Friedrich Wilhelm Hackländer Feuerwerker Wortmann und andere Soldatengeschichten Feuerwerker Wortmann 1. Daß ich geboren wurde, wird mir der geneigte Leser hoffentlich auf's Wort glauben; ich kann für mein Dasein die besten Beweise beibringen, und lasse mir kein Haar von meiner Existenz wegdisputiren. Wenn bei meiner Geburt auch keine Zeichen und Wunder geschahen, wenn dieselbe weder durch Glockengeläute, Kanonendonner, Illuminationen noch sonstige Festlichkeiten und Gratulationen gefeiert wurde, so war sie doch von Ereignissen begleitet, welche ziemlich bemerkenswerth waren für das Haupt der Familie. Diese Würde behauptete damals mein Vater, Friedrich Wilhelm Wortmann, oder wie er in der Brigadeliste hieß, Wortmann III . Doch braucht man deßhalb nicht an eine fürstliche Abkunft zu glauben; mein Vater hieß einfach Wortmann III ., weil es einen Unteroffizier Wortmann I . und II . gab. Mein Vater war Unteroffizier in der 6. Fußkompagnie der 8. Artillerie-Brigade, hatte bereits sieben Jahre gedient, und deßhalb die silberne Schnalle, die er am blauen Bande auf der Brust trug; ferner hatte er eine Frau, und bereits zwei Töchter von fünf und sechs Jahren, als ich Mime machte in der Welt zu erscheinen. Meine Mutter war Marketenderin der 6. Kompagnie; man muß aber deßhalb nicht meinen, daß sie in Friedenszeiten mit einem Schnapsfläschchen herumgezogen wäre; bei ausbrechendem Kriege würde sie sich vielleicht auch dazu verstanden haben, vorderhand aber hielt sie eine »Restauration« in der Kaserne. Dies Wort hatte mein Vater auf die Thüre unserer Wohnung geschrieben, ein einziges großes Gemach, wo in einer Ecke die Familie Wortmann hinter einem rothkarrirten Vorhange schlief, der größte Theil aber dem oben genannten Geschäft gewidmet war. Im Hintergrund befand sich ein kleiner Schrank, dessen unterer Theil die festeren Nahrungsmittel enthielt, als Brod, Wurst und Schinken, oben hatte er eine Art Etagère, wo angenehme Flüssigkeiten, als Magen- und Ehestandsbitter, Kornbranntwein, Kümmel und Pomeranzen stand, womit der Soldat, so lange er Geld hat, sein zweites Frühstück zu beträufeln pflegt. Gegenüber befand sich ein großer Kochofen und nicht weit davon ein langer Tisch für wenigstens zwanzig Gäste; denn meine Mutter gab um 12 Uhr Table d'Hôte, das Couvert ohne Wein zu 18 Pfennige, Abends aber wurde nach der Karte gespeist. Daß an der Wand unseres Wohnzimmers das Portrait Sr. Majestät des Königs nicht fehlte, wenigstens ein höchst sonderbarer Kopf, der als Unterschrift besagten hohen Namen trug, brauchte ich eigentlich nicht zu erwähnen. An jenem Tage nun, wo ich mich anschickte, in der Welt zu erscheinen, war Abtheilungsparade vor einem neu avancirten Major. In der Restauration mußte deßhalb der Kaffee schon in aller Frühe fertig sein und daher meine Mutter sehr zeitig aufstehen. Doch besorgte sie ihre Geschäfte wie bisher; nur als sie fertig war, als der letzte Mann sein Frühstück eingenommen hatte, als das Horn zum Heraustreten durch die Gänge lärmte, setzte sie sich auf eine kleine Bank, die neben dem Bette stand, faltete die Hände und sagte zu unserer Magd, Babett, während sie an den Himmel schaute – Babett spülte gerade die Tassen –: »Ich will Ihr was sagen, mir wird's ganz krämpfig und wuselig; spring' Sie doch hinüber und hol die Frau Hammer.« Das Alles habe ich natürlicherweise nur aus Traditionen, sowie auch, daß die mich speziell betreffende Sache einen höchst ungefährlichen und natürlichen Verlauf nahm. Etwas Eigenthümliches bezeichnet übrigens noch meinen Eintritt in die Welt; als Madame Hammer nämlich droben beschäftigt war, rief die Wache drunten: heraus! Die Musik dröhnte rauschend im engen Kasernenhofe, und unter unserem Fenster sagte ein Unteroffizier der Kompagnie: »Jetzt kommt der Major.« – – Damit trat ich in die Welt. Nun hatte mein Vater auch von jeher den sehnlichsten Wunsch gehabt, einen Sohn zu besitzen. Seine beiden Mädchen hatte er sehr lieb, doch zupfte er sie oft an den langen Zöpfen und sagte seufzend: »Wenn mir nur eine von euch den Gefallen gethan hätte, und wäre als Bube auf die Welt gekommen.« Der Wunsch meines Vaters war nun also in Erfüllung gegangen, und auch meine Mutter war nicht wenig entzückt darüber. Ja, sie sah recht gläubig der alten Frau Hammer zu, als diese ihren Kalender hervorzog, Datum, Stunde und Himmelszeichen nachsah und befriedigt mit dem Kopfe nickte. »Der Junge,« sagte sie, »ist ein Schlaukopf, und hat sich eine gute Zeit erwählt. Glaub' Sie mir, Frau Wortmann, daß sie ihn draußen mit Musik empfingen, und daß der Unteroffizier im gleichen Augenblicke sagte: da kommt der Major! das hat was zu bedeuten; dem Buben können die Epauletten nicht fehlen.« – »Geb' es Gott,« seufzte meine Mutter, worauf sie die Augen schloß und in eine gelinde Ohnmacht verfiel. Babett aber hatte nichts Eiligeres zu thun, als den Versuch zu machen, meinen Vater schon während der Parade auf eine schickliche Art von seinem Glück und meiner Ankunft in Kenntniß zu setzen. Zuerst trat sie an's Fenster und blickte in den Hof hinab, wo das Militär in Reih' und Glied aufgestellt war. Wohl sah sie meinen Vater, doch hatte er auf Kommando die Augen rechts gewendet, und nichts wäre im Stande gewesen, ihn ohne Befehl geradeaus sehen zu lassen. Endlich aber kam dieser Befehl, worauf mein Vater einen Augenblick flüchtig nach dem Fenster seiner Wohnung blickte. Babett wollte ihm nun telegraphiren, meine Mutter habe sich niedergelegt, zu welchem Ende sie den Kopf in die Hand legte und die Augen schloß. Ob das nun mein Vater verstanden, weiß ich nicht, die Magd nahm es aber an, und um hierauf das Geschlecht des Neugeborenen näher zu bezeichnen, hob sie ein Paar alte Hosen meines Vaters an dem Fenster in die Höhe. Dies Zeichen aber verstand er gar nicht, vielmehr schien er zu glauben, er habe statt seiner Paradebeinkleider ein Paar andere angezogen, und blickte deßhalb erschrocken auf seinen Anzug nieder, was ihm vom zugführenden Lieutenant einen gelinden Verweis eintrug. Hätte sich Babett mit ihrem Telegraphiren begnügt, so wäre es dabei wohl geblieben; da sie sich nun aber einmal in den Kopf gesetzt hatte, ihrem Herrn die Nachricht von meinem Erscheinen und seinem Glück ohne Verzug zu melden, so eilte sie in den Kasernenhof hinab, schlich sich um die Front herum, und zupfte den kleinen Hornisten der hinter meinem Vater stand, am Rockschoß, ihm die wichtige Nachricht zuflüsternd. Der kleine Hornist hatte hierauf nichts Eiligeres zu thun, als sich seinem Unteroffizier zu nähern und ihm leise zu sagen: die Frau Unteroffizier droben habe soeben ein Kind gekriegt, und es sei ein Bube. Nun gibt es aber selbst im Leben eines königlichen Unteroffiziers Augenblicke, wo alle Bande der Subordination nicht im Stande sind, einen Ausruf des Schreckens oder der Freude zu unterdrücken. Dem Unteroffizier Wortmann ging es gerade so, und durch die feierliche Stille, die gewöhnlich bei dem großen Moment herrscht, wenn der inspicirende Offizier Montur, Lederzeug und Waffen untersucht, vernahm man plötzlich den ziemlich lauten Ruf: »Himmelsakerment! das ist ein Vergnügen.« Der kleine Hornist prallte erschreckt zurück, und mein Vater, sich seines Verbrechens klar bewußt, stand wie eine Bildsäule, ohne eine Muskel des Gesichts zu rühren. Während der Parade wurde der ungeheure Frevel nicht geahndet, als aber der Major die Kaserne verlassen hatte, als die Kompagnie meines Vaters, welche die Wache zu geben hatte, noch allein drunten stand, trat der Hauptmann vor die Front, legte beide Hände über die Stelle seines Körpers zusammen, wo er einen Bauch hätte haben können, riß die Nasenlöcher auf, wobei sich sein struppiger Bart drohend in die Höhe lehrte, und sagte mit einem Blick himmelwärts: »So was ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen, Unteroffizier Wortmann, ist Er denn rein des Teufels?« Mein Vater wollte sich entschuldigen, doch fuhr der Hauptmann zornig fort: »Halten Sie gefälligst Ihr Maul, Herrrr Unteroffizier Wortmann! Ich sehe Ihrem ganzen Habitus an, Sie haben heute Morgen wieder einmal zu stark gefrühstückt. Bei einer Parade vor dem Herrn Oberstwachtmeister mit »Himmelsakerment« dreinfahren! Ist so was in der ganzen Weltgeschichte erhört? Sehen Sie, meine Herren,« sprach er leiser zu den Offizieren, die ihn schaudernd umstanden, »das hätte man zu meiner Zeit thun sollen. Da hätte mein ehemaliger Hauptmann so einen Mann augenblicklich aus dem Glied nehmen und hätte ihm vor der ganzen Kompagnie plein pouvoir geben lassen. Es ist nicht meine Schuld, daß sich die Zeiten geändert. – Herr Lieutenant v. Schwenkenberg,« fuhr er darauf lauter fort, »der Unteroffizier gehört zu Ihrem Zuge, strafen Sie ihn, damit er sich nicht mehr untersteht, die feierliche Stille einer Parade zu unterbrechen. – Ich sage Ihnen, plein pouvoir hätte er gekriegt.« Damit fuhr er zum Kasernenhofe hinaus, begleitet vom ersten Lieutenant der Kompagnie. – Er war ein heftiger Mann, der Kapitän, hätte seinem Dienstalter nach schon längst Major sein können, und war deshalb, so oft ein neuer Vorgesetzter erschien, von der allerschlechtesten Laune. Einen starken Gegensatz zu ihm bildete der Zugführer, Lieutenant v. Schwenkenberg. Es war das ein langer, schlotteriger Offizier, dem der Schneider keine Uniform eng genug machen konnte; jeder Rock hing in verdrießlichen Falten von seinen Schultern herab wie von einem Kleiderständer, und dazu war keine Halsbinde so hoch, um seinen Hals gehörig zu bedecken, was der ganzen Figur wenig Soldatisches gab. Seinen Degen trug er so locker, daß die Spitze der Scheide beständig mit seinen Stiefelabsätzen zusammenschlug, wozu auch sein Gang nicht wenig beitrug; denn er schwankte wie eine lange Signalstange bei starkem Winde. Seine Redeweise paßte übrigens vortrefflich zu seinem Aeußern, er sprach so langsam und schleppend wie möglich, und um sie schriftlich richtig auszudrücken, hätte man zwischen jedes Wort einen Gedankenstrich setzen müssen. »Na, – Sie haben es gehört, Unteroffizier Wortmann,« sagte er, »wenn ich – auch freilich – nicht so sehr – von der Heiligkeit – einer Parade überzeugt bin, – wie der Herr Hauptmann, – so begreife ich – doch nicht, wie es einem – gedienten Unteroffizier – einfallen kann, während des Stillstehens – laut zu sprechen. – Was haben Sie eigentlich gesagt?« Mein Vater wollte etwas erwiedern, doch unterbrach ihn der Lieutenant, indem er fortfuhr: »Nun ja, Sie haben gesakermentert – das kann in der Welt schon vorkommen, – selbst im Gliede denkt man zuweilen so etwas, – wenn es lange dauert, – wenn Einen der Schuh drückt – oder ein Floh sticht, – – ich kenne das, aber laut werden darf man es nicht lassen. Und wer es doch – laut werden läßt, – der verdient Strafe. – Sie haben das gethan, – und ich kann nicht weniger thun, – als Ihnen dafür eine – Strafwache zu geben. Beziehen Sie also sogleich die Kasernenwache, und damit Punktum. – Aus einander treten! – in die Kaserne.« So feierte denn mein Vater meinen Eintritt in die Welt mit einer Strafwache, woran ich die unschuldige Ursache war. Dabei hatte der Unteroffizier Wortmann auch noch so viel Pflichtgefühl, daß er vom Kasernenhofe direkt in die Wachtstube ging; den kleinen Hornisten schickte er hinauf, ließ meiner Mutter vermelden, was sich zugetragen, und bat zu gleicher Zeit, ihm den Neugeborenen, wenn es thunlich sei, später auf ein paar Augenblicke herunter zu bringen. Unterdessen hatte Babett einen Zettel an die Stubenthüre geklebt, auf welchem zu lesen stand, es werde heute kein Mittagstisch gehalten, zum Abend aber gebe es Kartoffeln mit Specksauce. Gegen 3 Uhr desselbigen Tages wurde ich denn, dem Befehl meines Vaters gemäß, hinter in die Wachtstube getragen. Glücklicherweise war es ein warmer Maitag, auch hatte mich Madame Hammer tüchtig eingewickelt. In der Wachtstube drunten qualmte ein ziemlich schlechter Tabak, doch hüstele ich nicht im Geringsten, was mein Vater als eine gute Vorbedeutung nahm, daß ich später etwas Tüchtiges werde ertragen können. Man legte mich auf den Tisch, schob mir das Ende eines der Wachtmäntel unter den Kopf, und dann wurde ich von sämmtlichen Anwesenden nach Gebühr betrachtet und gelobt. Madame Hammer versäumte nicht, meinen Eintritt in die Welt unter rauschenden Musikklängen gehörig zu schildern, und als sie erzählte, Unteroffizier Kübeck habe in diesem Augenblicke gerufen: dort kommt der Major! so rieb sich mein Vater vergnügt die Hände, und der Kompagnieschneider, ein etwas liederliches Subjekt, welcher ebenfalls eine Strafwache hatte, meinte, es könne nicht ausbleiben, aus mir müsse einmal was Großes werden. Den Soldaten gefiel das ebenfalls absonderlich gut, und wie oft kleine Ursachen Schuld daran sind, daß man einen Beinamen erhält, der einem Zeitlebens bleibt, so nannten sie mich Wortmann's Major oder auch schlechtweg den Major, unter welchem Namen ich bald in der ganzen Kaserne bekannt wurde. Unmöglich kann ich hierbei übergehen, daß dieser Beiname später zu sonderbaren Verwechslungen häufig Veranlassung gab, und zuweilen einem unschuldigen Soldaten einen strengen Verweis, wenn nicht eine Strafe eintrug. Der Hauptmann hatte gut verbieten, mich nicht mit dem Namen des Vorgesetzten zu benennen; dies Verbot wirkte gerade entgegengesetzt, und man konnte häufig hören, der Major sei ein ganz nichtsnutziger Kerl, und er habe z. B. in Nr. 24 eine Fensterscheibe eingestoßen. Das Schlimmste aber passirte einem armen Rekruten. Ich war damals drei Jahre alt, und da Noth kein Gebot kennt, ich auch den Unterschied zwischen einem gewissen Orte und der Kasernentreppe noch nicht vollkommen zu würdigen verstand, so passirte mir eines Tages auf letzterer etwas Menschliches, wenige Augenblicke vorher, als der Hauptmann dieselbe betrat. Natürlich war sein Zorn über alle Beschreibung. Der unglückliche Treppenkalfakter du jour – so hieß der Mann, welcher reinigen mußte, – wurde augenblicklich citirt, der Hauptmann schrie ihn nach seiner gewohnten Weise an, worauf Jener in großer Verlegenheit erwiederte: das werde wahrscheinlich der Major wieder einmal gethan haben. – Ein kleiner Arrest war sein Loos. Der Tag meiner Geburt sollte übrigens für meinen Vater noch recht unangenehm werden. Als ich in der Wachtstube auf dem Tische lag und betrachtet wurde, führte das Unglück abermals den Hauptmann in die Kaserne; vielleicht hätte er nichts Unrechtes bemerkt, doch fing ich in dem Augenblicke, als er an der Wachtstubenthür vorbeischritt, mörderisch an zu schreien, weßhalb er eintrat, mit zusammengeschlagenen Händen die Entweihung des Lokals gewahr wurde, und meinem armen Vater einen vierundzwanzigstündigen Arrest dictirte, zu dem er auch sogleich abgeführt wurde. Doch bestand er seine Strafe guten Muthes, in der Freude des Herzens, daß ich, sein Stammhalter und Erbe, geboren sei. 2. Die ersten Jugendjahre aller Kinder gleichen sich mehr oder minder; es ist das in vieler Beziehung eine glückliche Zeit, kommen doch hier noch keine Standesunterschiede zum Vorschein, und ob der Vater Minister ist oder Tambour, das hat da nicht viel zu bedeuten. Gleiche Leiden und Freuden umschlingen die ganze junge Generation, und dem Armen schmeckt sein Apfel und sein Schwarzbrod eben so gut wie dem Reichen das Stück Biscuittorte, welches nur den Vorzug hat, daß es dem Betreffenden vielleicht seinen kleinen Magen verdirbt. Die Spiele dieser Zeit sind fast überall die gleichen, und wenn man sich als Räuber und Gensdarmen in einem Sandhaufen herumwälzt, so ist es gleichgültig, ob die Höschen von feinem Tuch sind, oder fadenscheinig und hie und da mit kleinen Offenherzigkeiten geschmückt. Wer die Neigung aller kleinen Knaben ruhig beobachtet, der sieht bei fast allen die große Vorliebe für Trommel und Gewehr, überhaupt für alles Militärische, und wird zugestehen müssen, daß, was diesen Punkt anbelangt, ein Kind, welches in der Kaserne geboren und dort seine Kinderjahre verspielen darf, ein glückliches genannt werden kann. Daß ich stets eine große Schaar kleiner Freunde um mich hatte, welche mit unendlichem Glück an allen den geheiligten Orten spielten, die ich als Sohn meines Vaters betreten durfte, wird mir Jeder glauben. Da war der Geschützschuppen im Hofe, dessen Thor freilich fast beständig verschlossen war, doch krochen wir zu einem kleinen Fenster der Hinterseite hinein, und waren glücklich und selig, wenn wir hier, ohne beunruhigt zu werden, ganz im Geheimen spielen konnten. Da standen die 6- und 12pfündigen Kanonen und Haubitzen so ruhig bei einander, die metallenen Rohre glänzten und waren tief herabgesenkt, so daß es aussah, als dächten sie an Vergangenheit und Zukunft. Wir halfen ihren Träumereien nach, indem wir wie eine Schaar kleiner Kobolde um eines der Stücke schwärmten, es auf allen Seiten erkletterten, uns rittlings auf das Rohr setzten, es mit unsern kleinen Fersen spornten, und ihm die Kommando-Worte zuriefen, die wir tagtäglich vor unsern Fenstern hörten – Batterie Marsch! – Batterie Galopp! – Batterie Halt! – mit 6löthigen Kartätschen geladen! – Feuer-r-r-r-r! Am liebsten übrigens erkletterten wir eine der kolossalen Deichseln, um sie durch das Gewicht unseres Körpers nach und nach in Bewegung zu setzen; das gelang uns dann auch nach den angestrengtesten Bemühungen, und unsere Freude war nicht gering, wenn die Deichsel sich langsam auf und ab wiegte, wenn das ganze Gestell krachte, und die Ketten der Protze anfingen leise zu rasseln und zu klingeln. Doch war es ein Moment der höchsten Aufregung, wenn Einer von uns selbst schaudernd zu sagen wagte: »paßt auf – paßt auf – jetzt wird die Kanone lebendig und fährt davon,« so purzelten wir Alle vor Angst von der Deichsel herab, und suchten eilig das Freie zu gewinnen, was uns aber nicht abhielt, schon am andern Tage das gleiche Spiel wieder auf's Neue zu beginnen. Dabei hatte Jeder sein Lieblingsgeschütz, das er sein eigen nannte. Meine Freundin war eine 7zöllige Haubitze, die Miranda, zu der ich schon als kleines Kind, ich weiß nicht aus welchem Grunde, eine besondere Zuneigung gefaßt hatte; da sie ein Manövrir-Geschütz war, wurde sie selten zum Exerciren herausgezogen, und blieb meistens im hintersten Winkel des Schuppens stehen. Schon als vierjähriges Kind gelang es mir vollkommen, sie vermittelst der Räder zu erklettern, den Mundpfropfen loszuschnallen, worauf ich alsdann die Höhlung des Rohrs zu einer kleinen Vorrathskammer benützte, wo ich meine kleinen Reichthümer, wie Bindfaden, Papierschnitzel, Aepfel und sonstiges Obst, zu verwahren pflegte. Ich erinnere mich noch sehr genau meines grenzenlosen Jammers, als ich eines Morgens in den Geschützschuppen trat und sah, daß die Miranda fehlte. Lange tröstete mich die Mutter und Babett vergeblich, indem sie sagten, die Haubitze würde ja in ein paar Stunden zurückkommen, weinend setzte ich mich an's Kasernenthor und wartete mehrere Stunden, bis ich die Batterie schon von Weitem auf dem Pflaster einherrasseln hörte. Ich lief ihr entgegen, und wäre in der Freude meines Herzens fast unter die Pferde gerathen. Doch gewann ich durch den Beweis den Anhänglichkeit die Gunst des Kapitäns, welcher bis dahin dem kleinen Major nicht recht gewogen war; er gab lachend zu, daß mich die Bedienungsmannschaft der Miranda innerhalb des Kasernenthors auf das Rohr setzte, und ich somit triumphirend einziehen durfte, zum nicht geringen Schrecken meiner Mutter, die am Fenster saß und ihre Hände über dem Kopf zusammenschlug; die Miranda nämlich war stark im Feuer gewesen, mit schwarzem Pulverschleim und Staub bedeckt, das sich nun begreiflicherweise meinen weißgewaschenen Hosen mittheilte. Der Kapitän aber lachte, als er vom Pferde stieg, und meinte, es sei gut, wenn ein Soldatenkind schon in der frühesten Jugend Pulver zu riechen bekäme. Ein anderer Spielplatz meiner Jugendzeit, der eben so große Freuden bot als der Geschützschuppen, war die Montirungskammer, ein großer, halbdunkler Saal, wo Uniformen, Säbel, Helme, kurz alle Bestandtheile des militärischen Anzuges in unabsehbarer Reihe durch einander hingen; uns hier herumzutreiben, war uns übrigens nicht häufig vergönnt, denn der Verwalter aller dieser Herrlichkeiten, der Kapitän d'Armes, ein alter, grämlicher Unteroffizier, hatte neben dem Tische, wo er seine Bücher eintrug, einen tüchtigen Fahrer-Kantschuh hängen, den er grimmig schwang, wenn wir uns zu ungeeigneter Zeit der Kammer näherten. Doch gab es auch Momente, wo wir von ihm geduldet wurden, und wo er uns sogar erlaubte, mit alten Säbeln und Pistolen zu spielen, die rostig, ihre Säuberung erwartend, in einem Winkel bei einander lagen. Ungerufen durften wir nie erscheinen; wenn aber der Kapitän d'Armes gut gelaunt war, und uns so mit sehnsüchtigem Blicke an der Thüre lehnen sah, so sagte er zuweilen: »na, ihr dürft kommen, ihr Grobzeug,« und dieser freundlichen Einladung folgten wir auf's Bereitwilligste. Der Verwalter der Kammer hieß Leopold; ob das sein bloßer Vorname oder auch der Name seiner Familie war, habe ich nie erfahren können, denn er liebte es nicht, von seinen Angelegenheiten zu sprechen. Seinen Kameraden aber mochte der Name Leopold zu lang oder zu vornehm klingen, weßhalb sie ihn in Poltes umgewandelt hatten, eine Abkürzung, die er sich auch gefallen ließ, und die auch später auf den Zettel an seiner Stubenthür, sowie in sein Löhnungsbuch übergegangen war. Unteroffizier Poltes mochte ein starker Vierziger sein, hatte in seinem Leben viel durchgemacht, und in seiner Jugend ziemlich stark getrunken, und die Folge hievon war, daß er, wie er selbst zu sagen pflegte, jetzt, obgleich im besten Mannesalter, doch schon komplet fertig sei. Er war groß und hager, hatte eingefallene Wangen, die meistens stark und unheimlich geröthet erschienen: dabei hustete er beständig leicht und trocken, und seine Stimme klang meistens heiser und unverständlich. Wenn er in der Kammer beschäftigt war, so hatte er meistens ein rothseidenes Taschentuch um den Kopf gebunden, und schritt abwechselnd vor sich hin pfeifend und hustend an den langen Reihen der Uniformen, bald dies bald das nachzählend, auf und nieder. Wenn ich ihn allein in der Kammer sah, und ihm schüchtern guten Tag sagte, so gab er mir meistens die Erlaubniß, hereinzukommen. Unteroffizier Poltes war nämlich nicht gerne allein, und wenn er keine andere Gesellschaft haben konnte, so nahm er mit mir, dem kleinen Buben, vorlieb, an den er nun das für mich unverständlichste Zeug hinsprach. »Ja, ja, Major,« fing er gewöhnlich seine Reden an, »es sind schlechte Zeiten und die Hühner gehen barfuß; sieht Er, Major, mich sollte es gar nicht wundern, wenn Ihm noch einmal in Seinem künftigen Leben Dinge passirten, von denen Er sich jetzt gar nichts träumen läßt.« »Was für Dinge, Unteroffizier Poltes?« – »Dinge, Herr Major, die ganz absonderlich sind; wenn auch keine Zeichen und Wunder mehr geschehen, so kommt doch Manches anders, als man denkt; als ich so alt war wie Er, na, da dachte ich mir: vier Pferde für dich später zum Fahren, das wäre verdammt wenig, und jetzt zähle ich alte Uniformen.« Darauf pfiff er und fuhr dann brummend fort: »Ja ja, es ist eine merkwürdige Zeit, man hat Beispiele von Exempeln, daß alte Schornsteine einstürzen, Ziegen krepiren, Kuhschwänze dagegen wackeln und doch nicht abfallen – Pfui Teufel!« – Auf diese Offenbarungen horchte ich mit offenem Munde, während ich neben ihm hertrippelte, meine Hände beständig auf dem Rücken zusammengelegt. Nebenbei war mir aber der Unteroffizier Poltes von großem Nutzen, denn er gab sich mehrere Stunden des Tags mit meiner Erziehung ab, und lehrte mich in kurzer Zeit ziemlich fertig lesen und schreiben, namentlich aber rechnen, und letzterer Unterricht wurde auf der Montirungskammer praktisch betrieben. Da mußte ich Säbel zählen, Knöpfe aussuchen und nach der Nummer, die auf ihnen stand, in Haufen von 10 und 100 zusammentragen. Machte ich meine Sache einmal sehr gut, so schenkte mir Poltes einen Pfennig, war ich aber recht unaufmerksam, so pflegte er zu sagen: »Soldatenkinder und Erlenholz wächst auf keinem guten Grund – Du bist eigentlich nicht Schuld daran, daß bei der Geburt deines Vaters schon geschossen wurde – na, es wird schon kommen – Haselholz wächst immer frisch und lustig nach, und deine künftigen Lehrer werden auch hoffentlich Augenblicke haben, wo ihnen die Finger verdammt jucken.« – Man muß übrigens nicht glauben, daß ich meinen Unterricht vernachlässigt hätte, im Gegentheil, sobald ich das fünfte Jahr erreicht hatte, wurde ich in eine Knabenschule geschickt, und mein Vater machte sich ein großes Vergnügen daraus, zu Hause meine Aufgaben mit mir durchzugehen. Ueberhaupt war mein Vater, Unteroffizier Wortmann, ein. in jeder Hinsicht sehr respektabler und namentlich ein tüchtiger, ja vortrefflicher Soldat. Streng im Dienst war er bis zum Exceß, das Exerciren verstand er wie Keiner, und sein Lederzeug war immer so im Stande, daß es häufig nicht nur der ganzen Batterie, sondern der ganzen Abtheilung zum Muster vorgelegt wurde. Obgleich seine Korporalschaft die musterhafteste war, und er auch über die Faulen und Nachlässigen ein eisernes Scepter schwang, so daß die Burschen in Angst geriethen, wenn der Unteroffizier Wortmann nur in's Zimmer trat, so war es doch höchst eigenthümlich, daß er nicht im Stande war, bei uns zu Hause auch nur einen Schein von der Herrschaft auszuüben, die ihm als Familienvater und Chef des Hauses doch wohl gebührt hätte. Und wenn ihn meine Mutter an den häuslichen Tugenden, Fleiß, Sparsamkeit, Reinlichkeit, übertroffen, ja, auch nur erreicht hätte, so würde man die unbegrenzte Herrschaft, welche sie ausübte, einigermaßen erklärlich gefunden haben. Leider kann ich aber, was meine Mutter anbelangt, nur berichten, daß sie das Gegentheil von den eben angeführten häuslichen Tugenden besaß. Mama war, wie die Leute behaupteten, eine recht hübsche Frau, doch that sie gar nichts, um ihr Aeußeres in ein vortheilhaftes Licht zu setzen, und wenn sie einmal einen Versuch machte, z. B. ihr Haupt vermittelst einer Haube mit langen und bunten Bändern zu schmücken, so stach dagegen ihr sehr unscheinbares Kleid, sowie die niedergetretenen Schuhe, auf's Unangenehmste ab. Daß ihre Wirtschaft vortrefflich ging, war die Schuld eines Monopols, welches der Kapitän meiner Großmutter, der Frau des Feuerwerkers, einstens verliehen, das auf die Tochter übergegangen war, und von meinem Vater erheirathet wurde. Wenn man übrigens die Leute der Batterie in ihren ungenirten Gesprächen belauschte, so konnte man erfahren, daß der Kaffee in unserer Restauration ganz scheußlich sei, daß dem Brod und der Wurst meistens die jugendliche Frische mangelte, ja man hörte offen den schrecklichen Verdacht aussprechen, als seien Suppe und Kartoffeln statt mit Butter mit einem Stücke Talglicht geschmälzt. Zuweilen war es vorgekommen, daß irgend ein guter Freund des Vaters, Bombardier oder Unteroffizier oder ein sehr verwegener Geselle der Korporalschaft, sich unterstanden, bescheidene Vorstellungen wegen sehr mangelhafter Speisen und Getränke zu machen, doch war dies den Betreffenden meistens sehr schlecht bekommen, meine Mutter hatte denselben zuerst eine tüchtige Standrede gehalten, und dann ein- für allemal den Eintritt in die Restauration verboten. Der einzige Mensch, mit dem sie übrigens nicht fertig wurde, war der Unteroffizier Poltes, auch glaube ich, daß für diesen besonders gekocht wurde, soviel war sicher, daß er seinen Schnaps nicht aus der allgemeinen Flasche erhielt. Vor ihm allein scheute sich meine Mutter, und sein Eintritt in die Stube konnte den gewaltigsten Strom ihrer Rede hemmen, dann brach sie plötzlich ab. riß heftig an ihren Haubenbändern, und sagte: »schon gut, ein andermal mehr davon.« Kam Poltes zu einer häuslichen Scene, welche Mama mit Papa hatte, so ermannte sich der Letztere anscheinlich, dann zog er beide Hände in die Aermel der Uniform hinein, wie er zu thun pflegte, wenn er bei der Korporalschaft in Zorn gerieth; Poltes setzte sich alsdann neben ihn auf die Bank, und während er seinen Schnaps trank, stieß er meinen Vater von Zeit zu Zeit mit den Ellbogen in die Seite, und munterte ihn dergestalt auf, das Gefecht fortzusetzen. Daß meine Mutter gegründete Ursache gehabt hätte, mit meinem Vater häufig dergleichen Scenen aufzuführen, glaube ich nicht, denn der Unteroffizier Wortmann war, wie ich schon früher bemerkt, ein Muster sowohl als Soldat, wie auch als Mensch; Mama aber schien sich in ruhiger Atmosphäre nie wohl zu fühlen, und stürmische Luft war zu ihrer Existenz nothwendig; dabei hatte sie ein merkwürdiges Gedächtniß für die Schwächen ihrer Nebenmenschen, und obgleich sie von Herzen gewiß nicht böse war, ja eigentlich ein gutes Gemüth hatte, so war es ihr unmöglich, irgend Jemand etwas Angenehmes zu sagen. Die Kanoniere kannten sie schon, und wußten, wenn sie Morgens zum Kaffee in die Restauration kamen, daß ihnen alsdann ihr ganzes Sündenregister in schauerlicher Wahrheit vor Augen geführt werde. Da saßen sie harmlos bei einander in ihren Stalljacken, und während Babett Kaffeebrod und Butter zutrug, stand meine Mutter an ihrem Kochherde, der sich in der Stube befand, und bereitete die Portionen zu. »Weißbrod und Butter für Linsemann,« sagte Babett. Meine Mutter schüttelte mit dem Kopfe und entgegnete: »Linsemann braucht weder Weißbrod noch Butter, da ist Kaffee für ihn, er soll von seinem Kommisbrod dazu essen.« – »Aber ich bezahle es baar,« sagte Linsemann patzig, indem er die Jacke aufknöpfte und eine kleine lederne Tasche hervorzog, die sein Geld enthielt. Meine Mutter schüttelte abermals mit dem Kopfe, – »spar' Er seine Pfennige, Linsemann,« sagte sie, »Er weiß wohl, wo Er sie anbringen kann, – Gott im Himmel, würde ich mich doch schämen, in Stiefeln herumzugehen, die noch nicht bezahlt sind; meint Er, der Schuster brauche nicht auch sein Geld? Aber da heißt's nur machen lassen, Butterbrod essen, Schnaps trinken, überhaupt lustig gelebt und selig gestorben, ist dem Teufel die Rechnung verdorben; – aber ich will dazu nicht helfen, darauf könnt ihr euch verlassen.« Die Kanoniere lachten und schwiegen, was übrigens Madame Wortmann durchaus nicht besänftigte, wenn sie einmal ihren schlimmen Morgen hatte. »Ueberhaupt,« fuhr sie nach einer Pause fort, »geht es mit der ganzen Batterie rückwärts – ist doch bei euch von Zucht und Ordnung gar keine Rede mehr; schade, daß ich nicht Unteroffizier geworden bin, ich wollte euch schuhriegeln. Oder hätte ich etwa nicht das Recht dazu? he!« sagte sie, indem sie die Arme in die Seite stemmte, da Niemand eine Antwort gab. »Meint ihr, ich höre es nicht mit meinen leiblichen Ohren, wie ihr es des Abends treibt, und ohne Schuhe die Treppe hinabschleicht, nachdem die Zimmervisitation vorbei ist. Wo treibt es euch hin? – draußen in's Bierhaus. – Was treibt ihr da? – die paar Groschen versaufen, die ihr so nothwendig brauchtet, um eure Hemden flicken zu lassen.« Wenn Mama so in Eifer gerieth, so hielt sie immer eine Art Kapuzinerpredigt, und am Ende sagte sie meistens achselzuckend, natürlicherweise mit andern Worten: »Aber wie kann man die Knechte loben, Kommt doch das Aergerniß von oben.« »Euch kann man es eigentlich nicht übel nehmen,« sprach sie dann, »wie sollte eine Ordnung in die Batterie kommen, wenn der Erste am liebsten mit der Flasche exercirt, der Zweite immer in stummem Zorne das Maul hält, als wenn er bersten wollte, der Dritte aus lauter Faulheit nie das sagt, was er sagen will, und der Vierte endlich gar Nichts ist, als ein überzogenes Stück Watte, mit wohlriechendem Wasser begossen.« Dabei muß ich übrigens sagen, daß Madame Wortmann die Offiziere nur also klassifizirte, wenn sie mit ihrem Mann und Poltes allein war. Den Kapitän, den wir bereits kennen lernten, haßte sie unbeschreiblich; daß er meinem Papa am ersten Geburtstag ihres Sohnes eine Strafwache dictirt und in Arrest geschickt, konnte sie ihm nie verzeihen; und auch sonst noch hatte es der Kapitän nie daran fehlen lassen, mit seiner ersten Marketenderin häufig Streit anzufangen. Hatte ein Soldat graues Lederzeug, oder dasselbe unsauber lackiert, so brüllte der Hauptmann vor unsern Fenstern so laut, daß es Mama nothwendig hören mußte: »Wo hat Er seine Thonkugeln und seinen Lack gekauft? – wahrscheinlich bei der Wortmann, und daß die nichts Gescheidtes hat, ist weltbekannt.« Einmal hatte der Lieutenant v. Schwenkenberg, der uns überhaupt gewogen war, die Partie meiner Mutter genommen, und gesagt: »Na – Herr – Hauptmann – nehmen – Sie – es – mir – nicht – übel, – aber – das – Material – von – unserer – Marketenderin – muß – doch – gerade – nicht – so – schlecht – sein, – denn – deren – Mann – der – Unteroffizier – Wortmann, – hat – unstreitig – immer – das – beste – Lederzeug – und – die – sauberste – Lackirung.« »Ei, Herr Lieutenant v. Schwenkenberg,« hatte darauf der Kapitän giftig erwiedert, »was Sie nicht Alles zu beurtheilen verstehen; der Unteroffizier Wortmann haben Sie gesagt? freilich das ist ein gescheidter Mann, der kauft Thonkugeln und Lack anderswo, ein braver Mann, ein gesunder Mann – behilft sich anderswo.« Unglücklicherweise hatte meine Mutter, da sie am offenen Fenster saß, dieses Wort vernommen, sie setzte ihre beste Haube auf mit langen blutrothen Bändern, und da sie sich eben nicht die Zeit nahm, dieselbe zuzuknüpfen, so flatterten sie wie Schlangen um das Haupt der Medusa hinter ihr drein, als sie in höchster Entrüstung die Treppe hinabrauschte, um vor den Chef der Batterie zu treten. Leider mußte sie noch warten, bis der Appell vorüber war, und da während desselben noch ein Bombardier krank gemeldet wurde, so trug es nicht zu ihrer Besänftigung bei, daß der Kapitän sagte: »So – N. ist krank, – was fehlt dem N.? er wird sich wahrscheinlich in der Wortmann ihrem vergifteten Schnaps übernommen haben, die Sache muß geändert werden, oder mich soll der Teufel lothweise holen.« Damit wurde die Batterie entlassen, der Kapitän schritt gegen das Kasernenthor, die Hände auf den Rücken gelegt. Neben ihm ging sein Premierlieutenant, finster und schweigend wie immer, und ihnen folgte Herr v. Schwenkenberg und der junge Secondelieutenant. Letzterer hatte zwei Finger der linken Hand zierlich in die schlanke Taille gedrückt, hielt im rechten Auge krampfhaft sein kleines Glas fest, und schwenzelte dazu wie ein junger Wachtelhund, der sich angenehm machen will. Vergeblich versuchte mein Vater, die Mutter zurückzuhalten; wie eine Rakete schoß sie in den Hof hinein und beschrieb in ihrem Laufe einen weiten Bogen, so daß sie nach wenigen Augenblicken durch eine kleine Schwenkung gerade vor den Kapitän hinsauste, der überrascht stehen blieb. »Herr Hauptmann,« begann meine Mutter mit vor Entrüstung zitternder Stimme, wobei sie die Hände krampfhaft auf- und zuschloß und dazu einen so gewaltigen Knix machte, daß ihre Haubenbänder hoch emporwallten, – »Herr Hauptmann,« wiederholte sie, »nehmen Sie es nicht ungnädig, aber ich wollte mir ganz gehorsamst die Frage erlauben, in wie fern und zu welchem Zweck sich mein Mann anderswo behilft, als bei mir – verzeihen der Herr Hauptmann, aber ich möchte das gar zu gerne wissen, und deßhalb bin ich hier.« Und damit knixte sie abermals und noch viel tiefer. Der Hauptmann war bei dieser Anrede sichtlich roth geworden, er biß die Zähne über einander und sagte: »Matuschka! sehe mir einer diese verfluchte Wirtschaft an! Was fällt Ihr in's Henkersnamen ein? – Herr Lieutenant von Schwenkenberg, der Unteroffizier Wortmann gehört zu Ihrem Zuge, – rufen Sie mir den Mann her, daß er mir das Weib zur Ordnung bringt. Habe ich so was erlebt?« »Nein, gewiß nicht,« entgegnete meine Mutter trotzig und keck, »aber mir hat man auch noch nicht so etwas gesagt. Und ich hätte vergifteten Schnaps, Herr Hauptmann? Sie haben auf der Haide oft von meinem Schnaps getrunken und der Herr Lieutenant v. Schwenkenberg; hat es Ihnen je etwas geschadet? – nein – nein – und tausendmal nein! Aber ich weiß schon, Herr Hauptmann – was das Alles heißen soll – ich bin hier zuviel in der Kaserne mit meinen drei armen Würmern, – man will eine andere Frau protegiren, das ist das Ganze!« – Und jetzt bei dem Gedanken an ihre armen Würmer, sowie an eine andere Frau, welcher man ihre Restauration zuwenden wollte, ging der Zorn meiner Mutter in Wehmuth über, und sie fuhr mit dem Schürzenzipfel an ihre Augen. Glücklicherweise kam in diesem Augenblicke auch mein Vater eilig daher geschritten, und neben ihm der Unteroffizier Poltes, den er sich zu Hülfe mitgenommen. »Geh' Sie nach Hause,« sagte der Letztere mit leiser aber ernster Stimme; »wenn es nicht wider den Respect wäre, würde ich sagen, der Klügste gibt nach, doch so –« »Aber das ist wider den Respect,« rief erbost der Hauptmann, »Unteroffizier Leopold, nehmen Sie sich in Acht, oder ich schicke Sie drei Tage in's Loch. – Matuschka! Ist je so etwas vorgekommen, mein Herr? Aber ich bin zu gut aufgelegt, um mich zu ärgern – kehrt – marsch in die Kaserne! – oder es soll ein siebenzölliges Donnerwetter dreinschlagen! – Mich, den Kapitän, in meinem eigenen Kasernenhof zu hankariren!« »Haranguiren,« sprach leise für sich der Lieutenant v. Schwenkenberg. »Haben Sie etwas gesagt?« fragte erzürnt der Vorgesetzte. »Na, Herr Hauptmann,« entgegnete kopfschüttelnd der Gefragte, »gesagt habe ich so eigentlich nichts – nur laut gedacht, wenn es Ihnen gefällig ist.« Doch wartete der Batteriechef diese Antwort nicht ab, sondern schritt erbost mit seinem Premierlieutenant von dannen, und mein Vater, Poltes und die Mutter hörten ihn noch mehrmals die sehr verletzenden Worte wiederholen: »Ich sage Ihnen, meine Herren, diese Wortmann hat zehntausend Teufel im Leibe.