Du weißt es ja, wie dieses Buch entstand.     Als mich das Leid umfing, das grenzenlose, Da hegte mich und pflegt' mich Deine Hand     Und an dem Dornenstrauch erwuchs die Rose. Du gabst ihr Luft und Thau und Sonnenschein;     Auch ohne diese Widmung ist sie Dein . Vorwort zur ersten Auflage. Im Winter 1873 wohnte ich lange Wochen in einer der Grüfte der Nekropolis von Theben, um die Denkmäler der ehrwürdigen Todtenstadt zu studiren. Damals bildeten sich in mir während langer Ritte durch die schweigende Wüste die Keime, aus denen später dieses Buch erwachsen ist. Die äußere Veranlassung und die Muße, es niederzuschreiben, bot eine lange und ernste, noch nicht überwundene Krankheit. Anfänglich hatte ich beabsichtigt, diesen Roman wie meine ägyptische Königstochter mit vielen und ausführlichen hinter den Text zu stellenden Anmerkungen zu versehen, – von der Ausführung dieses Vorhabens wurde ich indessen durch die Wahrnehmung abgehalten, daß ich gezwungen sein würde, Vieles des in den Noten zu meinem ersten Roman Gesagten zu wiederholen. Die zahlreichen Anmerkungen in dem letztern waren einem dreifachen Zwecke gewidmet. Erstens sollten sie dem Text erklärend zur Seite stehen, zweitens Bürgschaft leisten für die Sorgfalt, mit der ich bemüht gewesen war, das archäologische Detail in all' seinen Einzelheiten treu nach den Denkmälern und Klassikern zu zeichnen; drittens aber wünschte ich in ihnen den wißbegierigen Lesern einige Hülfsmittel zu eigenen Studien an die Hand zu geben. In dem vorliegenden Werke meine ich nun mich mit der bloßen Versicherung begnügen zu dürfen, nichts als ägyptisch und in die Zeit des Ramses gehörend dargestellt zu haben, was sich nicht quellenmäßig nachweisen läßt, und die zahlreichen, gerade aus der Epoche der Ramessiden bis auf uns gekommenen Denkmäler gestatten es dem Forscher in der That, viele Erscheinungen und Regungen im religiösen, staatlichen und privaten Leben der Aegypter von damals bis in's Einzelne zu erkennen und Schritt für Schritt zu verfolgen. Von den Aeußerungen des Gemüthslebens läßt sich das Gleiche nicht behaupten und hier wird mancher Anachronismus mit unterlaufen, wird Vieles modern erscheinen und die Färbung unserer christlichen Empfindungsweise zeigen. Auch ohne Anmerkungen kann jeder Abschnitt dieses Buches verstanden werden; für den wißbegierigen Leser habe ich indessen erklärende Noten unter den Text gesetzt und nicht unterlassen, diejenigen Werke zu nennen, aus denen sich nähere Auskunft über das erzählungsweise Mitgeteilte gewinnen läßt. Wer diesen Roman im Sinne seines Verfassers zu lesen wünscht, der lasse sich bei seiner Lektüre nicht durch die Anmerkungen stören und unterrichte sich erst, ehe er ein neues Kapitel beginnt, über den Inhalt der dem vorhergehenden beigegebenen Noten. Jeder Blick unter die Seite muß notwendigerweise die Wirkung des Kunstwerkes unterbrechen und schmälern. Der Text dieses Buches ist auch in einem Gusse hergestellt und erst nach seiner Vollendung mit Anmerkungen versehen worden. Eine Erzählung des Herodot, kombinirt mit dem in mehreren Exemplaren auf uns gekommenen Epos des Pentaur, bildet die Grundlage zu dieser Erzählung. Vielleicht bezieht sich der von dem Vater der Geschichte mitgetheilte Verrath des Statthalters auf den dritten und nicht auf den zweiten Ramses. Aber es steht keineswegs fest, daß der Halikarnassier hier falsch berichtet war, und es soll in dieser Dichtung keine Geschichte gelehrt, es soll in ihr auch nur in zweiter Linie ein in kulturhistorischer Beziehung der Wahrheit möglichst nahe kommendes Bild der Zeit des Sesostris gegeben werden. Zwar blieb für diesen Zweck nichts unbenützt, was die Denkmäler und die Papyrus lehren; dennoch ist das vorliegende Buch nichts als ein Roman, eine Dichtung, in der ich den aus der Geschichte geschöpften Stoff und das den Denkmälern nachgebildete Kostüm als nebensächlich, die Bewegungen des innern Lebens der handelnden Personen aber als Dasjenige betrachtet zu sehen wünsche, worauf es mir ankommt. Noch Eines sei mir zu bemerken erlaubt. Durch die typische, strengen hieratischen Proportionalgesetzen unterworfene Vortragsweise der altägyptischen Kunst haben wir uns gewöhnt, uns die Nilthalbewohner aus der Pharaonenzeit als hagere und steife Menschen von geringer Verschiedenheit der individuellen Physiognomie vorzustellen, und in jüngster Zeit hat ein großer Kolorist es versucht, sie in einem modernen Gemälde nach dieser Auffassung zu bilden. Das ist falsch, denn die Aegypter gehörten trotz ihrer Abneigung gegen das Fremde und ihr Gebundensein an die heimische Scholle zu den geistig regsamsten Völkern des Alterthums, und wer sie darzustellen wünscht, wie sie lebten und waren, und zu diesem Zwecke die Formen nachbildet, die sich aus den Gemälden, an den Tempel und Gräberwänden erhalten haben, der macht sich zum Mitschuldigen der priesterlichen Kunstverderber, welche die Maler und Bildhauer in der Pharaonenzeit zwangen, zu Gunsten der altheiligen Proportionen die Naturwahrheit preiszugeben. Wer das Leben der alten Aegypter treu zur Anschauung zu bringen wünscht, dem stellt sich zunächst die Aufgabe. ein Erlösungswerk zu üben, das heißt abzusehen von jener Gebundenheit der Formen, welche ihrem Leben fremd und nur ihren Kunstwerken eigen war. Ohnehin sind aus der frühen Zeit der Pyramidenerbauer Werke der Skulptur erhalten geblieben, die uns in realistischer, von dem Kanon unbeeinträchtigter Vortragsweise naturgetreu dargestellte Menschen zeigen. Wir erinnern an die Figuren des sogenannten »Dorfschulzen« zu Bulaq, des »Schreibers« zu Paris und einige Figurinen aus Bronze in den verschiedenen Museen, sowie an die schönen und charakteristischen Porträtköpfe aus allen Epochen, welche sämmtlich den Beweis liefern, wie groß die Verschiedenheit der individuellen Physiognomie und somit auch der Individualcharaktere unter den Aegyptern gewesen ist. Alma Tadema in London und Gustav Richter in Berlin haben als Maler altägyptische Stoffe in einer Weise behandelt, der sich der Dichter mit Freuden anschließt. Der Band I. Seite 143 angeführten Stelle des späten Flavius Vopiscus lassen sich viele ältere Zeugnisse aus früher Zeit zur Seite stellen, welche uns die Aegypter als fleißiges und rühriges, zwar den letzten Dingen leidenschaftlich zugewandtes, von der andern Seite aber die Gaben des Lebens mit vollen Zügen oft bis zum Uebermaß genießendes Volk zeigen. Wirkliche Menschen, wie sie das Leben der Gegenwart zeugt, keine nach einem heiligen Kanon vermessene Schablonenfiguren, wie sie die Denkmäler zeigen, haben am alten Nilstrom gelebt, und der Dichter, welcher sie darzustellen wünscht, darf, ohne Furcht, von der Wirklichkeit allzu weit abzuweichen, getrost in das ihn umgebende Leben greifen und Menschen von heute Modell stehen lassen, um sie, freilich in der ihrer Zeit und Heimat entsprechenden Weise gefärbt und bekleidet, nachzubilden. Ueber die Berechtigung, die Empfindung der Liebe den Alten zuzuschreiben, habe ich in der Vorrede zur zweiten Auflage der ägyptischen Königstochter gehandelt. Mit diesen Zeilen sende ich »Uarda« in die Welt und sage in ihnen den lieben Freunden meinen Dank, in deren von grünen, wildreichen Wäldern umrauschten schönem Hause am Hundsrücken ich oft schon neu belebende Erholung fand, und in dem ich jetzt dieses Buch zum Abschluß bringe. Rheinböllerhütte , den 22. September 1876. Georg Ebers.   Vorwort zur fünften Auflage. Die früheren Auflagen der Uarda sind einander so schnell gefolgt, daß sich aus äußeren Gründen keine durchgreifende Veränderung des stereotypirten Textes vornehmen ließ; indessen habe ich von vornherein die bessernde Hand nicht ruhen lassen und kann nunmehr diese neue, fünfte Auflage als eine »durchgesehene« der Oeffentlichkeit übergeben. Mit je größerer Liebe ich seiner Zeit die Uarda geschrieben habe, mit um so größerer Freude erfüllt mich die wohlwollende und eingehende Berücksichtigung, die ihr unsere berufensten Kritiker geschenkt haben, und die günstige Aufnahme, die ihr in den verschiedensten Kreisen zu Theil geworden ist. Den verehrten Männern, die mich auf Versehen aufmerksam machten, bin ich zu lebhaftem Danke verpflichtet. Unter ihnen nenne ich besonders Herrn Professor Paul Ascherson in Berlin und Herrn Dr.  C. Rohrbach in Gotha. Beide werden ihre auf pflanzengeographische Irrthümer bezüglichen Bemerkungen in dieser neuen Auflage berücksichtigt finden. Die Anmerkungen sind nach reiflicher Erwägung nicht hinter den Text gesetzt worden, sondern unter ihm stehen geblieben. Ueber den Titel »Uarda« sind mir auch in jüngster Zeit so viele Bedenken zu Ohren gekommen, daß ich hier dasjenige wiederholen will, was ich im Vorworte zur dritten Auflage mehr zur Erklärung als zur Entschuldigung desselben angeführt habe. Dieser Titel hat seine Geschichte und je schwerer es mir selbst werden möchte, ihn sachlich zu vertheidigen, je lieber lass' ich einen Advokaten für ihn sprechen, der keinen geringern Namen trägt, als den unseres G. E. Lessing. Dieser sagt in der hamburger Dramaturgie. »Nanine? . . . (von Voltaire 1749.) Was ist das für ein Titel? Was denkt man dabei? Nicht mehr und nicht weniger, als man bei einem Titel denken soll. Ein Titel muß kein Küchenzettel sein. Je weniger er von dem Inhalt verräth, desto besser ist er. Dichter und Zuschauer finden ihre Rechnung dabei und die Alten haben ihren Komödien selten andere als nichts bedeutende Tite1 gegeben.« So mag es denn bei »Uarda« bleiben, deren Persönlichkeit zwar hinter anderen zurücktritt, deren Leiden aber den Anstoß gibt für den Lauf der Schicksale meiner Helden. Warum soll ich es verschweigen? Aus der Erinnerung an ein Fellahmädchen, halb Kind, halb Jungfrau, das ich in einer Hütte zu Abd el Qurnah in der Nekropolis von Theben leiden und sterben sah, ist die Figur der Uarda und die vorliegende Erzählung erwachsen. – Bei meiner mehrfach ausgeführten und vielfach ausgesprochenen Ueberzeugung, daß die Grundzüge des Seelenlebens bei allen Kulturvölkern in allen Zeiten und Breiten nur sehr geringen Modifikationen unterworfen gewesen sind, beharre ich; doch versuche ich mir die der meinen entgegen stehende Ansicht meiner Gegner durch den Umstand zu erklären, daß in der That die Aeußerungen dieser Regungen in verschiedenen Epochen und bei verschiedenen Völkern beträchtliche Ungleichheiten zeigen. Ich glaube, daß einer der schärfsten Menschenkenner des Alterthums, Juvenal, das Rechte traf, als er sagte: «Nil erit ulterius, quod nostris moribus addat Posteritas: eadem cupient facientque minores.» Leipzig, den 15. Oktober 1877. Georg Ebers. Erster Band. Erstes Kapitel. Bei dem alten hundertthorigen Theben erweitert sich der Nil. Die Höhenzüge, welche den Strom zu beiden Seiten begleiten, nehmen hier entschiedenere Formen an; einzelne, beinahe kegelförmige Spitzen überragen scharf geschnitten den flachen Rücken des vielfarbigen Kalkgebirges, auf dem keine Palme gedeiht und kein genügsames Wüstenkraut Wurzel zu schlagen vermag. Steinige Spalten und Schluchten führen mehr oder minder tief in das Gebirge hinein, in dessen Rücken sich die allem Lebenden feindliche Wüste mit Sand und Steinen, mit Felsenklippen und öden Hügelriffen ausbreitet. Hinter den östlichen Bergen reicht die Einöde bis an das rothe Meer, hinter den westlichen ist sie ohne Grenzen wie die Ewigkeit. Nach dem Glauben der Aegypter beginnt das Reich des Todes in ihrem Rücken. Zwischen diesen beiden Hügelreihen, die wie Wälle und Mauern den Wüstensand abwehren, fließt der volle und frische Nil, Segen und Gedeihen spendend, zugleich der Vater und die Wiege von viel Millionen Existenzen. Er hat aus seinen beiden Ufern die breiten Flächen des schwarzen Fruchtlandes ausgebreitet und in seinen Tiefen tummeln und nähren sich vielgestaltige Bewohner im Schuppen- und Panzerkleide. Auf dem Spiegel des Wassers schwimmen Lotosblumen und in dem Papyrusschilf am Ufer nisten Wasservögel ohne Zahl. Zwischen dem Nil und den Bergen liegen Felder, die nach der Saatzeit in bläulichem Grün schimmern und wenn die Zeit der Ernte naht, wie eitles Gold erglänzen. Bei den Brunnen und Schöpfrädern erheben sich weithin schattende Sykomorenbäume, und Dattelpalmen gesellen sich, sorgsam gepflegt, zu freundlichen Hainen. – Das ebene, alljährlich von der Ueberschwemmung benetzte und gedüngte Fruchtland sticht von dem sandigen Fuße der Berge hinter ihm ab wie die Gartenerde eines Blumenbeets von gelben Kieswegen. Im vierzehnten Jahrhundert vor Christus, denn wir führen den Leser in so ferne Zeiten zurück, setzte in Theben die Menschenhand an vielen Stellen durch hohe Steindämme und Uferbauten dem austretenden Wasser unübersteigliche Schranken, um die Straßen und Plätze, die Tempel und Paläste der Stadt vor der Ueberflutung zu schützen. Fest verschließbare Kanäle führten von den Dämmen aus in das Hinterland und kleinere Zweiggräben in die Gärten von Theben. Am rechten, östlichen Ufer des Nils erhoben sich die Straßen der berühmten Pharaonenresidenz. Hart am Flusse standen die ungeheuren bunten Tempel der Amonsstadt; hinter diesen und in geringerer Entfernung von den östlichen Bergen, ja bis zum Fuße derselben, theils schon auf dem Boden der Wüste, die Paläste der Könige und Großen und die schattigen Gassen, in denen sich die hohen und schmalen Häuser der Bürger eng aneinanderreihten. Bunt und lebendig war das Treiben in den Straßen der blühenden Pharaonenresidenz. Am westlichen Nilufer bot sich ein ganz anderes Bild. Auch hier fehlte es keineswegs an stattlichen Bauten und zahlreichen Menschen; aber während jenseits des Flusses eine kompakte Häusermasse sich erhob und die Bürger laut und fröhlich den Geschäften des Tages nachgingen, sah man auf dem diesseitigen Ufer nur große Prachtbauten, an welche sich kleinere Häuser und Hütten drängten, wie Kinder, die sich an die schützende Mutter schmiegen. Unvermittelt lagen diese Gebäudegruppen neben einander. Wer den Berg bestieg und schaute zu ihnen hernieder, der empfing den Eindruck, als läge unter ihm eine große Zahl von engbenachbarten Dörfern mit stattlichen Herrenhäusern; wer von der Ebene aus zu dem östlichen Abhange der westlichen Berge hinaufschaute, der entdeckte hier Hunderte von verschlossenen, bald einzeln, bald in Reihen nebeneinander liegenden Thoren, von denen viele am Fuße der Hügel, noch zahlreichere in ihrer Mitte, aber auch einige in beträchtlicher Höhe gelegen waren. Und wie wenig gleich sah das gemessene, fast feierliche Leben auf den Straßen hier , dem muntern und wirren Getreibe dort! Drüben, auf dem rechten Stromesufer war Alles in heftiger Bewegung bei der Arbeit und Erholung, in Lust und Schmerz, bei der That und Rede; hier auf dem linken wurde wenig gesprochen, schien ein Zauber die Schritte der Wanderer zu hemmen, eine blasse Hand den frohen Blick jeden Auges zu trüben und das Lächeln von jedem Munde zu bannen. Und doch landete hier manche glänzend geschmückte Barke, fehlte es nicht an singenden Chören, zogen große Festzüge dem Westberge entgegen. Aber die Nilschiffe trugen Todte, die hier ertönenden Lieder waren Klagegesänge und die Festzüge bestanden aus den dem Sarkophage folgenden Leidtragenden. Wir befinden uns auf dem Boden der Todtenstadt von Theben. Immerhin fehlte es auch in dieser keineswegs an Verkehr und Leben, denn dem Aegypter starben seine Todten nicht. Er drückte ihnen die Augen zu, er führte sie in die Nekropole, in das Haus des Balsamirers oder Kolchyten und in die Gruft; aber er wußte, daß die Seele des Verstorbenen fortleben, daß sie gerechtfertigt als Osiris in der Sonnenbarke den Himmel befahren und in jeder Gestalt, die sie anzunehmen wünsche, auf Erden erscheinen und in den Lauf des Daseins der Hinterbliebenen eingreifen dürfe. Darum sorgte er für eine würdige Bestattung seiner Todten, vor Allem aber für eine dauerhafte Balsamirung der Leiche und für zu bestimmten Zeiten zu erneuernde Todtenopfer an Fleisch und Geflügel, Getränken und wohlriechenden Essenzen, Gemüsen und Blumen. Weder bei der Bestattung, noch bei den Darbringungen durften die Diener der Gottheit fehlen und die stille Todtenstadt galt für die günstigste Stätte, für die Anlage von Schulen und Gelehrtenwohnungen. So kam es, daß in den Tempeln, auf dem Boden der Nekropolis große Priestergenossenschaften beisammen wohnten und in der Nähe der ausgedehnten Balsamirungshäuser zahlreiche Kolchyten, deren Geschäft sich vom Vater auf den Sohn vererbte, ihre Häuser hatten. Außerdem fehlte es nicht an Fabriken und Verkaufsstätten. In diesen wurden Sarkophage von Stein und Holz, Leinwandbinden zur Umwicklung der Mumien und Amulete für die Ausstattung der letzteren verfertigt, in jenen hielten Kaufleute Spezereien und Essenzen, Blumen, Früchte, Gemüse und Backwerk feil. Rinder, Gazellen, Ziegen, Gänse und anderes Geflügel wurden auf eingehegten Weideplätzen gefüttert und die Leidtragenden begaben sich hierher, um sich unter den von den Priestern für rein erklärten Exemplaren die Opferthiere, deren sie bedurften, auszusuchen und mit dem heiligen Siegel versehen zu lassen. Viele kauften bei den Schlachtbänken nur einzelne Fleischstücke. – Die Armen blieben dieser Stätte fern. Sie erstanden nur buntes Gebäck in Thiergestalt, das die theuren Rinder und Gänse, die ihnen zu erwerben ihre Mittel untersagten, symbolisch zu vertreten hatte. In den stattlichsten Läden saßen priesterliche Diener, welche Bestellungen auf Papyrusrollen annahmen, die man in den Schreibstuben der Tempel mit jenen heiligen Texten versah, welche die Seele der Verstorbenen zu wissen und zu sagen hatte, um die Genien der Tiefe abzuwehren, die Thore der Unterwelt zu öffnen und vor Osiris und den zweiundvierzig Beisitzern des unterirdischen Gerichtshofs gerecht befunden zu werden. Was in den Tempeln vor sich ging, entzog sich den Blicken, denn ein jeder ward von einer hohen Umfassungsmauer umgeben, deren sorgfältig verschlossene, stattliche Hauptthore sich nur öffneten, wenn in der Morgenfrühe und am Abend ein Priesterchor in's Freie trat, um dem als Horus aufsteigenden und als Tum niedergehenden Gotte fromme Hymnen zu singen Der Lauf des Tagesgestirns ward mit dem des Menschenlebens verglichen. Als Kind (Horus) ging die Sonne auf, erwuchs in der Mittagszeit zum Helden Ra, für den die Uräusschlange an seinem Diadem kämpfte, und wurde am Abend bei ihrem Niedergange ein Greis (Tum). Aus dem Dunkel war das Licht entstanden; Tum wurde also konsequenterweise für älter erklärt, als Horus und die anderen Lichtgötter. . Sobald das Abendlied der Priester verklang, leerte sich die Nekropole, denn alle Leidtragenden und Besucher der Grüfte waren gehalten, nunmehr die Boote zu besteigen und die Todtenstadt zu verlassen. Große Menschenmengen, die in feierlichen Aufzügen das Westufer von Theben betreten hatten, eilten ohne Ordnung an den Fluß, von den Wachtmannschaften getrieben, welche abtheilungsweise den Dienst versahen und die Grüfte vor Räubern zu behüten hatten. Die Verkäufer schlossen ihre Buden, die Kolchyten und Arbeiter beendeten ihr Tagewerk und begaben sich in ihre Häuser, die Priester gingen in die Tempel zurück und die Herbergen füllten sich mit Gästen, welche aus der Ferne hieher gepilgert waren und lieber in der Nähe des Verstorbenen, dem ihr Besuch gegolten hatte, als in der geräuschvollen Stadt am jenseitigen Stromesufer zu übernachten wünschten. Die Stimmen der Sänger und Klageweiber waren verstummt, selbst der Gesang der Matrosen auf den zahlreichen dem Ostufer von Theben zuströmenden Booten verhallte nach und nach, der Abendwind trug nur noch vereinzelte Töne herüber und endlich schwieg Alles. Ein wolkenloser Himmel breitete sich über die schweigende Todtenstadt, nur zuweilen verfinstert von leichten Schatten, den in ihre Grüfte und Felsenspalten heimkehrenden Fledermäusen, die allabendlich zum Nil fliegen, um dort Mücken zu jagen, zu trinken und sich so zu ihrem lichtscheuen Tagesschlafe zu stärken. Dann und wann glitten schwarze Gestalten mit langen Schatten über den hellen Boden hin, die Schakale, welche zu dieser Stunde ihren Durst am Stromesufer zu löschen pflegten und sich oft schaarenweis und mit geringer Scheu in der Nähe der Gänsehürden und Ziegenställe zeigten. Es war verboten, diese nächtlichen Räuber zu jagen, denn sie galten als heilige Thiere des Gottes Anubis, des Wächters der Gräber Der schakalköpfig gebildete Gott Anubis ist der Sohn des Osiris und der Nephthys, der Schakal sein heiliges Thier. Schon in der ältesten Zeit stand er der Unterwelt vor. Er leitet die Mumisirung, erhält die Leichen, behütet die Nekropole und zeigt und eröffnet als Hermes Psychopompos ( Hermanubis ) den Seelen den Weg. Nach Plutarch soll er »für die Götter wachen, wie die Hunde für die Menschen«. und zeigten sich wenig gefährlich, denn sie fanden reichliche Nahrung in den Gräbern. Die auf den Opferaltären niedergelegten Fleischstücke wurden von ihnen verzehrt; zur Genugthuung der Spendenden, welche, wenn sich das dargebrachte Fleisch am folgenden Tage nicht mehr vorfand, glaubten, es sei von den Unterirdischen für gut befunden und angenommen worden. Auch zeigten sie sich als zuverlässige Wächter, denn sie wurden zu gefährlichen Feinden eines jeden Unberufenen, der unter dem Schutze des Dunkels der Nacht in eine Gruft zu dringen versuchte. Auch an demjenigen Sommerabende des Jahres 1352, an dem wir den Leser ersuchen, die Todtenstadt von Theben mit uns zu betreten, wurde es, nachdem der priesterliche Abendhymnus verklungen war, still in der Nekropole. Schon wollten die wachthabenden Soldaten von ihrem ersten Untersuchungsgange heimkehren, als plötzlich ein Hund im Norden der Todtenstadt laut anschlug. Bald folgte ein zweiter, dritter und vierter. Der Wachthauptmann rief seinen Leuten ein »Halt« zu und befahl ihnen, als sich das Gebell weiter und weiter verbreitete und mit jeder Minute an Heftigkeit zunahm, gen Mitternacht zu marschiren. Die kleine Schaar hatte den hohen Damm erreicht, welcher das Westufer eines vom Nil abgezweigten Kanals begrenzte, und übersah von hier aus das Fruchtland bis zum Flusse und dem Norden der Nekropole. Noch einmal ward »Halt« kommandirt und als die Soldaten in derjenigen Richtung, in welcher die Hunde am heftigsten bellten, den Schein von Fackeln wahrnahmen, eilten sie vorwärts und erreichten bei den Pylonen Pylonen (Thore) wurden die durch einen Thorbau verbundenen Thürme an den Eingängen der ägyptischen Tempel genannt. des von Seti I., dem verstorbenen Vater des regierenden Königs, Ramses II., erbauten Tempels die Ruhestörer. Der Mond war aufgegangen und goß sein blasses Licht über das stattliche Bauwerk, dessen Außenmauern von den mit dunklem Rauch überwehten Flammen der Fackeln in den Händen von schwarzen Dienern röthlich strahlten. Ein untersetzter Mann in überladen reicher Kleidung pochte mit dem metallenen Griffe einer Geißel so heftig an das mit Erz bekleidete Tempelthor, daß die Schläge weithin durch die Nacht schallten. In seiner Nähe hielt eine Sänfte und ein mit edlen Rossen bespannter Wagen. In jener saß ein junges Weib und in diesem stand neben ihrem Rosselenker die hohe Gestalt einer vornehmen Frau. Mehrere den bevorzugten Ständen angehörende Männer und viele Diener umgaben das Fuhrwerk und die Sänfte. Nur wenige Worte wurden gewechselt. Die Aufmerksamkeit der seltsam beleuchteten Gruppe schien auf das Tempelthor gerichtet zu sein. Die Nacht verhüllte die Züge der Einzelnen, aber das mit dem Mondschein vermählte Licht der Fackeln war hell genug, um dem Pförtner, der von einem Thurme des Pylon auf die Ruhestörer herniederschaute, zu verrathen, daß sie den vornehmsten Ständen, ja vielleicht der königlichen Familie angehörten. Mit lauter Stimme rief er dem Klopfer zu und fragte nach seinem Begehr. Der Letztere schaute aufwärts und rief mit einer Stimme, deren verletzend herrischer Ton die Ruhe der Todtenstadt so roh und plötzlich unterbrach, daß sich die Frau in der Sänfte erschrocken aufrichtete: »Wie lange sollen wir hier auf Dich warten, fauler Hund? Erst komme herunter und öffne das Thor und dann frage! Wenn die Fackeln nicht hell genug brennen, um Dir zu zeigen, wer hier wartet, so wird Dir meine Peitsche auf den Rücken schreiben, wer wir sind und wie man fürstliche Gäste aufnimmt!« Während der Pförtner eine unverständliche Entgegnung murmelte und die Treppe hinabstieg um das Thor zu öffnen, wandte sich die Frau auf dem Wagen ihrem ungeduldigen Gefährten zu und sagte mit wohllautender, aber entschieden klingender Stimme; »Du vergißt, Paaker, daß Du wieder in Aegypten bist und es hier nicht mit wilden Schasu, sondern mit freundlichen Priestern zu thun hast, von denen wir noch dazu einen Dienst zu erbitten haben. Man klagt auch sonst über Deine Rauhheit, die mir in den ungewöhnlichen Verhältnissen, unter denen wir uns diesem Heiligthume nahen, am wenigsten angebracht zu sein scheint.« – Obgleich diese Worte mehr im Tone des Bedauerns als in dem des Tadels gesprochen worden waren, so verletzten sie doch die Empfindlichkeit des Angeredeten, denn die Flügel seiner breiten Nase begannen sich heftig zu bewegen, seine Rechte schloß sich fest um den Griff der Geißel und während er sich demüthig zu verneigen schien, führte er einen so kräftigen Schlag auf die nackten Beine seines neben ihm stehenden Sklaven, eines alten Aethiopiers, daß dieser wie von Frost geschüttelt zusammenfuhr, dabei aber, denn er kannte seinen Herrn, keinen Klagelaut vernehmen ließ. Indessen hatte der Pförtner das Thor geöffnet und zugleich mit ihm trat ein junger hochgestellter Priester in's Freie, um sich nach dem Begehr der Ruhestörer zu erkundigen. Paaker wollte wiederum das Wort ergreifen, die auf dem Wagen stehende Frau kam ihm aber zuvor und sagte. »Ich bin Bent-Anat, die Tochter des Königs und diese Frau in der Sänfte ist Nefert, die Gattin des edlen Mena, des Rosselenkers meines Vaters. Wir begaben uns in Begleitung dieser Großen in das Nordwestthal der Nekropole, um die neuen Arbeiten zu besichtigen. Du kennst die schmale Felsenpforte, welche in die Schlucht führt. Auf dem Heimwege führte ich selbst die Zügel und hatte das Unglück, ein Mädchen, das mit einem Korbe voll Blumen am Wege saß, zu überfahren und dabei zu beschädigen; recht schlimm zu beschädigen fürcht' ich. Die Gattin des Mena hat die Kleine erst mit eigenen Händen verbunden, dann ließen wir sie in das Haus ihres Vaters schaffen, eines Paraschiten , Pinem soll er heißen; ich weiß nicht, ob Du ihn kennst.« »Du hast seine Hütte betreten, Prinzessin?« sagte der Priester. »Ich mußte ja, heiliger Vater,« gab sie zurück. »Zwar weiß ich, daß man sich verunreinigt, wenn man die Schwelle dieser Leute betritt, aber . . .« »Aber,« rief die Gattin des Mena, sich in ihrer Sänfte aufrichtend, »Bent-Anat kann sich heute von Dir oder von ihrem Hauspriester reinigen lassen, dem armen Vater wird sie indessen schwer, vielleicht auch niemals ein gesundes Kind wiederzugeben vermögen.« »Doch bleibt eine Paraschitenhöhle bei alledem unrein,« unterbrach der Kammerherr Penbesa, der Prinzessin Ceremonienmeister, die Gattin des Mena, »und ich habe mein Bedenken nicht zurückgehalten, als Bent-Anat ihren Willen, das verfluchte Nest in eigener Person zu betreten, zu erkennen gab. Ich schlug vor,« fuhr er zu dem Priester gewendet fort, »das Mädchen nach Hause tragen zu lassen und dem Vater ein königliches Geschenk zu übersenden.« »Und die Prinzessin?« fragte der Priester. »Sie handelte wie immer nach ihrem eigenen höchsten Willen,« gab der Ceremonienmeister zurück. »Und der trifft stets das Rechte,« rief die Gattin des Mena. »Wollten doch die Götter, es wäre so!« sagte die Prinzessin mit gedämpfter Stimme. Dann fuhr sie, indem sie sich an den Priester wandte, fort; »Du kennst den Willen der Himmlischen und die Herzen der Menschen, heiliger Vater, und ich bin mir bewußt, daß ich gern gebe und den Armen helfe, auch wenn sie keine anderen Fürsprecher haben, als ihre Armuth. Aber nach dem, was hier geschehen ist und diesen unglücklichen Menschen gegenüber war ich die Bedürftige.« »Du?« fragte der Kammerherr. »Ja, ich!« antwortete die Prinzessin entschieden. Der Priester, welcher bisher ein stummer Zeuge dieser Verhandlung geblieben war, erhob nun wie zum Segen seine Rechte und sagte. »Du hast recht gehandelt. Die Hathoren Hathor ist Isis in versinnlichter Form. Sie ist die Göttin des reinen lichten Himmels und trägt die Sonnenscheibe zwischen den Rindshörnern auf dem Kuhkopfe oder dem mit Kuhohren versehenen Menschenhaupte. Sie wird die Schöngesichtige genannt und alle reinen Freuden des Lebens sind ihr Geschenk. Später wird sie zur Muse, die mit Fröhlichkeit, Liebe, Sang und Tanz das Leben schmückt. Als gute Fee sehen wir sie an der Wiege der Kinder stehen und das Geschick ihres Lebens bestimmen. Sie trägt viele Namen und es werden mehrere, gewöhnlich sieben Hathoren, welche die Hauptrichtungen ihrer göttlichen Thätigkeit personifiziren, dargestellt. bildeten Dein Herz und die Herrin der Wahrheit lenkt es. Gewiß störtet ihr unsere Nachtgebete, um uns um einen Arzt für das verwundete Mädchen zu bitten?« »Du sagst es!« »Ich werde den Oberpriester um die besten Heilkünstler für äußere Verletzungen bitten und sie sogleich zu der Kranken senden. Aber wo befindet sich das Haus des Paraschiten Pinem? Ich kenne ihn nicht.« »Nördlich von dem Terrassenbau der Hatasu , dicht bei . . .; aber ich gebe einem meiner Begleiter den Auftrag, die Aerzte zu führen. Es liegt mir ohnehin daran, morgen früh zu erfahren, wie es der Kranken geht. – Paaker!« Der Gerufene, der rohe Klopfer, welchen wir bereits kennen, verbeugte sich mit herabhängenden Armen bis zur Erde und fragte; »Was befiehlst Du?« »Ich bestimme Dich zum Führer der Aerzte,« sagte die Prinzessin. »Dem Wegeführer des Königs wird es leicht sein, das versteckte Häuschen wieder zu finden; auch bist Du mein Mitschuldiger, denn,« und hiebei wandte sie sich an den Priester, »denn, daß ich's nur gestehe, das Unglück geschah, als ich mit meinen Rossen Paaker's syrische Renner, die er für schneller als die ägyptischen ausgab, zu überholen versuchte. Es war ein wildes Jagen.« – »Und Amon sei gelobt, daß es so ablief,« rief der Ceremonienmeister. – »Paaker's Wagen liegt zerschellt in dem engen Thale und sein bestes Pferd ist schwer verwundet.« – »Er wird, wenn er den Arzt zu dem Paraschiten geführt hat, nach ihm sehen wollen,« sagte die Prinzessin. »Weißt Du, Penbesa, Du sorgsamer Hüter eines unbesonnenen Mädchens, daß ich mich heute zum ersten Male freue, daß der Vater im fernen Satilande Krieg führt?« »Er würde uns wenig freundlich empfangen haben,« lächelte der Ceremonienmeister. »Aber die Aerzte, die Aerzte!« rief Bent-Anat. »Paaker, es bleibt dabei, Du führst sie und bringst uns morgen Nachricht über das Befinden der Kranken.« Paaker verneigte sich; die Prinzessin winkte, der Priester und seine inzwischen aus dem Heiligthum hervorgetretenen Genossen erhoben segnend die Hände und der nächtliche Zug bewegte sich dem Nil entgegen. Paaker blieb allein mit seinen beiden Sklaven zurück. Der Auftrag, den die Prinzessin ihm gegeben, verdroß ihn. So lange der Mondschein die Sänfte mit der Gattin des Mena zu unterscheiden gestattete, schaute er ihr nach, dann versuchte er die Lage des Hauses des Paraschiten in sein Gedächtniß zurückzurufen. Der Hauptmann der Sicherheitswache hielt noch immer mit seiner Mannschaft am Thore des Tempels. »Kennst Du die Wohnung des Paraschiten Pinem?« fragte Paaker. »Was suchst Du bei dem?« »Das geht Dich nichts an,« herrschte Paaker. »Grobian!« rief der Hauptmann. »Linksum und vorwärts, ihr Leute!« »Halt,« rief Paaker ingrimmig, »ich bin der Wegeführer des Königs.« »Dann wirst Du um so leichter den Ort wiederfinden, von dem Du herkommst. Vorwärts, Soldaten!« Diesen Worten folgte wie im Echo ein vielstimmiges Gelächter, bei dessen übermüthigen Tönen Paaker so heftig erschrak, daß er seine Geißel zu Boden fallen ließ. Der Sklave, den er vor wenigen Minuten geschlagen hatte, hob sie demüthig auf und folgte dann seinem Herrn in den Vorhof des Tempels. Beide schrieben das immer noch leise an ihr Ohr schlagende Gekicher, das die ernste Ruhe der Todtenstadt unheimlich störte und dessen Urheber sie nicht zu erspähen vermochten, ruhelosen Geistern zu. Aber auch dem alten Thorhüter waren die übermütigen Töne nicht entgangen und ihm waren die Lacher besser bekannt als dem Wegeführer des Königs, denn kräftigen Schrittes trat er vor das Thor des Heiligthums und rief, dem tiefen Schlagschatten des Pylons folgend und mit seinem langen Stocke blindlings vor sich herschlagend; »O, ihr nichtswürdige Brut des Seth, Von den Griechen Typhon genannt. Der Feind des Osiris, des Wahren, Guten und Reinen. Die Disharmonie und Unruhe in der Natur. Der für seinen Vater Osiris gegen ihn kämpfende Horus kann ihn niederwerfen und verstümmeln, aber niemals vernichten. ihr Galgenvögel und Höllenbraten, ich werde euch!« Da verstummte das Gekicher, einige jugendliche Gestalten traten in den Mondschein, der Alte verfolgte sie keuchend und nach einer kurzen Jagd eilte eine Schaar von halb erwachsenen Knaben durch die Tempelpforte in das Thor zurück. Dem Wächter war es gelungen, einen dreizehnjährigen Uebelthäter zu fangen und er hielt ihn so fest am Ohr, daß sein hübscher Kopf in horizontaler Richtung an den Hals gewachsen zu sein schien. »Ich zeig's dem Schulvorsteher an, ihr Heuschreckenplage und Fledermausgesindel,« rief er schnaubend. Aber das Dutzend Schulknaben, welches die günstige Gelegenheit wahrgenommen hatte und aus seinem Kerker entsprungen war, umschmeichelte ihn freundlich, Worte der Reue klangen aus jedem Munde, aber aus allen Augen blitzte die Lust an dem Geschehenen, das den Thätern doch Niemand nehmen konnte, und als einer der größten Schüler das Kinn des Alten erfaßte und ihm versprach, ihm morgen den Wein, welchen ihm seine Mutter für die folgende Woche schicken werde zur Aufbewahrung zu überlassen, da ließ der Wächter seinen Gefangenen los, der den Schmerz aus seinem glühenden Ohre zu reiben versuchte, und rief noch unfreundlicher als vorher; »Wollt ihr gleich machen, daß ihr fortkommt! Glaubt ihr, ich werde euren Streich so hingehen lassen? Da kennt ihr den alten Baba schlecht genug. Den Göttern werd' ich's klagen, nicht dem Schulvorsteher; und Deinen Wein, Junge, werd' ich opfern, damit euch der Himmel vergebe!« Zweites Kapitel. Der Tempel, in dessen erstem Vorhofe Paaker wartete, und in dem der Priester, um den Arzt zu rufen, verschwunden war, wurde das »Setihaus« genannt und gehörte zu den größten in der Todtenstadt . Nur der Prachtbau aus der Zeit der von dem Großvater des regierenden Königs entthronten Königsfamilie, welchen Thutmes III. gegründet und dessen Thor Amenophis III. mit ungeheuren Kolossen Die bekannten Kolosse, deren nördlicher als »klingende Memnonssäule« berühmt wurde. geschmückt hatte, überbot ihn in Bezug auf die Großartigkeit seiner Anlage; indessen gebührte in jeder andern Hinsicht dem »Setihause« der erste Platz unter den Heiligthümern der Nekropole. Ramses I. hatte es kurz nachdem es ihm gelungen war, sich mit Gewalt des ägyptischen Thrones zu bemächtigen, gegründet und sein großer Sohn Seti den Bau fortgesetzt, in welchem man den Todtenkultus für die Manen der Mitglieder des neuen Königshauses und die hohen, den Göttern der Unterwelt zu feiernden Feste begehen sollte. Große Summen waren für seine Ausstattung, den Unterhalt der Priesterschaft dieses Heiligthums und die Erhaltung der mit ihm verbundenen Institute ausgesetzt worden. Diese letzteren sollten mit den uralten Stätten der Priesterweisheit von Heliopolis und Memphis gleichen Schritt halten, waren nach ihrem Muster eingerichtet und hatten die Aufgabe, die neue oberägyptische Residenzstadt Theben auch in Bezug auf wissenschaftliche Leistungen über die Hauptstädte von Unterägypten zu erheben. Unter den erwähnten Instituten Diese Beschreibung einer ägyptischen Schulanstalt ist in jedem einzelnen Zuge aus Quellen geschöpft, welche der Zeit Ramses II. und seines Nachfolgers Merneptah entstammen. zeichneten sich einige Lehranstalten rühmlich aus. Da war zunächst die hohe Schule, in welcher Priester, Aerzte, Richter, Mathematiker, Astronomen, Grammatiker und andere Gelehrte nicht nur Unterricht genossen, sondern auch, nachdem sie Einlaß in die höchsten Grade der Erkenntniß erworben und die Würde der »Schreiber« erlangt hatten, eine Freistätte fanden, in der sie auf Kosten des Königs ernährt wurden und sich, vor äußeren Sorgen geschützt und im Verkehr mit ebenbürtigen und ähnlichen Interessen ergebenen Mitarbeitern, wissenschaftlichen Forschungen und Spekulationen hingeben konnten. Eine große Bibliothek, in der Tausende von Schriftrollen aufbewahrt wurden und an die sich eine Papyrusfabrik schloß, stand den Gelehrten zur Verfügung, von denen einige mit dem Unterricht der jüngeren Schüler betraut waren, die in der gleichfalls zum Setihause gehörenden Elementarschule herangebildet wurden. Diese letztere stand jedem Sohne eines freien Bürgers offen und wurde von mehreren hundert Knaben besucht, die hier auch Nachtquartier fanden. Freilich waren die Eltern gehalten, entweder Kostgeld zu zahlen oder die für den Unterhalt der Kinder nothwendigen Speisen in die Schule zu senden. In einem besondern Gebäude wohnten die Tempelpensionäre, einige Söhne der vornehmsten Familien, die hier gegen hohe Entschädigungssummen von den Priestern erzogen wurden. Seti I., der Gründer dieser Anstalt, hatte seine eigenen Söhne, ja selbst den Thronfolger Ramses in ihr erziehen lassen. Die Elementarschulen waren stark besucht und der Stock spielte in ihnen eine so große Rolle, daß ein Pädagog der Anstalt den Satz: »Die Ohren des Schülers sind auf seinem Rücken; er hört, wenn man ihn schlägt,« aussprechen konnte. Diejenigen Jünglinge, welche aus den Elementarklassen in die hohe Schule überzugehen wünschten, hatten sich einem Examen zu unterziehen. War dieses bestanden, so konnte sich der junge Studirende unter den Gelehrten der höheren Grade einen Meister wählen, der seine wissenschaftliche Führung übernahm und dem er sein Leben lang wie der Klient dem Patron ergeben blieb. Durch ein zweites Examen war der Titel eines »Schreibers« und der Eintritt in die öffentlichen Aemter zu erlangen. Neben diesen Gelehrtenschulen bestand hier auch eine Lehranstalt für Künstler, in welcher diejenigen Jünglinge Unterweisung empfingen, die sich der Baukunst, der Bildhauerei und Malerei zu widmen wünschten. Auch in ihr wählte sich jeder Lehrling seinen Meister. Alle Lehrer in diesen Anstalten gehörten zu der Priesterschaft des Setitempels, welche aus mehr als achthundert, in fünf Klassen getheilten Mitgliedern bestand, die von drei sogenannten Propheten geleitet wurden. Der erste Prophet war der Hohepriester des Setihauses und zugleich der Oberste von all' den Tausenden von niederen und höheren Dienern der Gottheit, welche zu der Todtenstadt von Theben gehörten. Das eigentliche Setihaus war ein Tempel aus massivem Kalkstein. Eine Reihe von Sphinxen führte vom Nil aus zu der Umfassungsmauer und dem ersten breiten Pylon, welcher Einlaß in einen großen, aus zwei Seiten von Säulengängen umgebenen Vorhof gewährte, hinter dem ein zweiter Thorbau sich erhob. Durchschritt man die in ihm zwischen zwei Thürmen in Gestalt von abgestumpften Pyramiden sich erhebende Pforte, so kam man aus einen zweiten, dem ersten gleichenden Vorhof, dessen Rückseite von einer stattlichen Säulenreihe abgeschlossen ward, die zu dem Kern des Tempels gehörte. Das Innere des letzteren wurde jetzt von einigen Lampen matt erleuchtet. Hinter dem Setihause erhoben sich große, viereckige Gebäude von Nilziegeln, die aber immerhin einen stattlichen und geschmückten Anblick gewährten, war doch das schlichte Material, aus dem sie bestanden, mit Kalk beworfen und dieser wiederum mit bunten Darstellungen und hieroglyphischen Inschriften bemalt. Die innere Anordnung all' dieser Häuser war die gleiche. In der Mitte befand sich ein unbedeckter Hof, in den die Thüren der Zimmer der Priester und Gelehrten mündeten. An jeder Seite eines solchen Hofes war ein schattenspendender bedachter Säulengang von Holz angebracht und in seiner Mitte ein mit Zierpflanzen geschmückter Wasserbehälter. In dem obern Stockwerke befanden sich die Wohnungen der Schüler, während der Unterricht selbst in den gepflasterten und mit Matten belegten Höfen abgehalten zu werden pflegte. Besonders stattlich und durch wehende Fahnen ausgezeichnet war das zwischen einem wohlgepflegten Haine und einem klaren Teiche, dem heiligen See des Tempels, etwa hundert Schritt hinter dem Setihause gelegene Haus der obersten der Propheten, welche indessen nur um ihres Amtes zu warten hieher kamen, während die stattlichen Häuser, die sie mit Weib und Kind bewohnten, im eigentlichen Theben am jenseitigen Ufer des Stromes gelegen waren. Der späte Besuch des Tempels konnte in der priesterlichen Gelehrtenkolonie nicht unbemerkt bleiben. Wie die Ameisen, wenn eine Menschenhand in ihren Haufen stößt, unruhig hin und her laufen, so hatte eine ungewöhnliche Bewegung nicht nur die Schüler, sondern auch die Lehrer und Priester ergriffen. Gruppenweis näherten sie sich der Umfassungsmauer, Fragen wurden gestellt und Vermuthungen geäußert. Eine Botschaft des Königs sollte angelangt, die Prinzessin Bent-Anat von Kolchyten überfallen worden sein, und ein Schalk unter den ausgebrochenen Knaben erzählte, der Wegeführer des Königs, Paaker, sei gewaltsam in den Tempel gebracht worden, um hier besser schreiben zu lernen. Da der also Verspottete ein früherer Zögling des Setihauses war und noch manche ergötzliche Kunde von seinen stylistischen Verbrechen im Munde der späteren Knabengenerationen fortlebte, so erntete diese Nachricht fröhlichen Beifall und schien, so widersinnig sie war, denn Paaker bekleidete einen der höchsten Posten im Felddienste des Königs, einen Schimmer von Wahrscheinlichkeit zu gewinnen, als ein ernster junger Priester versicherte, den Wegeführer im ersten Vorhofe des Tempels gesehen zu haben. Das lebhafte Hin und Her, das Lachen und Jauchzen der Knaben in so ungewöhnlicher Stunde blieb auch von dem Oberpriester nicht unbemerkt. Dieser ungewöhnliche, einem alten und edlen Hause entstammende Prälat, Ameni, der Sohn des Nebket, war weit mehr als der unbeschränkte Leiter der Tempelgenossenschaft, der er mit Kraft und Weisheit vorstand, denn die Priesterkollegien des ganzen Landes erkannten seine Ueberlegenheit an, verlangten in schwierigen Fällen seinen Rath und widersprachen nicht den von dem Setihause, das heißt von Ameni ausgehenden Anordnungen in geistlichen Dingen. Man sah in ihm die Verkörperung der priesterlichen Idee, und wenn er zu Zeiten an die einzelnen Kollegien schwierige, ja befremdliche Anforderungen stellte, so fügte man sich ihnen, weil die Erfahrung gelehrt hatte, daß auch die verschlungenen Wege, die er zu wandeln gebot, immer nur dem einen Ziele zustrebten, die Macht und das Ansehen der Hierarchie zu erhöhen. Auch der König schätzte diesen seltenen Mann und hatte längst versucht, ihn als Siegelbewahrer an den Hof zu ziehen. Ameni aber war nicht zu bewegen gewesen, seine scheinbar bescheidene Stellung aufzugeben, denn er verachtete äußeren Glanz und prunkende Titel, wagte es zu Zeiten den Maßregeln des »Großhauses« »Großhaus«, »erhabenes Haus«, »hohe Pforte« ist die Uebersetzung des ägyptischem Peraa, woraus das »Pharao« der Hebräer entstanden ist. entschiedenen Widerstand entgegenzusetzen und war nicht gewillt, die unbedingte Leitung der Geister für die bedingte Herrschaft über ihm kleinlich erscheinende äußere Angelegenheiten im Dienste des nur zu selbständigen, schwer zu beeinflussenden Pharao aufzugeben. Regelmäßig in seinen Lebensgewohnheiten ordnete er sein Dasein in ungewöhnlicher Weise. Acht von je zehn Tagen verblieb er in dem ihm anvertrauten Tempel, zwei von ihnen widmete er seiner am jenseitigen Nilufer wohnenden Familie; aber er ließ Niemand, selbst nicht die Seinigen, wissen, welchen Abschnitt der erwähnten zehn Tage er seiner Erholung zu weihen gedenke. Er bedurfte nur vier Stunden Schlaf. Diese genoß er gewöhnlich in einem von keinem Geräusch zu erreichenden, tief zu verdunkelnden Gemach um die Mittagszeit, niemals in der Nacht, deren Kühlung und Ruhe seiner Arbeitskraft förderlich schien und in der er sich zu Zeiten dem Studium des gestirnten Himmels hingeben konnte. Allen Ceremonien, die sein Stand von ihm forderte: den Waschungen, Reinigungen, Scheerungen und Fasten unterzog er sich mit peinlicher Strenge und sein äußeres entsprach seinem inneren Wesen. Ameni stand im Anfang der fünfziger Jahre, seine Gestalt war hoch und entbehrte gänzlich jener Fülle, der die Orientalen in diesem Alter anheimzufallen pflegen. Die Form seines glatt rasirten Schädels war ebenmäßig und bildete ein längliches Oval. Seine Stirn war weder breit noch hoch, aber sein Profil von seltener Feinheit. Auffallend waren die schmalen, trockenen Lippen seines Mundes und die gewaltigen Augen, die unter dichten Augenbrauen weder feurig noch prächtig glänzten, sondern gewöhnlich zu Boden schauten, aber groß, klar und leidenschaftslos sich langsam erhoben, wenn es zu sehen und zu prüfen galt. Der junge Pentaur, der Dichter des Setihauses, der diese Augen kannte, hatte sie besungen und von ihnen gesagt, sie glichen den gut geführten Heeren, die der Feldherr vor und nach dem Kampfe ruhen lasse, damit sie mit voller Kraft siegesgewiß in die Schlacht treten könnten. Die vornehme Gemessenheit seines Wesens war ebenso königlich als priesterlich, denn theils war sie ihm ureigen und angeboren, theils eine Folge der geistigen Beherrschung seiner selbst. An Feinden fehlte es ihm nicht, aber die Verleumdung wagte sich selten an Ameni's überlegene Natur. Jetzt blickte der Oberpriester erstaunt über die ihn störende Unruhe in den Höfen des Heiligthums von seiner Arbeit auf. Das Gemach, in dem er sich befand, war sehr geräumig und kühl. Der untere Theil der Wände war mit Fayencekacheln belegt, der obere mit Stuck beworfen und bemalt. Aber man sah wenig von den bunten Meisterwerken der Künstler des Institutes, denn fast überall wurden sie von hölzernen Repositorien bedeckt, in denen Schriftrollen und Wachstafeln lagen. Ein großer Tisch, ein mit Pantherfell bezogenes hohes Sopha, vor dem eine Fußbank und auf welcher eine halbmondförmige Kopfstütze Ein Gestell mit halbmondförmigem Bügel, auf den man den Kopf legte. Viele Exemplare wurden in den Grüften gefunden und das gleiche Geräth wird heute noch in Nubien gebraucht. von Elfenbein stand, mehrere Stühle, ein Gestell mit Becken und Kannen und ein anderes mit Flaschen in jeder Größe, Schalen und Büchsen bildeten die Ausstattung des Saales, der von drei mit Kikiöl gefüllten Lampen in Vogelgestalt erleuchtet wurde. Ameni trug einen fein gefältelten Rock von schneeweißer Leinwand, der ihm bis an die Knöchel reichte. Um seine Hüften schlang sich eine mit Fransen verzierte Schärpe, welche vorn zusammengeschürzt war und deren breite, stark gesteifte Enden bis auf seine Kniee reichten.. Ein breites Tragband von weißem Silberbrokat hielt den Faltenrock. Von dem Halse des Priesters hing bis tief auf seine nackte Brust herab ein aus Perlen und Steinen zusammengesetztes, mehr als eine Spanne breites Halsband und an seinen Oberarmen glänzten große goldene Armbänder. Er erhob sich von dem löwenfüßigen Ebenholzstuhle, auf dem er saß, und winkte einem der an einer Wand seines Wohngemaches kauernden Diener. Dieser verstand auch ohne Worte das Verlangen seines Herrn, setzte behutsam und schweigend eine lange und dichte Lockenperrücke Perrücken trugen die vornehmen Aegypter auf den geschorenen Köpfen. Mehrere werden in den Museen konservirt. auf den kahlen Schädel desselben und hängte ein Pantherfell, dessen Kopf und Krallen mit Goldblech überzogen waren, um seine Schultern. Ein zweiter Diener hielt Ameni einen Metallspiegel hin, in welchen er, das Fell und den Hauptschmuck zurechtrückend, einen aufmerksamen Blick warf. Eben wollte ein dritter Sklave dem Prälaten den Krummstab, das Zeichen seiner hohen Würde, überreichen, als ein Priester eintrat und den Schreiber Pentaur meldete. Ameni winkte und derselbe junge Geistliche, mit welchem die Prinzessin Bent-Anat an dem Thore des Tempels verhandelt hatte, betrat das Gemach. Pentaur küßte knieend die Hand des Prälaten, der, indem er ihn segnete, mit wohlklingender Stimme und in so dialektloser und gut stylisirter Sprache, als läse er ein Buch vor, sagte: »Steh' auf, mein Sohn. Dein Erscheinen wird mir einen Gang in dieser unfrühen Stunde ersparen, wenn Du mir mittheilen kannst, was die Schüler in unserem Tempel beunruhigt. Rede!« »Es ist wenig Bemerkenswertes vorgefallen, heiliger Vater,« gab Pentaur zurück, »ja ich würde Dich jetzt kaum gestört haben, wenn sich nicht unter den Schülern ein ganz unbegründeter Lärm erhoben hätte und die Prinzessin Bent-Anat nicht in eigener Person erschienen wäre, um uns um einen Arzt zu bitten. Die ungewöhnliche Stunde und das Gefolge, mit dem sie erschien . . .« »Ist die Tochter des Pharao erkrankt?« fragte der Prälat. »Nein, mein Vater. Sie ist wohl bis zum Uebermuthe, denn als sie die Schnelligkeit ihrer Rosse prüfen wollte, überfuhr sie die Tochter des Paraschiten Pinem. Edelherzig wie sie ist, brachte sie das schwerbeschädigte Mädchen in eigener Person nach Hause.« »Sie betrat die Hütte des Unreinen?« »Du sagst es.« »Und sie bittet nun, daß wir sie reinigen?« »Ich glaubte sie freisprechen zu dürfen, Vater, denn die reinste Menschenliebe bewog sie zu einer Handlung, die freilich gegen die Sitte verstößt, aber . . .« » Aber? « fragte der Prälat mit ernster Stimme und seine Augen, welche bis dahin gesenkt geblieben waren, begannen sich zu erheben. »Aber,« fuhr der junge Priester, seinerseits den Blick senkend, fort, »aber doch kein Verbrechen sein kann. Wenn Ra in seiner goldenen Barke den Himmel befährt, dann bescheint sein Licht nicht früher und nicht reicher den Palast des Pharao als die Hütte des Geächteten, und sollte denn das schwache Menschenherz sein holdes Licht, die Gnade, dem Niedrigen vorenthalten, weil er elend ist?« »Ich höre den Dichter Pentaur reden,« sagte der Prälat, »nicht den Priester, dem die Gnade zu Theil ward, in die höchsten Grade des Wissens eingeführt zu werden, und den ich meinen Bruder nenne und meines gleichen. Nichts hab' ich vor Dir voraus, Jüngling, als hinfällige Kenntnisse, die die Vergangenheit für Dich erworben hat, wie für mich, als einige Wahrnehmungen und Erfahrungen, die der Welt nichts Neues bringen, wohl aber lehren, wie man das Alte lebensfähig und wirksam zu erhalten habe. Dasselbe, was Du vor wenigen Wochen gelobtest, das habe ich vor vielen Jahren im Angesichte des Allerheiligen beschworen. Das Wissen zu hüten als der Eingeweihten ausschließliches Eigenthum. Denn es gleicht einem Feuer, das den Vorbereiteten zu edlen Zwecken dient, das aber in den Händen eines Kindes, – und das Volk, die Menge, kann niemals zum Manne reifen, – zum vernichtenden Brande werden, wüthend und unauslöschbar um sich fressen und Alles vernichten würde, was die Vergangenheit erbaut und geschmückt hat. Wie aber können wir die Wissenden bleiben und die Erkenntniß, ohne die Schwachen zu gefährden und zu ihrem Frommen, unter dem Schutze und im Frieden unserer Tempel vertiefen und fortentwickeln? Du weißt es und hast nach diesem Wissen zu handeln geschworen! Die Menge festzuhalten an dem Glauben und den Satzungen der Väter ist Deine, ist jedes Priesters Pflicht. Die Zeiten haben sich geändert, mein Sohn. Unter den alten Königen war das Feuer, von dem ich zu Dir, dem Richter, im Bilde sprach, von ehernen Mauern umgeben, an denen die Menge stumpf vorüberging. Jetzt sehe ich Risse in den alten Schranken, und die Augen der ungeweihten Sinnenmenschen haben sich verschärft, und der Eine erzählt dem Andern, was er, halb geblendet durch die glühenden Spalten, erspäht zu haben meint.« Ein leise Bewegung hatte sich der Stimme des Redners bemächtigt und indem er mit seinen gewaltigen Augen den Dichter gebannt hielt, fuhr er fort: »Wir fluchen und wir stoßen aus einen jeden Geweihten, der diese Risse erweitert, wir strafen auch den Freund, der es lässig versäumt, sie mit Erz und Hammerschlägen zu verschließen.« »Mein Vater!« rief Pentaur und warf betroffen den Kopf zurück, während ihm das Blut in die Wangen stieg. Der Oberpriester trat ihm näher und legte beide Hände auf seine Schultern. Beide waren von gleicher Größe und von gleich vollendetem Ebenmaße der Gestalt, und selbst die äußere Form der Züge ihres Antlitzes glich einander. Dennoch würde sie Niemand auch nur für entfernte Verwandte gehalten haben, denn der Ausdruck ihrer Gesichter war unendlich verschieden. In den Zügen des Einen spiegelte sich der Wille und die Kraft, das Leben und sich selbst kühl und ernst zu beherrschen, in denen des Andern das liebenswürdige Verlangen, die Mängel und Noth der Welt zu übersehen und das Leben so zu betrachten, wie es sich in dem Alles verschönernden Zauberspiegel seiner Dichterseele malte. Frische und Freudigkeit sprachen aus seinen glänzenden Augen, aber das feine Lächeln an seinem Mund beim Austausche von Gedanken, oder wenn sein Gemüth erregt war, lehrte, daß Pentaur, weit entfernt von naiver Sorglosigkeit, manchen schweren Seelenkampf bestanden und den Trank des Zweifels gekostet habe. In diesem Augenblicke regten sich wechselnde Empfindungen in seiner Seele. Es war ihm, als müsse er dem Gehörten widersprechen, und doch übte des Andern gewaltige Persönlichkeit einen so tiefen Einfluß auf seine zum Gehorsam erzogene Seele, daß er schwieg und ein frommer Schauer ihn durchzuckte, als Ameni's Hände seine Schultern berührten. »Ich tadle Dich,« sagte der Oberpriester, indem er den Jüngling noch immer festhielt, »ja ich muß Dich strafen zu meinem Schmerze; und doch –« und nun erst trat er von ihm zurück und ergriff seine Rechte, »und doch freue ich mich dieser Notwendigkeit, denn ich liebe Dich und ehre Dich als Einen, den der Unaussprechliche mit hohen Gaben gesegnet und zu großen Dingen bestimmt hat. Das Unkraut läßt man wachsen oder jätet es aus, aber Du bist ein edler Baum und ich gleiche dem Gärtner, der ihn mit dem Stabe zu versehen vergaß und der nun dankbar ist, daß er eine Krümmung an ihm wahrnimmt, die ihn an seine Versäumniß mahnt. Du siehst mich fragend an und ich lese in Deinen Zügen, daß Du mich für einen überstrengen Richter hältst. Was ist Dir vorzuwerfen? Du hast geduldet, daß an einer Satzung der Vorzeit gerührt worden ist. – Das will, so denkt der kurzsichtige und leichte Sinn, nicht viel heißen; ich aber sage Dir: Du hast Dich doppelt vergangen, denn die Uebertreterin war die Tochter des Königs, auf welche Jedermann sieht, die Großen wie die Kleinen, und deren Thaten dem Volke zum Vorbilde dienen sollen. Wenn die Berührung des von der alten Satzung mit dem schwersten Makel Behafteten die Höchste nicht verunreinigt, wen dann? In wenigen Tagen wird es heißen: die Paraschiten sind Menschen wie wir und das alte Gesetz, sie zu meiden, war Thorheit. Und sollten die Erwägungen des Volkes hiebei stehen bleiben, da es ihm doch so nahe liegt, sich zu sagen, daß wer in einem Punkte irrte, auch in anderen fehlbar sei? Bei Fragen des Glaubens, mein Sohn, gibt es nichts Kleines. Ueberläßt Du dem Feinde einen Thurm, so ist die ganze Festung in seiner Hand! In dieser unruhigen Zeit steht unsere Lehre wie ein Wagen, unter dessen Rädern ein Stein liegt, auf dem Abhange eines Berges. Ein Kind nimmt das Hinderniß fort und das Fuhrwerk rollt zu Thale und zerschmettert. Stelle Dir vor, die Prinzessin sei dieses Kind und der Stein unter dem Rade ein Brod, und sie wollte es einem Bettler reichen, um ihn zu speisen. Würdest Du sie gewähren lassen, wenn Dein Vater und Deine Mutter und Alles, was Dir lieb ist und werth, auf dem Wagen stünde? Keine Entgegnung. Die Prinzessin wird morgen den Paraschiten von Neuem besuchen. Du erwartest sie in der Hütte des Mannes und wirst ihr dort verkünden, daß sie sich vergangen habe und unserer Reinigung bedürfe. Für dießmal sei Dir jede weitere Strafe geschenkt. Der Himmel gab Dir einen reichen Geist. Erwirb Dir, was Dir fehlte: die Kraft für Eines – und Du kennst dieses Eine – alles Andere zu unterdrücken, selbst die verführerische Stimme des Herzens und die betrügliche Deiner Einsicht. – Noch Eins! Sende Aerzte in das Hans des Paraschiten und befiehl ihnen, die Verwundete so zu behandeln, als wäre sie die Königin selbst. Wer kennt die Wohnung des Mannes?« »Die Prinzessin,« antwortete Pentaur, »hat den Wegeführer des Königs, Paaker, im Tempel zurückgelassen, um die Aerzte in das Haus des Pinem zu führen.« Der ernste Oberpriester lächelte und sagte. »Paaker, der für ein Paraschitenmädchen wacht!« Da erhob Pentaur halb zaghaft bittend, halb schalkhaft die Augen, welche er bis dahin niederschlagen hatte, und seufzte: »Und Pentaur, der Gärtnerssohn, welcher der Tochter des Königs die Reinheit abspricht!« »Pentaur der Diener der Gottheit und Pentaur der Priester wird es nicht mit der Tochter des Königs, sondern mit der Uebertreterin des Gesetzes zu thun haben,« erwiederte Ameni ernst. »Laßt Paaker sagen, ich wünschte ihn zu sprechen.« Der Dichter verneigte sich tief und verließ das Zimmer; der Oberpriester aber murmelte vor sich hin. »Er ist noch nicht wie er sein soll und meine Rede blieb ohne Wirkung auf ihn.« Dann verstummte er, ging nachdenkend auf und nieder und sagte halblaut denkend: »Und doch ist dieser Jüngling zu großen Dingen bestimmt. Welche Gabe des Geistes fehlte ihm wohl? Er versteht zu lernen, zu denken, zu empfinden und Herzen zu gewinnen, – auch das meine. Rein und bescheiden hat er sich erhalten . . .« Bei diesen Worten blieb der Oberpriester stehen, schlug mit der Hand auf die Lehne des vor ihm stehenden Stuhls und sagte; »Das ist's, was ihm fehlt! Er kennt noch nicht die Flamme des Ehrgeizes. Entzünden wir sie zu seinem und zu unserem Besten!« Drittes Kapitel. Pentaur beeilte sich, die Aufträge des Oberpriesters zu erfüllen. Durch einen Diener ließ er den im Vorhof des Tempels harrenden Wegeführer Paaker zu Ameni geleiten, während er sich in eigener Person zu den Aerzten begab, um ihnen die sorgfältige Pflege der Verunglückten recht warm an's Herz zu legen. Viele Heilkünstler Das über die Aerzte Gesagte ist hauptsächlich den medizinischen Schriften der Aegypter selbst entnommen, unter denen Papyrus Ebers die erste, der berliner medizinische Papyr. I. die zweite und eine Londoner hieratische Handschrift, die wie Papyr. Ebers der 18. Dynastie (16. Jahrhundert v. Chr.) entstammt, den dritten Platz einnimmt. Hauptstellen in den Klassikern Herod. II, 84. Diodor I, 82. wurden in dem Setihause gebildet, doch pflegten nur wenige von ihnen nach bestandenem Schreiberexamen hier zu verbleiben. Die Begabtesten wurden nach Heliopolis gesandt, in dessen großen Hallen von Alters her die berühmteste medizinische Fakultät des Landes blühte und von wo aus sie dann, durchgebildet und als Meister, entweder in der Chirurgie, oder der Augenheilkunde, oder irgend einem anderen Zweige ihrer Wissenschaft, geschmückt mit den höchsten Würden ihres Standes, nach Theben zurückkehrten, um als Leibärzte in der Nähe des Königs zu verbleiben oder als Lehrer ihre Kenntnisse zu verwerthen und in schwierigen Fällen zu Rathe gezogen zu werden. Die meisten Aerzte wohnten natürlich am rechten Nilufer im eigentlichen Theben, und zwar mit ihren Familien in ihren eigenen Häusern; aber jeder von ihnen gehörte zu einem Priesterkollegium. Wer eines Arztes bedurfte, sandte nicht in das Haus eines solchen, sondern in einen Tempel. Hier mußte angegeben werden, woran der Hülfesuchende erkrankt sei, und es blieb dem Vorsteher der Aerzte des Heiligthums überlassen, denjenigen Heilkünstler auszusuchen, dessen Spezialkenntnisse ihn für die Behandlung des vorliegenden Falles besonders geeignet erscheinen ließen. Wie alle Priester, so lebten auch die Aerzte von den Einkünften, welche ihnen durch ihren Besitz an Grund und Boden, die Geschenke des Königs, die Steuern der Laienschaft und die ihnen aus dem Staatssäckel zufließenden Revenüen zukamen; von den Patienten, welche sie behandelten, hatten sie keine Honorare zu erwarten; doch versäumten die Geheilten es selten, dasjenige Heiligthum, welches ihnen einen Arzt gestellt hatte, zu beschenken, und es war nichts Seltenes, daß die priesterlichen Heilkünstler die Genesung der Leidenden geradezu von gewissen, ihrem Tempel darzubringenden Gaben abhängig machten. Die Kenntnisse der ägyptischen Mediziner waren nach jeder Richtung hin bedeutend; aber es ist natürlich, daß die Aerzte, da sie als »verordnete Diener der Gottheit« an das Krankenbett traten, sich keineswegs mit der rationellen Behandlung der Leidenden begnügten, sondern vielmehr der mystischen Wirkung von Gebeten und Beschwörungen nicht entbehren zu können meinten. Unter den ärztlichen Lehrern im Setihause befanden sich Männer von sehr verschiedener Begabung und Geistesrichtung; aber Pentaur war keinen Augenblick in Zweifel, wem von ihnen er die Behandlung des überfahrenen Paraschitenkindes, dem er seine Theilnahme zugewandt hatte, anvertrauen sollte. Der Erwählte war der Enkel eines berühmten längst verstorbenen Arztes, dessen Name Nebsecht auf ihn übergegangen war, und einer der liebsten Schulfreunde und Altersgenossen des Pentaur. Mit hoher, ihm angeerbter Begabung, Eifer und Neigung war dieser Jüngling von früh an seiner Wissenschaft ergeben gewesen, hatte sich in Heliopolis die Chirurgie Unter den sechs von Clemens von Alexandrien genannten hermetischen Büchern der Aerzte war eines den chirurgischen Instrumenten gewidmet; übrigens gereichen sehr schlecht geheilte Knochenbrüche an Mumien den ägyptischen Chirurgen zu geringer Ehre. zu seiner Spezialität erwählt und würde dort gewiß als Lehrer zurückgehalten worden sein, wenn ihm nicht ein Fehler an seinem Sprachorgan das Reden erschwert und die laute Rezitation von Formeln und Gebeten verboten haben würde. Dieser von seinen Eltern und Lehrern tief beklagte Umstand sollte für ihn selbst im besten Sinne förderlich werden; wie es denn so oft geschieht, daß uns aus scheinbaren Vorzügen Schaden und aus scheinbaren Mängeln das Heil unseres Lebens erwächst. Während nämlich die Genossen Nebsecht's in Gesängen und Deklamationen geübt wurden, konnte er, Dank seiner schweren Zunge, seiner ihm angeerbten fast leidenschaftlichen Neigung, das organische Leben in der Natur zu beobachten, nachgehen und seine Lehrer begünstigten bis zu einem gewissen Grade den ihm innewohnenden Forschungstrieb und zogen aus seiner Kenntniß des thierischen und menschlichen Körpers und der Geschicklichkeit seiner Hände Nutzen. Seine tiefe Abneigung gegen den magischen Theil seiner Wissenschaft würde ihm strenge Strafen, ja vielleicht die Ausstoßung aus seiner Zunft zugezogen haben, wenn sie in irgend einer Form zum Ausdruck gekommen wäre; Nebsecht war jedoch eine still in sich selbst zurückgezogene Gelehrtennatur, die, frei von dem Verlangen nach äußerer Anerkennung, in der Süßigkeit der Forschung reiches Genügen fand und jede an ihn herantretende Aufforderung, seine Fähigkeiten öffentlich zu bewähren, als einen unvermeidlichen, aber widerwärtigen Eingriff in sein anspruchsloses, aber erfolg- und arbeitsreiches Streben unwillig hinnahm. Diesem Nebsecht war Pentaur näher getreten, als irgend ein anderer unter seinen Mitschülern. Er bewunderte seine Gelehrsamkeit und Geschicklichkeit, und wenn der schwächlich gebaute, aber auf seinen Wanderungen unermüdliche Arzt die Dickichte am Nilufer, die Wüste und das Gebirge durchstreifte, um Pflanzen oder Thiere zu suchen, dann begleitete ihn der junge priesterliche Dichter mit Freude und reichem Gewinn, denn sein Gefährte sah tausend Dinge, die, ohne ihn, seinem Auge für immer verborgen geblieben wären, und andere, ihm nur der Form nach bekannte Gegenstände gewannen für ihn Inhalt und Bedeutung durch die Erklärungen des Naturforschers, dessen ungelenke Zunge sich zwanglos regte, wenn es galt, dem Freunde die von ihm zuerst wahrgenommenen Eigentümlichkeiten der organischen Wesen, deren Entwicklungsgang er beobachtet hatte, darzulegen. Der Dichter war dem Gelehrten hold und Nebsecht liebte Pentaur, der Alles besaß, was ihm selber abging: männliche Schönheit, kindliche Heiterkeit, freimüthige Offenheit, künstlerischen Schwung und die Gabe, in Wort und Lied Jedwedes zum Ausdruck zu bringen, was sein Herz bewegte. Der Dichter war ein Laie auf den Gebieten, die er selbst beherrschte, aber wohl befähigt, auch das Schwierigste zu begreifen. So kam es, daß Nebsecht seinem Urtheil größeres Gewicht beilegte, als dem seiner eigenen Fachgenossen, die überall da, wo Pentaur frei und unbeeinflußt entschied, sich von vorgefaßten Meinungen befangen zeigten. Das Zimmer des Naturforschers lag zu ebener Erde, abgesondert von allen übrigen Wohnräumen, unter einem der zum Setihause gehörenden Kornspeicher. Es hatte die Größe eines Saales und dennoch fand der auf seinen stillen Bewohner zuschreitende Pentaur seinen Weg fast überall verlegt von großen Bündeln der verschiedenartigsten Pflanzen, von zu vieren und fünfen über einander gestellten Käfigen aus Palmenstäben und einer Menge von größeren und kleineren, mit durchlöchertem Papier überbundenen Töpfen. In diesen Behältnissen bewegten sich allerlei lebendige Thiere, vom Springhasen, der großen Nileidechse und einer hellfarbigen Eulenart an bis zu den in vielen Exemplaren vertretenen Fröschen, Schlangen, Skorpionen und Käfern. Auf dem einzigen, in der Mitte dieses Raumes stehenden Tische lagen neben einem Schreibzeuge Thierknochen, sowie scharfe Feuerstein- und Bronzemesser von verschiedener Größe. In einer Ecke dieses Raumes lag eine Matte, auf der eine hölzerne Kopfstütze S. Anmerkung 9 stand, welche andeutete, daß der Naturforscher auf ihr zu schlafen pflege. Als Pentaur's Schritte sich an der Schwelle dieses seltsamen Raumes vernehmen ließen, schob sein Bewohner so ängstlich wie ein Schüler, der ein verbotenes Spielzeug vor seinem Lehrer zu verbergen wünscht, einen umfangreichen Gegenstand unter den Tisch, warf eine Decke über ihn und verbarg den scharfen, an einen hölzernen Griff befestigten Feuersteinsplitter, Zu chirurgischen Zwecken scheinen sich die Aegypter mit Vorliebe der Feuersteinmesser bedient zu haben, jedenfalls für die Eröffnung der Leichen und Beschneidung. Viele Feuersteinmesser sind gefunden worden und werden in den Museen konservirt. den er eben noch benutzt hatte, in die Falten seines Gewandes. Dann kreuzte er die Arme, um sich das Ansehen eines Mannes zu geben, der in harmlosem Nichtsthun vor sich hinträumt. Die einzige an einem hohen Ständer befestigte Lampe neben seinem Stuhle verbreitete spärliches Licht, welches aber dennoch genügte, um dem mit allen Gewohnheiten seines Freundes vertrauten Pentaur zu zeigen, daß er Nebsecht in einer verbotenen Arbeit gestört habe. Der Letztere nickte dem Eintretenden, nachdem er ihn erkannt hatte, zu und sagte: »Du hättest mich nicht zu erschrecken brauchen!« Dann griff er unter den Tisch und holte den verborgenen Gegenstand, ein an ein Brett gebundenes lebendes Kaninchen, in dessen aufgeschnittenem und mit Holzstäbchen auseinandergehaltenem Leibe sich das Herz bewegte, hervor und fuhr, ohne den Andern weiter zu berücksichtigen, in seinen unterbrochenen Beobachtungen fort. Eine Zeitlang sah Pentaur dem Forscher schweigend zu; dann legte er ihm die Hand auf die Schulter und sagte: »Schließe künftig Dein Gemach, wenn Du verbotene Dinge treibst.« »Sie haben – haben mir,« stotterte der Gelehrte, »den Riegel von der Thür genommen, seitdem sie mich neulich bei der Zerlegung der Hand des Fälschers Ptahmes ertappten.« »Der Mumie des armen Menschen wird ja nun auch seine Rechte fehlen,« erwiederte der Dichter. »Wird sie nicht brauchen im Jenseits.« »Hast Du ihm wenigstens Schebtifiguren Kleine Statuetten, die man den Verstorbenen mit in's Grab gab, um ihnen bei den in der Unterwelt zu verrichtenden Arbeiten zu helfen. Sie haben Hacke und Pflug in den Händen und auf dem Rücken den Saatbeutel. Fast auf allen zeigt sich als Inschrift das sechste Kapitel des Todtenbuchs. mit in's Grab gegeben?« »Unsinn!« »Du gehst zu weit, Nebsecht, und bist unvorsichtig! Wer ein unschädliches Thier zu keinerlei Nutzen martert, dem sollen die Geister der Unterwelt das Gleiche thun, lehrt das Gesetz. Aber ich sehe Dir an, was Du sagen willst. Du hältst es für erlaubt, einem Thiere Schmerzen zu bereiten, wenn Du damit Dein Wissen, mit dessen Hülfe Du die Leiden der Menschen linderst, bereichern kannst . . .« »Du nicht? « Ein liebenswürdiges Lächeln überflog Pentaur's Züge. Er beugte sich zu dem Kaninchen hernieder und sagte. »Wie merkwürdig! Das Thierchen lebt und athmet noch immer! Ein Mensch würde schon längst nach solcher Behandlung gestorben sein. Sein Organismus ist wohl auch von kostbarerer, feinerer und darum leichter zerstörbarer Beschaffenheit?« Nebsecht zuckte die Achseln und sagte. »Vielleicht.« »Ich dächte doch, daß Du das wissen müßtest!« »Ich?« fragte der Arzt. »Woher denn? Ich sagte es ja; – sie erlauben mir nicht einmal zu untersuchen, wie sich die Hand eines Fälschers bewegt.« »Bedenke nur, daß die Schrift lehrt, die Wohlfahrt der Seele sei abhängig von der Erhaltung des Körpers.« Nebsecht erhob seine klugen, kleinen Augen und sagte achselzuckend: »Das muß wohl so sein. Uebrigens gehen mich diese Dinge nichts an. Macht ihr mit den Seelen der Menschen, was ihr wollt; ich suche nur ihren Körper kennen zu lernen und flicke ihn, wenn er Schaden leidet, so gut zusammen, wie es eben gehen will.« »Nun, Toth Toth ist der Gott der Gelehrten und Aerzte. Der Ibis ist sein heiliges Thier und er wird gewöhnlich ibisköpfig dargestellt. Ra soll ihn als »ein schönes Licht« erschaffen haben, um die Namen seiner bösen Feinde zu verzeichnen. Ursprünglich Mondgott, wird er zum Herrn des Zeitmaßes und der Maße überhaupt. Er ist der Abwägende und Weise unter den Himmlischen, der Gott der Schrift, der Kunst und Wissenschaft. Die Griechen nannten ihn Hermes Trismegistos, d. i. der dreimal oder sehr große, und zwar nach Vorgang der Aegypter, die ihn Toth oder Techuti, den zweimal großen, d. i. auch den »sehr großen« hießen. sei gelobt, daß Du Dir wenigstens in dieser Kunst die Meisterschaft nicht abzusprechen brauchst!« »Wer wäre ein Meister,« fragte Nebsecht, »außer Gott? Ich kann nichts – gar nichts und führe meine Instrumente kaum sicherer als ein Bildhauer, der im Dunkeln zu arbeiten verdammt ist.« »Etwa so wie der blinde Resu,« lachte Pentaur, »der besser zu malen verstand als alle sehenden Künstler im Tempel.« »Es gibt auch in meiner Thätigkeit ein ›besser‹ oder ›schlechter‹,« erwiederte Nebsecht, »aber ein ›gut‹ gibt es nicht.« »Dann müssen wir uns schon mit Deinem ›besser‹ begnügen und ich komme, um es in Anspruch zu nehmen.« »Bist Du krank?« »Isis sei gelobt; ich fühle mich so kräftig, daß ich eine Palme entwurzeln könnte, aber ich wollte Dich bitten, noch heute Abend ein krankes Mädchen zu besuchen. Die Prinzessin Bent-Anat . . .« »Die königliche Familie hat ihre eigenen Aerzte.« »Laß mich doch aussprechen! Die Prinzessin Bent-Anat hat ein Mädchen überfahren und das arme Kind soll schwer verwundet sein.« »So–o,« sagte der Gelehrte gedehnt. »Liegt sie drüben in der Stadt oder hier in der Nekropole?« »Hier; es ist freilich nur die Tochter eines Paraschiten.« »Eines Paraschiten?« fragte Nebsecht und schob sein Kaninchen wiederum unter den Tisch. »Dann geh' ich hin!« »Sonderling! Ich glaube, Du erwartest irgend eine seltene Waare bei den Unreinen zu finden.« »Das ist meine Sache; aber ich werde kommen. Wie heißt der Paraschit?« »Pinem.« »Wird nichts mit ihm anzufangen sein,« murmelte der Gelehrte; »aber, wer weiß.« Nach diesen Worten stand er auf, öffnete ein fest verschlossenes Fläschchen und pinselte Strychnosgift auf die Nase und in das Maul des Kaninchens, welches sofort zu athmen aufhörte. Dann legte er es in eine Kiste und sagte. »Ich bin bereit.« »Aber in diesem beschmutzten Kleide kannst Du das Haus nicht verlassen!« Der Arzt nickte, nahm ein reines Gewand aus seiner Kleiderlade und wollte es über das andere ziehen; Pentaur wehrte aber dem Freund und sagte lachend. »Erst wird der Arbeitsrock ausgezogen. Ich werde Dir helfen. Aber beim Gotte Besa Der in pygmäenhafter Mißgestalt gebildete Toilettengott der Aegypter. Die Frauen führt er zum Sieg in der Liebe, die Männer auch im Kampf. Er soll aus Arabien stammen. , Du bist ja vielhäutig wie eine Zwiebel!« Pentaur war als ein gewaltiger Lacher unter seinen Standesgenossen bekannt und seine laute Stimme erschütterte das stille Gelehrtengemach, nachdem er sich überzeugt hatte, daß sein Freund nun zum dritten Mal ein reines über ein beschmutztes Gewand zu ziehen im Begriff stehe, und also schon jetzt nicht weniger als drei Kleider trug. Nebsecht lachte mit ihm und sagte: »Jetzt weiß ich auch, warum mir mein Rock so schwer und es mir um Mittag so unmenschlich heiß vorkam. Geh' hinaus, während ich die überflüssigen Gewänder ausziehe und laß, bitte, den Oberpriester Ameni fragen, ob ich den Tempel verlassen darf.« »Er beauftragte mich, einen Arzt zu dem Paraschiten zu senden und fügte hinzu, die Kranke sollte wie eine Königin behandelt werden.« »Ameni? Und wußte er, daß es sich nur um ein Paraschitenkind handle?« »Jawohl!« »Dann fang' ich zu glauben an, daß man mit Beschwörungen Glieder einzurenken vermag. Ja, die Beschwörungen! Du weißt – weißt ja, daß ich nicht mehr allein zu den Kranken darf, weil mein Schlauch von einer Zunge zu schwer ist, um die Sprüche herzusagen und den Sterbenden reiche Opfergaben für den Tempel abzuängstigen. Geh' Du, während ich mich ausziehe, zu dem Propheten Gagabu und bitte ihn, daß er den Pastophoren Teta mit mir gehen läßt, der mich gewöhnlich begleitet.« »Ich würde mir doch statt des blinden Alten einen jüngeren Helfer aussuchen.« »Laß nur! Ich wäre schon zufrieden, wenn er selbst zu Hause bleiben und nur seine Zunge mir nachkriechen wollte wie ein Aal oder eine Schnecke. Kopf und Herz haben mit seinem Sprachwerkzeuge doch nichts zu schaffen und es geht seinen Gang wie der Ochse, der das Korn drischt.« In Aegypten wie in Palästina traten, das lehren viele Bilder, auch schon aus ältester Zeit, in den Grüften Rinder das Korn aus, oft mit Hülfe eines belasteten Schlittens, an dessen Kufen halbrunde Scheiben befestigt sind, und den man heute noreg nennt. »Das ist wahr,« sagte Pentaur; »ich sah neulich selbst, wie der Alte an einem Krankenbette seine Litaneien absang und dabei heimlich die Datteln zählte, von denen man ihm einen ganzen Sack voll geschenkt hatte.« »Er wird ungern mit zu dem Paraschiten gehen, denn der ist arm und er würde eher diese Skorpionenfamilie in dem Topfe da oben anfassen, als ein Stück Brod aus der Hand des Unreinen kosten. Sag' ihm, er möge mich abholen und meinen Wein austrinken. Da stehen noch die Portionen von drei Tagen; er trübt bei dieser Hitze die Schärfe meiner Augen. Wohnt der Paraschit im Norden oder Süden der Nekropole?« »Ich glaube im Norden. – Paaker, der Wegeführer des Königs, wird Dir den Weg zeigen.« » Der? « lachte der Gelehrte. »Was steht denn heute im Kalender? Kalender haben sich erhalten; der vollständigste in dem am besten von F. Chabas behandelten Papyrus Sallier IV. Bei jedem Tage wird angegeben, ob er günstig sei oder nicht \&c. In den Tempeln blieben Festkalender in großer Zahl erhalten, der vollständigste zu Medinet Habu; veröffentlicht von Dümichen. Ein Paraschitenkind soll wie eine Prinzessin behandelt und ein Arzt wie der Pharao selbst geführt werden. Ich hätte aber doch meine drei Röcke anbehalten sollen.« »Die Nacht ist warm,« sagte Pentaur. »Aber Paaker hat seltsame Gewohnheiten. Vorgestern wurde ich zu einem armen Jungen gerufen, dem er mit seinem Stabe das Schlüsselbein kurz und klein geschlagen hatte. Wär' ich ein Roß der Prinzessin, ich hätte lieber den, als ein armes Mädchen niedergetreten.« »Ich auch!« lachte Pentaur und verließ das Zimmer, um den zweiten Propheten des Tempels, Gagabu, der zugleich der Vorsteher der Aerzte im Setihause war, zu bitten, seinem Freunde den blinden Pastophoren Teta als Litaneiensänger mitzugeben. Viertes Kapitel. Pentaur wußte, wo er den hochgestellten Priester zu suchen habe, denn er selbst war zu dem Gastmahle geladen worden, das derselbe zu Ehren zweier neuer aus der Hochschule von Chennu Bei einer Stromenge des Nils, unweit der nubischen Grenze gelegen; das heutige Gebel Silsileh, woselbst im Alterthum eine berühmte Priesterschule blühte. in das Setihaus versetzter Gelehrten veranstaltet hatte. In einem offenen, von bunt bemalten Holzsäulen umgebenen und mit vielen Lampen beleuchteten Hofe saßen die schmausenden Priester in zwei langen Reihen auf bequemen Lehnstühlen. Vor jedem stand ein Tischchen und geschäftige Diener waren beflissen, sie mit den Speisen und Getränken zu versehen, welche auf einem überfüllten, inmitten des Hofes prangenden Büffet aufgestellt waren. Gazellenkeulen Die Gazellen waren als Haustiere gezähmt. Wir begegnen ihnen unter den Darstellungen der Heerden reicher Aegypter und als Schlachtvieh. Das Gastmahl wird nach den Bildern von Schmausereien, von denen sich viele in den Grüften finden, beschrieben. , gebratene Gänse und Enten, Fleischpasteten, Artischocken, Spargel und andere Gemüse, verschiedenartige Kuchen und Süßigkeiten wurden den Gästen zugetragen und die Becher reichlich mit den köstlichen Weinsorten gefüllt, an denen die luftigen Speicher Die Keller bewahren die mittlere Jahrestemperatur und sind in Aegypten heiß; man verwahrt also den Wein am besten in schattigen und luftigen Speichern. des Setihauses niemals Mangel litten. Zwischen den einzelnen Gängen reichten einige Diener metallene Becken, in denen man sich die Hände wusch, und fein gewebte Handtücher umher. Nachdem man den Hunger gestillt hatte, floß der Wein reichlicher, und jedem Gaste wurden wohlriechende Blumen dargeboten, deren Duft sie bei den nunmehr lebhafter werdenden Gesprächen erfreuen sollte. Sämmtliche Teilnehmer an diesem Mahle trugen lange, schneeweiße Gewänder und gehörten zu den in die Mysterien Eingeweihten, und also zu den Führern der Priesterordnungen des Setihauses. Der zweite Prophet, Gagabu, dem heute die Leitung des Festes von dem Oberpriester, der sich bei solchen Gelegenheiten immer nur auf wenige Minuten zeigte, übertragen worden war, war ein kleiner, starker Mann mit einem kahlen, fast kugelrunden Schädel. Seine alternden Züge waren gut geformt und die glattrasirten, fleischigen Wangen wohl gerundet. Seine grauen Augen schauten munter und aufmerksam in den Tag hinein, funkelten aber lebhaft, wenn er sich erregt fühlte und seine starken sinnlichen Lippen zu zucken begannen. Neben ihm stand der prachtvolle, unbesetzte Lehnsessel des Oberpriesters Ameni und an seiner Seite saßen die aus Chennu berufenen Priester, zwei stattliche, ältere Männer von dunklerer Hautfarbe. Die übrigen Gäste waren genau nach der Höhe der Stellung geordnet, die sie in dem Priesterkollegium des Tempels einnahmen, und die sich keineswegs allein nach ihrem Alter richtete. So streng auch die Plätze nach der Rangordnung der Tischgenossen vertheilt waren, so zwanglos mischte sich jeder Einzelne in das Gespräch. »Unsere Berufung nach Theben,« sagte der ältere der aus Chennu in das Setihaus versetzten Priester, Tuauf, dessen Lehrbriefe in den Schulen häufig benützt wurden, Einige derselben blieben erhalten. »wissen wir zu schätzen, denn einerseits bringt sie uns in die Nähe des Pharao, dem Leben, Heil und Gesundheit blühe, andererseits gewährt sie uns die Ehre, uns zu den Euren rechnen zu dürfen, denn wenn auch das Kollegium von Chennu in früheren Zeiten manchen großen Mann zu den Seinen rechnete und in seinen Schulen auszubilden das Glück hatte, so vermag es sich doch nicht mehr mit dem Setihause zu messen. Selbst Heliopolis und Memphis stehen hinter euch zurück, und wenn ich Kleinerer mich dennoch guten Muthes neben so viele Größere zu stellen wage, so geschieht es, weil ich euere Erfolge eben so wohl der in eurem Tempel wirksamen göttlichen Kraft, die auch mein Können und Vollbringen steigern wird, als euerer hohen Begabung und euerem Fleiße, an dem es auch bei mir nicht fehlen soll, zuschreibe. Schon hab' ich den Oberpriester Ameni gesehen; welch' ein Mann. Wer kennt nicht Deinen Namen, Gagabu, wer nicht den Deinen, Meriapu!« »Und wen von euch,« fragte der andere Neuangekommene, »dürfen wir als den Dichter des schönsten Hymnus an Amon begrüßen, welcher jemals im Sykomorenlande gesungen ward? Wer von euch ist Pentaur?« »Der leere Stuhl dort hinten,« sagte Gagabu, indem er auf einen Sessel am untersten Theile der Tafel deutete, »wartet seiner. Er ist der Jüngste von uns Allen; aber ihm wird eine große Zukunft blühen.« »Und seinen Gesängen nicht minder,« fügte der ältere der aus Chennu angelangten Gelehrten hinzu. »Ohne Zweifel,« entgegnete der erste Vorsteher der Horoskopen Stundenschauer. Eine der Priesterordnungen in der ägyptischen Hierarchie. , ein älterer Mann mit einem gewaltigen, grauen Krauskopfe, der zu schwer zu sein schien für seinen dünnen, vielleicht durch die Gewohnheit des steten nach Zeichen Ausschauens weit vorgestreckten Hals, indem seine stark gewölbten Augen fanatisch glühten, »ohne Zweifel haben die Götter unserem jungen Freunde reiche Gaben verliehen; aber es muß dahingestellt bleiben, wie er sie gebrauchen wird. Ich finde eine gewisse Ungebundenheit des Geistes bei diesem Jüngling, welche mich ängstigt. Wenn er dichtet, so fügt sich zwar seine geschmeidige Rede den vorgeschriebenen Formen, aber seine Gedanken fliegen über das Hergebrachte hinaus, und in dem auch für die Ohren des Volks bestimmten Hymnus finde ich Wendungen, die man einen Verrath an den Mysterien, die er doch erst vor wenigen Monden geheim zu halten beschworen hat, nennen könnte. Da sagt er, und wir singen's ihm nach und Laien hören's: ›Einzig bist Du, Du Schöpfer der Wesen, Und allein, der Du Alles machst, was geschaffen‹ und weiter: ›Er ist einzig, allein und sondergleichen, Wohnend im Allerheiligen.‹ Hymnus an Amon. Erhalten aus einem zu Bulaq konservirten Papyrus. Behandelt von Grebaut und L. Stern. »Stellen wie diese sollten nicht öffentlich gesungen werden dürfen, am wenigsten in einer Zeit wie der unseren, in der Neuerungen aus der Fremde eindringen wie die von Osten kommenden Heuschreckenschaaren.« »Mir aus der Seele gesprochen!« rief der Schatzmeister des Tempels. »Ameni hat diesen Jüngling zu früh in das Mysterium eingeführt.« »Auf meinen, seines Lehrers Vorschlag,« sagte Gagabu. »Unsere Genossenschaft kann stolz sein auf ein Mitglied, das den Ruhm unseres Tempels glänzend erhöht. Das Volk hört seinen Hymnus und dringt nicht ein in den tieferen Sinn seiner Worte. Ich sah die Laien niemals andächtiger, als da das tief empfundene und schöne Loblied beim Feste der Treppe Hohes, besonders feierlich in der Nekropole von Theben im Tempel von Medinet Habu begangenes Fest. gesungen ward.« »Pentaur war von je Dein Liebling,« rief der Vorsteher der Horoskopen. »Einem Anderen würdest Du Mancherlei nicht gestatten, das Du von ihm hinnimmst. Sein Hymnus bleibt für mich und Andere ein gefährliches Machwerk; oder leugnest Du, daß wir Grund zu ernsten Besorgnissen haben und Dinge geschehen und Zustände erwachsen, die uns hemmen und endlich vielleicht erdrücken werden, wenn wir ihnen nicht, so lang es noch Zeit ist, unerbittlich entgegentreten?« »Du bringst Sand in die Wüste und gießt Honig auf die Dattel,« rief Gagabu und seine Lippen begannen zu zucken. »Nichts ist jetzt wie es sein sollte und es wird hart zu kämpfen geben, aber nicht mit Schwertern, sondern hiemit und damit –« und der lebhafte Mann schlug sich auf die Stirn und die Lippen. »Wer aber ist da und hier besser bestellt als mein Schüler? Der wird ein Vorkämpfer werden für unsere Sache, ein zweiter Hor Hut, der als geflügelte Sonnenscheibe den Bösen niederwarf. Da kommt ihr und wollt ihm die Schwingen stutzen und die Krallen beschneiden! Ach, ach und weh, ihr Herren, werdet ihr denn niemals begreifen, daß ein Löwe lauter brüllt als ein Kater und die Sonne heller leuchtet als eine Thranlampe? Laßt mir den Pentaur ungeschoren, sag' ich euch, sonst handelt ihr wie jener Mann, der sich aus Furcht vor Zahnschmerzen die gesunden Zähne ausreißen ließ. Ach, ach und weh', wir werden zu beißen bekommen in den nächsten Jahren, daß die Fleischstücke fliegen und das Blut strömt, wenn wir nicht erleben wollen, daß man uns selbst auffrißt.« »Auch uns ist der Feind nicht unbekannt geblieben,« sagte der ältere Chennupriester, »obgleich wir an der entlegenen Südgrenze des Reichs Manches von uns fern zu halten wußten, das im Norden wie ein Krebsschaden an unserem gesunden Leibe frißt. Das Fremde wird hier kaum mehr für unrein und typhonisch gehalten.« »Kaum mehr?« rief der Vorsteher der Horoskopen. »Herbeigelockt wird es, geliebkost und verehrt. Wie Staub, wenn die Glutwinde wehen durch die Fugen eines Holzhauses, so dringt es in Sitte und Sprache, Zu keiner Zeit gebrauchten die ägyptischen Schriftsteller mehr semitische Fremdwörter, als in der Ramses II. und seines Sohnes Mernephtah. in die Häuser und selbst in die Tempel ein und auf dem Throne der Nachfolger des Ra sitzt ein Abkömmling . . .« »Vermessener,« rief in diesem Augenblicke die Stimme des den Saal betretenden Oberpriesters, »hüte Deine Zunge und unterstehe Dich nicht, sie gegen denjenigen zu brauchen, der unser König ist und als Stellvertreter des Ra das Szepter in diesen Landen führt.« Der Vorsteher der Horoskopen neigte sich schweigend. Dann erhoben sich mit ihm alle Festgenossen, um Ameni zu begrüßen, der ihnen freundlich und würdevoll zuwinkte, seinen Sitz einnahm und, sich an Gagabu wendend, gelassen fragte: »Ich sehe euch in unpriesterlicher Erregung. Was störte das Gleichgewicht euerer Seelen?« »Wir gedachten des übermächtig in Aegypten eindringenden Fremden und der Notwendigkeit, ihm Widerstand entgegenzusetzen.« »Ihr werdet mich unter den Vorkämpfern finden,« sagte Ameni. »Vieles haben wir ertragen und neue Nachrichten aus dem Norden sind angelangt, die mich schwer bekümmern.« »Haben unsere Truppen eine Niederlage erfahren?« »Sie blieben siegreich, aber neue Tausende unserer Landsleute sind in den Schlachten und auf den Märschen ein Opfer des Todes geworden. Ramses begehrt neue Hülfsvölker. Der Wegeführer Paaker hat mir einen Brief von unseren, den König umgebenden Genossen und dem Statthalter ein Schreiben des Pharao überbracht, welches den Befehl ertheilt, ihm fünfzigtausend Streiter nachzusenden, und, weil die ganze Kriegerkaste und alle Hülfsvölker bereits unter Waffen stehen, die Hörigen der Tempel, welche unsere Äcker bestellen, auszuheben und nach Asien zu senden.« – Ein Gemurmel des Unwillens erhob sich bei diesen Worten. Der Vorsteher der Horoskopen stampfte mit dem Fuß und Gagabu fragte: »Was gedenkst Du zu thun?« »Die Erfüllung des königlichen Befehls vorzubereiten,« antwortete Ameni, »und ungesäumt die Vorsteher aller Tempel der Amonstadt zu einer Rathsversammlung hieher zu berufen. Ein Jeder soll in seinem Allerheiligsten die Gottheit um weise Einsicht bitten. Haben wir einen Entschluß gefaßt, so wird es zunächst gelten, den schwankenden Sinn des Statthalters zu kräftigen. Wer wohnte gestern seinen Gebeten bei?« »Die Reihe war an mir,« sagte der Vorsteher der Horoskopen. »Folge mir nach der Mahlzeit in meine Wohnung,« befahl Ameni. »Aber warum fehlt unser Dichter in eurem Kreise?« In diesem Augenblicke betrat Pentaur die Halle und bat, indem er sich frei und würdig vor den anderen Tischgenossen und tief vor Ameni verneigte, ihm zu gestatten, den blinden Pastophoren Teta mit dem Arzte Nebsecht zu der Paraschitentochter schicken zu dürfen. Ameni nickte zustimmend und rief: »Sie sollen sich beeilen. Paaker harrt ihrer an der großen Pforte und wird sie in meinem Wagen begleiten.« Sobald Pentaur die Schmausenden verlassen hatte, rief der ältere Priester aus Chennu, indem er sich an Ameni wandte: »Wahrlich, heiliger Vater, so und nicht anders hab' ich mir eueren Dichter gedacht. Er gleicht dem Sonnengott und seine Haltung ist die eines Fürsten. Gewiß entstammt er einem edlen Hause!« »Sein Vater ist ein schlichter Gärtner,« sagte der Oberpriester, »der zwar das ihm von unserem Tempel zugetheilte Land mit Fleiß und Geschick verwerthet, aber unedel ist an Gestalt und von rauhen Sitten. Er schickte Pentaur früh in die Schule Es geht aus den Papyrus mit Sicherheit hervor, daß auch die Söhne geringer Leute, dafern sie die vorgeschriebenen Bedingungen erfüllten, in die Priesterschaft Aufnahme finden konnten. Abgeschlossene Kasten, wie die Inder, besaßen die Aegypter nicht. und wir zogen hier den vortrefflich begabten Knaben heran zu dem was er ist.« »Welche Aemter bekleidet er hier im Tempel?« »Er unterrichtet die ältesten Zöglinge der hohen Schule in der Sprachlehre und Redekunst; auch ist er ein vortrefflicher Beobachter des gestirnten Himmels und der sinnreichste unter unseren Traumdeutern,« erwiederte Gagabu. »Aber da ist er ja wieder! Zu wem führt Paaker unsern stammelnden Chirurgen und seinen Helfer?« »Zu der überfahrenen Paraschitentochter,« gab Pentaur zurück. »Aber welch' ein rauher Mann ist dieser Wegeführer! Seine Stimme thut meinen Ohren weh und er begrüßte damit unsere Aerzte, als wenn sie seine Sklaven wären.« – »Er war verdrossen über den Auftrag, welchen die Prinzessin ihm ertheilte,« sagte der Oberpriester begütigend, »und leider hat seine werkthätige Frömmigkeit seine unfreundliche Sinnesart nicht zu mildern vermocht.« »Und dabei,« sagte ein älterer Priester, »ist sein Bruder, der uns vor einigen Jahren verließ und mich zu seinem leitenden Lehrer erwählte, ein besonders liebenswerther und fügsamer Jüngling.« »Und sein Vater,« sagte Ameni, »war einer der vorzüglichsten, thatkräftigsten und dabei feinsinnigsten Männer.« »So wird er die üblen Eigenschaften von der Mutter geerbt haben.« »Mit nichten. Sie ist eine sanfte, freundliche, weichherzige Frau.« »Muß denn,« fragte Pentaur, »das Kind durchaus den Eltern gleichen? Von den Söhnen des heiligen Stieres soll doch keiner jemals die Abzeichen seines Vaters getragen haben.« »Und wenn Paaker's Vater ein Apis war,« lachte Gagabu, »so gehört der Wegeführer nach Deiner Meinung, ach und weh! in den Bauernstall.« Pentaur widersprach nicht, sondern sagte lächelnd: »Er ist sich seit der Schulbank, wo ihn die Buben wegen seiner Ungeberdigkeit ›den Waldesel‹ nannten, gleich geblieben. Er war stärker als die meisten unter ihnen, und doch kannten sie kein größeres Vergnügen, als ihn zur Wuth zu reizen.« »Kinder sind grausam,« sagte der Oberpriester. »Sie sehen immer nur die Erscheinungen und fragen nie nach den Ursachen derselben. Der mangelhaft Begabte gilt ihnen für ebenso schuldig wie der Träge, und Paaker hatte wenig einzusetzen, um ihre Schonung zu verdienen. Ich halte« – und dabei wandte Ameni seine Augen den Priestern von Chennu zu – »auf Freiheit und Heiterkeit unter unseren Zöglingen, denn knebelt man die frische Jugendluft, so legt man seine besten Helfer lahm! Die Auswüchse in den Neigungen der Knaben können nirgends sicherer und schmerzloser ausgerottet werden, als bei ihren wilden Spielen. Der Schüler ist des Schülers bester Erzieher!« »Aber Paaker,« sagte der Priester Meriapu, »ist durch den Uebermuth seiner Genossen nicht gefördert worden. Im steten Kampfe mit ihnen hat sich jene Schroffheit gesteigert, die ihn jetzt zum Schrecken seiner Untergebenen macht und ihm viele Herzen entfremdet.« »Er war der unglücklichste von all' den vielen Knaben, die meiner Obhut anvertraut gewesen sind,« erwiederte Ameni, »und ich glaube zu wissen wodurch. Ihm fehlte der kindliche Sinn, da er dem Alter nach noch ein Kind war, und die Gottheit versagte ihm die himmlische Gabe des Leichtsinns. Genügsam soll die Jugend sein und anspruchsvoll war er von Kindheit an. Den Spaß seiner Mitschüler nahm Paaker für Ernst, ihren Scherz für Narrheit, ihre Neckereien für Anfeindungen, und sein nur als Erzieher unweiser Vater munterte ihn statt zur Nachgiebigkeit zum Widerstand auf, in der Meinung, daß er sich durch diesen zu dem kampfreichen Leben eines Mohar stählen werde.« »Ich habe oft von den Thaten des Mohar Die Obliegenheiten und schweren Aufgaben des Mohar (Helden) kennen wir genau durch den Papyrus Anastast I. ( British Museum ). Vorzüglich behandelt von F. Chabas in seiner Voyage d'un Égyptien . reden hören,« sagte der ältere Priester aus Chennu, »doch weiß ich nicht genau, was sein Amt von ihm fordert.« »Er hat,« antwortete Gagabu, »mit auserlesenen und verwegenen Leuten das Feindesland zu durchstreifen und sich über die Art und Zahl der Bevölkerung zu vergewissern, die Richtung der Berge, Thäler und Flüsse zu erforschen, seine Wahrnehmungen aufzuzeichnen und sie dem Herrn des Kriegshauses Wohl mit unserem »Kriegsminister« zu vergleichende, auf den Denkmälern schon früh vorkommende Würde. zu übergeben, der nach ihnen die Märsche der Truppen anordnet.« »So muß der Mohar als Krieger und Schreiber gleich bewandert sein.« »Du sagst es, und Paaker's Vater ist nicht nur ein Held, sondern zu gleicher Zeit ein Schriftsteller gewesen, dessen knappe und klare Berichte gestattet haben, das von ihm bereiste Land zu überblicken, als stünde man auf eines Berges Spitze. Er war der Erste, der den Namen des Mohar empfing. Der König hielt ihn so hoch, daß er nur von ihm und dem Herrn des Kriegshauses, Befehle anzunehmen hatte.« »Gehörte er zu einem edlen Geschlechte?« »Zu einem der ältesten und edelsten des ganzen Landes. Sein Vater war der herrliche Krieger Assa,« antwortete der oberste der Horoskopen, »und dazu führte er, nachdem er selbst zu hohem Ansehen und ungewöhnlichem Reichthum gelangt war, die Nichte des Königs Hor-em-heb heim, die so gut wie der Statthalter ein Anrecht auf den Thron haben würde, wenn nicht der Großvater des Ramses ihr Geschlecht durch einen Gewaltstreich des Thrones beraubt hätte.« »Wäge Deine Worte,« sagte Ameni, die Rede des heftigen Greises unterbrechend. »Ramses I. ist und bleibt der Großvater unseres Königs, und in den Adern des letzteren fließt durch seine Mutter das Blut der echten Nachkommen des Sonnengottes.« »Aber voller und unvermischter wogt es doch wohl in denen des Statthalters!« wagte der Horoskop zu erwiedern. »Doch Ramses trägt die Krone,« rief Ameni, »und wird sie tragen, so lange es den Göttern genehm ist. Bedenke, daß Deine Haare grau sind und aufrührerische Worte den Feuerfunken gleichen, die der Wind oft verweht, die aber, wenn sie unglücklich fallen, unser Haus in Brand stecken können. Freut euch weiter des Mahles, – ihr Herren. Ich bitte euch am heutigen Abend nicht mehr über den König und die neue Verordnung zu sprechen. – Du, Pentaur, erfülle morgen meinen Befehl mit Strenge und Weisheit!« Der Oberpriester winkte und verließ die Schmausenden. Sobald sich die Thüre hinter ihm geschlossen hatte, sagte der ältere Priester aus Chennu: »Was wir über den Wegeführer des Königs, den Träger eines so wichtigen Amtes, vernahmen, überrascht mich. Zeichnet er sich durch besonderen Scharfsinn aus?« »Er war ein zäher Lerner von mittelmäßiger Begabung.« »So ist die Würde des Mohar erblich, wie die eines Reichsfürsten?« »Bewahre!« »Aber wie konnte denn . . .?« »Das ging wie es ging,« unterbrach der alte Gagabu den Frager. »Des Winzers Sohn hat den Mund voll Trauben und das Kind des Thürhüters sprengt mit Worten die Schlösser.« »Immerhin,« fügte ein älterer Priester, der bis dahin geschwiegen hatte, hinzu, »hat sich Paaker als Mohar Verdienste erworben und besitzt Eigenschaften, die zu loben sind. Er ist unermüdlich und zäh, weicht vor keiner Gefahr zurück und war ein Frommer von großer Werkthätigkeit schon als Knabe. Wenn die anderen Schüler ihr Taschengeld zu den Obstverkäufern und Zuckerbäckern an den Tempelpforten trugen, so kaufte er Gänse, und, wenn ihm von seiner Mutter reichere Geschenke zuflossen, junge Gazellen, um sie den Himmlischen aus den Altar zu legen. Kein Großer des Landes besitzt einen reicheren Schatz an Amuleten und Götterfiguren als er, – heute noch ist er der Frömmsten einer und die Todtenopfer, welche er seinem verstorbenen Vater stiftete, sind geradezu königlich zu nennen.« »Wir wissen ihm Dank für diese Gaben,« sagte der Schatzmeister, »und die hohe Verehrung, mit der er seines Vaters auch nach dessen Tode gedenkt, ist ungewöhnlich und rühmlich.« »Er eifert ihm nach in allen Stücken,« spottete Gagabu, »und wenn er auch in keinem Zuge seinem Vater gleicht, so ist er ihm doch nach und nach ähnlich geworden; aber, ach und weh, wie die Gans dem Schwan oder die Eule dem Adler! Da war Stolz, hier ist Hochmuth, da freundliche Strenge, hier ist rohe Härte, da war Würde, hier ist Dünkel, da war Beharrlichkeit, hier ist Trotz. Fromm ist er und seine Gaben können wir brauchen. Der Schatzmeister soll sich ihrer freuen und die Datteln von einem verkrüppelten Baume schmecken so gut wie die von einem graden! Aber wär' ich die Gottheit, ich schätzte sie nicht höher als eine Wiedehopffeder, denn wie sieht es in dem Herzen aus, das sie darbringt, ach und weh, wie sieht es aus! Die Wolken und der Sturm gehören dem Seth, und da drinnen, da, da,« und der Alte schlug seine breite Brust, »da tobt es und wirbelt es, und vom blanken, blauen Himmel des Ra, der in der Seele des Frommen freundlich und rein erglänzen soll, keine Stelle so groß wie dieser Weizenkuchen.« »Hast Du sein Herz ergründet?« fragte der Horoskop. »Wie diesen Becher!« rief Gagabu, indem er den Rand des blanken Trinkgeschirrs auf seinen Nagel preßte. »Seit fünfzehn Jahren, unabläßlich! Dieser Mensch war uns dienlich, ist es noch und wird es bleiben. Unsere Aerzte brauchen auch bittere Fischgalle und Menschen mordende Gifte als Heilmittel; und Leute wie dieser . . .« »Der Haß redet aus Dir,« unterbrach der Horoskop den erregten Alten. »Der Haß?« wiederholte dieser und seine Lippen zuckten. »Der Haß?« – und er schlug mit der Faust auf die breite Brust. »Wohl ist er kein fremder Gast in diesem alten Gefäße; aber jetzt öffne Deine Ohren, Horoskop, und ihr Anderen alle sollt mich hören! Zwei Arten des Hasses kenn' ich. Die eine ist der des Menschen gegen den Menschen und diesen hab' ich in mir geknebelt, ertödtet, erstickt, vernichtet – ach und weh, unter welchen Kämpfen! Vor Jahren freilich hab' auch ich seine Bitterniß geschmeckt und wie die Wespen gehandelt, die, ob sie gleich wissen, daß sie das Leben verlieren, wenn sie stechen, dennoch ihren Stachel gebrauchen. Nun aber wurden mir viele Tage des Daseins, das heißt der Belehrung zu Theil und ich weiß, daß von allen starken Trieben, die unser Herz bewegen, nur einer ganz dem Seth, nur einer vollkommen dem Bösen angehört, und das ist der Haß des Menschen gegen den Menschen. Die Habsucht kann den Fleiß, die sinnliche Begierde edle Frucht erzeugen; aber der Haß ist ein Verwüster, und in dem von ihm erfüllten Herzen wächst alles Edle statt in das Licht hinein, rückwärts in den Boden und in das Dunkel. Alles mag die Gottheit vergeben, nur nicht den Haß des Menschen gegen den Menschen! – Aber es gibt eine andere Art des Hasses, die den Himmlischen gefällt, und die ihr hegen mögt, wie ich sie nicht missen möchte in meiner Brust: Das ist der Haß gegen Alles, was der Entfaltung des Lichten und Guten und Reinen hindernd entgegensteht, der Haß des Horus gegen Seth. So sollen die Götter mich strafen, wenn ich den Wegeführer Paaker, dessen Vater mir lieb war, hasse; aber die Geister der Finsterniß mögen dieses alte Herz aus meiner Brust reißen, wenn es den Abscheu einbüßt vor dem unlautern, habsüchtigen Opferspender, der irdisches Glück von den Göttern mit Thierschenkeln und Weinkrügen kaufen will, wie man von den Händlern einen Rock und einen Esel erschachert, und in dessen Seele sich finstere Triebe tummeln. – Paaker's Gaben können die Himmlischen nicht mehr erfreuen, wie Dich, Horoskop, ein Gefäß voll Rosenöl, in dem Skorpione, Tausendfüße und Giftschlangen schwimmen. Lange hab' ich die Gebete dieses Mannes geleitet und nimmer hört' ich um edle Güter, tausendmal um das Verderben des Menschen flehen, den er haßt.« »In den heiligsten Gebeten aus alten Zeiten,« sagte der Horoskop, »werden die Götter angefleht daß sie unsere Feinde unter unsere Fußsohlen werfen möchten, und zudem hörte ich Paaker nicht selten für das Wohl seiner Eltern inbrünstig flehen.« »Du bist ein Priester, ein Eingeweihter,« rief Gagabu, »und, ach und weh! Du weißt nicht oder willst nicht wissen, daß unter den Feinden, um deren Vernichtung wir bitten, nur die Dämonen der Finsterniß und die Aegypten gefährdenden Völker des Auslandes gemeint sind? Für seine Eltern hat Paaker gefleht? Das wird er auch für seine Kinder thun; denn sie werden seine Zukunft sein, wie die Eltern seine Vergangenheit sind. Hätt' er ein Weib, so würden auch ihm seine Opfer gelten, denn sie würde die Hälfte seiner eigenen Gegenwart bilden.« »Und trotz alledem,« entgegnete der Horoskop Sephtah, »beurtheilst Du den Wegeführer zu hart, denn wenn er gleich unter glücklichen Zeichen geboren ward, so versagten ihm doch die Hathoren S. Anmerkung 4 . Alles, was die Jugend beglückt. Der Feind, um dessen Vernichtung er fleht, ist Mena, der Rosselenker des Königs. Und wahrlich, er würde übermenschlich edel oder unmännlich weich handeln, wenn er Gutes für den Mann erwünscht wollte, der ihm das schöne Weib geraubt hat, das für ihn bestimmt war.« »Wie konnte Solches geschehen?« fragte einer der Priester aus Chennu. »Ein Verlöbniß ist heilig.« In dem zu Bulaq konservirten, zuerst von H. Brugsch behandelten demotischen Papyrus (Roman vom Setnau) heißt es: »Ist es denn nicht das Gesetz welches den Einen mit dem Andern verbindet?« Bräute werden erwähnt, z. B. auf dem Sarkophage des Unnefer zu Bulaq. »Paaker war,« erwiederte der Horoskop, »mit der ganzen Kraft seines ungelenken, aber leidenschaftlichen und zähen Herzens seiner Base Nefert zugethan, dem holdesten Kind in Theben, der Tochter der Katuti, der Schwester seiner Mutter, und man hatte sie ihm zum Weibe versprochen. Da ward sein Vater, den er auf seinen Zügen begleitete, in Syrien tödtlich verwundet. Der König stand an dem Sterbelager des Helden, erhörte seine letzte Bitte und belehnte Paaker mit seiner Würde. Der brachte denn die Mumie seines Vaters nach Theben, ließ ihn fürstlich bestatten und mußte vor Ablauf der Trauerzeit nach Syrien zurück, wo es, während der König nach Aegypten heimgekehrt war, für ihn, der neue Gebiete auszukundschaften hatte, vollauf zu thun gab. Endlich durfte auch er mit der Hoffnung, sich nunmehr mit Nefert vermählen zu können, den Kriegsschauplatz verlassen. Er jagte seine Rosse zu Tode, um das Ziel seiner Sehnsucht schneller zu erreichen; aber schon in der Ramsesstadt Tanis erfuhr er, daß die ihm versprochene Base die Gattin eines Andern, des schönsten und tapfersten Mannes im Heere, des edlen Mena, geworden sei. Je kostbarer ein Ding ist, auf dessen Besitz wir hoffen, je berechtigter sind wir doch wohl, Demjenigen zu grollen, der es uns streitig macht und an sich zu bringen weiß. Paaker müßte Froschblut in seinen Adern haben, wenn er Mena vergeben hätte, statt ihn zu hassen, und es zählen auch die Rinder nach Hunderten, welche er unseren Göttern darbrachte, um ihren Zorn auf den Räuber seines Glücks zu lenken.« »Und als ihr sie annahmt, obgleich ihr wußtet wofür, habt ihr unweise und unrecht gehandelt,« rief Gagabu. »Wär' ich ein Laie, ich würde mich wohl hüten, der Gottheit zu dienen, die sich gegen Lohn herbeiläßt, den unreinsten menschlichen Begierden zu Hülfe zu kommen. Aber der allwissende Geist, der nach ewigen Gesetzen freundlich die Welt regiert, weiß nichts von diesen Opfern, die nur die Nase des Bösen kitzeln. Der Schatzmeister freute sich, als man das schöne, blanke Vieh in unsere Hürden trieb; aber Seth hat seine rothen Fäuste Die Farbe des Seth Typhon war das Rothe. Das Böse, Schädliche wird z. B. im Papyrus Ebers geradezu das Rothe genannt. Rothhaarige Menschen galten für typhonisch. vor Vergnügen heiß gerieben, da er es annahm! Ihr Freunde, ich habe die Verwünschungen mit angehört, die Paaker wie Spülwasser, das man den Schweinen vorsetzt, über unsere reinen Altäre ausgoß. Pestilenz und Beulen, Jammer und Tod hat er auf ihn herniedergewünscht und Unfruchtbarkeit und Herzeleid auf das arme, holde Weib, dem ich wahrlich nicht verdenke, daß es ein Schlachtroß dem Nilpferd, einen Mena dem Paaker vorzog.« »Die Himmlischen aber müssen seine Klagen weniger unberechtigt gefunden und strengere Ansichten über den Bruch eines Verlöbnisses haben, als Du,« sagte der Schatzmeister, »denn Nefert war in einer vierjährigen Ehe nur wenige Wochen mit ihrem reisigen Gatten vereint und blieb kinderlos. Es wird mir schwer, zu begreifen, Gagabu, wie Du, der Du sonst freisprichst, wo wir Alle verdammen, einen der größten Wohlthäter unseres Tempels so schonungslos verurtheilen magst.« »Und ich verstehe sonder Mühe!« rief der Alte, »wie ihr, die ihr sonst so gern verdammt, diesen, diesen – nennt ihn, wie ihr wollt, so emsig entschuldigen mögt!« »Er ist uns unentbehrlich in dieser Zeit,« sagte der Horoskop. »Zugegeben!« rief Gagabu, indem er seine Stimme senkte. »Auch ich denk' ihn noch zu gebrauchen, wie ihn der Oberpriester seit Jahren benützt hat zum Besten unserer gefährdeten Sache; denn auch ein schmutziger Weg ist gut, wenn er zum Ziele führt. Selbst die Gottheit leitet oft durch das Böse zum Heil; aber sollen wir darum das Böse gut und das Häßliche schön nennen? Braucht den Wegeführer wie ihr wollt, verlernt aber nicht, weil ihr ihm Gaben schuldet, ihn nach seinen Empfindungen und Thaten zu beurtheilen, wenn ihr euren Namen der Eingeweihten und Erleuchteten verdienen wollt. Laßt ihn all' sein Vieh in den Tempel treiben und all' sein Gold in unsere Schatzkammer schütten, aber befleckt euch nicht mit dem Gedanken, daß Gaben aus solchem Herzen und von solcher Hand der Gottheit genehm sind! Vor Allem,« und bei diesen Worten gewann die Stimme des Alten eine von Herzen kommende Innigkeit, »vor Allem spiegelt dem irrenden Manne nicht vor, – und das thut ihr noch immer, – daß er auf dem rechten Wege wandle, denn eure, denn unsere erste Pflicht, ihr Freunde, bleibt es, die Seelen Derer, die sich uns anvertrauen, dem Guten und Rechten zuzuführen.« »O, mein Lehrer,« rief Pentaur, »wie mild ist Deine Härte!« »Ich zeigte euch die häßlichen Schwären dieses Mannes,« sagte der Alte, »indem er sich erhob und die Halle verließ, »euer Lob wird sie verhärten, euer Tadel erweichen. Gefällt es euch fürder nicht, hier eure Pflicht zu thun, so kommt der alte Gagabu eines Tages mit seinem Messer, wirft den Kranken nieder und schneidet!« Der Horoskop hatte während der Rede des Greises mehrmals die Achseln gezuckt. Jetzt sagte er, indem er sich an die Priester aus Chennu wandte: »Gagabu ist ein alter, weicher Brausekopf und ihr habt aus seinem Mund eine Predigt vernommen, wie man sie wohl auch bei euch den jungen Schreibern hält, die das Amt des Seelsorgers antreten sollen. Seine Gesinnung ist rein, aber er vergißt gern dem Kleinen zu liebe das Große. Ameni wird euch sagen, daß es auch unter uns auf zehn Seelen, oder hundert nicht ankommt, wenn es sich um das Heil des Ganzen handelt.« Fünftes Kapitel. Die Nacht, in welcher die Prinzessin Bent-Anat mit ihren Begleitern an die Pforte des Setihauses geklopft hatte, war vorüber. Die würzige Frische der Frühstunden wich der Glut, welche das tiefblaue, wolkenlose Himmelsgewölbe wie eine erhitzte Stahlglocke auszustrahlen begann. Das Menschenauge scheute sich zu dem überkräftigen Lichtball in der Höhe aufzuschauen, dessen Strahlen sich in dem feinen, weißlichen Staube brachen, der den gräberreichen Abhang des Gebirges überwehte, welcher die Todtenstadt nach Westen hin abschloß. Blendend hell strahlten die Kalkfelsen, die Atmosphäre zitterte wie die über Leuchtgasflammen schwebende, erhitzte Luft, die Schatten wurden immer kleiner, aber ihre Umrisse um so schärfer. All' jene Thiere, die wir am Abend die Nekropolis bevölkern sahen, hatten sich in ihre Schlupfwinkel zurückgezogen. Nur der Mensch trotzte der Glut des Sommertages. Unbeirrt verrichtete er sein Tagewerk und legte nur aufathmend sein Handwerkszeug auf kurze Augenblicke nieder, wenn vom hochangeschwollenen Strome her ein kühlender Lufthauch seine Stirn berührte. Der Hafen, in welchem die vom östlichen Theben kommenden Fahrzeuge landeten, war überfüllt mit reichen Festbarken und dem Verkehr gewidmeten Booten. Die Mannschaft der ersteren, priesterlichen Genossenschaften und vornehmen Häusern angehörende Ruderknechte und Schiffsführer, pflegte der Ruhe, denn die Fahrgäste, welche sie über den Nil gesetzt hatten, zogen jetzt in langen Aufzügen den Gräbern entgegen. Unter einer weithin schattenden Sykomore hatte ein Verkäufer von Eßwaaren, geistigen Getränken und Essig zur Kühlung des Wassers, seinen Tisch aufgestellt, und in seiner Nähe schrieen und stritten Schiffer und Aufseher, die das Moraspiel Das lateinische «micare digitis» . Heute noch in Südeuropa häufig gespieltes Fingerspiel, das die alten Aegypter liebten und mehrmals abbildeten. Die auf den Denkmälern dargestellten Spiele finden sich zusammengestellt von Minutoli in der Leipziger Illustr. Zeitung 1852, S. 331 ff. mit Eifer betrieben. Viele Matrosen lagen auf dem Verdeck der Schiffe, andere aber am Ufer, hier unter dem undichten Blätterdach einer Palme, dort mitten in der Sonne, vor deren glühenden Strahlen sie sich schützten, indem sie das baumwollene Tuch, welches ihnen als Mantel diente, über ihr Angesicht breiteten. Zwischen diesen Schläfern hindurch wanderten in langen Reihen, Einer hinter dem Andern, braune und schwarze, unter dem Drucke von schweren Lasten gebeugte Hörige und Sklaven, welche die Lieferungen an die Tempel, die Opfergaben und die von den Händlern in der Nekropole bestellten Waaren ihrer Bestimmung entgegenzuführen hatten. Bauleute zogen auf Schlitten aus den Steinbrüchen von Chennu und Suan angelangte Quadern einer neu entstehenden Tempelanlage entgegen. Einige Handlanger gossen Wasser unter die Kufen, damit die Reibung nicht das belastete und ausgedörrte Holz entzünde. All' diese thätigen Leute wurden von ihren Aufsehern mit Stöcken angetrieben und sie sangen bei ihrer Arbeit; aber auch die Stimmen ihrer Chorführer, die sich am Abend, wenn nach der schlichten Mahlzeit die Zeit der Erholung gekommen war, laut genug vernehmen ließen, klangen jetzt gedämpft und heiser. Die vertrockneten Stimmbänder versagten in der Mittagszeit ihren Dienst. Dichte Mückenzüge folgten diesen geplagten Schaaren, die stumpf und mit gebrochener Widerstandskraft die Stiche der Insekten wie die Schläge der Vögte hinnahmen, und begleiteten sie bis in das Herz der Todtenstadt, wo sie sich zu Fliegen und Wespen gesellten, welche in unvertilgbaren Mengen die Schlächtereien, Garküchen, Fischbrätereien und Buden mit Fleisch, Gemüse, Honig, Backwaaren und Getränken umschwärmten, bei denen es, trotz der Glut des Mittags und der schwer zu athmenden, mit vielerlei Gerüchen und Staub gesättigten, erhitzten Lust, lebhaft genug herging. Je mehr man sich den libyschen Bergen näherte, je stiller ward es und über dem nordwestlichen, breiten Thal, in dessen südlichem Abhang der Vater des regierenden Königs seine tiefe Gruft hatte einhauen lassen und die Steinmetzen des Pharao ein Felsengrab für diesen Letzteren herstellten, herrschte die Ruhe des Todes. Eine neu angelegte Fahrstraße führte in diese felsige Schlucht, deren steile, gelben und braunen Wände, an manchen schwärzlichen Stellen von dem Brande der Sonne versengt und wie die in nächtlicher Stunde den Grüften entsteigenden Geisterheere des Schattens beraubt zu sein schienen. Am Eingange dieses Thales bildeten Felsblöcke eine Art von Thor und durch dieses zog, unbekümmert um die Hitze des Tages, eine kleine aber glänzend geschmückte Menschenschaar. Vier schmächtige, nur mit einem Schurze und einem bis auf ihre Rücken herabfließenden Kopftuche von Goldbrokat bekleidete Stabträger, halb Knaben, halb Jünglinge, liefen dem Zuge voraus. Die Mittagssonne spiegelte sich in ihrer glatten, rothbraunen, feuchten Haut und ihr elastischer nackter Fuß berührte kaum die Steine des Bodens. Ihnen folgte ein zierlicher zweirädriger Wagen, vor dem zwei braune Pferde tänzelten, welche rothe und blaue Federbüsche auf ihren feinen Köpfen wiegten, und durch die Haltung ihrer schön gebogenen Hälse und wallenden Schweife anzudeuten schienen, daß sie stolz wären auf die reichgestickten Schabracken in Silber, Blau und Purpur und den goldenen Zierat, der sie schmückte, mehr aber noch auf ihre schöne königliche Lenkerin, Bent-Anat, die Tochter des Ramses, auf deren leisesten Ruf sie ihre feinen Ohren spitzten und deren kleine Hand sie mit kaum wahrnehmbaren Bewegungen leitete. Zwei wie die Vorläufer gekleidete junge Männer folgten dem Wagen und hielten mit großen, an langen Stäben befestigten Wedeln von schneeweißen Straußenfedern die Sonnenstrahlen von dem Antlitz ihrer Gebieterin fern. Neben Bent-Anat wurde, so lange der Weg es gestattete, Nefert, die Gattin des Mena, in ihrer vergoldeten Sänfte von acht rothbraunen Leuten getragen, die in schnellem und taktmäßig eingeübtem Laufe nicht hinter den trabenden Rossen der Prinzessin und ihren schlanken Wedelträgern zurückzubleiben gewöhnt waren. Beide Frauen, die uns hier zum ersten Mal im vollen Lichte des Tages begegnen, waren von seltener, aber durchaus verschiedener Schönheit. Die Gattin des Mena hatte durchaus das Ansehen eines Mädchens behalten. Ihre großen, mandelförmigen Augen blickten erstaunt und träumerisch aus langen Wimpern hervor, aber ihre kaum mittelgroße, wohlgebildete Gestalt hatte sich, ohne ihre frühere Zierlichkeit einzubüßen, leicht gerundet. Kein Tropfen unägyptischen Blutes floß in ihren Adern, das lehrte die dunklere Farbenhaltung ihrer Haut, jenes warme, zwischen hellem Goldgelb und Bronzebraun in der Mitte stehende, frische und gleichmäßige Incarnat, das heute noch den abessinischen Mädchen so reizend steht, das zeigte ihre gerade Nase, ihre wohlgebildete Stirn, ihr schlichtes, aber starkes, rabenschwarzes Haar, und die Feinheit ihrer mit goldenen Reifen geschmückten Knöchel an Hand und Fuß. Die jungfräuliche Königstochter neben ihr hatte kaum ihr neunzehntes Lebensjahr erreicht und doch breitete sich über ihr Wesen etwas frauenhaft Selbstbewußtes. Ihr hoher Wuchs überragte den ihrer Freundin beinahe um eines Hauptes Länge, ihre Haut war heller, der Blick ihrer guten und klugen, blauen Augen ohne Schwärmerei, aber klar und entschieden, ihr Profil war edel, aber scharf geschnitten und dem ihres Vaters so ähnlich, wie eine schöne Landschaft im milden, alle Härten glättenden Scheine des Mondes der gleichen Landschaft im hellen Glanze des Mittags. Ihre kaum merklich gebogene Nase war das Erbtheil ihrer semitischen Voreltern Viele Porträts des Ramses sind bis auf uns gekommen; das schönste ist seine herrliche, zu Turin konservirte Statue, in deren seinem Profil mit der leicht gebogenen Nase man eine gewisse Aehnlichkeit mit dem des ersten Napoleon gefunden haben will. und das Gleiche galt wohl von der leichtgelockten Fülle ihres braunen Haares, über welche sich jetzt ein blau und weiß gestreiftes seidenes Kopftuch legte, dessen sorgfältig gelegte Falten durch einen goldenen Reifen zusammengehalten wurden, in dessen Mitte sich das mit einer Scheibe von Rubin gekrönte Haupt einer gehörnten Uräusschlange Gefährliche ägyptische Giftschlange, welche wegen ihrer schnellen Macht über Leben und Tod als Symbol des Königthums gewählt ward. Sie fehlt an keinem Diadem der Pharaonen. erhob. Von ihrer linken Schläfe aus hing eine starke, mit Goldfäden durchwebte Flechte, das Zeichen ihrer königlichen Geburt, bis auf ihre Brust herab. Sie trug ein purpurnes Kleid von beinahe durchsichtig feinem Gewebe, das von einem goldenen Gürtel und breiten Tragebändern festgehalten wurde. An ihrem Halse war wie ein breiter Kragen ein Halsband von Perlen und kostbaren Steinen befestigt, das bis auf ihre edelgeformte Brust herab reichte. Hinter der Prinzessin stand ihr Rosselenker, ein alter Offizier von vornehmer Herkunft. Den Wagen der fürstlichen Frauen folgten drei Sänften, in denen je zwei Hofbeamte saßen, sodann ein Dutzend zu jedem Dienste bereiter Sklaven, und endlich eine Schaar von Stockträgern zur Antreibung der Säumigen und von leicht bewaffneten Soldaten, welche, nur mit Schurz und Kopftuch bekleidet, ein dolchartiges Schwert im Gürtel, ein Beil in der rechten und zum Zeichen ihres friedlichen Dienstes einen Palmenzweig in der linken Hand trugen. Den ganzen in raschem Trab vorwärts eilenden Zug umschwärmten, wie die Delphine ein Meerschiff, kleine Mädchen in langen, hemdenartigen Kleidern, die Wasserkrüglein auf den klugen Köpfen trugen und auf den Wink jedes Durstenden zur Hand waren, um ihn zu tränken. Mit Gazellenfüßen jagten sie oft den trabenden Rossen voran, und besonders zierlich erschien bei den größeren unter ihnen die Biegung des den Krug im Gleichgewicht haltenden Armes. Die Höflinge redeten unter einander, gekühlt und beschattet von duftenden Wedeln, kaum berührt von der Hitze des Mittags, in behaglicher Breite über gleichgültige Dinge und die Prinzessin beklagte ihre armen Pferde, welche fortwährend von lästigen Bremsen beunruhigt wurden, während die Vorläufer und Soldaten, die Sänften- und Wedelträger, die Kinder mit ihren Krüglein und die keuchenden Haussklaven unter den Strahlen der Mittagssonne ihre Kräfte im Dienste ihrer Gebieter so rücksichtslos anzuspannen gezwungen wurden, daß ihre Sehnen zu springen und ihre Lungen zu zerreißen drohten. Bei einer Erweiterung des Weges, von deren rechter Seite das kühn gebogene Querthal ausging, in welchem die letzten Könige des entthronten Herrscherhauses bestattet waren, hielt der Zug auf ein Zeichen des der Prinzessin entgegenfahrenden Paaker, welcher seine feurigen syrischen Rappen mit so harter Faust lenkte, daß blutiger Schaum von ihren Gebissen herniederfiel. Nachdem der Mohar S. Anmerkung 29 . die Zügel in die Hand eines Dieners gelegt hatte, sprang er vom Wagen und sagte nach den üblichen Begrüßungsförmlichkeiten; »In diesem Thale befindet sich das widerliche Nest der Leute, denen Du, Prinzessin, so hohe Gnade zu erweisen gedenkst. Erlaube mir, daß ich Deinem Zuge als Führer voranfahre. In wenigen Minuten sind wir am Ziele.« »So gehen wir zu Fuße,« sagte die Prinzessin, »und lassen unser Gefolge hier zurück.« Paaker verneigte sich, Bent-Anat warf ihrem Rosselenker die Zügel zu und schwang sich von dem Wagen, die Gattin des Mena und die Höflinge verließen ihre Sänften, und schon schickten sich die Wedelträger und Kammerherren an, ihre das Querthal betretende Herrin zu begleiten, als diese sich umwandte und befahl; »Ihr bleibt Alle zurück; nur Paaker und Nefert gehen mit mir.« Die Prinzessin eilte rüstig auf dem ebenen Boden der von der Mittagsglut erhitzten Schlucht dahin, mäßigte aber ihre Schritte, sobald sie bemerkte, daß es der zarteren Nefert schwer wurde, ihr zu folgen. An einer Krümmung des Weges blieb der Mohar stehen und mit ihm Bent-Anat und Nefert. Keines von ihnen hatte während ihrer Wanderung ein Wort gesprochen. Das Thal war ganz still und ganz öde. Auf den höchsten Zinnen der Bergwand, die sich zu seiner Rechten senkrecht erhob, saß eine lange Reihe von Geiern, regungslos und als hätte die Hitze des Mittags die Kraft ihrer Schwingen gelähmt. Paaker verneigte sich vor ihnen, als vor den heiligen Thieren der großen Göttin von Theben Die mit Amon und Chunsu eine Trias bildende Muth . Ihnen war das große Reichsheiligthum (der Tempel von Karnak) geweiht. und die beiden Frauen thaten es ihm schweigend nach. »Dort,« sagte der Mohar, und zeigte mit dem Finger auf zwei hart an der linken Thalwand aus Ziegeln von getrocknetem Nilschlamm aufgeführte Hütten; »dort die besser erhaltene neben der Höhle im Felsen.« Bent-Anat schritt dieser einsamen Niederlassung mit klopfendem Herzen entgegen. Paaker ließ den Frauen den Vortritt. Noch wenige Schritte, und sie standen vor einem kunstlos zusammengeflochtenen Zaune von Rohrstäben, Palmenzweigen, Dornen und Stroh. Ein herzzerreißendes, von der Hütte ausgehendes Jammergeschrei durchzitterte die Luft und hemmte den Fuß der Frauen. Nefert erbebte und schmiegte sich an ihre stärkere Gefährtin, deren Herzschlag sie zu vernehmen glaubte. Beide standen während einiger Minuten wie gebannt, dann rief die Prinzessin den Mohar und sagte. »Geh' Du uns voran in die Hütte.« Paaker verneigte sich tief und sagte. »Ich werde den Mann rufen, aber wie dürften wir seine Schwelle überschreiten? Du weißt, daß uns solches Unterfangen verunreinigen würde.« Nefert schaute Bent-Anat bittend an, diese befahl aber: »Geh' mir voran; ich fürchte die Verunreinigung nicht!« Der Mohar zauderte noch immer und rief: »Willst Du die Götter erzürnen und Dir selbst . . .« Aber die Prinzessin ließ ihn nicht aussprechen, winkte Nefert, welche entsetzt und abwehrend die Hände erhob, zuckte die Achseln, ließ ihre Gefährtin bei dem Mohar zurück und trat durch eine Oeffnung des Zaunes in einen kleinen Hof, woselbst zwei braune Ziegen lagen, ein Esel mit gekoppelten Vorderbeinen stand und einige Hühner, die vergeblich nach Futter suchten, Staub aufscharrten. Bald stand sie allein vor der geöffneten Thür der Hütte des Paraschiten. Niemand bemerkte sie, sie aber vermochte ihre an Pracht und Ordnung gewöhnten Augen nicht abzuwenden von dem düstern, aber wunderbar eigentümlichen Bilde, das ihr hier Herz und Sinn fesselnd entgegentrat. Endlich näherte sie sich der Thür, die zu klein war für die Höhe ihres Wuchses. Ihr Herz zog sich krampfhaft zusammen und sie hätte gewünscht, sich selbst verkleinern zu können und statt in prächtigem Schmuck zu glänzen, von einem Bettlergewand verhüllt zu sein. Mit Gold und Edelsteinen behängt sollte sie in diese Hütte treten wie zum Hohn, wie ein Tyrann, der, während er an brechenden Tafeln schmaust, verhungernde Bettler zwingt, seiner Mahlzeit zuzuschauen. Ihre fein empfindende Seele fühlte, in wie schneidender Disharmonie ihre Erscheinung zu demjenigen stand, was sie hier umgab, und dieser Mißklang schmerzte sie, denn sie konnte sich nicht verhehlen, daß hier Elend und äußere Kleinheit den Ton anzugeben berechtigt wären und daß ihre Herrlichkeit sich nicht besonders erhaben ausnehme unter all' diesen winzigen Dingen, unter Staub, Dunst und Jammer, sondern disproportionirt und häßlich, wie eine Riesengestalt unter Zwergen. Schon war sie zu weit gegangen, um umkehren zu können, aber sie hätte es gern gethan. Sie fühlte, je länger sie in diese Hütte schaute, tiefer und tiefer die Ohnmacht ihres fürstlichen Vermögens, die Nichtigkeit der reichen Gaben, mit denen sie nahte, und daß sie den staubigen Boden dieser armen Hütte nicht anders betreten dürfe, als in aller Demuth und als eine um Vergebung Bittende. Der Raum, welchen sie übersah, war niedrig, aber nicht gerade klein, und empfing durch zwei einander kreuzende Lichtströmungen eine seltsame, ungleichmäßige Beleuchtung. Die eine fand ihren Eingang durch die Thür, die andere durch eine Oeffnung in der altersschwachen Decke des Zimmers, welches noch niemals so viele und so verschiedenartige Gäste beherbergt hatte als heute. Aller Aufmerksamkeit richtete sich auf eine von dem Thürlichte hell beleuchtete Gruppe. Auf dem staubigen Boden des Gemachs kauerte ein altes Weib mit verwitterten, dunklen Zügen und wirren, längst ergrauten Haaren. Ihr schwarzblaues, hemdenartiges Baumwollenkleid war geöffnet und ließ auf ihrer verdorrten Brust einen blauen, ihr eintätowirten Stern sehen. In ihrem Schooße lag das von ihren Händen gestützte Haupt eines Mädchens, dessen schlanker Leib auf einer schmalen, zerrissenen Matte regungslos ruhte. Die kleinen, weißen Füße der Kranken berührten beinahe die Schwelle der Thür. Neben ihnen hockte ein alter, freundlicher Mann, der nur mit einem groben Schurze bekleidet und in sich zusammengesunken, sich dann und wann vorbeugte, um die Fußsohlen des Mädchens mit seinen mageren Händen zu reiben und leise Worte vor sich hin zu murmeln. Die Leidende trug nichts als ein kurzes Röckchen von grobem, hellblauen Stoff. Ihr im Schooße der Alten ruhendes Antlitz war zart und ebenmäßig geformt, ihre Augen waren halb geschlossen, wie die der Kinder, deren Seele ein süßer Traum umfängt, aber an ihren schön geschnittenen Lippen zeigte sich von Zeit zu Zeit ein schmerzliches, fast krampfhaftes Zucken. Volles weiches, aber ungeordnetes, rothblondes Haar, in dem einige verdorrte Blumen hingen, floß von ihrem Scheitel über den Schooß der Alten und die Matte hin, auf der sie lag. Ihre Wangen waren weiß und rosenroth, und wenn der junge Arzt Nebsecht, der neben seinem blinden, dumpfe Litaneien singenden Gefährten an ihrer Seite saß, das zerrissene Tuch, welches man über ihren jungfräulichen, von dem Rade des Wagens verletzten Busen gelegt hatte, lüftete, oder wenn sie ihren zarten Arm erhob, so zeigte es sich, daß sie an schimmernder Weiße jenen Töchtern des Nordlandes glich, die unter den Kriegsgefangenen des Königs nicht selten nach Theben kamen. Zur linken Seite des Mädchens saßen auf einem kleinen Teppich die beiden aus dem Setihause hieher gesandten Heilkünstler. Von Zeit zu Zeit legte der eine oder der andere seine Hand auf die Stelle des Herzens der Leidenden, oder behorchte ihren Athem, oder öffnete seinen Arzneikasten, um den Umschlag auf ihrer leidenden Brust mit einem weißlichen Heilmittel zu befeuchten. In weiterem Kreise, in der Nähe der Wände des Raumes hockten mehrere jüngere und ältere Weiber, Freundinnen des Paraschitenhauses, die von Zeit zu Zeit durch ein gellendes Jammergeschrei der Tiefe ihres Mitgefühls Ausdruck gaben. Eine von ihnen erhob sich in regelmäßigen Zwischenräumen und füllte das irdene Becken zur Seite der Aerzte mit frischem Wasser. So oft die Kühle eines neuen Umschlags die heiße Brust der Kranken erschreckte, öffnete sie die Augen und wandte sie sodann, – immer nur, um sie bald wieder auf längere Zeit zu schließen, – erst überrascht, dann aber mit frommer Ehrfurcht nach einem bestimmten Punkte hin. Diese Blicke waren bisher unbemerkt geblieben von Demjenigen, auf den sie sich richteten. An die rechte Wand des Zimmers gelehnt, stand in seinem langen, schneeweißen Priesterkleide der auf die Prinzessin harrende Pentaur. Sein Scheitel berührte die Decke des Zimmers und der durch die Oeffnung in der letzteren strömende schmale Lichtstreifen umfloß sein schönes Haupt und seine Brust, während Alles, was ihn umgab, von dämmerndem Dunkel bedeckt war. Wieder erhob sich der Blick der Kranken und begegnete dießmal dem Auge des jungen Priesters, der alsbald seine Hand erhob und halb mechanisch mit leiser Stimme einige Worte des Segens sprach, dann aber von Neuem unverwandt auf den dunklen Boden der Hütte herniederschaute, um seinen eigenen Gedanken nachzuhängen. Vor mehreren Stunden war er gekommen, um, gehorsam dem Befehle des Oberpriesters Ameni, der Prinzessin einzuschärfen, daß sie sich durch die Berührung des Paraschiten beflecke und nur durch die Hand der Priester die Reinheit zurückzuerlangen vermöge. Ungern hatte er die Schwelle des Paraschiten betreten und wie ein Unglück bedrückte ihn der Gedanke, daß gerade er auserlesen worden sei, um eine Handlung edler Menschlichkeit zu brandmarken und ihre Thäterin dem strafenden Richter zu überweisen. Pentaur hatte im Verkehr mit seinem Freunde Nebsecht manche geistige Fessel abgeworfen und manchem Gedanken Raum gegeben, den seine Meister für sündhaft und aufrührerisch erklärt haben würden, und dennoch erkannte er die Heiligkeit der alten Satzungen an, welche diejenigen schirmten, die er als die von Gott bestellten Hüter des geistigen Besitzes seines Volkes anzusehen gelernt hatte; auch war er nicht frei von jenem Kastenstolz und geistigen Hochmuth, die den Priestern mit klugem Vorbedacht anerzogen wurden. Er stellte den gemeinen Mann, der seine Kräfte einsetzt, um in redlicher, körperlicher Arbeit den Unterhalt für die Seinen zu erringen, den Kaufmann, Handwerker und Bauer, ja selbst den Krieger und vor Allem den der Sinnenlust ergebenen Müßiggänger tief unter die nach geistigen Zielen strebenden Standesgenossen. Die durch das Gesetz Gebrandmarkten hielt er für unrein, und wie hätte er auch anders gekonnt! Diese Leute, welche bei der Mumisirung der Todten den Leib des Leichnams öffneten, waren wegen dieses ihres, das heilige Gefäß der Seele schädigenden Berufs geächtet worden Diodor I, 91. ; aber kein Paraschit wählte freiwillig seinen sich vom Vater auf den Sohn vererbenden Stand, und wer als Paraschit geboren wurde, der hatte, so war er belehrt worden, – eine alte Schuld zu büßen, mit der sich seine Seele, welche damals von einem andern Körper umhüllt gewesen war, vor einer langen Zeitperiode belastet und der Seligsprechung im Jenseits beraubt hatte. Durch viele Thierleiber war sie gewandelt, um nun in dem Paraschitenkind eine neue Laufbahn zu beginnen und sich nach dem Tode von Neuem den Richtern in der Unterwelt zu stellen. Mit Widerwillen hatte er die Schwelle des Geächteten überschritten, der schon, als er sich seiner Hütte nahte, zu Füßen des leidenden Mädchens gesessen und bei seinem Eintritt ausgerufen hatte: »Noch ein Weißgekleideter. Wäscht denn das Unglück den Unreinen rein?« Pentaur hatte dem Alten nichts erwiedert und dieser berücksichtigte ihn nicht weiter, denn er rieb die Fußsohlen der Kranken auf Befehl des Arztes und seine Hände blieben, von zärtlicher Besorgniß getrieben, ohne zu ermüden in steter Bewegung, wie das Schöpfrad im Nil durch den Strom ohne Unterlaß im Gang erhalten wird. »Wäscht das Unglück den Unreinen rein?« fragte sich Pentaur. »Wohl besitzt es reinigende Gewalt und sollte die Gottheit, die dem Feuer die Kraft gab, das Metall zu läutern, und dem Winde, den Himmel von Gewölk zu befreien, es gewollt haben, daß ein Ebenbild ihres eigenen Wesens, ein Mensch von seiner Geburt bis zu seinem Ende mit einem unvertilgbaren Makel behaftet sei?« Er schaute auf den Paraschiten und das Antlitz desselben schien ihm dem seines Vaters zu gleichen. Das erschreckte ihn. Als er aber wahrnahm, wie sich die Frau, in deren Schooß das Haupt der Kranken ruhte, so ängstlich wie eine Taube, auf die ein Habicht herniederschießt, über die wunde Brust des Mädchens beugte, um seinen Athem zu belauschen, der ihr zum Stillstand gelangt zu sein schien, da erinnerte er sich an eine Stunde aus seiner eigenen Kinderzeit, in der er, von Fieber geschüttelt, auf seinem Bettchen gelegen hatte. Was damals mit ihm selbst und in seiner Umgebung vorgegangen war, hatte er längst vergessen, aber ein Bild hatte sich tief in seine Seele geprägt und dieß war das des über ihm schwebenden, mit Todesangst erfüllten Antlitzes seiner Mutter, deren Augen doch nicht zärtlicher und besorgter auf ihren kranken Sohn geblickt hatten, als die des geächteten Weibes auf ihr leidendes Kind. »Es gibt nur eine ganz selbstlose, ganz reine, ganz göttliche Liebe,« sagte er sich, »und das ist die der Isis zum Horus, der Mutter für ihr Kind. Wären diese Menschen wirklich so unrein, daß sie Alles schändeten, was sie berührten, wie konnten dann diese so lauteren, so zarten, so heiligen Triebe auch in ihnen ihre Reinheit und Schönheit bewahren? »Aber,« so fuhr er zu denken fort, »die Himmlischen legen ja auch in die Brust der Löwin und des typhonischen Nilpferds die Mutterliebe!« Bedauerlich schaute er auf die Paraschitenfrau. Da sah er, wie sich ihr dunkles Gesicht von der Kranken abwandte. Sie hatte deren Athem vernommen und ein glückseliges Lächeln verklärte ihre gealterten Züge und sie nickte erst dem Arzt und dann mit einem tiefen Athemzug ihrem Manne zu, und dieser Letztere ließ seine linke Hand an der Sohle der Kranken nicht ruhen, die rechte hob er aber betend in die Höhe und sein Weib that das Gleiche. Es war Pentaur, als schaue er die Seelen der Beiden in heiliger Gemeinschaft über dem jungen Wesen schweben, das ihre Hände verband, und wiederum dachte er an sein elterliches Haus und die Stunde, in der ihm sein süßes, einziges Schwesterchen gestorben war. Da hatte seine Mutter sich weinend über das bleiche Kind geworfen, der Vater aber hatte mit dem Fuße gestampft, den Kopf schluchzend zurückgeworfen und sich mit der Faust die Stirn geschlagen. »Wie fromm ergeben und dankbar diese Unreinen sind!« dachte Pentaur und Unwillen gegen die alte Satzung begann in seinem Herzen Wurzel zu fassen. »Mutterliebe ist auch der Hyäne eigen, aber Gott suchen und finden, kann nur der edlen Zwecken zugewandte Mensch. Bis zu den Grenzen der Unendlichkeit, und die Gottheit ist ewig, – bleibt es den Thieren zu denken versagt; ja sie können nicht einmal lächeln. Das vermögen die Menschen auch nicht in den ersten Tagen, denn dann wohnt ihnen nur die Lebenskraft, die Thierseele inne, bald aber wird ein Theil der Weltseele, der leuchtenden Intelligenz in ihnen wirksam und kommt zum ersten Male zur Erscheinung im Lächeln des Kindes, das nicht weniger rein ist, als das Licht und die Wahrheit, von denen es herstammt. Das Paraschitenkind lächelt wohl auch wie jedes andere, von einem Weibe geborene Wesen, aber wie wenige alternde Menschen gibt es selbst unter den »Eingeweihten«, die noch so rein und verklärt zu lächeln vermögen, wie diese in lauter Bitternissen gealterte Frau!« Ein tiefes Mitgefühl begann sein Herz zu erfüllen und er kniete zur Seite des armen Kindes nieder, erhob seine Arme und betete inbrünstig zu dem Einen, der den Himmel geschaffen hat und die Welt regiert, dem Einen, den das Mysterium ihm zu nennen verbot, und nicht zu den zahllosen Göttern, die das Volk verehrte, und die ihm nichts waren als vermenschlichte und so dem Verständniß der Laien näher gerückte Eigenschaften des einen und einzigen Gottes der Eingeweihten, zu denen auch er gehörte. In leidenschaftlicher Erregung wandte er die Seele zu Gott; aber er bat nicht für das Paraschitenkind und seine Genesung, sondern für das ganze geächtete Geschlecht und seine Erlösung aus dem alten Bann, um Erleuchtung für seine von Zweifeln befangene Seele und um die Kraft, seine schwierige Aufgabe mit Einsicht zu lösen. Die Blicke der Kranken folgten ihm, als er wieder seinen alten Platz einnahm. Das Gebet hatte ihn erfrischt und ihm die Freudigkeit seines Geistes zurückgegeben. Er begann zu erwägen, welches Verhalten er der Prinzessin gegenüber zu beobachten haben werde. Bent-Anat war ihm gestern nicht zum ersten Male begegnet; vielmehr hatte er sie häufig bei feierlichen Aufzügen und hohen Festen in der Nekropole gesehen und, wie all' seine jungen Standesgenossen, ihre stolze Schönheit bewundert, bewundert wie den unnahbaren Glanz der Sterne oder das Abendglühen am fernen Horizonte. Jetzt sollte er sich dieser Frau mit strafender Rede nahen. Er stellte sich den Augenblick vor, in dem er ihr entgegentreten werde, und konnte sich dabei nicht enthalten, an seinen kleinen Lehrmeister Chufu zu denken, den er schon als Knabe um zweier Häupter Länge überragt hatte, wenn er ihm von »unten her« seine Zurechtweisungen zurief. Zwar war er groß und schlank, aber es war ihm doch, als sollte ihm heute Bent-Anat gegenüber die Rolle des vielbelachten Männchens zufallen. Sein für das Komische empfindlicher Sinn fühlte sich angeregt und verlangte sein Recht nach so ernsten Stunden und in so trauriger Umgebung. Das Leben ist reich an Gegensätzen und eine empfängliche und volle Menschennatur würde wie eine Brücke unter dem gleichmäßigen Taktschritte der Soldaten zusammenbrechen, wenn es ihr gestattet wäre, die Wucht der schwersten Gedanken und mächtigsten Gefühle in ungestörter Gleichmäßigkeit auf sich wirken zu lassen. Aber wie jeder Grundton in der Musik seine Nebentöne besitzt, so schwingen, wenn wir eine Saite unseres Herzens zum langen Ausklingen veranlassen, allerlei fremde Klänge mit und oft solche, die wir am wenigsten erwarten möchten. Pentaur's Augen überflogen den einzigen dumpfen, mit Menschen überfüllten Raum der Paraschitenhütte und wie ein Blitz durchflog der Gedanke: »Wie wird die Prinzessin mit ihrem Gefolge hier Platz finden?« sein Gehirn. Seine Phantasie ward lebendig und zeigte ihm mit heiterer Geschäftigkeit, wie die Pharaonentochter mit einer Krone auf dem stolzen Haupt in dieß stille Gemach hineinrauschen, wie ihre Höflinge ihr schwatzend folgen und die Frauen von den Wänden, die Aerzte von der Seite der Kranken, die glatte weiße Katze von der Truhe, auf der sie saß, drängen würden. Es mußte ein ungeheures Durcheinander geben! Dabei stellte er sich vor, wie die geputzten Herren und Frauen sich ängstlich von dem »Unreinen« fern halten, die zarten Hände vor Mund und Nase pressen und dem Alten zuraunen würden, wie er sich gegen das ihn beglückende Königskind zu benehmen habe. Die Greisin mußte das in ihrem Schooße ruhende Haupt, der Paraschit die Füße, die er so sorgfältig gerieben hatte, zu Boden fallen lassen, aufstehen und den Staub vor Bent-Anat küssen. Dabei, – das Alles zeigte sich dem innern Auge des jungen Priesters –, stießen sich die Höflinge, die vor ihm flohen und sich in eine Ecke zusammendrängten, und endlich warf die Prinzessin dem Vater, der Mutter und vielleicht auch dem Mädchen einige silberne oder goldene Ringe in den Schooß, und es war ihm, als hörte er die Höflinge drinnen rufen: »Heil der Gnade der Tochter der Sonne!« als vernehme er das Jubelgeschrei der aus der Hütte gedrängten Weiber, als sähe er den glänzenden Spuk die Wohnung des Geächteten verlassen und dann statt der immer hörbarer athmenden, lieblichen Kranken eine stille Leiche auf der verschobenen Matte liegen und an Stelle der beiden Pfleger zu ihren Füßen und bei ihrem Haupte zwei jammererfüllte, lautklagende Unglückliche. Pentaur's feurige Seele erfüllte sich mit Zorn. Sobald sich der lärmende Zug in Wirklichkeit nahen würde, wollte er sich vor die Thür der Hütte stellen, der Prinzessin den Eingang verwehren und sie mit strengen Worten empfangen. Menschenliebe konnte sie schwerlich hieher führen! »Man braucht eine Abwechslung,« sagte er sich, »etwas Neues bei Hofe, denn es geht da wenig vor, wenn der König bei den Truppen im fernen Auslande weilt, es kitzelt die Eitelkeit der Großen, sich einmal neben den Kleinsten zu stellen, und man läßt die Leute gern von seiner Herzensgüte reden. Da kommt so ein kleiner Unfall gelegen, es lohnt nicht die Mühe, zu erwägen, ob die Form unserer Gnade so armselige Leute beglücken oder beschädigen wird.« Er biß die Zähne ingrimmig zusammen und dachte nicht mehr an die Verunreinigung, die Bent-Anat von Seiten des Paraschiten drohe, sondern ausschließlich an die Entweihung, welche von ihrer Seite den heiligen, in diesem stillen Raume lebendigen Gefühlen bevorstand. Schwärmerisch erregt wie er war, konnte es seinen beredten Lippen nicht an ergreifenden Worten fehlen. Wie ein Geist des Lichts, der die Waffe erhebt, um einen Dämon der Finsterniß zu vernichten, stand er hoch aufgerichtet und tief athmend da und lauschte in das Thal hinaus, um den Ruf der Läufer und das Gerassel der Räder des Prunkzuges, den er erwartete, bei Zeiten zu vernehmen. Da sah er, wie sich die Thüröffnung verdunkelte und eine tief gebückte Gestalt mit über der Brust gekreuzten Armen das Zimmer betrat, um sich schweigend neben der Kranken niederzulassen. Die Aerzte und die Alten regten sich und wollten sich erheben; sie aber winkte ihnen, ohne die Lippen zu öffnen, mit ausdrucksvollen, feuchten Blicken, an ihrem Platz zu verbleiben, schaute der Kranken lang und liebreich in's Gesicht, streichelte ihren weißen Arm und wandte sich an die Alte, um ihr leise zuzuflüstern: »Wie schön sie ist!