Anthony Graf Hamilton Die Memoiren des Grafen Grammont Bilder vom englischen Hofe unter Karl II. Nach der (mit dem falschen Druckort Cöln) in Holland erschienenen Originalausgabe von 1713, unter teilweiser Benützung der Hellerschen Ausgabe, Leipzig 1853, neu übersetzt und bearbeitet von R. Daponte Portrait: Anthony Graf Hamilton Zur Einführung Der Verfasser dieser einzigartigen Sittenschilderung, Anthony Graf Hamilton , stammt aus einer angesehenen schottischen Familie und wurde in Irland um 1646 geboren. Nach der Hinrichtung Karls I. von England war seine Familie mit dem Thronfolger und dessen Bruder, dem Herzog von York, nach Frankreich geflohen, kehrte aber nach der Wiederaufrichtung der englischen Monarchie, 1660, mit dem mittlerweile König Karl II. gewordenen Prinzen von Wales nach England zurück. Hamilton erhielt von Karls II. Nachfolger, Jakob I., ein Regiment und die Gouverneurstelle von Limerick in Irland. Als auch König Jakob II. von seinem Schwiegersohn Wilhelm von Oranien besiegt und vertrieben wurde, floh er nach Frankreich und hielt in Saint-Germain bei Paris einen kleinen Hof, dem auch Hamilton zugezogen wurde. Hier schrieb Graf Anthony nicht nur die Memoiren seines Schwagers Grammont, sondern auch eine Reihe entzückender Märchen im Stile von »Tausendundeine Nacht«, die kurz vorher durch Galland zum erstenmal übersetzt worden waren. Die bekanntesten dieser einer Wiederherausgabe werten Geschichten sind: »Der Widder«, »Dornblüte«, »Die vier Fakardine«; fast unbekannt aber ist seine »Faustlegende«, die er in England spielen läßt. Wenn man von höfischen Liebschaften absieht, verfloß sein Leben still zwischen Hofdienst und Studium. Er starb am 6. August 1720 zu Saint-Germain. Philibert Graf Grammont Sein Schwager, Philibert Graf Grammont wurde 1621 geboren, war erst Soldat und begleitete Ludwig XIV. auf seinem Siegeszug in die Franche-Comté und nach Holland. Da er sich zuerst beim Kardinal Mazarin durch einige scharfe Bemerkungen unbeliebt gemacht und die unerhörte Kühnheit hatte, König Ludwig XIV. seine Geliebte, Lamotte-Houdancourt, abspenstig machen zu wollen, wurde er verbannt und kam an den englischen Hof Karls II. Dort begann für ihn ein ganz neues Leben. Er lernte die reizende Schwester Hamiltons kennen und bewarb sich um sie, scheint sich die Verlobung aber dann überlegt zu haben. Jedenfalls berichtet sein späterer Schwager Hamilton folgende Anekdote nicht: Als Grammont aus seiner Verbannung zurückberufen wurde, vergaß er sein Gelöbnis und machte sich ohne zwingende Ursache auf den Weg nach Frankreich. Anthony und sein Bruder George Hamilton hatten von seiner Abreise Wind bekommen, reisten ihm nach und holten ihn in Dover ein. »Halt, Chevalier,« riefen sie von weitem, »haben Sie in London nichts vergessen?« – »Oh, Pardon,« meine Herren, »ich habe vergessen, Ihre Schwester zu heiraten.« Er kehrte sofort um, heiratete die schöne Gräfin und führte sie im Jahre 1669 nach Frankreich. Lady Hamilton In seiner Einleitung hat Hamilton bei Beschreibung des Äußeren Grammonts auf Bussy-Rabutin verwiesen; wir wollen die Stelle bei Bussy hier anführen: »Der Chevalier hatte lachende Augen, einen schönen Mund, ein Grübchen im Kinn, das sehr angenehm wirkte, aber einen etwas listigen Zug im Gesicht. Sein Wuchs wäre ziemlich gut gewesen, wenn er nicht etwas gebückt gegangen wäre. Sein Wesen war gewinnend, sein Geist gewandt, doch erhielten manche Worte, die er sprach, nur durch Ton und Blick, mit dem sie gesagt wurden, ihren Wert. Im Munde eines anderen wären sie bedeutungslos gewesen.« Er schrieb nur mittelmäßig, welchem Mangel wir die Abfassung seiner Memoiren durch seinen Schwager verdanken. Da Grammont wegen seiner treffenden, witzigen Antworten besonderen Ruf hatte, wollen wir hier einige bekanntere Anekdoten über ihn anführen. Er wohnte eines Tages der Hoftafel Karls II. bei. Der damaligen englischen Hofetikette gemäß bedienten die Offiziere den König kniend. Majestät machte Grammont auf diese Huldigung aufmerksam, die wohl kein anderer Souverän in Europa empfange. »Sire,« erwiderte Grammont, »und ich habe geglaubt, daß Ihre Leute Sie um Verzeihung bitten, weil sie Ihnen ein so schlechtes Essen vorsetzen.« Eines Tages spielte der König mit einem Höfling eine Partie Tricktrack und warf ihm einen schlechten Zug vor, wobei er sich an das Urteil der Zuschauer wandte. Die Kiebitze blieben aber stumm. »Dann soll Grammont entscheiden.« – »Sire, Sie haben verloren.« – »Weshalb?« – »Sehen denn Majestät nicht, daß, wenn der Zug nur halbwegs richtig gewesen wäre, die Leute Ihnen recht gegeben hätten?« Eines Tages beklagte sich der König über die Ungeschicklichkeit eines Gesandten. Schon damals wurden viele hohe und wichtige Ämter Protektionskindern verliehen. »Majestät, weshalb wundern Sie sich? Es wird eben der Neffe eines Ministers sein.« Der Graf Grammont sagte, daß er nie sterben würde, und begann, als er immer älter wurde, es fast selbst zu glauben. Im Alter von fünfundsiebzig Jahren wurde er schwer krank. Da der König wußte, was für ein Freidenker Grammont sei, sandte er ihm seinen Vorleser, den Abbé Dangeau. Als ihn Grammont sah, rief er zu seiner Frau: »Passen Sie auf, Gräfin, sonst prellt Sie der Mann noch um meine Bekehrung.« Er stand von diesem Krankenbett, von seiner Unsterblichkeit mehr als je überzeugt, auf, mußte aber schließlich doch an den Tod glauben, der ihn im sechsundachtzigsten Jahre am 10. Jänner 1707 erreichte. Während die übrigen in diesen Memoiren erwähnten Personen längst verdienter Vergessenheit anheimgefallen sind und ihr bißchen Unsterblichkeit nur der Feder Hamiltons verdanken, erfreut sich einer der geschilderten Höflinge noch heute bei den Liebhabern erotischer Literatur hohen Ansehens. Es ist Jean Wilmot Graf von Rochester (1648 bis 1680), der das damalige höfische Leben in einem wegen seiner krassen Obszönität leider nicht zur Veröffentlichung geeigneten Drama, »Sodom«, gezeichnet hat. Über seine Begabung hat sich Lord Oxford sicher am besten geäußert: »Wohl haben ihn die Musen inspiriert, aber sie werden schamrot, wenn sie es zugeben sollen.« Bei Hamilton wäre es anders: da würden sie höchstens etwas Puder auflegen ... Wir wollen diese flüchtige Skizze nicht schließen, ohne der Nationalbibliothek, namentlich Herrn Bibliothekar Dr. Poehlmann für sein freundliches Entgegenkommen bei der Beschaffung von Bilder- und Textmaterial, unseren aufrichtigen Dank auszusprechen. r. d. Vorrede des Verfassers Da die, welche bloß zu ihrer Unterhaltung lesen, mir vernünftiger scheinen, als die Krittler, die ein Buch nur aufschlagen, um Fehler drin zu entdecken, so erkläre ich, daß ich mich um die Gelahrtheit der letzteren wenig kümmere und nur zum Amüsement der ersteren die Feder ergreife. Ferner bemerke ich, daß mich bei Abfassung dieser Memoiren die Reihenfolge der Ereignisse wenig stören soll, weil sie dem Schriftsteller mehr Arbeit, als dem Leser Genuß schafft. Da ich die Absicht habe, ein Bild von meinem Helden zu geben, werde ich die ihn charakterisierenden Züge in dem folgenden Lebensabriß so bringen, wie sie gerade vor meinem Geiste auftauchen. Was macht es denn bei einer Zeichnung, wo man sie anfängt, wenn nur die Teile ein Ganzes bilden, das die Züge des Urbildes treu wiedergibt? In dieser Art will ich nun einen Mann vorführen, dessen Charakter so unvergleichlich ist, daß er uns seine Schwächen übersehen läßt – die ich aber keineswegs vertuschen will – einen Mann, der aus Fehlern und Tugenden zusammengesetzt ist, die, wie von Natur aus verschmolzen, ein selten vorkommendes harmonisches Ganze bilden und dennoch durch Kontrastwirkung um so schärfer hervortreten. Diese eigentümliche Charaktermischung hat dem Grafen Grammont im Kriege, bei Liebesabenteuern, beim Spiel und in allen anderen Situationen seines langen Lebens die Bewunderung seiner Zeitgenossen gewonnen. Durch sie hat er in allen Ländern, in die er seine Anmut und seine – Unbeständigkeit hintrug, Entzücken erregt; überallhin hat sein lebensfrisches Genie treffende Aussprüche gestreut, die der einstimmige Beifall, den sie fanden, auf die Nachwelt brachte; so hat er allenthalben Spuren seiner Unerschöpflichkeit hinterlassen und sein treffendes Urteil selbst in drängendsten Gefahren bewahrt, indem er mitten unter den Schrecken des Krieges eine Heiterkeit und Kaltblütigkeit an den Tag legte, die wohl nicht jedermanns Sache sind. Sein äußeres Bild will ich nicht zeichnen. Über sein Aussehen haben die Memoirenschreiber Bussy-Rabutin und Saint-Evremond mehr frei als treu berichtet. Der eine hat den Chevalier Grammont in Liebessachen als verschlagen, wankelmütig, selbst ein wenig perfid, in seiner Eifersucht rast- und schonungslos hingestellt. Saint-Evremond hat eher Pastellfarben gewählt, um Geist und Art des Grafen zu malen, aber beide haben in ihren Darstellungen sich selbst mehr Ehre als dem Helden Gerechtigkeit erwiesen. Man muß also ihn allein in jenen ergötzlichen Berichten von Schlachten und Belagerungen hören, bei denen er sich an eines andern Helden Seite auszeichnete; nur ihm selbst muß man auch bei weniger rühmlichen Ereignissen ein gläubiges Ohr schenken. Nur auf seine Stimme muß man in diesem Buch lauschen, weil ich nur die Feder führe, während er mir die seltsamsten und unbekanntesten Züge aus seinem Leben diktiert. Hamilton. Zu jener Zeit gingen die Dinge in Frankreich nicht wie heute. Ludwig XIII. herrschte noch und der Kardinal Richelieu regierte das Reich. Große Männer befehligten kleine Heere und diese kleinen Heere vollbrachten gewaltige Taten. Das Schicksal der Herren bei Hof hing von der Gunst des allmächtigen Ministers ab, und ihre Stellungen waren nur insoweit fest, als man ihm ergeben war. Umfassende Pläne legten inmitten der anderen europäischen Staaten den Grundstein zu jener gefürchteten Größe Frankreichs, in der man es heute sieht. Das Polizeiwesen war etwas vernachlässigt, bei Tage waren die großen Heerstraßen, bei Nacht die Gassen unsicher; anderwärts wurde aber noch viel ungestrafter gestohlen und geraubt. Die Jugend wählte bei ihrem Eintritt in die Welt die Laufbahn, die ihr gerade zusagte. Wer da wollte, wurde Chevalier, wer da konnte, Abbé. Durch die Tracht unterschieden sich Ritter und Abbé nicht voneinander und ich glaube, der Chevalier Grammont war während der Belagerung von Trino beides zugleich. Es war sein erster Feldzug und er brachte zu ihm nichts als jene glücklichen Gaben mit, die für den, der sie besitzt, Freunde und Einführungsbriefe überflüssig machen. Bei seiner Ankunft war die Belagerung bereits im Gange. Das ersparte ihm einige Tollkühnheiten; denn ein Freiwilliger darf so lange nicht ruhig schlafen, bis er die erste Feuertaufe erhalten hat. Er machte also bloß Bekanntschaft mit Generälen, da ihm ja in der Festung sonst nichts zu rekognoszieren übrig blieb. Prinz Thomas von Carignan befehligte die Armee, und weil der Titel »Generalleutnant« noch nicht gebräuchlich war, so dienten Duplessis-Praslin und der berühmte Vicomte von Turenne unter ihm als Feldmarschälle. Damals hatte man vor Festungen noch Respekt, weil man noch nicht die Mittel hatte, sie durch furchtbaren Bombenhagel und Hunderte von Feuerschlünden in Asche zu legen. Vor der Zeit, da solch gewaltige Geschosse wüteten, die den Gouverneur in die Kellergewölbe jagen und die Garnison zu Staub zerfetzen, bezeugten nur häufige, heftig zurückgeschlagene Ausfälle und kräftige, tapfer empfangene Angriffe die Kunst der Belagerer und den Mut der Belagerten. Drum zogen solche Unternehmungen sich ziemlich lange hin und die jungen Leute hatten Gelegenheit, etwas zu lernen. Während der Belagerung von Trino gab es auf beiden Seiten herrliche Waffentaten. Man ertrug Strapazen und erduldete ruhig Verluste; seit Ankunft des Chevaliers Grammont kannte man auch in der Armee keine Langeweile mehr. In den Laufgräben gab's keine Erschöpfung, bei den Generälen keinen gezwungenen Ernst, bei den Truppen keine schlechte Laune mehr. Überall fand und verbreitete der Ankömmling Stoff zur Heiterkeit. Wie überall gab es unter den Offizieren des Heeres neben Männern von wirklichem Verdienst auch Leute, die gerne Verdienst gehabt hätten. Diese Herren ahmten, ohne ihn zu erreichen, den Chevalier Grammont in seinen glänzenden Eigenschaften nach; die anderen bewunderten seine Begabung und suchten seine Freundschaft. Zu ihnen gehörte Matta . Voller Freimut und Ehrlichkeit, machte dieser schon durch sein Äußeres einen sehr angenehmen Eindruck, mehr aber noch durch seinen eigenartigen Esprit. Einfach und natürlich, besaß er doch sehr feine Urteilskraft und reges Zartgefühl. Es dauerte nicht lange, so hatte der Chevalier Grammont diese Züge entdeckt; bald war die Bekanntschaft gemacht und ebenso rasch auch Freundschaft geschlossen. Matta verlangte durchaus, der Chevalier solle bei ihm wohnen, aber der nahm das nur unter der Bedingung halbierter Auslagen an. Da beide freigebig waren und den Aufwand liebten, gaben sie zusammen gut arrangierte, sehr gewählte Mahlzeiten. Anfangs trug ihnen das Spiel viel ein, aber der Chevalier gab auf hundert Arten das zurück, was er nur auf eine Art eingenommen hatte. Der Reihe nach eingeladen, bewunderten die Generäle diesen Aufwand und machten ihren Offizieren einen Vorwurf daraus, daß man bei ihnen nicht so gut bedient sei. Der Chevalier besaß die Gabe, die einfachsten Dinge zur Geltung zu bringen; sein Geist beherrschte die Mode derart, daß man sich selbst herabsetzte, wenn man nicht seinem Geschmack folgte. Sowohl die Bestellungen wie das Honneurmachen bei der Tafel überließ Matta dem Chevalier. Der allgemeine Beifall, den er fand, entzückte ihn und er bildete sich ein, man könne gar nicht schöner leben als sie; auch sei nichts leichter, als diese Existenz fortzusetzen. Doch bald sollte er erfahren, daß kein Glück von langer Dauer ist. Eine kostspielige Tafel, geringe Sparsamkeit, betrügerische Diener, Unglück im Spiel, alles das zusammen störte den Haushalt. Die Tafelfreuden schrumpften allmählich von selbst ein, als plötzlich der an Auskunftsmitteln reiche, geniale Chevalier sein Ansehen durch einen Kunstgriff aufrecht zu erhalten wußte, den wir hier mitteilen wollen. Sie hatten miteinander über ihre Finanzlage noch gar nicht gesprochen, obgleich der Verwalter jeden einzeln davon in Kenntnis setzte, wenn er um Geld für die laufenden Ausgaben oder mit dem Kassenbericht kam. Eines Tages, als der Chevalier früher als gewöhnlich nach Hause kam, fand er Matta ruhig auf einem Lehnstuhl eingeschlafen und da er seinen Schlummer nicht stören wollte, fing er an, über seinen Plan nachzudenken. Plötzlich wachte Matta auf und begann nach einigem Staunen über die Versonnenheit seines Freundes – weil ein Schweigen von mehr als einer Minute zwischen ihnen etwas Unerhörtes war – laut aufzulachen. Je mehr der Chevalier ihn ansah, desto heftiger wurde Mattas Gelächter. »Das heiße ich lustig erwachen,« sprach Grammont, »worüber lachst du, am Ende gar über die unsichtbaren Engel?« – »Chevalier, ich lache über einen eben gehabten Traum,« entgegnete Matta, »der so natürlich und drollig war, daß du mitlachen sollst. Mir träumte, wir hätten unseren Haushofmeister, den Oberkoch und unseren Inspektor mit dem Vorsatz entlassen, während der übrigen Belagerungszeit bei den anderen Offizieren zu speisen, wie diese bisher bei uns. Das war mein Traum, aber worüber grübelst du, Chevalier?« »Armer Junge,« erwiderte Grammont achselzuckend, »du bist außer Fassung, verstimmt und verwirrt wegen einiger unangenehmer Worte, die der Haushofmeister dir wahrscheinlich, wie mir, gesagt hat. Was? Nach der Rolle, die wir bis jetzt in den Augen der Großen und Ausländer im Heer gespielt haben, sollen wir die Partie aufgeben wie Narren, einpacken wie Schwindler, bloß weil unsere Finanzen ein wenig erschöpft sind? Du hast gar keine Courage. Wo ist die Ehre Frankreichs?« – »Und wo Geld?« fragte Matta, »meine Leute sind des Teufels, weil nicht zehn Taler im Hause sind, und ich glaube, auch die deinigen haben nicht mehr; denn seit länger als acht Tagen sehe ich dich nicht mehr die Börse ziehen und dein Geld zählen, ein Vergnügen, das dich in Zeiten des Glücks oft beschäftigte.« »Ich gebe das alles zu,« erwiderte Grammont, »aber ich will dir zeigen, daß du dich in diesem Falle so verkehrt benimmst, wie ein begossenes Huhn. Was tätest du, wenn du dich in einem Zustand befändest, wie ich ihn vier Tage vor meiner Abreise hieher erlebte? Ich muß dir die Geschichte erzählen.« »Das klingt sehr nach Roman, nur mit dem Unterschied, daß eigentlich dein Stallmeister mir diese Geschichte erzählen müßte«, sagte Matta. – »Das wäre freilich die Regel,« erwiderte der Chevalier; »aber ich kann ja von meinen ersten Heldentaten selbst Bericht erstatten, ohne meiner Bescheidenheit allzu nahezutreten; mein Stallmeister hat übrigens für den heroischen Vortrag eine zu burleske Ausdrucksweise.« »So wisse denn, bei meiner Ankunft in Lyon...« – »Fängt man so an?« fragte Matta. »Beginne, bitte, deine Erzählung früher; bei einem Leben, wie dem deinen, verdienen die geringsten Umstände Erwähnung, besonders aber die Art, wie du dem Kardinal deinen ersten Besuch machtest; ich habe oft darüber gelacht. Übrigens erlasse ich dir alle Aussprüche aus der Kindheit, deinen Stammbaum, Namen und Eigenschaften deiner Vorfahren; denn davon weißt du ohnehin kein Wort.« »Welch schlechter Witz. Du meinst, jeder wäre so unwissend wie du selbst, und du bildest dir ein, ich kenne weder meinen Urahn Menodor noch meine Ahnin, die schöne Corisande. Am Ende weiß ich etwa auch nicht, daß es nur von meinem Vater abhing, ob er Sohn Heinrichs IV. hätte sein wollen. Der König wünschte ihn durchaus als Kind anzuerkennen; aber dieser Eigensinn wollte absolut nichts davon wissen. Denke nur, was ohne den bastardierenden Wappen-Querbalken aus den Grammonts geworden wäre. Sie hätten den Vorrang vor den Kindern Cäsars von Vendôme, der ein Sohn Heinrichs IV. mit der schönen Gabriele d'Estrées war. Du magst lachen; aber das ist so wahr wie das Evangelium. Doch kommen wir zur Sache. Man steckte mich in das Seminar zu Pau mit der Absicht, mich zum Priester zu machen; da ich aber ganz andere Vorsätze hatte, hütete ich mich, es zu benützen. Ich hatte das Karten- und Würfelspiel so sehr im Kopf, daß Lehrer und Inspektoren mit ihrem ganzen Latein zu Ende waren, als sie mir das Latein beibringen wollten. Vergebens drohte der alte Brinon, der mir gleichzeitig Kammerdiener und Erzieher war, mit der Mutter; ich studierte nur, wenn ich Lust hatte, das heißt fast nie. Man behandelte mich indes als Schüler meinem Stande gemäß, das heißt, ich erhielt alle Grade, ohne sie verdient zu haben, und verließ das Kollegium ungefähr, wie ich hingekommen war. Man fand übrigens, ich wisse genug, um der Abtei, die mein Bruder mir verschafft hatte, vorzustehen. Er hatte eben die Nichte eines Ministers geheiratet, vor dem sich alles beugte, und wünschte, mich ihm vorzustellen. Ich verließ die Heimat ohne besonderen Schmerz und sehnte mich sehr nach Paris. Nachdem mich der Bruder, um mich etwas abzuschleifen, einige Zeit bei sich behalten hatte, ließ er mich auf die Stadt los, damit ich meine Provinzmanieren ablege und weltmännische annehme. Das gelang mir so gut, daß ich die Eleganz gar nicht aufgeben wollte, als es sich darum handelte, mich bei Hof in Abbétracht einzuführen. Du erinnerst dich der damaligen Mode. Alles, wozu man mich bringen konnte, war, daß ich eine Soutane über meinen Kavaliersanzug warf. Als mein Bruder mich in diesem neuartigen geistlichen Ornat erblickte, wollte er vor Lachen umkommen und auch anderen den Genuß des Spaßes gewähren. Ich hatte über dem Priestermantel eine gepuderte Lockenfrisur, dazu weiße Stiefelchen mit Sporen. Der Kardinal, der meine Absicht sofort durchschaut hatte, konnte das Lachen kaum verhalten. Der Übermut aber verdroß ihn, denn er mochte denken, was wohl aus einem Kopfe werden würde, der so früh über die Tonsur spotte und den Priesterkragen verachte. Als mein Bruder mich zurückbrachte, sagte er: ›Nun, Brüderchen, das ging ja herrlich; dein halb geistliches, halb kriegerisches Kostüm hat den Hof sehr ergötzt. Aber das ist nicht genug; du mußt wählen, kleiner Kavalier. Überlege also, ob du bei der Priesterlaufbahn ein großes Vermögen besitzen willst, ohne etwas dafür zu leisten, oder mit einem kleinen Gehalt Arme und Beine opfern willst, um an einem undankbaren Hofe als Kanonenfutter zu gelten und an deinem Lebensende mit einem Glasauge und einem Stelzfuß zum Titel Feldmarschall zu gelangen?‹ ›Ich weiß,‹ erwiderte ich, ›hinsichtlich des bequemen Lebens gibt es zwischen den beiden Ständen gar keinen Vergleich; da man jedoch vor allem sein Seelenheil retten muß, will ich mich der Kirche entziehen und mein Glück in der Welt suchen; vorausgesetzt, daß ich meine Abtei behalte.‹ Alle Einwände, alle Autorität meines Bruders waren vergeblich, man mußte mir das wohl oder übel zugestehen und mich auf die Militärakademie bringen. Du kennst mich als den gewandtesten Mann Frankreichs, ich hatte also bald alles inne, was dort gelehrt wird; nebenbei erlernte ich noch, was Jünglinge veredelt und zu Männern von Welt ausbildet: Fertigkeit in jedem Karten- und Würfelspiel. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, hielt ich mich darin für viel geübter, als ich eigentlich war, wie ich das erst in der Folge erfahren sollte. Als die Mutter meinen Entschluß vernahm, weinte sie über meine verlassene Karriere und konnte sich über die neue kaum trösten. Sie hatte mich schon im kirchlichen Leben als künftigen Heiligen gesehen und mußte jetzt damit rechnen, daß ich im weltlichen ein Teufel oder gar im Krieg totgeschossen würde. Ich brannte vor Sehnsucht nach einem Feldzug; da ich aber noch zu jung war, mußte ich erst einen kleinen Streifzug in die Pyrenäen machen, ehe ich zum Heer abgehen konnte. Bei der Rückkehr zur Mutter hatte ich ein so weltmännisches, höfisches Äußere, daß sie mich voll Respekt ansah, statt mir Vorwürfe über meine Liebe zu den Waffen zu machen. Ich war ihr Abgott und da sie mich unerschütterlich fand, dachte sie nur daran, mich so lange als möglich bei sich zu behalten, während man meine kleine Ausrüstung zurechtmachte. Brinon , unser treuer Kammerdiener, sollte nebenbei auch mein Hof- und Stallmeister sein; vielleicht hat es nie einen so ernsten und schroffen Gaskogner gegeben wie ihn. Er übernahm die Verantwortung über meine sittliche und anständige Führung; auch machte er sich erbötig, über mich in Kriegsgefahren zu wachen. Ich hoffe, daß er im letzten Punkt eher Wort halten wird, als in dem ersten. Acht Tage vor meiner Abreise sandte man mein Gepäck voraus; meine Mutter gewann dadurch Zeit, mir Ermahnungen vorzupredigen. Nachdem sie mich gehörig beschworen, Gott vor Augen und Liebe zum Nächsten im Herzen zu haben, ließ sie mich unter Gottes und des weisen Brinon Obhut ziehen. Schon auf der zweiten Poststation bekamen wir Streit. Man hatte ihm für meinen Feldzug vierhundert Pistolen übergeben; ich verlangte sie – er widersetzte sich hartnäckig. ›Alter Schelm,‹ sagte ich, ›hat man dir das Geld für dich oder für mich anvertraut? Deiner Meinung nach sollte ich wohl einen Schatzmeister haben und nur durch Anweisungen zahlen.‹ – Ich weiß nicht, ob er infolge einer Vorahnung traurig wurde, aber er gab erst nach langen Windungen und Kämpfen nach; es schien, als ob ich ihm das Herz aus dem Leibe risse. Seitdem ich ihn von der Last befreit, fühlte ich mich bedeutend leichter und heiterer; er dagegen schien sehr niedergebeugt und man konnte meinen, ich hätte ihm vierhundert Pfund Blei auf den Rücken geladen. Sein Pferd ging so langsam, daß ich es selber antreiben mußte. Er sah sich oft um und sagte: ›Herr Chevalier, so hat es die gnädige Frau nicht gemeint.‹ Bei jeder Poststation erneute sich sein Schmerz; denn statt dem Postillon zehn Sous zu geben, gab ich ihm immer dreißig. Endlich langten wir in Lyon an. Am Tor nahmen uns zwei Soldaten in Empfang, um uns zum Gouverneur zu führen. Ich nahm den einen, damit er mich nach dem besten Gasthof bringe, und überließ Brinon dem anderen, um dem Kommandanten von meiner Reise und meinen Absichten Bericht zu erstatten. In Lyon gibt es ebenso gute Gasthöfe wie in Paris, aber seiner Gewohnheit treu, führte mich mein Soldat zu einem seiner Freunde, dessen Wirtshaus er mir als das beste der Stadt anpries, weil man da die beste Kost und die vornehmste Gesellschaft fände. Der Wirt des Hauses war dick wie ein Faß und hieß Cerise ; er war von Nation ein Schweizer, von Profession ein Vergifter, aus Gewohnheit ein Beutelschneider. Er führte mich in eine ziemlich nette Stube und fragte, ob ich allein oder in Gesellschaft zu speisen wünsche. Ich wollte an der Wirtstafel essen, und zwar wegen der vornehmen Gäste, die mir der Soldat in diesem Hause versprochen hatte. Durch die Fragen des Gouverneurs verstimmt, kam Brinon grämlich wie ein alter Affe zurück und als er sah, daß ich mein Haar ein wenig kämmte, um hinunterzugehen, sagte er: ›Was wollen Sie, Herr Chevalier? Durch die Stadt bummeln? Haben wir nicht den ganzen Tag Bewegung genug gemacht? Essen Sie einen Bissen und legen Sie sich zeitig schlafen, um morgen bei Tagesanbruch wieder gut zu Pferd zu sein.‹ – ›Herr Hofmeister,‹ erwiderte ich, ›ich werde weder durch die Stadt bummeln, noch allein speisen, noch früh zu Bett gehen. Ich will unten in Gesellschaft essen.‹ – ›An einer gewöhnlichen Wirtstafel! Das kann nicht Ihr Ernst sein. Der Teufel soll mich holen, wenn da unten nicht ein Dutzend Gauner sitzen und Karten und Würfel spielen, daß sie nicht einmal Blitz und Donner hören.‹ Seitdem ich ihm das Geld herausgelockt hatte, war ich keck geworden und wollte mich der Bevormundung meines Hofmeisters entziehen. Drum sagte ich ihm: ›Wissen Sie auch, Herr Brinon, daß ich es nicht leiden kann, wenn ein Dummkopf allzu gescheit daherredet? Gehen Sie zum Nachtmahl, wenn Sie wollen, und sorgen Sie dafür, daß ich vor Tagesanbruch Postpferde habe.‹ Kaum hatte er die Worte ›Karten und Würfel‹ ausgesprochen, als ich schon das Geld in meiner Tasche klimpern fühlte. Ich war etwas erstaunt, den Speisesaal mit abenteuerlichen Gestalten gefüllt zu finden. Nachdem der Wirt mich eingeführt, sagte er, nur etwa achtzehn bis zwanzig der Herren würden die Ehre haben, mit mir zu speisen. Ich trat an einen Spieltisch und wollte vor Lachen bersten. Ich hatte anständige Leute und hohes Spiel erwartet und da saßen zwei Deutsche, die bloß eine Partie Tricktrack machten. Zwei Komfortabelrösser hätten besser gespielt als sie; dazu übertraf ihr Aussehen jede Vorstellung. Der Mann, an dessen Seite ich stand, war ein kleiner Fettwanst, rund wie eine Kugel. Er trug eine Halskrause und einen ellenhohen, spitzen Hut: in einiger Entfernung hätte ihn jeder für eine Kuppel mit ihrem Glockenturm gehalten. Ich fragte den Wirt, wer er sei. ›Ein Kaufmann aus Basel,‹ sagte er, ›der hier Pferde verkaufen will, aber ich glaube, wie er es anfängt, wird er nicht viele loswerden, denn er tut nichts wie spielen.‹ – ›Spielt er hoch?‹ fragte ich. – ›Jetzt gerade nicht,‹ lautete die Antwort, ›sie spielen vor dem Nachtmahl bloß um die Zeche; wenn man aber den kleinen Kaufmann unter vier Augen festhalten kann, spielt er hübsch hoch.‹ – ›Hat er Geld?‹ forschte ich weiter. – ›Na ob,‹ sagte der hinterlistige Cerise, ›wollte Gott, Sie hätten ihm tausend Pistolen abgewonnen und ich hätte die Hälfte davon; da würden wir nicht lange aufs Geld warten müssen.‹ Das genügte mir, um das Verderben des kleinen Spitzhuts zu beschließen. Ich stellte mich ihm zur Seite, um ihn zu studieren; er spielte immer verkehrt, Fehler auf Fehler. Der Himmel weiß, ich hatte Gewissensbisse über das Geld, das ich dem kleinen Kürbis abgewinnen sollte, da er so wenig vom Spiel verstand. Er verlor die Zeche; man trug das Essen auf und ich ließ ihn an meiner Seite sitzen. Es war eine vollbesetzte, wahre Klostertafel, an der wir, trotz dem Versprechen des Wirtes, wenigstens unserer fünfundzwanzig saßen. Nach dem abscheulichsten Essen der Welt verlief sich die Bande, ich weiß nicht wie, mit Ausnahme des kleinen Schweizers, der mir zur Seite blieb, und des Wirtes, der auf der anderen saß. Sie rauchten wie die Dragoner und der Schweizer sagte mir von Zeit zu Zeit: Bitte den Herrn um Verzeihung »für die große Freiheit«, und blies mir zum Ersticken Rauchwolken ins Gesicht. Herr Cerise auf der anderen Seite erbat sich die Freiheit, mich fragen zu dürfen, ob ich in seinem Vaterlande gewesen wäre und schien, als ich es verneinte, über mein gutes Aussehen erstaunt, obgleich ich nie in der Schweiz gewesen. Der kleine Rundbauch war ein ebensolch plumper Frager wie der andere; er forschte, ob ich von der piemontesischen Armee käme; als ich ihm sagte, ich ginge eben hin, meinte er, ob ich vielleicht Pferde kaufen wolle; er hätte an zweihundert und würde mir günstige Preise stellen. Ich wurde eingeräuchert wie ein Schinken, und von den Fragen und dem Tabak angeödet, schlug ich vor, wir sollten um eine kleine Pistole Tricktrack spielen, bis unsere Leute gegessen haben würden. Nur nach langen Umständen willigte der Mann ein, indem er mich »für die große Freiheit« um Verzeihung bat. Ich gewann ihm die Partie, die Revanche darauf und das Ganze in einem Nu ab; es war geradezu spaßig, wie er sich verhaspelte und überrumpeln ließ. Am Schluß der dritten Partie kam Brinon, um mich zu Bett zu bringen. Er schlug ein gewaltiges Kreuz und achtete nicht auf meine Winke, doch hinauszugehen; ich mußte aufstehen, um ihm den Befehl zuzuflüstern. Er machte mir Vorstellungen, wie ich mich mit einem so gemeinen Kerl einlassen könne. Meine Bemerkung, es sei ein Großhändler mit viel Geld, der so ungeschickt spiele wie ein Kind, half mir nichts. › Der ein Kaufmann!‹ sagte er, ›trauen Sie dem nicht, Herr Chevalier, wenn das nicht ein Hexenmeister ist, soll mich der Teufel holen.‹ – ›Still, alter Narr‹ rief ich, ›er ist ebensowenig Hexenmeister, wie du selbst; mehr kann ich nicht sagen; aber um es dir zu beweisen, will ich ihm vor dem Schlafengehen vier- bis fünfhundert Pistolen abgewinnen.‹ Damit drängte ich ihn hinaus und verbot ihm, uns zu stören. Als das Spiel zu Ende war, knöpfte der kleine Schweizer sein Wams auf, um einen schönen Quadrupel herauszuziehen; indem er ihn mir reichte, bat er mich um Verzeihung »für die große Freiheit« und wollte sich empfehlen. Das lag nicht in meiner Absicht. Ich sagte, wir spielten ja nur zum Vergnügen, ich verlange sein Geld nicht und wenn er es zufrieden sei, wolle ich noch in einer einzigen Tour wieder um seine vier Pistolen spielen. Er machte einige Umstände, gab aber endlich nach und gewann sie wieder. Das reizte mich, ich setzte nochmals ein Vierpistolenstück; das Glück schlug um, die Würfel wurden ihm günstig, seine Fehler hörten auf, ich verlor die Partie, die Revanche und das Ganze. Ich war aufgeregt; er als guter Spieler verweigerte mir nichts und gewann mir alles ab, ohne daß ich bei acht Partien auch nur einmal zu einem Treffer gekommen wäre. Ich bat ihn noch um eine Tour auf hundert Pistolen; als er aber sah, daß ich nicht mehr bares Geld setze, meinte er, es sei spät, er müsse nach seinen Pferden sehen, zog sich zurück und bat mich um Verzeihung »für die große Freiheit«. Die Ruhe, mit der er mir das Weiterspielen abschlug und seine höfliche Verbeugung brachten mich so auf, daß ich Lust hatte, ihn umzubringen. Von der Schnelligkeit, mit der ich alles bis auf die letzte Pistole verloren, war ich ganz verwirrt und stellte nicht einmal die durch meine Lage nötig gewordenen Betrachtungen an. Aus Angst vor Brinon wagte ich kaum auf mein Zimmer zu gehen. Glücklicherweise war er, des langen Wartens müde, schlafen gegangen. Das gab mir etwas Trost, hielt aber nicht lange vor. Kaum im Bett, stellte sich der ganze Jammer meines Zustandes vor meine Seele. Ich konnte nicht einschlafen. Ohne einen Ausweg zu entdecken, sah ich nur das Entsetzliche meines Unglücks; wohin ich auch meinen Blick wandte, es bot sich mir keine Rettung. Ich bebte vor nichts so sehr als vor dem Anbruch des Tages; der Morgen kam aber dennoch und mit ihm der grausame Brinon. Er war bis zum Gürtel gestiefelt und gespornt und knallte mit einer verwünschten Peitsche. ›Auf, auf, Herr Chevalier,‹ rief er, meine Bettvorhänge auseinanderziehend, ›die Pferde halten an der Tür und Sie schlafen noch. Wir sollten schon zwei Stationen hinter uns haben. Geben Sie mir bitte rasch etwas Geld, um die Rechnung zu bezahlen.‹ – ›Brinon,‹ sagte ich demütig, ›mach' die Vorhänge wieder zu.‹ – ›Was?‹ rief er, ›die Vorhänge zu? Sie wollen also Ihren Feldzug in Lyon machen? Er scheint Ihnen hier zu gefallen. Haben Sie den Kaufmann ausgesackt? Herr Chevalier, dieses Geld kann Ihnen keinen Segen bringen. Vielleicht hat der Unglückliche Weib und Kind, hat vielleicht ihr Brot, das Brot seiner Familie verspielt und Sie haben es gewonnen. War das der Mühe wert, die ganze Nacht aufzubleiben? Was würde die gnädige Frau sagen, wenn sie Ihre Lebensweise sähe?‹ – ›Monsieur Brinon,‹ sprach ich nochmals, ›ich bitte, machen Sie die Vorhänge zu.‹ – Statt mir aber zu gehorchen, schien es, als habe der Teufel ihm gerade für meine unglückliche Lage die bittersten Worte eingegeben. ›Und wieviel haben Sie gewonnen ?‹ fragte er, ›fünfhundert? Was wird der arme Mann anfangen! Denken Sie, Herr Chevalier, an das, was ich Ihnen sagte, dies Geld wird Ihnen nichts Gutes bringen. Sind es vierhundert, drei, zwei? Wie, bloß hundert Pistolen?‹ rief er, als er sah, wie ich bei jeder Summe den Kopf schüttelte. ›Nun, das ginge noch, hundert Pistolen gehen ihm noch nicht an den Kragen, wenn Sie sie nur in Ehren gewonnen haben.‹ – ›Lieber Brinon,‹ seufzte ich tief, ›ziehen Sie die Vorhänge zu, ich bin nicht wert, das Sonnenlicht zu sehen.‹ Bei diesen traurigen Worten bebte Brinon, und ich dachte, er würde in Ohnmacht fallen, als ich ihm mein Pech mitteilte. Er raufte sich das Haar aus und wiederholte unaufhörlich unter Klagerufen: ›Was wird die gnädige Frau sagen!‹ – Nachdem er sich so in nutzlosen Klagen ergangen, sagte er: ›Nun, Herr Chevalier, was gedenken Sie jetzt anzufangen?‹ – ›Nichts,‹ antwortete ich, ›denn ich bin zu nichts nutz.‹ Als ich mich durch die Beichte etwas erleichtert fühlte, gingen mir einige Pläne durch den Kopf, zu denen ich ihn jedoch nicht bereden konnte. Ich wollte, er solle meinem Gepäck nachreisen und eines meiner Kleider verkaufen, auch dachte ich, dem Pferdehändler auf Kredit und zu hohem Preise mehrere Tiere abzunehmen, um sie dann billig wieder zu verkaufen. Brinon wollte von all diesen Vorschlägen nichts wissen und nachdem er mich lange grausam gequält, zog er mich aus der Klemme. Die Eltern haben immer eine Reserve für ihre Kinder, die sie ihnen stets sparsam vorenthalten. Meine Mutter hatte die Absicht gehabt, mir fünfhundert Louisdor zu geben; fünfzig davon hatte sie zurückgelegt, teils um einige Ausbesserungen an meiner Abtei vornehmen, teils um für mich beten zu lassen. Fünfzig Goldstücke waren überdies dem Brinon mit dem Befehl zugestellt worden, mir außer in dringendster Not nichts davon zu sagen. Wie du siehst, kam dieser Fall bald. Dies der Schluß des ersten Abenteuers. Bisher war mir das Spiel günstig; denn seit meiner Ankunft hatte ich bare fünfzehnhundert Louis gewonnen. Seitdem hat das Blatt sich wieder gewendet, wir müssen also dem Glück nachhelfen. Unser Geldvorrat ist im Zustande der Ebbe, führen wir also die Flut herbei.« »Das ist kinderleicht,« sagte Matta, »wir brauchen nur wieder einen solchen Dummkopf zu finden, wie den Kaufmann von Lyon. Doch still, hat der treue Brinon vielleicht für den alleräußersten Fall nicht noch einen kleinen Rückhalt? Die Zeit für diesen wäre jetzt gekommen und wir täten nicht übel, wenn wir von ihm Gebrauch machten.« »Der Spaß wäre ganz am Platz,« sprach der Chevalier, »wenn du wüßtest, wo wir den Kopf hintun sollen. Man muß wahrhaftig Überfluß an Witz haben, um ihn überall anzubringen, wie du es tust. Zum Henker! Du willst immer noch scherzen und bedenkst nicht, daß unsere Lage verzweifelt ernst ist. Höre, morgen gehe ich ins Hauptquartier, dort speise ich bei dem Grafen Cameran und werde ihn zum Abendessen laden.« – »Wo?« fragte Matta. – »Hier«, antwortete der Chevalier. – »Du bist toll, armer Freund,« rief der andere; »das ist wahrhaftig wie eines von deinen Lyoner Projekten. Du weißt, daß wir weder Geld noch Kredit haben und willst ein Souper geben, um unsere Not zu lindern?« »Kurzsichtiger Mensch!« rief der Chevalier, »ist's möglich? Seit der ganzen Zeit, die wir zusammen leben, hast du nicht ein Körnchen Erfindungsgabe gehabt! Graf Cameran spielt gern eine Partie Quinze und ich auch; wir brauchen Geld, und er weiß nicht, was er mit seinem anfangen soll. Ich werde ein sehr gutes Essen bestellen; er wird es bezahlen. Laß mich mit deinem Haushofmeister sprechen und kümmere dich um nichts, außer um eine kleine Sicherheitsmaßregel, wie sie bei solchen Gelegenheiten am Platz ist.« – »Was?« fragte Matta. – »Wie ich dir sage,« erwiderte Grammont, »denn ich sehe wohl, daß man dir die einfachsten Dinge erklären muß. Du kommandierst hier die Gardekompagnien, nicht wahr? Mit Einbruch der Nacht läßt du fünfzehn bis zwanzig Mann unter deinem Sergeanten La Place antreten und legst sie zwischen uns und dem Hauptquartier in Hinterhalt.« »Zum Teufel,« rief Matta, »eine Falle! Gott verzeih' dir's, ich glaube, du willst diesen armen Savoyarden ausplündern! Wenn das deine Absicht ist, so erkläre ich dir, daß ich nicht von der Partie bin.« »Du bist nicht bei Trost,« sprach der Chevalier, »die Sache ist die. Wahrscheinlich werden wir ihm sein Geld abgewinnen. Obgleich sonst ganz anständige Leute, sind die Piemontesen doch sehr argwöhnisch und ahnen leicht Böses. Der Graf Cameran kommandiert die Kavallerie; du weißt genau, daß du den Mund nicht halten kannst und bist ganz der Mann dazu, irgend einen schlechten Witz loszulassen, der ihn beunruhigen könnte. Wenn es ihm nur einfiele, daß wir ihn prellen, und er sich über den Verlust aufregt, wer weiß, was aus der Sache wird; denn er ist gewöhnlich von acht bis zehn Reitern begleitet. Wie sich also sein Ärger über den Verlust auch äußern mag, es ist auf alle Fälle gut, wenn wir uns vorsehen und nicht überrumpeln lassen.« »Laß dich umarmen, teurer Chevalier,« sprach Matta, sich den Bauch haltend, »du bist ein prächtiger Mensch. Ich war ein Einfaltspinsel, daß ich, als du von Vorsichtsmaßregeln sprachst, denken konnte, es handle sich bloß um einen Tisch mit besonderen Karten oder ein paar falsche Würfel. Nie wäre es mir eingefallen, daß man ein Spielchen durch ein Pikett Infanterie unterstützen kann. Man muß zugeben, daß du schon ein großer Taktiker bist.« Tags darauf ging alles Punkt für Punkt, wie der Chevalier es vorgesehen hatte; der unglückliche Cameran ging in die Falle. Es wurde sehr fein soupiert. Matta trank fünf bis sechs große Schluck, um einen Rest von Zartgefühl, das er in sich befürchtete, hinunterzuspülen. Glänzend beredt wie gewöhnlich, versetzte der Chevalier Grammont den Gast, den er bald sehr ernst stimmen sollte, in schallendes Gelächter und der gute Cameran schmauste wie ein Mensch, dessen Neigungen zwischen Essen und Spiel geteilt sind, das heißt, er beeilte sich mit dem Souper, um für das Glücksspiel keinen kostbaren Augenblick zu verlieren. Nach dem Mahl legte sich der Sergeant La Place in Hinterhalt und der Chevalier nahm seinen Mann aufs Korn. Die Prellerei des Schweizers Cerise und des Spitzhuts steckte ihm noch im Gedächtnis und wappnete ihn bis zu vollkommener Unempfindlichkeit gegen einige schwache Gewissensbisse und Zweifel, die noch in ihm aufstiegen. Um nicht Zeuge der Verletzung des Gastrechtes zu werden, warf sich Matta in einen Lehnstuhl und versuchte zu schlafen, während man dem armen Cameran den Hals abschnitt. Anfangs setzten sie nur drei bis vier Pistolen, wie zum Scherz, da aber Cameran drei- bis viermal im Verlust gewesen war, wagte er mehr und das Spiel wurde ernst. Er verlor wieder, wurde hitzig, die Karten flogen durchs Zimmer und die Ausrufe weckten Matta. Da sein Kopf von Wein und Schlaf verwirrt war, fing er über die Ausbrüche des Piemontesen zu lachen an und sagte, statt ihn zu trösten: »Armer Graf, wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich nicht weiter spielen.« – »Weshalb?« fragte dieser. – »Ich weiß nicht,« sprach der andere; »aber mir scheint, Ihr Glücksstern will sich nicht zeigen.« – »Das muß man abwarten«, meinte Cameran und forderte neue Karten. – »So versuchen Sie's«, lallte Matta und schlief wieder ein. Aber diesmal schlummerte er nicht lange; für den Verlierenden waren alle Karten gleich unglücklich und es half ihm nichts, daß er am Schluß Quinze, das heißt 15, aufwies. Es folgten neue Ausbrüche. »Hatte ich's nicht gesagt?« rief Matta aus dem Schlaf gestört; »das Wettern hilft nichts; solange Sie spielen, werden Sie verlieren. Glauben Sie mir, die kürzesten Irrtümer sind die besten; hören Sie auf, denn – der Henker soll mich holen – es ist ganz unmöglich, daß Sie gewinnen können.« – »Weshalb nicht?« fragte Cameran immer gereizter. – »Wollen Sie's wissen?« antwortete Matta, »wir beschwindeln Sie.« Außer sich über einen Scherz, der um so unpassender schien, weil er den Schein der Wahrheit hatte, sagte der Chevalier Grammont: »Matta, meinst du, es sei für einen Herrn, der so unglücklich spielt, wie der Graf, etwa angenehm, sich den Kopf noch mit herzlosen Späßen vollreden zu lassen? Ich für meinen Teil finde das so störend, daß ich gleich zu spielen aufhören würde, wenn der Graf nicht im Verlust wäre.« – Ein aufgeregter Mensch fürchtet nichts so stark wie eine Drohung dieser Art, und Herr von Cameran sagte, sich beherrschend, der Chevalier möge Matta nur reden lassen, wenn es ihn nicht beleidige; ihn selber ärgere das nicht im mindesten. Grammont behandelte ihn schonender, als der Schweizer zu Lyon es mit ihm gemacht, denn er spielte, so viel der Graf verlangte, auf Ehrenwort. Cameran war ihm dafür so dankbar, daß er gegen fünfzehnhundert Pistolen einbüßte, die er am anderen Tage bezahlte. Matta wurde wegen seiner unpassenden Worte gehörig gescholten. Der einzige Grund, den er den Vorwürfen entgegensetzte, war: sein Gewissen hätte es nicht zugelassen, daß der arme Savoyarde ganz ungewarnt ausgeplündert würde; außerdem hätte es ihm Spaß gemacht, seine Infanterie mit der Kavallerie Camerans, wenn dieser aufbegehrt hätte, handgemein werden zu sehen. Nachdem dies Abenteuer ihnen wieder aufgeholfen, erklärte sich, bis zum Ende des Feldzuges, das Glück zu ihren Gunsten, und um zu zeigen, daß er sich des gräflichen Gewinns nur bedient habe, um den in Lyon erlittenen Verlust zu decken, fing der Chevalier an, von seinem Gelde jenen Gebrauch zu machen, den er bei allen Anlässen zu zeigen pflegte. Er suchte Unglückliche auf, um ihnen beizustehen; Offiziere, die ihre Effekten im Krieg oder ihr Geld im Spiel verloren hatten, Soldaten, die in den Laufgräben verstümmelt worden waren – mit einem Wort, alle fühlten seine Freigebigkeit. Doch überbot die Art der Unterstützung noch die Wohltat selbst. Ein Mann, der von solcher Seite bewundert wird, kann überall auf Erfolg rechnen. Von den Soldaten wurde er angebetet. Zu jeder militärischen Operation, bei der es etwas zu leisten gab, fanden ihn die Generäle bereit und suchten ihn auch sonst auf. Als er sah, daß ihm das Glück wieder günstig sei, war seine erste Sorge, Cameran Revanche zu geben, indem er ihn bei allen vorteilhaften Partien zu seinem Teilnehmer machte. Ein unerschöpflicher Vorrat von guter Laune und Munterkeit gab seinen Reden und Handlungen stets Gehalt und neuen Reiz. – Ich weiß nicht, wie es kam, daß Herr von Turenne gegen Schluß der Belagerung ein detachiertes Korps befehligte. In seinem entfernten Quartier besuchte ihn der Chevalier und fand dort fünfzehn bis zwanzig Offiziere. Turenne liebte an und für sich die Heiterkeit; schon die bloße Gegenwart Grammonts munterte ihn auf; er war über den Besuch entzückt und wollte aus Erkenntlichkeit ihm zu Ehren ein Spiel veranstalten. Der Chevalier dankte und sagte, von seinem Lehrer habe er zweierlei gelernt: gehe man zu seinen Freunden, so sei es weder klug, wenn man bei ihnen sein Geld lasse, noch anständig, wenn man ihres mitnehme. Herr von Turenne erwiderte, er würde bei ihnen gewiß weder viel Geld noch hohes Spiel finden; damit es aber nicht heiße, daß man ihn ohne dieses Vergnügen empfangen habe, möge jeder ein Pferd setzen. Der Chevalier Grammont war es zufrieden. An einem Ort vom Glück begünstigt, wo er dessen nicht zu bedürfen geglaubt, gewann er im Umsehen fünfzehn bis sechzehn Tiere und als er einige der Spieler über den Verlust bestürzte Gesichter machen sah, sprach er: »Meine Herren, ich würde Sie von Ihrem General ungern zu Fuß nach Hause gehen sehen; es genügt, wenn Sie mir Ihre Pferde morgen senden, mit Ausnahme eines einzigen, welches ich als Kartengeld da lasse.« Der Diener glaubte, er scherze nur. – »Ich spreche im Ernst,« fügte der Chevalier hinzu, »ich gebe ein Pferd als Kartengeld, nehmt euch, welches ihr wollt, nur nicht meines.« – »Die Sache gefällt mir schon wegen ihrer Neuheit,« sagte Turenne, »denn ich glaube, bis jetzt hat noch niemand ein Pferd als Kartengeld gegeben.« Trino ergab sich endlich; nach langer, tapferer Verteidigung des Platzes erhielt Baron de Batteville eine seines Widerstandes würdige Kapitulation. Ich weiß nicht, ob der Chevalier an der Einnahme dieser Festung teilhatte; aber ich weiß, daß mehrere Orte unter einer noch ruhmreicheren Regierung und unter einer überall siegreichen Waffenmacht vor den Augen des Königs mit durch seine Kühnheit und Gewandtheit gewonnen wurden. Man wird das im Verfolg der Memoiren finden. Waffenruhm ist nur die Hälfte des Glanzes, der Helden umgibt; Liebe muß die letzte Feile zur Heldenverklärung durch Taten, kühne Wagnisse und ruhmreichen Erfolg anlegen. Wir haben nicht allein in Romanen, sondern auch in der Geschichte berühmter Krieger und großer Eroberer genug Beispiele dafür. Sich um Vorbilder wenig kümmernd, unterließen der Chevalier Grammont und Matta dennoch nicht, sich von den Strapazen der Belagerung von Trino durch einige Angriffe auf die verheirateten Schönheiten von Turin zu erholen. Da der Feldzug rasch zu Ende war, hofften sie Zeit zu einigen Heldentaten zu haben, ehe noch die günstige Gelegenheit zu Ende ginge und sie zur Rückkehr über die Berge gerufen würden. Sie machten sich also ungefähr auf den Weg wie Amadis oder Don Galaor, wenn diese nach Empfang von Ritterschlag und Orden für ihre Liebe in den Kampf oder auf wunderbare Abenteuer auszogen. Sie waren würdige Nachfolger dieser Brüder; denn wenn sie es auch nicht verstanden, Riesen zu bekämpfen, Lanzen zu brechen und schöne Edeldamen hinten auf dem Sattel mitzuführen, ohne mit ihnen ein trautes Wort zu tauschen, so konnten sie dafür spielen, wovon wieder jene Helden nichts verstanden. Sie kamen in Turin an, wurden gut aufgenommen und bei Hofe sehr ausgezeichnet. Wie war es anders denkbar? Sie waren jung, hübsch, hatten Geist und machten viel Aufwand. In welchem Lande der Welt spielt man mit solchen Vorzügen nicht eine Rolle? Da Turin damals Sitz der Liebe und Galanterie war, mußten wohl zwei Fremde ihres Äußeren, Männer, die selbst die Langeweile haßten, die Damen des Hofes besonders fesseln. Obgleich die Herren dort zum Malen schön waren, verstanden sie die Kunst, zu gefallen, nicht besonders. Sie ehrten ihre Frauen und hegten Achtung für die Fremden; ihre Frauen, die noch hübscher waren als sie, zeigten aber mindestens so viel Aufmerksamkeit für die Fremden wie Rücksicht auf ihre Männer. Eine würdige Tochter Heinrichs IV., machte die königliche Prinzessin ihren kleinen Hof zum angenehmsten Ort der Welt; sie hatte die Tugenden ihres Vaters, soweit sie dem schönen Geschlecht zukommen, geerbt, und in dem, was man die Schwäche edler Seelen nennt, war Ihre Hoheit auch nicht aus der Art geschlagen. Graf Tanes war ihr erster Minister. Während seiner Amtsführung waren die Staatsgeschäfte nicht schwer zu leiten; niemand beklagte sich über ihn und die Fürstin schien mit seinen Leistungen gleichfalls zufrieden. Da sie wünschte, daß alles an ihrem Hofe glücklich sei, lebte man bei ihr ziemlich nach den Bräuchen und Sitten des alten Rittertums. Jede Dame hatte einen offiziellen Liebhaber außer den freiwilligen, deren Zahl unbeschränkt war. Die erklärten Ritter trugen die Farben ihrer Herrinnen, führten ihre Wappen, mitunter ihre Namen. Ihr Dienst bestand darin, sie vor der Welt stets zu begleiten, und ihnen unter vier Augen nicht zu nahe zu kommen, ihnen überall als Stallmeister zu dienen und beim Karussellstechen Lanzen, Schabracken und Kleider mit dem Monogramm und den Farben der Holden zu versehen. Matta war kein Feind galanten Rittertums und hätte es einfacher gewünscht, als es zu Turin zuging. Die gewöhnlichen Formen hätten für ihn nichts Abstoßendes gehabt, doch schien ihm der Kultus und die Zeremonien, die die Liebe hier so streng vorschrieb, eine Art Götzendienst. Da er aber in diesem Punkt sein Benehmen der Ansicht des Chevaliers Grammont unterordnete, mußte er dessen Beispiel folgen und sich den Sitten des Landes anpassen. Sie traten gleichzeitig in den Dienst zweier schöner Damen, die ihnen von den bisherigen Kavalieren sogleich aus Höflichkeit abgetreten wurden. Der Chevalier Grammont wählte das Fräulein von Saint-Germain und empfahl Matta, seine Huldigung Frau von Senantes darzubringen. Matta war damit zufrieden, obgleich er die andere Dame vorgezogen hätte, aber der Chevalier Grammont machte ihm klar, daß Frau von Senantes für ihn besser passe. Da er sich bei der Einsicht des Chevaliers stets wohlbefunden hatte, folgte er dessen Winken in der Liebe wie einst im Spiel. Fräulein von Saint-Germain, noch in des Lebens Frühling, hatte kleine, aber sehr glänzende und lebhafte Augen: sie waren schwarz wie ihr Haar. Ihr Teint war blühend und frisch, wenn auch nicht von blendender Weiße, ihr Mund lieblich, ihre Zähne schön, die Brust, wie man sie wünschen mag und ihr Wuchs der reizendste der Welt. Ihre wohlgeformten Arme waren bis zum Ellenbogen besonders schön, was ihr indes nicht viel half; denn ihre Hände waren ziemlich groß und die Holde tröstete sich, daß die Zeit, da sie weiß werden mußten, noch kommen würde. Ihre Füße waren, wenn auch nicht die kleinsten, so doch wohlgebildet. Sie ließ alles gehen, wie es Gott gefiel, ohne die Gaben der Natur durch Kunstgriffe zu heben. Doch hatte trotz der Vernachlässigung ihrer Reize das Gesicht so viel Ansprechendes, daß der Chevalier Grammont sogleich davon ergriffen wurde. Ihr Geist und ihre Laune waren mit dem Äußern im Einklang; alles war natürlich und anmutig, man sah an ihr nichts als Heiterkeit, Leben, Freundlichkeit und Wohlwollen: das Ganze war wie aus einem Guß ohne störende Unebenheiten. Die Marquise von Senantes galt für blond; es wäre indes bloß auf sie angekommen und man hätte sie für rot gehalten; doch fügte sie sich lieber dem Geschmack der Zeit als dem der Antike; sie besaß alle Vorzüge der Rothaarigen, ohne ihre Mängel zu haben, und beständige Pflege glich das Grelle der Farbe aus. Wenn man nur so ist, wie man sein soll, was liegt im Grunde daran, ob man durch Kunst oder von Natur aus so ist? Man muß sehr boshaft sein, um da den Unterschied peinlich zu untersuchen. Sie besaß viel Geist, ein gutes Gedächtnis, viel Belesenheit und noch mehr Hang zur Verliebtheit. Sie hatte einen Gemahl – die Keuschheit selbst hätte sich ein Gewissen daraus gemacht, ihn vor seinem wohlverdienten Schicksal zu bewahren. Er spielte den Stoiker; seiner Philosophie zu Ehren war er auf sein abstoßendes, nachlässiges Äußere stolz. Die Absicht, zu mißfallen, gelang ihm vollständig; denn er war sehr dick und schwitzte im Winter wie im Sommer. Gelehrsamkeit und Plumpheit schienen seine Hauptaufgaben, beides glänzte in seiner Unterhaltung bald gleichzeitig, bald nacheinander, aber stets zur Unzeit. Eifersüchtig war er nicht, aber trotzdem sehr unbequem und störend. Er wünschte allerdings, man solle zu seiner Frau aufmerksam sein, jedoch nur, damit man ihm desto mehr Rücksicht erweise. Sobald unsere Abenteurer sich erklärt hatten, nahm der Chevalier Grammont die grüne Farbe an und stattete Freund Matta blau aus. Dies waren die Zeichen ihrer neuen Herrinnen. Sie traten ihr Amt auf der Stelle an. Der Chevalier studierte und übte alle Formen dieses galanten Dienstes, als hätte er sein lebelang nichts anderes getan. Matta vergaß davon fast immer die eine Hälfte und fand sich mit der anderen nicht besonders zurecht; er konnte sich nie merken, daß er nur dem Ruhm, nicht aber den Freuden seiner Herrin zu dienen habe. Die Fürstin von Savoyen gab am nächsten Tage auf dem Jagdschloß ein Fest, an dem alle Damen teilnahmen. Der Chevalier Grammont sagte seinem Fräulein soviel angenehme und ergötzliche Dinge, daß sie darüber aus voller Kehle lachte. Matta führte seine Herrin zum Wagen, drückte ihr die Hand und bat sie bei der Rückkehr von der Spazierfahrt, sie möge doch Mitleid mit seinen Qualen haben. Das hieß ein wenig rasch vorgehen und wenn auch Frau von Senantes nicht grausamer war als andere Damen, so verletzte es sie doch ein wenig, daß man mit ihr so ohne Umstände verfuhr; sie glaubte darüber etwas Entrüstung zeigen zu müssen und zog ihre Hand zurück, die er bei dieser Erklärung auf das innigste gedrückt hatte; dann ging sie zur Fürstin hinauf, ohne ihrem neuen Liebhaber auch nur einen Blick zu schenken. Nicht ahnend, daß er sie beleidigt, ließ Matta sie ruhig gehen und sah sich in der Stadt nach jemand um, der mit ihm soupieren wolle. Für einen Mann seiner Art war diese Aufgabe nicht schwer. Bald fand er, was er suchte, tafelte dann hübsch lange, um sich von den Strapazen des Minnedienstes zu erholen, und legte sich, mit seinem Tagwerk sehr zufrieden, ins Bett. Unterdessen erfüllte der Chevalier Grammont bei Fräulein Saint-Germain seine Pflicht auf das pünktlichste und fand trotz aller Bemühung um sie noch Zeit, durch tausend kleine Geschichten zu glänzen und so zur allgemeinen Unterhaltung beizutragen. Die Fürstin von Savoyen hörte ihm mit Teilnahme zu und die verlassene Senantes schenkte ihm viel Aufmerksamkeit. Er bemerkte das und verließ seine Geliebte, um die Marquise zu fragen, was sie mit Matta angefangen habe. »Ich habe mit ihm nichts angefangen,« sagte sie, »ich weiß aber nicht, was er mit mir angefangen haben würde, wenn ich die Güte gehabt hätte, seine demütigenden Vorschläge anzuhören«, – und erzählte ihm die Art und Weise, in der sein Freund sie seit dem zweiten Tage ihrer Bekanntschaft behandelt habe. Der Chevalier Grammont mußte lachen. Er gestand ihr, sein Freund sei ein wenig naiv, aber später würde sie mit ihm zufrieden sein; zu ihrem Trost versicherte er, Matta hätte, selbst wenn die Fürstin an ihrer Stelle gewesen wäre, nicht anders gehandelt; er wolle jedoch nicht unterlassen, ihm dafür ordentlich den Kopf zu waschen. Zu diesem Zweck ging er nächsten Morgen in Mattas Zimmer; der war aber schon früh auf eine Jagdpartie gefahren, zu der ihn seine Tischgenossen vom vorigen Abend eingeladen hatten. Bei seiner Rückkehr nahm er zwei Rebhühner und ging mit ihnen zu seiner Dame. Man fragte ihn, ob er zum Herrn Marquis wünsche; er verneinte es, und der Portier sagte ihm, die gnädige Frau sei nicht zu Hause. Matta ließ ihm seine beiden Rebhühner und bat ihn, sie ihr als Geschenk von ihm zu übergeben. Frau Senantes war bei ihrer Toilette und putzte sich mit allen Mitteln zu Ehren Mattas, während man ihn an der Tür zurückwies. Sie ahnte davon nichts, aber ihr Herr Gemahl wußte es um so besser. Er hatte es sehr unpassend gefunden, daß der erste Besuch nicht ihm gegolten, und beschloß deshalb, die Visite solle auch nicht bei seiner Frau stattfinden; der Pförtner hatte zu diesem Zweck Befehle erhalten und rechnete schon wegen der Annahme der Rebhühner auf eine Tracht Prügel. Das Geschenk wurde sogleich zurückgeschickt und Matta war eben nicht böse, es wieder zu erhalten, ohne sich um die Gründe zu kümmern. Er ging im Jagdkleid an den Hof und dachte nicht daran, daß er da in den Farben seiner Dame erscheinen müsse. Er traf sie geputzt an; ihr Auge schien voll Feuer, ihr Wesen einladend. Von dem Augenblick an wünschte er sich Glück, daß er dem Rate Grammonts gefolgt sei, doch schien sie ihm allein Kälte zu zeigen; nachdem er so viel für sie getan zu haben glaubte, dünkte ihm das unbegreiflich. Er bildete sich ein, sie wisse von all seinen Aufmerksamkeiten nichts, sprach davon und schalt sie, daß sie seine Rebhühner zurückgewiesen. Sie verstand ihn gar nicht; entrüstet, daß er sich nach der ersten Zurechtweisung noch nicht demütige, sagte sie, er müsse auf seinen Reisen wohl immer sehr zugängliche Frauen angetroffen haben, weil er Manieren annähme, an die man hier noch nicht gewöhnt sei. Matta fragte sie, weshalb seine Art denn außergewöhnlich sei. – »Weshalb?« rief sie; »den zweiten Tag, den Sie mich mit Ihrer Aufmerksamkeit beehren, behandeln Sie mich, als stände ich Ihnen seit tausend Jahren zu Diensten. Als ich Ihnen das erstemal die Hand reichte, drückten Sie sie mit voller Kraft. Nach diesem Gruß steige ich in den Wagen, Sie zu Pferd; doch weit entfernt, sich am Schlag zu halten, wie es die Herren sonst tun, galoppieren Sie hinter jedem Hasen her. Nachdem Sie sich unterwegs gehörig mit Schnupftabak erfrischt haben, ohne an mich zu denken, entsinnen Sie sich bei der Rückkehr meiner nur zu dem Zweck, um in artigen, aber sehr deutlichen Ausdrücken Unehrbares von mir zu verlangen; heute sprechen Sie mir nun von einer Jagd, von Rebhühnern und einem Besuch bei mir, den Sie wahrscheinlich, wie alles andere, nur im Traum erlebt haben.« Bei diesen Worten trat der Chevalier Grammont zu den beiden. Matta wurde wegen seiner Zudringlichkeit gescholten. Der Freund mühte sich ab, ihm deutlich zu machen, daß sein Eifer eher beleidigend als vertrauenerweckend sei. Matta entschuldigte sich, so gut er konnte, das heißt sehr unzulänglich. Seine Dame hatte Mitleid mit ihm, sie wollte lieber seine Entschuldigung über die Form, als seine Reue über das Vergehen selbst gelten lassen und gab zu verstehen, nur gute oder böse Absicht könne Taktlosigkeiten rechtfertigen oder verwerflich machen; gewöhnlich vergebe man aus Leidenschaft entspringende Regungen, nicht aber Übergriffe, die leichten Sieg vorauszusetzen scheinen. Matta schwor, er habe ihr nur aus übermäßiger Leidenschaft die Hand gedrückt, sie nur aus Not um Erbarmen angefleht; er kenne nicht die Art, wie man Gunst erbettle, werde sie nach einem Monat treuen Dienstes seiner Liebe nicht würdiger finden als sie ihm gerade jetzt erscheine, und bitte sie, sich seiner bei Gelegenheit zu erinnern. Frau von Senantes wurde darüber nicht böse, sie sah wohl, daß man bei einem Manne seiner Art nicht streng auf die Formen sehen dürfe und der Chevalier Grammont dachte nach dieser Mahnung an seine eigene Angelegenheit bei Fräulein Saint-Germain. Nicht sein gütiges Naturell allein hatte ihn bewogen, sich in Mattas Verhältnis zu mischen. Im Gegenteil; als er merkte, die Stimmung der Frau von Senantes werde ihm selber günstig, dachte er, diese Eroberung sei doch leichter als die andere, und er dürfe sie benutzen, aus Furcht, sie könne vom Freunde unbenutzt bleiben; außerdem wollte er, im Falle er bei der kleinen Saint-Germain zu keinem Resultat käme, seine Zeit doch nicht ganz umsonst geopfert haben. Um jedoch die seinem Gefährten gegenüber angenommene ernste Miene, so schwer es ihm wurde, zu bewahren, machte er ihm Vorwürfe, daß er sich bei Hof im Jagdanzug, und zwar ohne die Farben seiner Dame gezeigt habe, daß er nicht Takt genug besessen, dem Marquis von Senantes den ersten Besuch zu machen, statt nach der gnädigen Frau zu fragen; zum Schluß wetterte er ihn an, was er sich denn zum Henker dabei gedacht, als er ihr zwei abscheuliche rote Rebhühner zum Geschenk gemacht habe? »Warum hätte ich das nicht sollen?« fragte Matta, »müssen die etwa auch blau sein wie die Kokarde und die Degenschleife, die du mir neulich angeheftet hast? Geh zum Teufel mit deinem Firlefanz, armer Chevalier. Der Henker soll mich holen, wenn du in vierzehn Tagen nicht auch so dumm bist, wie all diese Hohlköpfe in Turin; doch um auf deine Frage zu antworten: ich besuchte Herrn von Senantes deswegen nicht, weil ich mit ihm nichts zu tun habe; er ist ein Menschenvieh, daß mir mißfällt und nie gefallen wird. Du natürlich bist ganz entzückt, grün ausstaffiert zu sein, Billetts an deine Dame schreiben zu können, deine Taschen mit Zitronat, Bonbons und anderen Süßigkeiten zu füllen, mit denen du das arme Kind fütterst, ob sie will oder nicht; du denkst, du wirst den Vogel damit kirre machen, und wenn du ihr ein Lied trällerst, das zur Zeit der Corisande oder Heinrichs IV. gedichtet wurde, kannst du ihr einreden, du hättest es für sie verfaßt. Überglücklich, die hohlste galante Zeremonie mitzumachen, denkst du in deinem Ehrgeiz gar nicht mehr an das Wesentlichste. Nun, es hat jeder seinen Gusto und seine Art zu handeln, dein Sinn geht in der Liebe auf Kindereien und wenn du die Saint-Germain nur gehörig zum Lachen bringst, verlangst du nichts weiter von ihr. Ich aber denke, die Frauen sind hier wie überall; ich werde niemals glauben, sie seien ernstlich böse, wenn man von Spielereien zu ernsteren Dingen übergeht. Jedenfalls aber mag Frau von Senantes, wenn sie wirklich so denkt, sich um einen anderen umsehen, denn ich schwöre: ich werde nicht länger bei ihr die Vasallenrolle spielen.« Diese Drohung war ganz überflüssig. Frau von Senantes fand ihn nach ihrem Geschmack, dachte ungefähr wie er und verlangte nur, zur Sache zu kommen, aber Matta fing alles verkehrt an. Er war gegen ihren Gemahl so eingenommen, daß er sich, um ihn zu gewinnen, nicht zum geringsten Schritt entschließen wollte. Man gab ihm zu verstehen, er müsse erst den Drachen einschläfern, ehe er zum Schatz gelangen könne; es half nichts, obgleich er so Frau von Senantes nur in Gesellschaft zu sehen bekam. Das machte ihn ungeduldig und als er ihr eines Tages sein Leid klagte, sprach er: »Haben Sie die Güte, gnädige Frau, mir zu sagen, wo Sie eigentlich wohnen. Ich gehe mindestens dreimal zu Ihnen, ohne Sie je zu treffen.