Friedrich Wilhelm Hackländer Eugen Stillfried – Dritter Band Einundvierzigstes Kapitel. Erzählt von einer Entdeckungsreise, die zu einem gewünschten Resultate zu führen scheint. Dieses Essen ging nun vorüber, wie manches andere Festessen, nur mit dem Unterschiede, daß hier keine Reden gehalten, vielmehr nur den Schüsseln zugesprochen wurde. Herr Holder saß neben den Kindern des Direktors, finster und in sich gekehrt, und warf zuweilen einen mißtrauischen Blick auf die neuen Kollegen, wogegen der würdige Herr Trommler sein Möglichstes that, um dieselben, die an seiner Seite saßen, auf's Beste zu unterhalten. Von dem Herrn Hannibal können wir nicht verschweigen, daß er – wahrscheinlich unbewußt – an der Seite der Schwägerin des Schauspieldirektors (sie hieß Thusnelde) niedergesessen war und sich dort sehr wohl zu befinden schien; wenigstens war ihm dieser zweite Akt seines neu begonnenen Künstlerdrama's nicht minder angenehm, als der eben vorübergegangene erste; denn hatte er droben fleißig mit Hammer und Säge gearbeitet, so that er jetzt hier unten mit Messer und Gabel deßgleichen, und fand dabei noch vollkommen Zeit, seine Nachbarin von der Seite anzusehen, die ihm häufig etwas zuflüsterte. Auch brachte er es in Folge dieser Zuflüsterungen zuweilen zu einem Lächeln; doch kam dies nicht häufig vor, denn die großen Bissen, mit denen er sich versah, drückten sein Gesicht so in die Breite, daß er trotz übergroßer Anstrengung nur selten im Stande war, obendrein auch noch zu lachen. Daß der Reiz des Lebens in Abwechslung besteht, wußte auch der Schauspieldirektor; deßhalb arangirte er dieses heitere Familienfest nach der harten Arbeit droben, und um diesem Grundsatze treu zu bleiben, übergab er nach dem Diner dem Herrn Wellen, dem Herrn Müller und dem Herrn Hannibal jedem ein Paket alter vergilbter Papiere. Das waren Rollen zu verschiedenen Schau-, Trauer- und Lustspielen, womit sich diese drei Herren in den nächsten Tagen vertraut zu machen hatten. Als nun die Tafel aufgehoben und die Gesellschaft auseinander gegangen war, Jedes seinem Geschäfte nach, verließen Eugen und der lustige Rath das Wirthshaus zur wilden Rose, um dem Schlosse droben in der Höhe einen Besuch abzustatten. Sie gingen durch das Dorf, bei der alten Kirche vorbei; dort, hatte Eugen ganz richtig vermuthet, müsse ein Fußweg auf die Höhe führen. Da lag die kleine Kirche so still und friedlich inmitten des von Mauern eingefaßten Friedhofes, und die warme Sonne umschlang so freundlich und herzlich die alten Mauern, drang so unwiderstehlich durch die langen, schmalen, vergitterten Fenster, daß das alte Gebäude unter diesen warmen Küssen ordentlich aufzuleben schien. Es war so still hier zwischen den Gräbern, so feierlich selbst außerhalb der Kirche, daß unsere Freunde mit abgezogenem Hute durch das kleine Thor schritten. Der Friedhof schien nicht mehr zu dem, was er war, benutzt zu werden; da war kein frisch aufgeworfenes Grab, wo die schwarze Erde aussah, als sei sie feucht von Thränen, hier war Alles bedeckt mit einem mitleidigen Rasen, einem vielfarbigen Blumenteppiche, den die freundliche Natur über diejenigen von ihren Kindern deckte, die den Mühen dieser Welt erlegen waren und sich vertrauensvoll in ihren Schooß geflüchtet hatten. Die alte niedrige Mauer war mit Grabsteinen bedeckt, von denen die meisten mit ganz geharnischten Ritterfiguren, oder mit Damen in dicken Halskrausen und langen, steifen Schnürleibern, oder auch mit Helm und Wappen von einer längst vergangenen Zeit erzählten, von alten Geschlechtern, die droben auf dem Schlosse eines nach dem andern gehaust, und die dann von der glänzenden Höhe ihres Berges und ihrer Stellung im Leben herabsteigen mußten in den engen Raum der kleinen Dorfkirche. Wie schön waren die zwei kleinen Thore an beiden Seiten des Friedhofes! Ein flacher Bogen bedeckte jedes, und in dem Schlußstein war das Wappen der gräflichen Familie da droben eingemeißelt. Doch war die unnachsichtige Hand der Zeit darüber hingefahren und hatte die Linien dieses Wappens verwischt, und es kostete Mühe, aus den wenig übrig gebliebenen die Formen des Helms und des Wappenschildes heraus zu bringen. Auch der Epheu, der neben diesen Thoren an der Mauer lustig emporwucherte, hatte seine langen, faserigen Wurzeln in Zeichen und Schrift eingedrängt, Beides beschattend, und wenn man davor trat, um Worte oder Buchstaben zu entziffern, so schüttelten sich die Blätter lachend im sanften Winde, als wollten sie sagen: Gebt euch keine Mühe mit den alten, moderigen Steinen, betrachtet uns lieber und denkt an euer eigenes Leben, das noch wie wir, frisch und grün vom Glanz der Sonne beschienen wird. – So denkt der Epheu, und deßhalb hält er sich auch so gern an alten Mauern und Kirchhöfen auf, als Gegensatz zu diesen ein freundliches »Wir leben!« wir leben neben den trüben Zeichen der Vergänglichkeit. Hinter dem Kirchhofe führte der Weg aufwärts in die Berge, eine Zeit lang bei jener Mauer vorbei, welche die Freunde heute Morgen aus ihrem Fenster gesehen. Es war ein schmaler, wenig betretener Fußpfad, den die Kräuter, Blumen und Sträucher, welche unter dem Schutze der Mauer wuchsen, dem Menschen beständig streitig machten. Oft, wenn in der Länge der Zeit ein dichter Hollunderbusch empor gewachsen war, zu dessen Füßen sich Gräser und Moose angesetzt, hatten sich diese hie und da so weit vorgeschoben, daß sich der Weg einen großen Bogen zu machen genöthigt sah. »Kommt dir das nicht alles so heimlich und bekannt vor?« sagte Eugen zu seinem Freunde; »mir ist es gerade, als sei ich hier schon gewesen, als habe ich namentlich diesen Weg der Mauer entlang schon hundert Mal gemacht.« »Ja, ja,« entgegnete Herr Sidel, »es geht einem zuweilen so. Hier ist das nun eigentlich kein Wunder, denn das alte Kirchlein da unten hat so viel Aehnlichkeit mit anderen, wo wir schon waren, und auch das Gemäuer, neben dem wir wirklich dahergehen. Erinnere dich, es befindet sich etwas so sehr Aehnliches in E., daß man wohl die beiden Orte mit einander verwechseln und glauben kann, man wäre hier schon gewesen, während einem doch nur das Andere vorschwebt.« »Ganz recht! dies mag hier der Fall sein; aber dir ist es gewiß auch schon im Leben begegnet, daß du Städte, Gegenden, wo du niemals gewesen, nun auf einmal auf deinen Reisen vor dir siehst und du dir plötzlich befremdet sagen mußt: das ist mir nicht unbekannt, das habe ich alles schon einmal gesehen.« »Vielleicht in Abbildungen,« meinte Herr Sidel. »O nein, gewiß nicht!« fuhr Eugen fort. »Abbildungen zeigen dir nur eine einzige Seite, und wenn du nicht gerade auf den Punkt kommst, von wo man sie aufgenommen, so erkennst du meistens das Original nicht wieder, und dann ist die Kenntniß, welche du auf jene mir unbegreifliche Art von fremden Städten und Gegenden erhältst, eine so wahre, eigentlich möchte ich sagen erschreckend genaue. Wenn du mich nach deiner löblichen Gewohnheit nicht auslachen willst, so möchte ich dir eingestehen, daß ich zuweilen im Traum glaube, solche Städte, solche Orte gesehen zu haben, die ich also nun später in der Wirklichkeit so plötzlich wieder erkenne.« »Ich gebe das zu,« versetzte der lustige Rath, »obschon mir dergleichen noch nicht vorgekommen ist.« »Du wirst sehen, daß sich das, was ich dir vorhin sagte, droben bei dem Schlosse, ja sogar bei dem Wege, der dahin führt, vollkommen bestätigen muß.« – Bei diesen Worten war Eugen stehen geblieben und blickte seinen Freund lächelnd an. – »Da vor uns,« fuhr er fort, »siehst du jenes alte, halb verfallene Thürmchen; dort scheint der Weg, auf dem wir eben gehen, zu verschwinden. Obgleich ich nun, wie du selber weißt, niemals hier in dieser Gegend war, so will ich dir doch genau beschreiben, wie und auf welche Art jener Weg von dem Thurm an weiter geführt ist.« »Darauf wäre ich begierig,« meinte der lustige Rath. »So höre mich an,« sagte Eugen. »Dort links hinter dem Thurme fällt der Weg plötzlich, statt wie bis jetzt zu steigen. Wir gehen abwärts bis zu einem schattigen Grunde, dicht mit großen Bäumen bewachsen. Es ist dort ein Wasser, nur weiß ich nicht, ob ein kleiner Bach oder ein Teich oder nur eine laufende Quelle; von dort steigt der Weg wieder und wendet sich auf der anderen Seite um den Berg bis zum Schlosse empor.« »Wenn dem so ist,« bemerkte lachend Herr Sidel, »so bekomme ich einen ungeheueren Respekt vor dir und werde dir, einem Hellseher und Propheten, meine vollste Achtung nicht versagen.« »Deine Ungläubigkeit ist bekannt, mein edler Thomas,« sprach Eugen ebenfalls lachend. »Aber viel lieber, als deine übergroße Achtung, wäre mir eine kleine Wette, die wir um den fraglichen Gegenstand eingehen könnten.« »Wozu das?« meinte Herr Sidel, »du würdest von mir doch dein eigenes Geld gewinnen. Aber sage mir, wenn du wirklich auf übernatürliche Weise Kenntniß von dem Weg und dem Schlosse erlangt hast, werden wir droben jene Kapelle finden oder nicht?« »Wir werden sie finden,« sagte Eugen fest und bestimmt. Und da sie nun an dem kleinen Thurme angelangt waren, so sprang Eugen bei diesen Worten über das zerbröckelte Mauerwerk, um einen Blick in das Thal zu gewinnen. Der lustige Rath, der ihm gefolgt war, konnte nicht umhin, ehe er ein Gleiches that, auf die Fortsetzung des schmalen Weges zu blicken, auf dem sie hieher gekommen und der sich nun hart am Fuße des Thurmes herum wand. Ja, es war so, wie Eugen gesagt. Dort senkte sich der Weg hinab zu einem schattigen Grunde, der mit hochstämmigen Bäumen bewachsen war. Der lustige Rath trat kopfschüttelnd und lächelnd an die Seite seines Freundes. Eugen blickte in das Thal hinab, das sich weit, weit hinaus, rechts von ihnen, mit dem flachen Lande zu vereinigen schien. Die beiden Höhenzüge – der, auf welchem das Schloß stand, und der andere, von dem sie gestern Abend herabgestiegen waren – liefen jenseits des Dorfes auseinander und verflachten scheinbar wenige Stunden von da. Es mußte ein fruchtbares Land sein, das Thal zwischen diesen beiden Höhenzügen. Da erblickte man große Strecken mit Kornfeldern und unendliche Wiesen, auf welchen man hier, wie aus der Vogelperspektive, das zwerghafte Treiben der Menschen sah, wie sie mit Pferd und Wagen hinauszogen, wie sie hier Haufen des duftigen Heues zusammen trugen, dort das frische Gras erst niedermähten. Die letztere Arbeit konnte man deutlich erkennen an dem Blitzen der Sensen, wenn sie so gehalten wurden, daß ein Sonnenstrahl darauf fiel. Zu ihren Füßen lag die Kirche und das Dorf, und sie sahen es wie heute Morgen, nur von einer anderen Seite; aber es war durch die Gleichheit der Dächer und der Schornsteine fast ganz dieselbe Ansicht. Dort war auch das Wirthshaus, die wilde Rose, von der Sonne hell beschienen, welche lustig in den vielen Fenstern glänzte. Auf der Terrasse sah man Leute, und die Frau Rosel saß vor der Hausthüre. * Eine Entdeckungsreise. »Siehst du dort den Weg, wie ich ihn dir beschrieben?« rief Eugen, als er nun wieder herabgestiegen war. »Gib nur Achtung, es trifft Alles genau zu, wie ich dir gesagt.« »Ich muß dich in der That bewundern,« entgegnete Herr Sidel mit vielem Ernste; »und sowie wir dort in jenem kühlen Grunde die mächtige Eiche erreicht haben, werde ich mich bemühen, einige Zweige davon abzubrechen, um dir, wie es in alten Zeiten der Brauch war, den wohlverdienten Seherkranz zu winden.« So gingen sie mit einander fort, und es war in der That so, wie Eugen vorausgesagt. Zuerst führte der Weg sie abwärts zu jenem kleinen Thale, wo unter uralten Buchen und Eichen eine kleine Quelle aus den Felsen hervorrieselte und, abwärts eilend, zwischen dem dunkelgrünen feuchten Moose, zwischen den Farrenkräutern und Wasserpflanzen verschwand. Dann wandte sich der Pfad um den Berg herum, und nachdem sie hierauf eine gute halbe Stunde empor gestiegen waren, sahen sie das Schloß dicht über sich und vor sich liegen. Der Weg führte sie zu einer kleinen Pforte, welche bis vor eine vorgeschobene, tiefer liegende Terrasse ging. Diese Pforte stand offen, und auf einer steinernen Treppe hinter derselben gelangten sie auf die Höhe jener Terrasse. Hier war Alles sorgfältig gehegt und gepflegt und auf's Beste erhalten. Feiner Sand bedeckte den Boden; neben zierlich angelegten Blumenbeeten wuchsen hohe Waldbäume, um deren Stämme Ruheplätze angebracht waren, und Alles hier zeigte eine schaffende, ordnende Hand. An einer zweiten, höher liegenden Terrasse, die an diese stieß, wuchsen Epheu, wilde Reben und Schlingrosen, und die verschiedenen Aeste und Zweige dieser Pflanzen waren künstlich geordnet und befestigt. Zur zweiten Terrasse führte eine ähnliche Treppe wie zur ersten, und da die beiden Freunde Niemanden fanden, der ihnen den Eintritt verwehrt hätte, auch die kleine Pforte hier ebenfalls offen stand, so stiegen sie hinauf und sahen nun einen Theil des Schlosses vor sich liegen. Die Terrasse hier war ebenso angelegt, wie die untere, nur daß die hohen Bäume, welche die Aussicht benommen hätten, fehlten, und statt derselben zwischen Blumenbeeten und Gestellen mit duftigen Topfpflanzen überall kleine Partieen der seltensten und mannigfaltigsten Gesträuche waren, zwischen denen sich der Weg hindurch wand. Das Schloß erschien auch hier als ein stattliches und gewaltiges Gebäude; doch war man zu nahe, um auch nur einen Theil desselben genau übersehen zu können. Hier lag vor dem Blick ein Theil des Gebäudes neben dem anderen, und eines erhob sich wieder über dem anderen. Da waren flache Dächer mit Terrassen und Zinnen neben hohen Giebeln, und zwischen zwei schlanken Thürmen wölbte sich ein gothischer Bogen, der offenbar einem dahinter liegenden Zimmer zum Balkon diente. Eine schwere Steinbalustrade schloß den Bogen von vorn, und hier sah man die ersten Zeichen, daß das Schloß bewohnt sei. Auf diesem Balkon befand sich ein Blumentisch mit zierlichen blühenden Gesträuchen, daneben stand ein kleiner Tisch mit einem Lehnsessel, auf der Balustrade selbst lag ein Buch, und neben demselben hing ein Damenshawl herab in röthlicher Farbe, was zwischen den grauen, gewaltigen Steinmassen dem Auge angenehm und wohlthuend erschien. »Jetzt müssen wir Achtung geben,« sagte der lustige Rath, »und auf jeden Fall mit der Hand bereit sein, nach unseren Hüten zu fahren; denn ich bin fest überzeugt, im nächsten Augenblicke wird uns irgend ein knurrender oder murrender Cerberus in den Weg springen und uns fragen, warum wir uns zur Hinterpforte hereingeschlichen, statt den Haupteingang zu wählen, wie es anständige Fremde sonst zu thun pflegen.« »Die Beantwortung einer solchen Frage,« entgegnete Eugen, »scheint mir sehr leicht zu sein; wir mieden den hellen, sonnenbeschienenen Fahrweg, wir schwangen uns durch der Wälder Dickicht hinauf, und als uns an der Hinterpforte kein »verbotener Eingang« entgegen glänzte, so traten wir unangemeldet ein. Aber es ist doch merkwürdig, was das Schloß öde und leer erscheint, und was dagegen Alles gut erhalten aussieht, so wohnlich, wie ich noch nie ein solches Gebäude erblickte. – Sieh die Fenster mit ihren ungeheueren Scheiben, alle die kunstreichen Gitter am unteren Stockwerk unverletzt, da fehlt kein Blatt, kein Schnörkel. Dann die Zinnen auf den Mauern: Alles gut erhalten; ebenso die Dächer mit ihren phantastischen Rinnen, aus welchen fabelhafte Ungethüme aller Art das Regenwasser speien; vor allen Dingen aber die zierlichen Terrassen. Ich sah nie etwas Lieblicheres und Angenehmeres, als namentlich die untere mit ihren dicken, schattigen Bäumen.« Der Weg, den beide Freunde unter diesen Worten verfolgten, führte um einen runden Eckthurm herum, der am Ende der Terrasse zu stehen schien; und so war es denn auch. Die Schutzmauer der letzteren stieß hinter dem Thurme an das Mauerwerk, sich auf diese Art abschließend, und ließ nur Platz zu einem kleinen Thore, das zwischen Thurm und Mauer durch einen breiten und dunkeln Bogen in das Innere des Schloßhofes führte. Derselbe war mit breiten Steinen gepflastert, und von dem großen Thore, welches die Beiden zur Rechten liegen sahen, führte ein breiter, mit Kies bedeckter Weg nach dem gegenüber liegenden Haupteingange. In der Mitte des Weges und des Schloßhofes war ein runder Platz, der offenbar die Bestimmung hatte, den Equipagen zum Ausweichen zu dienen. In der Mitte desselben erhob sich ein marmorner Brunnen mit zwei übereinander liegenden Schalen, deren oberste einen kleinen Wasserstrahl in die Höhe sandte. Dieser Brunnen mit seinem murmelnden, plätschernden Wasser belebte den Hof auf die angenehmste Weise. Um das Marmorbassin herum standen Sträucher und Blumen, ebenso wie an allen Thüren, die in den Hof mündeten, was den vier grauen hohen Steinmauern ein äußerst angenehmes und freundliches Ansehen gab. Fenster sah man keine hier heraus, wohl aber zwei Reihen sehr kunstreicher Arkaden, welche um alle vier Mauern herum liefen und den ersten und zweiten Stock zu bezeichnen schienen, auch zugleich für die Zimmer derselben als Verbindungsgänge dienten. An einer der Thüren, links von dem kleinen Thore, durch welches die beiden Freunde eingetreten waren, bemerkten sie nun die ersten lebendigen Wesen. Das war ein Reitpferd, ein Jagdhund, ein Stallknecht und ein alter Herr, welche, jedes auf seine Art, beschäftigt waren. Der Hund spitzte die Ohren und sah die Eintretenden überrascht und neugierig an, das Pferd wandte den Kopf mit einem leisen Wiehern herum, wahrscheinlich nach den Ställen, wo sich seine Kameraden befanden. Der Knecht hielt es am Zügel und mochte dem alten Herrn etwas gesagt haben, welcher ihn aber nicht zu hören schien, indem er in diesem Augenblicke die beiden Fremden ansah, die so plötzlich durch das Thor und vor seinen Blick traten. Eugen trat auf den alten Herrn zu, nahm freundlich grüßend seinen Hut ab und bat um Entschuldigung, so ohne Erlaubniß eingetreten zu sein. »Mein Freund und ich,« sagte er, »haben, wie es scheint, den Hauptweg zum Schlosse verfehlt, und erlaubten uns, zu der Hinterthüre einzutreten. Jetzt aber, da wir einmal oben sind, bitte ich, uns gestatten zu wollen, dieses schöne Schloß und seine Umgebungen etwas näher zu betrachten.« Der alte Herr, der, dem Aeußern nach zu urtheilen, ein Verwalter oder Rentamtmann sein mußte, blickte die beiden Fremden mit klaren, freundlichen Augen fest an; dann zog er eine Sammtkappe von grüner Farbe, die er auf dem Kopfe hatte, höflich grüßend herunter und erwiderte, es mache ihm ein außerordentliches Vergnügen, ihnen diese Erlaubniß zu ertheilen, und wenn sie später auch das Innere des Schlosses zu sehen wünschten, bäte er nur, sich diese Thüre zu merken, hinter welcher sie zur Linken im Korridor sein Arbeitszimmer finden würden. Der alte Herr hatte etwas so außerordentlich Angenehmes und Vertrauliches in seinem Wesen, sein Haupt war mit schneeweißem Haar bedeckt, und nachdem er die eben angedeuteten Worte gesagt, grüßte er nochmals auf eine liebenswürdige, herzliche Art. Eugen und der lustige Rath schritten quer über den Hof dem Haupteingange zu, und als der Erstere sich nicht enthalten konnte, – er wußte selbst nicht, warum – nochmals nach dem alten Herrn umzuschauen, sah er, wie dieser noch an der Thüre stand und den beiden jungen Leuten ebenfalls nachzublicken schien. Hatten diese auf jenen beiden Terrassen die freundliche, heitere, der Sonne zugekehrte Seite des Schlosses gesehen, so bemerkten sie jetzt, nachdem sie das Hauptthor hinter sich hatten, die nördliche, ernste und gewaltige. Hier war ein tiefer Graben in den Felsen gesprengt, über welchem an schweren Ketten die Zugbrücke hing. Die dicken Mauern und Thürme neben dem Thore, über welchem in Stein gehauen ein riesiges Wappen zu sehen war, lagen im tiefsten Schatten; um so reizender aber war von hier aus der Blick in das sonnenbeschienene, helle und glänzende Thal zu ihren Füßen. Die beiden setzten sich einen Augenblick auf das Geländer der Brücke und verloren sich so recht im Anschauen des lieblichen Bildes. Das Dörfchen Schloßfelden war von diesem Punkte aus kaum sichtbar; nur der Kirchthurm ragte empor, und ein paar von den letzten Häusern, sowie das Wirthshaus zur wilden Rose; aber was man von dem Dorfe auch sah, lag ebenfalls im Schatten, dunkel, in tiefe Farbentöne getaucht, aber duftig am Fuße der gegenüber liegenden Bergwand, deren obere Theile jetzt von der Sonne hell beschienen wurden. Aus den Häusern drunten stieg hie und da Rauch auf, der tief unten violett gefärbt erschien, dann immer heller wurde und zuletzt, wie er das Sonnenlicht erreicht, glühend und durchsichtig erschien. Zweiundvierzigstes Kapitel. Glaube, Liebe, Hoffnung. Nachdem die beiden Freunde eine Zeit lang dort hinab geblickt, schritten sie über die Brücke hinweg, und Eugen wandte sich am Ende derselben links, einem Platze zu, der an der äußern Ringmauer des Schlosses zu liegen schien und wo viele uralten Buchen und Eichen standen. »Dort hinten liegt die Kapelle,« sagte er lächelnd zu Herrn Sidel, der ihm schweigend folgte. »Ich bin nun fest überzeugt, daß wir wirklich auf jenem Platze sind, von welchem der Doktor Wellen damals so anziehend erzählte. Auch jener alte Herr kam mir so bekannt vor. Glaube mir, es ist derselbe, der mit in jene Geschichte verwickelt ist.« »Ich muß gestehen,« entgegnete Herr Sidel, »daß ich es nicht mehr wage, an deiner prophetischen Gabe zu zweifeln, ja ich glaube, du hast mich angesteckt, denn ich weiß nicht, woher es kommt, aber diese gewaltigen Mauern, diese alten schattigen Bäume, das alles heimelt mich jetzt ebenfalls auf eine unbegreifliche Weise an.« »Ah,« sprach Eugen, indem er plötzlich stehen blieb, »wie das prächtig ist!« »Und dort ist auch in der That die Kapelle,« sagte ernst Herr Sidel. Da lag wirklich ein Kirchlein vor ihnen, hinaus gebaut auf die äußerste Spitze des Felsens – so schien es wenigstens. Doch lief die Mauer noch so weit hinter dem Chore herum, daß man einen prächtigen Ruheplatz dort angebracht hatte; aber von dem Punkte aus, wo die beiden Freunde standen, schien es, wie gesagt, als stehe die Kapelle dicht am Abhange. Die Buchen und Eichen, welche hier stolz empor wuchsen, hatten sie bis jetzt den Blicken entzogen und breiteten auch vor ihr ein dichtes undurchdringliches Schattendach aus, durch welches die Sonne nur mit einzelnen blitzenden Streiflichtern zu dringen vermochte. Desto liebevoller und glänzender aber umschlang das Licht das Chor der kleinen Kirche, drang durch die Fenster desselben ein, erfüllte sie mit Glanz und Pracht, so daß man glauben konnte, wenn man so davor stund und die Fenster röthlich hell erleuchtet sah, es werde dort ein Amt gehalten, und der Weihrauch dufte im Schimmer von Tausenden von Kerzen. »Mich beschleicht ein eigenthümliches Gefühl,« sagte Eugen, als sie nun näher schritten; »und jene Erzählung tritt so lebendig und gewaltig vor mich hin, daß ich mich ordentlich fürchte, die Kirchthüre zu öffnen, um alles das zu finden, von dem ich überzeugt bin, daß es wirklich da ist.« »Wenn die Thüre wirklich zu öffnen ist,« bemerkte der praktische Herr Sidel; »aber ich befürchte fast, wir werden den alten Herrn in seinem Arbeitszimmer inkommodiren müssen. Doch nein, sie ist offen; jetzt bin ich auch wirklich begierig darauf, was wir hier finden.« Die Thüre der Kapelle war unverschlossen, und Eugen öffnete sie und drückte sie weit auf. Sie traten ein. Da lag das Schiff der kleinen Kirche, hoch gewölbt, von schlanken Säulen getragen, lichterfüllt und glänzend vor ihnen namentlich das Chor derselben, dessen hohe, schmale Fenster auf die freie Gegend hinaus gingen und durch deren bunte, vielfarbige Scheiben das volle Sonnenlicht hereindrang und eben durch diese vielen Farben einen unaussprechlich angenehmen röthlichen Ton bildete. Ja, Eugen hatte richtig geahnet: das Wirthshaus zur wilden Rose war dasselbe, von dem jener Freiwillige in der Nacht von Pavia erzählt; dieses Schloß war dasselbe, das für ihn so glücklich und unglücklich gewesen war; und diese Kapelle war es, wo er mit Meisterhand seine Gebilde aufgebaut. Dort stand das Werk im Chor der Kirche, aus weißem Marmor gehauen; die Hauptfigur war eine Mädchengestalt: der Glaube, welche sich mit einem Arme auf die Hoffnung stützte, mit dem anderen die Liebe empor hielt, die gerade im Begriffe war, den Deckel des Sarkophages zu öffnen. – Keiner der beiden Freunde vermochte ein Wort zu sprechen. Ihnen war der gegenwärtige Moment wahrhaft feierlich; Beide fühlten sich in eine fromme, kirchliche Stimmung versetzt, wie vordem noch nie. War es die Erinnerung an jene rührende Geschichte, die mit diesem Werke zusammen hing, war es die unendliche Schönheit desselben, was ihr Herz erfüllte? Genug, Keiner der Beiden fand Worte, sich gegen den Anderen auszusprechen, Eugen ließ sich in einen kleinen Betstuhl nieder und blickte die drei lieblichen Mädchenfiguren mit gefalteten Händen an, wogegen Herr Sidel, der selbst in seinen gefühlvollsten Augenblicken die praktische Seite des Lebens nicht aus dem Gesichte verlor, sich stillschweigend zu der kleinen Orgel hinauf begab, welche gegenüber dem Chore angebracht war. Wenn auch die drei Figuren des Werkes gleich edel und schön gedacht, sowie mit derselben Meisterschaft ausgeführt waren, so waren doch die Köpfe derselben unendlich verschieden. Der Glaube war ein Gesicht voll Ernst und Würde, streng, gewaltig, wie er sein soll, mit edlem kräftigem Ausdruck, zu welchem vertrauensvoll aufzublicken der arme Sterbliche schon im Stande ist. Wie innig und rührend umstanden aber hier in diesem Bilde Liebe und Hoffnung diesen Glauben! wie war auch der Ausdruck so unendlich mild und schön, mit welchem die Liebe empor blickte! Ja, dieses Gesicht aufzufinden und so darzustellen, wie es hier geschehen, darin hatte der Künstler seine ganze Meisterschaft bewährt. Die Züge, obgleich für Eugen völlig fremd, hatten doch etwas unsäglich Bekanntes für ihn. Noch nie hatte ihn etwas so angesprochen, wie dieses Gesicht; ihm hätte er unbedingt vertrauen können, ihm hätte er sein volles Herz ausschütten mögen, wie noch vordem keinem menschlichen Wesen. – Und das that er auch. Während er so in dem kleinen Betstuhle mit gefalteten Händen saß, da klagte er ihr – der Liebe – ohne Worte auszusprechen, von seiner freudelosen Jugend und allem dem, was ihn vom Vaterhause vertrieben, von seinem unglückseligen Verhältnis mit seiner Mutter; und dann sagte er ihr ferner, wie er so Niemanden auf der ganzen weiten Welt habe, als jenes Mädchen, das er liebe, und fragte zugleich, ob er sie lieben dürfe, ob er gegen den Willen seiner Mutter jenes Herz das seinige zu nennen berechtigt sei, ob die Mutter ihn dereinst noch segnen werde, als ihren Sohn mit offenen Armen empfangen, wenn er, wie er denn nicht anders könne, an der Hand jenes Mädchens vor sie hintrete. Das stumme Marmorbild gab auf all diese Fragen keine Antwort; aber es blickte fortwährend mit dem unaussprechlich rührenden Ausdruck den Glauben an und reichte der Hoffnung die Hand, als wolle es sagen: Glaube und hoffe! Auch waren seine Züge wie belebt; denn das Sonnenlicht, welches drüben durch eine rothe Scheibe herein fiel, warf so glänzende Farben auf den Marmorkopf, daß es die todten Züge ordentlich zu beleben schien. – Eugen war mit dem Gesichte auf das Betpult niedergesunken; da zitterten oben von der Wölbung der Kirche herab ernste, feierliche Orgelklänge, zuerst in rührender Klage, dann in einer lieblichen tröstenden Melodie, und die Töne, die ganz leise anfingen, schwollen jetzt gewaltig an und sangen von glücklichen, frohen Tagen, wenn die Nacht der Prüfung vorbei sei, und wurden immer lauter und lebhafter, und jubilirten und schmetterten endlich fröhlich durch einander. Eugen lag eine lange Zeit, das Gesicht auf seine Hände gedrückt, und er fühlte, wie die letzteren feucht von seinen Thränen wurden; aber unendlich wohlthuend und beruhigend drangen die Orgeltöne in sein Herz, und es begann ruhiger zu schlagen, und folgte der Liebe, indem es dabei glaubte und hoffte. Langsam richtete er sich wieder empor, und wie er nun zufällig neben sich blickte, wo an der Seite des Chores eine andere kleine Thüre in's Freie führte, fuhr er entsetzt und erstaunt in die Höhe, faßte an seine Stirn und glaubte zu träumen. – Waren die beiden Marmorfiguren, die Liebe und die Hoffnung von ihrem Gestelle herabgestiegen, oder hatten sich zwei überirdische Wesen dieser Hüllen bedient und sich dem erstaunten Blicke des jungen Mannes vorgestellt? – Er sah neben sich zwei Mädchengestalten stehen, die verkörperten Gegenbilder der beiden Steinfiguren – der Liebe und Hoffnung. Beide standen, von dem Glanze des Sonnenlichtes rosig gefärbt, wie in überirdischem Scheine da. Die Liebe blickte ihn ernst, fast verwundert an, während die Hoffnung schelmisch lächelte. Eugen fuhr von seinem Sitz in die Höhe und trat nun auf die beiden Mädchen zu; doch als er sah, daß sie vor seinen weit aufgerissenen Augen erschrocken zurück traten, blieb er stehen und verneigte sich lächelnd vor ihnen. Es war ihm unmöglich, in diesem Augenblicke zu Worte zu kommen; denn einestheils lähmte ihm die Ueberraschung die Zunge, und anderntheils brauste da oben der Herr Sidel so gewaltig und kräftig durch's Register, daß es nicht möglich war, sich mit einer Sylbe verständlich zu machen. Er konnte denn auch nach einem Augenblicke gegenseitigen Erstaunens nichts Anderes thun, als achselzuckend nach oben zu zeigen, wo der lustige Rath, versunken in die Töne, die unter seinen Fingern hervorquollen, mit Füßen und Händen das Orgelwerk bearbeitete. Die Mädchen baten, ebenfalls durch Pantomimen, den Spielenden droben nicht zu stören, und ließen sich vor Eugen auf einer Bank nieder, geduldig erwartend, bis Herr Sidel mit seinem Choral, den er in's Unendliche variirte, fertig sein würde. Endlich kehrte er aus dem bunten Gewebe der sich tausendfach kreuzenden Töne zur einfachen Melodie zurück, und am Schlusse derselben hielt er einen tiefen Ton noch unbeschreiblich lange an; dann schwieg die Orgel, und er stolperte die Treppe herab. Unten angekommen, war er nicht wenig erstaunt, Eugen in der Gesellschaft dieser jungen und schönen Mädchen zu finden; doch war dieses Erstaunen nicht so überschwänglicher Art, nicht so ungläubig an das körperliche Dasein der beiden Gestalten, wie es vorhin bei Eugen der Fall gewesen war. Nein, er als praktischer Mann nahm die Sache gleich, wie sie war, begrüßte in der Einen die Wirthshaustochter von der wilden Rose, in der Anderen – dem lieblichen Gesicht mit blondem Haar, nach dem dort jener Genius der Liebe gebildet war – wie eine gute Bekannte; denn er erinnerte sich klar und deutlich der Erzählung jenes würdigen Präsidenten und wußte daraus genau, daß er hier die Tochter des Verwalters – wahrscheinlich jenes alten Mannes mit weißem Haar – vor sich habe. Er sprach darauf von dem prächtigen Wege auf das Schloß, von der reizend gelegenen Kapelle und von der Aehnlichkeit der beiden Marmorbilder mit den Originalen, die hier vor ihm ständen. Eugen dagegen war nicht im Stande, sich so schnell und gut in die Wirklichkeit zu finden. Wenn ihm auch die kleine Marie mit ihrem lustigen, neckischen Wesen durchaus nicht gespensterhaft vorkam, so konnte er sich dagegen nicht enthalten, so oft er die Andere betrachtete, zu gleicher Zeit einen forschenden Blick auf das Marmorbild zu werfen, indem er nicht anders glaubte, als dies sei verblaßt, verschwunden, und die Stelle leer, wo es gestanden. Und Rosalie – so war ja der Name der Tochter des Verwalters, wie sich Eugen jetzt deutlich erinnerte – hatte hier in Wirklichkeit genau die ernsten, ruhigen, melancholischen Züge, wie jenes Steinbild, und ihre Gesichtsfarbe war über alle Beschreibung blaß, ja bleich. Ein schmerzlicher Zug zuckte um ihren Mund, und wen sie mit den großen, glänzend blauen Augen ansah, der bemerkte wohl, selbst wenn der kleine Mund augenblicklich lächelte, daß der schmerzliche Ausdruck dieses Gesichtes deßhalb nicht gewichen war, sondern jetzt – wenn auch verstohlen – aus den Augen hervorblickte. Ueber der hohen Stirn dieses Mädchens glänzte das schönste hellblonde Haar; in dicken, goldenen Flechten umgab es den Hinterkopf und breitete sich an den Schläfen fächerartig aus. Sie hätte, wie ihr Kopfputz heute geordnet war, auf jedem Balle erscheinen können; denn die kleine Marie hatte sie mit einem Kranz von blauen Kornblumen geschmückt und diesen so nett und anmuthig durch ihr Haar geschlungen, daß man nichts Lieblicheres sehen konnte. Rosaliens Gestalt war schlank und von sehr schönen Formen, auch schienen ihre Glieder zart und fein zu sein. Sie war eine jener Gestalten, die man neben anderen, glänzenden, vollen und kräftigen im ersten Augenblicke leicht übersieht, die man aber, wenn man sie erst näher betrachtet, wegen des feinen Ebenmaßes, wegen der anmuthigen und zierlichen Bewegung nicht leicht wieder vergißt. Rosalie mußte für jeden Künstler ein Ideal sein; denn in ihr erschien Alles schön und wohlgeformt von der hohen Stirne bis zu den kleinen, feinen Händen und den zierlichen Füßen. Es war für Eugen ein schmerzliches Gefühl, so diesem Mädchen, das ihn wunderbar anzog, gegenüber zu stehen, von ihr als ein völlig Fremder betrachtet zu werden, er, der doch durch jene Erzählung mit einem traurigen Theil der Geschichte ihres Lebens bekannt geworden war. Es schauderte ihn, wenn er an jene Begebenheit dachte, wenn er in das ehrliche, offene Auge des armen Mädchens sah und wenn er sich nun sagen mußte: sie weiß Vielleicht nicht einmal, daß die Hand, welche die ihrige zärtlich gedrückt, und welche mit hoher Meisterschaft ihr Ebenbild hervorgebracht, jetzt fern von hier in kalter Erde ruht, und sie ahnet nicht, daß das Auge, welches sie so liebevoll angeblickt, für ewig verschlossen ist. Eugen, welcher bemerkte, daß der lustige Rath jetzt erst die Marmorgruppe aufmerksam betrachtete und seine Vergleichung anzustellen begann, erschrack bei dem Gedanken, Herr Sidel in seiner Wißbegierde könnte das Gespräch auf jenen Bildhauer bringen und am Ende mit dem, was er damals über den jungen Freiwilligen erfahren, vor den beiden jungen Mädchen herausrücken. Um dem vorzubeugen, wandte er sich an Rosalie, indem er um Entschuldigung bat, daß er und sein Freund hier so ohne Erlaubniß in das Heiligthum eingedrungen seien. »Es bedarf das keiner Entschuldigung,« entgegnete die Tochter des Verwalters freundlich mit einer Verneigung des Kopfes. »Alle Fremden, die durch Schloßfelden kommen und die einigermaßen Zelt haben, kommen auf das Schloß, um dasselbe zu sehen, sowie die Gärten und die kleine Kapelle – mit den Marmorfiguren darin,« setzte sie mit leiserer Stimme hinzu. Aber der Ton dieser Stimme drang Eugen zu Herzen; ja er erschütterte ihn auf's Tiefste. Es lag für ihn so etwas unaussprechlich Angenehmes in dem Klange derselben, eine Erinnerung an frühere Tage, an seine Jugendzeit; er wußte selbst nicht genau, an was, aber er konnte sich nicht enthalten, dem Mädchen innig und herzlich in die Augen zu blicken; und dieser Blick war so fest und anhaltend, daß sie darüber ihre Augen niederschlug. »Sie sind erst gestern Abend gekommen?« sagte Rosalie nach einer Pause, worauf Marie schnell antwortete: »Ja, erst gestern Abend, und sie werden längere Zeit dableiben und Komödie spielen; und beinahe alle sind sie wieder mitgekommen; der finstere Herr Holder und der lustige Herr Trommler; und der Herr und der andere da hinten sind neue Mitglieder der Gesellschaft.« Rosalie sah bei diesen Worten den jungen Mann überrascht und fragend an, und ihn schmerzte dieser fragende Blick, diese Ueberraschung, die sich in ihrem Auge spiegelte. Er hätte gar zu gern seinen jetzigen Stand verläugnet; aber das war unmöglich, deßhalb verbeugte er sich stumm und gezwungen lächelnd. »Wir wollen die Herren nicht stören,« sagte hierauf Rosalie, indem sie grüßend einen Schritt zurück trat. »Sehen Sie sieh Kapelle und Schloß nach Belieben an; es wird meinem Vater eine große Freude sein.« Damit wandten sich die Beiden der Thür zu und eilten davon. Eugen blickte ihnen gedankenvoll nach und fuhr mit der Hand über die Stirn, wie Jemand, der eine Erinnerung festzuhalten strebt und ein unklares Bild sich deutlich zu machen sucht. Herr Sidel, der bis jetzt die Marmorgruppe betrachtet hatte und nun ebenfalls herbei kam, um auch noch seinen Theil an der Unterhaltung mit den beiden Mädchen zu nehmen, bedauerte sehr, daß sie die Kapelle schon verlassen. Dann blickte er seinen Freund befremdet an, der an die kleine Seitenthüre getreten war und dort, an dem Pfeiler lehnend, den Beiden gedankenvoll nachsah. »Ei, ei!« sagte der lustige Rath, indem er Eugen sanft am Arme nahm, »welch' Interesse für jenes Mädchen! Wenn ich das nach Hause schreiben wollte?« Eugen riß sich mit einem kurzen Seufzer aus seiner Stellung los und sagte: »Eigentlich hast du nicht ganz Unrecht, Mephisto. Gehen wir nach Hause zurück; steigen wir zur Atmosphäre hinab, in die uns der Zufall geworfen, zu Herrn Trommler und Genossen; die Luft hier oben auf dem Berge ist zu klar und rein für uns, sie greift die Nerven an.« Und damit verließen sie die Kapelle und stiegen den Berg hinab zu dem kleinen Dorfe, ihrer nunmehrigen Heimat, das anfing, sich wie schläfrig einzuhüllen in tiefen Schatten und Abendduft. Der Abend war so schön, wie der Tag es gewesen, und wie vom gleichen Gedanken getrieben, ließen sich die Beiden in der Hälfte des Berges auf einer Steinbank nieder und sahen, wie die Nacht herauf kam, so beruhigend, so ernst und gewaltig. Dreiundvierzigstes Kapitel. Ein sehr kurzes Kapitel, in welchem sich der Erzähler erlaubt, eine an ihn gestellte Frage bestmöglichst zu beantworten. Als vorliegende Erzählung so weit gediehen war, drückte eine »achtbare Dame« aus Hönningen in einem Inserat der Kölnischen Zeitung ihre Sympathieen für den treuen Hund Sultan, sowie den Wunsch aus, denselben einstens zu besitzen. Auch erkundigte sie sich auf zarte Weise nach seinem Alter, was er zu speisen pflege, und überhaupt nach vielen Gegenständen, welche der leichtsinnige Erzähler dieser Geschichte vergessen hatte, dem Leser mitzutheilen. Es ist für einen Autor ein außerordentlich angenehmes Gefühl, wenn er erfährt, daß die Personen, von denen er schreibt, die Gestalten, welche er erscheinen läßt, in der gefühlvollen Brust des Lesers Theilnahme, ja Freundschaft zu erwecken im Stande sind. Es ist dies schon bei einer kleinen Geschichte sehr belohnend, die schnell erzählt, schnell gelesen und schnell wieder vergessen ist; um so mehr aber sind solche Zeichen der Aufmerksamkeit auf's Höchste belohnend bei einer Arbeit, wie die vorliegende, die vielleicht für Manchen theilweise nicht übermäßig kurzweilig ist, die sich aber trotzdem – und das kann mir der geehrte Leser auf mein Wort glauben – weit leichter liest, als niederschreibt. Dem mag nun sein, wie ihm will; die Zeichen der Teilnahme, welche der Erzähler dieser Geschichte schon so glücklich war, zu empfangen, haben ihn außerordentlich gerührt, und er verspricht dafür, beim Schlusse dieser Geschichte keine Person im Nebel verschwinden zu lassen, sondern getreulich zu berichten, wo jede ihr Plätzchen fand, auf dem sie von den gehabten Strapazen auszuruhen im Stande war. Es ist aber in der That eigenthümlich und von unserem lieben Gotte weise so eingerichtet, daß, wie in der Natur, so auch in der Erzählung, dem Einen Dies, dem Andern Das gefällt. Was Jener verwirft, findet Dieser schön; was Diesem eines Nachdenkens werth genug erscheint, ist für Jenen vollkommen unbedeutend; er legt es gleichgültig bei Seite. Aber wenn der Erzähler einer Geschichte das unaussprechliche Glück hat, daß nicht nur die vernünftigen Geschöpfe, welche er reden und handeln läßt, das allgemeine Interesse zu fesseln im Stande sind, sondern daß auch die unvernünftigen (Geschöpfe nämlich) einen stillen Familienkreis finden, wo man über sie spricht, an sie denkt, von wo aus man über sie Nachforschungen anstellt, das ist wahrhaft rührend, so außerordentlich rührend, daß ich, der ich so glücklich bin, mich in diesem Falle zu befinden, einige stille Thränen nicht unterdrücken konnte. Der geneigte Leser, der mir schon Vieles verziehen hat, muß mir geneigtest auch diese kleine Abschweifung nachsehen, und da er es thut, gewinnt er dabei; denn ich hätte mich sonst veranlaßt sehen müssen, für eine sehr achtbare Dame in Hönningen am Rhein ein eigenes Hundekapitel zu schreiben, was Manchem doch gerade nicht angenehm gewesen wäre. Ich werde mich deßhalb auch so kurz als möglich zu fassen suchen, und der freundliche Leser wird mich vollkommen verstehen, wenn ich, statt wie bisher, zu ihm als Publikum zu sprechen, mich dieses Mal an eine einzelne Person wende, die in des eben benannten Dörfleins bescheidenem Grunde, sanft gelegen zwischen Köln und Koblenz – so glaube ich, – wohnt, vielleicht auch an den flachen Ufern des Rheines zwischen Bonn und Colonia, oder weiter aufwärts, allwo der Rhein sich verengt, wo steile Felsen sich in die klare Flut herabsenken und sich in ihr spiegeln mit ihrem grauen zerrissenen Gestein und den alten ernsten Burgen und Schlössern, wo Elfen und Meerweiblein ihr lustiges, neckisches Spiel treiben. Und daß sie im letzteren Revier sich aufhalte, ist mir wahrscheinlich. Ja, Madame, Sultan lebt, Sultan ist wohl! Sultan, obgleich nur ein Hund, ist gerührt von der Gnade, die er vor Ihren Augen gefunden, und freut sich wie ein Kind, bei einer dereinstigen Rheinfahrt Hönningen und Sie kennen zu lernen. Von dem Verlaufe dieses treuen Thieres, den Sie so freundlich waren, vorzuschlagen, Madame, kann begreiflicher Weise keine Rede sein. Sultan, der treue Sultan, liebt seinen jetzigen Herrn und ist als Hund auch geschmackslos genug, die Ufer des Neckars, wo er geboren, selbst den Ufern des Rheins vorzuziehen, sogar jener malerischen, unaussprechlich schönen Stelle, an welcher Hönningen liegt. Aber, Madame, Sie haben Recht: Sie haben mich an eine Pflicht erinnert. Ich vergaß, Ihnen zu sagen, daß der treue Sultan nicht bis heute neben dem Wagen herspringt, in welchem sein Herr saß, sondern aus dem beachtenswerthen Grunde, weil dieser Wagen am anderen Morgen seinen Bestimmungsort jenseits der Grenze erreichte und dort stille hielt, that Sultan das Gleiche. Ja er that noch mehr. Er legte sich, als es Nacht wurde, vor das Bett seines Herrn nieder, nachdem er vorher von dem getreuen Pierrot gewaschen und gekämmt worden war. – Sie pflegen das in Hönningen gerade so zu machen? – Darauf schlief Sultan; wir glauben auch, daß er träumte: es kommt dies bei Hunden zuweilen vor. Hönningens Jäger werden Ihnen dies bestätigen. Als hierauf der Morgen kam, erwachte er, wie sich von selbst versteht, und lebte »still und harmlos,« wie Wilhelm Tell im vierten Akte, und das trieb er so fort, so lange sein Herr in jenem Grenzstädtchen verweilte. Er machte wenig Bekanntschaften, betrug sich ruhig und anständig, wie denn überhaupt Sultan ein gesetzter Hund war und ist. Das einzige Außergewöhnliche, was allenfalls von ihm zu berichten wäre, ist, daß er die stärkste Neigung an den Tag legte, mit Katzen, die ihm in den Weg liefen, kleine Zänkereien anzufangen. – Sie werden aus der Naturgeschichte wissen, Madame, daß Hunde und Katzen in Feindschaft zu leben pflegen; es ist das so der Lauf der Welt, und wird auch in Hönningen nicht anders der Fall sein. Sprechen wie nicht weiter darüber! Da kam jener Morgen, an welchem Eugen Stillfried, der lustige Rath und der getreue Pierrot eine Fußreise unternahmen. Glauben Sie ja nicht, Madame, daß Sultan zurück blieb; im Gegentheil, er sprang sogar voraus; er zog mit über Kreuz- und Feldwege, gerade wie ein vernünftiger Mensch, nur mit dem einzigen Unterschiede, daß jene Wanderung sich aufs Sonderbarste dadurch auszeichnete, daß er durch Vor- und Zurücklaufen, durch Hin- und Herspringen den Weg drei bis vier Mal machte; doch soll sich bei Hunden diese Erscheinung zuweilen zeigen und für den Kenner durchaus zu keinen ernsten Besorgnissen Veranlassung geben. Indem ich Ihnen, Madame, nun ferner berichte, daß Sultan unter jenem Baume – Sie wissen, wo das Heiligenbild stand – an dem von Pierrot servirten Frühstück den innigsten und gemüthlichsten Antheil nahm, sehe ich mich veranlaßt, auf eine Ihrer Hauptfragen: was Sultan zu speisen pflege? durch die Thatsache zu antworten, daß er bei jenem Frühstück kalten Braten und rohen Schinken dem gebackenen Geflügel vorzuziehen schien. Was das Getränk anbelangt, so liebt der getreue Sultan frisches, klares Wasser über alles, weßhalb ich, Madame, da Hönningen sehr wasserreich sein soll, in dieser Hinsicht für das Schicksal Sultans ganz unbesorgt wäre, wenn er je einmal in Ihre Hände gerathen sollte. Nach Schloßfelden ging das getreue Thier ebenfalls mit und wurde dort auf's Beste einquartiert. Der entschlafene Hofhund der Frau Rosel hatte eine sehr schöne Hundshütte hinterlassen, welche dem Gast angewiesen wurde. In dieselbe wurde frisches Stroh hinein gethan, einfaches Weizen- oder Gerstenstroh, wie es gewiß in Hönningens gesegneten Gefilden genugsam erzeugt und getrocknet wird. An jenem Abend nun, wo unser voriges Kapitel schließt – Eugen hatte Schicklichkeitsgefühl genug, den getreuen Sultan nicht mit zum Spaziergange auf das Schloß hinauf zu nehmen. man nimmt überhaupt die Hunde nicht überall hin mit, Madame, – an jenem Abend also war Sultan zurückgeblieben, und während sein Herr sich auf dem Heimwege stillen Träumereien überließ, machte es drunten der Hund gerade so. Was er gedacht, bin ich unglücklicher Weise nicht im Stande, Ihnen heute genau anzugeben. Sollte jedoch die menschliche Wissenschaft es noch so weit bringen, auch die Hundesprache verstehen zu lernen, so werde ich mich bemühen, Sie auch in diesem Punkte vollkommen zu befriedigen; Sultans Erinnerungen, Träume und Wahrnehmungen sollen alsdann – zu einem zierlichen Memoire vereinigt – Ihnen zu Füßen gelegt werden. Die Widmung an Sie, Madame, würde ich nicht ermangeln selbst zu schreiben, um dadurch einigermaßen die Schuld abzutragen, die ich gegen Sie habe, indem ich es bis dahin unterlassen, Ihnen recht viel und Ausführliches über Sultan, den getreuen Hund, zu erzählen. Genehmigen Sie, sogar in Hönningen, die Versicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung. Den geneigten Leser im Allgemeinen muß ich für diese Abschweifung um Verzeihung bitten; doch hat mir das Publikum vorliegender Blätter, für welches ich bis jetzt geschrieben, so viel erquickliche und freundliche Theilnahme bezeigt und für die Gestalten, die ich aufgestellt, so warm und lebendig gefühlt, daß ich nicht umhin konnte – gewiß in der freundlichsten Absicht, – jene Frage an mich, wenn sie auch nur einen Hund betraf, zu beantworten. Zugleich bekam ich hiedurch Gelegenheit, den treuen Sultan wieder in die Geschichte hinein zu ziehen, was unterlassen zu haben ich mir zum großen und gerechten Vorwurf gemacht. Vierundvierzigstes Kapitel. Handelt von Angenehmem und Unangenehmem in einer Familie, und zeigt, daß die Bösen, wenn sie auch einen Weg gehen, doch oftmals verschiedener Meinung sind. An jenem so denkwürdigen Tage hatte sich Madame Schoppelmann schon um halb vier Uhr mit ihrer Tochter auf den Weg begeben, um ja zur rechten Zeit im Stillfried'schen Hause zu erscheinen. Sie hatte in ihrem Anzuge das Uebermögliche geleistet und sah ungemein stattlich aus; sie war auch in die Nähe des Hauses gekommen, ehe es noch drei Viertel geschlagen hatte, und spazierte nun mit Katharina in einer entlegenen Straße auf und ab, indem sie alles Ernstes behauptete, es müsse an den Kirchenuhren irgend etwas geschehen sein, denn nach dem richtigen Laufe der Zeit sollte es schon lange vier Uhr geschlagen haben. Endlich kam der ersehnte Moment herbei; der alte Jakob stand schon unter dem Thore, sie erwartend, und führte sie sogleich die Treppen hinauf zur Staatsräthin. Diese hatte die Beiden ungemein freundlich empfangen und machte nach einigem Hin- und Herreden der hocherstaunten und sehr erfreuten Madame Schoppelmann einen Antrag, den diese eigentlich am allerwenigsten erwartet hatte. »Ich fühle mich einsam und sehr allein,« hatte die alte Dame gesagt; »es ist hier in dem großen, öden Hause Niemand, mit dem ich mich unterhalten könnte; ich brauche Jemanden, der mit mir spricht, ein freundliches Wesen, das um mich ist, und deßhalb habe ich Sie bitten wollen, mir Ihre Katharine zur Gesellschafterin zu geben.« Madame Schoppelmann wußte im ersten Augenblick nicht zu antworten, und sie schlug in großer Verlegenheit mehrere Male mit beiden Händen auf die schwarzseidene Schürze; denn sie konnte nicht gleich das Wort finden, womit dieser Antrag anzunehmen sei, ohne doch wie Jemand zu erscheinen, der geneigt ist, mit beiden Händen darnach zu greifen. Katharina hatte es leicht durchschauert, als sie in dieses Zimmer trat. Sie erkannte augenblicklich die Züge des Sohnes im Gesichte der Mutter, und wenn sie auch einige Verehrung für die alte Dame fühlte, so konnte sie sich doch nicht enthalten, all des Unangenehmen zu gedenken, was hier in diesen vier Mauern zwischen Mutter und Sohn schon vorgefallen war. »Wenn Sie, was mein Anerbieten anbelangt, Bedenkzeit verlangen, so habe ich nichts dagegen einzuwenden; doch würde ich bitten, mir baldigst eine Antwort zu sagen.« Madame Schoppelmann fand es aber durchaus ungeeignet, eine so vornehme Dame auch nur einen Tag warten zu lassen, weßhalb sie sich veranlaßt sah, ihrer Tochter, ohne daß es die Staatsräthin bemerkte, einen aufmunternden Blick zuzuwerfen. Katharina, deren Herz übervoll war, machte darauf eine kleine Verbeugung, einen Schritt gegen die Staatsräthin, welche ihr Gesicht dem Fenster zugewendet hatte. Als sie aber umschaute und in das bleiche schöne Gesicht des jungen Mädchens sah, welche sich ihr bittend nahte, mit einem unnennbar rührenden Ausdruck in den Zügen; als sie ferner bemerkte, wie sich Katharina erwartungsvoll und bittend vorbeugte, um von der Mutter ihres Geliebten ein freundliches, herzliches Wort zu erhalten, da füllten sich unwillkürlich die Augen der alten Dame mit Thränen; sie streckte ihre Hand aus, welche das junge Mädchen ergriff und innig küßte. Zugleich mit diesen Küssen fühlte die Staatsrätin heiße Tropfen auf ihrer Hand, und sie konnte nicht umhin, zu thun, was sie sich nicht vorgenommen, zu thun. Sie zog das junge Mädchen an sich und küßte sie auf die Stirn, während Katharina auf den Tritt vor dem Fenster unwillkürlich niedergekniet war, jenen mütterlichen Kuß empfangend mit einem Gefühl, dessen Wonne und Seligkeit über alle Beschreibung war. Auch Madame Schoppelmann fühlte sich von diesem Anblicke mächtig angeregt. Sie zog ein rothkarirtes Schnupftuch aus der Tasche, und ehe sie es noch an die Augen brachte, plätscherte unter verschiedenen sehr lauten Tönen ein heftiger Thränenstrom daraus hernieder. Jetzt ist Alles gut, dachte die dicke Frau; und da sie in ihrem ganzen Leben nicht gewohnt war, Thränen zu vergießen, ohne sich dabei traurigen oder freudigen Betrachtungen zu überlassen, so schaute sie auch hier durch den Schleier ihrer Thränen hindurch die schönen großen Zimmer an und die prächtigen Möbel, dachte auch an das große Haus und Keller und Küche, und wenn sie sich dabei vorstellte, daß ihre Katharina hier einmal als Gebieterin wandeln würde, so konnte sie ihre Thränen unmöglich so schnell versiegen lassen und weinte, daß es – um uns eines gewöhnlichen Ausdrucks zu bedienen – einen Stein hätte erbarmen können. »Laß es gut sein, mein Kind,« hatte die Staatsräthin darauf zu Katharina gesagt und hatte sie abermals auf die Stirn geküßt und dann sanft emporgehoben. Die dicke Gemüsehändlerin redete darauf Einiges von Gottes Fügung, von unermeßlichem Glück, und versprach schließlich, ihre Tochter solle morgen früh, wenn es die Staatsräthin denn durchaus nicht anders haben wolle, sie, die arme Mutter, verlassen und in das große schöne Haus ziehen. Das war denn auch am andern Morgen wirklich geschehen und die Nachricht von diesem Ereignis hatte in der Nähe des Schoppelmann'schen Hauses Freude, Bestürzung und Trauer hervorgebracht. Freude bei all den Leuten – und es waren ihrer sehr viele, – die Katharinen gern hatten und durch diesen Vorfall eine neue glückliche Zukunft für das schöne Mädchen angebahnt sahen; Trauer dagegen bei Jungfer Clementine Strebeling, die sich so einsam und verlassen sah, und endlich Bestürzung bei den Gebrüdern Schoppelmann, welche sich diesen Vorfall gar nicht erklären konnten und von demselben nicht mit Unrecht eine unangenehme Rückwirkung für sich fürchteten. Sie beschlossen, einen Kriegsrath bei Madame Schilder zu veranstalten, und saßen zu dem Zweck in der trüben Hinterstube des kleinen Weinhauses, ihnen gegenüber die schmierige Wirthin, welche einige Papiere vor sich ausgebreitet hatte. »Ehe wir die neue Sache besprechen,« sagte Madame Schilder, indem sie ihr Kinn in die Hand stützte, »wollen wir die andere gehörig abmachen und in's Reine bringen. – Die Sache mit der alten Jungfer ist über alle Erwartung gut abgelaufen und ich möchte nur wissen, welcher Liebesteufel sie in ihren alten Tagen noch regiert.« Frau Schilder sah bei diesen Worten auf die Seite, und das benutzten die beiden Brüder, um sich einen Blick des Einverständnisses zuzuwerfen. Dieser Blick dauerte nicht eine halbe Sekunde, aber er war vielsagend. »Wenn so eine alte Scheuer einmal anfängt zu brennen, da hilft kein Löschen,« sprach Konrad, der Jäger, mit gleichmüthigem Tone. »Also die Sache wird sich machen,« warf der Fuhrmann leicht hin. »Sie hat sich bereits gemacht,« sagte die Schilder, welche durch den großen Gewinn verblendet, ihre gewöhnliche Vorsicht vergaß. »Das heißt, sie wird sich machen,« fügte sie nach einer Pause, sich jetzt auf einmal erinnernd, hinzu. »Das sind freilich vor der Hand nur Papiere –« »Die man aber leicht umsetzen kann,« meinte der Jäger. »Aber wie ist denn eigentlich die Geschichte gegangen?« fragte der Fuhrmann. »Nun, wie wird sie gegangen sein? – Ich habe ihr also den lamentablen Brief vorgelesen und ihr gesagt, daß den Herrn Johannes Müller nur eine Bürgschaft von zweitausend vierhundert Gulden zu retten im Stande sei. – Dies ist viel! gab mir die Strebeling zur Antwort, und ich denke schon, sie wird's abschlagen. Aber nein! nachdem sie einige Augenblicke mit sich überlegt, macht sie mir, wie ich anfänglich gedacht, wirklich den Vorschlag, ich solle die Bürgschaft leisten, und sie wolle mir dafür die vollgültigsten Papiere geben. – Jetzt paßt auf, wie ich in eurem Interesse gehandelt.« »Daraufhin ich begierig,« sagte der Fuhrmann und strich sich das Kinn, und als in diesem Augenblicke die Wirthin ihre Papiere in die Höhe hielt, schielte er mit dem einen Auge zu seinem Bruder hinüber, der diesen Blick auf gleiche Weise beantwortete. »Ich habe ihr also gesagt,« fuhr Frau Schilder fort, »daß wenn Papiere auch noch so gut seien, man, um zweitausend vierhundert Gulden zu decken, wenigstens Papiere im Werthe von dreitausend brauche.« »Das war nicht so dumm,« meinte lächelnd der Fuhrmann. »Und die hat sie gegeben!« fuhr triumphirend die Frau fort. »Hier sind sie; gute, vollgültige Obligationen, drei Stück, jede zu tausend Gulden; und was noch mehr ist, das ist auch die Schrift der Strebeling, worin sie erklärt, sie sei mir diese dreitausend Gulden schuldig gewesen und habe mich mit Obligationen bezahlt. Somit sind wir für alle Fälle gedeckt.« »Das sind wir,« sagte ruhig der Fuhrmann und that einen langen Zug aus seinem Glase. »Für alle Fälle,« setzte der Jäger bei und klopfte mit dem Brodmesser auf den Tisch. »Wie ist's aber jetzt mit der Theilung?« fragte der Fuhrmann lächelnd. »Theilung?« entgegnete die Frau eifrig und legte ihre magere gelbe Hand auf die Papiere. »Theilung?