« Die Paraschitenfrau nickte zustimmend und das Mädchen lächelte und bewegte die Lippen, als habe es diese Worte verstanden und begehre zu sprechen. Da löste Bent-Anat eine Rose aus ihrem Haar und legte sie ihr auf die Brust. Der Paraschit hatte die Füße der Kranken nicht aus der Hand gelassen, war aber jeder Bewegung der Prinzessin gefolgt und flüsterte jetzt: »Das vergelte Dir Hathor, die Dir Deine Schönheit gegeben.« Die Königstochter wandte sich ihm zu und sagte, noch immer neben dem Mädchen knieend. »Vergib mir den Schmerz, den ich euch ungern bereitet.« Da richtete sich der Alte auf, ließ die Füße der Kranken fallen und fragte mit lauter, klangvoller Stimme. »Bist Du Bent-Anat?« »Ich bin es,« erwiederte die Prinzessin tief gebückt und so leise, als habe sie sich ihres stolzen Namens zu schämen. Des Alten Augen flammten auf. Dann sagte er leise, aber bestimmt: »So verlaß meine Hütte, denn sie wird Dich verunreinigen.« »Nicht, eh' Du mir vergeben hast, was ich ungern gethan.« »Was Du ungern gethan,« wiederholte der Paraschit, »das glaub' ich! Die Hufe Deiner Pferde wurden unrein, als sie auf diesen weißen Busen traten! Sieh' her,« – und er nahm das Tuch von der Brust der Kranken und zeigte auf die schwere rothe Wunde. »Sieh' her; das ist die erste Rose, die Du meiner Enkelin auf die Brust gelegt hast, und die zweite da, da –« Der Paraschit erhob seinen Arm, um die Blume durch die Thür seiner Hütte zu schleudern. Aber Pentaur hatte sich ihm genähert und hielt mit einem eisernen Griff die Hand des Alten fest. »Halt!« rief er dabei mit bebender, aber um der Kranken willen gedämpfter Stimme. »Die dritte Rose, welche diese edle Hand Dir reichte, hat sie Dein gekränktes Herz und Dein blöder Sinn nicht wahrzunehmen vermocht? Und doch! Du müßtest sie kennen, und wär' es nur durch Dein Bedürfniß, durch Deine Sehnsucht nach ihr. Die holde Blume der reinen Menschlichkeit legte diese stolze Fürstin Deinem Kind auf's Herz und Dir zu Füßen. Nicht mit Gold, sondern mit Demuth kam sie zu Dir, und wem die Tochter des Ramses also naht, als wäre er ihresgleichen, der neige sein Haupt und wäre er der erste Fürst dieses Landes! Wahrlich, die Götter werden Bent-Anat solches Thun nicht vergessen; Du aber vergib, wenn anders Du willst, daß Dir die Schuld vergeben werde, die Du als Erbtheil Deiner Väter und durch Deine eigenen Sünden trägst!« Der Paraschit neigte sein Haupt bei diesen Worten, und als er es wieder erhob, war der Zorn aus seinen fein geformten Zügen verschwunden. Er rieb sein Handgelenk, das Pentaur's eiserne Finger gequetscht hatten, und sagte mit einer Stimme, aus der die ganze Bitterkeit seiner Empfindungen wiedertönte; »Deine Faust ist hart, Priester, und Deine Worte treffen wie Hammerschläge. Diese schöne Frau ist auch gut und liebreich und sie hat ihre Pferde, das weiß ich, nicht mit Fleiß über die Kleine getrieben, die mein Enkelkind ist und nicht meine Tochter. Wäre sie Dein Weib oder das des Arztes dort, oder das Kind der armen Frau da drüben, die ihr Leben fristet, indem sie die Federn und Füße des Geflügels sammelt, das man bei den Opfern schlachtet, ich würde ihr nicht nur verzeihen, sondern sie trösten, denn sie wäre mir ja ähnlich geworden; das Schicksal hätte sie ohne ihre Schuld zur Mörderin gemacht, wie es mir schon als Säugling den Stempel der Unreinheit aufdrückte. Ja, ich wollte sie trösten! Und ich bin ja auch wenig empfindlich! Heilige Dreiheit von Theben , wie sollt' ich es sein! Groß und Klein geht mir aus dem Weg, um nicht von mir berührt zu werden, täglich wirft man mich, wenn ich verrichtet habe, was meines Amtes ist, mit Steinen. »Alsdann schneidet der Paraschit mit einem äthiopischen Steine so weit durch das Fleisch der Leiche, als das Gesetz es vorschreibt; aber er entflieht sofort in Eile und die Verwandten des Verstorbenen verfolgen ihn mit Steinwürfen und Flüchen, als ob sie die Schuld auf ihn wälzen wollten.« Diodor I. 91. Die Erfüllung der Pflichten, welche Andere nährt, macht ihnen Freude und bringt ihnen Ehre zugleich, mir aber täglich neue Schmach und schmerzende Beulen. Aber ich grolle keinem Menschen und habe vergeben – vergeben – vergeben müssen, bis mir endlich Alles, was man mir anthat, natürlich schien und unvermeidlich und ich's hinnahm wie den Sonnenbrand im Sommer oder den Staub, den mir der Westwind in's Gesicht treibt. Es freute mich nicht, aber was konnt' ich dagegen thun? Allen verzieh ich . . « Die Stimme des Paraschiten war weich geworden und Bent-Anat, die mit Rührung auf ihn herniedersah, unterbrach ihn, indem sie mit Innigkeit rief: »Und so verzeihe auch mir, Du armer Mann!« Der Alte schaute geflissentlich nicht auf sie, sondern auf Pentaur hin, als er erwiederte: »Armer Mann! Ja wohl, armer Mann. Ihr habt mich aus der Welt gestoßen, in der ihr lebt. und so gestaltete ich mir in dieser Hütte meine Welt für mich. Ich gehöre nicht zu euch und wenn ich das vergesse, so verjagt ihr mich wie einen ungebetenen Gast, ja wie den Wolf, der in eure Hürden bricht; aber ihr gehört eben so wenig zu mir, nur muß ich's eben dulden, wenn ihr den Wolf spielen und mich überfallen wollt.« »Als Bittende und mit dem Wunsch, euch wohlzuthun, betrat die Prinzessin Deine Hütte,« sagte Pentaur. »Das,« rief der Alte, »sollen die strafenden Götter ihr zugute schreiben, wenn sie an ihr heimsuchen, was ihr Vater an mir verbrochen hat. Vielleicht bringt mich's in die Steinbrüche, aber gesagt muß es werden. Sieben Söhne waren mein und alle hat Ramses mir genommen und in den Tod geschickt; das Kind des Jüngsten, dieß Mädchen, den Sonnenschein meiner dunklen Hütte, mordet jetzt seine Tochter. – Drei von meinen Knaben ließ der König bei den Zwangsarbeiten unten am Tenat, Wörtlich »der Durchstich«; der von Seti I., dem Vater des Ramses, angelegte erste »Suezkanal«, von dem sich eine Darstellung an der nördlichen Außenwand des Tempels von Karnak findet. Er hielt ungefähr die Richtung des v. Lesseps'schen Süßwasserkanals und gab der Landschaft Gosen ihre Fruchtbarkeit. Vielleicht verband er auch nach Norden hin die Seen auf der Landenge von Suez. der den Nil mit dem Schilfmeere verbinden soll, verdursten, drei von den Aethiopiern erschlagen und den letzten, den Stern meines Auges, fressen jetzt wohl die Hyänen des Nordlands.« Bei diesen Worten brach die Alte, in deren Schooß das Haupt der Kranken ruhte, in ein Klagegeschrei aus, in welches die anderen Weiber einstimmten. Die Leidende fuhr erschrocken auf und öffnete die Augen. »Um wen klagt ihr?« fragte sie leise. »Um Deinen armen Vater,« sagte die Alte. Da lächelte das Mädchen wie ein Kind, welches wahrnimmt, daß man ihm eine wohlwollende Täuschung bereitet, und sprach: »Mein Vater wäre noch nicht bei euch gewesen? Er ist aber hier in Theben und hat mich gesehen und geküßt, und gesagt, daß er Beute mitbringt und daß ihr es von nun an gut haben solltet. Den goldenen Ring, den er mir schenkte, band ich in mein Kleid, als der Wagen auf mich zubrauste. Ich zog noch an dem Knoten, da wurde es schwarz vor meinen Augen und ich sah und hörte nichts mehr. Mach' ihn nur auf, Großmutter, der Ring ist Dein. Ich wollte ihn Dir bringen. Du sollst ein Opferthier dafür kaufen und Wein für den Großvater und Augensalbe Aegyptisch Mestem, d. i. stibium oder Spießglas, das schon sehr früh von Asiaten in Aegypten eingeführt und allgemein gebraucht ward. für Dich und Mastixzweige, Werden heute noch des angenehmen Geschmackes wegen von den Aegypterinnen gern gekaut. Die alten Aegypter brauchten verschiedenartige Mundpillen. Rezepte für solche finden sich im Papyrus Ebers. die Du Dir schon lange nicht gönnen konntest.« Der Paraschit sog diese Worte von dem Munde seiner Enkelin. Wieder erhob er betend seine Rechte, wieder bemerkte Pentaur, daß sich sein Blick mit dem seines Weibes verschmolz, und ein schwerer, warmer Tropfen rann aus seinen alten Augen auf seine schwielige Hand. Dann schrak er zusammen, denn er dachte, die Kranke sei von einem Traumgesichte getäuscht worden. Aber da war der Knoten in ihrem Röckchen. Mit zitternder Hand öffnete er ihn und ein goldenes Ringlein rollte zu Boden. Bent-Anat hob es auf, reichte es dem Paraschiten und sagte. »In glücklicher Stunde kam ich zu Dir, denn Du hast einen Sohn zurückgewonnen und Deine Enkelin wird leben!« »Sie wird leben,« wiederholte der Arzt, welcher ein stummer Zeuge des Geschehenen gewesen war. »Sie wird uns bleiben,« murmelte der Paraschit und sagte, indem er sich aus seinen Knieen der Prinzessin näherte und sie flehend mit seinen feuchten Augen ansah: »Vergib mir, wie ich Dir vergebe, und wenn ein frommer Wunsch nicht zum Fluche wird auf den Lippen eines Geächteten, so laß Dich segnen.« »Ich danke Dir,« sagte Bent-Anat, gegen die der Alte die Hände segnend erhob. Dann wandte sie sich an den Arzt, befahl ihm, die Kranke sorgsam zu pflegen, neigte sich über sie, küßte ihre Stirn, legte ihr goldenes Armband neben sie hin und winkte Pentaur, der mit ihr die Hütte verließ. Sechstes Kapitel. Während der geschilderten Vorgänge waren der Wegeführer des Königs und die junge Gattin des Rosselenkers Mena gezwungen, auf die Prinzessin zu warten. Die Sonne hatte, als Bent-Anat den Hof der Paraschitenhütte betrat, in der Mittagshöhe gestanden. Die nackten Kalkberge an beiden Seiten des Thales und der sandige Boden zwischen ihnen glänzten in hellem, dem Auge wehthuendem Weiß. Keine Handbreit Schatten ließ sich sehen und die Wedelträger der Wartenden waren auf Befehl der Prinzessin bei den Wagen und Sänften zurückgeblieben. Eine Zeitlang standen die Beiden schweigend nebeneinander; dann sagte die schöne Nefert, indem sie ihre mandelförmigen Augen müde aufschlug: »Wie lange Bent-Anat bei den Unreinen bleibt. Ich vergehe hier. Was sollen wir thun?« »Warten,« sagte Paaker, wandte der jungen Frau den Rücken, erstieg einen Felsblock an der Seite der Schlucht, hielt mit wohlgeübtem Auge eine schnelle Umschau, kehrte zu Nefert zurück und sagte: »Ich habe einen schattigen Platz gefunden. Dort!« Die Gattin des Mena folgte mit ihren Augen seiner weisenden Hand und schüttelte ihr Köpfchen. Die goldenen Zierate an ihrem Hauptschmucke klangen dabei leise zusammen und ein kalter Schauer überflog ihren zarten Leib trotz der glühenden Hitze des Mittags. »Sechet Göttin mit dem Kopfe der Löwin oder der Katze, auf dem sich häufig der Sonnendiskus mit der Schlange befindet. Sie wird die Tochter des Ra genannt und personifizirt an der Krone ihres Vaters als Uräusschlange die mörderische Glut des Tagesgestirns. Sie stellt im Menschenleben die heiße und wilde Leidenschaft der Liebe dar und schneidet als Katze oder mit dem Kopfe der Löwin brennende Wunden in die Glieder der Schuldigen in der Unterwelt. Rausch und Lust sind ihre Geschenke. Sie wird auch Bast und nach ihrer phönizischen Schwestergottheit Astarte genannt. wüthet am Himmel,« sagte Paaker. »Benütze die schattige Stelle, wenn sie auch klein ist. In dieser Stunde ward schon Mancher mit Leiden geschlagen.« »Ich weiß es,« sagte Nefert und bedeckte ihren Nacken mit den Händen. Dann schritt sie auf zwei mächtige, wie die Seiten eines Kartenhauses aneinandergelehnte Felsplatten zu, zwischen denen sich das bezeichnete, wenige Fuß breite, vor der Sonne geschützte Plätzchen befand. Paaker schritt ihr voraus, wälzte einen würfelförmigen, mit Feuersteindrusen durchschossenen Kalkblock unter das steinerne Zelt, zermalmte einige Skorpione, die sich hieher zurückgezogen hatten, breitete sein eigenes Kopftuch über den harten Sitz und sagte. »Hier bist Du geschützt!« Nefert ließ sich auf dem Steine nieder und schaute dem Mohar nach, welcher langsam und schweigend vor ihr auf und nieder ging. Dieses unaufhörliche Hin- und Herwandeln ihres Begleiters wurde endlich ihren empfindlichen und gereizten Nerven unerträglich und indem sie schnell ihr Haupt aus ihrer hohlen Hand, in der es geruht hatte, erhob, rief sie; »Bitte, bleibe stehen!« Der Wegeführer gehorchte sofort und schaute, indem er ihr den Rücken wandte, nach der Paraschitenhütte hin. Nach einiger Zeit rief Nefert: »Sage mir etwas.« Da wandte ihr der Mohar sein breites Antlitz zu und sie erschrak über die wilde Glut, welche ihr aus dem Blicke, mit dem er sie ansah, entgegenlohte. Nefert schlug ihre Augen nieder, der Wegeführer aber sagte: »Ich schweige lieber,« und setzte seine Wanderung fort, bis die Gattin des Mena ihn von Neuem anrief und sagte: »Ich weiß, daß Du mir zürnest; aber ich war ja noch ein Kind, als sie mich mit Dir verlobt haben. Ich bin Dir auch gut gewesen, und wenn mich Deine Mutter bei unseren Spielen Deine kleine Frau nannte, so habe ich mich wirklich gefreut und mir gedacht, wie schön das sein würde, wenn ich Dein Haus, das Du doch nur für mich so prächtig herstellen ließest, als Dein Vater gestorben war, und euren herrlichen Garten und die edlen Rosse in euren Ställen und all' eure Sklaven und Sklavinnen mein eigen nennen dürfte.« Paaker lachte; aber dieß Lachen klang so erzwungen und höhnisch, daß es Nefert in's Herz schnitt und sie leise und wie um Schonung bittend fortfuhr: »Es heißt, daß Du uns zürnest; und nun verstehst Du meine Rede so, als hätt' ich nur nach Deinem reichen Erbe getrachtet; aber ich sagte es ja schon; Ich bin Dir gut gewesen! Weißt Du denn nicht mehr, wie ich mit Dir geweint habe, wenn Du mir von den bösen Buben in der Schule und von der Strenge Deines Vaters erzähltest? Dann starb der Oheim –; Du zogst nach Asien –« »Und Du,« unterbrach sie der Wegeführer hart und trocken, »brachst das Verlöbniß und wurdest des Rosselenkers Mena Gemahlin. Das weiß ich Alles; wozu das Gerede!« »Weil es mir weh thut, daß Du mir zürnst und Deine gute Mutter unser Haus meidet. Wüßtest Du nur wie das ist, wenn Einen die Liebe erfaßt und man sich nicht mehr allein denken kann, sondern immer nur bei und mit und in den Armen eines Andern; wenn unser klopfendes Herz uns aus dem Schlafe pocht und wir selbst im Traume nichts erblicken als nur den Einen.« »Und das wüßte ich nicht!?« rief Paaker, indem er sich mit gekreuzten Armen gerade vor sie hin stellte. »Das wüßte ich nicht? Warst Du es doch, die es mich kennen lehrte. Dacht' ich an Dich, so wogte kein Blut, sondern glühendes Feuer in meinen Adern und nun hast Du sie mit Gift erfüllt, und hier in dieser Brust, in der Dein Bild lieblicher strahlte als das der Hathor in ihrem Allerheiligsten, sieht es aus wie in jenem Meer im Syrerlande, das sie das ›todte‹ nennen, und in dem Alles stirbt und verdirbt, was in ihm zu leben versucht.« Paaker's Augen rollten bei diesen Worten und seine Stimme klang heiser, als er fortfuhr: »Aber Mena steht dem Könige nah, noch näher als ich, und Deine Mutter –« »Meine Mutter,« unterbrach Nefert den Zürnenden, indem sie lebhaft erregt ihre Stimme erhob; »meine Mutter hat mir den Gatten nicht gewählt. Ich sah ihn, da er, dem Sonnengotte vergleichbar, auf dem Wagen des Königs dahinfuhr, und er bemerkte mich und schaute mich an, und dieser Blick drang mir wie eine Lanze tief in's Herz, und als er mich beim Geburtstagsfeste des Königs anredete, war es nicht anders, als wenn mich die Hathoren mit süß klingenden Fäden von goldenen Sonnenstrahlen umwöben. Und Mena ist es wie mir ergangen; er hat mir's selbst gesagt, nachdem er mein eigen geworden. Um Deinetwillen wies die Mutter seine Werbung zurück; ich aber wurde bleich und matt aus Sehnsucht nach ihm; und er verlor seinen frischen Muth und ward so traurig, daß es der König bemerkte und ihn fragte, was sein Herz bedrücke, denn Ramses liebt ihn wie seinen eigenen Sohn. Da hat Mena dem Pharao gestanden, daß Liebe seine Augen trübe und seine starken Hände schwäche, und nun warb der Höchste selbst um mich für seinen treuen Diener, und die Mutter gab nach und wir wurden Mann und Weib, und alle Wonnen, die die Gerechtfertigten in den Gefilden Aalu Das Gefilde der Seligen, das sich den verklärten Geistern öffnet. Im Todtenbuche sieht man, wie die Seligen in ihm an kühlen Wassern weilen, säen und ernten. genießen, sind schal und ärmlich neben der Seligkeit, in der wir Beide nicht wie sterbliche Menschen, sondern wie himmlische Götter schwelgten.« Bis dahin hatte Nefert ihre großen Augen wie eine Verklärte gen Himmel gerichtet. Jetzt senkte sie den Blick und sagte leise; »Da brachen die Cheta Aramäer, nach Schrader's zutreffender Bestimmung. Mit ihnen hatten sich zur Zeit unserer Erzählung die Völker des westlichen Asiens vereint. den Frieden, der Pharao zog in den Krieg und Mena mit ihm. Fünfzehnmal war der Mond aufgegangen über unser Glück und dann . . .« »Und dann erhörten die Götter mein Gebet und nahmen meine Opfer an,« sagte Paaker mit bebender Stimme, »und rissen den Räuber meines Glücks von Dir und versengten Dein Herz und seines mit den Flammen der Sehnsucht. Glaubst Du, Du könntest mir Neues erzählen? Noch einmal war Mena fünfzehn Tage der Deine und noch ist er nicht wiedergekehrt aus dem Kriege, der heiß in Asien wüthet.« »Aber er wird wiederkehren,« rief das junge Weib. »Vielleicht auch nicht!« lachte Paaker. »Die Cheta führen scharfe Waffen und am Libanon gibt es der Geier viele, die vielleicht schon in dieser Stunde seinen Leib zerfleischen, so wie ihr mein Herz zerrissen habt.« Nefert erhob sich bei diesen Worten, die ihre empfindliche Seele trafen wie Steinwürfe aus roher Hand, und versuchte ihr schattiges Asyl zu verlassen, um der Prinzessin in das Haus des Paraschiten zu folgen; aber ihre Füße versagten ihr den Dienst und sie sank zitternd auf ihren steinernen Sitz zurück. Sie suchte nach Worten, aber ihre Zunge war wie gelähmt. In grenzenloser innerer Noth, geängstigt, verlassen und erzürnt, sank ihre Widerstandskraft. Wechselnde, wehe Empfindungen schlugen ungestüme, heiße Wogen in ihrem Busen, die höher und höher stiegen, ihren Athem hemmten und sich endlich Bahn brachen durch ein heftiges, krampfhaftes, ihren ganzen Organismus erschütterndes Weinen. Sie sah nichts mehr, sie hörte nichts mehr, sie vergoß nur noch Thränen und empfand, daß sie unglücklich sei. Paaker stand ihr schweigend gegenüber. Es gibt Bäume im Süden, an denen neben vertrockneten Früchten weiße Blüten hängen, es gibt Tage, an denen sich neben der hellen Sonne die bleiche Mondsichel zeigt, und dem Menschenherzen kann es gegeben sein, Liebe und Haß zugleich zu empfinden und dem gleichen Ziele zuzuwenden. Nefert's Thränen fielen wie Thau, ihre Seufzer wie Manna auf die nach Rache dürstende und hungernde Seele des Wegeführers. Ihre Pein war seine Wonne und doch erfüllte ihn der Anblick ihrer Schönheit mit heißer Leidenschaft, weilten seine Blicke wie gebannt auf ihrem schönen Leibe, hätte er die Seligkeit des Himmels geopfert, um sie einmal, nur einmal in seinen Armen halten zu dürfen, um einmal, nur einmal ein Wort der Liebe von ihren Lippen zu vernehmen. Nach langen Minuten versiegten Nefert's Zähren. Mit müdem, beinahe gleichgültigem Blicke bemerkte sie den immer noch vor ihr stehenden Mohar, und leise und bittend sagte sie: »Meine Zunge verdorrt; schaff' mir doch ein wenig Wasser.« Paaker erwiederte; »Die Prinzessin kann jeden Augenblick zurückkehren.« »Aber ich verschmachte,« sagte Nefert und begann von Neuem leise zu weinen. Da zuckte Paaker die Achseln und ging tiefer in das Thal hinein, das er wie das Haus seines Vaters kannte; waren doch in demselben die Grüfte der Ahnen seiner Mutter gelegen, in denen er als Knabe bei jedem Vollmonds- und Neumondstage Gebete gesprochen und Gaben auf den Altar gelegt hatte. Die Hütte des Paraschiten war ihm zu betreten versagt, aber er wußte, daß kaum hundert Schritte von der Stelle, an welcher Nefert ruhte, ein altes, übel berufenes Weib, in deren Felsenhöhle es an einem Trunk Wasser nicht fehlen konnte, ihr Wesen treibe. Halb berauscht von Allem, was seine Seele in den letzten Minuten empfunden und seine Augen geschaut hatten, eilte er vorwärts. Sein Denkvermögen war wie gehemmt von der leidenschaftlichen Bewegung seines Blutes. Er fand die Thür, welche die Höhle der Alten bei Nacht vor den Einfällen der beutelustigen Schakale schützte, weit geöffnet, und ihre Bewohnerin saß unter einem, hier an dem Felsen, dort an zwei rohen Holzstäben befestigten, braunen, zerrissenen Stück Segeltuch und ordnete einen Haufen von hellen und dunklen Würzelchen, die in ihrem Schooße lagen. Neben ihr war ein Rad zu sehen, das sich zwischen einer hohen hölzernen Gabel drehte. Ein an einem Kettchen befestigter Wendehalsvogel hielt es, indem er bald auf diese, bald auf jene Speiche sprang, Nach Theokrit's Idyll: Die Zauberin. in fortwährender Bewegung. Ein großer kohlschwarzer Kater kauerte neben ihr und beschnüffelte die Köpfe von Raben und Eulen, die erst vor Kurzem ihrer Augen beraubt worden waren. Aus der Höhle, über deren Thür zwei Sperber hockten, drang der Rauch von verbrannten Wachholderbeeren, der die mancherlei Düfte unschädlich zu machen bestimmt war, welche von den verschiedenen und fremdartigen hier aufbewahrten Substanzen ausgingen. Als Paaker sich der Höhle näherte, rief die Alte fragend in dieselbe hinein: »Kocht das Wachs?« Ein unverständliches Gemurmel ließ sich als Antwort vernehmen. »So thu' das Affenauge Die Sprüche und Mittel der Hexen nach den erhaltenen magischen Zauberpapyrus. Etwa aus der Zeit unserer Erzählung stammt der von Chabas behandelte Papyr. magique Harris . Auch die von Leemans edirten leydener magischen und die von Parthey herausgegebenen berliner Zauberpapyrus (letztere in griechischer Sprache) sind benützt worden. und die Ibisfeder und den Leinewandlappen mit dem schwarzen Zeichen hinein. Rühr' noch ein wenig! Nun lösch' das Feuer aus. Nimm den Krug und hole Wasser. Tummle Dich, da kommt ein Besucher!« Ein dunkelschwarzes Negerweib, um deren magere Lenden sich ein zerrissenes farbloses Zeugstück schlang, trat bald darauf in's Freie, setzte ein großes Thongefäß auf ihre grauen, wolligen und verfilzten Haare und ging, ohne ihn anzusehen, an dem sich der Höhle nähernden Paaker vorüber. Die Alte, ein schlank gewachsenes, aber von der Last der Jahre gebeugtes Weib, mit einem scharf geschnittenen und faltenreichen Gesichte, das einst schön gewesen sein konnte, traf ihre Vorbereitungen zum Empfange des Wegeführers, indem sie ein buntes Kopftuch über ihren Scheitel band, ihr blaues Baumwollenkleid unter dem Halse zusammenzog und eine faserige Matte über die Raben- und Eulenköpfe warf. Paaker rief sie an; sie aber gab sich das Ansehen, als sei sie taub und vernehme nicht seine Stimme. Erst als er dicht vor ihr stand, erhob sie ihre klugen, blitzenden Augen und rief. »Ein Glückstag, ein weißer Tag, der hohe Gäste bringt und hohe Ehre.« »Steh' auf,« herrschte Paaker der Alten zu, indem er sie nicht grüßte, aber einen silbernen Ring Die Aegypter besaßen vor Alexander und den Ptolemäern keine Münzen, sondern wogen die Metalle, denen sie gewöhnlich die Form von Ringen gaben, ab. mitten auf die in ihrem Schooße ruhenden Wurzeln warf, »und gib mir gegen gutes Geld etwas Wasser in einem saubern Gefäße.« »Schönes, echtes Silber,« sagte die Alte, indem sie den Ring, den sie schnell aus den Wurzeln hervorgeholt hatte, dicht unter ihre Augen hielt. »Das ist zu viel für bloßes Wasser und zu wenig für meine guten Tränke.« »Schwatze nicht, Vettel, sondern eile!« rief Paaker, holte aus seinem Geldsack einen andern Ring und warf auch diesen in ihren Schooß. »Du hast eine offene Hand,« sagte die Alte in der dialektfreien Sprache der höheren Stände. »Viele Thore werden sich Dir öffnen, denn das Gold ist ein Nachschlüssel, der in alle Thüren paßt. Wasser willst Du für die guten Ringe? Soll es gegen schädliche Thiere sein? Soll es Dir helfen, einen Stern herabzuholen? Soll es Dich geheime Pfade kennen lernen? – Denn Wege zu führen ist Deines Amtes. Soll es das Warme kalt oder das Kalte heiß machen? Soll es die Fähigkeit verleihen, in die Herzen zu schauen, oder soll es schöne Träume erzeugen? Willst Du das Wasser der Erkenntniß, um zu sehen, ob Dein Freund oder Dein Feind – hä? ob Dein Feind sterben wird? Brauchst Du einen Trank, um Dein Gedächtnis zu kräftigen? Soll Dich mein Wasser unsichtbar machen? Soll es den sechsten Zeh an Deinem linken Fuße beseitigen?« »Du kennst mich?« fragte Paaker. »Wie sollt' ich?« fragte die Hexe, »aber meine Augen sind scharf und gute Wasser weiß ich zu bereiten für Geringe und Große!« »Geschwätz!« rief Paaker ungeduldig und faßte an die Geißel in seinem Gürtel. »Mach' schnell, denn die Frau, für welche . . .« »Für ein Weib brauchst Du das Wasser?« unterbrach die Alte den Mohar. »Hätt' mir's denken können; es fragen freilich die alten Herren weit öfter nach meinen Liebestränken als die jungen; aber ich kann damit dienen, kann dienen.« Die Alte zog sich bei diesen Worten in die Höhle zurück und erschien bald darauf wieder und trug ein dünnes, cylinderförmiges Fläschchen von Alabaster in der Hand. »Das ist der Trank,« sagte sie, die Phiole dem Wegeführer reichend. »Die Hälfte wird in's Wasser gegossen und dem Weibe gereicht. Hilft's nicht das erste, so doch sicher das zweite Mal. Ein Kind kann das Wasser trinken, es wird ihm nichts schaden, und nimmt's ein Greis, so macht es ihn munter. Da! Ich kost' es Dir vor!« Und sie benetzte ihre Lippen mit einer weißen Flüssigkeit. »Es schadet nichts; aber mehr nehm' ich nicht davon, sonst würde die alte Hekt noch von Liebessehnsucht nach Dir geplagt werden, und das würde dem reichen Herrlein schlecht gefallen, hä, hä! Hilft das Tränklein nichts, so bin ich bezahlt genug, hilft's, so bringst Du mir noch drei goldene Ringe; und Du wirst kommen, ich weiß es!« Paaker hatte der Alten regungslos zugehört und griff so heftig, als habe er einem gewalttätigen Gegner Trotz zu bieten, nach dem Fläschchen, stieß es in seinen Geldsack, warf noch einige Ringe der Hexe vor die Füße und verlangte nochmals, aber schnell, ein sauberes Gesäß voll Nilwasser. »Hat's der Herr so eilig?« murmelte die Alte, indem sie von Neuem die Höhle betrat. »Er fragt mich, ob ich ihn kenne? Ihn sicherlich! Aber das Schätzchen? Wo mag es hier stecken? Vielleicht die kleine Uarda vom Paraschiten drüben! Schön genug ist sie; aber sie liegt ja gerädert auf der Matte und stirbt. Wollen sehen, was das Herrlein vorhat! Hätt' mir nicht gefallen, da ich jung war; wird aber doch zum Ziele kommen, denn er ist zäh und spart nicht.« Während sie diese und ähnliche Worte vor sich hinmurmelte, füllte sie eine hübsche Schale von glasirtem Steingut mit filtrirtem Nilwasser, welches sie einem großen porösen Thonkrug entnahm, legte ein Lorbeerblatt, in welches zwei durch sieben Striche verbundene Herzen gekritzelt waren, auf die Oberfläche der klaren Flüssigkeit und trat in's Freie. Als Paaker das Gefäß aus ihrer Hand nahm und das Lorbeerblatt betrachtete, sagte die Alte: »Schon dieß verbindet die Herzen. Drei ist der Mann, Vier ist das Weib, Sieben das Untheilbare. Chaach, chachach charcharachacha .« Die Alte sang diese Beschwörungsformel nicht ohne Kunst; aber der Mohar schien nicht auf ihren Galimatias zu hören, sondern stieg behutsam in das Thal zurück und wandte sich dem Ruheplatze der Gattin des Mena zu. Vor den Felsen, welche ihn vor Nefert's Blicken verbargen, blieb er stehen, setzte die Schale auf eine glatte Steinfläche und holte das Fläschchen mit dem Liebestrank aus dem Gürtel. Seine Finger zitterten, sein Hirn war umnebelt wie von berauschenden Dünsten; in seiner Brust aber tobten und jauchzten tausend Stimmen, die ihm zuzurufen schienen: »Greife zu, handle, brauche den Trank, jetzt oder nie!« Ihm war zu Muthe wie einem einsamen Wanderer, der auf seinem Wege das Testament eines verstorbenen Angehörigen findet, auf dessen Vermögen er hofft, und in dem er enterbt wird. Soll er's den Richtern überantworten, soll er's zerstören? Paaker war nicht nur ein werkthätiger Frommer, sondern hatte bisher auch überall nach den Vorschriften der Religion seiner Väter zu handeln vermeint. Der Ehebruch war eine schwere Sünde, aber hatte er denn nicht ältere Rechte auf Nefert, als der Rosselenker des Königs? Wer die schwarze Magie betrieb, sollte nach dem Gesetze mit dem Tode bestraft werden, Nach den Papyrus Lee und Rollin. S. a. S. Birch, Sur un papyrus magique. Revue archéologique. 1863 . Chabas im Papyr. magique Harris . Deveria. Papyr. judiciaire de Turin . und die Alte war wegen ihrer bösen Kunst übel berufen; aber hatte er sie denn um des Liebestrankes willen aufgesucht? Konnte es denn nicht möglich sein, daß die Manen seiner Verstorbenen, daß die Götter selbst, von seinen Gebeten und Opfern gerührt, ihn durch einen Zufall, der einem Wunder glich, in den Besitz des Zaubermittels, an dessen Wirkung er keinen Augenblick zweifelte, gesetzt hatten? Die Gefährten Paaker's hielten ihn für einen Mann von raschen Entschlüssen, und in schwierigen Fällen handelte er in der That mit ungewöhnlicher Schnelligkeit; aber, was ihn bei diesen leitete, war keine geflügelte Leistung eines frischbereiten und wohlgeschulten Gehirns, sondern häufig nur die Folge des Ergebnisses eines Frage- und Antwortspiels. Amulete der verschiedensten Art hingen an seinem Halse und seinem Gürtel, alle von Priesterhand geweiht, von besonderer Heiligkeit und hohem Werthe. Blieb das Auge von Lapis lazuli , welches, von einem goldenen Kettchen gehalten, an seinem Gürtel hing, wenn er es zu Boden warf, derartig auf der Erde liegen, daß seine gravirte Seite gen Himmel schaute und die glatte den Boden berührte, so sagte er »ja«, im umgekehrten Falle hingegen »nein«. In seiner Geldtasche lag stets eine Statuette des schakalköpfigen Gottes Apheru, Besondere Form des Anubis. Anmerkung 2 . Wie dieser schakalköpfig und Lokalgott von Lykopolis, das heutige Siut. der die Wege eröffnet. Diese warf er an Kreuzwegen auf den Pfad und er folgte der Richtung, nach welcher die spitze Schnauze des Bildwerkes hinwies. Am häufigsten zog er den Siegelring seines verstorbenen Vaters, ein altes Familienstück, welches der Oberpriester von Abydos auf das heiligste unter den vierzehn Typhon hatte den Leichnam des Osiris in vierzehn Stücke zerschnitten und diese in Aegypten umhergestreut. Wo Isis eines derselben fand, errichtete sie ihrem Gatten ein Grabmal. Keines war bis in die späteste Zeit heiliger als das von Abydos, wohin auch vornehme Aegypter ihre Mumien bringen ließen, um in der Nähe des Osiris zu ruhen. Osirisgräbern gelegt und mit Wunderkraft ausgestattet hatte, zu Rathe. Er bestand aus einem goldenen Reifen mit einer breiten Siegelplatte, in welcher man den Namen des längst vergötterten Thutmes III., von dem er dem Ahnherrn Paaker's verliehen worden war, lesen konnte. Galt es den Ring zu befragen, so berührte der Mohar mit der Spitze seines bronzenen Dolches die gravirten Zeichen des Namens, unter denen drei sich auf die Gottheit bezogen, drei hingegen profane Gegenstände darstellten. Traf sie auf eines der ersteren, so meinte er, sein Osiris gewordener Vater sei einverstanden mit seinem Vorhaben, im entgegengesetzten Falle pflegte er von ihm abzugehen. Oftmals drückte er den Reifen an die Stelle seines Herzens und wartete auf das erste ihm begegnende lebende Wesen, welches er, wenn es von seiner rechten Seite herkam, für einen ermunternden, nahte es ihm von seiner linken Seite, für einen warnenden Boten seines Vaters ansah. Nach und nach hatte er in dieses Fragen ein förmliches System gebracht. Alles, was ihm in der Natur begegnete, bezog er auf sich und den Lauf seines Lebens. Rührend und kläglich zugleich war es, wie eng er mit den Manen seiner Verstorbenen zusammenlebte. Seine nicht hochfliegende, aber kräftige Phantasie verstand es, ihm, sobald er sie in Thätigkeit setzte, das Bild seines Vaters und eines früh dahingegangenen ältern Bruders immer in der gleichen Stellung, dabei aber greifbar deutlich, vor sein inneres Auge zu stellen. Aber er beschwor das Andenken an die geliebten Todten niemals, um ihrer in stiller Wehmuth, dieser holden Blume des Dornenstrauches der Schmerzen, zu gedenken, sondern immer nur zu eigensüchtigen Zwecken. Die Anrufung der väterlichen Manen hatte er als besonders wirksam bei diesen, die der brüderlichen, bei jenen Fragen und Wünschen erprobt, und so wandte er sich an die einen oder anderen mit der Sicherheit des geübten Zimmermanns, welcher selten zweifelt, wo er dem Beile, wo der Säge den Vorzug zu geben hat. Dieses Thun hielt er für ein den Göttern wohlgefälliges, und da er überzeugt war, daß die Geister seiner Verstorbenen nach ihrer Rechtfertigung aufgegangen seien in Osiris, d. h. als Bestandtheile der Weltseele nunmehr Theil hätten an der Leitung des Alls, so opferte er ihnen nicht nur in seiner Familiengruft, sondern auch in den dem Ahnenkultus geweihten Tempeln der Nekropole und mit besonderer Vorliebe im Setihause. Von Ameni und den anderen Priestern des von ihm geleiteten Heiligtums nahm er Rath, ja auch Tadel an, und so lebte er voller Tugendstolz des von seinen Meistern keineswegs in Frage gestellten Glaubens, zu den eifrigsten und den Göttern wohlgefälligsten Frommen seines Landes zu gehören. Auf Schritt und Tritt von übersinnlichen Mächten begleitet und geleitet, brauchte er keinen Freund und keinen Vertrauten. Im Felde wie in Theben blieb er auf sich selbst gestellt und galt unter seinen Genossen für einen verschlossenen, rauhen und stolzen, aber willensstarken Mann. Es war ihm gegeben, sich das Bild seiner verlorenen Geliebten mit gleicher Lebendigkeit wie die Gestalten seiner Verstorbenen vor die Seele zu zaubern. Das that er auch nicht nur in hundert stillen Nächten, sondern ebenso oft bei langen Ritten und Fahrten durch die schweigende Wüste. Solchen Gesichten pflegte ein heftiges Aufwallen seines Hasses gegen den Rosselenker und eine Reihe von brünstigen, dem Verderben des Letztern geltenden Gebeten zu folgen. Als Paaker die Schale mit dem Wasser für Nefert auf die Felsenplatte setzte und nach dem Fläschchen mit dem Liebestranke griff, war seine Seele so voll von Verlangen, daß der Haß keinen Raum in ihr fand; indessen vermochte sich der Mohar keineswegs der Besorgniß, daß er sich durch den Gebrauch des Zaubertrankes schwer versündigen werde, zu verschließen. Darum befragte er, eh' er die verhängnißvollen Tropfen in das Wasser goß, sein Ringorakel. Der Dolch berührte keines der heiligen Zeichen in der Siegelinschrift, und unter anderen Umständen würde er darum sein Vorhaben ohne Weiteres aufgegeben haben. Dießmal stieß er ihn unwillig in die Scheide, drückte den goldenen Reifen an sein Herz, murmelte den Namen seines osirischen Bruders und harrte des ersten auf ihn zukommenden lebenden Wesens. Ein solches ließ nicht lange auf sich warten, denn von der Berglehne ihm gegenüber erhoben sich mit langsamen Flügelschlägen zwei hellfarbige Geier. Mit ängstlicher Spannung folgte er ihrem sich höher und höher erhebenden Fluge. Eine Minute lang ließen sie sich regungslos von den Lüften tragen, umkreisten einander, wandten sich dann nach links und verschwanden hinter den Bergen, die Gewährung seines Wunsches versagend. Hastig griff er nach dem Fläschchen, um es von sich zu schleudern; aber die in seinen Adern tobende Leidenschaft hatte ihn der Herrschaft über seinen Willen beraubt, süß winkend stellte sich Nefert's Bild vor seine Seele, geheimnißvolle Mächte preßten seine bebenden Finger fest und fester um die Phiole und mit jenem Trotze, der ihm seinen Gefährten gegenüber eigen war, goß er die Hälfte des Liebestranks in das Wasser, ergriff er die Schale und näherte sich seinem Opfer. Nefert hatte inzwischen ihren schattigen Sitz verlassen und trat ihm entgegen. Schweigend ließ sie sich das Wasser reichen und trank es aus mit Lust und bis auf die Neige. »Danke,« sagte sie, nachdem sie ihren durch das gierige Schlürfen gehemmten Athem zurückgewonnen hatte. »Das hat mir wohlgethan! Wie frisch und säuerlich schmeckte das Wasser! Aber Deine Hände zittern und Du glühst von Deinem schnellen Laufe für mich, Du Armer.« Bei diesen Worten schaute sie ihn mit dem ihren großen Augen eigenen, innigen Glanze an und reichte ihm ihre Rechte, die er ungestüm an seine Lippen drückte. »Laß das,« sagte sie lächelnd, »da tritt die Prinzessin mit einem Priester aus der Hütte der Unreinen. Mit wie furchtbaren Worten Du mich vorhin erschreckt hast! Nun ja, ich gab Dir ja Grund, mir zu zürnen; aber jetzt bist Du wieder gut, hörst Du, und führst auch wieder Deine Mutter zu der meinen! Kein Wort! Ich will doch sehen, ob der Vetter Paaker mir den Gehorsam versagt!« Schelmisch drohte sie ihm mit dem Finger und ernster werdend sagte sie mit einem Blicke, der Paaker's Herz schmerzlich und doch wonnig durchdrang: »Laß nun das Grollen. Es ist ja so schön, wenn man einander gut ist.« Nach diesen Worten schritt sie der Paraschitenhütte entgegen, während Paaker beide Hände auf seine Brust preßte und vor sich hin murmelte. »Der Trank ist wirksam und sie soll mein eigen werden! Habt Dank, ihr Himmlischen!« Doch dieses Gebet, welches er sonst, wenn Heil ihm widerfahren war, niemals zu sprechen unterließ, erstarb heut auf seinen Lippen. Er sah sich dicht vor dem Ziele seiner Wünsche! Da lag der jahrelang ersehnte Zauberborn vor seinen Blicken. Noch wenige Schritte und er konnte sich aus seinem vollen Strome sättigen, mit beidem zugleich, mit Liebe und Rache! Während er der Gattin des Mena folgte und das Fläschchen in seinem Gürtel mit ängstlicher Sorgfalt verschloß, damit kein Tropfen des kostbaren Trankes, den er nach der Vorschrift der Alten noch einmal zu gebrauchen hatte, verloren gehe, erhoben sich warnende Stimmen, auf die er wie auf eine väterliche Mahnung zu hören gewohnt war, in seinem Busen; aber in dieser Stunde spottete er ihrer und gab der ihn beherrschenden Stimmung auch äußerlich Ausdruck, indem er seine rechte Hand hoch aufschwenkte wie ein Trunkener, der auf dem Wege zum Weinfaß einen Sittenprediger abweist. Noch hielt ihn die Leidenschaft so fest umstrickt, daß der Gedanke, die kurze Minute, in der aus einem braven Mann ein Verbrecher wird, sei von ihm durchlebt worden, kaum nebelhaft in seiner Seele aufdämmerte. Er ahnte nicht, daß er bei einem Wendepunkt seines Lebens angelangt sei. Seinem Verlangen nach Liebe und Rache hatte er bisher nur in Gedanken Befriedigung zu geben gewagt und der Gottheit für sich zu handeln überlassen; jetzt hatte er seine Sache den Himmlischen aus der Hand genommen und war zur That übergegangen, ohne sie und trotz ihrer. Die Zauberin Hekt ging an ihm vorüber, um das Weib zu sehen, für welches sie ihm den Liebestrank gegeben hatte. Er bemerkte sie und erschrak; aber bald war die Alte hinter einem Felsen verschwunden und murmelte: »Sieh' Einer den Sechszeh! Er läßt es sich wohl sein im Erbe des Assa!« Inmitten des Thales trafen Nefert und der Wegeführer mit der Prinzessin Bent-Anat und dem sie begleitenden Pentaur zusammen. Als die beiden Letzteren aus der Paraschitenhütte traten, blieben sie einander schweigend gegenüber stehen. Die königliche Jungfrau preßte ihre Rechte auf ihr Herz und sog mit tiefen Athemzügen wie eine Durstende die reine Luft des Gebirgsthales ein. Sie fühlte sich wie erlöst von einem schweren Alp, wie befreit aus einer furchtbaren Gefahr. Endlich wandte sie sich an ihren ernst zu Boden schauenden Gefährten und sagte: »Welche Stunde!« Pentaur's hohe Gestalt regte sich nicht, aber er neigte bejahend und wie von einem Traum befangen sein Haupt. Bent-Anat sah ihn jetzt zum ersten Mal im vollen Tageslicht, ließ ihr großes Auge bewundernd auf ihm ruhen und fragte sodann: »Bist Du der Priester, der mir gestern nach meinem ersten Besuche dieses Hauses die Reinheit so willig zurückgab?« »Ich bin es,« erwiderte Pentaur. »Ich habe Deine Stimme wiedererkannt und bin Dir dankbar, denn Du warst es, der mir den Muth stärkte, trotz des Verbotes meines Seelsorgers dem Drange meines Herzens zu folgen und hieher zu kommen. Du sollst mich vertheidigen, wenn die Anderen mich tadeln werden.« »Ich kam hieher, um Dir die Reinheit abzusprechen.« »So hast Du Deinen Sinn geändert?« fragte Bent-Anat stolz und ein verächtliches Zucken umspielte ihre Lippen. »Ich folge einem höhern Gebote, das die alte Satzung heilig zu halten befiehlt. Wenn die Berührung eines Paraschiten, so sagt man, die Tochter des Ramses nicht verunreinigt, wen dann? Denn wessen Gewand ist fleckenloser als das ihre?« »Aber dieser Mann ist brav bei all' seiner Niedrigkeit,« unterbrach ihn Bent-Anat, »und trotz der Schmach, die sein Lebensbrod ist wie die Ehre das unsere! Die neun großen Götter mögen mir verzeihen, aber der da drinnen ist liebreich, fromm und muthig und mir gefällt er –, und Du, der Du gestern seine ansteckende Berührung mit einem Wort abwaschen zu können meintest, was veranlaßt Dich, ihn heute zu den Aussätzigen zu werfen?« »Die Mahnung eines erleuchteten Mannes, von den alten Satzungen kein Glied preiszugeben, weil dadurch die schon angefeilte Kette zerreißen und klirrend zu Boden fallen könnte.« »So verhängst Du die Unreinheit über mich um eines alten Wahnes und um der Menge, aber nicht um meiner Handlung willen? Du schweigst? Antworte mir jetzt, wenn Du Der bist, für den ich Dich halte, frei und wahrhaftig, denn es gilt die Ruhe meiner Seele.« Pentaur athmete schwer, dann aber entrangen sich seiner von Zweifeln gequälten Brust erst leise, dann immer lauter die tief empfundenen Worte. »Du zwingst mich auszusprechen. was ich besser nicht einmal denken sollte; aber lieber will ich mich gegen den Gehorsam, als gegen die Wahrheit, die reine Tochter der Sonne, deren Angesicht Du, Bent-Anat, trägst, versündigen! Ob der Paraschit unrein ist durch seine Geburt oder nicht, wer bin ich, daß ich solches entscheiden möchte? Aber mir ist dieser Mann erschienen wie Dir, als Einer, den dieselben heiligen und lauteren Regungen bewegen, die mich und die Meinen und Dich und wohl Jeden, den eine Mutter geboren, erschüttern und beseligen, und ich glaube, daß die Eindrücke dieser Stunde nicht befleckend, sondern läuternd so Deine wie meine Seele berührt haben. Wenn ich irre, so mag mir die vielnamige Gottheit verzeihen, deren Hauch in dem Paraschiten lebt und webt, wie in Dir und mir, an die ich glaube und an die ich immer lauter und freudiger meine armen Lieder richten will, wenn sie mich lehren wird, daß Alles, was athmet und lebt, was weint und jubelt, ein Abbild sei ihres reinen Wesens und zu gleicher Lust und zu gleichem Schmerz geboren sei.« Pentaur hatte seinen Blick zum Himmel erhoben; jetzt begegnete er dem stolz und freudig leuchtenden Auge der Prinzessin, die ihm freimüthig ihre Rechte entgegen streckte. Er küßte demüthig ihr Gewand; sie aber sagte: »Nicht so! Lege segnend Deine Hand auf die meine! Du bist ein Mann und ein echter Priester. Jetzt laß ich gern die Unreinheit über mich verhängen, denn auch mein Vater wünscht, daß gerade von uns um des Volkes willen die Satzungen der Vorzeit, so lange sie Bestand haben, heilig gehalten werden. Beten wir gemeinsam zu den Göttern, daß sie diese Armen von dem alten Bann erlösen. Wie schön könnte die Welt sein, wenn der Mensch den Menschen bleiben ließe, wozu die Himmlischen ihn gemacht haben! Aber da warten noch immer Paaker und die arme Nefert mitten im Brande der Sonne. Folge mir!« Sie ging dem Priester voran; aber schon nach wenigen Schritten wandte sie sich um und fragte: »Wie nennst Du Dich?« »Ich heiße Pentaur.« »So bist Du der Dichter des Setihauses?« »Sie heißen mich also.« Bent-Anat blieb noch einmal stehen und schaute ihn groß an, wie einen Blutsfreund, den wir zum ersten Mal von Angesicht zu Angesicht sehen, und sagte: »Dich haben die Götter hoch begabt, denn Dein Blick reicht weiter und dringt tiefer als der der anderen Menschen, und Du verstehst mit Worten zu sagen, was wir nur empfinden. Dir folge ich gern!« Pentaur erröthete wie ein Knabe und sagte, während Paaker und Nefert ihm und seiner Gefährtin immer näher kamen: »Bis heut lag das Leben vor mir wie im Dämmerlicht, aber diese Stunde zeigt es mir anders. Ich habe seine tiefen Schatten gesehen und,« fügte er leise hinzu, »wie hell es zu leuchten vermag.« Siebentes Kapitel. Eine Stunde später hielt Bent-Anat mit ihrem Gefolge vor der Pforte des Setihauses. Wie ein von Männerhand geschleuderter Ball war einer der Vorläufer in weiten Sprüngen dem Zuge vorangeeilt und hatte dem Oberpriester das Nahen der Prinzessin gemeldet. Diese stand allein auf ihrem ihren Begleitern voranfahrenden Wagen; Pentaur hatte auf dem des Wegeführers Platz gefunden. An der Pforte des Tempels empfing der Oberste der Horoskopen die Nahenden. Die großen Thore der Pylonen waren weit geöffnet und gestatteten den Einblick in den Vorhof des Heiligthums, welches mit glatten Steinfliesen gepflastert und an seiner linken, rechten und hintern Seite von Säulengängen umgeben war. Die Wände und Architrave, die Säulen und das den Hof nach oben hin abschließende Hohlkehlenkarnieß prangten in buntem Bilder- und Farbenschmuck. In der Mitte des Hofes stand ein großer Opferaltar, auf dem wohlriechende, den weiten Raum mit betäubendem Duft erfüllende Kyphikugeln Berühmtes Räucherungsmittel der Aegypter. Rezepte zu seiner Bereitung haben sich im Papyrus Ebers, den Laboratorien der Tempel, bei Dioskorides, Plutarch, Galen u. A. erhalten. Parthey ließ durch den Apotheker L. Voigt in Berlin drei Arten herstellen. Das Kyphi nach der Verordnung des Dioskorides war das beste. Es wurde hergestellt aus Rosinen, Wein, Rad. Galangae, Bacc. Juniperi, Rad. calami aromatici , Asphalt, Mastix, Myrrhen, burgunder Weinbeeren und Honig. auf Cedernholzscheiten von den Flammen verzehrt wurden. Mehr als hundert weiß gekleidete Priester, die ihr Angesicht der nahenden Prinzessin zuwandten und tief in's Herz schneidende Wehklagen sangen, umgaben ihn in halbkreisförmiger Aufstellung. Viele Bewohner der Nekropole hatten sich zu beiden Seiten der Sphinxreihen, zwischen denen die Prinzessin dem Heiligthum entgegenfuhr, gesammelt. Man fragte nicht, was die bei dieser Gelegenheit gesungenen Klagelieder bedeuteten, denn Wehklagen und Unerklärliches war hier das Gewöhnliche. »Heil dem Kinde des Ramses!« »Anbetung der Sonnentochter Bent-Anat!« erscholl es aus tausend Kehlen und all' die zusammengelaufenen Menschen neigten sich beim Nahen der königlichen Jungfrau bis zur Nähe des Erdbodens. Vor den Pylonen entstieg die Prinzessin ihrem Wagen und folgte dem sie ernst und schweigend begrüßenden ersten der Horoskopen bis an die Tempelpforte. Als sie sich den Vorhof zu betreten anschickte, schwoll der priesterliche Gesang plötzlich und unvermittelt zu furchtbarer, donnerähnlicher Stärke an. Von dem Grollen der Bässe getragen, jammerten in leidenschaftlicher Klage die hellen Sopranstimmen der Tempelschüler. Bent-Anat erschrak und hemmte ihren Fuß. Dann schritt sie weiter. Aber hinter der Schwelle der Pforte trat Ameni in vollem Priesterornat ihr in den Weg, streckte ihr seinen Krummstab wie zur Abwehr entgegen und rief laut und eifrig: »Segen bedeutet diesem Heiligthum das Nahen der reinen Tochter des Ramses; aber diese Herberge der Götter verschließt ihre Pforten den Verunreinigten; mögen sie Sklaven sein oder Fürsten. Im Namen der Himmlischen, denen Du entstammst, frage ich Dich, Bent-Anat, bist Du rein oder hast Du Dich befleckt und Deine fürstliche Hand durch die Berührung der Unreinen besudelt?« Der Priester hatte sich der hohen Gestalt der Prinzessin dicht gegenübergestellt. Helle Röthe bedeckte die Wangen der Jungfrau, vor ihren Ohren brauste es, als brande ein stürmisches Meer in ihrer Nähe, und ihr Busen hob und senkte sich in leidenschaftlicher Bewegung. Das königliche Blut in ihren Adern wallte unbändig auf, sie fühlte, daß man ihr hier eine unwürdige Rolle in einem mit Vorbedacht veranstalteten Schauspiele zuertheilt habe, ihr Vorsatz, sich selbst der Unreinheit zu zeihen, war vergessen und schon öffneten sich ihre Lippen zu einer heftigen Zurückweisung der sie tief empörenden priesterlichen Anmaßung, als Ameni sein Auge aufschlug und es mit der ganzen Fülle des ihm innewohnenden Ernstes ihr zuwandte. Bent-Anat schwieg, aber sie hielt diesen Blick aus und erwiederte ihn stolz und abweisend. Ameni's Stirnader färbte sich bläulich, doch drängte er den sich in seinem Innern wie schwarze Gewitterwolken zusammenballenden Groll zurück und sagte mit einer immerhin von ihrer gewöhnlichen Gemessenheit abweichenden Stimme: »Zum zweiten Male fragen Dich die Götter durch mich, ihren Vertreter. Hast Du diese heilige Stätte betreten, damit die Himmlischen die Unreinheit von Dir nehmen, die Dir Leib und Seele befleckt?« Bent-Anat erwiederte kurz und selbstbewußt: »Mein Vater wird Dir die Antwort ertheilen!« »Nicht mir,« gab Ameni zurück, »sondern den Göttern, in deren Namen ich Dir jetzt befehle, dieses reine Heiligthum zu verlassen, das durch Deine Gegenwart befleckt wird.« Bent-Anat zuckte zusammen und sagte dumpf: »Ich gehe.« Dann hob sie den Fuß, um der Pforte des Pylon zuzuschreiten. Da begegnete ihr Blick dem Auge des Dichters. Wie ein Begnadigter, vor dessen Blick sich große Wunder begeben, hatte er unruhevoll und doch entzückt, geängstigt und doch innerlich erhoben der königlichen Jungfrau gegenübergestanden. Ihr Thun erschien ihm himmelstürmerisch kühn und doch angemessen ihrem wahren und großen Wesen. Neben ihr sank ihm sein verehrtes und bewundertes Vorbild Ameni in die Unbedeutendheit zurück; und als sie sich anschickte, den Tempel zu verlassen, versagte ihm seine Hand, die sich sie zurückzuhalten anschickte, den Dienst und suchte, als Bent-Anat's Blick der seinen begegnete, die Stelle seines übervollen Herzens. Dem Oberpriester konnte es nicht schwer fallen, in den Zügen dieser unverdorbenen Beiden wie in einem offenen Buche zu lesen; er fühlte, daß ein schnell geschürztes Band ihre Seelen verknüpfe, und der Blick, welchen er sie wechseln sah, erschreckte ihn, denn die Widerspenstige hatte den Dichter angeschaut wie eine Triumphirende, welche Beifall fordert, und Pentaur's Auge war diesem Verlangen entgegengekommen. Einen Augenblick zauderte Ameni, dann rief er: »Bent-Anat!« Die Prinzessin wandte sich um und blickte den Priester ernst und fragend an. Ameni trat ihr einen Schritt entgegen und blieb zwischen ihr und dem Dichter stehen. »Du forderst,« sagte er ernst, »die Götter zum Kampfe heraus. Das ist kühn; aber es will mir scheinen, als sei Dir der Muth gewachsen, weil Du auf einen Bundesgenossen zählst, der den Himmlischen kaum ferner steht als ich. So laß Dir sagen: Dir, dem irregeleiteten Kinde, mag viel vergeben werden; ein Diener der Gottheit aber,« und bei diesen Worten warf er einen drohenden Blick auf Pentaur, »ein Priester, der im Kampfe der Willkür gegen das Gesetz zum Ueberläufer wird, der seiner Pflicht und seines Eides vergißt, der wird Dir nicht lange helfend zur Seite stehen, denn der ist – und hätte ihn jede Gottheit mit ihren reichsten Gaben gesegnet, – der ist verdammt. Wir stoßen ihn aus unserer Mitte, wir verfluchen ihn, wir . . .« Bent-Anat schaute bei diesen Worten bald auf den vor Erregung bebenden Ameni, bald auf den ihr gegenüberstehenden Pentaur. Röthe und Blässe wechselten auf ihrem Angesichte, wie Licht und Schatten auf dem Boden eines zur Mittagszeit vom Sturme bewegten Palmenwaldes. Der Dichter trat ihr einen Schritt entgegen. Sie fühlte, daß er reden, das Geschehene vertheidigen und sich verderben werde. Da erfaßte ein tiefes Mitgefühl, eine namenlose Angst ihre Seele und ehe Pentaur seine Lippen zu öffnen vermochte, sank sie langsam vor Ameni nieder und sagte leise: »Ich habe gesündigt und mich befleckt, Du sagst es, wie Pentaur es sagte vor der Hütte des Paraschiten. Gib mir die Reinheit wieder, Ameni, denn ich bin unrein.« Wie eine Flamme, die eine Menschenhand erdrückt, erlosch die Glut in des Oberpriesters Augen. Freundlich, fast liebevoll, schaute er zu der Prinzessin hernieder, segnete sie, führte sie vor das Allerheiligste, ließ sie dort von Weihrauchwolken umwehen, mit den neun heiligsten Salbölen begießen und gebot ihr, in das Königsschloß zurückzukehren. Noch, sagte er, sei ihre Schuld nicht gesühnt; bald aber werde sie erfahren, durch welche Gebete und Uebungen sie die volle Reinheit vor den Göttern, die er im Sanktuarium zu befragen gedenke, zurück erlangen könne. Während der erwähnten Ceremonien fuhren die im Vorhofe des Tempels aufgestellten Priesterchöre in ihren Lamentationen fort. Das vor dem Tempel stehende Volk lauschte auf die priesterlichen Lieder und unterbrach sie von Zeit zu Zeit mit gellendem Jammergeschrei, denn schon hatte sich eine dunkle Kunde von dem Geschehenen unter der Menge verbreitet. Die Sonne begann sich zu neigen, bald mußten die Besucher der Todtenstadt die Nekropole verlassen und noch immer wollte sich Bent-Anat, deren Erscheinen das Volk mit Ungeduld erwartete, nicht zeigen. Einer erzählte dem Andern, die Tochter des Königs sei verflucht worden, weil sie der erkrankten, weißen und schönen Uarda, die Vielen bekannt war, Heilmittel gebracht habe. Unter den zusammengeströmten Neugierigen befanden sich viele in der Nekropole wohnende Balsamirer, Bauarbeiter und geringe Leute. Der aufrührerische und widersetzliche Sinn der Aegypter, welcher ihnen unter den späteren Fremdherrschern so schwere Leiden zuzog, erwachte und steigerte sich mit jeder Minute. Man schalt auf den Stolz der Priester und die unsinnige, unwürdige Satzung. Ein trunkener Soldat, der bald wieder in die Schenke, welche er kaum verlassen, zurücktaumelte, machte sich als Rädelsführer breit und war der Erste, der einen schweren Stein aufhob, um ihn gegen die mit Erz beschlagene große Tempelpforte zu schleudern. Einige Knaben folgten schreiend seinem Beispiel, auch gesetztere Männer, fortgerissen von dem Geheul fanatisirter Weiber, ließen sich zu Steinwürfen und Schmähworten verleiten. Im Setihause tönten die priesterlichen Sänge ununterbrochen fort; endlich aber, als das Lärmen der Menge lauter wurde, öffnete sich seine Hauptpforte und feierlichen Schrittes trat Ameni in vollem Ornate, gefolgt von zwanzig Pastophoren , welche Götterbilder und heilige Symbole auf den Schultern trugen, mitten in die Menge hinein. Alles schwieg. »Warum stört ihr unsere Gebete?« fragte er laut und gelassen. Ein wirres Durcheinanderrufen, in dem nur der häufig wiederholte Name Bent-Anat's zu erkennen war, antwortete ihm. Ameni bewahrte seine unerschütterliche Ruhe und seinen Krummstab hoch hebend rief er: »Macht Platz für die Tochter des Ramses, die bei den Göttern, welche die Schuld des Höchsten schauen, wie die des Geringsten unter euch, Reinheit suchte und Reinheit fand. Sie lohnen den Frommen, aber sie strafen den Frevler. Kniet nieder und laßt uns beten, daß sie euch verzeihen und euch und eure Kinder segnen.« Ameni ließ sich von einem Pastophoren das heilige Sistrum Beim Gottesdienste der Aegypter gebrauchtes Klapperblech, von dem sich verschiedene Exemplare, die in den Museen konservirt werden, erhalten haben. Plutarch beschreibt es richtig so: »Das Klapperblech ist oben rund gebogen und dieser Bügel umfaßt die vier geschüttelten Stäbe . . . Auf der Rundung des Klapperblechs oben befestigen sie das Bild einer Katze mit einem Menschengesichte, unter die vier geschüttelten Stäbchen kommt auf einer Seite das Gesicht der Isis, auf der andern das der Nephthys.« Auf dem Bügel eines Bronzesistrums im berliner Museum ist die Katze befestigt; an anderen Exemplaren sieht man am obern Ende der Griffe gewöhnlich Masken der Hathor. Im Sanktuarium des Tempels dieser Göttin zu Dendera ward das Bild des heiligen Sistrum an bevorzugter Stelle angebracht. reichen und hob es hoch empor, die Priester hinter ihm stimmten einen feierlichen Hymnus an und die Menge sank auf die Kniee und regte sich nicht, bis der Gesang verstummte und der Oberpriester von Neuem ausrief: »Die Himmlischen segnen euch, durch mich, ihren Knecht. Verlaßt diese Stätte und macht Platz der Tochter des Ramses.« Nach diesen Worten zog er sich in den Tempel zurück und die Scharwache säuberte, ohne auf Widerstand zu stoßen, die zum Nil führende, von Sphinxen eingefaßte Straße. Als Bent-Anat ihren Wagen bestieg, sagte Ameni: »Du bist ein Königskind. Das Haus Deines Vaters steht auf den Schultern des Volkes. Lockre die alten Satzungen, die es in Banden halten, und die Menge wird sich bewegen, wie diese Unsinnigen.« Ameni zog sich zurück. Bent-Anat ordnete langsam die Zügel in ihrer Hand. Dabei ruhte ihr Auge in dem des Dichters, welcher, an einen der Thorpfeiler gelehnt, wie ein Verklärter zu ihr aufschaute. Sie ließ ihre Geißel zur Erde fallen, damit er sie aufheben und sie ihr zurückgeben möge; aber er gewahrte es nicht. Ein Läufer sprang herzu und überreichte sie der Prinzessin, deren Rosse sich hoben und wiehernd anzogen. Pentaur blieb wie gebannt an dem Pfeiler stehen, bis das Rasseln der auf den Steinfliesen der Sphinxstraße dahinrollenden Räder ihres Wagens allmälig verklang und der Wiederschein des glühenden Abendrothes die östlichen Berge mit sanften Rosenfarben bemalte. Der weithin tönende Klang einer geschlagenen Erzscheibe weckte den Dichter aus seiner Verzückung. Er legte die Linke auf die Stelle seines Herzens und preßte seine Stirn mit der Rechten, als wolle er mit ihr seine in die Irre gehenden Gedanken zusammenfassen. Das Tamtam rief ihn zur Pflicht, zu den Vorlesungen über die Redekunst, welche er in dieser Stunde den jüngeren Priestern zu halten hatte. Schweigend ging er dem offenen Hofe, in welchem seine Schüler auf ihn warteten, gewohnheitsmäßig entgegen; aber anstatt wie sonst auf diesem Wege den zu behandelnden Stoff zu durchdenken, beschäftigte sich sein Geist und Herz mit den Erlebnissen der letzten Stunden. Ein ihn beseligendes Bild beherrschte seine Vorstellungswelt, und dieß war das der schönsten Frau, die strahlend in königlicher Hoheit und bebend vor Stolz sich in den Staub geworfen hatte um seinetwillen. Es war ihm, als hätte ihre That seinem ganzen Wesen einen neuen fürstlichen Werth verliehen und ihr Blick ihn durchleuchtet, als athme er leichtere Lüfte und als habe sein schreitender Fuß Flügel gewonnen. In solcher Stimmung trat er vor seine Zuhörer. Als er all' den bekannten Gesichtern gegenüberstand. besann er sich auf das, was ihm oblag. Sein Lieblingsschüler, der junge Anana, überreichte ihm das Buch, an welches er vor vierundzwanzig Stunden anzuknüpfen versprochen hatte. Pentaur lehnte sich an die Wand des Hofes, er öffnete die Papyrusrolle, schaute auf die sie bedeckenden Schriftzeichen und fühlte, daß er nicht im Stande sei, zu lesen. Gewaltsam raffte er sich zusammen, schaute aufwärts und versuchte den Faden wieder zu finden, den er am Ende der gestrigen Stunde abgeschnitten und in der heutigen wieder aufzunehmen gedacht hatte; aber es war ihm, als läge zwischen gestern und heut ein weites Meer, dessen brausender Wogenschlag sein Gedächtniß und sein Denkvermögen übertäube. Seine Schüler, die auf einer Strohmatte mit gekreuzten Beinen ihm gegenüber am Boden hockten, schauten erstaunt auf den schweigenden, sonst so redegewandten Lehrer und sahen einander fragend an. Ein junger Priester flüsterte seinem Nachbar zu: »Er betet,« und Anana beobachtete mit stiller Besorgnis die starken Hände seines Meisters, die sich so fest um die Schriftrolle schlossen, daß das zarte Material, aus dem sie bestand, zu zerbröckeln drohte. Endlich senkte Pentaur den Blick. Er hatte sein Thema gefunden. Während er aufwärts schaute, war sein Auge dem an die ihm gegenüberliegende Wand gemalten Namen des Königs und dem ihn begleitenden Titel »der gute Gott« begegnet. Anknüpfend an diese Worte stellte er nun an seine Zuhörer die Frage: »Wie erkennen wir die Güte der Gottheit?« Er forderte einen Priester nach dem andern auf, dieß Thema, als stände er vor seiner künftigen Gemeinde, zu behandeln. Mehrere Schüler erhoben sich und redeten mit größerer oder geringerer Wahrheit und Wärme. Endlich kam die Reihe an Anana, der in wohlgesetzten Worten die zweckvolle Schönheit der beseelten und unbeseelten Schöpfung feierte, in der die Güte des Amon, Amon, d. i. der Verborgne. Der Gott von Theben, der, nachdem unter seiner Aegide die Hyksos aus dem Nilthal vertrieben waren, mit dem Ra von Heliopolis vereint und mit den Attributen aller übrigen Götter ausgestattet wurde. Sein Wesen wird immer mehr vergeistigt, bis man es in der esoterischen Lehre unter den Ramessiden der das All erfüllenden und ordnenden Intelligenz gleich setzt. Er ist »der Gemahl seiner Mutter, sein eigener Vater und sein eigener Sohn«. Als »lebendiger Osiris« beseelt und durchgeistigt er das Geschaffene, welches erst durch ihn in eine höhere Existenzordnung eintritt. Er wird »wohlthätig«, »schön«, »ohne Gleichen«, aber auch ein »Vernichter des Uebels« genannt, in dem der Mensch mit Befriedigung die geheime Kraft verehrt, die das Gute erhebt und das Böse niederwirft. Man erkennt ihn an der hohen Doppelfeder auf seiner Krone. Als Amon-Chnem wird er widderköpfig gebildet. des Ra Ursprünglich der Sonnengott; später wird sein Name in der pantheistischen Geheimlehre für den des Gottes, der das All ist, eingeführt. und Ptah, Ptah (gr. Hephaistos), ist der älteste unter den Göttern, der große Bildner des Grundstoffs der Schöpfung, »der Uranfängliche«, den die sieben Chnemu als Architekten helfend zur Seite stehen, und welcher, da die Gesetze und Bedingungen des Werdens von ihm herrühren sollen, »der Herr der Wahrheit« genannt wird. Er schuf auch die Keime des Lichts, steht deswegen an der Spitze der solaren Götter und wird der Schöpfer des Eis genannt, aus dem, nachdem er es zerschlagen, Sonne und Mond hervortraten. Daher sein Name: »Der Eröffner«. Memphis war die Hauptstätte seiner Verehrung, der Apis sein heiliges Thier. In der Unsterblichkeitslehre und der Unterwelt tritt er gewöhnlich als Ptah Sokar Osiris auf, welcher der untergehenden Sonne wie den Verstorbenen die Bedingungen verleiht, deren sie zum neuen Aufgange und ihrer Auferstehung bedürfen. sowie der anderen Götter in die Erscheinung trete. Pentaur hörte dem Jünglinge mit gekreuzten Armen zu, bald fragend dreinschauend, bald Beifall nickend. Dann knüpfte er an seinen zu Ende geführten Vortrag an und begann selbst zu sprechen. Wie gehorsame Jagdfalken auf den Ruf ihres Zähmers, so schossen die Gedanken zu ihm hernieder und die in seiner Brust erwachte göttliche Leidenschaft durchleuchtete und durchglühte seine sich in immer freieren und gewaltigeren Flügelschlägen erhebende, begeisterte Rede. In Rührung hinschmelzend, aufjauchzend in Entzücken pries er die Herrlichkeit der Natur und wie ein demantheller, klarer Strom flossen die Worte von seinen Lippen, als er die ewige Ordnung der Dinge und die unerfaßliche Weisheit und Sorgfalt des Weltenschöpfers, des Einen pries, der einzig sei und groß und sonder Gleichen. »So unvergleichlich,« schloß er, »ist die Heimat, die Gott uns gegeben. Alles was er, der Eine, erschaffen, ist durchdrungen von seinem eigenen Wesen und legt Zeugniß ab von seiner Güte. Wer ihn zu finden weiß, der schaut ihn überall, der ist in jeder Sekunde ein Genosse seiner Herrlichkeit. So suchet ihn, und habt ihr ihn gefunden, dann fallet nieder und singet Lob. Aber preiset den Höchsten nicht nur zum Dank für die Herrlichkeit dessen, was er geschaffen, sondern auch dafür, daß er uns mit der Fähigkeit des Entzückens über sein Werk begabte. Ersteigt die Spitzen der Berge und schaut in das weite Land, fallet nieder, wenn das Abendroth wie Rubinen und das Morgenroth wie Rosen erglüht, tretet hinaus in die Nacht und seht die Sterne, wie sie in ewigen, fehlerlosen, unermeßlichen und unendlichen Kreisen die Himmelsbläue auf silbernen Barken durchfahren, stellt euch an die Wiege des Kindes und neben die Knospe der Blume und seht, wie die Mutter sich über dieses neigt und blanker Morgenthau auf jene fällt. Aber wollt ihr wissen, wohin sich der Strom der göttlichen Güte am vollsten ergießt, wo die Huld des Schöpfers die reichsten Gaben niederlegt und wo seine heiligsten Altäre prangen? Das ist in eurem eigenen Herzen, dafern es rein ist und von Liebe erfüllt. In solchem Herzen spiegelt sich die Natur wie in jenen Zauberspiegeln, auf deren Fläche das Schöne dreifach schön erscheint. Da reicht das Auge über Strom und Fruchtland und Berge weit hinaus und überschaut das ganze Erdenrund, da leuchtet das Morgen- und Abendroth nicht wie Rosen und Rubinen, sondern wie die Wangen der Göttin der Schönheit, da befahren die Sterne nicht schweigend, sondern mit den gewaltigen Klängen unendlich reiner Harmonieen den Himmel, da lächelt das Kind als junger Gott und die Knospe entfaltet sich zur Wunderblume, da endlich erweitert sich der Dank und vertieft sich die Andacht und wir werfen uns einem Gott in die Arme, der, wie stell' ich seine Herrlichkeit dar, – der ein Gott ist, zu dem die erhabene Neunzahl der großen Götter wie elende Bettler hülfebedürftig betet!« Das Tamtam, welches den Schluß der Stunde anzeigte, unterbrach ihn. Pentaur schwieg tief aufathmend und minutenlang regte sich keiner seiner Schüler. Endlich legte der Dichter die Papyrusrolle aus seiner Hand, wischte den Schweiß von seiner glühenden Stirn und näherte sich langsam der in den heiligen Hain des Tempels führenden Thüre des Hofes. Schon hatte er die Schwelle betreten, als er fühlte, wie sich eine Hand auf seine Schulter legte. Er schaute sich um. Hinter ihm stand Ameni und sagte kühl: »Du hast Deine Hörer entzückt, mein Freund. Schade nur, daß Dir die Harfe fehlte.« Wie Eis, das wir auf die Brust eines Fiebernden legen, berührten Ameni's Worte die erregte Seele des Dichters. Er kannte diesen Ton in seines Meisters Stimme, denn so pflegte er schlechte Schüler und sündige Priester mit Worten zu strafen; ihn selbst aber hatte er noch niemals also angeredet. »Freilich,« fuhr der Oberpriester mit bitterer Kälte fort, »will es scheinen, als habest Du im Rausche vergessen, was dem Lehrer im Schulhofe zu reden geziemt. Vor wenigen Wochen hast Du in meine Hände geschworen, das Mysterium zu hüten, und heute hältst Du das Geheimniß von dem unnennbaren Einen, den heiligstem Besitz der Geweihten, wie eine billige Waare auf offenem Markte feil!« »Du schneidest mit Messern,« sagte Pentaur. »Möchten sie scharf sein,« rief der Oberpriester, »und die unreifen Flecke und das Wucherkraut in Deiner Seele vertilgen.. Du bist jung, zu jung; aber nicht wie der zarte Fruchtbaum, der sich gerade ziehen und veredeln läßt, sondern wie das grüne Obst am Boden, das den Kindern, die es auflesen, zum Gifte wird, und wäre es auch von einem heiligen Baume gefallen. Gegen die Stimmen der Mehrzahl der Geweihten nahmen Gagabu und ich Dich unter uns auf. Wir widersprachen allen Denen, die wegen Deiner jungen Jahre an Deiner Reife zweifelten, und dankbar und begeistert schwurst Du mir, das Gesetz und das Mysterium zu hüten. Heute nun stell' ich Dich zum ersten Male aus dem Frieden der Schule auf den Kampfplatz des Lebens. Und wie hast Du das Feldzeichen behauptet, das Dir hochzuhalten und zu vertheidigen oblag?« »Ich that das, was mir wahr und recht schien,« antwortete Pentaur tief erregt. »Recht ist für Dich wie für uns, was das Gesetz vorschreibt; und was ist Wahrheit?!« »Keiner hat ihren Schleier gelüftet,« sagte Pentaur; »aber meine Seele stammt aus dem beseelten Leibe des Alls, ein Theil des untrüglichen Geistes der Gottheit regt sich in meiner Brust, und wenn er sich in mir wirksam zeigt . . .« »Wie leicht halten wir die Schmeichelstimme der Eigenliebe für die der Gottheit.« »Sollte der in mir, wie in Dir, wie in Jedem wirkende und redende Gott sich selbst und seine eigene Stimme nicht wieder erkennen?« »Und hörte Dich die Menge,« unterbrach ihn Ameni, »so setzte sich Jeder auf seinen kleinen Thron, erklärte die Stimme des Gottes in seiner Brust für seinen Lenker, zerrisse das Gesetz und ließe seine Fetzen vom Ostwinde in die Wüste wehen.« »Ich bin ein Wissender, den Du selbst den Einen zu suchen und zu finden lehrtest. Das Licht, welches ich beseligt schaue, würde die Menge – ich leugne es nicht – wenn ich es ihr zeigen wollte, mit Blindheit schlagen . . .« »Und dennoch blendest Du unsere Schüler mit dem gefahrvollen Glanze –« »Ich erziehe sie zu künftigen Wissenden.« »Und das mit den glühenden Ergüssen eines liebetrunkenen Herzens?« »Ameni!« »Auch ungerufen stehe ich vor Dir, als Dein Meister, der Dich auf das Gesetz verweist, welches immer und überall klüger ist als der Einzelne, dessen ›Befestiger‹ der König selbst sich in seinen prunkendsten Titeln zu sein berühmt, und dem der Wissende sich beugen soll wie der gemeine Mann, den wir zum blinden Glauben erziehen, – steh' ich vor Dir als Dein Vater, der Dich von Kind auf geliebt und von keinem seiner Schüler Größeres erwartet hat, als von Dir, und Dich darum weder verlieren, noch die auf Dich gesetzte Hoffnung preisgeben will. – Bereite Dich vor, in der Frühe des morgenden Tages unser stilles Haus zu verlassen. Du hast Dein Lehramt verwirkt; das Leben soll Dich nun in die Schule nehmen und Dich reif machen für die Würde eines Eingeweihten, die Dir durch meine Schuld zu früh verliehen ward. Ohne Abschied verläßt Du Deine Schüler, wie schwer Dir solches auch werden mag. Nach dem Aufgange des Sothissternes Der der Isis heilige Sirius oder Hundsstern, dessen Lauf in der Pharaonenzeit gleich war dem astronomisch richtigen Sonnenjahre und darum schon früh der Zeitrechnung der Aegypter zur Grundlage diente. hole Dir Deine Weisungen, Du wirst in den nächsten Monaten die Priesterschaft im Tempel der Hatasu zu leiten und Dir in dieser Stellung unter meinen Augen unser Vertrauen, welches Du verscherztest, zurückzugewinnen suchen. Keinen Widerspruch! Heute Nacht empfängst Du meinen Segen und unsere Vollmacht; – die aufgehende Sonne hast Du auf den Terrassen der neuen Stätte Deines Wirkens zu begrüßen. Der Unnennbare möge das Gesetz in Deine Seele prägen!« Ameni begab sich in seine Gemächer zurück. Er ging ruhelos in ihnen auf und nieder. Auf einem kleinen Tische lag ein Spiegel. Er schaute auf die blanke Metallscheibe und legte sie, als habe er in ihr ein fremdes, ihm mißfallendes Antlitz erblickt, auf ihren alten Platz zurück. Die Erlebnisse der letzten Stunden hatten ihn tief erregt und sein Vertrauen auf sein sicheres Urtheil über Menschen und Verhältnisse erschüttert. Die Priester am jenseitigen Nilufer waren Bent-Anat's geistliche Rathgeber und er hatte die Prinzessin als fromme und begabte Jungfrau rühmen hören. Ihr unvorsichtiger Bruch der Satzung schien ihm eine willkommene Gelegenheit zu bieten, ein Mitglied der Familie des Ramses öffentlich zu demüthigen. Nun sagte er sich, daß er dieses junge Wesen unterschätzt, daß er ungeschickt, ja vielleicht unklug gegen sie gehandelt habe, denn er verhehlte sich keinen Augenblick, daß ihre rasche Wandlung weit eher auf Grund einer warmen Aufwallung ihres Mitgefühls, vielleicht ihrer Neigung, als durch die Erkenntniß ihres Unrechts erfolgt sei, und nur wenn sie sich schuldig fühlte, konnte er ihre Uebertretung ungefährdet benutzen. Dabei war er nicht groß genug, um frei von Eitelkeit zu sein, und gerade diese letztere fühlte sich tief verletzt durch den stolzen Widerstand der Prinzessin. Als er Pentaur befahl, ihr strafend gegenüber zu treten, hatte er gehofft, seinen Ehrgeiz zu wecken durch das stolze Gefühl, Gewalt zu haben über die Mächtigen der Erde. Und nun? Wie hatte sein begeisterter Bewunderer, der hoffnungsvollste unter all' seinen Schülern, seine Probe bestanden! Sein Lebensideal, die unbeschränkte Herrschaft der priesterlichen Idee über die Geister und der Priesterschaft selbst über den König, war bisher von diesem seltsamen Jüngling unverstanden geblieben. Er sollte es begreifen lernen! »Hier als letzter unter hundert höher Gestellten wird die Widerstandskraft dieser schwungvollen Seele gereizt,« sagte sich Ameni. »Im Tempel der Hatasu wird er über tiefer stehende Opferschlächter und Rauchpfannenschwenker zu gebieten haben und, Gehorsam fordernd, die Nothwendigkeit desselben schätzen lernen. Der Rebell, dem ein Thron zufällt, wird zum Tyrannen! »Pentaur's Dichterseele,« so dachte er weiter, »hat sich schnell den Reizen Bent-Anat's gefangen gegeben, und welches Weib widerstünde diesem Hochbegnadigten, der in Schönheit wie Ra Harmachis strahlt und von dessen Lippen die süße Rede Techuti's Toth-Hermes. Anmerkung 16 . fließt! Sie dürfen einander nicht wiedersehen, denn kein Band darf ihn mit dem Hause des Ramses verknüpfen.« Von Neuem schritt er auf und nieder und murmelte: »Was ist das!? Wie Palmen das niedere Gewächs, überragten zwei meiner Schüler an Geist und Gaben ihre Genossen. Ich erzog sie zu meinen Nachfolgern, zu den Erben meiner Bestrebungen und Hoffnungen. »Mesu Der ägyptische Name des Mose, den wir als einen Zeitgenossen des Ramses, unter dessen Nachfolger der Auszug der Juden stattfand, betrachten dürfen. fiel ab und Pentaur möchte ihm folgen. »Muß mein Ziel schlecht sein, weil es die Edelsten nicht anzulocken vermag? Mit nichten! Jene fühlen sich von besserem Stoffe als ihre Schicksalsgenossen, gestalten sich ihr eigenes Gesetz und scheuen sich, das Höhere in dem Geringeren aufgehen zu sehen; ich aber denke anders, mische mich wie ein eisenhaltiger Bach am Libanon mit dem großen Strome und färbe ihn mit meiner Farbe.« Solches denkend blieb Ameni stehen. Dann rief er einen der sogenannten heiligen Väter, seinen Geheimschreiber und sagte: »Setze sogleich ein an alle Priesterkollegien des Landes zu sendendes Schreiben auf. Theile ihnen mit, daß die Tochter des Ramses sich gegen das Gesetz schwer vergangen und verunreinigt habe, und schreibe ihnen vor, daß man öffentliche, hörst Du, ›öffentliche‹ Gebete für ihre Reinigung in allen Tempeln sprechen möge. Lege mir den Brief in einer Stunde zur Unterschrift vor! Doch nein! Gib mir Dein Rohr und Deine Palette, ich werde die Verordnung selbst verfassen!« Der »heilige Vater« reichte ihm das Schreibzeug und trat in den Hintergrund des Zimmers; Ameni aber murmelte. »Der König will uns unerhörte Gewalt anthun. Wohl! Dieß Schreiben sei der erste Pfeil als Entgegnung auf seinen Lanzenwurf.« Achtes Kapitel. Ueber die der Nekropole von Theben gegenüber liegende Stadt der Lebendigen war der Mond aufgegangen. In den sich eine Stunde weit am Nilufer hinziehenden, durch Sphinxreihen und Pylonen verbundenen Tempelanlagen waren die Abendlieder verklungen, aber in den Straßen der Stadt schien jetzt das Leben erst recht zu erwachen. Die der Hitze des Sommertages folgende Kühlung lockte die Bürger in's Freie, vor die Thüren und auf die Dächer und Thürme ihrer Häuser, oder an die Schenktische, neben denen man bei Bier, Wein und süßen Fruchtsäften den Geschichten der Märchenerzähler lauschte. Viele einfachere Leute hockten in kreisförmigen Gruppen am Boden und stimmten in die Schlußsätze des Liedes ein, welches ein bescheidener Sänger zum Klange einer Handtrommel und Flöte vortrug. Im Süden der Tempel des Amon lag der Königspalast und in seiner Nähe erhoben sich in mehr oder weniger ausgedehnten Gärten die Häuser der Großen des Reichs, unter denen sich eines durch Pracht und Umfang vor allen anderen auszeichnete. Paaker, der Wegeführer des Königs, hatte es nach dem Tode seines Vaters, in der Hoffnung, seine Base Nefert bald in dasselbe als seine Ehefrau einführen zu können, an der Stelle des schlichteren Hauses seiner Ahnen von einem der geschicktesten Baukünstler errichten lassen. Wenige Schritte weiter nach Osten hin lag ein anderes, immerhin stattliches, aber älteres und weniger glänzendes Hans, welches der Rosselenker des Königs, Mena, von seinem Vater ererbt hatte und in dem seine Gemahlin Nefert mit ihrer Mutter Katuti wohnte, während er selbst im fernen Syrerlande das Zelt des Königs, als dessen Leibwächter, theilte. Vor den Thoren beider Häuser standen Fackeln tragende Diener, welche auf die längst erwartete Heimkehr ihrer Gebieter harrten. Das Thor, welches in das rings von einer Mauer umgebene Grundstück Paaker's Einlaß gewährte, war unverhältnismäßig, fast prahlerisch hoch und mit bunten Malereien bedeckt. Zu seiner Linken und Rechten erhoben sich als Fahnen tragende Maste zwei Cederstämme. Er hatte sie zu diesem Zwecke am Libanon fällen und zu Schiff nach Pelusium an der Nordostgrenze Aegyptens befördern lassen. Von dort aus waren sie auf dem Nil nach Theben geschafft worden. Durchschritt Das Erbe des Mohar haben wir nach den schönen Bildern der Gärten und Häuser von ägyptischen Großen in den Grüften von Tel el Amarna (abgebildet in Lepsius' Denkmälern aus Aegypten und Aethiopien. Abth. III.) beschrieben. Einen Garten zu besitzen galt als besonderes Glück. Im von Mariette publizirten Papyrus IV. aus Bulaq will der Autor zeigen, daß jeder irdische Besitz zum Ueberdruß führe, und wählt als Beispiel das Haus mit dem Garten: »Du hast Dir,« sagt er, »ein bewässertes Landstück angelegt. Du hast Dein Gartenland mit Hecken umgeben, Sykomoren hast Du in Rondelen gepflanzt, wohl sie ordnend auf dem ganzen Gebiete bei Deinem Hause. Du füllst Deine Hand mit allen Blumen, welche Dein Auge erschaut, dennoch geschieht es, daß man ihrer überdrüssig wird am letzten Ende.« man die Eingangspforte, so kam man in einen weiten gepflasterten Hof, an dessen Seiten sich nur nach hinten zu geschlossene Gänge, deren Dächer von dünnen Holzsäulen getragen wurden, hinstreckten. Hier standen die Rosse und Wagen des Wegeführers, hier wohnten seine Sklaven und wurden die für den Monatsbedarf nothwendigen Vorräthe an Feldfrüchten aufbewahrt. In der Hinterwand dieses Wirthschaftshofes befand sich ein Thor von mäßiger Höhe, das in einen weiten Garten mit wohlgepflegten Baumreihen und Weinspalieren, Sträuchergruppen, Blumen und Gemüsebeeten führte. Palmen, Sykomoren und Akazienbäume, Feigen, Granaten und Jasminsträucher gediehen hier besonders üppig, denn Paaker's Mutter Setchem leitete die Arbeiten der Gärtner und in dem großen Teich inmitten der Anlage fehlte es niemals an Wasser zum Begießen der Beete und Baumwurzeln, wurde er doch von zwei Kanälen gespeist, in welche von Ochsen gedrehte Schöpfräder Tag und Nacht Wasser aus dem Nilstrome gossen. An der rechten Seite dieser Anlagen erhob sich das einstöckige, aber unabsehbar lange Wohngebäude, das aus einer einzigen Reihe von Zimmern und Kammern bestand. Fast jeder Raum besaß seine eigene Thür, die in eine von bunten Holzsäulen getragene Veranda mündete, welche sich entlang der ganzen Gartenseite des Hauses hinzog. An dieses Gebäude schloß sich im rechten Winkel eine Reihe von Vorrathsräumen, in denen die in dem Garten gewonnenen Früchte und das Gemüse, die Weinkrüge und der Besitz des Hauses an gewebten Stoffen; Fellen, Leder und anderen Gegenständen aufbewahrt wurden. In einem Gemache von festem Quadergemäuer lag, wohl verschlossen, das von Paaker's Vätern und ihm selbst erbeutete reiche Gut in Gestalt von goldenen und silbernen Ringen, Thierfiguren und Gefäßen. Auch an Kupferbarren und edlen Steinen, besonders an Lapis lazuli und Malachitstücken, fehlte es nicht. Inmitten des Gartens erhob sich ein reich geschmückter Kiosk und eine Kapelle mit Götterbildern, in deren Hintergrund die Statuen der Ahnen Paaker's in Gestalt des in Mumienbinden gewickelten Osiris Der gerechtfertigte Verstorbene wird nach dem Tode Osiris , d. h. er gelangt zum völligen Einssein (Henosis) mit der Gottheit. Die Osiris-Mythe findet sich in all' ihren Theilen in der literarischen Hinterlassenschaft der Aegypter wieder. Vollständig erzählt sie Plutarch. Der Inhalt ist mit Uebergehung des Nebensächlichen folgender: Isis und Osiris beherrschen beglückt und beglückend das Nilthal. Typhon (Seth) verführt Osiris, sich in eine Lade zu legen, verschließt diese mit seinen 70 Genossen und setzt sie auf den Nil, der sie nach Norden in's Meer führt. Am Ufer von Byblos landet sie. Isis sucht sie klagend, findet sie und bringt sie nach Aegypten zurück. Während sie ihren Sohn Horus aufsucht, findet Typhon die Leiche, zerschneidet sie in 14 Theile und streut sie im Lande umher. Indessen ist Horus herangewachsen, bekämpft und besiegt Typhon, ohne ihn zu tödten, und gibt seiner Mutter den Gatten, seinem Vater, der während seines scheinbaren Todes in der Unterwelt fortgeherrscht hatte, seinen Erdenthron zurück. – Diese sinnreiche Mythe personifizirt nicht nur den Kreislauf des vegetativen Lebens, sondern auch die Bahn der Sonne und das Schicksal der Menschenseele. Die Zeugungskraft der Natur und die Fülle des Nils wird von der Dürre, das Licht der Sonne von der Finsternis, der Mensch durch den Tod, das Prinzip des Guten von dem des Bösen, die Wahrheit von der Lüge scheinbar vernichtet, während sie alle im Frühling (der Zeit der Nilschwelle) am Morgen, im Jenseits und am Tage der Vergeltung triumphiren, wie Osiris durch Horus den Sieg über Typhon davongetragen hatte. standen. Nur durch die porträtähnlich gehaltenen Gesichter unterschied sich die eine dieser Bildsäulen von der andern. Die linke Seite des Wirthschaftshofes war von Finsterniß verschleiert, doch gestattete das Mondlicht, viele nur mit einer Schürze bekleidete dunkle Gestalten, die Sklaven des Wegeführers, zu erkennen, die zu fünfen und sechsen am Boden kauerten oder auf dünnen Matten von Palmenbast, ihren harten Betten, nebeneinander lagen. Unweit des Thores an der rechten Seite des Hofes brannten einige Lampen und beleuchteten eine Gruppe von braunen Männern, die Hausbeamten Paaker's, welche kurze, hemdenartige weiße Röcke trugen und auf einem Teppich hockend einen kaum zwei Fuß hohen Tisch im Kreise umgaben. Sie verzehrten ihre Abendmahlzeit, eine gebratene Antilope und große flache Brodkuchen.. Einige Sklaven warteten ihnen auf und füllten ihre irdenen Becher mit gelblichem Biere. Der Haushofmeister zerlegte den großen Braten auf dem Tische, reichte dem Aufseher des Gartens ein Stück von der Antilopenkeule und sagte: Griechen und Römer berichten, die Aegypter wären der Satire und dem beißenden Witze so geneigt gewesen, daß sie Habe und Leben auf's Spiel setzten, wenn es ihre spöttische Neigung zu befriedigen galt. Die anstößigen Bilder im sogenannten Kiosk von Medinet Habu, die Karrikaturen auf einem unbeschreibbaren Turiner Papyrus \&c. bestätigen diese Nachrichten. Merkwürdig ist eine Stelle bei Flavius Vopiscus, der die Aegypter mit den Franzosen vergleicht, und welche wir hier mittheilen zu sollen meinen. »Die Arme thun mir weh; das Sklavengesindel wird immer fauler und widerspenstiger.« »Ich merk's an den Palmen,« sagte der Gärtner. »Ihr braucht so viele Stöcke, daß ihre Kronen schon so fadenscheinig werden, wie mausernde Vögel.« »Wir sollten's wie der Herr machen,« sagte der Stallmeister, »und uns Stäbe von Ebenholz anschaffen; die halten hundert Jahre.« »Jedenfalls länger als die Knochen der Leute,« lachte der oberste Rindshirt, der von dem Landgute des Wegeführers in die Stadt gekommen war, um Opfervieh, Butter und Käse abzuliefern. »Wenn wir's dem Herrn rechtschaffen nachthun wollten, so hätten wir bald nur noch Lahme und Krüppel im Dienerhause.« »Da drüben liegt der Bursch, dem er gestern das Schlüsselbein zerschlagen,« sagte der Haushofmeister; »'s ist Schade um ihn, denn er war ein geschickter Mattenflechter. Der alte Herr schlug sanfter.« »Du mußt es wissen!« rief ein dünnes Stimmchen, das sich spottend hinter den Schmausenden hören ließ. Diese Letzteren schauten sich um und lachten, als sie den seltsamen Gast erkannten, der sich ihnen unbemerkt genähert hatte. Der neue Ankömmling war ein verwachsenes Männchen in der Größe eines fünfjährigen Knaben, mit einem großen Kopfe und ältlichen, aber ungewöhnlich scharf geschnittenen Gesichtszügen. Die meisten vornehmen Aegypter hielten sich als Spielwerk Hauszwerge und der kleine Wicht diente als solcher der Gattin des Mena. Man nannte ihn Nemu, d. i. der Zwerg, und fürchtete ihn zwar wegen seiner scharfen Zunge, sah ihn aber doch gern, denn er galt für sehr klug und war ein guter Erzähler. »Gönnt mir ein Plätzchen, ihr Herren,« sagte der Kleine, »ich nehme nur wenig Raum ein und eurem Bier und Braten droht durch mich geringe Gefahr, denn mein Magen ist winzig wie ein Fliegenkopf.« »Aber Deine Galle so groß wie ein Nilpferd,« rief der Mundkoch. »Sie wächst,« lachte der Zwerg, »wenn sie ein Quirldreher und Löffelschwenker von Deiner Art aufrührt. So, da säß' ich.« »Sei denn willkommen,« sagte der Haushofmeister. »Was bringst Du?« »Mich selber.« »Dann bringst Du nichts Großes!« »Ich würde ja auch sonst nicht zu euch passen,« erwiederte der Zwerg. »Aber ernstlich! Meiner Herrin Mutter, die edle Katuti, und der Statthalter, der uns eben besucht, sandten mich aus, um zu fragen, ob Paaker noch nicht wieder zurück sei. Er begleitete die Prinzessin und Nefert in die Todtenstadt und die Frauen sind noch nicht heimgekehrt. Wir fangen an besorgt zu werden, denn es ist schon spät.« Der Haushofmeister schaute zu dem gestirnten Himmel auf und sagte: »Der Mond steht schon ziemlich hoch und der Herr wollte vor Sonnenuntergang zu Hause sein.« »Die Mahlzeit war fertig,« seufzte der Koch; »ich werde nochmals an die Arbeit zu gehen haben, wenn er nicht über Nacht ausbleibt.« »Wie sollte er?« fragte der Haushofmeister. »Er begleitet ja die Prinzessin Bent-Anat.« »Und meine Herrin,« fügte der Zwerg hinzu. »Was die sich erzählen werden!« lachte der Gärtner. »Euer oberster Sänftenträger behauptete, sie hätten gestern auf dem Weg in die Todtenstadt kein Wort miteinander geredet.« »Könnt Ihr's dem Herrn verargen, wenn er der Frau zürnt, die mit ihm verlobt war und einem Andern in die Ehe folgte? Wenn ich an die Stunde gedenke, in der er von Nefert's Treubruch erfuhr, wird mir heiß und kalt.« »Sorge wenigstens dafür,« höhnte der Zwerg, »daß Dir im Winter heiß und im Sommer kalt wird.« »Es ist noch nicht aller Tage Abend,« rief der Stallmeister. »Paaker vergißt keine Beleidigung, und wir werden's erleben, daß er Mena, wie hoch er auch steht, den Schimpf heimzahlt, den er ihm angethan hat.« »Meine Herrin Katuti,« unterbrach Nemu den Stallmeister, »kassirt jetzt die Ausstände ihres Schwiegersohnes ein. Uebrigens wünscht sie schon längst die alte Freundschaft mit eurem Hause von Neuem anzuknüpfen und auch der Statthalter redet zum Frieden. Gib mir ein Stück Braten, Haushofmeister, mich hungert.« »Der Beutel, in den Mena's Ausstände fließen,« lachte der Koch, »scheint mager zu sein!« »Mager, mager! ungefähr wie Dein Witz,« erwiederte der Zwerg. »Gib mir noch ein Stück Braten, Haushofmeister, und Du, Sklave, reich' mir einen Trunk Bier.« »Sagtest Du nicht eben, Dein Magen sei so klein wie ein Fliegenkopf?« rief der Koch, »und nun schlingst Du Fleisch wie die Krokodile im heiligen Teiche des Seelands. Das heutige Fajum, woselbst beim Tempel des Gottes Sebek zu Krokodilopolis ausgeputzte heilige Krokodile gepflegt und reichlich gefüttert wurden. Du mußt aus der verkehrten Welt stammen, in der die Menschen so klein sind wie die Fliegen und die Fliegen so groß wie die Riesen der Vorzeit.« »Noch viel größer möchte ich sein!« schmunzelte der Zwerg, indem er unverdrossen weiter kaute, »etwa wie Deine Mißgunst, die mir nicht einmal das dritte Stück Fleisch gönnt, – das da, welches der Haushofmeister, den Zefa mit reichem Besitze segne, eben vom Rücken der Antilope schneidet.« »Da nimm's, Du Vielfraß, aber löse Deinen Gürtel!« lachte der Haushofmeister. »Ich hatte das Stückchen für mich selbst aufgehoben und bewundere Deine feine Nase.« »Ja, die Nasen,« sagte der Zwerg, »sie lehren den Kenner besser als ein Horoskop, was an einem Menschen ist.« »Das wäre!« rief der Gärtner. »Krame nur Deine Weisheit aus,« lachte der Haushofmeister, »denn wenn Du zu sprechen hast, wirst Du endlich mit dem Essen aufhören.« »Das läßt sich vereinigen,« sagte der Zwerg. »So hört denn! Eine gebogene Nase, die ich mit dem Schnabel des Geiers vergleiche, wird sich niemals mit unterwürfigem Sinne zusammenfinden. Denkt an den Pharao und sein ganzes stolzes Geschlecht. Der Statthalter dagegen hat eine gerade, wohlgestaltete, mittelgroße Nase, wie die der Amonsbilder im Tempel, und so ist er denn auch geraden Sinnes und von göttlicher Güte. Er ist nicht hochfahrend und nicht unterwürfig, sondern gerade so wie es recht ist. Er hält es nicht mit den Größten und nicht mit den Kleinsten, sondern mit Leuten von unserem Schlage; der gäb' einen König für uns.« »Einen Nasenkönig!« rief der Koch. »Ich ziehe den Adler Ramses vor. Aber was sagst Du von der Nase Deiner Herrin Nefert?« »Die ist zart und fein und jeder Gedanke bewegt sie, wie ein Windhauch die Blumenblätter; ihr Herz aber ist gerade so beschaffen.« »Und Paaker?« fragte der Stallmeister.. »Der hat eine kräftige, stumpfe Nase mit runden, weit geöffneten Nüstern. Wenn Seth Sand aufwirbelt und ein Stäublein fliegt hinein, dann kitzelt ihn das, er wird grimmig und so trägt Paaker's Nase und sie allein die Schuld an euren blauen Flecken. Seine Mutter Setchem, die Schwester meiner Herrin Katuti, hat eine kleine, rundliche, weiche . . .« »Du Knirps!« rief den Redenden unterbrechend der Haushofmeister, »gefüttert haben wir Dich und Dich lästern lassen nach Herzenslust; rührt aber Deine spitze Zunge an unsere Hausfrau, dann nehme ich Dich am Gürtel und schleudere Dich an's Firmament, daß Dir die Sterne auf dem krummen Buckel kleben bleiben!« Der Zwerg stand bei diesen Worten auf, trat zurück und sagte gelassen: »Ich würde mir die Sterne sorgfältig vom Rücken lesen und Dir den schönsten Planeten zum Dank für Dein saftiges Stück Braten schenken. Aber da kommen die Wagen! Lebt wohl, ihr Herren, und wenn ein Geierschnabel einen von euch ergreifen und mit in den Krieg nach Syrien schleppen sollte, dann denkt an die Rede des kleinen Nemu, der die Menschen kennt und die Nasen!« Des Wegeführers Wagen rasselte durch die hohe Pforte seines Hauses in den Hof, die Hunde in ihrem Zwinger heulten freudig auf, der Stallmeister eilte Paaker entgegen und nahm die Zügel in Empfang, der Haushofmeister begleitete ihn und der Vorsteher der Köche stürzte in die Küche, um eine neue Mahlzeit für seinen Herrn zu bereiten. Ehe Paaker zu der Gartenpforte gelangt war, ließ sich von den Pylonen des ungeheuren Amonstempels erst der weithin tönende Klang von kräftig geschlagenen Erzplatten, dann aber der vielstimmige Gesang eines feierlichen Hymnus vernehmen. Der Mohar blieb stehen, schaute gen Himmel, rief seinen Dienern zu: »Der göttliche Sothisstern ist aufgegangen!« warf sich zu Boden und erhob betend seine Arme dem Gestirn entgegen. Die Sklaven und Beamten folgten sogleich seinem Beispiel. Kein Vorgang in der Natur blieb unberücksichtigt von den priesterlichen Leitern des ägyptischen Volkes. Jedes Phänomen auf Erden oder am gestirnten Himmel begrüßten sie als die Erscheinung einer Gottheit und sie umspannen das Leben der Bürger des Nilthals vom Morgen bis zum Abend, vom Eintritt der Ueberschwemmungszeit bis zu den Tagen der Dürre mit einem Netze von Gesängen und Opfern, von Prozessionen und Festen, welches das menschliche Individuum mit der Gottheit und ihren Vertretern unauflöslich fest verstrickte. Mehrere Minuten lang lag der Herr mit seinen Dienern schweigend auf den Knieen, das Auge dem heiligen Gestirne zugewandt und den frommen Gesängen der Priester lauschend. Als die letzteren verstummten, erhob sich Paaker. Alles um ihn her lag am Boden, nur bei den Sklavenwohnungen stand eine vom Mondlichte hell beleuchtete nackte Gestalt regungslos an einem Pfeiler. Der Wegeführer winkte, die Diener erhoben sich; er aber ging mit heftigen Schritten auf den Verächter der von ihm mit Strenge gehandhabten Andachtsübung zu und rief: »Haushofmeister, hundert Schläge auf die Fußsohlen dem Gottesverächter.« Der Angeredete verneigte sich und sagte: »Herr, der Arzt hat dem Mattenflechter befohlen, sich nicht zu regen und er kann den Arm nicht erheben. Er leidet große Schmerzen; Du hast ihm vorgestern das Schlüsselbein zerschlagen.« »Ihm ist recht geschehen,« sagte Paaker, indem er seine Stimme so laut erhob, daß ihn der Verwundete hören mußte. Dann kehrte er ihm den Rücken und betrat den Garten. Hier rief er dem Kellermeister und sagte: »Gib heute den Sklaven Bier zum Nachttrunke; Allen, und reichlich!« Wenige Minuten später stand er vor seiner Mutter, die er auf dem mit Blattpflanzen geschmückten Dach ihres Hauses fand, als sie eben ihre zweijährige Enkelin, das Kind ihres jüngeren Sohnes, in die Arme der Kinderfrau legte, damit sie es zur Ruhe bringe. Paaker begrüßte die würdige Matrone ehrerbietig. Sie war eine Frau von freundlich behäbigem Aussehen, deren Füße jetzt von mehreren kleinen Hunden umschmeichelt wurden. Ihr Sohn wehrte den ihm entgegenspringenden Lieblingen der oft zu langer Einsamkeit verdammten Wittwe und wandte sich dann dem Kinde zu, um es aus den Armen der Wärterin auf die seinen zu nehmen. Aber die Kleine sträubte sich mit so lautem und nicht zu beruhigendem Geschrei, daß sie Paaker auf die Erde setzte und unwillig ausrief: »Das ungezogene Ding!« »Es war den ganzen Nachmittag lieb und artig,« sagte seine Mutter Setchem. »Sie sieht Dich so selten!« »Mag sein,« erwiederte Paaker. »Doch ich kenne das; die Hunde mögen mich, aber kein Kind läßt sich von mir angreifen.« »Du hast so harte Hände.« »Bring' den Schreihals fort!« rief der Wegeführer der Wärterin zu. »Ich habe mit Dir zu reden, Mutter.« Setchem beruhigte das Kind, gab ihm viele Küsse und schickte es zur Ruhe. Dann trat sie auf ihren Sohn zu, streichelte seine Wange und sagte: »Wäre die Kleine nur Dein eigen, so würde sie schon zu Dir kommen und Dich lehren, daß ein Kind der größte ist von allen Schätzen, welche die Götter uns Menschen anvertrauen!« Paaker lächelte und sagte: »Ich weiß, worauf Du hinaus willst; aber laß das jetzt, denn ich möchte Dir etwas Wichtiges mittheilen.« »Nun?« fragte Setchem. »Ich habe heut zum ersten Male seit damals, Du weißt schon, mit Nefert gesprochen. Das Geschehene mag vergessen sein! Du sehnst Dich nach Deiner Schwester. Suche sie auf, ich habe nichts mehr dagegen.« Setchem schaute ihren Sohn mit unverhohlenem Erstaunen an, ihre Augen, die sich leicht mit Thränen füllten, flossen über und zaudernd fragte sie: »Darf ich meinen Ohren trauen, Kind, hast Du . . .« »Ich habe den Wunsch,« sagte Paaker fest, »daß Du die alte herzliche Verbindung mit Deinen Verwandten wieder anknüpfst; die Entfremdung hat lange genug gedauert.« »Viel zu lange!« rief Setchem. Der Wegeführer schaute schweigend zu Boden und folgte der Bitte seiner Mutter, sich neben ihr niederzulassen. »Ich wußte es ja,« sagte sie, seine Hand ergreifend, »daß dieser Tag uns Freude bringen werde, denn mir hat von Deinem osirischen Vater geträumt, und als ich mich in den Tempel tragen ließ, begegnete mir zuerst eine weiße Kuh und dann ein Hochzeitszug. Der heilige Widder des Amon berührte auch den Weizenkuchen, den ich ihm darbot.« Dem Germanikus bedeutete es Tod, als der Apis aus seiner Hand zu fressen verschmähte. »Das sind glückliche Vorzeichen,« sagte Paaker ernst und mit dem Tone der Ueberzeugung. »Und laß uns eilen, das, was die Götter uns in Aussicht stellen, dankbar zu ergreifen,« rief Setchem freudig bewegt. »Ich gehe morgen zu meiner Schwester und sage ihr, daß wir wieder in alter Liebe bei einander wohnen und Gutes und Böses theilen wollen. Wir gehören ja demselben Geschlecht an und ich weiß, daß wie die Ordnung und Reinheit das Haus vor dem Verfalle bewahrt und den Gast erfreut, nur die Einigkeit das Glück der Familie und ihr Ansehen vor den Leuten aufrecht erhält. Was geschehen ist, ist geschehen und sei vergessen! Es gibt außer Nefert noch viele Frauen in Theben und hundert Große des Landes würden sich glücklich schätzen, Dich zum Schwiegersohn zu gewinnen.« Paaker stand auf und begann nachdenklich den weiten Raum zu durchmessen, während Setchem weiter sprach. »Ich weiß,« sagte sie, »daß ich eine Wunde in Deinem Herzen berührt habe, aber sie ist ja schon halb vernarbt und sie wird heilen, wenn Du glücklicher sein wirst, als der Rosselenker Mena, und ihn darum nicht mehr zu hassen brauchst. Nefert ist gut, aber zart und untüchtig und der Führung eines so großen Haushalts, wie der unsere, kaum gewachsen. Bald werden sie auch mich mit den Mumienbinden umwickeln, und wenn Dich dann die Pflicht nach Syrien ruft, so muß eine umsichtige Hausfrau an meiner Stelle walten. Das ist nichts Kleines. Dein Großvater Assa hat oftmals gesagt, das überall wohlgeordnete Haus sei ein Abbild der auf einen unbefleckten Namen haltenden, in weiser Eintheilung und sicherer Tüchtigkeit lebenden Familie, in der Jeder seinen bestimmten Platz einnimmt, seine begrenzte Pflicht zu üben und sein abgemessenes Recht zu verlangen hat. Wie oft habe ich zu den Hathoren gebetet, daß sie Dir eine Gattin nach meinem Herzen schenken möchten.« »Eine Setchem werde ich nicht finden,« sagte Paaker, indem er die Stirn seiner Mutter küßte, »denn die Frauen von Deiner Art sterben aus.« »Schmeichler,« lächelte Setchem, indem sie ihrem Sohne mit dem Finger drohte. »Aber wahr ist es! Was jetzt heranwächst, das prunkt und putzt sich mit Stoffen aus Kaft , das mischt seine Rede mit syrischen Worten und läßt dem Haushofmeister und der Schaffnerin freie Hand, wo man selbst gebieten sollte. Auch meine Schwester Katuti und Nefert . . .« »Nefert ist anders als die übrigen Frauen,« unterbrach Paaker seine Mutter, »und hättest Du sie erzogen, so würde sie ein Haus nicht nur zu schmücken, sondern auch zu verwalten verstehen.« Setchem sah ihren Sohn verwundert an; dann sagte sie halb vor sich hin: »Ja, ja, sie ist ein liebes Kind, dem man nicht zürnen kann, wenn man ihm in die Augen schaut. Und doch war ich ihr bös, da Du ihr grolltest und weil, – nun Du weißt ja! – Aber da Du ihr vergeben hast, verzeih' ich ihr gern, ihr und ihrem Gatten.« Paaker's Stirn verdüsterte sich und indem er vor seiner Mutter stehen blieb, sagte er mit der ganzen seiner Stimme eigenen Härte. »Der soll in der Wüste verschmachten und die Hyäne des Nordlands seinen unbestatteten Leichnam zerreißen.« Setchem zog bei diesen Worten den Schleier vor ihr Angesicht und schloß ihre Hände fest um die an ihrem Halse hängenden Amulete. Dann sagte sie leise: »Wie furchtbar Du sein kannst! Wohl weiß ich, daß Du den Rosselenker hassest, denn ich habe die sieben Pfeile über Deinem Lager, auf denen geschrieben steht: »Tod dem Mena«, wohl gesehen. Das ist ein syrischer Zauber, welcher Denjenigen verderben soll, gegen den man ihn anwendet. Wie finster Du drein schaust! Ja, ein Zauber ist das, der den Göttern verhaßt ist und dem Bösen Macht gibt über Den, der ihn übt. Dein Vater und ich haben Dich gelehrt, die Götter zu ehren. Ueberlaß es ihnen, den Frevler zu strafen, denn Osiris entzieht Denen seine Huld, die sich den Feind zum Bundesgenossen erwählen.« »Meine Opfer,« erwiederte Paaker, »sichern mir die Huld der Götter, aber Mena hat als verruchter Räuber an mir gehandelt und ich überantworte ihn dem Bösen, dem er angehört. Genug davon, und wenn Du mich liebst, so sprich den Namen meines Feindes nicht wieder vor mir aus! Nefert und ihrer Mutter hab' ich vergeben, das mag Dir genügen!« Setchem schüttelte ihr Haupt und rief: »Wohin soll das führen! Der Krieg kann nicht ewig dauern, und wenn Mena heimkehrt, so wird die Versöhnung von heute in um so bitterere Feindschaft umschlagen. Ich sehe nur ein Heilmittel! Folge meinem Rath und laß Dir von mir eine würdige Gattin zuführen.« »Jetzt nicht!« sagte Paaker ungeduldig. »In wenigen Tagen zieh' ich von Neuem in das Land des Feindes und wünsche nicht wie Mena bei meinen Lebzeiten mein Weib das Dasein einer Wittwe führen zu lassen. Wozu das Drängen! Meines Bruders Gattin und ihre Kinder sind bei Dir. Sie mögen Dir genügen!« »Die Götter wissen, wie ich sie liebe,« erwiederte Setchem, »aber Dein Bruder Horus ist der jüngere, Du bist der ältere Sohn, dem das Erbgut angehört. Dein Nichtchen ist mir ein freundliches Spielwerk, in Deinem Sohn könnt' ich zugleich den künftigen Erhalter unseres Stammes, das künftige Haupt der Familie in meinem und Deines Vaters Sinn auferziehen. Auch ist mir Alles heilig, was mein verstorbener Gatte wünschte. Er freute sich Deiner frühen Verlobung mit Nefert und hoffte, daß ein Sohn seines ältesten Sohnes Assa's Geschlecht fortführen werde.« »Es soll nicht meine Schuld sein,« sagte Paaker, »wenn einer seiner Wünsche unerfüllt bleibt! Die Sterne stehen schon hoch. Schlafe gut, Mutter, und wenn Du morgen Nefert und Deine Schwester besuchst, so sage ihnen, das Thor meines Hauses stände ihnen offen. Noch Eins! Katuti's Haushofmeister hat dem unsern eine Rinderheerde zum Verkauf angeboten, obgleich der Viehstand auf Mena's Landgut gering sein soll. Was hat das zu bedeuten?« »Du kennst meine Schwester,« erwiederte Setchem. »Sie verwaltet Mena's Besitz, hat große Bedürfnisse, sucht an Glanz die Großen zu übertreffen, sieht den Statthalter oft in ihrem Hause, ihr Sohn soll verschwenderisch sein, und da mag es manchmal am Nöthigsten fehlen.« Paaker zuckte die Achseln, grüßte noch einmal und verließ seine Mutter. Bald darauf stand er in dem weiten Gemach, in dem er zu wohnen und zu schlafen pflegte, wenn er sich in Theben befand. Die Mauern dieses Raumes waren weiß getüncht und mit einigen frommen Sprüchen in Hieroglyphenschrift, welche die Thüren und die dem Garten zugewandten Fensteröffnungen umrahmten, geschmückt. Inmitten der Hinterwand stand ein Bett in Gestalt eines Löwen. Sein Kopfende ahmte das Haupt und sein Fußende den gebogenen Schweif dieses Thieres nach. Ein fein gegerbtes Löwenfell war über das Lager hingebreitet und eine mit frommen Sprüchen bedeckte Kopfstütze von Ebenholz stand auf einer treppenförmigen, hohen Fußbank für den Schläfer bereit. Ueber dem Bette waren verschiedenartige kostbare Waffen und Geißeln in zierlicher Ordnung befestigt und unter ihnen die sieben Pfeile, auf denen Setchem die Worte: »Tod dem Mena« gelesen hatte. Sie kreuzten die Lettern eines Spruches, welcher anbefahl, die Hungernden zu speisen, die Durstigen zu tränken, die Nackten zu kleiden Häufig wiederkehrendes Gebot aus den heiligen Schriften, das schon auf Denkmälern aus dem alten Reiche, z. B. zu Beni Hassan (XII. Dynastie) vorkommt. und mildherzig zu sein gegen den Großen wie gegen den Kleinen. Eine Nische zur Seite des Kopfendes des Bettes war durch einen Vorhang von Purpurstoff verschlossen. In allen Ecken des Zimmers standen Bildsäulen. Drei stellten die Trias von Theben: Amon, Muth und Chunsu, und die vierte den verstorbenen Vater des Wegeführers dar. Vor einer jeden war ein kleiner Opferaltar mit Vertiefungen, in denen wohlriechende Essenzen schwammen, angebracht. Auf einem Holzgestell standen kleine Götterbilder und Amulete in großer Zahl und in mehreren bunten Kasten lagen die Kleider, der Schmuck und die Schriften des Wegeführers. Inmitten des Zimmers stand ein Tisch mit mehreren tabouretartigen Stühlen. Als Paaker dieses Gemach betrat, fand er es mit Lampen erleuchtet und ein großer Hund stürzte ihm freudig entgegen. Er ließ ihn hoch an sich emporspringen, warf ihn zu Boden, ließ sich ein anderes Mal von ihm bestürmen und küßte dann seinen klugen Kopf. Vor seinem Bette lag ein alter Neger von gewaltigem Körperbau in tiefem Schlafe. Paaker stieß ihn mit dem Fuße und rief dem Erwachenden zu: »Mich hungert!« Der schwarze Graukopf erhob sich langsam und verließ das Gemach. Sobald der Wegeführer allein war, nahm er das Fläschchen mit dem Liebestrank aus seinem Gürtel, betrachtete es mit Zärtlichkeit und legte es in eine Kiste, in der viele Flaschen mit heiligen Opferölen lagen. Er war gewöhnt, allabendlich die Vertiefungen in den Altären frisch mit Essenzen zu füllen und sich vor den Götterbildern betend niederzuwerfen. Heute stellte er sich nur vor die Statue seines Vaters, küßte ihre Füße und murmelte: »Dein Wille soll geschehen. Das Weib, das Du mir bestimmtest, soll Deinem ältesten Sohne zu eigen werden!« Dann ging er auf und nieder und überdachte das an diesem Tage Geschehene. Endlich blieb er mit gekreuzten Arenen stehen und schaute die Götterbilder so trotzig an, wie ein Wanderer, der einen schlechten Führer verjagt und seinen Weg selbst zu finden gedenkt. Sein Blick fiel auf die Pfeile über seinem Bett, er lächelte, und indem er mit der Faust an seine breite Brust schlug, rief er. »Ich, ich, ich –!« Seine Dogge, welche wähnte, daß ihr Herr sie anlockte, eilte auf ihn zu. Er wehrte sie ab und sagte: »Wenn Du einer Hyäne in der Wüste begegnest, so fällst Du über sie her und wartest nicht ab, bis sie von meiner Lanze erreicht wird, und da die Götter, meine Herren, säumen, so werd' ich mir selbst zu meinem Rechte verhelfen; Du aber,« fuhr er fort, indem er sich an die Bildsäule seines Vaters wandte, »wirst mir beistehen.« Dieses Selbstgespräch wurde durch die Sklaven unterbrochen, welche seine Mahlzeit herbeibrachten. Paaker überschaute die verschiedenen Speisen, welche der Koch für ihn bereitet hatte, und fragte: »Wie oft soll ich befehlen, mir nicht vielerlei, sondern nur ein großes, kräftiges Gericht zu bereiten? Und der Wein?« »Du pflegst ihn nicht zu berühren,« antwortete der alte Neger. »Aber mich lüstet heute nach einem Trunke,« rief der Wegeführer. »Bringt einen der alten Krüge mit Rothem von Kakem!« Ort unweit der Stufenpyramide von Saqqarah in der Nekropole von Memphis, woselbst im Alterthum Weinbau getrieben worden sein muß, da Rothwein von Kakem (Kochome?) mehrfach erwähnt wird. Die Sklaven sahen einander erstaunt an, der Wein ward gebracht und Paaker leerte Becher auf Becher. Als die Diener ihn verlassen hatten, sagte der Vorlauteste unter ihnen: »Sonst frißt der Herr wie ein Löwe und säuft wie eine Mücke; aber heute . . .« »Hüte Deine Zunge!« rief sein Begleiter, »und komm' in den Hof, denn Paaker läßt uns heute Bier schenken. Die Hathoren müssen ihm begegnet sein!« Wohl mußten die Ereignisse dieses Tages tief in das innere Leben des Wegeführers eingegriffen haben, denn er, der nüchternste unter den Kriegern des Ramses, der den Rausch nicht kannte und die Gelage seiner Kampfgenossen mied, saß heut in mitternächtlicher Stunde allein an seinem Tisch und zechte, bis ihm das müde Haupt schwer wurde. Endlich raffte er sich auf, schritt seinem Lager entgegen und öffnete die Gardine, welche die Nische über dem Kopfende des Bettes verhüllte. Eine weibliche Statue mit dem Hauptschmuck und den Attributen der Göttin Hathor aus bunt bemaltem Kalkstein ließ sich sehen. Ihr Antlitz trug die Züge der Gattin des Mena. Der König hatte einem Bildhauer vor vier Jahren befohlen, ein Götterbild mit den lieblichen Zügen der Neuvermählten seines Wagenlenkers zu zieren, und es war Paaker gelungen, sich eine Nachbildung desselben zu verschaffen. Jetzt kniete er auf seinem Lager nieder, betrachtete das Bildwerk mit feuchten Blicken, sah sich prüfend um, ob er allein sei, beugte sich vor, drückte seinen breiten Mund auf die zarten, kalten, steinernen Lippen, legte sich nieder und entschlief, ohne sich entkleiden und die Lampen in seinem Gemach verlöschen zu lassen. Unruhige Träume bewegten seine Seele, und als der Morgen graute, schrie er, von einem furchtbaren Gesichte beängstigt, so kläglich auf, daß der alte Neger, welcher sich neben dem Hunde vor seinem Bette ausgestreckt hatte, entsetzt aufsprang und ihn, während die Dogge laut aufheulte, beim Namen rief, um ihn zu wecken. Paaker erwachte mit dumpfem Kopfschmerz. Das Traumgesicht, welches ihn beängstigt hatte, stand lebhaft vor seiner Seele und er suchte es festzuhalten, um einen Horoskopen aufzufordern, es ihm zu deuten. Nach den verheißungsvollen Phantasieen des gestrigen Abends fühlte er sich trüb und beklommen. Die Morgenhymnen tönten mit mahnender Stimme aus dem Amonstempel in sein Gemach und er zieh sich sündiger Gedanken, und nahm sich vor, den Göttern wiederum die Lenkung seines Schicksals zu überlassen und den magischen Künsten zu entsagen. Seiner Gewohnheit gemäß stieg er in das für ihn bereit gehaltene Bad. Während ihn die lauwarmen Wasser umplätscherten, dachte er mit immer heftigerer Lebendigkeit an Nefert und an den Zaubertrank, den er ihr nicht erst darbieten wollte, sondern der ihr thatsächlich von ihm gereicht worden war und schon jetzt seine Wirkung geübt haben konnte. Die Liebe stellte rosige, der Haß blutrothe Bilder vor sein inneres Auge. Er rang darnach, sich den ihn fester und fester umgarnenden Lockungen zu entwinden, aber es erging ihm wie einem in den Sumpf gerathenen Manne, der um so tiefer versinkt, je heftiger er sich aus dem Schlamme herauszuarbeiten anstrengt. Mit der steigenden Sonne hob sich sein Lebensmuth und sein Selbstvertrauen, und als er sich in seinen kostbarsten Gewändern seine Wohnung zu verlassen anschickte, hatte er die Stimmung des gestrigen Abends zurückerlangt, war er wiederum entschlossen, ohne und, wenn es sein mußte, gegen die Götter sein Ziel zu erkämpfen. Der Mohar hatte seinen Weg gewählt und er kehrte niemals um, wenn er eine Wanderung einmal begonnen hatte. Neuntes Kapitel. Die Sonne stand in der Mittagshöhe. Ihre Strahlen fanden keinen Eingang in die engen und schattigen Straßen der Wohnstadt Theben, aber sie brannten sengend hernieder auf den breiten zum Königsschlosse führenden Dammweg, welcher sonst zu dieser Stunde wenig bevölkert war. Heute drängten sich auf ihm die Fußgänger und Wagen, die Reiter und Sänftenträger. Hie und da gossen nackte Neger aus Lederschläuchen Wasser auf den Weg, aber der ihn bedeckende Staub war so hoch, daß er trotzdem wie ein trockener Nebel die Straße und die Wanderer verhüllte, welche nicht nur aus der Stadt, sondern auch von dem Hafen herkamen, in welchem die Boote der Bewohner der Nekropole zu landen pflegten. Die Pharaonenresidenz befand sich in ungewöhnlicher Erregung, denn der sturmschnelle Hauch des Gerüchtes hatte eine Kunde verbreitet, welche gleiche Befürchtungen und Hoffnungen in den Hütten der Armen wie in den Palästen der Großen erweckte. Am frühen Morgen waren drei reitende, aus dem Lager des Königs kommende Boten mit schweren Briefsäcken Die schreibseligen Aegypter schrieben viele Briefe, von denen eine große Zahl bis auf uns gekommen ist, und besaßen sogar das Institut der Briefträger und ein eigenes Wort in ihrer Sprache; »fat schat«, für dieselben. Vortrefflich handelt über die Briefe der Aegypter Maspero in seiner Schrift: «du genre épistolaire chez les anciens Égyptiens de l'époque pharaonique» . vor dem Palaste des Statthalters abgestiegen. Wie nach langer Dürre die Bewohner eines Dorfes zu der schwarzen Gewitterwolke aufschauen, die sich zu ihren Häupten zusammenzieht und die erquickenden Regen schenken, aber auch zündende Blitze und vernichtenden Hagelschlag senden kann, so richteten sich die Hoffnungen und Befürchtungen der Bürger auf die selten und in unregelmäßigen Zwischenräumen vom Kriegsschauplatz anlangenden Nachrichten; gab es doch kaum ein Haus in der Riesenstadt, welches nicht einen Vater, einen Sohn oder einen Blutsverwandten zu dem im fernen Nordosten kämpfenden Heere des Königs entsandt hätte. Waren auch die Boten aus dem Feldlager weit öfter Thränenwecker als Freudenbringer, erzählten auch die Schriftrollen, welche sie brachten, weit häufiger von Tod und Verwundung als von Beförderungen, königlichen Gnadengeschenken und errungener Beute, so wurden sie doch mit inbrünstiger Sehnsucht erwartet und mit Jubel empfangen. Groß und Klein eilte nach ihrer Ankunft zu dem Palaste des Statthalters und dicht umlagert waren die Schreiber, welche die eingelaufenen Briefe verteilten und die für die öffentliche Mittheilung bestimmten Berichte und die Listen der Gefallenen und Umgekommenen verlasen. Der Mensch vermag nichts schwerer zu tragen, als die Ungewißheit, und gemeinhin sieht er der schlimmen Nachricht mit größerer Spannung als der guten entgegen. Auch reiten die Unglücksboten schneller als die Künder des Heils. Der Statthalter Ani residirte in einem Nebenbau des königlichen Palastes. Seine Geschäftsräume umgaben einen unübersehbar weiten Hof und bestanden aus einer großen Anzahl von nach diesem letztern hin geöffneten Sälen, in denen zahlreiche Schreiber mit ihren Vorstehern arbeiteten und an dessen Hinterseite sich eine überdachte, von Säulen getragene und an ihrer Vorderseite unverschlossene, verandaartige Halle erhob. Hier pflegte Ani Gericht zu halten, Beamte, Boten und Bittsteller zu empfangen. Auch heute saß er, für alle Anwesenden sichtbar, umgeben von einem zahlreichen Gefolge, auf einem kostbaren Thron in dieser Halle und überschaute die Volksmenge, welche schaarenweis von lange Stäbe führendem Sicherheitswächtern in den Hof der »hohen Pforte« eingeladen und wieder aus ihr hinausgeführt wurde. Was er sah und hörte, war nichts Freudiges, denn aus jeder einen Schreiber umgebenden Gruppe ertönt Wehegeschrei. Vereinzelt waren die Leute, welche von der reichen, den Ihrigen zugefallenen Beute zu erzählen hatten. Ein unsichtbares, aus Jammer und Thränen gewobenes Netz schien die Mehrzahl der hieher Gekommenen zu verbinden. Hier klagten Männer und bestrichen ihre Stirn mit Staub, dort zerrissen Weiber ihre Gewänder, zeterten jammernd auf und riefen, ihre Schleier schwingend: »Ach mein Gatte! Ach mein Vater! Ach mein Bruder!« Eltern, welche die Kunde von dem Tod ihres Sohnes empfangen hatten, fielen einander weinend um den Hals, Greise rauften sich Haar und Bart, junge Frauen schlugen sich Stirn und Busen oder überfielen die vorlesenden Schreiber, um den Namen des geliebten Menschen, der ihnen für immer entrissen sein sollte, selbst zu sehen. Die leidenschaftliche Erregung der Seele, mag sie ein Kind sein der Freude oder des Leids, bedeckt unter uns ihr Antlitz mit dem Schleier, dessen sie unter den Alten nicht bedurfte. Da wo die lauteste Klage erscholl, zeigte sich ein rastlos von einer Gruppe zur andern eilendes Männchen, Nemu, der Zwerg Katuti's, den wir kennen. Jetzt stand er neben einer in Thränen zerfließenden Frau aus den besseren Ständen, deren Gatte in der letzten Schlacht gefallen war. »Kannst Du lesen?« fragte er sie. »Da oben an dem Architrav steht der Name des Ramses mit all' seinen Titeln. ›Spender des Lebens‹ nennt er sich. Nun ja! Er weiß Neues zu schaffen; ›Wittwen‹ meine ich, denn die Männer läßt er hinschlachten.« Ehe das erstaunte Weib ihm zu antworten vermochte, stand er neben einem in Trauer versunkenen Mann und sagte, indem er an seinem Gewande zog: »Frischere Burschen als Deine gefallenen Söhne hat man nie gesehen in Theben. Laß Deinen Jüngsten hungern oder schlage ihn zum Krüppel, sonst schleppen sie auch ihn nach Syrien, denn Ramses braucht viel gesundes ägyptisches Fleisch für die syrischen Geier.« Der Alte, welcher bisher still ergeben dagestanden hatte, ballte die Faust; der Zwerg aber sagte, indem er auf den Statthalter wies: »Wenn Der da das Szepter führte, so gäb' es weniger Waisen und Bettler am Nil. Heut ist sein heiliges Wasser noch süß, aber bald wird es salzig schmecken wie das Nordmeer, von all' den Thränen, die an seinen Ufern vergossen werden.« Es war, als hätte der Statthalter diese Worte vernommen, denn er stand von seinem Thron auf und erhob wie ein Wehklagender seine Hände. Viele unter den Anwesenden bemerkten diese Bewegung, und lautes Jammergeschrei erfüllte den weiten Hof, welcher bald darauf von Soldaten gesäubert wurde, um anderen herandrängenden Volksschaaren Platz zu machen. Während diese sich um die Schreiber sammelten, saß der Statthalter Ani mit ruhiger Würde, von seinem Gefolge und seinen Schreibern umgeben, auf dem Throne und ertheilte Audienzen. Er war ein Mann am Ende der vierziger Jahre und des Königs leiblicher Vetter. Ramses I., des regierenden Pharao Großvater, hatte die legitime Königsfamilie gestürzt und sich mit Gewalt des Pharaonenszepters bemächtigt. Er entstammte einer semitischen Familie, die nach der Vertreibung der Hyksos Von Osten herkommende Stämme, welche, bei einer asiatischen Völkerwanderung nach Aegypten gedrängt, sich des untern Nilthals bemächtigten und es beinahe 500 Jahre lang beherrschten, bis sie von den auf Oberägypten beschränkten Nachkommen des alten, legitimen Pharaonenhauses nach langen Kämpfen verjagt wurden. in Aegypten zurückgeblieben war und sich unter den Thatmes und Amenophis durch kriegerische Begabung ausgezeichnet hatte. Nach seinem Tode folgte ihm sein Sohn Seti, welcher sich ein legitimes Anrecht auf den Thron zu erwerben suchte, indem er die Enkelin Amenophis III., Tuaa, heimführte. Sie schenkte ihm einen einzigen Sohn, den er nach seinem Vater Ramses nannte. Dieser Prinz durfte durch seine dem rechtmäßigen Herrscherhause entstammende Mutter die volle Legitimität für sich in Anspruch nehmen, denn in Aegypten konnte sich eine edle Familie, selbst die pharaonische, durch Frauen fortpflanzen. Seti ernannte Ramses zu seinem Mitregenten, Und zwar schon bei seiner Geburt. Aus einer von Mariette edirten und zuerst von Maspero behandelten Inschrift zu Abydos rühmt sich Ramses, er sei »König gewesen schon im Ei«. Er ist der Sesostris der Griechen. Sein Beiname Sesesu-Ra hat sich auf den Denkmälern erhalten. Wenn die Griechen von den Großthaten des Sesostris sprechen, so meinen sie das, was Seti und Ramses zusammen verrichteten. um dadurch jeden Zweifel an der Rechtmäßigkeit seiner Stellung zu beseitigen. Den jungen Neffen seiner Gemahlin Tuaa, den Statthalter Ani, welcher um wenige Jahre jünger war als Ramses, ließ er im Setihause erziehen und hielt ihn wie seinen eigenen Sohn, während andere Mitglieder der entthronten Königsfamilie ihrer Güter beraubt oder beseitigt wurden. Ani erwies sich als sein und seines Sohnes treuer Diener, dem der kriegerische und großmüthige Ramses wie einem Bruder vertraute, obgleich er sich nicht verhehlte, daß in seinen eigenen Adern weniger reines Königsblut als in denen seines Vetters fließe. Das Pharaonenhaus von Aegypten sollte dem Sonnengotte Ra entstammen, und der Pharao konnte sich nur durch die Mutter, Ani dagegen durch beide Eltern so hoher Abkunft rühmen. Aber Ramses saß auf dem Throne, hielt das Szepter in fester Hand und dreizehn junge Söhne sicherten seinem Hause die Herrschaft über Aegypten für alle Ewigkeit. Als er nach seines kriegerischen Vaters Tode zu neuen Waffenthaten gen Norden zog, ernannte er Ani, der sich als Gouverneur der Provinz Kusch bewährt hatte, zum Statthalter des Reiches. Der Heftigere überschätzt oft den mit ruhigerer Sinnesart begabten Mann, in dessen Wesen er sich nicht hineinzuversetzen und dessen Vorzüge er sich nicht anzueignen vermag, und so kam es, daß dem kriegerischen und feurigen Ramses die gemessene und leidenschaftslose Natur seines Oheims imponirte. Ani schien ohne Ehrgeiz und Unternehmungsgeist zu sein, übernahm die ihm angetragene Würde mit äußerstem Widerstreben und erschien besonders ungefährlich, weil er Weib und Kind verloren und sich keiner Nachkommen zu rühmen hatte. Er war ein Mann von mehr als mittlerer Größe, mit außerordentlich ebenmäßig, ja schön geschnittenen, aber glatten, wenig beweglichen Zügen. Seine hellgrauen Augen und die schmalen Lippen seines Mundes gaben keiner der sein Herz erfüllenden Regungen Ausdruck; vielmehr hatte er seinem Antlitz ein sanftes Lächeln anerzogen, das der Steigerung, der Verminderung und einer verschiedenartigen Färbung fähig, niemals aber gänzlich von seinem Angesichte zu bannen war. Mit leutseliger Freundlichkeit hatte er der Klage eines Grundbesitzers zugehört, dem sein Vieh für das Heer des Königs fortgetrieben worden war, und ihm die Untersuchung seiner Angelegenheit zugesichert. Hoffnungsvoll entfernte sich der Beraubte; als aber der zu Füßen des Statthalters sitzende Schreiber fragte, wem die Untersuchung dieses Uebergriffes der Behörden anvertraut werden solle, sagte Ani: »Ein Jeder hat für den Krieg sein Opfer zu bringen; es bleibt bei dem Geschehenen.« Der Nomarch von Suan im südlichsten Theile des Reichs verlangte die Mittel zu neuen, notwendigen Uferbauten. Der Statthalter hörte seiner lebhaften Schilderung mit Freundlichkeit, ja mit dem Ausdrucke der Rührung zu, versicherte aber, der Krieg verschlinge alle Mittel des Staates, die Kassen wären leer, doch sei er geneigt. wenn diese nicht auch ausblieben, einen Theil seiner eigenen Einkünfte zu opfern, um das gefährdete Ackerland seines getreuen Gaues von Suan, dem er seinen Gruß entbiete, zu schützen. Sobald der Nomarch ihn verlassen hatte, befahl er, dem Schatz eine beträchtliche Summe zu entnehmen und sie dem Bittsteller nachzusenden. Mitten im Gespräche erhob er sich von Zeit zu Zeit und nahm die Stellung eines Wehklagenden an, um den im Hofe versammelten Leidtragenden zu zeigen, daß er theilnehme an den Verlusten, die sie betroffen. Schon hatte die Sonne ihre Mittagshöhe überschritten, als sich der in dem Palasthofe die Schreiber umstehenden Volkshaufen eine von lauten Kundgebungen begleitete Unruhe bemächtigte. Viele Männer und Weiber strömten an einer Stelle zusammen und auch die am wenigsten beweglichen unter den anwesenden Thebanern wandten ihre Aufmerksamkeit dem an dieser Stelle ungewöhnlichen Vorfalle zu. Eine Scharwache trieb die schreiend zusammenlaufende Menge auseinander und eine andere Abtheilung von libyschen Polizisten führte einen Gefangenen ab und einer Seitenpforte des Hofes entgegen. Ehe sie dieselbe erreichen konnte, langte ein Bote des Statthalters bei ihr an, welcher Auskunft über das Geschehene verlangte. Der Oberste der Sicherheitsbeamten folgte ihm und berichtete dem ihn erwartenden Ani in lebhafter Erregung, ein winziger Wicht, der Zwerg der Herrin Katuti, habe sich schon seit mehreren Stunden im Hofe umhergetrieben und sei bemüht gewesen, die Herzen der Bürger mit aufrührerischen Reden zu vergiften. Ani befahl, »den Verblendeten« in den Kerker zu werfen; sobald sich aber der Oberste entfernt hatte, gebot er seinem Schreiber, den Zwerg vor Sonnenuntergang zu ihm führen zu lassen. Während er diesen Befehl ertheilte, bemächtigte sich eine Bewegung von anderer Art der zusammengeströmten Menge. Wie das Meer zur Rechten und Linken der Hebräer auswich, damit keine Woge den Fuß der Verfolgten netze, so trat das versammelte Volk freiwillig, aber wie auf höhern Befehl in ehrerbietiger Neigung auseinander und bildete eine breite Gasse, durch welche der Oberpriester des Setihauses, welcher in vollem Ornat in Begleitung einiger heiligen Väter den Hof betreten hatte, die Menge segnend, dahinschritt. Der Statthalter kam ihm entgegen, neigte sich vor ihm und zog sich bald darauf mit ihm allein in den Hintergrund der Halle zurück. »So ist das Undenkbare dennoch geschehen,« sagte Ameni. »Unsere Hörigen sollen dem Heerbanne folgen.« »Ramses braucht Soldaten, um zu siegen,« erwiederte der Statthalter. »Und wir Brod, um zu leben,« rief der Priester. »Dennoch ward mir befohlen, sogleich, also vor der Saatzeit, die Tempelbauern auszuheben. Ich bedaure diesen Befehl, doch gleicht der König dem Willen und ich nur der Hand.« »Der Hand, deren er sich bedient, um Jahrtausende alte Rechte zu verkümmern und der Wüste den Weg in das Fruchtland zu öffnen.« »Bei einer guten Verwaltung,« sagte der erste Napoleon, »erreicht der Nil die Wüste, bei einer schlechten die Wüste den Nil.« »Eure Aecker werden nicht lang unbestellt bleiben. Ramses wird neue Siege erfechten mit dem vergrößerten Heer und der Hülfe der Götter.« »Der Götter, die er beleidigt!« »Nach dem Friedensschluß versöhnt er wohl die Himmlischen durch doppelt reiche Gaben. Er hofft sicher auf ein baldiges Ende des Kriegs und schreibt mir, daß er nach der ersten gewonnenen Schlacht den Cheta ein Bündniß anzutragen gedenke. Man spricht auch von dem Plane des Königs, sich nach dem Friedensschluß wieder zu verheirathen und zwar mit der Tochter des Cheta-Königs Chetasar.« Bis dahin hatte der Statthalter seine Augen niedergeschlagen. Jetzt erhob er sie lächelnd, als wollte er sich an der Freude Ameni's weiden, und fragte. »Was sagst Du zu diesem Plane?« »Ich sage,« gab Ameni zurück und seine sonst so ernste Stimme gewann einen Anklang von Schalkheit, »ich sage, daß Ramses das Blut Deiner Base und seiner Mutter, das ihm ein Anrecht auf den Thron dieses Landes gibt, für untrübbar rein zu halten scheint.« »Es ist das Blut des Sonnengottes.« »Welches halb in seinen und ganz in Deinen Adern fließt.« Der Statthalter machte eine abweisende Bewegung und sagte leise und mit einem Lächeln, das dem eines Todten glich. »Wir sind nicht allein.« »Niemand ist hier,« erwiederte Ameni, »der uns hören könnte, und was ich sagte, ist jedem Kinde bekannt.« »Aber käm' es dem Könige zu Ohren,« flüsterte der Statthalter, »so . . .« »So würde er wahrnehmen, wie unweise es ist, die alten Rechte Derjenigen zu schmälern, denen es zusteht, die Reinheit des Blutes der Beherrscher dieses Landes zu prüfen. Noch sitzt Ramses auf dem Throne des Ra, Leben blühe ihm, Heil und Kraft. Formel, welche selbst in Privatbriefen der Aegypter dem Namen des Pharao zu folgen pflegt. Der Statthalter verneigte sich und fragte sodann: »Gedenkt ihr dem Verlangen des Pharao ungesäumt zu gehorchen?« »Er ist der König. Unser Rath, welcher in wenigen Tagen zusammentritt, wird nur entscheiden können, wie, nicht ob wir uns seinem Befehle zu fügen haben.« »Ihr wollt die Absendung der Hörigen verzögern und doch braucht sie Ramses sofort. Das blutige Handwerk des Krieges fordert neue Werkzeuge.« »Und der Frieden vielleicht einen neuen Meister, der die Söhne dieses Landes zu seinem Besten zu brauchen versteht; einen echten Sohn des Ra.« Der Statthalter stand dem Oberpriester starr, wie aus Erz gegossen, gegenüber und schwieg; Ameni aber senkte seinen Krummstab vor ihm, wie vor einem Gott, und trat dann in den Vordergrund der Halle. Als Ani ihm folgte, umspielte wie immer ein sanftes Lächeln sein Angesicht, und würdevoll ließ er sich auf den Thron nieder. »Bist Du mit Deinen Mittheilungen zu Ende?« fragte er den Oberpriester. »Es bleibt nur zu berichten,« gab dieser mit lauter, den versammelten Würdenträgern verständlicher Stimme zurück, »daß sich des Königs Tochter Bent-Anat am gestrigen Tage schwer versündigt hat und in allen Tempeln des Landes die Götter mit Opfern angefleht werden sollen, die Unreinheit von ihr zu nehmen.« Wiederum zog ein Schatten über das Lächeln im Antlitze des Statthalters. Nachdenklich schaute er zu Boden und sagte sodann; »Ich werde morgen das Setihaus besuchen; bis dahin aber bitte ich Dich, diese Angelegenheit ruhen zu lassen.« Ameni verneigte sich und der Statthalter verließ die Halle, um sich in den Flügel des Königsschlosses, welchen er bewohnte, zurückzuziehen. Auf seinem Arbeitstische lagen versiegelte Schriftrollen. Er wußte, daß sie wichtige Nachrichten für ihn enthielten; aber er liebte es, seinen Begierden Zwang anzuthun, seine Enthaltsamkeit zu prüfen und als Feinschmecker das beste Gericht zuletzt auftragen zu lassen. Jetzt überlas er zuerst unwichtigere Briefe. Ein stummer, zu seinen Füßen hockender Diener verbrannte die Papyrusrollen, welche sein Herr ihm reichte, auf einem Kohlenbecken; ein Beamter notirte die kurzen Sätze, welche Ani ihm zurief und die der Beantwortung der verschiedenen Schreiben zu Grunde zu legen waren. Der Statthalter winkte, der Beamte verließ das Gemach und langsam öffnete der Erstere einen Brief des Königs, welcher, wie seine Aufschrift »an meinen Bruder Ani« lehrte, keine öffentlichen, sondern private Angelegenheiten enthielt. Von diesen Zeilen, das wußte der Statthalter, hing es ab, welchen Weg sein künftiges Leben zu nehmen habe. Mit einem Lächeln, das seine innere Aufregung vor ihm selbst zu verbergen bestimmt war, öffnete er das Siegelwachs, welches das kurze königliche Handschreiben verschloß. »Was Aegypten anbetrifft und meine Sorge für mein Land und den glücklichen Ausgang des Krieges,« schrieb der Pharao, »so ließ ich Dich davon durch meine Schreiber unterrichten; aber diese Worte gelten dem Bruder, der mein Sohn zu werden begehrt, und ich schreibe sie selbst. Der göttliche Herrschergeist, der in mir lebt, legt gern ein schnelles ›ja‹ oder ›nein‹ auf meine Lippen und er entscheidet zum Besten. Nun verlangst Du mein Lieblingskind Bent-Anat zum Weib und ich wäre nicht Ramses, wenn ich nicht frei gestünde, daß, ehe ich das letzte Wort Deines Briefes gelesen, sich ein heftiges ›nein‹ auf meine Lippen drängte. Ich ließ die Sterne befragen und die Eingeweide der Opferstiere prüfen und sie waren Deiner Bitte entgegen, und doch vermag ich sie nicht abzuweisen, denn Du bist mir theuer und Dein Blut ist so königlich wie das meine. Es sei noch königlicher, sagte ein alter Freund und warnte mich vor Deinem Ehrgeiz und Deiner Erhöhung. Da wandelte sich mein Herz, denn ich wäre nicht Seti's Sohn, wenn ich aus eitler Besorgniß einen Freund zu kränken vermöchte, und wer so hoch steht, daß Männer fürchten, er könnte es versuchen, über Ramses hinaus zu wachsen, der scheint mir Bent-Anat's würdig zu sein. Wirb um sie, und willigt sie freiwillig ein, Dein Weib zu werden, so mag am Tage meiner Heimkehr die Hochzeit gefeiert werden. Du bist jung genug, um ein Weib zu beglücken. Deine Reife und Weisheit werden mein Kind vor Unglück bewahren. Bent-Anat soll wissen, daß ihr König und Vater Deine Werbung unterstützt; Du aber opfere den Hathoren, damit sie Dir das Herz Bent-Anat's, dessen Entscheidung wir uns Beide unterwerfen wollen, zuwenden.« Der Statthalter hatte mehrmals die Farbe gewechselt, während er diesen Brief las. Jetzt legte er ihn achselzuckend auf den Tisch, stand auf und lehnte sich mit auf dem Rücken gekreuzten Armen und nachdenklich zu Boden schauend an eine der die Deckenbalken seines Zimmers tragenden Säulen. Je länger er sann, je weniger freundlich wurden seine Züge. »Eine Pille mit Honig versüßt, wie man sie den Weibern reicht!« In den medizinischen Papyrus haben sich zweierlei Rezepte für Mundpillen erhalten; ohne Honig für Männer, mit Honig für Frauen. murmelte er vor sich hin. Dann ging er zu dem Tische zurück, durchlas das königliche Schreiben zum andern Male und sagte: »Man kann von ihm lernen, wie man gewährend versagt und dabei nicht vergißt, seinen Edelmuth leuchten zu lassen. Ramses kennt seine Tochter. Sie ist ein Mädchen wie die anderen auch, und wird sich hüten, einen Mann zu wählen, der doppelt so alt ist wie sie und ihr Vater sein könnte. Ramses will sich ›unterwerfen‹, ich soll mich ›unterwerfen‹! Wem denn? Dem Urtheil und der Wahl eines eigensinnigen Kindes!« Mit diesen Worten schob er den Brief so heftig auf den Tisch, daß er fortgleitend zu Boden fiel. Der stumme Sklave hob ihn auf und legte ihn behutsam auf die Tafel zurück, während sein Herr eine Kugel in ein silbernes Becken warf. Mehrere Beamte stürzten in das Gemach und Ani befahl ihnen, ihm den gefangenen Zwerg der Frau Katuti vorzuführen. Seine Seele grollte dem Könige, der in seinem fernen Lagerzelt ihn durch den Beweis seiner höchsten Gunst beglückt zu haben wähnte. Wem man selbst Uebles sinnt, den ist man für seinen Feind zu halten geneigt, und wenn uns ein solcher eine Rose beut, so glauben wir, er reiche sie uns nicht um ihres Duftes, sondern um ihrer Dornen willen. Der Zwerg Nemu wurde dem Statthalter vorgeführt und warf sich vor ihm zu Boden. Ani befahl den Beamten, ihn zu verlassen, und rief dem Kleinen zu: »Du hast mich gezwungen, Dich in's Gefängniß zu setzen. Steh auf!« Der Zwerg erhob sich und sagte. »Habe Dank; auch für meine Haft!« Der Statthalter sah ihn verwundert an; Nemu aber fuhr halb schalkhaft, halb demüthig fort: »Mir bangte für mein Leben, Du aber hast es nicht nur nicht verkürzt, sondern verlängert, denn in dem einsamen Kerker ist mir die Zeit lang und die Minuten sind mir zu Stunden geworden.« »Spare Deine Späße für die Frauen,« erwiederte der Statthalter. »Wüßt' ich nicht, daß Du's gut meintest und in Frau Katuti's Sinne handeltest, so würde ich Dich in die Steinbrüche schicken.« »Meine Hände,« schmunzelte der Zwerg, »könnten doch nur Steine für ein Brettspiel brechen; aber meine Zunge, die ist wie das Wasser, das den einen Bauern reich machen und dem andern seinen Acker fortreißen kann.« »Man wird sie einzudämmen wissen.« »Für meine Herrin und für Dich geht sie ohnehin den rechten Gang,« sagte der Zwerg. »Ich zeigte den klagenden Bürgern, wer ihr Fleisch und Blut hinschlachtet, und von wem sie Frieden und Glück zu erwarten haben. Ich goß Lauge in die Wunden und lobte den Arzt.« »Aber unberufen und unbedachtsam!« unterbrach ihn der Statthalter. »Sonst hast Du Dich brauchbar gezeigt und ich möchte Dich für künftige Zeiten aufsparen. Uebereifrige Freunde freilich sind schädlicher als erklärte Feinde. Wenn ich Deiner bedarf, so werd' ich Dich rufen. Bis dahin meide das Gerede. Geh jetzt zu Deiner Herrin und überbring' Katuti dieses Schreiben, das für sie eingelaufen ist.« »Heil dem Sohne der Sonne, Ani!« rief der Zwerg und küßte den Fuß des Statthalters. »Hab' ich meiner Gebieterin Nefert keinen Brief zu überbringen?« »Entbiete ihr meinen Gruß,« antwortete der Statthalter. »Sage Katuti, ich würde sie nach der Mahlzeit aufsuchen. Der Rosselenker des Königs hat nicht geschrieben, doch ist er wohlauf, wie ich höre. Fort jetzt und hüte Deine Zunge.« Der Zwerg verließ das Gemach und Ani begab sich in eine luftige Halle, in welcher ihm sein üppiges, aus vielen mit besonderer Sorgfalt bereiteten Gerichten bestehendes Mahl aufgetragen wurde. Die Eßlust war ihm verdorben, aber er kostete von allen Schüsseln und gab über jede dem ihn bedienenden Hausmeister ein Urtheil ab. Dazwischen dachte er an den Brief des Königs, an Bent-Anat und ob es gerathen sei, sich einer Abweisung von ihrer Seite auszusetzen. Nach der Mahlzeit überließ er sich seinem Kammerdiener, der ihn sorgfältig rasirte, schminkte, ankleidete, schmückte und ihm dann den Spiegel vorhielt. Er betrachtete sein Bild mit gespannter Aufmerksamkeit und als er sich in die Sänfte setzte, um sich zu seiner Freundin Katuti tragen zu lassen, sagte er sich, daß er immer noch den Namen eines schönen Mannes verdiene. Wenn er um Bent-Anat warb, wenn sie ihn erhörte, was dann? Es trieb ihn zu Katuti, die stets ein treffendes Wort zu finden wußte, wenn er selbst von hunderterlei »für« und »wider« befangen, den entscheidenden Entschluß zu fassen zauderte. Auf ihren Rath hatte er die Prinzessin zum Weibe begehrt wie eine neue Ehrenbezeigung, eine Erhöhung seines Einkommens, ein seine Person schützendes Pfand. Bent-Anat hatte seinem Herzen niemals näher oder ferner gestanden, als jedes andere schöne Weib in Aegypten. Jetzt trat ihre stolze und edle Persönlichkeit vor sein inneres Auge und es war ihm, als müßte dieses zu ihr aufschauen wie zu einer ihm hoch überlegenen Erscheinung. Es verdroß ihn, Katuti's Rath gefolgt zu sein, und er begann die Ablehnung seiner Werbung zu wünschen. Die Ehe mit Bent-Anat erschien ihm hart. Ihm war zu Sinne wie einem Manne, der sich um ein glänzendes Amt bewirbt, von dem er doch weiß, daß seine Anforderungen für seine Kräfte zu hoch sind, wie einem Ehrgeizigen, dem die Königswürde angetragen wird unter der Bedingung, eine schwere Krone niemals vom Haupte zu lassen. Wenn freilich ein Anderes gelänge, wenn – und seine Augen blitzten lebhaft auf, – wenn das Geschick ihn an die Stelle des Ramses setzte, dann verlor der Bund mit ihr seine Schrecken, dann war er auch ihr unbeschränkter König und Herr und Gebieter, und Niemand hatte Rechenschaft von ihm zu fordern, was er ihr sei und gewähre. Zehntes Kapitel. Während der geschilderten Vorgänge war das Haus des Rosselenkers Mena nicht leer geworden von Besuchern. Dasselbe glich dem benachbarten Erbe Paaker's, doch waren die Gebäude weniger neu, der bunte Anstrich an Säulen und Wänden verblichen und der große Garten entbehrte der sorgfältigen Pflege. Nur in der Nähe des Wohnhauses prangten einige gut gehaltene Beete in reichem Blumenschmuck und der offene Säulengang, in dem sich Katuti mit ihrer Tochter aufhielt, war mit königlicher Pracht ausgestattet. Die zierlich gearbeiteten Stühle bestanden aus Elfenbein, die Tische aus Ebenholz und hatten, wie die Ruhebetten, vergoldete Füße. Die kunstreich gearbeiteten syrischen Trinkgeschirre auf dem Schenktisch, den Tafeln und Konsolen zeigten mannigfaltige Formen; schöne Vasen voller Blumen standen überall, feiner Wohlgeruch entstieg alabasternen Schalen und der Fuß versank in der dichten Wolle der Teppiche, welche den Boden der Halle bedeckten. Ueber der scheinbar ordnungslosen Aufstellung dieses reichen Geräths schwebte ein besonderer Reiz, ein unbeschreiblich anmuthiges Etwas. Auf einem Ruhebette lag lang ausgestreckt, mit einer seidenhaarigen weißen Katze spielend, die schöne Nefert, welche sich von einem Negermädchen Kühlung zufächeln ließ, während ihre Mutter Katuti ihrer Schwester Setchem und deren Sohn Paaker Abschiedsgrüße nachwinkte. Beide hatten zum ersten Male seit vier Jahren, das heißt seit Mena's Vermählung mit der schönen Nefert, diese Schwelle betreten und die alte Feindschaft schien nun einem neuen herzlichen Einvernehmen und Zusammenleben Platz machen zu wollen. Nachdem der Wegeführer und seine Mutter hinter den Granatensträuchern am Eingange des Gartens verschwunden waren, wandte sich Katuti ihrer Tochter zu und sagte: »Wer hätte das gestern gedacht? Ich glaube, Paaker liebt Dich noch immer!« Nefert erröthete und rief leise und, indem sie ihr Kätzchen sanft mit dem Fächer schlug. »Mutter!