« Ich habe dieses Vorfalles nur deßhalb so ausführlich erwähnt, weil er von großem Einflusse auf das künftige Schicksal meiner Familie war. Aehnliche andere folgten in kurzer Zeit und brachten meinen Vater zu dem festen Entschlusse, Dienst und Kaserne sobald als möglich zu verlassen. Da er nun fast fünfzehn Jahre diente, so hatte er längst das Recht, eine Civilversorgung zu beanspruchen. Er meldete sich deßhalb zur Steuerpartie, und da man ihm die besten Zeugnisse ertheilen mußte, auch der Kapitän seiner los sein wollte, so ging die Sache schneller als gewöhnlich, und schon ein halbes Jahr nach der obenerwähnten Geschichte erhielt mein Vater, zugleich mit seinem Abschiede, die Ernennung zum Steueraufseher in einem kleinen Grenzstädtchen. Zum fernern Betrieb der Restauration fand sich bald eine Unternehmerin, welche die Vorräthe, Flaschen, Gläser und Teller übernahm. Mir wurde es am schmerzlichsten, das Zimmer zu verlassen, wo ich geboren, sowie die Kaserne mit ihren Höfen, wo ich so gerne gespielt. Der Abschied von Poltes preßte mir bittere Thränen aus. Auch ihm ging es recht nahe und er fuhr sich mit der Hand über die Augen und seinen langen Schnurrbart, als er mir sagte: »Na, mein Junge, jetzt halte dich brav, lerne fleißig zeichnen, vor allen Dingen aber rechnen und was daran hängt, die Mathematik, dann werden dir später die Epauletten nicht fehlen. – Soldat willst und mußt du doch einmal werden; ich hoffe, du hast deines Vaters ordentlichen Sinn geerbt, und das gute Maulwerk deiner Mutter kann dir auch noch zu statten kommen. Was mich anbetrifft, so bleibe ich auch nicht mehr zu lange im Dienste, hab' mich ebenfalls zur Steuerpartie gemeldet, und wenn ich einmal fort bin, werde ich schon für dich eine Batterie ausfinden, wo du einen angenehmen Chef hast. – Nun, heule nur nicht wie ein Schloßhund.« Es ist mir sehr angenehm, versichern zu können, daß der ganzen Batterie unser Scheiden recht nahe ging. Die Kanoniere meinten, es sei recht traurig, daß sie nun den kleinen Major nicht mehr sehen sollten, und viele schenkten mir, als ich in sämmtlichen Stuben den letzten Besuch machte, allerlei für mich gänzlich unbrauchbare Sachen, als Nadeln und Zwirn, alte Knöpfe, Sporenräder, abgenutzte Säbelquasten und dergleichen Kostbarkeiten mehr. So kam der Morgen, an dem wir abzogen; ehe wir aber die Kaserne verließen, schlich ich mich noch einmal in den Geschützschuppen, streichelte meine liebe Freundin und Gespielin, die blanke Haubitze, und nahm einen wahrhaft zärtlichen Abschied von ihr, meiner guten Miranda. 3. Das Grenzstädtchen, in welches mein Vater versetzt wurde, war klein, lag aber in einer schönen Gegend am Fuß eines Gebirgszuges, auf dessen Höhen die Grenzen des Nachbarstaates mit den unsrigen zusammenstießen. Der ehemalige Feuerwerker Wortmann trug nun statt der blauen Uniform mit schwarzem Kragen eine von grünem Tuch mit blauen Aufschlägen, und hatte zur Bewaffnung eine Art Hirschfänger, sowie eine gute Kugelbüchse, mit deren Behandlung ihn der herrschaftliche Jäger eines benachbarten Gutes, der ebenfalls gedient hatte, vertraut machte. Dieser Jäger zeigte sich überhaupt dem Steueraufseher sehr geneigt und hatte dazu auch doppelt seine guten Gründe; denn wenn die Grenze, an der wir uns befanden, von Schmugglern auch nicht häufig übertreten wurde, da sich keine bedeutende Stadt in der Nähe befand, so luden die prächtigen Wälder und übrigen Jagdgründe, welche den Gebirgszug bedeckten, allerlei unbefugte Jagdliebhaber ein, sich einen stattlichen Hirsch oder fetten Rehbock auf unrechtmäßige Weise zuzueignen. Gegen dieses Getreibe nun wurden die Forsten nach stillschweigender Uebereinkunft mit der benachbarten Gutsherrschaft von den Steuerbeamten ebenfalls geschützt, was denn manchen derselben hie und da eine kleine unschuldige Annehmlichkeit gewährte, sei es durch Verlaufen eines Hasen in unsere Küche oder durch ein paar Feldhühner, die, wie meine Mutter behauptete, durch den Schornstein hereingeflogen waren. Mein Vater war bei seiner bekannten guten Haltung und der musterhaften Sorgfalt, die er auf den Anzug verwendete, bald im ganzen Städtchen geschätzt und geliebt. Als ehemaliger Unteroffizier von der Artillerie besaß er auch so manche Kenntnisse, die den guten Leuten hier zu Statten kamen! er konnte Raketen anfertigen, farbige Feuer, strahlende Sonnen und kolossale Schwärmerbüchsen, Sachen, die namentlich beim Geburtstag des Königs, welcher im Städtchen mit unerhörter Pracht gefeiert wurde, von großer Wirkung waren. Auch war es natürlich, daß der ehemalige Feuerwerker es vortrefflich verstand, taugliche Subjekte zur Bedienung der kleinen Böller-Batterie heranzubilden, woher es denn kam, daß er von den zwei Bürgergesellschaften, der »Concordia« und der »Ressource«, welche sich in Feierlichkeiten bei dem Allerhöchsten Geburtstag überboten, zum Ehrenmitglied ernannt wurde. Diese angenehme gesellschaftliche Stellung wirkte auf meine Mutter höchst erfreulich ein, und die Frau Steueraufseher Wortmann, welche nicht umsonst in einer großen Stadt gelebt, wußte sich einen ganz besondern Anstand zugeben, und wurde schon nach einem halben Jahre den Honoratioren des Bürgerstandes beigezählt. Da sie sich nicht mehr wie sonst in der Kaserne vom frühen Morgen an brauchte sehen zu lassen und ihrem Geschäfte vorzustehen, so verwandte sie mehr Sorgfalt auf ihren Anzug, wenn sie öffentlich erschien, und wenn auch wir im stillen Familienkreise nach wie vor das Glück hatten, sie, wie Unteroffizier Poltes zu sagen pflegte, als Vogelscheuche zu sehen und sehr defekte Schlafröcke von zweifelhafter Farbe und noch zweifelhafterer Reinlichkeit zu bewundern, so sahen sie die Bewohner des Städtchens nur sehr geputzt, in guten Kleidern, namentlich aber in sauber aufgesteckten Hauben, mit langen, bunten, fliegenden Bändern, welcher Kopfputz ihre Hauptleidenschaft war. Was nun meine kleine Person anbelangt, so wurde dieselbe begreiflicherweise Tag für Tag größer und stärker, und wenn mich auch in der ersten Zeit gewaltige Sehnsucht nach den Freuden des Kasernenplatzes und Geschützschuppens bewegte, so fing ich doch auch in kurzer Zeit an, mich in dem kleinen Grenzstädtchen heimisch zu fühlen. Man muß übrigens nicht glauben, daß ich das frühere Soldatenleben vergessen, daß ich der blanken Miranda, des guten Poltes, sowie der Geheimnisse der düsteren Montirungskammer mit weniger Liebe gedacht. – Gewiß nicht! Diese angenehmen Erinnerungen an meine Kinderjahre bewahrte ich fest im Herzen, und um so mehr, da ich ja dazu bestimmt war, nach einigen Jahren selbstthätig und mitwirkend wieder in das Militär einzutreten. Ob ich eigentlich große Lust dazu hatte, wollte mir nicht recht klar werden, und glaube ich fast das Gegentheil versichern zu können, denn oftmals, wenn ich an die dumpfen Kasernenstuben dachte, an die Betten mit den harten Strohsäcken, an Exerciren bei Kälte und Schnee, das ich Alles mit angesehen, sowie an Wache und Arrest, so fühlte ich ein eigenthümliches, fast schmerzliches Zucken in meinem Herzen und konnte oftmals den Gedanken haben, ein anderer Lebensberuf, ein anderer Stand sei auch nicht zu verachten. Dagegen waren es immer wieder die Briefe meines alten Freundes, des Unteroffizier Poltes, der häufig an meinen Vater schrieb, welche die Lust zum Soldatenleben wieder in mir rege machten. Poltes hatte ebenfalls die Batterie verlassen, da aber sein Gesundheitszustand sich mehr und mehr verschlimmerte, er auch mit der Feder außerordentlich gut umzugehen wußte, so hatte man ihn auf ein Steueramt zum Schreiben kommandirt, und da saß er nun hinter angelaufenen Scheiben, vor sich einen schmalen Hof mit schwarzen Brandmauern, am Ende seiner Feder kauend und dachte an die Kaserne, an die rasselnde und glänzende Batterie und an die dreifache Garnitur Montirungsstücke, die er einstens kommandirt. In solchen Seelenzuständen schrieb er an meinen Vater und dachte dabei an mich. »Was macht der Major? Hoffentlich wird der Junge groß und stark, lernt etwas Tüchtiges und gibt mir bald selbst die Meldung, daß ich mich nach einer Batterie für ihn umsehen soll. Das thu' ich nun freilich für mich schon oft genug, es will sich aber immer noch nichts Passendes finden. Daß unser Hauptmann als Major in den Ruhestand versetzt worden ist, hast Du hoffentlich gehört. Sie haben einen neuen, ziemlich jungen Kapitän von der Hauptstadt herüber geschickt, was unsern Premier-Lieutenant und den Herrn Lieutenant v. Schwenkenberg so empörte, daß Beide um ihre Versetzung einkamen. Dies ist ihnen denn auch, aber nicht in Gnaden, bewilligt worden, der Erste wurde zur Festungs-Kompagnie nach I. versetzt, wo er seinen ewigen Groll an den Mauern der Citadelle auslassen kann; der Lieutenant v. Schwenkenberg aber nach D. und wird noch langsamer und schwerfällige im Reden sein, als bisher.« »Mir geht es nicht besonders, alter Freund,« hieß es an einer anderen Stelle; »ist mir doch gerade, als wenn ich verdammt wäre zu einem ewigen Gefängniß, und wenn ich einmal zum Sterben komme, was nächstens geschehen wird, so muß ich dahin gehen im Staube von Aktenbündeln, und hätte doch so gerne meinen letzten Blick auf ein Geschützrohr fallen lassen, auf eines, das gerade zufällig so herrlich in der Sonne funkelt. Ach! die Jugendzeit war prächtig und kommt mir jetzt mehr als je in meinen Träumen vor. So ein Morgen in Duft und Glanz, wenn wir lustig sangen und die Pferde schnaubten, und die Geschütze so dumpf auf der Landstraße dröhnten! Oder wenn es dahin ging in tollem Jagen, eine Anhöhe hinauf, hinter welcher der Feind stand: – – Batterie – h-a-a-a-alt! – – Ja, Batterie halt! wird mir auch bald vom obersten Chef sämmtlicher Kanoniere zugerufen werden, und über diesen wichtigen Moment habe ich meine letzten Bestimmungen testamentarisch niedergelegt. Man soll mir ein hölzernes Kreuz machen von zwei Geschützröhren, und daß Du das besorgst, dafür bürgt mir Deine alte Freundschaft. – Meinen Lebenslauf vor Augen laß den Major nur was Tüchtiges lernen; er muß die Epauletten bekommen und später einmal eine Batterie kommandiren. An mich denken wird er häufig genug, deß bin ich von ihm überzeugt, denn auf der ganzen weiten Welt wird sich Niemand so über sein Glück freuen wie ich. Ja, wenn er einmal die Epauletten hat, und besucht mich, der ich dann unter dem bezeichneten Kreuze liege, so werde ich es fühlen, trotz sechs Schuh Erde und trotzdem mir schon Gras und Baumwurzeln in die Ohren gewachsen sind.« Durch ähnliche Talente, wenn auch in kleinerem Maßstäbe, wie mein Vater sie besaß, hatte ich mir in kurzer Zeit die Liebe meiner Schul- und Spielkameraden erworben. Mit den Rädern eines alten Pfluges, auf dem ein Stück hölzerner Brunnenröhre befestigt wurde, hatten wir ein außerordentlich schönes Stück Geschütz hergestellt, das ich natürlicherweise Miranda taufte und vermittelst welchem ich meinen Spielkameraden das Artillerie-Exercitium beibrachte. Auch die Geschenke der Kanoniere bei meinem Abgang aus der Kaserne wurden auf's Zweckmäßigste verwendet, und die alten Montirungsknöpfe, Sporenräder, namentlich aber die Säbelquasten verschafften mir manche feste und nutzenbringende Freundschaft. Ueberhaupt wurde ich von meinen Kameraden als Kind eines Soldaten und als bestimmt, einstens selbst den Säbel zu tragen und ein Geschütz zu führen, mit einer gewissen Hochachtung, ja Ehrfurcht betrachtet. Auch ging hier schon die Prophezeiung der Madame Hammer, welche meinem Eintritt in die Welt Vorschub geleistet, theilweise in Erfüllung, denn die Knabenkompagnie hatte mich zu ihrem Major ernannt, welche Stelle ich mit dem möglichsten Anstand auszufüllen mich bestrebte. Meine Mutter war über diese Auszeichnung sehr erfreut, und wenn ich mit kindischer Gravität äußerst ernsthaft die Meldung meiner Untergebenen, welche mich mit »Herr Major« anredeten, annahm, so dachte sie schmunzelnd der Stunde meiner Geburt, wo Musik erschallte und der Unteroffizier rief: »Dort kommt der Major!« Unter meinen Knabenfreundschaften war, wie das immer zu geschehen pflegt, eine dauernder und fester, und zwar mit dem Sohne des herrschaftlichen Gärtners. Eben so sehr wie zu der Person meines Gespielen fühlte ich mich zu dem Geschäft seines Vaters, welches auch schon theilweise das meines Freundes war, hingezogen, denn auch er mußte schon thätige Hülfe leisten, Unkraut ausjäten, Blumentöpfe sortiren, Etiketten schreiben und dergleichen mehr. Durch dies letztere Geschäft hatte er eine Menge lateinischer Benennungen gelernt, die er bei Spaziergängen mit dem Lehrer, wenn wir irgend eine merkwürdige Blume fanden, vor der ganzen Schule anwenden mußte. Hierdurch, und weil er überhaupt einer der fleißigsten und gesetztesten Schüler war, sehr ruhig und überlegt sprach, an recht kindischen Streichen keinen Antheil nahm, so hieß er der weise Vogel, da sein Geschlechtsname Vogel war. Bald waren wir unzertrennlich, und sowie ich die Schulstunden hinter mir hatte, eilte ich davon und war seelenvergnügt, wenn mich der Gärtner mit einer kleinen leichten Arbeit beauftragte. Mir war so wohl unter den Pflanzen und Blumen, und ich hatte auch ein Geschick in der Behandlung derselben. Hatte doch der Gärtner schon einigemal alles Ernstes mit meinem Vater gesprochen und ihm zugeredet, er solle mich ihm in die Lehre geben. Wer weiß auch, was geschehen wäre, wenn sich nicht meine Mutter auf's Festeste und Bestimmteste dagegen erklärt hätte; unterstützt von ein paar alten Frauen ihrer Bekanntschaft, worunter die Schulmeisterin, deren Mann viel lieber im Garten als in der Schulstube sei, wodurch er seinen Vorgesetzten ein Aergerniß gebe und unmöglich weiter kommen könne, erklärte sie sich auf's Entschiedenste gegen die Erlernung der Gärtnerei und meinte, Jemand wie ich, dem die Epauletten nicht fehlen könnten, ja, den das Schicksal bei der Geburt schon zum Major bezeichnet, dürfe nicht daran denken, ein, wenn auch an sich recht respektables Geschäft, wie die Gärtnerei, zu erlernen. Und wie früher in der Kasernen-Restauration bei Unteroffizier Wortmann, so führte auch Mama bei Steueraufseher Wortmann fort und fort das Regiment des Hauses mit unumschränkter Gewalt. Und nicht nur war sie bei uns im Hause tonangebend, sie hatte sich vielmehr auch bei ihren Bekannten eine gewisse Herrschaft zu erringen gewußt, so daß nur das geschah, was die Steueraufseherin Wortmann durch ihr Beispiel zur Nachahmung empfahl. War sie doch lange in einer großen Stadt gewesen, hatte Generale und Prinzen genug gesehen, ja mit einem der letzteren sogar gesprochen. Das war nämlich an einem heißen Manövertage gewesen, wo sich Se. Hoheit herabließ, ein Gläschen Rum anzunehmen, das ihm von der freundlichen Marketenderin angeboten wurde. Natürlich wurde dieser Vorfall mit einigen Nebenumständen erzählt, und, wenn meine Mutter ihn den erstaunten Zuhörerinnen vorgetragen, so blieb man zweifelhaft, ob Se. Hoheit der Prinz damals bei uns nur zum Kaffee gewesen sei, oder ob er huldreich ein Gabelfrühstück eingenommen. Das Letztere schien am unzweifelhaftesten. Auch was die Haushaltungen verschiedener vornehmer Damen, der Majorin A., der Obristin B. anbelangte, so war meine Mutter auf's Genaueste unterrichtet, und wußte der Schulmeisterin, der Frau des Steuer-Kontroleurs, ja sogar der regierenden Bürgermeisterin manchen praktischen Wink zu geben. Ueber Leinwand-Verhältnisse, besonders Waschangelegenheiten, war sie aus leicht zu erklärenden Gründen auf's Genaueste unterrichtet, hatte auch hie und da die Zurüstung zu einem außerordentlichen Mittagessen oder zu einem großen Thee mit ansehen dürfen und ahmte daraus mit einigem Geschicke nach. Daß bei diesen Nachahmungen zuweilen Kleinigkeiten mangelten, der Thee im Wasserkessel auf den Tisch kam und der Spülnapf dazu benutzt wurde, um aus demselben das allzu starke Getränk zu verdünnen, oder daß bei einem Mittagessen nach der Suppe ein marinirter Häring kam, oder der Salat so verzuckert war, daß er für eine süße Schüssel hätte gelten können, – Gott! Wen geniren solche Kleinigkeiten! Trotz alledem sprach man doch mit großer Achtung von unserem Hause und staunte die oft merkwürdigen Phantasien an, an denen es Madame Wortmann nie fehlte. So hatte sie in früheren Jahren gehört, daß die Töchter des Hauses, wenn sie einmal sechzehn Jahre alt geworden seien, in die große Welt eingeführt werden. Obgleich meine Mutter keinen rechten Begriff davon hatte, so beschloß sie doch, diese Feierlichkeit nach eigener Erfindung, als meine Schwester siebzehn Jahre alt geworden war, mit möglichstem Pompe auszuführen. Sie lud die uns befreundeten Honoratioren des Städtchens zu einem großen Kaffee zusammen, und nachdem sich alle in eine höchst feierliche Stimmung hinein gesessen und getrunken hatten, sagte Madame Wortmann in einer rührenden Rede: sie wolle sich am heutigen Tage erlauben, ihre älteste Tochter in die Welt einzuführen. Da mußte ich die Thüre des Nebenzimmers so weit öffnen, als es möglich war, und hinter einem Vorhange hervor, den Mama zu diesem Zwecke selbst dort angebracht und nun eigenhändig wegzog, trat meine Schwester in weißem Kleide, Blumenkranz und Schleier im Haar, vor die erstaunte Versammlung, wurde von jeder Einzelnen mit großer Rührung begrüßt, küßte der Reihe nach die Hand, wurde wieder auf die Stirne geküßt und bekam auf diese Art Sitz und Stimme im Kaffeerathe. Dieser solenne Akt des Einführens erwachsener Töchter in die Welt fand im Städtchen große Nachahmung und freute man sich darauf, wie auf andere Feierlichkeiten im Leben. Daß mein Vater all' diesen Geschichten ziemlich fern blieb, brauche ich wohl nicht zu sagen. War er früher im Militärdienste pünktlich gewesen, so war er es jetzt, bei der Steuerpartie wo möglich noch mehr; ja, er erwarb sich die Liebe seiner Vorgesetzten in hohem Grade, und bei einer Visitation, die der Oberinspektor abhielt, gab ihm dieser Hoffnung auf ein Avancement zum Steuer-Kontroleur. Meine Erziehung wurde übrigens durchaus nicht vernachläßigt. Außer den Schulstunden wurde noch durch Privatunterricht in der Mathematik und in Sprachen nachgeholfen, und mein Vater verwendete jeden freien Augenblick auf meine militärische Ausbildung. Mit sechzehn Jahren konnte ich exerciren wie ein Unteroffizier und wußte den ganzen Artillerieleitfaden so auswendig, daß mein Vater, obgleich er nicht viele Worte zu machen pflegte, doch eines Tags den Schulmeister versicherte, ich habe Kenntnisse wie ein Oberfeuerwerker, und was Artilleriekunde anbelange, so könne ich mich morgen zum Offizier-Examen melden. Um diese Zeit kam denn auch ein Brief des Unteroffizier Poltes, worin er uns die Mittheilung machte, daß es ihm persönlich sehr schlecht gehe, daß er aber eine Batterie gefunden habe, in der nur ein paar Freiwillige seien, die auf Avancement zum Offizier dienten, deren Kapitän sich aber bereit erklärt habe, den Sohn eines braven Unteroffiziers aufzunehmen. 4. Es geht Einem mit dem Militärleben in mancherlei Beziehungen wie mit dem Reisen in südlichen Ländern, namentlich im Orient: von außen Pracht und Herrlichkeit, Glanz und Schimmer. Wie dort eine Stadt, so staunt man hier das schöne Schauspiel eines manövrirenden Regiments, einer feuernden Batterie, ja eines einzelnen Reiters bewundernd an, und meint, mit jedem Schritte, mit dem man näher hinkommt, würden sich immer reichere und herrlichere Details entfalten, und wenn man erst selbst ein Bestandtheil jener strahlenden Maschine geworden, so wäre des Glücks kein Ende. Um aber einen andern nicht minder passenden Vergleich anzuführen, so geht es im Militärleben im Frieden wie auf den Brettern, welche die Welt bedeuten: wer hinter die Coulissen schaut, der zieht die Augenbrauen hoch empor, zuckt mit den Schultern und fragt sich: wie konnte ich mich so täuschen lassen? Die offene Scene beim Militärleben ist für den Zuschauer das an einem schönen Tage marschirende Regiment, der friedliche Feldzug, Manövertage genannt; hinter den Coulissen aber ist das Kasernenleben, Exerciren, Waffen- und Knöpfeputzen, Wachen aller Art, kurz, der sogenannte Gamaschendienst, nicht zu vergessen die unruhige Nacht auf einem harten Strohsacke zu sechzehn in einem dumpfen Kasernenzimmer. Aber für Jeden, der später in die Welt hinaus will, ist es ersprießlich, all' diese kleinen Leiden und Täuschungen in früher Jugend kennen zu lernen, und eine prächtige Vorschule für jeden späteren Wirkungskreis; lernt man doch Subordination gegen den Vorgesetzten und gegen das Schicksal, und bekommt eine dicke Haut, so daß wir die tausend Nadelstiche, denen wir später ausgesetzt sind, leichter ertragen können, sie uns kaum mehr wehe thun. – – Als ich unser kleines Grenzstädtchen und das elterliche Haus verließ, that ich das mit schwerem Herzen, denn alle die zurückbleibenden lieben Freunde beeiferten sich, mir ihren Schmerz über unsere Trennung darzuthun. Hatte ich beim Abgang aus der Kaserne viel unnütze Sachen geschenkt erhalten und mitgeschleppt, so ging es mir bei der jetzigen Trennung fast ebenso: nur hätte ich einen eigenen Wagen gebraucht, um mit mir zu nehmen all' die Freundschaftsbezeugungen, bestehend in geräucherten Würsten, Aepfeln, Nüssen, Backwerk der verschiedensten Art, dann Bücher, Schreibpapier, kurz alle möglichen Artikel, nicht zu vergessen eine ganze Schachtel Sämereien meines Freundes, des weisen Vogel, die er mir mitgeben wollte, und dabei die Hoffnung aussprach: »Siehst du, lieber Freund, die Garnison, wo du hinkommst, soll eine große Festung sein mit Gräben und Wällen; vielleicht findest du einmal auf letzteren irgend ein Plätzchen, wo es dir erlaubt ist, einen kleinen Blumengarten für dich anzulegen.« Mein Vater lächelte eigenthümlich, als der gute Vogel so sprach, und meinte, er mache sich einen ganz sonderbaren Begriff von einer königlichen Umwallung; »da wird kein Blumengarten gut gethan,« sagte er; »das Einzige, was da geduldet wird, ist sehr kurz geschorenes Gras, schön geordnete Kugelhaufen und alte mürrische Wallgeschütze.« Die Sämereien mußten also, wie so vieles Andere, zurückbleiben, Vater Wortmann hatte nur höchst eigenhändig einen Tornister angefertigt, in welchen das nothwendige Weißzeug verpackt wurde. Was ich an Civilanzügen mitnehmen sollte, trug ich auf dem Leibe. Wozu auch mehr? bei der Kompagnie fanden sich ja genug alte Kommißwöllchen vierter und fünfter Garnitur; dagegen aber erhielt ich eine Artilleriedienstmütze, sowie einen Säbel meines Vaters, der quer auf meinen Tornister geschnallt wurde, damit man schon von weitem sehe, weß Geistes Kind ich sei. Die beiden letztgenannten Stücke übergab mir mein Vater mit großer Feierlichkeit, und kam ich mir im selbigen Augenblicke vor wie jener junge Ritter, zu welchem sein Erzeuger bei einer ähnlichen Veranlassung sagte: Sohn, hier hast du meinen Speer; Meinem Arm ist er zu schwer. Dabei kann ich nicht vergessen, wie dieses an sich so rührende Lied in der Kaserne parodirt wurde. Sohn, hier hast du meinen Sabel; Mir wird mit der Zeit ganz miserabel. Daß der Abschied von den Meinigen sehr rührend war, brauche ich eigentlich nicht zu erwähnen. Meine Mutter weinte heftig, meine Schwestern schluchzten so laut, als sei dies ein Abschied auf Nimmerwiedersehen, und selbst mein Vater konnte kaum seine Thränen zurückhalten und zog seine beiden Hände zu wiederholten Malen tief in die Rockärmel zurück, wie er bei großen Veranlassungen zu thun pflegte. Endlich entlief ich den Thränen, den Umarmungen, den Segenswünschen, ließ das kleine Haus, wo meine Eltern wohnten, hinter mir, dann die schmale Gasse, wo ein paar Dutzend Bekannte mir aus den Fenstern alles mögliche Gute nachriefen, dann das alterthümliche Stadtthor und zuletzt meine Schulkameraden, die mich eine Stunde Weges weit begleitet hatten. Der weise Vogel trennte sich zuletzt von mir, nachdem er mir noch einen Strauß Feldblumen an der Mütze befestigt, und mich dringend ersucht hatte, die schönen lateinischen Namen derselben nicht zu vergessen. Nach einer halben Stunde schob sich ein Hügel zwischen mich und das kleine Grenzstädtchen, dann war ich allein in der weiten, freien Natur, vor mir die lange Chaussee, über mir den klarsten blauen Himmel, rings um mich her aber das erste frische Grün des Frühjahrs. Da ich ziemlich kräftig herangewachsen war – für meine sechzehn Jahre war ich freilich nicht lang aufgeschossen, vielmehr ziemlich untersetzt, – so wurde mir das Marschiren leicht, und ich erreichte am Abend bei guter Zeit das kleine Städtchen, welches mir mein Vater zum ersten Nachtquartier vorgeschrieben. Unterwegs war mir nichts Besonderes passirt; nur einmal begegnete mir ein sehr wohlwollender und freundlicher Gensdarm, der sich mit großer Theilnahme nach dem Ziel meiner Reise erkundigte. Ich zeigte ihm meinen Paß, und als er gelesen: »Vorzeiger dieses etc. begibt sich nach M., um bei dem dortigen Artillerie-Brigade-Kommandeur die Erlaubniß nachzusuchen, der und der Batterie zugetheilt zu werden,« entließ er mich freundlich mit einem militärischen Gruße. Ich muß gestehen, der Gruß von dem stattlichen Gensdarmen that mir sehr wohl. Sollte doch auch ich bald eine glänzende Uniform tragen. Und wie freute ich mich darauf! Ueberhaupt war meine Lust zum Soldatenleben in der kurzen Zeit, seit ich das Vaterhaus verlassen, wieder bedeutend in mir rege geworden. Alte, halb vergessene Bilder tauchten wieder auf, das lebendige Treiben im Kasernenhof, die rauschende Musik der Infanterie, die täglich an unserem Fenster vorüberzog, die staubbedeckte Batterie, die so geheimnißvoll auf dem Pflaster dröhnte, und dann die Erzählungen der Unteroffiziere und Gemeinen, wenn sie bei meiner Mutter ihren Schnaps tranken und von Manöver, Marsch und Einquartirung sprachen. In dem Grenzstädtchen, wo ich bis jetzt gelebt, gab es außer meinem Vater und den andern Steuerbeamten nur wenige uniformirte Personen, die der Beachtung werth gewesen wären; die beiden alten Polizeidiener in ihren abgeschossenen Röcken zählten eigentlich gar nicht mit, und ebenso wenig die gestickten Fräcke des Postinspektors und Bürgermeisters, die am Geburtstage Seiner Majestät des Königs zum Vorschein kamen. – »Ich dagegen,« so sprach ich zu mir selber in jugendlichem Uebermuthe, »wenn ich in einem Jahre nach Haus komme, da werde ich ihnen zeigen, was eine Uniform und was ein Soldat ist. Hab' dann vielleicht schon ein paar goldene Tressen am Arm und werde angestaunt werden von Alt und Jung. – Ach ja, hoffentlich auch von den jungen Mädchen, vielleicht sogar, daß es Bürgermeisters Anna der Mühe werth findet, sich verstohlen nach mir umzuschauen!« Bei diesen Gedanken blickte ich selbst verstohlen um mich her, und obgleich weit und breit kein menschlich Wesen war, das mir hätte in die Augen schauen können, fühlte ich doch, wie ich über und über roth wurde. – – Den andern Tag kam ich auch richtig nach M., begab mich in ein bescheidenes Gasthaus, putzte am folgenden Morgen meine Kleider, namentlich die Knöpfe, auf's Sorgfältigste, ebenso den messingenen Griff meines Säbels, stäubte meinen Tornister ab und ebenso meine Feldmütze, nachdem ich vorher den verwelkten Blumenstrauß des weisen Vogel in meine Brusttasche gesteckt. Dann begab ich mich mit einigem Herzklopfen nach der Kanzlei des Brigade-Kommandeurs. Mein Vater hatte mir ein Schreiben mitgegeben an einen alten Freund seiner ehemaligen Batterie, der als Schreiber zum Stab abgegangen war. Diesen sollte ich vor allen Dingen aufsuchen und ihn bitten, die einleitenden Schritte für mich zu thun, damit ich dem Herrn Brigade-Kommandeur baldigst vorgestellt würde. Die Wohnung desselben hatte ich bald aufgefunden; es war das ein stattliches Gebäude, vorn mit einem großen Hofe, der von einem Gitter umschlossen war, an dessen Eingang ein Kanonier mit gezogenem Seitengewehre behaglich in der warmen Morgensonne umherschlenderte. Er betrachtete mich forschend von oben bis unten und sagte lächelnd: »Na, wo willst denn Du hin?« – »Zu dem Herrn Brigade-Kommandeur,« antwortete ich ihm. – »Direkt?« entgegnete die Schildwache; »da mußt Du früh aufgestanden sein. Wirst besser thun, wenn Du einen kleinen Umweg machst. So durch die Anmeldungskanzlei hindurch. – – Na, ich verstehe,« fuhr er fort, als er sah, daß ich meinen Brief aus der Tasche zog, »wirst schon was Schriftliches haben. Da, links im Hofe Nro. 4, wo die Schreiber im Feuer exerciren, da klopf' nur an, und wenn auch Keiner »herein!« ruft, so mach' nur die große Thüre auf; fressen werden sie Dich gerade nicht. Apropos,« sagte er, als ich mich zum Weggehen anschickte, »wie viel Uhr kann es wohl sein?« – »Halb Zehn.« – »Also noch eine halbe Stunde bis zur Ablösung, verdammt lange! Na! 's geht auch vorüber.« Damit warf er seinen Säbel in den Arm und schlenderte gähnend von mir weg. An der bezeichneten Thüre Nro. 4 klopfte ich leise an, einmal, zweimal, dreimal, denn trotz dem Rathe der Schildwache war ich doch zu schüchtern, ohne Erlaubniß einzutreten. Als ich schon den Finger zum vierten Male gekrümmt hatte, vernahm ich drinnen eine laute, fast zornige Stimme, die »R-r-r-rein!« schrie, so daß es durch's ganze Haus dröhnte. Ehe ich ihr Folge leistete, nahm ich bescheiden meine Feldmütze ab, dann trat ich in ein ziemlich großes Gemach, in dem sich vier weiß angestrichene Schreibpulte befanden, die wie große Vogelbauer aussahen, denn bis an die Decke waren sie mit einem hölzernen Gitterwerk umgeben, hinter welchen vier Köpfe auftauchten, deren Augen mich neugierig anschauten. In der Mitte des Zimmers stand ein großer Mann in der Artillerieunteroffizier-Uniform, den Waffenrock unten aufgeknöpft, mit gespreizten Beinen, und schaute mich den Eintretenden mit finsterem Stirnrunzeln an. Von seinen Gesichtszügen war wenig zu sehen: unter buschigen Augenbrauen hatte er die Augen zusammengekniffen, und der Schnurr- und Backenbart nach dem neuen Reglement bedeckte die ganze untere Partie seines Gesichtes. Zum Ueberfluß hatte er noch eine Schreibfeder mit großer Fahne quer in den Mund genommen. »Na, da bin ich begierig,« sagte der finster aussehende Mann, nachdem er mich eine Weile gemustert, »was aus dem Tornister herausspazieren wird. Bombardier Knöller,« wandte er sich an einen der Schreibenden, »haben Sie vielleicht wieder eine Ahnung über diese Sache?« – Der Gefragte antwortete durch ein blödsinniges Lächeln und schrieb dann ruhig weiter. Ich hatte unterdessen mein Schreiben hervorgeholt und es dargereicht. Der Unteroffizier nahm es, schlug mit der flachen Hand auf die Adresse, um den überflüssigen Sand zu entfernen, dann betrachtete er die Schriftzüge genau, und rief auf einmal laut: »Soll mich doch der-r-r-r – holen, wenn das nicht die Pfote des alten Wortmann ist. – Und du?« wandte er sich gegen mich, »ja das kann nicht fehlen, straf' mich Gott! Du bist Wortmann's Major oder ich will eine Schlagröhre sein. Bomben und Hagel! ist nicht der Kerl gewachsen! ist kaum zwei Käse hoch und trägt schon eine Artillerie-Dienstmütze, hat auch ein Brodmesser aufgeschnallt. Na, die Sache wird immer schöner. Hat man je so etwas erlebt? – Bombardier Knöller, das ist der Major, von dem ich Ihnen schon erzählt. – Herr Major, ich freue mich außerordentlich, Ihre Bekanntschaft zu erneuern.« Damit ergriff er meine Hand, lachte laut hinaus, und die vier Schreiber, die mich mit langgestreckten Hälsen durch das Gitterwerk anschauten, lächelten ebenfalls. Nachdem in seinem Lachen einige Ruhe eingetreten war, öffnete er den Brief meines Vaters, las ihn durch, nickte zuweilen mit dem Kopfe und sagte am Ende: »Ganz gut! vortrefflich! Die Sache wollen wir gleich arrangiren. Ich werde den Herrn Hauptmann Schmelzer sogleich in Kenntniß setzen, und du sollst dem Herrn Obersten, noch ehe er zur Parade geht, vorgestellt werden. – Teufel! da habe ich eine vortreffliche Idee. Er macht soeben seinen Morgenspaziergang in den kleinen Gärten neben dem Hofe. Wenn er dich so mit dem Tornister sähe, aber ganz unverhofft, daß er fragen müßte, wer du seist, und was du wollest, das wäre am allerbesten. Fassen wir die Sache sogleich an vier Zipfeln. Man muß das Eisen schmieden, so lange es warm ist. Du Bursch, Kopf in die Höh', Brust heraus, blas' die Backen auf, gib deinem Gesicht ein Ansehen, und wenn du eine Figur erscheinen siehst, wie Schippenbauer – Gott verdamm' meine schlechten Späße!« unterbrach er sich selber, »ich kann mir das nicht abgewöhnen – wollte ich doch sagen, wenn du einen Offizier eintreten siehst mit schwarzem Haar, schwarzem Bart, schwarzen Augenbrauen, schwarzem Rock, kurz eine schwärzliche Erscheinung, so hat für dich die große Stunde der Entscheidung geschlagen.« Nach diesen Worten schritt der Wachtmeister an das Fenster, öffnete es weit und sagte zu den Schreibern: »Nehmen Sie ein frisches Blatt, meine Herren!« Dann nahm er einen zusammengefalteten Bogen Papier von dem Tische, stellte sich an's offene Fenster und diktirte mit dröhnender Stimme – eigentlich schrie er mehr, als er sprach –: »Brigadebefehl. Durch mein Schreiben vom 16. dieses ist es zur Kenntniß der Herren Abtheilungskommandeure gekommen, daß Ende dieses Monats unser Allergnädigster König und Herr die Gnade haben wird, meine Brigade Höchstselbst zu inspiciren –« »Herr Wachtmeister Sternberg,« sagte in diesem Augenblick eine dünne, sehr feine Stimme vor dem Fenster, »Sie können füglich meine Befehle den Schreibern diktiren, ohne dabei so unnöthig zu schreien.« Der Angeredete, der beständig mit einem Auge zum Fenster hinausgeblinzelt hatte, und wohl gesehen, wie sich der Sprecher über den Hof genähert, that auch, als sei er auf's Höchste überrascht, ja wie von einem Blitzstrahl getroffen, als er die Stimme seines Vorgesetzten hörte. Er knickte ordentlich zusammen, dann sagte er: »Tausendmal bitte ich um Verzeihung, Herr Oberst, daß ich so laut diktirte; aber wenn man von der Ankunft Seiner Majestät spricht, da redet man sich unwillkürlich in die Begeisterung hinein.« »Ich habe nichts gegen Ihre Begeisterung, Wachtmeister Sternberg,« erwiederte der Oberst, indem er sein ohnehin glattes schwarzes Haar noch fester an den Kopf strich, »möchte mir aber alles unöthige Geschrei ganz ergebenst verbeten haben.« Daß ich bei dieser Unterredung meine schönste Haltung annahm und der erhaltenen Vorschrift gemäß gelinde meine Backen aufblies, wird man mir auf's Wort glauben. In der nächsten Sekunde erblickte mich der Chef, kniff seine Augen zu und sagte: »Was ist denn das?« Der Wachtmeister streckte sich ein paar Zoll höher, stand außerordentlich gerade und meldete, »Zu Befehlen des Herrn Obersten, der Sohn eines alten Kameraden, eines ehemaligen Unteroffiziers der Batterie, kommt mit den nöthigen Zeugnissen und allen möglichen Papieren und wünscht in der Brigade auf Avancement zu dienen; ist von seinem Vater so instruirt worden, daß er das Exercitium wie ein Alter versteht. War immer ein großer Freund von der Kanone, der Kleine da – Wortmann's Major.« »Welcher Major, Herr – Wachtmeister Sternberg, wenn's beliebt?« »Halten zu Gnaden, das ist nur so ein Kasernen-Ausdruck, ein Beiname.« Der Oberst, der den Chef seiner Schreiber wohl zu kennen schien, zuckte die Achseln, als wollte er sagen: Wachtmeister, Sie sind unverbesserlich. Dann sprach er, indem er auf mich wies: »Das da soll herauskommen in den Hof. Wir wollen es hier außen anschauen.« Als er darauf vom Fenster wegtrat, gab mir der Wachtmeister in der Freude über den gelungenen Streich einen Rippenstoß, daß ich fast umgefallen wäre, kniff sein rechtes Auge zu und verzog auf diese Art sein Gesicht zu einer wahrhaft scheußlichen Fratze. Dann folgten wir Beide dem Befehl des Vorgesetzten. Der Oberst stand in der Mitte des Hofes in sehr aufrechter Haltung und hatte die Hände auf dem Rücken zusammengelegt. Er war ein großer, wohlgewachsener Mann, aber, wie der Wachtmeister vorhin bemerkt, in der That eine schwärzliche Erscheinung. Schade, daß sein schwaches Organ nicht zu dieser großen Figur paßte. Hinter ihm bemerkte ich einen andern Offizier, den die laute Unterredung am Fenster wahrscheinlich ebenfalls hinausgelockt. Er trug die Hauptmanns-Uniform und stand, eine mächtige Brieftasche in der Hand, in sehr steifer Haltung hinter seinem Vorgesetzten. Die Schildwache am Thor schien außerordentlich befriedigt, daß die Langweiligkeit des Hofes durch ein unerwartetes Schauspiel belebt würde. »Sehen Sie, Herr Hauptmann Schmelzer,« sagte der Oberst, nachdem er mich ein paar Augenblicke betrachtet, »das ist ein Soldatenkind, welches sich anschickt, den höchst ehrenvollen Stand seines Vaters zu ergreifen, – ein Entschluß, der zu loben ist, besonders weil er sehr selten vorkommt. Will doch Alles in der Welt einen scheinbar bessern Stand ergreifen, als der des Vaters. Der Sohn des Handwerkers schämt sich der väterlichen Werkstätte und will Kaufmann werden, der Sohn des Kaufmanns will um allen Preis studiren oder sich zum Künstler heranbilden. Ich versichere Sie, Herr Hauptmann Schmelzer, daß die Alten, mit ihrem strengen Kastengeiste, wohl wußten, was sie thaten. – Das aber in Parenthese. – Wie heißt du?« wandte er sich an mich. »Friedrich Wilhelm Wortmann,« gab ich zur Antwort. »Friedrich Wilhelm Wortmann. Und kann also exerciren?« »Zu Befehl, Herr Oberst.« »Hat auch vielleicht den Artillerie-Leitfaden schon angeschaut?« »Zu Befehl, Herr Oberst.« »Kennt die Verpackung eines zehnpfündigen Granatwagens?« »Zu Befehl, Herr Oberst.« »Und die Anfertigung einer Leucht- und Stückkugel?« »Zu Befehl, Herr Oberst.« »Wir wollen das untersuchen, Herr Hauptmann von Schmelzer. Sorgen Sie dafür, daß die Papiere des jungen Menschen bestens untersucht werden, auch er selbst, ob er körperlich tüchtig ist, und wenn sich Alles das zu seinen Gunsten herausstellt, so soll man ihn prüfen, ob er wirklich das Exercitium inne hat, und in dem Falle an dem übermorgenden Bombardier-Examen Theil nehmen lassen. Nicht, als ob ich daran dächte, ihn schon im Voraus zu avanciren, – Gott soll mich bewahren! – sondern nur, um ihm einen Sporn zu geben, der ihn veranlaßt, durch gute Aufführung eifrigst nach den Tressen zu streben. Auch als Empfehlung an seinen künftigen Batterie-Chef. Hat er einen Wunsch in dieser Richtung?« »Mit der gnädigsten Erlaubniß des Herrn Obersten,« erwiderte der Wachtmeister, »wünscht er der achten Fußkompagnie zugetheilt zu werden.« »Hauptmann von Bitter in D.,« entgegnete nachdenkend der Oberst, wobei er den Kopf schüttelte und die Augenbrauen hoch emporzog. »Warum gerade dahin?« »Der Vater des jungen Menschen hat in D. einen guten Freund, ebenfalls früher Unteroffizier, jetzt bei der Steuer-Partie, der ihm mit Rath und That an die Hand gehen wird,« meldete der Wachtmeister. »Auch sind bei der achten Fußkompagnie nur zwei Freiwillige, die auf Avancement dienen.