« wiederholte sie ängstlich. »Das ist ja doch alles bei uns vorher genau ausgemacht worden; was braucht ihr da noch zu fragen? Ich die Hälfte und ihr die Hälfte, so ist's billig.« »Nun, billig ist's gerade nicht,« sagte der Fuhrmann mit einem sonderbaren Lächeln; »aber wir haben uns von Euch einmal über das Ohr hauen lassen. Sei's darum.« »Die Schilder ist eine gute Frau,« sprach freundlich der Jäger; »und wenn wir von unserem Theil nichts mehr haben und sie freundlich bitten, leiht sie uns schon etwas von dem ihrigen.« »Nicht so viel,« versetzte die Frau und hielt den Nagel ihres Daumens an den des Zeigefingers: »nicht Nagelsgroß.« Und bei diesen Worten blitzten ihre grauen Augen recht unheimlich. »Glaubt ihr, ich habe mein Gewissen wegen euch erschwert? – Und was nützt euch auch das Geld? Ihr jagt es durch die Gurgel oder verjubelt es sonstwo. Zehrt ihr mir nur euer Erbtheil im Voraus auf; die alte Schoppelmann hat für euch gespart; ich aber bin eine arme Wittfrau ohne Verwandte und Bekannte, und wenn die ganze Welt ausstirbt, erbe ich doch rechtmäßiger Weise keinen Pfennig.« »Nun, nun, nicht so hitzig!« sagte der Fuhrmann; »es war ja nur unser Spaß.« »Man weiß aber nie,« entgegnete die Frau, »wo bei euch der Spaß aufhört und der Ernst anfängt. Namentlich im Punkte des Geldleihens verwechselt ihr Beides beständig mit einander.« »Wie gesagt, es war unser Spaß,« antwortete der Fuhrmann mit grobem Tone und drückte die Faust auf den Tisch; »Ihr seid aber ein ekelhaftes Weibsbild und könnt nicht einmal von Euren Verbündeten einen Scherz leiden.« »Ja, von Euren Verbündeten,« lachte der Jäger; »das könnt Ihr denn doch nicht läugnen, wir sind fest verbunden und vereint, wie es in dem Handwerksburschen seinem Lied heißt. Und mir ist so wohl dabei, daß ich Euch zu Lieb' überall mit hin ginge; sei es auch sogar in die geschlossene Gesellschaft.« »Ihr habt einen schlechten Humor,« sagte die Frau mit gezwungenem Lächeln, indem sie ihr Papier vom Tische wegnahm, »Aber führt mir keine so garstigen Reden, oder wenigstens so lange nicht, bis die Sache vollkommen in Ordnung ist.« »Das heißt, bis wir getheilt haben,« bemerkte wichtig der Fuhrmann. »Und wann wird das vor sich gehen?« meinte der Jäger. »Wann wird es vor sich gehen!« sagte ärgerlich die Frau; »ich muß doch wahrhaftig zuerst diese Papiere in Geld umsetzen, dann kann ich euch auszahlen.« »Thut mir nur nicht so;« versetzte der Fuhrmann, und blinzelte seinem Bruder verstohlener Weise zu, und als er von den rastlosen Augen der Frau Schilder bei diesem Blicke ertappt wurde, kratzte er sich an der Nase, als sei ihm dort eine Fliege herum gelaufen. »Thut mir nur nicht so!« wiederholte er; »Ihr werdet das da wechseln lassen, um uns die paar lumpigen Gulden zu bezahlen? Ihr habt zehn Mal mehr in Baarem in Eurer Kiste verwahrt.« Da fuhr die Frau erschrocken in die Höhe, und als sie es trotzdem versuchte, ihr Gesicht zu einem Lächeln zu zwingen, so entstand durch diese verschiedenen Gefühle, welche sich auf demselben abspiegelten, eine so abscheuliche Fratze, daß sogar der Fuhrmann, dem sonst nicht so leicht etwas den Gleichmuth benahm, verlegen lachte und dazu seinen Bruder unter dem Tische mit dem Fuße anstieß. »Wozu die ewigen Neckereien?« sagte der Jäger, indem er diesen Druck mit dem Fuße kräftig erwiderte. »Laß die Frau Schilder gehen, sie wird's schon recht machen. Und dann, wie lange kann es dauern, bis sie die Papiere umgesetzt hat? – Zwei, drei Tagen, dann ruft sie uns herüber, und bei einer Flasche guten Vierunddreißiger wird getheilt. Nicht wahr, Frau?« »Allerdings, allerdings!« entgegnete die Wirthin, welche in tiefes Nachsinnen versunken war und offenbar nicht wußte, was Konrad eben gesprochen. Sie hatte zwischen ihren zitternden Fingern ihr Haubenband gefaßt, und zerknitterte es Zoll um Zoll. »Nicht wahr,« fragte der Jäger, »einen guten Trunk bekommen wir extra?« »Einen guten Trunk? Versteht sich, versteht sich.« »Nun also, das wäre abgemacht,« sprach Konrad, indem er aufstand. »Gehen wir.« »Aber die andere Geschichte,« sagte der Fuhrmann, indem er den Bruder wieder auf den Stuhl zurückzog; »wir wollen ja mit der Frau da über diesen Punkt sprechen. – Habt ihr Lust, uns anzuhören?« wandte er sich an die Wirthin. Diese mußte über etwas Unangenehmes nachgedacht haben, in ihren Gedanken aber am Ende zu einem freundlichen Resultate gekommen sein; dann indem sie jetzt aus ihren Träumereien emporfuhr, erhellten sich ihre Mienen zusehends, und ihr Gesicht wurde so freundlich und angenehm wie nur immer möglich. »Was soll ich denn hören?« sagte sie. »Sprecht nur zu, und wo euch mein Rath helfen kann, sollt ihr ihn umsonst haben.« »Es ist dies die Geschichte mit der Katharine,« sprach der Fuhrmann. »Was uns das Mädchen für Kummer macht, es ist nicht an den Himmel zu malen! Ihr habt doch schon gehört, daß sie bei Stillfried's ist?« Die Frau nickte mit dem Kopfe. »Was soll das bedeuten?« fuhr eifrig der Fuhrmann fort. »Weßhalb ist sie da? was soll sie dort?« »Es ist nicht gut für uns,« sagte ebenfalls kopfschüttelnd der Jäger. Frau Schilder zuckte mit den Achseln und meinte: »angenehm ist es freilich nicht; aber daran läßt sich nichts ändern. Ihr werdet sehen, das läuft auf eine Heirath hinaus, und da die Sachen so stehen, so könnt ihr nichts Gescheidteres thun, als eine gute Miene zum bösen Spiel machen. Wenn die Katharine heirathet, wird ihr an den paar Batzen von eurer Mutter nicht viel gelegen sein, und wenn ihr euch ordentlich gegen sie betragt, so kann euch das gewiß nicht entgehen.« »Und wenn der Kerl sie heirathet?« fuhr der Fuhrmann auf. »So dankt Gott,« sagte die Frau, »daß ihr in eine vornehme Familie kommt, die euch aufhelfen kann.« »So ist es nicht gemeint,« entgegnete der Fuhrmann kopfschüttelnd. »Abrechnung muß ich mit ihm halten; seinen Schädel muß ich ihm einschlagen, und wenn ich es vor dem Altar in der Kirche thun müßte.« »Und was habt ihr davon?« meinte die Frau. »Man nimmt euch fest und steckt euch zwanzig Jahre ein.« »Was liegt mir daran! wenn ich einmal Rache geschworen, das halte ich, und wenn ich zehnmal darüber zu Grunde ginge. Seht, Frau Schilder, es gibt Manchen, dem ich Eine hinauf setzen könnte, Manchen und Manche; aber die Wuth, die ich auf jenen Kerl habe, da ist alles Andere Kinderspielerei dagegen.« Der gute Fuhrmann hatte offenbar den Wein zu schnell getrunken, denn seine Augen hatten sich einigermaßen geröthet, sein Mund schäumte, und bei den letzten Worten schlug er auf den Tisch, daß er krachte. Dabei knirschte er mit den Zähnen und schaute so angelegentlich auf die Frau Schilder hin, und mit einem so unfreundschaftlichen Blicke, daß man hätte glauben sollen, Herr Eugen Stillfried sitze ihm leibhaftig gegenüber. Der besonnenere Jäger, welcher fürchtete, Fritz möge in seinem aufgeregten Zustande mehr sprechen, als gerade nothwendig, stand auf und sagte: »nun ja, du hast Recht; aber laß es jetzt gut sein und komm mit nach Hause. Die Alte wird uns schon lange vermißt haben.« Anfänglich wollte der Fuhrmann hievon nichts hören, sondern er stemmte die Arme auf den Tisch, sah die Frau Schilder frech und herausfordernd an, biß die Zähne auf einander, daß sie laut krachten, und rief: »ja Frau, hin muß er sein, und noch Mancher und Manche!« Konrad zuckte ärgerlich mit den Achseln, und endlich faßte er den Bruder am Kragen und zog ihn vom Stuhle in die Höhe und mit sich fort. Die Wirthin gab ihnen das Geleite bis an die Hausthüre; dort blieb sie stehen und schaute den Beiden nach, wie sie über die Gasse dahin gingen, nach dem Fenster zu mit dem mobilen Gitter, und dort hineinstiegen. So lange die Brüder noch sichtbar waren, behielt Frau Schilder auf ihrem Gesichte ein freundlich sein sollendes grinsendes Lächeln bei; doch als sie nun verschwunden waren und die Frau sich in dem Hausflur herumdrehte, fielen ihre Mundwinkel schlaff herab, ihre Augen verloren alle Lebhaftigkeit, und sie sah ängstlich und forschend vor sich hin. Das Haus lag düster vor ihr da mit der dunkeln Treppe, die in den ersten Stock führte, mit der finsteren, schmierigen Hinterstube; und alles das war so öde und unheimlich, erschien so traurig und verlassen, von dem gleichen Gefühle durchzogen, wie das Herz der schwarzgekleideten Frau, der Gebieterin und einzigen Bewohnerin dieses trostlosen Hauses. Sie wußte selbst nicht, woher es kam, aber es schauderte sie, so allein zu sein; sie hätte sich um Alles in der Welt ein paar lustige Gäste gewünscht, die lärmend und jubilirend die Stille aus dem Hause verjagt hätten. Aber von Gästen war Niemand da, und was allein den dunkeln Gang und das Hinterzimmer bevölkerte, das waren unheimliche Gedanken, die gespensterartig ihrer Brust entstiegen und wie verkörpert um sie her schwebten. Die Frau mußte sich an dem Treppengeländer halten, denn es wurde ihr ganz dunkel vor den Augen. Sie hatte schreckliche Gesichte, und es war ihr, als zögen müßige neugierige Schatten aus der Hinterstube auf den Gang heraus und Treppe auf und Treppe ab und drängten sich um sie herum und betrachteten sie, die sich krampfhaft am Geländer der Treppe hielt, als sei sie selbst für ein Gespenst ein schrecklicher Anblick. »Das macht das Blut,« sagte die Frau und faßte mit der Hand an ihre kalte Stirn; »das Blut, das so wild durch meinen Kopf rast. Ich weiß nicht, wenn ich nur den Gedanken los wäre! – Ich weiß nicht, was das ist,« fuhr sie nach einer längeren Pause fort und holte tief und mühsam Athem; »liegt mir doch das ganze Haus wie Blei auf der Brust. Wenn ich nur heute Abend schon fort könnte! – – Aber morgen früh, da soll es nicht fehlen, da werden die beiden Hallunken kommen und hier ein leeres Nest finden, und werden nach der Frau Schilder und ihrem Gelde sehen, während ich mit demselben schon über alle Berge bin. – – Hahahaha!« lachte sie krampfhaft hinaus, und dann blickte sie erschreckt um sich, als lache auch Jemand anders dicht neben ihr. »Ich mag nicht in das Zimmer gehen, und die Treppen hinauf auch nicht,« sprach sie nach einer Weile zu sich selber; »es ist doch ein verwünschtes trauriges Haus! wie werde ich froh sein, wenn ich diese elenden Gassen einmal hinter mir habe, und auch die Stadt, und hinaus komme in's Freie, wo die Sonne scheint und wo die grünen Bäume wachsen! Ach, Bäume und Sonne! Ich habe das schon lange nicht mehr recht gesehen! Ich mochte nur heute Abend noch einen Spaziergang machen; aber ich traue denen da drüben nicht. Da liegen sie auf der Lauer wie zwei wilde Thiere, und wenn sie mich das Haus verlassen sehen, – behüt' mich der Himmel! sie wären im Stande und brächen bei mir ein und nähmen mir Alles, Alles, Alles!« – Während sich die Frau Schilder so in Gedanken mit den Gebrüdern Schoppelmann beschäftigte, hatten diese nicht sobald ihr Zimmer erreicht und sich auf ihrem gewöhnlichen Ruheplatze, dem Bette, niedergelassen, als sie zugleich begannen, sich ebenfalls in Gedanken mit der Wirthin drüben zu beschäftigen. »Du bist aber ein rechtes Vieh,« sagte der Jäger und stieß seinen Bruder freundschaftlich in die Rippen; »meinst du denn, Die da drüben traue uns überhaupt viel Gutes zu? Du hast wohl nöthig, ihr mit deinen dummen Redensarten: Mancher und Manche – Mucken in den Kopf zu setzen!« »Ich war gereizt,« entgegnete der Fuhrmann; »das Blut stieg mir in den Kopf.« »Weil du immer so schnell in dich hineinsäufst. Wenn du aber wirklich betrunken bist, so will ich kein Wort zu dir sprechen und dich ausschlafen lassen. – Nun, verstehst du mich recht?« »O, was das anbetrifft,« sagte lachend der Fuhrmann, »ich kann dich versichern, daß ich ganz nüchtern bin; so ein Paar erbärmliche Flaschen Wein werden mir doch nichts thun! Aber der Aerger steigt mir zuweilen in den Kopf, und ich weiß wohl, daß ich dann dummes Zeug schwatze.« »Also bist du im Stande, mich anzuhören und zu begreifen?« fragte der Jäger. »Vollkommen!« antwortete lächelnd der Fuhrmann; »weiß sogar schon, was du sagen willst.« »Die da drüben – die Schilder – hat was vor, Sie will uns betrügen.« »Und uns wahrscheinlich mit dem Gelde davon gehen.« »So wollen wir ihr zuvor kommen.« »Das ist ganz meine Meinung.« »Aber was geschehen soll, muß gleich geschehen!« »Heute Abend?« Der Jäger nickte statt aller Antwort mit dem Kopfe; dann blickte er aber nach dem Nebenzimmer und sagte: »Bst!« wobei er die rechte Hand aufhob und nach der Thüre zeigte. »Es ist die Katze,« meinte der Fuhrmann, der vollkommen und ganz nüchtern schien. »Laßt uns einmal rechnen,« meinte der Jäger: »da hat sie bei sechshundert Gulden von früher, dann die letzte Geschichte mit dreitausend macht dreitausend sechshundert. Alles das ist Geld von der Strebeling; aber gib nur Acht, sonst finden wir auch noch ein paar Kreuzer.« »Finden?« sagte der Fuhrmann. »Du willst also heimlicher Weise danach suchen?« »Ja, meinst du andere?« fragte der Jäger. »Natürlich,« antwortete der Fuhrmann; »nur keine halbe Geschichte; entweder Alles oder gar nichts. Glaube mir nur, der alte Drache da drüben hat das Seinige so versteckt, daß es schwer hält, etwas zu finden. Nein, nein, wir gehen ihr geradezu auf den Leib.« »Ist das dein Ernst?« fragte zweifelnd der Jäger. »Vollkommen. Wir machen eine Zwangsanleihe bei ihr.« »Und wenn sie sich weigert?« »So schlag' ich sie todt,« sagte der Fuhrmann bestimmt, »oder drohe ihr wenigstens damit.« Der Jäger kratzte sich am Kopfe und sprach nach einer Pause: »Höre, Fritz! die Geschichte will besonders überlegt sein. Die Schilder ist ein Satan; noch schlimmer! denn der Teufel gibt eher eine arme Seele heraus, als die einen Kreuzer von ihrem Gelde. – Willst du also wirklich Gewalt brauchen, wenn sie sich weigert?« »Wir müssen wohl!« entgegnete düster der Fuhrmann; »du so gut wie ich. Haben wir nicht in den letzten Tagen zwei Briefe bekommen von dem verfluchten Juden, der mit einer Klage droht, wenn wir ihn dieses Mal nicht bezahlen? Glaube mir, der hält sein Wort; und was dann? – dann werden wir also eingeklagt, worüber sich unsere Alte freut, und da wir nicht zahlen können, läßt man uns einstecken, und dann hilft uns kein Mensch. Madame Schoppelmann würde sich darüber freuen, wenn ihre Söhne ein halbes Dutzend Jahre brummen müßten.« »Ja, ja, es ist freilich nicht anders zu machen,« sagte der Jäger nach einer längeren Pause. »Aber wir sollten der Schilder doch eher gütlich zureden, bevor wir Gewalt brauchten.« »Da hast du Recht,« entgegnete der Fuhrmann, »und das ist auch meine Ansicht, die uns aber nichts nützen wird.« »Nun ja, man versucht's.« »Und wenn das, wie ich bestimmt weiß, nichts hilft, so sieht man zu, wie man mit ihr fertig wird.« »Abgemacht!« sagte leise der Jäger und winkte abermals seinem Bruder, still zu schweigen; denn im Nebenzimmer hörte man wieder ein Geräusch, das aber dieses Mal nicht von der Katze herkommen konnte, denn es war ein schwerer Fußtritt, und zugleich ließ sich ein lautes Räuspern hören. Fünfundvierzigstes Kapitel. Madame Schoppelmann nimmt Gratulationen in Empfang, theilt gute Lehren aus und findet schließlich, daß sie ihr Gelerntes selbst vergessen. Madame Schoppelmann hatte sich in ihre Speisekammer begeben, die, wie wir wissen, neben dem Gemach ihrer Söhne gelegen war. Sie holte eine uns wohlbekannte große Flasche Liqueur von einem der Bretter herab, nahm zwei Gläschen dazu und ging nun zurück, wo sie hergekommen war, nämlich in ihre Vorhalle, wo sich Frau Claasen und Frau Klingler befanden, die gekommen waren, um der Frau wegen des ihrer Tochter Katharina widerfahrenen großen Glückes bestens zu gratuliren. Die demüthige Frau Claasen stand unter der Thüre; sie hatte einen Zipfel der Schürze mit beiden Händen gefaßt und schien noch nicht im Reinen mit sich darüber zu sein, ob es nicht bei dieser Veranlassung passend wäre, einige Freudenthränen fallen zu lassen. Frau Klingler dagegen stand stolz aufgerichtet neben dem Tische; sie hatte ihre beiden Arme keck in die Seiten gestemmt und schaute unverwandt auf die Frau Claasen, um deren Benehmen – mochte es nun sein, wie es wolle, mochte die Aermste vor Freuden lachen oder weinen – tadeln zu können. Nun trat die dicke Gemüsehändlerin in die Vorhalle, setzte die Flasche mit den beiden Gläsern auf den Tisch, schenkte die letzteren voll und lud die beiden Weiber ein, sich zu bedienen. Beim Anblicke des Schnapses hielt sich Frau Claasen nun nicht mehr länger; selbst auf die Gefahr hin, der Frau Klingler zu mißfallen, führte sie den Schürzenzipfel an ihre Augen, flennte etwas Weniges und sagte mit schluchzender Stimme: »Aber das ist so schön, so schön, ach, so schön!« Frau Klingler hatte jetzt erreicht, was sie wollte. Sie schaute mit einem Blicke unbeschreiblicher Verachtung auf die Kollegin. »Das muß immer weinen!« sagte sie mit erkünstelter Entrüstung; »ist denn das eine Gelegenheit, um traurige Gesichter zu schneiden?« »Lass Sie es gut sein, Klinglere,« meinte die dicke Gemüsehändlerin. »Es sind Freudenthränen, und die kann man einem schwachen Weibsbild, wie die Claasen ist, schon verzeihen. Ihr seid freilich anderer Natur; Euch hat vielleicht noch Niemand weinen sehen.« »Gewiß noch Niemand,« meinte die demüthige Frau Claasen. »Meint Ihr das wirklich, Frau Schoppelmann?« sagte die Klingler, indem sie ihr Glas erhob; »und auch Ihr, Claasen, glaubt so? Da seid Ihr beide auf dem Holzwege; wo es wirklich was Schmerzhaftes gibt, da kann auch ich weinen. Ja, ich versichere Euch, wenn ich nur an jene Geschichte denke mit dem Offizier, da gab's Thränen, na – was für Thränen!« »Wir glauben es Euch gewiß, wir glauben es!« sprach lächelnd Frau Schoppelmann. »Nun trinkt Euer Glas aus. Ich habe heute Morgen meine Katharine gesehen; sie ist recht zufrieden, und die Staatsräthin auch, wie es scheint. Gott, der Gerechte! ich habe all' das Leid rein vergessen.« »Ja, das kann man auch bei einer solchen Veranlassung,« meinte die Klingler; »wenn man bedenkt, was alles dahinter steckt.« »Ja, was alles dahinter steckt,« wiederholte Frau Claasen, indem sie lächelnd ihr Haupt hin und her wiegte. »Nun, was wird dahinter stecken?« entgegnete die Klingler halb lächelnd und halb mit einem ernsten Blick und blinzelte der Frau Schoppelmann zu; »sagt es mir, Frau Claasen, wenn Ihr es wißt!« »Nun, eine Hochzeit wird dahinter stecken,« versetzte das demüthige Weib und schlug ihre Hände zusammen; »eine wirkliche und wahrhaftige Hochzeit.« Dem wußte die Andere durch nichts zu widersprechen; sie winkte also herablassend mit der Hand. »Es ist gut, Frau Claasen, Ihr könnt Recht haben; ich glaube auch, daß eine schöne und glänzende Hochzeit daraus wird.« »Das gebe Gott!« sagte die Gemüsehändlerin und faltete ihre Hände. »Nein, wie mich das Glück angreift, davon habt Ihr beiden Weiber gar keine Idee; aber es ist gut so, gewiß ganz gut, denn ich werde ein Bischen mager dabei; ich versichere Euch, Ihr könnt mir's glauben oder nicht, aber es ist so. All' der Aerger, wenn er auch mein Gemüth angegriffen hat, hat mich nur immer dicker gemacht. Der Doktor sagt es auch, er bringt das Blut durch einander und stärkt die Nerven.« »Wenn ich nur die Katharine bald einmal sehen könnte!« sagte Frau Klingler; »ich muß sie absolut baldigst sehen. Du meine Güte! wenn ich denke, daß ich ihr nächstens auf der Straße begegne, wie sie in der Kutsche mit der Frau Staatsräthin ausfährt – und sie wird mit ihr ausfahren – glaubt Ihr das nicht auch, Frau Claasen?« Glücklicher Weise schien diese ganz derselben Ansicht zu sein, und, also beruhigt, konnte Frau Klingler fortfahren: »Und wenn ich ihr begegne, das sag' ich Euch, Frau Schoppelmann, einen Knix mach' ich ihr, als käm' die Prinzessin daher gefahren. Gerade so.« Die glückliche Mutter lächelte bei all' diesem vergnügt in sich hinein, und nur zuweilen überflog ein düstrer Schatten ihre Züge, und das war, wenn sie an ihre beiden Söhne dachte. Und sie dachte gerade neben dem glücklichen Loose, welches die Tochter zu betreffen schien und das sie sich so glänzend vorstellte, recht häufig an ihre anderen Kinder, und ein tiefer Seufzer entwand sich dann ihrer Brust. Frau Claasen seufzte ebenfalls, und Frau Klingler, die nicht wußte, wie sie sich zu verhalten hatte, da sie das ernste Gesicht der dicken Gemüsehändlerin sah, wußte nichts Besseres zu thun, als die demüthige Frau an der Thüre finster anzublicken. »Ja, meine beiden Buben!« sagte Madame Schoppelmann und seufzte abermals. »Wenn ich nur wüßte, was mit denen anzufangen ist! Glaubt mir,« wandte sie sich speziell an die beiden Weiber, »daß ich gar nicht Lust habe, bis an's Ende meiner Tage hier das mühsame Geschäft fortzusetzen. Gott soll mich bewahren! Wenn meine Tochter Katharina wirklich einmal versorgt ist, so sehe auch ich mich nach einer Versorgung um, das heißt, ich will alsdann genau überlegen, auf welche Art und Weise ich dann meine paar noch übrigen Tage verbringen will.« »Es versteht sich ja von selbst,« erwiderte Frau Klingler hierauf, »daß Ihr alsdann zu Eurer Tochter geht; das ist doch ein gewiesener Weg.« »Nicht so ganz,« meinte die dicke Frau. »In so ein vornehmes Haus passe ich nicht hinein, und wenn es mir auch außerordentlichen Spaß machen würde, so hie und da wieder in die Kinderstube zu gehen und meine kleinen Enkel zu pflegen, so würde ich mich doch in den andern – den schönen – Zimmern ganz unbehaglich finden.« »Ach ja, die kleinen, lieben Enkel!« sagte die demüthige Frau Claasen, und dann machte sie eine Bewegung mit dem rechten Arme, als wiege sie schon eines dieser, bis jetzt blos in der Phantasie bestehenden Wesen bin und her. »Aber wie kann ich mich zurückziehen?« fuhr die Gemüsehändlerin fort. »Wem soll ich mein Geschäft übergeben? Meinen beiden Söhnen? – Da soll mich Gott bewahren, daß ich meinen Namen so auf's Spiel setze! Nein, der soll bleiben, wie ich ihn geschaffen, solid und ehrlich, und soll noch in späteren Jahren mit Achtung genannt werden. Ich müßte mich ja vor meiner Kundschaft schämen, wollt' ich das Geschäft in solche Hände geben, wie die der beiden Buben sind.« »Leider!« sagte die Demüthige, und Frau Klingler konnte sich sogar nicht entschließen, anderer Ansicht zu sein, und sagte ebenfalls: »Leider!« »Was aber anfangen?« fuhr die dicke Frau fort. »Du mein Gott im Himmel! Das macht mir recht betrübte und traurige Stunden. Wenn die Buben nur auswärts was Rechts anfangen wollten, ich würde sie ja mit Geld, so viel ich kann, unterstützen. Aber das hat auf der weiten Welt keinen anderen Trieb, als wie im Wirthshaus sitzen, den ganzen lieben Tag nichts verdienen, und das Geld auf die unwürdigste Art durchbringen. – Und dann bedenkt nur, wenn ich einmal nicht mehr da bin! Ich bin noch die einzige Person, die im Stande ist, mit den beiden Rangen fertig zu werden. Hab' mir schon gedacht, man sollt' ihnen ein Stück Land in Amerika kaufen, da hätten sie Platz genug, um auszutoben; da ist schon Mancher zahm geworden. Sie fänden da keine Nachbarn, mit denen sie Streit anfangen könnten, auch keine Wirthshäuser, und müßten, um sich durchzubringen, tüchtig arbeiten. Es ist ein gesegnetes Land, das Amerika.« »Ihr habt eine gute Idee,« sagte Frau Klingler. »Ihr solltet das den Beiden vorschlagen.« »Sie werden's nicht annehmen,« entgegnete bestimmt die dicke Frau. »Nur die Noth kann die Beiden zu einem solchen Schritt treiben, wenn ihnen einmal das Wasser in den Kragen hinein läuft. So lange sie im Trockenen sind und die Füße unter meinen Tisch strecken können, denken sie nicht an's Auswandern. – Nicht noch ein Gläschen Schnaps, Klinglere? Was meint Ihr, Claasen, noch ein Halbes?« Beide Weiber ließen sich die Gabe gefallen, tranken die dargebotenen Gläser leer, und als sie darauf sahen, daß Madame Schoppelmann keine Lust mehr zu haben schien, die vorhin begonnene Unterhaltung fortzuführen, sondern daß sie vielmehr die Hände in den Schooß legte und in tiefes Nachsinnen versank, hielten sie es für gerathener, sich langsam zurück zu ziehen, was sie auch ausführten, indem sie von der Oberin des Gemüsemarktes mit einer freundlichen Verneigung des Kopfes verabschiedet wurden. Madame Schoppelmann blieb auf diese Art allein an dem großen Tische sitzen, hielt die gefalteten Hände im Schooße und dachte eifrigst nach über Vergangenes und Zukünftiges; bald nickte sie mit dem Kopfe, bald schüttelte sie ihr Haupt hin und her; zuweilen fuhr ein Lächeln über ihre Züge, zuweilen aber seufzte sie aus tiefstem Herzensgrunde. Mehrmals begann sie auch nach ihrer Gewohnheit ein lautes Selbstgespräch, doch waren die Worte, die man vernahm, anfänglich so abgerissen und ohne allen Sinn, daß es unmöglich war, zu errathen, was sie damit eigentlich sagen wollte, und erst als dies eine gute Viertelstunde gedauert, legte sie ihre schwere Hand auf den Tisch, rückte auf dem Stuhle unruhig hin und her, und brachte ihre lauten Betrachtungen in eine ordentliche Reihenfolge und ließ sie ohne zu große Zwischenräume, wodurch sie verständlicher wurden. »Das ist eine verwetterte Geschichte,« murmelte sie. »Soll ich denn in meinen alten Tagen wieder anfangen wie ein Schulkind und auf der Schiefertafel herum kratzen? Du wirst es wohl müssen, Margareth,« gab sie sich selbst zur Antwort, und dann seufzte sie wieder tief auf. »Und mit der Dinte kann ich gar nicht umgehen,« fuhr sie nach einer Pause fort, »und wenn ich auch zwei Buchstaben geschrieben habe, so sind mir schon alle Finger davon schwarz geworden. Pfui Teufel!« Und darauf seufzte die dicke Frau so entsetzlich tief und ungebührlich lange, daß sie vor diesem eigenen Seufzer erschrack und in die Höhe fuhr. Dieses in die Höhe Fahren der Frau Schoppelmann ist nicht blos geistig, sondern auch leiblich zu verstehen; denn sie erhob sich wirklich von ihrem Stuhle, und das mit einer bei ihr ungewöhnlichen Geschwindigkeit. »Auch dazu kann man keinen von den Buben brauchen,« murmelte sie in sich hinein, indem sie von dem Kamine herunter eine große Schiefertafel holte und sie auf den Tisch legte. Dann brachte sie aus ihrer Komode, die sich im Nebenzimmer befand, ein ziemlich dickes Buch herbei, ein paar außerordentlich stumpfe Federn und ein Dintenfaß, dessen Inhalt so mit weißem Schimmel überzogen war, daß es des Umrührens mit einem starken Holze bedurfte, um den Schimmel in die Tiefe zu versenken und die klare schwarze Dinte zum Vorschein zu bringen. Nachdem dieses Geschäft besorgt war, das Buch aufgeschlagen, die Schiefertafel in die Nähe gerückt, nachdem sich Madame Schoppelmann gesetzt, die Federn durch mehrmaliges Anschlagen an den Tisch von einer harten, schwarzen Kruste befreit hatte, setzte sie eine kleine Hornbrille auf und begann mit vielem Geseufze die Hieroglyphen auf der Schiefertafel vermittelst anderer, ebenso unleserlicher Charaktere in das große Buch zu übertragen. Aber Madame Schoppelmann füllte sich bei diesem Geschäfte sehr unglücklich, und ihr Anblick bot etwas außerordentlich Komisches. Seit ihrer Mädchenzeit hatte sie so recht keine Feder mehr in die Hand genommen; denn früher hatte dieses Geschäft der selige Schoppelmann besorgt, und in späterer Zeit Katharina. Madame Schoppelmann hatte demnach, was das Schreiben anbelangte, sehr alte Traditionen aus der Schule aufbewahrt, die sie jetzt zur Anwendung brachte. Die Ellbogen hielt sie weit ausgebreitet und bedeckte damit Buch und Schiefertafel. Mit dem Zeigfinger der linken Hand folgte sie den Schriftzügen auf letzterer, während sie dieselben mit der rechten Hand so gut als möglich niederschrieb. Dabei hielt sie die Feder in der geballten Faust und so nahe wie möglich an der Spitze, wodurch zuweilen eine artige Schmutzerei entstand; denn sie nahm die Feder zu voll, weßhalb die Dinte auf das Papier niederträufelte und von der Schreiberin, die in einem solchen Augenblicke vielleicht zufällig auf die Schiefertafel blickte, zu einem schwarzen Fleck von mäßiger Ausdehnung zerrieben wurde. Nach einem solchen Unglücke seufzte die Frau tief auf, überschaute dann mit wahrem Schmerze die von der Hand ihrer Tochter so zierlich geschriebenen vorangehenden Seiten. Das war aber auch ein Unterschied wie Tag und Nacht, ein Elfentanz im Mondschein, schlanke, zierliche, hin und her schwebende Gestalten neben einem Hexensabbath, wo Kobolde und böse Geister mit Besenstielen und Heugabeln sehr ungenirt einen Ball halten. – Dabei sprach sie jedes Wort, jede Zahl laut vor sich hin, sowohl wenn sie es von der Schiefertafel ablas, als auch, wenn sie solche in das Buch einschrieb, wobei es denn auch zuweilen vorkam, daß sie den Zeigefinger ihrer linken Hand verrückte und dann während des Schreibens las: Zwei Bündel Rettige ... 4 fl. 30 kr., über welchen enormen Preis alsdann die Frau erschrack und sich überzeugte, daß die oben genannte Summe einigen Pfunden Lachsforellen galt, welche gleich nach den Rettigen kamen. So schrieb sie unter vielem Stöhnen und Klagen eine gute Weile fort, und wer ihre Lamentationen so mit angehört hätte, ohne zu sehen, was die Frau eigentlich treibe, der hätte unbedingt auf den Glauben kommen müssen, der Verstand der Madame Schoppelmann habe einigermaßen gelitten. »Vier Pfund Butter 1 fl. 12 kr.,« sagte sie mit einem kläglichen Tone und setzte seufzend hinzu: »2 Karpfen 48 kr.« Dann stieß sie einen tiefen Seufzer aus und sprach wahrhaft jammernd: »24 Köpfe Antivisalat thut 1 fl. 10 kr.« Dann kam ein neuer Dintenfleck, und die unglückliche Schreiberin sagte im kläglichsten Tone: »o du mein lieber Gott!« und fuhr darauf mit höchster Entrüstung fort: »64 Krebse, das Stück zu 6 kr., macht in Allem 48 kr.« – »Nein, es ist ja unmöglich,« unterbrach sie sich dann selber; »das sind ja die 8 Büschel Zellerie, die Krebse dagegen machen 6 fl. 24 kr. So eine Plage habe ich noch in meinem ganzen Leben nicht durchgemacht. Oh! oh!« Da verdunkelte sich die Helle, in welcher Frau Schoppelmann saß und schrieb, durch Jemand, der von außen in die Thüre trat, und die dicke Frau, welche über diese Unterbrechung nichts weniger als ungehalten war, legte ihre Feder hin und schaute in die Höhe. Es war Jungfer Clementine Strebeling, die einen kleinen Ausgang besorgt hatte und nun, nach Hause zurückkehrend, der Frau Schoppelmann einen guten Tag bieten wollte, ehe sie in ihr Zimmer hinaufstieg. Die Jungfer hatte etwas Leidendes an sich; sie ließ ihr Köpfchen mehr als gewöhnlich hangen, sie schlug die Augen zu Boden, sie schien sich auf ihren Sonnenschirm zu stützen; kurz, Madame Schoppelmann, welche sie einen Augenblick unter ihrer Brille hervor betrachtet, sagte ihr mit dem wohlwollendsten Ausdrucke, sie sähe ziemlich bummelig, ja miserabel und hinfällig aus. »O lieber Gott!« seufzte Clementine und ließ sich auf einen der Stühle am Tische nieder. Man konnte es nicht niedersitzen heißen; es war ein Niederschweben, ein Herabflattern. »Ist Ihr etwas Unangenehmes begegnet?« fragte die dicke Frau, die sehr erfreut war, ihre Feder niederlegen zu dürfen. »Ach du mein lieber Gott! ich kann das eigentlich nicht sagen, fehlt mir was oder fehlt mir nichts? ich weiß es selbst nicht; aber ich fühle mich so elend, so hinfällig.« »Lasse Sie sich einen Pfeffermünzthee machen,« sagte die alte Frau, »und wenn das nicht hilft, so lege Sie sich heute Abend Senfteig unter die Füße.« »Ach du lieber Gott!« entgegnete Clementine. »Der Körper ist's nicht, Frau Schoppelmann; sieht Sie, das Gemüth ist krank, da fehlt's mir.« »Ja, für das Gemüth weiß ich nichts,« sagte die Gemüsehändlerin; »dafür weiß auch kein Doktor was. Dem Gemüth kann man keinen Senfteig auflegen, sonst hätte ich auch das meinige schon ganz in Senfmehl eingeschlagen. Was Gemüth! von dem muß man sich nicht unterdrücken lassen. Gemüth – das ist der böse Geist, der lauert nur darauf, wo er Fröhlichkeit und gute Laune anfassen kann und zum Tempel hinausjagen. Was hat Sie denn wieder so Schreckliches gehabt?« »Ach, das weiß ich eigentlich selbst nicht,« versetzte die alte Jungfer; »aber ich fühle mich so allein und einsam auf der Welt, und jetzt, seit die Katharine fort ist, habe ich sogar Niemand mehr.« »Das ist wahr,« entgegnete die Frau; »das Mädel fehlt mir auch an allen Ecken.« Dabei sah sie seufzend ihr bekleckstes Schreibbuch an. »O lieber Gott!« meinte Clementine, »es ist ein trauriges Leben, es ist gar nichts mehr auf dieser Welt!« »Ich will nicht hoffen,« sprach auf einmal streng und ernst Madame Schoppelmann, »daß sie wieder Briefe von Ihrem sogenannten Herrn Vetter hat. Das sind mir schöne Geschichten, Jungfer Clementine! ich habe zufälliger Weise etwas darüber erfahren. Ein sauberer Vetter, der Herr Müller! Na, geh' Sie mir! Aber nehm' Sie mir's nicht übel, Strebelinge, mit dem Herrn ist's nicht sauber.« »Um Gotteswillen! was meint Ihr, Madame Schoppelmann?« sagte erschreckt die alte Jungfer. »Mit dem Herrn, mit dem ist's nicht sauber,« fuhr die Gemüsehändlerin fort und machte eine gewaltige Handbewegung, welche deutlich anzeigte, in dem Punkte lasse sie sich keine Einwendung gefallen. »Aber du lieber Gott!« fuhr Clementine ängstlich fort, »was soll denn nicht sauber sein?« »Die ganze Geschichte. Ein ordentlicher Mensch nimmt kein Geld von einem Mädel, das er so gut wie gar nicht kennt, und am allerwenigsten von einer, mit der er ein Verhältniß anfangen möchte, das kann Sie mir auf's Wort glauben. Da geht so ein Mensch, wenn er brav ist, lieber her und arbeitet und hungert und springt am Ende resolut in's Wasser oder kann sich gar auch meinetwegen aufhängen. Das ist noch immer viel respektabler, als so einem armen, alten, gebrechlichen Geschöpf, wie Ihr seid, sein Bischen Geld nehmen. Pfui Teufel!« »Ja, das hat er auch alles thun wollen,« sagte zaghaft Clementine. »Was hat er thun wollen?« »Nun, arbeiten. – Und gehungert hat er auch.« »Wird ihm nichts geschadet haben.« »Und ein Leid wollte er sich auch anthun.« »Hat's aber nicht gethan!« rief entrüstet die Gemüsehändlerin. »Der Lump! Sieht Sie, Strebelinge, da steckt eben die Schlechtigkeit! Wie ich vorhin gesagt, ein rechtschaffener Kerl, der geht lieber aus der Welt, wenn es denn nicht anders möglich ist, ehe er auf solche Art zu Geld kommt. Das ist immer miserabel. – Sieht Sie,« fuhr die dicke Frau nach einer Pause fort, »da war der selige Schoppelmann, der hatte einen Bruder, Johann Christian Schoppelmann. Nun, der war auch einmal in einer solch verzweifelten Lage und hatte auch ein Mädel, die war viel reicher wie Sie; aber der ging nicht hin und ließ sich von dem Mädel Geld geben – Gott soll mich bewahren! – Das that er nicht, und die hätte ihm so viel Tausend geben können, wie Ihr Hundert habt. Aber das fiel ihm nicht ein, und er hatte Schulden, der Johann Christian Schoppelmann, und konnte sie nicht bezahlen und war ein resoluter Mensch.« »Um Gotteswillen!« sagte die alte Jungfer; denn sie war überzeugt, daß sie etwas Schreckliches zu hören bekomme. »Da war nirgends eine Hülfe, denn sein Bruder, der selige Schoppelmann, hatte auch kein Geld. Was also machen? Der Termin war verfallen, die Schuld mußte bezahlt werden; im Geldsack war kein Kreuzer.« »Du lieber Gott!« sagte schaudernd Clementine. »Was that also der Johann Christian Schoppelmann?« fuhr die dicke Frau mit einem finsteren Blicke fort. »Nun?« rief angstvoll die alte Jungfer. »Was that er?« »Was der Herr Müller auch hätte thun sollen.« »Um Gotteswillen! Er sprang in's Wasser?« »Nein, das that er nicht,« entgegnete ruhig die dicke Frau. »Oder – du lieber Gott! ich kann es gar nicht aussprechen! – er hängte sich wohl gar auf?« »Nein,« sagte Madame Schoppelmann, »daran dachte er nicht; aber er hat –« »Sich erschossen!« rief die alte Jungfer mit gerungenen Händen. Madame Schoppelmann sah ihr Gegenüber einige Augenblicke fest an, dann sprach sie mit ernstem, fast finsterem Blicke: »Nein, auch das that er nicht, sondern als sein Gläubiger kam und ihn mahnte, da sagte er zuerst: heute hab ich kein Geld, aber in vier Wochen will ich Euch bezahlen. Und darauf hin wurde der Gläubiger grob und drohte ihm mit Verklagen und Arrest; und darauf geschah das, was ich für respektabler halte, als dem armen Mädel sein Geld abborgen.« »Und was that er?« fragte gespannt Clementine. »Er warf seinen Gläubiger zur Thüre hinaus,« sagte ruhig und groß die dicke Frau, »und bezahlte später, sobald er Geld bekam.« »Ah!« entgegnete Clementine, einigermaßen unangenehm überrascht, denn sie hatte etwas Poetischeres, etwas Zarteres erwartet. – »Nein, das würde er doch nicht thun,« fuhr sie nach einer Pause mit großer Befriedigung fort; »nein, gewiß nicht, er würde das niemals thun.« »Das glaube ich auch,« murmelte die Gemüsehändlerin. »Wird sich auch so was so ein kleines Ding, wie der Herr Müller sein mag, so eine Vogelscheuche herausnehmen? Sie wird das nicht thun, darauf schwöre ich Euch. – Nun, lassen wir eben die ganze Geschichte ruhen, Strebelinge, das hilft vor der Hand nichts; Sie wird schon noch einsehen lernen, daß die alte Schoppelmann Recht gehabt, und dann kann Sie wieder zu mir kommen; ich helfe Ihr alsdann doch aus der Patsche, wenn es noch möglich ist.« Clementine seufzte tief auf, faltete ihr« Hände und sagte, indem sie das Köpfchen schüttelte: »So weit wird es hoffentlich nie kommen. Aber sprechen wir nicht mehr davon, es ist besser.« Die Gemüsehändlerin setzte sich nach diesen Worten wieder zum Schreiben zurecht, d. h. sie tunkte die Feder ein, bis dieselbe auf dem Boden des Dintenfasses aufstieß, und da sie dadurch natürlicher Weise zu voll mit Dinte wurde, so klopfte die Gemüsehändlerin sie alsdann auf dem Tische wieder aus, wodurch um das Dintenfaß herum ein artiger Kreis von schwarzen Flecken entstand. Dann schob sie ihre Ellbogen wieder so weit auseinander, daß ihr fettes Unterkinn fast auf dem Buche zu ruhen schien, und nachdem diese Vorbereitungen beendigt, stieß sie einen tiefen Seufzer aus. Jungfer Clementine Strebeling hatte diesen Vorbereitungen mit nicht geringer Verwunderung zugeschaut; denn die Anstalten, welche die dicke Frau traf, um wieder mit dem Schreiben anfangen zu können, waren, wie gesagt, so seltsamer und ungeheuerlicher Art, daß ein Uneingeweihter nicht eher wußte, was sie beginnen wolle, als bis sie mit dem Zeigefinger der linken Hand auf der Schiefertafel die richtige Stelle aufgefunden hatte und alsdann vor sich hin sprach: »Vierundzwanzig Stück Borsdorfer Aepfel,« und darauf anfing, Zahlen und Gegenstände in der später nur ihr allein leserlichen Keilschrift in das Buch zu malen. »Ich glaube, Ihr schreibt!« rief endlich die alte Jungfer, nachdem sie eine Zeit lang mit großem Erstaunen gesehen, wie der Oberkörper der dicken Frau eine Weile auf dem Tische hin- und hergerutscht. »Das habe ich ja von Euch noch nie gesehen, so lange ich Euch kenne.« »Daß ich schreibe,« entgegnete die Gemüsehändlerin, welche froh war, einen Augenblick innehalten zu können, »das will ich glauben, mein Schätzchen; hab's auch seit zwanzig Jahren nicht mehr praktizirt, kommt mich unbeschreiblich sauer an. Das war das Geschäft der Katharine. Was will ich aber nun machen? Das Mädel ist fort; aufgeschrieben muß sein.« Bei diesen Worten der Frau leuchtete es freundlich auf in dem Gesichte der Jungfer Strebeling. »Ei,« sagte sie, indem sie aufstand und sich dem Tische näherte, »was meint Ihr denn, Frau Schoppelmann, wenn ich das für Euch besorgte? Ich versichere Euch, ich schreibe eine recht brave Handschrift und bin außerordentlich pünktlich.« »Ja, das glaube ich wohl,« versetzte die Gemüsehändlerin freudig überrascht und blickte mit lächelndem, strahlendem Gesicht in die Höhe. »Jungfer Clementine hat was gelernt. – Aber es geht doch nicht,« setzte sie nach einer Pause verdrießlich hinzu. »Und warum geht's nicht?« »Das will ich Euch sagen,« fuhr Madame Schoppelmann fort. »Wenn Ihr mein Buch auch für einmal einschreibt, was hilft mich das? Wahrhaftig nicht viel. Seht Ihr, das Geschäft kommt jede Woche vier Mal vor, nach jedem großen Markttage, und da –« »Desto besser!« meinte Clementine, und ihr Blick war ganz glücklich und verklärt; »so schreibe ich Euch das Buch vier Male die Woche und bemerke obendrein noch auf der Schiefertafel, was Ihr mir jeden Tag diktirt, gerade so, wie es die Katharine gemacht. – Wißt Ihr was, Frau?« fuhr Clementine nach einer Pause, während welcher die Gemüsehändlerin sie erstaunt betrachtet, zu sprechen fort, »wißt Ihr was, Frau?« wiederholte sie, und dabei war es, wie wenn ihre Stimme ein klein wenig zitterte; »nehmt mich mit in Euer Geschäft, ich will redlich für Euch thun, was ich kann, und wenn Ihr mir etwas dafür geben wollt, so bin ich wohl zufrieden.« »Ja, wie ist mir denn?« fragte mehr und mehr überrascht die dicke Frau; »Ihr, eine Kapitalistin, wollt Dienste nehmen, und Dienste bei mir, der Gemüsehändlerin?« »Nennt es nicht so,« bat Clementine mit leiser Stimme. »Bedenkt doch, seit wie viel Jahren ich bei Euch aus und ein gehe, wie lange ich mit angesehen, was Katharine alles gethan, und daß es mir in der Seele weh thut, Euch so allein das ganze Geschäft besorgen zu sehen. O, glaubt mir, ich könnte Euch Vieles besorgen, wie z. B. die Schreiberei und was im Hauswesen so vorkommt, während Ihr auf dem Markte seid. – Denn,« setzte sie stockend hinzu, »für den Markt selbst tauge ich gar nicht; das würde ich auch nicht einmal gern thun. Man muß das von Kindheit auf gewohnt sein, sich so dahin zu setzen und sich angaffen zu lassen.« »Und man muß sich vor allen Dingen dabei zu benehmen wissen,« sagte die alte Frau mit großem Stolz; »da habt Ihr Recht, Clementine, das Auf-dem-Markt-Sitzen ist keine Kleinigkeit; ich mußte dahin als eine Jungfer von sechszehn Jahren, und das kann ich Euch versichern, mein Aussehen war so, daß alles, was über den Markt bei meinen Körben vorbei kam, vor mir stehen blieb, und die alten Herren nahmen bedächtig eine Prise, und die jungen Laffen sagten: Sapperment, die ist einmal schön! Eines Tages – aber da schwätz ich dummes Zeug in den Tag hinein,« unterbrach sie sich selber, »statt Euch eine vernünftige Antwort auf Euren angenehmen Vorschlag zu machen.« Clementine, welche wohl wußte, daß das Herz der Madame Schoppelmann sich nie froher bewegt fühlte, als wenn sie etwas aus ihrem vergangenen Leben erzählte, war klug genug, auf's Dringendste darum zu bitten, die Frau möge ihr zuerst erzählen, was eines Tages auf dem Markte passirt sei; ihre Sache habe immer noch Zeit. »O, es ist gar nicht der Rede werth,« entgegnete Madame Schoppelmann geschmeichelt. »Also die jungen Laffen, welche um die Körbe herum standen, sagten –« »Die ist einmal schön!« schaltete Clementine ein. »Das sagten sie wahrhaftig,« fuhr die Frau fort, »und dagegen konnte ich nichts machen. Meine Mutter hatte mir auch gesagt: laß sie nur sagen und dich anschauen, wie sie wollen, aber wie einer zudringlich wird, so schlägst du zu. Sieht Sie, Jungfer Clementine, so sagte meine Mutter – Gott hab' sie selig! – und andere Moral hat sie mir nie gepredigt; war aber auch gar nicht nothwendig: in dem war Alles inbegriffen. Da gehen sie her und schreiben ganze Bücher über das Verhalten der Jungfern von mittleren und höheren Ständen, wie sie es nennen. Wozu das? – Luxus ist's, der helle Ueberfluß! Und hätte ich zehn Töchter gehabt, ich hatte sie Alle mit dem Wort von meiner Mutter selig erzogen, denn darin liegt das ganze Geheimniß. Laßt sie euch angaffen und reden, was sie wollen, danach schüttelt man kein Ohr; aber wenn sie zudringlich werden, zugeschlagen und tüchtig zugeschlagen, treff' es, wohin es wolle und wen es wolle!« Die Gemüsehändlerin holte nach dieser längeren Rede tief Athem, und dann fuhr sie fort: »So sitz' ich also eines Tages bei meinen Körben, kommt Einer daher und will Blumen von mir kaufen. Ich sage: da sind genug, wählt Euch aus. Er sucht und sucht, und zu gleicher Zeit kommen noch mehrere so Pflastertreter heran und lachen mit dem Ersten und stoßen ihn an und sagen: nur zu, nur zu! und ich sehe, daß sie irgend eine Schelmerei vorhaben. »Endlich sagte der Erste mit so einer dünnen, piepsenden Stimme: wissen Sie was, Mamselle, Sie können wohl so gut sein und mir Ihren Strauß geben. – Meinen Strauß, Jungfer Strebeling! Das war nämlich ein Bouquet von Rosen, das ich mir vorn in's Mieder gesteckt hatte. Ich entgegnete ihm auch ganz ruhig, das seien meine Blumen und das bleiben auch meine Blumen. Da lachten die Anderen wieder und stupsten ihn in die Seite, und Einer sagte: siehst du wohl, das habe ich mir gleich gedacht. – Und nun, Jungfer Strebeling, was denkt Sie? Nun kommt der Erste dicht auf mich und –« Damit sah die Fran ihr Gegenüber mit einem fragenden Blicke an, als sollte Diese errathen, was denn eigentlich geschehen sei. »Ich will nicht hoffen – –« sagte Clementine schüchtern. »Hoff Sie nur immer zu!« entgegnete die dicke Frau. »Er geht also bei Gott her und will mir den Blumenstrauß von meinem Mieder herausziehen. Das war doch offenbar zudringlich, und so nahm ich es auch, und hatte gerade in meiner rechten Hand eine ganze Menge wilder Rosen, aus denen ich einen Kranz machen sollte, und wie der also meinen Strauß nehmen wollte, spring' ich in die Höhe und schlage ihm meine wilden Rosen – es waren recht schöne Dornen daran, und obendrein waren die Blätter ganz naß – rechts und links um das Gesicht herum, und so nachdrücklich, daß Rosenblätter und Laub und Stengel und die Wassertropfen nach allen Richtungen hinaus flogen.« »Nun?« fragte ängstlich Clementine, da die Frau einen Augenblick schwieg. »Nun,« fuhr Madame Schoppelmann mit großem Selbstgefühl fort, »damit war die Geschichte aus. Er sagte wohl, ich sei ein wilder Teufel, aber dann gingen sie lachend davon; und das waren vornehme Herren, ein paar Barone und ein Graf. Und für ihn, den ich so bedient, habe ich später lange Zeit in die Küche geliefert. Ja, das kann ich Sie versichern, Strebelinge, so was gibt Respekt. – Aber jetzt schwätz' ich da fort und fort, und Ihr hättet mich wahrhaftig unterbrechen sollen. Nun, wie war's denn mit Eurem Vorschlage vorhin? War das Scherz oder Ernst?« »Mir war's vollkommen Ernst,« sagte schüchtern Clementine; »ich habe ja doch nichts zu thun, und wenn ich Euch helfen kann, so will ich es von Herzen gern thun.« »Aber umsonst ist der Tod,« versetzte ernst die alte Frau. »Wenn Ihr für mich arbeiten wollt, so muß ich Euch auch dafür bezahlen.« »Nein, nein,« sprach eifrig Clementine, »von Bezahlen, d. h. von Geld, kann keine Rede sein. Ich helfe Euch, wie Euch Katharine geholfen, mit Ausnahme des Marktgeschäftes, und dafür – wenn Euch das nicht zu viel erscheint – wohne ich umsonst bei Euch und esse bei Euch.« Die alte Jungfer seufzte tief auf, als sie die letzten Worte sprach. »Das lass' ich mir schon gefallen,« entgegnete lachend Madame Schoppelmann; »so wohlfeil hätt' ich nicht gedacht, einen Buchhalter zu bekommen. Im Grunde kann ich mir auch denken, daß Sie es nicht thut, um Geld zu verdienen, denn Sie ist ja, was man so bei uns nennt, eine reiche Person.« »Das war ich wohl,« dachte Clementine, und einen Augenblick wollte ein trauriges Gefühl ihr Herz beschleichen. Dann aber richtete sie sich an dem süßen Gedanken, daß sie ja für ihn das alles geopfert, wieder in die Höhe, und dabei glänzte ihr Auge freudig auf. »Und wenn ich jetzt anfange zu arbeiten,« sprach sie zu sich selber, »so thue ich es ja ebenfalls für ihn, und dafür muß mir doch einmal ein schöner Lohn werden.« Aber wenn sie genauer an diesen Lohn dachte, so schauderte sie leise in sich zusammen. »Wenn das also Ernst ist,« nahm höchst vergnügt die Gemüsehändlerin das Wort, »so können wir in Gottes Namen gleich anfangen. Das Buch liegt schon seit zwei Markttagen ungeschrieben, und meine Schiefertafel steht in die Kreuz und quer so voll, daß ich selbst kaum daraus komme.« »So muß Sie mir andiktiren,« sagte Clementine und setzte sich vor das Buch hin. Ehe sie aber anfing zu schreiben, nahm sie einen feuchten Lappen und vertilgte die vielen Seen und Ströme von schwarzer Dinte, die zahlreich auf dem Tische glänzten. Dann begann die Arbeit, und wir können versichern, daß sie rasch von Statten ging. Madame Schoppelmann wischte mit zufriedener Miene einen Tag um den anderen aus, und da der neue Buchhalter erst dann zu ruhen beschloß, wenn das Buch in Ordnung sei, so wurde nach ein paar Stunden die Lampe angezündet, und während draußen der Abend herabsank und es ringsum dunkel wurde, arbeiteten die Beiden emsig darauf los. Sechsundvierzigstes Kapitel. Berichtet von einem Vorfall, der anzeigt, daß die ewige Gerechtigkeit schon hier zuweilen den Schuldigen trifft. Die Gebrüder Schoppelmann, welche in den Nachmittagsstunden einen kleinen Ausgang gemacht, waren nach Hause zurückgekehrt und saßen neben einander auf dem Bette des Fuhrmanns. Ihre Unterhaltung war ziemlich einsylbig; Beide schienen mit ihren Gedanken beschäftigt. Zwischen den hohen Mauern des Nebenhauses hindurch drang von der breiten Straße, in welche die enge, schmutzige Gasse endete, ein schmaler Strahl des Gaslichtes der Laternen, leuchtete auf den Gitterstäben vor den Fenstern und warf einen bleichen Schein auf die beiden Köpfe der windigen Brüder. Der Winkel war fast ganz dunkel und nur in dem musikalischen Hause, wie gewöhnlich, ein Fenster erhellt, hinter welchem man den Schatten eines Schulgehülfen erblickte, der nach des Tages Last und Hitze sein Gemüth mit sanften Melodieen erheiterte. Sanft und angenehm waren diese Melodieen, aber wohl nur für sein eigenes Ohr; denn in Wahrheit zu sagen, brachte er aus dem alten Klavier zuweilen entsetzliche Mißtöne hervor und sang dazu ein Lied, woran das Bemerkenswertheste war, daß es trotz Instrument und Noten beständig durch verschiedene Tonarten klang, und daß jeder Vers fast einen ganzen Ton tiefer endigte, als ihn der Sänger begonnen und als ihn das eigensinnige Klavier vorschrieb. Das war aber für den Künstler da droben gleichgültig; es schien wenigstens so, und er mußte sich offenbar an den Tönen erfreuen, die er hervorbrachte; denn er sang alle Verse des Liedes durch, dann präludirte er ein wenig und fing wieder von vorn an: Der Sänger hält im Feld die Fahnenwacht, An seiner Seite klirrt das Schwert, das scharfe. Die Gebrüder Schoppelmann saßen schon ziemlich lange auf dem Bette des Fuhrmanns, ohne viel mit einander zu sprechen. Jeder war mit sich selbst beschäftigt, und nur zuweilen, wenn der Sänger droben gar zu laut hinaus jammerte und zu kläglich versicherte, daß er die Dame, so er liebe, um keinen Preis nennen wolle, schaute der Jäger seinen Bruder an, worauf dieser entgegnete: »das sind langweilige Kerle!« – Das Wetter draußen mochte neben anderen Ursachen auch wohl niederdrückend auf das Gemüth der Beiden wirken; denn der Himmel, der schon seit ein paar Tagen mit dunkeln Wolken bedeckt war, sandte heute Abend einen kalten, unfreundlichen, schon recht herbstlichen Regen herab. Draußen plätscherten die Rinnen; man hörte das Wasser rieseln, und wenn man so in den Schein der Laternen hineinsah, so bemerkte man die schweren Tropfen, die vom Winde in schiefer Richtung gegen die Wände der Häuser getrieben wurden. Mittlerweile hatte der Singende droben ein höchst unmelodisches Accompagnement gefunden; denn ein Hund, der draußen im Winkel vor dem Regen irgendwo untergekrochen war, fing an zu heulen, zuerst leise und schmerzlich, dann lauter und jammervoll; oft stieß er auch kurze traurige Töne aus, dann erhob sich aber seine Stimme wieder zu einem wahren Klaggesange, der sich zuletzt in unendlich hohen Tönen verlor. Anfänglich hatte es die Beiden gefreut, daß der Schulmann droben auf so unangenehme Art gestört wurde; denn dieser war schon einige Mal an's Fenster getreten, hatte es geöffnet und sehr laut hinab gerufen: Bst! Bst! indem er hoffte, den Hund auf solche Weise zum Schweigen zu bringen. »Das ist doch eine rechte Bestie!« sagte der Fuhrmann nach einer Pause. »Warum heult das Vieh eigentlich?« »Das macht die Musik da droben,« versetzte der Jäger, »oder auch vielleicht der Regen.« »Es könnte doch vielleicht heute Nacht Jemand hier in der Nähe sterben,« entgegnete der Fuhrmann; »dann heulen diese Bestien auch immer.« »So–o–o–!« erwiderte der Jäger gedehnt und sah seinen Bruder an. »Das ist ein dummer Aberglaube; es ist ja Niemand krank in der Nähe. Ich weiß wenigstens Niemand.« »Ja, man sagt so,« sagte gleichmüthig der Fuhrmann. – – »Aber ich weiß nicht,« fuhr er nach einer Pause fort, »mich friert's heute Abend; es fängt doch schon an kalt zu werden.« »Ach ja, der Herbst kommt,« meinte der Jäger und warf einen sehnsüchtigen Blick nach den Gewehren, die über seinem Bette hingen. »Jetzt wird es im Walde lebendig und schön, und wir sitzen hier und können nicht einmal hinaus.« »Das muß man ändern,« sagte bestimmt der Fuhrmann. »Ich versichere dich, ich habe das Leben satt und will lieber irgendwo als Knecht arbeiten, als wie hier so miserabel meine Tage verbringen. Wir leben, d. h. wir essen und trinken; das ist aber auch Alles; wir sind wie die Schulbuben, die angezogen werden, die ihren Kaffee und ihr Mittagessen erhalten, aber wenn sie ein Taschengeld verlangen, auf die Finger geklopft werden.« »Es ist empörend,« erwiderte der Jäger, »und du wirst sehen, mit uns wird's nicht mehr anders. Die Alte verdient viel lieber des Jahres ihre Tausend Gulden weniger, als daß sie uns wieder hinaus läßt, wie früher. Wir sollen hier in der Untätigkeit verderben und verlahmen.« »Weßhalb thun wir's?« fragte giftig der Fuhrmann. »Mir steht die ganze Wirtschaft bis hier oben; hast du heute Abend bemerkt, als wir in's Bierhaus gingen, wie der alte Kerl ein Gesicht machte, wie wir kamen? Freilich hatte ich kein Geld, aber das war früher auch oft der Fall, und da sprangen sie doch, als wenn wir Grafen und Herren wären. Ich versichere dich, Konrad, die Alte hat unserem Kredit geschadet; und wenn uns nicht die Frau bedient hätte, so wäre uns – straf mich Gott! – die Schande angethan worden, daß wir trocken dagesessen wären. Sollen wir das alles so hinunter schlucken?« »Und ich meine Prügel von neulich?« nahm ingrimmig der Jäger das Wort. »Meinst du, das hätt' ich vergessen? Sieh, Fritz, damals hat es mir in der Hand gejuckt, und es hätte was Garstiges geschehen können, wenn – –« »Du nicht hinter der Bettlade festgesteckt wärest!« lachte der Fuhrmann. »Und du thätest besser, darüber keine schlechten Witze zu machen,« fuhr der Jäger fort; »du am allerwenigsten; du hättest dich für mich verwenden sollen und mit der Alten ein vernünftiges Wort sprechen, oder sie sanft am Arm zurückhalten; aber statt dessen krochst du unter die Bettdecke und ließest mir geschehen, was da wollte.« »Nun, das muß ich sagen,« sprach der Fuhrmann, »du kennst die Alte doch, beim Blitz, gerade so wie ich. Das hätte was genützt! Sie wäre dann über uns beide hergefallen. Nein, nein. Alles zu gleichen Theilen, ich meine Kopfwunde, du deine Prügel, das hebt sich auf.« »Ich will nicht mit dir streiten,« sagte verdrießlich der Jäger. »Aber hast du wirklich vor, was zu wagen, daß wir für eine Zeit lang aus dieser verdammten Lage heraus kommen und ein Bischen Luft schöpfen können? Ich bin dafür mit Leib und Seele.« »Darauf rechne ich,« antwortete der Fuhrmann und trommelte mit den Füßen auf die Bettlade. »Und was geschieht, muß noch heute Abend geschehen,« meinte der Jäger. »Das, denke ich, ist auch meine Idee. Gib nur Achtung, es wird hohe Zeit sein, da drüben dem alten Thier, der Schilder, zuvorzukommen. Sie hat nichts Gutes im Sinne.« »Was kann sie mit uns wollen?« lachte der Jäger. »Narr! mit uns freilich nichts,« sagte der Fuhrmann; »aber mit unserem Gelde. Meinst du, sie habe vor, mit uns zu theilen? – Gott bewahre! Wenn wir ihr nicht noch heute Abend einen Besuch machen, so haben wir sie zum letzten Mal gesehen.« »Und du meinst, sie könnte davon gehen,« fragte erstaunt der Jäger, »und ihre Wirtschaft dahinten lassen?« »Was Wirtschaft!