« Katuti lächelte. Sie war eine hochgewachsene Frau von edler Haltung, die mit ihren scharf, aber fein geschnittenen Zügen und lebhaften Augen noch immer Anspruch auf weibliche Schönheit erheben durfte. Sie trug ein langes, bis über die Knöchel reichendes Gewand von kostbarem Stoff, aber gesuchter Einfachheit und dunkler Farbe, an Stelle des Schmuckes an Arm und Knöchel, Ohr und Fingerringen, an Halsketten und Spangen, dessen sich die ägyptischen Frauen und auch ihre Schwester und Tochter reichlich zu bedienen pflegten, frische Blumen, an denen es in dem Garten ihres Schwiegersohnes niemals fehlte. Nur ein schlichtes, goldenes Diadem, das Zeichen ihrer königlichen Abkunft, pflegte vom frühen Morgen bis zum späten Abend ihre für eine schöne Frau überhohe, aber edel geformte Stirn zu bedecken und die langen, blauschwarzen Haare zusammen zu halten, welche ungeflochten, als ob ihre Trägerin das eitle Werk ihrer künstlichen Anordnung verachte, auf ihren Rücken herniederhingen. Aber nichts an ihrem Aeußeren war unberechnet und die schmucklose Diademträgerin in schlichten Kleidern und mit der königlichen Gestalt überall sicher, bemerkt zu werden und Nachahmerinnen ihrer Tracht, ja sogar ihrer Bewegungen zu finden. Und doch hatte Katuti lange Zeit in Dürftigkeit gelebt; ja auch zu der Stunde, in welcher wir sie kennen lernen, war wenig ihr eigen. Sie lebte jetzt auf dem Erbe ihres Schwiegersohnes als sein Gast und als Verwalterin seiner Güter, während sie vor der Vermählung ihrer Tochter mit ihren Kindern in einem ihrer Schwester Setchem gehörenden Hause gewohnt hatte. Sie war die Gattin ihres eigenen, früh verdorbenen Bruders gewesen, Geschwisterehen waren im alten Aegypten gestattet. Die Ptolemäischen Fürsten adoptirten diese der macedonischen widersprechende Sitte. Als Ptolemäus II. Philadelphus seine Schwester Arsinoe heirathete, scheint man es doch für nöthig gefunden zu haben, dieß durch die Stellung der Venus zum Saturn in jener Zeit und den zwingenden Einfluß dieser Konstellation zu entschuldigen. der in verschwenderischer Prachtliebe den größten Theil der Besitztümer, welche ihm von der neuen Pharaonenfamilie gelassen worden waren, vergeudet hatte. Als Wittwe war sie von Paaker's Vater, ihrem Schwager, mit ihren Kindern wie eine Schwester aufgenommen worden. Sie bewohnte ein eigenes Haus, genoß die Einkünfte eines ihr von dem ältern Mohar zugewiesenen Landgutes und überließ ihrem Schwager die Sorge für die Erziehung ihres mit allen Ansprüchen eines vornehmen Jünglings aufwachsenden schönen und übermüthigen Sohnes. So große Wohlthaten würden die stolze Katuti bedrückt und beschämt haben, wenn sie mit ihnen und der Art und Weise der Geber einverstanden und zufrieden gewesen wäre. Dieß war aber keineswegs der Fall; vielmehr glaubte sie, eine glänzendere äußere Lage beanspruchen zu dürfen, fühlte sie sich gekränkt, wenn man ihren leichtfertigen Sohn, während er die Schule besuchte, ermahnte, sich ernsterer Arbeit hinzugeben, weil er sich später auf sein eigenes Können und seine eigene Kraft zu verlassen haben werde. Auch hatte es sie verletzt, wenn ihr Schwager sie gelegentlich zur Sparsamkeit anhielt und sie in seiner offenen Art an ihre bescheidenen Mittel und die unsichere Zukunft ihrer Kinder erinnerte. Dabei fühlte sie sich gern gekränkt, denn nun glaubte sie sich sagen zu dürfen, daß ihre Angehörigen mit all' ihren Gaben die Beleidigungen, die sie ihr zufügten, doch nicht gut machen könnten. Auch bewährte sich an ihr die Erfahrung, daß wir Niemand leichter grollen, als einem Wohlthäter, dem wir das, was er uns Gutes erweist, nicht zu vergelten vermögen. Als ihr Schwager für seinen Sohn um ihre Tochter warb, gab sie dennoch gern ihre Einwilligung. Nefert und Paaker waren miteinander aufgewachsen und durch diese Verbindung sah sie ihre eigene und ihrer Kinder Zukunft sicher gestellt. Kurz nach dem Tode des Mohar begehrte der Rosselenker Mena Nefert's Hand, aber sie würde ihn abgewiesen haben, wenn nicht der König selbst die Werbung seines jungen Schlachtgenossen und Lieblings unterstützt hätte. Nach der Hochzeit zog sie mit Nefert in Mena's Haus und übernahm, als er in den Krieg zog, die Verwaltung seiner großen, aber schon durch seinen Vater mit einigen Schulden belasteten Güter. Das Schicksal gab ihr die Mittel an die Hand, sich und ihre Kinder für lange Entbehrungen schadlos zu halten, und sie benützte dieselben, um dem ihr angeborenen Trieb, beachtet und bewundert zu werden, nachzugeben, ihren Sohn, glänzend ausgerüstet, in die Schaar der vornehmsten jungen Wagenkämpfer eintreten zu lassen und ihre Tochter mit fürstlicher Pracht zu umgeben. Als der Statthalter, der ein Freund ihres verstorbenen Gatten gewesen war, den Pharaonenpalast in Theben bezog, näherte er sich ihr und die geschickte und entschiedene Frau wußte sich dem unentschlossenen Manne erst angenehm, und endlich unentbehrlich zu machen. Sie benützte den Umstand, daß sie wie auch er dem alten Königshause entstammte, um seinen Ehrgeiz anzustacheln und ihm Aussichten zu eröffnen, an die nur zu denken er sich, eh' er mit ihr vertraut gewesen war, als verbrecherisch untersagt hatte. Ani's Werbung um die Hand der Prinzessin Bent-Anat war Katuti's Werk. Sie hoffte, daß der Pharao den Statthalter abweisen, persönlich verletzen und dadurch geneigter machen werde, die gefährliche Bahn, die sie für ihn ebnete, zu betreten. Der Zwerg Nemu war ihr gefügiges Werkzeug. Mit keinem Worte hatte sie ihn in ihre Pläne eingeweiht; er aber gab jeder Regung ihres Innern mit freien Worten, die nur durch Fächerschläge bestraft wurden, Ausdruck und hatte sich erst gestern zu sagen unterfangen, daß, wenn der Pharao nicht Ramses, sondern Ani hieße, Katuti keine Königin sein würde, sondern eine Göttin, denn sie würde dann dem Pharao, der ja selbst zu den Himmlischen gehöre, nicht nur zu gehorchen, sondern ihn vielmehr zu lenken haben. Katuti bemerkte nicht das Erröthen ihrer Tochter, denn sie schaute gespannt nach dem Gartenthore hin und sprach: »Wo Nemu nur bleibt! Es werden doch auch für uns Nachrichten vom Heere eingetroffen sein.« »Mena hat so lange nicht geschrieben,« sagte Nefert leise. »Ach, der Haushofmeister!« Katuti wandte sich dem Beamten zu, welcher die Veranda durch eine Nebenpforte betreten hatte, und fragte: »Was bringst Du?« »Der Händler Abscha,« lautete die Antwort, »dringt auf Zahlung. Der neue syrische Wagen und der Purpurstoff . . .« »Verkaufe Korn,« befahl Katuti. »Unmöglich, denn die Abgaben für die Tempel sind noch nicht bezahlt und es ist schon so viel an die Händler abgeliefert worden, daß uns kaum mehr genug für die Erhaltung der Wirtschaft und die Aussaat übrig bleibt.« »So zahle mit Rindern.« »Aber Herrin,« gab der Haushofmeister ängstlich zurück, »wir haben erst heute wieder eine Heerde an den Mohar verkauft und die Schöpfräder wollen gedreht, das Korn will gedroschen sein und wir bedürfen Opfervieh und Milch, Butter und Käse für den Hausstand und Dung für die Feuerung.« In dem holzarmen Aegypten ist heute noch der getrocknete Dünger des Viehs das gewöhnliche Brennmaterial. Katuti blickte nachdenklich zu Boden und sagte sodann: »Es muß sein. Fahre nach Hermonthis und sage dem Vorsteher des Gestütes, er möge zehn von Mena's Goldfüchsen hierher führen lassen.« »Ich habe schon mit ihm geredet,« erwiederte der Haushofmeister; »er behauptet aber, Mena hätte ihm streng verboten, auch nur eines von den Rossen, auf deren Zucht er stolz ist, fortzugeben. Nur vor dem Wagen der Herrin Nefert . . .« »Ich verlange Gehorsam,« sagte Katuti entschieden, indem sie dem Beamten das Wort abschnitt, »und erwarte morgen die Pferde.« »Aber der Gestütmeister ist ein trotziger Mann, den Mena für unentbehrlich hält und der . . .« » Ich gebiete hier, nicht der Abwesende,« rief Katuti gereizt, »und verlange die Rosse, trotz des veralteten Befehls meines Schwiegersohnes.« Nefert hatte sich während dieses Gespräches aus ihrer trägen Stellung aufgerafft. In Folge der letzten Worte Katuti's verließ sie ihr Lager und sagte mit einer Entschiedenheit, die selbst ihre Mutter überraschte: »Man wird den Befehlen meines Gatten gehorchen. Die Pferde, die Mena liebt, bleiben in ihren Hürden. Nimm dieß Armband, das mir der König geschenkt hat; es ist mehr werth als zwanzig Rosse.« Der Haushofmeister musterte das mit Edelsteinen reich besetzte Kleinod und schaute Katuti fragend an. Sie zuckte die Achseln, nickte dann zustimmend und sagte: »Abscha soll es als Pfand behalten, bis Mena's Beute hier eintrifft. Seit einem Jahre sandte Dein Gatte nichts von Belang.« Nachdem der Beamte sich entfernt hatte, streckte sich Nefert wiederum auf ihrem Lager aus und sagte müde: »Ich dachte, wir wären reich.« »Wir könnten es sein,« antwortete Katuti bitter; als sie aber wahrnahm, daß Nefert's Wangen wiederum erglühten, sagte sie freundlich: »Unser hoher Rang legt uns große Pflichten auf. In unseren Adern fließt fürstliches Blut und die Augen des Volks sind auf die Gattin des glänzendsten Helden im Heere des Königs gerichtet. Man soll nicht sagen, daß sie von ihrem Gemahl vernachlässigt werde. Wie lange Nemu ausbleibt!« »Ich höre Lärm im Hofe,« sagte Nefert, »der Statthalter wird kommen.« Katuti wandte sich wiederum dem Garten zu. Ein athemlos herbeistürzender Sklave berichtete, Bent-Anat, die Tochter des Königs, sei an der Pforte des Hauses aus ihrem Wagen gestiegen und nähere sich mit dem Prinzen Rameri dem Garten. Nefert verließ ihr Lager und schritt mit Katuti den hohen Besuchern entgegen. Als Mutter und Tochter sich neigten, um das Gewand der Prinzessin zu küssen, wehrte ihnen Bent-Anat und sagte: »Haltet euch ferner von mir; die Priester haben die Unreinheit noch nicht ganz von mir genommen.« »Und trotz ihrer bist Du rein wie das Auge des Ra,« rief der sie begleitende Prinz, ihr siebenzehnjähriger Bruder, der im Setihause erzogen ward, das er aber in wenigen Wochen verlassen sollte, indem er die ihn Abwehrende küßte. »Ich werde den Wildfang bei Ameni verklagen,« sagte Bent-Anat lächelnd. »Er wollte mich durchaus begleiten. Dein Gatte, Nefert, ist ja sein Vorbild und es ließ auch mir zu Hause keine Ruhe, denn wir kommen, um euch gute Botschaft zu künden.« »Von Mena?« fragte das junge Weib, ihre Hand auf's Herz pressend. »Du sagst es,« gab Bent-Anat zurück. »Mein Vater preist seine Tüchtigkeit und schreibt, daß er bei der Vertheilung der Beute vor allen Anderen zu wählen haben werde.« Nefert warf ihrer Mutter einen triumphirenden Blick zu und Katuti athmete tief auf. Bent-Anat streichelte Nefert's Wange, wie die eines Kindes. Dann wandte sie sich an Katuti, führte sie in den Garten und bat sie, ihr, der die Mutter zu früh entrissen sei, in einer wichtigen Angelegenheit mit ihrem Rathe beizustehen. »Mein Vater,« sagte sie nach einigen vorbereitenden Worten, »theilt mir mit, der Statthalter Ani begehre mich zum Weibe und räth mir, die Treue des würdigen Mannes durch meine Hand zu belohnen. Er räth, hörst Du, er befiehlt nicht.« »Und Du?« fragte Katuti. »Und ich,« antwortete Bent-Anat entschieden, »muß ihn abweisen.« »Du mußt?« Bent-Anat machte eine bejahende Bewegung und fügte hinzu: »Es ist ganz klar in mir. Ich kann nicht anders.« »So bedarfst Du meines Rathes nicht mehr, denn an Deinen Entschlüssen, das weiß ich, vermag selbst Dein Vater nichts zu ändern.« »An diesem kein Gott,« sagte Bent-Anat fest. »Aber Du bist Ani's Freundin, und weil ich ihn schätze, so möcht' ich ihm eine Demüthigung ersparen. Suche ihn zu bewegen, von seiner Werbung abzulassen. Ich will ihm so begegnen, als wüßte ich nichts von seinem Brief an den Vater.« Katuti schaute sinnend zu Boden. Dann sagte sie: »Der Statthalter verbringt zwar gern bei mir seine Mußestunden, plaudernd oder beim Brettspiel, aber ich weiß nicht, ob ich es wagen darf, über so wichtige Dinge mit ihm zu reden.« »Heirathspläne sind Frauensachen,« lächelte Bent-Anat. »Aber die Vermählung einer Prinzessin ist eine Staatsangelegenheit,« erwiederte die Wittwe. »In diesem Falle freilich wirbt nur der Oheim um seine Nichte, die ihm theuer ist, und von der er hofft, daß sie ihm die gefürchtete zweite zur schönern Hälfte seines Lebens gestalten werde. Ani ist gut und ohne Härte. Du würdest in ihm einen Gatten gewinnen, der jedem Deiner Winke gewärtig sein und sich gern Deinem festen Willen fügen würde.« Bent-Anat's Augen leuchteten auf und lebhaft rief sie: »Das eben ist's, was mir das entschiedene, unabwendbare ›nein‹ auf die Lippen drängt. Meinst Du, weil ich stolz bin wie meine Mutter und entschiedenen Sinnes wie mein Vater, begehrte ich einen Gatten, über welchen ich herrschen und den ich leiten könnte? Wie schlecht Du mich kennst! Gehorchen sollen mir meine Hunde, meine Diener, meine Beamten, will's die Gottheit, meine Kinder. Unterwürfige, die mir den Fuß küssen, find' ich auf allen Gassen und kauf' ich, wenn ich will, zu Hunderten auf dem Sklavenmarkt. Zwanzigmal ward ich umworben und zwanzig Freier schickte ich heim, aber nicht weil ich fürchtete, sie könnten meinen Stolz und meinen Willen beugen, sondern gerade weil ich mich ihnen gewachsen fühlte. Der Mann, dem ich meine Hand zu reichen wünsche, muß von höherer Art, muß größer und fester und besser sein als ich, und den mächtigen Flügelschlägen seines Geistes will ich nachflattern und dabei meine Schwäche belächeln und seine Ueberlegenheit voller Bewunderung preisen.« Katuti hörte der Jungfrau mit jenem Lächeln zu, durch welches der Erfahrene seine Ueberlegenheit über den Schwärmer anzudeuten liebt, und sagte: »Die Vorzeit mag solchen Mann gezeugt haben, doch wolltest Du in unseren Tagen auf ihn warten, so müßtest Du die Jugendlocke Eine unten gebogene Haarflechte, welche alle jüngeren Mitglieder der fürstlichen Familien an der Seite des Hauptes trugen. Auch der jugendliche Horus wird mit ihr dargestellt. tragen, bis sie grau wird. Unsere Denker sind keine Helden und unsere Helden keine Weisen. Da kommt Dein Bruder mit meiner Nefert.« »Willst Du Ani von seiner Werbung abzulassen bewegen?« fragte die Prinzessin dringend. »Ich kann es versuchen, Dir zu Liebe,« gab Katuti zurück. Dann wandte sie sich halb dem jungen Rameri, halb seiner Schwester zu und sagte. »Der Leiter des Setihauses, Ameni, war in seiner Jugend ein Mann, wie Du ihn schilderst, Bent-Anat. – Sage uns, Du Sohn des Ramses, der unter den jungen Sykomoren aufwächst, welche dieses Land dereinst beschatten sollen, wen schätzest Du am höchsten unter Deinen Genossen? Ist einer unter ihnen, der alle anderen weit überragt an hohem Sinn und Geisteskraft?« Der junge Rameri schaute die Fragerin lebhaft an und antwortete lachend: »Wir sind Alle wie wir eben sind, und thun mehr oder weniger gern, was wir müssen, und am liebsten Alles, was wir nicht sollen.« »Einen gewaltigen Geist, einen Jüngling, welcher ein zweiter Snefru, Der noch spät in hohen Ehren gehaltene erste König der IV. Dynastie, von dem es an mehreren Stellen heißt, Gleiches sei nicht gesehen worden seit den Tagen des Snefru. Dem Kultus seiner Manen standen noch spät eigene Priester vor. Die seiner Zeit angehörenden Denkmäler sind die ältesten, welche überhaupt bis auf uns gekommen sind. ein Thutmes, oder auch nur ein Ameni zu werden verspräche, kennst Du nicht im Setihause?« fragte die Wittwe weiter. »Doch!« rief Rameri mit lebhafter Entschiedenheit. »Und der wäre?« fragte Katuti. »Pentaur, der Dichter!« rief der Jüngling. Bent-Anat's Antlitz färbte sich mit glühendem Roth, während ihr Bruder erklärend fortfuhr: »Er ist edel und von hohem Geiste und alle Götter wohnen in ihm, wenn er redet. Sonst schlafen wir gern in den Schulhöfen, aber seine Worte reißen uns mit sich fort, und wenn wir die Fülle seiner Gedanken auch nicht immer fassen, so wissen wir doch, daß sie groß sind und echt.« Bent-Anat athmete schneller bei diesen Worten und ihre Augen hingen an ihres Bruders Lippen. »Du kennst ihn, Bent-Anat,« fuhr Rameri fort.. »Er war mit Dir bei dem Paraschiten und im Tempelhofe, als Ameni die Unreinheit über Dich verhängte. Er ist schön und stattlich wie der Gott Menth , und ich meine, daß er zu Denen gehört, die man nicht vergessen kann, wenn man sie einmal gesehen. Gestern, nachdem Du den Tempel verlassen, sprach er wie nie vorher. Er goß Feuer in unsere Seelen. Lächle nicht, Katuti, ich fühle es noch fortbrennen. Heute Morgen theilte man uns mit, er sei aus dem Tempel verwiesen worden, wer weiß wohin, und lasse uns Lebewohl sagen. Man hält es niemals für nöthig, uns Gründe mitzutheilen; wir wissen aber mehr, als die Herren denken. Er soll Dir nicht streng genug entgegengetreten sein, Bent-Anat, und nun verstoßen sie ihn dafür aus dem Setihause. – Wir haben aber beschlossen, zusammenzutreten und um seine Zurückberufung zu bitten. Der junge Auana setzt einen Brief an den Oberpriester auf, den wir Alle unterschreiben. Einem Einzelnen würde das schlecht bekommen; aber Allen auf einmal können sie nichts anhaben. Vielleicht sind sie auch verständig und rufen ihn zurück. Wo nicht, so beklagen wir uns Alle bei unseren Vätern, und die sind nicht die Letzten in diesem Lande!« »Das ist ja ein völliger Aufstand,« rief Katuti. »Nehmt euch in Acht, ihr Herrchen! Ameni und die anderen Propheten lassen nicht mit sich spaßen.« »Wir auch nicht,« lachte Rameri. »Halten sie Pentaur verbannt, so bitt' ich den Vater, mich in die Schule von Heliopolis oder Chennu zu versetzen, und die Anderen folgen mir nach. Komm, Bent-Anat! Ich muß vor Sonnenuntergang wieder in der Falle sein; verzeih', Katuti, so nennen wir die Schule. Da kommt ja auch euer kleiner Nemu!« Die Geschwister verließen den Garten. Sobald die Frauen, welche ihnen das Geleit gaben, ihnen den Rücken gekehrt hatten, drückte Bent-Anat die Hand ihres Bruders mit ungewöhnlicher Wärme und sagte: »Hütet euch vor Unvorsichtigkeiten, aber eure Forderung ist gerecht und wenn es in meiner Macht steht, so will ich euch helfen.« Elftes Kapitel. Der Zwerg Nemu trat, sobald Bent-Anat das Erbe des Mena verlassen hatte, mit einem Brief in den Garten und erzählte kurz, aber in so komischer Form von seinen Erlebnissen, daß beide Frauen lachten und Katuti mit einer ihr sonst fremden lebhaften Heiterkeit, indem sie ihn warnte, dennoch seine Geschicklichkeit lobte und mit den Worten: »Das war ein vollkommener Tag, der Großes brachte und Größeres für die Zukunft in Aussicht stellt,« das Siegel des Briefes betrachtete. Nefert drängte sich nah an sie heran und bat: »Oeffne doch den Brief und sieh, ob nichts von Ihm darin steht.« Katuti löste das Wachs, überflog das Schreiben mit einem flüchtigen Blicke, streichelte die Wange ihres Kindes und sagte tröstend: »Vielleicht hat Dein Bruder für ihn geschrieben; ich sehe keine Zeile von seiner Hand.« Nefert blickte nun ihrerseits in den Brief, aber nicht um zu lesen, sondern nur, um nach der ihr wohlbekannten Handschrift ihres Gatten zu suchen. Wie alle Aegypterinnen aus gutem Hause, so verstand auch sie zu lesen und sie hatte in den ersten beiden Jahren ihrer Ehe oft, sehr oft Gelegenheit gehabt, sich über die schwächlichen Buchstaben zu wundern und doch zu freuen, welche die eiserne Hand des Rosselenkers für sie, die mit ihren zarten Fingern fest und sicher das Schreiberohr zu führen verstand, auf den Papyrus gekritzelt hatte. Aufmerksam schaute sie in den Brief hinein und sagte endlich mit Thränen in beiden Augen. »Nichts! Ich gehe in mein Zimmer, Mutter.« Katuti küßte sie und sagte: »Höre doch erst, was Dein Bruder schreibt.« Aber Nefert schüttelte den Kopf, wandte sich schweigend ab und verschwand in dem Hause. Katuti war ihrem Schwiegersohne nicht hold, aber ihr Herz hing an ihrem schönen und leichtsinnigen Sohne, dem Ebenbild ihres verstorbenen Gatten, dem Liebling der Frauen, dem muntersten Jüngling unter den jungen Edlen, welche die Wagenkämpfergarde des Königs bildeten. Wie ausführlich hatte er, der das Schreiberohr nur mühsam führte, heute geschrieben! Das war ein Brief, während er sonst nur in kurzen Worten um neue Mittel zur Befriedigung seiner verschwenderischen Neigungen zu bitten pflegte. Dießmal durfte sie Danksagungen erwarten, denn vor Kurzem mußte er einen beträchtlichen Zuschuß empfangen haben, den sie wiederum den Einkünften der ihr anvertrauten Güter ihres Schwiegersohnes entnommen hatte. Sie begann zu lesen. Die Heiterkeit, mit der sie den Zwerg empfangen hatte, war unecht gewesen und hatte den glänzenden Regenbogenfarben geglichen, welche die dunklen Flächen eines Sumpfwassers bedecken. Ein Stein stürzt in die Lache, der Schimmer schwindet, trübe Wolken wirbeln auf und unreines Dunkel erfüllt sie. Wie schwere Felsblöcke stürzten die Nachrichten, welche der Brief ihres Sohnes enthielt, in Katuti's Seele. Das tiefste Leid fließt uns immer aus derselben Quelle zu, die uns mit Wonne zu sättigen vermöchte, und am heißesten brennen die Wunden, die eine geliebte Hand uns schlägt. Je tiefer Katuti sich in die jämmerlich fehlerhaften und nur mühsam zu entziffernden Sätze vertiefte, die ihr Liebling ihr geschrieben hatte, je bleicher wurde ihr Antlitz, welches sie mehrmals mit den zitternden Händen, denen das Blatt entsunken war, bedeckte. Nemu kauerte ihr gegenüber am Boden und folgte jeder ihrer Bewegungen. Als sie mit einem markerschütternden Schrei aufsprang und ihre Stirn an einen rauhen Palmenstamm preßte, schlich er zu ihr heran, küßte ihre Füße und rief mit einer Innigkeit, die selbst Katuti überraschte, welche nur muntere oder beißende Worte von den Lippen ihres Schalksnarren zu hören gewohnt war: »Herrin, Herrin! was ist geschehen?« Katuti raffte sich zusammen, wandte sich um und versuchte zu sprechen, aber ihre blutlosen Lippen blieben geschlossen und ihre Augen blickten so glanzlos in's Leere, als habe ein Starrkrampf sie befallen. »Herrin, Herrin!« rief der Zwerg auf's Neue und mit steigender Wärme. »Was ist Dir? Soll ich Deine Tochter rufen?« Katuti machte eine abwehrende Handbewegung und rief leise. »Die Elenden, die Verworfenen!« Ihr Athem begann lebhaft zu fliegen, das Blut stieg in ihre Wangen und ihre glühenden Augen, sie trat auf den Brief und weinte so laut und heftig, daß der Zwerg, der noch niemals Thränen in ihren Augen gesehen hatte, ängstlich auffuhr und mit leisem Vorwurfe rief: »Katuti!« Da lachte sie bitter und sagte mit bebender Stimme: »Was rufst Du diesen Namen so laut? Er ist entehrt und geschändet. Wie werden die Herren sich freuen und die Frauen! Jetzt kann der Neid sein liebes Kind, die Schadenfreude, gegen uns hetzen. Und eben noch hab' ich diesen Tag gepriesen! Sie sagen, man solle sein Glück auf den Gassen zeigen und das Unglück verbergen. Umgekehrt! Umgekehrt! Selbst den Göttern soll man nicht eingestehen, daß man sich freut und hofft, denn auch sie sind neidisch und schadenfroh!« Wiederum lehnte sie ihre Stirn an die Palme. »Du sprichst von Schande und nicht von Tod,« sagte Nemu; »und ich habe doch von Dir gelernt, daß man nichts verloren geben dürfe, außer dem Verstorbenen.« Diese Worte wirkten kräftigend auf das verzweifelnde Weib. Schnell und heftig wandte sie sich dem Zwerge zu und sprach: »Du bist klug und auch wohl treu; so höre! Aber wärest Du Amon selbst, es gibt keine Rettung, es gibt keine!« »Man muß sie suchen,« gab Nemu zurück und seine klugen Augen begegneten denen seiner Herrin. »Sprich doch!« sagte er, »und traue mir. Vielleicht kann ich nicht helfen; aber daß ich zu schweigen verstehe, das weißt Du.« »Bald werden sich's die Kinder auf den Gassen erzählen, was dieser Brief mir gebracht hat,« lachte Katuti mit schneidender Bitterkeit. »Nur Nefert darf von dem Geschehenen nichts erfahren, nichts, hörst Du! Was ist das? Der Statthalter kommt! Schnell, eile! Sage ihm, ich sei plötzlich krank geworden, sehr krank! Ich kann ihn nicht sehen, jetzt nicht! Keiner soll vorgelassen werden, Niemand! Hörst Du!« Der Zwerg entfernte sich. Als er, nachdem er seinen Auftrag ausgerichtet hatte, wieder kam, fand er seine Herrin noch immer in fieberhafter Aufregung. »Höre denn,« sagte sie. »Erst das Kleinere, dann das Furchtbare, Unsagbare. Ramses überschüttet Mena mit Gunstbezeugungen. Es kam zur Vertheilung der Kriegsbeute dieses Jahres. Für jeden Führer lagen große Schätze bereit und der Rosselenker hatte vor allen Anderen zu wählen.« »Nun?« fragte der Zwerg. »Nun?« wiederholte Katuti. »Nun? Wie sorgte der würdige Hausherr für die Seinen daheim, wie ehrte er sein armes verlassenes Weib, wie suchte er sein verschuldetes Erbe zu entlasten? Es ist schmählich, abscheulich! An dem Silber, dem Golde und den Edelsteinen ging er lachend vorüber und nahm die schöne gefangene Tochter des Danaerfürsten und führte sie in sein Zelt.« »Schändlich!« murmelte der Zwerg. »Arme, arme Nefert!« rief Katuti und bedeckte ihr Angesicht mit den Händen. »Und das Andere?« fragte Nemu düster. »Das,« sagte Katuti, »das ist . . . Aber ich will ruhig bleiben, ganz ruhig und kühl. Du kennst meinen Sohn. Er ist leichten Sinnes, aber er liebt mich und seine Schwester mehr als Alles auf der Welt. Ich Thörin hatte ihm, um ihn zur Sparsamkeit zu bewegen, unsere üble Lage lebhaft geschildert; nachdem nun jene Schandthat von Mena begangen worden war, dachte er an uns und unsere Sorgen. Sein Beuteantheil war klein und konnte uns nicht helfen. Die Kameraden würfelten um die gewonnenen Stücke; er setzte das Seine auf's Spiel, um mehr für uns zu gewinnen. Alles verlor er, Alles.– und endlich, gräßlich ist es, unfaßlich –, endlich setzte er gegen eine ungeheure Summe, immer an uns denkend und nur an uns, die Mumie seines verstorbenen Vaters. Der wohl der IV. Dynastie angehörende, von Herodot Asychis genannte König soll es zuerst zugelassen haben, die Mumien seiner Vorfahren zu verpfänden. »Wer dieses Unterpfand einsetzte und die Schuld nicht zurückzuzahlen gewillt war, dem sollte nach seinem Tode weder in seiner väterlichen, noch in irgend einer andern Gruft ein Platz bewilligt werden. Auch seinen Nachkommen sollte das Begräbniß verweigert werden.« Herodot II. 136. Er verlor. Löst er das heilige Unterpfand nicht bis zum Ablauf des dritten Mondes ein, so verfällt er der Ehrlosigkeit Die schwerste, wie es scheint, nur über Krieger verhängte Strafe, welche einen ägyptischen Soldaten treffen konnte. Diodor I. 78. und die Mumie dem Gewinner, und Schmach und Ausstoßung ist sein Theil und meines.« Katuti preßte die Hände vor ihr Angesicht, der Zwerg aber murmelte vor sich hin: »Der Spieler und Heuchler!« Nachdem seine Herrin ruhiger geworden, sagte er: »Das ist entsetzlich; aber noch ist nicht Alles verloren. Wie viel beträgt die Schuld?« Es klang wie ein schwerer Fluch, als Katuti antwortete: » Dreißig babylonische Talente .« Der Zwerg schrie auf, als habe ihn eine Natter gestochen, und fragte: »Wer wagte es, gegen solchen wahnsinnigen Satz zu bieten?« »Frau Hathor's Sohn Antef, der schon in Theben das Erbgut seiner Väter verspielt hat,« gab Katuti zurück. »Der läßt kein Waizenkorn von seiner Forderung fahren!« rief der Zwerg. »Und Mena?« »Wie konnte sich mein Sohn nach dem Geschehenen an ihn wenden? Das arme Kind bittet mich, die Hülfe des Statthalters anzurufen.« »Des Statthalters?« fragte der Zwerg und schüttelte seinen großen Kopf. »Unmöglich!« »Ich weiß, wie es um ihn steht; aber seine Stellung, sein Name!« »Herrin,« sagte der Zwerg und tiefer Ernst klang aus seinen Worten, »verdirb die Zukunft nicht um der Gegenwart willen. Wenn Dein Sohn seine Ehre unter König Ramses verliert, so kann sie ihm der künftige König Ani zurückgeben! Erweist Dir der Statthalter jetzt einen ungeheuren Dienst, so wird er Dich für abgefunden erachten, wenn unser Werk gelingt und er den Thron besteigt. Jetzt läßt er sich von Dir leiten, weil Du ihn nicht brauchst und nur um seinetwillen an seiner Erhebung zu arbeiten scheinst. Sobald Du ihn anrufst und er Dich rettet, so verlierst Du die Freiheit und Unbefangenheit, deren Du ihm gegenüber bedarfst, und er wird um so unwilliger fühlen, daß Du ihn zu benützen gedenkst, je schwieriger es ihm werden wird, eine so große Summe schnell zu beschaffen. Du kennst seine Lage!« »Er ist verschuldet,« sagte Katuti, »ich weiß es.« »Du mußt es wissen,« rief der Zwerg, »denn Du selbst drängst ihn zu ungeheuren Ausgaben. Mit blendendem Festprunk hat er das Volk von Theben gewonnen, als Apispfleger gab er zu Memphis ein großes Vermögen aus Als unter Ptolemäus I. Soter der Apis starb, verwandte sein Pfleger für sein Begräbniß nicht nur die ihm zur Verfügung stehenden Gelder, sondern borgte dazu noch 50 Silbertalente, das sind 75,000 Thaler vom Könige. Zu Diodor's Zeit verwandten die Pfleger des Apis zu demselben Zwecke bis 100 Talente, das sind 150,000 Thaler. , mit Tausenden beschenkte er die Führer der nach Aethiopien ausziehenden, von ihm ausgerüsteten Truppen, und was ihm seine Kundschafter im Lager des Königs kosten, weißt Du. Von den meisten Reichen in diesem Lande hat er Summen entliehen und das ist gut, denn so viele Gläubiger, so viele Bundesgenossen besitzt er. Der Statthalter ist ein böser Schuldner, der König Ani, so rechnen sie, wird ein dankbarer Zahler sein.« Katuti schaute den Zwerg verwundert au und sagte: »Du kennst die Menschen.« »Leider,« erwiederte Nemu. »Wende Dich nicht an den Statthalter und gib, ehe Du die Arbeit von Jahren und Deine und der Deinen künftige Größe opferst, die Ehre Deines Sohnes preis.« »Und meines Gatten und meine eigene!« rief Katuti. »Wie kannst Du wissen, was das heißt! ›Ehre‹ ist ein Wort, das der Unfreie wohl nachsprechen, dessen Bedeutung er aber niemals begreifen kann. Ihr reibt die Schwielen, die man euch schlägt, mich würde jeder Finger, der verächtlich auf mich wiese, verwunden, wie eine Lanze von Eschenholz mit vergifteter Erzspitze. O ihr ewigen Götter, wer kann hier helfen?!« Die geängstigte Frau drückte ihre Hände abermals vor die Augen, als wollte sie ihre Schmach ihren eigenen Blicken entziehen. Der Zwerg schaute sie mitleidig an und sagte mit verändertem Ton: »Erinnerst Du Dich des Diamanten, der aus Nefert's schönstem Ringe gefallen war? Wir suchten ihn und fanden ihn nicht. Am nächsten Tage ging ich durch das Zimmer und trat auf etwas Hartes. Ich bückte mich und fand den Stein. Was dem edlen Organe des Gesichts, dem Auge, entgangen war, das hatte die schwielige, verachtete Fußsohle gefunden, und vielleicht gelingt es dem unfreien kleinen Nemu, der die Ehre nicht kennt, ein Rettungsmittel auszudenken, das sich dem hohen Geiste seiner Herrin nicht zeigen wollte.« »Was sinnst Du?« fragte Katuti. »Rettung,« antwortete der Zwerg. »Ist es wahr, daß Deine Schwester Setchem Dich besucht hat und daß ihr euch versöhntet?« »Sie bot mir die Hand, und ich nahm sie an.« »So gehe zu ihr. Die Menschen sind niemals dienstfertiger, als nach einer Versöhnung. Die ausgetilgte Feindschaft erscheint ihnen wie eine eben geheilte Wunde, die man mit Schonung anrühren muß, und Setchem ist Deines Blutes und von weichem Herzen.« »Sie ist nicht reich,« gab Katuti zurück. »Jede Palme in ihrem Garten kommt von ihrem Gatten und gehört ihren Kindern.« »Auch Paaker war bei Dir?« »Gewiß nur auf Antrieb seiner Mutter,« sagte Katuti. »Er haßt meinen Schwiegersohn.« »Ich weiß es,« murmelte der Zwerg, »aber wenn Nefert ihn bitten wollte?« Entrüstet fuhr die stolze Wittwe auf. Sie empfand, daß sie dem Zwerge zu viel gestattet habe, und befahl ihm, sie allein zu lassen. Nemu küßte ihr Gewand und fragte schüchtern: »Soll ich vergessen, was Du mir vertrautest, oder gestattest Du, daß ich weiter auf Deines Sohnes Rettung sinne?« Katuti blieb einige Augenblicke unschlüssig, dann sagte sie. »Was ich zu unterlassen habe, hast Du klug begründet; vielleicht zeigt Dir ein Gott, was ich thun soll. Jetzt laß mich allein!« »Bedarfst Du meiner morgen früh?« fragte der Kleine. »Nein!« »So fahr' ich in die Nekropole und opfere.« »Geh',« sagte Katuti und schritt mit dem verhängnißvollen Briefe dem Hause entgegen. Nemu blieb allein zurück. Nachdenklich schaute er zu Boden und murmelte vor sich hin: »Sie dürfen nicht der Ehrlosigkeit verfallen, jetzt nicht: sonst geht Alles verloren. Was ist diese Ehre?! Alle kommen ohne sie auf die Welt, die Meisten von uns gehen, ohne sie zu kennen, als gute Leute zu Grabe. Nur Einige, die reich sind und müßig, verfilzen mit ihr die schlichten Fäden ihrer Seelen, wie die Kuschiten ihr Haar mit Fett und Balsam, bis es zur Kappe Die Denkmäler lehren, daß die schwarzen Bewohner des oberen Nils dieser widrigen Mode ihrer Nachkommen von heute bereits in der Pharaonenzeit gehuldigt haben. wird, die sie entstellt und auf die sie so stolz sind, daß sie sich lieber die Ohren, als das Unding abschneiden lassen. Mir ahnt, mir ahnt . . ., aber eh' ich wieder den Mund aufthue, gehe ich zu meiner Mutter, die mehr weiß als zwanzig Propheten.« Zwölftes Kapitel. Bevor die Sonne des folgenden Tages aufgegangen war, ließ sich Nemu mit dem kleinen weißen Esel, den ihm des Rosselenkers Mena verstorbener Vater vor vielen Jahren geschenkt hatte, über den Nil setzen. Er benutzte die kühle Stunde, welche dem Erscheinen des Tagesgestirns vorausgeht, zu seinem Ritte durch die Nekropole. Wohl vertraut mit Weg und Steg, vermied er die zu dem Ziele seiner Wanderung führende Straße und trabte dem Berge zu, welcher das Thal der Königsgrüfte von der Nilebene trennt. Vor ihm öffnete sich ein herrliches Halbrund von himmelhohen Kalkfelsen, der Hintergrund des stattlichen Terrassentempels, welchen die stolze Vormünderin zweier Könige des gestürzten Pharaonenhauses, die große Hatasu, ihrem eigenen Angedenken und der Göttin Hathor errichtet hatte. Nemu ließ das Heiligthum zu seiner Linken liegen und ritt den steilen Bergpfad, den nächsten aus der Ebene in das Thal der Königsgräber führenden Weg, hinan. Unter ihm lag, in all' seinen Theilen zu überschauen, der Terrassenbau Hatasu's und vor ihm die still in der kühlen Dämmerung schlummernde Nekropole mit ihren Häusern und Tempeln und Kolossen, der breite glänzende, von weißen Segeln und Morgennebeln überwehte Nil und im fernen, von der aufgehenden Sonne gerötheten Osten die Wohnstadt Theben mit ihren Riesentempeln. Aber der Zwerg sah nichts von dem herrlichen Bilde zu seinen Füßen. In Gedanken versunken, ließ er, weit vorgebeugt über den Hals seines Esels, das keuchende Thierchen nach seinem Gefallen bald klimmen, bald ruhen. Als er die halbe Höhe des Berges erreicht hatte, vernahm er das Geräusch der Schritte eines sich ihm mehr und mehr nähernden Wanderers. Der rüstige Schreiter hatte ihn bald eingeholt und entbot ihm den Morgengruß, welchen er freundlich erwiederte. Der Bergpfad war schmal, und als Nemu bemerkt hatte, daß der ihm folgende Mann ein Priester war, hielt er an einer ebenen Stelle des Weges sein Eselein an und sagte ehrerbietig. »Wandre vorüber, heiliger Vater, denn Deine beiden Füße schreiten schneller als meine vier Hufe.« »Eine Leidende bedarf meiner Hülfe,« erwiederte der Arzt Nebsecht, Pentaur's Freund, den wir im Setihause und am Krankenlager des Paraschitenmädchens kennen gelernt haben, und schickte sich an, dem langsamen Reiter den Vortritt abzugewinnen. Da erhob sich über den purpurnen Horizont des Ostens die glühende Sonnenscheibe und aus dem Heiligthum zu Füßen der Wanderer klang ein frommer, vielstimmiger Männergesang zu ihnen empor. Nemu glitt von seinem Esel und nahm die Stellung eines Betenden ein. Der Priester folgte seinem Beispiele, aber während der Zwerg seine Augen der Wiedergeburt des Sonnengottes am Berge des Ostens andächtig zukehrte, weilten die seinen am Boden und eine seiner hoch erhobenen Hände senkte sich und griff nach einer seltenen am Wege liegenden versteinerten Muschel. Nach einigen Minuten erhob sich Nebsecht und Nemu folgte ihm nach. »Ein schöner Morgen,« sagte der Zwerg; »die heiligen Väter da unten sind heute früher auf wie gewöhnlich.« Der Arzt lächelte zustimmend und fragte: »Gehörst Du in die Nekropole? Wer hält sich hier Zwerge?« »Niemand,« antwortete der Kleine, »aber ich gebe Dir Deine Frage zurück. Wer von Denen, die hier hinter den Bergen wohnen, ist so vornehm, daß ein Arzt aus dem Setihause seine Nachtruhe für ihn opfert?« »Die ich besuche, ist gering, aber ihr Leiden ist groß,« sagte Nebsecht. Nemu schaute ihn verwundert an und murmelte: »Das ist edel, das ist . . .« aber er sprach diesen Satz nicht aus, sondern schlug sich vor die Stirn und rief: »Du gehst im Auftrage der Prinzessin Bent-Anat zu dem überfahrenen Paraschitenkinde. Ich wußt' es ja, einen vornehmen Beigeschmack muß die Speise haben, für welche die Herren so früh aufstehen. Wie geht es dem armen Kinde?« In den letzten Worten lag so viel warme Theilnahme, daß der Arzt, welcher den Vorwurf des Zwerges nicht unberechtigt fand, freundlich antwortete: »Nicht schlecht; sie wird erhalten werden können.« »Den Göttern sei Dank,« rief Nemu, während der Andere an ihm vorüberging. Mit verdoppelter Eile stieg Nebsecht den Berg hinauf und hinunter und hatte längst an dem Lager der verwundeten Uarda in der Paraschitenhütte Platz genommen, als Nemu sich der Wohnung seiner Mutter Hekt, der Zauberin, von welcher Paaker den Liebestrank empfangen, näherte. Die Alte saß vor der Thür ihrer Höhle. Neben ihr lag ein Brett mit Querhölzern versehen, zwischen denen ein kleiner Knabe also ausgestreckt war, daß sie seinen Kopf und seine Sohlen berührten. Hekt verstand die Kunst, Zwerge zu machen; das Spielzeug in Menschengestalt wurde gut bezahlt und das Kind auf der Marterbank mit seinem hübschen Gesichtchen versprach zu einer werthvollen Waare zu werden. Sobald die Zauberin den Nahenden bemerkte, beugte sie sich über den Knaben, nahm ihn mit sammt dem Brett in die Arme, trug ihn in ihre Höhle und sagte streng: »Wenn Du Dich rührst, Junge, so gibt es Schläge. Jetzt laß Dich binden.« »Nicht binden!« bat der Knabe. »Ich will still sein und ruhig liegen.« »Streck' Dich!« befahl die Alte und schnürte das weinende Kind mit einem Seile an das Brett. »Wenn Du still bist, so geb' ich Dir später einen Honigkuchen und Du darfst mit den jungen Hühnern spielen.« Das Kind beruhigte sich und ein warmes Lächeln der Freude und Hoffnung glänzte aus seinen lieben Augen. Seine Händchen faßten das Kleid der Alten und mit dem süßesten Schmeicheltone, den Gott in die holde Stimme der Kinder legt, sagte der Knabe: »Ich will still sein wie ein Mäuschen und Niemand soll wissen, daß ich da bin, aber wenn Du mir den Honigkuchen gibst, so laß mich etwas los und zu Uarda hinüber.« »Sie ist krank, was willst Du da drüben?« fragte die Alte. »Ich möcht' ihr den Kuchen bringen,« sagte der Knabe leise und seine Augen glänzten in Thränen. Die Alte tippte dem Kinde mit dem Finger auf das Kinn und eine geheimnißvolle Macht zog sie zu ihm hernieder, um es zu küssen. Aber ehe ihre Lippen sein Antlitz fanden, wandte sie sich von ihm ab und sagte streng: »Bleib' ruhig. Nachher wollen wir sehen!« Dabei bückte sie sich und warf einen braunen Sack über den Knaben. Dann trat sie wiederum in's Freie, begrüßte Nemu, bewirthete ihn mit Milch, Brod und Honig, gab ihm Auskunft auf seine Erkundigung nach dem überfahrenen Mädchen, dessen Mißgeschick ihm zu Herzen zu gehen schien, und fragte endlich: »Was führt Dich hieher? Der Nil war noch klein, als Du das letzte Mal Deinen Weg zu mir fandest, und jetzt hat er längst zu fallen begonnen. Wir sind in den ersten Novembertagen. Anfangs Juni fängt der Nil langsam zu steigen an, zwischen dem 15. und 20. Juli beginnt er plötzlich hoch anzuschwellen und in der ersten Hälfte des Oktobers, nicht, wie man früher glaubte, am Ende des Septembers, erreicht die Ueberschwemmung ihren höchsten Stand. Heinrich Barth hat diesen Thatbestand sicher festgestellt. Nachdem das Wasser im September begonnen hat zurückzutreten, sucht es seine Kulmination im Oktober noch einmal zu erreichen und zu überbieten. Bald darauf nimmt es erst langsam, dann schneller und schneller ab. Schickt Dich Deine Herrin, oder begehrst Du selbst meine Hülfe? All' das Gesindel bleibt sich gleich! Niemand geht zu einem Andern, wenn er ihn nicht benutzen will. Was soll ich Dir geben?« »Ich brauche nichts,« erwiederte der Zwerg, »aber . . .« »Aber Du kommst im Auftrage eines Dritten,« lachte die Hexe. »Ist Alles ein und dasselbe! Wer etwas für Andere verlangt, denkt doch nur an sich selbst.« »Mag sein,« gab der Kleine zurück. »Jedenfalls beweisen Deine Worte, daß Du nicht unweiser geworden, seitdem ich Dich zum letzten Mal gesehen, und das freut mich, denn ich brauche Deinen Rath.« »Der ist billig. Was gibt es da drüben?« Nemu erzählte seiner Mutter kurz, klar und ohne Rückhalt, was man im Hause seiner Herrin vorbereitete, und von der schrecklichen Schande, mit welcher sie durch ihren Sohn bedroht ward. Die Alte schüttelte vielmals bedenklich ihren grauen Kopf; aber sie ließ den Kleinen, ohne ihn zu unterbrechen, zu Ende reden. Dann fragte sie und ihre Augen blitzt dabei leuchtend auf: »Und ihr glaubt wirklich, daß es euch gelingen werde, einen Sperling an des Adlers Stelle, einen Ani auf den Thron eines Ramses zu setzen?« »Die in Aethiopien kämpfenden Truppen sind für uns,« rief Nemu, »die Priester erklären sich gegen den König und erkennen in Ani das echte Blut des Ra.« »Das ist viel,« sagte die Alte. »Und viele Hunde sind der Gazelle Tod,« lachte Nemu. »Doch Ramses ist kein fliehendes Wild, sondern ein Löwe,« sagte die Alte ernst. »Ihr spielt ein hohes Spiel.« »Das wissen wir,« entgegnete Nemu, »aber es gibt dabei Großes zu gewinnen.« »Und Alles zu verlieren,« murmelte die Alte, indem sie mit den Fingern über ihren sehnigen Hals fuhr. »Thut, was ihr wollt, mir kann's gleich sein, wer die Jungen in den Tod schickt und den Alten das Vieh von den Feldern treibt. Was wollt ihr von mir?« »Mich sendet Niemand,« entgegnete der Zwerg. »Ich komme aus freiem Antriebe, um Dich zu fragen, was Katuti thun soll, um ihren Sohn und ihr Haus vor der Ehrlosigkeit zu retten?« »Hm,« brummte die Hexe und schaute Nemu, indem sie sich an ihrem Stocke hoch aufrichtete, mit beiden Augen fragend an. »Was geht denn mit Dir vor, daß Du Dir das Schicksal dieser Großen zu Herzen nimmst, als wär' es Dein eigenes?« Der Zwerg erröthete und antwortete zögernd: »Katuti ist eine gütige Herrin und wenn es ihr wohl ergeht, so wird dabei auch für Dich und mich so Manches abfallen.« Hekt schüttelte ungläubig den Kopf und lachte: »Vielleicht für Dich ein Brod und für mich eine Krume! Du hast auch noch Anderes im Sinne und ich sehe in Deine Brust, als wärest Du dieser aufgeschnittene Rabe. Du gehörst zu Denen, die ihre Finger nicht still halten können und an jedem Teige kneten, überall schieben, treiben, etwas bewerkstelligen müssen. Jeder Rock ist Dir zu eng. Wärest Du drei Köpfe größer und eines Priesters Kind, vielleicht hättest Du's weit gebracht. Hoch willst Du hinaus und hoch wirst Du enden; als Freund eines Königs oder am Galgen!« Die Alte lachte; Nemu biß sich dabei auf die Lippen und sagte: »Hättest Du mich nur in die Schule geschickt und wär' ich keiner Hexe Sohn und kein Zwerg, so spielte ich mit den Menschen, wie sie mit mir gespielt haben, denn ich bin klüger als sie Alle und keine ihrer Regungen bleibt mir verborgen. Hundert Wege liegen vor mir offen, wenn sie nicht wissen, wo aus noch ein, und wo sie sorglos vorwärts rasen, da seh' ich den Abgrund, dem sie entgegenrennen.« »Und dennoch kommst Du zu mir,« sagte die Alte spöttisch. »Ich will Deinen Rath,« erwiederte Nemu ernst, »weil vier Augen mehr sehen als zwei, weil der unbetheiligte Zuschauer klarer sieht als der Spieler und weil Du verpflichtet bist, mir zu helfen.« Die Hexe lachte verwundert auf und fragte; »Ich? Verpflichtet? Und zu was denn?« »Mir zu helfen,« wiederholte der Zwerg halb bittend, halb vorwurfsvoll. »Du hast mir das Wachsthum geraubt und mich zum Krüppel gemacht.« »Weil Niemand es besser hat, als ihr Zwerge,« unterbrach ihn die Alte. Nemu schüttelte den Kopf und erwiederte traurig: »Das hast Du mir oft gesagt und für manchen Andern, der wie ich im Elend geboren ward, magst Du Recht haben; mir aber hast Du das Leben verdorben, hast Du nicht nur den Leib, sondern auch die Seele verkrüppelt und zu Leiden hast Du mich verdammt, die namenlos sind und unaussprechlich.« Des Zwerges großer Kopf sank auf seine Brust herab und mit seiner Linken preßte er die Stelle seines Herzens. Die Alte näherte sich ihm freundlicher und fragte: »Was ist Dir? Ich dächte, es ginge Dir gut in Mena's Hause.« »Das denkst Du,« rief der Kleine, »Du, die mir eben im Spiegelbilde zeigte, wie ich bin und wie mich geheimnißvolle Kräfte drängen und treiben? Du machtest mich künstlich zu dem, was ich bin, Du verkauftest mich an den Schatzmeister des Ramses und dieser schenkte mich dem Vater des Mena, seinem Schwager. Fünfzehn Jahre ist's her! Ich war damals ein junger Mann, ein Jüngling wie andere auch, nur lebhafteren Geistes, unruhiger und feuriger als sie. Man gab mich dem kleinen Mena zum Spielzeug und der spannte mich vor sein Wägelchen und putzte mich mit Bändern und Federn aus und peitschte mich, wenn ich ihn nicht schnell genug fortzog. Wie hat das Mädchen, für das ich mein Leben hingegeben hätte, des Pförtners Tochter, gelacht, wenn ich in dem bunten Mummenschanz keuchend vor dem Wägelein daher hüpfte und mir die Geißelschnüre des jungen Herrleins um die Ohren sausten, der Schweiß von der Stirn und das Blut aus dem wunden Herzen troff! Dann starb Mena's Vater und der Bube kam in das Setihaus und nun diente ich der Frau seines Haushofmeisters, den Katuti auf das Erbgut in Hermonthis verbannte. Das waren Jahre! Die Töchterchen des Hauses spielten Puppe Puppen aus der Pharaonenzeit werden in den Museen konservirt; z. B. Gliedermänner in Leyden. mit mir, legten mich in die Wiege und zwangen mich die Augen zu schließen und mich schlafend zu stellen, während Liebe und Haß und große Entwürfe in mir mächtig waren. Wenn ich mich aufzulehnen versuchte, so schlugen sie mich mit Ruthen, und als ich mich einst im Zorne vergessen und die kleine Mertitefs wund geschlagen hatte, hängte mich Mena, der dazu kam, mit dem Gürtel an einem Nagel im Speicher auf und ließ mich dort schweben; er sagte, er habe mich abzunehmen vergessen. Die Ratten überfielen mich! Da sind noch die Narben, die kleinen weißen Punkte hier! Sieh' nur! Vielleicht werden sie einst ganz verschwinden, aber die Wunden, die mein Herz in jenen Stunden davon trug, die hören nicht auf zu bluten! Dann nahm Mena Nefert zum Weibe und mit ihr kam seine Schwiegermutter Katuti in's Haus. Sie nahm mich dem Haushofmeister fort, ich ward ihr unentbehrlich, sie behandelt mich wie einen Mann, sie schätzt meinen Geist und hört meinen Rath; darum will ich sie groß machen und mit ihr und durch sie mächtig werden. Wenn Ani den Thron besteigt, so werden wir ihn lenken, Du und ich und sie! Ramses muß fallen und mit ihm Mena, der Bube, der mir den Leib geschändet und die Seele vergiftet hat.« Die Alte stand dem Zwerge während dieser Worte schweigend gegenüber. Nun setzte sie sich auf ihren rohen Holzsessel und sagte, indem sie einen Wiedehopf zu rupfen begann. »Jetzt versteh' ich Dich, Du wünschest Dich zu rächen, Du hoffst hoch zu steigen und ich soll Dein Messer wetzen und Dir die Leiter halten. Armer Kleiner! Da, setze Dich –, trinke zur Beruhigung noch einen Schluck Milch und höre meinen Rath. Katuti braucht viel Geld, um der Ehrlosigkeit zu entgehen. Sie soll es nur aufnehmen, denn es liegt vor ihrer Thür.« Der Zwerg schaute die Hexe verwundert an. »Der Mohar Paaker ist ihrer Schwester Setchem Sohn. Nicht wahr?« »Du sagst es.« »Katuti's Tochter Nefert ist Deines Herrn Mena Gattin und ein Anderer möchte das verlassene Hühnchen in seinen Hof locken.« »Du meinst Paaker, der mit Nefert versprochen war, ehe sie dem Mena folgte.« »Paaker war vorgestern bei mir.« »Bei Dir?« »Ja bei mir, der alten Hekt, um einen Liebestrank zu kaufen. Ich gab ihm so etwas und weil ich wißbegierig bin, so ging ich ihm nach, sah, wie er dem Weibchen das Wasser reichte, und erkundigte mich nach ihrem Namen.« »Und Nefert trank den Zauber?« fragte der Zwerg entsetzt. »Essig und Rübensaft,« lachte die Alte. »Ein Großer, der zu mir kommt, um ein Weib zu gewinnen, der ist reif für Alles. Laßt Nefert Paaker um das Geld bitten und des jungen Leichtfußes Schulden sind bezahlt.« »Katuti ist stolz und hat mich streng zurückgewiesen, als ich dieß vorschlug.« »So muß ihr Paaker das Geld selbst anbieten. Geh' hin zu ihm, mach' ihm Hoffnung auf Nefert's Neigung, erzähl' ihm, was die Frauen ängstigt, und laß ihn, wenn er sich weigert, aber nur dann, merken, daß Du etwas von dem Tränkchen weißt.« Der Zwerg blickte nachdenklich zu Boden und sagte dann, bewunderungsvoll zu der Alten aufschauend: »Das ist das Rechte.« »Das Falsche findet ihr auch ohne mich,« brummte die Hexe. »Eure Sache ist vielleicht doch nicht so schlecht, als es mir auf den ersten Blick scheinen wollte. Katuti hat dem Taugenichts zu danken, der seines Vaters Leichnam verspielte. Du verstehst mich nicht? Nun, wenn Du wirklich der Klügste bist da drüben, wie müssen die Anderen sein?!« »Du meinst, daß man meine Herrin rühmen wird,« sagte der Zwerg, »weil sie eine so große Summe opfert, um den Namen . . .« »Was Namen, was rühmen!« rief die Alte ungeduldig. »Hier handelt sich's um andere, um wirkliche Dinge! Da steht Paaker, – da die Gattin des Mena. Wenn der Mohar für die junge Frau ein Vermögen hingibt, so will er sie besitzen und Katuti wird ihm nicht im Wege stehen; sie weiß ja, wofür ihr Neffe sie bezahlt. Aber ein Anderer versperrt ihm den Weg, und das ist Mena. Den gilt's zu beseitigen! Der Rosselenker steht dicht bei dem Pharao, und die Schlinge, die man nach dem Einen wirft, kann sich leicht mit um den Hals des Andern legen. Macht den Mohar zu eurem Bundesgenossen, benutzt ihn klug und es kann wohl geschehen, daß Deine Rattenbisse mit Todeswunden vergolten werden und Ramses, der euch, wenn ihr ihm offen entgegentretet, zu Boden bläst, von einer aus dem Hinterhalt geschleuderten Lanze getroffen wird. Ist der Thron frei, dann mag es den schwachen Beinen des Statthalters gelingen, hinaufzuklettern, wenn die Priester ihm helfen. Da sitzest Du mit offenem Munde und ich habe Dir doch nichts gerathen, was Du nicht selbst hättest ersinnen können.« »Du bist ein Gefäß aller Weisheit!« rief der Zwerg. »Und nun wirst Du hingehen,« sagte Hekt, »und Deiner Herrin und dem Statthalter Deine Gedanken enthüllen und Deine Klugheit bewundern lassen. Heute weißt Du noch, daß ich Dir zeigte, was ihr zu thun habt, morgen wirst Du das vergessen haben und übermorgen denkst Du, daß der Geist der neun großen Götter Dich beseele. Ich kenne das; aber ich kann nichts umsonst geben. Du lebst von Deiner Kleinheit, ein Anderer nährt sich durch seine starken Hände, ich gewinne durch die Gedanken hier drinnen mein karges Brod. Höre. Wenn ihr Paaker halb gewonnen habt und Ani sich geneigt zeigt, sich seiner zu bedienen, so sagst Du ihm, ich wisse ein Geheimnis, – und ich weiß eins, ich allein, – das den Mohar zum Spielball seiner Wünsche mache, und sei geneigt, es mir abkaufen zu lassen.« »Das soll geschehen! Gewiß, meine Mutter,« rief der Zwerg. »Was verlangst Du?« »Wenig,« sagte die Alte. »Nur einen Freibrief, der mir gewährleistet, unbehelligt auch von den Priestern thun und treiben zu können, was mir ansteht, und ein ehrliches Begräbniß nach meinem Tode.« »Dazu wird der Statthalter sich schwer bequemen, denn er muß Alles vermeiden, was die Diener der Gottheit verletzt.« »Und Alles thun,« unterbrach ihn die Alte, »was Ramses in ihren Augen herabsetzt. Ani, hörst Du, soll mir keinen neuen Freibrief schreiben, sondern nur den alten erneuern, den Ramses mir verlieh, als ich sein erkranktes Lieblingspferd heilte. Sie verbrannten ihn mit meiner übrigen Habe, als sie meine Hütte ausplünderten und mich für eine Zauberin und mein Geräth für typhonisch erklärten. Mit dem Begräbnisse hat es für's Erste noch Zeit. Den Freibrief des Ramses will ich, nichts weiter.« »Du sollst ihn haben,« sagte der Zwerg. »Lebe wohl! Ich habe den Auftrag, in der Gruft unseres Hauses nachzusehen, ob man die Todtenopfer ordnungsmäßig aufgestellt hat, neue Essenzen aufzugießen und Mancherlei erneuern zu lassen. Wenn Sechet nicht mehr wüthet S. Anmerkung 44 . und es kühler wird, so komm' ich nochmals hier vorbei, denn ich möchte bei dem Paraschiten Pinem vorsprechen und sehen, wie es der armen Uarda geht.« Dreizehntes Kapitel. Vor der Hütte des Paraschiten waren während dieses Gespräches zwei Männer eifrig beschäftigt, Pfähle in den Boden zu befestigen und ein zerrissenes Leinentuch auszuspannen. Der eine von ihnen, der alte Pinem, welchen wir als Pfleger seiner Enkelin kennen gelernt haben, forderte den andern von Zeit zu Zeit auf, an die Kranke zu denken und weniger geräuschvoll zu arbeiten. Nachdem sie ihr schlichtes Werk vollendet und unter dem Wetterdach ein Lager von frischem Weizenstroh ausgebreitet hatten, setzten sich Beide auf den Boden nieder und schauten nach der Hütte hin, vor welcher der Arzt Nebsecht saß und auf das Erwachen der schlummernden Kranken harrte. »Wer ist dieser Mann?« fragte der Heilkünstler den Alten, indem er auf dessen jüngeren Gefährten, einen großen, gebräunten Soldaten mit buschigem rothen Barte deutete. »Mein Sohn,« antwortete der Paraschit, »der aus Syrien heimgekehrt ist.« »Uarda's Vater?« fragte der Arzt. Der Soldat nickte bejahend und sagte mit rauher Stimme, aber nicht ohne Treuherzigkeit: »Man sieht mir's wohl nicht an; sie ist so weiß und roth; ihre Mutter war eine Fremde, und sie ist so zart gerathen, wie die war. Ich fürchte mich, sie mit dem kleinen Finger anzufassen, und da fährt ein Wagen über die zerbrechliche Puppe hin und sie hält das aus und bleibt leben!« »Ohne die Hülfe dieses heiligen Vaters,« sagte der Paraschit, indem er sich dem Arzte näherte und sein Gewand küßte, »hättest Du sie nicht lebend wiedergesehen. Die Götter mögen Dir lohnen, was Du an uns Armen gethan.« »Und wir können auch zahlen,« rief der Soldat, indem er auf einen vollen Beutel an seinem Gürtel schlug. »Wir haben Beute gemacht in Syrien und ich werde ein Kalb kaufen und es eurem Tempel stiften.« »Opfere lieber ein Thier von Teig,« Bei den Festen der Selene (ägyptisch Nechebt) wurden Schweine geopfert. Herodot sagt II. 47: »Die Unbemittelten backen aus Armuth Schweine von Weizenteig und bringen sie zum Opfer dar.« Auf den Denkmälern wird mancherlei Gebäck in Thiergestalt abgebildet. sagte der Arzt, »und wenn Du Dich mir dankbar erweisen willst, so gib das Geld Deinem Vater, damit er Dein zartes Kind nach meiner Vorschrift nähren und pflegen kann.« »Hm,« murmelte der Soldat, nahm den Beutel vom Gürtel, wog ihn in der Hand und sagte dann, indem er ihn dem Paraschiten reichte: »Ich würd' es doch vertrinken! Nimm's nur, Vater, für die Kleine und die Mutter.« Während der Alte zögernd nach dem reichen Geschenke griff, besann sich der Soldat und sagte, indem er den Beutel öffnete: »Laß mich nur einige Ringe herausnehmen, denn heute kann ich mich noch nicht trocken legen; ich habe ein paar Kameraden in die rothe Schenke bestellt. Das reicht auch für morgen und übermorgen. So mag's gut sein. Da! Nimm den andern Bettel.« Nebsecht nickte dem Soldaten beifällig zu; dieser aber rief, als der Paraschit dem Arzte dankbar bewegt die Hand küßte. »Mach mir die Kleine gesund, heiliger Vater! Mit dem Schenken und Opfern ist's vorbei, denn ich habe nichts mehr, aber da sind zwei Fäuste von Eisen und eine Brust wie eine Festungszinne. – Wenn Du einmal Hülfe bedarfst, so sollst Du mich rufen und ich werde Dich gegen zwanzig Feinde beschützen. Du hast mein Kind gerettet. Gut denn! Leben gegen Leben. Ich verschreibe mich Dir als Blutsgenosse. Da!« Während dieser Worte hatte er sein Dolchmesser aus dem Gürtel gezogen. Nun ritzte er seinen Arm und ließ einige Tropfen seines Blutes auf einen Stein zu Füßen des Arztes herniederrinnen. »Siehe das,« sagte er, »dieß ist mein Schuldschein! Kaschta hat sich Dir verschrieben und Du kannst über sein Leben verfügen wie über Dein eigenes. Was ich sage, das hab' ich gesagt!« »Ich bin ein Mann des Friedens,« stammelte Nebsecht, »und mich schützt mein weißes Gewand. Aber ich glaube, daß unsere Kranke erwacht ist.« Der Arzt stand auf und betrat die Hütte. Uarda's schönes Haupt lag in dem Schooße ihrer Großmutter und ihre großen blauen Augen wandten sich ruhig dem Priester zu. »Sie möchte aufstehen und in's Freie,« sagte die Alte. »Sie hat lange und süß geschlafen.« Der Arzt untersuchte ihren Puls und ihre Wunde, auf der grüne Blätter lagen, und sagte; »Vortrefflich! Wer hat euch dieses Heilkraut gegeben?« Die Alte zauderte verlegen; Uarda aber sagte ohne Scheu: »Die alte Hekt, welche drüben in der schwarzen Höhle wohnt.« »Die Zauberin,« murmelte der Arzt; »aber wir wollen die Blätter nur liegen lassen; da sie helfen, so ist es gleichgültig, woher sie kommen.« »Hekt hat auch die Tropfen gekostet, die Du ihr gabst,« sagte die Alte, »und zugegeben, daß sie gut wären.« »Dann sind wir mit einander zufrieden,« gab Nebsecht mit einem schalkhaften Lächeln zurück. »Wir wollen Dich jetzt in's Freie tragen, Mädchen, denn die Luft hier drinnen ist schwer wie Blei und Deine zarte Lunge braucht leichtere Nahrung.« »Ja, laßt mich hinaus,« bat die Kranke. »Es ist gut, daß Du den Andern nicht wieder mitbrachtest, der mich mit seinen Beschwörungen ängstigte.« »Du meinst den blinden Teta,« sagte Nebsecht, »der wird nicht wiederkommen, aber der junge Priester, der Deinen Vater besänftigte, als er die Prinzessin abwies, will euch besuchen. Er ist freundlich gesinnt und Du solltest, solltest . . .« »Pentaur will kommen?« fragte das Mädchen lebhaft. »Vor der Mittagszeit. Aber woher kennst Du seinen Namen?« »Ich kenne ihn!« erwiederte Uarda bestimmt. Der Arzt schaute sie verwundert an und sagte: »Du sollst nicht mehr sprechen, denn Deine Wangen glühen und das Fieber darf nicht wiederkehren. Wir haben Dir ein Zelt bereitet und wollen Dich nun in's Freie tragen.« »Noch nicht,« bat das Mädchen. »Großmutter, ordne mein Haar, es ist schwer.« Bei diesen Worten faßte sie ihren vollen rothblonden Haarschmuck und versuchte ihn mit ihren kleinen Händen zu theilen und von den Strohhalmen, die sich mit ihm verwoben hatten, zu befreien. »Halte Dich still,« mahnte der Arzt. »Es ist so schwer,« lächelte die Kranke und zeigte Nebsecht den üppigen Reichthum ihres goldenen Haares, als wär' er eine unwillkommene Last. »Komm', Großmutter, und hilf mir.« Die Alte beugte sich über das Haupt der Kranken und strählte ihre langen Flechten vorsichtig mit einem groben Kamme von grauem Horn, löste die Strohhalme behutsam aus dem goldigen Gewirr und legte endlich zwei volle glänzende Zöpfe über die Schultern ihrer Enkelin. Nebsecht wußte, daß jede Bewegung der Leidenden zum Schaden gereiche, und es trieb ihn, den Frauen zu wehren; aber seine Zunge war wie gebannt. Staunend, regungslos und mit gerötheten Wangen stand er dem Mädchen gegenüber und seine Blicke folgten mit banger Aufmerksamkeit jeder Bewegung ihrer Hände. Sie bemerkte ihn nicht. Als die Greisin den Kamm aus der Hand legte, athmete Uarda hoch auf und bat dann; »Großmutter, den Spiegel.« Die Alte brachte einen Scherben von dunkel glasirtem, gebranntem Thon. Die Kranke wandte seine glänzende Innenseite dem Lichte zu, betrachtete einen Augenblick ihr undeutliches Spiegelbild und sagte: »Ich habe so lange keine Blume gesehen, Großmutter.« »Warte, Kind,« sagte die Angerufene, nahm aus einem Kruge die Rose, welche die Prinzessin Bent-Anat auf die Brust ihrer Enkelin gelegt hatte, und reichte sie ihr. Aber ehe Uarda sie ergreifen konnte, fielen ihre verdorrten Blumenblätter auseinander und auf sie hernieder. Der Arzt bückte sich, sammelte sie und gab sie der Kranken in die Hand. »Wie gut Du bist,« sagte sie. »Ich heiße Uarda, wie diese Blume und ich liebe die Rosen und die freie Luft. Tragt mich hinaus.« Nebsecht rief, der Paraschit trat mit seinem Sohne in die Hütte und Beide trugen die Leidende in's Freie und legten sie unter das schlichte, von ihnen bereitete Zeltdach. Die Füße des Soldaten zitterten, während er die leichte Last seiner Tochter in seinen starken Händen hielt, und er athmete auf, als sie wieder auf der Matte ruhte. »Wie blau ist der Himmel!« rief Uarda. »Ach, der Großvater hat meinen Granatenstrauch begossen, ich dacht' es! Da sind auch meine Tauben, da kommen sie! Gib mir Korn in die Hand, Großmutter. Wie sie sich freuen!« Die zierlichen Vögel mit dem schwarzen Ringlein am rothgrauen Halse umflatterten sie sorglos und pickten das Korn, das sie zum Spiel auf ihre Lippen legte, von ihrem Munde fort. Nebsecht sah diesem lieblichen Schauspiele staunend. zu. Es war ihm, als wenn sich ihm eine neue Welt eröffnete und als hätte sich ein neues, ihm bis dahin fremdes Organ in seiner Brust erschlossen. Schweigend ließ er sich vor der Hütte nieder und malte das Bild einer Rose mit einem Rohrstäbchen, das er aufgehoben hatte, in den Sand. Alles blieb still ringsumher; auch als die Tauben die Kranke verlassen und das Dach der Hütte aufgesucht hatten. Da schlug der Hund des Paraschiten an, Schritte näherten sich, Uarda richtete sich auf und sagte: »Großmutter, der Priester Pentaur!« »Wer sagt Dir das?« fragte die Alte. »Ich weiß es,« erwiederte das Mädchen bestimmt, und nach wenigen Augenblicken rief eine klangvolle Stimme: »Heil über euch. Wie geht es eurer Kranken?« Bald stand Pentaur neben Uarda und freute sich des günstigen Berichtes des Arztes Nebsecht und an dem lieblichen Angesichte der Jungfrau. Er hielt Blumen in seiner Hand. welche von einem beglückten Mädchen auf den Altar der Göttin Hathor, der er seit dem gestrigen Tage als Priester diente, gelegt worden waren, und reichte sie der Kranken, die sie erröthend annahm und in den gefalteten Händen festhielt. »Das sendet Dir die hohe Göttin. der ich diene,« sagte Pentaur, »und sie wird Dir Genesung schenken. Bleibe ihr ähnlich! Du bist rein und lieblich wie sie und Dein Walten möge auch hinfort dem ihren gleichen. Wie sie der Sonne das Leben schenkt am dämmernden Horizonte, so bringst Du Freude in diese dunkle Hütte. Bewahre Deine Unschuld und überall, wohin Du Dich wendest, wirst Du Liebe wecken, so wie Blumen sprießen an jeder Stelle, die Hathor's Hathor wird häufig, namentlich zu Dendera, »die goldene« genannt. Vieles hat diese Göttin gemein mit der »goldenen Aphrodite«. goldener Fuß betritt. Ihr Segen weile über Dir.« Halb dem Paraschitenpaare, halb Uarda zugekehrt, hatte er die letzten Worte gesprochen, und schon wandte er sich zur Heimkehr, als sich hinter dem trockenen Schilfrohr, das dicht bei dem Schutzdache der Kranken lag, der ängstliche Schrei eines Kindes hören ließ und bald darauf ein Knabe hervortrat, der in seiner hoch erhobenen Hand einen kleinen Kuchen hielt, welchen ihm der Hofhund, der ihn wohl zu kennen schien, zur Hälfte entrissen hatte. »Wie kommst Du hieher, Scherau?« fragte Paraschit das weinende Kind, den jungen Unglücklichen, welchen die alte Hekt zum Zwerg erzog. »Ich wollte,« schluchzte der Kleine, »ich wollte Uarda den Kuchen bringen. Sie ist krank und ich hatte so viel . . .« »Armes Kind,« sagte der Paraschit und streichelte das Haar des Kleinen, »da, gib ihn der Uarda.« Scherau näherte sich der Leidenden, kniete neben ihr nieder und flüsterte mit strahlenden Augen: »Da nimm. Er ist gut und sehr süß, und wenn ich wieder einen Kuchen bekomme und Hekt läßt mich hinaus, so bring' ich ihn Dir.« »Ich danke Dir, Du guter Scherau,« sagte Uarda und küßte das Kind. Dann wandte sie sich an Pentaur und sprach: »Seit Wochen hat er nichts bekommen als Papyrusmark Nach Herodot II. 92, Diodor. I. 80, Plinius XIII. 10 aßen die Aegypter den untern Theil der Papyrusstaude (jedenfalls des Marks dieser Pflanze) und zwar am liebsten auf dem Ofen gedörrt. und Lotosbrod »Den Kern des Lotos, der dem Mohn ähnlich steht, zerstoßen sie und backen Brod daraus.« Herod. II. 92. Wegen dieser billigen Nahrungsmittel ist die Notiz Diodor's, daß ein Kind, bis es erwachsen gewesen sei, seinen Eltern nicht mehr als 20 Drachmen (etwa 15 Mark) gekostet habe, recht wohl glaublich. Der Papyrus ist völlig aus Aegypten verschwunden, nicht so die Lotospflanze, die Dr.  Rohrbach häufig vorfand und 1856 nach Deutschland sandte. Derselbe Gelehrte sah auch bei Damiette Bauern die Wurzeln des weißen und den Samen des weißen und blauen Lotos essen. , und nun bringt er mir den Kuchen, den die Mutter gestern der alten Hekt mit nach Hause gab.« Das Kind ward über und über roth und stammelte: »Er ist nur noch halb; aber ich hab' ihn nicht angerührt; euer Hund riß dieß Stückchen hier ab und dieses.« Dabei tippte er auf den Honig und führte den Finger an seine rothen Lippen. »Ich warte schon lange hinter dem Schilf, denn ich getraute mich nicht vor wegen der fremden Herren dort.« Er wies auf den Arzt und Pentaur und rief dann: »Aber nun muß ich nach Hause.« Das Kind wollte sich entfernen, Pentaur trat ihm aber in den Weg, schwang es auf seinen Arm, küßte es und sagte, indem er sich an den Arzt wandte: »Die waren weise, die dem Horus, der dem Guten den Sieg verschafft über das Böse und dem Reinen über das Unreine, die Gestalt eines Kindes liehen! Sei gesegnet, Du kleiner Gesell, bleibe gut und gib nur immer hin, was Dein ist. Dabei wird Dein Haus nicht reich werden, aber Dein Herz!« Scherau schmiegte sich an den Priester und unwillkürlich erhob sich seine kleine Hand, um die Wange desselben zu streicheln.. Eine Zärtlichkeit ohne Gleichen hatte ihn erfaßt und es war ihm, als sollte er seine Aermchen um des Dichters Hals schlingen und sich an seiner Brust ausweinen. Pentaur stellte ihn wieder auf den Boden und er trippelte in das Thal hinab. Dort blieb er stehen. Die Sonne stand schon beinah in der Mittagshöhe und er mußte in die Höhle der Zauberin und zwischen seine Bretter zurück; aber er wäre so gern weiter gegangen, nur bis zu dem für den König angelegten Grabe. Dicht bei dem Thore desselben stand ein Schutzdach von Palmenzweigen und unter diesem pflegte der Bildhauer Batau, ein hochbetagter Greis, zu rasten. Der Alte war taub, aber er galt mit Recht für den ersten Künstler seiner Zeit, er hatte die köstlichen Darstellungen und Hieroglyphenreihen in den Prachtbauten Seti's zu Abydos und Theben, sowie in desselben Fürsten Gruft entworfen und nun arbeitete er an dem Schmuck der Wände in dem Grabe des Ramses. Scherau hatte sich oft in seine Nähe geschlichen, seiner Arbeit andächtig zugeschaut und dann selbst versucht, aus einem Stückchen Thon thierische und menschliche Figuren zu gestalten. Eines Tages war er von dem Greise bemerkt worden. Schweigend hatte ihm der Alte sein bescheidenes Werk aus der Hand genommen und es ihm beifällig lächelnd zurückgegeben. Seitdem erwuchs ein eigenthümliches Verhältniß zwischen den Beiden. Scherau durfte sich neben dem Bildhauer niederlassen und die von dem Letztern vollendeten Bildwerke nachformen. Dabei ward kein Wort gewechselt; aber manchmal vernichtete der taube Greis die Arbeit des Kleinen, manchmal verbesserte er sie mit einem Druck seiner Finger und nicht selten nickte er ihm beifällig zu. Wenn er ausblieb, so vermißte ihn sein Lehrer und Scherau's schönste Stunden waren diejenigen, welche er an seiner Seite verlebte. Es blieb ihm unverwehrt, Thon mit nach Hause zu nehmen. Dort formte er hinter dem Rücken der alten Hekt mancherlei Bildwerk, das er vernichtete, sobald es vollendet war. Wenn er auf seinem Marterbette lag, so suchte er mit den ungefesselten Händchen die mancherlei Gestalten nachzuformen, welche in seiner Vorstellung lebten, und bei diesem künstlerischen Schaffen vergaß er die Gegenwart, und sein bitteres Loos gewann einen Beigeschmack von süßem Glück. Heute war es so spät geworden, daß er seinen Besuch der Ramses Gruft aufgeben mußte. Noch einmal wandte er sich der Hütte zu, dann eilte er in die schwarze Höhle. Vierzehntes Kapitel. Auch Pentaur verließ bald die Hütte des Parasiten.. Nachdenklich betrat er den Bergpfad, welcher zu dem Tempel Dieser Tempel ist verhältnismäßig gut erhalten geblieben. Abbildungen der interessantesten, in ihm aufgefundenen Darstellungen finden sich im Dümichen's Flotte einer ägyptischen Königin. Der Grundriß in Lepsius' Denkmälern aus Aegypten und Aethiopien kann nach den Freilegungen Mariettes und dem jüngst von ihm veröffentlichten Plan an dieser Stelle vervollständigt werden. führte, dessen Leitung ihm Ameni übertragen hatte. Unerfreuliche und schwere Stunden sah er nahen. Das Heiligthum, dem er vorstand, war von der der entthronten Dynastie angehörenden Königin Hatasu Tochter Thutmes I., Gattin ihres Bruders Thutmes II., Vormünderin ihres zweiten Bruders Thutmes III. Thatkräftige Frau, die große Werke herstellte und sich mit dem Helm und Barte der Männer abbilden ließ. ihrem eigenen Gedächtniß und der Göttin Hathor geweiht worden. Die Priester, welche es bedienten, befanden sich im Besitz von eigentümlichen, verbrieften Vorrechten, welche bisher streng berücksichtigt worden waren. Ihre Würde war erblich, ging von dem Vater auf den Sohn über und sie durften ihre Leiter aus ihrer eigenen Mitte wählen. Nun war ihr Vorsteher Rui tödtlich erkrankt und Ameni, dem die Oberaufsicht über sie zustand, hatte ihnen, ohne sie zu befragen, den jungen Pentaur an seiner Stelle gesandt. Unwillig nahmen sie den Eindringling auf und fest schlossen sie sich gegen ihn zusammen, als es sich zeigte, daß er ein strenges Regiment zu führen und viele unter ihnen zur Gültigkeit gelangte Mißbräuche abzustellen Willens sei. Die Begrüßung der aufgehenden Sonne hatten sie den Tempeldienern übertragen; Pentaur verlangte, daß wenigstens die Jüngeren an dem Gesange des Morgenhymnus theilnähmen, und leitete selbst die Chöre. Mit den reichen auf den Altar der Göttin gelegten Opfern hatten sie Handel getrieben, ihr neuer Meister wehrte diesem Mißbrauche, sowie den Erpressungen, die sie sich gegen geängstigte Frauen zu Schulden kommen ließen, welche den Tempel der Hathor zahlreicher als irgend ein anderes Heiligthum besuchten. Der Dichter, im Setihause zur Strenge gegen sich selbst, zu Ordnung, Pünktlichkeit und reinen Sitten erzogen, tief durchdrungen von der Würde seines Standes und gewöhnt, mit besonderem Eifer gegen Trägheit des Körpers und Geistes zu Felde zu ziehen, fühlte sich angewidert von dem Schlaraffenleben und dem trügerischen Treiben seiner Untergebenen und beschloß mit um so feurigerem Eifer, hier ein neues Leben zu erwecken, je tiefere Einblicke ihm der gestrige Tag in das Elend und die Sorge des menschlichen Daseins gewährt hatte. Die Ueberzeugung, daß die träge Schaar, der er vorstand, berufen sei, in tausend beängstigte Herzen Trost zu gießen, unzählige Thränen zu trocknen und das dürre Holz der Hoffnungslosigkeit mit frischem Grün zu bekleiden, drängte ihn zu kräftigem Handeln. Gestern hatte er gesehen, wie seine Untergebenen den Klagen der verlassenen Ehefrau, des betrogenen Mädchens, des den ihr versagten Kindersegen erflehenden Weibes, der sorgenvollen Mutter und der vereinsamten Wittwe mit kühler Gleichgültigkeit zuhörten, nur bedacht, das Unglück auszunützen, um Geschenke für die Göttin Hathor, oder besser für ihre eigenen Taschen und Bäuche zu erpressen. Jetzt näherte er sich wiederum dem Schauplatze seiner neuen Thätigkeit. Da lag das ehrwürdige Heiligthum, vom Thale aus in vier Terrassen stattlich ansteigend, im Westen gelehnt an die halbrunde, himmelhohe Wand des steilen gelblichen Kalkgebirges, schön und eigentümlich gegliedert. An den sauber gefügten Unterbauten prangten in den Stein gemeißelte riesige Sperber mit dem Zeichen des Lebens, welche Horus, den Sohn der Göttin der alles Welkende zu neuer Blüte, alles Sterbende zur Auferstehung führt, symbolisch darstellten. Auf jeder Terrasse stand mit je zweiundzwanzig alterthümlichen Pfeilersäulen Zunächst beim Gräberbau in der XII. Dynastie (2354 bis 2194 v. Chr.) hergestellte polygonale Säulen, welche nach der Vertreibung der Hyksos von den Königen der XVII. und XVIII. Dynastie auch im Freibau benützt, aber schon unter der folgenden Herrscherreihe nicht mehr angewendet wurden. eine nach Osten zu geöffnete Halle, an deren Hinterwänden schöne Gemälde und Inschriften in seiner Bildhauerarbeit den Nachgeborenen erzählten, was Hatasu mit Hülfe der Götter von Theben Großes geleistet. Da sah man die Schiffe, welche sie nach Punt Arabien; wahrscheinlich auch die Küstenlande Ostafrikas südlich von Aegypten, bis zum Somalilande. Dafür sprechen namentlich die jüngst von Mariette publizirten Listen der von Thutmes III. besiegten Südvölker, welche sich auf Pylonen des Tempels von Karnak gefunden haben. entsandt hatte, um Aegypten mit den Schätzen des Ostens zu bereichern, da waren die nach Theben gebrachten Wunder Arabiens zu schauen, da hatte man die Häuser der Bewohner des Weihrauchlandes und alle Fische des rothen Meeres in scharfer und charakteristischer Zeichnung Die einzelnen Arten sind wohl unterscheidbar. Es ist Dr.  Dönitz gelungen, viele von ihnen zu benennen. abgebildet. Auf der dritten und vierten Terrasse befanden sich kleine von Hatasu und ihren Brüdern Thutmes II. und III. angelegte Räume, die sich an den Felsen lehnten und zu denen man durch granitene Thore gelangte. In ihnen sollten die Reinigungen vollzogen, die Bildsäulen der Göttin verehrt, den Manen der Königin geopfert und bevorzugten Betern die Beichte abgehört werden. In einem Seitenbau wurden die heiligen Kühe der Göttin gepflegt. Als Pentaur sich der Hauptpforte des Terrassentempels genähert hatte, wurde er Zeuge eines Schauspieles, das ihn mit Ingrimm erfüllte. Eine Frau verlangte Einlaß in den Vorhof, um am Altar der Göttin für ihren schwer erkrankten Gatten zu beten, aber der feiste Pförtner wies sie mit rohen Worten zurück. »Da steht es,« sagte er, indem er auf die Inschrift über dem Thore hinwies, »nur wer rein ist, darf seinen Fuß auf diese Schwelle setzen, und man wird nur rein durch Räucherung.« »So schwinge das Rauchfaß,« bat das Weib, »und nimm dafür diesen Silberring. Ich habe nicht mehr.« »Einen Silberring!« rief der Pförtner entrüstet. »Soll die Göttin um Deinetwillen verarmen? Die Antakörner , die wir für die Reinigung bedürfen, kosten das Zehnfache.« »Aber ich besitze nicht mehr,« wiederholte die Frau. »Mein Mann, für den ich zu beten komme, ist krank. Er kann nicht arbeiten, und meine Kinder . . .« »Die willst Du mästen, um der Göttin zu entziehen, was ihr gebührt,« rief der Pförtner. »Drei Ringe her, oder ich schließe das Thor.« »Sei barmherzig,« weinte das Weib. »Was wird aus uns werden, wenn Hathor meinem Manne nicht beisteht?« »Soll unsere Göttin ihm Arznei reichen?« fragte der Pförtner. »Sie hat mehr zu thun, als kranke Hungerleider zu heilen. Das ist auch nicht ihres Amtes. Geh' hin zu Imhotep Sohn des Ptah. – Die Griechen nennen ihn Asklepios (Aeskulap). Hauptstätte seiner Verehrung war Memphis. Gewöhnlich wird er mit einer Kappe auf dem Kopf und einem Buch auf den Knieen abgebildet. Sehr schöne Statuen von ihm in Berlin, im Louvre, zu Bulaq und anderen Museen. Eine Bronze von großer Schönheit ist im Besitze des H. Pastor Haken zu Riga. oder Chunsu dem Plänemacher, Der Dritte in der Trias von Theben. Mit der Jugendlocke geschmückter Sohn des Amon und der Muth, Chunsu, welcher geradezu mit Toth identifizirt wird und als guter Berather bei der Heilung der Kranken häufig angerufen ward. Sein großer Tempel in Theben (Karnak) blieb wohl erhalten. Zur Zeit der XX. Dynastie (1273–1095 v. Chr.) wurde, wie eine von E. de Rougé vortrefflich behandelte Stele in der pariser Bibliothek lehrt, seine Statue einmal nach Asien gesandt, um die von Dämonen besessene Schwester der Gattin Ramses XII. (einer asiatischen Fürstentochter) zu heilen. oder dem großen Techuti selbst, die den Kranken helfen. Hier wird nicht gequacksalbert.« »Ich verlange nur Trost in meinem Kummer,« schluchzte die Frau. »Trost?« lachte der Pförtner, indem er die junge und rundliche Frau mit den Blicken maß. »Den kannst Du billiger haben!« Das Weib erbleichte und schlug die sich nach ihr ausstreckende Hand des Pförtners zurück. In diesem Augenblicke trat Pentaur voller Ingrimm zwischen die Beiden. Segnend erhob er seine Hände über das sich tief vor ihm verneigende Weib und sagte: »Wer die Gottheit brünstig ruft, dem ist sie nahe. Du bist rein! Tritt ein in den Vorhof!« Sobald sie in dem Tempel verschwunden war, wandte sich der Priester dem Pförtner zu und rief: »So also dient ihr der Gottheit, so benützt ihr die Noth der geängstigten Herzen? Her mit den Schlüsseln zu dieser Pforte! Dein Amt wird von Dir genommen und morgen schon gehst Du hinaus auf die Weide und hütest die Gänse der Hathor.« Der Pförtner warf sich laut aufheulend auf die Kniee, aber Pentaur wandte ihm den Rücken, betrat das Heiligthum und stieg die Stufen hinan, welche zu seiner auf der höchsten Terrasse gelegenen Wohnung führten. Einige Priester, an denen er vorüberging, wandten ihm den Rücken, andere blickten geräuschvoll kauend auf ihre Mahlzeit hernieder und gaben sich den Anschein, als sähen sie ihn nicht. Sie hatten sich fest mit einander verbündet und waren entschlossen, den unbequemen Eindringling um jeden Preis zu verdrängen. In seinem für seinen erkrankten Vorgänger prunkvoll ausgeschmückten Gemache angelangt, legte Pentaur seinen neuen Ornat an und verglich dabei mit schmerzlichen Empfindungen das Sonst und Jetzt. Zu welchem Tausche hatte ihn Ameni verdammt! Stumpfheit und Abneigung begegneten ihm hier, wohin er auch blickte, während, wenn er durch die Höfe des Setihauses wandelte, ihm hundert Knaben entgegeneilten und sich liebevoll an sein Gewand hängten. Geehrt von den Großen und Kleinen, fand jedes seiner Worte eine Stätte, und wenn er täglich Gedanken austheilte, so empfing er diese Gaben in ernsten Gesprächen mit seinen Genossen und Vorgesetzten geläutert zurück und gewann neue Schätze für sein inneres Leben. »Das Ungewöhnliche,« sagte er sich, »ist das Reizvolle, und doch wie schwer fällt es, das Gewohnte zu entbehren!« Die Ereignisse der letzten Tage zogen an seinem innern Auge vorüber. Bent-Anat's Bild zeigte sich ihm und gewann immer deutlichere und verführerische Formen. Sein Herz begann heftiger zu schlagen, das Blut eilte rascher durch seine Adern und er verbarg sein Angesicht in die Hände und vergegenwärtigte sich jeden ihrer Blicke und jedes Wort aus ihrem Munde. »Dir folge ich gern,« hatte sie ihm vor der Hütte des Paraschiten gesagt. Nun fragte er sich, ob er solcher Führerschaft noch würdig wäre. Wohl hatte er alte Schranken durchbrochen, aber nicht um das Haus, das ihm theuer war, zu schädigen, sondern um neues Licht einzulassen in seine dumpfen Räume. »Zu thun, was wir mit Ernst als recht empfinden,« sagte er sich, »kann strafbar erscheinen vor den Menschen, aber nicht vor Gott.« Er athmete auf und trat auf die Terrasse hinaus, hochaufgerichtet und mit dem festen Willen, auch hier nicht nur das Rechte zu thun, sondern dem Rechten eine Stätte zu gründen. »Wir Menschen,« dachte er, »bereiten Schmerz schon bei unserem Eintritt in die Welt und Jammer, wenn wir sie verlassen; und so ist es unsere Schuldigkeit, in der Zwischenzeit das Leiden zu bekämpfen und Freuden zu säen. Hier gibt es viele Thränen zu trocknen. An's Werk denn!« Der Dichter fand Niemand von seinen Untergebenen auf den oberen Terrassen; Alle hatten sich im Vorhofe des Tempels vereint und hörten der Erzählung des Pförtners zu, mit dem sie den gleichen Groll zu theilen schienen; er wußte gegen wen. Festen Schrittes trat er ihnen entgegen und sagte: »Ich habe diesen Mann aus unserer Mitte verwiesen, weil er uns Schande macht. Morgen verläßt er den Tempel.« »Ich gehe sogleich,« entgegnete der Pförtner trotzig, »und werde im Auftrage der heiligen Väter (dabei warf er den Priestern einen Blick des Einverständnisses zu) den Oberpriester Ameni fragen, ob es in Zukunft auch Unreinen gestattet sein soll, dieß Heiligthum zu betreten.« Schon näherte er sich der Pforte; Pentaur aber trat ihm in den Weg und sagte entschieden: »Du bleibst hier und wirst morgen, übermorgen und immer die Gänse hüten, bis es mir gefällt, Dir zu vergeben.« Der Pförtner schaute die Priester fragend an. Keiner rührte sich. »Geh' in Dein Haus zurück!« rief ihm der Dichter zu und trat ihm näher. Der Pförtner gehorchte. Pentaur schloß die Thür des engen Gelasses, gab einem Tempeldiener den Schlüssel und sagte. »Du verrichtest seinen Dienst, bewachst den Mann und wenn er entwischt, so folgst Du ihm morgen nach zu den Gänsen. Seht, meine Freunde, wie viele Beter dort vor unseren Altären knieen; geht hin und thut, was eures Amtes ist. Ich warte im Beichtraume, um Klagen zu vernehmen und Trost zu ertheilen.« Die Priester gingen auseinander und näherten sich den Opfernden. Pentaur stieg von Neuem die Treppe hinan und ließ sich in dem schmalen, von einem Vorhange verschlossenen Beichtraume nieder, an dessen Wänden das Gemälde der Hatasu zu sehen war, die aus dem Euter der Hathorkuh die Milch des ewigen Lebens empfing. Er hatte kaum Platz genommen, als ihm ein Neokore Die Neokoren bildeten die niedrigste Priesterordnung; es gehörten auch die Tempeldiener zu ihr. die Ankunft einer verschleierten vornehmen Frau verkündete. Die Träger ihrer Sänfte waren tief verhüllt und sie hatte verlangt, in den Beichtraum geführt zu werden. Der Diener überreichte Pentaur ein Zeichen, durch welches ihr der Oberpriester des großen Amonstempels am andern Nilufer das Vorrecht zusprach, mit den Rechiu In die inneren Räume des Tempels und in höhere Grade der Erkenntniß eingelassene Aegypter. die inneren Räume des Tempels zu betreten und mit allen Priestern, ja sogar mit den höchsten unter den Geweihten, zu verkehren. Der Dichter zog sich hinter einen Vorhang zurück und erwartete die Fremde mit einer Unruhe, die ihm um so befremdlicher erscheinen mußte, je öfter er sich in ähnlicher Lage befunden hatte. Selbst die vornehmsten Würdenträger waren ihm von Ameni überwiesen worden, wenn sie sich, um dort ihre Traumgesichte deuten zu lassen, in das Setihaus begeben hatten. Eine hohe Frauengestalt betrat das stille, schwüle steinerne Gemach, ließ sich auf die Kniee nieder und betete lange und tief in sich versunken vor dem Bilde der Hathor. Auch Pentaur erhob, von Niemand gesehen, seine Hände und wandte sich inbrünstig an den das All erfüllenden Geist mit der Bitte um Kraft und Reinheit. Als er seine Arme sinken ließ, richtete die Frau ihr Haupt in die Höhe. Es war, als hätten sich die Gebete der Beiden vermählt, um gemeinsam aufwärts zu steigen. Jetzt erhob sich die Verhüllte und ließ ihren Schleier sinken. Es war Bent-Anat. Sie hatte in der Erregung ihrer Seele die Göttin Hathor aufgesucht, die den Schlag des weiblichen Herzens leitete und die Fäden wob, welche Mann und Weib verbinden. »Hohe Herrin des Himmels, vielnamige und schöngesichtige,« begann sie laut zu beten, »goldene Hathor, die Du den Schmerz kennst und die Wonne, die Gegenwart und die Zukunft, nahe Du Deinem Kinde und führe den Geist Deines Dieners, daß er mir rathe. – Die Tochter eines Vaters bin ich, der groß ist und edel und wahrhaftig wie einer der Götter. Er räth mir, – nicht will er mich zwingen, einem Manne zu folgen, den ich nimmer zu lieben vermag. Doch ein Anderer ist mir begegnet, schlicht von Geburt, aber groß an Geist und Gaben . . .« Bis dahin hatte Pentaur, keines Wortes mächtig, der Prinzessin zugehört. Sollte er verborgen bleiben und ihr Geheimniß erlauschen, sollte er hervortreten und sich ihr zeigen? Sein Stolz rief laut in ihn hinein: Jetzt nennt sie deinen Namen, du bist der Erwählte der Schönsten und Größten; aber eine andere Stimme, auf die er sich in schwerer Selbsterziehung zu hören gewöhnt hatte, erhob sich und sagte: »Laß die Unwissende nichts sagen, dessen die Wissende sich zu schämen hätte.« Er erröthete für sie, theilte den Vorhang und trat Bent-Anat entgegen. Erschrocken wich die Prinzessin zurück und fragte: »Bist Du Pentaur oder der Himmlischen einer?« »Ich bin Pentaur,« sagte er fest, »ein Mensch mit allen Schwächen seines Geschlechts, aber mit dem Willen zum Guten. Verweile hier und schütte Deine Seele aus vor unserer Göttin; mein ganzes Leben soll ein Gebet sein für Dich!« Der Dichter blickte sie voll an und wandte sich so schnell, als habe er einer Gefahr auszuweichen, dem Ausgange des Beichtzimmers zu. Bent-Anat rief seinen Namen und er hemmte seinen Fuß. »Des Ramses Tochter,« sagte sie, »bedarf keiner Rechtfertigung wegen ihres Ganges hieher, aber das Mädchen Bent-Anat,« und bei diesen Worten erröthete sie, »vermuthete nicht Dich, sondern den alten Rui hier zu finden und es verlangte sie nach seinem Rath. Jetzt laß mich beten!« Bent-Anat sank auf die Kniee und Pentaur trat in's Freie. Als auch die Prinzessin den Beichtraum verlassen hatte, ließen sich an der Südseite der Terrasse, auf welcher sie stand, laute Stimmen vernehmen. Sie eilte an die Brüstung. »Heil Pentaur!« rief es von unten herauf. Der Dichter stürzte herzu und stellte sich neben die Königstochter. Beide blickten in das Thal hernieder und wurden von Allen gesehen. »Heil Pentaur!« rief es nun doppelt laut. »Heil unserem Lehrer! Kehre zurück in's Setihaus. Nieder mit den Verfolgern des Pentaur! Nieder mit unseren Unterdrückern!« An der Spitze der Jünglinge, welche, nachdem sie erfahren hatten, wohin der Dichter verbannt worden sei, aus dem Setihause entwichen waren, um ihm zu sagen, daß sie treu an ihm hingen, standen der Prinz Rameri, der seiner Schwester triumphirend zuwinkte, und der junge Anana, welcher hervortrat, um in einer feierlichen und wohleinstudirten Anrede dem verehrten Meister mitzutheilen, daß sie, im Falle sich Ameni weigern sollte, ihn in's Setihaus zurückzurufen, entschlossen wären, ihre Väter zu ersuchen, sie in eine andere Schule zu versetzen. Der junge Gelehrte sprach gut und Bent-Anat folgte nicht ohne Beifall seiner Rede; Pentaur aber schaute immer finsterer drein und ehe sein Lieblingsschüler seine Rede zu Ende geführt hatte, unterbrach er ihn mit ernsten Worten. Seine Stimme klang erst verweisend, dann grollend, und so laut er sie auch erhob, so mischte sich doch in seine Worte kein Zorn, sondern Schmerz. »Wahrlich,« so schloß er, »jedes Wort, das ich jemals zu euch gesprochen, möcht' ich beklagen, wenn es euch den Muth zu dieser unbesonnenen That stärkte. Ihr seid in Palästen geboren; lernet gehorchen, damit ihr später befehlen könnt. Zurück in die Schule! Ihr zaudert? Wahrlich, so tret' ich euch mit meinen Wächtern entgegen und treibe euch, die ihr mir und euch durch solche Liebesbeweise wenig Ehre bringt, in die Schule zurück, wohin ihr gehört!« Die Schüler wagten keine Entgegnung, sondern wandten sich erstaunt und enttäuscht zur Umkehr. Bent-Anat schlug ihre Augen nieder, als sie dem Blick ihres die Achseln zuckenden Bruders begegneten, und schaute halb scheu, halb achtungsvoll zu dem Dichter, bald aber von Neuem in die Ebene hin, denn dichte Staubwolken wirbelten auf, Hufschlag und Rädergerassel ließ sich vernehmen und in derselben Minute hielt der Wagen Septah's, des ersten der Horoskopen, und ein Fuhrwerk mit den schwerbewaffneten Sicherheitswächtern des Setihauses bei der Terrasse. Der eifrige Greis sprang schnell auf den Boden, rief die Schaar der entflohenen Zöglinge mit strengen Worten an, gab der Wachtmannschaft den Befehl, sie in die Schule zurückzuführen, und eilte wie ein heftiger Jüngling dem Tempelthore zu. Die Priester empfingen ihn mit tiefer Ehrerbietung und trugen ihm sogleich ihre Klagen vor. Er hörte sie beifällig an, ließ sie aber nicht ausreden, sondern stieg mühsam, aber schnell die Stufen hinan, auf denen ihm Bent-Anat entgegenkam. Die Prinzessin fühlte, daß sie sich, wenn der Horoskop sie erkenne, dem Tadel und der Mißdeutung aussetzen werde. Ihre Hand streckte sich nach ihrem dichten Schleier aus, aber sie zog sie schnell zurück, schaute dem Alten mit ruhiger Würde in das zornig blickende Auge und schritt stolz an ihm vorüber. Der Horoskop verneigte sich, ohne sie zu segnen, und befahl, nachdem er Pentaur auf der zweiten Terrasse gefunden hatte, den Tempel von Betern zu säubern. Dieß war in wenigen Minuten geschehen und die Priester wurden Zeugen des peinlichsten Auftrittes, welcher sich seit Jahren in ihrem stillen Heiligthum ereignet hatte. Der erste der Horoskopen des Setihauses war der schroffste Gegner des früh in das Mysterium eingeführten Dichters, dessen kühner Geist nicht selten an den alten Schranken rüttelte, an deren Festigung der eifrige Greis von Jugend an aus Ueberzeugung gearbeitet hatte. Die ärgerlichen Vorfälle, deren Zeuge er im Setihause und vor wenigen Minuten allhier gewesen war, hielt er für Folgen des zügellosen Sinnes eines irregehenden Phantasten und mit harten Worten machte er Pentaur verantwortlich für den »Aufstand« der Schüler. »Wie unsere Knaben,« rief er, »so hast Du die Tochter des Ramses verführt. Noch ward die Unreinheit nicht von ihr genommen, und doch lockst Du sie zum Stelldichein nicht in das Fremdenviertel, sondern in das heilige Haus dieser reinen Göttin!« Ungerechtfertigtes Lob kann Schwache gefährden, ungerechter Tadel auch Starke vom rechten Wege ableiten. Pentaur wies die Vorwürfe des Greises zornig zurück, nannte sie unwürdig seines Alters, Standes und Namens und kehrte ihm, damit der Ingrimm ihn nicht übermanne, den Rücken; aber der Horoskop befahl ihm zu bleiben und verhörte in seiner Gegenwart die Priester, welche den Dichter einstimmig beschuldigten, außer Bent-Anat noch ein anderes unreines Weib in den Tempel geführt und den sich gegen solchen Frevel auflehnenden Pförtner ausgestoßen und in's Gefängniß geworfen zu haben. Der Horoskop befahl den »Gemißhandelten« zu befreien. Pentaur setzte dieser Verordnung Widerstand entgegen, machte sein Recht, hier zu befehlen, geltend, und forderte den Horoskopen mit bebender Stimme auf, den Tempel zu verlassen. Da zeigte ihm Septah Ameni's Ring, durch welchen ihn dieser, während er sich in Theben aufhielt, zu seinem Bevollmächtigten gemacht hatte, entsetzte den Dichter seiner Würde, befahl ihm aber, bis auf Weiteres das Heiligthum nicht zu verlassen, und wandte dem Hatasutempel den Rücken. Pentaur hatte sich vor dem Ringe seines Meisters schweigend verneigt und sich dann in das Beichtzimmer, in welchem er Bent-Anat begegnet war, zurückgezogen. Er fühlte sich in seinen Grundfesten erschüttert, seine Gedanken kreuzten, seine Gefühle bekämpften einander, ihn fröstelte und wenn er das Gelächter der Priester und des Pförtners, die über ihren leichten Sieg triumphirten, vernahm, so schrak er zusammen wie ein Entehrter, der sein Brandmal im Spiegel erblickt. Aber nach und nach fand er sich selbst wieder, begann seine Seele sich zu klären, und als er das stille Beichtzimmer verließ, um nach Osten zu schauen, wo sich am jenseitigen Ufer des Nil der Palastbau erhob, in welchem Bent-Anat weilte, da erfüllte ihn tiefe Verachtung gegen seine Feinde, da durchströmte ihn das stolze Gefühl der frischen Manneskraft. Er verhehlte sich nicht, daß er Feinde besitze, daß eine Zeit der Kämpfe für ihn beginne, aber er sah ihnen entgegen wie ein junger Held dem Morgen seines ersten Schlachtentages. Fünfzehntes Kapitel. Schon begannen die Nachmittagsschatten länger zu werden, als sich ein prächtiger Wagen der Pforte des Terrassentempels näherte. Paaker, der Wegeführer des Königs, stand auf ihm und lenkte seine edlen und feurigen syrischen Rosse. Hinter ihm stand sein alter äthiopischer Sklave und seine große Dogge folgte mit lechzender Zunge dem schnellen Gespanne. In der Nähe des Tempelthores ward er angerufen und hemmte den Lauf seiner Pferde. Ein winziges Männchen eilte ihm entgegen, und als er in demselben den Zwerg Nemu erkannt hatte, rief er unwillig: »Um Deinetwillen, Knirps, unterbrech' ich meine Fahrt. Was willst Du?« »Dich bitten,« sagte der Kleine, indem er sich demüthig verneigte, »mich, wenn Du Deine Geschäfte in der Todtenstadt beendet hast, mit hinüber zu nehmen nach Theben.« »Du bist der Zwerg des Rosselenkers Mena?« fragte der Wegeführer. »Mit nichten,« gab Nemu zurück, »ich gehöre seiner verlassenen Gattin, der Herrin Nefert. Ich kann mit meinen kleinen Beinen den Weg nur langsam verzehren, während die Hufe deiner Rosse ihn verschlingen, wie ein Krokodil seine Beute.« »Steig' auf,« befahl Paaker. »Bist Du zu Fuß in die Todtenstadt gekommen?« »Nein, Herr,« antwortete Nemu, »zu Esel; aber ein Dämon ist in das Vieh gefahren und hat es mit Krankheit geschlagen. Mitten auf dem Wege mußt' ich's liegen lassen. Die Thiere des Anubis werden heute besser zu Abend essen als wir.« »Es soll nicht eben reichlich hergehen bei Deiner Herrin?« fragte der Wegeführer. »Brod haben wir noch,« gab Nemu zurück, »und der Nil ist voll Wasser. Viel Fleisch ist nicht nöthig für Frauen und Zwerge, aber unser letztes Vieh nimmt eine Gestalt an, die für menschliche Zähne zu hart ist.« Der Wegeführer verstand nicht den Scherz des Zwerges und schaute ihn fragend an. »Es wird zu Geld,« sagte der Kleine, »und das läßt sich nicht kauen; bald aber wird auch das fort sein und dann gilt es, ein Rezept zu finden, aus Erde, Wasser und Palmenblättern nahrhafte Kuchen zu backen. Mir kann es gleich sein; ein Zwerg braucht nicht viel; aber die arme, zarte Herrin!« Paaker peitschte seine Pferde mit einem so heftigen Geißelhiebe, daß sie sich hoch aufbäumten und es seiner ganzen Kraft bedurfte, ihr Feuer zu bändigen. »Du wirft den Pferden die Kinnladen zerbrechen,« mahnte der alte Sklave hinter dem Wegeführer. »Schade um das schöne Vieh.« »Hast Du es zu zahlen?« herrschte Paaker. Dann wandte er sich wiederum an den Zwerg und fragte erregt: »Warum läßt Mena die Frauen darben?« »Er liebt seine Hausfrau nicht mehr,« erwiederte der Zwerg, indem er betrübt die Augen niederschlug. »Bei der letzten Beutevertheilung schlug er Gold und Silber aus und nahm dafür fremde Weiber in sein Zelt. Böse Dämonen haben ihn verblendet, denn wo lebte eine Frau, die schöner wäre als Nefert!« »Du liebst Deine Herrin?« »Wie meine Augen.« Während dieses Gespräches waren die Beiden bei dem Terrassentempel angelangt. Paaker warf dem Sklaven die Zügel zu, befahl ihm, mit Nemu zu warten, und wandte sich an den Pförtner, um ihm seinen mit einer Hand voll Geld unterstützten Wunsch, zu dem Vorsteher des Tempels, Pentaur, geführt zu werden, vorzutragen. Der Thürhüter ließ ihn, indem er mit einer flüchtigen Handbewegung ein Weihrauchbecken vor ihm hin und her schwenkte, in das Heiligthum ein und sagte: »Du wirst ihn auf der dritten Terrasse finden; aber unser Vorsteher ist er nicht mehr.« »So nannten sie ihn doch im Setihause, woher ich komme,« gab Paaker zurück. Der Pförtner zuckte spöttisch lächelnd die Achseln und mit den Worten: »Man steigt den Palmbaum rasch hinan und fällt noch schneller hinunter,« ließ er den Fremden von einem Tempeldiener zu Pentaur führen. Dieser Letztere erkannte den Mohar sogleich, fragte nach seinem Begehr und erfuhr, daß er gekommen sei, um ein wunderbares Traumgesicht von ihm deuten zu lassen. Paaker erklärte, ehe er zu erzählen begann, daß er diesen Dienst nicht umsonst verlange; und als er wahrnahm, daß sich des Priesters Züge verfinsterten, fügte er hinzu: »Ich werde eurer Göttin ein schönes Opferthier senden, wenn Deine Deutung mir Günstiges verheißt.« »Und im entgegengesetzten Falle?« fragte der Dichter, welcher im Setihause niemals das Geringste mit den Zahlungen der Beter und den Gaben der Frommen zu thun gehabt hatte. »So schick' ich einen Hammel,« antwortete Paaker, dem der feine aus den Worten des Dichters herausklingende Spott entging und auch die Gaben der Gottheit je nach ihrem Werthe für seine Person zu zahlen gewohnt war. Pentaur dachte an das Urtheil, welches der alte Gagabu vor zwei Abenden über den Mohar gefällt hatte, und es gefiel ihm zu prüfen, wie weit die Verblendung dieses Mannes gediehen sei. Darum fragte er, indem er ein Lächeln unterdrückte: »Und wenn ich Dir nun nichts eben Schlechtes, aber auch nichts vollkommen Gutes voraussagen kann?« »Eine Antilope und vier Gänse,« erwiederte Paaker schnell. »Aber wenn ich nun gar nicht Willens wäre, Dir zu Diensten zu sein?« fragte Pentaur. »Wenn ich nun dächte, es sei unwürdig eines Priesters, die Götter je nach den Graden ihrer Huld gegen den Einzelnen bezahlen zu lassen, wie bestechliche Beamte, wenn ich nun – und ich kenne Dich von der Schulbank her – Dir, und gerade Dir zeigen möchte, daß es Dinge gibt, die sich nicht mit ererbtem Gelde erkaufen lassen?« Der Wegeführer trat überrascht und ingrimmig zurück; Pentaur aber fuhr gelassen fort: »Ich stehe hier als Diener der Gottheit und doch, das zeigt mir Dein Angesicht, fehlte nicht viel, daß Du Deinen gewalttätigen Sinn zu Deinem Schaden auch an mir erprobtest. Die Himmlischen senden uns die Träume nicht, um uns Vorfreude zu schaffen oder vor Schaden zu warnen, sondern um uns zu mahnen, unsere Seelen so zu bereiten, daß wir das Ueble still ergeben zu ertragen und das Schöne herzlich dankbar zu empfangen und aus beiden Gewinn für unser inneres Leben zu ziehen vermögen. Ich will Deine Träume nicht deuten! Komm ohne Gaben, aber demütigen Herzens und sehnsüchtig nach innerer Läuterung wieder, und ich werde die Götter bitten, daß sie mich erleuchten und Dir auch den bösen Traum also auslegen, daß er Dir zum Segen gereiche. Verlaß mich und den Tempel!« Paaker knirschte vor Zorn; aber er bezwang sich und sagte nur, indem er sich langsam zurückzog: »Hätte man Dich nicht schon Deines Amtes entsetzt, so würde es Dich vielleicht die Frechheit, mit der Du mich abweisest, gekostet haben. Wir treffen uns wieder und dann wirst Du erfahren, daß ererbtes Geld in der rechten Hand mehr vermag, als Dir lieb ist.« »Noch ein Feind,« dachte der Dichter, als er allein war, und richtete sich hoch auf im frohen Gefühle, dem Rechten zu dienen. Während der Unterredung des Wegeführers mit Pentaur hatte sich der Zwerg Nemu mit dem Pförtner des Terrassentempels unterhalten und von diesem erfahren, was dort vorgefallen war. Paaker bestieg bleich vor Ingrimm seinen Wagen und trieb seine Rosse an, ehe Nemu das Trittbrett erklettert hatte; aber der äthiopische Sklave ergriff den Kleinen und stellte ihn behutsam hinter seinem Herrn auf die Füße. »Schurke, Elender, das soll er mir büßen; Pentaur heißt er, der Hund,« murmelte der Wegeführer vor sich hin. Dem Zwerge entging keines seiner Worte und sobald er den Namen des Dichters vernommen hatte, rief er den Wegeführer an und sagte. »Einen Schandbuben hatten sie zum Vorsteher dieses Tempels ernannt; Pentaur heißt er. Aus dem Setihause ist er wegen seiner Sinnlosigkeit verbannt worden und nun soll er die Schüler zum Aufstande verführt und unreine Weiber in das Heiligthum gelockt haben. Meine Lippen wagen es nicht auszusprechen, aber der Pförtner beschwor es, daß ihn der erste Horoskop aus dem Setihause bei einer Zusammenkunft mit Bent-Anat, der Tochter des Königs, betroffen und sofort seines Amtes entsetzt hat.« Paaker wiederholte fragend: »Mit Bent-Anat?« und murmelte, ehe der Zwerg zu einer Antwort Zeit finden konnte. »Ja, mit Bent-Anat,« denn er gedachte des vorgestrigen Tages und wie lange die Prinzessin mit dem Priester in der Hütte des Paraschiten geblieben war, während er mit Nefert gesprochen und die Zauberin aufgesucht hatte. »Ich möchte nicht in des Priesters Haut stecken,« sagte Nemu, »denn wenn Ramses auch fern ist, so ist doch der Statthalter Ani nahe genug. Das ist zwar ein Herr, der selten scharf zufaßt, in's eigene Nest läßt sich aber selbst der Tauber nicht greifen.« Paaker schaute sich fragend um. »Ich weiß es,« versicherte der Zwerg. »Der Statthalter wirbt bei Ramses um seine Tochter.« »Er hat schon geworben,« betheuerte Nemu, als der Wegeführer ungläubig lächelte, »und der König ist nicht abgeneigt, das Jawort zu geben; er stiftet gern Ehen, das weißt Du am besten!« »Ich?« fragte der Wegeführer erstaunt. »Hat er doch Katuti gezwungen, ihre Tochter Nefert seinem Wagenlenker zum Weibe zu geben. Das weiß ich von ihr selbst. Sie kann Dir's bestätigen.« Paaker schüttelte verneinend den Kopf, der Zwerg aber sagte dringend: »Doch, doch! Katuti wollte Dich und nur Dich zum Schwiegersohne und der König, nicht sie, hat das Verlöbniß gebrochen. Du mußt damals schlecht angeschrieben gewesen sein bei der hohen Pforte, denn Ramses hat harte Worte über Dich gebraucht. Unsereiner ist wie die Maus hinter dem Vorhang, die Manches erfährt.« Paaker zwang seine Rosse jählings zum Stillstande, sprang vom Wagen, warf seinem Sklaven die Zügel in die Hand, rief den Zwerg an seine Seite und sagte: »Wir wandern von hier bis zum Strom und Du sagst mir, was Du weißt; aber wenn ein unwahres Wort über Deine Lippen geht, so laß ich Dich von meinen Hunden zerreißen.« »Ich weiß, daß Du Wort hältst,« seufzte der Kleine; »aber geh' weniger schnell, wenn Du willst, daß mir der Athem nicht ausgeht. Laß Dir von Katuti selbst erzählen, wie das Alles gekommen ist. Ramses hat sie gezwungen, Nefert dem Rosselenker zu geben. Ich weiß nicht, was er über Dich sagte, aber schmeichelhaft ist es nicht gewesen. Meine arme Herrin! Sie ließ sich von dem Laffen, dem Weiberhelden, kirren und klagt jetzt und weint. Wenn ich mit Katuti an dem hohen Thore Deines Hauses vorübergehe, so seufzt sie oft bitter und klagt wohl mit Recht, denn bald ist es vorbei mit unserer Herrlichkeit und wir werden unter den Amu Semiten, die zur Zeit unserer Erzählung das östliche Delta bevölkerten. Siehe Ebers, Aegypten und die Bücher Mose's, sowie den Abschnitt. »Semiten und Aegypter« in Brugsch's »Geschichte Aegyptens unter den Pharaonen.« Aus dem alten Amu-Namen wurde später der der Bi-amiten. im Unterland eine bescheidene Freistätte aufsuchen, denn die Edlen werden uns wie die Aussätzigen meiden. Du magst froh sein, daß Du Dein Geschick nicht an das unsere gebunden hast, ich aber habe ein treues Herz und gehe mit meiner Herrin in's Elend.« »Du redest in Räthseln,« sagte Paaker. »Was habt ihr zu fürchten?« Nun erzählte der Zwerg, daß Nefert's Bruder die Mumie seines Vaters verspielt habe, wie ungeheuer die verlorene Summe sei und daß Katuti, und ihre Tochter mit ihr, der Ehrlosigkeit verfallen werde. »Wer sollte sie retten,« jammerte er. »Ihr schändlicher Gatte verpraßt Erbgut und Beute, Katuti ist arm und das Wörtchen ›gib mir‹ verscheucht die Freunde wie der Schrei des Habichts die Hühner. Meine arme Herrin.« »Die Summe ist groß,« murmelte Paaker vor sich hin. »Ungeheuer ist sie,« seufzte der Zwerg, »und wo könnte man sie in diesen schweren Zeiten finden? Es stünde anders um uns, wenn, ja wenn – und dabei, es ist zum Tollwerden, dabei glaub' ich nicht, daß Nefert sich noch etwas aus dem Prahlhanse macht. Sie denkt so viel an Dich wie an ihn!« Paaker schaute den Zwerg halb ungläubig, halb drohend an. »Ja, an Dich,« betheuerte der Kleine. »Seit eurer Fahrt in die Todtenstadt, vorgestern war es wohl, spricht sie nur von Dir und lobt Deine Tüchtigkeit und Deinen strengen, männlichen Sinn. Es ist, als zwänge sie ein Zauber, an Dich zu denken.« Der Wegeführer begann so schnell zu schreiten, daß ihn der Zwerg von Neuem bitten mußte, seinen Schritt zu mäßigen. Schweigend gelangten sie an den Nil, wo Paaker's reiche Barke wartete, welche auch sein Gespann aufnahm. Er ließ sich in dem Kajütenhause nieder, rief den Zwerg an seine Seite und sagte: »Ich bin Katuti's nächster Verwandter; wir haben uns ausgesöhnt; warum wendet sie sich nicht an mich in ihrer Noth?« »Weil sie stolz ist und Dein Blut auch in ihren Adern fließt. Eher würde sie mit ihrem Kinde sterben, hat sie gesagt, als Dich, an dem sie gesündigt, um ein Almosen bitten.« »So hat sie an mich gedacht?« »Sogleich, und auch nicht an Deinem Edelmuth gezweifelt. Sie hält Dich hoch, ich wiederhol' es, und wenn ein Chetapfeil oder die Strafe der Götter Mena erreichte, sie führte Dir ihr Kind glückselig in die Arme und Nefert, das glaube mir, hat ihren Spielgefährten nicht vergessen. Schon vorgestern Abend, als sie aus der Todtenstadt heimkehrte, ehe noch die Briefe aus dem Lager zu uns gekommen waren, war sie voll von Dir, »Voll ( meh ) von Jemand sein« wird auch in der ägyptischen Sprache für »verliebt sein in Jemand« gebraucht. ja sie hat Dich im Traume gerufen; ich weiß es von Kandake, ihrer schwarzen Zofe.« Der Wegeführer blickte zu Boden und sagte: »Seltsam! in derselben Nacht hatte auch ich ein Gesicht, in dem mir Deine Herrin erschien; der freche Priester im Hathortempel sollt' es mir deuten.« »Und er weigerte Dir's, der Narr? Aber es verstehen sich noch andere Leute auf Träume und ich bin nicht der Letzte unter ihnen. Frage Deine Diener! Neunundneunzigmal unter hundert treffen meine Deutungen zu. Wie war das Gesicht?« »Ich stand am Nil,« sagte Paaker, indem er die Augen niederschlug und mit seiner Geißel Linien durch die Wolle des bunten Kajütenteppichs zog, »und das Wasser war still und ich sah Nefert am andern Ufer stehen und mir winken. Da rief ich sie und sie trat auf das Wasser, das sie trug, als wäre es dieser Teppich. Sie ging über die Wellen hin wie über Steine, die in der Wüste liegen, trockenen Fußes. Ein seltsamer Anblick! Näher kam sie mir und näher und schon griff ich nach ihrer Hand, da tauchte sie unter wie ein Schwan. Ich war in das Wasser getreten, um sie zu empfangen, und als sie wieder emporstieg, umfaßte ich sie mit meinen Armen; aber da ereignete sich das Seltsamste! Sie zerfloß, sie zerrann wie der Schnee in den syrischen Bergen, wenn man ihn in die Hand nimmt, und doch anders, denn aus ihren Haaren wurden Wasserlilien, aus ihren Augen zwei blanke Fischchen, die munter fortschwammen, aus ihren Lippen zwei Korallenzweige, die schnell versanken, und aus ihrem Leibe ward ein Krokodil mit dem Kopfe des Mena, welcher mich lachend angrinste. Da erfaßte mich blinde Wuth, ich stürzte mit gezogenem Schwert auf ihn ein, er schlug seine Zähne in mein Fleisch, ich stieß ihm meine Waffe in den Rachen, der Nil verdunkelte sich durch unser strömendes Blut, und so kämpften wir miteinander und kämpften, – es dauerte eine Ewigkeit, – bis ich erwachte.« Der Wegeführer athmete tief bei den letzten Worten und es war, als ängstige ihn sein wilder Traum zum andern Male. Der Zwerg hatte ihm mit gespannter Aufmerksamkeit zugehört; aber es verstrichen mehrere Minuten, ehe er anhob: »Ein seltsamer Traum; doch kann die Deutung dem Kundigen nicht schwer fallen. Nefert strebt Dir zu, sie will die Deine werden, aber ob Du sie auch schon in Deinen Armen zu halten wähnst, so wird sie sich Dir entziehen, so wird Deine Hoffnung zerrinnen wie Eis und verwehen wie Sand, wenn Du nicht das Krokodil aus dem Wege zu räumen verstehst.« In diesem Augenblick stieß das Boot an die Landungsbrücke. Der Wegeführer sprang auf und rief: »Wir sind am Ziele!« »Wir sind am Ziele,« wiederholte der Kleine nachdrucksvoll. »Nur noch die schmale Brücke dort ist zu überschreiten!« Als Beide am Ufer standen, sagte der Zwerg: »Habe Dank für Deine Gastfreundschaft und wenn ich Dir dienen kann, so gebiete.« »Komm hierher,« rief der Wegeführer und zog Nemu mit sich fort unter den Schatten einer vom Dämmerlichte der scheidenden Sonne umwebten Sykomore. »Was meintest Du mit der Brücke, die wir zu überschreiten hätten? Ich verstehe die verblümten Reden nicht und verlange deutliche Worte.« Der Zwerg besann sich einen Augenblick und fragte dann: »Darf ich ohne Schleier, nackt und offen sagen, was ich meine, und willst Du nicht zürnen?« »Sprich!« »Mena ist das Krokodil. Schaffe ihn aus der Welt und Du hast die Brücke überschritten, denn Nefert wird Dein sein, – wenn Du mir folgst.« »Was soll ich thun?« »Schaff' den Rosselenker aus der Welt!« Paaker machte eine Bewegung, als wollte er sagen, das sei eine längst beschlossene Sache, und wandte dann der guten Vorbedeutung wegen sein Antlitz so, daß der aufgehende Mond zu seiner Rechten stand; der Zwerg aber fuhr fort: »Sichere Dir Nefert, damit sie nicht vor Dir zerfließe wie Deine Traumgestalt, eh' Du am Ziele bist: das heißt, löse die Ehre Deiner künftigen Mutter und Gattin ein, denn wie möchtest Du eine Gebrandmarkte in Dein Haus führen?« Paaker schaute nachdenklich zu Boden, Nemu aber sagte: »Darf ich der Herrin verkünden, daß Du sie retten willst? Ich darf?! Nun so wird Alles gut, denn wer für seine Liebe ein Vermögen hingibt, der wird sich nicht besinnen, für seine Liebe und seinen Haß zugleich eine Erzspitze und einen Rohrstab zu opfern!«   Ende des ersten Bandes. Zweiter Band. Erstes Kapitel. Die Sonne war untergegangen und nächtliches Dunkel bedeckte die Todtenstadt. Ueber dem Thale der Königsgräber glänzte der Mond und die Felsblöcke an den Schluchtwänden warfen scharf begrenzte Schatten. Schaurig still war die Einöde und doch wohl reicher belebt als in der Zeit des Mittags, denn nun schnellten sich wie schwarze Seidenfäden die Fledermäuse lautlos durch die Nachtluft, die Eule schwebte mit weit ausgespannten Flügeln im Aether und die Schakale huschten in kleinen Schaaren, einer dem andern folgend, an den Berglehnen hin. Von Zeit zu Zeit unterbrach ihr häßliches Gebell oder das wimmernde Lachen einer Hyäne die Stille der Nacht. Auch das Menschenleben war noch nicht zur Ruhe gekommen in dem Gräberthale. Ein mattes Licht schimmerte aus der Höhle der Zauberin Hekt und vor der Hütte des Paraschiten brannte ein Feuer, das die Großmutter der kranken Uarda dann und wann mit einem Stückchen getrockneten Düngers nährte. Zwei Männer saßen vor der Hütte und schauten schweigend in die mageren Flammen, deren unreiner Glanz von dem helleren Scheine des Mondes besiegt ward, während der Dritte, Uarda's Vater, einen großen Hammel, dem er den Kopf abgeschnitten hatte, ausweidete. »Wie die Schakale schreien!« sagte der alte Paraschit, indem er das zerrissene braune Baumwollentuch, welches er gegen die Kühlung und den Thau der Nacht umgelegt hatte, fester um seine nackten Schultern schlang. »Sie wittern das frische Fleisch,« entgegnete der Arzt Nebsecht. »Werft ihnen nachher die Eingeweide hin; die Schenkel und den Rücken mögt ihr braten. Schneide das Herz – das Herz behutsam aus, Soldat. Da ist es! Das Thier war groß.« Nebsecht nahm das Hammelherz in seine Hand und betrachtete es mit großer Aufmerksamkeit. Der alte Paraschit schaute ihn dabei ängstlich an und sagte: »Ich habe Dir versprochen, für Dich zu thun, was Du verlangst, wenn Du die Kleine herstellst; aber Du forderst Unmögliches.« »Unmögliches?« fragte der Arzt. »Warum Unmögliches? Du öffnest die Leichen, Du gehst aus und ein im Hause der Balsamirer. Mach' Dir bei den Kanopen Vasen aus Thon, Kalkstein oder Alabaster, welche zur Aufbewahrung der Eingeweide der mumisirten Aegypter dienten und die vier Todtengenien Amset, Hapi, Tuamutef und Khebsennuf darzustellen hatten. An Stelle der Deckel wurde jeder Kanope der Kopf des Genius, dem sie geweiht war, aufgesetzt. Amset (unter dem Schutze der Isis) ist menschenköpfig, Hapi (beschützt von Nephthys) affenköpfig, Tuamutef (beschützt von Neith) schakalköpfig, Khebsennuf (beschützt von Selk) sperberköpfig. In einem christlichen koptischen Manuskript werden an Stelle dieser Kanopengötter die vier Erzengel angerufen. zu schaffen. Lege dieß Herz in den Krug und nimm dafür das eines Menschen heraus. Niemand – Niemand wird es bemerken. Es braucht auch nicht gleich morgen zu sein oder übermorgen. Warte auf eine passende Gelegenheit. Jeden Tag mag Dein Sohn für mein Geld einen Hammel kaufen und ihn schlachten, bis es glückt. Deine Enkelin wird sich bald kräftigen bei guter Fleischkost. Sei muthig!« »Ich fürchte mich nicht vor der Gefahr,« sagte der Alte, »aber wie darf ich einem Verstorbenen das Leben im Jenseits stehlen! Und dann! In Elend und Schande hab' ich gelebt und der Jahre sehr viele – Niemand hat sie für mich nachgezählt – die Gebote befolgt, um in jener Welt gerecht befunden zu werden und im Gefilde Aalu S. Anmerkung 45 . und in der Sonnenbarke Ersatz zu finden für Alles, was ich hier entbehrte. Du bist gut und freundlich. Wie magst Du um einer Laune willen die Seligkeit eines Mannes opfern, der in seinem langen Leben das Glück nicht gekannt und der Dir nichts Uebles angethan hat?« »Was ich mit dem Herzen will,« gab der Arzt zurück, »das kannst Du nicht verstehen, aber wenn Du es mir schaffst, so förderst Du einen großen und nützlichen Zweck. Launen hab' ich nicht, denn ich bin kein Müßiggänger. Und was Deine Seligkeit angeht, so sei unbesorgt. Ich bin ein Priester und nehme Deine That und ihre Folgen auf mich; auf mich, hörst Du. Ich sage Dir als Priester, gut ist, was ich von Dir fordere, und wenn die Todtenrichter Dich fragen: ›Warum nahmst Du das Herz eines Menschen aus der Kanope?‹ so gib – gib ihnen zur Antwort: ›Weil Nebsecht, der Priester, es mir befahl und die Verantwortlichkeit für diese That auf sich zu nehmen versprach.‹« Der Alte schaute sinnend zu Boden; der Arzt aber fuhr dringender fort: »Und wenn Du meinen Wunsch erfüllst, dann, dann, ich schwöre Dir's, dann trag' ich Sorge, daß man, wenn Du stirbst, Deine Mumie mit allen Amuleten ausrüstet, und ich schreibe Dir selbst ein Buch vom Hinausgang in den Tag Der erste Abschnitt des sogenannten Todtenbuchs ist so überschrieben. Sein Anfang: Ha em re' em per em hru , hat die späteren Griechen veranlaßt, von einem »die heilige Ambres« genannten Buche der Aegypter zu reden. und laß es Dir in die Mumienbinden Die Todtenbuchtexte werden unter den Binden (am Schenkel oder unter dem Arm), oft auch im Sarge unter oder neben der Mumie gefunden. wickeln, wie einem Großen. Das wird Dir Kraft geben gegen alle Dämonen und Du wirst Einlaß erlangen in die Halle der doppelten, der lohnenden und strafenden Gerechtigkeit und man wird Dich selig sprechen.« »Aber der Raub eines Herzens wird die Last meiner Sünden schwer machen, wenn mein eigenes Herz gewogen wird,« seufzte der Alte. Nebsecht besann sich einen Augenblick und sagte dann: »Ich gebe Dir eine Schrift, in welcher ich bezeugen werde, daß ich Dir den Raub befahl. Die sollst Du in ein Säckchen nähen lassen, sie auf Deiner Brust tragen und mit Dir in's Grab legen lassen. Wenn dann Techuti, D. i. Toth. S. Anmerkung 16 . der Anwalt der Seele, Deine Rechtfertigung vor Osiris und den Todtenrichtern Die Vignetten zum 125. Kapitel des Todtenbuchs stellen das Todtengericht der Aegypter dar. Unter einem Baldachin thront als Oberrichter Osiris, 42 Beisitzer assistiren ihm. In der Halle steht die Wage; der Hundskopfsaffe, das heilige Thier des Toth, lenkt das Zünglein. Auf der einen Schale steht das Herz des Verstorbenen, auf der andern das Bild der Göttin der Wahrheit, welche die Seele in den Gerichtssaal einführt. Toth schreibt das Protokoll. Die Seele betheuert, 42 Todsünden nicht begangen zu haben, und wird, dafern sie Glauben findet, « maa cheru », d. i. »die Wahrheit redend«, genannt und damit selig gesprochen. Sie empfängt nun ihr Herz zurück und erwächst zu einem neuen göttlichen Leben. übernimmt, dann reiche ihm die Schrift. Er wird sie verlesen und Du wirst gerecht befunden werden.« »Ich bin nicht kundig der Schriften,« murmelte der Alte und aus seiner Stimme klang ein leises Mißtrauen. »Ich aber schwöre bei den neun großen Göttern, daß ich nichts auf den Zettel schreiben werde, als was ich Dir versprach. Bekennen will ich, daß ich, der Priester Nebsecht, Dir geboten habe, das Herz zu nehmen und daß Deine Schuld die meine sei.« »So bring' mir die Schrift,« murmelte der Alte. Der Arzt wischte sich den Schweiß von der Stirn, reichte dem Paraschiten die Hand und sagte. »Morgen erhältst Du die Schrift und ich weiche nicht von Deiner Enkelin, bis sie gesund ist.« Der Soldat hatte, während er den Hammel in Stücke zerlegte, von diesem Gespräche nichts vernommen. Jetzt hielt er die an einen hölzernen Spieß befestigten Schlägel über das Feuer, um sie zu braten. Die Schakale heulten lauter, als der Geruch des schmelzenden Fettes die Lust erfüllte, und der Alte vergaß, auf den Braten schauend, die furchtbare Aufgabe, die er übernommen hatte. Seit einem Jahre war in seinem Hause kein Fleisch genossen worden. Der Arzt Nebsecht schaute, indem er selbst ein Stücklein Brod verzehrte, den Schmausenden zu. Sie rissen das Fleisch von den Knochen und namentlich der Soldat verschlang das ungewohnte und köstliche Mahl mit thierischer Gier. Man hörte ihn kauen wie das Pferd an der Krippe, und Widerwillen erfüllte die Seele des Priesters. »Sinnenmenschen,« murmelte er vor sich hin, »Thiere mit Bewußtsein! Und doch Menschen. Seltsam! Sie schmachten unerlöst in den Banden der Sinnenwelt und doch um wie viel glühender verlangen sie nach dem Uebersinnlichen, als wir, um wie viel eigener wird es ihnen als uns!« »Willst Du Fleisch?« rief der Soldat, welcher bemerkt hatte, daß sich die Lippen des Arztes bewegten, riß ein Stück Braten von dem Knochen des Schlägels, den er verzehrte, und hielt es dem Heilkünstler hin. Dieser wich zurück und der gierige Blick, die blitzenden Zähne und die rohen, dunklen Züge des Mannes erschreckten ihn. Dabei gedachte er der zarten weißen Kranken drinnen auf der Matte und es drängte sich ihm die Frage auf die Lippen: »Ist das Mädchen, ist Uarda Dein eigenes Kind?« Der Soldat schlug sich aus die Brust und sagte: »So gewiß wie König Ramses des Seti Sohn.« Als die Männer ihr Mahl beendet und die flachen Brodkuchen, welche das Paraschitenweib ihnen reichte und mit denen sie ihre Hände vom Fett säuberten, verzehrt hatten, sagte der Soldat, in dessen langsamen Hirn die Frage des Arztes fortklang, tief aufseufzend: »Ihre Mutter war eine Fremde. Sie hat die weiße Taube in das Rabennest gelegt.« »Aus welchem Lande stammte Deine Frau?« fragte der Arzt. »Das weiß ich nicht,« entgegnete der Soldat. »Fragtest Du sie nie nach ihrer Herkunft, da sie doch Dein Weib war?« »Doch; aber wie hätte sie mir antworten können? Das ist eine seltsame und lange Geschichte.« »Erzähle sie mir,« bat Nebsecht. »Die Nacht ist lang und hören ist mir lieber als reden. Aber erst will ich nach unserer Kranken sehen.« Nachdem sich der Arzt überzeugt hatte, daß Uarda ruhig und mit gleichmäßigen Athemzügen schlief, setzte er sich wieder zu dem Vater und dem Sohne und der Letztere begann: »Es ist lange her. Der König Seti lebte noch; aber Ramses regierte bereits an seiner Stelle, da kam ich heim aus dem Norden. Sie hatten mich zu den Arbeitern geschickt, welche die Festungswerke zu bauen hatten in Zoan, der Ramsesstadt . Ich war über sechs Leute gesetzt, lauter Amu vom Stamme der Hebräer, Ueber die Spuren des Aufenthaltes der Juden in Aegypten, welche sich auf Monumenten und in Papyrus gefunden haben, siehe Chabas, mélanges égyptilogiques II. und Ebers, Aegypten und die Bücher Mose's. dem Ramses den Daumen scharf auf's Auge drückte. Unter den Arbeitern gab es Söhne von reichen Heerdenbesitzern, es ward bei der Aushebung eben nicht gefragt. was hast Du? sondern: weß Stammes bist Du? Die Festungsarbeiten und der Kanal, der den Nil mit dem Schilfmeer zu verbinden hatte, mußten vollendet werden und der König, dem Leben blühe, Heil und Kraft, nahm die junge Mannschaft von Aegypten mit in den Krieg und ließ die Amu Hand an's Werk legen, die stammverwandt sind mit seinen Feinden im Osten. Es ging hoch her in Gosen, denn das Land ist schön und es gibt dort Ueberfluß an Korn und Gras, Gemüse, Fischen und Geflügel, Ueber Gosen und seine Erwähnung auf den Denkmälern siehe Ebers, Durch Gosen zum Sinai, Aus dem Wanderbuche und der Bibliothek. In dem Brief eines Schreibers an seinen Vorgesetzten werden die Reize dieser Landschaft hoch gepriesen. und es fehlte mir nicht am Besten, denn unter meinen sechs Leuten waren zwei Muttersöhnchen, deren Eltern mir manches Stück Silber zuwandten. Jeder liebt seine Kinder, aber die Hebräer lieben sie zärtlicher als die anderen Menschen. Wir hatten täglich unsere abgemessene Zahl an Ziegeln abzuliefern, Exodus I. 13 und 14. Exodus V. 7 und 8. da half ich dann den Jungen, wenn die Sonne brannte, und ich brachte in einer Stunde mehr vor mich als sie in dreien, denn ich bin stark und war damals noch stärker als heute. »Da kam die Zeit, in der man mich ablöste. Ich mußte nach Theben zurück zu den kriegsgefangenen Arbeitern, die den großen Amonstempel drüben zu bauen haben, und weil ich ein Stück Geld mit nach Hause brachte und es gute Weile hatte mit der Beendigung der großen Wohnung des Königs der Götter, so dacht' ich daran, mir ein Weib zu nehmen; aber keine Aegypterin. Paraschitentöchter gab es genug, aber ich wollte heraus aus der verfluchten Kaste des Vaters und die anderen Mädchen hier, das wußt' ich, fürchteten sich vor unserer Unreinheit. Im Unterlande war mir's besser gegangen und manches Amu- und Schasuweib S. Bd. I S. 10 ist gern in mein Zelt gekommen. Ich hatt' es von vorn herein auf eine Asiatin abgesehen. »Mehrmals kamen kriegsgefangene Mädchen zum Verkauf, aber sie gefielen mir nicht oder waren zu theuer. »Indessen schmolz mein Geld zusammen, denn wir genossen das Leben in den Feierstunden, die der Bauzeit folgten. Es gab ja auch Tänzerinnen genug im Fremdenviertel. »Da, es war gerade in der Zeit des heiligen Festes der Treppe , kam ein neuer Transport von Kriegsgefangenen an und darunter viele Weiber, die am großen Hafen an den Meistbietenden verkauft wurden. Die schönen und jungen wurden hoch bezahlt, aber auch die älteren waren mir zu theuer. »Ganz zuletzt wurde eine blinde Frau vorgeführt und ein dürres Weib, das stumm war, wie der Ausrufer, der sonst die Vorzüge der Gefangenen weidlich pries, den Käufern mittheilte. Die Blinde hatte gesunde Hände und ein Schenkwirth kaufte sie, bei dem sie heute noch die Handmühle dreht; – die Stumme hielt ein Kind auf dem Arme und kein Mensch konnte sagen, ob sie alt sei oder jung. Sie sah aus, als läge sie schon im Sarge, und das Kleine, als wollt' es ihr in's Gras vorangehen. Dazu waren ihre Haare roth, brennend roth, so recht wie die Farbe des Typhon. Aber ihr schneeweißes Gesicht sah nicht bös aus, auch nicht gut; nur müde, todesmüde. Um ihre dürren weißen Arme liefen blaue Adern wie dunkle Schnüre, und die Hände hingen ihr matt hernieder und in ihnen hing das Kind. Wenn ein Wind sich erhebt, dacht' ich, so weht er sie fort mit sammt ihrem Kleinen. »Der Ausrufer verlangte ein Angebot. Alles schwieg; denn zur Arbeit war der stumme Schatten nicht brauchbar und sie war halb todt und ein Begräbniß ist theuer. »So vergingen einige Minuten. Da trat der Ausrufer an sie heran und gab ihr einen Schlag mit der Geißel, damit sie sich ermuntere und den Käufern weniger elend erscheinen möge. Sie schauerte zusammen wie eine Fieberkranke, drückte das Kind fester an sich und schaute sich um, als suche sie Hülfe, und mir gerade in's Angesicht. Was nun geschah, das war wie ein Wunder, denn ihr Auge war größer als irgend eines, das ich je gesehen, und es wohnte darin ein Dämon, der Macht hatte über mich und mich gelenkt hat bis an's Ende, und an jenem Tage hat er mich zum ersten Male verzaubert. »Es war nicht heiß und ich hatte nichts getrunken, und doch handelte ich gegen meinen Willen und meine bessere Einsicht, als ich, sobald mich ihr Blitz getroffen, Alles was ich besaß anbot, um sie zu kaufen. Ich hätte sie billiger haben können! Meine Gefährten lachten mich aus, der Versteigerer strich achselzuckend mein Geld ein, ich aber half ihr auf, nahm das Kind auf den Arm, führte sie in einem Boote über den Nil, lud meinen jammervollen Besitz auf einen Steinwagen und zog das Weib wie einen Kalkblock hierher zu den Alten. »Die Mutter schüttelte den Kopf und der Vater schaute mich an wie einen Kranken; aber keiner von Beiden sagte ein Wort. Man schüttete ihr ein Lager auf und ich baute das verfallene Ding hier neben – es war einmal eine ordentliche Hütte – in meinen freien Nächten. Bald gewann die Mutter das Kindchen lieb. Es war ganz klein und wir nannten's Pennu , weil es so niedlich war wie ein Mäuschen. Ich mied das Fremdenviertel, sparte meinen Verdienst und kaufte eine Ziege, die vor unserer Thür stand, als ich die Frau in die eigene Hütte trug. »Sie war stumm, aber nicht taub, doch verstand sie nicht unsere Sprache; aber der Dämon in ihren Augen redete für sie und vernahm, was ich sagte. Alles begriff sie und konnte sie mit ihren Blicken sagen; am besten freilich verstand sie zu danken. Kein Oberpriester, der die Götter am großen Nilfeste für ihre Wohlthaten in langen Liedern preist, kann so innig mit seinen geübten Lippen Dank sagen, wie sie mit den stummen Augen. Und wenn sie bitten wollte, dann war es, als ob der Dämon in ihrem Blicke noch mächtiger wäre als sonst. »Zuerst ward ich wohl ungeduldig, wenn sie so matt an der Wand lehnte oder das Kleine schrie und mir den Schlaf verdarb; aber sie brauchte nur den Blick zu erheben und der Dämon preßte mein Herz zusammen und redete mir ein, das Geschrei wäre reiner Gesang. Pennu schrie auch lieblicher als andere Kinder und er hatte so weiche und weiße und niedliche Fingerchen. »Einmal hatte er recht lange geschrieen. Da beugte ich mich zu ihm nieder und wollte ihn anrufen; er aber griff mir in den Bart. Wie das war! Nachher mußte er mich oft zausen und seine Mutter merkte, daß mich das freute, denn wenn ich was Gutes gebracht hatte, ein Ei oder eine Blume oder einen Kuchen, so hielt sie ihn in die Höhe und legte seine Händchen an meinen Bart. »Ja in wenigen Monaten hatte die Frau gelernt, ihn hochzuhalten, denn in Ruhe und Pflege ward sie kräftiger. Weiß ist sie immer geblieben und zart, aber jünger ward sie und schöner von Tag zu Tag; sie konnte kaum zwanzig Jahre zählen, als ich sie kaufte. Wie sie hieß, hab' ich nie erfahren und wir gaben ihr auch keinen Namen. Sie war ›das Weib‹ und so riefen wir sie. »Acht Monde war sie bei uns, da starb das Mäuschen. Ich habe geweint wie sie, und als ich so über die kleine Leiche gebeugt meinen Thränen freien Lauf ließ und dachte: Nun kann er die Fingerchen nie wieder zu Dir erheben, da fühlt' ich zum ersten Male des Weibes weiche Hand an meiner Wange. Sie streichelte wie ein Kind meinen rauhen Bart und dabei blickte sie mich so dankbar an, daß mir zu Muthe ward, als hätte mir der Pharao Ober- und Unterägypten auf einmal geschenkt. »Als das Mäuschen begraben war, da wurde sie wieder schwächer, aber die Mutter pflegte sie gesund. Ich lebte mit ihr wie ein Vater mit seinem Kinde. Sie war so freundlich, aber wenn ich mich ihr nahte und mich ihr zärtlich erweisen wollte, so blickte sie mich an und der Dämon in ihren Augen trieb mich zurück und ich ließ sie allein. »Sie ward gesünder und stärker und immer schöner; so schön, daß ich sie verborgen hielt und mich die Sehnsucht verzehrte, sie zu meinem Weibe zu machen. Eine rechte Hausfrau konnte sie freilich niemals werden; ihre Händchen waren so zart und sie verstand nicht einmal die Ziege zu melken. Das und alles Andere that die Mutter für sie. »Bei Tage blieb sie in der Hütte und arbeitete, denn sie war sehr geschickt in den Werken der Weiber und flocht Spitzen so fein wie Spinneweben, die die Mutter verkaufte, um für den Erlös Wohlgerüche heimzubringen. Die liebte sie sehr und auch Blumen; das hat die Uarda da drinnen von ihr. »Des Abends, wenn die Leute von drüben die Todtenstadt verlassen, so ging sie hier im Thale auf und nieder; gedankenvoll und oft aufblickend zum Monde, den sie besonders liebte. »Einmal in der Winterszeit komm' ich nach Hause. Es war schon dunkel und ich erwartete, sie vor der Thür zu finden. Da hör' ich etwa hundert Schritte hinter der Höhle der alten Hekt eine Schaar von Schakalen so grimmig bellen, daß ich mir alsbald sagte, sie hätten einen Menschen angefallen, und ich wußte auch wen , wenn mir's auch Keiner gesagt hatte, wenn das Weib auch nicht schreien und rufen konnte. Rasend vor Angst riß ich den Pfahl, an dem die Ziege befestigt war, aus der Erde und einen Feuerbrand vom Herde, stürzte der Unglücklichen zu Hülfe, verjagte die Bestien und trug das Weib ohnmächtig in die Hütte. Die Mutter half mir und wir riefen sie in's Leben zurück. Als wir allein waren, da weint' ich wie ein Kind vor Freude über ihre Rettung und sie ließ sich von mir küssen, und da ist sie mein Weib geworden, drei Jahre nachdem ich sie gekauft hatte. »Sie hat mir ein Mädchen geboren, das sie selbst Uarda nannte, denn sie zeigte eine Rose und wies auf das Kind, und wir verstanden sie ohne Worte. »Bald darauf ist sie gestorben. »Du bist ein Priester, aber ich sage Dir, wenn ich auch zu Osiris gerufen werde und ich finde Einlaß zu den Seligen, so will ich fragen, ob das Weib mir dort begegnen wird, und wenn der Pförtner das verneint, so mag er mich getrost zu den Verdammten stoßen, wenn ich sie dort wiederfinde.« »Und hat kein Zeichen verrathen, woher sie stammte?« fragte der Arzt. Der Soldat verbarg sein Antlitz in den Händen, weinte laut und hörte ihn nicht; der Paraschit aber sagte. »Sie war das Kind eines Großen, denn in ihrem Kleide fanden wir ein goldenes Kleinod mit einem Edelstein und seltsamen Schriftzügen. Es ist sehr kostbar und meine Frau bewahrt es für die Kleine.« Zweites Kapitel. Als der Morgen des folgenden Tages dämmerte, verließ der Arzt Nebsecht die Hütte des Paraschiten. Er war zufrieden mit dem Befinden der Kranken und ging in tiefen Gedanken dem Terrassentempel der Hatasu zu, um seinen Freund Pentaur aufzusuchen und bei ihm die Schrift, welche er dem Alten versprochen hatte, aufzusetzen. Als sich die Sonne strahlend erhob, erreichte er das Heiligthum. Er erwartete, den Morgengesang der Priester zu hören, aber Alles blieb still. Er klopfte und der Pförtner öffnete verschlafen das Thor. Nebsecht fragte ihn nach dem Vorsteher des Tempels. »Der ist in dieser Nacht gestorben,« gähnte der Mann. »Was sagst Du?« rief der Arzt mit tiefem Entsetzen. »Wer ist gestorben?« »Unser alter Vorsteher Rui, der brave Mann.« Nebsecht athmete auf und fragte nach Pentaur. »Du bist vom Setihaus,« sagte der Pförtner, »und weißt nicht, daß man ihn seines Amtes entsetzt hat? Die heiligen Väter haben sich geweigert, mit ihm die Geburt des Ra zu begrüßen. Er singt wohl für sich allein oben auf der Warte. Da wirst Du ihn finden.« Der Arzt schritt schnell die Stufen hinan. Mehrere Priester stellten sich, sobald sie ihn bemerkten, singend zusammen. Er ließ sie unbeachtet und fand seinen Freund auf der obersten Terrasse mit Schreiben beschäftigt. Bald wußte er, was sich ereignet hatte, und ingrimmig rief er: »Den klugen Herren im Setihause bist Du zu wahr, und dem Gesindel hier zu eifrig und rein. Ich wußt' es, daß es so kommen würde, als sie Dich in das Mysterium einführten. Uns Eingeweihten bleibt nur die Wahl, zu lügen oder zu schweigen.« »Der alte Irrthum!« sagte Pentaur. »Wir wissen, daß die Gottheit Eins ist, wir nennen sie ›das All‹, Die heiligen Texte nennen Gott häufig den »Einen« und den »Einzigen«. Die pantheistische Lehre der Mysterien wird am deutlichsten in denjenigen Texten ausgesprochen, welche sich in fast allen Gräbern der Könige zu Theben an den Wänden des Eingangssaales finden. Sie sind gesammelt worden und enthalten Lobpreisungen des Ra, dessen 75 vorzügliche Erscheinungsformen angerufen werden. Ueber diese Texte und den Pantheismus in der esoterischen Lehre der Aegypter handelt eingehend und vortrefflich E. Naville in seinem Werke La litanie du soleil . Die Texte des Todtenbuchs, der zu Bulaq konservirte, von Stern und Grébaut behandelte Hymnus an die Sonne, die Inschriften auf den Sarkophagen und an den Wänden der Ptolemäertempel und in zweiter Reihe Plutarch's Traktat über Isis und Osiris, des Jamblichus ägyptische Mysterien und die Rede des Hermes Trismegistos an die menschliche Seele sind die vorzüglichsten Quellen für das Studium der ägyptischen Geheimlehre. Die in diesem Gespräche entwickelten vorgeschrittenen Anschauungen scheinen erst im neuen Reiche zur Ausbildung gekommen zu sein. Ausgegangen ist die ägyptische Religion von einem verhältnißmäßig rohen Sonnen- und Nildienste. ›die Hülle des Alls‹ Teb temt . In ähnlicher Auffassung legt Eusebius dem Universum die Form eines griechischen Theta (Θ) bei. oder schlechtweg Ra. Aber unter Ra verstehen wir etwas Anderes wie die Sinnenmenschen, denn uns ist das Universum Gott und in jedem seiner Theile erkennen wir eine Erscheinungsform des höchsten Wesens, außer dem nichts ist in der Höhe und Tiefe.« »Das Alles darfst Du mir sagen, dem Mitgeweihten,« unterbrach ihn Nebsecht. »Aber ich enthalt' es auch den Laien nicht vor,« rief Pentaur; »nur zeig' ich Denen, die das Ganze nicht verstehen können, die Theile. Bin ich ein Lügner, wenn ich nicht sage: ›ich rede‹, sondern: ›mein Mund redet‹, wenn ich behaupte, Dein Auge schaue, obgleich Du ja selbst der Sehende bist? Wenn das Licht des Einen sich zeigt, so dank' ich ihm brünstig in Liedern und ich nenne die leuchtendste seiner Formen Ra. Wenn ich die grünen Felder da drüben schaue, so ruf' ich die Gläubigen auf, der Rennut zu danken, das ist derjenigen Wirksamkeit des Einen, durch welche das Korn zur üppigen Reife gelangt. Erfüllt mich Erstaunen vor der Gabenfülle, die dieser göttliche Strom, dessen Ursprung verborgen ist, unserem Lande beut, so preis' ich den Einen als Gott Hapi , den geheimnißvollen. Ob wir die Sonne schauen, den Erntesegen oder den Nil, ob wir in der sichtbaren oder unsichtbaren Welt die Einheit und Harmonie mit Bewunderung betrachten, so haben wir es doch immer nur mit dem Einen, dem Allumfasser zu thun, zu dem wir selbst gehören als diejenige seiner Erscheinungsformen, in welche er sein Selbstbewußtsein legte. Der Vorstellungskreis der Menge ist klein . . .« »Und so geben wir Löwen ihr den Bissen, den wir auf einmal verschlingen, »Die Priester,« sagt Clemens von Alexandrien, »machen Niemand zum Mitwisser ihrer Mysterien, außer dem Könige oder denjenigen in ihrer Mitte, welche sich durch Tugend oder Weisheit auszeichnen.« Das Gleiche lehren die Denkmäler an vielen Stellen. fein zerschnitten und mit Brühe begossen, wie einem Kranken mit schwachem Magen.« »Nein, wir fühlen nur die Pflicht, den scharfen Trank, der selbst Männer darniederzuwerfen droht, zu mildern und zu versüßen, ehe wir ihn den Kindern, den geistig Unmündigen reichen. In allegorischen Gestalten und Symbolen und endlich in einem schönen und farbenreichen Mythus haben die Weisen der Vorzeit die höchsten Wahrheiten zwar verschleiert, aber doch erkennbar der Menge nahe gebracht.« S. Anmerkung 62 . »Erkennbar?« fragte der Arzt. »Erkennbar? Wozu dann der Schleier?« »Und glaubst Du, daß die Menge der nackten Wahrheit in's Gesicht zu schauen vermöchte, In Sais hatte das Standbild der Athene (Neith) folgende Inschrift: »Ich bin das All, das Vergangene, das Gegenwärtige und das Zukünftige, meinen Schleier hat noch kein Sterblicher gelüftet.« Plutarch, Isis und Osiris 9, ähnlich citirt von Proklus, in Plato's Timäus. ohne zu verzweifeln?« »Kann ich's, kann's ein Anderer, der geradeaus sieht und nichts und gar nichts zu schauen bestrebt ist wie die Wahrheit?« rief der Arzt. »Wir wissen Beide, daß die Dinge nur so sind, wie sie sich in dem so oder anders bereiteten Spiegel unserer Seele malen. Ich sehe das Graue grau und das Weiße weiß und habe mich gewöhnt, wenn mich nach Erkenntniß verlangt, von dem Eigenen, wenn in meiner nüchternen Brust überhaupt so etwas vorhanden ist, nicht das geringste dazu zu geben. Du schaust gerade aus wie ich, aber jede Vorstellung wandelt sich in Dir, denn in Deiner Seele sind unsichtbare Bildner thätig, die das Schiefe zurechtrücken, das Gleichgültige mit Reiz, das Ansprechende mit Schönheit bekleideten. Du bist eben ein Dichter, ein Künstler, und ich nur Einer, der nach Wahrheit strebt.« »Nur?« fragte Pentaur. »Eben um dieses Deines Ringens willen halt' ich Dich hoch und, Du weißt es ja, auch ich will nichts als die Wahrheit.« Der Arzt nickte dem Freunde zu und sagte dann: »Ich weiß, weiß! Aber unsere Wege laufen neben einander her, ohne sich je zu berühren, und unser letztes Ziel ist die Lösung eines Räthsels, für das es viele Deutungen gibt. Ihr glaubt im Besitze der rechten zu sein, und vielleicht gibt es gar keine.« »So begnügen wir uns mit der entsprechendsten und schönsten,« sagte Pentaur. »Der schönsten?« rief Nebsecht unwillig. »Schön soll das Ungeheuer sein, das ihr Gott nennt, der Riesenleib, der sich ewig selbst erzeugt, um sich wieder selbst zu verschlingen? Gott ist das All, sagt ihr, das sich selbst genügt. Ewig soll er sein und er ist es, weil Alles wieder von ihm aufgebraucht wird, was von ihm ausgeht, und der große Geizhals kein Sandkorn, keinen Lichtstrahl, keine Luftblase fortschenkt, ohne sie zurückzufordern für seinen Haushalt, den kein Zweck regiert, keine Vernunft, keine Güte, sondern ein tyrannisches Muß, dessen Sklave er selbst ist. Nur durch sich selbst erklärbar ist der Feigling, der sich hinter den Schleier der Unfaßbarkeit, den ich ihm abreißen möchte, versteckt. So sehe ich das Ding, das ihr Gott nennt!« »Ein garstiges Bild,« sagte Pentaur, »weil Du vergißst, daß wir als Essenz des Alls, als die das Universum durchdringende und bewegende Kraft die Vernunft erkannt haben, welche in der Harmonie des Zusammenwirkens seiner Theile und in uns selbst, die wir aus seinem Stoffe geformt und mit seiner Seele beseelt sind, zur Erscheinung kommt.« »Ist das Kriegsspiel des Lebens etwa vernünftig?« fragte Nebsecht. »Ist dieses ewige Niederwerfen, um wieder aufstehen zu lassen, besonders zweckvoll und weise? Und mit dieser Einführung der Vernunft in das All speist ihr euch selbst mit einem erdachten Gebieter ab, der den gnädigen Herren und Herrinnen, die ihr dem Volke zeigt, erschreckend ähnlich sieht.« »Nur scheinbar,« entgegnete Pentaur, »nur weil das Uebersinnliche allein durch sinnliche Mittel mittheilbar wird. Indem sich Gott als Weltvernunft offenbart, nennen wir ihn ›das Wort‹. ›Der, welcher seine Glieder mit Namen belegt‹, Nach Inschriften zu Abydos und den Lobpreisungen des Ra zu Biban el Muluk. wie die heiligen Texte sich ausdrücken, ist der den Dingen ihre Unterscheidungsformen verleihende Wille; der Scarabäuskäfer, Nach den gleichen Texten. der ›als sein eigener Sohn in's Leben tritt‹, erinnert an die sich stets selbst erneuernde Werdekraft in der Natur, die Dich veranlaßt, unsern gütigen Gott ein Ungeheuer zu nennen, und die Du ebenso wenig ableugnen kannst, als die glückliche Wahl unseres Bildes; weißt Du doch, daß es nur männliche Scarabäen gibt, und daß diese Thiere sich selbst erzeugen.« Nach Horapollon, wo es heißt: εκ μόνου πατρὸς τὴν γένεσιν έχει ο κάνθαρος. Nebsecht lächelte und sagte: »Wenn alle Lehren des Mysteriums so wahr sind, wie dieses Bild glücklich gewählt ist, dann steht es schlimm mit ihnen. Die Mistkäfer sind seit Jahren meine Freunde und Zimmergenossen. Ich kenne ihr Familienleben und sage Dir, daß es unter ihnen Männchen und Weibchen gibt, wie unter den Katzen, Affen und Menschen. Deinen ›guten Gott‹ kenne ich nicht, und was ich bei ruhigem Denken am wenigsten begreife, ist der Umstand, daß ihr überhaupt ein gutes und böses Prinzip in der Welt unterscheidet. Ist das All wirklich Gott, ist Gott, wie die Schriften lehren, die Güte und gibt es nichts außer ihm, wo findet sich dann ein Platz für das Böse?« »Du sprichst wie ein Schüler,« sagte Pentaur unwillig. »Gut und vernünftig an sich ist Alles was ist, aber der unendliche Eine, der sich seine Gesetze und Bahnen selbst vorschrieb, verleiht dem Endlichen seinen Bestand durch stete Erneuerung und geht immerfort in die wechselnden Formen des Endlichen über. Was wir das Uebel, das Böse, das Trübe nennen, ist an sich göttlich, gut, vernünftig und klar, aber es erscheint unserem umnebelten Sinne in anderem Lichte, weil wir nur den Weg und nicht das Ziel, nur das Einzelne und nie das Ganze schauen. So wie Du, so tadeln flüchtige Beurtheiler das Musikstück, in dem sie eine Disharmonie hören, welche der Harfner doch nur den Saiten entlockte, um seine Hörer die Reinheit der folgenden Harmonieen tiefer empfinden zu lassen; so tadelt den Maler, welcher seine Tafel schwarz färbt, ein Narr, welcher nicht abwartet, bis das Bild vollendet ist, das sich von dem dunklen Grunde heller abheben soll; so schilt ein Kind den edlen Baum, dessen Früchte faulen, damit aus ihren Kernen neues Leben erwachse. Das scheinbare Uebel ist nur eine Vorstufe zu höherem Wohlsein und der Tod die Schwelle zu neuem Leben, sowie jedes Abendroth nur verschleiert wird von der Nacht, um sich bald als Morgenglühen eines kommenden jungen Tages zu zeigen.« »Wie überzeugend das klingt!« erwiederte Nebsecht. »Alles, auch das Abschreckende, gewinnt eben Reiz auf Deinen Lippen; aber ich könnte Deinen Satz umkehren und sagen, das Uebel regiere die Welt, und manchmal gäbe es uns einen Tropfen süßer Befriedigung zu kosten, um uns die Bitterkeit des Lebens nur desto härter empfinden zu lassen. Ihr seht in Allem Harmonie und Güte; ich habe beobachtet, daß die Leidenschaft das Leben erweckt, daß das ganze Dasein Kampf ist und ein Seiendes das andere auffrißt.« »Und empfindest Du nicht die Schönheit des Sichtbaren und erfüllt Dich nicht die unwandelbare Gesetzmäßigkeit im All mit demüthiger Bewunderung?« »Nach der Schönheit,« antwortete der Arzt, »hab' ich niemals ausgeschaut; es fehlt mir wohl auch das Organ, es selbständig zu erfassen, wenn ich mir's auch gerne durch Dich vermitteln lasse; die Gesetzmäßigkeit in der Natur aber, die laß ich völlig gelten, denn sie ist die wahre Weltseele. ›Temt‹ S. Anmerkung 111 . nennt ihr den Einen, das heißt die Summe, die durch die Addition vieler Zahlen gewonnene Einheit; und das gefällt mir, denn genau gemessen nach Maß und Zahl sind die Bestandtheile des Universums und die Kräfte, welche dem Leben seine Bahnen vorschreiben, aber ohne Güte und Schönheit.« »Solche Ansichten,« rief Pentaur bekümmert, »sind die Folge Deiner wunderlichen Arbeiten. Du tödtest und zerstörst, um, wie Du Dich ausdrückst, dem Geheimnisse des Lebens auf die Spur zu kommen. Sieh' dem Werden zu in der Natur, öffne dem Organe, von dem Du meinst, daß es Dir fehle, die Augen und die Schönheit des Sichtbaren wird Dich auch ohne meine Beihülfe lehren, daß Du zu einem falschen Gotte betest.