« »Meinetwegen,« sagte der Oberst; »der Premier-Lieutenant dorten ist der von Schwenkenberg, ein braver Mann. – Also Gott befohlen!« Damit neigte er seinen Kopf leicht gegen mich hin und ging mit dem Hauptmann Schmelzer nach dem Garten zurück, wo er hergekommen war. Der Wachtmeister faßte mich am Kragen und zog mich in die Stube Nro. 4 zurück. »Siehst du, Major,« sprach er dort, wobei er sich die Hände vor Vergnügen rieb, »du hast mehr Glück als Verstand. Wirst da ohne Anstand angenommen und darfst ohne Weiteres das Bombardier-Examen machen. So gut ist's Unsereinem nicht geworden. Ja, Major, es wird doch am Ende noch wahr, was man dir bei deiner Geburt prophezeit. Weßhalb übrigens dein Vater auf die achte Fußbatterie versessen ist, kann ich mir auch nicht erklären. Freilich lebt der alte Poltes in D., aber der kann dir nicht mehr viel helfen. Habe ich doch vor ein paar Tagen einen Brief von ihm erhalten, worin er mir schreibt, er habe seine letzte Vollkugel geladen, und wenn die hinausgepufft sei, so rufe er für ewige Zeiten: Batterie halt! Sonst hast du bei der achten Fußbatterie verdammt wenig zu hoffen. Der Kapitän Bitter, na, der ist nicht bitter! Eigentlich böse kann man ihn nicht nennen, aber er hat in seinen Ideen ganz konfuse Streifen. Des Premierlieutenants von Schwenkenberg wirst du dich vielleicht noch erinnern; er ist nicht fetter am Leibe und nicht geschwinder im Reden geworden. Na! im Grunde ist es einerlei, einen Haken gibt's überall und ohne Kampf kommt man nicht durch die Welt. – Jetzt wollen wir aber frühstücken gehen.« Das thaten wir denn, und der Wachtmeister Sternberg, der sich meiner überhaupt freundlich annahm, zeigte mir die Merkwürdigkeiten von M.; führte mich bei einigen seiner Kameraden ein und erhielt am andern Morgen die Erlaubniß, das Exercitium leiten zu dürfen, das ich durchmachen mußte, und worin ich, ich kann es wohl sagen, mit Ehren bestand. Ebensogut ging es mir mit dem Bombardier-Examen, und ich hatte das Glück, daß der vorsitzende Offizier zu mir sagte: »Hätten Sie nur sechs Wochen gedient, so würde ich speziell darauf antragen, daß man Ihnen die Tressen gebe. Aber Sie sind ja noch jung und werden sie frühzeitig genug erhalten.« Ein paar Tage nachher verließ ich M. mit frohem Muthe und gelangte nach mehrtägigem Marsche glücklich in D. an. 5. Begreiflicher Weise war mein erster Gang zu Poltes. Ich hoffte ihn auf seinem Bureau zu finden, doch erhielt ich hier die traurige Nachricht, daß er schon seit vierzehn Tage nicht mehr zur Arbeit komme und auch wahrscheinlich nie mehr erscheinen würde. Das Frühjahr, den meisten Brustleidenden gefährlich, hatte auch ihn stark mitgenommen. Nach einigem Nachfragen fand ich seine Wohnung, an der Thüre auf einem kleinen Täfelchen stand der Name Poltes, dem er treu geblieben war. Ich klopfte an, drinnen hustete es, dann rief eine matte Stimme: »Herein!« Mit klopfendem Herzen trat ich in die kleine Stube. Da saß Poltes aufrecht in seinem Bette, und hatte er schon früher eingefallene Wangen gehabt, so war jetzt sein Gesicht kaum mehr zu kennen. Nur die Augen blitzten noch wie damals, und um den Kopf hatte er noch dasselbe rothseidene-Tuch geschlungen, das er in früheren Jahren in der Montirungskammer zu tragen pflegte. Seine Stirne war wachsbleich, seine Lippen fahl, und nur die Haut über seinen hervorstehenden Backenknochen war mit einer tiefen unheimlichen Röthe bedeckt. Er schien mich nicht zu kennen, denn als ich auf ihn zutrat, sah er mich mit einem befremdeten Blicke an. Erst als ich eine meiner Hände auf seine Rechte legte und ihm sagte: »Kennen Sie mich denn gar nicht mehr? haben Sie Ihren kleinen Gehülfen auf der Montirungskammer vergessen?« da blitzte es in seinen Augen auf und zuckte fast wehmüthig über sein bleiches Gesicht. »Das ist der Major,« sprach er mit zitternder Summe. »Hol' mich Dieser und Jener, es ist der Major. Was bist du groß und stark geworden! Na, euch ist es recht gut gegangen. Der Alte soll ja nächstens Kontroleur werden, und unsere Freundin, Madame Wortmann, hat sich zur großen Dame gemacht. Ja siehst du, mein Junge, das Leben ist ein tiefer Brunnen mit auf- und absteigenden Eimern. Wenn der Eine hinaufkommt, muß der Andere hinunter.« Bei diesen Worten überfiel ihn ein starker Hustenanfall. – »Möchte dir gerne etwas Näheres darüber sagen,« fuhr er nach einer langen Pause fort. Ich bat ihn, sich seines Hustens wegen zu schonen. Er entgegnete kopfschüttelnd: »Das hat nicht viel zu sagen; findest du wirklich, daß ich stark huste? – – Ueberhaupt hast du noch gar nicht gesagt, wie du mich eigentlich findest, mein Junge,« fuhr er eifriger fort; »jetzt haben wir uns doch in fast zehn Jahren nicht wieder gesehen. Findest du mich sehr verändert? Sag' es gerade heraus.« Was sollte ich darauf antworten? Glücklicherweise fiel mir ein, ihm zu sagen: »Lieber Unteroffizier Poltes, ich finde Sie gerade nicht auffallend verändert, Sie sehen nur ein Bischen blaß aus, wie Jeder, der starken Schnupfen und Husten hat.« – – – – »Du, bist ein gescheiter Junge,« erwiederte er mit matter Stimme. »Ja, die verfluchte Erkältung! Habe sie jetzt schon den ganzen Winter; geht mir aber weit besser, fühle mich so leicht, daß ich fast versuchen möchte aufzustehen und dich zu deinem Batteriechef hinzubringen. – – Thut sich aber doch nicht,« fuhr er nach einer Weile fort, »will mich lieber wieder gerade hinlegen, meine Brust scheint doch ein wenig angegriffen zu sein. Komm, setz' dich hier oben an mein Bett; ist mir doch, wenn ich dich sehe, als kehre die alte Zeit wieder, da wir Säbel und Knöpfe zählten.« Er hatte den Kopf in die Kissen niedergedrückt, wandte mir sein bleiches Gesicht zu und schaute mich mit unaussprechlicher Zärtlichkeit an. Dabei fuhren seine mageren Hände auf der Bettdecke hin und her, als suchten sie dort etwas. »Vorhin sprach ich davon, daß es im Leben auf und ab gehe. Dein Vater und ich sind davon ein paar lebendige Exempel. Dazumal kamen wir zu gleicher Zeit zur Batterie: Wortmann in einem alten gestickten Bauernrock, zu Fuß, mit bestaubten Stiefeln, ich in der Equipage meines Onkels, angezogen wie ein junger Prinz, hab' das noch nie Jemanden erzählt, und dein Vater sprach mir zu Liebe auch nie darüber. Er wollte Unteroffizier werden, vielleicht einmal Feuerwerker, und später, wenn's hoch käme, Postkondukteur; – – nun, ich ärgerte mich darüber, daß es in der Armee keine Generale der Artillerie gäbe, und mochte nicht daran denken, später einmal einen rothen Kragen tragen zu müssen. Geld hatte ich damals genug, lernen mochte ich aber nichts; zum Fähndrichs-Examen ging ich mehrere Male, fiel aber jedesmal durch; beim drittenmal, als mir dies passirte, war ich nahe daran, mir eine Kugel durch den Kopf zu schießen. Hätte ich es nur gethan! doch ich war schon zu sehr herunter, um einen anständigen Entschluß fassen zu können. Ha! dachte ich, das Leben ist schön, und man kann ebenso glücklich sein, trägt man nun Epauletten oder Achselklappe; wenn nur das Bier kalt, und der Branntwein stark ist. So blieb ich denn, wurde Unteroffizier und später Kapitän d'Armes. Und da war es, wo ich die Ehre hatte, deine Bekanntschaft zu machen, Herr Major. Apropos von wegen dem Spitznamen, lass' dir dadurch keine Mucken in den Kopf setzen, sei ein braver Soldat, propre und diensteifrig und habe keinen überflüssigen Ehrgeiz. Sind dir die Epauletten vom Schicksal bestimmt, so wirst du sie kriegen; vergiß mir aber nicht, daß ein tüchtiger Unteroffizier ein viel ehrenhafteres Mitglied der Armee ist, als ein schlechter Lieutenant – – Ah! – –« Nach dieser langen Rede, die er mir gehalten, wandte er das Gesicht von mir ab und blieb eine geraume Zeit still und unbeweglich liegen. Ich hätte weinen mögen, konnte aber nicht sprechen, mochte ihn auch nicht zu neuem Reden anfeuern. Ich drückte ihm herzlich die Hand, worauf er mir das Gesicht abermals zuwandte, und mit ganz leiser Stimme sagte: »Ich bin überzeugt, daß du zuerst zu mir kamst; aber jetzt ist es Zeit, daß du nach der Kaserne gehst und deine Papiere abgibst. Du hast doch Papiere vom Brigade-Kommandeur?« Auf diese Frage hin erzählte ich ihm, wie gut es mir in M. gegangen, daß ich den Wachtmeister Sternberg getroffen, daß ich auch das Bombardier-Examen bereits gemacht, und daß ich von dem vorsitzenden Offizier sogar an meinen neuen Kapitän empfohlen worden sei. Poltes nickte nach meinen Worten zufrieden mit dem Kopfe und sagte: »Das kann gut gehen; aber jetzt geh', du bist am Thore gemeldet worden und mußt dich vor eilf Uhr bei der Batterie einfinden. Heut' Abend oder morgen früh kommst du mich zu besuchen und erzählst mir von deiner Aufnahme. Apropos, grüße mir auch den Lieutenant von Schwenkenberg; da mußt du mich aber nicht Poltes nennen, sondern sagst ihm, Leopold von Berger laß' ihn grüßen. So hieß ich früher einmal,« sprach er seltsam lächelnd; »er weiß das ganz genau.« Darauf winkte er mit der Hand zum Abschied und ich verließ das Stübchen mit beklommenem Herzen und traurigem Gemüthe. Hatte ich doch gehofft, den Poltes von damals wieder zu finden, ihn, der so angenehm plaudern konnte und so voll Humor war. Waren es doch erst zehn Jahre, daß ich ihn nicht gesehen, zehn Jahre meiner ersten Jugend, in denen sich für mich eigentlich so gar wenig geändert, wenigstens fast gar nichts unangenehm; ich hatte nur Freunde erworben, keinen Verlust erlitten. Jetzt stand mir ein solcher bevor, denn daß der arme Poltes nicht mehr lange leben würde, das sah ich wohl ein und deßhalb verließ ich ihn so traurig und niedergedrückt. Als ich den Hof der Kaserne erreichte, in welcher die achte Fußkompagnie lag, war es eilf Uhr geworden und Alles schon zum Appell angetreten. Die Kanoniere standen, wie es gebräuchlich war, in zwei Reihen, davor die Avancirten mit Fronte gegen die Kompagnie, und im Zwischenraum bewegte sich der Feldwebel, eine kleine, dicke Gestalt, die geöffnete Brieftasche in der Hand, aus welcher er alles Bezügliche auf den Dienst vorlas. Die Offiziere hielten sich am rechten Flügel auf, zwei junge Lieutenants und – ja, er war es! – mein Bekannter und Gönner aus der früheren Zeit, der jetzige Premier-Lieutenant von Schwenkenberg. Man mußte ihn wieder erkennen: es war noch dieselbe Gestalt. Der unendlich lange Hals, an dem der kurze Uniformskragen fast kindisch aussah, lang und hager, wie ehemals, die ganze Figur, an der Hüfte trug er das gewaltige Schlachtschwert, was bis an die Sporenräder streifte und mit diesen in beständiger Berührung war. Jetzt ging er ein paar Schritte dem Feldwebel entgegen – o; ich hätte ihn am Gange unter Tausenden wieder erkannt! etwas vornüber, aber bei jedem Schritte rechts oder links schwankend. »Vergessen – Sie – nicht – Feldwebel Möller,« sagte Lieutenant von Schwenkenberg, »daß – wir – heute – Nach – mittag – die – Bastion – mit – den – Exercir – Wallgeschützen – haben. – Suchen Sie mir – die – schwächsten – Leute – aus; – so – eine kleine – Bewegung – kann – ihnen – nichts schaden. – Herr – Lieutenant – Schwarz – wird – die Güte – haben, – sich – mit ihnen – zu beschäftigen.« Der Lieutenant Schwarz war ein junger Secondelieutenant, den ich natürlich nicht kennen konnte; auch schien er eben erst frisch von der Artillerieschule gekommen zu sein; sein Gesicht hatte noch jenen erhabenen und unbeschreiblichen Ausdruck der Ueberraschung, mit der gewöhnlich die neuen Offiziere Alles beim Eintritt in's praktische Militärleben zu betrachten pflegen. Alles war neu an ihm: Uniform, Portepee, Epauletten, Haarfrisur und Bart, wogegen Lieutenant von Schwenkenberg aussah, als habe er eben einen sehr gefährlichen Winterfeldzug überstanden. Schüchtern umschritt ich die Kompagnie in einem großen Bogen und erblickte endlich auch den Kapitän, der vor einem vollständig aufgezäumten und gesattelten Offizierspferde stand, das von einem Manne gehalten wurde. Der Hauptmann war eine kleine, aber wie mir schien sehr bewegliche Gestalt, denn er blieb nicht eine Sekunde lang auf demselben Platze stehen. Jetzt tänzelte er auf die rechte und jetzt auf die linke Seite des Pferdes; dann sprang er hinter dasselbe, um es so auf allen Seiten zu betrachten. »Bekommt ihm schlecht, die Parade!« rief er darauf; »sehr schlecht; muß aber so sein. Wo Vergehen, auch Strafe. Feldwebel Möller! wie oftmal war Cäsar nun da zur Parade? Wenn ich mich recht besinne, achtmal. Soll noch viermal kommen, noch viermal zum Appell, damit das Dutzend voll wird. Alle Wetter! will ihm vertreiben, unartige Männchen zu machen. Konnte ich es doch kaum mit aller Mühe vor einem Sturze bewahren. – Habe ich Ihnen die Geschichte ausführlich erzählt, Herr Lieutenant von Schwenkenberg?« »Ich – hatte – das – Glück, sie – mit anzusehen,« sagte langsam Lieutenant von Schwenkenberg. »Contenance, Contenance! Ja, man muß Contenance haben. Der Teufel auch! das könnte in einem Feldzuge noch fehlen! ein Pferd, das strauchelt und hinschlägt. Machen Sie ruhig fort, Feldwebel Möller,« wandte er sich an diesen, der bei der Rede des Kapitäns mit dem Verlesen inne hielt und den Chef ehrerbietig anschaute. – »Machen Sie ruhig fort, achten Sie nicht auf mich. Der Appell ist meine Zeit, wo ich nicht nur die ganze Kompagnie in und auswendig betrachte, sondern auch die Kaserne. – Ja, die Kaserne.« Bei diesen Worten war er anderthalbmal um die Kompagnie herumgetänzelt, warf aber dabei sehr häufig einen Blick in eine nebenan befindliche offen stehende Thüre, wo herausdringender Rauch anzeigte, daß sich dort die Kompagnie-Küche befinde. »Was ist das für eine Geschichte mit dem Pferde?« fragte der junge Lieutenant, der erst ein paar Tage bei der Kompagnie war, seinen unmittelbaren Vorgesetzten. Dieser zuckte mit den Achseln, wiegte sich hin und her und entgegnete: »Der – Gaul – war – ein Bischen – unartig; – der – Herr – Hauptmann – wollte – ihn – strafen, – und – als – das – der Gaul – übel nahm, – da – – – – trennten – sie sich. – Zur – wohlverdienten – Strafe – muß nun – Cäsar – zwölf – Tage lang, – wie – Sie eben – gehört, – feldkriegsmäßig – bepackt – zur Parade – kommen.« »Das ist aber eine größere Strafe für den Reitknecht, als für das Pferd.« »Finden – Sie – das?« meinte Herr von Schwenkenberg mit unverwüstlicher Ruhe. Jetzt wurde die Stimme des Kapitäns wieder laut: »Das Sprichwort, es ist nichts so fein gesponnen, es kommt an die Sonnen, ist auf den Appell sehr anwendbar. Aber es gehört ein geübtes Auge dazu. Herr Lieutenant Schwarz, wollen Sie sich gefälligst einmal den Mann Ihres Zuges hier betrachten.« Der Batteriechef hatte einen Mann auf dem linken Flügel Kehrt machen lassen und sich dicht vor ihn hingestellt. – »Ich habe gesagt,« fuhr er nach einer Pause fort, »es gehört ein geübtes Auge dazu; sehen Sie sich einmal den Mann genau an. – Nun? was? – was entdecken Sie an ihm?« Der junge Offizier betrachtete ihn ringsum auf's Genaueste, mußte aber achselzuckend gestehen, er finde nichts Besonderes. Der Kapitän lächelte sichtbar zufrieden. Dann sprach er mit großer Genugthuung: »Ja, ein geübtes Auge erwirbt man nicht in einigen Tagen. Schauen Sie auf die Knöpfe der Jacke.« »Sie könnten etwas blanker geputzt sein,« meinte schüchtern der junge Offizier. »Nicht das, Herr Lieutenant Schwarz; bei Gott im Himmel, nicht das,« versetzte der Kapitän, wobei er seine linke Hand hoch empor hielt, wie ein Maurer, der das Richtloth handhabt. »Denken Sie sich eine Linie vom Kragenhaken bis zur Hosenbauchnaht. Entdecken Sie nichts? wahrhaftig gar nichts? – – Nun, mein lieber Herr Lieutenant Schwarz, es wäre das in der That zu viel verlangt. Wird schon kommen, wird schon kommen. Man dient nicht umsonst fünfundzwanzig Jahre. – Nun, ich will's Ihnen sagen: der vierte Knopf von oben steht um eine halbe Linie zu viel nach links, Schuld des Schneiders, werden Sie denken. – Gott bewahre, ich richte meine Jackenknöpfe selbst. Er soll einmal aufknöpfen da, und wenn wir nicht am vierten Knopf ein manoeuvre de force finden, so – so will ich Unrecht haben.« Der Kanonier knöpfte die Jacke auf, und es war richtig, wie der Kapitän gesehen. Statt angenäht zu sein, war der vierte Knopf mit einem Hölzchen befestigt, was ihn in eine schiefe Stellung und den betreffenden Mann auf eine Strafwache brachte. Triumphirend setzte der Kapitän noch einen Augenblick seine Inspektion fort, dann schoß er mit einem Male mit vermehrter Geschwindigkeit in die geöffnete Küchenthüre, nach welcher er schon lange geblickt, und kehrte nach einigen Augenblicken mit einem Kanonier zurück, den er am Kragen gefaßt hatte und förmlich hinter sich drein zog. Ich muß schon gestehen, daß dieser Mann nichts weniger als das Bild eines properen Soldaten war; er trug eine höchst schmierige Jacke, an der fast alle Knöpfe fehlten; graue leinene Beinkleider, die von Fett starrten, und eine Schürze deren ehemals blaue Farbe kaum noch zu erkennen war. Gewöhnlich nahm man in damaliger Zeit zu den Küchengehülfen Leute, denen das Exerciren schwer in den Kopf ging, die im Gliede keine gute Figur machten und sich die Benennung »Schmierfinke« erworben hatten. Der vom Kapitän Herbeigeführte hatte in der einen Hand ein großes Stück Kommisbrod, in der andern eine Gabel, und obgleich er mit größter Anstrengung kaute und schluckte, wollte es ihm doch nicht schnell genug gelingen, seine vollgestopften Backen in den Magen zu entleeren. »Feldwebel Müller!« rief der Kapitän entrüstet, »sehen Sie diesen alten Schmierfinken an. Habe ihn schon während des ganzen Appells im Auge gehabt, faulenzt in der Küche und frißt in Einem fort. Und was frißt er? Sein trockenes Brod, wie es Einem rechtschaffenen Kanonier zukommt? – Gott bewahre, nein. Sondern er steht neben dem Kessel, und mit der Gabel, die er da in der Hand hat, fischt er einen Speckbrocken um den andern heraus. Tausend Element! das ist eine unerhörte Geschichte. Und sehen Sie einmal diesen verwahrlosten Anzug an, Herr Lieutenant von Schwenkenberg. – Ich will, daß dieser Mann,« wandte er sich nach einer Pause, während welcher er ihn wahrhaft erstaunt betrachtet, an den Feldwebel, »vom Küchendienst abkommandirt werde. Ist er doch vollständig aus Rand und Band, Schmierfinke Numero Eins. Wenn er abkommandirt ist, soll er acht Tage lang feldkriegsmäßig verpackt zum Appell kommen. Jetzt magst du in deine Küche zurückgehen. Hat man je so was erlebt? – Und was das Fressen der Speckbrocken anbelangt,« rief er ihm noch nach, »so ist das eine Sache, welche deine Kameraden angeht; zu meiner Zeit wärst du dafür über die Bank gelegt worden, und dort wo der Rücken seinen ehrlichen Namen verliert, hätte man dich unter einem nassen Betttuch gehörig verarbeitet. – Sind wir zu Ende, Feldwebel?« »Zu Befehl, Herr Hauptmann.« »Lassen Sie uns auseinandertreten.« Dies geschah, und die lachenden Gesichter einiger Kanoniere und die Eile, mit der sich mehrere in die Küche begaben, ließen mich vermuthen, daß das Strafverfahren, von welchem der Kapitän gesprochen, gegen den Küchengehilfen nächstens und nachdrücklichst in Anwendung kommen werde. Die Offiziere und der Feldwebel blieben noch einen Augenblick bei einander stehen, worauf ich meine Feldmütze abnahm und mich schüchtern der Gruppe näherte. Anfänglich wurde ich nicht bemerkt; nach kurzer Zeit aber wandte sich der Feldwebel halb auf die Seite, und da er sah, wie ich meine Papiere darreichte, nahm er sie und durchlas sie flüchtig. Dies bemerkte der Kapitän, und ich hörte, wie er halblaut zum Lieutenant von Schwenkenberg sagte: »Wenn uns nur da nicht wieder ein neuer Freiwilliger droht. Gott soll uns bewahren! Haben wir doch schon bei der Brigade so viele junge Leute, die auf Avancement zum Offizier dienen wollen, daß ein allgemeines Sterben von oben herunter nothwendig wäre, um nur ein Zehntheil zu placiren. 's ist freilich ein hübsches Wort: von der Picke auf dienen, aber im Frieden taugt's nicht. Zu Unteroffizieren ja; aber die Offiziersstellen soll man jungen Leuten von guter Familie aufhalten, die sich lange Jahre auf den Schulen abgeplagt und dort was Rechtes gelernt haben. – Ich versichere Sie, meine Herren, diese jungen Leute sind der Ruin der Batterie. Das bringt meistens etwas Geld mit, treibt nun alles Mögliche, schafft sich seine Uniform an, ist faul, nachläßig, lernt keine Subordination und verderbt den guten Geist. Aber ich will sie schuhriegeln, daß sie schwarz werden. – – Was gibt's, Feldwebel?« »Ein junger Mann,« entgegnete dieser achselzuckend, »der vom Brigade-Kommando der achten Kompagnie als Freiwilliger zugewiesen wird.« »Habe ich mir's doch gedacht!« sagte ärgerlich der Hauptmann. »Aber wir sind ja schon überzählig.« »Ist gut empfohlen, Herr Hauptmann; weiß auch das Exercitium schon und hat bei der Brigade das Bombardier-Examen gemacht.« »Das Bombardier-Examen!« rief erzürnt der Hauptmann. »Seh' mir Einer an. Sollten mir doch lieber gleich die fertigen Feuerwerker schicken. Wer wird zum Bombardier-Examen zugelassen? – wer sich durch gute Aufführung ein Recht dazu erwirbt! – Aber was ist da zu machen? Lassen Sie ihn einkleiden und geben ihn in die Korporalschaft zu Unteroffizier Wachenbach, der soll ihm im Exerciren einen soliden Grund beibringen, aber einen recht soliden. Verstehen Sie mich! Und wenn's auch Mühe und Schweiß kostet.« Damit griff er an seinen Helm und eilte zum Kasernenhofe hinaus, ohne mich eines Blickes zu würdigen. Die beiden andern Offiziere folgten ihm und ich blieb mit recht traurigem Herzen zurück. Hatte ich doch einen andern, freundlicheren Empfang erwartet, hatte doch gehofft, der Herr Hauptmann würde wenigstens nach meinem Namen fragen und darauf der Herr Lieutenant von Schwenkenberg sagen: »Ah! das ist Wortmanns kleiner Major! Freue mich, dich wieder zu sehen.« Nichts von allem dem; der Feldwebel stopfte meine Papiere in seine Brieftasche, winkte mir mit dem Kopfe, ich solle ihm folgen, und übergab mich in der Kaserne dem Unteroffizier Wachenbach, einem finster aussehenden Manne mit rothem Haar und Bart, der mich in die Montirungskammer führte, die mir so gut bekannten lieben Raume, wo aber leider kein freundlicher Poltes war. Hier erhielt ich einen rostigen Säbel, abgeschundenes Lederzeug, eine alte Hose und eben solche Jacke, und durfte all' diese schönen Sachen mitnehmen auf das Kasernenzimmer Nro. 16, in dessen dunkelstem Winkel man mir eine Bettlade und einen Strohsack anwies. Die andern elf Mann, die hier einquartiert waren, empfingen mich höchst gleichgültig, boten mir kaum einen Stuhl zum Niedersitzen an, und wenn ich ihnen zufällig im Wege stand, so drückten sie mich auf die Seite. Gern wäre ich noch hinaus zu Voltes gegangen, aber der Unteroffizier Wachenbach befahl mir da zu bleiben, da er mich im Verlauf des Nachmittags sprechen wolle. Das mußte er aber vergessen haben, denn ich sah ihn am heutigen Tage nicht mehr, und als ich mich darauf Abends neun Uhr in mein Bett legte, war ich herzlich froh, allein sein zu dürfen, und schäme mich nicht, einzugestehen, daß ich mein Strohkissen reichlich mit Thränen befeuchtete. 6. Mein Leben in der Kaserne, auf dem Exercirplatz, bei Schießübungen und Manövern war das gleiche, wie es Tausende vor mir erlebt haben und noch viele Tausende nach mir erleben werden; begreiflicherweise mit kleinen Abänderungen und Eigenthümlichkeiten, die eine Individualität vor der andern bedingt. Daß ich exerciren konnte und mein Bombardierexamen schon gemacht hatte, war mir eigentlich keine Erleichterung meines Dienstes, sondern nur eine Quelle ewiger Drangsal und Neckerei. Meinem Lehrmeister, dem Unteroffizier Wachenbach, konnte ich schon gar nichts recht machen. – »Das ist ein saures Stück Arbeit, dem das Exercitium beizubringen,« pflegte er zu sagen, »lieber sechs Bauernlümmel, als eine schon so verdorbene Offizierspflanze;« dabei meinte er, bei mir könnte man nicht sogleich anfangen mit dem Lernen des Dienstes, sondern mühte eher alle die schädlichen Ansichten ausrotten, die man mir früher vom Exerciren beigebracht, mich wieder vollkommen umpflügen , – das war sein Ausdruck – ehe die neue gute Saat über Unkraut aller Art die Oberhand gewinnen könne. Mein Bombardier-Examen hatte mich von vornherein mit allen andern Aspiranten auf diese große militärische Würde recht sehr verfeindet. Man fand es über alle Maßen hochmüthig und lächerlich, ein Examen gemacht zu haben, ehe man noch die Uniform getragen. Um mich zu ärgern, nannten sie mich spottweise vom ersten Tag an »Herr Oberbombardier«, und als einer, Gott weiß wo und auf welche Art, von den Vorfällen meiner Kindheit Kunde erhalten, tauchte auch zum allgemeinen Ergötzen der Major wieder auf, und ich, der geglaubt, daß er lange der Vergessenheit anheimgefallen, sah mich auf einmal wieder als Herr Major titulirt. Einem übrigens, der mir gar zu arg damit kam, legte ich diese Neckerei auf etwas heftige Art. Es war das ein naseweiser Bursche, der aus der Kaufmannslehre davon gelaufen war, ein hochaufgeschossenes blasses Geschöpf, mit so langen Armen, daß alle Jacken und Aermel zu kurz waren, dabei ungeheuer großen Händen, unter deren Vorzeigung er sich stets zum Raufen bereit erklärte, und einem dürren, nichtssagenden Gesichte mit blondem Haar, ein Kopf, der sich durch nichts auszeichnete, als ein ungeheures Maulwerk, das er von seiner Mutter, einer Gemüsehändlerin, geerbt. Um eine halbe Kopflänge größer wie alle andern, tyrannisirte er übrigens die ganze Stube, inclusive den kommandirenden Unteroffizier, der sich ihm geneigt zeigte, weil die Mutter ihm einen ungemessenen Kredit auf ihre Waarenvorräthe eröffnet hatte. Ueber die andern Freiwilligen, die noch da waren, kann ich mich kurz auslassen, alle waren nach damaligen Begriffen weit vornehmer als ich, denn der eine war der Sohn eines Apothekers, und die Mutter des andern eine verwittwete Regierungsräthin. Obgleich ich nichts weniger als furchtsam und schüchtern war, so hatten mich doch die Ermahnungen meines Freundes Poltes dahin gebracht, mir von meinen Kameraden an Neckereien und sonstigen Unarten sehr viel gefallen zu lassen. Ich war der Jüngste, und wenn ich auch ohne Uebertriebenheit von mir sagen darf, daß ich besser exercirte, wie die andern Freiwilligen, und meinen Leitfaden inne hatte wie ein Unteroffizier, so war ich doch ein furchtbar grüner Rekrut, der das Maul nicht aufthun durfte, nur zuhören, wenn die Andern sprachen, und der die ganze Fluth ihres sogenannten Witzes über sich mußte ergehen lassen. So hatte ich eines Tages zum erstenmal mit in der Batterie exercirt, und als ich auf die Stube kam, warf Herr Schnapper, so hieß der lange blonde Freiwillige, Säbel und Patrontasche so gewaltsam von sich, daß mir der erstere an das Schienbein flog, worauf ich ihn freundlich ersuchte, sich künftig in Acht zu nehmen. Doch zuckte er höhnisch lachend die Achseln und meinte, ich solle ihm aus dem Wege gehen. Herr Schnapper war an diesem Morgen außerordentlich schlecht gelaunt, denn der Herr Lieutenant von Schwenkenberg hatte ihm wegen grober Fehler beim Bedienen des Geschützes tüchtig den Text gelesen. Nun hatte er Nro. 4 und mußte richten, während ich als Nro. 3 mit der Handspeiche die Lafette auf seinen Wink rechts oder links drehte. Ich hatte wahrhaftig mein Möglichstes gethan und dem Geschütze die richtige Stellung gegeben, Herr Schnapper aber richtete nach, aber wohin, das mochte der Himmel wissen. Ich folgte natürlicherweise dem Winke seiner Hand, und als Lieutenant von Schwenkenberg nachschaute, war die Kanone auf einen ganz andern Punkt gerichtet, als der uns angegebene. »Was kann man machen,« sagte der Freiwillige erbost zu dem Geschützführer, »wenn hinter mir ein Esel mit der Handspeiche steht.« Ich hatte das wohl verstanden, kannte aber den Dienst und schwieg natürlicherweise stille. Als wir nun droben in der Stube waren, wurde wie gewöhnlich gefrühstückt, und der Stubenkalfakter mit den bekannten platten Flaschen in die Kasernenrestauration geschickt, um für den, der Geld hatte, einen Viertel- oder halben Schoppen Schnaps zu holen. Dazu verspeiste man sein Kommisbrod, wer es erschwingen konnte mit Butter, und wer gar zu verschwenderisch war, nahm dazu noch ein Stück Käse oder Wurst. Schnapper, der immer dergleichen Leckerbissen hatte, lud den Unteroffizier zu Gast, und als der erste Hunger und Durst gestillt war, wurde natürlicherweise das Exercitium von heute Morgen durchgesprochen. Die Kanoniere saßen rings umher, theils auf ihren Schemeln, theils auch wohl, obgleich das verboten war, auf den Betten. Ich befand mich vor meinem Waffengerüste, aß ein Stück Brod, und schnallte dabei meinen Säbel und Patrontasche los. »Das sage ich Ihnen aber, Herr Unteroffizier,« meinte Schnapper nach einer Pause, »wenn ich wieder Nro. 4 haben soll, so muß ein anständiger Kanonier Nro. 3 nehmen; ich habe nicht Lust, wegen solchem Kerl aus dem Volk Nasen zu bekommen.« »Sie sprechen das sehr frei gegen Ihren Vorgesetzten,« sagte höhnisch lachend der Apothekersohn. »Wer ist mein Vorgesetzter?« erwiederte der blasse Freiwillige. »Nun, der Oberbombardier Wortmann.« Ich hatte den schlechten Witz schon so oft gehört, daß ich mich gar nicht mehr darüber ärgerte, vielmehr sagte ich lachend: »Gebt nur Achtung, wenn einmal ein Oberbombardier ernannt wird, so werde ich das lange vorher, ehe ihr nur daran denken dürft, Vicebombardier zu werden.« »Halten Sie Ihr Maul,« schnauzte mich Herr Schnapper an, »Sie sollten doch so viel Bescheidenheit haben und nur dann sprechen, wenn Sie gefragt werden.« »Im Gegentheil,« erwiederte ich. »Ich bilde mich ja nach Ihnen, und das ist meine Schuldigkeit, denn Sie stellen sich immer als Muster vor.« »Fangen Sie mir keinen Streit an, Wortmann,« rief der Unteroffizier Wachenbach mit vollen Backen, denn er kaute gerade an der Wurst, die ihm der lange, blonde Freiwillige gegeben. »Ich bin nicht streitsüchtig, Herr Unteroffizier,« entgegnete ich immer noch gut gelaunt; »aber Sie verlangen doch wohl nicht, daß ich mir von Dem da Alles soll gefallen lassen.« »Er ist aber Ihr älterer Kamerad und schon zum Bombardierexamen eingegeben.« »Was ich längst schon gemacht habe und gut bestanden,« versetzte ich achselzuckend, denn es ärgerte mich, daß der Unteroffizier Partei für den Andern nahm. »Ja, was haben Sie nicht Alles schon gethan,« entgegnete dieser, nachdem er einen tüchtigen Schluck aus der Flasche des Herrn Schnapper zu sich genommen, »Sie haben auch Exerciren gekonnt.« »Das hat er mit der Muttermilch eingesogen,« meinte Herr Schnapper. »Und ich kann Sie versichern,« fuhr der Unteroffizier fort, »daß mir noch nicht der dümmste Rekrut die Mühe gemacht hat, wie Sie.« Die Kanoniere lachten und ich fing an, mich sehr zu ärgern. »Es ist eigentlich recht schön,« sagte der Apothekersohn nach einer Pause, »wenn man mit dergleichen Anwartschaften so zu sagen schon auf die Welt kommt, das geschieht aber nur ganz ausgezeichneten Menschen. Als ich noch in der Schule war, habe ich gelesen, daß der Sohn des alten Kaiser Napoleon schon zum König ernannt wurde, als er noch in der Wiege lag. Damit haben Sie Ähnlichkeit, denn am ersten Tage, als sie die Welt durch ihr Erscheinen glücklich gemacht, wurden Sie schon zum Major avancirt.« »Schon mehreremale habe ich Sie gebeten, über Sachen zu schweigen, die Sie nichts angehen,« erwiederte ich ziemlich erbost, doch hatte der Andere die Lacher auf seiner Seite, und Herr Schnapper reichte ihm zum Dank ein großes Stück Wurst, sagte auch nach einer Pause: »Wie so oft in dieser Welt Jemand ohne Verdienst zu etwas kommt, so auch der Herr Oberbombardier Wortmann. Ich weiß die Geschichte ganz genau, er ist nicht daran Schuld, daß er Major wurde, daß er überhaupt wurde, vielmehr schreibt er sich selbst, sowie seinen Titel von was ganz Absonderlichem her.« »Und wovon?« fragte ich zitternd vor Zorn, indem ich einen Schritt näher zu dem Freiwilligen trat. »Nun, wovon sollen Sie sich herschreiben?« entgegnete er mit verächtlicher Miene. »Vom Major und Abtheilungskommandeur, und davon haben Sie auch Ihren schönen Titel.« Nun verstand ich damals diese Bosheit nicht ganz, daß mir aber Schnapper etwas ganz absonderlich Schlimmes gesagt, bemerkte ich an den Gesichtern der Kanoniere, auch daran, daß sogar der Unteroffizier, der nicht mein Freund war, unmuthig mit den Achseln zuckte und an den Worten eines älteren Kanoniers, der neben mir saß und mir zuflüsterte: »Dat it mi als Spaß, dat brukt er net to lieden.« Schnapper war aufgestanden und hatte Brod, Butter und Wurst wieder in sein Waffengerüst verschlossen. Ich ballte meine beiden Hände krampfhaft zusammen und blickte auf den Unteroffizier, der sich eine Pfeife gestopft hatte und sich nun anschickte, aus der Stube zu gehen, um sich nebenan Feuer zu holen. Kaum war er im Gange verschwunden, so trat ich auf Herrn Schnapper zu, stellte mich dicht vor ihn hin und fragte mit vor Wuth zitternder Stimme: »Was haben Sie so eben gesagt?« Er maß mich von oben bis unten, und da er über einen Kopf größer war als ich, so wurde ihm das sehr leicht. »Was ich gesagt habe?« entgegnete er nach einer Pause – »nun ich habe gesagt« – doch vollendete er diesen Satz nicht, als er in meine wahrscheinlich heftig funkelnden Augen sah, und warf leicht hin: »Ich bin zu gut, mich mit Ihnen zu zanken.« »Aber schlecht genug,« erwiederte ich auf's Höchste erbost, »um von mir Schläge zu kriegen,« und damit war ich ihm an die Halsbinde gesprungen, hatte ihn mit der linken Hand gefaßt und schlug ihm mit der rechten eine ungeheure Ohrfeige hin, daß es weithin schallte. Schnapper schien auf's Höchste überrascht, ja er lächelte fast aus Ueberraschung und stieß zurückweichend einige Worte hervor, als wie »unanständiger Ueberfall, verächtliche Prügelei« und machte zu gleicher Zeit Miene, zur Thüre hinaus zu entwischen. Die aber hatte der alte Kanonier, von dem ich vorhin sprach, sanft in's Schloß gedrückt und sagte schmunzelnd zu mir: »Mann druf, dat Grutmul verdend's.« Zu gleicher Zeit trieb der Apothekersohn den armseligen Schnapper an, solchen Schimpf nicht zu dulden, und mich ohne alle Umstände niederzuschlagen. Mein Gegner war womöglich noch blässer geworden, da er sich aber zu muthigem Auftreten gedrängt sah, so hob er seine langen Arme und ließ sie wie Windmühlenflügel in der Luft herumfliegen. Auf den Moment hatte ich gewartet, und sowie seine große Hand niederfiel, faßte ich ihn abermals bei der Brust, rang nur ein paar Sekunden mit ihm, und warf ihn dann kräftig auf den Boden, und auf ihm liegend, verarbeitete ich ihn dann mit Faustschlägen und Fußtritten, daß er alle Gegenwehr aufgab und wie ein gestochenes Kalb um Hülfe brüllte. Leider wurde sein Geschrei nicht bloß in den Nebenzimmern gehört, denn nachdem der Unteroffizier von dort herbeigeeilt war, um Ruhe zu stiften, hörten wir auf dem Gange draußen verdächtiges Säbelgeklirre und gleich darnach erschienen keine geringeren Personen, als der Hauptmann selbst und der Lieutenant von Schwenkenberg vor der Thüre des Zimmers. Da war an kein Leugnen zu denken, und ich erzählte den Hergang der Sache der Wahrheit gemäß. Herr Schnapper konnte nämlich im ersten Augenblicke nicht sprechen, sondern wischte sich einiges Blut aus der Nase und drückte sein langes blondes Haar aus, das von Wasser troff, denn während er am Boden lag und brüllte, hatte ihm einer der Kanoniere eine gefüllte Waschschüssel auf den Kopf gegossen, um sein Geschrei zu ersticken, was aber nicht die gewünschte Wirkung that. »Haben Sie das begriffen, Herr Lieutenant von Schwenkenberg,« sagte der Kapitän höchst entrüstet, als ich meinen Rapport gemacht. »Haben Sie es verstanden, was diese beiden Gassenbuben, anders kann ich sie nicht nennen, mit einander gehabt, Prügeleien in einer königlichen Kaserne. Ist mir so etwas schon vorgekommen. Wer von beiden hat angefangen?« »Das – hat – nach – Bericht – der – Schnapper – – gethan,« erwiederte der Lieutenant von Schwenkenberg nach seiner langsamen Manier. »Er – hat – mit – Worten – angefangen.« »Und der andere mit Thätlichkeit,« sagte der Kapitän, »also ist er der eigentliche Anfänger, denn Worte thun nicht weh.« »Verzeihen – Sie – Herr – Hauptmann,« erwiederte der Lieutenant, »Worte – können – auch – wehe – thun; und – der lange – Labander – da – er – sollte – sich – schämen – von – einem – kleinen – Kerl – Prügel – zu – bekommen. Hat – allerdings – Worte – gesagt – die – den – andern – verletzen – mußten. – Nicht – wahr – so – habt – ihrs – auch – verstanden,« wandte er sich an die Kanoniere. »Ja, Herr Lieutenant,« sagte mein alter Freund, »He häst schandlich sprocken.« »Ja – Herr – Hauptmann,« fuhr der Lieutenant fort, »da – kann – einem – schon – die – Galle – überlaufen.« »Ich gebe zu, daß einem die Galle überlaufen kann, Herr Lieutenant von Schwenkenberg, aber Sie werden mir dagegen zugeben, daß Prügeleien in einer königlichen Kaserne etwas ganz Unerhörtes sind, und exemplarisch gestraft werden müssen. Ueberhaupt ist dieser Wortmann ein unausstehlicher wilder Kamerad, – Soldatenblut.« »Soldatenblut – allerdings,« erwiederte der Lieutenant mit seiner unverwüstlichen Ruhe, »aber – von – einer – guten – Sorte. – Hat – brave – Eltern – gehabt – der – Wortmann – ich – habe – sie – gekannt. Vater – und Mutter konnte – man – nichts – Schlimmes – nachsagen. – Wollt ihr,« wandte er sich direkt an die Kanoniere, die umherstanden, »die – außerordentliche – Gnade – haben – das – in – eure – Köpfe – aufzunehmen – und – gelegentlich – daran – zu – denken.« Mir traten die Thränen in die Augen, als er so von meinen Eltern sprach, und ich hätte ihm die Hand küssen mögen, wenn es angegangen wäre. »Aber Herr Lieutenant von Schwenkenberg,« sagte der Kapitän sichtlich erzürnt, indem er unruhig mit dem Fuß auftrat. »Wollen Sie vielleicht die Güte haben, den Kanonier Wortmann exemplarisch zu bestrafen, er gehört zu Ihrem Zuge und ich will mich nicht in die innern Angelegenheiten desselben Zuges mischen.« »Und – der – Andere – Herr – Hauptmann?« »Nun bei Gott im Himmel, Lieutenant von Schwenkenberg, der Andere, dünkt mich, ist bestraft genug. Hat ja auch Nichts gethan.