« entgegnete Fritz. »Von dem, was drüben ist, gehört ihr keine Glasscherbe.« »Und der Wein in ihrem Keller?« »Was so ein Jäger nicht für ein gutmüthiger Narr ist!« antwortete lachend der Fuhrmann. »Wein im Keller, sagst du? Sie hat ebenso wenig mehr welchen, wie sie außer uns Kunden hat; ich merke schon seit einigen Tagen, daß das letzte Faß leer ist; ich schmecke so was augenblicklich. Und was sie uns des Abends zu trinken gibt, das holt sie Nachmittags im Krug aus irgend einer anderen Weinschenke.« »Du kannst Recht haben,« entgegnete nachdenkend der Jäger. »Mir ist es wahrhaftig auch schon so vorgekommen, und wir sind demnach in unserem Rechte.« »Das will ich meinen!« lachte der Fuhrmann; »sehr in unserem Rechte! und wenn wir hinübersteigen und ein freundliches Wort mit der alten Schilder reden, so thun wir nach der Vorschrift und haben als gute Haushalter nach dem Unsrigen ausgeschaut.« »So sei es!« sprach der Andere und blickte nachdenkend in das Licht der Gaslaterne, die ihren falben Schein über sein Gesicht ergoß, über sein Gesicht und das des Bruders; und als sich nach einem Augenblicke Beide gegenseitig betrachteten, so machte Jeder die Bemerkung, der Andere sehe sehr bleich aus. Zehn Uhr war's an demselben Abend. Es regnete noch immer trübselig und langsam fort, die Dachrinnen sprudelten und klapperten, die kleinen, fast vertrockneten Rinnen waren angeschwollen und brausten durch die Straßen, und in den feuchten Pflastersteinen spiegelte sich das Licht der Straßenlaternen in langen, röthlich zitternden Streifen; und wenn der Wind, der sich zuweilen erhob, in das gläserne Gehäuse dieser Laternen drang und die Flammen hin und her wehte, so zerriß der Schein auf dem Boden, und Licht und Schatten jagten und verdrängten einander. Es war ein Wetter, von dem der ruhige Bürger sagt, man solle bei einem solchen keinen Hund auf die Straße jagen, und deßhalb waren Plätze und Gassen weit und breit leer. Die Bewohner der unteren Stadtviertel um den Markt, welche früh am Tage an ihre Geschäfte mußten, suchten dafür auch zu guter Zeit ihre Betten, woher es denn kam, daß um diese Nachtstunde hier Alles in tiefer Ruhe und Finsterniß begraben lag. Das Schoppelmann'sche Haus machte hievon keine Ausnahme. Das große Hofthor war verschlossen und klapperte nur zuweilen in seinen Angeln, wenn ein Windstoß durch den Hof und durch den Thorweg sauste. Dann erzitterte es leise und stöhnte, und die großen Hunde, die dahinter lagen, fuhren in die Höhe und knurrten und schlugen auch wohl ein paar Mal laut an; dann aber schienen sie zu merken, daß es blos der Luftzug sei, was sie beunruhigte, und legten ihren Kopf wieder auf die Vorderpfoten, um fortzuschlafen. Da klang es vor dem Fenster der Gebrüder Schoppelmann scharf und durchdringend, wie wenn man Eisen auf Stein wetzt, und daraus hörte man die Stimme des Fuhrmanns, welcher leise, aber eindringlich sagte: »heb' doch in's Teufels Namen das Gitter mehr in die Höhe! Die Musik wird uns noch die Alte aus dem Schlafe auf den Hals laden. Halte fest! – So. Steig' ruhig hinaus.« »Ich habe doch noch heute dieses alte Eisenwerk mit Oel geschmiert!« brummte der Jäger. »Weiß der Henker, was dem einfällt!« »Die Nässe,« antwortete der Fuhrmann. »Aber jetzt komm!« Und damit waren sie von der Fensterbank herabgeglitten und wandten sich dem musikalischen Hause zu, an dessen Mauern sie dicht vorbei bis zur Schenke der Frau Schilder gingen. Hier war alles so dunkel und öde, wie in den anderen Häusern, die Thüre fest verschlossen, die Läden zugemacht; kein Lichtstrahl sagte denen da draußen, ob die Besitzerin noch auf sei und daß sie Hoffnung hätten, noch eingelassen zu werden. »Sollen wir das gewöhnliche Zeichen machen?« fragte leise der Jäger. »Gewiß nicht,« entgegnete der Fuhrmann; »auf das hin wird sie uns nicht öffnen. Ich will dir etwas sagen: du bleibst hier an der Thüre stehen; ich gehe hinten um's Haus herum, springe über die Mauer in den Hof des alten Klosters, wo das Fenster der Hinterstube hinaus geht, da wird sie sitzen und mir gutwillig aufmachen. – Gutwillig,« setzte er leise lachend hinzu, »wenn ich sie überrasche und erschrecke. Du mußt aber hier bleiben; denn wenn ich hinten anklopfe, könnte sie am Ende hier zur Thüre hinaus das Haus verlassen wollen.« »Also wenn sie hier hinaus wollte –?« fragte der Jäger. »So hältst du sie zurück,« antwortete bestimmt der Fuhrmann, »verhinderst sie vor allen Dingen am Schreien; das wirst du doch wohl können. Du nimmst sie einfach am Halse und hältst sie fest.« »Gut!« sagte der Bruder; »ich will's besorgen.« Damit drückte er sich so dicht wie möglich an die Hausthüre, einestheils um im tiefen Schatten derselben nicht gesehen zu werden, anderentheils um den herabfallenden Regentropfen zu entgehen. Der Fuhrmann ging um das Haus herum; da war hinter demselben eine kleine Mauer, die er leicht übersprang und sich nun auf einem öden Platze befand, einem ehemaligen Klosterkirchhofe, den aber die herandrängenden Häuser nach und nach verengt hatten, so daß derselbe, der ehemals eine weite Fläche einnahm, jetzt auf etwa hundert Schuh im Quadrat zusammen gedrückt war. Aber alles Unheimliche des ehemaligen weiten Platzes mit seinen Grabsteinen, Kreuzen, zerbrochenen Sarkophagen hatte sich ebenfalls hier zusammen gedrängt, und um zu dem Fenster zu gelangen, welches von der Hinterstube der Madame Schilder auf diesen Platz führte, mußte man über große Haufen dieser Gegenstände hinwegklettern, was denn auch der Fuhrmann leise und umsichtig that. Er hatte richtig geahnet; die Fenster waren, wenn auch schwach, erleuchtet, und als er langsam näher schlich, sah er die Frau Schilder an ihrem Tische sitzen; sie hatte den Kopf in die Hand gestützt und las in einem großen Buche. Es war augenscheinlich eine Bibel. Im ersten Augenblicke lächelte der Fuhrmann darüber und schüttelte den Kopf, im nächsten Augenblicke aber befremdete ihn doch das Treiben der Frau, als er sah, wie sie mit ihren Augen gierig über die Blätter hinfuhr, wie ihr Haar so zerstört, ihr Gesicht so bleich war. Zuweilen blickte sie in die Höhe und schüttelte mit einem unsäglich trostlosen Blicke den Kopf, als wollte sie sagen: das alles, was sie hier lese, bringe ihr doch keinen Trost. Und so mochte es wohl auch sein; denn nachdem sie eine Zeit lang in die Blätter gestarrt, nahm sie ein Messer, das neben ihr auf dem Tische lag, schlug das Buch zu, steckte alsdann das Messer auf's Geradewohl zwischen die Blätter und begann dann wieder eifrigst eine so durch den Zufall aufgeschlagene Stelle zu lesen. Da rollte ein Stein unter den Füßen des Fuhrmanns hinweg und polterte dumpf an die Wand des Hauses. Entsetzt fuhr die Frau in die Höhe und starrte mit einem schrecklichen Blicke nach dem Fenster. Ihre Angst schien sich auch nicht zu vermindern, als nun der Fuhrmann leise an die Scheiben klopfte. Einen Augenblick blieb die Frau unschlüssig stehen, dann machte sie eine zuckende Bewegung gegen das Fenster hin, wandte sich aber, ehe diese noch ganz ausgeführt war, wieder nach der Thüre, ohne auch diese erreichen zu können; denn sie war zu jedem Schritte unfähig, sie zitterte an allen Gliedern. Jetzt klopfte der Fuhrmann stärker an das Fenster, legte auch seinen Mund dicht an die Scheiben und sagte: »macht doch keine Faxen, Schilderin! Ich bin's ja, Fritz Schoppelmann; wir wollen nur ein kleines Glas Wein bei euch trinken. Oeffnet die Thüre oder das Fenster, wie Ihr wollt.« Auf diese Worte hin machte die Frau eine hastige Bewegung, das Zimmer zu verlassen. Doch schien sie sich an der Thüre eines anderen zu besinnen; sie warf einen trostlosen Blick rings um sich, dann trat sie seufzend an das Fenster. »Was wollt ihr?« fragte sie den Fuhrmann, der jetzt sein ganzes Gesicht und so lächelnd als möglich am Fenster zeigte. »Was ich will?« entgegnete er. »Nun, das ist einmal wieder eine lächerliche Frage! Ich habe es Euch ja schon gesagt: ein Glas Wein trinken. Oeffnet nur jetzt das Fenster oder vorn die Hausthüre.« »Wollt ihr denn bei mir einsteigen wie ein Dieb in der Nacht?« versetzte die Frau, indem sie sich an einer Tischecke festhielt und ihren Körper schien ein leichter Schauder zu überfliegen. »Was Dieb!« antwortete grinsend der Fuhrmann. »Sind wir nicht eure guten Freunde, mein Bruder und ich?« »So, ist der Jäger auch da?« fragte die Frau, und blickte aufmerksam zum Fenster hinaus, wobei man auf ihrem Gesichte sah, daß ihr die Anwesenheit des jüngeren Bruders nicht so unangenehm war, wie die des älteren. »Er steht draußen vor der Hausthüre,« murrte der Fuhrmann. »Aber jetzt macht endlich einmal auf! Ich habe es satt, hier im Regen zu stehen.« Der Fuhrmann, der sich nun an die Scheiben legte, hörte, wie die Frau wirklich die Hausthüre öffnete, und gleich darauf sah er sie mit seinem Bruder zurückkommen. Der Jäger konnte sich eines Lächelns nicht enthalten, als er den Andern so draußen vor dem Fenster im Regen stehen sah und als er vernahm, wie die Wirthin hoch und theuer schwor, ihr Fenster öffne sie nicht, und wenn der Fuhrmann in's Haus wolle, so solle er nur getrost vorn zur Thüre hereinkommen. Das that er denn auch, und wenige Minuten nachher trat er in's Zimmer und setzte sich an dem alten schwarzen Tische nieder, vorn hin in den Schein der Lampe, während der Jäger sich etwas zurückzog und sich absichtlich oder unabsichtlich in dem Schatten niederließ. Die Frau stand an dem Tische und blickte den Fuhrmann fest an. Dieser hatte die Hände in die Hosentaschen gesteckt, streckte die Beine weit von sich und pfiff eine Melodie dazu, während er den – wir möchten sagen: starren – Blick der Frau fest aushielt. »Was wollt ihr also?« fragte diese. »Vorderhand ein Glas Wein trinken,« entgegnete ruhig der ältere Schoppelmann. Einen Augenblick schwieg die Frau still, dann sagte sie trotzig und bestimmt: »ich habe keinen mehr, das Faß ist leer.« »Keinen Wein mehr im Hause?« fragte der Fuhrmann lächelnd und versuchte es, mit seinem Bruder einen Blick zu wechseln, was aber unmöglich war, da dieser fast hinter ihm saß. »Nicht einen Tropfen!« sagte die Frau, ohne irgend eine Bewegung zu verrathen. »Auf morgen erhalte ich neuen, und dann steht mein Haus wieder zu euren Diensten.« »So, also auf morgen?« antwortete lächelnd der Fuhrmann. »Das ist doch eine schlechte Wirtschaft, die ihren Wein ausgehen läßt; das thut man nur dann, wenn man das ganze Geschäft aufgeben will. Habt Ihr das vielleicht im Sinn, Frau Schilder?« Dabei blickte er die Frau lauernd an. Diese zuckte die Achseln und entgegnete: »wer weiß, was geschieht über kurz oder lang! Es kann wohl sein, daß ich es nicht wünsche, mein Leben hier in diesem Winkel zu verbringen. – So Gott nämlich will,« setzte sie leiser hinzu und blickte auf eine sonderbare Art um sich. »Wenn Ihr also keinen Wein habt,« fuhr der unerschütterliche Fuhrmann fort, indem er seine rechte Hand aus der Hosentasche hervorzog, zu gleicher Zeit aber ein großes Einschlagmesser, das er langsam öffnete und damit den Rand des Tisches beschnitzelte; »wenn Ihr also keinen Wein mehr habt,« wiederholte er, »so wollen wir trocken von Geschäften reden; denn Wasser mag ich keines saufen.« In dem Herausziehen des Messers lag an sich nichts Besonderes und ebensowenig darin, daß er von dem Tische kleine Stücke herunterschnitt. Er pflegte das beständig so zu machen, es war das, während er Wein trank, ein kleines Privatvergnügen für ihn. Obgleich nun die Frau diese Spielerei hundert Mal gesehen hatte und nie etwas dahinter gesucht, so erblaßte sie jetzt doch, als der Fuhrmann sein blitzendes Messer öffnete, und sogar der Jäger in der Zimmerecke schien unruhig auf seinem Stuhle hin und her zu rücken. »Wir wollen also von Geschäften reden,« sagte der Fuhrmann, ohne in die Höhe zu blicken. »Von Geschäften?« wiederholte die Frau mit tonloser Stimme; »das haben wir ja schon heute Mittag gethan.« »Ganz richtig!« meinte der Fuhrmann, »ohne aber zu einem Resultat zu kommen.« »Zu welchem Resultat?« »Nun, zu einem klingenden!« lachte der Fuhrmann. Doch war dieses Lachen ein erkünsteltes, und seine Züge nahmen gleich darauf einen fürchterlichen Ernst an. »Wir brauchen Geld!« sagte er finster und trotzig, »ich und mein Bruder, viel Geld; wir haben keinen Kreuzer, Ihr habt genug.« »Du mein Gott!« unterbrach ihn die Frau und wollte lächeln. Aber dieses Lächeln verwandelte sich in den Ausdruck höchsten Schreckens, als der Fuhrman sie jetzt mit seinen seltsam funkelnden Augen fest ansah. – »Geld?« führ sie mit leiser Stimme fort. »Woher soll ich solches nehmen? – – Nun ja, wenn ihr es denn wollt, so will ich morgen früh nachsehen, wo ich etwas bekomme.« »Morgen früh?« lachte hämisch der Fuhrmann. »Wie Ihr so schlau seid! – Was morgen früh!« fuhr er plötzlich mit barscher Stimme fort, »sollen wir uns wieder von Euch zum Narren halten lassen? Rückt heraus damit!« rief er aufspringend, »Ihr habt Geld genug im Hause; ich rathe Euch, laßt Euch nicht lumpig finden! 's könnte Euer Schaden sein!« »Aber was wollt ihr denn?« entgegnete erbleichend die Frau und machte ein paar Schritte rückwärts der Thüre zu. »Nicht von der Stelle!« schrie erbost der Fuhrmann und faßte sie mit seiner schweren Faust am Handgelenk. »Ich will euch sagen, was wir wollen: das Geld der alten Jungfer wollen wir.« »Ihr habt ja Euren Theil,« sagte zitternd die Frau. »Was Theil!« fuhr der Fuhrmann fort. »Ihr habt an tausend Gulden baar da liegen, die will ich und das Papier von dreitausend Gulden als Pfand nehmen. Seht, Euch traue ich nicht so weit. – Ja als Pfand will ich sie nehmen, die Verschreibung, denn Ihr würdet uns doch keinen Kreuzer davon geben. Ja und lieber noch will ich das Papier zerreißen, als es in Euren Fingern lassen.« Die Frau wußte einen Augenblick nicht, was sie darauf antworten sollte. Sie hatte wohl schon mit dem Fuhrmann ähnliche Scenen erlebt, doch war sein Blick bei diesen Veranlassungen nie so abscheulich gewesen, wie heute Abend; sie hatte sich nie so erschüttert und rathlos gefunden, wie in diesem Augenblicke. »So wollt ihr mich also berauben?« sagte sie nach einer längeren Pause. »Ihr – zwei Männer eine schwache Frau? Es ist weit mit euch gekommen.« »Da habt Ihr Recht!« entgegnete ingrimmig der Fuhrmann, »es ist weit mit uns gekommen. Aber wer ist daran Schuld, als Ihr schlechtes Weibsbild? Wer hat uns seit Jahren in dieses Haus gezogen, wer hat uns leichtsinniger Weise geborgt, Geld und Wein? Wer hat an Zahlungs Statt lachend die Waaren angenommen, die wir unserer Mutter drüben gestohlen? – Ihr – Ihr und wieder Ihr!« »Ja, das könnt Ihr nicht läugnen,« mischte sich der Jäger in's Gespräch, »das habt Ihr alles gethan, und auch den Gedanken angegeben zu der Geschichte mit der alten Jungfer drüben.« »Und wer hat den Kopf in die Schlinge gesteckt?« fuhr der Fuhrmann fort. »Wir Beiden! – Und was haben wir davon? – Nichts, gar nichts! Unseren Theil habt Ihr wieder an Euch gezogen: uns ist, wie gesagt, nicht ein Kreuzer geblieben.« »Das ist alles wahr,« bekräftigte der Jäger die Rede seines Bruders. »Deßhalb rückt heraus,« fuhr der Andere mit gepreßter Stimme fort, »mit Papier und Geld, oder – es geschieht ein Unglück!« »Papier und Geld!« wiederholte die Frau; doch klangen diese Worte fast unverständlich. »Alles soll ich hergeben?« »Alles!« sagte bestimmt der Fuhrmann. »Wenigstens das baare Geld,« meinte der Jäger. »Seid klug und thut, wie Euch der Fritz gesagt.« »Also das baare Geld?« fragte die Frau mit einem tiefen Seufzer und blickte rathlos um sich. »Geld und Papier!« entgegnete mit festem Tone der Fuhrmann. »Nein, nein! gewiß nicht!« kreischte jetzt die Frau laut auf. »Nein, ihr bekommt es nicht! Lieber könnt ihr mich jetzt gleich auf der Stelle todt schlagen – Räuber und Mörder sein. Aber ihr sollt nicht Alles haben.« Der Fuhrmann ließ den Arm der Frau los und griff nach seinem Messer, das er auf den Tisch geworfen. Doch drängte ihn der jüngere Bruder in diesem Augenblick zurück und rief: »so seid doch Beide klug und verständig! Gebe Jedes von euch die Hälfte nach! Holt das baare Geld, tausend Gulden voll gezählt, und dafür lassen wir Euch das Papier, bis es umgewechselt ist. Dann wird wieder redlich getheilt.« Der Fuhrmann wollte etwas heftig entgegnen, doch zog ihn der Bruder einen Schritt zurück und flüsterte ihm zu: »Was nützen dich die Papiere? Sie gehen ja auf ihren Namen; wir können sie doch nicht verkaufen.« Hierauf entstand eine längere Pause, während welcher der Fuhrmann sein Messer fest in der Hand hielt und die Frau mit einem tückischen Blicke von oben bis unten maß. Seine linke Hand ballte sich auf und zu, und er war anzusehen wie ein wildes Thier, das jeden Augenblick bereit ist, sich vernichtend auf seine Beute zu stürzen. Die Frau sah und fühlte genau, was in ihrem Feinde vorging, und während sie heftig zitterte, brauchte sie zur Abwehr die einzige Waffe, die ihr übrig blieb: sie gab ihm Blick um Blick zurück und hielt sein Auge fest mit dem ihrigen. Dabei rieselte ihr der Schweiß über das Gesicht herab, und ihre Brust hob sich keuchend. »Tausend Gulden baares Geld,« sagte beschwichtigend der Jäger. »Sei es darum!« rief nach einer abermaligen längeren Pause der Fuhrmann und warf sein Messer hinweg. »So will ich sie holen,« brachte die Frau mühsam heraus und ging mit wankenden Schritten zur Thüre hinaus. Ihr folgten die beiden Brüder, und während der Fuhrmann dicht hinter der Frau ging, blickte sie sich jeden Augenblick scheu um; sie schien etwas Entsetzliches zu befürchten. An der Treppe brachen ihr fast die Knie zusammen, und während sie langsam hinaufstieg, wischte sie sich mit der linken Hand über das Gesicht und hielt sich mit der rechten krampfhaft am Geländer. Der Fuhrmann blickte finster vor sich hin und stützte sich mit dem Arm auf den Treppenpfosten. Konrad schlich an die Hausthüre und horchte hinaus, ob sich auf der Straße nichts rege. Aber da vernahm er nichts, als das Plätschern der Regentropfen und das Sausen des Windes, wenn er um die Straßenecke herumfuhr. Die Frau blieb ziemlich lange aus. »Was meinst du,« sagte der Fuhrmann, nachdem sie einen Augenblick gewartet, »sollen wir nicht ebenfalls hinaufsteigen und nachsehen, was sie droben in ihrer Kiste hat.« Doch der Jäger schüttelte mit dem Kopfe und erwiderte sonderbar lächelnd: »lassen wir das; wir wollen ihr ja nichts gewaltsam wegnehmen. Was sie uns freiwillig anleiht, damit sind wir zufrieden.« Jetzt erschien auch die Frau wieder oben an der Treppe. Sie trug eine Lampe in der rechten Hand und hielt mit der linken ihre schwarze Merinoschürze fest, in welcher sich etwas Schweres zu befinden schien. Ihr Gesicht war furchtbar bleich und entstellt. Schon erhob sie den Fuß, um die erste Stufe hinab zu steigen, da zog sie ihn wieder zurück und blieb plötzlich droben wie angebannt stehen. Ihr Augen öffneten sich entsetzlich weit und starrten ohne allen Ausdruck vor sich hin. Es war ein so unheimlicher Anblick, daß Konrad die Augen wegwandte und selbst der Fuhrmann mit der Hand über das Gesicht fuhr. Immer noch stand die Frau oben, und ihr Blick wurde gläsern und kalt. Plötzlich fing sie an zu schwanken, die Lampe entstürzte ihrer Hand und erlosch. Die beiden Brüder sahen nichts mehr. Das Licht aus der Hinterstufe warf noch einen zweifelhaften Schein in den Hausflur. Sie sahen nichts mehr; aber was sie hörten, war um so fürchterlicher. Es klang wie ein tiefer entsetzlicher Seufzer, wie ein kurzer, trostloser Hülferuf; dann klapperte es auf der Treppe und klingelte wie Geldrollen, die herab geworfen werden, und wie wenn aus den zerborstenen Hülsen die einzelnen Geldstücke herausrollten. Darauf hörten sie einen harten Fall; ein schwerer Körper rollte die Treppe herab, und der Fuhrmann, der sich entsetzt vorbeugte, um in der Dunkelheit etwas zu sehen, fuhr erschreckt zurück, denn eine kalte, leblose Hand streifte sein Gesicht. Da sträubte sich sein Haar empor, und obgleich er sich bezwang und in die Hinterstube eilte, das Licht zu holen, so zitterte doch seine Hand, und die Knie brachen fast unter ihm zusammen. Der Jäger hielt sich an dem Treppenpfosten, und als sein Bruder mit der Lampe zurückkam, um das Gräßliche, das sich hier begeben, zu beleuchten, kehrte er scheu seinen Blick ab und wandte sich der Hausthüre zu. Das Leben der Frau Schilder hatte ein plötzliches Ende genommen; die kalte Hand des Todes hatte den Faden desselben zerrissen in dem Augenblicke, als man sie gezwungen, ihr Liebstes zu opfern. Sie war mit dem schrecklichsten Bewußtsein gestorben, und die letzte Viertelstunde ihres Lebens mit dieser entsetzlichen Qual, vielleicht vermischt mit der Ahnung ihres nahen Todes, war eine fürchterliche Strafe für alles, was sie Uebles auf dieser Welt gethan. Der Fuhrmann hatte es auch nur eine Sekunde vermocht, diesen Anblick zu beleuchten. Da lag die Frau blutend an der Treppe in ihrem verschossenen schwarzen Merinokleide mit erdfahlem Gesichte. Und das Gräßlichste dabei war: um sie herum ausgeschüttet – dieser Todten zu einer fürchterlichen Verzierung – lagen goldene und silberne Münzen. Wie gesagt, nur einen Augenblick vermochte es der Fuhrmann, dorthin zu blicken. Hastig stellte er die Lampe auf den Boden, riß seinen Bruder, der zitternd an der Thüre stand, am Arm und eilte mit ihm hinaus auf die Straße, die Hausthüre hastig hinter sich zuwerfend. Erst als die Beiden wieder in ihrem Zimmer waren und das ausgenommene Gitter wieder vor dem Fenster befestigt hatten, war es ihnen möglich, das, was soeben geschehen, mit etwas ruhigerem Blute zu überlegen. Der Fuhrmann faßte sich zuerst und schlug sich vor den Kopf, seine Dummheit verfluchend, daß er nicht wenigstens so viel als möglich von dem Gelde aufgerafft, wogegen der Jäger versicherte: nicht um alle Schätze der Welt möchte er ein Stück von dem Geld in seiner Hand wissen. Der Fuhrmann hatte auch noch an andere Sachen gedacht; denn nachdem er eine Zeit lang in sich versunken auf seinem Bette gesessen, fuhr er plötzlich in die Höhe und sagte mit unsicherer Stimme: »das ist ein großes Unglück, Konrad! Wir müssen fort, noch heute Nacht. Man wird uns für – die Mörder der Frau drüben halten.« »Um so gewisser wird man das thun,« entgegnete der Jäger, »wenn wir entfliehen. Bah! welches Anzeichen könnte auf uns deuten?« »Viele!« sprach ernst der Fuhrmann; »unter anderen mein Messer, das ich drüben weggeworfen.« »Hast du das gethan?« fragte schaudernd der Jäger. »Das ist schlimm, sehr schlimm! Wir können es nicht wieder holen.« »Leider nicht; die Thüre ist verschlossen,« antwortete der Fuhrmann. »Auch wenn sie offen stände,« sagte der Jäger, »brächten mich vier Pferde nicht in das Haus hinein. Mir graut davor; ich kann morgen unmöglich dort vorbei gehen.« »Ich auch nicht,« entgegnete der Fuhrmann. »Deßhalb laß uns für eine Zelt lang unsichtbar werden, bis der Spektakel vorüber ist.« »Aber wohin?« »Das ist deine Sache; ich kenne nur die offenen Landstraßen; die Wälder mit den Schlupfwinkeln sind dir bekannt.« »Gut! so gehen wir über die Grenze bei D. Ich habe dort in der Umgegend einen alten Bekannten, der uns gern eine Zeit lang aufnimmt. Wahrhaftig, du hast Recht, wir wollen fort! Ich hatte doch beim Anblick des verschlossenen Hauses drüben keine ruhige Stunde mehr.« »Und Verdacht erregt es gewiß nicht, daß wir fort sind,« meinte der Fuhrmann. »Der Frau drüben ist von Menschenhand nichts geschehen, das werden die Doktors schon heraus doktern; und wenn sie auch mein Messer entdecken, so werden sie es neben dem Tische finden, von dem ich Holzsplitter abgeschnitten. – – Aber was meinst du, Konrad – einen kleinen Zehrpfennig sollten wir doch mitnehmen?« Bei diesen Worten stieß er ihn mit der Schulter an und machte ein Zeichen mit dem Kopfe nach der Thüre des Nebenzimmers. »Thu, was du willst,« erwiderte der Jäger; »ich will zu Allem Ja sagen; aber ich bin so abgeschlagen, daß ich weder Hand noch Fuß rühren kann und zu Allem unfähig bin.« »Laß mich nur machen!« sagte der Fuhrmann, zog seine Stiefel aus und schlich sich auf den Strümpfen zur Thüre hinaus. Konrad, der Jäger, blieb auf dem Bette sitzen und sah wieder in die Nacht hinaus und auf den Schein der Gaslaterne drüben an der Straßenecke. Doch kehrte sein Blick wieder von dort zurück und heftete sich mit einem unbeschreiblichen Grauen auf die Thüre des kleinen Wirthshauses drüben, die sie vorhin so fest verschlossen hatten. Wenn aber der Schein der Laterne darüber hinfiel und das Licht, vom Winde bewegt, hin und her flackerte, so war es ihm gerade, als bewege sich die Thüre, als öffne sie sich leise, und als schaue eine schwarze Gestalt heraus: die Frau Schilder mit einem blendend weißen Gesichte – und zeige auf ihn und nicke ihm zu, und alsdann glaubte er die Worte zu hören: das ist auch einer von den Beiden, die mich in den Tod gejagt. Da sitzt er. Nach solchen Bildern, die ihm seine Phantasie vorspiegelte, sprang der Jäger entsetzt von dem Bette auf und fand, daß es ihm unmöglich sei, in diesem Hause zu bleiben und so Tag und Nacht die Thüre drüben vor seinem Blicke zu haben. Er langte sein Gewehr von der Wand herunter, seine Jagdtasche und seinen Hut, sah nach Pulver und Blei und hielt nur in dieser Arbeit inne, um auf leise Schritte zu lauschen, die sich vom Nebenzimmer der näherten. Es war der Fuhrmann, der von dort zurück kam und nun die Worte sprach: »es ist Zeit – komm!« Fritz nahm ebenfalls einen alten Jagdranzen von der Wand, den er sich umhängte, und als dies geschehen, ließ er etwas hineingleiten, das klang, als seien es schwere Geldstücke in einem Säckchen. Darauf verließen Beide das elterliche Haus, ohne sich viel umzuschauen, ohne viel zu reden. Als sie an dem Hause der Frau Schilder vorbei kamen, blieb der Jäger zitternd einen Augenblick stehen und horchte. Er meinte, er höre etwas in dem Hause; doch zog ihn der Bruder brummend mit fort. – Die Frau Schilder hatte wenig Bekannte, Freunde wohl gar keine, weßhalb es denn auch wohl kam, daß Niemand darauf achtete, daß ihr Haus ein paar Tage verschlossen blieb und kein Mensch aus und ein ging. Es war schon oftmals vorgekommen, daß sich die Thüre längere Zeit nicht geöffnet, und Niemand hatte Arges dabei gedacht. Wer weiß auch, wie lange es noch gedauert hätte, bis man Verdacht geschöpft, daß hier etwas Unheimliches geschehen, und man das Haus gewaltsam erbrochen, wenn nicht ein Paar Buben, die zwei Tage nachher auf der Treppe vor der verschlossenen Thüre spielten, einen vorübergehenden Mann aufmerksam gemacht hatten auf kleine schwarze Tropfen, die über der Thürschwelle herabgerieselt, dort fest getrocknet waren und die wie Blut aussahen. Siebenundvierzigstes Kapitel. Erzählt von einigen Theatervorstellungen, und setzt den Leser in Kenntniß, auf welche Art Herr Hannibal zum Künstler gebildet wird. In Schloßfelden hatte man unterdessen unter dem Schutz und der Fürsorge des concessionirten Schauspieldirektors Müller, unseres guten Bekannten, das Publikum schon einige Mal mit klassischen Vorstellungen beglückt, und wir müssen gestehen, daß die Saison sich außerordentlich gut anließ. Der Saal war zum Erdrücken voll und kein Platz mehr zu haben gewesen, sowohl bei der Vorstellung »die Räuber auf Maria-Culm,« als der des »Hans Sachs,« noch mehr aber bei einer neuen Bearbeitung der »Genovefa,« dem Meisterwerk eines jüngeren Dramatikers, das sich der Schauspieldirekter unter der Hand zu verschaffen gewußt hatte. In dieses letztgenannte Stück – es hatte sechs Akte und ein Vorspiel – war alles hineingelegt, was sich in der menschlichen Brust an Leidenschaften, an Tugenden und Fehlern bewegt und je bewegt hat, ferner alle Situationen, die einem geschickten Theatermeister einen Raum ließen, sich in der Luft und auf der Erde in Feuer und Wasser, im Orient und Occident vermittelst Maschinerieen und Dekorationen bewegen zu können. Ja, eine Scene spielte in der Wüste, und hier führten sich die wilden Thiere des Waldes so lieblich und anständig redend ein, daß es zum Erstaunen war. In diesem Stücke nun hatte unser vortrefflicher Herr Wellen den Ritter Siegfried gespielt (es war seine Antrittsrolle), und Herr Müller, ebenfalls als solche, den grausamen Golo. Herr Hannibal, auf dessen Dressur sich nun nicht absonderlich zu verlassen war, gab einige Thiere des Waldes in höchster Natürlichkeit und zum größten Vergnügen namentlich der letzten Plätze. Eugen fand dieses Publikum außerordentlich dankbar und bemerkte zu seiner großen Freude, mit wie Wenigem man es zufrieden stellen könne. Da fiel es Keinem ein, zu bemerken, daß der Mantel des Ritters Siegfried im nächsten Augenblicke auf den Schultern des grausamen Golo erschien; noch viel weniger aber schien das Auditorium eine Ahnung davon zu haben, daß die beiden anständigen Ritterschwerter, die sich in der Requisitenkammer vorfanden, zum beständigen Dienst auf der Bühne verurtheilt waren. Und doch ging es einmal nicht anders: der Abstürzende hatte nichts Eiligeres zu thun, als, hinter den Koulissen angekommen, das Schwert sammt Scheide, oftmals auch Hut und Mantel, abzuwerfen, worein sich nun der Feind kleidete und, nachdem dies geschehen, von der anderen Seite ruhig, aber majestätisch auftrat. »Ha!« sprach er, »dorthin eilt der Verräter! Noch seh' ich die Federn seines Hutes flattern, noch seh' ich sein Schwert blitzen. – Weh ihm!« Wie gesagt, die Zuschauer Schloßfeldens waren genügsam und zufrieden, und jede Vorstellung wurde von einer anständigen Einnahme, sowie von donnerndem Applaus gekrönt. Der Schauspieldirektor war äußerst zufrieden mit dem Engagement unserer drei Bekannten und sprach dies bei der ersten Theilung, am Abend der ersten Vorstellung, unverhohlen aus. Das war bei dem schönen Momente, wo der Vorhang wieder aufgezogen und ein paar Fenster geöffnet wurden, um einige frische Luft herein zu lassen. Da fand sich die ganze Gesellschaft, nachdem sie sich wieder in ihren gewöhnlichen Anzug geworfen, auf der Bühne zusammen; die Prinzipalin saß an einem kleinen Tische, hatte vor sich die Kasse stehen und ein ziemlich schmieriges Papierheft, worin die Namen der Künstler, sowie der Antheil, der ihnen zukam, verzeichnet war. Aber Alles im Leben hat seine Schattenseiten, so auch dieses Buch: denn es war zugleich ein Abrechnungsconto zwischen den Mitgliedern und dem Prinzipal, und das »Soll« desselben oftmals, wie z. B. bei dem Herrn Trommler, mit unangenehmen Zahlen bedeckt. Die Theilung ging vor sich; der Heldenspieler, Herr Holder, strich sein Geld mit einer Miene der Geringschätzung ein, mit der Geberde des Kapitalisten; dem es einmal Spaß macht, statt sich immer in großen Zahlen zu bewegen, einen kleinen, unbedeutenden Verdienst der Merkwürdigkeit halber in Empfang zu nehmen. Herr Trommler ging leicht und gewandt auf die Prinzipalin los, schaute mit einem schmerzlichen Blicke auf die rechte Seite des Buches, wohin der Finger der Madame Müller wies, und strich seufzend das Geld ein, das ihm hingezählt worden. Jetzt kam die Reihe an die drei neu Engagirten, denen man, wie sich von selbst versteht, eine frische Seite eingeräumt hatte. Mit einem wohlwollenden Lächeln zählte die Prinzipalin ihren Abendantheil hin, während sich der Prinzipal schmunzelnd auf den Tisch stützte, wobei seine heitere Miene sagen wollte: nicht wahr, das ist schon etwas? Man stellt sich nicht so schlecht bei mir. Doch wer beschreibt das Erstaunen dieses würdigen Mannes, als Eugen seinen Antheil, sowie den des Herrn Müller leicht mit der Hand zurück schob und die Versicherung gab, es sei ihm unmöglich, für die jetzige Zeit, die er als eine Lehrzeit betrachte, sich bezahlen zu lassen, »Ich, sowie mein Kollege, der Herr Müller,« setzte er hinzu, »haben, Gott sei Dank, noch einiges Ersparte und werden uns nur dann entschließen, eine Gage von Ihnen zu nehmen, wenn wir einmal einsehen, daß wir Ihnen von wirklichem Nutzen sind. Was dagegen den Herrn Hannibal anbetrifft,« fuhr er fort, indem er diesem herbei rief, »so verhält sich die Sache anders. Er soll sein Geld nehmen,« setzte Eugen leise hinzu; »so ungeschickt er sich auch anzustellen pflegt, so ist doch dieser junge Mann im Stande, Ihnen den allergrößten Nutzen zu bringen.« Der Schauspieldirektor sah ihn erstaunt an. »Er hat seine Launen,« fuhr Herr Wellen ruhig fort; »aber wenn er in seinem eigentlichen Fache arbeiten will, so setzt er die Welt in Erstaunen.« »Und was ist sein eigentliches Fach?« fragte der Prinzipal. »Das steht ihm doch auf seinem Gesichte geschrieben,« entgegnete Eugen. »Haben Sie je Züge gesehen, die mit einer kleinen Aufbesserung von Kreide und Schminke eine vollkommenere und herrlichere Pierrotmaske geben würden? Vergrößern Sie diesen an sich großen Mund nur um ein Weniges, malen Sie diese Unterlippe nur ein Geringes dicker, und das Publikum, das ihn sieht, stirbt vor Lachen.« Der getreue Diener, der bei Nennung seines Namens näher herbei geschlichen war, hörte mit nicht geringem Erstaunen so viel zu seinem Lobe sagen, und da ihn dies ungemein überraschte, und sich diese Ueberraschung auf seinem ohnehin nicht geistreichen Gesichte deutlich und vortheilhaft aussprach, so hatte er in diesem Augenblicke wirklich ganz das Ansehen eines Pierrot, der so eben von Harlekin die schönsten Schläge bekommen. »Sie bringen mich da auf eine Idee,« sagte lächelnd der Schauspieldirektor, indem er seine rechte Hand in die Seite stemmte und mit der linken das Kinn unterstützte. »Pantomimen und dergleichen ist eine Leibspeise für das Publikum; aber seit mein armer, dicker Komiker starb –« »Der von der Kugel herabrollte?« »Derselbe. – Seit er nicht mehr ist, war ich nicht mehr im Stande, dergleichen zusammen zu bringen.« »Mit Hannibal ist Ihnen geholfen,« sagte Eugen mit einer Bestimmtheit, die allen und jeden Zweifel niederschlug. Er faßte den Arm des Direktors und fuhr fort: »Wenn ich Ihnen erzählen könnte, was dieser junge Mann in seinem Fache alles schon geleistet hat, Sie würden erstaunen. Aber –« Hannibal stand noch immer da, stumm bei den Lobeserhebungen seines Herrn, und war nicht im Stande, zu begreifen, wie diese Rede eigentlich zu verstehen sei. Doch strengte er seine großen Ohren übermäßig an, um nicht ein Wort von dem zu verlieren, was Eugen im Begriffe war, noch ferner zu seinem Lobe oder Tadel vorzubringen. Er fand sich jedoch in der Ausübung dieses guten Vorsatzes dadurch gehindert, daß ihm sein Herr mit der freundlichsten Miene von der Welt den Rath gab, sein Geld einzustreichen und sich ein Bischen auf die Seite zu begeben. Die Prinzipalin schloß schmunzelnd ihre Kasse und ließ sie von ihrer Schwester auf das Zimmer zurück bringen. Herr Wellen und Herr Müller hatten in ihrer Achtung enorm zugenommen, und da Ersterer noch immer bei dem Schauspieldirektor stehen blieb, um mit ihm zu plaudern, so konnte sich die Dame ebenfalls nicht entschließen, wegzugehen. Die untere Hälfte ihres Körpers war noch mit einigem Costume versehen; sie hatte die Genovefa gespielt und noch nicht die Zeit gehabt, sich ihres farbigen Rockes, der Trikots und Stiefelchen zu entledigen; auch stak ihr Kopf noch in der halben Wüstenfrisur, wie sie der getreue Gatte in der Wildniß wieder findet. Ueber ihre Schultern aber hatte sie ein großes schwarzes Umschlagtuch genommen, das so ziemlich alles, was man nicht sehen sollte, verdeckte. »Sie werden sehen, daß ich Recht habe,« fuhr Eugen fort, nachdem sich der Herr Hannibal entfernt hatte. »Aus diesem jungen Manne ist für Ihre Anstalt der größte Nutzen zu ziehen; er ist ein Künstler im besten Sinne des Wortes. Aber er will mit Strenge und Ernst behandelt sein.« »Ah!« machte der Direktor, und die Prinzipalin nickte beistimmend mit dem Kopfe. »Mit Ernst und großer Strenge,« fuhr Eugen fort. »Uebergeben Sie ihm morgen in irgend einer Pantomime eine beliebige Rolle, so wird er auf die Probe kommen und Ihnen sagen, er könne das nicht machen – weil er nicht will. Hartnäckigkeit und Eigensinn sind die Grundlagen seines Charakters. Aber wie ich Ihnen schon sagte: er ist ein vortrefflicher Künstler.« »Also man müßte ihn mit großer Strenge behandeln?« meinte der Direktor und streichelte seinen langen weißen Rock. »Mit großer Strenge! zu seinem eigenen Besten allerdings. Und das Gute an diesem Künstler ist, daß er, sobald man ihn ernst und streng behandelt, baldigst einsieht, man habe nur sein Bestes gewollt, und sich alsdann sehr dankbar für die Mühe bezeigt, die man sich mit ihm gegeben.« »Glauben Sie?« fragte der Direktor und stemmte beide Arme in die Seiten. »Und sind Sie nicht vielmehr der Ansicht, daß ihn eine etwas harte Ansprache widerwärtig und rappelköpfisch machen wird?« »Gewiß nicht!« entgegnete Eugen. »Ich kenne diesen Charakter zu genau; mit Güte erreicht man bei ihm gar nichts, mit der größten Strenge aber Alles.« »Nun, wir wollen sehen!« sagte der Direktor schmunzelnd. »Aber ich befürchte nur Eines, daß es ihm nämlich bei solchen künstlerischen Anstrengungen seiner nicht mehr bei uns gefallen möge und er auf und davon gehe. Es wäre mir das doch sehr unangenehm, einen Ihrer Freunde vertrieben zu haben.« »Unbesorgt!« erwiderte Eugen lachend; »so lange wir dableiben, ist Herr Hannibal ebenfalls engagirt; und wenn er sich je mit Worten oder Mienen Ihrer Zucht oder Ihrem Unterrichte widersetzen wollte, so sagen Sie ihm einfach, Sie sähen sich veranlaßt, ihn von der Gesellschaft zu entlassen, und wollten hingehen und mir dies anzeigen.« »Schön, schön,« meinte der Schauspieldirektor und schnalzte mit den Fingern. »Auf diese Art wäre es denn doch möglich, wieder eine gute Pantomime zusammen zu bringen.« Die Prinzipalin hatte einfach mit dem Kopfe genickt, und da ihr Herr Hannibal, dem sie eine Gage ausbezahlen mußte, bisher als ein sehr unwichtiges Mitglied der Gesellschaft erschienen war, so gab sie dem Herrn Wellen vollkommen Recht, indem er einen Weg anzeigte, wie dieser junge Künstler brauchbar und nutzbringend zu machen sei. Demgemäß hatte nun auch der Prinzipal schon am folgenden Morgen die Mitglieder davon benachrichtigt, daß er eine Pantomime einzustudiren Willens sei. Auch wurden die Rollen vertheilt und Herrn Hannibal die des Pierrot übertragen. Herr Trommler galt als ein vortrefflicher Harlekin. Doch fand diese Rollenvertheilung zuerst einigen Widerspruch bei der Schwägerin des Direktors, welche in Pantomimen die Columbine, in Balleten aber die gefallene Prinzessin oder sonst irgend eine unterdrückte Unschuld zu machen pflegte. Sie hatte sich den Herrn Hannibal, der sich bereits ihrer Zuneigung in bedeutendem Grade erfreute, als Arlequino gedacht und sich in ihrem Geiste ausgemalt, wie schön es sein würde, wenn sie, seine zarte Columbina, hier mehrmals Gelegenheit hätte, in seine Arme zu flattern. Dieser Geist des Widerspruches hatte sich durch sie auch des Herrn Hannibal bemächtigt, und er trat vor den Direktor hin, jeder Zoll ein Künstler. Er hatte den Hut etwas auf das linke Ohr gerückt, hielt die eine Hand in der Rocktasche, während er die andere dazu benutzte, die zu seiner Rede nöthigen Gesten zu machen. So trat er also vor den Prinzipal, der, in seinen langen, weißen Ueberrock eingeknöpft, die Hände auf den Rücken gelegt, ruhig wartend dastand. Wir glauben schon gesagt zu haben, daß der Prinzipal, Herr Müller, eine große und breite Gestalt hatte, und fügen noch hinzu, daß Herr Hannibal um so viel kleiner war, so daß er, vor dem Prinzipal stehend, an ihm ordentlich in die Höhe blicken mußte. Kaum hatte der getreue Pierrot in ernstem und bestimmtem Tone seinen dringenden Wunsch ausgesprochen, von der für ihn so passenden Rolle verschont zu bleiben, als ihn der Direktor streng, fast finster ersuchte, sich vor allen Dingen der Regeln der Höflichkeit zu befleißigen und seinen Hut herab zu nehmen, wenn er mit ihm, als seinem Vorgesetzten, zu sprechen sich erlaube. Bei diesen Worten hatte ein kleines Lächeln auf den Zügen des jungen Künstlers aufzudämmern fast begonnen, doch unterdrückte er es vermittelst eines kräftigen Hustens, als er bemerkte, wie der Prinzipal seine Augenbrauen finster zusammen kniff. Auch wurde nicht nur der Hut sanft herab gezogen, sondern die Hand verlor sich sachte aus der Rocktasche und nahm eine etwas ungezwungenere Stellung ein. »Was wollen Sie?« fragte Herr Müller ziemlich barsch. Herr Hannibal sah sich einigermaßen eingeschüchtert und antwortete demgemäß, er habe nur den Wunsch aussprechen wollen, man möge ihm die Rolle des Pierrot nicht übertragen, er bitte vielmehr um die des Harlekin. »Sie werden die Rolle nehmen, die man ihnen gibt,« sagte streng der Prinzipal, »und werden sich bemühen, aus dieser Rolle etwas Tüchtiges zu machen. Sie haben alles Zeug dazu; auch weiß ich, daß Sie auf bedeutenderen Theatern, wie das meinige, in diesem Fache schon Tüchtiges geleistet haben. Also gehen Sie mit Lust und Liebe an die Arbeit und lassen Sie mich vor allen Dingen nicht eines Tages zu der Bemerkung kommen, daß es Ihnen an gutem Willen fehle.« Nun hatten die Proben begonnen, und der unglückliche Pierrot war mit so komisch dummem Gesichtsausdruck und so unendlich tappig auf den Brettern erschienen, daß dieses Auftreten unter den Mitgliedern der Truppe einen wahren Beifallssturm hervor rief. »Sehen Sie wohl,« sagte Eugen zu dem Direktor, »wie er diese Rolle aufzufassen versteht!« »Aber geben Sie nur Achtung,« nahm der lustige Rath das Wort, »sein guter Wille wird bald zu Ende sein, und er wird sie schmählich fallen lassen.« Dem war nun auch in der That so, und Herr Hannibal schien sich in den Kopf gesetzt zu haben, die einfachsten Dinge nicht begreifen zu wollen. Statt rechts trat er links auf, statt links ging er rechts ab, und der majestätische Schritt, mit dem sich Pierrot auf der Bühne zu bewegen pflegt, wollte ihm um Alles in der Welt nicht gelingen. Umsonst zeigte es ihm der Direktor mehrmals, umsonst bat und warnte er. »Sehen Sie,« sagte Eugen, »jetzt ist der gute Wille schon vorbei; aber es ist wahrhaftig schade – diese Vorstellung hätte glänzend werden müssen.« »Und sie soll es auch werden,« versetzte kurz der Direktor und hob die Probe auf. Darauf begannen schwere, unerhörte Leiden für den unglücklichen Hannibal, denn der Prinzipal, der sich nun für überzeugt hielt, daß seinem Pierrot der gute Wille fehle, sah sich veranlaßt, ihm Morgens in aller Frühe einige Privatlektionen zu ertheilen. Was hiebei vorfiel, ist in seinen Einzelheiten nie bekannt geworden; nur so viel vernahm man, daß der Herr Hannibal sehr heftig anfing zu sprechen, worauf der Herr Müller noch heftigere Erwiderungen gemacht; dann hörte man hie und da einen Stuhl umfallen, ein kurzes Geheul des Herrn Hannibal, was aber alles zur Rolle zu gehören schien und durchaus die Probe nicht unterbrach; denn der Prinzipal hörte nicht eher auf, während einer ganzen Stunde lang den jungen Künstler zu lehren, wie man in den Geist einer Rolle eindringe; und nach Beendigung dieser Lektion erschien der Schauspieldirektor wieder, das Gesicht einigermaßen geröthet, der junge Künstler dagegen sehr matt und abgeschlagen. Wir können dagegen nicht sagen, daß Herr Hannibal diese Lehrmethode sehr angenehm und für sich zuträglich gefunden, oder daß er dieselbe ohne ernstliches Widerstreben seinerseits hingenommen hätte, müssen dagegen versichern, daß dieses Widerstreben zu keinem erwünschten Ziele führte; denn als er sich eines Tages über diese sonderbare Lehrmethode bei seinem Herrn beklagte und dabei nicht undeutlich zu verstehen gab, er sehe sich bei solch fortgesetzten Proben veranlaßt, seine Künstlerlaufbahn aufzugeben und sich ein anderes Brod zu suchen, so verwies ihn sein Herr freundlich an den lustigen Rath, der ihm mit großer Sanftmuth auseinander setzte, wie ihm seinerseits ebenso wenig als von Seiten den Herrn Stillfried etwas in den Weg gelegt werden sollte, ein vollkommen freier Mensch zu werden. »Ja,« setzte Herr Sidel lächelnd hinzu, »die Sehnsucht, die du, mein Freund, nach der Residenz verspürst, scheint in dieser Stadt ebenfalls nach deiner werthen Person zu bestehen; denn ich las neulich in mehreren Blättern einige Zeilen, aus welchen ich zu entnehmen schien, man fordere dich zärtlich und dringend auf, wieder jenseits der Grenze zu erscheinen. – Da lebt, wenn ich nicht irre,« fuhr der unerschütterliche Rath fort, »ein gewisser Justizrath Werner, den es außerordentlich zu freuen scheint, deine Bekanntschaft zu erneuern.« Bei Nennung dieses Namens war der getreueste Pierrot einigermaßen erblaßt und stammelte einige Worte, welche aber durchaus nicht so klangen, als bestehe er hartnäckig darauf, seinen Abschied zu erhalten. Damit war diese kleine Unterredung beendigt, jedoch nicht so die unangenehmen Proben bei dem Schauspieldirektor. Joseph aber ergab sich seufzend in sein Schicksal, und da der Mensch gewöhnlich trachtet, für irgend welche Leiden, die ihn treffen, sich eine Entschädigung durch Freuden zu verschaffen, so schien er sich der Liebe der blonden Schwägerin auf Gnade und Ungnade ergeben zu haben, um dort Ersatz zu finden und sich einigermaßen zu zerstreuen. Achtundvierzigstes Kapitel. Frau Rosel beweist, daß die Eisenbahnen eine schädliche Erfindung sind; sie tauscht Geheimnisse aus, wodurch sie und der geneigte Leser etwas Neues erfahren. Eugen und der lustige Rath hatten nach jenem Abend, wo sie droben auf dem Schloßberge Kapelle und Monument und so den Schauplatz einer für sie interessanten Geschichte gefunden, sich nicht vergeblich bemüht, etwas Näheres über die Sache zu erfahren, was übrigens alles mit der Erzählung des Doktor Wellen zusammentraf. Frau Rosel, die Wirthin, war mit unseren beiden Freunden außerordentlich zufrieden; sie verzehrten ein ziemliches Geld, anständig für Reisende, außerordentlich dagegen für die Mitglieder einer herumziehenden Schauspielergesellschaft. Auch war Alles bei diesen beiden Herren so außerordentlich solid, von einem guten Hause beistammend, Kleidung, Wäsche, daß sie oftmals ihrer Tochter Marie versicherte: dergleichen sei ihr bei den anständigsten Reisenden noch nicht vorgekommen. Dies alles, sowie Eugen's und des lustigen Rathes artiges Benehmen hatte sie denn auch außerordentlich für die Beiden eingenommen, und wenn sie sich, mit Ausnahme des Direktors, mit der übrigen Schauspielergesellschaft nicht viel abgab, so schien es ihr dagegen nicht übel zu gefallen, wenn sich Eugen oder der lustige Rath in ein Gespräch mit ihr einließ. Nachdem sie des Vormittags der Küche große Last und Hitze getragen, pflegte sie Nachmittags vor der Hausthüre zu sitzen, und dies war die Stunde, wo sie am liebsten ihre Audienzen gab. Auch war sie in diesem Augenblicke am meisten zum Ernst geneigt; denn Marie hatte alsdann mit der Anfertigung des Kaffee's zu thun und demnach keine Zeit, sie mit ihrem schelmischen Auge anzublinzeln oder ihr eine ungemein lächerliche Geschichte in's Gedächtniß zu rufen. Eugen hatte sich eine Cigarre angezündet und lehnte unter der Hausthüre, während Frau Rosel davor saß, in dem Schatten der großen Lindenbäume. Es war einige Tage nach dem, an welchem Eugen mit dem lustigen Rath auf dem Schlosse gewesen war. »Nun, Frau Rosel,« sagte der junge Mann, »jetzt sind Sie wieder einmal für heute fertig. Das muß für Sie keine Kleinigkeit sein, so den ganzen Morgen an dem prasselnden Herdfeuer zu stehen.« »Gewohnheit, Herr Wellen,« entgegnete die freundliche Wirthin; »nur Gewohnheit! Zuweilen wird's einem wohl ein bischen warm, wenn man sich sehr herumjagen und bewegen muß, aber ich halte das für mich sehr gesund. Ich könnte freilich die Hände in den Schooß legen und mein Geschäft durch die Köchin und Marie versehen lassen; aber es ist jedenfalls besser, wenn ich selbst dabei bin. Jetzt ist die Plagerei auch nicht arg groß, es ist mit dem Wirthshausgeschäft nichts mehr. Da hätten Sie einmal vor ein paar Jahren da sein sollen, noch vor vier bis sechs, ehe sie da hinten herum die verdammte Eisenbahn – Gott verzeih' mir's! – gebaut haben. Damals mußte Alles hier durch; es war die große Straße, und Kaiser und König, die an den Rhein wollten, mußten sich halt bequemen und über den Berg hinüber. Das war einmal nicht anders, und sie mußten die Berge hinnehmen, wie sie gerade waren; hätte auch nie anders werden sollen. – Ich bitte Sie, Herr Wellen, haben wir nicht eine prächtige Chaussee und seit hundert Jahren daran genug gehabt? Hätte es wohl einem vernünftigen Geschöpf einfallen mögen, daß sie nun auf einmal hergehen wollen und eine Eisenbahn bauen, immer gerade zu, durch Alles hindurch, über Thäler hinweg und durch Berge? hätte man das vor zwanzig Jahren geglaubt?« Die Frau sah bei diesen Worten ziemlich entrüstet und fragend in die Höhe. »Nein,« sagte Eugen, »man hätte es nicht geglaubt. Es ist aber auch in der That merkwürdig.« »Merkwürdig, sehr merkwürdig,« entgegnete Frau Rosel. »Wissen Sie, wir bekümmern uns hier nicht viel darum, was sie in die Zeitungen schreiben, und wenn wir auch schon lange von den Eisenbahnen lasen, so dachten wir: nun, damit hat's gute Wege, das ist so eine Planmacherei wie viele andere. Da kommt eines Tages mein Pferdeknecht nach Hause – er war in Schmalzhausen gewesen, und nachdem er ausgespannt hat und in die Stube tritt, seufzt er tief auf. Nun, was gibt's denn, Heiner? – Ach, Frau, sagt er, jetzt wird's doch Ernst mit der Eisenbahn! Da drüben am Ameisenberg haben sie schon angefangen, da sieht's aus wie bei der Völkerwanderung, da sind zweitausend Italiener angekommen mit gelben Gesichtern und schwarzen Bärten, sie schlafen auf der Erde und essen nichts als Zwiebeln, und die wühlen eine Straße mitten durch den Ameisenberg durch, daß die Wände vierzig, fünfzig Fuß hoch an der Seite stehen bleiben. Ich lachte ihn aus und dachte: das Ding mußt du selbst sehen, und des anderen Tages fuhr ich da hinaus. Aber es war, weiß Gott, wie er gesagt: da waren sie am Wühlen, am Krabbeln und am Graben, und das dauerte fast zwei Jahre, und jetzt ist die Eisenbahn da, und wir haben den Schaden davon. Wenn ich wir sage, so meine ich nicht so sehr mich hier in der wilden Rose, als vielmehr die einsamen Fuhrmannsherbergen an der Straße. Die Leute sind merkwürdig ruinirt, und wo früher allnächtlich in den Ställen zwanzig, dreißig Pferde standen und vier Hausknechte waren, da wächst jetzt das Gras vor der Thüre, und der einzige Knecht, der da ist, spielt den langen lieben Tag durch mit dem Wirth einen Biergaigel, daß es zum Erbarmen ist.« Eugen, der ganz gut wußte, daß er den ersten Redestrom der Wirthin geduldig mußte ablaufen lassen, ehe er ihn dahin zu leiten vermochte, wo er ihn haben wollte, pflichtete ihr vollkommen bei über die Nutzlosigkeit der Eisenbahn und sagte nach einer kleinen Pause: »Aber Ihnen hier in dem wohlhabenden Dorfe hat sie eigentlich doch nicht viel geschadet.« »Geschadet genug!« sagte die Wirthin. »Was war das früher hier für ein Leben mit Extraposten! Eins gab dem Anderen die Thüre in die Hand. Wir hatten oft bei achtzehn Pferde; jetzt kommt noch ein einziges Paar, das den unbedeutenden Dienst nach Schmalzhausen versieht.« In diesem Augenblicke kicherte es leicht hinter Eugen, und als er sich umwandte, stand Marie am Hausgange, putzte eine porzellanene Kaffekanne mit einem weißen Tuche und machte ein außerordentlich vergnügtes Gesicht. »Hast du wieder was zum Lachen?« sagte die Wirthin. Doch verzog sich auch ihr Gesicht auf eine komische Art, und ihre beiden Ellbogen fingen an zu zucken, wie es gewöhnlich in solchen Augenblicken der Fall war. »O, es ist nichts!« versetzte Marie mit scheinbarem Ernste; »ich wollte nur sagen, daß es recht schade ist, daß keine Extraposten mehr kommen; es passiren auch gar keine Geschichten mehr.« Damit fuhr sie lachend in die Küche zurück. »Das ist ein gottloses Kind!« bemerkte Frau Rosel. »Sie muß immer ihre Mutter plagen.« Dabei aber lächelte sie im Gegensatze zu ihren Worten aufs Allerfreundlichste. Eugen nahm sich einen Stuhl und setzte sich neben die Wirthin. »Die wilde Rose,« sprach er alsdann nach einer kleinen Weile, »liegt aber doch vortrefflich, und wenn droben in dem Schlosse die Herrschaft ist, so muß doch zuweilen ein Besuch kommen, der Ihnen auch etwas Gutes einbringt.« »Wenn die Herrschaft droben ist?« sagte die Frau und zuckte mit den Achseln. »Die alte war seit langen Jahren nicht da, und die jetzige scheint's auch nicht besser machen zu wollen.« »Gehört denn das Schloß nicht mehr dem Grafen D.?« »Es ist vor einem Jahre verkauft worden.« »Ah! « machte Eugen, »das habe ich nicht gewußt.« »Wir haben es auch nur zufällig erfahren. Der alte Verwalter ist ein Geheimnißkrämer, und ehe der was sagt, dauert's lange.« »Also verkauft ist die ganze schöne Herrschaft? – Und an wen, Frau Rosel?« »An eine Herrschaft im Württembergischen,« entgegnete die Wirthin. »Aber wie sie heißt, weiß ich wahrhaftig nicht. Es hat sich noch Niemand von ihnen sehen lassen. Eine Gerichtsperson hat den Kauf besorgt; weiter wissen wir nichts. Aber für die Gebäulichkeiten und Alles ist es gut, daß das Schloß in andere Hände kam, denn jetzt wird etwas darauf verwendet. Sie werden gesehen haben, in welch' schönem Stand Alles da droben ist.« »Allerdings habe ich das gesehen,« entgegnete Eugen; »ich ließ mir Alles zeigen; nur Eines wundert mich: warum verkaufte die frühere Herrschaft das Schloß, da sie doch noch vor ein paar Jahren in der Kapelle desselben ein so schönes Monument setzen ließ?« »Wer weiß, was so reichen Leuten oft durch den Sinn fährt!« antwortete Frau Rosel. »Aber das Monument wäre bald die Ursache geworden, daß der Gutsverkauf wieder rückgängig wurde; denn die frühere Herrschaft wollte die Marmorfiguren wegführen lassen, was aber der neue Käufer – eigentlich der Verwalter droben – unter keiner Bedingung zugeben wollte.« »Lag denn beiden Theilen so viel an den marmornen Figuren?« fragte Eugen. »So scheint es. Sie stehen auf dem Grabmal einer Gemahlin des früheren Besitzers.« »Aber was konnte dem jetzigen daran liegen?« »Das ist eine eigene Geschichte,« sagte Frau Rosel und schlug die Arme über einander, »Eigentlich eine dumme Geschichte; mich hat sie schon oft genug geärgert. Aber Sie waren ja selbst droben,« fuhr sie fort und blickte ihren Gast an; »Marie hat es mir gesagt. Sie haben ja zufällig die beiden Mädchen daneben gesehen; ist Ihnen dabei nichts aufgefallen?« »Richtig!« sprach Eugen nach einer absichtlichen Pause des Nachdenkens und einer erkünstelten Ueberraschung; »das ist wahr, Frau Rosel, jetzt fällt mir's ein. Das sind ja die Portraits der beiden Mädchen. Wie man auch so was nicht gleich merkt! – Und das ist doch absichtlich geschehen?« »Natürlich absichtlich! Hier im Hause hat der Bildhauer gewohnt, der das Ding droben gemacht hat. Es war ein braver junger Mann!« sagte die Frau mit einem Seufzer; »hier, wo ich jetzt sitze, hat er oft gesessen.« »Ei, ei, Frau Rosel! Das Portrait der Marie hat er auch gemacht; da hat er wohl Ihr Schwiegersohn werden wollen, nicht wahr?« »Ach, gehen Sie mir weg mit Ihren Possen!« sagte die Frau so ernst, als es bei ihrem freundlichen Gesichte möglich war. »Wenn das der Fall gewesen wäre, so hätte ich bei Gott Amen dazu gesagt; denn, wenn ich auch im Ganzen all das Künstlervolk – nehmt mir's nicht übel, – mögen es nun Musikanten oder Schauspieler, oder Maler oder Steinhauer sein, nicht besonders leiden kann, so weiß ich doch Ausnahmen zu machen. Und der Professor das war eine solche Ausnahme. Aber der hat nie an meine Marie gedacht.« »Und an wen dachte er denn?« »Nun, an die Andere, an, die Rosalie. Ach, das war Ihnen eine Liebe! So was Schönes und Jammervolles will ich nicht mehr erleben.« »Sie machen mich neugierig, Frau Rosel,« antwortete Eugen. »Also der Bildhauer liebte die Tochter des Verwalters?