du schon gehört, Rosalie,« rief er, »was die da unten an unserem Kinde begangen haben? Weib, hast du's gehört?« So sinnenverwirrt war Ruben in diesem Augenblicke, daß er nicht bemerkte, er habe in die leere Luft seinen Verzweiflungsruf gestoßen, denn Rosalie befand sich nicht im Zimmer. Erst jetzt öffnete sie, aufgeschreckt durch die entsetzensvollen Laute, eine andere Türe. »Hilfe, Hilfe!« schrie er, als er jetzt ihrer ansichtig wurde, und nun fiel er kraftlos, wie ein vom jähen Schlag Getroffener, auf einen Stuhl neben der Türe nieder. Rosalie glaubte wirklich, ein ähnlicher krankhafter Anfall habe ihren Mann überkommen. Sie stürzte zu ihm und richtete sein Haupt auf; sein Angesicht war jetzt erdfahl wie das eines Toten, nur die Lippen bewegten sich, und die Brust rang in fürchterlichem Kampfe nach Atem. Sie selbst schrie jetzt um Hilfe; da schlug er die Augen auf. Zwei Tränen drängten sich langsam daraus hervor; sie kündeten, daß der Grimm seines Schmerzes gebrochen war. Mit wirren Blicken sah er seiner Frau in das erschreckte Angesicht; erst allmählich schien er die Fassungskraft zu erlangen. »Hast du's schon gehört, Rosalie?« fragte er schwach. Rosalie schüttelte verneinend den Kopf. »Wie kommt das?« meinte er, »du hast wirklich nichts gehört?« Rosalie hatte nicht den Mut, noch einmal zu verneinen. Da richtete er sich in dem Stuhle auf; sein Antlitz hatte wieder die Farbe innerer Erregtheit angenommen. »Weib!« rief er und umfaßte mit einer Kraft, die man seinem jetzigen Zustande nicht zugetraut hätte, Rosaliens Arm. »Weib, ich will dir etwas vertrauen! Wir können in dem Orte da nicht länger verweilen ... Rings um uns herum lauern Feinde, die uns den Löffel Wasser vergiften könnten; das Kind im Mutterleib schon ist unser Feind! Alle sind gegen uns verschworen! Keiner hat Erbarmen mit uns! Nicht einmal das Kind in seinem Grabe ist vor ihnen sicher!« »Um Gottes willen, sei doch ruhig, Ruben!« bat Rosalie. »Ausgerissen haben sie alles!« rief Ruben in immer höher steigender Erregung. »Alles herausgerissen, mit der Wurzel heraus; nicht die kleinste Blume haben sie stehen lassen, die Unmenschen! Die Räuber und Tiger! Was hat ihnen denn mein armer Knabe getan?« Umsonst bat ihn Rosalie, sich doch zu mäßigen, er möge doch bedenken, wie sehr er seine Gesundheit gefährde. Er aber mochte in der unnatürlichen Stimmung, die alle seine Seelenkräfte unterjochte, etwas ganz anderes aus dem Munde seiner Frau vernommen haben. »Wenn ein Hund an der Kette liegt,« schrie er und stieß Rosalien von sich, »dann ist er ein Spielzeug aller Jungen in der Gasse, und ich liege an einer solchen Kette.« Rosalie begriff erst jetzt vollkommen ihren Mann. »Habe ich dir es nicht gesagt,« rief sie am ganzen Leibe bebend, »daß man's nicht tun darf ... daß es eine Sünde ist ...« »So?« lachte er laut auf. »Das wäre eine Sünde an Gott, wenn ich meinem toten Kinde zum Schmucke ein Paar Blumenstöckchen auf sein Grab einpflanze? Gott läßt die Blumen überall wachsen und überkleidet selbst das schlechteste Grab mit grünem Grase ... und ich sollte nicht mit meinem Willen etliche Rosen und Lilien meinem Knaben auf sein letztes Bett mitgeben dürfen ... weil's die da unten nicht wollen?« »Laß das Kind in Ruhe,« fugte Rosalie beschwichtigend, »es ist tot. Mit allen Blumen in der Welt kannst du es doch nicht erwecken. Was willst du also?« »Du bist also auch gegen mich?« höhnte Ruben, »gehörst also auch zu meinen Feinden? Richtig! ich hätte es bald vergessen, und es ist gut, daß du mich daran erinnerst. Du bist ja diejenige gewesen, die zu mir gesagt: Das darf man nicht tun. Nicht wahr, du Fromme, das bist du gewesen?« »Und ich sage dir's selbst jetzt, wo mir das Herz bricht wegen deines Kummers,« rief Rosalie, unbeirrt von dem lieblosen Hohne ihres Mannes. »Warum hast du mir nicht gefolgt? ...« Wie von einem plötzlichen Blitze durchzuckt, unterbrach sich Rosalie; aber auch Ruben fuhr erschreckt zusammen. Beide, Mann und Frau, mochten es empfinden, daß sie an einem Wendepunkte ihres Lebens standen, daß sie im Begriffe waren, den in ihnen wurzelnden Widerstreit in Vorwürfen und bitteren Reden offen ans Licht treten zu lassen. Wer aber sieht das Ende voraus, wenn der Brand erst die Blätterkronen einiger Bäume im Walde ergriffen hat? ... Eine plötzliche Stille war eingetreten. Ruben rang sichtbar unter der Gewalt eines inneren Kampfes; Rosalie hatte sich nach der Türe gewendet, als bereite sie sich für den Augenblick, der ihr jetzt bevorstehe, zur Flucht. »So!« sagte er schneidend und gedehnt, »ich hätte dir also folgen sollen, und wäre dabei gut gefahren? Das meinst du doch damit, du Fromme? Hätte ich nicht, wenn's nach deinem Willen gegangen wäre, mich vor den Leuten demütigen und mürbe wie Zunder zeigen und ihnen zurufen sollen: Leut', ich bin bis jetzt ein schlechter Jude gewesen; macht mit mir, was ihr wollt, geht über meinen Leib in die Synagoge, zerfleischt mich mit Peitschenhieben ... denn ich habe es verdient ...« Beide Hände auf das hochschlagende Herz gepreßt erwiderte Rosalie: »Das habe ich weder gewollt, noch gesagt. Keine Frau sieht gerne, wenn ihr Mann klein gemacht wird vor den Leuten ... oder sich gar selbst vor ihnen klein macht. Etwas anderes ist das ... vor Gott!« »Ich verstehe dich, Rosalie, ich verstehe dich gut!« rief Ruben, wie triumphierend. »Ich lese in deiner Seele einen Gedanken ... ich habe ihn drin am Todestage unseres Kindes gelesen. Du meinst ... ich hätte den Tod unseres Knaben auf mir ... ich hätte ihn verschuldet? ...« »Um Gottes willen, schweig, schweig!« schrie Rosalie. »Misch Gott nicht in unser Unglück ein. Vielleicht tragen wir beide die Schuld: versündigen wir uns nicht noch mehr!« »Da hört man, was die da unten in dich hineingeschrien haben; denn gerade so hallt es wieder aus dir heraus!« meinte Ruben kalt. »Die da unten werden dir noch mehr einreden. Was erlebt man nicht alles ... wenn man in der ›Gasse‹ alt wird!« »Kein Mensch hat mit mir gesprochen,« sagte Rosalie, »und ich habe mit keinem Menschen gesprochen. Was ich dir da sage, das ist mir wie ein Licht aufgegangen am Krankenbette unseres Kindes! Bis dahin ist stockfinstere Nacht um mich gewesen. Aber fünf Tage vor seinem Tode, da hat das Kind seine Arme um meinen Hals geschlungen und hat mir ins Ohr geflüstert: ›Mutter, wenn ich wieder gesund werde, dann will ich ganz gewiß sehr fromm sein!‹ Das hat das Kind gesagt. Seitdem ...« Rosalie konnte vor Schluchzen nicht weiter sprechen. Über Rubens Antlitz fuhr es in diesem Augenblicke wie ein lichter Himmelsstrahl; die eigenen Worte des Kindes nahmen für ihn Leben an ... Er fühlte sich davon seltsam bewegt, sie klangen ihm wie ein Gruß aus der andern Welt; aber diese Regung verstummte sogleich wieder vor der Verbitterung seiner Seele. »Die da unten,« sagte er rauh, »hatten das Kind gleich am ersten Tage, wo es unter sie trat, so erschreckt gehabt bis in die innerste Seele hinein ... daß es auf solche Reden verfallen mußte. Gesetzt den Fall, ich hätte mich durch deine Tränen nicht erweichen lassen, hätte dir nicht den Gefallen erwiesen, das Kind »Bar Mitzwah« werden zu lassen; gesetzt, ich hätte mit dem Kinde überhaupt eine andere Bestimmung vorgehabt ... wäre ihm eine solche Rede gar in den Sinn gekommen?« »Ruben, ich bitte dich,« rief Rosalie, indem sie stehend ihre Hände gegen ihn erhob, »red nicht so! Aus dem Kinde hat Gottes Stimme gesprochen.« »Habe ich ihn zu einem Räuber und Mörder erziehen wollen?« schrie er dagegen. »Ist das eine Sünde, wenn ich ihn nicht so haben wollte, wie die da unten?« »Höre mich an, Ruben!« sagte sie nach einer langen Weile, indem sie zu ihrem Manne näher trat. Ihr sonst blasses Angesicht war von einer feinen Röte bedeckt, und ihre Stimme zitterte nur wenig. »Höre mich an! In der Stille meines Kummers und in der Verzagtheit meines Herzens, da ist mir manches licht und klar geworden, was mir früher finster und bedeckt war, weil ich darüber nicht nachgedacht habe. Wozu hätte ich nachdenken sollen? Du warst ja mein Denker, und was du getan hast, das habe ich für gut gehalten. Ich habe noch mehr getan ... ich ließ dich zuviel für mich denken, und das ist leider Gottes meine größte Schuld.« »Weib!« unterbrach sie Ruben mit einer heftigen Gebärde. »Laß mich reden!« sagte sie hoch aufgerichtet. »Du kränkst dich, daß dir die da ›unten‹, wie du sagst, die Leute in der Gasse, die einzige Freude, die du deinem Kinde noch hast bereiten wollen, so grausam aus der Erde gerissen haben. Bruderliebe und Schonung verlangst du also von Leuten, die du tausendmal mehr gekränkt und mit den Füßen gestoßen hast, als sie dich beleidigt und gekränkt haben! Wer bist du? Ein einzelner. Wer sind sie? Hunderte und Tausende. Du, der einzelne, hältst dich nicht zu ihnen; dich freut nicht, was sie erfreut, dich betrübt nicht, was sie betrübt. Du hast dir ein eigenes Herz für sie angeschafft. Und wenn diese Hunderte und Tausende sagen: Das darf man und das darf man nicht, so hat dich dieses Herz angetrieben, gerade das Gegenteil zu tun. Gehörst du nicht zu ihnen? Hat dich keine jüdische Mutter gesäugt? Bist du vornehmer? Und wenn du aus königlichem Geblüte wärest, so meine ich, darfst du auch nicht schänden und entweihen, was ihnen da unten heilig ist! Nicht mit einem leisen Wörtchen darfst du sie kränken ... Und das hat ja mein armes Kind gemeint, wie es kurz vor seinem Tode versprochen hat, es wolle, wenn es wieder gesund wird, recht sehr fromm werden ... Damit hat es sagen wollen: Das erste, was ich nach meiner Krankheit mache, ist, daß ich wieder gehöre zu denen, die ... da unten sind, zu meinen Brüdern und Schwestern! Ich will lernen, was sie lernen; ich will nichts anderes sein, als was sie sind. Das, glaube mir, hat das Kind unter seinem Frommwerden gemeint ... Wenn du aber eine andere Bestimmung mit ihm vorgehabt hast, Ruben ... dann sage ich dir, hat Gott besser getan, uns das Kind zu nehmen ... bevor ...« »Rosalie!« unterbrach sie Ruben. »Wenigstens mir!« rief sie mit verlöschender Stimme, und sank dann laut schluchzend neben dem Tische nieder. Auch Ruben weinte. »Rosalie!« sagte er nach einer bangen Weile und stand auf. »Ich sehe erst jetzt, was der Tod für ein gewaltiger Gebieter und Herr ist. Er nimmt den Eltern nicht nur das geliebte Kind ... und trennt es von ihnen ... er trennt und scheidet auch die lebenden ... Eltern!« »Ich kann nicht anders, Ruben!« schluchzte Rosalie, »ich kann nicht anders.« Ruben warf noch einen langen, vielsprechenden Blick auf die in ihrem Jammer daliegende Frau; dann ging er zur Stube hinaus. Ruben hatte die Blumen auf dem »guten Ort«, wo sein Knabe lag, nicht wieder erneuern lassen; auch unternahm er keinen Schritt, um sich von »seinen Feinden« für den begangenen Frevel Recht zu verschaffen. Gegen seine Frau zeigte er sich milde und in einer Weise liebreich, als sei das eben Vorgefallene auch ein Grab, über dem sich schon die grüne Grasdecke wölbt. Wenn Rosalie es nicht merkte, dann ruhte sein Auge oft minutenlang sinnend auf ihr. Sie war übrigens nur wenig befremdet, daß Ruben seit einigen Tagen fast gar nicht aus dem Hause kam; er saß an seinem Schreibtische oft bis in die späte Nacht hinein und schrieb und rechnete unausgesetzt. Eines Morgens war er wieder ausgegangen; als er zurückkehrte, hatte er rotgeweinte Augen. Rosalie fragte ihn nicht, wo er gewesen; sie wußte es ohnehin. Im Laufe desselben Tages kündigte er ihr an, er müsse noch heute eine größere Geschäftsreise antreten; sie werde aber diesmal seine längere Abwesenheit in Anspruch nehmen, denn es seien Dinge vorgefallen, die dies dringend erforderten. Rubens Frau war nur wenig gewöhnt, sich in die geschäftliche Tätigkeit ihres Mannes einen selbständigen Einblick zu gönnen; sie nahm auch diesmal die Nachricht von seiner bevorstehenden Abreise mit der Ruhe, die ein tägliches Ereignis gibt, auf. Eines wunderte sie, daß er sie bat, Klara, ihrem jetzt einzigen Kinde, von seiner Abreise nichts zu sagen. »Das Kind könnte erschrecken,« sagte er mit unerklärlicher Hast, »wenn er ihm sein längeres Ausbleiben schon jetzt anzeigte.« Rosalie solle, wenn das Kind frage, wo denn der Vater so lange bleibe, nur frischweg antworten, er könne jeden Augenblick kommen, »um sie abzuholen«. »Warum soll ich so etwas sagen?« fragte Rosalie noch immer ohne Arg. »Es soll ja nur eine Ausrede sein,« meinte Ruben ausweichend, »um das Kind zu trösten.« Als er spät am Abend aufbrach, begleitete ihn Rosalie bis vor die Haustüre. Die Gasse war menschenleer; am Himmel leuchtete kein einziger Stern, er war von Regenwolken ganz umzogen; Rosalie empfand ein leises Frösteln. »Warum reisest du nicht bei Tag, Ruben?« fragte sie. »Ich will von den Leuten nicht gesehen werden,« sagte er rasch und ging an den Wagen, woran er noch einiges zu mustern schien. Dann wandte er sich noch einmal zu Rosalie und reichte ihr die Hand; sie zitterte heftig. »Ruben!« schrie sie, von einer unerklärlichen Angst gepackt, und schlang ihre Arme um seinen Hals; so hielt sie ihn eine lange Weile umschlossen. Ruben rang sich los; noch ehe sie ein weiteres Wort vorzubringen vermochte, war der Wagen fortgerollt. – Mit beschwertem Herzen ging Rosalie wieder ins Haus zurück. Erst jetzt, in ihrer Einsamkeit und in der Stille der Nacht fiel ihr das seltsame Benehmen ihres Mannes vor und während seiner Abreise auf die Seele. Jedes Wort, das er gesprochen, klang jetzt mit verdoppeltem Verständnisse in ihren Ohren. Was hatte Ruben vor? Warum war er so eigentümlich bewegt? Während Rosalie noch diesem Rätsel nachsann, war sie unbewußt in das Zimmer eingetreten, wo ihr Töchterchen Klara schlief. Beim Anblicke des Kindes zuckte sie zusammen. Warum hatte ihr Ruben aufgetragen, dem Kinde seine Abreise zu verbergen? Mit einem Male stand ihr Herzschlag still. Nacht trat vor ihre Augen; aus dem Dunkel des bis jetzt nicht Begriffenen starrte sie die eine Frage an: »War das Kind jetzt ohne Vater? Hatte sie keinen Mann? ...« Dann mußte sie wieder über ihr eigenes Schreckgebilde lächeln. »Gott verzeih' mir meine Sünde!« flüsterte sie mit bebenden Lippen. Sie schloß in dieser Nacht kein Auge, ihre Seele glich einem auf hoher See umhergejagten Fahrzeuge. Bald hoch oben auf den Fluten der Hoffnung, daß sich alles, was ihre Angst ihr zuraunte, zuletzt in einen wesenlosen Schein auflösen werde, bald wieder tief unten in den Abgründen, wo nichts anderes, als ihre eigene Frage ihr ins Ohr tönte: »Klara ist also ohne Vater? Habe ich keinen Mann mehr?« Nun, als sie diesem Gedanken immer mehr zur Beute wurde, begannen für sie jene entsetzlichsten Momente des Menschenlebens, die der Selbstanklage. Wenn Ruben fortgegangen, vielleicht um niemals wiederzukehren, wer trug die Schuld davon? Sie hatte ihn zu diesem äußersten Schritte genötigt, sie hatte Worte und Vorwürfe zu ihm gesprochen, die er als Vater nicht ertragen konnte und durfte. Und welch ein Vater war Ruben! All das, was sie ihm vorzuwerfen hatte, was in der letzten Zeit sich als Scheidewand zwischen sie beide gestellt hatte, entsprang es nicht aus seinem für das Wohl der Kinder und des Hauses vorsorgenden Vatergefühl? Für das Wohl der Kinder!? flüsterten wieder andere Stimmen in ihr. Wer gab ihr, wo hatte sie die Gewähr, daß dem wirklich so sei? Das war ja die Scheidewand ... und der Tod ihres Kindes war ihr ja als eine Botenstimme Gottes erschienen? ... Ihre Gedanken und Vorstellungen verwirrten sich immer mehr, sie fand keinen Ausweg aus diesen Irrgängen. Erst gegen Morgen machte ein leichter Schlummer diesen Qualen ein Ende. Als sie aufwachte, war ihr erster Gedanke: Wie weit mag jetzt Ruben sein? Jede Minute entfernt ihn immer mehr! Dann griff sie fast mechanisch nach dem Gebetbuch ... Das erste, worauf ihr Blick fiel, war ein Brief, der darin lag. Das Schreiben war versiegelt und trug in Rubens wohlbekannten Schriftzügen ihre Adresse ... Rosalie schrie nicht auf; der nächtliche Gedankenkampf hatte sie zu sehr ermattet. Es konnte ihr kein neuer Schreck etwas anhaben, sie hatte seine Schauer vorempfunden. Noch ehe sie den Brief öffnete, wußte sie ja, daß ihr Kind keinen Vater und sie keinen Mann mehr habe. Das Schreiben aber lautete: »Es ist beschlossen und fest beschlossen in mir: ich kehre nicht mehr unter die Leute zurück, die nicht einmal mein Kind im Grabe in Ruhe lassen. Ich kann Menschen nicht ins Angesicht sehen, denen eine Blume auf dem ›guten Ort‹ ein Dorn im Auge bloß aus dem Grunde ist, weil andere Leute, die doch auch Menschen, auch Väter, Mütter, Söhne, Brüder und Schwestern sind, auf ihren ›Kirchhöfen‹ einen Gefallen daran finden ... Ich mag in einem Kerker nicht leben, zu dem ich nicht hinaus darf, um im ›ersten Jahre‹ das Grab meines Kindes zu besuchen. Ich muß hinaus in die freie Welt ... in das Gefängnis deiner ›Gasse‹ kehre ich nicht mehr zurück. Schon längst habe ich mich nach diesem Augenblicke gesehnt, – warum ist er so spät gekommen? Ich bin zu furchtsam gewesen und habe mich an dein ›Das darf man nicht!‹ gehalten. Aber schon als Eugen geboren war, da hätte ich das Kind auf meine Arme nehmen und in die freie Luft aus der Gasse heraus unter ... andere Leute tragen sollen. Was hat es mir geholfen, daß ich den Knaben behütet und beschirmt habe, wie ein Gärtner eine kostbare Pflanze, daß sie mir nicht ausarte und verkrüpple? ... Ein Tag ist doch gekommen, du weißt welcher, da ist das alles zugrunde gegangen. Warum habe ich nicht besser achtgegeben? Warum bin ich mir selbst untreu geworden und habe gestattet, wogegen ich mich mit allen Kräften hätte stemmen sollen? Das werde ich nie aus meiner Seele herausbekommen ... Doch ich will dir keine Vorwürfe machen; du leidest ja nicht weniger als ich, ja, noch mehr als ich! Ich bin fertig in mir und weiß, was ich zu tun habe! Du aber bist wie ein Blatt, auf dem schwerer Staub liegt; es kann sich von der Erde nicht so leicht erheben! Dein ›Das darf man und das darf man nicht!‹ hängt an dir wie eine Zentnerlast ... und hält dich in der ›Gasse‹. Schüttle ihn ab, Rosalie, schüttle ihn ab! Sieh nicht hinter dich zurück, sieh lieber, was vor dir liegt. Dein Mann, der dich liebt, sagt es dir: Man darf! Man darf Blumen auf das Grab seines Kindes pflanzen ... und die es verbieten, sind eben Leute, die einen Kerker gern bewohnen. Ob sie seit Hunderten von Jahren zwischen ihren Gittern leben ... ich bin nicht gebunden, mit ihnen auszuharren und daselbst zu verdorren, ich und mein Kind! ... Komm, Rosalie, komm zu mir! Ich erwarte dich und unser einziges Kind Klara an einem Orte, wo es uns wohlergehen wird! Schließe ab deine Rechnung mit allem, was dich in der ›Gasse‹ noch hält. An dem Orte, wohin ich dich bringen will und unsere Tochter, da gibt es keine Gasse. Da ist freie Luft, da reißen die Menschen keine Blumen aus den Gräbern. Millionen und Millionen Menschen erwarten dich mit offenen Armen, nicht ein Häuflein von Leuten, die darum unglücklich sind, weil sie nicht frei sein wollen ...« In einem Anhange des Briefes setzte er ihr auseinander, wie sie es bewerkstelligen solle, wenn sie ihm, wie er voraussetze und hoffe, in die Freiheit folgen werde. Sie solle Haus und Garten verkaufen, die nötigen Vollmachten und Papiere finde sie geordnet in einem Fache seines Schreibpultes. Käufer würden sich in großer Anzahl finden, denn das Haus sei ja schon längst ein Gegenstand des Neides gewesen. Zuletzt schrieb er, er selbst hätte sich mit dem Verkaufe und der Regelung aller hierauf bezüglichen Angelegenheiten beschäftigt, aber er habe es nicht vermocht. Ihm sei wie einem Erstickenden zumute gewesen – er habe keine Minute länger verweilen können! Rosalie legte den Brief ihres Mannes mit der Gewißheit von sich, daß alles, was sie da gelesen, ihr eigentlich fremd sei und zu ihr in keiner Beziehung stehe. Der Inhalt des Schreibens war betäubender, als ihr Gemütszustand ertragen konnte. Sie legte den Kopf in ihre Hände und sann nach. Hatte sie das schon irgendwo gelesen? Wer hatte ihr diesen Brief geschrieben? Mehrmals nahm sie das Schreiben zur Hand, bald auf dieser, bald auf jener Stelle blieben ihre Augen länger haften. Immer fremdartiger und verwirrter erschien ihr, daß sie einen Brief erhalten, als der Inhalt desselben. Mechanisch griff sie wieder zu dem Gebetbuch, das vor ihr lag, und schlug es auf. Die erste Stelle, auf die ihre Blicke fielen, lautete in der, dem heiligen Texte gegenüber stehenden, deutschen Übersetzung: »Darum traget diese meine Worte auf eurem Herzen und auf eurer Seele; knüpfet sie zum Zeichen um euere Hand, und sie sollen sein ein Stirnband zwischen eueren Augen! Lehret sie eure Kinder, daß sie davon reden, wenn du sitzest in deinem Hause, wenn du gehest auf der Straße, und wenn du dich niederlegst, und wenn du aufstehst ...« Sie las die Stelle mehrmals. Das war ihr nicht fremd, das heimelte sie an! Sonst hatte sie plan- und absichtslos derartige Worte der Andacht vor sich hingemurmelt, jetzt traten sie in klarster Verständlichkeit an sie heran. Riesengroß, wie eine Flammenschrift, glänzten die Buchstaben vor ihr. Das war es ja, was sie gesucht hatte, da hatte ja Gott selbst das Sprecheramt für sie übernommen. »Lehret sie euern Kindern!« das hatte aus dem Munde ihres sterbenden Knaben zu ihr gesprochen, als er die Hände um ihren Hals schloß und ihr versprach, er wolle nach seiner Genesung »sehr fromm sein«. Das Kind hätte gelernt, dafür trug sie die Gewähr in sich: das Kind hätte Gott geehrt! Eine wunderbare Entschlußkraft war mit einem Male über Rubens Frau gekommen, daß sie imstande war, ihre Lage zu überschauen. Sie nahm den Brief noch einmal zur Hand, mit einer beinahe kühlen Ruhe las sie ihn wiederholt vom Anfang bis zum Ende. »Nein, nein,« sprach sie zu dem Schreiben, als stehe der, von dem es ausgegangen, leibhaftig vor ihren Augen. »Nein, mein lieber Ruben, du gabst dir umsonst Mühe, mich dahin zu bringen, wohin du willst. Ich bleibe da! Da, wo mein Kind gestorben ist, da will ich leben und sterben! Ich bleib'!« Von diesem Augenblicke an, wohl dem entsetzlichsten im Leben eines Weibes, war für Rubens Frau ein neues Dasein angebrochen. Mit einer Bedächtigkeit, die ihr niemand zugetraut hätte, leitete sie den Verkauf des Hauses ein; sie zog dabei niemanden zu Rate; ihr Geist hatte eine Schnellkraft gewonnen, die es ihr möglich machte, die Schwierigkeiten eines solchen Geschäftes zu überwinden. Als eines Tages der Verkauf des Hauses an der schwarzen Tafel des Rathauses erschien, stutzte erst alles, dann setzten sich die wildesten Gerüchte wie Bienenschwärme in Bewegung. Die einen wollten wissen, Ruben Schönmann habe in letzter Zeit so gewagte Geschäfte unternommen, daß ihm nichts anderes übrig bleibe, als Haus und Garten den Rücken zu kehren! Die dunkelste dieser umherschwärmenden Nachreden sagte ihm sogar nach, er habe bei »Nacht und Nebel« auf und davon müssen, um einem Kriminalprozesse wegen »falscher Wechsel« zu entgehen. Rosalie, der so etwas zu Ohren kam, wies, ohne irgend eine Entrüstung zur Schau zu tragen, auf die einfache Tatsache hin, daß in dem Lizitationsedikt das Wort: »aus freier Hand« enthalten sei. Ja, aus freier Hand und aus – freier Seele! Erst allmählich legten sich alle Gerüchte und verstummten endlich ganz. Rosaliens Haltung hatte am meisten dazu beigetragen; die Ehre ihres Mannes, wiewohl der eine Punkt dunkel blieb: warum das Haus so »Knall und Fall« unter den Hammer des Auktionators mußte, ging makellos hervor. Kein Steckbrief streckte hinter ihm seine Fangarme aus; die wenigen Gläubiger wurden befriedigt. Niemand ahnte den richtigen Zusammenhang. Am festgesetzten Feilbietungstage saß Rosalie zu Hause und harrte still und gefaßt der Dinge, die da kommen sollten. Nichts von dem, was durch die Seele eines Menschen, der einer engumfriedeten Häuslichkeit den Rücken kehren muß, keine der Qualen, die am Gemüte einer Frau nagen, die noch bei Lebzeiten ihres Mannes sich Witwe fühlt, blieb ihr in diesen Stunden erspart. Endlich kam der Rathausdiener und meldete ihr, Haus und Garten seien soeben um den festgesetzten Preis dem reichen Wollhändler Lazar Winterfeld zugeschlagen worden. Rosalie beschenkte den Mann reichlich, als habe er ihr eine Freudenbotschaft verkündet; dann aber brach sie, überwältigt von dem Übermaße einer seit langem nur künstlich beherrschten Fassung, in sich zusammen, und weinte laut und bitter. »Allmächtiger Gott,« drängte es sich ihr betend auf die Lippen, »rechne mir es nicht an, daß ich mit so schwerem Herzen aus diesem Hause scheide! Da sind ja meine Kinder geboren worden, da habe ich mit Ruben gelebt, da endlich ist mein Eugen gestorben. Rechne es aber auch ihm nicht an, der so an mir handelt, und wenn er im Unrecht ist, so schreibe ihm das zugut, was ich vielleicht mehr im Rechte bin. Du allein weißt, daß ich nicht anders kann!« Es währte noch einige Zeit, bis die ihr von Ruben übertragenen Angelegenheiten zum Abschlusse gediehen waren. In all ihrem Leide kam sie doch zuweilen ein Gefühl von Befriedigung darüber an, daß Ruben selbst die Ordnung eines so schwierigen Geschäftes nicht besser hätte leiten können, als es ihr gelungen war. Eines Tages war sie imstande, das aus dem Verkaufe des Hauses gelöste Geld, nach Abzug der Mitgift, die sie ihrem Manne zugebracht, an ihn zu schicken. Es war ein langer Brief, den sie ihm dazu schrieb; aber wer ihn las, hätte daraus nicht schließen können, daß ihn eine Frau geschrieben, die ihre ferneren Lebenswege von denen ihres Mannes getrennt hatte. Er war in einem geschäftsmäßigen Tone abgefaßt; sie setzte trocken auseinander, wie sie es angefangen habe, um den Hausverkauf unter so günstigen Bedingungen zustande zu bringen, auch wie sie bei Eintreibung ausstehender Kapitalien verfahren sei. Wenn sie trotzdem seine Zufriedenheit nicht erlangen sollte, so möge er bedenken – daß sie ein Weib sei, das bei einem solchen Geschäfte nur auf seinen eigenen Verstand wäre angewiesen worden, der bekanntlich ohne den des Mannes wie ein Lahmer, dem die Krücke fehle, sich bewähre ... Das war die einzige bittere Stelle, aus der ihr Seelenzustand hervorbrach. Am Schlusse des Briefes hieß es: »Was wir jetzt anfangen werden, ich und Klara, das laß dich nur wenig besorgen, Ruben! Wir haben, wovon wir leben werden. Ich weiß, daß dich das sehr bekümmern wird. Aber du kannst es mir glauben, ich habe genug und übergenug und brauche nicht mehr. Dir nachgehen, an den Ort kommen, wo du jetzt bist, kann ich nicht. Frag nicht warum? Ich darf nicht!« Nun erwartete die ganze »Gasse«, nach abgeschlossenem Hausverkaufe werde Rosalie ihrem Manne nachfolgen; aber zu aller Erstaunen blieb sie, und lange vor der für die Räumung des Hauses bestimmten Frist bezog sie ein alleinstehendes, fast ödes Häuschen draußen in der Vorstadt, hart an der Straße, die zum »guten Ort« führt. Die Frau des Mannes, dessen Wohnung als ein Palast in der »Gasse« galt, und die gleich einer »Prinzessin« bedient wurde, zog in Begleitung einer einzigen Magd in die entfernte Vorstadt – schweigend, tränenlos, keines Rates bedürftig, noch in ihrem Unglücke stolz! Stolz! Auch nicht das leiseste Fünkchen dieser Flamme lohte in ihrer demütigen, gramvollen Seele. Was die Leute dafür hielten, war eher in sich selbst versunkene Demut, wie sie ein großes Unglück nicht selten erzeugt. Rosalie hatte von der Stätte des Reichtums, die sie so heldenmütig aufgegeben, keinen Frieden mitgenommen in die Entbehrung; ein dunkler Schatten war ihr nachgeglitten, der ihr zu jeder Stunde des Tages und der Nacht gespenstisch den Gedanken vorspiegelte: »Was wirst du tun, wenn Ruben eines Tages wiederkommt und Klara von dir begehrt?« Und daß ihr dieser Kampf um das Kind noch bevorstand, das sagten ihr tausend Stimmen; sie kannte Rubens überschwengliche Liebe für die Kinder zu gut, als daß sie zweifeln konnte, er werde sein Recht auf das einzige, was ihm noch geblieben, geltend machen. Wenn das Kind dann mit seinem Vater gehen wollte – hatte sie das Recht, es zurückzuhalten, durfte sie es ihrem Manne verweigern? Und was blieb ihr dann zu tun übrig? Rosalie geriet mit sich in Widersprüche, die den Stachel der Unruhe immer tiefer in ihr Gemüt drückten. Sie zitterte, den letzten und einzigen Zweck zu verlieren, für den sie ihr Leben noch ertrug; sie bebte vor dem Anblicke des wiederkehrenden Mannes! Indem mußte sich Rosalie es selbst gestehen, daß das Kind mit Widerstreben die Entbehrungen ihres jetzigen Lebens ertrug. Klara litt sichtlich darunter; mit dem nur einer Mutter eigentümlichen Auge bemerkte sie, daß das Aussehen des Kindes die üppige Fülle, den Glanz seiner Schönheit verloren hatte. Der allzu rasche Wechsel der äußern Lebensumstände war für das verwöhnte Kind ein zu gewagter Übergang; Rosalie hatte ihm zuviel zugetraut. Noch ein anderes Geständnis, das sich ihr unter noch nagenderen Schmerzen entrang, hatte für sie etwas Demütigendes und Entsetzliches zugleich. Das Kind hing mit einer Zärtlichkeit an dem abwesenden Vater, von deren Innerlichkeit und Stärke sie bis dahin keine richtige Vorstellung hatte. Im Vergleiche damit war Klaras Liebe zur Mutter fast Gleichgültigkeit und Kälte. Wenn Rosalie es nun hörte und sah, wie das Kind in geradezu unerschöpflicher Weise sich mit der Abwesenheit des Vaters beschäftigte, wie es oft das am entferntesten Liegende mit dem Vater in Verbindung brachte, wie alle seine Gedanken nur aus ihm ihre Nahrung zogen, dann überfiel sie zuweilen eine Empfindung von Ermattung, und sie mußte sich sagen, etwas zu Gewaltiges unternommen zu haben! Nicht selten jedoch ging diese Empfindung in ein Gefühl von Wut über: sie hätte dann Blatt für Blatt und Wurzel um Wurzel jener Zärtlichkeit für den Vater aus dem Gemüte des Kindes reißen mögen ... und wäre sein Leben selbst darüber verblutet. Dann folterte sie ihren Geist wieder mit Vorwürfen, daß sich ihre Sinnesart so sehr geändert habe, um nur dem Schatten eines solchen Wunsches in sich Raum zu gönnen. Aber der Gedanke kam zu oft und ließ sich nicht mehr abweisen; je öfter er erschien, je offener fand er die Pforten ihrer Seele; er nahm zuletzt alleinigen Besitz von einem Gebiete, das ihm niemand streitig machte! Eines Abends, vor dem Schlafengehen, bemerkte Rosalie, daß sich das Kind neben dem Bette auf die Knie warf und in dieser Stellung das Nachtgebet verrichtete. Sie horchte hoch auf; Klara sprach das deutsche Gebet, wie sie es schon in ihrer ersten Kindheit gelernt hatte, und wie es Rosalie ihr selbst zu unzähligen Malen abgehört hatte. Nach der gewöhnlichen Bitte für Vater und Mutter und für sich, daß ihr Schlaf behütet sein möge, warf sich das Kind, nachdem es aufgestanden, wieder auf die Knie und rief mit gefalteten Händen und einer Innerlichkeit, die Rosalien wie ein schneidendes Messer durch die Seele fuhr: »Und mach, lieber Gott, daß der Vater bald wieder zu mir kommt.« Am folgenden Tage, um dieselbe Nachtstunde, als das Kind sich wieder anschickte, am Bette kniend das Schlafgebet zu verrichten, sprang Rosalie hinzu und hob es mit beiden Händen auf. »Du bist schon zu groß, Klara,« sagte sie aufgeregt, »das Gebet paßt nicht mehr für dich. Ich will mit dir das eigentliche Nachtgebet lernen. Aber dabei kniet man nicht ... weil man das nicht darf. Ich will es dir vorsagen ... horch auf!« Das Kind richtete die großen glänzenden Augen auf die Mutter; mehr, als ihre seltsame Rede, mochte es die ungewohnte Heftigkeit ihrer Gebärden befremden. Rosalie begann zuerst mit dem erhabenen »Schma'h Jisroel« (Höre, o Israel), indem sie dem Kinde Wort für Wort dieses göttlichen Zuspruchs laut und langsam vorsprach, und es sich von ihm wiederholen ließ. Hierauf, um das Kind nicht zu ermüden, sagte sie bloß die Verse: »Er schläft nicht und schlummert nicht, der Hüter Israels,« und: »Zu meiner Rechten ist Michael, zu meiner Linken Gabriel, vor mir Uriel, und hinter mir Raphael, und über meinem Haupte die Herrlichkeit des Herrn« – und rief dann, indem sie auf das Bett zeigte: »Jetzt lege dich sogleich!« Wieder sah das Kind mit fragenden Augen die Mutter an, deren Tun und Reden es nicht begriff; es zögerte, ihrem Gebote Folge zu leisten. »Ist das das Ganze?« meinte Klara. »Ja!« sagte Rosalie. »Steht auch etwas vom Vater darin?« Rosalie wagte nicht, dem Kinde eine Antwort zu geben. Da stürzte das Kind, noch ehe seine Mutter es hindern konnte, wieder an dem Bette auf die Knie hin und rief unter hervorbrechenden Tränen, die mehr als jedes Wort dartaten, was in diesem Augenblicke in seiner Seele vorging: »Guter Gott im Himmel! Wenn du mich lieb hast, so schicke den Vater bald zurück! Lieber Gott, tu mir den Gefallen!« Mehr als sich sagen läßt, war Rosalie über das Gehörte erschrocken. Dann aber flog sie zu dem Kinde, hob es in ihre Arme und küßte es heftig. »Ich bitte ja auch Gott,« rief sie schluchzend, »daß er uns den Vater wieder zurückgeben soll. Aber, weißt du ... ob er zurückkommen will, dein Vater?« Von Ruben war indessen keine weitere Nachricht eingelaufen, – ja, Rosalie zitterte einer solchen entgegen. Sie kannte nicht einmal den Ort, wo er gegenwärtig weilte. Da brachte ihr eines Tages der Postbote einen Brief, der ihre Adresse in den bekannten Schriftzügen ihres Mannes trug. Der Brief enthielt, ohne alle Anspielung auf das Vorgefallene, in leidenschaftslosem Tone die Zustimmung Rubens zu allem, was Rosalie bezüglich des Hauses und der sonstigen übrigen Angelegenheiten zu tun für gut befunden hatte; sie hätte es viel vorteilhafter zuwege gebracht, als es ihm selbst gelungen wäre. Am Schlusse hieß es: »In Deinem ganzen Briefe sagst du mir nicht, ob das Kind meiner denkt. Soll ich denn annehmen, daß Klara nicht mit einem einzigen Wörtchen nach mir fragt? Das kann ich nicht glauben. Hast Du ihr denn nichts gesagt? ...« Mit diesem Briefe stieg Rosaliens Unruhe aufs höchste; sie hatte nun die Gewißheit, daß Ruben zurückkehren wolle. Schon die Sehnsucht nach dem Kinde werde ihn wieder der Heimat zuführen, auch wenn er es nicht versuchen werde, noch einmal einen Angriff auf ihren so bestimmt ausgesprochenen Entschluß zu unternehmen. Wenn er nun wirklich erschien? – Und wieder stieg jener Schatten gespenstisch vor ihr auf und glitt ihr auf Schritt und Tritt nach ... der Schatten jenes Gedankens, daß sie das Kind wappnen und rüsten müsse gegen den zauberhaften Einfluß seines Vaters, und daß ihr das nur gelingen könne, wenn sie ihm die Grundsätze der frühern Erziehung aus dem Dasein risse und es befähige, am Kampfe, den sie selbst so siegreich bestanden, allen Lockungen zum Trotz, sich gleichfalls zu beteiligen. Mit dem Nachtgebete hatte Rosalie begonnen; im dunkeln Drange, daß sie durch Unterricht und Lehre nach den noch lebendigen Wurzeln im Gemüte ihres Kindes graben müsse, ging sie weiter. Sie berief wieder jenen Lehrer, der ihren Eugen für das dreizehnte Geburtsfest vorbereitet hatte, und trug ihm auf, sich Klaras »anzunehmen«, wie sie beinahe schamhaft meinte. Der Lehrer versprach, das möglichste zu leisten, wiewohl er Rosalien nicht verbarg, er fürchte von seiten des Kindes eines Widerstand, der nicht in den Fähigkeiten desselben – sondern in der früheren Erziehung liege. Mit erschreckender Heftigkeit verwies sie ihm jedoch die üble Meinung, die er von dem Kinde habe, seine Sache sei, ihrer Tochter Unterricht zu erteilen; was habe er sich darum zu kümmern, ob sie wolle oder nicht? ... Ein Kind müsse wollen. Der Lehrer fügte sich dem so trotzig ausgesprochenen Gebote dieser Frau und begann den Unterricht. Zuerst solle er das Kind beten lehren, heischte sie von ihm, das Gebet sei für sie von größter Wichtigkeit, alles andere verschwinde einstweilen davor. »Beten, nur beten!« wiederholte sie so oft, daß der Lehrer sich zuweilen eines Grauens nicht enthalten konnte. Er hatte sich übrigens nicht getäuscht; bei Klaras Unterricht trat die nämliche Erscheinung ein, die er schon bei Eugen beobachtet hatte. Das Kind bewältigte nur mit Mühe die Schwierigkeiten der ersten Anfangsgründe; es war, als türme sich jeder Buchstabe des heiligen Alphabets wie ein unübersteiglicher Berg vor ihm auf. Keine jener Künste, wie der Lehrer sie in solchen Fällen aus seiner Erfahrung nahm, wollte bei dem Kinde Ruben Schönmanns gelingen. Klara stemmte einen Widerstand entgegen, der über die Leistungsfähigkeit des Lehrers ging. Das sonst heitere Wesen des Kindes verwandelte sich in einen häßlichen Stumpfsinn, sobald die Unterrichtsstunde nahte. Seine Seele war nicht dabei; verwirrt und angstvoll schweiften seine Augen umher. Unmut in jeder Gebärde, verbissenen Trotz auf den Lippen, so trat das Kind dem Lehrer entgegen, der nach Rosaliens Willen das Herz seiner Schülerin neu besaiten sollte. Rosalie tat alles, wodurch sie den erlahmenden Eifer des Lehrers zu beleben glaubte, denn lange war sie der Meinung, die Schuld sei an ihm, wenn die Fortschritte des Kindes so weit hinter ihrer fieberhaften Erwartung blieben. Aber endlich mußte sie sich selbst gestehen, in Klara stecke ein Trotz und ein Widerstand, der alle Mühe des Lehrers zuschanden mache ... »Das hat sie von ihm,« seufzte sie oft schwer gedrückt, »das ist sein Blut!« So waren viele Wochen vergangen, der Frühling war ins Land gekommen und ein Jahr verflossen, seitdem man den armen Eugen draußen auf dem »guten Ort« begraben hatte. Ruben hatte nicht wieder geschrieben. Seit einiger Zeit fragte übrigens das Kind nicht mehr so häufig nach dem abwesenden Vater, kaum daß er noch in seiner Erinnerung zu leben schien. War dasjenige eingetroffen, was Rosalie als den eigentlichen Zweck ihres Lebens verfolgte? Hatte das Kind seinen Vater vergessen? ... Erst jetzt wurde Rosalie mit entsetzten Blicken gewahr, welche Veränderung mit Klaras Charakter vorgegangen. Das Kind war wortkarg, störrig und verdrossen, nicht nur dem Lehrer, sondern auch ihr gegenüber. Es lachte nicht mehr; sich selbst schien es zu einem freudlosen Dahinsiechen verurteilt zu haben. »Wie geht das nur zu,« hielt Rosalie oft mit sich selber Rat, »daß mir das Kind so unter der Hand und vor meinen Augen ganz anders wird, als ich erwartet habe? Soll ich einhalten? ...« Eines Abends, zu später Stunde, sprach das Kind zum ersten Male, seitdem es den Unterricht des Lehrers genoß, das Nachtgebet aus dem Buche. Rosalie horchte auf, von einer Empfindung durchtönt, wie sie in ihrem verstörten Gemüte schon lange nicht geklungen hatte! Das Kind betete selbständig zum ersten Male aus dem Buche der heiligen Sprache Gottes! Jedes Wort, das über Klaras Lippen kam, war eine Engelsstimme von oben, eine Botschaft, daß von nun an Friede und Ruhe, wie es in jenem Gebete so schön heißt, auf ihre müden Augenwimpern fallen werde! Ein leises Pochen an der Tür unterbrach sie in dieser gedankenvollen Stimmung. Noch ehe sie antwortete, war eine dunkle Gestalt ins Zimmer getreten. »Ruben!« schrie Rosalie auf und hielt entsetzt beide Hände vor ihr Angesicht. Klara aber warf das Buch, aus dem sie soeben gebetet, von sich und stürzte mit dem Rufe: »Endlich der Vater!« dem Heimgekehrten in die Arme. Minutenlang hielt Ruben das Kind umfaßt; es hatte sich an ihn festgeklammert und schien mit ihm eines werden zu wollen in diesem Augenblicke. »Rosalie!« rief er, indem er das Kind aus seinen Armen ließ, und trat näher zu ihr, indem er die Hand entgegenbot. »Da bin ich, Rosalie!« Sie aber schauderte vor seiner Berührung; mit gellender Stimme rief sie: »Ich kann nicht, Ruben, ich kann nicht! Ich bleibe bei meinem Eugen!« Ruben fuhr mit der Hand über die Augen; die Erinnerung an den toten Knaben erfüllte ihn mit einem Wehe, das er vielleicht nie so brennend empfunden hatte, als gerade jetzt. »Rosalie!« sagte er nach einer bangen Weile mit mildem Vorwurfe in seiner unsicheren Stimme, »empfängst du so einen ... den du seit beinahe einem Jahre nicht gesehen hast?« »Als was kommst du, Ruben?« rief sie mit einem Male, indem sie die Hände vom Angesichte fallen ließ. Ruben erschrak im Innersten vor dem entsetzlichen Aussehen seiner Frau; er trat scheu zurück. »Als was kommst du, Ruben?« rief sie noch einmal, indem sie sich jetzt in ihrer ganzen Gestalt von ihrem Sitze erhob. »Ich bin gekommen, um dich und Klara abzuholen!« sagte er leise. »Ich kann nicht, Ruben ... ich darf nicht!« schrie Rosalie mit äußerster Anstrengung. »Ein Jahr ist lang,« erwiderte Ruben, »und da habe ich geglaubt, du müßtest dich in der Zeit geändert haben. Wie ich aber sehe und höre – stehst du noch immer auf dem alten Standpunkte.« »Ich will's, ich will's, Ruben!« stöhnte Rosalie. »Ist das ein Haus für Ruben Schönmanns Frau?« rief er nun mit erhobener Stimme, indem er seine Blicke in der ärmlichen Wohnung herumschweifen ließ. »Besser so, als ...« unterbrach ihn Rosalie. »Und das ist ein Aussehen für Ruben Schönmanns Kind!« rief er wieder, indem er Klaras Gesicht von dem Lichte der einzigen Kerze bescheinen ließ. »Armes, gutes Kind!« sagte er wehmütig und streichelte die Wangen seiner Tochter. »So hast du nicht ausgesehen, als ich dich verlassen habe. Hat das nur ein Jahr aus dir machen können? Damals haben deine Wangen frischen Rosen geglichen, jetzt sind sie blaß und abgezehrt! Großer Gott im Himmel! wie ist das nur zugegangen?« Das Kind schmiegte sich an Ruben an und flüsterte ihm fast unhörbar zu: »Laß mich nicht mehr aus dem da lernen!« indem es auf das weggeworfene Buch hinwies. Ruben hob das Buch auf und warf einen Blick hinein. »Rosalie!« rief er, indem er sie bei der Hand nahm, »komm mit, komm mit mir!« »Ich kann nicht, Ruben; ich sag's dir ja!« schrie sie übermäßig, »ich hab's ja meinem Eugen versprochen.« »So laß das Kind wenigstens mit mir gehen!« sagte Ruben nach einer langen Weile in stockenden Lauten, und richtete einen Blick voll Angst auf seine Frau. Ruhiger, als es sich von Rosalien in diesem Augenblicke erwarten ließ, rief sie: »Frag sie doch selbst, ob sie mitgehen will.« Auf Rubens Antlitze zeigte sich der furchtbare Kampf, der in seiner Seele vorging. Seine Lippen zuckten, seine Stirne war hoch gerötet, aber seine Wangen erdfahl. Die entscheidende Frage wollte nicht über seinen Mund. Endlich rief er: »Klara, willst du mit deinem Vater gehen?« Mit einem Schrei, der wie ein Jubel innerer und äußerer Erlösung klang, stürzte das Kind in die Arme seines Vaters. Als Ruben hierauf nach Rosalien sah, lag diese in tiefer Ohnmacht ... Spät in der Nacht, als sie aus diesem Zustande erwachte, stand Ruben neben ihr und hielt ihre Hand mit der seinen umschlossen. Sie aber entwand sie ihm, indem sie nur die Augen öffnete. Ein schwerer Seufzer entrang sich ihrer Brust. »Ich kann nicht! ich darf nicht, Ruben!« flüsterte sie wie traumverloren. Weiter ward kein Wort mehr in der kleinen Stube gesprochen. Noch vor dem Morgengrauen verließ Ruben mit seinem Kinde das Haus. Rosalie war allein! Viele Jahre nachher kamen in regelmäßigen Zeitläufen unter Rosaliens Adresse Briefe an, die aus einem der Erziehung von Mädchen gewidmeten Kloster in einer Vorstadt Wiens geschrieben waren; sie blieben aber unbeantwortet. Endlich verstummten sie ganz. Eines Tages empfing Rosalie ein mit vier großen amtlichen Siegeln nebst der Unterschrift eines Pfarrers versehenes Schreiben aus Wien, das den »Totenschein Richard Schönmanns« enthielt. Rubens Grab ist nicht auf dem »guten Orte« der Wiener Gemeinde! – – In der »Gasse« lebt eine Frau, gesegnet und gepriesen von allen, die ihr wohltätiges Wirken kennen. Wo ein krankes Kind in brennender Fieberhitze liegt, da erscheint sie ungerufen und wartet seiner. Keine Mutter hat so weiche Hände, keiner stehen so linde, tröstende Worte zu Gebote, keine weiß das sieche Kind so sanft zu betten und zu legen als diese Frau. Wenn sie kommt, fährt über das gramvollste Antlitz ein Strahl von Hoffnung, die Kinder lächeln sie unter Schmerzen an. Oft gelangen auf ihren Kreuz- und Querzügen durch die halbe Welt herumziehende Bettler, in der Sprache des Ghettos »Schnorrer« genannt, mit Frauen und Kindern in die Gasse, die, den Keim schwerer Krankheiten in sich bergend, in der für solche Gäste bestimmten Gemeindeherberge, unfähig sich weiter aufzuraffen, darniederliegen. Wo niemand aus Furcht und Scheu Hand anzulegen wagt, da erscheint jene Frau und pflegt die Kranken und Elenden und richtet sie wieder auf. In Nacht und Sturm wird sie oft gerufen, um irgend einer sterbenden Frau in der Gasse ihren letzten Beistand zu bieten. Sie scheint keinen Schlaf zu kennen; kaum daß an den Fensterladen geklopft und die Bitte, daß sie da- und dorthin kommen möge, ausgesprochen wird, ist sie auch bereit und tritt den oft beschwerlichen und langen Weg an. Dann spricht sie mit der Sterbenden die letzten Gebete, und manche Mutter, deren brechender Blick auf die um ihr Bett herumstehenden Kinder fiel, hat vor ihrem Scheiden zu ihr gesagt: »Nicht wahr, Rösel, wenn ich nicht mehr bin, so wirst du dich auf die da umsehen?« – und ist so fragend mit einem befriedigten Lächeln hinübergeschlummert. Die Sprache des Ghettos hat für Frauen, die sich einem solchen Liebesdienste weihen, eine eigentümliche Bezeichnung. Sie nennt sie »Seelenfängerin«. Ruben Schönmanns Frau ist eine solche Seelenfängerin. Gottes Annehmerin. Es war gerade am sogenannten »Bußsabbat«, der wie eine unerbittliche Wacht vor dem Eingange des großen Versöhnungstages steht, und der alte Rabbiner sollte eben seine Predigt beginnen. Oben vor der heiligen Lade stand ein mit einem weißen Tuche bedecktes Betpult statt der Kanzel. Seit achtundfünfzig Jahren war der alte Mann es gewohnt, an diesem Sabbat seine Gemeinde anzureden und sie für den »furchtbarsten« aller Tage, den »Jom Kippur«, vorzubereiten. Vorerst wollte er jedoch die heiligen Thorarollen, woraus soeben der Wochenabschnitt vorgelesen worden war, der Lade zurückgeben; denn bei dieser Gelegenheit genoß er die Ehre des »Aus- und Einhebens« der pergamentenen Gottesbücher. Langsam schritt er die Stufen hinan; schon wollte seine Hand den schweren Vorhang zurückschieben, der die heilige Lade bedeckt, da taumelte er, die Thorarolle entsank seinem Arme, und er stürzte an den Stufen nieder. Ein Schrei des Entsetzens tönte durch die ganze Gemeinde. Die zunächst Stehenden eilten hinzu; man hob den alten Mann auf, den man beschädigt glaubte; aber man überzeugte sich bald, daß ihm seltsamerweise kein Unheil widerfahren war. Nun erst legte sich die gewaltige Aufregung, die sich aller Gemüter, namentlich droben in der »Weiberschul'«, bemächtigt hatte. Die Thora wurde von einem andern in die Lade gestellt; der Rabbi winkte Ruhe und stellte sich an das als Kanzel dienende Betpult. Eine tiefe Stille lagerte sich über das Gotteshaus. Wie er aber zu reden anfangen wollte, versagte ihm die Stimme; er beugte sein weißes Haupt auf das Betpult nieder und begann bitterlich zu weinen. Nie war ein solches, aus der Seele kommendes Weinen in diesen Räumen vernommen worden; es rührte den tiefsten Schmerz des Gemütes auf, und zugleich fühlte sich alles von Schauern überflogen. Es war etwas geschehen, was mit furchtbarer Beredsamkeit selbst zu dem verstocktesten Sinne sprach; dieser alte Mann, der, statt zu predigen, weinte – war das nicht ein Anblick von tief bewältigender Natur? »Redet nicht, Rabbi,« rief ihm einer, dem selbst die hellen Tränen über die Wangen rannen, aus der Gemeinde zu, »redet nicht und schont Euch! Wir haben genug gehört und gesehen!« Da erhob er sein weißes Haupt vom Betpulte, das ehrwürdige Antlitz war von Todesblässe überflogen. Mit der einen Hand stützte er seinen Kopf, mit der anderen schob er den Betmantel zurecht, der ihm von der Schulter hinabgefallen war. Seine Lippen zuckten; es war sichtbar, daß er mühsam nach sprachlichem Ausdrucke rang. »Wehe geschrien!« rief er endlich mit äußerster Anstrengung. »Wehe über mich! Ich bin jung gewesen und bin auch alt geworden, und niemals ist das Wort Gottes aus meinem Herzen gewichen und von meinen Lippen, nicht bei Tag und nicht bei Nacht. Meine Zeit ist um, und es kommt eine neue. Ich soll die Thora nicht mehr in meinen Händen halten. Wehe über mich! Was hab' ich getan, daß ich hinfallen muß, wie ein Stück Lehm, darin keine Seele ist?« Dann verhüllte er sein Haupt mit dem Betmantel, stieg langsamen, aber sicheren Schrittes die Stufen herab und begab sich nach seinem Sitze ... Es war ein seltsam verstörter Sabbat; die ältesten Leute der »Gasse« erinnerten sich nicht, einen ähnlichen erlebt zu haben. Wohin man sah, überall begegnete dem Auge ein Zug unnennbarer Traurigkeit; fast war es, als ginge ein unterdrücktes Schluchzen durch die Gemeinde, und als hätte der Unfall, der den alten Rabbiner an geheiligter Stätte getroffen, einen jeden in der Gemeinde an der wundesten Stelle des Gemütes berührt. Am Abende desselben Tages saßen drei junge Mädchen vor einem Hause in der Gasse und sangen mit vereinten Stimmen ein böhmisches Lied, doch mit so gedämpften, fast zaghaften Lauten, als fürchteten sie, die Luft könne die Klänge weiter tragen, als ihnen lieb war. Sie hatten noch ihre sabbatlichen Gewänder an; am Himmel zeigte sich die blanke Sichel des beginnenden Neumondes; in der Gasse war es menschenstill und fast regungslos. Plötzlich unterbrach eines der Mädchen den Gesang und rief: »Kinder, hört auf! Es ist vielleicht nicht recht von uns, daß wir uns am »Bußsabbat« damit Vergnügen, ein böhmisch Lied zu singen. Und dann wißt ihr doch auch, was heute in der ›Schul'‹ sich zugetragen hat?« Ihre Gefährtin, die ihr zunächst saß, ein großes, stark gebautes Mädchen, mit kühn geschnittenen Augenbrauen, lachte hell auf: »Ich sag's ja immer,« rief sie und schüttelte ihren wilden Kopf leidenschaftlich dazu, »eine wird einmal Landrabbinerin, und das bist du. Aus lauter Frömmigkeit wirst du mir die Freundschaft noch aufsagen, wie das einmal mein Geschwisterkind Perlchen getan hat.« »Um Gottes willen, du ›Klippe‹ (böser Geist), spaß nicht mit solchen Sachen!« beschwor die andere, indem sie umsonst versuchte, der übermütigen Sprecherin mit der Hand den Mund zu versperren. »Wirst du mich reden lassen!« schrie das kecke Mädchen überlaut. »Und was ist denn das für ein Unglück, wenn man sich von einer guten ›Partie‹ unterhält? Ich fürchte mich vor keinem Manne!« »Schweig, schweig, Eva!« mahnte die andere, »es ist doch noch ›Bußsabbat‹ und man darf seinen Mund nicht auftun zu solchen Reden.« »Ich red', wie ich will!« sagte Eva mit spöttisch abwehrender Gebärde; »und etwas abzubüßen haben wir beide nicht, weder du, noch ich. Das kann vielleicht erst kommen, wenn wir einen Mann haben werden. Bis dahin ist es aber noch weit genug, es sieht sich ja kein Mensch um uns um. Meinst du nicht auch, Täubchen?« Die mit diesem Namen Angeredete war bis jetzt, dem Gespräche abgewandt, dagesessen; das fahle Licht der aufsteigenden Mondessichel war an ihrem Antlitze gleichsam hangen geblieben und hatte demselben einen Ausdruck traumhafter Zerstreutheit verliehen. Das Mädchen zählte etwa sechzehn Jahre, erschien aber in diesem Augenblicke bedeutend jünger. »Ich werde fasten,« meinte Täubchen mit einer Art erschreckenden Ernstes. »An deinem Hochzeitstage!« ergänzte die übermütige Eva nachspottend. »Denn das ist ja merkwürdig, wie man bei uns Juden mit der Freude umgeht. Mein Vater muß einmal im Jahre für seinen Sohn einen ganzen Tag fasten, und warum? Weil er sein Erstgeborener ist! Und wenn meines Vaters Tochter unter die Chuppe (Trauhimmel) gehen soll, muß sie auch am selben Tage hungern und dürsten, und es ist noch von Glück zu sagen, daß man ihr am Nachmittage etwas zu essen vorsetzt. So recht freuen und aus der Seel' herauslachen, daß sich alles an einem schüttelt und rüttelt, das kann man bei uns gar nicht. Sag mir nur, Täubchen, warum nicht?« Das Mädchen mit dem träumerischen Ausdrucke sah vor sich hin. »Ich werde fasten, wie es vorgeschrieben ist,« wiederholte sie dann, »vierzig Tage lang, Montag und Donnerstag den ganzen Tag, die übrigen Tage, mit Ausnahme des Sabbats, einen halben; denn ich habe gehört, wenn eine Thora zu Boden fällt, so muß die ganze Gemeinde fasten, klein und groß, und ich bin schon älter als dreizehn Jahre ...« »Du?« unterbrach sie die luftige Eva mit weithin schallendem Gelächter, und trotz des Abenddunkels sah man ihre übermütig weißen Zähne leuchten. In demselben Augenblicke wurden die drei Mädchen aufs äußerste erschreckt. Ihnen gegenüber in der engen Gasse öffnete sich mit Heftigkeit ein Fensterladen, und eine grollende Stimme schalt zu ihnen herüber: »Erstick und verstumm! Wo hast du denn gelernt, daß man am heiligen Bußsabbat solche Sachen reden darf? Und da soll man sich noch wundern, daß heute vormittag eine Thora auf die Erde gefallen ist?« »Rettet euch, Kinder!« rief die übermütige Eva mit verstelltem Schrecken; ›Pessel mit der Tür‹ versteht keinen Spaß!« Und husch! die Mädchen waren auf und davon, als seien sie trügerische Luftgebilde gewesen; die Lustigste unter ihnen hatte sich in ein offenes Haus geflüchtet, während die beiden anderen in der Gasse auseinanderstoben. Für den Augenblick haben wir mit den Mädchen nichts zu tun: bleiben wir bei derjenigen, der der Übermut des einen von ihnen einen so sonderbaren Beinamen beigelegt hat, bei der alten Pessel »mit der Tür«. Man wird bereits erkannt haben, daß die alte Frau, von der hier die Rede ist, nicht zu jenen Persönlichkeiten gehörte, denen man mit besonderer Liebe begegnet. Im Gegenteil! Es war ein gewisser Grad von Unerschrockenheit erforderlich, wenn man ungefährdet unter vier Augen mit ihr verkehren wollte. Die alte Pessel war nur eine arme Witwe, die sich kümmerlich von einem kleinen »Schnittwarenhandel« ernährte; dennoch war ihre Macht eine gefürchtete, und um ihr ganzes Wesen lag eine Bedeutung, die selbst mancher reichen und angesehenen Frau nicht zuerkannt wurde. Sie war, was man in der »Gasse« eine »Annehmerin« nennt. Wenn irgendwo und irgendwem ein Unrecht geschah, da war es Pessel, die mit ihrer scharfen Zunge für den Gekränkten in die Schranken trat; ohne Scheu und Zagen sagte sie den Leuten die Wahrheit ins Antlitz, und es war, seltsam genug! kaum ein Fall bekannt geworden, daß man ihr das Recht dazu in Abrede gestellt hätte. Die alte Pessel war der Anwalt aller Beleidigten, und wenn sie einmal ihr Urteil über jemand ausgesprochen hatte, dann war es, als führen leuchtende Flammen zu ihrem Munde heraus, die alles, was ihnen im Wege stand, in Staub und Asche verwandelten. Um es kurz zu sagen, sie war das Gewissen der »Gasse«, und wenn ihre Zunge schwieg, so konnte man mit Bestimmtheit behaupten, daß in der Gemeinde sich nichts ereignet hatte, was das Sittengesetz oder, was zuweilen noch schwerer wiegt, die Vorschriften der gesellschaftlichen Ordnung beleidigend herausforderte. Die alte Pessel hatte niemals Kinder gehabt, und dieser Umstand mag dazu beigetragen haben, daß sich die ursprüngliche Herbigkeit ihres Wesens immer mehr zur versäuerten Stimmung umbildete, die sie nicht mehr verließ. Ältere Leute wußten sich noch ihres Mannes zu erinnern, den sie jedoch in der Blüte seiner Jahre verloren hatte. Dieser war weit und breit der berühmteste »Sarwer« gewesen; keine Hochzeit oder sonstige Festlichkeit konnte begangen werden, ohne daß Gerson Blitz als Aufwärter und Anrichter gerufen worden wäre. Dieses Geschäft bedarf eines feinen und wohlerzogenen Mannes, und so kam es, daß Gerson Blitz, der berühmte »Sarwer«, demütig und ergeben gegen alle Welt war; in den Augen der damals noch jungen Pessel erschien jedoch dieser Charakterzug als hündisch und schmeichlerisch, und sie machte ihm auch kein Hehl daraus, weswegen ihre Ehe mit dem sanften und leise auftretenden »Sarwer« keineswegs zu den rosigsten gehörte. »Gerson,« pflegte sie oft zu sagen, »dein Name ist auch auf dem Berge Sinai ausgerufen worden, und wenn du auch ein ›Sarwer‹ bist, so ist es doch möglich, daß die Väter deiner Väter geradewegs vom König David abstammen. Ich z. B. bin die Tochter eines Kohens (aus dem Stamme der Priester), und der ist ein blutarmer Mann gewesen, wie du das selber weißt, weil du mich genommen hast; aber ich rede mir ein, daß einmal vor Gott weiß wie vielen Jahren mein Ururgroßvater als ›Hoherpriester‹ im heiligen Tempel zu Jerusalem gestanden ist. Danach halte ich mich auch ... und wenn mir einer, und sei es selbst der Größte in der Gemeinde, ein Unrecht antut, oder an einem andern begeht, so denk' ich bei mir: ›Was hat er voraus vor mir? Vielleicht haben seine Vorfahren Holz gehackt für den Hohenpriester, von dem ich abstamme ... Du aber benimmst dich gegen die Welt, als wärest du und deine ganze Familie, solange sie existiert, nichts als ›Sarwers‹ gewesen, und wenn heute einer zu dir sagt: ›Gerson, leg dich knapp auf den Bauch, ich will auf deinem Rücken herumtreten!‹ so verwett' ich meine Seele, du legst dich hin und freust dich noch, als hätte man dir eine Wohltat bewiesen. Du bist und bleibst ein ›Sarwer‹.« Alle diese Reden und Vorwürfe halfen jedoch nichts; Gerson Blitz blieb der feine, wohlerzogene Mensch, dessen Pflicht es war, Hochzeitsgäste zu bedienen und sich für seine Geschicklichkeit beloben zu lassen. Er hatte, offen gestanden, kein Verständnis für den »merkwürdigen Stolz« seiner Frau, die überall ihresgleichen erblickte, während er die feste Überzeugung hatte, daß die Unterschiede in der menschlichen Gesellschaft von Gott eingesetzt und also fest begründet seien. Eines Tages sollte Gerson in einer benachbarten Gemeinde bei einer Hochzeit »Sarwersdienste« versehen; es war mitten im eiskalten Winter, und der unbeugsame Sinn seiner Frau sträubte sich dagegen, den kleinen, schwächlichen Mann allen Unbilden des Wetters preisgegeben zu wissen. »Gerson,« sagte sie, »zeig, daß noch nicht alles in dir erstorben und verdorben ist. Mußt du dein Leben daransetzen, damit reiche Leute sich einer gut angerichteten Hochzeit rühmen können? Bleib daheim, Gerson, und denke dir, die Welt soll einmal dein ›Sarwer‹ sein.« Aber Gerson Blitz hielt sich trotzdem in dem Tiefsten seiner Seele verpflichtet, dem an ihn ergangenen Rufe Folge zu leisten, bezahlte jedoch diese Treue gegen seinen Beruf mit dem eigenen Leben. Als er von der Hochzeit zurückkam, trug er die Keime einer Todeskrankheit in sich; er legte sich hin und starb. Am Begräbnistage war alles über die seltsame Wandlung erstaunt, die mit Pessels Wesen zauberähnlich vorgegangen war. Es waren Zweifel entstanden, ob sie überhaupt weinen könne, und nun zerfloß sie in Tränen; die rührendsten Klagen entströmten ihrem Munde, sie nannte den Dahingeschiedenen »die Krone ihres Lebens« ... Niemals habe es einen »feineren« Menschen auf der Erde gegeben, nur leider Gottes sei er nicht verstanden worden; nur sie allein habe ihn erkannt und verstanden ... So klagte und weinte sie, und nur wenige mochten es ahnen, daß hinter der rauhen und abstoßenden Außenseite ihres Wesens ein seltsames Gefühlsleben sich verbarg, das mit eifersüchtiger Scheu über seine eigenen Ausbrüche wachte. Die alte unbeugsame Natur Pessels trat daher alsbald wieder in ihr Recht. Sie schlug alle Anerbietungen, die man der verlassenen Witwe machte, mit bitterem Trotze aus; sie beleidigte die Leute, die sich ihr mit dergleichen mildtätigen Absichten nahten. Die »Annehmerin« nannte man sie in der Gasse, und sie war stolz auf diesen Titel. Das eine stand, fest in ihr: um diesen Titel war es geschehen, sobald sie den Menschen das Recht einräumte, Dank von ihr zu heischen. Dagegen sträubte sich der verborgenste Nerv ihres Innern; und so lebte sie in stolzer Genügsamkeit jahrelang fort, bis ein Ereignis eintrat, das ihr den anderen Beinamen: »Pessel mit der Tür« zuwege brachte. In der Gasse lebten zwei Brüder: stille, unbeachtete Leute, um die sich die wenigsten kümmerten. Sie waren einfache »Dorfgeher« und kamen oft wochenlang von ihren Wanderungen nicht zurück. Sie trieben in Gemeinschaft miteinander einen Handel mit »Kurzwaren« in das ferne Gebirge, niemand wußte, wie es mit ihnen stand. Schweigsam, wie sie beide waren, verrieten sie sich mit keinem Wort und keiner Gebärde, und wurden daher vielleicht mit Unrecht für »Mins« gehalten, die der Welt Sand in die Augen streuen wollten. Namentlich den älteren der Brüder, Zender, hielt man dafür; er hatte sich einmal in einer unbewachten Stunde geäußert: er halte nichts eher von sich, als bis es ihm gelungen, den »Ständer« (Betplatz) seiner verstorbenen Mutter, der in der vordersten Reihe der »Weiberschul'« stand und aus Not hatte verkauft werden müssen, wieder an seine Familie zurückzubringen. Seit dieser Äußerung waren Jahre verstrichen und der »Ständer« befand sich noch immer in fremdem Besitze. Die beiden Brüder lebten übrigens in innigster Gemeinschaft; nie sah man einen ohne den andern; sie hatten in der Synagoge ein Betpult zusammen, und zusammen gingen sie auf ihre Wanderungen. Wenn einer über den andern sprach, so meinte man stets einerlei Rede zu hören; bis auf einzelne Ausdrücke glichen sie sich darin. Nie kam ein Mißton in diese brüderliche Harmonie; und namentlich von dem Jüngern, der kurzweg »Josel« hieß, ging in der Gasse die Sage um, er sei einmal eine ganze Woche krank gelegen, weil sein Bruder Zender vergessen hatte, ihm »guten Sabbat« zu wünschen. Überhaupt stand auf seiten dieses Zender die überlegene Kraft; er beherrschte den jüngeren Bruder vollständig, und Josel fiel es nie ein, über irgend eine Anordnung im »Geschäfte« Rechenschaft zu verlangen. Josels Vertrauen in den Verstand seines Bruders ging so weit, daß er die Notwendigkeit eines Buches, worin sein »Soll« und sein »Haben« verzeichnet stand, gar nicht einsah, und nicht etwa darum, weil er seinem Gedächtnisse zu viel vertraute. Er schrieb wohl alles auf, was er sein »Guthaben« an Zender nennen konnte; aber das stand in keinem Buche. Die Türe seiner Wohnstube genügte ihm für diesen Zweck; dort hatte er einige unverständliche Zeichen mit etlichen Ziffern daneben angebracht. Das war sein »Buch«, und statt der Tinte diente ihm hiezu Kreide! Josel hatte ein einziges Kind im Alter von vier Jahren; seine Frau war kurz nach der Geburt des Mädchens gestorben. Eines Tages brachte man einen todkranken Mann in die Gasse. Es war Josel. Auf einer seiner Wanderungen im Gebirge war er von einer steilen Felsenwand gestürzt; Bauern fanden ihn mit zerschmetterten Gliedern am Rande eines wild dahinbrausenden Baches liegen. Er lebte noch und war bei vollem Bewußtsein. Da ihn die Bauern kannten, so bewog er sie mit Anstrengung aller seiner Kräfte, daß sie ihn in die Heimat zu seinem Kinde brachten. Am andern Morgen kam auch Zender an, den die Schreckensbotschaft frühe genug erreicht hatte. Das war der Moment, wo in der alten Pessel die »Annehmerin« mit aller Gewalt wieder erwachte. Das Elend Josels ging ihr zu Herzen, mehr noch die verlassene Lage seines Kindes. Ungerufen stellte sie sich an dem Krankenbette des Sterbenden ein und teilte sich mit Zender, der keine Minute sich entfernte, in die Wartung und Pflege Josels. Niemand hatte dagegen etwas einzuwenden; man fürchtete ebenso ihren Haß wie ihre Liebe. Sabbat war gekommen. Die Wintersonne strahlte freundlich in die Stube, wo der Sterbende lag. Zender war in die Synagoge gegangen. Da bemerkte die alte Pessel, wie sich das Antlitz des bis dahin ruhigen Kranken plötzlich verzerrte; alle Schrecken des Todes lagen darauf. Die Augen waren mit entsetzlicher Erweiterung aus ihren Höhlen getreten. »Die Tür,« schrie er krampfhaft, »die Tür!« Die alte Chaje suchte ihn zu beruhigen, aber die Aufregung des Sterbenden wuchs immer mehr. »Das Kind hat ja nichts ... ohne Tür!« knirschte er zwischen den Zähnen, und suchte sich, todschwach, wie er war, im Bette aufzurichten. Dann schloß er die Augen und lag einige Minuten in anscheinender Regungslosigkeit da. Mit einem Male öffnete er wieder die Augen, sie waren klar, und schon glaubte Pessel, die Besinnung sei dem Kranken wiedergekehrt. Als sie aber seine Hand faßte, strömte ihr eine eisige Kälte entgegen. »Pessel,« sagte plötzlich Josel mit gänzlich veränderter Stimme, denn sie klang voller und kräftiger, als sie sie jemals vernommen, »Pessel, gib mir deine Hand darauf, du wirst mein Kind nicht vergessen, denn man nennt dich nicht umsonst die ›Annehmerin‹. Vor allem aber gib acht auf die Tür ... man hat mir groß Unrecht getan ... die Tür ...« Noch ehe er den Schlußsatz vollenden konnte, war er tot. Anfangs war die alte Pessel trotz ihrer starken Natur aufs äußerste erschrocken. Sie hatte zwar ihren »Sarwer« sterben gesehen, aber wie ganz anders waren die letzten Augenblicke dieses feinen und wohlerzogenen Menschen, verglichen mit denen, die sie soeben erlebt hatte? Sie hatte ein Vermächtnis vernommen, – hatte es ihr der Fiebertaumel eines mit dem letzten Strohhalm des Daseins Ringenden zugerufen? Sie fühlte etwas wie kalte Schauer über sich hinrieseln; aber die alte Pessel war kein Weib der Furcht. Sie wußte nur das eine in diesem Augenblick: daß jemand ihre »Annehmerschaft« aufgerufen hatte und daß auf den Lippen eines Toten noch die Worte schwebten, die ihr ein hilfloses Kind auf die Seele banden. Nach diesem Kinde sah sie sich also zuerst um; sie hob es auf ihre Arme und stellte sich mit ihm gerade vor die Leiche hin. »Hast du schon einmal ›Schmah Jisroel‹ gesagt?« fragte sie, indem sie dem kleinen Mädchen fest in die großen Augen sah. »Alle Tage zweimal,« antwortete das Kind, nicht ohne Verwunderung die strenge Frau mit dem starkknochigen Antlitz anblickend. »So sag's!« gebot Pessel. Ohne Widerstreben ließ sich das Kind herbei, die verlangte Gebetformel Wort für Wort herzusagen. »Jetzt ist's gut,« meinte dann Pessel, »jetzt hast du deinem Vater einen Gefallen getan; denn er hat es vielleicht doch noch gehört, wie gut du dein ›Schmah Jisroel‹ kannst. Von künftig an wird er dich nicht mehr hören. Dafür aber werde ich deine Mutter sein, und du wirst mein Kind sein, und wenn du mir folgen und gehorchen wirst und wirst mich als deine Mutter ansehen, so sollst du es niemals empfinden, daß dein Vater Josel und deine Mutter draußen auf dem ›guten Ort‹ liegen. Übrigens weiß ich nicht, ob es nicht überhaupt besser wäre, wenn wir beide unser Haus da draußen hätten, du bei deinen Eltern, und ich bei meinem guten ›Sarwer‹.« Das Kind schien von dieser Rede sehr erschreckt; es begann heftig zu weinen, und auch die alte Pessel hatte die Augen voll Tränen, aber sie wurde ihrer bald Herr. »Du kannst weinen,« sagte sie, indem sie das Kind in eine Ecke der Stube setzte: »was soll aber ich damit? Mein Kopf muß jetzt stark sein, damit ich nicht vergesse, was dein Vater (mit dem der Friede sei) mir aufgetragen hat. Ich weiß nicht, ob das die Kräfte der alten Pessel nicht übersteigen wird; aber wenn ich verhüten kann, daß der Name Gottes entheiligt wird, soll ich mich dagegen auftun und sagen: Lebendiger König im Himmel, warum suchst du dir nicht andere heraus, die stärker sind und mehr ertragen können, als deine alte Annehmerin?« Wie man sieht, hatte die seltsame Frau, während sie sich mit dem Kinde des toten Mannes so »ausredete«, bereits den hellen Punkt gefunden, der ihr als Leitstern für ihr zukünftiges Tun dienen sollte. Ein Sterbender hatte ihr ein Unrecht geklagt; an ihm konnte es nicht mehr gutgemacht werden; aber es war eine Waise da, und das Unrecht an Waisen begangen, das nannte sie einfach eine »Entheiligung des göttlichen Namens«. Für die alte »Annehmerin« umschlossen diese wenigen Worte eine wunderbare Gefühlswelt, in deren Tiefe zu blicken uns kaum gegönnt ist. Seltsame Wandlung der Zeiten! Was einst für ungezählte Jahrhunderte die Zauberformel bildete, das ist ein fast klangloser Begriff geworden, der sich jetzt selten mehr über die Lippen, noch weniger durch die Herzen schleicht. Entheiligung des »Namens«! Was barg sich hinter diesem Worte? Wenn einer hinging und seinen Nächsten verriet, wenn das Weib, die Krone des Hauses, von den guten Geistern der Zucht verlassen ward, wenn mitten in der Familie der Hader sein Haupt erhob, daß es weithin sichtbar ward und die Augen der Gerechtigkeit auf sich zog: immer war es die Überzeugung, daß der »Name« nicht entheiligt werden dürfe. Und ohne Geheiß, fast nur dem Walten eines Naturgesetzes, dem der Selbsterhaltung, folgend, gab sich das Gemeindewesen der »Gasse« das Wort, die grauenhafte Wunde, die an seinem Innern fraß, vor aller Augen zu verbergen, daß die da »draußen« nicht gewahrten, wie da »drin« der Name des rächenden Gottes entheiligt wurde. Als ein riesiges Band, das Himmel und Erde miteinander verknüpfte, reichten diese Worte durch das ganze Leben der »Gasse«; Geschlechter vererbten sie auf Geschlechter, und auch unsere alte Pessel, die Annehmerin, hatte ihren Anteil davon erhalten! Wir würden übrigens der Wahrheit geradezu entgegentreten, wenn wir behaupten wollten, es habe der alten Frau dabei eine Persönlichkeit vorgeschwebt. Sie dachte nur an eines: wenn das Unrecht herauskommt, was dem toten Manne angetan worden, wie fange ich es dann an, daß das »Kriminal« davon nichts erfährt? In ihrem Kopfe wirbelten in dieser Beziehung die krausesten Vorstellungen durcheinander; sie war nämlich fest überzeugt, daß die »oben« nur darauf warteten, mit gieriger Hand zuzugreifen, wenn sich in der »Gasse« irgend etwas ereignete, und so war es kein Wunder, wenn ihr schon jetzt alle Schrecken der strafenden Gerechtigkeit vor Augen schwebten. Polizeileute mit hochgeschwungenen Schwertern, und zwischen ihnen ein gefesselter Mann, dessen Ketten schauerlich rasselten ... Und der gefesselte Mann war ein Kind der Gasse! Vorläufig tat also die alte Annehmerin nichts, als das am Totenbette Josels Vernommene in die geheimnisvollste Kammer ihrer Seele verschließen. Sie sprach mit niemandem davon: sie verriet sich mit keiner Gebärde. Nur einmal fragte sie das Kind Josels, indem sie es auf den Schoß nahm: »Perlchen, mein Herz, weißt du etwas von einer Tür?« Das Kind starrte sie verwundert an. »Hat dein Vater, mit dem der Friede sei, niemals von einer Tür gesprochen?« Das Kind verneinte entschieden eine Frage, deren Sinn es gar nicht begriff. »Aus dir werde ich auch nichts herausbringen,« klagte Pessel, indem sie das Kind mit heftiger Gebärde von sich stieß. Dann aber hob sie es wieder auf und bedeckte es mit Küssen. »Und wenn ich mit der Tür auf dem Rücken durch halb Böhmen wandern müßte,« rief sie leidenschaftlich, »so muß ich dir doch dein Recht verschaffen.« Als die »Schiwe«, die siebentägige Trauer, vorüber war, nahm Pessel das Kind und begab sich mit demselben zu Zender. Es war ihr doch seltsam auf das Gemüt gefallen, daß er sich während der ganzen sieben Tage um das verlassene Kind seines Bruders nicht gekümmert hatte. Sie erklärte sich diesen Umstand damit, daß Zenders Trauer um den Bruder eine fast namenlose war; er hatte sich am Tage der Bestattung wie ein Verzweifelnder gebärdet ... An einem Sonntage machte sich also Pessel mit dem Kinde auf den Weg. Zender wohnte am entgegengesetzten Ende der Gasse in einem ärmlichen Hause. Sie traf ihn, wie er gerade die Gebetriemen vom linken Arme streifte; wie er aber das Kind Josels erblickte, schrie er laut auf und Tränen entstürzten seinen Augen. »Der ganze Josel,« meinte er, indem er das Kind auf die Arme nahm; »gerade solche Augen hat er auch gehabt.« Dann streichelte er dem Kinde die blassen Wangen. »Wirst du deinen Vetter Zender auch gern haben, Perlchen, mein Leben?« fragte er im zärtlichsten Tone, der auch in dem Gemüte der alten Pessel widertönte. »Nun, Zender,« sagte sie nach einer geraumen Weile, »was gedenkst du mit dem Kinde anzufangen?« »Was ich mit ihm anzufangen gedenke?« antwortete Zender, indem er das kleine Perlchen hastig, fast allzu hastig, auf den Boden setzte. »Kann ich denn überhaupt daran denken, etwas anzufangen? Ich meine, du sollst das einsehen.« »Ich versteh' dich nicht, Zender,« sagte Pessel ganz verwirrt. »Du hast ja selber Kinder gehabt, Pessel,« meinte Josels Bruder, »und da wirst du wissen ...« »Ich habe keine Kinder gehabt,« rief die alte Annehmerin mit einer gewissen schmerzlichen Herbigkeit. »Was tut das auch zur Sache?« meinte Zender. »Aber so viel wirst du doch wissen, daß, wenn man schon sechs Kinder sein eigen nennt, die alle gesunde und frische Mäuler haben, so macht ein siebentes, was dazu kommt, schon einen großen Unterschied.« »Ich möcht' so etwas nicht zählen,« sagte Pessel, aufs neue durch die Reden Zenders in Verwirrung gebracht. »Ich mein' nämlich, wenn Gott einem den Segen ins Haus stellt, so darf der Mensch es sich nicht beifallen lassen, nachzusehen ob's nicht zu wenig ist. So ist es mit Kindern. Wie du sie zählst, so zählt sie dir Gott nach, und ehe du dich umsiehst, kann dir eines oder das andere fehlen.« »Gott soll mich behüten und beschützen!« rief Zender erschrocken. »Was redest du da, Pessel, und wie kann dir nur einfallen, daß mir meine sechs Kinder zu viel sind?« In der Seele der alten Pessel begann von diesem Augenblicke an ein eigentümliches Gedankenleben; wie aus der Tiefe eines Brunnens kamen allmählich helle Lichter an die Oberfläche ihres Denkens; es war ihr, als hätten unsichtbare Stimmen aus weiter Ferne ihr zugerufen, von nun an die Worte dieses Mannes wie ein angezweifeltes Gewicht auf der feinsten Wage zu prüfen! »Sag's also kurz, Zender,« rief sie mit einem Male, »deines Bruders Waise ist dir zu viel, du hast an dir genug zu tragen?« Zenders Augen schwammen voll Tränen; er ergriff die Gebetriemen, die noch auf dem Tische lagen. »Pessel,« rief er beteuernd, »ich schwör' dir's bei den Köpfen meiner sechs Kinder, ich bin ein armer Mann –« »Lebendiger Gott!« schrie Pessel, ihm den Arm zurückhaltend, »bin ich denn ein Richter, daß du dich zum Schwören anschickst?« Sie war aufs tiefste erschüttert. »Du willst mir ja nicht glauben, Pessel,« sagte er. Nach einer geraumen Weile schickte sich die alte Annehmerin zum Weggehen an. Sie hob das Kind Josels wieder auf den Arm; das Herz war ihr wie von eisernen Reifen umspannt. »Das kleine Perlchen werd' ich einstweilen bei mir behalten,« sagte sie, indem sie die Türklinke ergriff; »ich seh' ja doch, der oben im siebenten Himmel will schon, daß die alte Pessel auch wissen soll, was eine Mutter ist. So will ich sie einstweilen bei dieser Waise vorstellen. Bist du's zufrieden, Zender?« »Das kann dir gar nicht unvergolten bleiben, Pessel; Kinder und Kindeskinder werden davon sprechen, wenn du längst nicht mehr bist, was du an einem fremden Kinde getan hast.« Pessel ging; Zender gab ihr bis an die Haustüre das Geleite. Erst da kam es ihr in den Sinn, daß sie mit dem Oheim der angenommenen Waise noch nicht über die Hauptsache gesprochen hatte. Die Worte kamen ihr nur schwer über die Lippen. »Zender,« sagte sie, »ich muß mit dir noch von etwas reden, was du vielleicht nicht weißt. Einige Minuten vor seinem Tode hat dein Bruder Josel von einer Tür gesprochen und hat dabei ausgerufen, es wär' an ihm und an seinem Kinde ein großes Unrecht begangen worden. Ich muß immer daran denken, daß er etwas hat sagen wollen, was vielleicht für die Zukunft seines Kindes von großem Nutzen sein könnte. Warum hätte er in einem fort: die Tür, die Tür! ausgerufen, wenn er nicht etwas damit gemeint hätte? Vielleicht hat er dort eine Schuld aufgeschrieben gehabt, und da solltest du, weil doch ein Kind da ist von ihm, dafür sorgen, daß es nicht zu Schaden kommt?« Ein stilles, trauriges Lächeln schlich über die Gesichtszüge Zenders. »Was bist du doch für ein Narrele, meine gute Pessel,« sagte er bedächtig, ohne auch nur in einem Worte eine höhere Erregtheit zu zeigen, »daß du dir solche Dinge in den Kopf setzest? Weiß ich denn nicht selbst am besten, wie es um ihn gestanden ist? Woher soll Josel, mein Bruder, sich so viel erübrigt haben, um es als Schulden an die Türe zu schreiben? Josel war ein armer Mann, wie ich einer bin, und wenn ich heute sterbe, wer nimmt sich meiner sechs Kinder an?