« »Ganz – recht – Herr – Hauptmann. – Hat – sich – nicht – einmal – gewehrt,« entgegnete der Lieutenant mit dem Ausdrucke tiefer Verachtung. »Also der Kanonier Wortmann,« rief ungeduldig der Kapitän. »Kommt – 24 – Stunden – in – Arrest,« – sagte der Lieutenant. »Auf's Holz bei Wasser und Brod,« rief der Kapitän. »Sie haben doch drei Tage gesagt, nicht wahr, Herr Lieutenant von Schwenkenberg?« »Nicht – ganz – Herr Hauptmann.« »Doch, Herr Lieutenant von Schwenkenberg, erinnern Sie sich, wenn's gefällig ist;« und dann setzte er mit scharfer Stimme hinzu, indem er jedes Wort besonders betonte: »Der Kanonier Wortmann wird drei Tag in's Loch gesperrt.« »Sehr wohl – Herr – Hauptmann,« erwiderte hierauf der Lieutenant mit großer Ruhe, legte die Hand an seinen Helm und ging, ohne ein Wort weiter zu sprechen, nach der Kanzlei des Feldwebels, vielleicht, so schien es mir, um den Arrestzettel für mich ausfertigen zu lassen. »Was Sie anbelangt,« wandte sich der Hauptmann an Schnapper, »so werden Sie künftig Ruhe halten, glauben Sie denn, es sei an ein Avancement für Sie zu denken, wenn man Ihnen schon im ersten Jahre Händel und Arrest in Ihr Nationale schreibt. – Hol' euch Alle der Teufel!« damit ging er ebenfalls zur Thüre hinaus, und sein Säbel klirrte heftig, als er den langen Korridor hinabschritt. Gleich darauf lärmte der Hornist auf dem Gange und blies das Signal zum Appell. Schnapper, dessen Nase stark aufgelaufen war, ließ sich von dem Unteroffizier krank melden, und ich, der ich ja verurtheilt war und gleich abgeführt werden sollte, fing an meine Arrestlokaltoilette zu machen; das heißt, ich zog zwei Paar schlechte Beinkleider über einander an und eine dicke Weste unter meine Jacke, denn in dem Thurme, wo sich unser militärisches Zellengefängniß befand, wurde es gewöhnlich gegen Morgen empfindlich kalt. Auch ein Stück Brod präparirte ich mir, d.h. ich schnitt eine Höhlung hinein, strich diese voll Butter, und verschloß sie alsdann so pünktlich mit einem künstlichen Brodpfropfen, daß der Gefangenwärter die verbotene Zuthat nicht ahnen konnte. Gleich darauf kam ein Bombardier, um mich zu dem unangenehmen Gange abzuholen; unangenehm hauptsächlich deßhalb, weil es mein erster Arrest war, und mein Vater, sowie auch Poltes hatten es nicht an Ermahnungen fehlen lassen, mich vor den ersten 24 Stunden in Acht zu nehmen, und jetzt hatte ich gleich mit drei Tagen angefangen, das war gar traurig. Das Arrestlokal, Nro. Sicher oder 7 ½, auch die Spinnstube genannt, von dem Zeitwort einspinnen hergeleitet, nahm mich nach kurzer Zeit in seine düstere Mauer auf. Ich erhielt einen Käfig circa 8 Fuß lang und 3 Fuß breit, mit vier Holzwänden, einer ditto sehr schmalen Pritsche, einem Wasserkruge, einem Eimer und sehr vielen Wanzen. Die ersten Stunden im Arrest sind die unangenehmsten. Jede Viertelstunde dünkt uns eine Ewigkeit zu sein. Man hört die Uhren schlagen, man hat sich nicht getäuscht. Die Zeit schleicht mit bleiernen Flügeln, und jede der unangenehmen Minuten scheint uns so lieb gewonnen zu haben, daß sie sich von uns gar nicht losreißen kann. Man mißt schreitend seine Kerkerzelle, 4 und \& ½ Schritt in der Länge, in der Breite kann man die Wände mit beiden Ellenbogen berühren. Wie von weither ganz undeutlich, dringt das Geräusch des städtischen Lebens an unser Ohr, Wagengerassel und das Summen der Stimmen. Nach und nach nimmt das ab, und vorher wurde es allmählich dunkler in dem kleinen hölzernen Käfig; immer dunkler und endlich so finster, daß man nur noch tappend darin auf- und abgehen kann. Unsere Leidensgefährten, die den Tag über Soldaten- und Schelmenlieder sangen oder lustige Melodieen pfiffen, sind auch nach und nach stille geworden. Von einer Seite hören wir die Pritsche unseres Nachbars krachen, von der andern erschallt ein tiefer Seufzer und aus der Ecke ein halb unterdrücktes Fluchen über unwürdige Behandlung und Tyrannei. Wie sich das von selbst versteht, sind alle Militärgefangenen unschuldig, und aus meiner ziemlich langen Praxis weiß ich nur einen einzigen Fall, wo Jemand sich selbst schuldig bekannte. Das war aber ein armer Teufel, der gegen seinen Unteroffizier die Zunge herausgestreckt hatte und der im Arrestlokal behauptete, er sei seines Verbrechens schuldig und eingeständig und habe wenigstens den Tod verdient; des andern Tages aber wurde er abgeholt, denn es stellte sich heraus, daß er schon seit einiger Zeit an fixen Ideen litt, die sich alsdann zu einem förmlichen Wahnsinn ausbildeten. Jetzt ist es Nacht. Es kommt die Gefängnißvisitation, der Schließer mit seiner großen Laterne, und zwei Mann von der Wache, die vor der Thüre unserer Zelle stehen bleiben, Gewehr bei Fuß nehmen und uns lachend anschauen, während sich das Licht in dem blanken Gewehrlauf abspiegelt. Ja, sie lachen über unser Elend und haben so Unrecht nicht; vielleicht waren sie gestern selber hier, oder hatten sie eine unbestimmte Ahnung, daß sie diesen Palast, den sie heute als Schildwache schirmen, morgen als Gäste betreten werden. Endlich gehen sie wieder hinaus, das Licht verschwindet, die Schlüssel rasseln, die Riegel werden vorgeschoben, und wir sind wieder allein; haben keine Unterbrechung mehr zu befürchten und können uns zum Schlafen einrichten. Die Jacke wird ausgezogen, über den Oberkörper ausgebreitet und unter ihr kriecht man wie ein Igel zusammen. – – Glücklich, wer schlafen kann. Aber für Jeden vergeht die Nacht, etwas langsamer, etwas geschwinder, wie es gerade kommt. Das liebe Tageslicht kehrt langsam wieder; mit ihm das Geräusch der Stadt und von jetzt ab scheinen die Stunden schneller zu fliehen. Endlich hört man entferntes Trommeln, dann das Herausrufen der Wache vor dem Arrestlokal. Die Gewehre klirren auf dem Pflaster; Kommandowort erschallt, die neue Wache zieht auf und ich habe erst 24 Stunden meines dreitägigen Arrestes hinter mir. Du lieber Gott! erst ein Drittheil meiner Strafzeit. Was ich Alles gestern Nacht und gestern erlebt, muß ich noch zweimal durchmachen. Drei verlorene Tage meines Lebens, und weßhalb, weil ich dem Schnapper die Nase zu stark verklopft. Jetzt klirren Riegel und Schlüssel, es ist dies nichts Ungewöhnliches, wenn die neue Wache aufzieht. Der Kommandant derselben hat das Recht, sogar die Verpflichtung, die Arrestlokale zu untersuchen, aber das geschieht sehr selten, es sei denn, er wolle noch einen guten Freund sehen, um ihm ein paar tröstliche Worte und einigen Schnaps mitzutheilen. Diesmal ist es der Gefangenwärter, der in den Thurm tritt und – nein, ich täusche mich nicht – meinen Namen nennt. »Wortmann?« scheint er Jemand zu fragen, und ich lausche mit klopfendem Herzen. »Wortmann?« wiederholte er, und setzte hinzu: »da ist allerdings ein Wortmann, aber ein Kanonier Wortmann und kein Bombardier.« Eine Stimme, die mir bekannt ist, denn sie gehört einem Unteroffizier der Batterie, antwortet etwas, das ich nicht verstehe. Dann nähern sich Schritte meinem Käfig, der Riegel wird zurückgeschoben und ich darf heraustreten. »Sie haben drei Tage?« fragte der Schließer, »Kanonier Wortmann?« »Drei Tage,« wiederholte ich kopfnickend. – »Sie sind frei,« fuhr er fort, und dies Wort klang mir wie eine himmlische Musik. Wie ward mir aber erst, als er nun sagte: »Ihnen kommt das Glück im Arrest und im Schlaf, sie kamen als Kanonier hierher, und gehen als Bombardier wieder, ich gratulire.« Ich blickte erstaunt auf den Unteroffizier unserer Batterie, der das lachend bestätigte. Welche Freude, die Gefühle dieses Augenblickes kann ich Niemand beschreiben. In meinem späteren Leben erhielt ich größere und wichtigere Auszeichnungen, aber nie wieder hat mich irgend etwas so erfreut, wie dieses Avancement. Mit einem wahrhaft seligen Gefühl ging ich mit dem Unteroffizier durch die Straßen, und da ich glücklicherweise einiges erspartes Geld bei mir hatte, kaufte ich mir eine Elle goldener Tressen, um sie in der Kaserne sogleich auf meine Aermelaufschläge nähen zu lassen. Der Unteroffizier erzählte mir, wie das eigentlich so gekommen. Unser Kapitän war heute Morgen auf einige Tage in Urlaub gegangen, und kaum war er abgereist, so lief unter andern Befehlen auch ein Schreiben des Brigade-Kommandos ein, welches der Lieutenant v. Schwenkenberg, wie ihm das jetzt zustand, eröffnete. Beim Kommando hatte natürlicherweise der Freund meines Vaters, der Brigadeschreiber, Wachtmeister Sternberg, für mich gewirkt, und es wurde der Batterie, die Mangel an Bombardieren hatte, mein Avancement zu dieser Charge zugefertigt. Unser guter Premierlieutenant bemerkte darauf zum Feldwebel: »Der Herr Hauptmann hat freilich dem Kanonier Wortmann drei Tage Arrest gegeben, das wirkt aber nicht für den Bombardier Wortmann, der hat durchaus nichts verbrochen und muß entlassen werden.« Ob der Kapitän derselben Ansicht gewesen wäre, ist unwahrscheinlich, mindestens sehr zweifelhaft. Genug, ich war frei, und als ich unsere Stube wieder betrat, hatte der alte Kanonier seine Kameraden instruirt, die sich vor dem neuen Vorgesetzten pflichtschuldigst erhoben und gerade hinstellten. Der Apothekersohn mußte es sehr gegen seinen Willen ebenso machen, aber Herr Schnapper, um dieser Demüthigung zu entgehen, war in sein Bett gekrochen und hatte sich revierkrank gemeldet. Das war meine erste Strafe und mein erstes Avancement. Wie sich der geneigte Leser erinnern wird, so hatte sich Lieutenant Schwenkenberg, als ich mich bei der Batterie meldete, gar nicht um mich bekümmert, und schien sich des kleinen Majors nicht erinnern zu wollen. Auch später gab er sich nicht viel mit mir ab, und nachdem er mich einmal gefragt, was mein Vater und meine Mutter mache, und ich ihm von unserem bisherigen Leben erzählte, war von früheren Verhältnissen nur ein einziges Mal noch die Rede, als ich nämlich des ehemaligen Unteroffiziers Poltes erwähnte und zwar mit seinem eigentlichen Namen Leopold von Berger. Da schüttelte der Premierlieutenant nachdenkend und fast betrübt sein Haupt und sagte: »Ich – erinnere – mich wohl – noch – seiner – ein – unglücklicher – Mensch, – der – seine – Carriere – verfehlt – und – von – den – Umständen – sehr – tief – hinabgedrückt – wurde. Er – ist – sehr – krank, – wie – ich – weiß, – und – wird – wahrscheinlich – nicht – wieder – aufkommen – nun – ich – mag – ihm – die – Ruhe – recht – wohl – gönnen, – es – kommt – ja – an – Jeden – von – uns – die – Reihe – und – wenn – wir – alsdann – drunten – liegen – und – zugedeckt – sind, – so – ist – es – am – Ende – auch – gleichgültig – ob – ein – Herz – mehr – als – das – andere – gelitten. – Ihr – Vater – kam – auch – damals – zur – Batterie – und – er – hat – das – beste – Loos – getroffen, – wollte – nicht – höher – hinauf – als – für – ihn – gut – war, – blieb – in – seiner – Sphäre – und – ist – jetzt – zufrieden – und – glücklich. Nach diesen Worten hatte der Lieutenant v. Schwenkenberg seinen Degen mit dem Ellenbogen festgehalten, wie er zu machen pflegte und schwankte von dannen. Plötzlich aber blieb er stehen, winkte mir, näher zu kommen, und sagte mit ironischem Lächeln: »Ja – das – hätte – ich – bald – vergessen – nicht – bloß – von – den – beiden, – Poltes und – Ihrem Vater, – deren – ich – eben – erwähnte, – sondern – auch – noch – von – ein – paar – Dutzend – Anderen – war – ich – der – einzig – glückliche, – der – Auserwählte, – bekam – die – Epauletten – und – wurde – Lieutenant; – ein ungeheures – Glück – werde – 50 – Jahre – alt – sein – ehe – ich – eine – Batterie – bekomme – und – bin – dann – stumpf – für – Leben – und – Dienst. – Wenn – Sie – Glück – haben,« fuhr er fort und drückte dabei mit dem Finger auf den obersten Knopf meiner Jacke, »so – kann – es – Ihnen – auch – noch – so – gehen – aber – da – ich – Ihnen – wohl – will – hoffe – ich, – daß – Sie – kein – Glück – haben. Glauben – Sie – mir – bester – Major – (das war das erste und letzte Mal, daß er mich so nannte), bleiben – Sie – in – Ihrer – Sphäre – und – werden – ein – tüchtiger – Unteroffizier – meinetwegen – Feuerwerker. – Wir – Andern – sind – sehr – oft – falsch vergoldet. – Aber,« – setzte er lachend hinzu – »Sie – brauchen – sich – wahrhaftig – nicht – viel – Mühe – zu – geben – meinen – Wunsch – zu – erfüllen, – man – wird – Ihnen – schon – den – Weg – zu – den Epauletten – verteufelt – sauer – machen. – Sie – haben – keine – Familie, – kein – Geld, – denken – Sie – an – mich. Was – Ihre – drei – Kameraden – anbelangt – so – kann – es – vielleicht – der – Sohn – der – Regierungsräthin W. – durchsetzen – Herr – Schnapper – wird – höchstens – Bombardier – dann – fortgeschickt – und – wird – sein – Leben – an – den – Straßenecken – verbummeln. Der – Dritte – hat – Anlage – zum – Feldwebel – und – wird – es – auch – werden, – aber – wie – ich – schon – gesagt, – Sie – müssen – in – die – Civilcarriere – zurück. Guten Morgen.« Das war die längste Rede, die ich je von unserem Premierlieutenant gehört; er hat auch gewiß nie mehr eine ebenso lange gehalten, und als er darauf von mir fortging, schien er sich ganz ausgesprochen zu haben, denn er schwankte so stark hin und her, wie ein leeres Schiff. Im Dienst war er strenge gegen mich, aber nie unfreundlich, obgleich er mir nicht das Geringste durchgehen ließ. Als nach meinem Arrest der Appell vorbei war, ließ ich mir vom Kompagnie-Schneider meine selbstgekauften Tressen auf die Uniform nähen, was mir einen halben Schoppen bittern Schnaps kostete; dann ging ich zu Poltes, um ihn von meiner Strafe und meinem Glück in Kenntniß zu setzen. Da ich ihn einige Tage nicht gesehen hatte, so fand ich ihn wieder sehr verändert. Er hatte mit Hülfe der alten Frau, die seine Sachen besorgte, sein Bett verlassen, und saß in einem alten Lehnstuhl am Fenster, so daß ihn die Nachmittagssonne beschien. Vergnügt darüber, daß ich kam, streckte er mir die magere Hand entgegen, und als ich meine hineinlegte, blickte er auf meinen Aermel und machte große und recht vergnügte Augen. »Schon,« sagte er, »das ist ja schnell gegangen, da hab' ich länger warten müssen, nun ich bin auch dafür nicht weit gekommen.« Hierauf erzählte ich ihm meinen Streit mit Herrn Schnapper, unsern Kampf und meinen Arrest. »Sei du froh,« gab er mir zur Antwort, »daß der Kapitän nicht da war, die drei Tage auf's Holz hätten dich ein Jahr im Avancement zurückgebracht. Nimm dich aber in Acht, denn der Hauptmann hat Recht, Raufereien in der Kaserne wird nun einmal nicht gut gethan.« Das sagte er Alles in großen Zwischenräumen und von häufigem Husten unterbrochen. Sprach er's auch nicht mit seiner gewöhnlichen Herzlichkeit, sondern so, als unterhielten wir uns von einem Dritten. Von dem Fenster aus, an welchem er saß, konnte er durch eine Häuserlücke weit hinaus in das Land sehen, wo der helle Sonnenschein auf dem wogenden und fast reifen Korne lag, und auf dem Flusse glänzte, sowie auf den Segeln der Schiffe, die wie schneeweiße Tauben dahinzufliegen schienen. »Das geht Alles heim,« sagte er nach einer Pause, »und wenn die Schiffe im Hafen sind, so zieht man die Segel ein. Dann gute Nacht.« Er athmete sehr schwer und mühsam und seine Hände zupften an einer wollenen Decke, die er auf den Knieen ausgebreitet hatte. – »Neben dem Flusse daher,« fuhr er nach einer Pause mit sehr leiser Stimme fort, »kam ich vor dreißig Jahren gefahren, und gerade dort stieg ich aus und warf flache Steine über den Wasserspiegel, um zu sehen, wie oft sie ricochettirten. Viermal schlug der Stein auf und in vier Jahren, dachte ich, bist du Offizier.« Hiebei lächelte er ganz eigenthümlich, und nach längerer Zeit erst fuhr er fort: »Das Korn schneiden sie auch bald und thun es in die Scheuer – – – – – – – – – – Ja, ja, den Weg kenne ich genau,« sagte er dann wieder, »wenn man ihn verfolgt, weit, weit hinaus, mehrere Tage lang, so kommt man an ein schönes Landhaus, da – bin ich geboren – – – – und werde – hier sterben. – – – Hörst du nicht eine Glocke?« »Sie läuten auf dem Dome,« antwortete ich einigermaßen bestürzt, denn Poltes hatte noch nie so eigenthümlich und mit so sonderbar betonter Stimme zu mir gesprochen. »So – öffne – das – Fenster,« sagte er. Ich that so, und als die feierlichen tiefen Klänge, so ungedämpft zu uns hereindrangen, ließ er den Kopf tief auf die Brust herabsinken, so tief zwar, daß ich nicht in seine Augen sehen konnte. Als er aber lange, lange nicht aufblickte, legte ich endlich meine Hand auf die seinige und fühlte mit tiefem Erschrecken, daß dieselbe sehr kalt war; dann bückte ich mich nieder, sah in sein Gesicht, und obgleich ich noch nie einen todten Menschen gesehen, erkannte ich doch sogleich, daß mein armer Freund Poltes heimgegangen sei. Ich rief die alte Frau um Hülfe, und als sie hereinkam, seine Augen betrachtet hatte und seine kalten Hände befühlt, sagte sie: »Nun endlich ist er gestorben, das hat lange gedauert.« Während sie ein paar Leute holte, die ihn auf sein Bett legen sollten, kniete ich neben ihm nieder und weinte reichlich und heiße Thränen auf die kalte Hand des Freundes. – – – – 7. Der gute Poltes, einst Leopold v. Berger, doch wurde selbst dieser Name in der Trauerrede nicht genannt, ward nun mit allen militärischen Ehren zur Ruhe bestattet. Wie wohl that es mir, als sie ihn hinabsenkten und ich weinend dabeistand, daß ich aufblickend sah, wie auch der Lieutenant v. Schwenkenberg tiefbetrübt aussah und mit der umgekehrten Hand eine Thräne wegwischte, die ihm gerade aus den Augen in den langen Schnurrbart laufen wollte. Von meinem Vater, dem ich den traurigen Vorfall schrieb, erhielt ich einen langen Brief, der mir am Eingang meldete, daß zu Hause Alles wohl sei und der mich in Hinweisung auf den verstorbenen Freund schließlich ermahnte, mein Leben recht vorsichtig und mäßig zu genießen, mich namentlich aber vor der Flasche in Acht zu nehmen, und auch vor andern Dingen, die mein Vater aber ziemlich undeutlich bezeichnete. Zu gleicher Zeit schickte er mir einiges Geld für mich, sowie eine zweite kleine Summe, um Poltes' Grab, seinem schriftlich ausgedruckten Wunsche gemäß, gehörig damit schmücken zu können. Meine Mutter hatte ein Postscriptum angehängt, worin sie mich um die Übersendung verschiedener Ellen Band zu ihren Hauben ersuchte. Man erwarte in dem Grenzstädtchen, so schrieb sie, einen hohen Zollbeamten zur Visitation, und bei den Feierlichkeiten, die begreiflicherweise dabei stattfinden müßten, wolle sie auf's Allerwürdigste erscheinen. Es machte mir eine besondere Freude, Poltes' Grabausschmückung besorgen zu können, und wie er es bei seinen Lebzeiten befohlen, ließ ich ihm zwei hölzerne Kanonenröhren machen, die ein Kreuz bildeten, zwischen dem einen Schildzapfen stand sein Name, Geburtsjahr und Todestag, zwischen dem andern ein Ausspruch des Apostel Paulus, den er selbst ausgesucht und der durch das letzte Wort, wie Poltes zu sagen pflegte, auf die Artilleriewissenschaft hinzudeuten schien, nämlich: »Alles Wissen ist Stückwerk.« So hatte ich nun einen Freund weniger und einige Feinde mehr; unter letztern muß ich unsern Hauptmann und Batteriechef Bitter nennen, der gelinde getobt hatte, als er vom Urlaub zurückkehrend erfahren, daß ich nicht nur Bombardier geworden sei, sondern in Folge dessen noch zwei Tage zu früh aus dem Arrest entlassen. Er hatte sogar über diesen Gegenstand eine ziemlich heftige Scene mit seinem ersten Lieutenant, deren Ende war, daß Herr v. Schwenkenberg an seinen Helm langte, und etwas weniger ruhig als sonst sprach: »Wenn – der – Herr – Hauptmann – vielleicht – glauben, – daß – ich – unrecht – gehandelt, – so – bitte – ich – den – Herr – Hauptmann – ganz – gehorsamst, – den – Vorfall – an – das Brigade – Kommando – melden – zu – wollen; – ich – für – meine – Person – habe – nichts – dagegen, – es – soll – mich – vielmehr – außerordentlich – freuen.« Damit drehte er sich um und ging seiner Wege. Mich hatte nun der Kapitän seit jener Zeit, was man so nennt, furchtbar auf dem Striche. Ich konnte machen, was ich wollte, er entdeckte immer etwas Mangelhaftes an meinem Anzuge, oder irgend einen Fehler, wenn ich selbst exercirte oder exerciren ließ. Daher kam es denn auch, daß ich ziemlich häufig Arrest und Strafwachen bekam, zwei Sachen, die der Kapitän in's Nationale schreiben lassen darf und die beim Avancement durchaus nicht förderlich sind. Die übrigen Feinde, die ich mir erworben hatte, waren natürlicherweise Herr Schnapper und meine beiden andern Kameraden, da ich so früh zum Bombardier befördert worden war. Bald nach diesem Vorfall ließ der Herr Hauptmann sie ebenfalls das Examen machen, wobei Herr Schnapper übrigens so schlecht bestand, daß er nicht nur nicht avancirte, sondern daß ihm leise angedeutet wurde, er möge ruhig seine zwei Jahre fortdienen und dann seinen Abschied nehmen, was auch später geschah, und sich so die Prophezeihung des Lieutenants v. Schwenkenberg bestätigte, denn als Herr Schnapper abgegangen war, bummelte er in der Stadt herum, ohne irgend ein Geschäft zu ergreifen oder überhaupt etwas zu thun, und da er von seiner Mutter noch einiges Geld erhielt, verlumpte er zwar langsam, aber vollkommen. Auch was die beiden andern Freiwilligen betraf, hatte sich der Lieutenant nicht getäuscht. Der Apothekersohn machte ein schönes Examen, avancirte bald nach mir zum Bombardier, und da er ein Schreib- und Rechengenie war, so wurde er zum Feldwebel kommandirt und erhielt auch, als dieser freilich nach mehreren Jahren zur Civilpartie überging, dessen Posten. Der Sohn der Regierungsraths-Wittwe hatte sich sehr gekränkt gefühlt, daß ich, ein ganz gewöhnliches Soldatenkind, vor ihm befördert worden war, und die früheren Bekanntschaften seiner Mutter hatten es nicht nur zu Wege gebracht, daß er zu einer andern Batterie versetzt wurde, sondern auch, daß er auf die Kriegsschule kam, und nun einmal auf dem gehörigen Wege, wurde er auch endlich, freilich nach längerer Zeit, Lieutenant. Später sahen wir uns wieder und da sprach er über seine Zukunft auch nicht viel anders, als damals der Lieutenant v. Schwenkenberg. Der Erzählung meines einfachen Lebens bin ich diesem Punkte vorausgeeilt, weil ich aus dem ferneren Zusammenleben mit den andern Freiwilligen nicht viel Interessantes zu berichten weih. Mein Streit mit Herrn Schnapper hatte mich bei allen Uebrigen in ziemlichen Respekt gesetzt, und da ich mich bemühte, meinen Dienst auf's Pünktlichste zu versehen, so genoß ich die Liebe und Achtung meiner Kameraden und Vorgesetzten mit Ausnahme des Kapitäns. Leider konnte er mir bedeutend schaden und unterließ das auch nicht. So viel mir die wenig freie Zeit, die ich hatte, erlaubte, lernte ich Sprachen, Geographie, Geschichte und was nöthig war, um ein Examen in die vorbereitende Artillerieschule machen zu können. Auch wurde ich mit mehreren andern Aspiranten vom Abtheilungs-Kommando zu diesem Examen eingegeben, doch waren die darauf bezüglichen Papiere noch nicht lange bei der Brigade eingelaufen, so erhielt ich vom Wachtmeister Sternberg einen freundschaftlichen Brief – »Donnerwetter, lieber Major, da sind deine Papiere zum Examen allerdings mit den übrigen eingelaufen, aber mich soll dieser und jener holen, wenn dein corriculum vitae nicht eines der schlechtesten ist, das mir jemals unter die Hände gelaufen. Bist du denn wirklich ein so leichtsinniges Subjekt geworden, oder kämmen sie an dir herunter. Das wechselt ja ab mit Arrest und Strafwachen. Ich sage dir, wenn ich nicht bei Schippenb – beim Kommando will ich sagen – die Hand über dein gottloses Haupt hielte, so hätte man dich wegen des verfluchten Nationale's zurückgewiesen. Das sage ich dir aber, sei mir gehörig gesattelt; zieh die Bauchgurten deines Wissens fest zusammen, denn wenn du beim Examen herabplumpst, so freut mich mein Leben. Dein Alter ist nicht nur wohl, sondern hat auch ein unverschämtes Glück; soeben lese ich, daß er schon zum Steuerkontroleur ernannt ist. Gratulire augenblicklich deiner Mutter, und da Steuerkontroleurin schlecht klingt, so kannst du auf die Adresse schreiben: Frau Steuerkontroleuse Wortmann. Auch ich will nächstens abziehen, aber zur Post; weißt du, ich kann das Sitzen nicht ertragen.« Daß ich in der That vom Brigade-Kommando beschützt wurde, das sah ich mit großen Freuden, unser Kapitän aber zu seinem großen Verdruß daran, daß ich trotz der schlechten Zeugnisse wirklich zum Examen kommandirt wurde; leider kam ich aber doch nicht dazu. Wenige Tage vor unserem Abmarsche lief ein Schreiben des Generalkommando's ein, mit der für uns trostlosen Nachricht, daß die vorbereitende Brigade-Artillerieschule laut höherem Befehl aufgehoben sei, es blieb also nur noch die große Artillerieschule in der Residenz übrig, zu deren Eintritt ein Examen erforderlich war, wie es die Fähndriche bestehen mußten, und dazu reichten meine Kenntnisse nicht aus. Wachtmeister Sternberg schrieb mir ebenfalls darüber, auch mein Vater, und beide gaben mir den Rath, ruhig fortzudienen, mich in den Artilleriewissenschaften zu vervollkommnen, um später einmal Oberfeuerwerker werden zu können. Das that ich denn auch und verzichtete auf die Epauletten, ohne daß es mir gerade besondern Kummer machte. Hatte ich doch schon genug von dem Offiziersleben kennen gelernt, um einzusehen, daß dasselbe für den, der kein Vermögen besaß, gar zu starke Schattenseiten habe. Ich widmete mich also auf's Fleißigste dem Dienst und den Artilleriewissenschaften, und als ich zwei Jahre gedient, machte ich ein so glänzendes Unteroffiziers-Examen, daß ich vom Abtheilungs-Kommando augenblicklich avancirt wurde. Nebenbei hatte ich auch meine Liebe zur Gärtnerei nicht vergessen und bildete die Anfangsgründe, die mir der weise Vogel beigebracht auf's Umfassendste aus. Ich fand einen geschickten Gärtner bei der Stadt, der sich meiner bereitwillig annahm, und war glücklich, alle meine Freistunden unter Blumen und Bäumen zubringen zu können. Das bißchen Latein, das ich in der Schule gelernt, machte es mir leicht, die hunderterlei Namen der Pflanzen zu behalten, und als ich ein Jahr bei meinem Freunde, dem Gärtner, gearbeitet, meinte dieser lachend: »Wenn es mir einmal bei der Artillerie durchaus nicht mehr gefiele, so könne ich, was meine Kenntnisse anbelange, getrost den ausgedehntesten herrschaftlichen Garten übernehmen.« Da es mir durch die immerwährende Beschäftigung im Garten fast zum Bedürfniß geworden war, im Freien unter Pflanzen und Bäumen zu sein, so suchte ich sogar im Dienste dieses Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden, daß ich gerne die Wache auf den kleinen Forts übernahm, die außerhalb der Stadt lagen, wo das mit Bäumen bepflanzte Glacis einem kleinen Parke ähnlich war. Da war ich glücklich und half den wildwachsenden Bäumen mit Scheere und Messer auf's Zweckmäßigste nach, mußte mich aber sehr in Acht nehmen, daß diese Ausübung meiner Kunst nicht auf unangenehme Art zu Ohren der Festungsdirektion käme. Einmal war ich schon in schweren Anklagestand versetzt worden, als ich nämlich aus einer schönen Ulme mehrere dürre Aeste weggesägt hatte, und da unser Kapitän nicht übel geneigt war, dieses dreifach zu bestrafen, erstens nämlich als Unordnung im Dienste, worin er nicht ganz Unrecht hatte, zu gleicher Zeit aber auch als Waldfrevel, und drittens gar als Holzdiebstahl, so hätte es mir schlecht ergehen können, wenn die Behörde nicht glücklicherweise nur den ersten Fall angenommen hätte, und mich dafür mit ein paar Tagen Arrest beglückte. Aber trotzdem konnte ich die Gärtnerei, wenn auch auf königlichem Grund und Boden, nicht lassen. So war es denn wieder Frühling geworden, ich diente drei Jahre, war wie gesagt Unteroffizier, und hätte mich schon lange zum Feuerwerker-Examen gemeldet, wenn nicht der Kapitän eine derartige Anfrage meinerseits mit einem wahren Hohngelächter beantwortet hätte und mich darauf gefragt: »Wissen Sie auch, was ein Feuerwerker ist? Sie scheinen keine Idee davon zu haben?« »Zu befehlen, Herr Hauptmann,« entgegnete ich einigermaßen gereizt, »ich erlaube mir vielleicht doch zu wissen, was ein Feuerwerker ist.« »Nun darauf wär' ich begierig,« meinte er und sah mich finster an, wobei er die beiden Zeigefinger zwischen Schärpe und Uniform steckte. »Ein Feuerwerker, Herr Hauptmann, ist meiner Ansicht nach eine Charge in der Batterie, welche sich mit der Feuerwerkskunde sehr vertraut gemacht hat, der ferner –« »Und Ihre Ansicht ist durchaus falsch, mein Lieber,« fiel er mir nun lächelnd in die Rede. »Wer zum Feuerwerker avanciren will, soll das Muster eines Unteroffiziers sein, soll meiner Ansicht nach viermal so lange dienen als Sie, soll den Dienst auswendig kennen wie ein Buch und ausüben wie eine Maschine, soll das Progesta seiner ganzen Kompagnie sein, exerciren können wie ein Engel und soll vor allen Dingen – merken Sie sich das wohl – nie bestraft worden sein. Das ist meine Ansicht von den Eigenschaften eines Feuerwerkers.« Das hatte er mit erhabenem Tone gesprochen und setzte nun in gewöhnlichem Tone hinzu: »Daß der Feuerwerker nebenbei eine Rakete von einer Stückkugel soll unterscheiden können, versteht sich von selber.« »Der Herr Hauptmann werden entschuldigen,« erwiederte ich, »aber nach dem habe ich wohl keine Hoffnung, jemals in der Batterie des Herrn Hauptmann zum Feuerwerker zu avanciren; denn wenn ich mich auch befleißigen würde, einer der pünktlichsten und propersten Unteroffiziere der Batterie zu werden, so wird es mir doch nie gelingen, ein Nationale beizubringen, in dem keine Strafen verzeichnet stehen.« »Ja, mein Lieber,« sagte er, beharrlich mit dem Kopfe nickend, »den Riegel haben Sie sich selbst vorgeschoben. Wenn ich nicht irre, saßen Sie in den drei Jahren schon sechsmal auf dem Holze, und die Zahl Ihrer Strafwachen ist Legion.« »Zu befehlen, Herr Hauptmann, Legion.« »Hm! hm!« machte er verdrießlich. »Und das scheint Sie eigentlich gar nicht zu alteriren. Aber ich weiß schon, worauf Sie bauen, auf den Schutz irgend eines Schreibers beim Brigade-Kommando, der Ihnen beim Unteroffizier-Examen so treffliche Dienste geleistet und den Sie sich, Gott weiß durch welche Hinterthüre erschlichen. Aber, Herr, das versichere ich Sie, dergleichen wird nicht mehr gut gethan, so wahr ich Bitter heiße und sehr bitter sein kann.« Es gibt leider Augenblicke im Menschenleben, wo man der Strafe näher ist als sonst. Mir war die Geduld zerrissen und ich erlaubte mir, im Tone der höchsten Achtung und tiefsten Unterwürfigkeit dem Hauptmann zu bemerken, daß ich ihm recht sehr für die Auskunft über mich selbst danke, zugleich aber um die Erlaubniß bäte, mich beim Abtheilungs-Kommando zur Versetzung nach einer andern Batterie zu melden. Ich gebe zu, daß der gegenwärtige Augenblick zu diesem Gesuche vielleicht nicht passend war und es als Trotz erscheinen konnte; wenigstens nahm es der Hauptmann so auf. Er rieb sich die Hände, hustete ein paarmal leise und kniff die Augen zu, wie er zu machen pflegte, wenn er anfing sehr übler Laune zu werden. »Sehr schön,« sagte er nach einer Pause, »charmant, ich bitte aber recht sehr, Herr Unteroffizier, sich den vorhabenden Schritt noch gefälligst überlegen zu wollen. Und damit es Ihnen hierzu nicht an Zeit und Muße fehlt, so melden Sie sich gefälligst beim Feldwebel zur Strafwache auf Fort Nr. 4, wo Sie über Ihren Entschluß nachdenken können. – Verstanden?« »Zu befehlen, Herr Hauptmann.« »So gehen Sie.« »Zu befehlen, Herr Hauptmann.« So hatte ich denn abermals eine Strafwache, die mir heute gerade nicht angenehm war, denn wir hatten Feiertag und ich also vollkommen Zeit, den ganzen Tag bei meinem Freunde, dem Gärtner, zuzubringen. Da es übrigens noch früh am Morgen war, ging ich zu ihm hinaus und fand ihn beim Pfropfen verschiedener Gesträuche beschäftigt. Ich erzählte ihm mein Schicksal und er meinte, das Beste wäre, ich solle meinen Abschied nehmen, und mich ganz meiner Lieblingsbeschäftigung, der Gärtnerei, widmen. Einen solchen Entschluß ohne Einwilligung meiner Eltern zu fassen, daran war nicht zu denken, auch war ich sicher, daß weder mein Vater noch meine Mutter es je erlauben würden, daß ich schon nach drei Jahren wieder den Militärdienst verlasse. Feuerwerker sollte ich nun einmal werden, so wollte es der Vater Wortmann, und die vorgeschriebene Anzahl Jahre dienen, um Ansprüche auf eine Civilversorgung zu haben. In der That, da war nichts zu machen und mein Freund mußte mir beipflichten, als ich ihm das auseinandersetzte. Ich half ihm noch eine Stunde bei seinem Geschäft, dann mußte ich ihn verlassen, da es Zeit war, nach meiner Wachmannschaft zu sehen. Er wickelte mir lachend ein paar der Reiser, womit er beschäftigt war, in Moos und steckte sie mir in die Taschen. »Vielleicht,« sagte er, »finden Sie irgendwo einen Strauch, an dem Sie mit Pfropfen ein paar Versuche machen können. An Zeit wird es Ihnen nicht fehlen.« Dann verließ ich ihn, um meine Wache zu beziehen, eine der kleinen Festungen, welche um die Stadt liegen. Daß ich gerade hierhin geschickt worden, dafür war ich dem Kapitän noch dankbar, denn er hätte mich ebenso gut nach dem einsamen, alten Pulverthurme senden können, oder gar die Kasernenwache übergeben, was mir noch weit unangenehmer gewesen wäre. Auf meinem einsamen Fort war ich doch mitten in der schönen Natur, hatte wenig von Ueberraschungen zu fürchten, namentlich heute an einem Feiertage, und dann führte die Wache hier überhaupt ein recht behagliches, patriarchalisches Leben. Die nothwendigen Bestandtheile eines frugalen Abendessens, Kartoffeln, Butter und etwas Wurst wurden mitgenommen, auch die Kaffeemaschine, Tabak, Pfeifen, sogar ein paar Cigarren, und vor allen Dingen ein paar unterhaltende Bücher. Mit diesem führten wir denn hier draußen in der That ein beschauliches Leben; man war wie im Kloster. Der öde, gepflasterte Hof hallte so recht unheimlich von unsern Schritten wieder, das Wachtlokal mit einer engen vergitterten Schießscharte war wie eine Mönchszelle, und rings um uns her bildeten Gräben und Glacis einen allerliebsten Klostergarten. In diesem hielt ich mich auch am liebsten auf, und auch heute, als ich mein Wachtbuch eingeschrieben hatte, sowie die Meldezettel nach der Stadt geschickt, als das Wachtlokal in Ordnung gebracht war und die Posten aufgezogen und gehörig instruirt, suchte ich mir eine recht angenehme Stellung an der Böschung des kleinen Walles, wo das Bankett eine förmliche Rasenbank bildete. Mein Bursche, der mit mir auf der Wache war, richtete mir die Kaffeemaschine her, ich zündete den Spiritus an, und nachdem der Trank bereitet war, legte ich mich behaglich in's Grüne und las ein paar Stunden. Die Kanoniere, die nicht auf Posten waren, hatten sich rings auf dem Glacis vertheilt, um nach der Stadt hinauszuspähen, ob sich nichts Verdächtiges nahe, bei welchem Geschäft sie übrigens ebenso wie ihr Kommandant auf Gras und Blumen ruhten, und so genossen wir Alle zusammen die Freuden der Wache an einem schönen Frühlings- und Feiertage. Endlich war mein Kaffee getrunken, ich auch des Lesens müde, weßhalb ich mich erhob, um meine Posten zu revidiren. Ich fand bei ihnen nichts besonders Ungehöriges: doch war es vielleicht nicht ganz streng dem Reglement gemäß, daß der Eine pfiff, der Andere sang, ehe sie mich kommen hörten. Nur der auf der Plattform des Thurms erhielt einen kleinen Verweis, denn statt umherzugehen, wie es Vorschrift war, hatte er sich in eine der Schießscharten gesetzt, und blickte nach der Stadt, sowie auf den Fluß, der nicht weit von unserem Fort vorbeiströmte und wo Dampfer auf- und abzogen, eine lange, schwarze Rauchwolke hinter sich drein ziehend. Von der Stadt her war ein Gesumme der Menschen, das Rollen der Equipagen, aber Alles verschwamm zu einem unverständlichen Brausen, zwischen dem nur deutlich die Glocken der vielen Kirchen hervordrangen, in denen zum Nachmittagsgottesdienste geläutet wurde. Als ich wieder hinabstieg und auf das Glacis ging, gedachte ich der Zweige, die mir mein Freund, der Gärtner, in die Tasche gesteckt. Ich nahm sie hervor und suchte mir ein passendes Gesträuch, um meine Kunst daran zu versuchen. Es war dies die gewöhnliche Akazie, auf welche ich mich bemühte, einen Zweig der Robinia hispada zu pfropfen. Wenn ich auch als Wachthabender Unrecht hatte, dergleichen zu thun, so war es doch anderntheils ein verdienstliches Werk, die Gesträucher hier zu veredeln, und wie schön mußte es sich nicht im nächsten Frühjahre ausnehmen, wenn hier neben der gelben Blüte der gewöhnlichen Akazie auf einmal die prachtvolle röthliche der Robinia hispada hervorwuchs. Messer, Bast und Wachs hatte ich nicht vergessen, in die Patrontasche zu stecken, und durch die am Rande des Glacis umherliegenden Kanoniere vor jedem Ueberfall gedeckt, machte ich mich mit großer Ruhe und vielem Behagen an mein Geschäft. Schon hatte ich ein paar Sträucher auf's Kunstvollste gepfropft, als ich aufblickend einen meiner Kanoniere vor mir sah, der mit seinen Armen und Händen allerlei seltsame Zeichen und Pantomimen machte, die wahrscheinlich mir gelten sollten. »Was willst du?« rief ich ihm zu. »Kommt Jemand?« Statt aller Antwort machte er ein ganz erschrecktes Gesicht und deutete schüchtern mit dem Finger vor sich hin. Zu gleicher Zeit rief der Posten auf der Plattform mehreremal meinen Namen. Ich blickte um mich her und endlich auch hinter mich, und sah zu meinem nicht geringen Schrecken drei Artillerie-Offiziere, die aus dem Hofe des Forts kamen und sich mir näherten. Daß ich in einem derselben augenblicklich unsern Hauptmann Bitter erkannte, verminderte meinen Schrecken durchaus nicht. Eilig nahm ich den Helm vom Boden auf, und als ich mich gegen die Ankommenden wandte, gelang es mir, Messer, Wachs und Bast in die auf meinem Rücken befindliche Patrontasche zu schieben. Zum schlimmen Spiel die beste Miene machend, näherte ich mich meinen Vorgesetzten so unbefangen als möglich und meldete: »Auf Wache ein Unteroffizier und zwölf Kanoniere. Weder auf Posten noch im Innern der Forts befindet sich etwas Neues.« »Nach Ihrer Ansicht allerdings nicht,« erwiederte der Hauptmann kopfnickend und ganz zufrieden lächelnd; »für mich aber ist es etwas außerordentlich Neues, eine Wache zu finden, die so ihren Dienst thut, wie die Ihrige. Das ganze Fort ist leer, man könnte sogar die Geschütze wegtragen und Sie würden es nicht merken. Nein, Herr Unteroffizier Wortmann, dergleichen ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen. Was Teufels, Herr, ist in Sie hineingefahren? Wenn Sie vielleicht am periodischen Wahnsinn leiden, so melden Sie sich in's Lazareth. Dann werden wir auch Ihre ganze Aufführung begreifen.