« – »Und doch pflege ich nachts zu Hause zu schlafen,« antwortete sie lachend, »aber ich teile Ihnen mit, daß Sie mich nie finden werden, ehe Sie nicht meinen Mann besucht haben; ich kann das einmal nicht ändern. Ich will ihn Ihnen nicht als Mann preisen, dessen Gesellschaft man um seiner Liebenswürdigkeit willen sucht; ich gebe im Gegenteil zu, daß sein Wesen recht seltsam, seine Art nicht gewinnend ist, aber man kann mit etwas Mühe und gutem Willen auch die wildesten zähmen. Ich will Ihnen ein Liedchen über dieses Kapitel vorsingen; ich lernte es auswendig, weil es einige Winke enthält, von denen Sie nach Belieben Gebrauch machen mögen: Soll euer Werben schön gedeih'n, Nehmt meine Lehre wohl in acht. Ist eure Liebe mehr als Schein, Wie ihr uns gerne glauben macht, – Prägt diese Worte wohl euch ein: Mit Pferden, Wagen, schöner Tracht, Mit Phrasen, Schwüren, Schmeichelein, Mit Schmuck und mit Juwelenpracht Verseht euch fein. Wenn ihr die Eltern wollt erfreun, Seid auf Geschichtchen wohl bedacht Bestochen will der Diener sein; Doch wenn der Gatte niemals lacht, Wenn er nur finstre Miene macht, – Will zehnfach er gewonnen sein.« »Wahrhaftig, gnädige Frau,« sprach Matta, »das Lied mag ja recht haben, aber es ist mir unmöglich, es zu befolgen; Ihr Gemahl ist mir zu langweilig. Welch verteufelte Sitte. Darf man hierzulande die Frau nicht sehen, ohne dem Mann den Hof zu machen?« Frau von Senantes fand diese Antwort sehr unartig und weil sie genug getan zu haben glaubte, um ihn auf den rechten Weg zu bringen, wenn er dessen würdig gewesen wäre, dachte sie, es sei nicht der Mühe wert, sich weiter um ihn zu bemühen, weil er sich nicht einmal bei so unbedeutenden Dingen Zwang antun konnte – und so war sie mit ihm fertig. Fast zu gleicher Zeit hatte der Chevalier Grammont seiner Dame den Abschied gegeben; er war bei dem Verhältnis immer kühler geworden, nicht etwa, weil Fräulein Saint-Germain seiner Aufmerksamkeit unwert wurde; ihre Schönheit entfaltete sich im Gegenteil täglich zusehends üppiger. Abends ging sie in vollendeter Schönheit zu Bett und am Morgen erhob sie sich wieder mit neuer Anmut. An Alter und an Grazie zunehmen war bei ihr eins. Diese Wahrheit konnte der Chevalier nicht in Abrede stellen; aber er kam dabei nicht auf seine Rechnung. Ein bißchen weniger Schönheit mit etwas weniger Sittsamkeit wäre mehr nach seinem Sinn gewesen. Er merkte, daß sie ihm mit Vergnügen zuhörte und über seine Geschichten herzlich lachte, daß sie seine Billette und Geschenke unbedenklich annahm; allein – dabei blieb sie auch stehen. Seine Strategie hatte ihr zwar alles, aber nicht den Kopf verdreht. Ihr Kammermädchen war gewonnen, die von seinen Scherzen und Aufmerksamkeiten entzückten Eltern waren nie heiterer, als wenn sie ihn bei sich sahen, kurz, er hatte die Lehren des Liedchens der Frau Marquise genau befolgt und alles schien die Saint-Germain in seine Schlingen zu liefern, wenn die kleine Dame nur selbst Lust gehabt hätte, sich zu ergeben. Aber sie wollte durchaus nicht; vergebens sagte er ihr, die Gunst, um die er sie bitte, koste nichts, diese Schätze wären selten unter der Mitgift eines Mädchens und sie würde nie jemandem begegnen, der durch seine Liebe und seine Diskretion jener Gabe so würdig wäre wie er; ein Gemahl könne doch von der Süßigkeit der Liebe unmöglich den richtigen Begriff geben und der Unterschied zwischen dem zärtlichen Feuer eines bei aller Leidenschaft stets respektvollen Liebhabers und der bequemen Gleichgültigkeit eines Ehemannes sei einfach unermeßlich. Fräulein Saint-Germain wollte, um nicht böse werden zu müssen, seine Worte nicht ernst nehmen und meinte, da es hier Landessitte sei zu heiraten, wolle sie sie mitmachen, bevor sie noch jene feinen Unterscheidungen und seltsamen Dinge, die sie nicht recht verstehe, kennengelernt hätte, sie verlange darüber vorher keine weiteren Erläuterungen; diesmal habe sie ihn noch ruhig angehört; aber sie ersuche ihn, nichts mehr über dieses Kapitel zu sprechen, weil diese Unterhaltung ihr nicht zusage, außerdem für ihn zwecklos wäre. Wenn auch die Dame sonst zum Lachen geneigter war als die meisten, konnte sie dennoch zur rechten Zeit eine ernste Miene aufsetzen. Da der Chevalier Grammont fühlte, sie spreche in vollem Ernst, und erkannte, daß eine endlose Zeit dazu gehören würde, sie zu bekehren, ließ er in der Verfolgung seines Zieles so nach, daß er ihr nur äußerlich den Hof machte, um seine auf Frau Senantes gerichteten Pläne damit zu verschleiern. Diese Dame war über Mattas trotzige Unfügsamkeit sehr entrüstet. Solch deutliche Nichtachtung hatte ihre ihm günstige Stimmung völlig zerstört. In diesem Zustand sagte ihr der Chevalier, sie habe ganz recht. Er übertrieb den Verlust, den sein Freund sich selbst zugefügt, stellte die Dame tausendmal höher als Fräulein Saint-Germain und erbat die Gunst, deren sein Gefährte nicht würdig sei, für sich selbst. Seine Bitte wurde bald hochgeneigtest aufgenommen und da sie im Herzen einig waren, dachten sie nur noch an die nötigen Maßregeln, um Gatten und Freund zu täuschen. Matta kannte kein Mißtrauen und der dicke Senantes, bei dem der Chevalier bereits alle Schritte getan, gegen die sein Genosse sich sträubte, konnte ohne Grammont gar nicht leben. Das war leider weit mehr, als dieser wünschte; denn sooft sich der Chevalier bei der gnädigen Frau einfand, war der Herr Gemahl aus Artigkeit auch da und hätte sie um keinen Preis der Welt allein gelassen, aus Furcht, die beiden könnten sich vielleicht ohne ihn langweilen. Noch nicht ahnend, daß er in Ungnade gefallen sei, diente Matta der Dame in seiner Art weiter. Sie war mit dem Chevalier übereingekommen, daß die Dinge vorläufig zum Schein so weitergehen sollten wie früher, und der Hof glaubte daher noch immer, Frau Senantes denke nur an Matta, wie dessen Freund nur an Fräulein Saint-Germain. Von Zeit zu Zeit fanden kleine Juwelen-Lotterien statt. Der Chevalier Grammont setzte beständig und gewann gelegentlich dies und jenes. Unter dem Deckmantel dieser Gewinne kaufte er aber tausend Dinge, die er der Marquise Senantes ganz harmlos schenkte und die von dieser ebenso unbedenklich angenommen wurden. Die kleine Saint-Germain bekam nur selten etwas davon. Überall gibt es Störenfriede; man machte über das Verfahren Grammonts seine Bemerkungen und teilte sie Fräulein Saint-Germain mit. Sie stellte sich, als lache sie darüber, war aber doch etwas gekränkt. Ist es ja eine der Haupteigenschaften schöner Frauen, daß sie anderen nicht gönnen, was sie selbst zurückgewiesen haben. Sie wußte der Frau von Senantes also keinen Dank. Anderseits fragte man Matta, ob er etwa nicht erwachsen genug sei, der Marquise selbst Geschenke zu machen, ohne sie erst durch Grammont übergeben zu lassen. Das machte ihn stutzig; er hätte es von selbst nie beachtet. Vorderhand war er aber nicht sehr argwöhnisch, sondern sagte nur, um klarer zu sehen, zu Grammont: »Ich muß wohl zugeben, daß hier den Damen auf ganz eigene Art der Hof gemacht wird. Man dient ohne Liebeslohn, wendet sich an den Ehemann, wenn man in die Frau verliebt ist und macht der Geliebten eines anderen Präsente, um mit seiner eigenen Dame auf guten Fuß zu kommen.« – »Frau von Senantes ist dir sehr verbunden, daß du –.« – »Du hast mir verbunden zu sein,« sagte Grammont, »weil es für dich selbst geschieht.« – »Ich schämte mich, als ich sah, daß du ihr nie ein Geschenk gabst. Weißt du, die Leute hier am Hofe sind so eigen, daß sie glauben, nicht aus Nachlässigkeit, sondern aus Knickerei gäbest du deiner Dame gar kein Präsent. Komisch, daß man stets für dich denken muß.« Matta ließ sich schelten und erwiderte nichts, da er fühlte, er habe es ein wenig verdient; auch war er weder verliebt noch argwöhnisch genug, um weiter darüber nachzudenken. Da es aber im Interesse Grammonts lag, daß sein Freund mit Herrn von Senantes Bekanntschaft mache, quälte er ihn so lange, bis dieser es tat. Der Chevalier stellte ihn bei diesem ersten Besuch vor. Seine Dame wußte dem Eingeführten für seine Rücksicht Dank, wenn sie auch beschloß, ihn nicht dafür zu belohnen. Der Gemahl war endlich durch eine Höflichkeit, die er längst erwartet, zufriedengestellt und lud die Herren noch für denselben Abend in ein kleines Landhaus am Flusse nah bei der Stadt zum Essen ein. Der Chevalier nahm in beider Namen die Einladung an, und da dies die einzige Bitte war, die Matta Herrn von Senantes nicht abschlagen wollte, willigte er ein. Zur bestimmten Zeit kam der Marquis, um die Gäste abzuholen; allein er fand nur Matta zu Hause. Der Chevalier war absichtlich anderwärts spielen gegangen, um die beiden allein zu lassen. Aus Furcht, mit Herrn von Senantes unter vier Augen zu bleiben, wollte Matta auf Grammont warten; allein der Chevalier ließ ihnen sagen, sie mögen nur vorausgehen, er werde gleich nach Schluß des Spieles bei ihnen sein. So war der arme Matta gezwungen, mit dem unangenehmsten Menschen der Welt fortzugehen. Es war nicht Grammonts Absicht, ihn so bald aus dieser Lage zu befreien; der Treulose wußte die beiden kaum geborgen, als er auch zu Frau von Senantes unter dem Vorwand eilte, noch ihren Mann anzutreffen und ihn zum Souper abzuholen. Der Verrat war somit in vollem Gange und weil die Marquise meinte, Mattas Gleichgültigkeit verdiene es nicht besser, so nahm sie keinen Anstand, auf den Streich einzugehen. Sie erwartete also den Chevalier in um so günstigerer Stimmung, als sie lange auf ein vertrauliches ungestörtes Beisammensein mit ihm gespannt gewesen war. Es läßt sich wohl annehmen, daß diese erste Zusammenkunft nicht fruchtlos geblieben wäre, wenn nicht unerwarteterweise Fräulein Saint-Germain fast gleichzeitig mit dem Ersehnten eingetroffen wäre. Sie war an jenem Tage heiterer und reizender denn je in ihrem Leben, man fand sie aber sehr unangenehm und langweilig. Sie bemerkte bald, daß sie im Wege sei, und da sie sich nicht ungestraft beiseite stellen lassen wollte, brachte sie erst eine gute halbe Stunde damit zu, sich an der Ungeduld des Paares zu weiden und ihm tausend kleine Possen, die sie zu nicht ungelegener Zeit hätte anbringen können, zu spielen; dann nahm sie Hut, Überwurf und alles ab, was man nur tut, wenn man sich wo für den ganzen Abend häuslich niederzulassen gedenkt. Der Chevalier Grammont verwünschte sie ihm stillen, während sie ihn beständig wegen seiner schlechten Laune in so guter Gesellschaft neckte. Frau von Senantes war ebenso wütend wie er und sagte ihr ziemlich kurz angebunden: sie müsse noch zu Ihrer königlichen Hoheit. Fräulein Saint-Germain antwortete ihr, es werde ihr eine Ehre sein, sie hinzubegleiten, wenn es ihr nicht unangenehm sei. Man erwiderte darauf so gut wie nichts und der Chevalier, der die Zwecklosigkeit eines längeren Besuches einsah, machte gute Miene zum bösen Spiel und ging. Kaum war er draußen, so schickte er einen seiner Diener, um dem Herrn von Senantes zu melden, er möge sich mit seiner Gesellschaft nur zu Tisch setzen, ohne auf ihn zu warten; denn das Spiel würde nicht so bald zu Ende sein. Nach Absendung dieses Kuriers stellte er an der Tür von Frau von Senantes einen Aufpasser in der Hoffnung auf, die endlose Visite der Saint-Germain werde doch einmal aufhören und sie würde ohne die Marquise fortgehen. Aber vergebens – nach Verlauf einer in Ungeduld verbrachten Stunde meldete ihm sein Spion, die Damen seien zusammen ausgegangen. Er begriff nun, daß es unmöglich sei, sie heute noch zu sehen, weil schon alles bei seinem Plan verkehrt gegangen war; er mußte deshalb auf die Frau verzichten, um den Herrn Gemahl aufzusuchen. Während sich dies in der Stadt zutrug, unterhielt sich Matta auf dem Lande auch nicht sehr. In seiner Voreingenommenheit gegen Herrn von Senantes fand er alles schlecht, was dieser auch sagte. Er verwünschte den Chevalier Grammont aus ganzer Seele wegen des Tête-a-tête, das er ihm verschafft. Er war nahe daran aufzubrechen, als er sah, man müsse sich ohne Dritten zu Tisch setzen. Da sein Gastgeber jedoch Feinschmecker war und den besten Koch wie die trefflichsten Weine in ganz Piemont besaß, besänftigte ihn der Anblick des ersten Ganges etwas, und während er, ohne viel auf Herrn von Senantes zu achten, tapfer und tüchtig aß, schmeichelte er sich, das Souper werde ohne großen Dialog mit dem Wirt vorübergehen. Aber da täuschte er sich. Als ihn nämlich Grammont mit dem Marquis auf guten Fuß setzen wollte, hatte er, um dessen Neugier zu erregen, von Matta ein sehr schmeichelhaftes Bild entworfen; das gelahrte Steckenpferd des Marquis hatte den Chevalier bewogen, den Freund unter Aufzählung von weiteren hundert guten Eigenschaften als einen der gelehrtesten Männer Europas hinzustellen. Vor Beginn des Essens an hatte also Senantes irgend eine gelehrte Bemerkung von Matta erwartet, um dann selbst mit seiner Weisheit protzen zu können; aber da hatte er sich bedeutend verrechnet. Es gab keinen weniger belesenen Menschen und niemand war beim Essen so wortkarg wie der Gast. Da er keine Unterhaltung wünschte, öffnete er den Mund nur, um zu essen und zu trinken. Durch ein Stillschweigen, das jenem natürlich schien, verletzt, glaubte der Wirt, der bereits müde war, bei seinem Gast alle Saiten umsonst angeschlagen zu haben, es sei nicht unpassend, ihn auf das Kapitel: Liebe und Galanterie zu bringen, und leitete das Gespräch so ein: »Da Sie der Ritter meiner Frau sind ...« – »Ich,« rief Matta, wobei er diskret sein wollte, »ich? Wer Ihnen das gesagt hat, hat gelogen.« – »Chevalier,« sprach Senantes, »Sie fassen das in einem Ton auf, der Ihrer nicht würdig ist. Denn trotz Ihrer Abweisung muß ich Ihnen sagen, daß Frau von Senantes vielleicht keiner Ihrer französischen Damen nachsteht und daß es Männer gibt, die Ihnen gewiß gleichkamen und sich eine Ehre daraus gemacht hätten, ihr dienen zu dürfen.« – »Das bestreite ich nicht,« meinte Matta, »ich halte sie dessen für vollkommen würdig, und weil Sie es so haben wollen, bin ich Ihnen zu Gefallen ihr Diener und Ritter.« »Sie denken vielleicht,« fuhr der andere fort, »es sei hierzulande wie bei Ihnen; die schönen Damen hätten hier nur Liebhaber, um ihnen ihre Gunst zu erweisen; geben Sie diesen Irrtum auf und nehmen Sie bitte, zur Kenntnis, daß, auch wenn dergleichen hier bei Hofe vorkäme, ich gar nicht unruhig wäre.« – Matta sagte: »Das ist sehr edel von Ihnen, aber weshalb würden Sie ruhig bleiben?« – »Weil ich die zärtliche Neigung meiner Frau zu mir, ihre Sittsamkeit gegen jedermann und mehr als alles andere meinen eigenen Wert kenne.« »Das sind wohl drei wertvolle Erfahrungstatsachen,« sprach Matta; »ich verbeuge mich vor allen dreien. Auf Ihre Gesundheit.« – Senantes tat ihm Bescheid, aber weil die Unterhaltung stockte, wenn man nicht trank, wollte er nach zwei oder drei Toasten einen weiteren Versuch machen und Matta bei seiner starken, das heißt gelehrten Seite angreifen. Er bat ihn also, ihm zu sagen, zu welcher Zeit seiner Meinung nach die Allobroger sich in Piemont niedergelassen hätten? Matta, der ihn mit seinen Allobrogern zum Henker wünschte, erwiderte, es müsse zur Zeit der Bürgerkriege gewesen sein. »Das bezweifle ich«, sprach der Marquis. – »Wie Sie meinen«, sagte Matta. – »Unter welchem Konsulat?« forschte Senantes weiter. – »Unter dem der Ligue, als die Guisen die Landsknechte nach Frankreich kommen ließen,« sprach Matta; »aber zum Teufel, was geht das uns an?« Herr von Senantes war ziemlich kurz angebunden und wurde leicht grob; Gott weiß also, wie die Unterhaltung geendet hätte, wenn nicht der Chevalier Grammont gekommen wäre, um Ordnung zu machen. Es wurde Matta nicht ganz leicht, den Streitgegenstand festzustellen; denn der eine hatte die Fragen, die ihn geärgert, der andere die Antworten vergessen, er hielt aber dem Chevalier die ewige Spielwut vor, bei der man nie auf ihn rechnen könne. Sich weit schuldiger fühlend, als die Herren ahnten, nahm Grammont alles geduldig hin und klagte sich noch heftiger an, als sie es verlangten. Das beruhigte sie. Das Mahl endete friedlicher, als es begonnen. Die Gesprächsordnung war hergestellt, aber es war dem Chevalier unmöglich, wie sonst Heiterkeit zu verbreiten. Er war in sehr trüber Stimmung, und da er beständig drängte, von Tisch aufzustehen, glaubte Herr von Senantes, er habe beim Spiel viel verloren. Matta meinte im Gegenteil, er hätte gewiß viel gewonnen, aber der Rückzug sei aus Mangel an Vorsichtsmaßregeln vielleicht unglücklich gewesen. Deshalb fragte er ihn, ob er nicht vielleicht den Sergeanten La Place und dessen Hinterhalt gebraucht habe. Diese historische Anspielung ging über die Gelehrsamkeit des Marquis hinaus. Aus Furcht, Matta könne sie vielleicht erläutern, änderte der Chevalier die Unterhaltung und wollte aufbrechen; aber Matta hatte keine Lust dazu. Das söhnte Senantes, der die Artigkeit auf sich bezog, mit ihm aus, aber sie galt nicht ihm, sondern seinem Wein, den Matta sehr nach seinem Geschmack fand. Mit Herrn von Senantes Wesen vertraut, war die Fürstin von dem Bericht, den Grammont ihr von dem Gastmahl und der Unterhaltung erstattete, ganz entzückt. Sie ließ Matta rufen, um von ihm selbst die Wahrheit zu hören. Er gestand, vor der Frage über die Allobroger hätte der Marquis ihm zu Leibe gewollt, weil er nicht in seine Frau verliebt wäre. Nach einmal geschlossener Bekanntschaft schien Senantes seine volle, früher dem Chevalier zugewandte Gunst auf Matta übertragen zu haben. Er klopfte täglich an dessen Tür und Matta war alle Tage bei seiner Frau. Das gefiel nun Grammont nicht. Er bereute die Vorwürfe, die er Matta gemacht hatte, weil er ihn jetzt von einer alles Maß überschreitenden Aufmerksamkeit erfüllt fand. Frau von Senantes geriet dadurch noch mehr in Verlegenheit. So geistreich man auch sein mag, man ist den Menschen, denen man im Wege ist, nie willkommen; es wäre ihr nun sehr lieb gewesen, wenn sie gewisse unnütze Schritte nicht getan hätte. Matta fing an, an ihrer Person Geschmack zu finden; auch an ihrem Geist hätte er Reize entdeckt, wenn sie es so gewollt hätte. Mit Leuten aber, die unsere Absichten durchkreuzen, ist es unmöglich, guter Laune zu bleiben. Während also die Neigung Mattas wuchs, war der Chevalier Grammont nur mit Plänen zur Erreichung seines Zweckes beschäftigt. Die Kriegslist, deren er sich bediente, um das Feld rein zu bekommen und den Gemahl sowie den Anbeter zu beseitigen, war folgende: Er gab Matta zu verstehen, sie müßten den Marquis zu Tisch laden und er übernehme hiefür die Besorgungen. Matta fragte, ob das etwa geschehe, um zu spielen; es würde ihm nichts helfen, denn diesmal werde er dafür sorgen, daß Grammont sich nicht zum Spiel setze, um ihn mit dem langweiligsten Menschen auf Erden allein zu lassen. Der Chevalier dachte keineswegs daran; denn er war überzeugt, er würde die Gelegenheit nicht ausnützen können, wie immer er es auch anstelle, denn man würde ihn in allen Winkeln der Stadt suchen lassen. Sein ganzes Streben ging also dahin, das Mahl angenehm zu machen, es auszudehnen und zwischen Senantes und Matta Auseinandersetzungen hervorrufen. Deshalb steckte er sogleich die beste Laune auf, die anderen halfen ihrer Stimmung durch Wein nach. Grammont sagte, er bedauere sehr, dem Herrn von Senantes nicht ein kleines Konzert geben zu können, wie er das heute früh beabsichtigt hätte, aber die Musiker seien bereits vergeben. Der Marquis beeilte sich, die Herren für nächsten Abend auf sein Landhaus zu bitten, wo er ein Orchester haben würde. Matta fragte, was zum Teufel sie mit der Musik wollten, und behauptete, sie sei ganz am Platze, wenn Frauen ihren Liebhabern etwas zuzuflüstern wünschen, während die Gesellschaft den Tönen lausche; auch sei sie gut für Dummköpfe, die, wenn die Musik nicht spielt, nicht wüßten, was sie reden sollten. Man beachtete seine Argumente nicht; die Partie wurde für morgen verabredet und das Konzert mit Stimmenmehrheit beschlossen. Um Matta zu trösten, brachte Senantes zu Ehren des Festes mehrere Gesundheiten aus. Dieser tat ihm lieber Bescheid beim Trinken als beim Disputieren. Da Grammont gewahrte, es bedürfe keiner bedeutenden Ursache, um ihn aufzuregen, wünschte er nur, sie durch einen neuen Streit aneinander zu bringen. Vergeblich hatte er zu diesem Zwecke von Zeit zu Zeit einige Worte in die Unterhaltung geworfen. Endlich kam er auf den glücklichen Einfall, den Familiennamen der Frau von Senantes aufs Tapet zu bringen, und da der Marquis, wie alle Pedanten mit starkem Gedächtnis, in der Genealogie sehr bewandert war, entwarf er mit endlosen Verzweigungen den Stammbaum seiner Frau. Grammont schien ihm sehr aufmerksam zuzuhören, und als er Matta die Geduld verlieren sah, bat er ihn, die Ausführungen des Marquis genau zu verfolgen; denn es gebe nichts Schöneres. »Das ist ja ganz nett,« sagte Matta, »aber wäre ich verheiratet, so würde ich mich mehr mit der Erforschung des wahren Vaters meiner Kinder als mit der Entdeckung der Großmütter meiner Frau beschäftigen.« – Seine Derbheit wenig beachtend, fuhr Senantes ruhig fort und hörte nicht auf, bis er von Zweig zu Zweig die Vorfahren seiner Gemahlin bis auf Yolanthe de Senantes zurückgeleitet hatte. Darauf machte er sich anheischig, in weniger als einer halben Stunde die Abstammung der Familie Grammont aus Spanien darzutun. »Was kümmert das uns,« rief Matta, »wo die Grammonts herstammen! Glauben Sie mir, Marquis, es ist oft besser, gar nichts zu wissen, als zu viel im Kopf zu haben.« Der Marquis behauptete eifrig das Gegenteil und hätte den Beweis angetreten, daß ein unwissender Mensch ein Dummkopf sei; doch Grammont, der mit Mattas Charakter vertraut war, sah voraus, er würde den Logiker, wenn er mit seinen Schlüssen fertig wäre, zum Teufel jagen; deshalb setzte er sich, als ihre Stimmen laut zu werden anfingen, zwischen beide, sagte, es sei Torheit, sich um nichts und wieder nichts zu streiten und behandelte die Sache, um größeren Effekt zu erzielen, mit ernster Miene. Da er so den Streit unterdrückte, endete das Nachtmahl ziemlich ruhig und eine gehörige Portion Wein trat an die Stelle der Argumente. Tags darauf war Matta auf der Jagd, der Chevalier Grammont beim Bader und Senantes auf seinem Landhaus. Während er dort mit Einschluß des Orchesters alles vorbereitete, während Matta im Freien jagte, um sich Appetit zu holen, dachte der Chevalier Grammont an die Ausführung seines Planes. Als die Sache in seinem Kopfe feststand, ließ er den bei der Fürstin diensttuenden Gardeoffizier wissen, Herr von Senantes hätte vergangene Nacht beim Abendessen mit Matta einen Wortwechsel gehabt; der eine Herr sei heute früh ausgegangen, der andere in der Stadt nirgends zu finden. Durch diese Nachricht erschreckt, ließ die Fürstin den Chevalier sofort holen, und als sie über die Sache sprach, schien dieser betroffen. Er gab zwar zu, sie hätten eine kleine Auseinandersetzung gehabt, doch glaube er nicht, daß irgend einer der Herren heute noch daran denke. Er meinte, wenn das Malheur nicht schon geschehen sei, wäre das einfachste, sich beider Kavaliere bis zum folgenden Tage zu versichern, und wenn man sie fände, wolle er ihre Aussöhnung ohne weitere üble Folgen schon erreichen. Die Sache war nicht schwierig. In des Marquis Stadtwohnung erfuhr man, er sei in seiner Villa. Man begab sich dorthin und fand ihn sofort; der Offizier gab ihm, ohne ein Wort zu sagen, einige Mann Wache und verließ ihn, ohne sein tiefes Erstaunen zu beachten. Als Matta von der Jagd zurückgekehrt war, sandte ihm die Fürstin denselben Offizier und ließ ihm das Versprechen abnehmen, vor dem nächsten Tage nicht auszugehen. Die Weisung überraschte ihn; denn man gab ihm dafür keinen Grund an. Ein gutes Mahl wartete seiner, er verging fast vor Hunger und nichts schien ihm unvernünftiger, als unter solchen Umständen an die Wohnung gebannt zu sein. Allein er hatte sein Wort verpfändet, und da er nicht einsah, was die Sache bedeuten könne, fand er kein anderes Mittel, als nach seinem Freunde zu schicken. Dieser kam aber erst nach seiner Rückkehr vom Lande. Dort hatte er Herrn von Senantes mitten unter seinen Geigern über die Gefangenschaft und über Matta, den er zu einer guten Mahlzeit erwartete, sehr entrüstet gefunden. Er beklagte sich beim Chevalier bitter darüber und meinte, er habe jenen nicht beleidigt; wenn er aber Skandal liebe, möge er's ihm sagen, er solle bei erster Gelegenheit nach Herzenslust befriedigt werden. Der Chevalier Grammont erwiderte, Matta habe nie daran gedacht; er wisse im Gegenteil, dieser schätze ihn unendlich; es wäre höchstwahrscheinlich nur die ärztliche Besorgnis seiner Frau Gemahlin schuld; auf die Berichte der Lakaien hin dürfte sie wohl zur Fürstin gegangen sein, um einer gefährlichen Wendung vorzubeugen; er glaube das um so mehr, da er einigemal der Frau Marquise von Matta erzählt habe, es sei der ärgste Raufbold von ganz Frankreich. Tatsächlich habe der arme Mensch bei jedem Duell das Unglück gehabt, seinen Gegner zu töten. Etwas besänftigt, sagte Herr von Senantes, er danke sehr für die Mitteilung und wolle seine Frau wegen ihrer übergroßen Besorgnis gehörig schelten, doch vergehe er fast vor Sehnsucht nach seinem teuren Matta. Der Chevalier versprach, für ihr beiderseitiges Wiedersehen nach Kräften zu sorgen und befahl der Wache, den Marquis ohne bestimmte Ordre von Hof auf keinen Fall entschlüpfen zu lassen, weil es scheine, daß er Lust habe, sich zu schlagen. Die Soldaten seien dafür verantwortlich. Das genügte den Leuten, um ihn nicht aus den Augen zu lassen, obschon es nicht nötig gewesen wäre. Da nun der eine Mann gesichert war, blieb nur noch übrig, für den anderen zu sorgen. Grammont kam nach der Stadt zurück, und als Matta ihn sah, rief er: »Was zum Teufel bedeutet die Komödie, die man mich hier spielen läßt; ich werde aus den abgeschmackten Sitten hierzulande gar nicht klug; warum macht man mich zum Gefangenen auf Ehrenwort?« – »Wieso das kommt?« sagte der Chevalier, »du bist wahrhaftig noch alberner als die ganze Geschichte. Du verwickelst dich in Streit mit einem Tölpel, über den du nur lachen solltest. Gewiß hat irgend ein eifriger Diener die schöne Zänkerei von gestern abend hinterbracht. Frühmorgens sah man dich aus der Stadt gehen, und Senantes folgte einige Zeit darauf – braucht man mehr, um die Fürstin zu Vorsichtsmaßregeln zu veranlassen? Senantes ist gefangen, dir fordert man nur das Ehrenwort ab – statt also die Sache zu nehmen, wie du sie nimmst, würde ich an deiner Stelle Ihrer Hoheit für die Gnade, die sie dir erwiesen, untertänigst danken lassen, denn nur um deinetwillen ist die Fürstin eingeschritten. Ich werde ins Palais gehen, um das Geheimnis aufzuklären; da jedoch wenig Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß sich die Sache heute noch in Ordnung bringen läßt, wirst du gut daran tun, ein Nachtmahl zu bestellen; denn in einem Augenblick bin ich wieder da.« Nach Verlauf einer halben Stunde kehrte der Chevalier mit zwei oder drei von Mattas Jagdbekanntschaften zurück. Auf das Gerücht von dem Streit waren die Herren gleich herbeigeeilt, um jeder seine Dienste gegen den friedlichen Senantes anzubieten. Matta dankte ihnen, behielt sie zum Abendessen und zog seinen Hausrock an. Als die Dinge im Gange waren, wie der Chevalier Grammont es wünschte, als er gegen Ende des Mahles die diversen Gesundheiten ausbringen sah, glaubte er sich bis zum nächsten Tage seines Mannes sicher. Er zog ihn nun beiseite und flüsterte ihm mit Erlaubnis der Gäste, um einen echten Verrat zu decken, eine falsche Mitteilung zu. Nachdem er ihm nämlich mehrere Schwüre abgefordert, die Sache nie verlauten zu lassen, meldete er ihm, er habe für diese Nacht mit der kleinen Saint-Germain eine Zusammenkunft; deshalb müsse er die Gesellschaft jetzt unter dem Vorwand verlassen, sich zum Spiel an den Hof zu begeben; er bäte ihn, den Herren nur ja zu sagen, daß er sich bloß deswegen entferne, denn die Piemontesen wären leicht verletzbar und überhaupt argwöhnisch. Matta versprach, die Sache diskret abzumachen; er werde, wenn er sich heimlich empfohlen habe, seine Entschuldigung ausrichten; darauf gratulierte er ihm zu seinem Glück und nahm von ihm so eilig und geheimnisvoll wie möglich Abschied, ab hätte er Furcht, der Freund könnte die Gelegenheit versäumen. Er setzte sich wieder zu Tisch, entzückt über die erhaltene Nachricht und über den Anteil, den er am günstigen Erfolge des Spiels zu haben glaubte. Um seine Gäste zu täuschen, spielte er den Schlauen; zog heftig gegen die Spielwut los, die ihre Opfer von allem abzöge und sie ganze Nächte der Leidenschaft frönen lasse. Er spottete laut über die Torheit des Chevaliers, aber im stillen über die Leichtgläubigkeit der Piemontesen, die er so pfiffig zu prellen meinte. Erst spät in der Nacht endete das Mahl und Matta legte sich sehr zufrieden mit dem, was er für den Freund getan, zu Bett. Dieser aber genoß die Frucht seines Verrates, soweit man dem Schein trauen darf. Die zärtliche Senantes empfing ihn in einer Stimmung, wie man sie, um seine Dankbarkeit recht zu zeigen, anzunehmen pflegt. Ihre Reize waren in voller Blüte, und wenn es Lagen gibt, in denen man den Verrat liebt, aber den Verräter haßt, war dies hier nicht der Fall. So diskret sonst Chevalier Grammont über genossenes Liebesglück war, so war es nicht seine Schuld, wenn man ihm diesmal keinen Glauben schenkte. Doch wie dem immer sei, in der Liebe ist, was man durch Gewandtheit erreicht, stets wohlerworbene Beute. In dieser Überzeugung scheint er auch über jene Perfidie nie Reue empfunden zu haben. Doch ist es Zeit, ihn dem Aufenthalt in Savoyen zu entziehen, damit wir ihn am französischen Hofe glänzen sehen. Bei seiner Rückkehr nach Frankreich rechtfertigte der Chevalier Grammont den anderwärts erworbenen Ruf auch im Vaterland auf das beste. Beim Spiel gewandt, rührig und sorgsam in der Liebe, bei zärtlichen Verhältnissen manchmal glücklich, aber immer gefürchtet, in allen kriegerischen Vorfällen gleich gut gestimmt, war er bei günstigem Erfolg an Heiterkeit unerschöpflich, bei ungünstigem reich an Auskunftsmitteln und Ratschlägen. Dem Prinzen in aufrichtiger Zuneigung ergeben, Zeuge und, wenn man so sagen darf, Gefährte des Ruhmes, den Condé in den berühmten Schlachten von Lens, Nördlingen und Freiburg erworben, trug der Chevalier auch durch sein oft geübtes Erzählertalent nicht wenig zur Verherrlichung jener Tage bei. Solange er bloß einige Gewissenszweifel und persönliche Vorteile zu opfern hatte, gab er alles hin, um diesem Manne zu folgen, den dringende Motive und ein teilweise entschuldbares Gefühl von Zurücksetzung aus der rechten Bahn geworfen hatten. Als das Glück Condé zum erstenmal verließ, hielt Grammont mit beispielloser Treue zu ihm. Doch als ihm der Fürst späterhin Anlaß zu Beschwerden gab, ohne daß er es bei seiner unerschütterlichen Treue verdient hätte, wandte auch er sich von ihm ab. Er befürchtete keine Vorwürfe über sein Benehmen, das sich von selbst rechtfertigte. Und wie er die königliche Sache verlassen hatte, um sich dem Prinzen anzuschließen, so gab er diesen auf, um zu seiner Pflicht zurückzukehren. Bei Hofe war seine Wiederaufnahme bald erwirkt. Personen, die schuldbeladener waren als er, wurden, wenn sie nur wollten, wieder in Gnaden aufgenommen. Von den großen Gefahren, in denen der Staat gleich bei Anfang der Regentschaft infolge innerer Unruhen geschwebt hatte, noch erschreckt, suchte Königin Anna die Gemüter bloß durch Milde zu beruhigen. Die Politik Mazarins war weder blutdürstig noch rachsüchtig. Sein Prinzip war: eher beschwichtigen, als scharfe Mittel anwenden. Er begnügte sich damit, im Kriege nichts zu verlieren und strengte sich nicht an, über den Feind Vorteile zu gewinnen; er ließ ruhig jede üble Nachrede über sich ergehen, wenn man ihn nur ruhig Reichtümer anhäufen ließ; darum suchte er auch die Minderjährigkeit des Königs so lange als möglich auszudehnen. Seine Habsucht beschränkte sich nicht auf die tausend Gewinnmöglichkeiten, die ihm seine amtliche Stellung bot, sein ganzes Streben war allein auf Geld gerichtet; er liebte wohl das Spiel, spielte aber nur, um zu gewinnen und mogelte deshalb, wo er konnte. Weil er bei dem Chevalier Grammont Geist und Geld fand, war dieser bald nach seinem Geschmack und sein Spielpartner. Der aber merkte die Schliche und Kniffe des Kardinals und meinte, es sei auch ihm erlaubt, die ihm von der Natur verliehenen Gaben nicht bloß zur Verteidigung, sondern gelegentlich auch zum Angriff zu verwenden. Es wäre hier nun der Ort, etwas von seinen Spielerabenteuern zu berichten, wer aber könnte sie mit solcher Anmut und Leichtigkeit erzählen, daß sie der Erwartung derer entsprächen, die ihn selbst reden gehört haben; vergebens schriebe man seine fesselnden Vorträge Wort für Wort nieder; ihr Geist scheint sich auf dem Papier zu verflüchtigen und wie man sie auch darstellen mag, ihre Lebensfrische geht verloren. Es genüge also hier die Andeutung, daß da, wo auf beiden Seiten Spielererfahrung kämpfte, der Chevalier den Sieg davontrug. Wenn er aber den Minister nicht absichtlich gewinnen ließ, hatte er den Trost, zu sehen, wie die bloß aus Höflichkeit Verlierenden aus ihrer Kriecherei keinen großen Vorteil zogen. Sie blieben weiter sklavisch unterwürfig, während sich der Chevalier bei tausend Anlässen keinerlei Zwang antat. Wir geben einen solchen Fall: Unter des Prinzen Condé und des Erzherzogs Kommando belagerte das spanische Heer die Stadt Arras. Der Hof hatte sich bis nach Peronne vorgewagt. Durch Einnahme jenes festen Platzes hätten die feindlichen Truppen ihren Ruhm etwas aufgefrischt. Sie bedurften dessen; denn das französische Heer war ihnen gegenüber seit längerer Zeit in beständigem Vorteil. Die Stadt Arras wurde also heftig angegriffen. Der Kardinal sah recht gut, welche Schmach es wäre, sich diesen Platz vor der Nase und fast vor den Augen des Königs wegnehmen zu lassen. Anderseits war es sehr gefährlich, der Festung beim Entsatz zu Hilfe zu eilen. Der Prinz war nicht der Mann, der für die Sicherheit seiner Front irgend etwas aus den Augen gelassen hätte. Griff man ihn an, ohne die Linien zu durchbrechen, so hätte man sich nicht planmäßig zurückziehen können; je heftiger die Attacke, desto ungeordneter wäre der Rückzug gewesen und Condé wußte seine Vorteile sehr gut auszunützen. Weit schwächer als das feindliche Heer war die vom Marschall Turenne befehligte Armee, aber sie war die einzige Stütze des Hofes. War diese einmal geschlagen, so schien die Einnahme von Arras keineswegs das einzige Unheil, das zu befürchten war. Das Genie des Kardinals war dort glücklich, wo es darauf ankam, sich durch zweideutige Verhandlungen aus einer schwierigen Lage zu ziehen, vor einer drohenden Gefahr, vor einem entscheidenden Ereignis schrak er zurück. Er meinte, wenn er einen anderen Platz belagern ließe, würde dessen Einnahme für den Verlust von Arras entschädigen; der Marschall Turenne jedoch dachte ganz anders als der Kardinal und faßte den Entschluß, auf den Feind loszugehen. Er setzte den Minister davon erst in Kenntnis, als er seinen Marsch bereits angetreten hatte. Der Kurier traf den Kardinal in höchster Unruhe und vermehrte noch dessen Besorgnis; aber ein Gegenbefehl war nicht mehr möglich. Ehe ein solcher Befehl vom Hofe eintreffen konnte, hatte der Marschall, der sich durch seinen hohen Ruf das Vertrauen der Truppen gewonnen, seinen Entschluß gefaßt. Die Dinge lagen so, daß die Schwierigkeit den Ruhm noch erhöhen mußte. Wenn auch des Feldherrn Genie den Hof etwas beruhigte, so stand man doch am Vorabend einer Wendung, die so oder so allen Befürchtungen und Hoffnungen ein Ende machen mußte. Während aber die Höflinge über die Dinge, die da kommen sollten, verschieden urteilten, faßte der Chevalier Grammont den Vorsatz, sich selbst Licht zu verschaffen. Sein Entschluß überraschte den Hof nicht wenig, denn wer wie er so manche Schlacht mitgekämpft hatte, schien solchen Tatendranges enthoben; seine Freunde rieten ihm aber vergeblich ab. Der König wußte ihm Dank dafür und die Königin schien nicht weniger damit zufrieden. Er versicherte ihr, er werde gute Nachrichten bringen. Sie versprach ihm, wenn er sein Wort halte, wolle sie ihn umarmen. Dasselbe verhieß ihm auch der Kardinal. Auf die letzte Zusage legte der Chevalier keinen großen Wert; er hielt sie aber für aufrichtig, weil sie – nichts kostete. Bei Einbruch der Nacht reiste er mit Caseau ab, den Turenne zu den Majestäten gesandt hatte. Unter dem Marschall hatten der Herzog von York und der Marquis d'Humières das Kommando. Der letztere war gerade beim Morgengrauen im Dienste, als der Chevalier eintraf. Der Herzog von York erkannte ihn nicht sogleich, aber der Marquis d'Humières lief ihm mit offenen Armen entgegen und rief: »Ich dachte mir wohl: wenn uns bei solcher Gelegenheit jemand vom Hof besucht, kann es nur der Chevalier Grammont sein. Wie geht es in Peronne?« – »Dort hat man große Angst«, sagte Grammont. – »Und was denkt man über uns?« – »Wenn ihr den Prinzen besiegt, tätet ihr nur eure Pflicht«, sprach der Chevalier, »und wenn ihr geschlagen würdet, hielte man euch für Toren oder Dummköpfe, weil ihr ohne Rücksicht auf die Folgen alles aufs Spiel setztet.« – »Eine recht tröstliche Nachricht,« sagte d'Humières, »sollen wir dich zum Marschall führen, um sie ihm mitzuteilen, oder ziehst du vor, bei mir abzusteigen; du bist die ganze Nacht gereist und hast in der vorletzten vielleicht auch nicht viel geschlafen.« – »Wie kommst du darauf, daß ein Chevalier Grammont des Schlafes bedarf?« erwiderte dieser, »laß mir nur ein Pferd geben, damit ich die Ehre habe, den Herzog von York zu begleiten; denn er ist gewiß nur so früh auf den Beinen, um einige Posten zu inspizieren.« Die Vorhut war nur auf Kanonenschußweite vom Feinde entfernt. Sobald sie bei ihr angelangt waren, sagte Grammont: »Ich hätte Lust, bis zur Schildwache zu reiten, die dort auf der Anhöhe aufgestellt ist. Ich habe Freunde und Bekannte auf der Gegenseite und möchte gern Nachricht über sie einholen. Der Herzog von York wird es mir gnädigst erlauben.« – Mit diesen Worten sprengte er vor. Wie die Schildwache ihn gerade auf ihren Posten zukommen sah, war sie auf der Hut. In einiger Entfernung machte der Chevalier halt. Sein Zeichen erwiderte der Posten durch ein seinem Offizier gegebenes Signal. Der hatte sich gleich bei Anrücken des Chevaliers in Bewegung gesetzt und kam gerade auf ihn zu. Weil er Grammont allein sah, machte er ihm wegen der Annäherung keine Schwierigkeiten; der Chevalier bat ihn, er möge ihm Nachricht über mehrere Verwandte in seinem Heer zukommen lassen und fragte ihn gleichzeitig, ob der Herzog von Arscot unter den Belagerungstruppen sei. – »Dort ist er soeben unter den Bäumen links abgestiegen; erst vor einem Augenblick war er mit seinem Bruder, dem Fürsten von Aremberg, dem Baron Limbec und mit Louvigny hier.« – »Könnte ich die Herren auf Ehrenwort sehen?« fragte der Chevalier. – »Wenn es mir erlaubt wäre,« sprach der Offizier, »meinen Posten zu verlassen, würde ich mir die Ehre geben, Sie selbst hinzubegleiten; aber ich will ihnen sagen lassen, der Chevalier Grammont wünsche sie zu sprechen.« Nachdem er einen seiner Reiter abgeschickt, kehrte er zurück. »Darf ich fragen, woher Sie mich kennen?« sagte der Chevalier. – »Ist's möglich,« rief jener, »Grammont erkennt den La Motte nicht wieder, der so lange in seinem Regiment gedient hat?« – »Wie, du bist es, mein armer La Motte. Wahrhaftig, ich schäme mich, daß ich dich nicht erkannte, wenn du auch ganz anders aussiehst wie damals, als ich dich zuerst in Brüssel sah, und du die Herzogin von Guise den Dreischritt lehrtest, ich fürchte, deine Lage ist nicht so gut, wie in jenem Feldzuge, wo ich dir die Kompagnie gab.« – Bei diesen Worten kam der Herzog von Arscot mit zwei der erwähnten Herren im Galopp herbeigesprengt. Der Chevalier Grammont wurde vom ganzen Trupp umarmt, ehe er Zeit zum Reden hatte. Bald kam eine Masse anderer Bekannten mit ebenso vielen Neugierigen beider Parteien; als sie den Chevalier auf der Anhöhe erblickten, drangen sie mit solcher Eile heran, daß sich die beiden Heere absichtslos ohne Waffenstillstand, ohne Hinterlist, in friedlicher Unterhaltung fast vermischten; aber der Marschall Turenne bemerkte es zufällig aus der Ferne. Das Schauspiel überraschte ihn; er kommt näher und der Marquis d'Humières teilt ihm die Ankunft Grammonts mit. Er meldet, wie dieser erst zur Vedette geritten sei, ehe er in das Hauptquartier kommen wollte und fügte hinzu, er begreife nicht, wie der Chevalier es angefangen habe, in einem Nu beide Heere um sich zu versammeln. – »In der Tat ein seltener Mensch,« sagte Marschall Turenne, »aber es ist billig, daß er uns besucht, nachdem er dem Feind die erste Visite gemacht hatte.« Mit diesen Worten sandte er einen Adjutanten ab, um seine Offiziere zurückzurufen und dem Chevalier Grammont sagen zu lassen, daß er ihn mit Ungeduld erwarte. Dieser Befehl kam gleichzeitig mit einer Weisung für die Offiziere des feindlichen Heeres an. Von der friedlichen Zusammenkunft benachrichtigt, war der Prinz nicht erstaunt, als man ihm meldete, es sei Grammont. Condé begnügte sich, Lussan zum Zurückholen der Offiziere abzusenden und den Chevalier bitten zu lassen, er möge ihn morgen unter denselben Bäumen aufsuchen. Grammont versprach es unter der Voraussetzung der Erlaubnis des Marschalls Turenne, an der er nicht zweifelte. Bei der königlichen Armee wurde er nicht weniger freundlich aufgenommen, wie bei dem feindlichen Heere. Der Marschall schätzte seinen Freimut ebensosehr, wie er von seinem Geist entzückt war. Er wußte ihm Dank, daß er von allen Hofleuten allein gekommen sei, ihn in solch schwieriger Lage zu besuchen. Seine Fragen nach dem Hof gingen weniger auf Neuigkeiten, als sie den Wunsch zeigten, sich an einer Schilderung der dortigen Unruhen und Bedenklichkeiten zu weiden. Grammont riet ihm, den Feind zu schlagen, wenn er nicht den Vorwurf auf sich laden wolle, sich in etwas ohne Auftrag des Kardinals eingelassen zu haben. Turenne versprach ihm, sein möglichstes zu tun und verhieß ihm überdies, er werde im Falle des Gelingens dafür sorgen, daß die Königin dem Chevalier Wort halte. Er fügte bei, es sei ihm angenehm, daß der Prinz ihn zu sprechen wünsche. Seine Maßregeln zum Angriff auf die Front seien bereits getroffen. Er teilte Grammont auch alle Einzelheiten darüber mit, verschwieg ihm aber den Tag der Ausführung. Letzteres war ganz unnütz, denn der Chevalier hatte schon zu viel gesehen, um mit seiner Kenntnis und Beobachtungsgabe nicht gleich zu merken, daß sich in der momentanen Stellung die Sache nicht länger aufschieben lasse. Tags darauf reiste er, von einem Trompeter begleitet, nach dem Ort der Zusammenkunft ab und fand an dem ihm von Lussan bezeichneten Punkte den Prinzen. Kaum war er abgestiegen, so rief dieser, ihn umarmend: »Ist es möglich, der Chevalier Grammont. Und im feindlichen Lager?« – »Dort finde ich Sie vielmehr, gnädiger Herr«, sprach dieser, »und appelliere an Eure Hoheit, ob es meine oder Eure Schuld ist, wenn wir nicht mehr auf derselben Seite kämpfen.« – »Ich gebe zu,« sagte Condé, »wenn die anderen mich wie Lumpen und Undankbare verlassen haben, hast du mich aufgegeben, wie ich selbst die königliche Partei aufgab, als ein ehrlicher Mann, der recht zu haben glaubt. Doch vergessen wir alles, was uns aufregen könnte und sage mir, weshalb du, den ich zu Peronne am Hofe glaubte, hieher gekommen bist.« – »Wollen Sie es wissen?« antwortete er, »ich komme wirklich, um Ihnen das Leben zu retten; ich kenne Sie, Sie müssen bei einer Schlacht mitten unter dem Feind sein. Nun dürfte Ihnen bloß das Pferd unterm Leib getötet, Sie selbst dürften nur mit den Waffen in der Hand ergriffen werden, dann würde der Kardinal mit Ihnen ebenso kurzen Prozeß machen, wie einst Richelieu mit ihrem Oheim Montmorency. Ich halte Ihnen also ein Pferd für diesen Fall bereit, damit man Ihnen nicht den Kopf abschlägt.« – »Es wäre nicht das erstemal,« sprach der Prinz lachend, »daß du mir einen solchen Dienst erweisest, wenn auch damals die Gefahr nicht so groß war wie jetzt, wenn man mich gefangen nähme.« Von diesem Thema kamen sie auf minder ernste Dinge. Der Prinz befragte ihn über den Hof, die Damen, das Spiel und Liebesangelegenheiten. Unmerklich auf die gegenwärtige Lage zurückgehend, forschte Grammont nach dem Befinden von Offizieren seiner Bekanntschaft auf der Seite des Prinzen. Condé meinte, es hänge nur von ihm ab, bis an die Front vorzureiten; dort könne er nicht bloß die Herren sehen, sondern auch die ganze Disposition des Lagers und alle Laufgräben. Der Chevalier nahm es an, der Prinz zeigte ihm alles, und wie er ihn bis zum Ort ihrer Zusammenkunft zurückgeführt hatte, fragte er: »Nun, Chevalier, wann gedenkst du mich wiederzusehen?« – »Sie haben mich so offen behandelt,« sprach Grammont, »daß ich es Ihnen nicht verschweigen will. Halten Sie sich eine Stunde nach Tagesanbruch bereit; denn Sie können darauf rechnen, daß wir Sie morgen in aller Früh angreifen werden. Gewiß würde ich Ihnen das nicht sagen, wenn man mir's anvertraut hätte; aber verlassen Sie sich jedenfalls auf mein Wort.« – »Du bleibst dir doch immer treu«, sprach der Prinz, ihn nochmals umarmend. Mit Einbruch der Nacht erreichte Grammont das Lager des Marschalls Turenne. Dort bereitete sich alles zum Angriff auf die Front vor und die Sache war selbst unter den Truppen kein Geheimnis mehr. »Herr Chevalier,« sprach bei seinem Eintreten Turenne, man war wohl drüben sehr froh, Sie zu sehen und der Prinz hat Sie gewiß mit Artigkeiten und Fragen überhäuft?« – »Er hat sich auf das freundlichste benommen«, sagte Grammont, »und um mir zu beweisen, daß er mich für keinen Spion hält, führte er mich bis an die Laufgräben und Schwarmlinien, wo ich dann gesehen habe, mit welchen Mitteln er Sie empfangen wird.« – »Was denkt er über meinen Angriff?« – »Er ist überzeugt, daß Sie ihn heute nacht oder ganz früh morgens angreifen werden; denn ihr großen Feldherren kennt einer des anderen Manöver, daß es fast ein Wunder ist.« Der Marschall Turenne nahm dieses Kompliment eines Kenners, der nicht gewohnt war, dergleichen einem jeden zu sagen, gut auf. Er teilte ihm den Angriffsplan mit, indem er bemerkte, es sei ihm sehr lieb, einen Mann an der Seite zu haben, der so manche Schlacht mitgemacht. Da er aber meinte, der Chevalier habe die letzte Nacht gar nicht geruht und werde in dieser nicht viel Zeit dazu finden, übergab er ihn dem Marquis d'Humières, der ihn speiste und beherbergte. Am folgenden Tag fand die Schlacht an der Front von Arras statt, in der der Sieger Turenne seinem Ruhm neuen Glanz gab und Condé, wenngleich besiegt, nichts von seinen früheren Lorbeeren einbüßte. Von diesem berühmten Tage gibt es so viele Berichte, daß es überflüssig wäre, hier von ihm zu sprechen. Da dem Chevalier Grammont als Freiwilligen erlaubt war, überallhin zu gehen, hat er besseren Bericht darüber erstattet, als irgend jemand anderer. Die königliche Armee zog großen Vorteil aus seiner Geistesgegenwart, mit der er Befehle, als kämen sie vom Feldherrn, stets zur rechten Zeit überbrachte. In solchen Dingen sonst sehr empfindlich, dankte ihm Turenne öffentlich, als die Schlacht vorüber war, in Gegenwart aller Offiziere und beauftragte ihn, die erste Siegesnachricht dem Hof zu überbringen. Zu solchen Aufträgen bedarf es gewöhnlich nur wohlbestellter Stationen, einer tüchtigen Lunge und guter Relais; aber unser Held hatte ganz andere Schwierigkeiten zu überwinden. Zunächst stellten sich überall verteilte feindliche Trupps seinem Lauf in den Weg, dann auch diensteifrige Höflinge, die sich bei solchen Gelegenheiten überall auf die Lauer legen, um einem armen Kurier seine Botschaft wegzuschnappen. Seine Gewandtheit schützte ihn indes vor den einen und den anderen. Zur Begleitung bis nach Bapaume, der Hälfte des Weges, hatte er acht bis zehn Reiter unter dem Kommando eines ihm bekannten Offiziers genommen, weil er überzeugt war, die Gefahr stecke zwischen dem Lager und der ersten Poststation. Nach der ersten Meile fand er das bestätigt, wandte sich also zu dem ihm zunächst reitenden Offizier und sagte: »Wenn Sie nicht sehr gut zu Pferd sind, rate ich Ihnen, ins Lager zurückzureiten; denn ich werde bald verhängten Zügels weiter galoppieren.« – »Ich hoffe, Ihnen Assistenz leisten zu können,« erwiderte der Offizier, »so rasch Sie auch reiten mögen, bis ich Sie in Sicherheit sehe.« – »Ich bezweifle das,« entgegnete Grammont, »denn hier kommen einige Herren, die Sie zu erwarten scheinen.« – »Aber sehen Sie denn nicht,« sprach der Offizier, »daß das unsere Leute sind, die ihre Pferde füttern wollen?« – »Nein, ich sehe nur zu gut, daß es Kroaten von der feindlichen Armee sind.« Und indem er ihm zeigte, wie sie aufstiegen, befahl er den Reitern, die ihm folgten, sie sollten sich zerstreuen, um jene irrezuführen, und sprengte dann in größter Eile auf Bapaume zu. Er ritt ein sehr rasches Vollblut; da er sich aber auf einen holprigen, überdies kotigen Weg begeben hatte, bekam er die Herren aufs Genick. Diese dachten gleich, es müsse ein Offizier von Bedeutung sein, ließen sich also nicht durch die anderen Reiter ablenken, sondern folgten ihm unverwandt. Der Bestberittene des Trupps war ihm schon nahegerückt, denn die englischen Pferde, die auf ebenem Boden wie der Wind hinfliegen, sind auf schlechten Wegen nicht zu brauchen. Der Kroate hielt den Karabiner in die Höhe und schrie ihm von fern »halt!« zu. Als Grammont merkte, daß man ihm trotz allen Anstrengungen, die er auf ungünstigem Boden machen könnte, einholen würde, verließ er plötzlich die Richtung nach Bapaume, um eine Straße zur Rechten einzuschlagen, die davon wegführte. Dort hielt er still, als wollte er die Vorschläge des Kroaten anhören, ließ sein Pferd ein wenig verschnaufen, während der andere dachte, er wolle sich ergeben. Der Reiter spornte sein Pferd aufs äußerste, um die lebende Beute noch vor Ankunft seiner Kameraden zu fassen. Da zeigte ein Augenblick Nachdenken dem Chevalier, welche Schmach es wäre, wenn er nach tapfer und siegreich durchfochtenem Kampf von Schuften, die nicht einmal in der Schlacht gewesen, gefangen würde, wenn er, mit seiner wichtigen Botschaft, statt im Triumph von einer großen Königin empfangen und umarmt zu werden, nun von geschlagenen Feinden als Gefangener gebunden weggeschleppt werden sollte. Während dieser kurzen Betrachtung war der ausdauernde Kroate bis auf Schußweite nahe gekommen und präsentierte seinen Karabiner, indem er ihm Pardon anbot. Aber das Anerbieten und die Art, wie es gemacht wurde, mißfielen dem Chevalier und er machte mit der Hand bloß ein kleines Zeichen, um anzudeuten, man brauche ihn nicht aufs Korn zu nehmen. Wie er nun sein Pferd wieder bei Atem fühlte, senkte er die Hand, schoß wie der Blitz davon, und ließ seinen Kroaten so erstaunt zurück, daß es ihm nicht einmal einfiel, dem Chevalier einen Schuß nachzusenden. Kaum in Bapaume angelangt, nahm er frische Pferde. Der Platzkommandant erwies ihm alle mögliche Aufmerksamkeit und versicherte ihm, es sei noch niemand durchgekommen; Grammont könne sich darauf verlassen, daß er alle nach ihm Kommenden, mit Ausnahme der Kuriere Turennes, festhalten würde. So hatten sich denn nur noch gegen die in der Umgegend von Peronne lauernden Aufpasser zu hüten, die, wenn sie ihn auch nur von weitem erblickten, seine Nachricht, ohne ihren Inhalt zu kennen, gewiß sofort dem Hof überbringen würden. Es war ihm bekannt, daß die Marschälle du Plessis, Villeroi und Gabouri vor seiner Abreise sich dem Kardinal gegenüber zur Überbringung der ersten Nachricht erbötig gemacht hatten. Um diesen Hinterhalt zu umgehen, nahm er in Bapaume zwei tüchtige Reiter auf, gab eine Stunde von der Stadt einem jeden zwei Louisdor, um sich ihrer Treue zu versichern und befahl ihnen vorauszusprengen. Sie sollten sich ganz erschrocken stellen und auf alle Fragen antworten, alles sei verloren, Grammont sei in Bapaume geblieben, weil er mit dem Überbringen einer schlechten Nachricht sich nicht allzu sehr übereilen wolle, sie selbst aber seien von den seit der Niederlage überall zerstreuten Kroaten verfolgt worden. Alles ging nach seinem Plan. Die Reiter wurden von Gabouri aufgefangen, der in seinem Eifer beiden Marschällen vorausgeeilt war; wie man die Leute aber auch ausfragte, sie spielten ihre Rolle so gut, daß in Peronne schon allgemeine Bestürzung herrschte und die Höflinge sich schon dumpfe Gerüchte von einer Niederlage ins Ohr flüsterten, als der Chevalier Grammont eintraf. Den Wert einer guten Nachricht erhöht nichts so sehr, als eine vorausgegangene falsche Hiobspost. War nun auch seine Botschaft von diesem Heiligenschein umgeben, so empfing sie doch nur das königliche Paar mit jenem Entzücken, das sie verdiente. Die Königin hielt ihm auf gnädigste Art Wort. Sie umarmte ihn vor dem ganzen Hofe. Der König schien ebenso ergriffen; der Kardinal jedoch, sei es, um den Wert einer Nachricht herabzusetzen, die eine anständige Belohnung erforderte, sei es, um seine durch den Sieg wiedererlangte Anmaßung zu zeigen, stellte sich anfangs, als höre er Grammont gar nicht recht an. Als er aber vernahm, die Front sei gesprengt, die spanische Armee geschlagen und Arras entsetzt, fragte er: »Ist der Prinz gefangen?« – »Nein«, sagte Grammont. »Also tot?« fragte der Kardinal weiter. »Ebensowenig«, erwiderte der Chevalier. »Schöne Nachricht!« rief Mazarin mit einem Blick der Verachtung und ging mit den Majestäten ins Kabinett der Königin. Das war ein Glück für den Chevalier Grammont; denn er hätte sich nicht gescheut, ihm eine scharfe Antwort zu geben; so sehr hatten ihn die schneidenden Fragen mit ihrer Schlußbemerkung empört. Der Hof war voll von Spionen Seiner Eminenz. Als nun wie gewöhnlich eine Masse Höflinge und Neugieriger den Chevalier umgab, war es ihm ganz willkommen, den Sklaven des Kardinals wenigstens zum Teil zu kosten zu geben, was ihm auf dem Herzen lag und er dem Minister beinahe selbst gesagt hätte. Er nahm eine spöttische Miene an und sagte: »Meine Herren, es ist doch nichts so schön, als im Dienst von Königen und hohen Herren von Eifer beseelt zu sein. Sie sahen, wie Se. Majestät mir huldreich zunickte, Sie waren Zeugen, wie die Königin mir Wort hielt; der Kardinal aber hat meine Nachricht aufgenommen, als gewänne er dabei nicht mehr, als beim Tode seines (vermögenslosen) Vaters Peter Mazarin.« Über dieses Wort wären selbst die Freunde des Chevaliers in Ohnmacht geraten und selbst durch weniger treffende Bosheiten sind schon festere Stellungen untergraben worden; denn er tat die Äußerung in Gegenwart von Zeugen, die nur darauf warteten, sie mit ihrer ganzen Schärfe dem Kardinal zu hinterbringen, um sich bei dem allmächtigen Minister mit ihrer Wachsamkeit ein Blatt einzulegen. Grammont war darauf gefaßt, aber welch böse Folgen er davon auch haben konnte, er hätte sich die Freude über diese Anspielung nicht nehmen lassen. Die Denunzianten taten würdig ihre Pflicht. Aber die Sache ging ganz anders aus, als sie gedacht hatten. Als der Chevalier am andern Tage bei den Majestäten zur Tafel war, erschien auch der Kardinal, und als sich alles aus Respekt vor ihm zurückzog, näherte er sich Grammont und sagte: ``Chevalier, die überbrachte Nachricht ist gut, Ihre Majestäten sind mit ihr zufrieden und um Ihnen zu zeigen, daß ich dabei weit mehr zu gewinnen glaube, als durch den Tod Peter Mazarins, werden Sie bei mir speisen und die Königin wird Ihnen außer dem erhaltenen Lohn noch die Mittel geben, mit mir eine Partie zu spielen.