« »Ich bete gar nicht,« sagte Nebsecht, »denn das die Welt bewegende Gesetz läßt sich ebensowenig durch Bitten rühren, wie eure regelmäßig ablaufenden Sanduhren. Wer sagt Dir denn, daß ich dem Werden nicht auf die Spur zu kommen suche? Ich zeigte Dir ja schon, daß ich die Entstehungsweise der Scarabäen besser kenne als ihr. Ich habe manches Thier getödtet, und nicht nur um seinen Organismus kennen zu lernen, sondern auch um zu ergründen, wie es sich gestaltet hat. Aber gerade bei dieser Arbeit hat sich mein Organ für das Schöne eher verschlossen als eröffnet. Ich sage Dir, es ist ebensowenig reizend, der Entstehung, als der Vernichtung und Zersetzung der Dinge zuzusehen.« Pentaur schaute den Heilkünstler fragend an. »Ich will auch einmal,« fuhr der Letztere fort, »im Bilde reden. Da sieh' diesen Wein, wie rein er ist und wie duftig; und doch haben ihn die Winzer mit ihren schwieligen Füßen ausgetreten. Und diese volle Aehre! Goldig glänzt sie und schneeiges Mehl wird sie geben, wenn wir sie mahlen, und doch erwuchs sie aus einem verfaulenden Saatkorn. Neulich priesest Du mir die Schönheit des großen beinah vollendeten Säulensaales im Amonstempel drüben in Theben. Angelegt von Ramses I, fortgeführt von Seti I., vollendet von Ramses II. Die Reste dieser ungeheuren Halle mit ihren 134 Säulen haben nicht ihresgleichen in der Welt. Wie wird ihn die Nachwelt bewundern! Ich hab' ihn entstehen sehen. Da lagen Quadermassen in wüstem Gewirr, der Staub in Haufen und benahm mir den Athem, und vor drei Monaten wurde ich hinübergeschickt, weil über hundert Arbeiter auf einmal beim Steineschleifen im Sonnenbrande zu Tode geprügelt worden waren. Wär' ich ein Dichter wie Du, ich wollte Dir tausend ähnliche Bilder zeigen, die Dir nicht gefallen würden. Einstweilen haben wir genug zu thun, das Seiende zu beobachten und das sie bewegende Gesetz zu ergründen.« »Ich habe Dein Streben niemals ganz verstehen und schwer begreifen können, warum Du Dich nicht der Wissenschaft der Horoskopen zuwandtest,« sagte Pentaur. »Glaubst Du denn, daß sich das wechselnde und von den Bedingungen ihrer Umgebungswelt abhängende Leben der Pflanzen und Thiere auf Gesetze, Zahlen und Maße zurückführen läßt, wie die Bewegungen der Sterne?« »Das fragst Du? Sollte nicht die furchtbar starke Riesenhand, welche die Leuchtenden da droben in ihren sorgsam abgesteckten Bahnen fortzusausen zwingt, auch fein genug gebildet sein, um dem Fluge der Vögel und dem Schlage des menschlichen Herzens seine Bedingungen vorzuschreiben?« »Da wären wir wieder bei dem Herzen,« lächelte der Dichter. »Bist Du Deinem Ziele näher gekommen?« Der Arzt wurde sehr ernst und sagte: »Vielleicht werd' ich schon morgen haben, was ich brauche. Da liegt Deine Palette mit rother und schwarzer Farbe, Papyrus und Schreibrohr; darf ich dieses Blatt benutzen?« »Natürlich; aber erzähle mir erst . . .« »Frage nicht; Du würdest mein Vorhaben nicht billigen und es gäbe neuen Streit.« »Ich denke,« sagte der Dichter, indem er seine Hand auf die Schulter des Arztes legte, »daß wir den Streit nicht zu scheuen brauchten. Er ist bisher der Kitt und erfrischende Thau unserer Freundschaft gewesen.« »So lange es sich um Ansichten gehandelt hat und nicht um Thaten.« »Du willst Dich eines menschlichen Herzens bemächtigen!« rief der Dichter. »Bedenke, was Du thust! Das Herz ist das Gefäß des in uns lebendigen Ausflusses der Weltseele.« »Weißt Du das so genau?« rief der Heilkünstler gereizt, »so liefere den Beweis! Hast Du jemals ein Herz untersucht, hat es Einer gethan unter meinen Berufsgenossen? Selbst des Verbrechers und Kriegsgefangenen Herz erklären sie für unantastbar, und wenn wir rathlos neben den Kranken stehen und unsere Medikamente ebenso oft Schaden bringen als Nutzen, woher kommt das? Nur davon, daß wir Aerzte gezwungen sind, zu arbeiten wie Astronomen, denen man zumuthet, die Sterne durch ein Brett zu beobachten. Zu Heliopolis bat ich den großen Urma Rahotep, den wahrhaft gelehrten Vorsteher unserer Zunft, der mich schätzte, das Herz eines verstorbenen Amu untersuchen zu dürfen; er aber weigerte mir's, denn die große Sechet Löwenköpfige Göttin. S. Anmerkung 44 . führe auch die tugendhaften Semiten in die Gefilde der Seligen ein, Nach dem die berühmten Darstellungen der vier Völker (Aegypter, Semiten, Libyer und Aethiopier) im Grabe Seti I. begleitenden Texte. und dann folgten die alten Bedenken; selbst das Herz eines Thieres zu zerschneiden sei sündhaft, denn auch bei ihm sei es der Träger der Seele, vielleicht einer getrübten und verurtheilten Menschenseele, die, ehe sie zu dem Einen zurückzukehren vermöge, den Läuterungsgang durch die Leiber der Thiere zu unternehmen habe. Ich beruhigte mich nicht und erklärte ihm, daß mein Urgroßvater Nebsecht, eh' er seinen Traktat vom Herzen geschrieben, Dieser Traktat bildet den interessantesten Abschnitt des Papyrus Ebers. Erschienen bei W. Engelmann in Leipzig. gewiß ein solches Organ untersucht habe. Da gab er zur Antwort, die Gottheit habe ihm offenbart, was er geschrieben, und deßwegen sei sein Werk in die heiligen Schriften des Toth Von den Griechen »Hermetische Bücher« genannt. Papyrus Ebers ist die von Clemens von Alexandrien »das Buch von den Arzneimitteln« genannte Schrift. aufgenommen worden, die fest stünden und unantastbar wären wie die Weltenvernunft; er wolle mir Ruhe schaffen zu stiller Arbeit, ich sei erlesenen Geistes, vielleicht würden die Himmlischen auch mir mit Offenbarungen nahen. – Ich war damals jung und habe meine Nächte in Gebeten verbracht, aber ich magerte ab und mein Geist ward trüber statt klarer. Da schlachtete ich im Geheimen erst ein Huhn, dann Ratten, dann ein Kaninchen und zerschnitt ihre Herzen und folgte den Gefäßen, welche von ihnen ausgehen, und weiß nun wenig mehr als vorher, aber ich muß der Wahrheit auf den Grund kommen und ein Menschenherz haben.« »Was soll Dir das?« fragte Pentaur. »Du kannst doch nicht das Unsichtbare und Unendliche mit Deinen menschlichen Augen wahrzunehmen hoffen?« »Kennst Du den Traktat meines Urgroßvaters?« »Ein wenig,« gab der Dichter zurück. »Er sagt, daß, wohin er auch seine Finger lege, ob auf den Kopf, die Hände oder den Magen, er überall auf's Herz treffe, weil dessen Gefäße in alle Glieder ausgingen, und das Herz sei der Knotenpunkt all' dieser Gefäße. Dann gibt Nebsecht wohl an, wie dieselben auf die Glieder vertheilt sind, und zeigt – ist es nicht so? –, daß die verschiedenen seelischen Zustände wie Zorn, Kummer, Ekel und auch der Sprachgebrauch des Wortes Herz durchaus für seine Ansicht sprächen.« »Das ist's; wir haben schon davon gesprochen und ich glaube, daß er Recht hat, soweit es sich um das Blut handelt und die thierischen Empfindungen; aber die reine und leuchtende Intelligenz in uns, die hat einen andern Sitz,« und der Arzt schlug mit der Hand seine breite, aber niedrige Stirn. »Köpfe hab' ich beobachtet zu Hunderten, drunten beim Hochgericht, und auch lebenden Thieren die Schädeldeckel abgenommen. Doch nun laß mich schreiben, ehe wir gestört werden.« Menschliches Gehirn wird als Mittel gegen eine Augenkrankheit im Papyrus Ebers verordnet. Herophilus, einer der ersten Gelehrten des alexandrinischen Museums, studirte nicht nur die Körper der hingerichteten Verbrecher, sondern machte seine Versuche auch an lebenden Uebelthätern. Er behauptete, die vierte Höhle des menschlichen Gehirns sei der Sitz der Seele. Der Arzt ergriff das Rohr, feuchtete die schwarze, aus Papyruskohle bereitete Farbe an und schrieb in zierlichen hieratischen In der Zeit unserer Erzählung besaßen die Aegypter zwei Schriftarten; die hieroglyphische , in der die Lettern aus Bildern von konkreten Gegenständen, mathematischen und frei erfundenen Figuren bestanden und die gewöhnlich als Denkmälerschrift benutzt ward, und die hieratische , mit der man auf Papyrus zu schreiben pflegte, und in der die schriftbildenden Gemälde, zum Zwecke der schnelleren Schreibung, so starke Aenderungen und Abkürzungen erfuhren, daß man ihre Vorbilder nur undeutlich zu erkennen vermag. Im 8. Jahrhundert entstand eine weitere Abkürzung der hieratischen Schrift, welche die demotische oder Volksschrift genannt wird, und die man im bürgerlichen Verkehr anwandte. Während der hieroglyphischen und hieratischen Schrift der alte heilige Dialekt zu Grunde liegt, so wurden die demotischen Lettern nur benutzt, um die vom Volke gesprochene Sprache zu schreiben. E. de Rougé's Chrestomathie égyptienne . H. Brugsch's Hieroglyphische Grammatik, Le Page Renouf's kürzere hieroglyphical grammar . Ebers, Ueber das hieroglyphische Schriftsystem, 2. Auflage 1875, in den Virchow-Holtzendorff'schen Vorträgen. Lettern den Zettel für den Paraschiten, durch welchen er ihn zu dem Raube eines Herzens aufgefordert zu haben bekannte und bündigst erklärte, vor Osiris und den Todtenrichtern des Alten Schuld auf sich nehmen zu wollen. Als er fertig war, streckte Pentaur die Hand nach dem Zettel aus, Nebsecht aber kniff ihn zusammen, steckte ihn in ein Täschchen, worin ein Amulet ruhte, das ihm seine Mutter sterbend um den Hals gehängt hatte, und sagte aufathmend: »Damit wären wir fertig. Lebe wohl, Pentaur.« Der Dichter hielt den Freund zurück, sprach ihm mit warmen Worten in die Seele, und beschwor ihn, von seinem Unternehmen abzulassen. Nebsecht aber blieb ungerührt von den Bitten des Andern und suchte seine Finger gewaltsam den starken Händen Pentaur's, die sie wie Eisenklammern umfaßt hielten, zu entziehen. Der erregte Dichter ahnte nicht, daß er dem Freunde weh thue, bis dieser nach einem neuen und vergeblichen Befreiungsversuche schmerzlich ausrief: »Du zerquetschest meine Finger!« Da flog ein Lächeln über des Dichters Antlitz, er ließ den Heilkünstler los und sagte, indem er seine gerötheten Hände wie eine Mutter, die ihr Kind von einem Schmerz abzulenken versucht, streichelte: »Sei mir nicht bös, Nebsecht; Du kennst meine unglücklichen Fäuste und heute mußten sie Dich ordentlich festhalten, denn Du hast etwas gar zu Tolles vor.« »Tolles?« fragte der Arzt, indem er seinerseits lächelte. »Meinetwegen; aber weißt Du denn nicht, daß wir Aegypter alle an unseren Thorheiten mit besonderer Zärtlichkeit hängen und ihnen Haus und Hof zu opfern bereit sind?« »Unser eigenes Haus und den eigenen Hof,« rief der Dichter und fügte dann ernst hinzu. »aber kein fremdes Dasein und kein fremdes Lebensglück.« »Ich sagte Dir ja, daß ich das Herz nicht für den Sitz unserer Intelligenz zu halten vermag, und was mich betrifft, ebensogern mit einem Hammelherzen als mit meinem eigenen begraben werden will.« »Ich spreche nicht von dem beraubten Todten, sondern von den Lebenden,« sagte der Dichter. »Wenn die That des Paraschiten entdeckt wird, so ist es um ihn geschehen und das liebe Kind in der Hütte dahinten würdest Du nur gerettet haben; um es in finsteres Elend zu stürzen.« Nebsecht sah den Andern so erstaunt und erschrocken an, als habe er ihn mit einer Unglückspost aus dem Schlafe geweckt; dann aber rief er. »Ich würde mit der Alten und Uarda theilen, was ich habe.« »Und wer wird sie schützen?« »Ihr Vater.« »Der rohe Trunkenbold, den sie morgen oder übermorgen wer weiß wohin senden werden!« »Er ist ein guter Mensch,« unterbrach der Arzt seinen Freund mit allen Zeichen der Erregung und heftig stammelnd. »Aber wer möchte dem Kind etwas thun? Sie ist so – so . . . Sie ist so eigen, so gar holdselig und schön.« Bei den letzten Worten schlug er die Augen nieder und erröthete wie ein Mädchen. »Du verstehst das,« fuhr er fort, »besser als ich; ja und Du findest sie auch schön! Sonderbar! Du mußt nicht lachen, wenn ich gestehe, – nun ich bin ja ein Mensch wie jeder Andere auch –, wenn ich gestehe, daß ich das Organ, das fehlende Organ für die Schönheit der Formen doch endlich auch in mir entdeckt zu haben glaube; nicht glaube, sondern wirklich entdeckt habe, denn es hat von vorn herein hier, hier nicht gesprochen, sondern geschrieen, getobt, daß mir die Ohren sausten und mich zum ersten Male die Leidende mehr anzog als das Leid. Wie gebannt hab' ich in der Hütte gesessen und ihr Haar angestarrt und ihre Augen und wie sie athmete. Sie müssen mich längst im Setihause vermissen, vielleicht entdeckten sie meine Präparate, während sie mich in meinem Zimmer suchten! Zwei Tage und Nächte hab' ich mich von der Arbeit abziehen lassen um dieses Kindes willen. Wär' ich wie die Laien, die ihr heranzieht, so würd' ich sagen, Dämonen hätten mich verzaubert. Aber das ist es nicht« – und bei diesen Worten flammten des Arztes Augen auf – »das ist es nicht! Das Thier in mir, die gemeinen Triebe, deren Träger das Herz ist, das mir die Brust an ihrem Lager zersprengte, die haben die anderen feinen und reinen Regungen hier, hier in diesem Hirn überwuchert und an der Schwelle des Augenblicks, in dem ich wissend zu werden hoffe wie der Gott, den ihr den Fürsten alles Wissens heißt, muß ich erfahren, daß das Thier in mir stärker ist, als das, was ich meinen Gott nenne.« Der Arzt hatte während dieser letzten Worte erregt und empört zu Boden geschaut und des Dichters kaum geachtet, welcher ihm staunend und voller Theilnahme zuhörte. Eine Zeit lang schwiegen Beide, dann legte Pentaur seine Hand aus des Freundes Hand und sagte innig: »Meiner Seele ist das nicht fremd, was Du empfindest, und mir hat es Kopf und Herz, wenn ich Dir nachsprechen darf, zugleich erregt; aber ich weiß, daß das, was wir fühlen, unseren gewohnten Empfindungen zwar fremd, daß es aber, statt niedriger zu sein, höher und köstlicher ist als diese. Nicht das Thier, Nebsecht, empfindest Du in Dir, sondern den Gott. Die Güte ist das schönste Attribut der Himmlischen, gütig gesinnt bist Du immer gewesen gegen Groß und Klein; aber ich frage Dich, ob es Dich je so unwiderstehlich gedrängt hat, einen Ozean von Güte auf ein anderes Wesen zu ergießen, ob Du für Uarda nicht Alles, was Du bist und hast, freudiger und selbstloser hingeben würdest, als für Vater und Mutter und Deine ältesten Freunde?« Nebsecht nickte zustimmend; Pentaur aber rief: »Nun wohl! So folge der neuen göttlichen Regung in Dir und sei gütig gegen Uarda und opfere sie nicht Deinen eitlen Wünschen. Armer Freund! Bei Deinem Forschen nach den Geheimnissen des Lebens hast Du Dich niemals nach dem Leben umgeschaut, das offen und ladend vor unseren Blicken sich weitet und breitet. Glaubst Du, daß die Jungfrau, welche den kühlsten Denker in Theben also entflammen konnte, nicht von hundert Sinnenmenschen begehrt werden wird, wenn ihr der Beschützer fehlt? Muß ich Dir sagen, daß unter den Tänzerinnen im Fremdenviertel neun unter zehn die Töchter sind von geächteten Eltern? Kannst Du den Gedanken ertragen, daß durch Deine Hand die Unschuld dem Laster verschrieben, die Rose in den Schmutz getreten werden soll? Ist das Menschenherz, nach dem Du verlangst, eine Uarda werth? – Nun geh', und morgen komm wieder zu mir, Deinem Freunde, der Alles nachzufühlen versteht, was Du empfindest, und dem Du heute um so Vieles näher gekommen bist, da Du sein reinstes Glück zu theilen gelernt hast.« Pentaur hielt dem Arzte die Hand hin, dieser schlug langsam ein und ging sinnend und zaudernd und nicht achtend die brennende Glut der Mittagssonne über den Berg in das Thal der Königsgräber und der Paraschitenhütte entgegen. Hier fand er den Soldaten bei seiner Tochter und fragte dringend: »Wo ist der Alte?« »Er ging an die Arbeit in das Haus der Balsamirer,« lautete die Antwort. »Wenn ihm etwas begegnet, läßt er Dir sagen, so sollst Du nicht die Verschreibung vergessen und das Buch. Er war wie närrisch, als er uns verließ, und hat das Herz des Hammels in seinen Sack gesteckt und mitgenommen. Bleibe Du bei der Kleinen, die Mutter ist im Dienste und ich muß mit Kriegsgefangenen fort nach Harmonthis. Das heutige Erment, die nächste, in einer Tagreise zu erreichende Stadt südlich von Theben. Drittes Kapitel. Während des Gespräches der beiden Freunde vom Setihause ging Frau Katuti in der offenen Halle am Hause ihres Schwiegersohnes, in der wir sie kennen gelernt haben, unruhig auf und nieder. Ein schneeweißes Kätzchen folgte ihr bei dieser Wanderung, bald mit der Schleppe ihres langen, schlichten Gewandes spielend, bald sich einem Postamente zuwendend, das früher eine vor wenigen Monden verkaufte silberne Bildsäule getragen hatte und auf dem jetzt der Zwerg Nemu hockte. Er liebte diesen Platz, welcher ihm die Möglichkeit gewährte, seiner Herrin und anderen ausgewachsenen Menschen von oben herab in die Augen zu sehen. »Wenn Du mich betrügst, wenn Du mich getäuscht hast!« sagte Katuti mit drohender Geberde, als sie an seinem Sitze vorbeikam. »So steck' mich an einen Haken und angle mit mir ein Krokodil. Ich bin nur neugierig, in welcher Weise er Dir das Geld anbieten wird.« »Du schwörst zum andern Male,« unterbrach ihn seine Herrin mit fieberhafter Unruhe, »daß Du Paaker nicht in meinem Namen gebeten hast, uns zu retten?« »Tausend Eide,« sagte der Kleine. »Soll ich Dir unser Gespräch von gestern wiederholen? Ich sage Dir, er gibt auch seine Aecker her und sein Haus mit dem hohen Thore für einen freundlichen Blick aus Nefert's Augen.« »Wenn Mena sie lieben wollte wie er!« seufzte Katuti und durchmaß wiederum schweigend die Halle, während der Zwerg nach dem Eingange des Gartens schaute. Plötzlich blieb sie vor Nemu stehen und sagte so düster, daß es ihn kalt überlief: »Ich wollte, sie wäre Wittwe.« Der Kleine machte eine Handbewegung, als gälte es, sich vor dem bösen Blicke zu schützen, ließ sich aber gleich darauf von seinem Postamente auf den Boden nieder und rief: »Da hält ein Wagen und ich höre das tiefe Gebell seiner großen Dogge. Er ist es. Soll ich Nefert rufen?« »Nein!« sagte Katuti leise und griff nach der Lehne eines Stuhles, als suche sie an ihr einen Halt. Der Zwerg zog sich achselzuckend hinter eine Gruppe von Blattpflanzen zurück und wenige Minuten später stand Paaker vor seiner Herrin, die den Mohar mit ruhiger und selbstbewußter Würde empfing. Kein Zug in ihrem fein geschnittenen Antlitz verrieth die Erregung ihres Innern, und nachdem der Wegeführer sie begrüßt hatte, sagte sie mit gönnerhafter Freundlichkeit: »Ich dachte, daß Du kommen würdest. Nimm Platz! Dein Herz gleicht dem Deines Vaters. Nun Du uns wieder befreundet bist, bist Du es ganz.« Paaker war gekommen, um seiner Base die Summe anzubieten, deren sie zur Einlösung der Mumie ihres Gatten bedurfte. Er war lange mit sich zu Rathe gegangen, ob er dieß nicht seiner Mutter überlassen sollte, aber davon hatte ihn theils eine innere Scheu, theils seine Eitelkeit abgehalten Er liebte es, mit seinem Besitze zu prunken, und Katuti sollte erfahren, was er vermöge und welchen Schwiegersohn sie abgewiesen habe. Am liebsten hätte er das Gold, welches er zu verschenken entschlossen war, sogleich seiner Schatzkammer entnehmen und es von seinen Sklaven vor sich her tragen lassen, wie die unterworfenen Fürsten ihre Tribute. Das ging nicht und so steckte er den großen mit einem kostbaren Edelsteine gezierten Ring, welchen König Seti dereinst seinem Vater geschenkt hatte, an den Finger und schmückte sich mit vielen Spangen und Reifen. Als er sich, bevor er sein Haus verließ, in dem Spiegel sah, sagte er sich mit Befriedigung, daß er, wie er da ging und stand, so viel werth sei wie das ganze Erbgut des Mena. Seit seiner Unterredung mit dem Zwerge und dessen Deutung seines Traumes lagen die Wege, welche er zur Erreichung seines Zieles zu wandeln hatte, scharf begrenzt vor ihm. Nefert's Mutter mußte vor Schande bewahrt, mit Gold gewonnen, und Mena in jene Welt gesendet werden. Als Bundesgenossen betrachtete er seine rücksichtslose Gewaltthätigkeit, die er »feste Entschlossenheit« zu nennen liebte, die Klugheit des Zwerges Nemu und den Liebestrank. Jetzt nahte er Katuti, siegesgewiß wie ein Kaufmann, der eine kostbare Waare zu erwerben geht und sich reich genug fühlt, sie zu zahlen. Die würdige und stolze Art seiner Base verwirrte ihn. Er hatte sie anders, – gebrochen und um Hülfe flehend zu finden erwartet und gehofft, nach seiner großmüthigen That Nefert's Dank zugleich mit dem ihrer Mutter zu ernten. Aber die schöne Gattin des Mena war abwesend und Katuti ließ sie nicht rufen, auch nicht nachdem er sich nach ihrem Befinden erkundigt hatte. Keinen Schritt kam die Wittwe ihm entgegen und so verging geraume Zeit mit gleichgültigen Gesprächen, bis Paaker ihr unvermittelt, aber mit einer Derbheit, die sie für Biederkeit hielt und um derentwillen sie ihm seinen gerade unter den obwaltenden Umständen schlecht gewählten Prunk verzieh, mittheilte, daß er von der unverantwortlichen That ihres Sohnes gehört und beschlossen habe, sie und die Ihren als die nächsten Verwandten seiner Mutter vor der Ehrlosigkeit zu bewahren. Katuti dankte ihm mit würdigen, aber herzlichen Worten, mehr noch um ihrer Kinder als um ihrer selbst willen; denn vor jenen, sagte sie, öffne sich das Leben, welches abgeschlossen hinter ihr liege. »Du bist in guten Jahren,« sagte Paaker. »Vielleicht in den besten,« erwiederte die Wittwe, »wenigstens für mich, die ich das Dasein als ein Amt betrachte, ein schweres Amt.« »Die Verwaltung dieses verschuldeten Gutes muß sorgenvolle Stunden bringen, das glaub' ich.« Katuti nickte und sagte dann traurig: »Das Alles ließe sich ertragen, wenn ich nicht verdammt wäre, das arme Kind, ohne helfen, ohne rathen zu können, elend verkommen zu sehen. Du hast sie einst gern gehabt und ich frage Dich; gab es ein Mädchen in Theben, ja in Aegypten, das ihr gleichkam an Schönheit? War sie liebenswerth und ist sie es nicht noch? Verdient sie es, daß ihr Gatte sie einsam darben läßt, sie vernachlässigt und, als hätt' er sie verstoßen, ein fremdes Weib an ihrer Stelle in sein Zelt nimmt? Ich sehe Dir an, was Du sinnst. Du schiebst mir die Schuld des Geschehenen zu, Dein Herz fragt: ›Warum brachen sie das Verlöbniß?‹ und Dein redlicher Sinn antwortet, daß Du ihr ein besseres Loos bereitet haben würdest.« Bei diesen Worten ergriff die Wittwe ihres Neffen Hand und fuhr mit steigender Wärme fort: »Als großmüthigsten Mann in Theben haben wir Dich heute kennen gelernt, denn mit ungeheuren Wohlthaten hast Du schweres Unrecht vergolten; aber schon als Knabe warst Du uns lieb und werth. Der Wunsch Deines Vaters, der gegen uns wie ein liebreicher Bruder gehandelt hat, so lange er lebte, ist mir heilig und theuer gewesen, und lieber hätt' ich mir selbst, als Deiner guten Mutter, meiner Schwester, Schmerzen bereitet. Ich hütete und zog mein Kind mit aller Sorgfalt heran für den jungen, seine Kraft im fernen Asien bewährenden Helden, für Dich, und nur für Dich. Da starb Dein Vater und mit ihm mein Halt und mein Beschützer.« »Ich weiß Alles,« unterbrach sie Paaker und schaute düster zu Boden. »Wer sollte es Dir berichtet haben?« fragte die Wittwe, »da mir Deine Mutter, nachdem das Unglaubliche geschehen war, ihr Haus verbot und ihr Ohr verschoß. Der König selbst warb für Mena, der ihm mehr ist als seine Söhne; und als ich auf Deine älteren Rechte hinwies, da befahl er, und wer dürfte sich dem Befehle des Herrn beider Welten, der sich den Sohn der Sonne nennt, widersetzen! Die Könige vergessen schnell! Wie oft schlug Dein Vater sein Leben für ihn in die Schanze, wie viele Wunden hat er in seinem Dienste davongetragen. Um Deines Vaters willen hätte er Dir solchen Schimpf und solches Leid ersparen müssen.« »Und hab' ich selbst ihm gedient oder nicht?« fragte Paaker, und tiefe Röthe bedeckte seine Wangen. »Er kannte Dich wenig,« gab Katuti im Tone der Entschuldigung zurück. Dann nahm ihre Stimme eine neue Färbung an und teilnehmend fragte sie: »Womit hast Du schon damals, jung wie Du warst, seine Unzufriedenheit erweckt, seine Abneigung, ja seine . . .« »Was?« fragte der Wegeführer und seine Glieder bebten. »Laß das,« fiel die Wittwe begütigend ein. »Der Könige Gunst und Ungunst ist wie die der Gottheit. Man freut sich ihrer, oder man beugt sich vor ihr.« »Was hab' ich in Ramses erweckt außer Unzufriedenheit und Abneigung? Ich will es wissen.« rief Paaker mit steigender Heftigkeit. »Du ängstigst mich,« begütigte die Wittwe. »Indem er Dich erniedrigte, beabsichtigte er wohl nur seinen Günstling in Nefert's Augen zu heben.« »Was hat er gesagt?« rief der Wegeführer und dabei troff kalter Schweiß von seiner braunen Stirn und man sah nur das Weiße seiner rollenden Augen. Katuti wich vor ihm zurück, er aber folgte ihr, faßte ihren Arm und fragte heiser: »Was hat er gesagt?« »Paaker!« rief die Wittwe klagend und vorwurfsvoll. »Laß mich los. Es ist zu Deinem Besten, wenn ich die Worte verschweige, mit denen Ramses Nefert's Herz von Dir abzuwenden suchte. Laß mich los und bedenke, mit wem Du redest!« Aber Paaker schloß seine Hand nur fester um ihren Knöchel und wiederholte dringender seine Frage. »Schäme Dich!« rief Katuti. »Du thust mir weh. Laß mich los! Du willst nicht, bis Du weißt, was er sagte? So mag Dein Wille geschehen; aber nur gezwungen kommen diese Worte über meine Lippen. Er sagte, wenn er nicht wüßte, daß Deine Mutter Setchem eine brave Frau wäre, so würde er Dich nicht für den Sohn Deines Vaters halten, denn Du glichest ihm so wenig wie die Eule dem Adler.« Paaker entfernte sogleich die Hand von dem Arme der Wittwe und seine bleichen Lippen murmelten. »So – so – – –« »Nefert hat Dich vertheidigt und ich mit ihr, aber vergebens. Nimm das schlimme Wort nicht zu schwer. Dein Vater war ein Mann sonder Gleichen und Ramses vergißt nicht, daß wir dem alten Königshause verwandt sind. Sein Großvater, sein Vater und er sind Emporkömmlinge und Einer lebt noch, der ein besseres Recht auf den Thron der Pharaonen besitzt, als er.« »Der Statthalter Ani,« sagte Paaker fest. Katuti nickte zustimmend, trat dem Wegeführer näher und sagte leise: »Ich gebe mich in Deine Hand, obgleich ich weiß, daß sie sich gegen mich erheben könnte. Aber Du bist mein natürlicher Bundesgenosse, denn dieselbe That des Ramses, die Dich schändete, hat mich zur Genossin der Pläne des Statthalters gemacht. Dir stahl der König die Braut, mir die Tochter; Dir erfüllte er die Seele mit Haß gegen den übermüthigen Nebenbuhler, mir goß er Feuer in's Herz, denn er hat das Lebensglück meines Kindes vernichtet. Ich fühle etwas von dem Blute Hatasu's in meinen Adern und mein Geist ist stark genug, um Männer zu lenken. Ich war es, die die schlummernden Wünsche im Busen des Statthalters wachrief, die seine Augen dem Throne zuwandte, für den ihn die Götter bestimmten. Die Diener der Himmlischen, die Priester, sind uns geneigt, wir haben . . .« In diesem Augenblicke ward es lebendig im Garten, athemlos stürzte ein Sklave in die Halle und rief: »Der Statthalter hält vor der Pforte!« Paaker war wie betäubt, aber bald faßte er sich und wollte sich entfernen, Katuti aber hielt ihn zurück und sagte: »Ich gehe Ani entgegen; er wird sich freuen, Dich zu sehen, denn er schätzt Dich hoch und war ein Freund Deines Vaters.« Sobald Katuti die Halle verlassen hatte, trat der Zwerg Nemu aus den Blattpflanzen hervor, stellte sich Paaker gegenüber und fragte dreist: »Nun? Hab' ich Dich gestern gut unterrichtet oder nicht?« Aber Paaker antwortete ihm nicht, sondern schob ihn mit einem Fußstoße zur Seite und ging nachdenklich auf und nieder. Katuti begegnete dem Statthalter in der Mitte des Gartens. Er hielt eine Schriftrolle in der Hand und begrüßte sie schon von ferne mit einer freudigen Handbewegung. Die Wittwe betrachtete ihren Freund mit Erstaunen. Es schien ihr, als sei er gewachsen und jünger geworden, seitdem sie ihn zum letzten Male gesehen. »Heil über Dich,« rief sie ihm halb vertraulich, halb ehrerbietig zu und erhob ihre Hände anbetend gegen ihn, als trüge er bereits die Doppelkrone von Ober- und Unterägypten. »Ist Dir die Neunzahl der Götter begegnet, Die Aegypter lassen ihre Götter gewöhnlich in Cyclen: zu dreien (Triaden) und zu neunen, aber auch zu 8, 13 und 15 auftreten. Im Märchen von den beiden Brüdern begegnet die Neunheit der Götter dem einsamen Batau und bildet ihm ein Weib. haben die Hathoren Dich im Schlafe geküßt? Ein weißer Tag ist dieses, ein Glückstag; das les' ich aus Deinen Zügen.« »Schriftkundige!« gab Ani munter, aber würdig zurück. »So lies auch diese Botschaft!« Katuti nahm die Papyrusrolle aus seiner Hand entgegen, überlas sie, gab sie ihm zurück und sagte ernst: »Die von Dir ausgerüsteten Truppen haben die verbündeten Kuschitenschaaren geschlagen und bringen ihre gefangenen Fürsten mit unermeßlichen Schätzen und zehntausend Gefangenen nach Theben! Den Göttern sei Dank!« »Und Dank vor Allem,« fügte Ani hinzu, »weil mein Feldherr Scheschenk, mein Milchbruder und Freund, wohlbehalten und unverwundet unsere Krieger heimführt. Ich glaube, Katuti, daß unsere Traumgestalten am heutigen Tage Fleisch und Blut gewinnen.« »Sie erwachsen zu Helden!« rief die Wittwe. »Und Dich selbst, mein Gebieter, hat der Odem der Gottheit berührt. Wie ein echter Sohn des Ra schreitest Du an meiner Seite, der Muth des Menth strahlt aus Deinen Augen und um Deinen Mund schwebt das Lächeln des siegreichen Horus.« S. Anmerkung 62 . »Geduld, Geduld, Freundin,« sagte Ani, den Eifer der Wittwe mäßigend. »Jetzt gilt es mehr denn je an meinem alten Grundsatze festzuhalten, die Kraft des Gegners zu überschätzen und die eigene geringer zu achten, als sie es verdient. Nichts ist mir geglückt, dessen sicheres Gelingen ich erwartet, Vieles dagegen, dessen Fehlschlag ich gefürchtet habe. Noch hat der Anfang des Erfolges kaum begonnen!« »Aber wie das Unglück, so kommt das Gute niemals allein,« fügte Katuti hinzu. »Ich pflichte Dir bei,« sagte Ani. »Die Ereignisse des Lebens treten, das glaube ich bemerkt zu haben, paarweise auf. Jedes Uebel hat seinen Gefährten wie jedes Glück. Kannst Du mir einen zweiten Sieg verkünden?« »Weiber gewinnen keine Schlachten,« lächelte die Wittwe, »aber sie werben Freunde und ich habe einen mächtigen Bundesgenossen gewonnen!« »Einen Gott oder ein Heer?« fragte der Statthalter. »Etwas zwischen den Beiden,« entgegnete sie. »Paaker, der Wegeführer des Königs, hat sich uns verschrieben. Höre!« Und sie erzählte dem Statthalter die Geschichte der Liebe und des Hasses ihres Neffen. Ani hörte ihr schweigend zu, dann sagte er mit dem Ausdruck der Unruhe und Besorgnis: »Dieser Mann ist ein Diener des Ramses und wird bald zu ihm zurückkehren. Manche mögen unsere Pläne ahnen, aber jeder neue Wisser kann zum Verräther werden. Du drängst mich, Du treibst mich vorzeitig vorwärts! Tausend rüstige Feinde sind weniger gefährlich als ein unsicherer Bundesgenosse . . .« »Paaker ist uns gewiß,« sagte Katuti entschieden. »Wer bürgt Dir für ihn?« fragte der Statthalter. »Er soll in Deine Hand gegeben werden,« erwiderte Katuti ernst. »Mein kluger Zwerg Nemu weiß, daß er eine geheime That begangen, welche das Gesetz mit dem Tode bestraft.« Des Statthalters Antlitz klärte sich auf und beruhigt sagte er: »Das ändert die Sache. Hat er gemordet?« »Nein,« gab Katuti zurück. »Der Zwerg hat geschworen, Dir, und Dir allein mitzutheilen, was er weiß. Er ist uns völlig ergeben.« »Wohl, wohl,« sagte Ani bedenklich; »aber auch er ist unvorsichtig, viel zu unvorsichtig! Ihr seid wie die Reiter, die, um eine Wette zu gewinnen, ein Roß zum Sprunge über Lanzen antreiben. Fällt es in die Spitzen, so ist das sein Schade! Ihr laßt es liegen und geht zu Fuß eurer Wege.« »Oder werden zugleich mit dem edlen Rosse von den Lanzen durchbohrt,« sagte Katuti ernst. »Du hast mehr zu gewinnen und darum auch mehr zu verlieren, als wir; aber auch der Kleinste liebt das Leben und, Ani, brauch' ich Dir's zu sagen, daß ich nicht für Dich arbeite, um durch Dich zu gewinnen, sondern weil Du mir theuer bist wie ein Bruder und weil ich in Dir die Verkörperung des zertretenen Rechtes meiner Väter sehe.« Ani reichte ihr die Hand und sagte: »Du hast auch mit Bent-Anat als meine Freundin geredet? Versteh' ich Dein Schweigen recht?« Katuti nickte schmerzlich mit dem Kopfe; Ani aber sagte: »Das hätte mich gestern bewogen, von ihr abzustehen, aber heute ist mir der Muth gewachsen und wenn die Hathoren mir beistehen, so gewinn' ich sie dennoch!« Mit diesen Worten ging er der Wittwe voran zu der Halle, in welcher Paaker noch immer unruhig auf und nieder wandelte. Der Wegeführer verneigte sich tief vor dem Statthalter, der seinen Gruß mit einer halb stolzen, halb freundlichen Handbewegung zurückgab und nachdem er sich auf einen Lehnsessel niedergelassen hatte, Paaker als Sohn eines Freundes und als einen Verwandten seines Hauses bewillkommnete. »Alle Welt,« sagte er, »rühmt Deine rücksichtslose Thatkraft. Männer wie Du sind selten; mir fehlen sie ganz. Ich wollte, Du stündest mir näher; aber Ramses wird Dich nicht missen wollen, obgleich – obgleich – – freilich, Dein Amt hat ein doppeltes Antlitz; es verlangt Kühnheit und Schreibfertigkeit. Die erstere wird Dir nicht abgesprochen, aber die letztere. Schwert und Rohrfeder sind eben verschiedene Waffen, diese verlangt zarte Finger und jenes Deine derbe Faust. Der König tadelte früher Deine Berichte; ist er jetzt besser mit ihnen zufrieden?« »Ich hoffe es,« antwortete der Wegeführer. »Mein Bruder Horus ist ein geübter Schreiber und begleitet mich auf meinen Fahrten.« »Das ist das Rechte!« rief der Statthalter. »Hätt' ich zu befehlen, ich verdreifachte Deine Mannschaft und gäbe Dir vier, fünf, sechs Schreiber mit, denen Du unbedingt zu befehlen und den Stoff für die einzusendenden Berichte zu liefern haben würdest. Dein Amt erfordert Muth und Umsicht, diese Eigenschaften finden sich selten vereint; Federhelden gibt es zu Hunderten in den Tempeln.« »So meine auch ich,« sagte Paaker. Ani schaute nachdenklich zu Boden und fuhr dann fort: »Ramses liebt es, Dich mit Deinem Vater zu vergleichen. Das ist Unrecht, denn der Gerechtfertigte war einzig in seiner Art, der tapferste Held und der feinste Schreiber in einer Person. Du wirst falsch beurtheilt! Das ist mir leid, ja mehr als das, denn Du gehörst durch Deine Mutter zu meinem armen, aber hohen Hause. Wir wollen sehen, ob ich Dich an den rechten Platz zu stellen vermag. Einstweilen bedarf man Deiner in Syrien und zur Noth, ihr ewigen Götter, ziehst Du Dich auf Dein Erbgut zurück! Du hast gezeigt, daß Du ein Mann bist, der den Tod nicht fürchtet und zu dienen versteht, und magst Deinen Reichthum mit Deinem Weibe genießen.« »Ich stehe allein,« sagte Paaker. »So laß Katuti, wenn Du heimkehrst, die Schönste im Lande für Dich aussuchen,« lächelte der Statthalter. »Sie sieht sich täglich im Spiegel und versteht sich darum auf die Anmuth des Weibes.« Mit diesen Worten erhob sich Ani, begrüßte Paaker mit ausgesuchter Freundlichkeit, reichte der Wittwe die Hand und sagte, indem er die Halle verließ: »Sende mir heute noch das – das Tuch durch den Zwerg Nemu!« Als er schon den Garten betreten hatte, wandte er sich nochmals um und rief Paaker zu: »Es speisen heut einige Freunde mit mir zu Nacht und ich bitte auch Dich, zu erscheinen!« Der Wegeführer verneigte sich. Er empfand dunkel, daß er von unsichtbaren Fäden umgarnt werde. Bis zu dieser Stunde war er stolz gewesen auf seine Hingabe an seinen Beruf, auf seine Leistungen als Mohar, und nun erfuhr er, daß derselbe König, dessen Ehrenkette seinen Hals schmückte, ihn mißachte und vielleicht nur um seines Vaters willen in seinem mühseligen und gefährlichen Amte dulde, welches er trotz seiner ihn nach Theben lockenden Reichthümer freiwillig und uneigennützig auf sich genommen hatte. Er wußte, daß er die Rohrfeder ungeschickt führe, aber das war kein Grund, ihn gering zu schätzen. Hundertmal hatte er seine Stellung so zu gestalten gewünscht, wie Ani sie ihm malte. Seine Bitte, sich Schreiber halten zu dürfen, war von Ramses abgewiesen worden. Was er erspähe, wurde ihm erwiedert, wäre geheim zu halten und Niemand vermöge für die Verschwiegenheit eines Zweiten zu bürgen. Als sein Bruder Horus herangewachsen war, folgte er ihm, als sein gehorsamer Gehülfe, auch noch nachdem er ein Weib genommen, das in Theben mit ihrem Kinde bei Frau Setchem zurückblieb. Jetzt vertrat er Paaker's Stelle in Syrien, schlecht, wie der Wegeführer meinte, und doch von Beifall belohnt, weil der Wicht glatte Worte mit schnellem Rohre zu schreiben verstand. Der an Einsamkeit gewöhnte Mann zog sich in sich selbst zurück und vergaß seine Umgebung, auch die Wittwe, welche sich auf ein Polster niedergelassen hatte und ihn schweigend beobachtete. Er schaute in's Leere, während ungeordnete Gedanken sein Hirn kreuzten. Er fühlte sich grausam gemißhandelt und daß es ihm obliege, ein furchtbares Schicksal über Andere zu verhängen. Unklar und nebelhaft war Alles, was er empfand, die Liebe verschmolz sich in ihm mit dem Hasse, aber mit entschiedener, von keinem Zweifel getrübter Sicherheit hoffte er auf Nefert's Besitz. Die Götter waren tief in seiner Schuld! Wie viel hatte er für sie aufgewandt, – und wie spärliche Gegengaben dankte er ihnen! Er kannte nur einen Ersatz für sein verwüstetes Leben, und auf diesen glaubte er so sicher rechnen zu dürfen wie auf ein Kapital, das er gegen gute Verschreibungen ausgeliehen. In diesem Augenblicke vergällten die bitteren Empfindungen die süßen Hoffnungsgedanken und vergeblich rang er nach Ruhe und Klarheit. Bei solchem Scheidewege konnte er von keinem Amulet und keinem Fragespiele die Antwort erwarten; hier galt es zu sinnen und Pläne zu schmieden und doch vermochte er keinen Gedanken auszudenken und keinen Anschlag zu erfinden. Heftig griff er an seine brennende Stirn und aufgeschreckt aus seinem Brüten erinnerte er sich des Ortes, an dem er sich befand, und der Mutter seiner Geliebten und seines Gespräches mit ihr und ihres Wortes, sie verstünde es, Männer zu leiten. »So möge sie für mich denken,« murmelte er vor sich hin, »das Handeln sei meine Sache.« Langsam schritt er ihr entgegen und sagte: »Es bleibt dabei, wir sind Verbündete.« »Gegen Ramses und für Ani,« erwiederte sie und reichte ihm ihre schlanke Rechte. »In wenigen Tagen brech' ich auf nach Syrien; indessen magst Du bedenken, welche Aufträge Du mir zu ertheilen hast. Das Geld für Deinen Sohn soll heute nach Sonnenuntergang bei Dir niedergelegt werden. Kann ich Nefert begrüßen?« »Nicht jetzt, denn sie ist im Tempel und betet.« »Aber morgen?« »Gern, mein Lieber. Sie wird sich freuen, Dich zu sehen und Dir zu danken.« »Lebewohl, Katuti.« »Nenne mich Mutter,« sagte die Wittwe und winkte dem sich Entfernenden mit dem Schleier nach. Viertes Kapitel. Sobald Paaker hinter dem Strauchwerke verschwunden war, schlug Katuti an eine Scheibe von Metall, eine Sklavin erschien und sie fragte dieselbe, ob Nefert aus dem Tempel zurückgekehrt sei. »Ihre Sänfte hielt soeben an der Hinterpforte,« lautete die Antwort. »Ich erwarte sie hier,« befahl die Wittwe. Die Sklavin entfernte sich und wenige Minuten später trat Nefert in die Halle. »Du hast mich gerufen,« sagte sie, nachdem sie ihre Mutter begrüßt und sich auf ihr Lager niedergelassen hatte. »Ich bin müde. Nimm den Wedel, Nemu, und halte die Fliegen von mir ab.« Der Zwerg setzte sich auf ein Kissen vor ihrem Lager und begann den halbkreisförmigen Wedel von Straußenfedern zu schwenken; Katuti wehrte ihm aber und sagte: »Laß das jetzt, wir haben allein zu reden.« Der Zwerg zuckte die Achseln und stand auf, Nefert aber schaute ihre Mutter mit einem ihrer unwiderstehlichen Blicke an und sagte so weich, als hinge daran ihr Wohl und Wehe: »Laß ihn. Die Fliegen quälen mich so sehr. Nemu ist ja verschwiegen.« Dabei faßte sie den großen Kopf des Kleinen wie den eines Schooßhundes und rief dann die weiße Katze, welche sich mit einem zierlichen Sprung auf ihre Schulter schwang und dort mit gekrümmtem Rücken stehen blieb, um sich von ihren zarten Fingern streicheln zu lassen. Nemu schaute seine Herrin fragend an; diese wandte sich aber ihrer Tochter zu und sagte mahnend: »Ich habe Dinge von schwerem Ernst mit Dir zu besprechen.« »So?« fragte die Gattin des Mena; »ich kann mich doch aber nicht von den Fliegen zerstechen lassen. Freilich, wenn Du willst . . .« »So mag Nemu bleiben,« sagte Katuti und ihre Stimme klang wie die einer Wärterin, welche einem unartigen Kinde nachgibt. »Er weiß ohnehin, um was es sich handelt.« »Siehst Du!« rief Nefert, küßte den Kopf der weißen Katze und gab dem Zwerge von Neuem den Wedel in die Hand. Die Wittwe sah ihre Tochter mit aufrichtigem Bedauern an, trat ihr näher und fühlte sich zum tausendsten Male von ihrer wunderbaren Schönheit überrascht. »Armes Kind,« seufzte sie, »wie gern erspart' ich Dir das Schreckliche, das Du doch einmal hören, einmal erfahren mußt. Laß jetzt das thörichte Spiel mit der Katze, ich habe Dir Dinge von gräßlichem Ernste mitzutheilen.« »Sprich nur,« erwiederte Nefert, »ich fürchte heute auch nicht das Schlimmste. Mena's Stern, sagte mir der Horoskop, stünde mitten unter den Zeichen des Glücks und im Besatempel S. Anmerkung 17 . befragte ich das Orakel und hörte, daß es meinem Manne gut gehe. Ich habe mir die Seele recht frei gebetet. Sprich nur, ich weiß schon, des Bruders Brief aus dem Lager enthielt nichts Gutes. Vorgestern Abend hast Du geweint und gestern sahest Du übel aus; selbst die Granaten im Haare standen Dir nicht.« »Dein Bruder,« seufzte Katuti, »verursacht mir schweren Kummer und wir würden durch ihn der Ehrlosigkeit verfallen sein . . .« »Wir? der Ehrlosigkeit?« fragte Nefert und faßte ängstlich nach dem Kätzchen. »Dein Bruder verlor im Spiel ungeheure Summen; um sie wieder zu gewinnen, verpfändete er die Mumie seines Vaters . . .« »Schrecklich!« rief Nefert. »Da werden wir uns an den König wenden müssen! Ich schreibe ihm selbst, und um Mena's willen wird er mich hören. Ramses ist groß und edel und er wird nicht ein ganzes ihm treu ergebenes Haus durch den Leichtsinn eines tollen Jungen der Schande anheimfallen lassen. Gewiß, ich schreibe ihm!« Das Alles sagte sie mit dem Tone der kindlichsten Zuversicht und forderte, als wäre diese Angelegenheit abgethan, Nemu auf, den Wedel sorgfältiger zu schwingen. In Katuti's Herzen kämpften Erstaunen und Empörung über den unnatürlichen Gleichmuth ihres Kindes; aber sie hielt den Tadel zurück und sagte gelassen. »Uns ist geholfen, denn mein Neffe Paaker bot mir, sobald er erfahren hatte, was uns bedrohte, seine Hülfe an, freiwillig und unaufgefordert, aus reiner Herzensgüte und treuer Anhänglichkeit.« »Der gute Paaker!« rief Nefert. »Er hatte mich so lieb, und Du weißt es, Mutter, ich hab' ihn immer vertheidigt. Gewiß hat er nur um meinetwillen so großmüthig gehandelt.« Dabei lachte die junge Frau, faßte den Kopf ihres Kätzchens, hielt das kühle Mäulchen des Thieres an ihre Nase, ließ sich von seinen grünen Augen anstarren und sagte, indem sie die Sprache der Kinder nachahmte: »Siehst Du, Mauchen , wie gut die Leute Deiner kleinen Herrin sind?« Katuti fühlte sich von Neuem durch das kindische Treiben ihrer Tochter verletzt und sagte:. »Ich meine, Du solltest nicht spielen und tändeln, wenn so ernste Dinge mit Dir besprochen werden. Ich habe es längst bemerkt, daß Dir das Geschick des Hauses, dem Du durch Vater und Mutter angehörst, gleichgültig geworden ist, und doch wirst Du unter seinem Dache Schutz und Liebe zu suchen haben, wenn Dich Dein Gatte . . .« »Nun, Mutter?« fragte Nefert, indem sie sich aufrichtete und schneller zu athmen begann. Sobald Katuti die Erregung ihres Kindes wahrnahm, bereute sie, ihre Mittheilung nicht schonender eingeleitet zu haben, denn sie liebte ihre Tochter und wußte, daß sie ihr wehthun würde. Darum fuhr sie teilnehmend fort: »Im Scherze hast Du Dich eben gerühmt, die Leute wären Dir gut; und es ist wahr, Du gewinnst die Herzen durch Dein bloßes Dasein, nur weil Du bist wie Du eben bist. Auch Mena hat Dich gewiß zärtlich geliebt: aber die Trennung, sagt das Sprüchwort, ist der Treue Feind und Mena hat . . .« »Was hat Mena?« unterbrach Nefert zum zweiten Male ihre Mutter und dabei bebten die Flügel ihrer feinen Nase. »Mena hat,« gab Katuti entschieden und abweisend zurück, »die Treue und Achtung, welche er Dir schuldet, verletzt und mit Füßen getreten . . .« »Mena?« fragte die junge Frau mit flammenden Augen, warf die Katze unsanft zu Boden und sprang von ihrem Lager. »Derselbe,« sagte Katuti fest. »Dein Bruder schreibt, daß er als Beuteantheil kein Silber und Gold, sondern die schöne Tochter des Fürsten der Danaer in sein Zelt genommen habe; der ehrlose Wicht!« »Ehrlose Wicht!« rief Nefert, indem sie abermals die letzten Worte ihrer Mutter wiederholte. Katuti trat erschrocken von ihr zurück, denn bis zur Unkenntlichkeit verändert stand ihr sanftes, träges, kindisches Töchterchen vor ihr. Wie ein wunderschöner Dämon der Rache war sie zu schauen. Ihre Augen funkelten, ihr Athem flog, ihre Glieder bebten und mit ungewöhnlicher Kraft und Behendigkeit faßte sie den Zwerg Nemu an der Hand, schleifte ihn zu einer der in die inneren Gemächer führenden Thüren, riß diese auf, stieß den Kleinen über die Schwelle, warf die Thür hinter ihm in's Schloß und trat dann mit bleichen Lippen ihrer Mutter entgegen: »Einen ehrlosen Wicht hast Du ihn genannt?« rief sie außer sich mit gedämpfter, aber heiserer Stimme, »einen ehrlosen Wicht! Nimm das Wort zurück, Mutter, nimm es zurück, oder . . .« Katuti wurde bleich und bleicher und sagte begütigend: »Das Wort mag hart klingen, aber er hat Dir die Treue gebrochen und Dich öffentlich verunglimpft.« »Und das soll ich glauben?« lachte Nefert höhnisch aus. »Das soll ich glauben, weil Dir's der Schandbub' geschrieben, der seines Vaters Leichnam und die Ehre der Seinen verwürfelte, weil der echte und rechte Wicht es erzählte, den eine Maulschelle meines Gatten tödten würde. Sieh' mich hier, Mutter! Das sind meine Augen! Und wäre das Postament dort Mena's Zelt und Du wärest Mena und Du führtest das schönste aller Weiler an der Hand und schlepptest es in Dein Lagerhaus und die Augen da sähen es und sähen es wieder und wieder, so würd' ich doch lachen, so wie ich jetzt lache, und Dir sagen: ›Wer weiß, was er der Schönen da zu geben oder zu künden hat,‹ und nicht einen Augenblick zweifeln an seiner Treue, denn Dein Sohn ist falsch und Mena ist echt, Osiris hat Isis die Treue gebrochen, Plutarch, Isis und Osiris 14 aber Mena mag wohl die Gunst von hundert Frauen erfahren, in sein Zelt aber nimmt er keine als mich!« »So bleibe Du bei Deinem Glauben,« entgegnen Katuti bitter, »aber laß mir den meinen.« »Den Deinen? « fragte Nefert und ihre gerötheten Wangen erblaßten wiederum. »Was glaubst Du denn? Das Schlechteste und Niedrigste hörst Du gern von dem Manne, der Dich mit Wohlthaten überhäuft hat. Einen Wicht, pfui! einen ehrlosen Wicht nennst Du Denjenigen, welcher Dich mit seinem Gute schalten läßt wie Du willst.« »Nefert!« rief Katuti entrüstet, »ich werde . . .« »Thu' was Du willst,« unterbrach die empörte Frau ihre Mutter, »aber schmähe nicht den großmüthigen Mann, der Dir nicht wehrte, sein Erbe für Deinen Sohn und Deinen Ehrgeiz in Schulden zu stürzen. Seit vorgestern weiß ich, daß wir nicht reich sind, und ich habe nachgedacht und mich gefragt, wohin denn unser Korn und unsere Rinder, unsere Schafe und die Abgaben der Pächter gewandert sind. Des Wichtes Erbe war Dir nicht zu schlecht, ich aber sage Dir, daß ich nicht werth wäre, des edlen Mena Gattin zu sein, wenn ich es duldete, daß man seinen Namen unter seinem eigenen Dache verunglimpft. Bleibe bei Deinem Glauben, bleibe dabei; dann aber wird eine von uns dieß Haus verlassen, Du oder ich . . .« Bei diesen letzten Worten brach Nefert in ein heftiges Schluchzen aus, warf sich vor ihrem Lager auf die Kniee nieder, vergrub ihr Antlitz in die Kissen und weinte krampfhaft und ohne Unterlaß. Katuti stand hinter ihr, erschüttert, fröstelnd und rathlos. War das ihr sanftes, träumerisches Kind? Hatte jemals eine Tochter es gewagt, so mit ihrer Mutter zu reden? Aber war sie denn im Rechte oder war es Nefert? Diese Frage drängte sie gewaltsam zurück, kniete neben dem jungen Weibe nieder, umschlang sie, schmiegte ihr Haupt an das ihre und flüsterte bittend: »Du hartes, Du grausames Kind, vergib Deiner armen, beklagenswerthen Mutter und mache das Maß ihres Elends nicht übervoll.« Da erhob sich Nefert, küßte ihre Hand und ging schweigend in ihr Gemach. Katuti blieb allein zurück. Ihr war, als klammere eine Todtenhand die Finger um ihr Herz und sie murmelte leise vor sich hin: »Ani hat Recht! Es wendet sich nur das zum Guten, wovon man das Schlimmste erwartet!« Sie faßte ihre Stirn, als könnte sie das Unerhörte nicht glauben. Ihr Herz zog sie ihrer Tochter nach; aber statt ihm zu folgen, nahm sie ihren ganzen Muth zusammen, um Alles, was Nefert ihr vorgeworfen hatte, in ihr Gedächtniß zurückzurufen. Kein Wort schenkte sie sich und als sie am Ende war, murmelte sie: »Sie kann Alles verderben. Um Mena's willen opfert sie mich und die ganze Welt, Mena und Ramses sind Eins und wenn sie bemerkt, was wir vorbereiten, so verräth sie uns unbedenklich. Bis jetzt ging Alles ungesehen an ihr vorüber, aber heute hat sich etwas in ihr eröffnet, ein Auge, ein Mund, ein Ohr, das bisher verschlossen war. Es ist ihr gegangen wie den Stummen, denen ein heftiger Schreck die Sprache zurückgibt. Aus meinem lieben Kinde wird sie mein Wächter werden – und mein Richter.« Diese letzten Worte sprach sie nicht aus, aber ihr inneres Ohr vernahm sie und da sie die Stimme, welche ihr solches zurief, fürchtete und die Einsamkeit sie beängstigte, rief sie den Zwerg und befahl ihm, die Sänfte rüsten zu lassen, weil sie den Tempel und die aus Syrien heimgesandten Verwundeten zu besuchen gedenke. »Und das Tuch für den Statthalter?« fragte der Kleine. »War ein Vorwand,« antwortete Katuti. »Er wünscht Dich zu sprechen wegen der Dinge, die Du von Paaker erfahren haben willst. Was ist das?« »Frage nicht,« bat der Kleine, »ich darf es gewiß nicht verrathen. Bei Besa, der uns Zwerge beschützt , es ist besser, wenn Du es noch nicht erfährst!« »Ich habe heute des Neuen genug erfahren,« gab Katuti zurück. »Geh' nun zu Ani, und wenn es Dir gelingt, ihm Paaker ganz in die Hand zu geben, so – so; aber was hab' ich noch zu verschenken, – so will ich Dir dankbar sein und wenn wir am Ziele sind, so geb' ich Dich frei und mache Dich reich.« Nemu küßte ihr Gewand und fragte leise: »Und was wäre das Ziel?« »Du weißt, was Ani erstrebt,« erwiederte die Wittwe. »Für mich wünsch' ich nur Eines.« »Das wäre?« »Paaker an Mena's Stelle zu sehen.« »So begegnen sich unsere Wünsche,« sagte der Zwerg und verließ die Halle. Katuti schaute ihm nach und murmelte: »Es muß sein; denn wenn Alles beim Alten bleibt und Mena heimkehrt und Rechenschaft fordert, so – so, es ist nicht auszudenken, es darf nicht sein!« Fünftes Kapitel. Als Nemu, von dem Statthalter heimkehrend, sich der Wohnung seiner Herrin näherte, wurde er von einem Knaben angehalten, der ihn aufforderte, ihm in das Fremdenviertel zu folgen. Der Bote zeigte dem Zwerg, als er zauderte, den Ring seiner Mutter Hekt, welche in Geschäften zur Stadt gekommen war und ihn zu sprechen begehrte. Nemu war müde, denn er war gewohnt zu reiten, aber sein Eselchen war todt und Katuti konnte ihm kein neues geben. Die Hälfte von Mena's Vieh war verkauft und das übrige genügte kaum zur Feldbestellung. An den Ecken der belebtesten Straßen und auf den Märkten standen Knaben mit Grauthieren, welche sie gegen geringes Entgelt vermietheten, In den modernen ägyptischen Städten vertreten gesattelte Esel unsere Droschken. Auf den Denkmälern finden sich nur Fremde, die auf Eseln reiten, abgebildet; aber fast alle Großen zählen in ihren Grüften schon in früher Zeit ihren Besitz an Eseln auf und dieser ist oft sehr beträchtlich. Auch blieb eine Darstellung aus dem alten Reiche erhalten, die einen vornehmen Herrn zeigt, der auf einem auf dem Rücken zweier Esel ruhenden Tragstuhle sitzt. Lepsius, Denkmäler aus Aegypten und Aethiopien, Abth. II. 126. aber Nemu hatte seine letzten Ringe für ein Kleid und eine neue Perrücke verausgabt, um würdig angethan vor dem Statthalter erscheinen zu können. In früheren Tagen war seine Tasche niemals leer gewesen, denn Mena hatte ihm manches Stück Silber oder Gold zugeworfen, aber seine unruhige und ehrgeizige Seele beklagte nicht das verlorene Wohlleben. Mit Ingrimm gedachte er an jene Jahre des Ueberflusses, und während er sich jetzt keuchend durch den Staub schleppte, fühlte er sich groß und befriedigt. Der Statthalter hatte ihm zu reden gestattet und es war dem gewandten Männlein bald gelungen, sein Ohr zu fesseln. Bei seiner Schilderung der wahnsinnigen Leidenschaft Paaker's waren Ani vor Lachen Thränen über die Wangen gelaufen, und bei seinen übrigen Berichten und Forderungen hatte er sich ernst und entgegenkommend gezeigt. Nemu fühlte sich wie eine auf dem Lande herangewachsene Ente, die man in's Wasser setzt, wie ein im Käfig erwachsener Vogel, dem es zum ersten Male gestattet ist, seine Schwingen auszubreiten und zu fliegen. Ohne Klage würde er sich zu Tode geschwommen und geflogen haben, wenn die Verhältnisse seinem Eifer und Thatendurst keine Grenzen gesteckt hätten. In Schweiß gebadet und mit Staub bedeckt gelangte er zu dem bunten Zelt im Fremdenviertel, Herodot II. 112 erwähnt das Tyrierviertel zu Memphis, das südlich vom Tempel des Ptah gelegen war und in dem die Fremden-Aphrodite (ξεινὴ ’Αφροδίτη) verehrt wurde. Brugsch hat es mit dem Quartiere anch ta (d. i. die Welt des Lebens) der Menesstadt zusammengebracht. wo selbst die Zauberin Hekt einzukehren pflegte, wenn sie nach Theben kam. Weitsehende Anschläge ersinnend, Möglichkeiten erwägend, feine Pläne schmiedend, als überfein verwerfend und durch ausführbarere und weniger gefährliche ersetzend, hatte der kleine Staatsmann keinen Sinn für das bunte Treiben, welches ihn hier umgab. An dem Tempel, in dem die Leute von Kaft ihre Astarte Diese phönizische Göttin tritt auf ägyptischen Denkmälern mehrmals für Sechet ein. S. Anmerkung 44 . In Edfu wird sie löwenköpfig gebildet und steht auf einem mit Pferden bespannten Wagen. In den Papyrus aus der Zeit unserer Erzählung kommt ihr Name, mit dem Ramses II. auch eines seiner Leibrosse und einen Hund belegte, nicht selten vor. verehrten, und dem Heiligthum des Seth, bei dem sie ihren Baalen Nach Papyr. Sallier I. erwählte der Hyksoskönig Apepi (Apophis) »den Seth zum Herrn und er diente keinem andern Gotte, welcher in Aegypten war.« Später wurden die Baale der Semiten von den Aegyptern selbst mit dem Namen des Seth belegt, wie der zu Karnak wiedergefundene Friedensvertrag Ramses II. mit den Cheta lehrt, in welchem von der einen Seite die verschiedenen Seth der Cheta, Astarte \&c. und von der andern die ägyptischen Gottheiten angerufen werden. Neben der Form Seth kommt auch die andere »Sutech« vor. Ueber Seth-Typhon ward gehandelt außer in Diestel's älterer Schrift von Pleyte in seinen études égyptiologiques u. a. a. O., von Chabas in seiner voyage d'un Égyptien , von Ebers in seinem Aegypten und die Bücher Mose, von Brugsch in seinen geogr. Inschriften und jüngst von E. Meyer in seiner Dissertation über Seth. Die phönizischen Kulte am eingehendsten behandelt in Movers berühmtem Werke. opferten, war er vorbeigegangen, ohne sich von dem Geschrei der tanzenden Beter, dem Cymbelklang und Lautenspiel, das aus ihren Ringmauern an sein Ohr drang, stören zu lassen. Die Zelte und leicht gebauten Holzhäuser der Tänzerinnen und Dirnen lockten ihn nicht. Ihre Bewohnerinnen, die am Abend mit buntem Flitterstaat behängt die Jugend von Theben zu mancherlei Lust und Thorheit verführten, ruhten ohnehin so lange die Sonne am Himmel glühte. Nur in den Spielhäusern ging es lebendig her und die Polizeimannschaften hatten Mühe, die Leidenschaft der Soldaten, welche ihren Beuteantheil verloren, oder die Wuth der Matrosen, die betrogen zu sein glaubten, im Zaum zu halten und Blutvergießen zu verhüten. Vor den Schenken lagen trunkene Leute und andere bemühten sich, fleißig die Becher füllend und leerend, sich den Geistern des Weines und Bieres gefangen zu geben. Von den mancherlei Musikanten, Taschenspielern, Feuerfressern, Jongleuren, Schlangenbändigern und Possenreißern, welche hier am Abend ihre Künste zum Besten gaben, war jetzt nichts zu sehen und doch glich auch so das Fremdenviertel einem niemals aufhörenden Jahrmarkt. Aber diese Genüsse, denen Nemu tausendmal begegnet war, hatten ihn niemals angelockt. Die Liebe der Dirne und der Gewinn beim Spiele galten ihm nichts; das mit plumpem Zugreifen leicht und mühelos zu Erreichende konnte ihm keinen Reiz gewähren; den Spott der Tänzerinnen und ihrer Besucher fürchtete er nicht, ja er suchte ihn gelegentlich auf, denn das Wortgefecht behagte ihm und er glaubte, daß Niemand in Theben lebe, der ihm gegenüber das letzte Wort zu behalten vermöge. Auch Fremde theilten diese seine Ansicht, denn erst vor Kurzem hatte Paaker's Haushofmeister von Nemu gesagt: »Unsere Zungen sind Stöcke, aber die des Kleinen ist ein Dolch.« Das Ziel des Zwerges war ein sehr großes, buntes Zelt, durch nichts unterschieden von vielen ähnlichen in seiner Nähe. Das in den Innenraum führende Thor war breit, jetzt aber durch ein die Thür vertretendes grobes Stück Leinwand verschlossen. Nemu drängte sich zwischen der Zeltwand und der beweglichen Pforte hindurch und trat in den beinahe kreisrunden vielseitigen Innenraum, dessen kegelförmiges Dach auf einem säulenartigen Stabe ruhte. Auf dem staubigen Boden des Zeltgemaches lagen abgenutzte Teppichstücke und auf diesen hockten einige bunt gekleidete junge Weiber, mit deren Ausschmückung sich eine alte Frau emsig beschäftigte. Sie färbte die Fuß- und Fingernägel der Schönen mit orangefarbener Hennah, schwärzte ihre Wimpern und Augenlider mit Mestem, Stibium oder Spießglas. S. Anmerkung 42 . um ihrem Blick einen hellern Glanz zu verleihen, legte ihnen weiße und rothe Schminke auf die Wangen und salbte ihr Haar mit duftigem Oel. Es war sehr heiß in dem Zelt und keines der Mädchen redete ein Wort. Sie hielten der Alten still ohne sich zu rühren. Nur dann und wann griff Eine oder die Andere nach einem der am Boden stehenden porösen Thonkrüge, um zu trinken, oder öffnete ein Schächtelchen, um eine neue Kyphipille S. Anmerkung 43 und 53 . auf die geschminkten Lippen zu legen. An der Zeltwand lehnten musikalische Instrumente: Handtrommeln, Flöten und Lauten, vier Tambourine lagen auf dem Boden. Auf dem Kalbfelle des einen schlief, von dem Schellenreifen umgeben, eine Katze, deren zierliche Junge mit den Glöckchen an einem andern Tambourin spielten. Durch die kleine Hinterthür des Zeltes ging ein altes Negerweib aus und ein, um, von Fliegen und Mücken umschwärmt, irdene Schüsseln mit Speiseresten, Granatäpfelschalen. Brodkrumen und Knoblauchstengel fortzuräumen, welche auf einem der Teppiche seit der vor mehreren Stunden beendeten Mahlzeit der Mädchen gestanden und gelegen hatten. Die alte Hekt saß weitab von den Dirnen auf einer buntbemalten Kiste, holte ein Päckchen aus der Tasche und rief der Dienerin zu: »Da nimm dieß Rauchwerk und verbrenne sechs Körner, dann wird das Ungeziefer« – und sie wies auf die Fliegen, welche den Teller in ihrer Hand umflogen, – »verschwinden. Wollt ihr, so vertreib' ich auch die Mäuse und locke die Schlangen aus ihren Löchern, besser noch als die priesterlichen Aerzte.« Rezepte zur Vertreibung der genannten schädlichen Thiere finden sich im Papyrus Ebers. »Behalte Deine Zaubereien für Dich,« sagte eines der Mädchen mit heiserer Stimme. »Seit Du die Worte über mich gesprochen und mir den Trank gegeben hast, um mich wieder schlank zu machen und geschmeidig, stört mir ein schlimmer Husten die Nächte und Mattigkeit überfällt mich beim Tanze.« »Aber schlank bist Du doch geworden,« erwiederte Hekt, »und bald wirst Du auch nicht mehr husten.« »Weil sie todt sein wird,« flüsterte die Dienerin der Alten zu. Ich kenne das. So enden die meisten.« Nemu's Mutter zuckte die Achseln und erhob sich von der Kiste, als sie den Zwerg in das Zelt schlüpfen sah. Auch die Mädchen bemerkten den Kleinen und erhoben jenen unbeschreiblichen, dem Gackern der Hühner ähnlichen Schrei , den die Weiber des Orients bei jedem Gemüthsaffekt auszustoßen pflegen. Nemu war den Dirnen wohl bekannt, denn nur in ihrem Zelte hielt sich seine Mutter auf, so oft sie nach Theben kam, und die munterste von ihnen rief: »Du bist größer geworden seit Deinem letzten Besuche, Kleiner.« »Du auch,« antwortete Nemu schnell, »aber nur was Deinen Mund betrifft.« »Und Du bist so bös als Du klein bist,« gab das Mädchen zurück. »Dann ist meine Bosheit gering,« lachte der Zwerg, »denn ich bin sehr klein und niedlich. Heil euch, ihr Mädchen. Helfe euch Besa bei eurem Schmucke. Sei gegrüßt, Mutter, Du ließest mich rufen?« Die Alte nickte, der Zwerg ließ sich auf der Kiste neben ihr nieder und sie begannen mit einander zu flüstern. »Wie staubig Du aussiehst und ermüdet,« sagte Hekt. »Ich glaube gar, Du bist im Sonnenbrand zu Fuße gegangen.« »Mein Esel ist todt,« antwortete Nemu, »und ich hatte kein Geld, mir ein Reitthier zu miethen.« »Der Anfang des künftigen Glanzes,« kicherte die Alte. »Was hast Du verrichtet?« »Paaker hat uns gerettet,« erwiederte der Zwerg, »und ich komme von einem langen Gespräch mit dem Statthalter.« »Nun?« »Er wird Dir den Freibrief erneuern, wenn Du den Wegeführer in seine Hand gibst.« »Gut, gut. Ich wollte, er entschlösse sich, mich aufzusuchen; natürlich verkleidet; ich hätte . . .« »Er ist zaghaft und wollt' ich ihm solches Unausführbare rathen, es würde nicht klug sein.« »Hm,« murmelte die Alte, »vielleicht könntest Du recht haben; denn wer oft zu fordern hat, darf nur das Erfüllbare heischen. Ein freches Verlangen verdirbt oft für immer dem Gönner die Lust am Gewähren. Wollen sehen, wollen sehen. Was hat sich weiter ereignet?« »Des Statthalters Heer hat die Aethiopier geschlagen und bringt reiche Schätze nach Theben.« »Damit kauft man die Leute,« murmelte die Alte. »Gut, gut!« »Paaker's Schwert ist geschliffen. Ich gebe für meines Herrn Leben nicht mehr, als ich in meiner Tasche habe, und Du weißt, warum ich zu Fuß durch den Staub hieher gekommen bin.« »Kannst heimwärts reiten,« erwiederte Hekt und reichte dem Kleinen ein silbernes Ringlein. »Hat der Wegeführer Deine Herrin Nefert wiedergesehen?« »Da sind seltsame Dinge vorgefallen,« sagte der Zwerg und erzählte seiner Mutter, was sich zwischen Katuti und Nefert ereignet hatte. Nemu war ein guter Horcher und er hatte kein Wort von dem Gehörten vergessen. Die Alte hörte ihm mit gespannter Aufmerksamkeit zu und murmelte dann: »Sieh', sieh'! Doch auch einmal etwas Ungewöhnliches! Was sonst in den Menschen vorgeht, sieht sich widerlich gleich in Palästen und Hütten. Die Mütter sind allesammt Aeffinnen, die sich mit Lust von ihren Kindern, die es ihnen schlecht genug danken, zu Tode quälen lassen, und die Ehefrauen pflegen die Ohren weit zu öffnen, wenn man ihnen von dem schlimmen Wandel ihrer Männer erzählt. Aber Deine Herrinnen, das laß ich gelten!« Die Alte blickte sinnend zu Boden und fuhr dann fort: »Im Grunde läßt sich auch dieß sehr einfach erklären und ist nicht ungewöhnlicher als das Gähnen der müden Dirne da drüben. Du erzähltest mir einmal, es sei ein reizender Anblick, die Mutter mit der Tochter, wenn sie zu den Festen und Panegyrieen fahren, nebeneinander auf dem Wagen stehen zu sehen. Katuti, sagtest Du, trüge auch Sorge, daß dann die Farben ihrer Gewänder und die Blumen in ihrem Haar zusammenstimmten. Für welche von Beiden wird der Anzug zuerst gewählt bei solchen Anlässen?« »Immer für die Herrin Katuti, die von bestimmten Farben nicht abgeht,« antwortete Nemu eifrig. »Siehst Du,« lachte die Hexe, »das muß so sein. Diese Mutter denkt immer zuerst an sich und an diejenigen Dinge, die sie zu erreichen wünscht. Aber die hängen hoch und da tritt sie auf Alles, was ihr zur Hand ist, auch auf ihr Kind, um sie zu erlangen. Sie schickt Paaker dem Mena auf den Hals, so wahr mir das Ohr klingt, denn dieß Weib wäre im Stande, mit den Augen ihrer Tochter Mora zu spielen und sie an den lahmen Windhund dort zu verheirathen, wenn sie dadurch ihre ehrgeizigen Pläne verwirklichen könnte.« »Aber Nefert?« fragte der Kleine. »Du hättest sie sehen sollen. Ein Löwe ward aus dem Täubchen.« »Weil sie Mena liebt, wie ihre Mutter sich selbst,« antwortete die Alte. »Die Dichter würden sagen: ›Sie ist voll von ihm.‹ Bei ihr trifft das zu! Da bleibt kein Raum für was Anderes. Eins nur will sie besitzen und wehe Dem, der es angreift!« »Ich habe auch schon verliebte Frauen gesehen,« sagte Nemu, »aber . . .« »Aber,« lachte die Alte so jäh auf, daß die Dirnen sich umwandten, »aber die geberdeten sich anders wie Deine Herrin Nefert? Das will ich Dir glauben und unter Tausenden gibt es nicht Eine, welche so von jener Krankheit ergriffen wird, die wüthender schmerzt als kuschitisches Pfeilgift in der offenen Wunde, und rascher um sich frißt als der Brand, und schwerer zu tilgen ist als das Siechthum, an dem die hustende Dirne dort abstirbt. Wen dieses Leidens Dämon beherrscht, der ist elend wie ein Verdammter oder auch,« und bei diesen Worten senkte sie ihre Stimme, – »glückseliger als die Götter, so viel ihrer sind. Ich kenne das Alles – Alles, denn auch ich war eine Besessene unter den Tausend und heute noch . . .« »Nun?« fragte der Zwerg. »Thorheiten,« brummte die Hexe und dehnte sich als wenn sie aus dem Schlaf erwache. »Unsinn. Der, den ich meine, ist längst verstorben, und wär' er's nicht, mir könnt' es gleich sein. Alle Männer sehen einander ähnlich und Mena wird sein wie die anderen.« »Aber den Wegeführer Paaker beherrscht doch wohl der Dämon, den Du schilderst?« fragte der Kleine. »Kann sein,« entgegnete die Alte; »aber er soll ja eigenwillig sein bis zur Tollheit. Jetzt ließe er sein Leben, um zu erreichen, was ihm versagt ist. Wenn Deine Herrin Nefert ihm gehörte, vielleicht würd' er ruhiger werden! Aber wozu das Geschwätz? Ich muß noch hinüber in das goldene Zelt, wo jetzt Alles verkehrt, was den Beutel voll Geld hat, um mit der Wirthin zu sprechen –« »Was willst Du von Der?« fragte Nemu. »Die kleine Uarda drüben,« gab die Alte zurück, »wird bald wieder gesund sein. Du hast sie ja wiedergesehen. Ist sie nicht schön geworden, wundervoll schön? Nun will ich sehen, was die Wirthin mir bietet, wenn ich sie ihr verschaffe. Leichtfüßig ist das Mädchen wie eine Gazelle und kann, tüchtig geübt, in wenigen Wochen den Tanz erlernen.« Nemu erbleichte und sagte entschieden: »Das solltest Du nicht thun!« »Warum nicht?« fragte die Alte, »wenn es etwas Rechtes abwirft?« »Weil ich Dir's verbiete,« flüsterte der Zwerg mit heiserer Stimme. »Siehe da!« lachte die Zauberin. »Du möchtest meine Nefert sein und ich soll ihre Mutter Katuti spielen. Aber ernst gesprochen. Hast Du die Kleine wiedergesehen und begehrst Du sie für Dich selber?« »Ja,« entgegnete Nemu. »Wenn wir zum Ziele gelangen, so spricht Katuti mich frei und macht mich reich. Dann kauf' ich dem Nachbar Pinem seine Enkelin ab und nehme sie zum Weibe. Ich baue uns ein Haus in der Nähe der Gerichtshalle und stehe den Klägern und Beklagten mit Rath zur Seite, wie der bucklige Sent, der jetzt auf seinem eigenen Wagen durch die Straßen fährt.« »Hm,« sagte die Alte. »Das würde sich hören lassen, aber vielleicht ist's zu spät. Das Mädchen sprach im Fieber von dem Priester aus dem Setihause, der sie in Ameni's Auftrage besuchte. Das ist ein stattlicher Bursch, der sich wohl ihrer annimmt. Eines Gärtners Sohn soll er ja sein und sie nennen ihn Pentaur.« »Pentaur?« fragte der Kleine. »Pentaur? Der hat die stolze Haltung und das Antlitz des verstorbenen Mohar und will höher hinaus; aber sie werden ihm bald den hochmüthigen Nacken brechen.« »Um so besser,« gab die Alte zurück. »Uarda wäre eine Frau für Dich, sie ist gut und bescheiden, und man kann nicht wissen . . .« »Was?« fragte der Zwerg. »Wer ihre Mutter gewesen; denn die war keine der Unseren. Aus der Fremde kam sie hieher und sie haben ein Geschmeide mit seltener Schrift bei ihr gefunden. Man muß es den Kriegsgefangenen zeigen, sobald sie Dir gehört, denn vielleicht weiß einer von ihnen die fremdartigen Lettern zu deuten. Aus gutem Hause stammt sie, das weiß ich gewiß, denn Uarda ist das leibhaftige Ebenbild ihrer Mutter, und schon als sie zur Welt kam, sah sie aus wie das Kind eines Großen. Du lächelst, Du Narr! Tausend Säuglinge sind durch meine Hand gegangen und wenn sie in Lumpen gewickelt zu mir kommen, so vermag ich doch zu erkennen, ob ihre Eltern zu den Großen gehören oder den Kleinen. Der Bau des Fußes verräth es und andere Zeichen. Mag Uarda nun bleiben, wo sie ist; ich werde Dir helfen. Wenn sich Neues ereignet, so laß es mich wissen!« Sechstes Kapitel. Als Nemu, dießmal auf dem Rücken eines Esels, heimkehrte, fand er weder seine Herrin, noch Nefert zu Hause. Die Erstere hatte sich in den Tempel und dann in die Stadt begeben, während Nefert, einer unwiderstehlichen Regung folgend, zu ihrer fürstlichen Freundin Bent-Anat gegangen war. Der Königspalast glich eher einer kleinen Stadt als einem Hause. Die in vielen Büchern wiederholte Ansicht, die Tempel wären zugleich die Paläste der Pharaonen gewesen, ist falsch. Wir kennen in wohlerhaltenen Tempeln, wie denen von Dendera und Edfu, die Bestimmung sämmtlicher Räume und alle waren gottesdienstlichen Zwecken gewidmet. Die Denkmäler lehren, daß auch die Könige in weitläufigen, von Gärten umgebenen und aus leichtem Material errichteten Gebäuden wohnten. Die Paläste glichen den Häusern der Großen, waren aber größer als diese. Siehe Bd. I. S. 139 Der Flügel, in dem der Statthalter residirte und welchen wir bereits betreten haben, lag landeinwärts, während diejenigen Gebäude, die der König mit seiner Familie bewohnte, dem Strome zugekehrt waren. Dem Schiffer, welcher an dem Pharaonensitze vorbeifuhr, bot er einen glänzenden und zugleich freundlichen Anblick, denn nicht als ungeheurer einzelner Körper erhob er sich aus der Mitte der ihn umgebenden Gärten, sondern vielfach gegliedert und in mannigfaltigen Formen. An ein größeres Bauwerk, in dem sich die Prunk- und Festsäle befanden, schloß sich symmetrisch an jeder Seite eine dreifache Reihe von Pavillons in verschiedener Größe. Alle waren unter einander verbunden durch Säulengänge oder Brücken, unter denen sich Wasserarme hinzogen, welche die Gärten tränkten und dem Palaste das Ansehen einer Inselstadt verliehen. Aus leichten Nilziegeln und zierlich verarbeitetem Holz bestanden sämmtliche Theile des Pharaonenschlosses; auch die unermeßliche Ringmauer, deren Zugänge mit hohen Thorbauten verziert waren, vor denen schwerbewaffnete Soldaten den Wachtdienst verrichteten. Die Mauern und Pfeiler, die Altane und Säulengänge, ja selbst die Dächer prangten in buntem Farbenschmuck und an allen Thoren standen hohe Maste, an denen rothe und blaue Fahnen flatterten, wenn der König hier residirte. Jetzt ragten sie mit ihren Erzspitzen, welche den Wetterstrahl aufzufangen bestimmt waren, Nach einer zuerst von Dümichen mitgetheilten Inschrift zu Dendera. kahl in die Lüfte. Zur Rechten des Hauptgebäudes lagen, ganz von reichen Baumpflanzungen umgeben, der königlichen Frauen Häuser, von denen einige sich in dem Wasser spiegelten, das sie näher oder ferner umgab. An diesen Theil des Palastes schlossen sich die Vorrathshäuser des Königs in unabsehbaren Reihen, während hinter dem mittlern Bauwerk, in dem der Pharao residirte, die Kasernen der Leibgarden und die Schatzhäuser standen. Der linke Flügel des Schlosses war den Hofbeamten, den zahllosen Dienerschaaren, den Rossen und Wagen des Herrschers eingeräumt. Trotz der Abwesenheit des Königs herrscht lebendiges Leben in dem Palaste des Ramses, denn hundert Gärtner besprengten den Rasen, die Blumenrabatten, die Sträucher und Bäume; Wachtmannschaften zogen hin und her, Rosse wurden getummelt und eingefahren und in dem Flügel der königlichen Frauen wogten wie in einem Bienenstocke Dienerinnen und Sklaven, Hofbeamte und Priester hin und her. Nefert war in diesem Theile des Schlosses wohl bekannt. Die Garden und Thürhüter ließen ihre Sänfte mit ehrerbietigen Neigungen des Oberkörpers unangerufen passiren, im Garten nahm sie ein Kammerherr in Empfang, führte sie selbst zu dem Ceremonienmeister und dieser geleitete sie nach einer kurzen Meldung in das Gemach der Lieblingstochter des Ramses. Bent-Anat's Wohnung lag im ersten Stockwerke des dem Hause des Pharao am nächsten gelegenen Pavillons. Ihre verstorbene Mutter hatte diese freundlichen Räume innegehabt, aber nachdem die Prinzessin zur Jungfrau herangereift war, freute es den König, sie in seiner Nähe zu wissen; darum überließ er ihr das schöne Haus der zu früh Dahingegangenen und zugleich, denn sie war die älteste seiner Töchter, manches Vorrecht, dessen sonst nur die Königinnen genossen. Das weite Gemach, in welchem Nefert Bent-Anat fand, war dem Strome zugekehrt. Eine nur mit hellen Vorhängen verschlossene Thüröffnung führte auf einen langen Altan mit kunstreich gearbeiteten Geländern von vergoldetem Kupfer, um welches sich Kletterrosen mit blaßrothen Blüten schlangen. Die Prinzessin ließ, als die Gattin des Mena ihre Schwelle betrat, soeben von einigen Dienerinnen den rauschenden Vorhang zur Seite ziehen, denn die Sonne neigte sich, die Kühlung nahte und Bent-Anat liebte es, in dieser Stunde auf ihrem Altan zu sitzen und mit andächtigen Empfindungen dem Scheiden des Ra zuzuschauen, der als greiser Tum S. Anmerkung 1 hinter dem westlichen Horizonte im Rücken der Nekropole des Abends verschwand, um in der Unterwelt den Seligen Licht zu spenden. Nefert's Wohngemach war weit zierlicher ausgestattet als das der Prinzessin. Ihre Mutter und Mena hatten sie mit tausend niedlichen Dingen umgeben. Ihre Tapeten bestanden aus himmelblauem, mit Silber durchwirktem Brokat von Damaskus, die Stühle und das Ruhebett waren mit einem von äthiopischen Frauen gearbeiteten Stoff aus Federn überzogen, der wie die Brust eines vielfarbigen Vogels zu schauen war. Die Bildsäule der Göttin Hathor auf ihrem Hausaltare bestand aus unechtem Smaragd, den man Mafkat nannte, und die übrigen kleineren Götterfiguren, welche neben ihrer Patronin prangten, aus Lapislazuli, Malachit, Achat und mit Gold ausgelegter Bronze. Auf ihrem Putztisch stand eine Sammlung von Salbenbüchsen und Schalen aus Ebenholz und Elfenbein in feinster Schnitzerei. Das Alles war auf's Zierlichste geordnet und paßte durchaus zu Nefert's Erscheinung. Auch Bent-Anat's Wohnung war ihrem Wesen angemessen. Hoch und luftig waren die Räume und ihre Ausstattung bestand aus kostbarem, aber einfachem Geräth. Der untere Theil der Wände war mit kühlen Kacheln von feiner weißer und violetter Fayence belegt, von denen jede einen Stern darstellte und die alle zusammen geschmackvolle Figuren bildeten. Weiter nach oben hin waren die Mauern mit dem gleichen schönen dunkelgrünen Stoff von Sais bekleidet, aus dem auch der Ueberzug der langen Divans an den Wänden bestand. Rohrstühle und Tabourets standen um einen sehr großen Tisch inmitten dieses Gemachs, an welches sich viele andere Zimmer schlossen, die alle stattlich, vornehm und harmonisch aussahen, aber schnell verriethen, daß ihre Bewohnerin geringen Gefallen fand an kleinlichem Zierat, um so größern aber an schöngezogenen Pflanzen, die in wundervollen und seltenen Exemplaren, auf Stufen kunstreich geordnet, die Ecken mehrerer Zimmer ausfüllten, während in anderen an dem gleichen Platze hohe Gestelle von Ebenholz in Obeliskenform sich erhoben, welche kostbare Schalen für Rauchwerk trugen, das alle Aegypter liebten und mit dem die Aerzte die Wohnungen zu räuchern vorschrieben. Ihr einfaches Schlafgemach würde einem der Blumenzucht holden Königssohne ebensowohl als Wohnung angestanden haben, als einer fürstlichen Jungfrau. Vor allen Dingen liebte Bent-Anat Luft und Licht. Nur wenn es der Stand der Sonne dringend verlangte, wurden die Vorhänge an Fenstern und Thüren geschlossen, während in Nefert's Wohnung von früh bis spät ein dämmerndes Halbdunkel hergestellt werden mußte. Die Prinzessin ging der Gattin des Mena, die sich an der Schwelle des Zimmers tief vor ihr verneigte, liebreich entgegen, faßte mit der Rechten ihr Kinn, küßte ihre feine, schmale Stirn und sagte: »Du süßes Geschöpf! kommst Du endlich einmal ungeladen zu mir Einsamen? Es ist das erste Mal seitdem die Männer wiederum in den Krieg zogen. Wenn Ramses' Tochter ruft, dann gilt kein Widerspruch und Du erscheinst; aber freiwillig . . .« Nefert schlug ihre großen, thränenfeuchten Augen bittend auf und ihr Blick war so unwiderstehlich, daß Bent-Anat ihre Rede unterbrach und, ihre beiden Hände ergreifend, ausrief: »Weißt Du, wer gerade solche Augen gehabt haben muß wie Du? Die Gottheit mein' ich, aus deren Thränen, da sie auf die Erde fielen, die Blumen entstanden.« Nefert senkte den Blick, schaute erröthend zu Boden und murmelte: »Ich wollte, daß ich diese Augen für immer schließen könnte, denn ich bin sehr unglücklich.« Dabei rollten zwei schwere Zähren über ihre Wangen. »Was ist Dir geschehen, Liebling?« fragte die Prinzessin teilnehmend und zog sie mit der Rechten wie ein krankes Kind an sich. Nefert schaute ängstlich zu dem Ceremonienmeister und den Frauen vom Hofstaate hin, welche das Zimmer mit ihr betreten hatten, und Bent-Anat verstand diesen Wink, bat die ihres Befehles Gewärtigen, sie zu verlassen und sagte, als sie mit ihrer betrübten Freundin allein war: »Nun sprich! Was bekümmert Dein Herz? Wie kommt dieser schmerzliche Zug in Dein liebes Kindergesicht? Rede, und ich will Dich trösten und Du sollst wieder meine heitere, sorglose Puppe werden!« »Deine Puppe,« wiederholte Nefert und ein Blitz des Unwillens strahlte aus ihren Augen. »Du hast Recht, mich so zu schelten, denn ich verdiene keinen bessern Namen, hab' ich mir's doch, so lang ich lebe, gefallen lassen, nichts zu sein als das Spielzeug der Meinen.« »Aber Nefert, ich erkenne Dich nicht wieder,« rief Bent-Anat, »ist das meine sanfte, freundliche Träumerin?« »Das ist das Wort, das ich suchte,« sagte Nefert leise. »Ich habe geschlafen und geträumt und immer geträumt, bis Mena mich weckte, und wenn er mich verließ, so bin ich wieder entschlummert, und nun lag ich im Traume zwei Jahre lang, aber heute bin ich aus dem Schlaf gerissen worden so hart und rauh, daß ich niemals wieder Ruhe finden werde.« Während Nefert also redete, floß langsam eine schwere Thräne nach der andern über ihre Wangen. Bent-Anat fühlte sich so tief bewegt von dem, was sie hier sah und hörte, als sei Mena's Gattin ihr eigenes leidendes Kind. Liebreich zog sie die junge Frau auf den Divan nieder, setzte sich an ihre Seite und ließ nicht ab, bis Nefert sie in die Noth ihrer Seele blicken ließ. Es war der Tochter Katuti's in den letzten Stunden ergangen wie einem Blindgeborenen, der plötzlich die Gabe des Gesichts zurückerlangt. Er schaut das Glanzlicht der Sonne und die mannigfaltigen Gestalten des Geschaffenen rings umher, aber die Strahlen des Tagesgestirns blenden sein Auge und die neuen Formen, die er ahnend mit der Seele suchte und die sich ihm nun in ihrer rohen Wirklichkeit aufdrängen, beängstigen und peinigen ihn. Heut zum ersten Male fragte sie sich, warum denn ihre Mutter und nicht sie das Hans zu verwalten berufen sei, dessen Herrin sie doch genannt werde, Herrin des Hauses ist der gewöhnliche Titel der Gattinnen vornehmer Aegypter. und die Antwort lautete: »Weil Mena dich für unfähig hält, zu denken und zu handeln.« Er hatte sie oft sein Röslein genannt und sie fühlte nun, daß sie nicht mehr und besser sei als eine Blume, die wächst und verwelkt und nur durch ihre bunten Blätter die Augen erfreut. »Meine Mutter,« sagte sie zu Bent-Anat, »liebt mich gewiß, aber sie hat meines Gatten Güter übel verwaltet, sehr übel, und ich Elende schlief und träumte von Mena und sah nicht und hörte nicht, was mit seinem, mit unserem Erbe geschah. Jetzt bangt der Mutter vor meinem Gatten und wen man fürchtet, so sagte der Oheim, den kann man nicht lieben, und wen man nicht liebt, von dem ist man gern bereit das Böse zu glauben. So leiht sie ihr Ohr den Leuten, die Mena schelten und von ihm berichten, er habe mich aus seinem Herzen verstoßen und ein fremdes Weib in sein Zelt genommen. Aber das ist falsch und erlogen und ich kann und will der eigenen Mutter Antlitz nicht schauen, wenn sie mir das Einzige verkümmert und schändet, was mir bleibt, was mich hält, die Luft und das Blut meines Lebens, die Liebe, die heiße Liebe für meinen Mann.« Bent-Anat hatte ihr, ohne sie zu unterbrechen, zugehört. Eine Zeitlang blieb sie schweigend neben ihr sitzen. Dann sagte sie. »Komm' hinaus auf den Altan! Da will ich Dir sagen, was ich meine, und vielleicht flößt Toth einen helfenden Rath in mein Herz. Ich habe Dich lieb und kenne Dich ganz, und bin ich nicht weise, so hab' ich doch offene Augen und eine thatkräftige Hand. Nimm sie und folge mir jetzt auf den Altan!« Ein erquickender Lufthauch wehte vom Strome her den in's Freie tretenden Frauen entgegen. Es war Abend geworden und labende Kühle folgte der Glut des Tages. Schon warfen die Gebäude und Häuser längere Schatten und zahllose Boote mit den aus der Nekropole heimkehrenden Leuten bevölkerten den Strom, der majestätisch seine übervolle Flut gen Norden wälzte. Rings um sie her grünte der Garten, welcher die duftigen Rosenranken zu dem Gitter des Altans der Prinzessin hinaufsandte. Ein weitberühmter Künstler hatte ihn schon zu Hatasu's Zeiten angelegt, und das Gemälde, welches er im Geiste erschaute, als er den Samen legte und die Schößlinge pflanzte, war nun, viele Jahrzehnte nach seinem Tode, zur Wirklichkeit geworden. Er hatte sich seine Anlage als Teppich gedacht, auf welchem die zahlreichen Palasthäuser standen. Vielfältig gebogene Wasseradern, auf denen weiße Schwäne schwammen, bildeten gleichsam die Umrisse der Zeichnungen in ihm, und die von ihnen begrenzten Figuren waren ausschattirt mit Pflanzen in jeder Größe, Form und Farbe. Schöne Flächen von saftgrünem Rasen bildeten überall den Grund des Gewebes und von diesem hoben sich die vollen, bunten Blumenbeete und Sträuchergruppen harmonisch ab, während die alten hohen und seltenen Bäume, von denen die Schiffe Hatasu's Nach Aegypten gebrachte Nehabäume in großen Kübeln finden sich im Tempel Hatasu's zu Der el Bahri abgebildet. viele aus Arabien nach Aegypten gebracht hatten, dem Ganzen Ernst und Ehrwürdigkeit verliehen. Aus Blättern, Blüten und Halmen schimmerten jetzt helle Tropfen, denn vor Kurzem erst hatte man die dem Hause Bent-Anat's benachbarten Anlagen mit frischem Wasser benetzt. Jenseits des Gartens umfloß der Nil eine Insel, auf welcher die wohlgepflegten heiligen Haine des Amon grünten. Die Nekropole am jenseitigen Stromesufer ließ sich von dem Altane Bent-Anat's aus wohl überblicken. Da zogen sich die Sphinxreihen hin, welche von den Landungsplätzen der Festbarken aus zu dem Riesenbau Amenophis III. mit seinen Kolossen, den größten in Theben, zum Setihause und dem Tempel Hatasu's führten. Da lagen die langen Werkstätten der Balsamirer und die häuserreichen Straßen der Todtenstadtbewohner. Im fernsten Westen erhoben sich die libyschen Berge mit ihren zahllosen Grüften und in ihrem Rücken dehnte sich, von ihnen versteckt, in weitem Bogen das Thal der Königsgräber. Schweigend schauten die Frauen nach Westen. Schon näherte sich die Sonne dem Horizonte; jetzt erreichte sie ihn, jetzt verschwand sie hinter dem Gebirge, und als sich nun der Himmel mit Farbentönen überzog, die lichtem Golde, feurigen Rubinen und geschmolzenen Granaten und Amethysten glichen, da erschollen aus allen Tempeln rings umher die Abendlieder und die Freundinnen sanken auf die Kniee, verbargen ihr Antlitz in die das Gitter des Altans umschlingenden Rosenguirlanden und beteten aus vollem Herzen. Als sie sich wiederum erhoben, breitete sich die Nacht über die Wege, denn die Dämmerung ist kurz in Theben. Nur hier und da flatterte noch ein rosiges Wölkchen an dem sich verdunkelnden Himmel und verblaßte allmälig, als der Abendstern aufging. »Mir ist wohl,« sagte tief aufathmend Bent-Anat. »Kehrt auch in Deine Seele der Friede zurück?« Nefert schüttelte verneinend das Haupt. Die Prinzessin zog sie auf einen Ruhesitz, ließ sich an ihrer Seite nieder und begann von Neuem: »Dein armes Herz ist wund, man hat Dir die Vergangenheit verleidet, und Dir bangt vor der Zukunft. Laß mich offen sein, auch wenn es Dir weh thut. Du bist krank und ich möchte Dich heilen. Willst Du mich hören?« »Rede nur,« sagte Nefert. »Das Reden,« gab die Prinzessin zurück, »ist nicht meine Sache, aber das Handeln, und ich glaube, daß ich weiß, was Dir fehlt, und daß ich Dir helfen kann. Du liebst Deinen Mann; die Pflicht rief ihn von Dir und Du fühlst Dich verlassen und einsam. Das ist ja natürlich! Aber Die, die ich liebe, mein Vater und meine Brüder, zogen doch auch in den Krieg, meine Mutter ist längst verstorben, die edle Frau, welche mir der König als Gesellschafterin zurückließ, erlag vor wenigen Wochen der Krankheit. Sieh hier diese halb verlassene Stadt, die mein Haus ist. Wen darf man einsamer nennen, Dich oder mich?« »Mich,« sagte Nefert. »Denn so einsam ist Niemand als die Frau, die getrennt von dem Gatten ihr Herz zersehnt.« »Aber Du glaubst an Mena's Liebe?« fragte Bent-Anat. Nefert preßte die Hand auf ihr Herz und nickte bejahend. »Und er wird heimkehren und mit ihm Dein Glück!« »Ich hoff' es,« gab Nefert leise zurück. »Und wer da hofft,« sagte Bent-Anat, »der besitzt das Glück der Zukunft. Sage, hättest Du mit den Göttern getauscht, so lange Mena mit Dir vereint war? Nein! Nun dann bist Du überreich, denn die seligste Erinnerung, das Glück der Vergangenheit, ist gleichfalls Dein eigen. Was ist denn die Gegenwart? Ich rede und sie ist nicht mehr! Nun frage ich Dich, an welche Wonnen kann ich gedenken und auf welches sichere Glück bin ich zu hoffen berechtigt?« »Du liebst nicht,« sagte Nefert. »Wie der Mond gehst Du kühl und unabwegbar dahin auf Deiner Bahn. Das höchste Glück ist Dir wohl fremd geblieben, aber dafür kennst Du auch nicht das bittere Leid.« »Welches Leid?« fragte Bent-Anat. »Den Schmerz der Sehnsucht eines von den Flammen der Sechet verzehrten Herzens,« antwortete Nefert. Die Prinzessin schaute lange nachdenklich zu Boden; dann schlug sie lebhaft ihre Augen zu der Freundin auf und sagte: »Du irrst! Ich kenne die Liebe und die Sehnsucht. Aber wenn Du nur den Festtag erwartest, um den Schmuck, der Dein eigen ist, wieder anzulegen, so gehört mir mein Kleinod nicht eigener an, als die Perle, die ich auf dem Grunde des tiefen Meeres schimmern sehe.« »Du liebst!« rief Nefert freudig bewegt. »O, so dank' ich der Hathor, daß sie endlich Dein Herz berührte. Die Tochter des Ramses braucht nicht erst die Taucher zu rufen, um das Kleinod für sie aus dem Meere zu fischen. Sie winkt und die Perle steigt auf zu ihr und legt sich in den Sand vor ihre schlanken Füße.« Bent-Anat küßte lächelnd Nefert's Stirn und sagte: »Wie das Dich erregt und Dir den Geist und die Zunge bewegt! Wenn zwei Saiten ganz gleich gestimmt sind und man schlägt die eine an, so klingt die andere mit, sagt mein Musikmeister. Ich glaube, Du hörtest mir zu bis zum Morgen, wenn ich Dir mehr von meiner Liebe erzählte. Aber dazu kamen wir nicht auf den Altan. Nun höre! Ich bin einsam wie Du, ich liebe weniger glücklich als Du, mir drohen vom Setihause her schlimme Stunden, und doch verläßt mich nicht der sichere Lebensmuth und die Freude am Dasein. Wie willst Du das erklären?« »Wir sind so verschieden geartet,« sagte Nefert. »Wohl,« entgegnete Bent-Anat, »aber wir Beide sind jung, sind Frauen und wollen das Gute. Mir starb zeitig die Mutter und Niemand hat mich geleitet, denn man gehorchte mir schon, als ich am meisten der Führung bedurfte. Dich zog eine Mutter heran, die sich, da Du ein Kind warst, mit dem schönen Töchterchen putzte und es – das stand ihm so gut – träumen und spielen ließ, ohne dem üblen Hange zu wehren. Da freite Dich Mena. Du liebtest ihn innig, aber in vier langen Jahren war er nur wenige Monde Dein eigen; die Mutter blieb bei Dir und Du merktest es kaum, daß sie für Dich Dein eigenes Haus verwaltet und die Mühen der Wirtschaft getragen hat. Du besaßest ein großes Spielzeug, dem Du Deine Tage widmetest, die Gedanken an Mena, und ein Ziel für tausend Träume, Deinen fernen Geliebten. Ich weiß es, Nefert; Alles was Du seit zwanzig Monden gesehen, gehört, empfunden hast, bezog sich auf ihn und ihn allein; das ist ja an sich nichts Schlechtes. Der Rosenstock hier, der meinen Altan umwindet, erfreut uns Beide; aber wenn der Gärtner ihn nicht häufig beschnitte und mit Palmenbast fesselte, so würde er in diesem Boden, der Alles zu schnellem Wachsthum treibt, gar bald in die Höhe schießen, mir Fenster und Thür verdecken und ich säße im Dunkeln. Nimm dieß Tuch um die Schultern, denn mit der Kühlung fällt Thau hernieder, und höre mich weiter! – Das schöne Gefühl der Liebe und Treue ist in Deinem träumerischen Herzen ungezügelt und ungehemmt wild in die Höhe gewuchert und verdunkelt Dir Seele und Geist. Rechte Liebe, denk' ich, sollte ein edler Fruchtbaum sein und kein solches Wuchergewächs. Ich tadle Dich nicht, denn die Deine Gärtner hätten sein sollen, bemerkten nicht, was Dir geschah, oder wollten's nicht merken. Sieh', Nefert, so lange ich die Kinderlocke trug, hab' auch ich nur gethan, was mir eben gefiel. Am Träumen fand ich niemals Gefallen, aber an wildem Spiel mit den Brüdern, an Rossen und Falken; In mehreren Papyrus aus der Zeit unserer Erzählung wird von der Abrichtung der Falken gesprochen. sie sagten oft, ich hätte das Herz eines Knaben, und gern auch wär' ich ein Jüngling gewesen.« »Ich niemals,« murmelte Nefert. »Du bist ja das Röslein, Du Liebe,« fuhr Bent-Anat fort. »Wie war ich als Fünfzehnjährige so verdrossen, so mißvergnügt bei aller Wildheit, so unbefriedigt trotz all' der Güte und Liebe, die rings mich umgab. Da geschah es einmal, – vier Jahre ist's her, es war kurz vor Deiner Hochzeit mit Mena, daß der Vater mich zum Brettspiele rief. Zu Medinet Habu hat sich eine Darstellung nicht Ramses II., aber Ramses III. erhalten, wie er mit einer Tochter das Brettspiel spielt. Du weißt, wie sicher er selbst die geschicktesten Gegner besiegt; an jenem Tage aber war er zerstreut und ich gewann zweimal hintereinander das Spiel. Voll frohen Uebermuthes sprang ich auf und küßte sein schönes, großes Haupt und rief: ›Den erhabenen Gott, den Helden, unter dessen Sohlen die Fremdvölker sich winden , welchen Volk und Priester anbeten, hat ein Mädchen besiegt!‹ Er lächelte mild und gab mir zurück: ›Oft sind ja die himmlischen Frauen den Herren des Himmels überlegen und unsere Siegesgöttin Necheb Die Eileithyia der Griechen, die der Nordgöttin Buto entgegengestellte Göttin des Südens, die oft in Geiergestalt als Siegesgöttin zu Häupten des in den Krieg ziehenden Pharao schwebt. ist ein Weib.‹ Dann wurde er ernster und sprach: ›Sie nennen mich einen Gott, mein Kind, aber nur in dem Einen fühl' ich mich wahrhaft göttlich, daß ich mich zu jeder Stunde im größten Maßstabe durch meine Arbeit nützlich zu erweisen vermag, hier hemmend, dort fördernd. Die beiden in den Händen der Pharaonen und vieler Götter selten fehlenden Embleme, der hakenförmige Krummstab und die Geißel, erinnern vielleicht an die Pflicht der Könige, zurückzuhalten und anzutreiben. Gottähnlich bin ich allein, weil ich Großes wirke und schaffe.‹ Diese Worte, Nefert, fielen wie Saatkörner in meine Seele. Ich wußte auf einmal, was mir fehlte; und als wenige Wochen später der Vater mit Deinem Gatten und hunderttausend Streitern in den Krieg zog, da beschloß ich des göttlichen Vaters würdig zu werden und auch in meinem Kreise zu nützen. Du weißt nicht Alles, was in den Häusern dahinten unter meiner Leitung geschieht. Dreihundert Mädchen spinnen dort reinen Flachs und verweben ihn zu Leinwandbinden für die Wunden der Krieger, viele Kinder und Greisinnen suchen Pflanzen auf den Bergen und Andere lesen sie aus nach der Vorschrift der Aerzte, in den Küchen werden keine Gastmähler bereitet, aber Früchte in Zucker eingekocht für die Lieben und Kranken im Felde. Fleischstücke werden dort gesalzen, gedörrt und geräuchert für den Marsch des Heeres durch die Wüste. Der Kellermeister sorgt nicht mehr für die Zechgelage, aber bringt mir den Wein in großen Krügen von Stein; wir aber füllen ihn um in gutverschlossene Schläuche für die Soldaten, und die edleren Sorten gießen wir in feste Flaschen, die wir sorgsam verpichen, damit sie unbeschädigt die Reise bestehen und das Herz der Helden erquicken können. Alles das und viel mehr noch hab' ich zu lenken und zu leiten und in saurer Arbeit verrinnen meine Tage. Kein Traumgesicht schicken mir in den Nächten die Götter, denn nach schwerer Ermüdung umfängt mich tiefer Schlaf. Aber ich weiß, daß ich nütze, und stolz erheb' ich mein Haupt, weil ich nun dem großen Vater in etwas gleiche; und denkt der König an mich, das weiß ich, so freut er sich des Thuns seines Kindes. Nun aber bin ich am Ende, Nefert, und sage nur noch: Schließe Dich mir an, sei mit mir thätig, erweise Dich nützlich und zwinge Mena, nicht nur mit Liebe, sondern auch mit Stolz seines Weibes zu denken.« Nefert ließ ihr Haupt langsam zu ihr hernieder sinken, umschlang ihren Hals mit beiden Armen und weinte wie ein Kind an ihrem Busen. Endlich raffte sie sich auf und sagte bittend: »Nimm mich in die Schule und lehre mich nützen.« »Wußte ich's doch,« lächelte Bent-Anat, »daß Du nur der führenden Hand bedürftest. Glaube mir, bald wirst auch Du mit der Sehnsucht die Zufriedenheit zu paaren wissen. Nun höre noch dieß. Kehre jetzt heim zu Deiner Mutter, denn es ist spät, und begegne ihr liebreich, denn so wollen es die Götter. Am morgenden Tage werd' ich euch aufsuchen und Frau Katuti bitten, Dich mir als Gefährtin an Stelle meiner verstorbenen Freundin anzuvertrauen. Uebermorgen ziehst Du zu mir in den Palast. Du bewohnst die Gemächer der Dahingegangenen und beginnst, wie sie es gethan, mir bei meiner Arbeit zu helfen. Möge diese Stunde eine gesegnete sein!« Siebentes Kapitel. Während dieses Gespräches weilte drüben in der Nekropole der Arzt Nebsecht noch immer vor der Hütte des Paraschiten und harrte mit wechselnden Empfindungen des Alten. Bald zitterte er für ihn, bald vergaß er gänzlich der Gefahr, in welche er den Greis gestürzt hatte, und hoffte nur auf die Erfüllung seines Wunsches und wunderbare Enthüllungen durch das seinen Untersuchungen preisgegebene Menschenherz. Auf Minuten hing er wissenschaftlichen Betrachtungen nach; aber immer und immer störte ihn die Besorgniß um den Paraschiten und Uarda's ihn tief erregende Nähe. Stundenlang war er mit ihr allein geblieben, denn ihr Vater und die Großmutter hatten sich den Anforderungen ihres Berufes nicht länger entziehen können. Der Erstere mußte Kriegsgefangene nach Hermonthis geleiten und die Alte gehörte, seitdem ihre Enkelin erwachsen war und dem kleinen Hausstande vorzustehen vermochte, zu den Klageweibern, welche mit aufgelösten Haaren und indem sie Stirn und Brust mit Nilschlamm bestrichen, jammernd und wehklagend die Leichen auf ihrem Wege zur Nekropole zu begleiten hatten. Uarda lag, als die Sonne sich neigte, noch immer vor der Hütte. Sie sah bleich und müde aus. Ihr volles Haar hatte sich wiederum aufgelöst und das Stroh ihres Lagers vermischte sich mit demselben. Wenn Nebsecht sich ihr nahte, um ihren Puls zu fühlen oder ihr zuzusprechen, so wandte sie geflissentlich ihr Antlitz von ihm ab. Als die Sonne hinter den Bergen verschwand, neigte er sich abermals über sie und sagte: »Es wird kühl; soll ich Dich nicht in die Hütte tragen?« »Laß mich,« sagte sie verdrossen. »Mir ist heiß; rück' mir ferner! Ich bin nicht mehr krank und könnte allein in die Hütte, wenn ich nur wollte; aber die Großeltern kommen ja gleich.« Nebsecht stand auf, setzte sich auf einen Hühnerkorb nieder, der mehrere Schritte von Uarda entfernt stand, und fragte stotternd: »Soll ich noch weiter rücken?« »Thu' was Du willst,« gab sie zurück. »Du bist unfreundlich,« entgegnete er traurig. »Du siehst mich immerfort an,« sagte Uarda, »das mag ich nicht leiden und ich bin voller Unruhe, denn der Großvater war heute Morgen anders wie sonst und hat seltsame Reden geführt vom Tode und dem hohen Preis, der für meine Genesung von ihm gefordert werde. Dann bat er mich, ihn nicht zu vergessen, und war so bewegt und so seltsam. Wo er nur bleibt; ich wollte, er wäre wieder bei mir.« Nach diesen Worten begann Uarda still zu weinen, Nebsecht aber erfaßte eine namenlose Angst um den Paraschiten und es fiel ihm schwer auf's Herz, daß er als Preis für eine bloße Pflichterfüllung ein Menschenleben verlangt habe. Er kannte genau das Gesetz und wußte, daß man den Alten ungesäumt zwingen würde, den Giftbecher zu leeren, wenn man ihn beim Raube eines Menschenherzens ertappte. Es wurde dunkel. Uarda hörte auf zu weinen und fragte den Arzt: »Kann er vielleicht in die Stadt gegangen sein, um die hohe Summe zu borgen, die Du oder Dein Tempel für eure Arzneien gefordert? Aber da ist ja der goldene Reif der Prinzessin und die halbe Beute des Vaters und in der Truhe dort liegt unangetastet der Lohn, den Großmutter in zwei Jahren als Klagefrau heimtrug. Ist euch das Alles noch nicht genug?« Die letzte Frage des Mädchens klang ingrimmig und vorwurfsvoll und der Arzt, dem strenge Wahrhaftigkeit zur Lebensgewohnheit geworden, schwieg, weil er sich nicht »ja« zu sagen getraute. Er hatte mehr für seine Hülfe verlangt als Gold und Silber. Jetzt erinnerte er sich an Pentaur's Warnung und als die Schakale zu bellen begannen, ergriff er den Feuerbohrer Die Hieroglyphe sam scheint uns den Feuerbohrer darstellen zu sollen. und zündete einige bereit liegende Pechstücke an. Dabei fragte er sich, was wohl Uarda's Schicksal sein würde ohne ihre Großeltern und ihn, und ein abenteuerlicher Plan, der ihm seit vielen Stunden nebelhaft vorschwebte, gewann jetzt in seiner Seele scharfe Umrisse und erkennbare Gliederung. Er wollte, wenn der Alte nicht heimkehrte, die Kolchyten oder Balsamirer, die ihn um seiner Geschicklichkeit willen schwerlich abgewiesen hätten, um Aufnahme bitten in ihre Zunft, Diese Zunft bestand noch in der römischen Kaiserzeit und Vieles ist uns durch griechische Papyrus über sie bekannt geworden. dann wollte er Uarda zu seinem Weibe machen und mit ihr, abgeschieden von der Welt, seinem neuen Berufe, bei dem er Vieles zu lernen hoffen durfte, und seinen Studien leben. Was fragte er nach Bequemlichkeit und Behagen, Anerkennung der Mitmenschen und eine bevorzugte Lebensstellung! Auf dem neuen steinigen Pfade konnte er schneller vorwärts zu kommen hoffen, als auf dem alten, schön geglätteten Wege. An dem Bedürfnisse, sich auszusprechen und seine Errungenschaften Anderen mitzutheilen, fehlte es ihm ohnehin; das Wissen an sich genügte ihm völlig. An seine Verbindlichkeiten gegen das Setihaus dachte er nicht mehr. Drei Tage lang hatte er das Gewand nicht gewechselt, war kein Scheermesser an sein Angesicht und seinen Scheitel gekommen, hatte kein Tropfen Wasser seine Hände und Füße benetzt. Er fühlte sich halb verwildert, halb zum Balsamirer und, war es so bestimmt, zum verachtetsten unter den Menschen, zum Paraschiten, geworden. Dieses Herabsteigen reizte ihn wunderbar, denn es machte Uarda ihm ebenbürtig, und sie, die da mit wirrem Haar, krank und geängstigt neben ihm lag, paßte gerade so in die Zukunft, die er sich ausmalte. »Hörtest Du nichts?« fragte plötzlich das Mädchen. Er lauschte mit ihr in das Thal hinaus, Hunde schlugen an und bald stand der Paraschit mit seinem Weibe vor der Hütte und nahm Abschied von der alten Hekt, die ihm bei ihrer Heimkehr aus Theben begegnet war. »Ihr seid lange geblieben,« rief Uarda, als ihre Großeltern endlich vor ihr standen, »ich habe mich so geängstigt.« »Der Arzt war ja bei Dir,« sagte die Alte und ging in die Hütte, um ein einfaches Mahl zu rüsten, während der Paraschit neben seiner Enkelin niederkniete und sie innig, aber doch so achtungsvoll, als sei er nicht ihr naher Blutsverwandter, sondern nur ihr treuer Diener, liebkoste. Dann stand er auf und reichte Nebsecht, dessen Glieder vor Erregung bebten, die Tasche von grobem Linnen, die er an einem schmalen Tragbande mit sich zu führen pflegte. »Da drinnen liegt das Herz,« flüsterte er dem Arzte zu, »nimm es heraus und gib mir den Sack zurück, denn meine Messer liegen noch darin und ich brauche ihn.« Nebsecht nahm mit zitternden Fingern das Herz aus dem Beutel, entfernte einige Büchsen ans seinem Arzneikasten und legte es sorgfältig hinein, griff dann in seine Brusttasche, näherte sich dem Paraschiten und flüsterte ihm zu: »Da nimm die Verschreibung, hänge sie an Deinen Hals und wenn Du stirbst, so laß ich Dir wie einem Großen ein Buch vom Hinaustreten in den Tag S. Anmerkung 102 . in die Binden wickeln. Aber damit ist es nicht genug. Das Vermögen, das ich ererbte, verzinst mir mein geschäftskundiger Bruder und seit zehn Jahren rührte ich nicht an den Einkünften. Die werd' ich Dir senden und Du sollst mit Deiner Frau ein sorgloses Alter genießen.« Der Paraschit hatte das Säckchen mit dem Papyrusstreifen in Empfang genommen und dem Arzte bis an's Ende zugehört. Jetzt wandte er sich von ihm ab, indem er gelassen, aber entschieden sagte: »Behalte Dein Geld, wir sind quitt. Das heißt,« fügte er bitter hinzu, »wenn das Mädchen gesund wird.« »Sie ist halb genesen,« stotterte der Arzt. »Warum willst – willst Du aber mein Geschenk . . .« »Weil ich bis heute niemals geborgt oder gebettelt habe,« unterbrach ihn der Paraschit, »und in meinem Greisenalter nicht damit anfangen möchte. Leben gegen Leben; aber das, was ich heute gethan, das könnte selbst Ramses mit all' seinen Schätzen nicht zahlen!« Nebsecht schaute zu Boden und wußte dem Greise nichts zu erwiedern. Jetzt erschien die Alte, setzte eine Schüssel mit gekochten Linsen, die sie rasch gewärmt hatte, Rettige und Zwiebeln Die »Zukost« bei ägyptischen Mahlzeiten. Rettig, Zwiebel und Knoblauch finden sich häufig auf den Denkmälern. Beim Bau der Cheopspyramide sollen davon nach Herodot II. 125 für 1600 Talente, das sind 2,400,000 Thaler aufgegessen worden sein. vor die Männer nieder, führte Uarda, die nicht mehr getragen zu werden wünschte, in die Hütte und forderte den Arzt auf, an ihrem Mahle Theil zu nehmen. Nebsecht folgte ihrer Einladung, denn er hatte seit dem gestrigen Abend keinen Bissen genossen. Nachdem die Alte wiederum in der Hütte verschwunden war, fragte er den Paraschiten: »Wessen Herz brachtest Du mir und wie ist es in Deine Hände gekommen?« »Erst sage mir,« entgegnete der Alte, »warum Du mir eine so schwere Sünde zu begehen auferlegtest?« »Weil ich mich von der Beschaffenheit des menschlichen Herzens überzeugen will,« gab Nebsecht zurück, »damit ich, wenn mir kranke Herzen begegnen, sie heilen kann.« Der Paraschit blickte einige Zeit lang schweigend zu Boden und fragte dann: »Sprichst Du die Wahrheit?« »Ja,« antwortete der Arzt mit überzeugender Bestimmtheit. »Das freut mich,« sagte der Alte, »denn Du leihst auch den Armen Deine Hülfe.« »So gern wie den Reichen! Nun aber sage, wem nahmst Du das Herz?« »Ich kam in das Haus der Balsamirer,« begann der Greis, nachdem er einige große Feuersteine vor sich hingelegt hatte, um ihnen durch kunstgerechtes Behauen die Gestalt von Messern zu geben. »Ich kam also in das Haus der Balsamirer und fand da drei Leichen, in die ich mit meinem Steinmesser die acht vorgeschriebenen Einschnitte zu machen hatte. Wenn die Todten so daliegen, unbekleidet, auf der Holzbank, dann sehen sie einander alle gleich und der Bettler hält mir so still wie der leibliche Sohn eines Königs. »Aber ich wußte wohl, wer da vor mir lag. Der starke, alte Körper in der Mitte des Tisches gehörte dem verstorbenen Propheten des Hatasutempels an, abseits dicht neben einander ruhte ein Steinmetz aus der Nekropole und eine an Lungensucht verstorbene Dirne aus dem Fremdenviertel, zwei elende, abgezehrte Gestalten. Den Propheten hatte ich wohl gekannt, denn hundertmal war er mir in seiner goldenen Sänfte begegnet, und sie nannten ihn immer den reichen Rui. Ich that meine Pflicht an den Dreien, man vertrieb mich mit den üblichen Steinwürfen und ich ordnete dann mit den Gefährten ihre inneren Theile. Die des Propheten sollten später in schönen Kanopen S. Anmerkung 100 . von Alabaster verwahrt, die des Steinmetzen und der Dirne in ihre Körper zurückgelegt werden. Nun fragte ich mich: Wem thu' ich das Leid und nehm' ihm sein Herz? Ich ging zu den Armen und näherte mich rasch der sündigen Dirne. Da hört' ich die Stimme eines Dämon, der meinem eigenen Herzen zurief: Das Mädchen war arm, verachtet und elend wie Du, so lange sie wandelte auf dem Rücken des Seb; Die Erde. Plutarch nennt Seb, der auf den Denkmälern oft »der Vater der Götter« heißt, Kronos. Er ist der Gott der Zeit, und da die Aegypter die Materie für ewig hielten, so ist es nicht zufällig, daß bei der hieroglyphischen Schreibung für Ewigkeit das die Erde darstellende Zeichen benutzt ward. vielleicht wird sie Billigung finden und Freude in jener Welt, wenn Du sie ihr nicht freventlich raubst! Und als ich auf des Steinmetzen magern Leib und seine Hände schaute, die schwieliger waren als meine, da flüsterte mir der Dämon das Gleiche zu. Nun stellt' ich mich vor den fleischigen Leib des am Schlagfluß verstorbenen Propheten Rui und ich dachte an die Ehren und den Reichthum, die er auf Erden genossen, und daß er doch wenigstens einmal viel Glück und Freuden erfahren. Da faßt' ich, sobald ich allein war, schnell in den Beutel und vertauschte das Hammelherz mit dem seinen. »Vielleicht bin ich doppelt schuldig, weil ich solches verruchte Spiel mit dem Herzen eines Propheten getrieben; aber sie werden des reichen Rui Leiche mit hundert Amuleten behängen, Scarabäen Nachbildungen des heiligen Scarabäuskäfers aus verschiedenem Material wurden an Stelle des Herzens in die Mumie gesteckt. Auf größeren Exemplaren finden sich oft das 26.–30. und 64. Kapitel des Todtenbuchs, welche vom Herzen handeln. an Stelle seines Herzens stecken und ihn mit heiligem Oel und guten Schriften vor allen Feinden auf den Pfaden der Amenti schützen, während den Armen Niemand hülfreiche Talisman weihen wird. Und dann! Du hast mir's geschworen, in jener Welt, in der Halle des Gerichts, meine Schuld auf Dich zu nehmen.« Nebsecht reichte dem Alten die Hand und sagte: »Das that ich, und ich würde wie Du gewählt haben. Nimm nun dieses Wasser, theil' es in vier Theile und reiche Uarda je einen von ihnen vier Abende hinter einander. In den medizinischen Papyrus sehr häufige Vorschrift. Beginne gleich heute; schon übermorgen, denk' ich, wird sie gesund sein. Ich komme bald wieder und sehe nach ihr. Jetzt gehe zur Ruhe und gönn' wir hier draußen ein Plätzchen. Eh' der Isisstern erloschen ist, brech' ich auf, denn sie erwarten mich schon lange im Setihause.« Als der Paraschit am folgenden Morgen in's Freie trat, war der Arzt verschwunden, aber ein bei der Feuerstelle liegendes Tuch mit einem großen Blutflecke lehrte den Alten, daß der ungeduldige Nebsecht in der vergangenen Nacht das Herz des Propheten untersucht und wahrscheinlich zerschnitten habe. Grausen erfaßte ihn und mit schwerer Seelenangst warf er sich auf die Kniee, als der Sonnengott in seiner goldenen Barke am Himmel erschien, und betete inbrünstig erst für Uarda und dann für das Heil seiner gefährdeten Seele. Ermuthigt stand er auf, überzeugte sich, daß seiner Enkelin Genesung fortschreite, sagte den Frauen Lebewohl, steckte seine Feuersteinmesser und seinen Bronzehaken Mit einem Haken ward nach Herodot II. 87 den Leichen das Hirn aus der Nase gezogen. Czermak fand bei der Analyse zweier prager Mumien das Siebbein zerstoßen. zu sich und ging in das Haus der Balsamirer, um dort seine traurige Arbeit zu verrichten. Die Gebäudegruppe, in welcher ein großer Theil der Bewohner von Theben die Mumisirung empfing, lag auf nacktem Wüstenboden weit von seiner Hütte entfernt südlich vom Setihause am Fuße des Gebirges, und bildete für sich einen ziemlich ausgedehnten, von einer rohen Mauer aus getrockneten Nilziegeln umgebenen Flecken. Durch das dem Nile zugekehrte Hauptthor wurden die Leichen den Kolchyten S. Anmerkung 148 . Die ganze Zunft der Balsamirer. zugeführt, während die Priester Paraschiten, Taricheuten , Weber und Handlanger, welche hier ihr Tagewerk zu verrichten hatten, sowie unzählige Wasserträger, die mit Schläuchen beladen vom Nile herkamen, durch eine Nebenpforte Eingang in die Anlage fanden. Am äußersten Nordende derselben erhob sich mit einer eigenen Thür ein stattliches Gebäude von Holz, in dem die Bestellungen der Leibtragenden, oft aber auch von frisch im Leben stehenden Menschen angenommen wurden, die zeitig auf eine ihnen zusagende Bestattung bedacht waren. Nach den bekannten Stellen bei Herodot II. 85–90 und Diodor I. 91, welche durch einige Manuskripte aus dem alten Aegypten die wichtigsten Ergänzungen erfahren; namentlich durch den von Mariette publizirten Papyrus 1II. aus Bulaq und den Papyrus 5158 des Louvre. Vorzüglich behandelt in Maspero, mémoires sur quelques papyrus du louvre, II. Le rituel de l'embaumement . – Aus diesem Balsamirungsritual lernen wir viel bis dahin unbekanntes Einzelnes über die Mumisirung und die bei ihr beobachteten Gebräuche. Lehrreich sind auch die bilinguen Papyrus Rhind und andere funeräre Texte. Wie wunderbar selbst die zartesten Gewebe des menschlichen Körpers durch die Balsamirung erhalten wurden, lehrt Ezermal's physiologische Untersuchung zweier prager Mumien. Der Zudrang zu diesem Hause war ziemlich stark. Gegenwärtig bewegten sich in seinen Räumen an fünfzig Männer und Frauen von verschiedenen Ständen und nicht nur aus Theben, sondern aus vielen kleineren Städten Oberägyptens, um Einkäufe zu machen oder den Beamten, welche hier thätig waren, Aufträge zu ertheilen. Der Todtenbazar war reich genug ausgestattet, denn Särge in allen Formen von der einfachen Kiste bis zu dem reich vergoldeten und bemalten Kasten in Mumienform standen aufgerichtet an den Wänden. In Holzregalen lagen zahllose Rollen von gröberer und feinerer Leinwand, mit denen die Glieder der Mumien umwunden und welche unter dem Schutze der der Weberei vorgehenden Göttinnen Neith, Isis und Nephthys von den Leuten des Balsamirungshauses verfertigt oder aus der Ferne, namentlich von Sais, verschrieben worden waren. Den Besuchern der Modellräume stand unter den Särgen und Binden die Wahl frei, ebenso wie unter den Halsbändern, Scarabäen, Säulchen, Uzaaugen, Schleifen, Kopfstützen, Dreiecken, Winkeln, gespaltenen Ringen, Stableitern und anderen symbolischen Figuren, Lauter Amulete, welche in großer Zahl an den Mumien angetroffen werden und die man in allen ägyptischen Museen finden kann. Wir kennen die oft sehr wunderliche Bedeutung der meisten, denn fast einem jeden ist ein Kapitel des Todtenbuchs gewidmet. die man den Todten als heilige Amulete an den Leib zu befestigen oder in die Binden zu wickeln pflegte. Zahlreich waren die Stempel von gebranntem Thon , welche in die Erde vergraben wurden, um bei etwaigen Grenzstreitigkeiten anzuzeigen, wie weit das Gebiet eines Erbbegräbnisses reiche, die Götterfigürchen, die man in den Sand legte, um ihn, der dem Seth-Typhon angehörte, zu reinigen und zu heiligen, Oft in erstaunlichen Mengen, namentlich bei den Ausgrabungen des Herrn Mariette im Sande gefunden. sowie die Schebti genannten Statuetten, welche man zu mehreren in kleinen Kasten oder einzeln in das Grab zu stellen pflegte, und von denen man erwartete, daß sie mit der Hacke, dem Pfluge und Saatbeutel, die man an ihren Schultern anbrachte, den Verstorbenen bei ihren Arbeiten in den Gefilden der Seligen behülflich sein sollten. S. Anmerkung 15 . Die Wittwe und der Haushofmeister des verstorbenen reichen Propheten des Hatasutempels Rui und ein sie begleitender vornehmer Priester unterhielten sich lebhaft mit den Beamten des Balsamirungshauses und wählten die kostbarsten unter den vorhandenen Sargmodellen (die Mumie in Papiermachébekleidung sollte in eine Holzkiste und diese in einen Steinsarkophag gelegt werden), die feinste Leinwand und Amulete von Malachit und Lapis lazuli , Blutjaspis, Karneol und grünem Feldspath, Der sogenannte Viktoriastein, der sich nur fern von Aegypten findet und dessen frühes Vorkommen beweist, wie weit die Handelswege reichten, welche schon in der ältesten Zeit die Völker verbanden. sowie schöne Alabasterkanopen für den jüngst Dahingegangenen aus. Sie schrieben auf eine bereitliegende Wachstafel den Namen des Verstorbenen, seiner Eltern, seiner Gattin und Kinder sammt all' seinen Titeln und ordneten an, welche Texte auf seinen Sarg, welche auf die ihm mitzugebende Papyrusrolle geschrieben und auf seinen Namen ausgestellt werden sollten. Ueber die an den Gruftwänden, dem Sockel der im Grabe aufzustellenden Statue und die Fläche der daselbst zu errichtenden Todtenstele anzubringenden Inschrift sollte noch Näheres mitgeheilt werden; einem Priester des Setihauses sollte sie zu schreiben und das Verzeichniß der reichen von den Hinterbliebenen zu stiftenden Todtenopfer abzufassen übertragen werden; letzteres erst später, wenn man nach der Erbtheilung die Größe des hinterlassen Vermögens übersehen konnte. Die bloße Mumisirung mit den feinsten Oelen und Essenzen, Binden, Amuleten und Särgen kostete ohne den Steinsarkophag eine Last Silber. Nach Diodor I. 91 kostete eine Balsamirung erster Klasse ein Talent Silber oder 1500 Thaler, zweiter Klasse zwanzig Minen oder etwa 400 Thaler. Die Wittwe trug ein langes Trauergewand, ihre Stirn war mit Nilschlamm leicht bestrichen und mitten während ihres Feilschens mit dem Beamten des Balsamirungshauses, dessen Preise sie ungeheuer und räuberisch schalt, brach sie von Zeit zu Zeit, denn das verlangte die Sitte, in ein lautes Klagegeschrei aus. Bescheidenere Bürger wurden schneller mit ihren Bestellungen fertig, doch war es nichts Ungewöhnliches, daß sie für die Mumisirung eines Familienhauptes, des Vaters oder der Mutter, die Einkünfte eines ganzen Jahres opferten. Die Mumisirung der Armen war billig und die der Aermsten hatten die Kolchyten als Abgabe an den König, dem sie auch Leinwand aus ihren Webereien zu steuern verpflichtet waren, zu besorgen. Dieses Geschäftslokal des Mumisirungshauses war sorgfältig getrennt von den übrigen Theilen der Anlage, zu denen Nichtbetheiligten der Zutritt auf's Strengste untersagt war. Die Kolchyten bildeten eine fest geschlossene Zunft, der einige Priester, aus deren Mitte der Leiter der viele Tausende zählenden Genossenschaft gewählt wurde, vorstanden. Diese Letzteren waren wohl angesehen, auch die mit dem eigentlichen Balsamirungswerke betrauten Taricheuten durften sich unter den anderen Bürgern sehen lassen, obgleich man ihnen in Theben immerhin mit einiger Scheu aus dem Wege ging; nur die Paraschiten, denen das Oeffnen der Leichen oblag, belastete der volle Fluch der Unreinheit. Freilich war die Stätte der Thätigkeit dieser Leute unheimlich genug. Der steinerne Saal, in dem man die Körper öffnete, und die Hallen, in denen sie gesalbt wurden, waren verbunden mit mancherlei Präparirräumen, Laboratorien und Niederlagen von Droguen jeder Art. In einem nur von einem Schirmdach aus Palmenzweigen vor den Sonnenstrahlen geschützten Hofe befand sich ein großes ausgemauertes Bassin mit einer Natronlösung, in der die Körper gesalzen wurden; in einem steinernen Tunnel trocknete man sie in künstlich erzeugter heißer Zugluft. Die Webereien wie die Werkstätten der Sargtischler und Lackirer lagen in zahlreichen kleinen Holzhäusern in der Nähe der Modellräume, weit abgelegen von den letzteren aber das allergrößte unter den zahlreichen Gebäuden dieser Anlage, das zwar niedrige, doch unabsehbar lange, massive und fest bedachte Steinhaus, in welchem die fertig präparirten Körper mit den Binden umwickelt, mit Amuleten ausgeschmückt und für den Weg in die andere Welt fertig gemacht wurden. Was im Innern dieses Gebäudes, in welches die Laien, aber immer nur auf kurze Minuten, eingelassen wurden, vorging, war im höchsten Grade befremdlich, denn hier schienen sich die Götter selbst an den irdischen Leibern thätig zu erweisen. Aus den der Straße zugewandten Fensteröffnungen schollen Tag und Nacht Recitationen, Hymnen und Klagerufe. Die hier beschäftigten priesterlichen Beamten trugen die Masken der Götter der Unterwelt. Darauf schien schon Vieles in mancherlei Darstellungen zu deuten und wir haben es neu bestätigt gefunden durch den Papyrus 1II. des Museums von Bulaq. Die Fabrikation von Masken aus Papiermaché war den Aegyptern schon früh bekannt. Am Kopfende von vielen Mumienkästen findet sich die Maske des Verstorbenen in Cartonnage. Vielfach vertreten war ein Anubis mit dem Kopfe eines Schakals, den Knaben mit den Gesichtern der sogenannten Horuskinder bei seiner Arbeit unterstützten. Zu Häupten und Füßen jeder Mumie stand oder hockte je ein Klageweib, dieses mit dem Embleme der Göttin Nephthys, jenes mit dem der Isis auf dem Haupte. Jedes einzelne Glied des Verstorbenen wurde mit Hülfe von heiligen Oelen, Amuleten und Sprüchen einer bestimmten Gottheit zugeschrieben. Für die Umhüllung jeder Muskel war ein besonders zubereitetes Zeugstück bestimmt, jede Drogue und jede Binde sollte einer Gottheit ihren Ursprung verdanken und das Durcheinander der Gesänge, der verkleideten Gestalten und verschiedenartigen Wohlgerüche an dieser Stelle wirkte betäubend auf die Sinne der Besucher dieses Raumes. Es versteht sich von selbst, daß die gesammte Balsamirungsstätte und ihre Nachbarschaft im weitesten Kreise von kräftigen Harzgerüchen, süßen Rosenöl-, unvertilgbaren Moschus- und scharfen Spezereidüften umhüllt ward. Wenn der Wind von Südwesten her wehte, so führte er sie zu Zeiten über den Nil nach Theben hinüber, und das ward für ein übles Vorzeichen angesehen, und mit Recht, denn von Südwesten her wehte der die Thatkraft der Menschen lähmende und die Karawanen gefährdende Wüstenwind. Im Hofe vor dem Modellhause standen mehrere Gruppen von Bürgern aus Theben, um einzelne Personen geschaart, denen sie ihr Beileid aussprachen. Ein neuer Ankömmling, der Vorsteher der Schlachtopfer des Amonstempels, der Vielen bekannt zu sein schien und mit Ehrerbietung begrüßt ward, berichtete, eh' er der Wittwe des Propheten Rui sein Beileid bezeugte, ganz erfüllt von der Furchtbarkeit des Geschehenen, daß ein Unheil bedeutendes Zeichen sich drüben in Theben an keiner geringern Stätte, als in dem Tempel des Königs der Götter selbst, ereignet habe. Viele neugierige Lauscher umstanden ihn, als er erzählte, daß der Statthalter Ani in der Freude über den Sieg seiner nach Aethiopien ansgesandten Truppen unter die Garnison von Theben und auch unter die Wachtmannschaften des Amonstempels Wein in Fülle habe vertheilen lassen und daß, während die Leute geschmaust hätten, Wölfe Die Wölfe gehörten zu den heiligen Thieren und wurden zu Lykopolis (Wolfsstadt), dem heutigen Siut, verehrt und begraben. Wolfsmumien sind dort gefunden worden. Nach Herodot II. 67 begrub man die Wölfe, wo man sie todt fand. Der zu den heiligen Thieren gezählte Wolf ist der heute noch in Aegypten vorkommende canis lupaster . Außer diesem gibt es noch drei Arten von wilden Hunden, den Schakal, Fuchs und Fenek, canis cerda . in den Stall der heiligen Widder des Gottes gebrochen wären. Einige waren dem Tode entgangen; den herrlichen Widder aber, welchen Ramses selbst aus Mendes In Mendes wurden die Widder besonders verehrt. Unweit von Mansura im Delta sind die Trümmer der alten Stadt wieder aufgefunden worden, und Brugsch hat dort entdeckte Inschriften veröffentlicht, welche ausführliche Mittheilungen über den Widderkultus enthalten und einige Nachrichten über denselben bei den Alten bestätigen und in ein neues Licht setzen. zum Geschenk gesandt hatte, als er in den Krieg zog, das edle Thier, welches Amon zur Wohnung seiner Seele auserwählt hatte, Die Widder heißen wie die Seele »Ba«, und die heiligen Exemplare unter ihnen hielt man für irdische Erscheinungsformen der Seele des Ra. war zerrissen von den Soldaten, die die Stadt sogleich mit der Trauerkunde erschreckten, vorgefunden worden. In derselben Stunde war aus Memphis die Kunde eingetroffen, daß der heilige Apisstier gestorben sei. Die um den Vorsteher der Schlachtopfer versammelten Leute erhoben sofort ein weithin tönendes Klagegeschrei, in welches dieser selbst und die Wittwe des Propheten Rui lebhaft einstimmten. Aus dem Modellhause traten die Verkäufer und Beamten, aus den Munisirungshallen die Taricheuten, Paraschiten und Handlanger, aus den Webereien die Arbeiter und Arbeiterinnen mit ihren Vorstehern hervor und alle betheiligten sich, sobald sie erfahren hatten, was sich ereignet habe, an der Klage, schrieen und heulten, bestreuten ihr Haar und bestrichen ihre Stirnen mit Staub. Der Lärm war wild und sinnverwirrend. Als seine Heftigkeit nachließ und die Klagenden wieder an ihr Geschäft gingen, konnte man deutlich den vom lebhaften Ostwinde hieher getragenen Jammer der Nekropolenbewohner, vielleicht sogar der Bürger von Theben vernehmen. »Ueble Nachrichten,« sagte der Vorsteher der Schlachtopfer, »vom Könige und dem Heere werden nun nicht auf sich warten lassen; der Tod des Widders, den wir mit seinem Namen belegten, wird von Ramses noch tiefer beklagt werden, als der Hingang des Apis. Ein böses, böses Zeichen!« »Mein verstorbener Gatte, der Osiris Rui,« sagte die Wittwe, »hat das Alles vorhergesehen. Wenn ich nur sprechen dürfte, so könnt' ich Manches verkünden, was Vielen nicht lieb sein möchte.« Der Vorsteher der Schlachtopfer lächelte, denn er wußte, daß der Prophet des Hatasutempels dem alten Königshause angehangen hatte, und gab zurück: »Die Sonne Ramses kann wohl von Wolken verdeckt werden, aber ihren Untergang werden weder Diejenigen erleben, welche ihn fürchten, noch Diejenigen, welche ihn herbeiwünschen.« Der Priester grüßte kühl und betrat das Haus der Weber, in dem er zu thun hatte, und die Wittwe bestieg ihre an der Pforte harrende Sänfte. Der alte Paraschit Pinem hatte mit seinen Genossen den Tod der heiligen Thiere beklagt und saß jetzt in dem Sektionssaale auf dem harten Estrich, um einen Imbiß zu sich zu nehmen, denn es war Mittag geworden. Das steinerne Gemach, worin er seine Mahlzeit verzehrte, war schlecht beleuchtet; es empfing sein Licht durch eine kleine Oeffnung im Dache, über welcher die Mittagssonne senkrecht stand und ein Bündel von glänzenden Strahlen, in denen wirbelnde Stäubchen ihr Spiel trieben, durch den dämmerigen Raum auf das graue Steinpflaster herniederschoß. An allen Wänden lehnten Mumienkästen und auf glatt polirten Tischen lagen mit groben Tüchern bedeckte Körper. Ueber den Estrich huschte dann und wann eine Ratte und aus den breiten Fugen der Steinplatten, die den Boden bedeckten, krochen träge Skorpione hervor. Der alte Paraschit war längst abgestumpft gegen die Schauer, welche diese Stätte umgaben. Er hatte ein grobes Tüchlein vor sich hingebreitet und legte die Speisen, die ihm seine Frau in den Vorrathsbeutel gesteckt hatte, bedächtig nieder; erst einen halben Brodkuchen, dann ein wenig Salz, und dann einen Rettig. Aber das Säckchen war noch nicht leer. Er griff hinein und fand ein in zwei Kohlblätter gewickeltes Stück Fleisch. Die alte Hekt hatte für Uarda einen Gazellenschinken aus Theben mitgebracht und er sah nun, daß die Weiber ihm ein Stück davon zu seiner Kräftigung in den Beutel gesteckt hatten. Mit Rührung blickte er auf diese Gabe; aber er getraute sich nicht sie anzugreifen, denn es war ihm, als würde er dadurch die Kranke berauben. Während er das Brod und den Rettig verzehrte, betrachtete er das Fleischstück wie ein kostbares Kleinod, und als eine Fliege sich darauf zu setzen wagte, zerschlug er sie mit Entrüstung. Endlich kostete er das Fleisch und gedachte an manchen früheren Mittag und wie oft er in seiner Vorrathstasche eine Blume gefunden, die Uarda, um ihn zu erfreuen, zu dem Brode gelegt hatte. Seine guten alten Augen füllten sich mit Thränen und sein ganzes Herz war voll von Dank für so viel Liebe. Er richtete seine Blicke aufwärts und dabei fielen sie auf den Leichentisch und er fragte sich, wie das gewesen wäre, wenn statt des seines Herzens beraubten Propheten, die Sonne seines Alters, seine Enkelin, dort bewegungslos läge. Ein kalter Schauer überrieselte ihn und er meinte, daß er den rettenden Arzt auch um den Preis seines eigenen Herzens nicht zu theuer bezahlt haben würde. Und doch! Er hatte in seinem langen Leben so viel Leid und Schmach erfahren, daß er die Hoffnung auf ein besseres Loos im Jenseits nicht aufzugeben vermochte. Darum ergriff er den ihm von Nebsecht ausgestellten Schein, hielt ihn mit beiden Händen in die Höhe, als wollte er ihn den Himmlischen zeigen, und betete zu den Göttern der Unterwelt und besonders zu den Richtern in der Halle der Wahrheit und Gerechtigkeit, daß sie ihm nicht anrechnen sollten, was er für Andere und nicht für sich selber verbrochen, und daß sie dem seines Herzens beraubten Rui die Rechtfertigung nicht versagen möchten. Während sich so seine Seele in Andacht erhob, wurde es vor der Thür des Sektionshauses lebendig. Es war ihm, als höre er seinen Namen aussprechen, und kaum hatte er sich lauschend erhoben, als ein Taricheut zu ihm eintrat und ihm befahl, ihm zu folgen. Vor den von harzigen Düften und Wohlgerüchen ganz erfüllten Sälen, in denen die Arbeit der eigentlichen Balsamirung verrichtet wurde, standen viele Taricheuten und beschauten einen in einer Alabasterschale ruhenden Gegenstand. Dem Alten erbebten die Kniee, als er in diesen das Thierherz erkannte, welches er zu den inneren Organen des Propheten Rui gelegt hatte. Der oberste Taricheut fragte ihn, ob er den verstorbenen Propheten geöffnet habe. Pinem stammelte eine bejahende Antwort. Ob dieß das Herz desselben sei? Der Alte nickte bestätigend. Die Taricheuten beachteten ihn nicht weiter, flüsterten untereinander, einer von ihnen entfernte sich und kehrte bald mit dem Vorsteher der Schlachtopfer aus dem Amonstempel in Theben, den er noch im Hause der Weber gefunden hatte, und dem obersten aller Kolchyten zurück. »Zeigt mir das Herz,« sagte der Vorsteher der Schlachtopfer, indem er sich den Taricheuten näherte; »im Dunkeln kann ich entscheiden, ob ihr recht gesehen. Hundert Thierherzen prüfe ich täglich. Gebt her! – Bei allen Göttern der Höhe und Tiefe, dieß ist das Herz eines Widders!« »Und in Rui's Brust ward es gefunden,« betheuerte der Taricheut entschieden. »Gestern ward er von diesem alten Paraschiten in unserer Gegenwart geöffnet.« »Wunderbar,« sagte der Amonspriester, »und unglaublich. Aber vielleicht ist doch nur eine Verwechselung vor sich gegangen. Habt ihr etwa hier oben geschlachtet und . . .« »Wir reinigen uns,« unterbrach der oberste Kolchyt den Opferpriester, »für das Fest des Thales und seit zehn Tagen hat bei uns kein Thier zur Speise getödtet werden dürfen; auch liegen die Ställe und Schlachthöfe weit von hier jenseits der Webereien.« »Seltsam!« wiederholte der Priester. »Verwahr' dieß Herz auf's Sorgsamste, Kolchyt, oder besser, laß es in eine Kapsel thun. Wir wollen es zum ersten Propheten des Amon hinüber bringen. Es scheint, als sei hier ein Wunder geschehen.« »Das Herz gehört in die Nekropole,« erwiederte der oberste Kolchyt, »und darum wäre es schicklicher, wenn wir es dem ersten Propheten des Setihauses, dem großen Ameni, brächten.« »Du hast hier zu gebieten,« gab der Andere zurück. »Laß uns denn aufbrechen!« Wenige Minuten später wurden der Opferpriester und der oberste Kolchyt in ihren Sänften thalabwärts getragen. Ihnen folgte ein Taricheut, welcher auf einem zwischen zwei Eseln befestigten Stuhle saß und ein Kästchen von Elfenbein, in dem das Hammelherz ruhte, behutsam in seinen Armen hielt. Der alte Paraschit Pinem sah die Priester hinter einem Tamariskengebüsch verschwinden. Am liebsten wäre er ihnen nachgeeilt und hätte ihnen Alles bekannt. Sein Gewissen quälte ihn mit marternden Vorwürfen, schalt ihn einen Betrüger, und wenn sein langsamer Geist ihm auch nicht zu überblicken gestattete, welche Folgen seine That nach sich ziehen könne, so ahnte ihm doch, daß er eine Saat gestreut habe, aus der Täuschungen jeder Art erwachsen müßten. Es war ihm, als sei er der Sünde und Lüge ganz verfallen und als wende ihm die Göttin der Wahrheit, der er sein Lebenlang redlich gedient, vorwurfsvoll den Rücken. Niemals konnte er nach dem Geschehenen hoffen, als ein »die Wahrheit Redender« Anmerkung 105 . von den Todtenrichtern selig gesprochen zu werden. Verloren, verscherzt war das Ziel eines langen an Entsagungen und Gebeten reichen Lebens! Seine Seele weinte blutige Thränen, vor seinen Ohren hörte er ein heftiges Sausen, das seinen Geist trübte, und als er wieder an seine Arbeit gehen und einer Leiche die Fußsohlen ablösen wollte, Bei seiner Untersuchung zweier prager Mumien entdeckte J. Czermak, daß man der einen die Sohle abgelöst und in die Brust gesteckt habe. Das 125. Kapitel des Todtenbuchs enthält eine Stelle, aus der sich entnehmen läßt, daß dieß geschehen sei, damit der Fuß der vor Osiris Geladenen den geweihten Boden der Halle des Gerichts nicht verunreinige. Die schon oben erwähnte Czermak'sche Arbeit findet sich in den Sitzungsberichten der k. k. Akademie der Wissenschaften zu Wien, math.-naturw. Klasse. 1852. zitterten seine Hände so heftig, daß er das Messer nicht zu gebrauchen vermochte. Achtes Kapitel. Die Nachricht von dem Ende des heiligen Widders des Amon zu Theben und dem Tode des Apisstieres von Memphis war auch in das Setihaus gelangt und dort mit Klagen empfangen worden, in welche alle seine Bewohner, von dem ersten Horoskopen bis zu dem kleinsten Knaben in der untersten Schulklasse, einstimmten. Der Leiter der Anstalt, Ameni, befand sich seit drei Tagen in Theben und ward erst heute zurückerwartet. Mit Erregung und Besorgniß wurde seiner Heimkehr von Vielen entgegengesehen. Der erste der Horoskopen brannte darauf, ihm die eingefangenen Schüler zur Bestrafung zu überweisen und Pentaur und Bent-Anat bei ihm anzuklagen; die Eingeweihten wußten, daß wichtige Verhandlungen am jenseitigen Nilufer gepflogen worden wären, und die ausgebrochenen Zöglinge, daß nun strenges Gericht über sie gehalten werden würde. Die aufrührerische Schaar war bei Wasser und Brod in einen offenen Hof eingeschlossen worden und hatte, da der gewöhnliche Gefängnißraum der Anstalt für sie alle zu klein war, zwei Nächte lang in einem Speicher auf dünnen Strohmatten schlafen müssen. Die jungen Gemüther waren auf's Höchste erregt, aber das, was in ihnen vorging, äußerte sich in gar verschiedener Weise. Bent-Anat's Bruder, der Ramsessohn Rameri, hatte die gleiche Behandlung erfahren wie seine Genossen, die gestern noch mit ihm allerlei Kurzweil getrieben und sich dabei weit übermütiger als gewöhnlich gezeigt hatten, heute aber die Köpfe hängen ließen. In einer Ecke des Hofes saß der junge Anana, Pentaur's Lieblingsschüler, und verbarg sein Gesicht in seinen auf seinen Knieen ruhenden Händen. Rameri schritt auf ihn zu, berührte seine Schulter und sagte: »Wir haben den Streich nun einmal begangen und müssen wohl oder übel seine Folgen tragen. Aber schämst Du Dich nicht, Alter, Deine Augen sind naß und die Tropfen hier auf Deinen Händen kommen auch nicht aus den Wolken. Das will ein Siebzehnjähriger und in wenigen Monaten ein Schreiber und fertiger Mann sein!« Anana blickte zu dem Königssohn auf, trocknete schnell seine Augen und sagte: »Ich war euer Anführer. Ameni wird mich aus der Anstalt weisen und mit Schande muß ich zu meiner armen Mutter zurückkehren, die nichts auf der Welt hat wie mich.« »Armer Kerl,« sagte Rameri weich. »Es ist auch zum Dreinschlagen! Und wenn unser Streich nur wenigstens dem Pentaur genützt hätte!« »Geschadet haben wir ihm,« gab Anana lebhaft zurück, »und wie die Unsinnigen gehandelt.« Rameri nickte zustimmend, schaute eine Minute nachdenklich vor sich hin und sagte dann: »Weißt Du, Anana, daß Du gar nicht unser Anführer gewesen bist? In diesem Kopfe hier ist der närrische Streich, den ihr mir nur auszuführen halft, geplant worden, und ich nehme darum Alles auf meine Schultern. Ich bin der Sohn des Ramses und Ameni faßt mich weicher an als euch!« »Er wird uns verhören,« sagte Anana, »und lieber laß ich mich strafen, als daß ich lüge.« Rameri erröthete und rief: »Und hast Du meine Zunge jemals gegen die lichte Tochter des Ra sündigen sehen? Aber he da! Antef, Hapi, Sent und ihr anderen Alle! gebt Antwort; Hab' ich euch aufgehetzt oder nicht? Wer anders als ich hat euch gerathen, Pentaur aufzusuchen? Hab' ich gedroht, meinen Vater zu bitten, mich aus dem Setihause zu nehmen oder nicht? Hab' ich euch angefeuert, das Gleiche zu thun? Ja oder nein? Da habt ihr's, da hast Du's, Anana! Ich bin der Anstifter dieses Streiches, ich bin der Rädelsführer, und wenn wir gefragt werden, so laßt mich zuerst reden. Keiner nennt Anana's Namen, hört ihr, Keiner, und wenn sie euch mit Stöcken schlagen und wenn sie uns die Nahrung entziehen, wir bleiben dabei, daß ich an dem ganzen Unheil Schuld sei!« »Braver Junge,« sagte der Sohn des ersten Propheten des Amon von Theben und drückte Rameri die Rechte, während Anana ihm die Linke schüttelte. Der Prinz befreite sich lachend ans den Freundeshänden und rief: »Nun mag der Alte heimkommen, denn wir sind gerüstet. Aber es bleibt dabei, ich bitte den Vater, so wahr ich Rameri heiße, daß er mich nach Chennu schickt, wenn sie Pentaur nicht zurückrufen.« »Er hat uns wie Schulbuben behandelt,« sagte der größte unter den jungen Uebelthätern. »Und mit Recht,« entgegnete Rameri. »Ich achte ihn deßwegen nur um so höher. Ihr denkt, ich sei ein leichtsinniger Bursch; aber ich habe meine eigenen Gedanken, und will euch meine Weisheit künden.« Bei diesen Worten schaute er seine Genossen mit komischem Ernste an und fuhr fort, indem er Ameni's Stimme nachahmte: »Der größere Mensch unterscheidet sich dadurch vom kleineren, daß er das, was seiner Eitelkeit schmeichelt und ihm für den Augenblick wünschenswerth, ja auch nützlich erscheint, verachtet und unberücksichtigt läßt, wenn es sich mit Gesetzen, die er anerkennt, und mit größeren Zielen, die er sich vorsteckte und die vielleicht erst nach seinem Tode zur Ausführung kommen können, nicht verträgt. – Solches habe ich theils aus dem Munde meines Vaters vernommen, theils selber erdacht und frage euch nun: Konnte Pentaur als ›größerer Mensch‹ uns besser behandeln?« »Du sprichst aus, was mir mein Herz schon seit gestern sagte,« rief Anana. »Wie die Wichte haben wir gehandelt und statt unsern Willen durchzusetzen, uns und Pentaur in Schaden gebracht.« Das Rasseln eines nahenden Wagens ließ sich vernehmen und Rameri rief, Anana unterbrechend: »Er ist es. Muth, Kinder! Ich bin der Schuldige. Mit dem Stocke darf er mich nicht schlagen lassen, aber mit seinen Augen wird er mich prügeln!« Ameni stieg schnell aus seinem Wagen. Der Pförtner theilte ihm mit, daß der erste Kolchyt und der Vorsteher der Opferschlächter vom Tempel des Amon zu Theben ihn zu sprechen begehrten. »Sie mögen warten,« gab der Prophet kurz zurück. »Führe sie einstweilen in die Gartenhalle. Wo ist der erste der Horoskopen?« Noch hatte er nicht ausgesprochen, als der Greis, nach dem er fragte, ihm rüstig entgegentrat, um ihn von dem in seiner Abwesenheit Geschehenen in Kenntniß zu setzen. Aber der Oberpriester hatte schon in Theben Alles erfahren, was der Alte ihm mitzutheilen begierig war. Ameni ließ sich, wenn er das Setihaus verließ, jeden Morgen genau hinterbringen, was sich dort ereignete. Als nun der Alte Bericht zu erstatten begann, unterbrach er seine leidenschaftlichen Anklagen und sagte: »Ich weiß Alles. Die Schüler hängen an Pentaur und haben um seinetwillen eine Thorheit begangen und Du bist der Prinzessin Bent-Anat mit ihm im Hatasu-Tempel, zu dem er einem geringen Weibe, eh' es gereinigt war, den Einlaß gestattete, begegnet. Das sind schlimme Dinge, die ernstlich geahndet werden müssen; aber nicht heute. Beruhige Dich! Pentaur wird seiner Strafe nicht entgehen, doch werden wir ihn sofort in das Setihaus zurückberufen müssen, denn wir bedürfen seiner morgen bei der Feier des Festes des Thales. Eh' er verurteilt ist, soll Keiner ihm unfreundlich begegnen; ich bitte darum und trage Dir auf, das auch den Anderen zu sagen.« Der Horoskop versuchte es, seinem Vorgesetzten das Aergerniß auszumalen, welches solche unzeitige Milde verursachen würde; Ameni aber ließ ihn nicht ausreden, sondern forderte seinen Ring von ihm zurück, rief einen jungen Priester, übergab demselben den kostbaren Reifen und befahl ihm, auf seinen an der Pforte harrenden Wagen zu steigen und Pentaur in seinem Namen den Befehl zu überbringen, in das Setihaus zurückzukehren. Der Horoskop fügte sich, innerlich verdrossen, und fragte: »Sollen auch die verbrecherischen Buben straflos bleiben?« »So wenig wie Pentaur,« gab Ameni zurück; »aber wie magst Du diesen Knabenstreich ein Verbrechen nennen! Laßt doch den Jungen ihre Heiterkeit und ihren Uebermuth! Der Erzieher wird zum Verderber, wenn er seine Augen nur immer offen hält und sie nicht zur rechten Zeit zu schließen versteht. Ehe das Leben die Uebung ernster Pflichten von uns verlangt, verfügen wir über einen gewaltigen Ueberschuß an Kräften und das Kind verwerthet diese im Spiel, der Knabe, indem er sich mit dem Hammer und Meißel der Phantasie Wunderwelten erbaut und Thorheiten begeht. Du schüttelst Deinen Kopf, Septah, ich aber sage Dir: Der übermüthige Streich des Knaben ist der Vorläufer der That des Mannes! Ich werde das Geschehene nur Einen unter den Knaben büßen lassen und auch dieser würde straflos ausgehen, wenn mich nicht besondere Gründe veranlaßten, ihn von unserem Feste fern zu halten.« Der Horoskop widersprach nicht seinem Meister, denn er wußte, daß, wenn Ameni's Augen so jäh aufblitzten und seine sonst so gemessenen Bewegungen so unruhig waren wie heute, Wichtiges im Werke sei. Der Oberpriester bemerkte, was in dem Horoskopen vorging, und sagte: »Jetzt verstehst Du mich nicht; aber heute Abend in der Versammlung der Geweihten sollst Du Alles erfahren. Es gehen große Dinge vor! Die Genossen im Amonstempel am andern Ufer fallen ab von dem, was uns Weißgekleideten allen das Heiligste sein sollte, und werden sich uns in den Weg stellen, wenn die Zeit zum Handeln gekommen ist. Beim Feste des Thales werden wir den Genossen von drüben gegenüberstehen. Ganz Theben wird der Festfeier beiwohnen und es wird zu zeigen gelten, wer der Gottheit würdiger zu dienen versteht, sie oder wir. Es werden all unsere Kräfte aufgeboten werden müssen und Pentaur können wir am wenigsten entbehren. Er muß morgen als Cherheb Festredner. Wir können uns Denen nicht anschließen, welche den Namen dieses Recitators unter den Priestern mit dem der Kolchyten zusammenbringen. fungiren, morgen nur; übermorgen stellen wir ihn vor Gericht. Unter den unbotmäßigen Knaben sind unsere besten Sänger, ist auch der junge Anana, der die Stimmen des Jünglingschores führt; ich werde die unbesonnenen Burschen sogleich verhören. Der Ramsessohn Rameri war mit unter den Uebelthätern?« »Er scheint einer der Rädelsführer gewesen zu sein,« antwortete der Horoskop. Ameni blickte den Alten mit einem bedeutungsvollen Lächeln an und sagte: »Die Sippe des Königs bedeckt sich mit Ehren! Seine älteste Tochter muß als Verunreinigte und Widerspenstige fern gehalten werden von den Frommen und dem Tempel und wir werden doch wohl genöthigt sein, seinen Sohn aus der Anstalt zu verweisen. Du siehst mich erschrocken an? Aber ich sagte Dir ja, die Zeit des Handelns sei gekommen. Doch davon heute Abend. Jetzt noch eine Frage. Ist die Kunde vom Tode des heiligen Amonswidders zu euch gelangt? Ja? Ramses schenkte ihn selbst dem Gotte und sie hatten ihm seinen Namen ertheilt. Ein schlechtes Vorzeichen!