« »Die Rosalie, allerdings, und sie liebte ihn auch; die Marie wußte Alles. Und mit dem Verwalter hat er auch darüber gesprochen und hat sein gutes Auskommen nachgewiesen und wollte das Mädchen heirathen. – Umsonst! Wissen Sie, Herr Wellen, ich sage Ihnen da, was ich weiß. Aber da droben in dem Schlosse sind Geschichten, über die man nicht klar werden kann. Der Verwalter mochte den jungen Mann ebenfalls leiden und jammerte über die Geschichte.« »Und gab ihm das Mädchen doch nicht?« Frau Rosel schüttelte mit dem Kopfe und sagte: »Er wollte nicht. Er that die Rosalie fort, und als sie abgereist war und der Professor sah, daß nichts zu machen sei, ging er ebenfalls in die weite Welt.« »Das ist sehr traurig!« meinte Eugen. »Freilich ist es sehr traurig,« entgegnete Frau Rosel. »Ach! er hat als noch geschrieben, und was für herzbrechende Briefe! Wissen Sie,« fuhr die Wirthin fort und sah sich vorsichtig um, »mit der Marie habe ich nie etwas von den Briefen gesprochen. Frau Rosel – sagte der Verwalter in der Zeit zu mir, – lassen Sie die Geschichte gehen; als ehrlicher Mann schwöre ich Ihnen zu, daß da nichts zu machen ist. Sagen Sie auch der Marie, sie soll mit meiner Tochter nicht mehr darüber sprechen, und wenn Briefe kommen, so lassen Sie sie nichts davon wissen. Versprechen Sie mir das. Nun, ich habe es ihm versprochen und Wort gehalten.« »Und er schrieb Ihnen mehrmals?« fragte Eugen nach einem längeren Nachdenken; »und in letzter Zeit?« »In letzter Zeit nicht mehr,« entgegnete die Frau. »Es mögen nun über zwei Jahre sein, daß ich nichts mehr von ihm gehört. Ich weiß auch bestimmt, warum er nicht mehr geschrieben. Glauben Sie mir, Herr Wellen, er ist zu Grunde gegangen.« »Ah!« machte Eugen. »Gewiß!« fuhr die Frau fort; »ich bin davon überzeugt. Da war im Jahr 1848 ein Krieg drunten in Italien« – das sagte sie mit ganz leiser Stimme, nachdem sie sich vorher umgeschaut, – »dahin ist er gegangen; denn er schrieb mir das und setzte hinzu, er wolle in die Schlacht gehen, er wolle seinen Tod suchen.« »Und Rosalie?« fragte Eugen. »Das arme Herz träumt sich auch nichts Gutes. Ach, wie haben sich die Beiden so lieb gehabt! Ja, es ist nicht zum Verantworten! Sehen Sie sich das Mädchen an; schön ist sie noch immer, aber bleich wie der Tod. Es geht ihr ans Leben, und wenn sie auch nicht klagt und weint, so bricht es ihr langsam das Herz ab.« »Und hat der junge Bildhauer an Rosalie nie geschrieben?« fragte Eugen. »Hat er ihr seinen Entschluß nicht mitgetheilt?« »Ich glaube wohl, daß sie etwas der Art weiß,« entgegnete die Frau; denn schon seit zwei Jahren weint und klagt sie auch gegen die Marie nicht mehr; sie ist ruhig und still geworden, und wenn sie über jene Zeit spricht, so kann sie wohl sagen: ach, Marie, ich habe auf der Welt doch nichts, als Leid und Schmerz; wenn es nicht sündhaft wäre, so zu denken, so möchte ich wohl, ich könnte sterben. Dann sehe ich ihn wohl wieder! – Und dann haben die Beiden zusammen geweint, und meine Tochter, die ihre Freundin sehr lieb hat, erzählte mir das wieder und setzte hinzu: ach, ich möchte mit der Rosalie sterben, gewiß recht gern, wenn ich nur Jemanden da droben zu erwarten hätte! – Ich habe sie aber heimgeschickt und ihr den Kopf ordentlich zurecht gesetzt.« Eugen wußte nicht, was er machen sollte, ob es thunlich sei, die Mittheilungen, die er über jenen jungen Mann von Doktor Wellen erhalten, sei es durch Marie oder den Verwalter selbst, an Rosalie gelangen zu lassen. Er verstand wohl die trüben Ahnungen, die das Herz des armen Mädchens erfüllten, die Ahnungen über das Schicksal des Mannes, den sie so innig geliebt, und es dünkte ihm nicht grausam, wenn er ihr die traurige Gewißheit hierüber verschaffte. Ist doch die traurigste Gewißheit weit besser und nicht so quälend, als immerwährende bange Zweifel. Die Wirthin schien, ohne es zu wissen oder zu wollen, in seine Gedanken einzugehen; denn sie sagte: »Wenn man nur etwas Bestimmtes wüßte über das Schicksal des armen jungen Mannes, wenn man es nur Schwarz auf Weiß hätte! Es läge doch eine Art von Beruhigung für das unglückliche Mädchen darin. Ueber Jemand, der gestorben ist, klagt sich weit sanfter und besser, über ihn beruhigt sich das Herz leichter, als über Jemand, von dem man keine Sylbe weiß, wo er geblieben ist.« »Aber Rosalie glaubt, daß er todt sei?« fragte Eugen bekümmert. »Sie sagt, sie wisse es gewiß,« entgegnete Frau Rosel. »Es ist ihr etwas Eigenthümliches passirt. Sie können sich denken, daß die Kapelle ihr Lieblingsplatz ist. Da saß und sitzt sie oft Stunden lang und betrachtet die Marmorbilder und denkt an ihn. Und vor zwei Jahren, im Jahre 1849, war sie ebenfalls da, an einem trüben Nachmittage im Frühjahre – Marie war nicht droben; die arme Rosalie war ganz allein in der Kapelle. Da habe sie inniger als je an ihn gedacht und habe ihn im Geiste vor sich gesehen, als sie unwillkürlich ihre Augen geschlossen; aber nicht lebend und gesund, wie sonst wohl, sondern bleich und mit Blut bedeckt. Und sie habe plötzlich die Augen wieder geöffnet, denn es sei ihr gewesen, als fahre Jemand mit der Hand über die Marmorfiguren. Aber das war nichts unnatürliches, sondern nur ein verwelkter Blumenkranz, der von selbst losgerissen und herabgefallen war. Aber den Blumenkranz hatte sie damals als ein Zeichen um ihr eigenes Bild gehängt und hatte zu sich selber gesagt: dort soll er hangen bleiben, bis ich von ihm sichere Nachricht erhalte. Der fiel nun herunter, und das durchschauerte sie. Als Marie an dem Abend hinauf kam, warf sie sich ihr weinend um den Hals und sagte: du kannst mir glauben, heute ist er gestorben. Das war am 23. März.« »Ja, sie hatte Recht!« rief Eugen erschüttert, »das war der Tag der Schlacht von Novara.« Die Wirthin sah den jungen Mann ängstlich fragend an und nickte mehrere Mal mit dem Kopfe. »Ja, ja,« sagte sie nach einer Pause, »so hätte es geheißen, meinen Sie – Novara. Ja, ich habe es nicht vergessen. Aber sprechen Sie, Herr Wellen, was wissen Sie um Gottes willen davon? Sagten Sie nicht, es wäre so, er wäre gestorben?« »Das sagte ich gerade nicht, gute Frau Rosel,« sprach Eugen einigermaßen bestürzt; »sondern ich meinte nur –« »Macht mir keine Flausen!« antwortete die Frau. »Habe ich mit Ihnen offenherzig gesprochen, so thun Sie es auch mit mir. Sie sind mir ein feiner Vogel! Gehen Sie da her und forschen mich aus und wissen am Ende mehr als ich! Pfui! schämen Sie sich!« »Sie thun mir wahrhaftig Unrecht! Ich will Ihnen gern sagen, was ich weiß. Allerdings habe ich durch Zufall eine Geschichte erfahren, die sehr viel Aehnlichkeit mit der Ihres jungen Bildhauers hat. Aber wie hätte ich ahnen können – und ich glaube es noch nicht, – daß es Eine und dieselbe Person ist.« »Aber die Schlacht von Novara!« meinte ängstlich die Frau, »am 23. März – das trifft doch zusammen.« »Ach, meine gute Frau,« entgegnete Eugen, »das will am Ende nichts sagen. Da sind Viele geblieben, sehr Viele, und haben ihren Eltern und Verwandten nicht mehr schreiben können, wie es ihnen ergangen ist.« »Ziehen Sie sich nicht so zurück!« rief emsig die Wirthin. »Gottes Wunder! es wäre wahrhaftig besser, wenn wir etwas Genaueres über diese trostlose Geschichte erführen.« »So schicken Sie wenigstens Ihre Tochter hinein,« sagte Eugen, indem er sich zu der Wirthin vornüber neigte. »Ich glaube, die braucht das jetzt nicht zu hören.« »Da haben Sie recht,« antwortete die Frau und rief mit lauter Stimme: »Marie, geh in mein Zimmer hinauf, in der dritten oder vierten Schublade der großen Komode wirst du ein Tuch finden, roth mit weiß. Setz' dich damit gleich oben hin und säume es; ich brauch's nachher. – So,« wandte sie sich zu dem jungen Manne, »jetzt ist die Luft rein, jetzt sagen Sie mir, was Sie wissen.« Darauf hin erzählte Eugen, was er damals in jener Sitzung der Leimsudia über den Freiwilligen, der in der Schlacht von Novara geblieben war, von dem Doktor Wellen erfahren, und alle Einzelnheiten, die sich auf den Aufenthalt des jungen Mannes in dem Dorfe hier bezogen, fand die Wirthin so getreu und wahr, daß man unmöglich daran zweifeln konnte, der Bildhauer, der droben das Denkmal gearbeitet, sei derselbe, der sich in Italien so brav gehalten und dort den Tod gesucht und gefunden. Frau Rosel legte die Hände in den Schooß, und wir müssen gestehen, daß über die sonst immer lächelnden und freundlichen Wangen der guten Wirthin ein paar dicke Thränen herab rollten. »So hat also das arme Mädel in ihrem Herzen richtig gewußt, wann ihr Liebster geendet,« sagte die Frau nach einer Weile. »Aber was meinen Sie, Herr Wellen? Ich halte es für unbedingt nothwendig, den Verwalter droben, der im Allgemeinen ein sehr braver Mann ist, von diesem traurigen Ende in Kenntniß zu setzen. Es ist besser, daß sowohl er wie Rosalie wissen, woran sie sind.« Eugen konnte nicht umhin, der Frau in diesem Punkte Recht zu geben, und nach einigem Ueberlegen entschloß sich die Wirthin, trotz des heißen Tages, selbst den Berg hinauf zu steigen, um mit dem Verwalter über diese Angelegenheit zu sprechen. Eugen sollte sie begleiten, doch mochte er sich dazu nicht entschließen. Er nahm einen unbegreiflich innigen Antheil an dem Mädchen; er wußte selbst nicht, weßhalb. »Was nützt es,« sagte er der Wirthin, »daß ich bei einer so traurigen Scene gegenwärtig bin? Will mich Rosalie nach ein paar Tagen sprechen und von mir nochmals alle Einzelheiten hören, so bin ich gern dazu bereit. Aber glauben Sie mir, es ist besser, wenn sie ihr Unglück vom Vater erfährt ohne Beisein von Zeugen.« Frau Rosel fand dies begründet und schickte sich darauf an, den bei dem heißen Nachmittage für sie doppelt sauren Gang zu machen. Da sie aber die vorwitzigen Fragen ihrer Tochter fürchtete, so ging sie, ohne ein Wort weiter zu sprechen, in das hintere Gastzimmer, rückte sich dort vor dem Spiegel ihre Haube zurecht, band eine frische weiße Schürze vor und verlor sich, ohne viel Geräusch und Aufsehn, aus dem Hause, gerade, als wollte sie in die nächste Nachbarschaft einen Gang machen. Eugen ging hin und suchte den lustigen Rath auf. Doch fand er ihn nicht in ihren gemeinschaftlichen Zimmern, auch nicht auf der Terrasse neben dem Hause, noch weniger bei dem vortrefflichen Herrn Trommler, der im Garten unter einem großen Lindenbaum ausgestreckt lag und Hinko, den Freiknecht, studirte. Am Ende ist er gar im Theaterlokale, dachte Eugen, als er so gar keine Spur von dem Freunde fand, und stieg abermals die Treppe hinauf, um droben zu suchen. – Hier war er auch nicht. Der Saal lag öde und finster, und es war Niemand da, als Herr Holder, der mit dröhnenden Schritten auf der Bühne hin und her ging und ebenfalls eine Rolle zu memoriren schien. Eugen, dem es gar nicht darum zu thun war, diesen würdigen Kollegen zu stören, zog sachte den Kopf wieder zurück und wollte eben die Treppe wieder hinabsteigen, als er neben sich laut lachen hörte und dazwischen die Stimme des Herrn Sidel vernahm. Da die Thüre, aus welcher dieses Lachen erscholl, zu den allgemeinen Wirthschaftszimmern gehörte, dieselbe auch nur angelehnt war, so drückte Eugen sie leise auf, sah hinein und erblickte zu seinem nicht geringen Erstaunen den lustigen Rath, wie er eben beschäftigt war, der kleinen Marie zu helfen, die dem Befehl ihrer Mutter gemäß eifrigst an dem roth und weißen Tuche zu nähen schien. Obgleich sich nun die Hülfe des lustigen Raths darauf beschränkte, daß er sehr unnöthiger Weise zwei Zipfel des Tuches mit seinen Händen ausgebreitet hielt, so schien doch Marie über diese Unterstützung nicht sehr ungehalten zu sein; denn sie lachte laut auf, so oft Herr Sidel sich den harmlosen Spaß machte, das Tuch ihrer Hand zu entreißen, und schien gar nicht einmal sehr böse darüber, daß sie dadurch genöthigt war, ihre Nadel nicht nur wieder zu suchen, sondern auch aufs Neue einzufädeln. Nachdem Eugen diesem Spiele einen Augenblick zugeschaut, trat er leise wieder zurück, ging an die Treppe, trat dann mit starken Schritten auf die halb geöffnete Thüre zu und sagte darauf sehr laut, als spreche er mit Jemand drunten: »Haben Sie Herrn Müller nicht gesehen?« und alsdann schritt er wieder auf die Thüre zu und trat geräuschvoll in das Zimmer. Hier hatte sich unterdessen die Scene verändert. Der lustige Rath und Marie hatten ihre Stühle einen guten Schritt aus einander gerückt und schien Ersterer beim Nähen nicht mehr behülflich zu sein, vielmehr hatte er das roth und weiße Tuch fahren lassen, sich sogar halb abgewandt und blickte mit einem außerordentlich gleichgültigen Gesichte zum Fenster hinaus. »Ah, da bist du!« rief er dem eintretenden Eugen entgegen. »Ja, da bin ich,« sagte dieser. »Du hast mich vielleicht gesucht?« »Gesucht nun gerade nicht,« meinte der lustige Rath, »aber ich habe dich erwartet; du willst wahrscheinlich spazieren gehen.« »Wenn es dir recht ist,« antwortete Eugen lachend, »so gehen wir zusammen. Willst du aber da bleiben, so gehe ich allein.« Marie, die sich selbst nicht so in der Gewalt hatte, wie der ehemalige Schullehrer, war roth geworden wie das Tuch, welches sie in ihren Händen hielt. Es mochte vielleicht der Widerschein eben dieses Tuches sein; und der lächelnde Blick, mit dem Eugen sie betrachtete, brachte sie so außer Fassung, daß sie aufstand und davon lief. »Warum läuft sie fort?« fragte Eugen so unbefangen wie möglich. »Nun, begreiflicher Weise vor dir,« entgegnete der lustige Rath mit einem leichten Aerger. »Du hast aber auch eine Manier, die Leute anzuschauen –« »Daß sie in Verlegenheit kommen müssen,« antwortete laut lachend Eugen. »Danach die Leute sind,« entgegnete achselzuckend Herr Sidel. Und damit gingen die Beiden fort, um einen kleinen Spaziergang zu machen. An diesem Nachmittage mußte übrigens der Genius der Zusammenkünfte, wenn es einen solchen gibt, seine Flügel über dem Wirthshause zur wilden Rose schwingen. Denn in einer schattigen Partie des Gartens, ziemlich entfernt von dem Lindenbaume, unter welchem Herr Trommler lag, saß ein anderes Paar und schien sehr vertraulich mit einander zu sprechen. Es war dies Herr Hannibal und die blonde Schwester der Prinzipalin. Beide hatten offenbar eine Rolle zusammen studirt; denn ein paar vergilbte Papierhefte lagen zu ihren Füßen im Grase. Doch mußten sie eben diese Rollen bereits auswendig kennen, denn sie blickten nicht hinein und sprachen doch Worte, die sicherlich irgend einem Drama angehören mußten. Die blonde Schwester saß auf einer Rasenbank und hatte den Kopf in malerisch schöner Haltung an einen Baumstamm gelehnt, der zufällig hinter ihr empor wuchs. Herr Hannibal saß etwas tiefer auf einem umgekehrten Fäßchen und schaute zu ihr in die Höhe. Die Unterhaltung schien einen Augenblick in's Stocken zu gerathen. Endlich nahm sie das Wort. »Herr Hannibal,« sagte sie und bewegte eine Aster mit langem Stiele vor ihrem Gesichte hin und her, »Sie sehen, welchen Antheil ich an Ihnen als Künstler und Mensch nehme. Deßhalb ist es nicht recht von Ihnen, mir gegenüber den Geheimnißvollen zu spielen. Daß Sie früher in einer anderen Laufbahn waren, als Ihre jetzige ist, sah ich auf den ersten Blick, Sie und Ihre beiden Collegen; warum nun fortwährend läugnen? – Sie sind nicht das, was Sie scheinen.« Hannibal seufzte. »Ja,« fuhr die Dame fort, »auch der Name, mit dem Sie bei uns auftreten, der Name Hannibal, obgleich von sehr schönem Klange, ist ein anderer, angenommener; Sie heißen in Wahrheit anders.« Hannibal seufzte abermals. »Glauben Sie,« nahm die Blonde wieder das Wort, »daß Sie sich in meinen Augen herabsetzen würden, indem Sie mir eingestehen, daß Sie früher in anderen Kreisen gelebt, Sie und Ihre Freunde? O, Herr Hannibal« (hier seufzte die Dame ihrerseits), »ich weiß wohl, daß es oft sonderbare Motive sind, welche junge Leute von Stand veranlassen oder nöthigen, ihre bisherige Stellung aufzugeben und sich an uns anzuschließen. Nennen Sie mir die Gründe, welche Sie und Ihre Freunde dazu bewogen, hieher zu kommen, namentlich das Motiv, das Sie dazu antrieb, theurer Herr Hannibal! Ich bin darauf gefaßt, Alles zu hören, selbst wenn dieses Motiv eine unglückliche Liebe gewesen wäre.« Bei diesen Worten sah der junge Künstler die Dame mit offenem Blicke an und sagte: »Nein, es war keine unglückliche Liebe!« – Und das war keine Unwahrheit. »Aber Sie gestehen mir ein,« sagte sie mit einem freundlichen Lächeln, »daß Sie sich früher in anderen Kreisen bewegt haben.« »Ich will Ihnen dies eingestehen. Aber weiter kann und darf ich Ihnen nichts sagen.« »Sie lebten in guter Gesellschaft?« »Vielleicht.« »Sie und Ihre Freunde sind von Stande!« fuhr sie mit bestimmtem Tone fort und setzte hinzu, indem sie ihn mit ihrer Aster sanft auf den Kopf schlug: »O, nur Eines gestehen Sie mir, gewiß, es hat Sie nur die Lust, eine Zeit lang unser Leben zu führen, zur Gesellschaft gebracht? Sie sind unabhängig, reich, Sie können morgen ein anderes Leben beginnen, es hat Sie keine traurige, finstere Vergangenheit zu uns geführt?« Hannibal schauderte gelinde zusammen, als er diese Worte vernahm und an den Justizrath Werner dachte und an den Aktenfascikel, welcher jetzt vielleicht auf dessen Schreibtisch lag. Sie aber blickte ihn schmachtend an und wiederholte mit süßem Lächeln: »nicht wahr, theuerster Herr Hannibal, Sie haben es nicht nöthig, Künstler zu bleiben, um sich in dieser Welt fortzubringen? Im Verein mit Ihren beiden anderen Collegen, Ihren beiden Freunden, werden Sie uns morgen, übermorgen verlassen und, in der rothsammtnen Loge irgend eines Hoftheaters sitzend, über die Stunden lachen und spotten, die Sie bei uns zugebracht?« »Dieses Letztere gewiß nicht!« sagte ernst und bestimmt der junge Künstler und schaute einigermaßen verlegen um sich; denn es wäre ihm sehr erwünscht gewesen, wenn irgend ein kleines Naturereigniß ihm von dieser Unterredung weggeholfen hätte. Doch der Himmel blickte klar und blau auf die beiden Liebenden herunter, ebenso wie auf andere Menschen, unter ihnen auch auf die Frau Rosel, welche, so schnell es ihr möglich war, den Schloßberg hinauf stieg. Neunundvierzigstes Kapitel. Unterredungen verschiedener Art – angenehme und unangenehme. Schließlich erfährt der geneigte Leser, wem das Schloß gehört. Droben fand sie denn auch alsbald den Verwalter; doch war Rosalie bei ihm, und sie hätte um Alles in der Welt nicht vermocht, so in ihrer Gegenwart mit der traurigen Botschaft, die sie zu überbringen hatte, heraus zu platzen. Es dauerte auch eine Zeit lang, bis die Wirthin im Stande war, dem Verwalter einen Wink zu geben, worauf dieser seine Tochter unter irgend einem Vorwande entfernte. Dann sagte sie ihm Alles. Es zog ein düsterer Schatten über das Gesicht des alten, braven Mannes, er biß die Lippen auf einander, faltete die Hände und schaute bekümmert vor sich nieder. Dann seufzte er tief auf und sagte nach einem längeren Nachdenken: »es ist traurig, aber besser so. Sie kennen mich lange genug, Frau Rosel, um zu wissen, ob ich hartherzig oder grausam bin.« Dabei zitterte eine Thräne in seinem Auge. – »Niemand weiß auch besser als ich, wie sehr sich die beiden jungen Leute geliebt, wie sehr sie zusammen gepaßt, ja, ich will es Ihnen gestehen, wie glücklich mich, – den Vater, diese Verbindung gemacht. Aber,« fiel er mit einer Handbewegung der Wirthin in's Wort, welche ihm eifrigst etwas sagen wollte, »aber ich bin leider nicht der Herr meiner Handlungen; ich habe nicht allein über das Schicksal dieses Mädchens zu bestimmen. – Sprechen wir nicht weiter darüber! Sie wissen es, Frau, daß mir damals das Herz fast gebrochen ist, als ich dem unglücklichen jungen Manne jene Antwort geben mußte, und daß mich der Jammer fast niederdrückte, als ich Rosalien von hier entfernte. – Liebe ich denn das Mädchen nicht,« fuhr der alte Mann mit emporgehobenen Händen fort, »liebe ich sie denn nicht, als wäre sie –« Da unterbrach er sich plötzlich und sprach nach einer kleinen Pause mit leiser Stimme wieder: »liebe ich denn nicht meine Tochter? Dabei aber können Sie mir glauben, wenn er nicht gestorben wäre, wenn er heute wieder vor mich hinträte, lebendig, frisch und gesund wie damals, und wie damals das Mädchen liebend, und wenn mir Beide zu Füßen fielen und mich anflehten, ihnen meine Einwilligung zu geben, ich könnte heute nicht anders handeln, als ich es an jenem Tage gethan.« Frau Rosel warf einigermaßen empört ihren Kopf in die Höhe, dann zuckte sie mit den Achseln und sagte: »verzeihen Sie mir, Herr Verwalter, Sie haben immer mit vornehmen Leuten gelebt und zu thun gehabt, und die vornehmen Leute sollen zuweilen, was das Glück ihrer Kinder anbelangt, ganz sonderbare Ansichten haben; und davon haben Sie was profitirt, wie mir scheint. Ich aber, eine einfache, schlichte Frau, denke nun einmal ganz anders, und wenn mein Kind eine rechtschaffene Neigung zu einem braven jungen Manne hätte, und selbst wenn der junge Mann nur ein Künstler wäre, da würde ich auf Ehre nicht Nein sagen. Das ist so meine Ansicht. Und damit Gott befohlen!« »Sehen Sie, Frau Rosel,« sprach traurig lächelnd der Verwalter, »da werfen Sie wieder Alles über das Haus hinüber, Kern und Schale. – Wie lange kennen wir uns denn eigentlich?« »Nun,« entgegnete die Frau, von dieser Frage überrascht, »ich sollte meinen, das sind jetzt beinahe zwanzig Jahre. Sie kamen damals hieher, ein Wittwer, mit der kleinen Rosalie, die kaum geboren war. Ihre Frau starb in Ihrem früheren Wohnorte, nachdem sie den armen Wurm auf die Welt gesetzt.« »So ist es,« sagte nachdenkend der Verwalter. »Also wir kennen uns zwanzig Jahre. Nun hören Sie mich an, Frau Rosel. Ist Ihnen von mir in diesen zwanzig Jahren etwas Unrechtes bekannt geworden, etwas Liebloses, etwas Hartherziges? Habe ich nicht alle meine Nebenmenschen geliebt und denselben das bewiesen, nicht nur mit Worten, sondern auch mit Werken? – Wie, Frau Rosel?« »Dazu muß ich freilich Ja sagen,« antwortete die Frau; »man kann Ihnen nichts Uebles nachreden.« »Nun also!« fuhr der alte Mann fort. »Und jetzt, wo ich nach zwanzigjähriger Bekanntschaft irgend etwas thun muß, was Sie – nicht begreifen können, was Ihnen hartherzig erscheint, wollen Sie mich verdammen und wollen nicht meinem Worte glauben, wenn ich Ihnen mit tiefbetrübtem Herzen sage: bei Gott im Himmel, ich konnte nicht anders! – Gehen Sie ruhig nach Hause, Frau Rosel, und glauben Sie, das Herz thut mir weh, glauben Sie auch, daß eine Zeit kommen wird; wo ich mich zu Ihnen hinsetze und wo Sie sagen werden: jetzt sehe ich es ein, es war nicht anders zu machen.« »Nun ja, ich will es glauben,« sagte die Frau mit gepreßter Stimme, nachdem sie einen Augenblick in das offene, ehrliche Auge des alten Mannes geschaut. »Was nützt auch all das Gerede? Todt ist todt, und wenn Sie selbst jetzt den besten Willen hätten, Den machten Sie doch nicht wieder lebendig.« Damit ging die Frau nach der Thüre, und im Hinausgehen reichte ihr der Verwalter die Hand. »Bleiben wir gute Freunde,« sprach er, »und thun Sie mir einen Gefallen. Sagen Sie Ihrem jungen Schauspieler da drunten, er würde mir ein großes Vergnügen machen, wenn er mich morgen einen Augenblick besuchte. Ich möchte gar zu gern wissen, woher er jene Nachricht hat.« Frau Rosel stieg ziemlich betrübten Herzens den Berg wieder hinab, erzählte ihrem Gaste, wie sie droben ihre Botschaft ausgerichtet, und wiederholte ihm die Bitte des Verwalters. »Jetzt wird sie es wissen,« sagte Eugen zu sich selber und trat mit untergeschlagenen Armen an das Fenster, von wo er aufwärts nach dem Schlosse blicken konnte, »die Bestätigung ihres Unglücks, das arme Mädchen! Und es ist am Ende besser für sie,« wiederholte er nachsinnend. »Jetzt ist sie frei; sie kann noch glücklich werden.« Droben am Horizont rechts neben dem Schlosse zeichneten sich die breiten dunkeln Wipfel der Bäume ab, unter denen die Kapelle lag. Dort hatte er sie zum ersten Male gesehen, unerklärlich, aber tief überrascht beim Anblicke dieses lieben, leidenden Gesichtes, von ihr angezogen auf eine unbegreifliche Weise. Ja, er hatte in den letzten Tagen weniger an Katharina gedacht, als sonst wohl, und wenn er sich das auf Augenblicke zum Vorwurfe machte, so lächelte er still in sich hinein und sagte: »Ach, das ist ganz was Anderes!« Er wußte selbst nicht, weßhalb, aber das Mädchen droben erschien ihm so gut, so rein, so edel, und den jungen Bildhauer kannte er ja blos aus der Erzählung des Doktor Wellen. »Wer weiß auch,« dachte er, »ob diese Verbindung für sie segensreich gewesen wäre!« Und dann wiederholte er seine früheren Worte: »jetzt ist sie frei; sie kann noch glücklich werden.« Am andern Nachmittage kleidete sich Eugen wieder sorgfältiger an, zum ersten Mal, seit er die Residenz verlassen, und er schien so auffallend verändert, daß ihn der lustige Rath kopfschüttelnd anblickte und sich nicht enthalten konnte, ihm zu sagen: »nimm mir nicht übel, du bewahrst unser Incognito schlecht. Du hast heute viel mehr das Ansehen eines reisenden Grafen, als das eines reisenden Künstlers.« »Laß mir diese Grille!« entgegnete lächelnd Eugen. »Du weißt, ich muß droben auf dem Schloß als Zeuge erscheinen, und da muß ich schon ein Uebriges an meinem Aeußeren thun, daß man meinem Zeugnisse Kredit gibt. Leider ist die Welt einmal so verderbt, daß man Jemandem in Frack und Glacéhandschuhen eher meint Glauben schenken zu können, als Jemandem, der im leichten Sommerrock und einem zerriebenen Strohhut auf dem Kopfe erscheint.« »Und dir ist Alles daran gelegen,« antwortete Herr Sidel, »dein Zeugniß recht und bündig hinzustellen.« »Das ist natürlich,« meinte Eugen. »Ich verstehe!« sagte laut lachend der lustige Rath. »Der arme Bildhauer soll todt sein – mausetodt – arme Katharine!« Eugen, welcher dergleichen Ausfälle von Seiten des lustigen Raths schon gewohnt war, antwortete nicht eine Sylbe darauf, sondern vervollständigte seinen Anzug, indem er ein paar lederfarbene Handschuhe anzog, die ihm der getreue Pierrot darreichte. War dieser letztere brave junge Künstler nunmehr mürbe geworden durch die Schläge des Schicksals, welche ihm dasselbe vermittelst der Person des Schauspieldirektors zukommen ließ, oder war es, weil er heute seinen Herrn zum ersten Male wieder in einem andern Kleide erblickte, oder that es die Erinnerung an eine bessere Zeit: genug, Herr Hannibal war von einer Unterwürfigkeit, einem Diensteifer, so daß sich sogar sein Herr veranlaßt sah, ihm dieselben Vorstellungen zu machen, wie der lustige Rath einen Augenblick vorher ihm selbst – das Incognito nämlich zu bewahren. Darauf ging Eugen die Treppen hinab, und der lustige Rath legte sich in's Fenster, um seine stillen und lauten Bemerkungen zu machen. Frau Rosel, welche unten im Gange stand, erkannte ihren Gast im ersten Augenblicke nicht wieder und machte vor dem eleganten Fremden einen tiefen Knix. Dann lachte sie freundlich hinaus und so laut, daß Marie alsbald an der Küchenthüre erschien, »Ei, ei!« sagte sie, »das nenne ich einmal zu seinem Vortheil sich verändern! Der Tausend, Herr Wellen!« Und darauf stieß sie ihre Tochter mit dem Ellbogen an, als wollte sie sagen: »was hältst du davon?« Und als die Tochter hierauf ebenfalls ganz verwundert drein blickte, schüttelte sie den Kopf und meinte: »ja, wer lange lebt, erfährt mancherlei.« Mutter und Tochter konnten sich auch nicht enthalten, ihren Gast bis zur Hausthüre zu begleiten, allwo der würdige Herr Trommler stand und mit nicht geringem Erstaunen die Erscheinung seines Collegen betrachtete. Er besah ihn von oben bis unten, dann wandte er sich wie ein Kenner zu der Wirthin und sagte mit leisem, aber bestimmtem Tone: »untadelhaft! So soll in einem Lustspiel der Herzog gekleidet sein.« Der lustige Rath beugte sich fast mit dem halben Leibe aus dem Fenster; denn er konnte nicht begreifen, wo Eugen so lange blieb, und hatte eine eifersüchtige Ahnung, als befleißige er sich einiger zierlichen Complimente gegen die hübsche Marie. Als er nun endlich an der Hausthüre erschien, hustete Herr Sidel gewaltig und rief dann in die leere Straße hinaus: »vorfahren – sogleich!« Eugen lächelte dem Spötter zu und sagte ihm hinauf: »du hättest eigentlich recht und würdest wohl daran gethan haben, für einen Wagen zu sorgen,« worauf der Andere entgegnete: »ich bedaure recht sehr, es ist nichts dergleichen im ganzen Dorfe zu finden; Euer Excellenz müßten sich denn mit einem kleinen zierlichen Heuwagen behelfen.« Eugen machte lachend eine Handbewegung hinauf, als danke er, grüßte die Wirthin und Marien auf eine ungezwungene und höchst elegante Art, und ging dem breiten Fahrwege zu, den er heute benutzen wollte, um den Schloßberg zu besteigen. Der getreue Pierrot war ihm in liebenswürdiger Selbstvergessenheit, die Kleiderbürste in der Hand, bis vor das Haus gefolgt, und als er sich nun umwandte, um wieder hinein zu gehen, begegnete sein Blick den grauen Augen in dem gelblichen Gesichte der blonden Schwägerin. Diese Augen drückten ein sehr potenzirtes Erstaunen aus, und die Besitzerin dieser beiden Sterne konnte sich nicht enthalten, mit etwas spitzigem Tone zu fragen, »warum sich Herr Hannibal so außerordentlich dienstfertig bewiesen.« Der arme Künstler stotterte etwas von inniger Anhänglichkeit, die zwischen ihm und jenem Anderen bestehe, und daß man unter Freunden so etwas nicht so genau nehme; und versicherte schließlich auf sein Ehrenwort, diese Dienstleistungen seien ganz gegenseitig und Herr Wellen habe ihn, Hannibal, auch schon hie und da ausgeklopft. Eugen stieg unterdessen rüstig den Berg hinan und gelangte nach einer halben Stunde unter den dunkeln Thorbogen und über den Schloßhof hin an die Thüre des Verwalters, die ihm von einem Bedienten augenblicklich geöffnet wurde. Man führte ihn in ein kleines, einfach möblirtes Zimmer, und der Vater Rosaliens trat fast zu gleicher Zeit mit ihm zu der anderen Thüre herein. Beide Männer machten einander eine Verbeugung und begrüßten sich stumm. Doch, während Eugen ernst und ruhig blieb, drückte das Auge des alten Mannes Ueberraschung aus. »Ich habe die Ehre, Herrn Wellen vor mir zu sehen?« sagte er nach einer Pause, während er dem jungen Manne artig einen Stuhl anbot. Eugen setzte sich und entgegnete: »so heiße ich; Sie hatten den Wunsch ausgedrückt, mich zu sprechen.« »Allerdings,« antwortete der Verwalter, indem er sich ebenfalls niederließ. »Und ich danke Ihnen herzlich, daß Sie so freundlich waren, mir diesen Wunsch zu erfüllen und sich hieher auf's Schloß zu bemühen. – Sie sind, wenn ich nicht irre, drunten –« Hier stockte der alte Herr und blickte sein elegantes Gegenüber fragend an. »Ich bin drunten bei der Gesellschaft des Herrn Direktors Müller,« ergänzte Eugen. »Ein reisender Schauspieler.« Der Verwalter verbeugte sich lächelnd, als wollte er sagen: »nehmen wir an, es sei so!« und dann fuhr er fort: »es sind sonderbare Verhältnisse, Herr Wellen, welche Sie zur Kenntniß gewisser Sachen kommen ließen, die mich veranlassen, über eben diese Sachen mit Ihnen zu sprechen, als seien Sie ein langjähriger Freund unseres Hauses.« Bei diesen Worten wurde die Stimme des alten Mannes ernst, und seine Züge beschatteten sich. »Sie sprachen zufällig,« fuhr er fort, »mit der Wirthin drunten über diese Vorfälle, und ich wollte Sie nur bitten, mir Ihre Erzählung zu bestätigen, und Sie vielleicht veranlassen – wenn dies nicht indiskret erscheint, – mir die Quelle zu nennen, woher Sie diese Mittheilungen erhielten. Ohne nur den geringsten Zweifel in Ihre Worte zu setzen, können Sie sich denken, Herr Wellen, daß es mir als Vater des armen Mädchens von der größten Wichtigkeit ist, zu erfahren, ob Sie nicht vielleicht getäuscht wurden oder ob Sie mich versichern, daß ich diesen schlimmen Nachrichten unbedingten Glauben schenken kann.« Eugen schwieg einen Augenblick nachdenkend still, dann sagte er, ohne die Fragen des Verwalters zu beantworten: »und diese schlimmen Nachrichten theilten Sie Ihrer Tochter mit?« »So that ich,« entgegnete der Vater. Eugen blickte ihn fragend an. Der alte Mann, der diesen Blick vollkommen verstand, zuckte mit den Achseln und sagte: »was wollten wir machen? Obgleich Rosalie überzeugt war, daß es ein solches Ende mit dem jungen Manne genommen, so hat diese Nachricht sie doch begreiflicher Weise auf's Tiefste erschüttert.« »Sie weinte und klagte?« »Nein, das that sie nicht; es war das nie ihre Art, ihrem Schmerze Linderung zu verschaffen. Sie begab sich heute Morgen in die kleine Kapelle, und da ist sie jetzt wieder. – Aber bitte, Herr Wellen, würden Sie mir nicht sagen, woher Sie jene Nachrichten erhielten? Oder haben Sie vielleicht selbst jenen Feldzug mitgemacht?« »Das nicht,« sagte Eugen. »Aber ich erhielt jenen Bericht von einem meiner bewährtesten Freunde, einem in meiner Vaterstadt sehr bekannten Arzte, Doktor Wellen.« »Ah, einem Verwandten!« sagte der Verwalter. Eugen, der einen Augenblick vergessen, daß er jetzt ebenfalls Wellen hieß, entgegnete einigermaßen befremdet: »nein, verwandt ist dieser Arzt nicht mit mir,« worauf der Verwalter erwiderte: »verzeihen Sie, ich glaubte das nur, weil Sie den gleichen Namen führen. – Doch bitte, fahren Sie fort!« »Dieser Doktor Wellen,« sagte Eugen ein wenig verwirrt, »machte den italienischen Feldzug mit und lernte dort im Hauptquartier einen Freiwilligen kennen, den er in kurzer Zeit lieb gewann und der ihm eine seltsame Geschichte erzählte von dieser Gegend, diesem Schlosse, jener Kapelle und den Marmorbildern, die er dort aufgestellt, dann vor allen Dingen von einem Mädchen, das er geliebt, und – verzeihen Sie mir – von einem hartherzigen Vater, der, Gott weiß, welchem Plane zu Liebe, durch ein einfaches Nein sein ganzes Lebensglück zerstört.« »Ja,« versetzte der alte Mann mit einem tiefen Seufzer, während ein sonderbares Lächeln über seine Züge flog, »es ist eine seltsame und traurige Geschichte. Es ist nicht daran zu zweifeln: ich war jener hartherzige Vater. – – Und das Ende jenes unglücklichen jungen Mannes war also in der That so, wie ich vernommen? – Es ist fürchterlich!« »Er blieb in der Schlacht von Novara,« sagte Eugen mit ziemlich kaltem Tone; denn er konnte sich nicht verhehlen, er sitze hier einem harten, wenigstens räthselhaften Manne gegenüber. Deßhalb fuhr er auch nach einer Pause fort: »ich glaube nicht, daß Sie, mein Herr, dieses traurige Ende des jungen Bildhauers befremden kann. So viel ich mich erinnere von Doktor Wellen gehört zu haben, hatte er mit Ihnen vor seinem Weggehen eine Unterredung, worin er Ihnen, dem Vater, nicht undeutlich zu verstehen gab, er könne ohne den Besitz Rosaliens nicht leben und sei entschlossen, einen anständigen, aber sicheren Tod zu suchen.« »So etwas sagte er allerdings,« entgegnete der alte Mann in ernstem Tone, setzte aber mit trübem Lächeln hinzu: »Sie müssen mir jedoch zugestehen, Herr Wellen, wer von euch jungen Leuten sagte nicht schon etwas Aehnliches bei einer gleichen Veranlassung? Daß das Schicksal so schnellen und fürchterlichen Ernst machen würde, das hätte ich, bei Gott! nicht geglaubt.« »Also wenn er nicht in Italien geblieben wäre,« fiel Eugen rasch und aufathmend ein, »so wäre es Ihnen lieber? Oder wenn Sie gewußt hätten, seine Worte würden sich so schnell und blutig erfüllen, so hätten Sie damals anders an ihm gehandelt?« »Wozu diese Fragen?« sprach düster der alte Mann. »Kann ich Geschehenes ungeschehen machen?« »So ist es Ihnen also lieb,« sagte Eugen mit einigermaßen heftigem Tone, »daß ihn die fremde Erde deckt, daß er nicht zurückkommen kann, um nochmals ehrlich um die Hand Ihrer Tochter zu werben? So ist es Ihnen also lieber, daß Ihr armes Kind vielleicht vergeht in Gram und Verzweiflung?« »Sie sprechen da harte Worte zu mir,« bemerkte der Verwalter in mildem Tone, »und ich begreife in der That nicht, woher es kommt, daß ich von Ihnen diese Worte, wenn auch mit tiefem Schmerze, doch mit großer Ruhe anhören kann.« »Sie haben Recht,« sagte Eugen so gefaßt als möglich, indem er aufstand. »Ich vergaß mich. Sie baten mich um Bestätigung jener Nachricht, und ich erlaubte mir, zu Ihnen zu sprechen, als sei jener unglückliche junge Mann, den ich nicht gekannt, mein Freund gewesen, oder als habe ich die Ehre, Ihr langjähriger Bekannter zu sein.« Der alte Mann war bei diesen Worten ebenfalls aufgestanden und trat an eines der großen Fenster, die auf die Blumenterrasse gingen. Er fuhr sich mit der Hand über die Augen. »Sie baten mich,« fuhr Eugen fort, »jene Nachricht zu bestätigen. Das habe ich gethan; ich glaube, wir haben weiter kein Geschäft mit einander.« »Bleiben Sie noch einen Augenblick,« antwortete der alte Mann, ohne sich von dem Fenster, an welchem er stand, abzuwenden. »Wie Sie über mich denken, so wird es Jeder thun, der diese traurige Geschichte erfährt, und Sie und Jeder vielleicht beim ersten Anblick der Sache vollkommen Recht haben. Ein junger, angesehener Mann, ein braver Künstler mit sicherem Auskommen wirbt um die Hand meiner Tochter. Ich sage Nein; nehmen wir an aus Eigensinn, nehmen wir an, ich habe erst prüfen wollen, ob die Liebe jenes jungen Mannes mehr als eine vorübergehende Leidenschaft gewesen sei. Ich spielte gewagt, und da ich dieses Spiel so blutig verloren, so schreit man entsetzt auf, ich sei der Mörder jenes Unglücklichen. Das ist allerdings sehr traurig; aber ich bin zu entschuldigen. Nun aber erfahre ich jenes tragische Ende, und da ich hierüber scheinbar nicht in Verzweiflung gerathe, mir nicht das Haar ausraufe und nicht sage: o, hätte ich das gewußt! so bin ich in Ihren Augen hartherzig, grausam.« »Wenigstens räthselhaft und sehr unbegreiflich,« sagte Eugen. »Und so möchte ich nicht dastehen in den Augen der Welt, namentlich aber nicht in den Ihrigen,« entgegnete der Verwalter, sich rasch umwendend. »O, glauben Sie mir, junger Mann, mein Wille war und ist gebunden; ich gebe Ihnen die heiligste Versicherung: hätte ich frei handeln können, Alles, Alles wäre anders gekommen.« »Ich muß Ihnen glauben,« sprach Eugen sehr kalt, »weil Sie es sagen.« »Nein, Sie sollen mir glauben, weil Sie von meinen Worten überzeugt sind.« »So überzeugen Sie mich!« »Ich halte Sie für einen Ehrenmann,« erwiderte bewegt der Verwalter, indem er vor Eugen hintrat und seine beiden Hände faßte. »Sie scheinen an dem unglücklichen Mädchen und an jenem Anderen den innigsten Antheil zu nehmen. Sie verlassen diese Gegend nicht so bald, Sie bleiben wenigstens noch einige Wochen hier. Nun denn, ich schwöre Ihnen zu, daß sich schon nach Verlauf weniger Tage Ihre Ansicht über mich vollkommen geändert haben soll.« »Nach wenigen Tagen,« sagte Eugen mit harten Worten. »Wozu soll das führen? Ueberhaupt will ich mich ja gern mit Ihren heutigen Worten bescheiden. Es ist wahr, ich nehme an Ihrer Tochter einen unbegreiflichen Antheil, einen so innigen Antheil, daß, wenn Sie mir gesagt hätten: das ist ein fürchterliches Unglück, o, wenn es doch nicht geschehen wäre, dieses Unglück! wenn jener junge Mann nur jetzt vor mich hinträte und spräche: hier bin ich, gewährt mir die Hand Eurer Tochter! so würde ich mit tausend Freuden Ja sagen – ich Ihnen gerührt die Hand gedrückt haben würde. Aber wozu die vielen Reden? Ihnen ist dieser Tod erwünscht gekommen; Sie würden heute nicht anders handeln, als damals.« »Sagen Sie, ich könnte nicht anders handeln!« rief verzweiflungsvoll der alte Mann. »Ich würde nicht anders handeln; ja, damit Sie mich ganz kennen lernen: ich bin gezwungen, noch viel Schlimmeres zu thun. Ja, Rosalie hat ihn geliebt, wie nie vielleicht ein Mädchen einen Mann liebte, das weiß ich alles; sie hängt heute noch mit derselben Innigkeit an ihm wie damals; sie wird ihn nie vergessen. Und doch muß ich, will ich sie zwingen, in nächster Zeit eine andere Verbindung einzugehen.« »Ah! das ist zu viel!« brachte Eugen mühsam hervor. »Ja, es ist zu viel!« wiederholte der alte Mann mit einem Blicke gegen den Himmel. »Und doch wird es geschehen! Die Macht, die über uns gebietet, hatte noch ganz andere Dinge begonnen und durchgesetzt.« »Und welche Macht kann einen Vater zwingen, seine Tochter zu tödten?« rief Eugen empört. »Was sage ich – zu tödten ? Der Begriff dieses Wortes ist unbedeutend gegen das, was Sie jenem armen Mädchen schon gethan, was Sie ihm noch zu thun gedenken! Mein Herr!« fuhr er heftig fort, »entweder sind Sie ein Narr oder ein Verbrecher!« »Keines von Beiden,« entgegnete der alte Mann mit einem unbegreiflich ruhigen Tone, indem er aber seine Zähne auf einander biß, daß sie knirschten. »Ich bin nur der Diener meines Herrn.« »Ah!« machte Eugen mit dem Tone der tiefsten Verachtung. »So hören Sie auf, ein solcher Diener zu sein! Sprengen Sie ein solch fluchwürdiges Band! Brauchen Sie dazu menschliche Hülfe, hier ist meine Hand.« »Die eines reisenden Schauspielers,« sagte der Verwalter mit einem seltsamen Blicke. »Vielleicht auch mehr,« entgegnete Eugen. »Oeffnen Sie mit Ihr Herz, schenken Sie mir Ihr Zutrauen!« »Ihnen,« sagte der Verwalter mit einem sonderbaren Lächeln. »Ihnen, einem unbekannten, jungen Manne? Ihnen in einer Frage, die das Schicksal, das Glück eines so guten und edlen Wesens, wie das meiner Rosalie, betrifft? – Von mir gar nicht zu reden! – Ihnen, der unter der Maske eines reisenden Schauspielers auftritt, einer Maske, so wenig gut gemacht, daß sie den Unbefangensten nicht täuschen wird? – Vertrauen um Vertrauen! Wollen Sie mir helfen und rathen – wohl! Deßhalb vor allen Dingen: wer sind Sie? – – Doch nein!« fuhr er nach einem Augenblicke fort, »reden Sie nicht, folgen Sie mir!« Mit diesen Worten wandte sich der alte Mann um, nahm einen Bund Schlüssel von der Wand, winkte seinem Besuche mit der Hand und ging vor ihm zur Thüre des Kabinets hinaus. Eugen folgte in ängstlicher Erwartung seltsamer Dinge, die sich diesem räthselhaften Manne gegenüber begeben könnten. Beide gingen über einen langen Korridor, stiegen am Ende desselben eine kleine steinerne Treppe hinauf und gelangten so in den ersten Stock des weitläufigen Gebäudes. Dort öffnete der Verwalter eine Thüre und bat den jungen Mann, einzutreten. Ein kleines Vorzimmer, in welchem sie sich nun befanden, führte auf eine große Reihe von Zimmern, durch deren geöffnete Flügelthüren man von dem einen in's andere schauen konnte. Rasch schritt der Verwalter durch das erste, zweite, dritte und vierte, dann öffnete er eine zweite Thüre; sie traten in ein Eckzimmer und kamen durch dieses in den andern Flügel des Schlosses. Hier drückte der alte Mann eine Thüre auf, die nur angelehnt war, und bat seinen Begleiter hinein zu treten. Eugen wußte nicht, wie ihm geschah. Alles, was ihn in diesem Gemache, sowie in dem nächstfolgenden umgab, die Möbel, Teppiche, Kupferstiche – Alles hatte für ihn etwas Bekanntes, Heimathliches. Sein Erstaunen wuchs, je näher er hier die Sachen betrachtete, je weiter er in den Zimmern voranschritt. Er fragte sich, ob er wache oder träume, und ob es möglich sei, was er vor sich sehe. – Ja, das waren die alten bekannten Geräthe, die schwer geschnitzten Stühle, Tische, Schränke des elterlichen Hauses; vor denen der Knabe so oft neugierig gestanden und es versucht hatte, die seltsamen Zeichnungen zu entziffern und zu begreifen, den sonderbaren Gewinden der Blumen, die sich hin und her zogen, dort verschwanden, hier wieder zum Vorschein kamen, zu folgen. Das waren die so oft gesehenen Kupferstiche in den dunkelbraunen Rahmen, die Jagd- und Pferdestücke, die Liebhaberei des verstorbenen Vaters; in anderen Zimmern bekannte Oelbilder, die sich oft durch eine gewisse Farbe oder durch eine merkwürdige Figur in dem Gedächtnisse des Knaben fest eingeprägt hatten. Eugen faßte seine Stirn; träumte er oder wachte er? Und wenn er wachte, wie konnte er es begreifen, daß er hier diese bekannten Gegenstände wieder sah? wenn auch zuweilen eine Idee in ihm aufblitzte, die vielleicht die richtige war, so verwarf er sie doch lächelnd wieder als eine Unmöglichkeit. Der alte Mann, der ihm ruhig von Zimmer zu Zimmer folgte, drückte sich sachte in die Fenstervertiefungen hinter die großen Vorhänge, um den jungen Mann ganz sich selbst zu überlassen und seine Gedanken durch nichts zu zerstreuen. Eugen schien ihn auch vergessen zu haben und eilte, mehr und mehr überrascht, durch die Zimmer, bis er an eine Thüre kam, welche wie die erste ebenfalls nur angelehnt war. Hastig drückte er sie auf und blieb mit einem Rufe der Ueberraschung auf der Schwelle stehen. Er blickte in ein kleines, achteckiges Gemach, und an der Wand, ihm gerade gegenüber, von einem einzigen Fenster auf's Schönste beleuchtet, sah er – das Portrait seiner Mutter in weißseidenem Kleide, ihr wohlbekanntes schönes Gesicht aus Spitzen, Brillanten und Blumen hervorlächelnd – dieses Gesicht, wie es ihm noch in der Erinnerung aus den Zeiten der Kinderjahre vorschwebte; die ganze, hohe Gestalt so, wie er sich erinnerte, sie oftmals gesehen zu haben, wenn er Abends in seinem Bettchen lag und schlief und durch ihren warmen Kuß aufgeweckt wurde, wo er dann aber die Augen gleich wieder schloß vor der schönen Erscheinung, die vor ihm stand – eine gute Fee, wie er glaubte, schimmernd und strahlend. – Wie er so vor dem Bilde stand und es anschaute, so begann er langsam sich zu erinnern, daß er vor langen, langen Jahren dieses Bild ebenfalls irgendwo gesehen; dann war es aber plötzlich und spurlos verschwunden. In diesem Augenblicke fühlte er sich bei der Hand gefaßt; er schien es völlig vergessen zu haben, daß außer ihm noch Jemand durch diese Zimmer schritt, und blickte hastig und überrascht auf die Seite. Es war der alte Verwalter, der neben ihm stand, der seine Hand gefaßt hielt, der ihn fragend ansah und alsdann auf das Bild wies. »Meine Mutter!« rief Eugen. Ein freudiges Lächeln flog über die Züge des alten Mannes, indem er sagte: »ich habe es geahnt, und ich bin glücklich, daß es so ist.« Jetzt erst trat Eugen mit seinen Gedanken in die Wirklichkeit zurück und blickte seinen Begleiter überrascht an. »Was soll das alles bedeuten?« sagte er. »Warum finde ich hier ein gutes Theil des elterlichen Hauses? warum finde ich hier auf dem fremden Schlosse das Porträt meiner Mutter?« »Es ist dies kein fremdes Schloß,« sagte freudig der alte Mann. »Dort ist die Besitzerin desselben.« Und er wies abermals auf das Bildniß. »Ah!« sagte Eugen, immer mehr überrascht, »spielen wir in einem Märchen? Sagen Sie mir offen und ehrlich: was soll dies alles bedeuten?« Bei diesen Worten verbeugte sich der Verwalter vor dem jungen Manne und erwiderte: »es ist weder Fabel noch Märchen. Auch spreche ich offen und ehrlich mit Ihnen, wenn ich Ihnen sage: ich heiße den Herrn Stillfried willkommen auf der Besitzung seiner Mutter!« Kopfschüttelnd blickte Eugen bald den Verwalter, bald das Bild an. Dann trat er einen Augenblick an das Fenster, faltete die Hände und schaute hinab. Fünfzigstes Kapitel. In welchem Eugen Stillfried seine Schwester findet und der lustige Rath die Entdeckung zu machen glaubt, daß sein Freund ein Ungeheuer ist. Dort unten zwischen den dichten, dunkeln Bäumen lag die kleine Kapelle, und bei diesem Anblicke fühlte der junge Mann sein Herz sich schmerzlich zusammen ziehen und sich darauf wieder freudig erweitern. Bange und tief athmete er auf; ein Gedanke durchfuhr ihn, ein glücklicher, herrlicher Gedanke, ein Gedanke, den er mit aller Kraft der Seele festzuhalten strebte, ein Gedanke, der ihn glücklich und selig machte. Er faßte die Hand des Verwalters, der neben ihm stand, drückte sie kräftig zusammen und zeigte auf die Kapelle, indem er sagte: »und sie? – Rosalie?« Dann blickte er ängstlich fragend auf das Gesicht des alten Mannes, in dessen Augen, wo sich aber im ersten Momente nicht viel erkennen ließ; denn sie waren durch Thränen verdunkelt, und erst, als dieselben in zwei großen Tropfen herabrollten und als der alte Mann stumm mit dem Kopfe nickte, da ließ Eugen dessen Hand los und sah in dem Blicke seines Begleiters, ja fühlte er an dem ungestümen Klopfen seines eigenen Herzens, daß er sich nicht getäuscht, daß sie da unten – das arme Mädchen – daß Rosalie seine Schwester sei. Hastig wandte er sich gegen die Thüre, um den Weg durch die Zimmerreihe zurück zu eilen; doch hielt ihn der Verwalter lächelnd zurück, öffnete eine andere Thüre in dem kleinen Kabinet und führte ihn eine Treppe hinunter, ähnlich derjenigen, durch welche sie heraufgestiegen waren. Am Fuße derselben ging eine kleine Pforte in's Freie, auf den dunkeln, schattigen Platz, an dessen Ende jene Kapelle lag. »Ist sie dort?« fragte Eugen und wollte abermals vorauseilen. Doch sagte ihm der Verwalter, der ihn wieder zurückhielt: »Gemach, lieber Herr! Sie werden sie erschrecken.« »So weiß sie von allem dem nichts?« rief Eugen erstaunt. »Doch, doch!« sagte der alte Mann; »so viel sie wissen durfte. Erst vor Kurzem erhielt ich die Erlaubniß, ihr zu sagen, daß sie – nicht meine Tochter sei,« setzte er mit betrübtem Tone hinzu, fuhr aber freudiger fort: »doch ist ihre Liebe zu mir gleich geblieben. Sie weiß nur, daß jene Dame droben ihre Mutter ist.« »Und nicht ihren Namen, nicht, daß sie einen Bruder hat?« »Nichts von allem dem.« »Ha! daran erkenn' ich ihn!« sagte heftig der junge Mann. »Und erst kürzlich entdeckte man ihr das Wenige, was sie weiß? Die arme Schwester! – Und bei welcher Veranlassung?« »Diese Veranlassung,« entgegnete der alte Mann mit finsterer Miene, »erlaubte ich mir Ihnen schon früher in meinem Zimmer anzudeuten, als ich noch vor Ihnen da stand, ein grausamer Vater, der nicht nur das Herz seiner Tochter brach, indem er ihre erste und einzige Liebe zerriß, sondern der auch hartherzig genug war, sie zu einer anderen Verbindung zwingen zu wollen.« »Zu einer andern Verbindung –?« »So ist es, Herr Stillfried. Sie scheinen das vergessen zu haben. Wenn ich auch von Ihrer Mutter nicht den Befehl erhielt, Sie in die Geheimnisse dieses Hauses einweihen zu dürfen, so habe ich es doch auf meine Gefahr hin gewagt. Es ist, wie ich Ihnen sagte: Ihre Schwester ist seit einigen Tagen die Verlobte eines jungen Herrn, den ich natürlicher Weise nicht die Ehre habe zu kennen.« »Und das erfuhren Sie von meiner Mutter?« fragte heftig Eugen, indem er seine Hand zusammen ballte. »Indirekt,« erwiderte der Verwalter mit sonderbarer Miene. »Durch den Geschäftsfreund Ihrer Frau Mutter, den Herrn Justizrath Werner.« »Natürlich, durch ihn!« sprach Eugen im Tone der tiefsten Verachtung. – »Doch kommen Sie zu ihr – zu meiner Schwester. Sprechen wir von nichts Anderem; dieser Augenblick ist mir zu wichtig, zu heilig, ich will ihn nicht entweihen. Später mehr von. den Angelegenheiten meines Hauses; darauf können Sie sich verlassen.« »Das hoff' ich zu Gott!« sagte der alte Mann und öffnete leise die Thüre der Kapelle. Da kniete Rosalie in demselben Betstuhle, wo Eugen ein paar Tage vorher gesessen. Sie hatte den Kopf auf ihre Hand gelegt, und durch das Geräusch der Schritte, mit welchen die Beiden eintraten, aus ihren tiefen Gedanken erweckt, schaute sie mit ihrem bleichen, tief betrübten Blicke empor und lächelte dem Verwalter freundlich, wenn auch etwas schmerzlich, entgegen. »Rosalie,« sagte der alte Mann, und hielt Eugen, der sich heftig dem Mädchen nähern wollte, an der Hand zurück; »sieh diesen Herrn; er hat das Recht, von dir freundlich empfangen zu werden.« Rosalie öffnete ihre großen Augen weit und blickte erschrocken in die Höhe. Ein Zittern, ein Schaudern überflog ihren Körper, und sie sagte mit kaum vernehmlicher Stimme: »Jetzt schon? – O du mein Gott!« »Nein, nein, mein armes Kind!« versetzte hastig der alte Mann, »es ist nicht der, den du fürchtest, es ist –« »Dein Bruder!« rief leidenschaftlich Eugen, der nicht mehr länger an sich halten konnte, indem er neben Rosalie auf den Boden niederkniete. »Dein Bruder ist's, dein Bruder, der dich herzlich und innig liebt. – Meine arme Schwester!« Das zitternde Mädchen wandte sich bei dieser heftigen Bewegung des ihr so wenig bekannten Mannes wie erschrocken ab und wollte sich in die Arme, an die Brust ihres bisherigen Vaters flüchten. Doch wies dieser sie sanft von sich, indem er sprach: »ja, es ist so, mein Kind, wie er gesagt: er ist dein Bruder, der Sohn deiner Mutter.« Einen Augenblick betrachtete das Mädchen den jungen Mann, dessen Auge voll Thränen zu ihr empor blickte; dann zog ein unnennbar freudiges, glückseliges Lächeln über ihre bleichen Züge; sie reichte ihm beide Hände dar, und als er sie ergriff, zog sie ihn willenlos, aber gewaltig zu sich in die Höhe, warf sich alsdann heftig in seine Arme, und ein Strom wohlthätiger Thränen tropfte von ihrem Gesichte herab auf seine Brust. Lange hielten sich die Beiden so fest und innig umschlossen, und als darauf Rosalie freudig lächelnd ihren Kopf erhob, um auf dem Gesichte ihres Bruders Zug um Zug neugierig und emsig zu studiren, da bemerkte Eugen, daß der alte Verwalter verschwunden war und sie sich allein in der Kapelle befanden. »Komm! komm!« redete nun das Mädchen nach einer längeren Pause; »laß uns hinaus in die freie Luft; es ist mir hier zu eng. Die Mauern, das Gewölbe drücken mir das Herz zusammen.« Und dann nahm sie ihn bei der Hand und führte ihn zur Kapelle hinaus, um das Chor herum, auf eine kleine Steinbank, die hinter dem Kirchlein angebracht war, dicht an der Ringmauer des Schlosses, wo sich nun die Beiden niedersetzten; hinter sich die hohen spitzen Fenster des Chores, vor sich die weite herrliche Landschaft im Abendsonnenscheine, reich vor ihnen ausgebreitet in herbstlicher Färbung. Das Mädchen hielt Eugen's Rechte mit ihren beiden kleinen Händen und schaute ihm fortwährend forschend und glückselig in's Gesicht. »Also du bist mein Bruder,« sagte sie, »und ich bin deine Schwester! – Ja, es muß so sein; denn als ich dich neulich zum ersten Male sah, da warst du für mich gar nicht wie ein ganz Fremder.« »Ich hatte dasselbe Gefühl,« entgegnete Eugen. »Aber, obgleich ich wußte, daß ich eine Schwester habe, wäre es mir doch nicht eingefallen, dich hier zu suchen.« »Das wußtest du also? Ach, da warst du doch viel glücklicher als ich! Seit mein lieber Vater mir gesagt, daß ich nicht seine Tochter sei, hatte ich so gar Niemanden mehr auf der Welt, war ganz verlassen und allein. O, es ist sehr traurig, wenn man von all' seinen Angehörigen nichts kennt, als ein gemaltes Bild, und da droben die schöne Frau mit den vielen Brillanten und Blumen war meine ganze Verwandtschaft.« »Unsere Mutter!« sagte Eugen mit schmerzlichem Tone. »Du kennst sie?« fragte eifrig das Mädchen. »Natürlich, du warst bis jetzt bei ihr, du hattest sie gern, und sie liebte dich! Wie ihr Beiden so glücklich waret!« »Ja, meine liebe Rosalie,« sagte bekümmert der Bruder, »wir waren schon recht glücklich.« »Ei,« entgegnete das Mädchen, »du nennst mich immer bei meinem Namen, Rosalie, kann ich nicht auch wissen, wie du heißest?« »Eugen,« sagte der junge Mann. »Mein lieber Eugen!« »Meine gute, gute Rosalie!« »Und –?« fragte das Mädchen. »Und –« wiederholte Eugen; denn er wußte, was sie sagen wollte. »Und weiter?« »Ja so!« erwiderte der junge Mann mit tiefem Schmerze. »Ja so, mein armes, armes Mädchen! – Eugen Stillfried.« »Also Rosalie Stillfried?« »Rosalie Stillfried,« wiederholte Eugen, und während er die Hand seiner Schwester an die Lippen drückte, flossen langsam seine Thränen darauf hin. »O mein Gott,« rief sie nach einer kleinen Pause, »wie viel hätt' ich noch zu fragen! Aber wenn ich einmal anfinge, so würde es die ganze Nacht hindurch dauern. Ich weiß ja gar nichts von dir und von uns. Wo hast du bis jetzt gewohnt? – Wo wohnst du jetzt? – Wo ist die Mutter? – Siehst du, ich frage wie ein Kind. – Ach Gott! ja, und mein wirklicher Vater? – Nach dem habe ich noch gar nicht gefragt.« Eugen hatte bei all diesen Fragen gelächelt; nur bei der letzten wurde er sehr ernst. »Darauf kann ich dir nur eine traurige Antwort geben,« sagte er, »auf deine letzte nämlich, was – meinen guten Vater betrifft. Der ist schon lange, lange todt. Ich selbst, der ich viel älter bin, als du, habe ihn nur sehr wenig gekannt.