« Ich stand wie eine Bildsäule und verzog keine Miene, das Beste, was ich in meiner Lage thun konnte. »Ich bitte Sie, Herr Hauptmann v. Walter, und Sie Herr Premierlieutenant Schwarz, ist Ihnen in Ihrem ganzen Leben dergleichen vorgekommen?« Mit einem schnellen Blick beschaute ich mir die beiden andern Offiziere, namentlich den Herrn Hauptmann v. Walter, der Kommandant der Festungskompagnie in I. war, von dem wir viel gehört, den seine Leute enthusiastisch liebten, den ich aber noch nie gesehen. Er war ein fast zu starker, sehr behaglich aussehender Mann mit einem runden, außerordentlich freundlichen Gesichte. Dabei hatte er lebhafte, wohlwollende Augen, aus denen es wie Lachen hervorblitzte, ganz im Gegensatz zu dem furchtbaren Auftritte, der sich vor seinen Augen zu entwickeln begann. Soviel ich später sah, hinkte er ein wenig mit dem linken Fuße, und deßhalb führte er auch ein spanisches Rohr mit elfenbeinerner Krücke. Der Herr Lieutenant Schwarz war ganz das Gegentheil seines Hauptmanns, er war fast übertrieben mager, hatte einen langen dünnen Hals, auf dem ein Kopf saß, der nicht bedeutend stärker, aber viel länger war. Seine Augenbrauen waren erstaunt in die Höhe gezogen, der Schnurrbart hing tief zu beiden Seiten des Kinns herab, und über dem ganzen Gesichte lag ein so furchtbarer Ernst, daß ich ihm ansah, er sei auf's Höchste empört über den Frevel, den ich hier begangen. »Und was treiben Sie hier auf dem Glacis?« fuhr der Kapitän nach einer kleinen Pause fort. »Mir scheint, Sie haben Ihre alten Mucken wieder. Sollten Sie wohl glauben,« wandte er sich an den andern Hauptmann, »daß dieser Unteroffizier schon einmal bestraft wurde, weil er Aeste aus dem Gehölz des Glacis weggeschnitten? – Ich bitte Sie: Aeste eines königlichen Baumes!« »Es waren dürre Aeste,« erlaubte ich mir zu sagen. »Ast ist Ast!« rief entrüstet der Kapitän. »Und es ist nur schade, daß man damals nicht meiner Ansicht war, sonst wären Sie lange unschädlich gemacht worden. Nicht wahr, Herr Hauptmann v. Walter, Ast ist Ast?« »Nicht so ganz, mein lieber Herr Hauptmann Bitter,« erwiederte der dicke Kapitän freundlich. »Ich will zugeben, daß es von einem wachthabenden Unteroffizier nicht ganz passend ist, Aeste von den Bäumen einer königlichen Pflanzung wegzusägen.« »Fürchterlich!« sagte Lieutenant Schwarz im Tone der höchsten Entrüstung. »Anderntheils aber,« fuhr der Hauptmann v. Walter fort, »könnte es sogar ein verdienstliches Werk genannt werden, dürre Aeste von einem Baum zu entfernen. Das erhöht dessen Lebenskraft und verhindert in vielen Fällen, daß nicht auch andere Zweige angegriffen werden und ebenfalls absterben.« Unser Kapitän hustete ungeduldig. »Wir wollen das Vergangene nicht weiter untersuchen,« sprach er. »Aber was trieben Sie dort im Gehölz, als wir kamen? – Es thut mir leid, aber die Sache muß untersucht werden. Wenn es den Herren gefällig wäre, so sehen wir etwas genauer auf die Arbeit dieses wachthabenden Unteroffiziers.« »Gehen wir,« versetzte der dicke Kapitän und schritt, auf seinen Stock gestützt, voraus. Lieutenant Schwarz drückte die Hände auf seinen dünnen Leib und folgte langsamen Schrittes, anzusehen, wie eine finstere Wetterwolke. »Aha!« rief unser Hauptmann triumphirend, als wir jetzt an Ort und Stelle gekommen waren und zeigte dabei auf die grünen Akazienzweige, die ich Behufs des Pfropfens entfernt und die auf dem Boden umherlagen. »Sind das auch vielleicht dürre Aeste? Na, Herr! diesmal will ich Sie fassen.« Während der dicke Kapitän ruhig an meine Sträucher trat, zuckte der Lieutenant Schwarz seine Schultern so hoch, daß sie fast die Ohren berührten. Hauptmann Bitter blickte mich kopfnickend an, und ich stand dabei – wehrlos, ein aufgegebener Mann. »Das ist ja vortrefflich gepfropft!« rief plötzlich der Hauptmann v. Walter; »ich sage Ihnen, vortrefflich. Die Bänder sind zierlich und kunstgerecht angelegt und das Baumwachs mit einer wahren Feinheit aufgetragen.« Unser Kapitän schaute erstaunt auf seinen Herrn Kameraden, während der Lieutenant abermals die Achseln zuckte. » Robinia hispada «, rief der Hauptmann v. Walter. Eine herrliche Blüthe! wird sich im nächsten Frühjahre ganz ausgezeichnet machen.« »Aber ich begreife nicht,« sagte unser Kapitän erstaunt. »Er verdient freilich einen kleinen Verweis, der Unteroffizier,« meinte heiter der dicke Hauptmann, »daß er die Zeit der Wache zu so was anwendet, in seinen Freistunden aber eine Belohnung dafür.« »Aber ich begreife nicht,« wiederholte Hauptmann Bitter, »das ist doch ein offenbarer Waldfrevel.« »Kein Waldfrevel,« unterbrach ihn der Andere, »gewiß, lieber Herr Kamerad, kein Waldfrevel, im Gegentheil, es zeugt von gutem Geschmack, hier in dieser Gruppe Robinia hispada auf Robinia pseudoacacia , die gemeine Akazia zu pfropfen. Sehen Sie, dort haben wir Crataegus , den Weißdorn, dort eine Lonicera , die dunkelroth blüht, daneben den sogenannten Goldregen, das wird eine ganz schöne Wirkung machen, allerdings auf der Wache,« sagte er lächelnd zu mir, wobei er komisch drohend seinen Krückstock erhob, »auf der Wache sollte so was unterbleiben.« »Und ist doch Waldfrevel; dergleichen auf einem königlichen Glacis,« sagte hartnäckig unser Hauptmann. »Nein, nein, gewiß kein Waldfrevel,« erwiderte der Andere, »nur gepfropft und sehr schön gepfropft. – Sind Sie ein gelernter Gärtner?« wandte er sich an mich. Der Herr Hauptmann hatte etwas so außerordentlich Wohlwollendes und Gutes in seinem Benehmen und seiner Sprache, daß ich mich sehr zu ihm hingezogen fühlte. Auf seine Frage an mich erzählte ich ihm mit kurzen Worten, daß ich auf Avancement diene, daß ich habe Offizier werden wollen, auch wohl das Examen zur vorbereitenden Artillerieschule habe machen können, aber nicht das zur Kriegsschule, wie es in neuerer Zeit verlangt werde. Ferner sagte ich ihm, daß ich die Gärtnerei außerordentlich liebe, und in meinen Freistunden theoretisch und praktisch erlernt habe. Während ich das sprach, nickte er vergnügt mit dem Kopfe und that verschiedene Fragen an mich, aus denen ich entnahm, daß er Baum- und Blumenzucht aus dem Fundament verstehe und wahrscheinlich selbst betreibe. Nachdem das kleine Examen beendigt – und er stellte in der That ein solches mit mir an – nahm er den Hauptmann Bitter unter den Arm, führte ihn ein paar Schritte von mir weg und redete freundlich lachend in ihn hinein, wobei aber mein Vorgesetzter anfänglich heftig mit dem Kopfe schüttelte. Herr Lieutenant Schwarz, der jetzt die Hände auf den Rücken gelegt hatte, betrachtete meine Pfropfarbeit ungefähr mit dem Gesichtsausdruck, mit welchem man etwas ganz Außerordentliches und noch gar nie Dagewesenes anschaut. Nach einer kleinen Weile rief mir mein Hauptmann zu: »Kommen Sie daher, Unteroffizier, und bedanken Sie sich beim Herrn Hauptmann v. Walter auf's Nachdrücklichste. – Ich hätte Ihnen, wegen des Rückfalls in Ihre Lust, königliche Bäume zu beschädigen, diesmal eine garstige Geschichte aufspielen müssen. – Ja müssen . – Denn Ordnung muß sein. Der Herr Hauptmann v. Walter hat für Sie gesprochen, und auf seinen speziellen Wunsch will ich die Sache für diesmal auf sich beruhen lassen.« Daß ich mich auf's Herzlichste bedankte, wird mir Jeder glauben, und ich war froh, mich bei dem guten alten Herrn bedanken zu können. Er hatte durch sein freundliches Benehmen meine ganze Liebe gewonnen, und das erlaubte ich mir, ihm unverhohlen zu sagen, wobei ich nicht unterlassen konnte, hinzuzusetzen, daß ich mich glücklich schätzen würde, später einmal in seine Nähe zu kommen. Darauf reichte er mir treuherzig die Hand, die ich gerne geküßt hätte, und ich kann nicht verschweigen, daß mir fast die Thränen in die Augen traten, als er sie mir auf's Herzlichste schüttelte und so lieb und freundlich von nur Abschied nahm. Ohne weitere Abenteuer ging die Wache vorüber, und als ich mich am andern Mittag bei unserem Feldwebel vom Fort Nro. 4 zurückmeldete, erzählte ich ihm, was mir gestern begegnet. Er mochte mich wohl leiden, der Feldwebel, und sagte nachdenkend: »Diese Begegnung kann Ihr Glück sein, es ist ein eigenes Ding um den Herrn Hauptmann v. Walter. Wie es zusammenhängt, weiß Niemand, aber so viel ist bekannt, daß er bis hoch oben in die höchsten Regionen mächtige Verbindungen hat. Und wenn er etwas durchsetzen will, so wird's ihm nicht schwer.« Dies geschah ungefähr im Mai und schon im Juni kam der Befehl vom Brigade-Kommando, mich so schnell als möglich zum Feuerwerker-Examen zuzulassen. Ich machte dasselbe und kann, ohne unbescheiden zu sein, wohl sagen, daß ich sehr gut bestand. Dem Herrn Hauptmann Bitter waren diese Eingriffe in seine Machtvollkommenheit sehr unangenehm. War ich doch durchaus kein Feuerwerker, wie er ihn sich wünschte; glücklicherweise wurde ich es auch nicht bei ihm, denn vierzehn Tage, nachdem meine Papiere zur Brigade abgegangen waren, kam von dort ein Befehl, worin es hieß: »Der Unteroffizier Wortmann ist unterm heutigen Datum zum Feuerwerker befördert und in dieser Eigenschaft zur Festungskompagnie nach I. versetzt. Der Feuerwerker Wortmann hat sogleich dorthin abzugehen.« – – Wer war glücklicher als ich! 8. Der Abschied von meiner Batterie ward mir, wie man sich wohl denken wird, durchaus nicht schwer. Freunde hatte ich unter meinen Kameraden so gut wie gar keine, der Hauptmann war froh, daß er mich los wurde und auch mir konnte es nur angenehm sein, einen Vorgesetzten zu verlassen, der nicht nur unnachsichtlich und streng, sondern auch parteiisch gegen mich war. Der Lieutenant v. Schwenkenberg hatte seit der langen Rede, die er an mich gehalten, nur noch wenige Worte mit mir gewechselt, er liebte das viele Sprechen überhaupt nicht, war von jeher verschlossen gewesen und wurde es, je länger er diente, immer mehr. So packte ich denn mit sehr leichtem Herzen meine Habseligkeiten in einen kleinen Koffer, den mir meine Mutter geschickt, nahm von meinem Freunde, dem Gärtner, herzlichen Abschied, ach! und hier war es mir gerade zu Muth, als damals, wo ich den weisen Vogel verließ. Auch er steckte mir die Taschen voll Sämereien, die ich aber jetzt nicht wegwarf, denn obgleich Vater Wortmann mir damals gesagt, auf den Wallgängen wüchsen keine Blumen, so hatte ich doch eine unbestimmte Ahnung, in der kleinen Festung I. unter dem Kommando des Herrn Hauptmann v. Walter könne und müsse es doch ganz anders sein, und unter diesen für mich sehr schönen Hoffnungen wanderte ich denn zum Thore hinaus, in der gleichen Jahreszeit als damals, wo ich das elterliche Haus verlassen. Vier Jahre waren seitdem vergangen, ich noch um einige Zoll gewachsen, hatte mir auch einen kleinen Schnurrbart zugelegt, und wenn ich bei Manövern und zur Einquartierungszeit manchen Mädchenaugen glauben durfte, die mich gern freundlich und lächelnd betrachteten, so war mein Aeußeres vielleicht der Mühe werth, daß sich das andere und schönere Geschlecht mit mir beschäftigte. Weßhalb dies Geschlecht übrigens das schöne genannt wurde, wollte mir damals noch nicht so recht einleuchten. Mein Herz war bis jetzt gänzlich unempfindlich geblieben und ich konnte nur lachen über die Thorheiten, die ich meine Kameraden in dieser Richtung begehen sah. In gewisser Beziehung war ich, ein so junger Feuerwerker, der schon in fünf Jahren Ansprüche auf eine Civilversorgung hatte, für bescheidene Wünsche eine recht gute Parthie zu nennen, und die Tochter unseres Feldwebels, ein wohlgewachsenes, dickes Mädchen, – sie spielte Guitarre und las gerne Romane, – hatte mir das auch nicht ganz undeutlich zu verstehen gegeben. Sie declamirte gern Gedichte und den Tag vor meiner Abreise hatte sie mich noch mit dem bekannten Liede beglückt: »Noch einmal, Robert, eh' wir scheiden. Komm an Elisens klopfend Herz!« Doch hatte das gar keine Wirkung auf mich ausgeübt, vielmehr reichte ich ihr recht förmlich die Hand, worauf sie ihr Näschen rümpfte und mich ungnädig entließ. Das war bald vergessen, und ich wanderte wohlgemuth und leichten, fröhlichen Herzens über die lange Chaussee dahin. Reiseabenteuer hatte ich auf diesem Marsche ebensowenig als auf meinem ersten, den ich von meinem elterlichen Hause antrat. Doch begegnete mir auch diesmal wieder der unvermeidliche Gensdarm, der aber, als er meine stattliche Uniform sah, nicht wie damals, nach meinem Passe verlangte, sondern vielmehr freundschaftlich mit mir schlenderte. Es war am zweiten Tag meines Ausmarsches und ich konnte noch vor Abend die Festung I. erreichen. Der Gensdarm zog ohne besondere Bestimmung mit mir denselben Weg; nachdem er sich mir als einen ehemaligen Unteroffizier der reitenden Batterie unserer Abtheilung zu erkennen gegeben, plauderten wir recht angenehm von vergangenen und zukünftigen Zeiten. Mir war es recht, daß ich ihn traf, denn da er in der kleinen Festung stationirt war, so kannte er alle Verhältnisse dort genau, was ja schon sein Beruf mit sich brachte, und konnte mir über Manches die beste Auskunft geben. »Die Festung ist klein,« sagte er, »und deßhalb die Stadt außerordentlich langweilig. Da sie auch nicht an einer Hauptstraße liegt, so ist der Verkehr sehr gering und auf den Straßen und Plätzen wächst so viel Gras, daß man die Kühe nicht braucht zum Thore hinauszutreiben, wie es dort noch jeden Morgen geschieht. Festungskommandant,« erzählte er weiter, »ist der General R., ein braver und sehr freundlicher Vorgesetzter; mit dem Sie übrigens wohl nichts zu thun haben, denn, wie ich mir denken kann, gehören Sie zur Kompagnie des Herrn Hauptmann v. Walter, der die Zitadelle fast unumschränkt kommandirt.« »Aber er steht doch unter dem Festungskommando?« fragte ich meinen Begleiter, der mir lächelnd erwiderte: – »Eigentlich ja, und doch wieder nicht, das hat so seine eigene Bewandtniß.« Glücklicherweise hatten wir in diesem Augenblicke eine kleine Anhöhe erstiegen, aus deren Spitze ein einladendes Wirthshaus stand. Ein großes Schild mit angenehmer Versprechung von frischem Bier und ein Platz vor dem Hause mit breitem Tisch und Bänken, die so äußerst behaglich unter sehr riesenhaften Linden standen, im Schatten der weitausgestreckten Aeste, während rings umher eine heiße Juninachmittagssonne auf Straße und Feld brannte. Das schäumende Bier kam in ein paar Krügen und für so was ist selbst das harte Herz eines Gensdarmen empfänglich. Wir machten es uns so bequem als möglich und nachdem der erste Durst gelöscht war, auch der Hunger mit einigem Brod und Käse beschwichtigt, lenkte ich das Gespräch abermals auf die Citadelle und meinen künftigen Chef. »Das ist eine ganz eigenthümliche Geschichte,« meinte der Gensdarm, »und da es kein Dienstgeheimniß betrifft, auch nichts Schlimmes ist, so kann ich schon erzählen, was ich davon gehört.« »Wofür ich Ihnen sehr dankbar bin,« erwiederte ich, »denn es ist sehr angenehm, die Verhältnisse kennen zu lernen, in welche man eintritt.« »Der Herr Hauptmann v. Walter,« sagte der Gensdarm nach einem tüchtigen Zuge, »ist, wie Sie ja auch gesehen haben, schon ein alter Herr, näher den Sechzigen als den Fünfzigen. Da die jungen Leute leider die schlimme Gewohnheit haben, den meisten Vorgesetzten einen zweiten Namen beizulegen, der sich auf ihre allenfallsigen Schwächen bezieht, so thaten sie das auch bei Herrn Hauptmann v. Walter. Da aber über den nun, weiß Gott, Niemand im Geringsten zu klagen hat, so nennen sie ihn, weil sich kein Mensch zu erinnern weiß, daß er avancirt ist, den ewigen Hauptmann. Denn Hauptmann war er schon, als der alte Oberfeuerwerker, der auch schon eine tüchtige Reihe von Jahren dient, nach I. kam. Daß er Hauptmann war, erinnern sich die alten Zollaufseher am Thore und schon graue Leute der Stadt können sich nicht anders denken, als daß der Hauptmann v. Walter in der Citadelle gehaust habe.« »So ist er kein guter Offizier, wenn er nicht avancirt ist?« fragte ich. »Im Gegentheil,« versetzte mein Begleiter, »wie alle seine Herren Kameraden sagen, ist er ein ausgezeichneter Artillerie-Offizier. Aber nun hören Sie den Haken, den die ganze Geschichte hat. Er war schon so früh Hauptmann und das obendrein in der Garde-Brigade, daß er jetzt schon wenigstens Brigade-Kommandeur sein müßte, wenn er gewollt hätte. Damals begleitete er einen hohen Herrn auf Reisen, und machte sich bis hoch oben hinauf außerordentlich beliebt.« »Aber das sind ja alles Gründe, um schnell zu avanciren,« sagte ich erstaunt. »Natürlich,« versetzte der Gensdarm, »wenn man avanciren will.« »Und wer will nicht avanciren?« »Der Herr Hauptmann v. Walter. Hören Sie nur. Bevor es auf die besprochene Reise ging, wurde der junge Lieutenant Walter ein sehr junger Hauptmann, und als man höchst zufrieden zurückkam, da hieß es: Jetzt wird er Major werden. Aber im Gegentheil, bald darauf erstaunten alle seine Kameraden, als es hieß: der Hauptmann v. Walter ist zur Festungskompagnie nach I. versetzt. »»Eine förmliche Ungnade,«« sagte man. Ja, gehorsamer Diener, daß es keine Ungnade war, sah man schon im nächsten Jahr, als Seine Majestät Allerhöchstselbst da unten in der Ebene die großen Herbstmanövers kommandirten. Denn während derselben war der Hauptmann v. Walter beständig in der Allerhöchsten Suite, speiste jeden Mittag an der Tafel, hatte häufige Unterredungen mit dem Herrn und nach den Manövern ging er mit dem Hoflager nach der Residenz, wo er ein halbes Jahr blieb und dann wieder als Hauptmann v. Walter zurückkehrte. Einige Zeit darauf erhielt er von dem Prinzen, den er begleitet, ein hübsches Gut zum Geschenk, schön gelegen am Mittelrhein, das er zeitweise besuchte, aber immer wieder als Hauptmann zurückkam. Kameraden, die weit hinter ihm waren, rückten über ihn hinaus, ja der Herr General v. R., unser Festungskommandant, war in damaliger Zeit sein vorgesetzter Major und hat, wie die Herren sagen, doch eine sehr langsame Carriere gemacht.« »Und aus welchem Grund will er nicht avanciren,« fragte ich erstaunt, »oder nicht nach der Residenz zurückkehren, was doch der Wunsch jedes Offiziers ist?« »Wie gesagt, genau weiß man das nicht. Nur soviel ist sicher, daß er die Citadelle, in welcher er wohnt, mit ihren Wällen und Gräben über Alles liebt und daß er jede Beförderung von der Hand gewiesen hat, um nur dort bleiben zu können. Daß er aber nicht versetzt wird, darum hat er Seine Majestät selbst gebeten, und Allerhöchstdieselben haben ihm das lachend zugesagt. Ich selbst hörte es, als ich, es sind nun beinahe fünfzehn Jahre, Ordonnanzunteroffizier war und mit in der Suite ritt.« Dies sagte der Gensdarm äußerst wichtig, worauf er einen tüchtigen Zug aus seinem Glase that. »Und die Kompagnie ist in gutem Zustande?« fragte ich einigermaßen schüchtern. »Die Kompagnie?« rief der Gensdarm wie im Ton der Ueberraschung, »das sollten Sie doch wissen, ist die beste sämmtlicher Brigaden, und ich sage Ihnen, Sie haben ein Glück, darum Sie ein alter Feuerwerker der Garde beneiden wird. Donnerwetter auch! ich ziehe heute meinen Rock aus und trete da wieder als Unteroffizier ein. Sie müssen wissen, daß der Hauptmann v. Walter bis oben hinauf merkwürdige Verbindungen hat.« »Das habe ich schon gehört,« erwiderte ich gespannt. »Daß man ihm über alle Maßen wohl will; und diese Protektion benützt er dazu, um sich aus allen Batterieen die tüchtigsten Leute zu seiner Kompagnie kommandiren zu lassen. Ich will Ihnen kein Kompliment machen, aber daß er Sie zum Feuerwerker annimmt, das hat mir, unter uns gesagt, einen ganz donnermäßigen Respekt vor Ihnen beigebracht.« Ich wehrte dieses Kompliment, denn ein solches war es, so gut als möglich von mir ab, indem ich versicherte, was er da gesagt, mache mich wahrhaft ängstlich, und ich wüßte nicht, ob ich die Erwartungen meines neuen Chefs zu erfüllen im Stande sei. »Dabei hat er seine kleinen Liebhabereien,« fuhr der Gensdarm fort. »Die Blumenzucht und Gärtnerei,« fiel ich ihm in die Rede. »Das ist's,« sagte er, »und Sie werden sich wundern, wenn Sie in die Citadelle kommen, wie es da aussieht. Da ist's außerordentlich schön, und ich kann Sie versichern, daß Leute von nah und fern kommen, um die alten Wälle und Gräben zu sehen. Nebenbei führen die Leute der Kompagnie ein Leben wie Gott in Frankreich, und die Menage, die sie machen, ist besser als anderswo eine Offizierstafel. Ja, dabei möchte ich auch sein. – Na, Sie werden schon sehen. Hat doch der Gemeine da unten in der Citadelle jeden Tag Suppe, Gemüse und Fleisch und noch ein Nachtessen obendrein. Es ist wie eine große Familie, oder wie ein Landgut, wo Alles aus eigenem Interesse zu arbeiten scheint. Wenn die Kerle da unten ausgedient haben, und sie dürfen nach Hause gehen, da soll mich der Teufel holen, wenn ein Einziger lacht. Nein, flennen thun sie, daß sie der Bock stößt, wenn sie über die Zugbrücke hinausgehen; und wenn der Hauptmann v. Walter unter den Gemeinen Kapitulanten haben wollte, da bestände die ganze Kompagnie aus solchen.« So erzählte mir der Gensdarm, und ich muß gestehen, daß ich sehr erfreut war, ein solches Glück getroffen zu haben. Wir tranken unsere Gläser aus, worauf mich der Gensdarm verließ, da er, wie er sagte, in der Nachbarschaft noch ein nothwendiges Geschäft habe. Wir trennten uns mit dem Wunsche auf baldiges Wiedersehen und ich schritt lustig und wohlgemuth zur Ebene hinab. Es war mir so unbeschreiblich leicht und angenehm zu Muth, ich fühlte, daß ich mit jedem Schritte einer glücklichen Zukunft entgegen ging und als ich endlich drunten, freilich noch in weiter Ferne, zwischen Baumreihen und den langen grünen Walllinien den spitzen Thurm der Festung auftauchen sah, war mir gerade zu Muthe, als sei ich da unten schon sehr gut bekannt, ja, als schreite ich meiner Heimath entgegen. Es dunkelte bereits, als ich das Glacis erreichte. Der Posten am Thor wies mich in die Wachtstube zum kommandirenden Offizier, der meine Papiere durchsah und mir freundlich sagte, ich scheine ihm ein sehr junger Feuerwerker zu sein und daß ich trotzdem in die Citadelle kommandirt wäre, dazu könne er mir nur gratuliren. Die Straßen des Städtchens, welche ich durchschritt, lagen allerdings sehr still und öde. Nur hie und da brannte eine ärmliche Oellaterne, und wenn der Ort nicht so gar klein gewesen wäre, so hätte es mir große Mühe gemacht, die Citadelle zu finden. So aber kam ich nach kurzer Zeit auf einen mit Bäumen bepflanzten Exercirplatz, an den das Glacis der Citadelle stieß. Der kommandirende Unteroffizier am Thor empfing mich freundlich und betrachtete mich ebenfalls erstaunt, schien aber schon von meiner Ankunft zu wissen und gab mir einen Kanonier mit, der mich durch den Hof in meine Wohnung führen sollte. Hier in der Citadelle war schon eine bessere Beleuchtung, wie draußen in der Stadt; hell schimmerten die Lichter hinter den blankgeputzten Laternenscheiben hervor und beleuchteten den Hof recht freundlich. Bei dieser Helle sah ich, daß verschiedene Kanoniere auf Bänken im Hofe saßen und sich rauchend und plaudernd der warmen Nachtluft freuten; in einer Ecke standen zwei mit frischem Heu hochbeladene Leiterwagen, die herrlich dufteten. Aus einem erleuchteten Zimmer zu ebener Erde schallten Guitarrenklänge und Gesang hervor; die massiven Steintreppen, welche ich, meinem Führer folgend, hinanschritt, waren bis zur Uebertreibung sauber und ebenfalls hell beleuchtet; oben kamen wir an einen Korridor, der nicht die Spur von der gewöhnlichen Kasernenluft enthielt. Die weiten Fenster standen offen und ließen eine würzige Luft einströmen. Auch hier dieselbe Ordnung und Reinlichkeit wie überall, die Thüren mit sauberen Täfelchen versehen, worauf Inschriften und Nummern mit wahrer Kunst gemalt erschienen; dazu die helle strahlenden Laternen, der Fußboden frisch weiß geputzt, nirgends Lärm und Spektakel; man hätte glauben können, in einem Gasthofe zu sein. Die letzte Thür war die zu meinem Zimmer. Der Kanonier nahm den Schlüssel, der an der Seite hing, und schloß auf. Es war ein rundes Zimmer, in welches ich eintrat, ein Thurmgemach, freundlich geweißt und mit Möbeln versehen, die, wenn gleich im Kasernengeschmack, doch so untadelhaft und reinlich waren, daß man sich beim ersten Beschauen schon außerordentlich heimisch hier fühlte. Es fehlte gar nichts. Das Bett war frisch und reinlich überzogen, der Waschtisch mit dem Nöthigen versehen und mein kleiner Koffer, den ich vorausgeschickt hatte, stand ebenfalls schon da. Auch zeigte mir der Kanonier ein verschlossenes Gelaß in der dicken Mauer, wo ich meine Kleider aufheben könnte; dann entfernte er sich und ließ mich allein. Ich trat an das Fenster und schaute in die stille Nacht hinaus. So viel ich draußen in der Dunkelheit sehen konnte, ging der Thurm, in welchem ich mich befand, in einen Graben und gegenüber mußte ein Wallgang oder eine Bastion sein. Auch war es mir, als vernehme ich das Plätschern eines Springbrunnens. Nach einer kleinen Weile öffnete sich meine Thür wieder und ein anderer Kanonier, der eintrat, meldete mir, daß er als mein Bursche kommandirt sei und brachte mir zu gleicher Zeit ein kleines Nachtessen, bestehend in einer Gerstensuppe, sowie Salat und Wurst. Da ich, trotz dem Berichte des Gensdarmen einigermaßen überrascht, ihm dasselbe zahlen wollte, entgegnete er mir, das gehöre zur Menage, an der ich auch wohl theilnehmen würde. Wenn ich aber Bier oder Wein wünsche, so müsse ich das natürlicherweise selbst bezahlen. Ich dankte ihm, und da ich weiter nichts nothwendig hatte, so entließ ich meinen neuen Burschen, verzehrte mein Nachtessen und legte mich, da ich sehr müde war, zu Bette; konnte aber nicht augenblicklich einschlafen, die Erzählung meines Begleiters von heute Nachmittag beschäftigte mich, denn sie schien sich, so wunderbar sie mir auch geklungen, nach Allem dem, was ich bis jetzt gesehen, bestätigen zu wollen. 9. Am andern Morgen in der Frühe weckte mich die Reveille aus festem Schlafe und wenn auch bald darauf ein bißchen mehr Leben in den Gängen herrschte, als gestern Abend, so war doch immer noch ein großer Unterschied zwischen dem Leben hier und dem einer gewöhnlichen Kaserne. Eine lachende Sonne schien mir in's Fenster und als ich aufgestanden war und dasselbe öffnete, sah ich mit Entzücken in die weite Ebene vor mir, über welche die Thürme und Wälle der Festung etwas erhöht lagen. Dicht unter meinem Fenster befand sich ein breiter Festungsgraben mit einem schmalen Graben voll klaren Wassers, den man Diamant nannte. Rechts und links vor demselben war ein zierlich angelegter Gemüsegarten und unten sah ich ein paar Mann mit grauen Zwilchkitteln beschäftigt, welche frisch gepflanzten Kohl sowie hervorsprießende Gurken und Salat begossen. Hinter diesem Graben erhob sich eine breite Bastion, auf welcher die Wallgeschütze stand, die zum Exerciren benützt wurden. Auch da die größte Ordnung und Sauberkeit. Die eisernen Geschütze waren glänzend schwarz und die von Bronze so sauber geputzt, als ob sie eben aus der Gießerei kämen. Untadelhaft standen die Lafetten vor ihren Keilen, alles Holz und Eisenwerk mit verschiedenen Farben sauber angestrichen, ebenso die kleinen bedeckten Ständer, auf welchen die Wischkolben und Hebebäume lagen. Die Brustwehren und Traversen waren mit niedrigem, saftig grünem Rasen geschmückt, der aussah, als ob er häufig geschoren würde. Von ihm stachen die hellen Holzbettungen sowie der Fußboden des Platzes von gelbem Sand auf's Freundlichste ab, und alle Kugelhaufen, die sich zwischen den Geschützen erhoben, waren so symmetrisch aufgestellt, daß man überall nur scharfe, gerade Linien zu sehen vermeinte. Dazu waren die Geschosse blank geputzt, und an jedem Haufen war auf einer der glänzend schwarzen Kugeln Kaliber und Anzahl mit weißer Farbe bezeichnet. Nachdem ich meinen Koffer ausgepackt und die Sachen in der Mauervertiefung aufbewahrt, kleidete ich mich so pünktlich als immer möglich an, um in der allgemeinen Ordnung, die hier überall herrschte, nicht unvortheilhaft abzustechen, und ließ mich darauf von meinem Burschen zum Feldwebel führen, um mich dort als angekommen zu melden. Der Feldwebel war ein ältlicher, ernster, aber wohlwollend aussehender Mann, der die letzten Feldzüge mitgemacht hatte, was man an den paar Medaillen sah, die er auf der saubern Uniform trug. Er sagte mir mit ein paar Worten, er freue sich, mich kennen zu lernen, und wie er hoffe, werde diese Freude keine vergebliche sein. Darauf steckte er seinen Degen in's Bandelier und nahm seine Dienstmütze, sowie die unentbehrliche Brieftasche, ohne welche sich ein Feldwebel nie öffentlich sehen läßt. Dann gingen wir auf das Zimmer, in welchem die Korporalschaft lag, die mir zugetheilt worden. Das Innere dieser Kasernenzimmer war ebenso freundlich und reinlich, wie alles Uebrige, die Wände schienen erst gestern geweißt zu sein, oben unter der Decke hin befand sich sogar etwas Malerei. Da sah man eine Guirlande von feuerspeienden Granaten, die durch ebenfalls gemalte sechspfündige Kugeln mit einander verbunden waren. Der Fußboden war blendend weiß gescheuert, die Waffengerüste mit einer Eichenholzfarbe angestrichen und an jedem hing ein zierliches Täfelchen, woran der Name des betreffenden Kanoniers zu lesen war. Das Lederzeug war von einer wirklich rührenden Reinheit, und die Messingverzierungen glänzten, als seien sie frisch vergoldet. Der Feldwebel stellte mir meine Leute einzeln vor, sowohl nach dem Namen als auch nach dem Gewerbe, welches sie früher betrieben, und dies, sowie die beigefügten Bemerkungen des Feldwebels, ließ mich einen weitern Blick thun in die eigenthümliche Organisation dieser höchst merkwürdigen Festungskompagnie. Die meisten der Leute meiner Korporalschaft, es waren ihrer im Ganzen vierundzwanzig, waren Bauernsöhne und Taglöhner, welche in Feld und Garten gearbeitet; drei waren Gärtnergehülfen, zwei Feldmaurer, zwei Anstreicher, einer Blecharbeiter und ein Andrer sehr geschickt in Anfertigung künstlicher Drahtarbeiten. So war denn in meiner Korporalschaft eine förmliche Gärtnerei vertreten und dazu sahen die Bursche so freundlich, willig und wohlgemut aus, daß mir das Herz im Leibe lachte, wenn ich mir dachte, mit diesen Kräften in einem tüchtigen Garten arbeiten zu dürfen. Soviel ich bemerken konnte; mißfiel ich den Leuten ebenfalls nicht, nur als sich die Thüre hinter uns schloß, hörte ich Einen sagen: »Verdammt jung sieht der Feuerwerker aus.« Der Feldwebel war so freundlich, nach dem Besuche meiner Korporalschaft mich auch zu den übrigen zu begleiten, und mich dort mit meinen Kameraden bekannt zu machen. Der zweite Feuerwerker war ein kräftiger, untersetzter Mann, vielleicht zehn Jahre älter als ich, der eine ebenso starke Korporalschaft kommandirte, und bestand diese aus Leuten, die mit Pferden und Vieh umzugehen wußten, auch die Ackerwirthschaft verstanden, namentlich aber aus allen möglichen Handwerkern. Die Korporalschaften der übrigen Unteroffiziere waren kleiner und nicht auf so eigenthümliche Art zusammengesetzt; doch waren auch hier die Leute ausgesucht, man sah keinen mit nachlässiger Haltung, und ein Schmierfinke war, glaub' ich, in der ganzen Batterie nicht zu finden. Ein schmutziger Kerl konnte aber hier unmöglich gedeihen, denn wo man hinsah, überall war das Bild der Ordnung und Reinlichkeit. Hatte doch sogar jedes Zimmer seine Spucknäpfe, die mit weißem Sand gefüllt waren, und war ich doch Zeuge, wie mein Kamerad Feuerwerker einen Bombardier anließ, der aus seiner Pfeife absichtslos etwas Asche auf den Boden niederstreute. Nachdem wir sämmtliche Zimmer der Kaserne durchwandert, sagte mir der Feldwebel lächelnd: »Jetzt haben Sie unsere militärischen Einrichtungen gesehen und werden zugeben müssen, daß Sie Alles bei uns in keinem schlechtern Zustande angetroffen haben, als bei irgend einer andern Kompagnie. Wie ich mir denken kann,« fuhr er nach einer Pause fort, während welcher er freundlichst meine Ausbrüche des Entzückens über alles Gesehene anhörte, »haben Sie aber auch schon erfahren, daß unser hochverehrter Chef der Herr Hauptmann v. Walter, mit dem Nützlichen das Angenehme zu verbinden pflegt, und werde ich Ihnen nun auf Befehl des Herrn Hauptmanns jene Seite der Kompagnie und der Citadelle zeigen, welche man vielleicht unmilitärisch nennen könnte, auf die wir aber,« setzte er mit erhobenem Kopfe hinzu, »alle Ursache haben, stolz zu sein und auch wirklich sind. Ehe wir aber unsern Gang antreten, werde ich mich meiner Brieftasche und meines Degens entledigen; denn statt der kriegerischen haben wir es nun mit lauter friedlichen Anstalten zu thun.« Dicht bei meinem Zimmer stiegen wir eine Wendeltreppe hinab und traten unten aus dem Thurme in den Graben, den ich heute Morgen schon gesehen. Das war nun in der That ein förmlich und gut angelegter Garten; und wie wir weiter und immer weiter um die innere Ringmauer schritten, schloß sich ein Gemüsebeet an das andere; alle Pflanzen auf denselben mit militärischer Genauigkeit gesetzt, es war eine Freude, wie genau Kohl und Erbsen gerichtet waren. An den Mauern, die aus dem Graben aufwärts führten und den warmen Strahlen der Sonne zugänglich waren, standen die herrlichsten Aprikosen- und Pfirsichspaliere. Die breiten Gänge, die hinan zu den Bastionen und Wällen führten, waren auf beiden Seiten mit Zweigbäumen der edelsten Obstsorten bepflanzt und diese waren mit einer Pünktlichkeit zu Pyramiden ausgebrochen, daß man nichts Gleicheres und Schöneres sehen konnte. Als wir die Citadelle fast umschritten hatten, stiegen wir von der andern Seite auf die Exercirbastion vor meinem Fenster, traten an die Brüstung und dort ließ mich der Feldwebel einen Blick auf das Glacis thun, welches, statt einfach mit Birken und Eschen angepflanzt zu sein, einem kleinen, zierlichen Parke ähnlich sah, durch welchen Wege von hellgelbem Sande liefen, hübsche Laubparthieen umgebend, aus denen die vielfarbigsten Blüthen hervorglänzten. Ueber das Glacis hinaus, auf der Seite, wo wir uns befanden, sah ich eine Menge unserer Kanoniere in grauen Zwilchkitteln auf einem anstoßenden großen Felde beschäftigt. Dort häufelten sie Kartoffeln und banden Erbsen an kleine Pfähle. »Das ist unsere Kornkammer,« sagte der Feldwebel, »und zu ihr gehört noch jenes große Getreidestück bis an die Chaussee, die Sie dort sehen.« »Das ist ja eine wunderbare Landwirthschaft!« rief ich aus, worauf mir der Feldwebel entgegnete: »Ja, mit Kräften, wie wir sie haben, läßt sich unter tüchtiger Leitung schon was erreichen.« Hinter der Exercirbastion lag eine Lünette, mit weiten kasemattirten Räumen, zu welchen wir nun hinabstiegen. Dort befand sich eine herrliche Stallung, mit zwanzig Stücken Vieh, sowie sechs prächtige Ackerpferde und hier regierte mein Kollege, der andere Feuerwerker. Es war eine Lust, zu sehen, mit welchem Stolz und welchem Wohlgefallen er zwischen den glänzenden, blankgeputzten Thieren umherspazierte. Hier war aber auch jede Kuh gestriegelt und geputzt, wie ein herrschaftliches Pferd im besten Stalle, und unter Lachen und Scherzen thaten die Leute ihren Dienst. Auf der andern Seite der Lünette befand sich ein Backofen, wo von dem Getreide, das draußen wuchs, ein vortreffliches und feineres Zulagebrod für die Kompagnie gebacken wurde. »Rathen Sie einmal,« sagte mein Führer, der Feldwebel mit einem eigenthümlichen Lächeln, »zu was dieser Raum früher benützt wurde?« Das konnte ich begreiflicherweise nicht wissen, und statt in's Blaue hinein zu rathen, sah ich ihn fragend an. »Hier war früher das Arrestlokal,« belehrte mich der Feldwebel, wobei er den Kopf sehr hoch hob und mich stolz anblickte. »Ja das Arrestlokal, jetzt ist es Backstube und Backofen.« »Und wohin ist jetzt das Arrestlokal verlegt?« fragte ich schüchtern, obgleich ich die Antwort ahnte, die er mir geben würde. »Wir haben keins mehr,« entgegnete er mit einem unbeschreiblichen Lächeln; »seit sechs Jahren hat der Herr Hauptmann nicht nöthig gehabt, einen Arrest zu dictiren, ja nicht einmal eine Strafwache.« »Und es kommen also gar keine Unordnungen, kein Vergehen und dergleichen vor?« fragte ich mehr und mehr überrascht, worauf nur der Feldwebel entgegnete: »Das will ich gerade nicht behaupten; aber wenn dergleichen vorfällt, so machen das die Korporalschaftsführer, besonders aber die Kameraden unter sich aus.« Im Weitergehen erzählte er mir noch Einiges von der Organisation dieser höchst eigenthümlichen Kompagnie, und gab zu, daß im Allgemeinen und Großen ein solcher Zustand nicht durchzuführen sei. »Dem Herrn Hauptmann v. Walter,« sagte er, »dem man höheren Ortes sehr wohl will, wurde es gestattet, diese seine Idee zur Ausführung zu bringen. Ja man unterstützte ihn, indem man ihn hier auf der alten Citadelle beläßt, ein Posten, der früher von seinen Herren Kameraden nicht gesucht war. Auch wird es ihm leicht, sich überall her gute Leute kommandiren zu lassen, sowie ein wirklich unverbesserliches Subjekt auch bei uns nie lange aushält, sondern meistens zu einer sehr scharfen Kompagnie geschafft wird. Inspicirt werden wir wohl mehr, als jede andere Kompagnie,« setzte er lächelnd hinzu, »und daran ist, unter uns gesagt, ebenso gut die Neugierde der höheren Herren Offiziere schuld, als auch der Gedanke, bei der Bauernkompagnie, wie sie uns häufig zu nennen beliebten, das Militärische sehr vernachlässigt zu finden. Aber dem ist nicht so, das kann ich Sie versichern. Was Propreté und Dienst anbelangt, da kann unser letzter Kanonier ein Muster für jede Batterie abgeben. Anfänglich hat es dem Herrn Hauptmann wohl Mühe gekostet, die Sache in Gang zu bringen, es wird Sie gewiß interessiren,« unterbrach er sich selber, wobei er mich fragend ansah, »das in ein paar Worten zu vernehmen.