« »Auch der Apis starb dahin,« sagte der Horoskop und erhob klagend seine Arme. »Seine göttliche Seele kehrte zurück zu Gott,« gab Ameni zurück. »Wir haben jetzt viel zu thun; vor Allem, uns jenen da drüben ebenbürtig zu zeigen und Theben für uns zu gewinnen. Die von uns auszurüstende Panegyrie am morgenden Tage muß nie Gesehenes bieten. Der Statthalter Ani gewährte mir reiche Zuschüsse und . . .« »Und,« unterbrach ihn der Horoskop, »unsere Wunderthäter verstehen ganz andere Dinge, als die vom Amonshause, welche schmausen, während wir uns üben.« Ameni nickte beistimmend und sagte lächelnd: »Wir sind auch dem Volke unentbehrlicher als sie. Die da drüben geleiten es im Leben, wir ebnen ihm die Pfade des Todes, und im Lichte wandert man leichter ohne Führer, als im Dunkeln. Wir sind den Amonspriestern gewachsen!« »So lange Du uns führst, sicherlich!« rief der Horoskop. »Und so lange es diesem Hause nicht an Männern fehlt von eurem Geiste,« fügte Ameni hinzu und wandte sich dabei halb an den Horoskopen, halb an den zweiten Propheten des Setihauses, den alten derben Gagabu, welcher zu ihnen hingetreten war. Beide begleiteten ihn in den Garten, woselbst die beiden Priester mit dem wunderbaren Herzen auf ihn warteten. Ameni begrüßte den Vorsteher der Schlachtopfer vom Amonshause mit würdiger Freundlichkeit, den Kolchytenoberen mit vornehmer Zurückhaltung, ließ sich von ihnen Bericht erstatten, betrachtete mit dem Horoskopen und Gagabu das in dem Kästchen ruhende Herz, faßte es mit seinen schlanken spitzen Fingern zaghaft an, blickte nachdenklich auf das mit Spezereien begossene weithin duftende Organ und sagte ernst: »Wenn dieß, wie Du, Kolchyt, behauptest, kein Menschenherz, sondern wie Du, mein Bruder vom Amonshause, versicherst, ein Widderherz ist und es in der Brust des Osiris Rui gefunden ward, so stehen wir hier vor einem Räthsel, das nur die Gottheit zu lösen vermag. Folgt mir in den großen Hof! Laß Du das Blech schlagen, Gagabu, viermal, denn ich möchte die Genossen alle zusammenrufen.« In kräftigen Schwingungen wogte der Schall des Tamtam bis in die fernsten Theile der weitausgedehnten Gebäudegruppe. Die Eingeweihten, heiligen Väter, Tempeldiener und Schüler strömten in wenigen Minuten zusammen. Kein Gesunder fehlte, denn auf den nur selten erklingenden viermaligen Ruf war ein jeder Bewohner des Hauses verpflichtet, im ersten großen Hofe des Tempels zu erscheinen. Auch der Arzt Nebsecht war gekommen, denn er fürchtete, als er den ungewöhnlichen vierten Ton vernahm, ein Feuer sei ausgebrochen. Ameni gab den Versammelten den Befehl, sich in Prozession zu ordnen, theilte seinen erstaunten Hörern mit, daß sich in der Brust des verstorbenen frommen Vorstehers des Hatasutempels ein Widderherz statt eines Menschenherzens gefunden habe, und forderte sie auf, ihm zu folgen. Ein Jeder, gebot er, möge auf die Kniee sinken und beten, während er das Herz in das Allerheiligste tragen und die Götter befragen wolle, was dieses Wunder ihren Getreuen bedeute. Ameni trat, mit dem Herzen in der Hand, an die Spitze des langen Zuges und verschwand hinter dem Vorhange des Sanktuariums, die Eingeweihten beteten in der von sechs Säulen getragenen Halle vor demselben, die Priester und Schüler in dem weiten Hofe, den nach Westen zu der stattliche Säulengang mit dem Eingangsthore des Tempels abschloß. Wohl eine Stunde blieb Ameni in dem stillen Sanktuarium, aus dem dichte Weihrauchswolken hervorquollen, dann zeigte er sich wieder mit einer goldenen mit Edelsteinen besetzten Vase. Seine hohe Gestalt prangte jetzt in reichem Ornate und ein vor ihm her schreitender Priester hielt das Gefäß mit beiden Händen so hoch, daß es seinen Scheitel weit überragte. Ameni's Augen schienen von der Vase gebannt zu sein und er folgte ihr, sich auf seinen Krummstab stützend, in demüthiger Beugung. Die Eingeweihten neigten ihre Stirn bis auf die Steinfliese der Halle und die Priester und Schüler berührten den Boden mit dem Angesichte, als sie ihren stolzen Meister so demuthsvoll und andächtig einherschreiten sahen. Erst nachdem Ameni die Mitte des Hofes und die Stufen des Altars betreten, auf dem nun die Vase mit dem Herzen Platz gefunden hatte, erhoben sich die Beter und lauschten auf die Worte des Oberpriesters, welcher mit weithin vernehmbarer Stimme gemessen und feierlich ausrief: »Fallet nieder zum andern Male! Staunet, betet an und danket! Den edlen Vorsteher der Opferschlächter vom Tempel des Amon in Theben hat seine Kunst nicht betrogen, denn ein Widderherz ward gefunden in unseres Rui frommer Brust. Deutlich vernahm ich im Allerheiligsten die Stimme der Gottheit, und wunderbar war die Rede, welche dieses Ohr vernahm. Wölfe zerrissen den heiligen Widder des Amon in seinem Heiligthum am andern Ufer des Stroms; das Herz des göttlichen Thieres aber fand seinen Weg in die Brust des frommen Rui. Ein großes Wunder ist geschehen und ein seltenes Zeichen ließen die Götter uns schauen. Ungenehm war der Seele des Höchsten die Wohnung im Leibe dieses nicht völlig heiligen Widders und sie suchte ein reines Gesäß und fand es in unseres Rui edler Brust und in diesem geweihten Gefäße. Darin wird das Herz aufbewahrt bleiben, bis ein neuer Widder, von würdiger Hand gestiftet, die Hürde des Amon betritt. Zu den heiligsten Reliquien werde dieses Herz gestellt, es besitzt die Kraft, gar manchen Kranken zu heilen; und günstig zu sein scheint der vorbedeutende Spruch, der im Dampfe des Weihrauchs geschrieben stand und welchen ihr hören sollt Wort für Wort: ›Das Hohe steigt höher, und was sich erhöhte, bald stürzt es hernieder.‹ Auf, Pastophoren! Eilt zu den heiligen Bildern, tragt sie heraus, stellt das göttliche Herz an die Spitze des Zuges und laßt uns mit Lobgesängen den Tempel umwallen. Ihr Neokoren, ergreift die Stäbe und kündet in allen Theilen der Stadt das hohe Wunder, mit dem uns die Gottheit begnadigt!« Nachdem die Prozession den Tempel umgangen und sich aufgelöst hatte, verabschiedete sich der Vorsteher der Opferschlächter von Ameni, verneigte sich tief und förmlich vor ihm und sagte mit beinahe feindseliger Kühlheit: »Wir werden im Amonstempel das, was Du im Allerheiligsten vernahmst, zu achten wissen. Das Wunder ist geschehen und auch der König soll erfahren, wie es verlief und mit welchen Worten es verkündigt wurde.« »Mit den Worten des Höchsten,« entgegnete der Oberpriester würdevoll, neigte sich vor dem Andern und wandte sich einer Gruppe von Priestern zu, die sich über das große Ereigniß des Tages unterredeten. Ameni erkundigte sich bei ihnen nach den Vorbereitungen zum morgenden Feste und befahl dann den ersten der Horoskopen zu rufen und die aufrührerischen Zöglinge in ihren Schulhof zu führen. Der Greis berichtete, daß Pentaur zurückgekehrt sei, und folgte dem Leiter der Anstalt zu den befreiten Gefangenen, die, auf das Schlimmste gefaßt und schwerer Strafen gewiß, sich vor Lachen schüttelten, als der Prinz Rameri den Vorschlag machte, wenn sie etwa auf Erbsen zu knieen verurtheilt werden sollten, diese zuerst kochen zu lassen. »Es gibt lange Spargel, Waren den Aegyptern bekannt. Nach Plinius nahmen sie Wein, in dem man Spargeln abgekocht hatte, als Mittel gegen Zahnschmerzen in den Mund. nicht Erbsen,« sagte ein anderer Schüler, machte eine schlagende Bewegung und wies auf seinen Rücken. Von Neuem erscholl helles Gelächter; aber es verstummte, sobald Ameni's wohlbekannter Schritt sich hören ließ. – Jeder fürchtete das Schlimmste, und als ihnen der Oberpriester gegenüberstand, war selbst Rameri das Lachen völlig vergangen, denn obgleich Ameni weder empört noch drohend dreinschaute, so war doch seine Erscheinung so Achtung gebietend, daß Jeder in ihm ohne Weiteres seinen Richter, gegen dessen Urtheil kein Widerspruch denkbar erschien, anerkannte. Zu ihrem Erstaunen redete Ameni die unbedachtsamen Jünglinge gütig an, lobte den Beweggrund zu ihrer That, die Anhänglichkeit an einen hochbegnadigten Lehrer, führte ihnen aber dann klar und maßvoll vor die Seele, mit wie thörichten Mitteln und um welchen Preis sie ihr Ziel zu erreichen versucht hätten. »Denke nur,« wandte er sich an den Prinzen, »Dein hoher Vater versetzte einen General, der ihm dort besser am Platze zu sein schien, von Syrien nach Kusch, und seine Truppen wollten deßwegen zum Feinde übergehen! Wie würde Dir das gefallen?« So fuhr er einige Minuten lang zu tadeln und zu ermahnen fort und schloß dann seine Rede mit der Verheißung, wegen des großen Wunders, das diesem Tage eine besondere Weihe gäbe, ungewöhnliche Milde walten zu lassen. Um des Beispieles willen, sagte er, dürfe volle Straflosigkeit nicht gewährt werden, und er frage sie nun selbst, wer der Anstifter ihrer That gewesen sei. Dieser und nur dieser allein solle der Strafe verfallen. Kaum hatte er ausgeredet, als der Prinz Rameri hervortrat und bescheiden sagte: »Wir sehen ein, heiliger Vater, daß wir einen thörichten Streich begangen haben, und ich bedaure ihn doppelt, weil ich ihn ersann und die Anderen mir zu folgen verführte. Pentaur ist mir sehr lieb und nach Dir gibt es Keinen, der ihm gleich wäre im Setihause.« Ameni's Antlitz verfinsterte sich und unwillig erwiederte er. »Den Schülern steht kein Urtheil zu über ihre Lehrer, auch Dir nicht. Wärest Du nicht der Sohn des Königs, der über Aegypten herrscht wie Ra, so würd' ich Deine Unbesonnenheit mit Schlägen bestrafen lassen. Die Hände sind mir gebunden Dir gegenüber, und doch muß ich sie überall und zu jeder Stunde regen können, wenn die Hunderte, welche mir anvertraut sind, nicht zu Schaden kommen sollen.« »Strafe mich nur!« rief Rameri. »Wenn ich eine Thorheit begehe, so bin ich auch bereit, ihre Folgen zu tragen!« Ameni schaute den lebhaften Jüngling mit Wohlgefallen an und würde ihm gern die Hand geschüttelt und seinen Krauskopf gestreichelt haben, aber die Rameri zugedachte Strafe sollte größere Zwecke fördern und Ameni räumte keiner Aufwallung des Gemüths das Recht ein, ihn bei der Ausführung eines wohlerwogenen Vorhabens zu hindern. Darum antwortete er dem Prinzen mit strengem Ernste: »Ich muß und werde Dich strafen und thu' es, indem ich Dich bitte, noch am heutigen Tage das Setihaus zu verlassen.« Der Prinz erbleichte. Ameni aber fuhr begütigend fort: »Ich verweise Dich nicht mit Schande aus unserer Mitte, sondern sage Dir freundlich Lebewohl. In wenigen Wochen würdest Du die Anstalt ohnehin verlassen und, so befahl es der König, dem Leben blühe, Heil und Kraft, das Uebungslager der Wagenkämpfer bezogen haben. Mir steht für Dich keine andere Strafe zu Gebot als diese. Nun reiche mir die Hand; Du wirst ein tüchtiger Mann und vielleicht ein großer Kriegsheld werden.« Der Prinz stand Ameni überrascht gegenüber und schlug nicht in die ihm dargebotene Rechte ein. Da näherte sich ihm der Priester und sprach: »Du hast gesagt, Du wärest bereit, die Folgen Deiner Thorheit auf Dich zu nehmen, und eines Königssohnes Wort bleibt stehen. Vor Sonnenuntergang geleiten wir Dich aus dem Tempel.« Der Priester wandte den Jünglingen den Rücken und verließ den Schulhof. Rameri schaute ihm nach. Tiefe Blässe überzog sein frisches Gesicht und das Blut war aus seinen Lippen geschwunden. Keiner seiner Genossen näherte sich ihm, denn Jeder sagte sich, daß Das, was in der Seele dieses Jünglings vorging, keine leichtfertige Störung vertrage. Niemand sprach ein Wort, aber Alle schauten auf ihn. Dieß bemerkte er bald, suchte sich zu fassen und sagte dann weich, indem er Anana und einem andern Freunde die Hand hinhielt. »Bin ich denn so schlecht, daß man mich so aus eurer Mitte stoßen und meinem Vater solchen Kummer bereiten muß?« »Du weigertest Ameni die Hand,« sagte Anana. »Geh' hin, reiche ihm die Deine, bitte ihn, daß er weniger streng sein möge und er läßt Dich vielleicht in der Anstalt.« Rameri erwiederte nichts als »Nein.« Aber dieses »Nein« klang so entschieden, daß Alle, die ihn kannten, wußten, daß es unabänderlich sei. Ehe die Sonne unterging, verließ er die Schule. Ameni segnete ihn, sagte ihm, er werde, wenn er selbst zu befehlen haben werde, seine Strenge begreifen, und gestattete den anderen Schülern, ihn bis zum Nil zu begleiten. Pentaur verabschiedete sich an der Pforte herzlich von ihm. Als Rameri in dem Kajütenhause seiner vergoldeten Barke mit seinem Hofmeister allein war, fühlte er, daß seine Augen in Thränen schwammen. »Mein Prinz weint doch nicht?« fragte der Beamte. »Warum?« gab der Königssohn barsch zurück. »Ich glaubte Thränen auf den Wangen meines Prinzen bemerkt zu haben,« entgegnete jener. »Freudenthränen, daß ich heraus bin aus der Falle,« rief Rameri, sprang an's Land und war wenige Minuten später im Pharaonenpalaste bei seiner Schwester Bent-Anat. Neuntes Kapitel. »Nicht nur den Bewohnern der Todtenstadt. sondern auch unseren Bekannten in Theben sollte dieser ereignißreiche Tag manches Unerwartete bringen. Frau Katuti war nach einer schlaflosen Nacht früh aufgestanden. Nefert war spät heim gekommen, hatte ihr Ausbleiben entschuldigt, ihrer Mutter kurz mitgetheilt, daß sie lange von Bent-Anat aufgehalten worden sei, und ihr dann freundlich die Stirn zum Nachtkusse gereicht. Als sich die Wittwe in ihr Schlafgemach zurückziehen wollte und Nemu den Docht ihrer Lampe entzündete, kam ihr das Geheimniß in den Sinn, welches Paaker in des Statthalters Hand liefern sollte. Sie befahl dem Zwerge, ihr mitzutheilen, was er wisse, und der Kleine erzählte ihr endlich mit aufrichtigem Widerstreben, denn ihm bangte für seine Mutter, daß der Wegeführer seiner Herrin Nefert die Hälfte eines Liebestrankes gereicht habe, dessen anderer Theil sich wohl noch in seiner Hand befinde. Noch vor wenigen Stunden würde diese Nachricht Katuti mit Unwillen und Entsetzen erfüllt haben; jetzt tadelte sie zwar den Mohar, fragte aber dann mit Eifer, ob solcher Trank sich thatsächlich wirksam erweise. »Doch wohl,« antwortete der Zwerg, »wenn das Ganze genossen wird; aber Nefert bekam ja nur die Hälfte zu trinken.« In später Stunde betrat Katuti, an Paaker's wahnsinnige Liebe, Mena's Treubruch und Nefert's Wandlung denkend, ihr Schlafgemach und auf ihrem Lager quälten sie tausend Vermuthungen, Befürchtungen und Aengste, beunruhigte sie die Trübung, welche diejenige Empfindung in ihrer Tochter erfahren hatte, die doch unverletzlich und vor jedem Angriff gesichert sein sollte, die Liebe des Kindes zu seiner Mutter. Bald nach Sonnenaufgang ging sie in die Hauskapelle, opferte der in Osirisgestalt gebildeten Statue ihres verstorbenen Gatten, fuhr in den Tempel, betete daselbst und fand dennoch ihre Tochter noch nicht in der offenen Wohnhalle, woselbst sie auch ihr Frühstück einzunehmen pflegte. Katuti liebte es, in den Morgenstunden ungestört zu sein, und steuerte darum nicht der Neigung ihrer Tochter, in ihrem künstlich verdunkelten Gemach in den Tag hinein zu schlafen. Wenn die Wittwe in den Tempel fuhr, so pflegte Nefert auf ihrem Lager eine Schale Milch zu genießen, dann ließ sie sich ankleiden und wenn ihre Mutter heimkehrte, so fand sie sie auf der Veranda. Heute mußte Katuti allein frühstücken; doch bedeckte sie, als sie sich mit wenigen Bissen gesättigt hatte, Nefert's Morgenimbiß, einen Weizenkuchen und ein wenig Wein in einem silbernen Becherchen, sorgfältig mit einem Schleiertuche gegen Staub und Insekten und begab sich dann in das Schlafgemach ihrer Tochter. Als sie es leer fand, erschrak sie; aber bald erfuhr sie, daß Nefert sich nur weit früher als gewöhnlich in den Tempel habe tragen lassen. Tief aufathmend betrat sie wiederum die Veranda, um dort ihren Neffen Paaker zu empfangen, der mit zwei prächtigen Blumensträußen, Die Darstellungen auf den Denkmälern lehren, daß im alten Aegypten, gerade wie bei uns, Blumensträuße als Zeichen einer freundlichen Gesinnung verschenkt wurden. welche ihm ein Sklave nachtrug, und seinem großen Hunde, der schon seinem Vater gehört hatte, gekommen war, um sich nach dem Befinden seiner Anverwandten zu erkundigen. Den einen Strauß, sagte er, habe er für Nefert, den andern für ihre Mutter schneiden lassen. Katuti hatte ein neues Interesse für Paaker gewonnen, seitdem sie wußte, daß er sich des Liebestrankes bedient habe. So tief pflegte sich sonst kein Jüngling in dem Stande, welchem er angehörte, von der Leidenschaft für ein Weib ergreifen zu lassen, wie dieser Mann, der mit zäher Willenskraft auf sein Ziel losging und kein Mittel scheute, um es zu erreichen. Der Wegeführer, der vor ihren Augen herangewachsen war, dessen Schwächen sie kannte und auf den sie herabzusehen gewohnt war, stand ihr plötzlich als ein neuer, fast fremder Mensch gegenüber, der seinen Freunden ein Retter, seinen Feinden ein erbarmungsloser Gegner sein konnte. Wenige Sekunden hatten diese Erwägungen in Anspruch genommen. Jetzt ließ sie ihre Augen auf der gedrungenen Gestalt ihres starkknochigen Neffen ruhen und es fiel ihr auf, wie er auch äußerlich so gar nicht seinem hohen, schlanken und schönen Vater glich. Oftmals hatte sie die feinen Hände ihres verstorbenen Schwagers, die doch auch einen Schwertgriff so fest zu umfassen verstanden, bewundert, die seines Sohnes aber waren breit und unedel geformt. Während Paaker ihr erzählte, daß er bald nach Syrien werde aufbrechen müssen, folgte sie unwillkürlich den Bewegungen dieser Hand, welche oft nach seinem Gürtel griff, als habe sie dort etwas zu verbergen. Dieses Etwas war das längliche Alabasterfläschchen mit dem Liebestranke. Katuti bemerkte es und ihre Wangen entfärbten sich, als sie zu vermuthen begann, was es enthalte. Dem Wegeführer konnte die Erregung seiner Base nicht entgehen und teilnehmend sagte er: »Ich sehe Dir an, daß Du leidest. Der Vorsteher der Gestüte des Mena in Hermonthis ist gewiß bei Dir gewesen. Nicht? Zu mir kam er gestern und bat mich, ich möchte ihm erlauben, sich meiner Schaar anzuschließen. Er ist Dir nicht hold, weil er einige Gespanne von Mena's Goldfüchsen fortgeben mußte. Das schönste habe ich gekauft. Prächtige Thiere. Nun will er seinen Herrn aufsuchen, ›um ihm die Augen zu öffnen,‹ wie er sagte. Laß Dich doch nieder, Base; Du bist sehr bleich.« Katuti folgte dieser Aufforderung keineswegs, vielmehr lächelte sie und sagte mit einer Stimme, die halb unwillig halb mitleidig klang: »Der alte Narr glaubt wirklich, an den Goldfüchsen hinge unser Wohl und Wehe. Wirst Du ihn mitnehmen? Mena's Augen will er öffnen? Es hat sie ihm ja noch Niemand geschlossen.« Die letzten Worte klangen leise von Katuti's Lippen und ihr Blick suchte den Boden. Auch Paaker schaute niederwärts und schwieg; fand aber bald seine Fassung wieder und sagte: »Wenn Nefert noch lange ausbleibt, so geh' ich.« »Nein, nein! Bleibe!« unterbrach ihn die Wittwe. »Sie wünscht Dich zu sehen und muß gleich wiederkommen. Da steht noch ihr Kuchen und ihr Wein unberührt.« Bei diesen Worten nahm sie das Tüchlein von dem Frühstückstische, hob das silberne Becherchen leicht in die Höhe und sagte dann, das Tuch in der Hand behaltend: »Ich lasse Dich einen Augenblick allein und sehe nach, ob Nefert nicht doch schon heimgekehrt ist.« Kaum hatte sie die Veranda verlassen und Paaker sich überzeugt, daß er nicht gesehen werde, als er das Fläschchen aus seinem Gürtel riß, es mit einer kurzen Anrufung seines osirischen Vaters in die Höhe hielt und seinen ganzen Inhalt in den Becher goß, welcher nun bis zum Ueberlaufen gefüllt war. Wenige Minuten später betrat Nefert und gleich darauf ihre Mutter die Veranda. Paaker griff nach dem Strauße, den sein Sklave aus einen Stuhl niedergelegt hatte, und näherte sich mit ihm zaghaft der jungen Frau, die heute so sicher daherschritt und so selbstbewußt dreinschaute, daß ihre eigene Mutter sie staunend anblickte, Paaker aber meinte, daß er sie nie so schön und so lebensfrisch gesehen habe. Konnte sie ihren Gatten lieben, wenn sie sein Treubruch so wenig bekümmerte? Gehörte ihr Herz jetzt einem Andern? Hatte der Liebestrank ihn selbst an die Stelle des Mena gesetzt? Ja! Ja! Denn wie begrüßte sie ihn! Schon von ferne streckte sie ihm die Hand entgegen, ließ sie lange in der seinen, dankte ihm mit innigen Worten und pries seine Treue und Großmuth. Dann näherte sie sich dem Frühstückstisch, bat Paaker, sich zu ihr zu setzen, brach ihren Kuchen und erkundigte sich nach ihrer Base Setchem, seiner Mutter. Katuti und Paaker folgten mit klopfendem Herzen jeder ihrer Bewegungen. Jetzt erfaßte sie den Becher und führte ihn an ihre Lippen, setzte ihn aber nieder, um auf die Bemerkung des Mohar, daß sie ihren Morgenimbiß spät einnehme, erröthend zu antworten: »Ich war eine rechte Faulenzerin, aber heute bin ich früh aufgestanden, um noch in der Morgenfrische zum Tempel zu kommen und zu beten. Ihr wißt, was mit dem heiligen Widder des Amon geschehen ist. Ein furchtbares Unglück! Die Priester waren in großer Bewegung, aber der edle Bek en Chunsu empfing mich selber und deutete meinen Traum und nun ist mir recht leicht und froh zu Sinne.« »Und das Alles ohne mich?« fragte Katuti mit leisem Vorwurf. »Ich wollte Dich nicht stören,« antwortete Nefert. »Und des Morgens,« fügte sie erröthend hinzu, »nimmst Du mich ja niemals mit in die Stadt und den Tempel.« Wiederum griff sie nach dem Becher, schaute in den Wein und sagte ohne zu trinken: »Willst Du hören, was mir geträumt hat, Paaker? Es war ein seltsames Gesicht!« Der Wegeführer vermochte kaum mehr zu athmen vor Erwartung und doch bat er, sie möge erzählen. »Denke nur,« hob Nefert an und schob das Becherchen aus seinem glatten und von einigen übergeflossenen Weintropfen befeuchteten Untersatze hin und her, »denke nur, Paaker, mir träumte von dem Nehabaume Weihrauchbaum. S. Anmerkung 142 . dort drüben in dem großen Kübel, den mir Dein Vater, als ich noch ein Kind war, aus Punt mitbrachte und der seitdem gar stattlich erwachsen ist. Kein Baum im ganzen Garten ist mir so lieb wie er, denn er erinnert mich stets an Deinen unvergeßlichen Vater, der mich so gern hatte!« Paaker nickte zustimmend. Nefert schaute ihn an, unterbrach ihre Erzählung und sagte, da sie bemerkte, daß seine Wangen glühten: »Es wird heiß. Begehrst Du auch einen Trunk Wein oder Wasser?« Mit diesen Worten erhob sie das Becherchen und trank es zur Hälfte aus; dann ergriff sie ein Schauder, und indem sie ihr schönes Gesicht zu einem komischen Lächeln verzog, wandte sie sich der hinter ihrem Stuhle stehenden Katuti zu, hielt ihr den Becher hin und sagte: »Heute ist der Wein aber gar zu sauer! Koste ihn nur, Mutter!« Die Wittwe nahm das silberne Gefäßchen in die Hand und führte es ernst an die Lippen, ohne sie zu benetzen. Als sie den Becher von ihrem Mund entfernte, flog ein Lächeln über ihre Züge und ihre Augen richteten sich auf den sie erschrocken anstarrenden Wegeführer. Durch ihr Hirn flog blitzschnell der Gedanke: » Du nach diesem da schmachtend und er sich fürchtend vor deiner Neigung!« Ihre eigensüchtige und ränkevolle Seele war frei von Rohheit, und dennoch hätte sie herzlich auflachen können, während sie die schändlichste That ihres Lebens beging. Gut gelaunt gab sie Nefert den Wein zurück und sagte: »Ich habe süßeren getrunken, aber die Säure erfrischt in der Hitze.« »Das ist wahr,« entgegnete die Gattin des Mena, leerte den Becher bis auf den Grund und sagte erfrischt: »Aber nun will ich meinen Traum zu Ende erzählen. Ich sah also den Nehabaum, das Geschenk Deines Vaters, schön und deutlich vor mir stehen; ja, ich meine seinen Duft gespürt zu haben, obgleich das der Deuter für unmöglich erklärte, denn man soll im Traume nichts riechen. Bewundernd näherte ich mich dem schönen Gewächse. Da zeigten sich plötzlich wohl hundert Beile in der Luft und hieben, von unsichtbaren Händen geschwungen, auf den armen Baum so kräftig drein, daß ein Ast nach dem andern und endlich auch der Stamm zu Boden sank. Wenn ihr denkt, dieß hätte mich bekümmert, so irrt ihr. Ich freute mich vielmehr an den blinkenden Beilen und fliegenden Splittern. Als endlich nichts mehr zu zerstören übrig war, als die Wurzel in der Erde, da nahm ich mir vor, den Baum zu neuem Leben zu erwecken. Meine schwachen Arme wurden plötzlich sehr stark, meine Füße behende und ich holte viel Wasser aus dem Teiche, goß es auf die Wurzeln, und als ich vor Anstrengung nicht mehr konnte, da zeigte sich zartes Grün an der Wunde des Baums, eine Knospe trat hervor, ein grünes Blatt wickelte sich auf, ein saftiges Stengelchen wuchs rasch in die Höhe, verhärtete sich zum Stamm, sandte Zweige aus und ließ Aestlein wachsen, schmückte diese mit Blättern und jene mit Blüten in weiß, in roth und blau, und dann kamen viele bunte Vögel herbei und setzten sich in die Krone des Baumes und sangen. Ach, und mein Herz sang lauter als die Vögel bei diesem Anblick, und ich sagte mir, daß der Baum ohne mich gestorben wäre und mir sein Leben verdanke.« »Ein schöner Traum,« sagte Katuti, »der mich an Deine Mädchenzeit erinnert, in der Du halbe Nächte lang wach lagest und bunte Märchen ersannst. Welche Deutung gab Dir der Priester?« »Mancherlei versprach er mir,« sagte Nefert, »und er gab die Versicherung, daß das mir vorherbestimmte Glück nach gewaltsamen Eingriffen in dasselbe endlich in frischem Grün erwachsen werde.« »Und Paaker's Vater schenkte Dir den Nehabaum?« fragte Katuti, indem sie die Veranda verließ und in den Garten hinaus trat. »Mein Vater bracht' ihn für Dich von den Grenzen des Ostens nach Theben,« rief der Wegeführer, die letzten Worte der Wittwe bestätigend. »Und das ist es ja gerade, was mich so herzlich freut,« erwiederte Nefert. »Denn Dein Vater war mir so lieb und theuer, als wär' er mein eigener gewesen. Weißt Du noch, wie wir zusammen den Teich umsegelten und das Boot umschlug und Du mich besinnungslos aus dem Wasser zogst? Niemals werd' ich den Blick vergessen, mit dem der hohe Mann mich damals ansah, als ich auf seinen Armen erwachte; so kluge und treue Augen wie er hat auch Niemand jemals gehabt.« »Er war gut und liebte Dich sehr,« sagte Paaker und gedachte seinerseits der Stunde, in der er es gewagt hatte, dem besinnungslosen schönen Kinde einen Kuß auf die Lippen zu drücken. »Und wie freu' ich mich,« rief Nefert, »daß endlich der Tag gekommen ist, an dem wir zusammen über ihn reden dürfen, daß der alte Groll, der mir das Herz beschwerte, nun endlich vergessen ward! Wie gut Du bist, hab' ich jetzt erfahren! Mein Herz strömt über von Dank, wenn ich an meine Kindheit gedenke, und daß ich Alles, was schön in ihr war und unvergeßlich, Dir und den Deinen schuldig bin. Sieh' nur den Hund an, den großen Descher, wie er sich an mich drängt und mir zeigt, daß er mich nicht vergessen hat! Was auch aus eurem Hause kommt, erweckt in mir so freundliche Erinnerungen!« »Wir hatten Dich Alle sehr lieb,« sagte Paaker und blickte mit Zärtlichkeit zu ihr hin. »Und wie schön war es in eurem Garten!« rief Nefert. »Der Strauß hier, den Du mir brachtest, soll in Wasser gestellt und lange verwahrt werden als ein Gruß der Stätte, in der ich so sorglos und glückselig spielen und träumen durfte!« Bei diesen Worten drückte sie ihre Lippen auf die bunten Blumen, Paaker aber sprang auf, ergriff ihre Rechte und bedeckte sie mit glühenden Küssen. Nefert erschrak und entzog ihm die Hand; er aber streckte den Arm nach ihr aus, um die Zurückweichende zu umfangen. Schon berührte seine bebende Hand ihren schlanken Leib, als im Garten lautes Rufen erscholl und Nemu in die Halle eilte, um zu verkünden, daß die Prinzessin Bent-Anat gekommen sei. Gleich darauf erschien Katuti und wenige Augenblicke später die Lieblingstochter des Ramses. Paaker trat zurück und verabschiedete sich, ehe Nefert Zeit gefunden hatte, ihrer Entrüstung Ausdruck zu geben. Wie ein Trunkener erreichte er seinen Wagen. Er hielt sich für geliebt von der Gattin des Rosselenkers, sein Herz war voll Jubel, er dachte die alte Hekt mit Gold zu belohnen und ungesäumt fuhr er in den Palast, um den Statthalter Ani zu bitten, ihn nach Syrien zu entlassen. Dort sollte es gelten: er oder Mena! – – Zehntes Kapitel. Während Nefert, von Entsetzen gefesselt, kein Wort fand, ihre fürstliche Freundin zu begrüßen, eröffnete Bent-Anat mit königlicher Würde der Wittwe ihren Entschluß, ihrer Tochter die Ehrenstelle ihrer vornehmsten Gefährtin zu übertragen. Heute noch, so befahl sie, sollte die Gattin des Mena zu ihr in den Palast ziehen. So hatte sie niemals mit Katuti geredet, und dieser konnte es nicht entgehen, daß Bent-Anat geflissentlich den alten vertraulichen Ton umgestimmt habe. »Nefert hat mich bei ihr angeklagt,« sagte sie sich, »und sie hält mich nicht mehr für würdig der früheren freundschaftlichen Güte.« Sie fühlte sich verletzt und geängstigt, und wenn sie auch empfand, mit welchen Gefahren sie die geöffneten Augen ihrer Tochter bedrohten, so schlug doch der Gedanke, ihr Kind zu verlieren, ihrem Herzen schmerzliche Wunden. Darum waren die Thränen, welche ihre Augen erfüllten, und das ihre Stimme durchzitternde Weh aufrichtig, als sie der Prinzessin erwiederte: »Du forderst die bessere Hälfte meines Lebens, aber Du hast zu befehlen und ich gehorche.« Bent-Anat winkte stolz mit der Rechten, als wollte sie der Wittwe Ausspruch bestätigen; Nefert aber eilte auf ihre Mutter zu, schlang ihre Arme um ihren Hals und weinte lang an ihrem Busen. Auch in der Prinzessin Augen schimmerten Thränen, als Katuti ihr endlich ihre Tochter zuführte und noch einmal einen Kuß auf ihre schöne Stirn drückte. Bent-Anat faßte Nefert's Hand und ließ sie nicht los, während sie die Wittwe ersuchte, den Dienerinnen und Haussklaven, welche sie senden werde, die Kleider und den Schmuck ihres Kindes zu übergeben. »Und vergiß nicht die Schachtel mit den trockenen Blumen und meine Götterbilder und Amulete,« bat Nefert. »Auch den Nehabaum, den der Oheim mir schenkte, möcht' ich haben.« Ihr weißes Kätzchen spielte zu ihren Füßen mit dem zu Boden gefallenen Strauße Paaker's, und als sie es bemerkte, hob sie es auf und küßte es. »Nimm das Thierchen mit,« sagte die Prinzessin. »Es war Dein Lieblingsspielzeug.« »Nein,« entgegnete Nefert und erröthete. Die Prinzessin verstand sie, drückte ihre Hand und fragte, indem sie auf Nemu zeigte: »Der Zwerg ist ja auch Dein Eigenthum. Soll er Dir folgen?« »Ich schenke ihn der Mutter,« gab Nefert zurück, ließ sich von dem Kleinen das Gewand und die Füße küssen, umarmte Katuti noch einmal und verließ mit ihrer fürstlichen Freundin den Garten. Sobald Katuti allein war, eilte sie in das Kapellchen, in welchem, abgesondert von denen des Mena, ihre Ahnenbilder standen. Vor der Statue ihres verstorbenen Gatten warf sie sich nieder, bald klagend, bald dankend. Wohl war diese Trennung ihrem Herzen sauer gefallen, aber sie erlöste sie zugleich von einem schweren, ihre Brust bedrückenden Alp. Seit gestern war ihr zu Sinne gewesen, wie einem am Rande eines Abhangs dahinschreitenden Wanderer, dem sein Feind auf den Fersen folgt. Bald gewann das Gefühl der Bedrohten, erlöst zu sein, die Oberhand über den Schmerz der Mutter. Die Abgründe vor ihr hatten sich ausgefüllt, eben und zu rüstiger Wanderung ladend lag vor ihr die Bahn zum letzten Ziel ihres Strebens. Schnell und heftig durchmaß die sonst so würdevoll schreitende Wittwe die Gänge des Gartens und zum ersten Male seit der Unglückspost aus dem Feldlager gelang es ihr, unbeirrt und klar den Stand der Dinge zu überblicken und die Maßregeln durchzudenken, welche Ani in der nächsten Zukunft zu ergreifen habe. Sie sagte sich, daß Alles gut stehe und daß die Zeit zu schnellen und kühnen Thaten gekommen sei. Als die Boten der Prinzessin erschienen, leitete sie mit ruhiger Ueberlegung die Verpackung der Gegenstände, welche Nefert mit sich zu nehmen gewünscht hatte, und sandte sodann ihren Zwerg zu Ani, um ihn zu bitten, daß er sie besuchen möge. Aber ehe Nemu das Erbe des Mena verlassen, zeigten sich ihm die Vorläufer des Statthalters, sein Wagen und die Schaar seiner ihm folgenden Trabanten. Bald darauf ging Katuti mit ihrem fürstlichen Freunde in ihrem Garten auf und nieder, erzählte ihm, daß Bent-Anat ihr Nefert genommen, und wiederholte ihm Alles, was sie in den letzten Stunden erwogen und geplant hatte. »Dir ward der Geist eines Mannes,« sagte Ani, »und dießmal drängst Du mich nicht vergeblich. Ameni ist zu handeln bereit und Paaker sammelt heute schon seine Schaar; morgen will er noch dem Feste des Thales beiwohnen und übermorgen zieht er nach Syrien.« »Er war bei Dir?« fragte Katuti. »Aus Deinem Hause kam er in den Palast,« gab Ani zurück. »Mit glühenden Wangen und entschlossen zum Aeußersten, obgleich er noch nicht ahnt, daß ich ihn in meiner Hand halte.« Also redend betraten sie die Veranda, in der sich Nemu aufgehalten und sich nun, um sie zu belauschen, hinter die Blattpflanzen versteckt hatte. Sie setzten sich nebeneinander an Nefert's Frühstückstisch nieder und Ani fragte seine Freundin, ob Nemu ihr das Geheimniß seiner Mutter anvertraut habe. Katuti stellte sich unwissend, ließ sich die Geschichte von dem Liebestrank erzählen und spielte die entsetzte Mutter mit großem Geschick. Der Statthalter behauptete, indem er sie beruhigte, daß es keine wirksamen Liebestränke gäbe; die Wittwe aber rief: »Nun versteh' ich, nun begreif' ich erst meine Tochter. Paaker hat ihr den Trank in den Wein gegossen, denn sobald Nefert heute Morgen ihren Becher geleert hatte, war sie wie verwandelt. Zärtlich klangen die Worte, die sie an Paaker richtete, und wenn er sich Dir vorhin so freudig zur Verfügung stellte, so that er's, weil er der Liebe meiner Tochter gewiß zu sein glaubt. Die Arznei der Alten war wirksam!« »Es gibt also doch solche Tränke,« sagte Ani nachdenklich. »Sie werden wohl aber nur den jungen Männern die Herzen gewinnen. Ist das der Fall, so macht die Alte ein schlechtes Geschäft, denn die Jugend an sich ist ein Liebe weckender Zauber. Ja, wär' ich so jung wie Paaker! Du lächelst über den seufzenden Mann, sprech' ich's nur aus, den seufzenden Alten! Freilich, den Alten, denn die Mitte des Lebens liegt hinter mir. Und doch, Katuti, Freundin, klügste der Frauen, erkläre mir Eines! Da ich jung war, bin ich viel geliebt worden und habe mich an vielen Weibern gefreut, aber keine war mir mehr als ein Spielzeug, selbst nicht meine früh verstorbene Gattin; und nun streck' ich die Hand aus nach einer Jungfrau, deren Vater ich sein könnte, nicht um mich ihrer zu freuen, sondern um sie meinen Zwecken dienstbar zu machen, und da sie mich verschmäht, fühle ich mich so beunruhigt und närrisch wie . . . es fehlte nicht viel und ich gliche dem Liebestrankkäufer Paaker!« »Du hast mit Bent-Anat gesprochen?« fragte die Wittwe. »Und war so klug,« gab Ani zurück, »mir die Abweisung, die mir die Prinzessin durch Dich übersandt hatte, von ihrem eigenen Munde wiederholen zu lassen. Du siehst, mein Geist hat gelitten!« »Und mit welchen Vorwänden wies sie Deine Werbung zurück?« fragte die Wittwe. »Vorwände?« rief Ani. »Bent-Anat und Vorwände! Das muß wahr sein, königlichen Stolz besitzt dieß Weib und die große Ma in eigener Person ist nicht wahrhaftiger als sie. Daß ich's nur gestehe! Ihr gegenüber erschien mir unser Treiben ungewöhnlich erbärmlich. Meine Adern enthalten nun einmal viele Tropfen von dem Blute des Thutmes, und wenn mich auch das Leben gelehrt hat, den Rücken zu krümmen, so thut mir das Bücken doch weh. Das Frohgefühl der Zufriedenheit mit meiner Lage und meinem Thun hab' ich niemals gekannt, denn ich war immer mehr als ich sein durfte, und that stets weniger als ich hätte thun sollen. Um nicht alle Zeit ingrimmig dreinzuschauen, lächle ich immer. Ich habe nichts auf dem Gesichte wie die Haut, mit der mich die Mutter gebar, und trage doch stets eine Maske, ich diene Dem, dessen geborner Herr ich zu sein glaube, ich hasse Ramses, der mich, aufrichtig oder nicht, seinen Bruder nennt, und während ich mich stelle, als festigte ich das Fundament seiner Herrschaft, unterwühl' ich es fleißig. Mein ganzes Dasein ist eine Lüge!« »Aber es wird zur Wahrheit werden,« unterbrach ihn Katuti, »sobald die Götter Dich das sein lassen, was Du bist, den echten König dieses Landes.« »Wunderbar,« lächelte der Statthalter. »Beinah der gleichen Worte bediente sich heute der Oberpriester Ameni. Die Klugheit der Priester und Frauen hat viel Verwandtes; ihr kämpft ja auch mit ähnlichen Waffen. Statt der Schwerter dienen euch Worte, statt der Lanzen Schlingen und ihr werft eure Fesseln nicht um den Leib, sondern um die Seelen.« »Willst Du uns damit tadeln oder loben?« fragte die Wittwe. »Unmächtig sind wir jedenfalls nicht und darum, sollt' ich meinen, brauchbare Bundesgenossen.« »Das seid ihr,« lächelte Ani, »fällt doch in diesem Lande keine Thräne, sei sie vor Schmerz geweint oder vor Freude, an der nicht am letzten Ende ein Priester Schuld wäre oder ein Weib. Im Ernste, Katuti! Unter zehn großen Ereignissen habt ihr Frauen bei neun die Hand im Spiele. Du gabst den Antrieb zu Allem, was sich hier vorbereitet, und ich will nur gestehen, daß ich vor wenigen Stunden, ungeachtet unserer jüngsten Erfolge, meinen Ansprüchen auf den Thron entsagt haben würde, hätte das Weib Bent-Anat statt eines ›Nein‹ ein ›Ja‹ gesagt.« »Du machst mich glauben,« entgegnete Katuti, »das schwache Geschlecht sei mit kräftigerem Willen begabt, als das starke. Ihr nennt uns ja auch in der Ehe ›die Herrinnen des Hauses‹, und wenn die Eltern der Bürger schwach werden, so liegt es hier zu Lande nicht den Söhnen, sondern den Töchtern ob, sie zu erhalten. Aber wir Frauen haben auch unsere Schwächen und zu diesen gehört in erster Reihe die Neugier. Darf ich fragen, mit welchen Gründen Bent-Anat Dich abspeiste?« »Du weißt so viel,« antwortete Ani, »daß Du Alles wissen magst. Sie gestattete mir, sie allein zu sprechen. Es war noch früh und eben kam sie aus dem Tempel, wo ihr der alte, schwache erste Prophet die Reinheit zurückgegeben hatte. Frisch, schön und stolz trat sie mir entgegen, stark und gesund wie eine Göttin und Fürstin. Mir schlug das Herz, als wär' ich ein Jüngling, und während sie mir ihre Blumen zeigte, sagt' ich mir: Du bist gekommen, um ein neues Anrecht auf den Thron durch sie zu gewinnen, aber willigt sie ein, die Deine zu werden, so will ich des Ramses treuer Bruder und Statthalter sein und Ruhe und Glück genießen an ihrer Seite und durch sie, eh' es zu spät ist. Weist sie mich ab, so mag sich das Geschick erfüllen und statt des Friedens und der Liebe wähl' ich den Kampf um die meinem Hause entrissene Krone. – Ich begann die Werbung; sie aber schnitt mir das Wort vom Munde, nannte mich einen edlen Mann und würdigen Freier . . .« »Doch nun kam das ›Aber‹,« unterbrach ihn Katuti. »Es kam,« gab Ani bestätigend zurück, »und zwar in Gestalt eines freimüthigen ›Nein‹. Ich fragte nach den Gründen. Sie bat mich, mich mit dem ›Nein‹ zu begnügen. Da ward ich dringender, bis sie mich unterbrach und mit stolzer Entschlossenheit bekannte, daß sie einen Andern mir vorziehe. Ich wünschte den Namen des Glücklichen zu erfahren. Sie wies mich zurück. Jetzt erst begann mein Blut zu sieden und mein Verlangen nach ihr groß zu werden, und doch mußte ich sie verlassen, abgewiesen, ohne Hoffnung und mit einem neuen brennenden Gift im Herzen.« »Du bist eifersüchtig,« sagte Katuti. »Und weißt Du, auf wen?« »Nein,« entgegnete Ani. »Aber ich hoffe es durch Dich zu erfahren. Was sich hier drinnen bewegt, weiß ich nicht bei Namen zu nennen. Eines aber weiß ich, und das ist: daß ich als ein schwankender Mann den Palast betrat und ihn mit fester Entschlossenheit verließ. Ich stürme jetzt vorwärts, um nicht mehr rückwärts zu können. Du wirst mich von nun an nicht mehr zu treiben, sondern aufzuhalten haben, und, als hätten die Götter mir zeigen wollen, daß sie mir beizustehen gewillt sind, fand ich den Oberpriester Ameni und den Wegeführer Paaker in meinem Hause auf mich wartend. Ameni wird für mich in Aegypten, Paaker in Syrien handeln. Meine aus Aethiopien siegreich heimkehrenden Truppen ziehen morgen in der Frühe triumphirend, als habe der König an ihrer Spitze gefochten, in Theben ein und nehmen dann Theil an dem Feste des Thales. Später senden wir sie in das Nordland und legen sie in die Festungen, Ueber die Aegypten vor den Einfällen der Asiaten schützende Festungslinie ist eingehend gehandelt worden in unserem Aegypten und die Bücher Mose Bd. II. S. 78 ff. welche Aegypten vor den von Osten her kommenden Feinden beschützen. nach Tanis, Pelusium, Daphne und Migdol. Ramses verlangt, wie Du weißt, die Hörigen der Priester sollten hier geübt und ihm als Hülfstruppen nachgesandt werden.. Ich schicke ihm die Hälfte der Leibeigenen, die andere Hälfte soll meinen Zwecken dienen. Die dem Ramses ergebene Besatzung von Memphis wird nach Nubien geschickt und von Truppen abgelöst, die mir treu sind. Das Volk von Theben läßt sich von den Priestern leiten und morgen wird Ameni ihm zeigen, wer sein echter König ist, wer den Krieg einstellen und sie von Steuern befreien wird. Sehen sollen sie, wer den Göttern genehmer ist, der letzte Sproß des alten Königshauses oder der Nachwuchs des neuen. Des Ramses Kinder werden ausgeschlossen sein von der Feier, denn Ameni erklärt trotz des ersten Propheten des Amon in Theben Bent-Anat für unrein. Der junge Rameri hat Uebles begangen, und Ameni, der noch anderes Großes im Sinn hat, wird ihn aus dem Setihause verweisen. Das wirkt auf die Menge! Wie die Sachen in Syrien stehen, weißt Du. Ramses hat viel zu leiden von den Cheta und ihren Verbündeten. Ganze Tausendschaften sind des ewigen im Felde Liegens müde und werden uns, wenn es zum Aeußersten kommen sollte, anhängen; vielleicht aber, und zwar wenn Paaker seine Schuldigkeit thut, werden wir auch siegen ohne zu kämpfen. Vor allen Dingen gilt es jetzt mit Schnelligkeit zu handeln!« »Ich erkenne den viel erwägenden, behutsamen Zauderer nicht wieder,« sagte Katuti. »Weil vorsichtiges Bedenken jetzt Unvorsichtigkeit sein würde,« erwiederte Ani. »Und wenn nun der König vorzeitig Nachricht von Allem erhielte, was hier geschieht?« fragte Katuti. »Ich sagt' es,« rief Ani. »Wir wechseln die Rollen!« »Du irrst,« entgegnete Katuti. »Ich dränge auch jetzt vorwärts; möchte Dich aber an eine notwendige Vorsichtsmaßregel erinnern. Nur Deine Briefe und keine anderen dürfen in den nächsten Wochen in das Lager gelangen.« »Wieder findest Du Dich mit dem Priester zusammen,« lachte der Statthalter, »denn Ameni rieth mir das Gleiche! Was auch von Briefen die Festungslinie zwischen Pelusium und dem Schilfmeere passiren will, wird aufgehalten. Nur meine Schreiben, in denen ich über die räuberischen Wüstensöhne klage, welche die Boten überfallen, gelangen zum Könige.« »Das ist weise,« sagte die Wittwe. »Laß auch die Häfen am Schilfmeere überwachen und die Schreiber bewahren. Wenn Du König bist, so wirst Du aus ihnen erkennen, wer Dir wohl oder übel gesinnt war.« Ani schüttelte verneinend den Kopf und gab zurück: »Das würde mich in eine schwierige Lage bringen, denn wollt' ich Diejenigen, die jetzt an ihrem Könige hängen, bestrafen und die Anderen erheben, so würd' ich mit treulosen Dienern zu regieren und die treuen zu verstoßen haben. Du brauchst nicht zu erröthen, Freundin, denn wir sind eines Blutes und meine Sache ist Deine Sache.« Katuti ergriff die ihr dargereichte Hand und sagte: »Das ist sie. Auch verlang' ich keinen andern Lohn, als das Haus meiner Väter neu aufgerichtet zu sehen.« »Vielleicht wird es gelingen,« erwiederte Ani, »aber auf wie kurze Zeit, wenn nicht, – wenn nicht . . . . Denke nach, Katuti, forsche, nimm die Hülfe Deiner Tochter in Anspruch. Wer ist es, den sie – Du weißt, wen ich meine, – wen liebt Bent-Anat?« Die Wittwe erschrak, denn mit einer seiner höfischen Art fremden Heftigkeit hatte Ani die letzten Worte ausgerufen; bald aber lächelte sie wieder und zählte dem Statthalter die Namen der wenigen jungen Edlen vor, die dem Könige nicht in den Krieg gefolgt und in Theben verblieben waren. »Könnt' es ihr Bruder Chamus sein?« fragte sie endlich. »Der ist zwar im Lager, indessen . . .« In diesem Augenblicke trat Nemu, dem kein Wort des mitgeteilten Gespräches entgangen war, als käm' er aus dem Garten, in die offene Halle und rief: »Verzeiht mir, meine Gebieter; aber seltsame Dinge hab' ich vernommen.« »Rede!« winkte Katuti. »Die edle Prinzessin Bent-Anat, die göttliche Tochter des Ramses, soll in einem offenen Liebesverhältniß mit einem jungen Priester des Setihauses leben.« »Unverschämter!« rief Ani und seine Augen funkelten zornig. »Erweise was Du sagst, oder es ist um Deine Zunge geschehen!« »Als einem Verleumder und Staatsverräther laß sie mir ausschneiden nach dem Gesetze,« sagte der Kleine unterwürfig und doch schelmisch lächelnd; »aber dießmal darf ich sie wohl behalten, denn was ich sage, das kann ich verbürgen. Ihr wißt, daß Bent-Anat für unrein erklärt ward, weil sie im Hause eines Paraschiten eine Stunde und länger verweilte. Dort hatte sie ein Stelldichein mit dem Priester. Bei einem zweiten, im Hathor-Tempel der Hatasu, überraschte sie Septah, der erste Horoskop des Setihauses.« »Wer ist der Priester?« fragte Ani mit scheinbarer Ruhe. »Ein niedrig geborener Mann,« gab Nemu zurück, »dem sie Freischule im Setihause gegeben, und der nun als Deuter der Träume und Versemacher berühmt ist. Pentaur heißt er, und schön und stattlich darf man ihn nennen. Er gleicht Zug für Zug dem verstorbenen Vater des Wegeführers Paaker, – hast Du ihn gesehen, mein Fürst?« Der Statthalter schaute düster zu Boden und machte eine bejahende Bewegung; Katuti aber rief: »Ich Thörin! der Zwerg hat Recht! Ich sah, wie sie erglühte, als ihr Bruder erklärte, die Buben wollten um seinetwillen sich gegen Ameni empören. Sie denkt an Pentaur und keinen Andern!« »Es ist gut,« sagte Ani, »wir werden sehen!« Mit diesen Worten verabschiedete er sich von der Wittwe, die, als er im Garten verschwand, vor sich hin murmelte: »Er war heute von seltener Entschiedenheit und Klarheit; aber die Eifersucht fängt schon an ihn zu blenden und wird ihn bald fühlen lassen, daß er meiner scharfen Augen nicht zu entbehren vermag.« Nemu war dem Statthalter nachgeschlichen. Hinter dem Feigengebüsch rief er ihn an und flüsterte schnell, indem er sich ehrerbietig verneigte: »Meine Mutter weiß sehr Vieles, hoher Herr! Der heilige Ibis Ibis religiosa . Nunmehr aus Aegypten verschwunden. Es gab zwei Arten dieses dem Toth geheiligten Thieres, von dem sich an vielen Stellen Mumien gefunden haben. In Hermopolis, erzählt Aelian, sei ein unsterblicher Ibis gezeigt worden. »Der Ibis,« sagt Plutarch, »vertilgt die giftigen Kriechthiere und zeigte zuerst den Gebrauch einer ärztlichen Ausleerung, indem man sah, daß er so durch Einspritzungen (mit dem Schnabel) sich selbst reinigte. Die gewissenhaftesten Priester schöpfen ihr reinigendes Weihwasser da, wo der Ibis getrunken hat, denn er trinkt nie ein ungesundes oder vergiftetes Wasser, noch nähert er sich ihm \&c.« Plutarch, Isis und Osiris c. 75. watet ja auch durch den Sumpf, wenn er auf Beute ausgeht, warum solltest Du nicht einmal Gold aus dem Staube auflesen? Ich wüßte, wie Du die Alte unbemerkt sprechen könntest.« »Rede,« murmelte Ani. »Wirf sie auf einen Tag in's Gefängniß, verhöre sie und laß sie dann laufen – beschenkt, wenn sie Dir diente; im andern Falle mit Schlägen. Aber etwas unsagbar Wichtiges wirst Du erfahren, das sie selbst mir hartnäckig verschweigt.« »Wir werden sehen,« entgegnete der Statthalter, warf dem Kleinen einige Goldringe zu und bestieg seinen Wagen. In der Nähe des Palastes hatte sich ein so dichter Menschenknäuel gesammelt, daß der Statthalter Schlimmes besorgte und seinem Rosselenker den Lauf der Pferde zu hemmen und einigen Polizeisoldaten seine Vorläufer zu unterstützen befahl; aber frohe Kunde schien seiner zu warten, denn bei dem Thore des Schlosses hörte er das nicht zu verkennende Jubelgeschrei der Menge und im Palasthofe fand er eine Gesandtschaft des Setihauses, die ihm und dem Volke in Ameni's Auftrag verkündete, ein großes Wunder habe sich ereignet, denn das Herz des von wilden Thieren zerrissenen Widders des Amon sei in der Brust des frommen verstorbenen Propheten Rui wiedergefunden worden. Ani entstieg sogleich seinem Wagen, kniete vor allem Volke, das seinem Beispiele folgte, nieder, erhob betend die Arme und dankte den Göttern mit lauter Stimme. Als er sich nach vielen Minuten wieder erhoben und den Palast betreten hatte, erschienen Sklaven, welche im Auftrage des Ani Brod unter die Menge verteilten. »Der Statthalter hat eine offene Hand,« sagte ein Schreiner aus Theben zu seiner Nachbarin. »Sieh' nur, wie weiß das Gebäck ist. Ich stecke es ein und bring' es den Kindern.« »Gib' mir ein Stückchen,« rief ein nackter Knabe, riß dem Schreiner sein Brödchen aus der Hand und entfloh, indem er sich behend zwischen den Beinen der Leute hindurchschlängelte. »Krotodilsbrut!« schrie der Beraubte. »Die Zügellosigkeit der Buben wächst alle Tage.« »Sie sind hungrig,« sagte die Frau entschuldigend. »Die Väter sind im Kriege und die Mütter haben für die Kinder nichts als Papyrusmark und Lotoskörner.« S. Anmerkung 88 »Mag's ihm schmecken,« lachte der Schreiner. »Drängen wir uns nach links! Da kommt ein Diener mit neuen Broden.« »Der Statthalter muß große Freude haben an dem Wunder,« sagte ein Schuster. »Er läßt sich's was kosten.« »Es hat sich auch lange nichts Gleiches zugetragen,« fiel ein Korbflechter ein, »und es freut wohl Ani besonders, daß gerade Rui mit dem heiligen Herzen begnadigt ward. Ihr fragt warum? Dummköpfe, die ihr seid. Hatasu ist Ani's Ahnfrau.« »Und Rui war Prophet im Hatasutempel,« sagte der Schreiner. »Die Priester drüben hängen dem alten Königshause an, ich weiß es,« versicherte der Bäcker. »Als wenn das ein Geheimniß wäre!« rief der Schuster. »Die alten Zeiten waren auch besser als diese. Alles verschlingt der Krieg und ganz reputirliche Leute laufen jetzt barfuß, weil sie das Leder nicht zahlen können. Mit der Beute sieht's auch windig aus seit dem letzten Jahre. Ramses ist ein großer Kriegsheld und ein Sohn des Ra, aber was vermag er ohne die Götter, denen es ja nicht mehr in Theben zu gefallen scheint; warum suchte sich sonst das heilige Widderherz eine neue Wohnung in der Nekropole und in der Brust eines Anhängers der alten . . .« »Hüte die Zunge,« warnte der Korbflechter, »da kommt die Sicherheitswache.« »Ich muß auch an die Arbeit,« sagte der Bäcker, »denn ich habe zum Feste morgen alle Hände voll zu thun.« »Ich auch,« seufzte der Schuster, »denn wer möchte dem Könige der Götter barfuß in die Nekropole folgen?« »Ihr müßt schönes Geld verdienen,« rief der Korbflechter. »Es würde ja angehen,« entgegnete der Schuster, »wenn man bessere Hülfe hätte; aber die Gesellen sind alle im Kriege. Mit lumpigen Jungen muß man sich behelfen. Und dann die Frauen! Meine hat sich für die Prozession ein neues Gewand und für die Kinder, selbst für die kleinen, Halsbänder gekauft. Man ehrt ja gern seine Todten und sie vergelten's auch manchmal durch gnädigen Beistand, aber was die Opfer mich kosten, es ist nicht zu sagen. Noch mehr als die Hälfte des ganzen Verdienstes geht damit dahin –« »Im ersten Schmerz um meine verstorbene Hausfrau,« sagte der Bäcker, »hab' ich mich auch an jedem Neumond ein kleineres und in jedem Jahre ein größeres Opfer zu bringen verpflichtet. Die Priester erlassen nichts von dem Gelobten und die Zeiten werden doch immer schlechter. Dabei ist die Verstorbene mir übel gesinnt und undankbar wie bei Lebzeiten, denn wenn sie mir im Traume erscheint, so gönnt sie mir kein gutes Wort und quält mich nicht selten.« »Sie ist jetzt ein leuchtender, allwissender Geist,« sagte das Weib des Korbflechters, »und gewiß warst Du ihr treulos. Die Verklärten wissen Alles, was auf Erden geschieht und geschehen ist.« Der Bäcker räusperte sich bedenklich, der Schuster aber rief: »Bei Anubis, dem Herrn der Unterwelt, ich wünsche vor meiner Alten zu sterben, denn wenn die bei Osiris erfährt, was ich hier auf Erden Alles gethan, und sie darf sich in jede Gestalt verwandeln, die sie will, so erscheint sie mir jede Nacht und zwickt mich als Krebs und drückt mich als lastender Alp.« »Wenn Du zuerst stirbst,« sagte das Weib, »so kommt sie doch später zu Dir in die Unterwelt und wird dort Dich durchschauen.« »Ist weniger gefährlich,« lachte der Schuster, »denn dann bin ich ja selbst ein Verklärter und ihr vergangenes Leben liegt offen vor mir. Das wird auch nicht ganz weiß sein, und wirft sie mit dem Schuh, so werf' ich mit dem Leisten.« »Komm' mit nach Hause,« sagte des Korbmachers Weib und zog ihren Mann mit sich fort, »Du hörst hier nichts Gutes.« Die Umstehenden lachten, der Bäcker aber rief: »Es ist die höchste Zeit, ich muß in der Nekropole sein, eh' es dunkelt, und den Tisch aufschlagen lassen für das morgende Fest. Meine Waaren stehen dicht bei dem schmalen Eingang in das Thal. Führ' Deine Kleinen zu mir, Schuster, ich schenke ihnen was Süßes. Fährst Du mit mir hinüber?« »Mein jüngerer Bruder,« entgegnete der Schuster, »ist schon mit der Waare hinüber. Wir haben noch mit den Kunden in Theben zu thun und da steh' ich hier und verschwatze die Zeit! Ob das wunderbare Herz des heiligen Widders wohl morgen gezeigt wird?« »Gewißlich,« sagte der Bäcker. »Lebe wohl! Da sind meine Kisten.« Elftes Kapitel. Zugleich mit dem Bäcker fuhren Hunderte von Leuten trotz der vorgerückten Zeit in die Nekropole. Es war ihnen gestattet, dort unter den Augen der Sicherheitswächter in der dem Feste vorangehenden Nacht zu verweilen, denn sie hatten ihre Verkaufstische und Schirmdächer aufzustellen, ihre Waaren auszulegen, ihre Zelte aufzuschlagen, und sobald die Sonne des nächsten Tages sich zeigte, war auf dem heiligen Strome jeder geschäftliche Verkehr verboten, durften nur Festbarken und solche Boote von Theben abfahren, welche die an der großen Prozession teilnehmenden Wallfahrer, Männer, Frauen und Kinder, Einheimische und Fremde an das jenseitige Ufer führten. Auch in den Sälen und Laboratorien des Setihauses ging es lebendiger her als sonst. Die Heiligsprechung des wunderbaren Herzens hatte die Vorbereitungen zum Feste auf kurze Zeit unterbrochen. Jetzt wurden wieder hier Chöre geübt, dort das auf dem heiligen See aufzuführende Schauspiel geprobt, Zu jedem Tempel gehörte ein heiliger See. Herodot II. 171 erwähnt die Vorstellungen, welche auf dem heiligen See der Neith zu Sais in der Nacht gegeben wurden. »Man nennt sie Mysterien,« sagt er, »aber obgleich ich Vieles davon weiß, so schweige ich doch aus Ehrfurcht darüber.« Zur Aufführung kam die Mythe von Isis, Osiris und Seth-Typhon. da Götterbilder abgestaubt und bekleidet Die Stolisten hatten die Götterbilder zu bekleiden, und an einigen Reliefs finden sich noch Häkchen, an denen man die Gewandstücke befestigte. Das Aus- und Ankleiden der Götterbilder hatte beim Kultus in fest vorgeschriebener Ordnung vor sich zu gehen. In Bezug auf diese in all' ihren Theilen bedeutungsvollen Handlungen sind besonders lehrreich die Inschriften in den sieben Sanctuarien von Abydos. Herausgegeben von A. Mariette. und die Farben der heiligen Embleme aufgefrischt, hier die Pantherfelle und andere Stücke des priesterlichen Ornats gelüftet und in Stand gesetzt, da Szepter, Rauchpfannen und anderes Metallgeräth geputzt und dort die in der Prozession umherzutragende Festbarke ausgeschmückt. Sie hieß nach den heute noch im Setihause (dem Tempel von Qurnah) erhaltenen Darstellungen die Sambarke. Im heiligen Haine des Setihauses flochten die kleineren Schüler, von den Tempelgärtnern geleitet, Guirlanden und Kränze zur Ausschmückung des Landungsplatzes, der Sphinxe, des Tempels und der Götterbilder. Die Fahnen wurden an den mit Erz beschlagenen Masten S. Bd. II. S. 73 . vor den Pylonen aufgehißt und Schatten spendende Purpursegel über die Mitte der Höfe gebreitet. Der Vorsteher der Opfergaben nahm, von Schreibern, welche alles Abgelieferte notirten, von fest zugreifenden Neokoren und leibeigenen Ackerknechten unterstützt, an einer Nebenpforte schon jetzt das Vieh, die Korn und Fruchtspenden in Empfang, welche von den Bürgern aus allen Theilen des Landes am Feste des Thales dem Setihause gesteuert zu werden pflegten. Ameni war bald bei den Sängern, bald bei den Wundertätern, welche dem Volke überraschende Verwandlungen vorführen sollten, bald bei den Neokoren, welche Thronsessel für den Statthalter, die Gesandten der anderen Priesterkollegien des Landes Daß selbst aus dem Delta Festboten in das Setihaus (den Tempel von Qurnah) gesandt wurden, lehren die Inschriften in dem Säulengange an der Ostseite dieses Tempels. und die Propheten von Theben aufstellten, bald bei den das Rauchwerk herstellenden Priestern, bald bei den tausend Lampen für die Festnacht rüstenden Dienern, – kurz überall; hier anfeuernd, dort lobend. Als er die Ueberzeugung erlangt hatte, daß Alles in bestem Gange sei, befahl er einem »heiligen Vater«, Pentaur zu rufen. Der junge Priester hatte sich, nach seinem Abschiede von dem aus dem Tempel verwiesenen Ramsessohne Rameri, mit seinem Freunde Nebsecht in dessen Arbeitszimmer begeben. Der Arzt ging unruhig zwischen seinen Flaschen und Käfigen einher. Fieberhaft erregt, bald ein Pflanzenbündel mit dem Fuße fortstoßend, bald mit der Faust auf den Tisch schlagend, bewegte er heftig seine ungelenken Glieder, während er Pentaur erzählte, wie er bei seiner Heimkehr sein Arbeitszimmer gefunden. Seine Lieblingsvögel waren verhungert, seine Schlangen hatten sich befreit und sein Affe war, wahrscheinlich aus Angst vor ihnen, ihrem Beispiel gefolgt. »Das Vieh, das Scheusal!« rief er zornig, »hat die Töpfe mit den Käfern umgeworfen, die Kiste mit dem Mehl, das meine Vögel und Würmer zu fressen bekommen, ausgemacht und sich darin herumgewälzt, meine Messer, Nadeln, Zangen, meine Stifte, Zirkel und Rohrfedern hat er zum Fenster hinausgeworfen und als ich in das Zimmer trat, saß er, so weiß wie ein äthiopischer Sklave, der Tag und Nacht die Mühle dreht, auf dem Schranke da oben und hielt die Rolle, welche meine Aufzeichnungen über den Bau des thierischen Körpers, die Resultate von jahrelangen Studien enthält, in der Hand und schaute mit schrägem Kopfe ernst hinein. Ich will ihm das Buch abnehmen, er aber flieht mit der Rolle, springt zum Fenster hinaus, läßt sich auf dem Rande des Brunnens nieder und zerfetzt und zerreibt da wüthend den Papyrus. Ich springe ihm nach, er aber setzt sich in den Eimer, reißt an der Kette und läßt sich, indem er mich höhnisch anglotzt, in den Brunnen hinab. Als ich ihn wieder herausziehe, springt er mit den Resten des Buches in die Tiefe.« »Der arme Kerl ist ertrunken?« fragte Pentaur. »Ich fischte ihn mit dem Eimer heraus und legte ihn zum Trocknen in die Sonne. Aber er hatte auch allerlei Arzneien ausgesoffen und ist heute Mittag verendet. Meine Notizen sind auch hin! Manches freilich hab' ich behalten; es gilt aber doch im Ganzen von Neuem anzufangen. Du siehst, die Affen sind meinen Arbeiten ebenso feindlich wie die Weisen. Da in der Lade liegt die Bestie!« Pentaur hatte bei der Erzählung seines Freundes gelacht und dann seinen Verlust bedauert. Jetzt fragte er besorgt: »Dort liegt das Thier? Du vergißt doch nicht, daß er in der Kapelle des Toth bei der Bücherei gepflegt werden sollte. Er hat zu der heiligen Art der Hundskopfsaffen Die Hundskopfsaffen ( Kyknokephalos ) waren dem Toth-Hermes als dem Mondgotte heilig. Mumien derselben sind zu Theben und beim alten Hermopolis gefunden worden. Mit scheinbarem Ernst in ein Buch vertiefte Hundskopfsaffen wurden oft sehr lebensvoll abgebildet. Statuen dieser Thiere wurden in großer Zahl gefunden. Im Bibliothekszimmer des Isistempels zu Philä ist ein besonders gelungenes Reliefbild eines Kynokephalos an der linken Wand angebracht. gehört und alle guten Zeichen sind an ihm gefunden worden. Der Bibliothekar vertraute ihn Dir an, um sein krankes Auge zu heilen.« »Das war wieder gesund,« antwortete Nebsecht unbefangen. »Aber sie werden den unangetasteten Leichnam von Dir verlangen, um ihn zu balsamiren,« sagte Pentaur. »Sie werden?« murmelte Nebsecht und schaute den Freund an wie ein Knabe, von dem man einen Apfel zurückverlangt, den er längst aufgegessen. »Da hast Du wieder etwas Schönes begangen!« rief Pentaur freundlich drohend. Der Arzt nickte und sagte: »Ich habe ihn geöffnet und sein Herz untersucht.« »Du bist auf Herzen versessen, als wärest Du ein gefallsüchtiges Weib!« rief der Dichter. »Wie ist es denn mit dem Menschenherzen geworden, das der alte Paraschit Dir verschaffen sollte?« Nebsecht erzählte nun ohne Rückhalt, was Uarda's Großvater für ihn gethan, daß er ein Menschenherz untersucht und nichts in ihm gefunden habe, was das Thierherz nicht auch enthalte. »Aber ich muß es in Zusammenhang mit den anderen Organen des Menschen arbeiten sehen,« rief er erregt, »und mein Entschluß steht fest. Ich verlasse das Setihaus und bitte die Kolchyten, mich in ihre Zunft aufzunehmen. Wenn es sein muß, so verrichte ich anfänglich die Dienste der niedrigsten Paraschiten.« Pentaur zeigte dem Arzte, einen wie schlechten Tausch er machen werde, und rief endlich, als Nebsecht ihm lebhaft widersprach: »Dieß Zerschneiden der Herzen mißfällt mir. Du sagst selbst, daß es Dich nichts gelehrt habe. Findest Du es gut, schön oder auch nur nützlich?« »Mich kümmert es nicht,« gab Nebsecht zurück, »ob das, was ich beobachte, gut oder schlecht, schön oder häßlich, nützlich oder unnütz erscheint, ich will nur wissen, wie es ist , weiter nichts!« »Also um der Neugier willen,« rief Pentaur, »willst Du die Seligkeit von tausend Mitmenschen gefährden, das trübseligste Handwerk auf Dich nehmen und diese edle Arbeitsstätte verlassen, in der wir nach Erleuchtung ringen, nach innerer Läuterung und Wahrheit!« Der Naturforscher lachte höhnisch. Da schwoll auf Pentaur's hoher Stirn die Zornesader und seine Stimme klang drohend, als er fragte: »Glaubst Du, daß Deine Finger und Augen die Wahrheit gefunden haben, nach der edle Geister mit all' ihrer Kraft seit tausend Jahren vergeblich ringen? Zu den Sinnesmenschen steigst Du hinab durch Dein thörichtes Wühlen im Staube, und je bestimmter Du meinst, Du besäßest die Wahrheit, je schmählicher führt Dich der elende Irrthum am Seile.« »Glaubt' ich wirklich die Wahrheit zu haben, würd' ich denn nach ihr suchen?« fragte Nebsecht. »Je mehr ich beobachte und erkenne, je tiefer empfind' ich die Mängel unsres Könnens und Wissens.« »Das klingt bescheiden,« gab der Dichter zurück, »aber ich kenne die Selbstüberhebung, zu der Deine Arbeit Dich führt. Untrüglich scheint Dir Alles, was Du mit den Augen siehst und den Fingern betastest, und unwahr nennst Du in Deinem Innern mit überlegenem Lächeln Jedwedes, was Deinen Erfahrungen widerstrebt. Aber diese Erfahrungen erwirbst Du nur im Bereiche der Sinnenwelt und vergißt, daß es Dinge gibt, die auf einer andern Ordnung stehen.« »Diese Dinge kenne ich nicht,« entgegnete Nebsecht ruhig. »Wir Geweihten aber,« rief der Dichter, »wenden auch ihnen unsere Aufmerksamkeit zu. Ahnungen über ihre Beschaffenheit und Wirksamkeit sind vor Jahrtausenden unter uns ausgesprochen worden. Hundert Generationen haben diese Ahnungen geprüft, gebilligt und sie uns als Glauben hinterlassen. Mangelhaft ist all' unser Wissen und doch vermögen begnadigte Propheten in die Zukunft zu schauen, magische Kräfte werden vielen Sterblichen verliehen; das widerspricht doch den Gesetzen der Sinnenwelt, die Du allein anzuerkennen geneigt bist, und erklärt sich dennoch so leicht, wenn wir eine höhere Ordnung der Dinge annehmen. Gottes Geist lebt wie in der Natur in jedem von uns. Der Sinnenmensch kann nur zum gemeinen Wissen gelangen, in dem Propheten aber wirkt die göttliche Eigenschaft des Wissens in ungetrübter Form, das ist die Allwissenheit, und den Wundertäter befähigt zu übernatürlichen Werken nicht die menschliche Kraft, sondern zu Zeiten die von keiner Schranke gehemmt göttliche, das ist die Allmacht.« »Geh' mir mit Propheten und Wundern!« rief der Arzt. »Ich dächte,« entgegnete Pentaur, »daß auch jene Ordnung der Natur, die Du anerkennst, Dir täglich die herrlichsten Wunden vorführt, ja der Eine verschmäht es nicht, zu Zeiten die gemeine Ordnung der Dinge zu durchbrechen, um denjenigen Theil seines Wesens, welchen wir unsere Seele nennen, auf das hohe Ganze, dem sie angehört, auf ihn selbst, hinzuweisen. Noch heute hast Du gesehen, wie das Herz des heiligen Widders . . .« »Mann, Mann!« unterbrach Nebsecht seinen Freund. »Das heilige Herz ist das Herz eines armseligen Hammels, den ein dem Trunk ergebener Soldat für Lumpengeld einem feilschenden Viehmäster abgekauft hat, und der am Herd eines Unreinen geschlachtet ward. Ein geächteter Paraschit steckte es in die Brust des Rui und – und«, bei diesen Worten öffnete er die Lade, warf den Leichnam des Affen und einige Kleidungsstücke auf den Boden und holte dann eine Alabasterschüssel hervor, die er dem Dichter hinhielt, »und die Muskeln da in der Salzlache, das Zeug hier, hat einst in der Brust des Propheten Rui geschlagen. Mein Hammelherz werden sie morgen in der Prozession umhertragen! Ich würde es Dir gleich erzählt haben, wenn ich mir nicht wegen des alten Mannes Schweigen auferlegt hätte, und dann . . . aber Mann, Mann, was ist Dir? « Pentaur hatte sich von dem Freunde abgewandt, schlug beide Hände vor sein Angesicht und stöhnte, als habe ihn ein heftiger Körperschmerz ergriffen. Nebsecht ahnte, was in dem Dichter vorgehe. Wie ein Kind, das seiner Mutter ein Unrecht abbitten möchte, näherte er sich ihm, blieb zaghaft hinter ihm stehen und wagte es nicht, ihn anzureden. So vergingen mehrere Minuten. Plötzlich richtet Pentaur sich in seiner ganzen Größe auf, erhob die Hände gen Himmel und rief: »Du Einer, wenn Du auch Sterne vom Himmel fallen läßt in Sommernächten, so lenkt doch Dein ewiges, unwandelbares Gesetz in schönen Harmonieen die Bahnen der Nimmerruhenden . Du die Welt durchdringender lauterer Geist, der Du Dich in mir kund thust durch den Abscheu vor der Lüge, wirke fort in mir, wenn ich denke als Licht, wenn ich handle als Güte, wenn ich rede als Wahrheit! immer als Wahrheit!« Mit tiefer Inbrunst rief der Dichter diese Worte und Nebsecht lauschte ihnen, als wären es Töne aus einer fernen schönen Welt. Liebreich näherte er sich dem Freunde und reichte ihm die Hand. Pentaur erfaßte sie, drückte sie heftig und sagte: »Das war eine schwere Stunde! Du weißt nicht, was mir Ameni gewesen, und nun, nun?« Er hatte nicht ausgesprochen, als sich Schritte dem Zimmer des Arztes näherten und ein junger Priester die Freunde aufforderte, sogleich im Versammlungssaal der Eingeweihten zu erscheinen. Wenige Augenblicke später betraten Beide die mit Lampen hellerleuchtete Sitzungshalle. Keiner von den Leitern des Setihauses fehlte. Ameni saß an einem länglichen Tisch auf einem hohen Thronsessel, zu seiner Rechten der alte Gagabu, der zweite, und zu seiner Linken der dritte Prophet des Tempels. Auch die Vorsteher der einzelnen Priesterklassen und unter ihnen der Erste der Horoskopen hatten an dem Tische Platz gefunden, während die übrigen Priester, alle in schneeweißen Leinengewändern, in weitem, doppelten Halbkreis, in dessen Mitte sich eine Bildsäule der Göttin der Wahrheit und Gerechtigkeit erhob, würdevoll saßen. Hinter Ameni's Thron stand die buntbemalte Figur des ibisköpfigen Toth, des Gottes, der das Maß und die Ordnung der Dinge bewahrte, der mit weiser Rede die Götter berieth wie die Menschen, und den Wissenschaften und Künsten vorstand. In einer Nische am äußersten Ende der Halle war die Dreiheit der Götter von Theben zu schauen, der Ramses I. und sein Sohn Seti, die Gründer der Anstalt, mit Opfern nahten. Die Priester waren streng nach ihrer Würde und der Zeit ihrer Einführung in das Mysterium geordnet. Pentaur nahm den untersten Platz ein von allen. Bis jetzt war nicht eigentlich Rath gehalten worden in dieser Versammlung, denn Ameni fragte, erhielt Antworten und ertheilte Befehle in Bezug auf das am folgenden Tage zu feiernde Fest. Alles schien, wohl vorbereitet und geordnet, einen stattlichen Verlauf der Feier zu verheißen, obgleich die heiligen Schreiber über den spärlichen Eingang des Opferviehs von Seiten der von harten Kriegssteuern bedrückten Bauern klagten, und diejenigen Personen in der Prozession fehlen sollten, welche ihr sonst den größten Glanz verliehen; der König und seine Familie. Dieser Umstand erweckte die Mißbilligung einiger Priester, welche meinten, daß es bedenklich sei, die beiden in Theben weilenden Kinder des Ramses von der Theilnahme an der Feier des Festes auszuschließen. Da erhob sich Ameni. »Den Knaben Rameri,« sagte er, »haben wir aus diesem Hause verwiesen, Bent-Anat der Reinheit entkleiden müssen, und wenn sie der weiche Leiter des Amonstempels zu Theben auch freispricht, so mag sie für rein gehalten werden da drüben, wo man dem Leben lebt, nicht aber hier, wo es uns obliegt, die Seelen für den Tod zu bereiten. Der Statthalter, ein Enkel der großen vom Throne gestürzten Könige, wird in der Prozession mit allem Glanze der Hoheit erscheinen. Ich sehe euch staunen, ihr Freunde! Jetzt nur das Eine. Es vollzieht sich Großes und es kann geschehen, daß bald eine neue mild glänzende Sonne des Friedens aufgehen wird über unserem vom Kriege gelichteten Volke. »Es geschehen Wunder und im Traum erkannt' ich einen lenksamen Frommen auf dem Throne der Stellvertreter des Ra auf Erden. Er hörte auf unsere Stimme, er gab uns, was uns gebührt, er führte unsere in den Krieg gesandten Hörigen auf unsere Aecker zurück, er stürzte die Altäre der Götter des Auslandes und verjagte die unreinen Fremden von diesem heiligen Boden.« »Du meinst den Statthalter Ani!« rief der Erste der Horoskopen. Eine lebhafte Bewegung bemächtigte sich der Versammlung, Ameni aber fuhr fort: »Vielleicht war er ihm nicht ungleich; gewiß aber ist das Eine. Er trug die Züge der echten und rechten Nachkommen des Ra, denen Rui anhing, in dessen Brust das heilige Widderherz eine Zuflucht suchte. Morgen wird dieß Pfand der göttlichen Gnade dem Volke gezeigt und ein Anderes wird ihm verkündet. Höret und lobet die Fügungen des Höchsten! Vor einer Stunde erhielt ich die Nachricht, daß unter den Heerden des Ani zu Hermonthis ein neuer Apis mit allen heiligen Zeichen entdeckt worden sei.« Wiederum erfaßte Unruhe die lauschende Schaar. Ameni ließ den Aeußerungen der Ueberraschung unter den Priestern freie Bahn, endlich aber rief er: »Und nun zur Erledigung der letzten Frage! Dem hier anwesenden Priester Pentaur war das Amt des Festredners übertragen worden. Er hat sich schwer vergangen, doch denke ich, daß wir ihn erst nach der Feier verhören und, seines reinen Strebens gedenkend, ihm die ehrende Pflicht nicht entziehen. Ihr theilt meinen Wunsch? Es erhebt sich kein Einspruch? So tritt denn vor, Du Jüngster von Allen, dem diese heilige Gemeinschaft so Großes vertraut!« Pentaur erhob sich und stellte sich ernst Ameni gegenüber, um, dazu aufgefordert, ein Bild dessen, was er vor dem Volk und den Großen zu reden gedenke, in klaren und kräftigen Zügen zu entwerfen. Die Versammlung und selbst seine Gegner hörten ihm beifällig zu. Auch Ameni schenkte ihm lobende Worte und sagte sodann; »Ich vermisse nur Eines, wobei Du länger verweilen und das Du mit besonderer Wärme hervorheben wirst; das Wunder, meine ich, welches uns heute die Seele erregte. Es kommt darauf an, zu zeigen, daß die Götter das heilige Herz –« »Gestatte mir,« unterbrach Pentaur den Oberpriester und schaute ihm ernst in die mächtigen, vor Kurzem noch von ihm selbst besungenen Augen. »Gestatte mir, Dich zu bitten, mich nicht zum Verkünder des neuen Wunders zu erwählen.« Erstaunen malte sich in den Zügen der versammelten Eingeweihten. Mancher blickte seinen Nachbarn, den Dichter und endlich auch Ameni fragend an. Der Letztere kannte Pentaur und wußte, daß keine launenhafte Regung, sondern ernste Beweggründe seine Weigerung bewirkt haben mußten. Zaudernd, fast widerwillig hatte seine helle Stimme geklungen, als er die Worte »das neue Wunder« aussprach. Er zweifelte an der Echtheit des göttlichen Zeichens! Langsam und prüfend maß der Prophet Pentaur mit den Augen und sagte sodann: »Du hast Recht, mein Freund. Ehe Dir das Urtheil gesprochen ist, ehe Du wieder in der alten Lauterkeit dastehst, die wir an Dir schätzen, ist Dein Mund nicht würdig, das göttliche Wunder dem Volke zu künden. Greife tief in die eigene Seele und zeige den Frommen die Schrecken der Sünde und die von Dir anjetzt zu betretenden Pfade der Läuterung des Herzens. Ich selber werde das Wunder verkünden!« Die Weißgekleideten begrüßten freudig diesen Entschluß ihres Meisters; Ameni schärfte noch dem Einen Dieß, dem Andern Jenes, Allen aber unverbrüchliches Stillschweigen selbst über den Traum ein, welchen er ihnen mitgetheilt hatte, und löste die Versammlung auf. Nur den alten Gagabu und Pentaur bat er zu bleiben. Sobald sie allein waren, fragte Ameni den Dichter: »Warum weigertest Du Dich, dem Volke das seltene Wunder zu künden, das alle Priester der Nekropole mit Freuden erfüllt?« »Weil Du mich gelehrt hast,« antwortete der Dichter, »die Wahrheit sei die höchste Stufe und eine höhere gäbe es nicht.« »Das lehre ich Dich zum andern Male in dieser Stunde,« sagte Ameni. »Und weil Du Dich zu dieser Lehre bekennst, so frag' ich Dich im Namen der lichten Tochter des Ra: zweifelst Du an der Echtheit des Wunders, das greifbar deutlich vor unseren Augen geschah?« »Ich zweifle,« erwiederte Pentaur. »Verharre auf der hohen Stufe der Wahrheit,« fuhr Ameni fort, »und sage uns weiter, damit wir's erfahren, welche Bedenken Dir den Glauben trüben.« »Ich weiß,« gab der Dichter finster blickend zurück, »daß das Herz, dem die Menge mit göttlicher Verehrung nahen soll und vor dem selbst die Geweihten sich neigen, als wäre es das Gefäß der Seele des Ra, der blutenden Brust eines gemeinen Heerdenthieres geraubt und eingeschwärzt worden ist in die Kanopen, welche die Eingeweide des Rui enthielten.« Ameni trat einen Schritt zurück und Gagabu rief: »Wer hat das gesagt? Wer kann das beweisen? Alt wird man, um immer Ungeheuerlicheres mit den Ohren zu hören!« »Ich weiß es,« sagte Pentaur entschieden, »doch muß ich den Namen Dessen verschweigen, von dem ich es erfuhr.« »So glauben wir, daß Du irrst, und daß ein Betrüger Dich narrte,« rief Ameni. »Wir werden ergründen, wer Solches erfand, und werden ihn strafen! Die Stimme der Gottheit zu höhnen ist Sünde, und fern von der Wahrheit ist Jeder, der willig den Lügen sein Ohr leiht. Heilig und dreimal heilig, verblendeter Thor, ist das Herz, das ich morgen mit diesen Händen dem Volke zu zeigen gedenke, und vor dem Du selber, wenn nicht mit Güte, so doch mit Zwang Dich niederwerfen sollst, anbetend im Staube! Geh' jetzt und denke der Worte, mit denen Du am morgenden Tage die Seelen des Volkes erheben sollst, und wisse noch Eines: Verschiedene Stufen hat auch die Wahrheit und mannigfaltig ist ihre Gestalt, wie die Formen der Gottheit. Wie die Sonne nicht fortläuft auf ebener Bahn und auf geraden Wegen, wie die Sterne gebogene Pfade wandeln, die wir mit den Windungen der Schlange Mehen Die in den Texten »Von dem was sich in der Tiefe (Unterwelt) befindet« häufig vorkommende wellenförmig gekrümmte Schlange Mehen stellt die Windungen symbolisch dar, denen die Sonne auf ihrer Fahrt durch die Nacht und Unterwelt zu folgen hatte. Die schlangenförmigen mythologischen Figuren haben eben so oft freundliche als feindliche Bedeutung. In jedem Tempel wurden heilige Schlangen gehalten, Schlangenmumien (und zwar von vipera cerastes ) fanden sich in Theben. Plutarch (Isis und Osiris c. 74 ) sagt, die Schlange sei heilig gehalten worden, weil sie nicht altere und sich ohne Glieder leicht hingleitend bewege, dem Gestirne vergleichbar. vergleichen, so ist es den Auserwählten, die Raum und Zeit überschauen, und denen es anheimfiel, das Schicksal der Menschen zu lenken, gestattet nicht nur, nein geboten, um höheren Zwecken den Sieg zu erringen, auf verschlungenen Wegen zu wandeln, die ihr nicht versteht und von denen ihr wähnt, sie wichen weit ab von den Pfaden der Wahrheit. Ihr seht nur das Heute, wir sehen das Morgen und was wir als Wahrheit euch bieten, das habt ihr zu glauben! Und merke auch das noch: Die Lüge befleckt, doch der Zweifel mordet die Seele!« In großer Erregung hatte Ameni gesprochen. Als Pentaur sich entfernt hatte und er mit Gagabu allein war, rief er aus: »Was sind das für Dinge? Wer verdirbt uns den reinen, kindlichen Sinn dieses hochbegnadigten Jünglings?« »Er verdirbt sich wohl selber,« sagte Gagabu. »Er schiebt das alte Gesetz zur Seite, weil er fühlt, daß ein neues in seinem schöpferischen Geist erwächst.« »Aber die Gesetze,« rief Ameni, »werden und wachsen wie schattende Wälder; nie macht sie Einer! Ich liebte den Dichter, doch muß ich ihn binden, sonst wächst er heran wie der zu hoch geschwollene Nil, der die Dämme zerreißt. Und was er da sagt von dem Wunder . . .« »Hast Du es veranlaßt?« fragte Gagabu. »Bei dem Einen, nein!« rief Ameni. »Doch Pentaur ist wahr und zu glauben geneigt,« entgegnete der Alte bedenklich. »Ich weiß es,« gab Ameni zurück. »Geschehen ist, was er sagte. Doch wer that es und wer weihte ihn ein in die Schandthat?« Beide Priester blickten sinnend zu Boden. Ameni unterbrach zuerst das Schweigen und rief: »Mit Nebsecht trat Pentaur hier ein und Beide sind innig befreundet. Wo war der Arzt, während ich in Theben verweilte?« »Er pflegte das von Bent-Anat verwundete Kind des Parasiten Pinem und blieb drei Tage lang bei ihm,« entgegnete Gagabu. »Und Pinem war es,« rief der Oberpriester, »der die Brust des Rui geöffnet. Nun weiß ich, wer Pentaur den Glauben getrübt hat! Der stammelnde Grübler war es und soll es mir büßen. Gedenken wir jetzt des morgenden Festes, doch übermorgen verhör' ich den saubern Gesellen und eiserne Strenge soll walten!« »Erst laß uns den Forscher in Ruhe verhören,« sagte Gagabu. »Er ist eine Zierde des Tempels, denn er hat Vieles ergründet und groß ist seine Geschicklichkeit.« »Das Alles mag nach dem Feste erwogen werden,« unterbrach Ameni den Alten. »Es bleibt uns noch viel zu besorgen.« »Und später noch mehr zu bedenken,« gab Gagabu zurück. »Wir haben einen gefährlichen Weg beschritten. Du weißt ja, ich bleibe ein Stürmer, obgleich ich an Jahren ein Greis bin; und, ach und weh, die Zagheit war nie meine Sache! Aber Ramses ist ein gewaltiger Mann und mir gebietet die Pflicht, Dich zu fragen: Verleitet Dich nicht der Haß zu allzu schnellem und unvorsichtigem Handeln gegen den König?« »Ich fühle keinen Haß gegen Ramses,« antwortete Ameni ernst. »Trüge er nicht die Krone, so könnt' ich ihn lieben. Ich kenn' ihn ja auch, als wär' ich sein Bruder, und schätze an ihm Alles was groß ist, ja ich gesteh' es gern, ihn verunziert nichts Kleines. Wenn ich nicht wüßte, wie gewaltig der Feind ist, wir stürzten ihn wohl mit geringeren Mitteln! Wie mir, so ist es auch Dir bewußt: Er ist unser Feind! Nicht Deiner, nicht meiner, auch nicht unserer Götter, wohl aber der altehrwürdigen Satzungen, nach denen dieß Volk und dieß Land gelenkt werden soll, und darum vor Allem auch Derer , denen es obliegt, die heiligen Lehren der Vorzeit zu hüten und dem Herrscher die Wege zu weisen, der Priesterschaft, mein' ich, die zu lenken mir obliegt und für deren Rechte ich kämpfe mit allen Mitteln des Geistes. In diesem Ringen bekleiden, Du weißt es, nach unserem geheimen Gesetz die Götter selbst Alles, was sonst als Lüge, Verrath und Arglist verdammenswerth scheint, mit dem Glanze des reinen Lichtes der Wahrheit. Wie der Arzt das Messer gebraucht und das Feuer, um Kranke zu heilen, so dürfen wir Furchtbares thun, um das Ganze zu retten, sobald es gefährdet. Jetzt siehst Du mich kämpfen mit jeglichem Mittel, denn bleiben wir müßig, so werden wir bald aus den Leitern des Staats zu Sklaven des Königs.« Gagabu nickte zustimmend, Ameni aber fuhr in steigender Wärme und in jener rhythmischen Sprechweise, mit der er, wenn er aus dem Allerheiligsten kam, die Befehle der Gottheit wiederzugeben pflegte, zu reden fort. »Du warst mein Lehrer und ich schätze Dich hoch, darum sollst Du nun Alles vernehmen, was mich bewegt und was mich bestimmt hat, den furchtbaren Kampf zu beginnen. Ich ward, wie Du weißt, in diesem Hause mit Ramses erzogen, und es war weise von Seti, daß er allhier seinen Sohn mit andern Knaben belehren ließ. Nur der Thronfolger und ich gewannen die Preise im Ernst und im Spiele. Wohl war er mein Meister im schnellen Erfassen – in kühnen Gedanken, mir aber eignete größere Sorgfalt und tieferes Sinnen. Oft lachte er meines mühseligen Strebens, mir aber erschien sein glänzendes Können wie eitles Blendwerk. Ich ward ein Geweihter, er aber lenkte den Staat mit dem Vater und endlich allein, als Seti gestorben. Wir wurden älter und doch blieb unverändert der innerste Grund unseres Wesens. Er stürmte hinaus zu herrlichen Thaten, die Völker warf er zu Boden und durch Ströme des Blutes seiner Bürger erhob er den Glanz des ägyptischen Namens zu schwindelnder Höhe. »In emsiger Arbeit verbracht' ich mein Leben und lehrte die Jugend und wachte über die Satzung, die das Beisammenwohnen der Menschen ordnet und das Volk mit der Gottheit verbindet. Mit Eifer hab' ich geforscht in den alten Schriften und manch' lehrreiches Wort von den Greisen vernommen. Dann hielt ich das Jetzt mit dem Früher zusammen. Was waren die Priester? Wie sind sie geworden zu dem was sie sind? Was wäre Aegypten, wenn wir nicht gewesen? Da blüht keine Kunst, kein Wissen, kein Können, das wir nicht ersonnen, gebildet, geübt. Wir krönten die Fürsten, wir nannten sie Götter und lehrten das Volk; sie als solche zu ehren, denn die Menge bedarf einer Hand, die sie leitet und vor der sie erzittert wie vor der Faust des übermächtigen Schicksals. Wir dienten gern dem Gott auf dem Throne, der, wie der Eine nach ewigen Gesetzen, nach unserer Satzung gebot und herrschte. Aus unserer Mitte erwählt' er die Rather, wir thaten ihm kund, was dem Lande fromme, er hörte uns willig und führte es aus. Die alten Könige waren die Hände, wir aber, die Priester, waren das Haupt. Und nun , mein Vater? Was sind wir geworden? Wir werden gebraucht, um das Volk im Glauben zu erhalten, denn wenn es aufhörte, die Götter zu ehren, wie sollt' es sich vor den Königen neigen? Viel wagte Seti und mehr noch sein Sohn, drum begehrten sie Beide der himmlischen Hülfe. Ein Frommer ist Ramses, er opfert fleißig und liebt das Gebet. Wir sind ihm notwendige Rauchfaßschwenker, Hekatombenschlächter, Gebetesprecher und Träumedeuter, jedoch seine Rather sind wir nicht mehr. Mein osirischer Vater, ein würdigerer Oberpriester als ich, bat den seinen im Auftrag des großen Raths der Propheten, er solle den frevlen Plan aufgeben, das Nordmeer durch einen schiffbaren Graben mit der unreinen Flut des Schilfmeers zu verbinden. Nur den Asiaten kommt ja solch' Werk zu Gute. Die Häfen am Schilfmeere, d. i. dem rothen Meere, waren in den Händen der Phönizier, die von hier aus gen Süden segelten, um sich mit den Gewürzen Arabiens und den Schätzen von Ophir zu bereichern. Doch Seti hörte nicht unsern Rath. König Necho begann gleichfalls die Anlage eines Suezkanals, aber er soll ihn nicht vollendet haben, weil (nach Herodot II. 58) das Orakel ihm vorstellte, daß der Nutzen des Unternehmens den Fremden zufallen werde. Des Landes alte Theilung wollten wir wahren, doch Ramses führte die neue ein, zum Schaden der Priester. Wir warnten vor neuen blutigen Kriegen und der König zog wieder und wieder in's Feld. Wir besitzen die alten geheiligten Briefe, die unsere Bauern von der Heerfolge befreien, und Du weißt ja, daß er sie frevelnd zerriß. Seit alten Zeiten soll Niemand in diesem Lande den fremden Göttern Tempel erbauen und Ramses begünstigt die Söhne des Auslandes und baut im Nordlande nicht allein, nein auch in dem altehrwürdigen Memphis und hier in Theben im Fremdenviertel den blutigen Schon früh wurden von den Aegyptern die Menschenopfer, welche noch in später Zeit dem Moloch der Phönizier dargebracht wurden, abgeschafft. Lügengöttern des Ostens Altäre und stattliche Heiligthümer.« »Du sprichst wie ein Seher,« rief der alte Gagabu. »Und was Du sagst, ist völlig wahr! Wir heißen noch Priester, doch, ach und weh, nach unserem Rathe wird wenig gefragt. ›Ihr habt den Menschen in jener Welt ein schönes Loos zu bereiten,‹ hat Ramses gesagt; ›ihre Geschicke auf Erden lenk' ich allein!‹« »So sprach er,« rief Ameni. »Und hätte er nichts gesagt als Das , so wär' er gerichtet! Er und sein Haus sind unserer Rechte und unseres edlen Landes Feinde. Brauche ich Dir zu sagen, woher die Sippe des Pharao stammt? Einst nannten wir die von Osten kommenden Schaaren, die unser Vaterland wie Heuschreckenschwärme überfallen, es ausgeraubt und geknebelt hatten, ›Pestplage‹ und ›Räuber‹. Zu ihnen gehörten des Ramses Väter. Als Ani's Ahnen die Hyksos vertrieben, verlangte die muthige Häuptlingssippe, die jetzt Aegypten regiert, die Gnade, am Nil zu verbleiben. Sie diente im Heere, sie that sich hervor und endlich gelang es dem ersten Ramses, die Truppen für sich zu gewinnen und das alte, in Ketzereien verstrickte Geschlecht der echten Söhne des Ra vom Throne zu stoßen. Nur ungern gesteh' ich's, die rechtgläubigen Priester – Dein Großvater war unter ihnen und meiner – unterstützten den kühnen Kronenräuber, der den alten Lehren in Treue anhing. Nicht weniger als hundert Ahnen von meinem und ebenso viele von Deinem Hause und vielen anderen Priestergeschlechtern sind hier am heiligen Nil gestorben, von Ramses' Ahnen kennen wir zehn und wissen, daß sie der Fremde entstammten, dem Amugelichter! Wie all' die Semiten, so ist auch er. Sie lieben das Wandern und nennen uns ›Pflüger‹ Die Beduinen nennen heute noch die Ackerbau treibende Bevölkerung Aegyptens verächtlich Fellah (Pluralis Fellahin) oder Pflüger. und spotten der weisen gemessenen Ordnung, in der wir, den schwarzen Boden bestellend, in redlicher Arbeit des Geistes und Leibes dem langen Tode entgegenleben. Sie schweifen umher auf Beutezügen und stellen das Meerschiff auf salzige Fluten und kennen kein liebes gefestigtes Heim. Sie lassen sich nieder, wo Gewinn ihnen blüht, und gibt es nichts mehr zu erraffen, so bauen sie an anderen Stätten ihr Haus. Und so war Seti und so ist Ramses! Ein Jahr verbleiben sie wohl in Theben, doch dann ziehen sie fort in den Krieg und die Fremde. Sich fromm zu bescheiden, den Rath zu vernehmen der weiseren Mahner, verstehen sie mit nichten und werden's nicht lernen. Und wie der Vater, so sind die Kinder! Gedenke des frevlen Thuns der Bent-Anat. Ich sagte, der König schätze die Fremden. Hast Du denn erwogen, was das uns bedeutet? Wir streben nach hohen, nach edlen Zielen und haben uns aus den Fesseln der Sinne heraufgerungen zu Pflegern der Seele. Der Aermste lebt sicher im Schutz der Gesetze und nimmt durch uns Theil an den Gaben des Geistes, dem Reichen bieten sich herrliche Schätze der Kunst und des Wissens. Nun schau in die Fremde! Im Osten und Westen durchstreifen die Wüste in elenden Zelten Nomadenzüge, im Süden betet verthiertes Gesindel zu Federposen und niedrigen Götzen, die Schläge bekommen, wenn es dem Beter am Glück gebricht. Im Norden gibt es geordnete Staaten; doch was sie an Kunst und an Wissen besitzen, zum bessern Theile danken sie es uns; und immer noch bluten auf ihren Altären als ekle Opfer die Leiber der Menschen. Nur Rückgang im Guten gewährt uns die Fremde, drum ist es verständig, sich ihr zu verschließen, drum ist sie auch unseren Göttern verhaßt. Und Ramses, der König, gehört in die Fremde durch sein Blut, seinen Sinn, sein Herz und sein Antlitz. Stets denkt er in's Weite; dieß Land ist ihm zu eng, und sein wahres Bestes wird er niemals begreifen, so schnell auch sein Geist ist. Er hört keine Lehre, er schädigt Aegypten, drum sag' ich: herunter mit ihm von dem Thron!« »Herunter mit ihm!« wiederholte Gagabu lebhaft. Ameni reichte dem Alten seine vor Erregung bebende Hand und fuhr ruhiger fort: »Der Statthalter Ani ist von Seiten des Vaters und der Mutter ein echtes Kind dieses Landes. Ich kenne ihn genau und weiß, daß er zwar klug, aber ängstlich rücksichtsvoll ist und uns in unser altes, uns rechtmäßig zugehörendes Erbtheil wieder einsetzen wird. Hier fällt die Wahl nicht schwer. Ich habe gewählt und pflege durchzuführen, was ich einmal begonnen! Nun weißt Du Alles und wirst mir helfen!« »Mit Leib und Leben!« rief Gagabu. »Kräftige auch die Herzen der Genossen,« sagte Ameni, Abschied nehmend. »Jeder Geweihte mag ahnen, was vorgeht, aber niemals soll es ausgesprochen werden.« Zwölftes Kapitel. Die Sonne des neunundzwanzigsten Morgens des zweiten Ueberschwemmungsmonats 29. Phaophi. Die Aegypter besaßen drei Jahreszeiten oder Tetramenieen zu je vier Monaten; die Ueberschwemmungs-, Saat- und Erntezeit ( Scha, per und schemu ). Der zweite Ueberschwemmungsmonat hieß Phaophi, und der 29. Phaophi, an dem das Fest des Thales gefeiert wurde, entsprach unserem 8. November. war aufgegangen und die Bürger und Bürgerinnen, die Greise und Kinder, die Freien und Sklaven in Theben brachten dem aufsteigenden Tagesgestirne vor den Pforten der Tempel, zu denen das von ihnen bewohnte Stadtviertel gehörte, unter Leitung der Priester ihre Huldigung dar. Familienweise standen die Thebaner zusammen vor den Pylonen und warteten auf die Prozession der Priester, der sie sich anzuschließen gedachten, um mit ihr zu dem großen Reichstempel zu wallen und von ihm aus mit den Festbarken über den Strom in die Nekropole zu fahren. Heute, am Feste des Thales, wurde Amon, der große Gott von Theben, in feierlichem Aufzuge hinüber geführt in die Todtenstadt, damit er dort, wie die Priester sagten, Maspero, Mémoire sur quelques Papyrus du Louvre, p. 75. Pap. Nr. 3. Bulaq. T. 3. Z. 22, 23 . seinen Eltern im Jenseits opfere. Nach Westen richtete sich die Fahrt, und hier, wo auch die irdischen Reste der Menschen Ruhe fanden im Grabe, waren die Millionen Sonnen verschwunden, denen täglich eine neue, aus der Nacht erstehende, gefolgt war. Das verjüngte Licht, sagten die Priester, vergißt des erloschenen nicht, aus dem es erstanden, und bringt ihm als Amon seine Huldigung dar, um die Frommen zu mahnen, der Dahingegangenen nicht zu vergessen, denen sie das Leben verdanken. »Bringe Opfer,« sagte ein frommer Spruch, »Deinem Vater und Deiner Mutter, welche im Thale der Gräberstätte ruhen, denn solches ist den Göttern genehm, welche diese Spenden annehmen wollen, als wären sie ihnen selbst gebracht. Besuche häufig Deine Verstorbenen, damit das, was Du für sie thust, Dein Sohn für Dich thue.« Aus dem zu Bulaq konservirten Papyrus 1V., welcher moralische Vorschriften enthält. Er ward publizirt von Mariette und übersetzt von Brugsch, E. de Rougé und zuletzt in einer vorzüglichen analytischen Behandlungsweise von Chabas in seiner Zeitschrift l'Égyptiologie . Das Fest des Thales war ein Todtenfest, aber kein trauriges, mit Jammer und Wehklagen gefeiertes, sondern ein frohes, dem pietätsvollen Gedenken an Diejenigen gewidmetes, die man auch nach dem Tode nicht zu lieben aufhörte, die man als Selige glücklich pries und deren man freundlich gedachte, während man, gesellig in den Grabkapellen oder vor ihrer Gruft vereint, Opfer brachte und schmauste. Vater, Mutter und Kinder schlossen sich eng aneinander. Die Sklaven des Hauses folgten ihnen mit Mundvorrath und Fackeln, um das Dunkel der Gruft und die Nacht bei der späten Heimkehr zu erhellen. Auch der Aermste hatte schon am Tage vorher für ein Plätzchen in einem der großen Boote gesorgt, welche die Prozession über den Strom setzten. Der Reichen Barken standen für ihre Besitzer und deren Hausstand im glänzenden Aufputz bereit, und die Kinder hatten in der Nacht von dem heiligen Festschiffe des Amon geträumt, dessen Pracht, wie die Mutter ihnen erzählte, der Herrlichkeit der goldenen Barke nur wenig nachstand, aus welcher der Sonnengott mit seinen Begleitern den Ozean des Himmels befuhr. Schon wimmelte die große Stromtreppe des Reichstempels von Priestern, das Ufer von Bürgern und der Fluß von Booten, schon übertönte rauschende Festmusik das Getöse der Volksschaaren, die einander, von Staubwolken umhüllt, drängten, um die Schiffe und Barken zu erreichen; schon waren alle Häuser und Hütten von Theben leer und das Hervortreten des Gottes aus der Tempelpforte wurde erwartet; aber es fehlten immer noch die Mitglieder des Königshauses, welche sonst an diesem Tage zu Fuß den großen Tempel des Amon zu betreten pflegten, und im Volke fragte Einer den Andern, warum Bent-Anat, die schöne Tochter des Ramses, so lange ausbleibe und den Aufbruch der Prozession verzögere. Schon stimmten die Priester ihre Gesänge hinter der Mauer an, welche dem Volke den Einblick in die bunten Räume des Tempels versperrte, schon hatte der Statthalter mit glänzendem Gefolge das Heiligthum betreten, schon öffneten sich die Thore, schon zeigten sich die leichtgeschürzten Knaben, welche Blumen auf den Weg des Gottes zu streuen hatten, schon verkündeten Weihrauchsdüfte, daß Amon sich nahe, und noch immer wollte sich die Tochter des Ramses nicht zeigen. Mancherlei Gerüchte wurden laut, darunter höchst widersinnige; aber das Eine stand fest und wurde auch zum Bedauern der Menge von den Tempeldienern bestätigt: die Prinzessin nahm nicht Theil an der Prozession, Bent-Anat war ausgeschlossen von dem Feste des Thales. Mit ihrem Bruder Rameri und der Gattin des Mena stand sie auf dem Altan ihres väterlichen Palastes und schaute nach dem Strom und dem nahenden Gotte hin. In der Frühe des gestrigen Tages hatte ihr der alte Oberpriester des Amon von Theben, Bek en Chunsu, die Reinheit zurückgegeben, am Abende war er gekommen, um ihr mitzutheilen, daß Ameni ihr untersage, die Nekropole zu betreten, bevor sie nicht die Vergebung der Götter des Westens für ihre Vergehen erlangt habe. Im Stande der Unreinheit hatte sie den Hathortempel besucht und ihn befleckt, und der strenge Vorsteher der Todtenstadt war im Rechte, das gestand Bek en Chunsu ein, wenn er ihr das Gebiet des Westens verschloß. Nun rief Bent-Anat Ani's Hülfe an, aber obgleich der Statthalter ihr zusagte, für sie einzutreten, so kam er doch spät am Abend zu ihr, um ihr mitzutheilen, daß Ameni sich seinen Bitten unzugänglich zeige. Der Statthalter gab ihr dabei mit der Miene des Bedauerns den Rath, um ein öffentliches Aergerniß zu vermeiden, der ehrenwerthen Strenge Ameni's nicht zu trotzen und sich von dem Feste fern zu halten. Frau Katuti sandte zur selben Stunde den Zwerg Nemu zu ihrer Tochter, um diese aufzufordern, mit ihr an dem Zuge Theil zu nehmen und in der Gruft ihrer Väter zu opfern; aber Nefert ließ ihr die Antwort ertheilen, daß sie sich nicht von ihrer Freundin und Herrin trennen könne und wolle. Bent-Anat hatte die vornehmeren Mitglieder ihres Hofstaates beurlaubt und sie gebeten, bei der schönen Feier auch ihrer zu gedenken. Als sie von dem Altan aus das Volk sich versammeln und die Boote wimmeln sah, trat sie in ihr Gemach zurück, rief den die Frechheit Ameni's mit zornigen Worten strafenden Rameri zu sich heran, faßte seine beiden Hände und sagte: »Wir haben Beide gefehlt, Bruder, laß uns die Folgen unserer Schuld geduldig tragen und handeln, als wäre der Vater bei uns.« »Er würde dem übermüthigen Priester das Pantherfell von den Schultern reißen,« rief der Prinz, »wenn er in seiner Gegenwart Dich so zu demüthigen wagte.« Bei diesen Worten rannen Thränen des Ingrimms über seine jugendlichen Wangen. »Laß jetzt das Zürnen,« entgegnete Bent-Anat. »Du warst noch klein, als der Vater zum letzten Mal Theil nahm an diesem Feste.« »O, ich erinnere mich wohl jenes Morgens,« rief Rameri, »und werde ihn niemals vergessen.« »Ich dacht' es,« sagte Bent-Anat. »Bleibe nur, Nefert, Du bist ja jetzt meine Schwester! Es war ein köstlicher Morgen. Wir Kinder waren festlich geschmückt in der großen Halle des Königs versammelt. Da ließ er uns in diese Räume rufen, welche die Mutter bewohnt hatte, die vor wenigen Monaten gestorben war. Jeden Einzelnen nahm er bei der Hand und sagte ihm, er vergebe ihm Alles, was er etwa gefehlt, wenn er es ernstlich bereue, und drückte Jedem einen Kuß auf die Stirn. Dann winkte er uns zu sich heran und sagte so bescheiden als wär' er Einer von uns und nicht der gewaltige König: ›Vielleicht hab' auch ich Einem unter euch Unrecht gethan oder ihm nicht sein volles Recht widerfahren lassen. Ich bin mir dessen nicht bewußt, aber wär' es geschehen, so thut es mir leid!‹ – Da stürzten wir Alle auf ihn zu und Jeder wollte ihn küssen, er aber wehrte uns lächelnd ab und sagte: ›Eines hat Jedes von euch zu gleichen Theilen genossen, das wißt ihr ja auch! Ich meine die Liebe des Vaters, und nun sehe ich, daß ihr mir wiedergebt, was ich euch reichte.‹ – Und dann erinnerte er uns an die verstorbene Mutter und sagte, daß auch der zärtlichste Vater nicht im Stande sei, die Mutter zu ersetzen. Dann gab er uns ein schönes Bild der selbstlosen Hingebung der Verstorbenen und forderte uns auf, an ihrer Ruhestätte mit ihm zu beten und zu opfern und uns zu geloben, ihrer würdig zu leben, nicht nur im Großen, sondern auch im Kleinen, das ja das Leben bilde, wie die Stunden den Tag und das Jahr. – Wir Größeren drückten damals einander die Hände und niemals war ich wohl besser, als in jener Stunde und dann am Grabe der Mutter!« Nefert schlug ihre thränenfeuchten Augen auf und sagte: »Mit solchem Vater muß es leicht sein, gut zu bleiben.« »Hat Deine Mutter am Morgen dieses Festes nicht auch gute Worte in Dein Herz gelegt?« fragte Bent-Anat. Nefert erröthete und sagte: »Es wurde immer spät mit unserem Putz und dann mußten wir eilen, um zur rechten Zeit im Tempel anzukommen.« »So laß mich heute Deine Mutter sein!« rief Bent-Anat, »und Deine, Rameri. Weißt Du auch noch, wie der Vater den Hofbeamten und Dienern Verzeihung bot, und wie er ihnen und uns einschärfte, an diesem Tage jeden Groll aus unserer Brust zu tilgen? ›Zu diesem Feste,‹ sagte er, ›gehört nicht nur ein reines Kleid, sondern auch ein Herz ohne Flecken.‹ Also, Bruder, kein böses Wort mehr über Ameni, den sein Gesetz vielleicht zu solcher Strenge zwingt. Der Vater wird ja das Alles erfahren und richten. Mir ist das Herz so voll, als sollt' es überfließen. Komm', Nefert, gib mir einen Kuß, und Du auch, Bruder! Ich gehe jetzt in mein Kapellchen, in dem die Ahnenbilder stehen, und denke an die Mutter und die seligen Geister unserer Lieben, denen ich ja heute nicht opfern darf.« »Ich gehe mit Dir,« sagte Rameri. »Du, Nefert,« sprach Bent-Anat, »bleibe hier und schneide so viel Du willst von meinen Blumen. Die schönsten sollst Du nehmen! Winde aus ihnen einen Kranz, und wenn er fertig ist, so senden wir einen Boten hinüber und lassen ihn mit anderen Gaben in's Grab der Mutter Deines Mena legen.« Als nach einer halben Stunde die Geschwister zu der jungen Frau zurückkehrten, hingen zwei zierliche Kränze an Nefert's Hand: für die verstorbene Königin der eine, für Mena's Mutter der zweite. »Ich bringe die Kränze hinüber und lege sie in die Grüfte,« rief Rameri. »Ani glaubt, es wär' besser, wenn wir uns nicht dem Volke zeigten,« warnte Bent-Anat. »Sie bemerken kaum, daß Du unter den Schülern fehlst, aber . . .« »Aber ich will nicht als Sohn des Ramses, sondern als Gärtnerbursche hinüber fahren,« unterbrach sie der Prinz. »Hört nur die Posaunenstöße! Jetzt tragen sie den Gott in's Freie!« Rameri trat auf den Altan und die beiden Frauen folgten ihm und schauten nach dem Schauplatze der Einschiffung hin, den sie mit ihren scharfen Augen zu überblicken vermochten. »Es wird ein dünner und armseliger Zug Bei der Beschreibung der Prozession hab' ich mich besonders nach den Darstellungen des großen Auszuges beim Feste der Treppe zu Medinet Habu gerichtet. werden ohne den Vater und uns,« sagte Rameri, »das ist mein Trost. Das Musikchor ist stattlich! Nun kommen die Federträger und Sänger. Da ist der erste Prophet des Reichstempels. der alte Bek en Chunsu. Wie ehrwürdig er aussieht! aber das Gehen wird ihm sauer. Jetzt naht der Gott, denn schon riech' ich den Weihrauch.« Bei diesen Worten warf sich der Prinz auf die Kniee und die Frauen folgten seinem Beispiel, als sich zuerst ein herrlicher Stier, in dessen hellem glatten Fell sich die Sonne spiegelte und der eine goldene, mit glänzend weißen Straußenfedern geschmückte Scheibe zwischen den Hörnern trug, zeigte, und sodann, nur durch einige Wedelträger von dem Stiere getrennt, der Gott selbst erschien, oft sichtbar, öfter noch durch die großen halbkreisförmigen, an langen Stäben befestigten Schirme von schwarzen und weißen Straußenfedern, mit denen ihn die Priester beschatteten, den Blicken entzogen. Geheimnißvoll wie sein Name war sein Gang, denn er schien auf seinem kostbaren Sitze langsam von der Tempelpforte dem Strom entgegen zu schweben. Sein Thron stand auf einem mit Blumensträußen und Guirlanden überreich geschmückten Tische, der mit Decken von purpurnem Goldbrokat verkleidet war, welche auch die die Tafel langsam und in gleichem Schritt forttragenden Priester verhüllten. Sobald der Gott im Festschiffe Platz gefunden hatte, erhoben sich die Geschwister und Nefert von den Knieen. Es zeigten sich Priester, welche eine Kiste mit den immergrünen heiligen Bäumen des Amon trugen, und als von Neuem Liedergesang und Weihrauchduft das Ohr und Auge der von der Feier Ausgeschlossenen erreichten, murmelte Bent-Anat: »Jetzt würde der Vater kommen.« »Und Du!« rief Rameri. »Und gleich dahinter Nefert's Gatte, Mena mit den Garden. Der Oheim Ani geht zu Fuß. Wie sonderbar er sich gekleidet hat, wie ein umgekehrter Sphinx!« Es gab keine weiblichen Sphinxe in Aegypten. Der Sphinx hieß Neb, d. i. der Herr. Die liegenden Löwenkörper tragen entweder Männer- oder Widderköpfe. »Wie so?« fragte Nefert. »Ein Sphinx,« lachte Rameri, »hat einen Löwenkörper und Menschenkopf und der Oheim trägt an seinem Leib ein friedliches priesterliches Gewand und auf seinem Kopfe den Helm des Kriegers.« »Wäre der König hier, der Leben Spendende,« sagte Nefert, »Du würdest nicht unter seinen Trägern fehlen, Rameri.« »Gewiß nicht!« gab der Prinz zurück, »und das Ding macht sich doch anders, wenn des Vaters Heldengestalt seinen goldenen Thron schmückt, hinter ihm die Bildsäule der Wahrheit und Gerechtigkeit ihre Schwingen schützend ausspannt, vor ihm sein gewaltiger Schlachtgenosse, der Löwe, ruht und über ihm der mit Uräusschlangen geschmückte Baldachin sich breitet. Die Horoskopen und die Pastophoren mit den Standarten und Götterbildern und die Heerden des Schlachtviehs nehmen gar kein Ende! Sieh' nur, auch das Nordland hat seine Festgesandten geschickt, als wäre der Vater hier. Ich unterscheide die Zeichen auf den Standarten. Jeder Nomos oder Gau von Aegypten (es gab deren 44) hatte sein wappenartiges Zeichen, welches bei feierlichen Aufzügen auf Standarten umhergetragen wurde. Vollständige Listen wurden schon in Seti I. Zeit zu Abydos angebracht. In den Ptolemäertempeln (namentlich zu Philä, Edfu und Dendera) lehren die die Gaulisten begleitenden Texte viel interessantes Einzelnes, namentlich über das religiöse Leben in jedem Nomos. Mit der geographischen Einteilung des Nilthals beschäftigten sich besonders Harris, Brugsch, Dümichen und J. de Rougé. Erkennst Du die Bilder der königlichen Ahnen, Bent-Anat? Nicht recht? Ich auch nicht; aber mir war es, als hätte der erste Ahmes, der Vertreiber der Hyksos, dem unsere Großmutter entstammt, und nicht der Großvater Seti den Zug eröffnet, wie sich's doch ziemte. Nun kommen die Krieger! Es sind die Regimenter, welche Ani ausgerüstet hat und die erst heute Nacht siegreich aus Aethiopien heimkehrten. Wie das Volk ihnen zuruft, sie haben sich auch wacker gehalten! Denkt nur, Bent-Anat und Nefert, wie das erst sein wird, wenn der Vater zurückkehrt mit hundert gefangenen Fürsten, die seinem Gespanne, das Dein Mena lenkt, demüthig folgen, mit den Brüdern allen, den Edlen des Landes und den Garden auf ihren prächtigen Wagen.« »Noch denken sie nicht an die Heimkehr,« seufzte Nefert. Während immer neue Schaaren der Truppen des Statthalters, Musikchöre und seltene Thiere Solche wurden in großer Menge bei einem Festzuge aufgeführt, welchen Ptolemäus Philadelphus veranstaltete und den ein Augenzeuge (Kallixenos) in den Deipnosophisten des Athenäus ausführlich beschreibt. Der Lagide ahmte damit eine Sitte nach, welche schon, wie die Darstellungen im Grabe des Rech ma Ra (18. Dynastie) und anderen Grüften lehren, in früher Zeit geübt ward. sich in der Prozession zeigten, stieß das Festschiff des Amon von der Landungstreppe ab. Es war ein herrliches, großes Fahrzeug, ganz aus glänzend polirtem, reich mit Gold ausgelegtem Holze, dessen Bord mit schimmernden Glasfüßen, Von den Aegyptern mit großer Kunst hergestellt und in verschiedenen Gestalten und Farben erhalten. In der Minutoli'schen Sammlung und in anderen Kollektionen, namentlich der zu Bulaq, finden sich Mosaikperlen, deren Nachahmung selbst unseren Künstlern auf diesem Gebiete schwer fallen möchte. welche Smaragden und Rubinen nachahmten, geschmückt war. Die Maste und Raaen waren vergoldet und vor den letzteren wehten purpurne Segel. Aus Elfenbein bestanden die Sitze für die Priester, und um das Schiff, seine Maste und Taue schlangen sich Guirlanden von Lilien mit Rosen vermischt. Des Statthalters Nilboot war nicht weniger reich. Das Holzwerk schimmerte in starker Vergoldung, mit bunten babylonischen Teppichen war das Kajütenhaus bekleidet und an seinem Schnabel zeigte sich, wie weiland an den Meerschiffen Hatasu's, ein goldener Löwenkopf, aus welchem als Augen zwei große Rubinen leuchteten. Nachdem die Priester sich eingeschifft hatten und die heilige Barke am jenseitigen Ufer gelandet war, stürzte das Volk in die Boote, welche bald, oft bis zum Sinken überfüllt, den Strom in der Breite von Theben so ganz erfüllten, daß nur an wenigen Stellen die Sonne ein Plätzchen fand, sich in seinem gelblichen Wasser zu spiegeln. »Jetzt leih' ich mir von einem Gärtner die Kleider,« rief Rameri, »und fahre mit den Kränzen hinüber!« »Du willst uns allein lassen?« fragte Bent-Anat. »Mach' mir das Herz nicht schwer, Schwester,« bat Rameri. »So gehe nur,« sagte die Prinzessin. »Wenn der Vater hier wäre, wie gern führe ich mit Dir hinüber!« »Versuch' es mit mir! « rief der Jüngling. »Es findet sich wohl auch für euch eine Verkleidung!« »Thorheiten,« gab Bent-Anat zurück und schaute Nefert, welche ihrerseits die Achseln zuckte, als wolle sie sagen: »Dein Wille ist meiner,« fragend an. Dem klugen Rameri war dieses Augenspiel der Freundinnen nicht entgangen und lebhaft rief er; »Ihr kommt mit mir; ich seh' es euch an! Jeder Bettelbub wirft heute seine Blume in das Sammelgrab, welches die schwarze Mumie seines Vaters birgt, und des Ramses Kinder und seines Rosselenkers Weib sollten ausgeschlossen sein und ihren Verstorbenen keinen Kranz bringen dürfen?« »Ich würde die Gruft durch meine Gegenwart beflecken,« sagte Bent-Anat erröthend. »Du, Du!« rief der Prinz, umhalste seine Schwester und küßte sie. »Du liebes, großmüthiges Geschöpf, das nur lebt, um Schmerzen zu lindern und Thränen zu trocknen, Du schönes Ebenbild unseres Vaters, unrein! Eher glaub' ich, daß die Schwäne da unten schwarz sind wie die Krähen, und die Rosenranken hier am Altan lauter Schierlingsstauden. Bek en Chunsu hat Dir die Reinheit zurückgegeben, und wenn Ameni . . .« »Ameni ist doch wohl in seinem Rechte,« sagte Bent-Anat freundlich, »und Du weißt, was wir uns gelobt haben. Ich will heute kein böses Wort über ihn hören.« »Gut denn! Er hat sich gütig und gnädig gegen uns erwiesen,« spottete Rameri, indem er sich nach der Nekropole hin tief verneigte, »und Du bist unrein. So tritt meinetwegen nicht in die Gruft und den Tempel, sondern bleibe mit uns unter dem Volke. Die Wege da drüben sind nicht sehr empfindlich; ziehen doch täglich viel unreine Paraschiten und ihresgleichen auf ihnen hin und her. Sei verständig, Bent-Anat, und komme mit! Wir verkleiden uns, ich führe euch, ich lege die Kränze an ihren Platz, wir beten zusammen vor der Gruft, wir sehen den heiligen Auszug und die Werke der Wunderthäter und hören die Festrede. Denke nur, daß Pentaur, trotz Allem, was sie gegen ihn haben, sie halten darf. Das Setihaus will heute glänzen und Ameni weiß recht gut, daß Pentaur, wenn er den Mund aufthut, tiefer wirkt, als all' die weisen Herren, wenn sie zusammen im heiligen Chore singen! Komm' mit mir, Schwester!« »Es sei denn!« sagte Bent-Anat schnell entschlossen. Rameri erschrak über dieses rasche Wort, das ihn doch erfreute; Nefert aber schaute sie fragend an, um ihre großen Augen bald wieder niederzuschlagen. Sie wußte nun, wer ihrer Freundin Erwählter sei, und die bange Frage: Wie soll das enden? zog durch ihre Brust. Dreizehntes Kapitel. Eine Stunde später fuhr eine schlanke, einfach gekleidete Bürgersfrau, zu deren jugendlichem Gesichte einige dunkle Falten auf ihrer Stirn und Wange wenig passen wollten, mit einem dunkel gefärbten Burschen und einem zarten Knaben über den Nil. Es war schwer, in ihnen die stolze Bent-Anat, den hellfarbigen Rameri und die schöne Nefert, welche auch in dem langen weißen Gewande der Zöglinge einer Priesterschule reizend genug aussah, wieder zu erkennen. Als sie das Land betreten hatten, folgten ihnen die beiden starken und treuen Vorsteher der Sänftenträger der Prinzessin, denen der Befehl ertheilt worden war, sich den Anschein zu geben, als stünden sie in keinem Zusammenhang mit ihrer Gebieterin und deren Begleitern. Die Fahrt über den Nil hatte lange gedauert und das königliche Geschwisterpaar dabei zum ersten Mal erfahren, mit wie vielen Hindernissen gewöhnliche Sterbliche zu kämpfen haben, um zu einem Ziele zu gelangen, das den Kronenträgern gleichsam entgegenkommt. Niemand bahnte ihnen den Weg, keine Barke wich der ihren aus, jeder war bestrebt, ihnen den Rang abzulaufen und vor ihnen am jenseitigen Ufer anzulangen. Als sie endlich an der Landungstreppe ausstiegen, war die Prozession bereits bis zum Setihause vorgedrungen. Ameni war ihr mit seinen singenden Chören entgegengezogen und hatte am Ufer des Nil den Gott in Empfang genommen. Die Propheten der Nekropole stellten ihn mit eigenen Händen in die heilige, von Cedernholz und Silbergold kunstreich gearbeitete und mit Edelsteinen besetzte Sambarke S. Anmerkung 178 . des Setihauses, dreißig Pastophoren nahmen das köstliche Fahrzeug auf ihre Schultern und trugen es durch die Sphinxallee, welche den Hafen mit dem Tempel verband, in das Sanktuarium des Setihauses, woselbst Amon verweilte, während die Festgesandten aus allen Gauen des Landes ihre Opfergaben in der Vorhalle des Heiligthums niederlegten. Auf dem Wege zu dem letzteren waren Kolchyten Peyron, Papyri Graeci regii Taurinenses, t. I. p. 41, 42, 85–88 . dem Gotte vorausgeeilt und hatten nach alter Sitte Sand vor ihm hergestreut. Nach einer Stunde trat die Prozession wiederum in's Freie, zog zunächst gen Süden, rastete zuerst im Riesentempel Amenophis III., vor welchem als Wächter die beiden höchsten Kolosse des Nilthales standen, sodann im Tempel des großen Thutmes noch weiter gen Mittag, kehrte dort um, hielt sich hart an dem gräberreichen Ostabhange des libyschen Gebirges , bestieg die Terrassen des Tempels der Hatasu, welchen wir kennen, hielt sich bei den Grüften der älteren Könige in seiner Nähe auf und gelangte, als die Sonne unterging, zu dem eigentlichen Festplatze, am Eingange des Thales, in welchem das Grab des Seti angelegt worden war und in dessen westlichem Ausläufer sich einige Grüfte der Pharaonen des entthronten Königshauses befanden. Dieser Theil der Nekropole pflegte bei Lampenlicht und Fackelschein vor der Heimkehr des Gottes und vor den um Mitternacht beginnenden Festspielen auf dem heiligen See im äußersten Süden der Todtenstadt besucht zu werden. Hinter dem Gotte wurde in einer Vase von durchsichtigen. Krystall, welche auf einer hohen Stange, allem Volk sichtbar, getragen ward, das heilige Widderherz einhergeführt. Die Königskinder und Nefert schlossen sich, nachdem sie unerkannt ihren Kranz auf den reichen Opferaltar ihrer Ahnen niedergelegt hatten, in später Nachmittagsstunde dem der Prozession folgenden Volke an. Bei der Gruft der Vorfahren des Mena stiegen sie den östlichen Abhang des libyschen Gebirges hinan. Ein Prophet des Amon, Namens Neferhotep, der Urgroßvater des Mena, hatte sie anlegen lassen und ihre enge Pforte war von einer großen Volksmenge belagert, denn in der ersten der Felsenkammern, aus denen sie bestand, sang bei jedem Feste ein Harfner das Sterbelied des längst dahingegangenen Propheten und seiner Gattin und Schwester. Sein Haussänger hatte es erdacht, es war in den Stein des zweiten Gruftzimmers gemeißelt worden und Neferhotep hatte der Verwaltung der Todtenstadt ein Grundstück vermacht mit der Verpflichtung, seine Einkünfte zur Besoldung eines Harfners zu verwenden, welcher bei jedem Todtenfeste zum Saitenspiel zu singen verpflichtet war. Der Rosselenker Mena kannte dieß Sterbelied seines Großvaters gar wohl und hatte es Nefert, die ihn mit der Laute begleiten konnte, oftmals vorgesungen, denn auch in den Stunden der Freude, und gerade in diesen, gedachten die Aegypter ihrer Todten. Jetzt lauschte sie mit ihren Begleitern dem Harfner, welcher sang: Die Gruft des Neferhotep blieb vortrefflich erhalten und in ihr der zuerst von Dümichen (Historische Inschriften, II.) veröffentlichte und von L. Stern (Zeitschrift für ägyptische Sprache, 1873) behandelte Text, aus dem wir die folgende Stelle übersetzt haben.         »Recht in Ruh' ist dieser Große; Auf zur Uebung schöner Pflichten!     Dem Vergehen sind erlesen     Seit der Götterzeit die Menschen.     Alte weichen jungem Nachwuchs.     Eine neue Sonne zeigt sich     Jeden Morgen, wenn die alte     Ruhe fand im Schooß des Westens. Manun. Todtenbuch 15, Z. 44. 110, Z. 11. .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   Feiere, mein Prophet, den Festtag; Duft'ges Salböl, Balsamharze Bieten wir, und Blumenkränze. Schlingen wir um Brust und Arme Deiner vielgeliebten Schwester, Wenn sie Dir zur Seite ruht. Lieder singen, Harfe schlagen Wollen wir vor Deinem Antlitz:     Laß dahinten alle Sorgen     Und sei eingedenk der Freuden,     Bis uns naht der Tag der Reise,     Da man landend Ruhe findet     In dem Reich, das hold dem Schweigen.« Als der Gesang verstummte, drängten sich mehrere Leute in die niedrige Grabkapelle, um ihrem Danke für das Lied durch eine auf dem Opferaltar des Propheten niedergelegte Blume Ausdruck zu geben. Auch Nefert und Rameri traten in das Grab und die Erstere legte, nachdem sie in einem langen stillen Gebete den verklärten Geist der Verstorbenen angefleht hatte, Mena zu schützen, ihren Kranz neben den Mumienschacht, in dem die Mutter ihres Gatten ruhte. Manches Mitglied des Hofstaats zog dicht an den Königskindern vorüber, ohne sie zu erkennen. Eifrig strebten sie dem Festplatz zu, aber das Gedränge war so groß, daß die Frauen oftmals gezwungen waren, in eine Gruft zu treten, um ihm auszuweichen. In jeder Grabkapelle fanden sie volle Opferaltäre und in den meisten gesellig vereinte Familien, welche hier bei Braten und Früchten, Bier und Wein ihrer Verstorbenen so gedachten, als wären sie Reisende, welche in der Ferne ihr Glück gefunden und die sie früher oder später wiederzusehen hoffen durften. Schon näherte sich die Sonne dem Untergange, als sie auf dem eigentlichen Festplatze anlangten. Hier standen viele Tische und Zelte mit Eßwaaren jeder Art, namentlich aber mit süßem Gebäck für die Kinder, Datteln, Feigen, Granatäpfeln und anderen Früchten. Unter leichten, den Sonnenbrand abwehrenden Schutzdächern wurden Sandalen und Tücher in allen Stoffen und Farben, Schmucksachen, Amulete, Fächer und Schirme, wohlriechende Essenzen jeder Art und andere Gaben für die Opfer und Putztische feilgehalten. Die Körbe der Gärtner und der Blumenhändlerinnen waren schon geleert, aber die Wechsler hatten noch vollauf zu thun und an den Schenk- und Würfeltischen ging es lebendig her. Freunde und Bekannte begrüßten sich mit frommen Sprüchen, während die Kinder einander ihre neuen Sandalen, den Kuchen, den sie beim Würfeln gewonnen, oder die Kupferringlein zeigten, mit denen sie beschenkt worden waren, und welche heute noch verausgabt werden mußten. Den bedeutendsten Erfolg ernteten die Wunderthäter des Setihauses, um welche sich dicht am Boden hockende Zuschauermengen im Kreise geschaart hatten, so zwar, daß man den Kindern die vordersten Reihen freiwillig einräumte. Als unsere Wanderer diesen Platz betraten, war die religiöse Feier bereits beendet. Noch stand der Baldachin, unter welchem die Familie des Königs der Festrede zuzuhören pflegte und in dessen Schatten heute der Statthalter Ani gethront hatte, noch sah man die Sitze der Großen und die Schranken, welche das Volk fern hielten von dem Adel, der Priesterschaft und dem Herrscherhause. Hier hatte Ameni mit eigenem Munde das Wunder von dem Widderherzen dem jubelnden Volke mitgetheilt und ihm eröffnet, daß ein neuer Apis unter den Heerden des Statthalters erschienen sei. Seine Deutung dieser göttlichen Zeichen ging von Mund zu Munde. Sie verhießen Frieden und Glück dem Lande durch einen Liebling der Götter, und wenn er es auch nicht aussprach, so konnte es doch auch dem Blödesten nicht entgehen, daß unter diesem Lieblinge kein Anderer gemeint sei als Ani, der Nachkomme der großen Hatasu, deren Prophet mit dem heiligen Widderherzen begnadigt worden war. Alles schaute bei Ameni's Worten auf Ani und dieser opferte vor dem Volke unter dem heiligen Widderherzen und empfing des Oberpriesters Segen. Auch Pentaur hatte seine Rede beendet, als Bent-Anat mit ihren Begleitern den Festplatz betrat. Sie hörte, wie ein Greis zu seinem Sohne sagte: »Das Leben ist schwer. Oft erschien es mir wie eine Bürde, die grausame Götter auf unsere armen Schultern laden, aber als ich den jungen Priester vom Setihause hörte, da fühlt' ich doch, daß die Himmlischen gut sind, und daß wir ihnen für Vieles zu danken haben.« An einer andern Stelle sagte eine Priestersfrau zu ihrem Knaben: »Hast Du Dir den Pentaur recht angesehen, Hor-uza? Er ist aus niederem Hause, aber er überragt die Größten an Geist und Gaben und wird es weit bringen.« Zwei Mädchen sprachen mit einander und die eine sagte zur andern: »Der Festredner ist der schönste Mann, den ich je gesehen habe, und seine Stimme schallte wie reiner Gesang.« »Und wie seine Augen glänzten, als er die Wahrheit pries als die höchste Tugend,« entgegnete die Andere. »Alle Götter, mein' ich, müssen in ihm wohnen.« Bent-Anat erröthete, als sie diese Worte vernahm. Sie wünschte, da es dunkelte, heimzukehren; Rameri aber wollte gern der mit Lampen und Fackeln wandelnden Prozession durch das Thal des Westens folgen, damit auch das Grab ihres Großvaters Seti nicht unbesucht bleibe. Die Prinzessin gab ungern nach, aber es war in diesem Augenblicke schwer zum Strom zu gelangen, denn Alles eilte nach der andern Richtung hin. So ließen sich auch die Geschwister und Nefert von der Menge fortdrängen und gelangten, als die Sonne schon untergegangen war, in das Thal des Westens, in dem in dieser Nacht kein Raubthier sich zeigte, denn Schakale und Hyänen waren vor dem Lichte der Laternen aus buntem Papyrus und der Fackeln in der Hand der Nekropolenbesucher in die Wüste geflohen. Der Rauch der Fackeln und Lichter und der von zahllosen Wanderern aufgewirbelte Staub vereinten sich, um den gestirnten Himmel den Blicken zu entziehen und wie mit einer Wolke die Prozession und die ihr folgende Menge zu umhüllen. Die Geschwister und Nefert hatten sich bis zu der Hütte des Paraschiten Pinem vorwärts gearbeitet, hier aber waren sie stehen zu bleiben gezwungen, denn Sicherheitswächter drängten die sich fortbewegende Menge mit langen Stäben nach rechts und links zurück, um freie Bahn für die nahende Prozession zu schaffen. »Sieh, Rameri,« sagte Bent-Anat, indem sie auf den wenige Schritte von ihr entfernten Hof des Paraschiten deutete, »da wohnt das überfahrene weiße Mädchen. Es geht ihr doch besser. Dreh' Dich um, dort hinter dem Dornenzaune bei dem kleinen Feuer, das ihr gerade in's Gesicht scheint, sitzt sie neben ihrem Großvater.« Der Prinz stellte sich auf die Zehen, schaute in den ärmlichen Hof und rief dann mit gedämpfter Stimme: »Ist das ein reizendes Geschöpf! Aber was sie nur mit dem Alten macht? Der scheint zu beten und sie hält ihm bald ein Tuch vor den Mund, bald reibt sie ihm die Schläfe. Und wie ängstlich sie aussieht!« »Der Paraschit muß trank sein,« erwiederte Bent-Anat. »Er hat gewiß auf dem Festplatz einen Krug Wein zu viel getrunken,« lachte der Prinz. »Ganz gewiß. Sieh' nur, wie sich seine Lippen hin und her bewegen und seine Augen rollen. Gräßlich! Er sieht aus wie ein Besessener.« »Er ist ja unrein,« sagte Nefert. »Aber doch ein guter und braver Mann mit zärtlichem Herzen,« entgegnen die Prinzessin lebhaft. »Ich habe mich nach ihm erkundigt. Er soll redlich sein und nüchtern und ist gewiß krank und nicht trunken.« »Jetzt steht das Mädchen auf,« rief Rameri, indem er die Papierlaterne, welche er auf dem Festplatze gekauft hatte, senkte. »Tritt zurück, Bent-Anat, sie muß Jemanden erwarten. Hast Du jemals ein so weißes Menschenkind gesehen und ein so reizendes Köpfchen? Selbst die typhonischen Haare stehen ihr wunderschön. Aber sie wankt ja selbst hin und her. Sie muß noch recht schwach sein! Da sitzt sie wieder bei dem Alten und reibt ihm die Stirn. Die Aermste! Sieh' nur, wie sie schluchzt. Ich werfe ihr meine Börse hinüber!« »Laß das!« rief Bent-Anat. »Ich habe sie reich beschenkt und die Thränen, die da vergossen werden, sehen nicht aus, als ließen sie sich mit Gold stillen. Ich schicke morgen die alte Asnath hieher und frage an, womit man etwa helfen könnte. Sieh' Dich vor, Nefert, da kommt die Prozession. Wie ungezogen die Leute drängen! Sobald der Gott vorüber ist, gehen wir nach Hause!« »Bitte,« sagte Nefert, »ich ängstige mich so sehr!« Bei diesen Worten schmiegte sie sich zitternd an die Prinzessin. »Ich wünschte auch, daß wir zu Hause wären,« entgegnete Bent-Anat. »Seht doch nur!« rief Rameri. »Da sind sie! Nicht wahr, das ist herrlich! Und wie das Herz jetzt leuchtet, als war' es ein Stern!« Alles Volk und mit ihm unsere Freunde warfen sich aus die Kniee. Ihnen gegenüber hielt die Prozession, wie immer, wenn sie tausend Schritte zurückgelegt hatte; ein Herold trat vor und pries mit weithin schallender Stimme das große Wunder, zu dem vor Kurzem ein neues getreten war, denn das heilige Widderherz hatte beim Einbruch der Nacht zu leuchten begonnen. Seit seiner Heimkehr aus dem Hause der Balsamirer hatte der Paraschit Pinem keine Nahrung zu sich genommen und auf alle Fragen der geängstigten Seinen kein Wort erwiedert. Starr vor sich hinschauend murmelte er unverständliche Worte und griff oft mit der Hand an die Stirn. Vor einigen Stunden hatte er plötzlich laut aufgelacht, und sogleich war sein geängstigtes Weib in das Setihaus gegangen, um den Arzt Nebsecht zu rufen. Während ihrer Abwesenheit sollte Uarda ihrem Großvater die Schläfen mit den Blättern reiben, welche die Zauberin Hekt auf ihre Brust gelegt hatte, und da sie einmal sich wirksam erwiesen, ja wohl auch zum zweiten Mal den Dämon der Krankheit verscheuchen konnten. Als die von tausend Fackeln und Lampen beleuchtete Prozession vor dem im Dunkel verschwindenden Hause des Paraschiten anhielt und ein Bürger dem andern zurief: »Das heilige Widderherz kommt!« schrak der Alte zusammen und richtete sich auf. Seine Augen starrten unverwandt auf das strahlende Heiligthum in seinem kristallenen Gefäße. Langsam, am ganzen Körper bebend und mit weit vorgestrecktem Kopfe, richtete er sich auf. Der Herold begann sein Lob des Wunders. Da, während noch das Volk in Andacht versunken, regungslos den Worten des laut Rufenden lauschte, stürzte, bevor er geendet, der Paraschit aus der Thür seines Hauses hervor, schlug seine Stirn mit Fäusten und brach dabei gegenüber dem heiligen Herzen in ein wahnsinniges, weithin schallendes, von den nackten Felsen des Thales wiederhabendes Hohngelächter aus. Entsetzen ergriff die sich jählings von den Knieen erhebende Menge. Auch der dicht hinter dem Herzen wandelnde Ameni erschrak und wandte sich um nach dem furchtbaren Lacher. Er hatte den Paraschiten niemals gesehen, aber er gewahrte das durch Staub und Dunkel trübe schimmernde kleine Feuer in seinem Hofe, er wußte, daß der Leicheneröffner an dieser Stelle wohne, und schnell gefaßt flüsterte er einem der Offiziere, welche mit ihren Leuten zu beiden Seiten des Zuges marschirten, einige nur diesem verständliche Worte zu, dann gab er ein Zeichen und die Prozession bewegte sich weiter, als wäre nichts geschehen. Der Alte versuchte es, immer lauter und unheimlicher lachend, auf das Herz loszustürzen, aber die Menge stieß ihn zurück. Während die letzten Gruppen des Festzuges an ihm vorüber wallten, schleppte er sich, schwer gemißhandelt, bis an das Thor seiner Hütte. Dort brach er zusammen und Uarda stürzte sich über den Greis, der im Staub und Dunkel kaum erkennbar am Boden lag. »Zertretet den Spötter!« »Reißt ihn in Stücke!« »Verbrennt das unreine Nest!« »Werft ihn und die Dirne in's Feuer!« brüllte das in seiner Andacht gestörte Volk mit wildem Ingrimm. Zwei alte Weiber rissen die Laternen von den Stöcken und schlugen auf den Unglücklichen los, während ein äthiopischer Soldat Uarda in die Haare faßte und sie von ihrem Großvater fortriß. In diesem Augenblick erschien die Frau des Paraschiten und mit ihr Pentaur. Die Greisin hatte Nebsecht nicht gefunden, wohl aber den Dichter, welcher nach seiner Rede in das Setihaus zurückgekehrt war. Ihm erzählte sie von den Dämonen, Man glaubte, die Wahnsinnigen würden von Dämonen besessen. Die berühmte, von E. de Rougé schön behandelte Stele in der pariser Bibliothek erzählt von der von Dämonen besessenen Schwägerin Ramses XII., daß die bösen Geister, von denen sie besessen ward, durch die in ihre asiatische Heimat gesandte Statue des Chunsu ausgetrieben worden wären. die ihren Mann überfallen hatten, und flehte ihn an, mit ihr zu kommen. Pentaur folgte ihr ungesäumt im Arbeitskleide, wie er ging und stand, ohne das weiße, ihm bei diesem Gange unerwünschte Priestergewand anzulegen. In der Nähe der Paraschitenhütte angelangt, vernahm er das Gebrüll des Volkes und, dieses übertönend, Uarda's helles Angstgeschrei. Er eilte vorwärts, er sah, von dem spärlichen Herdfeuer und dem bunten Laternenlichte trüb erleuchtet, die Hand des schwarzen Soldaten im Haare des hülflosen Kindes und schnell wie der Gedanke hatte er den Hals des Kriegers mit seinen eisernen Händen umklammert. Dann faßte er ihn um den Leib, schwang ihn aufwärts und warf ihn wie einen Felsstein in den Hof des Paraschiten. Wuthentbrannt stürzte die Menge auf ihn ein; ihn aber hatte eine ihm bis dahin fremde Kampflust erfaßt. Mit einem Ruck riß er den Pfahl von schwerem äthiopischen Holze, welcher das Zeltdach stützte, das der sorgsame Großvater für seine kranke Enkelin aufgerichtet hatte, aus der Erde, schwang ihn wie einen Rohrstab in raschen Kreisen über seinem Haupte hin, jagte die Menge zurück und rief Uarda zu, sich an ihm zu halten. »Der ist ein Kind des Todes,« schrie er, »der das Mädchen berührt. Schande über euch, die ihr schwache Greise und hülflose Kinder überfallt am heiligen Feste!« Einen Augenblick schwieg die Menge; aber gleich darauf drängte sie von Neuem vor und wilder erklang das Geheul. »Zerreißt die Unreinen! Die Flamme in das Haus!« Einige Handwerker aus Theben drangen auf den durch nichts als Priester erkennbaren Dichter ein; dieser aber brauchte seinen Pfahl, der sie fällte, ehe ihre Fäuste und Stöcke ihn zu berühren vermochten. Wohin das schwere Holz traf, fiel ein Mann. Aber lange konnte der Kampf nicht dauern, denn einige Bursche übersprangen den Zaun, um ihm in den Rücken zu fallen. Pentaur ward nun von tageshellem Licht umflossen, denn Feuerbrände waren auf die trockenen Palmenzweige des Hüttendaches hinter ihm geschleudert worden und knisternde Flammen lohten auf zum nächtlichen Himmel. Der Dichter hörte in seinem Rücken die Rasenden, breitete seine Linke über das Haupt des sich bebend an ihn schmiegenden Mädchens und schwang in dem Gefühle, daß sie Beide verloren seien, daß er aber die Unschuld und das Leben dieses lieblichen Geschöpfes bis zum letzten Athemzuge vertheidigen müsse, seinen Pfahl. Zum letzten Mal, denn es gelang zwei Männern, das furchtbare Holz zu ergreifen, Andere standen ihnen bei und entwanden dem Kämpfer seine Waffe, während sich von der Seite her wüthende, aber unbewaffnete und die unbändige Kraft ihres Gegners fürchtende Feinde zaghaft näherten. Mit fliegendem Athem und bebend wie eine geängstigte Antilope hielt sich Uarda an ihrem Beschützer fest. Dumpf stöhnte Pentaur auf, als er sich entwaffnet fühlte. Da sprang, als habe er sich aus dem Boden erhoben, ein Jüngling ihm an die Seite, reichte ihm das Schwert des gefallenen Soldaten, welches zu seinen Füßen gelegen hatte, und lehnte seinen Rücken an den des Dichters. Im selben Augenblicke richtete Pentaur sich auf, stieß einen Schlachtruf aus wie ein Held auf der letzten freien Schanze seiner bestürmten Festung und schwang seine neue Waffe. Mit flammenden Augen wie ein Löwe, der die Meute von dem Wilde verjagen will, das er fällte, stand er da und einen Augenblick wichen seine Gegner zurück, denn auch sein Bundesgenosse, der junge Rameri, hatte drohend sein Beil erhoben. »Die feigen Mörder werfen mit Bränden,« rief der Prinz. »Zu mir, Mädchen! Ich lösche das brennende Pech auf Deinem Kleide.« Mit diesen Worten faßte er Uarda's Hand, zog sie an sich und erdrückte die Flamme an ihrem Kleidchen, während Pentaur ihn mit seinem Schwerte beschützte. Wenige Augenblicke hatten der Prinz und der Dichter Rücken an Rücken gestanden, als ein Steinwurf das Haupt des Letzteren streifte. Pentaur taumelte, und schon drang die Menge brüllend heran, als der Zaun des kleinen Hofes von kräftigen Händen zusammengerissen einstürzte, eine hohe Frauengestalt auf den Schauplatz des Kampfes trat und dem erstaunten Volke zurief: »Laßt Diese! Ich befehl' es! Ich bin Bent-Anat, die Tochter des Ramses!« Erstaunt wich die wüthende Menge zurück. Die Betäubung war von dem Dichter gewichen und er glaubte doch von einem Irrwahne befangen zu sein. Er sah und hörte und meinte einen himmlischen Traum zu träumen. Es war ihm, als sollte er sich niederwerfen vor der Tochter des Ramses, aber sein in Ameni's Schule an rasches Denken gewöhnter Geist ließ ihn blitzschnell Bent-Anat's Lage übersehen und statt das Knie zu beugen, rief er: »Wer diese Frau auch sein mag, ihr Leute, und ob sie ihr auch gleiche, sie ist nicht Bent-Anat, die Tochter des Ramses; ich aber bin, obgleich ich das weiße Gewand nicht trage, ein Priester vom Setihause, Pentaur genannt, und der Cherheb Festredner. S. Anmerkung 169 . vom heutigen Feste. Verlaß diese Stätte, Frau! Ich befehl' es im Namen meines heiligen Amtes!« Und Bent-Anat gehorchte. – Pentaur war gerettet, denn als das Volk sich von seinem Erstaunen zu erholen begann, als die von ihm Verletzten und ihre Angehörigen sich von Neuem gegen ihn erhoben, als ein Bursche, dem er die Hand zerschlagen, wüthend schrie: »Er ist ein Fechter, aber kein heiliger Vater, zerreißt den Betrüger!« rief eine Stimme aus dem Volke: »Macht Platz meinem weißen Gewande und laßt von dem Festredner Pentaur, der mein Freund ist. – Viele von euch müssen mich kennen!« »Du bist Nebsecht der Arzt, der meinen zerbrochenen Schenkel heilte,« rief ein Matrose. »Und mein krankes Auge,« ein Weber. »Der schöne Große ist der Redner, ich erkenne ihn wohl,« rief eines der Mädchen, deren Urtheil über Pentaur Bent-Anat auf dem Festplatze vernommen hatte. »Redner hin, Redner her!« rief der Bursche und stürzte vorwärts, aber das Volk hielt ihn zurück und trat ehrerbietig auseinander, als Nebsecht es bat, ihm Platz zu machen, damit er die Verwundeten untersuchen könne. Zunächst beugte er sich über den alten Paraschiten und rief entsetzt: »Schande über euch, ihr habt den alten Mann erschlagen!« »Und ich,« sagte Pentaur, »mußte meine friedliche Hand mit Blut färben, um sein unschuldiges krankes Enkelkind vor dem gleichen Schicksal zu retten.« »Giftherzen, Skorpione, Otterngezücht, Menschenkehricht!« schrie Nebsecht in die Menge und sprang heftig auf, um Uarda mit den Blicken zu suchen. Als er sie wohlbehalten zu den Füßen der Zauberin Hekt, welche sich in den Hof gedrängt hatte, sitzen sah, athmete er hoch auf und wandte dann seine Aufmerksamkeit den Verwundeten zu. »Hast Du das Alles, was hier umherliegt, umgeworfen?« fragte er flüsternd seinen Freund. Pentaur nickte bejahend und lächelte; aber nicht triumphirend, sondern beschämt wie ein Knabe, der den gefangenen Vogel gegen seinen Willen in seiner Hand erdrückte. Nebsecht schaute ihn verwundert und besorglich an und fragte: »Warum gabst Du Dich nicht gleich zu erkennen?« »Weil mich der Geist des Kriegsgottes Menth erfaßte,« erwiederte Pentaur, »als ich sah, wie der vermaledeite Schurke dort das Mädchen an den Haaren riß. Ich sah und hörte nichts, ich . . .« »Du hast recht gehandelt,« unterbrach ihn der Arzt, »aber wie wird das enden?« In diesem Augenblicke erscholl Trompetengeschmetter. Der von Ameni zur Verhaftung des Paraschiten abgesandte Hauptmann nahte mit seinen Soldaten. Ehe er den Hof betrat, befahl er dem Volke auseinander zu gehen. Die Widerstrebenden wurden mit Gewalt vertrieben und in wenigen Minuten war das Thal von der heulenden und schreienden Menge gesäubert und das brennende Haus umstellt. Auch die Königskinder und Nefert wurden gezwungen, ihren Platz am Zaun des Paraschitenhofes zu verlassen. Rameri war, sobald er sah, daß Uarda gerettet sei, seiner Schwester gefolgt. Nefert war vor Angst und Erregung dem Umsinken nahe, die Vorsteher der Sänftenträger gaben sich die Hände, sie setzte sich auf dieselben und man trug sie den Geschwistern voran. Keiner von ihnen sprach ein Wort, selbst nicht Rameri, denn er konnte Uarda und den dankbaren Blick nicht vergessen, mit dem sie ihm nachgeschaut hatte. Nur einmal sagte Bent-Anat: »Das Paraschitenhaus brennt. Wo werden die Armen nun schlafen?« Nachdem das Thal von dem Volke gesäubert war, betrat der Offizier den Hof und fand hier außer der Zauberin Hekt und Uarda auch den Dichter und den mit der Pflege der Verwundeten beschäftigten Nebsecht. Pentaur unterrichtete den Hauptmann kurz von dem Geschehenen und nannte ihm seinen Namen. Der Letztere reichte ihm die Hand und sagte. »Gäb' es viele Krieger von Deinem Schlage, heiliger Vater, im Heere des Ramses, der Chetakrieg wäre bald zu Ende. Aber Du hast keine Asiaten, sondern Leute von Theben erschlagen und, so leid es mir thut, ich muß Dich als meinen Gefangenen zu Ameni führen.« »Du folgst Deiner Pflicht,« entgegnete Pentaur und verneigte sich vor dem Hauptmann, welcher seinen Leuten befahl, die Leiche des Paraschiten aufzunehmen und in das Setihaus zu tragen. »Ich sollte das Mädchen wohl auch verhaften,« sagte er, sich an Pentaur wendend. »Sie ist krank,« entgegnete der Dichter. »Und kommt sie nicht bald zur Ruhe,« fügte der Arzt hinzu, »so ist sie des Todes. Laß sie, sie ist der besondere Schützling der Prinzessin Bent-Anat, die sie jüngst überfuhr.« »Ich führe sie in mein Haus,« sagte die Zauberin, »und will für sie sorgen. Da liegt ihre Großmutter; sie ist halb erstickt von den Flammen, aber sie kommt schon zu sich und ich habe Platz für Beide.« »Bis morgen,« entgegnete der Arzt, »dann werde ich für sie eine andere Unterkunft schaffen.« Die Alte lachte ihn an und murmelte: »Es werden noch Mehrere für sie sorgen wollen.« Die Soldaten folgten dem Kommandoworte ihres Führers, nahmen die Verwundeten auf und entfernten sich mit Pentaur und der Leiche des Paraschiten. Indessen waren die Geschwister und Nefert mit vielen Hindernissen zum Landungsplatz der Nilschiffe gelangt. Einer der Sänftenträger wurde abgeschickt, um das ihrer wartende Boot heranzuholen, und ihm Eile eingeschärft, denn schon sah man die Lichter der Prozession nahen, welche den Gott in den Tempel des Amon nach Theben zurückführte. Gelang es ihnen jetzt nicht, ungesäumt ihren Kahn zu besteigen, so stand ihnen ein stundenlanges Warten bevor, denn bei nächtlicher Weile durfte, während die Prozession den Strom kreuzte, kein nicht zu dieser gehörendes Fahrzeug, ja selbst kein Schiff eines Großen, vom Lande abstoßen. In höchster Ungeduld erwarteten die Geschwister das Zeichen ihres Boten, denn Nefert war zum Umsinken erschöpft und Bent-Anat, auf die sie sich stützte, fühlte das Zittern ihrer Glieder. Endlich winkte der Sänftenträger; der schnelle, aber unscheinbare Nachen, welcher sonst nur bei Vogeljagden benützt wurde, schoß heran, Rameri ließ sich das Ruder eines Matrosen reichen und zog das Fahrzeug näher an die Landungstreppe. Der Oberste der Sicherheitswächter trat im selben Augenblicke vor und rief. »Dieß Boot ist das letzte, welches abstößt vor der Ueberfahrt des Gottes.« Bent-Anat schritt, so schnell als es ihr der schwer an ihrem Arm hängenden Nefert Schwäche gestattete, die halbdunkle, jetzt nur von mattem Laternenlicht dürftig bestrahlte Treppe hinab, welche erst, wenn der Gott nahte, mit Pechpfannen und Fackeln tageshell erleuchtet werden sollte. Aber ehe sie die letzte Stufe erreicht hatte, fühlte sie eine harte Hand an ihrer Schulter und die rauhe Stimme des Wegeführers Paaker rief: »Zurück, Pack! Erst kommen wir!« Die Sicherheitswächter wehrten ihm nicht, denn sie kannten den Wegeführer und sein gewalttätiges Wesen; er aber führte seine Finger an den Mund und pfiff, daß es laut durch die Nacht hingellte. Sogleich ließen sich Ruderschläge vernehmen und Paaker rief seinem Schiffsvolke zu: »Stoßt den Nachen hier zur Seite! Das Volk kann warten!« Das Schiff des Wegeführers war größer und stärker bemannt, als das der Königskinder. »Schnell in das Boot!« rief Rameri. Bent-Anat schritt wiederum vorwärts, schweigend, denn sie durfte sich hier um des Volkes und Nefert's willen nicht abermals zu erkennen geben; aber Paaker stellte sich ihr in den Weg und rief. »Habt ihr nicht gehört, Gesindel, daß ihr warten sollt, bis wir fort sind? Zieht den Nachen der Menschen hier in den Strom zurück, Leute!« Bent-Anat fühlte ihr Blut erstarren, als sich gleich darauf ein lauter Wortwechsel an der Landungstreppe erhob. Rameri's Stimme übertönte alle anderen; der Wegeführer aber rief: »Widerstand leistet das Lumpenpack? Ich will sie lehren! Halloh, hierher, Descher! Stell' das Weib und den Jungen!« Auf diesen Ruf sprang seine große rothe Dogge, die schon seinem Vater gehört hatte und ihn stets begleitete, wenn er wie heute mit seiner Mutter das Grab des Verstorbenen besuchte, bellend heran. Nefert schrie geängstigt auf, der Hund aber erkannte sie sogleich und schmiegte sich mit einem ihm eigenen Freudengeheul an sie. Paaker, der sich schon den Booten genähert hatte, wandte sich verwundert um, sah das sich zu den Fußen der in ihren Knabenkleidern unkenntlichen Nefert wälzende Thier, sprang zurück und schrie. »Ich will Dich lehren, Bursche, mit Gift oder Zauberei den Hund zu verderben!« Dabei erhob er seine Peitsche und schlug nach den Schultern der mit einem gellenden Angstschrei zu Boden sinkenden Gattin des Mena. Die Schnüre der Geißel waren dicht an der Wange des zusammenbrechenden zarten Weibes vorbeigesaust, denn Bent-Anat war dem Wegeführer kräftig in den Arm gefallen. Entsetzen, Abscheu, Zorn hemmte ihre Zunge; Rameri aber hatte Nefert's Schrei vernommen und näherte sich in zwei Sprüngen den Frauen. »Feiger Schurke!