« »Ach, unser Vater ist todt!« sagte tief betrübt das Mädchen und faltete ihre Hände. »Also werde ich ihn nie sehen? – Das ist sehr schlimm!« »Aber die Mutter wirst du sehen,« fiel ihr Eugen schnell in's Wort. Er wollte sie auf einen anderen Gedanken bringen. »Die Mutter wirst du vielleicht bald sehen. Und dann bleiben wir zusammen, lange und glücklich.« »Ach, mich schauert's ordentlich!« erwiderte Rosalie. »Wie mich all das Glück freut! – Aber du bleibst jetzt bei mir?« »Gewiß, meine Schwester! Drunten im Dorfe wohne ich bei deiner Freundin.« »Ah, in der wilden Rose!« »Ja, und ich komme jeden Tag, dich zu sehen.« »Nicht wahr, mein vieles Fragen belästigt dich? Und ich habe noch gar nicht einmal recht angefangen. Aber eine große und schwere Frage habe ich noch auf dem Herzen; wenn du mir die beantworten könntest!« »So laß sie hören!« sagte Eugen. »Wenn ich kann, werde ich sie dir gewiß beantworten.« »Nun denn – so sage mir, warum habe ich dich erst heute gesehen? Warum hat man mir erst vor ein paar Tagen gesagt, daß jene Dame droben meine Mutter ist? Warum bin ich immer allein hier, so entfernt von euch gewesen?« »Verzeihe mir, Rosalie,« entgegnete Eugen nach einer Pause, »du fragst mich da in der That etwas, das ich heute nicht im Stande bin, dir zu beantworten. Aber glaube mir, liebe Schwester, das wirst du alles erfahren, und so bald wie möglich.« »Ich glaube dir! ich glaube dir!« sagte eifrig das Mädchen. »Gewiß, Eugen, ich habe ein solches Zutrauen zu dir, daß, wenn du etwas sagst, ich weiß, es muß so und nicht anders sein.« Dabei drückte sie herzlich seine Hand, blickte ihm längere Zeit in die Augen und sah dann träumerisch in die weite Gegend hinab, die sich dunkler zu färben begann, denn die Sonne war untergegangen. Eugen war lange nicht so glücklich gewesen, wie an diesem Abend. Bisher hatte das Bild der unbekannten Schwester wie ein finsterer, unheimlicher Geist vor ihm geschwebt, er hatte sich davor gefürchtet, sie einstens zu treffen. Wie würde er sie finden? wie konnte sie sein? – Jetzt hatte er sie so unverhofft gesehen, sie gefunden, so schön, so lieb, so gut! Sie hatte sich vertrauensvoll in seine Arme geworfen, die Stimme ihres Herzens hatte sie an die Brust des Bruders geführt, und jetzt, nach Verlauf einer Stunde, war es ihm, als habe er sie von jeher gekannt; jetzt saßen sie hier zusammen, sich herzlich liebend, wie die Kinder eines und desselben Vaters. * Nach einem längeren Stillschweigen, während dessen Rosalie schwärmerisch in die glühenden Farben geblickt, welche die Sonne jenseits der Berge zurückgelassen, legte sie sanft den Kopf auf die Schulter ihres Bruders und sagte mit leiser, zitternder Stimme: »Aber du hattest schon von mir gehört, nicht wahr, mein Bruder?« »Ja, liebe Rosalie,« gab er zur Antwort. »Du weißt vielleicht,« fuhr sie fort, »daß ich, so jung ich bin, schon unendlich viel Leid ertragen mußte?« »Ich weiß es,« versetzte Eugen bekümmert und drückte das Mädchen fester an sich. »Alles?« »Alles, meine Schwester!« »Nicht wahr, Eugen, das ist fürchterlich?« sagte sie, und ihre Thränen floßen auf's Neue. »Dir will ich's gestehen – es ist mir eine Beruhigung, ein süßes Gefühl, es dir zu sagen – o Eugen, ich habe ihn so unaussprechlich geliebt! – Aber wie gütig ist Gott im Himmel! Da ich ihn verloren habe, fand ich dich. O, hättest du ihn nur gekannt! Er war so lieb und gut!« »Ich glaube es dir gern, mein armes Kind.« »Und nun ist er todt!« fuhr sie schaudernd fort mit dem Ausdrucke des tiefsten Schmerzes. »Ich werde ihn nie wiedersehen!« Ruhig und still hielt Eugen die weinende Schwester in seinen Armen, ohne zu ihr zu sprechen. Was konnten tröstende Worte helfen? Und wußte er überhaupt dergleichen? Ja, da er jenen jungen Mann nicht gekannt, so war es ihm nicht einmal möglich, etwas über dessen Vergangenheit zu sagen. – Er küßte die Schwester schweigend, aber innig auf die Stirn, dann stand er auf, hob sie sanft in die Höhe und führte sie nach dem Schlosse zurück. Als sie durch das Hauptthor gingen, meinte Eugen, er sehe Jemanden im Schatten des Brückenpfeilers sitzen. Doch war es schon zu dunkel, um die Gegenstände unterscheiden zu können. Er führte die Schwester in's Haus, wünschte ihr herzlich eine gute Nacht, indem er ihr versprach, morgen wieder zu kommen, und verließ sinnend und träumend den Schloßhof. Als er abermals über die Brücke ging, sah er, daß er sich vorhin nicht getäuscht; es saß dort wirklich Jemand, und dieser Jemand war Herr Sidel, der hier seinen Freund zu erwarten schien. Eugen war erfreut über dieses Zusammentreffen und trat rasch auf den lustigen Rath zu, ihm freundlich einen guten Abend bietend. Doch Herr Sidel trat einen Schritt zurück und wehrte ihn mit der Hand von sich. Eugen wußte nicht, was das zu bedeuten habe, und dachte, er irre sich vielleicht; doch war es der lustige Rath – daran konnte Niemand zweifeln – der jetzt sich rasch umwandte und hastig seinem Freunde voraus den Berg hinabzusteigen begann. »He!« rief Eugen ihm zu, »was soll denn das heißen? Was fliehst du denn davon wie ein Schatten? Bist du es, oder ist es nur dein Geist, der mir hier erscheint, um mich vor etwas Schrecklichem zu warnen?« »Da hätte ich früher kommen müssen,« sprach jetzt der lustige Rath mit sehr ernster Stimme, und blieb an der Biegung des Weges stehen; »freilich ohne viel zu helfen, denn nicht einmal Zeichen und Wunder würden im Stande sein, deinen schrecklichen Lebenswandel zu ändern.« »Diese Predigt hätte ich heute nicht mehr erwartet!« antwortete laut lachend Eugen. »Aber sage, was ficht dich an, daß du wie ein drohendes Gespenst da in der Dunkelheit Stimme und Arm warnend gegen mich erhebst? Scherz bei Seite, was willst du?« »Ja, Scherz bei Seite!« wiederholte finster Herr Sidel. »Du vermagst es noch, mich zu fragen? Weßhalb ich nicht wie immer lächelnd und freundlich vor dich hintrete, das kannst du mit deinem schlechten Gewissen –« »Ich habe aber kein schlechtes Gewissen!« »Wo kommst du her?« »Nun, vom Schlosse droben.« »Was machtest du da? Kannst du mir darauf Antwort geben, ohne zu erröthen?« »O ja,« meinte Eugen lachend. »Ich könnte das schon wagen; denn es wäre auf alle Fälle zu dunkel, als daß du die Scham auf meinen Wangen sehen könntest.« »Das hätte ich nimmer von dir gedacht!« sagte der lustige Rath mit lauter und feierlicher Stimme, und seine Worte konnten unmöglich scherzhaft gemeint sein, denn er sprach sie mit dem ernsten Tone. »Nimmer und nimmermehr! Du bist ein arger Sünder – Eugen Stillfried!« »Vor allen Dingen, bester Rath,« entgegnete Eugen lustig, »ruf meinen Namen, oder vielmehr einen Namen nicht so laut in die Nacht hinaus, der hier nicht genannt, noch gekannt sein soll. Und was die Sache an sich betrifft, so hättest du weit besser gethan, bevor du nach deiner gewöhnlichen Art anfingst, zu lärmen und mir Vorwürfe zu machen, mich um Näheres über dasjenige zu befragen, was du heimlich erlauscht und gesehen hast.« In diesem Augenblicke raschelte etwas wenige Schritte entfernt im Gesträuch, das den Weg einfaßte, so daß die beiden Freunde erstaunt stehen blieben und aufmerksam horchten. Es war gerade als schleiche dort ein Mensch, der in der Dunkelheit ausglitt und sich nun an den rauschenden Zweigen wieder zum Stehen brachte. »Hast du das gehört?« fragte Eugen, »es scheint mir, wir wandeln in Gesellschaft.« »Aber in keiner menschlichen,« antwortete mürrisch der lustige Rath. »Mir scheint, es ist ein Thier, das nächtlicher Weile herumschleicht. Vielleicht ein Fuchs oder ein Vogel, ein Uhu oder dergleichen. – So viel kann ich dich versichern, daß mich das, was ich so eben gehört, nicht so alterirt, als das, was ich droben vernommen.« »So will ich dich denn über das droben mit einem einzigen Worte aufklären, das heißt, wenn du einen Augenblick näher zu mir herkommen willst; denn ich habe nicht Lust, so in die Nacht hinauszurufen, wie du eben gethan.« Widerstrebend näherte sich Herr Sidel, und als ihn Eugen mit der Hand erreichen konnte, zog er ihn ganz nahe zu sich hin und sagte ihm leise in's Ohr: »Lustiger Rath, du bist ein Narr; aber die da droben auf dem Schlosse – ist meine Schwester.« »Pah!« machte Herr Sidel und prallte erstaunt zurück. »Es ist so, wie ich dir sage,« fuhr Eugen mit bestimmtem Tone fort; »ich bin da auf eine merkwürdige Spur gekommen, die aber zu sehr viel Gutem führen kann. Glaube mir, Rosalie ist meine Schwester, von der ich früher öfters mit dir gesprochen.« »Hurrah!« schrie nun plötzlich der lustige Rath mit voller Kraft seiner Lungen, indem er mit gleichen Füßen so hoch emporsprang, als es seine dicke, untersetzte Figur erlaubte. »Hurrah und nochmals Hurrah!« wiederholte er, »es wird Licht, mir rollt ein ganzes Gebirge von der Brust.« »Und bei dem unvernünftigen Schreien und den wahnsinnigen Geberden wirst du noch von dem Gebirge hinabrollen,« antwortete Eugen und faßte ihn am Arme. »Stille einen Augenblick!« setzte er hinzu und blieb stehen. »Da habe ich das Rascheln wieder gehört; wir sind nicht allein, d. h. neben dem Wege in der Vertiefung schleicht Jemand; es ist mir gerade, als sähe ich sogar einen Schatten hingleiten.« »Phantasie! Phantasie!« meinte lustig Herr Sidel. »Und wenn auch! Es wird ein harmloser Holzhauer sein, der von seiner Arbeit zurückkehrt. – Aber was du eben gesagt, macht mich ganz glücklich.« »Schweige nur jetzt darüber,« erwiderte Eugen, »ich will dir drunten auf unserem Zimmer Alles auf's Beste erklären.« Damit schritten die Beiden rüstig bergab, und bald sahen sie Schloßfelden dicht vor sich liegen. Hier schien schon Alles zur Ruhe zu sein. Die Bewohner, müde von des Tages Last und Hitze, hatten mit der sinkenden Nacht ihre Lagerstätten gesucht: man sah nirgends einen Lichtstrahl, und der einzige Laut, den man durch die Stille der Nacht vernahm, war hie und da das leise Knurren und Bellen irgend eines Hundes, den etwas aus seiner Nachtruhe aufgestört. Auf der anderen Seite des Dorfes sahen sie das Wirthshaus zur wilden Rose mit hell erleuchteten Fenstern, die ihnen gastlich entgegen winkten. Noch eine Biegung hatten sie zu machen, um den Berg hinter sich zu haben, und der lustige Rath, der sich eine Cigarre anzündete, blieb deßhalb einen Augenblick zurück; Eugen war ein paar Schritte voraus, da – krachte ein Schuß neben ihnen auf der Seite, wo sie das Rauschen in den Zweigen gehört, und Eugen glaubte das Pfeifen einer Kugel zu vernehmen, welche ganz nahe bei seinem Kopfe vorüber fuhr. Langsam wälzte sich das Echo des Schusses in den Bergen fort, und Eugen, der überrascht, erschrocken und festgebannt stehen blieb, hörte drunten im Dorfe die Hunde laut werden und anschlagen, und vernahm darauf Schritte in dem rauschenden Laube, Schritte, die sich eilig zu entfernen schienen. »Was war das?« rief Herr Sidel, der hinzu sprang. »Wem hat dieser Schuß gegolten?« »Genau kann ich es nicht sagen,« entgegnete Eugen, »aber ich glaube fast, einem von uns; denn so viel ist gewiß, daß ich es gehört, ja gefühlt, wie eine Kugel dicht an meinem Kopfe vorbei fuhr.« »Vorwärts! vorwärts!« rief der lustige Rath und drängte den Berg hinab. »Hier an der Bergwand ist es unheimlich. Eilen wir hinab; dort erreichen wir sogleich die ersten Häuser des Dorfes.« So war es denn auch, und schon ein paar Schritte vor denselben kam ihnen der Nachtwächter von Schloßfelden entgegen. Dieser würdige Beamte schien trotz seines langen Spießes und seines großen Hundes keine starke Lust zu haben, sich weit von den schützenden Mauern seines Ortes zu entfernen. Auch machte er beim Anblick unserer beiden Freunde eine halbe Wendung nach rückwärts, blieb aber wieder stehen, als ihm Herr Sidel ein lautes: Gut Freund! zurief. »Haben Sie denn geschossen?« fragte er, als die beiden näher kamen, wobei er sich neugierig nach einem Gewehr oder einer sonstigen Schießwaffe umsah. Doch als er ihre leeren Hände bemerkte, wiederholte er bedenklich: » Sie haben also nicht geschossen?« »Nein, mein Freund,« sagte Eugen; »mir scheint, wir wären beinahe selbst geschossen worden. Ich muß gestehen, das ist hier zu Lande eine schlechte Manier, geladene Gewehre gegen einen Weg abzuschießen.« Der Nachtwächter, ein ehrlicher Bauer, schüttelte den Kopf und sagte: »Das verstehe ich nicht; man kann sie doch wahrhaftig nicht für ein Stück Wild, für einen Fuchs oder Rehbock gehalten haben!« »Und die Jäger,« fiel ihm Herr Sidel in's Wort, »werden doch hier nicht in der Dunkelheit auf die Jagd gehen!« »Die gewöhnlichen Jäger freilich nicht,« erwiderte lächelnd der Bauer, »aber wißt, ihr Herren, da droben hinter dem Schlosse hat's große und prächtige Waldungen; sie ziehen sich links herum auf dem Gebirge fort, und die württembergische Grenze führt mitten hindurch. Da hat's auch einige wilde Jäger, denen es gleich viel ist, ob sie einen Hirsch bei Tage oder bei Nacht schießen.« »Aber wir sind doch keine Hirsche!« meinte Herr Sidel. »Das soll der Teufel holen, daß man nicht einmal ruhig nach Hause gehen kann, ohne daß man befürchten muß, von einer Kugel getroffen zu werden! Das ist schlechter Spaß!« »Ja, ich begreife es auch nicht recht,« sagte der Nachtwächter, »will aber gleich zum Förster gehen und dem das Ding melden. – Gute Nacht, ihr Herren!« Damit ging der Beamte seines Weges, und die beiden Freunde eilten durch das Dorf und erreichten in kurzer Zeit das Gasthaus zur wilden Rose. Hier war noch Licht und Leben genug und in allen Räumen noch Gäste. In dem Honoratiorenzimmer befanden sich der Herr Direktor, dessen Bruder, sowie der große Holder und der vortreffliche Herr Trommler. Eugen hatte aber nach den wichtigen Ereignissen dieses Tages keine Lust, noch eine gewöhnliche Conversation zu führen, und begab sich deßhalb mit dem Herrn Sidel nach ihren Zimmern. Auf der Treppe kam ihnen die Frau Rosel entgegen; sie hatte ein Licht in der Hand und sah sehr blaß, ja angegriffen aus. Als sie ihren Gast erblickte, hielt sie sich wie erschrocken an dem Treppengeländer fest und brachte auf die Frage Eugen's, ob ihr etwas zugestoßen sei und was ihr fehle, mühsam die Worte hervor: »ach, Herr Wellen, es geschehen merkwürdige Dinge auf dieser Welt!« Einundfünfzigstes Kapitel. Der geneigte Leser erfährt nicht viel Neues, wird aber eingestehen, daß der Erzähler in manchen Theilen Recht hat. Es war der Staatsräthin nicht leicht geworden, den Entschluß zu fassen, Katharinen zu sich in's Haus zu nehmen. Sie hatte dieselbe früher einmal kaum flüchtig gesehen und sie unter den obwaltenden Verhältnissen natürlicher Weise sehr wenig beachtet; doch fühlte die alte Dame in ihrer Einsamkeit das Bedürfniß, ein Wesen in ihrer Nähe zu wissen, von dem sie überzeugt sein durfte, daß es sich fest an sie anschließen würde, daß es ihr mit kindlicher Liebe zugethan sei, ein Wesen, dem auch sie nach Befund und Umständen ein mütterliches Herz öffnen könnte. Die Unterredung mit ihrem Sohne, die Offenheit, mit der ihr Eugen entgegen getreten war, die Bereitwilligkeit, mit der er auf ihren Wunsch einzugehen schien und ihr jene Papiere zur Verfügung zu stellen versprach, welche zu erlangen der Justizrath so viele verkehrte und unnöthige Schritte gethan, hatten einen tiefen Eindruck auf das Herz der Staatsräthin gemacht. Hatte nicht ein einziges Wort der Mutter den Sohn dazu vermocht, ein einziges freundliches liebevolles Wort? Ja, sie fühlte es bitter und beklagte es tief, nicht eher eine Annäherung gesucht zu haben, die früher noch leichter gewesen wäre und so Manches anders gemacht hätte. Glücklicher Weise war es noch nicht zu Allem zu spät, und die Staatsräthin fühlte wohl, daß es ihr ohne große Schwierigkeiten gelingen würde, das Herz ihres Sohnes wieder an sich zu ziehen, mit ihm in Gemeinschaft zu leben, vielleicht glücklich zu sein, vor allen Dingen aber Eugen wieder in die Stellung einzusetzen, die ihm gebührte: in die ihres natürlichen Beschützers. Das hatte sie anfänglich kaum zu denken gewagt; aber nachdem sie sich erst einmal mit dem Gedanken vertraut gemacht, verfolgte sie ihn unablässig Tag und Nacht, und hiedurch kam sie darauf, sich selbst sagen zu müssen, daß die Herrschaft, welche der Justizrath über sie ausübte, unnatürlich und unerträglich sei. All' das hatte sie denn auch bestimmt, entscheidendere Schritte anzubahnen, zuerst Katharinen zu sich zu nehmen, in der festen Hoffnung, das Mädchen würdig zu finden, um ihr auch später andere Rechte einräumen zu können. Und hierin hatte sich die alte Dame glücklicher Weise nicht getäuscht. Wenige Tage reichten hin, und die kluge Frau erkannte und würdigte das reine, unschuldige Herz des schönen Mädchens und fand in ihren natürlichen, gesunden Gedanken, in ihrem angeborenen tiefen sittlichen Gefühl einen biegsamen, dankbaren Grundstock, aus dem sich etwas Schönes und Glänzendes herausbilden ließ. Und damit gab sich die Staatsräthin alle Mühe. Anfänglich war es von ihr bestimmt worden, das Verhältniß Katharinens zu ihr sollte das der Dienerin zur Herrin sein. Doch schon nach den ersten Tagen wurde Madame Schoppelmann zu einer zweiten Audienz entboten, und nach einer längern Unterredung hatte sie mit Freuden ihre Einwilligung gegeben, daß ihre Tochter Katharina von nun an wie das Kind vom Hause angesehen würde. Ob dabei auch etwas von späteren Planen in Betreff des Herrn Eugen ausgemacht wurde, sind wir nicht im Stande anzugeben, hoffen aber das Beste und wollen nur wenigstens so viel verrathen, daß die Dienerschaft des Stillfried'schen Hauses der Ansicht war, sie sehe in dem jungen schönen Mädchen ihre künftige Gebieterin; und wir wissen bereits, daß die Ansicht der Dienerschaft dieses Hauses nicht zu verachten war. Die alte Dame hatte kluger Weise dem Justizrath gegenüber ihren Wunsch, das junge Mädchen zu sich zu nehmen, in einem Augenblicke ausgesprochen, wo ihr Geschäftsfreund sehr mit uns bekannten Projekten beschäftigt war und hiebei die Einwilligung der Mutter zu sehr gebrauchte, um ihrer Grille, wie er es nannte, ernstlich etwas in den Weg zu legen. Seine Angelegenheit ging vortrefflich von Statten; Herr von Steinbeck wurde von der alten Dame, wenn auch nicht herzlich, doch freundlich empfangen; ja, der Justizrath hatte es sogar dahin gebracht, die Staatsräthin zu vermögen, daß sie, von jahrelanger Gewohnheit abgehend, obgleich einigermaßen widerstrebend, eine kleine Gesellschaft bei sich veranstaltete, freilich nur von sehr wenigen Personen, aber von dem Justizrathe ausgewählt und Alle seinen Planen geneigt und denselben sehr förderlich. Wir nennen nur den Major und die Majorin von Brander, welche versicherten, auf die Freundschaft der Mutter ein spezielles Recht zu haben; denn der verlorene Sohn habe ihr Haus vor allen anderen gern und häufig besucht. Wir müssen gestehen, daß in dieser Gesellschaft die schöne Katharina nicht geringe Aufmerksamkeit erregte; ja, wir wollen dem geneigten Leser anvertrauen, daß die Staatsräthin hauptsächlich deßwegen wieder Leute bei sich gesehen, um ihre Pflegetochter, wie sie das Mädchen nannte, anständig vorstellen und einführen zu können. Und diese Vorstellung war sehr glänzend ausgefallen. Katharina, die sich früher nie in Salons bewegt, hatte eine solche glückliche Gabe, sich leicht und geschickt in ihr neues Verhältnis zu finden, daß die schärfsten Augen der unnachsichtigsten Damen – und welche Dame sieht in diesem Punkte nicht unnachsichtig und scharf? – nichts an ihrem Benehmen auszusetzen wußten, als nur das Eine, was aber Jede kluger Weise für sich behielt, und das war: der Kummer, daß ihre eigenen Kinder, die Töchter eines Regierungsrathes, eines Kanzleirathes und mehrerer Hofräthe, von der Tochter der Gemüsehändlerin völlig verdunkelt wurden; und dabei dachten sie, es sei doch eigentlich sonderbar von dem lieben Gott, daß er diesen Mädchen der unteren Regionen Anstand und sittsames Betragen ertheilt; Mädchen, deren Eltern doch gar keiner Rangklasse angehören, ebenso viel, ja oft noch mehr Schönheit des Körpers, als ihren Nachkömmlingen, hervorgegangen und gezogen, in die Welt eingeführt und bewundert unter dem Schutze der vierten bis achten Rangklasse. Die Majorin Brander hatte, wie wir wissen, keine Töchter, und deßhalb, und auch weil sie Dichterin war, fand sie in dieser ganzen Geschichte etwas Schönes und Hochpoetisches und versprach sich von einer ähnlichen Situation sehr viel für irgend ein Kapitel ihres neuen Romans. »Stifeler,« hatte der Major zu seinem Adjutanten auf dem Heimwege gesagt, »Stifeler, das ist ein schönes Mädchen! Mich soll der Teufel holen, aber da hätten Sie sich früher umsehen sollen!« Hierauf sprach der Adjutant achselzuckend, nachdem er aber vorher die Lippen zusammen gepreßt: »Zu Befehl, Herr Oberstwachtmeister! nur bitte ich zu bemerken, daß die Mutter eine Gemüsehändlerin ist.« »Aber reich, lieber Stifeler,« hatte der Major geantwortet, »sehr reich! und was deckt so ein alter Adel, wie der Ihrige, nicht zu? Gehen Sie mir weg! das hätte Ihnen nicht entgehen sollen!« Ebenso wie der Major dachte auch noch mancher Andere, und viele junge Herren, die früher über Eugen Stillfried höhnisch die Nase gerümpft, blieben jetzt mit einem lauten Ah! auf der Straße stehen, wenn die Staatsräthin mit ihrer Pflegetochter vorüber fuhr. Diese freundlichen Bemerkungen in Betreff Katharinens wurden aber im vollen Gleichgewicht, ja, niedergehalten durch die äußerst liebenswürdige Art und Weise, mit der die neue Stellung des früher unbekannten Mädchens bei den sämmtlichen Kaffeegesellschaften der Residenz besprochen und demgemäß zerfleischt wurde. Eine Staatsräthin, also eine Frau zur sechsten Rangklasse gehörig, hatte solches zu thun gewagt, hatte in den reinen Dunstkreis der höheren Schichte menschlicher Gesellschaft ein Wesen eingeführt, das, tief unten, wo man nicht mehr deutlich hinschauen kann, geboren, kaum das Recht hatte, auf der Welt zu sein; ein Wesen, das doch unmöglich verlangen konnte, von ihren Mitschwestern freundlich gegrüßt zu werden, von ihren Mitschwestern, die obgleich lange nicht so schön, lange nicht so tugendhaft, lange nicht so sittsam, dafür das Vorrecht der Geburt hatten und denen es gestattet war, ihre Fehler und Vergehen, die weiter unten so klar und schonungslos vor Augen liegen, deßhalb ungesehen zu machen, weil sie dieselben mit dem mächtigen Familiennamen ihrer Mutter oder mit dem Anstellungsdekret ihres Vaters bedecken durften. Was mußte die arme Katharina nicht schon alles gethan haben, wenn man diese Lästerzungen hörte! – War sie schön? – Das konnte man ihr nicht absprechen. Mein Gott, ja! sie sieht nicht übel aus; aber hat man je gehört, daß der Art Mädchen häßlich sind? Gott bewahre! Das ist ja ihr einziges Verdienst, und wenn Sie nicht das Bischen Schönheit hätte, so wären all' diese Geschichten nicht – passirt. Der einzige Trost dieser Damen bestand darin, daß dergleichen im Stillfried'schen Hause vorgefallen war. – »Das Haus ist schon was gewohnt!« sagte wehmuthsvoll eine alte Regierungsräthin, »dahin paßt dergleichen. In der Familie ist schon mehr vorgefallen, worüber sich nicht in guter Gesellschaft sprechen läßt.« Das beruhigte denn auch offenbar die zürnenden Gemüther, und neben dem schloßen sie eine feste Verbindung, es die arme Katharina entgelten zu lassen, daß sie die Tochter einer Gemüsehändlerin sei, und, sollte sie den Herrn Eugen Stillfried wirklich heirathen, sie mit ihrem Hasse zu verfolgen bis in's dritte und vierte Glied. Hievon hatte das arme Mädchen nun gar keine Ahnung; sie war in Grundsätzen erzogen worden, daß man bei seinem Nebenmenschen auf das Herz zu schauen habe und nicht auf das Kleid, und daß, wenn sich nur Jemand brav und ehrlich aufführe, es keine Schande sei, aus einem tieferen Stande sich in einen höheren hinauf gearbeitet zu haben. Sie wußte so wenig von der Stimmung, die in den Kreisen, zu denen sie jetzt gehörte, gegen sie herrschte, daß sie mit der Liebe, welche sie gegen ihre Nebenmenschen im warmen Herzen trug, überall anstieß und ihre Stellung eher verschlimmerte als verbesserte. Sie lächelte Jedem freundlich zu, grüßte auf der Straße, wenn sie mit der Staatsräthin ausfuhr, die Begegnenden auf's Freundlichste und nahm deren erzwungenes liebreiches Grinsen für baare Münze. Daß Jene nachher gelber von Neid und Bosheit wurden als ihre Strohhüte, und sich die Hand, die so eben noch freundlich gewinkt, unter dem Shawl zur Faust zusammen ballte, das konnte sie freilich nicht sehen, da sie keine Ahnung davon hatte. Desto weniger aber entgingen diese Sachen dem scharfen Auge der Staatsräthin, und wir müssen gestehen, daß sie ihre Freude daran hatte. Wie hatten diese sogenannten guten Freundinnen sie in früheren Zeiten behandelt! Wie war bei ihr das Sprüchwort so wahr geworden: Gott schütze mich vor meinen Freunden, mit meinen Feinden will ich selbst fertig werden! Wie hatten sie die leisesten Mißstimmungen sich zu Nutzen zu machen gewußt, nachdem diese im Stillfried'schen Hause kaum erst angeklungen! Wie hatten sie kleine Risse in dem Familienleben der beiden Gatten zu benutzen verstanden, durch hämische Zwischenträgereien, durch falsche Auslegungen, durch boshafte Stichelworte, durch üble Nachreden! Wie hatten sie solcher Gestalt jeden trüben Ton zum lauten Lärmsignal anschwellen lassen, die kleinsten Sprünge zu einer Kluft gemacht, die nichts mehr auszufüllen im Stande war! Lerne sie kennen, theurer Leser! Auch deinen Herd umkriecht vielleicht ähnliches Gezücht, auch von deinem Brode ißt dergleichen Ungeziefer und trinkt von deinem Wein. Nimm dich vor ihm in Acht und zertritt ihm den Kopf, ehe es dich giftig in die Ferse beißt. Angesicht gegen Angesicht greift es dich nie an: es wird nie ausstreuen, du habest Dies oder Jenes gesagt oder gethan – nein, ein solches Wesen tritt an Andere heran, Kummer auf dem Gesichte, tiefe Trauer auf der Zunge, und spricht zu ihnen von dir: ah, wie ist die Welt so niederträchtig! Nein, diese bodenlose Schlechtigkeit hätte ich nimmer erwartet! Haben Sie es denn auch schon gehört, was man unserer guten, lieben Freundin nachsagt? – Nein, ich weiß noch nichts. – Gott! es wird mir schwer, darüber zu sprechen. Nun denn, unsere Freundin hat sich von ihrem Manne entfernen müssen, ist zu ihren Eltern zurückgekehrt; es sollen da schreckliche Dinge vorgefallen sein. – So sagt die Eine dieser Guten, und dabei schwört sie hoch und theuer, nichts solle sie vermögen, etwas der Art weiter zu sagen. – Ich kann es nicht glauben, ich will es nicht glauben. Aber man sagt es. – Und dieses: Man sagt, wird wiederholt, bis es die ganze Stadt weiß mit den abscheulichsten Zusätzen. Und dann gehe der Betreffende hin und forsche einer solchen Quelle nach! Der Justizrath Werner schien am Ziel seiner Wünsche angelangt; die Verbindung des Herrn von Steinbeck mit Fräulein Stillfried war schon so sicher festgestellt, daß man bereits den Verlobungs- und Hochzeitstag besprochen hatte. Der Justizrath ließ sich um diese Zeit noch häufiger als sonst im Hause seiner Freundin sehen, ohne gerade durch ein zuvorkommenderes Betragen derselben hiezu ermuthigt zu werden. Auch der Herr von Steinbeck machte seine Besuche, so oft es thunlich und schicklich war; doch können wir nicht sagen, daß er durch diese seine Gegenwart große Fortschritte in der Gunst der Mutter gemacht hätte. Die Staatsräthin hatte anfänglich darauf bestanden, das junge Mädchen, das bis jetzt fern von der Mutter erzogen worden war, in die Stadt kommen zu lassen, um, wie sie sagte, ihre Verbindung hier zu vollziehen. Als aber der Justizrath diesen Vorschlag nicht rathsam fand und ihr denselben mit tausend Gründen ausredete, wollte sie wenigstens vorher ihre Tochter eine, wenn auch kurze Zeit bei sich zubringen lassen, sich eine kleine Weile an ihrer Gegenwart erfreuen, ehe sie dieselbe für immer von sich ließe. Aber auch dies fand Herr Werner nicht rathsam, und die alte Dame fügte sich scheinbar seinem Willen. Wir sagen: scheinbar; denn im Grunde ihres Herzens glaubte sie es so wenig, als sie es wünschte, daß jene Verbindung wirklich zu Stande komme. Sie dachte an ihren Sohn Eugen, sie wünschte ihn stündlich vor sich zu sehen, daß er ihr zur Seite stehen möchte, um die von ihm schon halb anerkannte Schwester zu schützen. Dieser Gedanke war das Lieblingsthema in dem Gespräche der beiden Damen, und sie konnten sich diese Idee so vergegenwärtigen, daß sie bei jeder hastigen Anmeldung des alten Jakob erwarteten, den ihnen so theuren Namen aussprechen zu hören. Dabei müssen wir zugestehen, daß dieser Glaube fester und lebendiger bei der Staatsräthin als bei Katharina lebte. Letztere schaute nicht mit freudigem Blicke in die Zukunft. Hatte Eugen sie nie geliebt? Hatte er sie vergessen? Das waren die Fragen, mit denen sie sich fortwährend beschäftigte. Sie wußte ja nichts von den Schritten, die Eugen gethan, um Erkundigungen über sie einzuziehen und sie das Nöthige von seinem jetzigen Leben wissen zu lassen, – Schritte, die anfänglich in guter Absicht von Herrn Sidel, später in sehr böser vom Justizrathe vereitelt worden waren. Die beiden Damen saßen in dem uns bekannten Zimmer, die Staatsräthin in ihrer Fensternische, Katharina vor ihr auf einem Sessel, mit einem Buche beschäftigt, aus dem sie der alten Dame vorlas. Diese fand hierin das beste Mittel, den Geist des jungen Mädchens zu bilden und sie in manchen nothwendigen Dingen vorwärts zu bringen, welche man bei ihrer früheren Erziehung gerade nicht besonders berücksichtigt hatte. Ein Wink von der Staatsräthin beendigte diese Vorlesung; Katharina ließ das Buch in den Schooß fallen und sah die alte Dame fragend an. »Ich habe heute keinen rechten Sinn für deine Lektüre,« sagte diese. »Reiche mir den kleinen Kalender dort von der Wand. – So, mein Kind, ich danke! – Heute ist der Achtzehnte; gegen Ende des Monats soll diese Verbindung vor sich gehen. – Und Eugen, der gar nichts von sich hören läßt! In D., wo er nach der Behauptung des Justizrathes war, ist er nicht mehr; ich habe Erkundigungen einziehen lassen. Gott, die Zeit verstreicht, und ich habe so gut wie mein Wort gegeben!« Katharina horchte diesen halblauten Worten stillschweigend zu, ohne auch nur eine Sylbe darauf zu erwidern. Sie hatte wohl von den Verhältnissen dieses Hauses im Allgemeinen Kenntniß erhalten; doch hatte man, als man mit ihr darüber sprach, dies auf so wortkarge und unbestimmte Art gethan, daß sie mit ihrem gesunden und richtigen Takte sich nie eine Aeußerung erlaubte, welche andeutete, sie wolle mehr wissen, als man ihr gesagt. »Wir werden auf einige Zeit die Stadt verlassen,« sagte die Staatsräthin nach einer Pause. »Natürlich wirst du mich begleiten, mein Kind; es wird dir etwas Neues sein, andere Gegenden und andere Menschen zu sehen. Wie lange wir ausbleiben, weiß ich noch nicht; vielleicht kürzere Zeit, vielleicht auch längere. – O, wenn ich nur eine Ahnung hätte, wo Eugen wäre und warum er mir nicht schreibt! Er wird doch nicht die unglückselige Idee haben, als trage ich auch nur die geringste Schuld an jenem traurigen Vorfall!« Schritte, die sich auf der Treppe vernehmen ließen, unterbrachen die Worte der alten Dame; sie schaute einen Augenblick auf ihre Uhr und dann auf die Thüre. Der Justizrath trat ein. Er ging auf das Fenster zu, reichte der Staatsräthin die Hand und machte Katharinen eine leichte Verbeugung. Letztere bemerkte das gewöhnliche ruhige Lächeln auf seinen Zügen; die alte Dame aber, die seine Augen seit langen Jahren studirt hatte und jeden Blick derselben verstand und deutete, bemerkte in denselben wohl, daß ihn etwas ernstlich beschäftigte, irgend ein Gegenstand, den er in Gegenwart des jungen Mädchens nicht berühren wollte. »Wir wollen unsere Vorlesung später beendigen,« sagte die Staatsräthin zu Katharina und machte hiezu eine bezeichnende Neigung mit dem Kopfe. Das junge Mädchen folgte dem Winke augenblicklich, indem sie aufstand und sich in ihr Zimmer zurückzog. »Was haben Sie?« fragte die alte Dame den Justizrath, der nun der lästigen Gegenwart einer dritten Person überhoben, eine ungeduldige Bewegung mit der Hand machte. »Nichts Besonderes!« entgegnete er. »Ich erhalte so eben von Schloßfelden einen Brief von dem alten Manne.« »Und was schreibt er?« fragte rasch die Staatsräthin. »Nun, was er schon oft geschrieben, womit er uns gewöhnlich plagt: Bemerkungen über das Wohl und Wehe Ihrer Tochter.« »Und was will er eigentlich?« fragte die alte Dame. »Ist etwas Besonderes da vorgefallen?« »Das scheint mir nicht,« antwortete der Justizrath. »Aber er spricht wie immer von dem einfachen kindlichen Gemüthe des Mädchens, von ihren Neigungen und Wünschen, wie sie so gar nicht in die Welt passen würde; und der Schluß dieses Briefes ist wie der aller früheren: ihm das Mädchen noch zu lassen, nicht jetzt schon an ihre Verbindung zu denken.« Die alte Dame wollte etwas antworten, doch fuhr der Justizrath schnell fort: »Sie werden begreifen, beste Sophie, daß ich Ihnen alles das mittheile, weil unsere Entschlüsse fest stehen und an ein Zurückgehen der einmal eingegangenen Verbindlichkeiten nicht zu denken ist. Sonst würde ich fürchten,« setzte er lächelnd hinzu, »daß Sie mit dem alten Herrn gegen mich Partei machten. Aber davon kann jetzt weiter keine Rede sein; ich hielt es nur für meine Pflicht, Sie von diesem Briefe in Kenntniß zu setzen.« »Wofür ich Ihnen danke,« sagte ernst die Staatsräthin. »Ich weiß wohl, wir haben in dieser Sache unser Wort gegeben, und ich will auch hoffen und glauben, daß dieses Schreiben aus einer Grille des alten Mannes hervorgegangen. Es ist ja nicht anders möglich und wäre erschrecklich, wenn es nicht so wäre.« »Das versteht sich von selbst,« entgegnete ruhig der Justizrath. »Und in seiner Stellung begreife ich das auch vollkommen. Er hat sich an Rosalie gewöhnt, er liebt das Mädchen; sie ist ihm ebenfalls zugethan, und da können Sie sich leicht denken, daß er alles Mögliche versucht, um sie bei sich zu behalten.« »Aber wenn es anders wäre?« sagte nach einem Augenblicke des Stillschweigens hastig die Staatsräthin: »wenn sich das arme Kind selbst durch diese Verbindung unglücklich fühlte? Wenn es ihre Bitten wären, die ihm jenen Brief und die vielen anderen diktirt hätten?« »Seien Sie darüber unbesorgt!« antwortete der Justizrath. »Wie ich Rosalien und die Verhältnisse kenne, so ist es gar nicht möglich, daß sie einen anderen Gedanken, einen anderen Willen haben könnte, als den unsrigen. Da drunten sind klare, offene Verhältnisse; deßhalb war der Ort so glücklich gewählt. Da konnte sich nichts ereignen, was im Stande gewesen wäre, unsere Plane zu durchkreuzen.« Die Staatsräthin konnte einen leisen Seufzer nicht unterdrücken und sagte hierauf: »aber das Herz eines jungen Mädchens ist nicht zu berechnen; ich kenne das auch. – Das muß ich Ihnen gestehen,« fuhr sie nach einer Pause fort, »ich habe meine Einwilligung zu dieser Verbindung nur gegeben, weil Sie mich beständig versicherten Rosalien komme nichts erwünschter, als das einsame Schloßfelden zu verlassen; weil Sie mir gesagt, das Mädchen kenne nur Einen Willen, den ihres bisherigen Pflegevaters, also durch diesen unsere Entschließungen.« Es flog ein leichter Schatten über die Züge des Justizrathes, den aber die Dame nicht bemerkte, da sie bei ihren letzten Worten zum Fenster hinaussah. »Machen Sie sich keine weiteren Sorgen, Sophie,« sagte er in einem Tone, der einigermaßen ungeduldig klang. »Wir haben jetzt die Sache so vielfach besprochen und überlegt, so viele Berathungen gepflogen, so viele Plane entworfen und theils wieder verworfen, daß alles Uebrige unnütz wäre.« »Jeder Mensch kann sich irren,« antwortete die alte Dame und blickte den Justizrath fest an. »Sie auch, verehrter Freund. Wer weiß, was in dem Herzen des armen Mädchens für uns bis heute verborgen lag! Wollen Sie sie zwingen, wenn sie Ihnen plötzlich erklärt, sie könne und wolle jene Verbindung nicht eingehen?« »Vielleicht würde ich sie mit Ihrer Hülfe zwingen,« entgegnete kalt der Justizrath. »Doch seien Sie unbesorgt, so etwas wird nicht vorfallen. – Schloßfelden birgt nichts,« setzte er lächelnd hinzu, »was uns und den guten Herrn von Steinbeck bange machen könnte. Ich kenne mein Terrain vollständig.« Die alte Dame zuckte leicht mit den Achseln und nahm ein Taschentuch in die Hand, um sich mit demselben leicht die Stirn zu wischen. »Ich hielt es für meine Pflicht, Sie von diesem Briefe in Kenntniß zu setzen,« fuhr der Justizrath fort. »Das wäre also abgemacht. Jetzt aber, Sophie, muß ich Sie bitten, Ihre Bestimmungen hinsichtlich jener Reise und der stattfindenden Verlobung zu treffen. Das ist vollkommen Ihre Sache, und werde ich mich nicht da hinein mischen.« »Ich reise mit Katharine,« sagte bestimmt die alte Dame. »Sie wollen das Mädchen mitnehmen?« »Allerdings! Warum sollte ich sie hier zurücklassen?« »Wie Sie wollen, Sophie. Ich habe nichts dagegen einzuwenden. Und von sonstigen Bekannten, die zu dem Akte eingeladen werden sollen –?« »Außer den von Ihnen bereits Bestimmten weiß ich Niemanden,« entgegnete die Staatsräthin. »Herr von Steinbeck hat den Major Brander gewünscht, es ist fast sein einziger genauer Bekannter hier, und Sie werden wohl nichts dagegen einzuwenden haben.« »Gewiß nicht!« erwiderte die alte Dame. »Ich finde es begreiflich, daß er als Zeugen Jemanden von seinen genauen Bekannten vorschlägt.« »Schön,« sagte der Justizrath. »So hätte ich für heute nichts weiteres Dringendes und beurlaube mich bei Ihnen.« Somit endigte die Unterredung, wie so manche ähnliche in diesem Zimmer: der Justizrath hatte erreicht, was er gewünscht. Und als er die Thüre hinter sich geschlossen, stieß die alte Dame ihren Fußschemel heftig von sich, stand von ihrem Sitze auf und schritt einigemal in dem Zimmer rasch auf und nieder. Mit jedem Tage wurden ihr die Bande fühlbarer und lästiger, mit denen sie sich umschlungen wußte, und mit jedem Tage seufzte sie mehr und mehr nach der Stunde der endlichen Erlösung. Zweiundfünfzigstes Kapitel. Hochzeit und Tod. Madame Schoppelmann hat schlimme Ahnungen. Der Eintritt Katharinens in das Stillfried'sche Haus war vielleicht von Niemand mit aufrichtigerer und größerer Freude begrüßt worden, als von der sämmtlichen Dienerschaft desselben. Man hatte in dem gewöhnlichen Hauptquartier, in der Küche, anfänglich einen langen Kriegsrath darüber gehalten, welche Stellung das junge Mädchen einnehmen solle und müsse. Martha hatte gerathen, sich ihr vertraulich zu nähern; doch war dieser Vorschlag von Jakob mit gebührender Entrüstung zurückgewiesen worden. »Glaubt mir,« hatte er gesagt, »die ist zu was ganz Anderem hieher berufen worden, als der Frau Staatsräthin vorzulesen oder sich um die Wirthschaft zu bekümmern. – Zu Letzterem brauchen wir Niemanden,« hatte er lächelnd hinzugefügt, »ist nicht die Martha da?« Das hatte die Köchin schmunzelnd zugestanden. »Die Jungfer Katharine,« sagte der alte Diener des Hauses, »ist hieher gekommen, nun – einfach als künftige Schwiegertochter. Glaubt mir, darüber sind Mutter und Tochter vollkommen einig; und wenn er noch nichts davon weiß, so ist das um so besser.« Jakob's Ansicht drang wie gewöhnlich durch; und da auch in wenig Tagen das offene, liebenswürdige und freundliche Wesen des jungen Mädchens die Herzen sämmtlicher Dienerschaft erobert hatte, so dauerte es nicht lange, und Katharina konnte als unumschränkte Gebieterin über das ganze Haus betrachtet werden. In Betreff der Madame Schoppelmann hatte es der alte umsichtige Jakob unpassend gefunden, wenn dieselbe in ihrer früheren Eigenschaft, als Lieferantin für die Küche nämlich, das Haus ferner besuche. Dieses Geschäft hatte Frau Klingler übernehmen müssen. Anfänglich hatte sich die dicke Gemüsehändlerin gewaltig gesträubt, doch wurde sie überstimmt, ergab sich in ihr Schicksal und kam nur zuweilen, fein und sauber angezogen, um ihrer Tochter einen Besuch zu machen, bei welchen Gelegenheiten sie von dem alten taktvollen Jakob auf's Ehrerbietigste an der Hausthüre empfangen und die Treppe hinauf begleitet wurde, ohne daß er sich dabei erlaubt hätte, einen der früheren Spässe mit der langjährigen Bekannten zu machen. Madame Schoppelmann hatte zuerst darüber gelächelt und auch wohl gesagt, wenn sie schwer athmend auf der halben Treppe stehen blieb: »Jakob, Er ist ein alter Narr!« worauf ihr dieser erwiderte: »Alles hat seinen Unterschied; wenn Ihr uns in der Küche besucht, oder wenn wir zu Euch kommen, da sind wir die früheren guten Bekannten; wenn es aber dem gnädigen Fräulein gilt, so wird die Sache anders gehalten. Das verstehe ich besser.« Unterdessen hatte sich auch die Geschichte mit dem Stubenmädchen Nanette auf die für das strenge Herz der Köchin allerbefriedigendste Art entwickelt. Der Schloßbediente hatte förmlich um die Hand derselben angehalten, und zwar bei Martha selbst, welche sich herbeigelassen, Mutterstelle bei dem nasenweisen Mädchen zu vertreten. Er war gekommen in seiner besten Livree: roth mit Gold und mächtigen Achselschnüren, hatte frisch gewaschene, weiße baumwollene Handschuhe an, und trug in der Hand den schwarzlackirten Hut. Die Köchin, selbst im besten Putze, hatte ihn im Zimmer neben der Küche empfangen, hatte ihm nach seiner Verbeugung einen ungeheuer tiefen Knix gemacht und alsdann sehr ernsthaft seinen zierlich gesetzten Worten gelauscht. Die ganze Brautwerbung war denn auch zur besten Zufriedenheit aller Theile vorüber gegangen; am Schlusse derselben wurde Nanette herbei gerufen, ihr der Antrag des Schloßbedienten wiederholt, und schon im Voraus von Martha auf's Beste instruirt, hatte sich drei Tage Bedenkzeit ausgebeten, – ein Verlangen, das die stellvertretende Köchin vollkommen gerechtfertigt fand. Diese hatte sich auch bei dem ganzen Akte so feierlich und würdevoll benommen, daß, als der Hofbediente weggegangen war und sich die Stillfried'sche Dienerschaft wieder in der Küche versammelt hatte, Martin, der Kutscher, hoch und theuer versicherte, da könne man sagen, was man wolle, er glaube es doch nicht, und er sei der festen Ueberzeugung, und würde auf diese Ueberzeugung einen Eid ablegen: die Köchin hätte schon früher einmal stellvertretende oder wirkliche Mutter gespielt. Wenn es auch der Köchin schmeichelte, ihr Amt so gut versehen zu haben, so drohte sie doch mit einer Ohnmacht und sagte in Ermangelung einer solchen zum Kutscher: er sei ein alter, unausstehlicher Narr. Tages darauf mußte Jakob, ebenfalls in guter Livree, den Besuch des Schloßbedienten erwidern; dann wurde der Letztere mit Erlaubniß der Staatsräthin nach den abgelaufenen drei Tagen zu einem Kaffee eingeladen, bei diesem das Jawort ertheilt und darauf die Braut und die stellvertretende Mutter von dem Schloßbedienten geküßt. Hiebei können wir nicht umhin, zu bemerken, daß, als Letzteres geschah, Martin, der Kutscher, die Köchin so auffallend anblinzelte und schrecklich lächelnd auf sie hinschielte, daß Martha ihre ganze Fassung verlor und dem Schloßbedienten seinen Kuß zurückgab, was eigentlich nicht ganz dem herkömmlichen Ceremoniel gemäß war. Danach nahm nun die Sache ihren gewöhnlichen Verlauf. Der Schloßbediente und seine Braut wurden drei Sonntage nach einander, um uns eines technischen Ausdrucks zu bedienen, von der Kanzel herabgeworfen, was Veranlassung gab, daß Nanette an drei Sonntagen mit rothgeweinten Augen erschien, und daß Martha an eben diesen drei Sonntagen nach der Behauptung des boshaften Kutschers die Suppe versalzte. Sofort erhielt die glückliche Braut von ihrer bisherigen Herrschaft, nicht minder auch von Katharina und Madame Schoppelmann, von Martha, von Jakob und dem Kutscher eine mehr oder minder reiche Aussteuer. Hiebei können wir aber nicht verschweigen, daß sich Martin etwas sehr Unzartes zu Schulden kommen ließ; denn er schenkte in die neue Haushaltung unter Anderem ein Geräthe, welches man sich gewöhnlich selbst anzuschaffen pflegt. Darauf wurde die Hochzeit gefeiert im Gasthofe zum schwarzen Adler. Ein fürstlicher Jäger im glänzendsten Schmucke führte die Braut, der Schloßbediente die Köchin. Sämmtliche vornehme Häuser der Residenz waren in ihren besten Livreen bei diesem Feste vertreten. Es wurde sehr viel gegessen, noch mehr getrunken und auch nicht wenig getanzt. Von diesem freudigen Ereignisse sehen wir uns veranlaßt, dem gewöhnlichen Lauf der Welt nach auf ein ernsteres überzugehen, welches mit unserer Geschichte zu innig verwebt ist, um nicht davon Kenntniß nehmen zu müssen. Wir erlauben uns schon, dem geneigten Leser mitzutheilen, daß es den wenigen Leuten, welche ihren Weg durch die enge Gasse hinter dem Schoppelmann'schen Hause, zu nehmen pflegten, an dem ersten und zweiten Tage nicht auffiel, daß die Thüre des kleinen Weinhauses der Frau Schilder beständig und fest verschlossen war. Endlich machten spielende Kinder einen vorübergehenden Mann auf die sonderbaren Flecken aufmerksam, welche unten an der Thüre und auf der steinernen Schwelle sichtbar waren. Dieser Mann klopfte zu wiederholten Malen an die Hausthüre; doch schallten diese Schläge dumpf und hohl, ohne eine Antwort hervorzurufen. Darauf umging er das Haus, betrat den kleinen Klosterhof und schaute von dort in die Fenster, bemerkte aber auch da nichts. Dieser Vorfall wurde der Polizei gemeldet, die sich hiedurch veranlaßt sah, bei der Wittwe Schilder eine förmliche Haussuchung vorzunehmen. Da man die Hausthüre nicht aufsprengen wollte und die Fenster hinten einem leichten Drucke nachgaben, so stiegen die Beamten der öffentlichen Sicherheit dort hinein. Der Polizeiwachtmeister, der das Ganze leitete, versicherte später, mit einem seltsamen unheimlichen Gefühle eingetreten zu sein. In dem Hinterzimmer fand sich nichts, als auf dem Tische die aufgeschlagene Bibel und in einem Winkel ein großes, offenes Messer, welches sich aber bei späterer genauer Untersuchung als gänzlich ohne Blutflecken und deßhalb ziemlich unverdächtig ergab. Eine Todtenstille lag auf dem Hause, und der erste Polizeisoldat, der nun vorn an die Treppe ging, ein Mann, der doch in diesem Fache Ziemliches gewohnt war, wich schaudernd einen Schritt zurück, als sich so gräßliches seinem Blicke darbot. – Wir wollen den Leser mit diesem Bilde verschonen. Die Leiche des unglücklichen Weibes wurde aufgehoben, nachdem die herbeigerufenen Gerichtspersonen zuvor die genaueste Kenntniß von ihrer Lage und den sie umgebenden Gegenständen genommen. Die umherliegenden Gold- und Silbermünzen wurden, ohne sie zu berühren, zusammengekehrt und in einen Behälter gethan. Natürlicher Weise vermuthete man anfänglich einen Mord; doch ergab sich nach angestellter sorgfältiger ärztlicher Untersuchung und Sektion, daß die Frau, im Begriffe, mit dem bei ihr gefundenen Gelde die Treppe hinabzusteigen, vom Schlage getroffen worden sei und unten vielleicht noch einige Stunden lebend gelegen habe. Wenigstens schloß man Letzteres aus dem Blute, welches bis an die Thüre geflossen. – Am meisten wunderten sich die Gerichte bei dieser Sache über das baare Geld, welches man bei der Frau Schilder, die als in dürftigen Umständen lebend bekannt war, vorgefunden. Es war über tausend Gulden in Baarem, und einige Zeit darauf, nachdem die Frau begraben war und man das Haus abermals öffnete, um zum Behufe einer Versteigerung die wenigen Mobilien der Verstorbenen aufzunehmen, fanden sich noch einige Papiere, über welche wir später zu reden Veranlassung haben werden. Den größten Eindruck in der Nachbarschaft hatte diese Geschichte aus verschiedenen Gründen auf das Herz der Madame Schoppelmann gemacht. Obgleich sie die Frau Schilder keineswegs liebte, so war es ihr doch fürchterlich, daß diese Frau gerade so nahe ihrem eigenen Wohnhause dieses schreckliche Ende hatte nehmen müssen. Die Gemüsehändlerin konnte es nicht unterlassen, häufig während des Tages, mehr aber noch nächtlicher Weile nach dem verschlossenen Hause hinüber zu schielen, und dabei konnte sie die schreckliche Idee nicht unterdrücken, als würde die nicht mehr existirende Nachbarin plötzlich ihre Thüre öffnen und ihr grinsend einen guten Abend bieten. Was aber Madame Schoppelmann am meisten bei der Sache bekümmerte, war das plötzliche Verschwinden ihrer beiden Söhne. Daß dieselben einen Tag und eine Nacht abwesend waren, war schon häufiger vorgekommen. Als sie aber nach achtundvierzig Stunden nicht wieder erschienen, als drei Tage vergingen, vier Tage, und weder Einer der Beiden zurück kam noch irgend ein Lebenszeichen von sich gab, da schüttelte die Mutter doch einigermaßen besorgt den Kopf und wußte nicht, was das zu bedeuten habe. Wenn ihr die beiden Buben auch unendlich viel Kummer verursachten, so waren und blieben es doch einmal ihre Söhne; und daß sie namentlich so spurlos verschwunden, das machte der alten Frau die größte Sorge; denn sie war deßhalb nicht einmal im Stande, mit einer Gewißheit über sie zu sprechen, was ihrem gepreßten Herzen eine Erleichterung gewesen wäre. Daß die Beiden nicht so bald zurück kehren würden, vermuthete sie übrigens nicht eher, als bis sie nach ein paar Tagen an ein verborgenes Fach ihres Schreibtisches kam und dort zu ihrem größten Schrecken wahrnahm, daß ihr ein Sack mit einer beträchtlichen Summe in Kronenthalern fehle. Die Gemüsehändlerin wurde bei dieser Entdeckung bleich vor Schrecken. Das hatte sie nicht erwartet und nimmermehr geglaubt, daß ihre eigenen Kinder sie bestehlen würden. Wenn sie auch genugsam von deren Lebenswandel überzeugt war, wenn sie sie auch für leichtsinnig, faul und liederlich hielt, wenn es auch schon vorgekommen war, daß sie sich gerade kein großes Gewissen daraus gemacht hatten, irgend etwas von den Viktualien der Mutter zu ihren eigenen Zwecken zu mißbrauchen, so wäre es der Frau doch wahrhaftig nie in den Sinn gekommen, zu glauben, ihre Söhne seien fähig, die eigene Mutter so rücksichtslos zu bestehlen. Wenige Tage, nachdem die Polizei das Haus drüben untersucht, hatte sich einer dieser Herren – wahrscheinlich zufälliger Weise – bei Madame Schoppelmann eingefunden, und mit ihr ein gleichgültiges Gespräch führend, sie auch im Verlaufe desselben nach ihren beiden Söhnen befragt. Die Mutter hatte gesagt, was sie wußte, daß sie nämlich seit ein paar Tagen fort, wahrscheinlich über Land seien, und hatte mehr aufrichtig als klug hinzugefügt, sie begreife dieses Verschwinden ihrer Söhne nicht recht, es sei das für eine Dauer von mehreren Tagen bis jetzt noch nicht vorgekommen. Die Gemüsehändlerin saß vor der erbrochenen geheimen Schublade ihres Schreibpultes und legte die Hände ermattet in den Schooß. Ihr Haupt hatte sie gesenkt, und da sie, ehe dies geschehen, zufällig die beiden uns bekannten leeren Medicinflaschen sah, so hatte sie einen heftigen Zorn, der in ihr aufzusteigen drohte, bekämpft und ließ dafür Schmerz und Wehmuth in ihr Herz ziehen. Sie hatte allerlei Gedanken, und die kamen so nach und nach, einer nach dem anderen, daß sie sich ordentlich davor fürchtete. Sie wußte wohl, welche Gemeinschaft ihre beiden Söhne mit der Schilder drüben gehabt; ja, die Strebeling, die an jenem unglücklichen Abend zufällig droben am Fenster war, wollte die Gebrüder Schoppelmann noch gesehen haben, als sie spät jenes Haus verließen. Nun war die Frau eines so plötzlichen und schrecklichen Todes gestorben, und die beiden – Gott im Himmel! dachte die Frau schaudernd – vielleicht in Folge davon so plötzlich verschwunden. Es war gut, daß die arme Mutter, während auf der einen Seite ihr Herz durch ihre Söhne so tief betrübt war, durch das Glück ihrer Tochter auf der anderen Seite hoch erfreut wurde. Aber sie fühlte sich hier in diesen finsteren Mauern so einsam und verlassen. Ja, ihr Geschäft, das ihr sonst so große Freude gemacht, war nicht mehr im Stande, sie aufzuheitern. – »Wozu die Plagerei bei Tag und Nacht?« sprach die Gemüsehändlerin zu sich selber. Für wen soll ich mich abschinden und aufopfern? Für Katharine habe ich genug zusammen gebracht, und auch für die beiden ungerathenen Buben, wenn sie da geblieben wären. – Und dann,« fuhr sie nach einem längeren Stillschweigen fort, »bin ich es meiner Tochter, der Katharine, wenn sie je das Glück haben sollte, in dem Hause zu bleiben, wahrhaftig schuldig, etwas für sie zu thun, was darin bestehen muß, daß ich mir zu einer Stellung verhelfe, wo ich mich mit Anstand vor meinem künftigen Schwiegersohn kann sehen lassen. Das geht nicht immer so fort, und ich kann und will hier nicht Rettige und Fische verkaufen, während sie in ihrem Wagen bei mir vorbeifährt. Es würde sich das nicht schicken.« Bei diesen Worten und mit einem leisen Seufzer blickte die Frau rings in ihrem Waarenmagazine um sich, und als sie hier alle ihre Reiche ausgebreitet sah, da wurde ihr das Herz schwer, wenn sie daran dachte, dies alles sei nicht mehr für sie da. Seit Katharina das Haus verlassen, war ihr, trotz der thätigen Hülfe der Jungfer Strebeling, das ganze Anwesen eine große Last geworden; sie liebte es nicht mehr, sie konnte es nicht mehr mit dem Interesse anschauen, wie früher. Nun aber, seit jene Geschichte drüben vorgefallen war, seit ihre Söhne das Haus verlassen, seit die Hand ihrer eigenen Kinder sie bestohlen, war es der alten Frau unheimlich geworden, und dieser Hof, Zimmer und Waarenmagazin, sonst ihr Stolz und ihre Freude, alles das hatte nichts Anziehendes mehr für sie; sie fand es hier zum ersten Male finster und unwohnlich. Nachdem die Gemüsehändlerin ihr Schreibpult wieder verschlossen, begab sie sich in ihr Zimmer nach dem Hofe zu, in jene Vorhalle mit dem großen Herde, wo sie sich in der Kaminecke neben dem prasselnden Feuer niedersetzte. An dem uns bekannten Tische in der Nähe der Thüre befand sich Jungfer Strebeling; sie hatte das große Buch vor sich und übertrug die Hieroglyphen der Schiefertafel in leserliche Worte und Zahlen. Die alte Jungfer war so in ihr Geschäft vertieft, daß sie nicht einmal zu bemerken schien, wie Madame Schoppelmann aus dem Nebenzimmer kam und sich in ihren traulichen Winkel setzte. Aber, ach! dieser Winkel war nicht mehr so traulich wie vordem, wie an jenem Morgen, wo wir den geneigten Leser zum ersten Male hier einführten, wo draußen auf dem Hofe die warme Frühlingssonne schien und im Scheine derselben aufgehäuft lag, was es in jener Jahreszeit Schönes und Gutes gab. Und in den Monaten Mai und Juni gibt es viel Schönes. – War damals nicht auch Katharina in das Zimmer getreten, die lustige, vergnügte, glückliche Katharina, und hatte nicht dort an jenem Tische der Fuhrmann gesessen? – Wo mag der jetzt sein? – Die Gemüsehändlerin seufzte so laut und lange, daß Jungfer Clementine nothwendiger Weise in ihrer Arbeit einhalten und aufblicken mußte. »Was fehlt euch denn, Frau?« fragte sie erschrocken. »Du lieber Gott, Ihr müßt das nicht so zu Herzen nehmen! Die werden schon wieder kommen.« »Darüber habe ich eigentlich nicht geseufzt,« versetzte Madame Schoppelmann. »Es war nur so ein Seufzer im Allgemeinen. Aber ich habe in der letzter Zeit wirklich zu viel Unangenehmes erlebt!« »Aber auch Angenehmes,« sagte Clementine, während sie einen Finger auf die Schiefertafel hielt, um die Stelle nicht zu vergessen, wo sie gerade am Uebertragen war. »Ja, allerdings, die Katharine,« sprach die Frau achselzuckend. »Da könnte vielleicht noch was Gutes daraus entstehen. Vielleicht, sage ich, nur vielleicht; denn das Schicksal hat seine Launen. – Aber hier dieses Haus ist mir gewaltig entleidet. Sieht Sie, Strebelinge, wenn meine beiden Söhne auch als ein paar Taugenichtse bekannt waren, so hatten sie doch bis jetzt noch nichts gethan, was sie vor der ganzen Welt blamiren konnte.« »Und nun?