« Der Chevalier Grammont hatte es also gewagt, einen mächtigen Minister zu verletzen und trotzdem war das die ganze Rüge, die dieser unter allen Großen am wenigsten rachsüchtige Staatsmann ihm erteilte. Es war bei einem Mann vom Alter des Chevaliers in der Tat nichts Geringes, daß er die Minister nur so weit achtete, als sie es verdienten. Er tat sich dem ganzen Hofe gegenüber darauf etwas zugute, daß er sich, wo alles so unterwürfig war, allein eine Art von Freiheit bewahrte. Vielleicht aber zog eben diese Nachsicht seitens des Kardinals ihm bei anderen nicht so gelungenen Wagnissen Unannehmlichkeiten zu. Der Hof kehrte indessen zurück. Der Kardinal fühlte, er könne jetzt den König nicht länger unter Vormundschaft halten; dazu war er von Sorgen und Krankheit geplagt und von Reichtümern übersättigt, mit denen er kaum etwas anzufangen wußte. Dann war er auch vom öffentlichen Haß ziemlich stark belastet und dachte deshalb nur daran, wie er am besten für das Wohl Frankreichs ein Ministerium niederlegen könne, von dem dies Land so grausam hergenommen worden war. Während er also zu dem sehnsüchtig herbeigewünschten Frieden festen Grund legte, fingen Freude und Überfluß am Hof zu herrschen an. In der Liebe und im Spiel waren die Erfolge des Chevaliers Grammont lange recht schwankend gewesen. Von den Hofmännern geschätzt, von den Damen, denen er nicht huldigte, gesucht, von denen, die er anbetete, ängstlich gemieden, im ganzen vom Glück mehr begünstigt ab von der Liebe, aber bei dem einen für die andere Ersatz suchend, stets heiter, stets lebhaft, blieb er im ernsten Verkehr dennoch immer ein Edelmann. Schade, daß wir seine Geschichte hier durch eine Pause von einigen Jahren unterbrechen müssen, wie wir dies schon zu Anfang der Memoiren getan. In einem Leben, dessen geringste Vorfälle unterhaltend und eigentümlich sind, ist jede Lücke zu bedauern. Hat er diesen Abschnitt der Aufzeichnung nicht für würdig erachtet oder von ihm nur eine dunkle Erinnerung bewahrt, genug, wir müssen zu feststehenden Daten übergehen, um den Grund seiner Abreise nach England zu erfahren. Der pyrenäische Friede, die Vermählung des Königs, die Rückkehr des Prinzen und der Tod des Kardinals gaben dem Staat ein anderes Gesicht. Ganz Frankreich hatte die Augen auf den König gerichtet. Nichts glich seiner anmutigen Haltung und seiner majestätischen Miene; aber noch hatte man an ihm nicht jenes glänzende Genie entdeckt, das erst seine Untertanen zur Bewunderung hinriß, dann ganz Europa mit banger Scheu erfüllte. Liebe und Ehrgeiz, die unsichtbaren Hebel aller Hofintrigen, wurden für die ersten Schritte, die er tun würde, spannungsvoll bereit gehalten. Man glaubte erst, daß die Freude am Lebensgenuß über den jungen König, der so lange von Regierungsgeschäften ferngehalten worden war, die Oberhand bekommen sollte, daß der Ehrgeiz nur jene erfaßt habe, die um einen Ministerposten ringen wollten, war aber höchst erstaunt, bei dem Fürsten eine Geistesgröße zu finden, die er bisher klugerweise verborgen gehalten hatte. Den Freuden der Jugend, die ein absoluter Herrscher sich selten versagt, war er abgeneigt, dagegen fesselte eiserner Fleiß, unaufhörliche Sorge den König an den Staat. Jeder bewunderte diesen unerhörten Umschwung, aber nicht jeder fand seine Rechnung dabei. Vor einem solch absoluten König wurden die Großen klein; die Hofleute nahten sich dem alleinigen Herrn ihres Schicksals nur in tiefster Ehrfurcht. Die früher kleine Tyrannen in ihrer Provinz oder in den Grenzorten gewesen, wurden dort nichts als einfache Verwalter. Gnadenbezeigungen als persönliche Auszeichnung oder für geleistete Dienste wurden vom König nur nach seinem eigenen Ermessen erwiesen. Von einer Belästigung oder Bedrohung des Hofes, um solche Gunst zu erlangen, konnte nicht mehr die Rede sein. Der Chevalier Grammont betrachtete die Aufmerksamkeit seines Königs für Staatsangelegenheiten wie ein Wunder. Er begriff nicht, wie man sich in seinem Alter solchen selbst vorgeschriebenen Pflichten unterwerfen und dadurch dem Vergnügen Zeit entziehen könne, um sie langweiligen Berufsgeschäften und lästigen Regierungsfunktionen zuzuwenden, doch dankte er dem Himmel, daß er fortan niemand anderem Huldigungen darzubringen habe, als dem sie von Rechts wegen gebührten. Knechtischer Verehrung eines Ministers unfähig, hatte er sich vor keinem der Kardinäle gebeugt. Nie hatte er der Willkür Richelieus Weihrauch gestreut, noch den Kunstgriffen Mazarins Beifall gezollt; aber er hatte dafür auch von Richelieus nichts Besseres erlangt, als eine Abtei, die er seinem Range nicht verweigern konnte und von Mazarin nichts anderes, als was er ihm gerade im Spiel abgewonnen. Seine unter Turenne gewonnenen Erfahrungen hatte ihm militärische Einsicht verschafft; doch war ihm diese bei dem nun herrschenden allgemeinen Frieden von keinem Nutzen. Er dachte deshalb, es gebe an dem durch Schönheit und Reichtum blühenden Hofe für ihn keine andere Aufgabe, als die, dem Herrscher zu gefallen, angeborenes Spieltalent zu betätigen und neue Kunstgriffe in der Liebe praktisch zu verwerten. In beiden ersten Punkten hatte er ziemlichen Erfolg. Er nahm den Grundsatz an, sich in seinem ganzen Benehmen lediglich an den König anzuschließen, Gunst nur zu achten, wenn sie von Verdienst unterstützt sei, sich bei den Hofleuten beliebt, beim Minister gefürchtet zu machen, alles zu wagen, um wertvolle Dienste zu leisten und nichts gegen eine Unschuld zu unternehmen. So wurde er denn bald zum Erholungscercle des Königs geladen, ohne daß der Neid der Höflinge darüber rege zu werden schien. Das Spiel war ihm günstig – nicht aber die Liebe, denn Unruhe und Eifersucht siegten über seine natürliche Vorsicht gerade in einem Fall, wo er ihrer am meisten bedurft hätte. Das Fräulein La Motte-Houdancourt war eine der Hofdamen der Königin-Mutter; wenn sie auch keine auffallende Schönheit war, hatte sie doch der berühmten Meneville ihre Liebhaber entzogen. Der König brauchte damals nur seine Augen auf ein junges Mädchen am Hofe zu werfen, um ihr Herz mit Hoffnung, manchmal auch mit zarter Neigung zu erfüllen; hatte er aber mehr als einmal mit ihr gesprochen, so wußten die Höflinge, wieviel es geschlagen und alle, die vorher eine Neigung oder eine Leidenschaft für eine Dame gehegt, zogen sich sofort zurück, um ihr fortan nur noch Verehrung zu zollen. Nur der Chevalier Grammont ließ sich einfallen, gerade das Gegenteil davon zu tun. Vielleicht wollte er eine Sonderrolle spielen, was aber bei dieser Gelegenheit sehr schlecht angebracht war. Er hatte nie an sie gedacht; als er sie aber beim König in Gunst sah, glaubte er, sie verdiene auch die seine. Als er sich aber um sie bewarb, wurde er ihr höchst unbequem, ohne daß es ihm gelang, sie von seiner Liebe zu überzeugen. Sie wurde seiner Verfolgungen müde; er ließ sich durch schlechte Behandlung und Drohungen nicht abschrecken. Sein erstes Drängen ließ sie hingehen, weil sie glaubte, er werde sich bessern und sie in Frieden lassen; als er aber zudringlicher wurde, führte sie Klage. Da mußte er nun die Erfahrung machen, daß wenn Liebe auch den Standesunterschied ausgleicht, dies nur für Liebende, nicht auch für Nebenbuhler gilt. Er wurde vom Hof verwiesen, und weil er in Frankreich nichts fand, das ihn über den schmerzlichen Verlust trösten konnte, nämlich über Anblick und Gegenwart seines Königs, so faßte er nach einigen Betrachtungen über seinen Fall und nach leisen Verwünschungen gegen dessen Ursache den Entschluß, nach England zu gehen. Der Wunsch, den durch seine Gewalttaten wie durch seine Erhebung gleich berühmten Cromwell zu sehen, hatte den Chevalier Grammont schon einmal nach England geführt. Die Politik maßt sich schöne Vorrechte an; was ihr nützlich scheint, gilt ihr auch erlaubt, alles Notwendige auch für sittlich. Während der König von England in Flandern bei Spanien und Holland Schutz suchte, schickten andere Mächte Gesandte an Cromwell. Nachdem Ehrgeiz diesem Manne durch große Untaten den Weg zur höchsten Gewalt gebahnt, erhielt er sich durch Eigenschaften, deren Glanz ihn seiner Stellung würdig zu machen schien. Das unter allen Nationen Europas unlenksamste englische Volk ertrug mit Geduld ein Joch, das ihm nicht einmal den Schatten einer sonst so eifersüchtig gehüteten Freiheit ließ. Unter dem Titel Protektor, Herr der Republik, im Innern gefürchtet, von außen mit noch größerer Besorgnis betrachtet, war Cromwell, als der Chevalier Grammont ihn sah, auf dem Gipfel seines Ruhmes. Doch ihn umgab keine Spur eines Hofstaates. Der Adel war teils verbannt, teils wurde er den Staatsgeschäften ferngehalten; statt des Luxus und der Pracht der Höfe zeigte sich in den Sitten eine puritanische Strenge; so bot die schönste Stadt der Welt einen ernsten, traurigen Anblick, und der Chevalier Grammont trug von dieser Reise nur den Eindruck der Größe eines Gewaltmenschen und die Bewunderung einiger schönen Damen heim, die er heimlich aufzuspüren nicht verfehlt hatte. Ganz anders war die Reise, die uns jetzt beschäftigen soll. Noch leuchtete überall die Freude über die Wiederherstellung des Königtums; nach neuem Leben begierig, genoß das Volk das Gefühl gewohnter Führung und schien nach langer Unterdrückung wieder aufzuatmen. Die Nation, die ihre legitimen Fürsten samt den Nachkommen durch feierliches Gelöbnis für immer vom Throne ausgeschlossen, erschöpfte sich jetzt in Freudenfesten über ihre Rückkehr. Zur Zeit der Ankunft des Chevaliers Grammont war der König ungefähr zwei Jahre auf dem Throne. Die Aufnahme, die dem Ritter hier zuteil wurde, ließ ihn fast den Hof vergessen, den er soeben verlassen hatte und seine später in England angeknüpften Verbindungen linderten den Schmerz über die Verbannung aus Frankreich. Für einen Mann seines Schlages war London ein schöner Aufenthalt; alles entsprach seinem Geschmack, und wenn seine Erlebnisse hier an sich nicht bedeutend schienen, waren es jedenfalls die angenehmsten seines ganzen Daseins. Ehe wir jedoch darauf eingehen, wird eine Skizze vom damaligen englischen Hofe am Platze sein. Der Drang der Ereignisse hatte Karl II. von Jugend auf den Strapazen und Gefahren eines blutigen Krieges ausgesetzt. Sein Vater hatte ihm nur Mißgeschick und Elend als Erbe gelassen. Überall verfolgte ihn das Unglück; aber erst nach äußerstem Kampf mit seinem Schicksal unterwarf er sich den Beschlüssen der Vorsehung. Was sich nur durch Adel oder Treue auszeichnete, war dem König ins Exil gefolgt und die glänzende Jugend, die sich in der Folge um ihn scharte, bildete einen kleinen Hof, der eines besseren Loses würdig gewesen wäre. Mit dieser erlesenen Begleitung war der König von England seit zwei Jahren auf einen Thron zurückgekehrt, den er, wie die glorreichsten seiner Vorfahren, würdig auszufüllen berufen schien. Bei seiner Krönung wurde die schon bei seinem Einzug entfaltete Pracht verdoppelt. Der Tod des Herzogs von Gloucester und der bald darauf folgende Tod der Schwester des Königs hatten den Glanz durch längere Trauer unterbrochen, nach ihrem Ablauf aber bereitete man sich zum Empfange der jungen Königin, der Infantin von Portugal, vor. Mitten unter den für diese angestellten Festen kam der Chevalier Grammont an dem üppigen Hofe an, um zum Glanz der Feierlichkeiten noch durch seine Gegenwart beizutragen. An die Pracht des französischen Hoflagers gewöhnt, war er nichtsdestoweniger von der Feinheit und dem Luxus des englischen überrascht. Der König stand an Gestalt, an Haltung und Tracht keinem seiner Edelleute nach. Sein Geist war scharf, sein Charakter mild und freundlich. Allen Eindrücken offen, war er gegen Unglückliche mitleidig, gegen Verbrechen unbeugsam. Sein Herz war fast zu zärtlich. Bei dringenden Anlässen jeder Anstrengung fähig, konnte er sich normalerweise mit nichts Ernstem beschäftigen. Oft war er getäuschtes Opfer, noch öfter Sklave seiner Neigungen. Von ganz anderem Charakter war der Herzog von York . Ihm schrieb man einen jeder Probe standhaltenden Mut, unverbrüchlichstes Festhalten am gegebenen Worte, Sparsamkeit, Anmaßung, Fleiß, Stolz, alles an richtiger Stelle, zu. Genauer Wahrer von Recht und Pflicht galt er als Freund für treu, als Feind für unversöhnlich. Eine Zeitlang durch Standesvorurteile zurückgehalten, hatte sein sittliches und sein Rechtsgefühl endlich gesiegt, als er die Ehrendame der königlichen Prinzessin, seiner Schwester, Miß Hyde , mit der er sich in Holland heimlich verbunden, als seine Gemahlin anerkannte. Der Vater dieser Fürstin, nachmals Lordkanzler, gelangte, durch diese Verbindung gestützt, bald an die Spitze des englischen Reiches und hätte die Staatsangelegenheiten beinahe in Verwirrung gebracht, nicht aus Mangel an Talent, sondern infolge Selbstüberhebung. Der Herzog von Ormond genoß das Vertrauen und die Achtung seines Fürsten und verdiente beides wegen seiner ausgezeichneten Dienste, seines persönlichen Wertes, seiner hohen Geburt, wie auch wegen der Bereitwilligkeit, mit der er seine reichen Güter im Stich gelassen, um Karl II. in die Verbannung zu folgen. Selbst die Höflinge wagten nicht zu murren, als sie in seiner Person die bedeutenden Würden des Obersthofmeisters, des Lord-Kammerherrn und des Vizekönigs von Irland vereint sahen. An Geistes- und Sittenadel glich er ganz dem Marschall von Grammont, und wie dieser damals Frankreichs Stolz, war er die Zierde des englischen Hofes. Der Herzog von Buckingham und der Graf von Saint-Albans erschienen in der Heimat ebenso, wie sie sich im Ausland gezeigt; der eine voll Geist und Feuer, verschwendete die unermeßlichen Güter, in deren Besitz er wieder gelangt war, zwecklos; der andere war ein mittelmäßiger Kopf und hatte sich aus dem Nichts zum Großgrundbesitzer emporgeschwungen; dabei schien er, wenn er beim Spiel verlor und eine prachtvolle Tafel hielt, nur seine Renten zu vermehren. Sir George Berkley , nachmals Lord Falmouth , war des Königs Günstling und Vertrauter; er befehligte das Leibregiment des Herzogs von York und beherrschte diesen selbst. In seinem Äußeren hatte er nichts Glänzendes; auch war sein Geist nicht hervorragend; aber sein Charakter war des hohen Glückes würdig, das ihn eben erwartete, als er, dem Ziel seiner Erhebung nahe, zur See getötet wurde. Nie hat es ein edleres, so großer Selbstverleugnung fähiges Gemüt gegeben; der Ruhm seines Fürsten war sein ganzes Streben, all sein Einfluß nur darauf gerichtet, wahres Verdienst zu belohnen, oder wertvolle Menschen durch königliche Gunst zu erhöhen. Im Umgang war er so bescheiden, daß Gnade ihn zu beugen schien, in seinem ganzen Wesen so offen, daß man ihn kaum für einen Hofmann halten konnte. Während der Verbannung waren auch die Söhne des Herzogs von Ormond mit dem Hof im Auslande gewesen und machten ihm seit der Rückkehr Ehre. Der Graf von Arran besaß in allen Arten von Kunstfertigkeiten eine seltene Übung; er war ein gewandter Ball- und Gitarrespieler und in Liebesintrigen ziemlich glücklich. Sein älterer Bruder, Graf Ossory, glänzte weniger, aber er besaß viel Seelenadel und Ehrenhaftigkeit. Ihr Vetter, der älteste Hamilton , kleidete sich unter allen Männern bei Hof am geschmackvollsten. Er war von Natur wohlgebildet und hatte jene Talente, die zu Glück führen und in der Liebe Erfolg versprechen. Man konnte keinen unermüdlicheren Hofmann, keinen gewandteren Geist, keine feineren Formen, keine größere Aufmerksamkeit für die Wünsche des Königs finden. Niemand tanzte besser oder war überhaupt graziöser; an einem Hof aber, wo es nur Feste und Liebelei gibt, sind das wesentliche Verdienste, und es ist kein Wunder, daß er, mit diesen Eigenschaften begabt, später die Stelle von Lord Falmouth einnahm. Aber auffallenderweise raffte ihn dasselbe Los hin, als wäre dieser Krieg nur ausgezeichneten Männern und ihrer nahen Beförderung verderblich gewesen. Sein Unfall ereignete sich jedoch erst einige Jahre später. Nicht so gefährlich, als er schien, besaß der schöne Sidney zu wenig Leben, um den durch sein Äußeres hervorgerufenen bedeutenden Eindruck zu unterstützen. Dem kleinen Jermyn dagegen strömte von allen Seiten die Gunst der Damen zu. Der alte Graf Saint-Albans hatte ihn als seinen jüngsten Neffen schon lange an Sohnes Statt angenommen. Es ist bekannt, daß der gute Graf in Paris große Tafel hielt, während der König zu Brüssel Hunger litt und die Königin-Mutter in Frankreich auch nicht gerade schwelgte. Vom Reichtum seines Onkels unterstützt, war es Jermyn nicht schwer, bei der Prinzessin von Oranien, der Schwester des Königs, günstig und vorteilhaft aufzutreten. Des Königs arme Höflinge konnten mit Jermyns reicher Ausstattung und Pracht nicht wetteifern, und bekanntlich führen diese Dinge in der Liebe oft ebenso weit, wie persönlicher Wert. Sein Beispiel beweist es; denn obgleich er ein vollkommener Kavalier und tapfer war, berechtigten ihn doch weder seine Leistungen, noch seine Geburt zu hohen Ansprüchen, auch sein Äußeres war nicht gerade bezaubernd. Er war klein, hatte einen starken Kopf und dünne Beine. Sein Gesicht war nicht übel; aber Haltung und Manieren waren gezwungen. Statt Geist besaß er gewisse stehende Redensarten, die er bald im Scherz, bald im Ernst gebrauchte. Auf diesen Grundlagen beruhte sein gewaltiger Ruf als Herzensbrecher. Zunächst gewann er des Königs Schwester für sich. Dann war Miß Hyde dem Beispiel ihrer fürstlichen Gebieterin gefolgt. Dies lenkte die Aufmerksamkeit auf ihn und sein Ruf war somit vor seiner Ankunft in England schon gegründet. Um Zugang zum Herzen der Frauen zu finden, bedarf es nur eines günstigen Vorurteiles, das sie über jemanden haben. Jermyn fand die Damen für sich so günstig gestimmt, daß er bei ihnen nur anzuklopfen brauchte. Es schadete ihm auch nicht, als man entdeckte, ein so schwachbegründeter Ruf stehe auf noch schwächeren Füßen. Sein Ruf als Don Juan wirkte ansteckend. Die Gräfin Gastlemaine , sonst so lebhaft und für eine Kennerin geltend, ließ sich auch vom falschen Schein blenden, und wenn sie auch bald über diese Modepuppe aufgeklärt war, die so viel versprach und so wenig hielt, wollte sie doch ihren eigenen Irrtum nicht zugeben. Sie hielt das Verhältnis auf die Gefahr eines Bruches mit dem Könige hin aufrecht; an ein so seltsames Objekt hat sie zum erstenmal ihre Treue gewendet. Das waren die Helden des Hofes. Um aber seine Schönheiten zu sehen, brauchte man nur die Augen zu öffnen. Die berühmtesten waren die eben erwähnte Gräfin Castlemaine, nachmalige Herzogin von Cleveland, Lady Chesterfield, Lady Shrewsbury, die Damen Roberts, Mistreß Middleton, die Fräulein Brook und hundert ähnliche Sterne; Miß Hamilton und Miß Stewart aber waren die Zierde des Hofes. Die neue Königin verschönte weder durch ihre Person noch durch ihr Gefolge den glänzenden Kreis. Ihre Suite bestand aus der Gräfin Panetra als Gesellschaftsdame, aus sechs Scheusalen, die sich Ehrenfräulein nannten, und einem Ausbund von Häßlichkeit, der als Gouvernante diesen erlesenen Schönheiten vorstand. Die Herren waren: Francisco de Molo , der Bruder der Gräfin Panetra, ein gewisser Tauravedez , der sich Don Pedro Francisco Correo de Silva nennen ließ; er war zum Malen schön, aber eingebildeter, als alle Portugiesen zusammengenommen und stolzer auf seinen Namen, als auf sein Äußeres. Der Herzog von Buckingham, noch exzentrischer, aber witziger als er, zog die ganze Namenreihe in Pedro de Silva zusammen und übersetzte das: »der Peter aus Holz«. Darüber entrüstet mußte der arme Pedro de Silva, nach nutzlosen Klagen und Drohungen, endlich England verlassen, während der glückliche Herzog von Buckingham von ihm eine portugiesische Nymphe erbte, die er ihm ebenso abgeknöpft hatte, wie zwei seiner Namen, aber die Damen der Königin an Häßlichkeiten noch übertraf. Außerdem gab es sechs Almoseniere, vier Bäcker, einen jüdischen Parfümeur und einen Beamten, scheinbar ohne Funktion, der sich für den Hofbarbier der Infantin ausgab. Die Königin Katharina von Braganza war weit entfernt davon, an dem reizenden Hofe, über den sie herrschen sollte, zu glänzen. Späterhin gefiel sie besser. Mit der königlichen Familie und den meisten Herren vom Hofe bekannt, brauchte der Chevalier Grammont sich nur bei den Damen einzuführen. Dazu bedurfte er keines Dolmetschers; sie sprachen alle genügend französisch, um sich verständlich zu machen und von dem, was man ihnen zu sagen hatte, nichts zu verlieren. Bei der Königin war der Hof immer stark besucht, weniger bei der Herzogin von York, aber hier war die Gesellschaft gewählter. Diese Fürstin hatte ein imposantes Äußere, einen recht hübschen Wuchs, kein regelmäßig schönes Gesicht, aber viel Esprit und soviel sicheren Takt in der Bewertung von Menschen, daß bedeutende Männer und Frauen von ihr stets ausgezeichnet wurden. Eine gewisse Hoheit in ihrem ganzen Wesen ließ sie für eine Stellung, die sie dem Throne so nahe brachte, wie geboren erscheinen. Nach der Vermählung der Schwester des Königs, Henriette von Orleans, war auch die Königin-Mutter zurückgekehrt und an ihrem Hofe pflegten die beiden anderen Höfe sich zu vereinigen. Bald war der Chevalier Grammont bei jedermann beliebt. Die ihn noch nicht gesehen hatten, waren erstaunt, einen Franzosen seiner Art zu finden. Des Königs Rückkehr hatte nämlich viele Ausländer an den Hof gebracht und die Franzosen darunter waren ein wenig in Mißkredit geraten, weil sie anfangs nur aus unbedeutenden, anmaßenden Gecken bestanden, die, einer immer dümmer und aufgeblasener als der andere, alles zu verachten schienen, was nicht ihnen glich, und es für guten Ton hielten, die Engländer im eigenen Lande als Barbaren zu behandeln. Ihr wahres Gegenteil war der Chevalier Grammont: zu jedermann freundlich, gewöhnte er sich bald an die Sitten, machte alles mit, lobte alles und paßte sich leicht an Formen an, die er weder plump, noch barbarisch fand; da er nun statt der beleidigenden Unzufriedenheit seiner Vorgänger natürliche Zuvorkommenheit zeigte, war ganz England von einem Manne entzückt, der für die Lächerlichkeit seiner anderen Landsleute reichen Ersatz bot. Zunächst machte er dem König den Hof und nahm teil an seinen Vergnügungen. Er spielte hoch und verlor nur selten. In der Unterhaltung, in den Manieren seiner täglichen Umwelt, fand er so wenig Unterschied gegen früher, daß es ihm kaum vorkam, als habe er sein Land verlassen. Alles, was einem Temperament, wie dem seinigen, nur Genuß schaffen kann, bot sich seinen Wünschen dar, als wären die Annehmlichkeiten des französischen Hofes ihm ins Exil gefolgt. Er war täglich zu Tisch geladen; wer ihn als Gast bei sich sehen wollte, mußte seine Einladung also acht oder zehn Tage zuvor ergehen lassen. Auf die Dauer wurde ihm diese übermäßige Artigkeit freilich unbequem; doch einem Mann seiner Art schienen diese Pflichten unerläßlich, und da ihn die ersten Hofleute einluden, fügte er sich mit guter Manier der Notwendigkeit und behielt sich nur die Freiheit vor, abends zu Hause zu speisen. Die Stunde dieser Nachtmähler hing freilich vom Spiel ab, das heißt, sie war sehr unbestimmt; aber mit Hilfe einiger Bedienten, die sich trefflich auf die Kochkunst verstanden und ebenso gewandt servierten, wie sie ihren Herrn bestahlen, wurde ausgezeichnet gespeist. Bei diesen kleinen Soupers war die Gesellschaft nicht zahlreich, aber sehr gewählt; der beste Teil der Hofkreise war gewöhnlich anwesend; niemals aber fehlte der Mann, der ihm vor allem am meisten zusagte, der berühmte Saint-Evremond , jener treue, nur allzu freimütige Geschichtschreiber des Pyrenäenvertrages, der, gleich unserem Chevalier, wenn auch aus ganz anderen Gründen, aus Frankreich verbannt war. Zum Glück für beide hatte ihn das Schicksal einige Zeit vor Grammonts Ankunft nach England geführt, nachdem er in Holland Muße gehabt, die Treffsicherheit seiner Satiren zu bereuen. Von jetzt an wurde der Chevalier Grammont sein Held. Beide besaßen neben natürlichen Anlagen jenen Takt, den nur Erfahrung und Verkehr mit der großen Welt verleiht. Weniger mit leichten Intrigen beschäftigt, hielt Saint-Evremond mitunter kleine Strafpredigten und suchte ihn durch Betrachtungen über die Vergangenheit für die Gegenwart zurechtzuweisen oder auf die Zukunft vorzubereiten. »Sie sind jetzt in den angenehmsten Verhältnissen, die ein Mann, wie Sie, sich nur wünschen kann, sind Liebling eines jungen, fröhlichen, galanten Hofes. Der König lädt Sie zu jeder Vergnügungspartie; Sie spielen vom Morgen bis Abend oder vielmehr vom Abend bis zum Morgen, ohne je zu verlieren. Statt das mitgebrachte Geld, wie es Ihnen sonst erging, hier zu lassen, haben Sie es über kühnste Erwartung hinaus verdoppelt, verdreifacht, ja verhundertfacht, und zwar trotz dem ungeheuren Aufwande, den Sie sich nebenbei leisten. Das ist nun wohl die angenehmste Lage, in der ein Mensch sich befinden kann. »Chevalier, seien Sie mit diesem Zustand zufrieden und verderben sie sich ihn nicht durch Ihre alten Fehler. Meiden Sie die Liebe, und suchen Sie andere Freuden; denn bis jetzt ist Ihnen Venus nicht günstig gewesen. Sie wissen selbst, wieviel die Galanterie Ihnen gekostet, mehr als hier die meisten ahnen. Spielen Sie fest und hoch, und amüsieren Sie den Hof durch Ihren Humor. Unterhalten Sie den König mit geistreichen und drolligen Erzählungen; fliehen Sie aber Verbindungen, die Ihr Verdienst schmälern und Sie vergessen lassen könnten, daß Sie an diesem herrlichen Ort doch nur ein Fremder im Exil sind. Das Glück kann müde werden, Sie zu begünstigen. Was wäre aus Ihnen geworden, wenn Ihr letzter Fall in Ungnade Sie bei einem Geldmangel getroffen hätte, wie Sie ihn mitunter erlebt haben. Halten Sie sich an Fortuna und entsagen Sie Gott Amor. Man wird Sie am französischen Hof früher vermissen, als Sie Englands müde werden; aber vor allem, sorgen Sie für einen genügenden Vorrat an Geld. Wenn man das hat, tröstet man sich leicht über die Verbannung. Ich kenne Sie, lieber Chevalier; sobald es Ihnen einfällt, eine Frau zu verführen oder einen Liebhaber zu verdrängen, langt kein Spielgewinn für Ihre Bestechungen und Geschenke. Der Spieltisch könnte Ihnen nie soviel liefern, als die Liebe Ihnen kosten würde. Eine Menge glänzender Eigenschaften heben Sie aus der Menge hervor! Sie sind freigebig, gefällig, höflich und an graziösem Witz unvergleichlich. Vielleicht würde bei strengerer Prüfung das alles nicht so ganz stimmen, aber es sind wertvolle Qualitäten, und da man sie bei Ihnen vermutet, zeigen Sie sich nicht in anderem Lichte. Denn bei Liebesintrigen sind sie wirklich ganz anders, wenn man Ihr Vorgehen gegen Frauen überhaupt Liebe nennen kann.« »Kleiner Philosoph,« warf der Chevalier ein, »du spielst hier den Kato.« »Habe ich vielleicht unrecht?« fuhr Saint-Evremond fort, »ist's vielleicht nicht wahr? Wenn Ihnen eine Frau gefällt, ist Ihre erste Sorge der Nebenbuhler, Ihr weiteres Vorgehen reizt die arme, von Ihrer Liebe Verfolgte bis zur Wut, denn nach ihrer Liebe zu streben, ist Ihre geringste Sorge. Gewöhnlich treten Sie nur auf, um die Ruhe anderer zu stören. Eine Dame ohne Liebhaber hat für Sie keine Anziehungskraft, nur wenn sie Anbeter hat, ist sie Ihnen unschätzbar. Alle Ihre Reisen geben uns tausend Beispiele davon. Soll ich von dem Erstlingsversuch zu Turin oder von dem Angriff auf den Kurier der Fürstin von der Pfalz reden, dem Sie auf der Heerstraße die Posttasche abnahmen, bloß, um einige Zärtlichkeitsbeweise der Fürstin für einen anderen in die Hände zu bekommen und diese dann durch Drohungen und ungerechte Vorwürfe in Unruhe und Verlegenheit zu stürzen. Wer außer Ihnen hat je daran gedacht, sich auf einer Treppe in den Hinterhalt zu legen, um einen Glücklichen, der mit einem Fuß schon im Zimmer der Geliebten war, am anderen wieder zurückzuziehen? Das haben Sie ihrem Freunde, dem Herzog von Buckingham, gemacht, als er bei Nacht zur Königin Anna schlich, dabei waren Sie nicht einmal sein Nebenbuhler. Wieviel Kundschafter hielten Sie wegen der Herzogin von Olonne in Atem, wieviel Schliche, Intrigen und Verfolgungen richteten Sie gegen die Gräfin von Fiesco. Sie hätte Sie treu geliebt, wenn Sie sie nicht selbst zur Untreue gedrängt hätten. Zuletzt – denn Ihr Sündenregister ist endlos – erlaube ich mir zu fragen, aus welchem Grunde Sie hier sind? Ist daran nicht auch jener böse Dämon schuld, der Sie in die Herzensangelegenheiten des Königs verwegen eingreifen hieß? Seien Sie also in diesem Punkte hier klüger. Bei den Schönheiten am Hofe sind alle Stellen besetzt, und wie tolerant die Engländer auch gegen ihre Frauen sein mögen, Untreue einer Geliebten, Glück eines Nebenbuhlers, dulden sie nicht so ruhig. Lassen Sie sie darum in Frieden und machen Sie sich nicht unnütz verhaßt. Bei den Unverheirateten werden Sie kein Glück haben. Man verlangt hier ernste Absichten und soliden Grundbesitz. Sie haben weder das eine noch das andere. Ländlich-sittlich. In Holland sind die Mädchen leicht zugänglich und entgegenkommend; sind sie aber einmal verheiratet, dann sind sie wahre Keuschheitsfanatikerinnen. In Frankreich sind die Frauen vor der Hochzeit kokett, nachher noch weit mehr; hier dagegen ist es ein wahres Wunder, wenn ein Mädchen von einem Mann etwas anderes anhört, als das »ja« am Altar, und ich halte Sie noch nicht für so gottverlassen, daß Sie daran denken sollten.« So lautete Saint-Evremonds Predigt; aber es war eine Predigt in der Wüste; der Chevalier Grammont hörte sie nur zum Spaß an, und obwohl er ihre Berechtigung zugeben mußte, beachtete er die Ratschläge dennoch nicht. Ja, gerade damals war er des Spielerglücks müde und schickte sich an, die Bahn der Liebe zu betreten. Der erste Angriff war auf die Middleton gerichtet. Sie war eine der schönsten Frauen der Stadt, bei Hof noch wenig bekannt; genügend gefallsüchtig, um niemanden ganz zurückzuweisen, wetteiferte sie an Aufwand gerne mit den Prunksüchtigsten; aber mit dem Glück auf schlechtem Fuß, konnte sie das nicht ganz durchführen. Das alles paßte dem Chevalier Grammont ausgezeichnet. Ohne sich also mit unnützen Formalitäten aufzuhalten, wandte er sich, um eingeführt zu werden, nur an ihren Portier und wählte einen ihrer Liebhaber zum Vertrauten. Der junge Mann hatte Verstand wie nur irgend einer; es war der nachmalige Lord Ranelagh und hieß zu jener Zeit Mr. Jones . Die Absicht, einen der gefährlichsten Nebenbuhler zu beseitigen und sich für etwas drückend werdende Auslagen durch jemanden anderen ablösen zu lassen, bewog diesen Herrn, auf Grammonts Vorschläge einzugehen. Wie er es gewünscht, sorgte der Chevalier nun für beides. Bald waren Boten auf den Beinen, Briefe und Geschenke flogen beständig hin und her. Sie hörte ihn an, soviel er wollte, ließ sich mit Blicken bombardieren, erwiderte sie sogar, aber das war auch alles. Er fand, die Schöne nehme gern viel, aber – gebe recht wenig. Ohne also seinen Absichten auf sie ganz zu entsagen, hielt er es für gut, sein Glück anderswo zu versuchen. Unter der Königin Ehrenfräulein gab es eine Miß Warmestrée . Ihre Schönheit war von der ebengenannten sehr verschieden. Gut gewachsen, blond und weiß, hatte die Middleton in Manieren und Redeweise etwas Gesuchtes, Anspruchsvolles. Sie hüllte sich in müdes Schmachten, das nicht nach jedermanns Geschmack war. Bei den zarten Gefühlen, denen sie Worte zu leihen strebte, ohne sie zu verstehen, schlief man ein; sie langweilte, wenn sie glänzen wollte. Sich selbst damit quälend, peinigte sie die Zuhörer, und ihr Ehrgeiz, für einen Schöngeist gelten zu wollen, verschaffte ihr nur den Ruf einer langweiligen Person, ein Renommee, das ihre Reize lange überdauerte. Die andere war brünett, ihr Wuchs nicht sonderlich, ihr Ansehen nicht imponierend, aber bei sehr lebhaftem Teint zeigte sie Augen voll Feuer, herausfordernde Blicke, die nichts unterließen, um zu siegen, und alles versprachen, um zu fesseln. Die Folge bewies nur zu sehr, daß sie die kühnsten Verheißungen noch übertraf. Zwischen diesen beiden Göttinnen teilten sich die Wünsche und Geschenke des Chevaliers Grammont; Taschenspiegel, Toilettenetuis, Früchte, Bonbons, Parfüme und andere kleine Liebesartikel kamen allwöchentlich mit irgend einem neuen Anzug für ihn selbst aus Paris. Wertvollere Dinge, wie Ohrgehänge, Diamanten und andere Liebesgaben um bare Guineen, fanden sich alle in natura in London selbst, und die Damen nahmen sie auf, als wären sie von wer weiß wie weit hergekommen. Damals fing Miß Stewarts Schönheit an, Aufsehen zu erregen. Lady Castlemaine bemerkte, daß der König sie mit Blicken verfolge. Doch anstatt Eifersucht darüber zu empfinden, begünstigte sie vielmehr diese Neigung, sosehr sie konnte, entweder aus jener Sorglosigkeit, die oft den ihrer Reize bewußten Frauen eigen ist, oder vielleicht auch, um des Königs Aufmerksamkeit von ihrem neuen Verhältnis mit Jermyn abzulenken. Sie betrachtete eine entstehende Leidenschaft, die dem ganzen Hof auffallen mußte, nicht nur ohne Unruhe, sondern ging sogar so weit, ihre Nebenbuhlerin zu ihrem Liebling zu erwählen und an allen Soupers teilnehmen zu lassen, die sie dem König gab; im Vertrauen auf die eigene Schönheit trieb sie den Übermut so weit, daß sie die junge Dame häufig zum Schlafen bei sich behielt. Da der König vor dem Aufstehen der Castlemaine jeden Morgen zu ihr zu kommen pflegte, fand er auch Miß Stewart bei ihr im Bett. Bei jeder aufkeimenden Leidenschaft reizen die gleichgültigsten Dinge, aber die unvorsichtige Castlemaine war kurzsichtig genug, die Nebenbuhlerin in solchem Zustand an ihrer Seite den Blicken preiszugeben; sie glaubte bestimmt, daß, wenn es ihr gutdünkte, sie über alle Schönheiten der Stewart den Sieg davontragen müsse. Aber die Sache kam anders. Der Chevalier Grammont sah dieses Liebesmanöver und konnte es nicht begreifen; da er aber des Königs Neigungen genau verfolgte, schmeichelte er ihm dadurch, daß er den Wert der neuen Geliebten bis in den Himmel erhob. Ihre Erscheinung war auffallend schön, aber nicht durchaus fesselnd. Bei so großer körperlicher Schönheit so wenig Geist zu besitzen, war direkt eine Kunst. Alle ihre Züge waren regelmäßig, ihr Wuchs nicht ganz vollkommen, doch war sie schlank, hielt sich gut und war von übernormaler Frauengröße. Sie besaß Grazie, tanzte wundervoll und sprach Französisch besser als ihre Muttersprache. Ebenso erlesen wie ihr höfisches Benehmen war ihr Geschmack in der Toilette, den man vergebens zu erlangen sucht, wenn man sich ihn nicht von Jugend auf in Frankreich angeeignet hat. Während ihre Reize dem König bis ins Herz drangen, ließ Lady Castlemaine all ihren Neigungen ungestört die Zügel schießen. Unter den Schönen, die Jermyn verblendet hatte, nahm Mistreß Hyde nicht den letzten Platz ein. Sie hatte ihren Mann geliebt, als sie ihm ihre Hand reichte. Durch diese Heirat war sie Schwägerin der Herzogin von York geworden; sie glänzte überdies durch Schönheit, Liebenswürdigkeit und Geist. Doch hielt sie all diese Vorzüge für ihren Ruhm nicht ausreichend, solange ihr Name nicht in Verbindung mit Jermyn genannt wurde, und um diesen Zweck zu erreichen, beschloß sie, sich ihm an den Hals zu werfen. Sie war von mittlerem Wuchs; bei blendend weißem Teint besaß sie schöne Hände und einen selbst in England auffallend wohlgeformten Fuß. Durch stete Gewohnheit hatten ihre Blicke einen so schmachtenden Ausdruck angenommen, daß sie die Augen nur zur Hälfte öffnete wie die Chinesen, und wenn sie liebäugelte, schien es, als tue sie noch etwas mehr. Jermyn nahm sie hin; da er aber bald nicht wußte, was er mit ihr anfangen sollte, fand er es für gut, sie aufzugeben und mit Lady Castlemaine zu vertauschen. Die Hyde war darüber nicht untröstlich; denn ihrem Ehrgeiz genügte es, Jermyn so vielen Mitbewerberinnen abgewonnen zu haben, übrigens verlor sie im wesentlichsten Punkte eigentlich gar nichts. Jakob Hall , ein berühmter Seiltänzer, war zu jener Zeit in London Mode und entzückte bei seinen Vorstellungen durch Kraft und Gewandtheit; man wünschte sich privatim von seinen Eigenschaften zu überzeugen; denn er wies in seiner Künstlertracht eine athletische Gestalt und ganz andere Beine auf als der sieggewohnte Jermyn. Der Springer täuschte die Erwartungen der Lady Castlemaine nicht; so wenigstens behauptete manches Gerücht im Publikum und so verkündeten es zahlreiche Spottgedichte, allerdings mehr zu Ehren des Tänzers als der Gräfin. Sie aber setzte sich über alles Geschwätz hinweg und ihre Schönheit leuchtete um so glänzender. Während die Satire sich über sie lustig machte, schlug man sich beständig um die Gunst einer anderen Dame, die mit ihren Reizen ebensowenig kargte. Es war dies Lady Shrewsbury . Der Graf von Arran, der ihr zuerst gehuldigt, hatte sich bald zurückgezogen. Diese mehr durch das Veranlassen tragischer Katastrophen als durch zahlreiche Eroberungen berühmt gewordene Schönheit setzte ihr höchstes Verdienst in unaufhörlichen Wechsel. Wie sich niemand rühmen konnte, ihre Gunst allein besessen zu haben, so konnte sich auch keiner über Zurücksetzung beklagen. Jermyn jedoch war unzufrieden, daß sie ihm nicht entgegengekommen, ohne zu bedenken, daß sie dazu gar keine Zeit gehabt. Seine Eitelkeit fühlte sich gekränkt; aber es beliebte ihm diesmal sehr zur Unzeit, die Lady ihren anderen Liebhabern zu entziehen. Thomas Howard , der Bruder des Grafen von Carlisle, war unter den letzteren – einer der tapfersten und schönsten Männer in England. Wenngleich sein Äußeres kalt, sein Wesen mild und friedlich schien, war er doch stolz und leidenschaftlich wie der stürmischeste Liebhaber. Als die Shrewsbury blindlings auf die ersten Lockungen des unwiderstehlichen Jermyn einging, nahm ihr dies Howard sehr übel. Sie achtete nicht sehr darauf; da sie ihn aber rücksichtsvoll behandeln wollte, willigte sie in ein Festmahl, das sie nach wiederholter Einladung nicht gut ausschlagen konnte. Man wählte den sogenannten Spring-Garten zum Schauplatz des Festes. Als die Partie verabredet war, wurde Jermyn unter der Hand davon in Kenntnis gesetzt. Howard hatte im Garderegiment eine Kompagnie und einer seiner Soldaten spielte sehr gut den schottischen Dudelsack. Dieser Pfeifer wurde mitgebracht und Jermin fand sich wie durch Zufall im Garten ein; von seinen bisherigen Erfolgen berauscht, hatte er seine Siegermiene angenommen, um die neue Eroberung zu vollenden. Im Augenblick, als er im Garten erschien, trat Lady Shrewsbury auf den Balkon. Wie sie ihren Helden fand, kann ich nicht sagen, aber Howard fand ihn keineswegs nach seinem Geschmack. Das hielt Jermyn indes nicht ab, auf das erste von ihr erteilte Zeichen hinaufzusteigen. Bei diesem Mahle nun, zu dem er nicht als Gast geladen war, spielte er nicht allein den kleinen Tyrannen, sondern kramte auch, nachdem er die Blicke der Schönen nur auf sich gezogen hatte, seine Redensarten und einen Vorrat stachliger Ironie aus, um über das Fest zu spotten und die Musik lächerlich zu machen. Howard galt nicht für witzig, aber da er nicht allzu geduldig war, stand das Fest dreimal auf der Scheide eines blutigen Ausganges. Aber jedesmal unterdrückte er seine natürliche Heftigkeit, um dafür an einem anderen Orte ungestört Genugtuung nehmen zu können. Ohne auf dessen schlechte Laune zu achten, verfolgte Jermyn seinen Weg, sprach beständig mit Lady Shrewsbury und verließ sie erst nach dem Mahle. Stolz auf seinen Triumph, legte er sich zu Hause schlafen und wurde am Morgen darauf durch eine Herausforderung geweckt. Zum Sekundanten wählte er sich Giles Rawlings, einen Liebesabenteurer und Spieler; Howard nahm Dillon, einen gewandten und tapferen, sehr anständigen Mann, der leider aber ein intimer Freund von Rawlings war. Bei diesem Kampfe war das Glück nicht auf seiten der Liebesgünstlinge. Der arme Rawlings blieb tot auf dem Platz und Jermyn wurde, von drei tiefen Stichen durchbohrt, fast ohne Lebenszeichen zu seinem Onkel getragen. Während die Kunde von diesem Vorfall am Hofe je nach dem Anteil, den man an ihm nahm, besprochen wurde, erhielt der Chevalier Grammont durch seinen Freund Jones, der zugleich sein Nebenbuhler und Vertrauter war, die Nachricht, es bewerbe sich ein anderer um die Middleton. Es war Montague, nicht so gefährlich durch sein Äußeres, als durch seine unermüdliche Aufmerksamkeit, seine geistige Gewandtheit wie auch durch eine andere Begabung, die immer in Anschlag zu bringen ist, wenn man in den Fall kommt, sie zu verwerten. Die Hälfte dieser Eigenschaften genügten, um die ganze Reizbarkeit des Chevaliers Grammont gegen diesen Nebenbuhler aufzurühren. Was Rachsucht, Bosheit, Schlauheit nur eingeben können, um die Ruhe eines Rivalen zu stören und eine untreue Geliebte zur Verzweiflung zu treiben, wurde in ihm lebendig. Sein erster Gedanke war, ihre Briefe zurückzusenden, seine Geschenke abzufordern und sie dann mit Quälereien zu verfolgen. Bald aber verwarf er diesen Plan als des ihm zugefügten Unrechts noch nicht würdig; so war er gerade mit der Vernichtung der armen Middleton beschäftigt, als er zufällig das Fräulein Hamilton erblickte. Von diesem Augenblick an war alle Feindschaft gegen die Middelton, alles Mühen um Miß Warnestrée vergessen. Fortan kannte er keine Untreue, kein Schwanken mehr. Ein einziger Gegenstand fesselte all seine Wünsche und von den alten Fehlern blieben ihm nur noch Nervosität und Eifersucht. Sein erstes Streben war zu gefallen; aber er sah wohl, daß er, um hier zum Ziele zu kommen, ganz anders als bisher verfahren müsse. Die ziemlich große Familie der Miß Hamilton bewohnte ein geräumiges, bequemes Haus neben dem königlichen Schlosse. Die Mitglieder der herzoglichen Familie Ormond waren beständig dort zu Besuch und die gewählteste Gesellschaft von London verkehrte täglich bei ihnen. Der Chevalier Grammont wurde seinen Verdiensten und seinem Stande gemäß aufgenommen. Er wunderte sich, wie er anderswo so viel Zeit habe verlieren können; nachdem er diese Bekanntschaft gemacht, suchte er keine andere mehr. Jedermann gestand, daß Miß Hamilton die treueste und ernsteste Hingebung verdiene. Sie war von edelstem Geschlecht und dem Zauber ihrer Persönlichkeit war nichts zu vergleichen. Von seinem galanten Abenteuer unbefriedigt, war der Chevalier glücklich ohne Gegenliebe, eifersüchtig ohne verliebt zu sein. Die Middleton wollte wie gesagt herausbekommen, wie er die Frauen malträtiere, nachdem sie selbst empfunden hatte, wie sehr er zu gefallen verstehe. Er suchte sie auf dem Ball der Königin und traf sie dort, aber zu ihrem Glück war auch Miß Hamilton zugegen. Der Zufall hatte es bisher so gefügt, daß er von allen Schönheiten des Hofes gerade sie, die am meisten gepriesen wurde, fast gar nicht zu Gesicht bekommen hatte. Er sah sie also zum erstenmal aus der Nähe und meinte, bis jetzt bei Hof so gut wie gar nichts gesehen zu haben. Er unterhielt sich mit ihr, sie antwortete treffend; sooft sie tanzte, hafteten seine Blicke an ihr und nun war aller Groll gegen die Middleton verschwunden. Miß Hamilton war in dem glücklichen Alter, in dem sich die weiblichen Reize zur Blüte entfalten. Sie hatte den schönsten Wuchs, den herrlichsten Busen, die edelgeformtesten Arme, war in allen ihren Bewegungen schlank und lieblich, in Toilette und Frisur ein Muster von Geschmack, dem alle Damen nachstrebten. Ihre Stirn war offen, weiß und glatt, ihr Haar reich und legte sich, was so selten vorkommt, von selbst in natürliche Locken. Eine Frische, die nicht ersetzt werden kann, belebte ihren Teint. Ihre Augen waren nicht groß, aber feurig, ihre Blicke drückten alles aus, was sie sagen wollte. Ihr Mund war reizend, der Umriß ihres Gesichtes vollendet. Ein zartes, etwas keckes Näschen war nicht die letzte Zier ihres lieblichen Gesichtchens. Mit einem Wort, aus Haltung, Eindruck und allem über sie ausgegossenen Zauber glaubte der Chevalier Grammont nur günstige Schlüsse auf die anderen Reize ziehen zu können. Ihr Geist entsprach ihrer Erscheinung. Sie strebte nicht danach, in der Unterhaltung durch unpassende Heiterkeit, deren Ausbruch oft nur blendet, zu glänzen, vermied auch jene schleppende, vornehm sein sollende Redeweise, die bloß einschläfert; ohne sich im Sprechen zu übereilen, sagte sie stets das Nötige und Richtige. Wunderbar wußte sie Echtes vom Falschen zu unterscheiden, und weit entfernt, ihr Licht immer leuchten zu lassen, blieb sie zurückhaltend aber bestimmt und treffend in ihren Äußerungen. Ihre Gesinnung war voll Adel, und wenn es die Gelegenheit erforderte, stolz bis zum Äußersten. Doch war sie von ihrem eigenen Wert weniger durchdrungen, als sich bei ihren Eigenschaften erwarten ließ. Dergestalt mußte sie wohl Liebe gewinnen, doch suchte sie sie nicht; denn sie war streng in der Auswahl derer, die die Blicke zu ihr erheben durften. Je mehr der Chevalier Grammont sich von der Reinheit dieser Züge ergriffen fühlte, desto mehr strebte auch er zu gefallen und zu erobern. Sein heiterer Sinn, seine lebhafte, leichte, immer neue Unterhaltung verschaffte ihm wohl Gehör; aber es setzte ihn in Erstaunen, daß alle Geschenke, die bei seinem alten System so rasch Aufnahme gefunden hatten, bei diesem neuen Verhältnis keine Wirkung mehr taten und daß er sich ganz anderer Mittel bedienen mußte. Er hatte einen alten Kammerdiener namens Termes, einen kecken Spitzbuben und noch frecheren Lügner. Dieser wurde jede Woche von London abgesandt, um die erwähnten Besorgungen zu machen; seit dem Bruch mit der Middleton und Warmestrée wurde Termes nur noch zur Bestellung der Kleider seines Herrn nach Paris und zurück gesendet und entledigte sich, wie wir sehen werden, dieser Aufträge nicht immer auf das treueste. Die Königin hatte Geist und wandte alles auf, um den König durch Gefälligkeiten, die ihrem Gefühl nicht allzu große Opfer auferlegten, entgegenzukommen. Sie war voll Aufmerksamkeit für alle von ihr veranstalteten Feste und Vergnügungen, besonders wenn sie persönlich daran teilnahm. So hatte sie eine galante Maskerade erdacht, bei der die von ihr gewählten Paare in verschiedenen Nationaltrachten erscheinen sollten. Sie gab Zeit zur Vorbereitung und man kann sich vorstellen, wie sehr die Schneider, Näherinnen und Stickerinnen in Tätigkeit gesetzt wurden. Auch die von ihr ausgewählten Damen waren recht erregt, doch fand Miß Hamilton Muße zu einigen kleinen Scherzen, wie man sie sich bei lächerlichem Hervortreten einzelner bei so günstiger Gelegenheit wohl erlauben darf. Zwei Damen waren besonders geschmacklos. Die eine war Lady Muskerry, die Frau von Miß Hamiltons Vetter, die andere ein Ehrenfräulein der Herzogin von York, namens Blague. Die erste, von ihrem Manne sicherlich nicht wegen ihrer schönen Augen erwählt, war gleich den meisten reichen Erbinnen von der Natur, die ihre Schätze um so mehr zu versagen scheint, je weniger sie mit Glücksgütern spart, recht stiefmütterlich bedacht. Ohne in der Hoffnung zu sein, hatte sie das Aussehen einer Schwangeren und hinkte stark; denn von ihren sehr kurzen Beinen war eines länger als das andre; ein schiefes Gesicht krönte die Häßlichkeit der ganzen Erscheinung. Miß Blague war ein anderes komisches Original. Ihre Gestalt war weder schlecht noch gut, ihr Gesicht außerordentlich fad, aber diese blasse, mit kleinen, tiefliegenden Augen und fingerlangen blonden Wimpern gezierte Larve drängte sich überall vor. Mit solchen Reizen legte sie sich auf die Lauer, um Herzen zu fangen; aber ohne die Ankunft des Marquis von Brisacier hätte sie ewig vergeblich gelauert. Der Himmel schien beide füreinander geschaffen zu haben. Äußeres und Manieren waren bei ihm ganz danach, ein so sonderbares Wesen zu fesseln. Ohne etwas zu sagen, schwätzte er unaufhörlich; in seiner Tracht überbot er die schreiendste Mode. Miß Blague meinte, all dieses Aufsehen geschehe ihretwegen, und der edle Brisacier dachte, die langen Wimpern der Blague hätten nie jemand anderen als ihn aufs Korn genommen. Man merkte, daß sie einander gut waren, doch hielten sie noch beim bloßen Gebärdenspiel, als Miß Hamilton sich ihrer zu erbarmen beschloß. Sie wollte die Rangetikette nicht verletzen und fing deswegen mit ihrer Kusine Lady Muskerry an. Die schwachen Seiten dieser Dame waren Tanz und Putz; mit ihrer Gestalt freilich vertrugen sich prachtvolle Toiletten wenig, und wenn auch der Tanz noch weniger zu ihr paßte, verfehlte die Dame dennoch keinen Hofball, da die Königin gegen die Gesellschaft so freundlich war, daß sie die Lady stets zum Tanz aufmunterte; aber bei einer so pompösen, prachtvollen Sache, wie bei diesem Maskenball, war es unmöglich, ihr eine Rolle zuzuweisen. Lady Muskerry verschmachtete also vor Ungeduld nach der ersehnten Einladung der Königin. Auf diese Spannung baute Miß Hamilton ihren Plan, sich auf Kosten der Närrin einen Genuß zu verschaffen. Die Königin sandte den ernannten Damen Einladungen, in denen das Kostüm genau vorgeschrieben war. Miß Hamilton ließ eine ganz ähnliche Einladung für Lady Muskerry schreiben mit der Anmerkung: »Erscheint als Babylonierin«. Sie versammelte ihre Getreuen, um über die Zustellung des Schreibens zu beraten. Nach kurzem Überlegen beschloß man, das Billett zu ihren eigenen Händen abzugeben. Lord Muskerry kam mit seiner Gemahlin eben nach Hause, als sie es erhielt. Der Lord war ein sehr würdiger Mann, ziemlich ernst, streng und Todfeind jeder Lächerlichkeit. Die Mißgestalt seiner Frau schmerzte ihn weniger, als daß sie bei jeder Gelegenheit Veranlassung zum Lachen gab. Im vorliegenden Fall hielt er sich für sicher, weil er nicht annehmen konnte, die Königin werde ihren Maskenball durch Einladung dieser Frau entstellen; da er jedoch ihre Leidenschaft für Tanz und Putz kannte, hatte er sie eben feierlich ermahnt, sich bei diesem Fest mit dem Zusehen zu begnügen, selbst wenn die Königin so grausam sein sollte, sie zu einer Kostümgruppe aufzufordern. Endlich erlaubte er sich, den Unterschied zwischen ihrer Gestalt und jener der zu Tanz und Umzügen geeigneten Personen anzudeuten. Seine Predigt schloß mit dem ausdrücklichen Verbot, sich bei diesem Fest zu einer Rolle zu drängen, die ihr gar nicht zugedacht sei. Aber weit entfernt, den Rat gut aufzunehmen, bildete sich die Lady ein, nur ihr Mann habe der Königin von einer Einladung abgeraten, die sie so sehnlich begehrte, und kaum war er fort, als sie sich Ihrer Majestät zu Füßen werfen und um Gerechtigkeit flehen wollte. In solcher Stimmung erhielt sie das Billett. Sie küßte es dreimal und ohne Rücksicht auf das Verbot ihres Mannes stieg sie hastig in den Wagen, um bei allen levantinischen Händlern nachzufragen, wie Damen von Stand sich in Babylon kleideten. Von anderer Art war die Falle, die man Miß Blague stellte. Sie besaß ein so unerschütterliches Vertrauen in ihre Reize und ihren Zauber, daß man sie damit fangen konnte. Der Kopf des Marquis Brisacier, den sie gefesselt zu haben glaubte, war voll Gemeinplätze und kleiner Gedichte. Der Marquis imponierte gern mit seiner falschen Stimme und brachte eines oder das andere dieser schönen Talente immer zur Geltung, denn der Herzog von Buckingham verwöhnte ihn absichtlich durch Lobsprüche über seine Stimme und seinen Geist. Miß Blague richtete sich, weil sie das Französische nur wenig verstand, nach des Herzogs Urteil, um beides gehörig zu bewundern. Sie fand, daß all seine Lieder nur von Blondinen sprachen, weshalb sie, den Text auf sich beziehend, die Augenwimpern in demütiger Dankbarkeit senkte. Auf Grund solcher Beobachtungen beschloß man, sich die Blague gelegentlich auszuborgen. Während diese kleinen Pläne im Gang waren, fragte der auf die Unterhaltung des Chevaliers Grammont stets bedachte König, ob er unter der Bedingung, Miß Hamilton zu führen, nicht an der Maskerade teilnehmen wolle? Der Chevalier hielt sich zwar als Tänzer dieser Aufgabe nicht gewachsen, hütete sich aber, die Aufforderung zurückzuweisen. »Sire,« sprach er, »von allen Gnaden, mit denen Ew. Majestät mich seit meiner Ankunft überhäuft haben, ist mir diese Gunst die wertvollste und, um meine Dankbarkeit zu bezeigen, stelle ich mich bei Miß Stewart zu treuen Gegendiensten bereit.« – Er sagte dies, weil man ihr eben eine, von den übrigen Damen der Königin abgesonderte Wohnung zugewiesen hatte, und weil die Huldigungen der Hofleute sich ihr zuzuwenden begannen. Der König nahm den Scherz gut auf und, nachdem er ihm für ein so dringend nötiges Anerbieten gedankt, fragte er: »Chevalier, wie werden Sie sich zum Balle kostümieren? Ich überlasse ihnen die Wahl des Kostüms.« – »Wenn das der Fall ist,« erwiderte Grammont, »so werde ich als Franzose erscheinen; denn in Ihrem London erweist man mir bereits die Ehre, mich für einen Engländer zu halten. Sonst hätte ich auch Lust, als Römer aufzutreten; aber ich befürchte, mit dem Prinzen Rupert Händel zu bekommen, der gegen Lord Thanet, einen Anhänger von Cäsar, Alexanders Partei ergreift; so wage ich denn nicht, als Held zu glänzen. Wenn ich übrigens auch nur erträglich tanze, hoffe ich, mich mit etwas Gehör und Takt aus der Sache zu ziehen, um so mehr, als Miß Hamilton schon dafür sorgen wird, daß die Leute mich nicht bemerken. Wegen meines Anzuges sende ich morgen früh meinen Termes nach Paris, und wenn ich bei seiner Rückkehr nicht das eleganteste Kostüm habe, mögen Ew. Majestät mich für die schmählichste Nation ihres Maskenballes halten.« Termes reiste mit wiederholten Weisungen ab und sein Herr zählte, in dieser Lage doppelt ungeduldig, als der Kurier kaum an Land sein konnte, schon die Augenblicke bis zu seiner Rückkehr. Bis zum Vorabend des Balles war er nur mit seinem Werke beschäftigt, und diesen Tag wählte Miß Hamilton mit ihrem kleinen Kreise zur Ausführung ihres Planes. Seidenhandschuhe waren damals sehr in Mode. Sie hatte zufällig einige Paar davon und schickte eines an Miß Blague nebst vier Ellen Bandes mit folgenden Zeilen: »Sie waren neulich reizender als alle Blondinen der Welt. Gestern sah ich Sie noch blonder als damals. Wenn Sie so fortfahren, was soll dann aus meinem Herzen werden? Aber das ist schon lange Ihren schelmischen Augen erlegen. Werden Sie morgen auf dem Maskenball sein? Doch kann uns ein Fest Freude machen, auf dem Sie nicht erscheinen? Ich würde Sie zwar in jeder Verkleidung erkennen, aber durch das übersandte Geschenk werde mir mein Schicksal deutlicher. Bitte, Schleifen aus diesem Band im Haar zu tragen, die Handschuhe werden die schönsten Hände der Welt schmücken.« Dies Billett nebst Geschenk wurde der Blague mit demselben Erfolge zugestellt wie das babylonische Dekret für Lady Muskerry. Miß Hamilton wurde eben Bericht darüber erstattet, als die Lady zum Besuch eintrat; sie hatte es sehr eilig und die Zeit schien zu drängen, als ihre Kusine sie bat, mit ihr ins Kabinett zu kommen. Dort sagte ihr die Muskerry: »Bitte um Diskretion über das, was ich Ihnen jetzt anvertraue. Was sagen Sie zu den Männern? Trauen Sie ihnen nicht, liebe Kusine. Vor unserer Hochzeit hatte Lord Muskerry mir Tag und Nacht beim Tanzen zugesehen und jetzt untersteht er sich, es mir zu verbieten. Das paßt mir nicht, noch mehr, er hat mich vor dem Maskenball so gewarnt, daß ich ihm die Ehre, die mir die Königin erweist, verbergen muß. Es wundert mich indes, daß ich nicht erfahre, wer mich führen soll. Ach, wenn Sie wüßten, welche Mühe man in diesem verwünschten London hat, herauszubringen, wie man sich als Babylonierin zu kleiden hat, würden Sie Mitleid mit meinen Sorgen seit der Balleinladung haben; die Kosten des Kostümes übersteigen alle Begriffe.« Hier wurde Miß Hamilton vom Lachen, das sie so lange zurückgedrängt, überwältigt, und ließ ihm freien Lauf. Die Muskerry wußte ihr dafür Dank; denn sie glaubte, es gelte der Marotte ihres Mannes. Miß Hamilton sagte, alle Männer wären ziemlich gleich; man müsse sich nicht um ihre Launen scheren; sie wisse auch nicht, wer sie zum Maskenball führen solle, aber, da sie ernannt sei, werde ihr auch ein Tänzer nicht fehlen. Sie begreife nicht, warum er sich noch nicht gemeldet; vielleicht habe er auch eine überspannte Frau, die ihm das Tanzen verböte. Damit ging Lady Muskerry eilig fort, um Nachricht über ihren Tänzer einzuholen. Die in die Verschwörung eingeweihten Personen lachten eben aus voller Kehle mit Miß Hamilton über den Besuch, als Lord Muskerry eintrat. Er zog seine Kusine zur Seite und fragte: »Weißt du vielleicht, ob es morgen in der City irgendwo einen Ball gibt?« – »Nein,« antwortete sie, »weshalb?« – »Weil ich erfahre, daß meine Frau große Vorbereitungen zur Toilette macht. Ich weiß freilich, daß sie zur Maskentour nicht bestimmt ist, dafür habe ich gesorgt; da sie aber auf das Tanzen versessen ist, befürchte ich, daß sie sich trotz meines Verbotes wieder lächerlich machen wird. Wäre es bloß ein Bürgerball an einem abgelegenen Ort, würde ich mich nicht darum kümmern.« Man beruhigte ihn, so gut man konnte, und entließ ihn unter dem Vorwande von tausend Zurüstungen für den folgenden Tag. Endlich glaubte Miß Hamilton sich frei, als sie Miß Price, ein Ehrenfräulein der Herzogin, kommen sah. Die hatte sie gerade herbeigewünscht. Schon seit einiger Zeit kämpften die Blague und die Price um Dongan, den die Price der anderen geraubt hatte, und noch jetzt glomm der Haß der beiden Damen unter der Asche. Wenn auch die Ehrenfräulein nicht zur Maskerade selbst bestimmt waren, sollten sie ihr doch unkostümiert beiwohnen und ihre Balltoilette nicht vernachlässigen. Miß Hamilton hatte noch ein Paar von den der Blague übersandten Handschuhen; sie schenkte sie ihrer Nebenbuhlerin nebst einigen Schleifen vom gleichen Bande, das für die Brünette wie geschaffen war. Miß Price dankte ihr tausendmal und versprach, sich damit auf dem Ball zu schmücken. »Sie werden mir eine Freude damit machen,« sagte Miß Hamilton, »wenn Sie aber erzählen, daß die Kleinigkeit von mir kommt, würde ich es Ihnen nie verzeihen. Übrigens rauben Sie der armen Blague nicht etwa den Marquis Brisacier, wie Sie es mit Dongan getan. Freilich weiß ich, daß es nur auf Sie ankäme. Sie haben Geist, sprechen Französisch, und hat er sich erst einmal mit Ihnen unterhalten, so darf die andere nicht einmal mehr an ihn denken.« Das genügte; die Blague war nur lächerlich und kokett, Miß Price war beides und – noch etwas mehr. Abends entfaltete der Hof, glänzender als je, seine ganze Pracht bei der Maskerade. Alle zur Bildung des Maskenzuges bestimmten Personen waren mit Ausnahme des Chevalier Grammont versammelt. Man wunderte sich, daß er, der bei den unbedeutendsten Dingen so eifrig war, bei einer so wichtigen Gelegenheit wie dieser zurückblieb; noch mehr erstaunte man aber, als man ihn im gewöhnlichen Hofanzuge eintreten sah. Das war unter den obwaltenden Umständen bei ihm unerhört, unbegreiflich. Vergebens hatte er die schönsten Spitzen, die gewaltigste und bestgepuderte Perücke, die sich denken läßt; sein an sich prächtiger Anzug paßte nicht zum Feste. Der König bemerkte es zuerst. »Chevalier Grammont,« sagte er, »Termes ist also nicht eingetroffen?« – »Verzeihung, Sire. Gott sei Dank, ja.« – »Gott sei Dank?« – »Sire,« sprach Grammont, »das Nähere über meinen Anzug und den Kurier Termes will ich sofort erzählen.« Bei diesen Worten wurde der fast begonnene Tanz aufgeschoben und die Tänzer bildeten einen Kreis um den Chevalier, um ihn anzuhören: »Schon seit zwei Tagen sollte der Schurke meinen Befehlen und seinem Versprechen gemäß hier sein. Meine Ungeduld heute den ganzen Tag über, als er nicht eintraf, läßt sich vorstellen. Endlich, nachdem ich ihn gehörig verwünscht, kommt er vor einer Stunde an, vom Kopf bis zu den Füßen beschmutzt, bis zum Gürtel gestiefelt, mit einem Wort wie ein Galgenstrick zugerichtet. Nun, Hasenfuß, sage ich, was sind das für Streiche. Du läßt eine Ewigkeit auf dich warten; ein Wunder, daß du jetzt schon da bist. – Ja, gnädiger Herr, erwidert er, es ist ein Wunder. Sie schimpfen nur immer. Ich habe Ihnen das schönste Galakleid der Welt machen lassen, der Herzog von Guise hat den Schnitt selbst ausgesucht. – So gib's her, zum Henker. – Gnädiger Herr, sagte er, wenn ich nicht ein Dutzend Sticker angestellt habe, um Tag und Nacht daran zu arbeiten, halten Sie mich für einen Schuft. Ich habe sie nicht einen Augenblick verlassen. – Und wo steckt es, Verräter, du hältst mich mit Plaudern hin, während ich mich anziehen sollte? – Ich hatte es gefaltet, gepreßt, eingepackt, daß kein Regen daran kommen konnte. So reise ich denn Tag und Nacht, da ich Ihre Ungeduld kenne und weiß, daß mit Ihnen nicht zu spassen ist – Aber wo ist das sauber eingepackte Kleid? schrie ich. – Untergegangen, rief er, die Hände ringend. – Untergegangen? fuhr ich auf. – Ja, untergegangen, verschwunden, versunken. Was soll ich weiter sagen? – Was, das Paketboot hat Schiffbruch gelitten? – Weit schlimmer, sagt er, wie Sie sehen werden. Ich war gestern morgen eine halbe Stunde von Calais und wollte, um rascher fortzukommen, die Küste entlang reisen, aber wahrhaftig, das Sprichwort hat recht: Die Hauptstraße ist der beste Weg; denn ich geriet in Triebsand und sank bis an den Hals unter. – Treibsand bei Calais? rief ich. – Ja, gnädiger Herr, und solch ein Treibsand, daß mich der Teufel holen soll, wenn man beim Finden etwas anderes von mir sah, als den Kopf. Mein Pferd haben mehr als fünfzehn Menschen kaum herausziehen können, aber meinen Mantelsack, in den ich unglücklicherweise Ihren Anzug gepackt hatte, den hat man nicht wiedergefunden; er muß mindestens eine Meile tief in der Erde stecken.« Der König hielt sich die Seiten vor Lachen, als der Chevalier Grammont wieder das Wort nahm: »Doch, Sire, ich vergaß zu melden, daß meine Verstimmung, als ich aus der Sänfte stieg, noch durch eine Satanserscheinung von Maske vermehrt wurde, die mich durchaus überzeugen wollte, die Königin habe mir befohlen, mit ihr zu tanzen, und da ich mich dagegen so höflich als möglich sträubte, bat sie mich, nachzusehen, wer ihr Mittänzer sei, und ihn gleich zu ihr zu schicken. Majestät täte gut daran, durch gnädigen Befehl diesem Übel abzuhelfen, denn die Maske hat sich in ihrer Karosse als Wachtposten etabliert, um alle Eintretenden am Tore von Whitehall aufzufangen. Übrigens kann ich sagen, daß ihr Kostüm sehenswert ist. Sie muß mindestens sechzig Ellen Gaze und Silberstoff am Leibe haben, ohne die Pyramide auf ihrem Kopf, die mit hunderttausend Firlefanzen behängt ist.« Diese Mitteilung setzte die ganze Gesellschaft mit Ausnahme der Anstifter des Streiches in Staunen. Die Königin versicherte, alle von ihr Eingeladenen seien da, und der König sagte: »Ich wette, es ist die Herzogin von Newcastle.« – »Und ich«, flüsterte Muskerry der Hamilton zu, »wette, daß es eine andere Närrin ist, und müßte mich sehr irren, wenn es nicht meine Frau wäre.« Der König ließ nachsehen, wer es sei, und die Maske holen. Lord Muskerry übernahm vorsichtshalber den Auftrag und tat wohl daran. Die Hamilton war damit nicht unzufrieden, weil sie sehr gut wußte, der Spaß wäre zu weit getrieben, wenn die Prinzessin von Babylon in ihrem Kostüm erschiene. So lange man ernstere Tänze aufführte, war der Ball recht mittelmäßig, und doch waren die besten Tänzer und schönsten Tänzerinnen da. Weil aber ihre Zahl nicht groß war, schritt man von den französischen bald zu englischen Tänzen. Als die maskierten Damen einigemal getanzt hatten, ließ der König in der Pause die Reserven vortreten. Die Damen der Königin und der Herzogin wurden dabei von maskierten Herren geführt, und da konnte man nun der Miß Blague ansehen, welche Wirkung das ihr im Namen Brisaciers zugesandte Billett getan habe. Sie war gelber als eine Quitte, ihr blondes Haar mit dem zitronengelben Band der Hamilton beflaggt, dessen viele Schleifen den Marquis über sein Schicksal aufklären sollten. Dazu führte sie die mit den bewußten Handschuhen geschmückten Finger fortwährend an den Kopf. War die Gesellschaft über ihren Anzug erstaunt, der sie blässer als je erscheinen ließ, so erschrak sie selbst weit mehr, als sie Miß Price mit denselben Geschenken des angeblichen Brisacier geschmückt sah. Die Überraschung wurde bald zur Eifersucht, denn den erhaltenen Winken treu, knüpfte die Price eine Unterhaltung mit dem Marquis an, der blindlings den ersten Lockungen erlag, ohne die geringste Rücksicht auf die blonde Blague und die Zeichen zu nehmen, mit denen sie ihm sein Glück bei ihr andeutete. Die Price war voll und rund und tanzte deshalb nicht. Der Herzog von Buckingham, der, wo er nur konnte, sich den Brisacier ausborgte, bat ihn im Namen des Königs, die Blague zum Tanz zu führen; er hatte keine Ahnung davon, was im Herzen der Nymphe vorging. Brisacier lehnte unter Vorschützung einer Abneigung gegen den englischen Tanz höflichst ab. Miß Blague bezog die Ablehnung auf sich, und da sie ihn wieder mit ihrer Todfeindin sprechen sah, fing sie an zu tanzen, ohne zu wissen, was sie tat. Wenn auch ihre Entrüstung und Eifersucht dem Hof nicht verborgen blieben, hatten doch nur Miß Hamilton und ihre Vertrauten den eigentlichen Schlüssel dazu. Ihr Genuß über den Streich war vollständig, denn bald kam auch Lord Muskerry, noch ganz erschrocken über die von Grammont geschilderte Erscheinung. Er meldete der Hamilton, es sei seine Gemahlin höchst persönlich und überspannter als je, er habe die größte Mühe gehabt, sie durch eine Schildwache an ihrer Zimmertür an das Haus zu bannen. Vielleicht sind wir aber zu lange bei diesen Dummheiten geblieben. Gehen wir zu andern Dingen über. Viele Umstände begünstigten Grammont bei seiner neuen Leidenschaft. Zwar hatte er auch Mitbewerber, blieb aber seltsamerweise diesmal ruhig, denn er wußte, wes Geisteskind sie waren und wie Miß Hamilton dachte. Unter ihren Anbetern war der Herzog von York der Bedeutendste, obgleich er es am wenigsten zeigte; doch verbarg er es umsonst. Der Hof kannte seine Art zu gut, um diese Neigung zu übersehen. Der Herzog hütete sich, Absichten auszusprechen, die die Hamilton nicht hätte anhören dürfen. Aber er unterhielt sich so oft mit ihr, als er konnte, und verschlang sie mit seinen Blicken. Sein Hauptvergnügen, die Jagd, beschäftigte ihn einen großen Teil des Tages; gewöhnlich kam er von ihr sehr ermüdet zurück, doch Miß Hamiltons Anwesenheit frischte ihn auf, wenn er sie bei der Königin oder bei seiner Gemahlin antraf. Von seiner Liebe wagte er dort nicht zu sprechen; so unterhielt er sie mit dem, was er im Kopf hatte, erzählte ihr Wunder von der Schlauheit der Füchse, der Schnellheit der Pferde, von Arm- und Beinbrüchen und anderen seltsamen, ergötzlichen Dingen; seine Blicke sagten dann das übrige, bis ein sanfter Schlummer grade im besten Kokettieren das Gespräch zu Ende führte. Die Herzogin war über diese Neigung, die die Hamilton keineswegs ernst nahm, sondern bei allem Respekt ins Komische zog, nicht beunruhigt. Da die Fürstin sie mit Liebe und Achtung behandelte, schenkte ihr das Fräulein nur um so mehr Verehrung. Die beiden Russell (Onkel und Neffe) waren andere Rivalen Grammonts. Der Onkel war gewiß sechzig Jahre alt. Zur Zeit der Bürgerkriege hatte er sich durch Mut und Treue ausgezeichnet. Seine Neigung sprach er zugleich mit seinen Absichten auf die Miß deutlich aus, machte aber weniger Aufwand, als es sonst bei Bewerbungen üblich ist. Die komische Mode der hohen spitzen Hüte war vor kurzem abgekommen und auf die entgegengesetzte Form übergegangen. Um den Sturz von einem Extrem ins andere zu vermeiden, wollte der Onkel einen Mittelweg einschlagen, dessen Form ihn gerade sehr auffallend machte. Noch mehr ließ ihn seine Anhänglichkeit an die spanische Tracht abstechen, die er lange beibehielt, obwohl sie schon längst aus der Mode war. Seine typischeste Charaktereigenschaft war eine Mischung von Geiz und Freigebigkeit, die infolge seiner Liebe zur Hamilton stets miteinander im Kampf waren. Der Neffe war damals der jüngste in der Familie und das Vermögen seines Onkels war ihm zum Teil zugesagt. Wenn der junge Mann auch auf den Onkel Rücksicht zu nehmen hatte, um die Erbschaft nicht zu verlieren, konnte er seinem Schicksal bei der Hamilton nicht entgehen. Zwar zeichnete ihn die Middleton deutlich aus, aber ihre Gunst konnte ihn vor dem Zauber der Miß Hamilton nicht bewahren. Seine Gestalt wäre sympathisch gewesen, wenn er sich einfach und natürlich benommen hätte, aber er tat so stark gekünstelt und schweigsam, daß man bei seinem Anblick melancholisch werden konnte; noch langweiliger wurde er, wenn er sprach. Wegen seiner Konkurrenten vollkommen beruhigt, vertiefte sich Grammont immer mehr in sein Verhältnis, ohne zunächst andere Hoffnungen oder Absichten zu zeigen, als daß er sich bemühte, sich so angenehm als möglich zu machen. Als man bei Hof seine Leidenschaft merkte, wurde sie einfach als eine dem Verdienst dargebrachte Huldigung angesehen. Ganz anders urteilte sein Freund der Philosoph, als er, neben Verdoppelung der Ausgaben und doppelter Sorgfalt in der Toilette auch bemerkte, daß Grammont den Spieltisch vernachlässige und die langen angenehmen Unterhaltungen mit Evremond zu meiden begann, die sie sonst miteinander hatten. Er fand den Chevalier durch seine Neigung ganz entfremdet. »Freund,« sagte er zu ihm, »mir scheint, Sie lassen die Schönheiten der Stadt und ihre Verehrer seit einiger Zeit ganz in Ruhe. Die Middleton macht ungestraft neue Eroberungen und Sie dulden ohne geringsten Ärger, daß sie mit ihren Geschenken andere anlockt. Die arme Warmestrée entbindet mitten im Hof und Sie verziehen nicht einmal den Mund. Ich hatte es vorausgesehen, Chevalier; Sie haben Miß Hamilton kennen gelernt und sind, was nie zuvor der Fall war, ernstlich verliebt. Sehen wir, was daraus werden kann. Ich meine nicht, daß Sie zunächst daran denken, sie zu verführen. Durch Geburt und eigenen Wert steht sie so da, daß, wenn Sie im Besitz der Würden und Güter Ihres Hauses wären, Sie ihr ohne weiteres mit ernsten Absichten nahen dürften, so lächerlich der Ehestand auch sein mag; wenn Sie nur Geist, Tugend und Schönheit suchen, können Sie nicht zugleich besser und schlimmer wählen; weil Ihr Bruder von Toulongeon, wie ich ihn kenne, Euch nicht den Gefallen tun wird, zu sterben, um Eure Absichten zu fördern. Aber setzen wir den Fall, Sie hätten das nötige Vermögen für euch beide; – und das will viel sagen, – kennen Sie denn die hochgespannten, um nicht zu sagen, die überspannten Erwartungen dieses Fräuleins? Wissen Sie, daß sie die ersten Partien Englands ausgeschlagen hat? Der Herzog von Richmond hielt zuerst um ihre Hand an; so verliebt er aber war, zeigte er sich doch nicht uneigennützig. Als der König sah, daß ihm nur an dem Vermögen lag, wollte er dieses Manko ersetzen, und zwar aus Rücksicht auf den Herzog von Ormond und die Familie der Hamilton, deren Vater ihm bedeutende Dienste geleistet. Aber die junge Dame, über das Feilschen des angeblich Verliebten und seinen Ruf als brutaler Wüstling entrüstet, hielt es nicht der Mühe wert, Herzogin von Richmond zu werden. Ist nicht auch der kleine Jermyn, trotz der Aussichten auf das kolossale Vermögen seines Onkels und ungeachtet seines glänzenden Rufes, ebenfalls durchgefallen? Hat Henry Howard, der erster Herzog in England sein wird und sämtliche Güter des Hauses Norfolk besitzt, nur einen Blick von ihr gewinnen können? Sie werden sagen, daß er ein Dummkopf ist; ich gebe das zu; aber welches andere Mädchen nähme seine Borniertheit und sein uninteressantes Gesicht nicht in Kauf, wenn es sich darum handelt, mit 300+000 Francs Einkommen erste Herzogin des Reiches zu werden? Zum Schluß endlich hat Lord Falmouth mir selbst gesagt, er würde ihre Hand als höchstes Glück ansehen, aber trotz seiner glänzenden Stellung habe er nicht gewagt, ihr seine Gefühle zu erklären; er besitze zu viel Stolz oder zu viel Schwäche, sie nur der Einwilligung ihrer Familie zu verdanken, und wenn auch die erste Zurückhaltung bei schönen Frauen nicht viel bedeute, wisse er doch recht gut, wie sie Unwillkommene empfange. Nach alledem, Chevalier, sehen Sie zu, was Sie jetzt anfangen wollen; denn Sie sind verliebt, werden es immer mehr und je stärker Sie es sind, desto weniger werden Sie imstande sein, Erwägungen anzustellen, für die Sie jetzt noch empfänglich sind.