« rief er und erhob das Ruder in seiner Hand. Der an Kampf gewöhnte Paaker bewahrte seine Ruhe und rief dem Hunde mit einem eigenthümlichen Zischen der Lippen zu. »Reiß' ihn nieder, Descher!« Der Hund stürzte auf den Prinzen los; dieser aber, der seinen Vater schon als Kind auf manche Jagd begleitet hatte, hieb dem wüthenden Thiere mit dem schweren Holze so wuchtig auf die Schnauze, daß es röchelnd zusammensank. Paaker glaubte in der ganzen Welt keinen zuverlässigern Freund zu besitzen, als dieses Thier, seinen treuen Begleiter auf seinen Zügen durch Einöden und die Lande feindseliger Menschen. Als er es nun zuckend zu Boden sinken sah, erfaßte ihn grimme Wuth und mit hoch erhobener Geißel stürzte er auf den Jüngling los; dieser aber, auf's Höchste erregt von den bunten Ereignissen dieser Nacht, ganz erfüllt von dem kriegerischen Geiste seiner Väter, auf's Höchste aufgebracht gegen den rohen Beleidiger der Frauen, als deren Beschützer er sich ansah, fühlte sich jedem Manne gewachsen und schlug dem Wegeführer mit dem Ruder so kräftig auf die linke Hand, daß ihm die Geißel entsank und er nun aufheulend mit der rechten nach dem Dolch in seinem Gürtel griff. Da warf sich Bent-Anat zwischen den Mann und den kaum dem Knabenalter entwachsenen Jüngling, nannte zum zweiten Mal ihren eigenen und dießmal auch ihres Bruders Namen, befahl Paaker, seine Matrosen zur Ruhe zu bringen, führte die unerkannt bleibende Nefert an das Boot, bestieg es mit ihren Begleitern und landete in Kurzem bei dem Palaste, während Paaker und seine Mutter Setchem, für die er sein Nilschiff herbeigerufen und welche oberhalb der Stromtreppe von ihrer Sänfte aus den Streit, ohne doch die Reden zu verstehen und die Personen zu erkennen, beobachtet hatte, noch lange auf der Stromtreppe warten mußten. Sein Hund war todt, seine Hand schmerzte ihn empfindlich und in seinem Herzen kochte neuer Ingrimm. »Die Ramsesbrut,« murmelte er vor sich hin, »die Abenteuersucher! Sie werden mich kennen lernen! Mena und Ramses stehen nahe genug beisammen. Ich opfere sie Beide!« Vierzehntes Kapitel. Nachdem endlich des Wegeführers Boot mit seiner Mutter und der Leiche seines Hundes, die er balsamiren und zu Kynopolis, Das altägyptische Saka (das heutige Samalut), in dem als Hauptgottheit Anubis verehrt ward. Plutarch erzählt, daß die Oxyrynchiten, die den Oxyrynchosfisch verehrten, mit den ihnen benachbarten Kynopoliten, die den Hund heilig hielten, wegen dieser Thiere einen Krieg anfingen. Der Streit begann, indem die Kynopoliten Oxyrynchosfische aßen, die Oxyrynchiten aber aus Rache Hunde fingen, sie schlachteten und als Opfermahl verzehrten. Eine ähnliche Geschichte erzählt Juvenal in der XV. Satire von den Ombiten (doch wohl Koptiten) und Tentyriten. der Stadt, in welcher man die Hunde vor allen anderen Thieren heilig hielt, beisetzen lassen wollte, die Ueberfahrt begonnen hatte, begab er sich in das Setihaus, woselbst in der dem Feste folgenden Nacht ein großes Gastmahl die vornehmen Priester der Nekropole und des jenseitigen Theben, die Festgesandten und auserlesenen Würdenträger zu vereinigen pflegte. Sein Vater hatte, wenn er sich in Theben befand, niemals bei dieser Gasterei gefehlt; ihm selbst blühte heute zum ersten Male die von Vielen erstrebte Auszeichnung, welche er, Ameni hatte es ihm, als er ihn gestern einlud, ausdrücklich gesagt, dem Statthalter verdankte. Seine Mutter hatte ihm die von Rameri zerschlagene Hand verbunden. Sie schmerzte ihn heftig, aber er würde um keinen Preis das Gastmahl des Setihauses versäumt haben, wenn er sich auch davor fürchtete. Sein Geschlecht war so alt und vornehm wie irgend eines in Aegypten, sein Blut reiner als das des Königs, und dennoch fühlte er sich niemals in den Gesellschaften der Großen heimisch. Er war kein Priester und doch ein Schreiber, er war ein Krieger und stand doch nicht in Reih und Glied mit den Helden des Königs. Zu strenger Pflichterfüllung war er herangezogen worden und er widmete sich auch eifrig seinem Berufe, seine Lebensgewohnheiten aber wichen weit ab von denen der Gesellschaft, in der er herangewachsen und deren Zierde sein schöner, tapferer und großmütiger Vater gewesen war. Er hing nicht geizig an seinen ererbten Schätzen und die edle Eigenschaft der Freigebigkeit schien ihm nicht fremd zu sein, aber die Rohheit seines Herzens zeigte sich gerade wenn er gab, am augenfälligsten, denn dann ward er nicht müde, den von ihm abhängigen Beschenkten den Dank, den sie ihm schuldeten, vorzuhalten, und durch seine Gaben glaubte er das Recht erworben zu haben, Denjenigen, welche sie annahmen, nach seinem Gefallen roh und anspruchsvoll zu begegnen. So kam es denn, daß ihm seine besten Thaten eher Feinde als Freunde erwarben. Paaker war eben eine unedle, das heißt eine eigensüchtige Natur, die, um ihren Weg zu kürzen, ebenso gern auf Blumen wie auf Wüstensand tritt. Diese Eigenart seines Innern trat überall, auch in seinem Aeußern zu Tage; im Klange seiner Stimme, in den breiten Zügen seines Gesichtes und den gespreizten Bewegungen seiner gedrungenen Gestalt. Im Lager konnte er sich geberden wie er wollte; dieß war unerlaubt in der Gesellschaft seiner Standesgenossen. Darum und weil ihm die Gabe der schnellen Rede und Gegenrede, die ihnen eignete, versagt war, fühlte er sich unwohl und am unrechten Platz in ihrer Mitte und er würde auch der Einladung Ameni's kaum gefolgt sein, wenn sie nicht seiner Eitelkeit geschmeichelt hätte. Es war spät geworden, aber erst um Mitternacht begann das Mahl, denn die Gäste wohnten vor dem Beginn desselben dem Schauspiele bei, welches auf dem heiligen See im Süden der Nekropole bei Lampenlicht und Fackelschein aufgeführt wurde und das die Schicksale der Isis und des Osiris zur Darstellung brachte. Als er den festlich geschmückten Hof betrat, in dem die Tafeln aufgerichtet waren, fand er alle Gäste versammelt. Auch der Statthalter Ani war erschienen und saß zur Rechten Ameni's an der Spitze des mittelsten, vornehmsten Tisches, an dem mehrere Plätze unbesetzt waren, denn die Propheten und Geweihten des Amon von Theben hatten ihr Ausbleiben entschuldigen lassen. Sie hingen treu an Ramses und seinem Hause, ihr greiser Vorsteher mißbilligte das kühne Vorgehen Ameni's gegen die Königskinder und sie hielten das Wunder des Widderherzens für einen feindseligen Streich der Nekropole gegen den von dem Pharao vielfach bevorzugten Reichstempel. S. Bd. II. S. 24 . Fast alle Könige im neuen Reiche sorgten mit verschwenderischer Freigebigkeit für den Tempel von Karnak. Der älteste in ihm erhaltene Name ist der Usertesen I. (12. Dyn.). Während der Hyksoszeit ruhten die Arbeiten an ihm, aber die Könige der 18. und 19. Dynastie erweiterten ihn mit Anlagen von unübertroffenen Dimensionen. Die große Halle, welche Ramses I. gründete, Seti I. baute und Ramses II. ausschmückte, enthielt 134 Säulen und war 102 : 51 Meter groß, auch den mit Karnak verbundenen Tempel von Luqsor, der in der 18. Dynastie gegründet worden war, vollendete Ramses durch großartige Bauten. Zu der Ostseite von Karnak fügte er neue Theile und ungeheuer waren die königlichen Geschenke, welche in die Schatzkammern dieses Heiligthums flossen. Treffliche Grundrisse aller Theile des Tempels von Karnak sind jüngst veröffentlicht worden von Mariette in seinem Karnak. Der Wegeführer ging der Tafel zu, an welcher der Feldhauptmann der siegreich aus Aethiopien heimgekehrten Truppen mit andern hohen Offizieren saß. Neben den Erstern war ein Platz frei. Paaker faßte denselben in's Auge; als er aber bemerkte, daß der General seinem Nebenmanne winkte, näher an ihn heran zu rücken, glaubte der Wegeführer, daß Jener ihn verhindern wolle, sein Nachbar zu werden, und wandte mit einem ingrimmigen Blicke der Tafel der Krieger den Rücken. Der Mohar war kein gern gesehener Zechgenosse. »Mein Wem wird mir sauer, wenn der Tölpel hineinsieht,« sagte der Feldhauptmann. Die Augen der Gäste richteten sich auf Paaker, welcher nach einem Platze ausschaute. Als ihn Niemand zu sich heranwinkte, fühlte er, wie sich sein Blut erhitzte. Am liebsten hätte er sogleich mit einem Fluche den Festsaal verlassen. Schon wandte er sich der Thür zu, als der Statthalter, der mit Ameni einige Worte im Flüsterton gewechselt hatte, ihn anrief, ihn bat, den für ihn aufbewahrten Platz einzunehmen, und auf den Stuhl an seiner Seite, der dem ersten Propheten des Reichstempels bestimmt gewesen war, deutete. Paaker nahm, sich tief verneigend, diesen Ehrenplatz ein und wagte es nicht, von der Tafel aufzuschauen, weil er spöttischen oder verwunderten Gesichtern zu begegnen fürchtete. Und doch hatte er sich seinen Großvater Assa und seinen Vater nur in der Nähe dieses ihnen auch wirklich oft genug eingeräumten Platzes denken können. Und war er denn nicht ihr Nachfolger und Erbe? Stammte seine Mutter Setchem nicht aus einem königlichen Geschlechte? War das Setihaus ihm nicht zu größerem Danke verpflichtet, als jenen? Ein Diener legte ihm einen Kranz um die breiten Schultern und ein anderer reichte ihm Wein und Speisen. Nun erhob er den Blick und begegnete dabei den ihn munter anfunkelnden Augen des ihm gegenüber sitzenden zweiten Propheten Gagabu. Von Neuem schaute er auf die Tafel. Da redete ihn der Statthalter an und erzählte, sich halb an die Umsitzenden wendend, daß der Mohar morgen nach Syrien zu ziehen und seine schweren Pflichten von Neuem aufzunehmen gedenke. Es klang Paaker, als wollte sich Ani bei den Anderen entschuldigen, weil er ihm einen Ehrenplatz angewiesen habe. Endlich erhob der Statthalter den Becher und trank auf den guten Erfolg der Kundschaftsfahrten und ein siegreiches Ende aller Kämpfe des Mohar. Der Oberpriester that dem Letztern Bescheid und dankte ihm laut im Namen des Setihauses für das schöne Stück Ackerland, das er ihm als Festgabe am heutigen Morgen verehrt hatte. Schenkungen von Ackerland an die Tempel durch die Könige sind etwas ganz Gewöhnliches und tausend Denkmäler haben das Andenken an solche bewahrt; aber auch reiche Privatleute beschenkten nicht nur die Heiligthümer mit Grund und Boden, sondern stifteten sogar Summen zu ihrer Erweiterung. So Amen em apt zu Medinet Habu. Ein beifälliges Gemurmel ward laut und mit diesem begann das Gefühl der Unsicherheit von ihm zu weichen. Paaker trug seine ihn immer noch heftig schmerzende Hand in der ihm von seiner Mutter umgelegten Binde. »Bist Du verwundet?« fragte der Statthalter. »Es hat nichts zu sagen,« antwortete der Wegeführer. »Als ich meine Mutter zum Boote geleitete, da fiel . . . .« »Da fiel,« lachte ein früherer Mitschüler von ihm, der sehr hoch gestellte Befehlshaber der Wachtmannschaften von Theben, »da fiel ein Stock oder Ruder auf seine Finger.« »Das wäre!« rief der Statthalter. »Und ein ganz junges Bürschchen hat sich an ihm vergriffen,« fuhr der Befehlshaber fort. »Haarklein berichteten meine Leute Alles. Erst erschlug der Knabe seinen Hund . . . .« »Den schönen Descher?« fragte der greise Vorsteher der Jagden voller Bedauern. »Dein Vater war oft mit ihm an meiner Seite beim Stellen der Eber.« Paaker nickte; der Andere aber begann im sichern Gefühl seiner Stellung und Würde, nicht achtend der Zornesglut, welche die Wangen des Wegeführers bedeckte, von Neuem: »Als der Hund am Boden lag, da schlug Dir der Wagehals den Dolch aus der Hand.« »Und hat dieser Streit zu Unruhen geführt?« fragte Ameni ernst. »Nein,« sagte der Befehlshaber. »Das heutige Fest verlief überhaupt in ungewöhnlicher Ruhe. Hätte nicht der unglückliche Zwischenfall mit dem verrückten Paraschiten die Prozession gestört, so könnten wir die Menge nur loben. Außer dem kampflustigen Priester, den wir Euch ausgeliefert, sind nur einige Diebe eingebracht worden. Sie gehörten sämmtlich zur Kaste, Es soll nach Diodor I. 80 eine eigene Diebeskaste in Aegypten gegeben haben. Alle Bürger mußten sich in die Civilstandsregister eintragen lassen und angeben, wovon sie lebten; also auch die Diebe. Beim Diebshauptmann wurde der Name eingeschrieben, und ihm mußte alles Gestohlene ausgeliefert werden. Der Beraubte hatte ein schriftliches Verzeichniß der von ihm vermißten Gegenstände einzureichen und dabei auch Tag und Stunde anzugeben, an denen sie ihm fortgekommen waren. So fand man leicht das gestohlene Gut bei dem Hauptmanne wieder und dieser lieferte es dem Besitzer aus gegen Zahlung des vierten Theils des Werthes seines zurückerlangten Eigentums, das dann den Dieben zu Gute kam. Eine ähnliche Einrichtung soll noch vor verhältnißmäßig kurzer Zeit in Kairo bestanden haben. darum nahmen wir ihnen einfach ihren Raub ab und ließen sie laufen. Aber sage, Paaker, welche freundlichen Geister sind dort am Hafen in Dich gefahren, daß Du den Burschen ungestraft entwischen ließest?« »Das thatest Du?« rief der alte Gagabu, »der Haß ist doch sonst Dein Handwerk . . . .« Ameni warf dem Greise einen so vorwurfsvollen Blick zu, daß er schwieg, und fragte dann den Wegesichrer: »Wie entstand der Streit und wer war der Bursche?« »Freches Volk,« rief Paaker, »wollte seinen Nachen dem Boot, auf das meine Mutter wartete, vordrängen und ich behauptete mein Recht; da fiel der Bursche mich an, tödtete den Hund und, bei meinem osirischen Vater, der das Thier geliebt hat, die Krokodile hätten ihn längst gefressen, wenn nicht ein Weib zwischen ihn und mich getreten wäre und sich mir zu erkennen gegeben hätte als Bent-Anat, die Tochter des Ramses. Sie war es selber und der Bursche der junge Prinz Rameri, den ihr gestern aus diesem Hause verwiesen habt.« »Oho,« rief der alte Jägermeister, »oho, mein Herr Mohar, spricht man so von den Kindern des Königs?« Auch andere dem Pharao anhängende Beamte zeigten sich unwillig; Ameni aber flüsterte dem Wegeführer zu: »Schweige jetzt!« dann sagte er laut: »Das Wägen der Worte, mein Freund, war nie Deine Sache und heute, so scheint es, sprichst Du im Fieber. Komm' her, Gagabu, und untersuche Paaker's Wunde, die ihn nicht schändet, denn ein Königssohn hat sie geschlagen.« Der Alte löste die Binde von der stark angeschwollenen Hand des Mohar und rief: »Das war ein böser Schlag, drei Finger sind Dir gebrochen und mit ihnen, sieh' da, der Smaragd in Deinem Siegelringe.« Paaker blickte auf seine schmerzenden Finger hernieder und athmete auf, denn nicht sein Orakelring mit dem Namen Thutmes III., sondern der kostbare Reifen, den der regierende König einst seinem Vater geschenkt hatte, war zertrümmert. Nur noch einzelne Splitter des flach geschliffenen Siegelsteines hingen in der goldenen Fassung. Der Name des Königs war mit den fehlenden Stücken zu Boden gefallen und verschwunden. Paaker's blutlose Lippen bewegten sich wieder und eine innere Stimme rief ihm zu: »Die Götter zeigen Dir Deinen Weg! Der Name ist vernichtet, sein Träger soll folgen!« »Schade um den Ring,« sagte Gagabu, »und wenn die Hand ihm nicht folgen soll – zum Glück ist es nur die linke – so höre jetzt auf zu trinken, laß Dich zum Arzte Nebsecht führen und bitte ihn, die gebrochenen Knochen hübsch einzurichten und zu verbinden.« Paaker erhob und verabschiedete sich, nachdem ihn für den folgenden Tag Ameni in das Setihaus und der Statthalter in den Palast beschieden hatten. Als sich die Thür hinter dem Wegeführer schloß, sagte der Schatzmeister des Setihauses: »Das war ein schlimmer Tag für den Mohar, der ihn vielleicht lehren wird, daß man hier in Theben nicht wüthen darf wie im Felde. Ihm ist heute noch eine andere Geschichte begegnet. Wollt ihr sie hören?« »Erzähle!« riefen seine Tischgenossen. »Ihr kennt den alten Seni,« begann der Schatzmeister. »Er war ein reicher Mann, aber gab seine Habe dahin für die Armen, nachdem ihm sieben blühende Söhne, einer nach dem andern, im Krieg und durch Krankheit entrissen waren. Nur ein kleines Haus mit einem Gärtchen behielt er für sich und sagte, wie die Götter sich seiner Kinder annehmen sollten im Jenseits, so wollt' er sich der Verlassenen hier erbarmen. Speist den Hungrigen, tränkt den Durstigen, kleidet den Nackten, sagt das Gesetz, S. Anmerkung 66 . und weil Seni nichts mehr zu verschenken hat, so zieht er, wie ihr wißt, selbst hungernd und dürstend und kaum bekleidet durch die Stadt und auf den Festplätzen umher und bettelt für seine angenommenen Kinder, die Armen. Wir haben ihm ja Alle gegeben, denn Jeder weiß, für wen er sich erniedrigt und die Hand ausstreckt. Heute nun zog er wieder umher mit seinem Säckchen und bat mit seinen guten Augen um Almosen. Paaker hat uns ein schönes Stück Acker zum Feste geschenkt und meint, vielleicht auch mit Recht, er hätte das Seine gethan. Als Seni ihn ansprach, hieß er ihn gehen; der Alte aber ließ nicht nach zu bitten und folgte ihm unablässig bis zu dem Grabe seines Vaters, und viele Leute zogen ihm nach. Da wies ihn der Wegeführer heftig zurück und als ihn der Bettler endlich am Kleid faßte, erhob er die Geißel und schlug ihn zweimal und dreimal, indem er ausrief: ›Da hast Du Dein Theil!‹ Der gute alte Mann hielt geduldig still und sagte, indem er den Sack aufthat, mit Thränen im Auge: ›Mein Theil hätt' ich also bekommen; aber nun meine Armen!‹ »Ich stand dabei, wie das geschah, und sah, wie Paaker sich rasch in die Gruft zurückzog und wie seine Mutter Setchem ihren vollen Beutel dem Seni zuwarf. Andere folgten ihrem Beispiel und niemals hat der Alte so reich geerntet wie heute. Die Armen mögen's dem Mohar danken! Vor seiner Gruft schaarte sich viel Volks zusammen und es würde ihm übel ergangen sein, wenn die Sicherheitswache die Menge nicht auseinander getrieben hätte.« Während dieser Erzählung, welche mit großem Beifall aufgenommen wurde, denn Niemand ist des Erfolges sicherer als Derjenige, welcher von der Niederlage eines unbeliebten Uebermüthigen zu berichten weiß, hatten der Statthalter und der Oberpriester eifrig miteinander geflüstert. »Es unterliegt also keinem Zweifel,« sagte Ameni, »daß Bent-Anat dem Feste beigewohnt hat.« »Und wieder machte sie sich mit dem Priester, den Du so warm vertheidigst, zu schaffen,« flüsterte der Andere. »Pentaur soll noch in dieser Nacht verhört werden,« gab der Oberpriester zurück. »Die Schüsseln werden schon abgetragen und das Trinkgelage beginnt. Brechen wir auf und vernehmen wir den Dichter.« »Es fehlt jetzt an Zeugen,« entgegnete Ani. »Die brauchen wir nicht,« versicherte Ameni. »Er kann nicht lügen.« »So brich denn auf,« lächelte der Statthalter, »denn nun bin ich auch neugierig auf diesen weißen Neger und wie er sich mit der Wahrheit abfinden wird. Du vergißt, daß hier eine Frau mit im Spiel ist.« »Das ist sie überall,« entgegnete Ameni, rief Gagabu zu sich heran, übertrug ihm seinen Sitz, bat ihn, muntere Gespräche anzuregen, die Gäste zu tüchtigem Trunk zu ermuntern und jede Unterhaltung über den König, den Staat und den Krieg zu unterbrechen. »Du weißt,« so schloß er, »daß wir heute nicht unter uns sind. Was hat der Wein schon Alles verrathen! Denke daran! Rückwärtsschauen ist die Mutter der Vorsicht!« Der Statthalter Ani klopfte dem Alten auf die Schulter und sagte: »Es wird heute Platz geschafft werden in euern Weinspeichern. Man sagt von Dir, Du könntest kein leeres Glas und kein volles sehen! Laß heute Deinem Widerwillen gegen beide die Zügel frei und wenn Du meinst, daß es Zeit sei, so winke meinem Hausmeister, der dort in der Ecke hockt. Er hat einige Krüge vom edelsten Rebensaft von Byblos Gebal-Byblos in Phönizien. Dort wuchs ein auch unter den Griechen hochberühmter Wein. mit herübergebracht und soll ihn euch einschenken. Ich komme wieder und sage euch gute Nacht.« Ameni pflegte sich gewöhnlich beim Beginn der Trinkgelage zu entfernen. Als sich die Thür hinter ihm und seinem Begleiter geschlossen hatte, neue Rosenkränze für den Hals der Gäste gebracht, Lotosblumen an jedem Scheitel befestigt und die Becher frisch gefüllt worden waren, erschien ein Musikchor, das auf Harfen, Lauten, Flöten und Handtrommeln fröhliche Weisen spielte. Ihr Dirigent schlug den Takt, indem er in die Hände klatschte, und als sich die Stimmung der Zecher hob, halfen sie ihm mit rhythmischen Schlägen. Der lebhafte Gagabu bewährte seinen Ruhm als tüchtiger Zecher und Leiter eines Gelages. Bald strahlte Heiterkeit von den ernsten Priestergesichtern, und die Krieger und Hofbeamten überboten sich in ausgelassenen Scherzen. Nun winkte der Alte und ein junger, reich bekränzter Tempeldiener erschien mit einer kleinen vergoldeten Mumiengestalt, reichte sie im Kreise umher und rief. »Sehet Diesen. Seid fröhlich und trinket so lang ihr auf Erden wandelt, denn bald werdet ihr wie Dieser sein.« Eine von Herodot II. 78 mitgetheilte Sitte. Lucian sah als Augenzeuge solche Mumien bei einem Gastmahle herumgeben. Die Griechen adoptirten diese Sitte, setzten aber, auch hier verschönernd, einen geflügelten Genius des Todes an die Stelle der Mumie. Wir erinnern auch an die «larva» der Römer. Er winkte noch einmal, und des Statthalters Hausmeister brachte den edlen Wein von Byblos. Man pries Ani, den Geber, und die wunderbare Herrlichkeit dieses Getränkes. »Solcher Wein,« rief der sonst besonders ernste Erste der Pastophoren, »ist wie die Seife.« Diese Vergleiche sind echt orientalisch. Kisrâ nannte den Wein »die Seife der Sorge«. Die Mohammedaner, denen der Wein verboten ist, haben ihn doch ähnlich wie die Gäste des Setihauses gefeiert. So sagt 'Abdelmâlik ibn Sâlih Hâschimî: »Das Artigste, womit die Welt sich vergnügt, ist der Wein.« Gâhiz sagt: »Der Wein, wenn er in Deine Knochen geht und in Deine Glieder rinnt, so verleiht er Dir Wahrheit des Gefühls und Vollendung der Seele; er schmeidigt Deinen Geist, hebt die Beklommenheit, veredelt Deine Stimmung \&c.« Als man dem Ibn 'Aischah von Jemandem berichtete, daß er keinen Wein trinke, sagte er: »Der hat die Welt schon dreimal verstoßen.« Ibn el Mu'tazz sang: »Laß die Zeit, ob sie dir säumet, oder ob sie durch Dir geht! Klag den Kummer nur dem Weine, der im Bechere vor Dir steht. Doch hast dreimal Du getrunken, so behüte wohl Dein Herz, Daß die Freud' ihm nicht entfliege und zurück Dir bleibt der Schmerz. Dieß ist aller Kümmernisse wohlerprobte Arzenei; Drum so höre, was ich rathe, wissend was Dir dienlich sei. Laß die Zeit, denn o wie Mancher wünschte manchem armen Wicht Schon die böse Zeit zu bessern – aber ach! er konnt' es nicht!« »Welch' ein Vergleich!« lachte Gagabu, »das mußt Du erklären!« »Er wäscht aus der Seele die Sorge!« versetzte der Andere. »Gut, Freund!« rief der Alte. »Nun soll Jeder den edlen Saft mit einem rühmenden Worte loben; Du erster Prophet des Amenophistempels, beginne.« »Die Sorge ist Gift,« sagte dieser, »und der Wein ist das Gegengift gegen das Gift der Sorge!« »Recht so; doch weiter! An Dir ist die Reihe, geheimer Rath des Königs!« »Jedes Ding hat sein Geheimniß,« sagte der Beamte, »und das Geheimniß des Weins ist die Freude.« »An Dir ist's, Siegelbewahrer!« »Der Wein versiegelt die Thüren des Grams und verschließt die Pforten der Sorge!« »Das thut er, das thut er gewißlich! Nun, Du ehrwürdiger Gouverneur von Hermonthis, Du ältester unter uns Allen!« »Der Wein reift recht eigentlich für uns Alte und nicht für euch junges Volk.« »Das sollst Du erklären,« rief es von der Tafel der Krieger. »Er macht,« lachte der Achtzigjährige, »aus Greisen Jünglinge, und aus Jünglingen Kinder.« »Da habt ihr's, ihr Buben!« rief Gagabu. »Dein Sprüchlein, Vorsteher der Horoskopen!« »Der Wein ist Gift,« sagte der griesgrämliche Priester, »denn er macht Weise zu Narren.« »Dann hast Du wenig von ihm zu befürchten, ach und weh,« lachte Gagabu. »Weiter, Herr Jägermeister!« »Der Rand der Becher,« sagte dieser, »ist wie die Lippen der Geliebten. Berührt man sie und netzt der Wein die Zunge, so küßt uns die Braut!« »Feldhauptmann, an Dir ist die Reihe!« »Ich wollte, der Nil führte solchen Wein, statt des Wassers,« rief der Krieger, »und ich wäre so groß wie der Koloß des Amenophis und Hatasu's größter Obelisk Er steht heute noch aufrecht im Tempel von Karnak und ist 33 Meter hoch. Derjenige, welchen die Franzosen von Luqsor nach Paris brachten und der die place de la concorde ziert, ist um 11 Meter kleiner. wäre mein Spitzglas und ich dürfte trinken so viel als ich wollte. – Nun aber sage Du selbst Deinen Spruch zum Lobe des Weines, ehrwürdiger Gagabu!« Der zweite Prophet hob seinen Becher, betrachtete liebreich das goldene Naß, schlürfte es langsam aus und sagte dann mit gen Himmel gerichteten Augen: »Ich fürchte, daß ich zu gering bin, den erhabenen Göttern für solche Wohlthat zu danken.« »Gut gesagt!« rief der Statthalter Ani, welcher unbemerkt von den Gästen zu ihnen zurückgekehrt war. »Wenn mein Wein reden könnte, so würd' er Dir für diese Worte über ihn danken!« »Heil dem Statthalter Ani!« riefen die Zecher und hoben ihre mit seinem edlen Geschenke gefüllten Schalen. Er that ihnen Bescheid, erhob sich dann und rief: »Wem unter euch dieser Wein gemundet hat, den lade ich morgen zu mir zur Tafel. Da findet er ihn wieder und schmeckt er ihm dann noch, so sei er mein herzlich willkommener Gast jeden Abend! Gute Nacht jetzt, ihr Freunde!« Ein donnernder Jubelruf tönte ihm nach. Schon graute der Morgen, als die Zecher die Halle verließen. Nur wenige fanden ihren Weg allein aus dem Hofe. Die meisten wurden sonst von ihren ihrer harrenden Sklaven aufgehoben, auf ihre Köpfe gelegt und wie Balken zu den Sänften getragen, welche sie heimwärts führten, heute aber bereitete man ihnen Lagerstätten im Setihause, denn ein furchtbares Unwetter war ausgebrochen. Während die Gäste die Becher erhoben und ihre Freude hohe Wogen schlug, war der als Gefangener eingebrachte Pentaur in Gegenwart des Statthalters verhört worden. Ameni's Boten hatten den Dichter auf den Knieen gefunden, so tief in sich selbst versunken, daß er ihr Nahen nicht hörte. Die Ruhe seines Geistes war von ihm gewichen, sein Gemüth war in Aufruhr und es wollte ihm nicht gelingen, sich in Ruhe zu fassen und Klarheit zu erlangen über das neue ungestüme Leben in seiner Brust. Er war bisher niemals zu Bette gegangen, ohne sich Rechenschaft abzulegen über den vergangenen Tag, und leicht und fein hatte er unterschieden, was gut und was unrecht gewesen in seinem Thun. Heute zeigten sich seinem rückwärtsschauenden Auge wirr durcheinanderflutende Bilder, und wenn er sich sie zu sondern und zu ordnen bemühte, so sah er Bent-Anat's Gestalt und sie legte ihm Fesseln um Herz und Sinn. Seine friedliche Hand hatte sich gegen Mitmenschen erhoben und Blut vergossen; er wollte sich der Sünde zeihen und sie bereuen, aber er vermocht' es nicht, denn so oft er sich schalt und verdammte, sah er die Hand des Soldaten in des Kindes Haar und der Prinzessin Billigung, ja Bewunderung strahlendes Auge, und er sagte sich, daß er gut gehandelt habe und morgen in der gleichen Lage das Gleiche thun würde. Aber er fühlte doch, daß er die ihm von der Schickung gesteckten Schranken überall durchbrochen habe, und es schien ihm, als sollte es ihm nie wieder gelingen, sich in das stille, beengte, aber friedensreiche Leben von früher zurückzufinden. Er bat den Einen und den verklärten Geist der schlichten frommen Frau, die er seine Mutter genannt hatte, um Seelenruhe und bescheidenes Genügen; aber vergeblich, denn je länger er auf den Knieen lag und die Arme flehend erhob, je kühner wurden seine Wünsche, je weniger gelang es ihm, sich schuldig zu fühlen und zu bereuen. Ameni's Ruf zum Verhör erschien ihm wie eine Erlösung und er folgte den Boten, auf strenge Strafe rechnend, aber ohne Furcht, ja fast freudig. Gehorsam dem Befehle des ernst blickenden Oberpriesters, erstattete Pentaur Bericht und erzählte, wie er, weil sich keiner der Aerzte zu Hause befunden habe, der alten Paraschitenfrau zu ihrem von Dämonen besessenen Manne gefolgt sei, wie er, um ein der Mißhandlung des Volkes verfallenes Mädchen zu retten, seine Hand erhoben und dabei schwere Streiche ausgetheilt habe. »Du hast vier Menschen getödtet und doppelt so viele schwer verwundet,« sagte Ameni. »Warum gabst Du Dich nicht als Priester, als den Festredner des heutigen Tages zu erkennen und versuchtest das Volk statt mit roher Gewalt mit mahnenden Worten zu besänftigen?« »Ich trug kein Priestergewand,« erwiederte Pentaur. »Auch darin fehltest Du,« sagte Ameni, »denn Du weißt, daß das Gesetz Jedem von uns gebietet, nur in weißem Gewande dieß Haus zu verlassen. Aber solltest Du die Macht Deiner Rede nicht kennen und meinst Du mir widersprechen zu dürfen, wenn ich behaupte, daß Du auch im schlichten Arbeitskittel im Stande gewesen wärst, mit Worten dasselbe zu bewirken, wie mit tödtlichen Schlägen?« »Es wäre mir vielleicht gelungen,« gab Pentaur zurück, »aber thierische Wuth hatte sich der Menge bemächtigt; ich fand keine Zeit zu ruhiger Ueberlegung und als ich den Bösewicht, der das unschuldige Kind an den Haaren riß, wie eine Giftschlange fortgeschleudert hatte, da kam der Geist des Kampfes über mich, mein Leben galt mir nichts mehr und um das Kind zu retten, würde ich Tausende erschlagen haben!« »Deine Augen leuchten,« sagte Ameni, »als hättest Du eine Heldenthat verrichtet, und doch erschlugst Du nur wehrlose und fromme Bürger, die ein schändlicher Frevel mit Entrüstung erfüllte. Ich weiß nicht, woher dem Gärtnerssohn und Diener der Gottheit die Gesinnung eines Kriegers kommt.« »Ja,« rief Pentaur, »als mich die Menge bedrängte und ich sie mit dem Aufgebot aller Kräfte abwehrte, da habe ich etwas von der Lust des Streiters empfunden, der die drängenden Feinde abwehrt von der seinem Schutze anvertrauten Standarte. Sündhaft ist das gewiß für den Priester und ich will es büßen, aber ich hab' es empfunden!« »Du hast es empfunden und wirst es büßen,« sagte Ameni ernst. »Auch hast Du untreu Bericht erstattet. Warum verschwiegest Du, daß Bent-Anat, die Tochter des Ramses, sich in den Kampf mischte und Dich rettete, indem sie sich der Menge zu erkennen gab und ihr von Dir abzulassen befahl? Straftest Du sie Lügen vor dem Volke, weil Du sie nicht für Bent-Anat hieltest? Nun, Mann, der so fest steht auf der höchsten Stufe, nun, Du Bannerträger der Wahrheit, gib Antwort!« Pentaur war bleich geworden bei diesen Worten seines Meisters und sagte, indem er mit den Augen auf den Statthalter wies: »Wir sind nicht allein.« »Es gibt nur eine Wahrheit,« sagte Ameni kühl. »Was Du mir zu vertrauen geneigt bist, das darf auch dieser hohe Herr, der Vertreter des Königs, vernehmen. Hast Du Bent-Anat erkannt, ja oder nein?« »Meine Retterin glich ihr und glich ihr doch nicht,« antwortete der Dichter, dem der feine Spott in der Rede seines Meisters das Blut von Neuem erregte, »und hätt' ich auch so sicher gewußt, sie sei die Prinzessin. als ich weiß, daß Du der Mann bist, der mich einst werth hielt und der mich nun zu erniedrigen trachtet, so würde ich dennoch ebenso gehandelt haben wie ich es that, um üble Stunden einer Frau zu ersparen, die mehr Göttin ist als Weib und die, um mich Armen zu retten, von dem Throne herab in den Staub stieg.« »Noch immer der Festredner,« sagte Ameni. Dann fügte er streng hinzu. »Ich bitte um kurze, klare Antworten. Wir wissen sicher, denn sie gab sich dem Wegeführer des Königs zu erkennen, daß Bent-Anat, als schlichtes Weib verkleidet, an unserem Feste Theil nahm, und daß sie es war, die Dich rettete. Wußtest Du, daß sie den Nil überschreiten würde?« »Wie sollt' ich?« entgegnete Pentaur. »Aber Du glaubtest Bent-Anat vor Dir zu sehen, als sie sich auf den Kampfplatz wagte?« »Ich glaubte es,« entgegnete Pentaur zaudernd mit niedergeschlagenen Augen. »Dann war es sehr kühn von Dir, die Königstochter wie eine Betrügerin fortzuweisen.« »Das war es,« gab Pentaur zurück; »aber um meinetwillen gefährdete sie den Glanz ihres Namens und den ihres herrlichen Vaters, und ich, ich hätte nicht Freiheit und Leben einsetzen sollen um . . .« »Wir haben genug gehört,« unterbrach ihn Ameni. »Doch nicht,« sagte nunmehr der Statthalter. »Was ward aus dem Mädchen, das Du gerettet?« »Eine alte Zauberin, Hekt heißt sie, eine Nachbarin der Paraschiten, nahm sie mit ihrer Großmutter zu sich in ihre Höhle,« antwortete der Dichter, welcher sodann auf des Oberpriesters Befehl in das Gefängniß des Setihauses zurückgeführt wurde. Kaum war er verschwunden, als der Statthalter ausrief: »Ein gefährlicher Mensch! Ein Schwärmer! Ein glühender Verehrer des Ramses!« »Und seiner Tochter,« lächelte Ameni. »Aber nur ein Verehrer. Du hast nichts von ihm zu befürchten, denn ich bürge für die Reinheit seiner Gesinnung.« »Aber er ist schön und seine Rede ist gewaltig,« entgegnete Ani. »Ich nehme ihn als meinen Gefangenen in Anspruch, denn er hat einen Soldaten von meinen Truppen erschlagen.« Ameni's Züge verfinsterten sich und mit großem Ernste gab er zurück: »Unserem Priesterrathe allein, so bestimmt es unser Freibrief, steht es zu, über die Mitglieder dieses Hauses zu richten. Volle Gewährleistung unserer Rechte hast Du, der künftige König, den Vorkämpfern für Dein eigenes heiliges, altes Recht freiwillig verheißen.« »Und sie soll euch werden,« sagte Ani mit einem beschwichtigenden Lächeln, »aber dieser Mann ist gefährlich und ungestraft wollt' ihr ihn doch nicht lassen!« »Er soll streng gerichtet werden,« sagte Ameni, »aber von uns und in diesem Hause.« »Er hat gemordet,« rief Ani, »und mehrfach gemordet. Er ist des Todes schuldig!« »Er handelte im Stande der Nothwehr,« entgegnete Ameni, »und einen gottbegnadigten Mann, wie diesen, gibt man nicht auf, wenn ihn auch unzeitiger Edelmuth zu schlimmen Thaten führte. Ich weiß und seh' es Dir an, daß Du ihm übel willst. Versprich mir, wenn anders Du mich als Bundesgenossen schätzest, ihm nicht nach dem Leben zu stehen.« »Gern!« lächelte der Statthalter und reichte dem Oberpriester die Hand. »Nimm meinen Dank,« sagte Ameni. »Pentaur war der hoffnungsvollste meiner Schüler und ich halt' ihn trotz mancher Verirrung immer noch werth. Als er von der Kampfeslust erzählte, die ihn heute überfallen, sah er da nicht aus wie der große Assa oder sein Sohn, der ältere Mohar, der osirische Vater des Wegeführers Paaker?« »Diese Aehnlichkeit ist überraschend,« gab der Andere zurück. »Und doch soll er einem niedern Hause entstammen. Wer war seine Mutter?« »Unseres Pförtners Tochter, ein unschönes, frommes und stilles Geschöpf.« »Ich kehre jetzt zu den Zechern zurück,« sagte der Statthalter nach kurzem Besinnen; »doch möchte ich Dich noch um etwas bitten. Ich sagte Dir von dem Geheimnisse, das den Wegeführer Paaker in unsere Hand gibt. Die alte Zauberin Hekt, die das Weib des Paraschiten bei sich aufnahm, weiß darum. Schicke Sicherheitswächter nach ihr aus und laß sie gefangen hieher führen. Ich verhöre sie selbst und kann sie so, ohne Aufsehen zu erregen, ausfragen.« Ameni sandte sogleich einige Bewaffnete aus und befahl dann leise einem vertrauten Diener, das sogenannte Zimmer des Gehörs zu erleuchten und in dem Nebenraum einen Sitz für ihn zu rüsten. Fünfzehntes Kapitel. Während die Gäste des Setihauses zechten und Ameni's Boten, um die alte Hekt aus dem Schlafe zu wecken, in das Thal der Königsgräber wanderten, erhob sich von Südwesten her ein heißer Sturm, welcher schwarzes Gewölk am Himmel und braune Staubwolken auf der Erde vor sich her jagte. Er neigte die schlanken Stämme der Palmen, wie ein Schütze das Holz seines Bogens, er riß auf dem Festplatze die Zeltpflöcke aus dem Boden, wirbelte die leichten Dächer von Linnen hoch in die Luft, jagte sie wie ungeheure weiße Gespenster durch das Dunkel der Nacht und peitschte den glatten Spiegel des Nils, bis seine gelblichen Wasser sich aufbäumten und Wogen schlugen wie das unruhige Salzmeer. Paaker hatte seine bebenden Schiffsleute gezwungen, ihn über den Strom zu fahren. Mehrfach war das Boot dem Umschlagen nahe gewesen, aber mit seiner unverletzten Rechten hatte er selbst das Steuer geführt, fest und sicher, obgleich ihm bei dem Hin- und Herschwanken des Nachens seine gebrochenen Finger heftige Schmerzen verursachten. Nach vielen vergeblichen Bemühungen gelang es ihm, zu landen. Der Sturm hatte die Laternen an den Masten, die Zeichen, nach welchen seine Leute ausschauten, verlöscht und er fand am Ufer weder Diener noch Fackelträger. Durch das tiefste Dunkel rang er sich gegen den heißen Sturm bis zu der stolzen Pforte seines Hauses. Sonst verkündete das eigenartige Gebell seiner Dogge dem Pförtner die Heimkehr des Herrn, heute mußten die ihn begleitenden Matrosen lange vergebens an den schweren Thorflügeln klopfen. Als er endlich seinen Hof betrat, fand er Alles dunkel, denn der Sturm hatte auch hier die Laternen und Fackeln verlöscht. Nur die Fenster der Wohnstube seiner Mutter waren erleuchtet. Jetzt erhoben die Hunde in ihrem unbedeckten Zwinger ihre Stimmen, aber sie klangen wimmernd und jammervoll, denn das Unwetter ängstigte die Thiere. Ihr Geheul schnitt dem Wegeführer in's Herz, denn es erinnerte ihn an den erschlagenen Descher, dessen tiefe Stimme er vermißte. In seinen Gemächern bewillkommnete ihn sein alter äthiopischer Sklave mit einem lauten Jammergeschrei, das dem Hunde galt, den er für Paaker's Vater groß gezogen und sehr lieb gehabt hatte. Der Wegeführer warf sich auf einen Stuhl und befahl, daß man ihm Wasser bringe, um seine schmerzende Hand nach der Vorschrift des Arztes Nebsecht darin zu kühlen. Sobald der Alte die gebrochenen Finger sah, stieß er ein neues Jammergeschrei aus, und als ihm Paaker zu schweigen gebot, fragte er: »Ist Der noch am Leben, der das gethan und den Descher erschlagen?« Paaker nickte bejahend und schaute, während seine Hand im kühlenden Wasser ruhte, schweigend zu Boden. Er fühlte sich elend und fragte sich, warum der Sturm sein Boot nicht umgeschlagen und der Nil ihn nicht verschlungen habe? Eine grausame Bitterniß erfüllte seine Brust und er wünschte sich, ein Kind zu sein und weinen zu können. Aber bald wandelte sich diese Stimmung, seine Brust begann sich in tiefen Athemzügen zu heben und zu senken und seine Augen strahlten in unheimlichem Glanz. Er gedachte nicht seiner Liebe, wohl aber der Rache, die ihm jetzt noch süßer erschien, als jene. »Die Ramsesbrut,« murmelte er vor sich hin. »Ich opfere sie alle zusammen, den König und Mena und die stolzen Prinzen und viel mehr noch der Ihren; ich weiß auch schon wie! Wartet nur, wartet!« Hoch empor schwang er drohend seine geballte Rechte. Da öffnete sich die Thür seines Zimmers und Frau Setchem, deren Schritte der heulende Sturm übertönt hatte, näherte sich dem Rache sinnenden Sohne und rief, entsetzt vor der sein Antlitz entstellenden Wildheit, seinen Namen. Paaker schrak zusammen und sagte dann mit scheinbarer Ruhe: »Du bist es, Mutter, der Morgen ist nahe und Schlaf ist besser als wachen in dieser Stunde.« »Es ließ mir keine Ruhe in meinem Gemache,« erwiederte Frau Setchem. »Schrecklich heult der Sturm und mir ist so bange, so schrecklich bange, wie vor dem Tode Deines Vaters.« »So bleibe bei mir,« sagte Paaker freundlich, »und ruhe auf meinem Lager.« »Ich kam nicht hieher, um zu schlafen,« gab Setchem zurück. »Schrecklich ist das, was Dir aus der Landungstreppe begegnet ist, und ängstigt mein Herz! Nein, nein, mein Sohn, es ist nicht wegen der zerschlagenen Hand, so weh es mir thut, daß Du Schmerzen erleidest, es ist wegen des Königs und seines Zornes, wenn er Kunde erhält von Deinem Streite. Er ist Dir weniger hold, als Deinem verstorbenen Vater, ich weiß es! Wie wild Du lachtest und wie Du aussahst, als ich hereinkam! Das ist mir durch Mark und Bein gegangen!« Eine Zeitlang schwiegen Beide und lauschten auf den immer rasender tobenden Sturm. Endlich sagte Setchem: »Auch noch ein Anderes bewegt mir Herz und Sinn. Ich kann den Festredner von heute nicht vergessen, den jungen Pentaur. Seine Gestalt, sein Antlitz, seine Bewegungen, ja seine Stimme sind ganz wie die Deines Vaters, in der Zeit, als er um mich freite. Es ist, als wollten die Götter den besten Mann, den sie von hinnen genommen, zum zweiten Male vor ihren Augen wandeln sehen.« »Ja, Herrin,« rief der alte äthiopische Sklave, »solche Aehnlichkeit hat noch keines Sterblichen Auge geschaut. Ich sah ihn kämpfen vor der Hütte des Paraschiten und da auch sah er dem Verdorbenen völlig gleich! Ja er schwang auch den Pfahl, wie mein Herr in der Schlacht seine Streitaxt.« »Schweig'!« rief Paaker, »und hinaus mit Dir, Dummkopf! Der Priester, Mutter, gleicht dem Vater, ich gebe es zu; aber er ist ein frecher Gesell, der mich schändlich beleidigt und mit dem ich abzurechnen habe, wie mit manchem Andern.« »Wie wild Du bist,« unterbrach ihn Setchem, »und voll von bitterem Haß! Dein Vater war so freundlich gesinnt und liebte die Menschen.« »Lieben sie mich etwa?« fragte der Wegeführer und lachte bitter. »Selbst die Himmlischen sind mir nicht hold und werfen Dornen auf meine Straße. Aber ich räume sie fort mit eigener Hand und werde mir auch ohne die da oben erringen, was ich begehre, und niederwerfen, was sich mir entgegenstellt!« »Keine Feder können wir aufblasen ohne der Himmlischen Hülfe,« rief Setchem. »Das war die Rede Deines Vaters, der ein anderer Mann war an Leib und Seele, wie Du! Mir graut vor Dir seit diesem Abend und den Flüchen, die Du ausgestoßen gegen die Kinder Deines Herrn und Königs, des Freunds Deines Vaters!« »Aber meines Feindes!« schrie Paaker. »Du wirst noch Anderes von mir zu hören bekommen als Flüche. Und die Ramsesbrut soll erfahren, ob der Sohn Deines Gatten sich verachten und mißhandeln läßt sonder Rache. In den Abgrund stoß' ich sie und lachen werde ich, wenn sie unter mir im Sande verröcheln.« »Bube!« rief Setchem außer sich. »Ich bin nur ein Weib und oftmals haben sie mich weich gescholten und schwach; aber so wahr ich Deinen. verstorbenen Vater, dem Du nicht ähnlicher siehst wie ein Dornbusch der Palme, die Treue gehalten, so gewiß reiß' ich mir die Liebe zu Dir aus dem Herzen, wenn Du die – die – Nun seh' ich's! nun weiß ich's! – Stehe mir Rede, Mordgeselle! Wo sind die sieben Pfeile, mit den sündhaften Worten, die sonst hier gehangen? Wo sind die Geschosse, auf die Du gekritzelt: ›Tod dem Mena‹?« Außer sich und mit fliegendem Athem stieß Setchem diese Worte hervor; der Wegeführer wich vor ihr zurück wie in seiner Knabenzeit, wenn sie ihn einer Unart wegen zu züchtigen drohte. Sie folgte ihm, faßte seinen Gürtel und wiederholte mit heiserer Stimme ihre Frage. Da zuckte er unwillig zusammen, riß ihre Hand von dem Gürtel los und sagte trotzig. »In meinen Köcher hab' ich sie gesteckt und nicht nur zum Spaße. Nun weißt Du's!« Keines Wortes mächtig, erhob die empörte Mutter noch einmal die Hand gegen den entarteten Sohn, er aber stieß ihren Arm zurück und sagte: »Ich bin kein Kind mehr und Herr dieses Hauses. Was ich will, das thu' ich und wollten's hundert Weiber mir wehren!« Bei diesen Worten wies er mit der Hand auf die Thür. Da schluchzte Setchem laut auf und kehrte ihm den Rücken. An der Thür seines Zimmers wandte sie sich noch einmal um. Er hatte sich hingesetzt und seine Stirn zu der Tafel niedergebeugt, auf welcher das kühlende Wasser stand. Setchem kämpfte einen schweren Kampf. Endlich rief sie noch einmal unter Thränen seinen Namen, breitete ihre Arme aus und sagte: »Da bin ich, da bin ich! Komm' her an mein Herz! Nur laß ab von den gräßlichen Rachegedanken!« Paaker blieb an dem Tische sitzen, schaute sie nicht an, schwieg und schüttelte verneinend das Haupt. Da ließ Setchem die Hände sinken und sagte leise: »Was hat Dein Vater Dich gelehrt aus den Schriften? Dem höchstes Lob bestehe darin, so heißt es, Deiner Mutter zu vergelten, was sie für Dich gethan hat, da sie Dich aufzog, damit sie nicht aufhebe ihre Hände zu Gott und er nicht ihre Klage erhöre.« Aus dem moralische Vorschriften enthaltenden, zu Bulaq konservirten Papyrus N. IV. der Mariette'schen Edition. Siehe Anmerkung 61 . Paaker schluchzte laut auf bei diesen Worten, aber er schaute sich nicht um nach seiner Mutter. Sie rief ihn zärtlich beim Namen, er aber regte sich nicht. Da fielen ihre Augen auf den mit andern Waffen auf einem Ruhesitze liegenden Köcher. Ihr Herz zog sich zusammen und mit bebender Stimme rief sie: »Ich verbiete Dir diese unsinnige Rache, hörst Du? willst Du von ihr lassen? Du regst Dich nicht. Nein? nicht? Ihr ewigen Götter, was soll ich thun?« Verzweiflungsvoll hob sie die Hände, dann aber ging sie mit einen. raschen Entschluß auf den Köcher zu, riß einen Pfeil heraus und versuchte ihn zu zerbrechen. Da sprang Paaker von seinem Sitze auf und zog ihr das Geschoß aus der Hand. Die scharfe Spitze schnitt leicht in ihr Fleisch und dunkle Blutstropfen flossen von derselben hernieder auf den Estrich des Zimmers. Der Mohar sah es und wollte die wunde Hand erfassen, Setchem aber, die, weichen Sinnes, kein Blut sehen konnte, weder das eines Fremden noch ihr eigenes, war leichenblaß geworden, wies ihn zurück und sagte mit einem ihrer freundlichen Stimme fremden dumpfen Tone: »Diese blutende Mutterhand wird die Deine nicht eher erfassen, bis Du in sie hineingeschworen einen großen Eid, die Rache- und Mordgedanken von Dir zu weisen und den Namen Deines Vaters nicht zu entehren! Ich hab' es gesagt und der verklärte Geist Deines Vaters gebe mir Kraft, es zu halten, und sei mein Zeuge!« Paaker war auf die Kniee gesunken und wand sich in grausamen Kämpfen, während sie der Thür zuschritt. Dort blieb sie noch einmal minutenlang stehen. Ihre Lippen schwiegen, aber ihre Augen riefen ihn zu sich heran. Vergebens. Endlich verließ sie das Gemach. Der Sturmwind warf die Thür gewaltsam hinter ihr zu. Paaker stöhnte, indem er die Rechte vor seine Augen preßte: »Mutter, Mutter! Ich kann nicht zurück, ich kann nicht!« Ein furchtbarer Windstoß übertönte seine Klage und zwei heftige Schläge, als wären Felsen vom Himmel gestürzt, ließen sich hören. Er schrak zusammen und trat an das Fenster, durch welches das Zwielicht des trüben, nahenden Morgens graute, um die Sklaven zu wecken. Bald strömten sie herbei und der Haushofmeister rief ihm außer sich schon von fern her entgegen: »Der Sturm hat die Maste an der hohen Pforte des Hauses umgerissen!« »Unmöglich!« schrie Paaker. »Doch, doch,« entgegnete der Beamte. »Sie sind über dem Boden angesägt worden. Gewiß hat das der Mattenflechter gethan, dem Du das Schlüsselbein zerschlagen. Er ist in dieser schrecklichen Nacht entflohen!« »Die Hunde los!« rief der Mohar. »Alles, was Beine hat, setzt dem Halunken nach! Die Freiheit und fünf Hände voll Gold dem Manne, der ihn zurückbringt!« Schon hatten sich die Gäste des Setihauses zur Ruhe begeben, als man den Oberpriester Ameni von der Ankunft der Zauberin Hekt in Kenntniß setzte. Er begab sich sogleich in den Saal, in welchem der Statthalter auf die Hexe wartete. Ani fuhr aus tiefen Gedanken empor, als er die Schritte des Oberpriesters vernahm, und fragte hastig: »Ist sie gekommen?« Nachdem Ameni dieß bejaht hatte, sagte der Andere, indem er die langen, in Unordnung gerathenen Locken seiner Perrücke sorgfältig entwirrte und sein breites Halsband zurechtschob: »Die Hexe soll nicht ohne Macht sein. Willst Du mir nicht einen Segen geben, um mich vor Bezauberung zu wahren? Zwar trag' ich dieses Horusauge und dieses Blut der Isis, Amulet Thet in Gestalt einer Schleife, das gewöhnlich aus Blutjaspis bestand und auf welchem die ihm gewidmeten Kap. 75 oder 76 des Todtenbuchs zu stehen pflegten. Es wird »Blut der Isis«, »Zauber der Isis«, »Weisheit ( chu ) der Isis« genannt. aber man kann nicht wissen . . .« »Meine Gegenwart würde Dich schützen,« sagte Ameni. »Aber . . . nein, nein, ich weiß, Du wünschest sie allein zu sprechen! So mag man sie in einen Raum führen, den heilige Sprüche vor jedem Zauber behüten. Leb' wohl, ich gehe zur Ruhe. – Heiliger Vater, laß die Hexe in eines der geweihten Gemächer ein und führe dann, nachdem Du die Schwelle besprengt hast, den erhabenen Herrn Ani zu ihr.« Der Oberpriester entfernte sich und begab sich in einen kleinen Raum, der an das Zimmer grenzte, in welchem die Unterredung mit der Alten stattfinden sollte, und in dem man mit Hülfe eines geschickt angelegten Sprachrohrs auch das leiseste in dem Nebengemach gesprochene Wort vernehmen konnte. Als Ani die Zauberin erblickte, trat er erschrocken zurück. Ihr Aussehen war entsetzenerregend in dieser Stunde. Der Sturm hatte ihre Kleider zerrissen und ihr weißliches, immer noch starkes Haar zerzaust, so daß ihr ein Theil desselben in das Gesicht fiel. Auf ihren Stab gestützt, schaute sie dem Statthalter weit vorgebeugt entgegen, und ihre vom Wüstensand, der ihr in's Gesicht gepeitscht worden war, gerötheten Augen starrten ihn glühend an. Sie hatte das Ansehen einer ihre Beute beschleichenden Hyäne und es überlief Ani kalt, als sie ihre heisere Stimme erhob, um ihn zu begrüßen und ihm vorzuwerfen, daß er eine seltsame Zeit gewählt habe, um sie zu sprechen. Nachdem sie ihm dann ihren Dank für den erneuerten Freibrief ausgesprochen und bestätigt hatte, daß Paaker einen Liebestrank von ihr erhalten habe, strich sie die Haare aus dem Gesicht. Es kam ihr in den Sinn, daß sie ein Weib sei. Der Statthalter saß auf einem Lehnsessel, sie stand auf den Füßen. Aber der Gang gegen den Sturm hatte ihren alten Körper ermüdet und darum bat sie Ani, ihr zu gestatten, sich setzen zu dürfen, denn sie habe ihm eine Geschichte zu erzählen, die den Wegeführer zu Wachs in seiner Hand machen werde. Der Statthalter wies auf eine Ecke des Gemachs. Sie verstand den Wink und kauerte sich in ihr auf den Estrich nieder. Nachdem er sie zum Erzählen aufgefordert hatte, blickte sie lange Zeit schweigend zu Boden und sagte dann halb vor sich hin: »Ich erzähl' es, denn ich will Ruhe haben. Ich mag nicht, wenn der Tod kommt, unbalsamirt bleiben. Man weiß nicht, es gibt doch vielleicht noch etwas in jener Welt und das will ich nicht missen; ich möchte ihn wiedersehen drüben und wäre es auch aus den siedenden Kesseln der Verdammten. – Höre mich denn! Aber eh' ich rede, versprich mir, daß Du, was Du auch erfahren wirst, mich in Frieden wohnen läßt und für meine Balsamirung sorgst, wenn ich todt bin. Sonst schweig' ich.« Ani nickte zustimmend. »Nein, nein,« sagte die Alte. »Ich sage Dir den Schwur: »›Wenn ich der Hekt, dafern sie den Mohar in meine Hand gibt, mein Wort nicht halte, so sollen die Geister, über welche sie gebietet, mich fallen lassen, bevor ich den Thron besteige!‹ – Sei nicht unwillig, Herr, und sage nichts als ›ja‹. Was Du in dieser Stunde erfährst, ist mehr werth, als ein armseliges Wort!« »Nun denn, ja!« rief der auf wichtige Enthüllungen gespannte Statthalter. Die Alte murmelte einige unverständliche Worte, dann raffte sie sich zusammen, streckte ihren magern Hals weit vor und fragte, indem sie den ihr gegenübersitzenden Mann mit funkelnden Augen anschaute: »Hast Du noch, als Du jung warst, von der Sängerin Beki gehört? he? Nun, sieh' mich nur an, sie sitzt vor Dir!« Bei diesen Worten lachte sie heiser auf und zog die Fetzen ihres Gewandes über den dürren Busen zusammen, als schäme sie sich ihrer widrigen Gestalt. »Ja,« sagte sie, »man freut sich der Trauben und tritt sie aus, und wenn man den Most getrunken, so wirft man die Schalen auf den Mist. Ich bin solche Schale! Sieh' mich so bedauernd nicht an! Ich war doch einmal eine Traube, und so arm ich bin und verachtet, so kann mir doch Niemand nehmen, was ich gewesen. Eines ist mir vor Tausenden geworden: ein ganzes, volles Leben mit aller Lust und jedem Schmerz, mit Liebe und Haß, mit Wonne, Verzweiflung und Rache. Ich soll nur erzählen und mich auf den Sessel da setzen? Laß mich nur, ich bin gewöhnt, so zu hocken! Daß Du mich bis zum Ende reden lassen würdest, das wußt' ich; – ich gehörte ja einst zu euch! Die Spitzen aller Dinge halten sich leicht für Verwandte. Ich hab' es erfahren! Die Größten streckten nach der Schönsten die Hände aus und es gab eine Zeit, da führte ich Deinesgleichen am Seil. – Von vorn soll ich anfangen? Nun gut. Mir ist heute seltsam zu Muthe. Vor fünfzig Jahren hätt' ich in dieser Stimmung ein Lied gesungen, ein Lied! Ich Krähe und singen! Nun also. Mein Vater war ein vornehmer Mann, der Gouverneur von Abydos. Als der erste Ramses sich des Thrones bemächtigte, hielt er treu zu dem Hause Deiner Väter. Da schickte der neue König ihn und sein ganzes Geschlecht in die äthiopischen Goldbergwerke und dort sind sie Alle umgekommen, meine Eltern, Brüder und Schwestern. Ich allein entkam durch ein Wunder. Weil ich schön war und zu singen verstand, nahm mich ein Musikmeister auf in seine Bande, ging mit mir nach Theben und wo ein Fest gefeiert ward im Haus eines Großen, da durfte Beki nicht fehlen. Blumen und Gold und zärtliche Blicke habe ich damals geerntet, so viel ich wollte; aber ich war stolz und kalt und das Unglück der Meinen hatte mich bitter gemacht in den Jahren, in denen sonst auch ein herber Trank wie Honig mundet. Keiner von all' den jungen Söhnen der Fürsten und Großen, die mich begehrten, durfte auch nur meine Hand anrühren! Aber es schlug auch meine Stunde! Schöner und stattlicher als alle Anderen und dabei würdig und ernst war der junge Assa, der Vater des ältern Mohar, des Dichters Pentaur, ich wollte sagen des Wegeführers Paaker Großvater, Du hast ihn ja noch gekannt! Wo ich sang, da saß er mir gegenüber und schaute mich an, und ich konnte nicht fortsehen und das Uebrige magst Du Dir denken! Nein, das kannst Du nicht! Denn so wie ich für den Assa erglühte, hat niemals, weder vor mir noch nach nur, ein Weib geliebt. Warum lachst Du nicht? Es muß doch drollig sein, so etwas aus dem zahnlosen Mund einer Hexe zu hören! Längst ist er gestorben; ich hasse ihn sicher, aber so verrückt es klingt, ich glaube, ich liebe ihn noch! Und Assa hat mich damals auch geliebt und war der Meine zwei Jahre lang. Da zog er mit Seti in den Krieg und blieb lang aus und als ich ihn wiedersah, da hatte er ein Weib aus einem großen reichen Hause gefreit. Ich war noch schön genug damals; er aber sah mich nicht an bei den Festen. Ich trat ihm in den Weg wohl zwanzigmal, er aber floh mich, als wär' ich vom Aussatz behaftet, und ich fing an mich zu grämen und ein Fieber warf mich darnieder. Die Aerzte sagten, es wäre aus mit mir, da sandte ich ihm einen Brief, in dem nichts stand, als die Worte: ›Die sterbende Beki will Assa noch einmal sehen‹ und in den Papyrus legte ich sein erstes Geschenk, einen einfachen Ring. Und was war die Antwort? Eine Hand voll Gold! – Das Gold, das Gold – Du magst es mir glauben – das hat, als ich es sah, meinen Augen weher gethan, als der glühende Stahl, den man Verbrechern in die Sehsterne stößt, um sie zu blenden! Noch heute, wenn ich an diese Stunde denke, dann . . . Aber was wißt ihr Männer, ihr vornehmen Herren vom Elend des Herzens! Wenn zwei oder drei von euch zusammen sitzen und Du erzählst das Stückchen, dann wird der Würdigste mit ehrbarer Stimme sagen: ›Schön gehandelt, fürwahr, hat der Mann; verheirathet war er und böse Worte hätt' er von seinem Weibe geerntet, wenn er zu der Sängerin gegangen wäre.‹ Hab' ich Recht oder Unrecht? Ich weiß ja, Keiner wird denken, die Andere sei ja auch ein fühlender Mensch, sei ein Weib gewesen, Keiner wird sich sagen, daß sein Thun da eine mürrische Stunde verhütet und hier ein halbes Jahrhundert voll Verzweiflung gezeugt hat! Den bösen Worten ist Assa entgangen, aber dafür sind tausend Flüche auf ihn und sein Haus gefallen. Wunder wie tugendhaft dünkte er sich, als er ein freundliches Herz, das nichts verbrochen, als ihn zu lieben, verdorben hat und vergiftet! Ja, und gekommen wäre er doch, wenn er nicht noch etwas für mich empfunden, wenn er nicht Angst vor sich selber gehabt und gefürchtet hätte, die Sterbende könnte die alten, künstlich gedämpften Flammen noch einmal in ihm zu neuer Glut anfachen. Beklagt würd' ich ihn haben; aber daß er das Gold mir sandte, das Gold, das hab' ich ihm niemals vergeben, das büßt er an seinem Enkelkinde.« Die Alte hatte, ihres Hörers nicht achtend, wie im Traum redend, die letzten Worte gesprochen. Es graute Ani, als säße er einer Irrsinnigen gegenüber, und unwillkürlich rückte er seinen Stuhl zurück. Die Hexe bemerkte es, schöpfte Athem und fuhr dann fort: »Ihr Herren, die ihr auf den Höhen wandelt, wißt nicht, wie es in den Abgründen und Schlünden aussieht, und ihr wollt es nicht wissen. Laß mich kurz sein! Ich bin genesen, aber mager und ohne Stimme stand ich auf von meinem Lager. Gold hatte ich genug und damit kaufte ich bei allem Volke, das magische Künste trieb in Theben, bald Mittel, um Assa mit neuer Liebe zu mir zu entflammen, bald ließ ich Beschwörungen sprechen und Zauber bereiten, um ihn zu verderben. Auch meine Stimme sucht' ich zurückzuerlangen; aber die Tränke, welche ich nahm, machten sie rauher statt weicher. Ein ausgestoßener Priester, der berühmteste unter den Magiern, nahm mich in sein Haus und bei ihm erlernte ich Vieles. Er zog, als ihn drüben die alten Genossen verfolgten, hieher in die Nekropole und ich begleitete ihn. Als sie ihn fingen und hängten, blieb ich in seiner Höhle und wurde selbst eine Hexe. Die Kinder weisen auf mich mit Fingern, die braven Männer und Frauen weichen mir aus und ein Greuel sind mir die Menschen und bin ich mir selber. Und an alledem trägt nur Einer die Schuld, nur der ehrenwertheste Bürger von Theben, der fromme Assa! »Viele Jahre hatt' ich Zauberei getrieben und war erfahren geworden in allerlei Künsten, da brachte mir der Gärtner Sent, von dem ich schon lange Pflanzen für meine Tränke kaufte, – ein Landstück hat er vom Setihause gepachtet, – ein neugeborenes Kind, das mit sechs Zehen geboren war. Ich sollte ihm das überflüssige Glied durch meine Künste entfernen. Die fromme Mutter des Kleinen lag im Fieber; sie hätte das nimmer gelitten. Ich behielt den Schreihals bei mir, denn so etwas läßt sich wohl heilen. Am nächsten Morgen, wenige Stunden nach Sonnenaufgang, ward es lebendig vor meiner Höhle. Die Dienerin eines vornehmen Hauses rief mich. Ihre Herrin hatte mit ihr die Gruft ihrer Väter besucht und war dort eines Knaben genesen. Besinnungslos, sagte die Zofe, läge die Herrin; ich sollte doch kommen und helfen. Da nahm ich den Sechszeh in den Mantel, meine Sklavin mußte mir Wasser nachtragen, und bald stand ich wo? Du kannst es errathen. Vor der Gruft des Vaters des Assa. Die Wöchnerin, die da in Krämpfen lag, war seine Schwiegertochter, Frau Setchem. Der Knabe, den sie geboren, war kerngesund, sie selbst aber in höchster Gefahr. Ich sandte die Zofe mit der Sänfte, die draußen wartete, in's Setihaus, um Hülfe zu heischen. Das Mädchen sagte, ihr Herr, des Kindes Vater, der Mohar, sei im Kriege, der Großvater des Knäbleins aber, der ehrwürdige Assa, habe Frau Setchem in der Gruft zu treffen versprochen und würde bald kommen. Sie verschwand mit der Sänfte. Ich wusch das Kind und küßte es, als wenn es mein eigenes wäre. Da hörte ich ferne Schritte im Thal, und das Gedächtniß an jene Stunde, in der ich sterbenskrank das Gold von Assa empfing und in der ich ihm fluchte, ward in mir lebendig und dann, – noch weiß ich es selbst nicht, wie das geschah, – gab ich meiner Sklavin den neugeborenen Enkel des Assa in den Arm und befahl ihr, ihn in meine Höhle zu tragen, und legte den Sechszeh in meine Lumpen gehüllt in meinen Schooß. Da hab' ich mit ihm gesessen und die Minuten wurden mir zu Stunden, bis Assa erschien; und als er vor wir stand, grau zwar, aber immer noch stattlich und ungebeugt, da gab ich den Gärtnersjungen, den Sechszeh, ihm selbst aus den Arm und tausend Dämonen lachten sich dabei heiser in meinem Herzen. Er sagte mir Dank und erkannte mich nicht und reichte mir nochmals eine Hand voll Gold. Ich nahm es und hörte, wie die Priester, die vom Setihause gekommen waren, dem in glücklicher Stunde geborenen Kleinen viel Schönes verkündeten, und ging dann in meine Höhle zurück und habe dort weiter gelacht bis zu Thränen, ich weiß nur nicht, ob sie vom Lachen kamen. Nach einigen Tagen gab ich dem Gärtner den Enkel des Assa und sagte ihm, der sechste Zehe wäre abgeheilt. Ich hatte den Kleinen leicht am Fuße geritzt, um den Glauben des Dummkopfs zu stärken. So wuchs Assa's Enkel, des Mohar Sohn, als Kind des Gärtners auf und empfing den Namen Pentaur und ward im Setihaus erzogen, und dem Assa ähnlich; des Gärtners Sechszeh aber ist der Wegeführer Paaker. Das ist das Geheimniß!« Sprachlos hatte Ani der furchtbaren Alten zugehört. Unwillkürlich ist man Jedem verpflichtet, der uns Fesselndes und der Mittheilung Werthes zu berichten weiß. Es kam ihm nicht in den Sinn, die Frevelthat der Alten zu strafen, vielmehr gedachte er an der älteren Freunde Entzücken, wenn sie von den Liedern und der Schönheit der Sängerin Beki erzählten. Er sah auf die Hexe und es lief ihm kalt über die Glieder. Endlich sagte er: »Ruhig sollst Du wohnen und stirbst Du, so sorg' ich auch für Deine Balsamirung; aber laß von den Zauberkünsten; Du mußt ja reich sein und bist Du es nicht, so sage, wessen Du bedarfst. Freilich wage ich kaum, Dir Gold zu bieten, es erregt ja Deinen Haß, wie ich hörte.« »Deines kann ich gebrauchen, aber laß mich nun gehen!« Sie erhob sich von der Erde und schritt der Thür zu; der Statthalter hieß sie aber bleiben und fragte: »Ist Assa der Vater Deines Sohnes, des kleinen Nemu, des Zwerges der Frau Katuti?« Da lachte die Hexe laut auf und rief: »Gleicht etwa das Knirpslein dem Assa oder der Beki? Aufgelesen habe ich ihn, wie manche andere Kinder.« »Aber er ist klug,« sagte Ani. »Das ist er! Voller Anschläge steckt er und ist seiner Herrin Katuti treu ergeben. Er wird Dir helfen Dein Ziel zu erreichen, denn er selber hat eins.« »Das wäre?« »Daß Katuti groß wird durch Dich und reich durch Paaker, der morgen auszieht, um das Weib, das er begehrt, zur Wittwe zu machen.« »Du weißt Vieles,« sagte Ani nachdenklich, »und Eines möchte ich Dich noch fragen, obgleich ich nach Deiner Erzählung mir die Antwort selbst ertheilen könnte; aber vielleicht hast Du jetzt gelernt, was Dir in Deiner Jugend verborgen war. Gibt es wirksame Liebestränke?« »Ich will Dich nicht betrügen, weil ich nicht wünsche, daß Du mir Dein Wort brichst,« entgegnete Hekt. »Selten nur wirkt ein Liebestrank und immer nur bei solchen Weibern, die noch nicht lieben. Gibst Du einer Frau, der eines andern Mannes Bild die Brust erfüllt, die Arznei, so steigert sie nur ihre Leidenschaft für den früher Geliebten.« »Dann noch ein Anderes,« fragte Ani. »gibt es Mittel, einen Feind aus der Ferne zu verderben?« »Gewiß,« sagte Hekt. »Die kleinen Leute können verleumden und die Großen Andere thun lassen, was sie selbst nicht mögen. Meine Geschichte hat Dir die Galle nur wenig erregt; es will mir scheinen, als wenn Du den Dichter Pentaur nicht liebtest. Du lächelst! Nun wohl! Ich habe ihn nicht aus den Augen verloren und weiß, daß er schön und stolz geworden ist wie Assa. Er steht ihm auch ähnlich und ich hätte wohl Lust, ihn zu lieben, zu lieben, wie dieses thörichte Herz nur zu lieben vermag. Wunderlich ist es. Bei vielen Weibern, die zu mir kommen, seh' ich, daß sie ihr Herz an die Kinder der Männer hängen, die ihnen die Treue gebrochen, und wir Frauen gleichen einander alle in den meisten Stücken. Aber ich will Assa's Enkel nicht lieben, ich mag nicht, ich will ihm schaden und Jedem helfen, der ihn verfolgt, denn Assa ist todt, aber das, was er mir angethan, das bleibt lebendig in mir, so lang ich auch lebe. Mag Pentaur's Geschick sich erfüllen! Willst Du ihm an den Leib, so besprich Dich mit Nemu, der ihm auch nicht hold ist und Dir besser dienen wird, als meine nichtigen Beschwörungen und sinnlos zusammengebrauten Tränke. Nun laß mich nach Hause.« Wenige Stunden später lud Ameni den Statthalter zum Frühmahle. »Weißt Du, wer die Zauberin Hekt ist?« fragte Ani. »Wie sollte ich nicht? Sie ist das frühere Entzücken von Theben, die Sängerin Beki. – Darf man wissen, was sie Dir erzählt hat?« Ani glaubte dem Oberpriester das Geheimniß der Geburt des Pentaur vorenthalten zu sollen und antwortete ausweichend. Da bat Ameni, ihm zu gestatten, ihm etwas mitzutheilen, wobei die Alte die Hand im Spiel gehabt habe, und erzählte ihm, wenn auch mit einigen Lücken und Aenderungen, als etwas ihm längst Bekanntes die Geschichte, welche er vor wenigen Stunden erlauscht hatte. Ani stellte sich überrascht und pflichtete dem Oberpriester bei, als dieser ihn bat, Paaker noch nicht von seiner wahren Herkunft in Kenntniß zu setzen. »Er ist ein seltsam gearteter Mann,« sagte Ameni, »und es könnte sein, daß er uns unberechenbare Streiche spielte, wenn er, bevor er das Seine gethan, erführe, wer er ist.« Der Sturm hatte sich gelegt und immer heller wurde der in den Frühstunden mit schnell dahinjagenden, zerrissenen Wolkengebilden bedeckte Himmel. Scharfe Kühlung folgte dem heißen Wehen, aber bald erhitzte die glühende Sonne die Luft von Theben. In den Gärten und auf den Straßen lag mancher entwurzelte Baum; viele leicht aufgebaute Hütten, und die meisten Zelte im Fremdenviertel waren umgeweht und hundert leichte Dächer von Palmenzweigen fortgerissen worden. Der Statthalter fuhr jetzt mit Ameni, welcher sich mit eigenen Augen von den Verwüstungen überzeugen wollte, welche der Sturm in seinen Gärten angerichtet, nach Theben. Auf dem Nil begegnete ihnen Paaker's Boot. Sie ließen es anrufen und Ani forderte den Wegeführer auf, ihn bald im Palast zu besuchen. Des Oberpriesters Gärten gaben denen des Mohar nichts nach an Größe und Schönheit. Sein seit unabsehbaren Generationen seinem Geschlechte angehörendes Erbe war weit ausgedehnt und sein Haus palastartig und prächtig. Jetzt saß er in einer schattigen Laube und nahm mit seiner noch immer schönen Frau und seinen jungen, lieblichen Töchtern das Frühmahl ein. Freundlich tröstete er seine Gattin über manchen kleinen Schaden, den das Unwetter angerichtet, versprach den Mädchen an Stelle des umgewehten Taubenschlags einen schöneren herstellen zu lassen, scherzte mit ihnen und neckte sie. Hier wurde der strenge Leiter des Setihauses, das ernste Haupt der Nekropole, ein harmloser Mensch, ein freundlicher Gatte, ein zärtlicher Vater, ein sinniger Freund seiner Lieblinge, der Blumen und des bunten Geflügels. Die jüngere Tochter hängte sich an seinen rechten, die ältere an seinen linken Arm, als er vom Tische aufstand, um mit ihnen den Hühnerhof zu besuchen. Auf dem Wege dahin meldete ihm ein Diener Frau Setchem, die Mutter Paaker's. »Führt sie zur Hausfrau,« befahl er. Als aber der Sklave, der ein reichliches Geldgeschenk in der Hand hielt, versicherte, die Wittwe des Mohar wünsche ihn allein zu sprechen, sagte er unwillig: »Kann ich denn niemals wie andere Menschen der Ruhe genießen? Die Herrin soll sie empfangen und sie kann bei ihr auf mich warten. Nicht wahr, ihr Mädchen, jetzt gehöre ich euch, den Hühnern und Enten und Tauben!« Seine jüngere Tochter küßte ihn, die ältere streichelte ihn liebreich, und munter führten sie ihn mit sich fort. Eine Stunde später bat er Frau Setchem, ihm in den Garten zu folgen. Die betrübte und geängstigte Mutter hatte sich schwer zu diesem Gang entschlossen. In ihren guten Augen schwammen Thränen, als sie dem Oberpriester mittheilte, was sie bedrückte. »Du bist sein Gewissensrath,« sagte sie, »und Du weißt ja, wie mein Sohn die Götter des Setihauses ehrt durch Geschenke und Opfer. Seine Mutter will er nicht hören, aber Du besitzest Macht über sein Herz. Schreckliches sinnt er und wenn Du ihn nicht mit der Strafe der Himmlischen schreckst, so erhebt er seine Hand gegen Mena und vielleicht, vielleicht auch . . .« »Gegen den König,« sagte Ameni ernst. »Ich weiß es und will mit ihm reden.« »Nimm meinen Dank,« rief die Wittwe gerührt und ergriff das Gewand des Priesters, um es zu küssen. »Du warst es ja selbst, der nach seiner Geburt meinem Gatten kündete, er sei unter glücklichen Zeichen geboren und werde zu seines Hauses und Landes Zier und Ehre erwachsen. Und nun, nun will er sich für das Diesseits und Jenseits verderben!« »Was ich Deinem Sohne verkündet,« unterbrach sie Ameni, »wird eintreffen, wenn auch die Götter uns Menschen verschlungene Wege führen.« »Wie diese Worte mir wohlthun!« rief Setchem. »O wenn Du wüßtest, wie furchtbare Angst das Herz mir bedrückte, als ich mich zu Dir zu gehen entschloß. Du weißt auch nicht Alles! Die stolzen Maste von Cedernholz, die Paaker aus Syrien vom fernen Libanon nach Aegypten sandte, um die Fahnen zu tragen und unseres Hauses Pforte zu schmücken, hat der schreckliche Sturm beim Aufgang der Sonne zu Boden geschleudert.« »So wird Deines Sohnes Trotz gebrochen werden,« sagte Ameni; »Dir aber wird, wenn Du Dich geduldest, neue Freude erwachsen.« »Ich danke Dir nochmals,« rief Setchem. »Aber etwas bleibt mir zu sagen. Ich weiß ja, wie Du mit den Stunden geizest, die Du den Deinen schenkst, und ich erinnere mich wohl, daß Du einst meinem Gatten sagtest, hier in Theben fühltest Du Dich wie ein Lastpferd, dem man das schwere Geschirr abgenommen, und das sich auf der grünen Weide ergehe. Ich will Dich auch nicht lange mehr stören, aber die Götter schickten mir ein so seltsames Gesicht. Paaker hatte meinen mütterlichen Rath nicht gehört. Voll Kummer ging ich in meine Gemächer zurück und als mich, schon stand die Sonne am Himmel, der Schlummer auf wenige Minuten befiel, da sah ich den Festredner Pentaur, der meinem verstorbenen Gatten gar wunderbar gleicht an Gestalt und an Stimme. Paaker trat ihm entgegen und schmähte ihn furchtbar und ging ihm mit Fäusten zu Leibe. Da erhob der Priester wie zum Gebet seine Arme, just so wie ich ihn gestern auf dem Festplatze gesehen, aber nicht um die Götter zu preisen, sondern um meinen Sohn zu umfassen und mit ihm zu ringen. Nur kurze Zeit währte der Kampf, denn Paaker schrumpfte zusammen und verlor seine menschlichen Formen und nieder zu den Füßen des Dichters fiel nicht mein Kind, sondern ein großes feuchtes Stück Thon, wie die Töpfer ihn brauchen, um Krüge zu bilden.« »Ein seltsamer Traum!« rief Ameni nicht ohne Erregung. »Ein seltsamer Traum; aber er kündet Dir Gutes. Der Thon, Frau Setchem, ist bildsam und merke nun wohl auf das , was die Götter Dir künden. Einen neuen, einen besseren Sohn gedenken die Himmlischen aus dem alten für Dich entstehen zu lassen; auf welchen Wegen, das bleibt mir verborgen. Geh' hin nun und opfere und traue dem weisen Rathschlusse Derer, die das Leben der Welt und der Sterblichen lenken! Noch ein Anderes möcht' ich Dir rathen! Kommt Paaker zu Dir mit Reue im Herzen, so empfang' ihn liebreich und theil' es mir mit; doch beugt er nicht seinen starren Willen, so verschließe ihm Deine Gemächer und laß ihn ziehen ohne Abschied.« Als Setchem sich mit aufgerichtetem Herzen entfernt hatte, murmelte Ameni: »Sie wird einen schönen Ersatz für diesen rauhen Gesellen erhalten und soll uns unser Werkzeug, das wir zum Schlagen gebrauchen, nicht weich machen! Oft habe ich gezweifelt an der Zukunft kündenden Eigenschaft der Träume, aber heute hätte ich Grund, den Glauben an sie zu stärken! Freilich, ein Mutterherz sieht mehr, als das der anderen Menschen!« Bei der Pforte des Palastes begegnete die heimkehrende Setchem dem Wagen ihres Sohnes. Beide bemerkten einander, aber schauten seitwärts, denn sie konnten sich nicht herzlich und wollten sich nicht förmlich begrüßen. Erst als die Rosse die Sänftenträger überholt hatten, schaute sich die Mutter nach dem Sohne und der Sohn nach der Mutter um. Ihre Blicke trafen einander und Beide fühlten einen schmerzlichen Stich durch ihr Herz. Am Abende desselben Tages zog der Wegeführer, nachdem er mit dem Statthalter gesprochen, im Setihause Ameni's Segen für all' seine Unternehmungen empfangen und im Grabe seines Vaters geopfert hatte, nach Syrien aus. Als er den Wagen besteigen wollte, ward ihm verkündet, der Mattenflechter, welcher die Maste vor seiner Pforte angesägt hatte, sei eingebracht worden »Laßt ihm die Augen ausstechen!« Dieß waren die letzten Worte, welche er auf seinem Erbe sprach. Frau Setchem schaute ihm lange nach. Sie hatte ihm das Lebewohl verweigert und bat nun die Götter, sein Herz zu wenden und ihn vor Schaden und Sünde zu behüten.   Ende des zweiten Bandes. Dritter Band. Erstes Kapitel. Drei Tage waren seit des Wegeführers Aufbruch vergangen und obgleich es noch früh war, so regte sich doch schon emsige Thätigkeit in den Arbeitssälen Bent-Anat's. Schlaflos hatten die Freundinnen die stürmische Nacht, welche dem an Erregungen reichen Festabend gefolgt war, zugebracht. Nefert fühlte sich am andern Morgen schlaff und müde und bat die Königstochter, sie erst am nächsten Tage in ihre neue Thätigkeit einzuführen, die Prinzessin sprach ihr aber ermunternd zu, weil man das Gute nie von heute auf morgen verschieben dürfe, und bewog sie, ihr in ihre Werkstätten zu folgen. »Wir müssen Beide auf andere Gedanken kommen,« sagte sie. »Ich schaudere manchmal unwillkürlich zusammen; es ist mir als trüg' ich ein Brandmal, als schändete mich ein Schmutzfleck hier an der Schulter, die Paaker's rohe Hand berührt hat.« Am ersten Arbeitstage gab es für Nefert Manches zu überwinden, am zweiten reizte sie schon das begonnene Werk und am dritten freute sie sich an kleinen Erfolgen Bent-Anat hatte sie an den rechten Platz gestellt, indem sie ihr die Leitung einer großen Zahl von kleinen Mädchen und Frauen, den Töchtern, Weibern und Wittwen von im Felde stehenden oder gefallenen Thebanern übertrug, die heilkräftige Kräuter zu sichten und zu ordnen hatten. Ihre Gehilfinnen kauerten in kleinen Kreisen am Boden; in der Mitte eines jeden lag ein größeres Häuflein von frischen und trockenen Pflanzen und vor jeder Arbeiterin eine Zahl von Päckchen mit den ausgelesenen Wurzeln, Blättern und Blumen. Ein alter Heilkünstler leitete das Ganze und hatte Nefert am ersten Tage mit den einzelnen Pflanzen, deren er bedurfte, bekannt gemacht. Die den Blumen holde Gattin des Mena hatte Alles schnell behalten und lehrte gern, denn sie liebte die Kinder. Bald hatte sie sich auch Lieblinge unter den Kleinen ausgesucht und einige als emsig und sorgsam, andere als träge und flüchtig erkannt. »Ei, ei,« sagte sie, indem sie sich zu einem kleinen, halbnackten Mädchen mit großen mandelförmigen Augen herniederbeugte, »Du wirfst ja Alles durch einander! Dein Vater, so hast Du mir gesagt, wäre im Kriege. Denke nur, wenn ein Pfeil ihn träfe und man legte ihm dieses Kraut, das ihm schaden, statt jenes dort, das ihm helfen würde, auf die brennende Wunde, das wäre doch schmerzlich!« Das Mädchen nickte mit dem Kopfe und sah ihre Arbeit noch einmal durch; Nefert aber wandte sich an einen kleinen Faulpelz und sagte. »Da plauderst Du wieder und thust nichts, und doch ist auch Dein Vater im Felde! Wenn er nun krank ist und er hat keine Arznei und schläft in der Nacht und träumt dann von Dir und sieht Dich so sitzen, dann sagt er sich wohl: Nun könnt' ich gesund sein, aber mein Töchterchen liebt mich gar nicht, denn sie legt ja lieber die Hände in den Schooß, als daß sie für ihr krankes Väterchen Arznei bereitet.« Dann wandte sich Nefert einem größern Kreise von Kräuter lesenden Mädchen zu und fragte sie. »Kennt ihr Kinder die Herkunft von all' diesen freundlichen, heilbringenden Kräutern? Der gute Horus war in den Krieg gezogen gegen Seth, den Mörder seines Vaters, und in dem Kampfe schlug der grimmige Feind dem Horus ein Auge aus ; aber der Sohn des Osiris siegte, denn das Gute besiegt immer das Böse. Als aber Isis das arme wunde Auge sah, da drückte sie ihres Sohnes Haupt an ihre Brust Isis heilt das Auge des Horus nach den Todtenbuchtexten und der Einleitung zum Papyrus Ebers. und es war ihr so weh im Herzen, wie einer armen Menschenmutter, die ihr leidendes Kind in den Armen hält, und sie dachte: ›Wie leicht ist es doch, Wunden zu schlagen, und wie schwer, sie zu heilen!‹ Und sie weinte dabei. Eine Thräne nach der andern fiel zur Erde und überall wo sie den Boden benetzten, da erwuchs solch' freundliches Heilungskraut.« Die Aegypter legten dem Blut und den Thränen der Götter schöpferische Kräfte bei. Darüber handelt am besten Lefébure in «Le mythe osirien. Première partie: les yeux d'Horus» . In den von Naville edirten »Lobpreisungen des Ra« wird der Gott in der 21. Anrufung »Remi«, d. i. »der Weinende« genannt, und in den die Bilder der vier Menschengeschlechter im Grabe Seti I. zu Biban el Muluk begleitenden Texten findet sich eine Stelle, aus der hervorgeht, daß auch die Menschen aus göttlichen Thränen erwachsen sein sollten, denn es redet der Gott die Völker folgendermaßen an: »Ihr seid eine Thräne aus meinen Augen, ihr die ihr Menschen heißt.« »Isis ist sehr gut,« rief darauf ein Mädchen ihr gegenüber. »Die Mutter sagt, Isis hätte die Kinder auch lieb, wenn sie brav wären.« »Deine Mutter hat Recht,« erwiederte Nefert. »Isis hat ja selbst ihr liebes Horuskindchen und jeder Mensch, der stirbt und der gut war, der wird wieder zum Kinde und die Göttin macht ihn sich zu eigen und nimmt ihn an ihre Brust und pflegt ihn mit ihrer Schwester Nephthys, Wie Isis als Mutter, so wird Nephthys als Amme und Erzieherin des Horus dargestellt. Auf der Insel Philä sehen wir einen als jungen Gott gebildeten Ptolemäer von der Nephthys Unterricht im Harfenspiel empfangen. Osiris liebt beide Göttinnen und beide werden jammernd zu Häupten und zu Füßen seiner Bahre dargestellt. Ihr Klagegesang blieb auf einem im berliner Museum konservirten und von de Horrak behandelten Papyrus erhalten. bis er groß wird und kämpfen kann für seinen Vater.« Nefert bemerkte, daß eine Frau bei ihrer Erzählung weinte. Sie näherte sich ihr fragend und erfuhr, daß ihr Mann und ihr Sohn, jener in Syrien, dieser nach seiner Heimkehr in Aegypten gestorben wäre. »Du Arme,« sagte Nefert. »Nun sorge erst recht, daß die Wunden der Anderen zur Heilung kommen. Ich möchte Dir noch etwas von der Isis erzählen. Sie hat ihren Gatten Osiris sehr geliebt, so wie Du wohl Deinen verstorbenen Mann und ich meinem Mena, aber er war der Tücke des Seth zum Opfer gefallen. Sie wußte nicht einmal den Leichnam des ihr Geraubten zu finden und Du kannst doch Deinen Gatten an seinem Grabe besuchen. Da durchzog nun Isis klagend das Land und ach! was war aus Aegypten geworden, das alle Fruchtbarkeit von Osiris empfängt! Der heilige Nil lag trocken und kein Halm grünte an seinen Ufern. Das jammerte die gute Göttin unaussprechlich und sie weinte eine Thräne in das Bett des Flusses und sogleich begann er von Neuem zu steigen. Ihr wißt es ja, jede Ueberschwemmung erwächst aus einer Thräne der Isis. Unter den Arabern hat sich der alte Glaube erhalten, daß der Nil durch eine göttliche, in den Strom fallende Thräne wachse. »Nacht des Tropfens« wird heute noch die Nacht des 11. Baûneh genannt, in der der Nil seinen tiefsten Stand verläßt, um langsam zu steigen. So wurde der Schmerz einer Wittwe zum Segen für viele Millionen Geschlechter.« Die Frau hatte ihr aufmerksam zugehört und sagte, als Nefert schwieg: »Aber ich habe nun auch die drei kleinen Würmer meines Sohnes zu ernähren, denn sein Weib, das eine Wäscherin war, ist bei der Arbeit von einem Krokodile überfallen worden. Bei uns gilt es, für sich selbst und nicht für Andere zu sorgen. Bezahlte uns die Prinzessin nicht, wie könnte ich an die Wunden der Krieger denken, die mich nichts angehen! Ich bin nicht mehr stark und habe vier Mäuler zu füttern!« Nefert schauderte, wie schon oft bei ihrer neuen Thätigkeit, und bat dann Bent-Anat, den Lohn der Frau zu erhöhen. »Gern,« sagte die Prinzessin. »Was könnte ich solcher Helferin abschlagen! Komm' jetzt einmal mit in meine Küche. Ich ließ Früchte einpacken für den Vater und die Brüder; da muß doch wohl auch eine Kiste für Mena dabei sein.« Nefert folgte ihrer fürstlichen Freundin und sah, wie man eben in eine Kiste goldgelbe Datteln von der Oase des Amon Die heutige Oase Siwah, auf der die Dattelbäume noch immer weitberühmte Früchte tragen. und in eine andere dunkle von Nubien, die Lieblingsarten des Königs, legte. »Laß mich das packen!« rief Nefert, befahl der bei den Früchten thätigen Dienerin die Schachteln wieder zu leeren und legte nun die verschiedenfarbigen Datteln mit einigen anderen in Zucker gekochten Früchten zu zierlichen Figuren zusammen. Bent-Anat schaute ihr zu, reichte ihr die Hand, als sie fertig war, und sagte: »Was Deine Finger berühren, gewinnt ein erfreuliches Ansehen. Gib diesen Zettel! Ich leg' ihn hier in die Schachtel und schreibe darauf: Dieß packte für König Ramses die tüchtige Helferin seiner Tochter Bent-Anat, die Gattin des Mena.« Nach der Mittagsruhe wurde die Prinzessin abgerufen und Nefert blieb noch einige Stunden allein mit ihren Arbeiterinnen. Als die Sonne unterging und die fleißige Schaar aufbrechen wollte, hielt sie Nefert zurück und sagte: »Die Sonnenbarke verschwindet dort bei den Bergen des Westens. Kommt, laßt uns nun gemeinsam beten für den König und unsere Lieben im Felde. Denke Jeder an die Seinen; ihr Kinder an eure Väter, ihr Weiber an eure Söhne und wir Ehefrauen an unsere fernen Gatten, und bitten wir Amon, daß sie uns so sicher wiederkehren mögen, als sich uns die Sonne, die jetzt von uns scheidet, morgen in der Frühe von Neuem zeigen wird.« Nefert kniete nieder und mit ihr die Kinder und Weiber. Als sie aufstanden, näherte sich ein kleines Mädchen der Gattin des Mena, zupfte schüchtern ihr Kleid und sagte: »Du hast uns gestern schon hier knieen lassen und gewiß geht es heute meiner Mutter wieder besser, weil ich für sie gebetet.« »Gewiß,« sagte Nefert und streichelte das schwarze Haar des Kindes. Sie fand Bent-Anat auf dem Altane, gedankenvoll zu der sich mehr und mehr in Dunkel hüllenden Nekropole hinüber schauend. Als sie hinter sich die leisen Schritte ihrer Freundin vernahm, schrak sie zusammen. »Ich störe Dich,« sagte Nefert und trat zurück. »Nein, bleibe,« bat Bent-Anat. »Ich danke den Göttern, daß ich Dich habe, denn weh ist mir um's Herz, grausam weh.« »Ich weiß, woran Du dachtest,« sagte Nefert leise. »Nun?« fragte die Prinzessin. »An Pentaur.« »Ich denke an ihn und immer an ihn,« erwiederte die Prinzessin, »und doch bewegt mir auch noch Anderes das Herz. Ich bin nicht mehr ich selber. Was ich denke, sollt' ich nicht denken, was ich fühle, nicht fühlen, und doch kann ich es nicht fortmeistern und ich glaube, mein Herz würde verbluten, wollt' ich es heraustilgen. Ungewöhnlich, ja unziemlich hab' ich gehandelt und nun wird schwer zu Ertragendes über mich verhängt, Seltsames, das Dich vielleicht von mir zu Deiner Mutter zurückführt.« »Ich theile Alles mit Dir!« rief Nefert. »Was will man von Dir? Bist Du denn nicht mehr die Tochter des Ramses?« »Als Bürgersfrau zeigte ich mich dem Volk,« entgegnete Bent-Anat, »und habe nun die Folgen zu tragen. Bek en Chunsu, der Oberpriester des Amon von Theben, war eben bei mir und lange hab' ich mit ihm verhandelt. Der ehrwürdige Mann ist mir gut, ich weiß es, und der Vater hat mir geboten, vor Allem seinem Rathe zu folgen. Er zeigte mir, daß ich mich schwer vergangen. Im Stande der Unreinheit ging ich in einen Tempel der Nekropole, und nachdem ich schon einmal den Hof des Paraschiten betreten und Ameni's Tadel erfahren hatte, that ich's doch zum andern Male. Sie wissen dort Alles, was uns beim Feste begegnet ist! Nun soll ich mich reinigen lassen, entweder vor allen Priestern und Großen von Ameni selbst im Setihause mit großem Gepränge, oder indem ich eine Pilgerfahrt unternehme zur Smaragden-Hathor, Die Hathor des Mafkat war die auf der Sinaihalbinsel vorzüglich verehrte Göttin. Nach Lepsius' gründlicher Abhandlung über die Metalle bei den alten Aegyptern steht es fest, daß Mafkat weder Kupfer ist, noch Türkis, sondern ein grünes Gestein. Wird das Mafkat »echt« genannt, so meint man Smaragd; sonst Malachit, Berggrün und grüne Glasflüsse, die sich häufig in den Grüften finden. Schmucksachen aus Malachit kommen selten vor. Wir machen hier auf eine allerliebste Figur des Gottes Ptah ( Anmerkung 57 ) von diesem Stein aufmerksam, welche im japanischen Palais zu Dresden konservirt wird. unter deren Schutze man die edlen Steine aus den Felsen schlägt, die Erze erbeutet und durch Schmelzung läutert. Die Göttin, die das Echte von dem Unechten scheidet, solle, so sagen sie, wie von dem Erze die Schlacken, von mir die Unreinheit sondern. Eine Tagereise und mehr entfernt von den Gruben fließt von dem heiligen Berge des Herrn, dem Sinai, Wir halten nicht den Sinai der Mönche, sondern den heute Serbal genannten Bergriesen für den Sinai der Schrift und haben diese Ansicht in unserem »Durch Gosen zum Sinai, aus dem Wanderbuche und der Bibliothek« ausführlich begründet. wie die Mentu ihn nennen, ein voller Bach und bei diesem steht der Göttin Heiligthum, in dem Priester Reinigung gewähren. Die Fahrt ist weit, führt durch die Wüste und über das Meer, aber Bek en Chunsu räth, ich solle sie wagen. Ameni, sagt er, sei mir nicht freundlich gesinnt, weil ich die Satzungen verletzt, die er vor allen Anderen hoch hält. Doppelte Strenge, meint er, müßt' ich mir gefallen lassen, denn das Volk sähe zuerst auf Den, der am höchsten stünde, und wenn ich die Satzungen ungestraft mißachte, so würden sich in der Menge Nachahmer finden. Er handelt im Namen der Götter und diese messen die Herzen mit gleichem Maße. Die Elle gehört der Göttin der Wahrheit. Der Name der Göttin der Wahrheit ( Ma ) wird auch mit der Hieroglyphe geschrieben, welche die Elle darstellt. Von den alten, heiligen Ellenmaßen blieben mehrere erhalten. Zusammengestellt in Lepsius' Abhandlung: Die altägyptische Elle und ihre Eintheilung. Aus den Abhandlungen der k. Akademie der Wissenschaften. Berlin, 1865. S. 33. Ich fühle, daß das Alles nicht unrichtig ist, und doch füg' ich mich schwer dem Spruche des Priesters, denn ich bin die Tochter des Ramses!« »Das bist Du!« rief Nefert, »und ein Gott ist Dein Vater!« »Mich aber,« unterbrach sie die Prinzessin, »hat auch er gelehrt, die Satzung zu ehren, und ich habe mit Bek en Chunsu noch Anderes erwogen! Du weißt, daß ich des Statthalters Werbung zurückwies. Im Stillen soll er mir grollen. Das würde mich zwar nicht schrecken, aber er ist der mir vom Vater bestellte Vormund und Schützer und kann ich ihn denn noch vertrauensvoll um Rath und Hülfe bitten? Nein! Ich bin doch nur ein Weib und dabei des Ramses Tochter. Eher zieh' ich durch tausend Wüsten, als daß ich den Vater in seinem Kinde demüthigen lasse. Bis morgen soll ich mich entscheiden; aber ich bin schon jetzt entschlossen, die Reise anzutreten, so schwer es mir auch wird, so Manches hier zu verlassen. Fürchte nichts, Lieb, Du bist zu zart für solche Fahrt in die Ferne; ich möchte . . .« »Nein, nein,« rief Nefert, »ich ziehe mit Dir und ging' es bis zu den vier Stützen des Himmels Die Stützen des Himmels ( «sechent pet» ) werden in verschiedenen Verbindungen erwähnt. Aus der schönen Siegesstele Thutmes III. zu Bulaq heißt es: »Ich (Amon) verbreite . . . . die Furcht vor Dir bis zu den vier Stützen des Himmels«. Man dachte diese Stützen als stehend an den äußersten Punkten des Südens, Nordens, Westens und Ostens, und es wird darum in vielen Texten geradezu statt der vier Himmelsgegenden »die vier Stützen des Himmels« gesagt. an den Grenzen der Erde. Du hast mir ein neues Leben geschenkt, und was jetzt frisch in mir aufkeimt, würde wieder verdorren, wenn ich zu der Mutter zurückkehren wollte. Nur sie oder ich kann schalten in unserem Hause und nur mit Mena betret' ich es wieder!« »So ist es beschlossen, ich reise!« sagte die Prinzessin. »O wäre der Vater nur nicht so fern; könnt' ich ihn doch fragen und hören!« »Ja der Krieg und der ewige Krieg!« seufzte Nefert. »Warum begnügen die Männer sich nie mit dem, was sie haben, und ziehen den eitlen Ruhm dem stillen Frieden vor, der das Leben schmückt!« »Wären sie Männer? – möchten wir sie lieben,« rief Bent-Anat lebhaft, »wenn sie anders wären? Ist denn nicht auch der Sinn der Götter auf Kampf gerichtet? Sahst Du je ein erhabeneres Bild, als an jenem Abend Pentaur, wie er den ungefügen Pfahl hoch aufschwang und sein Leben preisgab, um die gefährdete Unschuld zu schützen?« »Ich wagte nur einmal nach dem Hofe hinzuschauen,« sagte Nefert, »denn ich ängstigte mich so sehr. Aber sein lautes Rufen klingt mir noch in den Ohren.« »So tönt das Schlachtgeschrei der Helden, vor dem die Feinde erbeben!« rief Bent-Anat. »Ja gewiß, so tönt es!« fiel der Prinz Rameri, der unbemerkt von den Frauen das halbdunkle Gemach seiner Schwester betreten hatte, in ihre Rede ein. Die Prinzessin wandte sich dem Jünglinge zu und sagte: »Wie Du mich erschrecktest!« »Dich?« fragte der Prinz verwundert. »Ja, mich! Früher hatte ich wohl ein festes Herz, aber seit jenem Abend erbebe ich häufig und es überkommt mich eine marternde Angst, ich weiß selbst nicht wovor. Ich glaube, ein Dämon beherrscht mich.« »Du herrschest, wo Du Dich zeigst, und Dich beherrscht gar nichts,« rief Rameri. »Die Erregung und der Verdruß im Thale und an der Landungstreppe stecken Dir nur noch in den Gliedern. Mir knirschen auch die Zähne, wenn es mir einfällt, wie sie mich aus der Schule wiesen oder wie Paaker den Hund auf uns hetzte. Ich habe heute Manches erfahren!« »Wo warst Du so lange?« fragte Bent-Anat; »der Oheim Ani hat doch befohlen, Du solltest den Palast nicht verlassen.« »Ich werde im nächsten Monat achtzehn Jahre,« rief der Prinz, »und brauche keinen Vormund!« »Aber der Vater . . .« mahnte Bent-Anat. »Der Vater,« unterbrach sie Rameri, »kennt den Statthalter schlecht. Aber ich werde ihm schreiben, was ich heute Alles von den Leuten erzählen hörte. Sie sollen Ani beim Feste des Thales geradezu gehuldigt haben, und ganz offen erzählt der Eine dem Andern, daß der Statthalter nach dem Throne strebt und den König vom Throne zu stürzen gedenke. Du hast Recht, das ist Unsinn, aber etwas muß doch dahinter stecken!« Nefert erbleichte und Bent-Anat fragte nach Einzelheiten. Der Prinz erzählte, was er vernommen hatte, und sagte dann lachend: »Ani den Vater stürzen! Das ist, als wollt' ich den Isisstern da oben vom Himmel reißen, um damit die Lampen anzustecken, die hier noch immer fehlen!« »Ich find' es traulicher im Dunkeln,« sagte Nefert. »Nein, laß das Licht kommen,« erwiederte Bent-Anat. »Es spricht sich besser, wenn man Denen, mit welchen man redet, in's Auge schauen kann. Ich glaube nicht an das thörichte Gerede des Volkes; aber Du hast Recht, man muß den Vater davon in Kenntniß setzen.« »In der Todtenstadt hörte ich das tollste Geschwätz,« sagte Rameri. »Du wagtest Dich hinüber? Wie unrecht das ist!« »Ich war wieder ein bischen verkleidet und habe auch Gutes zu erzählen. Der hübschen Uarda geht es viel besser. Sie hat Deine Geschenke bekommen und wohnt wieder im eigenen Hause. Neben der abgebrannten stand eine verfallene Hütte, die ihr Vater, ein bärtiger Soldat, der ihr so ähnlich sieht wie ein Igel einer weißen Taube, mit einigen Gefährten schnell wieder hergestellt hat. Ich bot ihr an, sie möge mit den anderen Mädchen gegen guten Lohn im Palast für Dich arbeiten, sie wollte aber nicht, denn sie hat ihre kranke Großmutter zu pflegen und ist stolz und mag Niemand dienen.« »Es scheint, als wärst Du lange bei der Unreinen geblieben,« sagte Bent-Anat vorwurfsvoll. »Ich dächte doch, das, was mir widerfahren, hätte Dir zur Warnung dienen sollen!« »Ich will nicht besser sein als Du!« rief der Prinz. »Außerdem ist ja der Paraschit gestorben und Uarda's Vater ein ehrlicher Soldat, der Niemand verunreinigt. Von der Alten hab' ich mich fern gehalten. Morgen geh' ich wieder hinüber; ich hab' ihr's versprochen.« »Wem?« fragte Bent-Anat. »Wem sonst als Uarda? Sie liebt die Blumen, und seit der Rose, die Du ihr schenktest, hat sie keine gesehen. Ich habe schon dem Gärtner befohlen, mir für morgen einen Korb voll Rosen zu schneiden, und bring' ihn ihr selbst.« »Das thust Du nicht!« rief Bent-Anat. »Du bist noch ein halbes Kind, und doch, schon um des Mädchens willen, wirst Du es unterlassen.« »Wir plaudern ja nur zusammen,« sagte der Prinz erröthend, »und Niemand soll mich erkennen. Aber freilich, wenn Du meinst, so lass' ich das mit dem Korb voll Rosen und gehe allein zu ihr. Nein, Schwester, das laß ich mir nicht verbieten! Sie ist so reizend, so weiß, so zart und ihre Stimme klingt so lieblich und weich. Und Füßchen hat sie, ja wie soll ich nur sagen, wie Nefert's Hand so klein und zierlich! Am meisten haben wir von Pentaur geredet. Sie kennt seinen Vater, der ein Gärtner ist, und weiß Vieles von ihm. Denke nur, sie sagt, der Dichter sei gar nicht seiner Eltern Kind, sondern ein guter Geist, der zur Erde gekommen, vielleicht auch ein Gott. Erst war sie sehr schüchtern, aber als ich von Pentaur anfing, ward sie lebendig! Abgöttisch fast ist ihre Verehrung, und das hat mich geärgert.« »Du möchtest lieber, daß sie Dich so verehrte,« lächelte Nefert. »Gar nicht!« rief Rameri. »Aber ich habe sie mit gerettet, es ist mir so wohl, wenn ich bei ihr sitze, und morgen, das hab' ich mir vorgenommen, steck' ich ihr selbst eine Blume in's Haar. Das ist zwar roth, aber so voll wie Deines, Bent-Anat, und es muß reizend sein, es anfassen und streicheln zu dürfen!« Die Frauen schauten einander verständnisvoll an und die Prinzessin sagte entschieden: »Du gehst morgen nicht in die Todtenstadt, mein Pflegesohn.« »Das wollen wir sehen, mein Pflegemütterchen!« Scherzend rief er dieß. Dann wurde er ernst und sagte: »Ich hab' auch meinen Schulfreund Anana gesprochen. Im Setihause herrscht die Ungerechtigkeit! Pentaur sitzt im Gefängniß und gestern Abend haben sie Gericht über ihn gehalten. Der Oheim war mit dabei und hat den Dichter heftig angegriffen, aber Ameni soll ihn in Schutz genommen haben. Was endlich zum Beschluß gelangt ist, konnten die Schüler nicht erfahren, aber es muß etwas Schlimmes gewesen sein, denn der Sohn des Schatzmeisters hörte, wie Ameni nach der Sitzung zum alten Gagabu sagte: ›Strafe verdient er, aber untergehen laß ich ihn nicht!‹ Er konnte nur Pentaur meinen. Morgen geh' ich hinüber und werde noch mehr erfahren; Schreckliches, glaube ich. Mehrere Jahre Gefängniß bekommt er mindestens.« Bent-Anat war sehr bleich geworden. »Was sie ihm anthun,« rief sie, »das leidet er um meinetwillen! O ihr allmächtigen Götter, helft ihm, helft mir und seid uns gnädig!« Sie schlug ihre Hände vor ihr Angesicht und verließ das Gemach; Rameri aber fragte Nefert: »Was kann nur der Schwester begegnet sein, sie kommt mir ganz seltsam vor und auch Du bist anders als sonst!« »Wir haben uns Beide in etwas Neuem zurechtzufinden.« »Was ist das?« »Das läßt sich nicht erklären, aber es sieht mir aus, als solltest Du bald etwas Aehnliches an Dir selbst erfahren. Geh' nicht wieder zu den Paraschiten, Rameri!« Zweites Kapitel. In der Frühe des folgenden Tages ging der Zwerg Nemu mit einem Mann im langen schlichten Gewande, dem Haushofmeister einer vornehmen Familie, an der von Uarda's Vater wieder hergestellten Hütte, in der der Soldat einst mit seinem Weibe gewohnt hatte, vorüber und der Höhle der alten Hekt entgegen. »Hier unten, hoher Herr,« sagte der Zwerg, »bitt' ich Dich einige Augenblicke zu warten, damit ich Dich meiner Mutter melde.« »Das klingt ja ganz vornehm,« erwiederte der Andere; »aber sei es. Nur noch Eins! Die Alte soll mich nicht bei Namen nennen oder meinen Titel in den Mund nehmen. Sie rufe mich Haushofmeister, denn man kann nie wissen . . . Ich denke zwar, es erkennt mich Niemand in dieser Verkleidung.« Nemu eilte zu der Höhle, vor der er seine Mutter fand, die ihm entgegenrief: »Laß nur den Herrn nicht warten, ich erkenne ihn wohl!« Nemu legte den Zeigefinger an den Mund und sagte: »Du sollst ihn Haushofmeister rufen.« »Gut,« murmelte die Alte, »so steckt der Strauß den Kopf unter die Federn, wenn man ihn nicht sehen soll.« »War das Prinzchen gestern noch lange bei Uarda?« »Nein, Du Narr,« lachte die Hexe. »Die Kinder spielen miteinander. Rameri ist ein junger Widder, der noch hörnerlos ist und doch schon die Stelle fühlt, an der sie ihm wachsen werden, und sie zu gebrauchen versucht. Pentaur kann Dir bei dem Rothköpfchen gefährlicher werden. Schnell nun, man läßt solchen Haushofmeister nicht lange warten.« Die Alte gab dem Zwerg einen Stoß und dieser eilte zu Ani zurück, während sie den kleinen, auf sein Brett gebundenen Scherau in die Hütte trug und den braunen Sack über ihn warf. Wenige Minuten später stand der Statthalter vor ihr. Sie verneigte sich mit einem Anstande, welcher mehr an die Sängerin Beki, als die Zauberin Hekt erinnerte, und bat ihn, auf dem einzigen Stuhle, den sie besaß, Platz zu nehmen. Als er sich durch eine Handbewegung weigerte, sich niederzulassen, sagte sie: »Doch, doch, setze Dich! Man sieht Dich dann nicht vom Thal aus, wegen des Felsens hier nebenan. Warum wähltest Du diese Stunde für Deinen Besuch?« »Weil das, was ich mit Dir zu besprechen wünsche, eilt,« sagte Ani, »und ich am Abend leicht von den Wächtern angerufen werden könnte. Meine Verkleidung ist gut. Unter diesem Rocke trag' ich mein gewöhnliches Gewand. Von hier aus geh' ich hinüber zur Gruft meiner Väter, lege dort das grobe Ding und womit ich sonst noch verkleidet bin, ab und erwarte meinen Wagen, der schon bestellt ist. Ich werde den Leuten sagen, ich hätt' ein Gelübde, die Gruft zu Fuß und in Demuth zu besuchen, heute erfüllt.« »Gut ersonnen,« murmelte die Alte; Ani aber wies auf den Zwerg und sagte verbindlich: »Dein Schüler!« Seit ihrer Erzählung war die Zauberin für ihn nicht mehr die gewöhnliche Hexe. Die Alte empfand das und neigte sich mit einer Verbeugung, deren förmliche Höflichkeit einen zahmen Raben zu ihren Füßen so sehr in Erstaunen versetzte, daß er seinen schwarzen Schnabel weit öffnete und ein lautes Geschrei ausstieß. Sie warf ein Stück Käse hinein und der Vogel hüpfte, seinen gebrochenen Flügel nachschleppend, davon und schwieg. »Ich habe mit Dir über Pentaur zu sprechen,« sagte Ani. Der Alten Augen blitzten auf und lebhaft fragte sie. »Was ist's mit dem?« »Ich habe Grund,« antwortete der Statthalter, »diesen Menschen für gefährlich zu halten. Er steht mir im Wege. Mancherlei Frevel hat er begangen, ja, er hat gemordet; aber er ist wohl gelitten im Setihaus und man möchte ihn dort am liebsten ungestraft lassen. Die Herren haben das Recht, über einander zu Gericht zu sitzen, und ich kann an ihrem Urtheil nichts ändern. Vorgestern haben sie den Spruch gesprochen. Sie wollen ihn nach Chennu Die Steinbrüche von Chennu (heute Gebel Silsileh) sind von ungeheurer Ausdehnung. Fast alle zu den Tempelbauten in Oberägypten verwandten Sandsteine wurden dort gebrochen. in die Steinbrüche senden. Meine Einwände blieben ungehört und, nun ja . . . Nemu, geh' hinüber in das Grab des Amenophis und warte dort auf mich! Ich habe Einiges mit Deiner Mutter allein zu reden!« Nemu verneigte sich und ging den Berg hinab, verdrossen zwar, aber doch in der sichern Erwartung, später Alles zu erfahren, was die Beiden miteinander verhandeln würden. Als der Kleine verschwunden war, fragte Ani: »Hast Du noch ein Herz für das alte Königshaus, dem Deine Eltern so treu ergeben waren?« Die Alte nickte. »Wohl, so wirst Du seiner Aufrichtung durch mich Deine Hülfe nicht versagen! Du begreifst, wie nöthig ich jetzt der Priester bedarf, und ich habe geschworen, Pentaur nicht nach dem Leben zu trachten; aber ich wiederhole es: er steht mir im Wege! Ich habe meine Späher im Setihaus und weiß durch sie, was die Versendung des Dichters in die Brüche von Chennu bedeutet. Eine Zeitlang lassen sie ihn Sandsteine hauen und das wird die Gesundheit des baumstarken Mannes nur fördern. In Chennu befindet sich, wie Du weißt, außer den Brüchen das große Priesterkollegium, das mit dem Setihaus in enger Verbindung steht. Wenn der Fluß zu steigen beginnt und man in Chennu das große Nilfest feiert, Bei Chennu verengt sich der Strom und unter Ramses II. und seinem Nachfolger Mernephtah wurden dort große Stelen aufgestellt, welche schöne Hymnen an den Nil und die Liste der an den Nilfesten darzubringenden Opfer enthalten. Die Inschriften lassen sich durch Vergleichung ergänzen. Dieß ist von meinem Freunde Stern und mir an Ort und Stelle geschehen. Ersterer hat sie dann vortrefflich behandelt in der Zeitschrift für ägyptische Sprache und Alterthumskunde 1873 S. 129. Ramses der Große stiftete zwei Nilfeste. Stern vergleicht sie mit den beiden heute noch gefeierten: »die Nacht des Tropfens«, welche immer auf den 11. Baûneh (1873 = den 17. Juni) fällt, in welcher Zeit der Nilstand am niedrigsten ist, und »den Durchschnitt des Dammes«, ein nach dem Stande des Wassers anberaumtes Fest. Wie die Nilfeste von Chennu, so liegen die heute noch gefeierten zwei Monate auseinander. so haben die dortigen Priester das Recht, sich drei der in den Steinbrüchen thätigen Verbrecher zu ihrem eigenen Dienst auszusuchen. Natürlich wählen sie im kommenden Jahr Pentaur, lassen ihn frei und man lacht über mich.« »Gut ersonnen!« sagte die Hexe. »Ich habe nun bei mir selbst, mit Katuti und auch mit Nemu Rath gehalten,« fuhr Ani fort: »doch Alles, was sie ersonnen, wäre wohl ausführbar, ist aber ungeschickt und muß mindestens zu Muthmaßungen führen, die ich jetzt vermeiden möchte. Was wäre Dein Rath?« »Assa's Stamm soll untergehen!« murmelte die Alte düster. Dann schaute sie sinnend zu Boden und sagte endlich: »Laß das Schiff anbohren und bevor es nach Chennu kommt, mit den gebundenen Gefangenen versinken.« »Nein, nein, daran dachte ich selbst und auch Nemu rieth es,« rief Ani. »Das ist hundertmal dagewesen. Ameni soll mich nicht für meineidig halten und ich habe geschworen, Pentaur nicht an's Leben zu gehen.« »Ja so, das hast Du geschworen und untereinander haltet ihr Männer euch Wort. Wart' ein wenig, wie wäre denn das? Du läßt das Schiff mit den Gefangenen nach Chennu absegeln, doch mit dem geheimen Befehl an den Kapitän, in der Nacht an den Brüchen vorbei und so eilig als möglich weiter bis nach Aethiopien zu fahren. Von Suan aus läßt Du die Gefangenen durch die Wüste in die Goldbergwerke führen. Vier Wochen, aber auch acht können vergehen, bis man hier erfährt, was geschehen. Tritt dann Ameni Dir gegenüber, so zeigst Du Dich zornig über dieß Versehen und kannst bei allen Göttern der Höhe und Tiefe schwören, Pentaur nicht nach dem Leben getrachtet zu haben. Mit Erkundigungen vergehen andere Wochen. Inzwischen thut wohl Paaker das Seine und Du das Deine und Du bist König. Mit dem Szepter, dächt' ich, ließe sich leicht ein Gelöbniß zerhauen, und willst Du ja Dein Wort halten, so laß nur Pentaur in den Goldbergwerken. Es ist noch Keiner von dort zurückgekehrt. Auch meines Vaters und meiner Brüder Gebein hat dort die Sonne gebleicht.« »Aber Ameni wird an den Irrthum nicht glauben,« unterbrach Ani ängstlich die Zauberin. »So bekenne, daß Du die Fahrt befohlen!« rief Hekt. »Erkläre, Du habest erfahren, was sie in Chennu mit Pentaur vorgehabt, und zwar Dein Wort gehalten, aber einen Verbrecher nicht straflos lassen wollen. Sie werden Erkundigungen einziehen, und finden sie den Enkel des Assa am Leben, so bist Du gerechtfertigt. Folge meinem Rath, wenn Du ein tüchtiger Hausverwalter sein und Herr auf Deinem Besitzthum bleiben willst.« »Es geht nicht,« sagte der Statthalter, »ich brauche die Unterstützung Ameni's nicht nur heut und morgen. Ich will sein blindes Werkzeug nicht werden, aber er muß mich jetzt dafür halten.« Die Alte zuckte die Achseln, stand auf, ging in ihre Hütte und brachte ein Fläschchen aus derselben zurück. »Nimm das,« sagte sie. »Vier Tropfen davon in den Wein bringen den Trinker unfehlbar um den Verstand. Versuche den Trank an einem Sklaven und Du wirst sehen, wie gut er ist.« »Was soll ich damit?« fragte Ani. »Dich rechtfertigen vor Ameni,« lachte die Zauberin.. »Du befiehlst dem Schiffsführer, zu Dir zu kommen, sobald er heimkehrt, bewirthest ihn mit Wein, und warum sollte Ameni, wenn er den Verrückten sieht, nicht glauben, daß er im Irrsinn an Chennu vorbeigefahren sei!« »Das ist klug, das ist herrlich!« rief Ani. »Was ungewöhnlich war, wird nie zum Gemeinen. Du warst die größte Sängerin und bist jetzt die weiseste der Frauen, Frau Beki.« »Ich bin nicht mehr Beki, ich heiße Hekt,« sagte die Alte rauh. »Wie Du willst! Freilich, hätt' ich Beki's Gesang vernommen, so würd' ich ihr zu noch größerem Danke verpflichtet sein, als nun der Hekt,« lächelte Ani. »Doch ich möchte die klügste Frau in Theben nicht verlassen, ohne noch eine ernste Frage an sie zu richten. Ist es Dir gegeben, in die Zukunft zu schauen? Stehen Dir Mittel zu Gebote, voraus zu sehen, ob das große Wagniß, Du weißt schon, welches ich meine, – gelingen oder fehlschlagen wird?« Hekt schaute zu Boden und sagte dann nach kurzer Ueberlegung: »Noch kann ich nichts Gewisses behaupten, aber Deine Sache steht gut. Sieh' dort die beiden Sperber mit den Kettchen an den Füßen: sie nehmen von keinem Menschen Nahrung an, als von mir. Der mausernde mit den geschlossenen grauen Lidern ist Ramses, der schmucke und glatte mit den blitzenden Augen bist Du! Es kommt nun darauf an, wer von Beiden am längsten lebt. Bis jetzt, Du siehst es, bist Du im Vortheil.« Ani warf einen bösen Blick auf den kranken Sperber des Königs, Hekt aber sagte: »Man muß beide ganz gleich behandeln, denn das Schicksal läßt sich keine Gewalt anthun.« »Füttere sie gut!« rief der Statthalter, warf Hekt seine Börse in den Schooß und fügte hinzu, indem er sich zum Aufbruch rüstete: »Wenn einem der Vögel etwas begegnet, so laß es mich bei Zeiten durch Nemu wissen.«. Ani stieg den Berg hinunter und schritt dem benachbarten Grabe seiner Väter entgegen; Hekt aber lachte ihm nach und murmelte vor sich hin: »Jetzt schützt mich der Narr schon um seines Vögelchens willen! Der lächelnde, muthlose, denkfaule Mann will Aegypten beherrschen! Bin ich denn um so Vieles weiser als die anderen Menschen, oder kommen nur die Thoren zu der alten Hekt? Aber Ramses wählte doch Ani, um ihn zu vertreten! Vielleicht weil er den nicht sonderlich Klugen für nicht sonderlich gefährlich hielt. Hätt' er das gedacht, so wär' er nicht weise, denn Niemand pflegt selbstbewußter und frecher zu sein, als gerade die Dummen!« Drittes Kapitel. Eine Stunde später zog Ani auf seinem glänzenden Wagen in reicher Kleidung, aus der Gruft seiner Väter kommend, an der Höhle der Zauberin und der Hütte des Vaters der Uarda vorbei. Nemu hockte auf dem Trittbrett, dem gewöhnlichen Sitze der Zwerge. Der Kleine schaute zu der neu hergestellten Hütte hinüber und seine Zähne knirschten, als er bei Uarda einen Mann, dessen weißes Gewand durch die Oeffnungen des Zaunes schimmerte, sitzen sah. Der Besucher des schönen Kindes war der Prinz Rameri, der im weißen Kleid eines jungen Schreibers des Schatzhauses in der Morgenfrühe über den Nil gefahren war, um Erkundigungen über Pentaur einzuziehen und Uarda eine Rose in's Haar zu stecken. Dieß Vorhaben war doch wohl das wichtigere, denn das andere mußte wenigstens in der Zeitfolge hinter ihm zurückbleiben. Er fand es auch nöthig, sich vor sich selbst mit mancherlei triftigen Gründen zu entschuldigen. Erstens lief ja die Rose, die wohlverwahrt in den Falten seines Gewandes ruhte, Gefahr, zu verwelken, wenn er zuerst beim Setihaus auf seine Genossen wartete, dann konnte ja auch eine schnelle Rückkehr von dort nach Theben nothwendig werden, und endlich schien es ihm nicht unmöglich, daß Bent-Anat ihm den Ceremonienmeister nachschicken würde, und wenn das geschah, so konnte jede Verzögerung sein Vorhaben gänzlich vereiteln. Sein Herz schlug laut und heftig nicht nur dem Mädchen entgegen, sondern auch weil er fühlte, daß er unrecht handle. Der Ort, den er betreten wollte, war unrein und Uarda gegenüber hatte er zum ersten Mal gelogen. Für einen Edelknaben aus dem Gefolge Bent-Anat's hatte er sich ausgegeben, und wie eine Unwahrheit andere nach sich zu ziehen pflegt, auf ihre Fragen falsche Auskunft über seine Eltern und sein Leben ertheilt. War das Böse an dieser unreinen Stätte mächtiger über ihn als im Setihaus und im Palast seines Vaters? So verhielt es sich doch wohl, denn alle Unruhe in der Natur und im Menschen war das Theil des Seth, und wie wogte es so stürmisch in seiner Brust! Und doch! Er wollte Uarda ja nur Gutes erweisen. Sie war so schön und hold, recht wie ein Götterkind, und das weiße Mädchen war gewiß ein geraubtes Kind und gehörte gar nicht zu den Unreinen. Als der Prinz den Hof der Hütte betrat, war Uarda nicht zu sehen, aber bald vernahm er ihre aus der geöffneten Thür dringende Stimme. Sie trat in's Freie, denn ihr Hund bellte Rameri feindlich an. Als sie den Prinzen erblickte, erschrak sie und sagte: »Da bist Du schon wieder und ich habe Dich doch gewarnt. Die Großmutter drinnen ist eines Paraschiten Weib.« »Die besuch' ich auch nicht,« gab der Prinz zurück, » sondern Dich allein und Du gehörst nicht zu diesen, das hab' ich mir jetzt überlegt. In der Wüste wachsen keine Rosen.« »Und doch bin ich meines Vaters Kind,« sagte Uarda entschieden, »und meines armen, erschlagenen Großvaters Enkelin. Gewiß gehör' ich zu diesen, und wem ich zu schlecht bin, der kann ja fern von mir bleiben.« Bei diesen Worten erhob sie den Fuß und schickte sich an, in die Hütte zurückzugehen, aber Rameri faßte ihre Hand, hielt sie zurück und sagte: »Wie böse Du bist! Ich habe Dich ja zu retten versucht und kam schon zu Dir, eh' ich mir dachte, Du könntest . . . nun ja, Du wärest recht unähnlich den Leuten, die Du Deine Angehörigen nennst. Du darfst mich nicht mißverstehen; es war mir nur schrecklich, zu denken, daß Du, die Du so lilienweiß und schön bist, mit Theil haben sollst an dem schrecklichen Fluche. Es zieht ja Jeden, selbst meine Herrin Bent-Anat, zu Dir hin und da schien es mir so unmöglich . . .« »Daß ich zu den Unreinen gehöre; sprich es nur aus!« sagte Uarda leise und schlug die Augen nieder. Dann fuhr sie lebhafter fort: »Aber ungerecht, sage ich Dir, ist der Fluch, denn besser ist nie ein Mensch gewesen, als der arme Großvater war.« Thränen quollen aus ihren Augen; Rameri aber sagte: »Ich glaub' es Dir gern und es muß recht schwer sein, gut zu bleiben, wenn uns die Menschen verachten und schelten; ich wenigstens bin durch Tadel zu nichts, durch Lob zu allem Guten zu bringen. Freilich, die Leute sind ja gezwungen, den Meinen und mir mit Achtung zu begegnen.« »Und uns mit Verachtung,« unterbrach ihn Uarda. »Aber ich will Dir etwas sagen! Wenn man weiß, daß man gut ist, dann ist es ganz gleich, ob man von Andern verachtet ober geehrt wird. Ja wir dürfen stolzer sein als ihr, denn ihr Großen müßt euch oft sagen, daß ihr weniger seid, als wofür man euch schätzt, wir aber wissen, daß wir mehr sind.« »So hab' ich mir Dich gedacht!« rief Rameri aus, »und Einen gibt es doch, der Deinen Werth anerkennt, und das bin ich! Müßt' ich sonst wohl immer und immer an Dich denken?« »Ich habe auch an Dich gedacht,« sagte Uarda. »Erst eben, als ich bei der kranken Großmutter saß, ging es mir durch den Sinn, wie schön es wäre, wenn ich einen Bruder hätte, der Dir gliche. Weißt Du, was ich thäte, wenn Du mein Bruder wärst?« »Nun?« »Ich kaufte Dir einen Wagen und Rosse und Du müßtest ausziehen mit den Kämpfern des Königs.« »Bist Du so reich?« fragte Rameri lächelnd. »O ja,« erwiederte Uarda. »Freilich erst seit kaum einer Stunde. Kannst Du lesen?« »Ja.« »Denke nur, als ich krank war, schickten sie mir vom Setihause einen Arzt. Er war sehr geschickt, aber seltsam. Er schaute mich oft mit Augen an wie ein Trunkener und er stammelte, wenn er sprach.« »Hieß er Nebsecht?« fragte der Prinz. »Ja, Nebsecht. Er hatte auch seltsame Dinge mit dem Großvater vor und bei dem schrecklichen Angriff auf uns trat er, nachdem Pentaur und Du uns gerettet hattest, mit für uns ein. Seitdem ist er nicht wieder gekommen; es ging mir ja auch viel besser. Heute nun, vor etwa zwei Stunden, bellt der Hund und ein älterer, fremder Mann tritt mir entgegen und sagt mir, er wäre Nebsecht's Bruder und bewahre sehr viel Geld für mich. Er gab mir auch einen Ring und sagte, er werde Jedem, der ihm den von mir bringe, das Geld auszahlen. Dann las er mir dieß Schreiben vor.« Rameri nahm den Brief und las: »Nebsecht an die schöne Uarda. »Nebsecht grüßt Uarda und theilt ihr mit, daß er ihrem osirischen Großvater Pinem, dessen Leib die Kolchyten balsamiren wie den eines Großen, eine Summe von tausend Goldringen schuldet. Diese beauftragte er seinen Bruder Teta für sie zu jeder Stunde bereit zu halten. Sie soll Teta ganz vertrauen, denn er ist redlich, und ihn um Geld bitten, wenn sie solches braucht. Am besten wär' es, sie überließe es dem Bruder, das Geld für sie zu verwalten und ihr ein Haus und ein Ackerland zu kaufen. Dann soll sie das Haus mit ihrer Großmutter beziehen und sorglos darin wohnen. Ein Jahr lang möge sie warten, bis sie einem Manne folgt. Nebsecht liebt Uarda sehr. Ist er nach Ablauf von dreizehn Monaten nicht bei ihr gewesen, so möge sie zum Gatten wählen, wen sie mag; aber nicht bevor sie dem Dolmetscher des Königs das ihr von ihrer Mutter hinterlassene Kleinod gezeigt hat.« »Seltsam!« rief Rameri. »Wer hätte dem sonderbaren Arzte, der immer unsaubere Kleider trug, solchen Edelmuth zugetraut! Aber was hast Du für ein Kleinod?« Uarda öffnete ihr Gewand und zeigte dem Prinzen das blitzende Geschmeide. »Das sind Diamanten! Das ist sehr köstlich!« rief der Prinz, »und da in der Mitte in dem halben Oval von Onyx stehen auch scharf geschnittene Schriftzeichen. Ich kann sie nicht lesen, aber ich will sie dem Dolmetscher zeigen! Hat das Deine Mutter getragen?« »Der Vater fand es bei ihr, als sie starb,« erwiederte Uarda. »Als Kriegsgefangene kam sie nach Aegypten und sie war so weiß wie ich, aber stumm und konnte den Namen ihrer Heimat nicht nennen.« »Einem großen Hause der Fremde gehörte sie an, und die Mutter bestimmt die Herkunft der Kinder,« rief Rameri lebhaft. »Ein Prinzeßchen bist Du, Uarda! O wie mich das freut und wie lieb ich Dich habe!« Das Mädchen lächelte und sagte: »Nun brauchst Du auch nicht mehr zu befürchten, das unreine Mädchen zu berühren!« »Du bist hart!« gab der Prinz zurück. »Soll ich Dir sagen, was ich mir gestern vornahm, was mich heute Nacht nicht schlafen ließ und weßwegen ich eigentlich herkam?« »Nun?« Rameri zog die schönste weiße Rose aus seinem Gewand und sagte. »Es ist eigentlich kindisch, aber ich habe mir gedacht, wie das wäre, wenn ich Dir diese Blume hier mit meinen eigenen Fingern in Dein schimmerndes Haar stecken könnte. Darf ich?« »Die Rose ist köstlich. Eine so schöne hab' ich noch niemals gesehen!« »Sie ist auch für mein stolzes Prinzeßchen. Nun, bitte, laß mich Dich schmücken! Wie Seide aus Tyrus, wie des Schwanes Brust, wie die Strahlen der goldenen Sterne sind Deine schimmernden Haare! Da steckt sie fest! Nein, lasse sie so! Wenn die sieben Hathoren Dich sehen, sie müssen Dich beneiden, denn Du bist schöner als sie alle.« »Wie Du schmeichelst!« sagte Uarda beschämt und erröthend und blickte ihm doch in die leuchtenden Augen. »Ach, Uarda,« rief der Prinz und preßte seine Hand auf das Herz. »Nun hätte ich doch noch einen Wunsch. Fühl' nur, wie es hier hämmert und pocht. Ich glaube, das kommt nicht eher zur Ruhe, als bis Du mir, nun ja, Uarda – als bis Du mir erlaubst, Dir einen Kuß, einen einzigen nur, zu geben!« Da trat das Mädchen zurück und sagte ernst: »Nein! Nun seh' ich, was Du willst. Die alte Hekt kennt die Menschen und hat mich gewarnt.« »Wer ist Hekt, was kann die denn von mir wissen?« »Sie hat mir gesagt, es werde die Zeit erscheinen, in der ein Mann sich mir nahen werde. Sein Auge würde das meine suchen, und wenn ich seinen Blick erwiedere, so würde er nach meinen Lippen verlangen. Die sollte ich ihm weigern, denn wenn ich mir seinen Kuß gefallen ließe, dann griffe er nach meiner Seele und nähme sie mir fort und seelenlos müßte ich wandern wie die ruhelosen Geister, die die Tiefe ausstößt und der Sturm fortwirbelt und das Meer ausspeit und der Himmel nicht will. Geh' fort von mir, denn ich möchte Dir den Kuß nicht weigern und will doch nicht ruhelos ohne Seele wandern!« »Ist die Alte gut, die Dich das gelehrt hat?« fragte der Prinz. Uarda schüttelte verneinend das Haupt. »Das kann sie auch gar nicht sein!« rief Rameri. »Denn Unwahres hat sie gesprochen. Ich will Dir Deine Seele nicht nehmen; ich will Dir meine zu der Deinen schenken und Du sollst nur Deine geben zu der meinen und so werden wir Beide nicht ärmer, sondern reicher werden!« »Wohl möchte ich das glauben,« sagte Uarda nachdenklich, »und Aehnliches hab' ich selbst schon gedacht. Als ich noch gesund war, da mußt' ich manchmal spät an den Nil, um Wasser zu schöpfen beim Landungsplatze, wo das große Schöpfrad steht. Tausend Tropfen fielen da nieder von den thönernen Eimern und in jedem spiegelte sich ein Mond, und es stand doch nur einer am Himmel. Da dacht' ich bei mir; so mag es auch sein mit der Liebe im Herzen. Man hat ja nur eine und wir flößen sie doch in verschiedene Herzen, ohne daß sie kleiner würde an Kraft und matter an Glanz. Ich dachte an die Großeltern, den Vater, den kleinen Scherau und die Götter und Pentaur. Nun möcht' ich wohl auch Dir einen Theil von ihr geben!« »Nur einen Theil?« fragte Rameri. »Die ganze,« sagte Uarda, »soll sich in Dir abspiegeln, wie der ganze Mond in jedem Tropfen zu sehen war.« »Das soll sie!« rief der Königssohn, umfaßte den schlanken Leib des zitternden Kindes und die beiden jungen Menschenseelen verbanden sich in ihrem ersten Kusse. »Geh' nun!« bat Uarda. »Laß mich noch bleiben!« rief der Prinz. »Setze Dich her zu mir auf die Bank vor der Hütte. Der Zaun verbirgt uns den Wanderern und dieß Thal ist jetzt ohnehin verlassen und öde.« »Es ist nicht recht, was wir thun,« sagte Uarda nachdenklich, »denn wäre es das, so brauchten wir uns nicht zu verbergen.« »Hältst Du für Unrecht, was der Priester im Allerheiligsten verrichtet?« fragte Rameri, »und es wird doch versteckt vor allen Blicken.« »Wie Du überreden kannst!« lächelte Uarda. »Das macht, Du kannst schreiben und Du bist ja sein Schüler gewesen.« »Sein! sein!« rief Rameri. »Du meinst Pentaur. Er ist mir immer der liebste von all' meinen Lehrern gewesen, aber es ärgert mich, wenn Du so von ihm sprichst, als gält' er Dir mehr, als ich und die Andern. Der Dichter, sagtest Du, sei einer der Tropfen, in denen der Mond Deiner Liebe sich spiegle, und mit vielen mag ich nicht theilen!« »Wie Du nur redest!« unterbrach ihn Uarda. »Ehrst Du nicht Deinen Vater und die Götter? Wie Dich, so liebe ich keinen Andern, und das, was ich empfand, als Du mich küßtest, das war auch nicht wie Mondenlicht, sondern heiß wie die Sonne in dieser Mittagsstunde. Als ich Deiner gedachte, floh mich die Ruhe. Ich will's nur gestehen, wohl zwanzigmal schaut' ich vorhin zur Thüre hinaus und fragte mich: ›Ob mein Retter, der liebe freundliche Krauskopf, wohl kommen wird, oder ob er mich armes Mädchen verachtet?‹ Du bist gekommen und ich bin so glücklich und jubeln könnt' ich mit Dir so recht aus vollem Herzen! Sei wieder freundlich, sonst zaus' ich Dir die Locken!« »Nur zu!« rief Rameri. »Du kannst mit den kleinen Händchen nicht weh thun, wohl aber mit Worten. Pentaur ist ja weiser und besser als ich, Du dankst ihm auch Vieles, und ich möchte dennoch . . .« »Laß das!« unterbrach ihn das Mädchen und wurde ernst. »Er ist kein Mensch wie die anderen. Wollte er mich küssen, ich zerfiele in Staub wie die von der Sonne gehärtete Asche, die man mit dem Finger berührt, und fürchten könnt' ich seine Lippen wie die eines Löwen. Wenn Du auch spottest, so glaub' ich doch immer, er sei der Himmlischen Einer. Sein eigener Vater hat mir gesagt, ein großes Wunder habe sich an ihm schon am Tage nach seiner Geburt vollzogen. Die alte Hekt hat mich oft zu dem Gärtner geschickt und mir den Auftrag gegeben, nach seinem Sohne zu fragen. Der Mann ist rauh, aber gut. Erst war er nicht freundlich, aber als er sah, wie sehr mir seine Blumen gefielen, gewann er mich lieb und gab mir zu thun, denn er ließ mich Kränze und Sträuße binden und zu den Kunden tragen. Wenn wir so saßen und eine Blüte an die andere legten, da erzählte er stets von dem Sohne und seiner Schönheit und Weisheit und Güte. Als kleiner Knabe schon konnte er dichten, und lesen hat er gelernt, ohne daß es ihm Einer gezeigt hätte. Das erfuhr der Oberpriester Ameni und nahm ihn dann in's Setihaus. Da erwuchs er zum Staunen des Gärtners. Vor Kurzem ging ich mit dem Alten durch die Beete. Er sprach von Pentaur wie immer und blieb dann vor einem herrlichen Strauche mit breiten Blättern stehen und sagte: ›Mein Sohn ist wie diese Pflanze, die bei mir erwuchs, ich weiß selber nicht wie. Mit anderen Körnern, die ich drüben in Theben gekauft, legte ich ihren Samen in's Land. Nun kann Niemand sagen, woher sie stammt, und doch ist sie mein Eigen. Nach Aegypten gehört sie gewiß nicht. Und überragt nicht Pentaur mich und seine Mutter und seine Geschwister wie dieser Strauch die anderen Blumen? Knochig und klein sind wir Alle und er ist schlank, dunkel ist unsere Haut und röthlich die seine, rauh ist unsere Sprache, die seine klingt wie Gesang. Ich bleibe dabei, ein Götterkind ist er, das die Himmlischen in mein schlichtes Haus legten. Wer kennt ihren Rathschluß?‹ Manchmal sah ich dann Pentaur bei den Festen und sage nun selbst: Welcher andere Priester des Setihauses käme ihm gleich an Gestalt und Geberde? Ich hielt ihn für einen Gott, und nun ich ihn, da er mir das Leben rettete, mit übermenschlicher Kraft ganze Schaaren überwältigen sah, sollt' ich ihn nicht für ein höheres Wesen halten? Wie zu einem solchen blicke ich auf zu ihm; aber in die Augen ihm schauen wie Dir, das könnte ich niemals. Das würde mein Blut nicht schneller fließen, das würd' es gerinnen lassen. Wie soll ich nur sagen! Dich findet meine Seele, wenn sie vorwärts blickt, und um ihn zu finden, müßte sie in die Höhe schauen. Du bist mir ein frischer Rosenkranz, mit dem ich mich schmücke, und er ist ein heiliger Perseabaum, vor dem ich mich neige!« Rameri hatte ihr schweigend zugehört und sagte dann: »Ich bin ja noch jung und habe noch nichts geleistet, aber es soll eine Zeit kommen, in der Du auch zu mir wie zu einem Baum aufsehen wirst, aber nicht wie zu einem heiligen, sondern wie zu der Sykomore, unter deren Schatten wir am liebsten ruhen. Ich bin nicht mehr fröhlich und ich will Dich verlassen, denn ich habe eine ernste Pflicht zu erfüllen. Pentaur ist ein ganzer Mann und ich will es werden. Du aber sollst der Rosenkranz sein, der mich schmückt. Männer, die man mit Blumen vergleicht, sind mir zuwider.« Der Prinz erhob sich und reichte Uarda seine Rechte. »Du hast eine starke Hand,« sagte das Mädchen. »Du wirst ein herrlicher Mann werden und sie zu Gutem und Großem gebrauchen; sieh' nur, meine Finger sind roth geworden von ihrem Drucke. Ganz unnütz sind sie doch auch nicht. Schweres angefaßt haben sie freilich niemals; aber was sie pflegen, sagte der Großvater oft, das gedeiht, und er nannte sie ›glücklich‹. Sieh' nur die schönen Lilien und den Granatenstrauch in jenem Eckchen dort. Die Erde hat der Großvater mir vom Nil hierher getragen, den Samen schenkte mir Pentaur's Vater, und jedes Pflänzchen, das als grüner Trieb aus der Erdschicht hervorzuschauen wagte, das hab' ich so lange gehegt und gepflegt und mit Mühe begossen, denn in meinem Krüglein mußt' ich mir das Wasser holen, – bis er lebenskräftig war und mir mit Blumen dankte. Nimm diese Granate. Sie ist die erste, die mein Strauch mir getragen, und seltsam ist es doch; denn als sich die feste Knospe lang streckte und rundlicher ward und sich röthlich färbte, da hat die Großmutter gesagt: Nun wird Dein Herzchen wohl auch bald Knospen treiben und lieben. Jetzt weiß ich auch, was sie meint, und Dir gehören die beiden ersten Blumen, die rothe vom Strauche hier und die andere, die man nicht sieht, und die doch wohl noch feuriger glänzt.« Rameri drückte die Granatenblüte an seine Lippen und streckte seine Hand nach Uarda aus, aber sie wich zurück, denn durch eine Oeffnung des Zaunes schlüpfte eine Gestalt. Es war der kleine Scherau, den die alte Hekt zum Zwerge erzog. Sein hübsches Gesichtchen glühte vom schnellen Lauf und sein Athem flog. Eine Zeitlang rang er vergeblich nach Worten und schaute dabei ängstlich auf den Prinzen. Uarda sah ihm an, daß ihn etwas Ungewöhnliches bewege, redete ihm freundlich zu und sagte, als er sie allein zu sprechen begehrte, Rameri sei ihr bester Freund, vor dem er sich nicht zu scheuen brauche. »Aber es betrifft ja nicht Dich und mich,« erwiederte der Kleine, »sondern den guten heiligen Vater Pentaur, der so freundlich gegen mich war und der Dir das Leben gerettet.« »Ich bin Pentaur wohl gesinnt,« sagte der Prinz. »Nicht wahr, Uarda, er darf getrost vor mir reden?« »Ich darf?« fragte Scherau. »Das ist gut. Ich habe mich ja fortgeschlichen. Hekt kann jeden Augenblick wieder kommen und wenn sie merkt, daß ich mich davon gemacht, so bekomm' ich Schläge und nichts zu essen.« »Wer ist denn diese schändliche Hekt?« fragte der Prinz entrüstet. »Das kann Dir Uarda nachher erzählen,« eilte der Kleine. »Jetzt hört nur. Sie hatte mich auf meinem Brett in die Höhle gelegt und mit dem Sacke bedeckt, da kam erst Nemu und dann ein anderer Mann, den sie ›Haushofmeister‹ nannte. Mit dem sprach sie Manches. Erst hört' ich nicht hin, dann aber verstand ich den Namen Pentaur, machte mir den Kopf frei und verstand nun Alles. Der Haushofmeister sagte, der gute Pentaur sei böse und stünde ihm im Wege, und erzählte, der Oberpriester Ameni wollte ihn in die Steinbrüche von Chennu schicken, aber diese Strafe wäre viel zu gering! Da rieth ihm Hekt, er möge heimlich dem Schiffsführer gebieten, ihn an Chennu vorbei und nach Aethiopien zu führen, in die schrecklichen Bergwerke, von denen sie mir oft erzählt hat, denn ihr Vater und ihre Brüder sind dort zu Tode gequält worden.« »Keiner kehrte wieder von dort,« rief der Prinz, »aber weiter!« »Ja, was nun kam, das konnte ich nur halb verstehen, aber von einem Tranke sprach sie, der wahnsinnig macht. O was ich Alles sehe und höre! Gern läg' ich mein Lebenlang auf dem Brett, aber das Alles ist gar zu gräßlich; ich wollte, daß ich todt wäre!« Der Kleine begann bitterlich zu weinen. Uarda, deren Wangen sich entfärbt hatten, streichelte ihn liebreich; Rameri aber rief: »Das ist furchtbar und unerhört! Wer war der Haushofmeister? Verstandest Du nicht seinen Namen? Nimm Dich zusammen, Bursche, und hör' auf zu weinen! Es handelt sich um eines Menschen Leben! Wer war der Schurke? Nannte sie ihn nicht? Besinne Dich!« Scherau biß sich auf die rothen Lippen und rang nach Fassung. Seine Thränen versiegten und plötzlich rief er, indem er in die Brustöffnung seines durchlöcherten Röckchens griff: »Warte, vielleicht erkennt ihr ihn wieder; ich hab' ihn gemacht!« »Was hast Du?« fragte der Prinz. »Gemacht hab' ich ihn,« wiederholte der kleine Künstler und zog behutsam eine in ein Läppchen eingeschlagene Masse hervor. »Ich konnte seinen Kopf gerade ganz scharf von der Seite sehen, so lange er sprach, und mein Thon lag neben mir. Ich muß immer formen, wenn das Herz mir bewegt ist, und dießmal machte ich schnell sein Gesicht und weil mir das Bild gelungen schien, so steckt' ich es zu mir, um es, wenn Hekt fortgehen würde, dem Meister zu zeigen!« Die Portraits aus den Denkmälern, namentlich die in Basrelief behandelten Profilköpfe, sind außerordentlich scharf und charakteristisch modellirt. Die Umrißzeichnungen in einem unvollendeten Saale des Grabes Seti I. zu Biban el Muluk erregen heute noch die lebhafte Bewunderung unserer Künstler. Eine schöne Sammlung von charakteristischen Portraitköpfen der Pharaonen findet sich in Lepsius' Denkmälern aus Aegypten und Aethiopien. Der Kleine hatte, während er diese Worte sprach, mit zitternden Fingern den Lappen von dem Modell entfernt und reichte es Uarda. »Ani!« rief der Prinz. »Er ist's und kein Anderer! Wer konnte das denken! Was will er von Pentaur? Was that ihm der Priester?« Einen Augenblick sann er nach, dann schlug er sich mit der Hand vor die Stirn und rief heftig: »Ich Narr, ich Kind! So ist's, so ist's! Ich weiß Alles! Ani hat um die Hand Bent-Anat's geworben und sie – ja nun erst seit ich Dich liebe, Uarda, seh' ich, was in ihr vorgeht! Fort mit dem Truge! Ich will nicht mehr lügen. Ich bin kein Edelknabe Bent-Anat's, ich bin ihr Bruder und des König Ramses eigener Sohn. Schlag' nicht die Hand vor Dein Angesicht, Uarda, denn hätte ich auch nicht das Kleinod Deiner Mutter gesehen und wär' ich kein Prinz, sondern Horus selbst, der Sohn der Isis, ich müßte Dich lieben und ließe Dich nicht. Aber jetzt gibt es Anderes zu thun als mit Dir zu tändeln. Jetzt werd' ich Dir zeigen, daß ich ein Mann bin, jetzt gilt es, Pentaur zu retten. Leb' wohl, Uarda, und denke an mich!« Er wollte von dannen eilen, Scherau aber hielt ihn am Kleide zurück und sprach schüchtern: »Du sagst, Du wärest ein Sohn des Ramses. Auch von dem hat die alte Hekt mit ihm geredet. Sie verglich ihn mit unserem mausernden Sperber.« »Bald wird er die Fänge des Königsadlers verspüren,« rief der Prinz. »Noch einmal leb' wohl!« Er reichte Uarda die Hand, sie drückte ihre Lippen heiß auf dieselbe, er aber entzog sie ihr, küßte ihre Stirn und eilte davon. Sprachlos und bleich schaute das Mädchen ihm nach. Sie sah, wie er an einem Manne vorüber eilte, und erkannte in dem Letztern ihren Vater. Schnell ging sie ihm entgegen. Der Soldat kam, um Abschied von ihr zu nehmen; er hatte Gefangene fortzuführen. »Nach Chennu?« fragte Uarda. »Nein, nach Norden,« entgegnete der Rothbart. Nun erzählte ihm seine Tochter, was sie vernommen, und fragte, ob er dem Priester, der ihr das Leben gerettet, helfen könne. »Hätt' ich Geld, hätt' ich Geld!« murmelte der Soldat nachdenklich. »Das haben wir!« rief Uarda, erzählte ihm von Nebsecht's Schenkung und sagte: »Führe mich über den Nil und in zwei Stunden hast Du, was einen Menschen reich macht. Es sei bemerkt, daß die Frauen in Aegypten dispositionsfähig über ihr Vermögen waren. Siehe z. B. den VII. gr. Papyrus im Louvre. Es schließen in demselben die Tochter des Schuldners und der Sohn des Gläubigers einen Vergleich. Beide gehören denselben Kreisen an wie Uarda, denn Arsiesis ist der Sohn eines Kolchyten von Theben. und Asklepias, genannt Senimuthis, die Frau (oder Dienerin) eines Leichenbestatters in der gleichen Stadt. Aber nein, ich kann ja die kranke Großmutter nicht verlassen! Nimm Du selbst den Ring und denke, daß sie Pentaur strafen, weil er uns zu beschützen wagte.« »Das bedenke ich,« sagte der Soldat. »Ich habe nur ein Leben, aber das will ich gern daran setzen, um seines zu retten. Anschläge ersinnen kann ich nicht, aber etwas weiß ich und wenn mir das glückt, so braucht er nicht in die Goldbergwerke. Hier stell' ich die Weinflasche her, gib mir einen Schluck Wasser, denn ich brauche in den nächsten Stunden einen nüchternen Kopf.« »Da hast Du das Wasser, und einen Schluck Wein gieße ich doch darunter! Kommst Du wieder und bringst mir Nachricht?« »Das wird nicht angehen, denn um Mitternacht brechen wir auf; aber wenn Dir Jemand den Ring zurückbringt, so ist das, was ich vorhabe, gelungen.« Uarda ging in die Hütte, ihr Vater folgte ihr, nahm Abschied von seiner kranken Mutter und seiner Tochter und sagte, als sie in's Freie traten: »Ihr habt zu leben von den Geschenken der Prinzessin bis zu meiner Heimkehr und ich brauche nur die Hälfte von der Gabe des Arztes. Aber wo ist Deine Granatenblüte?« »Ich habe sie gepflückt und an einem lieben Orte aufbewahrt.« »Seltsame Weiber!« murmelte der bärtige Mann, küßte behutsam die Stirn seines Kinder und kehrte zum Nil zurück, woher er gekommen. Der Prinz war unterdessen fortgeeilt und erkundigte sich im Hafen der Nekropole, – denn von dort aus pflegten die Schiffe mit den Gefangenen in nächtlicher Stunde abzufahren, – wo das für Chennu bestimmte Fahrzeug vor Anker liege. Dann ließ er sich über den Nil setzen und eilte zu Bent-Anat. Er fand sie und Nefert in ungewöhnlicher Erregung, denn der treue Ceremonienmeister hatte durch Freunde des Königs in Ani's Umgebung erfahren, daß der Statthalter alle nach Syrien bestimmten Briefe und unter ihnen auch die der Königskinder in Theben zurückgehalten habe. Ein dem Ramses ergebener Kammerherr theilte sodann, durch den Ceremonienmeister ermuthigt, Bent-Anat Anderes mit, was an den ehrgeizigen Plänen ihres Oheims kaum zu zweifeln gestattete. Sie wurde auch gebeten, sich vor Nefert zu hüten, deren Mutter des Statthalters vertraute Rathgeberin sei. Bent-Anat lächelte über diese Warnung und schickte in derselben Stunde einen Boten an Ani, um ihm mitzutheilen, daß sie bereit sei, die Pilgerfahrt zur Smaragden-Hathor zu unternehmen und sich in ihrem Heiligthume reinigen zu lassen. Sie gedachte, von dort aus Boten an ihren Vater zu schicken und ihm, wenn er es gestattete, in's Feldlager zu folgen. Diesen Plan theilte sie ihrer Freundin mit und Nefert hielt jeden Weg für den besten, der sie ihrem Gatten entgegenführte. Rameri wurde schnell in Alles eingeweiht; er berichtete dagegen, was er erfahren, und ließ Bent-Anat ahnen, daß er das Geheimniß ihres Herzens durchschaue. So würdig, so ernst war die Haltung und Rede des sonst so übermüthigen Tollkopfs, daß Bent-Anat bei sich dachte, die Gefahr seines Hauses habe plötzlich den Knaben zum Manne gereift. Auch hatte sie nichts gegen seine Anordnungen einzuwenden. Er selbst wollte mit einem einzigen treuen Diener nach Sonnenuntergang mit schnellen Rossen nach Keft fahren, und von dort eilig durch die Wüste zum Schilfmeere reiten, um daselbst ein phönizisches Schiff zu miethen und nach Aila zu segeln. Von dort aus wollte er die Felsenberge der Sinaihalbinsel überschreiten und in Eilmärschen dem ägyptischen Heere und seinem Vater zustreben, um ihn von Ani's verbrecherischem Treiben in Kenntniß zu setzen. Bent-Anat wurde die Aufgabe ertheilt, mit Hülfe des getreuen Ceremonienmeisters Pentaur zu retten. An Geld fehlte es nicht, denn auch der Schatzmeister war ihr ergeben. Es kam darauf an, den Schiffsführer zu bestimmen, in Chennu zu landen. Des Dichters Loos war dort im schlimmsten Fall ein erträgliches. Zu gleicher Zeit sollte ein treuer Bote mit einem Schreiben an den Gouverneur von Chennu abgesandt werden, welches diesem Letztern im Namen des Königs Ramses befahl, jedes die Stromenge von Chennu bei Nacht passirende Schiff anzuhalten und zu verhindern, daß die zur Arbeit in den Sandsteinbrüchen seiner Stadt verurteilten Gefangenen nach Aethiopien geschleppt würden. Rameri nahm Abschied von den Frauen und es gelang ihm, Theben unbemerkt zu verlassen. Bent-Anat lag betend vor den Bildern ihrer osirischen Mutter, der Hathor und der Schutzgötter ihres Hauses, bis der Ceremonienmeister heimkehrte und ihr mittheilte, der Schiffsführer sei von ihm bestimmt worden, in Chennu zu landen und Ani zu verschweigen, daß sein Anschlag verrathen sei. Tief athmete die Königstochter auf, denn sie hatte den Entschluß gefaßt, wenn des treuen Dieners Sendung fehlschlage, in die Nekropole zu fahren, die Abfahrt des Schiffes zu verbieten und im äußersten Falle das Volk im Namen ihres Vaters gegen Ani aufzurufen. Am folgenden Morgen ließ Frau Katuti die Prinzessin um Erlaubniß bitten, ihre Tochter sprechen zu dürfen. Bent-Anat zeigte sich nicht der Wittwe, deren Versuch, ihr Kind von der Reise mit der Königstochter abzuhalten und in ihr Haus zurückzuführen, scheiterte. Empört und unruhig eilte die gekränkte Mutter zu Ani und bat ihn, Nefert mit Gewalt zurückzuhalten; der Statthalter wünschte jedoch jedes Aufsehen zu vermeiden und Bent-Anat mit dem Gefühle der vollsten Sicherheit abreisen zu lassen. »Sei unbesorgt,« sagte er, »ich gebe den Frauen eine treue Schaar mit, die sie bei der Smaragden-Hathor zurückhalten wird, bis sich Alles entschieden hat. Dann magst Du Nefert dem rauhen Paaker zuführen, wenn er Dir noch als Schwiegersohn genehm sein sollte, nach Manchem, was ich in Erfahrung brachte. Was mich betrifft, so bewege ich am Ende meine stolze Nichte doch noch, statt niederwärts, aufwärts zu schauen. Ich werde ihre zweite Liebe sein, aber sie ist ja auch nicht meine erste!« Am folgenden Tage brachen die Frauen auf. Ani verabschiedete sich von ihnen mit freundlicher, kühl erwiederter Förmlichkeit. Die Priesterschaft des Amontempels von Theben und an ihrer Spitze der alte Bek en Chunsu gaben ihnen das Geleit an den Hafen. Das Volk am Ufer rief Bent-Anat's Namen und viele Segenswünsche, aber auch viele höhnische Worte ließen sich vernehmen. Dem Nilschiff der Pilgerinnen folgten zwei andere voller Soldaten, welche die Frauen »zu ihrem Schutze« begleiten sollten. Der Südwind schwellte die Segel und führte das Fahrzeug schnell stromabwärts. Die Prinzessin schaute bald hinüber zu dem Palaste ihrer Väter, bald hin zu den Gräbern und Tempeln der Nekropole. Endlich verschwanden auch die Kolosse des Amenophis und die letzten Häuser von Theben. Schmerzlich seufzte die starke Jungfrau und Thränen rollten über ihre Wangen. Ihr war als flöhe sie aus einer verlorenen Schlacht, aber doch nicht muthlos, sondern hoffend auf künftige Siege. Als sie sich wandte, um das Kajütenhaus aufzusuchen, trat ihr ein verschleiertes Mädchen entgegen, nahm die Hülle von ihrem Angesicht und sagte: »Verzeih' mir, Prinzessin, ich bin die Uarda, die Du überfahren hast und gegen die Du so gütig gewesen. Meine Großmutter ist gestorben und ich bin nun ganz allein. Mit Deinen Dienerinnen schlich ich mich zu Dir, denn ich will Dir folgen und Alles thun, was Du befiehlst. Nur weise mich nicht von Dir!