« fragte Clementine erstaunt. »Da mag man sagen, was man will,« fuhr die Gemüsehändlerin finster fort und schlug mit ihrer geballten rechten Faust in die Handfläche, »sie stehen zu der traurigen Geschichte da drüben in irgend einer Verbindung.« »Um Gottes willen, was habt ihr für schreckliche Gedanken!« rief entsetzt die alte Jungfer. »Versteht mich recht,« erwiderte Madame Schoppelmann. »Ich will gerade nicht behaupten – nein, Gott soll mich davor bewahren! – wenn ich das denken sollte, müßte ich ja ein Narr werden; seht, wie ich nur bei so einem Gedanken schaudere; nein, nein, gewiß nicht! Aber sie haben mit dem Weibe da drüben – Gott habe sie selig – irgend eine Gemeinschaft gehabt; sie haben es gewußt, was da drüben vorgegangen, und deßhalb sind sie auf und davon.« »Freilich, freilich,« sagte Clementine nachdenkend. »Gerade seit jener Zeit hat man sie nicht gesehen.« »Das hängt irgend wie zusammen,« fuhr die alte Frau fort. »Warum sind sie nicht da geblieben, wenn sie sich nicht gefürchtet hätten, zugegen zu sein, wie man die Geschichte drüben entdeckt? Und glaubt mir, Strebelinge, so wie ich denken auch andere Leute. Umsonst war neulich der Polizeiwachtmeister nicht hier. Aber das ist keine Kleinigkeit; der Name Schoppelmann konnte sich bis jetzt hören lassen in der Stadt; da war nicht ein Fleckchen darauf so groß wie eine Nadelspitze. – Und was wird das Ende vom Liede sein? Die beiden Bursche treiben sich irgend wo im Lande umher, bis sie keinen Kreuzer Geld mehr haben, dann machen sie schlechte Streiche und werden an einem schönen Morgen eingebracht, hierher eingebracht auf die Polizei; und dann, Strebelinge, denk' Sie sich das Unglück! Kann ich mich dann ferner sehen lassen? Wird mich nicht die ganze Welt mitleidig und böswillig fragen: ei, Frau Schoppelmann, wie ist denn das? – Hätte man das je denken können! – Ist denn die Geschichte wahr? – O, o! das wär' ich gar nicht im Stande zu überleben! Nein, nein, ich habe die Geschichte satt und will meine Schritte thun.« Hier gingen die Worte der Gemüsehändlerin, welche sie bis jetzt an ihren weiblichen Buchhalter zu richten schien, in ihre bekannte Manier, zu sich selbst zu reden, über. »Wozu mich auch länger plagen? – Der Doktor hat es mir schon öfters gesagt, ich solle den Handel dran geben und mich zur Ruhe setzen. Das will ich denn auch thun. – Ich hasse solche garstige Geschichten in meiner Nähe, wie drüben bei der Schilder geschehen; ich mag solche Nachbarschaft nicht. – Aber ich kann es nicht vergessen – wachend und träumend muß ich daran denken. – Und warum soll ich mir meine letzten Lebenstage so verbittern? – Ich habe genug geschafft.« – – Jetzt mußte sie sich in ihren Ideen mit dem Zimmer ihrer Söhne beschäftigen, denn sie sagte auf einmal, indem sie ihre lauten Träumereien verließ: »weiß Sie nicht, Jungfer Strebeling, ob der Schlosser da war und droben das Fenstergitter wieder festgemacht hat?« »Ist Alles geschehen, wie Ihr befohlen,« entgegnete Clementine. »Es hat einen Gulden und zwölf Kreuzer gekostet; ich habe sie bezahlt.« »Ja so!« fuhr die Gemüsehändlerin nach einer längeren Pause fort; »an Euch habe ich noch gar nicht einmal recht gedacht. Es thut mir wahrhaftig um Euch leid, wenn ich mich zurückziehe und das Haus verlasse. Werdet Ihr hier im Hause bleiben, oder,« fuhr die Frau lächelnd fort, »ist bald was Anderes im Werke?« Clementine zerkaute verwirrt die Spitze ihrer Feder und sah betrübt auf die Schiefertafel. Ach, auch sie hatte der Tod der Schilder schmerzlich berührt! Diese Frau hatte allein den Faden in der Hand, der sie, wenn auch nur brieflich, mit dem entfernten Freunde verband. Das war nun auf einmal zu Ende, und Clementine wußte weder, wo sich Herr Müller aufhielt, noch, wer künftig ihre Briefe besorgen würde. Aus den Zeitungen mußte er nothwendiger Weise das traurige Ende der Frau erfahren haben, und Tag um Tag, Stunde um Stunde hoffte die Jungfer ein paar Zeilen zu erhalten. Aber es war bis heute nichts gekommen. – Der Entschluß der Gemüsehändlerin, Haus und Geschäft zu verlassen, kam Clementinen im Augenblicke unerwartet; doch begriff sie vollkommen die Gefühle der alten Frau. Seit Katharina aus dem Hause war, kam es auch ihr öde und unheimlich vor, und wir müssen gestehen, daß die einzigen glücklichen Stunden, welche Clementine hatte, jene waren, wo sie ihre Freundin besuchen konnte. Und das geschah denn auch alle paar Tage zur augenscheinlichen Freude Katharinens. »Wenn ich einmal von hier fort bin,« sagte Madame Schoppelmann, welche längere Zeit über etwas nachgedacht hatte, »so wird's Euch auch nimmer angenehm sein, da zu bleiben. Was sollt Ihr unter fremden Leuten? Und wenn Ihr bis dahin keine anderen Aussichten habt – nun, Ihr versteht mich wohl! – so will ich Euch einen Vorschlag thun. Ihr wißt, daß ich Euch gut leiden mag; zieht mit mir, und um ein Billiges gebe ich Euch Kost und Logis. Wahrscheinlich bleibe ich in der Stadt; ich will nur vorher sehen, wie sich das mit meiner Tochter macht. Die Sache hier denke ich aber so bald wie möglich auszugeben. – Wart Ihr so gut und habt mir die Claasen und die Klingler herbestellt?« »Ich that so, wie Ihr mir gesagt,« entgegnete Clementine sichtlich zerstreut; denn sie dachte über den Vorschlag der Madame Schoppelmann nach und rechnete, ob ihr zusammen geschmolzenes Vermögen ihr auch erlauben würde, ihn anzunehmen, und dachte dabei an ihn, auf den sie Alles gesetzt, ihre Hoffnungen, fast ihre ganze Habe. Dreiundfünfzigstes Kapitel. Jungfer Clementine besteht ein polizeiliches Examen, und Madame Schoppelmann sieht sich veranlaßt, einen wichtigen Schritt zu thun. Da vernahm man Schritte im Hof, und ehe noch Jemand eintrat, schlüpfte eine der Mägde der Gemüsehändlerin in die Vorhalle und sagte mit leiser Stimme und eiligen Worten, es sei Jemand von der Polizei draußen, der sich bei ihr erkundigt, ob die Frau zu Hause sei. Gleich darauf trat dieser Beamte auch in das Gemach; und es war nicht blos ein untergeordneter Beamter, sondern der Polizeikommissär dieses Viertels, ein langjähriger Bekannter der Gemüsehändlerin. Dergleichen Leute haben zweierlei Arten von Benehmen. Madame Schoppelmann hatte mit dem Kommissär in häufigem geschäftlichem Verkehr gestanden, und bei diesen Veranlassungen war Herr Wunsch, der sehr darauf hielt, jeder Jahreszeit ihr Recht angedeihen zu lassen, und dem eine Schnepfe um Lätare lieber war als nach dem Palmsonntag, der herablassendste, leutseligste und freundlichste Mann, den man weit und breit finden konnte. Er hatte auch schon oft ein Auge zugedrückt über kleine Fehler der Gebrüder Schoppelmann, die zu seinen Geschäftsohren gelangt waren, anerkannten guten Eigenschaften der Mutter jener leichtsinnigen jungen Leute zu Liebe. Obgleich die Gemüsehändlerin mit einigem Erschrecken einsah, daß es sich hier um nichts Geringes handle, da der Polizeikommissär selbst sich in ihre Wohnung bemüht hatte, war es ihr doch angenehm, mit diesem Bekannten statt mit einem fremden Unterbeamten verhandeln zu müssen. Als eine kluge Frau spielte sie noch obendrein vollkommen die Unbefangene, erhob sich äußerst freundlich und so schnell als möglich von ihrem Stuhle und schien sichtlich entzückt, den Herrn Polizeikommissär bei sich zu sehen. Dieser aber hatte heute das feierliche Dienstbenehmen angenommen, verstand es jedoch auch hier, eine kleine Schattirung zu machen. Als Beamter der öffentlichen Gewalt, hatte er in Fällen, wie der vorliegende, ein ernstes, würdiges Aussehen, das sich bei unbekannten Individuen nicht selten zu einem Ausdrucke von Strenge und Grobheit steigerte, hier aber der bekannten Frau gegenüber mit einer leichten Wehmuth vermischt war. »Sollte der Herr Polizeikommissär,« sagte die Gemüsehändlerin nach einem tiefen Athemzuge, »sich vielleicht selbst hieher bemühen, um in Person nach dem gewünschten Winterobst zu sehen?« Herr Wunsch schüttelte auf diese Frage hin ernst und melancholisch sein Haupt und antwortete: dieses Mal nicht, meine gute Frau.« Dann blickte er sich rings prüfend in dem Gemache um, schien jedes Fenster, jede Thür seiner besonderen Aufmerksamkeit zu würdigen und schaute endlich auch Jungfer Strebeling lange und durchdringend an, die, zufällig aufschauend, vor diesem Blicke zusammen schrak. Die Gemüsehändlerin hatte einen Stuhl herbei geholt, und der Polizeikommissär ließ sich langsam darauf nieder, zog mit großer Bedächtigkeit seine Schnupftabaksdose hervor und nahm eine starke Prise, wobei er die beiden Frauenzimmer abwechselnd ansah. »Das ist –?« sagte er nach einer Pause, indem er auf die Schreiberin wies, die sich wieder emsig mit ihrem Buche und ihrer Schiefertafel beschäftigte. »Die Jungfer Strebeling,« entgegnete die Gemüsehändlerin. »Wohnt schon länger in unserem Hause und hilft mir, seit meine Tochter nicht mehr da ist, beim Schreiben der Bücher. – Ich kann damit nicht mehr recht umgehen,« setzte sie lächelnd hinzu. »Ah so?« sagte Herr Wunsch und blickte die alte Jungfer mit sichtlichem und sehr großem Interesse an. Clementine war bei der Nennung ihres Namens zusammen gefahren. Sie wußte nicht, warum, aber es war ihr recht unheimlich und ängstlich zu Muthe. Der Polizeikommissär hatte sich so gesetzt, daß er, ohne den Kopf stark zu drehen, die Beiden ansehen konnte. »Soll ich mich vielleicht entfernen?« fragte die alte Jungfer mit schüchterner Stimme und blickte die Gemüsehändlerin an. Sie wagte es nicht, dem Manne des Gesetzes in die Augen zu sehen. Madame Schoppelmann blickte fragend auf den Beamten. Doch dieser sagte mit ruhigem Tone: »Es wäre mir im Gegentheil sehr angenehm, wenn die Jungfer Strebeling da bleiben wollte.« Clementine schauderte; Herr Wunsch nahm ruhig eine zweite Prise. »Ja, ja!« sprach er darauf nach einer längeren Pause, »da sind in unserem Stadtviertel ja merkwürdige Dinge vorgefallen, die ersten derartigen, so lange ich Polizeikommissär bin.« »Es ist sehr traurig!« sagte die Gemüsehändlerin. »Und wer hätte es glauben können, so eine magere Frau muß am Schlag sterben! Ja, was soll dann mit unser einem geschehen?« Sie wollte offenbar auf ihre eigenen Kosten einen kleinen Spaß machen. »Man nimmt allerdings an, es sei ein Schlaganfall gewesen,« entgegnete ruhig der Beamte. »Die Aerzte haben es so ausgesprochen; das Gericht hat sich damit zufrieden gestellt.« Madame Schoppelmann athmete tief auf. »Nun aber,« nahm der Beamte nach einem längeren Stillschweigen wieder das Wort, »haben sich bei der Haussuchung, die wir vor einigen Tagen veranstalten mußten, allerlei sonderbare und seltsame Dinge ergeben.« »Ah!« sagte Madame Schoppelmann. »Ich will nicht von einem Messer sprechen,« fuhr der Beamte in demselben ruhigen Tone fort, wobei er die dicke Frau fest ansah, »von einem offenen Messer mit langer Klinge, das auf dem Fußboden des hinteren Zimmers gefunden wurde. »Ein Messer?« »Allerdings, ein Messer,« antwortete Herr Wunsch. »Wie könnte ich Ihnen doch dieses Messer am besten beschreiben? – Richtig! so wird's gehen. – Sie werden sich erinnern, Frau Schoppelmann, daß Ihr Sohn Konrad, auch der Jäger genannt –« »Mein Sohn Konrad?« sagte die Frau erschreckt. »Derselbe,« erwiderte der Polizeikommissär, »brachte mir vor einiger Zeit einen Hasen, den ich von Ihnen gekauft, und auf mein Ersuchen streifte er diesen Hasen in meiner Gegenwart ab.« »Nun?« »Und bediente sich dabei eines Messers,« fuhr Herr Wunsch fort, »ganz ähnlich dem, welches wir in dem hinteren Zimmer der Frau Schilder gefunden.« Jungfer Clementine saß wie auf Kohlen; denn der Beamte sah während seiner Rede hauptsächlich sie an. Vor ihrem Geiste bewegten sich allerlei schreckliche Bilder; da sah sie Messer und Blut und Mörder und Gespenster. Sie athmete schwer und tief auf, und als sie mit ihrer Hand über die Stirn fuhr, fühlte sie auf derselben kalte Schweißtropfen. Der Beamte, welcher mit größter Ruhe eine dritte Prise nahm, lächelte ihr auf eine eigenthümliche Art zu. Er klopfte sich einzelne Körnchen des Tabaks von der Uniform und wiederholte langsam und gedehnt: »Ein geöffnetes Messer. Aber das würde an sich noch nichts bedeuten, hat auch eigentlich nichts zu sagen, und ich sprach nur darüber, weil es mir gerade einfiel. – Jetzt aber kommen wir zu einem anderen Punkte, demjenigen, weßhalb ich Ihre Meinung, Frau Schoppelmann, hören wollte. Wir nahmen also vorgestern drüben eine Haussuchung vor. Diese ergab anfänglich kein großes Resultat; das Hauswesen der Frau schien arg verlumpt und herunter gekommen, das Mobiliar in schlechtem Zustande, Bettwerk so gut wie gar nicht vorhanden, von Wirthschaftsgeräth nur das Kümmerlichste. Kein halbes Dutzend ganzer Gläser, Wein nicht einen Tropfen. Aber baares Geld.« »Das ist erstaunlich!« sagte Frau Schoppelmann. »Allerdings sehr erstaunlich!« fuhr der Beamte fort. »Ueber tausend Gulden baares Geld; doch fanden wir das schon am ersten Tage; es lag um die Leiche in schönen Gruppirungen. Es wäre sonderbar gewesen, wenn sich dieses baare Geld allein im Hause befunden hatte; es war das nicht glaublich. Das meinte auch mein Polizeisoldat Schneider, der namentlich in dieser Beziehung eine feine Nase hat und der sich sorgsam daran gab, Kisten und Kasten zu untersuchen, namentlich aber auf verborgene Fächer fahndete.« Bei den letzten Worten zog der Polizeibeamte seinen Hemdkragen etwas in die Höhe und blickte nach der Jungfer Strebeling hinüber, die aber bei Nennung der geheimen Fächer durchaus keine Bewegung verrieth. »Das ist über alle Maßen erstaunlich!« warf die Gemüsehändlerin dazwischen. »Tausend Gulden bei der Schilder? Ich hätte ihr nicht tausend Kreuzer zugemuthet.« »Die Polizei auch nicht,« sagte Herr Wunsch, indem er stolz seinen Kopf erhob. »Die Frau war als verschuldet bekannt. Um so mehr mußten wir aber erstaunen, als Schneider in einer alten Komode wirklich einen geheimen Behälter entdeckte und in demselben merkwürdige Papiere fand.« »Papiere?« fragte erstaunt Madame Schoppelmann. »Ganz merkwürdige Papiere,« entgegnete der Beamte, indem er seinen Oberrock aufknöpfte und ein ansehnliches Paket hervorzog. »Ich muß mir schon erlauben,« fuhr er ruhig fort, »Sie von dem Inhalt dieser Papiere in Kenntniß zu setzen.« Damit sah Herr Wunsch die alte Jungfer mit einem so festen, wir mochten sagen: gierigen Blicke an, daß sie die Augen niederschlug, sich aber dabei nicht enthalten konnte, zu sagen: »Wenn's gefällig ist.« »Gefällig durchaus nicht,« entgegnete würdevoll der Beamte. »In der That nicht gefällig; es ist eigentlich nur meine Pflicht, die ich erfülle, keine Gefälligkeit.« Er wollte eigentlich sagen, keine Schonung, doch schien ihm die arme Clementine schon eingeschüchtert genug. Er riß den Bindfaden herunter, rückte seinen Stuhl näher an den Tisch, also auch zu Clementine, entfaltete einen ganzen Stoß Akten und räusperte sich mehrere Male. »Verzeihen Sie mir, Herr Polizeikommissär,« sagte jetzt Madame Schoppelmann; »es sieht ja fast aus, als gehen uns die Papiere der Frau Schilder an! Was haben wir um Gotteswillen damit zu schaffen?« Herr Wunsch zuckte auffallend hoch die Achseln und entgegnete: »Wir wollen das später, hoffe ich, erfahren. Für jetzt muß ich Sie um einen Augenblick Gehör bitten.« Damit hatte er die Papiere vor sich ausgebreitet, glättete sie behutsam, indem er mit dem Aermel darüber strich, und las nun mit einer wahrhaft erschütternden Stimme und mit einem unsäglich blutgierigen Blicke auf Clementine: »Verhandelt in Anwesenheit der Gerichtsbeisitzer N. N.« Dann schaute er abermals in die Höhe, um die Gewißheit zu erlangen, welchen Eindruck diese schreckliche Einleitung auf das Gemüth der beiden Frauen hervorgebracht. Die Gemüsehändlerin, die dergleichen schon mehrmals gehört hatte, war sich ziemlich gleich geblieben, Jungfer Strebeling dagegen zusammen geknickt, wie eine vom Hagel getroffene Lilie. »In Anwesenheit der Gerichtsbeisitzer etc. wurde an dem und dem Tage von unterzeichnetem Polizeikommissär in der Wohnung der verstorbenen Frau Schilder eine Haussuchung vorgenommen, deren Resultat Folgendes war. Nach verschiedenen unbedeutenden Sachen,« fuhr Herr Wunsch fort, indem er mehrere Blätter umwendete, »fand sich eine Eichenholzkommode vor, deren obere Schublade einen doppelten Boden ergab, welches Behältniß nachfolgende Papiere enthielt etc. – unwesentlich; ferner aber eine Staatsobligation Nr. 4680, eine dito Nr. 4681, eine dito Nr. 4682, zusammen im Betrage von dreitausend Gulden.« »Herr Jesus!« seufzte Clementine. »Bei diesen Obligationen lag ein Dokument, welches besagte, daß diese dreitausend Gulden sich dadurch im rechtmäßigen Besitze der Frau Schilder befänden, weil sie ihr von der vormaligen Inhaberin dieser Obligationen zur Deckung eines früher gemachten Anlehens zurückbezahlt worden seien.« Hier machte der Beamte eine Pause, und Madame Schoppelmann, welche diese Sache zu interessiren anfing, trat zu dem Tische und sagte: »Das ist allerdings merkwürdig! Da möchte ich nur wissen, welcher Christenmensch der Schilder etwas schuldig gewesen. Dreitausend Gulden! – und wer hat die heimbezahlt? Na, da schau einer an!« Clementine war mehr todt als lebendig. Obgleich sie keinen Begriff davon hatte, was eigentlich Schreckliches über sie hereinbrechen würde, so fühlte sie doch, daß über ihrem Haupte ein Schwert an einem Faden hing, und daß der Faden eben im Begriff sei, zu zerreißen. Sie erhob sich langsam von ihrem Stuhle; sie schien das Zimmer verlassen zu wollen; doch ein gebieterischer Blick des Polizeikommissärs traf sie so mächtig, daß sie kraft- und willenlos in ihren Stuhl zurück fiel. »Diese Obligationen im Betrage von dreitausend Gulden,« fuhr der schreckliche Mann fort, »wurden der Frau Schilder vor nicht langer Zeit heimbezahlt, und zwar, wie das beiliegende Dokument beurkundet, durch – Jungfer Clementine Strebeling.« Wenn in diesem Augenblicke die ganze Vorhalle eingestürzt wäre, so hätte Madame Schoppelmann, die begierig den Namen erwartete, nicht mehr erschrecken können, als jetzt, wo sie diesen vernahm. Sie faltete ihre Hände und brachte nur mühsam die Worte hervor; »Ja, ist denn das möglich?« Der Polizeikommissär hatte sich in seinen Stuhl zurückgelegt und spielte mit einem Bleistifte, während er die unglückliche Clementine betrachtete. »Ja, habe ich denn recht gehört?« rief die dicke Frau, indem sie ihre Hände mehrere Male zusammen schlug. »Ja, kann ich meinen Ohren trauen? Ihr, Strebelinge, habt der Schilder dreitausend Gulden gegeben?« »In Obligationen,« bekräftigte der Beamte mit einem Kopfnicken. »So sprecht doch, unglückseliges Weibsbild!« sagte die Gemüsehändlerin in wahrer Verzweiflung. »Da sitzt der Herr Oberpolizeikommissär; es ist jetzt kein Spaß mehr mit der Geschichte. Seid denn Ihr der Schilder was schuldig gewesen?« »Nein, nein, gewiß nicht!« jammerte das unglückselige Wesen. »Und Ihr habt ihr auch nichts bezahlt?« fuhr die dicke Frau dringender fort. »Ja, ich habe ihr die drei Papiere gegeben!« lispelte verzweiflungsvoll Clementine und verbarg ihr Gesicht in beide Hände. »Gerechter Heiland!« rief entsetzt Madame Schoppelmann. »Jetzt geht mir ein Licht auf; wahrhaftig! jetzt geht mir eine Fackel auf! – Ach, Herr Oberpolizeikommissär, da ist was Niederträchtiges geschehen, was ganz absonderlich Schlechtes!« »Das glaube ich auch,« sagte der Beamte mit seltsamem Blick auf Clementine. »Die Jungfer ist sehr verwirrt, und das scheint mir verdächtig.« »Ach!« rief die Frau, »der arme Wurm hat nichts gethan; die unglückliche Weibsperson ist selbst niederträchtig behandelt worden! Mit der hat man ein schlechtes Spiel getrieben!« »So soll sie sprechen,« sagte der Polizeikommissär mit zweifelhaftem Tone. »Warum hat sie der Schilder das Geld gegeben?« »Nein,« jammerte Clementine nach einer Pause, und nachdem der Beamte seine Fragen mehrere Male wiederholt hatte; »nein, ich will nichts sagen; ich kann nichts sagen, und sollte es mein Tod sein!« »So will ich sprechen!« sagte entrüstet die Gemüsehändlerin, während sie mit der Hand auf den Tisch schlug. »Da war so ein Kerl – Müller hieß er.« »Um Gottes Willen! was sprecht Ihr da?« rief Clementine in Thränen. »Frau, Frau! Wenn ich das vor fremden Ohren hören muß, so werde ich sterben.« »Es stirbt sich nicht so leicht,« fuhr Madame Schoppelmann nach einem tiefen Athemzuge fort. »Ich hab's gesagt; da war so ein Kerl, der hieß Müller.« »Johannes Müller,« sagte lächelnd der Beamte, indem er einen zerknitterten Brief entfaltete. »Meinetwegen, Johannes,« erwiderte die dicke Frau. »Nun, der hat der alten Person da den Kopf verrückt, vollständig verrückt. – Da mag Sie heulen und Gesichter schneiden, wie Sie will, 's ist doch wahr! Und das war Ihr Unglück – ich hab's Ihr immer gesagt. – Nur Gleich und Gleich paßt zusammen; und wenn ein junger Mensch so einem alten Ding nachlauft, da sind immer Absichten dabei. Und so war es auch hier; der saubere Herr Müller hat mit der Schilder zusammen gespielt. – O, ich bin nicht so dumm! Und da haben sie dem armen Geschöpf da Briefe geschrieben und haben darin gesagt, es gehe ihm so schlecht, und er müsse seine Familie unterstützen, und dazu brauche er Geld.« – Hier machte die Frau eine kleine Pause, um sich durch einen tiefen Athemzug wieder zu restauriren. Der Polizeikommissär hatte während der heftigen Reden der Frau andere Papiere entfaltet und beistimmend mit dem Kopfe genickt. »Er brauche Geld!« fuhr diese mit neuen Kräften fort. »Und das Geld hat sie der Schilder gegeben, einmal sechshundert Gulden und nun auch diese dreitausend Gulden. O, das ist nicht an zehn Himmel zu malen!« Clementine war mit dem Kopfe auf den Tisch niedergesunken und weinte und schluchzte, daß es einen Stein hätte erbarmen mögen. Ihr zartes, süßes Geheimniß hatte man schonungslos verrathen; ihr reines Verhältniß war zu den Ohren der Polizei gekommen und sie blamirt auf ewig! »Mir scheint, die Frau hat vollkommen Recht,« sagte streng der Beamte. »Wir sind hier einem Verbrechen auf die Spur gekommen, das nothwendiger Weise verfolgt und bestraft werden muß. Deßhalb sehe ich mich denn auch veranlaßt, Sie, Jungfer Strebeling, nöthigenfalls im Namen des Königs zu fragen, wie sich diese Sache verhält.« »Es ist so, es ist so!« rief triumphirend die Gemüsehändlerin. »Jungfer Strebeling, Sie werden mir antworten!« sagte der Beamte mit ernstem Tone. »Haben Sie Bekanntschaft gehabt mit einem Johannes Müller?« »Ja,« hauchte die Gefragte mühsam hervor. »Hat Ihnen dieser Johannes Müller durch Vermittlung der Frau Schilder einen Brief zugestellt, worin er Ihnen unter Anderem sagt, er habe seine Familie in traurigen Umständen getroffen und nur eine gewisse Summe könne ihn und sie vom Verderben retten?« »So ist es!« »Haben Sie hierauf diese Briefe beantwortet und der Frau Schilder zu gleicher Zeit Geld eingehändigt?« »Ja.« »Wie hoch beliefen sich diese Summen?« Clementine zauderte mit der Antwort und faltete bittend die Hände. »Wenn Sie,« fuhr der Polizeikommissär streng fort, »hier wo wir unter uns sind, die Beantwortung dieser Frage verweigern, so sehe ich mich veranlaßt, Sie auf das Polizeiamt zu citiren.« »So rede Sie doch!« sagte Madame Schoppelmann. »In Gottes Namen denn!« seufzte das gequälte Wesen. »Einmal fünfhundert Gulden, dann sechshundert, zuletzt dreitausend.« »Fast ihr ganzes Vermögen!« jammerte die dicke Frau. »Es ist unglaublich!« sagte entrüstet der Beamte. »Und wie lange kannten Sie diesen Johannes Müller?« »Ei, Herr Polizeikommissär!« rief nun schluchzend die Gemüsehändlerin, »das ist ja gerade das Schreckliche an der ganzen Sache: sie hat ihn fast gar nicht gekannt, nur einmal gesehen und, glaube ich, nur einmal gesprochen.« »Ist das wahr?« wandte sich der Beamte überrascht an Clementine. »Ich kann es nicht läugnen!« entgegnete diese, indem sie ihren Kopf tief auf die Brust herabsinken ließ. »Er war arm und nahm meine Hülfe in Anspruch; ich half ihm. Habe ich damit ein Verbrechen begangen – nun, so kann ich ja dafür bestraft werden.« Nach diesen Worten betrachtete der Beamte zum ersten Mal theilnehmend und kopfschüttelnd die Jungfer Strebeling. »Mir ist dergleichen noch nicht vorgekommen,« sagte er nach einer Pause. »Und glauben Sie denn wirklich, daß der Johannes Müller es gut mit Ihnen meint und Ihnen jene Briefe wirklich geschrieben hat?« »Er ist ein braver Mann, darauf möchte ich schwören,« entgegnete Clementine. »Den Teufel auch!« rief die Gemüsehändlerin. »Er hat mit der Schilder gewirthschaftet. Die Beiden haben Sie um Ihr Geld gebracht und lachten Sie obendrein aus.« »Das hat er nicht gethan!« antwortete Clementine entrüstet. »Er ist zu so etwas nicht fähig.« »Aber wer ist es denn eigentlich?« fragte der Beamte. »Wo haben Sie ihn gesehen und gesprochen?« »Das werde ich nie sagen!« entgegnete bestimmt das unglückliche Frauenzimmer; »dazu kann man mich nicht zwingen. Und wenn ich Alles verloren habe, so ist das meine Schuld; – nun ja, so will ich dafür büßen.« »Aber den Gerichten kann es nicht einerlei sein, ob er wegen dieses Verbrechens unbestraft bleibe,« sagte der Polizeikommissär, »und ich muß dringend darauf bestehen, mir noch einige Fragen zu beantworten. – Sie haben Briefe von diesem Herrn erhalten; das ist nicht anders möglich, und ich muß von Ihnen verlangen, daß Sie mir diese Briefe ausliefern.« Clementine antwortete nicht mehr; sie war mit dem Kopf auf den Tisch gesunken und schien besinnungslos. Wenigstens nahm dies die erschreckte Gemüsehändlerin an; denn sie holte eilig eine Flasche mit starkem Kräuteressig, hob den Kopf der armen Person etwas in die Höhe, welche wirklich mit geschlossenen Augen da lag, und begann denselben mit einem angefeuchteten Lappen zu reiben. In diesem Augenblicke traten Frau Klingler und Frau Claasen in das Gemach. Letztere, die Demüthige, blieb erschrocken an der Thüre stehen, als sie die Polizei in diesem Hause erblickte. Frau Klingler aber trat einen Schritt näher, stemmte die Arme in die Seite und blickte den Polizeikommissär ziemlich herausfordernd an. »Um Gotteswillen! was gibt's denn da?« sagte sie mit etwas gereiztem Tone. »Was ist denn der Jungfer Strebeling widerfahren?« »Seht Ihr denn nicht,« entgegnete Madame Schoppelmann, indem sie den Polizeikommissär bedeutungsvoll und nicht eben sehr freundlich ansah, »daß ihr unwohl geworden ist? 's ist aber auch kein Wunder, wenn man mit den Leuten so hart umgeht!« »Hart umgeht?« sagte die Klingler mit gellender Stimme; und die Claasen, als treues Echo, setzte hinzu: »in der That, hart umgeht?« Der Polizeikommissär mochte einsehen, daß sein Terrain durch die Dazwischenkunft der beiden anderen Weiber bedeutend schwierig geworden war, und daß es unmöglich sei, mit diesen drei Zungen fertig zu werden; Clementinen als ohnmächtig gar nicht zu rechnen. »Sie sehen, Herr Polizeikommissär,« sagte Madame Schoppelmann, nachdem Clementine trotz des heftigen Reibens mit dem Kräuteressig noch kein Auge aufschlug, »Sie sehen, daß hier vorderhand nichts mehr zu fragen ist. Fortlaufen thut Keines von uns, und wenn Sie uns vielleicht nächstens wieder einmal die Ehre schenken wollten, wäre es uns weit angenehmer. Sollten Sie aber vorziehen,« fuhr sie nach einem tiefen Athemzuge fort, »uns auf das Polizeiamt kommen zu lassen, so habe ich auch nichts dagegen und werde selbst kommen und die Jungfer Strebeling mitbringen und einen Advokaten dazu.« »Meine liebe Frau,« sprach ruhig der Beamte, »Sie ereifern sich wahrhaftig ganz unnöthig; Sie müssen nicht vergessen, daß ich nur aus Schonung für jenes Frauenzimmer hieher in's Haus kam, um die Fragen, welche mir nothwendig schienen, an sie zu richten. Freilich hat sich nun durch diese kleine Untersuchung etwas ergeben, wonach ich weiter zu forschen mich für verpflichtet halte. Doch da ich sehe, daß sich Jungfer Strebeling in einem Zustande befindet, der ihr meine fernere Gegenwart unangenehm macht, so werde ich mich für heute zurückziehen, vorbehaltlich einer weiteren Besprechung morgen oder übermorgen.« Auf diese Worte hin machte die dicke Gemüsehändlerin einen übermäßig tiefen Knix und drehte alsdann dem Beamten den Rücken, um sich mit der ohnmächtigen Clementine weiter zu beschäftigen. Herr Wunsch packte seine Papiere zusammen, erhob sich in seiner ganzen Größe und Wichtigkeit und schritt nach einer kurzen Verbeugung stolzen Hauptes zur Thüre hinaus. Als er fort war, schlug Frau Klingler ihre Hände zusammen und sagte: »Herr Jemine! was hat's denn da gegeben? Aber, Frau Schoppelmann, was wollte die Polizei?« Die dicke Frau zuckte mit den Achseln und zeigte auf Clementine, welche in diesem Momente die Augen aufschlug. »Ist er fort?« fragte das arme Schlachtopfer mit matter Stimme. »Hat er mir meine Briefe vielleicht mit Gewalt genommen?« Und indem sie dies sprach, schaute sie die umstehenden Weiber mit einem trostlosen Blicke an. »Man hat Euch nichts mit Gewalt genommen,« sagte die Gemüsehändlerin, und Frau Klingler setzte hinzu: »mit Gewalt?« und das mit einem Tone, als wollte sie sagen: »mit Gewalt, so lange ich da bin?« »Gott sei Dank, daß er sie mir nicht genommen hat!« fuhr die alte Jungfer mit einem tiefen Seufzer fort. »Das wäre mein Tod gewesen. Ach, Frau Schoppelmann, glaubt Ihr wirklich, daß man mich betrogen hat?« »Es scheint mir in der That so,« meinte die gutmüthige dicke Frau nach einer Pause. »Wenn man die Sache von dem Gesichtspunkt ansieht, so glaube ich wahrhaftig selbst, es wäre besser, das bei der Polizei anhängig zu machen und zu dem Zwecke die Briefe herauszugeben.« »Ich kann das nimmermehr thun!« klagte Clementine. »Und wenn er wirklich schlecht an mir gehandelt hätte, so wäre ich doch nicht im Stande, Zeugniß gegen ihn abzulegen. Aber Euch will ich die Briefe geben, Frau Schoppelmann; hebt sie auf, oder thut damit, was Ihr wollt. Einen solchen Auftritt, wie den von eben, könnte ich nimmermehr überstehen.« Damit zog sie ein kleines Paket aus ihrem Busen, das sie der Gemüsehändlerin darreichte. »Seht nur hinein,« fuhr sie fort; »ach, Frau Schoppelmann, lest sie alle durch, und dann sagt mir, ob Ihr glaubt, daß es wirklich auf dieser Welt so schlechte Menschen gibt. Ich aber will auf mein Zimmer hinauf gehen; das hat mich zu stark angegriffen.« Mit diesen Worten erhob sich Clementine und verließ die Vorhalle, unterstützt von der guten Frau Claasen, welche versprach, dafür Sorge zu tragen, daß Clementine in ihr Bett komme und einen lindernden Thee erhalte. Madame Schoppelmann hatte das Paketchen aus der Hand Clementinens genommen und ging damit an die Kaminecke, wo sie sich auf ihren Stuhl niederließ und eine kleine Hornbrille auf die Nase setzte. Dann faltete sie die Papiere aus einander und nahm ein paar Briefe heraus, welche sie einen um den andern öffnete und vor die Augen brachte. Dabei müssen wir gestehen, daß die Züge der alten Frau, welche anfänglich nur Neugierde zeigten, auf einmal den Ausdruck größter Ueberraschung, ja des heftigsten Schreckens annahmen. Sie hatte in dem einen dieser Briefe die Hand ihres Sohnes Konrad erkannt, und das ganze schändliche Spiel, das man mit der alten Jungfer getrieben, war ihr plötzlich klar und verständlich. Mühsam holte sie Athem und blickte, um ihre Bewegung vor der aufmerksamen Klingler bestens zu verbergen, gedankenvoll in die Papiere, die aber in ihrer Hand heftig zitterten. Sie nahm alle ihre Kraft zusammen, und als sie nach einiger Zeit aus dem Kaminecke hervor an das helle Tageslicht kam, sah sie wohl etwas blaß aus, hatte sich aber so weit gefaßt, um mit einem erzwungenen Lächeln sagen zu können: »das sind saubere Geschichten! Sie ist eine verschwiegene Frau, Klinglere. Nun denk' Sie sich, da hat die Schilder drüben mit ein paar ihrer Helfershelfer der armen Person droben fast ihr ganzes Vermögen genommen; bei viertausend Gulden.« »Das ist ja entsetzlich!« schrie die Klingler. »So hat die Strebeling also nichts mehr, wovon sie leben kann? Und mit ihrer Hände Arbeit bringt sie sich auch nicht fort!« »Nun, was das anlangt,« entgegnete gefaßt die Gemüsehändlerin, »da wird noch zu helfen sein. Der Polizeikommissär« – bei diesen Worten schauderte sie leicht zusammen – »scheint der Sache auf die Spur gekommen zu sein; und da sich das Geld vorgefunden, so wird sie das Ihrige wohl wieder erhalten. Aber bei allem dem ist die Geschichte ganz erschrecklich; sie hat mich sehr alterirt.« Die Gemüsehändlerin, welche sich kaum aufrecht erhalten konnte, ließ sich vor dem Tische auf einem Stuhl nieder und klopfte gedankenvoll mit ihren Fingern auf dem ersteren. Ihr Entschluß, Geschäft und Haus zu verlassen, befestigte sich mehr und mehr. Ihr, der ehrwürdigen, braven Frau, war in letzter Zeit zu viel Unangenehmes, ja wahrhaftig Fürchterliches begegnet. Sie fühlte wohl, ihr heiterer Lebensmuth sei von ihr geflohen, ihre gute Laune würde in diesem finsteren Hause nie mehr zu ihr zurückkehren. Die Vorhalle hier mit dem knisternden Kaminfeuer, sonst ihr täglicher, angenehmer Aufenthaltsort, war ihr verhaßt, ja unheimlich geworden. Ihre Vorrathskammer – das begriff sie wohl – konnte sie nicht ohne einen gewissen Schauder betreten, denn neben derselben war das Zimmer ihrer Söhne. Oben, wo ihre Tochter Katharina gewohnt, war Alles öde und leer; sie fühlte sich hier in dem ganzen weiten Hause so traurig allein stehend, so von aller Welt verlassen! Jetzt erst dachte sie daran, wie es in dem alten Hause hier meistens so finster und trübselig sei, und wie sehr es ihr behagen würde, draußen im warmen Sonnenschein zu wohnen und ihren Blick über Wald und Flur streifen zu lassen, statt wie hier immer die hohen Mauern, die engen Straßen sehen zu müssen. Sie dachte an ihre Schwester, die auf einem kleinen Hofe vor der Stadt wohnte, und wie ihr diese so oft zugeredet, endlich einmal ihr anstrengendes Geschäft zu verlassen und sich zur Ruhe zu setzen. Und hatte sie nicht durchaus Fug und Recht, dies zu thun? hatte sie nicht etwas Schönes in ihrem langen, mühevollen Leben erworben? – Das konnte sie sich wohl mit Stolz sagen; und wenn sie heute zu ihrem Geschäftsmanne hinging und ihm sagte: »Ich brauche Geld!« so gab ihr dieser schmunzelnd zur Antwort: »Wie viel Tausend wollen Sie, Frau Schoppelmann?« Frau Claasen war wieder herabgekommen und setzte sich ebenfalls stillschweigend an den Tisch; die Klingler warf ihr einen bedeutungsvollen Blick zu; denn diese hatte wohl bemerkt, daß Madame Schoppelmann sich mit außerordentlichen Dingen beschäftige. Außerordentliche Dinge waren es nun auch in der That, und sehr erfreuliche für die beiden Weiber; denn nach einer kurzen Einleitung sagte die Gemüsehändlerin, sie sei entschlossen, sich von ihrem Geschäfte zurück zu ziehen, und wolle die Beiden unter den besten Bedingungen in Haus und Kundschaft eintreten lassen. Wir wollen uns nicht bei den Ergüssen des Dankes aufhalten, der hierauf den gerührten Herzen der Frau Klingler und der Frau Claasen entströmte; wir wollen nicht ausführlich erzählen, daß Erstere vergebens ihre Rührung zu bemeistern versuchte, und daß Letztere heftige Thränen vergoß. Die Sache wurde in bester Form Rechtens abgemacht, und noch am selben Tage wußte man es in den bedeutendsten Küchen der Residenz, daß die Wittwe Schoppelmann ihr Geschäft aufgegeben habe und daß Frau Klingler und Claasen es fortsetzen würden und einen hohen Adel und ein verehrungswürdiges Publikum bestens ersuchten, auch sie künftig mit ihrem Vertrauen zu beehren, indem sie es sich zu ihrer schönsten Aufgabe machen würden, dasselbe zu rechtfertigen und ihre Kunden auf's Beste zu bedienen. Angekommen sei: * Feinstes Tafelobst in den besten Sorten und frisches Wildpret durch alle Rubriken. Vierundfünfzigstes Kapitel In welchem der Held der Geschichte einen Freund wieder findet und sehr angenehme Neuigkeiten erfährt. Eugen Stillfried hatte auf jenen Abend, wo er seine Schwester wieder gefunden, eine recht unruhige Nacht gehabt. Er träumte viel und schwer, und wenn wir sagen, daß durch diese Träume häufig die Gestalt des Justizrathes Werner schritt, so wird uns der geneigte Leser glauben, daß es keine angenehme Bilder waren, die seinen Geist beschäftigten. Auch seine Schwester sah er häufig aber nicht lebend, doch auch nicht todt, sondern das blasse Marmorbild aus der Kapelle schwebte bei ihm vorüber und schaute ihn mit einem unaussprechlich traurigen Blicke an. Es war schon spät am Morgen, als er nun endlich erwachte, und Herr Sidel hatte schon Bett und Zimmer verlassen. Eugen kleidete sich an, und kaum war er damit zu Ende, so trat der lustige Rath in's Zimmer, der sich schmunzelnd die Hände rieb und überhaupt von der besten Laune zu sein schien. Der frische klare Herbstmorgen, der freundliche Schein der Sonne, der in Millionen Thautropfen blitzte und warm zu den Fenstern herein drang, ließ auch Eugen bald die finstere, bittere Nacht vergessen, um so mehr, da er sich mit Freuden alles dessen erinnerte, was er gestern erlebt und erfahren. »Ich habe schon eine ganze Menge Rapporte angehört,« sagte der lustige Rath, »und Bericht erstatten müssen über den Schuß, der gestern Nacht auf uns gefallen. Der Förster mit ein paar Jägern hat die ganze Nacht in der Umgegend gestreift und glaubt, daß es Wilderer gewesen seien, die – Gott mag wissen, aus welcher Ursache – auf uns geschossen. Von Räubern und dergleichen hat man hier seit undenklichen Zeiten nichts gehört; doch soll das Terrain drüben jenseits des Schlosses, die stundenlangen Wälder dicht an der Grenze prächtige Schlupfwinkel für Wilddiebe abgeben. Uebrigens wird man die Aufmerksamkeit verdoppeln und wahrscheinlich in den nächsten Tagen die Bekanntschaft jener unbefugten Jägersleute machen.« »Solche Streifereien,« entgegnete Eugen, »sind immer unangenehm. Es ist traurig, daß sich Menschen bei diesen Veranlassungen gegenseitig wie jagdbares Wild betrachten und ohne Ueberlegung auf einander schießen. Und das geschieht bei solchen Fällen meistens. Wer den Anderen zuerst sieht, wer am schnellsten zum Schuß kommt und dabei seines Zieles gewiß ist, bleibt Sieger. Ich bin einmal hart mit dabei gewesen.« »Böses Gewerbe bringt bösen Lohn,« meinte Herr Sidel, »und jenen Menschen, die so freundlich waren, uns gestern Abend eine Kugel zuzuschicken, wünsche ich auch nicht viel Gutes. – Apropos!« fuhr er nach einer Pause fort, »um zehn Uhr ist Probe von Hans Sachs. Hast du deine Rolle schon angesehen?« »Ich wahrhaftig nicht,« bemerkte Eugen. »Ueberhaupt muß ich dich versichern, daß ich alle Lust verloren habe, noch ferner Komödie zu spielen, und ich glaube es wäre das Beste, wenn wir uns mit dem Direktor auf eine vernünftige Art abfänden.« »So dachte ich auch,« antwortete Herr Sidel, »und habe auch schon in dieser Richtung mit dem Prinzipal gesprochen. Er bedauert es sehr, zwei so außerordentliche Talente zu verlieren; doch stellte ich ihm dafür eine klingende Stellvertretung in Aussicht, die ihm sehr annehmbar erschien.« »Also hast du uns losgekauft?« fragte Eugen. »Uns Beide – ja,« sagte der lustige Rath, »aber nicht den Herrn Hannibal. Merkwürdiger Weise findet der Direktor einiges Talent in ihm, und da wäre es doch grausam, ihn einer künftigen ehrenvollen Laufbahn zu entziehen.« »Gewiß,« meinte Eugen; »und ich sehe schon im Geiste, wie er für die Verräthereien, die er an uns begangen, hier einer harten Strafe entgegen läuft.« Herr Sidel war aufgestanden und ging händereibend im Zimmer auf und ab, gab auch sonst noch so unverkennbare Zeichen von Heiterkeit von sich, daß Eugen aufmerksam wurde und ihn fragte, was ihm denn so Angenehmes begegnet sei. »Ja, das hätte ich bald vergessen!« antwortete Herr Sidel vergnügt lachend. »Wie kann man auch so gedankenlos sein! Und ich kam deßhalb gerade hieher, um es dir anzukündigen – wir haben Besuch erhalten.« Dabei sah er seinen Freund pfiffig lächelnd von der Seite an. »Besuch?« fragte Eugen. »Und am Ende aus der Residenz?« »Eben daher,« antwortete der lustige Rath. »Doch ich höre ihn schon an der Thüre. Eugen, du wirst überrascht sein.« Eugen war auch in der That erstaunt über diese Worte seines Freundes, und als nun in diesem Augenblicke mit einem Stocke dreimal heftig an die Thüre geklopft wurde, blickte er betreten dorthin, auf's Höchste gespannt, wer in der langsam sich öffnenden Thüre erscheinen würde. Diese öffnete sich Zoll um Zoll mit einer erschrecklichen Langsamkeit, und als sie nun endlich offen stand und sich der Eintretende in seiner ganzen Gestalt präsentirte, als Eugen diesen erkannte, konnte er sich nicht enthalten, demselben mit einem lauten Ausruf der Freude und der Ueberraschung entgegen zu eilen. Es war sein Arzt, Doktor Wellen, der sich so unverhofft hier eingestellt hatte. »Da findet man euch also?« rief dieser, indem er dem jungen Manne herzlich die dargebotene Hand schüttelte. »Jenseits der Grenze, in einem kleinen Neste, als reisender Schauspieler!« »Wohin uns der Zufall verschlagen,« entgegnete Eugen lachend. »Doktor, bei meinem bekannten unsteten Lebenswandel kann und darf Sie das in der That nicht wundern. Sie wissen, ich habe von jeher dergleichen Extratouren geliebt. – Aber unbegreiflich ist es mir, wie Sie, Ihre Kranken verlassend, sich hieher verlieren konnten.« »Das ist einfach erklärt,« sagte Doktor Wellen. »Die Stadt ist in diesem Augenblicke so außerordentlich gesund, daß wir Aerzte fast gar nichts zu thun haben. Nebenbei wissen Sie auch wohl, junger Mensch, daß mein großer Ruf schon längst über die engen Grenzen unseres kleinen Landes drang und daß man mich zuweilen weithin berufen hat.« »Und dieses ist auch jetzt der Fall?« »Versteht sich!« versicherte wichtig der Arzt. »Ich hatte in einer kleinen Stadt hier in der Nähe zu thun, und da ich zufälliger Weise eine Spur von Ihren Fahrten erhielt, so konnte ich es mir nicht versagen, einen kleinen Umweg zu machen, um Sie hier zu sehen, sowohl als Menschen wie auch als Künstler.« »Was das letzte anbelangt, so werden Sie nicht viel Freude erleben. Meine dramatische Laufbahn ist bereits beendigt; ich fühlte wohl, daß ich dazu kein Talent hätte.« »Auch dazu nicht einmal?« sagte der Doktor mit komischem Erschrecken. »Was soll am Ende noch aus Ihnen werden?« »Lassen wir das jetzt!« entgegnete Eugen. »Lieber Doktor, sprechen wir ein vernünftiges Wort. Setzen Sie sich auf den Ehrenplatz, in dieses alte Sopha, nehmen Sie sich eine gute Cigarre und erzählen Sie mir genau und umständlich, wie es bei uns aussieht, ich schmachte nach Neuigkeiten.« »Das kann ich mir denken.« sagte der Doktor, indem er es sich auf dem Sopha bequem machte. »Ich bringe Ihnen auch keine Hiobsposten; im Allgemeinen sind meine Nachrichten ganz gut.« Und nun erzählte er dem freudig aufhorchenden jungen Manne, was der geneigte Leser bereits weiß, von den Begebenheiten im Hause am Marktplatz und dessen Umgebung, von dem plötzlichen Tode der Frau Schilder, von der Flucht der beiden Brüder und zuletzt von der Aufnahme, welche Katharina bei der alten Staatsräthin gefunden. Bei der letzten Nachricht schaute Eugen jubelnd in die Höhe, und er fühlte, daß sein Geschick anfange, sich freudig zu wenden. Darauf erzählte er dem bewährten Freunde von dem gestrigen Abenteuer auf dem Schlosse, und daß er so unverhofft seine Schwester wieder gefunden. Doktor Wellen vernahm dies mit der größten Aufmerksamkeit und war auf's Höchste überrascht von diesem seltsamen Zusammentreffen. Ja, die Nachricht, daß jenes junge Mädchen, welches man bis jetzt für die Tochter des Verwalters gehalten, Eugens Schwester sei, wirkte so heftig auf ihn, daß er aufsprang und mehrmals hastig im Zimmer auf und ab ging. »Hier also wurde sie erzogen?« fragte er nach einem längeren Nachdenken. »Dieses Mädchen ist es? – Das ist ein merkwürdiges Zusammentreffen! – Ist Ihnen denn gar nichts eingefallen, wie Sie hieher kamen? Hat Sie der Ort und das Schloß da oben an gar nichts erinnert?« »O, an sehr viel, an die wilde Rose und an die Kapelle droben, von der Sie uns einstens erzählt.« »Es ist unbegreiflich, wie sich die Wege der Menschen oft kreuzen! Sie können sich denken, wie begierig ich darauf bin, die junge Dame zu sprechen.« »Sie werden sie traurig finden,« sagte Eugen ernst. »Sie weiß Alles.« »Was weiß sie?« fuhr der Doktor auf. »Nun, daß er todt ist, daß er fern von ihr starb, daß sie ihn nie wieder sehen wird.« »Ja so!« entgegnete Wellen, indem er sich rasch umwandte und an das Fenster trat zu Herrn Sidel, der eifrig in die Gegend hinaus schaute. »Sie bleiben doch ein paar Tage bei uns?« fragte Eugen nach einer Pause. »Heute – vielleicht morgen noch,« sagte der Doktor, »Werden Sie mir die Honneurs von Schloßfelden machen? – Kann ich vielleicht eine Vorstellung der berühmten Truppe sehen, welche so glücklich war, Sie als Mitglied zu besitzen?« »Das wird schwer angehen,« meinte der lustige Rath, »da heute Abend nicht gespielt wird. Doch wollen wir für Ihre Unterhaltung bestens sorgen. Wenn es dem würdigen Präsidenten angenehm ist, könnten wir vielleicht ein Filial der Leimsudia errichten, um den Einwohnern Schloßfeldens beizubringen, was in der Residenz Sitte und Gebrauch ist.« »Das wäre auch nicht so übel,« lachte der Doktor. »Vor allen Dingen aber will ich heute Vormittag auf das Schloß, um mich dort ein Bischen umzusehen.« »Dahin will ich Sie begleiten!« sagte Eugen lebhaft, worauf der Doktor erwiderte: »Sie wissen, mein lieber Freund, ich habe so meine eigenen Gänge, und wenn Sie mir es nicht übel nehmen würden, so zöge ich es vor, das erste Mal allein hinauf zu gehen. Mich vor allen Anderen hat das Schicksal jenes Freiwilligen lebhaft interessirt, und ich mochte deßhalb den Ort, wo er gearbeitet, geliebt und gelitten, vorerst allein ansehen. Wollen Sie mir aber zwei Zeilen an Ihre Schwester mitgeben und mich damit als den einführen, der ihr die genauesten Nachrichten von dem Verlorenen mittheilen kann, so wäre ich Ihnen sehr dankbar dafür.« Eugen that gern, wie ihm der Doktor geheißen, setzte sich an den Tisch und schrieb ein paar herzliche Zeilen an Rosalie, worin er ihr den Doktor Wellen empfahl und schließlich versprach, nach Tische ebenfalls hinauf zu kommen. Damit ging der Doktor fort, und Herr Sidel übernahm es, ihm den Weg längs der Kapelle zu zeigen. Eugen blieb allein zurück und dachte über das nach, was er von seinem Freunde gehört. Das Benehmen der Mutter gegen Katharina erfüllte ihn mit dem innigsten Danke, und er ging mit sich zu Rathe, ob er dieses Gefühl schriftlich in herzlichen Worten ausdrücken solle. Er warf auch schon einige Zeilen an die Mutter auf das Papier; doch konnte er nicht mit sich darüber einig werden, ob und wie er des Wiederfindens der Schwester erwähnen solle. Der Doktor war ihm zu schnell hinweg gegangen, und er mochte nichts in dieser Angelegenheit ohne den Rath des erfahrenen Mannes thun, der alle Verhältnisse so genau kannte. Jetzt schien es ihm räthlich, der Mutter Alles zu schreiben, dann hielt er es für besser, selbst nach der Heimath zurück zu kehren und die Angelegenheiten des Hauses ganz in seine Hand zu nehmen. Dann beschloß er wieder dem Rathe des Doktors zu folgen, der ja ohnedies morgen nach der Stadt zurück kehren wollte und der ihm Briefe und Aufträge am besten besorgen würde. So verging der Vormittag. Herr Sidel war längst zurückgekehrt und hatte mit dem Direktor die besten Bedingungen verabredet, unter welchen es derselbe für sehr gerathen fand, nicht auf der bedungenen achttägigen Kündigung des Kontraktes zu bestehen. Was Herrn Hannibal anbelangte, so war in dem Vertrage ein geheimer Artikel, der den Direktor verpflichtete, diesen würdigen Diener und angehenden Künstler zu behalten; und zugleich wurde demselben angerathen, ihn nöthigenfalls mit äußerster Strenge zu behandeln und ihn so zu einem nützlichen Mitgliede der menschlichen Gesellschaft zu erziehen. Der getreue Pierrot hatte keine Ahnung von den Veränderungen, die sich ergeben, und trotzdem er nicht ohne Hoffnung war, das Herz der blonden Thusnelde zu rühren, so seufzte er doch nach dem Ende seiner Künstlerlaufbahn und sah es als eine fürchterliche Strafe an, von dem heftigen, unerbittlichen Direktor in den täglich sich wiederholenden Proben so unnachsichtig abgerichtet zu werden. Als Eugen Nachmittags auf den Schloßberg hinaufstieg – er ging den hinteren Weg – fand er Rosalien, ihn erwartend, auf der oberen Terrasse. Sie eilte ihm freudig entgegen, hängte sich an seinen Arm und zog ihn zu einer kleinen Bank, die, unter Blumen versteckt, die Aussicht auf die dichten Wälder ließ, welche das alte Schloß auf der östlichen Seite umgaben. Das Auge des jungen Mädchens glänzte freudig; sie legte ihre Hand in die seinige und blickte ihn lange mit unaussprechlichem Vergnügen an. »Ich bin glücklich, daß du nicht traurig bist, meine liebe Schwester; du hast heute wieder Unangenehmes erfahren; nicht wahr, mein armes Kind?« »Unangenehmes?« fragte sie sonderbar überrascht. Doch dann setzte sie, sich plötzlich besinnend, hinzu: »ach ja, du hast Recht; ich habe heute viel erfahren.« »Also du sprachst den Doktor Wellen?« fragte Eugen. »Er übergab dir meinen Brief?« »Ja, ich erhielt ihn,« sagte sie. »Ach Eugen!« »Was geschehen ist, ist geschehen,« entgegnete er und drückte herzlich ihre Hand. »Der Doktor wußte diese traurige Geschichte besser als ich. Er ist einer meiner besten Freunde; ich will mit ihm überlegen, was für dich und mich zu thun ist. Vielleicht schreibe ich noch heute der Mutter, vielleicht kehre ich morgen selbst nach der Stadt zurück.« »Thu das nicht!« sagte Rosalie erschrocken. »Bleib in meiner Nähe, verlaß mich nicht! Der Vater erhielt heute wieder einen Brief; ich fürchte, daß ich in den nächsten Tagen, vielleicht heute, morgen schon deiner Hülfe nothwendig bedarf.« »Wer schrieb ihm?« fragte Eugen überrascht. »Das weiß ich nicht,« antwortete Rosalie. »Aber sie werden kommen in den nächsten Tagen, das ist ganz gewiß. Und wenn du alsdann nicht da bist, so bin ich verloren. Der Vater kann mich nicht schützen. Du weißt ja, Eugen,« fuhr sie dringender fort, »sie wollen mich verheirathen, mich verheirathen mit einem mir gänzlich fremden Manne, während ich doch ihn liebe und nicht vergessen kann.« »Und das soll so bald geschehen?« »Schon in den nächsten Tagen,« antwortete Rosalie und legte den Kopf auf seine Schultern. »Wenigstens werden sie hieher kommen, um Alles in Richtigkeit zu bringen.« »Wer hat dir das gesagt?« »Der Vater.« »Und wer wird kommen? – Die Mutter auch?« »Das wußte er noch nicht genau. Auf jeden Fall aber der Geschäftsmann der Mutter, der schon einige Mal hier war; ein ernster Herr. Obgleich er gegen mich große Freundlichkeit bewies und recht liebevolle Worte zu mir sprach, so konnte ich doch nie rechtes Zutrauen zu ihm fassen; ja, es war mir unheimlich, so lange er da war.« »Und sprach er Besonderes mit dir?« fragte der Bruder. »Nein, das nicht,« entgegnete Rosalie. »Er sagte nur, daß er innigen Antheil an mir nehme, daß er mich von Kindheit an gekannt, daß er mein Bestes wolle; und als er zuletzt hier war, meinte er unter Anderem, es sei nothwendig, mich zu verheirathen; ich würde dann dieses einsame Schloß hier verlassen und nach der Residenz kommen, wo es viel heiterer und angenehmer sei. Damals hatte ich noch keine Ahnung davon, daß ich nicht die Tochter des Vaters sei, wie ich bis jetzt geglaubt, und deßhalb beachtete ich seine Reden nicht viel. Doch sind sie setzt so traurig zur Wahrheit geworden, und gewiß, Eugen, ich muß verzweifeln, wenn du mir nicht hilfst.« »Sei ruhig, mein Kind,« antwortete dieser nach längerem Nachdenken; »vor allen Dingen muß ich mit deinem Pflegevater sprechen und mit dem Doktor Wellen, der vielleicht noch auf dem Schlosse ist.« »Ich glaube, er ist schon nach Schloßfelden zurückgekehrt. Er suchte dich, und obgleich ich ihm sagte, du würdest gewiß hieher kommen, eilte er doch hinweg.« Eugen erhob sich von seinem Sitze, drückte der Schwester nochmals freundlich die Hand, indem er ihr versicherte, es könne gewiß noch Alles gut werden, und als sie bei diesen Worten so gläubig zu ihm aufblickte, konnte er eine tiefe Rührung kaum bemeistern. Er führte sie nach dem Schlosse zurück, nahm einen herzlichen Abschied von ihr und eilte in's Dorf hinab, den Doktor Wellen aufzusuchen. Fünfundfünfzigstes Kapitel. Eine Filiale der Leimsudia. Der vortreffliche Trommler erzählt eine heitere Geschichte. An Tagen, wie der heutige, wo in das Gasthaus zur wilden Rose vornehme Fremde eingekehrt waren – und zu diesen rechnete Frau Rosel mit vollem Recht den Herrn Doktor Wellen, – hielt sie die Thüre des Honoratiorenzimmers unter ihrer speziellen Aufsicht, und Mancher, der sich zu gewöhnlichen Zeiten hier dann und wann einmal auf die Lederstühle bequem niedersetzen durfte, wurde unter irgend einem unbedeutenden Grunde abgefangen; der wahre Grund war aber, daß Frau Rosel an solchen Tagen nur eine sehr gewählte Gesellschaft in ihrem Honoratiorenzimmer haben wollte. Hier prangten nun die Lichter, und um den Tisch mit grünem Wachstuch, der in der Mitte stand, saßen vielleicht ein Dutzend Personen, obenan unter dem Bildniß des Landesvaters Doktor Wellen, neben ihm der Pfarrer von Schloßfelden mit seinem Adjutanten, dem Schullehrer, Eugen, der lustige Rath, ferner die würdigsten Mitglieder der Schauspielergesellschaft, unter ihnen der große Holder und der vortreffliche Trommler. Dem Doktor war es in kurzer Zeit gelungen, sich durch allerlei Schwänke, die er vorbrachte, und komische Reden, die er hielt, die Gunst des geistlichen Herrn in hohem Grade zu erwerben, und dieser gab mit größter Aufmerksamkeit auf jedes Wort, auf jede Miene desselben Achtung, und wenn er anfing: da war einmal –, so blinzelte der Pfarrer schon freundlich lachend mit einem Auge und stieß den Schullehrer unter dem Tische an, der nun schon im Voraus lachte und sämmtliche Umsitzende dadurch zur größten Heiterkeit anfeuerte. Es schien, als müsse Jeder etwas aus seinem Leben erzählen, und nur die beiden geistlichen Herren waren davon ausgenommen; denn der Pfarrer hatte versichert, er wisse von sich nicht das Geringste, was im Stande wäre, zur allgemeinen Heiterkeit beizutragen. Von seinem Schulmeister könne er freilich allerlei erzählen, doch wolle er diesen nicht in Verlegenheit bringen. Dazu hatte er unmäßig gelacht, und dieses Lachen war für die ganze Gesellschaft ansteckend, als nun der Schulmeister seinerseits die heilige Versicherung abgab, es ergehe ihm gerade so mit dem Herrn Pfarrer, und wenn er ja einer seltsamen Geschichte erwähnen müßte, so beträfe dieselbe seinen Vorgesetzten, weßhalb ihm der Mund verschlossen wäre. Doktor Wellen war zu einer Art Präsident dieser Abendgesellschaft erwählt worden, und wenn es ihm auch nicht möglich war, die Regeln und Gesetze der Leimsudia in ihrem ganzen Umfange aufrecht zu erhalten, so hatte er doch eines der Lichter, die auf dem Tische waren, dicht neben sich gestellt und putzte es aus, sobald die Unterhaltung anfing schläfrig zu werden. »Ich sollte meinen,« sagte jetzt dieser würdige Präsident, »wir geben dem Herrn Holder das Wort. Wer so viel und lange auf kleinen und großen Theatern gewirkt, sollte gewiß im Stande sein, uns von seinem langen Künstlerleben etwas Interessantes vorzutragen.« Der Heldenspieler verbeugte sich geschmeichelt, trank sein Glas aus und entgegnete mit seiner tiefen, klingenden Stimme: »Freilich böte mein Leben Vorfälle genug dar, die interessant, vielleicht auch lehrreich anzuhören wären. Aber sie passen nicht in diese Gesellschaft. Wir sind, wenigstens die meisten an diesem Tische, heiter und guter Dinge; warum soll ich mit trüben, unheimlichen Erinnerungen einen kreischenden Mißton hinein bringen? Meine Geschichten passen nur für die Dämmerung und für die Einsamkeit; die kann sich vielleicht Jemand erzählen, der nächtlicher Weile einem stillen Wasser zuschreitet, um dort das Ende seiner Leiden zu suchen und zu finden. – Meine Erzählungen passen nicht hieher; sie würfen schwarze Schatten in euer fröhliches Herz; das wäre wie ein Gewitter an einem heiteren Sommertag, wie eine wilde zerrissene Felsschlucht im schönsten, freundlichsten Park. Das würde dieselbe Wirkung machen, als wenn harmlose Kinder im Walde nach Beeren suchten, oder nach farbigen Blüthen, und plötzlich einen Erschossenen fänden, der unter dem Laube, das sie emsig durchsuchten, halb versteckt läge.