« In diesem Augenblicke wußte die alte Pessel in der Tat nicht, was sie Zender antworten sollte. Sie fühlte, daß er die Wahrheit sprach, und doch – es regte sich kein Mitleid in ihr, es rieselte etwas Erkältendes aus den Worten Zenders und drang nicht an ihr Herz. Darum behielt sie ihr kühles Bewußtsein, und nach einer Weile fiel sie wieder in den früheren Gedankengang. »Er hat aber doch so bestimmt von einer Tür gesprochen,« meinte sie, »und er war damals gerade so bei Vernunft, wie ich und du. Es muß etwas Besonderes mit der Tür zusammenhängen, und das wird aus meinem Kopfe nicht herausgehen, als bis ich es gefunden habe.« »Laß das gut sein, Pessel,« meinte Zender mit demselben traurigen Lächeln um die dünnen Lippen. »Du hast meinen Bruder Josel nicht so gekannt wie ich. Er hat immer einen schwachen Kopf gehabt, und da darf es dich nicht wundernehmen, daß er wenige Minuten vor dem Tode nicht stärker geworden ist. Mit der Tür magst du recht haben; aber was wird es gewesen sein? Er hat sich vielleicht die zwei ›Jahrzeiten‹[R1] von Vater und Mutter aufgeschrieben gehabt, um sie nicht zu vergessen, und wie der Todesengel an sein Bett getreten ist, da mag er an die Tür gedacht haben; aber auf Schulden hat er in diesem Augenblicke nicht seine Gedanken gerichtet. Sein Kopf ist dafür zu schwach gewesen.« Es überkommt die Seele zuweilen ein ahnungsvolles Schauen und Empfinden, das wie ein Blitz niederfährt, und gleich diesem wieder in das nächtige Dunkel zurückfährt. Während Zender so sprach, war es für die alte Annehmerin, als ginge sie in lauter Licht, alle Wege waren aufgehellt und auch nicht der kleinste Punkt in dem wirren Gedankenleben, das sie seit dem seltsamen Vermächtnisse Josels führte, blieb ohne Beleuchtung. Jetzt wußte sie, was sie wissen wollte, jetzt war es ihr klar geworden, warum der Sterbende sich so entsetzensvoll an die ... Türe geklammert hatte. Da stand er vor ihr, der »den Namen Gottes« entweiht und entheiliget hatte ... So mächtig war das Gefühl der tiefsten Entrüstung über sie gekommen, daß ihr selbst das armseligste Wort versagte. Den eigenen Bruder, der im Grabe lag, der Verachtung preisgeben, Schlechtes von dem zu reden, der mit ihm an [F1: Die Todestage der Eltern und Verwandten.] einer Mutter gesäugt worden war, denjenigen noch im Andenken verkleinern, dem er früher Bruderliebe geheuchelt hatte, das konnte nur einer, auf dessen Gewissen etwas von einer schweren Schuld lastete. »Er hat's ausgelöscht,« schrien gewaltige Stimmen in ihr, »er weiß, was dort geschrieben war, all sein Reden und Schwören hilft ihm nichts. Er hat's getan.« Aber sie sprach diesen Gedankensturm nicht aus; sie konnte den Mann mit ihren scharfen, grauen Augen nur anstarren; aber die Heftigkeit, womit sie das Kind Josels immer fester an sich drückte, hätte Zender sagen können, was in der alten Frau in diesem Augenblicke vorging. »Noch eines, meine gute Pessel,« sagte er, und wieder legte sich die Traurigkeit des frühern Lächelns um seine Lippen. »Du nimmst jetzt das Kind zu dir, und ich mein', es ist bei dir so gut aufgehoben, wie bei einer wirklichen Mutter. Wenn du übrigens für das Kind manchmal ein Kleid oder ein Paar Schuhe bedarfst, so weißt du, bei wem du so was zu holen hast. Gott hat mir zwar sechs Kinder geschenkt, aber wenn man so viele zu bekleiden hat, so wird auch noch manches für Josels Kind übrig bleiben. Viel wird es nicht sein, denn du kennst das Sprichwort: Kurz geschorene Haar' sind bald gebürstet.« Da konnte die alte Annehmerin sich nicht enthalten, mit aller Herbigkeit ihres Wesens auszurufen: »Ja, Zender, ich werde die Mutter dieses Kindes sein, und wie eine Mutter werde ich darüber wachen. Und wie eine Löwin werde ich dastehen, wenn man da meinem Perlchen ein Unrecht wird antun wollen. Das aber sag' ich dir, Zender, wer die Tür auf dem Gewissen hat, von der dein Bruder Josel in seiner letzten Stunde gesprochen hat, dem wird diese Tür ein starkes, eisernes Tor sein mit großen Schlössern und Riegeln daran, und ins »Gan Eden« (Paradies) kommt der nicht hinein.« Von diesem Augenblicke an war das Leben der alten Pessel gleichsam von zwei Gewalten, die gegenseitig sich jeden Fußbreit Landes streitig machten, gleichmäßig beherrscht. Haß hieß die eine, Liebe die andere. Was sie von der einen im reichlichsten Maße auf das Kind übertrug, das gab sie mit gefüllten Scheffeln von dem andern an Zender zurück. Den Leuten in der »Gasse« kam es übrigens als etwas Selbstverständliches vor, daß Pessel der verlassenen Waise sich angenommen hatte. So hatte sie selbst, urteilte man, auf ihre alten Tage ein Wesen um sich, dessen sie sich erfreuen konnte. Sonderbar genug erblickte man hie und dort in diesem Schritte der »Annehmerin« den fürchterlichsten Eigennutz. »Sie hat ihren ›Sarwer‹ zu Tode geplagt,« hieß es, »sie wird das gleiche auch an dem armen Waisenkinde versuchen.« Aber so sind die Menschen! Dafür, daß ihnen die werktätige Pessel eine Last abgenommen hatte, nämlich die Sorge für ein hilfloses Kind der Gemeinde, bezeugten sie ihr Lob oder Tadel, je nachdem es in ihrer Stimmung gegen die alte Frau lag; wenn sie aber in geheimnisvollem Tone auf den Gegenstand zu sprechen kam, der ihr seit dem Tode Josels als ein noch nicht angetretenes Vermächtnis im Gemüte lag, auf jene Türe nämlich, dann hatte man für diese »fixe« Idee der alten Frau nur eine mitleidige Miene oder meistenteils ein rohes Gelächter, und bald hieß es nicht mehr, die »Annehmerin« sondern »Pessel mit der Tür«, als ob die alte Frau nie einen andern Namen getragen hätte! Pessel nämlich ruhte nicht; sie forschte und fragte, und wo ihr irgendwo ein Licht erschien, das ihr auf die Spur des Zusammenhanges der Türe mit den letzten Worten Josels verhelfen konnte, darauf ging sie mit einem Eifer los, den selbst ihr Alter nicht zu ermatten imstande war. Bald vorsichtig, bald leidenschaftlich verfolgte sie ihr Ziel, das aber, je näher sie es gekommen glaubte, schattengleich schwand. Und ein Schatten von einem Schatten war es, wenn sie die Leute fragte, ob sie nicht wüßten, daß Josel irgend ein Vermögen hinterlassen habe, ob sie nicht erfahren hätten, daß ihm jemand etwas schuldig geblieben? »Was fragst du mich?« hieß es dann gewöhnlich, »frag doch lieber seinen Bruder Zender, der muß dir die beste Auskunft geben können.« »Zender weiß von nichts,« bemerkte sie dann mit einer gewissen lauernden Miene, »und er selbst ist ein armer Mann.« Seltsam! Die Überzeugung im Herzen hegend, daß der Bruder Josels eine Gewissensschuld in sich trage, hatte ihr Mund doch Scheu, den Verdacht auszusprechen, der lichterloh in ihrer Seele brannte. Einmal entfesselt, wußte sie, ließ sich die Flamme nicht mehr bändigen; sie ergriff alles, was ihr im Wege stand, und das konnte und durfte sie um des »göttlichen Namens« willen nicht zugeben; die Sünde wäre dann auf ihr Haupt zurückgefallen! »Wenn du also auch dieser Meinung bist,« entgegnete man ihr, »was willst du dann? Zender ist ein frommer Mann; wäre der imstande, seines Bruders Waise ein Unrecht anzutun? Die Sache ist, daß ein Mann mit sechs Kindern ein armer Mann ist, und du siehst es ja mit deinen eigenen Augen, wie er sich plagt und abmüht, um Brot für seine Familie ins Haus zu schaffen. Tut das einer, wenn ihn nicht die Not dazu zwingt?« Ja! das sah die alte Annehmerin freilich mit ihren eigenen Augen! An jedem Freitag Nachmittag, wenn sie selbst draußen vor ihrem Laden stand, kam Zender vorüber, einen schweren Pack auf dem Rücken, dessen Wucht ihn bis zum Boden niederzubeugen schien, und wischte sich vor ihrem Angesicht den Schweiß von der Stirn. Wie kummervoll er aussah! Das ganze Elend eines »Dorfgehers«, der oft die ganze Woche keinen warmen Bissen zu sich nahm, stand dann lebendig vor ihr. Wenn Pessel das sah, dann flüchtete sie sich in das Innere ihres Ladens, dann schlug ihr das Herz vor stürmischer Aufregung, und oft saß sie da, ihr Antlitz mit den Händen bedeckend, und mußte bitterlich weinen. »Und er hat's doch ausgelöscht!« riefen dann die unversöhnlichen Geister in ihr, »und er hat's doch getan und kein anderer, denn er hat seinen Bruder im Grabe beschimpft.« Eines Tages kam das kleine Perlchen aus der Schule und fragte sie: »Warum heißen sie dich Pessel mit der Tür?« »Wer hat mich so geheißen?« »Vetter Zenders Eva, die neben mir sitzt.« »Also in deines Vetters Haus nennt man mich auch so?« Mehr sagte Pessel nicht; aber als sie in der Nacht das Kind zur Ruhe gebracht und mit ihm das Schlafgebet gesagt hatte, blieb sie gegen ihre Gewohnheit am Bette sitzen, anscheinend in tiefe Gedanken versunken. Plötzlich sagte sie: »Perlchen, ich habe noch mit dir etwas zu reden. Schlaf nicht ein.« Die Stimme der alten Pessel zitterte vor innerer Bewegung, die sonst so sicher und mutig klang. »Soll ich dir sagen, Perlchen, warum sie mich ›Pessel mit der Tür‹ heißen?« Das Kind öffnete trotz seiner Schlaftrunkenheit die großen, glänzenden Augen und richtete sie fragend auf das Antlitz der Pflegemutter. »Ich will dir das jetzt sagen, Perlchen,« fuhr sie fort, »und ich glaube auch, du wirst mich verstehen. Dein Vater, mit dem der Friede sei, war ein armer Mann; aber einmal hat er etwas gefunden, ich glaube, es war ein Stück Gold, und damit er es nicht wieder verliert, hat er es irgendwo an einem versteckten Orte aufgehoben; auch hat er mit Kreide auf die Tür geschrieben, wo es zu finden sein wird, wenn er den Ort einmal vergessen sollte. Weißt du noch, Perlchen, die Stube, wo du früher gewohnt hast, und die Tür dort? ...« Das Kind nickte bejahend mit dem Kopfe. »Also wie dein Vater, mit dem der Friede sei, im Sterben war, da hat er nur mir allein anvertraut, daß dort auf derselben Türe aufgeschrieben steht, wo er sein Stück Gold aufgehoben hat. Wie ich aber zu der Türe hingehe und will nachsehen, was dein Vater dort aufgeschrieben gehabt, was meinst du, Perlchen, habe ich dort gefunden? ... Nichts, gar nichts; alles war ausgelöscht; und ... darüber ist dein Vater gestorben.« Der märchenhafte Charakter, in den sie die Wirklichkeit zu kleiden verstanden hatte, ergriff die Aufmerksamkeit des Kindes mit bannender Gewalt. »Und weil ich jetzt forsche und nachsuche, ob ich denn doch nicht das Versteck finde, wo dein Vater seinen Fund aufgehoben hat, und weil ich die Leute auf und ab frage, ob sie mir nicht sagen können, was auf der Türe aufgeschrieben gewesen, und weil mir mein Herz darob bricht, und weil alle meine Gedanken bei den letzten Worten deines Vaters Josel stehen geblieben sind – darum heißen sie mich: ›Pessel mit der Tür‹. Und jetzt weißt du, wie es mit mir steht.« »Weiter!« meinte das Kind, weil ihm das Ende des Märchens noch nicht gekommen schien. »Das Geschichtchen ist aus!« sagte die alte Pessel tonlos, denn mehr als je war die Erfolglosigkeit ihres bisherigen Tuns an sie herangetreten. Nach einer Weile aber rief sie mit großer Heftigkeit: »Perlchen, schlaf noch nicht ein, ich habe dir noch etwas zu sagen.« Das Kind horchte wieder auf. »Wer hat mich dir ›Pessel mit der Tür‹ geheißen?« »Vetter Zenders Eva, die neben mir in der Schul' sitzt.« »Von nun an wirst du bei deines Vetter Zenders Eva nicht mehr sitzen, und wirst kein Wort mit ihr reden, und wenn sie mich in deiner Gegenwart so heißt, so kannst du die Hand gegen sie aufheben und sie schlagen ... Nein, nein, schlage sie nicht, es ist schon einer da, und der sitzt im siebenten Himmel, und wird eines Tages mich auch ›Pessel mit der Tür‹ heißen ... Aber da wird meine Seele lachen und wird sagen: »Ich habe doch recht gehabt, und ich habe dein Kind angenommen, denn ist nicht eine Waise dein liebstes Kind?« Helle Tränen rannen über das hagere Antlitz der alten Annehmerin. Das Kind aber, erschreckt durch die dunkeln Worte und die Leidenschaftlichkeit seiner Pflegemutter, versteckte sein Köpfchen hinter die Kissen, bis Pessel nach einer geraumen Weile sagte: »Perlchen, schlaf noch nicht ein!« Das Kind hub gehorsam seinen Kopf aus den Kissen. »Hast du Vetter Zenders Eva gern?« »Wie mich selbst!« »Ich kann dir nicht helfen, Perlchen, mein Gold, du mußt dir das aus dem Herzen herausreißen, und wenn es dir auch weh tut. Du hast deinen Vater, mit dem der Friede sei, nicht gehört, wie er gerufen hat: die Tür, die Tür ... Und wenn sie dich blutrünstig schlägt, so geh du still zur Seite und rede nichts! Es wird schon eine Zeit kommen! ... Für jetzt müssen wir aber alle beide schweigen!« Seit dieser nächtlichen Besprechung mit dem Kinde Josels waren fünf Jahre verflossen. Für Pessel war diese Zeit schattengleich entwichen, kaum daß sie bemerkte, daß die Waise indessen aus einem verkümmerten Wesen eine Blüte geworden war, auf der die Augen der Gasse mit Behagen ruhten. Noch immer ging Zender an jedem Freitag Nachmittage mit dem schweren Packe des »Dorfgehers« an ihrem Laden vorüber, noch immer war seine Miene tiefbekümmert; nichts in seinem Wesen verriet, daß eine günstige Änderung seiner Lage eingetreten war, die sich auch äußerlich kundgeben mußte. Namentlich an solchen Tagen fuhr es ihr oft wild durch den Kopf: war sie im Recht, war sie im Unrecht? Der Bau der sittlichen Weltordnung schien dieser alten Frau auf unsicheren Grundlagen zu ruhen, der Ausklang ihres müde gewordenen Lebens schien ihr nur von der Lösung der Frage abzuhängen: wer hatte die Schrift des armen Mannes von der Türe weggelöscht? War es Zender? Und wenn er es war, warum zögerte das Verhängnis, über denjenigen hereinzubrechen, der auf seinem Gewissen Flecken trug, schwärzer als die finstere Nacht? »Lebendiger Gott!« rief sie zuweilen in der Angst ihres Gemütes, von Schauern überflogen, »hast du mich darum zu deiner Annehmerin gemacht, das ich jetzt auf meine alten Tage wie eine Trunkene umherwandeln muß, die nicht weiß, was Wahrheit ist und was Lüge? Warum läßt du mich in solcher Finsternis gehen? Hätte ich vielleicht nicht auf Josels letzte Worte hören sollen? ...« An einem Sabbatmorgen kam Pessel sehr früh in die Weiberschul'. Der Gottesdienst hatte kaum begonnen, und darum waren die meisten Sitze noch leer. Allmählich füllte sich der Raum mit festtäglich geschmückten Frauen, die geschäftig plaudernd und geräuschvoll eintraten und sich noch manches mitzuteilen hatten, ehe sie die Gebetbücher aufschlugen. Hie und da schlug die Frage: »Wo hält man?« an Pessels Ohren, und mitten in ihrer Andacht konnte sie sich nicht enthalten, darüber grollend nachzudenken, wie verdorben die heutige Welt sei, die nicht mehr verstehe, aus einem angefangenen Worte die Gebetstelle zu erraten, die von dem Vorbeter unten bei den Männern gerade angestimmt wurde. Zu ihrer Zeit war das anders gewesen. – Da rauschte eine in Seide gehüllte Gestalt an ihr vorüber. »Wer war das?« fragte Pessel ihre Nachbarin, da gerade das »Leinen« oder der Vortrag des Wochenabschnittes aus den fünf Büchern Moses beginnen sollte. »Kennst du die nicht?« lautete die Antwort. »Das war Zenders Frau.« » Die in einem seidenen Kleide?« Alles Blut drängte sich ihr zu Kopfe. Sie sollte in dieser Stunde noch mehr erfahren. Sie sah, wie Zenders Frau, rauschend in ihrem seidenen Kleide, sich durch die Betplätze drängte und endlich in der vordersten Reihe, hart am Gitter, da wo die vornehmsten und reichsten Frauen der Gasse saßen, sich niederließ. »Wie kommt die auf diesen Platz?« fragte Pessel wieder. »Pessel, wie kommst du mir nur vor?« meinte die Nachbarin achselzuckend, »du redest, als kämst du aus Amerikum! Weißt du denn nicht, daß Zender den Sitz um bare zweihundert Gulden gekauft hat? Er hat früher seiner Mutter gehört; jetzt hat er ihn für seine Frau erworben.« »Ist er's denn imstande zu tun?« »Wie fragst du nur, Pessel? Man sagt, Zender wird nächstens ein großes Gewölbe auf dem ›Ring‹ aufmachen.« Plötzlich stieß die Nachbarin, die so gesprochen hatte, einen schrillenden Schrei aus: die Frau, die neben ihr saß, war in Ohnmacht gesunken; es war unsere alte Pessel. Die Frauen drängten sich herbei; eine von ihnen trug ein wohlriechendes Wasser bei sich, womit man die Ohnmächtige besprengte. Als sie wieder die Augen aufschlug, lauteten ihre ersten Worte: »Die Tür, die Tür!« »Soll einer nur sagen,« flüsterte eine der jungen umherstehenden Frauen, »wie sie zu dieser fixen Idee gekommen ist?« »Narrele,« bemerkte ihr eine ältere mit der Miene tiefer Erfahrung, »kannst du mir sagen, woher überhaupt eine Krankheit kommt? Es ist eine Krankheit, wie jede andere.« Als Pessel sich einigermaßen erholt hatte, begehrte sie, nach Hause geführt zu werden. Es litt sie nicht mehr an einem Orte, und war es selbst der ihrem Gott geweihte, die Luft mit Zenders Frau zu atmen, die in einem Kleide sich blähte, das nicht ihr gehörte, und einen Sitz einnahm, der mit dem blutigen Erbteile einer Waise gekauft ward. Allein gelassen mit Perlchen, ihrem Pflegekind, rief sie dieses zu sich. Das Mädchen stand tief erschrocken vor dem fast unheimlichen Anblicke, den die alte todblasse Frau bot. Sie saß in einem morschen Lehnsessel, die Arme kraftlos herabhängend, während unter den graugewordenen Brauen die Augen fieberhaft leuchteten. »Perlchen,« sagte sie schwach, »wie alt bist du eigentlich heute?« »Weißt du das nicht? Auf Sukkoth (Laubhüttenfest) werde ich vierzehn und ein halbes Jahr alt.« »Und wie ich dich zu mir genommen habe, warst du ein vierjährig Kind!« Dann drang ein tiefer Seufzer aus ihrer Brust. »Ich versteh' mich auf Gott nicht mehr. Kann er warten, oder kann ich mich nicht gedulden? Seit zehn Jahren warte ich Stunde und Minute, daß er, der gelobt und gepriesen sei, sich mir zeigt, und was muß ich erleben? Es ist alles ärger geworden, und ich geh' noch immer in der alten Finsternis.« Sie schwieg hierauf eine geraume Weile, und saß dann mit geschlossenen Augen da, so daß Perlchen glaubte, sie schliefe. Plötzlich fuhr sie mit einem lauten Schrei auf; sie umklammerte die Hände des Mädchens und rief mit Tönen des tiefsten Entsetzens: »Perlchen, mein Kind, ich glaub', ich werde sterben. Ich fühl's schon, wie mir der Tod vom Herzen heraufkommt. Dann wirst du allein auf der Welt dastehen, und ich werde allein in der Erde liegen. Aber ich will noch nicht sterben, ich darf nicht ... und Gott läßt noch immer auf sich warten ...« Allmählich beruhigte sie sich wieder; ihr Auge verlor den schreckhaften Glanz. »Perlchen,« sagte sie, das Haar und die Wangen des Mädchens streichelnd, »erinnerst du dich noch an jene Nacht, wo ich dir von dem Stück Gold erzählte, was dein Vater, mit dem der Friede sei, einmal gefunden hat, und wie er's auf die Tür geschrieben hat, um den Ort, wo er es versteckt, nicht zu vergessen?« »Als wenn es heute geschehen wäre!« »Damals habe ich dir gesagt, ich könnt' den Ort nicht auffinden, wie ich auch forsche und suche, weil einer die Schrift ausgelöscht hat von der Türe. Soll ich dir etwas verraten? Von heute an kenne ich den Ort, und weiß auch, wer die Schrift deines Vaters ausgelöscht hat ...« »Ich weiß es auch,« sagte Perlchen tonlos. »Lebendiger, großer Gott! was sagst du da?« schrie die alte Frau mit dem ganzen Aufgebot ihrer tief leidenschaftlichen Natur. Drohend, hoch aufgerichtet, mit brennenden Augen stand sie vor dem Mädchen da. Seltsamerweise zeigte sich Josels Kind in diesem Augenblicke nicht erschreckt. Es sagte: »Ich habe ihn schon damals erraten!« »Um Gottes willen, red nicht weiter und verstumm lieber, ehe du deine Lippen wieder aufmachst!« rief die alte Pessel in namenloser Aufregung. »Du versündigst dich, und bringst auch mich in eine Sünde, wie du nur daran denkst, einen Namen zu nennen.« Perlchen begann zu weinen. »Habe ich nicht auf dein Geheiß meines Vetters Eva die Freundschaft aufgesagt?« sagte sie. »Hast du gesehen, daß ich ein Wort mit ihr geredet habe, seitdem du es mir verboten hast?« Das Wesen der alten, sonderbaren Frau hob sich unter diesen Worten, als würde es von gewaltigen Fittichen erfaßt. Ihr Antlitz hatte in diesem Augenblicke einen Ausdruck, den man nie und nimmer der herben und vergällten Annehmerin zugetraut hätte; sie sah jünger aus, dabei waren ihre scharf ausgeprägten Züge von einer seinen durchsichtigen Röte überflogen. Perlchen meinte, niemals eine schönere, alte Frau gesehen zu haben. »Perlchen, mein Kind,« sagte sie, und jeder Ton ihrer Sprache verriet, daß er sich den unnahbarsten Tiefen ihres Gemütes entrang. Sie hatte die Hand auf den Kopf des Mädchens gelegt und sah ihr durchdringend, jedoch ohne Aufregung in die Augen. »Perlchen, von heute an mache ich mein Verbot zunichte, du kannst mit ihr umgehen, wo und wie es dir gelüstet, und brauchst dich nicht zu kümmern, ob sie mich Pessel mit der Tür heißt, oder mir einen andern Namen gibt ...« »Ist das dein Ernst?« »Du weißt, Pessel hat nie einen Spaß verstanden!« Ahnte das Kind, daß das Wesen der alten Frau in diesem Augenblicke von dem hohen Gedanken der »Gottesheiligung« berührt worden war? Ahnte es, was in Pessel vorgegangen sein mußte, ehe es sich zu dem Entschlusse aufraffte, den sie soeben aussprach? Es lag eine unsagbare Ehrfurcht in der Bewegung, mit der das junge Mädchen ihre welke Hand erfaßte und sie küßte. Von diesem Tage an schien sich überhaupt eine merkwürdige Veränderung in der alten Pessel vorzubereiten, die sogar den Leuten in der Gasse nicht entging. Sie kam jetzt selten oder nie auf ihre »fixe Idee« zu sprechen; sie erschien jetzt den meisten als vollkommen gesundet. Die »Annehmerin« trat zwar hie und da noch mit großer Gewalt in ihr hervor, aber ihr Ton hatte die frühere schneidende Herbigkeit verloren; eine Art Ruhe ging jetzt von ihr aus, und doch hatte es in ihrem Gemüte niemals stürmischer getobt, als gerade seit jenem Sabbat. Die Woche darauf eröffnete Zender sein großes Gewölbe mit Schnittwaren »oben auf dem Ringe« unter den Hallen des Platzes. Eine alte Jugendfreundin Pessels, die Frau des Gemeindeschlächters, kam zu ihr und erzählte Wunderdinge von der Pracht und Herrlichkeit, die sich da draußen in Zenders Warenlager auftat. Pessels Lippen zuckten nicht einmal bei dieser Schilderung, die sie sich bis auf die geringsten Kleinigkeiten ausmalen ließ. »Hat Zender auch eine gute Türe an seinem Gewölbe machen lassen?« unterbrach sie mit einem Male die geschwätzige Erzählerin. »Eine gute Tür? Wie verstehst du das, Pessel?« Auf dem Antlitze der Nachbarin stand leserlich die Vermutung, daß Pessel aufs neue in den unverbesserlichen Fehler ihrer kranken Einbildungskraft zurückgesunken sei. »Ich meine nur,« sagte Pessel mit einem Lächeln, das ihr sonst nicht eigentümlich war, »eine feste Tür ist zu allem gut; man kann darauf mit Kreide seine Schulden aufschreiben, und dann schützt sie einen vor Dieben.« Ein anderes Mal kam dieselbe Freundin zu Pessel, und nach manchem Hin- und Herreden sagte sie unerwartet: »Pessel, die ganze Welt wundert sich über dich, daß du dir für dein Perlchen nicht mehr von ihrem Vetter Zender geben lassest.« »Mehr?« fragte die alte Annehmerin, und ihre Augen schossen wie in den vergangenen Tagen wildverhaltener Leidenschaftlichkeit ein dunkles Feuer von sich. »Mehr? Habe ich denn schon etwas verlangt oder angenommen?« »Man sagt doch, er hat schon oft zu dir geschickt und dir schöne Sachen oder auch Geld für Perlchen angetragen, du aber hast alles ausgeschlagen; und jetzt, wo Zender ein Mann in der Gemeinde ist, solltest du dir's überlegen, ob du recht tust, die Stolze zu spielen.« »Die Stolze? Ich soll stolz sein? Ich bin demütiger wie ein geschlagen Kind. Ich wart' nur darauf, daß mir Gott zu meiner Tür verhilft.« »Du kommst immer auf deine alten Reden zurück!« meinte die Freundin, verlegen lächelnd. »Ich bin nur Gottes Annehmerin!« sagte Pessel mit starker Betonung. »Ich begehr' meine Sach' nur von Gott!« »Was hast du aber gegen Zender? Wer dich so reden hört, meint, er muß wenigstens dir ein Kind einmal gemordet haben. Wie schickt es sich, sich mit einem Manne zu verfeinden, den man bei einer Gelegenheit ganz gut brauchen kann?« Pessel lächelte fein, ohne alle Bitterkeit. »Du weißt, die alte Pessel hat von jeher ihre Gedanken und Launen gehabt, wie kein anderer in der Gasse,« sagte sie ausweichend. »Auf seine alten Tage dreht und wendet man sich nicht um, wie ein Trenderl. Laß mir mein Trenderl!« Mit unheimlichen Gefühlen im Herzen ging die alte Jugendfreundin von Pessel hinweg. Später sprach sie sich gegen ihre nächste Umgebung mit der grimmigsten Entrüstung darüber aus, daß man überhaupt das Kind Josels bei der »Annehmerin« gelassen habe. Das sei in der Gemeinde unerhört! und wenn man das Mädchen in den schlechtesten Dienst stellen würde, so wäre sein Geschick noch immer besser, als seine Jahre bei Pessel mit der Tür zuzubringen, wo sie selbst in Gefahr stehe, nach und nach in Pessels Krankheit zu verfallen. Man solle um Gottes willen darauf dringen, daß Zender sich des Kindes annehme; es werde nichts Gutes herauskommen, wenn man noch länger zögere, und ein Waisenkind sei auch ein Mensch. Das böse Gerede ging dann auch wie giftiges Unkraut zwischen Frühlingssaaten ganz üppig auf. Hier und da ging der Name des armen Waisenmädchens über die Lippen der Gasse; hier und da dachte man sogar ernstlich daran, mit der alten Pessel ein ernstes Wort zu reden; heftiger erregte Gemüter drangen sogar mit überzeugender Beredsamkeit darauf, mit Gewalt vorzugehen. Aber es war eigentümlich, welche Scheu sich aller bemächtigte, wie schüchtern man sich im entscheidenden Augenblicke von der Sache, wenn man sie zum Abschlusse gebracht glaubte, abwendete! So blieb die alte Pessel im ungestörten Besitze ihres Perlchens. »Lange kann sie so und so nicht mehr leben,« tröstete man sich endlich. »Wie sie aber einmal die Augen schließt, wird Zender zeigen, daß ihm seines Bruders Kind doch etwas wert ist.« Mittlerweile war wieder Jahr zu Jahr gekommen; zum nächsten Laubhüttenfeste trat Perlchen ihr achtzehntes Jahr an! Pessel schien diesen Fortgang der Zeiten gar nicht zu bemerken; unverwandt blickte die alte Frau in die dämmernden Gebilde der Zukunft, die sie noch erleben wollte. Dabei nahmen ihre Kräfte sichtlich ab; nur mühsam hielt sie sich aufrecht und konnte oft tagelang nicht in den kleinen Laden hinab, der ihr und Josels Kinde einen armseligen Unterhalt gewährte. In einer Nacht wachte sie mit einem Male mit einem lauten Gelächter aus dem Schlafe auf. Perlchen, die ihr zur Seite schlief, fragte sie, gleichfalls erwacht, um die Ursache dieser sonderbaren Freude. »Denk dir nur, Perlchen,« sagte sie immer munterer werdend; »wen glaubst du, hab' ich im Traum gesehen? Keinen anderen als meinen ›Sarwer‹. Du hast ihn nicht gekannt, Perlchen, den feinen wohlgezogenen Menschen; ich sag' dir, Perlchen, solche Menschen werden gar nicht mehr geboren, wie mein Sarwer war. Und gerade so, wie er vor zwanzig Jahren ausgesehen hat, so ist er da neben mir auf meiner Stube gesessen und hat mit mir gesprochen. Ich hör' ihn noch, wie er zu mir sagt: ›Pessel, du bist gegen die Menschen nicht demütig genug, du meinst immer, es muß alles nach deinem Kopfe gehen‹. Und darüber, daß mein ›Sarwer‹ mir das gesagt hat, habe ich laut auflachen müssen, und bin darüber aufgewacht.« Dann stützte sie gedankenvoll längere Zeit ihren Kopf mit beiden Händen. »Perlchen,« sagte sie dann, »du wirst einsehen, daß wenn mein feiner Sarwer den Mut hat, jetzt wo er schon zwanzig Jahre tot ist, so mit mir zu reden, so hat das etwas zu bedeuten. Ich brauch' dir nicht zu sagen, was?« Dann richtete sie sich mühsam im Bette auf. »Wein nicht,« sagte sie streng, »und betrüb dir dein Herz nicht. Ich hab' vielleicht schon zu lange gelebt, und wenn einem Gott ein Gemüt gegeben hat wie mir, so paßt man gar nicht in diese Welt. Was hab' ich davon, daß ich mich erkühnt habe, als ›Gottes Annehmerin‹ zu gelten? Hat es mir Freude gebracht, haben mich die Menschen darum mehr geliebt? Mit meinem Manne habe ich in Unfrieden gelebt, solang' er auf Erden war, warum? Weil ich das Unrecht nicht leiden gekonnt, daß er, der der feinste Mensch war, anderen hat dienen müssen, und sich bücken und beugen, und darum habe ich ihm sein Leben verbittert. Und so habe ich auch keinem Menschen Freude gebracht; denn es lastet schwer auf dem Gemüte, wenn einen Gott zu seiner Annehmerin gemacht hat. Dann geht es von einem aus wie Feuer und Flamme, die alles verzehren, was einem im Wege steht, oder wie im Winter der grimmige Frost, wovon alles zu Eis erstarrt. Man soll die Welt gehen lassen, wie sie will, denn sie ist wie ein scheues Pferd, das man im Laufe aufhalten will. Sei kein Narr und lasse das Pferd laufen, Perlchen! Eine Gottes Annehmerin muß auf alles gefaßt sein, auf Undank und auf Bosheit, und daß man sie zuletzt auslacht wie einen Hochzeitsnarren, der der Welt seine Späße vormacht ...« »Verkleinere dich nicht selbst!« rief das Mädchen tieferschüttert, »du hast das um mich nicht verdient.« »Ich soll mich nicht verkleinern?« sagte Pessel fast höhnisch. »Wer hat sich denn so groß gemacht wie ich? Wer hat sich über seine Kräfte hinausgehoben als ich? Und worin habe ich etwas um dich verdient? Ich habe dich zu mir genommen, wie du ein hilflos Kind warst, und habe dir zu essen und zu trinken gegeben –« »Warum hat das kein anderer getan?« rief Perlchen und hielt inne. »Wie verstehst du das, Perlchen?« schrie die alte Annehmerin, in deren Antlitz sich eine plötzliche Umwandlung vorbereitete. »Wen meinst du damit?« rief sie, Angst und Entsetzen in allen Zügen ihres hageren Gesichtes. Perlchen neigte sich zu ihrem Ohre und flüsterte ihr etwas hinein. »Still, still, um Gottes willen kein Wort weiter,« rief die alte Frau, »du weißt doch, warum wir beide schweigen müssen!« Seltsames Spiel in den Seelen zweier Menschen! Wie ein zweischneidiges Schwert lag ein Geheimnis zwischen ihnen; sie konnten es aussprechen und wachten doch eifersüchtig über jeden Hauch ihres Atems! Erst gegen Morgen beruhigte sich die alte Frau so weit, daß sie mit aller Schärfe ihres ganz klar gewordenen Bewußtseins sagen konnte: »Und ich hab' doch recht gehabt, und Gott wird mir einmal auch recht geben! Dafür heiße ich ja Pessel und die Annehmerin! ... Und was wäre geschehen, wenn ich mich hätte hinreißen lassen, und wäre mit der Tür deines Vaters auf dem Markt erschienen und hätte allen Leuten zugerufen: ›Der und der hat die Schrift ausgelöscht und hat ein armes Waisenkind um sein Vermögen gebracht!‹ Hast du dir schon vorgestellt, was dann geschehen wäre?« So war jener »Bußsabbat« gekommen, an welchem dem altersschwachen Rabbiner der Unfall widerfahren war, daß ihm die heilige Thorarolle aus den Armen entglitt. In der furchtbaren Aufregung, die dieser Vorgang sowohl unten bei den betenden Männern, als oben in der »Weiberschul'« verursachte, hatte man das Benehmen der alten Pessel übersehen, das in diesem Augenblicke einen wahrhaft unheimlichen Anblick bot, und die Worte überhört, die sie in den durcheinanderwogenden Tumult gerufen hatte. Hochaufgerichtet, wie in ihren jungen Jahren, das hagere Antlitz von einem seltsamen Glanze überflogen, die Augen weit aufgerissen und die Rechte ausgestreckt, so stand sie da, und rief mitten in das Stimmgewirr: »So hat es kommen müssen, und nicht anders! Er hat geglaubt, der alte Rebbe, weil er fromm ist und gut, derweilen steht die Sünde draußen vor der Gemeinde und traut sich nicht hinein. Warum weiß er nicht, und hat es nicht gewußt, was mit Josels Tür geschehen ist? Jetzt auf einmal führt ihn Gott darauf und wirft ihm seine Thora aus den Armen! So soll es allen geschehen, die ihre Augen gewaltsam verschließen und nicht sehen wollen.« Es litt sie nicht länger in dem Bethause. Sie ging von dannen; das dicke Gebetbuch an sich gepreßt, so siegesfreudig und muthig wie einer, dem nach geschlagener heißer Schlacht die Siegesbeute winkt. Zu Hause in ihrer Stube angelangt, rief sie Perlchen zu sich und legte ihr, sie segnend, die Hände auf ihr Haupt. Dann erzählte sie ihr in wenigen Worten, was sich in der Synagoge zugetragen hatte. »Und jetzt, Perlchen mein Kind,« sagte sie, und ihre Stimme klang dabei voll und kräftig, wie sie das Mädchen selten vernommen, »jetzt ist mir wohl. Seitdem der alte Rebbe mit der Thora gefallen ist, weiß ich, daß für mich die Zeit gekommen ist. Mein Gott hat mich lange warten lassen, aber die Zeit ist doch gekommen.« »Wie ist dir?« rief das Mädchen, die Augen angstvoll auf die alte Frau gerichtet. »Wie mir ist? Frag' mich erst, wie mir gewesen ist, seitdem dein Vater, mit dem der Friede sei, gestorben ist. Jetzt aber ist mir wohl! Jetzt wird es sich zeigen, wie die Schrift auf der Türe gelautet hat ... Was ausgelöscht war, muß jetzt an das Tageslicht treten.« Von diesem Augenblicke an sprach sie nicht mehr über diesen Gegenstand; sie schien still, in sich gekehrt, dem nur ihr vernehmbaren Brausen des Gedankensturmes in ihrem Innern zu lauschen. Am Nachmittage nahm sie, wie dies ihre Gewohnheit war, das Gebetbuch zur Hand, und las in den »Sprüchen der Väter«. »Jetzt weiß ich« rief sie überlaut aus, »über was für einen Satz heute der alte Rebbe hätte reden können! Da steht es ja! Man braucht's gar nicht deutlicher. Wie hat das dem großen Gelehrten nur entgehen können!« Der Satz aber lautete: »Das Schwert kommt in die Welt wegen Rechtsverzögerung, Rechtsverkrümmung, Verdrehung ... und wilde reißende Tiere nehmen überhand, wo Meineid ist und falsch Schwören und Entweihung des göttlichen Namens ...« Sie schlug das Buch wieder zu; es hatte ihr nichts mehr zu verkünden! Es fehlten nur noch drei Tage zum Beginne des großen »Versöhnungstages«, der diesmal auf einen Mittwoch fiel. Diese ganze Zeit hindurch blieb Pessel auf ihrer Stube; der kleine Gassenladen wurde nicht geöffnet. Sie aß nur zu Mittag, denn der Fall der heiligen Thora legte ihr ein vierzigtägiges Fasten auf. Sonst herrschte in der kleinen Stube ein fast feierliches Stillschweigen. Wenn die alte Annehmerin nicht betete, saß sie in sich gekehrt in dem Lehnstuhl und ihre Augen leuchteten dann in einem unnennbaren Glanze. Am Vortage der »Versöhnung« fastete Pessel nicht; sie müsse ihre Kräfte für den »großen Berg« aufrecht erhalten, dessen Besteigung ihr bevorstand, sagte sie. Nachmittag begehrte sie ihre weißen Kleider und eine frisch gewaschene weiße Haube, denn, sagte sie, einmal im Jahre hat man »Vortritt« bei dem König der Könige, und da muß man ganz anständig erscheinen. So saß sie dann, gehüllt in die feierliche weiße Kleidung, lang zuvor, ehe die Feier des furchtbarsten aller Tage begann. Perlchen mußte mit der sogenannten »dritten Mahlzeit« sich hasten; als sie geendigt, sagte Pessel: »Und jetzt laß uns gehen, Perlchen.« »Schon? Man hat ja noch nicht in die Schul' gerufen –« »Ich habe mit dir noch früher einen Gang zu machen. Beeil dich!« Perlchen erschrak. »Was erschrickst du,« sagte die alte Pessel mit merkwürdiger Ruhe. »Noch ehe der Jom Kippur eingeht, sollst du erfahren haben, wer die Schrift an der Tür deines Vaters ausgelöscht hat.« Lautlos schritten dann die beiden durch die in diesem Augenblicke noch menschenleere Gasse, das junge schreckensbleiche Mädchen neben der alten hageren Frau. Vor einem stattlichen Hause in der Nähe des Ringplatzes blieb Pessel stehen. »Da wohnt ja Vetter Zender,« flüsterte Perlchen. Pessel entgegnete nichts, mit festem Tritte schritt sie in das Vorhaus. Von oben herab schlugen lustige Stimmen an ihr Ohr, da schien es, als ob die alte Frau zögere, ihren Gang fortzusetzen. Doch alsbald ermannte sie sich und stieg die Treppe hinan, die in Zenders Wohnung führte. Zender saß noch inmitten seiner Familie bei der »dritten Mahlzeit«, als Pessel mit Perlchen in die Stube trat. War es der Anblick der schreckhaften alten Frau in ihren weißen Gewändern, oder etwas anderes – den Blicken Pessels entging es nicht, daß eine merkwürdige Veränderung in seinen Zügen vorgegangen war; er war von seinem Stuhle aufgesprungen. »Pessel,« rief er endlich mit einem mühsamen Lächeln, »Wie kommst du gerade jetzt her?« Dann gebot er einem seiner Kinder, einen Sessel für Pessel herbeizurücken. Die alte Frau winkte jedoch abwehrend. »Laß gut sein, Zender,« sagte sie, »ich bin nicht gekommen, um mich bei dir niederzusetzen. Ich bin gekommen, um mit dir im geheimen ein Wort zu reden.« Das alles hatte sie mit äußerlicher Ruhe gesprochen; auch nicht ein Muskel in ihrem Antlitze zuckte dabei; sie schien vollkommen unbewegt. »Jetzt?« meinte Zender, aber seine Linke, die auf den Tisch angelehnt war, zitterte während dieses Wortes, wie von einem Krampfe ergriffen. »Warum nicht jetzt?« sagte Pessel, die grauen scharfen Augen auf ihn richtend. »Du weißt, wir stehen am Eingange des Jom Kippur, da muß man sich eilen, daß man in das Tor kommt, bevor man es schließt. Und gerade, wenn man etwas auf dem Herzen hat, so soll man es sich vor diesem großen Tage herunterreden.« Zender versuchte etwas zu reden; aber es klang ganz unverständlich. »Komm,« rief er endlich mühsam, indem er sich erhob. »Mit dir, das weiß ich noch aus früherer Zeit, muß man ganz besonders umgehen.« »Perlchen, mein Kind, bleib indessen hier, bis ich mit deinem Vetter mich ausgeredet habe,« sagte Pessel. Jetzt erst hob Zender seine Augen auf und richtete sie auf das junge Mädchen, das sittsam an der Türe stehen geblieben war. Eine Leichenblässe bedeckte sein Antlitz. In einer dritten Stube angelangt, fragte Zender: »Was willst du Pessel?« »Verriegle erst die Türe!« gebot die alte Annehmerin. Wieder verirrte sich ein mühsames Lächeln auf die dünnen Lippen Zenders. »So überaus wichtig ist das, was du mir mitzuteilen hast?« »Ich habe nur eine Frage an dich, Zender,« sagte Pessel, indem sie sich niedersetzte, »und die muß vor dem Jom Kippur beantwortet werden.« »So rede!« sagte Zender, schwer aufatmend. Pessel schwieg eine geraume Weile. »Ich will dich nur fragen, Zender,« sagte sie dann, mit feierlichem Nachdrucke jedes ihrer Worte betonend, »ob du mir nicht erklären kannst, warum dem alten Rebbe am vorigen Sabbat die heilige Thora aus den Händen gefallen ist?« » Mich fragst du um das? Der Rebbe wird alt und schwach, da ist ihm das Unglück widerfahren,« meinte Zender mit mehr Sicherheit in der Stimme. Pessel schüttelte den Kopf. »Das ist es nicht, Zender!« sagte sie, indem sie aufstand und hart an ihn hintrat. »Ich will dir's erklären. Die Thora ist darum in den Staub gefallen, weil es in dieser Gasse eine Tür gibt, und auf dieser Türe ist vor vierzehn Jahren eine Schrift gestanden, und diese Schrift hat einer ausgelöscht ...« »Die alte Narretei,« murmelte Zender zwischen den Zähnen. »Um Gottes willen, Zender,« rief Pessel, die sich plötzlich von ihren Kräften verlassen fühlte, »du nennst das Narretei? Draußen warten deine sechs Kinder, sie werden dich um ›Verzeihung‹ bitten wollen, ehe du in die ›Schul‹ gehst; sie werden zu dir sagen: Vater, vergib uns, daß wir gegen dich ungehorsam gewesen sind in diesem Jahre, und dich gekränkt haben ... Leg uns eine Buße auf, welche du willst, wir werden sie ertragen, aber verzeih uns, wie ein Vater seinen Kindern verzeiht ...« Die Stimme der alten Frau brach vor innerer Erschöpfung. »Ich versteh' dich noch nicht, Pessel,« sagte Zender, dem die Schweißtropfen auf der Stirne standen. »Noch nicht?« rief die alte Annehmerin, in schmerzlichem Zorne sich wieder aufrichtend. »So sieh mir ins Gesicht, und beantworte mir die Frage: Wer hat die Schrift an Josels Türe ausgelöscht?« »Pessel!« Es war der Aufschrei eines Todwunden, den eine rauhe Hand an der feinsten Stelle seines Leidens gefaßt hat. »Gott schrei an, und nicht mich,« sagte die unerbittliche Frau. »Ich aber sage dir, Zender! ... der die Schrift ausgelöscht hat, der geheuchelt und betrogen hat, der ein Waisenkind um sein kleines Habe gebracht, der Schuld daran trägt, daß einem achtundsiebzigjährigen Manne die heilige Thora aus der Hand fällt ... der steht jetzt vor mir!« »Schweig, um Gottes willen schweig!« stöhnte Zender, die Hände vor sein Gesicht drückend. »Schweigen!« rief Pessel mit fast übermenschlichem Tone, »ich hab' also noch nicht lange genug geschwiegen? Vierzehn Jahre des blutigsten Schweigens sind nicht genug? Nein, Zender, und wenn ich mich an deine Füße anklammern müßte, wie ein wildes Tier, das dich im Walde überfällt, jetzt halt' ich dich, jetzt muß ich reden.« Zender vermochte nicht zu sprechen; ein krampfhaftes Zucken flog über seine Lippen. »Soll ich dir sagen, warum ich so lange verschwiegen habe, was mir mein Herz schon am Sterbebette deines Bruders Josel verraten hat? Weil ich den Namen Gottes nicht habe entweihen wollen, weil ich nicht gewollt habe ...« »Martere mich nicht, Pessel,« bat Zender, die Hände wie bittend emporhebend. Aber die alte unerbittliche Annehmerin fuhr fort: »Was brauchst du dir heute nachts deinen Sterbekittel anzuziehen und dein ›Sterbehäubel‹, und dich vor alle Leute hinzustehen und an die Brust zu schlagen, damit sie dein Sündenbekenntnis hören? Denk dir, du stehst schon vor Gott und der »Jom Kippur« hat schon angefangen! Wie heißt es doch in dem Sündenbekenntnis? Wir haben Arges ersonnen in Lug und Trug, Spott und Hohn ...« »Laß mich jetzt reden, Pessel,« rief Zender mit einer gewaltsamen Anstrengung. Sein Zustand bot in diesem Momente einen erschütternden Anblick. Die Augen weit offen, mit keuchender Brust, rieselnde Schweißtropfen auf der Stirn, so saß er da, den schrecklichen Augen der alten Annehmerin ausgesetzt. Eine drückende Stille wob in der Stube. Hörbar war nur das schwere Atemholen Zenders, das den furchtbaren Kampf seines Innern verriet. Endlich fuhr Zender mit der Hand über das Angesicht; als er sie zurückzog, sah Pessel, daß er weinte. »Ich hab's getan!« rief er schluchzend, »ich habe die Schrift ausgelöscht!« »Weine dich erst aus, Zender,« sagte Pessel ruhig. Aber Zender rief, das Antlitz von Tränen überströmt: »Laß mich reden, du Gerechte ... laß mich reden, damit meine Seele wieder frei wird.« »So red denn,« sagte Pessel. Noch einmal sprach er das Bekenntnis seiner Schuld aus; es schien ihm wohlzutun, es zu wiederholen. »Willst du wissen, wie alles gekommen ist?« rief er. »Aus meinem Stolz ist alles gekommen, der hat mich zu dem gemacht, was du in mir siehst.« Dann brach er wieder in lautes Schluchzen aus und erzählte hierauf in angebrochenen, von Schmerzensrufen durchzitterten Worten: »Du weißt, Pessel, mein und Josels Vater ist einmal ein reicher Mann gewesen; wie er aber gestorben, da war nicht so viel übrig, daß wir die Mutter hätten ernähren können. Da haben wir alles verkauft, was uns noch aus der guten Zeit geblieben war, das Haus und die Betstätte der Mutter droben in der Weiberschul'. Besonders die Betstätte! ... hat uns Brüder schwer gekränkt, denn sie hat uns an den einmaligen Glanz unserer Familie erinnert, wie unsere Mutter noch vorn am Gitter in der Weiberschul' bei den reichen Frauen gesessen ist ... und jetzt war ihr Stand ganz unten an der Türe neben dem Weibe des Schuldieners und neben den Schnorrerweibern, die man aus Mitleid über Sabbat beherbergt. Das hat uns Brüdern das Herz abgedrückt, und der Mutter auch. Sie ist aus lauter Kränkung darüber gestorben ...« Nach einer Weile fuhr er fort: »Seitdem ist mein und Josels Sinnen und Trachten auf nichts anders gerichtet gewesen, als wie wir die Betstätte unserer guten Mutter wieder an uns bringen könnten. Und es muß daran etwas Gutes gewesen sein, denn das Glück hat sich uns Brüdern wieder zugewendet, und es war Segen in allem, was wir unternommen haben. Die Leute in der ›Gasse‹ haben nichts davon bemerkt, denn erst, wenn es uns geglückt wäre, die Betstätte der Mutter zurückzukaufen, da haben wir hervortreten wollen und sagen: Seht! So was kann nur Zender und sein Bruder Josel.« Er mußte wieder inne halten, seine Stimme war zu leisem Weinen herabgesunken. »Die Ersparnisse meines Bruders habe ich in Aufbewahrung gehabt; kein Mensch und kein Buch hat darum gewußt, nur seine Türe ... Darauf hat er meine Schuld an ihn mit Kreide aufgeschrieben. Du weißt, wie es ihm, zur Buße gesagt, ergangen ist. Mit zerschmetterten Gliedern, aber noch lebend, haben sie ihn nach Hause gebracht, den guten treuen Bruder.« Seine Augen irrten in diesem Augenblicke angstvoll in der Stube umher; er war an den Wendepunkt seines schweren Bekenntnisses gelangt. »Pessel,« rief er scheu und bedeckte wieder sein Antlitz, »noch heute weiß ich nicht, wie die schwarze Stunde über mich Herr geworden ist. Aber wie ich so dagesessen bin am Krankenlager Josels, da ist mir der Gedanke vor- und nachgekrochen wie ein böses Gewürm: Josel hat zweihundert Gulden bei dir ... Das ist gerade so viel, als die Betstätte der guten Mutter kosten möchte! Kein Mensch weiß um das Geld als die weiße Kreide auf der stummen Tür ... Der Gedanke ist von mir nicht mehr gewichen; von Minute zu Minute ist er in mir gewachsen; er hat meine ganze Seele ausgefüllt, daß nichts mehr Platz darin gefunden hat ... Und einmal, wie mein armer Bruder im Schlafe daliegt, gegen die Wand gekehrt, da bin ich hingegangen zur Türe und ... habe meine Schuld ausgelöscht ...« »Wein dich erst aus,« sagte die alte Frau, »und red erst, wenn es dir möglich ist.« »Nein! Laß mich nur weiter reden. Als du zu mir gekommen bist, mich zu fragen, was mit Josels Kinde zu geschehen hat, da war ich schon auf alles vorbereitet; denn wenn einen die Sünde schon gefaßt, dann ist es, als wären in der Seele hundert Lichter angezündet, wo früher nur eines gebrannt hat... Im voraus habe ich jedes meiner Worte und mein Benehmen gegen dich zurechtgelegt, wie ein Kaufmann, der seine schlechte Ware an den Kunden bringen will. So habe ich gelogen und betrogen, geheuchelt und falsche Tränen vergossen, und habe doch im Innersten die Überzeugung gehabt, daß mich dein Auge durchsieht. Um dich und die Welt irre zu führen, habe ich mich jahrelang als ein armer Mann gestellt, jahrelang habe ich meine Ungeduld hingehalten und habe die Betstätte der guten Mutter nicht gekauft, und doch war merkwürdigerweise ein Segen in all meinem Tun und Gebaren ... Meinst du, ich hätte der Waise indessen nicht zurückzahlen können, was ich ihr schuldig war? Aber ich habe mich vor dir gefürchtet, du Gottes Annehmerin, und so ist alles gekommen ...« »Du bist fertig, Zender,« sagte Pessel, während er für eine Weile inne hielt. »Fertig? Daß Gott erbarm'! wie ich fertig bin!« stöhnte Zender. Da stand die alte Annehmerin auf, hoch aufgerichteten Leibes schritt sie zur Tür hin und schob den Riegel daran zurück. »Ich will das Kind rufen –« »Welches Kind?« »Deines Bruders Kind.« »Ich kann ihm nicht ins Auge sehen, Pessel,« schrie Zender. »Du mußt das Kind um Verzeihung bitten, ehe der Jom Kippur eingeht.« Noch einmal zuckte es wie ein fahler Blitz über die Gesichtszüge Zenders; es war das letzte Aufbäumen seiner Natur. »So laß sie kommen!« rief er tonlos. Die alte Pessel durchschritt die zwei vorderen Stuben und rief nach Perlchen. »Da hast du Josels Kind,« sagte Pessel, indem sie mit Perlchen an der Hand in der Türe erschien. Kaum war Zender ihrer ansichtig geworden, rief er mit erstickter Stimme: »Mein Kind! verzeih mir, mein Kind!« und gebrochen im innersten Wesen, fast ohnmächtig, sank er vor den Füßen Perlchens zu Boden.   Der alte Rabbi überlebte nicht lange den »Fall der Thora«. Noch ehe vierzig Tage vergangen waren, hatte ihn, ohne daß eigentlich eine Krankheit ihn heimgesucht, der Tod ereilt. Man erzählte sich, daß die alte Pessel, als sie die Nachricht erhielt, er liege im Sterben, einen der Vorsteher der »heiligen Brüderschaft« zu sich bat und ihn beauftragte, dem alten Rabbi folgendes zu sagen: »Er könne ruhig sterben ... Pessel ›mit der Tür‹, die Gottes-Annehmerin, lasse ihm sagen, die Thora habe sich wieder aus dem Staube erhoben!« Aber noch in demselben Jahre trug man auch sie auf den »guten Ort« hinaus. Einige Zeit darauf ward in der Gasse eine große Hochzeit gefeiert. Zenders ältester Sohn und Perlchen waren das Brautpaar. Zender selbst ist bis an sein Lebensende ein stiller gedrückter Mann geblieben. Die Augen der Mutter. Aus einem Käfige, der am offenen Fenster stand, sang ein Kanarienvögelchen hell und lustig in die Gasse hinaus. Drin in der Stube, und es war ein traulich aufgeputztes, gar heimliches Stübchen, schienen zwei Menschen, ein blasses Mädchen und ein schmächtiger junger Mann dem Gesange des Vogels mit einem Gefühle andächtigen Ernstes zu lauschen. Hie und da rauschte ein Blatt des Buches lauter, das dem Mädchen auf dem Schoße lag – sonst schien alles in dem engen Raume bis auf die leise pochende Uhr an der Wand den Atem anzuhalten, um den Jubel des beschwingten Sängers über sich ergehen zu lassen. »Ephraim, mein Bruder!« rief das blasse Mädchen. »Was willst du, Veilchen?« fragte der Angeredete nach einer Weile. »Eines möcht' ich wissen, ob der ›Kanari‹ auch weiß, daß heute Sabbat ist?« »Das ist eine Frage wie von einem Kind!« meinte zögernd der Bruder. »Immer ist etwas kindisch, worauf die gescheiten Männer nicht gleich eine Antwort finden können,« rief Veilchen in einem Tone beginnender Gereiztheit. »Warum soll er's nicht wissen? So ein Vogel zählt auch Tage und Stunden und sieht mit seinen Augen in der Stube herum. Die ganze Woche hat er wenig oder gar nicht gesungen und ist still dagesessen. Heute hat er eine Kraft in seiner Stimme, daß ich fast erschrecke. Woher kommt ihm das? Und an jedem Sabbat ist es so; glaub nur nicht, daß ich das nicht schon längst bemerkt habe. Soll ich dir sagen, was meine Meinung darüber ist?« Ephraim antwortete nichts. »Die ganze Woche über,« fuhr das Mädchen fort, »sieht sich das Vögelchen in unserer Stub' um und kann nichts weiter erblicken, als Woch' und lauter Woch'! Heute sieht es, wie prächtig ich meine Lampe geputzt habe, und meint, es ist lauter Gold, was ihm da entgegenglänzt, und auf dem Tische liegt das weiße Sabbattuch. Besonders die weiße Leinwand muß ihm in die Augen fallen. – Meinst du nicht auch, Ephraim, mein Bruder?« »Wart einen Augenblick, Veilchen,« meinte Ephraim und stand auf. Er war an das offene Fenster zum Käfig getreten. In diesem Augenblicke verstummte der Gesang des Vogels. »Jetzt hast du ihm seinen Sabbat verstört!« rief das Mädchen mit überquellender Heftigkeit, und in der Hast, mit der sie diese Worte ausgestoßen, war das Buch ihrem Schoße entglitten. Ephraim wandte sich um; er sah die Schwester mit eigentümlich traurigen Augen an. »Ehe ich dir antworte,« sagte er gelassen, »tu mir den Gefallen und heb das Buch auf, woraus du soeben gebetet hast. Man muß etwas Heiliges nicht fallen lassen, und wenn so etwas unserer Mutter zugekommen, so hat sie das Buch geküßt ... Küß es auch, Veilchen, mein Kind.« Veilchen tat, wie ihr der Bruder geheißen hatte. Dieser demütige Gehorsam stach seltsam gegen den Aufschrei ab, wie ihn das Mädchen kurz zuvor ausgestoßen. »Und nun will ich dir sagen, Veilchen, mein Kind, was meine Meinung ist, warum der Vogel gerade heute so hell und lustig singt. Ich weiß aber nicht,« sagte er und hielt zögernd inne, ... »ob dir diese Meinung recht sein wird.« Veilchen sah den Bruder mit ihren braunen Augen forschend an; nur ihre Lippen zuckten etwas. »Du redest so merkwürdig ernst,« sagte sie und versuchte zu lächeln, »als ob ich ... keinen Spaß gemacht hätte. Darf ich denn nicht fragen wollen, ob so ein Vogel auch etwas vom Sabbat weiß?« »Es gibt ernsthaftere Sachen auf der Welt ... Veilchen,« meinte Ephraim und hielt wieder inne. »Du erschreckst mich, Ephraim,« sagte das Mädchen. »Narrele,« sagte Ephraim, und ein flüchtiges Lächeln verschwand alsbald von seinen Lippen. »Ich, zum Beispiel, habe eine andere Meinung über den Gesang des Vogels als du ... Ich denk', Veilchen, mein Kind, unser Kanarienvögelchen muß etwas davon wissen, ... daß es bald ein anderes Quartier haben wird.« »Du willst ihn doch nicht verkaufen oder verschenken?« schrie das Mädchen entsetzt, und mit einem gewaltsamen Rucke hatte sie den Bruder von dem Käfige entfernt, auf dessen Stäbe sie wie schützend ihre beiden Hände legte. »Verkaufen werde ich ihn nicht, und auch nicht verschenken,« meinte Ephraim, dessen gemessene Ruhe einen seltsamen Gegensatz zu der leidenschaftlichen Erregtheit seiner Schwester bildete. »Werde ich etwas unternehmen, was dir ein ›gebrochen Herz‹ macht ... Aber nur ein Wort brauche ich zu sagen ... und ich wette, wer der erste seine Hand in den Käfig steckt und ihn weit aufmacht und zu dem Vögele sagt: flieg fort, wohin dich deine Flügel tragen ... das ist Veilchen, meine Schwester.« »Niemals, niemals!‹ rief das Mädchen mit großer Entschiedenheit. »Veilchen,« sagte Ephraim fast bittend, »ich habe vor mir selbst ein Gelübde abgelegt. Du wirst nicht wollen, daß ich es breche.« »Ein Gelübde?« fragte die Schwester. »Veilchen,« sagte Ephraim und neigte sich ganz nahe zu dem Mädchen, so daß ihre Stirnen fast aufeinander ruhten, »ich habe vor mir selbst gelobt, wenn er ... unser Vater ... zurückkommt, so gebe ich unserem Vögelchen die Freiheit. Es soll frei sein wie er.« »Ephraim!« schrie das Mädchen. »Er kommt zurück, er ist schon auf dem Wege.« Veilchen schlug ihre Arme um den Hals des Bruders. Minutenlang hielten die Geschwister sich so umfaßt. Indes hatte der Vogel seinen jubelnden Gesang wieder begonnen. »Hörst du ihn, wie er wieder singt,« sagte Ephraim und streichelte die Haare seiner Schwester. »Er weiß, daß er bald hinaus und ins Freie kommt.« »Ein Vater, der aus dem Kriminal kommt!« rief Veilchen und riß sich von ihrem Bruder los. »Er hat's abgebüßt, Veilchen!« sagte Ephraim leise. Veilchen hatte sich abgewandt; nach einer schwer drückenden Weile drehte sie sich wie von einem Wirbel erfaßt, rasch um und zeigte ihrem Bruder ein gegen die sonstige blasse Farbe fast hochrot glühendes Angesicht. Ihre Augen glänzten von einem wilden Feuer, dabei zitterte sie am ganzen Leibe. So hatte Ephraim sie noch nicht gesehen. »Ephraim, mein Bruder,« sagte sie mit jener tonlosen Langsamkeit, wie sie gerade der heftigsten Erregtheit eigentümlich ist. »Du kannst mit dem Vogel tun, was du willst. Du kannst ihn freilassen, oder auch, du kannst ihm den Hals umdrehen. Aber ihm werde ich niemals ins Gesicht sehen, von mir wird er kein liebes Wort hören. Er hat unsere Mutter unglücklich gemacht, ... unsere gute, gute Mutter, er hat sich und uns um die Ehre gebracht. Das kann ich nicht vergessen...« »Spricht so ein Kind?« sagte Ephraim mit bebender Stimme. »Ja, wenn sich das Kind seines Vaters zu schämen hat!« rief Veilchen. »Dann hast du leider vergessen, was unsere Mutter auf dem Sterbebette zu dir und mir gesagt. Weißt du noch, wie sie noch einmal die Augen aufgeschlagen hat ... wie sie sich gewaltsam in die Höhe gehoben und gesagt hat: »Kinder, mein ›Andenken‹ wird euch beistehen und auch eurem Vater.« Veilchen, hast du das vergessen?« Wer etwa eine Stunde später in ihre Stube eingetreten, dem wäre ein wahrhaft ergreifendes Bild entgegengekommen. Veilchen saß auf dem Schoße ihres Bruders, die Arme um seinen Hals geschlungen, während dieser mit einer Zärtlichkeit, wie sie nur ein älterer Bruder für seine Schwester in gleicher Reinheit empfindet, die Haare des Mädchens glättete, Worte flüsternd, die zu heimlich klangen, als daß sie ein anderes Ohr, als Veilchens, hätten berühren können. Der Käfig am Fenster' stand leer ... In der Nacht, die diesem Sabbat folgte, blieb Ephraim bis gegen zwölf Uhr wach. Veilchen selbst schlief; aus der benachbarten Kammer konnte er die tiefen Atemzüge ihres gesunden Schlafes belauschen. Draußen in der »Gasse« waltete die tiefste Nachtruhe. Da ging Ephraim zu dem alten Schranke, der neben der Türe stand, schloß ihn leise auf und holte ein dickes Buch hervor, das er vor sich auf den Tisch legte. Er schien aber nicht lesen zu wollen. Zwischen einzelnen Blättern lag Papiergeld, und nur diesem schien sein Augenmerk und das flüsternde Zählen seiner Lippen zu gelten. Er war gerade an das letzte weiße Blatt gelangt, als er mit seinem Ohr draußen vor dem Fenster ein Rascheln wie von schleichenden Tritten vernahm. Erst zuckte er erschreckt zusammen, sein zweites aber war, das Buch mit dessen Inhalt wieder dem alten Schranke zu vertrauen. Dann trat er ans Fenster und öffnete es. »Bist du es ... Vater?« rief er in die Nacht hinaus. Es erfolgte keine Antwort. Ephraim wiederholte seine Frage. Er konnte, wie sehr er seine Augen anstrengte, in der Finsternis kein lebendes Wesen entdecken. Da rief es dicht vor ihm: »Mach kein' Lärm ... und lösch erst das Licht aus.« »Vater, um Gottes willen, du bist's ...« drängte es sich aus Ephraims Munde hervor. »Still!« flüsterte es draußen ... »lösch erst das Licht aus.« Ephraim schloß das Fenster und verlöschte das Licht Dann tappte er mit fast unvernehmbaren Schritten durch die Stube in das finstere Vorhaus hinaus. Ebenso leise schob er den Riegel des Haustores zurück. In demselben Augenblicke legte sich eine schwere Hand auf die seine. »Vater, Vater!« rief Ephraim und suchte die fremde Hand an seine Lippen zu drücken. »Mach kein' Lärm,« gebot die Stimme des Mannes. Leise an der Mauer hintastend, die Hand des Vaters in der seinen haltend, so kam Ephraim mit ihm in die Stube. Veilchen schlief noch immer ... Es gab eine Zeit, wo die Rückkehr des »wilden Ascher« in sein Haus unter ganz andern Umständen erfolgte. Auf derselben Schwelle, die er jetzt scheu und zaghaft, fast wie ein Dieb, der an fremdes Eigentum sich gewagt, überschritt, stand vor achtzehn Jahren eine schöne Frau, die ihm mit hochgeröteten Wangen einen zappelnden Knaben entgegenhielt, damit er sich schon aus der Ferne überzeuge, Mutter und Kind seien wohlauf und gesund. Weit und breit konnte man in ganz Böhmen »Gasse« auf und »Gasse« nieder suchen, bis man ein schöneres und glücklicheres Paar fand. Von Ascher hieß es, er sei ein »Barjin«, wie es keinen zweiten in der Welt mehr gebe, eine jener tüchtigen und unternehmenden Naturen, denen kein Baum zu hoch und kein Graben zu tief ist, um hinauf und hinüber zu kommen. Er bewies dies am schlagendsten dadurch, daß er die Liebe seiner Frau Gudule gewann, deren Augen förmlich weltberühmt waren. Von ihnen hieß es nämlich, wer lange in diese Augen hineinsehe, dem erscheine die Welt ganz anders! Man konnte nämlich an nichts Böses denken, wenn man an Gudulus Augen dachte. Auch für Ascher hatten in den ersten Jahren seiner Ehe diese unergründlich braunen und treuen Augen seiner Frau, in die er länger als jeder andere blicken konnte, den vollsten Zauber ihrer Gewalt. Später behauptete er von denselben Augen, sie wären an seinem Unglücke schuld. Und es verhielt sich in der Tat so; es läßt sich mit wenigen Worten kurz erzählen. Gudule stammte nicht aus der Gemeinde, in der Ascher einheimisch war. Ihr Vater war ein reicher Randar auf einem Dorfe in »Unterböhmen«, das ganz abseit von dem bewegten Treiben der großen Gemeinde lag. Dennoch war der einsame Randarhof mit seiner schönen Tochter ein Ort, wohin sich sämtliche »Jungen« wie zu einem Stelldichein zur Beschau einfanden. Sonderbar! Niemand fand vor Gudules Augen Gnade als der »wilde Ascher« – vor dem sie am meisten gewarnt worden war. Noch ehe die Verlobung stattgefunden hatte, war eines Tages auf dem Randarhofe ein Brief eingetroffen, der jedoch keine Unterschrift trug. In dem Briefe hieß es, nachdem mit weitläufigen Umschweifen auseinandergesetzt war, warum der unbekannte Schreiber sich bewogen fühle, dem Randar einen Freundschaftsdienst zu erweisen: »Behüten Sie Ihr liebes Kind davor, das Weib eines – Spielers zu werden, denn das ist Ascher, und schlagen Sie diesen Rat nicht in den Wind.« Der Randar gehörte zu jenen bequemen, breitwuchtigen Naturen, die selbst die Annäherung eines Gedankens, den sie in ihrem Gehirne verarbeiten sollen, mit einer Art Schrecken erfüllt. Er sollte die Vorstellung, daß Gudules Mann ein Spieler sei, durch alle Gewinde und Krümmungen und Wege bis an den äußersten Rand der Zukunft durchdenken können? Treu dieser Natur gab er den Brief des unbekannten Schreibers, als ob ihn dessen Inhalt nichts angehe, seiner Tochter zum Lesen, und er schien wirklich so recht getan zu haben. Denn nachdem Gudule das Schreiben bis zu Ende gelesen, sagte sie blos: »Vater! das geht mich allein an.« Und dabei verblieb es auch. Erst am Hochzeitstage, eine halbe Stunde vor der Trauung, als der Trauhimmel draußen im Hofe bereits aufgerichtet stand, brachte es der Randar über sich, der Mahnung jenes unbekannten Briefschreibers mit einigen Worten zu gedenken. Er nahm den künftigen Schwiegersohn bei der Hand und führte ihn beiseite. »Aden« (Eidam), sagte er zu ihm, »ist es wahr, daß du ein Spieler bist?« »Schwär!« (Schwiegervater) entgegnete Ascher darauf mit derselben Freimütigkeit, »die Augen Gudules werden mich davor behüten.« Ascher hatte keine Unwahrheit gesprochen, als er seinem Schwiegervater diese Versicherung gab. Es war ihm vielleicht heiliger Ernst dabei, und es erging ihm wie jedem, der Gudules Augen einmal gegenüber gestanden war. Nirgendwo vielleicht hat man ein feineres Gefühl für die Anzeichen jener grauenhaften Krankheit, deren Geschichte auf – einem Kartenblatte steht, als unter den Leuten in der »Gasse«. Unsichtbar deutende Finger sind dort überall auf den »Spieler«, an welchem, wie es im Sprichwort heißt, kein »Brösele« Segen ist, gerichtet, und warnen vor ihm. Trunk und Schlemmerei fordern wenige Opfer, aber fast jede »Gasse« weiß von einem oder mehreren eine Geschichte zu erzählen, die mit dem Kartenblatte anfängt und mit unheimlichem Ende aufhört. Darum war die Aufmerksamkeit der Leute mit einer Art Spannung auf die fernere Entwicklung eines Charakters wie Aschers gerichtet; man verfolgte mit einem Gefühle künstlerischen Behagens jeden seiner Schritte und Tritte, denn aus langer Erfahrung weiß die »Gasse«, daß man einem Spieler nicht »trauen« darf. Als ahnte es Ascher, daß aller Augen auf ihm lagen, so hütete er sich mit einer beinahe zur Schau getragenen Absichtlichkeit irgend einer der über ihn gehegten Voraussetzungen Recht zu verschaffen. Es hatte wenigstens den Anschein; nichts deutete darauf hin, daß er selbst in heimlichster Stille den Lockungen jenes Lügengeistes folgte. Sein Geschäft blühte – und Gudule hatte ihm einen Sohn geboren. »Nun, Gudule, mein Kind,« fragte damals der Randar seine Tochter, als er zur Gevatterschaft seines ersten Enkels gekommen war, »hat der Brief recht gehabt?« »Was für ein Brief?« meinte die Wöchnerin. »Nun ... worin man mir angezeigt hat, daß mein Schwiegersohn, dein jetziger Mann, ein Spieler ist.« »Von so einem Brief willst du noch reden?« meinte Gudule – und das war auch eine Antwort. Drei Jahre später kam Gudules Vater wieder auf Besuch. Sie trug ihm diesmal sein zweites Enkelkind, ihr kleines Veilchen entgegen. Er herzte und küßte die Kinder und hing um Veilchens Hals ein dreifach geschlungenes Perlschnürchen, »damit das Kind einmal wisse,« meinte er, »daß es einen Großvater gehabt hat.« »Und wo hast du deine Perlen, Gudule?« fragte er dann, »die du von deiner Mutter, mit der der Friede sei, bekommen hast? Sie hat darauf so große Stücke gehalten.« »Die, Vater?« entgegnete Gudule und erblaßte, »die hat mein Mann nach Prag zu einem Goldschmied gegeben, er soll ein neues ›Schlößchen‹ daran machen.« »So?« sagte der Randar. Trotz seiner schwerfälligen Behäbigkeit war ihm in Gudules Antlitz ein Zug von leidender Abgespanntheit aufgefallen – der ihm bis an die Seele griff. Er sprach aber nichts darüber; nur als er beim Abschiede die »Mesuseh« an der Türe küßte, sagte er zu Gudule, die, das kleine Veilchen im Arme, das Geleite ihm gab, mit einer von seltsamer Weihe durchzitterten Stimme: »Gudule, mein Kind, das Schlößchen an dem Perlschnürchen, was ich deinem Veilchen mitgebracht habe, das kann an die zweihundert Jahre aushalten ... Du brauchst es darum deinem Manne nicht mitzugeben, damit er ein neues daran macht.« Und ohne sich noch einmal umzuwenden, ging der gemächlich starke Mann von dannen. Er kam auch nie wieder auf Besuch. Ein Jahr später erhielt Gudule ein Schreiben von ihrem ältesten Bruder, der ihr meldete, der Vater sei gestorben und sie möge sich »Schiwe setzen« (die siebentägige Trauer begehen). Er habe seit seinem letzten Besuche bei ihr in einem fort gekränkelt, aber sie alle hätten des nur wenig geachtet, weil sie seine gute Natur kannten. Erst in den letzten Wochen sei eine merkliche Abnahme seiner Kräfte eingetreten, dazu sei ein Fieber gekommen, und er habe zu phantasieren angefangen. Als man ihn einmal fragte, ob man nicht Gudule kommen lassen solle, habe er gesagt: »Sie soll das Schlößchen von Veilchens Perlenschnürchen nicht weggeben.« Und noch eine Stunde vor seinem Tode habe er mit lauter Stimme nach dem Briefe begehrt. Welchen Brief? Keiner habe ihn verstanden. »Gudule weiß, wo er liegt,« habe er endlich mit leisem Kopfschütteln gesagt. Das sei sein letztes Wort gewesen. Hatte der alte Randar bei seinem letzten Besuche im Hause seines Schwiegersohnes richtig gesehen? Auch ohne die fehlende Perlenschnur hätte ihm die ganze »Gasse« schon lange das Geheimnis verraten können, daß die Warnung jenes unterschriftslosen Briefes eine Wahrheit – und Gudule die Frau eines Spielers geworden war. Mit der ganzen Gewalt eines Gewässers, das jahrelang in den Tiefen des Berges geruht, war die alte, niemals gebrochene Krankheit an Ascher herangekommen. Das erste Anzeichen hiervon erhielt Gudule, als ihr Mann einmal von einer seiner Geschäftsreisen früher zurückkehrte, als er ihr vorhergesagt. Gudule hatte ihn darum auch nicht erwartet. »Warum bist du mir mit den Kindern nicht entgegengekommen?« rief er verdrießlich; »gönnt man mir diese Freude auch nicht mehr?« »Ich ... gönn' dir keine Freude?« vermochte Gudule zu fragen, indem sie tief erschrocken ihre Augen zu ihrem Manne aufschlug. »Was siehst du mich so mitleidig an?« fuhr er heftig auf. Ascher liebte seine Frau; als er die Wirkung seiner rohen Worte auf Gudules Angesicht gewahrte, umfaßte er sie liebreich. »Sag selbst, Gudule,« sprach er, »ein Mensch, der sich die ganze Woche plagt und anstrengt, muß er nicht das Gesicht seines Kindes wie ein ihm von Gott geschicktes Geschenk betrachten, wenn er es zuerst beim Eintritte in sein Haus zu sehen bekommt?« Wunderbar! In diesem Augenblicke durchzuckte Gudule die erste Ahnung – daß ihr Mann einer Lüge fähig sei. Mit riesigen Lettern trat nun der Inhalt jenes Briefes vor ihre Seele; sie wußte, welches Geschick ihrer harre ... und ihrer Kinder. Von da ab traten in Aschers Leben alle jene Erscheinungen hervor, wie sie das Treiben eines »geborenen« Spielers beinahe mit kunstgerechter Regelmäßigkeit überall darbietet. Vor allem machte sich die Zerrüttung seines Gemütes merkbar. Verstörtheit und lustige Aufgeräumtheit wechselten mit einer erschreckenden Schnelligkeit in ihm ab. Er konnte das eine Mal an Gudule und seinen Kindern allen Liebreiz und Zauber der Welt erblicken, während er ihnen das andere Mal stumm, gleichgültig und verdrossen gegenübersaß. Gudule wurde es bald klar, daß das »Geschäft« ihres Mannes in seinen Grundfesten erschüttert war. Was sie aber am meisten erschreckte, war, daß Ascher mit Hintansetzung aller Scheu seine »religiösen« Pflichten vernachlässigte. Freitag spät in der Nacht heimzukehren, wenn der Sabbat schon längst in die »Gasse« eingekehrt war, gehörte zu den regelmäßig sich wiederholenden Vorfällen. Ja es traf sich einmal, daß er in bestaubten Kleidern von einer seiner Geschäftsreisen am frühen Sabbatmorgen zurückkehrte, während draußen die Leute, festtäglich geputzt, in das Bethaus gingen. Dennoch wurde nie, auch nicht das leiseste Wörtchen der Klage aus Gudules Munde vernommen. Im Grunde ihres Gemütes gehörte sie zu jenen stolzen und adeligen Naturen, wie sie unter allen Lebensbedingungen in der »Gasse« und auf dem einsamen Randarhof sowohl, als auf den Höhen der bevorzugten Menschheit zur Entwicklung gelangen. Hatte sie nicht den Rat jenes wohlmeinenden Briefes in den Wind geschlagen? Was wollte sie klagen und jammern, da nun die Saat aufgegangen war? Es lebte eine kaum erklärliche Scheu in ihr, ihrem Manne die Leidenschaft vorzuhalten, der er von Tag zu Tag, ja von Stunde zu Stunde mehr und mehr verfiel. Eher wäre sie gestorben, als daß sie das Wort »Spieler« über ihre Lippen gebracht hätte. Und dann! – – Sah es Ascher ihr nicht an den Augen an, was sie in der Seele litt? Von denselben Augen nun behauptete Ascher, sie trieben ihn immer weiter und weiter in sein Unglück! ... »Was siehst du mich so an, Gudule?« konnte er oft bei der geringfügigsten Gelegenheit fragen ... Manchmal, wenn er nach seiner Behauptung eine »besonders gute Woche« gehabt, brachte er für die Kinder Kostbarkeiten mit, die den Wert eines gewöhnlichen Geschenkes weit überstiegen. Gudule machte aber von diesen Gegenständen weder für sich noch für die Kinder irgend einen Gebrauch; sie verwahrte sie im Kasten und gestattete sich nie ihren Anblick, besonders ... als sie bemerkt hatte, daß Ascher unter irgend einem Vorwande all dieses glänzende Geschmeide wieder an sich nahm, um es mit anderem zu vertauschen – oder auch nicht mehr zurückzuerstatten. »Gudule!« sagte er einmal, als er in besonders aufgeräumter Stimmung sich befand, »warum läßt du alleweil den Schlüssel im Kasten stecken, wo du so teure Sachen aufhebst?« Und wieder schlug Gudule ihre unergründlich braunen Augen zu ihm auf. »Du siehst mich schon wieder ... so an!« fuhr er mit einem Male heftig auf. »Der Kasten ist sicher,« sagte Gudule fast lächelnd. »Warum soll ich ihn versperren?« »Du meinst, Gudule –« schrie er, indem er die Hand wie zu einem Schlage aufhob. Dann sank er in den Stuhl zurück und brach in ein krampfhaftes Schluchzen aus. »Gudule, mein Herz!« rief er, »ich bin nicht wert, daß deine Augen auf mich sehen. Überall, wo ich gehe und stehe, sehen sie mich an ... und das ist mein Unglück. Mach' ich schlechte Geschäfte, wo es immer ist, so fragen mich diese deine Augen: Warum hast du dich eingelassen, und denkst nicht an Weib und Kind? ... Dann bin ich wie von einem bösen Geiste geplagt. Ich möcht', daß du mich wieder so ansiehst, wie du mich als Braut angesehen hast – so glücklich, so merkwürdig schon! Dann denk' ich mir: Einmal muß sich das Glück doch mit der ganzen Faust packen lassen ... dann wird auch meine Gudule wieder die Augen aufheben können. Und so komme ich aus einem Unglück ins andere. Sieh mich lieber gar nicht an, Gudule!« Es war eine jener selbstanklagenden Stimmen, wie sie zuweilen aus der leidenden Seele solcher Menschen fast ohne äußeren Anstoß hervorbrechen. Schon war Gudule so weit gekommen, daß sie diesen Aufschrei seines Gewissens nach seinem eigentlichen Werte schätzte. Sie zweifelte keinen Augenblick daran, daß Ascher in dieser Minute die vollste Wahrheit gesprochen, für die nächste Zukunft war sie ihr ein inhaltsloser Schall. So waren Jahre dahingegangen. Die Kinder wuchsen allmählich heran. Ephraim war in sein fünfzehntes Jahr getreten, Veilchen war ein zwölfjähriges blasses Mädchen. Nach dem Ausspruche der »Gasse« waren es die merkwürdigsten »Kinder von der Welt«. Gudule erzog sie mitten in dem wüsten Leben, an das sie die Ehe mit dem Spieler kettete, daß sie Spiegelbilder ihres eigensten Wesens wurden. Die Leute wunderten sich, wie aus Aschers Kindern so etwas werden konnte. Sie waren ihrer Mutter vollständig »nachgeraten«, sie trugen dieselbe adelig stolze Natur wie ihre Mutter zur Schau. Mit den anderen Gespielen in der »Gasse« verkehrten sie nicht; es war, als ob sie nicht zu ihnen gehörten, als trennte sie ein unübersteiglicher Wall. Diese Absonderung trug ihnen der gemeine Sinn bitter nach. »Meint sie,« hörte Gudule oft neben und hinter sich flüstern, »weil ihr Vater ein Randar war, so sind ihre Kinder etwa Prinzen? Sie sollt' daran denken, daß ihr Mann nichts anderes wie ein Spieler ist.« Wie ganz anders hätte dieses bittere Urteil gelautet, wenn die Welt gewußt hätte ... daß die Kinder allein Gudules einzige Vertraute waren. Was ihr eigener Vater nie vernommen, das legte sie in die jungen Seelen ihrer Kinder nieder. Ihnen entging keine Träne ihrer Mutter; sie wußten, wenn der Vater Verlust, wenn er Gewinn gehabt; sie kannten alle Stimmungen seines zerrütteten Gemütes und hatten in dieser furchtbaren Schule häuslichen Elends eine Wahrheit des Begreifens erlangt, die sie in den Augen eines jeden andern als frühreif erscheinen lassen mußte. In den Naturen der beiden Kinder war übrigens schon frühzeitig ein seltsamer Gegensatz hervorgetreten. Ephraim war von einer fast weiblichen Milde, während Veilchens Wesen, ganz entgegengesetzt dem sanften Klange ihres Blumennamens, gleichsam verschlossene Lippen hatte, die auf Trotz und Willensstärke hindeuteten. »Mutter,« sagte sie einmal, »glaubst du, daß er noch lange spielen wird?« »Veilchen, wie kannst du so reden?« rief dagegen Ephraim erschrocken. Da fiel Veilchen der Mutter stürmisch um den Hals und hielt sie krampfhaft zuckend einige Minuten umfaßt. Es war, als wolle das Kind all den verhaltenen und mühsam zurückgedämmten Schmerz um seine eigene zerstörte Kindheit in der einen Umarmung ausströmen. »Mutter!« rief sie dazwischen, »du bist zu gut gegen ihn. Niemals, niemals werde ich so gegen ihn sein.« »Ephraim,« sagte Gudule, »red doch deiner Schwester zu, wenn ich nicht mehr da bin. Veilchen ist imstande und trägt ihrem eigenen Vater Haß nach. Darf das ein jüdisches Kind?« »Warum ist er so schlecht gegen dich?« knirschte Veilchen mit den Zähnen ... Endlich kam der letzte vernichtende Schlag. Nachdem Ascher einige Wochen abwesend gewesen war, langte eines Tages ein Schreiben unter Gudules Adresse – aus einer Strafanstalt in der Nähe Wiens an. In dem Briefe wurde ihr in Ausdrücken der äußersten Schonung mitgeteilt, ihren Mann habe das »Unglück« betroffen, eine falsche Unterschrift auf einen Wechsel gesetzt zu haben. Sie werde ihn jetzt durch fünf Jahre nicht zu sehen bekommen. Gott möge sie trösten. Der Brief trug die Unterschrift: »Von einem Leidensgefährten Ihres Mannes.« Gudule erging es wie dem alten Randar, ihrem Vater, nachdem er den letzten Abschied von ihr genommen. Sie brach innerlich zusammen, und ohne daß das an ihr nagende Todesleiden merkbare Spuren aufwies, waren ihre Tage gezählt. An einem Freitagabende, kurz nachdem das Friedenslicht der siebenzinkigen Lampe angezündet worden, berief Gudule die Kinder zu sich an den Lehnstuhl, von dem sie den ganzen Tag nicht aufgestanden war. Ein seltsam leuchtendes Lächeln auf ihren Lippen, ein eigentümliches Glänzen ihrer noch immer schönen Augen, dazu ein befremdendes Auf- und Niederatmen ihrer Brust ... sie erschien ihren Kindern so verwandelt! »Kinder,« sagte sie, »stellt euch da zu mir, jedes auf eine Seite. Ephraim, du zur Rechten, und du, Veilchen, zu meiner Linken. Ich möcht' euch einmal ein klein' Geschichtchen erzählen, wie man es Kindern erzählt, die man in Schlaf bringen will. Soll ich?« »Mutter!« riefen die Kinder aus einem Munde und beugten sich zu ihr herab. »Ihr müßt mich frei reden lassen, Kinder,« meinte sie mit demselben befremdenden Lächeln auf den Lippen, »wenn ich mein Geschichtchen gut erzählen soll – Hört, Kinder,« fuhr sie nach einer Weile fort, »jeder Mensch, und sei er der schlechteste, – wenn er auf Erden nur ein einziges Gutes getan hat, so ›genießt‹ er droben im siebenten Himmel sein ›Sechus‹, Die erste Silbe dieses Wortes wird kurz gehaucht ausgesprochen. das heißt, das Andenken an das Gute, was er auf dieser Welt getan hat, wird ihm von Gott dem Allmächtigen als ›besonderes‹ Verdienst angerechnet.« Gudule hielt inne. Plötzlich nahm ihr Gesicht einen gegen früher durchaus veränderten Ausdruck an. Ihr Atem ging mühsam, aber ihre braunen Augen leuchteten in einem fort. Mit kaum vernehmbaren Lauten fuhr sie fort: »Als Jerusalem, die heilige Stadt, zerstört ward, da sind sie alle aus ihren Gräbern aufgestanden ... die heiligen Älterväter Abraham, Isaak und Jakob ... und auch Moses und Aaron, sein Bruder... und David, der König ... und alle haben sich vor Gottes Thron niedergeworfen und haben geweint: ›Gedenkst du denn nicht mehr, was wir getan haben? ... Willst du denn unsere Kinder ... bis auf den unmündigen Säugling vernichten und zermalmen?