« »Bleibe, liebes Kind,« sagte die Prinzessin und legte die Hand auf ihr Haar. Ueberrascht von ihrem wunderbaren Liebreiz, dachte sie an ihren Bruder und seinen Wunsch, Uarda's glänzende Flechten mit einer Rose zu schmücken. Viertes Kapitel. Zwei Monate waren seit der Abfahrt Bent-Anat's von Theben und der Gefangennahme Pentaur's vergangen. Ant-Baba hieß das Thal im westlichen Theile der Sinaihalbinsel, Ueber die Sinaihalbinsel, ihre Geschichte und die heiligen Stätten auf ihr habe ich eingehend gehandelt in meinem 1872 erschienenen Werke »Durch Gosen zum Sinai, aus dem Wanderbuche und der Bibliothek, Leipzig, W. Engelmann«. Die Szenerie der hier geschilderten Ereignisse habe ich der Wirklichkeit so genau als möglich nachzuzeichnen versucht. Wer diese wunderbare Gebirgseinöde durchwandert hat, kann sie nie vergessen. Das heute noch »Baba« genannte Thal hieß in der Pharaonenzeit ebenso. in welchem ein langer Zug von Lastthieren und Menschen dahinzog. Es war Winter, und dennoch versandte die Mittagssonne glühende, von nackten Felsen abprallende Strahlen. Dem Zuge voran schritt eine Abtheilung libyscher Soldaten und eine andere beschloß ihn. Jeder Mann war mit einem Dolch und Schlachtbeile, mit Schild und Lanze bewaffnet und bereit, seine Wehr zu brauchen, denn Diejenigen, welche die Krieger zu geleiten hatten, waren Gefangene aus den Mafkatgruben, die zum Strande des Schilfmeeres geführt worden waren, Bei der heute Abu Zelimeh genannten Bucht beim Kap gleichen Namens scheinen die alten, von den Minen zum Meere führenden Straßen gemündet zu haben. um die Ausbeute der Minen dorthin zu bringen und als Rückfracht aus Aegypten angekommene Vorräthe in Empfang zu nehmen und in die Magazine des Bergwerks zu führen. Gebückt und keuchend schritten sie einher. Jeder Gefangene trug eine um seine Knöchel geschmiedete kupferne Kette und zerrissene Lumpen schlangen sich als einzige Kleidung um die Hüften dieser Unglücklichen, welche keuchend unter der Last der Säcke, die sie zu tragen hatten, stieren Blickes auf den Weg schauten. Wenn Einer oder der Andere zusammenzusinken drohte, so ermunterte ihn die Geißel der den Zug umschwärmenden Reiter. Manchem fiel wohl die Wahl nicht leicht, der Müdigkeit oder den Hieben zu erliegen. Niemand, weder die Gefangenen noch ihre Hüter, sprach ein Wort und selbst die Geschlagenen schrieen nicht, denn wie ausgetrocknet waren ihre Stimmwerkzeuge und im Herzen ihrer Treiber gedieh ebenso wenig eine Regung des Mitleids, als ein grünes Kräutlein aus den Felsen am Wege. Wie ein Gespensterzug bewegte sich diese traurige Schaar vorwärts, wahrnehmbar für das Ohr nur dann, wenn ein leises Stöhnen sich der Brust eines Gequälten entrang. Der sandige Weg tönte nicht, wenn ihn des Wanderers nackter Fuß betrat, die Berge weigerten sich Schatten zu spenden, das Licht ward zur Plage, unbeseelt und doch feindlich dem Lebenden schien Alles weit und breit. Kein Wurm, keine Pflanze zeigte sich auf den öden, grauen und braunen Gebilden ringsum und kein sich aufschwingender Vogel lud die Bedrückten ein, den Blick zu erheben. In der Mittagszeit des vergangenen Tages waren sie mit ihrer Ladung von der Hafenbucht aufgebrochen. Zwei Stunden lang hatten sie sich an dem Ufer des in hellem Blaugrün schimmernden Schilfmeers Das rothe Meer (hebräisch und koptisch »das Schilfmeer«) hat eine herrliche blaugrüne Farbe. Nach den Alten ward es entweder nach seinen rothen Ufern oder den es umwohnenden Erythräern, das sind »die Rothen«, also benannt. Auf einer frühen Inschrift heißt es Atur set Descher, d. i. das Gewässer des rothen Landes. S. Ebers, Durch Gosen \&c. S. 518, Anm. 37. gehalten, hatten einen Felsvorsprung überschritten und dann eine schmale Ebene durchmessen. Am Eingang der zu den Bergwerken führenden Schlucht ward Nachtruhe gehalten. Die Führer und Soldaten entzündeten Feuer, schaarten sich um dieselben und legten sich im Schutze einer Felsenbucht zum Schlafe nieder. Die Gefangenen streckten sich inmitten des Thales auf dem Boden aus, unbedeckt und von Frost durchschauert, als plötzlich die bittere Kälte der Nacht dem glühenden Tage gefolgt war. Die Erstarrenden begrüßten nun das erdrückende Elend der Tagesarbeit als Erlösung, wie sie wenige Stunden vorher die nächtliche Ruhe herbeigesehnt hatten. Linsenbrei und hartes Brod zur Genüge, aber spärliches Wasser wurde vor dem Aufbruche gereicht, dann ging es fort durch die sich nach und nach erhitzende Schlucht und durch Felsenkessel, von denen einer sich an den andern reihte. Bei jedem schien es, als nähme hier der Pfad sein Ende, aber überall fand sich ein Ausweg, bei dem er sich fortsetzte, ununterbrochen wie die Qual der Gefangenen. Mächtige Felsenwände boten das Ansehen, als wären sie aus behauenen, eckigen Quadern schichtenweise aufgethürmt, und einer unter den Grubenarbeitern, aber nur Einer, hatte Augen für diese seltsamen Gebilde der mannigfaltig gefügten Natur. Dieses Einen Schultern waren stärker, als die seiner Genossen, und nur wenig drückte ihn seine Last. »In dieser Einöde, die den Menschen verbietet, ihr Leben zu fristen, und sie von sich abwehrt,« dachte er bei sich, »haben die Chnemu, S. Anmerkung 57 . die Werkleute, welche die Erde erbauten, sich die Mühe gespart, die Fugen zu füllen und die Formen zu runden. Wie kommt es nur, daß man dieses grausame Land, in dem auch die Menschenherzen mitleidlos zu erstarren scheinen, der gütigen Hathor S. Anmerkung 4 . Die an beiden Minenstätten auf der Sinaihalbinsel Wadi Maghara und Sarbut el Chadem erhaltenen Denkmäler lehren, daß hier die Hathor vor allen anderen Göttern verehrt ward. weihte? Vielleicht weil es der Gaben der freundlichen Herrin der Liebe und Freude am meisten bedarf!« »In der Reihe geblieben, Huni!« herrschte ihn einer der Treiber an. Der also Angeredete näherte sich seinem Nebenmanne, dem keuchenden Arzte Nebsecht. Wir kennen den starken Gefangenen. Es ist Pentaur, der in den Listen der Grubenarbeiter unter dem Namen Huni verzeichnet war und also gerufen wurde. Der Zug bewegte sich weiter. Immer schroffer wurde das Gefels. Große Haufen von rothen und schwarzen Steinstücken, klein als hätten sie menschliche Hände zerschlagen, lagen an dem nur unmerklich ansteigenden Wege. Ein neuer Gebirgskessel öffnete sich und dießmal fand sich kein Ausgang. »Die Last der Esel erleichtern!« rief der Führer der Schaar den Gefangenen zu. Dann wandte er sich an die Soldaten und befahl ihnen, nachdem sie die Grauthiere abgeladen hatten, die Leute schwerer zu belasten. Mit dem Aufgebot aller Kräfte arbeiteten sich die überbürdeten Menschen den steilen, kaum wahrnehmbaren Gebirgspfad Heute Naqb el Buddrah. Der englische Major Macdonald, welcher in den abgebauten Minen Türkise brechen ließ und erst vor einigen Jahren verstorben ist, sorgte für die Erneuerung des alten Saumpfades. hinan. Pentaur's Vordermann, ein hagerer Greis, sank in der Mitte des Berges mit seiner Last zusammen und ein Treiber, der auf dem schmalen Passe nicht an den Trägern vorbei konnte, warf ihn mit Steinen, um ihn zu einem neuen Aufgebot seiner Kräfte zu zwingen. Der Alte schrie jammernd auf und Pentaur dachte an den unter Schlägen zusammenbrechenden Paraschiten, seinen Kampf gegen die Menge und an Bent-Anat. Mitleid und das Gefühl der eigenen, gesunden Kraft erfüllte seine Seele. Schnell entschlossen nahm er die Säcke von der Schulter des Greises, warf sie auf die seinen, half dem Zusammengesunkenen auf und die Thiere und Menschen gelangten glücklich über den Berg. Das Blut hämmerte in Pentaur's Schläfen, sein Athem flog und Schauder erfaßte ihn, als er von der Höhe des Passes abwärts schaute zu dem Bergkessel unter ihm und zu den ihn umgebenden Zacken und Zinken, Klippen und Höhen, in weiß und grau, schwefligem Gelb, blutigem Roth und traurigem Schwarz. Er dachte an den heiligen See der Muth in Theben, Eine stimmungsvolle Darstellung desselben von Karl Werner findet sich unter seinen bei Seitz zu Wandsbeck in Farbendruck erschienenen Nilbildern. um welchen Hunderte von Bildsäulen der löwenköpfigen Göttin aus schwarzem Basalt auf ihren Postamenten saßen, und die dieß Thal umgebenden Klippen nahmen ähnliche Formen an, die sich zu bewegen und die Rachen zu öffnen schienen. Durch das wilde Sausen vor seinen Ohren glaubte er ihr Gebrüll zu vernehmen und die auch für seine Kraft überschwere Doppellast gab ihm die Empfindung, als preßten sich ihre Hände um seine Brust. Dennoch gelangte er zum Ziele. Die anderen Gefangenen warfen die Säcke von den Schultern und rasteten. Mechanisch that er das Gleiche. Sein Blut begann sich zu beruhigen, die Trugbilder schwanden, seine Augen sahen, seine Ohren hörten wieder und sein Hirn gewann die alte Denkkraft zurück. Der Greis und der Arzt Nebsecht ruhten neben ihm. Der Erstere streichelte die hochaufgeschwollenen Adern seines Halses und rief den Segen aller Götter auf ihn hernieder; der Führer der Schaar schnitt aber dem Greise das Wort ab und rief, an dem Rastenden vorüberschreitend: »Du hast Kräfte für Drei, Huni, wir werden Dich fernerhin schwerer belasten.« »Wie liebreich doch Deine freundlichen Götter fromme Segenswünsche zu erhören und eine gute That zu belohnen verstehen!« sagte der Arzt Nebsecht. »Ich bin belohnt genug,« erwiederte Pentaur und schaute den Alten freundlich an, »aber Du, ewiger Spötter, bist sehr blaß; wie fühlst Du Dich?« »Als wär' ich einer der Esel dort,« gab der Forscher zurück. »Meine Kniee zittern wie ihre und ich denke und wünsche nichts mehr und nichts weniger als sie, das heißt: ich wollte, wir lägen im Stalle.« »Wenn Du nur denkst,« lächelte Pentaur, »dann steht es nicht übel mit Dir.« »Einen weisen Gedanken hatte ich sogar, während Du vorhin in die Luft hinausstiertest. Die Intelligenz sei ein leuchtender Hauch des ewigen Weltengeistes und unsere Seele sei die Form des Materienstückes, das man Mensch nennt, lehren die Priester. Ich suchte den Geist erst im Herzen, dann im Gehirn; nun aber weiß ich, daß er in den Armen und Beinen steckt, denn seitdem ich die übermüden muß, ist es aus mit dem Denken. Ich bin zu faul, um mich auf weitere Beweise einzulassen, aber ich werde künftig meine Beine mit größerer Achtung behandeln.« »Zankt ihr Beiden wieder? Auf, ihr Leute!« rief der Treiber. Die müden Unglücklichen erhoben sich langsam, die Thiere wurden neu beladen und fort schwankte die beklagenswerthe Schaar, um, als die Sonne unterging, bei den Bergwerken anzulangen. Das Ziel der Wanderung des Gefangenenzuges war ein von zwei hohen und felsigen Bergabhängen eingeschlossenes, breites Thal; Ta Mafka nannten es die Aegypter, Dophka Num. 33, 13. Ebers, Durch Gosen \&c. S. 140. die Hebräer. Seine südlichere Höhenwand bestand ans dunklem Granit, seine nördlichere, in der sich die Türkisminen befanden, aus rothem Sandstein. In einem entfernten Querthale Von Palmer und Wilson entdeckt, und zwar im Wadi Umm Themaim. Wir weisen gern auf das interessante Werk von M. A. Palmer, The desert of the Exodus etc. Cambridge 1871 . lagen die Erzgruben, in denen Kupfer anstand. In der Mitte des Thales erhob sich ein von einer Mauer umgebener Hügel mit kleinen Steinhäusern für die Wachtmannschaften, Offiziere und Aufseher. Nach der alten Vorschrift sollten sie unbedeckt sein, weil aber in Folge der Nachtfröste viele Erkrankungen und Todesfälle unter den Arbeitern eingetreten waren, hatte man sie mit Palmenzweigen ans der unfernen Amalekiter-Oase spärlich geschützt. Auf der äußersten, dem Winde am meisten ausgesetzten Spitze des Hügels befanden sich die Schmelzöfen und stand die Fabrik; in der man grüne Glasflüsse verfertigte, die unter dem Namen Mafkat, das ist Smaragd, in den Handel kamen. Der echte Edelstein dieses Namens wurde an der Westküste des Schilfmeeres weiter nach Süden hin gefunden und in Aegypten hoch geschätzt. Unsere Freunde gehörten schon länger als einen Monat zu der Knappschaft des Mafkatthales und Pentaur wußte noch immer nicht, wie er statt in die Sandsteinbrüche von Chennu hieher und mit Nebsecht zusammengekommen war. Daß Uarda's Vater diesen Tausch veranlaßt hatte, war unzweifelhaft und der Dichter glaubte dem rauhen aber braven Soldaten, der sich auch jetzt noch in seiner Nähe befand, die besten Absichten zutrauen zu dürfen, obgleich er sich ihm nur ein einziges Mal seit ihrem Ausbruch von Theben genähert hatte. Gleich in der ersten Nacht war der Paraschitensohn zu ihm herangetreten und hatte ihm zugeflüstert: »Ich sorge für Dich! Du wirst den Arzt Nebsecht hier wiederfinden. Begegnet einander feindlich, wenn ihr nicht wollt, daß man euch trenne.« Pentaur hatte seinem Freunde den Rath des Soldaten mitgetheilt und der Arzt befolgte ihn in seiner Weise. Es gewährte ihm eine geheime Lust, zu sehen, wie das Leben Pentaur's Glauben an eine gerechte und gütige Lenkung des menschlichen Geschickes Lügen strafte, und je Schwereres ihm und dem Dichter aufgelegt wurde, mit je bitterer, oft bis zur Ausgelassenheit gesteigerter Ironie griff der friedliche Forscher den Letztern an. Er liebte Pentaur, denn dieser bewahrte in seiner Seele die Schlüssel, welche Einlaß in eine seinem eigenen Wesen verschlossene, schönere Welt gewährten, und doch wurde es ihm leicht, wenn er sich beobachtet sah, seine Rolle zu spielen und den Dichter mit Worten zu überschütten, welche die Treiber für sinnlos hielten und sie durch die seltsame Form, in der sie über seine stammelnden Lippen polterten, zum Lachen reizten. »Geprügelte Hülle des göttlichen Selbstbewußtseins«, »Auf's Maul geschlagener Gerechtigkeitssachwalter,« »Taschenspieler, der diese Welt, die die schlechteste ist unter den möglichen, auf den Kopf stellt, als wär' sie die beste,« »Bewunderer der schönen Farbe seiner blauen Flecke«. Solche und ähnliche nur ihm selbst und dem Geschmähten verständliche Schimpfworte konnte er in immer neuen Kombinationen ausstoßen und reizte dadurch Pentaur zu treffenden, für den Uneingeweihten dunklen und nicht selten witzigen Entgegnungen. Oftmals ging ihr sich Anschmähen in förmliche Disputationen über, welche den doppelten Nutzen gewährten, daß ihr an ernstes Denken gewöhnter Geist unter der ihre Hand mörderisch nach ihm ausstreckenden Last der Zwangsarbeit Bewegung fand, und endlich auch, daß man sie wirklich für Feinde hielt. Beide schliefen in demselben Hofe und wußten einander dort dann und wann heimlich zu sprechen; bei Tage arbeitete Nebsecht in den Türkisgruben, Pentaur aber in den Erzminen. Für den schwächern Arzt war die behutsame Ausmeißelung des Edelsteins aus seinem Felsenlager, für Pentaur's Riesenkraft das Losschlagen von hartem Gestein die angemessenere Beschäftigung. Die Treiber staunten oft den gewaltigen Jüngling an, wenn er mit der Hacke wild auf das Gestein losschlug. Welche mächtigen Bilder sich in solchen Momenten der wüthenden Arbeit vor die Seele des Dichters stellten, welche furchtbaren und bestrickenden Töne sein inneres Ohr vernahm, das ahnte Niemand. Gewöhnlich zeigte ihm seine erregte Einbildungskraft Bent-Anat's Gestalt und ein sie umringendes Heer, und dieses glaubte er zu Boden zu strecken, Mann für Mann, wenn er auf die Felsen einschlug. Oft warf er mitten in solcher Arbeit die Hacke fort, breitete seine Arme aus, aber nur um tief aufzustöhnen und die triefende Stirn mit der Hand zu wischen. Die Aufseher wußten nicht, wofür sie diesen starken Jüngling halten sollten, der oft freundlich war wie ein Kind, und den doch wohl jener Dämon in Besitz zu nehmen begann, dem so viele der Zwangsarbeiter anheimfielen. Das schreckliche Schicksal der ägyptischen Grubenarbeiter wird ausführlich geschildert in einer berühmten Stelle des Agatharchides von Knidos, welche sich bei Diodor III. 12, 13 und 14 findet. Hier werden freilich nicht die erwähnten Minen, sondern die äthiopischen Goldbergwerke gemeint, von denen wir schon mehrmals geredet haben und die von Linant-Pascha und Bonomi 1832 und 33 zwischen dem Nil und rothen Meere wieder aufgefunden worden sind. Die Goldlager in den Quarzfelsen des Bischarigebiets sind gegenwärtig gänzlich erschöpft. Er selbst war sich ein Räthsel geworden, denn woher kam seit jener Nacht vor dem Hause des Paraschiten dem im Frieden des Setihauses erzogenen Gärtnerssohn dieß immerwährende Verlangen nach Kampf und Streit? Die müden Schaaren hatten sich zur Ruhe begeben; vor dem Hause des Obersten der Bergwerke brannte aber noch ein helles Feuer und um dieses hockten, im Kreise gelagert, die Aufseher und Unterbefehlshaber der Soldaten. »Stellt jetzt die Becher fort,« sagte der Oberst, »denn es gilt ernsten Rath zu halten. Gestern habe ich auf Befehl des Statthalters die Hälfte der Wachtmannschaften nach Pelusium schicken müssen. Er braucht Soldaten; wir aber sind so schwach an Zahl geworden, daß, wenn die Sträflinge es wüßten, sie selbst ohne Waffen mit uns fertig werden könnten. Steine gibt es genug hier unten und bei Tage haben sie Meißel und Hämmer. Am schlimmsten sieht es aus bei den Hebräern in der Kupfergrube. Das ist aufsäßiges Volk, das ihr kurz halten müßt. Ihr kennt mich; Furcht ist mir fremd, aber eine Sorge tritt an mich heran. Hier in diesem Feuer brennen die letzten Kohlen und die Schmelzöfen und Glasgießereien dürfen nicht stille stehen. Morgen noch müssen Leute nach Raphidim Die Oase am Fuße des Choreb, bei welcher die ausziehenden Juden unter Josua's Führung die Amalekiter besiegten, während Aaron und Hur die Arme des betenden Mose stützten. Exod. 17, 8 ff. ausgesandt werden, um Kohlen von den Amalekitern zu fordern. Sie schulden noch hundert Ladungen. Die Beduinen auf der Sinaihalbinsel brennen heute noch viele Kohlen aus dem Holze des Sejâlbaumes ( Acacia tortilis Hayne ) und bringen sie nach Kairo auf den Markt. Belastet die Gefangenen mit einigem Kupfer, um sie müde und die Oasenbewohner gefügig zu machen. – Was thun wir, um zu erlangen, was wir brauchen, und doch die Mannschaften hier nicht zu sehr zu schwächen?« Es ward hin und her berathen und endlich festgestellt, daß eine ganz kleine Abtheilung, von wenigen Soldaten geführt, täglich ausmarschiren sollte, um immer von heute auf morgen den Bedarf an Kohlen zu decken. Die Gefährlichsten, wurde gerathen, sollten, zwei und zwei zusammengeschmiedet, den Trägerdienst verrichten. Der Oberst gab zu bedenken, daß zwei aneinandergefesselte Starke furchtbar werden könnten, wenn sie einträchtig handelten. »So verbinde man einen Starken mit einem Schwachen,« sagte der Führer des Rechnungswesens der Minen, den man den Schreiber der Metalle nannte. »Schmiedet auch womöglich Solche zusammen, die einander feindlich gesinnt sind.« »Den baumstarken Huni zum Beispiel mit dem schimpfenden Sperling, dem stammelnden Nebsecht,« rief ein Unterbefehlshaber. »An dieselben dachte ich auch,« lachte der Schreiber. Noch drei andere Paare wurden, erst heiter, dann mit wachsendem Ernste ausgewählt, und endlich zu den Treibern auch Uarda's Vater gesellt. Am folgenden Morgen schmiedete man Nebsecht und Pentaur mit einer kupfernen Kette zusammen und als die Sonne in der Mittagshöhe stand, brachen vier Paare Gefangener, mit schweren Kupferbarren beladen, auf, um, von sechs Soldaten und dem Paraschitensohne geleitet, aus der Amalekiter-Oase Brennmaterial für die Schmelzöfen zu holen. Bei der Stätte Alus Numeri 33, 13 und 14. hielten sie Rast, dann zogen sie weiter zwischen kahlen, immer höher anzeigenden graugrünen und braunen Porphyrwänden hin. Von Zeit zu Zeit sahen sie, die niederen Berge hoch überragend, die zackige Spitze eines Riesen des Gebirges, aber gebückt unter der Last des Kupfers, welches sie trugen, achteten sie seiner nur wenig. Die Sonne neigte sich zum Untergang, als sie bei dem kleinen Heiligthum der Smaragden-Hathor vorbeikamen. Einige graue und schwarze Vögel flogen ihnen hier zwitschernd entgegen und Pentaur schaute erfreut zu ihnen auf. Wie lange hatte er ihren Anblick und den Ton ihrer Stimme entbehrt! Nebsecht aber sagte. »Dort sind Vögel, wir müssen uns dem Wasser nähern!« Da stand schon die erste Palme! Nun ließ sich das Murmeln eines Baches vernehmen und dieser leise Klang berührte die Seele der Wüstenwanderer wie Regen das verdorrende Gras. Zur Linken des Wassers lagerte in weitem Bogen eine Abtheilung ägyptischer Soldaten und umschloß so drei große Zelte aus kostbaren, blau und roth gestreiften und mit Gold durchwirkten Stoffen. Von den Bewohnern dieser Zelte war nichts zu sehen; als aber die Gefangenen an ihnen vorüber geschritten waren und ihre Treiber die Wachtposten begrüßt hatten, trat ihnen ein Mädchen in dem langen Gewand einer Aegypterin entgegen und schaute sie an. Pentaur schrak zurück, als wäre ein Geist ihm begegnet; Nebsecht aber ließ einen lauten Ruf der Ueberraschung vernehmen. In demselben Augenblicke schwang ein Treiber seine Geißel über die Schultern der Beiden und lachend rief er: »Mit den Mäulern mögt ihr euch herumschlagen so viel ihr wollt, aber nicht mit den Händen!« Dann wandte er sich an einen seiner Genossen und fragte. »Hast Du das schöne Fräulein vor dem Zelte gesehen?« »Hilft uns nichts!« antwortete der also Angeredete, »die gehört zum Hofstaat der Prinzessin, die schon seit drei Wochen die Smaragden-Hathor besucht.« »Schwere Unthaten muß sie begangen haben,« gab der Andere zurück. »Wäre sie unseresgleichen, so würde sie bei den Gruben Sand schaufeln oder Farben zerstoßen müssen und nicht hier im goldenen Zelte wohnen. Wo ist der Rothbart?« Uarda's Vater war ein wenig hinter dem Zuge zurückgeblieben, denn das Mädchen hatte ihm gewinkt und einige Worte mit ihm gewechselt. »Hast Du auch noch Augen für die Frauenzimmer?« fragte ihn, als er sich wieder zu dem Zuge gesellte, der jüngste unter den Treibern. »Sie ist eine Zofe der Prinzessin,« entgegnete nicht ohne Verlegenheit der Soldat. »Wir sollen ihr morgen einen Brief an den Schreiber der Metalle mitnehmen und dafür wollte sie uns, wenn wir in der Nähe der Zelte lagern würden, Wein schicken.« »Seht den alten Rothbart!« rief der jüngere Treiber. »Er wittert den Wein wie der Fuchs die Gänse. Laßt uns hier rasten! Man weiß ohnehin nie, wie man mit den Mentu dran ist, und der Oberst hat befohlen, wir sollten außerhalb der Oase lagern. – Die Säcke herunter, Leute! Hier gibt es frisches Wasser, und einige Datteln und süßes Man »Man« nennen heute die Beduinen der Sinaihalbinsel die süße Ausschwitzung der in den Wadis ihrer Heimat wachsenden Tamariske, tamarix mannifera . Im Mai pflegt die Ausschwitzung zu erfolgen. Sie läßt sich aber aufbewahren und ist wohl mit Recht für das Manna der Bibel gehalten worden. auf's Brod fällt für euch vielleicht auch mit ab. Aber daß ihr Frieden haltet, ihr Kampfwachteln Huni und Nebsecht!« Bent-Anat's Reise zur Smaragden-Hathor war lang gewesen. Bis nach Keft S. Band III S. 42 . war sie mit ihren Begleitern auf dem Nil gefahren; von dort hatte sie in kleinen Tagesmärschen die Wüste durchzogen und in der größtenteils von Phöniziern bewohnten Hafenstadt am Schilfmeere eine volle Woche auf das Schiff warten müssen, welches sie endlich nach dem Schifferdorfe Pharan führte. Von dort aus zogen sie durch das Gebirge zu der Oase, an deren nördlichem Eingange sich das Heiligthum der Smaragden-Hathor befand. Die alten Priester, welche dem Dienste der Göttin vorstanden, hatten die Tochter des Ramses ehrerbietig empfangen und unternahmen es Tag für Tag mit Hülfe des klaren und kühlen Wassers des Gebirgsbachs, der die Palmen der Amalekiter tränkte, von Räucherungen, frommen Sprüchen und hundert Ceremonien ihr die Reinheit zurückzugeben. Endlich zeigte sich die Göttin befriedigt und Bent-Anat wollte nun nach Norden zu ihrem Vater aufbrechen, aber der Befehlshaber der sie begleitenden Truppe, ein ergrauter äthiopischer Feldhauptmann, dessen Söhne Ani zu hohen Graden befördert hatte, erklärte dem Ceremonienmeister, er habe Befehl, die Prinzessin so lange in der Oase zurückzuhalten, bis der Statthalter ihr aufzubrechen gestatten würde. Nun hoffte Bent-Anat auf den Beistand ihres Vaters, der täglich, wenn ihrem Bruder Rameri kein Unfall zugestoßen war, eintreffen konnte. Aber vergebens. Die Lage der Frauen war höchst peinlich, denn sie fühlten, daß man sie in einen Hinterhalt gelockt habe und daß sie gefangen wären. Dazu kam, daß die sie begleitenden Aethiopier sich gegen die Oasenbewohner vergangen hatten und es täglich unter ihren Augen zu Streitigkeiten kam, die in den letzten Tagen einen blutigen Ausgang genommen hatten. Bent-Anat's Seele war krank. Die beiden mächtigen Flügel, die ihr gewachsen, um sie hoch aufzuschwingen über all' ihre Schwestern, ihr fürstlicher Stolz und ihre freudige Klarheit schienen ihr wie gebrochen, und sie fühlte, daß sie einmal geliebt hatte, um nie mehr zu lieben, und daß sie, die in Träumen Nichts und in der Wirklichkeit Alles gesucht hatte, den besten Theil ihres Ich an ein Traumbild verschenke. Lebendig und dabei immer größere und reinere Formen gewinnend, stand Pentaur's Bild vor ihrer Seele; er selbst war für sie gestorben, denn nur einmal war ein Brief aus Aegypten zu ihr gekommen und diesen hatte Frau Katuti an Nefert gerichtet, um ihr mitzutheilen, daß neue Nachrichten bestätigten, ihr Gatte habe eine gefangene Fürstentochter als Beuteantheil in sein Zelt genommen. Ferner enthielt das Schreiben der Wittwe die Nachricht, der zu den Zwangsarbeiten verurtheilte Dichter Pentaur sei nicht bis zu den Bergwerken gelangt, sondern, wie man wohl annehmen dürfe, unterwegs gestorben. Nefert hielt auch dießmal an dem Glauben, daß ihr Gatte ihr Treue und Liebe bewahre, unerschütterlich fest und der Zauber ihrer von einer großen und reinen Leidenschaft vollkommen beherrschten und darum harmonischen Natur bewährte sich in diesen bangen und schweren Tagen. Es schien, als habe sie mit Bent-Anat die Rollen getauscht. Immer hoffnungsvoll verhieß sie von einem Tage zum andern, es werde Hülfe vom Könige nahen. Dabei glaubte sie gern, daß, wenn Mena von Rameri erführe, daß sie bei Bent-Anat sei, er wohl selber kommen würde, um sie zu holen, wenn sein Dienst es gestatte. In den Stunden der lebhafteren Erwartung konnte sie so weit gehen, sich auszumalen, wie die Bewohner des Zeltes zu vertheilen wären und wer Bent-Anat Gesellschaft leisten würde, wenn Mena sie mit sich in sein Lager nähme, an welcher Stelle der Oase dieses letztere am besten aufzuschlagen wäre und Aehnliches mehr. Uarda konnte wohl bei Bent-Anat ihre Stelle vertreten, denn das Mädchen hatte sich schön auf der Reise entwickelt. Sie trug die stattlichen Gewänder, welche Bent-Anat ihr gab, als hätte sie niemals andere getragen, sie wußte bescheiden zu hören, sich zu rechter Zeit zu entfernen, und wurde sie gefragt, reizend zu plaudern. Ihr Lachen war silberrein und nichts war Bent-Anat so tröstlich als dieses. Auch ihrem Gesange lauschten die Freundinnen gern, obgleich die wenigen Lieder, welche das Mädchen kannte, ernst und schwermüthig waren. Sie hatte sie der alten Hekt abgelauscht, die manchmal im Dunkeln auf einer Laute spielte und die, als sie wahrnahm, daß Uarda ihre Melodieen erfaßte, sie auf Fehler hinwies und mit Rath unterstützte. »Sie kommt doch einmal in meine Hand,« dachte die Hexe, »und je besser sie singen kann, je theurer wird sie bezahlt.« Auch Bent-Anat versuchte sich an Uarda als Lehrerin, aber das Lesenlernen ward der jungen Schülerin sauer, so große Mühe sie sich auch gab. Dennoch ließ die Prinzessin die Buchstabirende nicht los, denn die Unthätigkeit, zu der sie zu Füßen des ungeheuren heiligen Berges, zu dessen Gipfeln sie oft mit Schauer und Sehnsucht hinaufschaute, verdammt war, bedrückte sie um so schwerer, je mehr gerade hier in ihr vorging, was sie aus sich heraus zu arbeiten wünschte. Uarda kannte die Ursache des Grams ihrer Herrin und sie liebte sie um seinetwillen wie eine Heilige. Oftmals erzählte sie von Pentaur und seinem Vater, was sie wußte, und immer so, daß die Prinzessin nicht ahnte, sie habe Kunde von ihrer Liebe. Als die Gefangenen an Bent-Anat's Zelte vorübergeführt wurden, saß sie mit Nefert in seinem Innern und sprach, wie gewöhnlich in der Dämmerstunde, von ihrem Vater, seinem Rosselenker Mena, Rameri und Pentaur. »Er lebt noch,« sagte Nefert, »die Mutter schrieb ja, man wüßte nicht sicher, wo er verblieben sei. Wenn er entkam, so sucht er gewiß das Lager des Königs zu erreichen, und wenn wir erst dort sind, so findest Du ihn bei Deinem Vater.« Die Prinzessin schaute bekümmert zu Boden. Nefert blickte sie liebreich an und fragte: »Denkst Du an den Unterschied des Standes, der Dich von Deinem Erwählten trennt?« »Wem ich meine Hand reiche,« erwiederte Bent-Anat sicher, »den mache ich zum Fürsten, aber könnt' ich Pentaur auch zum Herrscher über die Welt erheben, so würde er dennoch mehr sein und besser als ich.« »Aber Dein Vater?« fragte Nefert bescheiden. »Er ist mein Freund und hört und versteht mich. Alles soll er erfahren, wenn ich bei ihm bin; ich kenne sein väterliches und königliches Herz.« Lange schwiegen Beide; dann sagte Bent-Anat: »Bitte, lasse Licht bringen, ich möchte meine Weberei beenden.« Die Gattin des Mena erhob sich, trat vor die Thüre des Zeltes und begegnete hier Uarda, die ihre Hand erfaßte und sie schweigend in's Freie zog. »Was hast Du, Mädchen, Du zitterst?« rief Nefert. »Mein Vater ist hier,« entgegnete Uarda schnell. »Er bewacht Gefangene aus den Mafkatgruben. Unter ihnen sind zwei zusammengeschmiedete Männer, und Einer von diesen, Du sollst nicht erschrecken, Einer von diesen ist der Dichter Pentaur. Bleibe um der Götter willen, bleib' und höre mich weiter. Schon zweimal hab' ich meinen Vater gesehen und mit ihm gesprochen, als er mit anderen Zwangsarbeitern hieher kam. Heute muß Pentaur befreit werden, aber Bent-Anat darf noch nichts wissen, denn wenn mein Plan mißglückt . . .« »Kind, Mädchen!« unterbrach sie Nefert mit Lebhaftigkeit. »Wie kann ich Dir helfen?« »Befiehl dem Hausmeister, den Treibern der Gefangenen im Namen der Prinzessin einen Schlauch voll Wein zu bringen und nimm aus Bent-Anat's Reiseapotheke das Fläschchen, welches den Trank gegen die Schlaflosigkeit enthält, den sie trotz Deiner Bitten nicht benutzen wollte. Ich warte hier draußen und werde ihn brauchen.« Nefert fand den Hausmeister sogleich und befahl ihm, Uarda mit einem Schlauch voll Wein zu folgen. Dann ging sie zur Prinzessin zurück und öffnete die Reiseapotheke. Eine solche, und zwar aus weit älterer Zeit als die des Ramses, wird im berliner Museum konservirt. »Was bedarfst Du?« fragte Bent-Anat. »Ein Mittel gegen Herzklopfen,« erwiederte Nefert, steckte heimlich das verlangte Fläschchen zu sich und wenige Minuten später befand es sich in Uarda's Hand. Das Mädchen bat den Hausmeister, den Schlauch zu öffnen und sie den Wein kosten zu lassen. Während sie zu trinken schien, goß sie den Schlaftrunk in den Rebensaft und ließ dann das Geschenk Bent-Anat's den durstigen Treibern überbringen. Sie selbst näherte sich dem Küchenzelte und fand vor demselben einen jungen Amalekiter mit den Dienern der Prinzessin am Boden sitzend. Er sprang auf, sobald er das Mädchen bemerkte und sagte: »Heute bring' ich vier schöne Rebhühner, An der Gebel Katherîn genannten Spitze des Sinais der Mönche entspringt ein Wässerchen, welches ma'yan esch schunnàr oder Rebhuhnquelle heißt und von dem mehrere Sagen erzählt werden. Gott soll es z. B. für die Rebhühner erweckt haben, welche den Engeln gefolgt waren, die den Körper der heiligen Katharina von Alexandria nach dem Sinai brachten. die ich selbst erlegte, und für Dich diesen Türkis, den mein Bruder an einem Felsen gefunden. Die Serbal-Türkise sind schöner und halten besser Farbe als die von Wadi Maghara. Der Stein bringt Glück und ist gut für die Augen, verschafft Sieg über die Feinde und vertreibt böse Träume.« Diese Eigenschaften werden heute von den Arabern dem Türkise zugeschrieben. »Ich danke Dir,« sagte Uarda und faßte, während sie den himmelblauen Stein in Empfang nahm, die Hand des Burschen, um ihn mit sich fort in das Dunkel zu ziehen. »Höre, Salich!« sagte sie leise, sobald sie sich weit genug von den Anderen entfernt zu haben glaubte, »Du bist ein braver Junge und die Dienerinnen haben mir erzählt, Du hättest gesagt, ich wäre ein Stern, Die Bewohner der Sinaihalbinsel waren in ältester Zeit sabäischen Kulten, d. h. dem Dienste der Gestirne ergeben. Dieß lehren besonders die von Beer entzifferten nabathäischen Inschriften, deren älteste Schreiber sich »Diener«, »Fürchtende« oder »Priester« der »Sonne«, »des Mondes«, »des Baal« \&c. nennen. Der Sonnengott hieß Dusare. Die ältesten unter diesen Inschriften gehören erst in das zweite Jahrhundert vor Chr. der sich vom Himmel herniedergelassen, um ein Weib zu werden. Das sagt man nur von Jemand, den man gern hat, und daß Du freundlich an mich denkst, das zeigst Du mir täglich durch die Blumen, die Du mir bringst, wenn Du das Wild, das Dein Vater erlegt, dem Hausmeister ablieferst. Sage nun, willst Du mir und zugleich der Prinzessin einen großen Dienst leisten? Ja? und gern? Ja? Das wußt' ich! Nun höre. Ein Freund der hohen Frau Bent-Anat, der heute Nacht hieher kommen wird, muß einen, vielleicht mehrere Tage vor seinen Verfolgern versteckt werden. Wird er, oder werden sie, denn es sind vielleicht ihrer zwei, in dem Hause Deines Vaters, das hoch oben am heiligen Berge liegen soll, Aufnahme und Schutz finden können?« »Wen ich meinem Vater bringe,« sagte der Jüngling, »der ist ihm willkommen und wir vertheidigen erst unsere Gäste und dann uns selbst. Wo sind die Fremden?« »Sie werden in einigen Stunden kommen. Willst Du hier warten, bis der Mond hoch steht?« »Bis der letzte von all' den tausend Monden, die hinter dem Berge verschwinden, untergeht.« »Gut denn, harre jenseits des Baches und führe Diejenigen in Dein Haus, die Dir dreimal meinen Namen nennen. Du weißt, wie ich heiße?« »Ich nenne Dich den Silberstern, aber sie rufen Dich Uarda.« »Du führst die Fremden in Deine Hütte und wenn sie dort von Deinem Vater aufgenommen worden sind, so kommst Du zurück und theilst es mir mit. Ich wache hier an der Thüre des Zeltes. Leider bin ich arm und kann Dich nicht belohnen, aber Deinem Vater wird die Prinzessin fürstlich zu danken wissen. Sei wachsam, Salich!« Das Mädchen verschwand und begab sich zu den Treibern der Gefangenen, wünschte ihnen flüchtig vergnügte Stunden und eilte dann zu Bent-Anat zurück, die ihr besorglich das volle Haar streichelte und sie fragte, warum sie so bleich sei. »Lege Dich nieder,« sagte die Prinzessin freundlich, »Du fieberst. Sieh' nur, Nefert, man erkennt den Lauf des Blutes in den blauen Adern an ihrer Stirn!« Indessen zechten die Treiber, priesen den königlichen Wein und den glücklichen Tag, und als Uarda's Vater vorschlug, auch die Gefangenen ein Schlückchen kosten zu lassen, rief einer seiner Genossen: »Nur zu, das arme Vieh will sich auch einmal freuen.« Der Rothbart füllte einen großen Becher und reichte ihn zuerst einem mit seinem Angeber zusammengeschmiedeten Fälscher, dann näherte er sich Pentaur und flüsterte ihm zu: »Trink nicht und bleibe wach!« Als er sich auch dem Arzte, um ihn zu warnen, zuwenden wollte, kam ihm einer seiner Genossen zuvor und rief, indem er Nebsecht seinen Becher reichte. »Da, Rohrdommel, trink Eins! Seht nur, wie er zieht! Jetzt ist ihm das stotternde Maul behende genug!« Fünftes Kapitel. In froher Laune verging den Zechern eine Stunde, dann wurden sie müde und müder. Noch stand der Mond nicht hoch, als sie alle schliefen, mit Ausnahme des Rothbarts und Pentaur's. Vorsichtig erhob sich der Erstere, belauschte die Athemzüge seiner Genossen, näherte sich dann dem Dichter, schloß die Ringe auf, durch welche die zusammengeschmiedete Kette um seine und Nebsecht's Knöchel befestigt waren, und versuchte den Arzt zu wecken, aber vergebens. »Folge mir,« rief er dem Dichter zu, nahm Nebsecht auf die Schulter und näherte sich der ihm von Uarda bezeichneten Stelle des Baches. Dreimal rief er den Namen seiner Tochter, der junge Amalekiter zeigte sich und dringend sagte der Soldat: »Folge diesem. Für Nebsecht werde ich sorgen.« »Den lasse ich nicht!« sagte Pentaur entschieden. »Vielleicht erweckt ihn das Wasser.« Sie badeten den Arzt, welcher halb erwachte und von seinen Begleitern bald gestützt, bald getragen, auf den rauhen Felsenpfaden schwankend und strauchelnd mit ihnen vor Mitternacht zu dem Ziele der Wanderung, der Hütte des Amalekiters, gelangte. Der alte Jäger schlief bereits, aber sein Sohn weckte ihn und theilte ihm mit, was Uarda ihm gesagt und verheißen. Es hätte keiner Versprechung bedurft, um den braven Bergbewohner zur Gastlichkeit zu ermuntern. Mit treuherziger Freundlichkeit empfing er den Dichter, legte den fest entschlafenen Arzt auf eine Matte nieder, bereitete Pentaur ein Lager aus Laub und Thierfellen, rief seine Tochter herbei, ließ ihm die Füße waschen und reichte ihm, als er die Lumpen sah, die seinen Leib bedeckten, sein eigenes Feierkleid. Pentaur streckte sich aus auf dieser schlichten Ruhestätte, die ihm weicher erschien als das seidene Bett einer Königin, und auf dem er doch keinen Schlaf fand. Zu mächtig und sinnverwirrend waren die wechselnden Empfindungen, welche sein Herz erfüllten. Noch standen die Sterne am Himmel, als er von seinen Fellen aufsprang, den Arzt darauf niederlegte und in's Freie eilte. Neben dem Hause des Jägers sprudelte ein frischer Bergquell. Er ging ihm entgegen und tauchte sein Antlitz in das eiskalte Naß und ließ seinen Leib von ihm überströmen und wieder überströmen. Ihm war, als müßt' er sich säubern bis in die Seele hinein, nicht nur von dem Staube langer Wochen, sondern auch von Groll und Verzagtheit, von Schmach und Bitterkeit, von der Berührung mit dem Laster und der Gemeinheit. Als er endlich aufstand von der Quelle und in die Hütte zurückkehrte, fühlte er sich so rein wie an einem Feiertagsmorgen im Setihause, wenn er gebadet und frische Gewänder von schneeigem Linnen angethan hatte. Er griff nach dem Feierkleide des Jägers, zog es an und trat dann wieder hinaus in's Freie. Wie schwarze Gewitterwolken sah er vor sich ungeheure Felsenmassen und über diesen blaute der Himmel mit tausend Sternen. Das Wonnegefühl der Freiheit und Reinheit erhob seine Seele, und die Luft, die er athmete, war so frisch und leicht, daß er, wie von Flügeln oder unsichtbaren Händen getragen, den steilen Pfad zu der dunklen Masse der Bergspitze entgegenstieg. Ein Steinbock, dem er begegnete, wich ihm aus und erkletterte fliehend mit seinem Weibchen eine steile Felswand; er aber rief den Thieren zu: »Ich thue euch nichts, ich nicht.« Als er bei einer kleinen Ebene am Fuße der vielfach zerklüfteten granitenen Spitze des Berges angelangt war, blieb er stehen. Wiederum hörte er einen Quell neben sich murmeln, das Gras, auf welches sein Fuß trat, war feucht und mit einer zarten schimmernden Eisschicht bedeckt, in der sich die Sterne spiegelten, die mälig und mälig verblaßten. Er schaute auf zu den nimmer ruhenden und ewig stillstehenden Lichtern am Himmel, hin zu der Spitze des Berges, in die Tiefe und fern in die Weite. Langsam lichtete sich das Dunkel, die mit der Nacht verschwimmende Masse des Berges trat deutlich hervor mit ihrer schimmernden Spitze, die leichte Wolken wie der Rauch eines Feuers umwogten. Aus der Oase und den anderen Thälern zu seinen Füßen stiegen weißliche Dünste empor, schwer und massig und dann sich zertheilend und in leichtem Spiele aufschwebend zu ihm und zum Himmel. Tief unter ihm wiegte sich ein mächtiger Adler, das einzige beseelte Wesen weit und breit. Feierliches, lautloses Schweigen umgab ihn rings, und als der Adler sich niederließ und seinen Blicken entschwand und die Nebel sich tiefer senkten, da sagte er sich, daß er hier allein hoch über allem Geschaffenen stehe und nahe der Gottheit. Tiefere Athemzüge hoben und senkten seine Brust, es war ihm zu Muthe wie in der seiner Weihung folgenden Stunde, in der er zum ersten Mal in das Allerheiligste geführt worden war, und doch ganz anders. Statt des schweren Weihrauchduftes zog er leichte und reine Lüfte ein und mächtiger als dort der priesterliche Gesang griff ihm hier das tiefe Schweigen des Hochgebirges in die Seele. Es war ihm, als müsse hier die Gottheit seiner Lippen leisestes Stammeln vernehmen, und doch war sein Herz so übervoll von Dank und Andacht, daß es ihn antrieb, in lautem Gesange dem mächtigen Drange seiner Empfindungen Ausdruck zu geben. Aber sein Mund verstummte und schweigend kniete er nieder, um zu beten und zu danken. Andachtsvoll schaute er sich um im Kreise. Wo war hier der Osten, den in Aegypten ein langer Höhenzug sicher bezeichnete? Dort drüben, wo jetzt über der Oase der Himmel sich lichtete. Zu seiner Rechten lag der Süden, die heilige Heimat des Nils und der Kataraktengötter; aber hier wogte kein Strom, und wo war hier eine Stätte für die sichtbare Wirksamkeit des Osiris und der Isis, des im Papyrusdickicht aus einer Lotosblume erwachsenden Horus oder der Segensgöttinnen Rennut und Zefa? Zu wem von ihnen konnte er hier die Hände erheben? Ein leiser Luftzug erhob sich, die Nebel schwanden hin wie ruhelose Schatten vor dem Wort des Beschwörers, in scharfen Umrissen zeigte sich ihm die vielzackige Krone des heiligen Sinaiberges und unter ihm traten die Windungen der Thäler und die dunkelfarbige, leise bewegte Fläche des Meeres immer deutlicher hervor. Alles still, alles unberührt von der Hand des Menschen und doch zu einem großen, herrlichen Ganzen gefügt, doch allen Gesetzen des Alls unterworfen, doch voll von der Gottheit. Zu dem Führer der Wege Apheru wollte er seine Hände dankend erheben; aber er vermochte es nicht und unendlich klein erschienen ihm die Götter, die er oft vor dem Volke mit begeisterten Worten gepriesen hatte, und die doch nur am Nil einen Sinn, eine Heimat, ein Herrschaftsgebiet besaßen. »Zu euch,« murmelte er, »bete ich nicht! Hier, wo mein Blick wie der eines Gottes die Ferne umfaßt, hier fühl' ich den Einen, hier ist er mir nah, hier ruf' ich ihn an, hier will ich ihm danken!« Und nochmals erhob er die Arme und betete laut: »Du Einer, Du Einer, Du Einer!« Er sagte nichts weiter, aber ein hohes Lied des Dankens und Rühmens erfüllte seine Brust, während er diese Worte sprach. Als er sich endlich erhob, stand neben ihm ein Mann von hohem Wuchs mit gewaltigen Augen und würdevoll wie ein König, trotz seines schlichten Hirtengewandes. »Wohl Dir,« sagte der Fremde mit tiefer, langsamer Stimme. »Du suchest den wahren Gott.«. Pentaur schaute dem bärtigen Manne prüfend in's Antlitz. Dann sagte er: »Ich erkenne Dich jetzt; Du bist Mesu . Ein Knabe war ich, als Du das Setihaus verließest, aber Deine Züge prägten sich in meine Seele. Wie Dich, so weihte Ameni auch mich in die Lehre vom Einen.« »Er kennt ihn nicht,« entgegnete der Andere sinnend und schaute nach dem lichter erglänzenden Horizont des Ostens. Der Himmel färbte sich purpurn und die Spitze des mit einem Schleier von Eis umhüllten Granitberges begann zu funkeln und zu leuchten wie ein schwarzer Demantstein, der Sonnenstrahlen getrunken. Das Tagesgestirn ward sichtbar und Pentaur kehrte ihm sein Antlitz zu und betete nach seiner Gewohnheit. Als er sich wieder erhob, kniete auch Mesu am Boden, aber er kehrte der Sonne den Rücken. Nachdem er sein Gebet vollendet, fragte ihn Pentaur: »Warum wandtest Du Dich ab von des Sonnengottes Erscheinung? Es ward uns gelehrt, ihm entgegen zu schauen, wenn er naht.« »Weil ich,« gab sein ernster Gefährte zurück, »zu einem Andern bete wie ihr. Die Sonne und alle Sterne sind wie Spielbälle der Kinder in seiner Hand, die Erde ist seiner Füße Schemel, der Sturmwind sein Athem und das Meer ist vor seinen Augen wie der Tropfen an diesem Halme.« »Lehre mich den Großen kennen, zu dem Du betest!« rief Pentaur. »Suche ihn!« entgegnete der Andere, »und Du wirst ihn finden, denn aus Leid und Elend kommst Du, und an dieser Stätte, an einem Morgen wie diesem, ward er mir offenbar.« Der Fremde wandte sich ab und bald verbarg ihn ein Felsen dem sinnend in die Weite schauenden Dichter. Gedankenvoll schritt Pentaur zu Thale und näherte sich der Hütte des Jägers. Bald hemmte er den Fuß, denn er hörte menschliche Stimmen; aber Felsen verbargen seinen Blicken die nahende Schaar. Endlich erschienen der Sohn seines Gastfreundes, ein Mann in ägyptischer Tracht, eine Frau von hohem Wuchse, neben der ein Mädchen leicht daherschritt und eine andere, welche Sklaven in einer Sänfte trugen. Pentaur's Herz erbebte, denn er erkannte Bent-Anat und ihre Gefährtinnen. Sie verschwanden bei dem Hause des Jägers, er aber blieb, tief aufathmend, wie gebannt an der Felswand stehen, lange, lange und regte sich nicht. Er hörte nicht, daß sich ihm leichte Schritte nahten und daß sie sich entfernten, er fühlte nicht, daß die Sonne auf ihn und den Porphyr hinter ihm glühende Strahlen zu schleudern begann, er sah nicht das Weib, welches ihm nun entgegenschritt; aber wie ein Tauber, der plötzlich die Gabe des Gehörs zurückgewinnt, schrak er zusammen, als er seinen Namen nennen horte, nennen hörte von welchen Lippen! »Pentaur!« rief zum andern Male Bent-Anat, und der Dichter öffnete weit seine Arme und die Tochter des Königs sank an seine Brust und er zog sie an sich, als wollte er sie halten und nimmer lassen sein Lebenlang. Indessen rasteten die Begleiter der Prinzessin vor der Hütte des Jägers. »Sie eilte an seine Brust, ich hab' es gesehen,« sagte Uarda. »Nie werd' ich das vergessen! Es war als hätte das schimmernde Meer dort sich aufgerichtet und den heiligen Berg umarmt!« »Wo hast Du solche Gedanken her, Kind?« rief Nefert. »Aus dem Herzen, tief aus dem Herzen!« sagte Uarda. »Ich bin so namenlos glücklich!« »Du hast ihn gerettet und seine Gutthat vergolten, das muß Dich wohl freuen.« »Das ist's nicht allein!« sagte Uarda. »Schon wollt' ich verzagen; nun seh' ich doch wieder, daß die Götter gerecht sind und gut.« Die Gattin des Mena nickte ihr zu und seufzte: »Die Beiden sind glücklich.« »Und verdienen's zu sein,« rief das Mädchen. »Wie Bent-Anat denk' ich mir die Göttin der Wahrheit, und wie Pentaur ist kein anderer Mann in Aegypten.« Nefert schwieg eine Weile; dann fragte sie leise: »Hast Du Mena gesehen?« »Wie sollt' ich?« entgegnete Uarda. »Warte nur, auch eure Zeit wird kommen. Ich glaube, ich blicke heut in die Zukunft wie eine Prophetin! Aber laß uns nun schauen, ob der Arzt Nebsecht noch immer daliegt und schläft. Der Trank, den ich in den Schlauch goß, muß stark sein.« »Das ist er,« entgegnete Nefert und folgte dem Mädchen in die Hütte. Dort lag der Arzt noch immer auf seinem Lager und schlief mit weit geöffnetem Munde. Uarda kniete neben ihm nieder, schaute ihm in's Antlitz und sagte: »Er ist klug und weiß Alles, aber wie einfältig er jetzt aussieht! Ich werde ihn wecken.« Uebermüthig zog sie einen Grashalm aus der Streu und berührte damit seine Nase. Nebsecht erhob sich, nieste und schlief weiter, Uarda aber lachte mit ihrer Silberstimme hell auf. Dann erröthete sie und sagte: »Das war doch Unrecht. Er ist gut und großmüthig!« Bei diesen Worten ergriff sie die Hand des Schläfers, führte sie an ihre Lippen und wischte ihm den Schweiß von der Stirn. Da erwachte er, schlug die Augen auf und murmelte halb im Traum: »Uarda, liebe Uarda.« Das Mädchen wich zurück und entfloh. Nefert folgte ihr. Als Nebsecht wieder auf den Füßen stand und sich umschaute, fand er sich allein in der fremden Jägerhütte. Er trat in's Freie, wo er Bent-Anat's Gefolge antraf, das sich ängstlich über die geschehenen und zu erwartenden Dinge unterredete. Sechstes Kapitel. Die Oasenbewohner hatten sich schon vor Jahrhunderten den Pharaonen unterworfen und zahlten ihnen Tribute; dafür war ihnen zugestanden worden, daß kein ägyptischer Soldat ohne ihre Erlaubnis ihren Grund und Boden betreten dürfe. Die Aethiopier hatten denn auch außerhalb des Oasenortes Bent-Anat's Zelte und ihr eigenes Lager aufgeschlagen; bald aber kam es zu mancherlei Händeln zwischen den müßigen Kriegern und Amalekitern, die dann und wann einen blutigen Verlauf nahmen und ein ernsteres Ansehen gewannen, als eines Abends trunkene Soldaten einige Amalekiterinnen beim Wasserschöpfen überfielen. Heute am frühen Morgen war einer der Treiber erwacht, hatte Pentaur und Nebsecht vermißt und seine Kameraden, zu denen sich auch Uarda's Vater wiederum gesellt hatte, geweckt. Wüthend eilten die Wächter der Zwangsarbeiter zu dem Befehlshaber der Aethiopier und theilten ihm mit, zwei Gefangene wären entkommen und müßten von den Amalekitern verborgen gehalten werden. Diese Letzteren erwiederten die Aufforderung, die Flüchtlinge, von denen sie nichts wußten, herauszugeben, mit spöttischen Worten, die den Feldhauptmann so sehr erbitterten, daß er die Oase mit Gewalt zu durchsuchen beschloß und, nachdem man seinen Botschafter verhöhnt hatte, endlich mit der größeren Hälfte seiner Mannschaft in die Freistätte der Amalekiter vorrückte. Die Wüstensöhne waren zu den Waffen geeilt und wichen vor der geschlossenen Schaar der Aegypter zurück, die sie siegesgewiß bis zu der Stelle verfolgten, an der das Thal sich erweitert und einen Felshügel Der heutige Meharret-Hügel mit der Ruine der Kirche des Bisthums Pharan. umarmt. Hinter diesem verborgen stand die Hauptmacht der Amalekiter, welche, sobald die Aethiopier, nichts ahnend, an dem Hügel vorbeimarschirt waren, hervorstürzten und ihnen in den Rücken fielen, während ihre verfolgten Stammgenossen sich wandten und Lanzen und Pfeile auf die überraschten Soldaten warfen, von denen nur wenige entkamen. Unter diesen Letzteren befand sich der Feldhauptmann, der, leicht verwundet und schäumend vor Wuth, sich an die Spitze der zur Bewachung Bent-Anat's zurückgebliebenen Schaar stellte, auch den Treibern der Gefangenen ihm zu folgen befahl und von Neuem in die Oase vordrang. An ein Entweichen der Prinzessin dachte er nicht, diese aber hatte kaum den letzten ihrer Wächter verschwinden sehen, als sie dem Ceremonienmeister und ihren Begleitern erklärte, nun sei die Zeit zur Flucht gekommen. Die Leute der Königstochter waren ihr ganz ergeben, beluden sich mit den nothwendigsten Gegenständen für den täglichen Gebrauch, nahmen die Sänften und Lastthiere mit sich und während der Kampf in der Oase wüthete, führte sie der junge Salich die Höhe des Sinai hinan und dem Hause seines Vaters entgegen. Unterwegs bereitete Uarda die Prinzessin auf die Begegnung vor, die ihrer bei dem Jäger wartete, und wir wissen, wie Bent-Anat den Dichter fand. Hand in Hand wandelten die Beiden auf dem Bergpfade hin, bis zu einem schattigen Felsenvorsprunge. Pentaur belegte diesen mit Moos, sie ließen sich zusammen auf ihm nieder und eröffneten einander ihr Herz und erzählten sich die Geschichte ihrer Liebe und ihres Leidens, ihrer Wanderungen und Errettung. Als um Mittag die Tochter des Jägers mit einem Kruge voll Ziegenmilch vorüberkam und ihnen denselben bot, füllte Bent-Anat die Kürbisschale mehrmals für den geliebten Mann, und als sie ihn so bediente, erfüllte sich ihr Herz mit Stolz und seines mit dem demüthigen Wunsche, sein Blut und Leben für sie hingeben zu dürfen. Bisher hatten sie um der Vergangenheit und Gegenwart willen an die Zukunft nicht denken mögen und während sie einander hundertmal wiederholten, was sie längst wußten und doch nimmer genug hören konnten, die unmittelbare Gefahr vergessen, in der sie schwebten. Nach dem schlichten Mahle sänftigte sich der seit seinem Morgengebete hochgehende Wogendrang in der Seele des Dichters und während er bis dahin zu fliegen gemeint hatte, fühlte er nun wieder den Fuß auf der Erde und prüfte sinnend mit Bent-Anat, was ihnen in der nächsten Zukunft zu unternehmen obliege. In ernstem, einer Berathung gleichendem Gespräch, zu dem der Glücksschimmer, welcher aus ihren Augen strahlte, nur wenig paßte, stiegen sie Hand in Hand zu der Hütte ihres Gastfreundes hernieder. Der Jäger kam ihnen, von seiner Tochter geführt, auf halbem Wege entgegen und zwar in Begleitung eines stattlichen Mannes in vollem Waffenschmucke des Häuptlings der die Oase bewohnenden Amalekiter. Beide neigten sich und küßten den Boden vor Bent-Anat und Pentaur. Sie hatten erfahren, daß die Prinzessin von den äthiopischen Truppen mit Gewalt in der Oase zurückgehalten worden sei, und der Wüstenfürst Abocharabos Dieser Name ist echt, denn nach Procop schenkte der Sarazenenhäuptling Abocharabos den Palmenhain mitten auf der Sinaihalbinsel dem Justinian. Die Manuskripte haben Abocharagos; dieß wird aber, gewiß mit Recht, von Tuch in Abocharabos verändert. erzählte nun, nachdem er Pentaur, den er für einen Sohn des Königs hielt, und Bent-Anat versichert hatte, er und die Seinen wären dem Pharao Ramses, der ihre Rechte stets geachtet habe, treu ergeben, nicht ohne Stolz, daß die Aethiopier bis aus wenige von ihm gefangen gehaltene Leute von seinen Kriegern aufgerieben worden wären. »Sie sind gewohnt,« sagte er, »gegen die schwarzen hündischen Memmen von Kusch zu kämpfen; wir aber sind Männer und wissen uns zu wehren wie die Löwen in unseren Thälern. Zwingt uns die Uebermacht, so bergen uns wie den Steinbock die felsigen Klüfte dieses Gebirges.« Bent-Anat, der der kecke Mann mit den blitzenden Augen und der Adlernase, dessen braune Wangen noch immer die blutigen Spuren eines Schwerthiebes zeigten, wohl gefiel, versprach ihm, ihn und die Seinen der Huld ihres Vaters anzuempfehlen und gab ihm den Wunsch zu erkennen, sich unter Pentaur's, des ihr bestimmten Gemahls, Führung so bald als möglich in das Lager des Königs zu begeben. Der Häuptling hatte, während sie sprach, Bent-Anat und Pentaur mit den Augen gemessen und sagte dann: »Du, Königstochter, gleichst dem Monde und Dein Gefährte dem Sonnengotte Dusare. Außer Abocharabos,« und er schlug seine Brust, »und seinem Weibe kenn' ich kein Paar wie euch Beide. Bis nach Hebron geleite ich euch selbst mit einigen von meinen besten Kriegern. Aber Eile thut Noth, denn ich muß zurück sein, ehe der verrätherische Mann, der jetzt über Mizraim gebietet, und der euch verfolgte, neue Truppen gegen uns aussendet. Zieht jetzt hinunter! Kein Huhn fehlt bei euren Zelten! Morgen, bevor es Tag wird, brechen wir auf.« Bei der Hütte des Jägers begrüßte Pentaur die Begleiter der Prinzessin. Der Ceremonienmeister schaute ihn nicht ohne Beängstigung an. Der König hatte ihm zwar bei seinem Aufbruche befohlen, Bent-Anat in allen Stücken, als wäre sie die Königin selbst, zu gehorchen; aber solche Wahl eines künftigen Gemahls war unerhört und wie mochte Ramses das Alles aufnehmen? Nefert freute sich an der vornehmen Gestalt des Dichters und versicherte häufig, daß er ihrem verstorbenen Oheim, dem Vater des Wegeführers Paaker, wie ein jüngerer Bruder gleiche. Uarda wurde nicht müde, ihn und die Prinzessin zu betrachten. Sie sah ihn nicht mehr für ein höheres Wesen an, aber das schöne Paar schien ihr wie eine verkörperte glückliche Vorbedeutung für Nefert's und vielleicht auch für ihre eigene Liebe. Der Arzt Nebsecht hielt sich in bescheidener Ferne. Der Kopfschmerz, der ihn lange geplagt hatte, war in der frischen Bergluft von ihm gewichen. Als Pentaur ihm die Hand reichte, sagte er: »Nun hat's ein Ende mit dem lustigen Schelten! Es ist doch ein seltsames Ding mit dem Lauf der Geschicke der Menschen. Von nun an zieh' ich immer im Streit mit Dir den Kürzeren, denn die Disharmonien in Deinem Leben hat der große Musikant, zu dem Du betest, wirklich recht artig aufgelöst.« »Es klingt ja fast, als thäte Dir das leid; aber auch für Dich wird sich Alles freundlich wenden.« »Kaum!« entgegnete der Arzt, »denn ich seh' es nun klar. Jeder Mensch ist ein Instrument für sich, aus gutem oder schlechtem Holz, geschickt oder ungeschickt, so oder so gestaltet, schon vor seiner Geburt in verborgener Werkstätte. Irgend Etwas, es ist gleich wie wir's nennen, spielt an ihm herum, und je nachdem das Instrument gemacht ist, klingt es dann gut oder übel. Du bist eine Aeolsharfe; erfreulich tönt es, wenn der Hauch des Schicksals Dich berührt, ich aber bin eine Wetterfahne und suche immer richtig zu zeigen, woher der Wind weht, aber dabei knarr' ich, daß mir und den Andern die Ohren dabei weh' thun. Ich bin schon zufrieden, wenn es einmal diesem oder jenem Schiffer gelingen sollte, nach meiner Weisung die Segel richtig zu stellen. Aber auch das ist mir im Grunde Eins! Unbeirrt will ich mich drehen, ob es die Anderen bemerken oder nicht, was thut's?«. – Als Pentaur und seine Geliebte mit ihrem Gefolge von dem reich beschenkten Jäger Abschied nahmen, ging die Sonne zur Rüste und die Zackenkrone des Sinai erglühte, als bestünde sie aus Rubinglas, hinter dem der Brand eines Erdtheils lodere. Am folgenden Morgen ward die Reise zum Lager des Königs angetreten. Abocharabos, der Amalekiterhäuptling, begleitete die Karawane, zu der auch Uarda's Vater gehörte, welcher von den Oasenbewohnern gefangen genommen und auf Bent-Anat's Bitte freigegeben worden war. Bei der ersten Raststätte wurde der Rothbart aufgefordert, zu erzählen, wie es ihm gelungen sei, Pentaur statt in die Steinbrüche von Chennu in die Bergwerke der Sinaihalbinsel zu bringen. »Ich wußte,« begann der Soldat in seiner schlichten Weise, »durch Uarda, wohin dieser Mann, der sein Leben für uns armes Volk eingesetzt hatte, gebracht werden sollte; und daß ich ihn retten müßte, sagte ich mir selbst. Aber das Denken ist nicht meine Sache und Anschläge konnte ich niemals ersinnen. Es würde auch nur zu irgend einer Gewaltthat, die vielleicht übel abgelaufen wäre, gekommen sein, wenn mich nicht ein Anderer auf Etwas gebracht hätte, noch ehe mir Uarda erzählt hatte, was Pentaur bedrohe. »Das war so gekommen. »Ich sollte die zur Arbeit in den Mafkatgruben Verurtheilten über den Nil zur Abfahrtsstelle in der Nekropole führen. Am Hafen drüben in Theben dürfen die armen Schelme ihren Angehörigen Lebewohl sagen. Hundertmal habe ich das mit angesehen, aber mich noch immer nicht daran gewöhnen können und man wird doch sonst gleichgültig gegen so Vieles! Der laute Jammer und das wilde Geheul sind nicht das Schlimmste; die Schreier, das hab' ich erfahren, finden sich zuerst in ihr Schicksal, aber die Blassen, denen die Lippen weiß werden und das Kinn zittert, als wenn sie frören, und deren trockene Augen starr in's Leere schauen, die hat es am tiefsten gefaßt. Auch damals gab es viel Elend, lautes und stilles. Am meisten leid that mir ein Mann, den ich schon lange kannte, Huni hieß er und gehörte zum Amonstempel, wo er den Pflegern der heiligen Widder des Gottes als Aufseher vorstand. Er war mir oft begegnet, als ich die Arbeiter bewachte, die die großen Säulenhallen zu vollenden haben, und er stand bei allen Leuten in Ehren und versah seinen Dienst untadelhaft. Einmal freilich ist er unachtsam gewesen; gerade in jener Nacht, ihr erinnert euch noch, als die Wölfe in den Tempel einbrachen und die Widder zerrissen und das heilige Herz in die Brust des Propheten Rui versetzt ward. Einer mußte da büßen und es traf den armen Huni, der seiner Fahrlässigkeit wegen zur Zwangsarbeit in den Mafkatgruben verurtheilt wurde. Seine Nachfolger werden nun aufpassen! Niemand war da, der Huni das Geleit gab, und ich wußte doch, daß er ein Weib habe und viele Kinder. Grau sah er aus wie dieß Tuch und war einer von Denen, denen der Gram das Herz abfrißt. Ich trat zu ihm heran und fragte ihn, warum die Seinen nicht kämen? Er hätte in seiner Wohnung Abschied genommen, antwortete er mir, denn die Kinder sollten ihn nicht sehen unter Fälschern und Mördern. Acht unversorgte Würmer blieben bei der Mutter zu Hause und vor Kurzem hatte ein Brand ihre Habe vernichtet. Keine Krume war da, um die schreienden Mäuler zu stopfen. Das erzählte er mir nicht so hin, nein, es fiel ihm ein Wort hinter dem andern aus dem Munde, wie Datteln aus einem zerrissenen Sacke; ich mußte mir jedes auflesen und als er sah, daß ich Theil an ihm nahm, da ward er grimmig und sagte: ›Mich könnten sie meinetwegen in die Goldminen schicken oder in Stücke hacken, aber daß die Kinder nun hungern sollen, das, das!‹ Dabei schlug er die Stirn und ich ging fort, um Uarda Lebewohl zu sagen, und auf dem Wege zu ihr wiederholte ich immer ›das, das‹ und sah den Mann vor mir und die acht Würmer. Wäre ich reich, dacht' ich, dem wollte ich helfen! Als ich nun zu der Kleinen komme, erzählt sie mir von dem vielen Gelde, das der Arzt Nebsecht dort ihr geschenkt habe, und bietet's mir an, um Pentaur zu retten. Da fährt es mir durch den Sinn: das bekommen die Kinder des Huni und er läßt sich dafür nach Aethiopien schleppen. Ich laufe zum Hafen, rede mit dem Manne, finde ihn gern bereit, gebe der Frau das Geld und in der Nacht bei der Einschiffung glückt mir auch die Vertauschung. Pentaur kam mit mir auf mein Schiff unter dem Namen des Andern und Huni fuhr nach Süden und ward Pentaur genannt. Ich hatte dem Manne nicht verschwiegen, daß er nicht nach Chennu, sondern in die Goldgruben komme, denn Keinen fällt es so sauer zu betrügen, als Diejenigen, die man am leichtesten betrügen könnte. Das ist seltsam! Eine Lust machen sie sich daraus, einen Schlaukopf oder einen Starken hinter's Licht zu führen, aber ein Kind oder einen Kranken, wer könnte wohl das? Huni freilich wäre nun auch in einen der Feuertöpfe der Hölle gestiegen, ohne zu klagen, und heitern Sinnes ging er von mir. Das Andere und wie wir hergelangt sind, wißt ihr ja selber. In Syrien werdet ihr in dieser Jahreszeit unter Regen leiden. Ich kenne das Land, denn ich habe von daher viele Kriegsgefangene nach Aegypten geleitet und fünf Jahre war ich dort mit der Schaar des großen Mohar, dem Vater des Wegeführers Paaker.« Bent-Anat dankte dem braven Manne und Pentaur und Nebsecht setzten seine Erzählung fort. »Während der Fahrt,« sagte der Arzt, »war ich besorgt um Pentaur, denn ich sah, wie er sich innerlich verzehrte; aber in der Wüste raffte er sich wieder auf, und wenn wir rasteten, flüsterte er mir oft schöne Lieder zu, die er auf dem Marsche gedichtet hatte.« »Seltsam,« rief Bent-Anat, »auch mir ist es wohler geworden in der Wüste.« »Sage doch das Verschen von der Beytherânpflanze Cantolina fragrantissima Forsk . ,« bat Nebsecht. »Kennst Du das Kraut?« fragte der Dichter die Prinzessin. »Es wächst hier an vielen Stellen. Da ist es! Rieche nur, wie es duftet, wenn man die fetten Stengel und die Blättchen reibt. Mein Verschen ist recht einfach; es fiel mir ein nach vielen anderen Liedern, von denen Du schon die besten kennst.« »Sie priesen alle dieselbe Göttin,« lächelte Nebsecht. »Aber Dein Verschen,« bat Bent-Anat. Der Dichter sprach leise: »Oft sah ich auf der Wüste staubiger Bahn In schlichtem Grün das Pflänzchen Beytheràn. Aus jedem Blatte, jeder Faser quillt Der süße Wohlgeruch, der es erfüllt. Wie kommt es, daß in unfruchtbarem Sand So süße Gaben dieses Pflänzlein fand, Und wie geschieht's, daß in der Wüste wieder Mir neu erwachen die entschlaf'nen Lieder?« »Schreibst Du der Wüste nicht zu, was Du der Liebe schuldest?« fragte Nefert. »Ich habe beiden zu danken; aber bekennen muß ich, daß die Wüste ein wunderbarer Arzt ist für eine kranke Seele. Aus dem Einerlei um uns her retten wir uns in unser eigenes Innere, die Sinne ruhen und ungestört und unbeeinflußt von Außen ist es uns hier gegeben, jeden Gedanken auszudeuten bis auf's Letzte, jedes Gefühl durchzuempfinden bis in seine feinste Gliederung. In den Städten ist Jeder immer nur ein Theil eines größern Ganzen, von dem er abhängt, dem er gibt und von dem er empfängt; der einsame Wüstenwanderer aber ist ganz auf sich gestellt, und, gleichsam abgelöst von jeder größern Menschengemeinschaft, muß er sich mit dem eigenen Ich begnügen und in diesem suchen, was seinem Dasein Inhalt und Sinn zu geben vermag. Hier, wo die Gegenwart bescheiden zurücktritt, findet auch der in die Ferne denkende Geist keine Schranken.« »Es denkt sich gut in der Wüste,« bestätigte Nebsecht. »Klar ist mir hier geworden, was ich in Aegypten nur ahnte.« »Das wäre?« fragte Pentaur. »Erstens,« gab der Arzt zurück, »daß ich und wir Alle nichts Rechtes wissen, und dann, daß der Esel die Rose wohl lieben mag, aber nicht die Rose den Esel, und das Dritte muß ich für mich behalten, denn das ist eben mein Geheimniß, und wenn es auch alle Menschen angeht, so kümmert sich doch Keiner darum. Herr Ceremonienmeister, wie kommt das? Du weißt genau, wie tief sich die Leute je nach ihrem Stande vor der Prinzessin zu bücken haben, und ahnst nicht, wie so ein Rückgrat gebaut ist.« »Wozu auch?« fragte der Andere. »Ich hab' auf das Aeußere zu sehen, während Du wohl Tag und Nacht in's Innere schaust; Dein Haar würde sonst glatter und Dein Kleid weniger fleckig sein!« Ohne Zwischenfall gelangten die Reisenden nach der alten Chetiterstadt Hebron, woselbst sie Abschied von Abocharabos und den Seinen nahmen, und strebten nunmehr, von ägyptischen Truppen sicher geleitet, gen Norden. Pentaur trennte sich hier von der Prinzessin und Bent-Anat sagte ihm ohne Klage Lebewohl. Uarda's Vater, der im Dienste des ältern Mohar Weg und Steg in Syrien genau kennen gelernt hatte, begleitete den Dichter, während der Arzt Nebsecht bei den Frauen zurückblieb, deren guter Stern mit Pentaur's Entfernung unterzugehen schien, denn heftige Winterregen fielen in den samaritanischen Bergen, verdarben die Wege, durchnäßten die Zelte und zwangen sie oft zu unerwünschtem Aufenthalt. In Megiddo wurden sie von dem Befehlshaber der ägyptischen Besatzung mit hohen Ehren empfangen und sie waren gezwungen, hier länger zu verweilen, denn Nefert, welche mit besonderem Eifer zur Eile gedrängt hatte, war erkrankt und der Arzt Nebsecht mußte ihr die Weiterreise in dieser Jahreszeit untersagen. Uarda ward bleich und nachdenklich. Bent-Anat sah mit Besorgniß das zarte Roth von den Wangen ihres holden Lieblings schwinden, aber wenn sie sie fragte, was ihr fehle, so gab sie ausweichende Antwort. Weder hatte sie vor der Prinzessin jemals Rameri's Namen genannt,. noch ihr ihr Kleinod gezeigt, denn es war ihr, als wenn Alles, was sich zwischen ihr und dem Prinzen ereignet hatte, ein Geheimniß sei, das ihr nicht allein gehöre. Auch noch eine andere Ursache schloß ihr den Mund. Sie war Bent-Anat leidenschaftlich ergeben und sie sagte sich, daß sie, wenn sie ihr Alles erzählte, ihren Bruder tadeln oder gar über ihre Neigung lachen würde wie über ein Kinderspiel; und wenn das geschähe, meinte sie, würde sie die Schwester Rameri's nicht mehr lieben können. Schon bei der ersten Grenzstation war ein reitender Bote in das Lager des Königs geschickt worden mit der Anfrage, welchen Weg die Prinzessin und ihre Begleiter von Megiddo aus einschlagen sollten. Nun kehrte der Gesandte mit einem kurzen und entschiedenen, aber zärtlichen, von des Pharao eigener Hand geschriebenen Briefe zurück, in dem er seiner Tochter befahl, Megiddo, Aegyptisch Maketha. Auf den Denkmälern häufig erwähnte palästinäische Stadt, welche längst vor ihrer Erneuerung durch Salomo I. Könige 9, 15. eine eminente strategische Bedeutung besaß. Schon die großen Eroberer der 18. Dynastie (16. Jahrh. v. Chr.) hatten sie zu belagern und einzunehmen. die sichere Vorrathsstadt des Heeres, den wohlbefestigten und von einer starken Garnison beschützten Ort, welcher die Zugänge zu Nord- und Mittelpalästina vom Meere her beherrschte, nicht zu verlassen. Entscheidende Schläge, schrieb er, bereiteten sich jetzt vor und sie wisse ja, daß die Aegypter ihre Frauen und Töchter von Kriegsfahrten ausschlössen, um sie sich um so sicherer als besten Siegeslohn für den Frieden aufzusparen. Während die Frauen in Megiddo warteten, zog Pentaur mit dem Rothbart und einer kleinen, berittenen Schaar, welche ihm der Befehlshaber von Hebron mitgegeben hatte, gen Norden. Er selbst saß stattlich zu Roß, obgleich er auf dieser Reise zum ersten Mal ein Pferd bestieg. Es war, als wäre er mit der Kunst des Reitens zur Welt gekommen. Sobald er seinem Begleiter die Handgriffe abgesehen und sich mit der Natur des Pferdes vertraut gemacht hatte, gewährte es ihm die höchste Lust, ein feuriges Roß zu bändigen und zu tummeln. Sein Priestergewand hatte er in Aegypten gelassen. Hier trug er einen Waffenrock, ein Schwert und Schlachtbeil wie ein Krieger, und der volle Bart, der ihm in seiner Gefangenschaft gewachsen war, wallte jetzt lang auf seine Brust hernieder. Uarda's Vater schaute ihn oft verwundert an und sagte: »Man möchte denken, der osirische Mohar, mit dem ich mehr als einmal diese Straße gezogen, sei von den Todten erstanden. So wie Du sah er aus, so sprach er, so rief er die Mannschaft, ja so saß er, wenn der Weg für seinen Wagen Die Mohar bedienten sich der Wagen aus ihren Reisen. Dieß geht mit Sicherheit aus dem Papyrus Anastasi I. hervor, in dem die Mühseligkeiten lebendig geschildert werden, welche der Beruf eines Syrien bereisenden Mohar mit sich bracht. zu schlecht war, zu Pferd und hielt die Zügel.« Keiner von Pentaur's Leuten, außer dem Rothbart, war ihm mehr als ein gemieteter Diener, darum ritt er am liebsten allein dem Zuge voraus, rückwärts, selten vorwärts sinnend und gewöhnlich Alles, was sich an seinem Wege zeigte, mit offenen Augen betrachtend. Bald war der Libanon erreicht. Zwischen ihm und dem Antilibanon durch das »hohle Syrien« führte eine Straße dahin. Es freute ihn, mit eigenen Augen die weithin schimmernden, mit weißem Schnee bedeckten Gipfel zu sehen, von welchen die Krieger gern erzählten. Fruchtbar und reich gesegnet war das Land zwischen den beiden hohen Gebirgen, von deren Abhängen Sturzbäche und wilde Wasser zu Thale rauschten. Viele Dörfer und Städte lagen an seinem Weg, aber die meisten hatte der Krieg beschädigt. Den Bauern waren die Zugstiere, den Hirten die Heerden fortgetrieben worden, und wenn ein Winzer, der seine Rebstöcke aufband, den nahenden Hufschlag vernahm, so entfloh er in die Schluchten und Wälder. Ueberall zeigten sich Spuren des Pfluges und des Spatens, aber jetzt waren die meisten Felder unbestellt, denn die jüngeren Bauern standen unter den Waffen, Gärten und Wiesen waren von den Soldaten zertreten, Häuser und Hütten ausgeplündert, verstört oder niedergebrannt worden. Alles trug die verwüstenden Spuren des Krieges, nur die Eichen- und Cedernwälder prangten stolz und gesund an den Abhängen der Berge, Johannisbrodbäume und Platanen bildeten Haine und in den Schluchten und Rissen der spärlich gegliederten Kalkberge, welche das fruchtbare Tiefland begrenzten, wuchs immergrünes Strauchwerk. Saftig und wasserreich war hier Alles in dieser Jahreszeit und Pentaur verglich dieß Land mit Aegypten und wie dieselben Wirkungen hier durch andere Kräfte erzielt wurden wie dort. Er gedachte jenes Morgens am Sinai und sagte sich wieder: »Hier walten andere als unsere Götter, und die alten Meister, welche die Fremde gottlos schalten und die Ungeweihten, denen das Geheimniß vom Einen verschlossen bleiben soll, warnten, die Heimat zu verlassen, hatten nicht Unrecht.« Je mehr er sich dem Lager des Königs näherte, je lebhafter beschäftigte er sich mit Bent-Anat, je schneller schlug ihm zu Zeiten das Herz, wenn er an die Stunde seiner Begegnung mit dem Könige dachte. Im Ganzen war er voll von freudiger Zuversicht, die er selbst thöricht schalt und gegen die er doch nicht ankämpfen mochte. Ameni hatte ihn oft, wenn er gern hinter Andere zurücktrat, wegen seiner übergroßen Bescheidenheit und seines Mangels an Ehrgeiz getadelt. Daran dachte er jetzt und lächelte und verstand sich selbst immer weniger, denn obgleich er sich geflissentlich hundertmal wiederholte, daß er ein niedrig geborener, armer, ausgestoßener Priester sei, so wollte ihn doch das Gefühl, daß er ein Recht besitze, Bent-Anat für sich zu fordern, nicht verlassen. Und wenn nun der König ihm seine Tochter weigerte, wenn er ihn seine Kühnheit mit dem Leben bezahlen ließ? Keine Wimper, das wußte er, würde ihm unter dem Beile zucken und glücklich würde er sterben, denn das, was sie ihm gewährt hatte, besaß er und konnte kein Gott ihm nehmen! Siebentes Kapitel. Einige Male hatten sich Pentaur und seine Gefährten gegen feindliche Gebirgsbewohner zu wehren, welche sie, plötzlich aus den Wäldern hervorbrechend, überfielen. Als sie nur noch zwei Tagereisen von ihrem Ziele entfernt waren, gerieten sie in einen blutigen Kampf mit einer feindlichen Streifschaar, die zu einer größern Heeresabtheilung zu gehören schien. Der Rothbart, welcher sich, je mehr man sich Kadesch Die Hauptstadt des Königs der Cheta, d. h. der Aramäer, um den sich die Konföderation aller Völker des westlichen Asien geschaart hatte. Es gab mehrere Kadesch; doch die Chetiterstadt dieses Namens, bei welcher Ramses II. schwere Kämpfe zu bestehen hatte, lag jedenfalls am Orontes, denn der in zwei Arme getheilte Strom, der diese Festung z. B. auf dem sie zur Anschauung bringenden Bilde auf einem der Pylonen des Ramesseums bespült, heißt Aruntha und auch in dem sogenannten Epos des Pentaur wird gesagt, daß die Schlacht bei Kadesch am Ufer des Orontes geschlagen worden sei. Der Name der Stadt blieb erhalten, und zwar bei dem drei Stunden nördlich von Riblah gelegenen Landsee. Näheres im Commentar zu der Grabschrift des Amen em heb von Ebers. Zeitschr. d. D. M. G. 1877, S. 465. näherte, je vertrauter mit Weg und Steg zeigte, ging auf Kundschaft aus und kam nicht ohne Besorgniß zurück, da er größere Chetaschaaren auf der von ihnen zu passirenden Straße bemerkt hatte. Wie kamen die Feinde hierher in den Rücken der ägyptischen Hauptmacht? Sollte Ramses eine Niederlage erlitten haben? Gestern noch waren ihnen ägyptische Soldaten begegnet, welche erzählt hatten, der König verweile im Lager und es stehe eine große Schlacht bevor. Diese konnte seitdem noch nicht entschieden worden sein und kein fliehender Aegypter war ihnen begegnet. »Kommen wir nur noch zwei Stunden unangefochten vorwärts,« sagte Uarda's Vater, »so weiß ich Rath. Dort drüben befindet sich eine Schlucht und von der aus führte früher ein Pfad über Höhen und Tiefen in die Ebene von Kadesch. Niemand kannte ihn, als der Mohar und seine vertrautesten Diener. Bei der Hälfte des Weges liegt eine verborgene Höhle, in der wir manchmal tagelang wohnten. Die Cheta glaubten, der Herr besitze Zauberkraft und könne sich unsichtbar machen, denn wenn sie uns bei unseren Fahrten hier am Weg auflauerten, so waren wir plötzlich verschwunden; freilich nicht in die Wolken, sondern in die Höhle, die der Mohar seine Tuat nannte. Scheust Du das Steigen nicht und willst Du einige Stunden das Pferd hinter Dir her führen, so zeig' ich Dir den Weg und morgen Abend können wir im Lager sein.« Pentaur ließ nun den Rothbart dem Zuge voran reiten. Unangefochten kamen sie bis zu der Schlucht zwischen den Bergen, durch welche ein voller Gebirgsbach zu Thale stürzte. Kaschta schwang sich vom Pferd und Pentaur und seine Begleiter thaten das Gleiche. Nachdem die Rosse in das Wasser gezogen waren, verwischte der Rothbart sorgfältig ihre Spuren bis zur Straße hin, dann stieg er eine halbe Stunde lang dem Wasser entgegen die Schlucht hinan. Endlich blieb er vor einem dichten Oleandergebüsche stehen, suchte eifrig und zertheilte es leicht, nachdem er den Pfad gefunden. Seine Begleiter und ihre mühsam kletternden Pferde folgten ihm nicht ohne Beschwerden. Ein Wald von himmelhohen Cedern nahm sie auf. Bald hatten sie sich zwischen Felsblöcken hindurchzudrängen, bald über glattes Geröll, das den Hufen der Rosse geringen Widerstand bot, sich hinauf und hinab zu arbeiten, bald auch dichtes Buschwerk zu zertheilen und kleine, von den Winterregen geschwellte Bäche zu überschreiten. Immer beschwerlicher ward der Weg, denn es begann zu dunkeln und schwere Regentropfen fielen von dem finster bewölkten Himmel. »Eilt euch und haltet euch dicht an mich!« sagte der Rothbart. »Noch eine halbe Stunde und wir sind im Trockenen, wenn ich den Pfad nicht verliere.« Da stürzte ein Pferd. Mühsam richteten die Wanderer es auf, heftiger floß der Regen, schwärzer wurde die Nacht und der Rothbart blieb oft stehen, um, mit den Händen tastend, den Pfad zu suchen. Zweimal glaubte er ihn verloren zu haben, aber er ließ nicht ab, bis er wiederum seine Spur entdeckt hatte. Endlich blieb er stehen und rief Pentaur zu sich heran. »Hier muß die Höhle sein,« sagte er, »halte Dich dicht an mich; es ist möglich, daß wir hier Leute des Wegeführers Paaker finden. Mundvorrath und ein Feuerbohrer waren immer hier, als sein Vater noch lebte. Siehst Du mich? Halte Dich nur an meinem Schurze fest und bücke Dich, bis ich Dir zurufe, daß Du Dich wieder aufrichten sollst. Halt' auch Dein Beil bereit; vielleicht haben sich jetzt Cheta oder Raubthiere hier eingenistet. Ihr Leute wartet auf uns. Bald rufen wir euch nach in's Trockene.« Pentaur drängte sich seinem Führer durch nasses Buschwerk nach, durchkroch mit ihm einen niedrigen Gang und blieb dann mit ihm auf einer Felsenplatte stehen. »Nimm Dich in Acht,« sagte der Rothbart, »halte Dich links; rechts öffnet sich ein tiefer Abhang. Ich rieche Rauch! Die Hand an's Beil! Es müssen Menschen in der Höhle sein. Warte! Bis hierher führe ich die Leute heran!« Der Rothbart ging zurück und Pentaur lauschte nach der Richtung hin, von welcher der Rauch ihm zu kommen schien. Jetzt glaubte er einen schmalen Lichtstreifen zu bemerken, jetzt hörte er deutlich erst klagende, dann scheltende Worte. Er tastete sich, indem er sich an der sich zu seiner Linken erhebenden Felswand hielt, dem Lichtschimmer entgegen. Heller und heller wurde derselbe und schien aus der Spalte einer Thür hervorzudringen. Der Soldat hatte Pentaur wieder erreicht. Beide lauschten und der Letztere flüsterte seinem Führer zu. »Sie reden Aegyptisch; ich habe einige Worte verstanden.« »Desto besser,« entgegnete der Soldat. »Paaker oder seine Leute werden darin sein. Die Thür ist noch da und verschlossen. Wenn man mit vier starken und drei schwachen Schlägen anklopft, so wird geöffnet. Verstehst Du etwas?« »Es bittet Einer, ihn zu befreien,« erwiederte Pentaur, »und schilt dabei auf einen Verräther. Der Andere hat eine rauhe Stimme und sagt, er müsse seinem Herrn gehorchen. Nun wimmert Der, der vorhin gesprochen. Hörst Du? Jetzt beschwört er den Andern bei der Seele seines Vaters, ihm die Fesseln zu lösen. Wie verzweiflungsvoll klingt seine Stimme. Klopf' an, Kaschta, ich glaube, wir kommen zu rechter Zeit, klopf' an, sag' ich!« Der Rothbart klopfte erst viermal, dann dreimal. Aus der Höhle erklang ein Schrei, man hörte, wie ein schwerer verrosteter Riegel zurückgeschoben wurde, die roh gezimmerte Thüre ging auf und eine rauhe Stimme fragte. »Bist Du es, Paaker?« »Nein,« entgegnete der Rothbart. »Ich bin Kaschta. Kennst Du mich nicht mehr, Nubi?« Der also Angeredete, des Wegeführers Paaker äthiopischer Leibsklave, trat zurück und fragte: »Du bist noch am Leben? Was bringst Du?« »Der Herr hier wird es Dir sagen,« entgegnete Kaschta und trat zurück, um Pentaur den Vortritt zu lassen. Der Dichter ging dem Schwarzen entgegen und das Licht des Feuers, welches in der Höhle brannte, schien ihm voll in's Gesicht. Der alte Sklave starrte ihn an und wich mit allen Zeichen des Entsetzens vor ihm zurück. Er warf sich auf den Boden, heulte laut auf wie ein Hund, dem sein zorniger Herr den Fuß auf den Leib stößt, und schrie: »Er hat es befohlen, Geist des Mohar, er hat es befohlen!« Pentaur hemmte den Fuß, überrascht und keines Wortes mächtig, denn von dem Feuer her kroch nun ein an Händen und Füßen gebundener Jüngling zu ihm heran und rief entsetzt, aber doch mit einer des Dichters Herz erschütternden Zärtlichkeit: »Rette mich, Seele des Mohar, rette mich, Vater!« Da erhob der Dichter seine Stimme und sagte: »Ich bin kein Geist eines Abgeschiedenen, sondern der Priester Pentaur, und ich erkenne Dich, Jüngling, Du bist Horus, der Bruder Paaker's, der mit mir im Setihause erzogen ward.« Der Gefangene näherte sich ihm zitternd, schaute ihn prüfend an und rief: »Wer Du auch sein magst; Du gleichst meinem Vater an Gestalt und Stimme. Löse meine Bande und rette mich, denn gräßlicher, unerhörter, fluchwürdiger Verrath bedroht uns, den König und Alle.« Pentaur zog sein Schwert und zerschnitt die Lederriemen, welche die Hände und Füße des Jünglings umschnürten. Hoch aufathmend und mit lauten Worten des Dankes gegen die Götter dehnte der Erlöste seine befreiten Glieder und rief: »Wenn Du Aegypten liebst und dem Könige ergeben bist, so folge mir; vielleicht ist es noch Zeit, das Unerhörte zu hindern, den Verrath zu vereiteln.« »Die Nacht ist finster,« sagte der Soldat, »und der Weg zu Thale gefährlich.« »Und wär' es unser Tod, ihr müßt mir folgen!« rief der Jüngling, faßte Pentaur's Hand und zog ihn mit sich in's Freie. Der äthiopische Sklave versuchte, nachdem er sich überzeugt hatte, daß Pentaur der Priester vom Setihause, den er im Kampfe vor der Hütte des Paraschiten gesehen hatte, und nicht der Geist seines verstorbenen Herrn sei, an Paaker's Bruder vorbei zu gleiten; Horus aber bemerkte ihn, griff mit der Hand in sein wolliges Haar und hielt ihn fest. Der Sklave heulte laut auf und winselte dann: »Wenn Du entkommst, so wird Paaker mich tödten; er hat's geschworen.« »Warte!« rief der Jüngling, riß den Schwarzen mit sich fort, stieß ihn in die Höhle und verschloß die Thür mit einem schweren Balken, der zu diesem Zweck am Boden lag. Nachdem die Männer wiederum den niedrigen Felsengang durchkrochen hatten und in's Freie getreten waren, wehte ihnen ein heftiger Wind entgegen und Horus sagte: »Wie die Wolken jagen, bald wird sie der Sturm zerstreuen. Laß uns Pferde bringen, Pentaur, denn kein Augenblick ist zu verlieren.« Der Dichter befahl Uarda's Vater, die Leute zum Aufbruch zu mahnen, Kaschta aber sagte: »Roß und Mann sind erschöpft und in der Finsterniß kommt man langsam vorwärts. Laß die Pferde ein Stündchen füttern und die Leute sich stärken und wärmen. Bis dahin geht auch der Mond auf und wir holen das Versäumte auf frischen Thieren und hellem Wege dreifach nach.« »Der Mann hat Recht,« sagte Horus und führte Kaschta zu einer Höhle, in welcher Gerste und Datteln für die Pferde und einige Schläuche voll Wein aufbewahrt wurden. Bald brannte ein Feuer und während einige Leute die Rosse versorgten und Andere ein warmes Gericht kochten, schritten Horus und Pentaur ungeduldig auf und nieder. »Lagst Du schon lang in Banden, als wir kamen?« fragte der Dichter. »Gestern überfiel mich mein Bruder,« antwortete Horus. »Er ist uns unerreichbar weit voraus und wenn er sich zu den Cheta begibt und wir kommen nicht vor Tagesanbruch in's ägyptische Lager, so ist Alles verloren.« »Paaker sinnt Verrath?« »Verrath, schwarzen Verrath!« rief der Jüngling. »O mein osirischer Vater!« »Vertraue mir,« bat Pentaur und näherte sich dem Klagenden, welcher sein Antlitz in den Händen verbarg. »Was hat Paaker im Sinn? wie ward Dir Dein Bruder zum Feinde?« »Er ist der ältere von uns Beiden,« sagte Horus mit bebender Stimme. »Als der Vater starb, war ich erst vor Kurzem aus dem Setihause entlassen worden und mit seinen letzten Worten mahnte er mich, Paaker als Haupt unseres Hauses zu achten. Herrisch ist er und rauh und neben seinem eigenen duldet er keinen andern Willen, aber Alles ertrug ich und war ihm gehorsam, oft gegen meine bessere Einsicht. Zwei Jahre blieb ich an seiner Seite, dann ging ich nach Theben und nahm dort ein Weib, das nun mit meinem Kinde bei der Mutter lebt. Vor sechzehn Monden bin ich nach Syrien zurückgekehrt und wir durchzogen wieder zusammen das Land. Aber nun mocht' ich nicht mehr des Bruders willenloses Werkzeug sein, denn stolzer war ich geworden, und der Vater meines Kindes, dacht' ich, dürfte kein Knecht sein, auch nicht der seines Bruders. Ueble Stunden verlebten wir zusammen und unerträglich wurde das Dasein, als Paaker vor acht Wochen, reizbarer und wilder als je zuvor und ganz verbittert, aus Theben heimkehrte und der König ihm zu erkennen gab, daß meine Berichte ihm besser gefielen als seine. Von Kind an bin ich weichherzig gewesen, sie sagten ja Alle, ich gliche der Mutter, aber was Paaker mich leiden ließ durch Worte und Thaten, das ist – das vermag . . . .« Die Stimme versagte dem Erzähler und Pentaur fühlte, wie tief er litt, als er fortfuhr: »Was dem Bruder in Aegypten begegnet ist, weiß ich nicht, denn er ist verschlossen und weder für die Freude, noch für das Leid bedarf er Genossen; aber aus hingeworfenen Worten entnahm ich, daß er nicht nur den Rosselenker Mena, der ihm Unrecht gethan hat, grimmig haßt, sondern auch mit dem Könige grollt. Ich warnte ihn auch, aber nur einmal, denn maßlos ist sein Zorn, wenn man ihn reizt, und er ist doch mein älterer Bruder. Seit einigen Tagen wird im Lager eine entscheidende Schlacht vorbereitet und es lag uns nun ob, die Stärke und Stellung des feindlichen Heeres zu erkunden. Der König hatte mir, nicht Paaker, den Auftrag gegeben, den Bericht zu verfassen. Gestern früh schrieb und zeichnete ich ihn zu Ende. Da sagt mein Bruder, er werde ihn in's Lager bringen; ich sollte hier seiner warten. Das weigerte ich ihm, denn nicht von ihm, sondern von mir hatte Ramses den Bericht gefordert. – Nun tobte er wie ein Unsinniger, warf mir vor, ich hätte seine Abwesenheit benutzt, um des Königs Gunst zu erschleichen, und forderte Gehorsam als Haupt unseres Stammes im Namen unseres Vaters. »Unschlüssig saß ich, als er die Höhle verließ, um die Pferde zu rufen. Da fiel mein Blick auf die Sachen, welche des Vaters alter Aethiopier zusammenband, um damit den Lastgaul zu beladen. Eine Schriftrolle war darunter. Ich hielt sie für die meine und schaute hinein; aber was sollte ich finden! Mit Lebensgefahr hatte ich mich in die Mitte der Cheta geschlichen und gefunden, daß sie den Kern ihres Heeres in einem von Bergen verborgenen Querthal des Orontes im Nordosten von Kadesch zusammenzogen, und in der Rolle stand von Paaker's eigener Hand, dieß Thal sei frei und der Weg darin weit und wohl geeignet für die Streitwagen des Königs. Auch andere Angaben waren gefälscht und als ich nun weiter in seinen Sachen suchte, fand ich zwischen den Pfeilen in seinem Köcher, auf denen die Worte »Tod dem Mena« stehen, ein anderes Röllchen. Ich riß es an mich und mein Blut erstarrte, als ich sah, an wen es gerichtet war.« »An den Cheta-König?« fragte Pentaur erregt. »An den obersten seiner Diener Titure,« Unter den Cheta auf den Schlachtbildern an den Pylonen des Ramesseums genannt. fuhr der Jüngling fort. »Beide Rollen hielt ich in meinen Händen, als Paaker wiederum die Höhle betrat. ›Verräther!‹ schrie ich ihm zu; er aber schwang schnell besonnen den Lasso, mit dem er die weidenden Pferde gefangen, warf ihn mir um den Hals und als ich erstickend zu Boden sank, fesselte er mich mit dem Schwarzen, der ihm wie ein Haushund gehorcht. Als meinen Wächter ließ er den Alten bei mir, dann nahm er die Rollen und eilte fort. Aber sieh' nur, dort zeigen sich Sterne und bald tritt der Mond hervor.« »Auf, ihr Leute!« rief Pentaur. »Die drei besten Pferde her für Horus, mich und Kaschta. Ihr Anderen bleibt hier zurück!« Als der Rothbart die Rosse herbeiführte, trat der Mond aus den Wolken hervor und eine Stunde später erreichten die Wanderer die Ebene, schwangen sich auf die Rosse und jagten wild dem See von Kadesch entgegen, der, nachdem die Sonne aufgegangen war, ihnen grünlich entgegenschimmerte. Als sie sich ihm näherten, sahen sie an seinem baumlosen Westufer schwarze Massen hin und her wogen, Staubwolken auffliegen und Lichtblitze, als werfe ein Spiegel das Bild der Sonne zurück, hell aufzucken. »Die Schlacht hat begonnen,« rief Horus und warf sich schluchzend auf den Hals seines Pferdes. »Aber noch ist nicht Alles verloren,« rief der Dichter und spornte sein Pferd zum Aufgebot seiner letzten Kräfte an. Seine Begleiter folgten ihm, aber erst sank Kaschta's Roß vor Ermüdung zusammen, dann das des Horus. »Vom linken Flügel her kann Rettung kommen,« rief der Befreite. »Ich weiß, wo er zu finden ist, und laufe dahin auf meinen Füßen. Du findest den König leicht, wenn Du dem Flusse folgst bis zu der steinernen Brücke. In dem Querthal, tausend Schritte weiter nach Norden, im Nordwesten der Festung soll der Ueberfall stattfinden. Versuche durchzukommen und Ramses zu warnen. Der Aegypter Losungswort ist der Name der Lieblingstochter des Ramses, Bent-Anat. Aber hättest Du auch Schwingen und kämest rechtzeitig zu ihm, sie überwältigten ihn dennoch, wenn es nicht glückt, den linken Flügel in den Rücken der Feinde zu führen.« Pentaur jagte vorwärts, aber bald brach auch sein Pferd zusammen und nun hob er die Füße wie ein Läufer und rief das Losungswort ›Bent-Anat‹, dessen Klang ihm die Kraft verdoppelte, bis ihm ein berittener Bote des Feindes entgegenkam; den schlug er vom Pferde, schwang sich an seiner Stelle hinauf und sprengte dem Kampfe entgegen, als ging es zur Hochzeit. Achtes Kapitel. Während des nächtlichen Abenteuers unseres Freundes ging es lebendig her im Lager des Königs. Vor dem Aufgang der Sonne sollten die Truppen in die längst vorbereitete Feldschlacht aufmarschiren. Paaker hatte dem Pharao mit eigener Hand seinen Kundschaftsbericht übergeben, ein Kriegsrath war gehalten und jedem Truppentheile vorgeschrieben worden, wohin er sich zunächst zu wenden habe. Von Süden her über Schabatun Bei der Beschreibung der Schlacht von Kadesch haben wir uns im Allgemeinen nach dem Epos des Pentaur, dem nationalen Heldengedicht der Aegypter, gerichtet. Am Ende wird als sein Verfasser der Schreiber Pentaur genannt. Es genoß eine so hohe Werthschätzung, daß man es zu Luqsor zweimal und zu Karnak einmal in den Stein meißelte. Auf Papyrus findet es sich mehrmals; so auf dem Papyrus Sallier III. und dem leider sehr fragmentarisch erhaltenen und in der salle historique des Louvre-Museums konservirten Pap. Raifet . Die große Katastrophe (Rettung des verlassenen Königs aus der Hand der Tausende) wird mit den Worten des Epos auch im Ramesseum (Theben) und zu Abu Simbel (Nubien) wiederholt. Die beste Uebersetzung des Heldengedichts nach einer meisterhaften Herstellung des Textes danken wir dem großen, zu früh verstorbenen französischen Aegyptologen Vicomte E. de Rougé. Sie findet sich im Recueil de travaux relatifs à la philologie et à l'archéologie Égyptiennes et Assyriennes. Fascicule I. 1870 . rückte das Korps, welches den Namen des Sonnengottes Ra trug, heran, um den See im Osten zu umgehen und den Feinden in die Flanke zu fallen, das aus Unterägyptern bestehende Korps des Seth war aus Arnam angelangt und sollte das Centrum bilden, der König selbst mit der Elite der Wagenkämpfer war Willens, dem Thale zu folgen, das sich, nach der Aussage des Wegeführers, breit und gut befahrbar, mit der Orontesebene vereinte. Während die anderen Truppen den Feind beschädigten, konnte er dann den Orontes durch eine Furt überschreiten und der Festung Kadesch von Nordwesten her in den Rücken fallen. Als Nachhut sollte ihm das Korps des Amon mit den äthiopischen Hülfsvölkern auf einem andern Wege, der nach der verräterischen Aussage des Mohar sich mit seiner Operationslinie verband, nachfolgen. Das Korps des Ptah hielt als Reserve beim linken Flügel. Die Soldaten hatten sich nicht wie sonst zur Ruhe begeben. Schwerbewaffnete Schaaren, welche in der Hand einen Schild in halber Manneshöhe, in der andern die Schlachtsichel oder ein spitzes Dolchschwert führten, bewachten das Lager, Darstellungen des Lagers des Ramses blieben erhalten auf den Pylonen des Tempels von Luqsor und des Ramesseums. in welchem zahlreiche Feuer brannten, die von rastenden Kriegern im Kreise umgeben wurden. Hier wanderte ein Weinschlauch von einem Munde zum andern, dort briet man Fleisch an hölzernen Spießen, dort wurde um die zu erringende Beute gewürfelt und Morra gespielt. Dabei ging es lebhaft her und manches hitzige Handgemenge mußte von den Lagerwächtern auseinandergebracht werden. In der Nähe der Hürden, welche die Rosse umgaben, waren die Schmiede thätig, denn es gab noch Hufe frisch zu beschlagen und Lanzenspitzen zu schärfen. Die Diener der Wagenkämpfer hatten vollauf zu thun, denn viele Streitwagen waren über die Berge gekommen und hatten auseinandergenommen und den Pferden und Lasteseln auf den Rücken gelegt werden müssen. Sowohl die einzelnen Theile der Wagen als die Lastesel finden sich auf dem Bilde des Lagers Ramses II. im Ramesseum dargestellt. Jetzt setzte man die leichten Fahrzeuge wieder zusammen und schmierte die Räder. Im Osten des Lagers waren neben dem Baldachin, unter dem die Standarten aufbewahrt wurden, zahlreiche Priester thätig, die Krieger zu segnen, Opfer zu schlachten und Hymnen zu singen. Ostmals wurden die frommen Lieder übertönt von den lauten Stimmen der Spieler und Trinker, dem Schlage der Hämmer, dem brünstigen Geschrei der Eselhengste und dem Gewieher der Pferde. Manchmal ließ sich auch das laute Gebrüll der gezähmten Schlachtlöwen Diodor I. 47 und Darstellungen des in den Kampf stürzenden Königs. des Königs vernehmen, die ihm in den Kampf folgten und die man heute, um ihre Wuth zu steigern, ungefüttert ließ. In der Mitte des Lagers standen die Königszelte. Diese wurden von denen der Garden und Wagenkämpfer umgeben. Die Hülfstruppen lagerten völkerweise zusammen und zwischen ihnen je eine Legion von ägyptischen Schwerbewaffneten und Bogenschützen. Hier sah man schwarze Aethiopier mit verfilzten Haaren, aus denen einzelne Federn hervorragten, und schön und ebenmäßig gebaute »Söhne des Sandes« aus der das Schilfmeer von Aegypten trennenden arabischen Wüste, die Hüften krampfhaft schüttelnd und Lanzen schwingend, Kriegstänze aufführen, dort rasteten weiße Sardinier mit metallenen Helmen und großen Schwertern, hier hellfarbige Libyer mit tättowirten Armen und Straußenfedern am Scheitel, da bei ihren Rossen spitzbärtige, bräunliche Araber, die zu den Sternen beteten und von denen einige mit Lanzen, andere mit Pfeil und Bogen kämpften. Verschiedenartig wie das Aussehen dieser Hülfsvölker war der Klang ihrer Sprachen, aber alle gehorchten dem Kommandoworte des Ramses. In der Mitte des Königszeltes stand ein leicht gezimmerter Tempel mit Statuen der Götter von Theben und den Bildern der Ahnen des Königs. Weihrauchdüfte drangen jetzt aus ihm hervor, denn die Priester waren verpflichtet, vom Vorabende der Schlacht an bis zu ihrem Ende dem Könige der Götter, Amon, der Sieg verleihenden Südgöttin Necheb und dem Kriegsgotte Menth zu opfern. Neben dem Schlafzelte des Pharao stand der Zwinger seiner Löwen. Vor dem Berathungszelte hatte man hohe Fahnen aufgerichtet. Jetzt war es still in dem weiten Raume des letzteren. Um so lebendiger ging es her in den Küchenzelten und den mit ihnen verbundenen Weinmagazinen. Hell erleuchtet vor allen anderen war das große, einen langen, rechteckigen Raum bedeckende Zelt, in dem Ramses mit den Seinen zu speisen pflegte. Es war rings von bunten Lampen umgeben, sardinische, libysche und ägyptische Leibwächter hüteten mit gezogenen Schwertern seine Eingänge und schienen, ganz in Anspruch genommen von dem Ernst ihres Dienstes, selbst der Schüsseln und Krüge nicht zu achten, welche die Diener des Pharao, lauter Söhne der vornehmsten Häuser, vor den Zeltthoren von den Küchen- und Kellerbeamten in Empfang nahmen. Das schräge Dach und die Wände dieses schnell aufzubauenden und abzureißenden Prunksaales bestand aus undurchdringlich starkem purpurfarbenem Teppichzeuge, das in Memphis gewoben und von Phöniziern zu Tanis gefärbt worden war. Saitische Künstler hatten mit Silberfäden hundertmal das Bild des Siegesgeiers, einer der Erscheinungsformen der Necheb, in den köstlichen Stoff gestickt. Mit Gold beschlagen war das Cedernholz der Zeltstäbe, und die Seile, welche das leichte Bauwerk an dem Boden festhielten, bestanden aus einem Geflecht von dünnen Silberdrähten und Seide. Jedenfalls war die Seide in der Ptolemäerzeit den Aegyptern wohlbekannt. Besonders berühmt waren die für die Lagiden zu Kos gewebten durchsichtigen Bombyxstoffe. Unter den Griechen erwähnt Aristoteles zuerst die Seide, histor. anim. V. 17. Viel Lehrreiches über die Geschichte der Seide bringt Pariset in seiner Histoire de la soie 1862 . Im Innern des Zeltes saßen mehr als hundert Männer beim Nachtmahle und zwar an vier Tafeln; an dreien derselben auf leichten Taboureten die Führer des Heeres, die vornehmsten Priester und Räthe des Königs, an dem weit von den andern entfernten vierten Tische die königlichen Prinzen und an einer eigenen, von der seiner Söhne getrennten höheren Tafel auf einem Throne, dem die goldenen Figuren von gefesselten Asiaten zur Unterlage dienten, saß der Pharao selbst. Sein Tisch und sein Thron standen auf einem mit Pantherfell bezogenen niedrigen Stufenbau, aber Ramses hätte auch ohne denselben seine Tischgenossen hoch überragt. In tagesheller Beleuchtung strahlte der weite Raum. Gewaltig war die Gestalt des Pharao, gebieterisch das bärtige Haupt mit der hohen Stirn, um welche sich ein Diadem schlang, aus dessen Mitte die goldenen, mit den Kronen von Ober- und Unterägypten geschmückten Kopfe zweier Uräusschlangen hervortraten. Ein breites Halsband von Edelsteinen bedeckte die Hälfte seiner Brust, die andere Hälfte war mit einem schärpenartigen Tragbande bekleidet. Die nackten Ober- und Unterarme wurden von goldenen Reifen geschmückt. Wie aus Erz gegossen waren die ebenmäßigen Formen dieses Mannes und kupferfarbig die glatte, sich über seine schwellenden Muskeln spannende Haut. Jetzt saß er unter den Seinen und schaute mit gerechtem, väterlichem Stolze auf seine blühenden Söhne. Der Löwe rastete, aber auch so war er ein Löwe und Ungeheures war zu erwarten, wenn er aufstehen und die Riesenhand, die jetzt das Brod zertheilte, sich zur Faust ballen würde. Nichts Kleines war an diesem Mann, und doch nichts Erschreckendes, denn wenn sein Auge auch gebieterisch glänzte, so war doch seines Mundes Ausdruck von besonderer Milde und der aus seiner breiten Brust dringenden tiefen Stimme, die den Lärm der Schlacht übertönte, standen weiche und herzgewinnende Klänge zu Gebot. Dank seiner Erziehung war er bei dem vollen Bewußtsein seiner Macht und Größe ein echter Mensch geblieben, dem keine Regung des menschlichen Herzens fremd war. Hinter dem Pharao stand ein jüngerer Mann und reichte ihm den Becher, den er kostend an seine Lippen führte. Dieß war Mena, der Rosselenker und Liebling des Königs. Schlank und doch kräftig, biegsam und doch haltungsvoll war die Gestalt dieses Edlen, und auf seinem schön geschnittenen Antlitz mit den freimüthig blickenden Augen paarten sich Selbstbewußtsein und Gutherzigkeit. Dieser Mann mochte wenig taugen im bedächtigen Rath, desto mehr aber als liebenswerther, kühner und treuer Genoß. Unter den Prinzen saß dem König am nächsten Chamus, Auf den Denkmälern Cha-em-Us, d. i. Glanz in Theben, genannt. Er war »Sam« oder Oberpriester von Memphis. Seine Mumie ist bei den Apisgräbern zu Saqqarah von Mariette bei seiner Ausgrabung des Serapeums von Memphis wiedergefunden worden. der älteste von allen, welcher jüngst mit der Würde des Oberpriesters von Memphis bekleidet worden war. Der Krauskopf Rameri, der durch Lösung aus der Gefangenschaft, in welche er auf seinem Wege gerathen, befreit worden war, hatte, als einer der jüngsten Prinzen, neben seinem Bruder Mernephtah am untersten Ende der Tafel Platz gefunden. »Wie bedrohlich das Alles klingt!« sagte der König. »Jeder von euch Anklägern spricht die Wahrheit, aber eure Liebe zu mir trübt eure Augen. Was Rameri mir erzählt, was Bent-Anat mir schreibt, was Mena's Gestütsverwalter von Ani berichtet und was man mir sonst aus Aegypten hinterbringt, enthält nichts, was mich beunruhigen könnte. Ich kenne euren Oheim und weiß, daß er sich auf dem geborgten Throne so breit machen wird, als es irgend geht, aber kehren wir heim, so findet er sich auch auf dem engeren Sessel zurecht. Große Entwürfe und kühne Thaten sind nicht seine Sache; aber zur Ausführung von fertigen Bestimmungen taugt er, und darum wählte ich ihn zu meinem Vertreter.« »Doch Ameni,« sagte Chamus, sich ehrerbietig vor seinem Vater verneigend, »scheint seinen Ehrgeiz angestachelt zu haben und ihn mit Rath zu unterstützen. Der Leiter des Setihauses ist kühn und weise und die Hälfte der Priesterschaft steht hinter ihm.« »Ich weiß es,« entgegnete der König, »die Herren sind mir gram, weil ich ihre Hörigen, die ihnen die Aecker bestellen, unter die Waffen rief. Schönes Volk haben sie mir geschickt! Mit dem ersten Pfeil fliegt ihr Muth davon! Sie sollen morgen das Lager bewachen. Dazu werden sie taugen, wenn man ihnen klar macht, daß, wenn sie sich die Zelte nehmen lassen, auch das Brod und das Fleisch und die Weinschläuche in die Hände der Feinde fallen. Wird Kadesch erstürmt, so sollen die Tempel am Nil den besten Theil von der Beute haben, und Du selbst, mein junger Oberpriester von Memphis, sollst Deinen Genossen zeigen, daß Ramses, was er den Dienern der Gottheit mit Metzen nimmt, mit Scheffeln zu ersetzen gewillt ist.« »Ameni's Unzufriedenheit,« erwiederte Chamus, »hat tiefere Gründe; Dein großer Geist sucht und findet seine eigenen Wege . . .« »Die Herren aber,« unterbrach ihn Ramses, »sind gewöhnt, auch den König zu leiten, und ich, ich weise sie nicht zurück. Ich herrsche an Stelle des höchsten Gottes, aber ich bin kein Gott, wenn sie mir auch die Ehren eines solchen erweisen, und demüthigen Herzens übertrage ich ihnen gern meinen und meines Volkes Verkehr mit den Himmlischen; die menschlichen Angelegenheiten lenk' ich freilich nach meinem Ermessen. – Und nun nichts weiter von dem! Widerlich scheint es mir, an Freunden zu zweifeln, und das Vertrauen ist mir so nothwendig und theuer, daß ich mir's gefallen lasse, wenn ich dafür auch einmal eine Täuschung hinnehmen muß!« Der König winkte und leerte den goldenen Becher, den Mena ihm reichte. Einen Augenblick schaute er auf das glänzende Geschirr, dann erhob er die Augen, aus denen jetzt strenger Ernst leuchtete, und sagte: »Und wenn sie mich betrügen und zehn Ameni und Ani locken mein Land in die Schlinge, – ich kehre heim und meine Sohle tritt das Gewürm in den Sand!« Seine tiefe Stimme hatte, während er diese letzten Worte aussprach, geklungen wie die eines Herolds, der eine vollendete That verkündet. Keine Lippe, keine Hand regte sich in dem weiten Raum, als er schwieg. Da erhob er den Becher und rief laut und freudig: »Vor der Schlacht ziemt es sich, das Herz zu erheben. Rühmlich ist, was wir vollendet; ferne Völker haben unsere Hand gefühlt, an ihren Flüssen stellten wir unsere Siegessäulen auf und in ihre Felsen gruben wir den Ruhm unserer Thaten. Herodot II. 102–106 erzählt von den Bildern, welche Ramses II. zum Gedächtniß seiner Thaten in die Felsen der von ihm unterworfenen Gebiete meißeln ließ. Zwei derselben sah er selbst. Eins ist heute noch erhalten, und zwar auf einem Felsen bei Beyrut. Abbildung in den Annales de corresp. archéol. Rome 1834 und in Lepsius' Denkmälern aus Aegypten u. Aethiopien. Größer als alle Könige ist euer Herrscher, durch die Götter ist er's und durch euch, seine tapferen Gefährten. Möge die morgende Schlacht uns neuen Ruhm verleihen und die Himmlischen bald diesen Krieg beenden! Leert mit mir die Becher auf den Sieg und die frohe, ruhmreiche Heimkehr.« »Sieg! Sieg! Leben blühe dem Pharao, Kraft und Heil!« riefen jubelnd die Genossen des Ramses, welcher, indem er die Stufen seines Thrones hinabstieg, den Zechern zurief: »Nun rastet, bis der Isisstern untergeht. Dann folgt mir zum Gebet bei dem Altar des Amon und dann in die Schlacht!« Von Neuem erhoben sich Jubelrufe, während Ramses jedem seiner Söhne mit einem ermunternden Worte die Hand reichte. Den beiden jüngsten, Mernephtah und Rameri, gebot er, ihm zu folgen, verließ dann mit ihnen und Mena die Speisehalle und begab sich unter dem Vortritt von Garden und Hofbeamten, welche Stäbe mit goldenen Lilien und Straußenfedern vor ihm her trugen, in sein Schlafzelt, welches von einem Elitekorps, das einer seiner Söhne anführte, bewacht ward. Ehe er das Zelt betrat, ließ er sich einige Fleischstücke reichen und gab sie mit eigener Hand seinen Löwen zu fressen, die sich wie zahme Katzen von ihm streicheln ließen. Dann warf er einen Blick in den Marstall, klopfte seinen Lieblingsrossen die edlen Hälse und glänzenden Schenkel und bestimmte, daß »Nura« und »Sieg in Theben« So hießen tatsächlich die Rosse, welche Ramses in die Schlacht von Kadesch führten. ihn morgen in die Schlacht führen sollten. In dem Schlafzelt angelangt, befahl er den Höflingen, ihn zu verlassen. Dann winkte er Mena, ließ sich von ihm seines Schmuckes und seiner Waffen entkleiden und rief seine jüngsten Söhne, welche ehrerbietig und mit Besorgniß an der Zeltthüre harrten, zu sich heran. »Warum ließ ich euch mir nachfolgen?« fragte er ernst. Beide schwiegen; er aber wiederholte seine Frage. »Weil Du bemerkt hast,« antwortete nun Rameri, »daß zwischen uns Beiden nicht Alles ist, wie es sein sollte.« »Und weil ich wünsche,« fiel ihm der König in's Wort, »daß Einigkeit unter meinen Kindern herrsche. Feinde findet ihr morgen genug zu bekämpfen, aber Freunde gewinnt man selten und verliert man nur zu oft in der Feldschlacht. Wer von uns fällt, soll dem Andern nicht grollen, sondern ihn liebevoll im Jenseits erwarten. Sprich, Rameri, was hat euch entzweit?« »Ich grolle ihm nicht mehr,« antwortete der Gefragte. »Du hast mir neulich das Schwert geschenkt, welches dort im Gürtel Mernephtah's steckt, weil ich bei dem letzten Ausfall der Cheta meine Schuldigkeit that. Du weißt, wir schlafen Beide in einem Zelt und als ich gestern mein Schwert aus der Scheide ziehe, um mich an der schönen Arbeit der Klinge zu erfreuen, find' ich, daß eine fremde, weniger scharfe darin steckt.« »Ich hatte meine Waffe im Scherze mit der seinen vertauscht,« unterbrach ihn Mernephtah. »Er aber verstand keinen Spaß und sagte, ich möge mich nur immerhin mit der unverdienten Ehrengabe schmücken; er werde versuchen, sich eine neue zu erkämpfen und dann . . .« »Ich weiß genug; ihr habt Beide unrecht gehandelt,« sagte der König. »Auch im Scherze, Mernephtah, soll man nicht trügen. Ich hab' es nur einmal gethan, und wie das ablief, will ich euch zur Warnung erzählen. »Meine edle selige Mutter Tuaa bat mich, als ich zum ersten Mal in die Fenchulande Fenchu werden die Phönizier schon auf den Denkmälern der 18. Dynastie genannt. zog, ihr einen Stein von der Küste bei Byblos, an der des Osiris Leiche an's Land gespült worden war, Anmerkung 62 . mitzubringen. Ich vergaß es leider. Als wir in Theben einzogen, fiel mir der Mutter Bitte wieder ein. Jung und unbedacht, wie ich war, nahm ich einen Kiesel vom Wege auf, steckte ihn zu mir, und als sie mich nach dem Andenken von Byblos fragte, reichte ich ihr schweigend den Stein aus Theben. Sie freute sich seiner und zeigte ihn den Geschwistern und legte ihn zu den Ahnenbildern; mich aber marterte die Scham und Reue und endlich nahm ich heimlich den Stein wieder fort und warf ihn in's Wasser. Nun wurden die Diener zusammengerufen und streng nach dem Räuber des Kiesels geforscht. Da hielt ich's länger nicht aus und bekannte Alles. Es hat mich Niemand gestraft und doch ward ich niemals schwerer gezüchtigt. Seit jener Zeit wich ich selbst im Scherze nicht von der lautern Wahrheit. – Nimm Dir die Lehre zu Herzen, Mernephtah, die Dein Vater erhielt; Du aber, Rameri, laß Dir das Schwert zurückgeben und glaube mir, das Leben bringt so viel Großes, das Groll erregt, daß man frühzeitig lernen muß, freundlich über das Kleine hinwegzusehen, wenn man nicht ein mürrischer Gesell werden will, wie der Wegeführer Paaker; und dazu scheinst Du wagehalsiger Wildfang am wenigsten gemacht zu sein. Nun reicht euch die Hände!« Die Prinzen näherten sich einander; Rameri aber fiel seinem Bruder um den Hals und küßte ihn. Der König streichelte Beiden das Haar und sagte: »Nun geht zur Ruhe und morgen soll sich jeder von euch eine neue Ehrengabe erkämpfen!« Als seine Söhne das Zelt verlassen hatten, wandte sich Ramses seinem Rosselenker zu und sagte. »Auch mit Dir hab' ich vor dem Kampfe zu reden. Ich sehe Dir durch die Augen in die Seele hinein und glaube, daß es darin nicht aussieht, wie es sein sollte, seitdem der Vorsteher Deiner Gestüte hierher kam. Was ist in Theben geschehen?« Mena schaute den König offen, aber traurig an und sagte: »Meine Schwiegermutter Katuti waltet übel in meinem Erbe, verpfändet die Aecker und verkauft das Vieh.« »Das läßt sich ersetzen,« sagte Ramses gütig. »Du weißt, daß ich Dir die Erfüllung eines Wunsches schulde, wenn Nefert Dir so sicher vertraut, wie Du meinst. Es scheint mir aber, als stünde gerade mit ihr nicht Alles, wie es sein sollte, denn um Geld und Gut sah ich Dich noch niemals besorgt. – Sprich nur, Du weißt, ich bin Dir ein Vater und frei und unverschleiert müssen das Herz und die Augen des Mannes sein, der in der Schlacht meine Rosse lenkt.« Mena küßte das Gewand des Königs und sagte: »Nefert hat Katuti's Haus verlassen und ist, wie Du weißt, Deiner Tochter Bent-Anat zum heiligen Sinaiberg und nach Megiddo gefolgt.« »Ich dächte,« erwiederte Ramses, »der Tausch wäre gut. Ich lasse Bent-Anat Bent-Anat behüten, denn sie braucht keinen andern Wächter und Dein Weib bedarf keines besseren Hüters, als Bent-Anat.« »Gewiß nicht!« rief Mena mit aufrichtigem Eifer. »Aber ehe sie aufbrach, hat sich Widriges ereignet. Du weißt, sie war, bevor Du für mich um sie freitest, ihrem Vetter, dem Wegeführer Paaker, bestimmt, und der ist bei seinem Aufenthalt in Theben in meinem Haus aus- und eingegangen, hat Katuti mit einer ungeheuren Summe geholfen, die Schulden meines leichtfertigen Schwagers zu zahlen, und, das sah der Gestütsverwalter mit eigenen Augen, Nefert mit Blumen beschenkt.« Der König lächelte, legte seine Hand auf die Schulter des Wagenkämpfers und sagte, indem er ihn voll anschaute: »Deine Gattin soll Dir vertrauen, obgleich Du ein fremdes Weib in Dein Zelt nahmst, und Du gibst dem Verdacht Raum, weil ihr ihr Vetter Blumen schenkte! Ist das klug und gerecht? Ich glaube, Du bist eifersüchtig auf den breitschulterigen Unhold, den ein tückischer Kobold in das Nest des edlen verstorbenen Mohar legte.« »Das bin ich nicht,« entgegnete Mena, »und kein Zweifel an Nefert trübt meine Seele, aber es quält, es peinigt, es verunglimpft mich, nur zu denken, daß gerade Paaker, der mir widerwärtig ist wie eine giftige Spinne, sie beschenkt und anblickt, und dieß in meinem eigenen Hause!« »Wer Vertrauen verlangt, soll Vertrauen schenken!« sagte der König. »Und muß ich es nicht auch hinnehmen, wenn elende Wichte mich und die Meinen mit Lobliedern preisen? Schnell, glätte wieder die Stirn und denke an den nahen Sieg, die Heimkehr und daß Du Paaker weniger zu vergeben hast, als er Dir. Geh' nun zu den Rossen und stelle Dich morgen mit frohem Muthe, so wie ich Dich liebe, auf meinen Wagen!« Mena verließ das Zelt und begab sich in den Marstall. Dort traf er Rameri, der ihn erwartete. Der lebhafte Jüngling bekannte dem Rosselenker, daß er ihn als leuchtendes Vorbild liebe und ehre und daß er doch irre an seiner Tugend werde, denn er habe erfahren, daß er ein fremdes Weib in sein Zelt genommen, und er sei doch vermählt mit der schönsten und liebenswerthesten Frau in Theben. »Ich habe,« so schloß er, »mit ihr verkehrt wie ein Bruder und weiß, daß sie sterben würde, wenn sie hörte, daß Du sie beschimpftest; ja beschimpftest, denn so frei zur Schau getragener Treubruch verunehrt die Gattin eines Aegypters! Verzeih' meine offene Rede, aber wer weiß, was der morgende Tag bringt, und ich möchte nicht, Schlechtes von Dir denkend, in die Schlacht ziehen!« Mena ließ Rameri ohne Unterbrechung zu Ende reden und antwortete dann. »Du bist offen wie Dein Vater und hast wohl auch von ihm gelernt, den Angeklagten zu hören, ehe Du ihn verurteilst. Ein fremdes Weib, die Tochter des Königs der Danaer Name der Griechen in der Zeit des trojanischen Kriegs. Sie werden schon auf einer Siegesstele Thutmes III. (18. Dyn.) genannt und dann als gegen Aegypten mit Inselvölkern des Mittelmeers verbündet aus Inschriften Ramses III. E. de Rougé hat zuerst die im Epos des Pentaur vorkommenden Dardani für Dardaner (Bewohner der troischen Landschaft Dardania), die Pidasa für Pisidier, die Masa für Mysier, die Iliuna für Ilionbewohner erklärt; in jüngster Zeit versucht es Brugsch, welcher in den mit den Libyern gegen Ramses III. verbündeten Völkern kaukasisch-kolchische Söldner sieht, die Dardani nach Kurdistan zu verlegen. , schläft auf meinem Lager, ich aber ruhe seit Monden an der Thür des Zeltes Deines Vaters und habe mein eigenes, seitdem das Mädchen darin weilt, nicht betreten. Nun setze Dich zu mir und laß Dir erzählen, wie das gekommen ist! Wir hatten das Lager vor Kadesch aufschlagen und es gab wenig für mich zu thun, denn Ramses lag noch an seiner Wunde darnieder. Oft vertrieb ich mir die Zeit mit der Jagd an den Ufern des Sees. Einmal ging ich, wie gewöhnlich nur mit Pfeil und Bogen bewehrt und von meinen Windhunden begleitet Zur Hasenjagd dressirte Windhunde wurden in den allerältesten Grüften, z. B. in den der Zeit des Snefru angehörenden Mastaba zu Meydum (4. Jahrtausend v. Chr.) abgebildet. Ueber die Hunde, deren sich die Aegypter bedienten, handelt S. Birch in den Transactions of the society of biblical Archaeology 1875, S. 172–195 . , in's Freie und folgte unbesorgt einem Hasen. Da überfiel mich eine Schaar von Danaern, band mich mit Stricken und führte mich in ihr Lager. Dort ward ich als Kundschafter vor die Richter geführt, und schon war mir das Urtheil gesprochen und ein Seil um meinen Hals gelegt, als ihr König daherkam, mich sah und nochmals einem Verhör unterwarf. Ich erzählte ihm der Wahrheit gemäß, daß ich beim Jagen auf Thiere und nicht als sein Feind in die Hände der Seinen gefallen wäre, und er schenkte mir Glauben und nicht nur das Leben, sondern auch die Freiheit. Als einen Edlen hatte er mich erkannt, hielt mich als solchen und ließ mich an seinem eigenen Tische speisen. In meinem Herzen schwor ich mir zu, als er mich entließ, ihm diese großmüthige That zu danken. »Einen Monat später gelang es uns, das Lager der Hülfsvölker der Cheta zu überrumpeln, und libysche Soldaten raubten aus dem Zelte des Königs der Danaer mit anderen Schätzen seine eigene Tochter. Ich hatte mich wacker gehalten, und als es zur Vertheilung der Beute kam, gestattete mir der König zuerst zu wählen. Da legte ich die Hand auf die Tochter meines Retters und Gastfreundes und führte sie in mein Zelt, und lasse sie dort ungekränkt mit ihren Dienerinnen leben, um sie beim Friedensschluß ihrem Vater zurückzuführen.« »Verzeihe mir!« rief Rameri und reichte dem Rosselenker die Hand. »Nun versteh' ich erst, warum mich der König so eifrig fragte, ob Nefert an Deine Treue glaubt!« »Und was gabst Du ihm zur Antwort?« fragte Mena. »Daß sie Tag und Nacht an Dich denkt und nicht an Dir zweifelt. Das schien auch den Vater sehr zu freuen und er sagte zu Chamus: ›Dann hat er gewonnen!‹ »Er will mir eine große Gnade erweisen,« sagte Mena erklärend, »wenn sie, nachdem sie erfahren, daß ich ein fremdes Weib in mein Zelt genommen, mir dennoch vertraut. Ramses hält das schier für unmöglich, ich aber weiß, daß ich gewinne; sie muß an mich glauben!« Neuntes Kapitel. Vor dem Beginn der Schlacht Den Verlauf der zu schildernden Schlacht geben wir im Ganzen nach dem Epos des Pentaur. waren bei jedem Truppenkörper Gebete gesprochen und Opfer geschlachtet worden. Heilige Götterbilder in Festbarken wurden an den Schlachtreihen vorüber getragen und wundertätige Reliquien den Soldaten gezeigt. Herolde verkündeten, daß der Oberpriester bei den großen Opfern des Königs günstige Vorzeichen gefunden und die Horoskopen einen großen Sieg in Aussicht gestellt hätten. Jede ägyptische Legion blickte mit besonderem Zutrauen auf die Standarte mit dem Abbild des heiligen Thieres oder des Symbols desjenigen Gaues, aus dem sie stammte; aber auch jeder Einzelne versah sich mit Schutzmitteln und Amuleten von verschiedener Art. Dieser trug einen hülfreichen, in einem Täschchen verborgenen Spruch am Halse oder am Arme, Jener heilbringende mystische Augen und die Meisten Scarabäen an den Fingerringen. Viele glaubten sich gefeit durch Haare oder Federn eines heiligen Thieres und nicht Wenige ließen sich von einer lebendigen Schlange oder einem lebenden Käfer beschützen, die sie sorgfältig in den Taschen ihres Schurzes oder ihrem Vorrathssacke verbargen. Als der König, dem die Bildsäule der Götterdreiheit von Theben, des Kriegsgottes Menth und der Siegesgöttin Necheb vorangetragen wurden, die Reihen musterte, thronte er auf einer auf den Schultern von vierundzwanzig vornehmen Jünglingen ruhenden Sänfte. Bei seinem Nahen fiel das ganze Heer auf die Kniee und stand nicht eher auf, als bis Ramses, nachdem er den Tragstuhl verlassen, vor aller Augen den Göttern ein Rauch- und Trankopfer dargebracht und ihm sein Sohn Chamus, der Oberpriester von Memphis, im Namen der Himmlischen, die Symbole des Lebens und der Macht überreicht hatte. Endlich sangen Priesterchöre Loblieder auf den Sonnengott Ra und seinen Sohn und Vertreter auf Erden, den König. Als die Truppen aufbrachen, zeigten sich die verblassenden Sterne an dem wenige Stunden vorher mit dichtem Gewölk überzogenen Himmel. Dieser Vorgang am Firmament ward als günstiges Vorzeichen angesehen und Priester verkündeten dem Heere, wie der nahende Ra die Wolken, so würde der König seine Feinde zerstreuen. Ohne Trommel- und Trompetenklang, um die Asiaten nicht zu wecken, zogen die Fußvölker in der vorgeschriebenen Ordnung dem Feinde entgegen, die Wagenkämpfer fuhren in Reihen auf, jeder auf einem zweirädrigen leichten, mit zwei Pferden bespannten Wagen, und Ramses stellte sich an ihre Spitze. An beiden Seiten des vergoldeten Fuhrwerks, welches ihn trug, glänzte je ein mit Edelsteinen besetztes Futteral für Pfeile und Bogen. Seine schönen Rosse waren reich geschirrt. Aus ihrem Hals und Rücken lagen purpurne, mit Türkisperlen gestickte Schabracken und auf ihren Häuptern war ein kronenartiger Zierat befestigt, von dem weiße Straußenfedern in üppiger Menge herniederwehten. An der Spitze der Deichsel von Ebenholz befanden sich kleine gepolsterte Joche, die auf dem Nacken der Pferde ruhten. Mit ihrer leichten Last spielend, tanzten die glänzenden schlanken Thiere vor dem Wagen dahin, stampften den Boden mit den kleinen festen Hufen und hoben und senkten ihre schön gebogenen Schwanenhälse. Mena stand hinter seinem gewaltigen, mit der Krone von Ober- und Unter-Aegypten geschmückten, mit einem Panzerhemde, Die Reste eines solchen, welches aus der Zeit des ersten Scheschenk (Sesonchis), welcher der 22. Dynastie angehörte, stammt werden im British Museum konservirt. Es besteht aus Leder, auf dem bronzene Schuppen befestigt sind. über welches sich das breite purpurfarbene Tragband des Schurzes zog, bekleideten Herrn und hielt die Pferde straff mit der Linken im Zügel. Seine Rechte stützte sich auf den Schild, mit dem er im Kampfe seinen Gebieter beschützte. Einer von Stürmen gefestigten Eiche, neben der eine schlanke Esche erwächst, war der König mit seinem Rosselenker vergleichbar. Der östliche Horizont begann sich zu röthen, als sie die Umhägung des Lagers verließen. Vor derselben fuhr der Wegeführer Paaker zu dem Könige heran, warf sich vor ihm nieder, küßte den Boden und antwortete auf die Frage des Ramses, warum er ohne seinen Bruder komme, Horus sei plötzlich erkrankt. Die Morgendämmerung verbarg dem Könige die Röthe, welche mit fahler Blässe auf den Wangen des der Lüge ungewohnten Verräthers wechselte. »Wie steht es mit dem Feinde?« fragte Ramses. »Er weiß,« antwortete Paaker, »daß es in der nächsten Zeit zum Schlagen kommt, und sammelt seine zahllosen Völker in den Lagern im Süden und Osten der Stadt. Glückt es Dir, Kadesch von Norden her in den Rücken zu fallen, während das Fußvolk das Lager der Asiaten von Süden her angreift, so wird Dir die Festung heute noch gehören. Die Bergstraße, die ihr, um nicht entdeckt zu werden, ziehen müßt, ist nicht schlecht.« »Bist Du krank wie Dein Bruder, Mann?« fragte der König, »Deine Stimme zittert.« »Ich war niemals gesünder,« erwiederte der Mohar. »Zeige den Weg!« befahl Ramses. Paaker gehorchte. Schweigend fuhren sie mit einem Gefolge von zahllosen Wagenkämpfern in der thaureichen Morgenfrische erst über die Ebene hin und dann in's Gebirge hinein. Das mit Bogen und Schwertern bewaffnete Korps des Ra marschirte, den Weg eröffnend, ihnen voraus. Ein schmales, trockenes Flußbett ward durchfahren, dann öffnete sich ihnen ein breites, links und rechts von einer Bergreihe begrenztes Thal. »Der Weg ist gut,« sagte Ramses, indem er sich an Mena wandte. »Seines Amtes zu warten hat der Mohar von seinem Vater gelernt. Auch seine Rosse sind tüchtig. Bald weist er den Führern unserer Vorhut den Weg, bald ist er wieder in unserer Nähe.« »Es sind Goldfüchse von meiner Zucht,« sagte Mena und seine Stirnadern schwollen an. »Der Gestütsmeister sagte, Katuti habe sie ihm vor seiner Abreise gesandt. Sie sollten vor Nefert's Wagen gehen; heute fährt er sie mir zum Trotze.« »Dein ist das Weib, laß ihm die Pferde,« entgegnete begütigend der König. Da durchbrach Posaunenklang die Morgenstille. Man sah nicht, woher er kam, und doch ertönte er nicht aus der Ferne. Ramses richtete sich auf und löste sein Schlachtbeil vom Gürtel, die Rosse spitzten die Ohren und Mena sagte: »Das waren Cheta-Trompeten, ich kenne den Ton.« Ein verschlossener, auf vier Rädern ruhender Wagen, in dem die Löwen des Königs in den Kampf gefahren wurden, folgte dem Fahrzeug des Ramses. »Die Löwen los!« rief der König, welcher Schlachtgeschrei ertönen hörte und bald darauf seine von feindlichen Wagen durchbrochene Vorhut, die ihm vorangezogen war, das Thal hinunter und ihm entgegenfliehen sah. Die Raubthiere schüttelten ihre Mähnen und sprangen brüllend neben dem Wagen ihres Gebieters her. Mena schwang die Geißel, die Rosse bäumten sich und jagten nun in muthigen Sätzen den Fliehenden, welche durch keinen Zuruf zum Stillstand zu bringen waren, und den auf sie einhauenden Feinden entgegen. »Wo ist Paaker?« fragte Ramses. Aber der Wegeführer war verschwunden, als habe die Erde ihn und sein Geschirr verschlungen. Die fliehenden Aegypter und die unter ihnen Tod verbreitenden feindlichen Wagenkämpfer kamen näher und näher. Der Boden erbebte und der Hufschlag der Rosse und das Rasseln der Räder klang lauter und immer lauter, wie das Rollen eines schnell heraufziehenden Unwetters. Da erhob Ramses sein Kriegsgeschrei, das wie Posaunenklänge von den Felsen zu seiner Rechten und Linken wiederhallte; seine Wagenkämpfer stimmten ein in den Ruf, die Fliehenden hemmten einen Augenblick ihren Fuß, aber nur um gleich darauf mit verdoppelter Hast Rettung zu suchen, denn plötzlich ertönten feindliche Schlachtrufe und Kriegstrompeten auch hinter dem Könige, und aus einem Querthale, dessen Mündung Ramses unbeachtet gelassen, und in welchem Paaker verschwunden war, stürmten unabsehbare Schaaren von Wagenkämpfern hervor, die, ehe es der König verhindern konnte, die Reihen der ihm folgenden Streiter durchbrachen und ihn von seiner Hauptmacht abschnitten. Er hörte, wie hinter ihm der Kampf tobte und brauste, und sah vor sich Fliehende, Fallende und den immer heftiger und zahlreicher ihm entgegenstürmenden Feind. Er übersah die ganze Gefahr und reckte die gewaltigen Glieder, als wollte er erproben, ob sie denen eines ebenbürtigen Gegners gewachsen seien. Dann erhob er seine Stimme so kraftvoll, daß sie das Geschrei und Stöhnen der Krieger, die Kommandorufe, das Wiehern der Pferde, das Gekrach der zerschellenden Wagen, den dumpfen Schall der von Lanzen und Schwertern getroffenen Schilde und Helme, kurz den sinnverwirrenden Lärm der Schlacht laut übertönte, hob den Bogen und durchbohrte mit seinem ersten Pfeil einen Chetaführer. Seine Löwen stürzten vorwärts und brachten Verwirrung in die ihm entgegenjagenden Schaaren, denn viele Chetarosse wandten sich unaufhaltsam bei dem Gebrüll der wüthenden Raubthiere, warfen die Wagen um und hinderten das Vordringe ihrer Genossen. Ramses versandt Pfeil auf Pfeil und Mena schützte ihn mit dem Schilde, wenn feindliche Geschosse ihm zuflogen. Jetzt hatte das Gespann des Pharao den Feind erreicht und sein Schlachtbeil den ersten Asiaten gefällt. Neben ihm kämpften von ihren Wagen herab Rameri und drei andere Königssöhne, vor ihm die Löwen. Wild war das Gedränge und furchtbar die Wuth der Kämpfenden, betäubend, wie das Brausen der Brandung des vom Orkan gepeitschten Ozeans an hohen Granitufern, das Getöse der Schlacht. Mena schien sich zu verdoppeln, denn während seine Linke die Zügel hielt und die Rosse vorwärts, rückwärts und zur Seite wandte, so wie es das Kampfgedränge gebot, entging ihm kein auf den König gerichteter Pfeil. Seine Augen und sein Schild waren überall, keine Wimper zuckte dem jungen Helden, während Ramses wüthender noch als seine Löwen mit immer lauterem Schlachtgeschrei und flammenden Augen sich tiefer und tiefer in die Schaaren des Feindes hineinhieb. Drei auf Mena, nicht auf den König gerichtete Pfeile steckten im Schilde des Rosselenkers, und von ungefähr sah er auf dem Schaft des einen in ägyptischer Schrift die Worte: »Tod dem Mena«. Da schwirrte der vierte Pfeil! Er folgte mit den Augen der Richtung, aus der er gekommen, und während das fünfte Geschoß seine Schulter verwundete, rief er dem Könige zu: »Wir sind verrathen. Sieh' dort hinüber! Paaker kämpft mit den Cheta!« Der Wegeführer spannte von Neuem den Bogen und kam dem Fahrzeug des Ramses so nahe, daß man ihn zu verstehen vermochte, als er, die Sehne abschnellend, kreischend ausrief: »Jetzt rechnen wir ab, Du Dieb und Räuber! Noch ist meine Braut Dein Weib, aber mit diesem Schusse werb' ich um Mena's Wittwe.« Mit furchtbarer Kraft traf der die Luft durchsausende Pfeil den Helm des Rosselenkers. Er ließ den Schild sinken und griff nach dem dröhnendem Haupte, er hörte Paaker's Wuthgelächter, er fühlte wie ein neuer Pfeil seines Feindes in sein Handgelenk schnitt, und seiner selbst nicht mehr mächtig warf er die Zügel weit von sich, schwang er sein Schlachtbeil, sprang er, seine Pflicht und sich selbst vergessend, vom Wagen und stürzte auf den Wegeführer los. Paaker erwartete ihn mit erhobener Kampfsichel. Seine Lippen waren blutlos, seine Augen geröthet, seine weiten Nüstern schnaubten wie die eines röchelnden Pferdes und mit giftigem Schaum vor dem kreischenden Munde stürzte er auf seinen Todfeind. Der König sah die Beiden mit einander ringen, aber er konnte nicht eingreifen in ihren Streit, denn die Zügel, die Mena gehalten hatte, schleiften am Boden und ohne Lenkung rissen ihn seine Pferde, den Löwen folgend, mit sich fort. Die meisten seiner Genossen waren gefallen, vor ihm und hinter ihm wüthete und tobte der Kampf, aber Ramses stand fest wie ein Fels, deckte sich mit Mena's Schilde und schwang die todbringende Streitaxt. Da sah er Rameri sich mit seinem Gespann zu ihm herandrängen. Heldenhaft kämpfte der Jüngling und Ramses rief ihm zu. »Brav so, Du Enkel des Seti!« »Ich will mir ein neues Schwert gewinnen!« rief der Krauskopf zurück und spaltete einem Feinde den Schädel. Aber schon umringten ihn feindliche Wagen. Der Vater sah, wie Danaerkrieger des Jünglings Gespann zu Boden rissen und wie all' seine Gefährten, und unter ihnen die besten Streiter, fliehend ihre Rosse wandten. Jetzt wurde auch einer der Löwen von einer Lanze durchbohrt und sank mit einem Alles übertönenden Wuth- und Schmerzensgeheul zu Boden. Schon hatte ihn selbst ein Pfeil gestreift, ein Schwerthieb seinen Schild gespalten und das letzte Geschoß war versendet. Immer noch Tod verbreitend sah er den Tod sich ihm nahen und erhob, ohne abzulassen vom Kampfe, seine Stimme, um laut zu beten und Amon's Hülfe mit brünstigen Worten anzurufen. Noch flehte er so in Todesnoth zu dem Herrn des Himmels, als mitten im Kampfgewühl neben seinen Rossen ein Aegypter von hohem Wuchse sich zeigte, die Zügel aufnahm und, indem er den König ehrerbietig grüßte, sich hinter ihn auf den Wagen schwang. Ramses erbebte zum ersten Male. Geschah hier ein Wunder? Hatte Amon sein Gebet vernommen? Als er scheu zu seinem neuen Wagenlenker hinschaute und zu erkennen meinte, daß er die Züge des verstorbenen Mohar, des Vaters des Verräthers Paaker, trage, da glaubte er, Amon selbst habe sich in dessen Gestalt gehüllt und sei zu ihm gekommen, um ihn zu retten. »Hülfe ist nah!« rief sein neuer Wagengenosse, »Nur noch kurze Zeit Stand gehalten, und Du bist gerettet und führst die Deinen zum Siege!« Da erhob Ramses von Neuem sein Kriegsgeschrei, der nächste Cheta, der sich ihm nahte, sank mit zerschmettertem Haupte zu Boden, während der räthselhafte Helfer an seiner Seite ihn bald mit dem Schilde, den der König ihm übergeben hatte, deckte, bald furchtbare Streiche austheilte. So vergingen in neuem Kampfe lange Minuten. Da übertönten wieder Trompetenklänge das laute Brausen der Schlacht. Dießmal erkannte Ramses ägyptische Hörner und von der niedrigen Bergwand zu seiner Rechten stürzten ohne Weg und Steg viele tausend leicht bewaffnete Fußgänger von der Legion des Ptah unter Führung des Horus in die Flanke der feindlichen Wagenkämpfer. Die Aegypter sahen den König und seine Gefahr. Todesmuthig stürzten sie vorwärts, die Wagenkämpfer tödtend und in die Flucht jagend, und bald hielt der Pharao gerettet unter den Seinen. Aber sein räthselhafter Helfer in der Noth war verschwunden. Ein Pfeilschuß hatte ihn getroffen und er war zu Boden gestürzt. So enden Menschen; und doch glaubte der König, Amon selbst sei sein Retter gewesen. – Nur kurze Ruhe gönnte Ramses sich selbst, den Rossen und seinen Streitern, dann wandte er sich auf dem Wege um, den er gekommen, überfiel die Feinde, die ihn von seiner Hauptmacht abgeschnitten hatten, faßte sie, während sie noch mit seinen schon zurückweichenden Wagenkämpfern rangen, im Rücken und führte die meisten Asiaten, welche den ägyptischen Pfeilen und Schwertern entgangen waren, als Gefangene mit sich. Von Neuem vereint mit den Seinen drang er tiefer in die Ebene vor, traf hier auf asiatische Truppen zu Roß und zu Wagen, die mit ägyptischen Schwerbewaffneten kämpften, und drängte sie in das Wasser des Orontes und des Sees von Kadesch. Der Einbruch der Nacht machte dem Kampf ein Ende, aber in der Frühe des folgenden Morgens begann er auf's Neue. Tiefe Muthlosigkeit hatte sich der asiatischen Verbündeten bemächtigt, die voll Siegesgewißheit in die Schlacht gezogen waren; hatte doch der Wegeführer Paaker ihnen seinen König verrathen. Als der Pharao auszog, waren die besten Wagenkämpfer der Cheta von der Stadt verborgen aufgestellt und Ramses durch die nördliche Oeffnung des Thales, in dem er heranzog, entgegengeschickt worden, während ihm andere Elitetruppen durch ein Querthal, das sie in der Nacht besetzt hatten, im Ganzen zweitausendfünfhundert Wagen, in die Flanke fallen sollten. Diese Pläne waren zur Ausführung gekommen, und trotzdem hatten die Asiaten eine schwere Niederlage erlitten und ihre vornehmsten Helden verloren, unter ihnen Titure, den Kanzler, und Chiropasar, den Bücherschreiber des Königs der Cheta, Aus dem Gemälde dieser Schlacht an den Pylonen des Ramesseums zu Theben ist über einem der gefallenen Cheta dieser Name und Titel zu lesen. welcher das Schwert so gut zu führen verstand wie das Schreibrohr und den Sieg der Asiaten zu schildern und auf die Nachwelt zu bringen ausersehen war. Ramses hatte den einen und sein Kampfgenosse den andern mit eigenen Händen erschlagen und außer ihnen viele andere Führer der Cheta und ihrer Hülfsvölker. Wie ein Gott wurde der König mit Jubelrufen und Lobgesängen im Lager begrüßt. Selbst die Tempelhörigen und die des langen Krieges überdrüssigen und von Ani erkauften, in Oberägypten ausgehobenen Bürger wurden mit fortgerissen von der allgemeinen Begeisterung und huldigten freudig dem großen Helden und Könige und dem mächtigen Beuger widerspenstiger Nacken, dem Erfolge. Nun wurden auch die Todten und Verwundeten auf dem Schlachtfelde aufgesucht. Unter den letzteren hatte man Mena gefunden. Rameri ward vermißt; in den nächsten Tagen stellte es sich heraus, daß er als Gefangener in Feindeshand gefallen sei, und er ward sogleich gegen die in Mena's Zelt zurückgehaltene Tochter des Danaerfürsten ausgewechselt. Paaker war verschwunden; aber die Goldfüchse, welche ihn in die Schlacht geführt hatten, wurden unversehrt vor seinem zerschmetterten und mit Blut befleckten Wagen gefunden. Die Aegypter besetzten Kadesch und der Chetafürst Chetasar versuchte in seinem eigenen und seiner Bundesgenossen Namen in Friedensverhandlungen mit dem Pharao zu treten; aber Ramses bestand darauf, ihnen nicht hier, sondern an der Grenze Aegyptens seine Bedingungen vorzuschreiben. Es blieb den Besiegten keine Wahl und des Chetakönigs Vertreter (er selbst war verwundet) sammt zwölf Fürsten der größten, gegen den Pharao in's Feld gezogenen Völker mußten sich seinem Siegeszuge anschließen. Man zollte ihnen alle Ehren und hielt sie wie den König selbst, aber sie waren dennoch nichts mehr und nichts weniger als seine Gefangenen. Der Pharao wünschte keine Zeit zu verlieren, denn trübe Ahnungen erfüllten sein Herz und über seine sonnige Seele breitete sich der Schleier einer ihm sonst fremden Verdüsterung. Zum ersten Male war er von einem ihm nahe stehenden Aegypter an den Feind verrathen worden. Paaker's That erschütterte sein freudiges Zutrauen und der Chetafürst hatte in seiner Bitte um Frieden andeuten lassen, daß Ramses im eigenen Hause Manches mit Gewalt der Waffen zu schlichten finden werde. Der Pharao fühlte sich Ani, den Priestern und Allem, was er in Aegypten gelassen, mehr als gewachsen, aber es schmerzte ihn, Mißtrauen empfinden zu müssen, und Ungewißheit war ihm schwerer zu ertragen als Unglück. Es drängte ihn nach Aegypten zurück. Ein Anderes noch war es, was ihm den Krieg verleidete. Mena, den er wie seinen Sohn liebte, der seine leisesten Winke verstand, der, sobald er den Wagen betrat, zu ihm gehörte wie ein Theil seines Leibes, lenkte nicht mehr seine Rosse und war durch den Spruch der Führer des Heeres seines Amtes entsetzt worden. Er selbst hatte dieß Urtheil bestätigen müssen als ein gerechtes und mildes, denn todeswürdig war die That des Mannes, der seinen Herrscher preisgab, um eigene Rache zu üben. Seit seinem Kampfe mit Paaker hatte Ramses den Rosselenker nicht wiedergesehen, aber er hörte Denen theilnehmend zu, welche ihm Nachricht über die Fortschritte der Genesung des schwer Verwundeten brachten. Alles Traumwesen war der freudigen, entschiedenen und wachen Natur des Pharao unangemessen und Niemand hatte ihn, selbst in den Stunden der schwersten Ermüdung, befangen gesehen von trübem Brüten in's Leere. Jetzt blickte er manchmal wie mit umflortem Geiste zu Boden und schrak wie ein geweckter Schläfer zusammen, wenn die Anforderungen der Außenwelt sich ihm aufdringlich nahten. Hundertmal hatte er dem Tode in's Antlitz geschaut und seinem drohenden Blicke getrotzt wie dem jedes andern Feindes, dießmal aber war es ihm gewesen, als habe er schon die kalte Hand des übermächtigen Gegners an seinem Herzen gefühlt. Die Empfindung der Ohnmacht, welche sich ihm aufgedrängt hatte, als er, wie ein vom Winde entführtes Blatt dem Willen seiner ungezügelten Rosse preisgegeben, durch ein Wunder gerettet ward, wollte ihn nicht verlassen. Ein Wunder! War Amon wirklich in Menschengestalt auf seinen Ruf erschienen, war er thatsächlich ein Sonnensohn und floß göttliches Blut in seinen Adern? Ungewöhnliche Gunst hatten die Himmlischen ihm erwiesen, aber er war doch nur ein Mensch; das lehrten ihn die Schmerzen in seiner Wunde und die Täuschungen, denen er zum Opfer gefallen. Ja, wie ein vor dem Richtblocke Begnadigter war er sich vorgekommen. Ein Mensch war er wie alle anderen Menschen und er wollte ein Mensch sein. Er freute sich des Dunkels, das auch seine Zukunft bedeckte, und der mancherlei Schwächen, die er mit Denen theilte, welche er liebte, und endlich des Bewußtseins, unter den gleichen Bedingungen, wie seine Zeitgenossen, mehr zu leisten als diese. Kurze Zeit nach seinem Siege und nachdem alle wichtigen Pässe und festen Plätze in Syrien von seinen Leuten besetzt worden waren, brach er mit den Fürsten der besiegten Völker in seinem Gefolge nach Aegypten auf. Zwei seiner Söhne sandte er nach Megiddo zu Bent-Anat, um sie zur See nach Pelusium zu begleiten. Er wußte, daß der Befehlshaber des Hafens der Grenzfestung im äußersten Osten seines Reiches ihm treu ergeben war, und ließ seiner Tochter befehlen, bis zu seiner Ankunft das Schiff nicht zu verlassen, um sie vor jedem Anschlage des Statthalters zu sichern. Auch ein großer Theil des Kriegsmaterials und die Mehrzahl der Verwundeten wurde zur See nach Aegypten befördert. Zehntes Kapitel. Seit der entscheidenden Schlacht bei Kadesch waren beinahe drei Monate vergangen. Heute ward in dem festen Pelusium, dem Schlüssel Aegyptens für alle von Osten her nahenden Heere, S. Lepsius, Chronologie der Aegypter, S. 338 fgd., woselbst alle Ueberfälle, welche das Nilthal von Osten her zu erleiden hatte, aufgezählt werden. der mit seinen Truppen siegreich heimkehrende Pharao erwartet. Glänzende Vorkehrungen waren für seinen Empfang getroffen worden, und Derjenige, welcher die festlichen Anordnungen mit einem bei der Gelassenheit seiner Natur doppelt überraschenden Eifer leitete, war kein Geringerer als der Statthalter Ani. Ueberall sah man seinen Wagen; bald bei den Arbeitern, welche die Triumphbögen mit frischen Blumen auszuschmücken hatten, bald bei den Sklaven, die die für diese besondere Gelegenheit hergestellten hölzernen Löwen an der Straße mit Kränzen umschlangen, bald, und hier verweilte er am längsten, bei dem ungeheuren, schnell aufgeführten Holzpalast auf der Stätte des früheren Hyksoslagers, Das Abaris des Manetho ist Pelusium, wie wir in unserem Aegypten und die Bücher Mose's I. S. 209 bewiesen haben. Spuren der alten Wälle mit festungsartigen Einbiegungen blieben erhalten. Lepsius, Sitzungsberichte der Berliner Akademie der Wissenschaften, 17. Mai 1866. in welchem das eigentliche Empfangsfest gefeiert werden und der Pharao mit den Seinen wohnen sollte. Durch das Aufgebot von vielen tausend Menschenkräften war es gelungen, in wenigen Wochen diesen Prachtbau Herodot II. 107 läßt diesen Holzbau zu Daphnä bei Pelusium erbaut worden sein, Diodor I. 57 in Pelusium selbst. Wir können Denen nicht beistimmen, welche den Verrath des Statthalters gegen Ramses III. und nicht gegen Sesostris (Ramses II.) gerichtet sein lassen. Freilich hat unter Ramses III. (s.  Deveria, le Papyrus judiciaire de Turin ) eine Haremsverschwörung stattgefunden, welche bezweckte, den Bruder des Pharao auf den Thron von Aegypten zu erheben; aber von dergleichen Palastrevolutionen wird auch sonst erzählt. Schon im alten Reiche, z. B. unter Amenemha I.(12. Dyn.) im Papyrus Sallier II . herzustellen. Es fehlte in demselben nichts, was einem an üppigen Glanz gewöhnten Könige nur immer begehrenswert erscheinen konnte. Eine hohe Freitreppe führte von einer aus dem Nichts hervorgerufenen Gartenanlage aus in die Vorsäle, hinter denen der Festsaal sich öffnete. Dieser letztere war von ungewöhnlicher Höhe und seine gewölbte Holzdecke, welche auf blauem Grunde tausend Sterne zeigte und den gestirnten Himmel darstellen sollte, ruhte auf Säulen, von denen einige wie Dattelpalmen, andere wie Cedern vom Libanon gestaltet waren. Die Blätter und die Nadelzweige an ihnen bestanden aus künstlich gefestigten und bemalten Geweben. Zarte Bogen von bläulicher Gaze verbanden die Säulen in der ganzen Breite des Saales. Nur in der Mitte der östlichen Hinterwand der Halle waren sie zu einer Muschel zusammengesteckt, welche, mit grünen und blauen Glasflüssen, Perlmutter, spiegelblanken Marienglasplättchen und anderen glänzenden Zieraten übersäet, sich als Baldachin über den hohen Thron des Pharao breitete. Dieser Königssitz trug die Gestalt eines von Löwen, die als Lehnen zu seinen beiden Seiten ruhten, bewachten Schildes, unter dessen Wucht vier gefesselte asiatische Fürsten zusammenzubrechen schienen. Schwere Teppiche, welche den Boden des Meeres zur Anschauung brachten, denn sie zeigten auf blauem Grunde verschiedenartige Gestalten von Muscheln, Fischen und Wasserpflanzen, bedeckten den Boden des Festsaals, in welchem für die Großen des Reichs und die Führer des Heeres dreihundert Sessel vor zierlichen Tischen standen. Tausende von Lampen in Gestalt von Lilien und Tulpen hingen überall, und in der Vorhalle standen große Körbe voll Rosen, welche bei der Ankunft des Königs ausgestreut werden sollten. Auch die Schlafgemächer für den König und die Seinen waren prächtig ausgestattet. Reichgestickte Purpurgewebe bedeckten als Tapeten die Wände, ein leichtes Gewölk von bläulich weißer Gaze war an der Decke aufgesteckt, und statt mit Teppichen war der Fußboden mit Giraffenfellen bekleidet. Mehr nach der Stadt zu erhoben sich die für die Garden und Leibwächter bestimmten Baracken und die Marstallsgebäude, welche von dem Palast durch den den letzteren umgebenden Garten getrennt waren. Ein vergoldeter, mit Blumen bekränzter Pavillon sollte die Rosse, welche den König in die Schlacht gefahren hatten und die von ihm dem Sonnengotte geweiht worden waren, aufnehmen. Der Statthalter Ani durchschritt mit Frau Katuti diese schnell errichteten Festräume. »Ich dächte, es wäre Alles wohl gelungen,« sagte die Wittwe. »Nur Eines vermag ich nicht zu entscheiden,« entgegnete Ani, »soll ich Deinen erfinderischen Geist oder Deinen feinen Geschmack lauter bewundern?« »Laß das,« lächelte die Wittwe, »wenn etwas an mir Lob verdient, so ist es mein Eifer, Dir zu dienen. Was gab es in der von widrigen Insekten erfüllten Luft dieser sumpfigen Gegend Nach einer, wenn auch unrichtigen Etymologie bei Strabo, p. 802, würde Pelusium (von πηλός) »Schlammstadt« bedeuten. nicht Alles auszudenken, zu erwägen, zu ordnen und zum Abschluß zu bringen, bis dieses Bauwerk dastand! Nun ist es vollendet, und für wie lange?« Ani schaute zu Boden und wiederholte: »Für wie lange?