« »Dafür bin ich Ihnen auf's Höchste dankbar,« erwiederte ich, und so fuhr denn der Feldwebel fort: »Weßhalb sich der Herr Hauptmann v. Walter hieher zurückzog, das wissen wir nicht, thut auch nichts zur Sache. Genug, er war ein großer Garten- und Blumenfreund, und als er das Kommandanturhaus hier übernahm, mit einem verwilderten Fleck Erde, den man Garten nannte, da ging er mit einer wahren Lust an's Geschäft und hatte in kurzer Zeit schon sehr viel sauber gemacht. Nun war dazumal die Kompagnie in einem nicht minder verwahrlosten Zustande, als der Garten; und da aufzuputzen und zu säubern war schon schwerer. Doch ging auch das gut von Statten und schon nach einem Jahre kannte der inspicirende Oberst die Festungskompagnie gar nicht wieder. Anfänglich aber war Kompagnie und Gärtnerei scharf getrennt und was hier oben gearbeitet wurde, geschah durch Taglöhner aus der Stadt. Nun wissen Sie aber selbst aus Erfahrung, daß die Kanoniere, wenn sie ihre Zeit eintheilen und fleißig sind, eine Menge Freistunden haben. Da standen sie nun in diesen auf der Exercirbastion und schauten nach dem Garten des Herrn Hauptmanns herüber, wie aber Alles so schön grünte und blühte, und Manche, die sich zu Hause auch mit Feld und Pflanzen abgegeben, baten um Erlaubniß ein bißchen helfen zu dürfen. Das wurde aber nur den ordentlichsten Leuten zugestanden, und da diese stolz darauf waren, so meldeten sich nach und nach immer mehr und gaben sich auch Mühe, durch Pünktlichkeit im Dienst die Erlaubniß zu erhalten, mit in dem Garten arbeiten zu dürfen. Nach und nach dehnte sich dies auch auf das Glacis aus und wurde dort der kleine Park angelegt, den Sie gesehen, dann ging es an die Festungsgräben, und als da erst einmal Kartoffel, Kraut und Salat wuchsen, Alles zum Besten der Menage, da hätten Sie einmal sehen sollen, mit welchen Riesenschritten sich die Landwirthschaft vergrößerte. Da schaffte der Herr Hauptmann aus eigenen Mitteln Kühe an und der Ertrag war wieder für die Kompagnie, und vom Ueberschuß, der sich bald ergab, nahm er draußen die Felder in Pacht, die Sie gesehen. Freilich sind das nur zehn Morgen, aber bei dem Eifer und dem guten Willen der Mannschaft könnten wir ein paar hundert Morgen bearbeiten. Ja, wir könnten einen Ertrag erzielen, wie das größte Herrschaftsgut. Einer der Leute will dem Andern nicht zurückstehen, und so spornt Einer den Andern an. Ich versichere Sie, wir haben Bauernsöhne, die sich zu Hause zu gut dünken und zu vornehm, um einen Wagen auf's Feld zu führen, und die hier bei uns im Stalle arbeiten, wie zu Hause ihre letzte Viehmagd.« »Und Freiwillige haben Sie nicht?« fragte ich. »O ja,« erwiderte der Feldwebel. »Wir haben sogar viele Freiwillige; nur keine von denen, die man mit dem Namen Offizierspflanzen belegt. Unsere Freiwilligen sind Handwerker, die wir brauchen können, meistens aber Bauernsöhne und Gärtnerburschen, und wenn wir Alle nehmen wollten, die sich melden, so könnte die Kompagnie viermal so stark sein. Der Herr Hauptmann ist darauf bedacht, alle neuen praktischen Erfindungen, die Landwirthschaft betreffend, hier bei uns einzuführen. Daraus lernen die Leute nun viel Gutes, was sie zu Hause bei ihrer eigenen Wirtschaft nun wieder mit großem Nutzen anwenden.« Unter diesen Gesprächen waren wir durch die Gräben verschiedener Lünetten und Bastionen um die kleine Festung herumgewandelt und fast wieder an dem Thurme angekommen, wo ich meine Wohnung hatte. Ehe wir ihn aber erreichten, zeigte mir der Feldwebel ein weiß angestrichenes Gitterthor auf der Höhe einer Rampe, an der wir hinaufstiegen, um hier in einen der reizendsten Blumengärten zu schauen, den ich in meinem ganzen Leben gesehen. Hier duftete und blühte es wunderbar. Die reinlichen Wege waren mit fast weißem Sand bestreut und umgaben die frischesten Rasenplätze oder Rabatten und Blumenkörbe, in denen die seltensten Pflanzen standen. Hie und da erhoben sich kleine Gruppen von Orangen und Granaten in weißangestrichenen Kübeln, namentlich in der Nähe des kleinen Hauses, welches in diesem weitläufigen Vorwerke lag und die Wohnung des Herrn Hauptmann v. Walter war. »Da dürfen wir jetzt nicht hinein,« sagte mein Führer, »das wird Ihnen der Herr Hauptmann selbst zeigen. Und somit haben wir unsern Spaziergang beendigt.« Als wir zurückgingen, dankte ich ihm auf's Freundlichste für alles Schöne, was er mir gezeigt, ja, ich war recht gerührt darüber und ließ auch mit einfließen, wie sehr ich mich bestreben würde, ein tüchtiges und würdiges Mitglied der Kompagnie zu werden, worauf er mir lachend erwiederte: er hoffe das selbst, und ich hätte alle Ursache, mich anzustrengen, denn es sei eigentlich etwas Seltenes, so jung schon Feuerwerker zu werden, aber ganz unerhört, in meinen Jahren Feuerwerker bei der Festungskompagnie in I. zu sein. Das sah ich denn auch wohl selbst ein und man kann sich denken, mit welch guten Vorsätzen ich in mein Thurmgemach hinaufstieg, ebenso aber, daß ich eine Stunde nachher mit wahrem Herzklopfen zum Appell hinabstieg. Hier sah ich nun die ganze Kompagnie versammelt und im Anzug, in der Haltung, sowie in den zufriedenen, wohlgenährten Gesichtern jedes einzelnen Kanoniers machte sie auf mich denselben guten Eindruck, wie die einzelnen Korporalschaften, die ich gesehen. Der Premierlieutenant, den ich ja schon von meiner Wache her kannte, befand sich vor der Front, ernst, fast finster, wie er gewöhnlich war. Er nahm die Meldung, daß ich da sei, mit einem steifen Kopfnicken auf und verwies mich an die beiden Secondelieutenants, zwei noch ziemlich junge Leute, die, als ich mich ihnen vorstellte, auch nicht anders thaten, als die Hand für einen Augenblick an ihre Dienstmütze zu legen. Obgleich dieser Empfang nicht geradezu unfreundlich war, so bemerkte ich doch, daß man gegen mich zurückhaltend war, was ich auch Niemanden verdenken konnte. Man mußte ja erst sehen, wie ich, ein so junger Mensch, mich in der neuen, ziemlich wichtigen Stellung benehmen würde. Nach dem Verlesen der Kompagnie erschien der Hauptmann. Er war mit dem Feldwebel draußen bei der Parade gewesen und brachte den Kommandanturbefehl über Wachen und dergleichen, die wir zu stellen hatten. Dann wurde das Exerciren für morgen geordnet, überhaupt nur streng militärische Befehle gegeben und dann trat die Kompagnie aus einander. Mir winkte der Hauptmann auf die Seite und als ich vor ihm stand, betrachtete er mich lächelnd von oben bis unten und sagte: »Ich hoffe, daß ich mich nicht in Ihnen geirrt habe.« Meine ehrerbietigen und eifrigen Versprechungen, sowie die Hoffnung, die ich aussprach, daß er gewiß nie bereuen solle, mich zu seiner Kompagnie gezogen und damit zum glücklichsten Menschen gemacht zu haben, nahm er freundlich auf und bestellte mich um drei Uhr in seine Wohnung, um mir dort Einiges zu zeigen, was mich interessiren würde. Ich konnte die Zeit bis dahin kaum erwarten, doch hatte ich auch noch mein erstes Kompagniediner mitzumachen, auf das ich ebenfalls sehr gespannt war. Um zwölf Uhr rief uns das Hornsignal in einen untern Raum neben der Küche, wo sich drei große Tafeln befanden, die sogar mit weißen Tischtüchern bedeckt waren. Ehe ich in diesen Speisesaal trat, konnte ich mich nicht enthalten, durch die Küche zu gehen und den Kontrast zu bewundern, den ich hier im Vergleich mit andern derartigen Anstalten fand. Einer der bärbeißigsten Unteroffiziere von der Batterie hatte hier die Aufsicht und machte es nicht, wie es gewöhnlich mit dergleichen Beaufsichtigungen geht, wo sich der Betreffende nicht darum bekümmert, sondern während des Anrichtens befand er sich an einem Nebentische und trug dort in ein Buch ein, was verabreicht wurde oder wer von der Mannschaft nicht da war, um so im Stande zu sein, den Fehlenden auch draußen auf der Wache oder wo sie gerade waren, das Gehörige zukommen zu lassen. Die Geräthschaften in der Küche waren blank und sauber geputzt, und statt daß bei meiner früheren Kompagnie ein paar der unordentlichsten Kerle zu Küchenkalfaktern kommandirt waren, deren schmierige Uniformen Einem von vornherein allen Appetit benahmen, arbeiteten hier ein paar reinliche Leute in den sauberen bekannten Zwilchkitteln. Dazu war das Essen vortrefflich, obgleich es nur im irdenen Geschirr aufgetragen wurde; wir hatten eine gute Gerstensuppe mit einem großen Stücke kräftigen Rindfleisches, das aber später zu Gemüse und Kartoffeln gegessen wurde; und welche Portionen waren von Allem vorhanden und wie war Alles zubereitet! Das Brod war das gewöhnliche, wie es geliefert wurde, denn das Zulagebrod wurde Morgens zum Kaffee gegeben, sowie Nachmittags zum Vespern. An den beiden langen Tafeln saßen die Kanoniere, an jeder unten die Bombardiere, oben an der Seite die Unteroffiziere, und vor den Tischen hatte an einem mein Kamerad Feuerwerker seinen Platz, ich an dem andern. Den Leuten schmeckte es prächtig, doch was ich schon auf dem Korridor und in den Zimmern bemerkt, auch hier war kein Lärmen zu hören, Geschrei oder Lachen, wie sonst wohl in den militärischen Speisesälen. 10. Vor drei Uhr trat ich meine Wanderung zum Hause und Garten des Herrn Hauptmanns an; an dem weißen Gitterthor hing eine Glocke, die ich in Bewegung setzte, worauf ein Dienstmädchen über den weißen Sandweg daher kam, um mir zu öffnen. Es erfaßte mich damals ein eigenes Gefühl, als ich zum erstenmal durch jene Pforte trat. War es die Stille, der unbeschreibliche Frieden, der auf diesem reizenden Blumengarten lag, oder war es ein Vorgefühl, daß es mir hier sehr gut gehen würde, soviel ist gewiß, mein Herz schlug ängstlich und bewegt, ich hielt den Athem an und wandelte leise auf den Fußspitzen, als fürchtete ich, die zierlichen Blumen zu erschrecken. Das Dienstmädchen wies mich nach rechts, wo ich den Herrn Hauptmann bei einem Beete von Rosenwildlingen stehen sah, die er selbst an Stämme band und das wilde Laub ausputzte, um die kräftigsten Zweige zum Oculiren herzurichten. Er hatte einen leichten weißen Sommerrock an und rief mir schon von Weitem freundlich entgegen: »Hier sollen Sie morgen Ihr Probe- und Meisterstück machen. Ich erwarte heute Abend noch eine Menge kostbarer Rosenzweige und davon können Sie morgen früh hier Augen nach Herzenslust einsetzen.« Er hatte an jeden Stab ein hölzernes Täfelchen gebunden und darauf die Namen der Rosen bemerkt, mit welchen er die Wildlinge veredelt haben wollte. Im Vorübergehen zeigte er mir auch, wo die vorräthigen Etiquetten lagen, sowie weicher, feiner Bast zum Ueberbinden. Dann gingen wir mit einander durch den ganzen Garten. Man konnte nicht leicht einen Platz sehen, der sich besser dazu geeignet hätte, als dieses große Vorwerk, wo jede Zufälligkeit so mit vollem Geschmack und reizend benützt war. Es war eine große Bastion, die durch den äußeren Wassergraben vom Glacis getrennt war; doch waren hier weder Banquette noch Traversen zu sehen. Die drei Fuß hohe Umfassungsmauer lief mit einer festen Brüstung rings umher. Hier sah man kaum, daß man sich in einer Festung befand: das einzige Militärische war ein langer metallener Vierundzwanzigpfünder an der Spitze der Bastion über Bank gerichtet, ein prächtiges altes Stück und so glänzend geputzt, daß die Strahlen der Sonne leuchtende, spielende Flammen darauf hervorzauberten. Um aber wieder den Eindruck dieses ernsten Kriegswerkzeuges zu mildern, standen Räder und Lafette in einem Blumenbeete, aus dem die verschiedensten Tropäolum hervorwuchsen, welche die Speichen und Felgen umrankten und das ernste Geschütz wie mit Blumenketten fesselten. An der Nordwestseite der Bastion befand sich eine Allee von alten Kastanien, welche die kalten Winde und Schlagregen abhielten; gegen Morgen zu stand das kleine freundliche Wohnhaus, fest aus Quadern gebaut, mit einem breiten Balkon, auf dem man über das Glacis hinweg gewiß eine entzückende Aussicht auf die weite Ebene hatte, welche die Festung umgab. Hier befanden sich auch die Glashäuser zum Aufbewahren der Pflanzen während der Winterszeit. Sie waren aus Eisen und Glas gebaut und sahen zierlich wie alles Uebrige aus. Auf einer Treppe neben dem Hause stieg man zum Fuß der Bastionmauer hinab, wo dicht an dem Wassergraben ein Haus für Orchideen gebaut war, denen die Feuchtigkeit des Wassers außerordentlich zu behagen schien, und ich sah nicht leicht schönere Exemplare dieser Pflanze als hier. Jedes der Blumenbeete oben im Garten bestand aus einer einzigen Gattung von Blumen und war mit einer andersfarbigen und passenden Einfassung versehen; aber alle Pflanzen waren kräftig und gesund, hatten die rechte passende Höhe und nirgends entdeckte man eine Spur von Unkraut. Von meiner Korporalschaft sah ich Mehrere im Garten beschäftigt. Als ich Alles betrachtet, gab mir der Herr Hauptmann einen kleinen Schlüssel, mit dem ich das Gitterthor öffnen könne, um, wie er sagte, auch früh Morgens und zu sonstiger Tageszeit nach den Pflanzen sehen zu können, wenn ich es gerade für nothwendig halte, dann verließ er mich und ging in's Haus zurück. Wenn ich vorher Alles oberflächlich angeschaut, so nahm ich mir jetzt, da ich allein war, die Zeit, um Alles, Blumenbeete, Obstbäume, Zierpflanzen, Glashäuser genau und einzeln zu betrachten. Ich sprach auch mit den Leuten meiner Korporalschaft und ließ mir von ihnen Manches sagen über die Güte der Erde, über die Lieblingsblumen des Herrn Hauptmanns, was ich selbst ja nicht wissen konnte, und verbrachte so noch mehrere Stunden in dem schönen Garten. Abends holte mich mein Kollege Feuerwerker aus meinem Thurmgemache und wir gingen in den östlichen Festungsgraben, wo sich eine Kegelbahn befand, sowie ein Vergnügungsgarten für die Kompagnie. Hier sah ich zum erstenmal etwas von einer Marketenderin, die Frau eines alten Unteroffiziers nämlich hielt hier eine kleine Bierwirthschaft; so war denn Alles in der Citadelle vereinigt, was nur ein militärisches Herz wünschen konnte. Doch war es trotz Kegelbahn und Biergarten Niemanden verwehrt, in die Stadt zu gehen, aber von dieser Erlaubniß machten nur Wenige und höchst mäßigen Gebrauch. Die ganze Kompagnie war wahrhaftig wie eine große Familie, und die Lust an der gemeinschaftlichen Arbeit sowie die liebevolle Behandlung, welche sowohl Kapitän als Offiziere jedem Einzelnen nach seinem Verdienste zu Theil werden ließen, schlang sich wie ein festes Band um die ganze glückliche Kompagnie. Da ich am nächsten Morgen schon um acht Uhr den zweiten Zug bei den Haubitzen exerciren sollte, mir aber der Kapitän nicht nur von den Rosenablegern gesprochen, die kommen sollten, sondern mir auch später noch sagen ließ, dieselben seien wirklich angekommen und lägen im Gewächshause in feuchtes Moos verpackt, so begab ich mich schon um fünf Uhr in den Garten, um mit dem Oculiren fertig zu sein, ehe der Dienst begann. Es war ein klarer schöner Morgen, die Blumen, erquickt durch die Kühle der Nacht und satt getrunken von krystallhellem Thau, erhoben stolz und zierlich ihre Köpfchen und dufteten, daß es eine Pracht war. Draußen auf der weiten Ebene flimmerte es und strahlte beim Glanz der Morgensonne, welche flammend über die Höhen der fernen Berge emporstieg. Von dort her war ich vor ein paar Tagen gekommen und dorthin wandte ich meinen Blick und meine Gedanken flogen, mein vergangenes Leben wieder durchgehend, nach meiner ehemaligen Garnisonsstadt, dann weiter weg zu meinem Freunde Sternberg, dem Brigadeschreiber, der wohl hauptsächlich Schuld daran war, daß ich mich hier befand, und dann gingen sie noch weiter und weiter den Weg, welchen ich damals, noch ein halbes Kind, durchwandelt, weiterhin zu den Schluchten des Gebirges an der Grenze, wo das kleine Städtchen war, mit meinem Vater, dem Zollkontroleur Wortmann, meiner Mutter, die jetzt gewiß noch viel längere und buntere Bänder an ihrer Haube trug, sowie mit dem kleinen weisen Vogel, der jetzt gewiß irgendwo Gärtnerbursche war oder hinter dem Pfluge dreinschritt; wenn mich Vater Wortmann hier sehen könnte, so würde er zufrieden sein, dessen war ich gewiß; meine Mutter aber vielleicht verstimmt den Kopf schütteln und in ihrem Stolze gekränkt sprechen: Um Gärtner zu werden, hätte er nicht vier Jahre zu dienen gebraucht. Und wenn man nur vier Jahre gedient hat, und schon Feuerwerker ist, so braucht man wahrhaftig keine Rosen zu oculiren. Aber trotz dieser Gedanken war mir dies ein sehr liebes Geschäft, und ich schnitt mit einem wahren Behagen meine Kreuze in die saftige Rinde. Fast hatte ich dieses Geschäft beendigt, ja ich war eben daran, das letzte Bastband anzulegen, als ich den leisen Gesang einer weiblichen Stimme vernahm. Es war ein einfaches Lied, das gesungen wurde, auch war die Stimme nicht stark und weithin schallend, hatte aber dafür etwas so Weiches, ja Melancholisches, daß es mir, der ich ohnedies durch die Stille des schönen Morgens eigenthümlich gestimmt war, tief in's Herz drang. Diese Stimme ertönte ohne Begleitung eines Instrumentes, es mußte ein junges Mädchen sein, die vielleicht soeben ihre Fenster geöffnet und die, erregt von all' der Pracht und Herrlichkeit draußen, jubelnd wie die Lerche, ihr Morgenlied sang. Wer konnte das sein? Die Stimme kam aus dem Hause unseres Kapitäns, und wenn ich scharf hinhorchte, so glaubte ich sogar zu vernehmen, daß sie aus einem Eckzimmer drang, dessen Fenster auf die Ebene gingen und das während des Tages beständig mit einer gelb und weiß gestreiften Marquise vor den Sonnenstrahlen geschützt war. Hatte ich doch bis jetzt nicht einmal gefragt, ob der Herr Hauptmann v. Walter verheirathet sei. Das war mir ganz gleichgültig gewesen. Wir beim Militär kümmern uns ja nie um die Familien unserer Vorgesetzten, das sind ja für uns unbekannte Zugaben, mit denen wir nie in eine Berührung kommen und die uns durchaus nichts angehen. Hier aber, wo alle Verhältnisse so eigenthümlich waren, war das schon ganz anders, und da es wohl kommen konnte, daß ich beim häufigen Aufenthalt im Garten der Familie meines Chefs begegnen mußte, so war es mir schon interessant, etwas über dieselbe zu erfahren, und nachdem mein Rosengeschäft hier oben geendigt, der Gesang hatte ebenfalls aufgehört, machte ich dem Feldwebel einen Besuch und erkundigte mich so bescheiden als möglich nach den Familienverhältnissen des Herrn Hauptmanns. So redselig der alte Herr sonst wohl sein konnte, so sagte er mir jetzt doch so ziemlich einsilbig, der Herr Hauptmann v. Walter sei verheirathet gewesen, seine Frau aber schon vor langen Jahren gestorben und er habe nur eine einzige Tochter. Es war also wahrscheinlich die Sängerin, dachte ich mir. Wußte ich nun doch, wenn ich zufällig einer Dame im Garten begegnete, wer dieselbe sei, und zufrieden mit dem Bescheid des Feldwebels ging ich auf mein Zimmer. Bald nachher trat der zweite Zug zum Exerciren zusammen und ich führte ihn auf die Bastion, um die Mannschaft, wie mir befohlen war, an zwei Feldhaubitzen exerciren zu lassen. Doch hatte ich erst einigemale Granaten in verschiedenen Elevationen werfen lassen, natürlicherweise mit Sägemehl-Kartouchen und der unschädlichen leeren Hohlkugel, so erschien der Premierlieutenant mit den beiden Secondelieutenants. Zuerst sahen sie, alle Drei, meinem Haubitzenexercitium zu, und dann befahl mir der Premierlieutenant, die Haubitzen stehen zu lassen und sämmtliche Leute an die oben befindlichen Wallgeschütze zu placiren. Ich hatte Mannschaften genug, um einen kurzen und einen langen Vierundzwanzigpfünder zu montiren, einen Paixhans zu besetzen, sowie Mörser von verschiedenen Kalibern. Meine Bombardiere hatten die Geschütze unter ihrer speciellen Aufsicht und ich sollte das Ganze leiten, wobei mich die Offiziere der Kompagnie von einem Geschütz zum andern begleiteten, und ich nun die verschiedensten Schießübungen durchmachen lassen mußte. Anfänglich merkte ich nicht, daß mich der Premierlieutenant, der mich vielleicht für einen ganz guten Gärtner, aber schlechten Kanonier halten mochte, ein förmliches Examen durchmachen ließ, weßhalb ich mit den Geschützen auf alle Distanzen und jede mögliche Batterie manövriren mußte. Jetzt gab er an, ich habe es mit einer Demontirbatterie zu thun, die gerade vor mir liege; dann sagte er, eine Ricochettebatterie rechts von uns fange an, uns in die Flanke zu nehmen, weßhalb ich zwei Geschütze dorthin wenden ließ und zu gleicher Zeit die während des Abfeuerns überflüssigen Kanoniere dicht an die Traversen treten ließ; dann rückte uns eine Breschebatterie dicht auf den Leib, auf welche Weisung ich ruhig die Pulverladung und Elevation änderte, und als nun gar nach seiner Angabe die Büchsenkugeln vorgeschobener Schützen meine Kanoniere belästigten, ließ ich die Schießscharten blenden. Bei den Mörsern mußte ich alle Kunststücke durchmachen lassen, die noch bei einer wirklichen Beschießung vorkommen können. Bald hatte ich eine Schanze vor mir auf dreitausend Schritte, dann immer näher, jetzt gab er mir einen einzelnstehenden Baum auf der Ebene an, den ich hinter der Brustwehr nicht sehen konnte, und wo ich mir durch aufgesteckte Stäbe helfen mußte. Das Schwierige bei diesem Wurfmanöver war, daß mich der Premierlieutenant verschiedene Distanzen nach der Ebene hinaus, bald ein einzelnes Haus, bald eine Baumgruppe nach dem Augenmaß abschätzen ließ, Entfernungen, die er ganz genau kannte, und die ich, Dank meines im Freien und beim Gartengeschäft geübten Auges ziemlich richtig traf. Mittlerweile war auch der Herr Hauptmann auf die Bastion gekommen und schaute lächelnd unserm Treiben zu, wobei er zuweilen gegen den Premierlieutenant freundlich ein Auge zukniff. Dieser schenkte mir auch schon gar nichts, und ließ mich aus meinen Mörsern bald Spiegelgranaten, bald Steine, bald Brand-, Leucht- und Stinkkugeln werfen; ja, als das Exercitium vollkommen ergründet war, mußte ich die Leute zusammennehmen und ihnen nach seiner Angabe einen Vortrag in Artilleriewissenschaften halten, wozu er mir die schwersten Themas angab. Ich muß gestehen, daß ich ordentlich bestand, und das sah ich auch an dem Gesichte meines Examinators; seine strengen Augen wurden freundlicher, sein finster die zusammengekniffenen Mundwinkel bedeckender Schnurrbart erhob sich zuweilen mit einem freundlichen Lächeln, und als wir endlich fertig waren, wandte er sich an unsern Kompagniechef, und sagte im Ton der Ueberzeugung: »In der That, Herr Hauptmann, ganz famos; ich bin vollkommen zufrieden.« Nun hatte ich's bei der Kompagnie und allen Offizieren gewonnen. Der Herr Hauptmann v. Walter rieb sich die Hände und sagte lachend: »Da sehen Sie, meine Herren, daß man ein ganz außerordentlicher Gärtner sein kann und dabei ein tüchtiger Unteroffizier. Der Feuerwerker hat heute Morgen vor dem Exerciren schon seine dreißig Rosen oculirt, daß es eine wahre Freude anzusehen ist. Und Rosen oculiren ist nicht leicht, dazu muß man eine feine Hand haben. Gewiß, gewiß, Herr Premierlieutenant,« wandte er sich freundlich an diesen, »es ist ein schönes Geschäft, das Rosenoculiren, sowie die ganze Gärtnerei, obgleich Sie keinen Schuß Pulver darauf halten.« Und so war es auch in der That. Der Premierlieutenant war eigentlich ein abgesagter Feind der ganzen Landwirthschaft, und obgleich er mit dem Kapitän auf dem allerfreundschaftlichsten Fuße stand, so machte er ihm doch eine fortgesetzte Opposition, welche zum Glück darin bestand, daß er im Dienst von einer eisernen Strenge war, den Kanonieren keine Viertelstunde Exercirens schenkte und die Uniformen mit einer erschrecklichen Genauigkeit nachsah, ob da nicht die ländlichen Arbeiten der Leute irgend einen Flecken zurückgelassen haben. Doch liebten Alle den Hauptmann sowie ihre landwirthschaftlichen Arbeiten zu sehr, um dem Premierlieutenant die Freude zu lassen, daß er sagen könne, wie er früher oft gethan, die Artillerie und Landwirthschaft passen nun einmal in alle Ewigkeit nicht zusammen. Oefters, wenn ich früh am Morgen in dem Garten beschäftigt war, hörte ich die Stimme wieder, die mir, als ich sie zum erstenmal vernahm, so tief zu Herzen gegangen. Doch war ich fast schon drei Wochen hier auf der Citadelle, als es mir vergönnt war, die liebliche Sängerin zu sehen. Der Herr Hauptmann hatte dem Festungskommandanten, sowie seinen Offizieren ein Diner gegeben und nach demselben saßen die Herrschaften auf der Terrasse vor dem Hause und tranken Kaffee, wahrend ich an meinen Blumen beschäftigt war. Auf einmal rief mich der Herr Hauptmann, ich lief eilig näher, und da war er so freundlich, mich dem Herrn General v. N. vorzustellen. »Das ist also das Wunder von einem Feuerwerker!« sagte dieser lachend; »sieht recht sauber aus, aber jung, noch unverschämt jung.« Am Tische saß auch die Tochter des Hauptmanns. Sie trug ein einfaches Kleid von gelber, ungefärbter Seide und hatte einen breiten Strohhut auf dem Kopfe, der, da sie obendrein das Gesicht herabgebeugt hielt, ihre Züge gänzlich verdeckte. Erst als ihr Vater sie recht sanft bei der Hand nahm und ihr sagte: »Das ist Feuerwerker Wortmann, von dem ich dir schon gesagt,« hob sie den Kopf in die Höhe und sah mich mit großen, so eigenthümlich glänzenden Augen an, daß es mir fast den Athem benahm und ich kaum im Stande war, eine Verbeugung zu machen. Sie mochte damals achtzehn Jahre alt sein, und etwas Lieblicheres wie dieses Gesichtchen hatte ich in meinem ganzen Leben nicht gesehen. Das war nun für die damalige Zeit nicht hoch geschworen, denn was meine Kenntniß des weiblichen Geschlechts anbelangt, so war dieselbe nicht der Rede werth. Aber auch später, nachdem ich viele Schönheiten gesehen, dachte ich immer noch mit Entzücken an diesen Augenblick und mußte mir gestehen, daß ich weit schönere Mädchen gesehen, aber nichts Lieblicheres, als die Tochter des Herrn Hauptmanns. – Nur die Augen, die Augen, so wunderbar schön, hatten einen so seltsamen Ausdruck, und als ich ihr vorgestellt wurde und meine Verbeugung machte, lächelte sie wohl, aber ihre Blicke flogen wie theilnahmlos bei mir vorüber und schienen etwas zu suchen, hoch oben im Blau des Himmels. Der Hauptmann befahl mir, eine Tasse Kaffee anzunehmen und das schone Mädchen schenkte sie mir ein. Doch tastete sie dabei unsicher auf dem Tisch umher und der Vater schob ihr Tasse und Kaffeekanne zwischen die kleinen weißen Finger. Ja, als sie mir den Kaffee reichen wollte, hielt sie die Tasse mehr gegen den Premierlieutenant als gegen mich, weßhalb denn mein strenger Vorgesetzter so freundlich war, sie ihr abzunehmen und mir höchst eigenhändig darzureichen. Doch unterließ er nicht, dabei zu sagen: »dem geschickten Artilleristen.« »Sie sind unverbesserlich!« sagte der Hauptmann v. Walter laut lachend zu ihm, »und obendrein sehr undankbar. Was hat die Artillerie mit dem Kaffee zu thun? Ein Gärtner hat ihn gepflanzt und ebenso den Zucker, den Sie so sehr lieben. Ja, der größte Theil des Diners, das wir heute gemacht, sind Produkte der Landwirthschaft. – Wahrhaftig, nächstens lasse ich Ihnen einmal einen soliden Zündersatz backen oder eine Kartätschensuppe machen.« Ich trank meine Tasse, schielte aber ein paarmal über sie hinaus nach der Tochter meines Hauptmanns, welche ein Bouquet neben sich liegen hatte, das sie zuweilen an ihr Gesicht drückte. »Apropos,« sagte ihr Vater zu mir, »obgleich ich das Blumenabschneiden im Allgemeinen nicht leiden kann, so wär's mir doch recht, wenn Sie mir täglich einen Strauß schnitten. Meine Tochter liebt sehr die Blumen, nicht wahr, Elise?« Darauf hob sie wieder ihren Kopf in die Höhe und sprach zu mir, ohne mich aber anzusehen, mit einer angenehm klingenden, weichen Stimme: »Ja, wenn der Feuerwerker so freundlich sein will, bin ich sehr dankbar dafür.« »Dabei sehen Sie aber mehr auf den Duft der Blumen, als auf helle glänzende Farben,« ergänzte der Hauptmann, wobei er sein Kind mit einem eigenthümlichen Blicke ansah. Nach einer Verbeugung ging ich an meine Geschäfte zurück, konnte aber die seltsamen Augen des schönen Mädchens nicht vergessen, und dazu hörte ich immer die Worte ihres Vaters: Dabei sehen Sie aber mehr auf den Duft der Blumen, als auf helle glänzende Farben. – – – – Auf einmal blieb ich wie erstarrt stehen, ja, plötzlich verstand ich den seltsam starren Blick ihrer Augen, ihr eigentümliches Wesen – – die Worte des Hauptmanns. – – Das arme unglückliche Mädchen war blind. Und so war es auch in der That. Der Feldwebel, den ich noch am heutigen Tage befragte, gab mir es achselzuckend zu und meinte: »Das ist ein großes Unglück, welches den Herrn Hauptmann betroffen; und es ist jammerschade für dies vortreffliche gute Mädchen.« Auch erfuhr ich jetzt, daß die Frau des Hauptmanns schon vor langen, langen Jahren gestorben sei und ebenso, daß die kleine Elise bis in ihr zwölftes Jahr sehend gewesen, dann aber in Folge einer Erkältung erblindet. »Zuweilen,« sagte der Feldwebel, »kommt einer der geschicktesten Augenärzte der Residenz, wenigstens alle Jahre einmal, und sieht nach der Kranken, Er hat die Hoffnung, sie zu heilen, nicht aufgegeben, will aber, und darin hat er Recht, langsam und äußerst behutsam zu Werke gehen.« Ich muß gestehen, daß mich das schöne Mädchen sehr beschäftigte, und daß ich außerordentlich auf den Moment begierig war, wo frühe am Morgen ihr weicher, melancholischer Gesang erschallte. Häufig sah ich sie nun auch über Tages im Garten, und an ihrem Benehmen merkte ich zu meiner großen Freude, daß ihr Vater etwas auf mich hielt und gut von mir sprach; denn oft trat sie allein auf die Terrasse hinaus und rief mit ihrer silberhellen Stimme meinen Namen, worauf sie mich dann gewöhnlich bat, sie an irgend einen Punkt des Gartens zu begleiten. Das erste Mal benahm ich mich dabei entsetzlich dumm und ungeschickt. Wenn ich Fräulein Elise führen sollte, so mußte ich ja ihren Arm oder ihre Hand ergreifen, welch letztere sie mir auch entgegenstreckte. Nun war ich aber zu ängstlich und schüchtern, um ihre feinen Finger anzufassen, und stand einige Minuten rathlos da, bis ich endlich näher trat und ehrfurchtsvoll meinen Arm darreichte, worauf sie nun ihre kleine Hand legte, aber so leicht, so leicht, daß es nicht anders war, als sei ein Rosenblatt darauf gefallen. Wenn ich sie nun so an irgend einen Punkt des Gartens geleitete, da war es doch selbstredend, daß ich in der Nähe blieb. Sie konnte ja etwas verlangen, nach Jemand rufen, und es wäre ja schrecklich gewesen, wenn sie Niemand gehört hätte. Ich arbeitete dann in ihrer Nähe bald dies, bald das, und wenn sie vielleicht einen Zweig rauschen hörte und meinen Fuß leicht auf dem Sande knirschen, da frug sie häufig: »Sind Sie es, Wortmann?« und zuweilen knüpfte sie dann ein längeres Gespräch an. Ja, im Verlaufe der Zeit mußte ich ihr meine ganze Lebensgeschichte erzählen und ich that das der Wahrheit gemäß, von meinem Vater und meiner Mutter, von unserem Kasernenleben, von der Miranda, von meinem Freunde Poltes, sowie auch, daß man mich als kleines Kind Major nannte. Das Letztere erschien ihr außerordentlich komisch und sie lächelte freundlich darüber, muß es auch ihrem Vater erzählt haben, denn dieser sagte eines Tages freundlich zu mir: »Nun, lieber Wortmann, wenn auch kein Major aus Ihnen wird, so hoffe ich doch noch was Tüchtiges an Ihnen zu erleben. Sie haben einen guten Kopf, sind auch fleißig und lernen leicht. Aber Sprachen müssen Sie treiben, das ist unumgänglich nothwendig.« Er hatte das schon häufig gesagt, und mir auch französische und englische Bücher zum Selbstunterricht gegeben. Daß ich aber heimlicherweise sehr früh am Morgen und Abends spät bei einem Sprachlehrer der Stadt in beiden Sprachen Stunden nahm und mit einem eisernen Fleiß darüber her war, hatte ich ihm nicht gesagt. Weßhalb ich es verschwieg, wußte ich eigentlich nicht. Meinen Vorgesetzten damit zu überraschen, das konnte ich mir nicht gut einbilden; ich glaube, der Hauptgrund war, daß ich zuerst sehen wollte, ob ich ein Talent für fremde Sprachen habe. Doch hätten diese heimlichen Lektionen mir fast Unangenehmes zu Wege gebracht. Obgleich der Herr Hauptmann v. Walter gegen mich sowohl im Dienst als auch im Garten sehr gut und freundlich war, so hatte das doch eine gewisse Grenze, über die er nie hinausging, und schien sich auch im Uebrigen um mein Leben und Treiben nicht im Geringsten zu kümmern. Wie mir aber später klar wurde, war das durchaus nicht der Fall; er bekümmerte sich vielmehr so genau um mein Leben außerhalb des Dienstes, daß er bald erfuhr, ich bringe sowohl des Morgens in aller Frühe als auch Abends sehr spät manche Stunde in einem Hause der Stadt zu. Da mein Sprachlehrer ziemlich unbekannt war, das Haus, in dem er wohnte, aber recht ärmlich und seine Umgebungen vielleicht nicht im besten Rufe standen, so fiel dadurch ein Schatten auf mich, den ich obendrein nicht aufklären konnte, da ich keine Ahnung davon hatte. Wohl bemerkte ich, daß der Herr Hauptmann, obgleich er wohlwollend und gütig wie immer war, doch nicht mehr so freundlich wie früher gegen mich zu sein schien. Davon konnte ich mir keinen Grund erklären, und obgleich ich mich mehr als je bestrebte, meinen Dienst zu seiner Zufriedenheit zu thun, so vermißte ich doch die Herzlichkeit, mit der er sich sonst über jedes noch so Unbedeutende bei mir bedankt. Ja, er hatte mir sogar einmal ziemlich ernst gesagt, als ich an einem Tage zwei schöne Bouquets für seine Tochter gemacht, ich plündere ja seinen ganzen Garten. Auch Fräulein Elise kam nie mehr allein in den Garten und ich hatte sie schon längere Zeit nicht mehr nach einem ihrer Lieblingsplätze führen dürfen. Wohl dachte ich zuweilen daran, den Feldwebel zu befragen, doch kam mir das wieder so anmaßend vor, daß ich mich schämte, es zu thun. 11. So kam der Spätherbst, ich ließ Pflanzen und Bäume in die Gewächshäuser einräumen, und wenn ich dabei die schon halb verwüsteten Blumenbeete betrachtete, so dachte ich mit wahrer Traurigkeit an den Winter, wo hier der weiße Schnee liegen würde, wo dort droben im Hause kein Fenster mehr geöffnet sei und also auch kein Gesang in den Garten dringen könne. Dann hatte ich begreiflicherweise nicht viel da oben zu thun, und wenn mich auch die Gewächshäuser manche Stunde beschäftigten, so kam sie doch nicht mehr in den Garten, an der, ich gestehe es offenherzig, schon damals beinahe unbewußt mein ganzes Herz hing. Sie war die schönste der Blumen. Zuweilen hatten wir noch heitere warme Tage, und an einem derselben saß Fräulein Elise in der Nähe des kleinen Springbrunnens, hatte den Kopf in die Hand gestützt und horchte, recht traurig, so schien es mir, wie sie aber öfters zu sein pflegte, auf das Plätschern des Wassers. Hie und da fielen dürre Blätter von den Bäumen, und wenn dieselben auf dem andern gelben Laub am Boden raschelten, so horchte sie auf, und dann flog ein recht trübes Lächeln über ihr schönes Gesichtchen. Auch sie dachte an den Winter, aber ganz anders als ich. Auch sie fühlte wohl, daß es Herbst würde, und daß sie Abschied nehmen müsse von der frischen und feinen Natur und dem Dufte der zahlreichen Blumen und daß auch für sie die Zeit des Winters käme, welche ihr, der armen Blinden, gewiß doppelt hart sein mußte. Unterdessen war der Herr Hauptmann in den Garten getreten, ich hatte ihn schon vor kurzer Zeit in Uniform aus der Citadelle kommen sehen, er war aber in's Haus gegangen und kam jetzt von dort her in seinem grauen Sommerrocke, den Strohhut auf dem Kopfe, mit einer brennenden Cigarre, deren Duft er mit sichtlichem Behagen in die frische Herbstluft hinausblies; auch sang er halblaut vor sich hin, was nicht allzuhäufig bei ihm vorkam. Als er in der Entfernung vor mir vorüberschritt, gegen seine Tochter hin, rief er mir zu: »Sie sind ja ungeheuer fleißig gewesen, Wortmann!« Ich ließ nämlich gerade die kleine Orangerie einräumen und war fast damit fertig. »Wenn Sie vielleicht einen Augenblick abkommen können, so lassen Sie sich hier bei uns sehen.« Hinter dem Hauptmann kam das Dienstmädchen aus dem Hause und trug einige Früchte, weißes Brod und eine Flasche Wein mit Gläsern in den Garten, welches sie Alles auf das Tischchen vor Fräulein Elisen niedersetzte. Auch ich säumte nicht, mich da einzufinden; der Herr Hauptmann war sehr freundlich, wies auf einen Stuhl und bot mir eine Cigarre an, was er noch nie gethan. Als er mir dieselbe gab und ich mich ehrfurchtsvoll weigerte, sie anzunehmen, blickte Fräulein Elise in die Höhe, und auf ihrem Gesichte drückte sich ein kleines Erstaunen aus. Als ich meine Cigarre angezündet hatte, mußte ich mich niedersetzen und bekam ein Glas Wein. Wir sprachen über dies und das, über den Herbst, über Gewächshäuser und Frühbeete, auf einmal sagte der Herr Hauptmann, wohl anfänglich lächelnd, dann aber mit einem so ernsten Tone, daß ich ordentlich zusammenschrak: »Wissen Sie auch, Wortmann, daß Sie ein Heimlichthuer sind, ein tückischer, abgeschlossener Mensch?« »Ich, Herr Hauptmann?« stotterte ich, in der That auf's Höchste erschreckt, »ich weiß wirklich nicht, was ich mir zu Schulden kommen ließ.« Fräulein Elise war bei der seltsamen Rede ihres Vaters roth geworden und blickte stille vor sich nieder auf den Teller. »Kannst du dir wohl denken,« fuhr er nun fort, gegen seine Tochter gewendet, »was dieser Feuerwerker Wortmann treibt. Ich habe ihm eine englische und französische Grammatik gegeben und ich denke nun, er wird mich eines Tags um Rath fragen, wie er es anfangen müsse, um die beiden Sprachen gründlich zu erlernen. Gott bewahre! Da geht er hin, sucht sich einen Lehrer und treibt das Alles im Geheimen. Ist das nicht ein heimtückischer Mensch?« Als mein Chef so sprach, konnte ich mich nicht enthalten, verstohlen das junge Mädchen anzusehen. Gott! und wenn ich mich nicht täuschte, aber man täuscht sich so leicht in dergleichen, so lächelte sie freundlich. Natürlicherweise sagte ich zu meiner Entschuldigung, ich hätte mich nicht unterstehen wollen, den Herrn Hauptmann mit dergleichen Kleinigkeiten zu behelligen; »ja,« setzte ich verlegen hinzu, »es würde mir auch das höchste Glück gewesen sein, auf einmal dem Herrn Hauptmann sagen zu können, das und das habe ich gelernt, aber,« setzte ich hinzu, »ich bin noch sehr weit zurück.« »Das wollen wir morgen früh sehen,« erwiederte er mir lachend. »Morgen ist es Sonntag und nach der Kirche sind Sie zum Sprachexamen kommandirt. Fällt das nach Wunsch aus, so dürfen Sie bei mir zu Mittag essen.