« »Mein armer Philosoph,« erwiderte Grammont, »du kannst Lateinisch, machst Verse und kennst den Lauf und die Natur der Sterne am Himmel, – von den irdischen Gestirnen verstehst du aber so gut wie gar nichts. Über Miß Hamilton hast du mir gar nichts mitgeteilt, was mir der König nicht schon vor zwei oder drei Tagen gesagt hätte. Desto besser, wenn sie die Lümmel, von denen du sprichst, zurückgewiesen hat. Hätte sie jene Barbaren gemocht, so wollte ich von ihr nichts wissen, so sehr ich sie auch liebe. Höre mich an. Ich habe mir vorgenommen, sie zu besitzen und ich bestehe darauf, daß mein Mentor Saint-Evremond selbst mir zuerst dazu Glück wünsche. Was unsere künftige Existenz anbelangt, so werde ich mich mit dem König wieder aussöhnen und ich bitte ihn dann um die Stellung einer Palastdame für meine Frau. Er wird sie mir gewähren. Toulongeon mag leben oder sterben, ohne daß es mich kümmert, und Miß Hamilton wird mit dem Chevalier Grammont Séméat besitzen, zur Entschädigung für die Herzöge von Norfolk und Richmond. Nun, hast du etwas gegen den Plan einzuwenden? Denn ich wette hundert Louisdor, es wird geschehen, wie ich sage.« Zu jener Zeit ward die Gunst, in der Miß Stewart beim König stand, so offenkundig, daß es nur einiger Gewandtheit in ihrem Benehmen bedurfte, und sie hätte des Königs Kopf ebenso beherrscht, wie sie sein Herz besaß. Für gewandte, ehrgeizige Männer war die Gelegenheit lockend. Der Herzog von Buckingham strebte danach, sie zu leiten, um durch sie den Geist des Königs zu lenken. Welch ein seltsamer Führer und was für ein Kopf, um andere zu zügeln! Er war indes von allen am meisten geeignet, sich bei einem Wesen, wie Miß Stewart, einzuschmeicheln; sie war so kindisch, daß sie über alles lachen mußte, ihr harmloser Sinn ergötzte sich an den einfachsten Schwänken mit einer Lebendigkeit, die nur dem Alter von zwölf bis dreizehn Jahren gestattet scheint. Die Puppen ausgenommen war sie ganz Kind, Blindekuh war ihre größte Freude; sie baute Kartenhäuser, während bei ihr hoch gespielt wurde und oft sah man Höflinge ihr dabei helfen oder sie übertreffen. Sie hatte Sinn für Musik und etwas Geschmack im Gesang. Der Herzog von Buckingham konnte die schönsten Kartengebäude aufstellen und sang sehr hübsch; das ›Ausrichten‹ anderer war ihr nicht zuwider und der Herzog war darin Meister, er schrieb Possen, erfand Feenmärchen, für die sie schwärmte. Aber sein Haupttalent war, die lächerlichen Seiten und die Redeweise der Leute aufzufassen und sie in deren Gegenwart, ohne daß sie es merkten, nachzumachen. Kurz, er wußte alle Rollen mit viel Anmut und Humor zu spielen, man hätte, sobald er nur irgend gefallen wollte, ohne ihn nicht leben mögen. Für die Unterhaltung der Miß Stewart war er so unentbehrlich geworden, daß sie ihn häufig, wenn er nicht in Begleitung des Königs bei ihr erschien, überall aufsuchen ließ. Er war sehr schön und hielt sich noch für weit schöner, als er war. Bei vielem Geist verführte ihn doch seine Eitelkeit, Aufmerksamkeiten, die nur seinen Schwänken und seinem Geplauder galten, auf seine Person zu beziehen. Aus Selbstüberhebung ließ er sich zum Aufgeben früherer Pläne und der portugiesischen Mätresse bewegen und trachtete nach einer Gunst, über deren Inhalt er sich täuschte. Sobald er bei Miß Stewart eine ernstere Rolle spielen wollte, wurde er so entschieden zurückgewiesen, daß er seine Absichten schleunigst aufgab. Doch muß man sagen, daß der vertraute Umgang mit dem König, den sie veranlaßte, ihm den Weg zu seiner späteren hohen Gunst bahnte. Lord Arlington wollte das von Buckingham aufgegebene System, durch den Einfluß der Favoritin den Fürsten zu beherrschen, auch versuchen. Die hohe Stufe, die dieser Staatsmann bereits erstiegen, hätte wohl einen Mann von größerem Wert und edlerer Geburt, als ihn, zufriedenstellen können. Seine ersten Staatsdienste hatte er zur Zeit des Pyrenäen-Vertrages geleistet, und obwohl er dabei für seinen Herrn keinen Erfolg erzielt, hatte er doch die Zeit nicht ganz verloren; denn es war ihm gelungen, in seinem Äußern Würde und Grandezza der Spanier ganz anzunehmen und bei Unterhaltungen ahmte er deren Langsamkeit vollkommen nach. Er hatte eine Narbe quer über die Nase und bedeckte sie mit einem langen Streifen Pflaster. Verwundungen im Gesicht pflegen ein kühnes, kriegerisches Ansehen zu geben, das nicht übel kleidet. Bei ihm war das nicht der Fall; das auffallende Pflaster paßte sehr gut zu seiner geheimnisvollen Miene und verlieh ihm einen Anstrich von Wichtigkeit und Pedanterie. Unter dem Schutz dieses, strenge Tätigkeit und undurchdringliche Geheimnisse andeutenden Äußern gab sich der Lord für einen großen Staatsmann aus und da man nicht Zeit hatte, ihn zu prüfen, glaubte man ihm aufs Wort und er ward kraft seiner Miene zum Staatsminister ernannt. Ehrgeizig und durch diese Würde unbefriedigt, versah er sich mit mehreren schönen Aussprüchen nach geschichtlichen Beispielen und verschaffte sich bei Miß Stewart Audienz. Indem er seine Weisheit auskramte, bot er ihr seine ganz ergebenen Dienste und wohl bedachten Ratschläge an, und wollte ihr zeigen, wie sie sich auf dem ihr vom Himmel und durch ihren eigenen Wert angewiesenen Posten zu benehmen habe. Noch war er am Anfang seiner Rede, als ihr einfiel, er sei ein Hauptheld unter den vom Herzog von Buckingham komisch dargestellten Personen. Da nun seine Erscheinung und Rede Zug für Zug der Karikatur Leben gaben, konnte sie nicht anders, sie mußte ihm nach vergeblicher Beherrschung ins Gesicht lachen. Der Minister war außer sich; sein Stolz war seiner hohen Stellung entsprechend, sein überspannter Ehrgeiz verdiente aber jeden Spott. Er zog mit allen schönen Ratschlägen in der Tasche ab, fest entschlossen, sie der Lady Castlemaine zuzuwenden, sich mit ihr zu verbinden, oder die Hofpartei ganz aufzugeben und im Parlament gegen die schreienden Staatsübel durch einen Gesetzantrag zur Unterdrückung der königlichen Mätressen, aufzutreten. Aber die Klugheit siegte über seine Rachsucht. Zuletzt war er nur darauf bedacht, die süßen Gaben des Glücks zu genießen und ließ sich eine Frau aus Holland kommen, mit der er seiner Seligkeit die Krone aufsetzte. Zur Durchführung der vom Herzog von Buckingham und Lord Arlington nicht erreichten Absicht war unter allen Hofleuten Hamilton am besten geeignet. Er nahm die Idee auf; aber sein natürlicher Wankelmut kam ihm in die Quere und ließ ihn den trefflichen Plan aufgeben; er lief nämlich umsonst den Lockungen der Lady Chesterfield nach. Diese war eine der lieblichsten Frauen, die man sich denken kann. Wenn auch nicht groß, hatte sie doch den reizendsten Wuchs. Sie war blond, von blendender Weiße, mit dem ganzen Feuer und Reiz einer Brünette. Aus großen blauen Augen strahlten verführerische Blicke. Ihre Bewegungen waren anziehend, ihr Wesen heiter und sympathisch; aber ihr der Liebe stets offenes Herz hatte für Treue wenig Sinn, für Aufrichtigkeit kein Gewissen. Sie war des Herzogs von Ormond Tochter, Hamilton ihr Vetter. – Ungehindert sahen sie sich, so oft sie wollten; sobald ihre Augen ihm aber einmal ein kleines Wort gesagt, strebte er nach nichts, als ihr zu gefallen, und dachte nicht an ihren Wankelmut oder an Schwierigkeiten anderer Art. Wie wir sagten, war bei ihm die Absicht, sich in Miß Stewarts Vertrauen zu befestigen, vergessen; aber diese kam bald in eine Stellung, die alle ihr zugedachten schönen Lehren ganz entbehrlich machte. Sie hatte alles getan, die Leidenschaft des Königs zu erhöhen, ohne dabei ihre Tugend durch die letzte Gunst zu opfern. Allein die Glut eines leidenschaftlich Liebenden ist schwer bekämpft, noch schwerer zu überwinden, und Miß Stewarts Tugend war in der höchsten Gefahr, als die Königin von einem heftigen Fieber ergriffen wurde, welches sie an den Rand des Grabes brachte. Da konnte die Stewart sich zu dem Widerstand Glück wünschen, der ihr nicht leicht geworden. Tausend Gedanken von Größe und Ruhm bemächtigten sich ihrer und die ihr überall dargebrachten erneuten Huldigungen spannten die Hoffnung aufs höchste. Die Ärzte gaben die Königin auf; die wenigen zurückgebliebenen Portugiesinnen erfüllten das Schloß mit Wehklagen, und das gute Herz des Königs wurde weich bei dem Schicksal einer Fürstin, die er zwar nicht zärtlich liebte, aber sehr schätzte. Sie liebte ihn von ganzer Seele und da sie ihn zum letzten Male zu sehen glaubte, gestand sie ihm, das Gefühl, das er bei ihrem Sterben zeige, ließe sie den Verlust des Lebens schmerzlich bedauern; da sie aber nicht Schönheit genug besessen, ihn zu fesseln, habe sie mindestens den Trost, durch ihren Tod einer glücklicheren Gemahlin Platz zu machen, welcher der Himmel vielleicht den Segen gewähren werde, den er ihr verweigert. Bei diesen Worten benetzte sie seine Hand mit Tränen, die er für die letzten hielt. Auch sein Auge ward naß und ohne zu ahnen, daß sie ihn beim Wort nehmen könne, beschwor er sie, aus Liebe zu ihm am Leben zu bleiben. Sie hatte ihm stets gehorcht, und wie gefährlich auch sonst auf dem Sterbebette heftige Bewegungen sind, so erhielt sie das Übermaß der Freude, das sie töten konnte, am Leben und diese außerordentliche Rührung des Königs brachte eine Wirkung hervor, für die nicht jeder dem Himmel auf gleiche Weise Dank wußte. Jermyn war schon seit einiger Zeit von seinen Wunden hergestellt; die Castlemaine fand jedoch seine Konstitution so unzulänglich wie immer und nahm sich vergeblich vor, das Herz des Königs wieder zu gewinnen; denn ungeachtet der zärtlichen Tränen und heftigen Wutausbrüche der Lady behielt Miß Stewart es ganz für sich. Bald gab es Spazierritte, bei denen die Schönen des Hofes hoch zu Roß ihre Reize zuweilen mit, zuweilen ohne Erfolg, aber immer nach Kräften entfalteten; bald wiederum erblickte man auf dem Wasser ein Schauspiel, wie es nur die Stadt London zu bieten vermag. Die Themse bespült den Fuß des großen, aber nicht sehr prächtigen Palastes der Könige von Großbritannien. Von den Stufen dieses Schlosses steigt der Hof herab, um sich auf dem Fluß einzuschiffen, wenn an Sommerabenden Hitze und Staub die Spazierfahrt im Park nicht gestatten. Eine Unzahl offener Fahrzeuge, mit allen reizenden Damen des Hofes und der Stadt gefüllt, geben den königlichen Barken das Geleit. Dabei gibt es Festmähler, Musik und Feuerwerke. Auch der Chevalier Grammont nahm immer teil daran und fast jederzeit verschönerte er die Fahrt durch eine prächtige oder galante Überraschung. Zuweilen waren es ganze Vokal- und Instrumentalkonzerte, zu denen er die Künstler heimlich aus Paris hatte kommen lassen und die plötzlich auf dem Wasser ihre Arien anstimmten, oft auch darstellende Künstler, die ebenfalls aus Frankreich herbeigeholt wurden, um in London die Feste des Königs zu verherrlichen. Mitunter übertraf, mitunter enttäuschte die Leistung seine Erwartungen, aber sie kostete ihm immer ungeheure Summen. Unter den Herren; die ihn am meisten schätzten und ehrten, stand Lord Falmouth obenan. Dieser Aufwand tat dem Lord wehe, und da er oft ohne Umstände zum Chevalier soupieren kam, sagte er eines Abends, als er nur Saint-Evremont bei einem für sechs Personen gerichteten Mahle fand, zu Grammont: »Nicht mir sind Sie für diesen Besuch Dank schuldig. Ich komme vom König, der nur von Ihnen sprach, und versichere Ihnen, die Art, wie der König sich über Sie äußerte, könnte Ihnen nicht soviel Freude gemacht haben wie mir. Sie wissen, daß er Ihnen seit langer Zeit seine Fürsprache beim König von Frankreich anträgt; mein Beistand zu diesem Zweck wäre Ihnen auch gesichert, wenn ich Sie nicht durch Ihre Aussöhnung mit dem französischen Hofe zu verlieren fürchtete. Aber dank Miß Hamilton werden Sie sich damit nicht beeilen. Unterdes habe ich von meinem Herrn Befehl, Ihnen zu sagen, daß Ihnen bis zu Ihrer Begnadigung von unserem König eine Pension von 1500 Jakobstalern ausgesetzt ist. Für die Rolle, die der Chevalier Grammont bei uns spielt, ist das sehr wenig, aber« – setzte er ihn umarmend hinzu – »es wird ihm helfen, uns ein Souper zu geben.« Der Chevalier nahm diese Gnade auf, wie es sich gebührte. »Ich erkenne«, sagte er, »des Königs ganze Huld in diesem Anerbieten, aber noch mehr den edlen Charakter von Mylord Falmouth und bitte, Seiner Majestät meine volle Dankbarkeit auszudrücken. Wenn es meinem königlichen Herrn gefällt, mich zurückzurufen, wird er es mir an nichts fehlen lassen. Bis dahin will ich Ihnen zeigen, womit ich Ihren Herren Landsleuten einige Mahlzeiten zu geben denke.« Bei diesen Worten ließ er seine Geldkiste bringen und zeigte ihm sieben bis acht tausend Guineen vom schönsten Golde. Da Lord Falmouth das Ausschlagen eines so vorteilhaften Anerbietens dem Chevalier Grammont hoch anrechnen lassen wollte, teilte er diesen Zug dem Herrn von Comminge, damals französischem Botschafter in England, mit und dieser ermangelte nicht, bei seinem Hofe das Verdienstliche der Handlung hervorzuheben. Wie bekannt, ist Hyde-Park ein Spazierort der Londoner. In der milden Jahreszeit ist er sehr belebt, Sammelplatz des Luxus und der Schönheit. Alles, was prächtige Wagen oder schöne Augen hatte, drängte sich hin, selbst dem König gefiel es dort. Da die Karossen mit Glasfenstern noch nicht lange im Gebrauch waren, verstanden die Damen sich nicht gern zu diesem Gefängnis im Freien. Sie zogen den Genuß, fast ganz gesehen zu werden, der Bequemlichkeit der Modewagen weit vor. Die für den König angefertigte Kutsche sah nicht besonders aus. Da der Chevalier Grammont meinte, man könne etwas Elegantes herstellen, wenn man die alte Mode mit der neuen geschmackvoll verbände, schickte er Termes mit den nötigen Weisungen heimlich ab. Auch von diesem Auftrage ward der Herzog von Guise in Kenntnis gesetzt und nach Ablauf eines Monats brachte der Kurier, der sich diesmal, Gott sei Dank, vor dem Triebsand in acht genommen, die geschmackvollste und prächtigste Kutsche nach England. Der Chevalier Grammont hatte befohlen, 1500 Louisdor anzuwenden und der Herzog von Guise, sein Freund, ließ aus Artigkeit 2000 draufgehen. Der ganze Hof bewunderte das prachtvolle Geschenk und der König, über die ihm erwiesene Aufmerksamkeit entzückt, dankte gnädigst; doch wollte er ein so wertvolles Andenken nur unter der Bedingung eines Gegengeschenks annehmen. Die Königin glaubte, dieses prächtige Gefährt könne ihr Glück bringen und wollte sich deshalb mit der Herzogin von York zuerst darin zeigen. Lady Castlemaine, die sie fahren sah, stellte sich vor, man müsse in dieser Karosse schöner aussehen als in einer anderen, und bat den König, ihr den Wunderwagen zu leihen, damit sie am ersten schönen Tage in Hyde-Park glänzen könne. Miß Stewart hatte denselben Wunsch und verlangte ihn für den nämlichen Tag. Da es nun kein Mittel gab, zwischen zwei Göttinnen zu entscheiden, deren frühere Freundschaft sich in tödlichen Haß verwandelt hatte, so war der König in großer Verlegenheit, denn jede wollte durchaus die erste sein. Lady Castlemaine war guter Hoffnung und drohte vor der Zeit niederzukommen, wenn ihre Nebenbuhlerin den Vorzug erhielte. Miß Stewart beteuerte, sie werde sich nie in jenen Zustand versetzen lassen, wenn man sie hintanstelle. Die letzte Drohung trug über die erste den Sieg davon und die Wut der Castlemaine war so groß, daß sie fast Wort gehalten hätte; auch behauptete man, der Triumph habe der Rivalin ein wenig von ihrer Unschuld gekostet. Da die Königinmutter, obwohl selbst keine Streitigkeiten veranlassend, sie bei anderen nicht ungern sah, ergötzte sie sich ihrer Art gemäß weidlich an dem Vorfall. Sie ergriff die Gelegenheit, dem Chevalier Grammont scherzend Vorwürfe darüber zu machen, daß er den Zankapfel zwischen zwei solche Nebenbuhlerinnen geworfen. In Gegenwart des ganzen Hofes verfehlte sie nicht, ihm über sein herrliches Geschenk Lobsprüche zu erteilen. »Wie kommt es aber,« sprach sie, »daß Sie hier keine Equipage haben, da Sie doch so großen Aufwand machen? Man behauptet, Sie hätten nicht einen Lakaien und ließen sich von einem jener Straßenjungen leuchten, die mit ihren Kienfackeln die ganze Stadt verpesten.« – »Majestät,« sagte Grammont, »ich liebe den Pomp nicht. Der Fackelträger, dessen Sie erwähnen, ist meinem Dienst treu ergeben und außerdem einer der Tapfern dieser Erde. Ihro Majestät kennt vielleicht das Völkchen der Leuchtjungen nicht. Es ist eine treffliche Brüderschaft. Nachts kann man keinen Schritt machen, ohne daß ein Dutzend angerannt kommt. Als ich zuerst ihre Bekanntschaft machte, behielt ich alle, die mir ihre Dienste anboten; vor Whitehall angelangt, hatte ich deren zweihundert um meine Sänfte. Das Schauspiel war neu; die Vorübergehenden fragten bei der Illumination, was das für ein Leichenbegängnis sei. Die Herren Fackelträger gerieten über einige Dutzend Schillinge, die ich hinwarf, in Streit, und da der von Ihrer Majestät erwähnte ganz allein drei oder vier andere geschlagen hatte, behielt ich ihn um seiner Tapferkeit willen. Nein, gnädige Frau, ich halte nichts von dem Gepränge von Karossen und Lakaien. Ohne je einen Livreediener zu besitzen, hatte ich oft fünf bis sechs Bediente, außer meinem Almosenier Poussatin.« – »Was,« rief die Königin, in Lachen ausbrechend, »ein Almosenier, der Ihre Farben trug! Doch wohl kein Geistlicher?« – »Verzeihung, gnädige Frau,« sprach er, »der erste Priester der Welt durch sein Geschick im baskischen Tanz.« – »Chevalier,« sagte der König, »ich befehle, daß Sie uns gleich die Geschichte vom Almosenier Poussatin erzählen.« »Sire,« begann er, »der Prinz Condé belagerte Lerida. Die Festung war nicht der Rede wert, aber Don Gregorio Brice war auch keine Null. Er war ein Spanier von altem Schrot und Korn, tapfer wie der Cid, stolz wie alle Gusmans zusammengenommen und galanter als sämtliche Abencerragen von Granada. Unsere ersten Angriffe auf seine Stadt ließ er geschehen, ohne das geringste Lebenszeichen zu geben. Des Marschalls Grammont Ansicht: wenn ein Gouverneur gleich anfangs großen Lärm macht und seine Vorstädte der Verteidigung wegen abbrennt, so leistet er gewöhnlich nur schwachen Widerstand – ergab für uns aus der Artigkeit des Don Gregorio Brice keinen allzu günstigen Schluß; allein stolz auf seine Siege von Rocroi, Nördlingen und Freiburg, ließ Condé, um die Festung und den Kommandanten zu verspotten, bei hellem Tage durch sein Regiment die erste Tranchee aufführen, und zwar unter Musik von vierundzwanzig Geigern, als ginge es zu einer Hochzeit. Wie die Nacht kam, wurden wir lustig, unsere Violinen spielten zärtliche Melodien und es wurde brav gespeist und gezecht. Dem Gouverneur und seiner Festung wurden der Himmel weiß was für Witzraketen zugeschickt und wir versprachen uns, beide in vierundzwanzig Stunden zu haben. So ging es in der Tranchee zu, als wir von der Festungsbrüstung einen Ruf von schlimmer Vorbedeutung zwei- oder dreimal wiederholen hörten: »Achtung da vorn auf dem Wall!« Auf dies Geschrei folgte eine Kanonensalve, ein Gewehrfeuer und ein solcher Ausfall, das unsere Tranchee zugefüllt und wir auf unsere Hauptmacht zurückgeworfen wurden. Tags darauf sandte Gregorio Brice dem Herrn Prinzen durch einen Trompeter Eis und Früchte und ließ Seine Hoheit ergebenst bitten, ihn zu entschuldigen, daß er keine Geigen habe, um die ihm gnädigst gebrachte Serenade zu erwidern; wenn indes seine Musik von vergangener Nacht Beifall gefunden, so würde er sich bemühen, sie so lange fortzusetzen, als Se. Hoheit geruhen würden, vor seinem Platze zu bleiben. Der Henker hielt uns Wort und sooft wir rufen hörten: »Achtung, auf dem Wall«, so konnten wir immer einen Ausbruch von Salven erwarten, der unsere Arbeiten zerstörte und unsere besten Soldaten und Offiziere hinraffte. Der Prinz war darüber so aufgebracht, daß er gegen den Rat der Generäle eine Belagerung hartnäckig fortsetzte, die sein Heer fast aufrieb und die er zum Schluß dennoch plötzlich abbrechen mußte. Weit entfernt, beim Rückzug unserer Truppen die bei solcher Wendung den Festungskommandanten sonst eigene triumphierende Miene anzunehmen, sandte Don Gregorio statt eines Ausfalles dem Prinzen nur ein Kompliment voller Achtung. Einige Zeit darauf ging der Sennor Brice nach Madrid, um über sein Benehmen Rechnung abzulegen und seinen Lohn zu empfangen. Ihre Majestät sind vielleicht auf die Behandlung gespannt, die dem kleinen Spanier nach der glänzendsten Waffentat seiner Nation in diesem ganzen Kriege widerfuhr; man stellte ihn vor die Inquisition. – »Wie?« sagte die Königinmutter, »vor die Inquisition wegen seiner Dienste?« – »Nicht gerade wegen seiner Dienste,« sagte der Chevalier, »aber ohne Rücksicht auf seine Dienste behandelte man ihn, wie ich gemeldet, und zwar wegen eines kleinen galanten Streiches, den ich dem Könige gelegentlich näher mitteilen will. »Nach solchem Ausgang unseres Katalonischen Feldzuges«, fuhr er fort, »kamen wir nur dürftig mit Lorbeeren bedeckt zurück. Da aber der Prinz bei anderen Kämpfen hinlänglichen Vorrat davon gesammelt hatte und große Pläne im Schilde führte, vergaß er den kleinen Unfall bald. Während des Marsches trieben wir nur Tollheiten und der Prinz war der erste, der uns zu Neckereien über seine Belagerung brachte. Wir selbst machten einige jener bekannten Lerida-Spottlieder, damit andere nicht schlimmere Satiren anstimmten. Doch half uns das wenig; vergebens behandelten wir uns schonungslos in Versen, in Paris geißelte man uns noch ärger in Reimen und in Prosa. Endlich kamen wir an einem Feiertage in Perpignan an. Eine Truppe von Kataloniern, die auf der Straße tanzte, kam unter die Fenster des Prinzen, um ihm zu huldigen. Mit einer kleinen schwarzen Kutte bekleidet, sprang Monsieur Poussatin mitten unter diesem Haufen, wie ein Besessener. An seinen Sätzen und Sprüngen erkannte ich sogleich unsere Nationalität. Der Prinz war von seiner Gewandtheit und Leichtigkeit entzückt. Nach dem Tanz ließ ich ihn kommen und fragte ihn, was er wäre. ›Ein unwürdiger Priester,‹ sagte er, ›Ihnen zu dienen, gnädiger Herr. Ich ging nach Katalonien, um in der Infanterie als Almosenier zu dienen; denn, Gott sei Dank, ich bin gut zu Fuße; da aber der Krieg glücklich beendet ist und wenn es Ew. Hoheit gefiele, mich in Ihren Dienst zu nehmen, so würde ich Ihnen überall folgen und treu dienen.‹ – ›Monsieur Poussatin,‹ erwiderte ich, ›meine Hoheit bedarf keines Almoseniers; da Ihr aber so guten Willens seid, will ich Euch gern in meine Dienste nehmen.‹ Der bei diesem Gespräch anwesende Prinz war entzückt, mich mit einem Almosenier versehen zu wissen. Da der arme Poussatin sehr abgerissen aussah und ich in Perpignan keine Zeit hatte, ihn einzukleiden, ließ ich ihn den beim Gepäck befindlichen Leibrock eines Lakaien des Marschalls Grammont anziehen und ihn auf die Karosse des Prinzen hinten aufsteigen, während Se. Hoheit immer vor Lachen bersten wollte, sooft er die nicht sehr orthodoxe Erscheinung des kleinen Poussatin in gelber Livree erblickte. Als wir in Paris angelangt waren, erzählte man den Fall der Königin; sie war darüber zunächst ein wenig betroffen. Doch hielt sie das nicht ab, meinen Almosenier tanzen zu sehen; in Spanien ist es nicht so unerhört, einen Geistlichen beim Tanz als in Livree zu finden. Poussatin tat vor der Königin Wunder; da aber seine Bewegung etwas zu lebhaft war, konnte die Fürstin den Geruch, den seine Ausdünstung im Kabinett verbreitete, nicht aushalten. Die Damen baten um Schonung. All ihre Wohlgerüche und Essenzen wären sonst durch diese Atmosphäre aus dem Felde geschlagen worden. Nichtsdestoweniger trug Poussatin viel Lobsprüche und einige Louisdor davon. Nach Verlauf einiger Zeit erhielt ich für meinen Almosenier eine kleine Landpfarre und habe gehört, Poussatin soll in seinem Dorfe mit ebensolcher Leichtigkeit predigen, wie auf den Hochzeiten seiner Pfarrtöchter tanzen.« Die Erzählung ergötzte den König sehr und die Königin fand es nicht mehr ganz so übel, daß man Poussatin in Livree gesteckt habe. Weit unzufriedener war sie mit der Behandlung von Don Gregorio Brice. Da sie nun den spanischen Hof wegen dieser Härte gerechtfertigt sehen wollte, fragte sie: »Chevalier, was für eine Ketzerei wollte der Gouverneur im Staate einführen, welches Verbrechens gegen die Religion war er angeklagt, daß man ihn vor die Inquisition stellte?« – »Gnädige Frau,« entgegnete Grammont, »die Geschichte ist nicht ganz geeignet, vor Ihro Majestät erwähnt zu werden. Es war eine allerdings am unrechten Orte angebrachte kleine Liebesbezeigung. Der arme Brice hatte gar keine böse Absicht. Im strengsten Kollegium von Frankreich hätte er die Geißel nicht verdient, da er doch nur einer kleinen Spanierin, die bei feierlicher Gelegenheit ihre Augen auf ihn gerichtet, einen Beweis von Zärtlichkeit gab.« Der König verlangte einen genauen Bericht und der Chevalier befriedigte des Fürsten Neugier, als die Königin und der Hof sich entfernt hatten. Es war ein Genuß, ihn sprechen zu hören, aber wehe dem, der durch spöttisches Wesen oder als Nebenbuhler unter seine Hände geriet. Am Hofe von England gab es damals allerdings nur wenige, die seinen Zorn auf sich luden. Russell allein war von Zeit zu Zeit seine Zielscheibe, und auch ihn behandelte er im Vergleich zu dem, was er sonst gegen Rivalen zu tun pflegte, sehr mild. Dieser Russell war einer der unermüdlichsten Tänzer von England, das heißt bei den Kontertänzen. Er besaß in Tabellen eine Sammlung von zwei- bis dreihundert Touren, die er alle mit dem Hefte in der Hand tanzte; und um zu zeigen, er sei noch nicht alt, sprang er mitunter, bis ihm der Atem verging. Sein Tanz glich seiner Tracht, beide waren zwanzig Jahre aus der Mode. Der Chevalier Grammont bemerkte ganz gut, daß der Lord verliebt war, aber wenn er ihn deshalb auch um so komischer fand, so flößte ihm dessen bekanntgewordene Absicht, um Miß Hamilton zu werben, dennoch Besorgnis ein; aber er wurde von dieser Unruhe bald befreit. Auf dem Punkt, eine Reise anzutreten, hielt es Russell für seine Pflicht, die Dame von seinen Absichten in Kenntnis zu setzen. Bei den Zusammenkünften, die man mit ihr wünschte, war der Chevalier ein bedeutendes Hindernis; eines Tages indes, als er bei Lady Castlemaine zum Spiel geladen war, fand Russel eine günstige Stunde, und indem er sich mit einer bei solchen Gelegenheiten ungewöhnlich sicheren Miene an Miß Hamilton wandte, machte er seine Erklärung folgendergestalt: »Ich bin Bruder des Grafen von Bedford und Chef des Garderegiments; ich besitze dreitausend Jakobstaler Einkommen und fünfzehntausend bar. Ich komme, Fräulein, sie Ihnen mit meiner Hand anzubieten. Ich gebe zu, das eine ist ohne das andere nicht von Bedeutung, deswegen stellte ich beides zusammen. Man hat mir geraten, ins Bad zu reisen, wegen eines kleinen Krampfhustens, der wahrscheinlich nicht lange mehr dauern wird, da ich ihn schon über zwanzig Jahre habe. Wenn Sie mich des Glückes, Ihnen anzugehören, für würdig halten, so werde ich bei Ihrem Herrn Vater Schritte tun, die ich, ohne Ihre Meinung zu kennen, nicht einschlagen dürfte. Mein Neffe William weiß noch nichts von meiner Absicht; aber wenn er auch dadurch die Aussicht auf eine bedeutende Erbschaft verliert, glaube ich doch, daß er nicht unzufrieden sein wird; denn er liebt mich sehr, und seitdem er bemerkt, daß ich Sie liebe, ist auch er Ihnen sehr zugetan. Ich bin mit seiner Aufmerksamkeit für Ihre Person sehr zufrieden, weil er bei dieser Kokette, der Middleton, nur Geld verschwendete, statt daß er nun im besten Kreise von ganz England keinen Pfennig ausgibt. Während dieser Anrede hatte Miß Hamilton Mühe gehabt, ihr Lachen zu bergen; sie versicherte ihm indes, sie fühle sich durch sein Vertrauen sehr geehrt, um so mehr, da er die Güte gehabt, sie vor ihren Eltern zu befragen. »Bei Ihrer Rückkehr aus dem Bade wird es noch immer Zeit sein, mit Ihnen zu sprechen,« sagte sie; »denn ich sehe keine Wahrscheinlichkeit, daß Sie vorher über mich verfügen werden. Sollte man mich jedoch drängen, so ist auf alle Fälle Ihr Neffe William da, um Sie zu benachrichtigen. Sie können also jederzeit abreisen; aber hüten Sie sich wohl, durch übereilte Rückkunft Ihre Gesundheit zu gefährden.« Der Chevalier Grammont erfuhr die ganze Unterredung und sie ergötzte ihn, doch nur mäßig; denn in der Erklärung steckten gewisse Punkte, die ihn trotz der anderen Lächerlichkeiten nachdenklich machten. Mit der Abreise war er zufrieden. Er nahm eine heitere Miene an und ging zum König, um ihm die glückliche Entfernung eines so gefährlichen Mitbewerbers zu berichten. »Er ist also fort, Chevalier?« fragte der Fürst. – »Im Ernst, Sire, ich selbst habe die Ehre gehabt, ihn in einen Reisewagen steigen zu sehen mit seinem Asthma und seiner Ausrüstung für das Land, die kleine Perücke mit blaßbraunem Bande sauber zusammengebunden, und den Regenhut mit wachsleinenem Überzuge auf dem Kopfe, was ihm trefflich steht. So habe ich also nur noch mit William Russell zu tun, den er bei Miß Hamilton zurückläßt; den fürchte ich aber weder an sich noch als Vertreter seines Onkels. Um das Interesse eines anderen mit Eifer wahrzunehmen, ist er selbst zu verliebt, und da er, um sich persönlich geltend zu machen, nur einen Weg hat, nämlich, daß er das Bild oder einige Briefe der Middleton opfert, bin ich wahrlich imstande, ihm mit dieser Art von Liebespfändern nicht nachzustehen. Doch sie kosteten mir viel, das gestehe ich.« »Da Ihre Angelegenheiten mit den beiden Russell so gut gehen,« sprach der König, »so will ich Ihnen auch das Zurücktreten eines anderen Nebenbuhlers melden, der weit gefährlicher für Sie sein wäre, wenn er nicht schon vermählt wäre. Mein Bruder, der Herzog von York, hat sich neuerdings in Lady Chesterfield verliebt.« – »Wieviel Glück auf einmal!« rief der Chevalier aus; »für diesen Abfall weiß ich dem Herzog soviel Dank, daß ich ihm gern bei der neuen Geliebten meine Dienste anböte, wenn nicht Hamilton sein Rivale wäre. Ew. Majestät werden es nicht unbillig finden, daß ich den Bruder meiner Dame gegen den Ihrigen unterstütze.« – »Doch«, sagte der König, »ist Hamilton bei diesem Verhältnis nicht sosehr beistandsbedürftig wie der Herzog von York; denn wie ich Lord Chesterfields Charakter kenne, wird er es nicht ganz so ruhig, wie der gute Shrewsbury, mit ansehen, daß man sich um seine Frau schlägt, wenn er auch ziemlich dasselbe Schicksal verdienen mag.« Lord Chesterfield hatte folgende Züge: Er besaß ein einnehmendes Gesicht, einen sehr schönen Kopf, einen unbedeutenden Wuchs und nichts imponierendes in der ganzen Erscheinung. Er war nicht ohne Geist. Durch längeren Aufenthalt in Italien hatte er sich im Umgang mit Männern Etikette, im Verkehr mit Frauen Mißtrauen angeeignet. Lady Castlemaine hatte ihn sehr geliebt; das Gerücht sagte, er habe vor ihrer Vermählung ihre Gunst genossen, und da keiner von beiden es in Abrede stellte, so glaubte man es nur zu leicht. Noch den Kopf von seiner ersten Liebe erfüllt, hatte er um des Herzogs von Ormond älteste Tochter geworben. Des Königs Neigung zu Lady Castlemaine und die dem Lord durch jene Verbindung eröffnete Aussicht trieben ihn, seine Werbung mit einem Eifer zu verfolgen, als liebe er ernstlich. Er hatte Lady Chesterfield somit eigentlich ohne Liebe geheiratet und lebte mit ihr einige Zeit in so kaltem Verhältnis, daß sie an seiner Gleichgültigkeit nicht zweifeln konnte. Gegen Nichtachtung war sie sehr empfindlich; anfangs betrübt, wurde sie später aufgebracht und gerade, als ihr Gemahl anfing, ihr Liebe zu beweisen, hatte sie die Genugtuung, ihm zu zeigen, daß sie sich aus ihm nichts mache. In dieser gegenseitigen Stimmung waren beide, als es ihr einfiel, Hamilton, wie sie es früher mit ihrem Gemahl gemacht, den letzten Banden, die ihn an Lady Castlemaine knüpften, zu entreißen. Es ward ihr nicht schwer. Das Verhältnis zur Gräfin war drückend durch ihre Unarten, ihren unzeitigen Hochmut und durch beständige Grillen und Launen. Die Chesterfield dagegen verstand es, ihre körperlichen Reize mit allem zu schmücken, was nur der Geist einer Frau, die gefallen will, Verführerisches bieten kann. Sie war überdies durch äußere Umstände so gestellt, daß sie ihm eher wie jedem anderen entgegenkommen konnte. Sie wohnte in Whitehall bei dem Herzog von Ormond, ihrem Vater. Wie schon gesagt, hatte Hamilton dort zu jeder Stunde Zutritt. Die völlige Kälte oder vielmehr Abneigung, die sie der neuerwachten Liebe ihres Gemahls entgegensetzte, weckten in diesem seinen natürlichen Hang zum Argwohn. Er meinte, ohne den verborgenen Grund irgend einer neuen Neigung hätte sie nicht plötzlich von Teilnahme zu Gleichgültigkeit gegen ihn übergehen können und nach den Grundsätzen der Eifersucht bot er seine ganze Erfahrung und Gewandtheit zur Entdeckung einer Sache auf, die nur seine Ruhe stören sollte. Hamilton kannte ihn, war vorsichtig, und je weiter seine Sache fortschritt, desto eifriger bemüht, bei jenem auch den leisesten Verdacht einzuschläfern. Er machte ihm scheinbar die offensten Bekenntnisse von der Welt über seine Liebe zur Castlemaine, beklagte sich über ihre Heftigkeit und bat ihn auf den Knien um seinen Rat, wie man es anfangen müsse, einem Wesen zu gefallen, dessen wahre Neigung er, der Lord, allein besessen habe. Aufrichtiger, als man seinen Schutz verlangte, versprach – durch diese Reden geschmeichelt – Chesterfield seine Hilfe. Hamilton war also nur noch hinsichtlich der Lady Chesterfield in Unruhe, weil ihre Gunst für ihn sich etwas zu offen zeigte. Während er aber sorgsam bemüht war, ihre Leidenschaft für ihn selbst im Zaum zu halten und sie zu beschwören, ihre Blicke zu zügeln, duldete sie die werbenden Blicke des Herzogs von York und, was noch schlimmer war, sie erwiderte sie freundlichst. Er bemerkte es natürlich so gut wie jedermann; aber er glaubte auch, er täusche sich, wie alle Welt sich täusche. Wie war es möglich, den Augen zu trauen bei dem, was der Lady Chesterfield Blicke diesem neuen Rivalen sagten! Es schien ihm nicht wahrscheinlich, daß ein Geist wie der ihre an einem Benehmen wirklich Geschmack finden könne, über das sie sich unter vier Augen tausendmal lustig gemacht; was ihm aber noch weniger möglich schien, war ihr Eingehen auf ein neues Verhältnis, ehe sie die ihm gemachten Hoffnungen durch den letzten Schritt erfüllt hatte. Doch nahm er sich vor, sie näher zu beobachten. Nach allem, was er entdeckte, gewann er die Überzeugung, sie habe, wenn sie ihn noch nicht betrogen, dazu doch große Lust. Er erlaubte sich, ihr darüber ein paar Worte zu sagen; doch schlug sie einen entrüsteten Ton an und behandelte ihn wie einen, der Gespenster sieht, so daß er, ohne überzeugt zu sein, wenigstens irre wurde. Die einzige Genugtuung, die sie ihm gab, war die stolze Äußerung: er verdiene, daß seine törichten Vorwürfe wirklich begründet wären. Lord Chesterfield war von gleicher Besorgnis geplagt; kein Zweifel mehr: er hatte den begünstigten Anbeter nach den von ihm angestellten Beobachtungen entdeckt, und da das Herz seiner Frau ihm einmal verloren war, blieb er still, ohne sie mit nutzlosen Vorwürfen zu quälen, nahm sich aber vor, sie zu ertappen und dann seinen Weg einzuschlagen. Wie soll man aber Lady Chesterfields Vorgehen verstehen, wenn man es nicht jener Manie gefallsüchtiger Frauen zuschreibt, die aus Liebe zum Aufsehen alles aufbieten, um einer anderen eine Eroberung wegzunehmen und für sich zu behalten? Doch bevor wir in das einzelne dieses Abenteuers eingehen, wollen wir einen Blick auf die galanten Erlebnisse Seiner Hoheit des Herzogs vor der Anerkennung seiner Ehe werfen, wie auf das, was unmittelbar dazu führte. Man darf sich wohl vom Faden der Erzählung ein wenig entfernen, wenn wahre, ziemlich unbekannte Ereignisse dem Bericht den Wert der Mannigfaltigkeit verleihen, und wollen sehen, was draus wird. Bei des Herzogs von York Vermählung mit der Tochter des Lordkanzlers hatte keiner der Umstände gefehlt, die Verbindungen dieser Art in den Augen des Himmels gültig machen. Beiderseitige Einwilligung, gehörige Zeremonie, Anwesenheit von Zeugen und – der wesentliche Punkt des Sakraments hatten stattgefunden. Wenn die Gemahlin auch nicht vollkommen schön war, so gab es am holländischen Hofe doch nichts Besseres und der Herzog von York, weit entfernt, seinen Schritt zu bereuen, schien in den Flitterwochen der Ehe nur die Wiederherstellung des Königtums zu wünschen, um seine Verbindung öffentlich zu erklären. Als er sich aber wirklich im Besitz einer dem Throne so nahen Stellung sah, als Miß Hydes Reize für ihn nicht mehr den Zauber der Neuheit hatten und England, an Schönheiten so reich, am Hofe seines Bruders die auserlesensten Frauen zeigte, da überlegte er, er sei doch das einzige Beispiel eines Fürsten, der von der höchsten Stufe so tief herabgestiegen sei. Von einer Seite erschien ihm diese Ehe in jeder Beziehung gänzlich unpassend. Er entsann sich, wie Jermyn ihn nur zu dem Verhältnis mit Miß Hyde gebracht habe, nachdem dieser selbst durch einige kleine Schritte das Terrain geebnet. Er betrachtete seine Ehe wie einen Eingriff in die Achtung und den Gehorsam, die er dem König schulde. Die Entrüstung, die der Hof und das Land empfinden würden, stellte sich ihm neben der Unmöglichkeit dar, die Einwilligung des Königs zu einer Sache zu erhalten, die der Monarch ihm notgedrungen verweigern müsse. Von der anderen Seite zeigten sich die Tränen und die Verzweiflung der armen Hyde, mehr noch die Mahnungen eines Gewissens, das ihn immer mit Skrupeln quälte. In seinem Dilemma eröffnete er sich dem Lord Falmouth und fragte ihn um Rat. In seinem Interesse konnte er sich an keinen besseren, für Miß Hydes Wohl aber an keinen schlimmeren Ratgeber wenden. Falmouth behauptete ihm gegenüber nicht bloß, daß er gar nicht vermählt sei, sondern auch, daß er doch auch selbst unmöglich im Ernst daran denken könne. Eine Ehe sei für ihn, selbst wenn sie sonst ganz passend wäre, ohne formelle Einwilligung des Monarchen durchaus ungültig; aber die Tochter eines bloßen Rechtsgelehrten dazu zu wählen, sei eine wahre Posse, es wäre freilich ein Advokat, den des Königs Gunst ohne Geburtsadel zum Pair des Reiches und ohne Eignung zum Lordkanzler erhoben. Was seine Skrupel anlange, so brauche er nur Leute zu hören, die ihn gründlich über das Betragen der Miß Hyde vor ihrer Bekanntschaft mit ihm unterrichten würden, und wenn der Herzog diesen Personen nur nicht sage, die Sache sei bereits abgetan, würde er bald wissen, wofür er sich zu entscheiden habe. Der Herzog von York willigte ein, und nachdem Lord Falmouth seinen Rat nebst Zeugen versammelt, führte er alle in des Herzogs Kabinett, nachdem er sie instruiert, um was es sich handle. Die Herren waren: der Graf v. Arran, Jermyn, Talbot und Killegrew, alles Männer von Ehre, die aber die Ehre Sr. Hoheit dem Rufe der Miß Hyde weit vorzogen und mit dem ganzen Hofe über die unverschämte Anmaßung des ersten Ministers empört waren. Nach einer Art Einleitung sagte der Herzog ihnen: Sie wüßten wohl alle um seine Liebe zu Miß Hyde; doch könnte ihnen unbekannt sein, zu welchen Verpflichtungen ihn diese Neigung veranlaßt habe, er glaube sich gebunden, hier Wort zu halten; da aber die Unschuld von Damen ihres Alters gewöhnlich der bösen Nachrede eines Hofes ausgesetzt sei, da überdies gewisse, falsche oder wahre Gerüchte über ihr Betragen verbreitet seien, so bitte er sie als Freunde und befehle ihnen zugleich bei allem Gehorsam, den sie ihm schuldeten, offen mitzuteilen, was ihnen darüber bekannt sei, und zwar um so aufrichtiger, als er nach ihren Aussagen seine Entscheidung wegen der Dame treffen werde. – Man ließ sich erst ein wenig bitten, als wolle man nicht wagen, sich über eine so ernste und zarte Angelegenheit auszusprechen; doch fing nach den wiederholten Aufforderungen des Herzogs ein jeder an, über die arme Hyde alle Einzelheiten aufzuzählen, die er wußte, wohl nebenbei auch solche, die ihm nicht bekannt waren. Graf Arran zum Beispiel, der zuerst sprach, sagte aus: In der Galerie von Hons-Laerdyk, wo seine Schwägerin, die Gräfin Ossory, mit Jermyn eines Tages Kegel spielte, habe Miß Hyde sich plötzlich unwohl gestellt und sich in ein Zimmer am Ende der Galerie zurückgezogen; er, Zeuge, sei ihr gefolgt und habe ihr das Mieder aufgeschnitten, um einem Anfall von Ohnmacht Wahrscheinlichkeit zu geben und er habe sein mögliches getan, ihr beizuspringen oder sie aufzumuntern. Talbot sagte aus: Während ihr Vater, der Kanzler, einst im Konseil gewesen, hätte sie ihm in dessen Kabinett eine so lebhafte Zusammenkunft gewährt, daß sie beide auf die Sachen, die auf dem Tische standen, weniger achteten als auf das, was sie beschäftigte, und so hätten sie eine ganze Flasche voll Tinte auf eine fünf Seiten lange Depesche umgestürzt, worauf des Königs Affe, dieses Vergehens angeklagt, auf längere Zeit in Ungnade gefallen sei. Jermyn bezeichnete mehrere Orte, an denen er lange und glückliche Zusammenkünfte gehabt. Doch alle diese Anklagepunkte drehten sich nur um Tändeleien oder um Dinge, die man die kleinen Freuden der Liebe nennt. Killegrew hingegen wollte die schwachen Beschuldigungen überbieten und sagte gerade heraus, er habe die Ehre ihrer höchsten Gunst genossen. Er war von munterem, schalkhaften Sinn und wußte seinen Geschichten durch anmutige pikante Züge einen hübschen Anstrich zu geben. Er sagte, ihm hätte die Schäferstunde in einem ganz anderen Kabinett gelacht, das zu einem von Liebeshändeln weit entfernten Zwecke gerade über dem Wasser eingerichtet wäre; zu Zeugen hätten sie drei oder vier Schwäne gehabt, die leicht auch manches anderen Glück wahrgenommen haben könnten, da die Dame oft in dies Kabinett ging und sich darin sehr wohl fühlte. Die letzte Angabe fand der Herzog von York übertrieben, indem er hinlängliche Beweise vom Gegenteil zu haben meinte. Er dankte den Herren Zeugen in Liebessachen, legte ihnen für die Zukunft über ihre Aussagen Stillschweigen auf und ging in die Zimmer des Königs. Sobald der Herzog in dessen Kabinett eingetreten war, erzählte Lord Falmouth dem in des Königs Nähe befindlichen Grafen Ossory das Vorgefallene. Die geheime Unterredung beider fürstlichen Brüder dauerte lange und der Herzog von York schien beim Herauskommen so bewegt, daß sie an der schlimmen Wendung für Miß Hyde nicht mehr zweifelten. Lord Falmouth fing schon an, ihr Unglück zu bedauern und bereute seine Mitwirkung etwas, als der Herzog ihm sagte, er solle sich mit dem Grafen Ossory in einer Stunde beim Kanzler einfinden. Sie waren ein wenig erstaunt, daß der Fürst diese Hiobspost selbst ankündigen wolle. Zur bezeichneten Stunde fanden sie Seine Hoheit im Zimmer der Miß Hyde. Ihre Augen waren von Tränen feucht, die sie vergeblich zu unterdrücken suchte. Der Lordkanzler, an die Wand gelehnt, schien ihnen von heftigen Gefühlen ergriffen und sie zweifelten nicht, daß es halb Wut, halb Verzweiflung sei. Mit jener heiteren zufriedenen Miene, mit der man gute Nachrichten zu verkünden pflegt, sagte ihnen der Herzog von York: »Da ich Sie beide vom ganzen Hofe am meisten schätze, so will ich auch, daß Sie zuerst die Ehre haben, der Herzogin von York zu huldigen. Ich stelle sie hiemit vor.« Überraschung half da nichts und offenes Erstaunen wäre unter solchen Umständen wenig schicklich gewesen. Im Innern waren sie jedoch so davon überwältigt, daß sie sich, um es zu bergen, rasch auf die Knie warfen, ihr die Hand zu küssen, die sie ihnen mit so vieler Hoheit und Majestät reichte, als hätte sie ihr Lebelang nichts andres getan. Den Tag darauf ward die Sache veröffentlicht und der ganze Hof beeilte sich pflichtgemäß, ihr Huldigungen darzubringen, die später sehr aufrichtig wurden. Die Stutzer, die zu einem ganz anderen Zweck, als dem erreichten, gegen sie ausgesagt hatten, waren sehr in Verlegenheit. Gewisse Beleidigungen zu verzeihen, liegt nicht im Charakter der Frauen, und wenn sie sich den Genuß der Rache verschaffen wollen, so gehen sie nicht mit halber Hand zu Werk; dennoch kamen die Herren mit der bloßen Angst davon. Von allem, was im Kabinett über sie gesagt war, in Kenntnis gesetzt, bemühte sich die Herzogin von York, weit entfernt von jeder Rachsucht, durch Freundlichkeit und Gefälligkeiten aller Art gerade diejenigen auszuzeichnen, die sie an einem so empfindlichen Punkte angegriffen hatten. Sie spielte niemals darauf an, ohne ihren Diensteifer zu loben, und meinte, es gebe keine größere Probe von Hingebung, als wenn ein sonst edler Mann im Interesse eines Fürsten oder Freundes die strengen Grenzen der Redlichkeit ein wenig überschreite, um ihm zu dienen. Gewiß ein seltenes Muster von Klugheit und Mäßigung nicht allein für das schöne Geschlecht, sondern auch für diejenigen unter uns, die sich am meisten mit Weisheit brüsten. Nachdem der Herzog von York durch Anerkennung seiner Vermählung sein Gewissen beruhigt hatte, dachte er nach einer so großmütigen Handlung, seiner Liebe zur Abwechslung etwas Raum geben zu können. Er machte sich also an das, was ihm in die Hände fiel, an Lady Carnegy, die schon in manchen anderen Händen gewesen war. Sie war noch ziemlich hübsch und ihre natürliche Gutmütigkeit ließ ihren neuen Liebhaber nicht lange schmachten. Eine Zeitlang ging alles ganz gut. Ihr Gemahl, Lord Carnegy, war noch in Schottland; da aber sein Vater plötzlich gestorben war, kam der Lord ebenso unerwartet unter dem neuerworbenen Namen Lord Southesk zurück – einem Namen, den seine Gemahlin haßte, aber doch noch geduldiger ertrug als ihres Mannes Rückkehr. Von der Ehre, die ihm in der Abwesenheit angetan worden, hatte er etwas Wind bekommen. Zunächst wollte er nicht den Eifersüchtigen spielen; da er sich indes über die Wahrheit der Tatsache gerne Licht verschafft hätte, so beobachtete er seine Frau genauer. Das Verhältnis zwischen ihr und dem Herzog von York war über bloße Tändeleien längst hinaus. Weil jedoch die Ankunft des Mannes zu einigen Rücksichten zwang, so besuchte der Fürst sie unter anständigen Formen, das heißt stets von jemandem begleitet, um den Schein einer bloßen Visite zu wahren. Zu jener Zeit kehrte Talbot aus Portugal zurück. Der Umgang hatte sich während seiner Abwesenheit angesponnen und, ohne von Lady Southesk eine Idee zu haben, hörte er nur, sein Gebieter sei in sie verliebt. Einige Tage nachher ward er, als Statist, zu ihr geführt und der Herzog stellte ihn vor. Es wurden auf beiden Seiten einige Artigkeiten gewechselt, worauf er es passend fand, Seine Hoheit ungehindert unter vier Augen sein Kompliment anbringen zu lassen und sich ins Vorzimmer zurückzuziehen, dessen Fenster auf die Straße gingen. Talbot setzte sich an eines, um die Vorübergehenden zu betrachten. Für dergleichen Verhältnisse stand sein guter Wille außer Zweifel; aber leider war er der Unaufmerksamkeit und Zerstreuung so unterworfen, daß er zum Beispiel das Glückwunschschreiben, mit dem der Herzog ihn für die Infantin von Portugal entsandt, ruhig in London zurückgelassen und erst in Lissabon vor seiner Audienz vermißt hatte. Wie erwähnt, stand er also jetzt Schildwache und war auf seine Weisungen sehr aufmerksam, als er einen Wagen vor der Tür halten sah. Er bekümmerte sich weder darum noch um einen Herrn, der ausstieg und die Treppe heraufkam. Der Teufel, der bei solchen Gelegenheiten nicht böswillig sein sollte, führte ihm Lord Southesk in eigener Person in den Weg. Man hatte des Herzogs Wagen fortgeschickt, weil die Lady versicherte, ihr Gemahl habe eine Fahrt zu den Wettspielen mit Hunden, Bären und Stieren gemacht, wo er sich so amüsiere, daß er gewöhnlich sehr spät zurückkäme. Der Lord erwartete, weil er keinen Wagen gesehen, nimmermehr, so vornehmen Besuch zu finden. Wenn es ihn nun zunächst befremdete, daß er Talbot ruhig im Vorzimmer seiner Frau sitzend fand, so war seine Überraschung doch nur kurz. Seit der Rückkehr aus Flandern hatte Talbot ihn nicht gesehen, und ohne zu ahnen, daß jener den Namen gewechselt habe, rief er, ihm die Hand reichend: »Ach, guten Tag, Carnegy, guten Tag, dickes Vieh, wo zum Teufel kommst du her, da man dich seit der Zeit in Brüssel gar nicht gesehen hat? Weshalb kommst du hieher? Du hast es doch nicht etwa auch auf die Southesk abgesehen? Wenn das ist, lieber Freund, kannst du nur das Feld räumen, denn ich sage dir, der Herzog von York liebt sie und gerade jetzt ist er da drinnen, um ihr ein Wort darüber zu sagen.« Wie man sich denken kann, überrascht, hatte Southesk keine Zeit, auf diese schönen Reden zu antworten. Talbot drängte ihn freundschaftlich zur Tür hinaus und riet ihm, als sein gehorsamer Diener, sein Glück anderswo zu suchen. Southesk, der für den Augenblick nichts Besseres wußte, stieg wieder in seinen Wagen, und Talbot, erfreut über den Vorfall, sehnte sich nach des Herzogs Fortgehen, um ihm das Intermezzo zu berichten. Allein er fand, die Sache habe für die Beteiligten eben nichts Lustiges; besonders aufgebracht aber war er, daß dies Vieh von Carnegy seinen Namen eigens gewechselt, um ihm seine Mitteilung abzulocken. Dieser Zufall brachte ein Verhältnis zum Abschluß, dessen Verlust der Herzog nicht allzusehr bedauerte; seine Abkühlung trat zur rechten Zeit ein; denn der Verräter Southesk war daran, eine Rache vorzubereiten, die, wenn ihr Verkehr noch länger gedauert hätte, ihm ohne Gift und Eisen an seinen Beleidigern gründliche Genugtuung verschafft hätte. Er suchte an den verruchtesten Orten die abscheulichste Krankheit, die dort zu finden ist; seine Rache gelang ihm aber nur zur Hälfte; denn nachdem er die schwersten Kuren durchgemacht, um das Übel wieder loszuwerden, gab seine Frau Gemahlin ihm allein sein Geschenk zurück, da sie mit dem, für den es ausgeklügelt war, keinen Umgang mehr pflog. Zu jener Zeit glänzte Lady Robarts. Ihre Schönheit fiel auf, doch fesselte sie, trotz den lebhaftesten Farben, dem ganzen Schmelz der Jugend und bei allem, was eine Frau reizend machen kann, nicht dauernd. Nichtsdestoweniger hätte der Herzog von York dabei seine Rechnung gefunden, wenn nicht unüberwindliche Schwierigkeiten seine guten Absichten auf sie vereitelt hätten. Der Gemahl der schönen Frau, Lord Robarts, war ein alter unausstehlicher Störenfried, in sie zum Verzweifeln verliebt, und noch dazu immer in ihrer Nähe. Sie bemerkte die Aufmerksamkeit Seiner Hoheit ganz gut und ließ merken, daß sie nicht unerkenntlich sein würde. Das erhöhte des Herzogs Eifer und mehrte seine von Ferne zugesandten Liebeszeichen; da aber bei größerer Annäherung der unvermeidliche Robarts seine Wachsamkeit und Sorge nur verdoppelte, so griff man zu allen möglichen Mitteln, ihn zu ködern. Man versuchte, ihn durch Habsucht und Ehrgeiz zu gewinnen. Leute, die sein Vertrauen genossen, mußten ihm sagen, es hänge nur von ihm ab, der Lady Robarts, die so würdig sei, bei Hofe eine bedeutende Stellung einzunehmen, einen Posten bei der Königin oder Herzogin zu verschaffen. Auch über eine Statthalterstelle in seiner Provinz forschte man ihn aus; man schlug ihm vor, er möge die Verwaltung der Güter des Herzogs von York in Irland übernehmen; es sollte ihm vollkommen freie Hand gelassen werden, wenn er nur eilig hinreisen und dort so lange bleiben wollte, als ihm gut dünkte. Er verstand die Bedeutung dieser Vorschläge vollkommen und wußte ihren ganzen Wert zu würdigen; doch Ehrgeiz und Gewinnsucht lockten ihn vergebens; er schenkte ihnen kein Gehör; der verwünschte Alte wollte eben kein Hahnrei werden. Abneigung und Furcht bewahren aber nicht immer vor diesem Schicksal. Der Schelm wußte dies sehr gut. Er ruhte also nicht, bis er unter dem Vorwande einer Pilgerreise zu der heiligen jungfräulichen Märtyrerin Winifried, die die Gabe besaß, den Frauen Fruchtbarkeit zu verleihen, die höchsten Berge von Wales zwischen seiner Gattin und dem ihr nach seiner Abreise in London zugedachten Wunder emporragen sah. Eine Zeitlang lag der Herzog nur dem Jagdvergnügen ob oder opferte der Liebe wenigstens nur vorübergehend. Da aber die Erinnerung an Lady Robarts schwand und sein Sinn sich gewandelt, so richteten seine Blicke und Wünsche sich auf Miß Brook; mitten jedoch in dieser Verbindung warf sich ihm Lady Chesterfield aus eigenem Antrieb in den Weg, wie wir bei der Wiederaufnahme ihrer Geschichte erzählen werden. Der rastlose, ehrgeizige Graf v. Bristol hatte alle Mittel versucht, beim König seinen früheren Einfluß zu erhalten. Da es derselbe Digby ist, dessen Bussy in seinen Annalen gedenkt, so wird die Bemerkung hinreichen, daß sein Charakter sich nicht geändert hatte. Er wußte, wie Liebe und Zerstreuungen einen Gebieter beherrschten, den er wiederum gegen den Willen des Lordkanzlers lenkte. So gab es denn bei ihm Fest auf Fest; bei diesen nächtlichen Gelagen herrschten Üppigkeit und feiner Geschmack als Würze der anderen Genüsse. Die beiden Fräulein Brook, seine Verwandten, nahmen beständig an ihnen teil. Beide waren wie geschaffen, Liebe einzuflößen und zu empfinden. Das war ganz wie für den König geschaffen. Graf Bristol sah die Dinge so laufen, daß er mit seinem Plan zufrieden war; aber Lady Castlemaine, die neuerdings wieder im Besitz der ganzen Neigung des Königs war, war damals noch gar nicht geneigt, sie mit einer anderen zu teilen, wie sie es aus Nichtbeachtung von Miß Stewart seither blindlings getan. Sobald sie von diesen Intrigen Wind bekommen hatte, störte sie unter dem Vorwand, an allen Festen teilnehmen zu wollen, die Partie. Graf Bristol konnte nur seinen Plan aufgeben und Miß Brook ihr Entgegenkommen einstellen. Der König wagte nicht mehr, an sie zu denken; allein sein Bruder, der Herzog, nahm sich der Verschmähten an, und Miß Brook empfing vorläufig das Anerbieten seines Herzens, bis es dem Himmel gefallen sollte, anderweitig über sie zu verfügen. Das ereignete sich denn auch bald in folgender Weise. – Von Schätzen und Jahren belastet, hatte Ritter Denham seine Zeit früher unter den Zerstreuungen der Jugend hingebracht. Einer der glänzendsten Geister, die England auf dem Gebiet der witzigen Literatur hervorgebracht, verschonte er in seinen satirischen und scherzhaften Gedichten weder langweilige Schriftsteller noch eifersüchtige Männer oder deren Gattinnen. Seine Arbeiten waren voll treffender Witzworte und anmutiger Geschichten; aber seine feinste und stechendste Satire drehte sich gewöhnlich um Eheabenteuer; und als wollte er die Wahrheit seiner Jugendschriften an sich selbst erproben, nahm er im Alter von neunundsiebzig Jahren die erwähnte Miß Brook zur Frau, die nur achtzehn Sommer zählte. Kurz zuvor hatte der Herzog von York sie ein wenig vernachlässigt; aber ein solches Mißverhältnis in der Ehe fachte seine Flamme von neuem an. Auch sie weckte in ihm Hoffnungen auf ein nahes Glück, dem vor der Vermählung tausend Rücksichten im Weg lagen. Sie wollte eine Stellung bei Hofe und gegen das Versprechen eines Postens als Palastdame der Herzogin war sie bereit, ein anderes Versprechen zu erteilen oder wohl auch bar zu bezahlen, als – Lady Chesterfield mitten in der Unterhandlung durch ein unseliges Geschick versucht wurde, ihr den Anbeter zu entreißen und dadurch manches Verhältnis zu verwirren. Weil sie jedoch den Herzog nur in großer Gesellschaft sah, mußte sie ihm, um ihn zu gewinnen, notwendigerweise stark entgegenkommen, und da er der unvorsichtigste Blickewerfer seiner Zeit war, so war der ganze Hof von dem kaum begonnenen Roman bald unterrichtet. Die mit höchster Spannung auf die Sache blickten, waren dabei nicht eben unbeteiligt zu nennen. Hamilton und Lord Chesterfield beobachteten am genauesten. Aber die Denham war wütend über das gegen sie umlaufende Gerücht und erging sich voller Wut in Äußerungen gegen ihre Nebenbuhlerin. Bis jetzt hatte Hamilton geglaubt, bloße Eitelkeit habe Lady Chesterfield in diese Sache gezogen; allein er war bald enttäuscht. So kalt sie anfangs auf die Intrige eingegangen war, sie ging aus ihr nicht so unberührt hervor. Oft gerät man weiter, als man denkt, sobald man Lockungen, die man für harmlos hält, nachgeht. Wenn auch anfangs das Herz nicht beteiligt ist, ist es für die Folge keineswegs sicher. Wie wir sagten, atmete am Hofe alles Freude, Genuß und jene Pracht und Verfeinerung, wie sie nur die Neigungen eines zärtlich gestimmten, galanten Fürsten hervorrufen können. Die Schönheiten wollten bezaubern und die Männer strebten nur zu gefallen, jeder brachte endlich seine Talente zur Geltung, wie es eben ging. Einige zeichneten sich durch Grazie im Tanz aus, andere durch Aufwand in der Erscheinung, andere durch Geist, die meisten durch Verliebtheit, nur sehr wenige durch Treue. Es gab am Hofe einen durch sein Gitarrespiel berühmten Italiener, Francesco. Er besaß wirklich musikalisches Genie und hat darum auch allein aus der Gitarre etwas machen können; sein Spiel war so zart und anmutig, daß er diesem undankbaren Instrument Wohlklang entlockte. Es muß dabei bemerkt werden, daß nach seiner Technik zu spielen außerordentlich schwer war. Des Königs Geschmack an diesen Kompositionen hatte das Instrument so in Aufnahme gebracht, daß alle Welt, gut oder schlecht, darauf spielte und auf dem Toilettentisch der Dame war so sicher eine Gitarre zu finden wie Schminke und Schönpflästerchen. Der Herzog von York spielte ganz gut und der Graf von Arran fast wie Francesco selbst. Dieser Virtuose hatte eine Sarabande komponiert, die alle Welt entzückte und zugleich in Verzweiflung stürzte; denn sämtliche Gitarristen des Hofes übten sie und Gott weiß, was das für ein heilloses Geklimper war. Der Herzog gab vor, er könne sie nicht recht spielen und bat Lord Arran, sie ihm vorzutragen. Lady Chesterfield hatte in ganz England die beste Gitarre. Zu ihr also, in die Wohnung der Schwester, führte Graf Arran Seine Hoheit, weil er dort vorspielen wollte. Die Lady wohnte im Schlosse bei ihrem Vater, dem Herzog von Ormond, und die Zaubergitarre bei der Dame. Ich kann nicht sagen, ob die Sache abgekartet war; aber soviel ist gewiß, sie fanden die Lady und die Gitarre zu Hause. Auch trafen sie dort Mylord Chesterfield, der über den unerwarteten Besuch so erschrocken war, daß er sich erst besinnen mußte, ehe er aufstand, den Fürsten mit gehöriger Achtung zu empfangen. Sogleich stieg ihm die Eifersucht wie ein böser Dunst zu Kopfe. Tausend argwöhnische Gedanken, schwärzer als Tinte, erfüllten seine Phantasie. Sie keimten dort und wuchsen mit Macht; denn während der Bruder Gitarre spielte, spielte die Schwester mit den Augen, als wäre gar kein Feind im Felde. Mehr als zwanzigmal wurde die Sarabande wiederholt. Der Herzog versicherte, man könne sie nicht ausdrucksvoller vortragen, Lady Chesterfield bekrittelte die Komposition, aber ihr Gemahl, der wohl merkte, daß das Stückchen ihm gespielt wurde, fand es unausstehlich. Obgleich er nun Tod und Hölle empfand, weil er sich Zwang antun mußte, während man sich vor ihm gar nicht genierte, beschloß er dennoch abzuwarten, wie diese Visite enden werde. Das stand aber nicht in seiner Macht. Er erhielt, als der Königin Kammerherr, die Nachricht, Ihre Majestät wolle ihn sprechen. Erst dachte er, sich krank zu melden, dann quälte ihn der Einfall, die Königin könne wohl gar mit im Komplott sein, weil sie ihn so ungelegen rufen lasse. Kurz, er mußte mit Argwohn jeder Art und der Unentschlossenheit eines Eifersüchtigen in tausend Ängsten dennoch fort. Er war in ganz wunderlicher Stimmung, als er bei der Königin eintrat. Wie mit dem Unglück bei dem vom Schicksal Verfolgten, so geht's mit den Besorgnissen bei dem Eifersüchtigen: sie kommen selten allein und hören nie zu quälen auf. Er erfuhr, man habe ihn für eine Audienz bestellt, die die Königin sechs oder sieben moskowitischen Gesandten zu erteilen hätte. Kaum fing er nun an, die Moskowiten zu verwünschen, als sein Schwager Graf Arran erschien und alle den fremden Gesandten zugedachten Flüche auf sich zog. Nun zweifelte er nicht länger, daß der Graf im Einverständnis mit den beiden sei, da er sie unter vier Augen gelassen; er wünschte ihm im stillen den verdienten Lohn für diese Willigkeit. Es wurde ihm schwer, mit seiner Ansicht über ein solches Betragen nicht sofort herauszuplatzen, er glaubte keines weiteren Beweises für die Untreue seines Weibes zu bedürfen; doch ehe noch der Tag endete, fand er Grund zur Überzeugung, daß man seine Entfernung und die seines bereitwilligen Schwagers sehr gut benützt habe. Die Nacht brachte er still zu; da er seinen Argwohn und Kummer irgend jemandem mitteilen oder umkommen mußte, so brütete er bloß und ging im Zimmer bis zur Stunde der Ausfahrten spazieren. Er ging an den Hof, suchte jemanden und bildete sich ein, man errate den Grund seiner Verstimmung. Er wich jedermann aus, bis er endlich Hamilton traf, der ihm wie gerufen kam. Mit der Einladung, zusammen eine Fahrt in den Park zu machen, nahm er ihn in den Wagen und beide kamen in tiefstem Schweigen auf der Promenade an. Da Hamilton ihn ganz bleich und versonnen fand, glaubte er, der Lord habe erst jetzt entdeckt, was alle Welt schon seit langer Zeit wisse. Nach kurzer, unbedeutender Einleitung fragte Chesterfield, wie seine Sachen bei Lady Castlemaine ständen. Hamilton merkte wohl, diese Frage gehöre nicht zur Sache, aber er wollte ihm doch freundlich danken, und wie er seine Antwort überdachte, sprach Chesterfield: »Ihre Frau Kusine ist sehr kokett und es läge nur an mir, zu glauben, sie sei nicht allzu sittsam.