« Hierauf füllte Herr Holder stillschweigend sein Glas, um es auf das Wohl der Gesellschaft zu leeren. Diese war durch die ernsten Worte Holder's einigermaßen still geworden. Niemand sprach eine Sylbe, und es wäre vielleicht langweilig und verdrießlich geworden, wenn nicht Eugen den Präsidenten gebeten hätte, den vortrefflichen Herrn Trommler zu irgend einer Mittheilung zu bewegen. Dieser würdige Künstler hatte insofern an der gesellschaftlichen Unterhaltung den lebhaftesten Antheil genommen, als er sich von Herrn Sidel fleißig einschenken ließ und mit der größten Dankbarkeit über den geringsten Spaß laut und anhaltend lachte. »Ganz richtig!« sagte Doktor Wellen. »Herr Trommler wird hiemit ersucht, das Wort zu nehmen. Wir erwarten von ihm die Erzählung einer kleinen interessanten Begebenheit aus seinem Leben.« »Die Geschichte einer Liebschaft zum Beispiel,« setzte der lustige Rath hinzu. »Nach dem, was Sie mir neulich erzählten, müssen Sie in diesem Fache schöne und zugleich fürchterliche Erinnerungen haben. Lassen Sie uns die Geschichte von der Reichsgräfin hören, die Ihretwegen von dem strengen Vater in ein Kloster gesperrt wurde.« »Bst, bst!« entgegnete der Künstler, mit einem bedeutungsvollen Blick auf den Pfarrer. »Solche Geschichten würde ich nicht wagen, in dieser Gesellschaft vorzutragen.« »Herr Trommler kann erzählen, was er will,« sagte der Präsident in bestimmtem Tone. »Keine Beschränkung, keine Vorschriften! Etwas Interessantes aus Ihrem Leben.« Der also Aufgeforderte verbeugte sich vor diesem Ausspruche, was so viel heißen sollte, als er werde ihm Folge leisten; dann legte er einen Augenblick seinen Kopf in die Hand und schien über etwas nachzudenken. – »Eine Geschichte weiß ich nicht,« sagte er dann nach einer Pause; »aber eine kleine Episode aus meinem Leben, sehr kurz und unbedeutend, will ich der werthen Gesellschaft nicht vorenthalten.« »Herr Trommler hat das Wort!« »Es sind schon viele Jahre her,« erzählte dieser würdige Künstler, »ich hatte von einer verunglückten Laufbahn gänzlich Abschied genommen und mich dem Theater zugewandt, da befand ich mich ohne Engagement in C. Es ist etwas Trauriges, sich ohne Engagement zu befinden. Man zählt seine Geldbörse nach, man findet nur einige Gulden, man kommt sich vor wie ein zum Tode Verurtheilter; denn man weiß genau, wie lange man noch zu leben hat, und daß nach einigen Tagen Alles zu Ende sein kann, wenn nicht bis dahin Pardon ankommt, d. h. die Antwort irgend eines Direktors, der uns schreibt, daß er es mit uns versuchen wolle, der uns mit Einem Wort auf's Neue anstellt. »Man sollte glauben, wenn man so ohne Engagement herumgeht, meistens ziemlich herabgekommen – denn unnöthige und nöthige Garderobe ist das Erste, was in solch' traurigen Tagen versetzt wird, – man sei ein abschreckendes Beispiel für alle jungen Leute, denen es in einem angenehmen, behaglichen Leben so wohl geht, und die vielleicht die Liebe zur Kunst, der Drang nach Freiheit, die Lust an einem regellosen, oft wilden Leben vom Schreibpulte oder aus der Schule wegtreibt, um sich an uns anzuschließen. – Im Gegentheil! Wir sind auch dann noch besucht, ja beneidet von jenen leichtsinnigen jungen Leuten, die unser Leben für das glückseligste halten und die es, selbst mit Kummer und Entbehrung, jedem anderen vorziehen würden. »Ich hatte damals noch einen Kollegen, dem es nicht besser ging als mir, eigentlich noch schlechter; denn ich besaß außer meinem Anzug noch einen ziemlich anständigen Hut und Paletot; Jener aber hatte nichts als eine graue leinene Hose und einen schwarzen Frack, ein Anzug, den er sogar in dem damals eben vergangenen Winter getragen, und den er der Jahreszeit dadurch möglichst angepaßt, daß er sich auf diesen schwarzen Frack mit eigener Hand einen Pelzkragen genäht hatte. »Das Kaffeehaus war unser einziger Zufluchtsort; dort lasen wir die Zeitung, tranken ein Glas Wasser und suchten Bekanntschaften anzuknüpfen, die uns zu irgend etwas dienen könnten. »Hier hing sich nun ein junger Mensch an uns; sein Vater war Beamter, ein anständiger, wohlhabender Mann, der schon alles Mögliche gethan hatte, um seinen Sohn von dem unglückseligen Gedanken, zum Theater zu gehen, abzubringen. – Umsonst! Dieser junge Mensch war voller Phantasie und Schwärmerei und nebenbei verliebt in eine romantische Cousine, der er auf dem Comptoir, hinter dem Schreibpult unausstehlich war, die ihn aber wahrscheinlich zu lieben versprach, nachdem er ein Künstler geworden und sie und das Publikum in irgend einer schmachtenden Rolle entzückt. »Er träumte nun von nichts, als von großen, glänzenden Rollen und von ungeheuren Erfolgen und lag uns mit den inständigsten Bitten an, ihn irgendwo mit hinzunehmen und ihm zugleich mit uns ein Engagement zu verschaffen. Der Vater, der zu dem Umgange des Sohnes mit uns durchaus nicht freundlich sah, besuchte mich eines Tages und sagte: »Herr Trommler, ich halte Sie für einen braven Mann; Sie werden nicht das Unglück meines Sohnes und meiner Familie wollen; bringen Sie den jungen Menschen von seiner Idee ab, und ich werde wissen, mich dafür dankbar zu bezeigen.« »Sehr gut, dachte ich, und eines Tages machten wir uns auf den Weg und gingen nach dem einige Meilen entfernten kleinen Badeorte, wo der eben angekommene Direktor noch einige brauchbare Mitglieder suchte. »Der junge Mensch, der Urlaub genommen hatte, irgend eine Tante zu besuchen, begleitete uns. Natürlicherweise wußte ich im Voraus, daß dort nichts für uns zu finden war. Das sagte uns auch der Direktor sogleich, und wir schlenderten auf der Promenade umher, gingen in den Kursaal, und unser junger Kunstgenosse, der einige Gulden bei sich hatte, fing an zu spielen. Wie sich denken läßt, hatte er in kurzer Zeit Alles verloren, und da standen wir nun, und guter Rath war theuer; für uns wenigstens. Er aber war guten Muthes, und es freute ihn, wie er sagte, so nichts mehr zu besitzen und sich auf die eigene Kraft stützen zu müssen. Das war nun alles recht schön und gut; aber Geld mußten wir haben, um wenigstens ein Mittagessen zu bekommen und ein Nachtlager zu finden. »Wie machen Sie es in ähnlichen Fällen? fragte der junge Mensch. Das muß Ihnen doch auch schon häufig genug vorgekommen sein. »Ich zuckte die Achseln und entgegnete: es gibt allerlei Mittel, sich zu helfen; aber eines ist so desperat wie das andere, und wenn es fehlschlägt, so sitzen wir erst recht im Unglück. »Und das wäre? »Ich habe hier unter den Schauspielern einen Bekannten, der freilich nicht im Stande ist, uns mit Geld auszuhelfen; aber ich mache den Vorschlag, wir gehen auf sein Zimmer und lassen durch das Loos entscheiden, welcher von uns Drei sich für die Anderen opfern soll, um Geld zu bekommen: denn Geld müssen wir haben, um das wieder zu gewinnen, was wir eben verloren. Wir können nicht heute wieder zurückkehren. »Das thun wir auf keinen Fall, sagte der junge Mensch. »Wenn wir es ein paar Tage hier aushalten, meinte ich, so finden wir doch noch Gelegenheit, bei der Truppe anzukommen. »Darauf gingen wir nach der Wohnung unseres Bekannten, der nicht zu Hause war. Doch schloß uns seine Wirthin sein Appartement, ein kleines Dachkämmerchen, auf. Das Opfer, zu dem sich nun einer verstehen sollte, war freilich sonderbarer Art. Doch war es von einem meiner Bekannten früher schon einmal mit großem Nutzen angewendet worden. Wir zogen das Loos, nicht ohne vorher unserem jungen Begleiter die ernstesten Vorstellungen gemacht zu haben, noch sei es Zeit, zurück zu kehren, um – wenn auch mit hungerigem Magen – den Heimweg zu suchen. Umsonst! Er erklärte, zu Allem bereit zu sein. Natürlich traf ihn auch das Schicksal roh und kalt und warf des Freundes zärtliche Gestalt – nicht unter die Hufe seiner Pferde, wohl aber auf das Bett in der Dachkammer, nachdem er vorher seine sämmtlichen Kleider ausgezogen hatte. Diese wurden in ein Bündel zusammen gemacht, auf das Leihhaus gebracht, um mit dem Erlös davon das Spiel von vorhin wieder aufzunehmen und das Verlorene wieder zu gewinnen. »Natürlicher Weise aber waren diese wenigen Gulden ebenso schnell verschwunden, wie die früheren. Doch hatten wir wohlweislich vorher einen kleinen Imbiß genommen, während unser Opfer ohne Kleider mit hungrigem Magen in fremder Stadt auf fremdem Bette saß und nach und nach ernstlich begann nachzudenken über diese ersten seltsamen Schritte, mit denen er in das Künstlerleben getreten. »Stunde um Stunde verrann; wir blieben natürlich so lange wie möglich aus. Anfänglich dachte er mit dem Leichtsinne der Jugend, unser Schritt könne nicht fehlschlagen, und wenn er Schritte auf der Treppe hörte, so glaubte er, ich sei es und werde jetzt in die Dachkammer treten mit seinen Kleidern unter dem Arm und vor ihm ausbreiten eine hübsche Summe, die wir gewonnen. »Endlich, als es Abend werden wollte, gingen wir nach Hause und traten achselzuckend in die Dachkammer. Nie werde ich den Ausdruck des Schreckens vergessen, der die Züge des jungen Menschen überzog, als wir ihm unser Unglück mittheilten. – Was war zu thun? Er meinte, wir sollten den Direktor der hiesigen Truppe bitten, uns einiges Geld vorzustrecken, damit er wenigstens wieder nach Hause kommen könnte. – Unmöglich! Wer leiht einem fremden, reisenden Schauspieler Geld? »Mein Freund, in dessen Wohnung wir uns befanden, kam endlich auch nach Hause und zuckte über unser Mißgeschick die Achseln. Die einzige Hülfe, die er uns nach vielem Hin- und Herreden angedeihen ließ, bestand in einem langen, weißwollenen Rocke und ein paar alten Pantoffeln, die er uns leihweise abtrat, damit wir bei einbrechender Dunkelheit die Blößen unseres Schlachtopfers verhüllten. »So zogen wir endlich heim, über die staubige Chaussee dahin; der lange Rock wallte ihm bis auf die Füße, welche in den alten, breit getretenen Pantoffeln staken. Um den Kopf hatten wir ihm ein buntseidenes Tuch gewickelt, und so gingen wir betrübten Herzens unseres Weges, wobei wir es an den besten Ermahnungen nicht fehlen ließen. »Der junge Mensch war entsetzlich zerknirscht und hatte an diesem ersten Künstlerausfluge so vollkommen genug, daß er sich hoch und theuer verschwor, nie mehr an etwas Aehnliches zu denken. Glücklicher Weise war der Abend lau und angenehm; aber so oft sich ein leichter Wind erhob, wallte der weiße Rock in die Höhe, und dann griff er krampfhaft zu, um ihn fest zusammen zu halten. »So kamen wir mitten in der Nacht nach Hause, und die einzige Hoffnung des jungen Menschen beruhte darauf, unbemerkt in die väterliche Wohnung gelangen zu können. Aber das Schicksal wollte es anders – ich muß gestehen, wir hatten dabei die Hand im Spiele – denn als er die Hausthüre öffnete, erschienen nicht bloß Vater, Mutter und Schwestern, sondern auch sogar die romantische Cousine, und die standen da vor Schrecken angewurzelt. Aber die Sache wendete sich zum Guten; der junge Mensch war von seiner Lust, mit uns herum zu ziehen, völlig geheilt; der Vater bewies sich in der That dankbar dafür, und ich ging stolz nach Hause, mit dem süßen Bewußtsein, eine gute That verübt zu haben.« »Trommler, Trommler!« rief Eugen lachend, als der Künstler geendigt, »ich glaube, Sie haben uns eine Geschichte erzählt, die Sie erfunden, um uns ein abschreckendes Beispiel vor Augen zu stellen, wie es auch uns einstens ergehen könne.« »Nein, es ist eine wahre Geschichte,« antwortete Herr Trommler, »und ich könnte auch lebende Zeugen aufführen, die bei derselben zugegen waren.« »Das wäre etwas weitläufig,« meinte Herr Wellen. »Wir als Präsident dieser achtbaren Gesellschaft erklären uns um so mehr mit dem eben Gehörten zufrieden, als eine gewisse Moral demselben zu Grunde liegt.« Herr Trommler verbeugte sich geschmeichelt und netzte seinen trocken gewordenen Gaumen mit einem tüchtigen Zuge an. Sechsundfünfzigstes Kapitel. Der Präsident der Leimsudia erzählt eine ernstere Geschichte, welche aber den geneigten Leser doch vielleicht mehr erheitern wird. »Der ehrenwerthe Präsident,« nahm Herr Sidel nach einer Pause das Wort, »hat bis jetzt sein Amt mit ziemlicher Strenge verwaltet, ist aber wie gewöhnlich unnachsichtig gegen andere gewesen, ohne selbst in's Feuer zu gehen. Ich glaube im Interesse der ganzen Gesellschaft zu handeln, wenn ich ihn alles Ernstes ersuche, die beiden Lichter frisch zu putzen und auch einmal selbst die Kosten der Unterhaltung zu tragen.« »Hört, hört!« sagte Herr Holder mit tiefer Stimme. »So schmeichelhaft mir auch eine solche Aufforderung ist,« versetzte Doktor Wellen, »so bin ich doch einigermaßen in Verlegenheit, der Gesellschaft etwas zum Besten zu geben, was interessant für sie wäre.« »Das glauben wir nicht,« meinte der Pfarrer. »Ein Arzt erfährt so Manches; er ist wie ein Beichtvater, nur daß es ihm nicht verboten ist, hier und da aus der Schule zu schwatzen.« »Doch sind die Krankengeschichten meistens langweilig,« erwiderte der Doktor. »Ein Arzt, der im Felde war, sollte ich meinen, hätte Stoff genug, um etwas sehr Interessantes zum Besten zu geben,« sagte Herr Sidel, indem er mit einem sonderbaren Blicke sein Glas austrank. »Ich füge mich,« entgegnete lächelnd der Doktor; »und da kommt mir gerade etwas in den Sinn, das vielleicht für die meisten, die hier umher sitzen, nicht ohne einige Wichtigkeit ist. Ich muß aber zu diesem Zwecke etwas weit ausholen oder mir vielmehr einige Fragen erlauben; denn was ich hier vortragen will, ist eigentlich nur der zweite Theil einer Geschichte, dessen erster Theil hier unter Ihren Augen geschehen ist.« Der Doktor sprach das mit sehr gedehntem Tone und sah Eugen dabei forschend an; doch schien dieser mit seinen Gedanken anderweitig beschäftigt und gar nicht auf die eben gesprochenen Worte zu hören. »Und der zweite Theil spielt nicht hier?« fragte der Pfarrer. »Im Gegentheil,« sagte Herr Wellen; »der zweite Theil beginnt auf dem Schlachtfelde von Novara.« »Darauf wäre ich begierig,« meinte der geistliche Herr. »Es wird Ihnen fast allen, die hier am Tische sitzen, erinnerlich sein, besser als mir selbst, denn ich spreche nur vom Hörensagen, daß droben auf dem Schlosse das schöne Monument errichtet wurde.« »Ob wir das noch wissen!« entgegnete eifrig der Schulmeister. »War doch der Professor während der Zeit seines Hierseins mein guter Freund geworden! Ein scharmanter junger Mann! Ich habe ihn sehr lieb.« »Der Professor?« fragte der Doktor, scheinbar nicht wissend, wer damit gemeint sei. »So nannten sie den Bildhauer, der das Werk droben gemacht,« erklärte der Pfarrer. »Eine schöne Arbeit.« »Glaube, Liebe, Hoffnung,« sagte der Doktor, und bei diesen Worten fuhr Eugen aus seinen Träumereien empor. »Es ist Schade, daß der talentvolle Künstler so früh enden mußte,« meinte Herr Sidel. »Wie hieß er doch?« »Alfred Welding,« erwiderte der Doktor. »Und wo machten Sie seine Bekanntschaft?« fragte der Pfarrer. »Wie ich schon gesagt zu haben glaube, in Italien, kurz vor der Schlacht von Novara.« »Ruhe für den Präsidenten!« rief Herr Sidel. »Er hat das Wort. Wenn wir ihn ewig mit Fragen unterbrechen, so werden wir nicht viel zu hören bekommen. – Den zweiten Theil der Geschichte!« »Welcher Geschichte?« fragte leise Eugen. »Die eines jungen Bildhauers Namens Alfred Welding,« fuhr Herr Sidel laut fort, »der droben auf dem Schlosse jene herrliche Arbeit lieferte und dann aus dem Thale hier spurlos verschwand.« »Den zweiten Theil kenne ich schon,« sprach finster Eugen. Der Doktor hatte sein Glas ausgetrunken, sah sich rings im Kreise um und sagte nach einem augenblicklichen Stillschweigen: »Was ich hier vortragen will, ist eigentlich der dritte Theil dieser Geschichte.« »Ah!« rief Eugen, seltsam überrascht, und horchte auf's Höchste gespannt den Worten des Freundes. »Der erste Theil spielte hier unter euren Augen. Ihr alle kanntet den Bildhauer Welding; ich glaube euch vorhin sagen zu hören: ihr alle hättet ihn lieb gewonnen.« Bei diesen Worten legte der alte Schulmeister seine Hand wie betheuernd auf das Herz und der Pfarrer hob die seinige in die Höhe, als wollte er sagen: »Gott weiß es!« Beide aber nickten mehrmals mit ihren grauen Köpfen. Der Doktor fuhr fort, nachdem er einen flüchtigen Blick auf Eugen geworfen: »er ging von hier fort, tiefes Weh im Herzen, und suchte seinen Tod auf den Schlachtfeldern Italiens, den er auch dort – gefunden zu haben schien.« »Doktor!« unterbrach ihn hier Eugen und wollte von seinem Stuhle auffahren. Doch zog ihn Herr Sidel wieder zurück und bat ihn, ruhig zu sein. »Der zweite Theil ist euch, wie ich glaube, in den letzten Tagen durch die Erzählung meines Freundes Eugen bekannt geworden. Ich kann also darüber flüchtig hinweggehen und mich zum dritten und letzten wenden. – Es ist etwas Fürchterliches um eine Schlacht; ich habe das erlebt und all' die Schrecknisse gesehen, all' das Elend, das wie ein langer schwarzer Mantel wallt hinter jenen blutigen, aufgeregten, ja man könnte sagen: glänzenden Stunden. Der Kampf ist vorüber; Regiment um Regiment zieht sich hier- und dorthin vom Schlachtfelde, und es bleibt nichts zurück, als die Gefallenen, Todten und Verwundeten, als die Leichen von Pferden, als zerstörtes Heergeräthe aller Art. »In der Nähe einer kleinen Villa, der Casa Bianchi, hatte ich meinen jungen Freund zum letzten Male wacker kämpfen sehen. Dort war er verwundet worden; ein paar Kameraden hatten ihn zurückgetragen; von da ging jede Spur von ihm verloren. Er war in die Brust geschossen, nothdürftig verbunden worden; er mußte lange Stunden besinnungslos gelegen haben.« »Er erwachte?« schrie Eugen laut und freudig auf. »Doktor, um Gotteswillen! treiben sie keinen Scherz mit uns!« »Junger Mann,« erwiderte der Erzähler mit komisch ernster Stimme, die aber ein klein wenig vor Rührung zu zittern schien, »Sie haben nicht das Wort.« Dann fuhr er gelassen fort: »Als der Jäger erwachte, war es finstere Nacht um ihn. Vom Himmel herab strömte der Regen, langsam und gleichförmig, und erfrischte ihm die Stirn und die trockenen Lippen. Er fühlte an seine Brust, die ihn heftig schmerzte; man hatte um seine Wunde einen Verband gelegt, ihn aber nicht zurück transportirt. Jetzt glaubte er sich der letzten Worte zu erinnern, die er vor einer langen und tiefen Ohnmacht gehört, der Worte, die schmerzlich in sein Ohr geklungen waren: wir wollen ihn verbinden; aber es hilft nichts, den Transport kann er nicht überleben. »Daß er sich unter freiem Himmel befand, bemerkte er, wie schon gesagt, augenblicklich, und daß er auch mitten im Schlachtfelde war, hörte er jetzt an den seltsamen, schrecklichen Tönen, die leise und laut an sein Ohr schlugen. Er lag in der Nähe eines Baumes auf einem Erdaufwurf. Doch war seine Lage nichts weniger als behaglich, da sich bei der Nacht nicht nur ein scharfer Wind erhob, sondern es auch gegen Morgen anfing zu schneien. »Der verwundete Freiwillige suchte sich empor zu richten, und es gelang ihm auch, nachdem er sich einige Mal vergeblich bemüht. Ein unbestimmtes Gefühl trieb ihn, hinter jenem Hügel Schutz zu suchen, und nach langer schmerzensvoller Anstrengung kam er auf die andere Seite, rollte aber dort in einen tiefen Graben, wo er wieder eine Zeit lang besinnungslos liegen blieb. Hier aber war er wenigstens vor dem Wetter geschützt, und als er bald darauf abermals die Augen schloß, war es nicht wieder eine Ohnmacht, die ihn überfiel, sondern ein leichter Schlummer. »Endlich brach der Morgen an, kalt und grau, frostig und nebelhaft. Die Nacht, die so viel Elend mitleidig verhüllt hatte, schien ungern empor zu ziehen und sie zögernd verlassen zu wollen, all' die Unglücklichen, die sie bis jetzt mit ihrem schwarzen Mantel bedeckt. »Der Freiwillige, abwechselnd zwischen Schlummer und Ohnmachten, hatte nicht viel lichte Momente, und als er nach längerer Zeit einmal wieder die Augen aufschlug, bemerkte er, daß ihn Soldaten umstanden, die ihn neugierig betrachteten. Sie hatten Schaufeln und Hacken in den Händen, und als er einen tiefen Seufzer ausstieß, hoben sie ihn sanft in die Höhe, legten ihn auf einen Wagen, und er wurde weggeführt. »Und wieder erwachte er auf einem Strohlager in einer kleinen Hütte; aber das behagliche Gefühl der Wärme durchströmte ihn; auch hatte man sich mit seiner Wunde beschäftigt; denn er fühlte nicht mehr jenen scharfen stechenden Schmerz, sondern nur eine große Ermattung, die seinen Körper durchzog. Dann aber kam das Wundfieber mit glühender Hitze und wilden Phantasieen und jagte seinen Geist ruhelos umher, zauberten ihm schöne und schreckliche Bilder vor Augen, führte ihn durch den Himmel und die Hölle, in der Wirklichkeit aber hart am Rande des Grabes vorbei. Doch hielt das Leben zu fest an dem kräftigen Körper; die Tage der Gefahr gingen vorüber – er konnte als gerettet betrachtet werden.« »Doktor!« unterbrach den Erzähler hier Eugen auf's Neue, »ist es wahr, was Sie hier erzählen? – Wellen, Sie werden keinen Scherz mit uns treiben!« »Das Unerklärlichste an der ganzen Sache war mir immer,« fuhr dieser ruhig fort, »daß ich den Freiwilligen, trotz meines emsigen, tagelangen Suchens nicht gefunden. Jetzt ist mir Alles klar geworden. Als man ihn vom Felde hinweg gegen Novara transportirte, wurde er von der Bewegung des Wagens so schwach, so hinsterbend, daß der begleitende Unterarzt es für besser hielt, ihn in einem kleinen Hause an der Straße zu lassen, dessen Einwohner, Piemontesen, sich freundlich bereit erklärten, den Verwundeten aufzunehmen. Sollte er sterben, so versprachen sie, ihn anständig begraben zu lassen, vorher aber wollten sie alles Mögliche versuchen, ihn wieder herzustellen. »Es war ein alter Mann in dem Hause und eine alte Frau, brave, redliche Leute, die den verwundeten Feind mit einem Gefühl innigsten Dankes gegen Gott in ihr Haus aufnahmen. Ihr einziger Sohn, ein junger Mensch von achtzehn Jahren, hatte ebenfalls die Schlacht mitgemacht und war beim Zurückgehen der Piemontesen nicht weit vom elterlichen Hause von einer Kugel leicht in den Arm verwundet worden. Dieses Glück beim Unglück schien den Eltern so groß und unerhört, daß sie es, wie schon bemerkt, für ihre heilige Pflicht hielten, den Verwundeten, der vor ihre Thüre gebracht wurde, liebreich aufzunehmen und zu verpflegen. Und diesen Leuten allein verdankt er neben der Gnade des Himmels seine Rettung. »Sie behandelten ihn wie ihr eigenes Kind; der Vater selbst eine Art Doktor, holte ihm die Kugel aus der Brust, die alte Frau verließ Tag und Nacht sein Bett nicht, und an einem schönen Morgen – die Erde prangte damals im schönsten Schmucke des Frühlings, – nachdem der Kranke oftmals dringend verlangt, zu wissen, wo er denn eigentlich sei, richtete ihn der junge Piemontese, der schon längst wieder hergestellt war, im Bette auf, öffnete das dicht verschlossene Fenster und ließ ihn hinaus schauen. »Vor seinen Augen breitete sich das Schlachtfeld aus; aber er kannte es nicht wieder. Die damals so kahlen Felder waren mit frischen, grünen Saaten bedeckt und zeigten nur hie und da an einzelnen grauen Stellen, wo die Schlacht am stärksten gewüthet. Die Reben, welche damals nur ihre knorrigen Aeste in den seltsamsten Gestalten gezeigt, waren jetzt mit Blättern bedeckt und wiegten sich im Winde hin und her, leise ihre Blätter, wie vor Schrecken schüttelnd, als erzählten sie sich allerlei blutige und furchtbare Geschichten. »Bald war der junge Bildhauer so weit wieder hergestellt, daß er das Haus verlassen und, auf den Arm des jungen Piemontesen gestützt, in der Nachbarschaft herum gehen konnte. Sein erster Gang war natürlich auf das Schlachtfeld selbst, wo er die Stellen aufsuchte, auf denen er gefochten und wo er gefallen war. Ihm kam es aber vor, als sei das alles schon vor langen Jahren geschehen; denn von dem Bilde des Schlachttages selbst, wie es ihm vor Augen schwebte, fand er nur unbedeutende Spuren. Casa Bianchi, wo es am blutigsten hergegangen, lag so freundlich und ruhig zwischen den grünen Saaten, zwischen belaubten Bäumen und Nebengeländen, so still und friedlich, als sei durch das weite Thor dieses Landhauses nie etwas Anderes aus und ein gefahren, als jener beladene Wagen mit den weißen, ruhig dahin schreitenden Ochsen. Und doch waren durch eben dieses Thor die piemontesischen Batterien in rasender Eile verschwunden, hatten in dem Hofe abgeprotzt und eine Kartetschenladung um die andere den stürmenden Jägern entgegen geschleudert. – Schritt für Schritt ging er den Hügel wieder hinauf, denselben Weg, den er damals im Feuer gemacht und ein eigenes wehmüthiges Gefühl beschlich ihn, wenn er dabei zuweilen stehen blieb und an diesen und jenen Kameraden dachte, der hier und dort neben ihm gefallen und ihm, tief aufseufzend, den letzten Blick nachgesandt. »Als er nun in die Nähe der Gebäude kam, bemerkte er wohl noch die Spuren des heftigen Kampfes. Die Löcher, welche die Kugeln gerissen, waren zwar verstrichen, aber noch immer kenntlich an der helleren Farbe. Hie und da sah man auch neue Fensterläden, Lücken in den Baumreihen und zerstörte Rebengelände. Da mußte er doch unwillkürlich daran denken, wie noch manches lange Jahr vergehen müsse, bis alle die Wunden hier vernarbt seien und ein scharfes Auge nichts mehr finde, was an jenen schrecklichen Tag des Kampfes erinnere. »Und dabei drückte er mit einem schmerzlichen Gefühle die Hand fest auf das Herz. Auch hier war es wie ein Schlachtfeld; auch hier hatte er begraben geliebte Todte, feurige Wünsche, süße Hoffnungen. Auch hier waren die Keime in den Saaten niedergetreten, ohne Aussicht auf künftige Frucht; hier, das fühlte er wohl, sah es trostloser und öder aus, als auf dem Schlachtfelde von Novara. »An einem der ersten Tage nach seiner Wiederherstellung ging er nach dieser Stadt, um sich bei dem Commandanten zu melden. Er war als gestorben in den Listen eingetragen; doch hatte sein braver Chef, der Major v. C., ihn zur großen goldenen Medaille vorgeschlagen, die, dem Verstorbenen bewilligt, der Lebende nun erhielt.« – – Eugen hatte in höchster Aufregung den Präsidenten mehrmals unterbrechen wollen, doch hatte ihn Herr Sidel beständig beschwichtigt, und jetzt winkte ihm der Doktor Wellen freundlich mit der Hand, indem er sagte: »Noch einen Augenblick Ruhe; ich bin gleich zu Ende.« »Welding,« fuhr er fort, »erhielt natürlicher Weise einen ehrenvollen Abschied aus den österreichischen Diensten und ging dann auf den Rath der Aerzte nach Nizza, von wo ich vor einiger Zeit Briefe von ihm erhielt.« »Verzeihen Sie, meine Herren,« rief nun Eugen aufspringend, »daß ich Ihre Unterhaltung so schnell unterbrechen muß, daß ich nicht einmal erwarten kann, bis der Doktor für seine schöne Erzählung das ihm gebührende Lob aus Ihrem Munde erhalten. Verzeihen Sie besonders, daß ich ihn aus Ihrer Mitte entführen muß. Aber er weiß es am besten, wie Vieles und Wichtiges ich auf dem Herzen habe, wie sehr mich vor Allem das Schicksal jenes jungen Mannes interessirt, den auch Sie alle lieb gewonnen.« Bei dieser Rede war der Doktor ebenfalls lächelnd aufgestanden, ließ sich von Eugen, der ihn am Arme faßte, geduldig fortziehen und folgte ihm zur Thüre hinaus. Eugen war in heftiger Aufregung. An der Treppe faßte er beide Hände des Doktors, sah ihn fest an und sagte hastig und mit zitternder Stimme: »Nicht wahr, Freund, Sie sprachen die Wahrheit?« »Die volle Wahrheit,« entgegnete Wellen. »Und ihre Geschichte ist noch nicht ganz zu Ende?« »Noch nicht ganz,« erwiderte der Arzt gerührt. »Aber ich hoffe, sie soll bald und fröhlich schließen.« »Das gebe Gott!« antwortete Eugen. Und nun gingen sie mit einander die Treppe hinauf: voraus Wellen, langsam und zögernd; Eugen, ihm folgend, hastig und drängend. Auf des Letzteren Zimmer war Licht, die Thüre nur angelehnt. Wellen drückte sie auf, und Eugen blieb überrascht und zweifelnd auf der Schwelle stehen. Es trat ihm ein junger Mann entgegen, den er nie gesehen; doch wußte er augenblicklich, wer es war. Dieser reichte ihm freundlich die Hand und sagte mit anscheinend ruhigem Tone: »Verzeihen Sie, daß ich mich Ihnen so unerwartet und plötzlich vorstelle.« Dabei bebte jedoch seine tiefe Stimme. »Doktor Wellen aber,« fuhr er fort, »versicherte mich im Voraus Ihrer Verzeihung.« Eugen faßte die dargebotene Rechte mit seinen beiden Händen und drückte sie herzlich. »Er hielt es in Italien nicht aus,« meinte lächelnd der Doktor, »und kehrte deßhalb, wenn auch ohne Hoffnung, nach Deutschland zurück. Daß sich Herr Welding hier befindet, ist mein Werk.« »Und doch nicht mehr ganz ohne Hoffnung!« fiel ihm der junge Bildhauer hastig in's Wort; »denn ich stehe ja vor Rosaliens Bruder.« Wir können dem geneigten Leser versichern, daß sich die beiden jungen Männer in wenigen Stunden kennen lernten und lieb gewannen, auch die besten Pläne für die Zukunft faßten. Doch sah sich der Doktor veranlaßt, ihnen zu sagen: »nehme die Sache nicht gar zu leicht, denkt an die Staatsräthin und namentlich an deren Geschäftsmann, den Justizrath Werner.« – – Am folgenden Morgen verließ Doktor Wellen Schloßfelden und ging nach der Residenz zurück. Auch nahm er weder Briefe noch Botschaften von Eugen mit. Der erfahrene Freund hatte dem jungen Manne gesagt: »Verrathen Sie nichts von Ihren Absichten, selbst nicht einmal der Mutter. Lassen Sie Ihrem Feinde keine Zeit zur Ueberlegung. Was geschehen soll, muß ihn hier unvorbereitet und plötzlich überraschen.« Siebenundfünfzigstes Kapitel. Berichtet in Kurzem, wie sich der Major von Brander zu einer Reise vorbereitet. Das Bataillon, welches die Ehre hatte, von dem Major der Infanterie, Freiherrn von Brander, kommandirt zu werden, hatte schon oft Gelegenheit gehabt, sich zu verwundern, und dies auch bei ähnlichen Fällen nach besten Kräften gethan. Es war schon belobt worden, ohne eigentlich zu wissen, warum, es hatte aus ebenso unbekannten Gründen schon die fürchterlichsten Nasen erhalten, bataillonsweise und in Kompagniefront, in Zügen, in Korporalschaften, in Rotten und in einzelnen Gliedern. Es hatte schon exercirt bei zwölf Grad Kälte und bei achtzehn Grad Hitze, und es hatte seine weißen Gamaschenhosen verloren, und die Unteroffiziere und Gefreiten hatten einen weißen Knopf an den Kragen erhalten. Dies alles war schon geschehen. Aber daß sich der Kommandant dieses Bataillons auf acht Tage beurlauben ließ und den Befehl dem ältesten Hauptmann übertrug, das war dem Bataillon noch nicht vorgekommen. Die Offiziere schüttelten ihre Köpfe, und ein Sergeant, der viel auf der großen Kanzlei schrieb, meinte, dahinter stecke mehr, und es solle ihn gar nicht wundern, wenn der Major, aus dem Urlaub zurück kehrend, zum Kriegsminister ernannt sei. So wichtig waren aber, wie wir bereits wissen, die Ursachen nicht, welche den Freiherrn von Brander veranlaßten, auf acht Tage seine militärischen Kinder zu verlassen. Es galt ja nur, seinem guten Bekannten, dem Herrn von Steinbeck, einen Freundschaftsdienst zu erzeigen. Wir können gar nicht behaupten, daß es dem Major leicht wurde, dazu einzuwilligen und sich einen Urlaub zu erbitten; im Gegentheil, dieser Schritt war reiflichst überlegt worden, man hatte dafür und dagegen gesprochen, und als nun endlich von der Regimentskanzlei das erwartete Papier anlangte, da behauptete der Major, es sei ein wichtiger Schritt, und er gäbe etwas darum, ihn ungeschehen machen zu können. »Sehen Sie, liebster Stifeler,« sagte der Freiherr von Brander und schlug mit der Hand auf das Papier, daß der Streusand davon flog, »so ein Urlaub ist wie ein halber Abschied, und wenn ich an so etwas denke, so kann ich mich eines kleinen Schauders nicht erwehren.« »O – o – oh!« entgegnete der Adjutant, »Herr Oberstwachtmeister, wie können Sie nur so ein Wort aussprechen? Auf Ehre! das ganze Bataillon müßte schaudern, wenn es so etwas gehört hätte.« Es war dies eine großartige Idee: ein schauderndes Bataillon, inclusive Offiziere, Tambours und Unterärzte. Es müßte dies ein unerhört schöner Anblick gewesen sein. Der Major war auch offenbar davon gerührt, faltete das Papier zusammen und sprach mit liebreichem Tone: »ich danke Ihnen, guter Stifeler; aber hol' mich der Teufel! Seine Majestät der König wüßten wahrhaftig nicht, was Höchstdieselben in einem solchen Falle an mir verlören. Wie sagt doch der – nun – ein gewisser – Schiller in einem seiner, übrigens sehr langweiligen, Trauerspiele? – Ich fühle eine Armee in meiner Faust.« »Karl Moor in den Räubern,« sagte pflichtschuldigst der Adjutant und hob die Hand zum Gruße empor. Doch besann er sich auf halbem Wege, daß er unbedeckten Hauptes vor seinem Chef stehe, und fuhr nun mit seinen Fingern an den Bart, um als geordneter, ökonomischer Offizier keine unnöthige Bewegung zu machen. »Im Ganzen diene ich jetzt an die fünfundvierzig Jahre,« fuhr der Major fort, indem er aus der Hand Zwiebel's seine Meerschaumpfeife nahm. »Fünfundvierzig Jahre – über zwei Drittel eines Menschenlebens.« »Zu sechzig gerechnet,« schaltete Herr von Stifeler ein. »Allerdings zu sechzig,« versetzte der Major. »Und von diesen fünfundvierzig Jahren Dienstzeit – freilich rechnete ich Kriegs- und Militärschulen aller Art mit ein – bin ich nun seit zwanzig Jahren Kommandeur des zweiten Bataillons, und während dieser zwanzig Jahre habe ich mich nicht eine Sekunde beurlauben lassen.« »Es ist ungeheuer!« sagte der Adjutant mit einem Ausdruck der höchsten Bewunderung. »Nicht eine Sekunde!« fuhr der Major wichtig fort. »Deßhalb liegen mir die acht Tage auch schwer auf der Seele. – Acht Tage gewissermaßen dem allerhöchsten Dienst entfremdet! Aber Zwiebel,« wandte er sich an diesen, sich selbst unterbrechend, »das ist wieder ein heilloser Tabak! Sage dem Käsekrämer, ihn soll ein Donnerwetter regieren, wie er sich unterstehen kann, mir so schofles Zeug zu schicken. Oder hast du die Pfeifen vielleicht schlecht geputzt? Nimm dich zusammen, Zwiebel, oder es ist dein Unglück! – »Ja wohl, liebster Stifeler,« fuhr er nach einer Pause fort, »es mag sein, daß ich mich oft durch übertriebene Besorgnisse quäle, mich oft mit Unmöglichkeiten martere. Aber stellen Sie sich vor: ich gehe auf Urlaub über die Grenze, und nun bricht plötzlich ein Krieg aus. –« »Schauderös!« sagte der Adjutant, wie vor Schrecken erstarrt. »Ein Krieg aus,« wiederholte der Major, »und ich wäre drüben über der Grenze – Kriegsgefangener erster Klasse Major Freiherr von Brander! Es wäre mein Tod! Glücklicher Weise leben wir im tiefsten Frieden; aber man kann nie wissen, was geschieht.« Bei diesen Worten nahm der Major seine Pfeife in die Hand und spazierte einige Augenblicke nachdenkend im Zimmer auf und ab. »Wann werden der Herr Oberwachtmeister reisen?« fragte der Adjutant nach einer kleinen Weile. Der Major blieb auf seinem Spaziergange plötzlich stehen, wandte sich an den Adjutanten und antwortete: »liebster Stifeler, diese Frage kann ich Ihnen nur beantworten, indem ich Ihnen darüber die größte Verschwiegenheit anempfehle. – Ich werde morgen früh um sechs Uhr reisen. Aber das bleibt streng unter uns. Es ist nicht gut, wenn der Untergebene erfährt, daß der Vorgesetzte nicht am Platze ist. Er darf das höchstens ahnen; er darf darüber nie zur Gewißheit kommen, namentlich in den ersten Tagen nicht; und vor allen Dingen darf kein Mensch erfahren, wohin ich gegangen bin. Das muß gehen wie nach den höheren Kommando's: unverständlich für Alle, nur in seinen Wirkungen sichtbar. Eins! – man sieht den Kommandeur ruhig umherspazieren – zwei! – er ist verschwunden, plötzlich abgereist – drei! – kein Mensch weiß, wohin – vier! – dort kommt er zurück, als ob gar nichts vorgefallen wäre. In dieser Hinsicht, liebster Stifeler, ist die Dienstvorschrift der russischen Feldjäger bewunderungswürdig. Kennen Sie dieselbe?« »Leider nein!« sagte der Adjutant seufzend. »Sehen Sie,« fuhr der Major fort, »sehen Sie, so ein Feldjäger geht spazieren. Er hat einen bestimmten Distrikt, da darf und muß er spazieren gehen. Da begegnet ihm sein Vorgesetzter, irgend ein expedirender geheimer Oberfeldjäger, und blinzelt ihm mit dem Auge, was etwa heißt: Abends um acht Uhr auf die Kanzlei! Da erscheint er pünktlich und bekommt einen großen Brief in Wachstuch eingenäht, mit der Aufschrift: »nach Tobolsk« und mit der Bemerkung: »eilt sehr!« Der Feldjäger thut gar nicht, als sei etwas passirt, legt sich zu Haust ruhig zum Scheine in sein Bett, sagt, man solle ihn nicht so früh erwecken, und fängt wohlberechnet an zu schnarchen. Am anderen Morgen, wenn man ihm seinen Kaffee bringt – was glauben Sie wohl, Stifeler? – ist weit und breit kein Feldjäger mehr. Kein Mensch weiß, wann und wohin, und ehe überhaupt noch Jemand weiß, daß er abgereist ist, hat er schon an hundert Werst gegen Tobolsk hin zurückgelegt. – Das ist Dienst!« »Es ist außerordentlich,« sprach Herr von Stifeler gerührt und von wahrer Bewunderung hingerissen. »Jetzt, liebster Stifeler, will ich Sie in Gnaden entlassen. Sie können auf mich zählen wie auf eine Uhr, und wenn Sie mir eine Freundschaft erzeigen wollen, so treten Sie morgen nach dem Schlage Sechs in das Zimmer des Hauptmanns von Wedelbach und melden ihm, ich sei abgereist.« »Doch darf ich vorher bei dieser Abreise zugegen sein?« sagte der Adjutant mit einem Anfluge von Rührung. »Gott bewahre, bester Stifeler!« rief der Major. »Um Alles in der Welt kein Aufsehen! Denken Sie mir an den russischen Feldjäger. Erst nachdem ich zwei Tage fort bin, dürfen Sie es als Thatsache allenfalls zugeben. – Apropos! ich habe eine kleine Amnestie erlassen. Sie können das übermorgen bei der Parole ankündigen. Der Tambour Schneider I., der Hornist Schmitz und die Musketiere Peters, Kurz und Güldenstein sind von da aus dem Mittelarrest zu entlassen. Sie sollen sich aber künftig besser aufführen. – Damit Gott befohlen, bester Stifeler!« Der Adjutant drückte die ihm dargebotene Hand seines Vorgesetzten und entfernte sich darauf stürmisch wie Jemand, dem es jetzt um eine Million nicht mehr möglich ist, seine Thränen zurückzuhalten. Da die Reise des Majors über die Gränze ging, so hatte er begreiflicher Weise den Entschluß gefaßt, dieselbe im Civilanzug zu unternehmen, und Zwiebel zu diesem Ende den Befehl erhalten, die sämmtliche Friedensgarderobe zu einer genauen Musterung vorzulegen. Dieselbe nahm übrigens keinen bedeutenden Platz weg; sie beschränkte sich auf einen schwarzen Anzug, einen dunkelblauen Paletot und einen Hut, dessen Federn aber einigermaßen verblichen zu sein schienen. »Zwiebel!« rief der Major erstaunt, ja fast erschreckt, als er mit Hülfe dieses getreuen Dieners in den schwarzen Frack hineingeschlüpft war. »Zwiebel, mir scheint, ich bin im letzten Jahre bedeutend stärker geworden. Das soll ja ein Donnerwetter regieren! Ich muß ja aussehen wie ein Konfirmand – oder wie ein Schneider,« fuhr er nach einer Pause fort, während welcher er eine verzweifelte Anstrengung gemacht hatte, die beiden Fracktheile vorn zu vereinigen. Doch schienen Knopflöcher und Knöpfe in einer unbeschreiblichen Feindschaft zu leben, und es war unmöglich, zwischen ihnen eine Annäherung zu Stande zu bringen. Der Major sah Zwiebel mit einem wahrhaft trostlosen Blick an. Dieser zuckte die Achseln. »Das ist eine ganz malitiöse Geschichte!« fuhr Herr von Brander fort. »Es ist zu spät, einen neuen Frack machen zu lassen, und ich kann doch bei der Feierlichkeit nicht ohne ein solches Kleidungsstück erscheinen. Gib einmal den Paletot her!« Mit diesem ließ sich nun schon eher ein vernünftiges Wort reden. Er schien aus weit dehnbarerem Stoffe gemacht zu sein und ließ sich deßhalb mit einiger Anstrengung vorn zuknöpfen. Der Major stellte sich vor den Spiegel und klopfte nachdenklich seine beiden Seiten. Ihm kam ein sehr guter Gedanke. »Wenn ich auch während der Reise,« sagte er mehr zu sich selber sprechend als zu seinem Diener, »diesen Paletot anziehe, so hindert mich nichts, im Wagen den Mantel darüber zu nehmen; den Frack lasse ich zu Hause, und bei der Feierlichkeit drüben bediene ich mich kurzweg des Waffenrockes, was nur einen um so größeren Eindruck machen muß.« So beschloß der Major, und danach erhielt Zwiebel seine Befehle. Achtundfünfzigstes Kapitel. Enthüllt Reisevorbereitungen anderer Art und zeigt Jungfer Clementine als Opfer unglücklicher Liebe. Im Hause der Staatsräthin wurden ähnliche Anstalten, wenn auch ganz anderer Art, gemacht. Martin, der Kutscher, befand sich in einer unsäglichen Aufregung. Erst gestern hatte ihn seine Herrin vor sich kommen lassen und ihm den Befehl gegeben, ihr Reisecoupé in gehörigen Stand zu setzen, damit es am anderen Morgen in aller Frühe mit Postpferden bespannt werden könne. Nun müssen wir aber der Ordnungsliebe des Kutschers das beste Zeugniß geben und zugestehen, daß sich der Wagen im solidesten Zustande befand. Doch wie die alten Diener sind: verletzt, daß man ihn nicht früher von dieser Reise in Kenntniß gesetzt, schwor er hoch und theuer, schon vor vierzehn Tagen hätte man sollen das Coupé zum Sattler schicken; er garantire nicht für eine Station, und wenn seine Herrschaft alsdann mitten auf der Straße liegen bleibe, so sei seine Kutscherehre dahin, und er müsse sich ein Leides anthun. Der alte Jakob hatte dazu gelächelt und ihm gesagt: »macht nur nicht so viele Geschichten! Seid vernünftig, Martin! Das ist nun einmal so schnell gekommen mit dieser Reise; Niemand hat's eher gewußt als Ihr, ja nicht einmal die Staatsräthin; das könnt Ihr mir glauben.« Diese Versicherung tröstete denn auch einigermaßen den alten Kutscher; bald darauf hörte man die Remisenthüre öffnen und das langsame Rollen eines Wagens im Hofe. Martin warf den Ueberzug herunter, untersuchte Achsen, Federn, Riemenwerk, Laternen, und als er nach einer guten Stunde hiemit zu Stande gekommen war, versicherte er mit freudestrahlendem Gesichte, ihn solle der Teufel holen, aber er habe sich geirrt: das Coupé müsse auf der Landstraße Parade machen. Martha, die Köchin, hatte sich seit der Hochzeit der Nanette noch nicht ganz wieder erholt. Sie war gewissermaßen schwermüthig geworden, lachte selten oder gar nicht, und wenn sie allein war, sang sie allerlei schreckliche und ergreifende Lieder, als: Heinrich schlief bei seiner Neuvermählten, oder Noch einmal, Robert, eh' wir scheiden, Komm an Elisens klopfend Herz. Namentlich das letztere liebte sie besonders, und Martin, dem diese musikalische Produktionen, die man auch außer der Küche deutlich hören konnte, höchst langweilig vorkamen, hatte versichert, wenn das nicht aufhöre, so gehe er aus seinem Stalle gar nicht mehr heraus. Die plötzliche Reise der Staatsräthin hatte nun auch nicht zur Erheiterung der Köchin beigetragen, und dem erhaltenen Befehle gemäß packte sie mit wahrer Wehmuth allerlei Geflügel in ein kleines Reisenecessaire. Die Staatsräthin war die Einzige, die sich, wenigstens im Aeußeren, wie immer völlig gleich blieb. Sie saß in ihrer Fensternische auf dem kleinen Fauteuil und hatte, wie es schien, Papiere durchgesehen, hie und da ein Schreiben zerrissen, andere aber in ein Kästchen niedergelegt. In dieser Beschäftigung hielt sie öfters inne, legte die Hände in den Schooß und blickte nachdenkend zum Fenster hinaus. Doch waren ihre Züge heiterer als sonst, ihr Auge blickte lebhaft umher, wenn sie aus solch tiefen Gedanken zu ihrer Beschäftigung zurück kehrte. Zuweilen faltete sie auch ihre Hände, blickte wie dankend in die Höhe, und dann flog auch wohl etwas wie ein leichtes Frösteln über ihren Körper, so daß sie den Kopf schüttelte und hastig aufstand, um ein paar Gänge durch das Zimmer zu machen. Als sie sich darauf ihrem Platze wieder näherte, hob sie eine Visitenkarte vom Boden auf, die sie vorhin herabgeworfen. Sie las den Namen auf derselben: »Doktor Wellen,« und versank darüber in Träumereien, wobei sich aber ihr Gesicht zusehends erheiterte. Katharina hatte in demselben Stockwerke ihre Zimmer, und da die Thüre zu einem derselben heute Morgen nur angelehnt war, so können wir uns schon erlauben, einen Blick hinein zu werfen. Es war Besuch bei ihr, aber für uns kein fremder: Madame Schoppelmann saß behaglich in der Ecke eines kleinen Sopha's, und Jungfer Clementine Strebeling kniete auf dem Boden vor einem großen Korbe, der voll Wäsche und Kleidungsstücke war. Das ganze Zimmer, inclusive Möbel, schien gewissermaßen in Aufregung begriffen: Schränke und Thüren standen weit offen, Kommodeschubladen waren aufgezogen und in der Ecke stand ein großer Wagenkoffer mit aufgeschlagenem Deckel, der nur darauf wartete, vollgepackt zu werden. Aber die drei Frauenzimmer schienen mit diesem Geschäfte nicht in's Reine kommen zu können; ja, es war ihnen augenscheinlich unmöglich, dazu einen Anfang zu machen. Keine arbeitete der Andern in die Hände, und was Katharina hieher trug, das brachte Clementine dorthin; dazwischen hatte Madame Schoppelmann jeden Augenblick etwas außerordentlich Wichtiges zu berichten und zu erzählen, und dazu mußten nothwendiger Weise die beiden Mädchen Alles stehen und liegen lassen, an das Sopha treten und ihr aufmerksam in die Augen sehen; sonst war es der alten, dicken Frau absolut unmöglich, eine Geschichte mit gehöriger Wirkung zu Ende zu bringen. Wir müssen hiebei gestehen, daß im Aeußeren dieser würdigen Frau eine kleine Aenderung eingetreten war, aber eine Aenderung zu ihrem Vortheil. Sie hatte, trotzdem daß es ein Wochentag war, ihren Sonntagsstaat an und bewegte sich darin mit einer Ungenirtheit, aus der wir zu entnehmen berechtigt sind, als kleide sich die Gemüsehändlerin, seit sie sich in Ruhestand versetzt, immer so sorgfältig, was denn auch wirklich der Fall war. Clementine Strebeling war, wie sie immer gewesen: etwas still, etwas melancholisch, zu Thränen geneigt, stets im Begriff, über die ganze Welt zu seufzen. Doch können wir die Versicherung abgeben, daß sie sich über das Glück ihrer Freundin aufrichtig freute, und daß sich ihr Auge merklich erheiterte, wenn sie sah, wie Katharina so selig und still zufrieden zu sein schien. Selig und still zufrieden, ja, so war das schöne junge Mädchen. Das Bewußtsein ihres Glücks strahlte aus ihren Augen, die sanft geöffneten lächelnden Lippen schienen nur Worte des Glücks, der Liebe sprechen zu können. Verschwunden war die blasse Farbe ihrer Wangen; das Mädchen war frischer und kräftiger aufgeblüht als je, dieselbe liebliche Erscheinung, wie sie zuerst vor unser Auge getreten ist, und doch wieder ganz anders. Sie trat mit einem Gefühle der Sicherheit, des Selbstbewußtseins auf, das ihr damals gefehlt, und dabei zeigte sich hier die Heiterkeit ihres Charakters in seiner ganzen Frische und Liebenswürdigkeit. Sie war so köstlich neckisch und muthwillig, sie ließ sich hier in ihrem leichtgeschürzten Morgenüberrock so zwanglos gehen, daß es eine wahre Freude war. Wir wissen nicht, was ihr in den letzten Tagen Angenehmes begegnet sein mochte; doch war etwas dergleichen vorgefallen, und wir thun vielleicht dem Doktor Wellen kein allzu großes Unrecht, wenn wir glauben, daß er, als er die Staatsräthin besuchte, auch dem jungen Mädchen einen vergnügten Tag wünschte und verschaffte. Bald nahm sich Katharina ernstlich zusammen, um mit Hülfe ihrer Freundin die Kleidungsstücke nach dem Koffer hinzutragen; dann warf sie einen ganzen Arm voll derselben wieder leicht auf einen Stuhl, sprang flüchtig und gewandt über einen der am Boden stehenden Körbe hinweg und umarmte die Mutter, die in solchen Augenblicken Alles anwenden mußte, um ihre Haubenbänder vor dem Zerdrücktwerden zu hüten. »Du bist eine glückselige Kreatur!« sagte Madame Schoppelmann. »Das Reisen ist überhaupt was Angenehmes, namentlich wenn man es unter so glücklichen Verhältnissen wie die deinigen thun kann. Das ist schon was ganz Anderes. – Du lieber Gott! wenn ich noch an die damalige Zeit denke, wo ich deinen Vater, den seligen Schoppelmann, geheirathet und wo wir zu unserem Vetter reisten, vier Stunden von der Residenz, in einem damals sehr schönen Wagen! Es waren zwei Schimmel davor gespannt, und der Kutscher sagte: wahrhaftig, jetzt soll's einmal recht drauf los gehen! Und als ich ihn fragte, wie lange wir zu fahren hätten, da rechnete er an den Fingern und entgegnete: bis nach Bolzheim sind es zwei Stunden – die werde ich wohl in drei ein halb zwingen; dann ist es nach Oberbolzheim wieder ebenso weit – die fahr' ich in zwei ein halb Stunden. Und das that er auch, und es war für die damalige Zeit gar nicht schlecht; – sechs Stunden nach Oberbolzheim, das fährt man jetzt in zwei, und wenn die Eisenbahn fertig ist, in einer halben Stunde, das ist wahrhaftig graulich. Ja, das war damals eine Tagreise, und der Kutscher mit den Schimmeln fuhr die Woche zweimal hin und her.« »Geht unser Weg auch über jenen Ort?« fragte Katharina, und als die Mutter das verneinte, fuhr das junge Mädchen lachend fort: »nun, das ist Schade, sonst hätte ich die beiden Schimmel von Euch gegrüßt, wenn sie mir zufällig begegnet wären.« Jetzt machte aber Clementine alles Ernstes Anstalt, den Wagenkoffer zu verpacken, und als Katharina endlich von ihrem unruhigen Wesen abließ und tüchtig mithalf, war dieses Geschäft in kurzer Zeit beendigt. Nur hatten die beiden Mädchen so viel hinein gedrückt, daß es ihnen unmöglich wurde, den Deckel zu schließen, weßhalb Katharina hinauseilen wollte, um Jakob oder Martin zur Hülfe herbeizurufen. Doch ließ es sich Clementine nicht nehmen, diesen Gang zu besorgen, und flog mit einer erstaunenswerthen Leichtigkeit neben ihrer Freundin zur Thüre hinaus. Katharina blieb stehen und schaute ihr nach, wie sie so dienstfertig die Treppe hinab flog. Dann trat sie in's Zimmer zurück, wandte sich gegen ihre Mutter, und ihre eben noch so lachenden Züge waren ernst und nachdenkend geworden. »Die arme Clementine!« sagte sie; »es ist doch schrecklich, wie man es ihr gemacht, und ich kann Euch wahrhaftig nicht begreifen, Mutter, wie Ihr die Sache so habt können gehen lassen. Nein, das hätte mir untersucht und der Schuldige gestraft werden müssen. So ist es recht in der Welt.« »Es geht aber leider nicht immer in dieser Welt, wie's recht ist,« versetzte Madame Schoppelmann. »Glaube mir, ich habe die Sache hin und her überlegt; die Strebeling hat auch Dummheiten genug gemacht. So muß man sich nicht an den Ersten Besten hinhängen.« »Aber Ihr kennt sie ja,« entgegnete Katharina betrübt. »Es ist ein Unglück, wenn man ein solches Gemüth hat. Aber sie hat geglaubt, da thue sie was Großes und Schönes, wenn sie Jemanden, der sich in Noth befindet, so reichlich und aufopfernd unterstütze, Jemanden, von dem sie sich eingebildet, er liebe sie, und sie liebe ihn auch. Ach, Mutter was thut man nicht, wenn man liebt!« »Das will ich dir zugeben,« sagte Madame Schoppelmann, »Aber von dem hat die Strebeling keine Idee gehabt. Mir ist ein solches Betragen unerklärlich. Nun, sie ist dieses Mal noch glücklich davon gekommen.« »Sie erhielt ihr Geld, wieder?« fragte Katharina. »J–a–a–a!« entgegnete die Mutter in gedehntem Tone. »Sie hat's wieder erhalten; aber wenn sie noch einmal so Streiche macht, da kann ihr Niemand weiter helfen. – Ich habe sie mit mir nehmen wollen, aber sie zieht es vor, in der Stadt zu bleiben, ja sogar in unserem ehemaligen Hause, und die Klingler hat ihr mit Vergnügen die Stube auch ferner gelassen. Mir ist es unerklärlich.« »Und von dem gewissen Müller,« sagte Katharina, »hat man nie etwas vernommen? Man hat wohl nicht nach ihm forschen können, da in den Briefen kein Aufenthaltsort angegeben war?« »Ich glaube nicht, daß er überhaupt existirt hat,« antwortete unmuthig Madame Schoppelmann, und dabei zupfte sie heftig an ihren Haubenbändern. Sprechen wir nicht mehr davon; es ist das eine garstige verdrießliche Geschichte.« Solche Benennungen verdiente dieser Vorfall von Seiten der Gemüsehändlerin auch vollkommen; denn sie hatte die Sache mit ihrem Advokaten überlegt, und dieser hatte ihr gesagt: hören Sie mich genau an, Madame Schoppelmann. Das Geld, welches man bei der verstorbenen Schilder gefunden, und das ohne allen Zweifel der Jungfer Clementine Strebeling gehört, kann von Niemand als von den etwaigen Erben der Verstorbenen reklamirt werden; für die Strebeling ist es verloren, es sei denn, daß diese eine Untersuchung anhängig macht gegen die Schilder und ihre Helfershelfer wegen mittels Betruges verübter Erpressung, und daß man hierauf so glücklich ist, diese Helfershelfer auf die eine oder die andere Art zu entdecken. Hat man sie festgenommen, und sie sind dieses Betruges geständig, so ist es vielleicht möglich – ich sage: möglich – wieder zu dem Gelde zu gelangen, vielleicht auch wahrscheinlich; aber dann müßte die Strebeling augenblicklich als Klägerin auftreten.« Diese Helfershelfer verfolgen hatte nun die in dieser Richtung wirklich unglückliche Mutter aus uns bekannten Gründen nicht gewollt, und obgleich der Polizeikommissär Wunsch auch auf's Heftigste in die Strebeling drang, die zu dieser Untersuchung nöthigen Dokumente, die Briefe des Herrn Müller, beizuschaffen, so war doch dieses schüchterne Wesen nicht dazu zu bewegen; im Gegentheil schnitt sie alle Verhandlungen, im Widerspruche mit ihrer gemachten Angabe, mit der einzigen Erklärung ab, die Schilder sei rechtmäßiger Weise in den Besitz des bei derselben gefundenen Geldes gekommen; sie habe es derselben als eine Schuld zurückbezahlt. Nach allen diesen Vorgängen hatte es aber die Gemüsehändlerin für ihre heilige Pflicht gehalten, der Jungfer Strebeling das Geld zurück zu erstatten. Doch war es sehr schwer, diesen Vorsatz auszuführen. Clementine wollte nun einmal das Opfer ihrer unglücklichen Liebe sein, und sie, die den Herrn Müller für vollkommen unschuldig hielt, was er denn auch in der That war, glaubte noch sehr wenig für diesen vortrefflichen jungen Mann zu thun, wenn sie still für ihn duldete und litt. Es bedurfte auch der ganzen Energie der dicken Frau, sowie einiger List und vieler Ueberredung, um der alten Jungfer begreiflich zu machen, daß das Gericht, welches dergleichen langwierige Untersuchungen herzlich scheue, es für gut befunden habe, ihr die Gelder ohne weiteres wieder zuzustellen. Genug, Clementine hatte, wenn auch mit traurigem Herzen, ihr Kapital zurück genommen; sie wäre ebenso lieb in Armuth geblieben mit dem süßen Bewußtsein, sich für ihre erste Liebe ruinirt zu haben. Ihr Quartier in dem Hause mochte Jungfer Strebeling um Alles in der Welt nicht verlassen. Da saß sie an dem Fenster und blickte hinüber nach dem musikalischen Hause, immer hoffend, daß doch noch an einem schönen Tage wieder einmal die Melodie herüber klinge von der Lotusblume, Die sich ängstigt in der Sonne Pracht. – – Während auf die vorhin beschriebene Art im Stillfried'schen Hause sowie bei Major von Brander zur bevorstehenden kleinen Reise gearbeitet wurde; saß der Justizrath Werner vor seinem Schreibtische, mit Papieren aller Art auf's Emsigste beschäftigt. Er trug Obligationen und andere Werthpapiere in ein Dokument ein, das er nachher mit seiner Unterschrift versah. Neben sich hatte er mehrere andere Papiere liegen; alle aber schienen auf das Ereigniß Bezug zu haben, das seine ganze Seele beschäftigte. Endlich hatte er jene Schriften genugsam durchgesehen und verglichen, und nachdem er sie zuletzt sorgfältig in ein Paket vereinigt, mit einer rothen Schnur umwunden und versiegelt hatte, schrieb er darauf: »Der Baronin von Steinbeck, geb. Stillfried.