‹ Aber der Allmächtige war unerbittlich. Da ist Rahel, die Ältermutter, gekommen... Wie Gott sie erblickt, da verhüllte er sein Angesicht und weinte. ›Geh fort,‹ sagte er, ›ich kann dich nicht erhören.‹... Sie aber hat gerufen: ›Denkst du nicht mehr der Tränen, die ich geweint, bevor ich meinen Joseph und Benjamin geboren habe ... Und denkst du nicht mehr, wie man mich draußen an der Schwelle des gelobten Landes begraben hat... und nun soll ich mit diesen meinen Augen es ansehen, wie meine Kinder erschlagen ... wie sie in die Gefangenschaft geführt werden?‹ ... Da hat Gott gerufen: ›Um deinetwillen will ich deiner Kinder wieder gedenken‹ ... Wollt ihr wissen,« rief sie plötzlich mit erhöhter Stimme, »wie das ›Sechus‹ aussieht? Das sieht wie ein Engel aus und steht nicht weit von Gottes Thron ... Den Vorzug vor allen, allen – hat aber seit Rahel, unserer Ältermutter, das ›Sechus‹ einer Mutter... Wenn sie gestorben ist, fliegt es ohne Verweilen in den Himmel hinauf, noch bevor der Leib kalt geworden ist, und stellt sich dort unter den andern auf. ›Wer bist du?‹ fragt Gott. ›Ich bin das Sechus einer Mutter,‹ lautet die Antwort, ›und sie hat Kinder hinterlassen.‹ ›So steh du Wache für sie!‹ sagt Gott. Und so oft es den Kindern dann gut geht, so hat das ›Sechus ihrer Mutter‹ es bewirkt, und wenn es böse über sie kommt ... so ist es wieder der Engel, der da sagt: ›Vergißt du, daß diese Kinder keine Mutter mehr haben?‹ ... und es geht vorüber« ... Gudules Stimme war bis zum Verlöschen schwach geworden. Sie hatte die Augen geschlossen; den Kopf nach rückwärts gesunken, atmete sie schwer ... »Seid ihr noch da, Kinder?« flüsterte sie fast unvernehmbar nach einer Weile. Angstvoll beugten sie sich zu ihr hinab. Da schlug sie noch einmal die Blicke auf. »Ich seh' euch noch« ... brachte sie mühsam zwischen den dünnen Lippen hervor ... »dich, Ephraim, und dich, mein kleines Veilchen ... ich bin gewiß, mein ›Sechus‹ wird euch künftig zur Seite stehen ... euch und auch eurem Vater ...« Das waren Gudules letzte Worte. Als die Kinder, die den Tod noch nicht kannten, sie beim Namen riefen, ihre erkalteten Hände mit heißen Küssen bedeckend, noch immer des Glaubens, sie sei ihre lebende Mutter mit den unergründlich braunen Augen ... atmete sie nicht mehr ... Wer es zu sagen vermöchte, was den vom bösen Wetter niedergeworfenen Halm mehr in die Höhe richtet, ob der belebende Windhauch, der von außen kommt, oder die eigenste, aus den Tiefen der mütterlichen Erde geheimnisvoll in die Wurzeln strömende Kraft? Es war ein erquicklicher Anblick, diese beiden Kinder zu sehen, wie sie allmählich unter der Wucht des doppelten Schlages, der sie getroffen, ihre Häupter aufhoben, wie sie mitten in ihrer Verlassenheit einen Halt gewannen, den man ihren schwachen Kräften nicht zugetraut hätte. Diese Erscheinung erfüllte die »Gasse« mit Verwunderung. Sonst fiel ja der Apfel nicht weit vom Baume – und sie stammten ja von einem Spieler ab! Oder lebte etwas von ihrer Mutter Gudule in ihnen? Nach dem Tode Gudules war deren ältester Bruder, der jetzige Besitzer des Randarhofes, gekommen, um über das fernere Schicksal seiner Schwesterkinder endgültig zu entscheiden. Er wollte, daß Ephraim und Veilchen mit ihm nach »Unterböhmen« auf seinen Hof gingen, wo er schon genügende Beschäftigung für sie in Bereitschaft hatte. Der Mann brachte viel Mitleid mit; da aber in diesem Jahre der »Haber« sehr schlecht geraten war, so mochte sein Antrag, so ernstgemeint er gestellt war, nicht sehr überzeugend klingen. Die Kinder sprachen sich entschieden dagegen aus. Ohne sich verabredet zu haben, waren sie wie aus einem Munde der Meinung, der Oheim möge sie lieber in der alten Heimat belassen. »Wenn der Vater einmal zurückkommt,« sagte Ephraim, »so muß er uns doch irgendwo zu finden wissen. Zu dir, Vetter Gabriel, wird er aber nicht kommen –« Nun schien der Oheim wenigstens darauf zu bestehen, daß Veilchen mit ihm gehe, da er noch mehrere Töchter habe, denen sie in der Hausarbeit Gesellschaft leisten könne. Aber das Kind rief, sich an Ephraim anklammernd, mit einem Aufflammen ihrer trotzigen Augen und einer Entschiedenheit in Stimme und Gebärde, die den schlichten Mann mit einer Art Schauder erfüllten: »Vetter, du hast genug an deinen Töchtern zu tragen, leg dir mit mir keine neue Last auf, und eher lauf' ich in die weite Welt, ehe ich mich von meinem Bruder trennen werde.« »Und was wollt ihr denn anfangen?« schrie der Oheim, nachdem er von seinem Erstaunen über Veilchens »merkwürdiges« Benehmen sich allmählich erholt hatte. »Siehst du, Vetter Gabriel,« sagte Ephraim mit einer plötzlichen Röte auf seinem abgegrämten Gesichte, »siehst du ... ich habe es mir überlegt, das wird das beste sein! Veilchen wird das Haus führen und ich ... ich fange ein ›Geschäft‹ an.« »Du ein Geschäft?« rief der Oheim und brach in eine laute Lache aus. »Kannst du mir nicht sagen, wie mein Haber am nächsten Wochenmarkte stehen wird? Ein Geschäft? ... und womit, mein Jüngelchen?« »Vetter!« sagte Ephraim – »wenn ich alles zusammennehme, was uns zurückgeblieben ist, so kriege ich so viel heraus, um ein kleines Geschäft anzufangen. Andere in unserer Lage haben es ja auch nicht anders getan ... Und dann –« »Was dann?« rief der Oheim aufhorchend. »Dann wird uns auch das ›Sechus‹ unserer Mutter beistehen,« sagte Ephraim leise. Dem bäuerlichen Manne wurden die Augen feucht; er hatte seine Schwester sehr geliebt. »Soll ich leben und gesund sein!« rief er, indem er mit der Hand über seine Augen hinfuhr, »ihr Kinder seid ganz meiner Schwester Gudule ihre Kinder. Mehr sag' ich nicht.« Dann riß er, wie von einer plötzlichen Eingebung erleuchtet, die schwere Brieftasche aus dem Rocke. »Da!« ... rief er fast außer Atem, »da sind hundert Gulden für dich, Ephraim, damit kannst du schon etwas anfangen und brauchst nicht das bissele zu verkaufen, was euch übrig geblieben ist... Da ... steck das Geld ein ... der Haber ist zwar heuer nicht geraten, aber für Gudules Kinder tu' ich's gern ... Steck ein, Ephraim ... Gott wird dir Glück und Segen dazu geben.« »Vetter, Vetter!« rief Ephraim und brachte die Hand des Oheims an seine Lippen, »so viel soll mein eigen sein –?« »Nicht wahr, mein Jüngelchen, es ist viel...« meinte Gudules Bruder, indem er mit seiner Hand einen klatschenden Schlag seinem eigenen gewaltigen Schenkel versetzte. »Ich glaub' auch, es ist viel. Damit kannst du schon etwas anfangen ... und weißt du was? Der Haber ist heuer in Böhmen schlecht geraten, dafür steht er aber in Mähren um ganze zwei Groschen billiger ... Greif zu, Ephraim, mein Kind, da läßt sich ein Geschäft machen –« Plötzlich fuhr es wie eine schwarze Wolke über seine lachenden Züge. »Es ist viel Geld, Ephraim, was ich dir da gebe ... es hat's mancher Große nicht beisammen,« sagte er, nachdenklich zögernd; »wie aber ... wenn du's ver –« Er sprach das Wort nicht aus, denn er fühlte etwas in seinem Arme, als wäre dort eine scharfe Nadelspitze hineingefahren. »Vetter Gabriel!« rief Veilchen, denn sie war es, die den Arm des Oheims berührt hatte, und die Wangen des Kindes brannten lichterloh; dabei waren ihre Lippen mit jenem Trotze aufgeworfen, die ihre weißen Zähne wie die eines jungen Raubtieres erscheinen ließ. »Vetter Gabriel!« rief sie, »wenn du Ephraim nicht traust, so nimm dein Geld wieder zu dir ... ohnehin nehmen wir's nur von dir, weil du der Bruder unserer Mutter bist ... Ephraim wird dir's auf einen Kreuzer wieder zurückgeben ... Ephraim spielt nicht ... du sollst keinen Groschen daran verlieren –« Mit fast blödem Kopfschütteln betrachtete der Oheim das vor ihm stehende sonderbare Kind. Etwas wie Entrüstung wollte in ihm aufsteigen, ein zorniges Wort drängte sich dem sonst gutmütigen Manne auf die Lippen. Aber es blieb dort wie festgebannt; er konnte seinen Blick von dem Antlitze des zwölfjährigen Kindes nicht abwenden. »Soll ich leben und gesund sein,« murmelte er zwischen den Zähnen, »sie hat ganz Gudules Augen.« Und mit einem abermaligen gewaltigen Klatsch auf seinen Schenkel rief er lustig: »Es bleibt also dabei, gut ... Wenn Ephraim mir das Geld nicht zurückzahlt, so nehm' ich dich beim Wort, du wildes Mädel ... denn du hast für deinen Bruder gut gestanden, und dann nehme ich dich zu mir und halt' dich da ... bis du bei mir bleibst. Ist dir das recht ... du kleine Klippe?« »Ja! Vetter!« sagte Veilchen. »So gib mir einen Kuß, Veilchen.« Das Kind besann sich erst einen Augenblick, dann legte es seine Wange an das Vetters Gesicht. »Hab' ich dich jetzt, du kleine Klippe,« rief er und küßte sie ein über das andere Mal. »Ist es aber recht, seinen Vetter so herunter zu zanken?« Dann nahm er Abschied, nachdem er Ephraim noch manche Aufklärung über den Preis des Habers in der Gegenwart und die Aussichten desselben für die Zukunft gegeben hatte, – er schloß aber auch Wolle und Hasenfelle und noch andere »Artikel« in diese Belehrung ein – und fuhr von dannen ... Es war ein seltsames Dreinschauen und Verwundern in der »Gasse«, als der kaum fünfzehnjährige Knabe gleichsam den ersten Anschnitt in den noch ungepflügten Acker des »Geschäftes« versuchte. Viele spöttelten und machten sich über den »großen Kaufmann« lustig, aber ehe das Jahr noch ganz um war, konnten die scharf beobachtenden Augen der »Gasse« gewahren, daß Ephraim eine »glückliche« Hand habe. Was er angriff, hatte nach allgemeinem Urteil einen merkwürdigen Schick; er bewegte sich mit einer Ruhe und Gelassenheit, gegen die die ruhelose Beweglichkeit mancher »Großen« mit all ihren Kunststücken und eingelernten Listen nicht recht aufkam. Wenn Ephraim mit seinem blassen, traurigen Gesicht auf irgend einem Bauerngehöfte erschien, um nach einer Partie »Wolle« oder dergleichen Erkundigungen einzuziehen, dann war es, als ob ihm ein unsichtbarer Bote vorausgefolgt wäre, um ihm die Herzen des Bauers und der Bäuerin zu öffnen. »Nur du allein bekommst die Sache so wohlfeil,« hörte er namentlich manche Bäuerin ihm versichern, zu der mit unbewußter Beredsamkeit seine dunkeln Augen gesprochen hatten. Schon längst war aller Spott über den kleinen »Barjin« verschwunden, denn die Menschen lassen schließlich den Erfolg gelten, wenn sie ihn erst zu bewundern angefangen haben. Als der Vetter Gabriel nach zwei Jahren wieder einmal kam, um sich nach den Kindern umzusehen, konnte ihm Ephraim in wohlgezählten Reihen Bargeld das Kapital auf den Tisch legen, das ihm der Oheim vorgestreckt. »Treibst du so mit deinem Vetter Spaß?« rief Gudules Bruder mit gewaltig großen Augen, beide Hände auf die Schenkel stemmend, »wie hast du's angefangen, schon so viel zurückzulegen? – Weißt du, daß das sehr viel ist?« »Ich hab' Glück gehabt, Vetter,« sagte Ephraim bescheiden. »Hast du vielleicht ... gespielt?« brach es mit aller Roheit aus dem Mund des bäurischen Vetters hervor. »Vetter,« schrie Veilchen, und eine kleine Faust spielte hart an den Augen Jossefs, daß er sie erschrocken schließen mußte. Aber das Kind mit den Zügen, die so sehr an seine Schwester Gudule gemahnten, mußte es dem Manne angetan haben. »Ephraim!« rief er lustig, seine Hände wie abwehrend gegen Veilchen ausstreckend, »ich geb' dir einen guten Rat. Nimm einmal das kleine Klippele aufs Dorf mit – vielleicht brauchen sie dort einen jungen Wolf.« Dann steckte er das Geld ein. »Nun, Ephraim,« sagte er, »Gott mag dir ferner Glück und Segen geben. Mir aber wirst du es nicht verdenken, wenn ich das Geld nicht länger bei dir lasse, – ich brauch's! und in Haber, das weißt du, läßt sich jetzt ein gutes Geschäft machen. Von dir aber gefällt es mir außerordentlich, daß du ein so guter Zahler bist. Nur nicht zu viel borgen! ist alleweil mein' Maxim, das bringt einen um und frißt sich durch ein Geschäft, wie eine Ratte durch eine Getreidescheuer.« Mitten auf dieses keimende und sprossende Leben warf nur die Gestalt in dem fernen Gefängnisse ihren anhaltend dunklen Schatten. Es war eine Traurigkeit in den Seelen dieser beiden Kinder, die vor keinem Sonnenblicke, wie freundlich er auch ihre Gegenwart beleuchten mochte, weichen wollte. Wenn Ephraim von seinen Geschäftsreisen matt und zerschlagen in sein kleines Hauswesen eintrat, dem Veilchen mit einer Anstelligkeit vorstand, als wäre sie drin, wie die Leute meinten, alt geworden, da begrüßte ihn kein Lächeln, so wenig er eines auf den Lippen hatte. Ephraim erzählte wohl der Schwester, wo er gewesen und wie es ihm ergangen, aber selbst durch das Unbedeutendste klang jener Ton unaussprechlicher Traurigkeit, wie sie so schwer heimgesuchten Gemütern innewohnt. Mittlerweile war auch mit Veilchen eine gewaltige Veränderung vorgegangen. Natur baut und entwickelt sich mitten unter den Zerstörungen menschlicher Leidenschaft ja oft schöner, je grauenhafter diese gewütet hat. Veilchen war schon lange das blasse Kind mit den trotzigen Lippen nicht mehr, die kleine »Klippe«, die dem Vetter Gabriel mit so überwältigender Wildheit in den Arm gefallen war. Alles an ihr war milder und weicher geworden, und schon wurden Stimmen in der »Gasse« kund, die in Erinnerung an Gudules Schönheit behaupteten, die Tochter »gebe« der Mutter noch etwas vor. Wie auf ein vor ihren Augen vorgegangenes Wunder wurde auf das schöne Mädchen geblickt; schon flatterte hie und da ein heißer Wunsch um die Fenster jenes Hauses, das die Geschwister bewohnten ... Aber die Tochter des »Spielers«, des Mannes, der im Kerker seine Leidenschaft verbüßte! – selbst das gierigste Auge senkte sich vor dieser Betrachtung ... Die herrliche Knospe war eben nur aufgebrochen, um ihre Düfte ungekostet in alle Luft zu verstreuen. Ephraim war es nicht entgangen, daß sich der Charakter seiner Schwester in einer Art entwickelt hatte, wie er es in seiner weichen Gefühlsweise niemals für möglich gehalten hatte. Wie der Trotz ihrer Lippen und das wilde Aufflackern ihrer Blicke sich gemildert hatte, so war auch in ihr ganzes Wesen eine Milde und Ruhe gekommen, für die der Unerfahrene keine Erklärung fand. Unterwürfig und demütig nahm Veilchen die leiseste Andeutung ihres Bruders wie einen Befehl hin, er war ihr Vater und Mutter zugleich, und nie sind Eltern aufmerksamer von einem Kinde bedient worden, als dieser Bruder von seiner Schwester, die doch nur um drei Jahre weniger zählte als er. Eines Tages brachte ihr Ephraim einen jungen Kanarienvogel, den er selbst von einer Bäuerin sich zum Geschenke erbeten hatte. Stundenweit trug Ephraim den Käfig mit dem unruhig flatternden Tierchen. Als er ihr den Vogel übergab und ihr dabei sagte, wie sie ihn zu warten habe, da äußerte sich ihre Freude in fast überschwenglicher Weise. Bald küßte sie den Bruder, bald die hölzernen Stäbe des Käfigs ... »Was hast du nur, Veilchen!« rief Ephraim verwundert. »Laß mich nur, Ephraim,« rief sie mit leuchtenden Blicken, »du sollst sehen, wie ich das Vögelchen zum Sprechen bringen werde ... wenn du nicht da bist ...« Nur in einem Punkte fand Ephraim seine Schwester ungefügig und widerstrebend – in bezug auf den abwesenden Vater. Die leiseste Nennung seines Namens machte das ganze Wesen des jungen Mädchens erzittern. Dann kam wieder jenes unheimliche Zucken der Lippen, das für ihn schon in den Tagen der Kindheit erschreckend war, und was Ephraim gesänftigt und gebannt glaubte, brach mit der wilden Heftigkeit eines plötzlichen Gewitters ohne allen Übergang aus ihr hervor. Es war klar, Veilchen haßte denjenigen, der ihr das Leben gegeben hatte. So war es gekommen, daß Ephraim fast Scheu trug, des Vaters anders als nur in sich zu gedenken. Nicht einmal von der Mutter sprach er gerne mit Veilchen; selbst die entfernteste Erinnerung stand zu sehr in Verbindung mit der dunklen Gestalt – hinter den fernen Gefängnismauern ... Kehren wir nun zu der Nacht zurück, in der Ephraim seinem Vater das Haus öffnete. Wie war das nur so gekommen? Tausendmal hatte er in seinen stillen Gedanken die Rückkehr des Vaters durchgedacht – und nun durfte er nicht einmal das Licht anzünden, um die Gesichtszüge des Langentfremdeten näher zu betrachten. Still und flüsternd, wie er gekommen war, so blieb Ascher den übrigen Teil der Nacht; er hatte sich an das Fenster hingesetzt, und sein Arm lag auf derselben Stelle, wo vordem der Käfig gestanden hatte. Der Vogel hatte die Freiheit aufgesucht und schlummerte jetzt vielleicht unter dem von Nachtlüften umspielten Laubdache irgend eines grünen Waldes; nur er, der gleichfalls Freigelassene, schloß kein Auge, und er war doch in sicherer Hut, im Hause seiner Kinder! So war der Tag herangebrochen. Die ersten Strahlen des noch hinter den Bergen weilenden Lichtes färbten sich bereits an den Fensterscheiben. Auf der »Gasse« wurden Tritte hörbar, hie und da öffnete sich knarrend ein Haustor, während von der äußersten Ecke her in langsam wiederkehrenden Pausen das Hammerklopfen des Schuldieners bereits erscholl, ein Zeichen des bald beginnenden Gottesdienstes. Denn der heutige Tag war ein Fasttag, der eigentlich mit Sonnenanbruch beginnt. In diesem Augenblicke richtete sich Ascher in die Höhe. Er trat rasch von dem Fenster zurück. Aber schon war Ephraim an seiner Seite. »Vater, mein lieber Vater!« rief er aus der ganzen Fülle seines Gemütes und haschte nach der Hand des früheren Häftlings. »Mach keinen Lärm,« sagte dieser, indem er einen scheuen Blick auf das Fenster warf, in demselben unheimlich flüsternden Tone, mit dem er den Eintritt in das Haus begehrt hatte. Wie fremd stellte sich Ascher seinem Sohne dar, als dieser ihn nun in dem grauen Dämmerlichte des anbrechenden Tages näher beschauen konnte! Ephraim konnte sich ihn in seinen stillen Gedanken nie anders als abgegrämt und abgezehrt vorstellen, und nun sah er einen großen, wohlbeleibten Mann vor sich, der von ganz anderswo herzukommen schien, als aus der feuchten Luft eines Gefängnisses! Dabei schien er größer geworden; breiter und kraftvoller, als er selbst in seinen besten Jahren ausgesehen hatte. »Ist es ihm so wohl bekommen ...?« mußte Ephraim in sich sagen ... »und wie hat unsere Mutter in ihren letzten Tagen ausgesehen!« Mit gewaltiger Anstrengung rang er die Empfindung nieder, die ihm vom Herzen herausquoll. »Liebster,« sagte er mit Tränen im Auge, »willst du dir's jetzt bequem machen? Du hast die Nacht über nicht geschlafen, wirst müde und abgemattet sein. Du bist ja zu Hause ... Vater!« »Laß nur gut sein,« sagte Ascher mit der Hand abwehrend, »unsereiner weiß, daß man die Nacht noch ganz anders zubringen kann.« »Unsereiner!« Ephraim fuhr es mit der Spitze eines zweischneidigen Messers durch die Seele. »Du kannst aber krank werden, Vater,« bemerkte er schüchtern. »Ich und krank! Wo fällst du aus?« lachte Ascher heiser, »es ist kein Äderchen in mir, das sich traut krank zu werden.« In demselben Augenblicke erscholl der Hammer des Schulklopfers an der Türe des nächsten Hauses. Der Schall mochte für den starken Mann von erschütternder Wirkung sein; ein krampfhaftes Zucken befiel seinen ganzen Körper; dann warf er wieder einen jener scheuen Blicke nach dem Fenster, den Ephraim bereits an ihm bemerkt hatte, und sprang dann in einem Satze nach der Türe, deren Klinke er ergriff. »Vater, was ist dir?« rief Ephraim angstvoll. »Sieht der Schulklopfer immer herein, wenn er vorüber kommt?« fragte Ascher, die aus ihren Höhlen unheimlich liegenden Augen nach dem Fenster gerichtet. »Niemals, Vater,« beteuerte Ephraim. »Laß mich sehen – wart ...« flüsterte Ascher. Dröhnend erschollen die drei bekannten Schläge an der Tür des eigenen Hauses, dann legte sich der Schatten einer vorüberschreitenden Gestalt an die gegenüber liegende Wand. Wie ein Seufzer der Erlösung kam es aus Aschers Brust. »Er hat doch nicht hereingesehen ...« murmelte er vor sich. Dann ließ er die Türklinke los und trat wieder in die Mitte der Stube an den Tisch, auf dessen Kante er eine seiner Hände legte. »Ephraim ...« sagte er nach einer Weile wieder in jenem unterdrückt lautlosen Tonfalle, der ihm eigentümlich zu sein schien, »gehst du nicht auch in die ›Schul‹?« »Nein, Vater,« entgegnete Ephraim; »ich gehe heute nicht.« »Sie werden aber wissen wollen,« meinte Ascher, und ein häßlicher Zug spielte dabei um seine Mundwinkel, »sie werden wissen wollen, was für einen Gast du bei dir aufgenommen hast. Warum gehst du nicht und tust ihnen den Gefallen ...?« »Vater!« rief Ephraim gefoltert. »Dann sei so gut,« sagte dieser, »und laß dort an beiden Fenstern die Vorhänge herunter ... Was brauchen die in der ›Gasse‹ zu wissen, wer dein Gast ist? Sie sollen sich um das kümmern, was in ihren eigenen Häusern vorgeht ... Aber sie wären ja nicht von dem ›auserwählten‹ Volke, Wenn sie nicht wissen müßten, was in dem geheimsten Stübchen deines Gehirns vorgeht. Deswegen muß man auch die Vorsicht gegen sie übertreiben ... man ist niemals sicher vor ihren seinen Nasen ... und ihren scharfen Angen.« Ephraim schob die Vorhänge vor beide Fenster. Draußen war es indessen lichter Tag geworden. »Die Vorhänge sind zu weiß ...« murmelte Ascher und er rückte den Stuhl, auf dem er sich niederließ, so, daß er mit dem Rücken gegen die Fenster saß. Ein minutenlanges Stillschweigen waltete jetzt zwischen den beiden Männern. Ephraim hatte die Gebetriemen um die Hand gelegt und betete leise vor sich hin. Es war ihm, als stehe jedes Wort der heiligen Sprache, in der schon Rahel nach der frommen Sage verkündigte, sie werde der Schutzengel ihres Volkes sein, zu seiner eigenen Lage in besonderer Beziehung ... Ein eisig kalter Gedanke bemächtigte sich seiner mit einem Male. Warum betete nicht auch der Vater? »Bist du bald fertig, Ephraim?« unterbrach ihn plötzlich die heisere Stimme Aschers. »Ja, Vater,« sagte Ephraim, indem er mit eiliger Hast begann, die Gebetriemen von Kopf und Arm loszulösen. Ascher saß noch immer, den Rücken gegen die Fenster, die Blicke auf die Türe gerichtet, als wollte er sie keine Sekunde aus dem Gesichtskreise verlieren. »Warum fragst du nicht, wo ich mein Gepäcke gelassen habe?« rief er. »Ich will's dir selbst hertragen, wenn du mir sagst, wo du es gelassen hast,« meinte Ephraim in aller Unbefangenheit. »Über so etwas muß ich lachen,« rief Ascher, und ein häßliches Gelächter, ähnlich mehr dem Röcheln eines Fieberkranken, drang aus seinem Munde. »Ich kann dir nur sagen, Ephraim, der stärkste Riese von der Welt müßt' sich die Schultern ausrecken, wenn er all das Gepäcke, das ich mit mir führe, auf sich nehmen wollt'!« Nun erst verstand Ephraim seinen Vater ganz. »Mach dir keine Sorgen, Vater« ... meinte er innig. »Wirst du mich vielleicht ernähren wollen?« rief dagegen Ascher mit einem Hohne, dessen Schneidigkeit den menschlichen Ursprung verleugnete. Ephraims Herzschlag stockte. Da wurde in der angrenzenden Kammer, wo Veilchen schlief, ein Geräusch hörbar. »Ist denn noch jemand bei dir?« rief Ascher, dessen Ohr aufs feinste geschärft war, aufspringend, und wieder hatte ein Zittern den starken Mann befallen. »Vater, es ist ja nur dein Veilchen,« sagte Ephraim. Eine ungeheure Angst schien sich Aschers bemächtigt zu haben. Die eine Hand krampfhaft um die Stuhllehne geballt, fuhr er mit der anderen über die Stirne. Dabei atmete er schwer. Ephraim bemerkte mit Schrecken, wie grauenhaft verändert das Gesicht seines Vaters in der einen Sekunde sich darstellte. Es war fahl geworden. Da ging die Türe auf, und Veilchen trat heraus. »Veilchen!« rief ihr Ephraim entgegen ... »das ist der –« »'s Gotts willkomm‹!« sagte das Mädchen tonlos und trat einige Schritte näher. Wollte sie ihm die Hand reichen? Sie hatte sie ausgestreckt, aber ihre Augen waren gesenkt. Dann blieb sie plötzlich stehen und wandte sich mit einer hastigen Gebärde um. »Gudule!« schrie Ascher entsetzt und sank kraftlos auf den Stuhl ... War es der Glanz dieser jungfräulichen Schönheit, wie sie dieser unglückliche Vater niemals in solcher Fülle an seinem Kinde zu sehen gehofft hatte? Oder vielmehr die außerordentliche Ähnlichkeit mit der Frau, die ihn einst geliebt und der er dann das Herz gebrochen hatte? Die Nennung ihres Namens, das Entsetzen, das aus diesem Aufschrei klang, sprach für den Eindruck, den die Erscheinung des Mädchens auf dieses aus allen Bahnen getretene Gemüt hervorgebracht ... »Veilchen!« rief Ephraim kummervoll, »was hast du getan?« »Ich kann nicht, Bruder, ich kann ...« stöhnte sie und wankte gegen die Kammer zu. »Sieh dir ihn nur an,« bat Ephraim, indem er sie bei der Hand ergriff. »Laß mich, Bruder!« rief sie und suchte sich von ihm loszuringen ... »ich denk' an die Mutter!« Mit einem Male richtete sich Ascher in die Höhe. »Wo ist mein Stecken,« schrie er, »ich will meinen Stecken haben, den ich mitgebracht ... Wo ist er? Ich will fort ... fort.« »Vater, du wirst doch nicht ...« rief Ephraim. Da wandte sich auch Veilchen um. »Vater,« sagte sie mit zuckenden Lippen ... »Du wirst doch früher etwas essen wollen, bevor du wieder fortgehst.« »Ja, essen will ich,« schrie er, in dessen Kopfe eine neue Reihe von Vorstellungen sich festgesetzt zu haben schien, indem er mit der Faust auf den Tisch schlug. »Wein her ... Wirtshaus auf ... aber vom besten ... ich hab' einen Durst, daß man ihn bis nach Paris hören könnt' ... , Wein her ... und Bier und was sich sonst noch herbeischaffen läßt ... stellt mir alles zusammen ... und dann will ich fort.« »Geh, Veilchen,« flüsterte Ephraim seiner Schwester zu, »und bringe alles, was er will.« Als Veilchen zur Stube hinausgegangen, schien Ascher etwas ruhiger geworden. Er ließ sich wieder auf den Stuhl nieder, und stützte dann beide Hände vor sich auf die Kante des Tisches. »Ja,« sagte er, noch immer in hoher Aufregung, die früheren Äußerungen im Selbstgespräche fortsetzend, »ja, ich will mich noch einmal bei meinen Kindern erlaben, ehe ich wieder den Stecken zur Hand nehme ... Man sagt, es bringt Glück, wenn einem sein eigenes Kind früher einschenkt ... und ich will wieder Glück haben, es mag wollen oder nicht ... Die guten Kinder! da plagen und martern sie sich, weil ich's nicht verstanden habe, ihr Vater zu sein, und laufen hin, um mir Essen und Trinken zu bringen ... und ich habe ihnen doch nichts mitgebracht als einen hölzernen Stecken ... Aber ich will's ihnen wieder zurückzahlen, so wahr mir Gott helfe ... ich will sie wieder reich machen ... Ich habe ja nichts als den hölzernen Stecken ... und Geld muß ich dazu haben ... ohne Geld ist kein Spiel – und kein Glück ...« Allmählich war in die aufgeregten Züge Aschers eine gewisse Nachdenklichkeit getreten, seine Lippen waren zusammengekniffen, die Stirne hatte sich in krause Falten gelegt, während die Augen mit gläserner Unbeweglichkeit in eine Art unsichtbaren Gedankenlebens zu starren schienen. Ephraim hatte sich bis dahin regungslos verhalten; es war klar, der Vater wußte nicht, daß er anwesend sei. Von Schauern durchrieselt, jedes Haar auf dem Kopfe gesträubt, ließ er die sonderbaren Reden über sich ergehen ... Etwas in ihm wollte frohlocken, aber ein anderes riß ihn wieder in die bodenlosen Abgründe des Entsetzens. Da sah er, wie sich die Augen seines Vaters langsam nach dem Kasten richteten, der in einer Ecke der Stube stand, und daselbst haften blieben. »Warum er nur den Schlüssel stecken läßt,« hörte er ihn zwischen den Lippen murmeln ... »Gudule hat's auch nicht anders gemacht, und das hat er von ihr ... Ich muß es ihm doch sagen, wenn er zurückkommt... man darf einen Schlüssel niemals stecken lassen ... niemals ... unter keinen Umständen ...« Der Eintritt Veilchens unterbrach den unheimlichen Gedankengang des alten Spielers. Ephraim atmete auf. »Bringst du?« rief Ascher, und seine Augen begannen lüstern zu funkeln, während Veilchen die unter der Schürze verborgenen Flaschen auf den Tisch stellte und Gläser herbeiholte. »Jetzt schenk ein,« rief er gebieterisch, »und hüt dich, daß du nichts verschüttest ... sonst geht das Glück über.« Mit zitternder Hand vollzog Veilchen diesen Befehl; trotzdem ward auch nicht ein Tropfen verschüttet; es schien in dem Auge des Vaters, das jede ihrer Bewegungen verfolgte, eine geheimnisvoll bannende Kraft zu liegen. Dann ergriff er das Glas und leerte es in einem Zuge bis auf den Grund. Sein Gesicht hatte sich hoher gefärbt; er schenkte sich selbst das zweite Glas ein. »Trinkst du nicht auch, Ephraim?« rief er, nachdem er auch dieses geleert. »Ich trink' nicht, Vater ...« stotterte Ephraim ... »es ist heute Fasttag.« »Was für ein Fasttag? Ich weiß von keinem. Ich hab' auch gefastet,« lachte er hierauf heiser, »zweimal in der Woche bei Wasser und Brot, und das bekommt dem Magen. Ein Fasttag und dazu im hohen Sommer! An einem so langen Tage, wo die Sonne schon um drei Uhr in der Früh' aus dem Bette ist und um acht Uhr am Abend sich noch bedenkt, ob sie sich niederlegen soll ... Was geht mich der Fasttag an?« Sein Gesicht nahm nun eine von Minute zu Minute höher steigende Röte an; er hatte bereits ein drittes und viertes Glas geleert, eine unbedeutende Neige war noch in der Flasche geblieben. Schon begannen seine Reden den Faden des Zusammenhanges zu verlieren, seine Zunge lallte, und die Augen schimmerten bereits in jenem gläsernen Glanze, der einem unheimlichen Zustande vorangeht. Ephraim vermochte diesen Anblick länger nicht zu ertragen. Von jener natürlichen, fast heiligen Scheu geleitet, die das Wort der Bibel schon an dem Sohne kennt, der hinging, um mit abgewandten Augen die »Blöße« seines Vaters zu bedecken, winkte er seiner Schwester, daß sie sich entfernen möge. Dann schlich auch er aus der Stube. Draußen im Vorhause fielen sich die Geschwister, keines Wortes mächtig, in die Arme. Beide weinten bitterlich, keines konnte durch geraume Zeit das bezeichnende Wort finden, das den Jammer ihrer Lage ganz in sich faßte. Endlich sagte Veilchen, noch immer am Halse ihres Bruders: »Ephraim, wie kommt er dir nur vor?« »Er ist krank, meine ich ...« sagte Ephraim mit von Schluchzen unterdrückter Stimme. »Das soll krank heißen?« rief Veilchen bitter. »Ephraim, Bruder, wenn das krank heißt ... so ist auch jedes wilde Tier krank!« »Veilchen, um Gottes willen schweig, schweig, er ist ja doch unser Vater!« »Bruder!« schrie nun das Mädchen im vollen Ausbruche ihrer Gefühle, indem sie sich neuerdings in Ephraims Arme warf ... »Wenn die Mutter auch das noch erlebt hätte!« »Laß, laß, Veilchen, mein Gold!« bat Ephraim weinend. »Ephraim, mein Bruder!« rief das Mädchen und schüttelte in wilder Verzweiflung den Kopf, »ich glaub' nicht an das ›Sechus‹! Wenn man all das erlebt, und es bricht einem nicht das Herz davon, tausendmal in einem Atem, so verliert man den Glauben ... Ephraim, mein Bruder, was soll aus uns werden?« »Schweig, schweig, Veilchen, du weißt nicht, was du redest ...« sagte Ephraim, »ich glaub' dran, weil es die Mutter selbst gesagt hat ... du mußt dran glauben.« Veilchen schüttelte aber wieder den Kopf. »Ich glaub' nicht mehr dran,« stöhnte sie, »ich kann nicht.« Ephraim ging nun mit leisen Schritten zur Türe und legte sein Ohr daran; er horchte. Drin war alles still, in der Stube regte sich kein Laut. Ein neues Gefühl von Schrecken überlief ihn. Warum war es drin so still? ... Behutsam öffnete er die Stubentüre, daß sie nicht in ihren Angeln knarrte. Da saß der Vater mit tief auf die Brust gesunkenem Kopfe, die Arme schlaff herabhängend, im Lehnstuhle und schlief. »Still, Veilchen,« flüsterte er, indem er die Türe ebenso vorsichtig wieder schloß, »er schläft ... ich glaube, es wird ihm gut bekommen. Laß auch nicht einen Laut von dir hören ...« Veilchen hatte sich auf einen Holzblock neben der Küchentüre gesetzt und weinte still vor sich nieder. Indessen ging Ephraim, der kein Wort der Beruhigung mehr für seine Schwester fand, vor das Haus, um daselbst Wache zu stehen, damit kein unberufener Störer in den Schlaf seines Vaters greife. – Die Glocken läuteten zu Mittag; aus der Kirche kamen buntgestutzte Scharen von Bauern und Bäuerinnen, von denen manche dem ihnen wohlbekannten Jüngling einen freundlichen Gruß zuwinkte. Aber er konnte nur mit dem Kopfe nicken, sein Herz war zu beladen, und ein Lächeln an diesem Tage hätte ihm eine Sünde gedünkt. Er ging wieder ins Haus hinein und horchte an der Stubentüre. Es herrschte drin noch die frühere Stille; mit unhörbaren Schritten entfernte er sich wieder von der Türe. »Er schläft noch immer,« flüsterte er seiner Schwester zu. »Denke dir nur, Veilchen, was geschehen wäre, wenn wir den Vogel noch hätten ... Er hätte vor dem lauten Geschmetter kein Auge schließen können.« »Ephraim, warum erinnerst du mich dran!« rief Veilchen und brach in neues Schluchzen aus. »Wo mag der Vogel jetzt sein ...« Ephraim setzte sich neben die Schwester und reichte ihr die Hand. Und so saßen die Geschwister noch lange nebeneinander; der Bruder die Schwester tröstend und aufrichtend, das Mädchen verzweifelnd und gebrochen. Oft sprachen sie kein Wort miteinander. Endlich regte es sich drin in der Stube, Schritte wurden vernehmbar. Ephraim sprang auf und stellte sich wieder an die Türe, um zu lauschen. »Er ist wach!« winkte er der Schwester zu, und leise trat er in die mit Vorsicht geöffnete Türe. Ascher ging mit schweren Schritten die Stube auf und nieder. »Hat dir der Schlaf geschmeckt, Vater?« fragte Ephraim schüchtern. Ascher blieb vor dem Sohne stehen. Sein Antlitz war noch immer hoch gerötet, aber seine Augen hatten die gläserne Farbe verloren; er blickte klar und scharf. »Ephraim, mein Sohn,« sagte er wohlwollend, fast wohlgemut. »Ich weiß, du bist ein tüchtiger Geschäftsmann geworden, wie es kaum einen zweiten gibt ... Glaub nur nicht, daß ich nicht alles weiß. Der Weg von Wien hierher ist weit, da kann man mehr hören, als man in einem Tage verzehren kann ... Aber einen Rat will ich dir geben, der ist in deiner Lage nicht um Tausende von Gulden zu verachten: Laß nie einen Schlüssel in deinem Kasten stecken!« Ephraim sah zu seinem Vater mit einem Ausdrucke von Verblüfftheit auf. Redete er irre oder waren es die Geister des genossenen Weines, die so aus ihm sprachen? In demselben Augenblicke wurden vom äußersten Ende der »Gasse« jene drei Schläge des Hammers wieder hörbar, die die Leute zum Abendgottesdienste beriefen. Wie am Morgen, so war auch diesmal die Wirkung der vernommenen Töne auf den starken Mann erschütternd. Sein Gesicht verfärbte sich wieder und nahm einen Ausdruck von Angst an; er zitterte vom Scheitel bis zur Fußspitze. Dann warf er wieder einen lauernden Blick gegen die geschlossenen Fenster. »Nichts als Klopfen und Klopfen,« murmelte er. »Sie mochten einem die geheimsten Gedanken aus dem Gehirne heraushämmern, wenn sie nur könnten ... Möcht' nur wissen, von wem sie das gelernt haben ... Vor einer Glocke kann man das Ohr verschließen, man braucht bloß die Hand davor zu halten ... aber mit dem Hammer kommen sie an jede Türe und jagen einen auf ... Wer gibt ihnen das Recht dazu? ... Und wenn ich gerade nicht hören will? ...« In horchender Stellung stand er dann einen Augenblick still. »Glaubst du, daß er noch lange ausbleibt?« fragte er mit ängstlichem Tone zu Ephraim hinüber. »Wer, Vater?« »Der Hammer –« »Er ist schon an dem vorletzten Hause!« Jetzt erdröhnten die drei hölzernen Schläge an der Türe des eigenen Hauses. Ascher atmete tief auf; er fuhr mit der Hand nach der Stirne, es standen Schweißtropfen darauf. »Gottlob!« rief er halblaut, »das ist nun auch vorüber ... und kommt wieder erst am Morgen ... Morgen! Der Narr von Schulklopfer weiß nicht einmal ...« Der unausgesprochene Gedanke schien seinem Körper wieder die alte Schnellkraft zurückgegeben zu haben. »Ephraim, mein Sohn!« rief er und schlug in überströmend lustiger Stimmung auf den Tisch, »du sollst bald gewahr werden, was du für einen Vater hast. Jetzt plagst und marterst du dich ab, läufst dir die Füße wund, um ein Hasenhäutchen aufzutreiben und um Gottes willen zu bitten, daß dir der Bauer sein bissele Wolle verkauft, Ephraim, mein Sohn, das wird bald aufhören, verlaß, dich drauf ... Ich will dich reich machen, und für Veilchen will ich einen Mann aussuchen, in halb Böhmen sollen alle Mädchen mit Neid auf mein Veilchen sehen und grün und gelb darüber werden ... Aschers Tochter soll eine Mitgift erhalten wie eines Rotschilds Tochter. Nur eines brauche ich dazu, und dann kommt's ... in einer Nacht!« »Was, Vater?« fragte Ephraim leise schauernd. »Glück, Glück, Ephraim, mein Sohn!« fuhr es stürmend aus ihm heraus. »Was ist der Mensch ohne Glück? Stell einen, der kein Glück hat, mitten in ein Faß Gold, deck ihn von oben bis unten mit Gold zu ... wenn er herauskriecht und du durchsuchst seine Taschen, so hat er Kupferkreuzer darin.« »Und – wirst du Glück haben, Vater?« fragte Ephraim unbefangen. »Ephraim, mein Sohn!« sagte der alte Spieler mit einem pfiffigen Lächeln, »ich will dir etwas sagen. Es gibt Menschen, deren ganzes Tun und Trachten ist nur darauf gerichtet, wie sie sich das Glück zu eigen machen. Wie andere sich darauf verlegen, Doktor zu werden oder eine Hose zustande zu bringen, so studieren dir diese Leute das, was man Glück nennt ... und von denen hab' ich es erlernt ...« Er hielt inne, als hätte er sich von seinen eigenen Reden zu weit fortreißen lassen, und blickte dabei dem Sohne forschend in die Augen. Der Ausdruck einer unentweihten Seele, der von Ephraims Antlitz mit voller Reinheit sprach, mochte ihn überzeugen, daß er nicht verstanden ward. »Laß das gut sein!« rief er lustig, mit der Hand durch die Luft fahrend, »was kommen soll, das wird kommen; das kann kein Mensch aufhalten ... Gib mir lieber etwas für den Durst, Ephraim.« »Vater ...« stammelte dieser, »glaubst du nicht, es wird dir schaden?« »Sei kein Narr, Ephraim!« rief Ascher, »du kennst nicht meine Natur. Und dann, hast du nicht selbst gesagt, daß heute ein Fasttag ist, an dem man nichts essen darf? Habe ich Essen von dir verlangt? Mit dem Trinken ist es aber etwas anderes! ... Das kann der Vogel im Walde nicht lassen, wie erst der Mensch!« Ephraim begriff, daß er seinem Vater gerade heute keinen Widerstand entgegensetzen durfte. Er ging zu Veilchen hinaus, die in der Küche das Abendmahl bereitete, und sagte: »Geschwind, Veilchen, geh und hol frischen Wein!« »Für ihn?« rief das Mädchen, indem sie mit dem Finger fast drohend nach der Stubentüre wies. »Laß, laß, Veilchen!« bat Ephraim. »Und du fastest?« »Faste ich nicht auch für ihn?« meinte Ephraim. Die volle Weinflasche in der Hand, betrat Ephraim wieder die Stube; er stellte sie auf den Tisch, auf dem noch die Gläser von dem am Morgen genossenen Trunke herum standen. »Wo ist Veilchen, deine Schwester?« fragte Ascher, der wieder mit starken Schritten die Stube auf und ab maß. »Sie kocht, Vater.« »Sag ihr, sie soll einen Mann und eine Mitgift von mir bekommen, daß sie in halb Böhmen darüber grün und gelb werden.« Dann trat er an den Tisch und leerte rasch hinter einander drei volleingeschenkte Gläser. »So,« sagte er, indem er sich mit seiner ganzen Wucht in den alten Lehnstuhl warf ... »jetzt will ich erst meine Nachtruhe halten. Ich brauche Kraft und gute Augen, und die bekommt man nur durch Schlaf. Ephraim, mein Sohn,« fuhr er nach einer Weile mit lallendem Ton fort, die Augenlider nur mühsam gegen die hereinfallenden Strahlen der Abendsonne erhebend ... »sag' dem Schulklopfer, ich glaube, er heißt Simon, er kann morgen in der Frühe sechs Schläge auf die Türe tun, ich könnt's vertragen ... und Veilchen sag' ich will ihr einen Mann aussuchen, einen so schönen hat ihr Auge noch nicht gesehen ... und sag ihr auch, an ihrem Hochzeitstage, da soll sie eine Perlenschnur um den Hals haben wie eine Königin, ... nein, nein, wie ihre Mutter Gudule ...« Wenige Minuten darauf lag er in tiefem Schlaf. Es war in später Nachtstunde. Überall waltete Ruhe und Frieden. Nachtfrieden! Es tönt ein so weicher Klang aus diesem Worte, mit so linden Fittichen umrauscht es dich ... nur aus dem Worte Heimat klingt und tönt ein verwandter Ton, das Süßeste in sich bergend, duftend wie eine Blume aus dem Garten des längst verschlossenen Paradieses. Heimat und Friede! Du ruhst in sicherer Hut, die Atemzüge deiner Kinder gehen so ruhig, so vertrauensvoll ... Laß ab, laß ab! Es ist zu spät. Neben dem Frieden der Nacht hausen, nur durch eine dünne Wand getrennt, ihre bösen Geister. Die nimmer ruhenden, heimatlosen, heimatzerstörenden Gäste der Seele! Sie schütteln ihr rabenschwarzes Gefieder, sie fliegen auf; es ist der Pfiff des Geiers, der auf die frommen Tauben niederfährt ... Sieht dich kein Auge ... sieht dich dein eigenes nicht? Laß ab! Es ist zu spät ... Weit offen steht das Fenster, der Riegel hat nicht geklirrt, als er ihn zurückschob ... Die bösen Geister sorgten dafür, daß der leiseste Ton erstarb; was während des Tages knarrt und rauscht, nimmt ein Flüstern an ... selbst das laute Eisen hielt an sich ... sie hatten zu ihm gesagt: Schweige und verrat ihn nicht. Auch der Schlüssel, der im Kasten steckt, läßt sich lautlos im Schlosse herumdrehen. Tastende Hände suchen nach dem dicken Buche, das dem scharfen Auge vorher nicht entgangen war. Haben sie es gefunden? Ist keine Stimme da, die mit der Gewalt des rollenden Donners ruft: »Verflucht ist die Hand des Vaters, die nach dem Gute seines Kindes die räuberischen Finger ausstreckt?« Sie hat es gefunden, die gierige Hand! Jetzt noch ein Sprung durch das offene Fenster hinaus in die Nacht ... In diesem Augenblicke fällt Lichtschein durch eine Türritze der Kammer, in der Veilchen schläft ... Rasch geht die Tür auf, eine blasse Mädchengestalt erscheint auf der Schwelle ... sie trägt ein brennendes Licht in der Hand ... »Gudule!« schreit er entsetzt und stürzt entseelt zu ihren Füßen. Ascher war gerettet worden. Der fürchterliche Schlag, der ihn beim Erscheinen Veilchens in jener dunklen Nacht niedergeschmettert, hatte seiner Lebenskraft nichts anzutun vermocht. Er war erwacht; treue Kindesliebe hatte über ihn die Fittiche ausgebreitet und ließ sein dem Untergange geweihtes Dasein nicht verfallen. Aber als ihm nach vier Wochen grauenvoller Fieberträume, die oft in stiller Nacht jedes Haar auf dem Kopfe seiner treuen Wächter emporsträubten, wieder einigermaßen das Denken aufdämmerte, da sahen sie einen alten Mann vor sich ... sein Haar war weiß wie Schnee geworden. Was Veilchen dem gesund heimkehrenden Vater verweigert hatte, das erstattete sie dem Kranken und Hilflosen mit jener voll ausströmenden Liebe, deren Geheimnis alles Versenken in die Natur nicht zu ergründen vermag. Was in jener Nacht eine verschlossene, dem Lichte und der Wärme scheu abgewandte Knospe war, das hatte sich noch in derselben Nacht in seltener Schönheit entfaltet. Nie haben weichere Hände die Stirne eines Fieberkranken gekühlt, nie hat eine süßere Stimme mitten in die grauenhaften Träume eines erhitzten Gehirns hineingetönt. Auf dem Krankenlager, behütet und geschützt von Ephraim und Veilchen, hatte sich in dem Gemüte des alten Spielers eine Läuterung vorbereitet, die für sein ganzes übriges Dasein gelten sollte. Seltsam war es, daß er von dem Ereignisse jener Nacht, mit allem, was ihr vorangegangen, auch nicht ein leise dämmerndes Bewußtsein hatte. Selbstverständlich hüteten sich die Kinder auch nur mit einem halb angeklungenen Worte all dessen zu gedenken, wie der Vater zu ihnen zurückgekehrt – und daß Ephraim das dicke Buch mit der Barschaft neben dem Entseelten gefunden ... Welch ein Paar herrliche braune Pferde, an eine schwerfällige Kutsche gespannt, stehen eines Tages vor dem Hause Aschers? Man sieht es ihnen an, der Haber ist in diesem Jahre gut geraten. Vetter Gabriel ist gekommen, um sein erstes Enkelchen, das Gudule heißt, und mit seinen Augen schon jetzt an die Großmutter gemahnt, zu sehen. Denn keiner als Ephraim durfte der Mann seiner einzigen Tochter werden. Da sitzt er, der gutmütige schlichte Mann, in jeder Falte seines ehrlichen Gesichtes Glück und Behagen, hie und da noch immer, wie es seine Gewohnheit ist, voll gewalttätiger Absichten gegen seine eigenen Schenkel. Veilchen nennt er noch immer sein kleines »Klippele«. »Nun, Veilchen, mein Klippele,« sagte er, »willst du mir noch immer nicht erlauben, daß ich mit meinem Nathan deinetwegen rede? Ich meine schier, der Jung' hält's gar nicht mehr aus?« »Vetter,« sagt Veilchen darauf, und eine tiefe Röte streift über ihr noch immer blasses Gesicht, in einem so ernsten Tone, daß darob der lachende Zug aus dem Antlitze des Vetters verschwindet – »red lieber nichts mit ihm. Ich bleib' bei meinem Vater!« Veilchen wird allem Anschein nach dieses Wort halten. Hatte sie es als Selbstbuße sich auferlegt, weil sie in der verzweifelten Bitterkeit ihres Herzens sich vermessen, den Glauben an das »Sechus« ihrer Mutter von sich zu stoßen? Oder war es etwas anderes? Das Frauenherz ist ein seltsam verzagtes Ding. Es baut nicht gerne auf dem Grunde, das die Trümmer eines andern Glücks in sich birgt. Christian und Lea. Durch die »Gasse« sieht man zuweilen, namentlich wenn die Sonne etwas kräftiger sich über die Häuser und Dächer legt, zwei alte Menschen wandeln: ein trippelndes, gebeugtes Mütterchen und einen nur wenig strammer auftretenden eisgrauen Mann. Sie gehen Hand in Hand, was einen gar wehmütig ergreifenden und doch wieder heiter stimmenden Anblick bietet. Wo sich ein Hindernis dem Gange der beiden entgegenstemmt, da ist es das eisgraue Männlein, welches zuvor jeden Stein, worauf seine Begleiterin mit dem Fuße treten könnte, hinwegräumt; der Stock, den er noch kräftig zu handhaben weiß, ist in beständiger Bewegung. Nichts entgeht seinen noch immer scharfen Blicken; dem Kinde, das über den Weg läuft, ruft er schon von weitem ein kräftiges Halt zu; wo ein breites, vorspringendes Haus einen etwas zu behäbigen Schatten wirft, weicht er aus und leitet das alte Weibchen lieber an jene Stellen, woran sich die Sonne besonders liebreich gelegt hat. Nur wenn zufällig das Mittagläuten von der Kirche her ertönt, bleibt er stehen, zieht seine Hand aus der seiner Begleiterin und fährt damit, sich bekreuzigend, während er in der andern Hand die vom Haupte genommene Pelzmütze hält, über Gesicht und Brust. Das Mütterchen aber trippelt weiter. Will es seinen Begleiter in der Andacht nicht stören? Klingen und tönen ihm diese ehernen Laute nicht auch wie Mahnrufe zum Aussprechen eines stillen Gebetes ...? Er hat es geendigt; mit behafteten Schritten hat er sie wieder eingeholt. Beider Hände haben sich wieder gefunden, sie setzen ihre Wanderung weiter. Vor einem kleinen einstöckigen Hause, dem letzten in der Gasse, endet ihr Gang. Es ist die Wohnung des alten Paares! Fast dünkt es uns ein Frevel, daß wir die Geschichte von Christian und Lea, so heißen in der Gasse die beiden alten Leute, wieder erzählen wollen. Wer eine Blume nicht gerne von ihrem Stengel reißen mag, sondern sie lieber an der Stelle beläßt, wohin sie mit ihrem Dufte und Blühen gehört, der wird uns begreifen. Und die Geschichte von Christian und Lea ist eine solche, die man mit einer gewissen Scheu hüten und bewahren sollte, daß sie nicht mutwillig abgepflückt und hinterdrein den Winden der Vergessenheit anheimgegeben werde, die sie hierhin und dorthin tragen können – wo man sie vielleicht nicht versteht. Es hatte tagelang geregnet, dazu waren lauwarme Frühlingswinde gekommen, die den Schnee im nahen Isergebirge zur vorzeitigen Schmelze brachten. Der kleine Bach, der gleich hinter der Gasse fließt und sonst so friedlich und stillselig seinen Weg geht, daß er den Kindern, die ihn durchwateten, kaum die Knöchel näßt, hatte plötzlich die Manieren eines reißenden Stromes angenommen, was, solange Menschen es gedenken konnten, niemals geschehen war. Trübschlammiges Wasser wälzte sich unter und über den hölzernen Steg, der sonst ein überflüssiges Bedürfnis schien; noch aber dünkte jedem die Gefahr so ferne, daß niemand daran dachte, das kleine baufällige Haus, worin Wolf Ungar, der Gemeindediener, mit Weib und Kind wohnte, und das hart am Rande des Baches stand, könnte ernstlich beunruhigt werden. Wolf Ungar, der Gemeindediener, wohnte übrigens in jenem Hause nicht allein; sein Nachbar unter demselben Dache war der Schustermeister Johannes Wurma, oder wie er in der Gasse kurzweg hieß: Jan Schuster. Auch dieser, dem seine Ehegattin jüngst gestorben, hatte ein Kind, aber weil er dem Trunke ergeben war, nahm er in der Achtung Wolf Ungars keine hohe Stufe ein. Oft wenn Wolf vor Tagesgrauen, wenn noch die Sterne am Himmel funkelten, aufstand, um mit seinem hölzernen Hammer die schlaftrunkene Gasse zum Gottesdienste wachzurufen, taumelte ihm der trunkene Schuster entgegen. Dann empfand der Gemeindediener ein Gefühl von Abscheu, das einen etwas aristokratischen Beigeschmack hatte. Er wußte in diesem Augenblicke mit aller Klarheit, daß er einem »auserwählten« Volke angehöre, dem es ein Greuel ist, in den Wirtshäusern die Nächte durchzuschlemmen. Wolf Ungar wollte am nächsten Morgen frühe aufstehen, denn es war »Fasttag der Königin Esther«, der schon mit Tagesdämmerung beginnt. Mitten in der Nacht wachte er auf und wunderte sich darüber; denn, pflegte er später immer zu sagen, sein Hammer und sein Schlaf seien pünktlich wie eine Uhr, die nicht zu spät und zu frühe gehe. In demselben Augenblicke fuhr auch seine Frau aus dem Schlummer. »Hörst du nichts, Sara?« rief er. »Ich hab' gerad' meine gute Mutter gesehen, die da draußen auf dem guten Ort liegt,« meinte sie, indem sie sich in die Höhe richtete. Eine unerklärliche Ahnung nötigte Wolf Ungar, das Bett zu verlassen; er zündete mit Hilfe eines Schwefelfadens Licht an, was eine geraume Zeit in Anspruch nahm. Beim ersten Aufflackern der Kerze schrie sein vierjähriges Töchterchen, die kleine Lea, die neben der Mutter im Bette lag, angstvoll und in Tönen, wie er sie noch niemals vernommen: »Christian! Christian!« und schlug dabei mit den Ärmchen um sich. Während Sara, die Mutter, das Kind zu beruhigen bemüht war, fuhr Wolf Ungar in seine Kleider und zündete eine Kerze in der Laterne an, er wußte selbst nicht warum Er war nicht schlaftrunken, im Gegenteile, alle seine Sinne befanden sich in einer Aufregung, die ihn fähig machte, in diesem Augenblicke mehr zu erraten, als er sonst bei vollstem Bewußtsein gesehen hätte. Dann ging er an das Fenster und wollte, gleichfalls von einem unerklärlichen Antriebe gedrängt, den hölzernen Laden aufriegeln. Die sonst leichte Hantierung gelang ihm aber diesmal nur mit großer Schwierigkeit; als er es endlich zustande brachte, taumelte er vor Entsetzen zurück. Seine Hand triefte von eiskaltem Wasser. »Sara! nimm das Kind auf! Das Wasser ist da,« schrie er; ein anderer gellender Schrei folgte diesem Rufe, dann ward es in der Stube grauenhaft still. Aber selbst in diesem Momente der gräßlichsten Angst hatte weibliche Fürsorge das nächste Bedürfnis nicht übersehen. Mit Blitzesschnelligkeit hatte Sara ein großes Tuch aus dem Kasten gerissen, das sie um sich und das Kind warf. »Und jetzt wohin, Wolf?« keuchte sie mit kreideweißen Lippen. Wolf ging mit der Laterne voraus; sie wollten durch das Vorhaus, aber schon traten sie in tiefes Wasser, das unter der Türschwelle sich seinen Eingang erzwungen hatte. Er öffnete die Türe nur zur Hälfte, aber das kalte, mit aller Macht hereinströmende Element drängte ihn beiseite. Wolf Ungar war ein beherzter Mann und hatte nicht umsonst in der Armee gedient. Er rief seinem Weibe zu, ihm mutig zu folgen, und hoch hielt er die Laterne empor, damit sie den Weg nicht verfehle. Da rief die kleine Lea wieder, und in noch ängstlicheren Tönen als früher: »Christian! Christian!« Dieser Ruf ging den beiden tief an die Seele; sie wußten nun, was diese Schreckenslaute aus dem Munde ihres Kindes zu bedeuten hatten. »Weck sie, Wolf,« schrie Sara, »weck sie, sonst gehen sie zugrunde.« »Ich kann nicht, Sara!« schrie er dagegen, »unser Leben steht auf dem Spiel ...« »Ich geh' nicht,« rief sie, »und wenn ich auch selbst ertrinke.« Da begann Wolf Ungar aus Leibeskräften den Namen »Jan! Jan!« zu rufen, indem er dabei mit riesiger Gewalt an der Türe, die in die Wohnung des Schusters führte, rüttelte. Kein Laut antwortete von innen. Schliefen die Unglückseligen? Waren sie bereits ertrunken? Endlich gab die Türe nach; mit emporgehobener Laterne leuchtete Wolf in der Stube umher, in der das Wasser bereits schuhtief stand. Ein einziger Blick genügte ihm, sich zu überzeugen, daß hier alle Weckrufe vergebens seien. Jan, der Schuster, lag in bleiernem Schlafe, aus dem ihn kein Rütteln und Schütteln ermuntern konnte. Da besann sich Wolf Ungar nicht lange und griff nach einem blondlockigen Kindeskopfe, der aus der Umhüllung einer Bettdecke mit verwundert offenen Augen zu ihm aufsah. Mit dem Knaben in dem einen Arme, mit dem andern die Laterne emporhaltend, so wankte Wolf Ungar aus der Stube. Das alles war das Werk jener wunderbaren, im Menschen schlummernden Tatkraft, die mit ganz anderem Maße gemessen sein will, als das ruhige Werk überlegter Besonnenheit. »Hast du das Kind, Wolf?« »Gott soll weiter helfen,« keuchte Wolf. So traten sie in die Nacht hinaus und in die eiskalte Wasserflut, die ihnen schäumend und heulend entgegenschlug; sie reichte ihnen bis an die Knie. Wolf ging voran, Sara folgte ihm. Hilferufen und Angstschreie aus den anliegenden Häusern! Die Überschwemmung war wie ein tückischer Dieb in das Heiligtum des Schlafes gedrungen. »Furcht dich nicht! Sara, mein Gold!« rief Wolf, »wir werden leben!« »Ja Wolf,« lallte sie dagegen mit vor Frost klappernden Zähnen, »wir werden leben bleiben.« So setzten sie ihren Weg fort, den tiefsten Schrecken im Herzen und das gläubige Wort hoffender Zuversicht auf den Lippen. Das Wasser schäumte um sie und schoß an manchen Stellen bis an Brust und Hals empor. Aber sie rangen sich glücklich hindurch; schon fühlten sie die kalte Flut bloß noch an den Knöcheln, jetzt hatten sie die höhergelegene Stelle erreicht, wo die Synagoge stand, bis wohin das Wasser nicht dringen konnte. Sie standen hochaufatmend auf festem Boden. Nun erst schauten sie hinter sich. Welch ein Fluten und Wogen! Die Nacht begann allmählich dem Morgengrauen zu weichen. Ein fahler Schimmer flog über die weite Wassermasse; sie konnten jetzt deutlich auch ohne Laternenschein das kleine Haus gewahren, aus dem sie soeben entronnen waren. Im nächsten Augenblicke gewahrten sie nichts mehr. Ein dumpfes Krachen, wie von zusammenbrechendem Gebälke schlug an ihr Ohr; dazwischen grauenhafte Todesschreie, dann ward alles still. Die Geburtsstätte ihres Kindes, das Haus, worin noch vor kurzer Zeit sechs Menschenleben geatmet, war verschwunden, die Flut hatte es untergraben, nachdem es selbst zuvor für Jan Schuster und dessen Frau zum Grab geworden war. So seltsam geartet ist die Menschennatur, daß die beiden auf so wunderbare Weise Geretteten in diesem Momente nur ein Gefühl jubelvollen Dankes empfanden. Aber gleich darauf rief Sara: »Hast du das Kind, Wolf?« »Ja! Was willst du mit ihm?« »Gib mir den Knaben,« rief sie, »die Last wird dir zu stark.« »Hast du denn nicht schon unsere Lea?« »Ich kann auch zwei Kinder haben,« schrie sie überlaut, und verbarg den ihr von Wolf dargereichten Knaben unter dem Tuche, das auch ihr Töchterchen umhüllte. Das alles ward in so rascher Aufeinanderfolge gesprochen und ausgeführt, daß es kaum so lange dauerte, als es hier erzählt wird. Der Morgen war allmählich angebrochen. Sara hatte sich, am ganzen Leibe zitternd, auf eine der Stufen niedergesetzt, die zur »Weiberschul'« hinaufführen. An ihrer Brust schliefen die Kinder, und die warmen Atemzüge der Schlummernden taten ihr wohl. »Heut' brauch' ich die Leute nicht wach zu klopfen,« sagte Wolf Ungar mit bitterem Lächeln, »mein Hammer ist in die Iser gefallen, es soll mir ihn einer holen.« Dann entrang sich ein aus tiefster Seele kommender Seufzer seinen Lippen. »Nichts als das nackte Leben!« wimmerte er. »Red jetzt nichts, Wolf!« gebot ihm Sara, indem sie eine abwehrende Bewegung machte, »du weckst mir sonst die Kinder.« Nach einer Weile rief Wolf: »Was lasse ich dich da in der kalten Luft frieren? Ich hab' ja den Schlüssel zur »Schul'« bei mir. Gott der Lebendige weiß, warum ich gerade den Schlüssel zu mir genommen habe, und den Hammer habe ich vergessen.« Das Gotteshaus war schauerlich still, und die Schritte der beiden, wie sie jetzt durch die Betpulte oder Ständer hingingen, hallten dumpf in den leeren Räumen. Wolf geleitete seine Frau zu den Stufen des »Almemors«, wie jene gemauerte Erhöhung heißt, die die Mitte der Synagoge einnimmt, und hieß sie daselbst sich niederlassen, nachdem er zuvor die schwere Altardecke vom Tische genommen und sie ihr unterbreitet hatte. Trotz seines Kummers konnte er dabei einen leichten Witz nicht unterdrücken. »Du kannst von dir sagen, Sara, und dich rühmen, was kein Weib in der Gasse von sich sagen und rühmen kann. Du hast einen Platz in der Männerschul'.« Über Saras erschöpfte Züge flog ein leichtes Lächeln. Dann verfiel sie in tiefes Sinnen. Plötzlich fuhr sie aus ihrer kauernden Stellung auf; das blasse Licht der Morgendämmerung, wie es jetzt durch die Fenster der Synagoge fiel, ließ die Gegenstände ringsum in ihren Umrissen erkennen. »Warum kommen denn noch nicht die Leut?« rief sie, »der Morgen ist ja schon da.« »Sie werden heut' nicht kommen,« warf Wolf tonlos hin. »So laß uns ›Schul'‹ halten, Wolf!« rief Sara in eigentümlicher Aufregung. Wolf Ungar glaubte im ersten Augenblicke, der Schrecken sei dem armen Weibe zu Kopfe gestiegen, und voll Entsetzen streckte er die Hand gegen sie. »Was redst du, Sara?« »Ich will, daß wir beide Schul' halten,« rief sie, und trotz des zwitterhaften Lichtes konnte Wolf gewahr werden, wie ihre Augen brannten und leuchteten. »Ich will, daß du die Thora aus der Lade herausnimmst, Wolf, wir sind vor Gott und der Welt allein!« »Sara!« schrie Wolf Ungar im tiefsten Schmerze auf. »Du meinst, ich rede im Wahnsinn?« meinte sie nun ruhiger. »Tu mir den Gefallen, Wolf, und nimm eine Thora aus der Lade heraus. Es wird doch keine Sünde sein?« Da Wolf sie so gelassen sprechen hörte, faßte er wieder Mut. Er stieg die Stufe zu der Lade hinan, worin die Thorarollen in einer Reihe nebeneinander standen, schlug den schweren Vorhang zurück und nahm eine der vordersten in die Arme. »Gib sie her, damit ich sie küsse,« rief Sara. Wolf reichte ihr die mit einem samtnen bunten Mäntelchen umkleidete Thorarolle, auf die sie mehrmals ihre Lippen drückte. »Und jetzt ziehe sie aus, Wolf, und blättere sie auf, als möchte man gerade ›leinen‹ wollen« (den Wochenabschnitt vorlesen). Wolf tat, wie sie ihm hieß. »Was willst du jetzt, Sara?« rief er nach einer bangen Weile. »Jetzt sollst du mir auf die Thora etwas schwören, Wolf!« rief sie mit erhobener Stimme. »Willst du?« »Ich will.« »So schwöre mir, daß ich diesem Knaben, den ich da an meiner Brust liegen habe, eine Mutter sein darf, weil er doch keine hat, und du willst ihm ein Vater sein, weil der seine jetzt tot im Wasser liegt, und willst mir nichts dareinreden, wenn ich ihn wie mein eigenes Kind aufziehe und ernähre, und du willst dein Wort halten, und wenn die ganze Welt aufsteht und dir beweist, du hast unrecht getan, und willst mir niemals einen Vorwurf daraus machen, daß ich mich dieses armen Kindes angenommen. Schwör mir dazu auf die heilige Thora!« Sara hatte sich, während sie dieses sprach, erhoben; sie stand jetzt dicht neben ihrem Mann. »Bedenkst du nicht, Sara,« sagte er, schwach widerstrebend, »daß Jan Schuster der Vater dieses Kindes war?« Sie aber rief mit wundersam erhöhtem Tone, der das Innerste ihres Mannes mit namenloser Bewegung ergriff: »Das Kind ist mein, als hätte ich es selbst geboren ... und jetzt schwöre mir zu!« Wolf legte die Finger auf das geheiligte Pergament. »Ich hab' geschworen, Sara!« sagte er leise. »Jetzt ist mir leichter, Wolf,« sagte sie und bückte sich zur Thora herab, um sie zu küssen, »ich meine, jetzt ist alles überstanden.« Dann setzte sie sich wieder auf die Stufe und verblieb von nun an in tiefem Schweigen. Die Kinder schlummerten ruhig unter der deckenden Hülle. Noch an demselben Tage ward für Wolf Ungars Unterkunft ausgiebig Sorge getragen. Von allen Seiten regte sich Mitleid und Teilnahme für ihn. Auf Gemeindekosten wurde ihm in einem der Gemeinde gehörigen Hause eine Wohnung angewiesen, während die Frauen in der Gasse es sich angelegen sein ließen, Sara mit Kleidungs- und Einrichtungsstücken zu versehen. Das Gemüt dieses armen Weibes war jedoch auch in diesem Falle eigen geartet. Sie nahm von den ihr dargebrachten Geschenken nur so viel, als sie, die ihr alles verloren hatte, nicht entbehren zu können glaubte. Sie wies alles beharrlich zurück, was ihr nicht im Einklang mit ihrer gegenwärtigen Lage schien, und mancher reichen Frau in der Gasse kam es wie unzeitiger Stolz vor, wenn die Gemeindedienerin eine bunt bebänderte Sabbathaube oder sonst ein Putzstück ablehnte. »Ich will aus meinem Unglück kein Geschäft machen,« sagte sie, »dazu bin ich nicht Schnorrerin genug!« Nur für »ihre Waise« schien es, als könnte sie nicht genug an Kleidung und Wäsche zusammenbringen, und was sie für ihr eigenes Kind entschieden abwies, das nahm sie mit leuchtenden Augen, ja mit den Gebärden einer gewissen Habgier für das angenommene fremde Kind an! »Ein Waisenkind hat einen großen Mund,« meinte sie, »und es geht viel hinein; wo ein Kind, das Eltern hat, einen Löffel ißt, davon braucht ein Waisenkind zwei, und das kommt daher, daß ein Kind mit Eltern schon von dem bloßen Gedanken, daß es an ihrem Tische sitzt, satt wird, während einer Waise selbst der beste Bissen so schmeckt, als hätte man dabei das Salz vergessen.« Sie konnte, die sonst Schweigsame, ganz redeselig werden, wenn sie für »ihr Waisenkind« zu sprechen kam; ihr volles Herz fand dann Ausdrücke für die Lippen, die ihnen sonst nicht geläufig waren. Man glaubte eine ganz andere vor sich zu haben, wenn sie sich Christians annahm, in so eigentümlichem Feuer glänzten ihre Augen und kamen die Worte aus ihrem Munde. Für »ihr Waisenkind!« Als Wolf Ungar in jener Nacht seinem Weibe den Eid auf das heilige Gottesbuch geleistet, da hatte ihn vielleicht der geheime Gedanke dabei geleitet, der raschen Tat ihres Herzens würde ein Augenblick der Ernüchterung folgen. Er baute dabei auf die tagtäglich zu machende Erfahrung, daß die meisten Menschen, die mit einem gewissen leidenschaftlichen Zuge vom Wohltun erfaßt werden, dann um so eiliger sich demselben entziehen, sobald es ihnen als andauernde Pflicht Bedingungen und Beschwerlichkeiten auferlegt. Darin hatte sich aber Wolf Ungar gewaltig geirrt; an dem Ernste, womit Sara an die in jener furchtbaren Stunde übernommene Verpflichtung ging, konnte er bald gewahr werden, daß sie sich wirklich vor Gott und Menschen als Christians zweite Mutter ansah. Trotzdem saß die Heiligkeit des geleisteten Eides zu tief in Wolfs Seele, als daß er gewagt hätte, offen gegen Saras Beginnen aufzutreten. Er ließ sie gewähren, und namentlich in der ersten Zeit, wo er noch unter dem Eindrucke des erst jüngst Erlebten stand, verriet auch nicht ein Wort, nicht eine Gebärde, daß er der eingegangenen Verpflichtung mit einigem Widerstreben gedachte. Dennoch fehlte es nicht an Stimmen, die bald offen, bald aus sicherem Verstecke hinter Sara zischelten, und das Allerwenigste, was man ihr vorwarf, war, daß sie unklug gehandelt und sich eine »Last« aufgebürdet habe, die sich mit ihren Verhältnissen als Frau eines Gemeindedieners nicht vertrüge. Hie und da wurde schon der Rat, und oft mit den wohlmeinendsten Redensarten, laut, daß sie nicht früh genug sich des fremden Kindes entschlagen könne, das doch im Grunde sie so gut wie gar nichts angehe. Jetzt sage man noch nichts, was werde sie aber anfangen, wenn das Kind größer würde, wenn sie selbst noch Kinder erhielte? Zu dem allem schüttelte Sara den Kopf, und nichts in ihrem Wesen verriet, daß von all den Reden und Ratschlägen auch nur die oberflächliche Außenseite ihres Gemütes wäre berührt worden. Eines Tages kam ihre Babe (Großmutter) Breindel auf Besuch. Das war ein unerhörtes Ereignis, denn die alte Frau war wegen ihres Hochmutes für Sara ein Wesen, dem sie sich stets nur mit einem Gefühle ehrfurchtsvollen Grauens zu nähern wagte. Die Babe Breindel lebte von ihrem Gelde, d. h. von den etlichen Hunderten Gulden, die ihr Mann hinterlassen, und bedurfte daher keines Menschen. Ihr blasses strenges Gesicht zeigte einen gewissen Trotz, der wohl aus der Unabhängigkeit ihrer Lage herstammte, und man konnte ihr nur wenige Züge nacherzählen, die nicht von einer gewissen Härte und Starrheit zeigten. Sie kam nie oder selten aus ihren zwei Stuben, die ihr gleichfalls als Erbe nach ihrem Manne geblieben, und nur am Sabbat war es ihren Kindern und Enkeln gestattet, sie daselbst heimzusuchen, um sich von ihr »benschen« zu lassen. Dann saß sie da in ihrem Lehnstuhle, eine sechsreihige Granatenschnur um ihren Hals geschlungen, eine goldgestickte Haube auf dem Kopfe und ganz in Weiß gekleidet, und empfing die Wünsche der Ihrigen, wie eine geborene Königin die Huldigungen ihrer Untertanen. Sara war eben damit beschäftigt, eines der Kleidungsstücke, die sie von den Leuten sich erbeten, für Christian anzupassen, als die Babe Breindel eintrat. Saras Munde entfuhr ein leichter Schrei. »Was erschreckst du,« rief die Babe, deren Ohr und Auge nichts entging. »Seh' ich denn schon so aus, daß die Leute vor mir zu erschrecken brauchen? Ich hab' einmal in meinem Leben auch ein anderes Gesicht gehabt.« Sara wußte aus langer Erfahrung, daß man diesen spitzen Stachelreden der Großmutter nur mit Gleichmut begegnen müsse, und so schwieg sie und führte die alte Frau ehrerbietig zu einem Sitze. Es berührte sie aber doch schmerzlich, daß die Babe ihrem Töchterchen, dem einzigen lebenden Urinigel (Urenkel) in der ganzen Familie, keinen Blick der Aufmerksamkeit schenkte. Das deutete auf eine tiefe Verstimmung, deren Ursache nicht schwer zu ergründen war. Nach einer Weile fragte die Babe, die grauen kalten Augen auf Sara richtend: »Wo ist dein Mann, Sara?« »Er ist aufs Dorf gegangen, Babe! Ein Bauer, der einen alten kupfernen Kessel zu verkaufen hat, hat ihn zu sich bestellt.« »Hat denn dein Mann es noch nötig, aufs Dorf zu gehen und alte kupferne Kessel einzuhandeln?« meinte die Babe, ihre schmalen Lippen zu einem spöttischen Lächeln zusammenzwängend, »die ganze Gasse redet ja davon, daß Wolf Ungar gesonnen ist, nächstens seinen Posten als Gemeindediener aufzugeben; er soll irgendwo einen großen gewaltigen Fund gemacht haben, davon will er als ein Millionär leben – sagt die ganze Welt.« »Ich weiß nichts davon, Babe,« sagte Sara in der Unbefangenheit ihres Herzens. »Es muß aber doch so sein,« fuhr die Babe mit unbarmherziger Beredsamkeit fort, »und die Welt ist nicht auf den Kopf gefallen. Wolf Ungar lebt von dieser Welt, sie gibt ihm zu essen und zu trinken ... wie kommt es dann, daß der nämliche Wolf Ungar, dem Gott schon ein Kind gegeben, damit nicht zufrieden ist, sich noch eines an die Füße bindet, und das ist nicht einmal sein eigen Fleisch und Blut?« So unbegrenzt und bedingungslos war zu jener Zeit die Ehrfurcht, mit der ein Enkelkind seinem Ahn gegenüberstand, und mochte es noch so sehr mit strafenden Worten überhäuft werden, daß es uns nicht verwundern darf, wenn Sara den schneidigen Reden ihrer Großmutter nur stummes Anhören entgegensetzte. »Warum redest du nicht?« rief die Babe nach einer drückenden Weile. »Babe,« meinte Sara, »mein Mann hat mich gern und hat nur getan, um was ich ihn gebeten habe.« »Also bist du die gewaltige Reiche?« rief die Babe mit wahrhaft vernichtendem Spotte. »Wo hast du denn deine Perlen und deine goldenen Halsketten? Und warum ziehst du aus dieser Stube nicht aus, wo du auf Gemeindekosten ausgehalten wirst? Wer sich fremder Kinder annimmt, muß ein eigen Haus für sie haben. Warum läßt du dir so ein Haus nicht bauen?« Sara hätte reden, stundenlang reden können, um der Babe zu beweisen, wie unrecht sie tue, in diesem Tone fortzufahren; dennoch kam über ihre Lippen nicht das kleinste Wörtlein einer Klage. Sie fühlte wohl, die alte Frau war noch nicht zu Ende, das Bitterste und Schneidigste mußte erst ausgesprochen werden. Woher sollte sie den Mut nehmen, auch diesem zu begegnen? Die Babe ließ nicht lange darauf warten. »Ich hab' gehört,« fuhr sie fort, »das Kind, was du bei dir aufgenommen hast, hat einen Namen ... Möchtest du mir nicht sagen, wie das Jüngel heißt?« »Christian heißt er,« sagte Sara unsicher. »Und du willst das Kind ansehen wie eine Mutter?« »Ja, Babe!« sagte Sara tonlos. Da stand Breindel auf. Ihr blasses, schmales Angesicht hatte einen merkwürdigen Ausdruck in diesem Augenblicke; vielleicht hätte selbst ein herzhafter Mann ihm nicht standgehalten. Lang und hager, wie sie war, gestaltete sie sich jetzt noch um eine Kopfeslänge höher. Dabei spielte es um ihre Mundwinkel wie funkelnde Messerklingen. »Solang' als unsere Familie in der Welt existiert, ist der Name in unsern Stuben nicht gehört worden,« sagte sie ... »Weißt du noch, nach wem dein eigenes Kind, die kleine Lea, heißt? Vielleicht hast du es schon vergessen.« »Nach wem sie heißt? Nach meiner guten Mutter draußen auf dem guten Orte,« rief Sara leise. »Und da willst du den heiligen Namen, den schönen Namen, den deine Mutter in Ehren geführt ... und Gott der Allmächtige allein weiß es, was du an ihr verloren hast ... den willst du in deinem Hause, in deiner jüdischen Stube zusammen mit Jan Schufters Kind nennen lassen? Das Kind meiner Tochter kann den Sohn eines Trunkenbolds auf ihrem Schoß sitzen lassen? Und der noch dazu ... so einen Namen hat?« »Babe,« rief Sara erschüttert, und Tränen entstürzten ihren Augen. »Was soll ich jetzt noch weiter in deiner Stube tun?« fuhr die alte, unerbittliche Frau fort. »Du wirst doch nicht begehren, daß ich dir auch Jan Schusters Jüngel benschen soll?« Damit wandte sie sich zum Fortgehen. Sara schluchzte vor sich hin; das schien doch einige Wirkung auf das Gemüt der alten Frau hervorzubringen. Wie alle stolzen Seelen, denen es nur um die Behauptung eines gewissen Rechtes zu tun ist, liebte sie den Anblick der Demütigung und Einschüchterung. In der halboffenen Türe wandte sie sich um und sagte zu Sara, die ihr unwillkürlich nachgeschritten war: »Sara, mein Leben! Du siehst da die sechsreihige Granatenschnur an meinem Hals. Sie ist zwar für eine andere bestimmt, wenn man mich auch einmal da hinaustragen wird, aber sie soll dein sein, morgen, übermorgen, zu welcher Stunde du willst – nur darf der Name von dem Kind Jan Schusters in deiner Stube nicht mehr genannt werden. Hast du mich verstanden?« Als die Babe sich entfernt hatte, befand sich die Frau des Gemeindedieners in der schmerzlichsten Verwirrung. Die alte Breindel in ihrem unnahbar stolzen und unabhängigen Wesen hatte ihr bisher als eine Persönlichkeit gegolten, deren Aussprüche unbedingte Verehrung fanden. Die Babe mußte recht haben, wie wäre sie sonst – die Babe gewesen? Und doch! ein seltsamer Zwiespalt ließ sich in ihrer Seele nicht mehr zum Schweigen bringen. Was ihr in jener verhängnisvollen Stunde, da sie kaum das nackte Leben aus den Fluten gerettet, wie eine Eingebung von oben in den Sinn gekommen, worauf ihr Mann einen heiligen Eidschwur geleistet, das sollte sie nicht halten dürfen? Warum war ihr eigenes Kind aus der grauenhaften Gefahr hervorgegangen? War das nicht ein deutlicher Fingerzeig, ein Lichtstrahl in der Finsternis? Wie wohl hätte es dem armen Weibe getan, wenn in diesem Augenblicke irgend eine ratende Stimme ihr zur Seele ertönt wäre! Es war ihr, seitdem die Großmutter fort war, als hätte die Welt in der kurzen Spanne Zeit ein anderes Aussehen erlangt. Was früher licht war, das stellte sich ihr jetzt verdüstert und trübe dar; was sie in ihrer Herzenseinfalt als so leicht erreichbar sich gedacht, das war jetzt zu einem unübersteiglichen Abgrunde geworden, in dessen Tiefen der Groll der alten Großmutter tobte. Und nicht das allein war es. Ein Mal über das andere Mal übergoß sie zugleich Flammenröte und tiefes Erblassen. Wie wenn ihr Mann des zugesagten und zubeschwornen Wortes vergaß? ... Draußen im Hofe unter dem weitastigen Nußbaume spielten die zwei Kinder: Sara konnte jeder ihrer Bewegungen mit dem wachenden Auge einer Mutter folgen. Wie sie so vertraut nebeneinander saßen; wie schön sich das blondlockige Köpfchen des fremden Kindes neben dem schwarzhaarigen ihrer Lea ausnahm! Das Herz ging ihr vor inniger Wallung über; sie mußte die Kinder in unmittelbarer Nähe haben. Sie rief den Namen ihres Töchterchens, dann wollte sie den des fremden Kindes rufen. Aber der Laut erstickte in ihrem Munde; die Kehle war ihr wie zugeschnürt. Hatte die Babe Breindel nicht gesagt, der Name dürfe in einer jüdischen Stube nicht ertönen? Der ganze Jammer einer Seele, die in ihrer Reinheit an der wundesten Stelle gefaßt wird, kam über sie. So viel war ihr klar, sie mußte rasch und ohne Zaudern des angenommenen Kindes sich entledigen, wenn die Großmutter ihren Gehorsam, den sie zu fordern berechtigt war, loben sollte. Dachte sie dabei an die blitzende, sechsreihige Granatenschnur? Auch nicht der leiseste Gedanke stahl sich zu dem funkelnden Geschmeide hinüber. Fast stand die Absicht, dem Willen der Babe Folge zu leisten, in ihr fest – aber schon der nächste Augenblick stimmte nicht mehr zu dem früheren. Es kamen ihr Zweifel in den Sinn. Die Großmutter hatte ihr Beginnen unbedingt verdammt, konnte es nicht Stimmen in der Gemeinde geben, die es ebenso unbedingt billigten? Sara dachte nach, bei wem sie sich Rates erholen könnte; denn ein Rat mußte ihr werden. Schon war sie so weit gekommen, daß sie die Sprache ihres eigenen Herzens nicht verstand; sie war sich selber fremd geworden. Seltsam! Sie konnte sich wahrscheinlich selbst nicht Rechenschaft geben, warum ihre Gedanken immer und immer aufs neue auf den kleinen Mann zurückkamen, der in der Gasse allgemein »Klein-Mendelsohn« hieß. Eigentlich nannte er sich aber Kalmann Würzburg und war ein vertrocknetes dürres Männchen, dem die Natur, wie dem berühmten Berliner Philosophen, an der Rückseite eine etwas zu weitgehende Wölbung verliehen hatte. Das war jedoch nur der äußerliche Grund, der Kalmann Würzburg zu seinem zweiten Namen: Klein-Mendelsohn verholfen hatte. Dieser Kalmann stand nämlich im Geruche sogenannter »aufgeklärter Ideen«, die zu jener Zeit noch keineswegs allerorts in den Gassen als Saatkorn der Zukunft aufgegangen. Man rühmte ihm eine ungeheure Gelehrsamkeit nach; er sollte seinerzeit der »feinste« Schüler der Prager Talmudschule gewesen sein, von dessen Fragen und Antworten damals, also nach fast dreißig Jahren, in Böhmen und Mähren von Mund zu Mund sich fortpflanzende Traditionen berichteten. Er hatte ein eigenes großes Haus in der Gasse und war nie verheiratet gewesen. Die Leute kamen ihm übrigens nicht gerne in den Weg, wiewohl er mannigfach Gutes tat. Viele »Dorfgeher« lebten gleichsam nur durch ihn; sobald der Sonntag angebrochen war, kamen sie zu ihm, um einige Gulden abzuholen, mit denen sie dann ihre beschwerliche Wochenfahrt antraten; am Freitag brachten sie ihm wieder das Darlehen, ohne daß er ihnen jemals an Interessen irgend etwas anrechnete. Bei diesem Aus- und Rückzahlen war es zumeist, daß er Äußerungen tat, die ihm besonders den Zunamen Klein-Mendelsohn zuzogen. Wenn er das Geld aus dem Kasten nahm, ließ er es nie an sarkastischen Bemerkungen über den »Stand« der »Dorfgeher« fehlen, denen er, wie er sagte, das Geld nur mit Widerstreben vorstreckte. Jeden Sonntag und Freitag konnten sie es hören, wie er über ihre »Hasenhäutchen und Kattuntüchel« mit einer Art Verbissenheit loszog, und nebstbei vom Segen der »freien Arbeit auf dem Acker« sprach, wovon die meisten übrigens sehr wenig verstanden. Wenn er manchmal recht grimmig wurde, konnte er auch mit der Äußerung nicht zurückhalten, ein einziger Bauer sei ihm lieber als alle Dorfgeher in Böhmen und Mähren. Diese und ähnliche Reden, sowie die vielen deutschen Bücher, die man bei ihm sah, hatten um Klein-Mendelsohn einen eigentümlichen Zauberkreis gezogen, dem sich nur derjenige nahte, der seiner Hilfe unumgänglich bedurfte. Ob Kalmann Würzburg rechtgläubig nach dem landläufigen Ausdrucke dieses Begriffes war? Niemand hatte etwas Übles von ihm gesehen – aber keiner hätte auch den kleinsten Finger aufgehoben, wäre er genötigt gewesen – es zu beschwören! Zu diesem Kalmann Würzburg drängte es die Frau des Gemeindedieners. Gefragt, warum es sie gerade zu diesem Manne zog, hätte Sara wahrscheinlich nicht antworten können. Sie ging zu ihm, weil sie noch eine andere Stimme als die ihrer Großmutter vernehmen wollte. »Kommst um Geld?