« Wer war glücklicher als ich! War der Wein so berauschend oder die Cigarre so stark, genug, als ich mich dankend entfernte, taumelte ich ordentlich auf dem breiten Wege dahin und war dabei so blaß, daß mich mein Bombardier fragte, ob mir etwas Unangenehmes zugestoßen sei? Den andern Tag fand ich mich erwartungsvoll bei meinem Examen ein. Daß Fräulein Elise dabei saß, machte mich anfänglich über alle Maßen verlegen, doch mußte der Herr Hauptmann mit mir zufrieden sein, denn, als wir fertig waren, sagte er zu seinem Bedienten: »Man solle drei Couverts auflegen, der Feuerwerker Wortmann ißt bei uns.« Der machte große Augen. Den Unterricht mit meinem alten Sprachlehrer setzte ich nun eifriger als je fort, ja ich fing bald darauf bei einem andern das Lateinische wieder an und brachte es durch eisernen Fleiß so weit, daß ich in nicht gar zu langer Zeit meinen Cornelius Nepos gehörig verstand. Unterdessen bedeckte der Schnee die Wälle und Graben der Citadelle und unsern kleinen reizenden Garten. Der Premierlieutenant konnte nun die Kompagnie keinen strengen Dienst thun lassen und so hatte ich Zeit genug, mich mit all den Wissenschaften wieder zu beschäftigen, die ich seit meinem verunglückten Examen ziemlich vernachlässigt. Der Hauptmann v. Walter hatte mich liebgewonnen, das sah ich. Er war mehr mein väterlicher Freund, als mein Vorgesetzter. Um seinen Gewächshäusern bei Tag und Nacht näher zu sein, hatte er mir auf der kleinen Orangerie zwei Zimmer eingeräumt, und daneben war noch ein anderes, wo die vier besten Leute meiner Korporalschaft wohnten, was des beständigen Heizens und Lüftens wegen nothwendig war. Auch hatte er mir eine förmliche kleine Bibliothek geliehen, und in den langen Winterabenden war ich so unbeschreiblich glücklich, häufig in sein Wohnzimmer kommen zu dürfen, wo ja auch Fräulein Elise war, und wo er uns förmliche Vorträge über Geschichte und Geographie hielt. Oefters mußte ich vorlesen, deutsch, französisch oder englisch, und das kam später dann auch wohl vor, wenn er am Tage ausgegangen war und sich Elise mit ihrem Dienstmädchen allein in ihrem Zimmer befand. Ach! für die Aermste gab es ja keinen Tag und keine Nacht, und die ewige Finsterniß, welche sie umgab, war wohl hauptsächlich Schuld daran, daß sie so liebevoll, freundlich und dankbar zuhörte, wenn ich ihr vorlas. Dabei las ich mich aber förmlich um meine Ruhe, und wenn ich, wie Elise so freundlich war, zu sagen, gut las, so kam das wohl hauptsächlich daher, weil ich das Gefühl, welches ich für sie im Herzen trug, in meine Worte ausströmen ließ. Dabei mußte ich mich aber sehr zusammennehmen, denn ein Blick, ein Wort konnte mich aus der Fassung bringen, und ich dann roth werden, wie es sich eigentlich nicht für einen Feuerwerker schickte. So weiß ich, daß eines Tages der Herr Hauptmann zurückkam, und freundlich sagte: »Nun, Kinder, was habt ihr gelesen?« Dies Wort machte mich so verlegen, und trieb mir das Blut so stark in's Gesicht, daß ich mich vor mir selber schämte, so daß ich nachher, als ich allein war, mich heftig ausschalt. Eines Tages, es fing schon an, Frühjahr zu werden, der Schnee war geschmolzen, von den Bastionen herab floß das Wasser in kleinen grauen Bächen in die Gräben und über die Ebene strömte zuweilen ein ahnungsvoller warmer Windhauch, so daß Fräulein Elise ihre Fenster häufig öffnen konnte, ließ mich der Herr Hauptmann in sein Zimmer rufen und gab mir einen Brief meines Vaters, der, wie er sagte, durch Einschluß an ihn gekommen sei. Vater Wortmann schrieb mir in seiner gewohnten Kürze, daß sich die ganze Familie wohl befinde, und daß es ihn außerordentlich freue, mich in einer so vortrefflichen Kompagnie zu wissen, daß er sich aber namentlich auf's Höchste geehrt fühle durch den Entschluß meines Herrn Hauptmanns, für meine Zukunft so glänzend sorgen zu wollen. Nachdem ich das gelesen, sowie das nie fehlende Postscriptum meiner Mutter, welche mir schrieb, daß meine älteste Schwester die Braut des weisen Vogels sei, der ein hübsches kleines Landgut geerbt, blickte ich fragend meinen Hauptmann an, da ich das, was mein Vater von meiner glänzenden Zukunft sagte, nicht verstand. Es durchzuckte mich wohl ein süßer Gedanke, aber der war ja so thöricht, daß ich ihn gleich wieder verwarf. Der Hauptmann ging ein paarmal im Zimmer auf und ab, dann blieb er vor mir stehen und sagte: »Sehen Sie, mein lieber Wortmann, ich habe allerdings an Ihre Zukunft gedacht, und Ihrem Vater geschrieben, ob er mir völlig freie Hand über Sie lassen will. Zu gleicher Zeit gestehe ich Ihnen offenherzig, daß ich mich durch meinen Freund, den Generalsteuerdirektor, nach Ihrer Familie erkundigte; dessen Antwort ist vollkommen befriedigend ausgefallen, was mich außerordentlich freut. Offizier können und wollen Sie nicht werden. Sie sind jung, haben einen guten Kopf, auch schon recht viel gelernt, deßhalb will ich Ihnen einen Vorschlag machen: Ich habe schon die nöthigen Schritte gethan, Sie als Zögling erster Klasse in die Forstakademie nach C. zu bringen. Dort können Sie Ihre landwirthschaftlichen Studien fortsetzen, sie beendigen und haben dann später die Wahl, ob Sie irgend ein Gut bewirthschaften wollen oder in das Forstfach übergehen. Wenn Sie fleißig sind und Ihre Aufführung tadellos bleibt, wie bisher, so werde ich, nachdem Sie Ihre Studien beendigt, mit wahrer Freude auch später für Sie sorgen.« Ich stand sprachlos da über das ungeheure Glück, welches sich meinen Augen zeigte. Eine Forstakademie besuchen, ein vollkommener Landwirth werden, darin hatten von jeher meine kühnsten Wünsche bestanden, aber wie konnte ich an so etwas denken? Ich war mittellos und die Studien, die ich noch zu machen hatte, sehr kostspielig. Als ich mich einigermaßen gefaßt, schämte ich mich durchaus nicht, meinem freundlichen Wohlthäter mit Thränen in den Augen zu danken. Er drückte mir freundlich die Hand und sprach liebevoll zu mir, wie ein Vater zu seinem Sohne. So stattete er mich auch in jeder Hinsicht aus, und als nach wenigen Wochen der Augenblick gekommen war, wo ich von der Kompagnie im Allgemeinen, von meiner Korporalschaft insbesondere, vom Feldwebel und der lieben, lieben Citadelle Abschied nahm und nun zum letztenmale vor den Herrn Hauptmann und Elise trat, war der alte Herr selbst außerordentlich gerührt, und als ich ihm weinend wie ein Kind wiederholt auf's Herzlichste dankte, sagte er mit feuchten Augen lächelnd: »Seien Sie ruhig, lieber Wortmann, ich bin ein Egoist. Was ich vielleicht an Ihnen thue, ist ein Kapital, von dem ich dereinst schöne Zinsen erwarte.« Und Elise! – Sie reichte mir zum Abschied ihre beiden lieben Hände, die ich mich nicht enthalten konnte, innig zu küssen und dabei war ich so überaus glücklich, einen leisen, leisen Druck derselben zu empfinden. Hiermit ist eigentlich die Geschichte des Feuerwerkers Wortmann, die ich dem geneigten Leser versprochen, zu Ende; denn Uniform und Titel und auch sonst noch Manches ließ ich in der Citadelle zurück, um aber gegen die, welche vielleicht Antheil an meinem Schicksal genommen, nicht undankbar zu sein, will ich noch hinzufügen, daß ich drei Jahre auf der Forstakademie blieb, daß ich auch recht fleißig war und endlich mit Zeugnissen entlassen wurde, die mich nicht nur zu einer höheren Forststelle berechtigten, sondern mir sogar gestatteten, mich zu einer Lehrerstelle bei einer der landwirthschaftlichen Anstalten des Staates zu melden, und diese letztere Aussicht machte mich ganz unbeschreiblich glücklich; denn mein Wohlthäter, mit dem ich begreiflicherweise viel korrespondirte, hatte mir vor einem halben Jahre brieflich angezeigt, er habe sich endlich entschlossen, seine liebe Citadelle zu verlassen und zwar, weil ihm durch die Gnade Seiner Majestät das Direktorium einer der größten landwirthschaftlichen Anstalten des Landes übertragen worden sei. – Das hatte mich innig gefreut, aber schmerzlich hatte es mich berührt, daß er zu gleicher Zeit von einem andern erfreulichen und wichtigen Ereignisse seiner Familie schrieb. Gewiß hatte sich ein Bewerber um Elise gefunden, das sagte mir mein Herz tausendmal und machte mich recht, recht traurig. Der Weg von der Forstakademie zum nunmehrigen Aufenthalte meines ehemaligen Chefs, der mir befohlen, sogleich zu kommen, führte über die kleine Festung I., und Herr v. Walter hatte mir geschrieben, ich solle mich auf dem ehemaligen Schauplatz unserer Thaten ein bißchen umsehen. Daß er hinzusetzte: »Man muß sich an den Wechsel alles Irdischen gewöhnen,« begriff ich damals nicht recht. Ich erreichte die Festung an einem schönen Frühlingsmorgen, diesmal zu Wagen und vom Postgebäude ging ich gleich nach der Citadelle. Der Unteroffizier am Thor war mir ein völlig fremdes Gesicht; ebenso der Feldwebel, bei dem ich um Erlaubniß bat, die Werke sehen zu dürfen. – Und diese Werke, wie waren sie verwandelt! Mir war zu Muthe, als sei hier früher ein Zaubergrund gewesen, der mit dem Verlassen des guten Genius wieder seine traurige ehemalige Gestalt annahm. Verschwunden waren Felder, Anlagen und Gärten; auf sämmtlichen Bastionen standen die stillen verdrießlichen Geschütze, von unserem ehemaligen Garten war keine Spur mehr zu sehen und wo unsere Blumen geblüht, vor dem kleinen Kommandanturgebäude, war jetzt ein nüchterner glatter Kiesplatz, wo nach Zählen Rechts- und Linksum gemacht wurde, eine für Körper und Geist gleich angenehme Beschäftigung, der übrigens der jetzige kommandirende Artillerie-Kapitän mit großer Befriedigung zuschaute. Es war das eine lange dürre Gestalt mit sehr gebogener Nase und tief herabfallendem blondem Schnurrbart. Ich grüßte ihn höflich, und da er mich fragend ansah, so erlaubte ich mir, ihm zu sagen, ich hätte die Citadelle in früheren Jahren gekannt, und dem Wunsche nicht widerstehen können, sie nochmals zu sehen. »Ja, mein Lieber,« sagte er mit schnarrender Stimme, »da werden Sie viel verändert finden. Es hat mir auf Ehre Mühe genug gekostet, die schauderöse Wirtschaft hier in Ordnung zu bringen. War das ein Anblick, als ich kam! So was habe ich in meinem ganzen Leben nicht gesehen! Nun wir haben gründlich aufgeräumt, das kann ich Sie versichern. – – – – Guten Morgen! Aufgepaßt, Feuerwerker Schlatterich, da unten. Der dritte Mann vom Flügel tritt ja mit dem rechten Fuß an; Donnerwetter auch, wozu hat er denn den linken?« Ja, gründlich hatten sie aufgeräumt, und als ich die Bastion umschritt, fand ich nichts mehr von unserem ehemaligen Garten, als zwischen den Rädern des ehemals so blanken Vierundzwanzigpfünders ein kleines Tropäolum, das sich dort trotz Kies und Schaufel kümmerlich aus einem zurückgebliebenen Samenkorn entwickelte. Auch die lebenden Wesen, meine Kameraden, mit denen ich hier so glücklich gewesen, waren in alle Welt zerstreut, theils mit dem Herrn Hauptmann v. Walter, theils nach Hause gegangen, theils in die Civilcarriere eingetreten. Selbst der Premierlieutenant hatte sich so an die Blumen gewöhnt, daß er die nackten Wälle nicht mehr sehen konnte, doch hatte er beim Abschiede geflucht: »Hol' mich der Teufel! wie bin ich hier verdorben worden!« Von der Rampe, wo sich kein weißes Gitterthor mehr befand, niedersteigend, hörte ich sie droben noch kommandiren und zählen: Eins – zwei – – Einundzwanzig – zweiundzwanzig. – – Verflogen war unser wunderbarer Blumentraum; aber es machte mich nicht traurig, viel schmerzlicher hätte es mich berührt, wenn ich Alles droben gefunden hätte wie ehedem, grünend und blühend – ohne Elise! Nach einigen Tagen erreichte ich die zwischen Feld und Wald an einem kleinen lieblichen See gelegene prachtvolle landwirthschaftliche Anstalt. Mein Wohlthäter empfing mich wie einen Sohn, den man lange Jahre nicht gesehen – und Elise? Das freudige Familienereigniß hatte allerdings sie betroffen, doch war sie nicht vermählt, vielmehr durch die Hülfe der Aerzte sehend geworden. Lächelnd führte mich der Vater an ihr Zimmer und ließ mich leise eintreten. Sie sah mich erstaunt an mit ihren großen, glänzenden Augen, die aber nicht mehr starr und seltsam blickten, sondern in welchen sich jetzt ihre ganze schöne Seele spiegelte, aus denen ein tiefinniges Gefühl strahlte. Wie ängstlich schlug mein Herz! – Ob sie mich erkannte? Darauf schien auch ihr Vater gespannt; er hielt sich still hinter der Thür. – Als sie mich eine Sekunde angeschaut, überflog eine dunkle Gluth ihre schönen Züge. Sie eilte mir entgegen, und ich weiß nicht genau, ergriff ich ihre Hände und küßte dieselben oder umging ich diese Förmlichkeit und wagte es, sie fest an mein Herz zu drücken. – Wer kann das in solchen Augenblicken, die nur einmal im Leben kommen, genau wissen. Genug, der Vater trat einen Augenblick nachher zu uns und sagte: »Kinder, ich habe nichts dagegen.« Schreiben der Madame Wortmann an ihren Sohn. Nein Dießmal muß ich den Hauptbrief schreiben und wenn Dein Vater noch etwas hinzufügen will so kann er dießmal die Nachschrift machen was wir glücklich sind daß Du Professor geworden und eine so schöne reiche Frau bekommen das kann ich Dir gar nicht sagen ich habe eine große Kaffeegesellschaft gegeben und es dabei den Damen meiner Bekanntschaft angezeigt ebenso, daß Deine Schwester, die Frau Vogel, einen ganz gesunden Buben hat also bin ich Großmutter und hoffe es noch mehr zu werden apropos, die Frau Hammer lebt noch, doch ist sie schon recht alt neulich war sie bei uns und da haben wir die ganze Geschichte nochmals abgesprochen als Du damals auf die Welt kamst und wie drunten der Unteroffizier sagte, jetzt kommt der Major weißt Du auch wohl, mein lieber Sohn daß das noch in Erfüllung gehen kann mir hat der Zollinspektor gesagt, wenn Du einmal später was wohl vorkommen könnte selbst ein Direktor würdest so hättest Du den Titel als Major aber das wär' eine Freude für Deine Dich getreu liebende Mutter.« So schrieb die gute Frau, und wenn sie es auch nicht mehr erlebte, daß ich ein Direktor der Anstalt wurde, so geschah das doch, freilich nach vielen Jahren, und damit ging auch die Prophezeiung der Madame Hammer in Erfüllung: daß aus mir noch etwas Rechtes werden würde. Der abgerissene Knopf. Es saßen drei alte Soldaten bei einem Glase Wein, ein Husar, ein Infanterist und ein Artillerist. Doch ist dieser Satz nicht ganz wörtlich zu nehmen, denn der Husar war ein General der Kavallerie, der zuletzt bei den Husaren gedient, der Infanterist hatte als Oberst ein Regiment braver Musketiere kommandirt, und nur der Artillerist war im Wachsthum etwas zurückgeblieben, wie seine Kameraden zu sagen pflegten, und man hätte ihn so gut wie jenen Andern den ewigen Lieutenant nennen können, denn nachdem er treu und redlich gedient, nicht bis an sein kühles Grab, wohl aber beinahe vierzig Jahre, da packte er auf und ließ sich pensioniren. Er hatte etwas weniges Vermögen und lebte nun viel behaglicher als damals, wo er auf der Straße spazieren gehend in einer Stunde fünfzigmal an seine Dienstmütze hinauflangen mußte. Das Glas Wein aber, bei dem die Drei saßen, war eine dickbauchige Bowle Maitrank, duftende Kräuter, wohl verzuckert. Und den Maitrank schlürften sie auf der Terrasse des Marienbildchens in Deutz, vis-à-vis zu Köln am Rhein, von wo man so behaglich niedersieht auf den majestätisch dahinfließenden Strom, auf die alte heilige Stadt selber und auf den ehrwürdigen Dom, bei dem jetzt nach und nach die große Wunde zuheilt, die man so lange, lange zwischen Thurm und Chor sah. »Ja,« sagte der Oberst, indem er seinen Lieblingsmarsch auf dem Tische trommelte und aus seiner Meerschaumpfeife ein paar tüchtige Züge that, »so viel auch hier herumgebaut und rumort worden ist, das alte, gute Gesicht unsrer lieben Stadt ist nicht zu entstellen. Sie können hier die Physiognomie nicht verwischen, und so oft ich über die lange Rheinbrücke nach Haus spaziere, ist es mir gerade wie dazumal – es sind schon viele Jahre – als ich mit dem blauen Kittel desselben Weges zog und zum erstenmal mit weit aufgerissenem Maule den riesenhaften Dom vor mir liegen sah.« »Erlauben Sie, Herr Oberst,« bemerkte der ehemalige Lieutenant, »da kommen Ihrem Gedächtniß auch noch andere Dinge zu Hülfe: das Gehör und vor allen Dingen der Geruch.« »So ist's!« rief der General; »der Kamerad von der Artillerie hat Recht, hol' mich der Teufel! Gehör und Geruch, das ist die Hauptsache. Das weckt auf eine fabelhafte Art die Erinnerung alter Tage in uns auf, namentlich der Geruch.« »Gewiß, lieber Herr Oberst, das ist nicht zu leugnen,« meinte der Artillerist. »Betritt man die Rheinbrücke, so ist Gehör und Geruch immer auf die gleiche Art beschäftigt. Das ewig gleichförmige Knarren der Bretter, das Aechzen der Planken, das Klirren der Ketten bei jedem Fußtritt, und dann vor allen Dingen der Theergeruch. So was vergißt sich nie und führt uns lebhaft den ersten Augenblick, wo sich das uns bemerklich machte, wieder vor die Phantasie.« »Ja, ja, der Geruch, das will ich zugeben,« meinte nachdenklich der Oberst, »darin könnt ihr Beide Recht haben. Geht es mir doch auch so. Wenn ich zum Beispiel irgendwo frisches Heu rieche, so denke ich doch urplötzlich immer wieder an einen gewissen Tag in meiner Jugend, wo ich mit einer Menge anderer Buben und Mädchen von einem großen Heuhaufen herabkugelte. Und habe doch während der Zeit schon mancherlei anderes Heu zu riechen bekommen.« Der Lieutenant hatte sein Glas an den Mund gesetzt und langsam schlürfend einen Zug gethan. »Ja, der Geruch,« sprach er fast wehmüthig, »der kann Einen so lebhaft in eine gewisse Situation zurückversetzen, daß Einem ordentlich das Herz schwer wird.« »Und bei welchem Geruch ergeht es Euch so?« fragte ironisch lächelnd der General. »O – mit,« erwiderte ausweichend der Andere, »ich sprach nur mehr so im Allgemeinen. Ich kenne eigentlich keinen so prononcirten Odeur, von dem ich das sagen konnte. Ein Duft, bei dem mir allenfalls eine angenehme Erinnerung kommt, ist der von Reseda.« »Aber der Kamerad von der Artillerie hat Recht,« fuhr der Husar fort. »Was denkt ihr zum Beispiel wohl, was mir einfällt, wenn ich da über den Thurmmarkt gehe bei dem königlichen Hof und dem Hof von Holland vorbei, und rieche dort, was in Dietzmann's Küche für wunderbare Sachen gekocht werden? Wenn es so deliciös in die Straße hinaus duftet, daß man ordentlich Hunger bekommen sollte, na, was glaubt ihr wohl?« »Da denkst du einfach an ein gutes Diner, was du wohl irgendwo gemacht hast,« sprach der Oberst, »oder an sonst eine verschwenderische Ueppigkeit.« »Fehlgeschossen,« entgegnete der General. »Dabei erinnere ich mich vielleicht der ärmlichsten und betrübtesten Zeit meines Lebens, eines Tages, wo ich, noch ein junger Mensch, zum erstenmal nach dem heiligen Köln kam, aber gar nicht davon erbaut war. Damals kam ich auf den Thurmmarkt in's Quartier zu liegen. Und in was für ein Quartier! Ich habe nachher viel erlebt in den Feldzügen, aber – nun seht, es gab zu jener Zeit auch schon Gasthäuser da in der engen Straße, die man den Thurmmarkt nennt, und aus denen duftete es auch nicht unlieblich hervor; aber wenn ich heute bei Dietzmann vorbeigehe und rieche die Düfte des feinen Bratens und dergleichen, so denke ich weder an ein pures Diner, wie du, Oberst, vorhin behauptet, noch an sonst eine verschwenderische Ueppigkeit, sondern an jenen Tag, und da steht dann mit einemmale das finstere, unheimliche Quartier so lebhaft vor mir, als sei das gestern gewesen, und es sind doch schon fast fünfzig Jahre vorüber.« »So erzähl' uns denn einmal von dem Quartier!« meinte lächelnd der Oberst. »Ich bin überzeugt, es ist nicht halb so arg gewesen, ihr Herren von der Kavallerie wollt immer was Apartes haben.« »Das paßt nicht,« erwiederte der General, indem er die rechte Hand gegen seinen Freund schüttelte. »Auch ich trug damals den Kuhfuß und marschirte in Gamaschen – auch ich bin in Arkadien geboren.« »Siehe! siehe!« sagte kopfnickend der Oberst. »Habe ich doch nie begreifen können, woher Ihr die solide Grundlage habt, die Euch vor Vielen von denen vom Steigbügel auszeichnet. – Ja, wenn man bei der Infanterie gedient hat!« – Er nickte majestätisch mit dem Kopfe und nahm dann mit großer Befriedigung einen tüchtigen Schluck aus seinem Glase. »Aber der Herr General sollte uns das doch erzählen.« »Meinetwegen,« gab dieser zur Antwort; »es ist aber nicht viel daran, erzählt nur von einem schlechten Quartier, und beweist, wie oft unbedeutende Dinge wirksam in unser Leben eingreifen. Denn bei der Einquartierungsgeschichte spielt ein abgerissener Knopf mit, der die Hauptschuld war, daß ich von der Infanterie zur Kavallerie kam und daß es mir in Folge davon später möglich wurde, den flüchtigen Franzosen tüchtig den Pelz zu waschen, und dafür das eiserne Kreuz erster Klasse zu erhalten. – Respekt sage ich euch!« »Ja, davor allerdings Respekt,« versetzte der Oberst, indem er seine Mütze ein wenig lüpfte, während sich der Lieutenant von der Artillerie mit dem feierlichsten Gesicht von der Welt bolzgerade für einen Augenblick erhob. »Danke, danke!« sagte der Husar geschmeichelt. »Jetzt sollt ihr auch meine Geschichte vom schlechten Quartier und vom abgerissenen Knopfe hören.« »Also!« – »Das war dazumal,« erzählte nun der General, »Anno so und so viel, als ich in das Militär trat, auf Befehl meines Papa seliger unter die Infanterie. Daß ich mit Leib und Seele gegen die Gamaschen und den Kuhfuß war, das könnt ihr mir glauben; aber das half Alles nichts, ich wurde einrangirt und mußte mit tiefem Schmerz dem Sattel und dem Säbel Adieu sagen, nach dem ich mich so außerordentlich gesehnt. Alle meine Bitten halfen nichts; Papa pflegte zu sagen: die Infanterie ist das Fundament des ganzen Militärstandes, es ist die solideste Waffe, und viele der größten Feldherrn aller Zeiten haben die Muskete getragen.« »General,« unterbrach ihn hier lachend der Oberst, »Euer Vater war ein sehr braver Mann; aber das Sprichwort vom Apfel und Stamme hat sich bei Euch nicht bewährt.« »Es war damals Friedenszeit,« fuhr der General mit einem leichten Achselzucken fort, »und wir mußten marschiren und exerciren, daß uns die Seele wehe that. Und das wollte damals noch mehr sagen wie jetzt. Dazu hatten wir einen Lieutenant, von dem die Leute behaupteten, er esse nichts wie spanischen Pfeffer und trinke Schuhwichse dazu; so war denn auch sein Benehmen gegen uns gallig und giftig und gleich so sah er im Gesichte aus: brennend roth auf den Backen und mit kohlschwarzen Haaren. Wir nannten ihn auch nur den Lieutenant Pfefferkorn; wie sein eigentlicher Name war, habe ich vergessen. »Nun kam es, daß wir eine andere Garnison erhielten, und, dort angekommen, da es an Kasernen fehlte, bei den Bürgern einquartiert wurden. Es war uns wind und weh dabei zu Muth, denn damals war das Einquartiertwerden kein Spaß. Heutzutage gibt man dem Soldaten ein anständiges Zimmer und verpflegt ihn ordentlich, aber zu jener Zeit – na! ihr werdet schon hören. »Ich kam also mit zwei Andern zu einem Seifensieder in eine Kammer im Zwischenstock, deren Decke so niedrig war, daß man die Bajonette abnehmen mußte, um die Gewehre in einen Winkel stellen zu können. An Möbelwerk war ein Tisch vorhanden und zwei Stühle, und das Bett bestand aus einer einzigen großen Matratze, die am Boden lag, was aber den großen Vortheil hatte, daß wir nicht hoch hinabfielen, wenn Einer des Nachts auf den Boden rollte, was häufig genug geschah. »An dem Tage, wo wir einrückten, hatten wir einen starken Marsch gemacht und waren sehr ermüdet, weßhalb wir uns auch frühzeitig niederlegten und trotz der großen Hitze, – es war gerade Sommer – bald einschliefen. »Aber die Freude war von kurzer Dauer. Mir träumte sogleich, ich sei beim Baden in einen Brennesselbusch gerathen und je mehr ich mich aus demselben losarbeiten wollte, um so tiefer kam ich hinein. – Das zwickte und brennte und stach und peinigte mich, daß ich endlich mit einem tiefen Seufzer erwachte. – Doch verließ mich mein Traum immer noch nicht; obgleich ich wohl fühlte, daß ich auf der Matratze lag, so war es mir doch immer, als hätte man die Brennesselbüsche unter und über mich gelegt. Meinen Kameraden ging es um kein Haar besser, denn als ich meinem Nachbar zurief: ›Nun, wie geht's dir?‹ antwortete dieser: ›O weh! o weh! wo sind wir hingerathen!‹ »Darauf hielten wir eine Besprechung und beschlossen, aufzustehen, um unser Lager zu untersuchen. Mit Mühe zündeten wir das Licht an, denn es gab damals nur das Husarenfeuerzeug, und schauten nach. Da sah unser Lager aus, wie ein dreitägiges Schlachtfeld, wißt ihr, wie ein Schlachtfeld, auf dem die braunen Husaren Sieger geblieben sind, denn die genirten sich hier durchaus nicht und schwärmten herum, daß es eine wahre Freude war. Ganze Schwadronen jagten aufgelöst dahin mit Flankeurs und Nachhut, und wenn man zum Beispiel das Kopfkissen aufhob, so stob es ordentlich nach allen Seiten davon.« »Hurrah! auf Husarenart!« lachte der Oberst. »Nein, nein!« entgegnete der General; »es sah eher aus wie Sandhasen. – Nun also weiter! »Auf der Matratze mochte Keiner mehr liegen bleiben; ich versichere euch, das war ein wahrer Laurentius-Rost, und wir hatten doch zu Märtyrern gar keine Geduld. Wir zogen uns also wieder nothdürftig an und beschlossen, ein wenig zum Fenster hinauszusehen, was wir denn auch thaten. Das Zimmer hatte nun auf zwei Seiten Fenster; eines stand offen und ging auf die enge, dunstige und übelriechende Straße; an dem anderen war der Laden mit ein paar Nägeln zugemacht, was aber für uns kein Hinderniß war; wir wollten doch wenigstens wissen, was wir da für eine Aussicht hätten, und eins der Bajonnette half uns hiezu, indem wir den Nagel zurückbogen und dann den Laden öffneten. »Hier sah es bei Weitem freundlicher aus, und wir blickten in einen Garten, der dicht belaubte Baumgruppen hatte, aus welchem eine angenehme, kühle, wohlriechende Luft in unser heißes Zimmer hereindrang. Das Haus, zu dem dieser Garten offenbar gehörte, stand übrigens so dicht an dem unsrigen, daß ein großes Fenster des ersten Stockes nicht drei Fuß von unserer Spelunke entfernt war. Seine Laden waren offen, und durch einen Vorhang, der drinnen herabhing, bemerkte man deutlich hellen Lichterglanz; auch hörte man Stimmen von Leuten, welche sich vergnügt und lachend unterhielten. »›Jetzt wißt ihr was,‹ sagte ich zu meinen beiden Kameraden, ›lösche Einer das Licht aus und dann setzt euch ruhig auf die beiden Stühle an das Fenster; da drüben geht's lustig her, wir wollen doch einmal sehen, ob es nicht möglich ist, irgend eine Unterhaltung anzuknüpfen, die uns von Nutzen sein kann.‹ »Nun müßt ihr wissen, daß ich in meiner Jugend eine für die damalige Zeit sehr anständige Erziehung genossen, namentlich hatte ich Musik gelernt und sang auch, daß es eine Freude war. Unternehmend war ich auch, immer zu allen möglichen Streichen aufgelegt, und so beschloß ich denn in diesem Augenblicke, ein recht sehnsüchtiges Lied loszulassen, indem ich hoffte, die Stille der Nacht würde es vielleicht an irgend ein Ohr gelangen lassen, wo es gut aufgehoben sei. »Ich ging also mit einem Liede los, das gerade damals viel Furore machte; ich weiß nicht, war es: Guter Mond, du gehst so stille, oder: Komm, mein Liebchen, komm an's Fenster; das habe ich vergessen. – Genug, ich sang wie eine Nachtigall und erlebte auch bald von meinem Gesang eine Wirkung. »Drüben am Fenster wurde der Vorhang zurückgezogen und ich konnte in das Innere des Zimmers blicken. Das war eine sehr behagliche Stube, in deren Mitte ein Tisch stand mit allerlei appetitlichen Sachen zum Abendbrod und mit Flaschen und Gläsern bedeckt. Eine Gesellschaft von fünf bis sechs Personen saß herum, ein alter, dicker, sehr gutmüthig aussehender Herr, der mit dem Kopfe hin und her wackelte und mit seinem Messer auf dem Tisch den Takt zu meinem Liede schlug. Rechts von ihm saß ein junges, sehr hübsches Mädchen, das sich kichernd an seine Schulter lehnte und mit ihren hellen Augen zu uns herüber blinzelte, vielleicht um zu entdecken, wer und wo ich eigentlich sei, – denn ich kann euch versichern, mein Gesang war nicht ohne. – Am Tische saß sonst noch eine schon ältere Frau, ein paar Herren und – was mir sehr unlieb war – der Lieutenant Pfefferkorn. »Nach der zweiten Strophe meines Liedes stand der alte Herr vom Tische auf, kam an das Fenster, öffnete es und rief heraus: ›Bravo! bravo! unbekannter Sänger! – Vortrefflich gemacht! dacapo! dacapo!‹ – Dabei bemühte er sich, mich zu erkennen, was ja aber unmöglich war; doch entdeckte er die Uniform und sprach in die Stube hinein gewendet, wahrscheinlich zu dem Lieutenant: ›Es scheint mir ein Soldat zu sein,‹ worauf Pfefferkorn augenblicklich am Fenster erschien und mit seinem harten Tone herüberrief: ›Wer hat da gesungen?‹ »›So schön gesungen,‹ sagte der alte Herr. »Ich legte mich nun ebenfalls zum Fenster hinaus und nannte meinen Namen. – ›Aha!‹ sprach der Lieutenant, ›habe mir doch gleich gedacht, daß der es sei.‹ – Nun schien ihn der alte Herr zu fragen, wer ich denn eigentlich wäre, worauf mein Vorgesetzter nur eine sehr befriedigende Antwort geben konnte, indem der Name meiner Familie immer einen guten Klang hatte. – ›Unsern Dank müssen Sie schon annehmen!‹ rief lustig der alte Herr. Und alsdann winkte er einem Bedienten, der ein paar Flaschen Wein brachte, dazu etwas kalte Küche in ein Tuch band und es nebst Brod an einem Stocke herüber bot. »Ob wir zulangten, könnt ihr euch denken, denn der Seifensieder hatte uns, was das Nachtessen anbelangt, außerordentlich kurz gehalten. – Gleich darauf erschien der Herr wieder am Fenster und diesmal mit ihm das junge hübsche Mädchen, das ihm schüchtern über die Schulter sah. – ›He! Herr Soldat,‹ rief er herüber, ›bekommen wir noch ein Lied zu hören? Wir sind große Freunde davon.‹ »›So gut es ohne Begleitung geht,‹ sagte ich. »›Also verstehen Sie auch eine Begleitung?‹ erwiderte er. »Worauf ich ihm entgegnete: ›Ein wenig das Klavier.‹ »›Das ist ja sehr charmant,‹ antwortete nun der alte Herr, und hierauf wandte er sich an den Lieutenant Pfefferkorn, dem er einige Worte sagte. Dieser zuckte anfänglich die Achseln, dann aber nickte er mit dem Kopfe, und nun lief der alte Herr wieder an's Fenster, beugte sich weit zu uns herüber und rief mir zu: ›Herr von X., ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen und lade Sie ein, bei uns ein Glas Wein annehmen zu wollen. Ihr Herr Lieutenant hat's gnädigst bewilligt. – Warten Sie, es kommt sogleich ein Bedienter, der Sie herüberführen wird. – Auf Wiedersehen also!‹ »Ihr könnt denken, daß ich hocherfreut meinen beiden Kameraden gern das uns geschenkte Nachtessen überließ. Dann zog ich meine Uniform zurecht, strich mein Haar so gut als möglich nach hinten, nachdem ich – nicht zu vergessen – ein paar saubere Schuhe und gute Gamaschen angezogen, und als nun der Bediente kam, ging ich mit ihm hinüber. »Es war das ein großes und schönes Haus, jenem kleinen freundlichen Manne, einem reichen Kaufherrn, gehörend. Wir gingen eine weite Treppe hinauf, durch mehrere Zimmer und kamen endlich in das, wo sich die Gesellschaft befand. Der Hausherr lief mir beweglich entgegen, drückte mir freundlich die Hand, nannte meinen Namen und setzte hinzu: Sohn des sehr verdienten Hauptmanns von X. Alsdann sagte er: ›Das ist meine Frau, dies meine Tochter Rosine, und das die Herren Pfiff und Pfaff.‹ – Ich habe die Namen vergessen.« »Aber den der Rosine habt Ihr behalten, alter Sünder?« sprach lachend der Oberst. »Ach ja,« fuhr der alte Husar seufzend fort, »die Rosine habe ich nicht vergessen. – Aber nun hört weiter. Ich mußte also zuerst gehörig am Abendbrode Theil nehmen und dann wurde das Klavier geöffnet und ich spielte und sang nach Herzenslust.« »Vielleicht auch Duetts?« fragte der Oberst. »Auch das; auf Ehre!« erwiederte der General. »Ein schönes Duett mit Rosine, und unsere Stimmen paßten vortrefflich zu einander. Das fanden denn auch alle Zuhörer, mit Ausnahme unseres Lieutenants Pfefferkorn, der wohl gut essen und trinken, aber weder singen noch spielen konnte. – Ach!« setzte der General nach einer kleinen Pause hinzu, »es war dies ein sehr vergnügter Abend. – Und er ging leider so schnell vorüber! – – »Nachdem ich aber in dem Hause einmal eingeführt war, bot ich meine ganze Liebenswürdigkeit auf, mich da angenehm zu machen. Ich war joli cœur durch und durch; ich erzählte von unserem Marschtage, von der früheren Garnison, auch etwas von zu Hause und kam dann zurück auf mein gegenüberliegendes Quartier, dessen schrecklichste Eigenschaften ich nur leicht vorübergehend erwähnte, umsomehr aber hervorhob, wie es so klein sei, so schwül und dumpfig und wie ich mich dort ganz unglücklich fühle.« »Darauf sprach die schöne Rosine mit ihrem Vater,« meinte laut lachend der Oberst, »und der alte Herr bot Euch ein Quartier in seinem Hause an. – O General, wir kennen das.« »Ihr kennt es aber diesmal sehr schlecht,« sprach ruhig der Erzähler; »weder die schöne Rosine noch der Papa sagte etwas, aber dessen Gemahlin, die mich, wie ich glaube, liebgewonnen hatte, meinte, es würde sich wohl noch ein Plätzchen für mich in ihrem Hause finden.« »Und das fand sich auch, unehrlicher Husar?« fragte der Oberst; »wahrscheinlich am Herzen der Tochter?« »Davon schweigt die Geschichte. – Ich habe nur versprochen, bis zum abgerissenen Knopf zu erzählen. Was darüber hinaus liegt, geht euch nichts an. – Um so beliebter ich mich nun in dem Hause zu machen wußte, um so mehr bemerkte ich, daß ich dem Lieutenant Pfefferkorn hier ein großer Stein des Anstoßes war. Er hatte sich in das hübsche Mädchen sterblich verliebt und machte ihr seine Cour, so oft das nur anging. »Eines Tages nun war ich bei Rosine im Zimmer, ich weiß nicht, wie es kam, genug wir hörten plötzlich seine Schritte, und da mir gerade in dem Augenblick Alles daran gelegen war, nicht von ihm überrascht zu werden, so verbarg ich mich hinter einem großen Vorhange. Er trat in das Zimmer, schien sehr aufgeregt, seufzte Einiges, während er bald an das Fenster ging, bald sich vor Rosine hinstellte, die sich auf einen Stuhl niedergelassen hatte. Endlich nach einigen gleichgültigen Worten brach er los, sprach von seiner unbezwinglichen Liebe gegen sie, von der Verzweiflung, die in ihm toben werde, wenn es ihm nicht gelinge, ihr Herz zu erweichen, und was dergleichen Unsinn mehr war. Das Mädchen lachte dazu, stellte sich anfänglich, als verstände sie ihn gar nicht, wollte Alles für einen Scherz nehmen, brachte ihn aber hiedurch nur noch immer mehr in Eifer, bis er zuletzt ausrief: ›Ich sehe, Sie treiben Ihren Spott mit mir, grausame Rosine; wohlan denn! wenn Sie mich nicht erhören wollen, so habe ich auf dieser Welt nichts mehr zu thun, als mir hier vor Ihren so schönen Augen den Tod zu geben.‹ – Bei diesen Worten zog er den Degen aus der Scheide und riß mit solcher Heftigkeit die Uniform auf, daß einer seiner Knöpfe davonflog, auf den Boden fiel und, da derselbe rund war, bis hinter meinen Vorhang rollte.« »Oho!« sagte der Oberst. – »Aber der Lieutenant stieß sich den Degen nicht in die Brust?« »Nein, das that er gewiß nicht; er wollte nur sehen, welche Wirkung sein Spiel auf das Mädchen hervorbrächte, und hoffte vielleicht, sie würde ihm weinend in die Arme sinken. Da aber dies nicht geschah, sie ihm vielmehr fest und ruhig erklärte, sie verböte sich ein- für allemal dergleichen Geschichten, so steckte er gelassen seinen Degen wieder ein und erhob sich aus seiner knieenden Stellung, in welcher er lange genug verharrt. – Ich war aber gleich überzeugt, daß ihn noch etwas Anderes calmirt, als die Weigerung Rosinens; er mußte nämlich, während er die Uniform aufriß, gesehen haben, daß sich der Vorhang, hinter welchem ich stand, bewegte, denn in dem Augenblick, wo er den Degen zog, machte ich mich fertig, um im Nothfalle hervorstürzen zu können, mochte auch daraus erfolgen, was da wolle. Gleichfalls hatte er auch wohl bemerkt, welche Richtung sein abgerissener Rockknopf genommen, er machte deßhalb dem Mädchen eine steife Verbeugung und wandte sich alsdann nach meinem Versteck, um, wie er sagte, wenigstens seinen Knopf wiederzuerlangen, worauf Rosine wohl etwas zu hastig empor sprang, sich an den Vorhang stellte und ihm entgegnete: sie werde es nie dulden, daß er sich in ihrem Zimmer dergleichen Freiheiten herausnehme. »Was konnte er thun? – Das Mädchen sah entschlossen genug aus, um im Nothfalle nach Hülfe zu rufen oder ihm sonst eine höchst unangenehme Scene zu bereiten. – Genug, er mußte sich zurückziehen, doch ballte er ingrimmig die Fäuste, biß die Zähne übereinander, und murmelte mit vor Zorn erstickter Stimme: ›Wertheste Demoiselle, ich werde meinen Knopf schon wiederfinden.‹« »Und er fand ihn?« rief lustig der Oberst. »Ich war damals noch ein sehr leichtsinniger Bursche,« fuhr der General achselzuckend fort; »ich hob den bewußten Rockknopf lachend auf, steckte ihn in meine Tasche und verbrachte darauf mit dem Mädchen noch eine angenehme kleine Stunde, die so – –« »Genug, genug!« meinte der Oberst; »bleibt beim Rockknopf.« »Ja,« sprach seufzend der Erzähler, »damit hatte ich Unglück. Wenige Tage nach diesem Vorfalle nämlich mußten wir ausrücken, und wie ich meine Uniform zuknöpfe, sehe ich, daß mir am Pantalon ein Knopf fehlt. Nun konnte mich nichts retten, als ein schleuniges manoeuvre de force , wozu mir der bewußte Knopf in meinem übergroßen Leichtsinn außerordentlich passend erschien. – Ihr wißt doch, was in diesem Falle manoeuvre de force heißen will? – Man macht an dem betreffenden Ort ein Loch in das Tuch, steckt das Oehr des Knopfes hindurch, durch dieses ein Hölzchen und – es ist fertig.