« Dieses Paketchen legte er vor sich auf den Tisch, und während er den Namen lange und aufmerksam betrachtete, ließ er den Kopf in die Hand sinken, und seinen Geist schienen Träume sehr angenehmer Art zu beschäftigen. Hatte er nicht erreicht, wonach er so lange gestrebt, sah er nicht das ersehnte Ziel dicht vor sich, fast vor ihm stehend, nicht mehr in der Ferne hin und her gaukelnd? – Ja, er hatte sich von der ganzen Welt losgerissen, selbst von ihr, die er seine Freundin nannte. Das Schicksal, die Verhältnisse hatten sie langsam, aber um so bestimmter getrennt. Kleine Schatten, die zuerst in ihr Leben spielten – sie schienen anfänglich von nur vorüberziehenden Wolken herzukommen – hatten sich in ihr Leben festgesetzt und breiteten sich immer mehr und mehr aus zwischen ihnen, und da jeder dieser Schatten floh und zurück wich, so wichen auch die Beiden von einander. Und nicht zu ihrem Unglück. Der Justizrath hatte das seit Jahren gefühlt; er zuckte die Achseln darüber, aber es war ihm nicht einmal unlieb. Er fühlte die Kraft und Macht in sich, jenes Verhältniß festzuhalten, bis er dem Ziele näher gerückt sei, das er sich vorgesteckt, bis er erreicht, wonach er mit aller Kraft der Seele strebte. Nicht, als ob er glaubte, sobald dieses Ziel nun wirklich erreicht sei, habe er das Spiel gewonnen, habe er sich das Herz jenes jungen Mädchens zugewendet, werde sie zu ihm aufblicken in kindlicher Verehrung. Nein, so kühn waren seine Hoffnungen nicht. Aber sie, die man – und das hatte er wohl berechnet – fremd in der Welt stehend erzogen hatte, sollte sich für ihn entscheiden, sollte ihm sein, wonach er so lange vergebens getrachtet, wie eine anhängliche, liebende Tochter. Während er so nachdenklich in seinem Lehnstuhle saß und die Papiere vor sich betrachtete, flogen zuweilen finstere Schatten über sein Gesicht. Seine Augen blitzten unter den buschigen Brauen hervor, denn er dachte an ein anderes ähnliches Briefpaket, nach dessen Besitze er so lange getrachtet, und auch heute noch zuckten seine Finger in die leere Luft, wenn er sich so in den Gedanken daran vertiefte, als wollte er jenes schwarz gesiegelte Paket ergreifen und festhalten. »Pah!« sprach er nach einer längeren Pause zu sich selber, indem er sich empor richtete und mit der Hand über die Stirne fuhr. »Hoffentlich wird es uns gelingen, die Baronin Steinbeck baldigst zu überzeugen, was sie von ihrem – Bruder zu halten hat.« Darauf stand er auf, zog die Klingel, und der alte mürrische Bediente trat herein. »Du besorgst meinen Wagen,« sagte der Justizrath, »auf morgen früh um sechs Uhr. Doch fährt der Postillon vorher auf den Königsplatz Nr. 16, um den Herrn von Steinbeck abzuholen.« Nach diesen Worten verschloß er das Paket Papier sorgfältig in einen Schreibtisch und ging in das Nebenzimmer. Der Bediente zog sich an die Thüre zurück; doch ehe er hinaus ging, schnappte er seiner üblen Gewohnheit nach einmal über die linke Schulter, als wolle er jemanden beißen, der hinter ihm drein schleiche. Neunundfünfzigstes Kapitel. Die handelnden Personen werden zum Schluß dieser Geschichte so gut wie möglich zusammen geführt und Herr Hannibal findet, daß seine Uhr abgelaufen ist. In Schloßfelden hatte sich seit der Abreise des Doktor Wellen allerlei Neues begeben, worunter das Bemerkenswertheste war, daß der junge Bildhauer, den das ganze Dorf kannte und liebte, und von dessen Tode man sich die fabelhaftesten Gerüchte erzählt, plötzlich wieder im Dorfe erschien, wo er von den vielen Leuten, die ihn kannten, auf eine wahrhaft enthusiastische Art begrüßt wurde. Alt und Jung hatte ihn gern: Jedes sagte ihm ein freundliches Wort, das er eben so erwiderte. Eugen, der den ganzen Tag mit ihm verkehrte, gewann ihn mit jeder Stunde lieber. Die Beiden waren unzertrennlich, und es gab nur einzelne Stunden, namentlich auf dem Schlosse droben, wo sie nicht bei einander waren. Der lustige Rath versicherte bei der neuen Bekanntschaft alles Ernstes, er sehe sich veranlaßt, eifersüchtig zu werden, und wolle sich irgendwo im Lande umschauen, wo eine Schulgehülfenstelle frei wurde. So viel ist gewiß, daß Herr Sidel ganz gegen seine frühere Gewohnheit ernster und nachdenkender geworden. Doch können wir dies füglich einem anderen, als dem eben angegebenen Umstande zuschreiben. Er seinerseits suchte ebenfalls die Einsamkeit – so konnte man wenigstens glauben, wenn man ihn zu verschiedenen Stunden des Tages allein nach dem Garten schleichen sah. Doch müssen wir eingestehen, ihm hier Unrecht gethan zu haben; er suchte durchaus nicht die Einsamkeit, und wenn man ihn so beobachtete, wie er hinter Hecken und Bäumen stand, so sah man, daß seine dicken Züge sich plötzlich ganz freundlich und selig gestalteten, wenn er bemerkte, wie die kleine Marie ohne alle Absicht ebenfalls in den Garten kam. Ob der Verwalter droben auf dem Schlosse davon unterrichtet war, daß der junge Bildhauer erstanden sei und sich plötzlich wieder unter den Lebenden zeige, sind wir nicht im Stande, genau anzugeben. Nur so viel ist gewiß, daß er, als er ihm zufällig einmal auf der unteren Terrasse begegnete, ihn nicht wieder zu erkennen schien und überhaupt mit Rosalie nichts über ihn sprach. Es war eigentlich merkwürdig, daß sich der Verwalter jetzt viel weniger um seine Pflegetochter bekümmerte, als sonst, und daß er sie ihre Spaziergange machen ließ, wann und wohin sie wollte. Uns freut es dagegen sagen zu können, daß sie dieses zarte Benehmen auch dankbarlichst vergalt, und daß Alle, sowohl Eugen als seine Schwester und der junge Bildhauer, ihr Möglichstes thaten, um den Augen des alten Mannes in dessen sonderbarer Stellung zu der Herrschaft kein Aergerniß zu geben. Ihre kleinen, wir müssen gestehen, täglichen Zusammenkünfte, hielten sie hinter dem Chor der Kapelle, und da waren sie heiter und lustiger Dinge, die Geschwister, der junge Künstler, meistens auch Herr Sidel und Marie, und blickten in das herrliche Thal hinab, die schönsten Plane für die Zukunft machend. Der würdige Schauspieldirektor, Herr Müller, mit dem großen Holder und dem vortrefflichen Trommler fuhren indessen ohne unsere beiden jungen Künstler fort, die ergötzlichsten Komödien zu spielen. Die Anstrengungen vorbenannter Herren waren natürlich durch den Abgang der beiden anderen Künstler noch ungleich größer geworden; doch hatte Eugen, um dem Direktor diesen Verlust einigermaßen zu ersetzen, für die Dauer ihres hiesigen Aufenthaltes ein sehr schweres Abonnement genommen. Dem unglücklichen Herrn Hannibal ging es dagegen von Tag zu Tag schlechter. Seine Seele war tief betrübt und sein Herz schmerzlich zusammen gedrückt. Die Rolle des Pierrot, die man ihm gewaltsam einstudirt, spielte er zum großen Ergötzen des Publikums. Aber der allgemeine Beifall, der ihn belohnte, war nicht im Stande, sein zerknirschtes Gemüth aufzuheitern. Dabei war auch sein Verhältniß zur blonden Tusnelde ein sehr unangenehmes, man könnte sagen: ein gereiztes geworden. Mit dem Scharfblick des Weibes schien sie entdeckt zu haben, wie Herr Hannibal zu den beiden anderen Herren eigentlich stand, und die Folge davon war, daß, wenn der unglückliche Pierrot die Bretter verließ und wieder zu einem gewöhnlichen Menschen wurde, seine Leiden erst recht anfingen. Da überwachte ihn die dürre Schöne auf Schritt und Tritt; jeder seiner Gänge wurde von ihr erspäht, und als er sich einstmals in einem Anfalle von Verzweiflung, und indem er zu sich selbst sprach, er wolle sich ferner den Teufel geniren um die blonde Schwägerin, unterstand, einem der Dienstmädchen des Hauses gelinde den Hof zu machen, erfolgte eine so schreckliche häusliche Scene mit Ohnmachten und obligaten Krämpfen, daß Herr Hannibal schaudernd dastand und sich selbst die Versicherung gab, er sei einer der unglücklichsten Sterblichen – ein verlorener Mann. Mit welcher Sehnsucht dachte er jetzt zurück an das Haus in der Alleenstraße, und wie fing er an zu begreifen, daß sein Herr, um seine Verräthereien wissend, ihn absichtlich in diese trostlosen Verhältnisse verwickelt! Eugen machte auch kein Hehl daraus und sagte ihm auf seine verzweiflungsvollen Fragen, er halte es in der That für besser, wenn Hannibal das Fach eines Bedienten vollkommen verlasse, um sich ganz zu einem Komiker heran zu bilden. Sogar den Herrn Sidel hatte der unglückliche Joseph flehentlich angegangen, sich für ihn bei dem Herrn zu verwenden. Doch gab ihm dieser nach seiner Manier trocken zur Antwort: »Herr Hannibal, das ist zu spät!« Ein Trost anderer unglücklicher Sterblicher in ähnlichen Verhältnissen: Flucht, ja sogar Selbstmordgedanken, waren es für ihn nicht. Bei beiden schwebte ihm jener uns wohlbekannte Aktenfascikel vor, der lange Arm des Justizrathes Werner und die ewige Gerechtigkeit. Da erhielt eines Tages Eugen ein Schreiben von dem Schloßverwalter, in Folge dessen er eine längere Unterredung mit dem jungen Bildhauer und Herrn Sidel hatte und dann seinen Bedienten vor sich beschied. Hannibal in der Befürchtung, es werde jetzt der Moment gekommen sein, wo er förmlich aus den Diensten seines Herrn entlassen würde, stand tief erschüttert da und wagte es nicht, seine Augen zu erheben. Eugen schritt einigemal im Zimmer auf und ab und blieb endlich, wie es schien, mit teilnehmender Miene vor dem unglücklichen Hannibal stehen. »Du kannst dich,« sagte er nach einer Pause, »nicht über mich beklagen. Du weißt, wie gut ich dich früher gehalten habe, und du weißt auch am besten, wie du mir dafür gedankt. Du hast mich, deinen Herrn, auf's Schändlichste verrathen; es ist wahrhaftig nicht deine Schuld, daß sie mich an jenem Abend nicht todt geschlagen.« Diese Worte bestürzten Joseph auf's Tiefste. Vor seinen Geist trat jener Vorfall mit erschrecklicher Lebendigkeit, und er wußte nur, sich entschuldigend, die Worte zu stammeln: »Aber der Hund, gnädiger Herr!« »Ja, ja, das ist allerdings richtig,« entgegnete ruhig Eugen. »Den Hund hast du auf meine Spur geschickt und hast geglaubt, dadurch deine Schurkerei wieder etwas gut zu machen. Wir wollen auch das Für und Wider hier gar nicht untersuchen, denn aufrichtig gesagt – dein Schicksal dauert mich.« Hannibal erbebte. »Du kannst dir denken,« fuhr Herr Stillfried fort, »daß wir dich nur aus dem einfachen Grunde mitnahmen, um Niemanden in unserem Rücken zu lassen, der unseren Feinden gegen uns helfen könnte. Ja, ich glaubte zu bemerken, daß dir dein schlechtes Benehmen gegen mich leid sei und daß du den Vorsatz gefaßt habest, dich zu bessern.« »Das habe ich auch,« sagte Hannibal unter wirklichen Thränen. Sein Herr hatte noch nie so feierlich mit ihm gesprochen. »Es ist zu spät,« entgegnete dieser. »Ich übergab dich dem vortrefflichen Herrn Müller zur Erziehung und Ausbildung und dachte, du könntest hier in einer untergeordneten, wenn auch sehr ehrenvollen Stellung, dein Brod verdienen. Aber du kannst nicht hier bleiben: dein Schicksal will es anders.« Hannibal horchte hoch auf. »Du hast Anderen eine Grube gegraben – du stürzest selbst hinein. Du hast dich gegen mich mit dem Justizrath Werner verbündet; es ist leider die Geschichte von dem Teufel, von dem man sich nicht einmal mit einem Haar soll erwischen lassen. – Der Justizrath hatte dich reklamirt.« Bei diesen Worten war es, als habe ein Blitzstrahl gerade vor dem getreuen Pierrot eingeschlagen. Seine Knie wankten, sein Auge verdunkelte sich; er faßte nach einer Stuhllehne, um sich zu halten. »Ich weiß nicht, ob du eigentlich zu erschrecken brauchst,« fuhr Eugen fort; »denn ich bin nicht im Klaren darüber, welcher Art deine Verbindung mit jenem Herrn war.« »O, o!« brachte Joseph jammernd hervor. »Vielleicht,« sagte Herr Stillfried, anscheinend mit dem Tone der Ueberzeugung, »erhältst du jetzt deine Belohnung dafür, daß du gegen mich gedient. Thatsache ist, daß dich der Justizrath Werner reklamirt und daß du ihm noch heute Abend ausgeliefert wirst.« »Nie! nie!« rief Pierrot verzweifelnd. »O, haben Sie Erbarmen mit mir!« Eugen zuckte mit den Achseln und antwortete: »Ich kann nichts für dich thun. Wenn du aber klug handeln willst, so befolge meinen Rath und laß dich zu keinerlei Uebereilung hinreißen. Denke zum Beispiel nicht an eine Flucht, man hat die besten Vorsichtsmaßregeln getroffen, dich zu überwachen; zwei Männer sind von der Behörde aufgestellt, dich nicht aus den Augen zu lassen. Verhältst du dich ruhig – desto besser für dich. Willst du ein Aufsehen machen, willst du deine unsichtbaren Wächter veranlassen, dich wie einen Dieb fest zu nehmen? Es ist das ganz deine Sache, dadurch aber wirst du dein Schicksal nicht ändern. – Lebe wohl; sollte ich in die Lage kommen, etwas für dich thun zu können, so soll das doch geschehen, indem ich meinerseits vergessen will, wie du an mir gehandelt.« Hannibal stürzte auf seinen Herrn zu, ergriff dessen Hand und küßte sie, ehe dieser es hindern konnte. Auch wollte er auf die Knie niedersinken, doch zog ihn Eugen kräftig empor und wies auf die Thüre. Hannibal taumelte hinaus. – An demselben Nachmittage saß Frau Rosel wie gewöhnlich vor ihrer Hausthüre; Marie war nicht zugegen; sie nähte vielleicht wieder an einem rothcarrirten Tuche. Eugen trat zu der Wirthin. »Nun, Herr Wellen,« sagte die Frau mit ernster Miene, »jetzt scheint's Ernst da oben werden zu wollen. Sehen Sie auf dem Thurme die blau und weiße Fahne flattern? Es ist schon ziemlich lange her, daß man dergleichen nicht mehr gesehen. Früher waren sie anders, weiß und gelb. Ich bin in der That begierig, wie sich die Geschichte mit dem armen Mädchen entwickeln soll.« »Vielleicht sehr einfach,« meinte Eugen. »Herr Welding,« fuhr Frau Rosel fort, »scheint mir nicht der Mann, der sich sein Mädchen so leicht von einem Anderen wegnehmen läßt. Und das hoffe ich auch!« fuhr sie entrüstet fort, indem sie ihre Hände in die Seiten stemmte; »ich wollte denen da oben zeigen, wo sie her wären! Was meinen Sie, Herr Wellen?« »Da haben Sie ganz Recht,« entgegnete dieser, »vollkommen Recht! Sie sind eine resolute Frau. Was würden Sie zum Beispiel thun?« »Ich?« antwortete die Wirthin; und dabei sah sie ihren Gast an, als wollte sie untersuchen, ob diese Frage ernstlich gemeint sei. »Ich? – Nun, ich wüßte bei Gott schon, was ich thäte.« »Vielleicht weiß er es auch,« sagte Eugen lächelnd. »Fort mit den Beiden!« entgegnete Frau Rosel mit sehr energischem Tone. »Fort, in's Land hinein! So viel können Sie mir glauben, Herr Wellen, meine beiden Rappen sollen heute nicht in den Wald. Angeschirrt sollen sie im Stalle bleiben; und der Heiner versteht sich auf's Fahren. Mehr will ich nicht sagen, aber denken Sie mir daran!« »Ich verstehe Sie vollkommen,« antwortete Eugen lachend, »und danke Ihnen herzlich dafür. Das hat uns noch gefehlt. Aber jetzt, denke ich, soll sich die Sache machen.« »Der Knecht,« fuhr die Frau eifrig fort, »soll einen Brief haben nach Ueberhain, da wohnt meine Nichte – die Frau Pfarrerin. (Das sagte sie mit sehr stolzem Tone.) Dahin kann's gehen, was die Pferde laufen können. Aber verstehen Sie mich recht, auch nur dahin. Sagen Sie das Herrn Welding; der Heiner wird sie in's Pfarrhaus führen, aber um keine Welt anders wohin. Er geht in's Wirthshaus zum goldenen Anker; das ist abgemacht.« Damit fuhr die Frau, zufrieden lächelnd, mit ihren beiden Händen über ihre Schürze herab. »Ich muß Sie noch um Eines bitten,« sagte Eugen. »Die Wagen der – Herrschaften aus der Stadt werden wohl hier an dem Gasthofe halten, ehe sie hinauf fahren?« »Wie gewöhnlich, sie nehmen da Vorspann,« entgegnete Frau Rosel. »Richtig!« fuhr Eugen fort. »Nur sorgen Sie mir dafür, daß von Ihren Leuten Niemand über unsere Anwesenheit spricht. Es könnte das ganz zufällig geschehen, ist aber sehr unnöthig. Außer den Schauspielern sind keine Fremden da.« »Versteht sich!« antwortete die Frau. »Es soll mir Jemand das Maul aufthun! und der Marie will ich es selbst sagen.« »Die weiß es schon durch den Herrn Müller, meinen Kollegen,« sagte Eugen lächelnd, worauf ihn die Frau forschend ansah und mit einigermaßen ungeduldigem Tone zur Antwort gab: »So? – Die weiß es schon? Na, von mir kann sie's auch noch hören.« Bei einbrechendem Abend kam auch wirklich einer der erwarteten Wagen in Schloßfelden an. Es war die Equipage des freiherrlich von Brander'schen Ehepaars, eine alte Kalesche, mit Extrapostpferden bespannt, und der Postillon, der nicht anders glaubte, als er fahre einen hohen Beamten des Nachbarstaates – denn der Major hatte seinen Degen und sein Hutfutteral auf den Rücksitz gelegt – war den Anderen um eine halbe Stunde vorausgeeilt. Der Major stieg einen Augenblick aus dem Wagen, trampelte hin und her, um seine Beine gelenkig zu machen, und blickte an den Bergen in die Höhe. »Auf Ehre, ein holperiger Weg!« sagte er zur Frau Rosel, die grüßend vor ihn trat. »Ist das Schloß weit von hier?« »Ungefähr eine halbe Stunde,« entgegnete die Wirthin, »dort auf der Höhe des Berges. Ich bitte, nur einen Augenblick zu verziehen; man spannt ein Pferd vor, und die Leute vom Schloß zünden ihre Fackeln an.« »Schön!« sagte der Major, dann trat er an den Wagenschlag. »Meine Beste,« sprach er hinein, »wir sind hier in Schloßfelden und müssen einen verflucht steilen Berg hinauf, ziemlich gefährlich, wie mir scheint. Aber wir haben Fackelbeleuchtung – dort kommen sie schon.« »Ah, Fackeln!« sagte Rosa Immergrün mit zarter Stimme. Der rothe Schein derselben erschien ihr in der finsteren Nacht außerordentlich poetisch. Der Major stieg wieder ein, und der Wagen rollte den Berg hinan. Sämmtliche Bewohner der wilden Rose, Hausleute und Fremde, hatten sich an den Fenstern und Thüren eingefunden, und so war es Eugen möglich, verborgen da zu stehen und auf den zweiten Wagen zu warten. Und er that das mit hochklopfendem Herzen. Endlich sah man zuerst an der Bergwand zur Seite Laternen blitzen, deren Schein sich langsam in das Thal hinab bewegte. Jetzt erschienen sie auch am Ende der Straße, dann rasselte der Wagen auf dem Pflaster, und jetzt hielten die vier Pferde dampfend vor dem Wirthshause. Es war das Coupé der Staatsräthin. Die Leute des Wirthshauses, Bewohner aus dem Dorfe, die Fackelträger vom Schlosse drängten sich neugierig um den Wagen, um die neue Herrin des Schlosses zu sehen. Die Staatsräthin hatte sich in die Kissen zurückgelehnt; Katharina dagegen blickte mit ihren großen, glänzenden Augen freundlich überrascht auf das seltsame Getreibe. Noch in späteren Jahren gestand Eugen gern, dieses sei einer der glücklichsten Augenblicke seines ganzen Lebens gewesen. Wie hatte er das geliebte Mädchen verlassen! In ihrem kleinen Zimmer, in ihrem einfachen Anzuge, in einem Augenblicke, wo sie gewaltsam von einander gerissen wurden, und wo es eines Wunders bedurfte, um die entsetzliche Kluft zu überbrücken, die sich, mit Blut gefüllt, vor ihren Augen aufthat! Und jetzt war dieses Wunder geschehen, jetzt sah er sie wieder, in den weichen Kissen eines eleganten Wagens, schöner als je, von der Güte und Liebe der eigenen Mutter reich geschmückt, wie eine Fürstin. Fieberhaft klopften ihm alle Pulse, und Herr Sidel, der neben ihm stand, mußte ihn gewaltsam zurückhalten; er war im Begriff, an den Wagen zu stürzen und laut hinaus zu rufen: »Hier bin ich, Katharine, mein angebetetes Mädchen, meine geliebte Braut!« Da zogen die Pferde an, und der Wagen, mit Fackeln umgeben, verschwand zwischen den Häusern und bewegte sich in dem rothen, zitternden Schein unter den Bäumen hinweg langsam den Berg hinan. Sobald der Wagen verschwunden war, eilte Eugen zur Hinterthüre des Gasthofes hinaus, ein Diener des Schlosses führte ihm ein Pferd vor, auf das er sich warf und das er eilig zum Hofthore hinaus lenkte. Eben fuhr der dritte Wagen vor dem Hause an; zwei Herren saßen in demselben, ein älterer und ein jüngerer; das Verdeck dieses Wagens war zurückgeschlagen. Eugen warf einen finsteren Blick rückwärts, einen Blick des Hasses; doch fuhr gleich darauf ein leichtes Lächeln über seine Züge. Er wandte sein Pferd gegen den Berg und sprengte im Galopp dem zweiten Wagen nach. Es war gegen das Ende des Monats Oktober, und wenn auch die Tage klar, freundlich und angenehm waren, die Nachmittage heiter und warm, so wurde es doch gegen Abend frostig; die Nebel stiegen feucht und kühl auf, und die Sterne, die an dem dunkeln Nachthimmel funkelten, konnte man alsdann nur mit Behaglichkeit aus einem wohlgewärmten Zimmer anschauen. Der Verwalter droben im Schlosse hatte die nöthigen Zimmer zum Empfang der Gäste der Jahreszeit gemäß auf's Wohnlichste einrichten lassen; alle waren leicht durchwärmt, und einen großen Salon, in dem mittleren Flügel gelegen, hatte man zum Versammlungsort für die Gesellschaft bestimmt. Dieser Salon, im alten, gediegenen Geschmack, war durch die vielen dunklen Holzschnitzereien, mit denen der Plafond und ein Theil der Wände bedeckt waren, am Tage etwas dunkel; ja sogar Abends bei dem Lichte zahlreicher Kerzen und Lampen wichen die finsteren Schatten kaum aus den Ecken dieses Gemachs und setzten sich auf's Hartnäckigste fest in den tiefen Fensternischen, vor denen violettsammt'ne Vorhänge herabhingen. Trotzdem aber war dieses Zimmer nicht unfreundlich zu nennen, und namentlich, wenn wie jetzt in dem weiten, mannshohen Kamine große Scheiter Holz lustig brannten, gab es um dieses Feuer herum in den großen Lehnsesseln so angenehme Plätze, als man sich nur wünschen konnte. Der Justizrath Werner hatte sich nicht lange in seinem Zimmer aufgehalten; er hatte nur seinen Mantel abgeworfen und war nach dem Salon geeilt, wo er nun, mit seinen Gedanken beschäftigt, bald auf und ab schritt, bald einen Augenblick in die durch einander spielenden Flammen des Kamins blickte, bald auch an eines der Fenster trat und in die Gegend hinausschaute. Die weite Landschaft lag noch ziemlich dunkel; nur ein Theil der gegenüberliegenden Berge und des Thales wurde von dem eben aufsteigenden Monde beleuchtet. Ein herbstlicher Wind hatte sich aufgemacht, der namentlich hier auf der Höhe fühlbar durch die Zweige der Bäume sauste und zuweilen heulend um die scharfen Ecken des Schlosses herumfloh. Wenn der Justizrath einen Augenblick durch das Zimmer geschritten war, so blickte er aufmerksam nach der Thüre: er erwartete den alten Verwalter, nach dem er schon mehrere Male vergeblich geschickt. Dieser hatte die Gäste an der Thüre bewillkommt, dann war er verschwunden. Jetzt näherten sich Schritte dem Salon; die Thüre wurde geöffnet. Es war der Major von Brander, der mit seiner Gemahlin eintrat. Dieser konnte sich nicht günstig genug aussprechen über die wohnliche, ja fast prächtige Einrichtung des Schlosses, über die angenehmen Zimmer, die man ihm angewiesen. »Und wie ist die Lage so reizend!« sagte die Majorin. »Ich freue mich unsäglich auf morgen früh. Das Erwachen so hoch über der Sphäre der ganzen anderen Menschheit, der Blick von hier in die erwachende Natur muß göttlich sein! Vorhin blickte ich zu meinem Fenster hinaus; vor demselben zwischen dichten Bäumen liegt eine kleine Kapelle, die von dem aufsteigenden Monde mit einem Streiflicht versilbert ward. Ich versichere Sie, ein himmlisch schöner Anblick!« »Es ist die Schloßkapelle,« antwortete kurz der Justizrath, indem er der Schriftstellerin einen Sessel anbot. »Im Sommer muß es hier auf Ehre göttlich sein!« sprach der Major, der sich in Uniform geworfen hatte und, vor dem Kamine stehend, mit Vergnügen sah, wie die Flammen des Feuers sich an seinen Knöpfen, seinen Epaulettes und seinen kleinen Orden wiederspiegelte. »Wenn man das ruhig genießen kann, allerdings,« sagte seufzend Rosa Immergrün. »So ein kleines, behagliches Stillleben hier wäre meine höchste Seligkeit.« »Herr von Steinbeck,« antwortete der Justizrath mit einem erzwungenen Lächeln, »wird gewiß ein gastliches Haus machen und erfreut sein, so angenehme Gesellschaft bei sich zu sehen.« Dabei verbeugte er sich gegen die Majorin. »Glauben Sie in der That, daß der junge Mann hier bleiben wird?« fragte der Major. »Und warum nicht!« entgegnete rasch der Justizrath. »Fräulein Stillfried liebt das Landleben.« »Aber der Zukünftige,« fuhr der Major lachend fort, »findet hier keines seiner gewöhnlichen Amüsements. Da gibt's keine Assisen, keine Paraden, keine abfahrenden und ankommenden Eisenbahnconvois; – er wird sich langweilen.« »Pah!« sagte der Justizrath. »Wenn man einmal eine Frau hat, denkt man nicht mehr an dergleichen Kleinigkeiten.« Sechszigstes Kapitel. Berichtet von einer seltsamen Abendunterhaltung, von der Vernichtung eines wichtigen Gegenstandes, und zeigt wie der Erzähler alles Mögliche thut, um den geneigten Leser zufrieden zu stellen. Damit öffnete sich die Thüre, und Herr von Steinbeck trat ein. »Der Wolf in der Fabel!« rief lachend die Majorin dem jungen Mann entgegen. »Wir sprachen so eben von Ihnen.« Herr von Steinbeck hatte eine sehr hübsche Toilette gemacht; blauer Frack mit weißer Weste; er trug strohgelbe Handschuhe und hatte Hut und Stock in der Rechten. Ohne diese beiden für ihn nothwendigen Dinge – Hut und Stock nämlich – wagte er sich in keine Gesellschaft. Nur durch ihre Hülfe gelang es ihm, seine Hände auf eine halbwegs ungezwungene Art mitnehmen zu können und überhaupt durch einen Salon zu steuern. Er war der Baronin sehr dankbar für das Wort, das sie ihm entgegen warf, denn er konnte sich daran festklammern und lachend zum Kamin gelangen, wo er sich augenblicklich neben der Majorin Rückhalt und Stützpunkt suchte. »Wir bedauerten Sie vorhin,« wiederholte der Major mit einem freundlichen Lächeln; »Sie Aermster, der auf diesem prächtigen Schlosse künftig seine Sommer zubringen soll! Ich sagte, Sie würden es hier nicht aushalten, und ich bin wenigstens davon überzeugt, daß Sie es nicht über sich gewinnen werden, die Eröffnung und den Schluß der großen Assisen zu versäumen.« »Das ist freilich für mich sehr interessant,« antwortete der junge Mann. »Nun, dann läßt man eben einspannen und fährt hinüber. Das ist bald geschehen.« Der Justizrath, der nicht auf dieses Gespräch zu hören schien, blickte jeden Augenblick nach der Thüre. Der alte Verwalter erschien immer nicht. Endlich ging er selbst hinaus, um wenigstens nach dem Bedienten zu sehen, der ebenfalls noch nicht zurückgekommen. »Fräulein von Stillfried wird bei der Toilette sein,« sagte die Majorin nach einer längeren Pause. »Ich freue mich recht sehr, das liebe Kind kennen zu lernen. Sie ist schön?« Bei diesen Worten sah sie ihren Gemahl fragend an. »Ja, sie soll ein hübsches, wohlerzogenes Mädchen sein,« entgegnete der Freiherr von Brander, indem er seinen Degen etwas nach hinten schob. »Ich könnte Sie darüber fragen, Herr von Steinbeck,« fuhr die Majorin fort; »aber ein Bräutigam hat kein richtiges Urtheil.« »Ein Verliebter, wollten Sie sagen,« versetzte der junge Mann lachend und glaubte, etwas sehr Gescheidtes gesagt zu haben. Der Major sah seine Frau bedeutsam an und hustete leicht. »Von der Mutter finde ich es eine hochpoetische Idee,« sagte hierauf Rosa Immergrün, »Verlobung und Hochzeit auf diesem einsamen Schlosse hier feiern zu lassen.« »Ja–a–a,« meinte trocken Herr von Steinbeck. »So abgeschieden von der Welt, nur sich selbst lebend, es ist das ein glücklicher Gedanke.« »Poetisch vielleicht,« erwiderte der junge Mann, »auch feierlich; aber nicht freundlich und angenehm.« Dabei sah er sich wie ängstlich in dem Gemache um. »Unter uns gesagt, das Schloß scheint mir so ein finsteres, altes Gebäude, und als wir vorhin über die breiten Gräben und die Zugbrücke fuhren, durch das dunkle Thor hinein, da kam es mir gerade vor, als würde ich in's Gefängniß gebracht.« »Ja, mein Lieber,« sagte der Major mit einem forcirt lustigen Tone, »die Ehe ist immer eine Art Gefängniß.« »Pfui!« machte Rosa Immergrün mit tiefer Entrüstung. »Nein, Scherz bei Seite!« antwortete der junge Mann, indem er eine entschlossene Haltung anzunehmen versuchte. »Mir thut es wahrhaftig leid, daß ich nachgegeben habe und hieher gegangen bin. Ich weiß nicht, aber ich komme mir wie ein Opfer vor, das man zu einer Schlachtbank führt.« Die Majorin lachte laut hinaus. »Ja, lachen Sie nur, gnädige Frau, es ist doch wahr. Wir sind ja unter uns und können darüber sprechen. Zu sehr unter uns! Warum läßt man uns hier allein? Das hätte eigentlich schon ein anderer Empfang sein müssen; da mögen Sie sagen, was Sie wollen, es ist traurig und trostlos. Mir kommt es vor, als sei hier nicht Alles in Ordnung.« »Oh – oh!« entgegnete der Major. »Wer wird immer Gespenster sehen, lieber junger Freund?« »Danken Sie Gott,« fuhr Herr von Steinbeck fort, »wenn Ihnen nicht auch heute Nacht dergleichen begegnet. Das kann ich Sie versichern, bester Major: ich habe mich zu dieser Heirath engagirt, das ist wahr; aber meine Augen behalte ich offen, und wo mir etwas nicht ganz in der Ordnung erscheint, da werde ich sprechen. Sie können sich darauf verlassen.« »Herr von Steinbeck ist ein leicht erregbares Gemüth,« sagte Rosa Immergrün. »Er läßt sich gerne durch äußere Eindrücke regieren; und darin muß ich ihm schon Recht geben: dieses Gemach, so altehrwürdig es aussieht, paßt eher zu einem ernsten Geschäft, als zum lustigen, heiteren Fest einer Verlobung.« »Ja–a–a,« erwiderte der junge Mann, indem er abermals umherblickte. »Es sieht gerade wie zum Testamentmachen aus.« In diesem Augenblicke trat der Justizrath wieder in das Zimmer, und man hörte noch, wie er unter der Thüre einem Bedienten nachrief: »ich finde das unbegreiflich – er soll augenblicklich hierher kommen!« Der Major warf seiner Gemahlin einen einigermaßen bekümmerten Blick zu. »Tausendmal bitte ich Sie um Entschuldigung!« sprach der Justizrath hinzutretend mit einer sichtlich erzwungenen Freundlichkeit. »Das Gebäude hier ist so weitläufig; die Zimmer liegen so weit von einander; die Staatsräthin muß von der Reise etwas angegriffen sein. Aber ich hoffe, sie wird im Augenblick erscheinen.« »Sie wird bei ihrer Tochter sein; ich finde das sehr begreiflich,« sagte die Majorin. »Ein Wiedersehen nach so langer Zeit! Das versteht Ihr nicht, meine Herren.« »Wenn ich morgen früh die Ehre habe, Ihnen das Schloß zu zeigen,« fuhr der Justizrath mit einem anscheinend sehr ruhigen Tone fort (doch verwandte er kein Auge von der Thüre), »so werden Sie erstaunen, wie groß, aber vortrefflich erhalten es ist.« »Aber – die Zimmer scheinen sehr dunkel,« antwortete Herr von Steinbeck, »nicht recht wohnlich.« Der Justizrath sah ihn fragend an. »Wenigstens dieses hier. Liegt an dem dunkeln Täfelwerk oder an der Höhe dieses Gemachs die Schuld – ich weiß nicht, es ist ein Bischen frostig.« Der Major räusperte sich sehr laut. »Sie haben nicht Unrecht,« antwortete der Justizrath, »was dieses Zimmer anbelangt, und ich begreife auch nicht, warum der Verwalter diesen Salon gewählt. Sie werden sich aber morgen überzeugen, es sind hier sehr behagliche, freundliche Wohnungen.« »Unsere Zimmer zum Beispiel,« fiel ihm der Major eifrig in's Wort, »die sind comfortabel, ja glänzend.« »Und – Fräulein Stillfried,« fragte der junge Mann den Justizrath, ohne ihn dabei anzusehen, »wird vielleicht bald erscheinen? Vielleicht hier? Oder werden wir der jungen Dame in ihrer Wohnung unsere Aufwartung machen dürfen?« »Wie ungeduldig!« rief der Major aus. »Ja, diese jungen Leute!« Dabei wollte er lachen, aber er brachte es nur zu einem komischen Grinsen. Draußen auf dem Gange hörte man Schritte, die sich eilig näherten. Der Verwalter erschien auf der Schwelle, blaß, verstört. Er schien hastig in's Zimmer eintreten zu wollen; doch als er die fremden Herrschaften sah, blieb er bestürzt an der Thüre stehen. »Ah!« stieß er hervor und fuhr sich mit der Hand über die Augen. Der Justizrath blieb eine Sekunde wie festgebannt vor ihm stehen. Dann aber sagte er in sehr strengem Tone und wie vergessend, daß er nicht allein sei: »vier Mal habe ich vergeblich nach Ihnen geschickt; ich begreife dieses Betragen nicht. Warum lassen Sie sich gerade heute an Ihre Pflicht erinnern?« »Das sind schreckliche Dinge, die mich sie vergessen ließen,« antwortete der alte Mann mit zitternder Stimme. »Fräulein Rosalie –« »Was ist geschehen?« rief der Justizrath, sich vergessend. Doch erst, als die Anderen vom Kamin herbeieilten und diese Frage wiederholten, und als Herr von Steinbeck mit scharfem Tone hinzusetzte: »was ist mit Fräulein Stillfried?« raffte sich Herr Werner zusammen und wandte sich lächelnd mit den Worten um: »o, gewiß nichts, was Sie beunruhigen kann; irgend eine unbedeutende Kleinigkeit wird den alten Herrn erschreckt haben. Verzeihen Sie nur einen Augenblick!« Damit ging er hastig nach der Thüre und wollte den Verwalter mit sich hinaus auf den Gang ziehen. Herr von Steinbeck trat ihm in den Weg. »Verzeihen Sie,« sagte dieser, »ich halte es für mein Recht, ja, für meine Pflicht, Sie zu bitten, die Botschaft des alten Mannes in unserer Gegenwart zu hören. Fräulein Stillfried, um die es sich zu handeln scheint, steht mir schon so nahe, daß ich wohl darnach fragen darf, was mit ihr vorgefallen. Daß die Botschaft, welche jener Herr Ihnen überbringen wollte, auf keinen Scherz, auf keine Ueberraschung hinaus läuft, dafür, glaube ich, bürgt das zerstörte Aussehen desselben, und eine Kunde schlimmer Art glaube ich, wie schon gesagt, anhören zu dürfen.« Der Justizrath hatte den unberufenen Sprecher anfänglich lächelnd und überrascht angeschaut. Bald aber verschwand die Freundlichkeit von seinem Gesichte, und es lagerte sich ein finsterer Ernst darüber. Er war im Begriffe, den jungen Mann über diese Einmischung scharf zurecht zu weisen, blickte aber vorher auf den Freiherrn von Brander, um dessen Zustimmung gewiß zu sein. Der Major aber machte ein ziemlich verlegenes Gesicht und zuckte die Achseln. Herr von Steinbeck schien sich seiner eigenen Festigkeit zu freuen, mit der er aufgetreten war, und da ihn der Justizrath, einigermaßen zurückgehalten durch die Pantomime des Majors, nicht augenblicklich mit seiner scharfen und gewaltigen Zunge niederschlug, so wandte sich der junge Mann keck an den Verwalter und sagte zu ihm: »lassen Sie hören, was Sie Schreckliches auf dem Herzen haben. Wir gehören, so zu sagen, mit zur Familie und glauben jetzt schon ein Recht zu haben, nach wichtigen Vorfällen in derselben zu fragen.« Den Justizrath hatte eine seltsame Angst erfaßt, welche den Zorn über das Benehmen des Herrn von Steinbeck überwog. Sein Auge hing an dem Munde des alten Mannes, und als ihn der Major beschwichtigend bei der Hand ergriff, die er krampfhaft zusammen geballt, sagte er nach einem tiefen Athemzuge mit kaum vernehmlicher Stimme: »so reden Sie.« »Fräulein Rosalie« – sagte der Verwalter; »Fräulein Rosalie« – wiederholte er. »Was ist mit ihr?« »Sie ist fort – entflohen.« »Barmherziger Himmel!« rief der Justizrath und wollte an dem Verwalter vorbei nach der Thüre stürzen. Der Major hielt ihn zurück. Rosa Immergrün war mit einem lauten Schrei in ihren Fauteuil gesunken, dem sie sich, etwas Aehnliches voraussehend, langsam wieder genähert hatte. Herr von Steinbeck trat mit einem lauten: »Ah!« einen Schritt zurück. »Entflohen!« – sagte abermals der alte Mann, indem er sich an den Justizrath wandte, der dicht vor ihm stand und ihm wie verwirrt in's Auge sah. »Entflohen – heute Abend entflohen, wahrscheinlich kurz, ehe die Wagen in den Schloßhof gefahren sind. Eben vorher habe ich sie selbst noch gesehen.« Der Justizrath kämpfte gewaltsam mit sich selbst, um im Äußeren seine Fassung wieder zu erlangen. Wenn er auch gleich darauf wieder ruhig sprach, so sah man doch deutlich an seinen zuckenden Lippen, an der Todtenblässe, die sein Gesicht überzogen, welch' furchtbarer Kampf diesen harten Mann im innersten Herzen durchwühlte. Er hatte darauf die Kraft, sich mit einem halben Lächeln gegen Herrn von Steinbeck umzuwenden – denn es fiel ihm ein, daß er hier nicht mehr als den Geschäftsmann der Staatsräthin vorstellen dürfte – um dem jungen Manne zu sagen: »das ist ein merkwürdiger Fall. Man muß es vorderhand der unglücklichen Mutter verschweigen.« »Freilich ein höchst merkwürdiger Fall!« entgegnete Herr von Steinbeck in scharfem Tone, indem er sich an den Verwalter wandte. »Man müßte doch eine Ahnung davon haben, wohin Fräulein Stillfried entflohen ist, ob allein, ob – in Gesellschaft.« Der Justizrath warf ihm für diese Frage einen Blick des tiefsten Hasses zu. »Was ich thun konnte,« sagte der alte Mann, »das ist geschehen. Ich schickte augenblicklich Leute hinab in's Dorf und auf verschiedenen Wegen fort, die von dem Schlosse in's Land führen; doch erhielt ich bis jetzt keine Nachricht. – Aber wenn ich recht höre, so kommt Jemand eilig den Gang daher.« So war es denn auch; man sah einen der Jäger des Schlosses hastig den langen Korridor herab kommen. Der Verwalter wollte ihm entgegen gehen, doch bat ihn Herr von Steinbeck, den Boten eintreten zu lassen. »Denn auch uns ist es interessant,« sagte er mit Betonung, »von diesem Unglücke etwas Näheres zu vernehmen.« »Es ist so, wie wir alle geglaubt,« sprach der Jäger athemlos. »Einer von der Bande ist aufgegriffen worden und wird so eben daher gebracht.« »Einer von der Bande?!« rief die Majorin. »Das ist ja erschrecklich! Sind wir von Räubern umgeben? – Ist das arme Mädchen geraubt worden?« »Das nicht,« antwortete der Jäger. »Vom Rauben kann keine Rede sein.« »Es kann kein Raub sein,« sagte der alte Mann. »Und wer ist die Bande?« fragte athemlos der Justizrath. »Reisende Schauspieler,« entgegnete der Jäger. »Bravo!« rief Herr von Steinbeck laut hinaus. »Mit reisenden Schauspielern ist Fräulein Stillfried davon gegangen?« Der junge Mann hatte sich durch dieses unbedachtsame Wort, das er so leichtsinnig hinaus stieß, während die Anderen in starrem Entsetzen da standen, unbewußt in große Gefahr begeben. Der Justizrath überlegte eine Sekunde, ob er ihn mit der geballten Faust niederschlagen solle. Der Jäger blickte verwundert und entrüstet in die Höhe, und aus den Augen des alten Verwalters fuhr ein Blick voll Grimm und Wuth. Nur einen Augenblick tobte dieses Gefühl der Rache im Herzen des Justizrathes. Dann schien ihn seine Kraft völlig verlassen zu wollen; er fuhr mit der Hand über die Stirn, ließ sie dann langsam herabsinken und verbarg sie, krampfhaft zusammengepreßt, an seiner Brust; seine Knie wankten – er bedurfte fast übermenschlicher Anstrengung, um sich aufrecht zu erhalten. Wieder hörte man Schritte im Gange. »Dort bringen sie Einen, den sie erwischt,« sagte der Jäger und machte an der Thüre Platz. Es waren zwei Männer vom Dorfe, die daher kamen und zwischen ihnen ging ein Mensch mit zögernden Schritten und gesenktem Haupte. Die Beiden kamen vor die Thüre und schoben alsdann ihren Gefangenen in das Zimmer hinein. Dieser zeigte sich nun auf diese Art plötzlich in dem helleren Lichte des Gemaches. Der Justizrath war ihm entgegen gestürzt, prallte aber wie vor etwas Entsetzlichem, wie vor einem Gespenste zurück, als er in Joseph's ihm nur zu bekanntes Gesicht blickte. Hatte all' das Fürchterliche, was ihn heute Abend Schlag auf Schlag getroffen, vernichtend und wieder belebend auf ihn gewirkt, oder war es, daß beim Anblick dieses Dieners die Gedanken des Justizrathes plötzlich eine andere Richtung nahmen, genug, nach dem ersten Augenblicke, der ihm einen Schrei tiefer Wuth erpreßte, richtete er sich empor und hatte die Kraft, mit ruhiger Stimme zu sagen: »diesen Menschen kenne ich; ich muß ein förmliches Verhör mit ihm anstellen.« Dann wandte er sich an Herrn von Steinbeck und sprach mit einem bitteren Lächeln, das von einer Verbeugung begleitet war: »Leider werden Sie genug gehört haben, so genug, daß das Nähere dieses unglücklichen Falles Ihnen vollkommen gleichgültig sein kann. Ich bitte deßhalb, mich allein zu lassen.« Zum Verwalter sagte er hierauf: »Lassen Sie den Herrschaften nach ihren Zimmern leuchten.« Der Major reichte dem Geschäftsmanne der Staatsräthin mit einem wehmüthigen Blicke die Hand und bot darauf seiner Gemahlin den Arm. Herr von Steinbeck dagegen, im Gefühl des großen Unrechts, welches man an ihm begangen, setzte noch, ehe er die Schwelle überschritt, seinen Hut auf und sagte zu einem der Bedienten, die mit herbeigeeilt waren: »ich danke für ein Zimmer; man leuchte mir nach irgend einem Wagen, der wohl zu erhalten sein wird.« Nachdem sich die Thüren geschlossen, blieb der Justizrath mit Joseph allein. Letzterer stand scheu und ängstlich an der Thüre, Ersterer war nach einem Sessel gegangen und sank, fast zusammenbrechend, auf denselben nieder. Er hätte so dringend der Ruhe bedurft; doch schreckten fürchterliche Gedanken seine Sinne empor, und er rief in fieberhafter Aufregung: »Mensch, wo kommst du her? – In welcher Verbindung stehst du mit dieser unglücklichen Geschichte?« Joseph, der nicht wußte, was er antworten sollte, schwieg still. »Du bist bei einer Schauspielertruppe?« »Ja.« »Und wo ist dein Herr?« »Er war auch hier.« »Gerechter Himmel!« schrie der Justizrath und sprang empor. »War dein Herr – Eugen Stillfried – oftmals hier oben auf dem Schlosse?« »Ja, Herr Justizrath.« »Sah er die Tochter des Verwalters?« »Ich glaube so.« »Nein! nein! das wäre zu fürchterlich! – Und doch muß es so sein! – Der Bruder hat seine eigene Schwester entführt!« Diese Worte schrie er mit lauter und gellender Stimme. Dann sank er zusammen, stürzte in den Sessel zurück und verbarg sein Haupt in beide zitternde Hände. – – So saß er eine Zeit lang, und nur zuweilen hob ein tiefer Seufzer die Brust, nur zuweilen stieß er einen Schrei des Schmerzes aus. Dabei hörte er nicht, was um ihn her vorging; er sah nicht, daß sich die Thüre langsam geöffnet, daß eine Hand den Arm des Bedienten gefaßt und diesen in den Gang zurückgezogen hatte, daß Eugen Stillfried dafür eingetreten war und nun unter der Thüre stand und regungslos, mit untergeschlagenen Armen, auf den zusammengesunkenen Mann blickte. Als dieser sich nach einer längern Pause wieder langsam ermannte, zuerst die Hände von dem Gesicht herabsinken ließ, dann nach einer Weile sein Haar von der Stirn zurück strich und den Kopf in die Höhe wandte, da riß er seine Augen weit auf und starrte nach der Thüre, als sähe er dort ein Gespenst. Er erhob sich darauf langsam von dem Sessel, und die beiden Männer, die sich so tief haßten, standen sich einige Augenblicke schweigend gegenüber. Es war eine fürchterlich lange und peinliche Pause. Mehrmals fuhr der Justizrath empor, als wollte er sich auf seinen Feind stürzen; doch hielt er sich immer zurück. Endlich aber schrie er laut hinaus: »So ist es denn wahr, Unglücklicher! du hast deine eigene Schwester entführt?« »So scheint es,« sagte Eugen ruhig. »Und da ich das zufällig erfahren, so bin ich zurückgekommen, um darüber mit Ihnen ein wenig abzurechnen.« »Mit mir?« »Mit Ihnen, der unermeßliches Weh über unser Haus gebracht, und der noch tausendfache Schande hinzugefügt hätte, wenn nicht der gute Gott ein Einsehen gehabt und Alles zum Besten gelenkt.« »Du hast deine Schwester entführt!« »So that ich. Wußte ich, daß es meine Schwester war? – Wer hat es mir verheimlicht seit langen Jahren? – Wer hat den Unfrieden in unser Haus gesät? – Wer hat Mutter und Kinder von einander gerissen, daß sie theils in immerwährendem Hader lebten, theils sich gar nicht kannten, und daß dieses Unerhörte geschehen mußte, was hier geschehen?« »Die eigene Schwester! – Und du selbst kommst hierher, um mir dieses Entsetzliche zu sagen, mir die fürchterlichen Vorwürfe zu machen? Du selbst bist Schuld, nicht ich!« »Ich bin gekommen, um Ihnen gerechte Vorwürfe zu machen,« entgegnete Eugen, »um wahr und offen mit Ihnen zu sprechen, wie Sie es mit mir nie gethan. – Sie glauben, ich habe meine Schwester entführt, ich habe sie also unnatürlicher Weise geliebt? Es wäre das leicht möglich gewesen. Sie thaten nichts, um dergleichen zu verhindern.« »Es ist geschehen!« rief der Justizrath schmerzlich und verbarg das Gesicht abermals in seine beiden Hände. »Gott steh' mir bei!« »Gott – stand Ihnen bei,« sagte Jener nach einer Pause mit weicherer Stimme. – »Und er sei gepriesen dafür, daß so Schreckliches – nicht geschehen.« »Nicht geschehen?« rief der Justizrath emporspringend. »Nicht geschehen? Sie entführten Ihre Schwester nicht?« »Ich habe sie entführt, allerdings,« antwortete der junge Mann. »Aber ich that es, weil ich wußte, daß sie meine Schwester sei; ich that es, um sie vor namenlosem Elend zu bewahren, das Sie ihr zu bereiten im Begriffe waren, Sie – ihr natürlichster Beschützer.« »Sprechen Sie wahr?« rief der Justizrath und machte ein paar hastige Schritte gegen Eugen, während seine Augen feucht wurden und eine ungewohnte Thräne in denselben zitterte. »O, dann kann Alles gut werden!« »Zwischen uns ist nichts gut zu machen,« sagte finster der junge Mann. »Ich habe meine Schwester gefunden; ich werde sie festhalten; ich werde sie zu schützen wissen, vor Jedem; auch vor Ihnen!« »Und meine Rechte?« »Ah, Sie haben Rechte?« sprach Eugen mit einem bitteren Lachen. »Leider! leider! Ich habe das nie vergessen. Aber,« fuhr er nach einer Pause im bestimmtesten Tone fort, indem er auf den Kamin, an welchem der Justizrath stand, zuschritt. »Sie werden diese Rechte aufgeben; ich werde Sie dazu zwingen, oder, um mich eines bei Ihnen beliebten Ausdruckes zu bedienen, ich werde mich mit Ihnen vergleichen.« »Was verlangen Sie von mir?« »Kleinigkeiten! Nur die Ruhe, den Frieden, das Glück unseres Hauses.« »Die ich gestört –?« »Durch Ihre Gegenwart. Sehen Sie,« fuhr der junge Mann fort und zog langsam ein kleines Paket hervor mit rothen Bändern schwarz gesiegelt, »sehen Sie diese gewichtigen Papiere. Ich ahne nur zu deutlich, was eines derselben enthält. Indem ich Ihnen nun erkläre, daß ich künftig das Haus meiner Mutter nicht mehr verlassen will, daß ich zu deren Schutze bereit sein werde, frage ich Sie, ob Sie den Muth haben, unter einem Dache zu verweilen, das zugleich mit Ihrer Person diese Papiere birgt?« Beim Anblick dieses wohlbekannten Paketchens durchfuhr ein Schauer den Körper des Justizrathes. Seine Wangen entfärbten sich; seine Augen blickten starr darauf hin. Ja, er wich vor Eugen zurück, der ihm näher trat, zurück in die Ecke des Gemaches, bis gegen die Fensternische. Doch fuhr er da mit einem Schrei der Angst, ja der Verzweiflung zurück. Der herbstliche Wind, der um das Schloß jagte, drückte mit voller Kraft einen der schweren Fensterflügel auf und wehte in das Zimmer hinein, die Kerzen aus dem Kamin auslöschend und die schweren Fenstervorhänge aufhebend, daß sie empor wallten und rauschend wieder niederfielen. Dabei schienen den Justizrath schreckliche Erinnerungen zu überwältigen; denn einen Augenblick schaute er sich entsetzt um nach dem geöffneten Fenster, als erblicke er dort etwas Fürchterliches. Dann aber raffte er sich gewaltsam empor und stürzte nach der Thüre, durch die er verschwand. Eugen sah ihm tief erschüttert nach; dann trat er an das Fenster und blickte in den Hof hinab, wo auf seinen Befehl eine bespannte Kalesche mit brennenden Laternen hielt. Wenige Minuten nachher schien der Postillon, der auf dem Bocke saß, einen Befehl erhalten zu haben; denn er hieb in die Pferde, und der Wagen rollte rasselnd zum Schloßthor in die finstere Nacht hinaus. Der junge Mann blickte wie dankend gegen den Himmel, und die edelsten und schönsten Gefühle zogen durch sein Herz. Er ging an den Kamm, warf das Paketchen in die Flammen, und nachdem er ruhig zugeschaut, wie das schwarze Siegellack abtropfte, wie die rothen Bänder aufsprangen und wie die Gluth ein Papier um das andere verzehrte, bis nichts mehr übrig blieb als die Asche, schritt er langsam zur Thüre hinaus, und darauf ward es sehr still und einsam in diesem Gemache, dem dunkelsten und unheimlichsten des Schlosses. – – Der geneigte Leser wird nicht einen Augenblick darüber im Zweifel sein, was sich Wichtiges und Angenehmes in dem Schlosse nach der Abreise des Herrn von Steinbeck und des Justizrathes begeben, und er wird uns gewiß verzeihen, wenn wir ihm in diesem Schlußkapitel nicht mit allen Einzelheiten erzählen von dem Wiedersehen verschiedener Liebender. Ein solches Wiedersehen nach Hinwegräumung so vieler Hindernisse ist etwas Köstliches; und das erfuhren auch Eugen und Katharina, Rosalie und der junge Bildhauer, um so mehr, als ihnen eine liebende gute Mutter zur Seite stand, welche zu dieser Vereinigung ihren Segen gab und sie so dauernd machte. Die alte Dame konnte sich nicht entschließen, ihre Kinder zu verlassen, und blieb mit ihnen zusammen auf Schloßfelden. Sie trösten und beschützte alle Armen und Traurigen, welche sich an sie wandten, und die Worte des Dankes und der Freude, die sie auf diese Art täglich und stündlich vernahm, verjagten die finsteren Schatten, die das Andenken an frühere Tage in ihr Leben geworfen. Aus dem Hause in der Residenz wurden Martha und Martin hieher beordert, und Erstere fühlte sich darüber recht glücklich! denn wenn sie auch keinen Neid kannte, so gab es ihr doch jedes Mal einen Stich in's Herz, wenn sie auf der Straße der verheiratheten Nanette begegnete. Der alte Jakob war schon mit seiner Herrin hieher gekommen und befreundete sich bald mit dem Verwalter. Ueberhaupt hatte sich hier im Schlosse das Hauptquartier der Dienerschaft stark vermehrt; glücklicher Weise war die Küche bedeutend größer als die im Stillfried'schen Hause, und so war es denn für Martha möglich, neben ihren größeren Geschäften hier doch noch zahlreiche Audienzen zu ertheilen und ihre Getreuen um sich zu Versammeln. Durch die glücklichen Veränderungen, welche mit Herrn Eugen Stillfried, auch Herr Wellen genannt, vor sich gingen, fanden sich nur zwei Parteien nicht ganz zufrieden gestellt. Die eine derselben bestand in der Person des Herrn Sidel, der so vernünftig war, einzusehen, daß sein inniges Zusammenleben mit Eugen jetzt sein Ende erreicht habe. Er beklagte dies hauptsächlich aus Einem Grunde, indem er nämlich behauptete, die Erziehung des jungen Menschen sei noch durchaus nicht vollendet, und wenn er auch Katharinen alles mögliche Gute zutraue, so habe sie doch, fürchte er, nicht Festigkeit genug, um diesen hartnäckigen Charakter auf einem guten Pfade zu erhalten. Wir können aber dem geneigten Leser versichern, daß der lustige Rath sich hierin geirrt. Herr Sidel hatte jedoch zu lange mit seinem Freunde zusammengelebt, und er fand es deßhalb unerträglich, allein in der Welt zu stehen. Er bewarb sich daher in kurzer Zeit um die Hand der Wirthstochter Marie und zugleich um die erledigte Lehrerstelle im Dorfe; denn der alte Schulmeister hatte sich zurückgezogen. Ersteres wurde ihm von Frau Rosel nach einer kurzen Bedenkzeit bewilligt, das Andere von Eugen im Namen seiner Mutter, der aber dabei nicht unterlassen konnte, die armen Kinder des Dorfes zu bejammern, die von nun an eine schreckliche Erziehung genießen würden. Die andere Partei, welche den Verlust des Herrn Wellen-Stillfried anfänglich sehr beklagte, war der Schauspieldirektor Herr Müller, und um so mehr, da die Staatsräthin den Wunsch aussprach, die Truppe möge für dieses Mal ihre Vorstellungen beendigen und Schloßfelden verlassen. Das thaten sie denn auch, und wir können dem geneigten Leser versichern, daß sie gern von dannen zogen. Der Traum des Herrn Trommler: die überströmende Kasse, ging durch Eugen's und der alten Dame Freigebigkeit buchstäblich in Erfüllung, und der vortreffliche Trommler wurde nebenbei noch so gut bedacht, als hätte er an irgend einem großen Theater ein Benefiz gemacht. Sie wandten sich nach Schmalzhausen, und Eugen, der sie abziehen sah, sandte ihnen einen ernsten, wir möchten sagen: wehmüthigen Blick nach. Er hatte die guten Menschen lieb gewonnen, und der Gedanke, daß sie sein Andenken segnen würden, machte ihn wahrhaft glücklich. Und doch nahmen die fröhlich davon ziehenden Schauspieler eine Traurige mit sich. Es war die blonde Thusnelda, welche die Erinnerung an diese abermals verunglückte Liebschaft um so mehr darnieder drückte, als Hannibal, wie sie erfahren, ein Unwürdiger gewesen, nur der Bediente seines Herrn. Daß selbst der getreue Pierrot von Eugen nicht verstoßen wurde, glauben wir kaum bemerken zu dürfen. Er gab die heiligste Versicherung, sich künftig zu bessern, und wurde unter die spezielle Aufsicht des Kutschers Martin gegeben, der mit Zeit, Mühe und unterschiedlichen Püffen etwas Anständiges aus ihm heraus bildete. So waren denn nun drei Brautpaare in und um Schloßfelden, und die Hochzeit derselben wurde an Einem Tage in der kleinen Kapelle droben vollzogen. Es war das ein Tag der Lust und Freude, und es mangelt uns leider an Zeit und Raum, ihn würdig zu beschreiben. Der Major von Brander hatte der außerordentlichen Vorfälle wegen seinen Urlaub verlängern lassen, und war ihm dies nicht schwer geworden, da man in diesem Augenblicke an keinen europäischen Krieg dachte. Er war Brautführer der schönen Katharina, und als er nach vollendeten Festlichkeiten sich endlich anschickte. nach Hause zurück zu kehren, versicherte er hoch und theuer, es seien das mit die glücklichsten Tage seines Lebens, die er hier oben verlebt. Rosa Immergrün ließ den Gemahl allein reisen und blieb noch eine Zeit lang bei der Staatsräthin. Sie hatte hier zu viel poetische Eindrücke in sich aufgenommen und konnte nicht umhin, einen Theil derselben an Ort und Stelle zu verarbeiten. Vielleicht erhält der geneigte Leser durch ihre Feder noch eine Fortsetzung dieser einfachen Geschichte. Eugen wurde in jeder Hinsicht ein musterhafter Sohn und Ehemann. Er widmete sich ganz den Geschäften seines Hauses und leitete alle Angelegenheiten desselben. Eines Morgens meldete ihm der Förster, nach mehrwöchentlichen Streifereien und Nachspürungen sei es endlich gelungen, ein paar der schlimmsten Wildfrevler einzufangen, vielleicht dieselben Bursche, die damals in jener Nacht auf den Herrn selbst geschossen. Eugen ritt zur Försterwohnung hinaus, um sich die Gefangenen vorführen zu lassen. Es wurden zwei herabgekommene, zerlumpte Männer vorgeführt mir großen Bärten, aber trotzigen Gesichtern, und als Eugen sie erblickte, konnte er sich eines tiefen Schauders nicht erwehren. Wer die beiden Wilddiebe eigentlich waren, hat er nie Jemanden gesagt. Er verbot seinen Leuten auf's Strengste, überhaupt über diese Angelegenheit zu sprechen. Die beiden Männer aber ließ er anständig kleiden, und dann stellte er ihnen nach einer kurzen Unterredung die Wahl, ob sie in ihre Heimat ausgeliefert sein, oder ob sie sich geneigt zeigen wollten, von ihm mit Geld und Briefen unterstützt, nach Amerika auszuwandern. Sie wählten natürlicher Weise das Letztere und verließen Europa, um sich jenseits des Oceans einen neuen Herd zu gründen. Madame Schoppelmann, die in der Nähe der Residenz bei ihrer Schwester geblieben war und darauf zu einem Besuche nach Schloßfelden kam, wo sie sich mit der Wirthin, Frau Rosel, außerordentlich befreundete, konnte sich doch nicht ganz von ihrem Geschäfte am Markt trennen. Sie unterstützte ihre Nachfolger, die Firma Klingler und Claasen, fleißig mit ihrem gediegenen Rathe, und besuchte bei dieser Veranlassung die Jungfer Strebeling, die sich noch immer in ihrer alten Wohnung befand. Clementine saß meistens am Fenster, ein zweiter weiblicher Toggenburg. Doch als sich Herr Müller nie mehr zeigte, sie auch keine Kunde weiter von ihm erhielt, nahm sie die fixe Idee in sich auf, das Bild jenes jungen Mannes sei nichts als eine Versuchung des Bösen gewesen. Darauf hin las sie fleißig in ihrem Gebetbuche und besuchte sämmtliche Kirchen so oft als möglich. Sie wäre gar zu gern in ein Kloster gegangen, doch war dies aus bekannten Gründen nicht thunlich. Schließlich können wir nicht verschweigen, daß Sultan, der treue Hund, fortan ebenfalls auf dem Schlosse wohnte, und zwar in einer neuen Hütte, grau angestrichen. Sein Halsband war von grünem Leder und darauf standen in gelbem Messing die Buchstaben E. S. – Eugen Stillfried.