« Hamilton fand das ein bißchen stark, wollte ihm widersprechen, aber der Lord unterbrach ihn: »Mein Gott, Sie sehen ihr Benehmen so gut wie der ganze Hof. Die Ehemänner sind freilich stets die letzten, mit denen man davon spricht , aber nicht immer die letzten, die es merken . Da Sie mir andere Mitteilungen machten, bin ich nicht befremdet darüber, daß Sie gerade diese übergangen haben; doch ich schmeichle mir, Ihre Achtung zu besitzen und es würde mich kränken, wenn Sie glauben sollten, ich würde dies ruhig mit ansehen. Man treibt die Dinge so weit, daß ein Entschluß endlich gefaßt werden muß. Gott bewahre mich davor, den Eifersüchtigen zu spielen; die Rolle ist abgeschmackt, aber ich will auch nicht durch meine alberne Geduld das Gespräch der ganzen Stadt werden. Entscheiden Sie also nach dem, was ich Ihnen sagen werde, ob ich gleichgültig zusehen oder Maßregeln treffen soll, um mich gegen die Gefahr zu schützen. »Gestern erwies Seine Hoheit mir die Ehre, meine Frau zu besuchen.« Bei diesem Eingang erbebte Hamilton im Innersten. »Ja,« fuhr der andere fort, »der Herzog war so gnädig und Graf Arran hatte die Güte, ihn zu uns zu führen. Wundert Sie das nicht, daß ein Mann, seiner Geburt, sich zu einer solchen Rolle hergibt? Was für eine Behandlung kann er von dem erwarten, der ihn zu so schmachvollen Diensten verwendet? Aber wir kennen ihn lange als eines der traurigsten Individuen mit seiner Gitarre und anderen Zierbengeleien.« Nach dieser leichten Andeutung über das Verdienst seines Schwagers teilte ihm Chesterfield seine Beobachtungen während des Besuches mit und fragte ihn, was er von seinem Vetter Arran denke, daß er beide so bequem allein gelassen? »Sie sind erstaunt,« fuhr er fort, »nun hören Sie, ob ich recht habe, zu bezweifeln, daß das Ende der schönen Visite in vollkommener Unschuld abgegangen ist. Lady Chesterfield ist charmant, das muß man zugeben, aber zu einem Wunder von Schönheit, für das sie sich hält, fehlt ihr viel. Sie wissen, daß sie häßliche Füße hat, aber nicht, daß ihre Beine noch häßlicher sind.« – »Bitte sehr«, sagte Hamilton leise. – Der Lord setzte seine Zergliederung fort: »Ihr Bein ist kurz und dick, und um diesen Fehler, so gut es geht, zu verbergen, trägt sie fast stets grünseidene Strümpfe.« Hamilton konnte nicht begreifen, wo zum Teufel das alles hinauswolle, aber Chesterfield, der ihn erriet, sprach weiter: »Einen Augenblick Geduld; gestern war ich bei Miß Stewart, nach der Audienz dieser verwünschten Moskowiten. Der König war gerade eingetreten; als hätte der Herzog geschworen, mich diesen Tag überall zu verfolgen, traf auch er eine Minute später ein. Die Unterhaltung drehte sich um das seltsame Äußere der fremden Gesandten. Ich weiß nicht, wie der tolle Crofts dazukam, zu sagen, die Moskowiten hätten lauter schöne Frauen und alle Weiber hätten schöne Beine; genug, der König behauptete, es gäbe nichts Schöneres, als das Bein der Miß Stewart. Um den Ausspruch zu betätigen, zeigte sie es bis über das Knie. Man wollte sich niederwerfen, um sein Ebenmaß anzubeten; denn es gibt wirklich nichts Schöneres. Aber der Herzog allein fing an, es zu bekritteln; er meinte, es wäre etwas zu dünn, und behauptete, nichts sei so reizend, als ein etwas kürzeres und stärkeres Bein und schloß endlich: kein Bein ohne grünseidene Strümpfe könne Gnade vor seinen Augen finden. Nach meiner Ansicht hieß das sagen: er habe ein solches kürzlich gesehen und sein Kopf sei noch ganz voll davon.« Hamilton wußte nicht, was er während eines Berichts, der ihm ähnliche Gedanken eingab, für ein Gesicht machen sollte. Er zuckte nur die Achseln und sagte mit schwacher Stimme: Der Schein trüge oft; Lady Chesterfield habe die Schwäche aller Schönen, die da meinen, die Zahl der Anbeter entscheide ihren Wert, und wenn die Lady auch unklugerweise, um seine Hoheit nicht zurückzustoßen, sich zu freundlich benommen habe, seien weitere Schritte, den Herzog zu fesseln, von ihr nicht zu befürchten. Umsonst gab er jedoch Tröstungen, an die er selbst nicht glaubte; Chesterfield fühlte es durch, aber er wußte ihm für seinen Anteil Dank zu zollen. Hamilton eilte nach Hause, um der Kusine die bittersten Dinge zu schreiben. Die Form dieses Briefes war von seinen früheren Episteln sehr verschieden. Vorwürfe, Beleidigungen, Liebesklagen, Drohungen, kurz der ganze Vorrat eines gekränkten Liebhabers bildeten den Inhalt. Aus Furcht vor einem Zufall begab er sich zu ihr, um das Billett selbst zuzustellen. Nie war sie ihm so schön, wie in diesem Augenblicke erschienen und ihre Augen hatten ihm noch nie so viel Innigkeit gezeigt. Sein Herz wurde davon bewegt; doch wollte er die hübschen, im Brief enthaltenen Dinge nicht umsonst geschrieben haben. Indem sie das Billett nahm, drückte sie ihm die Hand. Dieser Zug entwaffnete ihn vollends. Er hätte alles in der Welt dafür gegeben, den Brief wieder zu haben. Es schien ihm plötzlich, als sei von dem, was er darin gesagt, nicht ein Wort wahr. Ihr Gemahl wurde ihm zum Gespensterseher und Betrüger, zu etwas ganz anderem, als was er ihm im Augenblick zuvor geschienen; aber die Gewissensbisse kamen ein wenig spät. Sein Billett war einmal abgegeben und die Lady hatte so viel Sehnsucht und Ungeduld, es allein zu lesen, gezeigt, daß jeder Umstand dazu beitrug, sie zu rechtfertigen und ihn zu vernichten. Sie befreite sich, so gut es ging, von einem lästigen Besuch, um in ihr Kabinett zu treten; Er jedoch kam sich so schuldig vor, daß er ihr Herauskommen nicht abwarten zu dürfen glaubte; er brach also mit der Gesellschaft auf. Tags darauf wagte er sich um keinen Preis wegen einer Antwort zu ihr. Er traf sie jedoch bei Hof; seit Beginn seiner Neigung zu ihr war es das erste Mal, daß nicht er sie suchte. Er hielt sich im Hintergrunde, wagte nicht, die Augen aufzuschlagen und schien in lächerlicher oder bedauernswerter Verlegenheit, als sie sich näherte. »Sind Sie nicht für einen Mann von Verstand in der abgeschmacktesten Lage der Welt?« sagte sie. »Sie wünschen, Sie hätten mir nicht geschrieben. Sie möchten eine Antwort, wagen nicht, auf eine zu hoffen und doch ersehnen und fürchten Sie sie. Ich habe Ihnen aber dennoch ein paar Zeilen geschrieben.« – Sie hatte nur Zeit, ihm diese wenigen Worte zu sagen; es geschah mit einer Miene und einem Blick, die ihm die Huldgöttin mit all ihrer Anmut vor die Seele zauberte. Als die Königin zu spielen begann, war er ihr zur Seite. Sie setzte sich zur Partie. Er quälte sich mit der Frage, wann oder wo diese Antwort ihm zugehen würde, als sie ihn bat, ihren Fächer und ihre Handschuhe irgendwo hinzulegen. Er empfing beides mit dem erwarteten Schreiben. In den ihm zugeflüsterten Worten hatte er keine Strenge, nichts Feindliches gefunden; deshalb beeilte er sich, das Billett zu öffnen. Es lautete: »Ihre Ausfälle sind so komisch, daß ich Ihnen eine Gnade erweise, wenn ich sie einer übermäßigen Leidenschaft zuschreibe, die Ihnen den Kopf verdreht. Man muß in der Tat sehr zur Eifersucht hinneigen, wenn man sie bei dem von Ihnen bezeichneten Herrn empfinden kann. Mein Gott, ist das ein Anbeter, der einen Mann Ihres Geistes beunruhigen, und ein Wesen, das mich fesseln könnte! Schämen Sie sich nicht, von dem Wahnsinn eines Eifersüchtigen angesteckt zu sein, der aus Italien nichts anderes als diese Krankheit mitgebracht hat? Der Gegenstand seiner Narrheit, die Fabel von den grünen Strümpfen hat Sie so jämmerlich täuschen können! Warum hat er bei seinen Mitteilungen nicht damit geprahlt, daß er meine arme Gitarre zertrümmert hat? Diese Heldentat würde Sie vielleicht mehr überzeugt haben als alles andere. Kehren Sie zu sich zurück und wenn Sie mich liebhaben, preisen Sie es als glücklichen Umstand, daß diese irrige Eifersucht die Aufmerksamkeit der Leute von den Gefühlen ablenkt, die ich für den liebenswürdigsten und gefährlichsten Mann am ganzen Hofe hege.« Hamilton war über diesen Beweis von Güte, dessen er sich unwürdig fühlte, bis zu Tränen gerührt. Seine Lippen berührten nicht bloß das Billett, er küßte auch Fächer und Handschuh mit Inbrunst. Als das Spiel zu Ende war, empfing sie Lady Chesterfield aus seinen Händen zurück und las in seinen Blicken die Seligkeit, die ihm ihre Zeilen bereitet hatten. Doch weit entfernt davon, sich mit jenen stummen Boten zu begnügen, eilte er nach Hause, um seinen Empfindungen schriftlich Ausdruck zu geben. Wie verschieden war dieser Brief von dem früheren! Vielleicht war er nicht so gut geschrieben; denn wenn man um Verzeihung bittet, zeigt man nie so viel Geist, als wenn man verwundet, und der Stil der Liebe ist nicht halb so ergreifend, wie die Sprache der Entrüstung. Doch genug, der Friede war geschlossen und ihr Verhältnis wurde nach dem Streit desto inniger. Um ihn nach diesem tiefen Mißtrauen vollends zu beruhigen, trug Lady Chesterfield gegen den Nebenbuhler häufig Nichtachtung und gegen den Gemahl wahren Abscheu zur Schau. Seine dadurch gewonnene Zuversicht ging so weit, daß er ihr gestattete, dem Herzog vor der Welt scheinbare Gunstbeweise zu geben, um ihr wahres Verhältnis zu maskieren. So wurde denn sein Herz durch nichts gequält, als durch die Sehnsucht, eine günstige Gelegenheit zur Krönung seiner Wünsche zu finden. Die Herbeiführung der Stunde schien ihm nur von ihr abzuhängen. Durch Aufzählung von Hindernissen, die sie angeblich durch seine Gewandtheit gern beseitigt zu sehen wünschte, wußte sie das Ziel hinauszuschieben. Das stopfte ihm den Mund; während er nun mit Eifer an der Überwindung der Schwierigkeiten arbeitete und sich im stillen wunderte, wie zwei für einander fühlende, vollkommen einverstandene Wesen nicht über bloße Wünsche hinauskämen, ließ das Schicksal ein Ereignis eintreten, das ihm nicht länger gestattete, am Glück seines Rivalen und der Untreue seiner Geliebten zu zweifeln. Wenn wir den Sturz unserer Hoffnungen am meisten fürchten, verschont uns häufig das Unglück; wenn wir aber am wenigsten Unheil erwarten oder verdienen, überfällt es uns meist zehnfach. Hamilton war mitten in der Abfassung des zärtlichsten, leidenschaftlichsten Schreibens an Lady Chesterfield, als ihr Gemahl eintrat, um ihm alle Einzelheiten seiner letzten Entdeckung mitzuteilen. Der Schreibende hatte gerade nur noch Zeit, den Liebesbrief unter anderen Papieren zu bergen, so eilig war der Lord ins Zimmer getreten. Herz und Kopf steckten dem Liebenden noch so voll von den an die Lady gerichteten Zeilen, daß ihr Gemahl mit seinen Anschuldigungen anfangs kalt aufgenommen wurde, überdies kam er in jeder Hinsicht ungelegen. Er mußte jedoch angehört werden und die erste Minute Aufmerksamkeit änderte alles. Hamilton machte große Augen, als er Züge ihrer grenzenlosen Unvorsichtigkeit vernahm, die ihm fast unglaublich schien. »Sie haben ganz recht, erstaunt zu sein,« sagte der Lord am Ende der Erzählung, »wenn Sie aber an dem Gesagten zweifeln, wird es Ihnen nicht schwer werden, Zeugen für die Tatsache zu finden; denn der Schauplatz dieser zärtlichen Vertraulichkeit war kein anderer als das Spielzimmer der Königin, und dieser Ort war Dank dem Himmel hübsch voll Gesellschaft. Die Lady Denham bemerkte zuerst, was die beiden schlau im Gedränge zu verbergen glaubten. Sie mögen sich denken, wie sie den Fall geheimhielt. Zuerst wandte sie sich mit der Anzeige an mich, als ich eintrat, um mir geradeheraus zu sagen, ich möchte meine Frau warnen, damit nicht andere zu sehen bekämen, was ich allein sehen könnte, wenn es mir beliebte. Ihre Frau Kusine saß, wie ich bemerkte, am Spieltisch, der Herzog ihr zur Seite. Ich weiß nicht, was aus seiner Hand geworden, aber ich sah, daß sein Arm bis zum Ellenbogen verschwunden war. Ich stand hinter beiden an der Stelle, die Lady Denham verlassen hatte. Im Umdrehen erblickte mich der Herzog und war über meine Erscheinung so bestürzt, daß er Lady Chesterfield fast entblößt hätte, indem er seine Hand zurückzog. Ich kann nicht sagen, ob beide die Ertappung bemerkten; aber ich bin überzeugt, Lady Denham wird dafür sorgen, daß es vor niemand geheim bleibt. Ich gestehe Ihnen, ich bin in der schrecklichsten Verlegenheit. Wäre mir Rache an meinem Beleidiger erlaubt, dann wäre mein Entschluß bald gefaßt. Mit ihr würde ich kurzen Prozeß machen; aber so unwürdig sie selbst jeder Rücksicht ist, so gehört sie einer erlauchten Familie an, die eine öffentliche, solchen Vergehens würdige Strafe in Verzweiflung stürzen müßte. Als Verwandter sind Sie beteiligt; Sie sind mein Freund und ich schenke Ihnen mein Vertrauen über die heikelste Sache der Welt. Überlegen wir gemeinschaftlich, was in so peinlicher Lage zu tun ist.« Noch betroffener, noch tiefer erschüttert als er, war Hamilton nicht sehr imstande, ihm zu raten. Er gab nur der Eifersucht und dem Durst nach Rache Gehör. Aber die Möglichkeit einer Verleumdung oder wenigstens einer Übertreibung der Anklage gegen Lady Chesterfield milderten etwas seine Gefühle; er bat ihren Gemahl, seinen Entschluß aufzuschieben, bis er sich näher erkundigt habe. Doch versicherte er ihm, wenn die Dinge sich wirklich zugetragen, wie er sie erzählt, so würde er auf kein anderes Interesse als das seinige Rücksicht nehmen. Damit schieden sie und Hamilton fand schon nach der ersten Nachfrage fast alle von jenem Vorfall unterrichtet, dem jeder noch etwas hinzufügte. Dabei schwand alle Liebe zu ihr, Entrüstung und Rachsucht flammten dafür in seinem Herzen auf. Es hing nur von ihm ab, sie zu sehen, um auf sie alle Vorwürfe zu entladen, die in solchen Fällen unsere Brust beengen; aber seine Wut war zu heftig, um zu einer etwaigen Aufklärung zu führen. Er hielt sich allein für verletzt, indem er die Beschimpfung eines Gatten gegen die dem Liebhaber angetane Schmach für nichts rechnete. In blinder Aufregung lief er zu Lord Chesterfield und sagte ihm, er habe genug erfahren, um ihm einen Rat zu geben, den er an seiner Stelle selbst befolgen würde; er solle nicht zaudern, wenn er eine verblendete Frau retten wolle, die zwar den Kopf, doch vielleicht noch nicht ganz die Unschuld verloren. Er müsse sie ungesäumt aufs Land führen, und damit sie nicht erst zu gefährlicher Besinnung erwache, so rasch wie möglich. Dieser Ausweg, den Lord Chesterfield als den besten Rat seines Freundes ansah, war nicht schwer zu gehen. Aber seine Gemahlin ahnte noch nichts von der Entdeckung ihres Benehmens und glaubte also, er scherze, als er ihr ankündigte, sie habe sich in zwei Tagen zur Abreise aufs Land bereit zu halten. Sie wurde in ihrem Wahn noch bestärkt, weil es gerade mitten in einem sehr rauhen Winter war; doch bald merkte sie, es sei voller Ernst. An der Miene und dem Wesen ihres Mannes sah sie, daß er begründeten Anlaß zu haben glaube, sie stolz zu behandeln, und da sie auch alle Verwandte gegen ihre Klagen taub fand, so setzte sie in dieser Verlassenheit ihre einzige Hoffnung auf Hamiltons Liebe. Durch ihn gedachte sie über die wahre Ursache ihres Pechs aufgeklärt zu werden und schmeichelte sich, er werde Mittel zur Verhinderung einer Reise finden, die ihn noch mehr schmerzen müsse als sie selbst. Aber das hieß auf das Gefühl eines Tigers rechnen. Als sie aber endlich den Vorabend der Abreise kommen sah, als alle Vorbereitungen zu einer langen Abwesenheit getroffen wurden, als sie Abschiedsbesuche in aller Form und noch immer keine Nachricht von Hamilton erhielt, da verlor sie alle Geduld und Hoffnung. Tränen hätten sie in dieser traurigen Lage erleichtert, aber sie versagte sich lieber diese Linderung, als daß sie ihrem Mann einen Triumph gegönnt hätte. Besonders unbegreiflich schien ihr Hamiltons Benehmen, und als sie ihn immer noch nicht kommen sah, sandte sie ihm folgendes Billett: »Sollten Sie auch zu denen gehören, die, ohne mir ein Vergehen, um dessentwillen man mich wie eine Sklavin behandelt, vorzuhalten, ruhig in meine Entführung willigen? Was soll Ihr Schweigen, Ihre Untätigkeit in einem Falle bedeuten, der Ihre zärtliche Teilnahme verdoppeln sollte? Ich bin am Vorabend meiner Abreise und schäme mich, zu fühlen, daß ich sie um Ihretwillen mit Bangen ansehe, weil ich annehmen muß, sie rege Sie weniger auf als irgend einen anderen. Lassen Sie mich wenigstens wissen, wohin man mich schleppt, was man mit mir in der Wüste vorhat und weshalb sie wie alle anderen sich gegen ein Wesen verändert zeigen, das sich um keinen Preis ändern würde, wenn nicht Ihre Schwäche oder Undankbarkeit Sie meiner Zuneigung unwürdig machen.« Diese Zeilen bestärkten und reizten nur noch mehr seinen Rachedurst. In langen Zügen sog er den Genuß ihrer Verzweiflung ein, weil er sicher glaubte, ihr Schmerz gelte einem andern. Über den tätigen Anteil, den er an ihrer Qual genommen, empfand er nicht mindere Genugtuung und gratulierte sich zu einem Rat, durch den er sie von einem dem Glück vielleicht nahen Nebenbuhler fortriß. Mit der unerbittlichsten Grausamkeit der Eifersucht gegen seine eigene Schwäche gewaffnet, sah er ihrer Abreise mit unverhohlenem Gleichmut zu. Sein unerwartetes Benehmen hätte im Verein mit allem plötzlich hereinbrechenden Unheil die Arme fast wirklich in höchste Verzweiflung gestürzt. Der Hof war voll von der Sache; der Grund der schnellen Abreise blieb für niemanden ein Geheimnis; aber nur wenige billigten Lord Chesterfields Vorgehen. Mit Staunen sah man in England auf einen Mann, der so abscheulich war, auf seine Frau eifersüchtig zu sein. Es war eine in London unerhörte Sache, daß ein Ehemann, um dem gefürchteten und verdienten Lohn dieser gräßlichen Leidenschaft zu entgehen, zu solch gewaltsamen Mitteln griff. Den armen Chesterfield nahm man nur in Schutz, soweit es die Furcht vor dem gesellschaftlichen Urteil gestattete, und klagte allein des Lords mangelhafte Kinderstube an. Alle Mütter gelobten dem Himmel, ihre Söhne sollten nie den Fuß nach Italien setzen, um nicht dort die abscheuliche Sitte anzunehmen, ihren Frauen Zwang anzutun. Da dies lange Unterhaltungsstoff bei Hof blieb, so erging sich der Chevalier Grammont, heftiger als alle Bürger von London zusammen, in den stärksten Ausfällen gegen diese Tyrannei, wobei er allerdings das Thema nur theoretisch behandelte. Im Grunde genommen zeitigten seine Ausführungen bei dieser Gelegenheit nur einen neuen Text zur Melodie der verhängnisvollen Sarabande, die eine so traurige Rolle bei dem Ereignis gespielt hatte. Die Worte galten für sein Werk; wenn aber Saint-Evremond daran Anteil hatte, so waren sie freilich nicht seine beste Arbeit, wie aus dem folgenden Kapitel zu ersehen ist. Ein jeder, der da meint, seine Ehre hänge von der Treue seiner Frau ab, ist ein Tor, wenn er sich mit ihr quält und sie zur Verzweiflung bringt. Wer aber, von Natur aus eifersüchtig, außer diesem Leiden noch das Unglück hat, seine Frau zu lieben und verlangt, sie solle nur für ihn atmen, ist ein Wahnsinniger, den alle Qualen der Hölle martern, ohne daß ihn deshalb jemand bemitleidet. Alle über diese traurige Seite der Ehe angestellten Betrachtungen führen zu dem Ergebnis, daß jede Vorsichtsmaßregel vor dem Unheil umsonst und die Rache danach abscheulich ist. Die Spanier, die mehr aus Tradition als aus Eifersucht Tyrannen ihrer Weiber sind, begnügen sich, ihre Ehre durch Duennas, Gitter und Riegel zu wahren. Die Italiener mit ihrem scharfblickenden Argwohn und rachsüchtigen Temperament haben verschiedene Methoden. Einige sind, wenn sie die Frau hinter Schloß und Riegel glauben, ganz ruhig; andere verstärken durch diverse Vorkehrungen die Mittel, welche die Spanier zur Sicherung der Treue des schönen Geschlechts ersonnen haben. Die meisten aber halten bei unvermeidlicher Gefahr oder offener Untreue den Tod der Frau für das Richtigste. Kühlere Nationen sind von so grausamen, barbarischen Sitten weit entfernt. Sie halten die Zügel ihrer glücklichen Ehehälfte nicht so straff und bringen deshalb ihre Tage ohne Kummer und Sorge in Frieden und dem süßen Genuß häuslicher Ruhe zu. Lord Chesterfield handelte nicht klug, als er aus dem Geleise seiner geduldigen Landsleute trat, um unter lächerlichem Aufsehen alle Einzelheiten eines Abenteuers zergliedern zu lassen, das außerhalb des Hofes vielleicht unbekannt geblieben und nach einem Monat überall vergessen gewesen wäre. Kaum hatte er den Kopf gewendet, um sich mit seiner Gefangenen und dem Stirnschmuck, mit dem man ihn gekrönt glaubte, auf den Weg zu machen, als es, weiß der Himmel wie, hinter seinem Rücken herging! Rochester, Middlesex, Sedley und Etheredge und das ganze Heer der Schöngeister ließen eine Masse Spottgedichte erscheinen, die das Publikum auf seine Kosten unterhielten. Wie man sagt, fand sie der Chevalier Grammont witzig und ergötzlich und pflegte überall, wo dieser Gegenstand behandelt wurde, seinen Beitrag zu ihm zu liefern. Es ist seltsam, sprach er, daß das Landleben, das man für eine junge Dame den Galgen oder die Galeere nennen kann, hier nur für die Unglücklichen, nicht für die Schuldigen vorhanden scheint. Um einiger unvorsichtiger Blicke willen wird die arme kleine Chesterfield von einem finsteren Gemahl eingepackt, der sie zum Weihnachtsfest aufs Land, auf ein fünfzig Stunden von hier entferntes Lustschloß führt, während tausend anderen die Freiheit bleibt, zu tun, was ihnen beliebt, was sie auch weidlich ausnützen. Es gibt Leute unter ihnen, deren Aufführung zwanzig Stockhiebe verdiente. Ich nenne keinen Namen, Gott behüte; aber die Denham, die Middleton, die Ehrenfräulein der Königin und die Damen der Herzogin nebst hundert anderen teilen ihre Gunst nach rechts und links aus, ohne daß man ein Wörtchen sagt. Lady Shrewsbury zu sehen, ist ein wahrer Genuß. Ich wette, sie könnte Tag für Tag einen Mann dem Tode opfern und würde ihr Haupt nur um so stolzer erheben. Sie scheint für ihr Benehmen Generalablaß zu haben. Drei oder vier Herren tragen jeder eine Elle ihres Haares in Armbändern, ohne ein Wort übler Nachrede. Bei alledem darf ein Frevler wie Lord Chesterfield eine in diesem Lande unerhörte Tyrannei um nichts und wieder nichts, noch dazu gegen die reizendste Frau Englands üben. Wenn er aber glaubt, daß ihm sein Vorgehen viel nützen wird, bin ich sein gehorsamer Diener. Die Vorsicht hilft in diesen Dingen nichts, und oft ist eine Frau, die, wenn man sie ruhig gehen ließe, vielleicht an nichts Böses dächte, aus Rache dazu getrieben worden. Das ist so wahr wie das Evangelium. Hören Sie, was Francescos Sarabande darüber sagt: O Eifersucht, was hilft dein Müh'n? Die Lieb' ist kühn; – Und alle Pein Wird fruchtlos sein, Quält dich allein, – Wenn lieberfüllt zwei Herzen glühn. Vor deinem Blick Zieht sich die Liebe scheu zurück, Verschließt die Wünsche in der Brust Und raubt dafür verbotne Lust. Vor Zeugen scheu, Im stillen treu Flammt Liebe tief und immer neu. So lauteten die Worte, als deren Verfasser der Chevalier Grammont galt. Sie glänzten weder durch Inhalt noch durch Form; da sie aber Wahrheiten enthielten, die dem Nationalgeschmack und dem Sinne derer entsprachen, die für das schöne Geschlecht Partei nahmen, so wollten alle Damen die Verse besitzen, um sie ihre Kinder auswendig lernen zu lassen. Unterdessen machte es dem Herzog von York, der nun Lady Chesterfield nicht mehr sah, keinen großen Kummer, sie zu vergessen. Und doch wurde ihre Entfernung von dem Mann, der sie veranlaßt hatte, eigentlich sehr schmerzlich empfunden; allein es gibt glückliche Temperamente, die sich über alles trösten, weil sie nichts lebhaft fühlen. Da jedoch sein Herz nicht ganz müßig bleiben konnte, gedachte er, nach dem Vergessen der Chesterfield, seiner früheren Neigungen und es fehlte nicht viel, so hätte Miß Hamilton einen Rückfall von Zärtlichkeit bei ihm hervorgerufen. In London gab es einen berühmten Porträtmaler, namens Lely. Die vielen Gemälde Van Dycks in England hatten dem Künstler zur Reife verholfen. Von allen neueren Malern hat Lely in seinen Arbeiten die Manier des Meisters am besten erfaßt und kommt ihm am nächsten. Die Herzogin von York wünschte die Bildnisse der schönsten Damen des Hofes zu besitzen. Lely malte sie. Es war unmöglich, vollendetere Modelle zu finden. Jedes Bild schien ein Meisterwerk und Miß Hamiltons Porträt war das gelungenste. Lely gestand, er habe mit Genuß daran gearbeitet. Der Herzog von York konnte es nicht genug betrachten und fing immer von neuem an, mit dem Original zu liebäugeln. Da war freilich für seine Absichten nichts zu machen; um dieselbe Zeit, wo diese vergebliche Bewerbung den Chevalier Grammont beunruhigte, fand es die Denham für gut, ihre vorzeitig abgebrochenen Unterhandlungen wieder in Gang zu bringen. Man kam bald zum Schluß. Wenn bei Vertragsabschlüssen beide Parteien offen zu Werke gehen, so verliert man keine Zeit mit Überflüssigkeiten. Von einer Seite ging alles gut; doch weiß ich nicht, welch ein böses Verhängnis auf der anderen Seite den Bedingungen der einen Partei Schwierigkeiten bereitete. Der Herzog bat die Herzogin dringend, der Denham jene Stellung, das Ziel ihres Ehrgeizes, zu verleihen; da aber der Fürstin für die geheimen Artikel des Traktats niemand bürgte, schien es ihr, wenn sie dem Willen des Herzogs auch sonst sehr ergeben war und für seine Untreue äußerste Nachsicht gezeigt hatte, doch hart und schimpflich, eine Nebenbuhlerin bei sich aufnehmen und am eigenen Hofe dadurch eine ziemlich traurige Rolle spielen zu sollen. Als sie aber grade auf dem Punkte stand, diese Anstellung durch entscheidenden Befehl zu erhalten, raubte ein viel tragischeres Ereignis der armen Denham für immer jede Aussicht auf den sehnlich erstrebten Ehrenposten. Von Natur zur Eifersucht geneigt, wurde der alte Denham täglich mißtrauischer, und zwar nicht ohne Grund. Seine Frau war jung und schön, er alt und abstoßend. Wie konnte er hoffen, daß der Himmel gerade ihn vor dem Lose seiner Ehestandsgenossen bewahren werde? Er sagte sich das unaufhörlich; bei den Gratulationen, die ihm wegen jener Stelle bei der Herzogin gemacht wurden, wünschte er sich an den Galgen und hätte sich aufgeknüpft, wenn er den nötigen Mut dazu besessen hätte. Der Bösewicht zog es vor, seine Courage nicht an sich, sondern an einer andern zu erproben. Um in einem so konstitutionellen Lande seine Rache zu sättigen, bedurfte es für ihn außerordentlicher Wege. Lord Chesterfields Maßregel genügte ihm nicht; auch hatte er kein Landhaus, um die unglückliche Denham hinzubringen. So ließ denn der alte Verbrecher seine Frau, ohne daß sie London zu verlassen brauchte, eine weit größere Reise antreten. Ein unerbittlicher Tod entriß sie in der Blüte der Jahre ihren teuersten Hoffnungen. Da niemand daran zweifelte, er habe sie vergiftet, beschloß der Pöbel seines Viertels, ihn zu steinigen, sobald er ausgehen würde; aber er hielt sich eingeschlossen, um den Tod seiner Frau zu beweinen, und wartete, bis die Wut des Volkes durch eine prächtige Leichenfeier beschwichtigt war, bei der er viermal so viel Branntwein austeilen ließ, als je bei einer Bestattung in England getrunken wurde. Während noch die Stadt einem schrecklichen Unheil entgegensah, das als Sühne für diese Schreckenstat eines Eifersüchtigen angesehen werden konnte, war Hamilton nach der Abreise der Lady Chesterfield keineswegs so zufrieden, als er erwartete. Er hatte bei seiner Tat nur der ersten Entrüstung freien Lauf gelassen. Seine Rache war befriedigt, nicht aber seine Liebe, und da er nach der Entfernung des trotz seiner Erbitterung so heiß geliebten Wesens Zeit genug gehabt hatte, Betrachtungen anzustellen, an die man bei einer noch frischen Wunde nicht zu denken pflegt, sprach er zu sich: Weshalb habe ich mich so beeilt, ein Wesen ins Unglück zu stürzen, das, wenn auch schuldig, dennoch allein mir das Leben versüßen kann? Verwünschte Eifersucht! Du bist gegen die Verfolger noch grausamer als gegen ihre Opfer! Was hilft es mir, daß ich die Chesterfield den Hoffnungen und Wünschen eines glücklicheren Rivalen entrissen habe, wenn es mir nicht gelang, ohne daß ich zugleich meinem Herzen seine teuerste Freude rauben mußte? Eine Menge anderer ebenso gewichtiger, aber sehr wenig zeitgemäßer Gedanken zeigten ihm deutlich: in einer Lage, wie der seinigen, wäre es immer noch besser, mit einem andern zu teilen, als gar nichts zu haben. So plagte er sich denn eben mit vergeblicher Reue und nutzlosen Vorwürfen, als er von der Hand der Dame einige Zeilen erhielt, die seine Gewissensbisse so vermehrten, daß er sich als den größten Frevler unter der Sonne ansehen mußte. Der Brief lautete: »Sie werden über diese Zeilen ebenso verwundert sein, wie ich über die erbarmungslose Miene erstaunt war, mit der Sie meiner Abreise zusahen. Ich will gern voraussetzen, daß Sie sich in Ihrem Innern Gründe zusammengestellt hatten, die ein so unbegreifliches Benehmen rechtfertigen sollten. Denken Sie noch immer so grausam, dann wird es Ihnen Freude machen, wenn Sie hören, was ich im schrecklichsten Gefängnis der Welt erdulde. Überall bietet sich meinen Blicken die traurigste Aussicht, die unser Land in dieser Jahreszeit nur gewähren kann. Durch undurchdringlichen Morast abgesperrt, sehe ich von einem Fenster aus auf Felsen, aus dem andern auf Abgründe; wohin ich aber im Hause meine Augen wende, begegne ich den Blicken eines Eifersüchtigen, die mir noch schmerzlicher sind, als die traurige Umgebung. Das Elend meines Lebens wird dadurch noch größer, daß ich in den Augen eines Mannes schuldig erscheine, der mich selbst gegen überzeugenden Anschein hätte in Schutz nehmen sollen, wenn ich bei Erwiesenheit meiner Unschuld das Recht hätte, mich zu beklagen oder jemandem Vorwürfe zu machen. Wie soll ich mich aber aus so weiter Ferne rechtfertigen, wie darf ich mir schmeicheln, die Schilderung eines fürchterlichen Aufenthalts werde Sie veranlassen, mich anzuhören! Verdienen Sie übrigens, daß ich das wünsche? Himmel, wie würde ich Sie hassen, wenn ich Sie nicht leidenschaftlich liebte? Kommen Sie doch nur einmal zu mir, um meine Verteidigung anzuhören und ich bin überzeugt, daß, wenn Sie mich nach dem Besuch schuldig finden, ich es wenigstens nicht gegen Sie gewesen bin. Morgen reist unser Argus wegen eines Prozesses, der ihn dort acht Tage aufhalten dürfte, nach Chester. Ich weiß nicht, ob er ihn gewinnen wird; das aber weiß ich, es wird nur von Ihnen abhängen, ob er einen andern Prozeß verliert, der ihm mindestens ebenso am Herzen liegt wie jener.« In diesem Briefe standen Dinge, die einen Menschen blindlings zu weit bedenklicheren Wagnissen treiben konnten als zu dem vorgeschlagenen Abenteuer, das beiläufig gesagt, wenn auch lockend, doch nicht so ganz ohne Gefahr war. Er begriff nicht, wie sie es anfangen wollte, sich zu rechtfertigen; doch versicherte sie ihm, er werde mit der Reise zufrieden sein; das war ihm für den Augenblick genug. Bei Lady Chesterfield wohnte eine seiner Verwandten. Da diese sie in die Verbannung begleitet hatte, war sie bis zu einem gewissen Grade in ihr beiderseitiges Verhältnis eingeweiht. Durch sie empfing er sowohl das Schreiben wie die nötigen Andeutungen über seine Hinreise und Einkehr. Bei solchen Unternehmungen ist, wenigstens vor Schluß des Abenteuers, Geheimhaltung unerläßlich. Er nahm Postpferde und reiste bei Nacht, von so zärtlichen, schmeichelnden Träumen gewiegt, daß er im Verhältnis zu Wetter und Wegen fünfzig sonst tödliche Stunden in unmerklich kurzer Zeit zurückgelegt hatte. Auf der letzten Station entließ er aus Vorsicht seinen Postillon. Es war noch nicht Tag; aus Angst vor Felsen und Abgründen ging er mit einer bei einem Verliebten ungewohnten Behutsamkeit zu Fuß weiter. Er vermied glücklich alle gefährlichen Wege und stieg den erhaltenen Weisungen gemäß in eine näherbezeichnete, an die Parkmauer stoßende Bauernhütte. Das Quartier war nicht glänzend; da er aber nur der Ruhe bedurfte, fand er alles hiezu Nötige vor. Er wollte weder die Sonne sehen noch von ihr gesehen werden, deshalb versenkte er sich in diesem dunklen Winkel bis zum Mittag in tiefen Schlummer. Als er beim Erwachen starken Hunger spürte, aß er erst tapfer und tüchtig, und als der eleganteste Mann bei Hof brachte er, nun er von der elegantesten Frau in England erwartet wurde, den Rest des Tages damit zu, sich zu waschen und alle an solchem Ort möglichen Vorbereitungen zu treffen, ohne daß er nur ein einziges Mal den Kopf zum Fenster hinausgesteckt oder seinem Wirt eine Frage vorgelegt hätte. Endlich kam mit Anbruch des Abends die sehnlich erwartete Nachricht durch eine Art Boten an, der ihm zugleich als Führer diente. Nachdem er mit diesem eine halbe Stunde in den kotigen Wegen eines ungeheuren Parks herumgewatet, ließ ihn der Mensch in einen Garten treten, in den die Tür eines ebenerdigen Saales führte. Er wurde diesem Eingang gegenüber aufgestellt, um bald in reizendere Räume eingelassen zu werden. Der Führer wünschte ihm guten Abend; die Nacht brach an, aber die Tür ging nicht auf. Es war gegen Ende des Winters; doch schien man erst zu Beginn der Kälte zu sein. Bis an die Knie war er voll Kot und fühlte, daß wenn er sein Luftbad im Garten verlängere, der Frost den Kot bald zu Eis verwandeln würde. Solch eine kalte und stockdunkle Nacht als Einleitung wäre für jeden anderen eine harte Probe gewesen, war aber nichts für einen Menschen, der die nächste Stunde so herrlich zu genießen gedachte. Er konnte indes einiges Erstaunen über die ungeheuren Vorsichtsmaßregeln in Abwesenheit des Gemahls nicht unterdrücken. Seine durch tausend zärtliche Gedanken erhitzte Phantasie hielt ihn eine Zeitlang gegen äußerste Ungeduld und die schneidende Kälte aufrecht. Doch nach und nach fühlte er sich erstarren, und als man ihm nach Verlauf von zwei Stunden, die ihn zwei Jahrhunderte dünkten, weder aus der Tür noch aus den Fenstern das kleinste Lebenszeichen gab, begann er über seine Lage nachzudenken und zu überlegen, was für einen Entschluß er unter solchen Umständen fassen solle. – »Wie wär's, wenn ich an diese verwünschte Tür pochte,« sprach er, »denn wenn ich schon Unglück haben soll, ist es besser, im Haus zu sterben, als im Garten vor Kälte umkommen. Freilich würde dieser Schritt vielleicht ein Wesen bloßstellen, das durch unvorhergesehenen Zufall in diesem Augenblick vielleicht noch verzweifelter ist als ich.« Dieser Gedanke waffnete ihn mit Geduld und Festigkeit gegen die Elemente. Er fing an, mit großen Schritten umherzulaufen, entschlossen, solange als es ohne Lebensgefahr möglich, das Ende des so traurig begonnenen Abenteuers abzuwarten. Alles war vergeblich; wie sehr er auch, in seinen dichten Mantel gewickelt, herumlaufen mochte, Erstarrung packte ihn von allen Seiten und die Kälte triumphierte über die stärkste Liebesglut. Der Tag war nicht mehr fern; er dachte, bei dem elenden Zustande, in den ihn das nächtliche Warten versetzt hatte, würde es ihm nichts mehr helfen, wenn sich die verzauberte Pforte auch öffnen sollte; er trabte deshalb, so gut er konnte, nach dem Ort zurück, von dem er auf dieses seltsame Abenteuer ausgezogen war. Alle Reisigbündel der kleinen Hütte waren erforderlich, um ihn aufzutauen. Je mehr er über sein Abenteuer nachsann, desto verworrener und unbegreiflicher erschienen ihm alle Umstände. Doch weit entfernt, auf die reizende Chesterfield böse zu werden, sorgte er sich vielmehr tausendfach um sie. Bald dachte er, ihr Gemahl könne unerwartet zurückgekehrt sein, bald, sie wäre von einer plötzlichen Krankheit befallen worden, kurz, irgend ein Hemmnis habe sich gerade dicht am Gipfel der Wünsche seinem Glück entgegengestellt und die guten Absichten vereitelt, die man für ihn hegte. »Warum hat sie mich aber in dem verfl... Garten vergessen, konnte sie nicht einen kleinen Moment finden, um mir wenigstens, da sie mich nicht sprechen oder empfangen konnte, ein Zeichen zu geben?« Er blieb ungewiß, bei welcher Vermutung er beharren, wie er sich diese Fragen beantworten sollte. Doch er schmeichelte sich, die folgende Nacht werde alles besser gehen, und mit dem stillen Gelöbnis, den Fuß nicht wieder in den fatalen Garten zu setzen, gab er Befehl, man solle ihn, wenn ihn jemand zu sprechen wünsche, wecken; darauf legte er sich auf das schlechteste Bett der Welt und schlief, als ruhe er auf dem üppigsten Pfühl. Er dachte bloß durch ein Schreiben oder eine Botschaft von Lady Chesterfield geweckt zu werden; aber nach kaum zwei Stunden Schlaf wurde er durch gewaltigen Hörnerklang und Hundegebell aufgeschreckt. Wie wir erwähnten, stieß sein Zufluchtsort, die Hütte, an die Parkmauer. Er rief seinen Wirt und fragte, was das zum Teufel für eine Jagd sei? Als das Geräusch näher kam, schien sie fast in seiner Stube zu toben. Man antwortete, es sei der gnädige Herr auf der Hasenjagd im Park. – »Was für ein gnädiger Herr?« sagte er erstaunt. »Mylord Graf Chesterfield«, erwiderte der Bauer. Diese Nachricht entsetzte ihn so sehr, daß er im ersten Schrecken den Kopf unter die Decke steckte, weil er den Lord schon mit allen seinen Hunden eintreten zu sehen glaubte. Von seinem Erstaunen ein wenig zu sich gekommen, verwünschte er die Launen des Glücks und zweifelte nun nicht länger daran, daß die unerwartete Rückkunft des eifersüchtigen Störenfrieds alle Qualen der letzten Nacht verschuldet habe. Nach solchem Erwachen war von Wiedereinschlafen nicht mehr die Rede. Er stand auf, um im Geist alle möglichen geeigneten Tricks zu erwägen, um einen abscheulichen Ehemann zu beseitigen, der sich einfallen ließ, einen Prozeß zu versäumen, bloß um seine Frau zu plagen. Er beendete seine Toilette und wollte eben den Wirt befragen, als ihm der Bote, der ihn in den Garten geführt hatte, einen Brief übergab und, ohne auf Antwort zu warten, verschwand. Dies Schreiben war von seiner Verwandten und enthielt folgendes: »Ich bin sehr unglücklich, daß ich, wenn auch schuldlos, dazu beigetragen habe, Sie an einen Ort zu locken, an den man Sie nur berief, um Ihrer zu spotten. Ich hatte mich Ihrer Reise widersetzt, selbst als ich glaubte, die Zuneigung der Lady sei ihre wahre Ursache; aber sie hat mich schmerzlich enttäuscht. Sie triumphiert über den Streich, den sie Ihnen gespielt hat. Ihr Gemahl hat uns nicht nur gar nicht verlassen, sondern bleibt ihr zu Gefallen. Er behandelt sie äußerst freundlich und durch ihre Aussöhnung mit ihm hat sie erfahren, daß Sie ihm den Rat zur Reise aufs Land gegeben haben. Das hat sie mit so viel Haß und Abscheu gegen Sie erfüllt, daß, nach allem, was sie mir sagt, ihre Rachsucht noch keineswegs befriedigt scheint. Trösten Sie sich über die Feindschaft eines Geschöpfs, dessen Herz Ihre Neigung nicht verdiente. Reisen Sie ab. Ein längerer Aufenthalt an diesem Ort könnte Ihnen nur neues Unheil zuziehen. Auch ich werde nicht lange bleiben. Ich kenne sie nun, Gott sei Dank. Das Mitleid, das ich anfangs mit ihr hatte, bereue ich nicht; aber ich bin eines Umgangs satt, der meiner Denkungsart nicht zusagt.« Erstaunen, Scham, Entrüstung und Wut bemächtigten sich seiner nach Lesung dieser Zeilen. Endlich verschafften Drohungen, Verwünschungen und Rachegelübde seiner Galle Luft. Nachdem er indes jeden Schritt gehörig überlegt, endete alles einfach mit der Rückkehr zu seinem kleinen Postklepper. Statt der Wünsche und zarten Gefühle, die er aus London mitgebracht, trug er einen tüchtigen Schnupfen heim. Mit etwas größerer Eile, als er gekommen, verließ er diese verräterische Gegend, den Kopf nicht mit ganz so angenehmen Gedanken erfüllt wie auf dem Herwege. Als er sich jedoch außer dem Bereich von Lord Chesterfields Person und Jagd sah, drehte er sich ein wenig um, um wenigstens den Genuß des Anblicks des Gefängnisses dieser treulosen Kreatur zu haben. Aber er war nicht wenig erstaunt, als er am Ufer eines Flusses mitten in der anmutigsten, lachendsten Landschaft ein sehr schönes Gebäude erblickte. Keine Spur von Abgrund oder Felsen! Die standen nur im Brief der Verräterin. Das war für ihn neuer Stoff zu Beschämung und Erbitterung. Er hatte sich in den Ränken wie in den Schwächen des schönen Geschlechts so erfahren geglaubt und war nun das Spielzeug einer Kokette, die sich mit ihrem Gemahl versöhnte, um an einem Liebhaber Rache zu üben! Er kehrte nach London heim, bereit, gegen jedermann die Behauptung zu verteidigen: man sei ein gutmütiger Tor, wenn man der Zärtlichkeit eines Weibes, das uns schon einmal getäuscht, von neuem traue, müsse aber wahnsinnig sein, wenn man ihr noch nachlaufe. Da die Geschichte keine für ihn günstigen Seiten bot, wurde die Reise mit allen Nebenumständen stillschweigend abgetan, so gut es ging; doch wie man glauben darf, hielt Lady Chesterfield sie nicht allzu geheim, und so erfuhr sie der König. Nachdem er Hamilton lächelnd sein Kompliment gemacht, verlangte er einen genauen Bericht über die Sache. Dabei war der Chevalier Grammont anwesend und sagte nach einigem nicht allzu strengen Tadel des ihm gespielten Streichs: »Hatte sie unrecht, die Rache so weit zu treiben, so haben auch Sie gefehlt, daß Sie zurückkehren wie ein Anfänger. Ich wette hundert Pistolen, sie hat den Streich, den Sie übrigens durch Ihr Eingreifen zum Teil verdienten, sofort bereut. Die Frauen lieben die Rache, sind aber in ihrem Zorn nicht ausdauernd; wären Sie nur bis zum folgenden Tag in der Gegend geblieben, so wollte ich meinen Hals daransetzen, Sie hätten für die Schmach der ersten Nacht reichen Ersatz erhalten.« Hamilton konnte sich zu dieser Ansicht nicht verstehen. Grammont wollte deshalb seine Behauptung durch ein Beispiel belegen und sprach zum König gewendet: »Sire, wahrscheinlich haben Ew. Majestät Marion de l'Orme gekannt. Sie war das reizendste Wesen in ganz Frankreich, geistvoll wie ein Engel, aber launenhaft wie ein Teufel. Dieses Dämchen hatte mir eine Zusammenkunft versprochen und ließ sich einfallen, sie statt meiner einem anderen zu gewähren. Sie schrieb mir ein sehr niedliches Billett voll Verzweiflung über einen Kopfschmerz, der sie an das Bett feßle und ihr nicht gestatte, mich vor dem nächsten Tag zu sehen. Dieser plötzlich eingetretene Kopfschmerz schien mir verdächtig und ich zweifelte nicht mehr an meiner Zurücksetzung. Wahrhaftig, rief ich, mein kokettes Fräulein, wenn du dir heute nicht das Vergnügen machen willst, mich zu sehen, sollst du auch keinen andern zu sehen bekommen. Bald waren alle meine Kundschafter auf den Beinen; einige umschwirrten die Estrade ihres Hauses, andre bewachten die Tür. Einer der letzteren meldete, den ganzen Nachmittag sei niemand zu ihr gegangen, aber gegen die Dämmerung sei ein kleiner Lakai aus dem Haus gekommen; er sei ihm nach der Straße St. Antoine gefolgt, wo der Mensch einem andern Lakaien begegnet sei und ihm einige Worte gesagt habe. Mehr war nicht nötig, um mich in meinem Verdacht zu bestärken; und ich faßte also den Entschluß, ich wollte entweder mit von der Partie sein oder sie sollte gar nicht stattfinden. Da es von meinem Wirt bis zum Marais sehr weit war, stieg ich mit Anbruch der Nacht unbegleitet zu Pferd. Auf der Place-Royale erfuhr ich von dem dort aufgestellten Kundschafter, niemand sei zu Mademoiselle de l'Orme gegangen. Ich bog in die Straße Saint-Antoine ein und erblickte, gerade als ich den Platz verließ, einen Fußgänger, der sich bei meinem Anblick so gut als möglich zu verbergen suchte; doch war es vergebens; ich hatte ihn erkannt. Es war der Herzog von Brissac. Ich zweifelte keinen Augenblick, daß er mein Nebenbuhler in der heutigen Nacht sei. Ich näherte mich ihm also, indem ich mich stellte, als erkenne ich ihn erst jetzt, dann stieg ich ab und sagte mit geschäftiger Miene: »Mein lieber Brissac, du mußt mir einen wichtigen Gefallen tun; vier Schritt von hier habe ich mit einer schönen Frau meine erste Zusammenkunft. Da wir nur Verhaltungsmaßregeln verabreden wollen, werde ich nicht lang machen. Leih mir deinen Mantel, wenn du so gut bist und führe mein Pferd, bis ich zurückkomme, ein wenig auf und ab. Vor allem aber entferne dich nicht von dieser Stelle. Du siehst, ich mache keine Umstände, aber wie du weißt, bin ich zu jedem Gegendienst bereit.« Ohne Antwort abzuwarten, nahm ich seinen Mantel. Er faßte mein Pferd am Zügel und sah mir nach. Das half ihm wenig; denn nachdem ich zum Schein in ein Tor ihm gegenüber getreten war, drängte ich mich unter den Bogengängen die Häuser entlang bis zum Eingang zur schönen de l'Orme. Ich war in Brissacs Mantel so gut verhüllt, daß man mir auf mein Klopfen gleich öffnete und mich für den Herzog hielt. Man machte hinter mir schleunig zu, ohne mir die geringste Frage vorzulegen. Da ich auch nichts zu fragen hatte, ging ich gerade auf das Zimmer des Fräuleins zu. Ich fand die Schöne auf einem Ruhebett, und zwar im elegantesten, reizendsten Negligé der Welt. Ich hatte sie nie so schön noch so überrascht gefunden; da ich sie ganz bestürzt erblickte, fragte ich: »Was ist los, mein süßes Kind? Die Migräne ist ja ganz nett geputzt, der Kopfschmerz gewiß verschwunden?« – »O nein,« erwiderte sie, »ich kann es gar nicht mehr aushalten; Sie täten mir einen Gefallen, wenn Sie fortgingen und mich zu Bette gehen ließen.« – »Zu Bett, ja,« rief ich, »aber fortgehen, nein, das werde ich nicht, meine kleine Prinzessin. Der Chevalier Grammont ist kein Dummkopf; um nichts und wieder nichts putzt man sich nicht so.« – »Sie werden aber sehen, daß es um nichts geschah; keinesfalls aber für Sie«, entgegnete sie. – »Wie, nachdem Sie mir ein Rendezvous versprochen haben!« – »Gut, gut,« rief sie heftig, »doch wenn ich Ihnen fünfzig versprochen hätte, hängt es nur von mir ab, sie einzuhalten; Sie dagegen müssen auf alle verzichten, wenn ich es will.« – »Das wäre ganz in Ordnung,« meinte ich, »wenn Sie die Zusammenkunft nicht einem andern zuwenden.« Stolz wie die Unschuld selbst und dabei zügellos wie ihr Gegenteil wurde sie über diese Verdächtigung wütend, die sie mehr ärgerte als in Verlegenheit setzte. Da ich nun sah, daß sie aufs hohe Roß wollte, sagte ich: »Bitte, Fräulein, nicht in diesem Ton. Ich weiß, was Sie ängstigt. Sie befürchten, Brissac werde mich bei Ihnen finden. Aber darüber seien Sie ganz ruhig. Ich begegnete ihm nicht weit von hier und ich habe, Gott sei Dank, dafür gesorgt, daß er Sie nicht so bald besuchen kann.« Das sprach ich mit etwas tragischer Miene. Anfangs schien sie darüber bestürzt und fragte, mich ängstlich ansehend: »Was wollen Sie mit dem Herzog von Brissac sagen?« – »Ich will sagen, daß er mein Pferd am Ende der Straße auf und ab führt, und wenn Sie mir nicht glauben wollen, brauchen Sie nur einen Ihrer Leute hinzuschicken oder seinen Mantel, den ich im Vorzimmer ließ, in Augenschein zu nehmen.« Hier unterbrach sie ihr Erstaunen durch lautes Gelächter und, mir um den Hals fallend, rief sie: »Nein, mein Chevalier, ich kann mich nicht halten; du bist zu charmant und zu drollig, als daß man dir nicht alles verzeihen sollte.« Ich erzählte ihr, wie sich die Sache zugetragen, und sie wollte vor Lachen vergehen. Da wir nun als sehr gute Freunde schieden, schwor sie mir, mein Rival könne Pferde halten, so lange es ihm beliebe; er werde die Nacht keinen Fuß in ihr Haus setzen. Ich fand ihn glücklich an dem Ort, wo ich ihn gelassen. Mit tausend Entschuldigungen, daß ich ihn so lange aufgehalten, drückte ich ihm meinen verbindlichsten Dank für seine Gefälligkeit aus. Er sagte, ich scherze wohl; unter Freunden wären derlei Faxen nicht Sitte, und um mich zu überzeugen, daß er mir den kleinen Dienst sehr gern geleistet, wollte er durchaus die Zügel halten, während ich wieder aufstieg. Den Mantel zurückgebend, wünschte ich ihm gute Nacht und kehrte, mit der Freundin und dem Nebenbuhler gleich zufrieden, heim. Es bedarf also nur einiger Geduld und Gewandtheit, um den Zorn einer Frau zu entwaffnen und selbst aus ihrer Täuschung Nutzen zu ziehen.« So sehr der Chevalier Grammont durch seine Geschichten ergötzen oder durch sein Beispiel belehren mochte, wenn er auch am Hofe nur erschien, um allgemein Freude zu bereiten, war er doch schon zu lange der einzige Fremde in Mode. Eifersüchtig auf das dem Verdienste gezollte Lob, will das Glück alle Gunst von seinen Launen abhängig sehen und stellte ihm deshalb zwei Mitbewerber um das Vorrecht, England allein zu amüsieren, in den Weg. Diese Herren waren um so gefährlicher, als ihnen ein guter Ruf vorausgegangen war und den Hof zu ihren Gunsten gestimmt hatte. Sie waren Zierden des französischen Richter- und Soldatenstandes. Der eine war der Marquis von Flamarens, der traurige Gegenstand der weinerlichen Elegien der Gräfin de la Suze, der andre der Präsident Tambonneau, der demütige, gehorsame Knecht und Schäfer der schönen Luynes. Zu gleicher Zeit taten sie ihr mögliches, um durch und miteinander zu glänzen. Ihre Gaben waren so verschieden wie ihr Äußeres. Ziemlich häßlich, stützte Tambonneau seine Hoffnungen auf sehr viel Geist, den man an ihm nicht entdecken konnte; und Flamarens forderte durch Gestalt und Miene eine Bewunderung, die man ihm kurzweg verweigerte. Sie waren übereingekommen, sich gegenseitig zu unterstützen, um zum Ziel zu gelangen. Deswegen blieb bei den ersten Besuchen der eine stumm, während der andere das Wort führte. Aber sie fanden bei den englischen Damen nicht den Anklang, wie vor kurzem bei den Französinnen. Die Redekunst des einen erblich bei dem schönen Geschlecht und die hübsche Gestalt des anderen trat nur im Menuett hervor, das er in England einführte und mit ziemlichem Erfolg tanzte. An diesem Hofe war man zu sehr an den Geist eines Saint-Evremond und an die frische, originelle Anmut seines Helden gewöhnt, um sich durch künstlichen Schein gewinnen zu lassen. Da aber die Engländer im allgemeinen eine entschiedene Vorliebe für alles haben, was nur irgendwie nach Gladiatorenbravour schmeckt, so war man wegen eines Duells, das ihn aus seinem Vaterlande verbannt hatte und ihm hier als Empfehlungsbrief diente, etwas für Flamarens voreingenommen. Zuerst hatte Miß Hamilton die Ehre, von Tambonneau ausgezeichnet zu werden, er meinte, sie besitze den nötigen Geist, um die Feinheit des seinigen zu entdecken; entzückt, daß von seiner Unterhaltung weder Redewendungen noch Ausdruck oder Gedankentiefe verloren gehe – erzeigte er ihr oft die Gnade, mit ihr zu plaudern, und wäre vielleicht nie gewahr worden, daß er sie eigentlich langweile, wenn er bei bloßer Entfaltung seiner Beredsamkeit stehengeblieben wäre. Aber er ließ es sich einfallen, ihr Herz zu belagern. Das hieß, von der Gefälligkeit Miß Hamiltons zu viel verlangen, sie meinte deshalb, sie habe schon seinen Redefloskeln allzu große Nachsicht bewiesen. Man bat ihn, den Versuch mit seinen verführerischen Phrasen anderwärts zu machen und das Verdienst einer bisher unverletzten Anhänglichkeit an die Damen Frankreichs nicht durch eine ganz vergebliche Untreue aufs Spiel zu setzen. Als kluger und gelehriger Mann folgte er diesem Rat und kehrte bald zu seinen früheren Fesseln nach Frankreich zurück; dort sammelte er politischen Vorrat für jene wichtigen Staatsverhandlungen, an denen er seitdem teilgenommen hat. Zu dieser Zeit verliebte sich der öfter erwähnte Talbot, später zum Herzog von Tyrconnel erhoben, in Miß Hamilton. Es gab am Hofe keinen stattlicheren Mann. Er war nur der jüngere Sohn aus einer allerdings sehr alten, aber durch Glanz und Reichtum nicht hervorragenden Familie. Allein, so ungebunden und locker er sonst auch schien, so war er doch auf sein Fortkommen sehr bedacht, stand hoch in der Gunst des Herzogs von York, hatte dessen Gnade gut benutzt und überdies im Spiel Glück gehabt. Mit allen diesen Mitteln war er zu einem Grundbesitz von vierzigtausend Livres jährlichen Einkommens gelangt. Diese, mit der sicheren Aussicht, zum Pair des Reiches ernannt zu werden, vereint, bot er Miß Hamilton bei der Bewerbung an; außerdem stellte er ihr so viel Briefe, Porträts und Haargeflechte von Lady Shrewsbury zur Verfügung, wie sie zu haben wünschte. Dergleichen Raritäten haben zwar für den Ehestand keinen Wert; aber sie belegten seine Leistungsfähigkeit im Punkt der Liebe. Dieser Nebenbuhler war nicht zu übersehen und der Chevalier Grammont fand ihn für seine Herzenssache umso gefährlicher, als Talbot wirklich leidenschaftlich verliebt und nicht der Mann dazu war, sich mit einem Korb gleich zurückzuziehen oder durch ungeschicktes Werben Verachtung und Kälte zu erwecken. Überdies fingen dessen Brüder an, das Haus der Hamilton zu besuchen. Von diesen war der eine Almosenier der Königin, ein ränkevoller Jesuit und großer Ehekuppler; der andere, ein sogenannter Weltgeistlicher, besaß nur die Ausschweifungen und den sohlechten Ruf seiner ganzen Klasse; im übrigen war er freimütig, ziemlich unterhaltend, hatte aber die Eigenschaft, verletzende Wahrheiten zu sagen und mitunter gute Dienste zu leisten. Nach Ansicht des Chevaliers Grammont lag in all diesen Dingen viel Beunruhigendes. Miß Hamiltons Gleichgültigkeit gegen die Werbungen des Rivalen war nicht imstande, ihn einzulullen. Denn sie konnte nur für ihre persönliche Gesinnung in Anschlag kommen und hing sonst ganz von der ihrer Familie ab. Das Glück schien ihn jedoch in England unter seinen Schutz genommen zu haben und befreite ihn bald von dieser neuen Sorge. Seit längerer Zeit hatte sich Talbot zum Beschützer der unterdrückten Irländer aufgeworfen. Dieser Eifer für das Wohl seines Volkes war anerkennungswert, doch nicht ganz uneigennützig. Er hatte von allen, denen sein Einfluß wieder zu ihrem Güterbesitz verholfen, sich kleine Vergütungen erpreßt; da aber beide Teile ihre Rechnung dabei fanden, so klagte niemand darüber. Wenn aber Glück und Gunst alle Unternehmungen eines Menschen krönen, hält er selten Maß. Sein Benehmen war das eines Mannes, der sich unabhängig fühlt, und das verletzte das Ansehen des damaligen Vizekönigs von Irland, des Herzogs von Ormond. Dieser ließ ihm ziemlich stolz sagen, daß er das nicht dulden könne. Gewiß war ein Unterschied zwischen der Bedeutung und der Stellung beider. Für Talbot wäre Fügsamkeit und Unterwerfung die passendste Rolle gewesen. Da ihm das aber nicht ehrenvoll schien, spielte er den Stolzen und – befand sich nicht wohl dabei. Denn als er sich durch einige Äußerungen, die sich für ihn nicht schickten und die der Herzog von Ormond nicht überhören durfte, begangen hatte, steckte man ihn in den Tower. Hier sah er freilich keine andere Möglichkeit freizukommen, als durch volle Abbitte beim Herzog. So bot er denn den Einfluß seiner Freunde auf und tat alles, um sein Schicksal zu ändern. Durch dieses Zerwürfnis büßte er aber alle Hoffnung auf eine künftige Verbindung mit einer Familie ein, die sich seitdem wohl hütete, seine Werbungen zu beachten. Er mußte sich etwas Gewalt antun, um sofort eine Leidenschaft zu besiegen, die in seinem Herzen größere Fortschritte gemacht, als das Zerwürfnis ihm in seiner Stellung geschadet hatte. Er hielt deshalb seine Rückkehr nach Irland für unumgänglich notwendig; auf Miß Hamiltons Hand war alle Aussicht geschwunden, wenn auch die Neigung zu ihr seine Ruhe noch immer störte. Die Abreise folgte seinem Entschluß auf dem Fuß. Er spielte hoch und war ziemlich zerstreut. Am Vorabend seiner Einkerkerung hatte der Chevalier Grammont ihm drei- bis vierhundert Guineen abgewonnen. Durch die Gefangennehmung war ihm der Brauch, am nächsten Morgen zu zahlen, so sehr aus dem Gedächtnis entschwunden, daß er selbst nach der Freilassung nicht daran dachte. Da Grammont nun sah, er werde abreisen, ohne seine Schuld zu bezahlen, so meinte er, er müsse ihm eine glückliche Reise wünschen. Er traf ihn beim Herausgehen aus dem Zimmer des Königs, bei dem jener sich Verabschiedet hatte, und sagte: »Talbot, wenn Sie während Ihrer Abwesenheit meiner Dienste hier bedürfen sollten, brauchen Sie es nur zu sagen. Wie Ihnen bekannt, hat der alte Russell seinen Neffen William hier gelassen, um sein Interesse bei Miß Hamilton zu vertreten; wenn Sie es wünschen, will ich das Ihrige wahrnehmen. Adieu, glückliche Reise! Werden Sie unterwegs nicht etwa krank; sollte es aber der Fall sein, so denken Sie meiner in Ihrem Testament.« – Talbot, der erst durch diese Worte an seine Schuld erinnert wurde, brach in lautes Lachen aus, umarmte ihn und sagte: »Mein lieber Chevalier, ich bin Ihnen für Ihr Anerbieten so dankbar, daß ich Ihnen meine Geliebte lasse und Ihnen Ihr Geld schicken werde.« Der Chevalier besaß von taktvollen Mitteln, das Gedächtnis Zahlungssäumiger ein wenig aufzufrischen, einen ganzen Vorrat. So benahm er sich zum Beispiel später einmal Lord Cornwallis gegenüber in folgender Weise: Dieser Lord hatte die Tochter des Schatzmeisters des königlichen Hauses, Fox, des reichsten und pünktlichsten Mannes in England geheiratet. Sein Schwiegersohn dagegen war ein verschwenderischer Patron, der so viel verspielte, als man nur wünschen konnte, dabei aber nicht nach Wunsch bezahlte. Weit entfernt, sein Betragen zu billigen, machte der Schwiegervater die Fehler des Lords durch Zahlung bald wieder gut. Grammont hatte ihm etwa tausend bis zwölfhundert Guineen abgewonnen. Aber sie gingen, obgleich er vor seiner Abreise von Lord Cornwallis vor allen andern Abschied genommen, nicht ein. Das veranlaßte ihn, folgendes, gewiß lakonisches Billett zu schreiben: »Mylord! Behalten Sie den Grafen Grammont in geneigtem Andenken und vergessen Sie nicht den Ritter Fox.