« schnarrte Klein-Mendelsohn, indem er sein riesiges Haupt, das ein Sammetkäppchen bedeckte, aus dem vor ihm aufgeschlagenen Folianten verdrießlich hervorhob. »Um Geld?« Sara erschrak bis ins Innerste ihrer Seele. Sollte Kalmann Würzburg von der sechsreihigen Granatenschnur ihrer Großmutter etwas wissen? Die Blässe, die ihr Antlitz bedeckte, bestärkte Klein-Mendelsohn noch mehr in der Voraussetzung, daß Sara um ein Darlehen gekommen war. »Hat dein Mann sich auf Hasen verlegt?« schnarrte er nochmals, indem er die Tischlade aufzog, in deren Innerem Silber- und Kupfergeld zu sehen war. »Wieviel soll's sein?« Mit einer Herzhaftigkeit, die niemand diesem armen Weibe zugetraut hätte, fiel Sara, während er in die Hand bereits einige Silberstücke genommen hatte, ihm in den Arm. »Ich komm' nicht um Geld, Herr Kalmann,« sagte sie, mühsam nach Atem haschend, »ich komm' um etwas anderes.« »Dein Mann verlegt sich also nicht auf Hasen? Ist's vielleicht ein kupferner Kessel?« fragte Klein-Mendelsohn spöttisch. Da begann es vor Saras Augen zu flimmern; was an zurückgedämmtem Wehe in ihr lag, suchte nach einem gewaltsamen Durchbruch. »Herr Kalmann!« rief sie unter hervorstürzenden Tränen; »ich komme um einen Rat zu Ihnen, und Sie beleidigen mich dafür!« Klein-Mendelsohn wurde ernst. »Steht es so mit dir?« sagte er, indem er die Tischlade wieder zurückschob. »Womit kann ich dir sonst helfen? Aber erst setze dich.« Es dauerte eine geraume Weile, ehe Kalmann Würzburg aus der von oftmaligem Schluchzen unterbrochenen Erzählung Saras das Verständnis des seltsamen Falles erhielt, dessen Beurteilung ihm oblag. Als sie geendigt und ihn nun mit ihren feuchten Augen anblickte, die mehr fragten, als ihr Mund noch hätte sprechen können, da wurde Klein-Mendelsohn in seinem Lehnstuhle unruhig; er rückte hin und her und schob das Sammetkäppchen auf seinem Kopfe bald nach vorn, bald nach rückwärts. Fiel ihm die Antwort so schwer? Dann sah er wieder starren Blickes in den aufgeschlagenen Folianten, aber seine Gedanken waren nicht bei den krausen Buchstaben; sein sonst verdrießlich saures Antlitz hatte in diesem Augenblicke eine merkwürdige Wandlung erfahren. »Die Babe hat dir also gesagt,« meinte er, »daß man ein solches Kind nicht bei sich behalten, ja daß man nicht einmal seinen Namen aussprechen darf?« Sara vermochte nur mit dem Kopfe zu nicken. »Und willst du der Babe folgen?« »Muß ich?« fragte Sara ihrerseits. Ein sonniges Lächeln überflog das Antlitz Klein-Mendelsohns. Im stillen bewunderte er die Feinheit dieser einfachen Frau, die mit ihrer Frage der Achtung für die Ahne nicht nahe trat, und doch zugleich ein Aussprechen ihrer Ratlosigkeit enthüllte. »Ich frag' dich aber etwas anderes,« begann er nach einer Weile. »Wenn heute oder morgen der Bürgermeister mit dem Geistlichen kommt, und die sagen: Gib uns das Kind heraus, es ist unser! Gib es heraus! Wirst du dich da nicht trennen müssen von ihm? Denn du kennst »sie« noch nicht, wie sie sind. Deine Babe Breindel kommt noch mehr unter ihnen als unter uns vor . Wäre es also nicht besser, du tust früher, was sie vielleicht später von dir mit Gewalt fordern werden?« Kalmann Würzburg schwieg; er wollte dem Gedankengange Saras freie Entwickelung gewähren. Sie aber rief mit einem Ausdrucke, der Klein-Mendelsohns Wesen wunderbar ergriff: »Aber bis dahin werde ich doch das Kind behalten dürfen? Mein eigenes Kind spielt mit ihm, und ich gebe ihm zu essen. Darf das nicht geschehen? Und weil Jan Schusters Kind verlassen auf der Welt dasteht, und keiner hat sich gemeldet, der ihm einen Löffel Wasser reicht, und weil ich einen Schwur getan habe, und mein Mann auch, vor der heiligen Thora, daß ich seine Mutter sein will dafür, daß mir der allmächtige Gott mein eigenes Kind wiedergegeben hat –« »Red nicht weiter!« unterbrach sie Kalmann Würzburg, indem er in seinem Lehnstuhle unruhig sich bewegte, »ich verstehe dich so, als wärest du ein Gefäß hellen Wassers, in welches man bis auf den Grund sehen kann.« Dann warf er, wie von Grimm erfaßt, sein Käppchen zu Boden und sprang auf. Er schien vergessen zu haben, daß eine Frau aus der Gasse in seiner Nähe war, und er barhäuptig vor ihr stand. Der kleine bucklige Mann ging mit langen Schritten in der Stube auf und nieder; selten mochte sich sein Wesen in so ungeheurer Wallung befunden haben. Er hielt ein Selbstgespräch mit sich, das nur halbverstanden zum Ohre Saras gelangte. Dabei durchsäbelte er die Luft mit den zwei außer allem Verhältnisse dünnen Armen, so daß Sara ernstlich fürchtete, Klein-Mendelsohn sei etwas »zugestoßen«. »Immer die Babes! überall die Babes!« schrie er vor sich hin. »Wenn einer nur um eine Linie über die Schnur hinausgehen will, gleich ist die Babe da!« Er klappte dabei den aufgeschlagenen Folianten mit einer Heftigkeit zu, als hätte er ihm ein für allemal das Lebenslicht ausblasen wollen. »Auf meine Babe lasse ich nichts kommen,« erlaubte sich Sara leichten Tones zu bemerken. »Die meint es gut mit mir.« »Und wie soll ich das verstehen, daß du dann doch zu mir kommst?« rief Klein-Mendelsohn mit Zorn, die großen grauen Augen auf Sara richtend. »Ich weiß es selbst nicht mehr,« stammelte Sara, »mir scheint, es war wegen dem Kind.« Da wurde Klein-Mendelsohn wieder sanft und ruhig. Er mäßigte seine Schritte und blieb endlich vor einem offenen Bücherkasten stehen. Mechanisch griff er nach einem kleinen Buche, das zu oberst stand; er mußte sich auf die Fußzehen stellen, um es in die Hand zu bekommen. Er schlug es auf und blickte hinein; ängstlich bewachte Sara jede seiner Bewegungen. Plötzlich erhellte ein Strahl von Freude sein Antlitz; das Buch zitterte in seiner Hand. »Du willst einen Rat von mir,« sagte er hastig, »und wenn ich monatelang darüber hatte nachdenken wollen, es wäre mir kein besserer eingefallen, als wie er da in dem Buche steht.« Die Frau des Gemeindedieners sah ihn nach diesen Worten mit verwunderten Augen an. »Ist das Buch – in heiliger Sprache?« fragte sie zagend. »Du kannst dich darauf verlassen,« sagte Klein-Mendelsohn lächelnd, »es sind die ›Sprüche Salomos‹, die ich in der Hand halte.« »Und wie kommen die zu mir?« fragte sie wieder. »Das will ich dir erklären. Wie du wissen wirst, war König Salomo ein sehr weiser Mann, von dem man noch jetzt viel lernen kann. Das Buch, was ich da habe, enthält ganz merkwürdige Dinge, und wenn du willst, gibt es auf jede Frage eine Antwort. Es steht auch eine für dich drin.« Saras Seele spiegelte sich in diesem Augenblicke in der feinen Röte, mit der sich ihr Antlitz bedeckt hatte. Es war eine Empfindung über sie gekommen, als stünde sie mitten im Gebete – und das Gebet stand in dem Buche, das Kalmann Würzburg in der Hand hielt. »Hör an, was da gleich zu oberst steht,« begann er wieder. »Höre aber gut zu, damit du dir den Spruch merkst.« »Ich höre,« flüsterte sie leise. »Sei nicht allzu gerecht,« – las Kalmann vor, »und grüble nicht zu viel, du könntest sonst verderben.« Hast du das verstanden?« Eine geraume Zeit hindurch vermochte Sara, in ihrer tiefsten Bewegung keines Lautes fähig, auch nicht einmal ein Zeichen ihres Verständnisses von sich zu geben. Ihre weitgeöffneten Augen strahlten ein Licht aus, wie es Klein-Mendelsohn in seinem freudlosen Dasein niemals auf einem Menschenantlitz erblickt hatte. »Hast du mich verstanden?« fragte er nochmals. »Sei nicht allzu gerecht,« kam es langsam und fast feierlichen Tones über ihre Lippen. »Nicht wahr, das geht meine Babe an? ›Und grüble nicht zu viel!‹ das ist für mich besonders geschrieben? Und das letzte geht Jan Schusters Kind, das arme verlassene Waisenkind an! Wer denn sollte verderben und verkommen, als Christian, Jan Schusters Kind?« »Du hast mehr im Kopf, Sara, als ich und Tausende meinesgleichen.« Sarah lächelte wie traumverloren. »Und grüble nicht zuviel,« sagte sie halblaut vor sich hin. »Ist dir jetzt wohl, Sara Ungar?« meinte Klein-Mendelsohn. »So wohl wie noch nie in meinem Leben,« sagte sie mit leuchtenden Blicken. »Jetzt weiß ich, was ich zu tun habe!« Mehr als eine halbe Stunde nachher saß Kalmann Würzburg vor dem Folianten, den er wieder aufgeschlagen hatte, ohne dem Inhalte desselben die geringste Aufmerksamkeit zu widmen. Seine grauen Augen starrten ins Weite. War ihm selbst in der stattgefundenen Unterredung ein Geheimnis gelöst worden, von dessen Dasein er erst wußte, seitdem dieses arme Weib aus seiner Stube fort war? Mitten aus aller Beklommenheit ihres Herzens hatte nun die Frau des Gemeindedieners den freien Ausblick in die Zukunft gewonnen, die Besprechung mit Klein-Mendelsohn hatte sie merkwürdig gestärkt. Es war ihr immerfort, als tanzte lustiger Sonnenschein hinter ihr her, oder vielmehr, es war der gute Rat aus dem Prediger Salomons 1. 18, der in ihrem Herzen saß und in ihrem Gemüte nachtönte. Klein Mendelsohn hatte übrigens nicht umsonst das Wort von »ihnen« fallen lassen, die ihr natürliches Recht auf das Waisenkind eines Tages geltend machen könnten. Auch in diesem Punkte mußte Sara zur Klarheit gelangen. Sie zog am nächsten Tage ihre schöne Sabbathaube an, kleidete den kleinen Christian in ein sauberes Gewand, und begab sich mit ihm auf den Weg zum Bürgermeister. Der Bürgermeister, seines Standes ein ehrsamer Töpfermeister, riß die Augen verwundert auf, als ihm Sara unter vielem Stammeln und Stottern die Frage vorlegte, ob sie das Kind werde behalten dürfen. »Warum solltest du's nicht behalten dürfen,« meinte er. »Was sollen wir mit dem Kinde anfangen? Die Kriegssteuern haben alles aufgegessen, was in unserer Kasse war, und nun tanzen die Mäuse und Ratten auf dem leeren Boden herum. Man nimmt uns unser Geld, und unsere Kinder macht man zu Soldaten, woher sollen wir also für die Waisenkinder etwas nehmen?« Es lag in diesem Beweisgrunde eine Roheit, die der armen Frau innerlichst wehe tat. Sie beherrschte sich aber und bemerkte nur schüchtern: »Wird aber keiner etwas dazu sagen?« »Wer soll etwas dazu sagen?« spottete der Bürgermeister unter Lachen. »Ich meine – der Herr Dechant!« flüsterte Sara fast unhörbar. »Der?« lachte der Bürgermeister, »der laßt dich in Ruhe, und vor dem brauchst du dich nicht zu fürchten. Er muß ja froh sein, wenn das Kind des ertrunkenen Schusters nicht vor seiner Türe zu betteln braucht. Auch der hochwürdige Herr hat nichts übriges.« Wundersame Wandlung der Zeiten! Noch hatte die »streitende« Kirche nicht überall ihre Wachtposten aufgestellt und ihre Lugwarten aufgerichtet, von denen aus mit fast fieberhaft geschärftem Auge darauf geachtet werden muß, damit niemand aus »Reih' und Glied« trete; noch waren am hellichten Tage die dunkeln Spukgestalten nicht erschienen, vor deren Anblick der Friede und die Verträglichkeit wie aufgeschreckte Tauben davonfliehen! Die Kanzeln und die »Bierhallen« waren noch unberührt geblieben von der Beredsamkeit jener, die mit finsteren Stirnen und Unheil verkündenden Fäusten das freie Staatsleben als »Aufkläricht« und den Frieden unter den Menschen als die »Niedertracht« eines betrunkenen Jahrhunderts bezeichnen! Sara durfte das Kind also behalten. Der Staat in der Person des Herrn Bürgermeisters gestattete es ihr, und auch die »Kirche« hatte nichts dagegen einzuwenden. Auf dem Heimwege hatte Sara allerlei Gedanken. »Es ist doch merkwürdig,« lautete einer davon, »daß ›ihnen‹ nicht mehr um das Kind zu tun ist. Sie stoßen es aus sich hinaus und wissen nicht einmal, was ich mit ihm anfangen werde. Vielleicht wird das Kind ein Dieb oder überhaupt ein schlechter Mensch bei mir? Habe ich ihnen denn die Hand darauf gegeben, wie ich es mit ihm halten werde? Und wenn, Gott behüte! einem jüdischen Kinde zustoßen möchte, was Jan Schusters Kinde zugestoßen ist, möchte man bei uns sein eigen Fleisch und Blut so leicht verlieren? Kann denn der Knabe bei mir nicht wirklich verlorengehen?« Dieser Gedanke machte Saras Seele in den geheimsten Tiefen erbeben. Verloren! Nicht in dem Sinne, daß das Kind in einem Walde voll hoher Bäume nicht mehr die Fußtapfen findet, die es zu dem heimatlichen Hause zurückführen, sondern verloren in dem Sinne, daß es verdorben und zerstört auf Abwegen irrt, losgelöst von jeder Zucht, an Gemüt und Sitte verdorben und erstorben! Wie, wenn dies das Ende ihres Bemühens und Wohltuns wäre? Wenn sie frevelhaft daran gehandelt, in die Geschicke eines Menschenlebens einzugreifen, es an sich heranzuziehen, und dann zusehen zu müssen, wie es sich unter ihren Händen zu einer verfehlten und verkommenen Schöpfung gestaltete? Und wieder legte sich die Weisheit des Salomonischen Spruches, der, seitdem sie ihn vernommen hatte, tröstend und aufrichtend vor ihr einherschritt, auf ihre Lippen. »Grüble nicht und sei nicht allzu gerecht, du könntest sonst leicht verderben.« Mit froher Zuversicht lebte das Bewußtsein von der übernommenen Verantwortlichkeit in ihr auf. »Ich werde das Kind gerne haben wie mein eigenes,« so klärte sich in ihr allmählich alles Bangen und Fürchten, »und kann eine Mutter für ihr Kind mehr tun, als es gerne haben? Ich meine, ein solches Kind, das muß gedeihen. Es soll mir einer sagen, ob etwas wachsen und in die Höhe kommen kann, wenn man die Sonne von ihm fernhält?« Man sieht, Sara hatte einen Erziehungsplan fertig, den sie nicht in ihrem Kopfe, sondern in ihrem Gemüte ausgearbeitet hatte. Sie war mit sich eins über einen Punkt, an dem bis jetzt die vornehm aufgeblähte Buchweisheit noch immer zuschanden geworden ist. Wir haben bisher von den Kindern nur wenig gesprochen. Wer aber vermöchte sich der Gabe zu rühmen, in dem Zauberwalde jener eigentümlichen Welt, die das Beisammensein zweier Kinder bildet, Weg und Straße zu finden? Anscheinend führen lichte Bahnen hindurch, Sonnenlicht glänzt auf jedem Blatte, und man glaubt deutlich das Wachstum der jungen Bäumchen erlauschen zu können. Weil man den Wald nicht rauschen hört, gerät man auf den Fehlschluß, es sei alles still in diesen Räumen, und doch läßt sich fast mit Bestimmtheit annehmen, daß das lautlose Gedeihen der Menschenpflanze von denselben, wenn nicht heftigeren Stürmen heimgesucht wird, als der fertige Baum, über dessen Wipfel die wilden Elemente der Natur unbeschränkte Macht ausüben. Es war merkwürdig, wie schwer, fast mit Widerwillen das fremde Kind sich in die Liebe fand, mit der die ungewohnte Heimat es umgab. Trotzdem seine Geburtsstätte nur durch einen schmalen Gang von der durch die Fluten zerstörten Behausung Wolf Ungars getrennt war, schien sich Christian bei seinen Pflegeeltern ungemein fremd zu fühlen; er war verschlossen und heimtückisch, und besonders gegen Sara bewies er sich von einer hartnäckigen Gemütsart, die lange Zeit hindurch selbst ihrem milden Wesen nicht weichen wollte. Meist hielt er sich schmollend und grollend in einer Ecke der Stube auf, und dort war es, wo die kleine Lea, seine alte Gespielin, ihn aufsuchen mußte, wenn sie für ihre Puppe einer männlichen Beihilfe bedurfte. – Was ging in dem Kinde vor? War es bangende Sehnsucht nach dem in den Fluten untergegangenen Vater? Die fremde Luft, die es atmete? die eigentümlichen Laute eines Idioms, welche es jetzt unausgesetzt vernehmen mußte? Wem dieses Benehmen des Kindes am tiefsten zu Herzen ging, war seltsamerweise nicht Sara, sondern ihr Mann. Wolf Ungar liebte seine Frau, wie man das Weib seiner innersten Neigung liebt; er hatte auf die »Thora« geschworen, daß er mit keiner Bewegung in die Verpflichtung eingreifen wolle, die sie in jener düsteren Nacht vor der heiligen Bundeslade sich aufgebürdet hatte. Was hatte sie nun davon? Von dem bösen Gerede abgesehen, das diesen Schritt Saras für einen unüberlegten, ja in der »Gasse« unerhörten bezeichnete, war ihm das Kind eine Last, das ihm überall im Wege stand, auf das er eifersüchtig werden konnte, wenn er sah, welch vergebliche Mühe Sara, sein Weib, sich gab, um das verstockte Gemüt des fremden Knaben für sich zu gewinnen. Er kam einmal dazu, als Christian mit geballter Faust nach Sara ausschlug. Da konnte er sich nicht enthalten, ingrimmig aufzuschreien und seinen mühsam zurückgehaltenen Empfindungen Luft zu machen. »Das hat man davon,« rief er, ein über das andere Mal auf den Tisch schlagend, »wenn man sich ›ihrer‹ annimmt. Das Blut kann sich nicht verleugnen, und was Jan Schusters Kind ist, das kann nicht werden, was meine kleine Lea wird. Das hat Gott so eingerichtet, und Ungleiches soll sich mit Ungleichem nicht mischen. Du wirst es schon erleben, Sara, das Kind, das jetzt nach dir ausschlägt, wird einmal, wenn es größer geworden ...« »Versündige dich nicht, Wolf!« rief ihrerseits Sara, die großen, erschrockenen Augen auf ihren Mann richtend, »und denk lieber an deinen Schwur.« Dann gegen das Kind gewendet, rief sie in jenem Tone, mit dem man Kindern oft die unverständlichsten Fragen vorlegt, um ebenso unverständliche Antworten zurück zu erhalten: »Ist das auch wahr ... Christian?« Da zuckte über das Antlitz des Knaben ein namenloser Schmerz hin; seine trotzig verschlossene Miene hatte sich verloren, seine Brust hob sich krampfhaft, und ehe es sich Sara versah, erfüllte lautes, von heftigem Schluchzen unterbrochenes Weinen die kleine Stube. »Was ist dir, Christian?« rief Sara. Und das Kind lief auf sie zu, umschlang ihren Leib mit seinen Armen und legte laut schluchzend sein Köpfchen in ihren Schoß. Sie beugte sich liebreich über ihn, streichelte sein blondes Haar, nannte ihn zu verschiedenen Malen bei seinem Namen, und versuchte in ihrer liebreichen Weise ihn zur Ruhe zu bringen. Aber es währte eine lange Weile, bis es ihr gelang. Das Kind schlief endlich, von Weinen erschöpft, in ihren Armen ein. Was bedeutete dieser Schmerzensschrei des Knaben? Wolf Ungar, in dessen Gemüte sich, wie gesagt, eine gewisse Säure über den unüberlegten Schritt seiner Frau gebildet hatte, sah darin einen neuen Beleg für seine Behauptung. Das Kind fühlte, es paßte in diese »ungleiche« Umgebung nicht hinein, es war von anderer Art und wollte gewaltsam wie ein eingesperrter Vogel aus seinem Käfige. Nicht so dachte Sara! Mit der den Frauen, namentlich solchen, die bereits Mütter geworden, eigentümlichen Ahnungskraft erriet sie mehr, als sie es klar wußte, daß mit dem Kinde etwas tief Bedeutsames vorgegangen sein mußte. Die Wandlung war so rasch und unvermutet eingetreten, und zwischen der früheren Verstocktheit Christians und seinem lauten, schmerzlich gezogenen, kaum zu stillenden Weinen lag ein solcher Abstand, daß Sara mit richtigem Gefühle nur dem äußern Anstoße nachzudenken hatte, der das alles bewirkt. Hatte das Kind die rauhen Worte ihres Mannes verstanden? Das ließ sich schwer annehmen. Und selbst wenn es sie verstanden, warum lief es dann weinend auf sie, und verbarg schluchzend seinen Schmerz in ihrem Schoße? In der Nacht stand Sara auf; sie zündete Licht an und ging damit zu Christians Lagerstätte. Zu ihrer Verwunderung fand sie das Kind wach, es blickte sie mit seinen großen tiefblauen Augen an. »Warum schläfst du nicht, Christian?« fragte sie und legte ihre Hand auf seine Stirne, um zu erproben, ob er fiebere. Und wieder vermochte das Kind vor Schluchzen und Weinen nicht zu antworten, und wieder konnte es nicht eher zur Ruhe gelangen, als bis es sich müde geweint und von Saras linden Worten in den Schlaf geredet worden war. Etwas wie eine Lösung des Rätsels, das ihr diese kindliche Seele aufgab, schwebte vor Saras Gedanken; war es aber die richtige? Täuschte sie sich nicht? Es wollte sie bedünken, daß sie auf der rechten Fährte sich befand. Seltsam! wenn sie des Kindes und der befremdenden Wandlung gedachte, die mit ihm vorgegangen, nannte sie es stets in und mit sich selbst im Gespräche bei seinem Namen – und plötzlich stand die langgesuchte Wahrheit wie ein flammendes Licht vor ihrer Seele. Der Name war es gewesen! Seit die Babe Breindel in so gebieterischer Weise bewiesen hatte, daß der Name des Kindes in Wolf Ungars Stube nicht mehr genannt werden dürfe, war er auf Saras Lippen wie eingesargt gewesen. Trotzdem sie den Knaben behielt, über den Willen der alten Frau sich hinwegsetzend, war doch gerade dieses Gebot in ihr zurückgeblieben, wie das kleine Samenkorn eines Unkrautes unversehens zwischen der grünen Saat verbleibt und emporschießt. Ein namenloses Kind, mußte sie sich aber sagen, hat keine Heimat! Das einzige Eigentum, das Christian von seinen Eltern übernommen – das hatte sie ihm aus unverzeihlicher Scheu vor den Worten einer alten Frau vorenthalten! Nun wußte sie es wohl, wie sie die vermeintliche Verstocktheit und Verschlossenheit des Knaben sich zu erklären habe: das Kind hatte, als sie ihm endlich in unvermuteter Weise seinen Namen gab, erkannt, daß es bis dahin ein fremder, aus Mitleid geduldeter Gegenstand ihres Hauses gewesen war! Wäre ihr eigenes Kind, die schelmische Lea, in einem ähnlichen Falle nicht einer gleichen Umwandlung und Verschlimmerung anheimgefallen? So rang sich das einfache Gemüt dieser Frau allmählich aus den Nebeln hervor, die ihr klares Fühlen bis jetzt noch umhüllt hatten; sie gewann schrittweise die Kraft und Fähigkeit, die Eigentümlichkeiten des fremden Kindes zu erfassen und sie in Einklang zu bringen mit den Plänen für die Zukunft desselben – Gedanken und Träume, die in immer deutlicherer und faßbarerer Gestalt an sie herantraten, um nicht mehr von ihr zu weichen! Es gibt eine Kraft im Menschengemüte, die aus unsichtbaren Quellen ihre Nahrung zieht und oft das Schwerste verrichtet: die Kraft, vor dem Gebilde der Zukunft nicht zu erschrecken. Was wäre die Begeisterung für eine Sache, an die man sein Herzblut setzt, ohne diese geheimnisvoll wirkende Fähigkeit, die Schrecken der Gegenwart über den winkenden Sternen der Zukunft zu übersehen? Ein Irrwischlicht im moorigen Sumpf, ein kurzer Wintertag mit darauf folgender eiskalter Nacht! Nur wenigen ist diese Kraft verliehen, und sie sind nicht die Glücklichen dieser Erde ... Denn sie umhüllt ein Wehe, das so alt ist wie die Menschheit selbst; das Wehe, offene Augen zu haben für das Licht, es mit vollen Zügen einzusaugen, während es den andern eine strahlende Zuchtrute dünkt, der sie mit feiger Erniedrigung und Zerknirschung zu entgehen glauben. Auch Sara trug einen Teil dieses Wesens in sich; aber sie ging in ihm nicht unter, sondern sie hob immer höher ihren Kopf auf. Sie wußte, daß sie noch nichts erreicht habe; das Ziel lag so fern, immer Schwereres war zu überwinden, und hatte sie das eine zum Schweigen gebracht, so trat ein anderes an die Stelle, das ihre erschöpfte Kraft noch mehr in Anspruch nahm. Sie dachte dabei nicht an äußere Hindernisse; für diese hatte sie längst den Bannspruch in sich gefunden, als da waren: der geheime Widerspruch ihres Mannes und die offene Feindschaft ihrer nächsten Verwandten. Es war weit Schwereres zu überwinden, und es sollte schon in der nächsten Zeit unmittelbar an sie herantreten. Eines Abends im Winter hatte Sara die Kinder früher zu Bette gebracht, als es sonst ihre Gewohnheit war. Wolf Ungar, ihr Mann, war nicht zu Hause, denn er hatte einen Gang in die umliegenden Dörfer gemacht, der ihn bis zum kommenden Freitag vollauf beschäftigte. Wie sie immer pflegte, sagte sie auch diesmal ihrer Lea das Abendgebet in der heiligen Sprache der Offenbarung vor, während sie Christian schon im tiefsten Schlafe vermutete. Erst betete sie mit dem Kinde die erhabene Formel des »Höre, o Israel«, die Lea Wort für Wort ihr nachsprach, dann den wundersamen Bannspruch gegen die Schrecknisse der Nacht, der da lautet: »Zu meiner Rechten steht Michael, zu meiner Linken steht Gabriel usw., und über meinem Haupte ist die Herrlichkeit des Allmächtigen,« worauf Lea, noch bevor die Schlußworte verklungen waren, ihre müden Augen schloß. »Ich möchte auch einmal, daß du mir das vorsagst, was du mit Lea sagst,« hörte sie mit einem Male Christian rufen, der aufgerichtet in seinem Bette saß. »Warum schläfst du nicht, Christian?« fragte sie strenge. »Ich hab' darüber nachgedacht, was du immer mit Lea zu reden hast, ich kann es nicht verstehen, und darum möchte ich, daß du auch jeden Abend zu mir kommst und mir vorsagst.« »Das geht nicht, Christian,« sagte Sara stockend. »Warum nicht?« »Weil das, was ich mit Lea rede, dich nichts angeht.« Offenbar war diese Antwort für Christian nicht ausreichend genug. »Lea ist ja aber kleiner als ich,« meinte er nach einer Weile. »Warum sprichst du mit ihr so viel und mit mir gar nichts? Versteht sie denn mehr als ich?« »Das weiß ich nicht, Christian,« rief Sara, sich besinnend. »Aber Lea muß es sagen und du nicht.« Christian sann eine Weile nach, dann legte er sich wieder auf die Seite und seufzte tief. »Christian!« rief Sara. Das Kind hob seinen Kopf in die Höhe. »Erinnerst du dich gar nicht mehr, was deine Mutter getan hat, wenn sie dich ins Bett gelegt hat? Da muß sie auch etwas gesagt haben mit dir, und wenn du nur willst, wird es dir schon einfallen. Erinnerst du dich gar nicht mehr?« Sie hatte sich an das Bett des Kindes gesetzt und streichelte dessen blonde Haare. »Meine Mutter? Du sagst ja, sie ist schon lange tot?« »Das ist auch wahr, sonst wärst du ja nicht bei mir. Aber weißt du gar nicht mehr, wie sie ausgesehen, und was sie zu dir am Abend gesagt hat, wenn du schlafen gegangen bist?« »Nein!« lautete die bestimmte Antwort des Kindes. »Deine Mutter hat also niemals mit dir ... gebetet?« brachte Sara mühsam hervor. »Meinst du das?« sagte Christian, und ehe es sich Sara versah, hatte das Kind über Kopf und Brust jenes Zeichen gemacht, wie sie es so oft von Bauern und Bäuerinnen sah, wenn sie der Weg durch die Gasse führte, die Mittagsglocke erscholl und sie für eine Weile stillestanden! Sara war tief erschrocken, all ihr Blut strömte zum Herzen zurück. In ihrer Stube! kurz nachdem sie mit ihrem eigenen Kinde das »S'chma Israel« gebetet hatte! Die Enkelin der Babe Breindel und das Weib des Gemeindedieners Wolf Ungar! Und so heftig war ihre Erschütterung, daß sie in einer Art Betäubung dasaß und keines Wortes fähig war. Wir können es nicht verhehlen: es war ein Augenblick des tiefsten Wehes über Sara gekommen; nicht allein das Hineinragen fremder religiöser Vorstellungen in die bisher unangetastete Welt ihres angeborenen Glaubens war es, was sie erschreckte, es war auch der Gedanke, der sie mit kaltem Schauer überlief, daß das Kind, dem sie eine mütterliche Stätte in ihrem Hause gönnte, schon ein Jahr daselbst weilte ... ohne noch einmal gebetet zu haben! Noch lange nachher saß Sara am Bette Christians, der mittlerweile eingeschlafen war, und gab sich jenem eigentümlichen Sinnen hin, das einem stillen unergründlichen See gleicht, in dessen Tiefe ein Stein fällt. »Was werden sie von dir denken,« tönte eine nicht zu beschwichtigende innere Stimme, »daß du so was in deinem Hause duldest? Hat dich darum deine Mutter geboren, und ist Wolf Ungar darum dein Mann geworden? Schickt sich das für das Enkelkind der frommen Babe Breindel? Ist es denn nicht genug, daß du dem Kinde zu essen und zu trinken und ein Bett gibst, worin es schläft, mußt du ihm noch etwas von deiner »künftigen Welt« geben ...« Dann sah sie wieder auf den schlummernden Knaben und lauschte seinen Atemzügen. »Dulden denn sie es?« folgte eine andere Stimme. »Möchten denn sie, wenn meine Lea, was Gott behüten und beschützen möge, an Christians Stelle wäre und Jan Schusters Weib hätte sich ihrer angenommen, wie ich mich des Kindes angenommen habe, möchten sie meinem Kinde erlauben, was ich dem verlassenen Christian erlaubt habe? Ich sehe es ja, wie sie es machen. Wenn eine Prozession vorüberzieht, muß ich mich schnell in ein Haus zurückziehen, damit sie mein Anblick nicht beleidigt, und wenn der Geistliche mit dem Glöckchen zu einem Sterbenden geht und alles kniet nieder, muß ich mich da nicht verbergen, weil ich nicht knien darf und will? Ob sich einer wohl finden wird, der ruhig anhört, wie meine Lea das »S'chma Isroel« hersagt, und an der Wand der Stube hängt der heilige Johann von Nepomuk?« Es läßt sich wohl sagen, daß diese Frau, während sie so sann und grübelte, die Fittiche jenes Geistes an sich rauschen hörte, von dem wir gewöhnlich annehmen, daß er sich nur auf die Häupter gewaltig begabter Menschen niedersenkt. Wie sie so dasaß, dieses Weib des Gemeindedieners Wolf Ungar, das Gemüt in schmerzlichem Ringen und Widerspruche mit sich selbst, hämmerten in ihren Pulsen die Fragen einer Zeit, die ihre Lösung einem glücklicheren Geschlechte bringen wird: die Erbschaft des innerlich und äußerlich frei gewordenen Menschentums! Oder war dieser lichte Geist an Sara nur hinangetreten, um sie nach einer Stunde ungeahnter Erhebung ebensoschnell wieder zu verlassen? Es war spät in der Nacht, und die aufgeregte Gedankenflut wogte und kam noch immer nicht zur Ruhe. Aber Saras Gemüt war so geartet, daß es mit bloßen Verneinungen zu keinem Abschlusse gelangen konnte. Sollte sie sich dem Schlummer hingeben, während sie noch nicht wußte – wie sie sich zu Christians Beten verhalten solle? Endlich sagte sie zu sich selbst, und nur jener höchste Geist selbst, der eine seiner schwersten Heimsuchungen über diese Frau gebracht hatte, mochte das Licht gewahren, das in Saras Seele sich verbreitete, als sie am Ende über das Kind des Schusters Jan in sich gleichsam das letzte Wort sprach: »Ich hab' das Kind von Gott übernommen, weil er mir das meine erhalten hat. Hat Gott es geduldet, daß ich die Mutter dieses Knaben vorstellen darf, was können denn die Menschen dagegen haben? Und dann! habe ich denn nicht gewußt, was ich mit Jan Schusters Kind übernommen habe? Darf ich mir also mit Gott im siebenten Himmel einen Spaß erlauben und vor mir selbst sagen: ›Verzeih mir, Vater und König, ich habe nicht gewußt, daß Christian anders zu dir betet, als meine kleine Lea?‹ Möcht' da nicht Gott mit Recht auf mich böse werden und einmal zu mir sagen: ›Du willst eine Mutter sein? Wozu bist du denn eine geworden? Wenn du die Sache so verstehst, dann ist es besser, du nimmst das Kind und führst es in den Wald hinaus, und gehst fort und lässest es mutterseelallein! Weil du das aber nicht willst, so mußt du Christian behalten, wie er ist.‹ Ich bin und bleibe seine Mutter!« Mit diesem Beschlusse schlief Sara ein, mit ihm wachte sie wieder auf. Noch war keine vollständige Klarheit in ihr Gemüt gekommen; nur das eine stand in Umrissen vor ihr, daß sie das fremde Kind nicht so wild in die Welt hineinwachsen lassen dürfe. Erst allmählich gewann der Plan, was sie nun mit Christian anzufangen habe, Gestalt und Form. Das Kind, so dämmerte es in ihr wie der junge Tag, wenn er nach überwundenem Zwielicht über die Berge klimmt, das Kind solle beten lernen, solle der Religion seiner Eltern erhalten bleiben, dabei aber in den Frieden ihres Hauses nicht eingreifen dürfen. Wenn Lea ihr »S'chma Isroel« hersagte, sollte Christian ungestört in seiner Religion beten, und keiner sollte ihm dabei in den Weg treten, und dagegen mußte Christian auch die Gebräuche ihres Hauses achten und mußte sich fügen! Warum sollte sich das alles nicht bewerkstelligen lassen? Schon am nächsten Morgen begab sich Sara zu der alten Bozena, der Binderswittwe, die einmal ihre Amme gewesen und noch jetzt jeden Freitag und Sabbat zu ihr kam, um die Lichter zu putzen und zur Winterszeit den Ofen zu heizen. »Bozena,« sagte sie zu ihr, »du mußt mir einen großen Gefallen erweisen.« »Was du willst, mein liebes Kind,« beteuerte die Binderswitwe. »Du weißt, ich habe des Schusters Jan Kind bei mir,« sagte Sara mit einigem Stocken, indem sie ihre Blicke in der Stube umherschweifen ließ, »und ... da hängt bei dir ein Heiligenbild. Wenn nun das Kind einmal zu dir kommt und du fragst es: Was stellt das Bild da an meiner Wand vor? so wird es dir keine Antwort geben können. Bei mir kann der Knabe das nicht lernen; ich weiß damit nicht umzugehen, und das Kind weiß es noch weniger. Und wie soll ich das verantworten, daß Christian am Abend und Morgen nicht einmal weiß, wie er sich ... mit seinem Gott verhalten soll?« »Und was soll ich da tun?« fragte die alte Bozena. »Lern du mit ihm das Beten,« sagte Sara, der eine letzte flüchtige Blässe wie eine Erinnerung an den schwer überstandenen Kampf der letzten Nacht in das Gesicht stieg, »für alles übrige laß mich sorgen.« »Den Gefallen kann ich dir tun,« sagte Bozena, »schick das Kind nur zu mir, ich hab' Gebete im Kopfe, daß man von hier aus bis zur Mutter Gottes auf dem Przibramer Berge wallfahrten kann. Eines oder zwei werde ich ihm schon beibringen.« Sara dankte ihr mit innigeren Worten, als Bozena wohl verstand, und versprach ihr als Entgelt für ihre Mühe eine warme Winterhaube, »und wenn sie dieselbe sich vom Munde absparen müßte«, setzte sie hinzu. »Nur mach,« sagte sie zuletzt, als sie schon die Türklinke in der Hand hielt, »daß ... Christian über uns nicht lacht. Wir werden auch über ihn nicht lachen.« Die alte Binderswittwe versprach auch das, wiewohl sie dieses Versprechen offenbar nicht verstand. Von nun an schickte Sara den Knaben täglich zweimal zu ihrer ehemaligen Amme, und jedesmal mußte ihr das Kind berichten, ob es das, was die alte Bozena mit ihm »lernte«, auch schon im Kopfe behalten habe. Sie ging auch zu dem Schulmeister des Ortes und bat ihn, er möge um Gottes willen das Kind in die Schule aufnehmen; er müsse aber auf die arme Waise sein besonderes Augenmerk richten, und Christian müsse lernen, nicht nur lesen, schreiben und rechnen, sondern auch, wie man sich der »Frommheit« befleißige, und damit kein schlechter Mensch aus ihm werde! Von diesem Augenblicke an nahm sie sich vor, jeden Monat einen halben Gulden beiseite zu legen. Davon sollte Christians Schulgeld einesteils bestritten werden, die andere Hälfte war für Leas Unterricht bestimmt, denn auch das Kind sollte sobald als möglich in die Schule geschickt werden, damit es einmal recht lerne, wo »Gott wohnt«. Voll dieser Gedanken und Pläne trat sie dennoch mit einer gewissen Scheu ihrem Manne entgegen, als er am Donnerstag wie gewöhnlich von seiner Dorffahrt zurückkehrte. Ihre Stimmung war gehoben, fast feierlich; sie hatte in dieser einen Woche die schwersten Kämpfe überstanden – wie sollte sie nun das alles erst vor dem Manne rechtfertigen, was jetzt hinter ihr lag und nun, da es geschehen war, ihr wie von Gott selbst geschickt vorkam? Und nicht nur ihr dünkte es so, sie wollte auch, daß Wolf es gut heiße, sich damit einverstanden erkläre, daß er ihr, treu seinem Schwure auf die Thora, in diesen Anordnungen auch hilfreich zur Seite stehe. An demselben Abend betete sie mit Lea, wie sonst, das Nachtgebet. Als sie geendet und die »Herrlichkeit Gottes« als nächtlichen Wächter an dem Haupte ihres Kindes ließ, begann Christian in seinem Bette mit andächtig gefalteten Händen das Gebet zu sagen, wie es ihn die alte Bozena gelehrt hatte. Sara lauschte in tiefster Erregtheit. »Was ist das?« rief Wolf Ungar, in die Höhe fahrend. »Still, Wolf!« winkte ihm Sara zu. »Ich will wissen, was da vorgeht in meinem Hause!« rief dagegen Wolf mit finsterem Angesicht. »Siehst du denn nicht ... daß er betet?« Wolf sprach kein Wort. Gedachte er seines Schwures auf die Thora? Und was alles damit über sein Haus heraufbeschworen ward? Oder sammelten sich die roten Wolken eines Sturmes in ihm, der das verborgenste Gebälke und Mauerwerk seines häuslichen Friedens erschüttern wollte? Zwei Jahre sind verflossen. Treten wir wieder in das Haus des Gemeindedieners Wolf Ungar und seiner Sara. Was ist aus der Saat geworden, die Sara ausgestreut? Hat sie ein böser Wind mit seinen Fittichen erfaßt und sie auf dürres Felsgestein gebettet, wo sie nur ein verkümmertes und entartetes Gedeihen erwartete? Ist sie in goldenen Halmen in die Höhe gewachsen? Seht hin! Unter dem weitästigen, mit Früchten beladenen Nußbaume, der dem Synagogenhofe einen so kühlen Schatten verleiht, sitzen zwei reinlich, wenn auch ärmlich gekleidete Kinder; es ist unsere schwarzhaarige Lea mit den klugblickenden Augen und der blondköpfige Christian. Die Sonne glitzert so prächtig durch das grüne Laub des Baumes, und so verlockend fällt manchmal eine reife Frucht herab, die es nicht länger in ihrer dumpfen Hülle duldete, und kollert in ausgelassenen Sprüngen zu den Füßen der beiden Kinder! Aber weder Christian noch Lea haben Zeit, sich um Sonnenschein und fallende Nüsse viel zu bekümmern. Christian lernt mit lauter Stimme aus einem abgerissenen Büchelchen, das sehr ernste Dinge enthält, denn es ist der »kleine Katechismus«, aus welchem ihn morgen in der Schule der strenge Herr Kaplan prüfen wird, und er wird Wort für Wort, ohne daß das kleinste Pünktchen darauf fehlt, Rechenschaft ablegen müssen. Lea dagegen malt mit einem Griffel auf eine Schiefertafel große Buchstaben hin, die eine entfernte Ähnlichkeit mit jener Schrift haben, wie sich deren noch manche Leute in der »Gasse«, die sich an die »teutschen« Buchstaben noch nicht gewöhnen konnten, zum schriftlichen Ausdrucke ihrer Gedanken bedienen. Der Sonnenschein glitzert schon so lange – und noch immer denkt keines der beiden Kinder daran, den tanzenden Strahlen und dem wunderbar glänzenden Laube nur eine Minute ihres Fleißes zu gönnen. Da fällt eine frisch gelbe Nuß gerade auf Christians Katechismus; er schreckt auf, wirft aber die reife Frucht seiner unweit von ihm sitzenden Gespielin zu. »Christian!« ruft Lea beleidigt. Christian brummte etwas vor sich hin, was Lea nicht verstehen kann. »Ich hab' gerade ein so schönes ›Lamed‹ Die Buchstaben der jüdischen Kurrentschrift führen eigene Benennungen. Es ist im obigen Falle der Buchstabe L gemeint. gemacht,« wehklagte das Mädchen, »und da hast du mir's mit deiner Nuß verdorben.« Christian entgegnete nichts auf diesen Vorwurf; da springt Lea zornig auf und wirft ihm die Schiefertafel vor die Füße, die darob in zwei Teile zerbricht. Nun ist das Aufspringen an Christian gekommen. »Lea, was hast du getan?« ruft er erschrocken. »Warum hast du mich mit der Nuß geworfen?« sagt sie händeringend unter heftigem Schluchzen. Da Christian die Tränen seiner Gespielin sieht, wird es ihm ebenfalls um das Herz weich; so stehen sich eine gute Weile die beiden Kinder gegenüber. Endlich hebt Christian die zerbrochene Schiefertafel vom Boden auf; mit Aufmerksamkeit betrachtet er die Bruchflächen an den zwei Stücken, paßt sie aufeinander, und mit einem Male ruft er lustig: »Weine nicht, Lea, die Tafel kann wieder ganz gemacht werden!« Lea schüttelt ungläubig das schwarzhaarige Köpfchen. »Was zerbrochen ist, ist zerbrochen!« sagt sie mit Bestimmtheit, die Augen voll Wehmut auf die Schiefertafel gerichtet. »Laß gut sein, Lea,« tröstet Christian, »und weine nicht. Morgen vielleicht kommt der Drahtbinder und der bohrt vier Löcher in die Tafel, und verbindet die zwei Hälften mit Draht; dann ist sie wieder wie neu.« »Ich weiß gar nicht, wie du so reden kannst, Christian! Wie kann der Drahtbinder etwas ganz machen, was einmal zerbrochen ist? Was zerbrochen ist, das bleibt zerbrochen.« Gegen diesen tiefsinnigen Ausspruch seiner Gespielin einen schlagenden Beweis aufzuführen, war nicht Christians Sache. Er nahm den Katechismus wieder zur Hand und ließ sich auf seinen früheren Platz nieder. Lea dagegen begnügte sich mit der einen Hälfte der Schiefertafel und malte mit kühner Hand die geschnörkelten Zeichen darauf, während allmählich ihre Tränen trockneten. Von diesen und ähnlichen Szenen war Sara zu öfteren Malen eine stumme Zeugin gewesen. Sie hütete sich aber jedesmal, selbst mit der kleinsten Bemerkung nicht, hineinzugreifen, denn wie alle fein gearteten Naturen hatte sie eine heilige Scheu, mit plumper Hand die kindlichen Blüten zu betasten. In solchen Augenblicken überströmte ihr Herz von Dankgefühl gegen das Geschick; das fremde Kind fügte sich so demütig ihrer Liebe, machte sich nirgendwo als ein nicht in ihr Haus gehöriges Element geltend, und namentlich was Lea betraf, so bestand zwischen ihr und Christian ein Verhältnis, als sollte es ihnen stets dunkel bleiben, daß sie nicht unter einem Herzen gelegen waren. Was wollte also Sara noch? Sie sah, wie die Kinder gediehen, und konnte mit den Erfolgen zufrieden sein. Nichts von alledem war eingetroffen, was die Babe und auch noch andere Leute dem Frieden ihres Hauses vorausprophezeit: und doch war sie oft unruhig in ihrem Gemüte und fühlte sich von Empfindungen heimgesucht, die sie nicht zu bemeistern vermochte. Sie war ungenügsam; denn eben weil sie eine großer Erhebung fähige Natur war, genügte es ihr nicht, daß sich allein gleichsam die Fittiche ihrer Seele regten; sie wollte Gefährten im Mitflug haben, und wer stand ihr in dieser Beziehung näher als der Vater Leas, als ihr eigener Mann, Wolf Ungar? Es ist wahr, Wolf hatte sich an den Knaben allmählich gewöhnt, aber in dieser Angewöhnung lag keine Liebe, nicht einmal der Keim irgend eines zärtlichen Gefühles. Soweit ihn sein Schwur gegen Sara verpflichtete, hielt er ihn auch, aber wo sich die Gelegenheit bot, machte er kein Hehl daraus, wie sehr er ihn drückte. Er konnte sich nicht überreden, daß alles so hatte kommen müssen, und es gab mehr als eine Stunde, in der er innerlich darob haderte, daß es so gekommen war. Das Kind tat ihm nichts zuleide, war demütig und folgsam gegen ihn, aber das, was Sara als Erkenntlichkeit und überquellende Dankbarkeit Christians bezeichnete, das war ihm unbequem, oder er sah es mit grollenden Augen an. Dagegen war er der strengste Beurteiler, wenn Christian sich jemals eines Fehlers schuldig machte. »Das ist Jan Schusters Natur,« pflegte er dann ingrimmig auszurufen, »und die läßt sich nicht austreiben. Die ist ihm angeboren und wird ihm bis auf seinen Tod bleiben.« Und wenn ihn dann Sara mit sanften Worten darauf aufmerksam machte, daß alle Kinder, und auch Lea, ihre Fehler haben, ließ er es nicht gelten. »Wie kommen die Fehler zu ihren Fehlern,« bewies er dann mit bitteren Worten, »sie haben ein ganz anderes Blut, und im Blut liegt alles, was der Mensch tut. Warum siehst du bei uns keine Säufer und Schlemmer? Das Blut macht's, und von da kommt es in das Gemüt. Jan Schusters Blut ist kein gutes gewesen.« Seltsamer Widerspruch in einer Menschennatur! Zu Hause zwischen den vier Wänden seiner Stube konnte Wolf Ungar das alles reden, da konnte er seinem Weibe mit aller Bitterkeit des in ihm wühlenden Grolles vorwerfen, daß sie an dem Kinde zu viel tue; wenn er aber hinauskam, und es fiel das leiseste Wort des Tadels über das Benehmen seiner Sara, da konnte er nicht genug Worte des Lobes und der Bewunderung für sie finden, da strömte sein Herz über, und der Hauptbeweis, den er gern aller Welt ins Gesicht geschleudert hätte, bestand darin, daß niemand sein Weib verstehe, und daß es keine zweite Sara mehr auf der Erde gebe! Besonders der alten Breindel gegenüber behauptete er diesen Standpunkt. Diese nämlich hatte sich seit ihrem letzten Besuche das fernere Erscheinen Saras an Sabbaten und Festtagen in ihrer »jüdischen Stube« verbeten. Wenn Sara sich wolle »benschen« lassen, hatte sie ihr durch den bösen Mund eines anderen Enkelkindes sagen lassen, so solle sie nur mit Jan Schusters Jüngel in die Kirche gehen. Nur am Abende des Neujahrstages und am Vorabende des Versöhnungsfestes gab sie zu, daß Sara sie in allgemeinen Ausdrücken um »Vergebung« bitten durfte. Dann aber saß sie da, die alte schreckhafte Frau, und man sah es ihr an, daß sie von ihrer Enkelin die Bitte um Verzeihung wohl entgegennahm, aber keine zurückerstattete. Wolf Ungar kränkte es namentlich, wenn er am Sabbat und an Festtagen ohne Sara zur Babe Breindel gehen mußte, um ihren Segen zu erhalten. Er hatte zuweilen Lea mitgenommen, aber auch das unterließ er, seitdem die Babe ihren Groll gegen Sara auch auf das Kind übertragen hatte. Als nämlich Wolf an einem Sabbate zum »Benschen« gekommen war, sagte Breindel, indem sie ihre Hände auf Leas Kopf legte: »Warum schickt mir deine Mutter nicht auch ihren Sohn mit?« Das hatte sie mit so kaltem und einschneidendem Spotte gesagt, und Wolf Ungar, dem es im Herzen kochte, konnte sich nicht enthalten, zornig auszurufen: »Babe, das geht zu weit! Was hat Euch mein Weib getan, daß Ihr sie in Gegenwart meines Kindes beleidigt! Seht Ihr etwas Schlechtes von ihr? Kocht man in meinem Hause Schweinefleisch? Und wenn alle frommen Weiber von der ganzen Welt zusammenkommen und es ist meine Sara nicht dabei, so sage und behaupte ich: Alles ist Lüge und Verstellung.« »So!« sagte die Babe, und ihr hageres Antlitz hatte einen wahrhaft drohenden Ausdruck angenommen. »Ich mein' nur so, Babe!« verbesserte sich Wolf Ungar, der wohl fühlte, daß er der alten Frau eine unauslöschliche Unbill angetan hatte. »Und ich sage dir, Wolf Ungar!« rief Breindel mit erhobener Stimme, »solange als die Welt ist, und solange als unsere Familie existiert, ist so etwas nicht erhört worden! Aber ich werde es noch erleben, und sollte ich darüber so alt werden wie meine Urbabe Selde, die hundertundzwanzig Jahr alt gestorben ist. Sie hat die Granatenschnur nicht nehmen wollen, wie ich zu ihr gekommen bin und habe sie gebeten, sie möchte die Schande von uns wegtun; aber rot wie die Granaten werden die Tränen sein, die sie einmal weinen wird über ihr Unglück, und es wird zu spät sein, und die alte Babe wird recht behalten haben. Das hörst du von mir, Wolf Ungar, und du kannst es dir aufschreiben wie einen Satz aus den heiligen Propheten. Was gegen die Natur ist, das will Gott nicht, und was Gott nicht will, das ist eine Sünde und die bringt Unglück! Das sagt Breindel, die siebenundsiebzigjährige Frau, und die hat niemals etwas anderes gelernt, als jüdisch sein. Du kannst übrigens deinem Weibe sagen,« setzte sie schließlich wie zur Beschwichtigung des tiefaufgeregten Mannes hinzu, »die Granatenschnur ist, noch immer an meinem Hals, und wenn Sara will, so heiße ich nicht Breindel, wenn ich sie nicht auf der Stelle ausziehe und hänge sie ihr um. Das sage, Wolf Ungar, deinem Weib!« Wolf Ungar war ein herzhafter Mann, er hatte dies bei Gelegenheiten bewiesen, wo andere eine Beute des Entsetzens wurden. Aber diese dunkle Prophezeiung von den roten Tränen, die wie Granaten glänzen würden, erschütterte ihn wie noch nie etwas. Der Blitz, der fällt, erschreckt nicht so sehr, als der hinter der grauen Wolke erwartet wird. Von nun an, das riefen tausend Stimmen in ihm, stand diese Wolke über seinem Haupte – er wußte aber auch, daß Sara von dem einmal eingeschlagenen Pfade nicht abweichen werde. Als Wolf Ungar an diesem traurigen Sabbat nach Hause kam, trug er alle Zeichen äußerster Verstörtheit in seinen Gesichtszügen. Beim Essen saß er wortkarg, den Blick in einem fort nach den Augen seiner Frau gerichtet. Dachte er an die düstere Vorhersage Breindels? Zum ersten Male, seitdem Christian unter seinem Dache war, fühlte er es zentnerschwer in seinem Gewissen, daß er Jan Schusters Knaben an seinem Sabbattische verköstigen mußte. Aber so groß war die Scheu vor dem einmal gegebenen Worte in der Brust dieses Mannes, daß er auch nicht mit der leisesten Bewegung die bösen Geister ahnen ließ, die in ihm tobten. Es war am späten Abend, der Sabbat war zu Ende gegangen. Wolf kam nach beendigtem Abendgebete aus der Synagoge nach Hause und wollte »Hawdala« machen, wie das Gebet heißt, das jeder Hausvater am Schlusse des Ruhetages verrichtet. Er bedarf dazu eines Wachslichtes, denn »bei den Juden war Licht, Freude und Fröhlichkeit«, eines Bechers Wein, denn »Gott ist der Kelch des Heiles«, und eines Gewürzbüchsleins, »weil der Sabbat köstlicher als die würzreichsten Pflanzen duftet«, und über diese Gegenstände spricht er die vorgeschriebenen Segensformeln. Sonst beeilte sich Lea, ihm das Licht und das Gewürzbüchslein zu bringen; weil sie aber aus der Stube gegangen war, öffnete Christian die Tischlade, worin sich diese Dinge befanden, und stellte sie vor Wolf hin. Erst starrte Wolf den Knaben an, dann versetzte er ihm mit seiner Faust einen so wuchtigen Schlag, daß er taumelnd in die Stube flog. »Wolf, um Gottes willen, was hast du?« rief Sara, die herbeiflog, um das Kind vor weiteren Angriffen zu schützen. »Von ihm, von ihm,« schrie Wolf mit höchster Leidenschaft, »soll ich die Hawdala in die Hand nehmen? Das soll in meinem Hause vorgehen!« Mit schnellem Blicke erkannte Sara die Gemütslage ihres Mannes; sie hatte sich also nicht getäuscht, als sie sein verstörtes Wesen dem Besuche bei der Babe zuschrieb. Sie hieß Christian aus der Stube gehen, sie mußte mit ihrem Manne allein sein. »Erst mach die Hawdala,« sagte sie so ruhig, als sei nichts vorgegangen, »dann wollen wir miteinander reden.« Wolf ergriff das Wachslichtlein und schüttete Wein in den bereitstehenden Becher, aber seine Hände zitterten und während er die Segensformeln sprach, schwankte das Glas so sehr, daß der Wein überfloß. Am Schlusse des Gebetes goß er den Becher auf die Tischdecke, und verlöschte in der roten Flut das angezündete Wachslicht. »Gut Wochen! gut Jahr!« stimmte Sara den üblichen Wunsch an. Aber Wolf Ungar rief mit mächtigem Ungestüm, sich selbst überschreiend: »Wünsche mir nichts und wünsche dir nichts! Es kann so nichts Gutes daraus entstehen. Wie soll eine gute Woch' und ein gutes Jahr für mich werden, wenn Jan Schusters Sohn mir das heilige Hawdalalicht reicht? Einer hätte nicht geboren werden sollen, entweder er oder ich!« Sara sah ihren Mann mit bekümmerten Augen an, aber dieser Blick entwaffnete ihn nicht. »Weißt du, was ich gerade jetzt zum Sabbatausgange gesagt habe?« rief er wieder. »Euch Weibern muß man ja mit der Schrift in der Hand kommen, sonst glaubt ihr dem Manne nicht. Da sieh her,« schrie er, indem er das Gebetbuch, das auf dem Tische lag, ergriff und mit hastiger Hand darin blätterte, »da sieh her, ich will es dir Wort für Wort übersetzen.« Und die Worte lauteten: »Gelobt seist du, Gott unser Gott, Herr der Welt, der da scheidet zwischen Heiligem und Gemeinem, zwischen Licht und Finsternis, zwischen Israel und den Völkern, zwischen dem siebenten Tage und den Werktagen –« »Hast du das verstanden, Sara?« »Wort für Wort!« »Und es brennt nicht wie ein siedender Tropfen Blei auf deiner Seele?« »Was da geschrieben steht,« sagte Sara fast heiter, »ist heilig. Werde ich mit dir streiten? Du verstehst mehr als ich, und ich bin nur ein unwissend Weib!« »Und da soll ich Jan Schusters Sohn –« fuhr Wolf ingrimmig auf. »Ereifere dich nicht, Wolf,« unterbrach ihn Sara, »das Kind hat ja doch nichts Schlechtes getan.« »Aber ich bin schlecht,« rief Wolf und schlug dabei an seine Brust wie für eine begangene Sünde, »ich bin schlecht, daß ich das zugeben konnte, und das Unglück muß über uns hereinstürzen, denn so läßt Gott mit sich nicht umgehen, daß man seinen heiligen Sabbat verschändet und entweiht.« Da flammte eine lichte Röte in Saras Antlitz auf. »Wolf,« sagte sie mit dem vollen Ernste ihres Wesens, »wenn einer es weiß, daß Gott in der ganzen Sache mit Jan Schusters Kinde im Spiele ist, so bin ich es. Von der Stunde an, wo wir den Knaben aus dem Wasser herausgetragen, bis jetzt – bis zu deiner Hawdala, habe ich das gewußt. Und du hast großes Unrecht gehabt, sage ich dir, weil ich weiß, die Sache kommt von Gott, die Hand aufzuheben gegen das arme Waisenkind – und es zu schlagen.« Ihre Stimme sank zu leisem Weinen herab; sie vermochte nicht weiter zu sprechen. »Der Knabe hat mich gereizt,« sagte Wolf mit unsicherem Tone, »und es hat mich der Zorn überwältigt, wie ich die Frechheit gesehen habe –« »Das nennst du ein frech' Wesen,« rief Sara, »wenn Christian dir das Gewürzbüchschen für die Hawdala reicht und will dir dazu das Licht anzünden? Hast du bemerkt, daß das Kind dabei gelacht oder eine Miene gemacht hat, die aussah wie Spott? Hast du überhaupt schon bemerkt, daß das Kind lacht, wenn es etwas sieht an dir und mir, was ihm als Jan Schusters Sohn nicht angeboren ist? Ich will dir sagen, Wolf, mein Mann, woher das kommt. Weil das Kind gewahr wird, wir lachen auch über sein Heiliges nicht! Und ich meine, vieles möchte in der Welt nicht geschehen, und es wäre überall Friede und Fröhlichkeit, wenn alle Menschen sich so verhalten möchten. Was ist mein Stolz und meine Freude an Christian? Daß ich sehe, er ist so geworden, wie ich ihn gewollt habe. Und wenn er einmal hinaus wird in die Welt, und sie werden ihn mit ihrem Hasse und ihrer Spottlust anstecken wollen, da wird er sagen: Ich habe einmal einen gewissen Wolf Ungar und sein Weib Sara gekannt, und die haben mir eingeschärft, nicht zu lachen über sie, wie sie mich auch gelehrt haben, daß sie über mich nicht lachen. Und weil mir Gott dieses Kind wie durch ein Wunder zugeführt hat, so ist bei ihm oben, dem Allmächtigen, kein Unterschied zwischen Gemeinem und Heiligem, und alles ist heilig oder alles ist gemein, je nachdem es die Menschen nehmen.« Erschöpft von dem vielen Reden sank Sara in einen Sessel zurück. Wolf Ungar aber war wundersam ergriffen; niemals, seitdem er Sara kannte, hatte er ähnliche Worte aus ihrem Munde vernommen. Er fuhr gleichsam willenlos auf dem Strome dieser Rede, die sein Ohr in fast unbezwinglicher Weise festhielt, und fühlte doch andrerseits, daß er einen Ankergrund finden müsse. »Bist du dessen so gewiß, Sara?« fragte er nach einer Weile bebend vor innerer Erregung, »daß Jan Schusters Kind so wird, wie du dir es vorstellst?« Sara schüttelte den Kopf. »Ich weiß es noch nicht,« sagte sie leise. »Und doch willst du, daß Jans Kind mir ans Herz gewachsen sein soll?« »Ich hab' mich einmal zu seiner Mutter gemacht,« meinte Sara, »und da muß ich auch hoffen und warten, daß das Kind gut wird.« Wolf schwieg; seine Stirn war in Schweiß gebadet. Er suchte vergebens nach einem Ausgange aus diesem Wirrsal widerstreitender Gedanken und Gefühle. Da fielen ihm die am heutigen Vormittage beim »Benschen« gehörten Worte der Babe Breindel ein. »Es ist gegen die Natur!« rief er, wie von einer schweren Last aufatmend, »es ist gegen die Natur! Gott will nicht, daß das Lamm weidet neben dem Wolf und der Löwe neben der Taube sitzt. Es ist gegen die Natur und gegen das Blut, und es will sich nicht vertragen; es ist, wie wenn du in eine Milch Essig gießest. Und was gegen die Natur ist, davor hat Gott selbst eine Scheu, und es muß Unglück bringen.« Und da er bemerkte, wie Sara bei diesen Worten von einem Schauer erfaßt ward, ermannte er sich noch mehr und rief mit der vollen Stärke seiner Stimme: »Ja! Unglück ... und Gott der Lebendige soll uns beschützen und bewahren, daß es nicht zu bald kommt. Nur glaube nicht, daß es sich besinnen wird, wenn es kommen will. Der Blitz fährt nicht so schnell herunter, als so ein Unglück, und wenn du dann weinen wirst, Sara, dann sage ich dir: Es ist zu spät!« Sara war still nach diesen Worten; dicke Tränen rollten über ihre Wangen herab. Plötzlich richtete sie sich auf. »Willst du, daß ich das Kind gleich auf der Stelle vor das Haus setze?« rief sie mit wild rollenden Augen. »Willst du?« »Sara, um Gottes willen!« schrie Wolf. »Soll ich das Kind noch heute in der Nacht fortjagen? sag ein Wort, und wenn es draußen stürmt und hagelt, als wollt' die Welt untergehen, ich jage ihn fort,« rief sie außer sich. »Darf ich meinen Schwur brechen?« sagte Wolf Ungar tief erschüttert. »Wolf! Das will ich dir all meine Tage nicht vergessen!« rief Sara und sank laut schluchzend in den Sessel zurück. Wolf Ungar, der Gemeindediener, und Sara waren in der »Gasse« viel zu geringe Persönlichkeiten, als daß man dem, was in den engen Räumen ihres Hauses sich zutrug, mit anhaltender Aufmerksamkeit gefolgt wäre. Den meisten war die Erscheinung Christians innerhalb des Hauswesens ihrer Familie eine Tatsache geworden, über die sie nicht weiter nachdachten. Sie betrachteten den fremden Knaben gleichsam im dienstlichen Verhältnis zu Wolf Ungar stehend, und sie hatten gar nichts dagegen, daß der Gemeindediener sich einen »Vizediener« hielt, der am Freitag Abend die Lichter in der Synagoge anzündete und nach dem Gottesdienst sie wieder auslöschte. Nur die wenigsten ahnten, daß diese einfache, selten beachtete Sara den ganzen Ernst ihres Lebens an eine Aufgabe setzte, die, je weiter sie sich ihrer Entwickelung näherte, eine stets höher gehende Flut von Kämpfen herbeirief; die wenigsten ahnten, mit welcher Wucht dieses fremde, verlassene Kind eines anderen Glaubens an dem Frieden Wolf Ungars und seiner Frau Sara hing! Um jeden Kämpfer für eine Sache des Gemütes oder eines bedeutsamen Gedankens liegt eine grauenhafte Vereinsamung. Von seiner Stirne leuchtet ein Licht, vor dem die meisten wie vor einem geheimnisvollen, nicht zu erklärenden Schimmer scheu zurücktreten. Und Sara kämpfte allein! Es muß übrigens gesagt werden, daß seit jenem Sabbatabend zwischen den beiden Eheleuten in Beziehung Christians niemals mehr ein Wort der Erbitterung fiel. Stillschweigend nahm Wolf von diesem Augenblicke die nicht mehr zu ändernde Tatsache hin; er war nicht beschwichtigt, viel weniger beruhigt. Er setzte Sara keinen Widerstand entgegen, aber er unterstützte sie auch nicht. Er bewunderte ihre Ausdauer und Geduld, aber er tat sich auch etwas zugut darauf, daß er seinen Schwur hielt. Im übrigen hielt er fest an dem niemals wieder aus seiner Seele zu bannenden Spruche: was Sara tue, sei gegen die Natur und werde nicht gut endigen. Nur an dem Sterbetage der alten Babe waren die bösen Geister jenes Sabbats wieder in ihm laut geworden; die alte Frau war, ohne daß eine Krankheit vorhergegangen wäre, in das Jenseits hinüber entschlummert. Aber einige Tage vor ihrem Tode mochte sie gefühlt haben, daß ihre Lebensstunden gezählt waren, und sie hatte darum ihre letzten Verfügungen getroffen. Sie tat das in einer Weise, daß eigentlich niemand ihre Absicht erriet. Erst als sie in der kühlen Erde lag, ergab es sich, daß sie die sechsreihige Granatenschnur, die ihr höher als ein Königsschmuck gegolten, an ein anderes Enkelkind, die Tochter ihres bereits verstorbenen Sohnes, verschenkt hatte. Sara war leer ausgegangen. Als Wolf die mit der Granatenschnur geschmückte Frau an einem der nächsten Sabbate in die Weiberschule gehen sah, kochte es in ihm wild auf, und er fühlte ein Gelüste in sich, den seiner Sara von Rechts und Gottes wegen gehörigen Schmuck vom Halse der Verwandten herabzureißen. Es war nicht Neid, was ihn erfüllte, vielmehr der dunkle Gedanke, daß diese Granaten an einem fremden Leibe ihn immer wieder an die verhängnisvolle Prophezeiung der Babe erinnern müßten. Wie ganz anders stand es um ihn, wenn sein Weib in den Besitz dieser Steinchen gelangt wäre, die ein so rotes Licht von sich warfen? Christian war mitterweile zwölf Jahre alt geworden, während Lea nur um ein Jahr weniger zählte. Der Knabe hatte in der Schule gelernt, was dort zu lernen war, und der Schulmeister sagte, er wisse nicht mehr genug für Christian. Er gab Sara den Rat, sich um eine andere Beschäftigung für den Knaben umzusehen. Daran hatte Sara in ihrer Sorge für das Kind schon lange gedacht; dennoch fiel es ihr schwer, schon jetzt zu einer Tat zu schreiten, die ihr den Knaben unter fremde Leute brachte. Es lebte in dem Gemüte dieser Frau eine Furcht, deren sie sich nur schwer entledigen konnte. Christian war erst zwölf Jahre alt – wie leicht konnten nicht plumpe Hände in einem Augenblicke zerstören, woran sie unermüdlich und mit ihrem Herzblute so lange gearbeitet hatte? Einmal fragte sie, als sie mit den Kindern sich allein befand: »Christian, hast du einmal schon darüber nachgedacht, was du werden möchtest?« Noch ehe Christian eine Antwort geben konnte, rief Lea vorlaut: »Was Christian werden möchte, willst du wissen, Mutter? Ich weiß das schon lange.« »Und mir sagst du es nicht?« meinte Sara mit einem traurigen Lächeln, und ihre Blicke ruhten eine lange Weile mit durchdringender Klarheit auf dem Knaben. »Du wirst es nicht erraten, Mutter!« begann wieder Lea, indem sie dem blöde dastehenden Knaben mit der Hand über das errötende Antlitz fuhr, »aber Christian hat kein Hehl vor mir, und da hat er mir schon, wie der Vater heuer die Suka (Laubhütte) aufschlug, und ich und er haben ihm dabei geholfen, da hat er zu mir gesagt: Weißt du, Lea, was ich am liebsten werden möchte? Und was meinst du, Mutter, möchte Christian werden? – Ein Maurer!« »Ein Maurer,« rief Sara voll Verwunderung. »Warum gerade das Handwerk? Da muß er ja sehr hohe Türme bauen und ist seines Lebens nicht sicher!« »Christian weiß schon, warum er ein Maurer werden will und nichts anderes!« sagte Lea mit geheimnisvoller Miene. »Laß Christian reden!« meinte Sara, den Knaben sanft zu sich heranziehend. »Sag mir,« wandte sie sich zu ihm mit schmeichelndem Ausdrucke, »wie bist du gerade auf diesen Gedanken gekommen?« Da neigte sich die kleine Lea zu Saras Ohr und flüsterte ihr halblaut zu: »Weißt du warum? Christian hat mir versprochen, er will einmal, wenn er groß geworden ist, ein Haus bauen, nur für mich und für sich, und da wollen wir beieinander wohnen, und kein anderer soll darin wohnen, als er und ich. Und weißt du noch was? Das Haus, was Christian bauen wird, das will er gerade an den Bach hinbauen, da wo sein Vater ertrunken ist, und wenn wieder ein Wasser kommt, da wird es uns nichts tun können; denn Christian wird auch eine große Stiege bauen, und darauf werden wir heruntersteigen, und das Wasser wird hinter uns fließen. Und darum will er ein Maurer werden.« Wie ein Blitz flammte es vor Saras Seele auf – aber er erlosch alsbald; gleich darauf konnte sie mit ihrem gewöhnlichen sanften Lächeln sagen: »Schickt sich das, Christian, daß du mir gar nichts verraten hast? Und mich willst du in deinem Hause nicht wohnen lassen?« Und als der Knabe, um eine Antwort verlegen, nach rechts und links seine Augen warf, fragte sie ihn mit Ernst: »Willst du wirklich ein Maurer werden, Christian?« »Ja,« sagte er nun ohne Zögern. »Und du willst ein tüchtiger Maurer werden,« fragte Sara, indem sie den Knaben noch mehr an sich heranzog, »einer, der auf Türme hinaufsteigt und sich nicht fürchtet?« »Ja,« sagte Christian. »Gut, da sollst du ein Maurer werden!« rief Sara mit Bestimmtheit, »und ich will trachten, daß du zu einem guten Lehrherrn kommst.« Lea schlug aber freudig die Hände zusammen. »Nicht wahr, Christian,« sagte sie, » wenn du bauen kannst, so baust du gleich das Haus für mich und für dich?« Als Sara den Entschluß des Knaben ihrem Mann mitteilte, spielte ein eigentümliches Lächeln von Befriedigung um seine Mundwinkel. Er verriet nicht, was er dachte, aber Saras scharfes Auge irrte nicht, wenn es auf seinem Antlitze las: Es ist gut, daß es so gekommen ist. Wolf versprach mit Emsigkeit sich umzusehen, um den Lehrmeister für Christian sobald als möglich zu finden. Schon nach einigen Tagen verkündete er, der Lehrmeister sei gefunden, aber, setzte er zögernd hinzu, Christian werde viel zu gehen haben, denn der Maurer, zu dem der Knabe in die Lehre kommen sollte, wohne in der benachbarten Stadt, wohin ein guter Fußgeher vier Stunden zu wandern habe. »Was gackerst du so, indem du mir das sagst?« meinte Sara. »Ich hab' gemeint, du willst dir den zwölfjährigen Jungen noch nicht entwöhnen, Sara?« Am nächsten Montage machte sich Sara mit dem Knaben auf den Weg nach der benachbarten Stadt. Christian trug das kleine Bündelchen mit Wäsche und Kleidungsstücken, die ihm Sara aus den Überresten der ihr nach der Überschwemmung gebliebenen Geschenke zurecht geschneidert hatte. Lea zeigte nicht die geringste Betrübnis; sie gab ihrem alten Gespielen das Geleite über den Synagogenhof und ging dann lustig trillernd wieder in das Haus zurück. Wolf Ungar aber legte die Hand auf den Kopf des Knaben, es blieb unentschieden, was er damit ausdrücken wollte, und ließ ihn dann weiter ziehen. Auch Christian war nicht so bewegt, als Sara angenommen hatte. Freute sich der junge Vogel, daß er endlich einmal flügge geworden? War ihm in ihrem Hause die Haft zu enge geworden? Sara hatte darüber allerlei Gedanken, die jedoch, kaum aufgetaucht, wieder hinabsinken mußten in die tiefsten Bergnisse ihrer Seele. Es war früh am Morgen, und von der Kirchenglocke erscholl das Geläute zur Frühmesse. Sara war mit dem Knaben durch die ganze »Gasse« gekommen, da blieb sie vor einem kleinen Häuschen stehen, das die Grenze zwischen der Gasse und dem Ringplatze bildete. Dort wohnte die alte Bozena. »Willst du nicht noch einmal zu Bozena?« fragte Sara. »Was soll ich dort?« »Vielleicht sagt sie dir, was man zu tun hat, wenn man sich auf einen weiten Weg begibt und hat ein wichtiges Geschäft vor. Frage sie nur – ich werde indessen auf dich warten.« Christian ging in das Haus hinein und trat erst nach einer Viertelstunde aus demselben. »Was hat sie gesagt, die alte Bozena?« fragte Sara. »Sie hat gesagt, du wärest die allerbravste Frau in der Welt, und dann hat sie mit mir gebetet,« erzählte der Knabe. »Und jetzt laß uns gehen, Christian! Wir haben einen großen Weg vor uns.« Es war beinahe Mittag, als die beiden Wanderer die Stadt erreichten, in der Christians künftiger Lehrmeister im Maurerhandwerke wohnte. Ehe Sara den Weg zu seiner Wohnung einschlug, teilte sie früher den Imbiß, den sie mitgenommen, mit Christian, indem sie ihm die besten und größten Stücke vorlegte, »denn,« sagte sie, »der Meister soll dir deinen hungrigen Magen nicht ansehen, und nicht meinen, er muß dich füttern, wenn du ihm noch keinen Dienst geleistet hast.« Dann suchte sie das Haus des Maurers auf, traf ihn daselbst, und da Wolf bereits alle vorbereitenden Schritte für Christians Aufnahme getroffen hatte, ging die Sache schneller vonstatten, als Sara gedacht. Sie erhielt von dem Meister die bündigsten Zusicherungen, daß er sich Christians mit aller Sorgfalt annehmen wolle, wogegen sie ihm wieder in des Knaben Namen das Versprechen gab, das Kind werde gut tun, denn es habe ihr niemals Kummer gemacht, und wenn man mit ihm gut umgehe, werde es sich behandeln lassen wie ein Lamm. Nun wandte sich Sara zum Heimgang; das Herz war ihr schwer und überquoll von Tränen. Aber sie hielt an sich, da sie sonst den Knaben zu betrüben fürchtete. Christian zeigte sich jedoch merkwürdig ruhig und gefaßt. »Bleibst du gerne da, Christian?« fragte sie ihn mit gepreßter Stimme. »Ja,« sagte der Knabe und blieb auf dem Bänkchen sitzen, auf das er sein Bündelchen gelegt hatte. Sie reichte ihm noch die Hand und ging. Aber als sie schon draußen in der Gasse stand; quoll ihr ein bitterer Gedanke wieder durch das Gemüt. Sie hatte die Augen noch feucht – und drinnen saß das Kind ihrer Angst und Kämpfe und gab ihr nicht einmal das Geleite. Sollte ihr Mann Wolf recht behalten, daß ein Blutstropfen nicht dem andern gleiche, daß sich Verwandtes nur zu Verwandtem hingezogen fühle und alles Ankämpfen gegen diese unwiderlegliche Tatsache nur Hiebe sind in die wesenlose Luft? So ungefähr mochten die bitteren Vorwürfe lauten, die wohl nicht über Saras Lippen traten, aber tief drinnen ihren Widerhall fanden. Sie behastete ihre Schritte, als wollte sie einem Feinde entfliehen, dem sie nicht standhalten konnte. Da hörte sie hinter sich die Schritte eines Laufenden; als sie sich umwandte, war es Christian. »Christian, bist du's?« rief sie halb freudig, halb erschrocken. »Was willst du?« »Ich habe dir noch etwas zu sagen!« meinte Christian, vom Laufen völlig atemlos, »wenn dich Lea nach mir fragt, so sag ihr, ich werde an sie nicht vergessen, und wie ich einmal aus der Lehre heraus bin, so baue ich ganz gewiß das Haus für mich und für sie. Wirst du ihr es aber sagen?« Sara versprach es ihm und ging. Tieftraurig und abgemattet kam sie gegen Abend wieder in der Gasse an. Ihre Lea erwartete sie schon am Tore des Synagogenhofes; als sie die Mutter erblickte, rief sie: »Und Christian? Wo bleibt Christian?« »Ich hab' Christian nicht mitgebracht,« sagte Sara. »Weißt du denn nicht, wohin er gegangen ist?« »Zum Maurer. Und da kann er nicht kommen?« »Christian wird nicht mehr nach Hause kommen!« sagte Sara nach einigem Zögern. »Nicht mehr?« Solch einen Schrei aus kindlichem Munde hatte Sara noch nie gehört; er berührte sie fast schmerzhaft. Sie griff erschrocken nach Leas Hand; sie fühlte sich kalt wie Eis an. »Wenn ich sage: nicht mehr, so heißt das soviel als nicht so bald!« tröstete Sara. »Du wirst doch wissen, wenn man Häuser zu bauen hat und hohe Türme, da kann man nicht so mir nichts, dir nichts von der Arbeit fortlaufen, und der Lehrling und Geselle muß ausharren, bis der Meister sagt: Das Haus ist fertig.« Warum entledigte sie sich nicht des Auftrages, den ihr Christian auf die Seele gebunden? Warum zögerte sie, das Wort auszusprechen, dem Lea, als der letzten Botschaft ihres Gespielen, mit Lust gehorcht hätte? Das war ein trauriger Abend und eine noch traurigere Nacht. In der kleinen Kammer, worin Lea schlief, waltete der volle Jammer eines Kinderherzens, an das der erste und darum echte Schmerz des Lebens getreten war. Sara hörte, wie ihre Tochter bald still vor sich hin weinte, bald laut ächzte; sie hielt es für das beste, dem Kinde nicht zuzureden und es seiner Natur zu überlassen. Und sie täuschte sich auch nicht, Lea schlief ein und es war still in ihrer Kammer. Auch Sara überließ sich dem Schlummer. Da wurde sie plötzlich durch die Angstrufe: Christian! Christian! geweckt, die aus Leas Kammer drangen. Dann aber ward wieder alles still. Ein wunderbares Spiel der Einbildungskraft beschäftigte Saras Gehirn. Es kam ihr nämlich vor, es seien ganz die nämlichen Laute, mit denen damals Lea aus dem Schlafe auffuhr, als die wilden Wasser in jener fürchterlichen Nacht auf das Haus zuliefen, und mit einem Male stand der entsetzliche Vorgang mit allen Einzelheiten vor ihrer Seele. Sie mußte daran denken, daß eigentlich Lea die Ursache war, daß auch Christian vom Untergange gerettet wurde. Wenn Lea damals den Namen ihres Gespielen nicht so laut und angstvoll gerufen hätte, wäre es ihnen, ihr und ihrem Manne Wolf in den Sinn gekommen, nach Jan Schusters Kind sich umzusehen? Am nächsten Morgen wachte Lea, seltsam genug, mit hellen, fröhlichen Augen auf. Sie nahm in gewohnter Weise ihr Gebetbuch zur Hand und betete länger als sonst; denn gewöhnlich machte ihr Sara den Vorwurf, sie mache sich nichts daraus, wenn sie hie und da einige Blätter »überschluppere«. Von Christian war keine Rede, weder an diesem Tage, noch während der ganzen Woche; es war, als wenn niemals in diesem Hause von einem Knaben gesprochen worden, der doch in so bemerkenswerter Weise in den Frieden desselben eingriff. Im stillen machte jedoch Sara Bemerkungen über das Benehmen Leas, die nicht zugunsten ihres Kindes lauteten. Wie kam es, daß sie den Gespielen so schnell vergessen konnte, daß er ihr nirgends fehlte? Kam das auch von dem fremden Blutstropfen und bestätigte sich auch an Lea die Tatsache, daß innerlich Fremdes sich niemals auf demselben Wege treffe? So war es wieder Freitag geworden. An diesem Tage machte sich die ganze Wichtigkeit Wolf Ungars als Gemeindediener geltend; da hatte er von frühmorgens bis zum Abend vollauf Beschäftigung mit dem Reinigen und Aufputzen der Synagoge, damit sie die »holdselige Braut«, wie der Sabbat in jenem glutvollen Liede heißt, festlich empfangen könne. Heute gestand er es sich selbst, wie sehr ihm dabei Christian fehle; der Knabe hatte namentlich im Glänzen der messingenen Lampen, die vor dem Pulte des Vorbeters standen, eine Geschicklichkeit entwickelt, die ihresgleichen suchte. Daran anknüpfend schoß ihm der Gedanke durch den Kopf, wie schön es sich doch gefügt hätte, wenn »Jan Schusters Jüngel« sein wirklicher Sohn geworden wäre! Aber Sara hatte sich diesen Segen »verwünscht«, mußte er sich weiter sagen; da sie sich des fremden Kindes mehr wie eine Mutter annahm, hatte sie darauf verzichtet, sich diese Gnade gleichsam zu erbitten. Diesem seltenen Gedanken hing Wolf Ungar fast den ganzen Tag nach; dabei fehlte ihm Christian auf allen Seiten, und seine Beschäftigung ging nur langsam vonstatten. Gegen vier Uhr nachmittags war Wolf fertig geworden. Er hatte soeben die letzte Kerze auf eine der großen messingenen Hängelampen gesteckt. Da hörte er durch die offene Synagogentür den Freudenruf: »Christian! Christian!« Wie nun Wolf von der Leiter, worauf er stand, herunterstieg, um nachzusehen, was dieser Ruf bedeute, kam ihm schon Lea entgegen, an der Hand den über und über mit Staub bedeckten Christian führend. Das Gesicht der beiden Kinder leuchtete vor Aufregung und Freude; niemals hatte Wolf solch ein merkwürdig schönes Antlitz gesehen, wie das seines Kindes in diesem Augenblicke; man hätte glauben können, Lea sei mit einem Male um einige Jahre älter geworden. »Wie kommst du daher?« fragte er eben nicht unfreundlich den Knaben. Christian deutete auf die Lampen. »Wer hätte die anzünden sollen?« meinte er. Da habe er, so erzählte er weiter, nachdem er die ganze Woche darüber nachgedacht, wie er es anfangen solle, sich Mut gefaßt und den Meister gebeten, ihn für jeden Freitag nach Hause zu entlassen, damit er in der Synagoge seinen alten Dienst verrichte, und der Meister habe ihm auch die Erlaubnis gegeben. Wolf Ungar starrte den Knaben wie eine aus Nacht und Grauen hervorgetretene Erscheinung an. Mußte er daran denken, in welcher Weise er einmal eine ähnliche Dienstleistung des Knaben von sich abgewiesen hatte? Seine Gedanken verwirrten sich ... Mittlerweile war auch Sara, herbeigelockt durch Leas Freudenrufe, in die Synagoge getreten. »Was sagst du zu dem Kinde?« rief ihr Wolf entgegen. »Er ist gekommen, um die Sabbatlichter anzuzünden.« »Siehst du, Wolf?« Nur das eine vermochte Sara zu sagen, alles übrige behielt sie in sich; aber es mochten Gedanken mit lichtstrahlenden Fittichen sein, die ihr ganzes Wesen in diesem Momente durchrauschten. Sie beugte sich auf den Knaben herab und berührte sein von Anstrengung und Aufgeregtheit rotglühendes Antlitz. »Und ich!« rief Lea, »ich habe es gewußt, daß er kommen wird.« Wolf Ungar aber schüttelte den Kopf. Wo waren seine Gedanken? »Es ist gegen die Natur!« murmelte er vor sich hin. Warum mußten ihm gerade die Worte der längst entschlafenen Babe auf die Lippen treten? Von nun an verging kein Freitag und auch kein Vorabend eines Festtages, ohne daß Christian erschienen wäre, um seine gewohnten Dienstleistungen in der Synagoge zu verrichten. Er forschte in keinem Kalender nach, auf welchen Tag der oder jener Feiertag fiel, und doch trug er sie alle im Kopfe und kannte sie auswendig, trotz Wolf Ungar, der in diesen Dingen grau geworden war. Niemandem in der »Gasse« fiel es mehr ein, darin etwas Besonderes zu erblicken, denn der Sohn des ertrunkenen Schusters war für die Wohltaten, die ihm Wolf und Sara erzeigt, zu einiger Erkenntlichkeit verpflichtet. Niemand achtete auch darauf, daß aus dem blondköpfigen, blöden Knaben mittlerweile ein starkknochiger, in die Höhe geschossener Jüngling geworden war, wiewohl es andererseits nicht unbemerkt blieb, daß Wolf Ungars Lea anfange ganz gewaltig ihrer Mutter Sara zu gleichen, die in ihrer Jugend eines der schönsten Mädchen in der Gasse war, so daß sich ältere Leute noch jetzt an ihre merkwürdigen Augen und ihr seines Benehmen wie an den Duft längst verblühter Blumen erinnern konnten. Eines Tages brachte Christian ein Papier mit, worin bestätigt ward, daß er unter die Gesellen des löblichen Maurerhandwerks aufgenommen ward. Seine Lehrjahre waren vorüber; er übergab seinen ersten Wochenlohn Saras Händen; er war siebzehn Jahre alt geworden. »Warum behältst du das Geld nicht bei dir, Christian?