« »Kostet jedoch drei Tage Arrest,« versetzte der Oberst. »Ich wußte mir aber nicht anders zu helfen und machte also mein manoeuvre de force . Nun hatte mich aber der Lieutenant Pfefferkorn seit jenem Tage unglaublich auf dem Strich, wo er mir was in's Zeug flicken konnte, da unterließ er es nicht. Mochten meine Waffen noch so sauber geputzt sein, er fand doch irgend einen Flecken. Und leider erging es mir an diesem Tage nicht besser. Nachdem er an meinem Anzuge äußerlich diesmal nichts gefunden, plagte ihn der Teufel, und er befahl mir, die Uniform aufzuknöpfen, um nachsehen zu können, ob auch darunter Alles in Ordnung sei. – Na, das Gesicht vergesse ich in meinem Leben nicht! ich meine, der Schlag sollte ihn treffen, als er hinschaute und mein manoeuvre de force mit seinem Rockknopf entdeckte. »Von dem, was nun folgte, will ich schweigen, und keines der Worte erwähnen, mit welchen er mich bediente. Zuerst kam ich drei Tage in Arrest und darauf wurde ich dem Hauptmann, der meinen Vater genau kannte, als unverbesserlich gemeldet und von diesem auf Anrathen des Lieutenants als gänzlich unbrauchbar nach Hause zurückgeschickt. Begreiflicherweise war dort mein Empfang kein glänzender, und erst als ich aufrichtig die ganze Geschichte erzählt, erhielt ich nicht nur Verzeihung, sondern wurde auch durch Vermittlung eines alten Onkels bei der Kavallerie placirt. Der Abschied von Rosinen war mir sehr schmerzlich, doch tröstete ich mich, so gut es ging, und auch sie hat es ebenso gemacht, wie ich später erfuhr. »So war denn mein sehnlichster Wunsch erfüllt und das hatte ich doch, wie ich Anfangs sagte, nur dem abgerissenen Knopfe zu verdanken.« Der General that einen großen Zug aus seinem Glase, und der Oberst sagte: »Das war eine ganz hübsche Geschichte. Jetzt haben wir Beide, der General und ich, etwas von unsern Erinnerungen aus der Jugendzeit erzählt, die uns Gerüche hervorgerufen.« – »Du?« fragte verwundert der General. »Nun ja, als ich vom Heuschober herunterkugelte. Es ist freilich keine Geschichte, denn es passirte da weiter nichts Interessantes. Jetzt aber möchte ich auch wohl wissen, was unserem Kameraden von der Artillerie beim Dufte der Reseda's eigentlich einfällt.« »O, das ist zu unbedeutend,« versetzte der ehemalige Lieutenant, »gewiß nicht der Mühe werth.« »Erzählt!« sagte gutmüthig der General. »Ich rieche Reseda auch für mein Leben gern; es hat so was jugendlich Frisches.« »Ach ja, das hat es,« gab der Artillerist mit einem leichten Seufzer zur Antwort. »Nun denn, laßt hören,« sprach der Oberst. »Ich kann Euch versichern, mir schmeckt der Maitrank noch einmal so gut, wenn ich was Pikantes dabei erzählen höre. – Also!« »Es ist wahrhaftig nicht der Mühe werth,« meinte der Lieutenant. »Aber wenn der Herr Oberst wünschen – »Ich wurde als wirklicher Vicebombardier bei der Fußartillerie zur reitenden versetzt. Ich halte von C., wo wir damals lagen, nach J., wo die reitende Batterie war, zwei Marschtage mit einem Nachtquartier in B. Ich mochte damals siebzehn Jahre alt sein, war ein schmales dürres Bürschlein, und als ich wegging, sagte unser Kapitain d'Armes: nun Gott sei Dank, daß der fortkommt, da brauchen wir doch keine Uniform mehr zu verhunzen, – die meinigen wurden nämlich alle ein paar Zoll eingenäht – und, fügte er hinzu, ich brauche mich bei einer Kammervisitation nicht mehr zu schämen, denn haben nicht die Beinkleider dieses Kerls – damit meinte er mich – wie ein doppeltes Degenfutteral ausgesehen! Natürlicher Weise ließ ich ihn schwätzen und zog an einem schönen Frühlingsmorgen meines Weges. Es war im Frühjahr, die gefährlichste Jahreszeit, denn die Sonne stach, das Gras schoß und die Bäume schlugen aus. Ich kam aber ungefährdet durch alle diese Dinge hindurch und freute mich einer Lerche, die eben in der Luft jubilirte und fast so lustig war wie ich selber, obgleich sie nicht wirklicher Bombardier bei der reitenden Artillerie geworden war. Den ganzen Tag über zog ich so langsam dahin, genoß Mittags eine Schüssel Milch und ein Stück Brod, schlief darauf eine Stunde in irgend einer Scheune und kam Abends nach B.; mein Quartier erhielt ich bei einem reichen Bauern, der mich freundlich empfing. Man setzte sich gerade zum Nachtessen, und die Knechte und Mägde, die nach und nach hereinkamen, betrachteten mich wie eine Art Naturmerkwürdigkeit und mochten denken, ich sei von irgend einer Zwergenbatterie, denn sie fragten mich, ob wir wirkliche Kanonen hätten mit dicken Kugeln wie die anderen und wie hoch unsere Pferde seien. Natürlicherweise warf ich mich in die Brust und brachte ihnen einen vortrefflichen Begriff bei von der Batterie Nr. 16, der ich zugetheilt war. Einer der Knechte schüttelte hartnäckig den Kopf und meinte schließlich, die Kinderwirthschaft möchte er doch mit ansehen. Doch nahm mich die Großmagd in Schutz und bemerkte ihrem Kollegen, bei der Artillerie komme es nicht darauf an, daß man ein großer und dicker Esel sei, sondern da müßte man's tüchtig im Kopf haben, und das scheine bei mir der Fall zu sein. Die Großmagd war eine der stämmigsten Personen, die ich in meinem ganzen Leben gesehen; sie war zu groß und stark, als daß sie mir damals schön vorkommen mochte, ich sah nur mit einer Art von Bewunderung zu ihr empor; sie behandelte mich vollkommen als ein Kind, und als ihr mein Stuhl beim Nachtessen zu weit abstehend erschien, schob sie mich mit demselben ganz sanft näher an die Schüssel. »Mit der Großmagd passirte mir das erste Abenteuer meines Lebens.« »Oho!« sagte der Oberst, »wir wollen nicht hoffen, daß –« »Laßt ihn doch erzählen,« versetzte der General; »es kann der Sache nichts schaden, wenn ein bißchen Interessantes hineinkommt; Jugend hat nicht Tugend.« »Dem muß ich für diesmal widersprechen,« fuhr der Erzähler fort. »Ich war wirklich zu der Zeit vollkommen tugendhaft. – Also wir hatten gegessen und nachher plauderte ich noch eine Weile am Küchenfeuer mit dem Wirth, seiner Frau, und dann wurde zu Bette kommandirt. Die Großmagd brachte mich in ein Zimmer; es waren zwei Betten darin, und sie zeigte mir das meinige; das andere wird für irgend einen Knecht sein, dachte ich, es ist viel Volk im Hause, man muß sich behelfen. So zog ich mich aus und legte mich hin, entschlief auch bald, denn ich hatte einen tüchtigen Marsch gemacht. Ich kann nicht sagen, daß mich gerade schwere Träume beunruhigt oder meine Nachtruhe sonstwie gestört worden wäre, nur einmal kam es mir vor, als habe ich die Augen geöffnet und Licht in dem Zimmer gesehen, auch die Gestalt einer Person, die sich wahrscheinlich im zweiten Bette zur Ruhe begab. Doch warf ich mich wieder auf die andere Seite und schlief weiter. »Wenn man beim Militär ist und namentlich Pferde geputzt hat, so gewöhnt man sich an's Frühaufwachen; mir ging es an diesem Morgen ebenso. Es mochte vier Uhr sein, als ich mich schon vollkommen munter befand; es war schon heller Tag und, nachdem ich zum Fenster hinaus und nach dem Wetter gesehen, fiel mein Blick auf das andere Bett; ich hatte natürlich gedacht, einer der Knechte sei mein Schlafkamerad, wie erstaunte ich aber, als ich auf einem Stuhle statt männlichen Kleidungsstücken Unterröcke, Jacken, lange Strümpfe und dergleichen erblickte.« »Aha!« machte der General, »eins, zwei, drei, aus dem Bette; hurah! auf Husarenart.« »Ich will nicht hoffen,« sagte der Oberst. »Seien Sie unbesorgt,« sprach der Erzähler weiter; »ich versichere Sie, daß das einzige Gefühl, was mich damals beschlich, nur in der Lust bestand, laut hinaus zu lachen, dazu aber kam eine kindische Neugierde und ich beschloß, mich vollkommen ruhig wie schlafend zu verhalten, um das Aufstehen gehörigermaßen mit ansehen zu können. »Eine halbe Stunde, nachdem ich erwacht war, bewegte es sich in dem andern Bette ebenfalls. Richtig! es war meine Freundin, die Großmagd. Sie hob ihren Kopf in die Höhe und blickte nach mir herüber; ich that, als wenn ich fest schliefe, und hiedurch beruhigt, machte sie ihre Toilette mit einer erschrecklichen Ungezwungenheit. Uebrigens war dieselbe bald beendigt, denn der ganze Anzug jener Bauernmädchen bestand aus Schuh und Strümpfen, aus einem Unter- und Ueberrocke, sowie einer Jacke von Zeug, die vorne zugehakt wird. Ehe nun meine Zimmernachbarin dies Manöver ausgeführt, fand ich es für gerathen, durch einiges Dehnen und Strecken, sowie einen tiefen Seufzer mein Erwachen anzukündigen. – Ich kann nicht sagen, daß das Mädchen dadurch sehr erschrocken gerade herumgefahren wäre; sie begnügte sich, mich lachend anzusehen, mit dem Kopfe zu nicken, und sagte dann: ›So, Ihr seid aufgewacht?‹ – ›Ja, ich bin aufgewacht,‹ entgegnete ich scheinbar im Tone des größten Erstaunens und riß meine Augen so weit als möglich auf. »›Nun, und was verwundert Ihr Euch denn so?‹ fragte sie lachend. »›Dazu habe ich doch alle Ursache,‹ versetzte ich. ›Ist es denn bei euch Mode, daß man Soldaten, die hier einquartirt werden, mit einer der Mägde zusammen in's Zimmer legt?‹ »›Ach! geht doch,‹ entgegnete sie, ›Soldaten, das ist was Anderes, aber Ihr! –‹ »›Nun, was bin ich denn?‹ »›Ihr seid ein Kind, wer wird sich da viel geniren; und dann hat's Euch wohl auch nichts geschadet, daß wir in einem Zimmer schliefen.‹ »›Mir freilich nicht,‹ erwiederte ich, ›aber es hätte Euch schaden können.‹ »Worauf sie aber ein so lustiges und lautes Lachen aufschlug, daß es mich ordentlich ärgerte; auch rollte sie in diesem Augenblicke ihre Hemdärmel auf und zeigte ein Paar so starke und muskulöse Arme, daß ich ihr das Gelächter verzeihen mußte. – Aber die Arme waren ziemlich weiß und das ganze Mädchen kam mir überhaupt viel hübscher vor wie gestern Abend. »Da ich nun aber einmal für ein Kind erklärt war, so spielte ich auch meine Rolle in aller Unbefangenheit fort. Ich lobte ihr Aussehen, und das schien ihr zu gefallen; ich fragte sie um ihren Namen, sie hieß Anne, ich plauderte mit ihr von allen möglichen Dingen und veranlaßte sie so, ihre Toilette langsamer zu beendigen. Endlich war dieselbe beinahe fertig bis auf die Schließung ihres Jäckchens, und ehe sie das that, steckte sie einen großen Busch Reseda hinein, den sie vorher sorgfältig aus einem Blumenscherben, der vor dem Fenster stand, gepflückt. Dann sagte ich zu ihr: ›Wenn Ihr mich also für ein Kind haltet, Anne, so könnt Ihr mir auch wohl einen Kuß geben,‹ worauf sie mich überrascht anblickte, und ich glaubte schon, sie würde es mir verweigern; doch sagte sie nach einer kleinen Pause: ›warum nicht?‹ und trat an mein Bett. Ich war damals schon pfiffig genug, kam ihr nicht einen Zoll entgegen, so daß sie sich auf mich herniederbeugen mußte.« »Aha, nun kommt der Resedaduft!« sagte lachend der General. »Sie beugte sich also zu mir herab, drückte mir ihre frischen Lippen auf den Mund, und damit der Kuß nicht gar zu kurz werden sollte, schlang ich ihr meine beiden Arme um den Hals und hielt sie einen Augenblick fest, ja sogar noch eine Sekunde länger, als der Kuß gedauert hatte, und diese Sekunde benutzte ich dazu, um ihr recht fest in die Augen zu sehen. – – Das allein konnte sie nicht ertragen, denn sie machte meine Hände mit einiger Gewalt los und sagte: ›Ach laßt doch die Narrenspossen!‹ »Uebrigens dauerte die ganze Geschichte mit dem Kuß nur wenige Sekunden, dann beendigte sie ihre Toilette und verließ lachend das Zimmer. Ich blieb noch eine halbe Stunde auf meinem Lager und überlegte bei mir, es würde gerade nicht so unpassend sein, wenn ich mir hier in dem hübsch gelegenen Dorfe und bei meinen angesehenen Wirthsleuten einen Ruhetag herausschlüge. Ich brauchte nur einige Müdigkeit zu affektiren und die Sache war abgemacht. Das that ich denn auch beim Kaffee, den wir unten gemeinschaftlich tranken und der Bauer sagte bereitwillig: »Wißt Ihr was, wenn Ihr müd seid, so bleibt heute noch da, Ihr braucht deßhalb auch nicht auf's Bürgermeisteramt zu gehen, um eine Verlängerung Eures Quartierbillets nachzusuchen; es macht mir eine Freude, wenn Ihr dableibt.« »Ich sagte nicht Ja und nicht Nein, sondern ging in den Garten, um mich draußen umzusehen. Da stand die Anne und hing Wäsche auf. ›Es gefällt mir hier,‹ sagte ich zu ihr, ›und der Bauer hat mich eingeladen, noch den heutigen Tag und die nächste Nacht hier zu bleiben; was meint Ihr dazu, Anne?‹ »›Bleibt da,‹ entgegnete sie ruhig, ohne mich anzusehen, ›mir soll es gleich sein, – auch werde ich Euch,‹ setzte sie nach einer kleinen Weile stockend hinzu, ›morgen früh nicht wieder stören, wie heute.‹ »›Wie so!‹ fragte ich überrascht. »›Weil ich heute Nachmittag auf das benachbarte Dorf zu meiner Schwester gehe, um dort ein paar Tage zu bleiben.‹ »›Ah so!‹ sagte ich unangenehm überrascht. ›Dann ist es doch wohl besser, wenn ich heute abmarschire.‹ »›Das meine ich auch,‹ entgegnete das Mädchen, ›es ist gewiß besser – so lebt denn wohl!‹ damit reichte sie mir ihre Hand und nachdem sie mich einen Augenblick mit einem eigenthümlichen Gesichtsausdrucke betrachtet und vielleicht meine Blicke bemerkt haben mochte, nahm sie ihren Resedabusch vom Busen und gab ihn mir. Ich ging in's Haus zurück, packte meine sieben Sachen, nahm von dem Bauern Abschied und zog gedankenvoll meines Weges. »Was man nicht Alles erleben kann, sagte ich zu mir selber. War ich nicht heute Nacht um ein paar Jahre älter geworden? Ja, ja, es kann nicht anders sein, denn die Anne, der ich gestern so sehr jung vorkam, hielt mich heute für kein Kind mehr.« So erzählten drei alte Soldaten aus ihrer Vergangenheit bei einem Glase Wein, und blickten dann lächelnd und einander freundlich zunickend in den vorbei fließenden Strom hinab: – zu Deutz bei Köln am Rhein. Die erste Wache. Als ich dazumal zur Batterie kam – es ist schon eine geraume Zeit her und ich war noch ein blutjunger Bursche, hatte Empfehlungen von meinem Alten selig an den Kapitän, die Beiden standen in mir unbekannten Beziehungen zu einander – da wurde ich recht gut aufgenommen, lernte auch bald das Exerciren, und als ich damit fertig war, kommandirte mich der Hauptmann, da ich eine saubere Hand schrieb, zum Feldwebel und darauf wurde ich Batterieschreiber und hatte das beste Leben von der Welt. In jener Zeit war auch die ganze Brigade mobil, und die zwölfpfündige Batterie, der ich die Ehre hatte anzugehören, lag mit ihren vielen bespannten Fahrzeugen, mit ihren Granat-, Kartätschen- und Kugelwagen, mit Bagagekarren und Feldschmiede in acht Dörfern und Höfen zerstreut, und der Stab, d.h. der Kapitän, der erste Lieutenant, Feldwebel, Doktor, Kurschmied und ich hatten unser Quartier in einem bedeutenden Bauernhofe, ganz in der Nähe der eben erwähnten acht Orte. Es war das für mich ein ungeheuer angenehmes Leben, und des Morgens früh, wenn die Anderen in Hitze und Staub zum Exerciren hinaus mußten, trank ich meinen Kaffee im Garten und ging darauf wohlgemuth in die Schreibstube – ein angenehmes, schattiges Plätzchen. Ach! an dies Zimmer denke ich noch mit Vergnügen. Es hatte kleine Fenster, vor denselben befand sich dichtes Rebenlaub, das nur hie und da einen zitternden Sonnenstrahl hereinließ. Mitten im Zimmer saß der Feldwebel und ich, und ich müßte lügen, wenn ich sagen wollte, wir hätten uns zu Tode gearbeitet; namentlich aber der Feldwebel. Das war ein sehr dicker Mann, und wenn es so recht heiß war, so hielt er sich am liebsten in der Ecke des alten Ledersopha's auf, das in der Schreibstube stand. Da blies er die Hitze von sich, wedelte mit seinem Taschentuche und versicherte, im Sommer sei es ihm absolut unmöglich, viel zu thun. Unser Batterie-Chef war der Hauptmann H. – Gott hab' ihn selig, er ist jetzt todt – ein großer, magerer Mann mit einem langen, blonden Schnurrbart, dessen Enden horizontal von seinem Gesichte abstanden und ihm ein böses, martialisches Ansehen gaben. Aber er war die gute Stunde selbst, viel zu sanft für diese Welt. Fluchen konnte er gar nicht, und das war sein Unglück, denn wie soll man mit den Kerls von einer zwölfpfündigen Batterie fertig werden, ohne jeden Tag ein paar Dutzend Millionentausend Schock Donnerwetter loszulassen? Doch bei uns wurde das Gleichgewicht durch den ersten Lieutenant hergestellt; denn was der Hauptmann in diesem Punkt zu wenig that, das that dieser zu viel. Und ein strenges Regiment war unbedingt nothwendig. Denn wenn man damals den Leuten nicht die Faust auf's Auge hielt, so waren sie aus Rand und Band. Und wie sollte man sie bestrafen? Ein solides Arrestlokal gab's gar nicht, in einem der Dörfer war freilich so ein Ding, aber es gehörte einem Bäcker, der zugleich eine Wirtschaft hatte, und da wurde von den Arrestanten mehr getrunken, als vor Gott zu verantworten war. Der erste Lieutenant, den die ganze Batterie wie das Feuer fürchtete, hatte sich nun seine eigenen Strafen erfunden. Hie und da ließ er Einen an das Geschützrad binden, die Arme rückwärts über die Felgen, und das war bei so einer Hitze ein artiges Vergnügen. Auch bestellte er wohl Einen, der sich besonders schlecht aufgeführt hatte, zum Rapport in den Stall, und dann schloß er die Thüren zu, schnallte seinen Steigbügelriemen los, und was dann weiter geschah, davon sprach kein Mensch, weder der Eine noch der Andere; aber die wildesten Kerls hatten vor dem ersten Lieutenant einen donnermäßigen Respekt. Der Bauer, dem der Hof gehörte, wo wir lagen, hatte eine sehr schöne Nichte. Man konnte nichts Lieberes sehen, als das Mädel; doch als wir erst ein paar Tage im Haus waren, da packte sie ihre Sachen zusammen, und ihr Oheim, welcher der Soldatenwirthschaft nicht traute, wollte sie zu einem Anverwandten schicken, einem Geistlichen, der gerade eine Haushälterin brauchte. Doch redete der erste Lieutenant ein vernünftiges Wort mit dem Alten, und wir Alle, die wir das muntere Ding wohl leiden konnten, versprachen uns fein säuberlich aufzuführen. Und darauf blieb sie da. Aber es wäre besser gewesen, wenn sie den Hof verlassen hätte! Da war bei der Batterie der Kurschmied, ein junger hübscher Bursche, der hatte auch etwas gelernt und wollte sich später irgendwo als Thierarzt niederlassen. Der hatte ein ernsthaftes Auge auf das Mädel geworfen, wovon ich jedoch damals keine Ahnung hatte; denn auch ich machte mich natürlicherweise daran, ihr in allen Ehren die Cour zu schneiden. Und dazu hatte ich die allerbeste Gelegenheit. Der Feldwebel bekümmerte sich im Allgemeinen um die Weiber gar nicht, und wenn ich recht fleißig für ihn schrieb, so hatte er auch wieder nichts dagegen, wenn ich manche Stunde zum Fenster hinauslauerte und mich mit der kleinen Rosa herumneckte. Da saß sie meistens unter dem Rebenlaub und besorgte die Gemüse für die Küche. Ach! wie konnte man so allerliebst mit ihr necken! Ich warf sie mit Papierkugeln und sie mich mit Erbsen, und das trieben wir so lange, bis zufälligerweise einmal eins dieser Geschosse den Feldwebel an seine dicke Nase traf. Dann mußten wir für eine Zeitlang aufhören. Ich muß gestehen, ich fing an, mich in das Mädchen auf das Heftigste zu verlieben und hatte die solidesten Absichten. Rosa hatte Vermögen, ihr gehörte ein kleines Bauerngut in der Nähe, das der Onkel für sie bewirthschaftete und von dem sich wohl leben ließ. Was mich allein genirte, das war der Kurschmied, denn so oft er keinen Dienst hatte, machte er sich an das Mädchen oder unterhielt sich mit dem Alten. Das fiel mir nach und nach auf, und ich hatte mir schon fest vorgenommen, mit ihm einmal darüber zu sprechen, denn entweder er oder ich mußte das Mädel aufgeben; das war doch natürlich. Ich konnte dabei gerade nicht behaupten, daß sie mich besonders bevorzugte, aber sie bewies mir auch keine Abneigung, wie sie es dem ersten Lieutenant that, der sich auch mit ihr zu schaffen machte, mehr als gerade nöthig war. Vor dem hatte sie eine wahre Todesangst, und wenn er auf seinem Rappen wie toll in den Hof sprengte, was er gar zu gern that, um sie zu erschrecken, da lief sie mit einem lauten Schrei davon und sah sich ganz schüchtern und ängstlich nach ihm um. Da kam ich eines Tages dazu, wie der Kurschmied mit Rosa eine heftige Unterredung hatte. Aha! dachte ich mir, jetzt wird sie ihm schon sagen, wo er her ist, und ich bin Hahn im Korbe! Ich schlich mich sachte auf die Seite, und als ich hinter einem dicken Baum ein bißchen vor nach den Beiden sah, so hatte er die Hände gefaltet und sprach heftig in sie hinein. Bald blickte er gen Himmel und biß krampfhaft die Lippen aufeinander, bald schaute er ihr in die Augen, und endlich faßte er ihre beiden Hände, und ich hörte deutlich, wie er sagte: »Rosa, das wär' mein gewisser Tod!« Sie aber hatte den Blick zu Boden geschlagen, und wenn ich mich nicht täuschte, so fielen ein paar Thränen auf ihr Halstuch. Von der Stunde an schlich der Kurschmied wie eine Katze Tag und Nacht im Hofe umher. Abends, wenn Alles zu Bette ging, war er noch auf, und die ersten Leute, die Morgens um vier Uhr in den Stall gingen, sahen ihn schon wieder, wie er um die Ecke des Gehöftes herumkam. Dabei war er, sonst so lustig und aufgeräumt, jetzt finster und mürrisch, gab Keinem ein gutes Wort, und wenn er bei Jemand vorbeikam, so knirschte er mit den Zähnen und ballte die Faust. Er dauerte mich. Offenbar hatte ihn das Mädchen wegen meiner abgewiesen; sie hatte ihm gestanden, daß sie mich über Alles liebe, und das war er nicht im Stande zu ertragen. Offen und ehrlich, wie ich immer gewesen, suchte ich ihn deßhalb eines Abends auf; ich wollte wahrhaftig so großmüthig sein und auf das Mädchen verzichten, wenn er wirklich gute Absichten auf sie habe. – Bei mir ist die Sache zweifelhaft, dachte ich, du bist noch ein junger Bursche, kannst nicht so bald heirathen. Er aber nimmt nächstens seinen Abschied, läßt sich irgendwo als Thierarzt nieder und kann eine Frau brauchen. Ich will edel sein. Das war ich denn auch. Ich zog ihn also bei Seite und sagte ihm ungefähr, was ich gedacht. Da sah er mich mit großen Augen an und lachte mir schrecklich in's Gesicht. »Ei,« sagte er, »also auch du liebst das Mädel und glaubst, ich gräme mich, weil sie dich vorzieht? Nimm mir nicht übel, aber ihr Schreiber seid doch ein ganz eigenthümliches Volk. Was nicht auf eurem Papier steht, das seht ihr nicht. Gott im Himmel! Du liebst die Rosa und kannst heiter und vergnügt sein bei all' den schrecklichen Geschichten?« »Was für Geschichten?« rief ich erschreckt. Da faßte er mich bei der Hand und preßte sie mir zusammen, daß ich vor Schmerz laut aufschrie, und sagte mit tiefer, tonloser Stimme: »Vor meinem Fenster steht ein Baum, und auf dem Baum sitzt zuweilen ein Vogel und singt allerlei Schelmenlieder. Neulich erzählte er mir von einem Mädchen, das einen Liebsten habe, der es gut mit ihr meine, und einen anderen, der sie betrügen wolle. – – – – – Und sie ließ sich betrügen. – – – – Schreiber, du hast aber nichts davon gemerkt, denn es ist bis jetzt kein Rapport darüber auf die Kanzlei gekommen.« »Ah!« sagte ich, und ich sah ihn groß an, denn ich dachte nicht anders, als er sei ein bißchen verrückt geworden. »Weißt du was,« fuhr er nach einer Pause fort, »ich laß' mich versetzen und mach' eine große Reise. Ich kann das hier nicht aushalten. Aber ich will dir was sagen: »Weißt du, wo das Schlafzimmer der Rosa ist?« Ich wußte es zufällig. »Nun gut; dem gegenüber ist unser Heuboden. Nun laß' dir einmal die Mühe nicht verdrießen und klettere ein paar Abende nach einander dort hinauf.« Damit ging er fort und an seine Geschäfte. Gott im Himmel! wie waren mir seine Worte auf's Herz gefallen! An dem Tage war ich nicht im Stande eine ordentliche Zeile zu schreiben, und einen Bericht an das Abtheilungs-Kommando überschrieb ich: »Einem verehrlichen Heuboden« und erhielt dafür eine unendliche Nase. Da kam ich eines Tages später als sonst in den Hof hinunter. Ich hatte die Rosa gestern nicht gesehen, und ich war erfreut darüber, denn wenn ich das liebe, frische, junge Mädchen sah und mir einen Sinn in die Worte des Kurschmieds brachte, dann überlief mich ein Schauder von oben bis unten. Aber mit wem konnte sie eigentlich so böse Geschichten treiben? Das war mir am unerklärlichsten. Also, wie ich in den Hof hinunter kam, standen die Kanoniere der Haubitze, welche bei uns lag, auf dem Hofe beisammen und sprächen eifrig mit einander. Der Geschützführer und die Bombardiere gingen daneben auf und ab, und der Erstere sagte: »Das kann eine böse Geschichte werden; so zwanzig Jahre Festung oder dergleichen, wenn er nicht gar am Ende erschossen wird.« Da entgegnete einer der Bombardiere: »Es ist aber noch die Frage, ob der Lieutenant es anzeigt.« Ich wollte eben auf sie zutreten, um mich zu erkundigen, worüber sie eigentlich sprächen, als der Kurschmied hinter mir die Treppe herabkam, die Unteroffiziere grüßte und gleichgültig an den Himmel hinauf sah. Er hatte, wahrscheinlich weil es ein Sonntag war, seine beste Uniform angezogen, den Säbel umgeschnallt und die Feldmütze auf dem Kopfe. »Ist denn hier was geschehen?« fragte ich ihn. »Die da drüben sagen von irgend einem Verbrechen, das begangen worden sei.« »So, die sprechen davon?« entgegnete er mir ruhig. »Ja, in der Welt geschehen allerhand Sachen. Wer kann es ändern?« Damit nahm er seinen Säbel unter den Arm, grüßte mich freundlich und schritt zum Hofe hinaus. Es war, wie gesagt, an einem Sonntag, der Bauer mit seiner Familie in der Kirche, der Hauptmann ebenfalls. Endlich kamen sie zurück, mit ihnen Rosa, frisch und gesund, aber etwas bleich. Ich hatte schon gefürchtet, er habe dem Mädel ein Leides gethan, denn er war sehr zornig auf sie und von heftiger Gemüthsart. Gleich darauf ging der erste Lieutenant zum Hauptmann, und dann kam die Ordonnanz und fragte nach dem Kurschmied. Er war vielleicht in das nächste Dorf gegangen, wo kranke Pferde waren. Sonntags war der Hof gewöhnlich sehr still, heute Nachmittag aber ausnahmsweise wie ausgestorben. Außer der Stallwache war von den Kanonieren Niemand da; die Bedienungsmannschaften hatte man nach einem der Dörfer beurlaubt, wo Kirchweihe war. Nur die Offiziere waren zurückgeblieben und Rosa, welche wie gewöhnlich unter einem Lindenbaum vor der Schreibstube saß. Sie hatte die Hände gefaltet und schaute starr vor sich hin und schrak bei dem leisesten Geräusch zusammen. Oft richtete sie ihre mit Thränen gefüllten Augen in die Höhe und blickte angelegentlich nach dem Eingang des Hofes, als ob da Jemand kommen sollte. Wie hatte sich das Mädchen seit ein paar Tagen verändert. Mir that es in der Seele weh, und ich ging hinaus, um mit ihr zu sprechen. Vielleicht schloß sie mir ihr Herz auf und nahm einen guten Rath von mir an. Ich setzte mich neben sie hin, sprach sie an; aber sie gab mir nur spärliche Antworten. Ihre Brust hob sich schwer athmend, und wenn sie oftmals in die Höhe fuhr, so wischte sie mit der Hand über die Stirne, auf welcher Schweißtropfen standen, oder strich ihr Haar heftig aus dem Gesicht. Sie schien auf's Höchste beunruhigt, irgend etwas ihr Herz zu drücken. Es war ein heißer Tag gewesen; wir saßen im Schatten, aber um uns herum brannten noch die Strahlen der untergehenden Sonne. Zahllose Mücken summten in den Blüthen der Linde. Da kam ein kleiner Bauernjunge athemlos zum offenen Eingang des Hofes hereingelaufen, und als er mich sah, stürzte er auf mich zu, schnappte nach Luft und schluckte heftig. – »Da! da!« rief er endlich, »geht hinaus – draußen auf dem Kirchhof – hinter dem Thor – da liegt der Schmied eurer Batterie – er hat sich erschossen!« – – – – Das Mädchen neben mir war zitternd aufgesprungen, und als der Bube so gesprochen, schauderte sie zusammen und sank mit einem leisen Schrei nieder. Ich fing sie in meinen Armen auf. Weiß nicht, wie es kam, aber es dauerte eine Zeitlang, bis sie sich wieder erholte, und als ich sie darauf aus meinen Armen lassen und an einen Baum lehnen wollte, blickte ich an den Fenstern in die Höhe, ob nicht Jemand da sei, den ich zur Hülfe herbeirufen könnte. Richtig! da lag auch Jemand im Fenster und blickte hohnlachend auf uns herab. Es war der erste Lieutenant, und der rief mir zu: »Ei, ei, das ist 'ne allerliebste Gruppe! der Herr Batterieschreiber machen seine Cour recht öffentlich.« Kaum hatte er aber diese Worte gesprochen, so sprang Rosa mit einem lauten Schrei empor, streckte ihre Hände wie beschwörend oder drohend in die Höhe und stürzte in's Haus. »Was hat denn das Mädchen?« rief der Lieutenant. »O, sie ist ein wenig alterirt!« entgegnete ich ihm. »Draußen auf dem Kirchhof liegt der Kurschmied erschossen; er hat es selbst gethan.« »Der Teufel!« rief der Offizier bestürzt. – – »Unbegreiflich.« »Vielleicht auch begreiflich!« entgegnete ich ihm lauter, als gerade nothwendig war. Und auf das hin fuhr er mit dem Kopf zurück und kam eiligst zu mir herab in den Hof. Er hatte den Säbel unter den Arm genommen, den Schnurrbart hoch hinaufgewichst, und biß die Lippen auf einander, was er immer that, wenn er schlecht gelaunt war. Er sah ziemlich blaß aus und fragte mich mit einer sehr unangenehmen Höflichkeit: »Darf ich Sie vielleicht fragen, Herr Schreiber, was Sie in einer Sache, die mir unbegreiflich ist, sehr begreiflich finden? He?« Was sollte ich darauf antworten? Ich zuckte die Achseln und schwieg. »Wer ist von der Mannschaft zu Hause?« fragte er. »Niemand als die zwei Offiziersburschen und ich.« »Das sind drei,« sagte er zu sich selber; »wir müssen einen Posten dort aufstellen, bis das Gericht Zeit findet, die Legal-Inspektion vorzunehmen. – In dem Fall,« sagte er laut und sonderbar lächelnd, »werden Sie es begreiflich finden, daß ich Sie zu diesem Wachtdienst mit heranziehe.« Was half alles Zornigwerden oder innerlich Raisonniren? Ich konnte nichts machen. Er gab darauf seine Befehle; im Stalle war unsere Wachtstube, und von da aus mußten wir den Posten bei dem Erschossenen beziehen. Mir gab der erste Lieutenant aus besonderer Rücksicht, wie er sagte, Numero zwei, d.h. da es jetzt neun Uhr war, wo die erste Nummer aufzog, mußte ich von Elf bis Eins, also während der Mitternachtsstunde, auf dem Kirchhofe Wache stehen. – – Schöne Kommission das! Es war eine laue Sommernacht, der Himmel leicht mit Wolken überlaufen, die hie und da einen Stern durchblitzen ließen, aber das Licht des vollen Mondes dämpften und dadurch der ganzen Natur einen ungewissen Schimmer gaben. In der Ferne an den Bergen wetterleuchtete es, und ringsumher hörte man die Stimmen unzähliger lebender Wesen, die sich nach dem heißen Tage der kühlen Nachtluft freuten. Leuchtkäfer flogen umher, in hellen blauen Funken unter dem dunkeln Laub der Gebüsche glänzend. Nachtschmetterlinge summten mit schwerem Flug vorüber, und hie und da machte eine Fledermaus ihre seltsamen Bewegungen in der Luft. Wir gingen dahin, der Kamerad, der mich aufführte und ich, bei der kleinen Kirche vorbei, und ich muß gestehen, je näher wir dem Friedhofe kamen, desto kleinere Schritte machten wir Beide. Ich hatte von jeher mit toten Leuten nie gern etwas zu thun gehabt. Und nun hier ein guter Freund, mit dem ich heute noch gesprochen, und der sich selbst das Leben genommen! – Es hatte schon eine gute Weile elf geschlagen, und am Thore des Kirchhofs kam uns die Schildwache entgegen, indem sie uns zurief: »Nun, ihr bleibt lange genug aus!« »Wo ist der – Posten?« fragte ich ihn, und mein Herz schlug schneller und stärker. »Am anderen Ende!« entgegnete er. »Kommt, ich führe Euch auf.« Und darauf gingen wir bei dem ungewissen Schein des Mondes zuerst auf einem breiteren Weg, und dann bogen wir links ab und stolperten über die Grabhügel, Baumstämme und umgestürzte Steine. Die Kreuze von Holz, die hier standen, weiß angestrichen, erschienen so eigenthümlich hell glänzend, und blickten wie verwundert auf uns Drei, die wir an dieser Stätte des Friedens in Wehr und Waffen mit gezogenen Säbeln wandelten. Endlich kamen wir an Ort und Stelle. Ich hatte schon lange dorthin gespäht, sah aber nichts, als einen großen, weißen, viereckigen Flecken auf der Erde. – – Dort lag er – man hatte eine wollene Decke über ihn geworfen. – »So,« sagte mein Kamerad, den ich ablöste, »jetzt bin ich froh, daß das vorbei ist; denn bis ich wieder aufziehe, kommt der Tag. – Brrr! – Ich wünsch' Euch gute Wache!« »'s ist doch nichts Neues hier auf Posten?« fragte ich ihn ziemlich ängstlich. »Neues nichts, was gut zu melden wäre,« entgegnete er achselzuckend. Und damit gingen die Beiden fort und ließen mich allein. Es war gut, daß sie ihn zugedeckt hatten, denn den Anblick des Kameraden hätte ich nicht ertragen. So sah man doch nichts, als die wollene Decke, in deren Mitte freilich eine unheimliche Erhöhung. Es wurde mir sehr warm unter meinem Helm, und das Lederzeug drückte mich ungemein. Nachdem ich einen Augenblick stehen geblieben war, entfernte ich mich hastig von dem Todten so weit wie möglich, und ging dann in einem außerordentlich weiten Bogen um ihn herum, konnte aber kein Auge von der unangenehmen Stelle wegwenden. Ich will nur gestehen, daß ich damals ein junger Mensch von sehr aufgeregter Phantasie war. Ich hatte viele merkwürdige Geschichten gelesen, und konnte mir leicht aus den einfachsten Dingen die sonderbarsten Bilder machen. So auch heute Abend. Daß der arme Kurschmied todt war, wußte ich ganz genau, aber wie ich so im weiten Bogen um ihn herumschritt, unablässig auf die Decke starrend, da kam es mir vor, als zucke es unter derselben und bewege sich etwas hin und her. Auch glaubte ich hie und da ein leises Geräusch zu vernehmen. Mein Haar sträubte sich empor, der Schweiß floh mir von der Stirne, und es trieb mich eine unsichtbare Macht, die Kreise um ihn immer kleiner und kleiner zu machen. Endlich berührte mein Fuß die Decke. Ich beugte mich nieder, hob sie empor und blickte auf sein zerschossenes Haupt. – – Ach, ein schrecklicher Anblick! Der konnte nicht mehr leben und sich bewegen! Ich floh entsetzt zurück und umschritt ihn abermals im weitesten Kreise. Doch es erging mir mehrmals, wie ich soeben erzählt. Immer glaubte ich, er bewege sich, und immer zwang ich mich selbst, zu ihm hinzugehen, die Decke aufzuheben und ihm in's Gesicht zu schauen, das eigentlich kein Gesicht mehr war. – Die Zeit schlich mir unendlich langsam vorüber; jede Viertelstunde däuchte mir eine Ewigkeit. Mein größter Trost war, hie und da einen Hund zu hören, der anschlug, oder den Gesang des Nachtwächters im benachbarten Dorfe. Ich hätte gar zu gerne meinen Posten auf einen Augenblick verlassen, um am anderen Ende des Kirchhofes spazieren zu gehen; aber ich fürchtete mich dann wieder, hieher zu kommen. So lange ich den Todten mit meinem Blicke bannte, konnte da nichts geschehen; aber wenn ich fortging und wiederkam, da konnte er sich langsam aufgerichtet haben und sich nach der Schildwache umschauen. – – Solch' närrische Gedanken hatte ich in jener Nacht! Aber meine Kreise machte ich immer weiter und weiter, und zuletzt setzte ich mich auf einen Grabstein, sehr entfernt von ihm und zwang mich zu ruhigerem Nachdenken. In Betreff des Mädchens schien mir Manches klar zu werden, und es war mir ein wahrer Trost, daß er auf mich nicht eifersüchtig gewesen. O, die Weiber! die Weiber! Ich bekam von da an einen wahren Abscheu vor ihnen. Der Unglückliche da vor mir mußte in Betreff der Rosa saubere Erfahrungen gemacht haben. Er war gewiß auf den Heuboden gestiegen, von wo man in ihr Schlafzimmer sehen konnte. – Doch was war das? Nein! Jetzt war es keine Täuschung mehr, wenn ich glaubte, die Decke bewege sich. Sie wurde emporgehoben; ich sah das ganz deutlich. Schaudernd sprang ich empor, faßte meinen Säbel fester in die Hand und zwang mich, gerade aus zu gehen. Es war richtig. Wo er mit dem Kopfe lag, bewegte sich etwas Weißes, und dann verschwand es wieder. Es war gerade, als wedle Jemand hie und da mit dem Taschentuch. Gott der Gerechte! der brauchte sich ja keinen Schweiß mehr abzutrocknen! – Wie mir zu Muthe war, könnt ihr euch denken! Ich eilte tief athmend und hochklopfenden Herzens an meinen Posten zurück. Jetzt hatte ich ihn erreicht. – Alles rundum still; die Decke lag da ausgebreitet wie vorhin; es bewegte sich nichts. Und doch hatte ich's vorhin so deutlich gesehen. Ich war nicht im Stande, diesen Platz zu verlassen. Wie festgebannt, konnte ich nur meine Augen bewegen, und meine Blicke irrten über ihn hinweg bis an's Ende des Kirchhofs. – Da erschien es wieder dicht an der Mauer. Da flatterte eine weiße Gestalt vom Boden auf und war im nächsten Augenblicke wieder verschwunden. Mit dem Muthe der Verzweiflung stürze ich darauf zu, mir gleichviel, ob es ein Geist sei, oder vielleicht ein Mensch, der mich necken wollte. Sein Untergang war beschlossen: todt mußte es sein! Doch auf einmal hefteten sich meine Füße am Boden fest, als ich in die Nähe der räthselhaften Erscheinung gekommen. Ich sah vor mir ein offenes Grab, und es rieselte mir eiskalt den Rücken hinunter. In demselben flatterte etwas Weißes, Gespensterhaftes auf und nieder. – »Halt! Wer da?« schrie ich so laut wie möglich, schwang meinen Säbel hoch, sprang in großen Sätzen nahe hinzu, und da sah ich – »Ein offenes, frisch gemachtes Grab und in demselben – – eine weiße Gans, die hineingefallen war, und sich nun vergeblich bemühte, da hinauszuflattern.« – – Aber mich hat niemals der Anblick einer Gans, selbst der bestgebratenen nicht, die doch eine gute Gabe Gottes ist, wieder so glücklich gemacht, als in dem Augenblicke dies harmlose Geschöpf, und ich faßte von der Zeit an eine wahre Neigung zu allen Vögeln dieses Geschlechts. Ich half ihr aus dem Loche heraus und setzte sie neben mich hin. Sie war dankbar und lief nicht davon. Wir thaten die Wache gemeinschaftlich; die Zeit verging mir da auch viel schneller und bald schlug es ein Uhr, wo ich abgelöst wurde. Dann zogen wir nach Hause, und die Gans zog mit uns. Der Kurschmied ward am andern Tage begraben, und trotzdem er ein Selbstmörder war, gab ihm doch die ganze Batterie das Geleite. Nur der erste Lieutenant fehlte. Daß er aber nicht mit hinaus gegangen, und auch vielleicht sonst noch manches Andere nahm ihm unser guter Hauptmann so übel, daß er zum erstenmal eine heftige Unterredung mit seinem ersten Lieutenant hatte, wovon die Folge war, daß sich der Letztere bald nachher zu einer anderen Batterie versetzen ließ. Was nun die Geschichte mit Rosa anbelangte, so sprach von der Batterie damals Keiner gern darüber, und der dicke Feldwebel pflegte zu sagen, das ginge so mit im Kantonnirungsleben, und die Mädels sollten gescheidter sein. Sie war verdorben und ist bald nachher auch gestorben. Kurze Zeit darauf verließen wir die Höfe und kamen nach G. in Garnison, ein Jahr nachher aber ging ich in Urlaub und konnte es nicht unterlassen, über unsere ehemalige Kantonnirung zu gehen und den Kirchhof zu besuchen. Just an der Stelle, wo er damals gelegen, war nun ihr Grab, ein kleines, weißes Kreuz, darauf stand: Rosa F., geboren den ..., gestorben den .... Sie war nur achtzehn Jahre alt geworden, und das ist doch sehr wenig für ein Mädchen, so schön, so frisch, so blühend. Ich habe sie nie vergessen können, meine erste Wache. –