« Wir kehren zu Talbot zurück. Er schien bewegter als ein Mensch, der auf seine Geliebte verzichtet bat, eigentlich sein sollte. Der Aufenthalt in Irland und die Beschäftigung mit dem Ordnen seiner Angelegenheiten kurierte ihn nicht ganz; denn als er bei der Rückkunft von den Fesseln der Miß Hamilton frei war, verfiel er der Gewalt einer anderen. Der Personenwechsel an beiden Höfen schuf bei ihm diesen Wandel. Wir wollen sehen, wie. Von den Fräulein der Königin haben wir bis jetzt nur Miß Stewart und Miß Warmestré näher erwähnt. Die anderen waren Miß Bellenden, Mademoiselle de la Garde und Mademoiselle Bardou, sämtlich, nach des Himmels Willen, Ehren -Fräulein. Miß Bellenden war keine Schönheit. Sie war ein gutmütiges Geschöpf; üppige Fülle und etwas Frische mußten bei ihr andere Mängel ersetzen, und da sie nicht den geschickten Takt einer regelrechten Kokette besaß, so tat sie ihr möglichstes, durch ihre Zuvorkommenheit alle zufriedenzustellen. Mademoiselle de la Garde und Mademoiselle Bardou, beide Französinnen, waren durch die Königinmutter angestellt worden. Die erste, eine kleine schwarzbraune Person, mischte sich in die Angelegenheiten ihrer Kolleginnen, die zweite wollte um jeden Preis in die Klasse der Hofdamen aufgenommen werden, obgleich sie eigentlich nur bei ihnen wohnte und ihr die Ansprüche auf eine Hoffunktion stets bestritten wurden. Kaum ließ sich bei einem so reizenden Wuchs ein häßlicheres Gesicht denken. Dieser Kontrast wurde noch durch alle mögliche Kunst gehoben. Sie mußte häufig mit Flamarens tanzen und führte mitunter zu Ende eines Balles, mit Kastagnetten und Keckheit ausgerüstet, eine kunstvolle Sarabande auf, die den Hof zum Lachen brachte. Sehen wir, was aus alledem wurde. Da Miß Stewart bei der Königin nur selten Dienst tat, wurde nicht mehr auf sie gerechnet. Die anderen verschwanden fast zur selben Zeit infolge verschiedener Abenteuer. Wir geben das der Miß Warmestré, die bereits im Zusammenhang mit Grammont erwähnt wurde. Der älteste Sohn des Earl von Carlingfort, Lord Taafe, hatte sich eingebildet, er sei in sie verliebt und Miß Warmestré hielt es nicht nur für wahr, sondern zweifelte nicht daran, daß er sie bei erster Gelegenheit heiraten werde; vorläufig hielt sie es aber für ihre Pflicht, ihm bestens entgegenzukommen. Der Lord hatte dem Herzog von Richmond seine Sache anvertraut. Beide waren sehr einander, noch mehr aber dem Wein zugetan. Trotz seiner Geburt spielte der Herzog von Richmond bei Hofe keine sonderliche Rolle und der König hielt von ihm noch weniger als die Höflinge. Wahrscheinlich, um sich mehr in des Fürsten Gunst zu setzen, verfiel er darauf, sich in Miß Stewart zu verlieben. Zwischen dem Herzog und Lord Taafe wurden denn auch die neuen Herzensangelegenheiten verhandelt. Sie entwarfen folgenden Plan. Die kleine de la Garde wurde angewiesen, Miß Stewart zu sagen, der Herzog von Richmond vergehe vor Liebe zu ihr, und jedesmal, wenn er sie in Gesellschaft mit Blicken verfolge, wolle er damit sagen, er sei bereit, sie zu heiraten, sobald sie dazu aufgelegt wäre. Lord Taafe hatte der kleinen Gesandtin von sich keine Botschaft anzuvertrauen; zwischen ihm und Miß Warmestré war alles in bester Ordnung; doch sollte sie sich gewisse Erleichterungen für die Freiheit ihres Verkehrs schaffen, zum Beispiel, daß er sie zu allen Stunden des Tages und der Nacht besuchen könne. Das schien etwas schwierig, aber man kam zum Ziel. Um nichts in der Welt hätte die Gouvernante der Fräulein ihre Aufseherrolle anders als in Zucht und Ehren gespielt; doch gestattete sie, daß bei Miß Warmestré nach Belieben soupiert wurde, versteht sich: in ihrem Beisein und ehrbaren Absichten. Die gute Dame liebte frische Austern und verachtete auch spanische Weine nicht. Sie fand also regelmäßig bei jeder Mahlzeit zwei Fäßchen Austern, das eine zum gemeinsamen Mahl, das andere zum Mitnehmen. Wenn sie ihr gehöriges Quantum Wein genossen hatte, empfahl sie sich. Ungefähr um die Zeit, da der Chevalier Grammont die Augen auf Miß Warmestré geworfen hatte, führte man ein heiteres Leben auf ihrem Zimmer. Der Himmel weiß, wie viele Schinkenpasteten, Flaschen Wein und andere Dinge auf seine Kosten dort vertilgt wurden. Inmitten dieser nächtlichen Gelage und gerade während dieses harmlosen Verkehrs kam ein Verwandter von Killegrew eines Prozesses wegen nach London. Er gewann ihn, hätte aber dabei fast den Verstand verloren. Es war ein Landedelmann, seit sechs Monaten Witwer und Herr von fünfzehn- bis sechzehntausend Livres jährlichen Einkommens. Der arme Mann, der eigentlich bei Hofe nichts zu tun hatte, besuchte dort seinen Vetter Killegrew, der mit seiner Visite eigentlich auch nichts anzufangen wußte. Dort traf der Angekommene Miß Warmestré und verliebte sich in sie auf den ersten Blick. Das Übel nahm so sehr zu, daß er weder Tag noch Nacht Ruhe hatte und zum äußersten Mittel greifen mußte, das heißt, eines Morgens besuchte er seinen Vetter Killegrew, entdeckte ihm seine Lage und bat ihn dringend, in seinem Namen um Miß Warmestré anzuhalten. Killegrew glaubte aus den Wolken zu fallen, als er die Absicht vernahm. Er konnte sich vom Erstaunen gar nicht erholen, daß der Cousin unter allen Londoner Schönen gerade dies Mädchen zu seiner Frau zu machen beschloß. Eine Zeitlang wollte er es gar nicht glauben; als er aber sah, es sei sein voller Ernst, zählte er ihm die Bedenklichkeiten und Gefahren auf, die mit einem so gewagten Unternehmen verknüpft wären. Er stellte ihm vor, ein am Hofe gebildetes Mädchen sei für das Land ein schreckliches Unding. Es hieße seine idyllische Ruhe durch den Lärm der Hölle stören, wenn er sie gegen ihre Einwilligung aufs Land führen wolle; wenn er aber schwach genug sei, sie in der Stadt zu lassen, so brauche er nur einen kleinen Überschlag zu machen, wie viel ihrer Laune nach für Equipage, Tafel, Kleider und Spiel draufgehen würde; er habe nur zu überlegen, wie weit seine fünfzehntausend Livres dann reichen könnten. All das hatte sein Vetter schon in Betracht gezogen; aber seine Leidenschaft war stärker als sein Verstand und er beharrte bei seinem Entschluß. Auf seinen Wunsch ging Killegrew, ihn an Haupt und Füßen gebunden der siegreichen Warmestré anbieten. Weil er nichts so sehr fürchtete, wie ihre Einwilligung, so setzte ihn die Verachtung, mit der sie den Vorschlag aufnahm, in größtes Erstaunen. Ihr Stolz bei der Zurückweisung ließ ihn glauben, sie halte ihre Verbindung mit Lord Taafe für vollkommen gesichert, und er wunderte sich von neuem, daß ein solches Dämchen zwei Männer zu ernster Bewerbung verleitet habe. Er beeilte sich, den Korb in verletzendster Form zu überbringen, weil er glaubte, dies sei die heilsamste Kur für seinen schmachtenden, unglücklichen Vetter. Aber der Cousin war damit nicht zufrieden. Er dachte, Killigrew verberge die Wahrheit aus den angeführten Gründen, und beschloß, weil er mit ihm nicht mehr darüber zu sprechen wagte, selbst zu ihr zu gehen. Für diesen Schritt raffte er all seinen Mut zusammen und studierte seine Anrede; doch kaum hatte er den Mund geöffnet, als sie ihm sagte, er hätte sich die Mühe sparen können, auf ihr Zimmer zu kommen, um von einer albernen Sache zu reden, über die sie Herrn Killegrew schon ihre Meinung gesagt; sie hätte ihm lebenslänglich keine andere Antwort zu erteilen. Dies wurde mit aller Härte, wie man sie Zudringlichen zeigt, gesprochen. Seine Betrübnis war noch größer, als seine Überraschung. Ganz London wurde ihm verhaßt, er sich selbst am meisten. Er reiste ab, ohne seinen Vetter zu sehen, gelangte auf seinen Landsitz, und weil er ohne die Grausame nicht leben zu können glaubte, beschloß er, sein möglichstes zu tun, um zu sterben. Während er sich aber, um seinem Schmerz nachzuhängen, der Gesellschaft seiner Pferde und Hunde, das heißt den liebsten Genüssen eines Landedelmannes entzog, nahm die stolze Warmestré, offenbar in der Zeitrechnung getäuscht, sich die Freiheit, mitten am Hofe niederzukommen. Ein so öffentlicher Vorfall machte, wie man sich denken kann, nicht geringes Aufsehen. Die ganze prüde Sippschaft des Hofes entfesselte ihre bösen Zungen; am lautesten schrien die nach Genugtuung, die weder durch Jugend noch Reize imstande waren, solchen Anstoß zu geben. Die Gouvernante der Fräulein jedoch, die zunächst zur Rechenschaft gezogen werden sollte, versicherte, es sei nichts; sie besitze Mittel, den bösen Zungen Schweigen zu gebieten. Die Königin wurde um eine Audienz ersucht, um die Erklärung für dieses sonderbare Geheimnis anzuhören, und die Duenna setzte auseinander, wie die Sache sich mit ihrer Einwilligung zugetragen, das heißt, in allen Züchten und Ehren. Die Königin ließ Lord Taafe fragen, ob er Miß Warmestré als seine Frau anerkenne. Er entgegnete hochachtungsvoll, er anerkenne weder Miß Warmestré noch ihr Kind, er wundere sich, wie man ihm eher als einem anderen diese Ehre zuweise. Mehr über diese Antwort entrüstet, als über den Verlust eines solchen Liebhabers betrübt, verließ die unglückliche Warmestré schleunig den Hof mit dem Entschluß, der Welt bei erster Gelegenheit Lebewohl zu sagen. Im Begriff, eine Reise anzutreten, als das Ereignis stattfand, glaubte Killigrew, es wäre nicht übel, wenn er einen Abstecher nach dem Landsitz seines trostlosen Vetters mache, um ihm diese Nachricht mitzuteilen. Ohne dessen zärtliche Gefühle zu berücksichtigen, meldete er ihm, sobald er ihn erblickt hatte, kurz und bündig die Neuigkeit. Dabei wurden keine Farben gespart, um ihn zu Scham und Entrüstung zu reizen. Man kennt die Sage, wie der Ritter Toggenburg bei dem Bericht vom Tode seiner Holden sanft erblaßte und starb. Killegrews zärtlicher Vetter hingegen warf sich fromm auf die Knie, hob die Augen zum Himmel und sprach: »Der Herr sei gelobt für das kleine Unheil, das vielleicht das Glück meines Lebens machen wird! Wer weiß, ob die schöne Warmestré mich jetzt nicht nimmt und ob ich nicht am Ende die Freude haben werde, meine Tage mit einer angebeteten Frau zuzubringen, von der ich Erben hoffen kann?« – »Gewiß!« rief Killigrew, weit mehr überrascht, als er den anderen zu finden erwartete. »Ihr könnt auf beides rechnen. Ich zweifle nicht, daß sie Euch die Hand reichen wird, sobald sie wieder auf den Beinen ist, und es wäre schändlich von ihr, da sie so gut Kinder zu bekommen versteht, wenn sie Euch daran mangeln ließe. Vorläufig rate ich Euch, ehe andere kommen, das Neugeborene zu adoptieren.« Wie gesagt, so geschah's, trotz dem Spott. Der treue Anbeter trachtete nach ihr, wie er nur nach der keuschen Lukretia oder schönen Helena hätte streben können. Nach der Hochzeit wuchs seine Liebe immer mehr; anfangs war die Frau durch seine Großmut gerührt, dann gewann sie ihn aufrichtig lieb. Sie gebar ihm nicht ein einziges Kind, dessen Vater er nicht gewesen wäre; nie gab es in England eine glücklichere, friedlichere Ehe. Durch jenes Beispiel gewarnt, hatte Miß Bellenden einige Zeit nachher die Klugheit, den Hof zu rechter Zeit zu verlassen, ehe sie fortgewiesen wurde. Die unangenehme Bardou folgte ihr bald, jedoch aus anderen Gründen, nach. Man war ihrer Sarabande und ihres Gesichtes müde. Um keine der beiden Damen wiederzusehen, ließ ihnen der König eine geringe Pension zahlen. Es blieb also nur noch die kleine de la Garde zu versorgen. Sie hatte weder so viele Fehler, um vom Hofe verbannt zu werden, noch genug Vorzüge, um dort zu bleiben. Gott weiß, was aus ihr geworden wäre, hätte nicht der edle Silvius, ein Mann, der außer seinem Namen nichts von einem Römer an sich trug, die Infantin de la Garde zur Frau genommen. Wir haben gesehen, wie alle diese Heldinnen wegen Verirrungen oder wegen ihrer Häßlichkeit fortgejagt zu werden verdienten; die Nachfolgerinnen bewiesen indes, daß es möglich war, jene wieder zurückzuwünschen, die einzige Miß Wells etwa ausgenommen. Sie war ein großes Mädchen, schön zum Malen, kleidete sich mit Geschmack und hatte den Gang einer Göttin; ihr denkbar schön geformtes Gesicht ließ aber trotzdem kalt. Die Natur hatte in ihre Züge einen so verschwommenen Ausdruck gelegt, daß man in das Auge eines träumenden Himmels zu sehen glaubte. Das gab keine gute Idee von ihrem Geist, und leider entsprach der Geist dieser Idee nur allzusehr. Da sie aber frisch war und jungfräulich schien, so wollte der König, durch Miß Stewart punkto Geist nicht verwöhnt, untersuchen, ob bei Miß Wells die Sinne nicht eher auf ihre Kosten kamen als der Kopf bei ihrem Verstande. Die Probe wurde ihm nicht schwer. Sie stammte aus einer gut königlich gesinnten Familie, und da ihr Vater Karl dem Ersten treu gedient, so meinte sie, dürfe sie Karl dem Zweiten keinen Widerstand entgegensetzen. Das Verhältnis hatte jedoch für sie keine sehr vorteilhaften Folgen. Man behauptete, sie habe etwas zu wenig Widerstand gezeigt und sich, ohne stark bedrängt worden zu sein, auf Gnade und Ungnade ergeben; andere meinten, Seine Majestät beklage sich außerdem über weitere, noch weniger einladende Allzuleichtigkeiten. Über diesen Vorfall machte der Herzog von Buckingham ein Couplet, in dem der König im Gespräch mit Progers, dem vertrauten Diener seiner geheimen Freuden, aufgeführt wird. Das Wortspiel mit dem Namen Wells, der » Quelle, Brunnen « bedeutet, bildet die Pointe. Wir geben den Sinn: Als der König dieses Brunnens Schauderhafte Tiefe fühlte, Schrie er, Progers, wo geriet ich hin? Sucht' ich hier den Mittelpunkt der Erde, Fände ich ihn ohne viel Beschwerde, Wär' bald selber drin. Trotz dieser Art Anagramm auf ihren Namen und der Andeutung über ihre Person glänzte Miß Wells immer noch unter ihren neuen Gefährtinnen, die Fräulein Levingston, Fielding und Boynton, die kaum wert sind, in diesen Memoiren erwähnt zu werden; auch wollen wir sie in ihrem Dunkel lassen, bis es dem Schicksal gefällt, sie ans Licht zu ziehen. Das waren also die Ehrenfräulein des neuen Hofstaates der Königin; der der Herzogin von York wurde fast gleichzeitig neu gebildet. Diese Fürstin bewies durch glänzende Auswahl, daß England reich an Schönheiten sei. Ehe wir von ihnen sprechen, wollen wir ein wenig sehen, wer die bisherigen Hofdamen waren und weshalb sie von Ihrer Hoheit wegkamen. Außer Fräulein Blague und Miß Price, die schon erwähnt wurden, bestand der Kreis aus Miß Bagot und Miß Hobart, der ältesten der Schwesterschaft. Da die Blague den Grund ihres Zerwürfnisses mit dem Marquis von Brisacier nie recht genau erfahren hatte, so hielt sie sich an den von ihm empfangenen fatalen Brief; in diesem war, ohne die Andeutung, daß Miß Price mit ihr gleiche Farben in Handschuhen und Bändern tragen würde, nur von ihrer Blondheit und ihren »Frischlings-Augen« die Rede gewesen. Sie bildete sich ein, das müsse etwas ganz Besonderes sein, weil man ihre Sehorgane so bezeichnete und, neugierig auf die eigentliche Bedeutung des Ausdruckes, fragte sie nach einiger Zeit, was Frischling sei? – Nun gibt es in England keine Eber und die Befragten antworteten, es sei ein kleines Ferkel. Diese Beleidigung bestärkte sie vollends in ihrem Verdacht von der Treulosigkeit des Franzosen und Brisacier, noch mehr erstaunt über ihre plötzliche Veränderung, als jene über seine angebliche Tücke entrüstet war, sah in ihr außer einem faden Wesen nun auch ein eigensinniges Geschöpf und ließ sie ohne weiteres im Stich. Allein der Ritter Yarborough, ebenso blond wie sie selbst, stellte sich mitten in dieser gespannten Stimmung ein, wurde günstig aufgenommen und das Schicksal schloß diesen Bund, um zu zeigen, was ein so blaßbleiches Paar zu Tage fördern könne. Miß Price besaß Verstand; da ihr Äußeres aber nicht danach war, ihr viele Verehrer zu verschaffen, sie aber mehrere wünschte, so trieb sie bei Gelegenheit den Preis nicht zu sehr in die Höhe, sondern feilschte überhaupt nicht. Wie in ihrem Zorn, so zeigte sie Heftigkeit in ihrer Liebe. Das hatte sie einigen Unannehmlichkeiten ausgesetzt. Sehr zur Unzeit hatte sie mit einem jungen Mädchen Streit angefangen, das Lord Rochester liebte. Der Umgang war bisher geheimgehalten worden und sie war so unklug, das Verhältnis möglichst in die Öffentlichkeit zu bringen. Dadurch zog sie sich den gefährlichsten Feind der Welt zu. Nie hat jemand anmutiger, feiner und gewandter geschrieben als dieser Lord; doch war dafür in seiner Feder die Satire von unerbittlicher Schärfe. Da sie sich seiner Geißel ausgesetzt hatte, so figurierte die arme Price in seinen Ausfällen täglich in neuer Gestalt. Es regnete Liederchen, in denen ihr Name das Stichwort, ihr Benehmen den Inhalt bildete. Was ließ sich dagegen an einem Hofe tun, an dem man auf die geringsten Dinge von Lord Rochester gespannt war. Es bedurfte nur noch des Verlustes eines Liebhabers und einer darauf folgenden Entdeckung, um die Verfolgung der Price bis zur äußersten Grenze zu treiben. Zu jener Zeit starb nämlich Dongan. Es war ein Mann von Verdienst, dem Durfort, der spätere Graf Feversham, in dem Posten eines Oberoffiziers der herzoglichen Leibgarde folgte. Miß Price hatte den Verstorbenen zärtlich geliebt. Sein Tod stürzte sie in Verzweiflung; aber sein Nachlaß hätte sie fast zum Wahnsinn getrieben. Darunter war nämlich ein von der Hand des Verstorbenen an Miß Price adressiertes allerseits versiegeltes Kästchen. Die Gouvernante hielt für richtig, es in Empfang zu nehmen, weil die Price es ablehnte, und überlieferte es sodann pflichtgemäß der Herzogin selbst, indem sie dachte, der Inhalt könne aus wertvollen und nützlichen Dingen bestehen, von denen für sie etwas abfallen könnte. Wenn die Herzogin das auch nicht gerade glaubte, so war sie doch neugierig, was ein so sorgfältig versiegeltes Wunderkästchen bergen könne. Die Eröffnung fand in Gegenwart einiger Damen statt, die gerade bei ihr waren. In der Schatulle waren alle nur erdenklichen Liebespfänder, die sämtlich von der zärtlichen Miß Price stammten. Man konnte nicht begreifen, wie ein einziges menschliches Wesen habe so viel Stoff liefern können; denn außer Porträts gab es alle Art von Haaren in den mannigfachsten Geflechten. Darauf kamen drei oder vier Pakete Briefe von so feurig zärtlichem Inhalt, daß man nach den ersten beiden nicht weiter zu lesen wagte: Inbrunst und Schmachten waren gar zu natürlich in ihnen ausgedrückt. Die Herzogin bereute das Eröffnen der Kassette in so guter Gesellschaft; denn sie verhehlte sich nicht, daß es angesichts solcher Zeugen nicht möglich sei, die Sache zu unterdrücken. Da es aber auch unmöglich war, ein solches Ehrenfräulein zu behalten, gab man Miß Price ihr Eigentum mit dem Wink zurück, den Verlust ihres Geliebten wo anders zu beweinen oder – sich über ihn zu trösten. Miß Hobart war von einem damals in England noch unbekannten Charakter; auch ihre Gesichtszüge mußten in einem Lande auffallend erscheinen, wo es eine Ausnahme bildet, wenn man jung und dabei nicht wenigstens ein bißchen schön ist. Sie hatte einen guten Wuchs, in ihrer Miene lag viel Entschlossenheit, sie besaß Bildung, doch ohne die nötige Vorsicht. Ihre Phantasie war bei großer Lebhaftigkeit etwas ungezügelt, aber ihre sehr feurigen Blicke konnten nicht einnehmen. Ihr Herz war zärtlich, aber man behauptete, nur für das schöne Geschlecht. Miß Bagot wurde zuerst von ihrer Sorgfalt und Zärtlichkeit angezogen und erwiderte sie harm- und arglos; da sie aber bald gewahrte, all ihre Freundschaft genüge der Glut der Hobart nicht, so überließ sie diese Eroberung der kleinen Nichte der Gouvernante, die sich durch sie sehr geehrt fühlte. Bald verbreitete sich am Hofe das wahre oder falsche Gerücht dieser Perversität. Man war dort so unkultiviert, von dieser Geschmacksverfeinerung in der Liebe, wie sie das alte Griechenland kannte, nie gehört zu haben, und bildete sich ein, die berühmte Hobart sei mit ihrer Vorliebe zum schönen Geschlecht etwas ganz anderes, als sie scheine. Nun fingen die Spottliederchen an, ihr wegen dieses neuen Talentes Komplimente zu machen; auf Grund dieser Sticheleien zogen sich ihre Gefährtinnen von ihr zurück. Über das Gerücht ganz erschrocken, wandte sich die Gouvernante an Lord Rochester in der Gefahr, der ihre Nichte ausgesetzt scheine, um Rat. Sie konnte sich an keinen Besseren wenden. Er empfahl ihr, die Kleine den Händen der Miß Hobart zu entziehen und lenkte die Sache so gut, daß sie in die seinigen fiel. Zu edel, um diesen Verdacht ernst zu nehmen, und zu gerecht, um jemanden auf Grund von Spottliedern zu verurteilen, nahm die Herzogin das Fräulein aus der Damenwohnung, damit sie bei ihr Dienst tue. Miß Bagot besaß in diesem früheren Kreise allein bei körperlichen Reizen fleckenlose Sittsamkeit. Ihre Züge waren schön und regelmäßig. Sie hatte jenen dunklen Teint, der, wenn er gefällt, so bezaubernd wirkt. In England gefiel die Farbe sehr, weil sie dort selten ist. Die junge Dame errötete über alles, ohne dabei etwas zu tun, worüber sich erröten ließ. Lord Falmouth warf zuerst die Augen auf sie. Seine Werbungen wurden besser aufgenommen als die der Miß Hobart, und einige Zeit später erhob die Liebe sie von dem Posten eines Ehrenfräuleins der Herzogin zu einem Rang, um den sie alle jungen Engländerinnen hätten beneiden können. Um ihren Hof neu zu bilden, wollte die Herzogin von York alle vorgeschlagenen jungen Damen selbst sehen und wählte, ohne Rücksicht auf Empfehlungen, die schönsten aus. An der Spitze standen Miß Jennings und Miß Temple. Sie überstrahlten bei weitem die beiden andern ernannten und wir werden deshalb nur von ihnen reden. Mit der Blüte der Jugend geschmückt, war Miß Jennings von blendender Weiße, ihr Haar das herrlichste Blond. Ein lebhaftes seelenvolles Wesen bewahrte ihre Hautfarbe vor jener matten Eintönigkeit, die sonst mit auffallend hellem Teint verbunden ist. Ihr Mund war nicht ganz klein, aber er war dennoch der lieblichste der Welt. Die Natur hatte ihn mit unaussprechlichen Reizen, mit ihrem anmutsvollsten Zauber geschmückt. Der Umriß des Gesichts war rein und der keimende Busen glänzend-weiß wie das Gesicht. Die ganze Erscheinung gab mit einem Wort die verkörperte Idee der Aurora oder der Frühlingsgöttin wieder, wie die Dichter sie in ihren besten Oden malen. Da es indes ungerecht wäre, wenn ein Wesen alle Wunder der Schönheit ohne den geringsten Makel in sich vereinte, so ließen Arme und Hände, um dem Ganzen zu entsprechen, etwas zu wünschen übrig. Die Nase war nicht vollendet fein, auch die Augen strahlten keine versengenden Blicke, während Mund und alles andre tausend Pfeile zum Herzen sandten. Bei diesem lieblichen Äußern sprühte sie Geist und Leben. Ihre Manieren, ja alle Bewegungen waren stets überraschend neu. Wenn sie gefallen wollte, war ihre Sprache hinreißend, wollte sie spotten, fein und treffend. Da jedoch ihre Phantasie sie oft hinriß und sie Worte hinwarf, ehe der Gedanke entwickelt war, so gaben ihre Ausdrücke den Sinn mitunter zu stark, mitunter zu schwach wieder. Bei ungefähr gleichem Alter war Miß Temple im Verhältnis zu ihr zu brünett. Ihr Wuchs war hübsch. Dabei besaß sie schöne Zähne, sprechende Augen, frischen Teint, ein angenehmes Lächeln und eine seelenvolle Miene. Soweit das Äußere; das übrige ist schwer anzugeben; denn sie war einfach und prahlerisch zugleich, leichtgläubig, argwöhnisch, gefallsüchtig, spröde, sehr von sich eingenommen und sehr albern. Kaum waren diese beiden neuen Sterne am Hofe der Herzogin erschienen, als auch schon jeder die Augen auf sie warf und damit gute oder schlimme Absichten verband. Miß Jennings zeichnete sich bald vor den andern aus und ließ ihren Gefährtinnen nur Anbeter, die aus Ehrgeiz bei Hof blieben. Ihre glänzende Erscheinung zog an, während ihr Geist fesselte. Da der Herzog von York sie als zu seinem Bereich gehörig ansah, glaubte er Ansprüche geltend machen zu sollen, etwa wie sein königlicher Bruder sich die Gunst der Miß Wells erobert hatte; aber wenn sie auch zum Dienst der Herzogin bestellt war, fand er sie doch keineswegs geneigt, sich auch ihm zu Diensten zu stellen. Zunächst wollte sie von den vielen Blicken, mit denen er sie belagerte, nichts wissen und nichts verstehen. Wenn die Augen Seiner Hoheit sie suchten, so waren die ihrigen anderswo; traf er zufällig einen unbewachten Blick, so wurde sie nicht einmal rot dabei. Die Angriffsbatterie mußte also verstärkt werden. Da stumme Waffen nichts ausrichteten, so versuchte er zu sprechen; allein das war noch schlimmer. Wie er seine Gefühle vortrug, kann ich nicht sagen; seine Reden fanden jedenfalls keine bessere Aufnahme als seine verliebten Blicke. Sie war sittsam und stolz, und was er ihr anbot, entsprach keiner dieser beiden Eigenschaften. Bei ihrer Lebhaftigkeit hielt man sie großer Bedenklichkeit für unfähig; doch hatte sie sich mit einigen für Personen ihres Alters sehr heilsamen Grundsätzen gewappnet. Der erste lautete, man müsse, um am Hofe mit Erfolg aufzutreten, jung und, um ihn mit Anstand zu verlassen, nicht zu alt sein; dann könne man seine Stellung dort nur durch würdevolle Festigkeit oder imposante Schwäche erhalten; an einem so gefahrvollen Orte müsse man endlich vor allem danach streben, das Herz nur mit der Hand zu verschenken. Bei derartiger Gesinnung wurde ihr die Verteidigung gegen die Lockungen des Herzogs nicht so schwer wie die Aufgabe, sich seiner Hartnäckigkeit zu entledigen. Den Vorschlägen einer unabhängigen Stellung und Existenz, mit denen er ihren Ehrgeiz zu ködern suchte, hielt sie ein taubes Ohr entgegen; Geschenke hatten noch weniger Erfolg. Was sollte man tun, um ein impertinent anständiges Weib zu fangen, das durchaus keine Vernunft annehmen wollte? War es nicht eine Schmach, ein kleines, keckes Mädchen aufgeben zu müssen, dessen Gemüt ja doch etwas von jener Lebhaftigkeit haben mußte, das ihrem ganzen Wesen aufgeprägt war, das sich einfallen ließ, gerade dort Solidität zu zeigen, wo man sie von ihr nicht verlangte. Nach längerem Nachdenken über ihre Widerspenstigkeit dachte der Herzog, ein Brief könne vielleicht bewirken, was weder Blicke, noch Reden, noch Vorschläge erreicht hatten. Das Papier duldet alles, aber sie mochte das Papier nicht dulden. Täglich drängten sich Briefe voller Zärtlichkeiten oder großer Versprechungen in ihrer Tasche oder ihrem Muff. Das geschah nicht unbemerkt und die boshafte Hexe sorgte dafür, daß die Aufpasser, die die Briefchen erspähten, sie auch uneröffnet herausfallen sahen. Sie brauchte nur ihren Muff zu schütteln oder ihr Taschentuch zu ziehen; sobald der Herzog sich abwandte, regnete es Billette, und wer da wollte, hob sie auf. Die Herzogin war oft Zeuge ihres Benehmens und wagte nicht, sie wegen Respektmangels zu schelten. An beiden Höfen war nur von der Schönheit und Sittenstrenge der Miß Jennings die Rede; man konnte nicht fassen, daß ein junges, frisch vom Land gekommenes Mädchen durch ihre Reize Schmuck, durch ihr Betragen Vorbild des Hofes werden konnte. Der König dachte, die Belagerer hätten es falsch angefangen; es schien ihm nicht natürlich, daß weder Verheißungen sie locken, noch Leidenschaft sie rühren sollten; denn sie konnte diese Moral doch kaum von ihrer Mutter geerbt haben, die die Pfirsiche und Aprikosen von Saint-Albans einst so köstlich gefunden. Er wollte die Sache untersuchen. Alles erschien ihm bei ihrem geistvollen Wesen und dem Zauber ihrer Person neu, und Neues reizte ihn nur zu leicht. Das Interesse an der Prüfung verwandelte sich bald in Sehnsucht nach Gelingen des Experiments. Weiß der Himmel, wie die Sache abgelaufen wäre; denn er war der gewandteste Mensch der Welt und – König . Diese Eigenschaften sind nicht gering anzuschlagen. Die Vorsätze der schönen Jennings waren wohl löblich und verständig; Geist zog sie aber an und die Majestät eines Herrschers, der sich vor einem jungen Wesen beugt, hat wunderbare Überredungskraft. Miß Stewart aber war weit entfernt davon, den Plan des Königs ohneweiters zu billigen. Zu rechter Zeit besorgt, bat sie, Seine Majestät möge ihrem Bruder, dem Herzog, die Sorge überlassen, die Fräulein ihrer Schwägerin, der Frau Herzogin, auszubilden, und wenn der Fürst nicht wolle, daß sie selbst auf gewisse Heiratsanträge eingehe, möge er sich nur um die eigene Herde kümmern. Die Drohung war nicht zu verachten. Der König gab nach und Miß Jennings hatte wieder den vollen Triumph aller über die Sache verbreiteten Gerüchte. Höhere Achtung und neue Huldigungen von allen Seiten! Ohne von ihrer Freiheit etwas einzubüßen, hatte sie so viele andre in Bande geschlagen. Noch war ihre Stunde nicht gekommen, aber sie war nicht mehr fern und wir werden über sie berichten, sobald wir gesehen haben, wie ihre Gefährtin sich benahm. Wenn sie auch durch Miß Jennings überstrahlt wurde, war Miß Temple doch eine der schönsten Erscheinungen; an Geist stand sie ihr weit nach. Ließe sich dieser mitteilen, so hätte es ihr nicht daran gefehlt; denn zwei Personen, die sehr viel Vorrat davon besaßen, bemühten sich um sie, doch raubten sie ihr nur noch das bißchen Verstand, das sie besaß. Es waren Lord Rochester und Miß Hobart. Der erste verdarb sie durch Vorlesung seiner Dichtungen, als wäre sie die verständnisvollste Person der Welt. Nie sagte er ihr viel Schmeicheleien über ihre körperlichen Reize. Allerdings gestand er ihr, daß, wenn der Himmel ihn für Schönheit empfänglich gemacht hätte, in ihrer Nähe keine Rettung für ihn wäre; aber er werde, Gott sei Dank, nur von Geist gefesselt, und so könnte er angenehmste Unterhaltung ohne ernstere Folgen genießen. Nach so offenem Bekenntnis zeigte er ihr ein neues Gedicht, worin ihr alles, was mit ihren Reizen wetteifern konnte, huldigend zu Füßen gelegt wurde. Dergleichen Einflüsterungen verdrehten ihr das Köpfchen, daß es ein wahrer Jammer war, es mit anzusehen. Die Herzogin merkte es, und weil sie den Umfang beider Intelligenzen kannte, gewahrte sie den Abgrund, in den die kleine Temple rannte, ohne es zu ahnen. Es ist aber ebenso bedenklich, ein beginnendes Verhältnis durch Verbote zu bekämpfen, wie festgewurzelte Neigungen zu unterdrücken; deshalb wurde Miß Hobart beauftragt, so vorsichtig wie möglich dafür zu sorgen, daß die wiederholten langen Unterredungen keine nachteiligen Folgen hätten. Sie übernahm die Aufgabe gern und schmeichelte sich eines Erfolges. Sie hatte bald alle Vorbereitungen getroffen, um ihr Vertrauen zu gewinnen. Gegen sie weniger als gegen Rochester auf der Hut, erwiderte Miß Temple ihr Entgegenkommen. Sie war für Lobsprüche sehr empfänglich und, wie ein Kind von neun oder zehn Jahren, auf alle Art Näscherei versessen. Für beide Arten von Appetit wurde gesorgt. Miß Hobart hatte die Aufsicht über das Badezimmer der Herzogin, ihr Zimmer stieß daran. Hier besaß sie einen Schrank voll Konfitüren und allen möglichen feinen Likören. Das sagte Miß Temple sehr zu und Fräulein Hobart behagte dieser Geschmack der Miß Temple. Mit der schönen Jahreszeit kehrten deren Vergnügungen zurück. Als die Damen eines Tages ausgeritten waren, stieg Miß Temple bei der Rückkehr von dem galanten Spazierritt bei Miß Hobart ab, um sich durch Erfrischungen von der Anstrengung zu erholen. Doch ehe sie sich ans Naschen machte, bat sie um Erlaubnis, ihre Wäsche wechseln zu dürfen, das heißt sich in ihrer Gegenwart zu entkleiden. Man war weit entfernt davon, ihr diesen Wunsch abzuschlagen. »Ich wollte es Ihnen eben anbieten«, sagte Miß Hobart. »Sie sind in dieser Tracht zwar reizend wie ein Engel, aber es geht nichts über frische Wäsche und Bequemlichkeit. Sie glauben nicht,« setzte sie, sie umarmend hinzu, »welchen Gefallen Sie mir tun, liebe Temple, wenn Sie sich hier ganz wie zu Hause benehmen; mich entzückt dieser Sinn für Reinlichkeit ganz besonders. Sie sind in dieser Hinsicht, wie in manch anderer, sehr verschieden von der kleinen Närrin, der Jennings. Haben Sie nicht bemerkt, wie alle Gecken am Hof sie wegen ihres Teints, der nicht einmal ganz natürlich ist, und wegen so mancher Tollheiten, die allerdings bei ihr Natur zu sein schienen, die man aber für geistreich ausgibt, bewundern? Ich habe mit ihr nicht genug verkehrt, um an ihr Geist entdecken zu können; wenn es aber mit dem nicht besser steht als mit ihren Füßen, heißt er nicht viel. Man hat mir hübsche Dinge von ihrer Unreinlichkeit erzählt. Keine Katze soll das Wasser so fürchten wie sie. Denken Sie, sie wäscht sich nie aus Reinlichkeitstrieb, sondern spült nur gerade ab, was man zu sehen bekommt, Brust, Gesicht und Hände!« Das benagte der Temple noch besser als Konfekt und, um keine Zeit zu verlieren, entkleidete die Hobart sie vor Ankunft des Kammermädchens. Anfangs machte das Fräulein einige Umstände, weil sie einer Dame von ihrer Stellung bei Hofe diese Arbeit nicht zumuten wollte; allein sie wehrte sich umsonst; die Hobart zeigte ihr, daß dieser kleine Dienst ihr Vergnügen mache. Als die Näscherei vorüber und Miß Temple entkleidet war, sprach die Wirtin: »Gehen wir ins Badezimmer; wir können dort plaudern, ohne durch einen langweiligen Besuch gestört zu werden.« Sie willigte ein und beide setzten sich auf ein Ruhebett. »Sie sind noch zu jung, liebe Temple,« sprach die Hobart, »als daß Sie den schändlichen Charakter der Männer überhaupt kennen sollten, und noch zu kurze Zeit hier, um Leute zu beurteilen. Ich will Ihnen ein Bild von den Herren entwerfen, so gut ich kann, ohne jemandem zu nahe zu treten; denn ich hasse alle böse Nachrede. Zunächst müssen Sie voraussetzen, daß bei keinem Mann am Hofe Redlichkeit, gesunder Sinn, Urteil, Verstand oder Offenheit zu finden sind, das heißt, wenn jemand zufällig eins von diesen Dingen besitzt, so hat er sicher die anderen nicht. Aufwand in Tracht und Equipage, Spielwut, Eigendünkel und Geringschätzung anderer herrschen bei allen vor. Eigennutz oder Genußsucht sind Triebfedern all ihrer Handlungen. Die Habsüchtigen würden Gott den Herrn, wie Judas den Heiland, noch dazu um ein Geringeres verkaufen. Hätte ich Zeit, so könnte ich Ihnen hübsche Beispiele anführen. Die Anhänger der Sinnesfreuden oder angeblichen Wüstlinge – denn sie sind keineswegs alle so gefährlich, wie sie scheinen möchten – halten weder Versprechungen noch Eide, sie kennen weder Treu noch Glauben und achten weder Himmel noch Erde, um zum Ziel zu kommen. Die Ehrenfräulein sind in ihren Augen nur zu ihrer Zerstreuung bei Hof angestellt, und je mehr eine wert ist, desto mehr ist sie ihren Frechheiten ausgesetzt, wenn sie sie anhört, und ihren Verleumdungen, wenn sie sie nicht beachtet. Ehrliche Absichten darf man hier nicht suchen. Wenn nicht etwa Geld oder Laune im Spiele sind, ist jede Hoffnung auf Verheiratung vergeblich; Sittsamkeit und Schönheit genügen nicht. Lady Falmouth ist das einzige Beispiel einer ohne Mitgift gut verheirateten Hofdame. Fragen Sie aber den armen, schwachköpfigen Ehemann, aus welchem Grund er sie genommen, so bin ich fest überzeugt, weiß er wohl keinen, wenn es nicht etwa um ihrer langen roten Ohren oder um ihres Plattfußes willen geschah. Die blonde Yarborough ist, alles in allem genommen, sosehr sie auf ihre Partie stolz tut, doch nur die Gattin eines Bauerntölpels; kaum eine Woche nach der Hochzeit mußte sie wegen elender fünf- bis sechstausend Livres Grundeinkommen der Stadt für immer den Rücken kehren und am äußersten Ende von Cornwall wohnen! Ach, die arme Blague! Ich sah sie vor einem Jahr abreisen; ihr Wagen wurde von vier so mageren Kleppern gezogen, daß ich glaube, sie hat noch nicht die Hälfte des Weges nach ihrem kleinen Landbesitz zurückgelegt. Doch was tut's? Alle Mädchen haben die Marotte, sich verheiraten zu wollen, und wenn sie etwas Schönheit besitzen, so denken sie, sie brauchten sich nur bei Hof zu zeigen, um einen Mann zu finden. Aber wäre dem auch so, so ist dennoch die Ehe für eine zartfühlende Person die schnödeste Sache der Welt. Glauben Sie mir, liebe Temple, die Annehmlichkeiten der Ehe sind im Verhältnis zu ihren Übeln so unbedeutend, daß ich nicht begreife, wie man sich zu ihr entschließen kann. Meiden Sie also ein so trauriges Los, statt es zu wünschen. Die Eifersucht, die bisher in diesem gesegneten Lande unbekannt war, wird nun auch bei uns Sitte. Beispiele sind Ihnen bekannt. Mit welchen Lockungen man Sie auch blenden will, machen Sie nie aus Ihrem Sklaven einen Tyrannen. Im Besitz Ihrer eigenen Freiheit werden Sie stets über andere gebieten. Ich will Ihnen einen ziemlich frischen Beweis von der Hinterlist der Männer gegen unser Geschlecht wie auch von der Straflosigkeit geben, mit der sie gegen unsere Unschuld wüten dürfen. Der Earl von Oxford verliebte sich in eine Schauspielerin aus der Truppe des Herzogs; sie war schön, liebenswürdig und spielte meisterhaft. Die Rolle der Roxane in einem neuen Stück hatte ihren Ruf gegründet und dieser Name war ihr geblieben. Tugendhaft, keusch oder, wenn Sie wollen, eigensinnig, wies dieses Mädchen alle Geschenke und Anerbietungen des Earl zurück. Er nahm zu Verfolgungen, selbst zu Zaubermitteln seine Zuflucht; alles umsonst. Er wollte weder essen noch trinken. Das nützte ihm nicht viel, aber seine Leidenschaft wuchs so bedenklich, daß er weder mehr spielte noch rauchte. In dieser äußersten Klemme nahm seine Liebe ihre Zuflucht zum Traualtar. Wie Sie wissen, ist der Earl von Oxford, erster Pair des Reiches, eine schöne Erscheinung; er ist Ritter des Hosenbandordens und dieser Schmuck hebt noch sein von Natur edles Aussehen, mit einem Wort, wenn man ihn sieht, sollte man meinen, es sei wirklich etwas an ihm, wenn man ihn aber hört, merkt man gleich, daß nichts dahintersteckt. Der leidenschaftliche Anbeter ließ ihr ein von seiner Hand authentisch vollzogenes Eheversprechen anbieten; sie wollte auf diesen Köder nicht anbeißen, doch glaubte sie keine Gefahr zu laufen, als er tags darauf, von einem Geistlichen und einem Zeugen begleitet, bei ihr eintrat. Eine ihrer Kolleginnen unterzeichnete als ihre Zeugin den Kontrakt. Auf diese Weise wurde die Ehe geschlossen und vollzogen. Nun glauben Sie vielleicht, die neue Gräfin hätte sich nur noch bei Hofe vorzustellen gebraucht, hätte dort ihren Rang einnehmen und das Wappen der Oxford führen dürfen? Weit gefehlt; als davon die Rede war, fand sich, daß sie gar nicht verheiratet war, das heißt man entdeckte, daß der angebliche Geistliche nur ein Trompeter des Lords und der Zeuge sein Paukenschläger gewesen. Nach der Zeremonie ließen Geistlicher und Zeuge sich nicht wieder sehen und dem anderen weiblichen Zeugen hielt man entgegen, die Sultanin Roxane habe sich zur Übung nur in einer Komödienrolle trauen lassen. Umsonst rief das arme Geschöpf die in ihrer Person verletzten Gesetze und die entweihte Religion an, umsonst warf sie sich dem König zu Füßen, um Gerechtigkeit zu erflehen, sie konnte vom Glück sagen, daß sie mit einer Pension von tausend Krontalern als Witwengehalt und dem Namen Roxane, statt des Namens Oxford, wieder aufstand. Sie werden nun sagen, das war nur eine Komödiantin, nicht alle Männer wären gleichgeartet, und man könnte sie wenigstens anhören, wenn sie einem Wesen Ihres Wertes mit Recht huldigen, aber trauen Sie ihnen nicht, wenn Sie auch in Beziehung auf sich selbst recht haben; denn ich weiß sehr wohl, daß nicht alle von der neuen Bezauberung durch die Jennings angesteckt sind. Der schöne Sidney verfolgt Sie mit Blicken, Lord Rochester liebt Ihre Unterhaltung und selbst der strenge Sir Charles Littleton läßt seinen natürlichen Ernst zugunsten Ihrer Anmut auftauen. Was den ersten anlangt, so gestehe ich: sein Äußeres muß die Zuneigung eines Mädchens Ihres Alters gewinnen; wäre die Gestalt aber, wie dies nicht der Fall ist, noch von etwas anderem unterstützt und dächte er auch so ernst an Sie, wie er es Ihnen einreden möchte und Sie es ohne Zweifel verdienen, so würde ich Ihnen dennoch nicht raten, auf ihn zu bauen, und zwar aus Gründen, die ich Ihnen jetzt nicht mitteilen darf. Sir Charles Littleton geht freilich aufrichtig zu Werk, weil er sich des Zustandes, in den Sie ihn versetzt haben, schämt, und ich glaube wirklich, daß wenn er dies Schreckbild jenes Ungeheuers, das man gewöhnlich Hahnreischaft nennt, aus seinem Kopfe bannen könnte, der gute Mann Sie in der Tat zur Frau begehren würde. Sie könnten dann in seiner kleinen Grafschaft eine Rolle spielen, die Wirtschaft führen und ihm seine Servietten in Ordnung halten. Welche Ehre, einen Cato zum Mann zu haben, dessen Reden nur mit Glossen gespickte strenge Kritiken sind. Lord Rochester ist unwidersprochen der geistreichste, aber gewissenloseste Mann in England. Er ist bloß unserem Geschlecht gefährlich, aber in so hohem Grade, daß, wenn ein weibliches Wesen ihn nur dreimal anhört, ihr Ruf verloren ist. Ihm kann keine Frau entgehen, denn in seinen Schriften, auf dem Papier besitzt er sie gewiß, wenn auch nicht in Wirklichkeit; in unserem Zeitalter bleibt sich das aber in den Augen der Welt ganz gleich. Man muß zugeben, daß es nichts so Verführerisches gibt wie die feine Art, mit der er sich der Frauen bemächtigt. Er geht auf Ihren Geschmack ein, scheint all Ihre Gefühle zu teilen und, während er kein Wort von dem glaubt, was er sagt, macht er Sie alles glauben, was er sagt. Ich will wetten, daß Sie ihn nach seinen Reden für den ehrlichsten, offensten Mann auf Erden halten. Eigentlich begreife ich nicht recht, was er mit seiner Aufmerksamkeit für Sie bezweckt. Zwar gebührt Ihnen die Huldigung der ganzen Welt, aber wenn es ihm nun auch gelungen wäre, Ihr Köpfchen zu verwirren, wüßte er mit dem reizendsten Wesen am Hofe nicht einmal etwas anzufangen. Das haben seine Ausschweifungen mit allen Stadtdirnen längst besorgt. Sie sollen sehen, liebe Temple, was seine abscheuliche Bosheit zur Vernichtung und Verzweiflung unseres Geschlechtes vermag. Der Frevler wendet seine Aufmerksamkeit und Sorgfalt nur deshalb Miß Temple zu, um den Verleumdungen, durch die er sie hinterrücks zerfetzt, mehr Wahrscheinlichkeit zu geben. Sie staunen und zweifeln vielleicht an der Wahrheit meiner Worte, aber Sie sollen nicht meinen Worten allein glauben. »Hier«, sagte sie, einige Blätter aus der Tasche ziehend, »sehen Sie die Verse, die er zu Ihrem Preise schrieb, während er durch Schmeichelreden und geheuchelte Achtung Ihren zu leicht vertrauenden Sinn betörte.« Damit zeigte die verschmitzte Hobart der Temple ein halbes Dutzend schändlicher Couplets, die Lord Rochester gegen die früheren Ehrenfräulein verfaßt hatte. Hierin griff er durch beißende Wendungen und grausamste Zergliederung ihrer Person besonders die Price an. Miß Hobart hatte nur den Namen Temple an die Stelle des Namens Price gesetzt, was sich mit Tonfall und Versmaß ganz gut vertrug. Das genügte. Kaum hatte die leichtgläubige Temple eine Satire gehört, als sie nicht daran zweifelte, sie sei auf sie gemünzt. Im Ausbruch der ersten Wut, nur darauf bedacht, die Lügen des Poeten sogleich zu widerlegen, rief sie: »Liebe Hobart, das ist ja nicht zum aushalten. Ich schmeichle mir nicht, so schön zu sein wie manche andere, aber von den Fehlern, die jener Schurke anführt, ist wohl niemand so frei wie ich. Wir sind allein und ich hätte beinahe Lust, Sie davon zu überzeugen.« Die gefällige Hobart war es wohl zufrieden; wie sehr sie aber auch über alles, was die Angriffe Rochesters lobend widerlegte, in Entzücken geriet, so wollte die Temple doch vor Wut und Entrüstung vergehen, daß der erste Mann, dem sie Gehör geliehen, sie nicht allein getäuscht, sondern auch noch so grausam verleumdet habe. Da sie nun keine Worte fand, ihre Empörung und ihr heftiges Rachegefühl auszudrücken, fing sie wie toll zu weinen an. Miß Hobart tröstete sie so zärtlich wie möglich; sie ermahnte sie, sich die Nichtswürdigkeit eines Mannes, dessen elender Charakter zu bekannt sei, als daß man seinen Erfindungen Glauben schenken könne, nicht so zu Herzen zu nehmen. Doch riet sie ihr, nie wieder mit ihm zu sprechen; das sei das einzige Mittel, seine Pläne zuschanden zu machen; stumme Verachtung sei in solchen Lagen weit wirksamer als jede Erklärung; habe er sich aber einmal bei ihr Gehör verschafft, dann würde er sich rechtfertigen, sie aber wäre verloren. Mit diesen Ratschlägen hatte die Hobart nicht ganz unrecht. Sie wußte zu gut, daß jede Aufklärung sie selbst bloßstellen würde und daß für sie keine Gnade zu hoffen sei, wenn Lord Rochester berechtigten Anlaß hätte, sein früheres Lob über sie zu erneuern. Aber die Vorsicht war vergeblich. Die ganze Unterhaltung war von A bis Z von der Nichte der Gouvernante mit angehört worden. Dieses Mädchen hatte das treuste Gedächtnis der Welt, und da sie noch heute Lord Rochester sehen sollte, wiederholte sie sich das Gespräch drei- oder viermal, um nicht ein Wort davon zu verlieren, wenn sie die Ehre haben würde, ihrem Geliebten Bericht zu erstatten. Im nächsten Absatz werden wir sehen, wie die Sache ablief. Das mitgeteilte Gespräch hatte nur Miß Hobart Genuß geboten; wenn die junge Temple den Anfang auch pikant fand, so hatte der Schluß sie geärgert. Auf die Entrüstung folgte die Neugier, zu erfahren, warum sie, wenn Sidney wirklich an sie denke, ihn nicht ein wenig anhören dürfe. Die zärtliche Hobart konnte ihr nichts verweigern und versprach ihr darüber Aufklärung, sobald sie sich von ihrer Festigkeit gegen Lord Rochester überzeugt haben würde. Sie sollte nur drei Tage Probezeit durchmachen, dann, schwur sie, würde sie ihr alles sagen, was sie zu wissen wünsche. Die Temple beteuerte, sie sehe in Rochester nur noch ein Ungeheuer von Treulosigkeit, und schwor die höchsten Eide, daß sie ihm nie wieder Gehör schenken, noch weniger mit ihm sprechen würde. Kaum waren sie aus dem Kabinett, so kroch Miß Sara aus ihrem Bade, worin sie während des ganzen Gesprächs vor Kälte beinahe umgekommen wäre, ohne daß sie einen Klagelaut gewagt hätte. Die Kleine hatte von dem Kammermädchen der Hobart die Erlaubnis erlangt, ohne Vorwissen ihrer Herrschaft sich dort ein wenig waschen zu dürfen; nun hatten die beiden, ich weiß nicht wie, eine der Wannen mit ganz kaltem Wasser gefüllt und die arme Sara war gerade hineingestiegen, als sie von der Ankunft der Damen überrascht wurden. Eine Glaswand trennte das Kabinett vom Badezimmer, Vorhänge von chinesischem Taft, die von innen zuzuziehen waren, bargen die Badenden. Das Kammermädchen der Hobart hatte gerade noch so viel Zeit, die Vorhänge über der Kleinen zuzuziehen, die Verbindungstür abzuschließen und den Schlüssel herauszunehmen, als ihre Herrschaft mit Miß Temple eintrat. Sie setzten sich auf ein längs der Glaswand aufgestelltes Sofa, und Miß Sara hatte, trotz ihrer schrecklichen Lage, doch alles gehört und im Kopfe behalten. Da das holde Kind sich die Mühe des Abwaschens nur gegeben, um Lord Rochester sauber zu empfangen, stürzte sie, kaum frei geworden, in ihr Stübchen. Rochester kam natürlich pünktlich zum Rendezvous und wurde von allem im Kabinett Vorgefallenen in Kenntnis gesetzt. Er war über die Frechheit der Hobart, namentlich darüber erstaunt, daß sie es wagen könne, ihm einen solchen Streich zu spielen; wenn er aber auch ahnte, daß Liebe und Eifersucht die Ursache waren, verzieh er ihr doch keineswegs. Die kleine Sara wollte wissen, ob es wahr sei, daß er es, wie Miß Hobart behaupte, auf die Temple abgesehen habe; sie vergehe vor Angst darüber. »Wie kannst du daran zweifeln,« sprach er, »da diese wahrheitsliebende Person es gesagt hat; aber du siehst ja auch, daß es mir nichts hülfe, selbst wenn die Temple darauf einginge, weil mein Verkehr mit den Stadtdirnen dem einen hygienischen Riegel vorschiebt.« Aus dieser Antwort schöpfte die Nichte Beruhigung, denn, da sie für die Unrichtigkeit des letzteren Punktes einstehen konnte, hielt sie auch alles andere für erlogen. Lord Rochester wollte noch denselben Abend zur Herzogin, um zu sehen, mit welchem Gesicht er nach der von der Hobart entworfenen schönen Schilderung aufgenommen werden würde. Auch die Temple war dort, in der Absicht, ihm die verachtungsvollste Miene zu zeigen, deren sie fähig war. Sie hatte sich prachtvoll gekleidet, bildete sich jedoch ein, die bewußten Couplets seien in aller Welt Händen, und befürchtete, daß die Anwesenden sie vielleicht für so mißgestaltet halten könnten, wie Rochester sie geschildert. Da indes die Hobart den Zusicherungen der Temple, sich fernzuhalten, nicht allzusehr traute, so verließ sie sie keinen Augenblick. Die junge Dame hatte in der Tat noch nie so schön ausgesehen; alle sagten ihr etwas Schmeichelhaftes; doch mußte man sie nach dem Benehmen, mit dem sie die Artigkeiten hinnahm, für toll halten. Sprach man von ihrem Wuchs, ihrer Frische oder ihren Augen, so brummte sie: »Schon recht, man weiß nur zu gut, daß ich ein Ungeheuer und ganz anders bin als die übrigen Mädchen; es ist nicht alles Gold, was glänzt, und wenn mein Gesicht zur Not angeht, so heißt das übrige doch nichts.« – Umsonst stieß die Hobart sie am Arm, sie fuhr in dieser Art fort, und da sie mit ihrer zersetzenden Selbstironisierung nicht aufhörte, so konnte kein Mensch begreifen, worauf sie hinaus wollte. Als nun Rochester eintrat, errötete sie erst und wurde dann bleich; sie machte Anstalten, ihm entgegenzugehen, stand wieder still und zog beide Handschuhe bis auf die Ellenbogen; nachdem sie endlich ihren Fächer dreimal heftig auf- und zugeschlagen, erwartete sie, er werde sie, wie gewöhnlich, begrüßen. Als er es tun wollte, machte die Dame halbrechts und kehrte ihm den Rücken. Rochester lächelte nur ein wenig, schritt, um ihren Zorn noch mehr zu reizen, um sie herum und stellte sich ihr gegenüber mit den Worten hin: »Fräulein, nach einem so anstrengenden Tage ist es geradezu eine Kunst, so strahlend auszusehen. Nach einem dreistündigen Spazierritt die Zeit mit Miß Hobart zubringen und noch immer nicht angegriffen aussehen, das nenne ich Gesundheit.« Miß Temple hatte von Natur einen sanften Blick; aber sie wurde sehr zornig, als sie sah, daß er noch die Stirne habe, mit ihr zu reden. Ihre Augen schienen Flammen zu sprühen. Die Hobart kniff sie in den Arm, weil sie befürchtete, ihre Blicke würden sich in einen Strom von Verwünschungen und Vorwürfen entladen. Er wartete die aber nicht ab, sondern zog sich, den Dank, den er Miß Hobart schuldete, auf ein anderes Mal aufsparend, sacht zurück. Ohne zu ahnen, daß er den Inhalt ihres Gesprächs kenne, war die Dame über seine Worte sehr erschrocken. Aber die Temple, die durch alles, was sie Schmähliches über ihn wußte und ihm doch nicht sagen durfte, dem Ersticken nahe war, gelobte sich im stillen, trotz ihrem Versprechen, jedoch mit dem Vorsatz, nachher nie wieder mit ihm zu reden, bei nächster Gelegenheit ihr Herz zu erleichtern. Bei diesen Dämchen hatte Rochester einen trefflichen Spion, die kleine Sara, die auf seinen Rat und mit Bewilligung der Tante sich wieder mit Miß Hobart ausgesöhnt hatte, um sie desto besser verraten zu können. Durch diese Kundschafterin wußte er, daß das Kammermädchen der Hobart wegen Verdacht des Horchens aus deren Dienst entlassen sei; ferner daß ihre Herrschaft ein neues Mädchen genommen, welches sie wohl, weil es häßlich war, nicht lange behalten würde, besonders auch, weil die Dirne das für Miß Temple bestimmte Konfekt wegnaschte. So unbedeutend diese Angaben waren, lobte der Lord doch die kleine Spionin wegen ihrer Aufmerksamkeit, und einige Tage später brachte sie eine Nachricht, wie man sie nur wünschen konnte. Rochester erfuhr durch sie, Miß Hobart und ihre neue Favoritin würden um neun Uhr abends im Hauptgange des Parks Spazierengehen; sie wollten ihre Kleider austauschen, breite Schärpen und Samtmasken tragen. Die Spionin erzählte, Miß Hobart habe sich diesem Plane lange widersetzt, aber endlich hätte sie, weil Miß Temple eine Laune befriedigen wollte, nachgegeben. Auf diese Kunde faßte Rochester seinen Entschluß. Er suchte Killegrew auf, beklagte sich über den ihm von der Hobart gespielten Streich, bat ihn um seinen Beistand und erhielt ihn zugesagt. Nachdem der Freund unterrichtet war, wie sie sich dabei benehmen wollten, nachdem die Rolle vorgezeichnet war, begaben sie sich in den Hauptgang des Parks. Dort erschienen die beiden Nymphen bald in ihrer Vermummung. Ihr Wuchs war nicht sehr verschieden und ihre Gesichter, die allerdings sehr voneinander abstachen, waren mit Masken bedeckt. Es gingen nur wenig Menschen im Park, und sobald die Temple die Herren erblickt hatte, verdoppelte sie ihre Schritte, um sich ihnen mit der Absicht zu nähern, dem Lord Rochester unter der Maske einer anderen den Kopf zu waschen. Die Hobart hielt sie mit den Worten auf: »Wo laufen Sie hin? Haben Sie etwa Lust, mit diesen beiden Teufeln anzubinden und sich allen Frechheiten auszusetzen, die sie Ihnen sagen könnten?« – Die Mahnung war vergeblich. Die Temple wollte das Abenteuer einmal bestehen und alles, was sie versprach, war, auf Rochesters Reden nicht zu antworten. Kaum hatte sie ausgesprochen, als sie angeredet wurden. Rochester wählte die Hobart, indem er sich stellte, als nähme er sie für ihre Freundin; aber die Temple war unzufrieden, daß ihr Killegrew zuteil wurde; mit ihm hatte sie ja nichts zu schaffen. Er bemerkte ihre Unzufriedenheit und rief, als hielte er sie ihrer Tracht nach für die andere: »Miß Hobart, wenden Sie ihren Kopf doch nicht so nach den beiden anderen. Ich weiß nicht, durch welchen Zufall Sie hier sind, aber ich finde, daß es zu Ihrem Besten ist, da ich als Ihr Diener und Freund Ihnen einige kleine Ratschläge zu erteilen habe.« Dieser Eingang machte auf das Folgende gespannt und Miß Temple schien jetzt eher geneigt, ihn anzuhören. Als Killegrew sah, wie die anderen sich entfernten, sprach er: »Um Himmelswillen, was fällt Ihnen ein, daß Sie gegen Lord Rochester zu Felde ziehen, der als der redlichste Mann bei Hof bekannt ist! Gerade ihn schildern Sie der Dame, die er am meisten ehrt und achtet, als den größten Bösewicht? Bedenken Sie, was aus Ihnen würde, wenn er ahnte, daß Sie Miß Temple eingeredet, er hätte auf sie ein Spottlied gemacht; Sie wußten doch so gut wie ich, daß es vor mehr als einem Jahre auf die dicke Price gedichtet wurde, ehe man noch an die schöne Temple dachte? Staunen Sie nicht, daß ich alles weiß, sondern achten Sie auf das, was ich Ihnen als guter Freund rate. Ihre Neigung und Leidenschaft für die junge Temple sind außer ihr selbst niemandem mehr ein Geheimnis; denn, sosehr Sie auch ihrer Unschuld nachstellen, man läßt ihr die Gerechtigkeit widerfahren, zu glauben, sie würde Sie behandeln, wie es einst Lady Falmouth getan, wenn das arme Mädchen überhaupt ahnte, was Sie von ihr wollen. Ich rate Ihnen also, gegen ein Wesen, das zu sittsam ist, um Ihnen Ihre Lüste zu gestatten, die Dinge nicht weiter zu treiben, ferner empfehle ich Ihnen, Ihr Kammermädchen wieder in Dienst zu nehmen, um deren anstößigem Gerede ein Ende zu machen. Sie sagt überall, sie sei schwanger, schreibt Ihnen die Ursache zu und klagt Sie gröbster Undankbarkeit und ungerechtester Verdächtigung an. Sie sehen wohl, daß ich diese Dinge nicht erfinde; damit Sie jedoch nicht zweifeln, daß ich die Nachrichten aus ihrem Munde habe, sage ich Ihnen: sie hat mir von Ihrem Gespräch im Badezimmer erzählt, wie Sie dort alle Hofleute skizzierten, wie Sie dem schönsten Mädchen Englands ein für sie gar nicht bestimmtes Spottgedicht vorlasen, wie dann die arme Temple in die Falle ging, die Sie ihr nur gestellt haben, um ihre Reize durch den Augenschein kennenzulernen. Was von dem langen Gespräch aber für Sie am gefährlichsten werden könnte, sind gewisse Geheimnisse, die die Herzogin Ihnen wahrlich nicht mitgeteilt hat, damit Sie sie ihren Ehrenfräulein wieder sagen. Denken Sie darüber hübsch nach und geben Sie dem Sir Charles Littleton Genugtuung dafür, daß Sie ihm lächerliche Züge angedichtet haben. Ich weiß nicht, ob er das von Ihrem Kammermädchen erfahren hat, aber er hat geschworen, sich zu rächen und ist ein Mann von Wort; damit Sie sich aber nicht durch seine stoische Miene oder juristische Gravität täuschen lassen, so sage ich Ihnen, er ist der hitzigste Mensch, den es gibt. Das sind ja schreckliche Angriffe, die Sie ausgeheckt haben. Er sagt, einer Schurkin wie Ihnen, stehe es schlecht an, anständige Leute aus Eifersucht zu verleumden; wenn Sie fortführen, würde er klagbar werden, und wenn Ihre Hoheit ihm nicht Genugtuung gäbe, werde er sie sich selbst verschaffen; er würde Ihnen den Degen durch den Leib rennen, sollte er Sie sogar in den Armen von Miß Temple finden; es sei eine Schande, daß alle Ehrenfräulein durch Ihre Hände gehen, bevor sie noch über sich selbst im klaren sind. Ihnen das mitzuteilen, mein Fräulein, habe ich für meine Pflicht gehalten. Sie wissen besser als ich, ob, was ich Ihnen sage, wahr ist oder nicht; von Ihnen hängt es ab, welchen Gebrauch Sie von meinen Winken machen wollen. An Ihrer Stelle würde ich zwischen Miß Temple und Lord Rochester Frieden stiften. Noch einmal, lassen Sie ihn ja nicht wissen, daß Sie die Unschuld dieser jungen Dame mißbraucht haben, um die seinige anzuschwärzen. Trennen Sie nicht einen Mann von ihr, der sie zärtlich liebt und bei seiner Ehrenhaftigkeit gewiß nie ein Auge auf sie geworfen hätte, ohne die Absicht, um ihre Hand anzuhalten.