« fragte ihn Sara, »du wirst es brauchen.« Christian schüttelte den Kopf. »Wozu sollte ich es brauchen?« meinte er. »Hast du nicht Kameraden? Du wirst einmal mit ihnen ins Wirtshaus gehen wollen, und da wird es dir an Geld fehlen, oder du wirst dir eine neue Pfeife kaufen wollen, und deine Tasche wird leer sein. Heb dir also das Geld selber auf.« Und Christian schüttelte wieder den Kopf. »Für das alles,« sagte er mit einem gewissen geheimnisvollen Tone, »brauche ich kein Geld. Halte es zusammen, bis es viel ist, und dann sage es mir.« Tagelang konnte Sara darüber nachdenken, welche Absichten Christian mit dem Ansammeln seines Wochenlohnes verfolge. War es Sparsamkeit, die er in ihrem Hause gelernt hatte? Und Sara sah neuerdings eine »wunderbare Fügung« darin, daß Gott das Kind gerade ihr zugeführt. »Was wäre aus ihm geworden, wenn Jan Schuster sein Vater geblieben wäre?« dachte sie oft; »was hätte er da vor sich gesehen? Einen ewig betrunkenen Menschen, dem Weib und Kind um ein Maß Bier feil waren. Sieht er so etwas vor sich in unserem Hause?« Nur Lea lächelte, wenn die Mutter diese und ähnliche Gedanken vor ihr offenbarte. Wußte sie mehr von Christians Absichten? Es war überhaupt für Lea jene wunderbar geartete Zeit gekommen, wo eine Mutter sich nicht mehr auf das Lächeln ihres Kindes versteht. Wie ein Irrlicht flackert es hie und da auf, und wenn die Mutter seinem Scheine nachgeht, gerät sie meistens in die Irre. Das ist ein Schauen und Sinnen, so anscheinend wort- und gedankenlos; auf den Lippen blüht es auf, in den Augen leuchtet es wie feuchter Glanz, und wenn du nach der Blüte haschest, ist es gar nichts gewesen, als ein wesenloser Schatten und noch weniger als das; denn ein Schatten setzt einen Körper voraus. Nicht der Sturm, der über die Erde braust und den Winterschnee auf ihr schmilzt, bringt den Frühling; wenn eines Tages die Blumenknospe ihre Augen auftut, haben es Geister in geheimnisvoller Stunde getan, die nicht brausen und stürmen. Das ist die Zeit, wo die Mutter das Kind ihrer Schmerzen sich plötzlich entfremdet sieht; auf Fragen folgt keine Antwort, und wenn es antwortet, ist es ein traumverlorenes Lächeln, auf das sich die Mutter nicht versteht. Es war wieder Frühling geworden; in zwei Menschenherzen blühte und duftete seine Pracht, die wenig danach fragte, ob sie sich daselbst auch ausbreiten dürfe. Gesprochen hatten sie nicht davon, aber tief drinnen, wo »kein Feuer und keine Kohle« so heiß brennt, da flammte mit der fast unheimlichen Verschwiegenheit der ungebändigten Naturkraft jenes zauberhafte Gefühl, das zum Untergang führt oder zur berauschenden Seligkeit ... Eines Tages begegnete Wolf jenem Geschwisterkinde seiner Frau, dem die Babe Breindel die sechsreihige Granatenschnur vermacht hatte, und wie gewöhnlich trug sie den ererbten Schmuck mit jener anmaßenden Haltung, als wenn er ihr, wie Wolf sagte, »nicht gehörte«. Sie kamen während des Einhergehens auf dies und jenes zu sprechen, bis endlich Riwke, so hieß jenes Geschwisterkind, ohne jeden Übergang mit einem Male sagte: »Nun, Wolf, arbeitet deine Sara schon fleißig an der Ausstattung für Lea?« »Wie kommst du darauf zu reden? Das Kind ist erst sechzehn Jahre alt.« »Man kann mit sechzehn Jahren verliebter sein, als manche mit fünfundzwanzig; man hat Beispiele,« meinte Riwke mit rohem Lachen. »Zum Beispiel!« sagte Wolf, mehr zerstreut so fragend, als von irgend einem feststehenden Gedanken geleitet. »Was brauchst du Beispiele, Wolf? Willst du ein Mädchen sehen, welches jeden Freitag am Tor steht und wartet darauf, bis ein gewisser Jemand kommt, und wie die zwei sich die Hände drücken und sich ansehen, daß man schier meint, morgen wird man die Brautschale vom Kasten nehmen und zerbrechen?« »Wer kann das sein?« sagte Wolf Ungar so vor sich hin, denn er schien den Sinn von Riwkes Rede nur leichthin aufgefaßt zu haben. »Wolf! Wolf!« schrie Riwke mit eingestemmten Armen, »spiel du auf deine alten Tage nicht den Heuchler! Die ganze Welt ist nicht blind, und du allein solltest die Augen verschlossen haben? Das rede du ein, wem du Lust hast, ich, Riwke Krakauer, bin kein heurig Kind.« »Ich versteh' dich wirklich nicht, Riwke!« meinte Wolf treuherzig. »So frag Christian und Lea!« rief das böse Weib und machte sich von ihm fort. Als Wolf sich aus seiner Betäubung aufraffte, war es zu spät, der frechen Verleumderin das Wort zuzurufen: Du hast gelogen. Er war als ein Trunkener anzusehen, wie er jetzt durch die Gasse schritt, sein Gehirn schmerzte ihn, sein Denken war aus allen Angeln gehoben. Aber seltsam! wie er an das Synagogenhoftor kam, ward es stille in ihm; der Friede seines Hauses war über ihn gekommen. Dieses Kind, das kaum angefangen hatte, die Augen ins Leben aufzuschlagen, in Verbindung zu bringen mit dem Knaben, der an seinem Tische mit den Brocken des Mitleids war aufgefüttert worden! Wolf Ungars Tochter in einem Atem auszusprechen mit Jan Schusters Sohn! Hatte sich die Weltordnung geändert und war auseinander gefallen wie ein Spiel Karten? Es war, wie gesagt, stille in ihm geworden. Der Anblick seines Hauses, das ruhig stille Walten Saras und die Unbefangenheit seines Kindes, ja selbst der hölzerne Hammer an der Tür, mit dem er die Leute zum Gebet rief, das alles grüßte und bewillkommte ihn mit dem Zauber eingelebter Gewohnheit. Es war eine friedselige Stimmung über ihn gekommen, wie er sie seit lange nicht gekannt, ein Gefühl von Mattigkeit, wie sie dem Ausbruch einer gewaltigen Krankheit vorangeht, deren zerstörender Stoff schon eine geraume Zeit im Körper schlummerte. So kam der Freitag heran. Wolf befand sich wieder in der Synagoge; er fegte und putzte daselbst mit einer Genauigkeit, als sollte es für lange, lange Zeit das letztemal sein. Der Schweiß rann ihm von der Stirne; aber er rastete nicht in seinem Werke. Dazwischen ging er ab und zu in seine Wohnung hinüber, die von der Synagoge nur durch den Hof getrennt war, von einem unerklärlichen Drange getrieben, nachzusehen, was da vorgehe. Sara traf Vorbereitungen, während Lea in der Küche beschäftigt war, die weißen Sabbatbrote, ohne die der Festtag glanz- und farblos wäre, zu bereiten. Dieser Anblick gab ihm eigentümliche Gedanken. Wenn Lea »Barches« (die Sabbatbrote) backen konnte, so –; er beendete nicht mehr diesen Gedanken; schon daß er ihn beschleichen konnte, betrachtete er als eine Sünde, die zu Gott schrie. Am Nachmittage versah Wolf wie gewöhnlich die Hängelampe und Wandleuchte! in der Synagoge mit Kerzen. Er hatte zu diesem Behufe eine Leiter an die Wand gelehnt und stand gerade auf einer der obersten Sprossen derselben. Da vernahm er hinter sich ein leises Geflüster. Er blickte um sich, da standen auf der Synagogenschwelle, Hand in Hand, Christian und Lea! Alles Blut drängte sich ihm zum Kopfe; vor seinen Augen flimmerte die blutrote Granatenschnur der Babe, die jetzt am Halse jener bösen Riwke hing ... Sie hatte also doch recht, die Trägerin jenes verhängnisvollen Schmuckes? »Komm heran!« schrie er mit durchdringender Stimme, daß es durch das Haus schallte, »komm heran.« Arglos nahten sich die beiden; Christian legte seine Hand auf eine der Sprossen der Leiter, um sie zu stützen. »Sie steht nicht fest,« sagte er. »Laß ab, laß ab, ... du Teufel!« schrie Wolf und holte mit der Faust zu einem gewaltigen Schlage aus, der Christians Haupt treffen sollte. Aber die Wucht dieses Schlages traf ihn selbst. Indem er sich zu tief hinabgebückt hatte, verlor er das Gleichgewicht und stürzte über Christian hinweg auf den Boden. Auf das Jammergeschrei der beiden eilte Sara herbei; totenbleich starrte sie den Leblosen an, wie er da auf den Steinplatten lag. Es war kein Zeichen äußerer Verletzung an ihm; nur ein leises Atmen verriet, daß noch nicht alles Leben aus ihm geschwunden sei. Während Lea um den Arzt lief, lud Christian die schwere Bürde des Gestürzten auf seine Schultern und trug ihn über den Synagogenhof in die Wohnung. Aus den Häusern kamen die Leute herbeigerannt, denn Leas Jammergeschrei hatte die Schreckenskunde schnell durch die ganze Gasse getragen. Dem herbeigerufenen Arzte gelang es nach langer Bemühung, den in tiefer Ohnmacht Liegenden wieder zu erwecken. Die Pulse begannen aufs neue zu schlagen und auf den fahlen Wangen zeigte sich eine leichte Röte. Grauenhaft sah es aus, wie er mit gläsernen, starren Augen um sich blickte, und dennoch war ihnen nicht die Sehkraft benommen. Christian stand am Fußende des Bettes, in das man den Schwerkranken gelegt hatte. Plötzlich schrie Wolf auf, indem er die Hand zu ballen versuchte. »Fort da ... das Unglück ... fort, die Granatenschnur ... da steht das Unglück ... fort!« Eine neue Ohnmacht schnitt jeden weiteren Ausbruch dieser vulkanisch aufgeregten Natur ab. Als er wieder erwachte, war er ruhig und still, er lag da mit geschlossenen Augen und atmete leichter. Der Arzt glaubte die Gefahr für den Augenblick beseitigt und entfernte sich. Sara folgte ihm händeringend. »Wird er leben bleiben?« fragte sie draußen vor der Tür. Der Arzt zuckte die Schulter. »Es ist ein Unterschied,« sagte er mit gedämpftem Tone, »zwischen Leben und Leben, und manchem wäre besser, er wäre nicht mehr dazu erwacht.« Viele Tage waren vergangen, traurige Tage voll namenloser Pein für Sara und Lea, und der Arzt konnte noch immer nicht mit Bestimmtheit erklären, daß der Todesengel von Wolf Ungars Bette gewichen sei. Was Sara am meisten erschreckte, war, daß Wolf während der ganzen Krankheit auch nicht einen Augenblick hatte, wo seiner Seele das volle Bewußtsein zurückkehrte. Meist lag er teilnahmslos da und schien niemanden aus seiner Umgebung zu erkennen, tagelang kam kein Wort über seine Lippen, und wenn er sie öffnete, wurden Laute vernehmbar, die der menschlichen Sprache nicht anzugehören schienen. Nur mit vieler Mühe vermochte Sara aus diesen wirren und abgebrochenen Tönen einen Zusammenhang zu finden; es waren die nämlichen Worte, die sie am Tage des Unglücks vernommen hatte: »Das ist das Unglück der Babe ... die Granatenschnur ... fort, fort mit dem Unglück... Es ist gegen die Natur! ...« Aus diesem abgerissenen und sich doch wieder ergänzenden Gedanken erkannte Sara nur zu leicht, aus welchem Feuerstrome die beständige Fieberhitze des Kranken ihre Nahrung zog. Sie litt unsagbar, und es gab Augenblicke, wo sie in der Nacht, die sich um ihr Sinnen und Denken gesenkt hatte, nichts hörte als die Stimme der Verwünschung, die sie über ihr eigenes Dasein aussprach. Eines Morgens rief sie der Arzt auf die Seite. »Ihr Mann, Sara,« sagte er, »ist, insoweit ärztliche Hilfe dies bewerkstelligen konnte, jetzt hergestellt. Wenn kein weiterer Rückfall eintritt, wird er auch körperlich genesen. Aber ich fürchte, meine Prophezeiung wird eintreffen; er wird essen, trinken und schlafen, aber er wird wahrscheinlich nicht mehr zum vollen Bewußtsein kommen. Sein Kopf hat gelitten. Ich sage Ihnen das voraus, weil ich Sie als eine starke Frau kenne ... es stehen Ihnen traurige Tage bevor.« Sara vernahm diese Schreckenskunde mit einer Art stumpfer Neugier; sie weinte nicht, sie beugte ihr müdes Haupt unter den neuen Schlag willen- und widerstandlos; seit dem Unglückstage war ihr die alte Seelenkraft gleichsam abhanden gekommen. Die traurigen Tage, die der Arzt voraus verkündet hatte, kamen schneller, als sie gedacht hatte. Eines Tages konnte Wolf das Bett verlassen; er war gesund geworden, er aß und trank, aber sein Verstand war der eines Kindes, und nicht einmal ein solcher. Denn das Denken des Kindes geht einer Entwickelung entgegen, Wolf Ungar aber war kindisch geworden mit ergrauten Haaren. An einem der nächsten Tage ward Sara vor die »Gemeinde« gerufen. Der Vorsteher verkündete ihr daselbst, wie man sich bei dem Zustande ihres Mannes genötigt sehe, sich um einen Stellvertreter umzuschauen, da die Gemeinde eines Dieners wohl nicht länger entbehren könne. Das solle jedoch nicht ihr Schade sein. Sie und ihr Mann könnten die ihnen überwiesene Gemeindewohnung so lange behalten, als sie wollten, und was den »Gehalt« betreffe, so solle ihm derselbe auch in Zukunft unverkürzt ausbezahlt werden, »denn,« sagte der Vorsteher, »die Gemeinde will von seinem Unglücke keinen Nutzen ziehen, und solange er lebt, soll es ihm an nichts fehlen.« Solange er lebt! Sara dankte nicht einmal und wollte sich entfernen, da rief sie der Vorsteher zurück. »Sara,« sagte er mit strenger Miene, »du siehst, wie die Gemeinde gegen dich gesinnt ist; jetzt mußt du aber auch trachten, daß es in deinem Hause wieder ruhig und ›ordentlich‹ wird. Du bist ein Weib, Sara, man muß es sagen, man kann gegen dich nichts vorbringen, was auf ein Quentel geht. Aber in deinem Hause geht es nicht so zu, wie es in einem jüdischen Hause zugehen soll. Das muß ich dir sagen.« »Was geht denn vor?« fragte Sara tonlos. »Soll ich dir das sagen?« lautete die Antwort des Vorstehers. »Ich meine, das mußt du besser wissen als ich.« Sara ging; diesmal dankte sie dem Vorsteher, sie wußte selbst nicht wofür. Das aber ist meistens das Erschütternde eines großen Unglücksfalles, daß die Menschen unaufgefordert, oft auch in bester Absicht, von dem Unglücklichen zu erreichen suchen, was sie früher zu erlangen nicht das Recht oder die Lust hatten. Dann erst wagen sich aus ihren tiefsten Verstecken jene Vorwürfe und Härten hervor, denen nur der Betroffene es anhört, wie ungerecht sie sind, ziehen das Gewand des Mitleids an und verwunden nur desto mehr. Die wenigsten bedenken, daß das Erbarmen wie ein Licht, erquickend und belebend aus der Seele strömen, nicht aber wie ein Dieb sich schmeichelnd in dem Haus schleichen muß, um hinterrücks an dein Eigentum die Hand zu legen. Was wollten denn die Leute von ihr? Zu Haufe lag ihr der Mann in unheilbarem Siechtum, und nun quälte man sie mit vorwurfsvollen Rätseln, deren Sinn ihrer reinen Seele unzugänglich war. Wem tat Christian etwas zuleide? Zeigte er sich nicht dankbar für die Wohltaten, die ihm eine Frau aus der »Gasse« erwiesen, und ehrte er damit nicht die »Gasse« selbst? Was wollten sie alle von Christian? Trotzdem hatte Sara unter der Last dieser Anklagen, die gleichsam gegen das Heiligtum ihres Lebens gerichtet waren, in kurzer Zeit ihr Haupt erhoben; denn sie war eine Natur, an der das Gemeine nicht haften blieb. Aber der Anblick, der sich ihr täglich und stündlich bot, dieser kranke, von furchtbarer Heimsuchung so schwer betroffene Mann lähmte alle Schwingen in ihr, und wenn sie sich erhob, so war es das Flattern eines Vogels, der angstvoll umhersieht, ob der Sturm, der ihn aus dem warmen Neste verjagt hat, nicht in erneuerter Gewalt wiederkehrt. In Wolfs Zustand war keine Änderung eingetreten; er lebte in dumpfer Teilnahmlosigkeit seine Tage hin; nur selten entfuhr ein Wort seinem Munde. Er zeigte für niemanden eine ausgesprochene Vorliebe oder Abneigung, nicht einmal gegen Christian, den er entweder nicht mehr erkannte, oder stumpfsinnig betrachtete. Daß aber die Fäden seiner früheren Gedankentätigkeit nicht ganz abgerissen waren, bewiesen die dunklen Worte, mit denen er unvermutet, ohne allen äußeren Anlaß, oft mitten im Essen, Saras und Leas Gemüter erschreckte. »Da kommt die Babe mit ihrer Granatenschnur ... das ist das Unglück ... fort mit dem Unglück!« In den letzten Wochen war zu diesen Ausbrüchen innerster Zerstörtheit eine neue Redensart getreten, an der er mit der Zähigkeit eines Kindes hing, dem man ein Spielzeug nicht entreißen kann. Eines Morgens nämlich rief er mit übermenschlicher Kraft ein um das andere Mal, indem er dabei mit der Faust auf den Tisch schlug: »Auseinanderreißen! Reißt sie auseinander wie einen Fisch!« und das wiederholte er mit einer Art leidenschaftlichen Eigensinns, bis er müde ward, hie und da mit Anknüpfung an die bereits erwähnten, in ihm gleichsam stehengebliebenen Worte vom »Unglücke der Babe und ihrer Granatenschnur«. Eines Freitags kam Christian wieder. Er war meilenweit gegangen, um nach dem Befinden des Pflegevaters zu sehen. Wie aber Wolf Ungar ihn erblickte, schien ein Strahl hellen Bewußtseins seine zerstörte Seele zu erhellen; er schrie auf und ballte gegen Christian drohend die Fäuste. »Reißt sie auseinander,« heulte er, »wie einen Fisch ... das Unglück ist da ... auseinanderreißen ... fort, fort!« Sara sah kein anderes Mittel der Beruhigung, als daß sie Christian mit dem Finger winkte, sich aus der Stube zu entfernen. Als sie nach einer Viertelstunde in das Vorhaus hinaustrat, fand sie ihn, den Kopf an die Türpfoste gestützt, bitterlich weinen. »Was fehlt dir, mein guter Christian,« fragte sie, »und warum weinst du?« »Was habe ich ihm getan,« rief er unter Schluchzen, »daß er mich nicht leiden kann?« »Er ist schwer krank,« sagte Sara, mit der Hand Christians Schulter berührend, »willst du mit einem Kranken rechthaberisch sein? Und doch mußt du mir einen großen Gefallen erweisen!« »Sprich!« »Du darfst jetzt eine Zeitlang nicht kommen, und mußt fort ... Wenigstens so lange als er krank ist, komm nicht ... Wenn die Zeit da ist, wo du wiederkommen darfst, werde ich dir es sagen lassen.« Und ohne eine Antwort abzuwarten, ging sie wieder in die Stube zurück. Es war Nacht geworden, als Christian aus dem Hause ging; aber die Nacht waltete nur zwischen Himmel und Erde, nicht in zwei Menschenherzen, über die es mit aller Macht des Abschiedes gekommen war. Was ringt sich hinter dem Synagogenhoftor von Christian los und gleitet durch die Finsternis? Vier Lippen haben es sich in dieser Stunde zugesagt, was noch immer heißer als alle Kohle brennt und unergründlicher ist als das tiefe Meer! Ein Geist der Öde und Verlassenheit lagerte seitdem über dem Hause, in welchem drei Menschenleben Tagen voll unnennbaren Jammers entgegensiechten. Man weilt nicht gerne im Gebiete des Unheimlichen, und so kam es, daß nur wenige in der Gasse, fast nur um einer gebotenen Pflicht zu genügen, in die Wohnung des ehemaligen Gemeindedieners eintraten. Es gibt ein Leid, das mit dem Tageslichte nicht gern verkehrt, und dem es wohltut, von Menschenaugen nicht beachtet zu werden. Sara sah nicht gerne die Leute, die ab und zu auf Krankenbesuche kamen, und ging ihnen aus dem Wege, wo sie nur konnte. Und doch bebte ihr mutiges Herz keinen Augenblick unter der Folgenschwere jener freien Tat, die mit Christians Aufnahme in ihr Haus ein fast unabsehbares Schlachtfeld voll Kämpfe und Tränen über sie heraufbeschworen hatte. Ihre Seele war fester genietet, als sie selbst es ahnte; sie trug die Gewähr des sittlichen Entschlusses in sich, der selbst eine Offenbarung Gottes im Menschengemüte wieder zu Gott zurückleitet, von dem er ausgegangen! Statt kleinmütig ihr Haupt unter die Schicksalsschläge zu beugen und nichtigen Selbstanklagen sich hinzugeben, erhob sie es allmählich wieder in die Höhe, und niemals übersah sie ihre Lage mit größerer Klarheit als gerade jetzt. In ihrer Vereinsamung fanden ihre Gedanken den Weg zu Gott, in inbrünstigem Gebete erbat sie sich von ihm die Genesung ihres Mannes, und daß sie die Kraft nicht verlassen möge, auszuharren bis zu Ende, und vor allem, an sich nicht irre zu werden. »Warum hat es mich nicht betroffen, warum gerade ihn, den guten, rechtschaffenen Mann?« sprach es öfters in ihr, wenn sie die Leidensgestalt Wolfs betrachtete. »Was hat er getan? Die das Kind aufgenommen und erzogen hat, war ja ich, und was kann er dafür, daß ich ihn gezwungen habe, mir einen Schwur auf die heilige Thora zu leisten? Hätte ich ihn nicht auf die Thora sollen schwören lassen?« Aus dieser Selbstvernichtung erhob sich immer wieder ihr Gemüt zur freieren Übersicht ihres Tuns. »Hätte Kalman Würzburg, den man doch Klein-Mendelsohn heißt, mir geraten, nicht zu grübeln und zu tun, wozu mich mein Herz getrieben hat? Ich habe das Grübeln von mir fortgestoßen und bin den Weg gegangen, auf den mich mein Gott gewiesen hat. Bin ich nicht wie Hagar in der Wüste? ... Als ihr Kind weggeworfen und verlassen unter dem Baum gelegen ist, da hat die Stimme eines Engels vom Himmel gerufen: Hebe das Kind auf ... und soll das eine Schuld sein, wenn ich Jan Schusters Kind aufgehoben habe aus Not und Elend und bin seine Mutter geworden?« Und dann strömte es mit lebendiger Gewalt aus dem Innern dieses Gemütes, und mitten aus diesen Fragen trug sie ihr Gedankenflug immer höher. »Lebendiger Gott,« dachte sie, »du weißt selbst am besten, warum du diese schwere Schickung über mich gebracht hast. Ich will nicht murren und mich in deinen Willen fügen, denn wenn ein Herz von Kummer überfließt, wie ein zu volles Gefäß, dann hast du auch die Linderung bereit, um ihm wieder wohl zu tun. Du hast mir ein doppeltes Glück beschert ... du hast mir nicht nur ein Kind geschenkt, du hast auch zugegeben, daß ich Mutterstelle vertreten darf bei einem andern Kinde! Dein Wille kann nicht sein, daß man mir das als Fehler oder Sünde anrechnet. Hättest du mir sonst den Gedanken eingegeben? Du hast ja das Kind gut und rechtschaffen werden lassen, wie kaum eins in der Gasse, sollte das nicht ein Fingerzeig von dir sein, daß ich recht gehandelt habe? Und hätte ich anders handeln können, wenn das Kind von einem in der Gasse und nicht Jan Schufters Kind gewesen wäre? Wie kommt da das fremde Blut ins Spiel? Du weißt es, ich habe ihn nicht abwendig gemacht dem Glauben, den seine Eltern gehabt, weil ich es nicht ertragen könnte, daß jemand mein Kind, was du behüten und beschützen mögest, deiner heiligen Religion entführen möchte. Ich habe ihn in Zucht und Sitte aufgezogen, ich habe über ihm gewacht, und es ist ein rechtschaffener Mensch aus ihm geworden ... Eine Blume, die auf dem Wege liegt, hebt man auf, damit sie nicht zertreten wird, das frierende Vögelchen nimmt man zu sich, damit es draußen in der kalten Luft nicht umkommt, und ich hätte mich eines Kindes nicht annehmen sollen, eines Menschen, der ein Bild ist von deinem Bilde und ein Abglanz von deiner Herrlichkeit und Pracht?« So betete die starkmutige Seele dieser Frau in den Stunden der Betrübnis, und es tat ihr wohl. Konnte sie doch dabei nebst dem Leide, das sie täglich und stündlich mit hohlen Augen anstarrte, ihres Christians gedenken, der auf einen bloßen Wunsch von ihr in die weite Welt gegangen war, ohne daß sie wußte, wo er jetzt weilte. Warum hatte sie ihn gehen lassen? Und so oft sie des Abwesenden gedachte, kamen ihr aus seiner Kindheit jene Lichttage in die Erinnerung zurück, an denen das eigentliche Wesen des Kindes einer gewissen Entwicklung entgegengegangen war. Vorzüglich ruhte ihre Erinnerung auf jenem Abende, wo sie mit Lea das Nachtgebet verrichtete und Christian weinte, und sie den Entschluß faßte, ... das Kind zu der alten Bozena zu schicken. Noch jetzt machte dieser Gedanke ihre Wangen von hoher Glut entbrennen, sie war stolz darauf, daß sie ihn ausgeführt. Was wäre sonst aus Christian geworden? Wurde er nicht dadurch gleichsam befähigt, jene Doppelstellung im Leben einzunehmen: daß er dem Wesen beider Glaubensbekenntnisse nahe genug stand, um dem einen, dem er durch seine Geburt gehörte, mit aller Kindlichkeit anzuhängen, während ihm der andere das Verständnis seiner innersten Wesenheit erschloß? ... Es waren wieder zwei Jahre vergangen. Für Sara und Lea war diese Zeit ein einziger langer Tag voll einförmigen Leides, dem keine Erhebung und Aufrichtung folgte. Die eine vergaß am Krankenbett des Mannes, daß es draußen noch ein Leben gab, die andere mit abgehärmten blassen Wangen wußte wohl von einem Leben da draußen, aber der es ihr bieten sollte, befand sich in weiter Ferne, und alle Sehnsucht vermochte ihn nicht herbeizuführen! In einer Sommernacht saßen Mutter und Tochter, während Wolf in der angrenzenden Kammer schon schlief, beim Scheine einer einsamen Kerze und nähten – eine traurige Beschäftigung für ohnehin gedrückte Menschen – an den Sterbekleidern für eine vor zwei Tagen in der Gasse verstorbene Frau, die am darauf folgenden Morgen begraben werden sollte. Lange schwiegen die zwei; eine jede spann ihre eigenen Gedankenfäden, und die gaben kein heiterfarbiges Gewebe. Da sagte Sara: »Eins wundert mich sehr von Channe Klattauer, mit der der Friede sei, daß man nach ihrem Tode keine »Tachrichim« (Sterbekleider) nach ihr gefunden hat. Ich kann doch nicht denken, weil sie reich war und hat alles in Hülle und Fülle gehabt, daß sie darum vergessen hat, auf die letzte Stunde zu denken?« »Das ist nur bei uns Juden,« meinte Lea, indem sie die Arbeit ruhen ließ, »daß einem der Tod vorschreibt, man dürfe keinen Augenblick sich einen Spaß mit ihm machen. Muß ich gleich ans Sterben denken, wenn ich meinen Kasten aufmache? Christian hat mir erzählt, bei ›ihnen‹ wäre das anders – –« »Ein jeder tut, wie es ihm am besten dünkt,« unterbrach sie Sara mit mehr Strenge, als sie sonst in ihre Vorwürfe legte. »Wir Juden sind eben ein geplagt' Volk, und keine Stunde vergeht, wo nicht Tausende am Herzen gebrochen und geknickt werden. Da schickt es sich, daß wir alleweile den vor Augen haben, dem wir doch nicht entgehen können. Hast du nicht gesehen, daß dein armer Vater, wie er noch gesund war, am Osterabend im Sterbekittel dagesessen ist? Denk doch, da ist man lustig und trinkt roten Wein! Meinst du, das haben unsere Weisen so ohne Grund vorgeschrieben?« Auf diese Zurechtweisung der Mutter hatte Lea nur ein ungläubiges Kopfschütteln zur Antwort. Oder hatte sie Saras Worte gar nicht vernommen? Nach einer längeren Weile ließ Lea wieder die Arbeit ruhen. »Ob er schon einmal ein ganzes großes Haus gebaut hat?« meinte sie, wie aus einem Traume sprechend. »Wer?« »Christian!« »Wie kommst du gerade auf ihn zu denken?« »Ich muß dran denken, daß er mir als Kind versprochen hat, wenn er einmal groß und sein eigener Herr sein wird, wie er da für mich und für sich ein Haus bauen will!« »Wie kann man an solche Narreteien denken?« sagte Sara strenge, »wenn man gerade am Sterbehemde für Channe Klattauer näht?« Ein leises Klopfen an die Fensterscheiben unterbrach ihre fernere Rede. »Mutter, er ist's,« rief Lea überlaut und sprang zum Fenster. »Wer, um Gottes willen?« »Christian!« Warum zuckten Todesschauer durch die Glieder Saras, warum fühlte sie sich bis in das Innerste ihres Wesens beim Klange dieses Namens erschüttert? »Geh hinaus,« sagte sie nach einer Weile, »und sieh, ob er's ist. Wenn es Christian ist, so führe ihn still herein, daß der Vater nicht aufwacht ...« Und er war es, der jetzt Hand in Hand mit Lea in die Stube trat. »Christian!« rief Sara in gedämpftem Tone, indem sie auf die Kammer wies, worin Wolf, ihr Mann, lag, »du hast dein Wort nicht gehalten.« »Mutter!« sagte Christian. Es war das erstemal, daß er sie so nannte, und es lag eine so mild einschmeichelnde Kraft in dem einen Worte, daß Saras ganzes Wesen davon erbebte. »Ja, Christian!« sagte sie, sich allmählich aufrichtend, »ich habe dich immer als meinen Sohn betrachtet, aber warum folgst du dann nicht, wie ein Sohn seiner Mutter folgen soll?« »Schläft er?« gab er zur Antwort, scheue Blicke auf die Türe der Kammer richtend. Sara nickte bejahend mit dem Kopfe. »Ich will es dir sagen, Mutter,« begann Christian mit unsicherer, zu leisem Flüstern herabgedrückter Stimme, »ich habe es nicht länger ertragen können.« Jetzt erst sah Sara den Sprechenden genauer an. Er sah in seiner Kleidung schrecklich verwildert aus; auch sein Angesicht trug die Spuren tiefer Verstörtheit, wie von durchwachten Nächten oder anhaltender Krankheit. Noch immer hielt er die Hand Leas zwischen die seine gepreßt. »Laß sie,« rief Sara von einer plötzlichen Ahnung erfaßt, »warum siehst du ... so aus?« »Kann man anders aussehen,« meinte Christian, indem er die Weisung Saras befolgte, »wenn man Tag und Nacht über die Straßen wandert, um hierher zu kommen? Ich sage es dir ja, Mutter, ich habe es nicht ertragen können.« »Rede nicht so hoch (laut),« gebot ihm Sara, deren Mißtrauen mit jeder Sekunde wuchs. »Du hast etwas in deiner Stimme, Christian, was mich erschreckt und zittern macht. Haben das die zwei Jahre getan, die du fort warst? Als Kind bist du nicht so gewesen –« »Ich verstehe dich nicht, Mutter?« sagte Christian mit so treuherziger Unbefangenheit, wie sie nur ein Heuchler hätte erdichten können. Sara schüttelte den Kopf. »Und ich versteh' dein Kommen gerade zur Nachtzeit nicht,« meinte sie, »wenn man Menschen erfreuen will, muß man sie erschrecken?« »Habe ich dich erschreckt, Lea?« rief Christian, die Hand des Mädchens wieder ergreifend. »Laß ab von ihr, laß ab,« rief Sara, deren Argwohn zunahm. »Du gefällst mir nicht, Christian!« »Warum soll ich von ihr lassen?« rief Christian mit glühendem Blicke auf Lea. »Lebendiger Gott!« Nur das eine vermochte Sara zu rufen; dann bedeckte sie schaudernd das Gesicht mit beiden Händen. Der Blitz, der ihr als fernes Wetterleuchten einmal schon erschienen und dann von ihr vergessen worden war, er fuhr soeben mit der Unmittelbarkeit elementarer Kraft vor ihren Augen nieder, alles zertrümmernd, woran sie gebaut, und bis in das Heiligtum ihres Wesens den vernichtenden Feuerbrand schleudernd! In diesem einen Augenblick durchlebte sie rückschauend die Geschichte vieler Jahre, und ihr Inhalt drängte sich in den einen im Innern anstauenden Schmerzensschrei zusammen: »Ich habe unrecht und die Welt hat recht behalten!« Als Sara die Hände vom Angesichte weggab, mochte sie einen erschreckenden Anblick bieten. Ihre Augen starrten weit und gläsern vor sich hin, und um ihre Mundwinkel zuckte jener Zug von Entsetzen, der dem Tode abgeborgt ist und doch dem vollen Leben gehört. Lea warf sich ihr an den Hals und schrie angstvoll: »Warum bist du so erschrocken, Mutter! Komm doch zu dir!« Mit fast übermenschlicher Gewalt drückte Sara die Tochter an sich; jeder Nerv in ihrem Leibe klammerte sich an das gefährdete, nur in ihren Armen sichere Kind. »Geh fort, Christian!« kreischte sie, »geh fort! Du hast in meiner Stube nichts zu tun!« Christian hatte die Arme vor die Brust gekreuzt; ein tieftrauriger Zug von Mitleid spielte um seine Lippen. »Warum bist du so erschrocken, Mutter?« sagte auch er, »ich habe dich niemals so gesehen. Du bist immer gut und freundlich gegen mich gewesen, hast an mir gehandelt wie sonst kein Mensch in der Welt, und jetzt mit einem Male kommst du mir so fremd entgegen und erschrickst vor mir, als wäre ich wie ein Dieb in dein Haus eingebrochen.« »Du bist auch ein Dieb!« unterbrach ihn Sara außer sich, »und besser wäre es gewesen, ich hätte dich ertrinken und verkommen lassen in der Iser, wie dein Vater ertrunken und verkommen ist.« »Das hat meine Mutter Sara nicht gesagt,« rief Christian mit seltsam zitterndem Tone, »das hat die Frau nicht gesagt, die mich auf ihrem Arm getragen und blutige Tränen geweint hat, wie einst ihr Mann die Hand gegen mich aufhob. Meinst du, ich habe damals dein Schluchzen nicht gehört? Ich habe es mir gemerkt, wie sich ein Wirt die Zeche seines Kunden merkt, und alles, was du an mir getan hast, habe ich mir an einer Stelle aufgeschrieben, wo sie keiner auslöschen kann. Meinst du, ich weiß nicht, was du um meinetwegen gelitten hast? Ich habe oft über dich nachgedacht, Mutter, besonders wie ich in der Fremde war. Da haben sich meine Kameraden oft über mich lustig gemacht, haben mich »Judenbursch« geschimpft, weil sie gewußt haben, daß ich bei euch war erzogen worden, aber ich habe mich nie geschämt, und mit Stolz habe ich ihnen gesagt: Und ihr alle zusammengenommen habt keine solche Mutter gehabt! Und nirgends hat es mir so geschmeckt als an deinem Tische, und nirgends habe ich so geschlafen als in deinem Hause, und nirgends ist mir so wohl gewesen als bei dir! Wissentlich habe ich dich nie kränken wollen, und jetzt wirfst du mir vor, ich sei wie ein Dieb in dein Haus eingebrochen, und verhüllst dein liebes Gesicht vor mir!« Seine Stimme klang wie die eines Weinenden; sie brachte eine wunderbare Wandlung in Sara hervor. Ihre Augen hatten den gläsernen Glanz verloren, der Entsetzenszug um ihre Mundwinkel war verschwunden. Waren es die Worte Christians, war es die Rückkehr ihres Wesens, das sich von der Gewalt eines unvorhergesehenen Ereignisses aus seiner ruhigen Bahn hatte schleudern lassen? »Du tust mir sehr wehe, Christian,« sagte sie mit zuckenden Lippen. »Sieh an, Mutter!« fuhr Christian fort. »Ich bin in guter Arbeit da unten in einer Stadt an der deutschen Grenze gestanden, da haben sie mich unter die Soldaten nehmen wollen, weil jetzt überall in der Welt Krieg ist. Wie ich das erfahren habe, da bin ich auf und davon. Da habe ich eine Sehnsucht nach euch in mir verspürt, die war nicht zu stillen. Wenn sie dich jetzt in den Krieg schicken, habe ich mir gesagt, und du hast Lea nicht mehr gesehen und weißt nicht, was aus ihr geworden ist und was aus ihr werden wird – denn Lea gehört mir und du bist nicht umsonst die Mutter von ihr! Siehst du, wie mir das alles eingefallen ist, hat es mir nicht mehr Ruhe gelassen; ich muß wissen, was aus Lea werden wird. – Ich kann nicht leben und nicht sterben, wenn ich das nicht weiß –« »Schweig, schweig, Christian!« rief Sara, aufs neue erschreckt von der Glut dieser nie gehörten Sprache. »Aber ich will nicht Soldat werden, ich hacke mir einen Finger ab, da sollen sie dann sehen, ob ich ein Gewehr laden kann – ich gehöre in dein Haus, Mutter, und Lea gehört mir. Ich lasse mir sie nicht nehmen, und hier will ich bleiben, und will kein Soldat sein.« Sara saß da, geknickt und gebrochen; sie hörte den gewaltigen Orkan um ihr Haus brausen ... im nächsten Augenblicke konnten sie alle, die es beherbergte, unter seinen Trümmern begraben sein. »Und das alles,« tönten tausend Stimmen in ihr, »hättest du vermeiden können, wenn du nicht dir, sondern der Welt gefolgt hättest. Jetzt bricht alles zusammen!« Sie seufzte tief auf. »Das ist die schwerste Stunde meines Lebens! Gott helfe mir darüber,« flüsterte sie halblaut. In demselben Augenblicke rief Lea, die bis dahin nur die Mutter und Christian hatte sprechen lassen, nach der Tür weisend: »Still, der Vater ist erwacht.« Und in der Tat drang aus der Kammer, worin Wolf Ungar schlief, die oft gehörte Redensart des kranken Mannes, wie sie schon seit Jahren auf seinen Lippen saß: »Auseinanderreißen – es ist gegen die Natur – das ist das Unglück der Babe – mit der Granatenschnur –« Niemals hatten diese wenigen Worte, die ihr doch aus langer Gewohnheit zu wesenlosen Begriffen geworden waren, so wunderbar licht und verständnisvoll geklungen! Wie unter einem belebenden Hauche erhob sich die Ermattung ihrer Seele; das war nicht mehr die gebrochene Sara, die einen Augenblick zuvor in mutloser Bangigkeit ihr Haupt vor dem nahenden Sturme geborgen! Sie hatte sich in die Höhe gerichtet, ein kühner Mut leuchtete aus ihren Blicken, und um ihren Mund spielte ein Zug von Trotz, der auf Unbeugsamkeit eines Entschlusses hindeutete. »Ja, mein guter Mann!« rief sie gegen die Kammertür gewandt, »du sollst bald wieder deine Ruhe haben. Du sollst deinen Schwur nicht zu bereuen haben.« Und als Christian sie verwundert ansah, sagte sie kurz und bestimmt: »Du kannst nicht in der Stube bleiben, Christian! Geh hinaus und setz dich draußen auf die Bank unter dem Nußbaume. – Ich will in einiger Zeit zu dir hinauskommen und dann wollen wir miteinander reden.« »Darf ich mit ihm gehen?« fragte Lea. »Ja, mein Kind, du darfst –« sagte sie nach einigem Überlegen. Jetzt war sie allein! Erst schlich sie auf den Zehen an die Türe der Kammer und lauschte. Sie konnte die Atemzüge des ruhig Schlummernden deutlich vernehmen. Dann setzte sie sich an den Tisch in den alten Lehnstuhl, löschte das Licht aus und saß nun da, der Nacht und ihrem Sinnen hingegeben allein, ganz allein! Was in ihr vorging? Wer wollte sich erkühnen, dem Gedankenleben dieser einsamen Menschenseele auf den Grund zu sehen, deren Wehe nur dem Auge des allwaltenden Weltgeistes offenbar vorlag? Da sitzt Sara, die einfältige Frau eines Gemeindedieners in einer stillen böhmischen »Gasse«, aber das was sie denkt, ist mit Flammenzeichen in die Geschichte des Menschentumes eingetragen, Blut und wieder Blut bezeichnet seine Bahn, und der letzte Atemzug gemordeter und zu Tod gehetzter Geschlechter weht sie an. Lichtere Zeiten und Menschen dämmerten vor ihr auf, sie schüttelt aber den Kopf und wehrt sie mit der Hand ab. Sie sind noch nicht da – Blütenkelche öffneten sich, die bis dahin verschlossen waren, aber die Menschen schritten noch hinweg über sie ... Dann erhob sie sich wieder und zündete die Kerze an. War auch ihrer Seele das Licht aufgegangen? Dann lauschte sie noch einmal an der Schlafkammer ihres Mannes und schlich hierauf unhörbar zur Stube hinaus. Draußen auf der Bank unter dem Baume saßen die zwei, Christian und Lea. Sie vernahmen es kaum, daß die Mutter vor ihnen stand. Sara setzte sich an das eine Ende der Bank. Ringsherum waltete tiefe, schweigende Nacht. »Christian,« begann Sara nach einer Weile – »hast du noch eine Erinnerung davon, wie deine Mutter ausgesehen hat?« »Nein!« »Was meinst du, wenn deine Mutter heute noch lebte, und du kämest zu ihr, wie du zu mir gekommen bist, und sagtest ihr, was du zu mir gesagt hast – ich meine das mit Lea – was für eine Antwort möchte sie dir geben? Antworte mir nicht gleich und denke nach.« »Ich weiß nicht, Mutter.« »So will ich dir es sagen, Christian! Deine Mutter hätte nur einen Wunsch, und der wäre, du möchtest einen Stein an deinen Hals binden und dich damit in die Iser werfen, da, bei den Ziegelhütten, wo sie am tiefsten ist.« Christian stieß zwei Namen hervor, die den Inbegriff des Heiligsten für ihn, des Gottessohnes und seiner Mutter, bildeten. »An dem Schrecken, mit dem du diesen Ausruf tust,« sagte Sara, »sehe ich erst, wie recht ich habe. Deine eigene Mutter, Christian, hätte dir keine andere Antwort gegeben.« Sie legte die Hand auf die Schulter Christians und fuhr in milder, fast geflüsterter Rede fort: »Christian! mein guter Sohn, du mußt auf und davon, und mußt viele, viele Meilen wandern, bis ein so weites und großes Land ist zwischen dir und uns, daß auch nicht ein Laut von uns zu dir kommt, oder von dir zu uns. Du mußt wandern und wandern und darfst dich niemals umsehen und keinen Augenblick Rast halten. Dann wird dir wohl werden – und auch uns – du mußt fort, mein Sohn Christian!« »Ich kann nicht, Mutter!« rief Christian, »ich werde es nicht tun! Zum zweiten Male lasse ich mich aus deinem Hause nicht jagen.« »Sprichst du so mit deiner Mutter, Christian?« Und nach einer längeren Weile sagte Sara: »Es ist mir noch ganz gut erinnerlich, als wenn es erst heute geschehen wäre. Als Kinder seid ihr einmal unter demselben Baume gesessen, unter welchem wir jetzt sitzen. Du, Christian, hast aus einem kleinen Schulbüchelchen gelernt, und Lea hat auf einer Schiefertafel etwas geschrieben, ich aber, ich habe euch durch das Fenster belauscht. Da hat Lea ihre Schiefertafel zerbrochen, und wie sie geweint hat, hast du sie getröstet und gemeint, die Tafel läßt sich wieder ganz machen, wenn erst der Drahtbinder kommt. Lea aber hat ausgerufen: ›Was zerbrochen ist, ist zerbrochen‹ – Hörst du mir gut zu, Lea?« »Ja, Mutter!« tönte es leise zurück. »Was zerbrochen ist, ist zerbrochen, das sage ich euch,« fuhr Sara fort. »Es läßt sich nicht mehr ganz machen, und der Bruch ist auch nachher zu sehen. Warum habe ich mir das, was Lea damals gesprochen hat, so deutlich gemerkt, und vieles andere ist mir entschwunden? Ich will dir das erklären, Christian. So kindisch die ganze Sache war, so liegt doch darin ein starker Sinn, und den müssen wir beide uns merken. Was du glaubst, Christian, und das, was ich glaube, ich meine das, wie man es mit Gott dem Allmächtigen im Himmel hält, das sind auch zwei zerbrochene Tafeln, zwei Stücke von einer, die einmal ganz gewesen ist. Wer sie zerbrochen hat? Und ob es gut war, sie zu zerbrechen? Das kann ich nicht entscheiden, dafür bin ich ein zu unbedeutend Weib. Genug an dem, mein guter Christian, seitdem die alte Tafel zerbrochen ist, ist viel Streit und Herzbrechen in der Welt, jeder hält an seinem Teile fest, und darüber sind Hunderte und Tausende von Jahren schon hingegangen. Auf jedes der zwei Stücke hat aber Gott etwas geschrieben, und daran hält ein jeder fest, und nur Gott der Allmächtige allein ist imstande, die zerbrochene Tafel wieder so ganz zu machen, daß, was auf dem einen Stücke geschrieben steht, zu demjenigen paßt, was auf dem anderen geschrieben steht. – Den Tag, wo das geschieht, den werden wir nicht erleben, nicht ich, nicht du, Christian. Willst du aber wissen, was in unserer heiligen Schrift steht? Tagtäglich beten wir: ›Gott wird Herr sein über die ganze Erde, an dem Tage ist Gott der Einige und sein Name – der Einige!‹ Aber für jetzt ist die Tafel zerbrochen ...!« Ein minutenlanges Schweigen folgte den Worten Saras. In der würzigen Sommernacht, die ringsherum waltete, dufteten und öffneten sich viel tausend Blumenkelche, angeküßt und gekühlt von den Lüften der Nacht. Millionen Augen hatten sich geschlossen zu friedseligem Schlummer, aber auf diesen drei Menschenherzen lag der Bann tiefster Traurigkeit; wenn sie auseinander schieden, so hat das die bitterste Entsagung geboten. Wird das Wort ausgesprochen werden? »O! ich versteh dich, Mutter, ich versteh dich ganz!« tönte es von Leas Lippen. »Und du, mein Christian?« fragte Sara, die Hand auf seine heiße Stirn legend. »Ich möchte, du hättest mich in die Iser fallen lassen, Mutter, da wo sie am tiefsten ist,« sagte er mit dumpfer Verzweiflung. »Sag das nicht, Christian! sag das nicht. Gott hört so was nicht gerne. Denk du lieber an die zerbrochenen Tafeln, und daß von diesem Augenblicke alles aus und zu Ende sein muß ... hörst du gut, Christian, alles zu Ende?« Christian wollte aufstehen, aber die sanfte Gewalt der auf seiner Schulter liegenden Hand hielt ihn zurück. »Christian!« rief Sara mit hervorbrechenden Tränen, »willst du denn deine Mutter nicht anhören? Ich hab dich gepflegt und bewacht, und wenn du krank warst, bin ich an deinem Bette gestanden, und wenn mein Mann dich strenge behandeln wollte, habe ich es abgewehrt von dir! Soll ich das alles jetzt bereuen? Soll ich, willst du der Welt ein Beispiel geben, daß man sein Herz verschließen soll wie einen Sack, in den auch nicht das kleinste Erbarmen hineindarf? Drin liegt der Mann mit dem kranken Gehirn ... wie? wenn er einmal aufwacht und mich fragt: Wo ist meine Tochter Lea? Soll ich ihm sagen, das Kind, das ich bei mir aufgenommen hatte, dem du an deinem Tische einen Platz hast eingeräumt, es hat die Schuld auf sich – daß du deine eigene Tochter nicht mehr dein Kind nennen darfst? Soll ich ihm das sagen, Christian?« »Genug, genug, Mutter!« rief Christian schluchzend. »Ich habe dich verstanden: Zerbrochen ist zerbrochen.« »Und jetzt geh, mein Sohn Christian und folge dem Rate deiner Mutter. Wandere, so weit dich deine Füße tragen und schaue nicht zurück. Es müssen Meilen und Länder und Berge liegen zwischen dir und uns. Dann wird dich Gott beschützen auf allen deinen Wegen – und denk nicht mehr an uns.« Sie hatte die Hand auf seinen Kopf gelegt, und es war ein Segen, den ihre flüsternden Lippen dabei sprachen. Christian war aufgestanden, seine Brust arbeitete heftig. »Lea!« rief er. »Christian!« Minutenlang hielten sie sich umklammert, sie konnten von einander nicht lassen. Endlich rief Sara: »Komm, Lea, mein Kind. Du weißt, wir sind mit dem letzten Anzuge für Channe Klattauer noch nicht fertig – und die Toten können nicht warten. Komm!« – – In stiller Nacht klirrte der Riegel an dem Tore des Synagogenhofes. Eine Gestalt drängte sich hinaus, Schritte wie die eines Verfolgten wurden in der schlaftrunkenen Gasse hörbar. Auf der Erde gab es ein Menschenglück weniger! – Durch die »Gasse« sieht man namentlich an Tagen, wenn die Sonne sich etwas behaglicher über die Häuser und Dächer legt, zwei alte Menschen wandeln, ein gebücktes, trippelndes Mütterchen und einen nur um etwas strammer auftretenden eisgrauen Mann. Sie gehen Hand in Hand – und nur wenn die Mittagsglocke geläutet wird, gleiten ihre Hände auseinander. Vor einem einstöckigen Hause, das hart am Rande des Baches steht, endet ihr Gang. Es ist Christian und Lea! Mit zitternden Fingern und trüb gewordenen Angen, mit ergrauten Haaren und Runzeln auf Stirn und Wangen, so hatten sich die zwei im Winter ihres Lebens wiedergefunden, die im Lenze voneinander geschieden waren. Im Laufe weniger Jahre hatte Lea Vater und Mutter begraben. Dann ging sie in die Fremde, und diente – und sparte Pfennig auf Pfennig und Gulden auf Gulden. Damit ging sie wieder in die alte Heimat. Eines Tages kam ein altes Mütterchen in der »Gasse« an und gab sich da den Leuten als Wolf Ungars und Saras Tochter zu erkennen. Es gab nur wenig noch ältere Leute, die sich ihrer zu erinnern wußten, und seltsam genug, nur wenige Tage später traf ein alter Mann ein, der auf Grund seines Heimatscheins sich als Christian, der Sohn des Schusters Johannes Wurma, in der Gasse auch »Jan Schuster« genannt, auswies. Einige Wochen später führten Maurer und Zimmerleute das kleine Haus auf, das hart am Rande des Baches steht. Als es fertig und eingerichtet war, bezogen es die beiden alten Leute. Lacht ihnen nicht nach, vielmehr grüßet sie ehrfurchtsvoll, wenn ihr seht, wie am Sabbat oder an sonstigen Feiertagen der alte Christian seiner alten Lea den schweren »Sidur« (Gebetbuch) nachträgt bis zum Eingange der Synagoge, und lacht auch nicht, sondern fühlt euch gehoben von dem Atemzuge des göttlichen Geheimnisses, das über den weißen Häuptern dieser Greise waltet, wenn ihr am Sonntage den alten Christian zur Kirche schreiten sehet, mit einem weißen Halstuche, das ihm die alte Lea mit ihren eigenen Händen gewaschen und umgebunden hat. In einem alten Buch, das aus der Büchersammlung Kalman Würzburgs, auch »Klein-Mendelsohn« genannt, herrührt, fand sich lange Zeit nachher ein mit vergilbter Tinte geschriebener Papierstreifen, auf dem folgendes stand: »Es gibt eine Liebe und eine Einigung unter den Menschen, die ist stärker und gewaltiger als die, von der König Salomo in seinem Hohen Liede spricht. Davon habe ich ein Beispiel bekommen an Sara, Frau von Wolf Ungar, dem Gemeindediener. In dem Herzen dieses jüdischen Weibes liegt diejenige Liebe, die der Welt einmal den Frieden und die Ruhe wieder zurückgeben wird. Wie kann der Wolf ruhen neben dem Lamm und die Viper neben dem zarten Säuglinge, wenn Gott nicht dafür sorgt, daß noch mehr als eine Sara Ungar nachgeboren wird!« Die beiden Schwerter. In jenem berühmten »Kontrollorgange« der kaiserlichen Burg in Wien, wo Josef der Zweite – warum fährt uns eine so lichte Glut über das Antlitz, während wir diesen Namen niederschreiben? – seinem Volke in des Wortes weitestem Sinne Gehör gab, standen eines Tages mitten unter einem Haufen von Leuten, die sich aus allen Ständen, Geschlechtern und Provinzen zusammengefunden hatten, ein Mann und eine Frau, Eheleute, wie es schien. Neben dem ungarischen Bauer, der von weiter Pußta hergekommen war, um seinem »Könige« eine Klage wider einen Edelmann vorzutragen, wie er in straffer Haltung dastand, die eine Faust auf den eisenbeschlagenen Fokos gestemmt, den Schafpelz um den riesigen Leib geschlagen, während die andere Hand abwechselnd die beiden kühn aufgeworfenen Schnurrbartspitzen kräuselte, nahm sich jenes Ehepaar gar sonderbar aus! Der Mann, etwa in der Mitte der fünfziger Jahre stehend, hatte nichtsdestoweniger ganz ergrautes Haar; scheu und gedrückt, das dreieckige Hütlein in den krampfhaft zitternden Händen haltend, konnte man ihm, ohne ihn noch gehört zu haben, eine traurige Geschichte voll Drangsal und Kummer vom Gesichte herablesen. Ein Glücklicher mochte neben ihm nicht lange verweilen. Seine Lippen murmelten beständig, und der kleine weiße Kopf bewegte sich wie der Perpendikel einer Uhr unaufhörlich nach rechts und links, als wollte er beweisen, daß man ihm bisher keinen rechten Ruhepunkt gegönnt hatte. Dagegen bot die Frau neben ihm einen etwas erfreulicheren Anblick. Sie hatte eine verblichen goldene Haube auf, wie sie damals die Frauen in den Ghettos trugen, und schien bedeutend jünger als ihr Mann. Ihr Antlitz war noch von jenem rosigen Schimmer überhaucht, den oft die Jugend wie ein Almosen an das reifere Alter abtritt; dagegen schienen ihre Augen viel geweint zu haben. Sie mochten einst schön gewesen sein; wenn sie sich aber jetzt aufhoben, traute man ihnen fast keine Sehkraft zu. Ursprünglich tiefblau, waren sie jetzt blaß und ausdruckslos geworden. Das Ehepaar hatte einen weiten Weg zurückzulegen gehabt, ehe es in den Kontrollorgang der kaiserlichen Hofburg gelangen konnte. Sie waren in Böhmen zu Hause und hatten vor vierzehn Tagen ihre Heimat verlassen. In Wien selbst befanden sie sich kaum vierundzwanzig Stunden, und schon standen sie vor dem Antlitze des wahrhaft gottbegnadigten Herrschers, vor dem Fürsten, dessen gesamtes Wesen niemals in seiner ganzen erfrischenden und aufrichtenden Größe erfaßt werden wird, da er das schönste Geheimnis der Schöpfung in sich barg, ein echtes Menschenherz ... und die Enthüllung von Geheimnissen eben nicht die starke Seite des geschichtlichen Verstandes bildet. Schon hatte sich der weite Kontrollorgang beinahe geleert, der ungarische Bauer in seinem Schafpelze und unser Ehepaar waren die letzten geblieben. Der Kaiser näherte sich ihrer Gruppe. Wer von ihnen sollte zuerst sprechen? Da griff der Bauer ohne vieles Bedenken in den Brustlatz seines Pelzes und brachte die »Supplik« hervor, die er dem Kaiser entgegenhielt. Eine Weile ruhten die Augen Josefs wohlgefällig auf der strammen wohlgebildeten Gestalt des Bauers, dann entfaltete er das Papier. Er las es vom Anfang bis zu Ende; seine Züge waren tief ernst geworden. Die Supplik des Bauers war in jenem Latein abgefaßt, wie es eben nur der Feder eines schlichten Dorfnotars in Ungarn entspringen konnte. Warum Lateinisch? Warum in der toten Sprache von Ruinen zu seinem lebendigen deutschen Herzen sprechen? Und dann! Ließ sich noch immer kein Mittel finden, um diesen magyarischen Edelmann zur Überzeugung zu zwingen, daß die niedergeborene Creatur Rechte besitze, denen er, der Übermütige, beständig den eisenbeschlagenen Stiefel auf den Nacken stemmte? Nur wenige in ungarischer Sprache lautende Worte hatte der Kaiser an den Bauer gerichtet, sie schienen Gewährung der Bitte zu enthalten; dann wandte er sich mit einer Handbewegung, die den Magyaren verabschiedete, an das aus Böhmen kommende Ehepaar. In demselben Augenblicke stürzten die beiden Leute, Mann und Frau, auf die Knie. Josef trat einen Schritt zurück. »Steht auf, steht auf, guten Leute!« fagte er milde. »Was ist euer Begehr?« Aber die beiden waren nicht imstande, dem kaiserlichen Worte Folge zu leisten. Tiefe Stille herrschte in dem weiten Saale, nur das Schluchzen des auf den Boden hingestreckten Ehepaares war vernehmbar. So währte es eine geraume Weile, bis es endlich der Frau gelang, sich aus ihrer halb liegenden, halb knienden Lage aufzurichten. Ihr Antlitz war tränenüberströmt. »Wer seid Ihr, Mutter?« fragte Josef, auf den die verwitterte Schönheit dieses Kopfes mit den verblaßten müden Augen einen tiefen Eindruck zu machen schien. »Jawohl, Eure kaiserliche Majestät,« brachte die Frau mühsam hervor, »ich bin eine Mutter, und Euer Majestät haben es ganz gut erraten ... Ich bin eine Mutter, und der da neben mir ist mein Mann, und wir beide sind aus Kojetein in Böhmen ... und bringen ein großbeschwertes Herz vor unsern allerdurchlauchtigsten Kaiser und Herrn ...« »Sprecht Euch aus, liebe Mutter,« sagte der Kaiser, »darum seid Ihr ja zu mir gekommen.« »Das ist wahr, Euer Majestät,« sagte die Frau, indem ihr ein neuer Tränenstrom entstürzte. »Wie soll ich mich aber aussprechen, da ich doch weiß, daß mein allergnädigster Kaiser selbst mir wird nicht helfen können ...« »Laßt doch sehen, Mutter,« lächelte der milde Herrscher, »die Sache ist vielleicht nicht so schwierig.« »O! Euer Majestät,« meinte die Frau, »sie ist so schwer, und unser Herr Pfarrer zu Hause hat es selbst gesagt.« »Euer Pfarrer?« rief der Kaiser verwundert. »Seid Ihr denn nicht ...« »Juden, wollen Euer Majestät sagen,« unterbrach ihn die Frau. »Ja, das sind wir! Ich heiße Gitel und mein Mann da neben mir heißt Schlome ... Schlome Fingerhut, seitdem wir deutsche Namen bekommen haben.« »Und wie kommt Ihr dennoch zu einem Pfarrer?« »Das ist ja eben unser großes Unglück, Euere kaiserliche Majestät!« rief die Frau traurig; »wer hätte denn mir oder meinem Mann an der Wiege vorgesungen, daß wir auf unsere alten Tage es werden mit einem Pfarrer zu tun haben?« »Was ist der Pfarrer für ein Mann!« rief Josef rasch, indem er seine durchdringend blauen Augen auf die Jüdin richtete. »Gott soll ihn hundert Jahre leben lassen!« sagte die Frau feierlich, und ihre Blicke wandten sich mit einer gewissen Andacht gegen die Decke des Saales. Josef schüttelte das Haupt. Die sonderbaren Reden der Frau schienen ihn nicht zur Ungeduld zu stimmen, es mochte ihm aus ihnen ein Geist entgegentreten, den er gern begriffen wünschte. »Sprecht, Mutter!« sagte er, »was ist Euer Begehr?« »Alles, was Euere kaiserliche Majestät hören wollen, das alles steht viel besser in dem Papier da aufgeschrieben, was mir unser Herr Pfarrer mitgegeben hat.« Mit diesen Worten überreichte sie dem Kaiser ein in Bittbriefform zusammengelegtes Papier, das der Herrscher mit einer gewissen Hast entfaltete. »Lesen Sie nicht, Euere kaiserliche Majestät,« – rief mit einem Male der Mann, der bis dahin in seiner knienden, fast am Boden zusammengekauerten Lage verharrt hatte, mit so durchdringend lauter Stimme, wie sie in diesem Saal vielleicht niemals erklungen sein mochte. Dem Herrscher bot sich ein ebenso sonderbarer als ergreifender Anblick dar. Derselbe Mann, der einige Sekunden zuvor von dem Gefühle der Furcht, einem Fürsten gegenüber zu stehen, bis zur äußersten Ohnmacht, fast bis an das Todesgrauen gedrängt worden war, derselbe Mann stand jetzt aufrecht, jeden Muskel seines Körpers von einem mutvollen Gedanken geschwellt vor Josef dem Zweiten. Das dreieckige Hütlein war auf den Boden gefallen, der böhmische Jude schien um eine Kopflänge gewachsen zu sein. Dazu blitzte ein dunkles Feuer in seinen kleinen Augen, und sein blasses Angesicht trug in den vielen Furchen die Zeichen eines von innen lohenden Brandes. »Lesen Sie nicht, Euere kaiserliche Majestät!« rief er also, die Hand wie abwehrend gegen den Herrscher ausgestreckt, »bis ich zuvor gesprochen habe.« »Was ist es, Mann?« sagte Josef der Zweite, noch immer ohne irgend welche Ungeduld. »Faßt Euch! Ihr steht vor Eurem Kaiser, der noch keinem seiner Untertanen Gehör versagt hat.« »Nun gut, Euer Majestät!« rief der böhmische Jude, »ich komme gar nicht als Bittsteller, ich komme anzuklagen denjenigen, den der allmächtige Gott im Himmel als seinen Stellvertreter auf Erden aufgestellt hat, daß er richte zwischen Gut und Schlecht, zwischen Licht und Dunkel. Und weil Gott einen Menschen so hoch aufgerichtet hat, daß alle andern Menschen neben ihm zu nichts werden, muß er ihm auch etwas von seiner Gerechtigkeit verliehen haben, und die darf kein Stäubchen Unrechtes neben sich dulden, und muß es ausrotten, wie Unkraut aus dem Acker.« Der Mann hielt inne. Ein leichtes Runzeln fuhr über die hohe Stirne Josefs des Zweiten. »Alter Mann,« sagte er mit einem Anfluge von Strenge, »du sprichst ein großes Wort aus, und weißt vielleicht nicht, was du sprichst. Sprich! Ist dir von einer meiner Behörden eine Kränkung deines guten Rechtes angetan worden? Ich gebe dir mein kaiserliches Wort, es soll dir Genugtuung werden, wenn sich deine Anklage bewährt.« »Euer Majestät,« rief der böhmische Jude aus keuchender Brust, und eine aschgraue Färbung überflog sein bis dahin leicht gerötetes Gesicht. »Das Unrecht, das ich erleide, kommt von Eurer Majestät selber ...« »Schlome!« schrie das Weib neben ihm in Todesangst und faßte nach der Hand des Mannes. »Sprich, alter Mann!« sagte Josef milde, der es wohl begriff, daß er mit der Sprache eines hochaufgeregten, gleichsam aus seinen gewohnten Bahnen getretenen Gemütes nicht allzu strenge ins Gericht gehen durfte. »Ich bin es also, den du anzuklagen hast?« »Ja, Euer Majestät!« »Und worin besteht mein Unrecht?« rief der Enkel so vieler Cäsaren mit leicht begreiflicher Hast. Niemals vielleicht zeigte sich jenes große Herz der ihm gewordenen Sendung würdiger, als gerade in diesem Augenblicke. Josef der Zweite, der deutsche Kaiser, der Erbe und Besitzer glänzender Kronen, stand dem böhmischen Juden aus Kojetein Rede und Antwort in einer Sache, in der er als Angeklagter erschien! »Euer Majestät,« begann Schlome mit unbeugsamer Entschlossenheit in Ton und Gebärde, »haben das Toleranzedikt herausgegeben. Man sagt, es soll für uns Juden sehr gut sein ... das Toleranzedikt hat mich um meinen Sohn gebracht!« Kaum hatte der böhmische Jude diese kühne Anklage ausgesprochen, als auch schon die unnatürliche Gereiztheit, in der sein ganzes Wesen tönte, gleichsam als hätte sie den höchsten Ton einer über alles Maß überspannten Saite erreicht, in ihr gerades Gegenteil umschlug. Er taumelte zurück und wäre zu Boden gestürzt, wenn ihn nicht seine Frau mit kräftiger Entschlossenheit mit beiden Händen erfaßt und aufrecht erhalten hätte. »Ich verstehe dich nicht, alter Mann!« sagte Josef, während sein Auge mehr neugierig als strenge auf der Gestalt der vor ihm Stehenden haften blieb. »Was hat mein Toleranzedikt mit deinem Sohne zu tun?« Und wieder erhob sich der böhmische Jude zu einer jener gewaltsamen Kraftanstrengungen, denen sein gesamtes Wesen so unähnlich sah. Seine Gestalt richtete sich auf, seine Augen erhielten wieder Feuer, jeder Nerv in seinem Leibe schien auf der Lauer zu stehen. »Euer Majestät!« sagte er, indem er einen Schritt vorwärts tat, »die Religion ist für den Menschen das Höchste! Wer ihm daran greift, der greift an Gott und verletzt die Ehrfurcht, die wir ihm schuldig sind. Das Toleranzedikt von Euer Majestät mag gut und gnädig sein, wer sollte das nicht erkennen? Die Letzten waren wir in den Staaten Euerer Majestät, verflucht und gemieden wie Pestkranke ... keinen Tag war unsere Existenz sicher; wem es einfiel, der konnte uns beschimpfen, mit dem Fuße treten und aus dem Hause jagen. ›Sie sollen erschrecken vor jedem Blatte, das fällt,‹ heißt es in der Bibel, und das Wort ist an uns buchstäblich wahr geworden. Wir haben gezittert und gebebt vor dem Großen wie vor dem Kleinen, weil uns beide weh tun konnten. Unser Recht war in der Hand der Mächtigen wie ein Stück Lehm in der Hand des Töpfers; wir haben nicht die Ehre und Würde gehabt, wie sie selbst der robotpflichtige Knecht genießt ... Da haben Euer Majestät das Toleranzedikt herausgegeben ...« »Und nun?« fragte Josef, und seine blauen Augen leuchteten in einem eigentümlichen Glanze. »Wenn man lange krank gewesen ist,« fuhr der Jude in erhöhtem Tone fort, »dann tut einem der kleinste Sonnenstrahl wohl, und man fühlt sich davon bis in die tiefste Seele hinein erwärmt. Aber nicht jeder vermag das zu ertragen. Weil ihm der eine Sonnenstrahl wohltut, der auf sein Bett fällt, so meint mancher Kranke, er muß auch hinaus in die Freiheit und auf die Gasse, wo er die ganze Sonne und den blauen Himmel über sich hat. Und da kann es sich ereignen, daß der erste Schritt, den er vor das Haus setzt, ihm das Leben kosten kann. Denn draußen lauert der Tod.« »Ich fange an, dich zu verstehen, alter Mann!« sagte Josef, »sprich weiter!« »Das Toleranzedikt, Euer Majestät,« rief Schlome Fingerhut, »ist ein solcher Sonnenstrahl, aber die ihn genießen, werden daran zugrunde gehen! Denn weil die Religion das Höchste für den Menschen ist, so darf auch keine Hand danach greifen und tasten. Das Toleranzedikt, kaiserliche Majestät, wird uns übermütig machen, wird uns die Lust eingeben, hinaus in die Freiheit und auf die Gasse treten zu wollen ... In siebzig Jahren wird es gar keine Religion mehr geben.« Josefs Antlitz deckte sich mit einer tiefen Glut; seine in der Falte des Jabots ruhende Hand fuhr mit einer gewissen Heftigkeit heraus. »Das also ist es, was dich beunruhigt!« rief er, und seine Sprache klang herb, abstoßend, gereizt. »Mein Toleranzedikt wird euch um eure Religion bringen?« »Gnade, Gnade! Euer Majestät!« flehte der böhmische Jude, der erst jetzt inne zu werden schien, daß diesem Tone gegenüber nur das Schweigen der Demut sich eigne. »Ich redete unbesonnen, ich wußte nicht, wie es mir auf die Zunge kam.« »Entschuldige dich nicht, alter Mann!« rief Josef mit der Hand abwehrend, »und bedecke dein graues Haupt nicht mit der Schmach der Lüge! Du hast gesprochen, wie jetzt Tausende und Hunderttausende und Millionen deiner Art sprechen ... Aber daß du so sprichst, einer aus jenem Volke, dem ich nur ein Stäubchen Gnade zuwandte, dem ich nichts gab, als worauf es seit Tausenden von Jahren harrte, das beweist mir aufs neue, daß das edelste Geschöpf Gottes vor allem die Anlage hat ... undankbar zu sein!« »Gnade, Euer Majestät, Gnade!« wimmerte der alte Mann mit gerungenen Händen. Der Kaiser hielt inne. Hatte er zu viel von dem Inhalte seines eigenen Herzens – dem böhmischen Juden verraten? Josef war nicht wortkarg. Er verdeckte nicht gern die Glut seiner Begeisterung mit der ausgebrannten Asche kalter Bedächtigkeit. Hätte sonst sein Mund in der bittern Todesstunde das Geheimnis offenbaret, alle seine Pläne seien an dem einen Irrtum gescheitert, daß er den Menschen zu viel vertraut – und zugetraut habe? Mit rascher Bewegung trat er plötzlich von den beiden Bittstellern aus Böhmen hinweg; es hatte fast den Anschein, als wollte er sie ohne Bescheid kurz und übelwollend entlassen. Da rief die Frau, indem sie neuerdings auf den Boden hinstürzte, so daß sie nur eine Handbreit Raumes zwischen ihrem Haupte und dem Fuße des Kaisers hatte, schluchzend: »O, kaiserliche Majestät! Wollen Sie eine Mutter so fortgehen lassen, die beständig ein scharfes Schwert über ihrem einzigen Sohne gezückt sieht? Kaiserliche Majestät! schauen Sie doch herab auf den Jammer einer Mutter!« Der Ton dieser Klage, mit jener Wahrheit der Verzweiflung gesprochen, die sich nicht spielen und erheucheln läßt, traf Josefs Gemüt. Huldreich neigte er sich zu der armen Mutter herab; er, der nicht stark genug sich fühlte, die Schmerzensschreie irregeleiteter Nationen von sich zu wehren, wie unanfechtbar er sich auch in seinem Rechte dünkte, wie sollte er dem Jammer dieser Menschenseele gegenüber die Miene strenger Zurückweisung beibehalten? »Steh auf, steh auf,« sagte er weich, »du sollst nicht sagen, Frau, du seiest von dem Antlitz deines Kaisers ungetröstet fortgegangen ... Erzähle du mir klar und schlicht, wie es um dich steht. Dein Mann,« setzte er mit jenem milden Lächeln hinzu, das seine Zeitgenossen so überaus schön fanden, »dein Mann kommt mir wie ein Fanatiker vor, und mit Leuten solcher Art ist es etwas schwer, sich zu verständigen.« »Kaiserliche Majestät!« schluchzte die Frau des böhmischen Juden, »wie soll ich sprechen, wenn ich so erschrocken bin?« »So bleibt mir nichts anderes übrig, als mich mit dem Inhalte dieser Bittschrift bekannt zu machen. Es steht doch wohl darin, was dich bedrückt?« fragte Josef, indem er, das entfaltete Papier vor sich haltend, in eine Fensterbrüstung trat. »Alles, alles, Eure Majestät!« rief die Frau. »Der Herr Pfarrer hat es ja geschrieben, und der soll hundert Jahre leben!« Der Kaiser begann zu lesen. Eine atemlose Stille waltete durch den weiten Kontrollorgang. Die Bittschrift des böhmischen Ehepaares war ein unfangreiches Aktenstück, das selbst beim flüchtigsten Durchlesen eine geraume Zeit in Anspruch genommen hätte. Der Kaiser las langsam; bei mancher Stelle, die ihn lebhafter ergriffen zu haben schien, hielt er zögernd inne; dann flog sein blaues Auge wie suchend über die beiden hin. Schlome Fingerhut stand wieder, der scheue und gedrückte Jude da, als der er eingetreten, das dreieckige Hütlein vor sich hinhaltend, während die Frau noch immer in ihrer knienden Lage verharrte. Während seiner ganzen Regentenlaufbahn war dem Kaiser kein eigentümlicheres, ihn mehr fesselndes Schriftstück vor die Augen getreten. Die tollsten Projekte, wie die genialsten Ansichten, größter Aberwitz und planvolle Weisheit waren ihm in den Jahren entgegengetreten, die die Geister seiner Völker mit einer seit den Zeiten der Reformation nicht gekannten Unruhe aufgestört hatten ... Dieser Bittschrift gegenüber, sonderbar ihrer Form und ihrem Inhalte nach, mußte selbst Josef gestehen, daß alles bisher Gekannte und Erfahrene zur Farblosigkeit herabsank. Schon der Eingang des Schriftstückes fesselte seine Aufmerksamkeit in hohem Grade; es lautete: »Zwei Schwerter sind seit altersgrauen Zeiten, namentlich aber, seitdem Carolus Magnus sich an jenem berühmten Weihnachtsfeste die abendländische Krone aufsetzen ließ, über alles deutsche Land, ja über die ganze zivilisierte Erde ausgestreckt. Sie stehen als Wache an des Menschen Wiege, sie kreuzen sich über seinem übrigen Leben und begleiten ihn, wenn er stirbt, zu Grabe. Die zwei Schwerter sind die zwei Gewalten auf Erden: Staat und Kirche! Wer dem einen entrinnt, fällt der Schärfe des andern anheim. So ist es Recht und Gesetz gewesen in jenen dunklen Zeiten, als die Menschheit einer kräftigen und ungeteilten Faust bedurfte, wollte sie nicht in ihren bösen und gewalttätigen Gelüsten ersticken und zugrunde gehen! Im Laufe der Zeiten mußte aber der unausbleibliche Umstand eintreten, daß Unfriede aufkam zwischen den beiden gezückten Schwertern. Das eine wurde immer gewalttätiger, das andere dagegen von Tag zu Tag stumpfer; kein Schützer des Rechts und der Bildung, sondern ein Würger fuhr das eine einher, während das andere sich demütig in die Ecke duckte und ganz vergessen zu haben schien, daß es doch auch aus Eisen geschmiedet worden. Selbst wenn es den Anschein hatte, daß es sich hie und da dieses seines Ursprunges erinnerte, immerhin ist die Stärke des anderen so anmaßend gewesen; bei allen Anlässen, im großen wie im kleinen, hat es sich so bedeutend in die Wagschale gelegt, daß jenes höchstens funkeln, dieses allein aber schneiden konnte. So ist es gewesen bis zu des gottgesegneten Kaisers Ankunft auf dem glanzvollen Throne seiner erhabenen Ahnen; der hat das gute Staatsschwert ergriffen, das schützende, allen gleich gerecht werdende, ... und seit dieser Zeit datiert sich ein neues Blatt der Menschheit, worauf die Augen des vorurteilsfreien Weltweisen immer mit Wohlgefallen ruhen werden.« Nach diesem etwas befremdenden Eingange erbat sich der Stadtdechant von Kojetein, »in der innigsten Überzeugung, Se. kaiserliche Majestät werde dies nicht ungnädig vermerken«, die Erlaubnis, das Wort für eine »arme Judenfamilie« führen zu dürfen, die sich in der größten Not, nämlich in Gefahr, von den »beiden Schwertern« zu gleicher Zeit erfaßt zu werden, befinde. Er erzählte: »Kurz nachdem das Toleranzedikt glorreichen Andenkens erschienen, sei eines Abends ein junger Mensch, der Sohn des israelitischen Handelsmannes Schlome Fingerhut zu ihm gekommen und habe ihm in kurzen, aber leidenschaftlichen Worten den Wunsch ausgedrückt, alsogleich in den Schoß der katholischen Kirche aufgenommen zu werden. Die Eltern des jungen Mannes seien ihm schon seit langen Jahren als die frömmsten Leute im Orte bekannt, um so mehr habe ihn also diese Mitteilung ihres Sohnes in Verwunderung gesetzt. Auf die Frage, was ihn denn zu diesem Schritt bewege, der doch so außerordentlich selten unter seinen Glaubensgenossen vorkomme, habe er in größter Aufgeregtheit, mit flammenden Wangen und leuchtenden Augen geantwortet: ›Das Toleranzedikt meines Kaisers Josef des Zweiten.‹ Lassen wir hier den Bericht des guten Stadtdechanten von Kojetein in seiner geschriebenen Unmittelbarkeit folgen: »Ich war über diese Antwort um so mehr erstaunt, als ich sie im ersten Augenblicke nicht begriff. Wie? sagte ich ihm, der Kaiser spricht zum ersten Male, seit dein Volk in seinen Staaten sich befindet, den Grundsatz der Duldung für seine akatholischen Untertanen aus, und diesen Moment willst du benützen, um aus dem Schoße deiner Religionsgemeinde zu scheiden? ›Eben deswegen,‹ lautete die Gegenrede des jungen Israeliten, ›will ich meinen Glauben ändern. Aus dessen Herzen das Toleranzedikt hervorgehen konnte, der muß die wahre Religion besitzen, und ich will keinen andern Glauben haben, als mein Kaiser Josef der Zweite!‹ Auf meine Bemerkung, daß es mir schiene, als handle er gerade durch einen derartigen Schritt den erhabenen Absichten des Kaisers zuwider, der doch das benannte Edikt nur zu dem Zwecke herausgegeben, um von den bisher so bedrückten Religionsparteien jeden Zwang und jede Nötigung zu entfernen, antwortete er kurz und bestimmt: »›Das Toleranzedikt ist auf Gottes Eingebung erfolgt. Gott wollte, daß diese wahrhaft große Tat aus den Händen eines christkatholischen Herrschers hervorgehe, um anzudeuten, daß er dessen Religion über alle anderen setze.‹ Ich gestehe, daß mich diese Äußerung geradezu verblüffte; es ließ sich gegen die Wahrheit derselben nichts einwenden. Da ich aber sah, daß ich es mit einem jungen, leidenschaftlichen, aufgeregten Menschen zu tun hatte, in dessen Gehirn eine sogenannte fixe Idee sich bis zur Manie vielleicht festgesetzt hatte, so fragte ich ihn, um seinen Gedanken eine andere Richtung zu geben, ob er auch der Zustimmung seiner Eltern zu dem beabsichtigten Schritte sicher sei? Er antwortete: ›Ich bin vierundzwanzig Jahre alt!‹ Darauf stellte ich ihm vor, ob er auch sich vergegenwärtigt habe, welchen Kummer er dadurch seinen Eltern verursache, die an dem Glauben ihrer Väter mit der größten Zähigkeit hingen; eine Glaubensänderung sei bald vollzogen, aber er möge bedenken, daß dadurch die zartesten Fäden der Verwandtschaft zerrissen, die innigsten Bande der Natur aufgehoben würden. Da brach er in Tränen aus und bedeckte sein Antlitz mit beiden Händen. ›Ich habe alles überlegt, hochwürdiger Herr,‹ sagte er, ›aber das Edikt will es so von mir!‹ Da ich ihn nun in dieser Stimmung sah, versuchte ich noch eines. Ich fragte ihn: ›Soll ich deine Eltern von dem Schritte, den du vorhast, in Kenntnis setzen? Willst du ihn öffentlich begehen?‹ ›Er muß im stillen geschehen,‹ meinte er, und nun hatte ich nicht allzu große Mühe, um ihn zu überzeugen, daß sein Wunsch um Aufnahme in den Schoß unserer heiligen Kirche eine Sache sei, die nach allen Seiten hin in Betracht gezogen werden müsse. Er schien nicht meiner Meinung zu sein, aber er schwieg. Um ihn nicht ganz ohne Hoffnung von mir gehen zu lassen, bestellte ich ihn auf einen der nächsten Tage zu mir ins Haus, selbst der Hoffnung lebend, der junge Mensch könne indessen mit sich reiflich zu Rate gegangen sein. Ich weiß,« fuhr der Bericht des Kojeteiner Stadtdechanten hier fort, »ich habe bei diesem Anlasse nicht so gehandelt, wie zu handeln es vielleicht von Tausenden meiner Amtsbrüder als heilige Pflicht wäre angesehen worden; aber ich weiß auch, daß dem landesväterlichen Herzen meines großen Kaisers nichts widerwärtiger ist als die Pest des Proselytismus, die lange genug in unsern Landen gehaust, und daß ich dabei in jenem Geiste vorgegangen bin – den Josef der Zweite seinen Staaten als Signatur aufgedrückt haben will – im Geiste der Duldung! Am bestimmten Tage, zu später Abendstunde, fand sich der junge Mensch wieder bei mir ein. Auf meine vorläufige Frage, ob er seinen Entschluß zu bereuen nicht Gelegenheit gehabt habe, schüttelte er den Kopf. Er war weniger aufgeregt als das erstemal, und eine Ruhe sprach aus seinen Gesichtszügen, die mir deutlich kund tat, ich würde diesmal einen weit schwierigeren Stand haben. Ich täuschte mich auch nicht. Der junge Mensch bewies sich unerschütterlich; er kam stets und wieder auf den Gedanken zurück, er müsse sich zur Religion seines Kaisers bekennen, aus dessen Hand das Toleranzedikt hervorgegangen! Da ich nun nach einem Dispute, der bis tief in die Nacht hinein währte, inne wurde, daß der junge Mensch nach einem unabänderlich gefaßten Plane handle und spreche, stellte ich ihm die Aufnahme in unsre Kirche unter der Bedingung in Aussicht, daß er sich durch vier Wochen einem strengen Unterrichte in der Christlehre unterziehen müsse, worauf er mir mit einer gewissen Schüchternheit eingestand, er habe sich bereits mit dem Katechismus bekannt gemacht, ich möge die Güte haben, sein Wissen einer eingehenden Prüfung zu unterwerfen. Dies tat ich denn auch und fand es in jedem Betrachte bewunderungswürdig. Dennoch hielt ich es für nötig, ihn auf neuere vier Wochen hinaus zu vertrösten, fest entschlossen, wenn er sich auch nach diesem Termine unerschüttert bewähren sollte, der Erfüllung seines Wunsches kein weiteres Hindernis in den Weg zu legen. Am Sonntag Okuli, wieder in später Abendstunde, stellte er sich neuerdings bei mir ein; es waren gerade vier Wochen verflossen. Sein Entschluß war ungebrochen, er bestand darauf mit jener Leidenschaftlichkeit, die er schon bei seinem ersten Besuche an den Tag gelegt hatte. Dennoch erachtete ich es noch einmal als meine Pflicht, ihn einer neuerlichen strengen Prüfung aus den Lehren des Katechismus zu unterwerfen; er bestand sie vortrefflich, ich fand auch nicht die geringste Lücke in seinem Wissen. Da glaubte ich in meinem Gewissen nicht länger Anstand nehmen zu dürfen, und sagte ihm unbedingt die Taufe zu. Da fiel er weinend vor mir auf die Knie und bat mich mit aufgehobenen Händen, die heilige Handlung sogleich an ihm vorzunehmen, aber im geheimen und hier auf meiner Stube, denn er wolle sich alsbald aus dem Lande entfernen, um seinen Eltern, die die Sache dennoch erfahren könnten, keine Kränkung zu verursachen, die namentlich für seine Mutter den Tod nach sich ziehen könnte. Ich willfahrte ihm, und vollzog an dem jungen Menschen die heilige Handlung. Es war in der Nacht vom Sonntag Okuli auf den Montag, den der Kalender mit dem heiligen ›Adrian‹ bezeichnet, weswegen ich ihm auch diesen Namen beilegte, wie dies mein großes Taufbuch aufweist. Kurze Zeit darauf war der junge Mensch aus der Gegend verschwunden. Ich begegnete öfters dem israelitischen Handelsmanne Schlome Fingerhut und dessen Frau, aber nichts in dem Benehmen dieser Leute deutete darauf hin, daß sie eine Ahnung von dem hatten, was mit ihrem Sohne vorgegangen. Nur erfuhr ich aus näheren Erkundigungen, daß sie die Abwesenheit dieses einzigen Kindes, dessen Aufenthalt ihnen gänzlich unbekannt sei, schwer ertrügen und darüber in großer Seelentraurigkeit sich befänden. Zwei Jahre waren vergangen, die Haare des Juden Schlome waren weiß geworden, man sah es ihm an, daß er und seine einst schöne Frau mit einem Kummer rangen, der stärker war als ihr Wille. Sollte ich nun hinzutreten, konnte und durfte ich diesen Leute eine Kunde mitteilen, die für sie die Schrecken des Todes haben mußte, da sie an der Abwesenheit des Sohnes schon so schwer trugen? Ich schloß also das Geheimnis in meine Brust – und schwieg!