« Dann fuhr er fort: »Ein großes Wagniß ist schon mißglückt, Ameni ist kühl geworden und rührt sich nicht mehr, die Truppen, auf welche ich zähle, sind mir vielleicht noch ergeben, aber viel zu schwach, die Hebräer, die hier ihre Rinder hüten und die ich für mich gewann, indem ich sie von den Zwangsarbeiten freisprach, haben niemals Waffen getragen. Und Du kennst ja das Volk. Dem ruhmreichen Sieger küssen sie die Füße und sollten sie durch ihrer Kinder Blut zu ihm hinwaten. Mir fehlt das Zutrauen. Und außerdem . . . es ist, es hat sich, nun ja der Sperber, den die alte Hekt für mich pflegt, ist gerade heute krank und müde . . .« »Er wird sich morgen um so stolzer heben, wenn Du ein Mann bist,« sagte Katuti, und ihre Augen funkelten zornig. »Du kannst nicht mehr rückwärts! Hier in Pelusium, gleich einem Gotte von Dir empfangen. nimmt Ramses Dein Fest an. Ich kenne den König! Er ist zu stolz, um mißtrauisch zu sein, und so dünkelhaft, daß er nichts schwerer zugibt, als sich in einem Menschen, gleichviel ob Freund oder Feind, getäuscht zu haben. Den Mann, welchen er, als er ihn zu seinem Statthalter ernannte, für den würdigsten im Lande erklärte, wird er ungern verdammen. Heute noch gehört Dir sein Ohr, morgen schon Deinen Feinden, und zu viel ist in Theben geschehen, als daß es sich verwischen ließe. Du gleichst dem Löwen, welcher zwischen seinem Wärter und dem Gitter steht. Läßt Du jetzt die Zeit unbenutzt verrinnen, so steckst Du im Käfig; fühlst und zeigst Du Dich nur heute als Löwe, so ist es um Deinen Bändiger geschehen!« »Du drängst und drängst mich,« erwiederte Ani. »Wenn nun, nachdem Paaker's vortrefflich ausgedachter Plan mißglückt ist, auch Dein Anschlag fehlschlägt?« »So steht Deine Sache nicht schlechter als jetzt,« antwortete Katuti. »Die Götter, nicht die Menschen, lenken die Elemente. Ist es wahrscheinlich, daß Du einen so schön geschmückten Bau mit solcher Sorgfalt zu Ende führtest, um ihn zu verbrennen? Mitwisser haben und bedürfen wir nicht!« »Wer aber soll den Brand in die von Nemu und meinem stummen Sklaven mit Stroh und Pech erfüllten Räume legen?« fragte Ani »Ich,« entgegnete Katuti entschieden, »und mit mir Einer, der nichts von Ramses zu hoffen hat.« »Das wäre?« »Paaker.« »Der Mohar ist hier?« fragte der Statthalter erschrocken. »Du hast ihn selbst gesehen.« »Du irrst,« rief Ani, »ich würde . . .« »Erinnerst Du Dich des einäugigen, grauköpfigen Schwarzen, der Dir gestern das Schreiben von mir überbrachte? Das ist der Sohn meiner Schwester.« Der Statthalter griff sich an die Stirn und murmelte schaudernd: »Der Arme.« »Furchtbar ist er verändert,« sagte Katuti. »Er hätte nicht der Färbung bedurft, um selbst seiner Mutter unkenntlich zu sein. Im Kampfe mit Mena hat er das Auge verloren, ein Schwertstich meines Schwiegersohnes verletzte seine Lunge, denn mühsam athmet und spricht er, das Fleisch ist von den breiten Schultern geschwunden und die stämmigen Beine, mit denen er prahlte, sind jetzt dünner wie die eines Negers. Unbedenklich gesellte ich ihn zu meinen Dienern. Noch kennt er nicht meinen Anschlag, aber ich weiß, daß er, auch wenn ihm tausend Tode drohten, uns helfen würde. Um der Götter willen laß jetzt das Zagen und Schwanken! Wir wollen den Baum für Dich schütteln, sei Du nur zur Hand, wenn es morgen gelten wird, die Früchte vom Boden zu lesen. Eines nur muß ich fordern! Befiehl dem Kellermeister, den Wein nicht zu schonen, damit uns die Garden und sardinischen Wächter nicht beunruhigen. Ich weiß, daß Du den Befehl gegeben, von den fünf Schiffen, welche den Inhalt Deiner Weinspeicher herbrachten, nur drei zu entladen. Ich dächte, der künftige Besitzer Aegyptens sollte weniger ängstlich sparen!« Katuti's Lippen zuckten verächtlich, während sie die letzten Worte sprach. Ani bemerkte es und sagte: »Du hältst mich für zaghaft. Nun ja, ich gesteh' es, es würde mir lieber sein, wenn manches auf Deinen Antrieb Unternommene ungeschehen zu machen wäre. Ich stünde auch gern von dem neuen Anschlage ab, so sorgfältig wir ihn auch schon bei der Anlage dieses Bauwerkes und seiner Ausschmückung vorbereitet haben. Den Wein will ich opfern. Freilich sind Krüge dabei, die noch aus der Zeit meines Vaters stammen; doch es muß eben sein. Du hast Recht! Manches ist geschehen, was den König erzürnen wird! Du bist ja klug! Thu', was Du für gut hältst! Ich schlafe nach dem Feste im Lager unter den Aethiopiern.« »Sie rufen Dich zum Könige aus, sobald die Emporkömmlinge verbrannt sind,« rief Katuti. »Wenn nur Einige schreien, so folgen die Anderen, und wenn Du Ameni auch erzürnt hast, so huldigt er Dir immer noch lieber als Ramses. Da kommt er und drüben erheben sich schon die Fahnen!« »Sie nahen,« sagte der Statthalter. »Und nun nur noch Eins! Sorge Du persönlich dafür, daß die Prinzessin Bent-Anat die für sie bestimmten Räume bezieht. Sie darf nicht verbrennen.« »Noch immer?« fragte Katuti schalkhaft und doch nicht ohne Bitterkeit lächelnd. »Sei unbesorgt, ihre Zimmer liegen zu ebener Erde und sie soll gewarnt werden.« Ani sagte ihr Lebewohl. Noch einen Blick warf er in die große Halle und seufzte dann: »Mein Herz ist beklommen; ich wollte, dieser Tag und diese Nacht wären vorüber!« »Du kommst mir vor,« lächelte Katuti, »wie dieser schön geschmückte Festsaal, der jetzt öde, fast unheimlich aussieht; heute Abend, wenn ihn die Gäste füllen, wird sich das ändern. Zum Könige bist Du geboren und doch kein König. Ganz Du selber wirst Du erst sein, wenn Dir Krone und Szepter gehören.« Ani lächelte ihr dankend zu und verließ sie; Katuti aber murmelte vor sich hin: »Bent-Anat wird mit den Anderen verbrennen; ich habe keine Lust, die Herrschaft über diesen mit ihr zu theilen!« Aus allen Theilen Aegyptens waren Männer und Frauen zusammengeströmt, um den heimkehrenden Sieger und seine Truppen an der Grenze seines Reiches zu empfangen. Die schönste Darstellung einer solchen Empfangsfeierlichkeit, welche dem aus Syrien heimkehrenden Vater unseres Ramses galt, blieb an der Nordwand des Tempels von Karnak erhalten. Jedes größere Priesterkollegium hatte Ramses eine Deputation entgegengeschickt; das der Nekropole von Theben fünf seiner Mitglieder, an deren Spitze der Oberpriester Ameni und der zweite Prophet des Setihauses, der alte Gagabu, standen. Im feierlichen Aufzuge näherten sich die weiß gekleideten Diener der Gottheit der Brücke, welche über den östlichsten, den pelusinischen Nilarm, und also in das eigentliche von den Wassern des heiligen Stromes befruchtete Aegypten Das Orakel des Amon gab den Bewohnern von Marea und Apis den Bescheid, daß Alles zu Aegypten gehöre, was von dem austretende Nil überschwemmt würde. Herod. II. 18. führte. Die Deputation des ehrwürdigen Ptahtempels von Memphis, den schon Mena, der erste König, welcher die Krone von Ober- und Unter-Aegypten getragen hatte, gegründet haben sollte und zu deren Oberhaupt der älteste Sohn des Ramses, Chamus, ernannt worden war, eröffnete den Zug. Ihr folgten die Abgeordneten des nicht minder ehrwürdigen Heliopolis und diesen die Vertreter des Reichstempels und der Nekropole von Theben. Nur wenige Mitglieder dieser Deputationen trugen das schlichte weiße Linnengewand der Diener der Gottheit; die meisten waren mit dem Pantherfelle der Propheten geschmückt. Jeder trug einen hohen mit Rosen und Lilien und grünem Laubwerk geschmückten Stab und Viele führten goldene Arme mit gebogenen Händen, in deren Höhlung kostbares Rauchwerk beim Nahen des Königs angezündet werden sollte. Unter der Deputation der Priesterschaft des Amon von Theben befanden sich auch vornehme, bei dem Kultus dieses Gottes thätige Frauen, Die sogenannten Pallakiden, denen wir am häufigsten beim Kultus des Amon, aber auch beim Dienste von Göttinnen, wie der Isis und Bast, begegnen. Obgleich sie auf der Tafel von Tanis »Jungfrauen« genannt werden, so konnte Katuti doch zu ihnen gehören, da in älterer Zeit viele von ihnen verheirathet waren. und mit ihnen die vor Kurzem auf des Statthalters besondern Wunsch ihnen zu gesellte Katuti. Der Oberpriester Ameni schritt nachdenklich neben dem Propheten Gagabu hin. »Wie ist das Alles so ganz anders gekommen, als wir dachten und wollten!« sagte der Letztere leise. »Wir sind Boten mit versiegelten Briefen, wer kennt ihren Inhalt?« »Ich begrüße Ramses mit freudigem Herzen,« erwiederte Ameni entschieden. »Nach dem, was ihm vor Kadesch begegnet, kehrt er nicht als derselbe heim, der er war, als er in's Feld zog. Er weiß nun, was er dem Amon schuldet. Seinen Lieblingssohn stellte er schon in den Dienst des memphitischen Gottes, herrliche Tempel zu bauen und die Himmlischen reich zu beschenken hat er gelobt, und Ramses pflegt besser zu halten was er verspricht, als der lächelnde Schwächling dort auf dem Wagen.« »Mir bangt für Ani,« sagte Gagabu. »Der Pharao wird ihn nicht strafen, gewiß nicht,« versicherte der Oberpriester. »Und er hat nichts von ihm zu befürchten, denn dieß schwankende Rohr ist ohne kräftige Stütze ein Spiel der Winde.« »Und doch wie Großes hast Du von ihm gehofft!« »Nicht von ihm, aber durch ihn, den von uns Geleiteten,« erwiderte Ameni leise, aber mit Nachdruck. »Daß ich ihn aufgab, hat er selbst verschuldet. Unsern ersten Wunsch, den Dichter Pentaur zu schonen, hat er mißachtet und den Bruch eines Eides nicht gescheut, um uns zu betrügen und eines der herrlichsten Werke der Götter, denn das war der Dichter, um eines kleinlichen Grolles willen zu vernichten. Gegen arglistige Schwäche kämpft es sich schwerer als gegen redliche Kraft. Sollten wir wohl den Mann, der uns Pentaur gestohlen, mit einer Krone belohnen? Einen betretenen Weg zu verlassen, um einen bessern zu wählen, einen schon halb durchgeführten Plan aufzugeben, um einem förderlichen zu folgen, fällt dem Einzelnen schwer und stellt ihn als unbeständig dar vor den Menschen; wir sehen nicht links und nicht rechts und wenn wir für das Ganze handeln, so halten wir uns nicht in den Schranken. mit denen Gesetz und Sitte des Einzelnen Thaten begrenzen. Wir treten zurück kurz vor der Erreichung des Ziels, wir lassen Den fallen, den wir hochgehoben, und erheben den von uns selbst zu Boden Geschlagenen zu höchster Höhe, kurz, wir bekennen uns, und haben uns seit Jahrtausenden zu der Lehre bekannt: Jeder Weg ist gut, der zu dem großen Ziele führt, der Priesterschaft die Herrschaft über dieses Land zu sichern. Der durch ein Wunder gerettete, Tempel gelobende Ramses wird seinen Thatendurst nicht mehr als Krieger, sondern als Bauherr befriedigen. Er wird uns brauchen, und wer unserer bedarf, den können wir leiten. Ich huldige jetzt mit Freuden dem Sohne des Seti.« Noch sprach Ameni, als die Flaggen an den Masten der Ehrenpforten aufgezogen wurden, am jenseitigen Ufer des Nilarms Staubwolken aufwirbelten und Posaunenklänge sich hören ließen. Jetzt zeigten sich die Rosse, welche Ramses in die Schlacht gefahren. Der König lenkte sie selbst und freudig strahlten seine Augen, als ihn die Seinen jenseits der Brücke mit unbeschreiblichem Jubel begrüßten, Zehntausende ihn mit Thränen der Rührung und Begeisterung empfingen und der Raub von unzähligen Gärten: Blumen, Knospen, grünes Laubwerk und Palmenzweige, vor ihm niederfiel. Allen, die ihn empfingen, schritt Ani voran. Demüthig warf er sich vor den Rossen in den Staub, küßte die Erde und überreichte dann dem Könige das auf einem seidenen Kissen liegende ihm anvertraute Szepter. Huldreich rief ihn der König heran, und als Ani sein Gewand ergriff, um es zu küssen, neigte sich Ramses zu ihm hernieder und berührte mit seinen Lippen die Stirn seines Vertreters, den er nun bat, seinen Wagen zu besteigen und die Zügel seiner Rosse zu führen. Des Königs Augen waren feucht von dankbarer Bewegung. Er war nicht getäuscht worden! Als beglückender und geliebter Vater, nicht als strafender Herr konnte er das Land betreten, für dessen Größe und Wohlfahrt er lebte. Innig bewegt empfing er die Begrüßung der Priester und betete mit ihnen vor dem versammelten Volke. Dann ließ er sich zu dem für ihn vollendeten Prachtbau führen, schritt freudig die hohe Freitreppe hinan, begrüßte von ihrer Spitze aus die drängende Menge seiner herbeigeströmten treuen Unterthanen, sah zweitausend reich geschmückte Stiere und ebenso viele Haus-Antilopen, Die Pracht der Feierlichkeit, welche wir Ani veranstalten lassen, erscheint ärmlich, wenn wir sie mit derjenigen vergleichen, die Ptolemäus Philadelphus nach dem Berichte des Augenzeugen Kallixenos (bei Athenäus) bei einer festlichen Veranlassung vor den Alexandrinern entfaltete. welche den Göttern zum Dank für seine glückliche Heimkehr geschlachtet werden sollten, gezähmte Löwen und Leoparden, seltene Bäume, auf deren Zweigen sich bunte Vögel wiegten, Giraffen und mit Straußen bespannte Wagen an sich vorbei führen, und erwartete den sich vom Hafen her nahenden Zug, an dessen Spitze Bent-Anat in ihrer Sänfte getragen ward. Vor allem Volke umarmte Ramses seine Tochter. Es war ihm, als müsse er seine Unterthanen Theil nehmen lassen an dem Glück und der herzlichen Dankbarkeit, welche ihn erfüllten. So schön wie heute war ihm sein Lieblingskind noch niemals erschienen, und mit bewegtem Herzen ließ er sich durch sie an seine verstorbene Gemahlin , der sie immer ähnlicher zu werden schien, erinnern. Die Gattin des Mena war als Trägerin des Fächers der Prinzessin ihrer fürstlichen Freundin gefolgt und kniete vor dem Pharao, während er sich des Wiedersehens mit seiner Tochter freute. Jetzt bemerkte er auch Nefert, befahl ihr freundlich, sich zu erheben, und sagte: »Was ich heute nicht Alles erlebe! Ich habe erfahren, daß das, was ich sonst wohl für das höchste Glück hielt, doch noch einer Steigerung fähig sei, und nun seh' ich, daß auch das Schönste über sich selbst hinaus zu wachsen vermag. Aus Mena's Stern ist eine Sonne geworden.« Ramses erinnerte sich bei diesen Worten seines Rosselenkers. Einen Augenblick furchte sich seine Stirn, dann neigte er langsam mit gesenkten Augen sein Haupt. Bent-Anat kannte diese Bewegung ihres Vaters. Sie war der Vorbote eines jener freundlichen, oft neckischen Entschlüsse, mit denen er die Seinen zu überraschen liebte. Dießmal schaute er länger zu Boden als gewöhnlich. Endlich hob er das Haupt und liebreich glänzten seine großen Augen, als er seine Tochter fragte: »Was hat Deine Freundin gesagt, als sie hörte, daß ihr Gatte eine fremde Schöne in sein Zelt genommen und Monate lang darin beherbergt habe? Ich bitte um die volle Wahrheit, Bent-Anat!« »Dieser That des Mena, die doch verzeihlich sein muß, da Du lächelnd ihrer gedenkst,« erwiederte die Prinzessin, »bin ich dankbar, denn sie führte seine Gemahlin zu mir. Ihre Mutter schalt ihren Gatten mit bitterer Härte, sie aber glaubte an ihn und verließ sein Haus, weil es ihr unerträglich erschien, ihn tadeln zu hören.« »Ist das wahr?« fragte Ramses. Nefert senkte bejahend ihren schönen Kopf und zwei Thränen rannen über ihre erröthenden Wangen. »Wie gut muß Derjenige sein,« rief der König, »dem die Götter solches Glück bescheren! Ceremonienmeister! Befiehl dem Mena, daß er mich heute bei Tisch bediene, wie vor den Kämpfen bei Kadesch. Die Zügel warf er fort in der Schlacht, als er seinen Feind erblickte; nun soll er sich hüten, mit dem Becher das Gleiche zu thun, wenn ihn seine geliebte Herrin S. Anmerkung 141 beim Schmause mit diesen Augen anschauen wird. Ihr Frauen nehmt Theil an dem Mahle.« Nefert sank dankend vor dem Könige nieder; er aber wandte sich von ihr ab, begrüßte die Würdenträger, welche zu seinem Empfange herbeigekommen waren, und fuhr dann in den Tempel, um der Schlachtung der Opfer beizuwohnen und sein Gelübde, zum Dank für seine Errettung aus der Todesgefahr einen herrlichen Tempel in Theben zu errichten, vor der Priesterschaft und allem Volke feierlich zu wiederholen. Unerhört war die Begeisterung, mit der er empfangen wurde, wo er sich zeigte. Sein Weg führte ihn auch an dem Hafen und den Zelten vorbei, in denen die zu Schiff nach Aegypten vorausgesandten Verwundeten verpflegt worden waren. Er grüßte sie mit besonderer Herzlichkeit von seinem Wagen hernieder. Der Statthalter Ani lenkte wiederum die Rosse. In langsamem Schritt ließ er die edlen Thiere durch die Reihen der Genesenden schreiten; aber plötzlich bewegte er heftig die Zügel, die Pferde bäumten sich und waren nur mühsam in eine ruhigere Gangart zurück zu bringen. Ramses schaute sich betroffen um. Da wo seine Rosse zusammenschraken, hatte auch ihn ein Schauder erfaßt, denn er meinte seinen Lebensretter von Kadesch erblickt zu haben. Hatte eines Gottes Anblick die Pferde erschreckt, war er einer Sinnentäuschung unterworfen gewesen, oder war sein Retter ein sterblicher Mensch und verwundet vom Schlachtfelde heimgekehrt? Der Mann, welcher neben ihm die Zügel hielt, hätte ihm Auskunft geben können, denn Ani hatte Pentaur erkannt und dabei entsetzt in die Zügel gegriffen. Elftes Kapitel. Die Sonne war untergegangen, als der König abermals bei dem hölzernen Prachtbau anlangte. In der von tausend Lampen tageshell erleuchteten Festhalle bewegten sich jetzt die den Pharao erwartenden Gäste in buntem Gedränge. Jeder neigte sich je nach seinem Range tief oder weniger tief, als Ramses erschien, um vor dem Beginn des Schmauses seine Getreuen an seinem Thron, auf welchem er sich alsbald, von seinen Kindern in weitem Halbrund umgeben, niederließ, vorbeiziehen zu lassen. Freundlich schenkte er den Einzelnen ein Wort oder nur einen Blick, immer ehrend, für sich gewinnend, Freude und Hoffnung erweckend. »Das unbedingt Göttliche an meinem Königthum,« sagte er sich, »ist doch das, daß es mir so leicht ist, zu beglücken. Die giftige Uräusschlange wählten die Vorfahren zum Symbole der Fürstenwürde, weil wir so schnell wie sie den Tod zu geben vermögen, und doch ruht die Kraft zu beglücken auf unseren eigenen Lippen und in unseren eigenen Augen und eines Werkzeuges bedürfen wir, wenn wir Strafen verhängen.« »Nehmt mir die Uräuskrone vom Scheitel,« sagte er, als er sich zum Schmause niederließ, »und setzt mir heute einen Blumenkranz auf die Stirn.« Während der Begrüßungsfeierlichkeit entfernten sich zwei Männer aus der Halle, der Statthalter Ani und der Oberpriester Ameni. Der Erstere gab einigen Sicherheitswächtern den Befehl, in dem am Hafen aufgeschlagenen Lager der Verwundeten den Priester Pentaur aufzusuchen, ihn geräuschlos in sein Zelt zu führen und dort bis zu seiner Rückkehr zu bewachen. Noch besaß er den Trank der alten Hekt, welcher den Schiffsführer um den Verstand bringen sollte, und es stand ihm ja frei, den Dichter als Gast und nicht als Gefangenen zu begrüßen. Pentaur konnte ihm schaden, mochte Katuti's Anschlag glücken oder mißlingen. Ameni verließ den Prachtbau, um den alten Gagabu zu besuchen, welcher bei der Empfangsfeierlichkeit lang im Sonnenbrande gestanden und besinnungslos in das Zelt hatte getragen werden müssen, das er mit dem Oberpriester theilte, und welches in geringer Entfernung von dem des Statthalters stand. Der Leiter des Setihauses fand den Alten neu gekräftigt wieder und schickte sich an, seinen Wagen zu besteigen und sich zu dem Festmahle zu begeben, als des Statthalters Häscher Pentaur an ihm vorüberführten. Ameni richtete seine Aufmerksamkeit auf die stattliche Gestalt des Gefangenen. Der Dichter erkannte ihn, rief ihn an und bald standen Beide Hand in Hand einander gegenüber. Als die Trabanten sich beunruhigt zeigten, gab sich der Oberpriester ihnen zu erkennen. Er freute sich aufrichtig der Erhaltung und des Wiederfindens seines Lieblingsschülers, den er seit Monden als einen Todten betrauert hatte. Mit väterlicher Zärtlichkeit betrachtete er seine männliche Gestalt und befahl den Sicherheitswächtern, welche sich vor seiner hohen Würde neigten, auf seine Verantwortung hin »seinen Freund« nicht in Ani's, sondern in sein eigenes Zelt zu führen. Dort fand Pentaur auch den alten Gagabu, der mit vielen »Ach« und »Weh« vor Freude über seine Rettung weinte. Alles, was ihm seine Meister vorzuwerfen hatten, schien vergessen zu sein. Ameni ließ ihn sogleich mit einem neuen weißen Gewande bekleiden, ward nicht müde ihn anzuschauen und klopfte ihm häufig mit seinen stolzen Händen die Schulter, als wäre er sein eigener verlorener und zurückgewonnener Sohn. Eilig mußte ihm Pentaur seine Erlebnisse mittheilen und der Dichter erzählte von seiner Gefangenschaft und Befreiung am heiligen Sinaiberge, seiner Begegnung mit Bent-Anat und daß er in der Schlacht bei Kadesch mitgekämpft habe, von einem Pfeile verwundet und von Uarda's Vater aufgefunden und gerettet worden sei. Er verschwieg nur, was er für Bent-Anat empfand, und daß er es gewesen, der den König gerettet. »Vor einer Stunde etwa,« schloß er, »saß ich allein in meinem Zelt und sah zu den Lichtern in dem Palast hinüber, als mir die Sicherheitswächter, welche draußen warten, den Befehl des Statthalters überbrachten, ihnen in Ani's Zelt zu folgen. Was mag er von mir wollen; ich meine doch, daß er mir übel gesinnt war?« Gagabu und Ameni wechselten einen Blick des Einverständnisses und der Letztere verabschiedete sich schnell, denn schon zu lange war er von dem Feste fern geblieben. Ehe er seinen Wagen bestieg, gebot er den Sicherheitswächtern, ihre Posten wiederum zu beziehen, und nahm es auf sich, dem Statthalter mitzuteilen, daß sein Gast bis zum Ende des Festes in seinem Zelte verweilen werde. Sorglos folgten ihm die Soldaten. Ameni gelangte vor ihnen zu dem Palast und betrat den Festsaal, als der Statthalter schon seinen Gästen ihre Plätze angewiesen hatte. Der Oberpriester ging geraden Wegs auf Ani zu, verneigte sich vor ihm und sagte: »Verzeih' mein langes Ausbleiben; aber eine seltene Ueberraschung hielt mich zurück. Der Dichter Pentaur lebt, wie Du weißt, und bis zu Deiner Heimkehr lud ich ihn als Gast in mein Zelt, um den Propheten Gagabu zu pflegen.« Der Statthalter erblaßte und lächelte Ameni sprachlos und gläsern an. Aber bald fand er seine Fassung wieder und sagte: »Du siehst, mit wie unwürdigem Verdacht ihr mich gekränkt habt. Ich wollte euch morgen selbst euren Liebling zuführen.« »Verzeih' dann, daß wir Dir zuvorgekommen sind,« sagte Ameni und nahm seinen Platz in der Nähe des Pharao ein. Hunderte von Sklaven eilten mit köstlichem Geschirre beladen in die Halle. Mischkrüge von Gold und Silber in zierlicher getriebener Arbeit wurden auf Rädern in den Saal gefahren und auf die Schenktische gestellt; in den von der Decke herniederhängenden Muscheln und Lotosblumen von schön bemaltem Holze lagen Kinder und warfen über den die Säulen verbindenden, durchsichtigen Tüchern, wie auf Wolken schwebend, Rosen und Veilchen auf die Tischgenossen hernieder. Harfenspiel und Gesang erscholl aus verborgenen Räumen, und von einem sechs Ellen hohen goldenen Altar in der Mitte des Saales stieg berauschender Wohlgeruch in die Höhe. Der König, den sie in seinen Titeln »den Sohn der Sonne« nannten, strahlte wie der Sonnengott selbst. Seine Kinder umgaben ihn wieder, Mena kredenzte ihm heute wie in früheren Zeiten den Becher, und Alles, was groß war in seinem Lande, war um ihn geschaart und freute sich mit ihm seiner Siege und seiner Heimkehr. Ihm gegenüber saßen die Frauen, und gerade vor ihm, seine Augen erfreuend, Bent-Anat und Nefert. Der Mena ertheilte Rath, den Becher fest zu halten, erschien kaum überflüssig, denn nur zu oft wandte er seinen Blick von dem Pokale des Königs auf sein liebliches Weib, aus deren Mund er noch kein Wort des Willkomms vernommen, deren Hand er noch nicht wieder berührt hatte. Festlich bewegt war jeder der Gäste. Ramses erzählte von der Schlacht bei Kadesch und der Oberpriester von Heliopolis sagte. »In später Zeit noch werden die Sänger Deine Thaten preisen.« »Nicht das, was ich verrichtet habe,« unterbrach ihn der König, »soll ihr Lied feiern, sondern die Huld des Gottes, der euren Herrscher wunderbar rettete und den ägyptischen Waffen den Sieg verlieh über zahllose Feinde.« »Sahst Du den Gott mit eigenen Augen und in welcher Gestalt trat er zu Dir?« fragte Bent-Anat. »Seltsam ist das,« antwortete Ramses ernst: »aber er glich dem verstorbenen Vater des Verräthers Paaker. Hoch war mein Retter von Wuchs und schön von Antlitz. Tief und zu Herzen gehend war seine Stimme und wie ein Spielzeug schwang er die Streitaxt.« Ameni hatte den Worten des Königs aufmerksam gelauscht; jetzt neigte er sich tief und sagte bescheiden: »Wär' ich jünger, so versucht' ich wohl selbst, wie das Sitte war bei den Vätern, diese herrliche That eines Gottes und seines erhabenen Sohnes beim Festmahl im Liede zu feiern; aber mit den Jahren geht der Schmelz unserer Stimme dahin und nach dem jüngern Sänger sucht das Ohr des Hörers. Nichts fehlt bei Deinem Feste, freigebiger Ani, als der Dichter, der in begeisterter Rede zum Saitenspiele die Großthat unseres Gebieters feiert, und doch weilt in unserer Nähe der gottbegnadigte Pentaur, der edelste Zögling des Setihauses.« Bent-Anat erblaßte und die anwesenden Priester, welche den in ganz Aegypten hochgeschätzten jungen Dichter betrauert hatten, gaben ihrer Freude und ihrem Erstaunen Ausdruck. Der König hatte durch seine Söhne und namentlich durch Rameri Pentaur rühmen hören und gab gern seine Zustimmung, als Ameni ihn fragte, ob er den Dichter, der bei Kadesch mitgekämpft habe, rufen und zu einem Festgesang auffordern dürfe. Der Statthalter schaute bleich und beunruhigt in seinen Becher, der Oberpriester aber stand auf, um Pentaur in eigener Person aufzusuchen und vor den König zu führen. Neue Gerichte wurden in Ameni's Abwesenheit aufgetragen. Hinter jedem Gaste stand ein silbernes Becken mit Rosenwasser, in das er von Zeit zu Zeit die Finger tauchte, um sie vom Fette zu säubern. Die dienenden Sklaven waren stets mit reich gestickten Tüchern zum Abtrocknen der Hände zur Hand, In mehreren griechischen Papyrus des Louvre werden Servietten (εκμαγει̃α) erwähnt; auch auf Bildern von Gastmählern aus alter Zeit tragen Diener solche am Arme. während andere von dem Haupt und Hals der Zecher die welkenden Kränze nahmen und durch frische ersetzten. »Du bist bleich, mein Kind,« sagte Ramses, sich an Bent-Anat wendend. »Wenn Du Dich müde fühlst, so wird Dir Dein Oheim gestatten, das Fest zu verlassen; doch solltest Du, dächt' ich, verweilen, bis der vielgepriesene Dichter sein Lied gesungen. Wer so gelobt wird wie er, hat es schwer, die Hörer zu befriedigen. Aber, wahrlich, Du beunruhigst mich, meine Tochter; willst Du gehen?« Der Statthalter war aufgestanden und sagte dringend: »Deine Gegenwart hat mein Fest geehrt; doch da es Dich ermüdet, so bitt' ich Dich, mir zu gestatten, Dich mit den Frauen in die Dir bestimmten Gemächer zu führen.« »Ich bleibe,« erwiederte Bent-Anat leise, aber entschieden und schaute mit hochklopfendem Herzen zu Boden, denn das beifällige Gemurmel der Gäste belehrte sie, daß Pentaur den Saal betreten habe. Bescheiden und verwirrt von dem ungewohnten Glanze, welcher ihn hier umgab, trat der Dichter, von Ameni geführt, vor den König. Er trug das lange weiße Gewand der Priester des Setihauses, und die Straußenfeder, welche die Eingeweihten auszeichnete, an der Stirn. Erst als er dicht vor dem Könige stand, erhob er die Augen, warf sich vor ihm nieder und wartete auf den Wink des Pharao, sich wieder zu erheben. Aber Ramses zauderte lange, denn tief bewegte ihn der Anblick der zu ihm aufschauenden Jünglingsgestalt. War dieß der vermeinte Gott, war dieß sein Retter? Täuschte ihn wiederum eine Aehnlichkeit oder umfing ihn ein Traum? Schweigend schauten die Festgenossen auf den regungslos dasitzenden Pharao und den Dichter. Endlich winkte Ramses, Pentaur erhob sich und tiefe Röthe färbte sein Antlitz, als er Bent-Anat in seiner Nähe erblickte. »Du kämpftest vor Kadesch?« fragte Ramses mit erregter Stimme. »Du sagst es,« antwortete Pentaur. »Man rühmt Dich als Dichter,« fuhr der König fort, »und uns verlangt, meine wunderbare Rettung im Liede feiern zu hören. Willst Du es wagen, so laß Dir ein Saitenspiel bringen und singe.« Der Dichter verneigte sich und sagte: »Bescheiden sind meine Gaben, aber ich will es versuchen, die schönste That vor dem Helden selbst, der sie mit dem Beistand der Götter verrichtet, zu preisen.« Ramses winkte und Ameni ließ seinem Schüler eine große goldene Harfe bringen. Pentaur berührte die Saiten leicht mit den Fingern, lehnte sein Haupt an die Spitze des hohen Bügels der Harfe, schaute lange Zeit in's Weite, richtete sich dann männlich auf, griff kräftig in die Saiten und entlockte ihnen in kühnen Rhythmen weithin schallende, kriegerisch kräftige Töne. Dann begann er in erzählendem Tone zu berichten, wie Ramses vor Kadesch sein Lager aufgeschlagen, wie er seine Truppen geordnet und gegen die mit den Cheta verbündeten Asiaten in's Feld geführt habe. Gewaltiger und immer gewaltiger klang seine Stimme, als er den Wendepunkt des Kampfes, die Rettung des von Feinden umzingelten Königs zu feiern begann. Hoch aufgerichtet lauschte der Pharao, als Pentaur sang: Wörtliche Uebersetzung aus dem »das Epos des Pentaur« genannten altägyptischen Heldengedicht. S. Anmerkung 252 .         »Da erhob sich der König, mit freudigem Muthe Die Waffen ergreifend und panzerumgürtet, Vergleichbar dem Baal in der Stunde des Kampfs. Die erhabenen Rosse, welche ihn trugen, »Für Theben der Sieg« ward das eine genannt, Das andere aber »befriedigte Nura«, Sie traten hervor aus den Ställen der Sonne, Des Lieblings des Amon, des Herren der Wahrheit, Den sich Gott Ra zum Vertreter erkoren. Auf schwang sich der König und drang in die Mitte Der wogenden Reihen der elenden Cheta. Er befand sich allein und kein Anderer war bei ihm! Und als er hervortrat, von Allen gesehen, Die hinter ihm waren, da ward er umzingelt Von feindlichen Wagen zweitausend fünfhundert. Versperrt war der Rückzug durch zahllose Massen Der elenden Cheta und alle der Völker, Die mit ihm verbündet; die Krieger von Arad, Das mysische Heer, die pisidischen Streiter. Drei Krieger von ihnen trug jeglicher Wagen Und brüderlich waren sie Alle vereint. »Kein Fürst blieb bei mir, kein Führer der Truppen, Kein Lenker der Schützen, kein Leiter der Wagen! Verlassen hat mich das entmuthigte Fußvolk, Es flohen die Reiter und Keiner hielt Stand, Um mit mir Seit' an Seite zu kämpfen.« So sprach der Erhabene und rief im Gebete: »Gott Amon, mein Vater, ich weiß wie Du bist! Vergäße der Vater wohl je seines Sohnes? Vergaß ich Dich jemals bei dem was ich that? Bin ich nicht gewandelt und stand ich nicht stille Nach Deinem Geheiß, den Geboten gehorsam? Wohl ist sehr erhaben der Herr von Aegypten, Doch ist er vor Deiner allmächtigen Größe So klein wie ein wandernder Stamm in der Wüste. Vor Dir, was sind denn diese Semiten? Den Unfrommen, Himmlischer, lähmst Du die Kräfte. Doch ich? Gab ich Dir nicht zahllose Opfer? Mit Gefangenen füllt' ich Dein heiliges Wohnhaus, Errichten ließ ich für Dich einen Tempel Im festesten Bau für Millionen von Jahren. Deine Speicher erfüllt' ich mit Allem was mein ist. Ich bot Dir die Welt, um Dein Reich zu vergrößern, Und dreißigmal tausend von kräftigen Stieren Ließ ich für Dich schlachten aus duftigen Hölzern. Ich ließ Dir vollenden hochragende Thore Und pflanzte davor die bewimpelten Maste. Obelisken ließ ich aus Abu Dir kommen Und ewige Steine Dir zubereiten. Für Dich durchfahren das Meer meine Schiffe, Damit sie Dir bringen den Zoll der Nationen. So that ich, denn elend fürwahr ist das Schicksal Des Mannes, der dem widerstrebt, was Du vorschreibst. Und dennoch regierst Du mit liebreichem Herzen. Wie der Sohn seinen Vater, so ruf' ich Dich, Amon! Schau nieder auf mich, den die zahllosen Massen Der Völker, die fremd Deinem Herzen, umgeben. Gegen mich verbündet sind alle Nationen, Ich stehe allein und kein Anderer ist bei mir! Verlassen bin ich von all' meinem Fußvolk, Es sucht mich kein Reiter mit sorgendem Blick, Ich rief sie, und Niemand vernahm meine Stimme, Doch denk' ich: der schützende Wille des Amon Hat größere Kraft als Millionen Soldaten, Als hundert Tausendschaften von Reitern Und zehnmal tausend der leiblichen Brüder Und blühenden Söhne im festesten Bund. Das Werk der Menschen, wie groß ihre Zahl sei, Wird nichtiger Schatten vor Deinem Thun. Deines Mundes Rathschluß lenkte mein Handeln, Und Gehorsam erwies ich, wenn Amon gebot. So ruf' ich Dich an, und es halle mein Rühmen Bis hin zu den äußersten Grenzen der Welt.« Ja! bis nach Hermonthis drang hin seine Der ägyptische Text behält die erste Person bei. Stimme Und erschienen ist Amon auf seinen Ruf. Er reichte die Hand ihm. Auf schrie er vor Freude Und hinter ihm sprach er: »Ich komm' Dir zu Hülfe, Ramses, und werde zur Seite Dir stehn! Ich bin es, Dein Vater, und trag' Dich auf Händen, Und hülfreicher bin ich als hundertmal Tausend. Die Tapferkeit lieb' ich als Stärkster der Starken; Ein Heldenherz fand ich; ich sinne ihm Segen, Und das, was ich plane, erfüllt sich gewiß.« Da warf er, vergleichbar dem Menth, mit der Rechten Den befiederten Pfeil und erhob mit der Linken Seine wuchtige Streitaxt und fällte die Feinde: Er schlug sie wie Baal in der Stunde der Schlacht. In Stücke zerfallen die feindlichen Wagen, Zweitausend fünfhundert. Die Lenker verzagen: Es findet nicht einer die Hand, um zu kämpfen, Und lähmend ergreift ihre Glieder die Furcht. Sie wissen nicht mehr ihre Pfeile zu schleudern, Zum Schwunge der Lanzen versagen die Kräfte, Nun drängt er die Schaaren, sie stürzen in's Wasser . . .« Grabesstille herrschte in dem weiten Festsaale. Ramses hatte den Dichter angeschaut, als wollte er sein Bild in seine Seele ziehen, um es dort mit einem andern seit dem Tage von Kadesch unvergessenen zusammenzuführen und zu vergleichen. Kein Zweifel, sein Retter stand vor ihm! Einem plötzlichen Antriebe folgend, unterbrach er den Dichter mitten in seinem ihn tief erregenden Sang und rief seinen Tischgenossen zu: »Ehret Diesen, denn seine Gestalt wählte die Gottheit, um euren König zu retten, als er allein war und die Tausende ihn umringten! « »Heil Pentaur!« brauste es durch den weiten Saal. Da erhob sich Nefert und überreichte erröthend dem Dichter den Blumenstrauß, den sie an ihrer Brust getragen. Beifällig nickte Ramses ihr zu und sah fragend auf seine Tochter. Bent-Anat erwiederte seinen Blick verständnisvoll und mit der dringenden Innigkeit der kindlichen Bitte, nahm den Kranz, der ihr volles Haar geschmückt hatte, vom Scheitel, trat mit demselben auf Pentaur zu und legte ihn, wie die Bräute vor der Stunde der Hochzeit ihren Verlobten, ihm auf sein Haupt. Betroffen folgte Ramses diesem Thun seines Kindes, dem die versammelten Gäste mit lautem Zuruf antworteten. Ernst war der Blick, mit dem er Bent-Anat und den Jüngling maß. Voller Spannung waren die Augen der Tischgenossen auf ihn und den Dichter gerichtet, und es schien, als habe Ramses ihre Gegenwart vergessen, als befände er sich allein mit seinen Gedanken. Nach und nach ging eine Wandlung vor in seinen Zügen. Sie klärten sich auf wie eine von Nebel umhüllte Landschaft, wenn die Frühlingssonne hervorbricht. Als er seinen Blick wieder erhob, war er klar und freudig und Bent-Anat wußte, was er ihr bedeute, als er erst auf ihr, dann auf ihrem Freunde, dessen Haupt noch immer ihr Blumenkranz zierte, mit Wohlgefallen verweilte. Endlich wandte sich Ramses von den Liebenden ab und rief seinen Zechgenossen zu: »Die Mitte der Nacht ist vorüber und ich verlasse euch jetzt. Zum morgenden Abend lade ich euch Alle, und Dich besonders, Pentaur, als meine Gäste in diesen Festsaal. Füllet noch einmal die Becher und laßt sie uns leeren auf die lange Friedenszeit, welche unseren Siegen folgen soll, die wir mit Hülfe der Götter erstritten haben. Danken wir auch mit diesem Trunke meinem Freunde Ani, der uns hier so köstlich bewirthet, und der das Reich, während wir in der Ferne weilten, treu und sorgfältig verwaltet hat!« Die Gäste thaten dem Könige Bescheid, welcher dem Statthalter treuherzig die Hand schüttelte und dann, von ihm, seinen Stabträgern und Kammerherren geleitet, die Halle verließ, nachdem er Ameni, Mena und den Frauen durch einen Wink ihm zu folgen befohlen hatte. Nefert begrüßte Mena, um sich alsbald wieder von ihm zu trennen, denn sie hatte der dringenden Bitte ihrer Mutter nachgegeben, diese Nacht nicht bei Bent-Anat, sondern bei ihr, die ihr so Vieles zu vertrauen habe, zuzubringen. Katuti's Wagen brachte sie schnell in ihr Zelt. In dem zu seinen Gemächern führenden Vorsaal verabschiedete sich Ramses von den Seinen. Nachdem seine anderen Begleiter zurückgetreten waren, winkte er Bent-Anat und fragte gütig: »Was dachtest Du Dir, als Du dem Dichter Deinen Kranz auf die Stirn drücktest?« »Was jedes andere Mädchen in Aegypten denkt, die das Gleiche thut,« antwortete Bent-Anat mit vertrauensvoller Offenheit. »Und Dein Vater?« fragte Ramses. »Mein Vater weiß, daß ich ihm gehorsam sein würde, auch wenn er das Schwerste, auch wenn er das Opfer meines Glücks von mir verlangte; aber ich glaube, daß er, daß Du mich herzlich liebst, und ich vergaß nicht der Stunde, in der Du mir sagtest, nun die Mutter gestorben, wolltest Du mir Vater und Mutter zugleich sein und mich zu verstehen suchen, wie sie mich gewißlich verstanden hätte. Doch was bedarf es zwischen uns so vieler Worte. Ich liebe Pentaur nicht erst seit heute mit meines Herzens erster Liebe, der höchsten Ehren erwies er sich würdig; aber wär' er auch noch so gering, der Hand Deiner Tochter würde doch die Macht gegeben sein, ihn über alle Fürsten dieses Landes zu erheben.« »Sie hat diese Macht und Du sollst sie gebrauchen!« rief der König. »Dir selbst getreu und wahrhaftig bist Du geblieben, während Dein Vater und Hüter Dich Dir selbst überließ. In Dir lieb' ich Deiner Mutter Abbild und von ihr hab' ich gelernt, daß ein redliches Frauenherz besser als Männerweisheit den guten Weg zu finden weiß. Geh' nun zur Ruhe und bestelle auf morgen einen neuen Kranz, denn Du wirst ihn brauchen, mein braves Mädchen!« Zwölftes Kapitel. Ueber der pelusinischen Ebene glänzten vom wolkenlosen Himmelsgewölbe Mond und Sterne. In weißlichem Lichte schimmerten wie Schneehügel durch die Nacht die leichten Dächer von tausend Zelten, unter denen hier die heimgekehrten Krieger schlummerten, dort die zum Empfang des Königs herbeigeströmten Aegypter ruhten. In dem Lager der Soldaten war es hoch hergegangen. Drei ungeheure bekränzte Weinschläuche, welchen bei jeder Bewegung der von dreißig Ochsen gezogenen Fuhrwerke, auf denen sie lagen, Rebensaft entfloß, fuhren durch die Zeltstraßen hin und her, und als es dunkelte, wurden an vielen Stellen des Lagers Schenktische aufgeschlagen, bei denen des Statthalters Diener die Truppen mit weißem und rothem Wein bewirtheten. Die Zelte der den Pharao empfangenden ägyptischen Bürger waren von dem Prachtbau des Ani nur durch den schnell hergestellten Garten, in dessen Mitte er stand, und den ihn umgebenden Zaun getrennt. Die Lagerwohnung des Statthalters zeichnete sich vor allen anderen durch Glanz und Größe aus. Zu ihrer Rechten erhoben sich die leichten Behausungen für die Deputationen der Priesterkollegien, zu ihrer Linken die seines Hofstaats. Unter den letzteren befanden sich auch die Zelte seiner Freundin Katuti, ein größeres für ihren eigene Bedarf und mehrere kleinere für ihre Dienerschaft bestimmte. Hinter Ani's Wohnung stand ein mit hohen, einer spanischen Wand vergleichbaren Leinwandschranken umgebenes Zelt, in dem die alte Hekt hauste, welche Ani heimlich in seinem eigenen Boote mit sich geführt hatte. Nur Katuti und seine vertrautesten Diener wußten, wer hinter den Schranken des geheimnißvollen Zeltes sein Wesen trieb. Die Hexe hockte, während die Gäste in Ani's Halle schmausten, auf dem sandigen Boden ihrer engen, von einem kegelförmigen Leinwanddach überwölbten Behausung. Sie athmete schwer, und Herzkrämpfe, an denen sie schon lange gelitten hatte, gefährdeten sie jetzt häufiger und ernstlicher. Vor ihr brannte ein kleines Lämpchen von rothem Thon und auf ihrem Schooße hockte ein kranker Sperber. Das Thierchen zuckte oft zusammen und schloß mit seinen weißlichen Lidern die Augen, welche grimmig auffunkelten, wenn es Hekt in die dürre Hand nahm, um ihm Luft in den gekrümmten, immer noch kampfbereiten Schnabel zu blasen. Zu ihren Füßen lag auf einer Matte der kleine Scherau und schlief. Jetzt stieß sie das Kind mit dem Fuße und sagte, als es sich schlaftrunken aufrichtete: »Du hast junge Ohren; mir war es, als hätte in Ani's Zelt ein Weib geschrieen. Hörst Du etwas?« »Freilich,« sagte der Kleine, »es klingt wie Gewimmer, aber jetzt, das war ein Schrei. Von dort kam er, aus Nemu's Zelt.« »Krieche hier durch,« befahl die Alte, »und sieh, was es gibt.« Das Kind gehorchte, die Hexe beschäftigte sich wieder mit dem Vogel, der nun nicht mehr hockte, sondern auf der Seite lag, aber immer noch seine Krallen zu brauchen versuchte, wenn sie ihn anfaßte. »Er verendet,« murmelte die Alte, »und der, den ich Ramses nannte, wird immer glätter. Das ist ja Alles Unsinn, und doch, doch! des Statthalters Spiel geht zu Ende und er verliert es! Da streckt sich das Vieh, da fällt sein Kopf, da zuckt es zusammen, da beißt es noch einmal in mein Kleid und jetzt ist es todt.« Eine Zeitlang behielt sie den Leichnam des Sperbers auf ihrem Schooße, dann nahm sie ihn auf, warf ihn in eine Ecke des Zeltes und rief dabei: »Gute Nacht, König Ani, es wird nichts mit der Krone!« Die Alte schaute nachdenklich zu Boden und murmelte vor sich hin: »Was sie nur noch vorhaben? Zwanzigmal hat er gefragt, ob das große Unternehmen gelingen werde oder nicht. Als ob ich das besser wüßte als er! Auch Nemu deutete Allerlei an, aber zum ersten Male wollt' er nicht reden. Es geht etwas vor, und ich, und ich? – Da kommt es wieder.« Die Alte drückte ihre Hand auf's Herz, schloß die Augen und ihre Züge verzogen sich schmerzlich. Sie bemerkte nicht Scherau's Rückkehr, sie hörte nicht, daß er sie beim Namen rief und, als sie ihm nichts antwortete, sie wieder verließ. Wohl eine Stunde lang blieb sie ohne Besinnung, dann erwachte wiederum die Thätigkeit ihres Geistes, aber es war ihr, als flössen statt des warmen Blutes kalte Tropfen langsam durch ihre Adern. »Hätt' ich für mich selbst einen Sperber gehalten,« murmelte sie bitter vor sich hin, »der folgte bald dem andern in die Ecke! Ob Ani Wort hält und mich balsamiren läßt? Wie sollt' er, da es ja auch mit ihm zu Ende geht! Verfaulen lassen sie mich, verwesen und es gibt für mich kein Jenseits und kein Wiedersehen mit Assa.« Die Alte schwieg lange; endlich murmelte sie düster zu Boden blickend: »Erlösung bringt der Tod und wär' es nur von der Qual der Erinnerung. Aber es gibt auch ein Leben im Jenseits; ich lasse die Hoffnung nicht, ich will sie nicht lassen! Die Verstorbenen sollen da gleichberechtigt und den nämlichen Gesetzen unterworfen sein. Wo werd' ich ihn finden; bei den Seligen oder bei den Verdammten? Und ich? und ich? Gleichviel! Je tiefer der Abgrund ist, in den sie mich stoßen, je besser! Kann Assa, wenn er selig geworden ist, selig bleiben, wenn er sieht, bis wohin er mich brachte? Balsamiren müssen sie mich, ich darf nicht verwesen und verwehen, mich nicht auflösen in Nichts!« Während sie diese Worte murmelte, trat der Zwerg Nemu leise in ihr Zelt. Scherau war, als er die Alte besinnungslos fand, zu ihm gelaufen und hatte ihm mitgetheilt, seine Mutter läge mit geschlossenen Augen am Boden und sterbe. Als die Alte den Zwerg bemerkte, sagte sie: »Gut, daß Du kommst. Ich werde todt sein, ehe die Sonne ausgeht.« »Mutter!« rief der Kleine erschrocken. »Leben sollst Du, und besser leben als bisher, denn Großes ist für uns im Werke.« »Ich weiß, ich weiß,« sagte die Hexe. »Hinaus mit Dir, Scherau! Flüstere mir jetzt in's Ohr, was ihr vorhabt.« Der Zwerg konnte sich dem bannenden Blick ihrer Augen nicht entziehen, näherte sich ihr und sagte leise: »Der Bau, in dem der König mit den Seinen schläft, besteht aus Holz; Stroh und Pech liegt zwischen den Wänden und unter den Dielen. Sobald sie zur Ruhe gegangen sind, legen wir die Flammen an die Zünder. Die Wächter sind schwer berauscht und schlafen.« »Gut erdacht,« murmelte Hekt. »Hast Du das ersonnen?« »Meine Herrin und ich,« sagte Nemu nicht ohne Stolz. »Anschläge zu ersinnen versteht ihr,« sagte die Alte, »aber in der Ausführung seid ihr weniger stark. Blieb der Plan verschwiegen? Habt ihr tüchtige Helfer?« »Niemand weiß darum,« entgegnete der Zwerg, »außer Katuti, Paaker und ich. Wir Drei entzünden den Brand an den vorgezeichneten Stellen. Ich bin thätig bei den Zimmern Bent-Anat's, Katuti, die man überall zuläßt, bei der zu den oberen Stockwerken führenden Treppe im Innern des Hauses, die durch den Schlag auf eine Feder zusammenfällt, und Paaker unter den Räumen des Königs.« »Gut, gut; das kann glücken,« stöhnte die Alte. »Aber was war das für ein Weibergeschrei in Deinem Zelte?« Der Zwerg zauderte mit der Antwort; Hekt aber sagte: »Sprich ohne Scheu. Todte Weiber sind verschwiegen!« Der Zwerg, welcher vor innerer Erregung zitterte, wies seine Bedenken zurück und flüsterte schnell: »Ich habe die verschwundene Uarda, des Paraschiten Pinem Enkelin, wiedergefunden und hierher gelockt, denn sie und keine Andere soll mein Weib werden, wenn Ani König und Katuti groß ist und mich freigibt und reich macht. Sie steht in der Prinzessin Bent-Anat Diensten, schläft in ihrem Vorgemach und soll nicht mit ihrer Herrin verbrennen. Sie wollte durchaus in den Palast zurück und weil es sie, als wäre sie eine Mücke, nach dem Feuer zog, und sie doch nicht darin umkommen soll, so band ich sie fest.« »Hat sie sich nicht gewehrt?« fragte die Alte. »Wie eine Unsinnige,« erwiederte der Zwerg, »aber des Statthalters stummer Sklave, dem sein Herr befohlen, mir heut in allen Dingen zu gehorchen, hat mir geholfen. Wir haben ihr auch den Mund verbunden, damit man ihr Wimmern nicht hört.« »Laßt ihr sie allein, wenn ihr an's Werk geht?« fragte die Zauberin. »Ihr Vater bleibt bei ihr.« »Der Rothbart Kaschta?« fragte die Zauberin erstaunt. »Und er hat euch nicht in Stücke geschlagen wie irdene Töpfe?« »Er rührt sich nicht,« lachte Nemu, »denn als ich ihn fand, machte ich ihn mit Ani's altem Wein so schwer betrunken, daß er daliegt wie eine Mumie. Von ihm erfuhr ich, wo Uarda steckte, ging zu ihr und lockte sie mit mir, indem ich ihr erzählte, ihr Vater sei schwer erkrankt und bitte sie, ihn noch einmal zu besuchen. Wie eine Gazelle lief sie neben mir her, und als sie den Rothbart regungslos daliegen sah, warf sie sich neben ihm nieder und verlangte nach Wasser, um seine Stirn zu kühlen, denn er redete wie in Fieberträumen von Ratten und Mäusen, die ihn überfallen hätten. Als es später wurde, wollte sie zu ihrer Herrin zurück und da mußten wir denn Gewalt anwenden. Wie schön sie geworden ist, Mutter; Du kannst es nicht glauben!« »Doch, doch,« sagte Hekt; »Du wirst sie zu hüten haben, wenn sie erst Dein ist.« »Wie eines Großen Weib will ich sie halten,« rief Nemu, »und eigene Frauen bezahlen, um sie zu bewachen! Aber Katuti ist vorhin mit der Gattin des Mena heimgekehrt, die Sterne gehen nieder und gleich . . . Das war schon das erste Zeichen! Wenn Katuti zum dritten Male pfeift, dann gehen wir an's Werk. Leih' mir Deine Zunderbüchse, Mutter, sie ist besser als die meine.« »Nimm sie,« sagte Hekt, »ich brauche sie nicht mehr. Gewiß, es ist aus mit mir! Wie Deine Hände zittern! Halte die Schachtel fest, sonst fällt sie zu Boden, eh' Du das Feuer gebohrt hast!« Der Zwerg sagte der Alten Lebewohl und sie ließ es, ohne sich zu regen, geschehen, daß er sie beim Abschiede küßte. Als er sie verlassen, lauschte sie tief athmend in die Nacht hinaus. Ihre klugen Augen funkelten und schnelle Gedanken jagten einander in ihrem rastlosen Hirn. Als sie das zweite Zeichen aus der silbernen Pfeife der Wittwe vernahm, richtete sie sich hoch auf und murmelte: »Der Unglücksvogel Paaker, seine eitle Base und der Knirps da sind auch dem schlafenden Ramses nicht gewachsen. Ani's Sperber ist todt; er hat nichts von dem Schicksale zu hoffen und ich nichts von ihm. Aber wenn Ramses wollte, wenn mir der echte König verpflichtet wäre, dann, ja dann könnte mein alter Leichnam . . . Das ist es! Ja wahrlich, so soll es sein!« Also redend erhob sie sich mühsam, hinkte tief gebückt und bebend an ihrem Stabe in die Mitte des Zeltes, steckte dort ein Fläschchen und ein Messer zu sich und schleppte sich mit dem Aufgebot der letzten ihr innewohnenden Kräfte, als der dritte Pfiff erschallte, in Nemu's Zelt. Hier fand sie die an Händen und Füßen gebundene Uarda und den im schweren Schlafe der Trunkenheit am Boden liegenden Kaschta. Das Mädchen fuhr erschrocken zusammen, als sie die Hexe erblickte, und der neben ihr kauernde kleine Scherau streckte der Alten bittend und abwehrend die Hände entgegen. »Nimm das Messer, Junge,« sagte die Hexe, »schneide die Stricke durch, mit der sie das arme Ding gebunden haben. Die Papyrusseile Aus der Papyrusstaude wurden nicht nur Blätter zum Schreiben, sondern auch Seile bereitet. Mit Papyrusstricken waren auch die Schiffbrücken zusammengekoppelt, welche Xerxes über den Hellespont legen ließ. sind fest; benütze die Klinge als Säge!« Während der Kleine freudig seine Kräfte aufbot, um diesem Befehle zu gehorchen, rieb sie dem Rothbart die Schläfe mit der in dem mitgenommenen Fläschchen enthaltenen Essenz und träufelte ihm einige Tropfen derselben auf die Lippen. Kaschta kam zu sich, dehnte sich und musterte erstaunt seine Umgebung. Sie reichte ihm Wasser, befahl ihm, es zu trinken, und sagte, als Uarda von ihren Banden befreit vor ihr stand: »Zu wichtigen Dingen haben die Götter Dich ausersehen, Du weißes Mädchen. Höre nun, was die alte Hekt Dir sagt: Des Königs und seiner Kinder Leben ist schwer bedroht. Ich will ihn und die Seinen retten und verlange dafür keinen andern Lohn, als daß er meinen Leichnam wohl balsamiren und zu Theben bestatten läßt. Schwöre mir, daß Du ihm das, wenn Du ihn gerettet hast, wiederholen wirst.« »Um der Götter willen, was ist im Werke?« rief Uarda außer sich. »Schwöre, daß Du für meine Bestattung Sorge tragen willst,« wiederholte die Zauberin. »Ich schwöre!« schrie Uarda. »Aber bei Deinem Leben . . .« »Katuti, Paaker und Nemu sind ausgegangen, um den Palast, in dem Ramses schlummert, an drei Stellen in Brand zu stecken. Hörst Du, Kaschta? Ihr eilt jetzt Beide den Mordbrennern nach und weckt die Diener und versucht es, den König zu retten.« »Fort, Vater!« rief das Mädchen und Beide stürzten in die Nacht hinaus. »Sie ist redlich und wird Wort halten,« murmelte die Alte und versuchte sich in ihr Zelt zurückzuschleppen, aber ihre Kräfte versagten in der Mitte des Weges. Der kleine Scherau wollte sie unterstützen, doch war er zu schwach, um ihr aufzuhelfen. Im Sande des Weges streckte sie sich aus und schaute in die Ferne. Da sah sie, wie von dem als dunkle Masse vor ihr liegenden Palaste aus erst eine lichter und lichter werdende Wolke, dann schwarzer Rauch, dann, diesen durchbrechend, eine helle Flamme und endlich ein unzählbares Heer von flatternden Funken aufstieg. »Laufe in's Lager, Junge,« rief sie, »und schreie ›Feuer‹ und wecke die Schläfer.« Scherau eilte mit laut erhobener Stimme von dannen. Hekt griff an ihr Herz und murmelte: »Da ist es wieder!«, »Im Jenseits,« »Assa« und nochmals »Assa« und ihre zuckenden Lippen schlossen sich für immer. Dreizehntes Kapitel. In einem ihrer Dienerzelte hatte Katuti ihren unglücklichen Neffen Paaker verborgen gehalten. Der verwundete Mann hatte sich vom Schlachtfelde bei Kadesch unter grausigen Schmerzen auf ihm allein bekannten Pfaden und mit Hülfe eines Esels, den er einem syrischen Bauern abkaufte, bis zu der Höhle geschleppt, welche Pentaur von dem Rothbart gezeigt worden war. Er fand hier seinen treuen äthiopischen Sklaven, der ihn pflegte, bis er sich stark genug fühlte, seine Reise nach Aegypten fortzusetzen. Unter schweren Entbehrungen kam er als ismaelitischer Kameeltreiber verkleidet nach Pelusium. Seinen Diener, der ihn hätte verrathen können, ließ er in der Höhle zurück. Ehe man ihn die Bastionen passiren ließ, welche sich auf der das mittelländische mit dem Schilfmeer verbindenden Landenge hinzogen und die nomadischen Schasustämme von Aegypten abzuwehren bestimmt waren, Ebers, Aegypten und die Bücher Mose's S. 78. wurde er einem strengen Verhör unterworfen und unter Anderem befragt, ob er nicht dem verräterischen Wegeführer des Königs, den man ihm beschrieb, begegnet wäre. Niemand ahnte in dem abgezehrten, grauen, einäugigen Kameeltreiber den breitschulterigen, muskelkräftigen und wadenstarken Mohar. Um sich noch unkenntlicher zu machen, kaufte er von einem Arzte ein in jener Zeit häufig angewandtes Mittel zum Färben der Haare Im Papyrus Ebers finden sich viele Rezepte zur Bereitung von Haarfärbungsmitteln. Eines darunter wird der Dame Schesch, der Mutter des Teta, der Gattin des ersten Königs von Aegypten, zugeschrieben. Es ist also das älteste von allen vorhandenen Rezepten, eine Vorschrift, wie man die Haare färbt. und schwärzte damit seinen Leib. Katuti war mit dem Statthalter Ani lange vor ihm in Pelusium eingetroffen, um den Bau des Palastes zu leiten. Als bettelnder Neger, mit einem Palmenzweige in der Hand, wagte er es, sich ihr zu nahen. Sie beschenkte ihn und befragte ihn nach seiner Heimat, denn auch den geringsten Mann suchte sie hier für sich zu gewinnen; aber obgleich sie seine Antwort mit scheinbarer Theilnahme anhörte, so erkannte sie ihn doch nicht. Nun erst faßte er Muth, näherte sich ihr am folgenden Tage von Neuem und nannte ihr endlich seinen Namen. Die Wittwe blieb nicht ungerührt von der schrecklichen Veränderung ihres Neffen und ob sie gleich wußte, daß die Gemeinschaft mit dem Verräther auch von Ani mit dem Tode bedroht worden war, so nahm sie ihn dennoch in ihren Dienst, denn sie konnte den verzweifelten Feind des Königs und ihres Schwiegersohnes niemals besser gebrauchen als jetzt. Der Verstümmelte, Geächtete, Verfolgte hielt sich, ganz in sich selbst zurückgezogen, fern von den übrigen Dienern und verachtete mit ungebrochenem Hochmuth die geringeren Leute. An Katuti's Tochter dachte er nur noch traumhaft und selten, denn der Haß hatte die Liebe ganz aus seiner Seele gedrängt und nur noch Eines machte ihm das Leben lebenswerth, die Hoffnung, mitarbeiten zu dürfen an dem Verderben, Zeuge zu werden des Todes seiner Feinde. So bot er sich der Wittwe als ein willkommenes Werkzeug dar, und der Glanz, welcher das sehende Auge Paaker's belebte, als sie ihm die Aufgabe zuertheilte, den Brand in des Königs Gemächer zu schleudern und sein und Mena's Entrinnen zu hindern, lehrte sie, daß sie in dem Wegeführer den zuverlässigsten aller Gehilfen gefunden habe. Paaker hatte vor der Ankunft des Ramses den Schauplatz seiner Thätigkeit genau untersucht. Unter den wohl vierzig Fuß über dem Erdboden befindlichen Fenstern der königlichen Gemächer zog sich eine schmale Brüstung hin, welche die Köpfe der Balken verkleidete, auf denen die in Pech getränkten und mit Stroh gefütterten Roste ruhten, die die Dielen des Stockwerkes trugen, in dem sich die Zimmer des Ramses befanden. Die Oeffnungen, in welche der Zündstoff zu schieben war, würde der Wegeführer, auch wenn er auf beiden Augen blind geworden wäre, wieder gefunden haben. Als Katuti zum ersten Mal ihre Pfeife erschallen ließ, schlich er auf seinen Posten. Keine Schildwache rief ihn an, denn von des Statthalters schwerstem Weine übermannt, schliefen die wenigen in unmittelbarer Nähe des Holzhauses aufgestellten Posten. Mit Hülfe von tiefen, in Form von Verzierungen in das Holz der Außenwand des Palastes angebrachten Einschnitten kletterte Paaker bis zur Höhe zweier Männer aufwärts. Dort war eine Strickleiter befestigt. Er benützte sie und stand bald auf der Brüstung, über der sich die Fenster der königlichen Gemächer befanden und unter die das Feuer gelegt werden sollte. Das Schlafzimmer des Ramses war hell beleuchtet. Unbemerkt konnte Paaker es überblicken und jeden Laut verstehen, der darin gesprochen wurde. Der König saß in seinem Lehnstuhle und blickte zu Boden. Der Statthalter Ani stand vor ihm und der Rosselenker Mena neben seinem Lager und hielt sein Schlafgewand in der Hand. Jetzt erhob Ramses das sinnende Haupt und sagte, dem Statthalter die Hand mit freimüthiger Herzlichkeit reichend: »Laß mich diesen schönen Tag gut beschließen, Oheim! Als treuen Freund hab' ich Dich gefunden und ich war schon in Gefahr den Ueberängstlichen zu glauben, die Dir Uebles nachsagten. Mißtrauen ist sonst meinem Herzen fremd, aber Manches kam zusammen, das meine Seele verdüsterte, und so that ich Dir Unrecht. Das ist mir leid, aufrichtig leid, und ich schäme mich nicht Dir abzubitten, daß ich an Deiner guten Gesinnung gezweifelt. Du bist mein Freund, und daß ich der Deine bin, das sollst Du erfahren! Da ist meine Hand! Schlag' ein und ganz Aegypten soll wissen, daß Ramses keinem Manne rückhaltsloser vertraut, als seinem Statthalter Ani. Ich übertrage Dir die Ehrenwache in meinem Schlafzimmer. Wir theilen in dieser Nacht dieß Gemach! Ich ruhe hier; nimm Du, wenn ich das Lager besteige, Platz auf den Polstern da drüben!« Ani hatte Ramses die Hand gereicht, jetzt stand er ihm bleich gegenüber. Paaker sah ihm gerade in's Gesicht und es kostete ihm Mühe, ein lautes Hohngelächter zu unterdrücken. Ramses bemerkte nicht die Unruhe des Statthalters, denn schon hatte er Mena gewinkt, näher zu ihm heranzutreten. »Auch mit Dir,« sagte er, »möchte ich, ehe ich zur Ruhe gehe, zum Abschlusse kommen. Du hast Deiner treuen Gattin Glauben an Dich auf eine harte Probe gestellt und weil sie Dich redlich liebt und sie selbst die Untreue nicht kennt, hat sie Dir mit kindlicher Einfalt, die oftmals klüger ist als die Bedenken der Weisen, freundlich und fest vertraut. Ich versprach Dir, einen Wunsch zu erfüllen, wenn Du gegen mich Recht behieltest. Nun sage mir, was Du forderst!« Mena sank auf die Kniee nieder, bedeckte das Gewand seines Herrn mit Küssen und rief: »Vergebung erbitt' ich, nichts als Vergebung. Schwer war mein Fehl, ich weiß es, aber mit grimmigem Hohn ward ich herausgefordert, die ehrlose Hand des Verräthers sah ich frech sich strecken nach meinem reinen Weibe, das ihn jetzt, ich weiß es, wie eine Kröte verabscheut!« »Was war das?« sagte der König. »Ich meine, ich hätte von dorther ein Stöhnen vernommen!« Er näherte sich dem Fenster, schaute in's Freie, aber sah den Wegeführer nicht, denn dieser verfolgte jede Bewegung des Königs und streckte sich, sobald sich die Klagelaute seiner Brust entrungen hatten, auf der Brüstung nieder. Mena lag noch immer auf den Knieen, als Ramses sich ihm wiederum näherte. »Verzeih' mir!« rief er von Neuem. »Laß mich wiederum neben Dir stehen auf dem Wagen und Deine Rosse lenken! Ich lebe nur und bin mir nur etwas werth durch Dich und Deine Gnade, mein König, mein Herr, mein Vater!« Ramses winkte seinem Lieblinge, sich vom Boden zu erheben, und sagte: »Deine Bitte war gewährt, ehe Du sie aussprachst. Ich bin ja in Deiner Schuld um Deines redlichen Weibes willen! Danke Du Nefert, nicht mir, und wir Alle, laßt uns heute mit besonderer Inbrunst die Himmlischen loben. Was hat dieser Tag mir Alles gegeben! Euch Beide, zwei verloren geglaubte Freunde, schenkte er mir zum andern Mal und endlich bescherte er mir einen neuen Sohn!« Ein leiser Pfiff drang durch die Nachtluft; es war das dritte Zeichen Katuti's. Paaker blies den Zunder an, steckte ihn in die Oeffnung unter der Brüstung und richtete sich dann, die eigene Gefahr mißachtend, auf, um weiter zu lauschen. »Ich bitte Dich,« sagte nun der Statthalter, sich dem Pharao nähernd, »mich zu entlassen. Ich weiß Deine Huld zu schätzen, aber die Anstrengungen der letzten Tage übermannen mich; ich kann mich kaum auf den Füßen halten und die Ehrenwache . . . .« »Wird Mena halten,« unterbrach ihn Ramses. »Schlafe hier getrost, mein Vetter. Die Anderen sollen nur sehen, daß ich jedes Mißtrauen gegen Dich weit von mir weise! Gib mir mein Nachtgewand, Mena. Nur noch Eines! Die Jugend zieht es zur Jugend, Ani! Bent-Anat hat sich einen würdigen Gatten erwählt, meinen Lebensretter, den Dichter Pentaur. Er galt für einen Mann von geringer Herkunft, für den Sohn eines Gärtners im Dienst des Setihauses. Und was erfahre ich nun durch den Oberpriester Ameni? Er ist der echte Sohn des edlen verstorbenen Mohar, und der ehrlose, verrätherische Unhold Paaker ist der des Gärtners. Eine Hexe in der Nekropole hat die Kinder vertauscht! Das ist das beste Geschenk dieses Tages, denn schon ist des Mohar Wittwe, die edle Frau Setchem, hieher geschleppt worden und ich wäre gezwungen gewesen, unter zwei Richtersprüchen zu wählen. Entweder sie, als des entronnenen Bösewichts Mutter, in die äthiopischen Steinbrüche zu senden, oder sie vor allem Volke enthaupten zu lassen. Um der Götter willen, was war das?« – Ein lauter Aufschrei aus einer Männerbrust war durch das offene Fenster gedrungen und gleich darauf ein Schall, als sei eine schwere Masse aus großer Höhe zu Boden gestürzt. Ramses und Mena eilten an's Fenster, aber erschreckt fuhren sie zurück, denn dichter Rauch drang ihnen entgegen. »Rufe die Wachen!« befahl Ramses. »Eile Du hinunter, Ani,« rief Mena, »ich verlasse meinen Herrn nicht wieder in der Gefahr.« Der Statthalter floh aus der Thüre wie ein aus dem Kerker ausgebrochener Sträfling, aber nur wenige Schritte konnte er vorwärts eilen, denn ehe er sie zu betreten vermochte, stürzte die einzige in das obere Stockwerk führende Treppe vor seinen Augen zusammen. Katuti hatte sie, nachdem sie den Brand im Innern des Palastes entzündet, durch einen einzigen Hammerschlag zu Falle gebracht. Ani sah noch das flatternde Gewand der Entfliehenden, rief mit geballten Fäusten ihren Namen und stürzte dann, ohne zu wissen wohin er ihn führe, den langen Vorraum entlang, in welchen die Zimmer des Pharao mündeten. Das furchtbare Getöse, welches der Zusammensturz der Treppe verursachte, veranlaßte auch den König und seinen Wagenlenker, das Gemach zu verlassen. »Da liegt die Stiege! Das wird ernst!« sagte Ramses gelassen, trat in das Zimmer zurück und stellte sich an ein Fenster, um von dort aus die Gefahr zu überblicken. Schon schlugen helle Flammen an dem nördlichen Ende des Palastes empor und verliehen der, der Morgendämmerung weichenden Nacht die Helle des Tages. Die Südseite des großen Bauwerkes war noch unversehrt. Mena bemerkte die Brüstung, von der Paaker hernieder in die Tiefe gestürzt war, schwang sich in's Freie, prüfte das Holz unter seinen Füßen und fand es fest genug, um mehrere Männer zu tragen. Er schaute sich um, sah mit gespanntester Aufmerksamkeit nach dem von den Flammen verschonten Flügel hin und rief dann mit einem lauten Aufschrei: »Das Feuer wird böswillig genährt! Sieh' dort hin! Da hockt ein Mensch und schiebt einen Brand in das Holzwerk.« Eilends schwang er sich in das von Rauch erfüllte Zimmer zurück, riß Köcher und Bogen des Königs, welche er selbst über seinem Bette aufgehängt hatte, von der Wand, legte einen Pfeil auf die Sehne, zielte lange und mit einem Schrei stürzte der Mordbrenner zusammen. Später fand man den Zwerg Nemu mit des Rosselenkers Pfeil mitten im Herzen. Er hatte, nachdem er unter Bent-Anat's Gemächern den Brand gelegt, denjenigen Flügel des Palastes, in welchem Uarda's Freund Rameri mit den anderen Söhnen des Königs schlief, angezündet. Von Neuem schwang sich Mena aus dem Fenster und prüfte den Vorsprung. Das Gemach des Pharao füllte sich mehr und mehr mit Rauch, und Flammen brachen aus den Fugen der Dielen hervor. Außerhalb des Palastes und in seinem Innern begann es lebendig zu werden. »Feuer! Feuer! Mordbrenner! Zu Hülfe! Rettet den König!« schrie der Rothbart, dem eine Schaar von schnell geweckten Leibwächtern folgte. Uarda war in den Palast gestürzt, um Bent-Anat, deren Gemächer sie kannte, zu rufen. Der König war Mena auf die Brüstung unter den Fenstern nachgestiegen und rief den Soldaten zu: »Die Hälfte von euch dringt in's Haus und sucht zuerst die Prinzessin zu retten, die andere Hälfte hält das Feuer vom Südende fern. Ich versuche dorthin zu gelangen!« Aber Nemu's Brände hatten gezündet und auch dort zeigten sich Flammen, gegen welche die Soldaten mit dem Aufgebot aller Kräfte ankämpften. Ihr lautes Geschrei vermischte sich mit dem Knistern und Prasseln der das dürre Holz verzehrenden Lohe und dem die Truppen weckenden Posaunengeschmetter und Trommelschlag. Jetzt erschienen auch die Prinzen an den Fenstern. Sie hatten aus ihren Mänteln ein Seil zusammengeknüpft und ließen sich an demselben nieder. Ramses rief ihnen ermunternde Worte zu, aber er sah sich in seinem eigenen Fortschreiten gehemmt, denn die ziemlich breite Brüstung, welche ihn trug, umgab zwar das ganze Haus, war aber in Abständen von der Länge eines Mannes von zehn zu zehn Schritten unterbrochen. Dabei wuchs das Feuer und knisternde Funken umflackerten wie Spreu den die Wurfschaufel schwingenden Drescher, ihn und seine Begleiter. »Laßt Stroh hier unten aufhäufen,« befahl Ramses, den tosenden Brand überschreiend. »Nur ein Sprung hinab kann uns retten!« Helle Flammen drangen aus dem Gemach des Königs hervor. Es war unmöglich, in dasselbe zurückzukehren; aber weder Ramses noch Mena verloren die Fassung. Als der Letztere den zwölften Prinzen am Boden anlangen sah, legte er seine zum Sprachrohr verbundenen Hände an den Mund und schrie Rameri, welcher als Letzter das rettende Seil benutzen wollte, entgegen: »Zieh' das Seil in die Höhe und bewahr' es vor Schaden, bis daß ich komme!« Rameri folgte diesem Befehl und ehe Ramses es hindern konnte, hatte Mena den Abstand, welcher einen Theil der Brüstung von dem andern trennte, übersprungen. Dem König und den von unten zuschauenden Prinzen stockte das Blut, als Mena zum zweiten Male den entsetzlichen Sprung wagte. Ein Fehltritt und er war dem gleichen Ende verfallen, wie sein Todfeind Paaker. Während die Zuschauer athemlos gafften und kein Laut zu vernehmen war, als das Prasseln der Flammen, das Knacken der springenden Aeste im Holze, der dumpfe Fall des einstürzenden Gebälks und der ferne Gesang eines sich vom Lager her der Brandstätte nähernden Priesterchors, kniete die von dem kleinen Scherau erweckte Nefert am Boden und betete mit heißer Inbrunst zu den rettenden Göttern. Ihre Augen folgten dabei jedem Sprunge ihres Gatten und sie biß sich die Lippen blutig, um nicht aufzuschreien. Sie fühlte, daß er groß und recht handle, und daß er verloren sei, wenn seine Aufmerksamkeit auch nur einen Augenblick von seinem schauerlichen Pfade abgelenkt werde. Jetzt stand er neben Rameri, jetzt band er sich das eine Ende der das Seil bildenden Mäntel und Tücher um den Leib. Jetzt gab er Rameri, der sich an der Fensterbrüstung festhielt, das andere in die Hand und nun raffte er sich abermals zusammen. Nefert sah, wie er zum Sprunge ansetzte, sie preßte beide Hände auf die Lippen, um nicht zu schreien, sie schloß die Augen und als sie sie wieder öffnete, war der erste Satz gelungen und auch beim zweiten bewahrten die Himmlischen ihn vor dem Sturze. Beim dritten Sprunge hielt ihm Ramses die Hand entgegen und bewahrte ihn vor dem Fall. Als er das Ende des Seils von seinen Hüften losband und an einen Balkenknopf befestigte, stützte ihn und half ihm der König. Rameri ließ nun das andere Ende der breiten, schweren Mantelkette los und folgte Mena. Auch dem schon im Setihause in gymnastischen Spielen geübten Prinzen gelangen die furchtbaren Sätze und bald darauf berührte der Pharao den rettenden Boden. Rameri folgte ihm und endlich auch Mena, dem sein geliebtes Weib auf dem sichern Boden den Schweiß von den pochenden Schläfen wischte. Ramses eilte sogleich zu dem Nordende des Palastes, in dem Bent-Anat gewohnt hatte. Er fand sie wohlbehalten, aber mit gerungenen Händen, denn ihr junger Liebling Uarda war in den Flammen verschwunden, nachdem sie sie selbst geweckt und mit ihres Vaters Hülfe gerettet hatte. Kaschta lief an der brennenden Außenwand des Palastes hin, raufte sein buschiges Haar und rief bald sein Kind mit lauter Stimme, bald lauschte er mit angehaltenem Athem. Auf's Gerathewohl in das ungeheure, brennende Haus zu dringen, wäre Wahnsinn gewesen. Der König bemerkte den Beklagenswerten und stellte ihn an die Spitze der Soldaten, denen er, um die Verschwundene zu retten, befohlen hatte, die Wand der frühern Wohnung Bent-Anat's einzureißen. Kaschta ließ sich ein Beil reichen und erhob es zum Schlage. Da glaubte er an einer der auf Katuti's Befehl fest verschlossenen Laden des untern Stockwerks ein aus dem Innern des Hauses kommendes Pochen zu hören. Er folgte dem Klange. Es wurde geklopft, es war keine Täuschung. Mit dem Aufgebot aller Kräfte stemmte er die Axt zwischen die Wand und die Lade, ein voller Strom von schwarzem Rauche drang aus der neu erschlossenen Oeffnung und vor ihm stand, wie von dichten Nebeln umflossen, ein taumelnder Mann, der Uarda auf seinen Armen hielt. In demselben Augenblick schwang sich Kaschta in den von Rauch und Funken erfüllten Raum, entriß seine Tochter ihrem halb erstickten, in die Kniee sinkenden Retter, sprang mit seiner theuren, leichten Last in's Freie, und während er, auf dem sichern Boden angelangt, seine Lippen leise auf ihre geschlossenen Lider drückte, wurden seine Augen feucht und vor seine Seele trat das Bild des Weibes, das sie geboren, und das wie eine einzelne Palme die baumlose Wüste seines Lebens geschmückt hatte. Aber nur wenige Sekunden gab er diesen Empfindungen Raum. Bent-Anat selbst nahm Uarda aus seinen Händen entgegen; er aber eilte zu dem brennenden Hause zurück. Den Retter seines Kindes hatte er wohl erkannt; es war der Priester Nebsecht, welcher seit den Tagen vom Sinai die Prinzessin nicht verlassen und als ihr Leibarzt mit ihrem Gefolge in ihren Gemächern Unterkunft gefunden hatte. Durch die von der Lade befreite Oeffnung war Zugwind in das Zimmer geströmt. Helle Flammen schlugen jetzt aus dem Fenster und doch war Nebsecht am Leben, denn sein Gestöhn drang wohl vernehmbar durch Rauch und Flammen in's Freie. Kaschta schwang sich zum andern Mal zu dem Fenster hinauf. Die hinter ihm Stehenden sahen, daß die Deckenbalken des Zimmers, dem er zustrebte, sich zu senken begannen, und warnten ihn; ja der König selbst gebot ihm, umzukehren. Der Rothbart aber saß schon auf der Fensterbrüstung, und indem er hinabrief: »Mit meinem Blute verschrieb ich mich Diesem, zweimal hat er mein Kind gerettet, jetzt bezahl' ich ihm meine Schulden!« verschwand er in dem brennenden Raume. Bald darauf zeigte er sich wieder mit Nebsecht, dessen weißes Gewand bereits von den Flammen versengt war, auf den Armen. Man sah noch, wie er sich mit seiner Last mehr und mehr dem Fenster näherte. Hundert Soldaten, und unter ihnen Pentaur, drängten sich heran, um zu helfen, und fingen den bewußtlosen Arzt, welchen Kaschta zum Fenster hinaushob, in ihren Armen auf. Der Rothbart schickte sich an, ihm zu folgen, aber ehe er sich aufzuschwingen vermochte, stürzten die Balken der Decke über ihm zusammen und begruben den redlichen Sohn des Paraschiten. Pentaur ließ seinen leblosen Freund Nebsecht in ein Zelt tragen und half den Aerzten, die seine Brandwunden verbanden. Der Dichter hatte in tiefem Gespräch mit dem Oberpriester gesessen, als die Feuerrufe erschollen. Es war ihm mitgetheilt worden, daß er kein Sohn eines Gärtners sei, sondern einem der edelsten Häuser des Landes entstamme. Die Grundlagen seines äußern Lebens wurden unter seinen Füßen verrückt, Ameni's Erzählung stellte ihn aus dem Staub auf den Boden eines Palastes und dennoch zeigte sich Pentaur weder ungewöhnlich überrascht, noch hoch erfreut; so sehr war er gewöhnt, Leid und Lust nicht von außen, sondern von innen her zu empfangen. Sobald er die Feuerrufe vernommen, war er auf die Brandstätte geeilt und hatte sich, als er die Gefahr übersah, in welcher Ramses schwebte, an die Spitze vieler aus dem Lager herbeigeeilter Krieger gestellt, um den Versuch zu wagen, dem Pharao von der Innenseite des Hauses her zu Hülfe zu eilen. Unter den ihm folgenden Wagenkämpfern befand sich Katuti's leichtsinniger Sohn, der sich vor Kadesch ausgezeichnet hatte und diese neue Gelegenheit, seinen Muth zu zeigen, wahrnahm. Zusammenstürzende Wände hemmten den Weg dieser todesmuthigen Schaar, welche sich erst zurückzog, nachdem Viele aus ihrer Mitte erstickt und von brennenden Balken erschlagen waren. Der Erste, welcher hier um's Leben kam, war Nefert's Bruder, Katuti's Sohn. Uarda war in das nächste Zelt gebracht worden. Ihr schöner Kopf ruhte in Bent-Anat's Schooß und Nefert versuchte, sie in's Leben zurückzurufen, indem sie ihre Schläfen mit einer stärkenden Essenz rieb. Die Lippen der Jungfrau bewegten sich leise. Vor ihrem innern Auge zeigte sich noch einmal Alles, was sie in der letzten Stunde erlebt und erlitten hatte. Sie sah sich mit ihrem Vater durch das Lager stürzen und mit ihm auf dem ihr bekannten Wege in die Gemächer der Prinzessin eilen, während er die von Katuti verschlossenen Thüren einschlug, sie erblickte die von ihr erweckte Bent-Anat, die ihr mit ihrem Hofstaat folgte, sie erinnerte sich träumend des Schrecks, den sie empfunden, als sie dicht vor der rettenden Thüre bemerkte, daß sie ihr Kleinod, das einzige Erbtheil ihrer verstorbenen Mutter, in ihrer Truhe vergessen habe, und ihrer schnellen, nur von dem Arzte Nebsecht bemerkten Umkehr. Noch einmal durchlebte sie die Angst, welche sie empfunden hatte, bis sie das Kleinod an ihrem Busen geborgen, und das Entsetzen, das sie befiel, als ihr auf dem Rückwege Rauch und Flammen entgegenschlugen. Sie fühlte wiederum ihre Kräfte schwinden und es war ihr als höbe sie der weißgekleidete sonderbare Priester von Neuem auf seine Arme. Sie sah im Traum zum andern Male seine mit inniger Zärtlichkeit auf sie gerichteten Augen und lächelte halb dankbar, halb unwillig, als sie des leisen Kusses gedachte, den er, ehe die stärkeren Arme ihres Vaters sie an sich rissen, auf ihre Lippen gedrückt hatte. »Wie hold sie ist!« sagte Bent-Anat. »Ich glaube, der arme Nebsecht irrte nicht, als er erzählte, ihre Mutter sei die Tochter eines Großen des Auslandes gewesen. Sahst Du jemals zierlichere Hände und Füße? Und durchsichtig ist ihre Haut wie phönizischer Glasfluß.« Vierzehntes Kapitel. Während die Freundinnen Uarda in's Leben zurückriefen und liebreich pflegten, ging Frau Katuti unruhig in ihrem Zelt auf und nieder. Bald, nachdem sie sich fortgeschlichen, um den Brand zu legen, hatte des kleinen Scherau Geschrei ihre Tochter erweckt und sie fand ihr Lager verlassen, als sie mit bebenden Gliedern und geschwärzten Händen von ihrem verbrecherischen Werke heimkehrte. Nun wartete sie vergeblich auf Nemu und Paaker. Ihr Haushofmeister, den sie zu wiederholten Malen aussandte, um zu fragen, ob der Statthalter zurückgekehrt sei, brachte stets verneinende Antwort, und dazu die Kunde, daß er die Leiche der alten Hekt mitten im Wege gefunden habe. Das Herz der Wittwe zog sich schaudernd zusammen. Finstere Ahnungen beschlichen sie, während sie auf das Geschrei der Löschenden, das Trommelgewirbel und die Trompetensignale der dem Könige zu Hülfe eilenden Soldaten lauschte. Jetzt schlug auch der dumpfe Schall von zusammenstürzenden Balken und Wänden an ihr Ohr. Da umspielte ein Lächeln ihre schmalen Lippen und sie dachte: »Das traf vielleicht den König und meinen lieben Schwiegersohn, dessen Verdienst es nicht ist, wenn wir nicht in Schande umgekommen sind, und der sich nach dem, was vor Kadesch geschehen, an seinen geduldigen Herrn hängen wird wie ein Kalb an die weidende Kuh.« Neuer Muth erfüllte sie und sie hörte vor ihrem innern Ohr die Stimmen der den Statthalter zum König ausrufenden äthiopischen Truppen. Sie sah Ani geschmückt mit der Krone von Ober- und Unterägypten auf dem Throne des Ramses und sich selbst in einfacher, aber ausgesucht kostbarer Kleidung neben ihm. In Mena's durch ihn vergrößertem und von Schulden befreitem Erbe sah sie sich mit ihrem Sohn und ihrer Tochter walten und ein neuer glänzender Plan erfüllte sie mit berauschender Hoffnung. Vielleicht war Nefert schon in dieser Stunde eine Wittwe und warum sollte es ihr nicht glücken, Ani zu bestimmen, ihr Kind, das schönste Weib in Aegypten, zu seiner Gemahlin zu erwählen? Dann war sie die Königinmutter und unantastbar und allmächtig. Den Wegeführer Paaker hatte sie sich längst als ein beiseite geworfenes und bald ganz zu vernichtendes Werkzeug anzusehen gewöhnt. Seine Güter konnten vielleicht dereinst auf ihren Sohn übertragen werden, der sich vor Kadesch ausgezeichnet hatte, und den Ani bald zu seinem Rosselenker oder zum Führer der Wagenkämpfer erheben mußte. Von solchen Gedanken umschmeichelt, vergaß sie, schneller und schneller auf und nieder wandelnd, jede Besorgniß. Da stürzte der Haushofmeister, welchen sie dießmal zu der Brandstätte geschickt hatte, in ihr Zelt und brachte mit allen Zeichen des Entsetzens die Kunde, der König und sein Wagenkämpfer schwebten mitten in den Flammen auf einer schmalen Brüstung, und wären, wenn kein Wunder geschähe, verloren. Mordbrenner, so hieß es, hätten das Feuer angelegt, und er, der Haushofmeister, sei fortgeeilt, um ihr Bericht zu erstatten, als man die zerschmetterte, durch den Siegelring an seinem Finger wiedererkannte Leiche des Wegeführers Paaker und des armen, von einem Pfeil durchbohrten Nemu an ihm vorübergetragen habe. Katuti schwieg und tief aufathmend fragte sie: »Und die Söhne des Ramses?« »Den Göttern sei Dank,« antwortete der Haushofmeister. »Es gelang ihnen, sich an zusammengeknüpften Gewändern zur Erde hernieder zu lassen, und einige waren gerettet, als ich das Feuer verließ.« Katuti's Züge verfinsterten sich und von Neuem schickte sie ihren Boten aus. Die Minuten seiner Abwesenheit wurden ihr zu Tagen. Bald hob und senkte sich ihre Brust in stürmischer Bewegung, bald hemmte sie den Athem und schloß die Augen, als ob die Angst ihre Lebenskraft auslösche. Endlich, lange nach Sonnenaufgang, erschien der Haushofmeister wieder. Bleich, bebend, kaum mächtig seiner Stimme, warf er sich vor der Wittwe nieder und rief klagend: »O, diese Nacht! Fasse Dich, Herrin! Möge Isis, die auch ihren lieben Sohn wund zusammenbrechen sah im Kampfe für seinen Vater und König, Dich trösten, und Amon, der große Gott von Theben, Dir Kraft verleihen! Unser Stolz, unsere Hoffnung, Dein Sohn ward von stürzenden Balken erschlagen.« Starr und todtenbleich, aber thränenlos vernahm Katuti diese Worte. Minutenlang schwieg sie, dann fragte sie dumpf: »Und Ramses?« »Die Götter wollen wir loben!« entgegnete der Haushofmeister: »er ist gerettet, gerettet durch Deinen Schwiegersohn Mena!« »Und Ani?« »Verbrannt! Bis zur Unkenntlichkeit entstellt fanden sie seine Leiche. Sie erkannten ihn nur an dem Diadem, das er beim Feste getragen.« Katuti starrte in's Leere und entsetzt wich der Haushofmeister wie vor einer Wahnsinnigen vor ihr zurück, als sie, statt zu weinen, ihre kleinen mit Ringen bedeckten Hände zu Fäusten ballte, sie hoch erhob und in ein lautes höhnisches Gelächter ausbrach. Aber erschreckt von dem Ton ihrer eigenen Stimme legte sie sich plötzlich Stillschweigen auf und heftete ihren Blick starr zu Boden. Sie hörte nicht und sah nicht, daß durch das Thor ihres Zeltes der Oberste der Sicherheitswächter, den sie »die Augen und Ohren des Königs« nannten, von mehreren Offizieren und einem Schreiber begleitet, ihr entgegentrat und sie bei Namen rief. Erst als der Haushofmeister sie ängstlich anrührte, fand sie sich wie eine aus tiefem Schlaf Erwachende wieder. »Was willst Du in meinem Zelte?« fragte sie, sich stolz aufrichtend, den Beamten. »Im Namen des Oberrichters von Theben,« sagte der Befehlshaber der Sicherheitswächter feierlich, »verhafte ich Dich und lade Dich vor Gericht, um Dich gegen die schwere und peinliche Anklage auf Hochverrath, versuchten Königsmord und Brandstiftung vor dem höchsten Gerichtshofe zu rechtfertigen.« »Ich bin bereit,« erwiederte die Wittwe und ein höhnisches Lächeln umspielte ihre Lippen. Dann wies sie mit der ihr eigenen Würde auf einen Stuhl und sagte: »Nimm Platz, damit ich mich kleide!« Der Beamte verneigte sich, blieb aber an der Zeltthüre stehen, während sie ihr schwarzes Haar zusammenfaßte, ihr Diadem auf die Stirn drückte, ihren Salbenkasten öffnete und demselben rasch ein Fläschchen mit dem schnell wirkenden Strychnosgift, S. Bd. I. S. 42 . das sie sich schon vor Monaten durch Nemu von der alten Hekt verschafft hatte, entnahm. »Meinen Spiegel!« rief sie ihrer in einer Ecke des Zeltes kauernden Dienerin zu. Dann hielt sie die metallene Scheibe vor ihr Antlitz, so daß es der Beamte nicht zu sehen vermochte, legte das Fläschchen an ihre Lippen und leerte es auf einen Zug. Der Spiegel entfiel ihrer Hand, sie taumelte, ein tödtlicher Krampf beugte ihren Nacken, der Beamte eilte auf sie zu, und indem sie ihn sterbend ansah, sagte sie deutlich: »Mein Spiel ging verloren, aber auch Ameni, auch Ameni, sage ihm das; wird nichts gewinnen!« Sie sank zusammen, murmelte Nefert's Namen, kreischte markerschütternd auf und war eine Leiche. Wenn der Trank des Glückes für einzelne Menschen sich zur hellsten krystallenen Reinheit abklärt, so unterläßt es selten das Schicksal, einen trübenden Tropfen hineinzugießen. Aber sie sollen ihm darum nicht zürnen, denn gerade dieser Tropfen ist es, der sie mahnt, die Gaben des Lebens maßvoll und dankbar zu genießen. Mena's und Nefert's selige Lust war zwar durch Katuti's gewaltsamen Tod getrübt worden, aber Beide fühlten nun erst recht den Ernst ihrer Liebe. Mena hatte seiner Gattin die Mutter und den Bruder zu ersetzen und Nefert Vieles gut zu machen, was die Verstorbene an ihrem Gatten verschuldet. Sie empfanden nun, daß sie einander nicht nur zur Lust, sondern um sich gegenseitig zu stützen und zu tragen wiedergefunden hätten. Voll Dank gegen die Himmlischen, die ihn und die Seinen gnädig erhalten, verließ Ramses die rauchende Brandstätte. Er befahl zahllose Stiere zu schlachten und Freudenfeste im ganzen Lande zu feiern; aber ernste Trauer erfüllte sein Herz über die Täuschung, der er zum Opfer gefallen. Er sehnte sich, wie immer, wenn er fühlte, daß das Gleichgewicht seiner Seele gestört sei, nach einer einsamen Stunde und ließ sich in sein schnell für ihn errichtetes Lagerzelt führen. Ani's prächtige Behausung zu betreten hatte er sich geweigert, denn es war ihm, als sei sie wie eines Aussätzigen Wohnung durch Verrath und Lüge verpestet. Eine Stunde lang blieb er allein und maß das Schlimme, das ihm von Seiten der Menschen widerfahren, mit dem Erfreulichen und Guten, und er fand, daß das Letztere das Erstere weit überwiege. Wie groß die Erkenntlichkeit sei, welche er nicht nur seinen himmlischen, sondern auch seinen irdischen Freunden schulde, trat ihm voll in's Bewußtsein, als er sich Minute für Minute die Ereignisse dieses Morgens in das Gedächtniß zurückrief. Dankbar zu sein, sagte er sich, lehrte dich deine Mutter, lehrtest du selbst deine Kinder. Fromm ist, wer sich dankbar erweist gegen die Götter, und gut, wer den Dank nicht vergißt, den er den Menschen schuldet. Alle Bitterkeit war von ihm gewichen, als er Bent-Anat und Pentaur in sein Zelt berief. Er ließ sich von seiner Tochter erzählen, wie sich ihr Herz dem Dichter zugewandt habe, unterbrach sie dabei nicht selten mit Lob und mit Tadel, und väterliche Freude erfüllte sein Herz, als er die Hände seines Lieblingskindes in die des Dichters legte. Bent-Anat lehnte ihr Haupt glückselig an die Brust des Enkels des Assa, aber sie würde sich nicht weniger freudig an Pentaur, den Sohn des Gärtners, geschmiegt haben. »Du bist jetzt einer der Unseren,« sagte Ramses und gebot dem Dichter, bei ihm zu bleiben, als er den Herolden, Botschaftern und Dolmetschern befahl, die asiatischen Fürsten, welche am jenseitigen Nilufer in ihren Zelten harrten, zu ihm zu berufen, um mit ihnen auf lange Zeit gültige Verträge abzuschließen. Ehe sie erschienen, traten die Söhne des Pharao in das Zelt ihres Vaters und erfuhren hier von dem Könige selbst, welchem Hause Pentaur angehöre und daß sie es ihrer Schwester zu danken hätten, wenn sie in ihm einen neuen Bruder gewännen. Mit aufrichtiger Freude beglückwünschten die Prinzen das schöne und edle Paar, mit besonderer Wärme aber der junge Rameri. Diesen Letztern ließ der König aus der Reihe seiner Brüder hervortreten und dankte ihm für seine kühne, rettende That an diesem Morgen. Schon vor Kadesch hatte er ihn mit dem Gewande der Männer Der Schiffsoberst Ahmes erzählt in seiner biographisch gehalteten Grabschrift in seiner Gruft zu el Kab (Zeile 6), er sei mit dem »Gewande der jungen Männer« bekleidet worden und habe dann »ein Haus genommen«, d. h. einen Hausstand begründet, oder mit anderen Worten: sich verheirathet. bekleidet. Jetzt ernannte er ihn zum Befehlshaber einer Wagenkämpferlegion und beschenkte ihn mit dem am Halse zu tragenden Löwenschmuck für Tapferkeit. Diese Auszeichnung, die geradezu »der Löwenorden« genannt wird, erhielt z. B. der Feldhauptmann Amen em Heb, der unter Thutmes III. lebte. Seine von uns entdeckte, sehr interessante Grabschrift haben wir übersetzt und eingehend behandelt in der Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft, 1876 u. 77. Knieend dankte der Prinz seinem Vater. Dieser nahm den Krauskopf in seine Hände und sagte: »Durch schöne Thaten hast Du Dir Lob und Lohn erworben von Deinem mit solchem Sohne zufriedenen, geretteten Vater; aber der König , der über die Gesetze wacht , und dieses Landes Geschicke leitet, sollte Dir zürnen, vielleicht Dich bestrafen! Dem Zwange der Schule, in der wir den Gehorsam lernen, um später die Kunst des Befehlens mit Billigkeit üben zu können, ward es Dir schwer Dich zu fügen, und bevor wir Dich riefen, verließest Du Aegypten und kamst zum Heere. Als ein Mann erwiesest Du Dich an Muth und Kraft; als ein unbesonnener Knabe, was die kluge Vorsicht betrifft, die der Sohn eines Heldenstammes schwerer erlernt, als das schneidige Dreinhauen. Ohne Lehre stelltest Du Dich zu den Meistern des Krieges, und was war die Folge? Zweimal geriethest Du in die Gefangenschaft des Feindes und zweimal mußt' ich Dich lösen. »Der Danaerkönig gab Dich heraus gegen seine Tochter, die Mena in seinem Zelte bewahrte. Er freut sich schon lange des zurückgewonnenen Kindes, wir aber gaben mit ihr das wirksamste Mittel aus der Hand, dem Gebieter über die immer mächtiger werdenden starken und stolzen seefahrenden Männer auf den Inseln und an den nördlichen Küsten des großen Meeres ein festes und dauerndes Friedensgelöbniß abzugewinnen. »So seh' ich durch eines Knaben unvorsichtige Willkür das schöne Werk gefährdet, welches nun zum Abschluß gebracht werben soll. Es thut mir heute besonders weh, Deine Seele, die ich durch Lob aufrichtete, durch Tadel niederzudrücken. Ich will auch nicht strafen, sondern nur lehren und warnen. Das Getriebe des Staates gleicht den ineinandergreifenden Rädern, die ein Schöpfwerk im Nil treiben. Wenn Eines versagt, so kommt das Ganze zum Stillstand, so kräftig die Stiere auch sind, die den Balken drehen. Ein Jeder von euch, das behaltet im Sinn, ist ein Hauptrad im Kunstgetriebe des Staates und kann nur nützen, wenn er den leitenden Mächten sich widerstandslos fügt. Erhebe Dich nun! Vielleicht wird es gelingen, dem Danaerkönige auch ohne Geiseln gute Bürgschaften abzugewinnen.« Herolde traten in das Zelt und verkündeten, daß der Vertreter des Chetakönigs und die mit dem letzteren verbündeten Fürsten in dem Berathungssaale des Pharao harrten. Ramses ließ sich mit der Krone von Ober- und Unterägypten und seinem vollen Ornate schmücken. Seine Ceremonienmeister, die Träger der Insignien seiner Macht, und die mit Federn geschmückten Obersten seiner Schreiber schritten ihm voraus, während seine Söhne, die Oberbefehlshaber seines Heeres und die Dolmetscher ihm folgten. Würdevoll ließ sich Ramses auf seinem Throne nieder und strenger Ernst strahlte aus seinen Augen, während er die Huldigung der von ihm besiegten Verbündeten in Empfang nahm. Alle Asiaten küßten den Boden vor seinen Füßen; nur der Danaerkönig begnügte sich mit einer Verbeugung. Ramses schaute ihn unwillig an und ließ ihn durch die Dolmetscher fragen, ob er sich für geschlagen halte oder nicht? und Jener ertheilte die Antwort, er sei nicht als Gefangener vor dem Pharao erschienen und was Ramses von ihm verlange, entehre nach der Sitte seiner Heimat freigeborene Männer, die sich nur vor den Göttern zu Boden würfen. Er hoffe ein Bundesgenosse des Herrschers von Aegypten zu werden und er frage ihn, ob er einen Entehrten zum Freunde begehre? Ramses maß die stolze, edel gebaute Gestalt des also redenden Fürsten mit den Augen und sagte streng: »Nur mit solchen Gegnern bin ich Frieden zu machen geneigt, die sich willig vor der Doppelkrone auf meinem Haupte neigen. Bestehst Du auf Deiner Weigerung, so wirst Du und die Deinen nicht Theil haben an den milden Verträgen die ich mit diesen Deinen Verbündeten zu schließen gedenke.« Der Danaer bewahrte seine selbstbewußte und doch von Ueberhebung freie Haltung, als ihm diese Worte des Königs verdolmetscht wurden, und gab ihm zurück, daß er in der Absicht, auch um hohen Preis Frieden zu schließen, gekommen sei, sich aber weder vor einer Krone noch vor einem Menschen in den Staub werfen wolle und könne. Am folgenden Tage werde er abziehen; bitte aber in seinem und seiner Tochter Namen – und er habe gehört, daß die Aegypter die Frauen ehrten – um eine Gunst. Der König wisse, daß sein Rosselenker seine Tochter nicht wie eine Gefangene, sondern wie eine Schwester gehalten habe, und Praxilla hege nun den von ihm getheilten Wunsch, dem edlen Mena Lebewohl zu sagen und ihm und seiner Gemahlin für so großen Edelmuth zu danken. Ramses möge ihm gestatten, vor seiner Abfahrt noch einmal den Strom zu überschreiten und mit seiner Tochter ihren Wohlthäter in seinem Zelte aufzusuchen. Der Pharao gewährte diese Bitte, der Danaer verließ das Zelt und die Verhandlungen begannen. In wenigen Stunden waren diese zu Ende geführt, denn den zu unterzeichnenden Vertrag hatten die ägyptischen und asiatischen Schreiber schon während des langen Marsches vereinbart. In der Ramsesstadt Tanis, welche die zahlreichen dort ansässigen Semiten Zoan nannten, sollte das Friedensinstrument in sorgsam zu erwägenden Sätzen niedergeschrieben und unterzeichnet werden. Die asiatischen Fürsten durften als Gäste an der Mahlzeit des Königs teilnehmen. Sie saßen an einem besondern Tische, denn es würde die Aegypter verunreinigt haben, an der gleichen Tafel mit den Fremden zu speisen. Ramses war nicht vollkommen zufrieden. Wenn der Danaer, ohne sich mit ihm geeinigt zu haben, abzog, so war zu erwarten, daß der Frieden, den er ernstlich ersehnte, wiederum nur von kurzer Dauer sein würde, und dennoch fühlte er, daß er schon aus Rücksicht gegen die anderen Besiegten dem Danaerfürsten, so sehr ihm dessen männliche Persönlichkeit auch zusagen und so achtunggebietend ihm die Kraft der von ihm in den Kampf geführten Völker auch erscheinen mochte, keine Demüthigung schenken dürfte, die er ihnen aufzuerlegen gezwungen und, wie er glaubte, berechtigt war. Schon ging die Sonne zur Rüste, als Mena, dem der König Urlaub ertheilt hatte, glühend vor Erregung zu den an der Tafel versammelten Fürsten trat und dem Könige die Bitte, ihm etwas Wichtiges mittheilen zu dürfen, vortragen ließ. Ramses winkte ihm, der Rosselenker trat in seine Nähe und Beide führten miteinander ein leises, aber lebhaftes Gespräch. Endlich erhob sich der Pharao von seinem Thron und rief Bent-Anat zu: »Dieser Tag, der schrecklich begonnen, will freundlich enden. Das liebliche Kind, das Dich heute gerettet und das fast eine Beute der Flammen geworden wäre, ist von hoher Abkunft.« »Einem fürstlichen Hause entstammt sie,« rief Rameri, den Vater unehrerbietig unterbrechend. Ramses blickte ihn tadelnd an und sagte: »Meine Söhne schweigen, bis ich sie frage.« Der Prinz schaute erröthend zu Boden, der König stand auf, winkte Bent-Anat und Pentaur, ersuchte seine Gäste, ihn auf kurze Zeit zu entschuldigen, und schickte sich an, das Zelt zu verlassen. Da nahte sich ihm Bent-Anat, schaute ihn bittend an und flüsterte ihm einige auf ihren Bruder bezügliche Worte zu; und nicht vergebens, denn Ramses hemmte den Fuß, schaute einige Augenblicke sinnend zu Boden und wandte dann seinen Blick auf den Krauskopf, den er beschämt und wie angewurzelt auf seinem Platze stehen sah. Da rief er seinen Namen und winkte ihm, daß er ihm folge. Fünfzehntes Kapitel. Während Bent-Anat die aus dem Feuer gerettete Uarda auf der Brandstätte in's Leben zurück zu rufen versuchte, hatte Rameri Aerzte herbeigerufen und war ihnen in das Zelt seiner Schwester gefolgt. Dort schaute er mit zärtlicher Besorgniß dem halb erstickten, immer noch der Besinnung beraubten, doch unverwundeten Mädchen in's Antlitz und ergriff endlich ihre kleine Hand, um seine Lippen auf ihre Fingerspitzen zu drücken; Bent-Anat aber wies ihn von der Jungfrau zurück. Da bat er sie mit bewegter Stimme, ihm nicht zu wehren, und erzählte ihr leise, wie lieb ihm ihre Retterin seit dem Kampf in der Todtenstadt geworden sei, daß er seit seinem Aufbruch aus Syrien Tag und Nacht an sie gedacht habe, und daß er sich Uarda zum Weibe wünsche. Bent-Anat erschrak und erinnerte den Bruder an den, den Stamm ihres Vaters befleckenden Makel, durch den sie selbst so schwer gelitten; Rameri aber entgegnete ihr lebhaft: »Die Mutter bestimmt in Aegypten die Herkunft der Menschen, und des braven Kaschta verstorbenes Weib . . . .« »Ich weiß,« unterbrach ihn Bent-Anat. »Der Arzt Nebsecht erzählte uns schon, sie sei eine stumme Kriegsgefangene gewesen, und ich glaube selbst, daß sie keinem geringen Hause entstammte, denn edel ist Uarda's Bildung.« »Und zart ihre Haut wie die weichen Blätter einer Blume,« rief Rameri. »Ihre Stimme klingt wie lauteres Gold und . . . . Aber sieh' nur, sie regt sich. Uarda, schlage die Augen auf, Uarda! Wenn die eine Sonne sich zeigt, so preisen wir die Götter. Schlage die Augen auf! Wie will ich jubeln und danken, wenn die beiden Sonnen auf einmal aufgehen!« Bent-Anat zog lächelnd ihren Bruder von der tief Aufathmenden zurück, denn in das Zelt trat ein Arzt, um mitzutheilen, ein warmes Kräuterbad, das Uarda herstellen würde, stünde bereit. Die Prinzessin befahl ihren Dienerinnen, der Bewußtlosen Hülfe zu leisten, und schickte sich selbst an, ihr zu folgen, als ein Bote ihres Vaters sie in das Zelt des Königs berief. Bent-Anat ahnte, was ihr diese Ladung bedeute, und bat Rameri, da sie sich festlich zu kleiden habe, sie allein zu lassen. Uarda sollte nach dem Bade während ihrer eigenen Abwesenheit der Pflege ihrer Freundin Nefert anvertraut werden. »Sie ist freundlich und gut und kennt Uarda,« sagte Bent-Anat, »und ihrem zwischen dem tiefen Weh und lang entbehrten Liebesglück hin und her schwankenden Herzen wird die Sorge für dieß liebe Geschöpf wohlthun. Der Vater hat Mena auf mehrere Tage des Dienstes entbunden und ich gab sie frei, denn die Zeit, in der wir einander nöthig waren, hat gestern ihr Ende erreicht. Ich denke, Rameri, es wird uns nach unserer Rettung aus dem schrecklichen Brande ergehen wie dem heiligen Bennu-Vogel , der nach Heliopolis kommt, um sich zu verbrennen, und jung und glänzend, glückselig und beglückend aus seiner Asche emporsteigt.« Als sie allein war, warf sie sich vor dem Ahnenbilde ihrer Mutter nieder und betete lange, dann goß sie als Opfer Wohlgerüche auf den kleinen Altar der Göttin Hathor, der sie stets begleitete, ließ sich mit froher Zuversicht im Herzen für ihren Vater und auch – sie verhehlte es sich nicht – für Pentaur schmücken, trat dann in Nefert's Zelt, um sie zu ersuchen, Uarda zu pflegen, und folgte endlich dem Rufe des Königs, der, wie wir wissen, ihre Hoffnungen zur Wahrheit machte. Als Rameri aus dem Zelt seiner Schwester in's Freie trat, sah er wie die Wachen einen Knaben ergriffen und fortführten. Das Kind weinte bitterlich und der Prinz erkannte in ihm den kleinen Bildhauer Scherau, der ihm bei Uarda des Statthalters Anschläge verrathen hatte und den er auch auf der Brandstätte gesehen zu haben meinte. Die Schildwachen hatten ihn mehrmals von dem Zelte der Prinzessin fortgewiesen, er aber war immer wieder zurückgekehrt und diese seine Beharrlichkeit hatte das Mißtrauen eines Offiziers wachgerufen, denn seit dem Brande liefen hundert Gerüchte von Verschwörungen und Anschlägen gegen die königliche Familie durch das Lager. Rameri befreite den kleinen Verhafteten sogleich, ließ sich von ihm erzählen, daß die alte Hekt vor ihrem Tode den Rothbart Kaschta und seine Tochter zur Rettung des Königs ausgesandt, daß auch er die Krieger geweckt und nun gar keine Heimat habe und zu Uarda wolle. Der Prinz führte den Kleinen selbst zu Nefert und bat sie, ihm zu gestatten, die Gerettete wiederzusehen und ihn bei ihren Dienern zu lassen, bis er von seinem Vater zurückgekehrt sein werde. Die Aerzte hatten Uarda's Zustand richtig beurtheilt, denn im Bade kam sie wieder zu sich und als man sie, frisch gekleidet und durch wohlthuende Essenzen und Arzneien, die man sie einathmen und trinken ließ, gestärkt, in Nefert's Zelt führte, erstaunte Mena, der sie zum ersten Male sah, über ihre eigentümliche rührende Schönheit. »Sie gleicht der Tochter des Danaerfürsten, die ich für ihren Vater in meinem Zelte bewahrte,« sagte er, »aber sie ist jünger und wohl auch schöner als sie.« Der kleine Scherau kam, um sie zu begrüßen, und sie freute sich über den Knaben; aber sie war traurig und so gütig Nefert ihr auch zusprach, blieb sie doch in sich versunken und schweigsam und von Zeit zu Zeit rann eine einzelne schwere Thräne über ihre Wangen. »Du hast Deinen Vater verloren,« sagte Nefert tröstend, »ich Mutter und Bruder an einem Tage.« »Kaschta war rauh, aber gut,« gab Uarda zurück. »Ich werde ihn immer lieb behalten. Er glich den Früchten der Dompalme. Hart wie Knochen ist ihre Schale, aber wer sie zu öffnen versteht, der findet darin süße Speise. Nun ist er todt und meine Mutter und Großeltern sind ihm vorangegangen und ich bin wie das Baumblatt, das ich bei unserer Fahrt hierher auf dem Meere schwimmen sah. Etwas Einsameres als das hab' ich nie gesehen, denn ganz losgelöst von allem ihm Verwandten und Lieben schwamm es auf dem fremden Elemente, auf dem nichts jemals gediehen ist und gedeihen kann, was ihm gleich sieht.« Nefert küßte ihre Stirn und sagte: »Du hast Freunde, die Dich nicht verlassen werden.« »Ich weiß, ich weiß,« erwiederte Uarda nachdenklich, »und doch bin ich erst jetzt recht einsam. Als ich noch in Theben war, hab' ich oft den wilden Schwänen nachgeblickt. Wenn sie ziehen, so fliegen einige voran, dann kommt das wandernde Volk und zuletzt, oft in weiten Abständen, ein Nachzügler hinter den anderen. Auch den letzten von ihnen nenn' ich nicht einsam, denn er sieht ja noch seine Brüder vor sich. Aber wenn die Jäger die niedrig fliegenden Zurückbleibenden fortschießen und nur der letzte zurückbleibt und dem Schwarm nicht mehr folgen kann, ihn aus den Augen verliert und weiß, daß er ihn niemals wieder zu finden und zu erreichen vermag, dann erst ist er beklagenswerth. Mir ist weh um's Herz wie dem müden Vogel, denn heute hab' ich Die, zu denen ich gehöre, aus den Augen verloren und bin allein und kann sie niemals wiederfinden.« »In einem edlern Geschlecht als dem, zu welchem Du durch Deine Geburt gehörst, wirst Du Aufnahme finden,« tröstete Nefert. Da flammten Uarda's Augen auf, und stolz, beinah trotzig sagte sie: »Mein Geschlecht ist das meiner Mutter, die keinem geringen Hause entstammte. Warum ich heute Morgen umgekehrt bin in den Rauch und in das Feuer, nachdem ich schon wieder, aufathmend, die freie Gottesluft empfand, – was mich zurücktrieb, weil es mir werth schien, dafür zu sterben, das war das Erbtheil meiner Mutter, welches ich mit meinen Feierkleidern fortgelegt hatte, als ich dem schlechten Nemu in's Lager folgte. In den Tod stürzte ich mich, um das Kleinod zu retten, aber wahrlich nicht weil es aus Gold bestand und edlen Steinen! denn ich will nicht reich sein, und zur Nahrung genügt mir ein Stückchen Brod, eine Dattel, eine Schale voll Wasser; – aber weil es in fremder Schrift einen Namen enthielt und weil ich glaubte, es würde mit seiner Hülfe gelingen, das Haus zu entdecken, aus dem meine Mutter geraubt worden ist. Nun hab' ich das Kleinod verloren und mit ihm meinen Stamm, meine Hoffnung, mein Glück.« Uarda schluchzte laut auf. Nefert näherte sich ihr liebreich und fragte: »Armes Kind, ist Dein Schatz ein Opfer der Flammen geworden?« »Nein, nein!« rief Uarda lebhaft. »Ich hab' es aus meiner Truhe gerissen und hielt es in der Hand, als Nebsecht mich auf die Arme nahm, und ich hatte es noch, als ich, gerettet, dem brennenden Hause gegenüber lag und Bent-Anat mich pflegte und Rameri auf mich zutrat. Wie im Traume sah ich ihn vor mir und erwachte ein wenig und griff gleich nach dem Kleinod und fühlt' es in meinen Fingern.« »So ging es auf dem Wege hieher verloren?« fragte Nefert. Uarda nickte bejahend; der kleine Scherau aber, der neben ihr auf dem Boden gekauert hatte, erhob sich und schlich mit einem zärtlichen, thränenfeuchten Blick auf Uarda zur Zeltthür hinaus. Stunden vergingen; Uarda schaute schweigend zu Boden und Nefert saß Hand in Hand mit Mena und dachte ihrer Verstorbenen. Es war sehr still in dem Zelte und die Trauer warf finstere Schatten über das Glück der wiedervereinigten Gatten. Von dem Zelte des Königs her tönten dann und wann Trompetenstöße. Zuerst, als die asiatischen Fürsten ihren Einzug in die Versammlungshalle hielten, dann als der Danaer sich entfernte und endlich, als der Pharao mir den Besiegten zum Gastmahle schritt. Der Rosselenker dachte seines Herrn, seiner durch seines Weibes Vertrauen zurückerlangten Würde und drückte Nefert dankbar die Hand. Da ward es laut vor seinem Zelte und ein Offizier betrat dasselbe, um Mena mitzutheilen, daß der König der Danaer und seine Tochter, von Leibwächtern des Könige geleitet, gekommen waren und ihn und Nefert zu sehen und zu sprechen verlangten. Die Zeltthore wurden weit geöffnet. Uarda trat bescheiden in den Hintergrund des Raumes zurück und Mena und Nefert schritten Hand in Hand ihren unerwarteten Gästen entgegen. Der Danaerfürst war ein älterer Mann. Sein Bart und sein volles Haupthaar waren ergraut, aber seine Bewegungen jugendlich lebhaft und dennoch gemessen und edel. Faltenreich waren seine männlichen, ebenmäßigen Züge, groß, klar und heiter seine blauen Augen, aber an seinem feinen Munde zeigten sich Furchen, die der Kummer gezogen. Seine neben ihm wandelnde Tochter, deren langes, weißes, mit Purpurstreifen umsäumtes Gewand über den Hüften von einem goldenen Gürtel zusammengehalten und deren goldblondes Haar an der Stirn von einem Diadem gekrönt ward und am Hinterkopfe in vollen Locken auf den Hals herniederwallte, war von mittlerer Größe, aber in jeder Bewegung edel und maßvoll wie ihr Vater. Schmal war ihre reine Stirn und bildete eine Linie mit der fein geschnittenen Nase, freundlich ihr rother Mund und wunderbar schön die Vermittelung des Ovals ihres Antlitzes mit dem schneeweißen Halse. Neben diesem Paare schritt der Dolmetscher, welcher jedes von den Besuchern und ihren Wirthen gesprochene Wort übersetzte. Hinter ihm wandelten zwei Männer und eben so viel Frauen, jene Geschenke für Mena, diese für seine Gemahlin tragend. Der Danaerfürst pries den Edelsinn des Rosselenkers mit warmen Worten. »Du zeigtest mir,« sagte er, »daß die Tugenden der Dankbarkeit, der Enthaltsamkeit und der Treue auch von den Aegyptern geübt werden. Freilich erscheint mir Dein Verdienst, o Mena, geringer, seitdem ich Deine Gattin gesehen, denn wer das Schönste besitzt, enthält sich leicht des Wunsches, das Schöne für sich zu begehren.« Nefert erröthete und gab ihm zurück: »Deine Großmuth beraubt Deine Tochter, um mich zu bereichern, und die Liebe bewog vielleicht meinen Gatten zu dem gleichen Unrecht, das Dein schönes Kind euch und mir vergeben möge.« Praxilla trat ihr nun näher, sprach ihr und Mena ihren Dank aus und überreichte ihr das kostbare Diadem, die goldenen Spangen und seltenen Perlenschnüre, welche ihre Dienerinnen trugen. Ihr Vater bat Mena, einen Panzer und einen Schild von kunstreicher getriebener Silberarbeit von ihm anzunehmen. Dann folgten Beide den Gatten in das Zelt, um sich dort als willkommene Gäste mit Wein und Brod bewirthen und ehren zu lassen. Während ihr Vater Mena Bescheid that, theilte Praxilla mit Hülfe des Dolmetschers Nefert mit, wie entsetzliche Stunden sie verlebt habe, als sie, nachdem die Aegypter sie gefangen genommen, mit der übrigen Kriegsbeute im Lager des Ramses aufgestellt worden sei, wie ein älterer Befehlshaber sie für sich in Anspruch genommen, Mena aber ihr die Hand gereicht, sie in sein Zelt geführt und dort wie sein Kind gehalten habe. Tiefe Rührung klang aus ihrer und selbst aus des Dolmetschers Stimme, als sie solches erzählte und mit den Worten schloß: »Wie dankbar ich ihm bin, wirst Du erst recht verstehen, wenn ich Dir mittheile, daß der mir bestimmte Gatte bei der Verteidigung unseres Lagers vor meinen Augen verwundet zusammensank. Er ist genesen und bei meiner Heimkehr wartet unser die Hochzeit.« »Also mögen die Götter es fügen!« rief der Danaer, »denn Praxilla ist der letzte Sproß meines Hauses. Vier blühende Söhne raubte mir, ehe sie ein Weib genommen, der männermordende Krieg und mein Eidam fiel von ägyptischen Händen bei der Verteidigung unseres Lagers, das mitsammt seinem Weib und neugeborenen Sohn in eure Hände fiel. So ist Praxilla mein jüngstes Kind, das einzige, das mir die neidischen Götter gelassen.« Während er solches sprach, hörte man die Wachen rufen, eine Kinderstimme sich laut erheben und gleich darauf stürzte der kleine Scherau mit hocherhobener Hand in das Zelt und rief. »Ich hab' es, ich hab' es gefunden!« Uarda, die sich hinter den den Schlafraum des Zeltes verschließenden Vorhang zurückgezogen, aber jedem Worte des Danaers mit Spannung gelauscht und kein Auge von der weißen und blonden Praxilla verwandt hatte, trat jetzt erregt und entschlossen mitten in das Zelt und nahm das Kleinod dem Knaben aus der Hand, um es dem Danaerfürsten zu zeigen, denn während sie Praxilla angeschaut hatte, war es ihr gewesen, als sähe sie sich im Spiegel und die Vermuthung war in ihr lebendig geworden, daß ihre Mutter ein Danaerweib gewesen. Laut pochte ihr Herz, da sie sich bescheiden mit gesenktem Haupt als Bittende und ihr Kleinod hoch haltend dem Fürsten nahte. Staunend blickten die Anwesenden auf den alten Helden, denn seine hohe Gestalt begann zu wanken, abwehrend streckte er seine Arme gegen Uarda aus und rückwärts schreitend rief er: »Xanthe, Xanthe! Läßt Hades seine Schatten frei? Willst Du mich rufen?« Praxilla sah erschreckt auf den Vater, staunend auf Uarda; plötzlich aber stieß sie einen markerschütternden Schrei aus, riß eine Kette von ihrem Halse, eilte auf Uarda zu, nahm das Kleinod aus ihrer Hand und rief: »Hier ist sie, hier ist sie, die andere Hälfte des Schmuckes meiner armen Schwester Xanthe!« Tief ergreifend war der Anblick des alternden Fürsten, sein Ringen nach Fassung und die Zärtlichkeit, mit der er Uarda anschaute. Seine starken Hände zitterten, als er seiner Tochter Praxilla's und Uarda's Geschmeide zusammenpaßte. Beide Stücke waren einander vollkommen gleich. Ein jedes stellte den Flügel eines Adlers dar, welcher von einem mit Schrift bedeckten Halboval ausging. Legte man beide zusammen, so ergab sich die Gestalt des seine Schwingen ausbreitenden Vogels, auf dessen Brust in zierlichen, bei ihrem Durchschnitt genau an einander passenden Zeilen folgender Räthselspruch zu lesen war: »Eins ist ein nichtiges Ding, ein ärmlich prunkender Zierat,     Doch mit dem Zweiten vereint wird es zum Liebling des Zeus.« Ein flüchtiger Blick auf diese Worte zeigte dem Danaer, daß er das Geschmeide in der Hand halte, welches er mit eigener Hand seiner Tochter Xanthe bei ihrer Hochzeit um den Hals gehängt und dessen andere Hälfte damals ihre Mutter, von der Praxilla sie ererbte, getragen hatte. Das Kleinod war ursprünglich für seine Gemahlin und ihre früh verstorbene Zwillingsschwester verfertigt worden. Ehe er Erkundigungen einzog und nach Erklärungen forschte, faßte der Fürst Uarda's Haupt, richtete ihr Antlitz mit beiden Händen dem seinen entgegen und schaute in ihre lieblichen Züge wie in ein Buch, in welchem er die Geschichte der seligsten Stunden seines Lebens verzeichnet zu finden erwarte, und das Mädchen fürchtete sich nicht und wehrte ihm nicht, als er seine Lippen auf ihre Stirn drückte, denn sie wußte, daß sie diesem Manne verwandt sei. Endlich winkte der Danaer dem Dolmetscher. Uarda wurde befragt, was sie von ihrer Mutter wisse, und erzählte nun, daß sie mit einem bald darauf verstorbenen Knäblein als Kriegsgefangene nach Theben gebracht worden sei, daß ihr Vater sie gekauft und zum Weibe genommen und trotz ihrer Stummheit sehr geliebt habe. Nach diesem Bericht erkannte sie der Fürst als seine Enkelin an, legte sie in Praxilla's Arme und erzählte Mena und Nefert, daß vor zwanzig Jahren bei einem Ueberfall des Lagers sein Schwiegersohn erschlagen und dessen Weib, seine Tochter Xanthe, deren Ebenbild Uarda sei, mit dem Knäblein an ihrer Brust fortgeschleppt worden wäre. Erschreckt durch die Nachricht von dem Geschehenen starb seine Gemahlin, die ihm wenige Wochen vorher Praxilla geboren hatte. Alle Nachforschungen nach Xanthe und ihrem Kinde waren fruchtlos geblieben, doch erinnerte sich der Fürst, eine Anfrage von Seiten der Aegypter, denen er hohes Lösegeld geboten, ob seine Tochter stumm sei, mit »Nein« beantwortet zu haben. Xanthe hatte vor Kummer und Schreck die Sprache verloren. Namenlos war die Freude des Fürsten und Uarda ward nicht müde, ihn und seine Tochter zu betrachten und ihre Hände zu erfassen. Dann wandte sie sich an den Dolmetscher und fragte: »Was heißt: ich bin sehr glücklich?« Lächelnd sprach sie ihm nach und fragte dann weiter. »Wie sag' ich: Uarda will euch von Herzen lieben?« Und auch das wiederholte sie und der verstümmelte Satz klang so innig, so tief empfunden, daß ihr Großvater sie an sein Herz zog. In Nefert's Augen schwammen Thränen der Rührung und als Uarda sich auch ihr in die Arme warf, sagte sie: »Der verlassene Schwan hat sein Volt, das einsame Blatt seinen Baum wieder gefunden und darf glücklich sein.« So verging eine Stunde der reinsten Wonne. Endlich schickte sich der Danaerfürst zum Aufbruch an und wünschte Uarda mit sich zu nehmen; Mena aber bat um Erlaubnis, dem Pharao und seiner Tochter das Geschehene mitzutheilen, denn Uarda gehöre der Letztern an, sei ihm von Bent-Anat anvertraut worden und er dürfe sie nicht, ehe er die Prinzessin gefragt habe, fremden Händen übergeben. Ohne des Danaers Antwort abzuwarten, verließ er sein Zelt, schaffte sich Zutritt zu dem Gastmahle des Königs und wir wissen bereits, daß ihm Ramses alsbald mit Bent-Anat und Rameri folgte. Unterwegs gab Mena mit bewegten Worten ein Bild des ergreifenden Vorgangs, dem er soeben beigewohnt hatte, und Ramses fragte seinen Sohn mit einem Seitenblick auf Bent-Anat: »Wärest Du bereit, Deinen Fehler gut zu machen und durch Deine Verlobung mit seiner Enkelin den Danaerfürsten für uns zu gewinnen?« Der Prinz fand keine Worte, aber er ergriff die Hand seines Vaters und küßte sie so stürmisch, daß Ramses sie ihm entzog und mit dem Finger drohend sagte: »Ich glaube, mein Freund, Du bist uns zuvorgekommen und hast hinter unserem Rücken Staatskunst getrieben!« Vor Mena's Zelt fand Ramses seinen stolzen Gegner und wollte ihm die Hand reichen, der Danaer aber war schon vor ihm niedergesunken wie die anderen Fürsten und sagte: »Sieh' in mir nicht den Krieger und König, sondern den bittenden Vater. Laß uns Frieden schließen und gestatte mir, daß ich dieses Mädchen, meine Enkelin, mit mir nehme in meine und ihre Heimat.« Ramses hob den Greis vom Boden auf, reichte ihm seine Rechte und sagte gütig: »Was Du forderst, vermag ich nur zur Hälfte zu gewähren. Ein festes Bündniß und guten, dauernden Frieden biete ich, der König von Aegypten, Dir aus gutem Herzen; wegen dieser schönen Jungfrau aber hast Du mit meinen Kindern zu verhandeln, erstlich mit dieser meiner Tochter Bent-Anat, zu deren Frauen sie gehört, und dann mit dem von Dir gelösten Gefangenen dort, meinem Sohn Rameri, der Uarda zum Weibe begehrt.« »Ich übertrage meine Rechte auf meinen Bruder,« sagte Bent-Anat, »und frage Dich, Mädchen, ob Du ihn als Deinen Herrn anzuerkennen geneigt bist?« Uarda nickte bejahend und schaute ihren Großvater mit einem Blick an, den er auch ohne Dolmetscher verstand. »Ich kenne Dich wohl,« sagte der Fürst, sich an Rameri wendend. »Wir standen einander in der Schlacht gegenüber und ich nahm Dich, als Du betäubt von dem Schlage meines Schwertes vom Wagen sankest, gefangen. Zu stürmisch bist Du noch; aber den Fehler verbessert die Zeit, wenn man ein Held ist von Deiner Art. Höre mich nun, und Du auch, großer Pharao, vergönne mir einige Worte. Laß uns diese Beiden verloben und möge ihre Vereinigung unser Bündniß festigen; aber erst vergönne mir die lang Entbehrte ein Jahr lang bei mir zu behalten, damit ich mich ihrer freue und von ihren Lippen die Sprache ihrer Mutter, die ihr mir fortnahmt, vernehme. Jung sind sie Beide, nach den Bräuchen des Danaerlandes, in dem die Männer und Frauen später reifen als in Deinem Reiche, zu jung fast für den ernsten Bund einer Ehe. Aber Eins vor allem Andern sollte auch euch bestimmen, meinem Wunsche zu willfahren. In niederer Umgebung erwuchs diese Tochter eines edlen Stammes; sie hat hier kein Haus, keine Heimat. Am Wege gleichsam mußte der Prinz um sie werben; doch wenn sie mir folgt, so kann des Pharao Sohn als Freier in den Palast eines Fürsten treten und königlich sei die Hochzeit, die ich ihnen rüste.« »Gerecht und weise ist, was Du verlangst,« gab Ramses zurück. »Nimm Dein Enkelkind mit Dir als Verlobte Braut meines Sohnes, als unsere künftige Tochter. Ihr Beiden reicht mir die Hände! Geduld wird es euch zu üben gelten, denn Rameri bleibt von heute an ein volles Jahr in Aegypten, zu Deinem Vortheil, Du liebliches Kind, denn der Gehorsam, den er beim Dienst im Heere erlernen wird, kommt einst seiner künftigen Gattin zu gute. Dir, Rameri, soll heute über ein Jahr, und ich denke, Du wirst den Tag nicht vergessen, im Hafen von Pelusium ein tüchtiges, mit phönizischen Leuten bemanntes Meerschiff zur Verfügung stehen, das Dich zum Danaerlande führen mag und zur Hochzeit.« »So sei es!« rief der Greis, »und bei Zeus, der die Eide vernimmt, ich enthalte Xanthe's Tochter Deinem Sohne nicht vor, wenn er naht.« Als Rameri in das Zelt zu seinen Brüdern zurückkehrte, warf er sich jedem Einzelnen an die Brust und nahm, als er mit ihrem mürrischen Hausmeister allein war, ihm die Perrücke vom Kopfe, warf sie hoch in die Luft und streichelte die Wangen des würdigen Beamten, während er sie ihm wieder aufsetzte. Sechzehntes Kapitel. Uarda folgte ihrem Großvater und Praxilla in ihre Zelte am jenseitigen Ufer des pelusinischen Nilarmes, um am folgenden Morgen noch einmal das ägyptische Lager zu besuchen, von ihren Freunden Abschied zu nehmen und für die Bestattung ihres Vaters Sorge zu tragen. Sie versäumte es auch nicht, der letzten Bitte der alten Hekt zu gedenken, und Bent-Anat bestimmte leicht ihren Vater, die Zauberin, der er, wie er nun erfuhr, zu Dank verpflichtet war, wie eine Edelfrau balsamiren zu lassen. Ehe Uarda das Lager des Königs verließ, wurde sie von Pentaur ersucht, ihrem sterbenden Retter Nebsecht eine letzte Freude zu bereiten, indem sie sich ihm noch einmal zeige. Erröthend gewährte die Jungfrau diese Bitte. Der Dichter, welcher die ganze Nacht bei dem Arzte zugebracht hatte, ging ihr voraus, um den Kranken auf ihren Besuch vorzubereiten. Nebsecht's Brandwunden und eine schwere Verletzung, die er am Kopf erlitten, verursachten ihm große Schmerzen. Seine Wangen glühten im Fieber und die Aerzte theilten Pentaur mit, sein Tod sei unabwendbar und könne schon in der nächsten Stunde eintreten. Der Dichter legte dem Freunde seine kühle Hand auf die brennende Stirn und sprach ihm freundlich zu; aber Nebsecht lächelte mit der ihm eigenen Miene des Besserwissens zu diesen Worten und sagte leise und mit sichtlicher Anstrengung: »Noch wenige Athemzüge und es kommt zur Ruhe hier und hier.« Dabei zeigte er auf sein Herz und seine Stirn. »Zur Ruhe,« sagte Pentaur, »kommen wir Alle, aber vielleicht nur, um uns jenseits der Todesstunde rüstiger und ohne Ermüdung zu rühren. Wenn etwas, so lohnen die Götter ein redliches Ringen nach Wahrheit und ernste Arbeit, und wenn einer, so wird Dein Geist mit der Weltseele Eins werden und mit den Augen der Gottheit den Schleier durchdringen, der ihm hier das Geheimniß des Seins verhüllte.« »Ich habe daran gezerrt und gezogen,« seufzte Nebsecht, »und nun mein Auge einen Theil der Wahrheit erfaßt zu haben meinte, kommt die plumpe Hand des Todes und schließt es. Was nützt es mir, mit dem Auge der Gottheit zu sehen und ihre Allwissenheit zu theilen? Nicht das Schauen, das Finden ist reizvoll, so reizvoll, daß ich dafür noch ein anderes Leben hier und dort auf's Spiel setzen möchte.« Er schwieg, denn seine Kraft versagte und Pentaur bat ihn, zu ruhen und der freundlichen Stunden still zu gedenken, die das Leben ihm gewährt habe. »Es waren wenige,« sagte der Arzt. »Wenn die Mutter mich küßte und mir Datteln schenkte, wenn ich ungestört allein beobachten und arbeiten durfte, wenn Du mir Blicke eröffnetest in Deine bunt geschmückte Welt, – das war schön!« »Und vieler Menschen Schmerzen,« sagte Pentaur, »hast Du gelindert und Keinem ein Leid zugefügt.« Nebsecht schüttelte den Kopf und murmelte: »Den alten Paraschiten hab' ich in Wahnsinn und Tod getrieben.« Lange schwieg er; dann blitzten seine Augen auf und lebhafter fuhr er fort: »Aber nicht um ihm weh zu thun, nicht vergeblich. In Syrien, in Megiddo habe ich ungehindert gearbeitet. Jetzt kenn' ich das Organ, mit dessen Hülfe wir denken. Das Herz! Was ist das Herz? Ein Hammelherz und ein Menschenherz verrichten dieselben Dienste. Sie drehen beide das Rad des thierischen Lebens, sie schlagen beide schneller in Angst und Lust, denn Furcht und Freude theilen wir mit den Thieren. Das Denken aber, die göttliche Kraft, die an das Unbegrenzte und Unendliche reicht und uns befähigt, zutreffende Schlüsse zu ziehen, hat hier, hat im Kopfe, hat hier seinen Sitz, hier hinter der Stirn, im Gehirne!« Erschöpft und von Schmerz überwältigt hielt er inne. Pentaur glaubte, er rede im Fieber, reichte ihm einen erfrischenden Trank, während zwei Aerzte, Beschwörungen singend, sein Lager umwandelten, und sagte, als der Kranke sich gestärkt aufrichtete: »Das freundlichste Bild Deines Lebens war doch wohl das des reizenden Kindes, dessen Antlitz einst, wie Du mir gestandest, das Organ für das Schöne in Dir eröffnet hat, und das Du wie ein Held mit dem Opfer des eigenen Lebens dem Tode aus den Armen gerissen. Du weißt, Uarda hat ihre Angehörigen wiedergefunden, ist glücklich und ihrem Retter dankbar und möchte ihn noch einmal begrüßen, bevor sie mit ihrem Großvater in die Ferne zieht.« Der Kranke zauderte, ehe er leise antwortete: »Laß sie kommen. Aber nur von fern will ich sie anschauen.« Pentaur ging hinaus und kehrte bald darauf mit Uarda zurück, die erröthend und mit Thränen in den Augen an der Thür des Zeltes stehen blieb. Der Arzt blickte sie lange bittend und liebreich an und sagte: »Nimm meinen Dank und sei glücklich.« Das Mädchen wollte ihm nahen, um ihm die Hand zu reichen, er aber wehrte ihr beunruhigt mit der verbundenen Rechten und bat: »Tritt mir nicht näher, aber bleibe noch einen Augenblick stehen. Ach, Du hast Thränen im Auge! Gelten sie mir oder nur meinen Schmerzen?« »Dir, Du guter edler Mann, meinem Freund und Retter,« sagte Uarda, »Dir, Du lieber, armer Nebsecht!« Der Arzt schloß die Augen, während sie innig bewegt diese Worte sprach. Als sie schwieg, erhob er noch einmal den Blick, schaute sie lange freundlich und mit Bewunderung an und sagte leise: »Nun ist es genug! Jetzt will ich sterben.« Uarda verließ das Zelt, Pentaur blieb bei ihm und lauschte auf seine röchelnden Athemzüge. Plötzlich richtete sich der Kranke höher auf und sagte: »Lebe wohl, Freund. Die Reise beginnt; wer weiß wohin?« »Nur nicht in das öde Nichts!« rief Pentaur mit Wärme. Der Arzt schüttelte den Kopf und sagte: »Ich war ja Etwas und aus Etwas kann niemals Nichts werden. Sparsam und haushälterisch ist die Natur und auch das Kleinste benützt sie. Auch mich wird sie aufbrauchen nach Bedarf. Nach Maß und Zahl führt sie Alles zum Ziel und so auch mein Dasein hier und jenseits des Todes. Es gibt kein Entrinnen. Aus jedem Dinge wird das, was daraus werden muß; – nach unserem Wunsch und Willen fragt Niemand. – Mein Kopf! – Sobald es hier oben drückt, ist es aus mit dem Denken! Könnt' ich nur ergründen – ergründen . . . .« Die letzten Worte hauchten seine Lippen leise und leiser, sein Athem stockte und wenige Minuten später schloß ihm Pentaur, tief ergriffen, die Augen zu. – Vor dem Zelte des Verstorbenen traf der Dichter den Oberpriester Ameni, welcher ihn bei seinem Freunde zu finden erwartet hatte. Nun kehrte Pentaur mit dem Leiter des Setihauses zu dem Verstorbenen zurück. Ameni sprach eilig und erregt einige Gebete für das Heil seiner Seele und bat dann Pentaur, ihm ungesäumt in seine Wohnung zu folgen. Unterwegs bereitete er den Dichter mit der ihm eigenen Feinheit schonungsvoll auf eine seiner wartende Begegnung vor, die ihm mehr traurige als freudige, jedenfalls tief erregende Stunden zu bringen verspreche. Die Richter in Theben, welche gezwungen waren, Frau Setchem, als Mutter eines Hochverräters, zur Fortführung in die Bergwerke zu verurtheilen, Agatharchides bei Diodor III. 12 berichtet, daß manchmal nicht nur die schuldig befundenen, sondern auch ihre Angehörigen zur Zwangsarbeit in den Bergwerken verurtheilt worden wären. Bei dem Auslieferungsvertrage, welchen der König der Cheta mit Ramses II. schloß, wird ausdrücklich vorgesehen, daß der nach Aegypten zurückgeführte Flüchtling straflos bleiben, daß man weder seinem Hause, noch seinem Weibe, noch seinen Kindern Schaden thun, noch » seine Mutter tödten solle «. hatten der vornehmen und verehrungswürdigen Matrone ungebeten gestattet, unter der Aufsicht von Sicherheitswächtern dem Könige entgegenzufahren und ihm bei seinem Eintritt in Aegypten ein Gnadengesuch für ihre eigene Person, nicht, wie ausdrücklich verfügt ward, für Paaker, zu überreichen, und sie war aufgebrochen mit dem heimlichen Vorsatze, nicht für sich, sondern für ihren Sohn zu bitten. Ameni war schon von Theben entfernt gewesen, als dieses Urtheil gesprochen ward; er würde es sonst durch seine Mittheilung der wahren Herkunft Paaker's an die Richter hintertrieben haben. Nachdem er des Statthalters Sache aufgegeben, brauchte er das Geheimniß der alten Hekt nicht länger zu hüten. Frau Setchem's Reise hatte durch die Beschädigung ihres Schiffes bei einem Sturm auf dem Nil Aufschub erlitten und so kam es, daß sie erst nach dem König in Pelusium eintraf. Der bei dieser Festung sich mit dem Meere vereinigende Mündungskanal des Nils war so überfüllt von Schiffen des Statthalters und seines Gefolges, der Festgesandten und der aus allen Theilen des Landes zum Empfange des Königs und der Truppen herbeigeströmten Edlen und Bürger, daß das Boot der Matrone in großer Entfernung von der Stadt vor Anker gehen mußte und es ihrem sie begleitenden treuen Haushofmeister erst vor wenigen Stunden gelungen war, den Oberpriester zu sprechen. Frau Setchem hatte sich sehr verändert. Müde und leblos erschien das Auge, das noch vor wenig Monaten den größten Hausstand in Theben rüstig überblickt und regiert hatte, und wenn auch die Fülle ihres Körpers nicht geschwunden war, so erschien sie doch nicht mehr stattlich, sondern schlaff und krankhaft. Ihre Lippen, die sich zu manchem klugen Worte geöffnet hatten, waren fest aufeinander gepreßt und bewegten sich nur, um zu beten oder wenn ein Freund den Namen ihres unglücklichen Sohnes nannte. Verabscheuungswürdig, das wußte sie, war seine That und sie suchte nicht nach Entschuldigungsgründen für dieselbe; die Mutterliebe vergab sie auch ohne solche. So oft sie seiner gedachte, und dieß geschah unablässig bei Tag und in ihren schlaflosen Nächten, schwammen ihre leicht überfließenden, jetzt schon leidenden Augen in Thränen. Ihr Boot ging bei Pelusium in derselben Stunde vor Anker, in der die Flammen des brennenden Palastes die Nacht zu erhellen begannen. Der Feuerschein und das Geschrei auf den das ihre umgebenden Schiffen rief sie auf das Deck. Sie hörte, das brennende Haus sei der von dem Statthalter für Ramses errichtete Prachtbau; der König, hieß es, schwebe in Todesgefahr und Verräther hätten das Feuer angelegt. Als es Tag geworden, klangen unter Flüchen die Namen ihres Sohnes und ihrer Schwester an ihr Ohr. Sie fragte nicht, sie wollte nichts hören, aber sie ahnte das Rechte. So oft man, als sie sich in die Kajüte zurückgezogen, das Wort »Verrath« über ihr aussprach, fühlte sie in ihrem schwindelnden Haupte einen schmerzlichen Stich, ward sie von einem kalten Schauder ergriffen. Während des ganzen folgenden Tages nahm sie weder Speise noch Trank zu sich und lag mit geschlossenen Augen auf ihrem Diwan, während der Haushofmeister, der bald erfuhr, welcher traurige Antheil seinem einstigen Herrn an der Feuersbrunst zukam und nun auch Frau Setchem's Sache verloren gab, Ameni aufsuchte; aber der Oberpriester gehörte zu der nächsten Umgebung des Königs und es gelang ihm erst am folgenden Tage, ihn zu sprechen. Ameni flößte dem besorgten und bekümmerten treuen Beamten neuen Muth ein, führte ihn auf seinem eigenen Wagen zum Hafen, bestieg das Schiff der Frau Setchem und versuchte es, sie auf die ihrer nach so großem Kummer wartende Freude vorzubereiten. Aber er war zu spät gekommen, denn der Geist der Matrone war umschleiert, und theilnahmlos hörte sie ihm zu, als er sich bemühte, ihren Muth und ihre Fassung zu beleben. Nur manchmal unterbrach sie ihn mit der Frage: »Hat er es gethan?« oder: »Ist er am Leben?« Endlich veranlaßte sie Ameni, ihm in ihrer Sänfte in sein Lager zu folgen, wo sie ihren Sohn finden werde. Pentaur glich wunderbar ihrem verstorbenen Gatten und sein Anblick, dachte der Seelenkenner, würde die schlummernden Kräfte ihres Geistes neu erwecken. In seinem Zelte erzählte er ihr mit schonender Vorsicht die Geschichte von der Vertauschung ihres Sohnes Pentaur mit Paaker. Sie folgte ihm mit scheinbarer Aufmerksamkeit, aber doch nur so, als hörte sie von den Schicksalen eines Fremden erzählen. Als Ameni des Dichters Geist und Gaben und seine Aehnlichkeit mit ihrem verstorbenen Gatten hervorhob, murmelte sie: »Ich weiß, ich weiß. den Redner meinst Du vom Feste des Thales.« Dann fragte sie wieder, obgleich sie schon mehrmal gehört hatte, ihr Sohn sei umgekommen, ob Paaker noch lebe. Endlich verließ sie der Oberpriester, um Pentaur zu rufen. Wir wissen, daß er ihn vor dem Zelt fand, in dem sein Freund Nebsecht zur Ruhe gegangen war. Als er mit dem auf das Wiedersehen seiner rechten, schwer erkrankten Mutter vorbereiteten Dichter sein Zelt betrat, fand er es verlassen. Seine Diener theilten ihm mit, Frau Setchem habe sich von dem alten, leicht zu rührenden Gagabu zu der Leiche Paaker's führen lassen. Ameni ergrimmte, denn er fürchtete, daß Frau Setchem nun verloren sei, und bat den Dichter, ihm zu ihr zu folgen. In einem neben der Brandstätte aufgeschlagenen Zelte lagen des Wegeführers sterbliche Reste. Sein Körper war mit einem Tuche verhüllt, das die breiten, bei dem Falle unbeschädigt gebliebenen bleichen Züge seines Angesichts unverhüllt ließ. Neben ihm kniete die unglückliche Matrone. Der Oberpriester berührte, da sie seinen Ruf nicht vernahm, ihre Schulter und sagte, auf den Leichnam zeigend: »Dieser war der Sohn eines Gärtners. Du hast ihn wie Deinen eigenen mit Treue erzogen; aber Deines edlen Gatten echter Erbe, das Kind, das Du unter Deinem Herzen getragen, ist dieser Jüngling, ist Pentaur, dem die Götter nicht nur die Gestalt, sondern auch den Geist und die Gaben seines Vaters schenkten. Verziehen sei diesem Todten – um Deiner Güte willen, aber Deine Liebe schuldest Du dem echten Sohne Deines Gatten, diesem edlen Manne, dem Redner vom Feste des Thales, dem Lebensretter des Königs.« Da erhob sich Frau Setchem, trat auf Pentaur zu, lächelte ihn an, befühlte seine Brust und sein Antlitz und sagte: »Er ist es, die Götter mögen ihn segnen!« Pentaur wollte sie in seine Arme schließen, aber sie wich ihm aus, als fürchte sie sich eines Treubruchs schuldig zu machen, wandte sich schnell der Bahre zu und murmelte: »Armer, armer Paaker!« »Mutter, Mutter, erkenne doch Deinen Sohn!« rief Pentaur tief ergriffen. Da wandte sie sich abermals um und sagte. »Das ist seine Stimme, das ist er!« Sie näherte sich Pentaur, lehnte sich an ihn, erfaßte sein zu ihr herniedergebeugtes Haupt, küßte ihn herzlich auf die Lippen und rief abermals: »Die Götter sollen Dich segnen!« Dann stürzte sie wiederum, als habe sie ein Unrecht gegen Paaker begangen, zu dem Leichnam zurück, neben dem sie zusammensank. Hier blieb sie sprach und regungslos, bis man sie in ihr Boot zurücktrug. Dort legte sie sich nieder und wies alle Nahrung zurück. Von Zeit zu Zeit murmelte sie: »Armer Paaker,« und ehe Pentaur, der nicht von ihr wich, den sie aber nicht mehr erkannte, sie verließ, war sie ihrem rauhen Liebling in das Jenseits gefolgt. Siebenzehntes Kapitel. Der König hatte das Lager aufgebrochen und war mit dem größten Theil seines Heeres nach dem benachbarten Tanis, der Ramsesstadt, welche die zahlreichen in der Provinz Gosen lebenden Semiten Zoan nannten, übergesiedelt. Die hebräischen Ansiedler, welche der Statthalter Ani durch Erleichterung der ihnen auferlegten Frohndienste für sich zu gewinnen versucht hatte, wurden jetzt mit Strenge zu den Arbeiten an den von Ramses begonnenen Palast- und Festungsbauten herangezogen. Zu Tanis ward auch der Friedensvertrag unterzeichnet, welchen der Botschafter des Königs der Cheta, Tarthisebu, im Namen seines Herrn dem Pharao auf einer silbernen Tafel überreichte. Dieses höchst merkwürdige Dokument blieb erhalten, und zwar auf einem großen, im Süden des Tempels von Karnak gelegenen Wandfragment. Die silberne Tafel, in die es gegraben war, und die der Botschafter Tarthisebu dem Ramses zu überreichen hatte, wird Zeile 4 des Vertrages erwähnt und abgebildet. Sie war rechteckig und hatte oben eine Oese, an der sie aufgehängt werden sollte. Der hieroglyphische Text ward publizirt von Burton, Lepsius und Brugsch. Die beste Uebersetzung danken wir F. Chabas, Voyage d'un Égyptien, p. 332  ff. Eine andere Uebertragung unseres Vertrages findet sich in Egger's Études sur les traités publics, p. 243 ; doch steht diese hinter der späteren Chabas'schen zurück. Pentaur folgte dem Könige, nachdem er seiner Mutter die Augen zugedrückt und ihre Leiche, um sie daselbst balsamiren zu lassen, nach Heliopolis begleitet hatte. Von dort aus sollte ihre Mumie nach Theben gesandt und später feierlich in dem Erbbegräbnisse ihrer Familie beigesetzt werden. Die Kindespflicht gegen die Mutter und die Sorge für die Todten war den Aegyptern so heilig, daß weder Pentaur noch Bent-Anat vor ihrer Erfüllung an ihre Vereinigung denken mochten. Am 21. Tybi des 21. Jahres der Regierung des Ramses, Nach der Datirung des oben erwähnten Friedensvertrages. Der 21. Tybi ist unser 29. Januar. dem Tage der Unterzeichnung des Friedensvertrages, kam der Dichter nach Tanis zurück, betrübten Herzens, denn auch der Gärtner, der Paaker das Leben gegeben, und den Pentaur als Vater geliebt hatte, war vor seiner Heimkehr gestorben. Der brave Mann überlebte die falsche Kunde von dem Tode des Dichters, den er liebte und ehrte und für ein höheres, ihm durch die besondere Gnade der Götter anvertrautes Wesen hielt, nicht lange. Sieben Monate nach dem Brande in Pelusium feierte Pentaur im Pharaonenpalaste zu Theben seine Hochzeit mit Bent-Anat, die der Kummer des Geliebten nur noch fester mit ihm vereinigt hatte. Sie fühlte sich jetzt ihm, dem Starken, gegenüber als die Helfende und Gebende und freudig empfand sie, daß wie das Licht, welches die sich beim Sonnenuntergang schließenden Glocken mancher Blumen öffnet, ihre Nähe die gedrückte Seele ihres Freundes zu neuer Erhebung einlud. Unter Kampf und Schmerz hatten sie einander verloren gegeben und zurückgewonnen. Jeder von ihnen wußte, was der Andere ihm werth sei. Einander zu gefallen und Liebe zu erweisen, war das Ziel ihres Lebens, und weil er von ihr und sie von ihm überzeugt war, daß ihm nichts höher gelte als das Rechte und Edle, so wurde ihr Bund zu einer echten, ihre Seele beglückenden und läuternden Ehe. An seinen tiefsten Gedanken und schwierigsten Unternehmungen ließ er sie Theil haben, und als ihr Haus sich mit Kindern füllte, wußte sie ihm dankbar die kleinen Freuden des Lebens, welche zugleich die größten sind, zu vermitteln. Von dem Pharao mit überreichem Besitz ausgestattet, überließ er seinem Bruder Horus, den Ramses für sein Eingreifen in der Schlacht bei Kadesch zum ersten Mohar ernannt und königlich belohnt hatte, das Erbgut seiner Familie. Die umgesägten Cedernstämme an dem hohen Thore seines Hauses ließ Horus durch bescheidene Maste ersetzen. Den unglücklichen Huni, unter dessen Namen Pentaur in den Bergwerken der Sinaihalbinsel gearbeitet hatte, erlöste er aus den Steinbrüchen von Chennu und gab ihn reich beschenkt seinen Kindern zurück. Der Pharao erkannte schnell die hohen Gaben des Gatten Bent-Anat's, welche bis an sein spätes Alter seine Lieblingstochter blieb; auch nachdem er sich, um den Frieden zu befestigen, mit der Tochter des Chetakönigs vermählt hatte. Ramses zog Pentaur in seinen Rath und betraute ihn mit den wichtigsten Geschäften. Aus den Papieren, die man in Ani's Zelt gefunden hatte, und anderen ihm nur zu reichlich zuströmenden Nachrichten ersah der König, daß der Leiter des Setihauses und mit ihm ein großer Theil der Priesterschaft eine Zeitlang mit dem ungetreuen Statthalter gemeinsame Sache gemacht hatte. Anfänglich gewillt, strenge, ja blutige Strafen zu verhängen, ließ er sich durch Pentaur und seinen Sohn Chamus, den Oberpriester von Memphis, bestimmen, seinen Grundsätzen durch mildere und zugleich durchgreifendere Mittel Geltung zu verschaffen. Ramses wollte der Religion ein Hüter sein, der Religion, welche auch des Niedern und Beladenen Dasein mit Trost zu erfüllen und seinem Leben einen geistigen Inhalt zu geben vermag, der Religion, welche ihm, dem König, unentbehrlich erschien als Mittel, um sich die hohe Bedeutung des Lebens gegenwärtig zu erhalten, heilig als Erbtheil seiner Väter und nützlich als Schule des Gehorsams für das der Leitung bedürftige Volk. Aber dem Gesetze, dessen Hüter er sich nannte, dem er sich selbst unterwarf und welches Gehorsam gegen seinen Willen vorschrieb, sollte Jedermann in Aegypten sich fügen, sollte auch die die Seelen leitende Priesterschaft seines Landes nicht widerstreben dürfen. Schon in Tanis ließ er Ameni und seinen Anhang fühlen, daß er allein in Aegypten gebiete. Der Gott Seth, den die Semiten seit den Hyksos vor allen anderen Göttern verehrten, unter dessen Namen sie ihren Baal anriefen, S. Anmerkung 134 und dem man in älterer Zeit, als dem Gotte des Auslandes, am Nil keine Tempel erbaut hatte, errichtete er, trotz des kühnen Widerspruchs der Partei der Priester, welche sich die »echten Gläubigen« nannten, ein herrliches Heiligthum in der Ramsesstadt Tanis , um auch dem religiösen Bedürfnisse der Eingewanderten gerecht zu werden. Die Stätten der Verehrung der fremden Götter ließ er in demselben Sinne der Duldsamkeit nicht antasten; doch war er andererseits eifrig bestrebt, die ägyptischen Götter durch unerhörte Freigebigkeit zu ehren. In den meisten größeren Städten des Reiches ließ er Tempel errichten, den Ptahtempel von Memphis vergrößerte er und stellte zum Andenken an seine Rettung aus der Feuersgefahr mächtige Kolosse vor seinen Pylonen auf. Einer derselben blieb erhalten. Er liegt auf der Trümmerstätte des alten Memphis am Boden. In der Nekropolis von Theben ließ er zur Erinnerung an die Stunde, in welcher er vor Kadesch durch ein Wunder dem Tod entrann, das edle Bauwerk errichten, welches heute noch durch die Harmonie seiner Anlage die Beschauer entzückt. Das sogenannte Ramesseum. An seinen Pylonen wurde die Schlacht von Kadesch in schönen Reliefbildern dargestellt und hier, sowie an dem Architrav der großen Festhalle erinnern Inschriften an die Gefahr, der er entronnen, als er » allein war unter den Tausenden «. Das Lied, welches Pentaur zu Pelusium gesungen, wurde von Bent-Anat's Gatten auf Befehl des Ramses niedergeschrieben. An drei Tempeln und auf mehreren einander ergänzenden Papyrusrollen S. Anmerkung 252 . hat es sich bruchstückweise erhalten. Es war ihm bestimmt, zum Nationalepos, zur Ilias der Aegypter zu werden. Pentaur fiel die Aufgabe zu, die hohe Schule des Setihauses nach dem neuen Votivtempel, welcher den Namen des »Ramseshauses« empfing, überzuführen und neu zu ordnen, denn der Pharao fühlte, daß es geboten sei, ein neues Priestergeschlecht heranzuziehen und die Diener der Gottheit zu gewöhnen, die eigenen Wünsche den Gesetzen des Landes und den Anordnungen ihres Hüters und Ausführers, des Königs, unterzuordnen. Pentaur wurde an die Spitze der neuen Schule gestellt, deren Bibliothek, die den Namen »Heilanstalt der Seele« Diodor I. 49. ψυχη̃ς ιατρει̃ον. empfing, nicht ihresgleichen hatte. In dieser Akademie, die dem späteren Museum von Alexandria zum Vorbilde diente, wuchsen Gelehrte und Dichter heran, deren Werke die Jahrtausende überdauerten und zum Theil bis auf uns gekommen sind. Die berühmtesten darunter sind die Hymnen des Lieblingsschülers unseres Pentaur, Anana, und das Märchen von den beiden Brüdern, welches der gleichnamige Enkel des alten Gagabu verfaßte. Ameni verblieb nicht in Theben. Ramses, dem man hinterbracht hatte, welchen Gebrauch der Oberpriester von dem Tode des von ihm selbst dem Amon geschenkten Widders und von dem Herzen des heiligen Thieres gemacht habe, versetzte ihn, indem er ihm alle seine Würden und Einkünfte beließ, nach Mendes, der Stadt der heiligen Widder im Delta, da er ja, wie er nicht ohne Bitterkeit bemerkte, mit diesen göttlichen Thieren besonders vertraut sei. Auch in Mendes wußte Ameni großen Einfluß zu gewinnen und blieb, trotz mancher Meinungsverschiedenheit, die sie einander zu entfremden drohte, bis an sein Ende mit Pentaur als Freund verbunden. Im ersten Hofe des Ramseshauses erregt heute noch der in der Mitte zerbrochene größte Koloß in Aegypten, der aus hartem Granit besteht und selbst die bekannte Memnonssäule an Umfang übertrifft, das Erstaunen der Reisenden. Er stellt Ramses den Großen dar. Der kleine Scherau, welchen Pentaur zum Bildhauer ausbilden ließ, hat ihn und viele andere Statuen des größten Herrschers über Aegypten vollendet. Ein Jahr nach dem Brande von Pelusium fuhr Rameri in das Danaerland, feierte seine Hochzeit mit Uarda und blieb dann in der Heimat seiner Gattin, wo er nach dem Tod ihres Großvaters als König über viele Inseln des Mittelmeeres gebot und zum Stammvater eines großen und ruhmreichen Geschlechts wurde. Uarda's Name blieb lange bei ihren Unterthanen in gesegneter Erinnerung, denn im Elend erwachsen, verstand sie die Kunst, Noth zu lindern, und ohne zu demüthigen, wohl zu thun und zu beglücken.   Ende des dritten Bandes.