« Während dieser Reden hatte Miß Temple buchstäblich den Mund gehalten. Sie konnte ja nicht anders als stumm zuhören, so sehr war sie durch Erstaunen und Bestürzung gelähmt. Miß Hobart und Lord Rochester trafen sie über die eben vernommenen Wunderdinge noch ganz außer sich. Man könnte es kaum glauben, meinte sie im stillen, wenn nicht alle Einzelheiten zuträfen. Nie gab es ein größeres Chaos als die Verwirrung in ihrem Köpfchen. Selbst mach Rochesters und Killegrews Fortgang konnte sie nicht zu sich kommen; sie raffte sich indes auf und eilte mit großen Schritten nach dem Saint-James-Palast, ohne ihrer Gefährtin zu antworten. Sie schloß sich in ihr Zimmer ein, und das erste, was sie tat, war, die der Hobart gehörigen Kleider abzureißen, aus Furcht, sie könnte von ihnen befleckt werden. Nach dem Gehörten sah sie in ihr nur noch ein der Unschuld des schönen Geschlechtes verderbliches Ungeheuer, welchem Geschlecht sie auch angehören mochte. Sie errötete über die frühere Vertrautheit mit einer Kreatur, deren Kammerjungfer schwanger war, ohne einem anderen gedient zu haben als ihr allein. Sie schickte ihr also alle ihre Sachen zurück, erbat sich die ihrigen und beschloß, nie wieder mit ihr zu verkehren. Miß Hobart glaubte aber, Killegrew habe jene für sie selbst gehalten, und konnte nicht begreifen, warum sie nach dem Gespräch eine so seltsame Haltung einnehme. Sie wollte sich darüber Aufklärung holen und ließ das Mädchen der Temple bei sich warten. Statt ihr ihre Kleider zu schicken, erschien sie selbst und wollte sie vor der Erklärung durch eine kleine Liebkosung überraschen; sie trat deshalb leise in ihr Zimmer, und gerade, wie Miß Temple die Wäsche wechselte, umarmte sie die Freundin. – Sich in der Hobart Armen findend, ehe sie sie noch kommen gehört, stellte sich die Temple in der Einbildung alles vor, was Killegrew ihr mitgeteilt hatte. Sie glaubte die Blicke eines weiblichen Satyrs in widerwärtigster Gier zu sehen, und rief, indem sie sich mit Entsetzen in ihren Armen wand, Himmel und Erde um Hilfe. Zuerst kamen die Frau Gouvernante und ihre Nichte. Es war nahe an Mitternacht. Die Temple war im Hemd, außer sich und stieß Miß Hobart mit Schrecken von sich, während diese doch nur gekommen war, um den Grund ihrer Aufregung zu erfahren. Als die Gouvernante den Auftritt sah, fing sie mit der ganzen Beredsamkeit einer Duenna an, der Hobart den Text zu lesen; sie fragte, ob die Fürstin etwa um ihretwillen Ehrenfräulein halte, ob sie sich nicht schäme, zu so unpassender Stunde in die Zimmer zu dringen, um Gewaltstreiche zu unternehmen, und schwur, sie werde morgen bei der Herzogin Klage führen. Alles das bestärkte Miß Temple in ihrem Irrtum und die Hobart war endlich genötigt, fortzugehen, weil sie Geschöpfe, die ihr sämtlich toll oder besessen schienen, nicht zur Vernunft bringen konnte. Tags darauf ermangelte Miß Sara nicht, ihrem Geliebten das Abenteuer mit dem Zusatz zu erzählen, das Geschrei der Temple habe die ganze Wohnung der Fräulein in Aufruhr gebracht, und als sie mit der Tante herbeigestürzt sei, hätte sie Miß Hobart fast auf frischer Tat ertappt. Zwei Tage später kam der Vorfall mit verschiedenen Ausschmückungen in die Öffentlichkeit. Die Gouvernante galt als Gewährsmann und erzählte überall, wie Miß Temples Unschuld gerettet wurde und wie ihre Nichte Sara die Ehre des Fräuleins nur dadurch bewahrt habe, daß Lord Rochesters gute Ratschläge ihr seit langer Zeit jeden Verkehr mit einer so gefährlichen Person untersagt hätten. Miß Temple fand in der Folge bestätigt, daß die verhaßten Spottgedichte nur auf die Price gedichtet waren. Jedermann versicherte es ihr mit neuem Abscheu gegen die Hobart wegen dieses Betruges. Ein so gänzlicher Bruch nach äußerster Vertrautheit ließ aber viele Leute glauben, die Sache sei doch nicht so ganz aus der Luft gegriffen. Sie genügte, um die Hobart bei Hofe in Ungnade zu stürzen und in der Stadt verrufen zu machen. Die Herzogin behielt sie aber unbekümmert in Gnaden; sie behandelte die Geschichte von A bis Z als Hirngespinst oder Verleumdung, schalt die Temple wegen ihrer Leichtgläubigkeit am unrichtigen Ort, jagte die Gouvernante nebst Nichte um der Lügen willen fort, mit denen sie das Märchen aufputzten, und beging, um die Ehre der Hobart wiederherzustellen, manches Unrecht. Allein sie erreichte ihren Zweck nicht. Wie wir in der Folge sehen werden, hatte die Fürstin guten Grund, sie nicht ganz fallen zu lassen. Miß Temple klagte sich unaufhörlich wegen ihrer Ungerechtigkeit gegen Lord Rochester an, den sie, auf Killegrews Worte hin, für den redlichsten Mann Englands hielt; sie suchte nur eine Gelegenheit, sich in seiner Meinung wieder zu heben und ihn für die ihm gezeigte Härte zu entschädigen. Diese günstige Stimmung hätte sie in Händen eines Mannes, wie er einer war, vielleicht weiter führen können, als sie selbst beabsichtigte; aber es gefiel dem Himmel nicht, ihm diese Frucht zu gönnen. Solange er bei Hofe lebte, war der Lord jährlich wenigstens einmal verwiesen worden; denn kaum hatte er ein Witzwort auf seiner Zunge oder Federspitze, so warf er es schon in die Welt, ohne an die Folgen zu denken. Die Minister, die Favoritinnen, häufig der Monarch selbst waren seine Zielscheibe. Hätte er es nicht mit dem nachsichtigsten Fürsten, den es je gegeben, zu tun gehabt, so wäre dessen erste Ungnade auch seine letzte gewesen. Gerade zur Zeit, wo die Temple seine Verzeihung für die ihnen beiden durch der Hobart Intrigen bereiteten Leiden suchte, wurde ihm der Hof zum dritten Male verboten. Ohne die Temple zu sehen, reiste er ab, führte die gestürzte Gouvernante auf sein Landhaus und tat sein mögliches, um bei der Nichte etwas theatralisches Talent zu entwickeln. Da er aber merkte, daß er für dieses Studium nicht so günstigen Boden fand als für seine andern Unterweisungen, so behielt er sie mit ihrer Frau Tante nur einige Monate bei sich und bewirkte dann im folgenden Winter ihre Aufnahme in die königliche Schauspieltruppe. Das Publikum wurde ihm dadurch für die reizendste, aber talentloseste Künstlerin im ganzen Lande zu Dank verpflichtet. Während diese Dinge bei Hofe vorgingen, kam Talbot aus Irland zurück. Er fand Miß Hamilton nicht; sie war auf dem Lande bei einer Verwandten, von der in der Folge die Rede sein wird. Ungeachtet seiner Entfernung und des dem Chevalier Grammont geleisteten Versprechens war noch ein Rest von Leidenschaft in seinem Herzen. Um sich davon zu befreien, suchte er sich anderwärts anzuschließen, fand aber unter den neuen Hofdamen der Königin nichts, was seiner Aufmerksamkeit wert war. Dafür hielt es Miß Boynton für gut, ihm die ihrige zu schenken. Ihrer schmächtigen, zarten Gestalt gab ein hübscher Teint und große starre Augen von der Ferne einen Glanz, der sich bei näherer Betrachtung verlor. Sie spielte die Schmachtende, sprach matt und schleppend und hatte tagsüber zwei bis drei Ohnmachten. Das erstemal, als Talbot die Augen auf sie warf, hatte sie einen ihrer Anfälle und man gab ihm zu verstehen, es wäre um seinetwillen. Er glaubte es, eilte zu ihrem Beistand und nahm seit jener Zeit gegen sie eine etwas zärtliche Miene an, mehr, um ihr das Leben zu retten, als aus wahrer Neigung. Er wurde gut aufgenommen; denn sie war auf den ersten Blick wirklich von ihm gefesselt worden. Er war ein sehr großer, dem Ansehen nach kraftvoller Mann. Sie ließ nichtsdestoweniger merken, sie wolle auf jede Gefahr hin ihre schwache Konstitution aufs Spiel setzen, um seine Frau zu werden; vielleicht wäre sie schon damals, wie es ihr später wirklich gelang, zum Ziel gekommen, wenn nicht die Reize der schönen Jennings dazwischengetreten wären. Ich weiß nicht, wie es kam, daß Talbot diese noch nicht gesehen hatte, da man ihm doch so viel von ihr erzählt hatte. Ihr Benehmen, ihr Geist, ihre Lebendigkeit wurden ihm gleich gerühmt und er glaubte der öffentlichen Meinung. Ihm schien mit unbefangenster Heiterkeit gepaarte Tugend in diesem Alter und inmitten eines Liebe atmenden Hofes etwas Außerordentliches. Aber was immer man ihm von ihrem persönlichen Zauber gesagt hatte, er fand, daß es weit hinter der Wahrheit zurückblieb. Dauerte es nun nicht lange, bis er Liebe empfand, so zögerte er noch weniger, es ihr zu sagen. Darin lag keineswegs etwas Unwahrscheinliches und Miß Jennings konnte ohne allzu große Eitelkeit daran glauben. Talbot war eine glänzende Erscheinung; bei männlicher Schönheit lag viel Adel, um nicht zu sagen, Imponierendes in seinem Wesen. Die Gunst des Herzogs zeichnete ihn hoch aus und hob alles andre noch mehr hervor; in ihren Augen bildeten jedoch die vierzigtausend Livres Einkommen, abgesehen von den Schenkungen seines Gebieters, sein Hauptverdienst. All diese Eigenschaften entsprachen ihren Grundsätzen hinsichtlich der Wahl eines Bewerbers. Wenn er also ihre Gegenliebe auch nicht vollständig ausgesprochen sah, hatte er wenigstens die Ehre, von ihr besser aufgenommen zu werden als seine Vorgänger. Niemand ließ sich einfallen, sein Glück zu durchkreuzen, und da Miß Jennings bemerkte, die Herzogin billige Talbots Absichten, so glaubte sie, alles, was sie ihm zuliebe tun könne, sei, ihm ohne allzu große Abneigung die Hand zu reichen; es sprach also mehr ihre Vernunft als ihr Herz zu seinen Gunsten. Über eine Bevorzugung, die kein andrer genossen, entzückt, prüfte Talbot nicht erst, welchem Motiv er sein Glück verdanke, sondern strebte nur danach, es endlich festzuhalten. Man hätte schwören können, er sei seinem Ziel nahe, aber die Liebe wäre nicht, was sie ist, wenn sie sich nicht darin gefiele, höchstes Glück aufzuschieben oder in Nichts zu stürzen. Gegen Wesen, Unterhaltung und Tugend der Miß Jennings hatte Talbot nichts einzuwenden; doch war er nur wenig von einer ihrer neuen Bekanntschaften erbaut, und befand sich, da er ihr darüber ein paar kleine Winke erteilte, in der Folge bei dieser Sache nicht wohl. Das, wie erwähnt, weggejagte Ehrenfräulein, Miß Price, hatte sich nach ihrem Austritt bei der Herzogin unter den Schutz der Lady Castlemaine begeben. Sie war von sehr unterhaltendem Wesen, ging auf alle Arten von Launen ein und besaß eine gewisse Munterkeit, die überall gefiel. Sie hatte die Bekanntschaft Miß Jennings vor Talbots Ankunft gemacht. Mit sämtlichen Hofintrigen vertraut, erzählte sie sie ihr auf natürlichste Weise und schilderte ihre eigenen Erlebnisse ebenso naiv wie fremde. Die Jennings fand daran viel Gefallen; denn wenn sie auch selbst die Liebe nur auf ernstem Wege kennenlernen wollte, war es ihr doch nicht unangenehm, durch andrer Mund zu erfahren, wie es auf anderen Wegen zugehe. Sie wurde darum ihrer Unterhaltung nimmer müde und freute sich stets, sie zu sehen. Ihre außerordentliche Vorliebe für dieses Mädchen gab Talbot die Idee, der Ruf seiner Geliebten könne durch den vertrauten Umgang mit der Price nur leiden; er erlaubte sich also, mehr im Ton eines Vormundes als Liebhabers, ihr über die schlechte Wahl ihrer Gesellschaft ernste Vorstellungen zu machen. Miß Jennings konnte, wenn es ihr einfiel, bis zum Übermaß stolz sein; die Unterhaltung der Price behagte ihr besser als Talbots Gespräche und sie nahm sich die Freiheit, ihm zu erklären, er mische sich ungerufen in ihre Angelegenheiten; wäre er aber nur aus Irland gekommen, um ihr gute Lehren über ihr Betragen zu geben, so möge er nur wieder dahin zurückkehren. Bei dem Verhältnis, in dem sie bereits standen, schien ihm diese Ausfälligkeit unpassend und er verließ sie in kürzerer Zeit, als einem leidenschaftlich Liebenden zusteht. Eine Zeitlang spielte er den Stolzen, richtete aber damit nichts aus. Er wurde der Rolle müde, als er sah, sie helfe ihm nichts. Nun zeigte er sich als gedemütigter Anbeter; das nützte ihm aber ebensowenig. Weder seine Reue noch Unterwürfigkeit bewogen sie zur Umkehr und die kleine Rebellin schmollte noch, als Jermyn an den Hof zurückkam. Seit länger als Jahresfrist triumphierte er über Lady Castlemaines Herz und doppelt so lange war der König dieser unaufhörlichen Triumphe müde. Sein Onkel hatte das zuerst bemerkt und ihn veranlaßt, den Hof auf einige Zeit zu verlassen, damit er ihm nicht verboten würde; denn wenn der Fürst für die Castlemaine nur noch gewisse Rücksichten hegte, durfte er doch nicht ruhig mit ansehen, daß eine von ihm öffentlich ausgezeichnete, aus seiner Schatulle hoch besoldete Mätresse an den Wagen des lächerlichsten Siegers gefesselt werde. Hierüber hatte sich der König mit der schönen Frau mehrmals gestritten, aber stets ohne Erfolg. Beim letzten Streit machte er ihr den Vorschlag, sie solle ihre Gunst lieber dem Seiltänzer Jakob Hall für etwas Solides zuwenden, als ihr Geld an Jermyn für nichts und wieder nichts verschleudern; es würde ihr immer noch mehr Ehre machen, für die Gebieterin des einen, als für die demütige Magd des andern zu gelten. Das war der Castlemaine zu viel. Wie ein Blitz flammte ihr heftiges Temperament auf. Ihm stünde es hübsch an, rief sie, einer Frau, die solche Vorwürfe am wenigsten verdiene, so etwas zu sagen; er suche mit ihr beständig Streit, seitdem sein niedriger Geschmack ans Licht getreten sei; er brauche Gänschen, wie die Stewart, die Wells und jene kleine Brettervagabundin, die er neuerdings dazugesellt habe. Diese Stürme waren immer von Tränen der Wut begleitet. Endlich spielte sie wieder die Rolle der Medea, drohte ihm, seine Kinder zu Ragout zu zerhacken und sein Schloß in Flammen zu setzen. Was ließ sich gegen eine entfesselte Furie tun, die bei aller Schönheit in ihrer Leidenschaft nicht so sehr der Medea wie ihren Drachen glich! Der gute Fürst liebte die Ruhe, und da er sich in solchen Streit selten einlassen konnte, ohne daß es ihm etwas kostete, so mußte er für die letzte Aussöhnung bedeutende Opfer bringen. Als sie nun nicht einig werden konnten und beide Teile sich beklagten, wurde der Chevalier Grammont von beiden Seiten zum Vermittler ernannt. Es wurden ihm Beschwerden und Forderungen vorgelegt und seltsamerweise gelang es ihm, beide Teile zu befriedigen. Die Artikel des angenommenen Vertrages lauteten: Lady Castlemaine gibt Jermyn auf; zum Beweis ihrer Ungnade willigt sie ein, daß man ihn auf das Land verbanne; sie erlaubt sich ferner keine Anspielungen mehr auf die Wells noch auch irgend eine Kritik über die Stewart, ohne daß der König gehalten wäre, sein Benehmen gegen die Lady zu ändern; für diese Einräumungen gäbe er ihr sogleich den Titel einer Herzogin nebst allen damit verbundenen Ehren, Privilegien und einer Gehaltserhöhung, um ihre Würde zu stützen. Kaum war dieser Vertrag abgeschlossen, als die Kritiker, an denen es bei Staatsakten niemals fehlt, meinten, der Unterhändler habe den letzten Artikel nicht ganz uneigennützig formuliert, weil er täglich bei Lady Castlemaine spiele und nur selten verliere. Als die Castlemaine einige Tage darauf den Herzogstitel annahm, nahm der kleine Jermyn den Weg nach seinem Landsitz. Schon nach vierzehn Tagen hätte er zurückkommen können; der Chevalier Grammont brachte die frohe Kunde von der Erlaubnis des Königs dazu dem guten alten Grafen Saint-Albans. Das hieß, ihm das Leben schenken; vergeblich teilte er sie aber seinem Neffen mit. Dieser wollte vielleicht, die Londoner Damen sollten nach ihm schmachten, vielleicht wollte er auch gegen die Ungerechtigkeit des Jahrhunderts und die Tyrannei des Fürsten de- und remonstrieren, genug, er blieb ein halbes Jahr auf dem Land und spielte unter den Jagdliebhabern der Umgegend den kleinen Philosophen. Die Herren Junker staunten ihn aber nur als eindringliches Beispiel vom Umschwung des Glückes an. Diese Rolle kam ihm so schön vor, daß er noch länger geblieben wäre, wenn er nicht von Miß Jennings gehört hätte. Was man von ihren Reizen berichtete, galt ihm wenig, da er überzeugt war, er habe ganz andere gesehen. Weit mehr zog ihn ihr Widerstreben und ihr Stolz an. Letzterer schien ihm seines Kampfes würdig; um sie zu unterjochen, verließ er sein Exil und kam gerade an, als der ernstlich verliebte Talbot sich, nach seiner eigenen Meinung, so dummerweise mit Fräulein Jennings überworfen haben mußte. Sie hatte von Jermyn als einem wahren Helden in Liebesabenteuern gehört. Wenn die Price ihr die Verhältnisse der Herzogin von Cleveland schilderte, nannte sie seinen Namen oft, verschwieg aber dabei die Schwäche nicht, die der Held angeblich bei ernsten Zusammenkünften an den Tag legte. Dadurch wurde aber ihre Begierde, einen Mann zu sehen, dessen ganzes Wesen eine lebendige Trophäe aus Damengunst und allen möglichen Siegen über das schöne Geschlecht sein mußte, nicht geringer. Um diese Neugier zu stillen, war jetzt Jermyn persönlich gekommen, und wenn auch sein Glanz durch den ländlichen Aufenthalt ein wenig eingerostet war, wenn seine Beine auch dünner, sein Kopf dicker erschienen als sonst, so glaubte das kleine Köpfchen der Jennings, doch nie etwas Vollendeteres gesehen zu haben. Das Weib erlag seinem Schicksal und ließ sich noch seltsamer verblenden als ihre Schwestern. Man bemerkte es mit einigem Befremden; denn von dem überzarten Geschmack einer sonst so unüberwindlichen Dame erwartete man anderes. War Jermyn über diese Eroberung auch erfreut, so überraschte sie ihn keineswegs; sein Herz nahm aber bald so viel teil an ihr wie seine Eitelkeit. Mit Staunen bemerkte aber Talbot diesen Eilsieg, seine schmachvolle Niederlage, und wollte vor Wut und Eifersucht fast vergehen; allein er dachte, es sei anständiger, beides im stillen zu hegen, als zu zeigen, war scheinbar gleichmütig und trat in den Hintergrund, um zu beobachten, wie eine so plötzliche Bezauberung enden würde. Jermyn genoß unterdes ruhig die Zuneigung des lieblichsten und seltsamsten Wesens. Seitdem sich das Fräulein dem Ansinnen des Herzogs von York widersetzt hatte, hatte die Herzogin sie unter ihre Flügel genommen. Ihre Hoheit prüfte die Absichten Jermyns auf die Dame; die Fürstin war mit den Versicherungen eines Mannes zufrieden, dessen Redlichkeit seinen wahren Wert in der Liebe um vieles übertraf. Er zeigte also dem ganzen Hofe, er sei bereit, sich mit ihr zu vermählen, wolle sie aber nicht drängen. Alle Welt gratulierte der schönen Jennings, daß es ihr gelungen, den Schrecken der Ehemänner und die Plage der Liebhaber so weit zu bringen. Der Hof war mit der Erwartung dieses Wunders und die kleine Jennings mit der Aussicht auf eine nahe, glückliche Ehe beschäftigt, aber man muß mit der Glücksgöttin rechnen, ehe man ihre Gaben sicher in die Hand bekommt. Der König war nicht gewohnt, Lord Rochester so lange im Exil zu lassen. Auch dieser wurde der Verbannung müde und fand es unrecht, daß der Fürst ihn vergessen habe. Er eilte also sofort nach London, ohne Seiner Majestät Befehl abzuwarten. Zunächst schlug er seinen Sitz in der sogenannten City, dem Viertel der gewichtigen Bürger und reichen Kaufleute auf. Dort herrscht allerdings nicht die Verfeinerung des Hofes, dafür walten da aber, ruhiger und solider, Vergnügen, Luxus und Fülle. Anfangs war es nur seine Absicht, sich in die Geheimnisse der glücklichen Bewohner einweihen zu lassen, das heißt unter verändertem Namen und in fremder Tracht wollte er an ihren Festen, Partien, gelegentlich auch an dem Genusse ihrer Frauen teilnehmen. Da sich sein Geist allen Richtungen anbequemte, mußte man sehen, wie er sich in die Derbheit der reichen Aldermänner und in die Zartheit ihrer liebenden und prunksüchtigen Ehehälften einlebte. Er wurde zu allen Festen geladen, und während er mit den Männern gegen die Fehler und Schwächen der Regierung loszog, half er ihren Frauen über die Hofdamen und Mätressen des Königs den Text lesen. Er behauptete mit ihnen, dieser schändliche Mißbrauch nage am Mark des armen Volkes; die schönen Damen der City gäben denen von Westend gar nichts nach und doch fände in ihrem Stadtteil ein braver Ehemann an einer Frau vollkommen Genüge; ihr Murren noch überbietend, meinte er endlich, er sei erstaunt, daß noch nicht Feuer vom Himmel auf Whitehall gefallen sei und es zerstört habe, weil man dort Taugenichtse, wie Rochester, Killegrew und Sidney, dulde, die da behaupteten, alle Männer in London seien Hahnreie und alle ihre Weiber geschminkt. Das machte ihn in sämtlichen Kreisen so beliebt und gesucht, daß er der Schlaraffengelage und der Zudringlichkeit der Kaufleute bald müde wurde. Doch weit entfernt, in die Nähe des Hofviertels zu ziehen, verbarg er sich vielmehr in dem entlegensten Winkel der City und ließ dort, unter der Maske eines neuen Namens, in anderer Tracht, Rundschreiben des Inhalts ergehen, es sei seit einigen Tagen ein mit geheimen Wundermitteln und untrüglichen Rezepten versehener Doktor aus Deutschland angekommen. Sein Geheimnis bestände in astrologischer Erforschung der Vergangenheit und Weissagung der Zukunft. Die Kraft der Mittel bestehe hauptsächlich in rascher Befreiung der armen Mädchen von allen Übeln, die ihnen, sei es durch zu große Nächsten- oder durch zu große Selbstliebe, zugestoßen sein könnten. Seine erste nicht über die Nachbarschaft hinausgehende Praxis war nicht sehr bedeutend; aber bald drang sein Ruf ans andere Ende der Stadt; bald kamen auch die Kammermädchen vom Hofe, die Zofen der Frauen von Stand; als diese nun die Wundermär über den deutschen Arzt verbreiteten, so folgten ihnen bald einige der Herrschaften selbst nach. Nie hat es für die leichtere Literatur witzigere und lebendigere Vorbilder gegeben, als die Schriften Lord Rochesters; von allen seinen Werken aber ist das sinnreichste und ergötzlichste die Aufzählung der Ereignisse und Abenteuer, die ihm während seiner astrologisch-medizinischen Praxis in den Vorstädten Londons passierten. Die schöne Jennings war nahe daran, in die Sammlung aufgenommen zu werden; der Umstand, der sie rettete, konnte aber nicht verhindern, daß man später ihre Absicht, zu dem Propheten zu gehen, erfuhr. Die ersten Kammermädchen, die ihn befragten, waren die Zofen der Ehrenfräulein. Sie hatten eine Menge Zweifel aufzuhellen, sowohl über sich, wie über ihre Damen. Sie verkleideten sich vergebens, er erkannte einige, wie die Mädchen der Miß Temple und der Price, auch die von der Hobart jüngst entlassene Zofe. Mehrere waren verwundert, andere ganz erschrocken zurückgekehrt. Das Mädchen der Miß Temple beteuerte, er habe ihnen versichert, sie werde die kleinen und ihre Herrschaft die großen Pocken spätestens in zwei Monaten bekommen, wenn ihre Gebieterin sich nicht von einem als Frau verkleideten Manne in acht nähme. Die Zofe der Price erzählte, er hätte, ohne sie zu kennen, ihr nur in die Hand geguckt und ihr sogleich gesagt, nach der Stellung der Gestirne müsse sie bei einer guten Dame in Dienst sein, die keinen anderen Fehler besitze, als Liebe zu Männern und zum Wein. Von irgend etwas besonderem in ihren Angelegenheiten überrascht, hatte jede endlich ihre Herrschaft damit in Bestürzung oder in Lachen versetzt, zumal da sie, wie gewöhnlich, um die Sache wunderbarer zu machen, etwas von eigener Erfindung hinzugefügt. Miß Price unterhielt ihre junge Freundin einst von diesen Dingen und der böse Feind versuchte die letztere sogleich, persönlich zu dem neuen Magier zu gehen. Das Unternehmen war sehr gewagt, aber nicht zu kühn für die kleine Jennings, die da glaubte, man könne sich über den Schein hinwegsetzen, wenn man in Wirklichkeit unschuldig sei. Die Price war die Gefälligkeit selbst und als der Entschluß einmal gefaßt war, dachte man nur an die Mittel zur Ausführung. Wegen ihrer auffallenden Schönheit war die Jennings schwer zu verkleiden; etwas Eigentümliches in ihrem Wesen machte dies fast unmöglich. Nach reifem Nachdenken fanden sie es indes am besten, sich wie Orangenmädchen anzuziehen, die an öffentlichen Plätzen und im Theater ihre Ware feilbieten. Wie gesagt, so getan. Beide waren in ähnlichem Aufzuge, jede nahm ein Körbchen mit Orangen; so stiegen sie in eine Mietkutsche und überließen sich, nur von ihrer Laune und Keckheit geleitet, dem Schicksale. Die Herzogin war mit ihrer Schwester im Theater; Miß Jennings hatte sich unter dem Vorwand eines Unwohlseins entschuldigen lassen. Bei dem gelungenen Anfang des Abenteuers schwamm sie in einem Meer von Wonne; denn sie hatten verkleidet den Park durcheilt und ohne Hindernisse eine Kutsche am Tor von Whitehall bestiegen. Sie gratulierten sich. Durch den glücklichen Beginn über das Weitere beruhigt, forschte die Price ihre Gefährtin aus, was sie eigentlich bei dem Zauberer anfangen und wonach sie ihn nun fragen wollten. Miß Jennings antwortete, was sie hinführe, sei mehr Neugierde als ein ernster Grund. Sie wäre indes entschlossen, ihm ohne Nennung von Namen die Frage vorzulegen, weshalb ein gewisser, in ein ziemlich hübsches junges Mädchen verliebter Mann sich nicht beeile, zu heiraten, da das doch ganz angenehm sein müßte und nur von ihm abhinge. Die Price gestand ihr lachend, um dies Rätsel zu lösen, brauche man nicht zum Propheten zu gehen; sie habe ihr bei Gelegenheit der Abenteuer der Herzogin von Cleveland bereits den geheimen Grund angedeutet. Mit diesen Worten waren sie in die Nähe des Theaters gekommen. Nach einigem Nachdenken meinte die Price, da das Glück sie so begünstige, biete sich ihrem Mut eine schöne Probe; Sie brauchten nämlich nur in den Schauspielsaal zu gehen und dort ihre Orangen im Angesicht der Herzogin und des ganzen Hofes feilzubieten. Der Vorschlag sagte dem Sinne der einen, wie dem lebhaften Wesen der anderen zu; sie stiegen aus, bezahlten den Kutscher und drängten sich eine Unzahl von Wagen entlang; so gewannen sie mit großer Mühe den Eingang zum Schauspiel. Schöner als Adonis, stieg eben Sidney, noch mehr als gewöhnlich geschmückt, dort aus. Wie er sich eben das Haar zurechtstrich, redete die Price ihn keck an; doch er war zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um an sie zu denken und schritt ohne ein Wort an ihr vorüber. Killegrew war der zweite, der ausstieg. Durch das, was sie von der anderen gesehen, ein wenig ermutigt, näherte sich die schöne Jennings und hielt ihm ihren Korb hin, während die Price, mit der passenden Sprache mehr vertraut, ihm zurief: »Kauft Orangen, schöne Orangen!« – »Jetzt nicht,« erwiderte er, sie mit Aufmerksamkeit betrachtend, »wenn du aber morgen früh mir die Kleine zuführen willst, so soll dir das mehr einbringen als alle Orangenbuden der Stadt.« Während er dies zur einen sagte, griff er der anderen unters Kinn und ein wenig auf die Brust. Diese Vertraulichkeit ließ die kleine Jennings ganz aus der Rolle fallen; nachdem sie ihn so derb als möglich zurückgestoßen, sagte sie: er sei unverschämt, sich zu unterstehen ... »Ha, ha,« rief er, »hier ist wahrhaftig etwas ganz Neues, eine kleine H – – exe, die die Spröde spielt und Tugend vorschützt, um den Wert ihrer Ware zu steigern.« Die Price merkte wohl, die Freundin werde an einem so gefährlichen Ort nichts Gutes ausrichten; so nahm sie sie unter den Arm und führte sie, über die erlittene Beleidigung noch ganz entrüstet, weiter. Weil Miß Jennings um solchen Preis nun keine Orangen mehr verkaufen wollte, hatte sie Lust, auf den Rest des Abenteuers zu verzichten und nach Hause zu kehren; die Price jedoch, die nach so viel Mut eine solche Schwäche als Schmach behandelte, trieb sie an, den Astrologen schnell aufzusuchen, damit sie noch vor Schluß des Schauspiels zurück sein könnten. Sie hatten eine Adreßkarte, doch bedurften sie ihrer nicht; ihr Kutscher sagte ihnen, er wisse sehr gut, wohin sie wollten, er hätte schon mehr als hundert Personen zum deutschen Arzt gefahren. Sie waren von dort nur noch eine halbe Straße entfernt, als es dem Glück einfiel, ihnen den Rücken zu kehren. Brounker hatte zufällig bei einem Kaufmanne dieser Gegend gespeist und als er eben herauskam, ließen sie ihm gegenüber den Wagen halten. Zwei Orangenmädchen zu Wagen, von denen die eine sehr hübsch schien, das erregte seine Aufmerksamkeit! Dergleichen war seiner Neugierde immer willkommen. Von allen Hofleuten hegte er am wenigsten Achtung vor dem schönen Geschlecht und hatte mit dessen Ruf das allermindeste Erbarmen. Er war nicht mehr jung, sein Äußeres nicht einnehmend, allein er besaß bei sehr viel Geist eine unbegrenzte Neigung zu Weibern. Über den eigenen Wert war er sich vollkommen klar; er sah wohl ein, er könne nur noch bei denen, die es auf seinen Beutel abgesehen hätten, sein Glück machen und lag deshalb mit allen anderen im Kampfe. Eine Stunde von London hatte er ein Landhaus, das immer mit einigen Grisetten möbliert war; übrigens war er ein sehr guter Mann und der erste Schachspieler im ganzen Reich. Durch die Aufmerksamkeit, mit der der gefährlichste Feind, dem sie in den Weg geraten konnten, sie betrachtete, erschreckt, wandte die Price den Kopf ab, riet ihrer Gefährtin, es ebenso zu machen und befahl dem Kutscher, weiterzufahren. Ohne daß sie es bemerkten, folgte ihnen Brounker zu Fuß, und als der Wagen zwanzig bis dreißig Schritte weiter anhielt, stiegen sie aus. Er ging ihnen hinten nach und fällte ein Urteil, das auch ein in seinen Ansichten weniger kühner Mann gefällt hätte. Für ihn unterlag es keinem Zweifel, daß die Jennings irgend ein junges auf Abenteuer ausgehendes Mädchen und die Price ihre Vermittlerin sei. Er fand sie zu seinem Befremden über ihrem Stande fein beschuht, und beim Herabsteigen aus einem sehr hohen Wagen zeigte das kleine Orangenmädchen das hübscheste Bein, das man sich denken kann. Da dies nun seinen Absichten keineswegs widersprach, beschloß er, sie um jeden Preis zu gewinnen und in sein Serail zu stecken. Gerade als sie dem Kutscher ihre Körbe zum Aufbewahren gaben und ihm an derselben Stelle zu warten befahlen, trat Brounker zu ihnen. Er schob sich zwischen beide; sie waren bei seinem Anblick ganz verwirrt. Ohne ihr Erstaunen zu beachten, zog er mit einer Hand die Price beiseite, mit der anderen die Börse und fing an, das Geschäft zu besprechen, als er sah, wie sie das Gesicht abwandte, ohne eine Antwort zu wagen. Das schien ihm unnatürlich, er guckte ihr also, sosehr sie sich auch sträubte, ins Gesicht. Dasselbe tat er mit der anderen, als er sie aber erkannt hatte, hütete er sich wohl, es merken zu lassen. Bei solchen Gelegenheiten war der alte Fuchs vollkommen Herr über sich selbst; um ihnen allen Argwohn zu benehmen, foppte er sie nur etwas und verließ sie dann, der Price zurufend: es wäre sehr albern von ihr, seine Anträge abzuweisen; die Kleine würde vielleicht das ganze Jahr hindurch nicht das gewinnen, was sie von ihm in einem Tage haben könnte; die Zeiten wären schlecht, seitdem die Hoffräulein den armen Stadtmädchen den Markt abliefen. Mit diesen Worten ging er zu seinem Wagen; sie verhüllten die Gesichter und dankten Gott aus voller Seele, daß er ihnen ohne Entdeckung aus dieser Gefahr geholfen. Brounker hätte aber dieses Zusammentreffen nicht für tausend gute Guineen gegeben; auch er dankte also dem Himmel, daß er sie nicht von ihrem Vorhaben abgeschreckt, denn es war für ihn außer Zweifel, daß die Price die kleine Miß Jennings auf Abenteuer führe. Er hatte im Nu begriffen, daß ihre Verlegenheit über ihre Entdeckung ihm jede Aussicht auf Genuß unmöglich gemacht hätte. Deshalb empfand er, wenngleich Jermyn sein bester Freund war, eine geheime Freude, daß er das Los der Hahnreischaft noch vor der Hochzeit von ihm nicht abgewendet. Die Furcht, ihn vor diesem Schicksal zu bewahren, war der Grund seines vorsichtigen, raschen Fortgehens. Während die beiden ihre Angst überstanden, war der Kutscher mit einigen Straßenjungen, die sich um den Wagen drängten, um Orangen zu stehlen, in Streit geraten. Von Worten kam es zu Schlägen. Die Damen sahen den Beginn des Kampfs, als sie das Projekt, den Wahrsager zu besuchen, aufgaben und zum Wagen zurückkehrten. Ihr Kutscher hatte Ehrgefühl und sie konnten ihn nur mit großer Mühe bewegen, die Orangen dem Pöbel zu lassen, um nur aus der Klemme zu kommen. Nach tausend Schrecken und nach Anhörung einiger im Streit ausgestoßener anzüglicher Worte stiegen sie endlich ein und gelangten wieder in den Saint-James-Palast, fest entschlossen, nie wieder so gefahrvolle Wege zu Propheten zu wandeln. Bei seiner geringen Meinung von der Tugend des schönen Geschlechts hätte Brounker die Hand dafür geopfert, daß die kleine Jennings von der Fahrt nicht so zurückgekommen sei, wie sie sie angetreten hatte; er bewahrte nichtsdestoweniger streng das Geheimnis, weil er durchaus wollte, daß der allzu glückliche Jermyn eine kleine Abenteurerin heiraten solle, die sich für ein Tugendmuster ausgab; er wollte ihm dann am Tag nach der Hochzeit seine Gratulation über das Geschöpf, mit dem er sich verbunden, aussprechen. Der Himmel fand es aber für gut, ihm das zu versagen, wie wir später sehen werden. Wir erwähnten, daß Miß Hamilton bei einer Verwandten auf dem Lande war. Während dieser kurzen Abwesenheit hatte der Chevalier Grammont es bitter empfunden, daß ihm unter keinerlei Vorwand ein Besuch gestattet wurde. Bei der Größe seiner Ungeduld war ihm aber das ihm stets günstige Spielerglück kein geringer Trost. Endlich kehrte Miß Hamilton zurück. Mistreß Wetenhall wollte sie scheinbar aus Höflichkeit in gehöriger Form zurückbegleiten. Die bis zum Übermaß getriebene Etikette ist das Steckenpferd des Landadels. Hier aber war die Höflichkeit bloßer Vorwand, um einen etwas seltsamen Gemahl zu bewegen, in die Reise seiner Frau einzuwilligen. Vielleicht hätte er sich selbst die Ehre gegeben, Fräulein Hamilton nach London zu begleiten, wäre er nicht mit einigen Beiträgen zur Kirchengeschichte, an der er seit längerer Zeit arbeitete, beschäftigt gewesen. Man hütete sich, ihn in der Arbeit zu stören; denn dabei hätte Mistreß Wetenhall nicht ihre Rechnung gefunden. Diese Dame war, was man treffend eine echt englische Schönheit zu nennen pflegt, ihr Teint wie aus Lilien und Rosen, aus Schnee und Milch; Arme, Hände, Busen und Füße wie aus Wachs; alles aber ohne Seele und Leben. Das Gesicht war das niedlichste Bild, aber immer dasselbe Antlitz; man konnte meinen, sie ziehe es jeden Morgen aus einem Kästchen und stecke es, ohne es tagsüber gebraucht zu haben, abends wieder hinein. Genug, die Natur hatte eine Puppe aus ihr gemacht, und die niedliche Mistreß Wetenhall blieb eine Puppe bis zum Grabe. Ihr Gatte, der Squire Wetenhall, hatte Theologie studiert; da jedoch sein älterer Bruder, während er selbst auf der Universität war, starb, schlug er nicht die Kirchenlaufbahn, sondern den Weg nach der Heimat ein und nahm die eben geschilderte Miß Bedingfield zur Gattin. Sein Äußeres war gar nicht übel; aber er hatte eine ernste, grübelnde Miene, die einen melancholisch machen konnte. Übrigens durfte sie sich rühmen, einen der größten Theologen des Landes zum Manne zu haben; er war alle Tage wie an die Bücher gefesselt und ging früh zu Bett, um früh wieder aufzustehen. Wenn die Frau schlafen ging, fand sie ihn schnarchend, und wenn er aufstand, war sie im tiefsten Schlummer. Bei Tisch wäre seine Unterhaltung lebhaft gewesen, wenn Madame, wie er, die göttliche Lehre auswendig gekannt oder das Disputieren geliebt hätte; da sie aber weder das eine noch das andere interessierte, so herrschte an ihrer Tafel ein Schweigen wie bei einem Klostermahl. Häufig hatte sie den lebhaften Wunsch geäußert, London zu sehen; wenn sie aber auch nur eine kleine Tagereise davon entfernt wohnten, wurde ihre Sehnsucht dennoch nie gestillt. Sie wurde also nicht ohne Grund des Lebens in Peckham satt. Die Einförmigkeit eines schon durch seine Lage so traurigen Ortes schien ihr unerträglich; da sie überdies, wie viele Frauen, törichterweise glaubte, ihre Kinderlosigkeit mache ihr wenig Ehre, so wurde sie ziemlich bös bei dem Gedanken, daß man sie für unfruchtbar halten könnte; denn sie hielt sich überzeugt, sie besitze; wenn der Himmel ihr jetzt auch den Segen nicht gewähre, doch alles, was nötig sei, um Kinder zu bekommen, sobald es des Herrn Wille sei. Das hatte sie zu einigem Nachdenken veranlaßt und daran hatten sich weitere Betrachtungen geknüpft, wie zum Beispiel, da ihr Gemahl mehr auf seine Studien als auf die ehelichen Pflichten bedacht sei und lieber in alten Büchern wühle als in jungen Reizen, da er mit einem Wort mehr für seine Unterhaltung sorge als für die Zerstreuung seiner Frau, so dürfte es ihr aus Nächstenliebe wohl gestattet sein, einen schmachtenden Verehrer anzuhören, versteht sich, in aller Form Rechtens und solcher Absicht, daß der böse Feind ihr nichts anhaben könne. Vielleicht hätte Mister Wetenhall, als eifriger Anhänger der Kasuistenmoral, diese Entschlüsse nicht ganz gebilligt, aber er wurde nicht gefragt. Leider bot sich in dem öden Peckham und der traurigen Umgegend nichts, was den Absichten der Mistreß Wetenhall entgegenkommen konnte. Sie verschmachtete zusehends und aus Furcht, vor Einsamkeit oder durch Entbehrung den Tod zu finden, wandte sie sich an das gute Herz Miß Hamiltons. Sie hatten einander in Paris kennengelernt, wohin Wetenhall die Frau sechs Monate nach der Hochzeit geführt hatte, weil er dort Bücher einzukaufen wünschte. Seit jener Zeit bedauerte Miß Hamilton sie sehr und beschloß, einige Monate mit ihr auf dem Lande zuzubringen, in der Hoffnung, sie durch diesen Besuch der Gefangenschaft zu entziehen, und – der Plan gelang. Vom Tage ihrer Ankunft in Kenntnis gesetzt, wußte der Chevalier Grammont, auf den Flügeln der Liebe und voll Ungeduld, Georg Hamilton zu bewegen, ihnen ein paar Meilen von London aus zusammen entgegenzufahren. Der Wagen, in dem sie bei dieser Gelegenheit erschienen, war seiner Prachtliebe würdig; auch kann man denken, daß er an seiner Person nichts gespart hatte. Doch trotz seines Ungestüms zügelte er die Eile des Kutschers, weil er einen Zufall besorgte; ihn dünkte auf dem Weg Vorsicht passender als Eifer. Endlich kamen die Damen und Miß Hamilton erschien ihm noch zehnmal schöner, als bei ihrer Abreise von London; er hätte für eine solche Umarmung, wie sie sie dem Bruder zuteil werden ließ, sein Leben gegeben. Mistreß Wetenhall erhielt ihren Tribut bei der Huldigung, die hier der Schönheit gezollt wurde, und ihre Reize wußten den Huldigenden Dank. Als Hamilton sie wärmer ansah, blickte sie auf ihn als ein passendes Werkzeug für ihre kleinen, im stillen entworfenen Pläne. In London taumelte ihr Köpfchen vor Zufriedenheit und Glück; wie ein Zauber kam ihr in dieser herrlichen Stadt alles vor, was sie sah, da sie von Paris bisher nur einige Buchläden in der Straße von Saint-Jacques erblickt hatte. Sie wohnte jetzt bei Miß Hamilton, wurde an beiden Höfen vorgestellt, beaugapfelt, und – gefiel. Unerschöpflich in Festen und galanten Aufmerksamkeiten, benutzte der Chevalier Grammont die Ankunft der schönen Fremden, um alle Pracht zu entfalten; Bälle, Konzerte, Schauspiele, Spazierfahrten zu Wasser und zu Lande, Gastmähler ohne Ende jagten einander. Für diese ihr meist unbekannten Genüsse zeigte Mistreß Wetenhall höchste Empfänglichkeit. Nur das Schauspiel langweilte sie ein wenig, wenn man ernste Dramen gab. Sie meinte indes, die Sache sei sehr rührend, wenn viele Leute auf der Bühne getötet würden, obwohl die Schauspieler eigentlich doch hübsche große Burschen seien, die man lieber am Leben sähe. Hamilton wurde von ihr zu seiner Zufriedenheit behandelt, soweit nämlich bei einem Verliebten, der stets etwas viel verlangt, von Zufriedenheit die Rede sein kann. Er tat sein mögliches, um sie zur Ausführung der in Peckham gefaßten Entschlüsse zu bewegen. Mistreß Wetenhall fand ihn sehr nach ihrem Geschmack. Es war derselbe Hamilton, den man in Frankreich mit Auszeichnung dienen gesehen. Er war angenehm und wohlgebildet. Alles schien auf ein Verhältnis hinzudrängen, dessen Beginn zu lebhaft gewesen war, als daß es vor Schluß hätte einschlafen können. Je mehr er sie indes zum Ziele trieb, desto mehr mangelte ihr der Mut, und einige Reste von Zweifeln, die sie nicht ganz gelöst, hielten die Sache in Schwebe. Es läßt sich wohl annehmen, daß etwas mehr Ausdauer sie besiegt hätte; doch blieben die Dinge einstweilen wie sie waren, Hamilton, der nicht begreifen konnte, was sie von der Hingabe abhalte, da vor den Augen der Welt doch das Erste und Schwierigste überwunden war, überließ sie ihrem Schwanken, statt, wie er gesollt, sie durch stets erneuten Eifer zu drängen. Wegen solcher Hindernisse mitten im besten Zuge stehenzubleiben, schien ihm unbegreiflich. Aber er war bereits von Hoffnungen und Schimären zu sehr eingenommen, so daß er hier vorzeitig nachließ, um ganz nutzlos einer anderen Fährte nachzugehen. Ich kann nicht sagen, ob die kleine Wetenhall sich daran die Schuld gab, genug, sie war darüber außer sich. Denn bald mußte sie zu ihren Kohlköpfen und Truthähnen nach Peckham zurück. Sie wollte fast verzweifeln; jener Aufenthalt erschien ihr tausendmal schrecklicher, seitdem sie London kennengelernt. Die Königin sollte indes in einem Monat nach dem Badeort Tunbridge, und man mußte sich der traurigen Notwendigkeit des Wiedersehens mit dem Philosophen Wetenhall fügen. Nur das Versprechen Miß Hamiltons, sie werde, solange der Hof im Bade bleibe, kein anderes Haus beziehen, als das der jungen Frau, das kaum eine Stunde von Tunbridge lag, konnte sie einigermaßen trösten. Die Hamilton versprach ihr, sie wolle sie in ihrer Einsamkeit nicht verlassen; vor allem aber werde sie ihr den Chevalier Grammont hinführen, dessen muntere Unterhaltung ihr so zusagte, und der Chevalier, der stets bereit war, auf Herzensangelegenheiten einzugehen, verhieß ihr, Georg Hamilton mitzubringen, worüber sie bis zu den Ohren errötete. Einen Monat später reiste der Hof ab, um etwa acht Wochen an dem einfachsten ländlichen Orte, der aber zugleich der angenehmste und unterhaltendste Aufenthalt ist, zuzubringen. Tunbridge liegt von London etwa ebenso weit, wie Fontainebleau von Paris; zur Brunnenzeit versammelt sich dort die schöne und elegante Welt beider Geschlechter. Die Gesellschaft ist dort immer zahlreich, aber stets gewählt. Da die Zahl der bloß Vergnügen Suchenden jene der Kranken fortwährend übersteigt, so atmet alles nur Vergnügen und Freude. Jeder Zwang ist verbannt, kaum bekannt, ist man schon vertraut miteinander; allmächtig herrscht nur der Lebensgenuß. Zur Wohnung hat man kleine, saubere und bequeme Häuschen, die, voneinander getrennt, die Quellen auf eine halbe Stunde im Umkreis umgeben. Des Morgens versammelt man sich am Sprudel. Dort befindet sich eine große Allee von dichtbelaubten Bäumen, unter denen man spazierengehend den Brunnen trinkt. Auf einer Seite des Laubenganges ist eine lange Reihe von Buden mit aller Art Schmucksachen, Strümpfen, Handschuhen und Spieltischen, wie auf einem Jahrmarkt. Auf der anderen Seite der Bäume ist der Gemüsemarkt, auf dem jeder selbst seine Vorräte einkauft, weshalb dort nichts Unsauberes geduldet wird. Man sieht dort kleine, blonde, frische Landmädchen mit sehr reiner Wäsche, niedlichen Strohhüten und sauberem Schuhwerk; sie verkaufen Wildbret, Gemüse, Blumen und Früchte. Man erhält so gute Kost, wie man nur wünschen kann. Es wird auch hoch gespielt und Liebesverhältnisse sind an der Tagesordnung. Sobald der Abend kommt, verläßt jeder sein Schlößchen, um sich auf dem Rasenplatz einzufinden. Dort tanzt man, wie man will, auf einem so weichen, ebenen Rasen, wie auf dem schönsten Teppich der Welt. Eine halbe Stunde von Tunbridge hatte Lord Muskerry ein schönes Landhaus, Summerhill genannt. Nachdem Miß Hamilton acht bis zehn Tage in Peckham zugebracht, mußte sie die übrige Zeit ihres Aufenthaltes dort verleben. Mister Wetenhall gab auf ihre Bitte seiner Frau die Erlaubnis, sie dorthin zu begleiten und so schlug dieser kleine Kreis, das langweilige Peckham und seinen noch langweiligeren Herrn verlassend, seinen Sitz in Summerhill auf. Sie waren täglich bei Hof oder der Hof bei ihnen. Die Königin überbot sich selbst in der Sorge für Erheiterungen. Sie wollte die natürliche Ungebundenheit von Tunbridge noch erhöhen, statt durch die ihrer Person zustehenden Rücksichten die Freiheit irgendwie zu beschränken. Sie untersagte alle Etikette, verschloß Gefühle, die sie nicht ganz bannen konnte, tief in ihrem Herzen und während die Stewart des Königs Neigung triumphierend zur Schau trug, machte die Fürstin nicht einmal ein unfreundliches Gesicht. An keinem Orte der Welt hat je die Liebe ihre Macht so blühend entfaltet. Die vor der Ankunft von ihr getroffen waren, fühlten ihre Glut steigen und die Eros am wenigsten unterworfen schienen, ließen ihren natürlichen Starrsinn sein und spielten eine ganz andere Rolle. Wir führen hier nur das Beispiel vom Prinzen Rupert an. Tapfer bis zur Tollkühnheit, war er einigen Passionen unterworfen, von denen er sich nur ungern trennte. Mit bedeutenden Anlagen für mathematische Probleme verband er Kenntnisse in der Chemie. Bis zum Übermaß höflich, wo es nicht nötig war, zeigte er sich stolz, selbst grob, wo es galt, milde zu sein. Er war groß und hatte ein abstoßendes Äußeres. Sein Gesicht erschien hart und düster, selbst wenn er sich heiter zeigen wollte, aber bei übler Laune bot er den Anblick eines Verdammten. Die Königin hatte, um in der Unterhaltung keine Lücke eintreten zu lassen, die Schauspieler aus London herbefohlen, vielleicht auch, um durch die Anwesenheit der Nell Gwynn dem Fräulein Stewart einen Teil der Unruhe zu vergelten, die diese ihr bereitete. Prinz Rupert fand in den Zügen einer anderen kleinen Künstlerin, namens Hughes, Reize, die sein sonst wildes Naturell auf einmal unterjochten. Fort also mit allen Destillierkolben, Schmelztiegeln, Öfen und dem ganzen Apparat der schwarzen Kunst, fort mit allen mathematischen Instrumenten und Berechnungen! Bei ihm war jetzt nur von Riechwassern und Essenzen die Rede. Das kleine, naseweise Mädchen wollte in gehöriger Form belagert sein, sie widerstand allem Gelde, um ihre Gunst später um so teurer zu verkaufen und ließ den armen Prinzen eine ganz unerhört neue Rolle spielen. Der König war über den Vorfall entzückt. Man feierte ihn förmlich wie ein glückliches Ereignis; aber es war niemand so keck, darüber zu spötteln, während man sich bei den Schwächen anderer keinen Zwang antat. Bei der Königin wurde alle Tage getanzt, weil die Ärzte es gut fanden und niemand etwas dagegen einzuwenden hatte. Selbst die weniger Tanzlustigen zogen zur Verdauung des Wassers diese Bewegung dem steten Herumlaufen vor. Lord Muskerry glaubte sich gegen alle Springgelüste seiner Gemahlin gesichert, denn die Prinzessin von Babylon war, wenn er sich dessen auch etwas schämte, seit sechs oder sieben Monaten guter Hoffnung und zu ihrem großen Leidwesen hatte sich das Kind auf die eine Seite geworfen, so daß man sich in ihrer Gestalt gar nicht zurechtfinden konnte. Jeden Morgen sah also die arme Muskerry Miß Hamilton und Mistreß Wetenhall bald zu Wagen, bald zu Pferde eine Fahrt antreten, stets von einer galanten Schar begleitet. Sie malte sich die Freuden an den Orten, an die sie zogen, weit glänzender aus, als sie waren, und ihre Phantasie tanzte zu Summerhill alle Kontertänze von Tunbridge nach. Kaum hätte sie solchen Geistesqualen noch standhalten können, als der Himmel, von ihren Wünschen gerührt, Lord Muskerry endlich auf zwei Tage nach London führte. Er hatte kaum den Rücken gewendet, als die Lady erklärte, sie wolle eine kleine Fahrt zum Hof machen. Sie besaß einen sehr vernünftigen Hausbeichtiger oder Kaplan. Aus Furcht vor einer Anwandlung hatte der Lord sie den Ratschlägen und dem sanften Zuspruche des weisen Priesters empfohlen. Doch der ermahnte sie vergebens zum Bleiben; umsonst hielt er ihr die Befehle ihres Herrn und die Gefahren vor, denen sie sich in solchem Zustande aussetze. Es half nichts, daß er ihr die Schwangerschaft wie eine besondere Gnade des Himmels darstellte, die sie zu erhalten suchen müsse, um so mehr, da sie vielleicht nicht ahne, wie schwierig es oft sei, zu ihr zu gelangen. All seine Ermahnungen waren in den Wind gepredigt. Miß Hamilton und die Kusine Wetenhall unterstützten sie freundlich in ihrem Vorhaben, halfen ihr am folgenden Tage sich ankleiden und fuhren mit ihr ab. Es hatte der ganzen Gewandtheit der Damen bedurft, um ihrem Wuchs einige Symmetrie zu verleihen; endlich steckten sie ihr ein kleines Kissen unter das Kleid, damit es ihrem verwünschten Kind, das sich auf die linke Seite geworfen, auf der rechten das Gleichgewicht halte, und glaubten vor Lachen zu bersten, als sie ihr sagten, sie wäre ganz allerliebst. Als sie bei Hofe erschien, meinte man, sie habe sich der Königin zu Ehren in einen Reifrock gesteckt; aber man freute sich, sie zu sehen. – Leute ohne Umstände versicherten ihr, sie sei gewiß mit Zwillingen schwanger, und die Königin, die sie im Grunde ein wenig darum beneidete, wenn die Sache auch noch so komisch schien, war weit entfernt, sie um die ihr wohlbekannte Hauptfreude zu bringen. Als die Stunde der Kontertänze geschlagen, erhielt Hamilton Befehl, sie zu führen. Sie machte wegen ihres Zustandes freilich einige Schwierigkeiten, aber sie tue es, um der Königin zu gehorchen, sagte sie, und strahlte beim Antreten geradezu vor Seligkeit. Wir haben schon gesagt, das größte Glück sei oft dem traurigsten Umschwung unterworfen. Ausgestopft wie sie war, schien die Muskerry dennoch gar keine Ermüdung zu fühlen; im Gegenteil, für sie gab es keine andere Pein, als die Ankunft ihres Gemahls, so beeilte sie sich denn so viel zu tanzen, als sie konnte, damit nicht seine plötzliche Rückkehr ihr einen Teil des Genusses raube. Als sie sich aber unvorsichtig bewegte, löste sich unvermerkt das untergestopfte Kissen und fiel mitten in die Tanztour. Der Herzog von Buckingham folgte ihr, hob es sorgsam auf, drückte es an die Brustklappen seines Rocks und, indem er das Geschrei eines neugeborenen Kindes nachmachte, suchte er gleich unter den Ehrenfräulein eine Amme für den armen, kleinen Muskerry. Dieser Scherz hätte, im Verein mit der wunderlichen Gestalt der Frau, Miß Stewart vor Lachen fast ohnmächtig gemacht; denn die Prinzessin von Babylon stand plötzlich auf der rechten Seite ganz eingefallen, auf der andren einhöckerig im Kreis. Wer sich bis dahin gehalten hatte, ließ nun seinem Lachen freien Lauf, weil man den Lachausbruch Miß Stewarts zum Signal nahm. Die Lady war ganz außer Fassung, alle baten um Entschuldigung und die Königin, die innerlich mehr als alle anderen lachte, stellte sich, als fände sie es unpassend, daß man sich so viel Freiheit herausnehme. Während Miß Hamilton und die Wetenhall Lady Muskerry in einem anderen Zimmer wieder ausstopften, sagte der Herzog von Buckingham zum König: »Wenn gleich nach der Niederkunft Bewegung erlaubt wäre, so müßte man nach Reponierung des Kindes Lady Muskerry Genugtuung geben.« Der Rat schien nicht übel und wurde befolgt. Die Königin befahl bei ihrem Erscheinen die Wiederholung des Kontertanzes, die Lady nahm die Aufforderung an, das Mittel tat seine Wirkung und der kleine Unfall war vergessen. Während diese Dinge am Hofe des Königs vorgingen, war der Hof des Herzogs von York wo anders hingefahren. Der Vorwand zur Reise war der Besuch der Provinz, deren Namen der Fürst trug; aber Liebe war der eigentliche Beweggrund. Die Herzogin hatte sich seit ihrer Erhebung mit einer Klugheit und Vorsicht benommen, die man nicht genug bewundern konnte. Ihr Benehmen war derart, daß sie das Geheimnis, alle Welt zufriedenzustellen, gefunden zu haben schien, eine seltene Kunst, fast noch seltener, als ihr unerhörter Aufstieg. Aber nachdem sie sich so lange hatte verehren, wollte sie sich auch ein wenig lieben lassen oder, besser gesagt, Amor wußte sie durch alle Vorsicht, Weisheit und Grundsätze, mit denen sie sich gewappnet, mitten hindurch ins Herz zu treffen. Hundertmal sagte sie sich umsonst: Als der Herzog sie liebte, habe er ihr nur Gerechtigkeit erzeigt, doch dadurch, daß er sich mit ihr vermählt, habe er ihr zu viel Ehre erwiesen; bei seiner immer wiederholten Untreue käme es ihr zu, sich geduldig zu fügen, bis es dem Himmel gefiele, ihn zu bessern. In den Schwächen, durch die er sie zu beschimpfen scheine, dürfe sie seinem Beispiel nicht folgen; da aber jede andere Rache sich noch weniger zieme, müsse sie ihn durch ein dem seinen entgegengesetztes Benehmen zurückzugewinnen suchen. Sie hatte sich durch diese Grundsätze lange aufrecht zu halten gesucht, aber vergeblich; so stark der Verstand, so streng die Sittsamkeit sein mag, es gibt Prüfungen, die durch ihre lange Dauer selbst Vernunft und Tugend nicht ertragen. Die Herzogin von York war unter allen englischen Damen mit dem stärksten Appetit gesegnet. Da dies eine erlaubte Neigung war, so entschädigte sie sich durch Schmausen für das, was sie sich anderseits durch Fasten abgehen ließ. Es war geradezu erbaulich, sie bei der Tafel zu sehen. Der Herzog hingegen überließ sich unaufhörlich neuen Liebeleien, erschöpfte sich durch Untreue und wurde immer magerer, während die Herzogin sich trefflich nährte und so fett wurde, daß es fast wie Segen schien. Man kann nicht sagen, wie lange das so fortgegangen wäre, wenn nicht der Liebesgott, über ein von ihrem früheren so verschiedenes Betragen ergrimmt, List und Gewalt angewandt hätte, um ihre Ruhe zu stören. Zuerst setzte er Rach- und Eifersucht, diese beiden Todfeinde alles Herzensfriedens, in Bewegung. Eine große, magere, blasse Person, die die Herzogin zu ihrem Ehrenfräulein ernannt hatte, wurde Gegenstand ihres Argwohnes, weil der Herzog ihr damals nachstellte. Sie hieß Churchill. Man konnte nicht begreifen, wie der Fürst nach seinen Neigungen für eine Chesterfield, eine Miß Hamilton und für die kleine Jennings ein solches Gesicht erträglich finden konnte; aber man bemerkte bald, daß etwas ganz anderes als bloße Lust zur Abwechslung ihn gefesselt hatte. Die Herzogin war über diese Wahl, die ihren eigenen Wert noch tiefer herabdrückte, als die Wahl der anderen es getan, empört, und da bot gerade zur Zeit, als Unwille und Eifersucht sie stachelten, der hinterlistige Liebesgott ihren Blicken inmitten heftigster Aufregungen die edle Gestalt des schönen Sidney. Während der Gott ihr die Augen für sein Äußeres weit öffnete, verschloß er sie ihr vor seinem Geist. Ehe sie es merkte, brannte sie für ihn, und die gute Meinung, die Sidney von seinem eigenen Wert hatte, ließ ihn über diese stolze Eroberung nicht lange im dunkeln. Um sicherer zu gehen, beantworteten seine kühnen Blicke alles, was Ihrer Hoheit Augen ihn zu fragen geruhten; dabei stellte prächtigere Kleidung seine persönlichen Reize noch mehr ins Licht. Vor den Folgen eines solchen Verhältnisses zurückschreckend, kämpfte die Herzogin mit Kraft und Festigkeit gegen die gefährliche Neigung; doch Miß Hobart stellte sich auf Seite der Leidenschaft, löste und überwand allmählich die Skrupel der Fürstin. Sie hatte sich durch eine Neuigkeitschronik, die das ganze Jahr umfaßte, in ihre Gunst geschmeichelt. Hof und Stadt waren darin behandelt, im übrigen war es nicht ihre Sache, ob die Nachrichten immer echt waren, sie suchte sie eben dem Geschmack Ihrer Hoheit anzupassen, kannte auch ihren Sinn für Tafelfreuden und verstand ihre Lieblingsgerichte zuzubereiten oder zu verbessern. All das hatte sie fast unentbehrlich gemacht, aber um ganz fest zu stehen, beobachtete sie die Haltung Sidneys und las in ihrer Gebieterin Herzen deren Eindruck. Die geschickte Hobart hatte ihr gleich gesagt, der arme Mann vergehe aus Liebe zu ihr, es sei jammerschade, daß ein so vortrefflicher Mensch, der die ihr gebührende Achtung nur darum etwas aus den Augen verliere, weil er sich nicht mehr halten könne, sich vor den Blicken der Welt an ihrem Glanz wie ein Schmetterling versenge. Die Sache würde bald Aufsehen erregen, wenn man nicht beschwichtigend eingriffe; sie beschwöre Ihre Hoheit, auf die eine oder andere Weise mit seinem Zustand Mitleid zu haben. Die Herzogin fragte sie, was sie damit meine, und wie sie Mitleid haben solle. – »Ich meine, gnädige Frau,« sprach die Hobart, »daß Sie ihm, wenn sein Äußeres oder seine Neigung Ihnen mißfällt, den Abschied geben oder – ihn in ihrem Dienst behalten, wie alle Prinzessinnen der Welt es an ihrer Stelle täten; in diesem Falle erlauben Sie mir, ihm vorläufig Ihre Befehle über sein Benehmen, nebst einigen schwachen Aussichten zu eröffnen, damit er nicht wahnsinnig wird. Später dürften sich dann Wege für Ihro Hoheit finden, ihn selbst von Ihrer Willensmeinung in Kenntnis zu setzen ....« »Wie!« rief die Herzogin, »Sie sind mir ergeben, Hobart, und können mir raten, mich auf Kosten meiner Ehre und unter tausend Gefahren in ein solches Verhältnis einzulassen? Wenn ähnliche Schwächen bisweilen zu entschuldigen sein mögen, so sind sie es doch nie in einer Stellung wie der meinen; es hieße die Gnade dessen, der mich zu ihr erhoben, schlecht erkennen, wollte ich ....« »Gut,« sprach die Hobart, »weiß man etwa nicht, daß er sich mit Ihnen nur vermählte, weil er dazu gedrängt wurde? Als die Verbindung einmal geschlossen war, hat er sich da vielleicht den mindesten Zwang auferlegt, hat er Ihnen nicht durch tausendfache Untreue seinen beleidigenden Wankelmut bewiesen. Sind Sie geneigt, gleichgültig und demütig weiter mit anzusehen, wie der Herzog, nachdem er die Gunst aller Kokotten gesucht, gefunden oder verloren hat, Ihre eigenen Fräulein, eine nach der anderen, abgaloppiert und jetzt sogar seinen Ehrgeiz und sein Streben auf diese dürre Mähre, die Churchill richtet? Wie, gnädige Frau, Ihre beste Zeit wollen Sie wie eine Witwe, mit Klagen über Ihr Unglück zubringen, ohne sich gelegentlich Trost zu suchen? Dazu gehört eine Hiobsgeduld oder stumpfe Resignation. Ein Mann, der seine Gemahlin Tag und Nacht vernachlässigt und meint, sie brauche nur mit gutem Appetit zu essen, wie Ihro Hoheit es Gott sei Dank tut, und brauche weiter nichts, als gut zu schlafen, na, da dank' ich! Ich wiederhole es, keine Prinzessin auf Erden würde die Huldigung eines Sidney zurückweisen, wenn ihr Gemahl sich von ihr abwendet.« Diese Ausführungen waren, wenn man will, nicht besonders moralisch, aber wären sie es noch weniger gewesen, sie hätten die Herzogin gewonnen, denn ihr Herz war mit der Hobart darüber einig, daß sie ihrer Zurückhaltung ein Ende machen müsse. Das Verhältnis war gerade im Werden, als die Hobart der jungen Temple riet, die Lockungen Sidneys nicht zu beachten. Sobald er von der Hobart erfahren hatte, daß die Herzogin seine Huldigung annehme, dachte er nur noch an die nötige Vorsicht und an Mittel und Wege, die Welt irrezuführen; aber die Welt ist nicht so dumm, wie man glaubt. Weil es nun an einem starkbesuchten Hofe inmitten einer großen Stadt viele Aufpasser, Neugierige, Kritiker gibt, so bewog die Herzogin, um nicht durch so viele Zeugen ihr teuerstes Glück zu gefährden, ihren Gatten, die schon erwähnte Reise zu machen, während der Hof der Königin zu Tunbridge war. Dies Auskunftsmittel war gut gewählt, die Fürstin befand sich wohl dabei und ihr Hof nicht minder, mit Ausnahme von Miß Jennings. Jermyn war nicht unter der Reisegesellschaft; er war mit einem über seine Kräfte gehenden Unternehmen beschäftigt, er kämpfte nämlich die schon von Chevalier Grammont verlorene Wette aus. Er hatte um fünfhundert Guineen gewettet, daß er zwanzig englische Meilen mit einem Pferde in einer Stunde zurücklegen werde. Der Tag für diesen Wettkampf war derselbe, an dem Miß Jennings zum Wahrsager gegangen war. Jermyn war in seinem Unternehmen glücklicher als sie; er blieb Sieger, doch da sein Mut seine Körperkraft überstieg, gewann er zwar die Wette, verlor aber seine Gesundheit. Er bekam das Fieber und dies brachte seine Stimmung sehr herunter. Die Jennings erkundigte sich nach seinem Befinden, wagte aber weiter nichts. In den Romanen braucht eine Prinzessin ihrem von den Ärzten schon aufgegebenen Helden nur einen Besuch zu machen und er ist in drei Tagen gerettet; da aber nicht Miß Jennings das Fieber erzeugt hatte, konnte sie es auch nicht vertreiben; wäre sie überzeugt gewesen, man werde an einem lästerungssüchtigen Hofe einen Mitleidsbesuch nicht bekritteln, so hätte sie ihn wenigstens besucht. Rücksichtslos für ihren Kummer reiste der Hof ohne Jermyn ab; doch sie hatte wenigstens die Genugtuung, ihr Mißfallen an allem, was anderen auf der Fahrt Freude machte, zu äußern. Talbot war bei der Gesellschaft und schmeichelte sich, die Abwesenheit eines gefährlichen Rivalen könne eine Wendung zu seinen Gunsten herbeiführen; darum blickte er aufmerksam auf alle Bewegungen, Handlungen und auf die geringsten Züge von Miß Jennings, womit er freilich genug zu tun hatte. Denn für eine ernste Stimmung von längerer Dauer war sie nicht geschaffen; aus tiefster Träumerei riß ihr Temperament sie zu lebhaften Scherzen fort, und das gab ihm Hoffnung, sie werde Jermyn vergessen und sich seiner früheren Neigung erinnern. Doch hielt er seine Sehnsucht und Liebe im Hintergrunde, weil er es eines beleidigten Liebhabers nicht würdig erachtete, einer Undankbaren, die ihn im Stich gelassen, die kleinste Schwäche zu zeigen. Weit entfernt, an seinen Groll zu denken, erinnerte sich Miß Jennings kaum seiner Liebe; sie dachte nur an den armen Kranken und behandelte Talbot, als wäre zwischen ihnen gar nichts vorgefallen. So gab sie ihm denn am häufigsten beim Einsteigen oder Heraushelfen aus dem Wagen den Arm, sprach lieber mit ihm als mit anderen und tat absichtslos alles, was sich tun ließ, den Hof zu der Ansicht zu verleiten, sie sei zugunsten des früheren Verehrers von ihrer Neigung zu Jermyn abgekommen. Talbot wurde dadurch wie die übrigen getäuscht und hielt es für gut, seine Rolle zu ändern. Um ihr zu beweisen, daß sein Gefühl für sie keine Änderung erfahren, war er entschlossen, ihr mit ergreifenden Worten seine Liebe zu erklären. Das Glück schien alles zugunsten einer solchen Erklärung zu fügen; denn er war auf ihrem Zimmer mit ihr allein und sie foppte ihn fast herausfordernd mit seiner Neigung zu Miß Boynton. Sie sagte, man müsse ihm für die Teilnahme an der Reise Dank wissen, während das arme Geschöpf zu Tunbridge um seinetwillen täglich dreimal in Ohnmacht fiele. Bei dieser Wendung hielt Talbot es für richtig, von seinen Leiden und seiner Treue anzufangen, als Miß Temple, ein Blatt Papier in der Hand, plötzlich in das Zimmer der Jennings trat. Es war ein Brief in Versen, den Lord Rochester einige Zeit zuvor über die Abenteuer an beiden Höfen verfaßt hatte. Mit Hinsicht auf Miß Hennings sagte er darin, Talbot habe durch seine große Gestalt Schrecken unter dem Volke Gottes verbreitet, aber Jermyn, ein kleiner David, habe den gewaltigen Goliath besiegt. Von dieser Anspielung entzückt, las Miß Jennings die Stelle zwei- bis dreimal; fand sie reizender als Talbots Gespräch und lachte anfangs aus vollem Herzen; doch bald verfiel sie in eine gefühlvolle Stimmung und sprach mit einem tiefen Seufzer: »Armer kleiner David!« Ihr Köpfchen senkte sich träumend zur Seite und einige Tränen, die gewiß nicht der Niederlage des Riesen galten, brachen aus ihren Augen. Das traf Talbot schmerzlich; so beschämend aus seinen Himmeln gestürzt, ging er rasch hinaus, fest entschlossen, sein Herz nie wieder einer kleinen Törin zuzuwenden, in deren Benehmen weder Sinn noch Verstand liege; aber er blieb seinem Entschluß nicht treu. Den anderen Liebesleuten am Hofe ging es nicht so schlecht; es wimmelte von Verliebten und die Reise schien für sie wie geschaffen. Unterwegs gab es nichts als Bälle und Feste, bei längerem Aufenthalt Jagden und Spazierfahrten. Die zärtlichen Anbeter schmeichelten sich, auf der Fahrt gelegentlich erhört zu werden, und die Schönen raubten ihnen nicht alle Hoffnung. Sidney machte der Herzogin auffallend den Hof. Die Fürstin lenkte die Aufmerksamkeit ihres Gemahls darauf, wie sehr er seit einiger Zeit seine Nähe suche. Seine Hoheit merkte sich das und erwiderte, man müsse sich ihm bei der nächsten Gelegenheit dafür erkenntlich zeigen. Diese fand sich bald. Der früher erwähnte Montague war Stallmeister der Herzogin. Er besaß Geist, einen klaren Blick und war ein wenig satirisch. Wie konnte man einen Mann dieses Charakters bei der Wendung, die die Herzensangelegenheit der Fürstin genommen, in ihrer Nähe behalten? Man wußte keinen Rat; doch fand gerade dessen älterer Bruder zu gelegener Zeit seinen Tod an einem Ort, an dem er ihn nicht gesucht; so erhielt der Herzog für den jüngeren den Posten eines Stallmeisters der Königin, den der Verstorbene bekleidet hatte. Der schöne Sidney kam bei der Herzogin an seine Stelle. Das machte sich alles trefflich und der Herzog freute sich über die gleichzeitige Beförderung beider Herren, ohne daß es ihm selbst etwas kostete. Miß Hobart billigte diese Beförderungen aus voller Seele; sie hatte mit Sidney häufig lange Zusammenkünfte; man bemerkte es und einige erwiesen ihr die Ehre, das auf ihre Rechnung zu setzen. Sie nahm dies Kompliment gerne entgegen. Der Herzog glaubte es ebenfalls und machte die Herzogin auf den seltsamen Geschmack gewisser Leute aufmerksam: wie sonderbar es sei, daß der schönste Mann von ganz England sich in ein so abschreckendes Gesicht vergaffen könne. Die Herzogin meinte, der Geschmack sei unberechenbar und er habe gut reden, da er sich die schöne Helena zur Geliebten erkoren. Ich weiß nicht, ob dieser Scherz ihn zum Nachdenken brachte, aber soviel ist gewiß, er zeigte für die Churchill nicht mehr denselben Eifer und vielleicht hätte er sie ganz aufgegeben, wenn nicht ein Vorfall seine Neigung zu ihr von neuem belebt hätte. Man hielt gerade in einer offenen, ebenen Landschaft an. Wohin man sich in England wendet, überall sieht man grüne, glatte Rasenflächen. Die Herzogin wünschte, die Jagdhunde laufen zu sehen. Sie war zu Wagen und alle Damen zu Pferd, jede von ihrem Stallmeister begleitet. Es war ganz in der Ordnung, daß die Fürstin auch den ihrigen zur Seite hatte. Er war am Wagenschlag, und wenn er zur Unterhaltung auch nicht besonders beitrug, bot seine Erscheinung dafür reichen Ersatz. Der Herzog war neben Miß Churchill, nicht um ihr Schmeichelreden zu sagen, sondern um sie wegen ihres schlechten Reitens zu tadeln. Sie war ein sehr träges Geschöpf, und während sonst die Hoffräulein im Zuge die schlechtesten Pferde reiten, wollte man sie ihrer Stellung halber auszeichnen und hatte ihr ein sehr hübsches, etwas wildes Tier gegeben. Auf diesen Vorzug hätte sie gern verzichtet. Durch ihre Verlegenheit und Angst wurde ihre natürliche Blässe noch erhöht und in diesem Zustande begann sie dem Herzog schon zu mißfallen, als ihr Pferd, den andern folgend, sich trotz ihrem Sträuben in Galopp setzte. Je mehr sie sich anstrengte, es zu halten, desto wilder wurde es und flog endlich in vollem Lauf dahin, als ob es mit dem Pferde des Herzogs um die Wette renne. Miß Churchill wankte, tat einen Schrei und stürzte. Der Sturz war heftig, aber ihr in jeder Hinsicht günstig; denn ohne Schaden zu nehmen, strafte sie alles, was ihr Gesicht zu ihrem Nachteil gesagt, durch den Rest Lügen. Der Herzog sprang ab, um ihr zu Hilfe zu eilen. Sie war so betäubt, daß sie an Anstand gar nicht denken konnte, und alle, die zu ihrem Beistand kamen, fanden sie noch in sehr verfänglicher Lage. Niemand hätte geglaubt, daß zum Gesicht der Miß Churchill ein so herrlich schöner Körper gehören könne. Seit jenem Vorfall zeigte sich die Aufmerksamkeit und Leidenschaft des Herzogs nur um so eifriger, und zu Ende des Winters zeigte es sich, daß sie seine Wünsche nicht auf die Folter gespannt und ihn nicht habe vergebens schmachten lassen. Beide Höfe kehrten fast gleichzeitig zurück und waren einstimmig mit ihren Reisen zufrieden; die Königin jedoch erwartete vergeblich jenen Erfolg, den sie erhofft hatte. Um jene Zeit etwa erhielt der Chevalier Grammont von seiner Schwester, der Marquise von Saint-Chaumont, ein Schreiben, durch das sie ihm meldete, seine Rückkehr hänge nur von ihm selbst ab, der König habe nichts mehr gegen sie. Auch er hätte zu einer andern Zeit nichts gegen sie gehabt, wie reizend der Hof von England ihm auch erschien, konnte sich aber bei seiner damaligen Herzensstimmung nicht zu einer Abreise entschließen. Von Tunbridge war er tausendmal verliebter zurückgekehrt als zuvor. Auf dieser angenehmen Fahrt hatte er Miß Hamilton täglich gesehen, bald in dem sumpfigen, öden Peckham, bald auf den herrlichen Spaziergängen des lachenden Summerhill oder bei den ständigen Festen der Königin. Mochte er sie nun zu Pferd, beim Tanz erblickt oder ihre Unterhaltung genossen haben, genug, der Himmel schien ihm kein vollkommeneres, dem Geschmack eines feinfühligen Mannes mehr zusagendes Wesen geschaffen zu haben. Wie konnte er also daran denken, sich von ihr zu trennen! Das schien ihm ganz unmöglich. Weil er sich aber bei ihr Ehre damit einlegen wollte, daß er sich von ihr entfernen könne, ohne nach ihren Reizen zu schmachten, zeigte er ihr den Brief seiner Schwester; aber sein Manöver hatte nicht die erwartete Wirkung. Zunächst gratulierte ihm Miß Hamilton zu seiner Rückberufung und dankte ihm verbindlichst für das Opfer, das er ihr bringen wolle; da jedoch ein solcher Beweis von Hingebung die Grenzen gewöhnlicher Galanterie überschreite, so dürfe sie, wie sehr sie diese auch anerkenne, seine Bereitwilligkeit nicht mißbrauchen. Es half ihm nichts, daß er beteuerte, lieber sterben zu wollen, als sich aus ihrem Zauberkreise zu entfernen; ihr Zauber protestierte dagegen und sie bedeutete ihm, er würde sie sein lebelang nicht wiedersehen, wenn er nicht sofort abreise. Da blieb freilich nichts übrig, als zu gehorchen. Man gewährte ihm den Trost, sich einzubilden, daß diese bestimmten Weisungen nicht der Gleichgültigkeit entstammten, wie hart sie auch scheinen mochten. Sie werde sich über seine Rückkehr gewiß mehr freuen als über seine nötige Abreise. Nachdem Miß Hamilton ihm gern die in ihrer Macht stehende Erklärung gegeben, er würde bei seiner Rückkunft ihre Gesinnung unverändert finden, packte der Chevalier seine Sachen und dachte bei den Abschiedsbesuchen an nichts als an Wiederkehr. Je näher der Chevalier Grammont dem französischen Hofe kam, desto mehr bedauerte er sein Fortgehen aus England, nicht etwa, weil er keinen huldvollen Empfang von einem Fürsten erwartete, dessen Zorn man sich allerdings nicht ungestraft zuzieht; er wußte ja, daß der Monarch auch auf eine Weise zu verzeihen imstande sei, die den ganzen Wert wiedergewonnener Gnade empfinden ließ. Tausend verschiedene Bilder durchkreuzten während der Reise seinen Sinn, bald die Freude der Verwandten und Freunde beim Wiedersehen, bald die Begrüßungen und Umarmungen der unwillkommenen Zudringlichen; aber all das berührte ihn wenig; denn ein wahrhaft Liebender macht sich ein Gewissen daraus, sich mit etwas anderem als dem Gedanken an die Einzige zu beschäftigen. Die süßen Erinnerungen an die in London Zurückgelassene hinderten ihn, viel an Paris zu denken, und die Qualen der Trennung ließen ihn die Plackerei mit schlechten Pferden kaum empfinden. Zwischen Montreuil und Abbeville beteuerte sein Herz der Miß Hamilton, er entferne sich von ihr nur deshalb mit Eile, um sie desto schleuniger wieder zu sehen. Wenn er endlich den Schmerz bei der früheren Abreise aus Frankreich mit dem jetzigen über sein Verlassen Englands verglich, fand er ihn weit herber als den ersten. So unterhält sich auf dem Weg ein fühlendes Herz oder besser: so mißbraucht ein leichtsinniger Schriftsteller die Geduld des Lesers, um entweder seine eigenen Empfindungen auszukramen oder um einen langweiligen Bericht weiter hinzuziehen; doch von uns sei solcher Vorwurf fern, da wir in diesen Memoiren nur niederschreiben, was uns vom Helden selbst an Worten und Geschehnissen anvertraut wird. Wer außer dem Stallmeister Feraulas hat je die Gedanken, Seufzer und Ausrufungen zählen können, die sein Herr überall von sich gab! Ich selbst hätte nie geglaubt, daß die später auf alle Unfälle und Gefahren des Weges so gespannte Aufmerksamkeit des Grafen Grammont dem damaligen Chevalier je erlaubt hätte, zärtlichen Gefühlen nachzuhängen, wenn er mir diese Tatsache nicht selbst diktiert hätte. Folgen wir ihm nach Abbeville. Der Postmeister dort war ein alter Bekannter, sein Gasthaus zwischen Calais und Paris das beste. Als der Chevalier abstieg, sagte er zu Termes, er habe Lust, einen Schluck zu trinken, bis die Pferde bereit seien. Es war nahe an Mittag und sie hatten seit dem Verlassen des Schiffs in vergangener Nacht nichts genossen. Termes pries den Himmel, daß menschliche Regungen diesmal den Sieg über die gewöhnliche Ungeduld seines Herrn davontrugen und bestärkte ihn nach Kräften in seinen Eßabsichten. Als sie in die Küche traten, wo der Chevalier gern seinen ersten Besuch abstattete, waren sie überrascht, am Feuer sechs Bratspieße mit Wild auf einmal nebst den sonstigen Vorbereitungen zu einem prächtigen Festgelage zu sehen. Das Herz des Dieners Termes lachte bei diesem Anblick. Er erteilte unter der Hand sogleich Befehl, ein Paar Pferden die Hufeisen abzunehmen, um diesen herrlichen Ort nicht so bald verlassen zu müssen. Eine Masse Geiger und Oboisten, von Straßenjungen umgeben, drang in den Hof. Als man den Wirt um Erklärung fragte, meldete er dem Chevalier Grammont, es geschehe zur Vermählung eines der reichsten Herren der Gegend mit dem schönsten Mädchen der Provinz, das Hochzeitsmahl finde bei ihm statt, es käme allein auf Seine Gnaden an, ob Sie die Vermählten aus der Kirche kommen sehen wollten; die Musik sei schon da. Er sagte die Wahrheit; denn kaum hatte er gesprochen, als drei Lakaien, so groß wie die Schweizer, in reich verschnürten, auffallenden Livreen mit den Hochzeitswagen im Hofe erschienen und die ganze Gesellschaft abluden. Jetzt kam die Buntheit ländlicher Tracht wie selten zu natürlicher Geltung. Alte Tressen, verschossene Stickerei, gestreifter Taft, kleine Augen und große Busen waren überall zu sehen. Wenn der erste Anblick den Chevalier Grammont überraschte, setzte der zweite den treuen Termes nicht weniger in Erstaunen. Das wenige, was man vom Gesicht der Braut sehen konnte, schien nicht ohne Reiz, aber über den Rest konnte man nicht urteilen. Vier Dutzend Schönpflästerchen und zehn Haarlocken auf jeder Seite verhüllten fast ganz ihr Gesicht, aber der Bräutigam fesselte die Aufmerksamkeit des Chevaliers Grammont besonders. Er war ebenso lächerlich aufgeputzt wie die anderen, hatte aber einen überaus prächtigen, geschmackvollen Rock an. Der Chevalier näherte sich ihm, um die Stickerei des Anzugs, die er loben mußte, näher zu besehen. Der Bräutigam fühlte sich dadurch sehr geschmeichelt und sagte, er habe zur Zeit seiner Brautwerbung den Rock für hundertfünfzig Louisdor gekauft. »Ihr habt ihn also nicht hier machen lassen?