« Vor einem halben Jahre ungefähr, fuhr der Bericht des Stadtdechanten von Kojetein fort, gerade an dem Tage, den die Israeliten den ›langen Tag‹ nennen, weil sie denselben durch vierundzwanzig Stunden von einem Abende bis zum andern mit Fasten und Gebeten begehen, da habe ihn, den Pfarrer, ein zufälliger Gang an der Synagoge vorbeigeführt. Der Abend war bereits niedergesunken, und die Leute strömten in hellen Haufen aus dem Gotteshaus«. Mit einem Male sei ihm der lange vermißte junge ›Adrian‹ vor die Augen gekommen; er ging, bleich, mit eingefallenen Augen, fast kaum erkennbar, am Arme einer alten Frau, in der er alsbald die Ehefrau des Schlome Fingerhut erkannt habe – und beide kamen aus einer und derselben Synagoge! Wie von einer höheren Eingebung erleuchtet, habe er Augenblickes gewußt, was mit dem Neophyten vorgegangen! Er war reuig wieder in den Schoß seiner Gemeinde zurückgekehrt und hatte den neuen Glauben verleugnet! In ihm seien Zorn und Grimm gegen ein so freches Tun erwacht, und wenn er diesen Gefühlen nicht alsbald gefolgt sei, so käme das daher, weil er sich bemeistert habe – und weil er die alte Mutter am Arme ihres Sohnes gesehen! Dennoch habe er nach reiflicher Überlegung in der Stille der Nacht den Gedanken von sich gestoßen – die ›beiden Schwerter‹ wider das Haupt des ›Abgefallenen‹ aufzurufen. Wie, wenn der junge Mensch bloß einem Sehnsuchtsdrange nach der Heimat gefolgt, wenn er nur aus Liebe zu seinen Eltern jene Religionshandlungen mit ihnen teilte, die er in der Nacht jenes Sonntages Okuli vor ihm auf immer abgeschworen? Um Licht in dieser Sache zu erhalten, habe er beschlossen, keinen auffallenden Schritt vorzunehmen, und vor allem den jungen Mann zuerst zu hören. Er habe ihn also durch einen Diener zu sich ins Haus bestellt, in der gegründeten Hoffnung, seine Vermutungen bestärkt zu finden. »Tage verstrichen,« so lauten wieder die eigenen Worte des Pfarrers, »und der junge Adrian fand sich bei mir nicht ein. Ich schickte neuerdings zu ihm, aber auch diesmal folgte er meinem Aufrufe nicht. Da überkam mich ein leichtverzeihlicher Grimm; ich ließ ihm sagen, wenn er nicht morgen in aller Frühe vor mir erschiene, würde ich ihn durch den Stadtvogt ergreifen und ins Gefängnis setzen lassen, von woher er mir wohl Rede und Antwort stehen würde. Der Morgen kam, aber statt des jungen Menschen ließen sich die Eheleute Fingerhut melden, die mich zu sprechen wünschten. Niemals in meinem Leben werde ich nun den Vorgang vergessen, der sich vor meinen Augen entwickelte. Die beiden Alten waren gekommen, um mich um Gnade und Schonung anzustehen. Sie wußten alles, der Sohn hatte ihnen alles eingestanden. Er war nicht nur in die Heimat zurückgekehrt, er hatte auch seinen alten Glauben mitgebracht. Er war ein Reuiger geworden, er sah als Verirrung ein, was er in einer mächtigen Aufwallung, in einer alle seine Sinne fesselnden Vorstellung inbrünstig umfaßt hatte. Zwei Jahre planlosen Herumirrens in der Fremde, vielfache Täuschungen, die er erlebt, dazu die Sehnsucht nach den frommen Eltern brachten eine Verwirrung in ihm hervor, die schließlich ihn zu dem Entschlusse drängten, die alte Heimat – und die alte Gemeinde aufzusuchen, der er sich doch selbst entfremdet hatte. Wohl wußte er, welche Strafen seiner harrten, aber er war fest entschlossen, Kerker, vielleicht auch den Tod über sich ergehen zu lassen; er wollte büßen und leiden. Das war sein einziges Begehr! In diesem Augenblicke traten die beiden gewaltigen Schwerter in ihrer ganzen Furchtbarkeit vor meine Seele; ich hatte aber auch den Jammer der Alten vor mir, der wohl imstande war, das härteste Felsgestein zu erweichen. Ich konnte drohen, aber das harte Wort erstarb mir auf den Lippen, wenn ich auf die nassen Augen der Frau und die verzweifelte Miene ihres Mannes sah. Pflicht und Menschlichkeit stritten in mir gleichzeitig einen schweren Kampf; ich konnte und durfte nicht weichen, während andererseits das Gefühl mir augenblickliche Schonung gebot. In dieser Seelennot fiel es in mich wie ein Strahl vom Himmel! In diesem Widerstreite zweier Gewalten kann nur der den Ausspruch fällen, der das Staatsschwert in Händen hält, nur Josef der Zweite in seiner Hofburg wird in seiner Weisheit und Hoheit, in seiner Erleuchtung und Geistesstärke das Wort sprechen, das entscheidend sein muß. Und so beredete ich,« schloß der Bericht, »die alten Leute, sich direkt an das großmütige Herz Ew. kaiserlichen Majestät zu wenden. Von den Lippen meines großen Kaisers soll die Weisung ausgehen, was in dieser schwierigen Angelegenheit zu geschehen habe! Ich selbst will – schweigen und meine Lippen geschlossen halten, bis Eure Majestät gesprochen! Beide Schwerter hängen über dem Haupte eines Schuldigen. Es ist in Gefahr zermalmt und vernichtet zu werden. Soll das Gesetz in seiner ganzen Strenge, soll die milde Deutung in diesem Falle walten? Eure Majestät werden entscheiden; bis dahin verharrt in tiefster Untertänigkeit meines großen Kaisers allerergebenster Johannes Rosinger Stadtdechant zu Kojetein in Böhmen.« Josef war mit der unfangreichsten Bittschrift, die man ihm jemals entgegengereicht, zu Ende gekommen. Ihr Inhalt mußte ihn in seltsamer Weise ergriffen haben; er hatte das Papier auf die Brüstung einer Fensternische gelegt und blickte nun wie traumhaft verloren vor sich nieder. Was seine Seele wohl beschäftigte? War ihm die Gestalt des ehrwürdigen Geistlichen vor das innere Auge getreten, dessen Schrift so erquickend dartat, daß dem kaiserlichen Gärtner nicht überall ödes Felsgestein entgegenstarrte, daß die ausgestreute Saat hie und da auch auf fruchtbaren Boden gefallen war? Ging über seine Lippen ein unausgesprochenes Dankwort an den wackeren Freund in der entlegenen Provinz? Es war eine geraume Weile vergangen. Eine volle Stunde währte bereits die Audienz des jüdischen Ehepaares aus Böhmen. Draußen vor dem Kontrollorgang erscholl Waffengeklirr, die Wache war eben abgelöst worden. Da fuhr der Kaiser auf. Mit raschen Schritten ging er auf die beiden Bittsteller zu; er hatte die Denkschrift des Kojeteiner Stadtdechanten wieder zur Hand genommen. »Was ist euer Pfarrer für ein Mann?« wandte er sich an die Frau, sie mit seinen blauen Augen scharf fixierend. »Euer Majestät meinen, ob er alt oder jung ist?« fragte die Ehefrau Schlome Fingerhuts zurück. »Meinetwegen!« lächelte der Kaiser. »Ist er jung?« »Er ist ein alter Mann, Kaiserliche Majestät,« entgegnete die Frau. »Sonderbar!« sprach Josef halblaut vor sich hin, »die Alten werden mit mir jung, während von den Jungen der alte Widerstand gegen mich ausgeht.« »Er ist also alt!« rief der Kaiser mit erhöhter Stimme, »hat man in eurem Orte nie eine Klage wider ihn vernommen?« »Wer sollte gegen ihn klagen?« meinte die Frau ganz verwundert, »der könnte einem Kinde kein Unrecht tun.« »Er ist also gegen euch Juden gut?« fragte der Kaiser. »Gut ist kein Wort, Euer Majestät,« sagte die Frau in der ganzen Unbefangenheit ihres Wesens. »Neulich ist ein armer Handwerksbursche von draußen ›aus dem Reich‹ bei uns gestorben; wie man dessen Gepäcke untersucht, hat man gefunden, daß er ein Lutheraner ist. Der Pfarrer war gerade nicht zu Hause, und da hat sein Kaplan befohlen, man soll den Toten auf freiem Felde begraben, wie einen, der an sich selbst Hand gelegt hat. Aber zu derselben Stunde ist der Pfarrer nach Hause gekommen, und da hat er sogleich sein geistlich Gewand angelegt und hat befohlen, man soll das Sterbeglöckchen läuten, und er ist selbst mit der Leiche auf den Friedhof hinausgegangen und hat den armen Handwerksburschen begraben lassen.« Das Papier in Josefs Händen zitterte. Es war einer jener wenigen Momente in dem Leben des großen Herrschers eingetreten, der wie ein heller Sonnenblick aus trübem Gewölke ihn traf. Er war also verstanden worden! Eine lautlose Stille waltete neuerdings durch den weiten Kontrollorgang. Josef schien sichtbar mit dem Bescheide zu kämpfen, der im nächsten Augenblicke über seine Lippen treten mußte. »Majestät! was ist's mit unsrem Sohne?« rief plötzlich mit überquellender Heftigkeit die Frau. Und auch Schlome Fingerhut richtete sich wieder aus seiner scheuen Stellung auf und rief, die Hände unter dem dreieckigen Hütlein gefaltet: »Kaiserliche Majestät! Sprechen Sie ein Wort der Gnade! ein einziges Wort der Gnade!« Mit bewegter und doch fester Stimme sagte Josef: »Ich bedauere es vom Herzen, euch sagen zu müssen, daß in dem Falle eures Sohnes ... von Gnade keine Rede sein kann. Sein Schicksal ist dem Gesetze verfallen, und erst wenn dieses gesprochen, kann ich vielleicht mildernde Umstände in Betracht ziehen!« »Allergnädigster Kaiser und Herr!« rief die arme Bittstellerin aus der tiefsten Seelenangst, indem sie vergessend des Ortes und desjenigen, vor dem sie stand, mit leidenschaftlicher Wildheit an die goldene Haube auf ihrem Kopfe griff, »was hat eine bittende Mutter mit dem Gesetze zu tun! Das Gesetz ist gut, wo man es braucht.« »Man muß dem Gesetze seinen Lauf lassen,« sagte der Kaiser, der nur mit Mühe seiner innern Bewegung Herr zu werden schien. Die Frau aber, die diesen kaiserlichen Ausspruch nicht verstand, rief im herbsten Tone: »Um Gottes willen, mein allergnädigster Kaiser und Herr, was soll dann mit meinem Kinde und mit mir vorgehen?« »Ich kann dir nicht helfen, Frau!« sagte Josef beinahe tonlos. »So soll ich also mit meinem Manne nach Hause zurückkehren,« rief Schlome Fingerhuts Ehefrau, »ohne Trost, ohne daß ich weiß, ob mir mein Kind bleibt, und ob es nicht morgen vielleicht in den finstern ›Kriminal‹ gesetzt wird?« »Höre, Frau,« sagte der Kaiser, indem er sich um einige Schritte den beiden Bittstellern näherte, »und merke dir, was ich dir sage. Wenn du nach Hause kommst, so sei dein erster Gang zum Stadtdechanten von Kojetein. Vermelde ihm meinen Kaiserlichen Gruß. Er soll schweigen, bis ich ihm zu reden gestatten werde. Weiteres hast du nicht zu berichten, bis dahin bleibe alles beim alten! Hast du mich verstanden?« Gitel Fingerhut konnte nur mit dem Kopfe nicken. Vor herabströmenden Tränen vermochte sie das Antlitz des Kaisers in diesem Augenblicke nicht zu sehen, aber es war ihr, als ströme überirdischer Lichtschein von ihm aus. Dann winkte Josef mit der Hand, welches Zeichen beide dahin verstanden, daß sie sich entfernen sollten. So endigte diese Audienz, eine der längsten vielleicht, die Josef während seiner ganzen Regentenlaufbahn einem seiner Untertanen gewährte. Sie hatte nicht weniger als eine volle Stunde in Anspruch genommen. In den Wiener »tolerirten« Kreisen unterhielt man sich noch lange davon; es hatte sich das Gerücht verbreitet, der Kaiser habe von einem jüdischen Ehepaare aus Böhmen die wichtigsten Mitteilungen entgegengenommen, ja man ging so weit, als bestimmte Tatsache zu erzählen, dem Kaiser seien genaue Details über eine zunächst in Böhmen ausbrechende »Judenverfolgung« vorgelegt worden. Niemand ahnte den rechten Zusammenhang, nur Josef allein wußte darum. Seine große Seele allein wußte es auch, was ihn bewogen, mit solcher Geduld und Ausdauer, als wäre es die wichtigste Staatsaktion, die beiden jüdischen Bittsteller anzuhören. Noch an demselben Tage reiste Schlome Fingerhut mit seiner Frau Gitel nach Böhmen zurück. Es war im Spätherbst. Die Vorbereitungen zu dem verhängnisvollen türkischen Kriege, aus dem der Kaiser mit der Todeswunde im Herzen zurückkehren sollte, traten in immer deutlicheren Umrissen hervor. Josefs Gemüt war von einer fast unheimlichen Unruhe beschattet; schon mußte er sich gestehen, daß die künstlich und naturgemäß aufgeregte Volksmeinung weit über die Ufer schlug; sein bannendes Wort zeigte sich ohnmächtig, und schon begann jene Reihe von halben, teils beschränkenden, teils wieder aufhebenden Maßregeln, die mit der einen Hand zerstörten, was sie kurz zuvor mit der anderen aufgebaut. Die Vorschatten jenes zwitterhaften Zustandes zwischen Licht und Dunkel, der nach Josefs Hingang über dessen Lande sich ausbreiten sollte, begannen bereits ihr gespenstisches Spiel. Aber noch lebte der Kaiser! noch konnte er hoffen, aus dem allgemeinen Schiffbruche, den seine Pläne erlitten, wenigstens das eine zu retten: den fortwirkenden, wenn auch für jetzt vielfach gebrochenen Geist seiner Grundsätze. Josef war nach Böhmen gegangen, um über einige, in dem nordöstlichen Teile dieser Provinz zusammengezogene Regimenter vor ihrem Ausmarsche nach der türkischen Grenze Musterung zu halten. Ein regnerischer Herbstabend war eingetreten. Trübe und grau, fast auf die Erde herab, hingen die Wolken, die Wege waren aufgeweicht, und nur mühsam schleppte sich eine unansehnliche, von zwei müden Bauergäulen gezogene Kalesche die Straße einher. Aus der Ferne erschollen die durch die schwere Luft gedämpften Trommeln der von dem Manöver heimziehenden Truppen, worein sich von Zeit zu Zeit Trompetengeschmetter mengte. Den beiden Offizieren in der offenen Kalesche schien die feuchte Luft unangenehm geworden, sie hüllten sich dichter in ihre Mäntel. Der Kutscher, der Knecht eines naheliegenden Bauernhofes, ahnte nicht, daß er in diesem Augenblicke den römisch-deutschen Kaiser Josef den Zweiten führte. Der andere Herr war der militärische Begleiter des Kaisers, einem Geschlechte entsprossen, das von den Schlachtfeldern Österreichs seine blutigen Wappenschilde geholt hatte. Josef wollte nach dem benachbarten Schlosse des Grafen Waldstein-Wartenberg, das ihm während der Zeit dieser Herbstmanöver zum Aufenthalte diente. Ein trübes Stillschweigen waltete zwischen den beiden Herren im Wagen. War es, daß der Kaiser durch irgend einen bei der Musterung wahrgenommenen Mißstand sich verstimmt fühlte, oder daß auch er der geheimnisvollen Gewalt dieses Herbstabends sich ergab – er, der so Mitteilsame, hatte während des ganzen Weges kein einziges Wort an seinen Begleiter gerichtet, der seinerseits wieder Anstand nahm, in die gedrückte Stimmung seines Gebieters mit einer Bemerkung, die vorlaut klingen konnte, einzugreifen. Die Blicke des Kaisers folgten der langen Reihe von Obstbäumen, die sich zu beiden Seiten der Straße hinzogen. Hie und da lichtete sich der schwere Nebel; und dann konnte das Auge die in dämmerhaften Umrissen nach rechts und links verstreuten Weiler und Dörfer, ferne Turmspitzen und fabelhaft gestaltete Häusermassen hervortreten sehen. Mit einem Male brach der Kaiser das bis dahin innegehaltene Schweigen. »Fragen Sie doch, Graf,« wandte er sich an seinen Begleiter, »wie dort der Flecken zur Rechten heißt. Die Turmspitze blickt so einladend herüber, und ich muß gestehen, ich fühle mich ziemlich müde.« »Kann Er uns sagen, wie der Ort dort zur Rechten heißt?« rief der Adjutant des Kaisers dem Bauernknecht in böhmischer Sprache zu. »Kojetein, Herr Offizier!« gab dieser zur Antwort. »Kojetein!« fuhr der Kaiser auf, »der Name sollte mir bekannt sein; ich muß ihn irgendwo vernommen haben.« Der Adjutant bemerkte mit Staunen, daß die Züge des Kaisers einen lebhaften Ausdruck angenommen hatten. »Es muß so sein,« hörte er den Kaiser halblaut vor sich hin rufen; »es ist gewiß so.« »Fragen Sie doch den Knecht,« rief der Kaiser hastig, »ob dieses Kojetein ein Dorf oder eine Stadt ist?« »Eine Stadt!« wurde dem Adjutanten zur Antwort. »So sagen Sie dem Kutscher,« rief Josef, »er solle uns statt nach dem Schlosse des Grafen Waldstein nach Kojetein in den dortigen Pfarrhof bringen!« Der Offizier zögerte und sah den Kaiser mit einer gewissen Unentschlossenheit von der Seite an. »Was haben Sie?« meinte der Kaiser ungeduldig. »Ich wollte mir nur die Bemerkung gestatten,« sagte der Offizier in ehrerbietig gedämpftem Tone, »ob es für den müden Zustand Eurer Majestät nicht angezeigter wäre, nach dem mit aller Bequemlichkeit ausgestatteten Schlosse des Grafen Waldstein heimzukehren, als den vielleicht armseligen Pfarrhof zu beehren, der wahrscheinlich nicht in der Lage sein dürfte, Eurer Majestät irgendwelche erträgliche Unterkunft zu gewähren.« »Lassen Sie das, Graf,« rief Josef lebhaft. »Ich habe in Kojetein einen guten Freund, dem ich einen längst zugedachten Besuch abstatten muß. Zeit und Gelegenheit sind da, ich will sie benützen.« Der Offizier zeigte eine verlegene Miene; er wußte sich in die sonderbare Rede des Kaisers nicht zu finden. »Sie möchten wissen,« rief der Kaiser lächelnd, »wer der gute Freund ist, den in diesem böhmischen Städtchen zu besitzen ich das Glück habe? Nun, ich kann es Ihnen sagen, es ist der Stadtdechant von Kojetein.« Der Adjutant erteilte nun dem Kutscher die nötige Weisung, worauf der Wagen in einen Nebenweg einlenkte, der nach dem kaum eine halbe Stunde entfernten Kojetein führte. »Sie werden es vielleicht unbegreiflich finden, Graf,« wandte sich dann der Kaiser an seinen Begleiter, »wenn ich Ihnen sage, daß ich mich auf den bevorstehenden Besuch bei dem Stadtdechanten recht sehr freue. Er ist mein wirklicher, treuer und wackerer Freund, und je seltener man solchen im Leben begegnet, desto mehr muß man sich beeilen, sie festzuhalten, wenn sie das Geschick uns entgegenführt.« Die Nacht war bereits herabgesunken, als der Wagen, aufgehalten durch den bodenlos schlechten Weg und die eingetretene Finsternis, die zur Vorsicht mahnte, über das holprige Pflaster des Städtchens Kojetein einherrasselte. Die wenigen Straßen waren bereits menschenleer, hie und da brannte ein Stümpfchen Licht in dem Laden eines Seifensieders oder einer »gemischten Warenhandlung«; von dem Turme der Stadtkirche erscholl in langhin verhallenden Klängen das Abendgeläute. Der Wagen hielt vor dem Pfarrhof, dessen Tore noch weit offen standen. Josef war, die Beihilfe seines Begleiters freundlich abweisend, mit beinahe jugendlicher Raschheit herabgesprungen. »Was werden Sie beginnen, Graf,« meinte er, indem er sich hierzu der französischen Sprache bediente, »während ich meinem guten Stadtdechanten den Besuch abstatte? Er kann vielleicht länger dauern, als Ihnen lieb sein dürfte.« »Ich werde trachten, es mir so bequem als möglich zu machen,« bemerkte der Offizier in derselben Sprache, »der Pfarrhof scheint mir geräumig genug, daß ich hoffen kann, irgendwo ein warmes trockenes Plätzchen zu erobern. Im widrigsten Falle bleibe ich im Wagen.« »Ganz nach Ihrem Gutdünken, lieber Graf,« sagte Josef und schritt rasch auf die Haustüre zu, die er trotz des nächtlichen Dunkels vor sich gewahrte. In demselben Augenblicke trat eine alte Frau, die Haushälterin des Pfarrers, einen Leuchter mit brennender Kerze in der Hand haltend, über die Schwelle des Hauses. »Kann ich den Herrn Dechanten sprechen?« fragte der dicht in seinen grauen Mantel gehüllte Kaiser, indem er der Frau näher trat. Die Haushälterin verneigte sich tief vor dem vermeintlichen Offizier, der sich ihr im flackernden Schimmer ihrer Kerze zeigte. »Der Herr Dechant ist auf seiner Studierstube,« sagte die Haushälterin, sich neuerdings demütig verbeugend. »Führen Sie mich zu ihm!« rief der Kaiser. »Wen soll ich dem Herrn Dechanten melden?« meinte die Haushälterin, indem sie seitwärts trat, um dem vornehmen Fremdlinge den Eintritt in das Haus zu erleichtern. »Sagen Sie ihm,« rief der Kaiser nach einigem Nachdenken, »sagen Sie dem Herrn Dechanten, ein alter Freund sei gekommen, um ihn zu sprechen!« Die Haushälterin warf einen prüfend neugierigen Blick auf den angeblichen guten Freund des Pfarrers; sie diente bereits durch volle dreißig Jahre auf dem Pfarrhofe und konnte sich nicht erinnern, daß der Herr Dechant seine guten Freunde in den Reihen des Militärs habe. Sie entfernte sich, nachdem sie vorher den Leuchter in eine Mauernische des Vorhauses gestellt hatte. Nach einer Weile erschien sie wieder. »Der Herr Dechant erwartet den Herrn Offizier mit Vergnügen,« meldete sie, die Kerze ergreifend, um dem ihr auf dem Fuße folgenden Kaiser den Weg über die enge Treppe zu beleuchten, die in das obere Stockwerk führte. Oben angelangt, geleitete sie ihn über einen mit roten Ziegelsteinen gepflasterten langen Gang und zeigte ihm endlich am Ausgange desselben eine Türe, die sie als die Studierstube des Herrn Dechanten bezeichnete. Ein laut vernehmliches »Herein« erscholl, nachdem der Kaiser gepocht hatte. Josef war eingetreten. Die ehrwürdige Gestalt eines alten Priesters im geistlichen Hausgewande stand vor ihm. Das volle Licht der auf dem Schreibtische stehenden Nachtlampe fiel auf ein mildes von weißen Locken umrahmtes Gesicht, auf dem der Geist, wie er aus jener Bittschrift dem Kaiser so wohltuend entgegengetreten war, als ein von dem Gotte des Friedens selbst aufgedrücktes Siegel glänzte. »Sie sind doch der Stadtdechant von Kojetein!« rief der Kaiser mit inniger Bewegtheit. »Sie müssen es sein.« »Ich bin der Pfarrer dieses Ortes,« sagte der alte Priester, indem er den Fremden mit der Hand einlud, auf einem mit rotem Stoffe überzogenen Sofa Platz zu nehmen. »Bin ich imstande, Ihnen welchen Wunsch immer zu erfüllen?« »Ich habe mich Ihnen als einen alten, guten Freund anmelden lassen,« sagte Josef, dem Pfarrer näher tretend. »Kennen Sie mich?« »Ich habe nicht das Vergnügen ...« meinte der alte Priester, verlegen lächelnd. »Sie kennen mich also nicht?« rief der Kaiser lebhaft, »und doch ist es nicht so lange, hochwürdiger Herr, daß Sie sich an mich, als an einen guten alten Freund, mit einer Anfrage gewendet haben. Erinnern Sie sich nicht ...?« »Ich wüßte nicht ...« sagte der Dechant in steigender Verlegenheit, indem seine Blicke bald an dem Antlitze des Kaisers, bald an dem Hauskäppchen haften blieben, das er in der altersschwachen Hand hielt. »Und ich ließ Ihnen, hochwürdiger Herr,« fuhr Josef schalkhaft lächelnd fort, »durch eine arme Frau meinen Gruß vermelden, ließ Ihnen sagen, in der bewußten Angelegenheit sollten Sie schweigen, bis ich Ihnen den Zeitpunkt bestimmen würde, wo Sie reden dürften! Kennen Sie mich nun?« Das Hauskäppchen entsank den zitternden Händen des Priesters, eine tiefe Blässe hatte sein mildgerötetes Gesicht überflogen. Er faßte mit der einen Hand nach der Lehne des Stuhles, denn er fühlte sich einer Ohnmacht nahe. »Um des heiligen Gottes willen!« stammelte er mehr als er sprach ... »wäre es möglich, daß ich hier auf dieser Stube meinen allergnädigsten Kaiser und Herrn ...« »Kennen Sie mich nun, Herr Dechant?« rief der Kaiser, indem er die Hand des alten Priesters ergriff und sie herzlich drückte. »Ich bin gekommen, um meinen alten Freund in Böhmen aufzusuchen und ihm zu danken für das Vertrauen, das er in mich gesetzt hat.« Der alte Mann zitterte an jedem Nerve seines Leibes; er war keines Wortes mächtig und vermochte doch nicht die Augen von dem Antlitze Josefs abzuwenden. »Erschreckt Sie so der Anblick Ihres guten Freundes?« sagte der Kaiser mit jenem Ausdrucke wahrhafter Leutseligkeit, wie sie ihm die Herzen aller, die ihm jemals genaht waren, zu gewinnen gewußt hatte. »O! Eure kaiserliche Majestät!« rief der alte Stadtdechant, mit beinahe feierlicher Andacht die Augen zur Stubendecke erhebend, nach geraumer Weile, die ihm die nötige Fassung wiedergegeben hatte, »ich segne den Ort und die Stunde, da es mir gegönnt ist, das Antlitz meines allergnädigsten Kaisers und Herrn hier auf meiner Stube zu erblicken. Ich kann jetzt mit dem Patriarchen ausrufen: Ich kann nun mit Freude zur Grube fahren, denn ich habe Josef den Zweiten gesehen.« »Dank Ihnen, Dank, mein wackerer Freund!« rief der Kaiser tief bewegt, »ich weiß es, welch einen warmen Anhänger ich an Ihnen besitze. Nicht alle Ihre Amtsbrüder gleichen Ihnen ...« »Der Geist der Zeit bringt es so mit sich,« meinte der Pfarrer bescheidenen Tones. »Wie verstehen Sie das, hochwürdiger Herr?« rief der Kaiser mit großer Lebhaftigkeit. Er hatte hiermit auf dem roten Sofa Platz genommen und lud durch eine Handbewegung den alten Priester ein, mit ihm den gleichen Sitz zu teilen. Doch der Dechant blieb trotz mehrfacher Aufforderung aufrecht neben seinem Lehnstuhle stehen, das Hauskäppchen verlegen zwischen beiden Händen haltend. »Wie verstehen Sie das also, Herr Pfarrer?« rief der Kaiser nochmals. »Der Geist der Zeit,« sagte der alte Priester, »bringt, es mit sich, daß Licht und Dunkel im unentschiedenen Kampfe miteinander um die Herrschaft streiten.« »Und wem, glauben Sie, wird der Sieg zufallen?« meinte Josef, sich, hastig von seinem Sitze erhebend. »Ich fürchte, kaiserliche Majestät,« sagte der Priester leise, »es werden Zeiten kommen, von denen es heißen wird: Wann bricht wieder der Tag an?« »Was Sie mir da sagen, Herr Dechant!« meinte der Kaiser, indem er sich dichter in seinen Mantel hüllte, »klingt allerdings bitter genug, aber es ist mir nicht neu. Ich höre es täglich von Feind und Freund, und die Buchdruckerpresse sorgt stündlich dafür, daß ich es keinen Augenblick vergesse. Der Geist der Finsternis, des Widerstandes und des künstlich erzeugten Mißverständnisses regt sich überall; meine Maßregeln werden, als von einem Despoten herrührend, verlästert, ja in einer neulich in Brüssel erschienenen Flugschrift sah ich mich mit Tamerlan verglichen!« »Gott erhalte, Gott stärke und mehre die Jahre Eurer Majestät!« rief der Stadtdechant mit zitternder Stimme, indem er die Hände feierlich faltete. »Ich bin alt, und das Grab gähnt zu meinen Füßen. Aber ehe ich den Sieg der Feinde Eurer Majestät erlebe, möchte ich lieber heute als morgen sterben.« Die Worte des greisen Priesters ergriffen den Kaiser so sehr, daß seine Augen feucht wurden. Es dauerte eine geraume Weile, bis er seiner Bewegung Herr geworden war. »Wie kommt es, Herr Pfarrer,« sagte er gedämpften Tones, »daß gerade Sie ein so gütiger Beurteiler meiner Maßregeln find? Ich bin es nicht gewohnt, die Verteidiger meiner Absichten in Ihrem Kleide zu erblicken.« »Es kommt dies daher, Euer Majestät,« entgegnete der alte Priester, sich ehrfurchtsvoll verbeugend, »weil ich, seitdem ich dieses Kleid trage, darauf angewiesen bin, mit dem Volke zu verkehren und dessen Bedürfnisse kennen zu lernen. In der ersten Zeit meines geistlichen Wirkens war es freilich anders; da fühlte ich mich von Hochmut nicht frei, ich hielt mich in der Tat für eine geheiligte Persönlichkeit, der nichts Unheiliges nahen durfte. Mit der Zeit kam ich zu einer anderen Ansicht. Ich sah ein, um meiner Gemeinde ein rechter Seelenhirte zu werden, müsse ich vor allem mich bemühen, Bürger zu sein. Die Gesetze und Anordnungen Eurer Majestät bekräftigten mich in dieser Ansicht, denn ich irre gewiß nicht, daß der Geist dieser Legislation nichts anderes bezweckt, als alle Mitglieder des Staates allmählich zu dem Bewußtsein zu bringen, sie seien Bürger eines und desselben Landes, alle hätten Pflichten und müßten zum Gedeihen des Ganzen, jeder nach seinem Berufe und Vermögen, beitragen ...« »So ist es!« rief der Kaiser lebhaft. »Fahren Sie fort.« »Und doch, Euer Majestät,« fuhr der Pfarrer nach einer Pause fort, und die Züge seines Antlitzes nahmen einen erregten Ausdruck an, »muß ich vor meinem kaiserlichen Herrn und Gebieter das Geständnis ablegen, daß mir oft der Gedanke entgegentritt, dem Widerstande, wie er sich jetzt überall regt, liege eine gewisse Berechtigung zugrunde ... Doch, Euer Majestät zürnen mir vielleicht, wenn ich mich unterfange, in diesem Tone weiter zu sprechen.« »Fahren Sie nur fort, Herr Pfarrer,« sagte Josef, »von Ihnen will ich die Wahrheit vernehmen.« »Euer Majestät!« fuhr der Stadtdechant in erhöhtem Tone fort, »als ich kraft jener Verordnung, die aus Gründen der Nützlichkeit und Sparsamkeit gebot, die Leichen ohne Sarg, bloß mit grober Sackleinwand bekleidet, zur Erde zu bestatten, die erste Leiche, und es war gerade ein Kind von Bauersleuten, für den letzten Heimgang einsegnete, da sagten es mir die verzweifelten Mienen der Eltern, und die Haltung aller Begleiter dieser armen Leiche ... daß die besten Intentionen Eurer Majestät an dem Widerstande scheitern müssen, den das Gemüt und der freie Wille jedesmal entgegensetzen, wenn man mit zu rauher Hand in ihr Heiligtum eingreift ...« »Ich habe diese Verordnung zurückgenommen,« rief Josef. »Aber die Gegner Eurer Majestät, die Hasser allen Lichtes,« meinte der Pfarrer, »hatten dennoch Zeit gewonnen, aus dem Geiste dieser Verordnung dasjenige herauszulesen, was sie für ihre Zwecke gerade bedurften. Von nun an hatten sie das rechte Losungswort: Der Kaiser will eurem Gewissen Zwang antun, er will euch nötigen, alles aufzugeben, was euch bisher als heilig und unangreifbar galt. So hatten sie halb gewonnenes Spiel, und ich fürchte, sie werden es am Ende ganz gewinnen.« »Zugegeben, Herr Pfarrer, daß meine Gegner am Ende recht behalten mögen, kann und darf mich das abhalten, auf dem Wege fortzuschreiten, den ich zum Wohle meiner Völker als den heilsamen erkannt habe? Wäre jemals etwas Großes und Gedeihliches entstanden, wenn der Herrscher jedesmal die Launen und Eigentümlichkeiten des Einzelwillens berücksichtigt hätte?« Der Priester schwieg. »Sie scheinen nicht meiner Ansicht zu sein, Herr Pfarrer!« rief der Kaiser. Der Pfarrer schüttelte bedächtig sein weißes Haupt. »Ich geriete mit mir selbst in Widerspruch,« entgegnete er, »wenn ich nicht im großen und ganzen dieser Ansicht beistimmte. Aber der einzelne ist ein Glied des Ganzen, er ist mächtig und wiegt schwer auf der Wagschale, wenn er das Bewußtsein hat, Tausende und Zehntausende seinesgleichen hinter sich, selbst in unsichtbarer Ferne von demselben Gefühle beseelt zu wissen. Selbst das Beste und Trefflichste fällt auf unfruchtbaren Boden und wird wie ein Almosen angesehen, wenn es ungefragt, gleichsam ungebeten den Leuten in die Hand gedrückt wird ...« »Wie verstehen Sie das, Herr Pfarrer?« rief Josef, dessen Stimme in diesem Augenblicke fast herbe klang. »Euer Majestät,« sagte der Pfarrer leisen Tones, »haben es für gut befunden, dero Völker nicht zu befragen, ob diese das Gute auch wollen, das ihnen so freigebig und mit vollen Händen dargeboten wird.« »Sie meinen, ich hätte vor allem Landesversammlungen zusammenberufen und befragen sollen? Was wäre dann das Schicksal meines Protestanten- und Toleranzediktes gewesen? Ich bin der Herrscher eines großen Ländergebietes, bin Gott verantwortlich für das, was ich tue und unterlasse. Aber könnte ich es vor mir selbst verantworten, dasjenige erst von einer Versammlung privilegierter Klassen erörtert zu sehen, was ich selbst, kraft meiner obersten Pflicht, als zweckdienlich und heilsam erachte?« »Gestatten mir Euer Majestät eine ehrfurchtsvolle Bemerkung!« sagte der alte Priester. »Jeder Versammlung lebt ein geheimnisvoller Zug inne, das Rechte zu treffen und das Unrecht aus sich auszuscheiden. Und selbst zugegeben, die Verblendung, der üble Wille und die Macht eingelebter Gewohnheit hätten sich hier und da den Ansichten Eurer Majestät widerhaarig entgegengestellt, dennoch ist der Geist des Fortschrittes so mächtig, das Licht der Sonne so bezwingend, daß am Ende aus dem Nebel, wie er noch jetzt viele befangen hält, das Bild der unverfälschten Wahrheit hervorgetreten wäre. Euer Majestät hätten Berater gehabt ... wo jetzt Übelberatene stehen, und was kaiserliche Gnade beinahe erzwingen muß, hätte dann als Volksmeinung leichter in die Gemüter dringen und sich daselbst befestigen können ...« Der Kaiser war aufgestanden, es litt ihn nicht mehr auf dem weichen Sitze. Er ging mit starken Schritten die geräumige Studierstube des Pfarrers auf und nieder, wie es schien von einer mächtigen Gedankenwallung erfaßt. Endlich blieb er vor dem Geistlichen stehen. »Sie irren, lieber Dechant,« sagte er, seine blauen Augen unverwandt auf den greisen Priester gerichtet, »wenn Sie annehmen, daß aus solchen Beratungen immer der Geist der Wahrheit und des Rechtes spricht. Sie hemmen mehr, als sie fördern. Ich will rasch dasjenige erreichen, was Jahrhunderte versäumt haben. Was ich als Recht erkannt habe, soll ungesäumt meinen Völkern zugute kommen. Im Leben der Staaten wie des einzelnen Menschen entscheidet oft ein einziger Moment! Und dann ... ich habe Völker und Provinzen, aber noch kein Volk und keinen Staat. Das Volk des Staates, wie ich ihn vor Augen habe, muß erst herangebildet und erzogen werden, dazu bedarf es vorläufig der Herrscherhand!« Die Stimme des Kaisers klang laut, vernehmlich und bestimmt. Der Stadtdechant sah ein, daß er dieser Sprache gegenüber jeden Widerspruch zu bemeistern habe, und so schwieg er. Josef maß aufs neue die Studierstube des Pfarrers mit starken Schritten; er schien es nicht beachten zu wollen, daß der Geistliche ein beharrliches Stillschweigen beobachtete. War er der Meinung, der greise Priester sei überzeugt? Oder wollte er selbst einen Gegenstand zum Schweigen gebracht sehen, über den er, ein geborener Herrscher, nicht gerne Belehrung entgegennahm? Dann mäßigte er seinen leidenschaftlich erregten Gang und blieb wieder vor dem Geistlichen stehen. »Bald hätte ich, indem wir so disputieren,« sagte er lächelnd, »daran vergessen, daß ich an Ihnen, lieber Dechant, ein Erlösungswerk zu vollziehen habe. Ich habe Ihren Mund verschlossen, und nun ... sollen Sie reden.« »Euer Majestät geruhen sich noch jener kühnen Bittschrift zu erinnern, die ich im Interesse einer jüdischen Familie überreichen zu lassen mich unterfing?« fragte der Geistliche. »Beruhigen Sie sich, lieber Pfarrer,« sagte Josef, die Hand auf die Schulter des Priesters legend, »Ihre Denkschrift hat meinem Herzen wohlgetan, und daß sie auch, teils um der Person willen, die sie verfaßt hat, ihren Eindruck auf mich nicht verfehlt hat, das können Sie aus dem Besuche ersehen, den ich Ihnen hier in Ihrer Studierstube abstatte ... Wie steht es gegenwärtig um die Sache und um jenen jungen Mann? Sie sehen, der Gegenstand lebt noch ganz klar in meinem Gedächtnisse.« »Die beiden Schwerter hängen noch immer über seinem Haupte,« sagte der greise Priester mit tiefem Ernste. »Sie haben bis jetzt geschwiegen?« »Ich habe geschwiegen, wie es der Befehl meines allergnädigsten Kaisers mir gebot ... und mein eigener Wunsch!« »Was halten Sie von der Sache, Herr Dechant?« rief Josef lebhaft. »Sie muß auf die eine oder die andere Weise entschieden werden!« sagte der Pfarrer. »Gestatten mir Euer Majestät die Bemerkung, daß ein längeres Aufschieben des Urteilspruches nahezu an Unbarmherzigkeit streifen würde, was das milde Herz meines Kaisers und Herrn gewiß nicht beabsichtigt.« »Wie ist das zu verstehen?« »Ich kann der armen Judenfrau niemals begegnen, ohne daß es mich eiskalt überläuft; denn ich muß jedesmal denken, ein leichtes Stirnrunzeln von meiner Seite bedeute ihr das Schicksal ihres Sohnes! Wenn es bloß von meinem Schweigen abhängen soll, daß das Schwert nicht niederstürze auf den Schuldigen, so ahnt sie vielleicht, daß ich es zurückhalten werde. Wie aber, wenn ich reden soll und muß, wenn Euer Majestät mir befehlen, meinem Amte und meiner Pflicht gemäß zu handeln?« »Sie haben recht, Herr Pfarrer!« rief der Kaiser. »Ich muß mir die Schuld allein zumessen, eine Sache, die rasch abgetan werden mußte, unnötig hinaus verzögert zu haben. Handeln Sie also kraft Ihres Amtes, Herr Pfarrer! In diesem Augenblicke erteile ich Ihnen die Ermächtigung hierzu!« »Wie? Euer Majestät!« rief der Priester in größter Bestürzung ... »sollten vergessen haben ...« »Was denn, mein lieber Mann?« meinte Josef, indem er dem Geistlichen fast unter die Augen trat. »Das Schwert soll also niederstürzen auf den Unglücklichen? Und Euer Majestät geruhen sich nimmer jener armen alten Frau zu erinnern, die den weiten Weg von Böhmen nach Wien zurücklegte, um das Geschick ihres einzigen Kindes an das großmütige Herz ihres Kaisers und Herrn zu legen?« Tränen rannen über die Wangen des ehrwürdigen Priesters, während er so sprach, und seine Stimme klang fast wie Schluchzen. »Jener Unglückselige muß sein Geschick vollenden,« sagte Josef, »ich kann ihm nicht helfen. Noch ist es nicht an der Zeit, so tief in die Volksmeinung einschneidende Grundsätze aufzustellen. Ich beklage die Unmöglichkeit ... allein hier ist ein Punkt, an dem meine Machtvollkommenheit scheitert.« »Er soll also sein Geschick vollenden!« rief der Dechant mit zitternder Stimme, »er, der nur aus Anbetung seines Kaisers sich zu einem Schritte verleiten ließ ... den er jetzt so schwer büßen soll?« Josef war an das Fenster getreten und blickte in die sternenlose Nacht hinaus. Die Worte des barmherzigen Priesters hatten ihm an die tiefste Seele gegriffen. Welch eine Gestalt war ihm hier auf der Studierstube eines einfachen Priesters entgegengetreten! Der Gedanke, was er vollbringen konnte, was er zum Abschlusse gebracht hätte, wenn ihm solche Männer wie dieser Dechant als Lehrer und Berater des Volkes zur Seite gestanden wären, durchschauerte ihn! Nach einer Weile wandte er sich vom Fenster ab und trat wieder auf den Dechanten zu. »Könnte ich den jungen Menschen sehen und sprechen?« fragte er. »O! Euer Majestät!« rief der Geistliche überrascht ... »wollten die höchste Gnade haben ...?« »Ich möchte den jungen Menschen sehen, um nach seinem Anblicke beurteilen zu können, ob er die Barmherzigkeit meines wackern Freundes verdient ...« »Gestatten mir Euer Majestät, ihn selbst herbeizuholen ...« »Wie? Sie wollen in diesem feuchten Nebel einen vielleicht beschwerlichen Weg unternehmen?« »Dergleichen ist mir nicht neu,« rief der Pfarrer. »Kranke und Sterbende verlangen oft meinen Beistand in der Mitternachtsstunde, und handelt es sich nicht auch hier um eine arme Seele?« »So gehen Sie, Herr Pfarrer,« sagte Josef, »und bringen Sie den Mann! Aber es muß ein stetes Geheimnis bleiben, wer Sie zu ihm geschickt und vor wem er stehen wird. Kann ich mich darauf verlassen?« »Ich werde schweigen, Euer Majestät! Ich werde ihm bloß sagen, ein hoher Beamter vom Gubernium in Prag wolle ihn im Auftrage des Kaisers vernehmen ...« »Ich stimme dem bei!« sagte Josef. – Nach einer Viertelstunde, während welcher der Kaiser in tiefes Nachdenken versunken am Fenster gestanden war, öffnete sich die Türe der Stube, und herein traten der Stadtdechant von Kojetein und »Adrian« Fingerhut. Auf den ersten Anblick erkannte das scharfe Auge des Kaisers in Adrian Fingerhut eine jener Persönlichkeiten, die das Gepräge innerer Gemütskämpfe deutlich auf dem Antlitze tragen. Der Sohn des jüdischen Handelsmannes, eine lang aufgeschossene, fast hagere Gestalt, die in dem fahlen Lichte der Studierlampe noch größer erschien, als sie in der Wirklichkeit war, überragte die des Pfarrers um Kopfhöhe. Das Gesicht zeigte feine, fast weibliche Züge und wies auf die Mutter hin, deren Bild, wiewohl Monate zwischen jetzt und der damals im Kontrollorgange stattgefundenen Audienz lagen, klar und bestimmt im Gedächtnisse des Kaisers auftauchte. Adrian Fingerhut war an der Türe stehen geblieben. »Ist dies der Mann, von dem Sie mir gesprochen haben, Herr Dechant?« fragte Josef nach einer geraumen Weile, während welcher er seine Blicke von dem jungen Israeliten nicht abzuwenden vermochte. »Er ist es,« entgegnete der Dechant, sich ehrfurchtsvoll verbeugend, doch mit gedämpfter Stimme. »Heißen Sie ihn näher treten, Herr Pfarrer,« sagte der Kaiser, sich dichter in seinen Mantel hüllend, um die darunter schimmernde Uniform gänzlich zu verdecken. Adrian Fingerhut trat auf den Wink des Dechanten in das volle Licht der Lampe. »Weiß Er, mein Freund, weswegen Er herberufen worden ist?« fragte Josef. »Ich soll ein Verhör bestehen,« lautete die Antwort Adrians, deren wohllautende Sprache das Ohr des Kaisers offenbar angenehm berührte. »Ein Verhör! vor wem? und weswegen?« rief der Kaiser mit einiger Lebhaftigkeit. »Vor dem Richter meines Kaisers, und weil ich mein Urteil vernehmen soll,« entgegnete der junge Mann leisen, aber bestimmt klingenden Tones. »Und dieses Urteil, das ich Ihm anzukündigen komme, wird strenge ausfallen, je nachdem ich Seine Antworten befinde,« rief Josef, ob absichtlich oder gegen seinen Willen drohend. »Wie alt ist Er?« »Siebenundzwanzig Jahre.« »Wie heißt Er?« Adrian Fingerhut warf einen raschen Blick auf den an seinen Lehnstuhl gestützten Pfarrer, dann sagte er ruhig: »Ich nenne mich Samuel Fingerhut.« »Er heißt anders, junger Mann,« rief der Kaiser, sich hastig von seinem Sitze aufrichtend. »Ich nannte mich früher Adrian Fingerhut,« sagte der Sohn des jüdischen Handelsmannes schwer aufatmend, »aber ich habe diesen Namen abgelegt.« »Wußte Er, daß man einen Namen nicht wechseln darf, daß es ein Verbrechen ist, sich einen andern beizulegen?« »Ich habe es gewußt,« sagte Adrian Fingerhut. »Er weiß also, daß Er ein Verbrechen begangen hat?« »Vor dem Gesetze, ja! Gott wird mich anders beurteilen als der Buchstabe des Gesetzes, das ja von Menschenhand geschrieben wurde.« »Er spricht mit großer Gewißheit und Zuversicht, mein Freund,« rief der Kaiser mit gerunzelter Stirne. »Woher weiß Er, daß das, was Er als ein Verbrechen am Gesetze begangen anerkennt, nicht auch ein Verbrechen an Gott ist? Abfall von einer Religion ... ist das nicht selbst nach den Lehrsätzen des Glaubens, zu welchem Er sich früher bekannte, etwas, was vor den Augen Gottes mißfällig erscheint? Weiß Er, was ein Meineid ist?« »Gott sieht auf das Gemüt, die Menschen auf das Tun!« sagte Adrian Fingerhut mit bebender Stimme, denn das Auge des Kaisers ruhte in diesem Momente mit der bannenden Gewalt eines Richters auf ihm. »Er scheint sich die Sache gar zu leicht gemacht zu haben,« rief der Kaiser mit einem Anfluge herber Zurechtweisung. »Es mußte Ihm ja bekannt sein, daß auf einem derartigen Verbrechen in früherer Zeit ... der Tod stand?« Adrian Fingerhut erbebte vom Scheitel bis zur Zehe. Trotz des ungewissen Lichtes, das von der Lampe ausging, konnte der Kaiser sowohl als der Dechant die tiefe Blässe bemerken, die die ohnehin feinen Gesichtszüge des jungen Menschen in wahrhaft erschreckender Weise bedeckte. »Meine Mutter! meine gute Mutter!« murmelte er vor sich hin. In dem Antlitze des Kaisers ging eine wunderbare Wandlung vor. Die Strenge des Richters war daraus entwichen, und der holde Zug, der aus ihm leuchtete, gehörte dem Menschen, dem fühlenden Menschen an. »Er wird es auch nur Seiner Mutter und hier diesem trefflichen Manne zu danken haben,« sagte Josef, indem er auf den Dechanten wies, »wenn Seine Tat nicht die volle Schwere der gesetzlichen Ahndung treffen wird, die sie unter allen Umständen verdient. Bevor ich aber im Auftrage des Kaisers des mir übertragenen Amtes mich entledige, wird Er mir über einige Punkte, die mir jetzt noch dunkel sind, Aufklärung zu geben haben. Ist Er gefaßt genug, um mir antworten zu können?« »Ich bin es,« sagte Adrian Fingerhut. »Wenn ich mich recht erinnere,« sagte Josef nach einer Weile, »so war es das Toleranzedikt des Kaisers, das Ihn zu dem Entschlusse verleitete, die Religion Seiner Väter mit der Seines Monarchen zu vertauschen. Wodurch ward es bewirkt, daß Er alsbald Reue über den getanen Schritt empfand?« »Das kann ich dem gnädigen Herrn nicht sagen!« rief der junge Mann in großer Bewegung aus. »Er zögert? Vergißt Er, daß ich im Auftrage und im Namen des Kaisers hier sitze?« »Nur dem Kaiser allein könnte ich es sagen!« rief Adrian Fingerhut, indem er seinen Kopf hoch aufrichtete. Der Kaiser winkte den greisen Priester zu sich. »Herr Pfarrer,« sagte er zu ihm, »machen Sie dem jungen Manne doch bemerklich, daß er hier vor mir gerade so frei und ohne Zurückhaltung sprechen kann, als befände er sich im Kontrollorgange zu Wien ... vor dem Kaiser.« »Mein Sohn!« sprach der Dechant, indem er den Arm des jungen Mannes leise berührte, »ich kann dir bei allem, was dir und mir heilig ist, die Versicherung geben, daß du ... vor diesem hochgeborenen Herrn hier in aller Freiheit reden kannst. Durch ihn wird es der Kaiser erfahren.« »Nun wohl!« rief Adrian Fingerhut, sich zusammenraffend, »der Kaiser hat mir nicht Wort gehalten!« »Wahnsinniger!« schrie der Dechant, indem er herzusprang, »du weißt nicht, vor wem du stehst und so redest ...« »Herr Dechant!« winkte Josef lächelnd. Der alte Priester schlich wieder nach dem Lehnstuhl zurück. »Ihr Juden seid doch ein sonderbares Volk!« sagte Josef kopfschüttelnd. »Da muß der Kaiser vom Vater dieses jungen Mannes hören, sein Sohn sei ihm durch das Toleranzedikt geraubt worden, und von diesem Sohne muß er sich wieder ins Gesicht sagen lassen, der Kaiser habe ihm nicht Wort gehalten. Wo liegt hier die Wahrheit?« »Ich will es Ihnen erklären, gnädigster Herr,« sagte der Sohn des jüdischen Handelsmannes. »Als das Toleranzedikt des Kaisers erschien, da geriet meine Seele in lauten Jubel. Ich hatte mich mit heimischer und fremdländischer Literatur beschäftigt – und nun stand ein Monarch vor mir, der im Begriffe stand, die Ideale meiner Philosophen in die Wirklichkeit zu übersetzen ...« »Wie kamen Sie zu deutschen Büchern?« fragte der Kaiser mit allen Zeichen der Überraschung. »Auf der Talmudschule zu Prag,« lautete die Antwort des jungen Mannes. »Fahren Sie fort!« rief der Kaiser. »Von diesem Augenblicke an stand der Gedanke in mir fest, es Josef dem Zweiten gleich zu tun,« fuhr Adrian Fingerhut fort. »Ich wollte ihm nacheifern: die Hand, die das Toleranzedikt unterschrieben hatte, mußte an einem großen, an einem christlichen Herzen geruht haben. So faßte ich den Entschluß, Christ zu werden, und begab mich zum hochwürdigen Herrn Stadtpfarrer von Kojetein ...« »Ich weiß das!« rief der Kaiser, dessen Aufmerksamkeit von Minute zu Minute zunahm. »Das Toleranzedikt erschien mir nur wie der schüchterne Anfang des Frühlings, wenn der Winter zu Ende geht. Josef der Zweite, sagte ich zu mir selbst, ist von der Idee der Menschengleichheit so durchdrungen; er, der christliche Herrscher, hat ein so vollständiges System in seinem Kopfe fertig, ein System, nach welchem die Menschheit seiner Staaten in ihrem innersten Wesen umgewandelt werden muß, daß mich schon der ärmliche Brocken, den das Toleranzedikt abwarf, wie Himmelskost dünkte.« »Und Sie fanden sich getäuscht?« rief der Kaifer. »Das Toleranzedikt war eine Abschlagzahlung, ein mageres Almosen an den Bettler, ein dürftiges Gewand, das über die Blößen und Wunden meines Volkes geworfen ward. Ich erwartete mehr. Ich hoffte volle Gerechtigkeit und unverkürztes Recht. Ich erwartete, das christliche Herz Josef des Zweiten werde das Wort ›Duldung‹ bloß für einen flüchtigen Augenblick ausgesprochen haben, jenes häßliche, den Gottesgedanken schändende Wort, das zwischen Menschen und Menschen Berge und Klüfte auswirft. All mein Empfinden und Denken geriet in Tumult, die Idee des Kaisers erfüllte mich so ganz und gar, die Vorstellung von jener allgemeinen Liebe, wie sie die Kirche lehrt, hatte sich derart meiner bemächtigt, daß ich in fieberhafter Aufwallung, in einer beinahe krankhaft gewordenen Hast keinen anderen Gedanken fassen konnte, als ... mir die Aufnahme in diese Kirche zu verschaffen. Was weiter geschah, wissen Sie, gnädigster Herr ... und namentlich der Herr Pfarrer ...« Dicke Schweißtropfen perlten auf der Stirne des jungen Mannes; er hielt inne. »Weiter!« gebot der Kaiser. »Es blieb bei dem Almosen!« fuhr Adrian Fingerhut fort, »der Kaiser beließ es bei der ärmlichen Abschlagzahlung. Das Wort Toleranz wurde nicht gelöscht, im Gegenteile, gerade in dem dürftigen Lichtschimmer, der über das Elend meines Volkes gebreitet ward, erschien es mir erst in seiner ganzen Erniedrigung. Wenn Josef der Zweite das wenige, was er dem gedrückten Protestanten und dem rechtlosen Juden gewähren konnte, der Mehrheit seiner Untertanen wegen Duldung nennen mußte, wie stand es dann um das Prinzip jener allumfassenden Liebe , in deren sichtbare Kirche ich meine Aufnahme bewirkt hatte. Kennt die Liebe Unterschiede? Hat sie ungleiche Maße? Da erwachte ich wie aus einem Traume, der Druck wich von meinem Gehirne, und ich geriet in ein Elend, wie es noch kein Menschenkind ertragen hat.« »Fassen Sie sich!« rief der Kaiser, der bemerkt hatte, daß der junge Mann tief erschöpft war. »Ich will weiter sprechen,« begann Adrian Fingerhut aufs neue. »Als ich nun gewahr wurde, daß ich mich in einer Wildnis voll unentwirrbarer Widersprüche befand, da wurde der Drang, den Ausweg zu finden, in mir von Tag zu Tag und von Stunde zu Stunde immer heftiger und begehrlicher. Ich hatte die Heimat verlassen, Mutter und Vater verlassen, ich irrte in der Fremde umher, ruhelos und gepeinigt, nirgend heimisch, nirgend wohl mich fühlend. Ich hatte keine Stätte, wo ich beten, keine, der ich mich mit meiner dürstenden Seele nähern durfte. Ich sah mich durch meinen eigenen Irrtum ausgeschlossen aus dem Verbande der religiösen Gemeinschaft; Kirche wie Synagoge hielten mich mit gleichmäßiger Abneigung von ihren Pforten zurück. Und doch war ich im Innersten meines Gemütes ein Kind meines Volkes, ein Sohn meiner Eltern geblieben! Ich erkannte, daß keine Gewalt auf Erden mich an den innigsten Verband mit den Erinnerungen meiner Kindheit, mit den anerzogenen Gewohnheiten der väterlichen Religion vergessen machen konnte. Ich war Fleisch von ihrem Fleische, und mein Blut war aus ihrem gekommen! Alle Ströme der Welt hätten diese Erinnerung aus meiner Seele nicht zu vertilgen vermocht. Heimatlos irrte ich umher, vom Betteln und niedern Gewerbe mein Leben fristend, von Sehnsucht nach Vater und Mutter aufgezehrt, und dennoch schwankend, ob ich dem heftigen Drange nachgeben solle, ob nicht. Mut und Feigheit wogten in mir wie zwei Wasser, die um die Herrschaft über das Erdreich streiten ... Da endlich ... nach langem Ringen und Kämpfen haben zwei kleine Worte meinen Entschluß zur Reife gebracht ...« »Und sie lauteten?« rief der Kaiser, sich von seinem Sitze erhebend. »Ich lag krank und erschöpft von Seelenkampf und Entbehrung im Spital des Barmherzigenklosters in einem bayrischen Städtchen. Neben mir lag ein anderer Kranker, der mit zerschmettertem Fuße, schon sterbend, hierher gebracht worden war. Der Fuß wurde ihm abgenommen, aber es trat der Brand hinzu. Da nahte sich ihm der Priester, um ihm die letzte Ölung zu verabreichen; er aber wies sie von sich und bekannte sich als Jude. Und trotz allen Zuredens verblieb er dabei, daß er in der Religion seiner Väter, in der er bisher gelebt, nun auch sterben wolle. Nicht ohne Zürnen über seine Verstocktheit verließ ihn der Priester. In der Nacht hörte ich den Todkranken neben mir bitterlich weinen. ›Was begehrst du?‹ fragte ich ihn. Da rief er mit fast erloschener Stimme: »Wenn nur einer da wäre, der mit mir meine Totengebete sagen könnte!« Da stand ich auf, schwach und krank, wie ich selber war, und sagte zu ihm: ›Beruhige dich, Bruder, ich will sie mit dir sagen.‹ Ich faßte nach seiner Hand, die bereits eiskalt war, und begann das übliche: ›Schma'h Israel!‹ Er wiederholte die beiden Worte und war tot!« Adrian Fingerhut hielt inne, er vermochte nicht weiter zu sprechen, ein heftiger Tränenkrampf erstickte seine Stimme. In der Stube herrschte lautloses Schweigen, der Kaiser sowohl, wie der Stadtdechant hielten an sich. »Von diesem Augenblicke an,« fuhr der junge Mann endlich nach einiger Fassung fort, »wußte ich, nach welcher Seite ich mich zu wenden hatte. Kaum genesen, machte ich mich auf den Weg in die Heimat und kam gerade am Vorabende des Versöhnungsfestes dort an ... Alles übrige ist dem hochwürdigen Herrn Dechanten bekannt – und so erwarte ich mein Urteil.« Der Kaiser war aufgestanden; in heftiger Bewegung maß er wieder auf und ab schreitend die geräumige Stube. Seine Lippen zuckten; es schien, als ob Gedanken, die er gewaltsam in die Tiefe seiner Seele zurückdrängen mußte, zum Ausdruck gelangen wollten; hie und da schüttelte er verneinend das Haupt. Endlich blieb er vor Adrian Fingerhut stehen. »Junger Mann!« rief er mit durchdringender Stimme, »ich frage dich auf dein Gewissen: Hast du die Wahrheit gesprochen?« Wieder entstand eine schwer lastende Pause. »Die volle Wahrheit, gnädigster Herr!« tönte es leise, aber bestimmt aus dem Munde Adrians. »Du bist ein Jude und willst ein solcher bleiben?« rief der Kaiser, den jungen Mann mit seinen tiefen blauen Augen fest betrachtend. »Ich bin ein Jude und will als solcher auch sterben!« entgegnete Adrian Fingerhut, seinen Kopf in die Höhe richtend. »Junger Mann!« sagte Josef, indem er wieder seinen Sitz auf dem roten Sofa einnahm; »im Grunde tut es mir leid um dich. Du bist einmal in den Bund einer Kirche getreten, die vermöge ihrer bevorzugten Stellung in den Ländern des Kaisers ... ihren Angehörigen den Vorteil eröffnet, daß sie zu allen Ämtern und Stellen, die der Staat zu besetzen hat, den Weg bahnt. Du hast dich als einen begabten Menschen gezeigt, Adrian Fingerhut ... du hast Talent, es hängt nur von dir ab, ob du jene Stufen ersteigen willst, die zu Ehre und Ansehen führen. Du verdienst wahrlich ein besseres Loos, als in der dumpfen Gasse zu vermodern, dir zur Qual und den Deinen von keinem Nutzen! Dies bedenke, Adrian Fingerhut!« »Von keinem Nutzen?« rief Adrian, dessen Wangen sich höher röteten, »bleibe ich nicht bei meinem Volke? Und schlägt nicht jeder, der von ihm abfällt, ihm eine unheilbare Wunde? Noch finde ich die Liebe, die ich auswärts gesucht habe, nur bei meinem Volke ... mein Volk wird mich nicht zurückstoßen, wenn ich reuig zu ihm zurückgekehrt bin.« »So sei es denn!« rief Josef, sich neuerdings erhebend, »der Augenblick ist gekommen, wo ich dir, Adrian Fingerhut, im Namen und Auftrage des Kaisers, im Namen des Gesetzes, welches du verletzt und gekränkt hast, dein Urteil anzukündigen habe.« Die Stimme des Kaisers klang feierlich und tief; sie ergriff mit namenloser Gewalt das Gemüt des jungen Mannes. »Ich bin gefaßt, es zu vernehmen,« sagte er, beinahe unhörbar. »So vernimm denn, Adrian Fingerhut, früher genannt Samuel!« rief Josef, »Der Kaiser ... in gnädigster Berücksichtigung der eigentümlichen Umstände, von denen dein Fehltritt begleitet war, ferner, daß es mehr eine Verirrung deines Gemütes, als die Folge eines schlechten Willens war, wenn du gegen ein bestehendes Gesetz dich auflehntest, will Gnade für Recht über dich ergehen lassen und über deine Vergangenheit den Schleier des Vergessens gebreitet wissen. Du bist von nun an frei, Adrian Fingerhut ...« »Frei!« entrang sich ein gellender Schrei aus der Brust des jungen Mannes. Dann überzogen sich seine seinen Gesichtszüge mit einer leisen Röte. »Frei!« wiederholte er, »heißt das so viel, als Tod und Kerker drohen mir nicht mehr? Darf ich mich wieder Samuel nennen? Darf ich mich frei und ungescheut zur Religion meiner Väter bekennen? ...« »Du darfst es, Samuel Fingerhut!« sagte Josef, »aber nur unter einer Bedingung ...« »Eine Bedingung?« »Du wirst,« fuhr Josef fort, »die Staaten des Kaisers verlassen und außer Landes gehen! Fortan mußt du dich als einen Verbannten betrachten, dem die Rückkehr ins Vaterland verwehrt ist. Hast du mich begriffen?« »Ich soll Vater und Mutter wieder verlassen?« rief der junge Fingerhut mit einer solchen Wahrheit des Schmerzes, daß der Kaiser innerlichst erbebte. »Ich kann dir nicht helfen, Samuel Fingerhut,« sagte Josef mit unsicherer Stimme, »was Kaisers Gnade dir gewähren kann, dir und deinen Eltern gewähren darf, das geschieht hiermit im Namen und Auftrage des Kaisers. Weiter hinaus ist meine Machtvollkommenheit beschränkt und gebunden! Für Leute deiner Gemütsart sind die Staaten des Kaisers noch zu enge ... Du mußt daher ein Land aufsuchen, dem es bereits gegönnt ist, das Prinzip der Gewissensfreiheit für seine Angehörigen ertragen zu können« ... »Ich soll Vater und Mutter verlassen?« wiederholte der junge Mann, für den sich in diesem einen Gedanken aller Schmerz und alle Bitterkeit seiner Lage gesammelt zu haben schien. »Es ist so der Wille des Kaisers,« sagte Josef, »und es geschieht zu deinem eigenen Besten. Du mußt fort. Du wirst in einiger Zeit durch diesen hochwürdigen Herrn Pfarrer eine Summe Geldes angewiesen erhalten, die dich instandsetzen wird, die Reise in eine neue Heimat anzutreten.« Adrian Fingerhut hatte sein Antlitz mit beiden Händen bedeckt; sein Schmerz hatte sich in ein krampfhaftes Schluchzen aufgelöst. »Es geschieht zu seinem eigenen Besten,« wandte sich der Kaiser zu dem greisen Priester, der, in demütiger Stellung neben seinem Lehnstuhle verharrend, sich bis dahin gehütet hatte, in die Unterredung einzugreifen. »Ich bewundere die Weisheit ... des Kaisers,« sagte der Dechant, sich tief verbeugend, »es gibt keinen andern Ausweg für den jungen Mann!« »Gott segne und schütze den großen und milden Kaiser, Josef den Einzigen,« rief der Priester, die Hände andächtig faltend. Josef griff nach dem Hute, der auf dem Sofa lag, und hüllte sich dann dichter in seinen Mantel. Adrian Fingerhut schien von allem, was um ihn her vorging, nichts vernommen und bemerkt zu haben. »Und nun, Herr Pfarrer,« sagte Josef, indem er dem greisen Priester in herzlichster Weise die Hand drückte, »leben Sie wohl. Wir werden uns aller Wahrscheinlichkeit nach auf dieser Erde nicht mehr erblicken. Sie sind alt, lieber Dechant, und ich ... ich bin müde! Aber, daß Sie der Freund des Kaisers, ein Priester Gottes in des Wortes schönster Bedeutung waren, dessen wird der Kaiser in seiner Todesstunde gedenken. Leute wie Sie vergißt er nicht so leicht. Leben Sie wohl!« Nochmals schüttelte er dem greisen Priester die Hand und wandte sich zum Fortgehen. Der Dechant ergriff hierauf die Lampe und schickte sich an, den Kaiser zu begleiten. Josef hatte bereits die Tür erreicht. Adrian Fingerhut stand noch immer da, die Hände vor das Gesicht gedrückt. Josef wandte sich an der Türe nochmals an den Pfarrer. Das volle Licht der von letzterem hochaufgehobenen Lampe traf sein geistvolles Antlitz. Niemals vielleicht glänzte der göttliche Strahl der Milde und Menschlichkeit schöner und siegreicher von dem Gesichte eines Sterblichen, als in diesem Augenblicke! »Trösten Sie die arme Mutter dieses jungen Mannes, Herr Dechant, und sagen Sie ihr, der Kaiser habe nicht anders zu handeln vermocht.« Damit öffnete Josef die Türe und trat auf den finstern Hausgang. Aber der Pfarrer folgte ihm mit der Lampe in der Hand, und geleitete den Kaiser über die enge Treppe in den Hausflur hinab. Unten harrte bereits die Haushälterin des Pfarrers, einen Armleuchter mit zwei brennenden Kerzen haltend. Josef schritt rasch an ihr vorüber und trat durch die offene Haustüre in den Hof hinaus. Der Wagen, der ihn hierher gebracht, stand noch angeschirrt, der militärische Begleiter des Kaisers sprang, sobald er des Herrn ansichtig geworden, von der Kutsche herab und stellte sich neben den Wagentritt. »Ist alles bereit?« fragte Josef leise. »Zu Befehl, Euer Majestät!« entgegnete der Adjutant in dem nämlichen Tone. »So wollen wir in unser Nachtquartier!« rief Josef, indem er den schwerfälligen Wagentritt zu besteigen im Begriff stand. In demselben Augenblicke durchschnitt ein gellender Schrei die Luft; er schien von einer weiblichen Stimme herzurühren. Der Kaiser wandte sich um, da bemerkte er in dem Nachtdunkel, das bereits vollständig eingetreten, und nur durch die Lichter, mit denen die Haushälterin gefolgt, notdürftig erhellt war, in seiner unmittelbaren Nähe zwei Gestalten, einen Mann und eine Frau. Es war der Vater Adrians und dessen Mutter Gitel Fingerhut; der Kaiser hatte die beiden Bittsteller aus dem Kontrollorgange, die sich seinem Gedächtnisse so gut eingeprägt hatten, sogleich erkannt. Die Frau war in die Knie gesunken, auch sie hatte den Herrscher erkannt. Was wollten die beiden alten Leute hier im Pfarrhof und um diese nächtliche Stunde? Wahrscheinlich hatte sie die Sorge um den vom Pfarrer selbst abgeholten Sohn, und die Ahnung, daß in diesem Augenblicke über die Zukunft des einzigen Kindes das Los geworfen ward, hieher gebracht. Josef winkte abwehrend mit der Hand. Es mochte ihn ein tiefes Weh durchzuckt haben, daß er dieser knienden Mutter und diesem gebeugten Vater keinen bessern Trost gewähren konnte, als die Verbannung ihres Sohnes. Dann stieg er rasch in den Wagen. »Nach dem Schlosse des Grafen!« gebot er. Der Adjutant wiederholte diesen Befehl dem Kutscher und nahm dann seinen Sitz neben dem Kaiser ein. Der Wagen rollte zum offenen Hoftore hinaus. Vier Wochen nach diesem Besuche Josefs des Zweiten auf dem Pfarrhofe in Kojetein langte an den Dechanten eine aus dem kaiserlichen Kabinette herrührende beträchtliche Geldsumme mit der Weisung an, diesen Betrag dem jungen »Samuel« Fingerhut für die »vorzuhabende Reise« einzuhändigen. Mitten unter den Zurüstungen zum bevorstehenden Türkenkriege, mitten im Sorgendrange über die von Tag zu Tag schlimmer lautenden Nachrichten aus den Provinzen, Entwürfe hegend und vernichtend, halb an sich irre geworden, und dann wieder mit einem Hoffnungslächeln selbst einen geringen Erfolg seiner Regierungsmaßregeln begrüßend, hatte der Kaiser den Sohn des jüdischen Handelsmannes und das böhmische Städtchen nicht vergessen. Samuel Fingerhut kam getreulich dem Willen des Kaisers nach. Mit blutendem Herzen fügten sich Vater und Mutter in das Unabänderliche und segneten Josef den Einzigen, nachdem sie durch den Pfarrer belehrt worden waren, wie sich für den Kaiser kein anderer Ausweg gezeigt, ihnen den einzigen Sohn zu erhalten – als indem er ihn ihnen nahm. Samuel Fingerhut nahm seinen Weg zuerst nach Holland, der alten Heimatstätte der Glaubensfreiheit. Er hielt sich aber daselbst aus uns unbekannten Gründen nur kurze Zeit auf, dann ging er nach Antwerpen. Dort in der Scheldemündung lag ein Schiff, das in den nächsten Tagen die Fahrt nach dem fernen Amerika antreten wollte. Samuel Fingerhut besann sich nicht lange und nahm einen Platz auf dem Kauffahrer, der eigentümlicherweise den Namen »Josef der Zweite« trug. Glücklich und wohlbehalten kam er in dem damals schon aufblühenden Neuyork an. In der fernen neuen Heimat gelang es ihm bald, es zu Wohlstand und Ansehen zu bringen. Sein Haus erwuchs allmählich zu einem geachteten und weithin genannten. Hochbetagt, von einem Kreise blühender Kinder und Enkel umgeben, beschloß er vor wenigen Jahren sein Leben. In seinem Testamente fand man ein beträchtliches Legat verzeichnet, das zu gleichen Teilen an die Armen christlicher und jüdischer Konfession seiner Vaterstadt Kojetein, und zwar unmittelbar durch einen seiner Enkel, der zu diesem Zwecke die Reise nach Böhmen anzutreten hatte, verteilt werden sollte. In einer dem Testamente beiliegenden Aufzeichnung erzählte Samuel Fingerhut seinen Kindern und Enkelkindern, unter welchen wunderbaren Umständen er den Weg nach Amerika gefunden, welchen Gefahren er entgangen und wie Kaiser Josef der Unvergeßliche in sein Leben eingegriffen habe, – er erzählte ihnen die Geschichte von den »beiden Schwertern« . Der Karfunkel. Laubhüttenfest war wieder ins Land gekommen. Kluge Bauern in den benachbarten Dörfern mußten schon einige Tage früher aus ihrem Kalender erfahren haben, daß die »grünen Feiertage« der Gasse bevorstanden, und hie und da hatte einer zu seinem Knechte gefügt: »Fahre in den Wald hinaus und hole Tannenreisig, drin in der Stadt die Juden werden es jetzt brauchen.« Und der Knecht war in den Wald hinausgefahren, wo die immergrünen Tannen wachsen, und hatte da mit seiner Axt die Bäume ihres Schmuckes beraubt. Ob er dabei wohl dachte, wie sonderbar das Geschick es gefügt habe, daß er, der blondköpfige Junge aus dem Stamme der Tschechen, in den Wald hinausgehen mußte, um Tannenreisig für diejenigen zu holen, die schon vor fast viertausend Jahren mitten in einer arabischen Wüste grüne Laubhütten aufgerichtet hatten? Wer diesen Knecht wohl hätte anhalten und zu ihm sagen mögen: Was du jetzt gedankenlos um feilen Lohn tust, das wird einst werktätige Brüderlichkeit mit freiem Bewußtsein gewähren. Es wird eine Zeit kommen, wo der eine Glauben seine Freude daran finden wird, die Feste des anderen zu schmücken? ... In dem Vorhofe eines Hauses, das nahezu am Ende der Gasse liegt, da wo der Garten des Grafen mit dem herrlichen Schlosse darin sich erhebt, waren zwei Männer damit beschäftigt, an eine Laubhütte, die bereits gezimmert und festgefügt dastand, die letzte Hand zu legen. Der eine von ihnen, um ein Bedeutendes jünger als der andere, stand auf einer Leiter und nahm die Tannenreiser entgegen, die ein starkknochiger, weit über die gewöhnliche Größe aufstrebender Mann ihm bot, und schichtete sie übereinander, so daß sie bereits jetzt schon das grüne Dach der Laubhütte bildeten. Daß wir es nur in aller Eile sagen: Der eine von den beiden Männern war David Brod, der Gemeindevorbeter, der andere seine unentbehrliche Ergänzung, Feiwelmann »Baß«, was aber nicht so sehr sein wirklicher Familienname, als vielmehr die Bezeichnung seines Lebensberufes war; denn auch er war von Natur ein Sänger, und zwar ein »Baß« von so gewaltiger Breite, Tiefe und Höhe, daß darin alles aufgegangen war, was sonst an einen Menschen gemahnt: Land und Geburt, Familie und Charakter. Mit einem Male hielt der »Baß« in seiner Beschäftigung inne, er wischte sich von der Stirne den Schweiß und seufzte tief auf. »David Brod,« fügte er nach einer Weile, »es ist mir da wieder eingefallen, wie ich doch eigentlich zu keinem Baß geboren bin. Aus mir hätte etwas anderes werden sollen. Ich weiß nur nicht was!« »Wie fällt dir diese Narretei gerade jetzt ein?« »Das will ich dir sagen, David, aber du mußt mich erst besinnen lassen.« Ein Zug träumerischen Sinnens legte sich um die braunen Augen des »Baß«, aber der, zu dem er geredet hatte, schien darauf kein besonderes Gewicht zu legen. »Wenn du so dastehst, Baß,« meinte er, »so wird unsere Laubhütte noch lang' darauf warten müssen, bis sie von sich sagen kann: Ich bin fertig.« »Laß mich nur erst besinnen, David,« rief der Baß von der Höhe seiner Leiter. Statt aller Antwort reichte ihm der Vorbeter ein Tannenreisig hinan, welches der Baß unwillkürlich entgegennahm. Augenblicklich verschwand der Zug träumerischen Brütens aus dem Antlitz des »Baß«. »David Brod,« rief er, und auf seinem breiten Gesichte leuchtete und funkelte etwas wie vom Abglanze eines in weiter Ferne lohenden Feuers, »jetzt ist es mir eingefallen.« »Deine Narreteien, Baß,« meinte David halb verdrießlich, halb lachend, »sind wie Fliegen im Sommer. Du kannst sie hundertmal fortjagen, sie kommen doch wieder.« »Ist es meine Schuld, David Brod,« rief der Baß mit einem tiefen Seufzer, »wenn ich nichts anderes geworden bin, als was ich gegenwärtig bin? Wie du weißt, bin ich von draußen ›aus dem Reich‹, aus Bayern, und mein Vater selig ist ein Hausierer gewesen, was man bei euch hierzulande einen ›Dorfgeher‹ heißt. Wie ich noch ein Kind war, da hat mich dieser Vater selig oftmals auf seinen Wanderungen mitgenommen, damit ich mich frühzeitig gewöhnen sollte, wie man mit Kunden umgeht. Da sind wir häufig durch einen Wald mit lauter Tannen und Fichten drin gekommen. David Brod! wenn es Sommer oder Frühling war, am schönsten war es aber im Herbste, da kann ich dir nicht sagen, wie mir jedesmal um das Herz herum ward, wenn ich in diesen Wald eingetreten bin. Ich habe schier geglaubt, ich komme nicht mehr aus dem Walde heraus. ›Feiwelmann, mein Kind,‹ hat mein Vater selig zu mir gesagt, ›was bleibst du vor jedem Baume stehen? Was siehst du an einem Baume? Kannst du von so einem Baume leben?‹ Überhaupt weiß man niemals, was in so einem Wald alles vorgehen kann; schon beim bloßen Namen Wald rinnt mir ein Schauer über den ganzen Leib. Und dann! wie willst du ein guter Kaufmann werden, wenn du vor jedem grünen Baum stehen bleibst?« »Du bist ja auch keiner geworden,« fiel David Brod ein. »Einmal, wie ich mit dem Vater selig wieder im Walde war, da weiß ich nicht, wie es über mich gekommen ist. Vögel haben in den Zweigen gesungen, und da hat es mich von innen heraus genötigt, mitzusingen. Da hat mein Vater selig den Pack mit Waren von seinen Schultern abgeworfen und hat mir zugehört. ›Feiwelmann, mein Kind,‹ hat er dann gesagt, ›in dir steckt so wenig ein Kaufmann als in dem Baum da, du mußt ein Sänger werden!‹ Und so bin ich als ›Fistel‹ zu dem berühmten Vorbeter Süßkind Schwab nach Fürth in die Lehre gekommen. Später ist ein Baß aus mir geworden.« »Wie kommt da eins zum andern?« murmelte David Brod sehr vernehmlich vor sich hin. »Auf das Laubhüttenfest freu' ich mich immer zumeist,« fuhr der Baß fort. »Wenn ich so mit dir in der ›Schul‹ stehe, und wir singen miteinander, und auf einmal fällt mir ein: Draußen auf den Laubhütten liegt das grüne Tannenreisig ... da ist es mir gerade, als käme der merkwürdige Geruch aus dem Wald in meine Kehle, und ich singe noch einmal so schön. Als wenn ich mit meinem Vater selig wieder in jenem Walde stehen und mit den Vögeln singen möchte!« In diesem Augenblicke wurden die beiden durch den Gesang eines Kindes unterbrochen. Er kam aus dem Innern der Laubhütte und konnte eigentlich nicht Gesang genannt werden. Es war eine uralte Melodie, wie sie in der Synagoge gesungen wird an jedem Freitagabend, so oft man die Ankunft des Sabbats feiert; aber die Art und Weise, wie sie das Kind zum Ausdruck brachte, trug ein merkwürdiges Gepräge von selbständiger Wiedergabe an sich; es war die uralte Melodie, und sie war es wieder nicht; es war ein funkelnd neues Gewand mit allerlei blendendem Aufputz daran, aber erst wenn man genauer hinsah, entdeckte man, daß es der Stoff eines Kleides war, dessen Fäden vielleicht an den Weiden des Euphrat gesponnen worden waren. Wo die Melodie, gleichsam wie aus einem Traume heraus, lang gezogene Töne, die sich nur mühselig der Kehle entrangen, erforderte, da brachte das Mädchen kurze Triller an, und im Gegenteil, wenn die alte Volksweise, gleichsam aufjauchzend einen raschen Fortgang vorschrieb, klang es, als ob eine Menschenbrust den tiefsten Ausdruck für ein trauriges, fast unsagbares Geheimnis gefunden hätte. Die beiden Männer hatten währenddem ihre Arbeit unterbrochen, keiner rührte die Hand. »Hast du sie gehört, Baß?« fragte endlich flüsternd David Brod. »Wer denn soll sie gehört haben?« »Man erkennt fast nicht, was sie gesungen hat. Ich möchte nur wissen, warum sie so und nicht anders singt?« »Du wirst an dem Kinde noch manches nicht erkennen!« sagte der Baß mit einem gewissen geheimnisvollen Ausdrucke und schwieg. Denn indessen war die schlecht angelehnte Türe, die in das Innere der Laubhütte führte, mit Heftigkeit geöffnet worden und ein etwa dreizehnjähriges Mädchen zum Vorschein gekommen. War das Kind wirklich dreizehn Jahre alt? Die Kleinheit seiner Gestalt ließ allerdings auf keine höhere Zahl von Jahren schließen. Wenn man aber den unverhältnismäßig großen Kopf, den dicke, ungeordnete schwarze Flechten umrahmten, näher betrachtete, und dabei in die fast alles Maß überschreitenden dunkeln Augen blickte, dann wurde man auch kirschenrote Lippen gewahr, die fast übermütig einen wohlgeformten Mund mit weißen Zähnen umgaben, und mußte sich sagen, daß das angebliche Alter des Kindes eine in den Wind gesprochene Lüge war. »Vater,« sagte das Mädchen, »du meinst gewiß, unsere Laubhütte ist die schönste in der ganzen Gasse? Und du bildest dir noch zuletzt etwas darauf ein?« »Ist sie denn nicht ganz besonders schön?« fragte David Brod, »der reichste Mann in der Gasse, zum Beispiel Mendel Prager, kann auch keine schönere haben.« Das Kind lachte hell auf, wobei sich um die roten Lippen ihres Mundes ein Zug wie von hochmütiger Bosheit einstellte. »Das nennst du schön?« rief sie. »Die ganze Pracht deiner Laubhütte besteht ja in nichts anderem als in vergoldeten Nüssen und Zwetschken, die du droben in das Reisig steckst ... Das soll schön sein? Ich aber meine, es gibt einen Unterschied zwischen schön und schön« ... »Wie soll ich es denn anfangen, Ella, mein Kind?« sagte David Brod. »Alle Tage meines Lebens habe ich gehört, daß es gar nichts Schöneres und Prächtigeres für eine Laubhütte gibt, als vergoldete Nüsse und Zwetschken. Sehen sie denn nicht wie Gold aus?« Wieder schlug das Kind ein helles Gelächter auf. »Das soll Gold sein?« rief es. »Ich meine ja auch nicht, daß du goldene Äpfel und Nüsse in deiner Laubhütte haben sollst, Vater. Aber es fehlt etwas darin, was man haben kann, und was schöner ist, als all dein Gefunkel, woran eigentlich nichts ist.« »Und was soll das sein?« »Blumen, Vater, Blumen,« schrie das Mädchen überlaut, »schöne große Tulipanen und Rosen und Lilien, und was weiß ich noch alles.« »Blumen?« meinte David Brod verblüfft, »wo soll ich Blumen hernehmen? Hab' ich denn einen Garten?« »Das ist deine Sorge, Vater?« rief das Kind wieder hell auflachend. »Wozu ist denn der Garten des Grafen da?« »Ella!« schrie David Brod, der Vorbeter, mit allen Zeichen des Schreckens. »Du möchtest in den gräflichen Garten gehen, um Blumen zu holen?« »Warum nicht, Vater?« lachte Ella und schlug die Arme keck in die Seiten. »Du möchtest in des Grafen Garten gehen!?« wiederholte David Brod in steigender Verwunderung. »Ich möchte nicht, Vater,« höhnte das seltsame Kind lachend, »aber ich gehe schon.« Ella war aus dem Bereiche der Laubhütte entschwunden, noch ehe ein einziges Wort ihres Vaters sie zum Gehorsam bannen konnte. »Baß! was sagst du zu dem Kinde?« meinte David Brod, indem er seinem Genossen eine volle Last Tannenreisige zureichte. Mit einer Art wilder Heftigkeit, die jeden andern, nur nicht David Brod erschreckt hätte, der die Empfindungsweise seines Sangbegleiters schon hinreichend kannte, hatte dieser die ihm entgegengereichten Reisigbündel ergriffen und auf das Dach der Laubhütte geworfen. »Er fragt mich, was ich zu dem Kinde meine?« rief er. »Und früher, wie das Kind gesungen hat, hat er mich wieder gefragt, warum sie so und nicht anders gesungen hat, warum sie nicht so singt, wie sie es von David Brod und seinem Baß hört. David Brod! siehst du denn nicht ein, daß dir Gott ein merkwürdiges Kind beschert hat?« Folgen wir dem Mädchen. Gleich hinter der »Gasse«, da wo ihre letzten Häuser stehen, nur durch einen kleinen Bach getrennt, erhebt sich, von einem weitläufigen Garten umgeben, das Schloß des Grafen. Es ging wie eine dunkle Sage in der Gasse umher, daß der jetzige Bewohner des Schlosses ein menschenscheuer, düsterer Mann sei, den in seiner Jugend ein großes Unglück getroffen hatte. Auf einer seiner »Herrschaften«, die er tief im Böhmerlande besaß, habe er die Tochter eines seiner »Randare« geliebt, die er zur Gräfin habe erheben wollen. Die Sage hatte sogar den Namen der schönen Randarstochter aufbewahrt, sie hieß »Genenda«. Die gräflichen Eltern aber, als sie den Willen ihres Sohnes erfahren, hatten sich nach Wien zum Kaiser begeben, und es da durchgesetzt, daß der junge Graf in ein fernes Land, man sagt, weit über das Weltmeer geschickt wurde. Als er von dort zurückkehrte, weil mittlerweile der alte Graf gestorben, war es das erste, daß er sich nach jener Randarstochter erkundigte. Es war mitten in einem Walde, und in dem Walde war ein tiefer Teich. Da zeigte ein alter Jägersmann, der an seiner Seite ging, nach dem Weidengebüsche hin, das den Teich rings umfaßte, und sagte bloß: »Dort hat man sie gefunden!« Der Graf war unverehelicht geblieben. Das Kind des Vorbeters war in eiligem Laufe hinter den letzten Häusern der Gasse über die Brücke gekommen, die den kleinen Bach überwölbt, und stand bereits vor dem Schloßgitter. Es war weit offen; niemand zeigte sich auf dem von Statuen und allerlei verschnörkelten Bauwerken umgebenen großen Hofe, der das Schloß von dem Garten schied. Hoch aufgerichteten Hauptes, als fühlte es sich in der wildfremden Umgebung ganz zu Hause, schritt das Kind über den Hof und kam in den großen Garten, der sich nun geheimnisvoll weit und dunkel vor ihr auftat. Aber auch da fühlte Ella kein Bangen; sie war in einen dunkeln Baumgang gekommen, wo die ineinander gewachsenen Äste mit ihrem grünen Laube eine fast unheimliche Finsternis bildeten. Sie aber war mutig und unbeengt; sie schritt weiter und immer weiter, bis sie das Ende des finsteren Laubganges erreicht hatte. Ein Weiher mit grünlich-schwarzem Gewässer lag vor ihr; ein Springquell erhob sich mitten darin, der aus dem Munde eines greulich gestalteten steinernen Ungeheuers aufsprang, das bis zur Oberhälfte seines Leibes aus dem Wasser hervorragte, während zur Rechten und zur Linken zwei kleinere Ungeheuer mit übermäßig aufgeblasenen Backen kleinere Springfluten in die Höhe warfen. Ella war einen Augenblick stehen geblieben. »Sollen das die Söhne von dem Alten in der Mitte vorstellen?« fragte sie sich leise, und sinnend lagen eine Weile lang ihre Augen auf der steinernen Gruppe in der Mitte des Weihers. Plötzlich ward sie durch ein Geräusch aufgeschreckt, das von einer im dunkeln Baumgang zu Boden gefallenen Frucht herzurühren schien. Sie blickte auf. Da stand ein schwarz gekleideter Mann, der ein Buch in den Händen hielt, vor ihr. Auch jetzt kam kein Bangen und Fürchten über die mutige Seele des Kindes, trotzdem Ella keinen Augenblick in Unsicherheit darüber war, wen sie vor sich hatte. Es war der Graf selbst. »Was willst du hier?« fragte er mit tonloser Stimme, die Augen fest auf das Antlitz des Kindes gerichtet. »Ich brauche Blumen für unsere Laubhütte,« meinte Ella und stockte. »Und die kommst du aus meinem Garten zu holen?« rief der Graf, und ein sanftes Lächeln hellte die ernsten Züge auf. »Für wen hältst du mich denn?« »Für einen Grafen!« sagte Ella. »Also weil ich ein Graf bin, muß ich dir erlauben, Blumen aus meinem Garten für deine Laubhütte zu holen?« Ella nickte fast unmerklich mit dem Kopfe. Dann meinte sie: »Kann ich etwas dafür, wenn mein Vater keinen Garten hat?« Der Graf faßte das Kind aus der Gasse schärfer ins Auge. War es die eigentümliche Weise, wie sie eine schuldige Antwort in eine Frage verkehrte, war es der flammende Ausdruck ihrer Augen, der über ihr sonst unschönes Antlitz eine so merkwürdige Beleuchtung warf? Es währte eine geraume Weile, bis er wieder fragte: »Wer sind denn deine Eltern, Kind?« »Meine Mutter ist gestorben, aber mein Vater ist Vorsänger in der Synagoge.« »Du willst wohl sagen: Vorbeter,« meinte der Graf mit einem leisen Anfluge von Hohn; »denn von Singen wird wohl in Eurer Synagoge kaum die Rede sein können. Ich kenne dieses Singen.« »Mein Vater ist Vorsänger,« rief das Kind mit erhöhter Stimme, »und wenn er den ›Baß‹ neben sich hat, so klingt es außerordentlich schön. Man kann gar nichts Schöneres hören.« Der Graf lächelte wieder. »Kannst du auch singen?« »Warum soll ich nicht singen können?« »So singe mir etwas vor.« »Was soll ich singen?« »Etwas aus deiner Synagoge!« sagte der Graf nach kurzem Überlegen. Wer möchte bestimmen wollen, was in der Seele dieses Kindes gerade jetzt vorging? Warum sich ihm gerade jene uralte Weise aus der Synagoge, die es vor kurzem in der Laubhütte gesungen, wieder auf die Lippen drängte? Dabei gewährte das ganze Wesen Ellas einen Anblick höchst seltsamer Art; es schien um ein Bedeutendes in die Hohe gewachsen; die schmutzigen Gewänder, in die es gehüllt war, verschwanden gleichsam an ihm, es schien, als ob alles Unschöne von ihm abgefallen sei und übrig geblieben war nur die uralte Synagogenmelodie, der ihre Stimme mit ihrem lerchenhaften Aufjauchzen eine ungeahnte Beredsamkeit verlieh ... »Wie heißest du, Kind?« fragte der Graf. »Sie heißen mich Ella.« Dem Grafen war das Buch, das er in Händen gehalten, entfallen. Ella bückte sich, um es aufzuheben. Da geschah es, daß sie mit ihrem Kopfe unter die Hände des Grafen geriet. »Ella heißen sie dich?« rief er, und er faßte nach dem von schwarzen Flechten umrahmten Kopfe des Kindes. Dann sah er ihr lange in die Augen, die einen so wunderbaren Gegensatz zu ihrem kindlichen Wesen bildeten. »Ella heißest du?« wiederholte er nach einer Weile. »Das ist ein schöner Name! Aber du selbst bist nicht schön! Deine Schönheit liegt ganz anderswo, und an mir wird es sein, diesen versunkenen Karfunkel aus seiner schmutzigen Umhüllung in die ihm gebührende Einfassung zu bringen.« Diese Worte hatte der Graf mit flüsternden Lippen, fast unvernehmbar gesprochen; dennoch war keines dem feinen Gehöre des Kindes entgangen. Mit einer heftigen Bewegung wandte er sich dann von Ella ab. »Gehe jetzt dort in jenes Haus, wo der Gärtner wohnt,« sagte er mit gänzlich verändertem Tone, indem er gebieterisch die Hand nach einem am Ausgange des Gartens liegenden Häuschen ausstreckte, »und sage ihm, er möge dir so viel Blumen für deine Laubhütte geben, als deine Schürze fassen kann. Von mir sollst du noch weiter hören.« Eine Viertelstunde darauf kam das Kind des Vorbeters, die Schürze hochauf mit Blumen gefüllt, atemlos, mit brennendem Antlitz, um welches die schwarzen Haare in wilder Unordnung flogen, im Hofe des Hauses an, wo ihr Vater und der Baß Feiwelmann an die Eindeckung der Laubhütte mit dem grünen Schmucke des Waldes noch immer nicht die letzte Hand angelegt hatten. Sie hatten mittlerweile von dem Kinde gesprochen. »Ella!« rief der Baß hoch von seiner Leiter, »wie siehst du merkwürdig aus,« und David Brod, der Vorbeter, sagte überhastig: »Was trägst du da in deiner Schürze?« Da lüftete das Kind die Schürze und es zeigten sich den erstaunten Blicken der beiden Männer die schönsten Blumen, die sie noch jemals erschaut hatten. »Jetzt, Vater, wirst du dich rühmen können, daß in der ganzen Gasse keine Laubhütte der unseren gleichen wird,« rief das Mädchen, die Augen noch immer strahlend von einem seltsamen Glühen, »Blumen vom Grafen selbst wird doch keine aufzuweisen haben.« »Er selbst hat sie dir gegeben, Ella?« rief der Baß. »Er hat gesagt, ich bin nicht schön, aber ich bin ein Karfunkel...« schrie ihm das Kind mit ungeahnter Heftigkeit entgegen. Längst lag auf dem Dache der Laubhütte der grüne Schmuck des Waldes; der Mittag war gekommen und noch immer saß Ella, das Kind des Vorbeters der Synagoge, inmitten der Blumen, die sie aus dem Garten des Grafen geholt, und band Kränze zum Schmucke des gebrechlichen Hauses, das ihr kurz vorher so unschön gedünkt hatte. Von ihren Wangen hatte sich die Röte noch nicht verloren; hie und da sang sie halblaut vor sich hin, und wenn man genauer hinhorchte, waren es Bruchstücke jener uralten Synagogenmelodie. Meistenteils schwieg sie. Ob sie dabei an den Karfunkel des Grafen dachte? Am Abende desselben Tages war das Laubhüttenfest in seiner anmutenden Heimlichkeit in die Gasse eingezogen. David Brod, der Vorbeter, saß mit Ella, seinem einzigen Kinde, und dem »Baß« in der mit Blumenkränzen und allerlei Zierat gar stattlich ausgeschmückten Hütte; Kerzenlicht erhellte den traulichen Raum! Ella hatte von den Blumen des gräflichen Gartens ein kleines Kränzchen zurückbehalten und es in ihre schwarzen Haare geflochten. Während des Abendmahles vermochte der Baß sein Auge nicht abzuwenden von diesem blumengeschmückten Kopfe; es schien ihm, als läge zwischen dem Kinde, wie es jetzt dasaß, und dem Kinde, wie es am Vormittage aus der Laubhütte in den gräflichen Garten gerannt war, eine Zeit, die nach Jahren zählte. Wie merkwürdig die rote Rose vorn über der Stirn leuchtete! War denn Ella wirklich nur dreizehn Jahre alt? Der Kranz in den Haaren des Kindes mochte nur leicht wiegen, und dennoch schien es, als drücke er mit unsichtbarer Wucht; sie saß aufrecht da, als fürchtete sie durch irgend eine Bewegung, ja durch irgend ein Wort die so angenommene Stellung zu beeinträchtigen. Eine seltsame Schweigsamkeit war über das Kind gekommen ... Als das Essen abgeräumt und das Tischgebet verrichtet worden war, sagte David Brod, der Vorbeter, zu seinem Baß: »Wie wär' es, Baß, wenn wir jetzt die neue ›Keduscha‹ (eine Art Sanctus des Gottesdienstes) probieren möchten? Wenn wir Ehre damit einlegen wollen, so müssen unsere Kehlen geübt sein, als wären wir Vögel im Walde.« »Als wären wir Vögel im Walde,« wiederholte der Baß mit einem träumerischen Ausdrucke. »Ja, singen wir, Vater,« rief mit einem Male das Kind des Vorbeters, »ich werde zuhalten (mit einstimmen).« »Gott, der Allmächtige, sei gelobt, daß er Ella wieder die Sprache gegeben hat,« meinte der Baß. »Ich heiß' nicht Ella.« schrie das Kind mit finsterer Stirne, »ich will nicht so heißen.« »Wie denn soll ich dich nennen?« fragte der Baß. »Ich glaube doch, das ist dein ehrlicher Name?« »Heiß mich meinetwegen Karfunkel,« rief das Kind mit trotzig aufgeworfenen Lippen. »Was muß über das Kind geflogen sein?« sprach David Brod, der Vorbeter, halblaut vor sich hin. Darauf begannen sie die Probe des Gesanges zu der neuen »Keduscha,« der morgen am ersten Tage des Laubhüttenfestes die ganze Gemeinde in Erstaunen versetzen sollte. David Brod versprach sich nämlich einen ungeheuren Erfolg von der neuen Melodie; er hatte sie von einem durchreisenden polnischen Bettler erlernt und ihm als Entgelt dafür nicht weniger als vierundzwanzig Kreuzer ausbezahlt. Wer der Meister dieser Synagogenmelodie war, die nun mitten in einer still abgelegenen »Gasse« Böhmens zu Herzen und Gemüt einer Gemeinde sprechen sollte? Wer die Weise erfunden hatte, die der polnische Bettler als etwas noch nie Gehörtes an David Brod käuflich überlassen hatte? Umsonst wäre hier Nachforschen und Untersuchung. Auch jener »Schnorrer« hatte sie irgendwo in dem fernen Polen überkommen und war damit weitergezogen, wohin ihn der Sturm seines Lebens trug. Wen konnte es verwundern, wenn er dieselbe Melodie, die er Jahre zuvor irgendwo in Mähren oder Böhmen vernommen, mit einem Male in der Synagoge einer elsässischen Gemeinde wieder zu Gehör bekam? Wenn auf dürrem Felsgestein oft eine ungekannte Blume ihre Augen aufschlägt, dann hat es der Sturm bewirkt, der das zarte Samenkorn in seine Arme nahm und es hierhin, und dorthin getragen hat, wohin es ihm eben beliebte. Das ist auch das Geheimnis von dem Entstehen und Fortleben dieser Melodien. Der neue Gesang war nicht ohne Schwierigkeiten; die Sänger hatten kein Notenblatt vor sich und mußten dem Gedächtnisse vollauf vertrauen. Hie und da hatte David Brod einen gelungenen Schnörkel angebracht, mit dem sich Feiwelmann, der Baß, nicht einverstanden erklärte, da er der ursprünglichen Melodie gefehlt hatte. Aber nachdem sie die neue Weise schon Wochen vorher durchprobiert hatten, kam sie heute glücklich und wohlbehalten, wie ein blanker Guß aus den Kehlen der Singenden. Ella vertrat dabei die Stelle des »Fistels«; ihre Stimme fügte sich weich und mild an dem Gesang ihres Vaters und des »Baß«, der gerade heute mit einem Aufwande aller seiner Gesangsmittel leuchtete, wie er es wahrscheinlich an sich selbst noch nicht gekannt haben mochte. Wie mit seiner Kraft spielend, warf er ohne merkliche Anstrengung die vollsten Töne seiner Kehle in den Gesang; und wenn Ellas Stimme lieblich und zart, wie ein Bach in hundert verschiedenen Krümmungen sich durchschlang, so war sein Singen ein riesiger Waldstrom, der in übermütiger Gewalt daherbraust. Dabei hielt er, wie dies aus alter Überlieferung jeder »Baß« tun muß, die Hand fest auf die eine Wange gedrückt, da wo sein zottiger Backenbart am dichtesten gepflanzt war, weil er die Überzeugung hatte, dadurch den Gurgeltönen eine verdoppelte Kraft zu verleihen. Plötzlich hielt Ella im Gesänge inne und lachte hell auf. Die beiden Sänger unterbrachen sich. David Brod schrie böse: »Was für eine Klippe (böser Geist) ist heute über das Kind gekommen? Was geht mit dir vor?« »Ich kann nicht weiter singen,« lachte das Kind, »wenn ich sehe, wie der Baß seine Backe festhält, damit sie ihm nicht auf und davon geht.« »Meine Backe?« sagte der Baß äußerst erstaunt. »Kann ich denn anders singen?« »Darum lache ich ja,« meinte jetzt das Kind mit großem Ernste, »daß du glaubst, du könntest nicht singen, wenn du die Backe mit der Hand nicht festnagelst wie ein Brett. Kann denn deine Stimme gut klingen, wenn du sie einsperrst und ihr keine Luft lässest?« Kleinlaut sagte der Baß, und eine tiefe Röte verbreitete sich allmählich über sein Antlitz: »Ich habe es nie anders vor mir gesehen. Kein Baß singt auf eine andere Art.« »Dann ist es nicht schön,« sagte Ella. Die Röte auf dem Gesicht Feiwelmanns war einer auffallenden Blässe gewichen. »Wenn du es sagst, und es nicht schön ist,« sagte er tonlos, »so will ich es künftig unterlassen.« »Du willst frei heraussingen, Feiwelmann, ohne Backe?« rief Ella, und ihre weißen Zähne leuchteten durch den lachenden Mund. Feiwelmann, der Baß, nickte bloß mit dem Kopfe. »Du wirst dir doch nicht von einem Kinde solche Narreteien einreden lassen?« rief dagegen David Brod, der Vorbeter. »Solange es einen Baß auf Erden gegeben hat, hat er die Backe mit der Hand gehalten. Frag einen Baß auf der Welt, ob er sonst zu singen imstande ist.« Aber Feiwelmann, der Baß, schüttelte wieder sein Haupt. »Laß es gut sein, David Brod,« sagte er gedrückt. »Wenn das Kind etwas sagt, so kannst du sicher sein, daß etwas Goldenes von ihm kommt ... Ich will's versuchen und will einmal singen, wie Ella es meint. Ich fange schon an einzusehen, daß sie recht hat.« Sie begannen aufs neue die Melodie. Das Kind des Vorbeters sang aber diesmal nicht mit. Beide Hände auf den Tisch gestützt, saß Ella da und hielt die schwarzen scharfen Augen auf Feiwelmann, den Baß, gerichtet. Keine seiner Bewegungen entging ihr, ihre Seele schien untergetaucht zu sein in dem Strome des Gesanges. Feiwelmann fühlte im Singen, daß die Augen des Kindes auf ihm brannten; dazu hielt er diesmal die Wange von der drückenden Hand frei. Er sang aber schlechter als je – war es das Aufgeben einer fast zur Notwendigkeit gewordenen Gewohnheit, waren es die gefürchteten Kindesaugen? Er hielt plötzlich inne und stand auf. »Verzeih mir, David,« sagte er schwach. »Ich kann heute nicht fort, es sitzt etwas in meiner Kehle, was mich würgt, daß ich schier glaube, die Stimme sei mir für alle Zeiten versagt! Verzeih mir.« »Sei kein Narr, Feiwelmann,« rief der Vorbeter und wollte ihn am Aufstehen hindern. »Laß mich nur,« rief der Baß, und es klang etwas hindurch wie von unterdrückten Tränen, »morgen wird es vielleicht besser um mich stehen.« Ella sprach nichts; sie hatte ihre Stellung nicht verändert. Ihre schwarzen Augen verfolgten den Vorgang, als stände er mit ihr in gar keinem Zusammenhange. War das Kind herzlos? Empfand es die Süßigkeit des Triumphes, daß es ihm gelungen, die Singweise des »Baß« ins Lächerliche zu ziehen? Feiwelmann war aufgestanden, er hatte die Klinke der Türe ergriffen und wollte ins Freie. In diesem Augenblicke taumelte er zurück; eine hohe Männergestalt drängte sich durch den schmalen Eingang und trat in die Laubhütte ein. »Der Graf, der Graf!« schrie Ella auf. Es war in der Tat der Mann aus dem Garten, er selbst. David Brod, der Vorbeter, war erschrocken aufgesprungen, schon hielt er das Käppchen in den zitternden Händen. »Lebendiger Gott,« flüsterte er, »der Graf selbst!« »Was erschreckt Ihr, Vorbeter?« sagte der Graf lächelnd, »Ihr kennt mich doch und solltet wissen, daß ich Euch und Euren Leuten kein Feind bin? Tut mir den Gefallen und setzt Euch wieder. Denkt Euch, es sei einer gekommen, der noch keinen Begriff von so einer Laubhütte hat und sich so einen Bau auch einmal ansehen will.« Unwillkürlich hatte sich David Brod wieder auf seinen Sitz niedergelassen, aber des Schreckens über die Erscheinung des Grafen war er noch nicht Herr geworden. Einen merkwürdigen Anblick bot in diesem Augenblicke das Antlitz des Kindes. Ella sah nicht im geringsten erschrocken aus, und fast hatte es den Anschein, wenn man nach dem Lächeln sah, das auf ihren roten Lippen saß, als hätte der Besuch des Mannes, den sie heute um Blumen angegangen war, für ihre Gedankenwelt nichts Überraschendes gebracht. Der Graf hatte auf dem leergewordenen Sitze Feiwelmanns Platz genommen. Der Baß selbst stand demütig mit abgezogenem Hute in einer Ecke der Laubhütte. Der Graf ließ seine Augen in dem kleinen Räume des hölzernen Baues umhergehen. »Also, so sieht eine von eueren Laubhütten aus?« sagte er, »und euer Gesetz schreibt euch vor, daß ihr da wohnen müßt? Warum das? Ich habe es längst vergessen.« David Brod vermochte nicht die Frage des Grafen zusammenhängend zu beantworten; in seinen Adern rann kaltes Eis. Unter den irdischen Erscheinungen, die mit Macht und Herrlichkeit ausgestattet sind, war ihm noch keine höhere erschienen als der Mann, der das große Schloß auf der Anhöhe sein eigen nannte, und der ihm ein Schutzherr war. Feiwelmann, der Baß, nahm für ihn das Wort. Demütig meinte er: »Vierzig Jahre sind unsere Vorfahren in der Wüste herumgegangen; sie haben kein steinernes Haus bauen können, und nur den Himmel haben sie über sich gehabt und höchstens ein Zelt, worin sie gewohnt haben. Darum ist uns das Gebot von unserem Gott gemacht worden, daß wir zum Andenken an diese Zeit durch acht Tage in solchen Laubhütten wohnen müssen.« »Nach fast viertausend Jahren!« rief der Graf, »und noch heute feiern diese Leute das Fest und sprechen von unserem Gottes als hätte er für sie eigens die Wüste Arabiens erschaffen! Seltsames Volk, das ihr seid! Und doch, wenn ich eintrete in Euere ärmliche Laubhütte, ich, der Graf aus christlichem Blute, der stolz darauf tut, daß er seine Ahnen auf einige Jahrhunderte zurückführen kann, tut ihr so erschrocken und demutvoll! Begreift Ihr denn nicht, Vorbeter, und Ihr, Mann, daß Ihr Euch vor mir nicht zu schämen braucht, daß das Bestehen dieser Laubhütte allein mich die vermeintlichen Vorzüge meiner Geburt vergessen machen muß?« Auf David Brods Lippen irrte ein verlegenes Lächeln. Wohl hätte er antworten können, denn er hatte die Rede des hochgebornen Herrn hinlänglich verstanden. Aber mit jenem Verständnisse seit jeher anerzogener Demut begriff er es gleichzeitig, daß er seinen viertausend Jahre alten Adel nicht werfen konnte in die eine Wagschale, während in der anderen eine gräfliche Krone mit einem herrlichen Schlosse und Garten funkelnd lag. Dagegen rief Ella: »Ich bin nicht erschrocken, Herr Graf!« ... »Lebendiger Gott! Ella! Wie kannst du so reden?« schrie David Brod, der Vorbeter, der im Entsetzen über die Worte des Kindes wieder seine Sprache gefunden hatte. »Laßt doch das Kind, Vorbeter,« sagte der Graf mit einem feinen Lächeln. »Warum soll sie nicht gestehen, daß ich nicht derjenige bin, der ihr Schrecken einflößt? Warum auch sollte sie erschrocken tun? Sie weiß sehr gut, daß eine Zeit kommen kann, in der sie mir ganz anders gegenüberstehen dürfte, als jetzt ... Wie heißest du, mein Kind? Ich habe deinen Namen wieder vergessen!« »Karfunkel!« sagte Ella kurz und sah den Grafen dabei fest und sicher mit ihren großen Augen an. Eine Weile starrte der Graf des übermütige Kind an, es hatte den Anschein, als wäre nun er es gewesen, den die Antwort des Kindes erschreckte. Er faßte sich aber rasch, und als er nun redete, zitterte in seiner Stimme etwas wie von einer tieferen Bewegung seines Gemütes. »Ja, du hast recht,« sagte er, »daß du mir deinen eigentlichen Namen ins Gedächtnis zurückrufst. Erinnerst du mich doch daran, weswegen ich hierher gekommen, und daß ich nicht auf falscher Fährte begriffen bin.« Noch einmal sah er das Kind des Vorbeters wie prüfend an. Es war ein langer und tiefer Blick, den er durch die Augen des Kindes in dessen Seele, wie heimlich geborgen auch ihre Wesenheit sein mochte, bis in jenen Winkel tat – wo er den funkelnden Edelstein vermutete. »Was gedenkt Ihr mit Euerem Kinde anzufangen, Vorbeter?« wandte er sich an David Brod. »Was soll ich mit ihr anfangen, gestrenger Herr Graf?« meinte David Brod, der sich mittlerweile etwas ermannt hatte. »Wäre sie ein Knabe geworden, so könnte sie mein ›Fistel‹ sein, denn sie hat eine gar liebliche Stimme und ein Gedächtnis dazu für alle Gesänge – sie beschämt uns ältere Leute damit ... Leider Gottes ist sie aber kein Knabe geworden, und wenn ich einmal sterbe, wird da nicht ein Fremder mein Nachfolger in der Synagoge sein müssen? Nun aber frage ich: Was soll aus der Tochter eines armen Vorbeters werden? Ihre Stimme ist ihr von keinem Nutzen, und wenn ich heute sterbe ...« Die Sprache David Brods war zuletzt vor innerer Bewegung fast unvernehmbar geworden. Da rief die Stimme des Mannes, der demütig im Hintergrunde der Laubhütte stand, überlaut: »David Brod, du übertreibst! Noch lebt ein Feiwelmann Baß, und der wird dein Kind nicht verlassen!« Aller Köpfe wandten sich nach dem, über dessen Lippen dieser Aufschrei gekommen war. Auf dem breiten Antlitze des Sprechers lag eine tiefe Röte, aber wie sie jetzt alle nach ihm hinblickten, hatte er die Augen schämig niedergeschlagen und schob den Hut verlegen zwischen den Fingern. »Wer ist der Mann?« fragte der Graf, und seine Blicke schweiften zwischen dem »Baß« und dem Kinde auf und nieder. »Es ist nur Feiwelmann, unser Baß,« sagte Ella kurz. Der Graf nickte zu dieser Auskunft nur leicht mit dem Kopfe. »Was das zukünftige Glück Eueres Kindes betrifft,« wandte er sich wieder zu David Brod, »so seid darüber ganz ruhig. Es hat sich eine Hand gefunden, die es versuchen will, ob sie nicht Vorsehung spielen kann ... und diese Hand gehört mir. Ihr bedauert es, Vorbeter, daß Gott Euerem Kinde eine so liebliche Stimme verliehen hat. Wie nun, David Brod, wenn diese Stimme ein Juwel wäre, der nur geschliffen und gefaßt werden müßte, um überallhin mit Glanz und Pracht zu leuchten? Und man sagt doch, daß Leute Eueres Volkes für Juwelen nicht unempfindlich sind?« David Brod wollte reden, aber jedes Wort war wie mit eisernen Klammern an seine Zunge gefesselt. Ein kalter Schweiß drängte sich auf seine Stirne; jedes Haar auf seinem Haupte hatte sich emporgerichtet. »Und nun, David Brod,« fuhr der Graf fort, »bleibt mir noch übrig, Euch einen Vorschlag zu machen. Nehmet Ihr ihn an, so wird aus dieser engen Laubhütte heraus ein Edelstein hervorgehen, wie Ihr ihn kaum ahnt; wo nicht, mag er begraben bleiben in der schmutzigen Hülle, die ihn jetzt umgibt. Denn wenn mich nicht alles täuscht, so glüht in der Seele Eueres Kindes das unsterbliche Feuer der Kunst . Heute war es noch ein Kind, das vor mir sang, und doch hat mich die Stimme des Kindes ergriffen, wie mich im Leben noch selten etwas bewegt hat. In Euerer Tochter schlummert die Zukunft einer großen Künstlerin!« Der Graf schwieg; er warf einen Blick nach Ella, die mit großgeöffneten, leuchtenden Augen, sonst aber regungslos dasaß. Nur der Blumenkranz in ihren Haaren zitterte merklich. »Und so, David Brod,« schloß der Graf, »habe ich Euch nur eines zu sagen. Geht Ihr auf meinen Vorschlag ein, so übernehme ich die Erziehung und Ausbildung Eures Kindes zur Künstlerin. Sie wird Euer Haus verlassen, sie wird fern von Euch weilen, vielleicht werden Länder und Meere liegen zwischen Euch und ihr – aber Euere Tochter wird eine Künstlerin werden! Bedenket Wohl, was ich Euch sage: Es kann eine Zeit kommen, die es Euch verbieten wird, Euch den Vater Eueres Kindes zu nennen ... Doch für, heute genug! Wenn Euer Laubhüttenfest vorüber ist, so kommt zu mir und erstattet mir Antwort. Das Schicksal des Kindes ruht von nun an in Eueren Händen!« Der Graf war aufgestanden; David Brod war sitzen geblieben, er vermochte sich nicht zu erheben. Was er eben vernommen, ging wie der Schrecken eines nächtlichen Gewitters über ihn hinweg. Blitze zuckten und leuchteten, Donner rollten über seinem Haupte, aber aus all diesen Stimmen des Entsetzens hörte er doch die eine: den Zuspruch des Grafen, daß er sich seines Kindes annehmen wolle. Der Graf hatte die Türe der Laubhütte geöffnet. Da ergriff Ella rasch den Leuchter mit der brennenden Kerze und folgte ihm nach. Sie geleitete ihn über den Hof bis zur Planke, die das Haus des Vorbeters von der Gasse abschloß. Am Tore angelangt, ließ das Kind den Leuchter plötzlich fallen, das Licht erlosch. Der Graf fühlte auf seiner Hand einen heißen Kuß von zwei Kinderlippen ... »Gute Nacht, meine kleine Künstlerin,« sagte er, »gute Nacht, mein Karfunkel!« In der Finsternis tappte das Kind des Vorbeters seinen Weg wieder zur Laubhütte zurück. Ein Sturm war über das friedlich enge Haus David Brods, des Vorbeters, gekommen, der es in seinen Grundfesten erschütterte. Er, der Vater einer zukünftigen Sängerin, sein Kind der Schützling eines Grafen, und Feiwelmann Baß, seine »rechte Hand,« entschlossen, von seiner bisherigen Gesangsweise abzugehen! Als Ella in die Laubhütte wieder eingetreten war, fand sie ihren Vater, den Kopf auf den Tisch gelegt, in heftigem Weinen. »Warum weinst du, Vater?« fragte sie fast gelassen. »Laß ihn heute,« sagte der Baß, dem selbst die Stimme von verschluckten Tränen zitterte, »das unerhörte Glück hat ihn so angegriffen.« Glück? wer spricht von Glück?« fuhr David Brod wild auf. »Meint Ihr, ich habe ihn nicht verstanden, was er will, und daß er darauf abgeht, mir mein einziges Kind zu nehmen?« Dann sank er wieder mit dem Kopfe auf den harten Tisch und weinte bitterlich. Die Lippen des Kindes zitterten von innerer Aufregung, seine großen schwarzen Augen strahlten ein Feuer aus, das nicht von Mitleid mit den Tränen des Vaters herrührte. Feiwelmann, der Baß, mochte erraten, was in dem frühgereiften Kinde vorging. »Sprich heute kein Wort,« flüsterte er ihr zu, »er erträgt's nicht. Es wird schon die Zeit und die Stunde kommen, da wird es ihm klar werden, daß ihm Gott ein Juwel bescheert hat.« »Einen Karfunkel, Feiwelmann!« sagte das Kind mit merkwürdig scharfer Betonung und ging zur Laubhütte hinaus. Am andern Tage, der der erste des Laubhüttenfestes war. führte David Brod mit seinem »Baß« die neue Melodie auf, die er von dem polnischen Bettler erlernt hatte. Aber der Erfolg, wir müssen es gestehen, blieb weit hinter den gehofften Erwartungen zurück. Die Leute, die in der Synagoge zum Gottesdienst versammelt waren, schienen von einem Geiste der Zerstreutheit heimgesucht, der sie unempfindlich ließ gegen die Neuheit des Gesanges, und die Feinheit seiner Aufführung. In den Zwischenpausen des Gottesdienstes war von nichts anderem die Rede als von dem Besuche, den der Graf der Laubhütte des Vorbeters abgestattet. Die abenteuerlichsten Gerüchte schwirrten durch das Haus, ein jeder gab diesem merkwürdigen Vorkommnisse eine andere Auslegung. Besonders droben in der »Weiberschul« wogte es wie in einem Bienenschwarme durcheinander. Das bis dahin unbeachtete Kind des Vorbeters fand mit einem Male eine Bedeutung, der selbst die stolzesten Frauen, die in ihren Festtagsgewändern und goldenen Halsketten die vornehmsten Plätze am Gitter einnahmen, ihr Ohr nicht verschließen konnten. Solange die Gasse stand, konnte kein Haus daselbst sich rühmen, unter seinem Dach einen so hohen Gast beherbergt zu haben, und nun hatte sich der Graf herabgelassen, der Laubhütte des Vorbeters, also eines Mannes, der von der Gemeinde lebte, diese Ehre zu beweisen! »Ich möchte nur wissen,« zischelte und wispelte es hin und her, »was er sich an dem schmutzigen und häßlichen Mädchen ausersehen hat? Hast du schon etwas Besonderes an ihr bemerkt? Ich nicht! Ich weiß nur, daß mir ihre Augen vorkommen, wie zwei scharfe Messer. So oft ich mit dem Kinde zu tun habe, kehrt sich mir alles im Leibe herum. Sie hat etwas in ihrem Blicke, das einen ärgert.« »Nun, ihrer Schönheit wegen ist er nicht in der Laubhütte David Brods erschienen,« lautete die Entgegnung. »Man sagt aber, er soll sie singen gehört haben, und da hat er gesagt, solch' eine Stimme im Munde eines Kindes sei ihm noch nicht vorgekommen.« »Ist das ein Wunder?« meinte eine breitspurige alte Frau. »Väter vererben ihre Eigenschaften auf die Kinder, und alle David Brods haben gute Stimmen.« »Man sagt auch, er will sie nach Prag schicken und dort aufziehen lassen.« »Da hätte David Brod ausgesorgt für all sein Leben.« In solcher Stimmung der Beter zerflatterte die neue Melodie, an die David Brod und sein Baß wochenlang das Beste ihrer Kehlen gesetzt hatten, wie eine Baumblüte, mit der ein unbarmherziger Wind sein Spiel treibt. Was nützten alle die künstlichen Gesangsschnörkel? Sie zerstoben unverstanden und nur wenige mochte es geben, denen die Neuheit der Melodie aufgefallen war. Den meisten kam sie wie ein abgestandenes, längst gekanntes Gericht vor, dem man keinen Geschmack abgewinnen konnte. Und doch war die Melodie eine solche, die zu jeder andern Zeit aufs Innigste zu den Gemütern gesprochen hätte. Sie stammte aus Polen und war von eigentümlicher Schönheit! Als der Gottesdienst zu Ende war, machte sich unter den zur Synagoge Hinausschreitenden das Urteil über David Brod und seinen Genossen in der herbsten Weise Luft. So schlecht hatten die beiden noch nie gesungen; die neue »Keduscha« war ein Machwerk, mit dem sich allenfalls Leute in einer Dorfgemeinde begnügen konnten, die an nichts Besseres gewöhnt waren. »An allem dem ist Feiwelmann, der Baß, schuld,« meinte einer der schärfsten Beobachter aller Vorgänge in Haus und Gasse, der säbelbeinige Schneider Saul Weißfisch, »was für eine ›Kränk‹ hat ihn angefallen, daß er seine Backe nicht mehr mit der Hand hält? Wie soll er da einen gesunden Ton herausbringen? Gott der Lebendige weiß, wo er so was Neumodisches gesehen hat. Es muß ihn ruinieren, und die Gemeinde hat nur davon Verdruß.« David Brod und sein Baß merkten es an hundert Anzeichen, daß ihnen die öffentliche Meinung nicht günstig war. Wie drückte man ihnen sonst die Hände, welche herzliche Zurufe schallten ihnen entgegen, wenn sie die Synagoge, die Stätte ihrer gesanglichen Leistungen verließen! Sie schlichen still und gedrückt nach Hause, und Saul Weißfisch, der säbelbeinige Schneider, hielt es für ein gutes Werk, als die beiden an ihm vorüberschritten, eine recht häßliche Grimasse ihnen nachzuschicken! Als sie in die Wohnstube kamen, trat ihnen Ella entgegen, in ihren Haaren noch immer den Kranz, den sie gestern von den Blumen des Grafen erübrigt hatte. Sie legte den Kopf unter die Hände ihres Vaters, damit er sie »bensche«. Mit flüsternden Lippen sprach er über das Kind den Segen. Wie seltsam! Nichts in dem Wesen Ellas deutete heute an, welch' ein Leben seit gestern über ihr Haupt hinweg gezogen, welche Pforten sich mittlerweile für sie aufgetan hatten! »Nun, Feiwelmann,« sagte sie, »was haben die Leute zu Euch gesagt?« »Was sollen sie gesagt haben?« entgegnete er traurig, mit niedergeschlagenen Augen, »sie haben uns ausgelacht.« »Ausgelacht!« rief das Kind mit blitzenden Augen, und seine weißen Zähne schimmerten im Zorne durch die Lippen. »Du hast niemals besser gesungen, Feiwelmann, und auch der Vater nicht.« »Wie weißt du das?« rief der Baß wahrhaft erstaunt. »Ich sag' es!« schrie sie laut. Da schlich allmählich, etwa wie die Morgenröte sich entringt dem Schoße der Nacht, ein sonnig behagliches Lächeln über das breit angelegte Angesicht Feiwelmanns, bis es nach und nach alle Winkel und Seiten desselben mit seinem Glanze ausgefüllt hatte. Nur die Augen machten davon eine Ausnahme; sie waren feucht geworden. »Wenn du das sagst, Ella, meine Perl,« rief er, »so macht mich das glücklicher, als wenn sie zu Tausenden mir die Hand gedrückt hätten. Denn du verstehst es besser als sie alle ... Gott soll's dir bezahlen!« Trotzdem verging dieser Feiertag in gedrückter, trüber Stimmung für die drei. Nicht nur die erlittene Niederlage, mehr noch das Aussprechen über die Zukunft, wie sie gestern in der Laubhütte aus dem Munde des Grafen ihnen zur Entscheidung vorgelegt worden, schlich wie ein dunkler Schatten hinter jedem ihrer Schritte. Keiner wagte während dieses Tages den Gegenstand zu berühren. Es war spät in der Nacht; das Kind schlief bereits. Da saßen sich David Brod und sein Baß Feiwelmann gegenüber. »Du meinst also doch, Feiwelmann,« sagte David Brod nach einem schwer aus der Brust geholten Seufzer, »wir hätten heute unsere Sache gut gemacht.« » Sie sagt's,« meinte Feiwelmann sicher und ruhig in seiner Stimme, indem er mit dem Finger nach der Türe der Kammer wies, worin Ella schlief. David Brod sah eine Weile lang nachdenklich vor sich hin; endlich sagte er: »Erkläre mir nur eines, Feiwelmann! Was hat der Graf damit gemeint, als er gesagt hat, er will sie zur Kunst erziehen? Es geht mir das nicht aus dem Kopf. Was heißt Kunst?« Feiwelmann starrte eine geraume Zeit in die Luft. »Was Kunst heißt? Sie soll eine Sängerin werden wegen ihrer schönen Stimme.« »Und wenn sie eine Sängerin geworden ist – was dann?« fragte David Brod mit gerunzelter Stirne. »Dann wird sie auf einem Theater vor Tausenden von Menschen singen!« sagte der Baß, gleichsam an einen Dritten seine Rede richtend. »Eine Komödiantin soll mein Kind werden?« schrie David Brod wild auf, »mein Kind eine Komödiantin! David Brods Tochter auf einem Theater!« Feiwelmann, der Baß, mochte die Gemütsart seines Herrn und Meisters aus langer Erfahrung kennen. Er ließ den Sturm, der dessen Gemüt so urplötzlich erfaßt hatte, vorüberbrausen; erst als er merkte, daß er ruhiger geworden, sagte er mit jenem träumerischen Gesichtsausdrucke, den wir an ihm kennen gelernt haben, als er auf das Dach der Laubhütte das grüne Tannenreisig legte: »Ich werde dir etwas sagen, David Brod: es kommt eigentlich gar nicht darauf an, an welchem Orte man seine Kunst den Menschen zeigt. Wenn die Menschen nur sagen: Sie kommt von Gott!« »Ich verstehe Dich nicht, Feiwelmann!« »Bist du und ich nicht auch jeder ein Künstler? Du, David Brod, und ich Feiwelmann, der Baß? Haben wir nicht auch etwas erlernt, was andere nicht können? Und wenn wir unsere Kunst zeigen, sagen da nicht die Leute: David Brod ist groß in seinem Fache, und auch sein Baß Feiwelmann ist nicht zu verachten?« »Wie kommt da eines zum andern?« rief David Brod, in dessen Gemüt die Wogen der Erregung noch immer ziemlich hoch gingen. »Wenn wir unsere Kunst glänzen lassen, so geschieht das vor Gott ! Wir singen und beten für die Gemeinde, denn sie hat uns damit beauftragt.« »David Brod,« sagte Feiwelmann nach einer geraumen Weile, »und wenn Ella einmal eine Sängerin sein wird und auf dem Theater vor Tausenden von Menschen singen wird, und alle werden sagen: Groß ist doch Gott, der in eine menschliche Kehle so viel Kraft und Schönheit, so viel Anmut und Lieblichkeit gelegt hat – glaubst du da nicht, David Brod, daß dein Kind da auch vor Gott singt, und wenn sie auch auf dem Theater steht?« David Brod, der Vorbeter, starrte seinen Baß verblüfft an. »Ich versteh dich, Feiwelmann,« sagte er, »und ich versteh' dich wieder nicht. Du hast recht, und doch, ruft und schreit es in mir, du darfst nicht recht haben! Wie verewigt sich das in mir?« »Laß dir erzählen, David, wie es mir einmal vor vielen Jahren ergangen ist,« sagte Feiwelmann, nachdem er einige Zeit hatte verstreichen lassen, in jenem Tone wieder, als ob er einen alten Traum berichten wollte. »Damals war ich ein junger Mensch von achtzehn Jahren, und war gerade in Frankfurt am Main. Nun mußt du wissen, David, ich habe bis dahin nicht gewußt, was ein Theater ist; aber an einem Sabbat, wie es schon Abend geworden war, stehe ich vor einem großen, großen Gebäude, und viele Menschen stoßen und drängen sich durch das Tor. Und einer, den ich gefragt habe, was da vorgehe, hat mir gesagt: Das ist das Theater, und heute wird ein großer Künstler, auf dessen Namen ich mich nicht mehr erinnere, auftreten. Was ist das, ein Theater? habe ich mich gefragt, und was ist ein großer Künstler? Alsbald habe ich gefühlt, wie mir das Blut zu Kopfe steigt ... wie eine Begierde, die ich bis jetzt nicht gekannt, in meinem Herzen wächst und anschwillt, daß es bis zum Zerspringen voll war. Kurzum, David Brod, ehe ich noch recht gewußt habe, was ich tun soll, war ich mit dem Menschenstrome drin im Theater, hab' all mein Geld, was ich bei mir trug, hergegeben, und befand mich im obersten Stockwerke auf einer schmalen hölzernen Bank. In demselben Augenblicke ist der Vorhang aufgegangen!« Feiwelmann hielt inne; es schien aber nicht, daß die Wirkung des bisher Erzählten auf David Brod eine große war. »Damals, David,« fuhr der Baß mit erhöhtem Tone fort, »habe ich an mir erfahren, daß man nicht nur am Versöhnungsfeste heiße Tränen vergießen kann, und daß nicht nur furchtbare Schauer einen überrieseln, wenn man jenes Gebet betet, worin es heißt: Am heutigen Tage besiegelt Gott das Verhängnis des Menschen! Da wird bestimmt, wer im künftigen Jahre durch die Pest, wer durch Hungersnot und wer durch Wasserfluten sterben und wer endlich am Leben bleiben wird! Was sie da gespielt haben, war ebenso traurig und so schaurig, ja ich habe manchmal geglaubt, der letzte Tag bricht an und die Auferstehung der Toten steht vor der Tür! Ein mächtiger König, der über ein großes Land gebietet, der verteilt sein Reich aus lauter Liebe und Zärtlichkeit an seine Töchter. Er hat deren drei: die jüngste aber, weil sie ihm nicht schmeichelt, kommt am schlechtesten weg, vor der verschließt er sein Herz. Aber gerade das Kind ist sein bestes, denn höre nur, David Brod! Wie der König all sein Land unter die beiden schlechten Töchter verschenkt hat, und zu ihnen auf Besuch kommt und meint, Gott weiß, wie herzlich sie ihm um den Hals fallen werden, da erfährt er, was schlechte Kinder sind! Sie lassen den eigenen Vater nicht ins Schloß hinein, weil er ihnen zu viel Gäste mitbringt, sie jagen ihn von der Schwelle ihrer Türe, und der alte, schwache König muß hinaus in Nacht und Nebel und Wind, weil ihm seine Töchter keine Herberge geben wollen –« »Das waren doch nicht jüdische Kinder?« unterbrach ihn der Vorbeter in steigender Spannung. »David Brod,« fuhr der Baß fort, ohne dieser Frage Aufmerksamkeit zu schenken, »du hättest ihn sehen sollen, der den alten schwachen König gespielt hat, und wie er zuletzt aus lauter Kränkung und Herzleid den Verstand verliert! Und wie er dann sein jüngstes Kind, das gute, was ihm zu Hilfe gekommen war, tot hereinbringt, und weint und lacht dabei – David Brod! am Versöhnungstage habe ich niemals so geweint, und wie meine arme, gute Mutter gestorben ist, habe ich auch nicht so geweint, weil ich mir vorgestellt habe, nun ist sie von ihren langen, schweren Leiden einmal befreit, und solche Schauer habe ich niemals empfunden. Lebendiger Gott! wie groß ist der Mensch!« Sei es, daß der letzte Ausruf in des Vorbeters Augen keine rechte Billigung fand, sei es, daß ihn in der Erzählung Feiwelmanns die Nutzanwendung zu lange warten ließ – er fuhr auf, und fragte mit schlecht verhehltem Verdruß: »Schaff Licht! Feiwelmann! Ich tapp' noch immer in der Finsternis herum! Wann kommst du endlich auf den rechten Weg?« Trotz dieses erkältenden Zurufes veränderte sich Feiwelmanns Haltung nur wenig. Er fuhr mit demselben traumhaft aufgeregten Zuge in seinem Antlitze fort, und wie er so sprach, hatte es den Anschein, als spreche ein anderer für ihn, er selbst sei eigentlich nur der Stellvertreter eines gewissen Feiwelmann, der einmal irgendwo existiert hatte. »Wie ich aus dem Theater getreten bin, da kann ich wirklich sagen, hat sich die Welt um mich herumgedreht wie ein Trenderl in der Hand eines Knaben. Erst in später Nacht, nachdem ich mich schlaflos wie ein Kranker stundenlang auf meinem Lager gewälzt hatte, ist mit einem Male Ruhe über mich gekommen. Nur wenn es ruhig ist, David Brod, ruhig im Gemüte, da kann man die Seele mit sich reden hören, da kommen einem Gedanken, wie von Gott selbst. Und siehst du, David Brod, solch ein ruhiges Denken war auch über mich gekommen ... Großer Gott! habe ich zu mir gesagt: Warum kann ich das nicht? Warum können das die tausende Menschen nicht, die mit mir zugleich im Theater gewesen sind? Warum nicht? Du Narr! habe ich mir selbst geantwortet. Er hat es von Gott, der hat auf ihn einen Strahl seiner Macht und Herrlichkeit niedergelassen, damit packt er mich an dem Verborgensten des Gemütes! Und wenn ich es auch nicht kann, und Millionen andere nicht, was tut das, David Brod? Wenn ich auch in Unwissenheit und Finsternis herumgehe, und Millionen andere, die mir gleichen, tappen auch herum und haben kein Licht? Was zählt das? Wenn nur der eine das kann, was ich und die anderen nicht können! Da ist er ja gleichsam für mich ein Dolmetsch und Fürsprecher bei Gott; der eine zeigt, wie groß der Mensch werden kann, und in ihm bin ich ja auch groß und ein Künstler – vor Gott!« Nach diesen Worten war eine tiefe Stille in der Stube eingetreten; man konnte fast das leise Fächeln der Kerzenflamme vernehmen. Und wie eine jähe Lohe war es in des Vorbeters Seele aufgestiegen. Das Käppchen war ihm vom Haupte gefallen; er merkte es nicht, daß er barhaupt vor Feiwelmann saß. Zum ersten Male, seitdem er den »Baß« kannte, hatte ihn ein Gefühl ergriffen, das der Ehrfurcht verwandt war. »Feiwelmann,« sagte er, und die Stimme des alten Mannes klang feierlich und gehoben, »jetzt verstehe ich dich. Glaubst du aber, sie wird einmal so singen können, wie dein großer Künstler in Frankfurt gespielt hat? Sieh' mir aber fest ins Auge, während du mit mir sprichst.« »Ich glaube, David Brod,« sagte Feiwelmann ruhig aufblickend, »auf deinem Kinde, wie jung es auch ist, ruht der Strahl!« ... David Brod war aufgestanden, und ging mit großen Schritten in der Stube herum. Zuweilen blieb er hart neben Feiwelmann stehen, und schien sprechen zu wollen. Aber das Wort nahm keine Gestalt an. »Feiwelmann,« sagte er endlich, und jedes Wort entrang sich ihm schwer und bang. »Ich habe mir das merkwürdige Wesen meines Kindes erst recht vergegenwärtigt. Sie ist gar nicht, wie andere sind; es ist etwas Besonderes an ihr. Wie die Feiertage vorüber sind, gehe ich mit ihr zum Grafen. Er soll sie zur Kunst erziehen.! Wie seltsam! David Brod wagte es nicht, irgend eine Menschenseele in der Gasse um einen Rat anzugehen, ob er die Hand des Schicksals, wie es ihm in der Gestalt des Grafen entgegengetreten war, annehmen solle oder nicht. Er fürchtete ausgespottet zu werden, und hatte anderseits wieder eine Scheu vor dem Gedanken, daß sich Leute finden werden, die die künftige Künstlerschaft seines Kindes wie eine böse Raupe von sich abschütteln dürften. So kam es, daß er trotz des weihevollen Augenblickes in jener Nacht, der sein beschränktes Denken wie mit Riesengewalt aus den Tiefen zur freien Höhe emporgehoben hatte, in den acht Tagen, die das Laubhüttenfest noch andauerte, von den verschiedenartigsten Strömungen hin- und hergeworfen wurde. »Ich weiß, Feiwelmann,« sagte er einmal in gedrückter Stimmung zu seinem Baß, »ich tu Unrecht, wenn ich allzu viel grüble und nachsinne. Ein anderer, das weiß ich, möchte zugreifen mit allen zehn Fingern, wie die Knaben zu tun pflegen, wenn sie mitten auf dem Wege einen schönen roten Apfel finden. Was kann ich aber dafür, wenn mich mein Kopf und mein Herz dazu treiben, mir die Frucht, bevor ich sie einstecke, erst genau anzusehen? Ich sage dir, Feiwelmann, in dem Apfel steckt ein Wurm!« Was David Brod unter diesem Wurm verstand, das wurde dem Baß nicht alsbald klar. Aber er erfuhr es nicht lange darauf. Eines Morgens nach dem Gottesdienste kam David Brod aus der Synagoge heim. Es war während der Halbfeiertage, die das schöne Laubhüttenfest unterbrechen; während derselben waltet überall Feiertagslust, und doch blickt auch überall der Werkeltag hindurch. Eine strengere Auslegung des Gebotes hat bewirkt, daß auch an diesen Tagen die Enthaltsamkeit von jeder »leiblichen« Arbeit genau befolgt wird. Als David Brod in die Stube trat, fand er Ella am Tische sitzen, vor sich einen großen Schreibbogen, auf den sie bereits mit großen Buchstaben etwas niedergeschrieben hatte. »Siehst du, Feiwelmann,« sagte er ergrimmt, »wie es sich schon in deiner Künstlerin regt und bewegt? Sie weiß doch sehr gut, daß man heute nicht schreiben darf ...« Es war sonderbar, wie ruhig sich Ella diesem Angriffe gegenüber benahm. Sie schob den Schreibbogen vor Feiwelmann hin, und sagte bloß: »Was meinst du, Feiwelmann, darf ich das heute nicht schreiben?« Ein wehmütig stilles Lächeln glitt über sein breites Angesicht. Auf dem Papiere stand mit großen deutschen Buchstaben nichts als das Wort: Karfunkel. Er sagte gar nichts. Aber am anderen Tage, es war ein Sabbat und bereits der Nachmittag angebrochen, kam er eiligst und fast außer Atem nach Hause. Zuerst lachte er, dann rieb er sich die Hände; daß es aussah, als wollte er die eine an der anderen entzünden, wie das die Indianer mit zwei Holzstücken zu tun pflegen, wenn sie des Feuers zum Kochen bedürfen. »Was geht bei dir vor, Feiwelmann?« fragte David Brod. »Darf man an einem Sabbat eine Henne schlachten? Was meinst du, David Brod?« fragte der Baß und schaute dabei seinen Herrn und Meister mit der Miene eines Schülers an, der gierig belehrt werden will. »Baß! Du fängst an, wieder ein Kind zu werden!« meinte der Vorbeter trocken. »Das ist keine Antwort, David Brod!« rief Feiwelmann eifrig. »Du mußt mit Ja oder Nein antworten.« »So sag ich nein!« rief David Brod. Feiwelmann schüttelte den Kopf. »Sonderbar!« sagte er. »Da habe ich eben die alte Bunele getroffen, die Köchin ist bei der reichen Witwe Mindel Kollin, die ist gerade beim Rabbiner gewesen, und hat ihn gefragt, ob sie heute am Sabbat eine Henne schlachten darf für die kranke alte Frau?« »Und was hat er darauf geantwortet?« »Sie soll ihn nicht erst fragen, hat er ihr sagen lassen –« »Ausnahmen gibt es überall,« meinte David Brod. »Das ist auch meine Meinung,« sagte der Baß, die Hände wieder ineinander reibend, »nur muß der Mensch es sich aufschreiben, daß es Ausnahmen gibt,« »Wie kommt da eines zum andern, Feiwelmann? Es kommt mir überhaupt schon lang vor, du hast Anlage zu einem Hochzeitsnarren; du wirst noch ›Stiefel‹ auf ›Leber‹ reimen.« »Dein Kind, David Brod, ist auch eine Ausnahme!« sagte Feiwelmann rasch, »es ist jetzt in einem Zustande, wo sein Gemüt und seine Augen ganz anderswo sind, als hier da in deiner feiertäglichen Stube. Wenn du oder ich mit ihr sprechen, singt sie vielleicht innerlich ein Lied; du siehst nicht, daß ihre Lippen sich bewegen, und hörst keinen Laut. Und doch singt sie. Wie willst du von ihr verlangen, daß sie genau weiß, wie einer, der über dem Talmud alt und grau geworden ist, was man an so einem Halbfeiertage tun oder nicht tun darf? Da hat sie ein Blatt Papier ergriffen, und hat etwas darauf geschrieben. Ich seh' eben das Kind auch wie eine Ausnahme an.« Wie alle Leute seines Schlages gab sich David Brod dieser Nutzanwendung einer Tatsache, bloß weil sie ihm unerwartet kam, gefangen. In diesem Augenblicke dachte der Vorbeter gar nicht daran, daß sich gegen die kühn herbeigeführte Beweisaufstellung Feiwelmanns gar vielerlei einwenden ließ. Aber sie blendete ihn, und er fand sein Gefallen daran. Behaglich lachend rief er: »Wenn du das Kind verteidigen kannst, Feiwelmann, so steigst du meinetwegen auf einen hohen Turm hinauf. Du wärst imstande, wenn Ella einmal am heiligen Jom Kippur, statt zu fasten, an einen wohlbesetzten Tisch sich hinsetzt und singt dabei ein schönes Lied, so nennst du das eine Ausnahme!« Es ging etwas wie ein leises Erbeben über Feiwelmanns ganzes Wesen; er mußte die Augen niederschlagen, als sein Herr und Meister so sprach. Dennoch hatte die sonderbar klingende Behauptung des »Baß« von den Ausnahmen auf den Vorbeter einen tiefern Eindruck hinterlassen, als er wohl selbst zugestehen mochte. Trotzdem war der Kampf der widerstreitenden Gewalten in der Seele des alten Mannes noch nicht gelöst. Daß er sein Kind als Ausnahme betrachten solle, dagegen arbeitete all sein Denken und Fühlen wie mit verzehnfachter Kraft. Weil Ella eine schöne Stimme besaß, darum sollte sie andere Wege, als sie das Herkommen vorschrieb, gehen dürfen? Diese schöne Stimme erschien ihm zuweilen als etwas Unheimliches. Dann kam es wieder mit Milde, lind wie Frühlingluft über ihn. Das Kind war in der Tat so seltsam geartet, so ganz anders wie die Kinder der Gasse ... Die Art und Weise, wie es redete, die Reife in gewissen Dingen, die oft geradezu erschreckte, während es sich wieder bei anderen Anlässen seltsam blöde und unbeholfen zeigte, – war das eine Andeutung, daß David Brods Kind eine Ausnahme bilden, daß es hervorragen sollte aus der dunkeln Masse der Bewohner einer böhmischen »Gasse?« Und jetzt fiel ihm öfters der Umstand ein, daß Ella gar keine Spielgenossin, unter allen Kindern der Gasse niemanden hatte, die sie Kameradin nannte. Woher diese Vereinsamung, dieses trotzige Alleinstehen eines noch so jungen Lebens? So war das grüne Laubhüttenfest zu Ende gegangen. Der letzte Tag, das sogenannte »Freudenfest der Thora« war gekommen. An diesem Tage wird die Laubhütte nicht mehr benützt. Welk lag das Tannenreisig, welk hingen die Kränze herab, die das Kind des Vorbeters aus den Blumen des gräflichen Gartens gewunden hatte. Sollte das ein Vorzeichen sein, daß eine ähnliche Wandlung dem geheimnisvollen Gedankenleben Ellas bevorstand? ... Zu Mittag, als das Essen aufgetragen werden sollte, sagte Ella, die heute ernster war, als sie je erschienen: »Vater! wie wär's, wenn wir noch einmal heute in die Laubhütte gingen?« »Narrele,« sagte David Brod, »wo fallst du aus? Mit der Laubhütte ist es für heuer aus, man geht erst in einem Jahr wieder hin.« »Vater,« sagte Ella, und die Stimme des Kindes klang über alle Beschreibung mild und weich, »gehen wir doch hinaus! Kann ich wissen, wie lange es anstehen wird, bis ich wieder in einer Laubhütte sitze?« Das griff dem Alten ans Herz. Laut weinend sagte er: »Siehst du, Feiwelmann, sie denkt schon ans Fortgehen, und weiß doch nicht, ob ich es zugebe.« »Weine nicht, David,« rief der Baß, über dessen breites Gesicht selbst eine namenlose Zuckung ging, »weine nicht! Heute ist ›Freudenfest der Thora‹, da soll der Mensch nicht vergessen, sich recht vom Herzen zu freuen. Warum willst du dem Kinde das nicht zu Gefallen tun?« So wurde das Mittagmahl in die Laubhütte hinausgetragen. David Brod fühlte es in sich, daß jeder Widerstand gegen das Begehren des Kindes längst in ihm gebrochen war. Aber es herrschte während des Mahles kein fröhlicher Ton; der Baß versuchte lustig zu sein, aber seine Spaße mißlangen und erschienen täppisch. So begnügte er sich endlich mit dem guten Willen und wurde schweigsam, wie die anderen. Als das Tischgebet vorüber war, fuhr Ella plötzlich von ihrem Sitze auf. Ihre Augen leuchteten und blitzten wieder wie ehemals, durch ihre weißen Zähne funkelte ein fast übermütig zu nennendes Lächeln. »Jetzt,« rief sie, »hätte ich Lust, etwas zu singen. Soll ich die neue »Keduscha« Vorsingen, die ihr am ersten Laubhüttentage in der ›Schul‹ vorgetragen habt?« Und das Kind sang die neue Melodie, die sein Vater von dem polnischen Bettler erlernt hatte. Niemals hatte David Brod in der Stimme seines Kindes so viel Süße und Wohllaut geahnt. War das die Melodie, die er dem sarmatischen Bettler abgekauft hatte? Denn wieder hatte sein Kind der altorientalischen Weise ein Gepräge gegeben, daß sie als etwas ganz anderes erschien, während der süße Kern unberührt geblieben war. Wie fing Ella es nur an, daß David Brod sich selbst gestehen mußte, er habe die Melodie erst jetzt recht begriffen: nun wüßte er erst, wie ihr »beizukommen« sei! Was waren dem Kinde jene Schwierigkeiten, die wie hohe unübersteigliche Berge vor ihm und dem Baß dagelegen? Spielend schritt Ella über sie hinweg, und wohin sie trat, da quoll es unter ihren Schritten wie eine goldene Saat auf, in der sich wunderbare Singvögel bargen. »Hör auf! Hör um Gottes willen auf, Ella,« rief er, noch ehe die letzten Töne verklungen waren. Der Baß aber sagte: »Willst du wissen, David Brod, wie mir unsere ›Keduscha‹ vorkommt, wenn sie dein Kind singt? Du erinnerst dich noch an den Schnorrer, der uns den Gesang gelehrt hat, an die schwarzen Ringellocken und an die hohe Pelzmütze, und an den schmutzigen Kaftan, der seinen Leib bedeckt hat. So ist er mir wieder vor den Augen gestanden, bevor dein Kind angefangen hat. Jetzt aber war es mir, als hätte er eine glänzende Krone auf seinem Kopfe gehabt, und um den Leib herum flatterte ein weites prächtiges Gewand, und aller Schmutz war verschwunden, und er war wahrhaft schön geworden.« David Brod hatte sein Haupt gesenkt: schwere Tränen rollten über seine Wangen; er suchte sie nicht mehr zu verbergen. »Was willst du vor mir noch beweisen, Feiwelmann,« sagte er, »was nicht mehr bewiesen zu werden braucht?« Dann rief er das Kind zu sich. »Komm her,« sagte er, »ich will dich heute schön benschen ... denn morgen gehen wir zum Grafen ... und da gehörst du nicht mehr mir!« Über das Haupt des Kindes, der künftigen Künstlerin, flossen die uralten, heiligen Segensworte: »Der Engel, der mich erlöst hat aus allem Übel, er segne dieses Kind, und genannt werde an ihm mein Name und der Name meiner Mütter Sara, Rebekka, Lea und Rachel.« – – »David Brod,« hatte der Graf gesagt, »ich wiederhole Euch und Eurem Kinde gegenüber mein Versprechen, für Ella zu sorgen, insolange sie sich durch Gehorsam dessen würdig zeigt.« Seltsam! dem Kinde schenkte er nicht die geringste Aufmerksamkeit; er hatte die letzten Worte mit einer Bestimmtheit in Ton und Gebärde zugesichert, daß sie sogar dem an leidende Demut gewohnten Vorbeter auffallen mußten. »Und wie wird es mit der Religion stehen?« wagte er schließlich noch die Frage, »wie wird es damit stehen, gestrenger Herr Graf?« »Die Kunst selbst ist eine Religion,« sagte der Graf kurz. Auf David Brods Lippen wollte sich ein Bedenken drängen, das ausgesprochen werden wollte. Aber es erstarb ihm auf der Zunge; die strenge Miene des hohen Herrn ließ kein Wort mehr aufkommen. Als die beiden aus dem Schlosse kamen, erwartete sie draußen vor dem Gitter Feiwelmann, der Baß. »Ist alles gut?« fragte er, »hat er sie angenommen?« David Brod konnte nur mit dem Kopfe nicken. Sein Antlitz zeigte keine freudige Erregtheit. Dann erzählte er ihm, während Ella voranging, in flüsternden Worten, als ob er einen Lauscher hinter sich vermutete, wie merkwürdig verändert ihm der Graf entgegengetreten sei; da sei keine Spur von jener Herablassung zu finden gewesen, die er an jenem Abende in der Laubhütte zur Schau getragen; es sei ihm gewesen, als ob der Graf von heute ein ganz anderer geworden, als hätten »böse Geister« an ihm gearbeitet, um ihn gegen sich und das Kind einzunehmen. »David Brod,« sagte Feiwelmann, der Baß, während sich über sein breites Gesicht wieder jener traumhaft verlorene Zug legte, »du wirst doch nicht meinen, er hat durch seine Leute erfahren, daß wir mit unserem neuen Gesang durchgefallen sind?« »Feiwelmann, Narr!« schrie der Vorbeter erbost. »So weiß ich nur eines,« sagte der Baß, ohne sich an den Grimm seines Herrn und Vorgesetzten zu kehren. »Er hat dem Kinde schon jetzt den Meister zu erkennen gegeben: denn Ella wird einen Meister nötig haben!« Wahrscheinlich hätte Feiwelmann, der Baß, und wäre er selbst vor einem peinlichen Gerichte gestanden, nicht anzugeben gewußt, warum er das sprach! – Laubhüttenfest war wieder ins Land gekommen. Am Abende saßen die beiden Männer wieder in der leichtgezimmerten Hütte, als deren Dach der grüne Waldschmuck, den die Bauern gebracht hatten, diente. Sonst war nichts in der Laubhütte zu sehen ... die Wände kahl, nicht einmal vergoldete Nüsse und Äpfel gaben Zeugnis davon, daß sich irgend jemand bemüht hatte, der Hütte einen traulicheren Charakter zu verleihen. »Denkst du noch, Feiwelmann,« sagte David Brod, nachdem er die Segensformel über den Wein und das weiße Brot gesprochen, »wie sie, heute ist's ein Jahr, in den Garten des Grafen um Blumen gelaufen ist? Gott der Lebendige weiß, wie ihr der Gedanke gekommen war. Was hab' ich nun davon, daß damals unsere Laubhütte schöner war als irgend eine in der ganzen Gasse? Jetzt fehlt mir das Kind – das hab' ich davon!« »Kuriose Gedanken an einem Feiertagabend, David Brod!« grollte der Baß. »Sie fehlt mir, Feiwelmann!« sagte der Vorbeter, »wo ist sie jetzt? Sitzt sie heute in einer Laubhütte? Und wenn du mir heute Speise von der Tafel eines Königs vorsetzest, ich werde sie nicht anrühren, denn mein Herz ist mir schwer.« »David Brod,« sagte der Baß mit mühsam erzwungenem Lächeln, »wenn man dich so reden hört, so möchte man schier glauben, du hast dein Kind verkauft und nun irrt es auf der Straße umher und sucht seinen Vater?« »Feiwelmann,« rief der Vorbeter, »du hast das rechte Wort gesprochen. Ist mir denn anders zumut, als wäre sie verkauft? Wenn mein gutes Weib, mit der Friede sei, noch am Leben gewesen wäre, sie hätte es nicht zugegeben; denn eine Mutter läßt ihr Kind, was sie geboren und mit ihrem Blute genährt, nicht so leicht von sich fort. Aber ich, der Vater, bin ein so leichtsinniger Mensch gewesen. All ihr Leben könnt' mir das mein Weib, die nun im Grabe liegt, nicht verzeihen!« Da zog Feiwelmann, der Baß, einen Brief aus seiner Rocktasche hervor. »Man soll nicht sagen, David Brod,« meinte er, »ich hätte dir deinen Feiertag verdorben. Da sieh her, wer das geschrieben hat?« »Vom Kind? von Ella?« schrie der Vorbeter, »warum zeigst du ihn erst jetzt?« »Ich hab' heute unsere Laubhütte damit schmücken wollen, ... weil sie uns doch fehlt.« »Lies vor, Feiwelmann,« rief der Vorbeter, »ich könnt' ihn ja doch nicht lesen, denn das Sehen ›verschießt‹ mir.« Und Feiwelmann las vor: »Herzliebster Vater bis zu hundert Jahren! Guter Feiwelmann Baß! Wenn dieser Brief bei Euch ankommt, da habt Ihr gewiß draußen im Hofe unseres Hauses die Laubhütte wieder aufgerichtet, und Feiwelmann hat, wie er das grüne Tannenreisig aufs Dach gelegt hat, dabei ausgerufen: Gott, wie duftet das, ich werde an meinen Wald in Bayern gemahnt! Darum habe ich es so eingerichtet, daß Ihr den Brief gerade heute in die Hände bekommt, und Feiwelmann soll ihn dem Vater vorlesen, damit Ihr beide glaubet, ich sitze unter Euch! Feiwelmann, der Baß, hat übrigens recht: unter allen Feiertagen halte ich auch auf das Laubhüttenfest am meisten. Da ist noch alles grün und in den Gärten blühen noch Blumen, und in den Synagogen halten die Leute den ›Lulev‹ und den ›Eßrog‹ in der Hand. Warum kann so etwas nicht das ganze Jahr hindurch andauern? Ich möchte, wenn ich die Gewalt dazu hätte, anordnen, daß in der Synagoge immer etwas Grünes aus dem Walde oder Blumen zu sehen wären. Ich glaube, die Leute möchten dann nicht so sehr schreien, wenn sie beten, und ihren Körper nicht so heftig hin und her bewegen, als wären sie selbst Bäume, mit denen ein starker Wind unbarmherzig umgeht. Denn was sagt mein Gesangslehrer stets, den mir der Herr Graf gegeben hat: ›Ella‹ sagt er, ›Sie müssen Ihren Oberleib, währenddem Sie singen, ruhig halten, Sie dürfen mit Ihren Armen nicht umherwerfen, wie ich es an Ihren Leuten bemerkt habe, wenn sie in der Synagoge sind. Denken Sie sich in die Lage, daß Sie auf der Bühne sind, und ich befinde mich im Publikum. Was ist meine erste Idee? Das Mädchen mag wohl eine vortreffliche Stimme besitzen, aber ihre Manieren sind aus irgend einer ›Gasse‹ hervorgegangen‹. So sagt mein Gesangslehrer, und ich muß allemal dabei an Feiwelmann, den Baß, denken, wie der sich beim Gesänge die Hand an die Backe hält, und wie ich recht gehabt habe, ihm zu sagen, daß sich das nicht schickt. Lieber Feiwelmann Baß, verzeihe mir, wenn ich Dir damit wehe getan habe, aber ich kann mir nicht anders helfen. Es ist nicht schön, seine Backe so zu verunzieren, während man singen soll. Auch muß ich Euch schreiben, daß ich drei verschiedene Lehrer für Sprachen habe, einen, bei dem ich das Italienische lerne, einen, der mir die deutsche Sprachlehre beibringt, denn der Herr Graf hat gleich anfangs gemeint, mein Deutsch sei kein Deutsch, ich müßte meinen alten ›Jargon‹ abstreifen, der mir noch anhängt, und endlich einen, bei dem ich deklamieren lerne, und welche Gebärden man zu machen hat, wenn man etwas vor Leuten öffentlich singt, was man Mimik nennt. Das Singen und Klavierspielen ist aber die Hauptsache, und neulich hat der Herr Graf, wie er hier war, Prüfung mit mir angestellt aus allen Gegenständen, und zuletzt kam das Singen daran. Ich weiß nicht, warum ich dabei so gezittert habe ... und hätte mich doch gar nicht gefürchtet, als ich das erste Mal vor ihm in seinem Garten gesungen habe. Wie ich fertig war, ist der Herr Graf gar still dagesessen, und hat kein Wort gesprochen. In dieser Nacht habe ich so viel geweint wie damals, als sie die Mutter auf den ›guten Ort‹ hinaustrugen. Am anderen Tage ist der Herr Graf wieder gekommen. ›In allen Gegenständen bin ich mit deinen Fortschritten vollkommen zufrieden,‹ hat er zu mir gesagt, ›nur dein Singen scheint kein Wort halten zu wollen. Singe mir das gestrige Lied noch einmal.‹ Da ist mir vom Herzen herauf etwas zu Kopfe gestiegen, es war wie ein Stoß und Schlag, daß ich meinte, aus meinen Augen fahren Blitze, und die müßten mich selbst in Brand stecken. Ich habe wieder gesungen, und dann hat der Herr Graf seine Hand auf meinen Kopf gelegt und hat dabei nur ein einziges Wort: ›Karfunkel‹ gesprochen. Das ist mir aber genug und mehr, als hätte er einen ganzen Tag mit mir geredet. Als er dann fortging, hat er die Frau, bei der ich in Kost und Quartier bin und alles andere habe, gerufen und hat ihr gesagt, sie möchte mir ein neues seidenes Kleid kaufen, und es aufs schönste herrichten lassen. Da weiß ich nicht, wie so es mir über die Lippen gekommen ist, aber ich habe gesagt, wenn ich um etwas bitten dürfte, so wäre es kein Kleid. ›Und was denn, Karfunkel?‹ fragte der Graf. ›Ich möcht' ein Gebetbuch haben,‹ antwortete ich, ›wie ich eines zu Hause gehabt habe.‹ Der Graf sah mich mit seinen durchdringenden Augen eine Weile an. ›Warum willst du ein Gebetbuch?‹ sagte er, ›sehnst du dich vielleicht nach deiner Gasse und Laubhütte zurück?‹ Da habe ich gemeint: ›Ich möchte zuweilen mit meinem Vater und mit Feiwelmann reden, und das kann nur durch das Gebetbuch geschehen.‹ Da hat der Graf laut aufgelacht. ›So kaufen Sie ihr ein seidenes Kleid und ein Gebetbuch,‹ hat er zu der Frau gesagt; ›wo das letztere zu bekommen ist, werden Sie wohl wissen.‹ Und er hat so spöttisch gelächelt, und die Frau auch; ich konnte nicht erraten, warum? Am anderen Tage ist es mir klar geworden. Da hat mich die Frau auf einen Spaziergang mitgenommen, und wir sind weit, weit gegangen, bis wir in eine schmutzige und enge Gasse kamen. ›Das ist die ›goldene Gasse‹, hat sie gesagt, ›sieh dich doch um, wie ›deine Leute‹ hier aussehen.‹ Lebendiger, großer Gott! was hatte ich ihnen denn zuleide getan, daß sie dort so auf mich zugestürzt sind? Sie haben uns fast die Kleider vom Leibe gerissen, und der eine hat uns das, der andere jenes angeboten. Endlich fragte ich die Frau, was wir denn eigentlich in dieser Gasse tun, denn die Leute sind mir wie wilde Tiere vorgekommen. Da hat sie gesagt: ›Du willst ja ein Gebetbuch kaufen, hier ist es zu haben.‹ Herzliebster Vater bis zu hundert Jahren, und guter Feiwelmann Baß! Ein alter Mann mit wackelndem Kopfe und zitternden Händen, der hat uns endlich gesagt, er hätte, was wir zu kaufen wünschten. ›Was für ein Gebetbuch soll es sein?‹ hat er mich gefragt. › Unser Gebetbuch!‹ habe ich gesagt. ›Bist du denn ...?‹ fragte er mich und sieht mich erstaunt an. ›Mein Vater heißt David Brod,‹ sagte ich ihm still, ›und ist Vorbeter.‹ Darauf hat er mir ein Gebetbuch gegeben, und wie ihm die Frau dafür zahlen wollte, hat er bei dem ›Leben seines Weibes und seiner Kinder‹ geschworen, er nehme keinen Kreuzer dafür. Und so sind wir gegangen, und die Frau hat nichts gesagt. Aber der alte Mann hat uns nachgeblickt, bis wir aus der ›goldenen Gasse‹ heraus waren. Seit ich nun das Gebetbuch habe, ist es mir, als könnt' ich mit Euch von Angesicht zu Angesicht reden, und manchmal singe ich auch die alten Gesänge, wie ich sie von Euch gehört habe, aber das geschieht im stillen und so, daß es die Frau nicht hört. Aber am Laubhüttenfeste da will ich mir die Gebete aufblättern, die man an diesem Tage betet, und ich will keines überschluppern. Jetzt muß ich schließen, weil auch das Papier zu Ende geht. Aber noch muß ich eines mitteilen. Der Graf wird bald eine große Reise antreten, und ich werde ihn vielleicht ein ganzes Jahr nicht zu sehen bekommen. Übrigens verbleibe ich Euer aufrichtiges Kind Ella, auch Karfunkel.« »Was sagst du zu dem Brief, David Brod?« fragte der Baß, nachdem er längst das Vorlesen des kindlichen Schreibens beendigt hatte. »Sie sitzt heute in keiner Laubhütte!« sagte der Vorbeter, vor sich hinstarrend, und heiße Tränen rannen ihm die Wangen herab. »Warum weinst du wieder, David Brod?« sagte der Baß in wahrer Traurigkeit. »Schreibt denn Ella etwas, was das Herz betrübt?« Der Vorbeter fuhr mit der Hand über die nassen Augen. »Lies mir das noch einmal vor, was sie über den alten Mann in der ›goldenen Gasse‹ schreibt,« sagte er. Der Baß folgte seinem Geheiß. »Merkwürdig, merkwürdig,« murmelte David Brod vor sich hin, »sie weiß noch, wie ihr Vater heißt! Wie lange wird das noch dauern?« Dann stand er auf und ging zur Laubhütte hinaus. Die Leute in der »Gasse« wußten sich den Trübsinn, der seit einiger Zeit um das Wesen ihres Vorbeters lag, nicht zu erklären! Wenn sie ihn fragten, wie es seinem Kinde in Prag gehe, so erzählte er ihnen die Geschichte von dem Gebetbuche, welches sie in der »goldenen Gasse« von einem alten Manne zum Geschenke erhalten. Er schien das Bedürfnis zu fühlen, gerade in diesem Punkte das Andenken seines Kindes von allem Verdachte frei zu bewahren! Die Leute sollten nicht glauben, seine Ella wandle bereits auf »Abwegen«, und immer war es die Geschichte von dem Gebetbuche, die er vorbrachte, als ob die Zukunft der künftigen Sängerin in den Zauberkreis jener Gebete eingeschlossen sei, die Ella am ersten Laubhüttentage »sich aufblätterte«. Aber so seltsam geartet ist des Menschen Gemüt! Je öfters er diese Geschichte erzählte, desto weniger Eindruck machte sie auf die Leute. Merkten sie die Absicht des alten Mannes? Am Ende war es ihnen gleichgültig, ob das gering geachtete Kind eines Vorbeters auf den althergebrachten Wegen der Gasse blieb, oder sich davon entfernte. Was wollte David Brod noch? Sein Kind stand im Schutze eines hohen Herrn – und war es nicht etwas Selbstverständliches, daß die Tochter eines Synagogensängers auch eine Sängerin wurde. Briefe ähnlichen Inhaltes, wie der zuletzt mitgeteilte, langten noch öfters an; immer war es ein Wort, ein leise hingeworfener Ausdruck, der die Aufmerksamkeit und das Sinnen des alten Vorbeters fesselte, und dieses Wort, dieser Satz und Ausdruck mußte, um es geradezu heraus zu sagen, mit dem religiösen Leben seiner Tochter in Verbindung stehen! Fand er darin, was er mit dürstender Seele suchte, so konnte er tagelang herzensfreudig umherwandeln und den Leuten seine Entdeckungen mitteilen. Feiwelmann, der Baß, hatte es längst aufgegeben, seinem Herrn und Meister in dieser Beziehung entgegenzutreten. Aber dem alten Manne erging es wie jedem, der einer einzigen maßgebenden Anschauung sich gefangen gibt. Er fühlte und sah nicht mit seinem geistigen Auge die Wandlungen, die indessen mit seinem Kinde vorgegangen; für ihn war sie noch stets das, Kind, das, einem frommen Drange folgend, in die »goldene Gasse« gegangen war, um sich ein Gebetbuch zu holen! David Brod kannte nicht das Gesetz der eisernen Notwendigkeit, jenes tückischen Schmiedes, der in unheimlicher Stille an den Ringen der Kette arbeitet, so daß kein Hammerschlag hörbar ist, bis das Werk vollendet ist, dem wir gemeiniglich den Namen Geschick beilegen! ... Diese Wandlungen waren eingetreten, schneller und eiliger, als sie nach der Natur der Sache hätten erwartet werden können. Jeder Brief Ellas, der von Prag einlief, gab davon Zeugnis. Es lag ein Etwas in diesen Briefen, das wunderbar zurückstand gegen den Ton, die Ausdrucksweise, das Empfinden aller früheren Briefe. Scheinbar hatte sich nichts verändert ... und doch allmählich waren die früheren Gewänder abgefallen ... Das Kind des Vorbeters hatte andere erhalten, nicht jene, an denen die Hand des Menschen wirkt und webt, sondern die die eigene Seele aus sich selbst herausschafft, an deren Zurüstung der eigene Geist gesonnen und gedichtet hat. Ein Brief war wieder eingetroffen; es war gerade am Tage vor dem Laubhüttenfeste, dem zweiten, seitdem Ella das Vaterhaus verlassen. Der Brief lautete: »Lieber Vater! Zwischen heute und morgen tritt ein entscheidender Moment in meinem Leben ein. Der ›Karfunkel‹ beginnt zu glänzen, das Kind der ›Gasse‹ verläßt Prag und geht nach Italien, dem Lande, wo im ›dunklen Laub die Goldorangen glühn!‹ Ein Schreiben meines Herrn Grafen beruft mich dorthin, meine Lehrzeit hier ist vollendet. Dort, in jenen vom milden Kusse der Sonne durchleuchteten Gegenden wird auch mein Stern aufgehen, oder – untergehen für immer. Die Frau, deren Leitung ich in Prag übergeben ward, geht mit mir. Alles ist in Aufruhr in mir ... Hättest Du das gedacht, als ich vor zwei Jahren nichts Wichtigeres und Höheres kannte, als woher ich Blumen für unsere Laubhütte nehmen sollte? Aber der ›Karfunkel‹ beginnt zu glänzen. Lebe wohl für lange, und grüße mir Herrn Feiwelmann ... Ich bin Deine treue Tochter Ella.« Nachschrift. »Wenn die ›Jahrzeit‹ der guten Mutter eintritt, so gehe auf den Friedhof oder den ›guten Ort‹, wie es bei uns bezeichnend heißt, und lege für mich und in meinem Namen ein Steinchen auf ihr Grab.« »Feiwelmann! Lies mir noch einmal den Nachsatz!« rief der Vorbeter. Wieder waren es nur diese wenigen Worte, die all sein Sinnen und Empfinden in Anspruch nahmen. Sein Kind, in voller Zubereitung, um mit weit geöffneten Fittichen wie eine den Lenz aufsuchende Schwalbe, das fernliegende Land des Südens aufzusuchen, – und in David Brods Seele fand nichts anderes Raum als das kleine Steinchen, das er am ›Jahrzeitstage‹ seiner verstorbenen Frau aufs Grab legen sollte. Für sie, für Ella und in ihrem Namen! Feiwelmann, der Baß, sprach lange nachher, als der Brief schon fast vergilbt war, unhörbar sich selbst und anderen, im Wachen und Träumen die wenigen Worte vor sich hin: »Und grüße mir auch Herrn Feiwelmann!« Herrn Feiwelmann! Der Karfunkel begann bereits zu glänzen! Jahre sind seitdem vergangen ... David Brod ist noch immer Vorbeter der Gemeinde, die »Gasse« ist dieselbe geblieben, hie und da ist eine Lücke entstanden, für die draußen auf dem »guten Orte« ein steinernes Denkmal zeugt. Aber der Lebensbaum setzt immer neue Triebe an. Noch war die neue Zeit nicht gekommen, die aus diesen still abgelegenen Gassen die Bewohner wie mit Feuerrufen aus ihrer Ruhe aufjagte, daß sie in wilder Hast aufbrachen, die Stätten ihrer Geburt und die Stätten, wo ihre Eltern begraben lagen, nicht eilig genug hinter sich sehen konnten. Die Fittiche, die später so rasch sich hoben, waren damals noch gesenkt: still war die Luft ringsum und fast bleiern drückend. Was sich heben wollte, wurde in seiner ersten Kraftanstrengung lahm; was hinausstrebte, das ward von hundert und aber hundert Mächten zurückgehalten in Gestalt von Gesetzesparagraphen, die über jeden Schritt und Tritt der »Gasse« wachten. Noch war es nur sehr wenigen gelungen, den Zauberbann zu brechen, der mit der Wucht eines eisernen Gesetzes auf diesen gemiedenen, abgeschlossenen Häusern und Menschen lag; unter diesen war das Kind des Vorbeters. Was war aus Ella, der Tochter David Brods, geworden? Die »Gasse«, die Menschen und Zustände hatten sich also nicht gewandelt. Wenn das Fest der grünen Laubhütten herannahte, wurden wieder die hölzernen Hütten aufgerichtet; Bauern brachten den waldduftenden Schmuck, und wollten noch immer nicht darüber nachdenken, warum nicht auch Abraham und Isaak Anteil an dem Walde haben sollten, um daraus Tannenreisige für ihre Laubhütten zu holen. Wenn die Hütte dann aufgerichtet war, liefen noch immer die Kinder in freudiger Geschäftigkeit umher, saßen mit geröteten Wangen bei Nüssen und Äpfeln, die sie mit Rauschgold bekleideten ... Was war indessen aus der Tochter des Vorbeters geworden? Die es wissen sollten, wußten es längst nicht mehr. Wenn man den Vorbeter darum fragte, so schüttelte er den Kopf, und höchstens sagte er mit einem Tone von Verbissenheit, den man früher an ihm nicht kannte: »Was soll mit ihr sein? Sie wird singen!« und wenn Feiwelmann, der Baß, Rede stehen sollte, so war seine gewöhnliche Antwort: »Ein Karfunkel braucht einige Zeit, bis er geschliffen ist.« Das eine war klar: weder David Brod noch sein Baß schienen mit Sicherheit zu wissen, was aus Ella geworden. Was war aus dem Kinde geworden? Droben im gräflichen Schlosse wußten sie es auch nicht, oder sie gaben höchstens ausweichende Antworten. Der Graf weilte noch immer in der Ferne auf Reisen; niemand konnte Auskunft geben, wann seine Rückkehr zu erwarten war. Einmal kurz vor Beginn des Laubhüttenfestes war Feiwelmann, der Baß, wieder auf dem Schlosse gewesen. Da hatte man ihm im Namen des Grafen für David Brod eine nicht unbedeutende Geldsumme eingehändigt und ihm dabei gesagt, ein gleicher Betrag würde jährlich an ihn ausbezahlt werden; er möge »einstweilen« sich damit begnügen und nicht weiter nachforschen; das Geld käme nicht vom Grafen. Er sollte sich damit gütlich tun, die Zeit der Kümmerlichkeit und des Darbens sei vorüber! Ella lebte also? Was war mit ihr geschehen? All das hatte Feiwelmann, der Baß, getreulich dem Vorbeter berichtet. Aber als er ihm das Geld einhändigen wollte, stieß David Brod einen markdurchschütternden Schrei aus. Mit krampfhaft zitternden Händen schob er das dargereichte Geld zurück. »Verbrenn es oder zerstampf's!« schrie er. »Was will sie mir damit abzahlen? Die Tränen, die ich um sie geweint habe? Das zerbrochene Herz? Daß ich nicht weiß, ob sie lebt, ob sie gestorben und verdorben ist? Was will sie damit mir abkaufen?« Und als Feiwelmann in tiefster Bekümmernis sagte: »David, du kannst das Geld ruhig behalten, von Ella kann gar nichts Schlechtes kommen,« da packte ihn der alte Mann mit der Kraft eines Jünglings an der Schulter und schrie: »So sagst du, weil sie nicht dein Kind ist und weil du die Schuld trägst, daß ich sie weggegeben habe. Wirst du vielleicht dich zur ›Schiwe‹ (siebentägigen Trauer) hinsetzen, wenn du hören wirst, das Kind sei mir abgestorben? Wirst du dir deinen Rock zerreißen?« »Ella lebt aber!« rief Feiwelmann. Da brach die fieberhaft aufgestachelte Kraft des alten Mannes in sich zusammen: »Feiwelmann,« sagte er schwach, »du wirst erraten, was in mir vorgeht, dir brauche ich nichts anderes zu sagen. Aber besser wäre es, ich könnte mich hinsetzen auf einen niedrigen Schemel und um mein gestorbenes Kind trauern, als so zu leben und nicht zu wissen ob sie mir gestorben ist« ... Der Baß nahm das Geld zu sich und brachte es in sichere Verwahrung. In der Gasse unterhielten sich aber die Leute mit der in allen Formen einer sicher verbürgten Tatsache verbreiteten Neuigkeit, David Brod werde es von nun an nicht mehr nötig haben, Vorbeter zu sein; David Brod könne sich nun auf seine alten Tage pflegen und gütlich tun, denn seine Tochter, die häßliche Ella, schicke ihm nun Geld, soviel als er nur brauche, und die kleine Ella sei eine große Sängerin geworden! Wie die Leute das nur wußten! Sie lasen kein gedrucktes Blatt; in ihre Stuben flatterte keiner jener papiernen Boten, der ihnen Kunde brachte aus der großen und kleinen Welt; die wenigsten unter ihnen ahnten, daß es außerhalb ihres mühevoll in Drangsal und Arbeit ringenden Lebens ein Reich der Kunst gebe ... und doch sprachen sie die Wahrheit. Das Kind des Vorbeters war in der Tat eine große Sängerin geworden. In einer großen Stadt Oberitaliens war eines Abends das ganze im Theater versammelte Publikum in der furchtbarsten Aufregung; man schrie, lärmte und pfiff, der Vorhang wollte nicht in die Höhe gehen, die Stunde des Beginns war längst vorüber. Da, als der Lärm und das Toben alle Grenzen überschritt, trat der Impresario des Theaters unter tiefen Bücklingen vor die Lampen ans Orchester und meldete mit gramumhüllter Stimme: Er habe dem hochgeehrten Publikum eine bedauerliche Mitteilung zu machen, die aber niemanden tiefer und schmerzlicher berühre als ihn selbst, Die erste Sängerin nämlich, die die »Norma« singen sollte, sei plötzlich aufs ernstlichste erkrankt; es habe aber in der Eile, da keine andere Vorstellung so schnell vorgeführt werden könne, eine junge Sängerin, die bisher in zweiten und dritten Rollen beschäftigt gewesen, sich erboten, die Stelle der erkrankten ersten Künstlerin zu vertreten. Ob das hochgeehrte Publikum zu diesem durch die Umstände gerechtfertigten Wagestück seine Erlaubnis geben? ob es das junge Mädchen mit Nachsicht behandeln wolle? Ein wütendes Geschrei folgte als Antwort auf die Anrede. Einige riefen dem Impresario zu, ob sie gekommen seien, um mit unreifem Obste bewirtet zu werden; andere wieder schrien, sie wollten das junge Mädchen sehen, und diese trugen endlich den Sieg davon. Die Musiker stimmten die Ouvertüre an, darauf ging der Vorhang in die Höhe, und die Oper konnte beginnen. Der einleitende Chor wurde kaum angehört, denn noch hatten sich in dem weiten Saale die wild aufgeregten Leidenschaften nicht beschwichtigt. Da trat ein junges, dem Anscheine nach zwanzigjähriges Mädchen auf die Bühne ... die Priesterin Norma. Ein weißes, wallendes Gewand umwogte ihre zwar nicht hohe, aber im schönsten Ebenmaße gebaute Gestalt; in den schwarzen Haaren lag ein Kranz von grünem Laub, aber ihr Antlitz war tief bleich, und die Augen schienen nach Schutz zu suchen. Sie sang ... und als spät nach Mitternacht der Vorhang niederfiel, stand eine unbestreitbare Tatsache fest: Mit Isabella Brodini, so hieß die junge, stimmgewaltige Sängerin, war ein glanzvoller »Stern« am Himmel der Kunst aufgegangen! Das alles wußten die Leute in der stillen böhmischen Gasse nicht; sie wußten auch nicht, daß von jenem Abende an der Siegeslauf einer Künstlerin begann, deren Vater ihnen an Sabbaten und Feiertagen die heiligen Gebete vortrug. Wohin das bleiche Mädchen mit den großen Augen und der lerchenhaften Stimme kam, war es, als ob den Menschen eine neue Offenbarung über das Walten des Göttlichen in einem irdischen Geschöpfe entgegengetreten wäre. Alles das wußten die Leute nicht, und doch behaupteten sie, aus dem Kinde ihres Vorbeters sei eine große Sängerin geworden! Woher war ihnen diese Kunde gekommen? Eines Tages kam Saul Weißfisch, der säbelbeinige Schneider, zu David Brod. »David!