« fragte Grammont. – »Behüte,« war die Antwort, »ich habe ihn von einem Londoner Kaufmann, der ihn für einen englischen Lord bestellt hatte.« Den Ausgang der Geschichte ahnend, fragte der Chevalier, ob er den Kaufmann wohl wieder erkennen würde. »Ob ich ihn wieder erkenne? War ich nicht gezwungen, in Calais die ganze Nacht mit ihm zu trinken, um einen guten Kauf zu tun?« Termes hatte sich beim Erscheinen des Leibrocks entfernt, ohne zu vermuten, daß der verwünschte Bräutigam seinem Herrn davon etwas vorplaudern würde. Die Lust zum Lachen und der Wunsch, Herrn Termes hängen zu lassen, beschäftigten einen Augenblick lang die Gefühle Grammonts; aber das Gewohntsein an die Prellereien seiner Leute, verbunden mit der Wachsamkeit des Schuldigen, dem sein Herr keine Ermattung im Dienst zur Last legen konnte, machten ihn zur Milde geneigt. Er gab den dringenden Bitten des Gutsbesitzers nach und setzte sich, um seinen treuen Schildknappen zu überraschen, als siebenunddreißigster Gast zu Tisch. Einige Augenblicke darauf sagte Grammont zu den Hausleuten, sie sollten einen Herrn, namens Termes, hereinrufen. Er kam; sowie der Gastgeber ihn erblickte, erhob er sich und streckte ihm die Hand entgegen. »Hier,« sagte er, »gebt mir die Hand, Freund; Ihr seht, wie ich den Rock schonte, den Ihr mir so ungern verkauftet und von dem ich keinen schlechten Gebrauch gemacht habe.« Mit eherner Stirne tat Termes, als kenne er ihn nicht und wies ihn etwas derb zurück. »Wahrhaftig,« rief der andere, »weil ich beim Kauf mit Euch zechen mußte, müßt Ihr auch auf die Gesundheit der Braut trinken.« Der Chevalier fand Termes trotz seiner sonstigen Keckheit sehr verwirrt und sagte ganz artig zu ihm: »Nun, Herr Kaufmann aus London, setzt Euch her, weil man gar so höflich drum bittet; wir sind unsrer nicht so viel bei Tisch, daß nicht noch für einen ehrlichen Mann, wie Ihr, Platz wäre.« Bei diesen Worten standen fünfunddreißig Gäste auf, den Eingetretenen zu bewillkommnen. Der Stuhl der Braut allein blieb aus Anstand besetzt. Nachdem der freche Termes die erste Beschämung niedergeschluckt, machte er sich an das Trinken von allem Hochzeitswein; aber sein Herr erhob sich nach dem Abtragen von vierundzwanzig Schüsseln, auf die ebenso viele folgten. Einen Herrn, der in solcher Eile war, bis zum Schluß des Hochzeitsmahles festzuhalten, schien nicht tunlich; als er aber vom Tisch aufstand, erhoben sich alle und er konnte es beim Bräutigam nur mit Mühe durchsetzen, daß ihm die ganze Gesellschaft nicht bis an das Tor das Geleit gab. Termes wünschte, sie verließen ihn nicht bis zum Schluß der Reise, so zitterte er vor dem Gedanken, mit seinem Herrn allein zu sein. Sie hatten Abbeville schon einige Zeit hinter sich und zogen immer noch in tiefem Schweigen weiter. Termes, darauf gefaßt, daß es in kurzem losgehen werde, war nur über die Art und Weise in Zweifel, ob ihn nämlich sein Herr mit einem Strom von Schmähungen, gespickt mit wohlverdienten Scheltworten, angreifen oder ob er ihn mit schneidenden, ironischen Lobsprüchen überhäufen würde. Da nun statt all dessen kein Wort herauskam, glaubte er, es sei besser, den Sturm selbst zu beschwören, als den Herrn länger Unheil brüten zu lassen, und sagte, mit aller gewohnten Keckheit gewappnet: »Sie sind sehr gegen mich aufgebracht, gnädiger Herr, aber der Teufel soll mich holen, wenn Sie im Grund nicht unrecht haben.« »Im Grund unrecht?« rief der Chevalier. »Gewiß, weil ich dich nicht gedroschen habe, wie du Lump es längst verdient hast!« »Da haben wir's«, sprach Termes. »Immer hitzig, statt vernünftig zuzuhören! Ja, Herr Chevalier, ich behaupte, was ich tat, war zu Ihrem Besten.« – »Auch der Treibsand?« sagte Grammont. – »Bitte um Geduld,« fuhr der Diener fort, »ich weiß nicht, wie es kam, daß dieser Tölpel von Bräutigam gerade auf dem Zollamt sein mußte, ab mein Koffer in Calais durchsucht wurde, aber diese Hahnreie drängen sich ja überall ein. Als er Ihren Leibrock erblickte, war er darauf versessen. Da merkte ich wohl, daß er ein Dummkopf sei; denn er lag auf den Knien vor mir, um ihn zu kaufen. Der Rock war im Koffer ganz zerknittert und der Pferdeschweiß hatte von außen alles beschmutzt. Hol' mich der Henker, ich begreife nicht, wie der Kerl es angefangen hat, ihn wieder herzurichten. Sie hätten ihn nie angezogen! Er kostete Ihnen hundertundvierzig Louis und da man mir hundertundfünfzig bot, sprach ich zu mir selbst, mein Herr braucht diesen Flitterstaat nicht, um auf dem Ball zu glänzen, und wenn er auch viel Geld hatte, als ich ihn verließ, wer weiß, ob er gerade etwas haben wird, wenn ich zurückkomme. – Das hängt doch vom Spiel ab. Kurz, Herr Chevalier, ich ließ mir zehn Louis mehr geben, als er gekostet; offenbarer Profit! Ich halte sie zur Verfügung Eurer Gnaden und Sie wissen, daß ich für diese Summe gut bin. Sagen Sie nun aufrichtig, hätten Sie auf dem Ball besser ausgesehen, wenn Sie den verteufelten Rock angehabt hätten, der Ihnen das Aussehen dieses Dorfbräutigams gegeben hätte? Und doch mußte man Ihr Toben in London hören, als Sie ihn verloren glaubten, es war eine Lust, vor dem König Ihre Geschichte vom Treibsand mit anzuhören und hier Ihre drollige Miene zu sehen, als Sie vermuteten, dieser Bauernkerl trage den Rock zu seiner Hochzeit!« Was ließ sich auf solche Unverschämtheit sagen? Wäre der Herr seinem Zorn gefolgt, so hätte er ihn entweder prügeln oder fortjagen müssen; aber er brauchte ihn zur Weiterreise und zur Rückkehr. Kaum hatte der Marschall de Grammont, sein Bruder, seine Ankunft erfahren, als er ihn in seinem Gasthofe besuchte. Nach den ersten Begrüßungen sagte er ihm: »Chevalier, wie lange warst du von London aus unterwegs? Denn der Himmel weiß, wie schnell du die Sachen machst.« – Der Chevalier sagte, er sei drei Tage gereist, und erzählte, um seine mäßige Eile zu entschuldigen, sein Abenteuer zu Abbeville. »Das ist sehr drollig,« meinte sein Bruder, »noch pikanter aber ist es, daß es bloß von dir abhängt, ob du deinen Leibrock noch bei Tische finden willst, denn bei Landhochzeiten wird lange getafelt.« Dabei nahm er eine ernste Miene an und fuhr fort, er wisse nicht, wer ihm zu seinem Nachteil die unvorsichtige Rückkehr angeraten; er habe vom König Befehl, ihm zu sagen: ohne sich bei Hofe zu zeigen, solle er nur wieder umkehren. Ferner meinte er, seine Übereilung, nachdem er sich bis dahin so lobenswert geduldig gezeigt, befremde ihn um so mehr, da er doch den König hinlänglich kenne, um zu wissen, er habe lediglich von dessen Gnade seine Wiederaufnahme zu erwarten. Zu seiner Rechtfertigung wies der Chevalier das Schreiben der Marquise de Saint-Chaumont vor und bemerkte, er hätte sehr gern auf die gutgemeinte falsche Nachricht verzichtet, die ihn hieher gefoppt habe. »Wieder eine Unklugheit,« sprach der Marschall, »seit wann ist unsere Schwester Minister oder Staatssekretär, daß sich der König ihrer bedienen sollte, um dir seinen Willen kundzutun? Willst du das Wahre von der Sache wissen? Vor einiger Zeit sprach der Fürst zu der Herzogin von Orleans über die Zurückweisung der Pension, die der König von England dir angeboten. Er schien auf den Bericht von Comminges mit deinem Verhalten zufrieden und drückte seine Anerkennung aus. Die Herzogin nahm das für deine Zurückberufung. Die Saint-Chaumont, nicht so klug, wie sie sich dünkt, beeilte sich, dir diesen großen Befehl eigenhändig zu melden. Endlich sagte die Herzogin von Orleans bei der Tafel zum König, du würdest bald hier eintreffen, und der König befahl mir nach Tisch, dich gleich nach der Ankunft wieder zurückzuschicken. Nun bist du da, kehr um.« Zu jeder andern Zeit wäre der Befehl dem Chevalier Grammont vielleicht hart erschienen, aber bei seinem jetzigen Herzenszustande war sein Entschluß bald gefaßt. Die diensteifrige Kunde, die ihn nötigte, den englischen Hof zu verlassen, hatte ihm nur Schmerz verursacht, und über die gezwungene Entsagung auf einen Besuch des französischen Hoflagers leicht getröstet, bat er den Marschall, er möge ihm zum Einkassieren einiger Spielschulden nur ein paar Tage Aufschub verschaffen. Er erhielt ihn mit der Bestimmung zugesagt, daß er Paris verlasse. Er wählte zum Aufenthalt Vaugirard. Dort gab es einige Abenteuer, die er oft ergötzlich mitgeteilt hat, und es hieße den Leser ermüden, wollte man sie hier wiedergeben. Er teilte daselbst das heilige Brot so feierlich aus, daß in Versailles die Kapelle von ihren Wächtern, den Schweizern, fast ganz verlassen wurde und Vardes genötigt war, dem König zu melden, sie seien alle nach Vaugirard, wo der Chevalier Grammont das heilige Abendmahl austeile. Dort fand auch jener seltsame Auftritt statt, der dem Ruf des großen Saucourt den ersten Stoß gab, nämlich die vereitelte Zusammenkunft mit der niedlichsten Grisette aus der Umgegend. Während seines Aufenthaltes zu Vaugirard besuchte der Chevalier auch Mademoiselle de l'Hopital zu Issi, um sich Licht zu verschaffen, ob das Stadtgerücht über die Juristenliebschaft, die man ihr zuschrieb, begründet sei. Bei seinem plötzlichen Eintreten flüchtete der Präsident de Maisons mit solcher Eile in ein Kabinett, daß sein halber Mantel eingeklemmt draußen blieb. Der Chevalier ließ, sowie er es bemerkte, das arme Liebespaar Tod und Hölle leiden, indem er die störende Visite über Gebühr ausdehnte. Nach Regelung seiner Geschäfte reiste er ab; ihn jagte die Liebe und er sah London mit Entzücken wieder. Der Hof war über seine schnelle Rückkehr überrascht und erfreut. Keiner bedauerte ihn wegen der neuen Ungnade, weil er sichtlich froh auftrat; auch Miß Hamilton war nicht böse, daß er den Befehlen seines Fürsten so schleunig gehorcht hatte. Während so kurzer Abwesenheit hatten die Angelegenheiten des Hofes sich nicht geändert; doch trat bald nach seiner Ankunft in jenen Regionen, wo Liebe und Genuß als die wichtigsten Dinge galten, eine Veränderung ein. Der Herzog von Monmouth, ein natürlicher Sohn Karls des Zweiten, war zu jener Zeit am Hof seines königlichen Vaters erschienen. Sein erstes Auftreten hat so viel Aufsehen gemacht, sein Ehrgeiz so gewaltigen Ereignissen die Bahn gebrochen und die Umstände seines tragischen Todes sind noch so frisch im Gedächtnis, daß es überflüssig wäre, seinem Charakterbilde neue Züge hinzuzufügen. Durchgehends erschien er in seinem Verhalten, wie er war, kühn zu Unternehmungen aufgelegt, doch beim Ausgang bemitleidenswert schwach, wo es gerade darauf ankam, der Größe des Wagnisses durch Festigkeit zu entsprechen. Schönheit der Gestalt und persönliche Anmut waren bei ihm so auffallend, daß die Natur vielleicht nie etwas Vollendeteres bildete. Sein Gesicht war äußerst einnehmend, ein echt männliches Antlitz, nichts Mattes, Weibisches; ein jeder Zug hatte aber seine eigene gewinnende Lieblichkeit. Außerordentliche Gewandtheit in allen Körperübungen, ansprechende Zuvorkommenheit bei majestätischer Miene, kurz, alles Äußere sprach für ihn; nur sein Geist sagte kein Wort zu seinen Gunsten. An eigener Meinung besaß er nur soviel, als ihm gerade eingeflößt wurde, und die sich zuerst in sein Vertrauen drängten, sorgten dafür, daß ihm nur verderbliche Pläne in den Kopf gesetzt wurden. Seine wunderschöne Erscheinung nahm auf den ersten Anblick für ihn ein. Durch ihn wurden alle schönen Männer bei Hof in den Schatten gestellt, alle Damengunst wandte sich ihm zu. Er war des Königs höchste Freude, aber der Schrecken aller Ehemänner und Liebhaber. Das war aber nicht von Dauer; die Natur hatte ihm nicht die Gabe verliehen, Herzen lange zu fesseln und das schöne Geschlecht bemerkte das bald. Die Herzogin von Cleveland schmollte mit dem König, daß seine mit ihr gezeugten Kinder neben diesem Adonis wie kleine Paviane erschienen. Sie war um so mehr darüber außer sich, weil sie sich rühmte, sie könne im Vergleich mit des Herzogs Mutter für die Liebesgöttin selbst gelten. Der Fürst zog ihre Worte ins Lächerliche; denn sie hatte schon seit einiger Zeit nicht mehr das Recht zu Vorwürfen. Da nun diese Art Eifersucht noch grundloser war als ihre früheren Ausfälle, so billigte natürlich niemand ihre abgeschmackten Klagen. Um den König zu peinigen, mußte sie sich eine neue Rolle ausdenken. Sie trat der blinden Vorliebe des Vaters für diesen Sohn nicht mehr in den Weg, sondern lockte durch endlose Schmeicheleien, tausend Aufmerksamkeiten und immer stärkere Liebkosungen den jungen Herzog an sich. Öffentlich verliehen, meinte sie, müßten diese zärtlichen Pfänder unbedenklich scheinen; allein man kannte sie zu gut, um sich dadurch täuschen zu lassen. Der König war nicht mehr eifersüchtig auf sie; da aber der Herzog von Monmouth in einem Alter stand, in dem man gegen die feurigen Liebkosungen einer schönen Frau nicht unempfindlich ist, glaubte der Fürst, den Sohn den Schlingen seiner quasi Stiefmutter entziehen zu müssen, um ihn vor Verirrung oder wenigstens vor öffentlichem Anstoß zu bewahren. Dies ist der Grund, weshalb er so früh mit einer Erbin aus Schottland mit hunderttausend Livres Renten verheiratet wurde. Sie war mit großen Reizen ausgestattet und ihr Geist besaß allen Zauber, der dem schönen Monmouth abging. Neue Feste feierten die Vermählung; sich bei diesen auszuzeichnen, galt für die beste Huldigung, und während die Hofwelt ihre ganze Pracht und Eleganz entfaltete, wurden die alten Verhältnisse wieder belebt und neue angeknüpft. Damals, auf dem Gipfel ihrer Schönheit, lenkte Miß Stewart alle Blicke und alle Bewunderung auf sich. Die Herzogin von Cleveland wollte sie wenigstens durch die Juwelenpracht, mit der sie sich zu der Festlichkeit geschmückt, verdunkeln, aber es gelang ihr nicht. Denn ihr Aussehen war durch eine dritte oder vierte Schwangerschaft entstellt, die der König noch auf seine Rechnung zu nehmen die Güte hatte. Hinsichtlich der übrigen Gestalt konnte sie mit der Erscheinung und Anmut der Miß Stewart nicht wetteifern. Wäre der König damals Herr über seine Hand wie über sein Herz gewesen, so wäre die Stewart auf diesem Höhepunkte ihrer Schönheit damals Königin von England geworden; doch gerade in jener Zeit gelobte sich der Herzog von Richmond, er wolle ihre Hand besitzen oder sterben. Einige Monate nach der Vermählungsfeier verliebte sich Killegrew, weil er gerade nichts Besseres zu tun hatte, in Lady Shrewsbury, und da durch außerordentlichen Zufall die Lady gerade frei war, wurde die Sache bald in Ordnung gebracht. Kein Mensch dächte daran, ein Verhältnis anzutasten, das niemanden interessierte, aber Killegrew verfiel darauf, sein Glück selbst zu stören. Man denke nicht etwa, er hätte sein Glück nicht ganz so gefunden, wie er es erwartet; die Gewohnheit machte ihn nicht gleichgültig gegen diesen beneidenswerten Besitz, er war aber unzufrieden, daß man ihn nicht beneidete, und nahm es übel, daß sein Glück ihm keine Nebenbuhler schuf. Er besaß viel Geist und noch weit mehr Redelust. In einer Weinlaune entfaltete diese sich am stärksten, und zwar drehte sie sich gewöhnlich um alle verborgenen Schönheiten und unsichtbaren Reize der Lady Shrewsbury. Doch mehr als die halbe Hofwelt wußte davon so viel als er. Unter denen, die nur nach dem Schein urteilen konnten, war der Herzog von Buckingham, und die Oberfläche rechtfertigte nach seiner Meinung nicht alles, was Killegrews Übertreibungen andeuteten. Da dieser eitle Liebhaber gewöhnlich mit dem Herzog von Buckingham speiste, konnte er über seine Geliebte seine ganze Beredsamkeit entwickeln; denn man setzte sich um vier Uhr zu Tisch, um erst zur Stunde des Schauspiels aufzubrechen. Durch die Anpreisung der Vorzüge der Lady Shrewsbury endlich ermüdet, wünschte der Herzog die Wahrheit zu erfahren. Sobald er es nur wollte, gelangte er auch zum Ziel, und da er fand, daß Killegrew durchaus nicht zu viel gesagt, so entspann sich ein Verhältnis, das nach dem leichten Charakter beider und der Lebhaftigkeit, mit der die Sache begann, niemand für dauernd gehalten hätte; und doch hat nicht so bald ein Verhältnis in England so lange gewährt. Der unvorsichtige Killegrew, der ohne Nebenbuhler nicht leben mochte, mußte nun ohne Geliebte fertig werden. Er ertrug sein Schicksal nicht mit Geduld; doch weit entfernt, auf seine Klagen zu achten, tat Lady Shrewsbury, als kenne sie ihn gar nicht. Diese Behandlung war zu viel für ihn. Ohne zu bedenken, daß er sich sein Unglück selbst geschaffen, entfesselte er seine ganze Beredsamkeit gegen die Lady und verfolgte sie mit seinen Angriffen. Trotz allen offenen und anonymen Warnungen setzte er seine Beleidigungen fort, tat aber nicht gut daran, um so mehr, als er den Wink erhielt, derlei Schmähungen und Herabsetzungen einer Frau ihres Ranges müßten ihm viele Unannehmlichkeiten bereiten. Als er einst abends aus den Zimmern des Herzogs von York im Saint-James-Palaste kam, wurden drei Degenstöße durch seine Sänfte geführt; einer durchstieß ihm den Arm von einer Seite zur anderen. Da erst fühlte er die Gefahr, in die ihn außer dem Verlust der Shrewsbury seine ungemäßigten Reden gestürzt hatten. Seine Angreifer hatten sich durch den Park geflüchtet, wahrscheinlich glaubten sie, daß er abgetan sei. Killegrew dachte, Klagen würde zu nichts führen; denn wie konnte er für einen Angriff, den seine Verwundung allein bestätigte, Gerechtigkeit verlangen? Wenn er auf Grund von Voraussetzungen und Mutmaßungen ein Verfahren einleiten ließe, so zweifelte er nicht, man würde zu dem einfachsten Mittel der Unterdrückung greifen und zum zweitenmal das Ziel nicht verfehlen. Um also die Verzeihung seiner Verfolger zu erlangen, stellte er die bitteren Satiren ein und erwähnte nicht ein Wort von seinem Abenteuer. Der Herzog von Buckingham und Lady Shrewsbury blieben, da Killegrew es vorzog, keine Klage zu führen, lange glücklich und ungestört; sie war nie so lange Zeit treu, er nie so rücksichtsvoll in der Liebe gewesen. Das dauerte, bis Lord Shrewsbury, der über die Verirrungen seiner Frau Gemahlin nie geklagt hatte, sich einfallen ließ, dies letzte Verhältnis zu mißbilligen. Allerdings war es öffentlich; aber es schien für sie weniger entehrend als alle früheren. Zu anständig, um sich an seine Frau zu wenden, wollte der arme Shrewsbury seiner verletzten Ehre Genugtuung verschaffen. Er ließ den Herzog von Buckingham fordern, und nachdem der Beleidiger den Lord zu dessen Ehrenrettung getötet, blieb er ungestört im Besitz der schönen Helena. Anfangs empörte das die öffentliche Meinung, aber das Publikum gewöhnt sich an alles und die Zeit versteht es, über den Anstand und selbst über die Moral Herr zu werden. An der Spitze der über den schreienden Skandal und über die Straflosigkeit am meisten Entrüsteten stand die Königin. Da die Herzogin von Buckingham eine kleine, dicke Person fast von ihrer Gestalt war und, wie sie, keine Kinder hatte, und weil der Herzog sie um einer anderen willen vernachlässigte, so erweckte diese Ähnlichkeit ihrer Schicksale die Teilnahme der Fürstin. Aber es war vergebens; niemand kümmerte sich darum und die Sitten der Zeit gingen ihren Gang, während die Fürstin sich bemühte, das strenge Volk der Politiker und Frommen dagegen aufzureizen. Von gewisser Seite betrachtet, war das Los der Königin ziemlich traurig. Äußerlich blieb das Benehmen des Königs gegen sie zwar rücksichtsvoll; aber das war auch alles. Sie fühlte nur zu gut, daß mit dem wachsenden Einfluß ihrer Rivalinnen das eigene Ansehn schwinde und daß ihr Gemahl sich um legitime Kinder wenig bemühen werde, solange seine reizenden Mätressen ihm natürliche Nachkommen brächten. Da von solchem Segen ihr ganzes Lebensheil abhing und sie sich fortwährend schmeichelte, der König werde, wenn nur der Himmel ihr diese Gnade schenken wollte, mit günstigerem Auge auf sie blicken, so nahm sie zu allen für die Unfruchtbarkeit gebräuchlichen Mitteln ihre Zuflucht. Gelübde, Fasten, Opfer waren vergeblich versucht worden, man mußte also zu menschlicheren Hilfsquellen schreiten. Was hätte sie bei dieser Gelegenheit für den Ring des Erzbischofs Turpin gegeben, dem Karl der Große ebenso nachlaufen mußte, wie einst jener Geliebten, der ihn der Kirchenfürst nach dem Tode vom Finger gezogen hatte! Doch sind schon seit langer Zeit die natürlichen Reize des angebeteten Wesens der einzige Talisman der Liebe und andere Zauberkünste wirken nicht mehr. Klug und gewandt, wie die Herren Doktoren bei solchen Gelegenheiten sind, rieten die Leibärzte der Königin, mit Rücksicht auf die Wirkungslosigkeit der Wasser von Tunbridge im vorigen Jahre, diesmal die Bäder bei Bristol an. Es wurde die Reise dorthin also für die nächste Saison festgesetzt und im Vertrauen auf den Erfolg wäre die Fahrt für sie äußerst angenehm gewesen, wäre nicht die gefährlichste aller Nebenbuhlerinnen zur Mitreisenden erlesen worden. Da die Herzogin von Cleveland ihrer Niederkunft gerade nahe war, so störte diese Dame sie nicht; die Anstandsformen bewogen sie sogar zu einiger Rücksicht mit ihr. Das Publikum freilich beachtete die Versuche, den Zustand zu verheimlichen, so gut wie gar nicht, aber ihre Gegenwart wäre unter diesen Umständen eine Beleidigung für die Königin gewesen. Zur Reisegesellschafterin gewählt, bereitete die Stewart sich, schöner als je, mit Prunk offen dazu vor. Die arme Königin wagte keine Einwendung; aber nun hoffte sie auch nichts mehr. Was vermochten Bäder oder die ohnmächtige Heilkraft des Brunnens gegen Reize, die die Fürstin mit Schmerz erfüllten und die Wirkung aus naheliegenden Gründen vereitelten. Obgleich dem Chevalier Grammont alle Freuden der Welt ohne Miß Hamilton nichts galten, so konnte er sich der Pflicht, dem Hofe zu folgen, doch nicht entziehen. Auf einer solchen Fahrt war er dem Könige zu angenehm und notwendig, und wie willkommen, bei der nach Abreise des Hofes eintretenden Einsamkeit, seine Unterhaltung der Miß Hamilton in London gewesen wäre, so glaubte sie doch, ihn um ihretwillen nicht zurückhalten zu dürfen. Er benutzte die Erlaubnis, ihr zu schreiben. Während des Aufenthaltes im Bade ließ das, was er von seinen eigenen Angelegenheiten meldete, wenig Raum für Berichte von fremden Abenteuern. Da ihre Abwesenheit ihm den Ort langweilig machte, so griff er zu allen die Ungeduld beschwichtigenden Auskunftsmitteln in Erwartung des glücklichen Augenblicks ihrer Ankunft. Er schätzte den ältesten Hamilton sehr, für den zweiten hegte er noch mehr Freundschaft als Achtung. Ihm teilte er am häufigsten im Vertrauen seine Gefühle für die Schwester mit. Das frühere Verhältnis desselben zu der Kusine Wetenhall war ihm kein Geheimnis; aber das völlige Einschlummern einer Neigung, die so lebhaft begonnen hatte, konnte er nicht begreifen. Er war über den Eifer, den sein Freund überall für Miß Stewart an den Tag legte, erstaunt. Diese Huldigung schien ihm über die Pflichten und Aufmerksamkeiten, die man der Geliebten eines Fürsten schuldet, hinauszugehen. Er beobachtete ihn und fand ihn für sein Glück und seine Ruhe schon zu sehr von Leidenschaft betört. Durch Beobachtung in dieser Ansicht bestärkt, beschloß er den Folgen einer in jeder Hinsicht verderblichen Neigung vorzubeugen; aber er wartete die Gelegenheit, davon mit ihm zu sprechen, ab. Erholungen aller Art ergötzten den Hof an Orten, wo man alles ergreift, um die Langeweile zu töten. Das Kugelwerfen, in Frankreich nur ein Spiel für Handwerker und Bediente, ist in England ganz im Gegenteil ein Zeitvertreib für Leute von Stand. Es gehört dazu Kunst und Gewandtheit, man übt es nur bei guter Jahreszeit und auf den herrlichsten Spazierplätzen, Bowlinggreens genannt. Es sind dies kleine viereckige Flächen, deren Rasen so glatt ist wie Billardtuch. Nach des Tages Hitze versammelt sich dort alles. Man spielt hoch und die Zuschauer wetten, soviel sie wollen. Längst in die englischen Sports und Übungen eingeweiht, hatte der Chevalier Grammont einen Pferdewettlauf angestellt, den er allerdings nicht gewann, aber der ihm die Überzeugung verschaffte, daß ein Traber zwanzig englische Meilen auf der Landstraße in weniger als einer Stunde machen kann. Die Hahnenkämpfe waren ihm günstiger und bei allen Wetten auf dem Bowlinggreen (Kugelspiel auf dem Rasen, wie es noch heute in Südfrankreich üblich ist) hatte er Glück. Bei diesen Partien befindet sich gewöhnlich ein Wirtszelt, das Rasenpavillon, Festsaal oder auch Erfrischungsbüffet genannt wird. Dort verkauft man allerhand englische Getränke, wie: Apfelwein, Spirituosen, Ingwerbier und spanischen Sekt. Da versammeln sich abends die sogenannten Matadore oder Rooks, um zu rauchen, zu trinken und sich zu überlisten, das heißt, sich gegenseitig den Gewinn des Tages abzunehmen. Diese Rooks sind, was man in Frankreich Berufsspieler oder Pikörs nennt, Leute, die stets Geld bei sich haben, um es gelegentlich den im Spiel Verlierenden gegen eine Entschädigung vorzuschießen, die für die Spieler nichts bedeutet. Am folgenden Tage wird das Darlehen mit hundert Prozent Zinsen zurückgezahlt. Diese Herren sind in der Berechnung der Chancen so sicher und in allen Spielen so gewandt, daß, selbst wenn sie ehrlich spielten, niemand sich mit ihnen einließe. Übrigens haben sie den Grundsatz, täglich nur vier bis fünf Guineen zu gewinnen; diesen Satz überschreiten sie fast nie. Unter einem Trupp dieser Rooks fand Hamilton, als er ein Glas Apfelwein trinken wollte, den Chevalier Grammont. Sie spielten mit Würfeln, und da der die Würfel Führende die meiste Aussicht auf Gewinn hat, so hatten die Leute dem Chevalier diesen Vorzug eingeräumt. Bei Hamiltons Eintritt hielt er sie noch. Die Rooks spielten in ihrer Art wie Besessene; er gewann fortwährend. Hamilton glaubte aus den Wolken zu fallen, als er einen Mann, von Grammonts Erfahrung und Einsicht in so ungleichem Kampfe sah; er mahnte ihn vergeblich laut und leise, durch Zeichen und in französischer Sprache; seine Warnungen wurden verachtet. Die Würfel trugen Cäsar und sein Glück und taten zu seinen Gunsten Wunder. Zum ersten Male wurden die Rooks besiegt; doch erteilten sie ihm alle Lobsprüche über sein schönes Spiel, wie man sie denen zuwendet, die man für ein andermal zu ködern wünscht; allein ihre Schmeicheleien waren verloren, ihre Hoffnungen getäuscht. Die eine Probe genügte ihm. Als Hamilton beim Nachtessen dem König erzählte, wie er den Verwegenen in den Klauen der Rooks gefunden und wie der Himmel ihn beschützt habe, sagte der Chevalier: »In der Tat, Sire, diesmal wurden die Rooks geschlagen« und trug ihm alle Einzelheiten vor. Nach dem Souper ließ Miß Stewart, bei der gespielt wurde, Hamilton zu sich kommen, damit er ihr die Sache erzähle. Der Chevalier Grammont glaubte zu bemerken, daß man seinen Freund sehr huldreich anhöre. Das bestärkte ihn in seinen früheren Mutmaßungen, und als er ihn zum Nachtessen bei sich sah, so begann die Unterhaltung wie gewöhnlich: »Georg,« sagte er, »brauchst du nicht etwas Geld? Ich weiß, du spielst gern und vielleicht nicht so glücklich wie ich. Wir sind weit von London; hier sind zweihundert Guineen, da hast du sie, um bei Miß Stewart zu spielen.« Hamilton, der diese Wendung nicht erwartete, war darüber ein wenig verlegen. »Wie, bei Miß Stewart?« – »Ja, bei ihr. Mein lieber Georg,« fuhr der Chevalier fort, »wir haben offene Augen. Du bist in sie verliebt, und wenn ich nicht irre, ist sie darüber nicht böse. Aber sag' mir, wie hast du dir die arme Peckham aus dem Kopf bringen können, um dich in eine Heldin zu vergaffen, die vielleicht nicht so gut ist wie jene und die für dich, wenn sie dir auch wohlwill, doch nur ein Strick zum Galgen werden kann. Sag' mir, findest du und dein Bruder am ganzen Hofe keine anderen Geliebten als die Mätressen des Königs? Den ältesten Bruder laß' ich noch gelten, er nahm doch die Castlemaine nur, als der Fürst nichts mehr von ihr wissen wollte und als die Chesterfield ihn selbst im Stiche ließ, doch du – was denkst du mit einem Wesen anzufangen, in das der König gerade jetzt verliebter ist als je? Suchst du sie etwa auf, weil der Trunkenbold Richmond sich um sie bewirbt und als ihr erklärter Liebhaber auftritt? Du wirst sehen, wie er beim Handel wegkommt. Ich weiß, was der König mir gesagt hat. Glaub' mir, mein lieber Freund, spaße nie mit dem Gebieter, das heißt, äugle nie mit seiner Gebieterin. Auch ich habe in Frankreich bei einer kleinen Kokette mein Heil versucht, aus der der König sich nicht einmal viel machte, und du weißt, wie es mir bekam. Ich will zugeben, daß sie dich gut aufnimmt, allein traue dem nicht. Die Frauen haben es gar zu gerne, daß ein Mann, dem sie nichts zu gewähren denken, ihr Sklave wird, nur um den Triumphzug zu vergrößern. Ist es nicht besser, acht Tage unbemerkt in Peckham mit der Frau des Philosophen Wetenhall zuzubringen, als in der holländischen Zeitung zu lesen: Man meldet uns aus Bristol, daß ein gewisser Soundso wegen Miß Stewart vom Hofe verwiesen wurde und eine Expedition nach Guinea unter den Befehlen des Prinzen Rupert machen wird.« Je mehr Hamilton über diese Worte nachdachte, desto mehr wurde er von deren Wahrheit betroffen. Nach einigen Momenten stillen Brütens schien er wie aus einem Traume zu erwachen und wandte sich mit dem Ausdruck des Dankes im Gesichte zu ihm: »Ihr verbindet, lieber Chevalier, mit dem einnehmendsten Geist einen sehr scharfen Blick für das Wohl Eurer Freunde. Ihr öffnet mir die Augen. Mehr durch bloße Einbildung als durch wirkliche Neigung verführt, war ich nahe daran, mich auf die lächerlichste Art der Welt hinreißen zu lassen. Ich danke es Euch, daß Ihr mich am Rande des Abgrundes aufhaltet. Ich bin Euch noch manchen andern Dank schuldig, aber um meine Erkenntlichkeit für diesen letzten Dienst zu beweisen, will ich Euren Rat befolgen. Ich will mir den Rest von Träumen aus dem Kopfe schlagen und mir bei der Kusine Wetenhall einen Zufluchtsort suchen. Doch weit entfernt, inkognito hinzugehen, werde ich vielmehr bei der Rückkehr von der Reise Euch dahin führen. Miß Hamilton wird dabei sein; denn es ist gut, bei einem so einnehmenden Mann einige Vorsichtsmaßregeln zu treffen, um so mehr, als er bei dergleichen Zusammenkünften nicht ganz zuverlässig ist, wenn man wenigstens Eurem Philosophen St. Evremond trauen darf.« – »Glaubt diesem Pedanten nicht,« rief Grammont, »aber sagt mir, wie Ihr Euch die Stewart, dies große Idol, in den Kopf setzen konntet.« »Ich weiß zum Henker selbst nicht wie. Ihre Kindereien sind Euch bekannt. Eines Abends war der alte Carlingford bei ihr und zeigte, wie man eine Kerze brennend in den Mund stecken kann; der Scherz besteht darin, daß man sie mit der Flamme so lange als möglich angezündet zwischen den Zähnen hält. Ich habe, Gott sei Dank, einen hübsch großen Mund, und um den Meister zu überbieten, hielt ich zwei Lichter auf einmal und ging dreimal im Zimmer auf und ab, ohne sie auszulöschen. Alle erkannten mir den Preis dieses glorreichen Werkes zu und Killegrew behauptete, nur eine Laterne könne mir ihn streitig machen. Sie wollte dabei vor Lachen umkommen. So war ich denn bei ihren intimen Spielen eingeführt. Man kann nicht leugnen, daß dieses Wesen ein allerliebstes Lärvchen hat. Seit der Hof unterwegs ist, habe ich tausend Gelegenheiten gehabt, sie zu sehen, die ich zuvor nicht hatte. Ihr wißt, daß das Badenegligé den Damen ziemliche Gelegenheit bietet, ihre Reize zu zeigen, ohne den Anstand zu verletzen. Miß Stewart ist nun von ihrer Überlegenheit so überzeugt, daß man nur eine andere Dame am Hofe wegen ihres schönen Beines oder Armes zu loben braucht, um sie gleich zu augenscheinlicher Demonstration zu veranlassen, ja, mit einiger Gewandtheit, glaube ich, wäre es nicht allzu schwer, sie, ohne daß sie etwas ahnt, zur vollen Nacktheit zu treiben. Kurz, man müßte sehr unempfindlich sein, wenn diese günstigen Gelegenheiten spurlos, ganz ohne Eindruck vorübergehen sollten; überdies hat man immer etwas Eigenliebe und bildet sich leicht ein, daß uns ein weibliches Wesen durch Vertraulichkeit auszeichnet, wenn sie sich auch nichts dabei denkt. Dies ist der Fall, soweit er mich betrifft: meine Eitelkeit, ihre Schönheit, ihre hohe Stellung und tausend Gunstbeweise hatten mir den Verstand geraubt; aber – um meine Keckheit zu entschuldigen, muß ich auch hinzufügen: die Gelegenheit, ihr durch Komplimente die zärtlichsten Erklärungen zu machen und ihre Mitteilung gewisser Dinge, die sie mir nicht hätte anvertrauen sollen, hätte auch einem andern den Kopf verdreht. Ich habe ihr ein sehr hübsches Pferd geschenkt. Ihr kennt ihre vollendete Anmut beim Reiten. In den letzten Tagen war der König, von allen Schönen des Hofes umgeben, auf der Falkenjagd. Er folgte einem Falken und der ganze elegante Trupp flog ihm nach. Das flatternde Kleid machte bei verhängtem Zügel das Pferd der Stewart scheu, weil es mein Tier, das zu ihm gehörte, momentan nicht bei sich hatte. So wurde ich allein Zeuge einer Unordnung, die meinen Blicken tausend neue Schönheiten enthüllte. Ich wurde zu schmeichelnden und bewundernden Ausdrücken über diese reizende Verwirrung hingerissen und übertrieb sogar ein wenig, um sie nicht aus der Verlegenheit zum Bewußtsein kommen zu lassen. Seitdem ist nun diese Bewunderungsszene oft Gegenstand einer Unterhaltung gewesen, die ihr nicht zu mißfallen schien. Der alte Carlingford und der tolle Crofts – denn ich muß schon eine Generalbeichte ablegen –, diese kecken Witzlinge, trugen ihr bei jeder Gelegenheit ziemlich verfängliche Geschichten vor, die mit Hilfe einiger alten Späße und Possen während der Erzählung, bei der sie aus voller Seele zu lachen pflegte, ruhig hingingen. Ich weiß keine Geschichten, und wenn ich welche wüßte, so habe ich nicht das Talent, sie vorzutragen. Ich war deshalb mitunter verlegen, wenn sie welche von mir verlangte. Als sie mich einst quälte, sagte ich: »Ich weiß keine, Fräulein.« – »So erfinden Sie eine«, sagte sie. – »Das verstehe ich noch weniger,« erwiderte ich, »aber, wenn Sie es wünschen, will ich Ihnen einen Traum erzählen, der außerordentlicher ist, als die man gewöhnlich erlebt.« Das weckte ihre Neugier und diese mußte gleich befriedigt werden. Ich erzählte ihr also, das lieblichste Wesen der Welt, dem ich leidenschaftlich zugetan sei, wäre des Nachts zu mir gekommen. Darauf entwarf ich ihr eigenes Bild unter der Hülle dieser wundervollen Schönheit, aber ich sagte auch, da die Göttliche mich in der günstigsten Absicht besucht, so hätte sie sich auch nicht grausam benommen. Das war noch nicht genug, um die Wißbegier der Stewart zu stillen; ich mußte ihr fast alle einzelnen Gunstbezeigungen malen, die dies zärtliche Phantom mir zuwandte. Sie schien dabei weder überrascht noch verlegen und ließ mich, auf die Erdichtung aufmerksam lauschend, die Beschreibung einer Schönheit oft wiederholen, die ich, so gut ich konnte, nach ihrem Bilde und nach meiner Vorstellung von ihren unbekannten Reizen entwarf. Das hätte mir nun freilich fast den Verstand geraubt. Sie merkte ganz gut, es sei von ihr die Rede. Wie sich denken läßt, waren wir bei diesem Bericht allein und meine Blicke taten das ihrige, um ihr zu sagen, daß sie gemeint sei. Ich fand sie über diese Entdeckung nicht verlegen, ihre Scham war durch den Ausgang des erfundenen Abenteuers nicht verletzt und es hätte nur an mir gelegen, es noch unvorsichtiger zu beschließen. Dies ruhige Anhören riß mich blindlings zu den schmeichelndsten Gedanken fort. Ich dachte weder an den König noch an seine Leidenschaft für sie, noch an die Gefahr solcher Verbindung – endlich weiß der Teufel, woran ich dachte, aber ich sehe wohl, hättet Ihr nicht für mich überlegt, so wäre ich in diesen tollen Träumen untergegangen.« Einige Zeit darauf kam der Hof nach London und es war, als hätte sich seit seiner Rückkehr ein böser Geist über alle zärtlichen Verhältnisse gebreitet; denn alles ging im Reich der Liebe verkehrt. Verdruß, Argwohn, Eifersucht traten auf, um die Herzen zu entzweien. Falsche Gerüchte, böse Nachrede und Quälereien stürzten alle in Verwirrung. Während der Badereise war die Herzogin von Cleveland niedergekommen. Sie war noch nie vom Kindbett so schön aufgestanden. Das brachte sie auf die Idee, sie sei imstande, ihre früheren Ansprüche auf des Königs Herz wieder geltend zu machen, wenn sie mit neuem Glanz vor ihm erschiene. Ihre Anhänger teilten diese Meinung. Man bereitete schon die Zurüstungen für ihre Fahrt vor, aber am Vorabend ihrer Abreise erblickte sie den jungen Churchill und wurde von einem Verlangen ergriffen, das ihren Plänen schon oft in den Weg getreten war und gegen das sie sich stets nur schwach gesträubt hatte. Ein Mann, der vom Gardefähnrich zu solchem Glücksgipfel aufsteigt, besitzt gewiß einen hohen Grad Klugheit, wenn er sich durch seinen Aufstieg nicht verblenden läßt. Churchill trug überall die ihm neu geschenkte Gunst zur Schau. Die Cleveland empfahl ihm in keinem Punkte Mäßigung und Zurückhaltung; ihr war seine Vorsicht oder Indiskretion ganz gleichgültig. So bildete denn bei der Rückkehr des Hofes dieses neue Verhältnis allgemeines Stadtgespräch. Jeder urteilte darüber nach Lust und Laune; einige meinten, sie habe ihm bereits die Pension von Jermyn nebst den Zulagen für Jakob Hall zugewandt, weil beider Verdienste sich in seiner Person vereinten; andere meinten, er habe ein zu ruhiges Aussehen, einen zu schmächtigen Wuchs, um sich lange in ihrer Gunst zu erhalten. Alle gaben aber zu, daß ein Mann, der Günstling der königlichen Mätresse und Bruder der Geliebten des Herzogs von York sei, unter guten Auspizien auftrete und sein Glück machen müsse. Wirklich gab ihm der Herzog bald eine Stelle in seinem Hofstaat; das war auch in der Ordnung. Der König aber hielt sich nicht für verpflichtet, ihm etwas zuzuwenden, weil die Herzogin von Cleveland ihm ihre Gunst schenkte, sondern befahl, ihm den Hof zu untersagen. Der gute Fürst geriet nicht ohne Grund in schlechte Stimmung, denn er ließ alle Welt frei gewähren und man war dennoch oft so unverschämt, ihn in seinen eigenen Verhältnissen zu stören. Lord Dorset, der Oberkammerherr, hatte ihm die Schauspielerin Nell Gwynn verführt. Die Cleveland, aus der er sich nichts mehr machte, beschimpfte ihn durch wiederholte Untreue, durch unwürdige Wahl und ruinierte ihn überdies durch bezahlte Liebhaber. Aber der empfindlichste Kummer waren die neu eingetretene Kälte und die Drohungen der Miß Stewart. Seit langer Zeit hatte er ihr alle möglichen Lebensstellungen und alle Titel, die sie nur wünschen konnte, vergeblich angeboten, noch dazu mit weiterer Erhöhung, sobald sie in seiner Macht stehen würde. Sie hatte unter dem Vorwande, eine auffallende Erhebung würde die öffentliche Meinung verletzen, alles ausgeschlagen, nahm aber seit der Rückkehr eine andere Haltung an. Bald wollte sie sich, um der ewigen Unruhe ein Ende zu machen, bald, um den Versuchungen zu entgehen, wodurch sie anzudeuten glaubte, ihre Unschuld sei noch unverletzt, ganz vom Hof zurückziehen. Kurz, beständige Besorgnisse oder üble Launen trübten des Königs Zärtlichkeit. Da er nicht fassen konnte, worauf sie es eigentlich abgesehen haben mochte, verfiel er auf Reformierung seiner galanten Angelegenheiten, um zu sehen, ob nicht Eifersucht die Ursache wäre. Nachdem er also feierlich erklärt, er wolle, seit ihrer Verbindung mit Churchill, mit der Cleveland nichts mehr zu tun haben, begann er eine wahre Bartholomäusnacht gegen seine anderen hie und da in der Stadt gelegenen Erholungsstätten. Die Damen Nell Gwynn, Miß Davis und die heitere, zu Seiner Majestät Dienst angestellte Truppe von Sängerinnen und Tänzerinnen wurden entlassen. All diese Opfer waren vergeblich. Die Stewart fuhr fort, den König zur Verzweiflung zu treiben; er sollte aber bald die wahre Ursache ihrer Kälte entdecken. Die diensteifrige Cleveland übernahm die Sorge dafür. Seitdem sie in Ungnade gefallen war, erging sie sich rückhaltlos in Angriffen gegen Miß Stewart; sie glaubte, deren Keckheit sei Grund ihres Sturzes und klagte über die Schwäche des Königs, daß er sie um einer Zierpuppe willen so schmählich zurücksetze. Da sie in der vertrauten Umgebung des Fürsten noch immer Kreaturen besaß, erfuhr sie immer von diesen den Zustand, in den ihn das jüngste Benehmen der Stewart versetzt, und sobald sie entdeckt hatte, was sie wollte, begab sie sich durch das Zimmer des Kammerdieners Chiffinch in das Kabinett des Königs. Dieser Weg war ihr nicht neu. Der König kam in sehr schlechter Stimmung von der Stewart. Die Anwesenheit der Cleveland erheiterte ihn nicht, sondern befremdete ihn. Mit ironischem Tone und bitterem Lächeln sprach sie: »Ich hoffe, daß es mir erlaubt ist, Ihnen hier meine Huldigung darzubringen, wenngleich die himmlische Stewart Ihnen verboten hat, mich zu besuchen. Ich will Eurer Majestät keine Vorwürfe machen, die meiner unwürdig wären, ebensowenig komme ich, Schwächen zu entschuldigen, die durch nichts zu rechtfertigen sind, weil Ihre mir bewiesene Treue jedes Wort unnütz macht. Ich bin ja unter allen Frauen, die Sie mit Ihrer Gunst beehrt, die einzige, die sich deren unwert gezeigt. Ich komme nur, um Sie in der niedergeschlagenen Stimmung zu trösten, in die die Kälte und Keuschheit der grausamen Stewart Sie versetzt haben!« Bei diesen Worten brachte ihn ein neuer Ausbruch von beleidigendem, maßlosem Gelächter auf den Gipfel der Ungeduld. Nach dem Eingang hatte er sich wohl auf einige Spöttereien gefaßt gemacht; aber er dachte nicht, daß sie sich ihm gegenüber bei ihrer jetzigen Lage so in die Brust werfen dürfe, als er ihr aber antworten wollte, fuhr sie fort: »Nein, seien Sie nicht böse, daß ich mich über die Plumpheit, mit der man Sie täuscht, ein wenig lustig mache. Ich darf nicht zugeben, daß eine so zur Schau getragene Leidenschaft Sie zur Zielscheibe Ihres ganzen Hofes mache und daß man Sie ungestraft betrüge. Ich weiß, die spröde Stewart schickt Sie unter dem Vorwand von Unwohlsein, vielleicht von Gewissenskrupeln fort, aber ich melde Ihnen hiemit: der Herzog von Richmond wird gleich bei ihr sein, wenn er es nicht schon ist. Mir brauchen Sie nicht zu glauben, weil ich ja aus Rachsucht oder Neid so sprechen könnte. Folgen Sie mir bis zu ihrem Zimmer; damit Sie ja keiner Verleumdung Glauben schenken, mögen Sie sie, wenn ich sie verleumdet habe, ewig bevorzugen oder – nicht länger das traurige Opfer einer Scheinheiligen sein, die Sie die lächerlichste Rolle spielen läßt.« Als er nach dieser Rede noch ganz unentschlossen dastand, nahm sie ihn beim Arm und zog ihn zur Wohnung ihrer Nebenbuhlerin. Chiffinch war für die Cleveland gewonnen worden und so wurde die Stewart vor diesem Besuch nicht gewarnt. Babiani, dessen Glück die Cleveland gemacht und der sie bei dieser Sache trefflich unterstützte, meldete ihr, der Herzog von Richmond sei eben bei der Stewart eingetreten. Diese Mitteilung traf sie auf einer kleinen Galerie, die vom Kabinett des Königs zu den Zimmern seiner Mätressen führte. Die Cleveland wünschte ihm guten Abend, als er zur Rivalin hineinging, und zog sich zurück, um den Ausgang des Abenteuers abzuwarten. Babiani, der dem König folgte, wurde beauftragt, ihr darüber zu berichten. Es war nahe an Mitternacht. Der König fand die Kammerfrauen seiner Geliebten; sie verbeugten sich ehrfurchtsvoll bei seinem Eintritt und sagten ihm ganz leise, Miß Stewart wäre, seitdem er sie verlassen, sehr unwohl geworden, aber nach dem Zubettegehen schlummere sie, Gott sei Dank, sanft. »Das muß ich sehen«, rief er, indem er die ihm in den Weg Tretende zurückstieß. Er fand die Stewart wirklich im Bett, aber sie schlief keineswegs. Der Herzog von Richmond saß am Kopfende und war wohl noch weniger im Schlummer. Die Bestürzung der beiden und die Wut des Fürsten bei einer solchen Überraschung läßt sich denken. Der König, der mildeste aller Sterblichen, sagte dem Herzog seine Entrüstung in Worten, deren er sich nie bedient; der Herzog war verwirrt und vor Schrecken starr. Er sah seinen König und Herrn mit Recht erzürnt. Die ersten, in solchen Momenten von der Leidenschaft eingegebenen Schritte sind gefährlich, das Fenster des Zimmers lag für eine augenblickliche Rache sehr günstig, die Themse floß unten. Er richtete seine Blicke hin und fand die des Königs wütender, als er den König ihrer für fähig gehalten; er machte also nur eine tiefe Verbeugung und zog sich zurück, ohne auf eine Flut von Drohungen zu antworten. Von ihrem ersten Schrecken ein wenig zu sich gekommen, warf sich die Stewart in die Brust, anstatt sich zu entschuldigen, und sagte Dinge, die den Zorn des Fürsten noch mehr reizen mußten: wenn es nicht erlaubt sei, einen Mann wie den Herzog von Richmond, der in ehrbarster Absicht gekommen sei, zu empfangen, so sei man ja Sklave in einem freien Lande; sie wisse von keiner Verpflichtung, die ihr freie Verfügung über ihre Hand untersage; wenn die Dinge in England aber so wären, so glaube sie, könne sie keine Macht davon abhalten, nach Frankreich zu gehen, um dort in einem Kloster die Ruhe zu suchen, die sie an seinem Hofe nicht finden könne. Abwechselnd vor Wut außer sich, dann wieder durch Tränen erweicht, endlich durch ihre Drohungen geschreckt, schwankte der König so hin und her, daß er auf die schmissigen Reden eines Mädchens keine Antwort wußte, das ihm ins Gesicht die Lukretia spielte und seinen Vorwürfen keckste Entrüstung gegenüberstellte. Doch war die Liebe schon auf dem Punkt, über alle Heftigkeit zu siegen und er nahe daran, ihr mit der Bitte um Verzeihung für das ihr angetane Unrecht zu Füßen zu fallen, als sie ihn bat, sich zurückzuziehen und sie für den Rest der Nacht in Ruhe zu lassen, damit die, die ihn hergeführt und begleitet hätten, nicht etwa daran Anstoß nähmen. Diese unverschämte Bitte brachte ihn ganz außer Fassung. Er ging mit der Drohung fort, sie nie wieder zu sehen und brachte die unruhigste, qualvollste Nacht seit seiner Wiedereinsetzung zu. Tags darauf erhielt der Herzog von Richmond den Befehl, den Hof zu verlassen und nicht wieder vor dem König zu erscheinen. Er hatte aber diese Weisung nicht abgewartet und man erfuhr, daß er zeitig früh auf seinen Landsitz gereist sei. Um der schlimmen Wendung, die das Abenteuer der vergangenen Nacht nehmen könnte, vorzubeugen, eilte Miß Stewart, sich vor der Königin auf die Knie zu werfen. Sie spielte dort die neue Rolle einer unschuldig büßenden Magdalena, bat um Vergebung für den etwa Ihrer Majestät bereiteten Kummer und sagte, beständige Gewissensbisse hätten sie längst auf alle Mittel und Wege zum Verlassen des Hofes sinnen lassen; das habe sie veranlaßt, dem Herzog von Richmond Gehör zu schenken, der sich seit längerer Zeit um ihre Hand bewerbe; da aber diese Partie Ursache ihrer Ungnade und von einem Aufsehen begleitet sei, das zum Nachteil ihres Rufes ausschlagen könne, so beschwöre sie Ihre Majestät, sie unter ihren Schutz zu nehmen und vom König die Erlaubnis auszuwirken, daß sie in ein Kloster gehen dürfe. Dann werde endlich die durch ihre Gegenwart bei Hofe ohne ihre Schuld veranlaßte Unruhe ein Ende haben. All das war von der gehörigen Flut von Tränen begleitet. Eine Nebenbuhlerin, die sich zu unseren Füßen demütigt, Verzeihung erbittet und sich zugleich als rein hinstellt, ist ein wohltuender Anblick. Das Herz der Königin wandelte sich auf der Stelle, ihre Tränen mischten sich mit denen der Reuigen. Nachdem sie sie aufgerichtet, umarmte sie sie zärtlich, versprach ihr allen Schutz zu ihrer Vermählung oder zu jedem anderen Auswege, den sie einschlagen wolle, und entließ sie, anfangs wirklich entschlossen, nach besten Kräften für sie zu arbeiten. Da sie aber sehr einsichtsvoll war, so brachten die nach der ersten Aufregung angestellten Betrachtungen sie auf andere Ideen. Sie wußte, daß des Königs Sinn keiner wahren Treue fähig sei und dachte, daß er sich über die Trennung trösten und daß ein neues Band das Andenken an Miß Stewart auslöschen könnte; da sie jedoch schwerlich ohne Nebenbuhlerin bleiben würde, wäre es immer noch besser, eine Rivalin zu haben, deren Zucht und Sittsamkeit durch so sprechende Beweise erhärtet seien. Überdies schmeichelte sie sich, der König werde ihr ewig Dank wissen, daß sie sich der Entfernung und Verheiratung eines Mädchens widersetzt habe, die er leidenschaftlich liebte. Diese edle Rücksicht siegte. Sie wandte ihren ganzen Einfluß an, Miß Stewart zu überreden, daß sie weder dem Herzog von Richmond ihre Hand reiche noch in ein Kloster gehe und so war das Seltsamste an dem Vorfall: daß die Gemahlin selbst an der Aussöhnung der Liebenden arbeitete. Es wäre schade gewesen, wenn ihr die Sache nicht gelungen wäre. Die Mühe wurde ihr nicht schwer; denn die Liebesglut des Königs war nie so heftig als seit der Zeit dieser Versöhnung und nie war sie von der schönen Stewart so stark erwidert worden. Wie man aber sehen wird, genoß der Fürst die süße Wiedervereinigung, die ihn in die glücklichste Stimmung versetzte, nicht lange. Seit dem Pyrenäen-Vertrage war Europa ununterbrochen in Ruhe gewesen. Durch das neue Bündnis, das Spanien mit seinem bedenklichsten Nachbarn schloß, schmeichelte es sich, wieder aufzuatmen, doch trug sich die Nation nicht mit der Hoffnung, eine im Verfall begriffene Monarchie aus Trümmern wieder herstellen zu können, wenn sie Alter und Hinfälligkeit ihres Fürsten oder die Schwäche des Nachfolgers erwog. Das von einem unermüdlichen, jungen, wachsamen, ruhmbegierigen Monarchen beherrschte Frankreich brauchte dagegen nur zu wollen, um sich jeden Augenblick zu vergrößern. In jener Zeit ließ Ludwig XIV., der den europäischen Frieden stören wollte, sich bereden, die Küste von Afrika durch eine ziemlich nutzlose Expedition zu beunruhigen; nutzlos, selbst wenn sie gelungen wäre. Aber das Glück des Königs, das seinem Ruhm immer treu war, wollte durch das Mißlingen der Expedition von Gigery zeigen, daß nur die von ihm selbst entworfenen Pläne der Aufmerksamkeit würdig seien. Einige Zeit darauf bewaffnete der König von England, weil er ebenfalls die Küsten Afrikas erforschen lassen wollte, das für die Expedition von Guinea bestimmte Geschwader, dessen Oberbefehl dem Prinzen Rupert anvertraut werden sollte. Die das Land aus Erfahrung kannten, erzählten Wunder von den Gefahren dieser Unternehmung; man hätte nicht allein gegen die Bewohner von Guinea, ein Teufelsvolk mit vergifteten Pfeilen, das nie Pardon gäbe und seine Gefangenen immer auffräße, sondern auch gegen unerträgliche Hitze zu kämpfen oder gegen Regengüsse, bei denen jeder Tropfen sich in eine Schlange verwandle. Wenn man weiter ins Land vordringe, werde man durch Ungeheuer angegriffen, die scheußlicher und unerhörter seien als alle Bestien der Apokalypse. Doch diese Gerüchte halfen nichts; statt Schrecken einzuflößen und die Teilnehmer abzuhalten, lockten sie sie an. Sie waren ein Stachel für den Ehrgeiz, selbst derjenigen, die bei dem Zuge gar nichts zu suchen hatten. Jermyn bot sich zuerst an, ohne zu bedenken, daß allein der Vorwand seiner Kränklichkeit seine Vermählung mit Miß Jennings verschoben hatte; er erbat die Einwilligung des Herzogs und des Königs, um als Volontär dienen zu dürfen. Schon seit einiger Zeit begann Miß Jennings von ihrer blinden Vorliebe für ihn nachzulassen. Nur der Köder einer Lebensstellung erhielt ihre Neigung für diese Partie. Die matte Aufmerksamkeit eines Verehrers, der ihr nur aus Gewohnheit zu huldigen schien, stieß sie ab, und der von ihm ohne ihre Einwilligung gefaßte Entschluß erschien ihr für ihn so lächerlich und für sie so beleidigend, daß sie sich von diesem Augenblick vornahm, an die Verbindung nicht mehr zu denken. Nach und nach gingen ihr die Augen über den falschen Glanz auf, der sie geblendet hatte, und als er ihr von seinem heroischen Plan berichtete, wurde der berühmte Jermyn empfangen, wie er es verdiente. In den Scherzen, mit denen sie ihm ihr Kompliment über die Reise machte, lag so viel Gleichgültigkeit und Übermut, daß er ganz verwirrt wurde, um so mehr, da er bereits alle Trostgründe bereit gehalten, die er bei Ankündigung seines traurigen Scheidens vorbringen wollte. Sie sagte, es gäbe für ihn nichts Rühmlicheres, als seine Eroberungen auf einen anderen Weltteil auszudehnen, nachdem er in Europa über so viele Herzen triumphiert habe; sie rate ihm, alle gefangenen Frauen aus Afrika mitzubringen, um die Schönen zu ersetzen, die seine Abwesenheit ins Grab stürzen würde. Jermyn fand es häßlich, daß sie die Stirn habe, in dem Zustande zu scherzen, in den er sie versetzt zu haben glaubte. Aber er merkte bald, es sei ihr voller Ernst. Denn sie sagte ihm, sie betrachte diesen Abschied als endgültig und bat ihn, ihr vor seiner Reise keinen Besuch mehr zu machen. Bis dahin ging für sie alles ganz gut. Jermyn war nicht allein bestürzt, so kurzerhand verabschiedet worden zu sein, sondern empfand auch, wie bei diesem Zeichen von Gleichgültigkeit seine ganze Neigung für sie wieder erwache. Sie hatte also den Genuß, ihm ihre Verachtung zu zeigen und ihn zugleich gefesselter zu finden als je. Doch das genügte ihr noch nicht. Unvorsichtig in ihrem Triumph, wollte sie die Rache noch weiter treiben. Man hatte eine von den Schöngeistern des Hofes verfaßte Übersetzung von Ovids Episteln herausgegeben. Sie schrieb danach den Brief einer verzweifelnden Schäferin, die sich an den treulosen Jermyn wendet. Zum Muster nahm sie sich die Epistel des Theseus an Ariadne. Der Anfang des Schreibens enthielt Wort für Wort die Klagen und Vorwürfe der verlassenen Geliebten gegen den grausamen Flüchtling. Sie hatte alles, so gut es ging, auf den aktuellen Zustand übertragen, mit der Absicht, das ganze mit einer Beschreibung der Arbeiten, Gefahren und Ungeheuer, die ihn in Guinea erwarteten, zu schließen, Dinge, um derentwillen er eine in Schmerz versunkene Geliebte verlasse. Da sie aber dazu nicht genug Zeit hatte und das Gedicht nicht so rasch abschreiben lassen konnte, um es unter fremdem Namen zuzuschicken, so steckte sie das Fragment unvorsichtigerweise in die Tasche und ließ es noch leichtsinniger mitten am Hofe herausfallen. Die es aufhoben, erkannten sogleich ihre Handschrift und nahmen davon mehrere Abschriften, wodurch es in der Stadt bekannt wurde. Ihr sonstiges Benehmen hatte jedoch ihren Ruf so gefestigt, daß niemand bezweifelte, die Sache habe sich so zugetragen, wie ich es sagte. Aus weltbekannten Gründen wurde die Expedition nach Guinea später verschoben. Die weitere Haltung Miß Jennings' ging aber aus ihrem Brief hervor, denn welche Mühe Jermyn sich auch trotz erneuter Leidenschaft gab, sie zur Umkehr zu bewegen, sie wollte nichts mehr von ihm hören. Doch er war nicht das einzige Opfer jener Schicksalslaune, die ein Vergnügen daran fand, Herzen zu trennen, um sie bald darauf mit anderen zu verbinden. Man hätte meinen sollen, der Liebesgott habe aus unerhörter Schelmerei, indem er alle seine Anhänger dem Ehegott Hymen überlieferte, diesem Gotte auch seine Binde um die Augen gelegt, damit er die meisten der erwähnten Liebenden bunt durcheinander zusammengebe. Die schöne Stewart heiratete den Herzog von Richmond, der unwiderstehliche Jermyn eine einfache Pute vom Lande, Lord Rochester eine langweilige Erbin, die junge Temple den gravitätischen Littleton; Talbot nahm, ohne zu wissen warum, die schmachtende Boynton zur Frau. Unter glücklicheren Auspizien vermählte sich Georg Hamilton mit der schönen Jennings und zum Lohn für eine Treue, die er nie zuvor gekannt und seitdem nie gezeigt hat, fand der Chevalier Grammont Hymen und Amor zu seinen Gunsten im Bunde und kam endlich in den Besitz von Miß Hamilton. Anhang Grammonts Philosoph und Moralprediger Charles Seigneur de Saint-Evremond wurde 1613 in der Normandie geboren, studierte erst zu Paris Jus, kämpfte später als Hauptmann bei Nördlingen und Freiburg und stieg im spanischen Erbfolgekriege zum Feldmarschall auf. Mit vielem Geist begabt, hat er unter den Lebemännern seiner Zeit eine bedeutende Rolle gespielt. – Sein scharfer Witz, den er auf Kosten des allgemein gefürchteten und gehaßten Mazarin übte, brachte ihn in die Bastille. Im Jahre 1661 mußte er sich einer zweiten Verhaftung durch die Flucht entziehen. – Veranlassung war die in den Memoiren erwähnte satirische Behandlung des Pyrenäen-Vertrages, welcher zwischen Spanien und Frankreich 1659 abgeschlossen worden. Saint-Evremond flüchtete an den Hof Karls II. Von 1664 an lebte er einige Jahre in Holland; allein seit 1670 blieb er bis an seinen späten Tod in England († 1703). Er wurde dort von Karl mit einer kleinen Pension unterstützt, hauptsächlich aber wohl durch seine Gönnerin, die Herzogin von Mazarin, Hortensia Mancini, gefesselt. Die Nichte des großen Kardinals war früh aus ihrer Heimat Italien an den französischen Hof gekommen, wo ihr Onkel allmächtig herrschte. Seine Gewalt und ihre Reize hatten eine Schar von hohen Bewerbern um sie gesammelt. Karl selbst hatte sich während der Verbannung vergeblich um ihre Hand bemüht. Das Elend einer unglücklichen Verbindung hatte sie nicht ertragen können, sie war ihrem Manne mit Aufopferung eines bedeutenden Vermögens entflohen, und nachdem sie Rom und Turin durch ihre Abenteuer in Erstaunen gesetzt, schlug sie nun in England ihren Ruhesitz auf. John Wilmot, Earl von Rochester , ist durch seine Abenteuer ebenso bekannt wie durch seine beißenden Satiren. Den eigentümlichen Reiz seines Humors erreichte keiner. Er ergab sich den tollsten Streichen, ging in den Straßen als Bettler verkleidet umher, machte als Bedienter die Cour und schlug als italienischer Marktschreier eine Bretterbühne auf. Einige Jahre lang war er stets berauscht und stiftete überall Unfug. Der König liebte der Unterhaltung wegen seine Gesellschaft mehr als seine Person und der Lord erwiderte dies Gefühl in gleichem Maße. Er rächte sich durch Satiren. Er hielt einen Diener, der den ganzen Hof kannte, staffierte den Menschen mit Soldatenrock und Muskete aus und hielt ihn als Schildwache den ganzen Winter durch jede Nacht an den Türen solcher Damen aufgestellt, die er in Liebeshändel verwickelt glaubte. Ein militärischer Posten wird nicht beachtet; man glaubt ihn im Dienst; in dieser Weise kam der Lord durch seine Pseudowache hinter alle Geheimnisse. Hatte er hinreichenden Stoff gesammelt, so zog er sich aufs Land zurück und schrieb einen oder zwei Monate Satiren. Einst wollte er in angetrunkenem Zustande ein solches gegen eine Dame verfaßtes Produkt dem König überreichen; aber durch Zufall gab er ihm ein gegen den Monarchen selbst gerichtetes Libell. Er wäre von seinen Fehlern zurückgekommen, hätte er sich von seiner Trunksucht wieder erholt. (Nach Burnet .)