« sagte er, »Euer Kind ist jetzt etwas Großes geworden; da muß sie sehr schöne Briefe schreiben, und ich bin all mein Leben ein Freund von schönen Briefen gewesen. Darum möcht' ich Euch bitten, zeigt mir, was Euch Euer Kind schreibt; ich kann mir denken, was so eine große Künstlerin schreiben kann!« »Ich habe keine Briefe,« schrie der Vorbeter, und ein ergrimmtes Antlitz drohte dem erschrockenen Schneider zu. »Ihr habt keine Briefe von Eurem Kinde!« rief Saul Weißfisch erschrocken. Dann lächelte er fein und boshaft. »David Brod,« sagte er mit aufgehobenem Finger, »wollt Ihr auf Eure alten Tage mir, Saul Weißfisch, gegenüber, den »Min« (Heuchler) spielen? So gut ich Saul Weißfisch heiße, so gut habt Ihr Briefe von Eurer Tochter. Mir werdet Ihr einreden wollen, daß Ihr keine Briefe habt? Ihr wollt sie nur nicht vorweisen, weil Ihr fürchtet, ich könnte daraus erfahren, daß Ihr nun ein reicher Mann seid, dem seine Tochter ungezähltes Geld schickt, und daß die Gemeinde Euch vielleicht etwas von Eurem Gehalte abziehen könnte! David Brod, was seid Ihr doch für ein Min geworden!« Das ist das Bitterste eines bekümmerten Herzens, wenn die platte Gemeinheit es wagt, die plumpe Hand an das Heiligtum unserer Empfindung zu legen, in unserer Schweigsamkeit Berechnung zu erblicken, die darauf loszielt, die blöde Neugierde des Nachbars im unklaren zu erhalten! David Brod konnte ein schönes Liedlein davon singen. Eine trübe Vereinsamung warf immer tiefer fallende Schatten um den alten Mann; nicht einmal der einzigen Seele gegenüber, der sein geheimnisvolles Leiden offen vor Augen lag, konnte es gelingen, sie von ihm fern zu halten. Zwischen David Brod und seinem Freunde Feiwelmann lag etwas wie ein blankes Schwert, das jede Annäherung ihrer Seelen unterbrach. Sie wohnten und aßen miteinander; sie saßen sich gegenüber; wenn aber die Rede auf diejenige kam, die der eine als eine Tote ansah, während sie in dem Herzen des andern in Glanz und Herrlichkeit und ungetrübter Lebendigkeit thronte, dann klaffte der unheimliche Riß, der ihren Bund in zwei unheilbare Hälften auseinander gerissen hatte. Diese innere Entfremdung nahm von Tag zu Tag zu; trat sie einmal äußerlich zurück, so daß es schien, als hätten sich die beiden wiedergefunden – so zeigte es sich bei einer andern Gelegenheit, daß der Groll des Vorbeters von seinem üppig wuchernden Gedeihen nichts verloren hatte. Das war einmal so weit gegangen, daß Feiwelmann, der Baß, seiner Natur untreu, zornig aufgestanden und geäußert hatte: »David Brod, ich sag' es dir, wenn du dich nicht änderst, so schnür' ich mein Bündel und gehe wieder nach Bayern zurück.« »Warum nicht, Feiwelmann,« hatte dagegen David Brod gesagt, »da hast du nicht weit nach Frankfurt am Main und kannst wieder deinen großen Künstler spielen sehen.« Dieser höhnischen Anspielung gegenüber, die deutlich bewies, daß aus dem Gedächtnisse des alten Mannes auch nicht die leiseste Erinnerung an jahrelange Erlebnisse geschwunden war, fühlte sich Feiwelmann schwach wie ein Kind. »Hab' ich denn schon gesagt,« rief er stotternd, »daß ich gehen will? Bis du nicht deinen Stecken nimmst und jagst mich auf und davon, gehe ich nicht von dir. Was soll ich auch in Bayern tun? In Böhmen gefällt es mir, da will ich bleiben.« In einer Nacht wachte Feiwelmann, der Baß, in seiner Kammer, es war dieselbe, die einst dem Kinde des Vorbeters zur Schlafstätte gedient hatte, länger als es seine Gewohnheit war. Er konnte keinen Schlummer finden; sein Gehirn war infolge einer jener peinlichen Unterredungen mit David Brod, die jetzt öfters stattfanden, tief aufgeregt, alle Ruhe war von ihm gewichen. Sollte er wirklich sein Bündel schnüren und sein Mutterland Bayern wieder aufsuchen? Seine Habseligkeiten waren bald schnell gepackt ... dann ein Sprung durch das niedere Fenster und er war außer dem Bereich des Grolles und des nagenden Kummers, der ihm stündlich und täglich seine Tage vergällte. Da durchzuckte ihn ein merkwürdig »wilder« Gedanke, sein Gesicht flammte hoch auf, all sein Denken und Fühlen war wie ein glühender Erzstrom in Fluß geraten. Er setzte sich hin und schrieb folgenden Brief: »Herrlicher Karfunkel in der weiten, weiten Welt! Wie ich noch ein Kind war zu Hause in Bayern, da hat mir einmal eine alte Frau ein Märchen erzählt, welches ich bis auf den heutigen Tag nicht vergessen habe. Ein Königskind war seinen Eltern geraubt und von den Räubern in einen großen finstern Wald gebracht worden. Wie es älter ward, ist aus ihm selber ein Räuber geworden, den man gefangen genommen und vor das Angesicht des Königs gebracht hat. Da hat man den Räuber gefragt, wer er sei und von welchen Eltern er abstamme, da hat er geantwortet: Eltern habe er keine gehabt, nur an das eine könne er sich erinnern, daß er in seiner Kindheit mit etwas Glänzendem gespielt habe, was gerade so aussehe wie die Krone auf dem Haupte des Königs. Da ist der König ihm um den Hals gefallen und hat ausgerufen: ›Du bist mein Kind‹. Und so eine Krone, glaube ich, mit der man in seiner Kindheit gespielt hat, besitzt jeder Mensch, und wenn er noch so alt wird und sich verändert, das goldene Spielzeug geht ihm nicht aus dem Kopfe, und wenn die Toten reden könnten, würde vielleicht mancher sagen: Es war mein letzter Gedanke! Für mich ist und war diese Krone ... eine hölzerne Truhe, in welcher meine Mutter (mit der der Friede sei) ihre »guten« Sachen aufgehoben hat: ihre goldene Haube, ihre Feiertagskleider und unten auf dem Boden auch ihre einstigen Sterbegewänder! Wenn die Mutter diese Truhe aufgemacht hat, war es mir stets, als müßte ich mich auf etwas Besonderes freuen; der Schlüssel hat so merkwürdig geknarrt und die große Truhe hat gekracht, als hätte sie sagen wollen: Es ist ganz gut, daß ihr mir einmal Luft macht, ich kann es fast nicht aushalten. Und noch jetzt höre ich das Geknarre des Schlüssels und das Krachen der Truhe! Wie geht es denn Dir, herrlicher Karfunkel, in der weiten, weiten Welt? Hast Du denn keine Krone aus Deiner Kindheit, nicht einmal eine armselige Truhe, wie ich eine gehabt habe? Hast Du denn nichts, gar nichts, was Dich an diese Kindheit und an uns erinnert? ... Von mir will ich gar nicht reden. Was bin ich einem Karfunkel gegenüber? Und dennoch red' ich mir ein, Du mußt manchmal daran denken, wie Du mir verboten hast, beim Singen die Hand an die Backe zu legen! Wenn ich aber auf Deinen Vater David Brod sehe, tut mir mein Herz wehe! Hast Du denn gar nichts, leuchtender Karfunkel, kein Spielzeug, keinen Schlüssel, der knarrt, keine Truhe, die kracht, wenn man sie aufschließt; kein Trenderl, welches sich kreiselt, nichts, gar nichts, was Dich an ihn gemahnt? Unsere Laubhütte ist alt geworden, und wenn wir sie mit Gottes Hilfe im nächsten Jahre wieder aufrichten, muß Johannes, der Zimmermeister, der in der Klostergasse wohnt, ein paar neue Bretter hineinarbeiten. Auch David Brod ist alt geworden, aber ob einer außer Dir imstande ist, ihm ein paar neue Lebensbretter zu verschaffen, das weiß ich nicht. Denk an diese Bretter, Karfunkel ... denn es könnte bald geschehen, daß andere Leute daran denken müssen ... Krank ist er nicht, nur gewaltig müde. Im übrigen glaub nicht, daß ich in Deiner Kunst Dich stören will. Denn wer hat immer gesagt: David Brods Kind ist ein Wunder von Gott? Und wer hat aufgehört, seine Backe beim Singen zu halten? War das nicht Feiwelmann, der Baß? Und warum hat er aufgehört? Weil es ihm ein Kind geboten hat, auf das er mehr gehört hat, wie auf das Wort eines Kaisers! Verzeihe mir, daß ich das alles so geradezu heraussage. Aber ... Du hast Deinen Vater in acht Jahren nicht gesehen, und ich ... ich habe ihn stündlich vor Augen. Lebe wohl, leuchtender Karfunkel, dem ich bin in tiefster Ehrfurcht Feiwelmann , der Baß.« Diesen Brief siegelte der Baß noch in der Nacht, trug ihn am andern Tage aufs Schloß und übergab ihn demjenigen von den Bediensteten des Grafen, der ihm im Namen seines Herrn die von Zeit zu Zeit einlangenden Geldbeträge für David Brod einhändigte. Anfangs lächelte der Bedienstete so geheimnisvoll ... und verweigerte dann entschieden die Übernahme des Briefes. Aber Feiwelmann bat so inständig und geriet in einen solchen Eifer, daß der Diener endlich das Versprechen gab, er werde das Schreiben an die bezeichnete Adresse gelangen lassen. Ob aber eine Antwort erfolgen werde? ... Ach! wer Feiwelmann vom Schlosse kommen sah, so atemlos, das breite gutmütige Antlitz von Schweißtropfen feucht, mit den Händen um sich arbeitend, als wollte er eine unsichtbare Macht von sich abwehren, hätte vermuten können, der Baß habe in die Schatzkammer des Grafen einen kühnen Griff getan, den er nun bergen wollte, und doch hatte er nichts anderes getan ... als daß er seinen Brief an Ella in Sicherheit gebracht! Kurz nach diesem in Feiwelmanns Augen so überaus wichtigen Ereignisse kam des säbelbeinigen Schneiders Saul Weißfisch Sohn, Gottlieb, auch unter dem Namen »der verdorbene Student« in der Gasse bekannt, auf die Ferien nach Hause. Mit dieser Bezeichnung ging die »Gasse« unstreitig viel zu weit. Gottlieb Weißfisch, der Mediziner, war durchaus nicht das, was man im Leben so oberflächlich einen schlechten Studenten nennt; aber weil er bereits durch volle zehn Jahre seiner Wissenschaft oblag, ohne daß er es zu einem Abschlusse als wohlbestallter Doktor brachte, während Gottlieb Weißfisch eigentlich nur der Wissenschaft in die allerletzten Geheimnisse hineinblicken wollte, wozu bekanntlich eine längere Zeit erheischt wird, als gewöhnliche Menschenkinder diesem Geschäfte zu widmen für gut befinden – darum nannten ihn die Leute einen verdorbenen Studenten. Anscheinend hatten sie wohl eine Art Berechtigung dazu, im Grunde jedoch verdiente der Sohn des Schneiders durchaus nicht diese Bezeichnung. Wenn man ihn hörte und ansah, war er eine Zierde der Universität, und nur die Professoren, die ihm so »aufsässig« waren, daß sie ihm bereits dreimal den Rat erteilt hatten, die schlecht bestandenen Prüfungen noch einmal zu bestehen, wollten dies nicht anerkennen. Wie dem aber immer sei, in einer Beziehung, und man konnte dies des schlechten Studenten eigentliche Wissenschaft nennen, war Gottlieb Weißfisch geradezu groß. Er kannte das Theater durch und durch; kein irgendwie bedeutender Schauspieler und keine irgendwo berühmte Schauspielerin waren ihm unbekannt, und namentlich in der Oper, seinem Lieblingsstudium, bewies er staunenswerte Kenntnisse. Der »verdorbene Student« war darum nur in den Augen der älteren Leute, die lieber einen »fertigen« Doktor in ihm gesehen hätten, ein Gegenstand stillwuchernden Spottes; für die jüngern dagegen hatte sich Gottlieb Weißfisch im Laufe seiner medizinischen Studien geradezu als unentbehrlich bewiesen. Was brauchten sie ins Theater zu gehen, wenn Gottlieb Weißfisch es über sich nahm, ihnen den Inhalt der berühmtesten Trauerspiele mit der vollständigen Deklamation und Gestikulation der »größten« Schauspieler und Schauspielerinnen auf das getreueste wieder zu erzählen? Was hatten sie nötig, die Oper zu besuchen? Durch Gottlieb Weißfisch kannten sie die schönsten Arien aus dem »Don Juan«, aus dem »Freischütz«, aus »Robert dem Teufel« und anderen Opern, die er ihnen mit schmelzender Stimme so lange vorsang, bis sie sie auswendig wußten. In diesen Kreisen war also der »verdorbene Student« eine hochangesehene Persönlichkeit, auf deren Ankunft in den Ferien Monate zuvor erwartungsvolle Gemüter gerichtet waren! An einem Sabbatnachmittage saß Gottlieb Weißfisch, der »verdorbene Student«, in der Werkstätte seines Vaters, um ihn eine zahlreiche Gesellschaft von jungen Mädchen und Männern, die alle gekommen waren, ihrem Abgotte die schickliche Anstandsvisite zu machen, denn er war erst tags zuvor in der Heimat eingetroffen. Auch Feiwelmann, der Baß, war da, der sich merkwürdigerweise mehr zu der Jugend als zum Alter hielt. An diesem Nachmittage war Gottlieb Weißfisch bei besonders guter Stimmung, er gab alle Opern zum besten, die er seit Jahresfrist gehört, und auch mit dem Inhalte zweier Trauerspiele war er bereits fertig geworden. Seine Zuhörerschaft schwamm in Entzücken, und manches feuchte Mädchenauge schien verraten zu wollen, wie schade es doch sei, daß der »verdorbene Student« in den Augen besorgter Eltern eine so ungünstige Figur vorstellte. Unter anderem hatte Gottlieb Weißfisch auch eine Arie aus der damals besonders viel genannten »Norma« seinen Bewunderern zum besten gegeben; am Schlusse rief er traurig und mit der Miene eines wahrhaft Unglücklichen aus: »O! wie bedauere ich es, daß es mir nicht gegönnt war, noch diese Woche in Prag zu bleiben. Welch ein Kunstgenuß stand mir bevor? Heute tritt die göttliche Brodini auf, der ein ungeheurer Ruf vorangeht, und ich, ich bin nicht in Prag!« Mitleidige Rufe aus den Reihen der um ihn dicht geschürten Gesellschaft belehrten ihn, wie tief bedauerlich diese Tatsache jedenfalls sei. »Wer ist die Brodini?« fragte ein schüchternes Mädchen von sehr sanftem Gesichtsausdruck. »Sie wissen nicht, wer die Brodini ist?« belehrte sie Gottlieb Weißfisch mit jener überlegenen Miene, wie sie der Sage nach allen »verdorbenen Studenten« eigentümlich sein soll. »Sie wissen nicht, wer die Brodini ist?« wiederholte er nochmals, die schüchterne Fragerin mit seinen Blicken anstarrend. »Ich möchte es auch gerne wissen,« ließ sich eine Stimme aus den hintersten Reihen der Gesellschaft vernehmen. Sie gehörte Feiwelmann, dem Baß, an, aber niemand achtete darauf, welch ein sonderbares Beben dieser Stimme innewohnte. »Nun,« ließ sich endlich Gottlieb Weißfisch, nachdem er sich eine geraume Weile an der Verwilderung seiner Zuhörerschaft stillschweigend geweidet, vernehmen, »nun, die Brodini soll eine der größten Sängerinnen sein, die die Welt seit langer Zeit gehört. Ob sich dieser Ruf bewahrheitet, kann ich nicht mit Bestimmtheit behaupten, denn leider kann ich ihrem Auftreten nicht beiwohnen. Die Brodini ist übrigens nicht nur durch ihre Stimme so berühmt, man sagt auch, daß um ihre Herkunft ein geheimnisvoller, Schleier gebreitet liege, den noch niemand zu lüften imstande war. Einige behaupten, sie sei eines vornehmen Grafen Tochter, die aus unbezwinglicher Liebe zur Kunst sich der Bühne gewidmet habe. Andere wieder verbreiten das unglaubliche Gerücht, sie gehöre uns an, und ihr Vater sei irgendwo in Ungarn oder Polen Vorbeter einer Gemeinde.« »Warum könnte das nicht sein?« fragte wieder jenes Mädchen mit dem sanften Gesichtsausdrucke. »Weil sie dann nicht Isabella Brodini hieße!« antwortete der verdorbene Student in einem Tone, gegen dessen Felsenhärte alle Bedenken und weiteren Fragen nutzlos abprallten. Jemand hatte lautlos, ohne daß es in der Werkstätte des Schneiders, der Triumphstätte des verdorbenen Studenten, bemerkt wurde, das Zimmer verlassen. Jemand war totenbleich auf die Gasse getreten ... und keiner drin in der Stube unter allen, die der dramatischen Vorlesung des Herrn Gottlieb Weißfisch mit so ungeteilter Aufmerksamkeit folgten, ahnte, mit welcher Entdeckung in dem Innersten seiner Seele Feiwelmann, der Baß, davongegangen war ... Nicht eher aber als bis die Sterne am Himmel standen und die Nacht vollständig hereingebrochen war, wagte es Feiwelmann, der Baß, nach Hause zu gehen. Wie sollte er seinem Herrn und Meister entgegentreten? Wie sollte er dem alten Manne eine Nachricht beibringen, deren bloße Umrisse vielleicht genügen würden, der schwachen Lebenskraft David Brods verderblich zu werden? In der treuen Seele des »Baß« wogten die widerstreitendsten Pläne und Entwürfe hin und her; bald wollte er mit der großen Nachricht wie ein Blitzstrahl niederfahren, indem er annahm, daß eine urplötzliche Überraschung wohltätiger sich erweise, als ein langsames Verschleppen und Vorbereiten ... bald war er wieder zu der Frage an sich selbst gelangt, ob es überhaupt nicht besser sei, David Brod gar nicht zu sagen, wen er in »Isabella Brodini« vermute. »Was hat er überhaupt nötig zu wissen, daß sie existiert?« lautete dieser Gedanke. »Sie ist ein Kind der Kunst geworden – und er heißt noch immer David Brod!« Bei dem letzteren Gedanken verweilte er jedoch nicht lange; dagegen sträubte sich sein Gemüt. »Ein Vater bleibt ein Vater,« wies er sich selbst zurecht, »und wenn er sie einmal vor seinem Tode wiedersehen kann, tue ich da nicht ein gutes Werk?« So kam er nach Hause. »Gut' Woch' und guten Abend, David!« rief er beim Eintritt in die Stube seinem Meister zu. David Brod nickte zu diesem Gruße nur leicht mit dem Kopfe. »Bei dir fängt ja die Woche gut an, Feiwelmann,« sagte er nach einer Weile etwas spöttisch, »du scheinst mir herzfreudig aufgelegt.« »Warum soll ich nicht herzfreudig aufgelegt sein?« rief Feiwelmann, der Baß, überaus lustig. »Ich habe heute, weil mir der verdorbene Student, Saul Weißfisch einziger Sohn, so viel vom Theater erzählt hat, den Entschluß gefaßt: ich will einmal wieder einen großen Künstler sehen. Willst du mit, David?« »Nach Frankfurt am Main?« spöttelte der Vorbeter. »Nein,« sagte der Baß mit nachlässiger, gleichsam spielender Lustigkeit, »diesmal gehe ich nach Prag. Willst du mit, David?« »Wie kommst du mir vor, Feiwelmann?« rief der Vorbeter, indem er seinen Freund mit langen Blicken vom Kopf bis zur Fußzehe maß. »Aufgelegt bin ich,« meinte der Baß mit gesteigerter Lustigkeit, »warum soll mir das verwehrt sein? Gibt jemand etwas dafür, wenn ich aussehe wie ein dreitägiges Regenwetter? Da hat der verdorbene Student von einer gewissen Brodini Wunder über Wunder erzählt: sie soll die größte Sängerin sein, die die Welt seit langer Zeit gesehen hat, und was das Schönste ist, man sagt, sie ist die Tochter eines Vorbeters irgendwo in Polen oder Ungarn! Warum soll ich die Isabella Brodini nicht auch zu sehen bekommen? Und wenn es mich noch soviel kostet, ich gehe nach Prag und sehe mir Isabella Brodini an.« »Sei still, Feiwelmann!« unterbrach ihn plötzlich der Vorbeter. Feiwelmanns Lustigkeit war in ihr gerades Gegenteil umgeschlagen; seine Haare sträubten sich vor Entsetzen, als er bemerken mußte, welche Veränderung mit dem alten Manne vorgegangen war. Hatte David Brod den Gebrauch seiner Sinne verloren? Seine Augen starrten ins Weite, um die schlaffen Mundwinkel spielte ein Zug, der auf eine vollständige Erschöpfung seiner Verstandskräfte hinzudeuten schien. »Sei still, Feiwelmann,« rief er noch einmal, »und laß mich nachdenken.« Dann fuhr er mit den Händen nach der Stirne. »Wie ist mir doch?« schrie er mit markdurchschütternder Stimme. »Ist sie es?« »Sie ist's!« sagte Feiwelmann. »Mein Kind! ich soll mein Kind wiedersehen!« rang es sich in wiederholtem Aufschreien über die Lippen des alten Mannes. »Weißt du denn schon so mit aller Gewißheit, daß sie es wirklich ist?« glaubte der Baß hinzusetzen zu müssen, um die Erregtheit des Vorbeters einigermaßen zu dämpfen. David Brod lächelte schwach. »Laß nur, Feiwelmann,« sagte er, »laß nur. Ich begreife, warum du mir einreden willst, daß sie vielleicht es doch nicht sein kann. Laß nur, laß nur! Du wirst sehen, sie ist es. Gott wird das mir nicht antun ... Wird er mich zuerst erfreuen wollen, und wenn ich den Becher Wein an die Lippen geben will, wird er mir ihn wegstoßen? Nein, Feiwelmann, ich glaube, du bist zu vorsichtig. Du wirst sehen, sie ist's.« In überströmenden Worten brach sich nun die Sehnsucht des alten Mannes nach seinem Kinde Bahn. Feiwelmann vernahm Herzenslaute, wie er sie unter dem Groll und der versäuerten Stimmung des Vorbeters nicht geahnt hatte, und eine Art heiliger Scheu hatte ihn ergriffen, ihn diese Offenbarungen eines wunden Gemütes mit irgend einer Äußerung hineinzugreifen. In derselben Nacht wurde zwischen den beiden Männern der Plan festgesetzt, die Reise nach Prag schon morgen anzutreten. Niemand solle darum wissen, Feiwelmann solle das Gerücht aussprengen, David Brod sei in eine benachbarte Gemeinde gegangen, um dort eine alte, hundertundzehn Jahre alte Muhme zu besuchen. Morgen nach dem Frühgottesdienste wollten sie aufbrechen, und zu Fuß müßten sie gehen, sagte David Brod, denn im Wagen halte er es nicht aus. Welche Nacht verfloß für die beiden! In aller Stille verließ am andern Morgen David Brod mit seinem Gefährten die Gasse. Kräftig und hoch aufgerichtet schritt der alte Mann neben dem weit jüngeren einher. Als sie schon auf der Straße sich befanden, die gegen Prag führt, wandte sich der Vorbeter, der bis dahin kein Wort gesprochen hatte, hastig an seinen Reisegenossen. »Du hast doch das Geld mitgenommen, Feiwelmann,« fragte er. »Welches Geld?« »Was man dir in ihrem Namen auf dem Schlosse gegeben hat?« »Es ist bei mir.« Dann kamen sie an dem »guten Ort« vorüber, der hart an der Straße mit seinen verwitterten Grabsteinen sich befindet. »Geduld dich eine kleine Weile, Feiwelmann,« sagte David Brod, »ich muß mir von da drinnen eine kleine Wegzehrung holen.« Nach einer Weile trat er durch das schmale Friedhofstor wieder auf die Straße. »Und jetzt laß uns große Schritte machen, Feiwelmann,« rief er mit unsicherer Stimme, »wir haben einen weiten Weg vor uns.« Wovon wohl die beiden Männer auf dem weiten Wege sprachen? Meistens schritten sie sprachlos nebeneinander; hie und da kam es zu einer Äußerung, die seltsamerweise auch nicht in der leisesten Beziehung zu dem Gegenstande ihrer Sehnsucht stand. Kaum daß sich David Brod auf das Zureden seines Gefährten die kurze Zeit gönnte, um unter einem Baume, der an der staubigen Heerstraße stand, die müden Glieder ein wenig rasten zu lassen. Der alte Mann schien, je weiter sie kamen, an Kräften zu wachsen, Müdigkeit war ihm ein inhaltsloser Begriff geworden. Wenn Feiwelmann rasten wollte, fragte er: »Sieht man noch nicht die Türme?« trotzdem sie noch meilenweit von der böhmischen Hauptstadt entfernt waren. Die Nacht war angebrochen, als sie den »Brandeiser« großen Wald erreichten. Da sagte Feiwelmann: »David, es wird am besten sein, wenn wir drin in Brandeis unser Nachtquartier nehmen, du weißt, was in dem finstern Wald seit jeher vorgegangen ist, und was man noch von ihm erzählt. Ich habe auch das Geld bei mir.« »Fürchtest du dich?« rief der alte Mann. »Ja!« sagte der Baß, der im Grunde seines treuen Herzens nur nach einem Vorwande suchte, um seinen Herrn und Meister zur Ruhe zu bestimmen. »Was fragt so ein Räuber oder Mörder danach, was David Brod und sein Baß in Prag vorhaben?« »So sag ich dir, Feiwelmann,« rief der Vorbeter in markigen Tönen, »wer auf dem Wege zu seinem Kinde ist, den läßt Gott nicht umkommen. Der Wald wird uns nichts tun. Und dann weißt du ja auch, was man zu sagen hat?« ... Als sie in die nächtigen Schatten des Waldes traten, begann David Brod mit lauter Stimme in den heiligen Lauten der Offenbarung den Psalm des frommen Königs, den man anstimmt, wenn ein Toter zur Ruhe bestattet wird: »Der da sitzet im Schirm des Allerhöchsten, im Schatten des Allmächtigen sich berget, der spricht zu Gott: mein Schutz und feste Burg ist Gott, auf den ich traue; denn er wird mich erretten aus des Voglers Schlingen, aus der verhängnisvollen Pest! Mit seinen Schwingen deckt er dich, unter seinen Flügeln bist du geborgen, Schild und Panzer ist seine Treue! Du fürchtest dich nicht vor dem Grauen der Nacht, vor dem Pfeil, der bei Tage schwirrt, vor der Seuche, die im Finstern schleicht, vor der Pest, die am Mittag wütet.« Der anbrechende Morgen warf seine ersten Boten über den Himmel, über die noch schlummernde Welt; in einem Stoppelfelde hart an der Straße erhob sich eine frühgeweckte Wachtel, die ihr Lied begann; im fernen Hintergrunde hob sich aus dem grauen Dufte der Dämmerung ein Etwas ab, das hoch in den Lüften glänzte und glitzerte. »Ich seh' die Türme!« rief Feiwelmann, der Baß. David Brod aber stimmte mit weithin tönender Sprache die letzten Verse des Psalmes an. »Dir begegnet kein Unglück, keine Plage nahet deiner Hütte! Denn er befiehlt seinen Engeln, daß sie dich wahren auf allen deinen Wegen; auf den Händen werden sie dich tragen, daß dein Fuß nicht stoße an einen Stein. Über Leu und Otter wirst du schreiten, Löw' und Drachen mit Füßen treten.« Es war hellichter Tag geworden, als sie durch das düstere »Por´civer« Tor schritten! Sie waren in Prag! Von diesem Augenblicke an trat in der äußeren Erscheinung des alten Mannes eine seltsame Wandlung hervor. Die Mühe der weiten Wanderung schien erst jetzt über ihn gekommen zu sein; seine Lippen waren schmerzlich geschlossen; er erhielt sich kaum aufrecht auf den Beinen. Dennoch verriet er durch keine Äußerung, wie sehr ihn die Mattigkeit übermannt hatte. Nur als sie durch den »alten Pulverturm« schritten, von dem aus der Weg durch die »Zeltnergasse« über den »Altstädter Ring« in die düstern Gassen des Ghettos führt, sagte David Brod, indem er den Arm seines Gefährten krampfhaft drückte: »Feiwelmann, wenn sie es doch nicht wäre!?« Ein Mann mit einer weißen Schürze klebte gerade ein gedrucktes Papier an die alte Mauer des Turmes. Wiewohl flüchtigen Blickes hatte Feiwelmann, der Baß, doch erkannt, daß es der Theaterzettel der heutigen Vorstellung war; denn mit großen Buchstaben war darauf zu lesen: »Die Hugenotten «, große Oper von Meyerbeer . »Fräulein Isabella Brodini als Valentine .« Feiwelmann verschwieg aber seine Entdeckung! Erst jetzt, nachdem der Baß seinen alten Meister in einem jener kleinen Einkehrhäuser, wie sie die engen Gassen und Gäßchen der böhmischen Hauptstadt so zahlreich aufweisen, untergebracht hatte, wo David Brod, in einem Stuhle sitzend, fast augenblicklich in einen tiefen Schlaf gesunken war, fiel es Feiwelmann felsenschwer auf die Seele, welche Verantwortlichkeit er übernommen, wie unbesonnen er sich und den Vorbeter in die Gefahren eines Unternehmens gestürzt hatte, dessen Ausgang von fast undurchdringlichen Nebeln bedeckt war. »Wenn sie es nun doch nicht wäre!« Schauer, wie vor einem nahenden Gerichte, überfielen ihn. Wenn er den alten Mann getäuscht hatte, wie sollte er dann vor ihm bestehen? David Brod konnte den Tod davon haben, und er hatte ihn auf der Seele; er hatte den letzten Streich diesem ohnehin in seinem innersten Marke wunden Baume versetzt! Erst jetzt ward er über den merkwürdigen »Leichtsinn« sich klar, der ihn verleitet hatte, einem Lügner, wie Gottlieb Weißfisch, der verdorbene Student, Glauben zu schenken. Welch ein böser Geist hatte ihn in seiner Macht gehabt? Weil sie Isabella Brodini hieß, mußte sie die Tochter David Brods sein? Feiwelmann schlich sich zur Kammer hinaus, wo der Vorbeter in ruhigem Schlummer lag; er wurde der einmal aufgestachelten Unruhe seines Gemütes nicht los. Aus seiner ersten Jugend kannte er noch das Straßengewimmel Prags; ohne es zu merken, war er mitten hineingekommen, aber wohin er immer trat, überallhin schwirrte und gleitete ihm der Ruf seines Gewissens und die Frage des Vorbeters nach: »Wenn sie es nun doch nicht wäre?!« An einer Straßenecke standen einige Menschen, die den dort aufgeklebten Theaterzettel lasen; Feiwelmann drängte sich unter sie. Wie ihn die schwarzen Buchstaben, die den Namen: Isabella Brodini weithin leserlich verkündeten, mit zauberhafter Gewalt bannten, wie seine Augen immer wieder dahin zurückkehrten! Das sollte der Name des Kindes sein, das ihm und David Brod bei ihren Gesängen für die Synagoge als »Fistel zugehalten« hatte! Das sollte Ella sein, die ihm verboten hatte, die Hand während des Singens an die Backe zu stemmen? Lebendiger Gott! sie kann das nicht sein! Er hatte sich, er hatte den alten Vater betrogen! Dann fielen seine Blicke unwillkürlich auf den Namen des Kompositeurs der »Hugenotten«; er las Giacomo Meyerbeer! »Meyerbeer!« sprach es in ihm. »Wer ist Meyerbeer! Klingt das nicht so, als ob er zu uns gehörte, als ob er Fleisch von unserem Fleische und Blut von unserem Blute wäre!?« Feiwelmanns Herz begann laut zu pochen, seine Augen zu leuchten; seine Seele hob sich aus den tiefsten Abgründen der Verzweiflung zu der Höhe eines wunderbaren Gedankens. »Wenn er der große Künstler ist und sein Vater hat ihn doch Meyerbeer genannt, warum soll das Kind nicht auch eine große Künstlerin geworden sein, wenn es auch David Brods Tochter ist?« Dann drängte sich ihm ein anderer Gedanke siegreich auf. »Wäre das nicht eine wunderbare Schickung, daß sie gerade heute, wo David Brod und ich in Prag sind, in einer Oper auftritt, die einer gemacht hat, der Meyerbeer heißt? Warum soll ich denn nicht daran glauben, daß ihr das ein guter Geist zugeraunt hat, der vielleicht im Traume zu ihr gekommen ist und ihr gesagt hat: Dein Vater und Feiwelmann, der Baß, sind hier?!« So in Sinnen und Gedanken, die ihn bald lachend umgaukelten, bald wieder traurig anmuteten, war der Baß in eine große, prachtvolle Straße getreten. In der Mitte dieser Straße stand ein dreistöckiges, weitläufiges Gebäude, das sich schon aus der Ferne als ein Gasthof ersten Ranges kundgab. Wagen fuhren vor und fuhren ab, und in der Vorhalle stand ein Mann mit einem breiten, schwergestickten Bande über Brust und Schultern, der ein mit einem glänzenden Knopfe versehenes spanisches Rohr in der Hand hielt und den Hut demütig abzog vor jedem ab- und zufahrenden Wagen. Zwei junge Männer kamen aus dem Hause. »Sie spricht vortrefflich deutsch,« hörte er den einen sagen, »so italienisch auch ihr Name klingen mag.« »Und,« sagte der andere, »hast du ihre Physiognomie genau beobachtet? Mich gemahnt etwas in ihrem Antlitze, was ich nur in den schönen Mädchengesichtern der ›breiten‹ oder ›goldenen Gasse‹ zu finden gewohnt bin.« »Du glaubst doch nicht auch an das alberne Märchen –?« »Daß sie eines jüdischen Vorbeters Tochter ist? Nun, mein Freund, ich bin versucht, es als kein Märchen zu betrachten.« Die jungen Männer entfernten sich, Feiwelmann war vor dem großen Hause stehen geblieben. Schwindel hatte ihn ergriffen, wie im Wirbeltanze drehte und wogte alles um ihn herum. Sie wohnte also hier, und er, Feiwelmann Baß, stand unter ihren Fenstern, und David Brod schlief in seinem dunklen Kämmerchen den Schlaf der Müden, und eine Stadt umfing sie alle drei! Gott der Allmächtige sei gepriesen dafür! Ein Wagen fuhr pfeilschnell zum Hause hinaus; eine Dame saß darin. Der Mann in der Vorhalle, mit dem riesigen Stocke in der Hand, sprang rasch zur Seite und grüßte demütig mit abgezogenem Hute. Feiwelmann näherte sich schüchtern dem Manne. »Wer war die Dame in dem Wagen?« fragte er im Tone der tiefsten Unterwürfigkeit. Der Mann sah verwundert auf den seltsamen Frager. »Das war Fräulein Brodini, die berühmte Sängerin, die hier bei uns wohnt,« belehrte ihn gnädig der Mann und wandte sich von ihm ab. Schon war Feiwelmann nahe daran, sich dem Manne zu entdecken und ihn zu bitten, wenn die berühmte Sängerin wieder nach Hause käme, ihr nur einfach zu sagen: Feiwelmann, der Baß, wäre dagewesen. Auch das treuherzige Gemüt des »Baß« konnte der Versuchung des Stolzes nicht entgehen. Wie mußte seine Persönlichkeit in den Augen des unfreundlichen Mannes im Werte steigen, der ihn kaum einer Antwort würdigte! Zum Glücke kehrte ihm die ruhige Besinnung alsbald zurück. »Nein! nein!« beschwichtigte er sich selbst; »jetzt nicht. Sie könnte erschrecken und das würde ihr beim Singen Schaden bringen. Ich kenne so etwas an mir, und wie könnte ich das vor mir und meinem Gewissen verantworten? Ich stelle mir vor, so ein Mensch, der in der Kunst lebt, dem hat Gott eine ganz andere Natürlichkeit gegeben wie etwa einem Bauer, der den ganzen Tag auf dem Felde steht und pflügt und säet und erntet; aber so eine Valentine in Meyerbeers Oper, so eine Isabella Brodini kann vom leisesten Luftzuge einen Nachteil haben. Soll ich der Luftzug sein? Und daß man mir dann vorwirft, Feiwelmann, der Baß, hat's verschuldet?« Mit einem zufriedenen Lächeln, das die gesamte Breite seines Antlitzes sonnig beleuchtete, trat er wieder den Rückweg an, nachdem er zuvor das Haus, worin der »Karfunkel« wohnte, seinem Gedächtnisse eingeprägt hatte. Er fand den alten Vorbeter noch immer schlafend. Um ihn nicht zu stören, setzte sich Feiwelmann ohne Geräusch hin und bewachte den Schlummer des alten Mannes. Wie ruhig, wie teilnahmslos der alte Mann dalag! Wie gleichmäßig seine Atemzüge gingen! Alle Falten in seinem Antlitze waren von dem heiligen Schlafe ausgeglättet worden, nicht das leiseste Muskelspiel ward darauf sichtbar. Wunderbar verjüngt sah der alte Mann in seinem Schlummer aus. Das war wieder der David Brod, dessen Kind noch in einer Laubhütte saß und dabei Synagogenmelodien vor sich hinsang; das war wieder der Vorbeter der Gemeinde, dessen Stolz und Lebensfreude darin bestand, wenn die Leute an einem Feiertage nach dem Gottesdienste ihm nachrühmten: Heute hat David Brod sich selbst übertroffen. Und doch fuhr heute sein Kind in einem prächtigen Wagen, wohnte im ersten Gasthofe Prags und war die berühmte Sängerin Isabella Brodini! Stunden waren vergangen, und noch immer konnte die erschöpfte Natur des alten Mannes sich nicht den Banden der langentbehrten Ruhe entwinden. Mittag war längst vorüber, und er schlief noch immer. Die stumme Wacht Feiwelmanns behütete ihn und wurde nicht müde. Mit einem Male fuhr er auf; er blickte mit klaren Augen um sich: »Was ist die Zeit, Feiwelmann?« rief er. »Nachmittag ist halb vorüber!« »Lebendiger Gott! und frühmorgens sind wir angekommen! Wir müssen ja das Kind aufsuchen!« »Erst wirst du dich mit Speis' und Trank erquicken, David, und dann wollen wir ins Theater gehen.« »Ins Theater?« rief der alte Mann wie traumverloren. »Was soll ich im Theater tun?« »Du sollst sie singen hören, David Brod,« sagte der Baß fast unhörbar. »Warum gehen wir nicht gleich zu ihr?« »Du kannst sie heute nur im Theater sehen.« Der alte Mann schüttelte den Kopf; eine traurige Unterwürfigkeit zeigte sich in seinen Mienen. »Du hast mich in deiner Gewalt, Feiwelmann,« sagte er still, »tue mit mir, was du willst.« Als die Zeit gekommen war, führte der Baß durch das ihm nun bekannt gewordene Gassengewimmel den Vater Ellas, der ihm willenlos zu folgen schien. »Ist das die goldene Gasse?« fragte David Brod, als sie durch ein schmutzig feuchtes Gäßchen kamen, dessen Häuser wie Kartenblätter fast aufeinander zu liegen schienen. »Warum fragst du?« »Vielleicht könnten wir den alten Mann zu sehen bekommen, der meiner Ella ein Gebetbuch geschenkt hat ...« » Jetzt denkst du daran? Das sind acht Jahre seitdem, der alte Mann ist wohl tot!« »Tot! Alles ist tot,« sagte der Vorbeter in leise klagendem Tone, »mir ist's, als wäre es gestern vor sich gegangen.« Je weiter der Baß mit seinem Herrn und Meister kam, desto größer ward seine Bangigkeit, ja ein unheimliches Gefühl überrieselte ihn mit kaltem Schauern, wenn er den alten Mann neben sich einherschreiten sah, so willenlos und unterwürfig, so wenig erregt von der Erwartung des Kommenden! Was war mit David Brod geschehen? War in ihm in der Tat alle Lebensfreudigkeit so gebrochen, daß nicht einmal die Nähe seines Kindes sein Auge hoher aufflammen machte? Wenn Feiwelmann seine Empfindungen damit verglich, so mußte die Welt mit allem, was darauf und darunter sich befand, in einem gewaltigen Feuerbrande aufgehen. Und David Brod war so gleichgültig! Endlich standen sie vor dem Theater. Der hineinwogende Menschenstrom trug auch sie in das Innere des Hauses; das Glück war ihnen günstig gewesen, es hatte sie auf die vordersten Plätze im obersten Stockwerke gebracht. Von der Höhe seines Sitzes starrte David mit glanzlosen Augen in das zu seinen Füßen sich entwickelnde Menschengewimmel; noch war der weite Saal in dämmernde Finsternis gehüllt: hie und da flackerte an den Pulten der Musiker ein Lichtchen auf. Plötzlich schwebte der große mit einer Fülle von Licht ausgestattete Hängeleuchter von der Decke des Saales herab, so daß dem alten Manne ein Schrei der Überraschung entfuhr. »Wie ist dir, David?« fragte der Baß besorgt. »Wird sie jetzt kommen?« »Noch nicht! Erst müssen die Musiker aufspielen!« David Brod verfiel wieder in stummbrütende Gleichgültigkeit. Der Saal hatte sich bis in den entlegensten Raum gefüllt; in den Logen erschienen blumengeschmückte herrliche Damen, und die Edelsteine in ihren Haaren glitzerten und funkelten in den zahlreichen Lichtern. Vornehme Herren standen hinter ihnen, und durch das ganze Hans ging ein Flüstern und Summen der Erwartung, das durch die hie und da zur Probe angestimmten Instrumente der Musiker eine gleichsam weihevolle Färbung erhielt. »David!« rief der Baß, indem er seinen Gefährten leise anstieß. »Was willst du, Feiwelmann?« »Siehst du nichts?« »Viel Menschen sehe ich ...« »Und sie alle sind gekommen, um dein Kind zu hören!« David Brod seufzte tief auf. Aber mit dem ersten Geigenstriche der Eingangsmusik trat eine seltsame Änderung mit dem alten Manne ein. Die Hände fest auf das Geländer gepreßt, hatte er sich zur Hälfte erhoben und horchte mit einem Ausdruck seines Antlitzes auf die mächtig einherbrausenden Klänge, der die höchste Spannung seiner Seele verriet. Der Vorhang war in die Höhe gegangen. Als der erste Akt vorüber war, hatte sich der beiden eine eigentümliche Befremdung bemächtigt. Wo war die »Valentine« geblieben? Wohl hatten sie im Hintergrunde der Bühne eine verschleierte Dame gesehen, bei deren Anblick die zu einem Festgelage versammelten Ritter in das höchste Entzücken, namentlich der eine unter ihnen, ein junger Edelmann, gerieten. Aber kaum gekommen, war sie wieder verschwunden. Warum ging sie so schnell? Als der Vorhang wieder gefallen war, saß der alte Vorbeter wieder stumm und gleichgültig da. Die Wogen des herrlichen Gesanges waren unverstanden an seiner Seele vorübergerauscht. Der zweite Akt war gekommen. Margareta von Valois, Königin von Navarra, ist allein in ihrem Garten und singt ein Lied, das die überwältigende Macht der alles beherrschenden Liebe zum Gegenstande hat. Da naht sich Valentine. Eine schlanke feine Gestalt beugt sich demütig und doch wieder so vornehm; in dem Saale ist es still, daß man fast den Atemzug David Brods belauschen konnte! Dann aber klatschten Hunderte von Händen, und es währte eine geraume Zeit, bis die Sängerin beginnen konnte. Jetzt trat sie näher und immer näher; ein bleiches von tiefdunkeln Haaren eingefaßtes Gesicht trat immer deutlicher hervor ... Waren es bekannte Züge? Drang aus den wenigen Worten, die sie nun sang, ein verwandter Ton? Eine feuchtkalte, zitternde Hand legte sich auf Feiwelmanns Arm. »Soll sie das sein?« flüsterte er ihm zu. »Ich kenne sie nicht, David!« kam es in demselben Tone zurück. »Lebendiger Gott! wenn sie es doch nicht wäre!« Von nun an während der ganzen Handlung vernahm Feiwelmann nichts, noch sah er, was da unten auf der Bühne vorging; seine Seele war wie festgebannt von der vorwurfsvollen Klage, die er jetzt zu wiederholten Malen aus dem Munde des alten Mannes hörte; vom Herzen herauf quoll ihm ein bitteres Gefühl, das ihn mit namenloser Qual erfüllte: »Wenn sie es nun doch nicht wäre!« Sie war es auch nicht; vier scharf blickende Augen lagen auf der seinen Gestalt der Sängerin, verglichen jeden Zug ihres Antlitzes mit der Vergangenheit ... das vierzehnjährige Kind von damals, die Ella der Laubhütte, wollte ihnen nicht entgegentreten ... All das änderte sich aber wie mit einem Zauberworte, als im dritten Akte die große Szene zwischen dem protestantischen Marcell und der katholischen Valentine vorfällt. Es ist Nacht; stumm brütet überall die Gefahr, die den Geliebten des Mädchens von allen Seiten mit mörderischen Netzen umfängt. Sie ist gekommen, ihn zu warnen. Der alte, argwöhnische Kriegsknecht fragt sie um die Losung und aus ihrem Munde dringt leise, verschämt, wie das Aufblühen einer Lilie das Wort: Raoul! Wunderbar ist die Wirkung dieses einzigen, fast gehauchten und dennoch an die tiefsten Geheimnisse des Gemütes anklingenden Wortes – im Saale fühlt es jeder: hier hat ein gottbegnadigtes Mädchen in der Weihe seiner Kunst das Höchste ausgesprochen. Nun teilt Valentine dem alten Kriegsknechte mit, welche Gefahr seinem jungen Herrn droht, wie er ihn retten könne, und er fragt: »Wer bist du?« »Wer bist du?« wiederholt es sich auch oben im Zuhörerraume in den Herzen der beiden Männer. »Ein Mädchen,« singt sie, »das ihn liebt« ... Und in klagenden, aus tiefster Leidenschaft allmählich, aber stets siegreicher hervorbrechenden Tönen, voll keuschen, ungeahnten Duftes entringt sich ihrer Brust das Geständnis, wie es inniger und schöner noch niemals in Tönen wiedergegeben wurde. Marcell legt die Hand segnend auf ihren Kopf ... »Sieh, sieh hin, wie sie sich ›benschen‹ läßt,« flüsterte der alte Vorbeter. »Wenn sie es doch wäre!« »Sie muß ja wissen, wie ein Vater sein Kind segnet? ... Hast du gesehen, wie sie ihren Kopf vorgebeugt hat? ...« Die in ihrer Nähe saßen, riefen ihnen Stille zu. David Brod erschrak. Hatte er das Kind erkannt? Er wußte es selbst nicht; seine Pulse hämmerten, seine Augen brannten in wildem Feuer; seine Lippen dürsteten! Er fühlte sich der Auflösung nahe und kann doch nicht sterben. Jetzt dämmert ihm die Ahnung der Gewißheit auf; dann, im nächsten Augenblicke ist sie zwischen graue Nebel eingesunken und verloren! Etwas will ihn mahnen, etwas Bekanntes, Oftgesehenes umweht ihn wie mit linden Fittichen, dann wieder ist alles zu Ende; mit glanzlosen Blicken starrt ihn ein Fremdes an, Öde umgibt ihn; es ist nicht Ella, sein Kind. Feiwelmann aber schweigt; er ist in der Gewalt einer namenlosen Qual! Der vierte Akt hat begonnen. Valentine ist allein; im Dunkel der Nacht kommt Raoul zu ihr; doch nicht lange, und es treten die Verschworenen herein, die ihre Schwerter für den heimlich gesponnenen Mord weihen wollen. Ein Gesang hebt an, der an die dunkelsten Mächte menschlicher Leidenschaft sich richtet, ein Aufruhr fessellos entlassener Kräfte, dem das segnende Wort von Priestern die Weihe geben soll. Als die Verschwörer sich entfernt haben, tritt Raoul aus seinem sichern Verstecke hervor. »Wo willst du hin?« fragt Valentine. Er aber will in den Kampf, den gezückten Schwertern der Feinde entgegen, will mit seinen Brüdern sterben und fallen. »Geh nicht von hier,« fleht Valentine, »draußen wartet dein der sichere Tod,« und als er dennoch darauf besteht, da entringt sich ihr jenes berühmte: »Höre, höre mich, bleib, Raoul, denn der Streich, der dich trifft, trifft auch mich ... ich liebe dich!« ... Es klingt und singt in dieser Melodie etwas, das voll eigentümlichen, fast befremdenden Eindruckes das Gemüt des Zuhörers ergreift. Wer hat diese Melodie gedichtet? Als Jakob Meyerbeer sie schrieb, stand hinter ihm eine Gestalt von unsagbarer Wehmut in dem blassen Antlitze, mit verweinten Augen, die längst keine Tränen mehr hatten – die Erinnerung an einen Synagogengesang seines eigenen Volkes! Sie war nicht eher von ihm gewichen, bis er sie angehört, bis er sie in die feinsten Gänge seines Gehöres aufgenommen hatte! Sie blieb bei ihm, wenn er sie entfernen wollte, und schmeichelte so lange, bis sie aufgegangen war in seiner Seele als das Saatkorn einer künftigen Blüte! Dann erst wich sie von ihm, hüllte sich in ihre Schleier und verschwand leise, wie sie gekommen war – die Erinnerung an sein eigenes Volk! Darum ergriff sie auch die beiden Männer mit einer Gewalt, von der sie sich keine Rechenschaft zu geben wußten. Auch vor ihnen tauchte die blasse Gestalt mit den verweinten Augen auf; nur daß sie sie deutlicher erkannten ... Dreimal mußte die Sängerin diese süßbestrickende Melodie vortragen. Als sie zum dritten Mal sie geendigt hatte, mitten in dem Aufruhr des Beifalls, der das ganze Haus ergriffen, rief David Brod seinem Gefährten zu: »Jetzt hab' ich sie erkannt! Sie ist's!« Niemand sonst hatte den Aufschrei dieses Vaters vernommen. Er hatte verstanden, warum die Sängerin diese Melodie so und nicht anders sang, woher dieser Liebreiz, diese eigentümliche Klangfülle, dieses namenlose Klagen eines wunden, opferfreudigen Herzens stammte. Als sie endlich mit einem Aufschrei, der aus einer andern Welt zu kommen schien, ohnmächtig zu Boden fällt, als Raoul, ihren Bitten trotzend, seinen Brüdern zu Hilfe eilt, da vermochte das schwache Gefäß nicht mehr den übervollen Inhalt zu fassen. Duftende Kränze flogen der Sängerin zu; oben aber im letzten Stockwerke des Hauses rief eine gebrochene Stimme: »Führ mich hinaus, Feiwelmann, ich ersticke; führ mich hinaus!« Als die beiden Männer aus der Welt des Scheines und der künstlichen Blendung wieder in die kühle Nachtluft traten, erholte sich der alte Mann zwar bald, aber der Sturm, der ihn erfaßt hatte, war zu gewaltig gewesen, als daß er nicht seine innerste Lebenskraft zu Boden geworfen hatte. Sie waren, ohne es zu wissen, aus der Nähe des Theaters gekommen. Dort hatte Feiwelmann eine steinerne Bank ersehen, auf die die beiden sich niederließen. Dort saßen sie wohl eine Stunde lang, sprachen nicht, während die Nacht um sie her immer kühler wehte, die rings waltende Stille nur durch fern verhallende Schritte von Zeit zu Zeit unterbrochen ward. Der Vorbeter war es, der zuerst aus diesem traumhaften Sinnen und Brüten erwachte. »Feiwelmann,« sagte er, »du hast einmal vor acht Jahren, und es war auch in einer Nacht, ein Wort gesprochen, das ist damals in mich hineingefallen wie in einen tiefen Brunnen; jetzt kommt es wieder an die Oberfläche. Du hast damals gesagt: Wie groß ist der Mensch ...« »Das sag' ich auch jetzt noch,« rief der Baß; »und jetzt mehr als damals, seitdem ich unsere Ella gesehen habe.« Der alle Mann schüttelte den Kopf. »Dein Wort,« sagte er, »hat zwei Seiten, davon ist die eine glänzend und schön, die andere aber ist rauh und stachelig. Du hältst dich an die glänzende und schöne Seite, weil du selbst noch jung bist; ich bin gewohnt die andere vorzuziehen, denn ich bin alt und schwach geworden. Du meinst, der Mensch ist groß in dem, was er kann; ich aber sage dir, der Mensch ist groß und gewaltig in dem, wo er entsagt, wo er leidet.« »Ich verstehe dich nicht, David!« »Du wirst mich einmal schon verstehen! Hab nur Geduld mit mir!« Nach einer längeren Pause raffte er sich wieder auf. »Sag mir doch, Feiwelmann,« meinte er, »hat sie den jungen Edelmann so überaus gern, daß sie ihn nicht fortlassen will von sich? Wie sie sich an ihn geklammert hat! Wie sie verzweifelt aufgeschrien hat, als er sich von ihr losreißt und wie sie darüber in Ohnmacht fällt! Sie muß ihn außerordentlich gern haben, denn anders kann ich mir das nicht erklären.« »Sie kennt ihn vielleicht nicht einmal, David,« rief Feiwelmann. »Das ist ja ihre Kunst. Meinst du, mein großer Künstler in Frankfurt am Main hat es an sich selbst erlebt, daß ihn seine eigenen Töchter wie jenen wahnsinnigen alten König in Nacht und Sturm hinausgejagt haben? Das war wieder seine Kunst!« »Das ist ihre Kunst!« rief der alte Mann leise. »Also ihre Kunst verlangt, daß sie heute dem und morgen jenem, wer ihr gerade in den Weg kommt, etwas vorheuchelt, daß man meint, es ist die höchste Wahrheit und man könnte darauf schwören?« »Ja, das ist die Kunst!« sagte Feiwelmann der Baß. »Und was wird das Ende von all der Kunst sein?« rief der Alte. »Sie erfreut sich und die Menschen damit,« sagte Feiwelmann. Darauf erwiderte der Alte nichts, er saß gesenkten Hauptes da. »Und mein Kind,« schrie er plötzlich mit einem so schmerzlich vorgestoßenen Tone, daß er seinem Gefährten in die Seele griff, »und was bleibt von meinem Kinde übrig? Ist es mir nicht auch gegeben worden, damit es mich erfreue? Anderen, die sie nichts angehen, fällt sie in die Arme, klammert sich an sie, als wollte sie niemals von ihnen lassen, und dabei leuchten ihre Augen, und so süß tönt ihre Stimme, und sie ist so voll Anmut und Schönheit ... weil das ihre Kunst so verlangt. Mich aber, mich alten Mann, erfreut kein Kind, ich muß sie von mir geben, ich muß einsam leben und sterben, ich muß verdorren wie ein Baum, dem man die Wurzeln abgegraben hat – weil es die Kunst so verlangt.« »David Brod, du versündigst dich!« rief der Baß, den alten Mann an der Schulter fassend. Aber der Vorbeter riß sich los. »Was willst du von mir?« schrie er und war aufgesprungen. »Du denkst nur an dich, David!« rief Feiwelmann vorwurfsvoll, »an dein Kind denkst du nicht.« »Das sagst du mir?« Und der alte Mann brach in bitteres Schluchzen aus. Trotzdem rief der Baß, seiner Natur entgegen, in diesem Augenblicke unbarmherzig und die Lage des Alten nicht berücksichtigend: »Weil du dein Leben damit zugebracht hast, Vorbeter einer Gemeinde zu sein, darf dein Kind seine Flügel nicht ausspannen und anderswohin fliegen? Wozu hat Gott ihr die Flügel gegeben? Aber ich weiß, was in dir vorgeht. Weil dein Kind vielleicht nicht mehr weiß, was ein Gebetbuch ist, weil sein Sabbat vielleicht auf den Sonntag fällt, weil es in keiner Laubhütte sitzt –« »Die Kunst ist auch eine Religion,« sagte der Alte voll bitterer Betonung. Dann schien er auf einmal vollständig ruhig geworden. »Was stehen wir hier auf der Gasse in der Nacht? Warum gehen wir nicht?« »Wohin willst du, David?« »Zu ihr, zu ihr!« »Jetzt um diese Stunde?« »Ich muß sie heute noch sehen, sonst sterbe ich!« Es gibt Worte, auf die keine Entgegnung folgen kann. Das fühlte der Genosse des alten Mannes ... Wohl zuckte es ihm durch das Gehirn, ob es ihm nicht gelingen könnte, die leidenschaftlich erregte Stimmung seines Freundes durch irgend ein Auskunftsmittel zu täuschen; aber er verwarf diesen Gedanken. Die Schauer, die ihn durchflogen, sagten ihm, daß er vielleicht mit dem Leben des alten Mannes spiele. So suchte denn Feiwelmann, sich der Notwendigkeit beugend, in der Finsternis der Nacht den Weg zu jenem Hause zu finden, vor welchem er durch einen eigentümlichen Zufall schon am Vormittag gewartet hatte. Dort leuchtete ja der Karfunkel! Es war nahe an Mitternacht, als sie endlich, müde und gebrochen, bald in den nächtigen Straßen verirrt, bald wieder auf richtiger Fährte jenes Haus gefunden hatten. Die Tore standen noch weit offen, heller Lichterglanz ergoß sich auf die Gasse, und in der Vorhalle stand noch immer der Mann mit dem breiten Bande über Brust und Schulter und dem gewaltigen Stocke in der Hand. Auf die Frage, was sie zu so später Nachtstunde wollten, brachte Feiwelmann, der Baß, in schüchterner, demütiger Weise sein Begehren vor. Sie wollten die berühmte Sängerin sprechen; sie hatten ihr wichtige, unaufschiebbare Dinge mitzuteilen. Der Mann lächelte verächtlich. Was hatten die beiden Männer, deren Abkunft und Beruf seinem kundigen Auge kein Geheimnis war, mit der Künstlerin Isabella Brodini zu tun? Er fuhr sie barsch an und wies ihnen mit dem Stocke den Weg, den sie zu gehen hatten. Da rief der alte Mann aus der Tiefe seiner Angst und Verzweiflung: »Wenn Ihr mich nicht gehen lasset, Mann, so sterbe ich hier vor Euch!« War es die seltsame Erregtheit des Vorbeters, der Mann ging und kam nach einer Weile kopfschüttelnd mit der Weisung zurück, sie mögen ihm folgen; zwar sitze die Sängerin noch in Gesellschaft beim Nachtmahle, da das Theater erst spät zu Ende gegangen, aber er habe ihr sagen lassen, es wären zwei Männer da, die ihr Wichtiges mitzuteilen hätten. Sie befanden sich in einem dunkel erleuchteten Vorzimmer, daselbst hieß sie der Mann warten. Sie nahmen still und geräuschlos in einem Winkel ihre Plätze. Aus den angrenzenden Zimmern drangen verworrene Stimmen, helle Freudenlaute und Gläserklingen an ihr Ohr. Die Hand des alten Mannes lag schwer und kalt auf dem Arme seines Gefährten, aber sie zitterte nicht. Mit verstärkter Gewalt kamen jetzt die Freudenäußerungen der Tischgesellschaft zu ihnen; das Gläserklingen schien gar kein Ende nehmen zu wollen – und die Hand des alten Mannes drückte immer schwerer und kälter auf den Arm seines Gefährten. Sie saßen stumm nebeneinander. Endlich näherten sich Schritte, die Türe ging auf; auf der Schwelle erschien – die Valentine aus der Oper. Sie trug noch das wallende, weiße Gewand, ihre Haare waren halb aufgelöst; in der Hand hielt sie ein gefülltes Champagnerglas, eine nächtig schöne Erscheinung! Die beiden Männer erhoben sich aus dem Dunkel ihrer Sitze. »Ella!« rief der alte Mann, »Ella, mein Kind!« Sie schien erst zu schwanken, zu horchen. Dann mit einem Schrei, dem nichts auf Erden zu gleichen schien, fiel sie in die Knie, das zerbrochene Glas klirrte in Scherben auf den Boden. »Vater!« Da war der alte Mann auf sie zugesprungen. Mit einer Gewalt, die nicht in seinen schwachen Kräften lag, riß er sie zu sich empor; er hielt sie in seinen Armen. »Nicht wahr, Ella, mein Kind,« rief er zwischen Weinen und Lachen, »nicht wahr, das hast du nicht erwartet, daß dein alter Vater noch zu dir kommen wird? Aber ich wäre ja gestorben, wenn ich dich nicht mehr gesehen hätte. Und das kannst du nicht verlangen.« Dann streichelte er ihre Haare und küßte ihre Stirne. »Tut dir denn das auch gut, Ella, mein Kind,« sagte er, in traumseliger Vergessenheit sie betrachtend, »daß du so lange wachst? Warum schläfst du nicht schon? Bist du denn nicht müde von deiner Kunst?« Plötzlich riß er sich von ihr los und bedeckte sein Antlitz mit beiden Händen. »Was habe ich gesagt!« rief er in einem Tone, der die Wiedergefundene erbeben machte. »Verzeih mir, Vater! verzeih mir! Ich habe mich schwer an dir vergangen!« sagte die Sängerin, und ihre Tränen flossen. »Verzeihen!« rief der Alte, und der Ton seiner Stimme klang trocken, ja voll Herbigkeit. »Was habe ich dir zu verzeihen? Daß du mir nicht geschrieben hast, daß ich nicht gewußt habe, soll ich mich zur Schiwe (siebentägige Trauer) hinsetzen um mein totes Kind, oder soll ich glauben, daß es noch am Leben ist? Was soll ich dir verzeihen? Du lebst ja, und wo gibt es einen Vater, der nicht jede Kränkung aus seinem Herzen herausreißt, wenn er nur weiß, daß sein Kind lebt?« Dann wie von einem anderen Gedankenstrome mächtig erfaßt, näherte er sich wieder seiner Tochter; er ergriff ihre Hand. »Sag mir, Ella, mein Kind,« rief er, seinen Mund ihrem Ohr nahe, mit unheimlichem Flüstern, »muß ich mich wirklich auf den niederen Schemel hinsetzen, und um dich trauern und weinen sieben Tage? Oder muß ich es nicht? Sag die Wahrheit, Ella, mein Kind, und fürchte dich nicht vor mir!« »Vater!« rief die Sängerin bebend, »ich verstehe dich nicht!« »Du verstehst mich nicht?« schrie er, und seine Gestalt schien zu wachsen. »Warum verstehst du mich nicht? So will ich's dir sagen.« »Vater!« rief die Sängerin, »du brauchst noch nicht zu trauern!« »Noch nicht!« Eine hohe Männergestalt war ins Zimmer getreten. »Der Herr Graf!« murmelte Feiwelmann, der bisher unbemerkt im Hintergrunde des Zimmers sich aufgehalten hatte. Der Graf schien die beiden Männer auf den ersten Blick erkannt zu haben. »Nun, Isabella!« fugte er in leicht scherzendem Tone, »Sie entziehen sich unserer Gesellschaft und feiern da im Dunkel der Nacht ein zärtliches Stelldichein, während wir Ihrer harren!« Die Sängerin machte eine abwehrende Bewegung. Dem Grafen konnte es nicht entgehen, welch eine seltsame Wandlung das ganze Wesen der Sängerin ergriffen hatte. »O!« rief er, an die zwei Männer sich wendend, »ist das nicht David Brod, der Vorbeter, mit seinem Bassisten Feiwelmann aus meiner Schutzgemeinde? Seid mir willkommen, David Brod, und auch Ihr, Mann, dem die Natur einen so vortrefflichen Baß verliehen hat. Wie steht es in euerer Gemeinde? Wackeln die alten Häuser noch so? Lebt ihr noch zur Zeit des Laubhüttenfestes in eueren hölzernen Marktbuden? Gehen euere Leute am Neujahrstage noch immer an den Fluß spazieren und werfen aus ihren Taschen die Brosamen in das Wasser, was, soviel ich mir sagen ließ, die Selbstabsolution euerer Sünden bedeuten soll? Und dann, lebt der alte Schulklopfer noch, der mit seinem schrecklichen Hammer bis hinauf in das Schloß alles aus dem Schlafe alarmierte?« »Graf!« flüsterte die Sängerin leise. Ihre Hände hatte sie wie stehend gefaltet. Dennoch beachtete er oder schien nicht diese Bitte zu beachten. Sie begehrte Schonung für den alten Mann; er aber war überaus lustig in seinem Herzen und demgemäß auch in seiner Sprache. »Ihr seid gewiß gekommen, David,« fuhr der Graf, der sich mit nachlässiger Gebärde in einen Stuhl geworfen hatte, fort, »um Euch an den Triumphen Euerer Tochter zu weiden. Ihr seid doch auch so eine Art Künstler, wenn auch nicht nach meinem Sinne oder gar nach meiner Anschauung ... Und so könnt Ihr schon beurteilen, ob aus der kleinen Ella, die nichts wußte als ihre Synagogenmelodien, im Laufe der Jahre etwas geworden ist, oder nicht. Was sagt Ihr zu ihrer Valentine? Ist das nicht eine Schöpfung, sowohl was den dramatischen als den gesanglichen Teil betrifft, in der es Isabella Brodini mit jeder anderen Sängerin kühn aufnehmen kann?« »Isabella Brodini ist eine große Künstlerin geworden!« rief der Alte aus seiner bis dahin gekrümmten Stellung sich aufrichtend. Der Graf blickte auf. Es lag in diesen Worten und in der Gebärde des Vorbeters etwas, was seine Lustigkeit bändigte. Er war ernster geworden, und als er nach einer Weile wieder zu reden anfing, klang seine Sprache eigentümlich verändert. »David Brod!« sagte er, »ich kann es erraten, was in diesem Augenblicke in Euerem Gemüte vorgeht. Ihr seht Euere Tochter nach acht Jahren zum ersten Male wieder, und so liegt Euch der Vorwurf nahe, warum sie Euch im Laufe dieser Zeit allmählich fremd geworden, warum sie Euch nicht geschrieben, kurz, warum Isabella Brodini eine andere geworden ist. Vor allem sage ich Euch, David Brod, hütet Euch vor Ungerechtigkeit! Nicht Euere Tochter, mich allein trifft die Schuld. Ich will mich mit Euch auseinandersetzen, David, vielleicht versteht Ihr mich!« Der Vorbeter war wieder in seine demütige Stellung zurückgefallen. Bei diesen Worten richtete er sich auf. »Der Herr Graf haben gut erraten,« sagte er. »Nun, David, so wird es mir nicht schwer fallen, mich mit Euch zu verständigen. Ich will es Euch erleichtern, so klar als möglich zu sehen. Was war meine Absicht, als ich Euer Kind unter meinen Schutz nahm? als ich zu Euch sagte, in der Stimme des vierzehnjährigen Mädchens schlummere eine Macht, in ihrer Tiefe leuchte ein Karfunkel, der nur hervorgeholt und zum Glanz gebracht werden müsse?« »Der Herr Graf wollten sie zur Kunst erziehen!« sagte David Brod fast unvernehmbar. »Zur Kunst! ja zur Kunst!« rief der Graf lebhaft, »das ist der rechte Ausdruck! Aber ist mein Haus schon gebaut, steht es bereits da, allen Augen sichtbar, wenn ich sage: Ich will es!? Da muß zuerst der Grund gegraben, alte Bäume müssen gefällt und mit ihren Wurzeln ausgerodet, Trümmer und Schutt müssen weggeräumt werden. Sagt nun selbst: Ist ein Mensch, der zur Kunst erzogen werden soll, nicht mehr als ein steinernes Haus, zu dessen Ausbau zuletzt nur mein Wille und meine Mittel genügen? Mein Weg war mir daher ganz klar vorgezeichnet. Auch bei der Erziehung Eueres Kindes mußte Schutt weggeräumt werden, Jahrtausende alter Schutt! Um den Funken, der in ihr schlummerte, zu wecken, mußte ich alles, alles zu entfernen suchen, was ihn zu ersticken drohte. Euere Gewohnheiten, Euere Sitten und religiösen Anschauungen, David Brod, sind der Kunst und ihrem hohen Wesen geradezu feindlich. Ihr könnt das Höchste und Kühnste denken, soweit es eben mit der Gedankentätigkeit geht! Zeuge dafür ist Euere Religion. Wollt Ihr es aber zur Gestalt formen, soll die Tat dastehen, dann seid Ihr unfrei, Euere Hand vermag das Werk nicht anzufassen, und was Ihr schafft, wird ein Zerrbild! Darum treten wir, in deren Adern ein anderes Blut rollt, an Euere Stelle und in Euere Rechte, die Ihr nicht ausüben wollt – oder dürft. Habt Ihr mich verstanden, David?« Der alte Vorbeter nickte bloß mit dem Kopfe. »Und so, David Brod,« fuhr der Graf fort, »gestaltete sich auch der Plan, den ich mit Euerer Tochter festgesetzt hatte. Ich mußte zuerst den Boden ebnen, dem sie entsprossen war, der Schutt, bei sie einhüllte, mußte fort! Ich mußte sie allmählich gewöhnen, in der neuen Luft atmen zu können, und als sie den Atem frischer einzog, mußte ich darauf sehen, daß sich kein Gelüste in ihr regte und keine Sehnsucht, die Lüfte und Düfte der alten Heimat wieder aufzusuchen. Ich wollte jeden Tropfen Blutes in ihr erneuern; sie sollte wie neugeboren in das Reich der Kunst eingehen. Denn auch die Kunst ist eine Wiedergeburt; sie bringt uns aus dem Grabe der Gemeinheit und der alltäglichen Drangsale Gott näher ... Darum schrieb Euch Euere Tochter nicht, David Brod, darum ließ ich sie Euch fremd werden, darum mußte sie, und wenn ihr die Entsagung noch so blutig ins Fleisch schnitt, alles aufgeben, was wie eine Gewohnheit, wie ein altgewohnter Klang zu ihr den Weg finden konnte. Ich war grausam und mitleidslos wie ein Tyrann! Ich war wachsam, als hätte ich hundert Augen, jeder Tropfen Blutes in ihrem Körper war gezählt. Wenn Ihr mich nun verstanden habt, David Brod, so werdet Ihr auch begreifen, daß jede weitere Erklärung vollkommen überflüssig ist. Ein Bau ist vollendet, wer fragt da danach, wieviel Steine er bedurft, welche Mühe Maurer und Baumeister aufgewendet hatten? So erging es mir mit meiner Isabella! Das Werk hat sich selbst gekrönt!« Seiner Isabella! Der alte Mann hatte gezittert; er hielt sich kaum noch aufrecht. Aber als wirke eine Kraft in ihm, von der sein gebrechlicher Leib nichts wußte, stand er mit einem Male hoch aufgerichtet vor dem Grafen, größer als er sonst schien; sein ganzes Wesen von einer Art gebieterischer Würde umgeben, die niemand an ihm gekannt hatte. »Wer sagt dem Herrn Grafen,« begann er, und seine Stimme schwankte dabei nicht, »daß ich gekommen bin, das Werk des Herrn Grafen zu stören? Oder daß ich gekommen bin, um zurück zu begehren, was mir doch nicht mehr gehört? Was sollte ich auch begehren? Daß mir der Herr Graf meine Ella ganz so zurückgibt, wie sie vor acht Jahren aus meinem Hause fortgegangen ist? Ich weiß, man kann ein Wasser nicht aufwärts fließen machen, und den Mond nicht dahin stellen, wo gerade die Sonne steht. Was will also der Herr Graf von mir?« Der Alte hielt inne; seine Blicke waren von einer wahrhaft bezwingenden Gewalt geworden; seine Haltung erinnerte auch nicht entfernt an den demütigen Vorbeter seiner stillen Gemeinde. Ein Mann stand einem Manne gegenüber. Dies fühlte auch der Graf; er rückte unruhig, die Augen jedoch wie gebannt auf das Antlitz Davids gerichtet, im Stuhle hin und her. »Ihr habt Euer letztes Wort noch nicht gesprochen, Vorbeter!« sagte er unsicher. »Was soll mein letztes Wort sein?« rief der Vorbeter, und der Graf verstand in diesem Augenblicke den biblischen Ausdruck: »Es wehten Flammen um sein Haupt.« »Sprecht Euch aus, David! Es mag Euch manches in meinen Worten verletzt haben! Ihr habt mich vielleicht gar nicht verstanden?« »Was soll ich nicht verstanden haben?« rief David Brod. »Vielleicht versteht aber der Herr Graf mich nicht, wenn ich rede.« Dem Grafen fehlte jede Frage. »Nein!« rief der Alte, »ich rede lieber nichts. Ich beuge mich ja und demütige mich, und sage: Der Herr Graf hat recht! Meine Zeit ist um; es bricht an die Zeit der Sängerinnen, der Komödienspielerinnen und der Kunst, wie der Herr Graf sagt. Will ich das kleine Hölzchen sein, das zu einem Strome spricht: Fließe unter mir durch, denn ich bin eine mächtige Brücke, und du bist nur ein Tropfen Wassers? Nein, ich rede lieber nichts ... Der Herr Graf meint, wir haben keine Kunst! Aber eine Kunst haben wir gehabt, und die will man uns jetzt auch nehmen, daß nämlich unsere Kinder an uns gehangen haben und wir an ihnen. Die Kinder will man uns jetzt entreißen, sie sollen ihre Väter nicht mehr kennen und ihre Mütter ... Künstler sollen sie sein! Aber kommen wird eines Tages ein anderer, Größerer und Mächtigerer. Der wird mit der Stimme des Donners sprechen: \>Was ist aus meinem Volke geworden? Was habt ihr aus ihm gemacht? Habe ich es darum als Ausnahme hingestellt unter die Völker, daß seine Töchter hingehen und auf offenem Markte Götzendienst mit sich treiben lassen und ihrer Kunst?‹ An dem Tage wird es sich entscheiden, wer recht hat: der Herr Graf oder ich.« »Vater!« rief die Sängerin, mit ihren Armen seinen Hals umschlingend. »Rede nicht so! du machst mich verzweifeln.« Der Alte rang sich mit sanfter Gewalt los. »Mache ich dir denn Vorwürfe, Ella, mein Kind? Du bist ja mein Stolz, und mein Herz wird aufgehen vor Freude, wenn ich an deine Kunst denke. Für dich ist die neue Zeit, die immer gewaltiger herankommt ... ich kann dich nicht zurückhalten. Ich bin ja auch nur gekommen, um dich noch einmal zu sehen. Wirst du das einem lebenssatten alten Manne nicht zugute halten?« Er hatte sich zu ihr hinabgebeugt, und nun flossen seine Tränen; die furchtbare Spannung seines Gemütes hatte sich gemildert. »Vater!« rief die Sängerin, »ich gehe mit dir! Du sollst ohne dein Kind nicht sterben.« Er streichelte ihre Haare, er lächelte sogar. »Narrele!« sagte er mild, »was willst du bei David Brod, dem Vorbeter, tun? Willst wieder in einer Laubhütte sitzen? Willst mir wieder ›zuhalten‹, wenn ich oder Feiwelmann, mein Baß, miteinander singen? Die Zeit ist um, für dich ist eine andere gekommen. Du gehörst nicht mehr zu uns ... Was möchtest du bei mir?« Sie war ihm zu Füßen gesunken; laut schluchzend hatte sie seine Knie umklammert. »Laß mich nicht von dir, Vater!« rief sie, »ich gehe mit dir!« »Isabella!« schrie der Graf zornig. Im Klange dieses einzigen Wortes schien eine bannende Gewalt zu liegen, der die Tochter des Vorbeters nichts entgegenzusetzen hatte. Sie hatte ihr Haupt emporgerichtet, Angst und Entsetzen malten sich in ihren feinen Zügen. Sie war in diesem Augenblicke von unsagbarer Schönheit! »Was soll ich tun, Graf?« flüsterte sie, die Blicke zaghaft auf die vor ihr stehende hohe Gestalt des Grafen gerichtet. »Fällt Ihnen die Entscheidung so schwer?« rief er voll schneidender Herbigkeit. »Wählen Sie, Isabella! Wählen Sie zwischen den Ansprüchen dieses alten Mannes, und denen ... die ein anderer an Sie erhebt! Zertrümmern Sie in einem Momente, was lange Jahre gebaut. Es wäre nicht das erstemal, daß ein Kind Ihres Volkes sich von mir losreißt ... weil ihm das Warten zu lange geworden. Gehen Sie auch hin, Isabella ... ich begehre keinen Dank! Wird es mir doch immer klarer, daß kein Menschenwitz ausreicht, um das Gesetz der Natur, um das Band der Abstammung auch nur um einer Linie Breite zu verrücken. Gehen Sie hin, Isabella! Sie sind keine Künstlerin! Sie sind es niemals gewesen. Lüge und Verstellung war die Mitgabe Ihres väterlichen Hauses ... nun liegt sie offenbar da ...« »Lassen Sie mich mit ihr reden, Herr Graf!« unterbrach ihn David Brod. Er hatte sich wieder zu ihr herabgebeugt. »Denke dir, Ella!« sagte er halb laut, halb in unvernehmbaren Worten, »wir sind jetzt ganz allein auf der Welt, ein Vater steht seinem Kinde gegenüber ... Wie stehst du zu diesem Manne?« ... »Er ist mein Herr, mein alles ... was ich bin, das hat er aus mir gemacht ... ich bin seine Sklavin, und er ist mein Gott!« ... »Wirst du sein Weib werden?« »Ich frage nicht danach!« ... »Steht es so mit dir?« Dann rief er, gegen den Grafen gewandt: »Was will der Herr Graf noch? Worüber will der Herr Graf sich noch beklagen? Erst, wie sie mich gesehen hat, überkommt sie die Lust, mit mir zu gehen, aber die Worte des Herrn Grafen sind mächtiger als sonst etwas in der Welt. Wer wird jetzt sagen, daß noch das kleinste Äderchen von einem jüdischen Kinde in ihr zuckt? Es ist alles heraus aus ihr, alles, alles, und nichts ist übrig geblieben als ... der Gott, der sie zu einer Künstlerin gemacht hat.« »Sie folgt nur dem Zuge ihres Berufes,« sagte der Graf dumpf vor sich hin. » Freuen Sie sich nicht, Herr Graf!« rief der Alte mit drohend aufgehobenem Finger. »Es ist nicht gut, wenn man ein Kind abwendig macht seinem Vater, und der es getan hat, auf den fällt es zurück.« Der alte Mann stand wieder aufrecht da; seine Augen sprühten ein dunkles Feuer ans. »Feiwelmann!« sagte er mit gebieterischer Stimme, »bring das Geld her, was sie dir eingehändigt haben. Es darf keinen Augenblick länger in deiner Tasche brennen.« Er wandte sich zum Fortgehen, aber die Arme der noch immerzu seinen Füßen liegenden Tochter verhinderten ihn daran. »Segne mich zuvor, mein Vater!« flehte sie. Er aber schien diese Bitte zu überhören. »Hier hast du noch etwas,« rief er, »was dir vielleicht bei all deiner Kunst nicht unwert sein wird. Hebe es gut auf, es ist das einzige, was ich dir habe mitbringen können ... Es sind Steine vom Grabe deiner Mutter« »Segne mich zuvor, mein Vater!« bat sie wieder, »laß mich nicht ohne Segen von dir gehen.« »Isabella!« rief wieder der Graf. »Ich kann dich jetzt nicht segnen!« sagte der Alte dumpf und hatte sich mit zorniger Gebärde losgerissen. Die Sängerin hatte sich erhoben, weißer als das Gewand, das sie umhüllte, war ihr Antlitz; sie weinte nicht mehr. Der Baß stand neben ihr; er war ihr unbeachtet näher gekommen. »Feiwelmann,« rief sie, und ein Laut von Hoffnung durchbebte ihre Worte, »alter Freund meiner Kindheit, der du mich geliebt und gehegt hast in deinem treuen Herzen, hast du kein Wort für mich?« Außer sich, wie von Sinnen gekommen, fiel er vor der Sängerin nieder; er küßte den Saum ihres Kleides. »Ich habe dich einmal verloren,« rief er, »und jetzt verliere ich dich wieder, Karfunkel meines Lebens! Gott segne und behüte dich!« Noch in derselben Nacht wanderten die beiden Männer ihrer Heimat zu. Als der Morgen in Strahlen der Helle angebrochen war, kamen sie wieder durch den Brandeiser Wald, durch dessen vermeintliche Schrecken sie am gestrigen Tage der Psalm des frommen Dichterkönigs geleitet hatte. Im Walde war es so frisch, Tautropfen hingen an jedem Blatte, und oben in dem Laube sangen Vögel, die sie gestern nicht gehört hatten. Gerade flog ein Vogel neben ihnen auf aus dem Fahrgeleise der Straße, da sagte der Alte, der, seitdem er die Straßen Prags verlassen, seine Lippen nicht geöffnet hatte: »Feiwelmann, wir müssen doch beizeiten daran denken, wie wir unsere Leute am nächsten Feiertage zu Hause mit etwas Neuem überraschen. Seit jener verunglückten Keduscha haben sie nichts Neues von uns gehört.« »Ich wüßt' etwas,« sagte der Baß nach längerer Weile darauf, »das will mir seit gestern nicht aus dem Kopfe.« »Meinst du das?« Mit heller Stimme und nicht geringem Verständnisse sang nun David Brod die ergreifende Stelle aus dem berühmten Duette des vierten Aktes der »Hugenotten«, die es gestern bewirkt hatte, daß er seine Tochter erkannte. Sie hatte sich seinem Gedächtnisse ohne einen merkbaren Fehler genau eingeprägt. »Merkwürdig!« rief der Baß, »dasselbe habe ich auch gemeint.« Und auch er sang die schöne Melodie ohne allen Anstand. Als sie nun in geringer Entfernung von der alten Heimat sich befanden, es war in der Nähe des »guten Ortes«, blieb Feiwelmann, der Baß, plötzlich stehen. »David,« sagte er mit unaussprechlicher Traurigkeit. »Beantworte mir jetzt nur eine Frage, eine zweite will ich dir ein für allemal ersparen.« »Frage!« »Wie ist es gekommen, daß du im Brandeiser Walde hast singen können? Ist es in deiner Seele so überaus lustig? Bist du von etwas befreit, was dich gedrückt hat? Und freust du dich ... daß du an sie nicht mehr zu denken brauchst?« Ein trübes Lächeln legte sich um die Lippen des alten Mannes. »Wie du mir doch vorkommst, Baß,« sagte er. »Jemand war einmal in eine Schatzkammer eingelassen worden. Er hat sich da von den aufgespeicherten Kostbarkeiten nehmen gekonnt, wonach sein Herz begehrt hat. Aber was, denkst du, hat er zuletzt aus all den Schätzen für sich ausgesucht? Einen einfachen, kleinen goldenen Ring, weil ihn der, ich weiß nicht an welche glückliche Stunde in seinem Leben gemahnt hat ... Verstehst du jetzt mein Singen, Feiwelmann?« Spät in der Nacht kamen sie wieder zu Hause an. Niemand hatte es erfahren, wo sie gewesen, noch was mit ihnen vorgegangen war; kaum daß ihre Abwesenheit bemerkt worden war. Am ersten Neujahrstage ertönte die neue Melodie, zum ersten Male auf ein gar ernstes und weihevolles Gebet angepaßt in der Synagoge. Die beiden Sänger ernteten dafür nach dem Gottesdienst ungeheures von allen Seiten gespendetes Lob. Man drückte ihnen die Hände, und hie und da machte sich und seiner Begeisterung so mancher in dem Ausrufe Luft: »Es gibt doch nur einen David Brod! Er bleibt der Alte.« Umsonst berief sich der »verdorbene Student« Gottlieb Weißfisch darauf, und behauptete es mit der ganzen Wucht seiner Persönlichkeit, er habe die Melodie schon irgendwo gehört, und wenn er sich nicht irre, so komme sie in Meyerbeers Oper: »Die Hugenotten« vor ... er fand bei den Leuten keinen Glauben und kein Vertrauen, die nach wie vor bei ihrem Satze blieben, es gebe nur einen David Brod. Bei der jüngeren Welt glückte es ihm freilich um so mehr; aber diese entschied nicht. Die Melodie war das einzige, was die beiden Männer von ihrer Kunstfahrt nach Hause gebracht hatten ... das tönende Erinnerungsdenkmal des Karfunkels ... Kurze Zeit darauf starb, unerwartet schnell, der alte Vorbeter. Er war ohne Krankheit hinübergeschlummert. Es hatte sich seltsam gefügt, daß einige Tage vorher in der Gasse die Nachricht verbreitet war, der Graf sei von seinen Reisen zurückgekehrt und werde von nun an seinen beständigen Aufenthalt im Schlosse nehmen. Das Gerücht setzte hinzu; er sei ein noch finsterer Menschenfeind geworden, als er sonst gewesen, und lasse nur die unentbehrlichsten Personen vor sich ... Am Abende vor seinem Tode berief David Brod seinen langjährigen treuen Genossen zu sich. »Du wirst sehen, Feiwelmann,« sagte er schwach, »sie kommt doch noch einmal wieder ... nicht zu ihm, der auf seinem Schlosse lebt, sondern zu mir, daß ich sie segne. Dann sage ihr, ich habe sie gesegnet ...« Eines Tages wurde Feiwelmann, der Baß, der mittlerweile der Nachfolger David Brods im Synagogenamte geworden, durch den Wächter des »guten Ortes« nach dieser Stätte des Friedens berufen, wo ihn jemand erwartete. Auf dem Grabe des Vorbeters fand er eine schwarz gekleidete und tief verschleierte Frau sitzen, die heftig weinte. Was zwischen den beiden gesprochen wurde, hat niemand je erfahren ... Isabella Brodini leuchtete als »Karfunkel« noch einige Jahre hindurch in wolkenlosem Glanze; dann verschwand sie plötzlich aus jener Welt, die nur Bewunderung und Siegeskränze für sie hatte. Sie ist seitdem wie verschollen. Feiwelmann, dem Sänger, scheint es bekannt zu sein, wo sie sich gegenwärtig aufhält. Wenigstens will man dies aus dem Umstande schließen, daß er noch jetzt an jedem Todestage seines Vorgängers an die Armen der Gemeinde so bedeutende Unterstützungen verteilt ... die milden Gaben können nur von der Tochter David Brods, vom »Karfunkel« herrühren.